
                               Ganghofer, Ludwig

                                Schlo Hubertus

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                                Ludwig Ganghofer

                                Schlo Hubertus

                                     Roman

                                  Erstes Buch

                                       1

Schwl und dunstig lag der heie Nachmittag ber dem Bergwald. An den Buchen
rhrte sich kein Blatt, an den dunklen Fichten schwankte kein Wipfel.
    Aus der Tiefe des Tales klang zuweilen ein verschwommener Laut herauf - die
schwere Luft erstickte jeden Ton zu einem unbestimmten Gerusch. Sonst keine
Stimme des Lebens, kein Vogelruf im Bergwald. Nur manchmal ein leises Rascheln,
wenn ein drrer Zweig durch die Bltter fiel.
    In dieser Stille ein leichter Schritt. Auf dem tiefer liegenden Pfad,
zwischen sonnigem Laubwerk, schimmerte ein weies Gewand.
    Gundi?
    Der fragende Ruf klang durch den stillen Wald wie der Ton einer silbernen
Glocke. Dann ein perlendes Lachen. An einer Wendung des Pfades erschien eine
schlanke Mdchengestalt in duftigem Sommerkleid. Hut und Fcher flogen ins Moos,
und zu Fen einer riesigen Buche, die mit weitgespannten sten den Platz
berschattete, lie sie sich niedersinken. Leuchtend hob sich die weie Gestalt
mit ihren feinen Linien aus dem grnen Grund; unter dem Saum des Kleides lugten
die schmalen Fchen hervor, deren zierliche Schuhe von den scharfen Steinen des
Bergpfades bel gelitten hatten; zwischen dem kurzen, fein geflteten rmel und
dem hohen blagelben Lederhandschuh zeigte sich ein schmaler Streif des rosigen
Armes; unter raschen Atemzgen, von denen sie jeden wie eine Erquickung zu
genieen schien, hob und senkte sich die junge Brust. Gleich einer Blume, die in
der Sonne drstet, hing das Kpfchen auf die Schulter; ein schmales, edles
Gesicht, nun freilich glhend wie Purpur, umrahmt von aschblondem Haar, dessen
losgesprungene Lckchen sich schimmernd um die Stirne kruselten; darunter zwei
groe blaue Augen, lichter als das Blau der Veilchen, dunkler als die Blue des
Himmels und staunend, strahlend in heiterer Lebensfreude.
    Als sie den Schatten gesucht, war es diesen lachenden Augen entgangen, da
an dem Stamm der Buche ein Tfelchen befestigt hing, ein Marterl. Das
verwitterte Bild mit der halb erloschenen Schrift erzhlte, da an dieser Stelle
vor Jahr und Tag der Tod ein Leben zerbrochen habe. Hier ruhte sie, lchelnd und
trumend in ihrer Jugend und Schnheit. Und die Erde, auf der sie ruhte, hatte
Blut getrunken.
    Gewannen die dunklen Schatten, die den Ort umschwebten, Macht ber die junge
Seele? Das Lcheln schwand von den Lippen des Mdchens, der Frohsinn ihres
Gesichtes verwandelte sich in sinnenden Ernst. Ihre Augen blickten ziellos durch
eine Bresche des Waldes hinunter in die Tiefe, in der zwischen steilen Ufern der
schne Bergsee gebettet lag, umwoben von Dunst und Sonnenglast. Der glatte
Spiegel des Wassers war anzusehen wie straff gespannte, schimmernde Seide.
    Da flog es dunkel ber den See. Ein schwerer Wolkenball hatte sich vor die
Sonne geschoben, die schon nahe dem Grat der westlichen Berge stand. Und das
ganze Bild der Landschaft war pltzlich verwandelt. Es schien, als htte der See
sich emporgehoben aus der Tiefe, sein Glanz und Schimmer war erloschen, wie ein
riesiger Smaragd, tiefgrn und dster, dehnte sich die wellenlose Flut zwischen
den steilen Felsenufern, die nher gerckt erschienen und schwermtige Farben
zeigten. Trber Schatten dmmerte, ein sachtes Flstern erhob sich in den
Blttern, die Wipfel und Zweige der Fichten begannen zu schwanken, und wie eine
Unglckskunde den sorglosen Schlfer weckt, so flog ein rauschender Windsto
durch den Wald. Dann wieder Stille. Nur fern aus den Lften klang noch ein
murrender Hall.
    Die Einsame blickte scheu umher, hinunter auf den See, den schon ein feines
Netz von Linien berkruselte, und empor zum Himmel, der sich rasch mit Gewlk
zu umziehen begann. Ihre Stimme hatte sorgenden Klang, als sie gegen den Pfad
hinunterrief:
    Tante Gundi?
    Ein chzender Laut war die Antwort. Aus der Senkung des Pfades tauchte eine
rundliche Gestalt hervor. Ein schillerndes Seidenkleid von altmodischem Schnitt
umzwngte die ausgiebigen Formen der ltlichen, mehr als wohlgenhrten Dame. Den
Strohhut hatte sie am Grtel befestigt, und whrend sie mit den Hnden das Kleid
gerafft hielt, trug sie den Sonnenschirm unter den Arm geklemmt. Die zu einem
Nest geschlungenen Zpfe hatten sich gegen das linke Ohr verschoben, und ihr
tiefes Schwarz stach gegen die ergrauende Farbe der glatt ber die Schlfe
gescheitelten Haare sehr bedenklich ab. Das hochgeborene Frulein Adelgunde von
Kleesberg schien auch sonst mit Toilettenknsten sehr vertraut; das verrieten
die schwarzen Striche ber den kleinen, hurtigen Augen und der weie, flaumige
Teint der gepolsterten Wangen. Das war nun freilich eine Kunst, die sich wenig
schickte fr eine Wanderung durch den steilen Bergwald. Die reichlichen Perlen,
die der Erschpften von der Stirne sickerten, hatten Furchen durch den weien
Teint gezogen, und wo dieser Perlen Weg gegangen war, glhte eine dunkelrote
Linie der erhitzten Haut durch den Puder.
    Der Anblick, den die alternde Dame bot, rechtfertigte das Lachen, mit dem
sie von ihrem harrenden Schtzling empfangen wurde. Tante Gundi, wie siehst du
aus!
    Frulein von Kleesberg schien eine wtende Entgegnung auf der Zunge zu
haben, aber Erschpfung und Atemnot benahmen ihr die Sprache. Sie lie den
Sonnenschirm fallen und sank mit einem Seufzer in das Moos. Da verwandelte sich
die heitere Laune des Mdchens in Erbarmen.
    Armes Tantchen! Nun mach' ich mir wahrhaftig Gewissensbisse!
    Kitty! Du bist ein Ungeheuer! Frulein von Kleesberg keuchte noch was von
Narretei, von Hitze und schattigem Park, von Schaukelstuhl und
verwnschten Bergen, von Eigensinn und kindischer Ungeduld. Dabei zerrte
sie das Taschentuch hervor, um Stirn und Wangen zu trocknen; als sie das
Tchlein sinken lie, glich ihr brennendes Vollmondgesicht einer Palette, auf
der man Wei und Rot und Schwarz in konfusen Mischungen durcheinandergerieben
hatte.
    Mhsam unterdrckte Kitty das Lachen. Wie kannst du mir bse sein, weil ich
Papa eine Stunde frher sehen wollte. Seit vier Monaten, seit der Hahnenjagd,
hab' ich ihn nicht mehr gesehen. Und denk' nur, die Freude, die es ihm machen
wird, wenn ich ihn so berrasche, mitten im Bergwald - Ihre Worte erloschen
unter einem dumpfen Rauschen, das den Wald durchzog. Sie warf einen Blick zum
Himmel; dort oben sag es schon bedrohlich aus. Sphend blickte sie zur Hhe des
Waldes und sagte kleinlaut: Lange kann Papa nicht mehr ausbleiben. Hier mssen
wir mit ihm zusammentreffen. Er hat keinen anderen Weg, um vom Jagdhaus herunter
an den See zu kommen.
    Auch Gundi Kleesberg schien das dumpfe Rauschen, das ber den Wald gefallen,
nicht geheuer zu finden und verga alle Mdigkeit. Herr du mein Gott im Himmel,
da kommt ein Gewitter! Fort! Nach Hause!
    Tantchen, ich bitte dich -
    Nein! Ich bleibe keine Sekunde mehr! Mhselig raffte Gundi Kleesberg sich
auf und jammerte: Ich hab' es mir gleich gedacht, da bei dieser Narrheit so
was herauskommt! Sthnend hob sie ihren Sonnenschirm von der Erde und trippelte
hastig davon, jeden unsicheren Tritt mit leisem Aufschrei begleitend.
    In Mivergngen blickte Kitty ihr nach, unschlssig, ob sie folgen sollte.
Ein rollender Donner entschied ihren Zweifel. Sie warf noch einen sehnschtigen
Blick empor durch den wogenden Bergwald und rief mit glockenheller Stimme:
Papa! Nur das Rauschen des Windes gab ihr Antwort. Schon wollte sie gehen; da
fiel ihr Blick auf das Martertfelchen an der Buche. Neugierig bog sie einen
berhngenden Zweig beiseite. Mit lndlicher Kunst war auf dem Tfelchen eine
waldige Berggegend abgebildet; ein grn gekleideter Mann, die Bchse im Arm, lag
ausgestreckt auf der Erde, und ber seiner Stirn schwebte ein rotes, von einem
Schein umzogenes Kreuzlein. Unter dem Bilde stand in verwaschener Schrift zu
lesen:
    Hier an dieser Stelle wurde Anton Hornegger, Grflich Egge-Sennefeldischer
Frster, am heiligen Johannistag erschossen aufgefunden.

Bse Tat ist hier geschehen,
Und der Mrder ist entflohn,
Gottes Aug' hat ihn gesehen,
Gottes Zorn erreicht ihn schon!
                                     R.I.P.
Wanderer, ein Vaterunser!

    Unwillkrlich bekreuzte sich Kitty. Ein leises Grauen kam ihr aus dem
Gedanken, da sie hier geruht hatte, auf dieser Erde, die getrnkt war mit dem
Blut eines Ermordeten. Tante Gundi! stammelte sie und fing zu laufen an.
    Hinter ihr rauschte der Bergwald, und ber das finstere Gewlk leuchtete der
Schein des ersten Blitzes, der sich in der Ferne entlud.
    Eine Minute, und Kitty hatte Tante Gundi eingeholt, die der erste Blitz um
das letzte Restchen ihrer Fassung brachte. Wie eine Verzweifelte beteuerte sie,
da ihr Leben eine grausame Qual, da sie nur zum Elend geboren wre. Eine
Lungenentzndung war das Gelindeste, was sie fr sich als Ende dieses neuen
Unglcks prophezeite, in das sie wieder einmal aus blinder Liebe
hineingerannt wre.
    Kitty schwieg und half nach Krften, um diesem ausgewachsenen Huflein
Jammer den Niederstieg auf dem unbequemen Wege zu erleichtern. Nur einmal, als
Tante Gundis Klagelied sich in scheltende Gereiztheit gegen die Anstifterin des
Unglcks verwandelte, bracht Kitty ihr Schweigen: Ich habe dir doch gesagt:
bleib du zu Hause und la mich allein gehen!
    Auch im Stadium hochgradiger Verzweiflung verga Adelgunde von Kleesberg
nicht, was sie ihrer Stellung schuldig war. Zrnend hob sie das brennende
Gesicht und erklrte: Eine Grfin Egge-Sennefeld in deinem Alter geht nicht
allein.
    Schmollend verzog Kitty das Mulchen. Ach was, hier im Gebirge, in Papas
eigenem Walde! Und nach kurzem Schweigen fgte sie bei: In meinem Alter?
Siebzehn Jahre! Wie alt mu man denn werden, um allein gehen zu drfen?
    So alt wie deine Mutter war, als sie ihre eigenen Wege ging.
    Nein, Tante Gundi sagte das nicht; es blieb in ihren Gedanken; sie sagte
nur: Ich hoffe, da du dieses Alter niemals erreichen wirst!
    Kitty fand nicht Zeit, ber den Sinn dieser unverstndlichen Wendung
nachzudenken. Die ersten schweren Tropfen fielen klatschend auf die Bltter.
Ohne ein ausgiebiges Bad schien das Abenteuer nicht ablaufen zu wollen. Kitty
fate die Gundi Kleesberg, die jetzt dem Weinen nher war als dem Schelten,
energisch unter den Arm, um sie in rascheren Gang zu bringen. An einer Biegung
des Pfades jubelte sie: Wir sind gerettet!
    Zwischen Bschen schimmerten die grauen Bretter einer Scheune, die im Winter
zur Ftterung des Hochwildes diente. Hundert Schritt seitwrts durch den Wald,
und das schtzende Dach war erreicht, ehe das Unwetter begann. Die Scheune war
von drei Seiten geschlossen. Da hatten die beiden Flchtlinge auch den Sturmwind
nicht zu frchten, der den schwer fallenden Regen in schiefen Strhnen ber den
Berghang peitschte. Erschpft sank Adelgunde von Kleesberg auf ein Restchen Heu,
das vom Wildfutter des letzten Winters noch verblieben war; das Gesicht drehte
sie gegen den finsteren Winkel, um die Blitze nicht zu sehen. Kitty hatte rasch
ihre gute Laune wiedergefunden. Das ist lieb von Papa, da er so zrtlich fr
seine Hirsche sorgt - und fr mich, wenn ich zufllig in den Regen komme! Sie
lauschte.
    Was war das? Eine Stimme? Dazu noch eine singende! Und eine jener Weisen,
wie sie in den Bergen heimisch sind. Nun erblickte Kitty den Snger. Geradeswegs
kam er den steilen Bergwald heruntergestrmt, den Schutz der Htte suchend. Es
war ein Jger in grauer Lodenjoppe und kurzer Lederhose, die Bchse hinter dem
Rcken, in den Hnden den Bergstock, den er klirrend zwischen die Steine stie,
um sich auf dem abschssigen Hang hinwegzuschwingen ber Felsbrocken und
gestrzte Bume. Mit groen Augen sah Kitty ihm entgegen und wute nicht, ob sie
mehr ber die eiserne Kraft dieses Burschen staunen sollte oder ber den
sorglosen Mut, mit dem er bei jedem Sprung um Hals und Glieder spielte.
    Jetzt hatte er die Htte erreicht. Ohne die Damen zu gewahren, trat er unter
das vorspringende Dach. Gewehr und Bergstock lehnte er an die Bretterwand,
schttelte sich, da die Tropfen von der Joppe flogen, und whrend er das grne
Filzhtl abnahm, um das Wasser fortzuschleudern, das sich in der hohlen Krempe
angesammelt hatte, lachte er: Sakra noch amal, jetzt htt mich aber 's Wetter
bald erwischt!
    Bald erwischt? Er troff vor Nsse am ganzen Leib. Dabei trug er den aus
grobem Loden geschnittenen Wettermantel sorgfltig gerollt zwischen den Riemen
des Rucksackes. Fr sich selbst hatte er nicht gesorgt; aber das blaue
Taschentuch hatte er um das Schlo der Bchse gebunden, damit die Waffe von der
Nsse nicht leiden mchte. Lachend blickte er hinaus in das Strmen und Gieen.
Die lichtbraunen Haare, die sich sonst in widerspenstigen Ringeln
durcheinanderkruselten, klebten ihm feucht und glatt an Stirn und Schlfen, ein
hbsches, mnnliches Gesicht umrahmend. Aufgezwirbelt sa ein braunes Brtchen
ber dem lachenden Mund. Hell und offen blitzten die Sterne seiner dunklen Augen
in die Welt, und ihr froher Blick milderte den Ernst der Stirne.
    Ein greller Blitz fuhr ber den Bergwald hin, der Donner schmetterte, und
aus dem Schuppen klang Tante Gundis Wimmerschrei.
    Der Jger spitzte die Ohren. Mir scheint, da hr ich wen? Rasch griff er
nach Bergstock und Bchse und trat in die Htte.
    Kitty erkannte ihn. Aber das ist doch unser Franzl!
    Der Jger machte verblffte Augen. Mar' und Joseph! Gndigs Fruln! Ja, wie
kommen denn Sie daher?
    Das Gewitter berraschte uns. Ich wollte Papa erwarten.
    Da htten S' lang warten drfen! Der Herr Graf kommt heut nimmer runter.
    Kommt nicht? Ein Schatten flog ber Kittys Zge. Er wei doch, da ich
gestern in Hubertus eingetroffen bin. Ich habe heut frh den alten Moser mit der
Nachricht zur Htte hinaufgeschickt.
    Ja, der Herr Graf hat 's Briefl kriegt.
    Und kommt nicht? Kitty fragte erschrocken: Papa ist krank?
    Franzl lachte. Aber Fruln Konte! Unser Herr Graf? Und krank? Der reit
Bum aus mit seine sechzig Jahr. Ah na! Dem fehlt kein Haarl net!
    Aber weshalb kommt er nicht? Es mu ihm doch Freude machen, mich
wiederzusehen.
    Betroffen schaute Franzl in Kittys Augen; der Klang ihrer Worte brachte ihn
aus seiner frhlichen Ruhe. Aber freilich, stammelte er, gwi freut er sich!
Aber gwi!
    Kitty stand schweigend; ihre Finger knitterten an den Blttern des Fchers.
    Aber schauen S', Fruln, deswegen mssen S' Ihren Hamur net verlieren!
trstete Franzl. Der Herr Graf hat halt an sakrisch guten Gamsbock im Wind. Sie
wissen ja, wie er is. Da lat er net aus, bis der Bock sein Kgerl net droben
hat.
    Ein Gemsbock! Kittys Augen fllten sich mit Trnen.
    Aber Fruln Konte! Franzl nahm den Hut ab und kraute sich hinter dem Ohr.
Ich kann ja nix dafr! Nun hrte er aus der Tiefe des Schuppens ein leises
Gewimmer. Was is denn? Er trat nher. Jegerl, 's alte Fruln! Gundi
Kleesberg hielt das Gesicht tief eingedrckt in das Heu, und Franzl suchte die
Wimmernde aufzurichten. Fruln! Um Herrgotts willen! Was haben S' denn? Is
Ihnen was gschehen?
    Die Kleesberg sthnte: O Gott, o Gott, dieses entsetzliche Gewitter!
    Nun mute der Jger lachen. Aber sind S' doch gscheit! Ds hrt schon
wieder auf. In die Berg kommt so was gschwind, aber lang dauert's net. Da, es
wird schon aber bil lichter im Gwlk!
    Zgernd richtete Tante Gundi sich auf. Im gleichen Augenblick fuhr nahe bei
der Htte ein Blitz herunter; aller Grund schien verwandelt in Flammen, und Erde
und Luft erzitterten unter einem rasselnden Donnerschlag. chzend warf Gundi
Kleesberg sich wieder ber das Heu; auch Kitty wich mit einem leisen Aufschrei
in die Tiefe der Htte zurck.
    Macht nix! lachte Franzl. Is schon gschehen!
    Mit diesem letzten Schlag hatte das Unwetter sich ausgetobt. Es folgten nur
noch schwache Blitze, die matt hinleuchteten ber das wogende Gewlk und einen
sanft verrollenden Donner weckten.
    Whrend Franzl unter geduldigem Trsten neben der Kleesberg stehenblieb,
trat Kitty unter das Vordach der Htte hinaus und trank in tiefen Zgen die
wrzige Luft, die den Wald durchhauchte. Die Wolken klfteten sich, helles Licht
flo ber Berg und See, und der Regen versiegte. In sachten Sten strich der
Wind durch die Bume und schttelte die Tropfen von allem Gezweig.
    Rings um die Htte hatte sich eine breite Pftze gebildet, und berall auf
dem Berghang sprudelten die Regenbche.
    Da wird sich der Heimweg hart machen, meinte Franzl, wie, zeigen S' amal
her, gndigs Fruln, was haben S' denn fr Schucherln an?
    Kitty hob das Kleid und streckte das Fchen vor.
    Da schaut's schlecht aus! jammerte Franzl. Hundert Schritt in so einer
Nssen, und 's Schucherl fallt Ihnen wie Zunder vom Fl.
    Sorgenvoll betrachtete Kitty den berschwemmten Grund. Aber wie kommen wir
nach Hause?
    Gar net schlecht! Passen S' nur auf! Franzl zog den Wettermantel aus dem
Bergsack und warf die Bchse hinter den Rcken. Dann rollte er den Mantel
auseinander und schlang das weiche Tuch mit scheuer Achtsamkeit um Kitty. Gleich
einer grauen Mumie stand sie von den Schultern bis zu den Fen eingehllt, und
wie sie das Kpfchen reckte, um Kinn und Wangen aus den Falten des Mantels frei
zu bekommen, war sie einem Schmetterling zu vergleichen, der aus der Puppe
schlpfen will. Noch ehe sie recht begriff, was mit ihr geschehen sollte, hatte
Franzl sie auf seine Arme gehoben wie ein Kind, dessen Last er kaum zu spren
schien. Lchelnd lie sie ihn gewhren; dann pltzlich stammelte sie: Aber was
geschieht mit Tante Gundi?
    Alles der Reih nach! erwiderte Franzl.
    Jetzt wurde Gundi Kleesberg lebendig. Hnderingend kam sie und schwor die
heiligsten Eide, da sie um alles in der Welt nicht allein bliebe in diesem
grlichen Wald.
    Franzl trstete: Wlfe und Bren gibt's net bei uns, und die Mus haben
noch nie an Menschen anpackt. Bleiben S' nur schn da, bis ich wiederkomm! Ich
trag 's gndig Fruln nunter ins Kapuzinerhusl, da kann's warten unter Dach,
bis a Schiffl kommt. In zehn Minuten bin ich wieder da.
    Whrend die Kleesberg wie eine Niobe jammerte, trat er hinaus in den Wald
und wanderte mit sicherem Schritt davon. Als eine steilere Stelle kam, blickte
er lachend zu Kitty auf und sagte: Es geht schon! Meine F haben Augen im Wald
und eiserne Zhn zum Beien! Tun S' Ihnen net frchten, gndigs Fruln!
    Lchelnd schttelte Kitty das Kpfchen, schob eine Hand aus den Falten des
Mantels heraus und nahm den Strohhut ab; der Wind, der ihre Wangen umwehte, tat
ihr wohl; trumend blickte sie in den stiller werdenden Wald, und ihre Zge
nahmen einen sinnenden Ausdruck an: Sag' mir, Franz - der Frster Anton
Hornegger, das war dein Vater?
    Ja, gndigs Fruln! Wie kommen S' jetzt da drauf?
    Ich bin dort oben bei der Buche gewesen. Das war ein schweres Unglck fr
dich und deine Mutter!
    Franzl antwortete nicht gleich. D' Mutter hat's freilich schwer verwunden,
und 's Unglck hat aus ihr an alts und stills Weiberl gmacht. Ich, mein Gott,
ich war selbigsmal noch a kleiner Bub, der net recht verstanden hat, was er
verliert. Jetzt wei ich, was ds heit, kein Vater nimmer haben. Manchmal
kommen so Sachen ber ein', wo man kein Rat nimmer wei, und wo jeder andere
Bursch zum Vater geht und fragt. Wen frag denn ich? D' Mutter will ich net
veralterieren mit meinen Sorgen. Sonst hab ich kein Menschen net. Die Worte
waren ruhig gesprochen; dennoch klang aus ihnen etwas empor wie aus dem Schacht
eines Brunnens.
    Herzlich hingen Kittys Augen an dem Gesicht des Jger. Man wei noch immer
nicht, wer es getan hat?
    Nix! Net der gringste Verdacht! Aber leben tut er schon noch, derselbig!
Und wann mich unser Herrgott liebhat, fhrt er mich amal zamm mit ihm. Kitty
fhlte den Arm erzittern, der sie umschlungen hielt. Und wenn der Strich, der
bei der Rechnung gmacht wird, weg geht ber mich - auf so was mu unsereiner
gfat sein alle Tag. So is halt 's Jgerleben in die Berg. Da gehst im Wald
umanand und denkst an nix. Und hinter die Bum steht einer drin. Und auf amal,
da kracht's. Und aus is's! Wenn's sein mu, in Gotts Namen! Tust halt den
letzten Schnaufer, schaust noch amal auffi zu die hchsten Wnd, machst deine
Lichter zu, und bht dich Gott, du schne Welt! Ich denk mir, so hat's mein
Vater gmacht. Wer wei, leicht mach ich's ihm nach amal.
    Die Sonne war ber die Seeberge schon hinuntergesunken; nun lugte sie aus
einem tiefen Talspalt wieder hervor, und der goldige Schein, den sie warf,
durchleuchtete das von Tropfen glitzernde Laub und wob einen wundersamen
Schimmer um die feuchten Stmme. Die kleinen Vgel des Waldes waren lebendig
geworden und huschten umher; doch ihr Gezwitscher erlosch unter einem dumpfen
Rauschen, das vom nahen Seeufer einhertnte.
    Kitty schien kein Auge zu haben fr die leuchtende Schnheit des Bergwaldes.
Was sie gehrt hatte, gab ihr zu denken.
    Franz? Du hast von Sorgen gesprochen. Was fr Sorgen sind das, die du
hast?
    Ein heftiges Wort schien dem Jger auf der Zunge zu liegen. Doch er
schttelte den Kopf. Ah, nix! So Jagergschichten halt!
    Kann ich dir helfen?
    Wieder schttelte er den Kopf und sah dankbar zu ihr auf.
    Nun lchelte sie, und der Schelm erwachte in ihren Augen. Bist du
verliebt?
    Franzl lachte. Das ging mir grad noch ab! Ich mu mich eh schon giften
gnug.
    Sie schlug ihn leicht mit dem Fcher auf den Mund und lachte mit ihm.
    Nun war der ebene Grund erreicht, und Franzl stand ratlos. Der Wetterbach,
der hier in den See mndete - in trockener Zeit ein Bchlein, das mit einem
Schritt zu bersetzen war - hatte sich in einen tobenden Giebach verwandelt,
der in einem nahen Felsenwinkel aus steiler Hhe niederstrzte und mit
schumenden Wellen ber das grobe Steingerll wegrauschte. Von dem Stege, der
sonst ber das Bett des Baches fhrte, war keine Spur mehr zu sehen; seine
Balken mochten weit drauen schwimmen im See. Und hinber muten die beiden, der
Zugang zum See war ihnen abgeschnitten, da der Giebach zur Linken hart an eine
steil in den See abfallende Felswand lenkte. Jenseits des Baches lag eine sanft
ansteigende, mit alten Ahornbumen bestandene Grasflche, die sich vom Seeufer
zwischen dem Bach und einer verwitterten Felswand bis zur Schlucht des
Wasserfalles emporhob. ber die Wipfel der Bume herber lugte das Trmlein
einer Eremitage, die an die Felswand angebaut war.
    Sehnschtig schaute Kitty dort hinber und streifte mit besorgtem Blick die
schumenden Wellen. Franzl hatte den Ausweg schon gefunden: eine gestrzte
Fichte, die den Bach berbrckte. Rasch entschlossen schritt er auf den
Baumstamm zu. Kitty strubte sich, als sie seine Absicht erkannte. Franzl
lachte. Tun S' Ihnen net frchten, gndigs Fruln! ber so a Buml geh ich weg
in der stockfinstern Nacht. Lassen S' mir nur den Hals schn frei. Kitty
verstand ihn kaum, das Rauschen des Wassers bertnte seine Worte. Und nun hatte
er die luftige Brcke schon betreten. Sicher, wie auf ebener Erde, schritt er
ber den schwankenden Stamm. In Kitty erwachte die Angst; der Anblick des
schieenden Wassers machte sie schwindeln. Stammelnd schlang sie die Arme um den
Hals des Jgers. Unter diesem Ruck drohte Franzl das Gleichgewicht zu verlieren.
Lassen S' mein Hals aus! mahnte er; nur noch angstvoller umklammerte sie ihn;
und da begann er auf dem schwankenden Stamm zu laufen. Schon war er bis auf
wenige Schritte dem Ufer nahe, da glitt ihm auf dem nassen Baum der Fu aus. Von
Kittys Lippen flog ein Schrei. Im Wanken wagte Franzl den Sprung ans Ufer.
Glcklich erreichte er den festen Grund, doch die Brde, die er trug, raubte ihm
beim Aufsprung das Gleichgewicht, und er drohte sich rcklings zu berschlagen.
In diesem Augenblick griffen zwei fremde Arme helfend zu und rissen den
Strzenden auf sicheren Grund. Kitty war einer Ohnmacht nahe. Sie fhlte nur,
da sie aus Franzls Armen glitt, und als sie die Augen ffnete, lag sie an der
Brust eines jungen Mannes, und neben ihr stand Franzl, lachend, aber mit blassem
Gesicht.
    In Verwirrung richtete Kitty sich auf. Schwer wie Blei lag ihr die
berstandene Angst in allen Gliedern. Sie mute den Arm ergreifen, den der junge
Fremde ihr bot. Was er sagte, konnte sie bei dem Rauschen des Wassers nicht
verstehen. Den besten Weg ber trockene Pltzchen suchend, fhrte er sie zur
Eremitage und lie sie auf die Steinbank niedersinken, die neben der Tr in die
Mauer des kapellenartigen Huschens eingelassen war.
    Halb aus Bruchsteinen, halb aus dicken Baumkltzen gefgt, mit niederer Tr,
zwei kleinen Fenstern und einem zierlichen Glockentrmchen ber dem Rindendach,
lehnte sich die Klause an die graue Felswand. Unter dem vorspringenden Dach war
an den Balken des Firstes eine rote Marmortafel befestigt, die in verblater
Goldschrift die Worte trug: Hier wohnt das Glck.
    Wer hatte die Klause erbaut? Wer diese Inschrift angebracht? Und wie reich
mute jenes Glck, das hier erblht war, gewesen sein, da jene, die es genossen,
den Drang empfunden hatten, ihren Dank in Stein zu meieln. Das Flecklein Erde,
das diese Htte trug, schien wie geschaffen, um ein verschwiegenes Glck vor dem
Blick der Menschen zu bergen. Vom rauschenden Wildbach, vom weiten See, den das
Gezweig der Bume verschleierte, und von ragenden Felswnden umgrenzt, schob
sich das kleine, samtgrne Tal in das Herz des Berges, wie ein feines Kmmerchen
inmitten eines riesigen Palastes, versteckt und abgeschieden, geschmckt mit
allen Reizen der Natur.
    Frischer und wrziger hauchte nach dem vertobten Gewitter die reine
Bergluft, saftiger leuchtete alles Grn an Busch und Bumen. Hell glitzerten die
ber alle Felsen niederrinnenden Wasserfden, und in buntem Feuer leuchteten die
vom Dchlein der Klause fallenden Tropfen.
    Nun erlosch der rote Sonnenschein, und alle Farben der Umgebung dmpften
sich wie von einem zarten Schleier berzogen.

                                       2


Kitty vermochte noch immer kein Wort zu sprechen; die Hnde im Scho und ohne
Bewegung sa sie auf der Steinbank und sah dem Jger nach, der den Wetterbach
schon wieder berschritten hatte.
    Auch der junge Fremde schwieg. Er stand neben der Bank und betrachtete
forschend den gesenkten Mdchenkopf, als mchte er diese feingeschwungenen
Linien und die schimmernden Tne des gewellten Haares in sein Gedchtnis prgen.
Htte nicht der Feldstuhl, die zusammengeklappte Staffelei und der Malkasten,
der an der Mauer im Trockenen lag, den Beruf des jungen Mannes bezeichnet -
schon dieser prfend gleitende Blick und die schlanken Hnde htten den Knstler
verraten. Er mochte einige Jahre ber zwanzig zhlen; seiner Jugend widersprach
die stille Schwermut der dunklen Augen und der gereifte Ernst des schmalen, herb
geschnittenen Gesichtes; glatt legte sich das kurze Braunhaar ber die Stirn und
mischte sich an den Schlfen mit dem schattigen Flaum des jungen Bartes, der
sich um Wangen und Lippen kruselte. Dieser Mund mit dem strengen Zug, in dem
sich Kraft und Entschlossenheit verriet, war doch sanft geschwellt und hatte ein
mildes, vertrumtes Lcheln. Das Gesicht war nicht schn zu nennen, aber dieser
Mund und diese Augen fesselten. Der hager aufgeschossene Krper war
unausgeglichen, jugendlich eckig; dazu eine leicht vorgeneigte Haltung, wie sie
nachdenklichen Naturen eigen ist; dennoch war die Gestalt nicht bel anzusehen;
der leichte graue Sommeranzug, so bequem er sa, hatte modischen Schnitt, die
Wsche war wie Schnee, die weie Seidenkrawatte tadellos geknpft. Man merkte an
ihm keine Spur von jener bei jungen Knstlern hufigen Vorliebe fr das
Nachlssige, aber auch keinen Zug vom Stutzer; er schien fr seine uere
Erscheinung zu sorgen, weil es die Art eines wohlerzogenen Menschen ist, sich
gut zu kleiden.
    Je lnger er niederblickte auf das liebliche Bild des Mdchens, desto wrmer
wurde der Glanz seiner Augen; er schien eine Freude zu genieen: die Freude des
Knstlers an jener Schnheit, die noch unberhrt ist von der rauhen Hand des
Lebens und einer Bltenknospe am Morgen gleicht.
    Als htte Kitty diesen Blick empfunden, so hob sie pltzlich die Augen. Das
fremde Gesicht verwirrte sie, und dennoch hielt die stumme Sprache dieser Zge
ihren Blick gefangen; das war eines von jenen Gesichtern, die auch ohne Worte
von trber Zeit erzhlen.
    Ihre Verwirrung schien ansteckend zu wirken. Verlegen suchte der junge
Knstler nach Worten, und endlich brachte er die Frage heraus, ob sie den
Schreck des kleinen Abenteuers vllig berstanden htte.
    Da fand sie ihre heitere Laune; lachend nickte sie und reichte ihm die Hand.
Ich danke Ihnen! Sie haben mich vor einem unangenehmen Bad behtet. Der
Wetterbach hat heut seine bse Stunde. Das htte bel fr mich ausfallen
knnen. Sie rhrte die Schultern, als empfnde sie ein leises Grauen; doch
gleich wieder lachte sie und erzhlte vom Gewitter, vom Unterschlupf in der
Wildscheune und von dem glcklichen Zufall, der unseren guten Franzl als
Retter in der Not geschickt. Drollig schilderte sie den kopflosen Schreck, der
sie befallen, als der Jger den schwankenden Baum betrat. Und ich htte mir
doch sagen mssen, da ich sicher bin! Ich kenne doch unseren Franzl! Sie
unterbrach sich und blickte auf. Wie waren Sie denn eigentlich so flink bei der
Hand?
    Das hab' ich meinem Flei zu danken. Ich bin schon seit dem Morgen hier und
habe gearbeitet.
    Gearbeitet? Sie schien den Sinn dieses Wortes nicht zu verstehen. Da
gewahrte sie die Gerte des Knstlers. Ach, Sie malen! Dem respektvollen
Staunen, mit dem sie ihren jungen Retter betrachtete, war es anzumerken, da vor
ihren Augen ein lebendiger Knstler nicht viel geringer wog als einst in
vergangenen Zeiten vor dem Blick des Burgfruleins der tapfere Ritter, der den
Drachen berwand. Neugierig sphte sie nach dem Leinwandrahmen, der gegen die
Mauer gelehnt stand.
    Der junge Maler schien nicht eitel zu sein; sonst htte er diesen Blick zu
deuten gewut. Auch mich hat das Gewitter berrascht, mitten in der besten
Arbeit, erzhlte er, und ich mute eine Stunde hier unter der Tr sitzen. Aber
es war herrlich, so hineinzuschauen in den Zorn der Natur. Sie ist immer schn,
ob sie lchelt oder grollt, fast schner noch in ihrem Zorn als in ihrem
Frieden. Wenn ich sie so toben sehe, fhl' ich auch, da ich ihr in solchen
Augenblicken nher komme als in sonniger Stunde. In der Sonne steht sie vor mir
wie ein Geheimnis in bunten Kleidern. Im Sturme seh' ich die Riesin, wie sie vor
meinem Blick die Hlle zerreit. Ich sphe ihr in das wildpochende Herz, und mir
ist, als flsse in mich etwas ber von ihrer Kraft. Er sagte das ruhig, wie man
selbstverstndliche Dinge uert.
    Kitty blickte zu ihm auf mit groen Augen.
    Er begegnete diesem Blick, und leichte Rte schlich ber seine schmchtigen
Wangen. Als es vorber war, hrte ich den Wildbach kommen. Und da lief ich
hinunter. Es war prachtvoll anzusehen, wie das harmlose Wasserschlnglein in
wenigen Minuten sich zum brllenden Ungeheuer auswuchs. Und wie ich so stehe,
seh' ich Sie pltzlich drben aus dem Wald hervorkommen, auf dem Arm des Jgers.
Das war ein so kstliches Bild, da ich es mit ein paar Strichen zu fassen
suchte. Er griff an seine Taschen. Wo hab' ich denn nur -? Nun erschrak er.
Ach du lieber Himmel! und mit langen Beinen sprang er zum Wildbach hinunter.
    Verblfft sah ihm Kitty nach; kaum war er zwischen den Bumen verschwunden,
da huschte sie auf den Leinwandrahmen zu, hob ihn von der Erde und machte
sonderbare Augen, als sie die begonnene Studie sah. Etwas Auerordentliches
hatte sie zu entdecken erwartet. Statt dessen sah sie ein Wirrsal noch nasser
Farbenflecke, die sich flimmernd durcheinanderschlangen und den Vorwurf des
Bildes kaum erkennen lieen: die Felswand in greller Sonne und zu ihren Fen
die Klause, bergossen von den Lichtern, die durch das Gezweig der Bume fielen.
Ein Kennerauge htte gestaunt ber die Kraft und Khnheit, die sich in diesem
raschen Erfassen einer malerischen Stimmung verriet. Kitty aber stellte sehr
enttuscht die Leinwand wieder gegen die Wand. Zu ihrem weiteren rger gewahrte
sie noch, da sie mit den behandschuhten Fingern in die nasse Farbe geraten war.
Pfui! murrte sie und suberte die Fingerspitzen an der Balkenwand.
    Kaum sa sie wieder auf der Steinbank, als er vom Ufer heraufgestiegen kam,
in der Hand ein graues Buch, das er mit dem Taschentuch abwischte. Es ist
glcklicherweise sehr gnstig gefallen, als ich es fortwarf, um die Hnde frei
zu bekommen! sagte er lchelnd. Dann schlug er das Buch auf und reichte es ihr.
    Ein Laut freudiger berraschung glitt beim Anblick des Blattes von Kittys
Lippen. Wohl waren die beiden Figuren nur mit flchtigen Strichen gezeichnet,
aber jede Linie sa, und das kleine Bildchen hatte warmes Leben und
bestrickenden Reiz.
    Glcklich blickte Kitty zu dem Knstler auf. Ist das wirklich so hbsch
gewesen - wie hier?
    Er sah sie an. Das da, das ist ja gar nichts. Das ist Asche. Was ich
gesehen habe, war Licht, Farbe, etwas ganz unbeschreiblich Schnes. Die Augen
schlieend, rhrte er mit den Fingern an die durchsichtigen Lider. Aber hier
sitzt es, fest! Und ich wei, ich bring' es heraus.
    Rauschend kam der Abendwind ber die Felsen niedergezogen; die ste der
Bume schwankten und schttelten die Regentropfen ab.
    Erschrocken deckte Kitty den Arm ber das Skizzenbuch, denn ein paar groe
Tropfen, wie Trnen, waren auf das Blatt gefallen. Und als der Wind die Bume
wieder zauste, sprang Kitty auf und flchtete mit dem Buch in die Klause.
    Der junge Mann folgte ihr, und da sa sie schon an dem roh gezimmerten Tisch
und tupfte achtsam mit dem Handschuh die auf das Papier gefallenen Tropfen fort.
Es hat nichts geschadet! versicherte sie lachend und hielt das Buch schief
gegen das Licht des Fensters. Man sieht nur noch ein wenig die feuchten
Flecke. Wieder vertiefte sie sich in die Betrachtung des Bildchens; dann begann
sie im Skizzenbuch zurckzublttern; ein paar Studien hatte sie bestaunt, als
sie pltzlich aufblickte und verlegen fragte: Darf ich denn?
    Er nickte lchelnd und trat an ihre Seite. Das Licht, das durch Tr und
Fenster fiel, hatte in dem geschlossenen Raum schon einen Schleier der
beginnenden Dmmerung.
    Ein seltsame Stimmung webte zwischen den Mauern und erzhlte von
erlschenden Erinnerungen. Neben dem Tische standen nur zwei plumpe Holzbnke in
dem kahlen Raum; doch es war ihm anzumerken, da er in vergangener Zeit einen
freundlicheren Anblick geboten hatte. Die Decke war noch von einer zart
geblumten Tapete bedeckt; aber das Regenwasser, das durch die Lcken des Daches
gedrungen, hatte hliche Flecken gebildet. Auch an den Wnden hingen noch
Streifen der Tapete, mit Hunderten von Namen bedeckt. Wer hier im Lauf der Jahre
vor Sonne oder Regen Schutz gesucht, Sommergste, Touristen, Jger, Sennerinnen,
Almbauern und Schiffer, alle hatten den Drang empfunden, ihre Namen an diesen
geduldigen Wnden zu verewigen. Viele Namen standen paarweise, von einer
Herzlinie umschlungen. Hatten die Trume, die aus diesem Zeichen redeten, sich
erfllt? Oder war das Leben ber sie hinweggerollt wie die glttende Eisenwalze
ber den Kies der Strae? Von manchem, der vor Jahr und Tag seinen Namen an
diese Wand geschrieben, mochte nichts anderes mehr brig sein als nur der Name.
    Inmitten dieser toten Vergangenheiten klang Kittys helle Stimme, ihr Lachen
und die Freude, mit der sie jede Skizze begrte, deren Modell sie erkannte.
Bald fand sie eines ihrer Lieblingspltzchen am See, eine Strae oder ein
Huschen des Dorfes, bald wieder Kpfe und Gestalten, die einen fremd, die
anderen ihr wohlbekannt. Mehrere der Skizzen waren mit dem Namen des Knstlers
gezeichnet: Hans Forbeck. Kitty bltterte weiter. Flchtige Wolkenstudien,
Baumschlge und Gebirgsveduten wechselten mit Skizzen, deren wirre Linien sie
nicht verstand: Bilderideen, mit ein paar hastigen Strichen festgehalten.
    Wieder wandte Kitty eines der Bltter. Und erschrocken stammelte sie: Wie
traurig!
    Die Stubenarbeit eines Regentages! sagte er leise, fast entschuldigend.
    Die Zeichnung des Blattes war sorgfltiger als die der anderen Skizzen, die
graue Arbeit des Stiftes mit zarten Farbtnen berhaucht. Eine de, fast
unabsehbare Heide, drr und kahl; der Himmel ist mit schwerem Gewlk bedeckt,
durch dessen sprliche Klfte kaum eine matte Helle quillt, wie eine Ahnung des
verschleierten Lichtes. ber die Heide fhrt ein rauher Steinpfad, von niederem
Dorngestrpp umwachsen. Und auf dem Pfade liegt, halb zur Erde gesunken, mit
aufgesttztem Arm und das entkrftete Haupt gegen die Schulter geneigt, die
Gestalt einer Genie, todmde und schmerzverloren, in Lumpen gehllt, mit
zerzausten Schwingen.
    Kitty hob die Augen. Herr Forbeck? Schchtern sprach sie seinen Namen aus.
Was soll das vorstellen? Das Unglck?
    Nein. Er zgerte. Meine Kindheit.
    Nun verstand sie, was aus seinem Gesicht beim ersten Anblick zu ihr
gesprochen hatte. Ein leises Zucken ging um ihren Mund. Sie mute der eigenen
Kindheit denken. Auch ihrer Kindheit hatte die Liebe gefehlt, die Liebe der
Mutter. Vor dreizehn Jahren war ihre Mutter in der Fremde gestorben - auf einer
Reise, hatte man ihr gesagt.
    Sie senkte die Augen auf das Blatt. Wie traurig das ist! Zwei Trnen
rannen ihr langsam ber die Wangen.
    Mit unbehilflichem Lcheln wandte Forbeck sich ab und trat unter die offene
Tr.
    Leise schwankten die Zweige der Bume; der Fall der Tropfen, der von ihnen
niederging, begann schon zu versiegen. Auch das Rauschen des Wetterbaches schien
sich bereits zu dmpfen; aber der Lrm seiner Wellen war noch immer laut genug,
um die beiden Stimmen zu bertuben, die vom jenseitigen Ufer herberklangen.
    Franzl hatte die Kleesberg glcklich durch den Wald heruntergebracht. Das
war ein hartes Stck Arbeit gewesen, um so hrter, da Franzl zur Sttze fr
seinen jammernden Schtzling nur den einen Arm frei hatte; unter dem andern Arme
schleifte er ein schweres Brett, das er von der Wildscheune losgerissen hatte,
um ber den von Felsblcken durchsetzten Wildbach einen Steg zu bauen. Whrend
Gundi Kleesberg in Verzweiflung die Hnde rang, lie er das Brett vom Ufer gegen
den nchsten Felsblock fallen. Er trat auf den improvisierten Steg hinaus und
schaukelte sich, um die Festigkeit des Brettes zu prfen und Tante Gundis Mut zu
erwecken. So, Fruln, kommen S' nur! lachte er. Da schauen S' her! Er
schaukelte sich, da das schwingende Brett die schieenden Wellen fast berhrte.
Ds Brettl, ds tragt Ihnen leicht, da drften S' noch a paar gute Pfndln mehr
haben!
    Nein, nein, nicht um die Welt! kreischte Gundi Kleesberg und streckte
wehrend die Arme, als sollte sie mit Gewalt in den sicheren Tod geschleift
werden. Lieber bleib ich die ganze Nacht! Whrend ihr die Trnen der Angst
ber die Schlotterwangen kollerten, schrillte ihre Stimme: Kitty! Kitty! Du
Ungeheuer! Zu allem Jammer erwachte in ihr noch ein neuer. Wo ist sie denn?
Ich sehe sie nicht!
    Sie wird halt mit dem jungen Herrn Maler im Kapuzinerhusl sein. Franzl
streckte die Hnde. Also weiter, Fruln, kommen S'!
    Er hatte Tante Gundi beruhigen wollen. Aber der Schreck, den ihr seine Worte
einjagten, sprach aus ihren weit aufgerissenen Augen. Keuchend rang sie nach
Luft. In der Klause? Mit einem - Da ging ihr schon wieder der Atem aus. Aber
ihre Angst hatte pltzlich alle Komik verloren. In der Klause? Das ist gerade
der richtige Platz! Als htten wir nicht schon genug an jenem ersten - Versagte
ihr die Stimme, oder verschluckte sie ein Wort, das nicht ber ihre Lippen
kommen durfte? Nein! Nein! Und wenn es mein Leben kostet! Das will ich
verhindern!
    Tante Gundi richtete sich auf wie eine Lwin, die ihr Junges verteidigt. Und
als wre die stille, friedliche Klause ein Abgrund der Gefahr, aus dem sie das
ihrer Obhut anvertraute Mdchen erlsen mute, so strzte sie auf das Ufer zu
und klammerte sich an die Hnde des Jgers. Kaum hatte sie das Brett betreten,
kaum fhlte sie dieses bedenkliche Schaukeln, kaum sah sie unter ihren Fen das
schieende Wasser, da war es wieder vorbei mit ihrem Lwenmut. Aber Franzl hielt
fest. Da gab es kein Zurck mehr. Ihre Seele mit einem Stogebetlein dem Herrn
empfehlend, stie Tante Gundi einen klagenden Schrei aus und schlo in Schwindel
die Augen.
    Trotz des rauschenden Lrmes, den der tobende Bach erhob, klang dieser
Schrei bis zur Klause.
    Forbeck lauschte. Aber da hrte er hinter sich einen Ausruf frhlicher
berraschung. Kstlich! Jeder Zug! Dieser Mund! Dieses Zwinkern im Auge! Als
stnde er vor mir, wirklich und wahrhaftig! So sprudelten Kittys Worte. Herr
Forbeck! Wie kommen Sie zu diesem Bild?
    Was Kittys Jubel erweckt hatte, war das Brustbild eines alten Jgers mit
geflickter Joppe und mrbem Filzhut, auf dem eine geknickte Spielhahnfeder sa.
    Nicht wahr, ein famoser Kerl, dieser alte Waldbr! sagte Forbeck, der
Kittys Freude nicht vllig zu begreifen schien. Ein Typus von Jger und Bauer!
Echter Volksschlag. Sehen Sie nur diese knochige Stirn an, diesen Falkenblick im
Auge, diese Adlernase und den gewaltttigen Mund! Was da in jeder Linie liegt an
Kraft und rcksichtsloser Derbheit! Und dieser zausige weie Bart! Das ist
unglaublich charakteristisch. Der Alte mu einen Zorn haben wie der Sturmwind,
und dann fhrt er wohl mit seinen schwieligen, sonnverbrannten Fingern in diesen
Bart und zerrt - Forbeck verstummte. Die Sache mochte ihm nun doch etwas
sonderbar erscheinen, denn Kitty lachte, da ihr die Trnen kamen.
    Kstlich! Aber wie sind Sie denn zu diesem Bild gekommen?
    Ich machte vor einigen Tagen eine Bergpartie, und da ist mir der Alte in
der Nhe einer Sennhtte in den Weg gelaufen. Er stach mir gleich in die Augen,
und so bat ich ihn, mir eine Stunde zu sitzen.
    Und das hat er getan?
    Natrlich! Er schien riesig geschmeichelt, als ich ihn Herr Frster
titulierte. Und er wute wohl auch, da ich es nicht umsonst verlangte.
    Kitty schien von einer Ekstase heiterer Laune befallen. Und Sie wissen
nicht, wer das ist? Wirklich nicht? Vor Lachen vermochte sie kaum
weiterzusprechen. Das ist doch mein Papa!
    Forbeck trat verblfft zurck. Er begriff nicht. Wie kam dieser alte
Waldbr - vielleicht war er doch kein gewhnlicher Waldaufseher, wie sein
ueres vermuten lie, sondern wirklich ein wohlbestallter Frster - aber wie
kam ein schlichter Frster zu einer solchen Tochter mit diesem zierlichen Wuchs
und diesem holden Gesichtchen - und noch mehr: zu einer Tochter in so vornehm
gewhlter Kleidung, mit schwedischen Handschuhen und dem eleganten Schuhwerk.
Dieses Kleid und was dazu gehrte - das wog den halben Jahresverdienst eines
Frsters auf! Da scho ihm der Gedanke durch den Kopf: eine Theaterprinzessin?
Er wute nicht, warum er diesen Gedanken so unangenehm empfand, fast wie einen
Schmerz. Aber nein! Er durfte nur in diese strahlenden Augen blicken, auf diesen
kindlichen Mund, um den sinnlosen Einfall wieder zu verwerfen. Dadurch wurde die
Sache fr ihn noch unbegreiflicher. Der alte Waldbr, den er dort oben
gefunden - der war echt! An dem war nicht zu zweifeln! Das Rtsel war dieses
Mdchen.
    Schon wollte Forbeck eine Frage stellen, da lieen sich vor der Klause
hastige Schritte vernehmen. Es wurde finster in der Tr, und Gundi Kleesberg
stolperte ber die Schwelle. Kitty - Nun sah sie den jungen Maler - das Licht
des Fensters fiel hell auf sein Gesicht - und Gundi Kleesberg taumelte an die
Wand, erschrocken wie vor dem Anblick eines Gespenstes.
    Verwundert blickte Forbeck auf die ihm fremde Dame, und Kitty stellte ihr
Lachen ein. Tantchen? Was ist dir?
    Gundi Kleesberg schien sich zu erholen.
    Aber so sprich doch! Was ist dir?
    Nichts, nichts! Wer ist - dieser Herr?
    Herr Maler Forbeck! stammelte Kitty, whrend der junge Mann sich
verbeugte. Um ber den unbehaglichen Augenblick hinberzukommen, fate Kitty das
Skizzenbuch. Tante Gundi, ich mu dir was zeigen, was Herr Forbeck gezeichnet
hat, du wirst Augen machen -
    Die Kleesberg hatte beim Klang dieses Namens, den sie noch nie in ihrem
Leben gehrt, erleichtert aufgeatmet. Scheu lie sie die Augen an dem jungen
Mann emporgleiten und schttelte den Kopf.
    Tantchen, sieh doch!
    Beim Klang dieser Stimme war Gundi Kleesberg pltzlich ihrer Stimme mchtig.
Mit dem Zorn einer Furie scho sie auf Kitty zu, umklammerte ihre Hand und
schttelte sie, da das Skizzenbuch zu Boden fiel. La das! Und komm! Das ist
kein Ort fr dich! ber Forbecks Gesicht flog brennende Rte. Dann hob er
schweigend das Buch von der Erde.
    Aber Tante? stammelte Kitty verlegen.
    Komm! In ungestmer Hast zog die Kleesberg das junge Mdchen zur Tr
hinaus.
    Kitty Lippen zuckten. Aber Tante Gundi! Herr Forbeck -
    Komm! Gundi Kleesberg hielt fest und suchte so schnell als mglich aus der
Nhe der Klause zu kommen.
    Aber Tante, ich bitte dich! Herr Forbeck hat mich doch gerettet! Was mu er
denken von mir!
    Komm nur! Tante Gundi schlug einen bei ihrer Schwerflligkeit
berraschenden Sturmschritt an. Das Staunen machte Kitty verstummen. Seit jenem
Tag, an welchem Adelgunde von Kleesberg aus dem Stift gekommen war, um sich in
eine sehr weitschichtige Tante zu verwandeln und die Obhut ber das junge
mutterlose Mdchen zu bernehmen - seit jenem Tage bis zu dieser Stunde htte
Kitty niemals ahnen mgen, da in diesem fleischgewordenen Schaukelstuhl - wie
Graf Egge das alte Frulein getauft hatte - eine so wieselflinke Beweglichkeit
verborgen lge. Kitty meinte ein Wunder zu sehen. Halb schmollend, halb lachend,
lie sie sich von Tante Gundi weiterziehen. Einmal blickte sie wohl ber die
Schulter zurck, aber die Klause war schon hinter der Felswand verschwunden.
    Da kam auch Franzl vom Seeufer hergelaufen und rief: Ich hab a Schiffl!
    Gott sei Dank! Gundi Kleesberg verhielt den strmischen Schritt. Ihre
Krfte waren zu Ende.

                                       3


Langsam glitt der Nachen ber den stillen See, der unter den sinkenden Schatten
des Abends in tiefgrnen Farben spielte. Hinter dem Schifflein lagen die den
halben See umziehenden Berge mit ihren schwarzen Fichtenwldern, mit den grauen
Wnden und den grnen Almen in der Hhe, auf denen noch helle Sonne lag. Am
Ufer, dem der Nachen entgegensteuerte, sah man einen belebten Gasthof und eine
Reihe weier Villen, aus deren einer die Solfeggien einer herrlichen Altstimme
und die Tne eines Flgels erklangen. Hinter den roten Dchern der Villen dehnte
sich ein welliges Gelnde mit den zerstreuten Huschen und Gehften des Dorfes.
An ihre Grten schlo sich, von einer roten Mauer umzogen, ein weitgedehnter
Park, ber dessen kugelige Ulmenwipfel sich das Dach und die Trmchen von Schlo
Hubertus erhoben.
    Von den Insassen des Nachens achtete niemand der Schnheit dieses Bildes,
das nach dem reinigenden Gewitterregen in seinen Farben so frisch und so neu
erschien, als wre es eben jetzt aus der Hand des Schpfers hervorgegangen. Der
alte Schiffer fhrte, im Spiegel des Bootes stehend, in gleichmigem Takt das
Ruder; Franzl, der auf dem Schnabel des Schiffes ein nicht sehr bequemes
Pltzchen gefunden, wischte mit dem rmel die Rostflecken von dem Lauf seiner
Bchse; und Kitty sa, dem Stiftsfrulein den Rcken kehrend, in schmollendes
Brten versunken. Pltzlich erwachte sie. Franzl hatte sie leis auf das Knie
getippt und flsterte: Schauen S' das alte Fruln an! Kitty blickte ber die
Schulter zurck und erschrak vor dem kummervollen Anblick, den Tante Gundi bot.
Breit lag ihr das rote Doppelkinn auf dem schwer atmenden Busen, tiefe Furchen
kreuzten die Mundwinkel, und ber die welken Wangen, von denen auch die letzte
Spur der Schminke geschwunden war, kollerten dicke Perlen. Waren es
Schweitropfen oder Trnen? Wohl beides zugleich. Aus dem zerfallenen Gesichte
redete die Sprache eines tiefen, bedrckenden Schmerzes.
    Das fhlte Kitty, und im Augenblick war ihr Groll vergessen. Hurtig schwang
sie die Fchen ber das Brett und fate die Hnde des Fruleins. Tante Gundi!
Was hast du?
    Die Kleesberg sah mit verstrten Augen auf, als htte man sie bei einer
bsen Tat ertappt. La mich, du - Sie wandte mit einem belgelungenen Versuch
von Wrde das Gesicht und blickte krampfhaft ins Wasser, um ihre Trnen zu
verbergen.
    Kitty schwieg. Mit scheuer Sorge hingen ihre Augen an Tante Gundi, und im
stillen begann sie sich Vorwrfe zu machen. Sie wute sich freilich keiner
anderen Snde zu zeihen als der einzigen, da sie in der begreiflichen Ungeduld,
nach langer Trennung den Vater um eine Stunde frher zu sehen, die erste Ursache
zu dem fr Gundi Kleesberg so bel verlaufenen Abenteuer gegeben hatte. An allem
anderen war sie schuldlos. Alles andere war gekommen - sie wute selbst nicht
wie!
    Knirschend fuhr der Nachen an das Ufer. Kaum hatte die Kleesberg festen Fu
unter sich, und kaum gewahrte sie die Gruppen der Schiffer und Sommergste, da
hatte sie ihre verlorene Fassung wiedergefunden. Der Seewirt, der die zum Schlo
Hubertus gehrige Fischerei in Pacht hatte, kam gerannt, um den gndigen Damen
seine Aufwartung zu machen. Kitty reichte ihm freundlich die Hand, Gundi
Kleesberg rauschte an ihm vorber, mit dem Aplomb einer Knigin, deren Wrde
mehr in die Breite ging als in die Hhe.
    Franzl schwang die Bchse auf den Rcken und wanderte davon. Bald verstummte
hinter ihm der Lrm des belebten Ufers, und zwischen Haselnustauden ging sein
Weg ber stille Wiesen. Ein paar hundert Schritte trennten ihn noch von seinem
Haus. Nun fhrte der Fuweg gegen einen hohen Zaun, bei dem ein paar
rohgezimmerte Stufen den berstieg erleichterten; und drben lag ein schmaler,
von zwei tischhohen Bretterplanken eingefater Pfad.
    Da hrte Franzl ber den Zaum her eine Mnnerstimme - sie redete jene
zweifelhafte Bauernsprache, die der Jger manchmal in den Sennhtten von jungen
Touristen zu hren bekam - und ihr erwiderte eine zornige Mdchenstimme: Aus'm
Weg, du!
    Neugierig drckte Franzl die Haselnuzweige auseinander und gewahrte einen
kniemageren Touristen, dessen Rucksack, Joppe und Lederhose an diesem Tage wohl
zum erstenmal die Berge erblickt hatten; quer in den Hnden hielt er einen
wahren Baum von Bergstock, mit dem er einem jungen, schmucken Mdel den schmalen
Pfad verlegte.
    's Zollheben is 'n alter Brauch, erklrte der khne Wegelagerer in seinem
zweifelhaften Dialekt, und drum sog i dir, du saubers Diandl, du kommst mir nit
ummi, eh du nit dein Zoll zahlt hast.
    Gehst aus'm Weg?
    Nit um die Welt. Da mt ich woltern erscht von dein sen Gscherl mein
Bussarl haben! Und wann du's nit gern gibst -
    Da griff das Mdel mit zwei gesunden Fusten zu. Wart, dir gib ich a Bul,
du Zibebenkramer! Zuerst machte der Bergstock einen Purzelbaum, dann sein
Besitzer; die morsche Bretterplanke krachte, und hinter ihr verschwand der
besiegte Ritter, da fr eine kurze Weile nur noch seine frisch genagelten
Schuhe zu sehen waren.
    Das Mdel wischte die Hnde ber die Hften, nherte sich dem berstieg,
hrte das Gelchter des Jgers und gewahrte ber dem Zaunrand sein braunes
Gesicht mit den lustigen Augen, die in Wohlgefallen an ihr hingen.
    Franzl erkannte sie nicht, sie mute eine Auswrtige sein. Das gestrickte
braune Leibchen, das die Brust und die runden Arme knapp umschlo, und die weie
Halskrause - das war fremde Tracht. Aber woher auch immer, sie war in einer Luft
gewachsen, die gesund und sauber macht. Und wie gut der halbverrauchte Zorn zu
ihrem frischen, sonnverbrannten Gesichte stand, zu den blaugrauen Augen und der
festen Stirn, ber der die blonde Haarkrone sich so bedenklich verschoben hatte,
da die schweren Zpfe zu fallen drohten.
    Der erste Blick, den sie auf den Jger geworfen, war kein sonderlich
freundlicher gewesen. Sie schien eine neue Wegsperre zu befrchten. Doch sein
Lachen wirkte ansteckend, und sie lachte mit.
    Madl! Den hast bs auszahlt.
    Wie's ihm ghrt hat! So a Grashupfer! Aber z'erst, da bin ich a bil
erschrocken.
    Httst kein Kummer net haben brauchen. Wann's gfehlt htt, wr schon ich
bei der Hand gwesen.
    Sie nickte ihm freundlich zu. Vergeltsgott! Aber es hat's net braucht. Der
hat net amal 's Schneidergewicht. Den mu man mit Schmalz einreiben, da er fett
wird. Wo is er denn? Sie guckte ber die Schulter; als sie den Pfad noch immer
leer sah, meinte sie besorgt: Er wird doch nit ungut gfallen sein?
    Gott bewahr! Grad rappelt er sich in d' Hh!
    Hinter der geknickten Bretterplanke erschien der grasgrne Spitzhut mit der
trauernden Hahnenfeder.
    No also! Mit diesem Wort schien die Sache fr sie erledigt. An dem Gezweig
eine Sttze suchend, stieg sie auf die Kante des Zaunes, fate die Hand, die ihr
der Jger reichte, und sprang zu Boden.
    Bht dich Gott, Jager! grte sie lchelnd.
    Bht dich Gott auch!
    Sie schritt davon, und Franzl sah ihr betroffen nach. Nun pltzlich, an
ihrem Lcheln, war ihm etwas aufgefallen; er mute sie schon einmal gesehen
haben.
    Nach wenigen Schritten blieb sie stehen und sah sich um. Die Augen der
beiden trafen sich, und eines schien dem andern sagen zu wollen: Mir scheint,
ich mt dich kennen!
    Aber sie schwiegen, und das Mdel ging; hinter den Haselnustauden
verschwand es; nur ein paarmal leuchtete zwischen dem Grn noch die weie
Schrze.
    Franzl schob von hinten den Hut in die Stirn; das tat er immer, wenn er zu
denken hatte. Dann stieg er ber den Zaun und folgte dem eingeplankten Pfad.
Hinter den Brettern sah er den traurigen Ritter stehen, der ratlos einen
handbreiten Ri in seiner neuen Lederhose musterte. Lachend streckte Franzl die
Hand ber die Planke und klopfte ihn auf die Schulter. Ja, Mannderl, bei uns
kosten die Busserln Hosenfleck! In der Stadt sind s' billiger.
    Nach kurzem Weg erreichte der Jger sein Heimwesen, ein freundliches Haus
mit frisch geweiter Mauer und grnen Fensterlden, Hofraum und Garten mit
Sorgfalt gepflegt, der ganze Besitz von einem hohen Staketenzaun umschlossen.
Als Franzl das Pfrtchen ffnete, erhob sich von einem der Gartenbeete ein alte
Frau mit stillen Augen und weiem Faltengesicht, das von dem grauen, tief in die
Schlfe gekmmten Haar wie von einer verblaten Haube umrahmt war.
    Gr dich Gott, Bub!
    Gr Gott, Mutter! Wie geht's allweil?
    Es tut's. Und dir? Is dir's allweil gut gangen am Berg?
    Am Berg? Da droben geht's eim allweil gut! lachte Franzl.
    Seine Mutter schien ein feines Ohr zu haben. Dieses Lachen klang nicht wie
sonst. Und die Liebe in Menschen, die Unglck erfuhren, ist immer furchtsam.
Forschend hingen die Augen der Frsterin an ihrem Sohn. Franzl? Hat der Herr
Graf wieder gscholten? Oder fangt der Schipper seine scheinheiligen Gschichten
wieder an?
    Gott bewahr! Nix, gar nix! Mut dir denn allweil Sorgen machen, wo keine
sind? Er fate die Hand der Mutter und streichelte die welken Finger. Geh, du
Sorgenhaferl, du alts!
    Die Horneggerin, wenn einmal eine Sorge in ihr wach geworden, war so leicht
nicht wieder zu beruhigen. Warum kommst denn heim? Mitten unter der Woch?
    Treiber mu ich bstellen, der Herr Graf will riegeln. Und was ich fragen
will, Mutter - is bei uns net grad a Madl vobeigangen?
    Ja. Warum fragst? Hast es nimmer kennt? Bist doch mit ihr in d' Schul
gangen! Die Bruckner-Mali!
    Die Maaali? Der Name hing ihm an der Zunge wie ein zehnsilbiges Wort. Da
er aber auch die Mali nicht gleich erkannt hatte! Als Kinder waren sie
unzertrennlich gewesen, bis im Frsterhaus das blutige Unglck Einkehr hielt,
vor vierzehn Jahren. Da war der Bub durch Wochen nicht von der Seite der Mutter
gewichen; und als er eines Abends die kleine Freundin wieder suchte, war sie
verschwunden. Eine ltere Schwester, die in eine weit entfernte Ortschaft
geheiratet, hatte das Mdel zu sich genommen. Und jetzt war die Mali wieder
heimgekehrt? Sie hatte sich sauber ausgewachsen! Und weshalb sie gekommen war,
das meinte Franzl zu erraten. Dem Bruckner, ihrem Bruder, war das Weib
gestorben, er hatte drei Kinder, Not und Krankheit in der Stube. Da waren ihm
zwei gesunde Arme zur Hilfe mehr als ntig. Und da die Mali zwei feste Arme
besa, davon hatte Franzl sich vor einem Viertelstndchen zur Genge berzeugt -
er und noch ein anderer!
    Die Mali! Jetzt is ds gar die Mali gwesen! Mit vergngtem Schmunzeln
schttelte Franzl den Kopf und folgte der Mutter ins Haus.
    Der Abend sank, und aus den Wiesen begann ein dnner Nebel zu dampfen, der
sich gleich einem weien Schleier ber die Haselnustauden aller Pfade legte. -
    Noch vor Einbruch der Dmmerung hatten auch Kitty und Tante Gundi das
Parktor von Schlo Hubertus erreicht. Auf dem ganzen Wege hatten sie kein Wort
miteinander gewechselt. Als aber Gundi Kleesberg die Hand nach der Torklinke
streckte, verstellte ihr Kitty den Weg.
    Tante Gundi? Bist du mir bse?
    Ach, Kind! Die Kleesberg umschlang mit beiden Armen das Mdchen und kte
ihm die Wange so zrtlich, wie nur eine bekmmerte Mutter ihr Kind zu kssen
vermag. Wie kann ich dir bse sein? Ich hab' dich lieb. Und habe nur dich. Wir
beide brauchen uns. Ich bin deine Mutter, du bist mein Kind!
    Sie betraten den Park, und klirrend fiel hinter ihnen das hohe,
schmiedeeiserne Tor ins Schlo. Es hallte unter den Bumen, und ein ungestmes
Flattern und Gerttel lie sich vernehmen.
    Eine breite Allee, von alten Ulmen halb berdacht, fhrte in gerader Linie
zum Schlosse. Blumenduft und Heugeruch erfllten die Luft. Inmitten der Allee
weitete sich ein groes Kiesrondell, auf dem sich ein mchtiger, aus
Eisenstangen und grobem Drahtgeflecht gebildeter Kfig erhob. Er barg die sieben
Steinadler, die Graf Egge im Laufe mehrere Jahre als halbflgge Vgel aus ihren
Nestern gehoben. Whrend Kitty und Tante Gundi vorberschritten, begann im Kfig
ein grauenhafter Spektakel. Gleich schwarzen Schatten huschten in der Dmmerung
die aus ihrer Ruhe aufgescheuchten Adler durcheinander; fauchend und mit
gellenden Schreien warfen sie sich gegen das Drahtgeflecht und rttelten an
ihrem Kerker; unter dem Klatschen der Flgelschlge hrte man das Knirschen des
Drahtes, wenn die scharfen Fnge in das Flechtwerk griffen.
    Tante Gundi beeilte sich, an dem Kfig vorberzukommen. Eine merkwrdige
Liebhaberei, das! grollte sie. Dieser Aasgeruch, mitten zwischen den
Rosenbeeten! Pfui!
    Kitty schwieg; diese Vgel waren eine Freude ihres Vaters, eine lebendige
Trophe seines khnen Jgermutes.
    Aus dem Schlosse fiel schon der Lichtschein einzelner Fenster in die Allee.
Nun zeigte sich ein weiter, fein besandeter Platz mit Blumenbeeten, exotischen
Gewchsen und einer pltschernden Fontne, von deren hohem, gleich mattem Silber
leuchtendem Strahl ein feiner Staubregen gegen die finsteren Bume dampfte. In
der Tiefe des Platzes erhob sich Schlo Hubertus, eine Mischung von gotischem
Kastell und moderner Villa. Man sah es auf den ersten Blick: hier wohnte ein
groer Jger vor dem Herrn. ber jedem Fenster war ein mchtiges Hirschgeweih an
der Mauer befestigt - eine Sammlung, anzusehen wie eine riesige, die
Geweihbildung aller Hirschgattungen demonstrierende Wandtafel; hier hing der
konfuse Hauptschmuck des lapplndischen Renntiers, die wuchtige Schaufel des
schwedischen Elchs, der stmmige Schlag der bhmischen Wlder, das Zentnergeweih
des amerikanischen Wapiti, der Urhirsch aus der Bukowina, das massige
Kronengeweih des Bakonyerwaldes, die gefingerte Schaufel des Dambockes, der
weichlich gezeichnete Hauptschmuck des geftterten Parkwildes und das schlanke,
schn verstelte Geweih des stolzen Edelhirsches der deutschen Berge. Jede
dieser Trophen hatte Graf Egge auf seinen Jagdreisen mit der eigenen Kugel
gewonnen, unter jedem der Geweihe war ein weies Tfelchen angebracht, auf dem
die Heimat des Hirsches und der Tag verzeichnet standen, an dem das Wild
gefallen.
    Jetzt verschleierte tiefe Dmmerung diese stolze Jgerchronik, und wie ein
Gewirr von drren sten starrten die hundert Enden aus der Mauer.
    Lichtschein fiel aus der offenen Tr ber die steinerne, von wildem Wein und
Jerichorosen umrankte Veranda, zu der drei breite Stufen emporfhrten.
    Als Kitty und Tante Gundi die Veranda betraten, kam ihnen ein junger Diener
entgegen, der sich besorgt erkundigte, ob die Damen nicht ins Gewitter geraten
wren.
    Nein, Fritz, sagte Kitty, wir kommen trocken nach Hause. Wo ist mein
Bruder?
    Der Herr Graf arbeiten in seinem Zimmer.
    Durch einen breiten Flur, dessen Wnde von den Steinfliesen bis zur Decke
mit Jagdtrophen aus aller Welt bedeckt waren, eilte Kitty zur Treppe. Auch hier
im Treppenhaus wie in den Korridoren des oberen Stockes hing Geweih neben Geweih
an allen Wnden.
    Kitty ffnete eine Tr und schob das Kpfchen durch den Spalt. Strt man
nicht?
    Komm nur! erwiderte eine ruhige Mnnerstimme.
    Das matte Licht einer mit chinesischem Schirm bedeckten Studierlampe fllte
den nicht allzu groen, einfach mblierten Raum. Bcher, Zeitungen und
Broschren lagen, da es an Schrnken fehlte, berall umher, auf dem Tisch, auf
allen Sthlen. Der groe Schreibtisch war von einem Ringwall dicker Bnde
umzogen, so da fr Lampe, Tintenzeug und Aktenmappe nur ein kleiner Raum
verblieb. Man glaubte sich in dem Zimmerchen eines fleiigen Studenten zu
befinden, der vor dem Examen steht. Aber Graf Tassilo, Kittys ltester Bruder,
hatte die Schuljahre lngst hinter sich.
    Er nahm den Schirm von der Lampe und erhob sich: eine schlanke, vornehme
Gestalt mit einem energischen Kopf, einem scharfgeschnittenen Gesicht und einem
Knebelbart, wie Knig Ludwig II. ihn zu tragen pflegte. Die Hrte der Zge, die
Tassilo vom Vater hatte, wurde gemildert durch den ruhigen Glanz der Augen, die
den Augen der Schwester glichen. Man konnte lesen in diesem Gesicht und Blick:
da steht ein Mensch, der mit sich im klaren ist und wei, was er will; eine
starke, zhe, an Arbeit und Selbstbeherrschung gewhnte Natur mit warm fhlendem
Herzen. Aber es mochten schwere Kmpfe gewesen sein, in denen er das sichere
Gleichgewicht seines Lebens gewonnen; das verriet die tiefgeschnittene Furche
zwischen den Brauen. Graf Tassilo stand im dreiigsten Jahr, doch htte man ihn
wohl um einige Jahre lter geschtzt.
    Herzliches Wohlgefallen leuchtete beim Anblick der Schwester aus seinen
Augen. Wie das lichte Figrchen auf ihn zugeflattert kam, das war auch, als
wehte ein frischer Frhlingshauch in die ernste Stube. Kitty umschlang den
Bruder. Guten Abend, Tas!
    Lchelnd hielt er sie fest und streichelte ihr Haar. Nun? Ist Papa
gekommen?
    Sie hob wie in unbehaglichem Empfinden die Schultern.
    Ein Schatten ging ber das Gesicht des Bruders. Er gab die Schwester frei
und lie sich nieder. Ich htt' es dir voraussagen knnen. Aber ich wollte
deine Freude nicht stren. Mglich wr' es ja doch gewesen -
    Nein, ganz unmglich! fiel Kitty ein, als htte sie das Bedrfnis, ihren
Vater zu verteidigen. Er konnte nicht kommen, absolut nicht! Franzl hat es mir
gesagt. Weit du, Tas, da droben steht irgendwo ein ganz fabelhafter Gemsbock.
Papa mu ihn haben!
    Natrlich! Ein Gemsbock! Als wollte er ber das Thema wegkommen, sagte er
mit vernderter Stimme: Ich habe mich gesorgt um dich. Wo wart ihr, als das
Wetter kam?
    Droben im Wald, trocken und sicher, in der Wildscheune. Sie begann zu
erzhlen und fand ihre Laune wieder. Drollig schilderte sie Tante Gundis
Verzweiflung, das Erscheinen des Jgers und ihren Niederstieg zum Wetterbach -
ganz  la Paul et Virginie! Dann verstummte sie, als wre das Abenteuer zu
Ende. Lchelnd beugte sie sich ber den Schreibtisch und begann in den
aufgeschlagenen Akten zu blttern. Und du, Tas? Du hast natrlich wieder mit
den Ellbogen zwei Lcher in deinen Schreibtisch gebohrt und den herrlichen Abend
versumt. ber was grbelst du schon wieder?
    Ich sammle das Material zu einer Verteidigung.
    Wohl ein sehr interessanter Fall?
    Fr mich, gewi.
    Um was handelt es sich? Um einen Unschuldigen?
    Nein, Kind, um einen Gewohnheitsdieb.
    Aber Tas! Erschrocken hingen Kittys Augen an dem ernsten Gesicht des
Bruders. Wie kannst du dich mit einem solchen Menschen befassen? Du! Mit einem
gemeinen Verbrecher!
    Ein Verbrecher? Ja. Aber noch mehr ein Kranker. Ich hoffe, da er zu heilen
ist.
    Davon la nur Papa nichts merken.
    Er sorgt dafr, da mir die Gelegenheit fehlt.
    Wenn er es aber doch erfhrt, was wirst du ihm sagen?
    Tassilo streifte mit der Hand ber Kittys Scheitel. Nichts.
    Ja, Tas, das wird wohl das beste sein. Widerspruch vertrgt er nicht. Und
ich bin berzeugt, da er dir die letzte Geschichte vom Frhjahr noch immer
nicht vergessen hat. Es war aber auch ein netter Streich!
    Meinst du?
    Ein Graf Egge-Sennefeld! Und verteidigt einen auf frischer Tat ertappten
Wilddieb! Na, erlaube mir, Tas -
    Er klopfte sie mit beiden Hnden auf die Wangen und sagte, wie man zu einem
Kinde spricht: Dir erlaube ich alles.
    Ein Diener erschien in der Tr: der Tee stnde bereit.
    Tassilo nahm einige Zeitungen vom Schreibtisch und reichte seiner Schwester
den Arm.
    Das Speisezimmer lag zu ebener Erde; ein groer, wenig behaglicher Raum, dem
es anzumerken war, da er die lngste Zeit des Jahres leer stand. In der Mitte
der lange Tisch, mit grnem Tuch berspannt und nur zur Hlfte wei gedeckt. Auf
jeder Seite der Flurtr stand eine altertmliche Kredenz, und geschnitzte
Holzbnke mit verblaten Kissen zogen sich rings um die Mauern. Wnde und Decke
waren mit gebruntem Lrchenholz getfelt. Die Luft des Zimmers hatte einen
leisen Geruch, der an die Apotheke erinnerte; er ging von den hundert
prparierten Vgeln aus, die den Schmuck der Wnde bildeten; dazwischen abnorme
Rehgehrne und in silberne Zwingen gefate Eberzhne; an der Decke hingen, mit
ausgebreiteten Schwingen, gegen zwanzig Adler, die sich sacht bewegten: von den
zwei groen Moderateurlampen, die auf der Tafel standen, stieg die erhitzte Luft
in die Hhe und staute sich unter den Flgeln. Eine offene Seitentr lie in ein
finsteres Zimmer blicken, darin die polierte Brstung eines Billards funkelte.
    Als Kitty auf der Tafel nur zwei Gedecke sah, fragte sie: Fritz, wo ist
Tante Gundi?
    Das gndige Frulein haben sich zurckgezogen und haben Siphon und
Eispillen verlangt.
    Ach du Barmherziger! Jetzt hat sie wieder ihre Migrne! Kitty lief davon.
    Als sie nach ein paar Minuten zurckkehrte, berichtete sie kleinlaut: Sie
hat sich eingesperrt. Die Arme!
    Tassilo schien nicht zu hren; er hatte sich bereits bedient, und whrend er
mit der Rechten in langsamen Pausen den Teelffel oder die Gabel fhrte, hielt
er mit der Linken die Zeitung unter die nher gerckte Lampe. Erst als Kittys
Teller klapperte, schien er die Rckkehr der Schwester zu bemerken und wollte
die Zeitung aus der Hand legen.
    Lies nur, Tas!
    Wenn du erlaubst, ich finde untertags keine Zeit dafr. Eifrig vertiefte
er sich wieder in den unterbrochenen Artikel.
    Eine stille Viertelstunde verrann. Kitty erhob sich. Du arbeitest wohl nach
Tisch?
    Tassilo zgerte mit der Antwort, und eine feine Rte erschien auf seiner
Stirn. Spter, ja! Und du?
    Was soll ich machen? Du hast Arbeit und Tante Gundi Migrne. Ich krieche
ins Nest. Gute Nacht, Tas! Sie kte ihn, blieb vor ihm stehen und sagte
seufzend: Tas, du bist alt geworden.
    Meinst du? Er lchelte, seltsam vertrumt. Ich bin der Meinung, da meine
Jugend erst begonnen htte.
    Kitty lachte gezwungen. Das ist riesig komisch! Jugend hat Rosengeruch. Du
riechst nach Akten. Armer Tas! Na, gute Nacht!
    Sie wollte gehen; der Bruder fate ihre Hand und hielt sie fest; seine Augen
hatten Glanz, und ein bekennendes Wort schien auf seiner Zunge zu liegen; doch
er lchelte wieder. Gute Nacht - du Kind!
    Kitty schlich davon, bummelte durch den Flur, an dessen Wnden die wirren
Schatten der vielen Geweihe leise zuckten, und stieg ber die Treppe hinauf.
Seufzend ffnete sie die Tr ihres Zimmerchens, tappte in die Finsternis und
machte Licht. Der kleine Raum hatte ein freundliches Ansehen, ohne zu verraten,
da hier die Tochter eines Edelmannes wohnte, dessen Besitz nach Millionen zu
zhlen war. Graf Egge, der auf seinen Jagdreisen und Pirschgngen, wenn es eine
seltene Beute zu machen galt, das Nachtlager auf blanker Erde nicht scheute,
hatte auch seine Kinder nie verwhnt; nur zur Hlfte aus berzeugung, zur andern
Hlfte aus einer Eigenschaft, fr welche Sparsamkeit das mildeste Wort ist. Er
knauserte in allen Dingen, die nicht die Jagd betrafen; seine drei Shne hatten
knapp bemessene Apanagen, aber seine Hirsche Winterfutter in Hlle und Flle:
aus Franken lie er das saftigste Kleeheu kommen, aus Ungarn den besten Mais,
aus der Maingegend die fettesten Kastanien.
    Die billigen Stoffe fr Kittys Stbchen, das man im vergangenen Sommer fr
den flgg gewordenen Klostervogel eingerichtet hatte, waren wohl aus der
nchsten Stadt verschrieben; aber die Mbelgestelle hatte der Boottischler des
Seewirtes angefertigt; und der Zauner-Wastl, der Dorfsattler - der brigens den
Ruf eines Universalgenies geno und im Schlo Hubertus als eine Art Faktotum
verkehrte - hatte die Polsterung bernommen. Die Sache war gar nicht so bel
ausgefallen. Der weie Leinenplsch mit den mattblauen Streifen machte sich gut
zu dem farblos polierten Lindenholz; dazu die lichte Tapete; das Stbchen sah
aus wie frisch aus der Wsche gekommen. Die Dielen waren blank, ohne Teppich;
nur vor dem Bett lag eine graue Hirschdecke. Der Tisch, die Kommode, zwei
Etageren und alle sonstigen verfgbaren Pltzchen waren dicht angerumt mit
zierlichem Kram, mit Kolonnen von Photographien in blinkenden Rhmchen, ber die
das grere, mit franzsischer Widmung beschriebene Bild der Soeur suprieure
hinausragte wie die Hirtin ber die kleine Herde.
    Kitty wollte das offene Fenster schlieen. Drauen pltscherte die Fontne,
und das steigende Mondlicht fiel schon ber die Baumwipfel. Sinnend blickte
Kitty hinaus in dieses Gewirr von finsteren Schatten und dmmerigem Licht; statt
das Fenster zu schlieen, lie sie sich auf einen Sessel sinken und lehnte sich
mit beiden Armen ber das Gesimse. Vor ihren trumenden Augen spann sich der
Mondschein immer weiter, die Konturen des Laubwerkes mit einem schleierhaften
Dunst berziehend. Die Nhe verschmolz mit der nebeligen Ferne in einen einzigen
blagrauen Ton, so da die weite Flche der Wipfel mit den an den Park sich
schlieenden Wiesen und Wldern fast anzusehen war wie eine von mattem Zwielicht
berwobene unabsehbare Heide.
    Vor Kittys Gedanken belebte sich das Bild: verschwommen hob sich aus der
Dmmerung ein verschlungener Pfad, rauh von Steinen, umwachsen von niederem
Dorngestrpp; und zwischen den Dornen lag entkrftet die Gestalt einer Genie,
mit schmerzvollen Zgen, in Lumpen gehllt und mit zerzausten Schwingen.
    Wie traurig! zitterte es leis von Kittys Lippen. Sie war so tief in diese
Erinnerung versunken, da sie den Schritt nicht hrte, der unter ihrem Fenster
langsam ber den Kiesgrund ging und in der Ulmenallee verklang.

                                       4


Graf Tassilo verlie den Park und wanderte auf der mondhellen Strae dem Dorf
entgegen.
    Nach einer Viertelstunde erreichte er den See. In weitem Kreise leuchteten
die Fenster aller Villen. Auf der von Windlichtern erhellten Terrasse des
Wirtshauses waren einige Tische mit Sommergsten besetzt, und am Ufer standen
ein paar junge Burschen und Mdchen unter halblautem Geplauder beisammen. Sie
verstummten bei Tassilos Ankunft; einer der Burschen rannte davon, verschwand in
der Schiffshtte, und man hrte das Klirren einer Kette und das Gepolter eines
Bootes, das aus der schwarzen Htte tauchte und am mondhellen Ufer anlegte: ein
zierlicher Nachen, die Bnke mit Polstern belegt, der Steuersitz von einem
geschnitzten Gelnder umgeben. Der Knecht stieg aus, und Graf Tassilo bernahm
die Ruder.
    Die weite Seebucht quer durchschneidend, glitt der Nachen einer Villa
entgegen, aus deren Garten sich eine weie Steintreppe zum Wasser senkte. Als
der Kahn sich nherte, klang eine leise Stimme: Tassilo? Du?
    Ja, Kind!
    Der Nachen legte an, und Graf Tassilo erhob sich, um die schlanke Gestalt
des Mdchens zu umfangen, das ihn auf der Treppe erwartet hatte.
    Anna? fragte eine andere Frauenstimme von der Villa her. Willst du nicht
den Mantel nehmen?
    Nein. Die Luft ist so lind und warm wie in der Sonne! Von Tassilo
gesttzt, bestieg das Mdchen den Nachen, lie sich im Spiegel nieder, schob das
Boot von der Mauer ab und fate die Schnre des Steuers.
    Von krftigen Ruderschlgen getrieben, rauschte der Kahn dem tieferen See
entgegen; im Mondlicht funkelten die Tropfen, die von den Rudern fielen, und
hinter dem Steuer verblieb im dunklen Wasser eine leuchtende Furche.
    Eine Weile schwiegen die beiden; dann sagte Tassilo: Verzeih' mir, da ich
dich warten lie! Bist du nicht ungeduldig geworden?
    Ich habe schon gefrchtet, da ich dich heute nicht mehr sehen wrde. Aber
nun bist du ja gekommen! Die warme melodische Stimme klang in der Nachtstille
wie leiser Gesang.
    Ich war nicht Herr meiner Zeit. Seit gestern ist meine Schwester in
Hubertus.
    Die Antwort zgerte. Ich wei -
    Das macht dir Sorge? Nein, Anna, sei ruhig! Wie alles andere kommt, ich
wei es nicht. Aber meine Schwester wirst du im Sturm gewinnen. Sie schwrmt fr
dich. Und sie soll auch die erste sein, die es erfhrt. Endlich mu ja doch
gesprochen werden, die Entscheidung ist nicht lnger aufzuschieben. Ich will
nicht, da man im Dorfe anfngt, ber dich zu klatschen.
    Eine Hand legte sich auf die seine. Ich danke dir.
    Aber Kind! Er kte die weien Finger und fate die Ruder wieder. Ich
liebe dich und will, da auch die andern dich ehren, wie du es verdienst.
Deshalb mu diese schiefe Stellung ein Ende nehmen. Ich habe einen Entschlu
gefat. Dieser Tage kommen meine Brder fr eine Woche nach Hubertus, und ich
vermute, da uns Papa, um sich das Wiedersehen zu erleichtern, in die Jagdhtte
bestellen wird. Diese Gelegenheit will ich bentzen. Wie Robert und Willy sich
dazu stellen werden, wei ich nicht. Aber mit ihnen werde ich rasch ins klare
kommen. Mein Vater freilich -
    Du frchtest?
    Furcht? Er beugte sich ber die Ruder und sah mit glcklichem Lcheln in
das schne Mdchengesicht. Nein, Anna! Aber bang ist mir. Nicht vor den
Kmpfen, die meiner warten, denn ich wei, da ich sie berstehen werde. Mir ist
nur bang vor dem unverdienten Glck, das ber mich herfallen wird. Eine Hand
schlo ihm die Lippen.
    Es wurde still im Boot, die Ruder schleiften, und mit sachtem Pltschern
glitt der Nachen an einer steil aus dem Wasser ragenden Felswand vorber. Der
Kessel der Berge ffnete sich, einer riesenhaften Grotte vergleichbar und
berflutet von allem Zauber der sommerlichen Mondnacht. Nun der schwebende
Anschlag einer wunderbaren Altstimme. Wie der klingende Traum einer Glocke, so
zitterte die Flle dieser herrlichen Tne hinaus in das Schweigen der Nacht -
Schumanns Lied der Braut. Und wie dieses Lied gesungen wurde, das war mehr als
nur die Gabe einer vollendeten Knstlerin; es war Gesang, in dem sich alles
Denken und Fhlen, die ganze Seele eines liebenden Weibes erschpfte.

La mich ihm am Busen hangen,
Mutter, Mutter, la das Bangen,
Frage nicht: Wie soll sich's wenden?
Frage nicht: Wie soll das enden?
Enden? Enden soll es nie!
Wenden? Noch nicht wei ich, wie!
La mich ihm am Busen hangen!
La mich!

    Wie ein verlorener Klang aus weiter Ferne hallte das Echo der letzten Worte
von den steinernen Wnden der Berge. Dann tiefes Schweigen. Und jetzt, ber den
See herber, ein schriller, langgezogener Ruf, ein zweiter und wieder einer.
    Tassilo richtete sich auf. Das ist bei der Klause. Wahrscheinlich ein
Tourist, der sich auf dem Heimweg versptet hat. Wir mssen ihn holen, wenn der
Arme nicht bis zum Morgen da drben in dem Steinwinkel sitzen soll! Er fate
die Ruder und begann mit aller Kraft zu ziehen. Noch ehe sich das Boot der
Mndung des Wetterbaches nherte, konnte Tassilo im Mondlicht schon die wartende
Gestalt unterscheiden. Unter dem Nachen knirschte der Sand, und vom Ufer lie
sich mit verlegener Heiterkeit eine Stimme vernehmen: Ich danke Ihnen, da Sie
sich meiner erbarmen. Sonst htte ich mit einem nicht sehr behaglichen
Nachtlager vorliebnehmen mssen. Der Fremde trat an das Boot heran, und im
klaren Mondschein erkannte Tassilo den jungen Knstler, dem er im vergangenen
Winter bei den gemtlichen Abenden der Mnchener Allotria hufig und immer gern
begegnet war.
    Forbeck? Sie?
    Graf Egge!
    Lachend reichten sie sich die Hnde.
    Wahrhaftig, eine liebe berraschung! Sagen Sie mir nur, Forbeck, wie kommen
Sie pltzlich hierher? Oder wohnen Sie schon lnger am See?
    Seit vierzehn Tagen.
    Und das erfahr' ich erst heut? Wie schade! Wir wollen das Versumte
nachholen, nicht wahr? Und nun sagen Sie mir, welcher Zufall hat Sie hier
festgenagelt wie den seligen Robinson auf seiner Insel?
    Ich habe den ganzen Tag bei der Klause gearbeitet und hatte mir fr sieben
Uhr abends ein Schiff bestellt. Der Seewirt scheint vergessen zu haben, oder -
    Und da hat mich die Vorsehung zu Ihrer Erlsung auserwhlt? Also vorwrts,
reichen Sie mir Ihre Siebensachen! So! Und nun kommen Sie! Als Forbeck den
Nachen bestiegen hatte, hielt Graf Egge den Arm um die Schulter des jungen
Mannes gelegt und wandte sich an seine Begleiterin. Erlaube mir, Anna, hier
stelle ich dir, bei allerdings mangelhafter Beleuchtung, meinen jungen Freund
Hans Forbeck vor. Tassilo zgerte, bevor er den Namen der jungen Dame nannte:
Frulein Herwegh.
    Ein leiser Laut der berraschung war die einzige Antwort, die Forbeck zu
finden wute; auch die stumme Verbeugung miglckte in dem schwankenden Boot,
das sich aus dem Sand zu lsen begann. In gerader Fahrt ging es den Villen
entgegen. Kein Wort wurde gesprochen. Graf Egge ruderte ungestm, und Frulein
Herwegh sa ber das Gelnder geneigt und lie die Fingerspitzen ber das dunkle
Wasser streifen. Sie schien es wie eine Erlsung zu begren, als der Nachen
endlich vor der Steintreppe der Villa hielt. Hastig erhob sie sich, und von
Forbeck mit raschem Gru sich verabschiedend, verlie sie das Boot. Tassilo
folgte und reichte ihr den Arm. Im schwarzen Schatten der Bume verschwanden
sie, und Forbeck hrte ihre leisen Stimmen. An der Villa ging eine Tr, und Graf
Egge erschien wieder bei der Landungstreppe. Wo wohnen Sie, lieber Forbeck?
    Dort drben hinter den Villen, in einem Bauernhuschen, wo ich eine Stube
mit gutem Licht gefunden habe. Aber wenn Sie gestatten steige ich beim Seewirt
ab.
    Tassilo stie das Boot von der Mauer. Hoffentlich finden wir beim Seewirt
noch offen, und wenn es Ihnen recht ist, leiste ich Ihnen noch ein Stndchen
Gesellschaft.
    Aber ich bitte, Herr Graf!
    Keine Frmlichkeiten! Wenn es schon ein Titel sein mu, sagen Sie: Doktor!
    Forbeck lchelte. Das geht mir auch leichter von der Zunge.
    Das Ufer war erreicht. Auf der Terrasse des Wirtshauses brannten noch einige
Lichter; die Tische standen leer; ein letzter Gast schkerte zum Abschied mit
der drallen Kellnerin.
    Tassilo und Forbeck schritten ber den mondhellen Landeplatz der Treppe zu.
Pltzlich verhielt Graf Egge den Fu. Herr Forbeck! Diese unerwartete Begegnung
mit Frulein Herwegh scheint Sie berrascht zu haben. Ich mchte jeder
Mideutung vorbeugen.
    Sie krnken mich! erwiderte Forbeck ernst. Ich kenne Sie, Herr Doktor,
und wei, da Frulein Herwegh nicht nur eine gefeierte Knstlerin ist, sondern
auch eine Dame, die keine Mideutung zu befrchten hat.
    Ich danke Ihnen fr dieses Wort. Und nun hab' ich doppelte Ursache zu
sprechen, obwohl ich Sie aus zwingenden Grnden um Ihr Schweigen bitten mu. Sie
sind der erste, der es erfhrt. Frulein Herwegh ist meine Braut.
    In herzlicher Bewegung streckte Forbeck die Hand. So darf ich auch der
erste sein, der Sie beglckwnscht.
    Glck! Ja, Forbeck! Was sich ein Menschenherz an Glck nur trumen kann,
das hab' ich gefunden. Und ich danke fr Ihren Wunsch, denn ich wei, er kommt
aus ehrlichem Herzen. Es hat mich immer zu Ihnen hingezogen, Sie sind ein
tchtiger Mensch, und ich mchte den glcklichen Zufall festhalten, der uns
heute zusammenfhrte. Wir wollen gute Freunde sein!
    Mit festem Druck umspannten sich ihre Hnde; dann betraten sie die Terrasse.
    Margaret, die Kellnerin, begrte wohl den gn Herrn Grafen mit aller
Dienstbeflissenheit, aber ihrem mden Gesicht war es anzumerken, da ihr die
beiden verspteten Gste keine Freude bereiteten. Die Auskunft, die sie zu geben
wute, war wenig trstlich: die Kche geschlossen, das Fa auf der Neige.
Forbeck mute sich mit kaltem Braten begngen, aber dazu fand sich eine gute
Flasche Rheinwein. Das Ghnen berwindend, stubte Margaret die Brotkrumen vom
Tischtuch und zog sich in einen dunklen Winkel der Terrasse zurck, wo sie nach
wenigen Minuten in unbequemer Stellung die bleischweren Lider schlo.
    ber See und Ufer flimmerte der Mondschein, sacht rauschten die Bume im
lauen Wind, und mit dem Gewisper des Laubes mischte sich das leise Gepltscher
des Wassers, das gegen die Pfhle der Schiffshtten schwankte und die
angeketteten Boote bewegte.
    Forbeck erzhlte von dem Ergebnis seiner vierzehntgigen Studien. Dieser
Bergwinkel ist die reine Goldgrube. Und jetzt liegen noch zwei Wochen vor mir.
Professor Werner soll Augen machen, wenn er meine Mappe sieht.
    Ich wundere mich nur, da er Ihnen so lange Urlaub gab! sagte Tassilo
lchelnd. Er hngt an Ihnen wie der Baum an seinem besten Ast.
    Forbecks Augen leuchteten. Werner liebt mich, mit dem Herzen des Knstlers,
weil er an meine Begabung glaubt, weil er hofft, da ein Teil seines Knnens in
mir weiterleben wird. Das ist fr mich ein glhender Sporn. Aber es bedrckt
mich auch manchmal mit Angst. Wenn er sich tuschte in mir!
    Aber Forbeck! Wie kommen Sie auf solche Gedanken? Gerade das Vertrauen, das
Werner auf Sie gesetzt hat, sollte Ihnen Selbstbewutsein geben. Er hat scharfe
Augen fr alles, was Talent heit. Bei Ihnen ist er seiner Sache sicher.
    Das halte ich mir manchmal vor und habe dann wieder Mut und Kraft. Aber
jeder von uns, der es ernst meint mit seiner Kunst, kmpft den ewigen Kampf mit
dem Drachen des qulenden Zweifels. Wenn meine Zweifel recht behielten, das wre
ein Unglck auch um Werners willen. Das wre ein Ri in seinem Leben, ich
beginge damit ein Verbrechen an ihm, noch schlimmer als Verrat und Undank eines
Kindes. Er ist mir doch wirklich wie ein Vater. Was ich kann, was ich bin, alles
verdanke ich ihm! Als ich noch Eltern hatte, war ich ein verlorenes Geschpf.
Unter seinen Hnden bin ich ein neues Menschenkind geworden. Er darf und soll
sich in mir nicht tuschen!
    Da glaub' ich eher, da Sie noch mehr erfllen werden, als Werner sich von
Ihnen verspricht! Mit Wohlgefallen ruhte Tassilos Blick auf dem jungen Manne.
Aber er htte Sie jetzt nicht von seiner Seite lassen sollen! In Ihnen sprudelt
die Grung. Ich kenne das. Ich hab' es jahrelang durchgemacht, bis ich die Ruhe
fand. Aber ich war immer gewhnt, allein mit allem fertig zu werden. Das ist bei
Ihnen nicht der Fall. Sie hatten immer den erfahrenen, treuen Freund bei der
Hand. Da mag jetzt in der Einsamkeit etwas in Ihnen erwacht sein, etwas Neues,
halb noch Unbewutes -
    Etwas Neues? Nachdenklich schttelte Forbeck den Kopf.
    Es ist so. Das rumort jetzt in Ihnen, und unwillkrlich fhlen Sie, da
Ihnen Werner fehlt mit seinem Rat und seinem beruhigenden Lcheln.
    Sie kennen dieses Lcheln? Nicht wahr, das ist merkwrdig! Wenn er so
lchelt, das redet wie ein Buch.
    Eine Kunst, die sich bitter lernt! Es war gewi keine heitere Geschichte,
hinter der ihm nichts anderes verblieb als dieses Lcheln. Werner ist
Junggeselle geblieben, er mu eine schwere Enttuschung erlebt haben.
    Forbeck lehnte sich tief atmend zurck. Nein, das glaube ich nicht. Er ist
vllig aufgegangen in seiner Kunst. Htte er geliebt - ein Mann wie er wre
nicht getuscht worden. Er ist einer von jenen Seltenen, die man lieben mu,
hei und treu!
    Eine Pause entstand.
    Wo ist Werner jetzt? fragte Tassilo.
    In Mnchen. Er macht die letzten Striche an seinem Bild fr die Berliner
Ausstellung. Herrgott, wird das wieder eine Arbeit! Ich glaube, er hat mich nur
fortgeschickt, weil ich ganz verzagt wurde, sooft ich vor dieser Leinwand stand.
Gestern schrieb er mir. Er hofft in vierzehn Tagen fertig zu sein. Dann kommt
er, und wir reisen.
    Wohin?
    Italien! Es war aus Forbecks Augen zu lesen, was er mit diesem einen Worte
sagen wollte.
    Tassilo lchelte. Sie kennen Italien noch nicht?
    Nein! Und wenn ich mir denke, da ich in vier Wochen dort unten sitze -
sehen Sie mich nur an: ich mu die Fuste auf die Rippen drcken, denn ich
glaube, mir geht bei diesem Gedanken die ganze Bude da drin aus dem Leim. Und
ich wei nicht - es kommt mir vor, als htte ich diese brennende Erwartung noch
nie so gewaltttig empfunden wie heute, gerade jetzt! Er sah hinaus in das
Geflimmer der stillen Mondnacht. Es ist doch mglich, da Sie recht haben: mit
dem Neuen! Fr unsereinen ist so was immer wie ein groes Ereignis, wie eine
Offenbarung: ich habe heut ein Bild gefunden! Keine Studie, kein Motiv, nein,
ein Bild! Er griff mit den Hnden in die Luft und schlo die Finger, als wollte
er gewaltsam fassen, was ihm vor der Seele stand. Ein Bild! Unglaublich schn!
Wenn ich das fertigbringe, wie ich es sehe, dann wird Werner mich kssen. Das
hat er noch nie getan. ber ein Brav, mein Junge! oder ber einen Klaps auf die
Schulter ist er in seiner Anerkennung noch nie hinausgekommen. Aber wenn ich das
fertigbringe, das! Dann, ja!
    Sie machen mich neugierig. Wo haben Sie den Vorwurf gefunden?
    Da drben, wo Sie mich in Ihr Boot nahmen, bei der Klause. Schon die
Felswand mit dieser stein- und holzgewordenen Romanze! Das allein ist schon eine
Hochzeit von Farbe und Stimmung. Forbeck gewahrte in seinem Eifer den Schatten
nicht, der ber Tassilos Zge ging. Und dazu dieser ganze Rahmen, diese Luft,
die Natur in einem Augenblick, in dem sie sich mit ihren strksten Mitteln in
Szene setzt! Aber ich kann Ihnen nicht schildern, was ich meine. Dazu reichen
Worte nicht aus. Es war wie ein Wunder. Schon als das Gewitter begann - dieses
nervse Gezitter von Licht und Schatten, halb noch blendender Glanz, halb schon
ein stumpfes Erlschen aller Farben. Und nun mitten hinein in dieses ngstliche
Gefunkel aller Tne der erste Windsto und der erste Regengu, zerrissen in
graue flatternde Schleier und Bnder - ein Bild, ein Bild! Und dazu fllt mir
noch die einzig mgliche Staffage wie vom Himmel herunter. Das heit, was ich
gesehen habe, reicht fr sich allein nicht aus, so schn es war! Es wre fr
sich allein nicht verstndlich. Aber ich wei bereits, was ich dazuwerfe.
    Mit beiden Hnden machte Forbeck freien Platz vor sich und begann mit dem
Finger unsichtbare Linien auf das Tischtuch zu zeichnen. Hier, zwischen der
Klause und dem Wetterbach, den ich nher gegen die Klause rcke, damit der Baum,
der sich ber den Bach geworfen, die Mitte des Bildes bekommt - hier also, hier
auf dem Rasen - wissen Sie, Doktor, so ein saftiges Grn, aus dem jede andere
Farbe herausspringt wie ein Licht - hier auf dem Rasen denk' ich mir ein
konfuses Huflein Menschen, Sommergste und Schiffer, mitten im lustigen
Picknick. Und da kommt nun das Gewitter, pltzlich! Wie das alles aufspringt,
rennt und stolpert, um die Klause zu gewinnen, halb in Lustigkeit und halb in
Angst! Wie da die Farben und Linien durcheinanderwirbeln! Und drben ber dem
Wetterbach kommt eine kleine Touristengesellschaft ber den steilen Weg
heruntergehastet, Mnner und Frauen -
    Ich sehe das Bild! fiel Tassilo ein, wie es lebt und redet!
    Ein paar von den Leuten stehen schon am Ufer des Wildbaches, ratlos -
nirgends eine Brcke, nur dieser einzige Baum! Es fngt schon zu gieen an. Nur
hinber! Aber wie! Und sehen Sie, Doktor, hier ist der Baum, und da hab' ich
einen Jger, eine Figur, wie von Gott am Sonntag erschaffen. Das ist der
einzige, der Hilfe wei, freilich nur Hilfe fr eine einzige: fr ein junges
Mdchen. Und dieses Mdchen, Doktor! Das ist Jugend, Frhling! Und das wird der
Kern in meinem Bild: hier, auf dem schwankenden Baum mein Jger, bei jedem
Schritt mit dem Strzen kmpfend und auf seinem Arm das Mdchen, das zwischen
Lachen und Angst den Hals des Jgers umklammert - ein Bild, Doktor, ein Bild!
Aber das sehen Sie nicht aus meinen Worten, das mu ich Ihnen zeigen -
    Forbeck zerrte die Lederriemen auf, mit denen seine Malgerte
zusammengeschnrt waren, und legte das Skizzenbuch aufgeschlagen vor Tassilo
hin.
    Sehen Sie! Nur ein paar Linien fr mein Gedchtnis - aber man fhlt doch,
was da an malerischem Reiz herauszuholen ist. Und das setz ich mitten in mein
Bild. Sehen Sie, dieses Kpfchen, dieser zarte Schwung in der Halslinie! Und wie
dieses Kleidchen fliet, ganz wei! Das wird in meinem Bild das strkste Licht.
Die Hauptsache.
    Lchelnd hob Tassilo die Augen zu dem glhenden Gesicht des jungen
Knstlers. Und das haben Sie heut gesehen? Das da? Er tippte mit dem Finger
auf das Blatt.
    Wahrhaftig! Und da begreifen Sie doch, da sich das entzckende Bild dieser
beiden Menschen an meine Seele hngen mute wie mit Klammern! Ich seh es noch
immer! Freilich, wenn erst die richtige Arbeit beginnt, wird es mit meinem
Gedchtnis nicht mehr klappen. Ich mu die beiden wiederhaben, wenn auch nur fr
einige Stunden! Der Jger ist mir sicher. Aber dieses Mdchen - Forbeck
zgerte. Es mu mit diesem Mdchen eine merkwrdige Bewandtnis haben. Ich
verstehe verschiedenes nicht. Nachdenklich strich er mit der Hand ber die
Stirne und sprach dann hastig weiter. Aber vielleicht knnen Sie mir raten. Sie
mssen doch das Dorf und seine Leute kennen, also auch dieses Mdchen?
    Ich glaube fast.
    Ihr Vater ist hier ansssig, ein Frster oder Waldaufseher.
    Tassilo lachte. Waldaufseher?
    Ich hab' ihn irgendwo da droben kennengelernt. Ein Typus! Ein ganz
origineller Kauz! Forbeck bltterte im Skizzenbuch. Sehen Sie, das ist er!
    Tassilo betrachtete das Blatt. Ja! Aufs Haar getroffen! Dann hob er die
Augen. Mein Vater!
    Ihr Vater auch! stotterte Forbeck. Der Mann in dieser abgeschabten,
geflickten Joppe hat doch ausgesehen wie -
    Mein Vater findet ein Vergngen daran, auf der Jagd so echt auszusehen wie
der rmste seiner schlecht bezahlten Jger.
    Forbeck griff sich an den Kopf. Das mu ein Irrtum sein! Ich hab' ihn doch
auch sprechen hren. Den da! Und er hat auch den Taler genommen, den ich ihm fr
die Sitzung gab.
    Das sieht ihm hnlich! - Ja, Forbeck, daran ist nichts zu ndern, das ist
mein Vater. Ihr Jger ist unser braver Hornegger-Franzl. Und das starke Licht,
die Hauptsache - nicht wahr, so sagten Sie doch? - das ist meine Schwester
Kitty.
    Forbeck griff nach der Stuhllehne, Bestrzung in Blick und Zgen.
    Weshalb erschrecken Sie? fragte Tassilo verwundert. Ach so, ich verstehe!
Sie denken an Ihr Bild und frchten, da Ihnen meine Schwester einen Strich
durch die schnen Plne machen knnte? Vorerst keine unntze Sorge, lieber
Freund! Ich kann Ihnen zwar keine Zusage geben, aber ich will mit meiner
Schwester sprechen. Ihr Bild mu gemalt werden, Professor Werner soll seine
Freude haben. Tassilo erhob sich. Margaret! Er wandte sich wieder an Forbeck.
Erlauben Sie, da ich bezahle, als Revanche fr den Taler. Mein Vater hat sich
einen Scherz auf Ihre Kosten gemacht. Ich vermute, da er mit Ihrem Taler seinen
Bchsenspanner beglckte.
    Forbeck nickte zerstreut und schnrte mit zitternden Hnden seine Gerte
zusammen.
    Schweigend verlieen sie die Terrasse und schritten in den Mondschein
hinaus.
    Warum sind Sie pltzlich so still geworden? fragte Tassilo.
    Ich? Still? Eigentlich hab' ich Ursache, froh darber zu sein, da sich
dieses - dieses originelle Miverstndnis auf so einfache Weise gelst hat. Ich
glaube, die Sache htte mir zu denken gegeben. Aber jetzt - ich bitte Sie nur,
mich bei Ihrer Schwester zu entschuldigen, wenn ich vor ihr vielleicht in etwas
unpassender Weise ber - ber den Kopf in meinem Skizzenbuch gesprochen haben
sollte.
    Mein Vater hat einen Kopf, der sich mit feinen Strichen nicht schildern
lt. Auch scheint meine Schwester die Sache nicht ernst genommen zu haben,
sonst htte sie mir gegenber nicht geschwiegen. So was gleicht man persnlich
am leichtesten aus. Wollen Sie morgen in Hubertus mit uns speisen? Ohne jede
Frmlichkeit. Um ein Uhr. Und nun gute Nacht fr heute! Wir haben verschiedene
Wege.
    Whrend Tassilo sich entfernte, blieb Forbeck wie angewurzelt auf der
gleichen Stelle. Was hab' ich denn nur? Er schob den Hut zurck und wanderte
langsam durch die stille Nacht. Immer hastiger wurde sein Schritt, fast wie
Flucht, so da ihm der Schwei auf der Stirne stand, als er das Bauernhaus
erreichte, in dem er wohnte. Eine Stimme weckte ihn aus seinem Brten.
    Guten Abend, Herr!
    Von der Hausbank erhob sich die magere Gestalt eines Bauern, hemdrmelig, in
kurzer Lederhose und mit nackten Fen. Er mochte ein paar Jahre ber vierzig
zhlen. Der Mondschein fiel ber das harte, von tiefen Furchen durchrissene
Gesicht, lie im schwarzen Bart die ergrauten Haare wie silberne Fden schimmern
und gab den Augen einen scharfen Glanz.
    Die offene Haustr ghnte schwarz, und nur ein matter Lichtschein drang aus
den kleinen, vom vorspringenden Dach berschatteten Fenstern. Aus der Stube
hrte man das Weinen eines Kindes und den Gesang einer linden Mdchenstimme:

Schlaf, Kindele, schlaf,
Da drauen gehn die Schaf,
Die schwarzen und die weien,
Die tun mein Kindele beien,
Schlaf, Kindele, schlaf,
Da drauen gehn die Schaf.

    Das Liedchen fing immer wieder von vorne an und nahm kein Ende.
    Guten Abend, Herr! wiederholte der Bauer, als Forbeck an ihm vorber
wollte.
    Sie sind noch auf, Bruckner? So spt?
    Ich hab auf Ihnen gwart'.
    Auf mich? Weshalb?
    Was der Bauer sagen wollte, schien ihm schwer von der Zunge zu gehen.
Mssen S' es net verbeln! Beim Einzug is ausgmacht worden, da die ander Hlft
vom Zins am End vom Monat zahlt wird. Aber wie's halt geht. Es schaut a bil
knapp aus bei mir. Was Kranks im Haus, ds reit am Geldsack grad so wie am
Herzen. Und da mcht ich halt bitten -
    Gerne, lieber Bruckner! Kommen Sie nur mit hinauf, dann machen wir die
Sache gleich ab.
    Vergeltsgott, Herr!
    Der Bauer schien wie verwandelt, sprang in die Haustr, und als Forbeck die
Schwelle betrat, hatte Bruckner schon die Kerze angezndet, die fr den
Heimkehrenden auf der Treppe stand. Er nahm dem Maler den Studienkasten ab und
leuchtete mit erhobener Kerze ber die Treppe hinauf.
    Sie betraten eine gerumige, frisch geweite Stube, deren habe Decke schrg
gegen die Mauer fiel. Was Forbeck zur Wahl dieser Wohnung bewogen hatte, war nur
das groe Fenster gewesen, das fast die ganze Firstwand einnahm - hier hatte
durch Jahre ein junger Holzschnitzer gewohnt. Neben dem Fenster stand eine
Staffelei, die Forbeck vom Dorftischler hatte fertigen lassen. Ein paar
lskizzen hingen an der Mauer, unter ihnen auch der charakteristische Kopf des
Hausherrn mit tiefroten Gewandtnen um die Schultern, so da man eine
Apostelstudie zu sehen glaubte.
    Nur einen Augenblick, lieber Bruckner! sagte Forbeck, nahm dem Bauer das
Licht ab und trat in die anstoende Kammer. Als er zurckkehrte, drckte er zwei
Banknoten in Bruckners Hand.
    Aber Herr - Der Bauer sah die Scheine an. Da haben S' Ihnen verschaut um
zwanzg Markln.
    Das ist fr den nchsten Monat. Ich bleibe. Ganz bestimmt!
    Der Bauer schlo die Faust ber den knisternden Zetteln. Das Stberl taugt
Ihnen, gelt?
    Ja, Bruckner!
    Seit d' Schwester daheim is, haben S' auch Ihr Sach schon in der Ordnung.
D' Mali is a richtigs Leut.
    Und wie geht es Ihrem Kind?
    Bruckners Stirn bekam dicke Runzeln. Ich glaub', es schaut wieder besser
aus! Es knnen doch net allweil die Dreschflegel ber ein' herfallen. Ja, Herr,
mei' Suppen hat saure Brocken ghabt im heurigen Sommer. Z'erst mei' gute Alte,
Gott hab s' selig! Und kaum hat man d' Wachskerzen nimmer grochen im Haus, da
fangt mir 's Kindl an! Er stierte zu Boden, whrend er mit den Zehen einen
Holzsplitter niederdrckte, der sich aus der Diele strubte. Nix fr ungut
halt! Und Vergelts Gott fr alles! Leise klappten seine nackten Sohlen, als er
zur Tr ging.
    Die hlzerne Treppe knarrte, und aus der Stube herauf klang das leise Weinen
des Kindes und Malis singende Stimme:

Schlaf, Kindele, schlaf,
Dein Vater is a Graf,
Dein Mutterl is im Himmelreich,
Schaut eim lieben Engel gleich,
Schlaf, Kindele, schlaf,
Dein Vater is a Graf!

    Forbeck schlo die Tr und ri das Fenster auf. Ein khler Hauch flo in den
schwlen Raum und machte die Kerze flackern.

                                       5


Ein Morgen in Duft und Sonne. Der Himmel ohne ein Wlklein, ber den Bergen noch
blaue Schatten, doch alle Huser des Dorfes schon im goldenen Frhglanz. Die
letzten Nebel kruselten sich ber die Wlder empor und zerrannen in der Luft.
Vor allen Gehften gackerten die Hhner, und auf dem Telegraphendraht, der am
Haus der Horneggerin vorbeifhrte, saen in langer Reihe die alten und jungen
Schwalben mit leisem Gezwitscher.
    Franzl, zur Bergfahrt gerstet, stand bei den Blumenbeeten und pflckte von
den brennroten Nelken. Dann drckte er sich schmunzelnd zum Gatter hinaus und
wanderte flink davon.
    Er hatte, bevor es wieder zu Berge ging, noch ein Geschft im Dorf. Sechs
von den sieben Treibern, die Graf Egge verlangte, hatte er noch am vergangenen
Abend bestellt, den letzten mute er noch ausfindig machen. Franzl, weil er
immer an die Mali denken mute, dachte an den Bruckner. Der hatte freilich noch
nie als Treiber gedient. Der alte Moser, Graf Egges abgedankter Bchsenspanner,
munkelte sogar, da der Bruckner in frheren Jahren gegangen wre - das sollte
heien: als Wildschtz. Aber es war wohl nur ein Gerede; der alte Moser
schwatzte gern, und was Bauer hie, war ihm verdchtig. Franzl war berzeugt,
da man dem Bruder der Mali unrecht tat. Er meinte einen besseren Treiber nicht
finden zu knnen als den Bruckner, dem es in seiner jetzigen Lage wohl auch
willkommen sein mute, ein paar Mark zu verdienen. Dennoch zgerte Franzl, als
er das Bruckneranwesen erreichte. Der Hof war leer, die Haustr geschlossen.
Hinter der Scheune lie sich klingender Dengelschlag vernehmen. Franzl sphte
nach den Fenstern, und als er da was Weies flimmern sah, stie er flink das
Zauntrchen auf, klopfte ans Fenster und drckte das lachende Gesicht an die
Scheibe. Guten Morgen, Mali!
    Jeh, mir scheint gar, der Franzl! klang es in der Stube.
    Freilich! Kennst mich jetzt? Ich selber bin gestern auch vllig blind
gwesen. Erst d' Mutter hat mir's gsagt. Und da hab ich mir gleich denkt, ich mu
meiner Schulkameradin an guten Einstand in der Heimat wnschen. Geh, trau dich a
bil aussi zu mir!
    Die Haustr ffnete sich, und Mali trat in die Sonne heraus; mit den Armen
hielt sie ein geblumtes Kissen umschlungen, aus dem das wackelige Kpfchen eines
Kindes hervorlugte: ein welkes Gesichtl mit mden Augen und einem farblosen
Mndchen, um dessen Winkel schon die Bitternis des Lebens gezeichnet war. Franzl
aber sah nur das Gesicht des Mdels, das mit keiner Spur die durchwachte Nacht
verriet. Langsam reichten sie sich die Hnde und sahen sich schweigend in die
Augen, als sprche zu jedem aus dem Blick des anderen die Erinnerung der lngst
verflossenen Kindheit und der guten Freundschaft, die einst ihre jungen Herzen
verbunden hatte.
    Franzl fand zuerst die Sprache: Mali! Nobel hast dich ausgwachsen!
    Geh! Du! schmollte das Mdel. Aus dir, scheint mir, is der richtige
Schwefler worden.
    Ich sag, was wahr is! Ganz hei wird mir, wann ich dich anschau und sag
mir: ds is mei' Mali!
    Das Mdel machte groe Augen: Dei' Mali? Du redst dich leicht!
    Is doch wahr, da wir zwei allweil zammghalten haben wie der Vogel und d'
Federn! Bis wir grupft worden sind alle zwei. Aus dem Gesicht des Jgers
schwand der lachende Frohsinn. Aber jetzt bist ja wieder da! In Franzls Augen
ging die Sonne wieder auf. Und gar net begreifen kann ich's, da ich dich
gestern net gleich wiederkennt hab. Schaut dir ja 's liebe Kindergsichtl noch
allweil aus die Augen aussi.
    Und die deinigen sind noch allweil die gleichen Haselnukern! sagte Mali
lchelnd.
    No also, nachher stimmt ja alles! Da fangen wir gleich die alte
Kameradschaft wieder an. Und schau, Franzl nahm den Hut ab und lste die Nelken
aus der Schnur, da hab ich dir zum Einstand gleich was mitbracht.
    Malis Wangen brannten, als ihr der Jger das Struchen reichte. Sie wollte
die Nelken ans Mieder stecken. Da streckte das Kind verlangend die rmchen aus
dem Kissen und griff mit den bleichen Fingerchen nach den roten Blten. Mali
hatte nicht das Herz, dem kranken Kind die kleine Freude zu stren. Gelt,
Nettele, schne Blmerln! plauderte sie zrtlich. Und alle ghren dem Netterl,
alle! Die Hndchen des Kindes zupften und rissen an den Blten, da die roten
Flocken zu Boden fielen. Mali wurde unruhig. Gelt, Franzl, bist net harb?
    Aber geh, was redst denn! In herzlichem Erbarmen hingen Franzls Augen an
dem welken Gesichtchen des Kindes. Ds arme Hascherl!
    Der Doktor meint, 's Herzl wr schwach. So a Kindl, so a guts! Wenn nur ich
ihm was geben knnt vom meinigen, ich hab eh so an Brocken in mir drin, der
allweil schlgelt wie net gscheit! Um dem Kinde das Spiel mit den Blumen zu
erleichtern, setzte Mali sich auf die Hausbank; und whrend das Netterl in den
Blten whlte, plauderte sie mit dem Kind und gltte ihm die dnnen, gestrubten
Hrchen.
    Schmunzelnd betrachtete sie der Jger. Ds schaut sich gut an: du als jungs
Mutterl!
    Sie guckte so drollig erschrocken zu ihm auf, da er lachen mute. Und da
schalt sie: Tu net so laut! Unser Stadtherr droben schlaft noch. Der kann's
heut brauchen. Was er ghabt haben mu? Die ganze Nacht is er auf und ab
marschiert ber der Decken.
    Franzl sah zu dem groen Fenster hinauf. Da hrte er hinter sich ein leises
Klirren, und als er sich umwandte, sah er den Bruckner stehen, in der einen Hand
die gedengelte Sense, in der anderen den Hammer. Die Gestalt des Bauern war
gebeugt, und mitrauisch musterte er den Jger. Was suchst denn du bei uns?
    Gr dich Gott, Bruckner! An Treiber tt ich brauchen fr acht Tg. Hast
net Lust? Der Graf zahlt net schlecht, vier Markln fr'n Tag.
    Ich? Und treiben? Wie fallt dir denn so was ein? Die Furchen im Gesicht
des Bauern verschrften sich. Oder hat dich der Schipper geschickt?
    Der Schipper? Franzl schien die Frage nicht zu begreifen. Gott bewahr!
Bist mir schon selber eingfallen. Also? Magst?
    Na! Bruckner prfte die Schneide der Sense und ging auf die Haustr zu.
    No, no, no! Ich hab mir halt denkt, es knnt dir a bil Verdienst net
zwider sein.
    Ja, Lenzi, fiel Mali ein, sei gscheit! Dreig Markln sind net von Holz!
    In Ruh la mich! Der Bauer trat auf die Schwelle, musterte den Jger ber
die Schulter und sagte grob: Willst noch was?
    Franzl bekam einen roten Kopf, blieb aber ruhig. Red, wie d' magst, ich
nimm dir nix bel. Er wandte sich ab und strich mit der Hand ber das Kpfl des
Kindes. Bht dich Gott, Mali! An andersmal! Mit dem Ellbogen die Bchse
rckend, ging er davon.
    Mali sah den Bruder an. Aber Lenzi? Was hast denn?
    Langsam trat der Bauer auf die Schwester zu. Was willst denn du mit dem
Jagerischen da?
    Warum denn? Was is denn?
    Gelt, du! Da fang mir nix an! Es knnt mir net taugen.
    Mali erhob sich und schlang den Polster um das Kind, aus dessen kraftlosen
Hndchen die Nelken zur Erde fielen. Ich will dir was sagen, Lenzi! Bei der
Schwester hab ich's net schlecht ghabt. Aber aufs erste Wrtl, da mich der
Bruder braucht, hab ich den Kufer packt. Deine drei Kinder sollen net merken,
da ihnen d' Mutter fehlt. Im brigen hab ich meine ausgwachsenen Jahr und bin
freund, mit wem ich mag. Was gegen den Franzl hast, da frag ich net drum. Mir
war der Franzl mein Kamerad. Und ds weit, Lenzi: so bin ich allweil gwesen,
da ich meine Sachen net versauen la. Sie drckte das Kind an sich und ging am
Bruder vorber ins Haus.
    In ratloser Bestrzung sah ihr der Bauer nach. Wie von einer Schwche
befallen, tappte er zur Hausbank hin und lie sich niedersinken.
    Vom Nachbargehft herber klang die Stimme Franzls, der einen jungen
Burschen anrief. In ihm fand der Jger den Treiber, der noch zu bestellen war.
Und nun ging's den Bergen zu, hinauf zur Jagdhtte, in der Graf Egge am liebsten
hauste, weil sie mitten im besten Gemsrevier gelegen war.
    Franzl hatte einen fnfstndigen Marsch vor sich, zuerst durch Buchenwlder,
in deren Laub schon gelbe Bltter leuchteten, dann durch dunklen, khlen
Fichtenwald und ber breite Almen. In einer Sennhtte rastete Franzl und
lffelte zu bescheidenem Mittagsmahl eine Schssel Milch. Dabei fand er
Gesellschaft.
    In die Htte trat ein junges Mdel, das hbsche, runde Grbchengesicht von
der Hitze gertet. Ihr schmuckes, zur ppigkeit neigendes Figrchen in der halb
stdtischen Kleidung lie erkennen, da sie gute Freundschaft mit dem Spiegel
hielt. Das schwarze Haar war nicht in Zpfe geflochten, sondern zeigte eine
Frisur. Das grne Lodenhtchen, das sie in der Hand trug, war mit Bergblumen
besteckt, und ein Strulein Alpenrosen war an die Spitze des Bergstockes
gebunden. Sie schien den Jger nicht ungern zu gewahren. Whrend sie Hut und
Stock auf die Holzbank legte, grte sie mit einem zutraulichen Wink ihrer
schwarzen Augen.
    Gr Gott, Lieserl! nickte Franzl und lffelte weiter.
    Die alte Sennerin, die beim Herdfeuer stand, drehte das Gesicht ber die
Schulter; der neue Gast schien ihr nicht zu gefallen. Wo kommst denn her?
brummte sie.
    Man mu net allweil an der Maschin sitzen. Luftschnappen mu der Mensch
auch. D' Stubenluft taugt mir net. Jetzt bin ich auf der Bergpartie.
    Geh? fragte die Alte anzglich. Und ganz allein?
    Ja, gelt, ds is schad! Lieserl lachte, da man zwischen den roten Lippen
die kleinen blinkenden Zhne sah. Es htten sich schon a paar zur Begleitung
anboten. Aber jeder pat mir net. Ich bin anspruchsvoll. Sie setzte sich an
Franzls Seite, drckte den Arm an seinen Ellbogen und guckte in die Schssel.
Hast alles aufschnabuliert? Gar nix hast brig fr mich?
    Na, gar nix! Franzl erhob sich und stellte die leere Schssel auf die
Bank.
    Was rennst denn? Bleib doch sitzen und la a bil plauschen!
    Mir pressiert's. Der Jger griff nach seiner Bchse und ging.
    Bist a Feiner! Ds mu ich sagen! schmollte Lieserl, whrend die Sennerin
vergngt vor sich hinkicherte. Dann lief die Alte dem Jger nach. Hinter der
Htte holte sie ihn ein, laut in die Schrze lachend. Die hast schn abfahren
lassen! So eine! Ihr Vater mu rein nix wissen, und der Zauner-Wastl is doch
sonst an ehrenwerter Mensch! Was d' Leut ber ds Mdl alles reden! A solchene
Unmoreulidtt, wie ds Mdl hat! Wirst sehen, es dauert net lang, und es kommt
einer daher, so a stdtischer Heuschniggl, mit dem sie sich a Ranzewuh geben
hat!
    Franzl wurde verdrielich. La mich in Ruh, du alte Ratschen!
    No ja, hab ich net recht? Und allweil mu sie's mit die Fremden haben. Es
taugt ihr keiner von unsere Buben mehr, seit im letzten Sommer der junge Herr
Graf a bil mit ihr scharmiert hat. Ds Gansl, ds dumme, hat dran glaubt! Als
ob die Herren Grafen frs Zauner-Lieserl gwachsen wren!
    Du! Franzl wurde grob. Mei' Herrschaft la in Ruh!
    Hab ich denn was ber d' Herrschaft gsagt? staunte die Alte unschuldig.
Ich red vom Zauner-Lieserl. Sie is ihm nachgelaufen wie 's Hundl dem Jager. Und
glaubst mir's net, so schau, da kommt der alte Herr Moser, den kannst ja
fragen.
    Aus einer Senkung des Almfeldes tauchte ein bejahrter Mann hervor, in
abgetragener Jgerlivree, mit weiem Schnauzbart im roten Gesicht.
    Franzl ging dem Alten entgegen. Hat er ihn schon?
    Verschnaufend schttelte Moser den Kopf und nahm den Hut ab; seine mit
Schweiperlen beste Glatze schimmerte in der Sonne. Nix hat er! Und
fuchsteufelswild is er, weil ihn der Gamsbock zum Narren hat. Htt er mir
gfolgt, er htt ihn schon lang! Aber natrlich, jetzt is der Schipper in Gnaden,
und der alte Moser kann Brieferln tragen. Der Schipper! Ja, der Herr Schipper!
    Franzl wurde ernst, als er diesen Namen hrte. Nur um etwas zu sagen, fragte
er: Gehst heim?
    Der Konte mu ich a Brieferl nunterbringen, weil der Herr Graf net fort
mag von der Htten. Ich kann's ihm net verdenken. So a Trumm Bock mit solche
Krucken hab ich meiner Lebtag noch net gsehen! Der Alte wandte sich gegen die
Berge. Ich sag, er kriegt ihn net. Htt er mir gfolgt! Aber der Herr Schipper
natrlich! Der is der gscheitere. Und der alte Moser wird ausglacht. Es gibt
kei' Grechtigkeit mehr auf der Welt! Die Stimme des Alten zitterte.
    Tu dich net krnken! trstete Franzl. Gnau hinschauen mu man, nachher
kommt man drauf, da alles mit Grechtigkeit verteilt is. Schau uns zwei an: ich
bin der jnger, dafr bist du der gscheiter, ich hab die mehreren Haar, dafr
hast du die schnere Glatzen.
    Der Alte lachte. Ja, Franzl, du haltst noch zu mir! Aber der Schipper -
lassen wir's gut sein, ich will nix reden! Und tu dich nimmer verhalten, Franzl!
Der Herr Graf hat eh schon gscholten, weil so lang ausbleibst.
    Franzl erschrak. Bht dich Gott, Moser! Er fing zu rennen an.
    Die Sennerin, die den Schatten des Httendaches nicht verlassen hatte,
machte vor dem alten Bchsenspanner einen Bckling. Hab die Ehre, Herr Moser!
Freuen tut's mich, da der Herr Moser wieder amal zuspricht. Zwinkernd deutete
sie mit dem Daumen ber die Schulter. Gsellschaft haben wir, 's feine Lieserl
ist da.
    Was? Unser Lieserl? Ah, ds is aber lieb! Der Alte trabte zur Httentr.
    Die Sennerin kicherte. Net schlecht! So an alter Stieglitz! Und geht auch
noch auf d' se Leimruten!
    Inzwischen hatte Franzl den Rcken des Almfeldes berstiegen und erreichte
einen Lrchenwald. Der Weg war rauh, so da dem Jger bei seiner treibenden Eile
der Atem in hastigen Zgen ging. Die Gedanken, die ihn drckten, sprachen aus
seinen Augen. Wie drf er denn schelten? Ich kann doch net fliegen! Die kurze
Rast in der Sennhtte war ihm doch nicht zu verdenken? Man wird sich auf einem
fnfstndigen Marsch auch einmal niedersetzen drfen? Und drunten hatte er doch
den letzten Treiber besorgen mssen. Und es war nicht seine Schuld, da er den
Gang zum Bruckner umsonst getan. Umsonst? Als Franzl zu diesem Gedanken kam,
begannen seine Augen sich aufzuhellen. Jetzt hatte er an was anderes zu denken
als an das Gewitter, das ihn in der Jagdhtte erwarten mochte.
    Zerklftetes Gestein begann sich ber den Wald zu erheben, und der Fupfad
lenkte in eine enge Schlucht. Bald traten die Wnde wieder auseinander, und vor
dem Jger lag ein breites Hochtal, in dessen Mitte zwischen Latschengebsch und
Zirbelkiefern das silbergraue Schindeldach der Jagdhtte leuchtete. Auf drei
Seiten war das Tal umgeben von steilen Bergzinnen, whrend gegen die Seite, von
welcher Franzl kam, sich ein Ausblick ins Weite ffnete; dort unten, in
unsichtbarer Tiefe, lag der See, und drben stiegen die Berge wieder auf, Gipfel
hinter Gipfel, in immer zarterem Blau.
    Als Franzl sich der Jagdhtte nherte, sah er zwischen den Latschen etwas
blinken wie Goldschimmer. Einen Augenblick zgerte er, dann bahnte er sich durch
die wirren ste einen Weg und kam zu einer kleinen Ble, auf der ein hohes
Rohrstativ mit ausgezogenem Tubus stand. Vor dem groen Fernrohr, das gegen die
Mitte einer rauhgeklfteten Felswand gerichtet war, sa auf niederem Stein ein
Jger: Jochel Schipper, Graf Egges Bchsenspanner. Er trug die Tracht der Berge;
was er am Leib hatte, war so grau verwittert, da die regungslose Gestalt einem
Felsblock hnlich sah. Auch das Haar wie Asche; man konnte nicht unterscheiden:
war es noch blond oder schon ergraut? Der Nacken von der Sonne so braun gebrannt
wie die hageren Knie, ber deren Kehlen sich fingerdicke Sehnen spannten. Als
hinter ihm die Zweige rauschten, wandte er langsam das Gesicht. Man sah diesen
Zgen die vierzig Jahre an. Die Stirne wei, soweit der Hutrand sie beschattete,
Nase und Wangen gebrunt. Die eine Seite des Gesichtes war dicht mit farblosem
Bart bewachsen, die andere nur dnn behaart und mit veralteten Narben befleckt -
vor Jahren einmal, im Rausch, war Schipper mit dem Gesicht gegen die glhende
Ofenplatte gefallen. Seine Zge schienen wie versteinert; nur die Augen lebten,
diese kleinen, grauen Augen, und sie hatten den scharfen Blick des Habichts.
    Wo steht der Bock? fragte Franzl mit gedmpfter Stimme.
    Flsternd, kaum merklich die Lippen bewegend, erwiderte Schipper: Sorg dich
um den Bock net! Der kommt mir net aus'm Aug. Schau lieber, da zur Htten
findst. Der Graf wartet schon lang. Ich hab ihm gsagt: du kannst net frher da
sein. Aber weit ja, wie er is! Langsam wandte er das Gesicht zum Tubus, kniff
das linke Auge zu und sphte mit dem rechten durch das Fernrohr.
    Franzl schob schwer atmend den Hut in die Stirn und drckte sich durch die
Bsche.
    Nun sah ihm Schipper nach; ein dnnes Lcheln glitt um den schiefbrtigen
Mund, und in den grauen Augen funkelte die Schadenfreude des Hasses.

                                       6


Graf Egges Lieblingshtte zeichnete sich, von ihrer gnstigen Lage abgesehen,
nicht durch besondere Eigenschaften aus, am allerwenigsten durch Bequemlichkeit:
ein kleines, rohgezimmertes Blockhaus mit winzigen Fenstern und so niederer Tr,
da Graf Egge, wenn er rasch aus der Htte laufen und nach Gemswild aussphen
wollte, hufig mit dem Querbalken in unangenehme Berhrung geriet. Die Folge war
eine Beule auf der Stirn - oder wie die Leute in den Bergen sagen: ein Dippel.
Statt den Zimmermann zu rufen und das bel an der Tr bessern zu lassen,
begngte sich Graf Egge damit, der Htte den Ehrentitel Palais Dippel zu
verleihen.
    Die Tr fhrte in die kleine Jgerstube, die zugleich als Kche diente, und
aus der eine steile Leiter den Aufstieg zum Heuboden, zum Schlafraum der Jger,
ermglichte. Neben der Kchenstube lag das Grafenzimmer, ein bescheidener
Raum, dessen Decke und Balkenmauern mit Brettern verschalt waren; um die Ecke
zwischen den zwei kleinen Fensterchen zog sich eine Holzbank; davor ein Tisch
mit zwei dreibeinigen Sesseln und in der Ecke ein Kruzifix mit verblhten
Almrosen. In der gegenberliegenden Ecke stand der eiserne Ofen und daneben das
Bett mit grauer Lodendecke und zerlegener Matratze, unter der die Heufden
hervorhingen; an der Wand ein plumper Schrank, ein Jagdkalender und ein Rechen
mit Gewehren, mit Feldstecher, Fernrohr, Wettermantel und allerlei Riemenzeug.
Der einzige berflu, der sich in diesem Raum gewahren lie, bestand in einem
Dutzend Paar Bergschuhen der verschiedensten Art, die frisch gefettet rings um
den eisernen Ofen standen. Ein braun und schwarz getigerter Schweihund lag auf
dem Bett und lie sich in seiner Nachmittagsruhe nicht stren, obwohl die
zornige Stimme seines Herrn die kleinen Fensterscheiben des Stbchens zittern
machte.
    Noch ehe Franzl zu dem die Htte umschlieenden Stangenzaun gekommen war,
hatte er diese scheltende Stimme schon vernommen. Neben der Tr sah er eine
Bchse und einen Bergstock an die Balkenmauer gelehnt. Da war wohl ein Jger aus
einem anderen Jagdbezirk mit einem Anliegen zu seinem Herrn gekommen und hatte
ihn zu bler Stunde angetroffen. Franzl konnte die Worte verstehen, die in der
Stube hallten. Er zog die Brauen auf und kraute sich hinter dem Ohr: Sakra!
Heut raucht er keinen Guten, weil er stadtisch redt! Franzl wute aus
Erfahrung: Wenn Graf Egge in der Jagdhtte hochdeutsch redete, stand der
Barometer seiner Laune auf Sturm. Franzl zgerte. Sollte er eintreten oder das
Ende des Gewitters abwarten, das sich in der Stube entlud? Er entschlo sich fr
das letztere und setzte sich auf die neben der Tr angebrachte Holzbank.
    In der Stube klang die wuchtige Stimme des Grafen: Das mu ein Ende nehmen.
Oder ich verliere die Geduld. Dein Bezirk hat eine Lage, wie man sie schner im
ganzen Gebirg nicht findet. Da sollten die Rudel nur so umeinanderstehen. Und
wie sieht es in Wirklichkeit aus? Da einem grausen knnte! Mir scheint, du hast
die Schuliste vom letzten Jahr schon vllig vergessen? Armselige drei Hirsche
und sieben Gamsbcke, einer schlechter wie der andere! Glaubst denn du, das ist
mir die sieben Zentner Salz und das ganze Winterfutter wert? Von deinem Gehalt
schon gar nicht zu reden! Der ist ohnehin zum Fenster hinausgeworfen!
    Aber ich bitt, Herr Graf, stammelte eine scheue Stimme, ich lauf mir bei
Tag und Nacht schier d' F ab! Mein Bezirk liegt halt an der Grenz. Und drben
die Bauernjagd! Die Gams und 's Wildbret kann ich net anbinden, und was halt
nberwechselt, wird drben niedergschossen. Wie soll ich denn da an Wildstand in
d' Hh bringen? Da wei ich mir wahrhaftig kein Rat nimmer.
    Natrlich! Du hast eben andere Dinge im Kopf. Dein Bezirk wird schlechter
von Jahr zu Jahr, und dafr soll ich dir noch den Gehalt aufbessern? Erlaub mir,
Patscheider, das ist eine starke Zumutung!
    Ich schau mich halt mit meine sechshundert Markln nimmer naus, Herr Graf!
Sieben Kinder daheim -
    Was geht denn das mich an? Mu denn der Mensch sieben Kinder haben? Wrst
du bei Nachtzeit fleiiger im Dienst gewesen, so httest du mehr Gamsbcke im
deinem Revier und daheim weniger Kinder.
    Aber Herr Graf?
    Ein Faustschlag drhnte auf die Tischplatte. Fertig! Wir haben ausgeredet.
Bring deinen Bezirk so weit, da ich im Jahr sechs gute Hirsche und ein Dutzend
Gamsbcke schiee, und ich bessere deinen Gehalt nicht nur um die fnfzig Mark
auf, die du haben willst, sondern um volle zweihundert. Und jetzt kein Wort
mehr. Nimm dich zusammen, Patscheider, ich sag es dir heut noch im Guten. Oder
es sitzt bers Jahr ein anderer in deiner Htte.
    Schweigen folgte diesen Worten; dann wurde die Stubentr geffnet, schwere
Tritte lieen sich hren, u im Eingang der Htte erschien ein schwarzbrtiger
Jger mit bleichem Gesicht u verstrten Augen. Als er den Hornegger Franzl
gewahrte, nickte er einen stummen Gru.
    In der Stube begannen die Saiten einer Zither zu klingen. Graf Egge liebte
die Zither und spielte sie meisterhaft; sie war in den Muestunden der Jagdhtte
sein einziger Zeitvertreib und sein Heilmittel wider jeden rger.
    Franzl legte die Hand auf Patscheiders Arm und fragte flsternd: Michel?
Brauchst du was fr daheim?
    Vergeltsgott, Franzl, hast ja selber net viel brig! Patscheider atmete
schwer und deutete ber die Schulter. Hast es ghrt, was er verlangt? Sechs
Hirsch und a Dutzend Gamsbck! Bei mir! Ds mcht unser Herrgott selber net
zwegenbringen. Und der Graf versteht doch so viel von der Jagd, da er's wissen
mt! Aber der Schipper hetzt halt! Der Herr Schipper! Er griff nach seiner
Bchse. 's gscheiteste wr, man springet amal wo nunter ber d' Wnd, nachher
htt man sei' Ruh fr ewige Zeiten!
    Aber Michel! Denk doch an deine lieben Leut daheim!
    Patscheiders Augen wurden feucht. Ich sag dir's, Franzl, es wird mir hart!
Ich renn mir d' Seel aus'm Leib. Aber von der Grenz mssen mich ja d' Lumpen
berall sehen. Er sphte nach dem Fenster und dmpfte die flsternde Stimme
noch mehr. In vier Wochen haben s' mir drei Gams davon! Wenn ich's dem Grafen
sag, der jagt mich zum Teufel. Jetzt mu ich schon lgen, wenn ich fr meine
Kinder ds bil Brot erhalten will! Er hob die Faust. Aber soll's unser
Herrgott geben, da mir einer bern Weg lauft! Da gibt's an Unglck, Franzl!
Mit eisernem Griff umklammerte er den Lauf der Bchse und schritt ohne Gru
davon.
    In der Stube sangen die Saiten der Zither einen heiteren Lndler, whrend
Franzl bekmmert dem Jger nachblickte. Als er ihn hinter den Latschenbschen
verschwinden sah, blies er die Backen auf, als knnte er sich den schwlen
Druck, der auf ihm lag, von der Seele blasen wie einen Mund voll Pfeifenrauch.
Dann knpfte er die Joppe zu und trat in die Htte. Langsam ffnete er die
Stubentr und zog den Hut. Gr Gott, Herr Graf! Der Hund auf dem Bette hob
den Kopf und vergrub, als er den Jger erkannte, die Schnauze wieder zwischen
den Beinen.
    Graf Egge sa hinter dem Tisch, hemdrmelig, in abgewetzter Lederhose und
mit schiefgetretenen Filzpantoffeln. Ohne das Spiel zu unterbrechen, blickte er
auf.
    Aaaah! Der Herr Hornegger! Schau nur, schau! Ds is ja wie der Wind gangen!
Also, der Herr Hornegger is auch schon da!
    Dem Jger schlug bei diesem Empfang das Blut ins Gesicht, und doch atmete er
erleichtert auf, als er den breiten Dialekt hrte, der auf mildere Stimmung zu
deuten schien. Er begann sich damit zu entschuldigen, da ihn bereits beim
Niederstieg ins Dorf die Begegnung mit der gndigen Konte und dem alten
Fruln aufgehalten htte.
    Ein Schatten des Unbehagens glitt ber das Gesicht des Grafen. Er schob die
Zither fort und erhob sich. Bist du der Kammerdiener meiner Tochter, oder bist
du mein Jger?
    Franzl schwieg, denn er kannte die Wirkung, die jeder Widerspruch auf den
Grafen zu ben pflegte.
    Aber natrlich, das ganze Jahr fttert man seine Leute, und wenn man sie
braucht, sitzen sie wei der Teufel wo! Wenn ich den Bock nicht bekomme, bist du
schuld! Seit acht Tagen sitz ich und warte mir die Seel heraus. Richtig, heute
mittag steht der Bock, wo ich ihn brauche. Aber wo ist der Herr Hornegger? Ja,
der Herr Hornegger! Der schlaft sich schn aus. Der lat sich gemtlich Zeit,
damit er keinen Schuhnagel verliert. Und der Graf kann warten. Der kann sich den
Bock in der Wand drin anschauen und kann sich die Gelbsucht an den Hals rgern.
Graf Egge trat dicht vor den Jger hin. Hornegger! Er betonte jede Silbe:
Wenn ich den Bock nicht bekomme, dann spukt's in der Fechtschul. Dann waren wir
die lngste Zeit gut Freund miteinander, und ich knnte sogar vergessen, da der
beste Jger, den ich je gehabt habe, dein Vater war.
    Nun konnte Franzl nicht lnger schweigen. Seine Gestalt reckte sich. Herr
Graf! Ich hab den einzigen Ehrgeiz, da ich dem Vater nachschlag. Und ich glaub,
ich hab dazu noch allweil den richtigen Willen mitbracht. Wenn ich heut was
versumt hab, bitt ich um Entschuldigung. Ich gsteh's ein, ich htt flinker
wieder heroben sein knnen. Aber so harte Wort hab ich deswegen net verdient.
    Das freimtige Bekenntnis schien den Unmut des Grafen schon zu
beschwichtigen; aber die letzte Wendung versalzte die Suppe wieder. Das ist
doch eine unerhrte Keckheit! Soll ich mir vorschreiben lassen, wie ich mit
meinen Leuten reden mu? Und was hast du nicht verdient? Du bist noch lang nicht
Jger genug, um zu begreifen, was du mir angetan hast. Die Wnde hallten vom
Zorn dieser Stimme. Neunhundertvierzehn Gamsbck hab ich in meinem Revier
geschossen. Aber kein einziger ist drunter wie der in der Wand da droben! Der
Bock ist mir ein Vermgen wert. Sechs Jahr lang kenn ich ihn schon und wart auf
ihn. Heut htt ich ihn haben knnen. Aber der Herr Hornegger -
    Da wurde die Tr aufgerissen, und Schipper strzte in die Stube. Herr Graf!
Der Bock steht am richtigen Fleck! Wenn der Franzl sei' Sach jetzt in der
Ordnung macht, mu der Bock am Wechsel herspringen auf den schnsten Schu!
    Bei Graf Egge war pltzlich aller Zorn verraucht. Fiebernde Aufregung befiel
ihn wie einen jungen grnen Jger, in dem noch das leidenschaftliche Feuer
brennt. Im Nu hatte er die Bergschuhe an den Fen, und whrend ihm Schipper die
Riemen band, wute er vor Erregung an der abgeschabten und geflickten Joppe, die
ihm Franzl reichte, kaum die Lcher fr die Arme zu finden. Mit zitternden
Hnden stlpte er das verwitterte Htl ber die weien Haare, packte die Bchse
und den Feldstecher und eilte zur Stube hinaus.
    Die Tr, Herr Graf! wollte Franzl noch warnen. Aber man hrte schon den
dumpfen Schlag. Das Palais Dippel hatte seinem Namen wieder einmal Ehre
gemacht. Graf Egge verga in seiner Hast den blichen Fluch und drckte nur die
Hand an die Stirne, whrend er rasch das Latschendickicht zu gewinnen suchte.
Franzl und Schipper folgten.
    Als sie die Ble erreichten, wo der Tubus stand, warf Schipper einen Blick
nach der bereits im Schatten der Nachmittagssonne liegenden Felswand und sagte
flsternd: Er steht noch am gleichen Fleck. Schauen S' ihn an, Herr Graf!
    Graf Egge legte die Bchse ab und sphte durch den Tubus. Es stieg ihm hei
ins Gesicht, und er schob den Hut zurck. Herrgott! Herrgott! Is das ein Bock!
Hundertmal hab ich ihn schon angschaut, und allweil reit's mich wieder. Er
atmete tief. Kinder! Wenn das jetzt gut ausfallt - Er nahm sich nicht die
Zeit, das Versprechen, das er geben wollte, in Worte zu fassen. Vor allem schob
er die Patronen in seine Doppelbchse. Dann wurde mit leisen Stimmen Rat
gehalten.
    Inmitten der hohen, langgestreckten Felswand stand der Gemsbock, dem freien
Auge nur wie ein winziges Figrchen erscheinend; kaum merklich bewegte er sich
send auf einer vorspringenden Kuppe hin und her; manchmal hob er den Kopf, um
auszusphen ber das Latschental. Vielleicht hatte er auch die Jger schon
gewahrt? Aber er war es gewhnt, tief unter ihm in den Tlern diese kleinen
lebendigen Pnktlein schleichen zu sehen, die sich Menschen nennen; vielleicht
wute er aus Erfahrung, da sie seine Feinde waren; doch er schien sich in
seiner schwindelnden Hhe sicher zu fhlen. Von den tiefer liegenden Almen
herauf klang der Jodelruf einer Sennerin - lange stand der Gemsbock unbeweglich
und ugte in die Ferne; dann begann er wieder sorglos zu sen, whrend ihm zu
Fen im Versteck der Latschenbsche um sein Leben gerechnet wurde.
    Unter dem sdlichen Abfall der Wand sollte Graf Egge seinen Stand nehmen,
Franzl von der nrdlichen Seite her in die Felsen steigen, um den Gemsbock gegen
den Stand zu treiben. Wohl fhrten von der Stelle, wo der Bock sich aufhielt,
zwei Wechsel aus der Felswand, der eine niederwrts gegen den Wald, der andere
gegen den Grat empor.
    Aber es kann net fehlen! meinte Schipper. Wenn der Franzl sei'
Schuldigkeit tut, mu der Bock auf'm unteren Wechsel kommen!
    Also, Franzl, was meinst du? fragte Graf Egge und hing gespannt an dem
Gesicht des Jgers.
    Franzl schwieg eine Weile und sphte zu den Felsen hinauf, dann schttelte
er den Kopf. Herr Graf! Herr Graf! Es kann gut gehen, aber es mu net. Ich kenn
den Bock, ich wei, wie er is, und ich frcht schier, eh ich den Bock ins
Treiben bring, machen ihn die andern Gams lebendig, und da nimmt er den oberen
Wechsel an.
    Die andern Gams? fragte Graf Egge erschrocken. Wo?
    Da droben stehen s', drei Stck beinander!
    Franzl deutete mit dem Bergstock nach den Gemsen, die sein scharfes Auge
entdeckt hatte. Schipper scho einen wtenden Blick auf ihn und nagte an der
Lippe.
    Langsam wandte sich Graf Egge nach ihm um. Aber Schipper! Die beiden Worte
klangen nicht freundlich.
    Der Jger lchelte. Ja glauben S' denn, Herr Graf, ich hab die Gams net
gsehen? Die machen uns nix. Im Gegenteil. Die springen gegen die Latschen
runter, und der Bock mu nach - ds heit, wann der Franzl in der richtigen Hh
einsteigt.
    Graf Egge fuhr mit beiden Hnden in den Bart und zerrte. Die gute Laune war
ihm vergangen. Am liebsten ging ich gleich wieder heim in d' Htten. Denn eh
ich den Bock net sicher hab, fang ich nix an mit ihm. Sonst is er beim Teufel
fr den ganzen Sommer!
    Schipper wurde Feuer und Flamme. Aber Herr Graf! Jetzt haben S' den Bock im
Sack und wollen ihn wieder auslassen.
    Wieder begann die flsternde Debatte, und Graf Egge fhrte sie mit einem
Ernst wie ein Feldherr den Kriegsrat am Abend vor der Entscheidungsschlacht.
Nach langem Schwanken und Zgern entschied er sich, die Jagd zu wagen. Seine
Bedenken waren nicht vllig beschwichtigt, aber die Leidenschaft brannte in ihm.
Also, Franzl, weiter!
    Der Jger zgerte, sein Gesicht war bleich. Er wute, da es bse Stunden
setzen wrde, wenn die Sache milang. Obwohl er nicht mitrauisch war, regte
sich doch in ihm ein Instinkt der Vorsicht. Ich bitt, Herr Graf, ich mcht bei
dem Bock nix verfehlen. Sagen S' mir genau den Weg, den ich machen mu.
    Aber Franzl! fiel Schipper ein. Halt den Herrn Grafen doch nimmer auf!
Ds liegt auf der Hand, wie man da steigen mu.
    Graf Egge lchelte; die Vorsicht des Jgers gefiel ihm. Recht hat er! Er
will sich fr alle Fll den Buckel sauber halten. Also pa auf! Mit
umstndlicher Genauigkeit beschrieb er den Weg, auf welchem Franzl in die
Felswand steigen und dem Gemsbock die Hhe abgewinnen sollte. Hast du
verstanden?
    Ja, und ich mach kein andern Schritt. Franzl zog den Hut. Weidmanns Heil,
Herr Graf!
    Sie trennten sich; noch einmal blieb Franzl stehen. Ich bitt, Herr Graf,
verlieren S' die Geduld net! Ich hoff, da ich den Bock herbring, aber lang
wird's dauern. Mein Weg hat schlechte Pltz, und ich darf beim Steigen kein Laut
net hren lassen, wenn ich die andern Gams bis zur richtigen Zeit halten will.
    Sein Herr nickte ihm freundlich zu. Das Sitzen verdriet mich net. Wenn er
nur kommt!
    Nach verschiedenen Seiten schlichen sie durch die Bsche davon. Graf Egge
und Schipper hatten einen halbstndigen Weg, bis sie den Stand erreichten. Im
Schutz eines Latschenbusches nahm der Graf seinen Platz auf einem Stein;
Schipper drckte sich hinter seinen Herrn, zog das Fernrohr auf, legte das
Ledertschchen mit den Patronen auf seinen Scho und lud die Reservebchse. Auf
hundert Schritt vor ihnen stieg die Felswand auf, aus der ein Gemswechsel ber
Klippen und Grasbnder gegen die Latschen herunterfhrte. Jener Teil der Wand,
in dem der Bock und die anderen Gemsen standen, war durch eine vorspringende
Steinrippe verdeckt, doch sah man in der Ferne die steilen Kuppen, ber welche
Franzl seinen Weg zu nehmen hatte.
    Khler Schatten und tiefes Schweigen ringsumher; nur zuweilen schwamm durch
die stillen Lfte der verlorene Klang einer Almglocke aus dem sonnigen Tal
herauf.
    Eine Stunde verrann. Graf Egge rhrte sich nicht. Nur manchmal fhlte er mit
dem Daumen, ob die Hhne der auf seinem Schoe ruhenden Bchse auch wirklich
gespannt waren. Schipper sphte nach den fernen Kuppen der Felswand. Jetzt
steigt er ein! flsterte er. Wie ein kleiner dunkler Strich, der sich langsam
bewegte, war Franzls Gestalt im grauen Gestein zu erkennen. Aber ich wei net,
er steigt mir aber bil z'langsam.
    Ganz richtig steigt er! zischelte der Graf. Er mag auer Dienst ein
junger Schppel sein, aber wenn's ernst wird, ist Verla auf ihn. Da ist er sein
ganzer Vater. Keine Antwort kam; doch Graf Egge hrte, wie Schipper hinter ihm
den schweren Atem durch die Nase blies. Schnauf net so laut! Nun war Stille.
    Franzls Gestalt verschwand in den Schluchten der Felswand, und wieder
verrann eine halbe Stunde. Dann tnte, noch weit entfernt, das dumpfe Gepolter
fallender Steine.
    Die anderen Gams! flsterte Graf Egge. Fester spannten sich seine Hnde um
die Bchse, und brennend hingen seine Augen an dem Felszacken, auf dem der Bock
erscheinen mute. Von Minute zu Minute verschrfte sich die Spannung seiner
Zge, aus dem erstarrten Gesichte wich der letzte Tropfen Blut, die
herbgeschlossenen Lippen frbten sich blulich, und immer heier flackerte das
Feuer seiner Augen. Was aus diesem Gesicht herausfunkelte, war nicht die helle,
frohe Lust am Jagen, nicht die stolze Mnnerfreude, die das edle Weidwerk
bietet. Es war eine wilde, verzehrende Leidenschaft, die im Verlangen und
Genieen weder Ma noch Schranke kennt, den ganzen Menschen an Leib und Seele
erfat wie die Flamme das drre Holz, in ihm das Gefhl fr jeden anderen Wert
des Lebens erstickt, ihn immer nur das eine sehen und begehren lt, das ihn
berauscht und niemals sttigt, das ihn selbst zerstrt und andere mit ihm! Und
wie das Mal eines Gezeichneten brannte auf Graf Egges Stirn die rote Beule, die
ihm der Balken der Httentr geschlagen.
    Herr Graf, da kommt er! lispelte Schipper.
    Die Gestalt des Wildes tauchte aus dem Gestein. Graf Egge hob die Bchse
nicht. Das ist ein anderer. Ich will den meinigen. So leis diese Worte
gesprochen waren, das Tier hatte sie vernommen. Mit gestrecktem Halse stand es
und ugte auf die beiden Jger nieder; sie saen regungslos, und die Gemse
erkannte in den zwei grauen Klumpen die Menschen nicht. Langsam begann sie ber
den Wechsel herabzuziehen. Da krachte fern in der Felswand ein Schu, das
prasselnde Gepolter fallender Steine lie sich hren, und rings ber alle Wnde
rollte das Echo. Die erschreckte Gemse machte ein paar ziellose Sprnge im
Gestein, und Graf Egge verlor seine Ruhe; ein Zittern befiel seine Hnde, und in
bebendem Zorn raunte er durch die Zhne: Schlecht geht's! Das war ein
Schreckschu, der Bock nimmt den oberen Wechsel an. Hol dich der Teufel,
Schipper! Ich htt dem Franzl folgen sollen. Jetzt komm ich um meinen Bock. Die
anderen Gams haben alles verdorben.
    Die Worte waren laut geworden, und nun erkannte die Gemse ihren Feind. Mit
wilden Sprngen suchte sie einen Weg in das hhere Gestein; sie fand kahle
Felsen, mute sich wenden u kam in sausender Flucht ber den Wechsel
heruntergestrmt.
    Wart, Bestie, du sollst mir ben! zischte es von Graf Egges Lippen. Er
hob die Bchse - nicht, um als Jger das Wild zu erbeuten, sondern um seinen
Zorn an dem Tier zu khlen, das ihm die ersehnte Freude verdorben und durch
seine vorzeitige Flucht vor dem treibenden Jger den erwarteten Bock gewarnt
hatte.
    Der Schu krachte, und im Feuer strzte die Gemse. Whrend sie verendend
noch mit den Lufen schlug, kamen zwei andere Gemsen in voller Flucht ber den
Wechsel herunter, eine Gei mit ihrem Kitz.
    Graf Egge streckte die Hand nach rckwrts. Gib her!
    Aber Herr Graf? A Kitz? stotterte Schipper.
    Sein Herr stampfte mit dem Fu. Gib her, sag ich! Mit zornigem Ruck fate
er die Reservebchse - zwei Schsse - und die Gei lag verendet am Boden,
whrend das klagende Kitz mit zerschmettertem Rckgrat in die Latschenbsche
kroch und auf dem Gerll eine rote Bahn zurcklie. Noch war das Echo der beiden
Schsse nicht verhallt, da tnte von der Hhe der Felswand ein klingender
Jauchzer.
    Herr Graf, der Bock mu kommen! stammelte Schipper, der die Bedeutung
dieses Rufes erkannte. Er griff nach der abgeschossenen Bchse und reichte
seinem Herrn das frisch geladene Gewehr. Ein Zittern befiel den Grafen, sein
Atem ging schwer, und in kalkiger Blsse erstarrte sein Gesicht, whrend sein
Blick emporflog ber den Wechsel. Da fhlte er ein Zupfen an seiner Joppe und
hrte die wispernde Stimme des Jgers: Da droben steht er! Grad ber Ihnen!
Schieen S'! Schieen S'!
    Hinter dem Felszacken mute der Bock den gewohnten Wechsel verlassen haben
und stand, hoch ber den beiden Jgern, in einer breiten Steinrinne, eine
stolze, kraftstrotzende Tiergestalt, deren selten schner Hauptschmuck sich mit
zwei schwarzen, scharf gekrmmten Linien von dem grauen Felsen abhob.
    Graf Egge sa wie versteinert.
    Herr Graf, so schieen S' doch! zischelte Schipper. Der Schu is
verteufelt weit, gute zweihundert Gng. Aber wenn S' net schieen, is der Bock
dahin fr den ganzen Sommer!
    Graf Egge konnte die Waffe nicht heben, das Fieber begann ihn zu schtteln.
    Aber Herr Graf! Herr Graf!
    Der Gemsbock pfiff und setzte mit hoher Flucht ber die Wasserrinne. Ein
paar Sprnge noch, und er mute verschwinden. Da ging ein Ruck durch die Gestalt
des Grafen, und die Bchse flog an seine Wange. Schipper hob das Fernrohr, um
die Wirkung des Schusses zu beobachten, und kaum hatte er das Wild im Glas, da
krachte der Schu. Der Gemsbock wankte, doch nur einen Augenblick, dann
verschwand er hinter zerklftetem Gestein.
    Hat ihn schon! lachte Schipper. Er warf das Fernrohr zu Boden, fate den
Bergstock und sprang durch die Bsche davon, um hinter der Biegung der Felswand
den Bock noch einmal zu sehen und die Richtung seiner Flucht beobachten zu
knnen.
    Graf Egge war aufgesprungen, in der Hand die rauchende Bchse. Er starrte
nach der Stelle, wo der Bock gestanden, und lauschte, doch er hrte nichts als
die Sprnge des Jgers, die sich immer weiter entfernten. Er mu die Kugel
haben! murmelte er, stellte schwer atmend die Bchse nieder und griff mit der
Hand an seine Stirn. Wohl lag das seltene Wild noch nicht, das ihm seit Wochen
schlaflose Nchte bereitet hatte, aber Graf Egge war seiner Kugel sicher; der
Sturm seines Blutes und die Spannung seiner Nerven begannen sich zu lsen, fast
wie Schwche befiel es ihn, und nun pltzlich fhlte er auch den Schmerz der
Beule an seiner Stirn. Sein Blick streifte die zwei verendeten Gemsen; die
zuerst gefallene war ein guter Bock, daneben aber lag die Muttergei, und hinter
den Latschen rhrte sich noch immer das todwunde Kitz. Graf Egge wandte sich ab.
Ihn ekelte vor der unweidmnnischen Arbeit, die er im Zorn geliefert, und dieses
Gefhl verdarb ihm die Freude des letzten Schusses.
    Inzwischen hatte Schipper die Biegung der Wand erreicht. Hoch in den Felsen
sah er den Gemsbock langsam vorberziehen und wieder im Gestein verschwinden.
Schipper sprang eine Strecke weiter und sah, da der Bock sich talwrts wandte,
ein Zeichen, das den tdlichen Schu verriet. Auf einer vorspringenden Platte
blieb der Gemsbock mit hngendem Kopfe stehen und begann zu schwanken; seine
Lufe brachen, einen letzten Sprung noch versuchte er, dann taumelte er ber den
Rand der Felsen hinaus und strzte, ein rostbrauner Klumpen, durch die Luft
herunter. In einem Latschenbusch verschwand er und lag so gut versteckt, da den
Jgern das Suchen schwer geworden wre, htte Schipper den Bock nicht fallen
sehen. Hastig stieg er zu der Latsche hinauf, denn er wute, da klingender Dank
zu verdienen war, wenn er seinem Jagdherrn diese Beute brachte. Nun erreichte er
sie, und die Augen wurden ihm gro, als er das selten schne Gehrn betrachtete.
Graf Egge hatte kein hnliches in seiner reichen Sammlung. Schipper schtzte,
da ein Sammler fr dieses Krickel tausend Mark und darber geben wrde. Zwei
rote Flecken erschienen auf seinen fahlen Wangen. Schon streckte er die Hand, um
den Bock aus der Latsche zu ziehen. Da tnte fern in der Felswand die rufende
Stimme Franzls, und Schipper hrte, wie Graf Egge dem Jger die Weisung
hinaufschrie, nicht weiter vorzugehen, sondern den Abstieg gegen die Htte zu
nehmen.
    Ein bses Lcheln glitt ber Schippers Mund. Mir tausend Mark! Und dem
andern an festen Tritt auf'n Magen, den er spren soll! Er zerrte das Messer
aus der Tasche, schlug dem verendeten Wild das Krickel mit der Hirnschale aus
dem Kopf und warf das Gehrn in weitem Schwung ber das Latschenfeld. Mit
funkelnden Augen sphte er nach der Stelle, an der es fiel, dann glitt er
lautlos ber die Felsen hinunter und suchte laufend den Rckweg. Als er die
Biegung der Wand erreichte und aus den Latschen hervorkroch, sah er unerwartet
den Grafen vor sich, der auf einem Felsblock sa und mit beiden Hnden das
rechte Schienbein rieb.
    Schipper? Was is mit dem Bock?
    Der Jger konnte nicht gleich Antwort geben; im Schreck versagte ihm die
Stimme. Er drckte die Fuste auf die Brust, als htte der rasche Lauf ihn
atemlos gemacht. Der Bock, Herr Graf? Den hab ich mit keim Aug mehr gsehen.
Aber sorgen S' Ihnen net! Da kann nix fehlen. Der hat den Schu mitten auf'm
schnsten Fleck. Ganz gnau hab ich mit'm Spektif den Einschu gsehen, kurz
hinterm Blatt. Der liegt keine hundert Schritt vom Platzl, wo er gstanden is.
Soll ich gleich naufsteigen? Schipper konnte diese Frage ohne Sorge stellen,
denn er wute die Antwort seines Herrn voraus.
    Aber Schipper! Wo hast du deinen Verstand? Hat der Bock den richtigen
Schu, so liegt er mir gut bis morgen. Ist der Bock nur krank, so treibst du ihn
wieder auf, und wir knnen ihn suchen, zwei, drei Tage lang. Nix da! La du den
Bock in Ruh bis morgen! Sthnend fate Graf Egge nach seinem Bein.
    Was is denn? fragte Schipper wie in Sorge.
    Mein Bock hat mir keine Ruh lassen, ich hab dir nachsteigen wollen, und da
hat's mir auf einmal im Haxen einen Ri gegeben. Und jetzt spr ich im Knochen
einen ganzen Ameisenhaufen. Mir scheint, die verfluchte Gicht fangt wieder an.
    O Mar und Joseph! Aber sehen Sie's, Herr Graf, weil S' mir net folgen und
keine Unterhosen tragen wollen! Jetzt haben S' Ihnen wieder verkhlt.
    La mich aus, du Lapp! brummte Graf Egge. Ich und Unterhosen! Und mt
mich ja rein vor mir selber schenieren.
    Schenieren oder net! Gleich morgen schreib ich dem Moser a Briefl nunter,
da er Ihnen wollene Unterhosen raufschickt.
    Das wird sich hart machen. Ich hab keine Unterhose im ganzen Vermgen. Hab
meiner Lebtag noch keine gebraucht.
    Jetzt mu eine her! Ich tu's nimmer anders! Soll halt der Moser beim Kramer
a halbs Dutzend kaufen!
    Was? Graf Egge erhob sich. Du tust dir leicht mit ander Leut ihrem Geld!
Ein halbes Dutzend! Den schau an! Ein Paar is genug! Aber was ich sagen will -
die Gschicht mit der Kitzgei steigt mir in d' Nasen und verdirbt mir die ganze
Freud an meinem Bock.
    Aber Herr Graf! Es ist ja nur in der Wut gschehen! Und fr so an Bock, wie
der is, kann man sich schon a bil rger gfallen lassen.
    Graf Egges Miene heiterte sich auf. Hast recht! Wenn ich an die Kruck denk,
die der Bock droben hat, verge ich alles. Die kriegt ein silbernes Schildl! Und
nachher sperr ich sie erst noch in die eiserne Kasse. So eine hab ich noch nie
erwischt, und so eine krieg ich auch meiner Lebtag nimmer! Schmunzelnd
blinzelte er zu der Felswand hinauf. Gelt, Bckerl, lang hat's dauert mit uns
zwei? Jetzt hast du doch den krzern zogen! Er blickte in Schippers Gesicht und
vergngt lachten die beiden einander an. Aber die Gschicht mit der Kitzgei is
mir zwider. Wie steh ich denn vorm Hornegger da!
    Schipper zgerte mit der Antwort. Wann der Herr Graf befehlen? Der Franzl
brauchet ja nix z'wissen davon.
    Hast recht, du Gauner! Verrum die alte Mutter, da kein Mensch mehr was
findt von ihr. Da komm her! Graf Egge griff in die Tasche und zog ein
rotledernes Beutelchen hervor, wie es die Bauern fhren, wenn sie zu Markte
gehen. Er drckte ein Goldstck in Schippers Hand. Halt 's Maul! Da hast ein
Pflaster.
    Vergelts Gott, Herr Graf! Aber was sagen wir dem Franzl wegen die vier
Schu?
    Drei auf den ersten Bock und zwei davon gfehlt, in Gottesnamen!
    Sie, Herr Graf? Und fehlen? Ds wird der Franzl schwerlich glauben. Es tt
auch dem gndigen Herrn Grafen an Abbruch in seiner Jgerehr.
    Graf Egge lachte zufrieden. Du Teufelskerl! Du denkst aber doch an alles!
So studier dir halt was Feineres aus!
    Schipper wute eine bessere Ausrede flink zu finden; und als er ging, um den
in der Nhe des Standes liegenden Gemsbock auszuweiden und die Gei mit ihrem
Kitz fr ewige Zeiten in einem Steinloch verschwinden zu lassen, trat Graf Egge
den Heimweg zur Jagdhtte an. Whrend des ganzen Weges beschftigte ihn der
Gedanke an das herrliche Krickel, das ihm der kommende Morgen bescheren mute -
nebenbei aber auch die schmerzende Stelle auf der Stirn und das leise Gekribbel
in seinem Knie und Schienbein.

                                       7


Graf Tassilo war am Morgen nicht zum Frhstck erschienen.
    Als Kitty nach ihm fragte, hie es, ihr Bruder wre zeitig ins Dorf gegangen
und noch nicht zurckgekehrt. So blieb die Kleesberg ihre einzige Gesellschaft,
eine sehr stille. Tante Gundis Augen hatten bernchtigen Glanz, und bei der
gemessenen Wrde, mit der sie den Schinken schnitt und in das krachende
Butterbrtchen bi, tat sie zuweilen einen Atemzug, der wie ein Seufzer klang.
    Nur langsam belebte sich das Gesprch. Dabei wurde das Abenteuer beim
Wetterbach mit keiner Silbe mehr erwhnt, als wre in ihnen beiden jede
Erinnerung bereits erloschen. Nach dem Frhstck brachte Kitty einen Spaziergang
in Vorschlag.
    Tante Gundi war einverstanden. Wohin?
    Kitty berlegte. Die Hauptsache ist ein guter ebener Weg, damit du dich
nicht ermdest. Ich meine ins Dorf? Da siehst du doch auch ein bichen Menschen.
Das wird dich zerstreuen.
    Gundi Kleesberg schien aus diesen Worten etwas herauszuhren, was ihr
mifiel. Sie legte wrdevoll das Haupt zurck und erklrte: Nein! Wir gehen
nach der Waldschwaige.
    Wie du willst! Auch kein bler Weg!
    Zur Waldschwaige, einer zu Schlo Hubertus gehrigen Meierei, fhrte aus
einem Winkel des Parkes ein fr den Verkehr der Sommergste gesperrter Waldpfad.
Graf Egge war den Touristen nicht gewogen; sie liefen ihm in Wald und Berg
hufig zur Unzeit in die Quere; die harmlose Freude, die sie am Singen und
Jodeln fanden, und ihre Vorliebe, auf steilen Gehngen Steine zu lsen, rhrten
in ihm die Galle des Jgers auf; er machte sie fr manchen miglckten
Pirschgang verantwortlich, lie im kahlen Gestein der hheren Berge die roten
Merkzeichen der Touristensteige von den Felsen abkratzen und sperrte im Wald
jeden Pfad, an dem er Eigentumsrecht besa, mit der Inschrift: Verbotener
Privatweg, herrenlos umherlaufende Hunde werden erschossen.
    So durfte Tante Gundi sicher sein, auf dem Weg zur Waldschwaige keinem
Menschen zu begegnen als hchstens einem Holzarbeiter oder einem Knecht der
Meierei.
    Es war ein stiller Spaziergang. Die Kleesberg schwieg beharrlich; sie schien
mit ihren Gedanken beschftigt und hatte keinen Blick fr die Morgenschnheit
des Waldes. Kitty wurde der krampfhaften Anstrengungen, ein Gesprch in Gang zu
bringen, schlielich mde und begann Unterhaltung fr sich allein zu suchen. Sie
wanderte bald zur Rechten, bald zur Linken in den von Lichtern durchzitterten
Wald hinein und pflckte, was sie an Blumen fand. Dabei summte sie mit
halblauter Stimme ein Liedchen, und manchmal stand sie still, mit beiden Armen
den Wirrwarr der gepflckten Blumen umschlingend, tief atmend, die Wangen
glhend, mit trumendem Lcheln.
    Es war ein prchtiger, von zierlichen Grasrispen umschlossener Strau, den
sie nach Hubertus brachte, als sie mit Tante Gundi gegen zwlf Uhr in das Schlo
zurckkehrte. Whrend die Kleesberg in der Veranda Atem schpfte, eilte Kitty in
das Speisezimmer, um den Tisch mit ihren Blumen zu schmcken. Da sah sie auf der
Tafel vier Gedecke aufgelegt. Ein Gast in Schlo Hubertus? Kitty flog zur Treppe
und traf mit der Kleesberg zusammen. Tante Gundi? Wir haben einen Gast?
    Einen Gast? Wen?
    Ich wei nicht! Mit wehenden Fahnen ging's ber die Treppe hinauf in
Tassilos Zimmer. Aber Tas, wer kommt denn heute?
    Tassilo erhob sich vom Schreibtisch. Einer meiner Freunde: Maler Forbeck.
    Kitty starrte den Bruder an, so verblfft, als htte er die Ankunft eines
chinesischen Wrdentrgers verkndet. Und whrend zarte Rte ihr Gesichtchen
berhuschte, stammelte sie: Merkwrdig! Du bist mit ihm befreundet? Wann und wo
hast du ihn denn kennengelernt?
    Im vergangenen Winter, bei Professor Werner.
    Werner? Professor Werner? Das ist doch wohl der berhmte Maler, fr den die
Gundi so riesig schwrmt! Und - der andere? Der ist wohl auch schon sehr
berhmt?
    Jedenfalls auf dem besten Weg, es zu werden. Aber du kennst ja Herrn
Forbeck? Gundi Kleesberg erschien auf der Schwelle und horchte beim Klang
dieses Namens betroffen auf. Du hattest ja gestern abend mit ihm so etwas wie
ein kleines Abenteuer?
    Kitty machte groe Augen. Das weit du auch schon?
    Natrlich! Tassilo zupfte sie am Ohrlppchen. Du merkwrdiger Spatz,
warum hast du mir denn das verschwiegen?
    Ich habe das gar nicht fr so wichtig gehalten. Sie begegnete dem Blick
des Bruders und geriet ein wenig aus der Fassung. Aber ich vergesse ganz -
Damit wollte sie die Flucht ergreifen.
    Wohin?
    Aber Tas! Sieh mich doch an! Ich kann doch nicht so bei Tisch - Nun
gewahrte sie die Kleesberg, die mit verstrtem Sorgenantlitz bei der Tr stand.
Hast du schon gehrt, Tante Gundi? Das ist doch komisch! Jetzt speist er heute
bei uns! Lachend flog sie aus der Stube.
    Da lste sich bei der Kleesberg die Erstarrung. Sie rauschte zum
Schreibtisch. Tassilo! Was machen Sie denn nur? Diesen Menschen bringen Sie uns
auch noch ins Haus!
    Tassilo trat verwundert zurck.
    Haben Sie denn nicht gehrt? Gestern hatte sie mit ihm ein Abenteuer!
Gerettet hat er sie! Gerettet! Wissen Sie denn nicht, was das heit fr ein
junges Mdchen? Ihr Retter! Und zu allem Unglck auch noch ein Knstler! Wenn
Sie nicht wissen, was das bedeutet, ich wei es! Gundi Kleesberg rang die
Hnde, und es fehlte nicht viel, so wre sie in Trnen ausgebrochen.
    Nun verstand Tassilo. Ach so? Er schttelte den Kopf und lchelte. Sie
machen sich berflssige Sorgen. Es wre bel bestellt um Erziehung und
Charakter meiner Schwester, wenn jede Begegnung mit einem jungen Mann fr sie
eine Gefahr bedeuten wrde. Beruhigen Sie sich -
    Nein! Ich beruhige mich nicht. Sie ist schon Feuer und Flamme fr sein
Genie. Das ist immer der Anfang. Ich kenne das. Und da sie schon zu
verschweigen anfngt, haben Sie wohl nicht bemerkt? Und daran denken Sie wohl
gar nicht: da dieses verwnschte Abenteuer bei der Klause spielte. Was bei
dieser Klause anfngt, mu ein Unglck werden.
    Frulein von Kleesberg! Aus Tassilos Gesicht war alle Farbe gewichen.
    Ich kenne meine Pflicht. Ich will nicht verantwortlich sein, wenn das Haus,
in das Sie heute das Feuer tragen, lichterloh zu brennen beginnt. Gott bewahre
das arme Kind vor solchemeinem solchen Unglck! Nun kamen ihr die Trnen. Ein
kurzer Traum, ein paar Tage Glck und Jubel und dann dieses Namenlose, dieses
ganze zerstrte Leben!
    Aber Tante Gundi! Freundlich legte Tassilo die Hand auf ihren Arm. Sie
waren gestern leidend und haben sich noch immer nicht erholt. Es ist doch keine
Ursache vorhanden, von solchen Ungeheuerlichkeiten zu sprechen. Was Herr Forbeck
von meiner Schwester will -
    Er will? Was will er? Die Kleesberg lie das Batisttuch sinken, mit dem
sie die Augen getrocknet hatte.
    Malen will er sie, als Hauptfigur in einem groen Bild.
    Malen! stammelte Gundi, als htte sie verstanden: ermorden. Malen? Das
wre das Wahre! Das kenn' ich!
    Gut also! Ich war vielleicht ein wenig unvorsichtig, als ich Forbeck in
dieser Sache meine Hilfe zusagte. Aber er war so begeistert fr seine Idee, so
glcklich -
    Glcklich? Natrlich! Unglcklich soll er auch schon sein! Das kommt noch
frh genug.
    Tassilo suchte dieser Hartnckigkeit gegenber ratlos nach Worten. Sie
haben da doch auch ein wichtiges Wort mitzusprechen. Wenn Forbeck seinen Wunsch
uert, knnen Sie eine unverfngliche Ausflucht gebrauchen -
    Gott sei Dank! Wenn es dabei nur auf mich ankommt, dann ist die Sache schon
erledigt. Malen! Eh ich das erlaube, eher sterb' ich!
    Die Tr wurde geffnet, und Fritz brachte eine Karte.
    Hans Forbeck! las Tassilo. Ich lasse bitten.
    Die Kleesberg wollte sich fluchtartig entfernen. Tassilo hielt sie zurck.
Tante Gundi! Machen Sie keine Torheiten! Das sieht schon bald so aus, als
htten Sie Angst, da Sie sich in ihn verlieben knnten.
    Solche Scherze mcht' ich mir verbitten! erklrte die Kleesberg; aber ihre
Hilflosigkeit schien grer zu sein als ihre Entrstung.
    Forbeck erschien, das weie Htchen in der Hand, in hellgrauem Beinkleid und
schwarzem Sakko. Er verbeugte sich etwas hlzern vor Frulein Kleesberg, die
nach Wrde rang, und ging auf den Grafen zu. Als Tassilo in diese klaren Augen
blickte, auf diese redliche Stirn, lste sich in ihm auch der leise Keim von
Sorge wieder, den Tante Gundis sonderbare Ahnungen geweckt hatten. Herzlich
fate er die Hand des jungen Knstlers. Gr' Gott, lieber Forbeck! Erlauben
Sie, da ich Sie bekannt mache: Hans Forbeck - Frulein von Kleesberg, die
mtterliche Freundin meiner Schwester.
    Forbeck verbeugte sich. Ich glaube, ich hatte bereits gestern das
Vergngen, allerdings so flchtig - Er stockte.
    Nun mute Tante Gundi sprechen, und es gelang ihr. Sehr flchtig,
allerdings! Ich war in so groer Sorge um das Kind, wir wurden vom Unwetter
berrascht, das Kind ist sosehr disponiert fr Erkltungen, und ich hoffe, Sie
haben es nicht als Unhflichkeit ausgelegt - ich mute das Kind so rasch wie
mglich nach Hause bringen.
    Aber bitte, gndiges Frulein! Ihre Befrchtung hat sich hoffentlich nicht
besttigt?
    Nein, Gott sei Dank! Und da ist es mir angenehm, da ich so rasch
Gelegenheit finde, Ihnen fr den Ritterdienst zu danken.
    Sie bot ihm die Hand, und als er sie erfate, begann sie wieder zu zittern
und hing mit verlorenem Blick an seinen Zgen. Dieser Blick befremdete ihn, und
Tassilo fragte erschrocken: Tante Gundi? Frulein von Kleesberg schien einer
Ohnmacht nahe, und Forbeck stammelte: Gndiges Frulein, ist Ihnen nicht wohl?
    Doch, doch, es ist nur - ich habe gestern -
    Fr Frulein von Kleesberg ist das Abenteuer nicht so glcklich ausgefallen
wie fr meine Schwester, fiel Tassilo ein, die Folge war eine Unplichkeit,
die noch immer nicht ganz behoben ist.
    In Forbeck regte sich ehrliche Sorge. Ach, das bedaure ich aber!
    O bitte, ich selbst habe kein Erbarmen mit mir, meine Migrne, das ist
immer ein dreitgiger Kampf mit dem Drachen! versuchte Tante Gundi zu scherzen.
Aber nun bitt' ich zu entschuldigen, ich habe so spt erfahren, und die Pflicht
der Hausfrau - Ein verstrtes Lcheln, und sie rauschte zur Tr.
    Im Flur drckte sie die Hnde an die Schlfen, als stnde sie vor einem
unlsbaren Rtsel. Wie eine Schlafwandlerin suchte sie ihr Zimmer und wollte die
Tr ffnen, die in Kittys Stbchen fhrte; sie war versperrt. Ja, Tantchen, nur
einen Augenblick, gleich bin ich fertig! Frulein von Kleesberg lie sich vor
dem Spiegel nieder, um die Spuren zu verdecken, die ihre Trnen durch das
blhende Wangenrot gezogen hatten.
    Kitty erschien auf der Schwelle, frisch wie ein Frhlingsmorgen, in einem
weien Tenniskleid, das sie zum erstenmal trug, eine Rose an der Brust. Heiter
klatschte sie die Hnde zusammen: Ach, sieh nur Tantchen, du machst dich ja
auch schn! Die Kleesberg murrte ein paar unverstndliche Worte, whrend Kitty
hinter ihren Sessel trat. Ist er schon da? fragte sie, obwohl sie im Flur
seinen Schritt gehrt hatte, seine Stimme.
    Natrlich! Solche Leute frchten immer die Suppe zu versumen. Gundi
Kleesberg tauchte mit dem Anschein grter Seelenruhe die Quaste in die
Puderbchse. Ich hab' ihm auch in deinem Namen ein paar freundliche Worte fr
den kleinen Dienst gesagt, den er dir gestern geleistet hat. Die Sache ist
erledigt. Sei immerhin artig und hflich gegen ihn. Man mu solche Leute nicht
gleich bei der ersten Gelegenheit die unausfllbare Kluft empfinden lassen, die
zwischen uns und ihnen liegt.
    Ich werde gegen ihn so artig als mglich sein, schon dir zuliebe.
    Mir zuliebe?
    Tas hat mir gesagt, da er der Lieblingsschler jenes Professors wre,
weit du, jenes berhmten Mannes, fr den du so riesig schwrmst.
    Werner? Gundi Kleesberg, aus deren Hand die Puderquaste gefallen war,
wandte das Gesicht mit weit geffneten Augen.
    Das freut dich? fragte Kitty, whrend sie lauschend zur Tr blickte.
    Drauen gingen Schritte vorber, und man hrte die Stimme Tassilos, der
seinen Gast auf die merkwrdigsten der Geweihe aufmerksam machte, von denen die
Flurwnde starrten. Drunten im reich geschmckten Vorhaus nannte Tassilo die
Heimat der exotischen Trophen, an die sich manch ein waghalsiges, um Gesundheit
und Leben spielendes Abenteuer seines Vaters knpfte.
    Diese tausend Trophen hat Ihr Vater selbst erbeutet? fragte Forbeck
erstaunt. Wie ist das mglich? Ihr Vater ist wohl nicht mehr jung, aber auch
ein hundertjhriges Leben kann doch neben Beruf und Arbeit nicht so viel Mue
bieten -
    Mue? Mein Vater kennt keine Mue in seinem Beruf. Seine Arbeit, sein
einziger Lebensberuf ist eben die Jagd. Er ist sechzig Jahre, mit fnfzehn
Jahren hat er angefangen. Da lt sich was leisten.
    Forbeck blickte auf, vom herben Klang dieser Worte betroffen. Sie sind kein
Jger?
    Nein! Ich hatte wohl Freude an der Jagd, aber ich hab' sie mir abgewhnt.
Es ist nicht berall Sitte, so zu jagen, wie es mir Vergngen macht. Anders
behagt es mir nicht. Wer nicht ein Handwerker der Jagd ist, wie der diensttuende
Jger, der sollte an der Jagd doch besseren Wert entdecken als den Nervenreiz,
den der Kampf zwischen menschlicher List und tierischer Schlauheit gewhrt. Fr
meinen Geschmack liegt der edelste Reiz der Jagd in der innigen Berhrung mit
der Natur, die sich auf einsamen Gngen vor uns ffnet wie ein mystisches Buch.
Da liest man Wunder ber Wunder. Dieser Gre gegenber lernt man erst sein
eigenes Menschenma richtig einschtzen. Man fhlt sich immer kleiner und
kleiner. Diese Erkenntnis hat nichts Bedrckendes, nichts Demtigendes. Im
Gegenteil, man kommt zu Klarheit und Ruhe, wird allen spekulativen Unsinn los
und verwandelt sich selbst in ein Stcklein gesunder Natur. Man sagt sich: So
klein bist du, aber den Raum, den die Natur deinem Persnchen zugewiesen, mut
du ausfllen, also ntze dein Leben und freue dich seiner! Die Falte auf
Tassilos Stirn war verschwunden. Er nahm den Arm seines Gastes; nach wenigen
Schritten blieb er vor einer Tr stehen. Das mu ich Ihnen zeigen: das
Allerheiligste meines Vaters.
    Forbeck erwartete irgendein weidmnnisches Mrchen zu sehen und machte
verblffte Augen, als er ber die Schwelle trat. Eine kleine, wei getnchte
Stube mit gescheuerten Dielen, das Fenster ohne Vorhnge. Die ganze Einrichtung
bestand aus einem eisernen, mit grauen Loden bedeckten Bett, einem alten, mit
schwarz gewordenem Leder bezogenen Lehnstuhl und einer groen, eisernen Kasse.
An den Wnden hingen, dicht bei der Decke beginnend, gegen tausend Gemsgehrne,
eines neben dem anderen, Reihe unter Reihe, so da von den weien Wnden kaum
noch ein tischhoher Streif ber den Dielen frei war. Rings um den Fu der Wnde
standen Bergschuhe nebeneinander, mehr als hundert Paar, von feinem Staub
berschleiert. Der Geruch des gefetteten Leders lag schwer in der Stube.
    Wenn mein Vater die Jagdhtte verlt, um in Schlo Hubertus ein paar Tage
auszuruhen, dann wohnt er in dieser Stube. Sie umschliet, was ihm am meisten
Freude macht. Auf diese Schuhe ist er stolz, er selbst hat die Art ihres
Eisenbeschlags erfunden, fr jede Bergformation eine andere Gattung. Wir haben
einen Schuster im Dorf, der fast ausschlielich fr meinen Vater arbeitet und
dabei eine groe Familie ernhrt - die Sache hat also auch ihren guten Zweck.
Und hier in diesem Eisenkasten hlt Papa eine andere Freude verschlossen. Er hat
eine Vorliebe fr ungefate Edelsteine, namentlich fr Saphire und Rubinen.
Diamanten liebt er nur in spindelfrmigem Schliff. Es gibt Leute, zu denen er so
viel Vertrauen hat, da er sie zuweilen einen Blick hinter das eiserne Trchen
werfen lt. Wir Kinder haben diese Schtze noch nie gesehen. Aber sein
Bchsenspanner erzhlt Wunder von dieser Sammlung. Das ist auch der einzige
Mensch, der das Zutrauen meines Vaters so sehr geniet, da er jeden Monat
einmal die Gemskrucken von der Wand nehmen darf, um sie zu reinigen. Sie stammen
von den Gemsbcken, die Papa auf seinen eigenen Bergen rings um Hubertus
geschossen hat. Sein grter Stolz! Er hat es auch weit gebracht. Vor dreiig
Jahren, als er das Jagdrecht von den Bauern bernahm, scho er im ersten Sommer
nur vierzehn Bcke, jetzt bringt er es jhrlich auf hundert und darber! Das ist
doch ein Erfolg, er die Arbeit eines ganzen Lebens lohnt? Nicht?
    Scheu blickte Forbeck zu Tassilo auf, der diese Worte mit unvernderlichem
Lcheln vor sich hingesprochen hatte und nun schwieg. Forbeck fhlte sich von
einem kalten Hauch berhrt, als schliche das Gespenst des Hauses an ihm vorber.
Nur um das Schweigen zu brechen, fragte er: Der Bchsenspanner, von dem Sie
sprachen, ist das jener Franzl von gestern?
    Gott bewahre! Der Hornegger-Franzl ist ein braver, tchtiger Bursch. Der
Jger, den ich meine, das ist ein ehemaliger Holzknecht. Vor etwa dreizehn
Jahren ist er meinem Vater unter den Treibern als besonders verwegen
aufgefallen. Papa machte ihn zum Jger und vor einigen Jahren zu seinem
Bchsenspanner und Geheimrat. Wenn Sie auf Ihren Ausflgen einem Jger begegnen,
dessen Blick Ihnen das Blut ins Gesicht treibt - das ist er. Mein Vater schwrt
auf diesen Menschen. Mir hat seine unvermeidliche Gesellschaft die Freude an der
Jagd verdorben. Ich greife nur noch zur Bchse, wenn ich befohlen werde. Und
Papa befiehlt nicht oft. Er schiet seine Gemsbcke lieber selbst. Und es ist
sein einziger Wunsch, so lange zu leben, bis er den leeren Streif an der Wand da
noch ausgefllt hat. Hoffentlich befriedigt das Schicksal diese heieste
Sehnsucht seines Daseins! Ich wnsch' es ihm von Herzen.
    Auf dem Dach des Schlosses lutete eine Glocke.
    Kommen Sie! Die Tischglocke.
    Sie verlieen die Kruckenstube. Im Billardzimmer - einen Salon gab es in
Hubertus nicht - fanden sie Gundi von Kleesberg und Kitty. Die schwle Stimmung,
die Forbeck in den letzten Minuten empfunden hatte, verschwand, als ihm Kitty
entgegentrat.
    Ich freue mich sehr, Sie bei uns zu sehen.
    Er fate ihre Hand, brachte aber kein Wort heraus. Tante Gundi wurde
unruhig; zum Glck erschien in diesem Augenblick der Diener unter der Tr, und
die Kleesberg rauschte auf das Prchen zu: Darf ich bitten? Da war sie schon
wieder in neuer Verlegenheit; die Ordnung, in der man zu Tisch gehen sollte,
schien ihr Sorge zu machen. Ratlos blickte sie auf Tassilo und winkte mit den
Augen. Sie fand unerwartete Hilfe. Forbeck trat auf Tante Gundi zu und reichte
ihr den Arm. Das machte sie so verwirrt, da sie auf seine Frage, ob ihr
Befinden sich bereits gebessert htte, eine ganz verdrehte Antwort gab.
    Kitty nahm den Arm des Bruders. Was sagst du? So was von Hflichkeit!
Kichernd drckte sie die Wange an seine Schulter.

                                       8


Nach dem Diner wurde auf der offenen Veranda der Kaffee eingenommen. Die
Bltterschatten der Jerichorosen und wilden Reben, deren Laub sich schon zu
rten begann, zitterten ber dem weien Tisch, und drauen plauderte die Fontne
mit funkelndem Tropfenfall. Whrend Gundi Kleesberg die Schalen fllte, bot
Tassilo seinem Gast die Zigarrenkiste und bediente sich selbst; dann lie er
sich in den geflochtenen Sessel fallen, ohne seiner tglichen Gewohnheit zu
folgen und nach den Zeitungen zu greifen, die Fritz auf den blichen Platz
gelegt hatte. Das gewahrte Kitty und sprang auf. Kommen Sie, Herr Forbeck, ich
zeige Ihnen was, das mssen Sie sehen. Sie gingen zum Teich, und Forbeck
folgte. Sehen Sie, die riesigen Forellen! Die jngeren wurden erst heuer
eingesetzt, aber die greren haben wir schon vier Jahre. Sehen Sie die ganz
groe hier: Die kennt mich, weil ich sie fttere. Sehen Sie nur, jetzt kommt sie
schon! Lockend streckte sei die Hand und flsterte, ohne Forbeck anzusehen:
Ich bitte, sagen Sie meinem Bruder ein Wort, er ist unglcklich, wenn er seine
Zeitungen nicht lesen kann.
    Forbeck nickte lchelnd und beugte sich ber den Rand des Teiches; im
grnlichen Wasser, zwischen Blttern und Algen, sah er ein schimmerndes
Spiegelbild, ein sonniges Gesichtchen, das der vorfallende Rand der weien Mtze
bis ber die Augen beschattete.
    Sehen Sie nur, wie die Groe die Kleinen verjagt! lachte Kitty mit lauter
Stimme und flsterte wieder: Wenn Tas seine Zeitung hat, kommt Tante Gundi auch
dazu, mit Ihnen zu plaudern. Bei Tisch waren Sie ja nur fr Tas vorhanden. Das
hat Tante Gundi nervs gemacht. Ja, Sie haben auch Tante Gundi stark
vernachlssigt.
    Verzeihen Sie! flsterte Forbeck und blickte in die Augen des
Spiegelbildes, das unter dem Fall verirrter Tropfen verschwamm, um gleich wieder
aufzuleuchten.
    Verzeihen? Erst mssen Sie Ihre Snde wieder gutmachen. Und sprechen Sie
mit Tante Gundi ber Professor Werner, sie schwrmt fr ihn. Die Stimme hebend,
schritt sie am Rand des Teiches entlang. Nein, wie das komisch ist! Sehen Sie
doch, da schwimmt sie mir richtig nach! Sie gewahrte, da die Kleesberg auf der
Veranda erschien. Ja, Tantchen, wir kommen schon!
    Forbeck erwies sich folgsam. Als sie wieder um den Tisch saen, lste er
seine erste Aufgabe mit Erfolg; Tassilo strubte sich nicht lange, und whrend
er eines der Bltter entfaltete, machte Forbeck sich an seine zweite Aufgabe und
fragte Frulein von Kleesberg, ob sie die Ausstellung im Mnchener Glaspalaste
besucht htte.
    Gewi! nickte Tante Gundi, ohne von der Stickerei aufzublicken, an der sie
zu arbeiten begonnen.
    Wir waren nur zwei Tage in Mnchen, fiel Kitty ein, und da waren wir
dreimal im Glaspalast. Tante Gundi konnte sich nicht satt sehen. Sie versteht
sehr, sehr viel von Kunst.
    Aber Kind!
    Das ist doch die Wahrheit! Kitty wandte sich an Forbeck. Gegen Mittag
kamen wir in Mnchen an, von Wrzburg. Wir waren seit dem Frhjahr bei Onkel
Benno auf Eggeberg zu Besuch. Um halb ein Uhr waren wir daheim in Mnchen, um
zwei Uhr schon im Glaspalast. Tanti Gundi konnte es kaum erwarten.
    Noch tiefer beugte die Kleesberg das Gesicht ber die Stickerei. Ich habe
viele Jahre im Stift gelebt. Und das war nach langer Zeit wieder die erste
Ausstellung, die mir zu sehen vergnnt war.
    Darf ich fragen, was Ihnen am besten gefiel?
    Tante Gundi zhlte die Stiche; dabei zitterte die Nadel in ihrer Hand. Das
ist schwer zu sagen. Wir haben eine groe Menge herrlicher Bilder gesehen -
    Kitty fuhr mit einer Frage dazwischen. War in der Ausstellung auch ein Bild
von Ihnen, Herr Forbeck?
    Ja.
    Ach, wie schade! Das mssen wir bersehen haben.
    Gundi Kleesberg warf ihr einen mibilligenden Blick zu und sagte
entschuldigend: Es hing wohl in einem der Sle, fr die uns keine Zeit mehr
blieb. Ich bedaure wirklich -
    Forbeck lchelte. Da haben Sie nicht viel verloren.
    Na, nur nicht so bescheiden, fiel Tassilo ein, Ihr Bildchen ist eine
famose Arbeit. Sogar Werner war zufrieden, und das will viel sagen.
    Die Kleesberg zerrte an dem Seidenfaden, der sich im Stoff verfangen hatte.
Professor Werner ist Ihr Lehrer, Herr Forbeck?
    Ja, gndiges Frulein! Und sein Bild, das die Perle der Ausstellung ist,
haben Sie doch gewi gesehen?
    Die Antwort zgerte. Ich glaube mich zu erinnern.
    Aber Tante Gundi! Wie khl! Vor dem Bild warst du Feuer und Flamme, so
bewegt, so ergriffen! Und jetzt kannst du sagen: Ich glaube mich zu erinnern.
    Herzlich hingen Forbecks Augen an der Kleesberg. Ich verstehe Sie, gndiges
Frulein! Was man in weihevoller Stunde empfand, verschliet man wie einen
kostbaren Schatz. Es hat mir Freude gemacht, von der Wirkung zu hren, die
Werners Bild auf Sie bte. Er hat Tausende von Verehrern. Aber es ist fr mich
immer ein Feiertag, wenn ich Menschen kennenlerne, die ihn ganz verstehen. Das
macht uns Werner nicht immer leicht. Nun gar dieser Sptherbst, den Sie in
Mnchen gesehen haben! Das ist fr die Menge ein versiegeltes Buch. Nur ein
stilles, landschaftliches Motiv. Aber was redet aus diesen Farben!
    Tante Gundi hatte die Arbeit sinken lassen und blickte lauschend vor sich
hin.
    Ich hab' es an mir selbst empfunden, wie dieses Bild zu ergreifen vermag
mit seinem Ernst und seiner trumenden Schwermut. Es war eine von Werners
Lieblingsarbeiten. Er hat das Bild ohne Vorlage der Natur gemalt. Und doch diese
berzeugende Wahrheit! In frheren Jahren mu er dieses Motiv einmal in
Wirklichkeit gesehen haben. Solche Natur erfindet man nicht. Und ich glaube, da
sich fr ihn an diese landschaftliche Szenerie eine teure Erinnerung knpft. Er
hat eine Vorliebe fr dieses Motiv, das sich mit vernderten Zgen auf
verschiedenen seiner Bilder findet.
    Gundi Kleesberg rhrte die Nadel wieder, mit den Augen so nahe bei der
Arbeit, als wre sie kurzsichtig.
    Eines seiner ltesten Bilder hat mit dem Sptherbst eine auffallende
hnlichkeit. Und doch, welcher Unterschied! Damals der heie, leidenschaftliche
Kampf mit dem Vorwurf, auch noch die unsichere Hand, die unter dem Sturm der
Seele zittert, ihn nicht in Linien zu bannen vermag. Und jetzt die abgeklrte
Ruhe, die freie Beherrschung des Stoffes, der sich uerlich kaum vernderte.
Aber nach innen ist alles vertieft, alles klingt zusammen in Harmonie. Das ist
Wirklichkeit, zum Kunstwerk erhoben. Und die Entwicklung dieses Motivs, von
jenem ersten Versuch bis heute - ich mchte fast sagen: das ist wie eine
Biographie Werners. Forbecks Stimme wurde warm. Was einmal lebt in ihm, das
hat festen Halt. Sein Herz ist wie eine bessere Welt. Da gibt es kein Vergehen,
nur immer ein schneres Werden. Das gilt nicht nur von ihm als Knstler. So ist
er auch als Mensch. Wer das Glck hat, ihn kennenzulernen, mu in Liebe zu ihm
aufblicken.
    Aus den Augen der Kleesberg fielen zwei schwere Tropfen auf die Arbeit.
Schweigen trat ein, und man hrte nur das Pltschern der Fontne. Diese
pltzliche Stille weckte Tassilo aus seiner Lektre; er blickte verwundert auf
und lie die Zeitung sinken. Kitty atmete tief, als wre mit Forbecks Schweigen
ein fesselnder Bann von ihr gewichen; und nun bemerkte sie die nassen Augen der
Kleesberg. Tante Gundi?
    Was ist denn los? fragte Tassilo.
    Gundi Kleesberg hob das Gesicht; durch den weien Puder liefen zwei dunkle
Furchen. Sie sagte leis: Das hat mich sehr ergriffen. Wie Herr Forbeck an
seinem Lehrer hngt, das ist schn. Ihre scheuen Augen streiften den jungen
Knstler; auch noch zwei andere Augen hingen an ihm, gro und glnzend.
    Forbeck wurde verlegen. Sie setzen auf meine Rechnung, was nur ein
Verdienst Werners ist. Wenn Sie ihn kennen wrden -
    Hast du ihn noch nie gesehen? fragte Kitty.
    Nein! Und zgernd, whrend sie ihre Arbeit wieder aufnahm, fgte Gundi
Kleesberg hinzu: Ich gestehe - da ich ihn als Knstler sosehr verehre, wrde es
mich lebhaft interessieren -
    Ach so? Ihr habt wohl die ganze Zeit von Werner gesprochen? sagte Tassilo,
streifte den langen Aschenstengel von der Zigarre und wandte sich an Tante
Gundi. Wenn Sie neugierig sind: stellen Sie sich Herrn Forbeck um
fnfundzwanzig Jahre lter vor, und Sie haben ungefhr einen Begriff, wie Werner
aussieht.
    Diese hnlichkeit ist auch Ihnen aufgefallen? fragte Forbeck, erfreut ber
Tassilos Worte.
    Schon damals, als ich Sie kennenlernte. Ich hab' auch schon mit Werner
darber gesprochen. Das ist eine merkwrdige physiologische Erscheinung.
    Gundi Kleesberg hob den ngstlichen Blick. Sie sind mit Professor Werner
verwandt?
    Tassilo lachte. Aber dann wre ja die Sache sehr einfach und natrlich.
    Nun wurde auch Kitty neugierig. Das ist aber doch ein seltsamer Zufall.
    Das ist kein Zufall! sagte Forbeck. Vor Jahren bestand diese hnlichkeit
nicht. Sie hat sich erst whrend meines Zusammenlebens mit Werner ausgebildet.
Wir haben Nachforschungen angestellt, ob nicht doch unsere Familien irgendwie in
verwandtschaftlicher Beziehung stnden. Aber nicht die geringste Spur war zu
entdecken, obwohl wir die Kirchenbcher seiner und meiner Heimat bis zurck in
die Zeit unserer Urgrovter durchstberten. Werner ist Oberfranke, ich bin ein
Allguer Schwabe. Von unseren Familien sa jede in ihrem heimatlichen Dorf, mit
einer Verwandtschaft, die ber fnf Stunden im Umkreis nicht hinausreichte.
Nein. Diese hnlichkeit hat andere Grnde.
    In Forbecks Augen war ein trumendes Leuchten.
    Ein Zufall hat mich in Werners Weg gefhrt, er glaubte Begabung in mir zu
erkennen und nahm sich meiner an. Nun darf ich seit Jahren mit ihm leben wie der
jngere Bruder mit dem lteren. Werner hat mein Knnen gebildet, mein Denken und
Empfinden geweckt. Er hat in geistigem Sinne aus mir ein Stck seiner selbst
gemacht. Bei diesem jahrelangen, innigen Zusammenleben mute es doch so kommen,
da ich auch uerlich von ihm annahm, und da mein vlliges Aufgehen in ihm,
mein Anschmiegen an seine geistige berlegenheit und der Ehrgeiz, mit dem ich
ihm nachstrebe, sich auch in meinen Zgen ausprgen mute.
    Kitty schttelte das Kpfchen. Ist denn so was mglich?
    Gewi! erklrte Tassilo. Du hast den lebendigen Beweis vor dir. Unser
uerlicher Mensch in seiner Entwicklung ist nicht nur von dem Rindfleisch
abhngig, das wir zu Mittag verspeisen. Auch von allem, was uns durch Kopf und
Herz geht. Diese Erscheinung zeigt sich hufig bei Mann und Frau, die in
glcklicher Ehe leben. Sie beginnen auch uerlich einander hnlich zu werden,
wie Bruder und Schwester fast.
    Aber Tas! Soll das ein Beweis sein? Herr Forbeck ist mit Professor Werner
doch nicht verheiratet!
    Nun lachten sie alle. Sogar Tante Gundi konnte bei dem drolligen Ernst, mit
welchem Kitty das herausgeplaudert hatte, ein Schmunzeln nicht unterdrcken.
Whrend sie noch lachten, brachte Fritz einen Brief fr Tassilo. Er schien die
Schrift der Adresse zu erkennen und ffnete hastig; als er las, wurde er wieder
ruhig. Der Bote soll warten, ich will Antwort schreiben. Er legte die Hand auf
Forbecks Schulter. Sie verzeihen -
    Kitty erhob sich. Tas? Du hast doch hoffentlich keine unangenehme Nachricht
bekommen?
    Nein. Tassilo vermied den Blick der Schwester. Einer meiner Klienten, der
im Seehof abgestiegen ist, fragt mich in einem -in einer Prozeangelegenheit um
Rat. Entschuldige! Er trat ins Haus.
    Auch Gundi Kleesberg hatte sich erhoben und schlug einen Spaziergang durch
den Park vor. Kitty hatte andere Plne, die sie auch durchzusetzen wute. Wenige
Minuten spter war auf dem geschorenen Rasen das Netz gespannt, und whrend
Tante Gundi mit ihrer Arbeit im Schatten einer Ulme sa, flogen auf der Wiese
die weien Blle. Forbeck zeigte dabei so zweifelhafte Fhigkeiten, da ihm
Kitty lachend zurief: Na, hren Sie, Herr Forbeck, hoffentlich malen Sie sehr
viel besser, als Sie Tennis spielen. Sonst sieht es mit der Unsterblichkeit
schlecht aus. Es war aber auch zuviel verlangt, da er seine Augen bei Ball und
Stellung haben sollte, whrend drben ber dem Netz das sonnige Figrchen
flatterte, lachend, von jungem Leben sprhend, glhend von der Freude am Spiel,
Liebreiz in jeder Bewegung. Neben aller Anmut verriet sich in dem behenden
Mdchenkrper auch eine gesunde Kraft. Scharf und sicher sphten die Augen, wenn
der Ball geflogen kam. Die geschulte Hand fhrte den Schlag, wenn auch mit
scheinbarer Leichtigkeit, doch mit so ausgiebigem Druck, da der Ball flinker
zurckflog, als er gekommen war. Der Verlust auf Forbecks Seite wuchs und wuchs,
whrend mit jedem Fehlschlag, den er machte, Kittys Vergngen am Spiel sich
steigerte. Fast schien es ihr ein grausames Behagen zu bereiten, den minder
geschulten Partner alle Schikanen und Finten des Spiels empfinden zu lassen. Sie
machte ihn springen, da ihm der Atem zu versagen drohte. Das Erscheinen des
Dieners, der mit einem Brief fr Kitty kam, unterbrach das Spiel.
    Fr mich? staunte sie und streifte die zerzausten Lckchen aus der heien
Stirne. Schreibt denn heute die ganze Welt an uns? Zuerst an Tas und jetzt an
mich?
    Den Brief hat der alte Moser gebracht.
    Von Papa? Das Racket schwirrte ins Gras, und Kitty flog auf den Diener zu.
Whrend sie den Brief erbrach, ging Fritz zu Frulein von Kleesberg: Moser wre
mit Auftrgen vom Herrn Grafen gekommen und htte mit ihr zu sprechen. Tante
Gundi eilte ins Haus - ein Auftrag Graf Egges war fr ihren Kopf immer ein
Wirbel von Schreck und ngstlichkeit.
    Kitty hatte den Brief, der in den groben Zgen einer schweren Hand
geschrieben war, schnell zu Ende gelesen - was Graf Egge seiner Tochter nach
langer Trennung zu sagen hatte, erledigte sich in wenigen Zeilen. Sie mute sich
abwenden, um vor Forbeck ihre Enttuschung zu verbergen. Aber er hatte ihre
schmerzliche Bewegung gewahrt und folgte ihr zur Bank.
    Whrend sie den zerknllten Brief in der Tasche begrub, verstand sie die
sorgende Frage in Forbecks Augen. Ach, gar nichts von Bedeutung. Ich hatte mich
nur sosehr auf Papa gefreut. Er hat noch immer keine Zeit fr mich. Seufzend
lie sie sich auf die Bank sinken und bohrte die Fuspitzen in den weien Kies.
    In Forbeck erwachte die Erinnerung an alles, was er in Graf Egges
Kruckenstube gehrt und empfunden hatte, und wieder fhlte er jenes beklemmende
Frsteln. Whrend dieses Schweigens tnte von den Bergen ein murmelndes Rollen,
wie schwacher Donner aus meilenweiter Ferne - es war der verschwommene Widerhall
der Schsse, die Graf Egge auf die Gemsen abgegeben hatte. Kitty hob die
feuchten Augen und sphte hinauf ins Blau. Das war geschossen! Vielleicht hat
er ihn jetzt? Sie sprang auf und drckte die Hnde ber die Schlfen, als
mchte sie ihre Unruhe gewaltsam bezwingen. Sogar ein Lachen versuchte sie.
Kommen Sie, Herr Forbeck, wir beide wollen uns nicht stren lassen. Spielen wir
weiter! Sie wollte zum Tennisplatz; als sie an Forbeck vorberhuschte, verfing
sich die Leinenspitze ihrer flatternden Schrpe an einem Knopf seines rmels. Es
knackte. Ach Gott!
    Forbeck wollte die Gefangene befreien, doch seine Hand zitterte, und statt
die Fadenschlinge zu lsen, verwirrte er sie noch mehr. Eine Weile lie ihn
Kitty lchelnd gewhren; endlich schob sie seine Hand beiseite. Sie entwickeln
eine Geschicklichkeit, da es rhrend ist. Lassen Sie mich machen, Sie haben ja
auch nur eine Hand frei. Aber bitte, stillhalten! Sie begann mit ihren
schlanken, rosigen Fingerchen an den Fden zu nesteln, aber die Sache ging nicht
so leicht. Um genauer zu sehen, neigte sie das Gesicht, und Forbeck fhlte auf
seiner Hand ihren warmen Atem. Das ist aber doch - Nun wurde sie ungeduldig.
Ich soll wohl gar nicht mehr von Ihnen loskommen? Sie hob den Kopf, um die
Lckchen zurckzustreichen, die ihr ber die Augen gefallen waren, und da sah
sie den schwermtigen Ernst seiner Zge und begegnete seinem Blick. Sie lachte
wie verwundert, aber es flog ihr auch eine brennende Rte ber die Wangen.
Hastig fate sie mit der einen Hand die Spitze, mit der anderen Forbecks rmel,
und was in Gte nicht hatte gelingen wollen, gelang mit Gewalt. Na also! Sie
eilte hinter das Netz und hob ihr Racket aus dem Gras. Schon nach wenigen
Schlgen schttelte sie den Kopf. Es freut mich nicht mehr. Kommen Sie, Herr
Forbeck, ich zeige Ihnen lieber den Park. Whrend sie an seiner Seite dem
weien Kiesweg folgte, brach sie eine Gerte und zupfte die Bltter davon.
Erzhlen Sie mir etwas! Was Sie wollen! Von Professor Werner. Oder von Ihnen
selbst. Haben Sie denn schon einmal so ein ganz groes Bild gemalt?
    Forbeck mute lcheln; aber kein anderes Thema wre ihm willkommener
gewesen. Es whrte nicht lange, und er war im besten Fahrwasser und steuerte
geradeswegs auf die Gewhrung des Wunsches zu, der ihm seit Stunden auf der
Zunge brannte. Seine Wangen bekamen Farbe, die Worte sprudelten ihm von den
Lippen. Was am verwichenen Abend vor Tassilo aus der erregten Knstlerseele
herausgewirbelt war, wohl schon beseelt und lebendig, doch wirr und noch
schwankend in den Formen, das hatte whrend der ruhelosen Nacht und bei der am
Morgen mit heiem Eifer begonnenen Arbeit an Klarheit und festem Willen
gewonnen. Vor der Seele des lauschenden Mdchens entstand das Bild, wie Forbeck
es zu schildern wute, in farbiger Schnheit. Solange er von seinem Werke
sprach, war Feuer in seinen Worten. Alles an ihm redete mit, die Augen, die
Hnde, der ganze Mensch in seiner Glut, und die Lauschende fhlte sich erfat
von dieser reinen und schnen Flamme. Als es aber darauf ankam, da Forbeck
seine Bitte aussprechen sollte, versagte ihm die Stimme.
    Kitty verstand. Strahlend blickte sie zu ihm auf und legte die Hand auf
seinen Arm. Und Tas, sagen Sie, wei schon davon? Und er ist einverstanden?
    Forbeck nickte.
    Und Sie glauben wirklich, da das so eine ganz riesige Sache wird - so was
sehr, sehr Schnes?
    Glauben? Der Glaube wre Hochmut. Aber ich fhl' es in mir.
    Und ohne mich geht es absolut nicht?
    Er schttelte den Kopf.
    Aber dann mu ich doch! Wann wollen wir denn anfangen?
    Durch die Bume hrte man Gundis angstvolle Stimme. Kind? Kind? Wo bist du
denn?
    Hier! klang der helle Gegenruf. Kommen Sie! Jetzt besprechen wir die
Sache gleich mit Tante Gundi. Auf der Suche nach ihr kamen sie zum Schlo; als
Kitty am Zimmer ihres Bruders das Fenster offen sah, rief sie hinauf: Tas? Bist
du noch immer nicht fertig?
    Tassilo erschien am Fenster, die Feder in der Hand. Ein paar Minuten noch.
    Eil' dich! Wir haben etwas sehr, sehr Wichtiges miteinander zu besprechen.
Da war sie schon um die Ecke verschwunden.
    Tassilo setzte sich wieder an den Schreibtisch. Als er nach einer Weile den
Brief beendet hatte und ber die Treppe herunter kam, erhob sich im Flut der
wartende Bote von einer Bank. Tassilo bergab ihm die Antwort und sagte leis:
Meinen Gru an die Damen. Und sagen Sie, wenn ich es ermglichen kann, so komm
ich noch frher. Er trat auf die Veranda und umschritt das Haus. Auf dem Rasen
sah er Kitty und Forbeck in eifrigem Spiel, heiter und lachend. Auf der Bank sa
Gundi Kleesberg, die sich ungestm erhob, als Tassilo um die Hausecke tauchte;
erregt rauschte sie auf ihn zu, umklammerte seinen Arm und zog ihn gegen die
Veranda. Helfen Sie mir, ich bitte Sie um Gottes willen, Sie mssen mir
helfen!
    Was ist denn geschehen?
    Ich kann es mir gar nicht erklren, wie es mglich war, stammelte sie,
aber denken Sie, ich habe eingewilligt, da er sie malen soll.
    Tassilo lachte. Aber Tante Gundi!
    Sie blickte kummervoll zu ihm auf. Er war so glcklich, so begeistert.
    Das sind zwei Grnde, die Sie heute mittag nicht gelten lassen wollten. Und
jetzt -
    Jetzt mssen Sie es verhindern! Sie mssen!
    Ich? Meine Zusage hat er seit gestern schon. Die kann ich nicht
zurcknehmen. Ich hatte mich ganz auf Sie verlassen. Na, Tantchen, Sie sind ein
netter Held! Wo bleibt denn der Lwenmut, mit dem Sie Kitty verteidigen
wollten?
    Ich wei nicht! stammelte sie hilflos. Aber das darf nicht geschehen,
unter keiner Bedingung! Sie mssen ein Machtwort sprechen! Sie mssen! So hren
Sie doch: wie sie zusammen lachen und sich freuen! Es hat sie alle beide schon
gepackt - wie ein Rausch.
    Tassilo wurde ernst. Wenn es so wre, dann kme jedes Machtwort zu spt,
und gerade ich htte das letzte Recht, ein solches zu sprechen.
    Das versteh' ich nicht.
    Haben Sie noch ein paar Tage Geduld, und Sie werden verstehen, was ich
meine.
    Sie schttelte in Verzweiflung seinen Arm. Aber wenn nun wirklich
geschieht, was ich frchte - und seit ich ihn heute kennenlernte, zweifle ich
berhaupt nicht mehr - sie mu sich in ihn verlieben! Sie mu! Was dann? Und
wenn ich schon nicht von ihm spreche - der arme Mensch rennt doch auch mit
Siebenmeilenstiefeln in sein Unglck hinein - aber Kitty! Ihre Schwester! Was
dann?
    Dann wird sie vor eine Wahl gestellt sein, die dem einen leicht und dem
anderen schwer wird: Mut und Glck oder Feigheit und Elend. Er schritt dem
Rasen zu, von welchem Kitty dem Bruder in bermtiger Laune einen Ball
entgegenschleuderte.
    Gundi Kleesberg stand wie versteinert.
    Eine Stunde spter wanderte Tassilo mit Forbeck dem Dorf entgegen; Kitty
hatte ihnen bis zum Parktor das Geleit gegeben und war dann, ein Liedchen
summend, im Schatten der Ulmen zurckgewandert. Eine Weile folgten die beiden
schweigend der Strae. Dann sagte Tassilo: Das ist ein bedeutungsvoller Tag fr
uns beide. Sie kommen zu Ihrem Bilde, das dem Klang Ihres Namens Flgel geben
soll, und ich habe heut die Wrfel fallen lassen, die ber meine Zukunft
entscheiden. Sie haben wohl in den Zeitungen gelesen, da Frulein Herweghs
Vertrag mit dem ersten September zu Ende geht. Seit einem halben Jahr bemht
sich die Intendanz um die Verlngerung des Vertrages. Anna schob die
Entscheidung immer hinaus. Nun hat man ihr heut die Pistole eines dringenden
Telegrammes auf die Brust gesetzt, und Anna mu Farbe bekennen, da sie den
Vertrag nicht mehr zu erneuern gedenkt. Morgen wird es schon in allen Zeitungen
stehen, und mein liebes Mnchen wird etwas zu raten haben.
    Frulein Herwegh wird der Bhne entsagen? fragte Forbeck mit dem Ton
ehrlichen Bedauerns. Eigentlich ist es ja selbstverstndlich. Aber es ist fr
die Kunst ein schwerer Verlust.
    Ein um so grerer Gewinn fr mein Glck. Anna ist eine echte Knstlerin.
Htte sie ohne die Bhne nicht leben knnen, ich htte auch in das gewilligt,
obwohl mit schwerem Herzen. Aber sie hat mir das groe Opfer aus freier
Entscheidung gebracht. Ich will es ihr danken mein Leben lang. Am ersten
September ist Anna frei. Einen Tag spter soll sie schon wieder gebunden sein.
An mich! Tassilo blieb stehen. Dann hab' ich keinen Wunsch mehr an das Leben.
Er lchelte. Nur an den Zufall htt' ich noch eine Bitte: da er meinem Vater
am Morgen des Tages, an dem ich mit ihm sprechen will, eine Strecke von zehn
oder zwlf Gemsbcken bescheren mchte. Das knnte meinen Vater in eine Laune
bringen, in der er mir alles zu verzeihen imstande wre. Hat er schlechte Jagd,
so steht mir eine bse Stunde bevor.
    Sein ruhiger Blick suchte die Felsgipfel der Berge, die in der sinkenden
Sonne mit rotem Glanz bergossen waren.

                                       9


Um die gleiche Stunde, als alle die steilen Wnde in greller Abendhelle
leuchteten, kehrte Graf Egge von der Jagd, die ihm nach wechselnden Aufregungen
schlielich doch den heiersehnten Schu gewhrt hatte, md' ins Palais Dippel
zurck. Der gewaltsame Nervenreiz der berstandenen Erregung blieb nicht ohne
Rckschlag auf seinen sechzigjhrigen Krper. Er schleppte den schmerzenden Fu,
als htte er Blei im Schuh. Und die brennende Beule auf seiner Stirn hatte sich
so weit ausgewachsen, da er Hut nicht mehr sitzen wollte.
    Vor der Htte lehnte Graf Egge Bchse und Bergstock an die Wand und lie
sich auf die Hausbank nieder.
    In den Latschen klirrte ein Schritt, und ehe Franzl noch vllig aus den
Bschen tauchte, klang schon seine Stimme: Ich gratuliere, Herr Graf!
    Verschrei nix, du Lalle du! rief Graf Egge lachend zurck. 's Kgerl hat
er droben, aber liegen tut er noch allweil net.
    Was? Ds glaub ich Ihnen aber doch net recht, Herr Graf! Wenn's bei Ihnen
schnllt, nachher liegt doch 's Sach. Den Bock braucht man blo aufklauben
morgen in der Fruh. Da kann ich deswegen doch gratulieren. Aber was war denn mit
die drei anderen Schu?
    Auf den ersten Bock hab ich geschossen in der Wut, weil ich glaubt hab, der
gute kommt nimmer.
    Da schau, ich hab mir's aber gleich denkt! Franzl trat durch den Zaun; die
Haare klebten ihm an der Stirn, und in glitzernden tropfen rann ihm der Schwei
ber den Hals; die rmel seiner Joppe waren von grauem Schutt berstubt, die
Hnde zerschunden und die nackten Knie fleckig von getrocknetem Blut. Aber die
zwei anderen Schu?
    Was sagst! Was mir der Schipper da fr Sachen macht! Auf den ersten Schu
springt mir der Gamsbock weg mit der Kugel auf'm Blatt. Schiet ihm der Schipper
noch zweimal nach! Ich hab rein gmeint, ich mu ihm die Ohrwascheln aus'm Grind
reien!
    Franzl fand nicht gleich eine Antwort und sagte zgernd: Die zwei Schu
htten 's Millihaferl bald umgworfen. Er schpfte Atem. Aber weil nur alles
gut gangen is! Und passen S' auf, die Kruck wenn S' morgen sehen! So eine hat
meiner Lebtag kein Bock net droben ghabt. Er stellte die Bchse an die Mauer,
nahm den Hut ab und fuhr mit dem rmel ber die nasse Stirn. Verteufelt hart is
die Gschicht gangen.
    Hast du schlechten Weg in der Wand gehabt?
    Franzl lachte. Meine Fingerngel kann ich suchen. Und Haut und Haar hab ich
auch in der Wand drin lassen, da man sich a Pfeifl voll anznden knnt!
    Graf Egge erhob sich und klatschte zufrieden die beiden Hnde auf die
Schultern seines Jgers. Gut hast du alles gemacht! Jetzt wnsch dir was!
    Franzls Augen strahlten vor Vergngen. Ich brauch nix! Weil nur Sie den
Bock haben, Herr Graf! Aber wenn S' schon was brigs tun wollen, so erlauben S'
halt, da ich mir nach'm Essen a Flaschl Bier raufhol. In mir drin spr ich was
wie 's reine Schmiedfeuer.
    Der bescheidene Wunsch schien die gute Laune des Grafen noch zu steigern.
Ja, Franzl, die Flasche sollst du haben, die hast du verdient. Und jetzt geh
und fang zu kochen an. Da kommt der Schipper schon mit dem ersten Bock.
    Franzl trat in die Htte, und Graf Egge folgte, um die Joppe abzulegen und
die schweren Bergschuhe gegen die Filzpantoffel zu vertauschen. Dann nahm er
einen nakalten Bund um die Stirn, zndete er in der dmmerigen Stube die
Hngelampe an und stimmte die Zither.
    Schipper brachte den Bock und hngte ihn unter dem vorspringenden Dach mit
den Krickeln an einen hlzernen Zapfen. Ohne Gru trat er in die Kche, streifte
die Schuhe von den Fen und schleuderte sie in einen Winkel. Franzl, der schon
beim flackernden Feuer stand und den Teig zum Schmarren rhrte, sah ber die
Schulter. Heut kommst aber ungut heim?
    Ein Fluch war die Antwort. Erst nach einer Weile fragte Schipper: Hat der
Herr Graf schon erzhlt, was ich angestellt hab?
    Franzl sagte begtigend: Gscheit war's freilich net, und die zwei Schu
htten viel verderben knnen. Aber schau, es is doch alles gut ausgangen. Da
mut dich net rgern!
    Gleich vergiften knnt ich mich. Schipper hob die Stimme, da man seine
Worte in der Stube hren mute. Die zwei Schu vergit mir der Herr Graf so
bald net! Grad dem Himmel kann ich danken, da der ander Bock noch kommen is.
Der mu die Kugel auf'm schnsten Fleck haben. Ich glaub, er liegt schon lang
verendet in der Wand droben. Da brauchst morgen in der Fruh nur dem Wechsel
nachsteigen, so mut schnurgrad an den Bock hinrennen. Schipper trat in die
Grafenstube.
    Vorsichtig go Franzl den Teig in die Pfanne, in der die heie Butter
zischte. Und whrend er die brodelnde Speise berwachte, lauschte er auf das
sentimentale Volkslied, das in der Stube von Graf Egge mit groem
Gefhlsaufwand, mit Tremolo und sen Flageolettnen gespielt wurde. Leise
summte Franzl die Worte des Liedes mit, und ein vertrumtes Lcheln spielte um
seinen Mund. Er hatte, als er durch die Felswand gestiegen war, auf den steilen
Graskuppen eine Menge blhender Edelweistauden entdeckt. Nun meinte er, da
sich ein Struchen der weien Sterne an Malis Kammerfenster nicht bel
ausnehmen wrde. Da mte man nur wissen, welches Fenster das richtige wre. In
Gedanken umwanderte Franzl das ihm wohlbekannte Haus - aber merkwrdig: aus
jedem Fenster guckte das finstere Gesicht des Bruckner.
    In der Stube verstummte das Zitherspiel. Schipper deckte den Tisch. Das war
kurze Arbeit: ein kleines Stck blaugefrbter Leinwand wurde ausgebreitet und
drei zinnerne Lffel darauf gelegt. Hinter dem Ofen hob Schipper das Falltrchen
der Kellergrube und holte einen schon zu Ende gehenden Laib Brot herauf.
    Nimm gleich eine Flasche Bier fr den Franzl mit! rief Graf Egge, der sich
auf die Matratze gestreckt hatte und den Schweihund als lebendige Wrmflasche
fr seine Fe bentzte.
    Eine nur, Herr Graf?
    Is lang schon gnug!
    Franzl erschien, in der einen Hand die dampfende Pfanne, in der anderen ein
kleines ruiges Brettchen, das er in die Mitte des Tisches legte, als Untersatz
fr die Pfanne.
    Graf Egge erhob sich. Stehend, mit gefalteten Hnden, wurde der Abendsegen
gesprochen, wie in einer Bauernstube. Nach dem Amen sagte der Graf: Guten Abend
miteinander! Und die Jger antworteten: Guten Abend, gndiger Herr Graf! Dann
schoben sie sich hinter den Tisch; in der zugesicherten Ecke sa Graf Egge,
Schipper zu seiner Rechten, Franzl zur Linken. Den Lffel in der Hand, mit
aufgesttztem Arm, warteten die Jger, bis der Graf den ersten Bissen genommen
hatte; dann griffen auch sie zu, und eintrchtig lffelte das Kleeblatt die
grobe, fette Kost aus der Pfanne.
    Als das Mahl zu Ende war, trug Schipper die Pfanne in die Kche und brachte
fr seinen Herrn einen Makrug voll Wasser, in das Graf Egge einen Schluck
Enzian go, damit 's Schmalz im Magen net rebellisch wird, wie er sagte. Wer
rauchen will, kann 's Pfeifl anznden. Du, Franzl, mach dir dein Bier auf!
    Schmunzelnd, mit feierlicher Umstndlichkeit, entkorkte Franzl die Flasche
und go ihren Inhalt vorsichtig in eine hlzerne Bitsche - eine Flasche Bier
bedeutete in Graf Egges Jagdhtte soviel wie auf einem brgerlichen Tisch eine
Flasche Champagner, im Staatsbetrieb ein hoher Orden.
    Bald dampften die Pfeifen, und Graf Egge griff zur Zither. Die blauen
Wlklein kruselten sich um die Hngelampe, und beim schwirrenden Klang der
Saiten kehrte eine behagliche Stimmung in der kleinen Stube ein. Spielte Graf
Egge eine schmachtende Volksweise, so mute Stille herrschen; stimmte er einen
lustigen Lndler an, so wurde geplaudert und gelacht, und die Jger schlugen mit
den schweren Holzpantoffeln den Takt. Schlielich kamen die Schnaderhpfel an
die Reihe. Mit erstaunlicher Virtuositt pfiff Graf Egge das Zwischenspiel und
sang ein Gesetzlein. Und so lustig weiter. In seinem Gedchtnis war ein reicher
Schatz von Schnaderhpfeln aufgespeichert, und wenn er in vergngter Stunde das
Trchen ffnete, flogen die kleinen vierzeiligen Lieder aus, eins nach dem
anderen, wie die Bienen aus ihrem Stock. Er selbst unterhielt sich dabei am
allerbesten und bot in seiner saftigen Laune einen Anblick, der auch einen
anderen erheitern mute: hemdrmelig, um den grauen Kopf die weie Binde und
darunter das vom Lachen rote Gesicht mit dem zitternden Bart und dem lustigen
Faltenspiel um die zwinkernden Augen. Wer ihn zu solcher Stunde sah, konnte auch
mit der schrfsten Menschenkenntnis nicht hher raten als auf einen
pensionierten Frster, auf einen gutmtigen, kreuzfidelen Alten, der in
Gesellschaft jngerer Kameraden die Erinnerung an vergangene Zeiten aufgefrischt
und ein Schpplein ber den Durst getrunken hatte.
    Es war spte Nacht geworden, als Schipper endlich mahnte: Herr Graf, es is
Schlafenszeit. Morgen heit's in aller Fruh den Bock suchen.
    Graf Egge nickte und wollte die Zither beiseitestellen. Aber halt, ich mu
meim Bckerl noch eins singen zur guten Nacht! Schmunzelnd begann er wieder zu
spielen, zog die Brauen auf und besann sich. Nun sang er:

Viel Jahr lang hat er mich ghieselt,
Und hat mich gfppelt und gnarrt,
Zletzt war ich halt dengerst der Schluchre,
Hab 's richtige Stndl derwart!
Und 's richtige Stndl hat gschlagen,
Und 's Bchserl hat sakerisch kracht,
Und 's richtige Kgerl is gflogen -
Mein Bckerl, ich wnsch dir gut Nacht!

    Mit einem Jauchzer, der einem Hterbuben Ehre gemacht htte, schlo Graf
Egge das Spiel. So! Jetzt legen wir uns schlafen! Herrgott, ich glaub, da ich
die ganze Nacht von nix anderem trum als von meiner Kruck.
    Sie erhoben sich, Franzl als der erste. Er sprte die schweren Wege des
Tages in allen Knochen, wnschte seinem Herrn gute Nacht und verlie die Stube.
Mit eingekniffenen Augen sah ihm Schipper nach und lchelte.
    Kaum hatte Franzl hinter sich die Tr geschlossen, so hrte er Schipper mit
lauter Stimme sagen: Heut mu er md sein, der Franzl! Er hat sich verteufelt
plagt. Und gut hat er's gmacht, ds mu ich selber sagen. Da mssen S' ihm
morgen schon die Ehre lassen, Herr Graf, da er den Bock aufhebt und die Krucken
bringt.
    Ja, heut bin ich zufrieden mit ihm. Heut war er sein ganzer Vater.
    Franzl fhlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Er htte sich fr die
schwere Mhe des Tages keinen besseren Dank gewnscht als diese Worte seines
Jagdherrn. Und da auch Schipper einmal gut von ihm redete und ihm die verdiente
Jgerehre gnnte, das freute ihn doppelt. Schipper hatte sich nicht immer als
sein Freund erwiesen und hatte ihm bei Graf Egge schon manche bittere Suppe
eingebrockt. Weshalb? Das hatte Franzl sich nie erklren knnen. Einmal war er
hart mit Schipper aneinander geraten, und damals hatte ihn aus diesen grauen,
kalten Augen etwas angeblickt, das ihn betroffen machte. Aber weshalb sollte
Schipper ihn hassen? Franzls ehrliche Natur wehrte sich gegen einen solchen
Gedanken. Und so blieb ihm fr Schippers ungute Art nur die eine Erklrung: Ich
bin der jngere, und er frchtete, da ich ihn einmal von seinem Platz
verdrngen knnte, wie er selbst vor einigen Jahren den alten Moser aus seiner
Stellung hinausgedrckt hatte. Aber Graf Egges Bchsenspanner zu werden, war
Franzls letzter Ehrgeiz. Er war zu sehr mit Leib und Seele Jger, um Sehnsucht
nach dem Stubendienst zu empfinden, der bei Graf Egge seine bsen Mucken
hatte. Er hing mit seinem ganzen Herzen an Wald und Bergen, am freien Wandern
und Steigen. Vielleicht hatte Schipper nun endlich eingesehen, da er in dem
jngeren Kameraden keinen Nebenbuhler zu frchten hatte. So meinte Franzl.
Anders wute er sich die anerkennenden Worte Schippers, die er soeben gehrt
hatte, nicht zu erklren.
    Ihm war bei diesem Gedanken, als fiele ihm ein Gewicht von der Seele. Dieser
schleichende Zwist hatte ihm oft die Freude an seinem Berufe vergllt, ihm
Verdru und Sorgen in Flle bereitet. Das war nun zu Ende, und freundlicherer
Zeiten muten kommen. Aufatmend trat er ins Freie, um vor dem Schlafengehen noch
einen Trunk frischen Wassers zu nehmen. Friedliche Nachtstille lag um die Htte
her. Der Mond war hinter die Berge gesunken, und zahllos funkelten die Sterne am
stahlblauen Himmel. Als Franzl vom Brunnen zurckkehrte, sah er eine
Sternschnuppe mit langem Feuerschweif durch die Luft sausen und in Funken
zerstieben. Er stammelte ein paar Worte, noch ehe die Erscheinung erlosch. Dann
lachte er Sakra, Mali, jetzt hab ich mir aber was Schns gwunschen! Er trat in
die Htte und stieg in glcklicher Stimmung ber die Leiter zum Heuboden hinauf.
Behaglich streckte er die mden Glieder in das weiche Heu.
    Als drunten die Tr ging, schlummerte Franzl schon so fest, da er auch
nicht erwachte, als Schipper sich an seiner Seite ins Heu warf.
    Stille Stunden verrannen.
    Schipper, der einen Schlaf hatte wie eine Katze, wurde mehrmals wach. Es
ging schon gegen Morgen, als er aus der Stube des Grafen herauf ein Gerusch
vernahm. Lautlos erhob er sich und glitt ber die Leiter hinunter. Eine halbe
Stunde spter rasselte in der Kche der Wecker, und Franzl erwachte. He,
Schipper, auf, der Wecker is gangen! Als er keine Antwort hrte, griff er nach
rechts und links ins Heu. Wo bist denn, Schipper? Erschrocken sprang er auf.
Um Gotts willen! Ich kann doch net verschlafen haben? Ein Blick auf die
Fensterluke beruhigte ihn; drauen graute kaum der Tag. Er griff nach seiner
Joppe und stieg in die Kche hinunter, auf deren Herd ein kleines Feuer
flackerte. Schipper kam aus der Grafenstube, ein Leintuch in der Hand.
    Was is denn? fragte Franzl.
    Schipper drckte das Leintuch in eine irdene Schssel und stellte sie ber
das Feuer. Heut hat er an schiechen Hamur. In der Nacht hat ihm trumt, da er
den Bock net kriegt. Und wie er aufwacht, is ihm der ganze Fu steif gwesen.
Mach nur, da d' weiter kommst, und schau, da der Bock bald da is! Da wird ihm
gleich wieder besser. Ich mu ihm warme Tcher machen und mu ihm den Haxen
frottieren. Mir scheint, 's Zipperl fangt wieder an.
    Mein Gott, der arme Herr! Franzl rannte zum Brunnen, um sich zu waschen.
Er dachte nicht an das Frhstck und war mit Bchs und Bergstock schon
davongerannt, noch ehe das Tuch in der Schssel warm wurde.
    Als er den Platz erreichte, auf dem Graf Egge geschossen hatte, begann der
helle Tag. Der Wand zu Fen fand er ber dem groben Gerll die roten Spuren auf
drei getrennten Stellen. Kopfschttelnd betrachtete er die Schweifhrten, die
ihm unerklrlich waren. Er grbelte nicht lange, sondern begann ber den Wechsel
anzusteigen. Nach langem Suchen fand er in der Steinrinne den Platz, wo der
kapitale Bock im Augenblick des Schusses gestanden hatte. Abgeschossenes Haar
und noch feuchter Schwei bezeichnete die Stelle. Franzl atmete erleichtert auf;
die lichte Farbe des mit kleinen Blschen durchsetzten Schweies verriet den
tdlichen Lungenschu. Ruhig stieg Franzl weiter; er konnte den Weg, den das
Wild genommen, nicht verfehlen; zur Linken war der Absturz, zur Rechten die
glatte Wand; auch machte es ihm keine Sorge, als schon nach kurzer Strecke die
Schweifhrte zu Ende ging - der Bock mute wenige Minuten nach dem Schu
verendet sein und konnte keine hundert Sprnge mehr gemacht haben.
    Franzl stieg und stieg, kam von Rinne zu Rinne, von einer Scharte zur
andern. Nichts. Befremdet stieg er zurck, begann wieder von Anfang an zu spren
und sphte bei jedem Schritt hinunter auf das offene Kiesfeld, auf dem er das
Wild, wenn es vom Wechsel in die Tiefe gestrzt wre, sofort htte entdecken
mssen.
    Zwei volle Stunden waren ihm bei nutzloser Arbeit vergangen, als er den
Grafen mit Schipper, der den Hund an der Leine fhrte, durch die Latschen gegen
die Felswand steigen sah.
    Schon von weitem schrie Graf Egge: Hornegger? Was is denn?
    Und Franzl, mit vor Aufregung heiserer Stimme, rief aus der Wand herunter:
Da kenn ich mich nimmer aus, Herr Graf! Der schnste Lungenschwei, aber weit
und breit kein Bock net!
    Was! Ah, das wr net bel! Mir scheint, da mu ich selber nauf! Graf Egge
legte die Bchse ab und zappelte ber das Gerll empor, als wren pltzlich alle
Schmerzen in seinem Knie geschwunden.
    Schipper lief ihm nach und fate seinen Arm. Aber Herr Graf! Was machen S'
denn! Sie! Und da naufsteigen! Mit Ihrem Fu!
    La aus! Fu hin oder her, es gibt keine Wand, in die ich um so einen Bock
net naufsteig. Wenn der junge Lapp da droben den Verstand verliert, mu ich
selber suchen. La aus! Graf Egge ri sich los und begann erregt ber den
Wechsel emporzuklimmen. Schweigend folgte ihm Schipper mit dem Hund.
    Droben in der Steinrinne trafen sie mit Franzl zusammen. Ohne auf ihn zu
hren, lie Graf Egge sich vor der Rotfhrte aufs Knie, musterte den Schwei und
jedes abgeschossene Haar. Als er sich aufrichtete, nickte er beruhigt. Der Bock
mu liegen. Schipper! La den Hund aus!
    Aber Herr Graf! mahnte Franzl. In er Wand lat man doch kein Hund aus!
Der Hund is hitzig. Wenn er abfallt?
    An Graf Egges Schlfen schwollen die Adern. La den Hund aus! Er trat zur
Seite, um Platz fr Schipper zu machen, der den Hund auf die Rotfhrte setzte
und die Leine lste.
    Winselnd nahm Hirschmann die Fhrte an und verschwand hinter der Scharte.
Franzl wollte folgen, aber Graf Egge schrie ihn an: La mich voraus! Sie
stiegen zur Scharte hinauf, Schipper als der letzte. Als der Wechsel eben wurde,
sahen sie den Hund wieder zurckkommen, mit suchender Nase. Das war ein gutes
Zeichen, und Graf Egge lachte: Natrlich! Der Bock liegt drunten. Und dort mu
er abgefallen sein. Er deutete auf den Hund, der bei einer vorspringenden
Steinplatte hielt und die Nase winselnd ber den Fels hinausstreckte. In
fieberndem Eifer, klffend und mit trippelnden Fen suchte der Hund einen Weg
in die Tiefe.
    Packen S' den Hirschmann, Herr Graf! schrie Franzl. Im gleichen Augenblick
verlor der Hund auf der abschssigen Platte den Halt; er versuchte noch einen
Sprung, berschlug sich und strzte in die Tiefe. Man hrte einen dumpfen
Klatsch. Franzl wurde dunkelrot im Gesicht, doch er schwieg.
    Ds macht ihm nix! meinte Schipper. Es ist net hoch nunter.
    Da hrten sei ein Winseln des Hundes, dann seinen hellen Standlaut.
    Er hat den Bock! rief Graf Egge. Nur hinunter jetzt, hinunter!
    Schipper klomm in ungestmer Hast ber die Scharte; Franzl wollte ihm
folgen, doch Graf Egge rief ihn zurck - beim Abstieg versagte ihm der
schmerzende Fu, und er brauchte einen Helfer. Whrend die beiden durch die
Steinrinne langsam niederstiegen, erreichte Schipper den Latschenbusch, in
welchem Hirschmann an der starren Wildleiche zauste. Mit einem Faustschlag trieb
Schipper den Hund zurck, fate einen Steinbrocken und rieb damit die zerhackte
Hirnschale des Bockes, da sie frisch zu schweien begann.
    Schwer atmend trat Graf Egge, von Franzl gesttzt, aus der Steinrinne auf
den kiesigen Hang heraus. Da hrte er hinter der Biegung der Felswand die
erschrockene Stimme seines Bchsenspanners: Mar' und Josef!
    Diese Worte lieen nichts Gutes ahnen. Schipper? Als keine Antwort kam,
setzte Graf Egge sich in Trab. Herrgott, der Bock wird sich doch die Kruck net
abgfallen haben!
    Ja, Herr Graf, mit der Kruck is was passiert! klang die Stimme Schippers.
    Stolpernd rannte Graf Egge ber das Gerll; als er die Biegung der Felswand
erreichte, sah er Schipper auf dem Kieshang stehen, und hinter dem Jger lag der
Bock. Aber so red doch! Was is denn?
    Scheu zog Schipper den Hut, mit einer Trauermiene, als htte er einem
Leichenbegngnis beizuwohnen, und seine Stimme zitterte: Ich trau mir's gar net
sagen, Herr Graf! Dem Bock is mit'm Messer die Kruck abgschlagen.
    Graf Egge rhrte nur die Lippen, doch er brachte kein Wort heraus; sein
Gesicht war wei wie Kalk geworden, und auf der fahlen Stirn sah man die Stelle
der geschwundenen Beule als einen blaugrnen Fleck. Auch Franzl hatte vor
Schreck die Sprache verloren. Wortlos standen sie alle drei um den Bock herum
und guckten die frisch blutende Stirnhhle an.
    Endlich sagte Schipper: Da droben in der Latschen is er glegen. Da hat der
Franzl vom Wechsel aus net hinsehen knnen. Und gelt, Franzl, vom Wechsel bist
ja net wegkommen?
    Ich? Kein Schritt!
    Freilich, es htt auch net viel gholfen. Der Hund hat ja rein auf den Bock
auffifallen mssen, da er ihn findt. Aber gelten S', Herr Graf, gelten S',
htten S' mir gfolgt gestern abend, und htten wir den Bock gleich gsucht.
Vielleicht wr er zum ausmachen gwesen, und 's Malr wr net gschehen. Weil S'
aber auch gar nie folgen wollen und allweil 's eiserne Kpfl aufsetzen. Ich kann
mir's gar net anders denken: einer von die Hterbuben mu der ganzen Jagd
zugschaut haben -
    Aber geh, fiel Franzl ein, die Hter sind ordentliche Leut.
    Schipper verlor die Ruhe. Es mu aber doch einer gwesen sein! Wo is denn
die Kruck? Wer hat s' denn davon? Der Lump, der gottvergessene, hat von weitem
den angschossenen Bock in der Wand drin gsehen. Und kaum sind wir in der Htten
gwesen, is der her, der Tropf, und hat schn heimlich gwart, bis der Bock
abigfalln is.
    Du Schafskopf! Bist du blind? Das war hochdeutsch; Graf Egges Lippen
zitterten vor Wut, und seine Augen funkelten. So sieh doch her! Die Schale
schweit noch, und der Schnitt ist frisch.
    Betroffen beugte sich Schipper ber den Bock. Meiner Seel! Blitzschnell
glitten seine Augen an Franzl hinauf, und Graf Egge gewahrte diesen Blick. Ds
hab ich vor lauter Schreck net beobacht! Da kann ja 's Malr erst heut in der
Fruh gschehen sein? Wieder hefteten sich seine kalten grauen Augen auf den
Kameraden.
    Franzls Gesicht verlor unter diesem Blick alle Farbe. Aber Schipper, wie
kannst denn so was reden! Wie's Tag worden is, bin ich ja schon dagwesen, und
unter meine Augen hat's doch wahrhaftiger Gott net gschehen knnen!
    Ratlos hob Schipper die Arme und lie sie wieder fallen. Da hat der Franzl
wieder recht. Ich wei nimmer, was ich denken soll.
    Graf Egge hielt die Augen auf Franzl geheftet und fragte mit schmalen
Lippen: Hornegger? Was hast du? Ist dir bel? Du siehst aus wie ein
Gestorbener?
    Aber Herr Graf! Man wird mir halt auen anmerken, wie mir inwendig z'mut
is. Franzl wrgte mhsam jedes Wort hervor. Ich wei doch, was Ihnen die
Krucken gilt. Und ich bin auer Rand und Band, ich spr kein Tropfen Blut
nimmer. Die Stimme erlosch ihm.
    Ds is doch begreiflich, nickte Schipper, mir selber is gradso, in jedem
Augenblick siedhei und wieder eiskalt. Um Gotts willen, Herr Graf, was machen
wir denn?
    Macht, was ihr wollt! Graf Egge ging mit wankendem Knie auf einen
Felsblock zu und lie sich nieder. Hier sitze ich und stehe nicht wieder auf,
eh ich nicht die Kruck in meiner Hand habe. Macht, was ihr wollt! Die Kruck mu
her! Zwei rote Flecken brannten auf seinen Wangen. Und wenn ich umsonst warte,
seid ihr um euren Dienst! Alle beide!
    Schipper erbleichte. Aber Herr Graf, was kann denn ich dafr?
    Franzl hatte kein Ohr fr den merkwrdigen Nachdruck, mit welchem Schipper
das ich betonte. Er legte die Hand begtigend auf den Arm seines Kameraden.
Geh, der Herr Graf meint's net so. Es redt halt der grechte Unmut aus ihm raus.
Wer die Krucken gsehen hat, wie ich gestern beim Treiben, der begreift am End
alles. So was soll man verlieren mssen! Langsam wandte Graf Egge das Gesicht,
als er diese Worte hrte, und musterte forschend den jungen Jger vom Kopf bis
zu den Fen. Komm, Schipper, mit'm Jammer is nix gholfen. Jetzt mssen wir uns
rhren. Heut in der Fruh kann's net gschehen sein, entweder gestern spt am
Abend oder heut in der Nacht. Spring du zur Mitterkaseralm abi, ich lauf zur
Hochalm ummi. Von die Hterbuben war's keiner, da leg ich d' Hand ins Feuer.
Aber es kann ja sein, da d' Sennleut auf'n Abend an verdchtigen Kerl gwahrt
haben. Probieren wir's halt. Franzl griff nach seiner Bchse und sprang in die
Latschen.
    Schipper stand unschlssig; sein graues Gesicht hatte einen Stich ins Grne;
endlich wandte er sich und ging ohne Bchse davon. Mit schlagenden Armen kmpfte
er sich durch die wirren Bsche, und als er auer Hrweite seines Herrn war,
fluchte er leise vor sich hin: Himmel Sakrament, die Gschicht geht schief!
    Da hrte er einen gellenden Jauchzer, dann Franzls jubelnde Stimme: Herr
Graf! Herr Graf! Die Kruck! Ich hab die Krucken gfunden!
    Schipper stand wie versteinert, whrend droben bei der Wand die vor Erregung
heisere Stimme seines Herrn klang: Her damit! Her damit!
    Schipper rannte durch die Latschen zurck, und als er den offenen Kieshang
erreichte, sah er Franzl, das schwarze Krickel in der erhobenen Hand, ber das
Gerll hinaufstrmen. Nun versuchte auch er einen Jauchzer und schlug die Hnde
ber dem Kopf zusammen. Meiner Seel, es is wahr! Ja weil nur die Kruck da is!
Gott sei Lob und Dank!
    Als Franzl seinem Herrn das Krickel reichte, war er so atemlos, da er kein
Wort herausbrachte. Aber seine Augen leuchteten, und unter schnappenden
Atemzgen lachte sein ganzes Gesicht.
    Mit zuckender Hand hatte Graf Egge das Krickel erfat; die Freude trieb ihm
das Blut in die Stirn, und seine Augen hingen an dem Gehrn wie an einem
unbezahlbaren Schatz. Herrgott und alle Heiligen, ist das eine Kruck! ber
tausend hab ich drunten hngen. Keine zweite wie die! Mit zitternden Fingern
ma er die Spannenlnge des Gehrns; dann hastig, als htte er einen neuen
Verlust zu befrchten, schob er das Krickel unter die Joppe und schlo die
Knpfe. Suchend blickte er umher: Wo ist der Hund?
    Hirschmann! Hirschmann! kreischte Schipper und pfiff durch die Finger. Der
Hund blieb verschwunden. Entweder is er durch und jagt, oder er is heim in d'
Htten. D' Hauptsach is, da die Kruck da is!
    Endlich vermochte Franzl zu sprechen. Gott sei Dank! Ich hab glaubt, ich
mu aus der Haut fahren vor lauter Freud, wie ich durch d' Latschen durchspring,
und es blitzt mir auf einmal die Kruck ins Gesicht - einghakelt in an Astl, wie
mit der Hand dran hinghngt! Jetzt soll mir a Mensch sagen, wie die Kruck da
eini kommt in d' Latschen!
    Ich glaub schier, ds begreif ich! lachte Schipper. Der Lump, der
miserablig, wird 's Kurasch net ghabt haben, da er die Kruck mit in d'
Sennhtten nimmt. So hat er s' in d' Latschen einighngt und hat sich denkt, er
holt s' wieder, wann der erste Spektakel vorbei is! So a Wunder! Da grad der
Franzl die Krucken gfunden hat! Ds is schon merkwrdig.
    Mit langsamen Augen betrachtete Graf Egge die beiden Jger und sagte kalt:
Ja, das ist wirklich merkwrdig! Er wandte sich ab und stieg ber das Gerll
hinunter.
    Erschrocken sah Franzl ihm nach. Schipper schttelte den Kopf und sagte.
Franzl? Was is denn ds? Der Herr Graf wird doch um Gottes willen net glauben,
da du ... Er sprach nicht aus, was er sagen wollte; aber es stand in seinen
Augen zu lesen.
    Franzl erblate. Mit heiserem Laut warf er die Bchse auf das Gerll, sprang
auf Schipper zu und schlug ihm die Fuste um die Kehle. Du! Ds Wort nimm
zruck!
    Schipper! klang die scharfe Stimme Graf Egges von den Latschen her. Franzl
lie die Arme sinken und taumelte. Schipper! Her zu mir! Und du, Hornegger,
mach deinen Dienst!
    Einen brennenden Blick des Hasses warf Schipper auf seinen Kameraden, dann
ging er mit aschfahlem Gesicht auf seinen Herrn zu und sagte ruhig: Ich bitt,
Herr Graf, was soll mit dem Bock gschehen?
    Graf Egge machte eine heftig abweisende Geste mit der Hand. La ihn liegen!
Heut kommen die Treiber. Sie sollen den Bock unter sich aufteilen, ich will kein
Haar mehr von ihm sehen. Er griff an die Joppe, unter der er das Krickel
verwahrt trug, und suchte den Heimweg zur Htte.
    Schipper holte die beiden Gewehre und folgte seinem Herrn. Ich bitt, Herr
Graf, Sie haben's ja selber gsehen - und jetzt mu ich schon sagen: ds tut kein
gut mehr mit'm Franzl und mir! Wir zwei knnen von heut an nebenanander nimmer
bleiben. Entweder -
    Da wandte sich der Graf und brllte: Halte dein Maul!
    Nicht diese Worte machten den Jger verstummen, sondern der drohende Zorn,
der ihm aus den Augen seines Herrn entgegenblitzte. Schweigend schritt er hinter
dem Grafen her, die eine Bchse auf dem Rcken, die andere ber der Brust. Die
Hnde krampfte er um den Bergstock, da die Finger wei wurden, nagte an der
farblosen Lippe und blies den Atem durch die Nase. Als er sah, da Graf Egge mit
dem rechten Fu immer vorsichtiger aufzutreten begann, kniff er die Augen ein
und lchelte boshaft vor sich hin.

                                       10


Graf Egge und Schipper waren schon lngst in den Latschen verschwunden, und noch
immer stand Franzl auf dem gleichen Fleck, totenbleich, an allen Gliedern
zitternd. Verstrt betrachtete er die starre Wildleiche, aus deren zerhacktem
Haupt die blutumronnenen Augpfel hervordrangen; dann hob er die Bchse vom
Gerll und fate den Bergstock. Kaum hatte er sich durch die ersten Bsche
gewunden, da hrte er ein leises Winseln und fand im Schatten einer Latsche den
Schweihund, der an einer blutenden Schenkelwunde leckte. Richtig, jetzt hat
ds arme Hundl auch sein Treff dabei kriegen mssen! Der Zorn ballte ihm die
Fuste. Ds is ja nimmer Jagd, ds is ja Metzgerei!
    Der Hund hatte den Kopf gehoben. Franzl lie sich nieder und wollte die
Verletzung untersuchen; da schnappte der Hund nach seiner Hand, doch e bi
nicht, sondern hielt nur mit den Zhnen die Finger des Jgers fest. Franzl zog
die Hand nicht zurck und streichelte mit der anderen den Kopf und Nacken des
Hundes. Aber Hirschmanndl, geh, wie magst denn schnappen nach mir! Schau,
Alterl, wir zwei, wir sind heut gleich schlecht wegkommen, du und ich! Da gab
Hirschmann die Hand des Jgers frei und schttelte die Ohren. Willig lie er an
seine Wunde rhren und stie nur, wenn die fhlenden Hnde seine Schmerzen
mehrten, die Nase winselnd an den Arm des Jgers. Die Wunde war tief gerissen
und zog sich ber den ganzen Schenkel. Mit dieser Verletzung hatte der Hund noch
seine Pflicht erfllt und das tote Wild verbellt. Zrtlich kraulte Franzl ihm
die Ohren. Ja, Hirschmanndl, hast schon recht! Man mu oft Unrecht leiden. Aber
sei' Sach mu man in Ordnung machen, sonst is man um kein Granl besser als die
andern! Er nahm den Hund auf die Arme und tat ein paar Schritte, als wollte er
den Weg zur Jagdhtte suchen. Kopfschttelnd hielt er inne. Na! Jetzt net! Ich
knnt mich net zruckhalten. Z'erst mu ich mich auslaufen, da mir der Zorn
vergeht. Er schlug den Weg nach der eine halbe Stunde entfernten Hochalm ein.
    Unter dem Gewicht des Hundes waren ihm die Arme steif geworden, als er die
Htte erreichte. In der Kammer wurde Hirschmann auf den Kreister gebettet, und
die Sennerin brachte dem Jger, was er ntig hatte, um die Wunde zu vernhen und
ein Heftpflaster aufzulegen. Whrend Franzl schor und nhte und kleisterte,
hielt die Sennerin unter endlosem Geschwatz den Kopf des Hundes fest. Zum Schlu
der nicht sonderlich kunstvollen Operation wurde die Auenseite des Pflasters
noch mit Pfeffer eingerieben. Das hatte seinen Zweck; denn kaum war Hirschmann
aus den Hnden der Sennerin erlst, da wollte er sein gewohntes,
schmerzstillendes Heilmittel versuchen und an der Wunde lecken; die Sache hatte
ihre Bitternis; verdrossen schttelte er den Kopf und schlenkerte die brennende
Zunge. Das war drollig anzusehen; die Sennerin kreischte vor Vergngen, und
sogar Franzl brachte ein mdes Lcheln zuwege. Er streichelte den Hund, reichte
der Sennerin die Hand und ging. Winselnd hob Hirschmann den Kopf, als er den
Jger verschwinden sah. Vor der Htte nahm Franzl seine Bchse von der Bank und
gewahrte mit Schreck den Schaden, den sie gelitten hatte, als er sie auf das
Gerll geworfen. Ein echter Jger, pflegte er seine Waffe in tadellosem Zustand
zu halten. Und wie sah sie nun aus! Der polierte Schaft von splitterigen Rissen
durchzogen, die sonst so spiegelblanken Lufe fleckig und zerkratzt, und von
einem der beiden Hhne war der Hammer abgebrochen. Der Hund, mein Bchsl und
ich! Gut schauen wir aus alle miteinander!
    ber die offenen Almen schritt er dem Bergwald zu. Stunde um Stunde rannte
er umher, von dem unklaren Wirrsal seiner Gedanken und seines Zornes erfllt,
und tat mechanisch seinen Dienst. Alle Hauptwechsel des Rotwildes besuchte er,
alle Salzlecken und Suhlen, zhlte die Fhrten der jagdbaren Hirsche und
kritzelte die Zahlen in sein Taschenbuch. Als die Sonne ber Mittag stand,
begann er durch den Bergwald wieder emporzusteigen gegen die kahlen Wnde, um
mit der Schattenzeit die Gemsreviere zu erreichen. Ehe der Wald ein Ende nahm,
wollte er eine Weile rasten. Neben dem Steig, der zu den Mitterkaseralmen
fhrte, lie er sich auf einen vom Sturm geworfenen Baumstamm nieder. Als sein
mder Krper ruhte, suchte er auch das Gewirbel in seinem Kopf zur Ruhe zu
bringen und begann die Ereignisse des verwichenen Abends und der Morgenstunden
zu berdenken.
    Das Ergebnis dieser Gedanken mehrte nur seine Unruhe. Er war gewi so
unschuldig wie der lichte Tag. Aber er fhlte: eine Reihe von Zufllen sprach
wider ihn, und er wute, wie mitrauisch Graf Egge in allen Dingen war, welche
die Jagd betrafen. Da der ungerechte Verdacht seine Stellung bedrohte, daran
dachte er nicht. Er fhlte nur den brennenden Makel, der auf seine Jgerehre
gefallen war. Und die selten schne Krucke wog ja auch schweres Geld - das war
wie versuchter Diebstahl! Er griff sich mit beiden Hnden an die glhende Stirn.
Herrgott im Himmel! Was tu ich denn?
    Wieder begann er zu grbeln. Er sagte sich: Hat Graf Egge diesen Verdacht
einmal empfunden, so wird er ihn auch nicht eher wieder aufgeben, ehe nicht der
Tter gefunden ist. Franzl prete das Gesicht in die Hnde. Tag um Tag nun
sollte er umherlaufen mit diesem drckenden Gewicht auf seiner Brust, keinen
Blick mehr sollte er zu dem Gesicht seines Herrn erheben drfen, ohne fhlen zu
mssen, da der andere im stillen denkt: Du bist ein Dieb! Er mute den Menschen
ausfindig machen, der es getan! Aber wie? Es war ihm schon vllig unerklrlich,
wann der Diebstahl begangen wurde, und weshalb das Gehrn in den Latschen hing.
Die Erklrung, die Schipper so flink bei der Hand gehabt hatte, war leeres
Geschwtz. - Schipper? - Schipper? - Franzl brachte seine Gedanken nicht mehr
los von diesem Namen. Aber was ihm wider Willen durch die Sinne fuhr, erfllte
ihn mit Ingrimm gegen sich selbst. Ich mu a schlechter Kerl sein, weil ich dem
Kameraden zutrauen kann, was ich von mir selber abwehren will.
    Schon wollte er sich erheben, als von rckwrts zwei warme Hnde seine Augen
umschlossen. Franzl meinte, das knnte nur die Sennerin vom Mitterkaser sein,
doch er war nicht aufgelegt zum Raten. Unwillig befreite er seinen Kopf. Als er
die Augen hob, versagte ihm vor freudigem Schreck beinah die Stimme.
    Mali!
    Lachend lie das Mdel sich neben dem Jger nieder. Gelt! Da schaust?
    Er wute sich kaum zu fassen. Wie kommst denn du auf amal daher?
    Vom Mitterkaser komm ich. Sie zog das weie Tuch vom Kopf, das sie zum
Schutz gegen die Sonne umgebunden hatte. Heut in der Fruh - mein Bruder is
schon fort gwesen in der Holzarbeit, gar net weit da drunten hat er sein Schlag
- heut in der Fruh kommt unser alte Nachbarin ummi zu mir und jammert, sie htt
ghrt, da ihr Madl im Mitterkaser droben verkrankt wr.
    D' Sennerin?
    Ja. Und d' Nachbarin is ganz ausanand gwesen vor lauter Sorg. Hab ich halt
gsagt: Tu mir aufpassen auf meine Kinder, so spring ich nauf und bring dir
Botschaft. Mali lachte. 's Madl is schon wieder kreuzfidel. A paar Tag hat's
Magenweh ghabt. Ich glaub, sie hat am letzten Fasttag z'viel Schmelznudeln
verschluckt.
    Unser Herrgott soll ihr die nchste Schssel gut anschlagen lassen! Ds hat
d' Sennerin verdient um mich. Lieber httst mir in keiner Stund in Weg laufen
knnen als heut. Da mu sich der Herrgott rein denkt haben: Heut braucht er an
Trost!
    Schon der Klang seiner Stimme hatte sie befremdet, und als sie sah, wie bla
er war, erschrak sie. Ums Himmels willen, was is denn?
    Er atmete schwer. So Sachen halt, weit - ich kann net reden davon.
    Ah, da schau! Energisch fate Mali seinen Arm. Ein' z'erst erschrecken
bis in d' Seel und nachher den Heimlichen spielen! Ich bin dei' alte Kamerdin.
Jetzt redst auf der Stell!
    Franzl schttelte den Kopf.
    Pa auf, Franzl! Mali schob ihren Arm unter den seinen. Bsinnst dich noch
auf den selbigen Tag, wo wir als Kinder miteinand gut Freund worden sind? Weit
es nimmer, wie ich hinter der Hecken gsessen bin und gweint hab? Und wie mir d'
Handln niederzogen hast, und ich hab's kaum rausbracht, da mir der Nachbarbub
mein Dockerl1 genommen und die Zpf halb ausgrissen hat. Kein Wrtl hast gsagt
und bist davon. Und bist neben meiner wieder aussigschloffen aus der Hecken, 's
Gwand zerrissen und kswei im Gsicht. Und mein Dockerl hast in der Hand ghalten
und hast mich anglacht: Du! Den hab ich fest verdroschen! Freilich, 's Dockerl
hat kein Kopf nimmer ghabt.
    Franzl nickte. Den hat er abigrissen in der Wut, wie er gmerkt hat, da er
die Docken wieder hergeben mu!
    Und weit noch, wie dich hingsetzt hast neben meiner? Und da ich nimmer
weinen soll, hast den ganzen Sack voll Haselnussen vor mir ausgleert. Und alle
harten hast mir aufbissen. Herzlich rttelte Mali seinen Arm. Und schau, heut
hab ich dich hinter der Hecken gfunden. Sei gscheit und sag mir alles! Und
wenn's von alle Nussen die hrteste wr - Franzl, ich hilf dir beien.
    Da konnte er nimmer schweigen. Mit jagenden Worten begann er die Geschichte
der verwichenen Stunden zu erzhlen. Er schalt und jammerte nicht. Aber die
Krnkung, die er an seiner Ehre erfahren, redete aus seinen Augen. Schweigend
lauschte Mali. Als er erzhlte, wie Schipper den Verdacht gegen ihn
ausgesprochen, fuhr es ihr in Zorn heraus: So was von Kamerad! Respekt! Und
Schipper heit er? Sie grbelte vor sich hin, als wrde eine Erinnerung in ihr
lebendig. Schipper? Is ds a Verwandter vom selbigen Schipper, der frher
Holzknecht gwesen is?
    Es is der nmliche.
    Und der is Jager jetzt? - No, da dank ich! Da hast an noblen Kameraden!
Ganz gut bsinn ich mich drauf, da der Vater selig allweil schelten hat mssen
auf'n Bruder, weil er Freundschaft mit'm Schipper ghalten hat, der ihn zu alle
Lumpereien htt verfhren mgen. Wenn der deinige der nmlich is, nachher glaub
ich schon gleich, da er die Krucken selber gstohlen hat.
    Franzl wehrte erschrocken: Na, Mali, so was drfst net sagen!
    Sei's, wie's mag. Du bist unschuldig. Und so an Verdacht darfst net auf dir
sitzen lassen! Malis Augen blitzten. Da brauchst den Gauner net erst ausfindig
machen. Wer Augen hat wie du, braucht kein andern Beweis als sein ehrlichs
Gsicht! Jetzt machst in Ordnung dein Dienst. Und auf'n Abend stellst dich hin
vor dein Grafen und sagst ihm alles ins Gsicht, gradso, wie du's mir gsagt hast,
und gradso, wie mich, so schaust ihn an mit deine Augen. Da mu er dir glauben.
Und jetzt halt dich nimmer auf! Und meintwegen sollst nix versumen im Dienst.
Sie hob die Bchse hinter dem Baum hervor und reichte sie dem Jger. Da hast
dei' Kugelspritzen! Was wir gredt haben, bleibt unter uns. Und jetz mach weiter!
Bht dich Gott!
    Mit der Bchse hatte Franzl auch Malis Hand gefat. Ganz aufgricht hast
mich wieder. Vergeltsgott tausendmal!
    Die Hnde der beiden lagen eine Weile ineinander. Dann fragte da Mdel: Du,
Franzl?
    Was?
    Hast vielleicht du mit meim Bruder auch was ghabt? An Streit oder so was?
    Ich? Gott bewahr! Warum fragst denn?
    Sie schien verlegen zu werden. No weit, weil er gestern so ungut zu dir
gwesen is.
    Haben halt d' Sorgen aus ihm rausgredt. Was macht denn 's Netterl?
    D' Nacht heut is gut gwesen. Mit Gotteshilf wird sich 's Kindl doch wieder
in d' Hh machen. Grad recht, da d' mich dran mahnen tust. Jetzt fang ich aber
's Hupfen an. Lachend nickte sie dem Jger zu, und dann hetzte sie flink ber
den Steig hinunter.
    Franzl sah ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann sphte er durch die leis
rauschenden Wipfel, als mchte er am Himmel die Stelle suchen, an der in der
Nacht die Sternschnuppe erloschen war.
    Lichtl da droben, du hast net glogen!
    Er stieg durch den Wald hinauf und erreichte die offenen Almen. Fern am
Waldsaum, in der Tiefe der Almfelder, gewahrte Franzl zwei Mnner; er meinte
einen Bchsenlauf blinken zu sehen und zog das Fernrohr auf.
    Schipper war es - mit einem Treiber, der den von Graf Egge am verwichenen
Abend erbeuteten Gemsbock auf dem Rcken trug.
    Kurze Zeit, nachdem der Graf mit seinem Bchsenspanner die Jagdhtte
erreicht hatte, waren die von Franzl bestellten Treiber eingetroffen. Graf Egge
kmmerte sich nicht um ihre Ankunft. Er wanderte in der Stube zwischen den engen
Wnden auf und nieder und rastete nur zuweilen fr einige Minuten, um unter
grbelnden Gedanken das Krickel, das mit der blutigen Hirnschale auf dem Tisch
lag, zu betrachten, oder um den rechten Fu auf einen Stuhl zu heben und mit
beiden Hnden das schmerzende Bein zu frottieren. Als Schipper die Tr ffnete,
um nach den Befehlen seines Herrn zu fragen, schrie ihn Graf Egge an: Ruh will
ich haben! Mit einem Futritt schlug er dem Jger die Tr vor der Nase zu.
    Wartend, unter leisem Geplauder, saen die Mnner vor der Htte, whrend
Schipper in der Kche die Gewehre putzte. Nach zwei Stunden rief Graf Egge den
Rottmeister der Treiber in die Stube: Heute wird nicht mehr gejagt. Einer von
euch tragt den Bock, der drauen hngt, nach Hubertus hinunter, die andern
sollen machen, was sie wollen. Morgen frh um fnf Uhr seid ihr bei der Htte.
Er trat zur Tr. Schipper! Du machst deinen Dienst! Und das Gams unter der Wand
da drben soll fort! Ein Augenzwinkern des Grafen schickte den Rottmeister zur
Stube hinaus. Dann krachte die Tr ins Schlo.
    Mit langem Gesicht stand der Mann in der Kche und fragte flsternd: Was
hat er denn heut?
    Geht's dich was an? knurrte Schipper und zeigte ein Gesicht, als htte er
Galle auf der Zunge. Einige Minuten spter war er wegfertig und wanderte mit den
Mnnern ber das Latschenfeld gegen die Wnde.
    Graf Egge stand am Fenster und sah ihnen nach, bis sie verschwunden waren.
Dann ging er in die Kche und schrte Feuer an, um die Hirnschale des Krickels
auszukochen. Eine volle Stunde sa er auf dem Herdrand und wandte keinen Blick
von dem sprudelnden Wasser, aus dem die schwarzen Haken des Gehrns
hervorragten. Als sich die Stirnhaut von den Knochen gelst hatte, schabte er
mit geduldiger Sorgfalt die letzte Muskelfaser von dem weien Bein und trug das
Krickel in die Sonne, damit die Schale trocknen und bleichen mchte. Die Hnde
im Scho, sa er neben dem Gehrn auf der sonnigen Httenbank und musterte immer
wieder mit zrtlich-stolzen Augen die schne Trophe. Es whrte eine halbe
Stunde, bis in der heien Sonne die letzte Spur von Feuchtigkeit an der bleichen
Hirnschale verdunstet war. Graf Egge trug das Krickel in die Stube, holte Feder
und Tinte zum Tisch und malte in zierlicher Schrift das Datum der Jagd, die ihm
die seltene Beute beschert hatte, auf das weie Bein. Whrend er ber die nassen
Schriftzge blies, um sie rascher trocknen zu machen, betrat ein alter Mann mit
untertnigen Verbeugungen und halb atemlos die Stube - der Postbote. Es war ihm
anzumerken, da er den weiten, mhseligen Weg vom Dorf herauf mit manchem
Seufzer begleitet hatte. Die Sendung, die er brachte, hatte ihn wohl mit ihrem
Gewicht nicht gedrckt, und dennoch atmete er erleichtert auf, als er das
winzige, mit vierzehntausend Mark bewertete Kistchen in Graf Egges Hnde legte.
    Setz dich! Ich will in deiner Gegenwart nachsehen, ob alles in Ordnung
ist.
    Graf Egge zog das Messer aus der Lederhose und sprengte den kleinen
Holzdeckel. Eine in Watte gehllte Schachtel kam zum Vorschein, und als Graf
Egge sie ffnete, flammten seine Augen in Freude. Auf einem mit schwarzem Samt
berzogenen Brettchen waren, in vier Reihen bereinander, ungefate, in
absonderlichen Formen geschliffene Saphire und Rubinen mit feinen Silberdrhten
angeheftet. Durch das Fenster fiel die Sonne auf die Steine, und das funkelte
und gleite in schnen Farben. Der Juwelier schien den Geschmack seines Kunden
getroffen zu haben. Zufrieden musterte Graf Egge die Sendung. Rasch berflog er
den Begleitbrief und zhlte die Steine mit tippendem Finger. Stimmt! Er
unterschrieb den Postschein und reichte ihn dem Boten. Alles in Ordnung.
    Der Alte erhob sich. Bht Ihnen Gott, Herr Graf! Bei der Tr blieb er
zgernd stehen, als wre die Sache fr ihn noch nicht erledigt. Graf Egge hatte
sich schon wieder in die Betrachtung der Steine vertieft. Ich bitt, Herr Graf,
fragte der Alte kleinlaut, haben S' kein Auftrag nunter? Oder sonst was?
    Ohne aufzublicken, schttelte Graf Egge den Kopf.
    Verdrossen schlich der Alte davon. Vor der Htte blieb er stehen und
schielte nach dem Stubenfenster. Fnf Stund bis da rauf! Da wren a paar Ma
Bier net z'viel gwesen!
    Als er das Almfeld erreichte, wurde er von Schipper und dem Treiber
berholt, der auf dem Rcken den Bock und in der Hand ein blutfleckiges Bndel
trug, das seinen Anteil an der unter die Treiber verteilten Gemse enthielt. Der
alte Postbote vermochte mit den beiden nicht Schritt zu halten und blieb zurck.
    Am Saum des Bergwaldes - hier hatte Franzl aus weiter Ferne das Paar
beobachtet - trennte sich Schipper von seinem Begleiter.
    So! Und vergi die Botschaft an Moser net. Er soll die Unterhos fr'n
Grafen gleich kaufen und soll dir s' mitgeben.
    Der Mann folgte dem Steig, und Schipper wandte sich seitwrts in den Wald;
als er allein war, knirschte er einen Fluch durch die Zhne.
    Auf einem stark begangenen Wildwechsel fand er die frische Spur eines
genagelten Schuhes. Da is er gwesen! murmelte Schipper und spie auf die
Fhrte. Nun folgte er dem Wege, den Franzl genommen hatte; die stille Hoffnung,
die ihn dabei leitete, erfllte sich nicht; er kam zu keiner Salzlecke, bei der
die Spur jenes anderen Fues fehlte.
    Wie gnau er heut sein Dienst gmacht hat! Als htt er schmecken knnen, da
ich ihm nachsteig!
    Bald erreichte er den zum Mitterkaser fhrenden Pfad und sah neben einem
gestrzten Baum ein weies Kopftuch auf der Erde liegen. Er hob es auf, und
whrend er das Tuch noch in der Hand hatte, klangen Schritte auf dem tieferen
Steig.
    Mali erschien, mit den Augen suchend. Als sie den Jger sah, blieb sie
betroffen stehen; kaum gewahrte sie den Fund in Schippers Hand, da sprang sie
auf ihn zu und entri ihm das Tuch. Her damit! Ds Tchl ghrt mein!
    Oho! Bei dir geht's aber gschwind! Zwinkernd betrachtete Schipper das
Mdel. Das Ergebnis dieser Musterung schien ihm zu behagen. Wer bist denn du?
Dich kenn ich ja gar net.
    Wenn dich d' Neugier gar so plagt, ich bin die Bruckner-Mali.
    Waaas? Die Mali? Ah, da legst dich nieder! Seit wann bist denn du wieder
daheim?
    Die Frage berhrend, lie Mali die Augen mit einem nicht sehr freundlichen
Blick ber die Gestalt des Jgers gleiten. Sie verzog den Mund. Du mut der
Schipper sein?
    Freut mich, da d' mich wiederkennst. Und gut hat dir der Aufenthalt bei
der Schwester angschlagen. Bist allweil a saubers Kind gwesen. Als Madl bist
noch suberer worden.
    Mali lachte. Ui jegerl! Komplimenten macht er! Die mu ich dir schon
zruckgeben. Du bist schon selbigsmal a schiecher Kerl gwesen. Jetzt schaust noch
grauslicher aus! Ohne Gru ging sie davon.
    Schipper wute nicht recht, sollte er lachen oder sich rgern. Er entschlo
sich fr das erstere, und je lnger er der Davonschreitenden nachblickte, desto
freundlicher wurden seine Augen wieder. Die is grob. Aber verteufelt sauber.
Hat Holz am Ofen. Fr ds Madl knnt ich Dummheiten machen! Mali verschwand in
der Tiefe des Steiges. Und Schipper kalkulierte unter dnnem Lcheln: Dem
Bruckner sei' Schwester? Ds trifft sich net schlecht. Mit'm Bruckner knnt man
a Wrtl reden. Whrend er weiterschritt, drehte er noch einmal das Gesicht und
blickte schmunzelnd ber den Pfad. Durch den Wald herauf hrte er Malis
Bergstock klirren.
    Sie hatte Eile. Hufig krzte sie die Wendungen des Pfades und nahm ihren
Weg in gerader Richtung talwrts durch den Wald. Als sie das tiefere Gehlz
erreichte, hrte sie ber den Berghang her den Hall wuchtiger Axtschlge. Da
drben arbeitete ihr Bruder. Unschlssig blieb Mali stehen. Am Morgen hatte sie
den Bruder aufgesucht und ihm versprochen, auf dem Rckweg wiederzukommen. Aber
sie hatte viel Zeit verloren - und das kleine Netterl, meinte sie, wrde schon
mit Schmerzen auf sie warten. Die eigentliche Ursache, weshalb sie jetzt, nach
der Begegnung mit Franzl, dem Bruder nicht gern gegenbertrat, wollte sie sich
selbst nicht eingestehen. Damit er wte, da sie bereits auf dem Heimweg wre,
hhlte sie die Hnde um den Mund und schickte einen langgezogenen Ruf in den
Wald.
    Die Axtschlge verstummten, und Bruckner gab Antwort; er hatte die Bedeutung
des Rufes verstanden. Whrend Mali davoneilte, klangen wieder die Beilhiebe, und
es hallte das Krachen eines strzenden Baumes durch den weiten Bergwald.
    Bruckner arbeitete, bis der Abend zu dmmern begann; dann machte auch er
sich auf den Heimweg. Die Joppe um die Schultern tragend, die Axt mit dem Eisen
in die Armbeuge eingehenkt, wanderte er zwischen den Bumen. Der weiche
Moosgrund dmpfte den Hall seiner Schritte.
    Pltzlich stand er wie angewurzelt. Er hatte einen Hirsch gewahrt, der aus
der Tiefe des Waldes emporgestiegen kam und die Almen suchte. Bruckners Hnde
begannen zu zittern, whrend er, an einen Baum gedrckt, mit funkelnden Augen
jede Bewegung des Wildes verfolgte. Der Hirsch merkte die Nhe des Menschen
nicht und zog in sorgloser Ruhe zwischen den Bumen aufwrts, bald hier ein
Kraut, bald dort ein paar Grser von der Erde zupfend. Weiblinkend hoben sich
die Spitzen des stattlichen Kronengeweihs vom finsteren Grn des abendlichen
Waldes ab. Immer nher kam der Hirsch dem Baum, hinter welchem Bruckner stand;
der Bauer fate mit langsam gleitender Hand den Stiel der Axt. Nun stand das
Wild vor ihm, kaum zehn Schritt weit. In jhem Schwung holte Bruckner mit der
Axt zum Wurf aus. Ehe das Beil noch flog, machte der Hirsch erschrocken einen
Satz und ugte gegen den hheren Waldhang; das whrte nur einen Augenblick, und
in sausender Flucht verschwand er zwischen dem Gewirr der Stmme, whrend die
Beilschneide hallend in eine Fichte schlug.
    Bruckner keuchte. Allweil packt's mich wieder! Er hob die Joppe auf, die
ihm von den Schultern geglitten war, und ging zu der Fichte, um das Beil aus dem
Holz zu reien. Da hrte er hinter sich ein leises Lachen. Er wandte das
Gesicht, und kalkige Blsse rann ber seine Stirn, als er den Jger erkannte.
    Langsam, immer lachend, kam Schipper nher. Du? Was machst denn da?
    Bruckner zog schweigend die Joppe an.
    Ja, Lenzi! A harts Stckl: so an Prgelhirsch anschauen mssen und kein
Bchsl net haben? Mit der Axt macht sich so was schlecht. Seit wann hat dich
denn der Wildteufel wieder beim Krawattl?
    Bruckner nahm die Axt in den Arm; seine Stimme klang heiser. 's ganze Blut
in mir drin wird rebellisch, so oft mir a Stckl Wild ber'n Weg lauft. Aber
mein Schwur hab ich ghalten bis zum heutigen Tag.
    Ja, ja, ich glaub dir schon! Schipper schmunzelte. Und wenn's drauf ankm
- so weit die Gschicht mich angeht, ich tt vielleicht reden lassen mit mir.
    Der Bauer ma den Jger mit hartem Blick. Dir knnt man so was zutrauen!
Dir!
    Wir zwei sind alte Spezi. Unser Freundschaft hat festen Halt. Wenn's wieder
schnackeln tt bei dir, mich brauchst net frchten. Der Franzl halt! Der
versteht kein Spa. Immer leiser wurden Schippers Worte. Der hat was an ihm,
wie sein Vater gwesen is.
    Eine Weile standen die beiden Aug' in Auge.
    Dann legte Schipper lachend die Hand auf Bruckners Schulter. Du! Da droben
hab ich die' Schwester troffen. Die gfallt mir. So eim Madl z'lieb wr mir net
amal der Umweg ber'n Pfarrer z'weit.
    Bruckner richtete sich auf. Ds geht aber gschwind bei dir.
    Ja, wie bei die guten Hirsch!
    Schau, ds Madl macht ja die ganzen Jager rebellisch! hhnte der Bauer.
Gestern der ander. Und heut schon du! Da tut mir d' Wahl weh.
    Der ander? fuhr es ber Schippers Lippen. Dann fand er sein Schmunzeln
wieder. Den brauch ich net frchten. Ich hab meine Grnd dafr. Jetzt gfallt
mir 's Madl noch viel besser. Und wenn ich Ernst machen tt? Was knntst denn
aussetzen an mir? Die schnste Stellung, neunhundert Mark, Holz und Loschie.
Mein Posten tragt mir auch sonst noch was. In fnf Jahr hab ich dreitausend Mark
erspart. Und wenn der Graf amal den letzten Schnaufer tut, vergit er mich gwi
net im Testament. So gern hat er mich. Jetzt red, Spezi! Was meinst?
    Bruckner trat dicht vor den Jger hin, mit brennenden Augen. Der ander
kommt mir net ins Haus. Ds hat sein Grund. Da hast recht; aber eh mir du mit
deiner Hand an d' Schwester rhrst, eh schlag ich dich nieder mit der Axt.
    Schipper wurde um einen Schatten bleicher, doch er lchelte. Geh, geh! Da
mchten s' dich aber ordentlich einkasteln. Und vor so was hast an Respekt. Ds
wei ich aus Erfahrung. Und mut halt auch a bil an deine Kinder denken! Die
brauchen den Vater. Aber ich merk, heut is dir was ber's Leberl glaufen, heut
is net gut diskrieren mit dir. Mu ich halt an andersmal wieder anklopfen. A
bil fester. Gelt ja? Lachend stieg Schipper durch den Wald hinauf. Als er den
Steig erreichte und sich umguckte, stand Bruckner noch immer an der gleichen
Stelle, die Axt in der schlaff hngenden Hand. Jetzt studiert er aber!
    Es wurde dunkle Nacht, bis Schipper die erleuchteten Fensterchen der
Jagdhtte zu Gesicht bekam. Auf dem Steig, ein paar Dutzend Schritt vor ihm,
hrte er das Schuhgeklapper des anderen, der den Hund von der Hochalm abgeholt
hatte und auf den Armen zum Palais Dippel trug.
    In der Httenstube klang die Zither. Sie verstummte, als Franzl die Schuhe
an die Schwelle stie. Hastig legte Graf Egge die blitzenden Edelsteine, die er
zu seinem Zeitvertreib in einer Herzlinie rings um die weie Hirnschale des
Krickels gereiht hatte, in das hlzerne Kistchen zurck und verwahrte Gehrn und
Steine in einem kleinen Wandschrank, der zu Hupten des Bettes in die Balken
eingelassen und mit schwerem Vorhngschlo zu versperren war. Als Graf Egge den
Schlssel abzog, trat Franzl in die Stube. Sein Herr machte groe Augen, als er
auf den Armen des Jgers den Schweihund mit dem verpflasterten Schlegel sah.
    Was hat der Hund?
    Mit kurzen Worten erzhlte Franzl Wortlos nickte Graf Egge und trug den Hund
zum Bett; auf seinem Gesicht war die Sorge zu lesen, die er um das Tier empfand.
Nachdem er aufmerksam das Pflaster untersucht hatte, setzte er sich an die Seite
des Hundes und kraute ihm Stirn und Ohren. Hast du Wild gesehen?
    Wohl, Herr Graf. Franzl zog das Notizbuch aus der Tasche und begann seinen
Rapport. Als er damit zu Ende war, tat er einen tiefen Atemzug. Und jetzt, Herr
Graf, mu ich die Gschicht von heut von der Fruh zur Sprach bringen.
    Warum? Ein kaum merkliches Lcheln.
    Aber Herr Graf! Schauen S' mir doch ins Gsicht! Man mu mir doch anmerken,
was ich fr an Tag hinter mir hab? Zur Hlft bin ich selber dran schuld. Es is
unrecht gwesen, da ich mich vom Gachzorn hab hinreien lassen. Statt da ich
mich am Schipper vergreif, htt ich mich vor mein Herrn hinstellen und ehrlich
fragen sollen: Knnen Sie vom Franzl so was glauben, Herr Graf?
    Hab ich einen Verdacht gegen dich ausgesprochen?
    Ds is freilich wahr, aber - Dem Jger verschlug's die Rede, weil er
hrte, da Schipper in die Htte trat. Mhsam hielt er seine fnf Sinne
beisammen, und als er nur erst ein paar verworrene Stze herausgestottert hatte,
kam er in warmen Zug. Forschend hing Graf Egges Blick an dem Jger, dem die
Worte immer heier von den Lippen sprudelten. Wie er zu Mali gesprochen, so
redete er jetzt zu seinem Herrn, Ehrlichkeit in jeder Silbe, in jedem Laut
seiner Stimme. Herr Graf, so schlo er, meine Hnd sind sauber. Glauben S'
mir jetzt?
    Khl und ruhig klang die Antwort. Ja, ich glaub dir.
    Die Tr ging auf, aus der Kche hrte man das Krachen des Feuers, und
Schipper trat ein. Wnsch guten Abend, Herr Graf. Er begann den Tisch fr das
Nachtmahl zu decken.
    Franzl strich mit der Hand bers Haar. Nun hatte er die Antwort, klar und
deutlich - und doch gefiel sie ihm nicht. Er stand noch eine Weile. No also -
sagte er, als wre alles in Ordnung, und ging aus der Stube.
    Graf Egge sah ihm nach, und als die Tr sich geschlossen hatte, fragte er
den andern: Fr wen deckst du?
    Fr Sie, Herr Graf, und fr uns.
    Ich esse allein.
    Schipper machte eine Bewegung, die eine entfernte hnlichkeit mit einer
Verbeugung hatte, legte die zwei berzhligen Lffel wieder in die Tischlade
zurck und verlie die Stube.
    Drauen in der Kche sa Franzl auf dem Herd und starrte ins Feuer. Als er
hinter sich den Schritt des anderen hrte, sprang er auf.
    Was willst? fragte Schipper mit der Harmlosigkeit einer sechzehnjhrigen
Kranzjungfer.
    Es zuckte in Franzls Fusten; doch er wandte sich ab, trat ins Freie und
setzte sich auf die Httenbank. Sehnschtig guckte er zu den flimmernden
Lichtern des Himmels auf, als knne er den Fall einer trstenden Sternschnuppe
erwarten. Da droben rhrte sich nichts. Die Weltordnung weigerte sich, dem
Hornegger-Franzl in dieser Nacht eine Geflligkeit zu erweisen.
    Nach einer halben Stunde rief ihn Schipper zum Nachtmahl. Er trat wohl in
die Kche, doch statt sich zu der von Graf Egge halb geleerten Pfanne zu setzen,
stieg er ber die Leiter zum Heuboden hinauf.
    Schipper zitierte schmunzelnd das Sprichwort: Wer trutzt bei der Schssel,
schadt sich am Rssel! Als er die Pfanne geleert hatte, schmierte er Graf Egges
Bergschuhe mit besonderer Sorgfalt. Da erschien sein Herr unter der Stubentr.
    Du, mir scheint, dem Hirschmanndl wird d' Nasen hei.
    Es zuckte freudenvoll ber Schippers Gesicht, als er den Dialekt dieser
Worte hrte - ein sicheres Zeichen, da sich am Gewitterhimmel seines Herrn die
dunkelsten Wolken zu verziehen begannen. Geschftig rannte Schipper in die Stube
und unterzog den auf dem Bett liegenden Hund einer genauen Untersuchung.
    Herr Graf, da knnen S' ruhig sein! Dem Hirschmanndl fehlt net viel. Wr
net bel, wenn ds arme Hundl von der verfluchten Gschicht auch noch was haben
mt. Und weil wir schon grad reden davon, Herr Graf, da mu ich schon sagen -
    Halt dein Maul! fuhr ihm Graf Egge ins Wort. Die Kruck is da, Gott sei
Dank! Aber die Gschicht is mir heut den ganzen Tag im Kopf rumgangen. Es ist die
reine Unmglichkeit, da a fremder Mensch dem Bock die Krucken abgschlagen hat.
Wenn's also kein Fremder war, so war's einer von euch zweien. Aber wer? Der
Franzl is an ehrlicher Narr, ich kann ihm so was net zutrauen. War's also der
Franzl net, so mut es du gwesen sein!
    Schipper legte gekrnkt die beiden Hnde auf sein redliches Herz. Aber Herr
Graf -
    Halt dein Maul, sag ich! Ein Gauner bist du ja! Aber ich bin dir doch
gestern gleich nachgstiegen. Und heut in der Nacht kannst du doch auch net
aufgstanden sein! Also, wenn du der Heilige bist, is wieder der ander der Lump.
Ich kenn mich nimmer aus. Und wenn ich scharfe Saiten aufziehen mcht, so mt
ich euch alle zwei zum Teufel jagen. Was hab ich davon? Der Franzl is ein Jager,
wie ich weit und breit keinen find'. Und so wie du hat mir noch keiner meine
Schuh geschmiert, so schlau wie du stellt sich keiner an, wenn's der Jagd zulieb
was zu vertuscheln gibt. Was bleibt mir also brig, als da ich fnfe grad sein
la? Aber eins merk dir, Schipper: der erste von euch zwei, der mich rgert -
der fliegt! Ohne Gnad und Pardon! Graf Egge griff nach seinem rechten
Schienbein.
    Schipper bot den Anblick eines Mrtyrers, der in der Arena steht und mit
stiller Ergebung den Lwen erwartet. Da kann ich mich nimmer verteidigen. Da
bleibt mir nix brig, als da ich mei' Pflicht und Schuldigkeit tu und auf die
Stund wart, wo der Herr Graf einsieht -
    Hr auf mit dem Gesusel! brummte Graf Egge; in Schmerz verzog er das
Gesicht und hob den Fu auf einen Sessel. Herrgott! Herrgott!
    Haben S' wieder Schmerzen? Schipper war in die verkrperte Sorge
verwandelt. Jetzt legen S' Ihnen aber gleich ins Bett! Mit beiden Hnden zog
er seinem Herrn die Joppe herunter. Morgen mssen S' wieder ordentlich beinand
sein. Morgen schieen S' drei, vier Gamsbck und a paar gute Hirsch!
    Meinst du?
    Natrlich! Da sorg ich schon dafr. Aber jetzt nur gleich ins Bett!
    Graf Egge lie sich zur Matratze fhren und trat mit dem kranken Fu so
vorsichtig auf, als wre der Stubenboden mit Nadeln gespickt. Teufel! Das wird
mir doch um Gottes willen net bleiben! Aber macht nix, 's Jagen gib ich deswegen
net auf. Wenn meine F nimmer mgen, la ich mich nauf tragen zum Gamsschieen.
So lang's im Aug net fehlt, is gar nix verloren!
    Unter einem zrtlichen Wortschwall entkleidete Schipper seinen Herrn. So,
jetzt haben S' a paar Minuten Geduld, nachher komm ich mit'm Franzbranntwein und
mit die warmen Tcher. Er sprang in die Kche.
    Als er nach einer Weile seine Kur begann und das nackte Bein seines Herrn
unter den Hnden hatte, blickte Graf Egge zwinkernd auf ihn nieder.
    Schipper! Ich kann vieles verstehen. Sag mir ehrlich: Hast du dem Bock die
Kruck heruntergeschlagen?
    Ohne das Frottieren auszusetzen, fing Schipper zu lachen an. Jetzt hren S'
aber auf! So a Spavogel wie Sie is auf der Welt meiner Lebtag noch nie net
dagwesen!
    Graf Egge schwieg.
    ber den beiden zitterte die Stubendecke. Dort oben auf dem Heuboden wlzte
Franzl sich in schlafloser Kmmernis von einer Seite auf die andere.

                                    Funoten


1 Puppe.


                                       11

Seit zwei Tagen hatte Forbeck von der ersten Helle des Morgens bis zum Einbruch
der Dmmerung mit glhendem Eifer gearbeitet. Am dritten Abend war der Entwurf
des groen, figurenreichen Bildes in Zeichnung und Farbe schon so weit gediehen,
da Tassilo, als er fr ein paar Worte bei dem Freunde vorsprach, das Werk
dieser beiden Tage mit Staunen betrachtete: Ich htte dieser Leinwand gegenber
auf drei Wochen fleiiger Arbeit geraten. Wie das schon redet!
    Daran hat mein Flei keinen Anteil, sagte Forbeck, whrend in seinen Augen
doch die Freude glnzte. Ich hab's gesehen, und das arbeitet nun in mir und
springt heraus. Ich komme mir dabei vor wie eine willenlose Maschine. Meine Hand
bewegt sich und findet die Linien und Farben, oft wei ich selber nicht wie!
    Tassilo legte ihm die Hand auf die Schulter. Echte Kunst hat keiner noch
gemacht. Sie erschafft sich selbst. Aber man sieht es Ihnen an: die Maschine ist
warm gelaufen. Ich habe noch eine Stunde Zeit, wir wollen bummeln.
    Als sei ein paar Minuten spter ber die steile Treppe hinunterstiegen,
hrten sie aus der Stube die Stimme Malis, die mit den Kindern spielte:

Mller Mller Sacki,
Is der Mller net im Haus?
Schlo vor, Riegel vor,
Werfen wir 's Sackerl hinters Tor!

    Zwei Kinderkehlen jauchzten in Freude, und dazwischen klang das Lallen eines
dnnen Stimmchens.
    Als es dunkler Abend geworden war, trennten sich Tassilo und Forbeck vor dem
Seehof.
    Also morgen! sagte Tassilo. Und Ihrem Bild zuliebe hoff' ich, da meine
Schwester ein feste Portion Geduld zur Sitzung mitbringen wird. Sie war heute
ein wenig rgerlich.
    Doch nicht ber mich?
    Tassilo lachte. Ja. Und ich wei gar nicht, wieso der lustige Spatz
pltzlich so zeremonis geworden ist. Kitty hat es Ihnen belgenommen, da Sie
nach dem Diner zwei Tage vergehen lieen, ohne Ihre Karte abzugeben.
    Aber ich mute doch arbeiten ber Hals und Kopf, um den Entwurf so weit zu
bringen, da die Sitzung fr mein Bild von Nutzen sein kann.
    Arbeit geht allem vor. Ich habe Sie selbstverstndlich mit Wrme
verteidigt, und Frulein Kleesberg hat mir dabei geholfen. Sie haben an Tante
Gundi eine Eroberung gemacht. Ntzen Sie das nur gehrig aus, denn die Zahl der
Sitzungen hngt weder von Ihrem knstlerischen Bedrfnis noch von der
wechselnden Laune meiner Schwester ab, sondern von der Protektion, die Frulein
von Kleesberg Ihrem Werke angedeihen lt. Aber da kommt mein Boot. Also morgen
auf Wiedersehen!
    Tassilo ging zum Ufer, und Forbeck stieg auf die Terrasse des Gasthofes, um
sich seitwrts von den besetzten Tischen ein einsames Pltzchen zu suchen. Der
Gedanke an Kittys Ungnade verlie ihn nicht mehr; er trug ihn mit nach Hause und
nahm ihn hinber in die wirren Trume seines nach aller Arbeit mden Schlafes.
    Am anderen Morgen gegen neun Uhr kam der alte Moser in das Brucknerhaus.
Tante Gundi hatte ihn geschickt, um die Malersachen zu holen. Forbeck bergab
ihm die Stafelei und den Farbenkasten; die Leinwand trug er selbst, um die noch
feuchten Farben vor Schaden zu bewahren. Auf dem Wege nach Schlo Hubertus
schwatzte Moser unermdlich und erzhlte auf von der glcklichen Treibjagd, die
Graf Egge am verwichenen Tage abgehalten; drei gute Gemsbcke und zwei Hirsche
htte man von der Htte heruntergebracht. Ds is net schlecht fr den ersten
Tag. Aber htt er mich droben ghabt, so htt er noch mehr gschossen.
Weitschweifig berichtete der Alte von den unglaublichen Jagderfolgen, die sein
Herr ihm zu verdanken htte.
    Als sie das Schlo erreichten, stand Kitty am Teich und ftterte die
Forellen; sie war gekleidet wie an jenem Nachmittag, an dem das Gewitter sie
berrascht hatte. Lchelnd warf sie, als Forbeck nher kam, den Rest des Brotes
ins Wasser und klopfte die Brosamen von den Handschuhen. Forbeck lehnte achtsam
die Leinwand an einen Baum und trat auf Kitty zu, das weie Htchen in der Hand.
Er grte befangen. Ich habe die Tage her gearbeitet, um mit dem Entwurf meines
Bildes vorwrtszukommen. Verzeihen Sie mir, wenn ich eine Unhflichkeit begangen
habe.
    Sie verstand nicht gleich; dann wurde sie rot und lachte: Ach so? Tas hat
wohl ausgeplaudert, da ich mich ber Sie gergert habe? Stimmt! Aber sehen Sie
mich nur nicht so erschrocken an! Eigentlich hab' ich das vor Tas nur gesagt,
weil ich mir dachte, er wrde Ihnen bei Gelegenheit einen freundschaftlichen
Wink geben. Ich nehme solche Dinge nicht sehr genau, aber wissen Sie - Dabei
nahm sie eine ernste Gnnermiene an. Ich sage das um Ihretwillen. Tante Gundi
ist ungemein peinlich in allem, was Form heit. Und wenn Sie oft und lange hier
malen wollen, mssen wir sie bei guter Laune erhalten. Nicht wahr, das begreifen
Sie doch?
    Aber natrlich! stammelte Forbeck, erleichtert aufatmend; und als er im
gleichen Augenblick Frulein von Kleesberg auf der Veranda erscheinen sah, eilte
er ihr entgegen und kte ihre runde, rote Hand mit feierlicher Huldigung.
    Tante Gundi schien verwirrt und glcklich; dabei war sie auch neugierig;
durch Tassilo hatte sie bereits von den erstaunlichen Fortschritten des Bildes
gehrt. Forbeck holte die Leinwand und stellte sie auf den Stufen der Veranda in
gutes Licht. Frulein von Kleesberg brach in laute Bewunderung aus, und Kitty
stand schweigend, die groen Augen bald auf das Bild, bald auf den jungen
Knstler gerichtet. Um ihre Kunstkennerschaft war es mager bestellt. Dennoch
empfand sie das Ursprngliche und Hinreiende der jungen Kraft, die aus diesem
Wirbel leuchtender Farben, aus diesem Durcheinanderstrmen khner Linien redete.
Zgernd deutete sie auf ein in der Mitte des Bildes angedeutetes Figurenpaar.
Das soll ich und unser Franzl werden? Langsam blickte sie zu Forbeck auf, der
schweigend nickte. Da legte sich die Hand auf seinen Arm. Kommen Sie, wir
wollen gleich anfangen.
    Tassilo erschien, und nun wanderten sie miteinander durch den Park, damit
Forbeck fr die Sitzung im Freien einen Platz mit geeigneter Beleuchtung whlen
knnte. Neben einem der Kieswege fand sich ein kleiner Rasenfleck, von Buchen
und Linden umstanden, der grne Grund berwebt von Lichtern und Schatten. Hier
wurde die Staffelei aufgestellt und fr Tante Gundi eine Gartenbank
herbeigetragen. Einige Schwierigkeit bereitete es, fr Kitty einen etwas
erhheren Sitz zu errichten, auf dem sie ohne Unbequemlichkeit die fr das Bild
ntige Stellung einzunehmen vermochte. Auch dafr wurde Rat geschaffen; Tassilo
brachte den groen Lehnstuhl aus der Kruckenstube in Vorschlag, dessen
Seitensttze den tragenden Arm ersetzen sollte. Als Kitty ihr Pltzchen
eingenommen hatte, kehrte Tassilo zu seiner Arbeit zurck, und die Sitzung
begann. Mit scheuer Achtsamkeit ordnete Forbeck an Kittys Kleid die Falten, dann
trat er vor die im Schatten einer Linde stehende Leinwand, whrend Tante Gundi
ihren Heyse aufschlug. Aber der Dichter kam bei ihr nicht zu seinem Rechte.
Immer wieder sah sie ber das Buch, hing prfend an den ihr halb zugewendeten
Zgen des jungen Knstlers, verlor sich in Gedanken, erwachte und versuchte
wieder zu lesen.
    Ein leises Flstern ging durch das dem Welken schon nahe Laub der Bume, vom
Schlosse lie sich gedmpft das Pltschern der Fontne hren, und durch die
sanft atmende Sommerstille klang manchmal von der Ulmenallee der harte Schrei
eines Adlers.
    Kitty schwieg. Auch Forbeck sprach nur selten ein paar Worte, wenn er eine
kleine nderung in der Haltung wnschte, oder fragte, ob Kitty ermdet wre.
Lchelnd schttelte sie immer das Kpfchen. Sie hatte die Wange auf der Lehne
des Sessels liegen, so da ihre Augen gerade auf Forbeck gerichtet waren. Mit
wachsendem Interesse beobachtete sie jede seiner Bewegungen, wenn er von der
Leinwand zurcktrat, um die Arbeit zu prfen, und dann wieder nher trat und die
flink schaffende Hand erhob. Er schien bei der Arbeit ein anderer zu sein als
sonst; alles Verlegene, Unsichere war von ihm abgestreift, ruhige Sicherheit lag
in seinem ganzen Wesen, und sein schmales, streng geschnittenes Gesicht war
verschnt. Und wenn er den Blick hob, um zu schauen, war etwas Strahlendes in
seinen dunklen Augen. Je hufiger Kitty diesem trinkenden Knstlerblick
begegnete, desto heier wurden ihre Wangen.
    Wohl begann auf die Dauer ihr Krper zu ermden. Dennoch wurde sie fast
unwillig, als Tante Gundi endlich die Sitzung unterbrach, um fr Kitty ein paar
Minuten Erholung zu erwirken. Man machte einen Schlendergang durch den Park und
blieb in der Ulmenallee vor dem Adlerkfig stehen. Kitty erzhlte, wie ihr Vater
einen dieser Vgel unter Flgelschlgen und Klauenhieben des den Horst
verteidigenden Weibchens aus dem Nest herunterholte - und dabei merkte sie, da
Forbeck nicht zuhrte, obwohl sein Blick immer an ihren Lippen, an ihren Augen
hing. Sie sind wohl schon wieder bei Ihrem Bild? fragte sie lchelnd, mitten
in der Erzhlung abbrechend. Kommen Sie! Ich habe schon genug geruht.
    Wieder vergingen zwei stille Stunden, und die Sitzung wurde erst
abgebrochen, als auf dem Dach des Schlosses die Mittagsglocke lutete.
    Ich darf Sie doch bitten, mit uns zu speisen? sagte Tante Gundi. Und Kitty
fiel ein: Natrlich, Sie mssen bleiben.
    Forbeck wurde verlegen. Seine Hand war nicht mde, er wollte die gute
Stimmung und den Rest des Tages bentzen, um auch mit den anderen Partien des
Bildes vorwrtszukommen. Das brachte er stockend vor. Kitty schmollte. Es hatte
sich auch verdrossen, da er sie nach Schlu der Sitzung keinen Blick auf die
Leinwand werfen lie. Sie sollen das Halbe nicht sehen! hatte er gesagt.
    Um so gndiger wurde Forbeck von Tante Gundi entlassen, und als er mit Moser
in der Ulmenallee verschwand, sagte sie: Das gefllt mir. Ein Mensch mit guter
Kinderstube. Er hat von Aufdringlichkeit keine Spur an sich. Und wie er an
seiner Arbeit hngt! Ich sage dir, Kind, aus diesem jungen Menschen wird noch
was, gib acht, was Groes! Er sieht nicht umsonst - Was sie weiter noch sagen
wollte, verschwieg sie und streifte Kitty mit ngstlichem Blick.
    Schon in der Alle hatte Forbeck einen so strmischen Schritt angeschlagen,
da Moser sich nur mhsam an seiner Seite zu halten vermochte. Als sie das
Brucknerhaus erreichten und Mali den Farbenkasten und die Staffelei bernahm, um
sie ber die Treppe hinaufzutragen, wischte sich der Alte den Schwei vom
Gesicht und brummte: Der hat aber an guten Schritt! Sakra! Hinter dem mcht ich
net als Bchsenspanner auf die Berg umanand steigen! Aber seine Erschpfung
schien jh verschwunden, als er drauen auf der Strae das feine Lieserl
vorbergehen sah. He! Schatzerl! rief er und humpelte hastig zum Gatter. Wart
a bil auf dein alten Spezi!
    Lachend verhielt das Mdel den Schritt. Wo brennt's denn? Hast was Neus?
    Natrlich! Mei' alte Lieb! Die is allweil wieder neu, so oft ich dich
anschau!
    Geh, du alter Narrenseppl!
    Moser hngte sich vertraulich in den Arm des Mdels ein und kicherte:
Lieserl! Jetzt kommen unsere jungen Grafen bald.
    Alle zwei? huschte es mit flinker Frage von den roten Lippen.
    Alle zwei? Wart, wart, wart! Du bist mir aber eine! Moser kniff mit
Behagen in den runden Arm. Wenn der Herr Graf Robert allein kommen mcht, mir
scheint, ds tt dir net vllig taugen? Was? Wieder rhrte er die Finger, und
diesmal so derb, da Lieserl kreischte.
    Au! Du verfluchter Kerl! Hr doch auf mit deiner Zwickerei!
    Es gelang dem Alten schwer, die Zrnende zu vershnen. Schlielich lachte
sie aber doch wieder zu seinen Spen. Und als sie das Haus ihres Vaters
erreichte, schieden die beiden als gute Freunde.
    So aufgeputzt wie Lieserl, so schmuck und propre war das Haus, das sie ihre
Heimat nannte. In einem wohlgepflegten Grtchen lag es einsam an der nach Schlo
Hubertus fhrenden Strae. Rings um den Zaun dehnten sich die Wiesen, jenseits
der Strae rauschte in tiefer Schlucht der Seebach, und drben begann der gegen
die Berge ansteigende Wald.
    Die Hauswand, die von der Tr durchbrochen war, schimmerte in weiem
Anstrich, whrend die Giebelseite bis unter das Dach hinauf von dichtem
Weinspalier berwachsen war, aus dem die kleinen Fenster hervorlugten wie Augen
aus einem brtigen Gesicht. Zwischen dem wirren Bltterwerk ein rotes Schild mit
der verblaten Inschrift: Sebastian Zauner, Sattlermeister und Tapezierer.
    Zu ebener Erde der Flur mit der schmalen, steilen Treppe, die Kche, das
Wohnzimmer und die kleine Werksttte, im oberen Stock die beiden Schlafstuben
und eine Lederkammer.
    Als Lieserl in den Flur trat, verzog sie das Nschen. Der scharfe
Beizgeruch, der alle Rume erfllte, war ihr ein Greuel. Um ihn nicht auch am
eigenen Krper zu spren, hatte sie gelernt, sich mit allen mglichen
Wohlgerchen, mit Rosen-, Nelken- und Veilchengeist zu parfmieren; auf dem
Fensterbrett ihrer Schlafkammer standen die Glser, in denen die Blten mit
verdnntem Spiritus der Sonnendestallazion ausgesetzt waren.
    Die Wohnstube, die das Lieserl betrat, verriet in ihrer ganzen Ausstattung,
da der Zaunerwastl neben seinem Handwerk auch freie Knste trieb. Spiegel,
Geschirr, Nhmaschine und Schwarzwlderuhr ausgenommen, war alles zwischen
diesen Wnden ein Werk von Wastls Hnden, sogar der altdeutsche Kachelofen.
Natrlich war die Stube tapeziert und hatte statt der blichen Wandbank und
den dreibeinigen Sthlen hochgepolsterte Mbel von unterschiedlicher Stilart.
Neben der Tr stand ein geschnitzter Schrank. An der Wand hing eine Gitarre und
eine Violine zwischen geschnitzten Photographierhmchen und ausgestopften Vgeln
auf Postamenten aus Laubsgearbeit. In jedem der beiden Fenster hingen vier
Vogelkfige, der eine wie ein Schlo geformt, der andere wie eine Sennhtte, der
nchste wie ein Schweizerhaus. In diesen Kfigen befanden sich die
merkwrdigsten Maschinerien, Tretrder, Schaukeltreppen, Flaschenzge, mit denen
die Vgel schwierige Kunststcke ausfhren muten, wenn sie zu Trank und Futter
gelangen wollten. Auf der Plattform des Kachelofens stand ein Spielwerk neben
dem anderen: die Schlange am Kreuz, der Schmied beim Ambo, der Scherenschleifer
mit seinem Stein, der Kapuziner auf der Kanzel. Jetzt im Sommer standen diese
Spielwerke still; aber im Winter, wenn vom geheizten Ofen die Wrme in die Hhe
strmte, dann ringelte sich die Schlange um das Kreuz, der Schmied hmmerte, der
Scherenschleifer drehte den Stein, und der Kapuziner schlug mit den Fusten auf
die Kanzel wie bei der Osterpredigt.
    Inmitten der schreienden Unruhe dieser Stube sa die Zaunerin am Tisch,
massig in die Breite gewachsen, das einzig Feste in diesem Raum, behaglich ihren
Kaffee verschluckend.
    Gr Gott, Mutter!
    Die Zaunerin nickte, und ihre fettumpolsterten uglein hingen mit zrtlichem
Wohlgefallen an dem Mdel, das zum Tisch trat und neugierig den Deckel der
Kaffeekanne hob.
    Komm, Herzerl, setz dich her, ich schenk dir gleich ein.
    Lieserl zog einen Lehnstuhl zum Tisch.
    Hast du die Stadtleut antroffen? Hast die Hemden abgliefert? Bist gleich
zahlt worden?
    Alles in Ordnung. Es is leider blo d' Frau daheim gwesen. Die handelt
allweil. Statt vierzehn Mark hat s' mir blo zwlfe geben. Wenn ich mit'n Herrn
htt reden knnen, htt ich achtzehn oder zwanzig kriegt. Das Lieserl lachte.
Mit die Herrn versteh ich mich aufs Reden.
    Ja, Schatzerl, halt dich nur an d' Mannsbilder, ds tragt allweil mehr!
Die Zaunerin gab einen Zuckerbrocken, wie ein Kinderfustchen so gro, in
Lieserls Schale. Aber lang bist ausblieben.
    Ja, der Pointner-Andreas, was sagst, der hat mir den Weg wieder abpat und
hat Augen gmacht wie a gstochener Gockel! Ich sag dir's, Mutter, wann so a Trumm
Bauernlackel verliebt wird, ds is zum Lachen!
    Bist aber doch freundlich gwesen?
    Ordentlich abfahren hab ich ihn lassen!
    Aber Herzerl! Die Zaunerin schttelte mibilligend den grauen Kopf. Der
Andres is freilich a Trumm. Aber der einzige Sohn, und der Vater hat 's schnste
Anwesen im Ort.
    Lieserl leerte die Tasse. Mutter! Fr so an gscherten Bauernlmmel bin ich
mir z'gut!
    Stimmt, Herzerl! Du bist fr was Bessers geboren. Aber man wei net, wie's
geht in der Welt. Drum sollst dir den Andres warm halten fr den Fall, Gott
bht, da nix Bessers kommt.
    Lieserl lachte. Wird schon kommen. Wer wei, vielleicht recht bald. Und was
viel Bessers!
    Das war so geheimnisvoll gesprochen, da die Zaunerin neugierig wurde. So
red doch, Herzerl! Deiner Mutter kannst dich anvertrauen!
    Na! Lieserl trat vor den Spiegel und zupfte an dem roten Seidenband, das
um ihre Halskrause geschlungen war. Wenn's einmal Zeit is zum Reden, wird d'
Mutter Augen machen!
    Die Zaunerin brannte vor Neugier; doch sie hrte vor dem Haus einen schweren
Schritt. Der Vater! Flink trug sie das Kaffeegeschirr hinter den Ofen, whrend
Lieserl sich an die Nhmaschine setzte.
    Die Tr wurde aufgestoen, und Meister Zauner trat in die Stube, eine nicht
allzu behbige Gestalt, mit einem gescheiten und gutmtigen Gesicht, das aber
jetzt auf bel Wetter zeigte. Ein paar Jhrlein mochte er schon ber die Fnfzig
haben. Die klobigen Daumen und die von der Lederbeize violett gefrbten
Fingerspitzen verrieten sein Handwerk. Im brigen eine Figur, so hnlich, wie
auf kleinen Theatern der verkommene Knstler geschildert wird: mit karierter
Tuchhose, in blusenartigem Janker, eine langgedrselte Seidenbinde um den
Hemdkragen und mit einem breitkrempigen Filzhut, der noch schwarz zu nennen war,
aber schon in alle Farben hinberschillerte. Bei Meister Zauner war dieses
uere ein Widerspruch zum inneren Menschen. Trotz der Genialitt, mit der er
fast ein Dutzend brotloser Knste betrieb, war er ein tchtiger, fleiiger
Handwerker, ein braver Kerl, der nur den einen Kardinalfehler hatte, da er mehr
als zulssig unter dem Pantoffel stand - nicht unter dem schweren Schlappschuh
seiner Frau, sondern unter dem kleinen Pantffelchen seiner einzigen Tochter.
    Zuweilen suchte er gegen diese niedliche Macht anzukmpfen. Auch jetzt lie
er deutlich merken, da die Kanone seines Zornes schwer geladen und auf Lieserl
gerichtet war. Mutter und Tochter tauschten den verstndnisvollen Blick der zu
Schutz und Trutz Alliierten. Gr Gott, Herr Vater! sagte Lieserl und setzte
die Nhmaschine in Gang, deren hurtiges Geklapper das wirre Gezwitscher der
Vgel bertnte.
    Meister Zauner warf seiner zwar nicht besseren, aber unleugbar gewichtigeren
Ehehlfte einen wtenden Blick zu und schleuderte seinen Hut auf das
Fenstergesims, da die vier Vgel dieser Nische erschreckt in alle Winkel ihrer
Kfige flatterten und smtliche Maschinen in Bewegung setzten. Dann ging er auf
den leeren Tisch zu. Als se der Gegenstand seines Zornes hier vor ihm, so
bohrte er den gestreckten Zeigefinger gegen die Platte und schrie: Ich sag's
zum letztenmal. Wenn die Gschicht net bald an End nimmt, gibt's an ordentlichen
Spitakel! Ich bin a guter Kerl. Jung sein und lustig, ds la ich mir gfallen.
Aber was ich alles hren mu, is nimmer schn! Wenn ich schon glauben will, da
d' Hlft davon erlogen is - es mu mir vor der andern Hlft noch grausen. Wie
steh ich denn da, wenn so was ins Schlo eini tragen wird? Ich mt vor der
gndigen Herrschaft in Boden versinken vor lauter Schand! Da schieb ich an
Riegel fr! Die Gschichten hren auf! Oder es gibt an Spitakl!
Himmelherrgottsakrament! Meister Zauner schlug die Faust auf die Tischplatte,
trat zum Fenster, legte die Hnde hinter den Rcken und starrte auf die Strae
hinaus.
    Lieserl hatte die Nhmaschine gestellt, und Stille war in der Stube. Nur
einer der Vgel wagte ein schchternes Gezwitscher. Kopfschttelnd blickte das
Mdel auf die Mutter. Was hat denn der Herr Vater?
    Was wei denn ich? seufzte die Zaunerin auf der Ofenbank.
    Lieserl erhob sich. Aber Herr Vater? Was is denn?
    Du wirst schon wissen, was los is! schrie Meister Zauner, ohne das Gesicht
zu wenden.
    Ich? fragte das Mdel staunend. Der Herr Vater hat doch net am End mich
gmeint? Da mt ich aber bitten -
    Gereizt fuhr Wastl Zauner auf die Tochter zu und hob ihr die Faust vor das
nette Nschen. Lieserl, tu dich net fppeln mit mir!
    Jesses Maria! kreischte die Meisterin und schlug die Hnde ber dem Kopf
zusammen. Wie kann sich denn a Mensch so auffhren gegen sein einzigs Kind!
    Du sei still, gelt! Du bist schuld an allem. Mit deiner ewigen Schntuerei!
Da mu sich 's Madl freilich was einbilden und mu glauben, sie kann treiben,
was ihr taugt! Du bist schuld, ja, du, wenn sich 's Madl auf d' leichte Seiten
legt und unsern guten Nam in alle Muler bringt!
    Jetzt sag ich dir aber, Wastl -
    Sei stad, Mutter! Lieserl stellte sich kampfbereit zwischen Vater und
Mutter. Jetzt mu ich selber fragen, was der Herr Vater eigentlich haben will
von mir?
    So? schrie Meister Zauner in die Stubenecke. Was is denn nachher ds
schon wieder mit dem jungen Stadtherrn, der im Seehof loschiert?
    Mit wem? Lieserl zog die Brauen in die Hhe. Ich wei ja gar net, wen der
Herr Vater meint?
    So? Was hast denn mit ihm am Berg droben gmacht?
    Ich? Am Berg droben? Bsinnt sich der Herr Vater auf gar nix mehr? Wer hat
denn gsagt: Schau, Lieserl, vierzehn Tag bist bei der Arbeit gsessen, schnauf
dich a bil aus!
    No ja, es is ja alles recht! Aber mu man die sanitre Rekerazion zu
solchene Sachen bentzen?
    Solchene Sachen? Was kann ich denn dafr, da mir der junge Springer
nachgstiegen is?
    Was kann denn 's Madl dafr? fiel die Zaunerin ein. Sie hat halt 's
Gfrett mit die Mannsbilder. Httst ihr an anders Gsicht verschafft. Wenn einer
's Madl anschaut, gfallt's ihm halt.
    Meister Zauner warf einen halb wtenden, halb scheuen Blick auf das
appetitliche Figrchen seiner Tochter. Das Argument seines Weibes schien ihm
einzuleuchten, und er brummte ein paar unverstndliche Worte.
    Und weil wir grad schon reden, dozierte die Zaunerin, fr was is denn a
Madl auf der Welt? Die guten Heiraten tragt man heutigentags nimmer in der
Butten umanand. Da mu sich a Madl umschauen. Wenn's dir nachging, knnt 's
Lieserl hinterm Ofen hocken und sitzenbleiben!
    Sitzenbleiben! grollte Meister Zauner. Deswegen braucht s' net alle Tag a
Gspusi anfangen, da d' Leut rebellisch werden. Und wenn's ihr ums Heiraten is -
der Pointner-Andres nimmt 's Madl auf der Stell!
    Lachend drckte Lieserl den Kopf in den Nacken und setzte sich zur
Nhmaschine.
    Als Meister Zauner den Rcken seiner Tochter sah, wuchs ihm wieder der Zorn.
Hinter Lieserls Stuhl mit dem Finger drohend, berschrie er das Geklapper der
Maschine. Du! Lachen tust mir net ber 'n Andres! Ds is kein Mensch, mit dem
man seine Spassetteln macht! Jede andre wr in d' Haut eini froh, wenn s' den
Andres kriegen knnt.
    Wenn ihn s' Lieserl aber net mag! fuhr die Zaunerin dazwischen.
    Net mgen! An Anwesen, wie der Pointnerhof, der seine hunderttausend Markln
wert is? So was soll man net mgen? Meinst net, es wr gscheiter, wenn dei'
Tochter die Buerin auf der Point droben heit, als wenn d' Leut von ihr sagen:
's feine Lieserl? Himmelkreuzteufel noch amal! Da knnt einer aus der Haut
fahren! Meister Zauner stapfte in seine Werkstatt hinaus und schmetterte hinter
sich die Tr zu, da unter den Tapeten der Mrtel brselte.
    Fein benimmt sich der Herr Vater! sprach Lieserl lchelnd auf den
Hemdrmel nieder, den sie durch die Maschine gleiten lie.
    Die Zaunerin beugte sich ber die Schulter ihres hbschen Kindes und
flsterte mit Vorsicht: Was den Andres betrifft, hat er net so unrecht, weit.
    Jetzt erst recht net! Grad mit Flei! Jetzt leg ich alles drauf an, da mir
meine heimlichen Gedanken nausgehn! Glck hab ich noch allweil ghabt. Und
kommt's, wie ich denk - da wird's erst recht was z'reden geben im Ort! Da freu
ich mich drauf! Unter vergngtem Kichern beugte sich Lieserl ber die Arbeit.
    Das Mutterherz der Zaunerin fieberte vor Neugier. Schatzerl, wie kannst
denn so zruckhalterisch sein vor der Mutter! Hast doch kei' bessere Freundin im
Leben! Geh, sag mir, was los is?
    Lieserl schttelte das Kpfl, lie die Maschine klappern und gab keine
weitere Audienz.

                                       12


Am folgenden Morgen mute Tassilo, um Forbecks Gerte nach Schlo Hubertus
bringen zu lassen, seinen Diener schicken, weil der alte Moser ber Hals und
Kopf zu schaffen hatte. Es war eine neue Wildsendung von der Jagdhtte
eingetroffen - vier Gemsbcke und drei Kapitalhirsche - und da mute Moser die
Geweihe von den Schdeln sgen und die Verfrachtung des Wildbrets berwachen.
Das war eine Arbeit, die den Alten noch heiterer stimmte als eine Begegnung mit
dem feinen Lieserl. Laut rumorte er im Zwirchgewlbe umher, sang ein
Schnaderhpfl um das andere und hielt lachende Ansprachen an das tote Wild.
Seine Stimme klang bis zu dem von Licht und Schatten berzitterten Rasen, auf
welchem Kitty ihr Pltzchen wieder eingenommen hatte und Forbeck vor der
Leinwand stand, whrend Tante Gundi mit dem Buch auf der Bank sa. Schon ein
paarmal hatte Frulein von Kleesberg unwillig nach der Richtung geblickt, in der
das Wirtschaftsgebude lag - sie frchtete, da die konfuse Dudelei des Alten
den Knstler stren knnte. Doch Forbeck schien kein Ohr zu haben und war nur
Auge fr Kitty und sein Bild; es hatte sogar den Anschein, als kme das letztere
bei dieser Teilung zu kurz, denn je hufiger er die Blicke von der Leinwand hob,
desto lnger hafteten sie an dem holden Bild des Lebens; manchmal, tief atmend,
schttelte er den Kopf, als vertrge vor seinem eigenen Urteil das knstlerische
Abbild, an dem er schaffte, nicht den Vergleich mit der schnen Wirklichkeit.
Kitty, die still und geduldig wie ein Muschen sa, gewahrte die Unruhe, die ihn
befiel, und als er wieder einmal den Rcken der Hand an die glhende Stirn
prete, fragte sie leise: Herr Forbeck -?
    Tante Gundi lie das Buch sinken.
    Da knirschten Schritte auf dem Kiesweg. Der alte Moser erschien:
hemdrmelig, die nackten Arme bis ber die Ellbogen mit Blut besudelt, ein paar
rote Fingerstriche im lachenden Gesicht und in den Hnden das frisch abgesgte
Geweih eines Zwlfenders.
    Ich bitt, meine lieben Herrschaften, so was mu man anschauen! rief er und
hob das Geweih. So an Hirsch hat der Herr Graf schon lang nimmer gschossen. Ds
is einer, der noch aus meiner Zeit brigblieben is!
    Tante Gundi schalt: Aber Moser! Sind Sie verrckt? Wie knnen Sie sich
einfallen lassen, in solchem Aufzug vor Damen zu erscheinen! Wie ein Mrder!
Gehen Sie mir aus den Augen! Flink!
    Jesus Maria! brummte der Alte erschrocken und wandte sich zur Flucht.
Hinter den Bschen blieb er kopfschttelnd stehen. Und da gibt's Menschen auf
der Welt, die fr so a Gweih kein Sinn haben! Man sollt's net glauben!
Natrlich, Frauenzimmer! Da fehlt's weit!
    Gundi von Kleesberg vermochte sich lange nicht zu beruhigen. Der grliche
Anblick war ihr auf die Nerven gegangen; und was aus ihrem rger herausredete,
war nichts weniger als ein Lobgesang auf die Jagd. Graf Egge wre dabei bel
weggekommen, htte nicht Kitty gemahnt: Aber! Tante Gundi!
    Von den dreien schien Forbeck der einzige, dem die Strung willkommen und
von Nutzen gewesen. Er war ruhiger geworden und arbeitete mit gleichmigem
Eifer. Dann pltzlich kam es wie strmische Ungeduld in seine Hand, alles an
seinem Wesen war freudige Hast.
    Tante Gundi machte groe Augen. Herr Forbeck? Was haben Sie denn?
    Sehen Sie nur die Beleuchtung! stammelte er, ohne die Arbeit zu
unterbrechen. Wie das Haar an der Schlfe schimmert! Und die Wange! Wie das im
Schatten noch leuchtet! Das mu ich haschen!
    Stille Minuten vergingen. Dann trat er von der Leinwand zurck, mit einem
stockenden Atemzug, wie nach gewaltsamer Anstrengung; die Freude verzerrte ihm
fast das Gesicht. Ich glaube, ich hab's!
    Gundi Kleesberg rauschte zur Staffelei. Auch Kitty machte eine Bewegung, als
wollte sie aufspringen. Das gewahrte Forbeck, und mit glcklichem Lcheln sagte
er: Wollen Sie sehen? Sie kam herbeigeflogen, whrend Tante Gundi dem jungen
Knstler schon ein wortreiches Loblied sang. Schweigend, das Gesicht von
glhender Rte bergossen, stand Kitty vor dem Bild; dann blickte sie zgernd zu
Forbeck auf und sagte mit einer Stimme, in der ihre Freude sich verriet: Sie
haben aber sehr geschmeichelt!
    Er sah sie mit leuchtenden Augen an, und Gundi Kleesberg bernahm die
Antwort: Aber nein, Kind! Genau so war es! Unglaublich, wie Herr Forbeck das
getroffen hat! Dieser Duft! Dieser Sonnenschimmer! Das sprudelte so weiter.
    Forbeck wurde verlegen, gab neue Farben auf die Palette und wandte sich an
Kitty. Darf ich bitten, nur noch ein Viertelstndchen fr das Kleid, ehe das
Licht sich ndert?
    Sie eilte zum Lehnstuhl, um ihre Stellung wieder einzunehmen.
    Aus dem Viertelstndchen wurde eine lange Stunde rastloser Arbeit. Forbeck
war so vertieft in Schauen und Schaffen, da er die Schritte Tassilos berhrte,
der gegen Mittag kam, ein offenes Blatt in der Hand; seine Augen blickten noch
ernster als sonst; als er einen Blick auf die Leinwand geworfen hatte, legte er
die Hand auf die Schulter des jungen Knstlers. Ja, lieber Freund, Werner wird
seine Freude haben an dieser Arbeit! Eine Weile stand er in die Betrachtung des
Bildes versunken, dann trat er auf die Kleesberg zu, und ohne die Verwirrung zu
gewahren, die sein zu Forbeck gesprochenes Wort in ihr hervorgerufen hatte,
reichte er ihr das offene Telegramm und sagte zu seiner Schwester: Robert und
Willy kommen heute nachmittag.
    Jubelnd sprang Kitty auf und wollte zu Gundi Kleesberg hinber. Auf halbem
Wege stand sie erschrocken still, sah Forbeck an, und ein Schatten glitt ber
ihr Gesichtchen. Auch Forbeck war erregt, schien die Sitzung fr beendet zu
halten und schlo den Farbenkasten.
    Inzwischen besprach Gundi Kleesberg ein bichen konfus mit Tassilo alle
ntigen Vorbereitungen: man mute einen Wagen zu der eine Stunde entfernten
Bahnstation schicken und die Trger fr den Aufstieg zur Jagdhtte bestellen,
der nach Graf Egges Anordnung schon am kommenden Morgen erfolgen sollte.
Seufzend griff sie an ihre Stirn und zappelte davon, ohne sich von Forbeck zu
verabschieden.
    Tassilo hatte eine tiefe Furche zwischen den Brauen. Und Kitty schien die
Sprache verloren zu haben. Forbeck nahm die Leinwand von der Staffelei und
verhllte sie. Dann gingen sie langsam zum Schlo hinber. Als sie den Teich
erreichten fragte Tassilo: Haben Sie jetzt, was Sie brauchen, oder ist noch
eine Sitzung ntig?
    Scheu blickte Kitty zu Forbeck auf, der die Antwort schwer zu finden schien.
Ich glaube, da ich mit dem, was ich habe, zurechtkommen werde. Auch darf ich
nicht unbescheiden sein.
    Unbescheiden? Ihr Bild soll nicht leiden. Morgen, bei dieser Unruhe im Haus
- aber vielleicht bermorgen. Ich will mit der Kleesberg sprechen. Wenn Ihnen
Fritz nach Tisch Ihre Sachen bringt, schick' ich Nachricht.
    Forbeck vermochte nur mit einem Blick zu danken, die Kehle war ihm wie
zugeschnrt. Ohne die Augen zu heben, verneigte er sich vor Kitty. Tassilo
begleitete ihn zur Ulmenallee; als sie in den Schatten der Bume traten, sagte
er: Sie haben es gut, Sie knnen vor Ihrem wachsenden Werke stehen, und kein
Gedanke strt Ihnen das Glck Ihres Schaffens.
    Forbeck nickte, als wre an dieser Tatsache nicht zu zweifeln.
    Aber ich! Tassilo blickte gegen die Berge. Ich werde um mein Glck ein
bses Jagen haben. Da droben!
    Kitty war beim Teiche stehengeblieben, und whrend sie den beiden mit den
Augen folgte, streckte sie die Hand in den khlen Regen der Fontne. Sie sah,
wie Tassilo und Forbeck voneinander Abschied nahmen, als glt' es eine Trennung
fr lange. Ein leiser Schauer rieselte ihr ber die Schultern; sie zog die Hand
zurck und trocknete sie mit dem Tuch.
    Als sie bei Tisch erschien, fragte Gundi Kleesberg befremdet: Kind, was ist
dir?
    Mir? Nicht das geringste! Vielleicht die Ungeduld. Ich kann es kaum
erwarten, bis Robert und Willy kommen.
    Willst du mit zur Bahn fahren?
    Tassilo fiel hastig ein: Da mu ich abraten. Er sprach von der staubigen
Strae, von der drckenden Hitze. Kitty merkte gleich, da es eine Ausflucht
war, und grbelte: Weshalb will er mich daheim behalten?
    Die Kleesberg hatte ein weniger feines Ohr. Vielleicht bist du auch etwas
ermdet? sagte sie. Die Sitzung hat heute lange gedauert, wir haben keine
Pause gemacht. Ich wei nicht, wie ich das bersehen konnte. Freilich, Herr
Forbeck war in so prchtiger Arbeitsstimmung. Aber wenn er bermorgen
wiederkommt -
    bermorgen? Nach diesem flinken Wort kam der zgernde Zusatz: Noch eine
Sitzung?
    Ja, Kind, das kleine Opfer mut du bringen! mahnte Gundi Kleesberg
mtterlich. Tassilo sagte, das wre im Interesse des Bildes notwendig. Wir
drfen dem Gedeihen eines so schnen Werkes kein Hindernis in den Weg legen.
    Tassilo sah die Kleesberg an und lchelte. Kitty zuckte nur die Schultern.
Ihre Laune besserte sich berraschend.
    Nach dem Diner, als man zur Veranda ging, hngte sich Kitty an den Arm des
Bruders. Tas? Ehrlich! Warum willst du mich daheim haben?
    Komm zu mir hinauf, wenn Gundi ihr Schlfchen macht, und du wirst es
erfahren.
    Auf der Veranda nahm Tassilo den gewohnten Platz nicht ein. Stehend leerte
er die Kaffeetasse, raffte die Zeitungen zusammen, nickte einen Gru und
verschwand.
    Was hat er denn? fragte die Kleesberg verwundert.
    Kitty antwortete sehr ernst: Er hat bis spt in die Nacht gearbeitet, heute
wieder den ganzen Vormittag, und wird ruhen wollen. Es ist schwl heute! Eine
drckende Luft. Nimm auch du keine Rcksicht auf mich. Wenn du mde bist -
    Ja, gutes Herz, ich danke dir!
    Kaum die Kleesberg verschwunden war, huschte Kitty lautlos ber die Treppe
hinauf und trat mit erregter Spannung in das Zimmer ihres Bruders.
    Da bin ich, Tas!
    Komm! Er zog sie an seine Brust. Ich habe mit dir zu reden.
    Von mir?
    Nein! Von deinem Bruder Tas.
    Nun atmete sie auf und lachte. Du bist ja ganz feierlich!
    Er streichelte ihr Haar. Ich habe dich lieb. Und ich wei, du hngst auch
an mir. Drum mchte ich dir eine unbehagliche berraschung ersparen. Komm! Ich
will dir etwas zeigen! Er fhrte sie zum Schreibtisch, zog sie auf seinen Scho
und ffnete eine Lade. Sieh dir einmal dieses Bild an! Dabei reichte er ihr
ein kunstvoll ausgefhrtes Pastell in braunem Plschrahmen.
    Das Portrt einer jungen Dame! Noch ehe Kitty das Bild genauer betrachtet
hatte, dmmerte in ihr eine Ahnung. Sie jubelte: Tas? Du wirst doch nicht -
    Er lchelte. So schau dir das Bild doch an!
    Der Reiz des Geheimnisses erfate sie. Schauernd bewegte sie in seligem
Vergngen die Schultern. Wie entzckend, wie schn! Der sanfte Mund und die
wundervollen Augen - Da stutzte sie. Aber Tas? Du? Das ist doch Frulein
Herwegh vom Hoftheater? Natrlich! Das ist sie! Ich hab' sie schon dreimal
gehrt. Zuletzt als Fides im Propheten! Ich war auer mir vor Wonne. Und geheult
hab' ich, da Tante Gundi wtend zu puffen anfing. Kitty lachte. Mitten im
Lachen brach sie ab und wurde ernst. Frulein Herwegh ist eine groe
Knstlerin. Aber was mich damals so tief ergriff, da ich meinte, es zerdrckt
mir das Herz - denke, Tas, in der groen Szene zwischen Fides und ihrem Sohn, da
ging es mir pltzlich durch den Kopf: ob nicht Mama so ausgesehen haben knnte
wie Frulein Herwegh als Fides?
    In Freude hatte Tassilo den sprudelnden Worten der Schwester gelauscht; nun
furchte sich seine Stirn; schwer atmend schttelte er den Kopf.
    Kitty hielt das Bild im Scho, lehnte die Wange an die Schulter des Bruders
und sah ins Leere. Es war ein Unglck fr mich, da ich Mama so frh verlieren
mute. Je lter ich werde, desto schmerzlicher fhl' ich das. Und wenn ich an
Mama denke, ist alles leer vor mir. Ich sehe nichts! Sie hob das Kpfchen und
sah dem Bruder in die Augen. Tas? Es ist doch eigentlich ganz unverstndlich,
da wir von Mama kein Bild haben, weder hier in Hubertus noch in Mnchen?
    Tassilos Stimme schwankte. Mama wollte sich niemals malen lassen. Fester
schlang er den Arm um Kitty. Aber ich habe dir doch die Mutter schon sooft
geschildert.
    Wie schn sie war, und wie gut, ja, Tas! Aber ich sehe sie nicht. Wenn ich
mir eine Vorstellung von ihr zu machen suche, schwimmt mir alles. Ich sehe das
Haar, die Augen, aber kein Bild, das ich mit dem Herzen festhalten knnte. Das
ist in mir eine unstillbare Sehnsucht. Sooft ich eine Dame sehe, deren
Erscheinung mich anzieht, geht es mir hei durch das Herz: vielleicht hat Mama
so ausgesehen? Das war auch damals so, als ich Frulein Herwegh in der Rolle der
Fides sah. Diese schne, stille Gre - Verstummend betrachtete Kitty das Bild.
Pltzlich glitt es wie Schreck ber ihre Zge, und sie stammelte: Aber Tas! Wie
kommt denn dieses Bild zu dir?
    Frulein Herwegh hat es mir geschenkt.
    Sie? Dir? Kennst du sie denn?
    Seit drei Jahren.
    Und davon hast du nie gesprochen? Dem Lcheln des Bruders gegenber
steigerte sich ihre Verwirrung. Und das Bild? Da sie dir das Bild gab? Das mu
doch einen Sinn haben?
    Den errtst du nicht
    Tas! Ohne das Bild aus der Hand zu lassen, schlang Kitty den Arm um den
Hals des Bruders.
    Ich liebe sie. Und Anna liebt mich wieder. Wie es kam? Das ist eine stille
Geschichte. Weit du, das rechte Glck ist nie eine komplizierte Sache. Da fllt
ein Same in ein Menschenherz. Niemand wei, wer ihn streute. Er wchst, und du
fhlst es nicht. In guter Stunde kommt der helfende Sonnenstrahl dazu, und der
Keim ist eine Blume geworden, mit Duft und Farben. Das ist mein ganzer Roman.
Ich verehrte Anna schon als Knstlerin, bevor ich sie persnlich kennenlernte.
Die erste Begegnung hatte ich mit ihr an jenem Tag, an dem ich als Konzipient
bei Doktor Neuroth eintrat. Er war ihr Anwalt. Als er mir seine Kanzlei bergab,
wurde Anna meine Klientin. Da hatte ich Gelegenheit, ihren lauteren Charakter
kennenzulernen, ihr tiefes Gemt, auch die schne Huslichkeit, in der sie mit
Mutter und Schwester lebt. Wir glaubten Freunde zu sein und wuten nicht, da
wir uns liebten.
    Regungslos hatte Kitty gelauscht. Nun fragte sie flsternd: Wie kam es, da
ihr euch gefunden habt?
    Tassilo lchelte. Du wirst enttuscht sein, wenn ich es dir erzhle. Es war
im Frhjahr. Da bat sie mich eines Tages um meinen Besuch. Ich sah, da die
Zeilen in erregter Hast geschrieben waren, und lie alle Arbeit liegen. So kam
ich zu ihr und erfuhr, sie htte einen glnzenden Antrag der Wiener Oper
erhalten, msse sich innerhalb eines Tages entscheiden und bte mich um meinen
Rat. Mir fuhr es an die Kehle, da ich keine Silbe herausbrachte. Sie sah mich
betroffen an, und so standen wir eine Weile wortlos voreinander. Dann las ich
den Vertrag, wir besprachen alle Verhltnisse der neuen Stellung, und aus
ehrlichem Gewissen mute ich ihr raten, den Kontrakt zu unterzeichnen. Lange sa
sie schweigend, dann faltete sie den Vertrag zusammen und verschlo ihn. Wir
plauderten noch ber alle mglichen Dinge; dabei sa sie auf dem Stuhl vor dem
offenen Flgel und griff zuweilen mit einer Hand ein paar Akkorde. Pltzlich
brach sie mitten im Worte ab und begann zu spielen -
    Und sang?
    Er nickte. Ein kleines Liedchen von Schumann, Jasminenstrauch.
    Ich kenne das Lied! Zwei Trnen schimmerten an Kittys Wimpern, whrend sie
leis die Verse flsterte:

Grn ist der Jasminenstrauch
Abends eingeschlafen.
Als ihn mit des Morgens Hauch
Sonnenlichter trafen,
Ist er schneewei aufgewacht:
Wie geschah mir in der Nacht?
Seht, so geht es Bumen,
Die im Frhling trumen.

    Ein tiefer Atemzug schwellte ihre junge Brust, und die Trnen rollten von
ihren Lidern.
    Dieses Liedchen sang sie. Dann lie sie die Hnde in den Scho fallen. Und
ohne das Gesicht nach mir zu wenden, sagte sie: Ich habe mich besonnen, ich gehe
nicht nach Wien. Eine Antwort fand ich nicht. Aber ich umschlang sie und kte
ihren Mund.
    Ach, du Glcklicher! Du Glcklicher!
    Ja! Ich habe das Glck gefunden und will es halten. Anna wird meine Frau.
Willst du ihr gut sein?
    Gut sein? Nur gut sein? Tas! Ich werde ja nrrisch vor Freude! Sie
erstickte den Bruder fast mit Kssen. Pltzlich richtete sie sich auf und glitt
von seinem Scho. Ihr Gesichtchen hatte alle Farbe verloren. Tas - ums Himmels
willen - Papa? Hast du denn schon mit ihm gesprochen?
    Tassilo erhob sich. Noch nicht. Das soll dieser Tage geschehen, droben in
der Jagdhtte.
    Verstrt blickte sie zu ihm auf. Herr, du mein Gott! Lieber, lieber Tas!
Das wird bse Geschichten absetzen!
    Das frchte ich! sagte er ruhig.
    Leidenschaftlich, als htte sie um das eigene Glck zu kmpfen, fate sie
die Hand des Bruders. Sei mutig, Tas! Dann wirst du es durchsetzen. Das bist du
deiner Liebe schuldig. Und wie es auch kommen mag, ich halte zu dir! Fest! Mit
beiden Armen umklammerte sie seinen Hals. Ach, Tas, ich habe dich so furchtbar
lieb!
    Er nahm ihr zuckendes Gesichtchen zwischen die Hnde. Ich danke dir! Ja,
kleiner Spatz, du hast mich lieb! Ich wute, da du dich fr mich entscheiden
wrdest. Ebenso, wie ich wei, da die anderen gegen mich sein werden.
    Nein, Tas! Denke nicht gleich das Allerschlimmste! Ich sage dir was. Nimm
das Bild mit hinauf in die Htte! Wenn Papa das Bild sieht - oder noch besser,
Tas: Grble dir einen Vorwand aus, suche Papa zu einer Fahrt nach Mnchen zu
bewegen, mach' ihn mit Anna bekannt -
    Tassilo schttelte den Kopf. Ich kenne den Vater besser. Mit einem solchen
Versuche wrde ich Anna nur einer Demtigung aussetzen. Knnt' ich mir von einer
Bewegung Gutes versprechen, so wre die Fahrt nach Mnchen nicht notwendig. Anna
ist mit ihrer Mutter und Schwester hier im Dorfe.
    Tas! Und das sagst du mir erst jetzt! stammelte Kitty in Freude. Fhre
mich zu ihr! Ich bitte, bitte! Ich mu sie kennenlernen. Ich mu! Nicht wahr, du
erfllst meine Bitte? Heute noch! Jetzt! Sieh nur, Tas, wir knnen keine bessere
Stunde finden! Die Gundi schnarcht, und Papa ist in der Htte droben - es ist
also absolut unmglich, da ich irgend jemand um Erlaubnis frage! Komm, Tas,
komm! Was spter sein wird, wissen wir alle beide nicht, aber heute knnen wir
noch tun, was wir wollen! Ich bitte dich, Tas!
    Ja, Schatz, wir wollen gehen! Und ich will ehrlich sein: Ich hoffte, da du
diese Bitte stellen wrdest. Fr Anna wird es eine Freude sein, wenn ich dich
bringe und ihr sagen kann, da es dein freier Wunsch war.
    Tas! jubelte Kitty. In fnf Minuten bin ich fertig. Selig auflachend
huschte sie davon.
    Nach wenigen Minuten erschien sie wieder, mit heien Wangen und strahlenden
Augen. Sie hatte sich schn gemacht - genau so schn wie fr jenes Diner, zu
welchem Forbeck geladen war.
    Arm in Arm wanderten die Geschwister durch die Ulmenallee, an dem Kfig
vorbei, in dem die Adler auf den Stangen saen; die Raubvgel bewegten die
Kpfe, als das Paar vorberschritt, und die durch keine Gefangenschaft zu
zhmende Wildheit ihrer Rasse funkelte in den scharfen Augen; einer von ihnen
knappte mit dem Schnabel und zog die Fnge an, da die Stange knirschte.

                                       13


Vor dem Seehof fllte ein Gewirr von Menschen und Wagen den sonnigen Landeplatz,
Schiffe kamen und gingen, und aus dem See heraus tnten die Echoschsse.
    Tassilo trat mit der Schwester in eine Schiffshtte. Hier bestiegen sie das
Boot. Kitty fate die Steuerschnre, aber sie war so wenig bei der Sache, da
Tassilo immer wieder mit dem Ruder die Ablenkung des Bootes korrigieren mute.
Auf einem hinter den Villen gegen den Wald fhrenden Promenadenweg gewahrte er
zwei Damen und erkannte Frau Herwegh mit ihrer jngeren Tochter. Schon frchtete
er, auch Anna nicht zu Hause zu finden; die Klnge eines Flgels, die immer
deutlicher hrbar wurden, je mehr sich der Nachen dem Villenufer nherte,
beruhigten ihn. Kitty wandte keinen Blick mehr von dem unter Bumen halb
versteckten Landhaus, und die gedmpften Klnge schienen ihre Erregung noch zu
steigern; als der Nachen an der Steintreppe anlegte, war sie in einer Stimmung,
als sollte sie ein verwunschenes Schlo betreten. Sie klammerte sich an den Arm
des Bruders, da er lchelnd fragte: Hast du Angst? Tief atmend schttelte sie
das Kpfchen und lie sich fhren.
    Whrend die beiden den kleinen Garten durchschritten, gesellte sich zu den
Tnen des Flgels der Gesang einer Altstimme, wie der Klang einer Glocke.
    Bleib, ich bitte dich, stammelte Kitty, la mich hren!
    Das hrst du in der Nhe besser!
    Sie traten in den Flur der Villa, und geruschlos ffnete Tassilo eine Tr.
Kitty hatte kein Auge fr den Raum. Zitternd stand sie, und ihr Blick hing an
der schnen, mit vornehmer Schlichtheit gekleideten Mdchengestalt, die, der Tr
den Rcken wendend, vor dem Flgel sa. In tiefer Bewegung lauschte Kitty, und
wie ein flinkes Hmmerlein schlug ihr das Herz. Was sie fhlte, war nicht nur
der Reiz des Augenblickes, nicht nur das scheue Mitempfinden am Glck des
Bruders. Ihre junge Seele hatte in diesen Tagen einen Samen empfangen, der still
zur Blte trieb; und in dieses ihr selbst noch unbewute Fhlen klangen die
Worte des Mendelssohnschen Wiegenliedes, das Anna Herwegh sang:

Schlummre und trume von kommender Zeit,
Die sich dir bald mu entfalten,
Trume, mein Kind, von Freud und Leid,
Trume von lieben Gestalten!
Schlummre und trume von Frhlingsgewalt,
Schaue das Blhen und Werden,
Horch, wie im Hain der Vogelsang schallt:
Liebe ist Himmel auf Erden!
Heut zieht's vorber und kann dich nicht kmmern,
Doch wird dein Frhling auch blhen und schimmern,
Bleibe nur fein geduldig,
Bleibe nur fein geduldig!

    Tassilo war hinter Annas Stuhl getreten, und als das letzte Wort des Liedes
mit den verklingenden Akkorden wie ein leiser Hauch erlosch, legte er die Hnde
auf ihre Schultern.
    Sie hob die Augen. Du! Und lchelnd streckte sie die Arme nach ihm.
    Er kte das schimmernde Haar. Ich habe dir einen Gast gebracht.
    Annas Blick huschte zur Tr, und erschrocken sprang sie auf.
    Mutig machte Kitty einen Schritt und begann zu stammeln: Mein Bruder - erst
heute hab' ich - kaum wei ich, wie ich Ihnen meine Freude - Da gingen ihr die
Worte wieder aus. Ein paar Sekunden stand sie hilflos, mit schwimmenden Augen,
dann pltzlich, unter Lachen und Weinen, flog sie auf Anna Herwegh zu und
umschlang sie. -
    Um die gleiche Stunde ffnete Gundi Kleesberg in Schlo Hubertus Tr um Tr.
Kitty? Kitty? Ihre Stimme klang durch das ganze Haus; nur Fritz erschien, der
auf Tante Gundis erregte Frage keine Antwort wute. Die Entdeckung, da auch
Tassilo mit Hut und Stock verschwunden war, beruhigte sie einigermaen und
weckte in ihr die Vermutung, da Kitty mit ihrem Bruder dem Wagen eine Strecke
entgegengegangen wre.
    Im Laufe des Nachmittags traf Roberts Stallbursche mit zwei Reitpferden in
Hubertus ein, und gegen sechs Uhr abends rollte der offene Jagdwagen mit den
beiden Brdern durch die Ulmenallee heran. Willy, ein neunzehnjhriger Fhnrich,
glich im Schnitt der Zge auffallend seiner Schwester; nur die Gestalt war
derber und erinnerte in den breiten Schultern an den Vater; heie Farbe lag auf
dem frhlichen Gesicht, aus dessen Augen der bermut und das junge Leben
lachten; die kurzen Spitzen des kleinen Brtchens standen scharf von der
Oberlippe ab - man sah ihnen an, da sie mit Ungeduld gepflegt und gezogen
wurden. Schon als der Wagen in das Parktor lenkte, sprang Willy auf, rief mit
hallender Stimme den Namen der Schwester und reckte den Kopf, um durch das
Gewirr der ste zu sphen. Vor einem der niederhngenden Zweige duckte er sich,
wankte im schaukelnden Wagen und trat etwas unsanft auf den glnzenden
Lackstiefel seines Bruders.
    So bleib doch sitzen, du Fex, und trample nicht anderen Menschen auf den
Fen herum!
    Na, sei gut, ich war ja nicht lange droben! trstete Willy lachend.
    Robert stubte rgerlich mit dem duftenden Taschentuch den Stiefel ab und
sa wieder in gemessener Ruhe, die eine Hand auf dem Korb des Sbels, den er
zwischen den Beinen stehen hatte, in der anderen die Zigarette. Er trug die
Uniform der Ulanen; das dunkle Grn hob seine elegante Gestalt, und mit
Akkuratesse sa die Mtze auf dem tadellos frisierten Kopf. Neben dem unruhigen
Leben des Bruders erschien Robert wie die Verkrperung jener Langeweile, die
sich als selbstbewute Vornehmheit zu geben wei. Einem schrferen Blick entging
es nicht, da diese stilvolle Ruhe nur Kostm war. Es zuckte um die grauen
Augen, und etwas Nervses lag in der Art, wie er beim Einatmen des
Zigarettenrauches die Unterlippe zwischen die Zhne zog. Auch sonst noch
erzhlte dieses Gesicht von mancherlei Dingen; es war frostig wie das Gesicht
eines Menschen, der eben aus dem kalten Bad gestiegen. Die hnlichkeit mit
Tassilo war unverkennbar; aber obwohl Robert um vier Jahre jnger war, schtzte
man ihn lter als den Bruder.
    Vor der Veranda erwartete Frulein von Kleesberg den Wagen, und in
angemessener Entfernung stand die Dienerschaft in Reih' und Glied: Fritz, Moser,
die alte Beschlieerin, die noch ltere Kchin, zwei bertragene Jungfern und
Roberts Stallbursche in Uniform.
    Tante Gundi! Tante Gundi! rief Willy und winkte mit beiden Hnden. Aber
wo ist denn die kleine Maus? Und den gestrengen Herrn Doktor seh' ich auch
nicht? Es fiel ihm nicht ein, nach dem Vater zu fragen. Da Graf Egge droben in
der Jagdhtte sa, war eine selbstverstndliche Sache.
    Robert verlie als erster den Wagen und dehnte die Beine, als wre er vom
Pferd gestiegen. Mit vorschriftsmiger Hflichkeit kte er die Hand der
Kleesberg und nickte der Dienerschaft einen kaum merklichen Gru zu. Gundi
stotterte in Sorge die Frage, ob Kitty und Tassilo dem Wagen nicht begegnet
wren. Aber sie kam damit nicht zu Ende. Willy umarmte sie mit strmischem Jubel
und drckte ihr zwei schallende Ksse auf die Wangen, da er weie Lippen und
Tante Gundi zwei rote Flecken bekam. Na also, Tantchen, da wren wir! Und geben
Sie mal acht, wie ich Ihnen die Cour schneiden werde. Natrlich nur zu meiner
bung. Der Leutnant wird nicht lange mehr auf sich warten lassen, und bis dahin
mu ich ferm sein, Tantchen! bung macht den Meister! Wieder umarmte er sie.
    Ich warne Sie, Frulein! fiel Robert ein, zwischen den Zhnen eine frische
Zigarette, die er in Brand steckte. Der Junge wei in solchen Dingen zwischen
Scherz und Ernst nicht zu unterscheiden. Wenn er ein paar Zpfe wittert - und
Sie haben doch noch welche? - das macht ihn toll! Er wandte sich an seinen
Stallburschen. Sind die Pferde gut untergebracht?
    Zu Befehl, Herr Graf!
    Davon will ich mich selbst berzeugen. Vorwrts! Er folgte dem Burschen zu
den Stllen.
    Auf den Wangen der Kleesberg brannte die Rte der Emprung durch den Puder.
Mhsam raffte sie ihre ins Wanken geratene Wrde zusammen, und da der
eigentliche Missetter ihrer Entrstung entzogen war, spiete sie den lachenden
Fhnrich auf. In aller Gte, lieber Graf Willy, aber ich mu Ihnen bemerken,
da ich derartige Scherze mehr als unschicklich finde. Wenn sich Ihr Vater
zuweilen solche Spe in der Lederjoppe erlaubt, la ich mir das mit Rcksicht
auf Kitty gefallen und schweige -
    Aber Tantchen! Seien Sie doch gemtlich! Willy versuchte der Zrnenden die
Wange zu streicheln.
    Ich bin sehr gemtlich! Aber alles hat seine Grenze, lieber Graf Willy!
Deshalb mchte ich Ihnen wie Ihrem Bruder bemerken -
    Gundi Kleesberg verstummte, weil Willy mit langen Sprngen davonrannte.
Kitty! Kleine se Maus! Da bist du ja! Er breitete die Arme nach der
Schwester aus, die mit Tassilo in der Ulmenallee erschienen war.
    Kitty lief ihm entgegen, er umarmte und kte sie mit burschikoser
Zrtlichkeit und schwang sie im Kreis, da sie eine Weile mit den Fchen nicht
auf die Erde kam. Als er sie niedersetzte, machte er staunende Augen. Nanu!
Schatz! Was ist denn aus dir in diesen acht Tagen geworden? Die Luft in Hubertus
wirkt ja Wunder! Na, sieh mal, wie sich das Ding gestreckt hat! Und die Augen,
die sie macht!
    Kitty atmete tief, und ohne zu antworten, blickte sie auf Tassilo zurck,
der langsam herbeikam. Aus ihr redeten noch die Eindrcke der vergangenen
Stunden, und ihre Augen hatten einen trumerischen Glanz. Als sie bemerkte, da
Willy keine Miene machte, den Bruder zu begren, flsterte sie hastig: Wenn du
mich lieb hast, so bitte ich dich, sei freundlich mit Tas!
    Willy stutzte. Freundlich? Weshalb denn nicht? Ich habe durchaus keine
Ursache, khl gegen ihn zu sein - wenn er es nicht gegen mich ist!
    Er ist nicht khl, am allerwenigsten gegen seine Geschwister. Das sag' ich
dir, denn ich wei es! Nur ernst ist er. Und verstanden will er sein!
    Na, meinetwegen! Die Hand streckend, ging Willy auf den Bruder zu. Guten
Abend, lieber Tas! Ich freue mich herzlich. Eine famose Sache, da wir alle mal
wieder so nett beisammen sind. Das ganze Nest von Hubertus!
    Gr dich Gott, lieber Willy! Tassilo fate die Hand des Bruders. Dein
Aussehen macht mir Freude und lt mich hoffen, da du dich wieder vllig wohl
fhlst?
    Ohne Sorge! Ich habe mich wieder flott auf den Damm geschwungen.
    Warst du denn krank? fragte Kitty erschrocken.
    Er wurde ein bichen verlegen. Ach, Gott bewahre! So 'ne harmlose
Erkltung, nicht der Rede wert! Wie weggeblasen. Weit du, das war nur so - Er
begann eine Geschichte zu erzhlen: von einem Marsch bei scheulichem Wetter
und von einem unvorsichtigen Trunk. Dabei dmpfte er die Stimme und zog die
Schwester aus Tassilos Nhe.
    Das war berflssige Vorsicht; Tassilo nahm dem Boten, der die Abendpost
brachte, die Zeitungen und Briefe ab. Rasch berflog er die Adressen. Eine war
mit plumper Hand geschrieben: Ann den hochgebohrnen Dogtor Graffen Dasilo Ekke
Senefeld. Tassilo schien die Schrift zu kennen. Einen Augenblick! rief er dem
Boten zu, der sich schon wieder zum Gehen wandte, und erbrach den Brief.
    Kitty hatte Willys wortreiche Geschichte schweigend angehrt und streichelte
ihm zrtlich die Wange. Da darfst du wirklich von Glck sagen, da du mit dem
Schreck davongekommen bist. Du siehst wieder aus wie das Leben. Jetzt sei
vernnftig und halte dich!
    Na, das versteht sich! Man wird lter und vernnftiger, weit du!
    Aber wo bleibt denn Tas? Sie sah sich nach dem Bruder um und hrte ihn zum
Postboten sagen: Ich werde gegen acht Uhr einen Exprebrief schicken und lasse
den Herrn Expeditor bitten, mir zu Gefallen eine Ausnahme zu machen und den
Brief noch anzunehmen, er mu mit der nchsten Post noch abgehen, oder ich mte
ihn direkt zur Bahn schicken!
    Kitty wurde unruhig und ging auf Tassilo zu. Hast du eine unangenehme
Nachricht erhalten?
    Nein, Schatz! Ein armer Teufel, den sie im vergangenen Sommer zu drei
Jahren verurteilen muten, ist auf Grund seiner tadellosen Fhrung begnadigt
worden. Ich hab' ihn damals verteidigt. Nun hat er mich in Mnchen aufgesucht
und nicht gefunden. Er ist ratlos, niemand will ihm Arbeit geben. Aber er mu
eine Stelle finden, die ihn leben lt. Und ich hoffe, ihm eine solche
verschaffen zu knnen. Verzeihe, Schatz, aber die Sache hat Eile. Er nickte der
Schwester zu und ging rasch davon.
    Was hat er denn? fragte Willy.
    Er mu einen Brief beantworten. Eine sehr ernste Angelegenheit.
    Willy lachte. Ernst, ernst, ernst! Das ist ja dein zweites Wort! Sag' mir
nur, du kleine Maus, was ist denn nur mit dir? Wer dich ansieht, mchte dich fr
eine Dame nehmen, und wer dich hrt, fr eine Gouvernante.
    Scherze nicht! Ich fangen endlich an, den Ernst des Lebens zu verstehen.
Aber komm, jetzt wollen wir zu Robert. Sie nahm Willys Arm und lie ihn wieder
fahren, um fliegenden Laufes ihren Bruder Tassilo einzuholen. Bei der Veranda
erreichte sie ihn und schlang die Arme um seinen Hals. Sie ist entzckend, Tas,
ich liebe sie wahnsinnig! flsterte sie, kte ihn aufs Ohr und rannte lachend
zu Willy zurck.
    Erlaube mir, Maus, du benimmst dich mit ihm, das ist geradezu sonderbar!
Es klang aus diesen Worten eine Regung brderlicher Eifersucht.
    Kitty wurde rot. Das Geheimnis, das sie vor Willy verbergen mute, machte
sie glcklich, aber auch ein wenig schuldbewut. Er ist so herzensgut!
    So? Das bin ich wohl nicht?
    Natrlich! Du auch!
    Der leere Jagdwagen fuhr im Bogen um das Schlo herum, und aus dem Flur
klang die Stimme der Kleesberg, die das Schicksal des Gepckes berwachte. Der
alte Moser, der seinen Anteil an dieser Arbeit bereits erledigt hatte, nherte
sich den beiden Geschwistern mit dem Hut in der Hand.
    Wo ist denn mein Bruder Robert? fragte Kitty.
    Im Stall, Fruln Konte!
    Whrend Kitty davoneilte, blieb Willy vor dem Alten stehen und klopfte ihn
auf die Schulter. Na, Moserchen, wie haben wir berwintert?
    Net schlecht, Herr Graf! Wie an alter Has, der die warmen Platzerln kennt.
Aber ds mu ich schon sagen, Herr Graf, vllig verdrossen hat's mich, da der
Herr Graf den alten Moser so lang mit keim Gru beehrt haben. Ja, vllig
verdrossen hat's mich. Und ich hab mich so viel auf den jungen Herrn Grafen
gefreut!
    Aber Moserchen, wer wird denn gekrnkt sein! Wir waren doch immer gute
Freunde, und das bleiben wir auch!
    Der Alte lachte geschmeichelt und drehte den weien Schnurrbart. Herr Graf,
fr Ihnen geh ich noch allweil durchs Feuer! Kein bessern Freund haben S' fein
net als mich!
    Natrlich! Und jetzt legen Sie mal los, Moserchen, was gibt's denn Neues in
und um Hubertus?
    A guts Jahr heuer, ja! Der gndig Herr Graf droben schiet ein Hirsch und
ein Gamsbock um den andern. Es kracht nur allweil so. Und den ganz alten Bock,
den mit der sakrischen Kruck, den hat er jetzt endlich auch beim Zipfl erwischt.
Den Freudensprung mcht ich gsehen haben, den er gmacht hat! Ja, a saubers Jahr
heuer! Die Gams sind gut im Wildbret, und die Hirsch haben teuflische Gweih
auf! Ein lustiges Kichern unterbrach den bedchtigen Bericht. Und d' Leut
haben sich auch net schlecht ausgwachsen heuer! Gwisse Leut! Der Alte zwinkerte
mit den Augen.
    Willy wute den Sinn dieser Anspielung nicht zu ergrnden.
    Spitzen werden S', Herr Graf, grad spitzen, wenn Sie s' Lieserl
wiedersehen.
    Lieserl? Willy schttelte den Kopf, seine Erinnerung lie ihn im Stich.
    Aber Herr Graf! Vor mir brauchen S' Ihnen net verstellen! Sie wissen schon,
wen ich mein'. Unser Zaunlieserl knnen S' doch net vergessen haben!
    Das Lieserl! Richtig, das Lieserl! Es dmmerte in Willys Gedchtnis, und
lachend zupfte er an seinem Brtchen.
    Ja, Herr Graf, gleich anbeien mcht man! So lieb is der kleine Schniegel!
    Da bin ich wirklich neugierig. Und sag' mir, Moser - Willy brach ab, da er
Kitty und Robert um die Ecke des Schlosses kommen sah. Er klopfte den Alten auf
die Schulter und sagte mit verwandelter Stimme: Brav, Moserchen, das freut
mich, da Sie noch immer so rstig sind. Morgen steigen wir miteinander hinauf
zur Htte. Das soll eine lustige Jagd werden! Lachend reichte er ihm die Hand
zum Abschied und bummelte den Geschwistern entgegen.
    Robert schien bler Laune, und Kitty war erregt. Mit beiden Hnden hielt sie
seinen Arm umspannt und sah flehend zu ihm auf. So tu es mir zuliebe, ich bitte
dich, Robert! Geh hinauf zu ihm und sag' ihm einen Gru.
    Das ist alles recht lieb und niedlich von dir! Aber jeder nach seiner Art.
Ich kann es in aller Gemtsruhe abwarten, bis ich Gelegenheit finde, Herrn
Doktor Egge einen vergngten Abend zu wnschen.
    Aber Robert!
    Ich mte mir auch einen Vorwurf daraus machen, wenn ich ihn bei seiner
humanen Beschftigung stren wollte. Mit hoheitsvoller Entschiedenheit lste
Robert den Arm, nahm eine frische Zigarette und trat ins Haus.
    Trauernd sah Kitty ihm nach. Willy legte den Arm um ihre Schulter. Zwischen
den beiden fngt wohl die alte Geschichte schon in der ersten Stunde wieder an?
Na, ich habe meine Schuldigkeit getan! Und du sei klug, liebe Maus, und mische
dich nicht in Dinge, die du nicht ndern kannst. Komm, wir beide wollen
zusammenhalten und lustig sein! Jetzt machen wir einen Hetzbummel durch den
Park. Das trainiert den Hunger, bis es lutet. Lachend zog er die Schwester mit
sich fort.
    Kittys trbe Stimmung wollte sich nicht aufhellen, sosehr sich Willy auch
alle Mhe gab, die Schwester frhlich zu machen. Er lie alle Schnurren los, die
ihm einfielen, kopierte drollig den alten Moser, die Gundi Kleesberg und seinen
Bruder Robert, stellte sich in der Haltung berhmter Statuen auf die Felsblcke
und Baumstmpfe, schwang sich als Windfahne um die Laternenpfhle und war so
harmlos ausgelassen wie ein guter, lustiger, unverdorbener Junge, der aus dem
Seminar in die Ferien kam und sich der ersten freien Stunde freut.
    Ein paarmal zwang er wohl die Schwester zum Lachen, doch es kam ihr nicht
von Herzen. Und schlielich schien es ihr willkommen zu sein, da sie mahnen
konnte: Es wird spt, wir wollen ins Haus zurck.
    Na meinetwegen! murrte Willy. Du hast heute einen Humor - ein Igel ist
dagegen der reine Seidenpinsch!
    Da klang durch das Torgitter eine freundliche Mdchenstimme. Recht guten
Abend, Fruln Konte! Guten Abend auch, Herr Graf!
    Hurtig drehte Willy auf dem Hacken herum, sah ein hbsches Gesicht durch die
Eisenstbe schimmern und ein schmuckes, halb stdtisch gekleidetes Figrchen
hinter der Mauer verschwinden.
    Wer war das?
    Kitty blieb stehen. Wer?
    Das Mdchen, das uns grte?
    Ich wei nicht, ich habe nichts gehrt.
    Willy stand unschlssig. Zgernd folgte er der Schwester, und dann griff er
mit beiden Hnden an seine Taschen. Verwnscht! Jetzt hab' ich meine
Zigarettendose verloren. Geh nur ins Haus, ich komme gleich! Immer wieder an
die Taschen greifend, folgte er einem seitwrts zwischen die Bsche fhrenden
Pfad; hinter einer Biegung blieb er stehen, und als er den Schritt der Schwester
auf der Veranda hrte, rannte er zum Parktor. Lautlos ffnete er das Gitter und
trat auf die Strae, ber deren Staub sich schon der Tau des dmmernden Abends
legte. Er konnte sie weit bersehen, fast hinunter bis zu Meister Zauners Haus.
Aber die Strae war leer. Natrlich! schmollte er wie ein Kind, dem der Wunsch
nach einem Spielzeug versagt wurde. Schon wollte er milaunig den Rckweg
antreten, als ihm einfiel, da das Mdel nach der entgegengesetzten Richtung
gegangen wre. Wohin? Da drauen lag ein vereinzeltes Bauernhaus, der Mooshof.
Was konnte das junge Ding so spt am Abend da drauen zu schaffen haben? Whrend
er noch stand und grbelte, tauchte das Mdel an der Biegung der Parkmauer auf.
Vergngte Neugier sprang aus Willys Augen, und er stellte sich in
erwartungsvolle Positur, die eine Hand in der Tasche, die andere am Brtchen:
Mars, der Siegende!
    Das Mdel schien ihn bereits gewahrt zu haben und schlngelte sich, als wre
ihr vor dieser Begegnung ein bichen bang, auf die andere Straenseite.
    Lchelnd verfolgte Willy dieses vielsagende Manver. Wohl spann schon die
Dmmerung ihre grauen Schleier, doch immerhin vermochte er die Kommende noch
einer erfolgreichen Musterung zu unterziehen. Ei sieh mal an! Moserchen hat
nicht bertrieben! Der kleine Kfer vom vergangenen Sommer hat sich ganz
allerliebst ausgewachsen.
    Nun ging sie an ihm vorber, nickte zutraulich einen stummen Gru und
blickte auf die Seite, um ihr vergngtes Lcheln zu verstecken. Willy machte ein
paar flinke Sprnge, guckte in ihr kokettes Grbchengesicht und drohte mit dem
Finger. Lieserl! Lieserl! Ein so junges, hbsches Kind wie du sollte so spt am
Abend nicht mehr allein auf der Strae sein!
    Sie blitzte ihn mit den dunklen Augen an und schmunzelte; doch gleich wieder
zeigte sie ein ernstes Gesicht und sagte hochdeutsch und selbstbewut: Ich
frchte mich nicht, Herr Graf! Ich wei mich ntigenfalls schon zu verteidigen.
    So? Er lachte. Und wo kommst du denn so spt noch her?
    Mein Herr Vater hat mich mit einer Botschaft zum Mooshof geschickt. Der
Mooshofer ist mir begegnet und hat mir den halben Weg erspart. Aber ich bitte,
Herr Graf, ich mu nach Hause. Wnsch guten Abend! Sie machte einen nicht bel
gelungenen Knicks, versuchte das Lcheln zu unterdrcken und setzte sich langsam
in Gang.
    Willy blieb an ihrer Seite. Hr', Lieserl, das ist ein groes Unrecht von
deinem Herrn Vater, da er dich so spt noch fortschickt. Denk' nur, was dir
alles passieren kann! Da ist es meine heilige Ritterpflicht, dich unter meinen
Schutz und Schirm zu stellen! Er wollte ihren Arm nehmen, doch kichernd wich
sie vor ihm zurck.
    Aber Herr Graf! Was denken Sie nur! Sie und ich! Wenn das die Leute sehen
wrden!
    Geh, du Nrrlein! Erstens sieht es kein Mensch, und zweitens wrde ich mich
den Teufel darum kmmern. Willy haschte ihren Arm und gab ihn nicht mehr frei -
Lieserl strubte sich auch nicht allzusehr. Und vor mir wirst du doch keine
Angst haben? Wir sind doch schon im vergangenen Sommer gute Freunde geworden.
Ja, Lieserl, ich habe viel und oft an dich gedacht. Und heute bei meiner Ankunft
in Hubertus war die Frage nach dir das erste Wort, das ich mit Moser gesprochen
habe.
    Lieserl blinzelte unglubig. Ist das auch wahr, Herr Graf?
    Natrlich! versicherte er und drckte ihren runden Arm an seine Brust.
Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, da ich dir begegnet
bin, gleich am ersten Abend!
    Ja, das ist wirklich merkwrdig, ein solcher Zufall! Kichernd versteckte
sie das Gesicht.
    Und du, Lieserl, ehrlich, hast du auch manchmal an mich gedacht?
    Die Antwort lie auf sich warten. Endlich sagte Lieserl diplomatisch: Das
ist aber ein bil viel gefragt, Herr Graf. Man mu nicht alles wissen!
    Willy wurde warm. Wirst du gleich antworten, du Schnabel, du niedlicher!
Mit flinkem Griff umschlang er ihre Hfte. Heraus mit der Sprache: Hast du an
mich gedacht oder nicht? Er prete das Mdel fest an sich.
    Nun war es mit Lieserls Hochdeutsch zu Ende. Aber ich bitt, Herr Graf, sind
S' doch gscheit!
    Heraus mit der Sprache!
    Da klang vom Zaunerhuschen der Ruf einer Mnnerstimme: Lieserl! Lieserl!
    Jesus Maria, der Vater! stotterte das Mdel und versuchte sich
loszureien.
    Willy hielt mit dem rechten Arm fest, fing mit der linken Hand das hbsche
Kpfl ein und verschlo das Stottermulchen mit einem Ku, der nicht unerwidert
blieb.
    Aber Sie sind einer! schmollte Lieserl, als sie nach lngerer Dauer ihre
Freiheit gewann; und hurtig surrte sie davon, whrend Willy lachend den
Straengraben bersprang und sich in die Buchenbsche drckte.
    Von Hubertus klang mit bimmelndem Hall die Tischglocke. Dem Fuweg neben der
Strae folgend, begann Willy zu laufen, immer schneller. Fast atemlos erreichte
er das Parktor und rannte durch die dunkle Ulmenallee. Als er den freien Platz
vor dem Schlo erreichte, befiel ihn pltzlich ein krampfhafter Hustenreiz.
Taumelnd sttzte er sich an einen Baum und drckte das Taschentuch auf den Mund.
    Als der Anfall vorber war, trat er langsam auf den offenen Platz hinaus,
ber den die erleuchteten Fenster ihre Helle warfen. Vor der Veranda blieb er
stehen, streifte mit dem Zeigefinger ber die Lippen und untersuchte das
Taschentuch. Ach Unsinn! murmelte er und nahm mit einem Sprung die drei Stufen
der Veranda.
    Im Speisezimmer fand er Kitty, Gundi Kleesberg und Robert bereits beim
Souper. Tassilos Platz war noch leer. Als Willy eintrat, fragte die Schwester:
Hast du sie gefunden?
    Der Doppelsinn dieser Frage machte ihn lachen. Natrlich! Das hat keine
groe Mhe gekostet. Er nahm seinen Platz ein und rieb vergngt die Hnde.
Whrend des Soupers trug er die Kosten der Unterhaltung, kramte alle Neuigkeiten
der Residenz aus und sprach mit bedenklichem Eifer dem Glase zu. Das bemerkte
Robert und rumte schlielich dem Bruder unter einem mahnenden Blick die
Weinflasche aus dem Bereich der Hnde. Willy schien die Bedeutung dieses Blickes
zu verstehen; wohl zuckte er rgerlich die Schultern, doch lie er sich die
Sache schweigend gefallen. Fr ein paar Minuten war seine Laune gedmpft; dann
sprudelten seine Worte wieder wie ein munteres Brnnlein. Der Erfolg, den er
damit hatte, war allerdings ein zweifelhafter. Robert a nervs und schien nicht
zu hren, Kitty blieb zerstreut, und Gundi Kleesberg hllte sich in die
schweigende Wrde der Beleidigten. Bei der fliegenden Revue, die Willy ber die
Sensationen der letzten Wochen hielt, kam auch der Theaterklatsch an die Reihe.
Trotz Tante Gundis ruspernder Unruhe erzhlte er von einer Duellaffre, in die
der Name der ersten Solotnzerin verwickelt wre. Und dann wandte er sich an die
Schwester.
    Weit du auch schon das Allerneueste? Das mu dich besonders interessieren.
Du schwrmst ja fr die Herwegh.
    Erschrocken blickte Kitty auf und fhlte die brennende Rte, die in ihre
Wangen stieg.
    Denke dir, die Herwegh geht von der Bhne ab. Das ist ein groer Verlust.
Sie hat doch eine ganz phnomenale Stimme und ist eine Knstlerin ersten
Ranges.
    Ja, das ist sie! fiel Kitty streithaft ein. Und ich verehre sie sosehr -
ich dulde unter keinen Umstnden, da in meiner Gegenwart auch nur ein einziges
unfreundliches Wort ber Anna Herwegh gesprochen wird.
    Aber Muschen, was hast du denn? lachte Willy. Ich sage doch nur das
Beste von ihr. Eine wirkliche Knstlerin! Dazu noch jung und schn. Dagegen hab'
ich doch wahrhaftig nichts einzuwenden. Ich wollte nur sagen, da dieser
pltzliche Abschied eine sehr rtselhafte Sache ist. Niemand wei -
    Frulein Herwegh wird ihre triftigen Grnde haben.
    Hre, Maus, da hast du eine kolossale Weisheit ausgesprochen! Aber auf
diese Grnde ist man eben neugierig! Gestern brachten die Zeitungen ellenlange
Artikel, begeisterte Wrdigungen der scheidenden Knstlerin, Lamentationen ber
den unersetzlichen Verlust. Natrlich vermutet man, da sie heiraten wird. Aber
wen? Eine Zeitung hat auf den Trger eines hocharistokratischen Namens
angespielt. Ich mchte wissen, wer damit gemeint ist?
    Zeitungsgewsch! sagte Robert. Wenn hinter dem Gercht ein Funken
Wahrheit steckt, haben wir nicht die geringste Ursache, neugierig zu sein. Es
heit, sie soll sich in ihrer zehnjhrigen Bhnenkarriere ein hbsches Vermgen
gemacht haben. Und es gibt leider Menschen, die mit solchen Dingen rechnen und
dabei eine Krone im Schnupftuch tragen. Sie wird sich nach bekanntem Muster ein
verkrachtes Halbblut gefischt haben, das sich rangieren will.
    Weit du gewi, ob sich die Sache so verhlt? fragte Kitty mit vor
Erregung erwrgter Stimme.
    Aber kleine Maus? staunte Willy.
    Antworte mir, Robert!
    Langsam hob Robert die kalten Augen. Die Kleine ist komisch. Wie kommst du
denn berhaupt dazu, in solchen Dingen mitzusprechen?
    In Kittys Augen blitzte der Zorn. Ich verstehe wohl nicht viel von dem, was
ihr beide als Anstndigkeit und guten Ton betrachtet. Aber ich meine, man sollte
von einer Dame nicht in solcher Weise sprechen. Am allerwenigsten, wenn man
nichts anderes vorzubringen wei als eine grundlose, beleidigende Vermutung!
    Die beiden Brder machten verblffte Gesichter, und Gundi Kleesberg schien
wie auf Kohlen zu sitzen. Willy fand zuerst wieder die Sprache; die Sache begann
ihn zu belustigen. Sieh mal einer den kleinen Naseweis! Wahrhaftig, Maus, an
dir ist ein Gymnasialprofessor verlorengegangen.
    Robert schlo einen Moment die Augen, als htte er ein Ghnen zu
unterdrcken. Du hast wohl heute zuviel Schiller gelesen? Was? Na, sei gut,
kleiner Schker! Du wirst wohl noch in die vernnftigen Jahre kommen, in denen
man dir nicht nher auseinanderzusetzen braucht, da solchen - du sagtest: Dame?
nicht wahr? - da solchen Damen gegenber die generelle Erfahrung jede
Spezialgewiheit ersetzt. Also beruhige deinen echauffierten Idealismus! Da
einer unserer guten Namen bei der Sache kompromittiert werden knnte, brauchst
du nicht zu befrchten. Wer Vollblut ist, wei solchen Damen gegenber immer die
Grenze des Zulssigen zu wahren. So was liebt man unter Umstnden, aber das
heiratet man nicht.
    Kitty erblate. Ich hoffe, Robert, du hast nicht deine eigene Meinung
ausgesprochen? Denn was du da gesagt hast, ist eine Niedrigkeit!
    Aber Maus? stotterte Willy, und seine Augen hefteten sich in unbehaglicher
Sorge auf den Bruder.
    Robert legte das Besteck auf den Tisch, da es klirrte. Mit einem wahrhaft
olympischen Blick seiner kalten Augen musterte er die Schwester. Es scheint dir
einigermaen das Verstndnis fr das zu fehlen, was du sprichst. Er wandte sich
an die Kleesberg. Ich meine, Sie sollten die Sprachbungen der Kleinen einer
etwas schrferen Kontrolle unterziehen.
    Da ri bei Tante Gundi der langgezogene Faden der Geduld. Langsam legte sie
das Haupt zurck - ein Zeichen ihrer tiefsten Emprung. Erstens bin ich nicht
die Gouvernante, mit der Sie mich zu verwechseln belieben. Zweitens - wenn ich
auch Kittys unbedachte Worte nicht begreife, so verstehe ich doch ihre
begrndete Mibilligung eines Gesprches, das vor zarten Ohren nicht am Platz
erscheint, am allerwenigsten vor dem Ohr einer jngeren Schwester.
    Robert strich die Serviette ber den Schnurrbart, erhob sich, blickte aus
unnahbarer Hhe auf die Kleesberg herab und steckte an der Lampe eine Zigarette
in Brand. Na, viel Vergngen! Er zog sich ins Billardzimmer zurck.
    Willy setzte die Fuste in die Hften und schmollte: Aber hrt, Kinder, das
ist doch mehr als ungemtlich!
    Gundi Kleesberg warf ihm einen strengen Blick zu, und Kitty sa schweigend,
mit Trnen in den Augen.
    Als Fritz das Dessert servierte, erhob sich auch Willy. Ich mache noch
einen Bummel.
    Im Speisezimmer blieb es still. Tante Gundi flchtete sich mit ihrem Buch in
einen Erker, und Kitty sa mit aufgesttzten Armen einsam am Tisch, whrend im
Zimmer nebenan die Billardblle klapperten. Als Tassilo endlich erschien, flog
ihm Kitty entgegen und schlang mit leidenschaftlicher Zrtlichkeit die Arme um
seinen Hals. Komm nur, stammelte sie, ich leiste dir Gesellschaft. Sie zog
ihn zum Tisch und drckte auf die Glocke. Schon wollte Tassilo seinen Platz
einnehmen, als er das Geklapper der Billardblle hrte. Einen Augenblick zgerte
er; dann schritt er dem anstoenden Zimmer zu; er sah nicht, da Kitty eine
Bewegung machte, als wollte sie ihn zurckhalten.
    Robert salbte gerade den Stock, als Tassilo eintrat.
    Verzeih', ich habe bis jetzt nicht Gelegenheit gefunden, dich zu begren.
Wie geht es dir?
    Danke, gut! Robert legte die Kreide nieder und blies ber die
Fingerspitzen. Und dir?
    Ich bin zufrieden.
    Schn! Das hr' ich gern. Robert musterte die Stellung der Blle; er legte
den Stock und zielte lange. Es war ein schwieriger Sto.
    Tassilo kehrte in das Speisezimmer zurck, und whrend des Soupers, das
Fritz ihm nachservierte, bediente ihn Kitty wie ein Mtterchen den
Lieblingssohn, der nach langer Trennung die erste Mahlzeit wieder am
heimatlichen Tisch geniet.

                                       14


Spt am Abend kam Franzl von der Jagdhtte herunter ins Dorf. Auf den Armen trug
er den Hund, den er dem Tierarzt zur Pflege bergeben sollte. Hirschmanns
Befinden hatte sich bedenklich verschlimmert. Als Franzl an Meister Zauners Haus
vorberschritt, hrte er leises Kichern aus dem Garten und sah das feine
Lieserl mit einem jungen Manne beisammenstehen, der sich in die dunklen Bsche
drckte, als mchte er nicht erkannt werden. Dem Jger war es, als she er die
Knpfe einer Uniform blinken. Schau, jetzt hat sie sich wieder an Urlauber
aufzwickt!
    Er htte sein Haus auf krzerem Weg erreichen knnen. Eine sehnschtige
Hoffnung veranlate ihn zu weitem Umweg. Aber als er am Bruckneranwesen
vorbeiging, sah er den Hofraum leer und alle ebenerdigen Fenster dunkel; nur aus
dem groen Fenster der Giebelstube fiel der strahlende Schein einer Lampe, und
manchmal glitt ber die erleuchteten Scheiben ein schlanker Schatten, als
schritte jemand unermdlich in dem Stbchen auf und nieder. Seufzend wanderte
Franzl davon.
    Vor der eigenen Haustr mute er eine Weile warten. Seine Mutter war schon
schlafen gegangen. Erschrocken kam sie auf sein Klopfen und ffnete - seit ihres
Mannes Tod erschrak sie immer, wenn man zu ungewohnter Stunde an ihre Tr
pochte.
    Bub? Du? Jesus Maria, was is denn gschehen?
    Nix! Gar nix! Gr dich, Mutter! Franzl zeigte ihr den kranken Hirschmann
als Ursache seiner spten Heimkehr. Das beruhigte die Horneggerin nicht. Die
scharfen Augen ihrer Sorge entdeckten den strengen Zug im Gesicht ihres Buben.
Aber Franzl wute hundert beruhigende Ausreden. Schlielich flchtete er sich in
sein Stbchen und verlie am andern Morgen vor der Dmmerung das Haus mit dem
Hund auf den Armen. Er weckte den Nachbar, lie das Bernerwgelchen einspannen
und kutschierte zur Bahnstation, wo der Tierarzt wohnte. Schweren Herzens
trennte Franzl sich von dem Hund, der ein jmmerliches Gewinsel begann, als er
in das Spital gesperrt wurde und den Jger verschwinden sah.
    Um die neunte Vormittagsstunde war Franzl wieder im Dorf. Gegen elf Uhr
sollte er mit den jungen Herren den Aufstieg zur Jagdhtte antreten. So blieben
ihm zwei freie Stunden, die er gut bentzen wollte. Diesmal schlug ihm seine
Hoffnung nicht fehl. Warme Freude berglnzte seine abgehetzten Zge, als er das
Bruckneranwesen erreichte und Mali mit dem Netterl auf der sonnigen Hausbank
sitzen sah. Schon von der Strae rief er dem Mdel einen Gru entgegen. Mali
wurde rot und nickte dem Jger schweigend zu, als htte ihr die Freude ber die
unerwartete Begegnung die Rede verschlagen. Franzl kam und reichte ihr die Hand.
Mali zog ihn auf die Bank, warf einen scheuen Blick ber Hof und Strae und
sagte flsternd: Red nur gleich! Bist wieder in Ordnung mit'm Herrn Grafen?
Hast ehrlich gredt?
    Alles hab ich ihm gsagt.
    Da mu ja alles wieder gut sein!
    Wie man's nimmt. Ins Gsicht hat er mir freilich gsagt: Ich glaub dir's.
Aber die ganzen Tag her, bei der Jagd und in der Htten, hab ich allweil merken
mssen, da er's richtige Zutrauen nimmer hat.
    So was von Ungerechtigkeit! Ds gfallt mir net vom Herrn Grafen. Sonst mag
er an ehrenwerter Herr sein! Aber was er mit dir fr a Stckl auffhrt -
    Mut net schelten! Mein Herr is er allweil. Die Gschicht liegt mir freilich
am Buckel wie aber Zentnerstein. Aber im Grund drf ich's ihm net verbeln. Er
is schon ber die vierzig Jahr bei der Jagerei. Da is ihm schon oft a schlechter
Kerl unterkommen, der ihn hint und vorn betrogen hat. Was die andern verschuldt
haben, mu ich ben! Und der Schipper hetzt halt. In Gotts Namen! Mu ich mich
halt in Geduld fassen, bis der Graf einsieht, da er mir unrecht tut!
    Malis Zorn begann sich zu beschwichtigen. Franzl, du bist a guter Kerl!
Aber 's Gutsein hat oft sei' Gfahr. Ds ntzen die Haderlumpen aus, und der
ehrliche Mensch hat 's Nachschauen.
    Da kannst recht haben! Aber man kann sich net wenden wie der Schneider die
alte Joppen. Wie der Stein fallt, so liegt er, wie der Mensch is, so bleibt er.
Lassen wir die Gschicht in Ruh! Ich bin zfrieden, weil ich wei, du meinst es
gut mit mir. Ds hab ich lang schon gsprt. Und gwi wahr, wenn ich bei dir bin
- Er verstummte mit glcklichem Lcheln und rckte nher.
    Mali wurde ein wenig verlegen, aber dem kleinen Netterl schien die
Annherung des Jgers Freude zu bereiten; lange schon hatte das Kind die
Hndchen begehrlich nach den in Silber gefaten Hirschgranen, Adlerklauen und
Murmeltierzhnen gestreckt, die an Franzls Uhrkette in dicker Quaste klunkerten;
nun konnte Netterl den Gegenstand seiner Sehnsucht erhaschen und uerte sein
Vergngen mit frhlichem Gezappel.
    Schau nur grad ds Kindl an! lchelte Mali. Geh, la ihm sei' Freud a
bil!
    Aber freilich! Um dem Kind das Spiel zu erleichtern, beugte Franzl sich
vor; dabei war ihm der linke Arm ein bichen hinderlich, und er mute ihn um
Malis Schultern legen. Ja, du, sagte er, vllig staunen tu ich, um wieviel
ds Kindl heut besser ausschaut gegen 's letztemal.
    Die Freude glnzte in Malis Augen. Und um dem Netterl die Sache recht bequem
zu machen, schmiegte sie sich eng an den Jger. Gelt, ja? Die ganzen
Nachbarsleut reden schon davon, wie ds gute Kindl vllig wieder auflebt!
    In deiner Lieb halt, weit! sagte Franzl ernst. So was is gut. Ds sprt
einer gleich. So was is oft besser wie der beste Dokter. Da wird eim vllig warm
in die innern Urgan, weit, und 's ganze Leben kriegt an andern Zug. Wie a
kranks Blmerl, wann d' Sonn kommt! Gelt, Netterl? So was tut wohl! Jaaaaa!
Zrtlich ttschelte er das Gesichtl des lallenden Kindes, das auf dem Scho
seiner jungen Pflegemutter immer lustiger zappelte und mit beiden Hnden in dem
klappernden Spielzeug whlte. Jaaa, Netterl, gelt? Die richtige Lieb hilft
gschwinder als Meisterwurz und Hollertee!
    Da soll's net fehlen an mir! beteuerte Mali. Lieb hab ich an ganzen Sack
voll im Herzen, und alles gib ich her, wann's helfen kann!
    Nun saen sie stumm und sahen lchelnd dem Spiel des Kindes zu. -
    Forbeck betrat den Hofraum. Seine Stirn war bleich, dunkle Schatten lagen um
seine Augen, als htte er eine schlaflose Nacht verbracht. Beim Anblick der drei
Menschen, die anzusehen waren wie eine junge, glckliche Familie, heiterte sein
Gesicht sich auf. Auch der malerische Reiz des Bildes fesselte ihn, und gern
begrte er die Gelegenheit, den Jger, den er wiedererkannte, als Modell zu
gewinnen.
    Als Forbeck sich der Hausbank nherte, rckte Mali errtend zur Seite, und
Franzl machte ein verdrossenes Gesicht. Auf die Bitte des Malers, ihm eine
Stunde Modell zu stehen, fand der Jger nicht gleich eine Antwort. Erst als ihm
Mali ermunternd zunickte, erhob er sich und sagte: Wenn der Herr Maler an mir
was z'malen findet, meintwegen. A Stndl hab ich noch Zeit!
    Forbeck und Franzl stiegen hinauf in die Giebelstube, und die Arbeit wurde
sofort begonnen. Der Jger, der an dem Bild seine Freude hatte und ber die
hnlichkeit der lieben Konte߫ nicht genug zu staunen wute, erfate mit
flinker Gelehrigkeit seine Aufgabe. Doch als er eine Weile in der ihm
vorgeschriebenen Stellung ausgehalten hatte, lie er die Arme sinken und
schttelte nachdenklich den Kopf.
    Sind Sie mde? fragte Forbeck.
    Gott bewahr! Aber ich glaub, wir knnten die Sach a bil besser machen. Ich
denk mir freilich, da ich wieder die Konte so trag wie selbigsmal. Aber die
richtige Kraft im Gstell km besser aussi, wann ich was auf'm Arm htt - was
Gwichtigs! Meinen S' net auch?
    Allerdings -
    Da rannte Franzl zur Tr und rief ber die Treppe hinunter: Mali, geh, komm
gschwind a bil auffi!
    Das Mdel erschien mit dem Netterl in der Stube. Geschftig breitete Franzl
seinen Wettermantel ber die Dielen, setzte das Kind zu Boden und gab ihm die
Uhrkette mit den baumelnden Schtzen als Spielzeug.
    Aber was machst denn? stotterte Mali. Was is denn los?
    Pa nur auf! lachte Franzl und hob das Mdel mit flinkem Griff auf seinee
Arme. So, Herr Maler! Jetzt fangen S' an!
    Unter Lachen wollte Mali sich struben; aber Franzls Arme pflegten
festzuhalten, was sie einmal gefat hatten. Und als auch Forbeck sich noch mit
einem bittenden Wort ins Mittel legte, gab Mali ihren ohnehin nicht allzu
energischen Widerstand auf und sagte: Weil's der Herr Maler will, in
Gottsnamen!
    Forbeck arbeitete mit stillem Eifer, whrend durch das Fenster die
Morgensonne breit und leuchtend auf die zwei geduldigen Modelle fiel. Die beiden
waren so ganz bei der Sache, da Franzl die Elfuhrglocke und Mali die Stimmen
berhrte, die sich drunten im Flur vernehmen lieen.
    Die zwei lteren Kinder des Bruckner waren von der Schule heimgekehrt und
auf der Strae mit dem Vater zusammengetroffen. Als der Bauer die Stube leer und
in der Kche den Herd ohne Feuer fand, rief er nach der Schwester. Da hrte er
Lrm in der Giebelstube und eine erschrockene Mnnerstimme: Mar' und Josef!
Elfe vorbei! Jetzt pressiert's aber! Droben wurde die Tr aufgerissen, hastige
Schritte polterten ber die Treppe herunter, und Franzl, mit Bchse und
Bergstock, strmte ohne Gru an dem Bauer vorber, wie ein Flchtling.
    Bruckner erblate. Mit bebendem Fluch stie er die Schuhe von der Fen und
sprang ber die Treppe hinauf. Droben, auf der Schwelle der offenen Tr, blieb
er ratlos stehen. Er hatte gefrchtet, die Schwester allein zu finden. Nun stand
sie neben dem Maler, mit dem Netterl auf den Armen, und betrachtete vergngt die
Leinwand.
    Mali! Die Kinder sind daheim! sagte der Bauer mit schwankender Stimme,
wandte sich ab und stieg wieder hinunter in den Flur. Hier wartete er. Als die
Schwester kam, hing er mit finsterem Blick an ihrem Gesicht, dessen Augen in
Freude leuchteten.
    Jetzt koch ich aber auf der Stell! sagte sie und wollte an dem Bruder
vorber in die Kche.
    Er vertrat ihr den Weg, und seine gedmpfte Stimme klang heiser. Wie kommt
der Jager ins Haus?
    Lachend wollte Mali Antwort geben. Als sie das bleiche, vor Erregung
zuckende Gesicht des Bruders sah, verging ihr das Lachen. Aber Lenzi? Was hast
denn schon wieder?
    Wie kommt der Jager ins Haus?
    Malis Brauen furchten sich. Du fragst a bil gspaig! Sie wurde ruhig.
Der Herr Maler droben malt den Franzl und hat ihn mit naufgnommen in d' Stub.
Mich hat er auch dazu braucht. Is da was Unrechts dran?
    Bruckner strich die schwielige Hand bers Haar und wandte sich ab.
    Nun hielt ihn die Schwester zurck. Du hast's Reden angfangt, Lenzi! Jetzt
reden wir die Sach amal aufs End!
    Da is nix weiter z'reden.
    Knnt sein, da der Franzl amal um meintwegen km. Httst du da was
einzwenden dagegen?
    Bruckner schwieg. Seine Augen irrten.
    Red, Lenzi! Hat der Franzl net Stellung und Dienst? Hat er net Haus und
Anwesen? Und is er net a Mensch, den man gern haben mu? Mali sah, da der
Bruder vor sich hinnickte. No also? Was kannst einwenden?
    Frag net! Der Bauer vermied den Blick der Schwester. 's Reden tt net
gut.
    Es wird aber gredt sein mssen, ob heut oder an andersmal.
    Da nickte der Bauer wieder, tonlos die Worte wiederholend: Ob heut oder an
andersmal!
    Ich sag dir's offen: er hat mich gern. Und ich bin ihm gut. Gredt hat er
noch nix. Aber so viel merk ich schon: wir zwei lassen nimmer aus.
    Der Bauer starrte die Schwester an, als htte er die Botschaft eines
schweren Unglcks vernommen.
    Sie meinte ihn zu verstehen. Mut dich net ngsten, Lenzi! Mich hast, so
lang mich deine Wrmerln brauchen. Das kleine Netterl, das Mali auf den Armen
trug, verlor die stille Geduld, klatschte lallend die Hndchen in Malis Gesicht
und drckte das winzige Nschen an die Wange des Mdels. Mali lachte, und ihre
Augen wurden feucht. Ich? Und deine Kinder verlassen? Ah na! Der Franzl und
ich, wir sind zwei junge Leut, wir knnen warten. Aber da wir zammwachsen amal?
Ds is so gut wie fest und sicher.
    Schwer atmend schttelte Bruckner den Kopf. Es kann net sein!
    So? Mali streckte sich. Warum net?
    Der Bauer hob das bleiche Gesicht. So gern hast ihn? Da tust mich erbarmen,
Schwester! Da geht's halt wieder, wie's in der Welt schon oft gangen is: fallt
einer, reit er die andern hinter ihm nach! - Verstehst mich net? Mu ich dir's
halt sagen! Komm!
    Alle Farbe wich aus Malis Gesicht, als der Bruder sie bei der Hand fate und
in die Stube zog.
    Die Sonne fiel durch die offene Haustr in den Flur, und drauen im Hof
klangen die frhlichen Stimmen der beiden Kinder, die unter den Obstbumen das
Gras durchstberten und die pfel und Birnen auflasen, die in der Nacht gefallen
waren.
    Auf der Strae lie sich Hufschlag vernehmen. Zwei Reiter trabten vorber:
Graf Robert in Begleitung seines Stallburschen. Hurtig liefen die zwei Kinder
zum Zauntrchen, um dieses im Dorfe seltene Ereignis aus nchster Nhe zu
bestaunen.
    Graf Robert hatte es unter seiner Wrde gefunden, in der kurzledernen
Maskerade, die fr das Erscheinen in der Jagdhtte unumgngliche Vorschrift
war, das Dorf und die von Sommergsten wimmelnde Seelnde zu passieren. So ritt
er voraus, um sich erst bei ihm passend erscheinender Gelegenheit in einen Jger
nach dem Geschmack seines Vaters zu verwandeln.
    Eine Viertelstunde spter wanderten seine Brder mit Bchse und Bergstock an
dem Bruckneranwesen vorber. Franzl, dessen sphender Blick die Fenster und den
Hofraum berflog, fhrte den kleinen Zug. Tassilos kraftvolle Gestalt in der
verwitterten Jgerkleidung machte ein schmuckes Bild, doch dem Ernst seiner
Augen war es nicht anzumerken, da es nun bergwrts ging zu frhlichem Jagen.
Hinter ihm kamen drei Trger mit schwer gepackten Ruckscken, und in weitem
Zwischenraum folgte Willy mit dem alten Moser, der Graf Roberts Bchse trug; die
beiden sprachen lachend miteinander, blickten immer wieder ber die Strae
zurck und winkten mit der Hand, wie zu lustigem Abschied auf baldiges
Wiedersehen. Als ihnen der Gegenstand ihres Vergngens aus den Augen schwand,
stie der alte Moser scherzend den Ellbogen an den Arm seines jungen Herrn. Hab
ich net recht, Herr Graf? So was Liebs hat die ganze Welt nimmer!
    Willy zwirbelte das Brtchen. Aber den Schnabel halten, Moser!
    Das wissen S' doch, da ich Ihnen a kleins Spasserl von Herzen vergnn.
Lassen S' nimmer aus! Mir scheint, 's Fischerl hat schon anbissen!
    Der kleine Jagdzug erreichte den ansteigenden Bergwald. Zwei Stunden ging es
im Schatten der Buchen und Fichten auf leidlich bequemen Wegen aufwrts. Als die
Lichtung der Niederalm durch die Bume schimmerte, begegnete ihnen der
Stallbursch, der die zwei Pferde nach Schlo Hubertus zurckfhrte. Bei der
Sennhtte wartete Robert; er schien sich in Joppe und Lederhose nicht behaglich
zu fhlen, hatte fr die Brder kaum einen Gru und zeigte whrend des
Frhstcks, das in der Htte genommen wurde, eine ungndige Stimmung; nachdem er
einige Bissen genossen hatte, sprang er auf, steckte mit nervser Hast eine
Zigarette in Brand und trat vor die Htte, als mchte er mit seinen unruhigen
Gedanken allein sein.
    Dem alten Moser erschien es rtselhaft, da es auf der Welt einen Menschen
gab, der zur Gemsjagd auszog, ohne die lachende Weidmannslaune zu finden. O du
heiliger Strohsack! Was hat er denn?
    Willy lachte, ohne Antwort zu geben, doch als er Tassilos fragenden Blick
gewahrte, sagte er: Ich bin neugierig, wie er diesmal mit Papa ins reine
kommt.
    Franzl mahnte zum Aufbruch. Als man bereit war, trennte sich einer der
Trger von den anderen und nahm seinen Weg seitwrts gegen den Wald.
    Gehrt der Mann nicht zu uns? fragte Tassilo.
    Aber freilich, versicherte Moser und zwinkerte, der tragt die heimliche
Zehrung in d' Holzerhtten auffi. Man mu ja alles verstecken vor 'm gndigen
Herrn Grafen. Sie wissen ja, wie er is!
    Tassilo furchte die Brauen. Wer hat das angeordnet?
    Ich! fiel Willy ein. Und du wirst sehen, ich habe fr uns alle mit
mtterlicher Zrtlichkeit gesorgt: Niersteiner, Pschorrbru, Gulaschkonserven -
    Das war unrecht! Du weit, da Papa in der Jagdhtte keine nderungen
seiner Gewohnheit duldet. Und wenn wir ihm nicht rger bereiten wollen, mssen
wir uns seinem Willen fgen.
    Fllt mir ein! Mich acht Tage von Mehlschmarren und Wasser zu nhren? Dafr
bedank' ich mich. Wenn du von meiner genialen Vorsicht keinen Gebrauch machen
willst, bitte! Ich schmuggle. Wenn ich mich den ganzen Tag auf der Jagd
abgehetzt habe, will ich am Abend essen und trinken wie ein anstndiger Mensch.
Willy nahm die Bchse auf die Schulter und schritt davon. Philister! brummte
er und suchte Robert einzuholen, der ber das offene Almfeld vorangestiegen war,
als knnte er die Ankunft in der Jagdhtte kaum erwarten.
    Im neu beginnenden Walde wurden die Pfade steil und beschwerlich. Robert
hielt sich mit treibender Eile immer an der Spitze des Zuges; Willy schien mde
zu werden und warf sich nach jeder Viertelstunde fr ein paar Minuten in den
Schatten eines Baumes. Nur Tassilo bewahrte seinen gleichmig ruhigen Schritt
und blickte sinnend in das von Lichtern durchwobene Schattendunkel des Waldes.
Einmal hrte er den alten Moser ein paar erschrockene Worte stottern und sah,
da Willy erschpft an einen Baum gelehnt stand und aus der kleinen
Branntweinflasche trank, die Moser ihm gereicht hatte. Besorgt eilte Tassilo auf
den Bruder zu. Was ist dir?
    So ein komischer Schwindel. Ich bin wohl ein wenig zu schnell gestiegen und
habe den Atem verloren.
    Aber hab ich's net allweil gsagt: Lassen S' Ihnen Zeit! schmollte Moser.
Ds gache Umanandfahren tut net gut in die Berg. Da mu man schn stad ein
Schrittl vors ander stellen! Zeit lassen, junger Herr, Zeit lassen!
    Mit ernster Sorge sah Tassilo in Willys Gesicht, dessen mde Blsse einer
langsam wiederkehrenden Rte wich. Hier ist ein schattiger Platz. Komm, ruhe
dich tchtig aus, ehe wir weitersteigen!
    Ach, Unsinn! Es ist schon vorber. Und von Ermdung fhl' ich keine Spur!
Unmutig den Bergstock einsetzend, sprang Willy ber einen Steinblock und folgte
dem Pfad.
    Tassilo schwieg; doch als die Wanderung zwischen den Felswnden einer
breiten Schlucht ber ebenen Boden hinging, trat er an Willys Seite. Wie fhlst
du dich?
    Ich? Warum? Ach so, wegen vorhin? Danke, mir ist pudelwohl! Ich begreife
berhaupt deine Sorge nicht. So eine harmlose Blutwallung.
    Du solltest die Sache nicht so leicht nehmen. Htt' ich geahnt, da du noch
unter den Nachwehen deiner Krankheit zu leiden hast, so wrde ich dir geraten
haben, die strapazise Tour nicht mitzumachen. Papa htte dich gewi
entschuldigt. Man htte ihm sagen knnen, da du dich noch immer schonen mut -
ohne ihn deshalb zu beunruhigen und ihm einzugestehen, wie ernstlich krank du
warst.
    Willy lachte, ein bichen gezwungen. Ich? Ernstlich krank? Wer hat dir
dieses Ungeheuer von einem Bren aufgebunden? eine leichte Bronchitis, die reine
Lcherlichkeit.
    Weiche mir nicht aus, Junge! Ich habe die Gelegenheit herbeigesehnt, einmal
offen mit dir zu reden. Tassilo schlang Willys Arm in den seinen. Vor meiner
Abreise von Mnchen hab' ich deinen Arzt gesprochen.
    Du hast ihn wohl aufgesucht, um auf den Busch zu klopfen? Was? Und nun
willst du mich bei Papa droben ankreiden?
    Nein, Willy, ich habe weder das eine getan, noch beabsichtige ich das
andere. Ein Zufall hat mich mit eurem Stabsarzt im Kasino zusammengefhrt, und
deinem Willen entgegen hielt er es fr seine Pflicht, mir mitzuteilen, in wie
schwerer Gefahr du warst. Er sagte mir, da du trotz des glcklichen Verlaufes
der Sache noch immer Ursache httest, dich zu schonen. Ein Rckfall knnte
bedenklich werden. Bewegung in Hhenluft wre gut fr dich. Aber -
    Was?
    Vor allem solltest du dich vor jeder Ausschreitung hten. Tassilo zgerte,
als fielen ihm die Worte schwer. Du weit, was ich meine.
    Willy wollte heftig erwidern, aber der herzliche Blick, der ihn aus den
Augen des Bruders traf, machte ihn verlegen und stumm; er verzog den Mund wie
ein verdrossenes Kind.
    Es schien, als wre Tassilo auch mit diesem halben Erfolg zufrieden; noch
fester zog er Willys Arm an seine Brust, und seine Stimme wurde wrmer. Ich
wei, du bist jung, und Jugend will austoben. Ich bin gewi der letzte, der dir
aus deiner sprudelnden Lebensfreude einen Vorwurf machen will. Aber sieh, mein
Junge, es hat doch alles seine Grenzen.
    Das stimmt! Aber weit du, mein junger Schimmel hat Rasse und brennt eben
manchmal mit mir durch. Da pariere nun einer. Ich mache wohl ab und zu einen
Versuch, den Zgel anzuziehen. Aber was willst du? Der Ausreier in mir ist
hartnckig. Was ist da zu machen?
    Mit ernstlichem Willen alles! Ich wei, da die erste Schuld nicht an dir
liegt. Du warst in allzu jungen Jahren dir selbst berlassen. Tassilos Stimme
bekam einen herben Klang. Papa war mit seinen Gemsen und Hirschen immer so sehr
beschftigt, da wir alle darunter leiden muten. Ich frchte, du am meisten.
Das Versumte ist nicht mehr zu ndern. Aber sieh, mein Junge, nun bist du doch
in den Jahren, in denen man selbst unterscheidet zwischen Gewinn und Nachteil.
Nun mut du dein eigener Hter sein. Das kann dir doch auch nicht schwerfallen.
Du mut dir nur immer vorhalten, was fr dich auf dem Spiel steht. Was du jetzt
an Gesundheit vergeudest, das wird dich darben machen ein ganzes Leben lang.
Erwacht dann einmal in dir die Sehnsucht nach Freude und Glck, und fhrt dich
dein Lebensweg zu spt an die Stelle, an der die schne Blume fr dich htte
blhen knnen, so wirst du mit zaghaften Hnden zugreifen in Zweifel und Reue.
Denn du wirst empfinden mssen, da du nur die Halbheit gewinnen kannst, da du
zum Tausch nur einen verbrauchten Menschen zu bieten vermagst. Alles volle
Glck, sei es in Tat und Arbeit oder in der Liebe, verlangt einen ganzen
Menschen!
    Vertrumt sah Willy vor sich hin. Du hast recht, Tas! Es mu eine feine
Sache sein, in guter Kondition sein Ziel zu erreichen, als ein fester und
reinlicher Mensch. Wie das schmecken knnte, brauchst du mir nicht zu schildern.
Das hab' ich mir selbst schon oft mit den schnsten Farben ausgemalt. Bei allem
Rummel hab' ich manchmal so meine lyrischen Stimmungen mit dem obligaten
Katzenjammer. Aber jetzt will ich Ernst machen. Aus mir soll was werden! Man
lebt nicht zweimal, und ich will mein Glck nicht verscherzen. Ich will meine
Blume brechen, die echte! Und ich danke dir, da du mir einmal tchtig ins
Gewissen geredet hast.
    Tassilo lchelte. Es war nicht der erste Versuch.
    Na ja! Aber das Vergangene wollen wir begraben, nicht wahr? Ich verspreche
dir, da ich mir meine sttzige Art dir gegenber nach Krften abgewhnen will.
Das war ja bei mir nie Bockbeinigkeit. Ich bin doch eigentlich ein sehr guter
Kerl, der mit sich reden lt. Aber wenn du mich manchmal ins Gebet nahmst,
hattest du oft so eine Art - ich habe immer den Advokaten aus dir herausgehrt,
und das ist mir gegen den Kopf gegangen. Jetzt bist du bse? Was?
    Nicht im geringsten. Es mag ja sein, da ich nicht immer den rechten Ton
und die rechte Stunde gefunden habe. Und da geb' ich dir ein Versprechen zurck:
Ich will dem Advokaten in mir ein Schlo vor den Mund hngen, damit du immer nur
den Bruder hrst.
    Das war nett! Ich danke dir, Tas! Was du mir heute gesagt hast, soll auf
guten Boden gefallen sein. Und wenn ich wieder einmal einen Schubs brauche, um
in den rechten Sattel zu kommen, wei ich, wo ich mir den Helfer suche. Schlag
ein, Tas!
    Mit festem Druck umspannten sich ihre Hnde.
    Inzwischen waren die anderen weit vorausgekommen und hinter einer Biegung
der Felswand verschwunden. Nun kam Franzl zurckgelaufen und rief: Ich bitt,
meine Herrn, a bil flinker! Der Herr Graf hat an Treiber gschickt, er wartet
unter der Brenwand und will's Latschenfeld heut noch durchtreiben lassen.
    Nun galt es Eile. Die Trger schlugen den Weg zur Jagdhtte ein, whrend die
Jger, von dem Treiber gefhrt, seitwrts ber steiles Gehng emporstiegen. Der
alte Moser hielt sich wieder an Willys Seite; doch so lustig er auch immer
drauflos plauderte, er hatte einen zerstreuten Zuhrer. Auf einem grasigen Fels
gewahrte er zwei blhende Brunellen; schmunzelnd brach er die braunen Blumen und
reichte sie seinem jungen Herrn. Da schauen S', Herr Graf! Sind die Blmerln
net grad so s wie dem Lieserl seine ugerln?
    Willy nahm die Blten und sog an ihrem Duft. Dann pltzlich warf er sie ber
die Schulter. Ach, Unsinn! Hol' der Teufel diese Dummheiten!
    Aber Herr Graf! stotterte Moser gekrnkt. Was haben S' denn?
    Willy blieb ihm die Antwort schuldig.

                                       15


Unter der steilen, auch fr den Fu der Gemse pfadlosen Brenwand dehnte sich,
den schrg ansteigenden Schuttkegel eines vor grauen Zeiten niedergegangenen
Bergsturzes bedeckend, ein riesiges Latschenfeld, aus dem sich eine breite
Talrinne gegen die offenen Almen hervorsenkte. Wenn das Latschenfeld von
Treibern durchstbert wurde, flchtete das Wild, das keinen Aufstieg ber die
glatten Felsen fand, am liebsten durch diese Mulde. Hier war der Hauptstand.
    Zu Fen einer alten moosigten Fichte sa Graf Egge auf einem mit dem
Wettermantel berbreiteten Steinblock. Zu seiner Rechten hatte er schon die
Patronen ausgelegt, zu seiner Linken standen die zwei Exprebchsen schufertig
an den Baum gelehnt. Ungeduldig blickte er ber das Almfeld der Stelle zu, an
der seine Shne erscheinen muten. Den mrben Filzhut hatte er tief in die Stirn
gezogen, so da man den grngelben Fleck, den die verschwundene Beule
zurckgelassen, kaum bemerken konnte. Nur das linke Knie war nackt, das rechte
von einem groben Wolltrikot umschlossen. Graf Egge hatte es als eine
berflssige Verschwendung betrachtet, die wollene Unterhose, die Moser fr ihn
gekauft und zur Jagdhtte geschickt hatte, auch am gesunden Bein zu tragen. Er
hatte sie in der Mitte entzweigeschnitten und trug nur die rechte Hlfte. Die
warme Wolle schien auch ihre Schuldigkeit zu tun. Als Graf Egge seine Shne
kommen sah und sich erhob, stand er fest auf den Fen, und den paar Schritten,
die er den Kommenden entgegenmachte, merkte man keine Spur von Schwche an.
Schipper, der neben seinem Herrn gestanden, zog den Hut.
    Robert kam als erster und reichte dem Vater die Hand. Weidmanns Heil, Papa,
da sind wir! Dein Aussehen ist vortrefflich, wie immer. Wir Jungen werden lter
mit jedem Tag, und an dir wirkt Hubertus seine verjngenden Wunder. Es ist
fabelhaft, wie famos du aussiehst! Natrlich, die Jagd! Wer es so gut haben
knnte wie du!
    Meinst du? lachte Graf Egge. Aber sprich leiser, die Treiber sind schon
aufgestellt. Und tu mir den Gefallen und wird die Zigarette weg. Ich und meine
Gemsbcke vertragen das nicht. Wenn du rauchen willst, kann dir Schipper seinen
Stummel leihen.
    Entschuldige, ich verga! Die Zigarette flog ins Moos.
    Nun kam Willy, umarmte den Vater herzlich und kte ihn auf beide Wangen.
Graf Egge musterte ihn freundlich und doch ein bichen spttisch - die neue,
glnzend-schwarze Lederhose, die Willy trug, schien ihm nicht zu gefallen.
Gr' dich Gott, Junge! Und wie fein du dich gemacht hast, uuuh! Na, auf den
Anlauf bin ich begierig, den du heut haben wirst. Deine Hose leuchtet ja wie
eine Laterne! Und sag' mir, du zrtlicher Floh, wie steht's mit deiner
Gesundheit? Haben dir die Mnchner Quacksalber den rostigen Lauf wieder
ordentlich blank geputzt?
    Natrlich, Papa! Da spiegelt wieder alles, blitzblank wie eine nagelneue
Bchse.
    Das hr' ich gern. Und la dir - Graf Egge verstummte, und seine Augen
wurden kleiner, als er Tassilo kommen sah. Aaaah! Herr Doktor Egge! Und sieht,
wei Gott, wie ein richtiger Jger aus! Oder steckt dir nicht doch die Feder
hinter dem Ohr? Das war wie ein Scherz, und Graf Egge lachte auch; aber seine
Stimme hatte harten Klang.
    Tassilo schien den sonderbaren Willkomm berhrt zu haben. Ruhig reichte er
seinem Vater die Hand. Guten Tag, Papa! Wir haben uns lange nicht gesehen.
    Du bist immer beschftigt. Hoffentlich fallen deine Prozesse glcklich aus!
Wie steht das Befinden deiner geliebten Spitzbuben?
    Wen meinst du?
    Deine sogenannten Klienten: Waldfrevler, Wilddiebe und so weiter.
    Zu meinen Klienten zhlt auch dein alter Freund Frst Wittenstein!
    Graf Egge machte ein verblfftes Gesicht. Was hat er denn angestellt?
    Aber Papa! fiel Willy lachend ein. Wie kommst du nur auf eine solche
Idee? Wittenstein hat Tas die Verwaltung seines Vermgens bertragen.
    Nun verwandelte sich Graf Egges Verblffung in ehrliches Staunen.
Schockschwerenot! Da fngt ja dein Handwerk an, einen goldenen Boden zu
bekommen. Ich wei, was ich Jahr um Jahr meinem Anwalt bezahle. Und gegen
Wittenstein bin ich ein Schlucker. Das mu dir ein fettes Stck Geld eintragen?
    Dunkle Rte glitt ber Tassilos Stirn; doch er nickte ruhig. Ja, Papa!
    Da hast du vielleicht die Apanage, die ich dir bezahle, gar nicht mehr
ntig?
    Nein. Wenn du fr die Summe eine bessere Verwendung hast, ich verzichte
gern.
    Robert zog den sorgsam gepflegten Schnurrbart durch die Finger und wandte
sich lchelnd ab, whrend Willy mit einem hastigen Schritt an Tassilos Seite
trat, als wollte er Partei in dem Zwist ergreifen, dessen Ausbruch er befrchten
mochte.
    Graf Egge aber schien von Tassilos Antwort nicht im geringsten unangenehm
berhrt. Gut! Wir sprechen noch ber die Sache. Jetzt haben wir Wichtigeres zu
tun! Er sah auf die Uhr. Eine halbe Stunde habt ihr Zeit, um eure Stnde zu
erreichen. Punkt fnf Uhr gehen die Treiber an. Schipper, du gehst mit Robert
auf den Wechsel unter der Wand! Moser, du mit Willy auf den Rckwechsel. Und
gibt acht, da mir der Junge keine Gamsgei niederbrennt! Sonst schlagt das
Wetter ein. Und du, Hornegger, fhrst deinen Schtzen dort hinber unter das
Latschenfeld, zu er alten Zirbe.
    Franzl machte verwunderte Augen zu dieser Weisung.
    Also weiter! mahnte Graf Egge, nahm seinen Stand ein und zog den
Feldstecher aus dem Futteral.
    Seine Shne lfteten die Hte. Weidmanns Heil, Papa!
    Weidmanns Dank!
    Schipper stieg mit Robert nach links ber das Gehng empor, whrend Franzl
und Moser mit ihren Schtzen nach rechts im Almental davonwanderten. Der Grund
senkte sich, und Graf Egge entschwand ihren Blicken. Nach etwa tausend Schritten
war die alte Zirbe erreicht, bei welcher Franzl und Tassilo blieben.
    Moser, der in Eile weiterstieg, mahnte: A bil flinker, junger Herr! Wir
haben nimmer viel Zeit und mssen noch a gutes Stckl in d' Hh.
    Es pressiert nicht, meinte Willy, ich mu mich schonen.
    Inzwischen richtete Franzl der Zirbe zu Fen einen bequemen Sitz.
    Wo laufen die Wechsel aus? fragte Tassilo.
    Wechsel? brummte der Jger. Ich wei kein' da in der Nh. Warum Ihnen der
Herr Vater dahergschickt hat, ds kann ich mir net denken. Da is meiner Lebtag
noch nie was kommen. Und da kommt auch heut nix.
    Das Unglck wre zu verschmerzen! sagte Tassilo lchelnd.
    Sie lieen sich nieder, und Tassilo nahm die Bchse ber den Scho; hinter
ihm, auf den Wurzeln der Zirbe, nahm Franzl seinen Sitz. Nach einer Weile sahen
sie in der Hhe des Latschenfeldes Robert und Schipper erscheinen, die ber eine
schmale Ble gegen den Fu der Felswand emporstiegen.
    Als die beiden ihren Stand erreichten, krachte im uersten Winkel des
Latschenfeldes der Pistolenschu, der den Anmarsch der Treiber verkndete; das
Echo rollte ber die Berge hin, im Dickicht lie sich das Geklapper rollender
Steine vernehmen - und wieder herrschte tiefe Stille.
    Robert spannte die Hhne der Bchse; dann griff er in die Tasche und drckte
ein Zehnmarkstck in die Hand des Jgers: Sag' mir, ist Papa in guter Laune?
    Schipper schien eine Witterung fr den Sinn dieser Frage zu haben;
schmunzelnd kniff er das linke Auge ein. Sie brauchen ihn wohl bei gutem
Hamur?
    Wohl mglich!
    Die ganzen Tag her war er kreuzfidel! Aber was er heut abends fr a Wetter
aufzieht, ds hngt jetzt ganz davon ab, wie der Bogen ausfallt. Wenn er was
Saubers kriegt, kann's an lustigen Abend geben. Und wenn S' was dazu beitragen
wollen, so schieen S' net, wann Ihnen vielleicht a Gamsbock hersteigt! Der Herr
Graf hat seine Mucken, wenn an anderer was schiet. Da nimmt er seine Herrn Shn
net aus.
    Robert spannte die Hhne seiner Bchse ab, stellte die Waffe hinter sich und
steckte eine Zigarette in Brand; fr ihn war die Jagd zu Ende.
    Auf dem Hauptstand hallte der erste Schu, und in den vielstimmigen
Widerhall mischten sich die klingenden Juchzer der Treiber; die Stille, die ber
dem weiten Hochtal gelagert hatte, war gewichen und kehrte nicht mehr zurck;
immer wieder klangen die lauten Rufe der Treiber, wenn sie Wild erblickten, oder
wenn sie ihre auf den beschwerlichen Wegen in Unordnung geratene Linie
herzustellen suchten. Noch dreimal krachte Graf Egges Bchse auf dem Hauptstand,
und in dem Winkel des Latschenfeldes, in welchem Willy sa, fielen in rascher
Folge sieben Schsse.
    Nur unter der Felswand droben rhrte sich nichts. Auch bei der Zirbe blieb
es still. Mit gekreuzten Armen sa Tassilo an den Baum gelehnt und blickte unter
stillen Gedanken empor zu den langsam ziehenden Wolken, die von einem letzten
Glanz der sinkenden Sonne mit sanftem Schimmer bergossen waren. Die Trume
seines Glckes fllten ihm die Seele. Wohl wute er, da ihm ein harter Kampf
mit dem Vater bevorstand; doch er wute auch, da er siegen wrde. Seine
Gedanken blickten in die schne Zukunft, und um ihn her versanken die Berge mit
allem, was sie trugen.
    Regungslos sa Franzl hinter ihm; als sich die Treiber schon dem Ende des
Latschenfeldes nherten, nickte er trbselig: Nix! Ich hab's ja gsagt! Schon
wollte er nach seiner Pfeife greifen, da vernahm sein scharfes Ohr ein Gerusch
im Dickicht. Obacht! lispelte er. Tassilo hrte nicht. Franzl sa wie zu Stein
geworden und blickte regungslos nach einer Latschengasse, in der das mchtige
Haupt eines Sechzehnenders erschien, langsam und lautlos; ber das Gesicht des
Jgers flo dunkle Rte - das war ein Hirsch, wie seit Jahren in Graf Egges
Revieren kein zweiter geschossen worden war. Schon trat das herrliche Tier mit
freier Brust aus der Dickung hervor, und noch immer ruhte die Bchse auf
Tassilos Knien. In Franzl erwachte die Sorge, denn mit funkelnden Lichtern ugte
das Wild schon nach den Gestalten der beiden Jger; mit einer kaum merklichen
Handbewegung fate er Tassilos Joppe und zupfte. Nun erwachte der Trumer; im
gleichen Augenblick gewahrte er den Hirsch - aber auch der Hirsch erkannte
seinen Feind und setzte in sausendem Sprung ber die letzten niederen Bsche
weg. Mit zurckgelegtem Geweih raste er ber die schmale Talmulde und verschwand
in der gegenberliegenden Dickung, deren ste ber ihm zusammenschlugen; noch
lange hrte man das laute Brechen im Gezweig.
    Tassilo hatte wohl nach der Bchse gegriffen, doch keinen Versuch gemacht,
sie an die Wange zu heben; sein zufriedenes Lcheln lie vermuten, da ihm das
herrliche Bild dieser Flucht die grere Freude beschert hatte, als der
glcklichste Schu sie ihm htte bereiten knnen.
    Franzl freilich war anderer Meinung. Kopfschttelnd und mit vorwurfsvoller
Trauer sagte er: Aber Herr Graf! Was haben S' denn da jetzt angstellt! Es ist
wie 's reine Wunder, da der Hirsch bei uns da kommen is. Und Sie lassen ihn
durch! Mar' und Josef! Was wird der gndige Herr sagen! Da gibt's an
ordentlichen Spitakel!
    Nun wurde auch Tassilo nachdenklich; eine verdrieliche Szene, die aus
diesem weidmnnischen Schwabenstreich hervorwachsen konnte, erschien ihm als
eine nicht sehr gnstige Einleitung fr alles andere, was sich in diesen Tagen
zwischen seinem Vater und ihm entscheiden sollte; er mute jeden Verdru zu
vermeiden suchen. Wir brauchen keine Unwahrheit zu sagen, meinte er, aber
wenn die Sache nicht von selbst zur Sprache kommt, knnen wir schweigen.
    Franzl kraute sich hinter den Ohren. Gscheiter wr's, wenn S' sagen
mchten, Sie htten Ihrem Herrn Vater so an Endstrumm Hirsch net wegschieen
mgen.
    Nein, Franzl! Das wre gelogen. Nicht?
    Freilich, ja! Franzl atmete schwl. Aber oft tut man sich hart mit der
Wahrheit - beim Herrn Grafen.
    Das Jagen war zu Ende, und die Treiber begannen gegen den Hauptstand
niederzusteigen. Hier schritt Graf Egge mit strahlendem, Gesicht umher und
musterte der Reihe nach den Zehnender und die drei Gemsbcke, die er mit vier
sicheren Schssen zur Strecke gebracht.
    In langen Stzen kam Schipper ber das Gerll heruntergesprungen. Ich
gratulier, Herr Graf!
    Ja, heut war halt wieder 's richtige Stndl! lachte sein Herr und lie
sich die vier grnen Brche hinter das Hutband stecken. Aber warum hat denn der
deinig da droben net gschossen? Zwei von meine Gamsbck sind doch ihm zuerst
angsprungen?
    Ja, Herr Graf! Wannenbreit sind s' dagstanden vor uns, der Herr Graf Robert
htt auf alle zwei den schnsten Schu ghabt. Aber weil er gmeint hat, die zwei
Bck knnten vielleicht noch den Wechsel gegen Ihren Stand annehmen, drum hat er
s' durchlassen. Und recht hat er ghabt. Der mu Ihnen gern haben, Herr Graf! Der
vergunnt Ihnen was.
    Als Robert herbeikam, wurde er gndig empfangen; Graf Egge legte ihm die
Hand auf die Schulter und sagte: Das hast du gut gemacht, Bertl. Du hast mir
zuliebe getan, was ich an deiner Stelle schwerlich fertiggebracht htte. Ich
danke dir! Seine gute Laune verschwand auch nicht, als Tassilo erschien. Du
bist leer ausgegangen? fragte er lachend.
    Ja, leider!
    Na, trste dich! Vielleicht hast du morgen einen besseren Tag. Aber wo
bleibt denn unser Salontiroler? Der Junge hat ja da droben gepulvert wie ein
Feuerwerker. Ich bin nur neugierig, was bei ihm liegt!
    Es whrte nicht lange, und Willy kam mit Moser unter erregtem Disput in die
Mulde herabgestiegen.
    Na, na, rauft nur nicht miteinander! rief ihnen Graf Egge entgegen. Her
zu mir, Junge! Was war denn los bei dir?
    In sprudelnden Worten begann Willy eine lange Rede, deren kurzer Sinn dahin
lautete, da er durch Mosers Schuld einen kapitalen Gemsbock verpatzt htte.
    Mei' Schuld? Was? Mei' Schuld? kreischte der Alte.
    Natrlich! Der Kerl hat mich ganz verrckt gemacht mit seinem ewigen:
Schieen S', schieen S', schieen S'!
    Natrlich! Weil S' den Gamsbock im besten Augenblick verpat haben! Htten
S' gleich gschossen, so wr er daglegen! Moser zappelte vor rger mit Hnden
und Fen. Aber na! Da mu man warten, bis der Bock flchtig wird! Und pulvert
siebenmal hinter ihm her! Und trifft ihn net! Da mcht man ja gleich aus der
Haut fahren!
    Lachend beendete Graf Egge den Streit, indem er zum Heimweg mahnte, um vor
Einbruch der Nacht die Jagdhtte zu erreichen; er schritt voran, seine Shne
folgten ihm, und Moser tappte brummend hinter Willy her, whrend Schipper und
Franzl mit den Treibern bei dem erlegten Wilde zurckblieben.
    Immer dunkler wurden die Schatten des Abends, und am Himmel blitzten schon
die ersten Sterne, als Graf Egge mit seinen Shnen das Hochtal erreichte, in dem
das Palais Dippel lag. Die Jagdhtte war schon in Sicht, da rief Graf Egge
ber die Schulter zurck: Bertl! Komm her zu mir!
    Rasch holte Robert den Vater ein: Papa?
    Du! Die Geschichte mit den zwei Gamsbcken will mir nicht aus dem Kopf. Die
Gelegenheit zu einem guten Schu versagt man sich nicht ohne triftigen Grund,
und ich habe so ein merkwrdiges Gefhl in der Nase, als httest du das nicht
umsonst getan? Also in Gottes Namen, schie los! Was willst du?
    Ich habe allerdings eine Bitte. Aber mit den zwei Bcken hat das nichts zu
schaffen. Schipper sagte mir -
    Schon gut! Komm zu deiner Bitte!
    Robert machte eine kurze Pause. Sei nicht bse, Papa, aber ich bin wieder
einmal scheulich hereingefallen.
    Du hast gespielt? fragte Graf Egge in ahnungsvollem Schreck. Und dein
Versprechen vom vergangenen Sommer?
    Ich gestehe, es war unrecht, aber man kann nicht immer ausweichen.
Schlielich hat man doch auch Rcksichten -
    So? unterbrach Graf Egge. Und die Rcksicht auf meinen Geldsack? Wo
bleibt denn die? Du bist mir ein Feiner! Wenn du gewinnst, verbrauchst du das
Geld fr deinen Stall und deine sonstigen Scherze. Und verlierst du, so soll ich
bezahlen. Dafr bedank' ich mich. Und ich sage dir auch: das ist das letztemal.
Wieviel brauchst du?
    Die Antwort kam ein wenig zgernd: Achtzehn -
    Hundert?
    Leider nein, Papa!
    Tausend! Das Wort klang wie ein erstickter Schrei nach Hilfe. Dann war
Stille zwischen Vater und Sohn. Graf Egge schlug mit vorgebeugtem Kopf einen
Sturmschritt an, als knnte er dieser Forderung mit der Schnelligkeit seiner
Beine entrinnen. Robert versuchte nicht, das Schweigen zu brechen, hielt sich
aber dicht hinter dem Vater. Vor dem Zaun der Jagdhtte blieb Graf Egge stehen;
sein funkelnder Blick haftete im sinkenden Dunkel an dem bleichen Gesicht des
Sohnes, und seine Stimme bebte vor Zorn. Das waren zwei teure Gamsbcke. Ein
andermal will ich billiger jagen.
    Robert atmete auf.
    Wann brauchst du die Summe?
    Die Anweisung mu morgen mit der Post abgehen.
    Gut! Du sollst sie haben. Aber jetzt hre, Robert! Das war der letzte Rest
an meinem Geduldfaden. Kommst du mir ein zweites Mal wieder, so la ich dich
sitzen in der Patsche, und wenn es dir den Hals bricht. Darauf hast du mein
Wort. Und ich, das weit du, ich halte, was ich sage. Jetzt komm herein!
    Ich danke, Papa, und verspreche dir -
    Dank und Versprechen kannst du dir sparen! Du hast mir einen vergngten
Abend grndlich verdorben.
    Graf Egge trat in die Jagdhtte. In der Herrenstube zndete er die kleine
Hngelampe an, holte das Schreibzeug aus dem Wandschrank und kritzelte mit
schwerer Hand einige Zeilen auf ein Blatt; die Anweisung lie er auf dem Tisch
liegen und ging mit einem blasenden Seufzer aus der Stube, als wre ihm schwl
unter Dach.
    Mit beiden Hnden griff Robert nach dem Blatt und nickte zufrieden, als er
gelesen hatte. Aus seiner Brieftasche holte er ein Kuvert hervor, das einen
bereits geschriebenen Brief enthielt und schon die Adresse trug; in dieses
Kuvert schob er die Anweisung und schlo den Brief. Dann rieb er die Hnde und
bewegte die Beine, als wre er nach strapazisem Ritt aus dem Sattel gestiegen;
lchelnd steckte er eine Zigarette in Brand, warf sich auf das Bett seines
Vaters und dehnte behaglich die Glieder.
    Drauen vor der Tr lieen sich Schritte hren. Tassilo und Moser kamen mit
Willy, dem der neunstndige Marsch wie Blei in den Gliedern zu liegen schien.
Die beiden Brder traten in die Herrenstube, und Moser, der seine gute Laune
noch immer nicht vllig gefunden hatte, schrte auf dem Kchenherd ein Feuer an.
    Inzwischen sa Graf Egge nahe bei der Htte auf dem Trog des laufenden
Brunnens, die Hnde in den Hosentaschen, und brtete in heiem rger vor sich
hin, bis ihn sein Bchsenspanner, den er in der Finsternis nicht kommen sah, mit
den Worten weckte: Aber Herr Graf! Wie knnen S' den in der khlen Nacht da
herrauen sitzen! Mir scheint, es taugt Ihnen net, da Ihr Fu wieder a bil
besser is? Was? Jetzt gehen S' mir aber auf der Stell wieder in d' Htten eini!
    Graf Egge erhob sich. Ist das Wild versorgt?
    Alles in Ordnung! Die drei Gamsbcke hngen bei der Holzerhtten drben,
und der Hirsch liegt auf'm Schlitten. Die Trger knnen morgen in aller Fruh
damit abfahren. Was wird denn kocht auf'n Abend?
    Schmarren! brummte Graf Egge.
    Und wieviel Flaschen Bier soll ich fr die jungen Herrn aufstellen?
    Bier? Warum denn Bier? Da lauft der Brunnen! Der heutige Tag ist mir schon
teuer genug gekommen.
    Schipper wollte in die Htte treten; unter der Tr drehte er sich wieder um
und sagte mit gedmpfter Stimme: Noch was Neus, Herr Graf! Der gute Hirsch mit
dem Prgelgweih, den wir in der vorigen Woch gsehen haben -
    Nun wurde Graf Egge lebendig. Was ist mit dem Hirsch?
    Im Bogen is er gwesen. Einer von die Treiber hat ihn gsehen auf fnf
Schritt. Der Hirsch hat sich durch d' Latschen abwrts gstohlen und is beim
Herrn Tassilo naus. Der Franzl htt's gern verschwiegen, aber z'letzt hat er's
eingstehen mssen, da sein Schtz den Hirsch bersehen hat.
    Aber da soll ja doch ein heiliges Donnerwetter gleich alles in Grund und
Boden schlagen! schrie Graf Egge, dem eine Gelegenheit, den rger der letzten
Stunden von sich abzuladen, mehr als willkommen war. Um die Taube, die Schipper
hatte fliegen lassen, noch fetter zu machen, kam Franzl im unglcklichsten
Augenblick zur Htte. Hornegger! Her zu mir!
    Jawohl, Herr Graf! klang aus der Finsternis die schwankende Stimme des
Jgers, dem nicht viel Gutes schwanen mochte. Im Laufschritt erschien er und
stellte sich in straffer Haltung vor seinen Herrn.
    Warum hast du mir nicht sofort gemeldet, da der gute Hirsch im Treiben
war?
    Aber ich bitt, Herr Graf, stotterte Franzl, es is ja kei' Zeit zum Reden
gwesen. Der Herr Graf is ja gleich davon, und ich hab bei die Gamsbck
zruckbleiben mssen.
    Das ist eine Ausrede, die ich absolut nicht dulde! Es war deine Pflicht,
mir sofort die Patzerei zu melden, die dein Schtze gemacht hat, und du mit ihm!
Oder habt ihr euch etwa verabredet zu schweigen?
    Es war ein Glck, da Graf Egge bei der herrschenden Dunkelheit nicht
bemerken konnte, was ich auf den Zgen des Jgers abspielte. Und da sich Franzl
dachte, da es genug wre, wenn er allein sein Donnerwetter von der Sache
abbekme, sagte er: Von einer Heimlichkeit is gar kei Red net gwesen! Ich
allein bin schuld, ich hab halt in der Eil vergessen, die Meldung z'machen!
    Gut! Also wieder ein Strich auf deiner Rechnung. Viel Platz hast du nicht
mehr brig. Es ist fr heute noch dein Glck, da ich nicht an eine Manklerei
zwischen such beiden glaube. So etwas mcht' ich mir grndlich verbitten! Wo ich
bin, da wird gejagt. Da werden keine Advokatenschliche getrieben. In meinem
Revier bin noch immer ich der Herr. Und da geschieht, was ich will. Wer sich
nicht fgt, der kann marschieren. Ob es nun einer von euch ist oder einer von
meinen Buben!
    Graf Egges Stimme war so laut geworden, da sie bis in die Herrenstube
klang. Robert rhrte sich nicht auf dem Bett, Tassilo und Willy sprangen ins
Freie, um zu sehen, was es gbe - und dabei holte Willy sich an der niederen
Httentr den ersten Dippel. Die Hand auf die Stirn drckend, fragte er: Was
ist denn los, Papa?
    Was los ist? Frag' deinen gelehrten Herrn Bruder! Der wird's wissen. Und
mit solchen Jgern soll man eine Jagd halten! Und so was sitzt auf dem Stand und
hat eine Bchse in der Hand! Ein Besenstiel wre das richtige. Und der Hirsch,
natrlich, der wird das ungefhrliche Tintenfa im Wind gehabt haben. Der hat
ganz genau gewut, welchen Schtzen er sich aussuchen mu, um mit heiler Decke
durchzukommen!
    Tassilo wute nun, wem der wortreiche Zorn seines Vaters galt; doch er hatte
gengende Grnde, jeden ernsteren Zwischenfall zu vermeiden, und hielt es fr
das beste, mit einem sein Versehen entschuldigenden Worte den Rckzug in die
Htte anzutreten.
    Das machte aber der Szene kein Ende. Graf Egge war nun einmal im Zug, und
das Rad seines Zornes lief polternd weiter. Willy suchte den Vater zu beruhigen,
und auch Franzl wollte seinem Herrn die berzeugung beibringen, da die Sache
doch eigentlich gar nicht so schlimm wre. Nur Schipper mischte sich mit keiner
Silbe in den lauten Disput; er kannte seinen Herrn besser als die Shne ihren
Vater, und war berzeugt, da Graf Egge den stattlich geweihten Hirsch lieber
lebendig wute als von der Kugel eines anderen gefllt; da blieb ihm doch die
Hoffnung, den Hirsch einmal vor die eigene Bchse zu bringen.
    Die Szene vor der Htte nahm erst ein Ende, als die Pfanne mit dem Schmarren
auf den Tisch getragen wurde. Beim ersten Schritt in die Stube roch Graf Egge
den Zigarettenrauch; aber er schien sich mde gescholten zu haben, streifte
Robert nur mit einem wtenden Blick und warf den Hut auf das Bett. Da es am
Tisch an Raum fehlte, muten Franzl und Moser ihr Nachtmahl in der Kche nehmen;
nur Schipper durfte am Herrentische sitzen. Das Mahl begann unter unbehaglichem
Schweigen. Tassilo a sich satt, Willy zwang sich, einige Bissen zu kosten, und
Robert sa mit gekreuzten Armen, ohne den Lffel zu berhren.
    Warum it du nicht? fragte Graf Egge.
    Ich danke, Papa, mich hungert nicht.
    Sooo? Es wre begreiflicher, wenn heute der Appetit mir vergangen wre.
Aber warte nur, der Hunger wird dir schon kommen! Es soll mir kein anderer
Bissen auf den Tisch als Schmarren. Wer mit mir jagen will, wird sich auch
herablassen mssen, mit mir aus einer Schssel zu essen. Schipper, du bist
verantwortlich, da in die Htte nichts anderes eingeschmuggelt wird.
    Willy und Robert tauschten einen Blick des Unbehagens, und wieder war Stille
am Tisch. Graf Egge und Schipper leerten die Pfanne. Als die Tafel endlich
aufgehoben wurde und Graf Egge seinen Stummel mit der zweifelhaftesten aller
Knastersorten stopfte, schlich Willy sich hinter dem Bchsenspanner in die Kche
hinaus und legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter.
    Schipperchen? Du wirst uns doch nicht verraten, wenn wir auf dem Heuboden
eine Flasche Wein trinken, et cetera?
    Schipper zeigte eine ernste Miene. Ich bitt, Herr Graf, tun S' was S'
wollen, aber ich darf nix sehen! Wenn ich was sieh, mu ich's melden. Sie haben
ghrt, wie der Herr Vater gredt hat. Ich hab die Verantwortung. Ich darf nix
sehen.
    Willy schien mit dieser Antwort vllig zufrieden, und Moser wurde zur nahen
Holzerhtte geschickt, um die erste Ration der Kontrebande herbeizuschleppen und
auf dem Heuboden in Sicherheit zu bringen. Als Willy die Stube wieder betrat,
nickte er seinem Bruder Robert mit vergngten Augen zu und fragte den Vater: Wo
bleibt deine Zither, Papa? Ich habe mich schon riesig gefreut, dich wieder zu
hren.
    So? Na, dann freue dich nur noch ein wenig lnger! brummte Graf Egge und
warf sich, mit der Pfeife zwischen den Zhnen, auf das Bett. Ich bin heute
gerad in der Laune, euch was vorzududeln!
    Franzl kam in die Stube und legte vor Tassilo zwei Patronen auf den Tisch.
Ihr Bchsl hab ich a bil durchgwischt, Herr Graf. Er hngte das Gewehr an das
Zapfenbrett.
    Das war berflssig! klang es vom Bette her. Und Herr Graf? Wenn du dich
bei ihm schn Kind machen willst, Hornegger, so mut du Herr Doktor sagen. Das
hrt er lieber.
    Franzl, dem die Luft in der Stube nicht geheuer schien, drckte sich
schleunigst wieder zur Tr hinaus, whrend Tassilo sagte: Du irrst, Papa, ich
mache keinen Unterschied zwischen Titeln.
    So? Man hat mir aber doch erzhlt, da auf dem Schild deiner Wohnungstr zu
lesen steht: Doktor Egge - kurzweg? Da mu dir der angebffelte Doktor doch
besser gefallen als dein angeborener Graf?
    Mir gilt der eine soviel wie der andere. Da ich auf dem Schild meiner Tr
den ersteren vorziehe, das ist eine Konzession, die ich meinem Beruf mache. Zu
mir kommen mancherlei Leute -
    Mit Vorliebe die Wildschtzen.
    Das ist nicht der Fall, aber es wrde mich nicht wundern, wenn es so wre.
Der arme Teufel, der im vergangenen Winter meine Hilfe suchte, vermutete ganz
richtig, da ich so viel von Jagd gehrt und erfahren htte, um eine
Leidenschaft zu begreifen, die den Frieden einer ganzen Familie zu zerstren und
einen Menschen zum Verbrecher machen kann.
    Graf Egge lachte. Aaaah! Du gibst also wenigstens zu, da ein Wildschtz
ein Verbrecher ist?
    Na, sieh mal, mit diesem Zugestndnis hast du Papa eine Freude gemacht,
fiel Robert ein, und ich vermutete schon, da du eigentlich etwas ganz anderes
sagen wolltest. Oder nicht?
    Willy sah den Blick, den die Brder tauschten, und versuchte einzulenken.
Natrlich ein Verbrecher! Der Kerl ist ja auch richtig verknurrt worden. Tas
pldierte doch nur auf mildernde Umstnde, und die waren in diesem Falle
wirklich am Platz. Wenn man die Sache genau betrachtet, bestand das einzige
Verbrechen dieses Menschen doch eigentlich darin, da er nicht vorsichtig genug
in der Wahl seiner Eltern war. Wre er mit dieser Leidenschaft fr die Jagd als
der Sohn eines reichen Vaters auf die Welt gekommen, so htte er sich ein paar
Reviere pachten knnen, wre ein groer Nimrod geworden und dabei ein
anstndiger Mensch geblieben. Hab' ich nicht recht? Willy ging auf den Vater zu
und fate ihn scherzend am Bart. Sei mal ehrlich, Papa, und setze den Fall, da
du selbst als armer Teufel auf die Welt gekommen wrst. Ich glaube, aus dir wr'
auch ein Wildschtz geworden, dazu noch ein riesig gefhrlicher.
    Nein! entschied Graf Egge. Ein Wildschtz gewi nicht, wahrscheinlich ein
pflichtgetreuer Jger.
    Ein solcher wrde auch aus meinem Klienten werden, sagte Tassilo, wenn du
auf meine Bitte gehrt und den Mann in deine Dienste genommen httest!
    Das htt' mir taugen knnen nach aller Galle, die mir die Sache gemacht
hat, und nach dem verwnschten Klatsch!
    Geschftsprinzip! lchelte Robert. Ein junger Advokat mu von sich reden
machen. Und alle Achtung, das gelingt dir! Die Zeitungsschreiber beten dich an.
Sogar in den sozialdemokratischen Blttern bist du einer ehrenvollen Erwhnung
sicher.
    Woher weit du das? fragte Tassilo mit mhsam bewahrter Ruhe. Du liest
doch nie eine Zeitung?
    Wahrscheinlich habe ich Besseres zu tun. Aber die guten Freunde sorgen
dafr, da man immer das Ntigste ber dich erfhrt.
    Das ist wohl die einzige Gelegenheit, bei der du dich um mich bekmmerst?
    Du hast es deinen Brdern schwer gemacht, mit dir in Verkehr zu bleiben.
Bei dir soll eine Kollektion von Bassermannschen Gestalten aus und ein gehen,
mit denen ein reinlicher Mensch nicht gern in Berhrung kommt. Ich bin gewohnt,
mit Leuten zu verkehren, in deren Nhe man sich die Taschen nicht zuzuknpfen
braucht.
    Das Bild ist nicht gut gewhlt, Robert! Gerade du mit deinen offenen
Taschen wrst in der Nhe der Menschen, die zu mir kommen, viel weniger
gefhrdet als in deiner Gesellschaft und am Spieltisch.
    Das sitzt, Bertl! lachte Graf Egge schadenfroh. Mit Worten schiet er
besser als du.
    Robert nahm eine hoheitsvolle Miene an. Das Vergngen, mit Impertinenzen
gegen mich anzufahren, vergnn' ich ihm. Die gute Gesellschaft zu respektieren,
das lt sich schwer von jemand verlangen, der mit dem eigenen Namen bereits
abgewirtschaftet hat.
    Tassilo richtete sich mit blitzenden Augen auf. Wie meinst du das?
    Willy, der die Nutzlosigkeit seiner diplomatischen Bemhungen einsah,
verlie die Stube, whrend Graf Egge sich vom Bette erhob und langsam, den
Pfeifenrauch in einem dnnen Faden vor sich hinblasend, zum Tische kam.
    Ohne zu antworten, hatte Robert die Arme gekreuzt. Ein paar lautlose
Sekunden verrannen.
    Hast du meine Frage nicht gehrt?
    Was ich sagte, bedarf keiner Erklrung. Du selbst hast eingestehen mssen:
da du auf deinem Geschftsbetrieb auf den ererbten Titel verzichtest und dich
mit dem Doktor begngst.
    Mein Beruf bringt es mit sich, da ich Vertrauen verlangen mu. Und da ist
es nicht meine Schuld, wenn der Titel, der mir in die Wiege fiel, eher ein
Hindernis fr mich bedeutete und Anla zu einem Mitrauen wurde, gegen das ich
schwer zu kmpfen hatte.
    Oho! murrte Graf Egge. Soll das ein Hieb auf den Adel sein?
    Durchaus nicht, Papa! Wenn ich auch den Grafen nicht auf meine Tr
schreibe, so schlag ich meinen Adel doch hher an als mancher andere, der die
Krone auf jede Zigarettendose und auf den Knopf jeder Reitpeitsche gravieren
lt und der Meinung ist, da er damit alle Verpflichtungen gengt htte, die
seine Geburt ihm auferlegt.
    Bertl, das geht auf dich! stichelte Graf Egge.
    Nein, Papa! fiel Tassilo ein, ehe Robert antworten konnte. Nur gegen
deinen Einwurf wollte ich mich verteidigen. Ich bin stolz auf meinen Adel. Aber
man kann nicht Vorrechte beanspruchen, ohne nicht auch seine Pflichten um so
hher zu fassen. Adelige Herkunft stellt uns auf einen exponierten Posten, zu
dem Hunderte von Augen leichter den Weg finden, als zu jedem Beliebigen, der
recht oder schlecht die Aufgabe seines Lebens zu erfllen sucht. Was wir
Tchtiges leisten, wird dem einzelnen von uns nur als etwas Selbstverstndliches
angerechnet. Wir beanspruchen ja, die Auserwhlten zu sein. Drum wird jede
Ausschreitung und Miartung hundertfach gesehen und sofort als typisch fr uns
alle bezeichnet. Mit Unrecht. Aber es ist nun einmal so, und darin liegt fr uns
eine doppelte Verpflichtung.
    Groartig! lachte Robert. In einer Volksversammlung wrdest du dich mit
solchen Tiraden populr machen. Aber in Papas Jagdhtte? Er sah zu seinem Vater
auf, der den Pfeifenrauch in dicken Wolken vor sich hinpaffte. Ich hoffe, Papa,
du amsierst dich! Er sagte bereits: Verpflichtung. Jetzt wird er gleich mit dem
abgedroschenen Noblesse oblige! herausrcken.
    Graf Egge schwieg.
    Ja, Robert, das Wort ist alt geworden! Htten wir es jung erhalten, so
gensse der Adel jene Achtung, die ich ihm von Herzen wnsche, auch heute noch.
Nicht nur bei unseren Bedienten. Und dann wre mir auch die Erfahrung erspart
geblieben, da jeder von uns, den es zu ernster Arbeit treibt, einem nur schwer
zu berwindenden Zweifel an seinen Fhigkeiten und seinem redlichen Willen
begegnet, gerade weil er von Adel ist. Aber du hast recht, das ist kein Thema
fr die Jagdhtte. Und Papa wird mde sein. Es ist Zeit, da wir ein Ende
machen. Gute Nacht, Papa!
    Graf Egge blies eine Wolke vor sich hin und nickte schweigend.
    Als Tassilo die Stube verlassen hatte, schob Robert sich hinter dem Tisch
hervor. Ein netter Herr! Was sagst du, Papa?
    Graf Egge machte die Augen klein und strich mit der Pfeifenspitze ber den
weien Schnurrbart. Ich sage: Du sei still! Wenn es auf einen pat, was er
sagte, so pat es auf dich! Die Hoffnung, da aus ihm noch ein Jger wird, geb'
ich auf. Aber lieber sitzt er mir hinter dem Schreibtisch als hinter dem
verfluchten Mbel, an dem du auf meine Kosten die Nchte verbringst. Leg' dich
schlafen! Graf Egge pfiff durch die Finger. Whrend er an der Ofenkante die
Pfeife ausklopfte, kam Schipper zur Tr hereingeschossen. Mach die Fenster auf,
da der Zigarettengestank hinauskann, und richte mir das Bett!
    Wortlos ging Robert aus der Stube und kletterte ber die Leiter auf den
Heuboden, wobei er die Scheulichkeit des ihm zugewiesenen Quartiers mit einem
krftigen Reiterfluch bedachte.
    Fr jeden der Brder hatte Franzl ein Leintuch ber das Heu gebreitet und
eine wollene Decke zurechtgelegt. Die Kerze, die hinter den trben Glsern einer
Laterne brannte, erleuchtete mit ihrem matten Schimmer den niederen Raum und das
von Spinnweben berzogene Sparrenwerk des Daches. Tassilo hatte sich schon zur
Ruhe gelegt. Auch Franzl war schon ins Heu gekrochen, ohne bei dem heimlichen
Nachtmahl mitzuhalten.
    Whrend Schipper in der Herrenstube Graf Egges Bein frottierte, taten Robert
und Willy sich auf dem Heuboden an Niersteiner und Pschorrbru gtlich und
vertilgten den Inhalt einer Konservenbchse.

                                       16


Frh am Morgen hatte Forbeck sich erhoben, um vor seinem Gang nach Hubertus noch
einige Stunden fr die Arbeit zu gewinnen. Er ffnete das Fenster und rckte die
Leinwand in das beste Licht. Er nahm auch die Palette. Doch als er vor das Bild
trat und den Blick auf die leuchtende Mdchengestalt heftete, die vor ihm zu
leben schien, umschimmert von einem letzten Sonnenstrahl, den das ausbrechende
Unwetter schon zu ersticken droht - da schien er seine Arbeit wieder zu
vergessen. Er hrte nicht, da Mali die Stube betrat, um das Frhstck zu
bringen. Erst als die Tasse klirrte, erwachte er und nickte zerstreut einen
Gru, den Mali nicht erwiderte. In Hast verlie sie die Stube. Forbeck hllte
die Leinwand in ein weies Tuch, legte den Malkasten auf den Tisch und machte
sich zum Ausgang fertig, ohne das Frhstck zu berhren. Im Flur begegnete ihm
Mali mit dem kleinen Netterl auf den Armen.
    Wenn jemand von Schlo Hubertus kommt, um meine Gerte zu holen, sagte er,
ich habe droben alles bereitgestellt. Und bitte, sagen Sie dem Diener - Da
verstummte Forbeck und sah erschrocken in das Gesicht des Mdels.
    Mali sah aus wie ein Gespenst ihrer selbst. Der Ausdruck eines trostlosen
Kummers lag auf ihren vergrmten Zgen, und dunkle Rnder zogen sich um die
Augen.
    Was ist Ihnen? fragte Forbeck. Sind Sie krank?
    Mali schttelte den Kopf. Blo a bil bernchtig bin ich, 's Kindl hat
mich net schlafen lassen. Sie trat in die Stube.
    Forbeck verlie den Brucknerhof, folgte einem Pfad, auf den ihn der Zufall
fhrte, und irrte zwei Stunden in dem Wald umher, der den Park von Schlo
Hubertus umgab. Immer wieder geriet er in die Nhe des Tores, stand unschlssig,
warf einen Blick auf die Uhr und wandte sich wieder in den Wald zurck. Endlich
ging es auf die zehnte Stunde. Mit dem ersten Glockenschlag, der von der
Dorfkirche herbertnte, trat Forbeck in den Park. Als er sich dem Adlerkfig
nherte, begegnete ihm Moser mit einer blutfleckigen Holzschssel; der Alte war
am Morgen mit dem Wildtransport von der Jagdhtte heruntergekommen, hatte
Roberts Brief zur Post getragen, die Arbeit in der Zwirchkammer erledigt und
brachte nun den Adlern die rohe Wildleber zum Futter. Mit Gnnermiene nickte er
dem jungen Knstler zu: Die Damen sind schon bei die Malersachen im Park hint
und warten! Die Adler hatten die ihnen wohlbekannte Schssel bereits gewahrt
und flatterten hinter dem Gitter lrmend durcheinander, so da sich vom Boden
des Kfigs eine schmutzige Wolke erhob. Whrend Moser das Gitter ffnete,
beschleunigte Forbeck den Schritt - der Anblick des Kfigs hatte immer peinlich
auf ihn gewirkt, und das blutige Menageriegeschft, das er den alten Jger ben
sah, mehrte in ihm noch das Gefhl des Widerwillens. Als er den offenen Platz
vor dem Schlo erreichte, verschlang sein irrender Blick die Blumenbeete, das
zitternde Lichterspiel im Gezweig der Bume und den blitzenden Tropfenfall der
rauschenden Fontne.
    Wie schn! Und heute zum letztenmal!
    Da hrte er die Stimme der Kleesberg und sah auf dem Rasen die Staffelei mit
der Leinwand bereits aufgestellt. Kitty und Tante Gundi standen vor dem Bild,
und Forbeck, whrend er nher kam, hrte noch ein wortreiches Stck der
begeisterten Rede, mit der die Kleesberg dem in Schweigen versunkenen Mdchen
die unglaublichen Fortschritte der Arbeit pries. So aufmerksam Kitty auch
lauschte, sie vernahm doch den Schritt, der sich nherte. Er kommt!
    Tante Gundi begrte den jungen Knstler mit erregter Herzlichkeit, und als
ihr Forbeck, der nicht zu sprechen vermochte, die Hand kte, sah sie so
vertrumt auf ihn nieder, als wren ihre Gedanken wei Gott in welcher Ferne und
vergangenen Zeit.
    Bei Kitty war die Begrung schneller abgetan; eines vermied den Blick des
andern. Whrend Kitty langsam auf den Sessel zuging, um ihre Stellung
einzunehmen, fand Gundi Kleesberg ihre Fassung wieder. Beginnen Sie nur gleich
mit der Arbeit! mahnte sie. Die letzte Sitzung! Da mssen wir die Zeit noch
gut bentzen. Das klang, als wre auch ihr bei dieser letzten Sitzung eine
wichtige Rolle zugewiesen. Sie griff nach ihrem Buch und lie sich auf die
Rohrbank nieder, die heute dicht neben die Staffelei gerckt war. Es strt Sie
doch nicht, wenn ich so nahe sitze?
    Gewi nicht! Die Palette zitterte in Forbecks Hand, whrend er die Farben
aus den Tuben drckte; dann trat er vor die Leinwand. Die Falten an Kittys Kleid
waren einer Korrektur bedrftig. Gestatten Sie?
    Oh, bitte!
    Als er zurcktrat und das Werk seiner zitternden Hnde einer letzten
Musterung unterzog, verirrten sich seine Augen bis zu Kittys glhendem
Gesichtchen, und da tauchte Blick in Blick, so seltsam erschrocken, als she
eines im anderen ein unbegreifliches Rtsel.
    Wie ein Trumender ging er zur Staffelei zurck und begann die Arbeit.
Lautlose Minuten. Ab und zu das Gezwitscher eines Vogels. Und manchmal knisterte
es leise, wenn Gundi Kleesberg ein Blatt ihres Buches umschlug. Es schien ihr
mit dem Lesen nicht sonderlich ernst zu sein. Immer wieder glitt ihr Blick zu
Forbeck hinber. Endlich klappte sie das Buch zu. Sind Sie bei der Arbeit immer
so schweigsam? Sie haben es wohl nicht gern, wenn geplaudert wird?
    Forbeck erwachte aus seiner Verlorenheit. Im Gegenteil, ich bin seit Jahren
gewohnt, mit Werner gemeinsam zu arbeiten. Wir haben immer was zu plaudern.
    Wie lange leben Sie schon in Mnchen?
    Seit vierzehn Jahren, seit Werner mich in sein Haus nahm.
    Ja, richtig, Sie erzhlten uns neulich, da Sie - mit Professor Werner
verwandt wren?
    Aber Tante Gundi! rief Kitty von ihrem Sessel herber. Herr Forbeck
erzhlte das Gegenteil, auf der Veranda, als uns Tas diese merkwrdige
hnlichkeit erklrte.
    Diese hnlichkeit - lispelte Gundi Kleesberg vor sich hin.
    In Kitty war, als sie den Namen des Bruders ausgesprochen hatte, der Gedanke
erwacht, da Tassilo vielleicht in dieser Stunde vor dem Vater stnde, ringend
um sein Glck. Ihre Augen suchten die Berge, und unter einem Seufzer zog sie die
beiden Daumen ein.
    Sagten Sie nicht auch, da Professor Werner Sie erziehen lie? begann die
Kleesberg von neuem ihr Verhr.
    Ja, gndiges Frulein. Was aus mir geworden, verdanke ich Werner. Ich war
neun Jahre alt, als er mich fand.
    Als er Sie fand? Er wute von Ihrer Existenz und suchte Sie?
    Nein. Werner wute frher von mir sowenig wie ich von ihm. Er hat meine
Eltern nie gekannt. Das waren arme Leute in einem kleinen Dorf, und sie waren
nicht mehr jung, als ich geboren wurde. Ich hatte noch drei Geschwister. Sie
starben vor meiner Geburt. Ein Schatten tiefer Schwermut legte sich ber
Forbecks Zge. Ich hatte keine glckliche Kindheit. Verstummend sag er auf die
Palette nieder, whrend er eine Farbe mischte. In seiner Erinnerung tauchte das
Bild einer rmlichen Stube auf, mit verwahrlostem Gert; ein vierjhriger Bub,
in Lumpen gehllt, kauert hinter dem Herd, auf dem die Mutter sitzt, mit
verdrossenem Faltengesicht, die irdene Kaffeetasse in der Hand; schweigend leert
sie eine Tasse um die andere, bis sie drauen schwere Tritte poltern hrt; nun
versteckt sie das Geschirr, und der Vater stolpert in die Stube, betrunken, mit
glasigen Augen. Ein Fluch ist sein Gru, und der Bub im Herdwinkel beginnt zu
zittern; er wei, was ihm bevorsteht.
    Forbeck richtete sich auf, als mchte er diese Erinnerung gewaltsam von sich
abwerfen.
    Sie haben Ihre Eltern frh verloren? fragte Gundi Kleesberg bewegt,
whrend Kitty lautlos sa, mit erblatem Gesicht.
    Meine Mutter starb, als ich noch nicht fnf Jahre alt war. Ein paar Monate
spter verunglckte mein Vater. Wieder verstummte Forbeck. Vor seinen Gedanken
stand das Bild jenes Abends, an dem der Vater nicht wie sonst nach Hause kam.
Bei sinkender Nacht brachte man ihn getragen, Leute drngten sich in die Stube,
alle kreischten durcheinander; das dauerte nicht lange; die Leute verliefen sich
wieder, und neben der Asche hockte der kleine Bub im Herdwinkel und sphte
furchtsam nach dem Heubett, von dem die Wassertropfen herunterfielen. Stunde um
Stunde verging, und der Schlfer lag immer unbeweglich; er schnarchte auch
nicht. Vom Hunger getrieben, kam der Bub aus seinem Winkel hervorgeschlichen. Er
sah den Vater in triefenden Kleidern liegen; die nassen Haare hingen ber die
offenen Augen. So, mit diesen blulichen Lippen, so unbeweglich war vor einem
halben Jahr die Mutter auf dem gleichen Bett gelegen. An allen Gliedern
zitternd, in der ziellosen Furcht, die der Tod auch in jenen erweckt, die ihn
nicht erkennen, rannte das schreiende Kind aus der Stube und verbrachte die
Nacht unter freiem Himmel auf der Hausbank. Sein letzter Gedanke vor dem
Einschlafen war: Wer wird mich morgen schlagen?
    Mit erschrockenen Augen hing Kitty an Forbeck, als wre in ihr eine Ahnung
der harten Kindheit erwacht, die hinter seinen kargen Worten verborgen lag. Und
Gundi Kleesberg sagte bedrckt: So frh verwaist! Wer sorgte fr Sie, als Ihre
Eltern gestorben waren?
    Niemand. Zwei Jahre lebte ich - Eine leise Bewegung der Schultern
vollendete den Satz. Dann durfte ich die Gnse hten. Und da kamen bessere
Zeiten. Man gab mir Unterkunft im Gemeindehaus, ich bekam tglich zu essen und
empfand so etwas wie Freude. Der Wald, die Wiesen, der Bach, die Sonne, das war
mein Reichtum, aus dem ich immer schpfte. Die Einsamkeit reifte meinen
Kinderverstand, ich begann und denken, begann mein Leben mit dem Leben anderer
Kinder zu vergleichen. Neid hab' ich nie empfunden. Aber immer war in mir eine
Sehnsucht, die mir fast das Herz verbrannte.
    Gundi Kleesberg mute sich pltzlich ihres Wortes von der guten
Kinderstube erinnern.
    Oft lag ich lange Stunden, das Gesicht ins Gras gedrckt. Wenn ich mich
mde geweint hatte, begann ich zu trumen,. begann mit dem Finger oder mit einem
Reis in den Sand zu zeichnen, mit Kohle auf die Stallwnde, Stlle und Scheunen.
Ich zeichnete Huser mit Grten, zeichnete meine Gnse und die anderen Tiere,
den Kirchturm mit der Sonne darber, den lieben Gott und den Teufel. Und
schlielich versuchte ich die Menschen nachzubilden.
    Forbeck schwieg - die feinen Linien des unter dem Gewandsaum hervorlugenden
Fchens, an dem er gerade malte, nahmen seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Es
whrte eine Weile, bis er wieder zu erzhlen anfing: Meine Kritzeleien begannen
im Dorfe von sich reden zu machen, in einer Weise, die mir nicht erfreulich war.
Die Besitzer der schnen weien Mauern waren nicht gut auf mich zu sprechen. Er
lchelte. Ich mute mich frh daran gewhnen, fr meine Kunst zu leiden. Nun
schwieg er und arbeitete mit doppeltem Eifer, als wte er nichts mehr zu
erzhlen.
    Die Kleesberg war mit diesem Schlu nicht einverstanden. Und - wie kam das?
Mit Professor Werner?
    An einem Sommertag - auf der Bachwiese lag ich zwischen meinen Gnsen im
Gras - da sah ich nicht weit von mir einen fremden Mann stehen, in stdtischer
Kleidung -
    Werner? stammelte Gundi Kleesberg.
    Forbeck nickte. Der breite Hutrand warf einen dunklen Schatten ber das
schmale Bartgesicht, in dem zwei Augen glnzten, ber die ich mich wundern
mute, ich wei nicht, warum. Nie hatte ich ein gutes Wort gehrt, nie einen
freundlichen Blick empfangen. Der fremde Mann da, vor dem ich mich zuerst ein
bichen frchtete, das war der erste Mensch, der mich ansah in herzlichem
Erbarmen. Lange stand er so vor mir, ohne ein Wort zu sagen. Dann ging er auf
mich zu -
    Forbeck sah wie ein Erwachender auf - von der Ulmenallee klang die
schreiende Stimme des alten Bchsenspanners, dazu eine schrille Mdchenstimme.
Kitty lie sich vom Sessel heruntergleiten, whrend Gundi Kleesberg stumm in
sich versunken sa. Das Geschrei wurde lauter. Nun kam der Diener vom Schlo
herbergelaufen.
    Fritz? Was ist denn?
    Moser hat am Adlerkfig die Tr nicht versperrt, und der Steinadler, den
der gndige Herr vor drei Jahren aus der Brenwand herunterholte, ist
ausgeflogen. In der Allee sitzt er auf einer Ulme.
    Ach du lieber Himmel! Wenn Papa das erfhrt! stammelte Kitty. Kommen Sie,
Herr Forbeck! Der Adler mu wieder eingefangen werden. Oder es gibt einen bsen
Tag fr uns alle, wenn Papa heimkommt!
    Forbeck hatte schon die Palette aus der Hand geworfen und rannte mit Kitty
und Fritz nach der Ulmenallee.
    Gundi Kleesberg ermunterte sich aus ihrer Verstrtheit und fuhr mit beiden
Hnden nach ihrer Frisur, als wre der Adler schon in Greifnhe ihrer Zpfe.
Dabei schien auch in ihr das Gefhl zu erwachen, da es auf der Welt ein Wesen
gbe, das sie zu beschtzen htte. Kitty! Kitty! Sie sah die Komtesse mit
Forbeck um die Ecke des Schlosses verschwinden und schrie in Sorge: Aber
Kinder!
    Die beiden hrten nicht. Atemlos erreichten sie die Allee und sahen unter
einer Ulme vier schreiende Menschen stehen: die Beschlieerin, Roberts
Stallburschen, eine Jungfer und den alten Moser. Mit kalkweiem Gesicht kam
ihnen Moser entgegengelaufen.
    Aber Moser! jammerte Kitty. Was haben Sie denn angestellt! Papa wird
wtend sein, wenn er das hrt.
    Auf Ehr und Seligkeit, ich hab kei Schuld net! keuchte der Alte. Und gar
net denken kann ich mir, wie 's Unglck passiert is! Ich hab den Schlssel
umdreht, und da hr ich mein Namen rufen, und wie ich mich umschau, steht 's
Zauner-Lieserl in der Allee. Auf Ehr und Seligkeit, 's Lieserl wird mir bezeugen
knnen - und Mar' und Josef, den Vogel schau an! schreit 's Madl. Und wie ich
zum Kfig hinschau, hab ich gmeint, mich trifft der Schlag! 's Trl steht
sperrangelweit offen, und der Adler hupft auf der Allee umanand. Wie der Teufel
bin ich auf'n Kfig zu, und grad hab ich 's Trl noch zubracht, da net einer
von die andern auch noch aussi fliegt. D' Joppen hab ich abgrissen und bin dem
Adler nach. Da fangt er 's Fludern an, und richtig kommt er auffi bis auf'n
Baum! Da schauen S', Konte, da sitzt er droben!
    In halber Hhe des Baumes sa der Adler auf einem Ast, die Fnge weit
gespreizt, den flachen Kopf zwischen die Flgel geduckt. Mit blitzenden Augen
sphte er bald zur Sonne hinauf, bald wieder hinunter auf das Huflein Menschen,
die ratlos durcheinander schrien.
    Was fang ich denn an? Herr Jesus, Jesus! klagte Moser. Der gndige Graf,
der jagt mich zum Teufel, wann der Vogel hin is!
    Vor allem sollen sich die Leute ruhig verhalten! sagte Forbeck. Jeder
Lrm mu den Vogel noch scheuer machen, als er schon ist.
    Kitty befahl energisch: Ruhe! Schweigen trat ein, aber vom Schlo herber
hrte man den Jammerschrei der Kleesberg: Kitty! Kitty! Das klang immer nher,
niemand kmmerte sich drum, alle sphten nach dem Adler.
    Der Vogel kennt die Kraft seiner Schwingen nicht, sagte Forbeck zu Kitty,
sonst wrde er nicht so ruhig sitzen. Er ist an die Gefangenschaft gewhnt.
Wenn wir ihn aufstren, wird er zu Boden flattern. Ihn mit den Hnden zu packen,
das mchte bel ausfallen. Mit einem Netz vielleicht -
    Fritz! Das groe Forellennetz! Und eine Leiter! befahl Kitty.
    Der Diener rannte mit dem Stallburschen davon.
    Milingt die Sache, so wird nichts anderes brigbleiben, als den Vogel
durch einen Schu zu tten. Wenn er ber die Parkmauer hinausflattert und ins
Dorf gert -
    Was? Den Adler erschieen? stotterte Moser. Net um d' Welt! Mar' und
Josef, was mcht der Herr Graf sagen!
    Herr Forbeck hat recht. Was Herr Forbeck anordnet, hat zu geschehen!
entschied Kitty mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete. Ich
werde die Sache bei Papa verantworten. Schnell, Moser, holen Sie ein Gewehr!
    Moser schttelte den Kopf und ging.
    Kitty! Kitty! Tante Gundi erschien mit ausgebreiteten Armen in der
Ulmenallee.
    Frulein von Kleesberg ist in Sorge, sagte Forbeck und fate Kittys Hand,
ich glaub' auch, es wre besser, wenn Sie sich entfernen wollten, bis die Sache
vorber ist.
    Mit groen Augen sah ihn Kitty an. Nein. Ich bleibe bei Ihnen. Angst hab'
ich nicht.
    In Verzweiflung kam Gundi Kleesberg herbeigestrzt und umklammerte Kittys
Arm. Fort! Fort! Bist du von Sinnen? Was hast du hier zu schaffen? Sie sah den
Adler, der in verdchtiger Unruhe den Hals streckte. Aufkreischend suchte sie
Kitty mit Gewalt von der Stelle zu reien.
    Aber Gundi! Ich bin doch kein Kind mehr! Da ist wahrhaftig keine Gefahr.
Herr Forbeck ist doch bei uns!
    Ich bitte, gehen Sie! fiel Forbeck ein. Sie sehen, in welcher Sorge
Frulein von Kleesberg ist.
    Fort! Fort! Hrst du denn nicht? Herr Forbeck bittet dich!
    Einen Augenblick strubte Kitty sich noch. Dann sagte sie: Gut, ich gehe.
Aber dann haben auch Sie keine Veranlassung, hierzubleiben. Moser soll allein
sehen, wie er seine Dummheit wieder gutmacht. Kommen Sie, Herr Forbeck. Sie
streckte die Hand nach ihm.
    Da kam der Diener mit dem Netz gelaufen, und der Stallbursche brachte eine
hohe Leiter. Seien Sie vorsichtig, rief Forbeck dem Burschen zu, der die
Leiter aufzurichten versuchte, stoen Sie mit der Leiter an keinen Ast!
    Die Warnung kam zu spt. Dem Adler schien die Sache nicht mehr geheuer. Er
breitete die Schwingen aus. Des Fluges ungewohnt, vermochte er sich aus dem
Gezweig der Ulme nicht hervorzuheben und kam ins Fallen.
    Jesus Maria! kreischte die Beschlieerin. Und die Jungfer schrie: Der
Adler! Konte, der Adler! Krachend strzte die Leiter zu Boden, die dem
Stallburschen im Schreck aus den Hnden geglitten war. Gundi Kleesberg stie
einen gellenden Schrei aus, und Kitty, als sie das erblate Gesichtchen hob, sah
den taumelnden Vogel schon dicht ber ihrem Kopf. Alle Stimmen schrillten, und
Moser kam mit einer Flinte durch die Allee gerannt. Die Schwingen des Adlers
trafen schon im Niederschlagen Kittys Arm, und seine Fnge streckten sich, um an
ihrer Schulter einen Halt zu finden. Da warf sich Forbeck mit ersticktem Laut
ber Kitty, und whrend sie unter dem Sto zu Boden taumelte, haschte er mit
beiden Hnden die eine Schwinge des Vogels und ri ihn seitwrts. Mit wtender
Kraft wehrte sich der Adler, und Forbecks Kopf und Schultern verschwanden unter
dem Gewirbel der mchtigen Flgel. Gundi Kleesberg, totenbleich, griff mit den
Hnden in die Luft. Forbeck! Herr Forbeck! Wie eine Wahnsinnige strzte sie
auf den Bedrohten zu. Mit der einen Hand griff sie nach der Brust des Adlers,
mit der anderen fate sie seinen Hals. Um Herrgotts willen! Fruln! Jesses! Was
machen S' denn! kreischte Moser und warf die Flinte ins Gras. Zruck, sag ich!
Auslassen! Er ri das Netz aus den Hnden des Dieners und warf es ber den mit
Schwingen und Fngen schlagenden Vogel. Fr ein paar Augenblicke bildeten die
drei Menschen mit dem Adler einen wirren Knuel -doch ehe Kitty sich erhoben
hatte und aus den Hnden der schreienden Jungfer sich loszureien vermochte, lag
der vom Netz umwickelte Adler schon auf der Erde und unter Mosers Knien.
    Erblassend flog Kitty auf Forbeck zu. Die Weste war ihm von der Brust
gerissen, und in Fetzen hing ein rmel von der Schulter. Sind Sie verwundet?
    Forbeck betrachtete lachend seine Hnde und griff an seinem Arm herum. Ich
glaube nicht - Da sah er die Kleesberg und erschrak.
    Zitternd, das Gesicht von mehliger Blsse, stand sie vor ihm, als begriffe
sie nicht, was geschehen war und was sie getan; ihr Kleid war verwstet, die
Zpfe hingen auf die Schulter, und aus dem engen Seidenrmel quollen rote
Tropfen.
    Tante Gundi! stammelte Kitty. Und Forbeck: Frulein! Um Gottes willen!
Was ist Ihnen geschehen?
    Die Kleesberg erwachte, sah verstrt an sich hinunter, und als sie die roten
Tropfen auf ihrem Arm gewahrte und zwei dnne Blutlinien ber ihre Finger
schleichen sah, machte sie die Augen zu und setzte sich auf den Boden.
    Alle drngten sich um die Bewutlose, whrend Moser sich noch immer mit dem
Adler balgte, dessen wilde Kraft auch durch die zusammengeschnrten Maschen des
Netzes nicht vllig gebndigt wurde.
    Forbeck war der erste, der nach dem Schreck die Besinnung wiederfand, und
alle fgten sich seinen Anordnungen. Der Stallbursche rannte davon, um den Arzt
zu holen, und die Jungfer lief in das Schlo, um in Frulein von Kleesbergs
Zimmer alles zu richten. Forbeck und Fritz hoben die Bewutlose auf und trugen
sie ins Haus; dabei sttzte Kitty mit zitternden Hnden Tante Gundis blutenden
Arm, und die Trnen rannen ihr ber die blassen Wangen.
    Es war eine schwere Mhe, die Ohnmchtige ber die Treppe hinaufzubringen
und auf das Bett zu heben. Whrend Kitty und die Jungfer bei Gundi Kleesberg
blieben, stieg Forbeck mit dem Diener in den Flur hinunter. Hier mute Forbeck
es sich gefallen lassen, da ihm Fritz den Staub und Flaum von den Kleidern
brstete und mit Stecknadeln an der Weste und an den rmeln die Risse schlo;
Forbeck schien nicht zu sehen, nicht zu hren; als ihn der Diener freigab, trat
er auf die Veranda hinaus.
    In der Ulmenallee krachte ein Schu. Fritz rannte an Forbeck vorber, kam
nach einer Weile zurck und berichtete: Der Adler mute erschossen werden, die
linke Schwinge war gebrochen. Auch meinte Moser, da die Risse, die das arme
Frulein bekam, nicht heilen wrden, wenn das Tier am Leben bliebe. Die Leute
hier sind schrecklich aberglubisch.
    Der Doktor kam, und Forbeck blieb eine Viertelstunde allein. Dann hrte er
einen flinken Schritt im Flur. Eine Blutwelle scho ihm ins Gesicht.
    Kitty erschien auf der Schwelle. Ich bin nur schnell heruntergehuscht, um
Sie zu beruhigen. Der Doktor meint, da die Wunden bald wieder heilen werden. An
zwei Stellen des Armes sind die scharfen Klauen tief ins Fleisch gedrungen, aber
glcklicherweise sind die Wunden nicht ausgerissen. Sie schpfte Atem. Mir ist
ein Stein vom Herzen. Auch die arme Gundi ist schon ein bichen ruhiger. Wie das
nur kommen konnte? Vor einer halben Stunde diese glckliche Stille! Und jetzt -
    Forbeck sah zu Boden. Auch Kitty schwieg. Wie in drckender Schwle bewegte
sie die Schultern und streifte die schimmernden Lckchen von der heien Stirn.
Und ganz unbegreiflich ist das mit Tante Gundi! Sonst die hilflose
ngstlichkeit! Und pltzlich dieser Mut -
    Frulein von Kleesberg hat Sie lieb und war in Sorge.
    Um mich? Aber ich war doch - Kitty verstummte. Vor den Stufen der Veranda
sah sie den alten Moser stehen, mit dem Hut in der Hand, ein Bild der tiefsten
Zerknirschung. Moserchen! Moserchen!
    Der alte Jger schien den ganzen Vorwurf dieser verkindlichten Namensform zu
erfassen; seine Gestalt schrumpfte zusammen, und wie gesenkte Trauerfhnchen
hingen ihm die Schnurrbartspitzen ber die Mundwinkel.
    In Kitty regte sich das Mitleid. Was machen wir jetzt? Papa darf die
Wahrheit nicht erfahren. Um Ihretwillen.
    Scheu blickte der Alte auf, Hoffnung und Zweifel in den zwinkernden Augen.
Sie haben halt a guts Herzl! Aber da wird sich 's Verheimlichen schwer machen.
Der Adler beim Teufel, und 's alte Frulen net weit davon - Mar' und Josef! Und
grad der Brenwandadler, den der Herr Graf am liebsten ghabt hat, weil er ihn am
hrtesten kriegt hat! Wann der Herr Graf hrt, da der Adler hin is - meiner
Seel, ds berleb ich net.
    Seien Sie ruhig, Moser! Was geschehen ist, knnen wir nicht mehr ndern.
Aber Ihnen mu geholfen werden. Kitty fate den Arm des Alten und flsterte ihm
ins Ohr: Schieben Sie nur alles auf mich!
    Um Gotts willen, Konte! Net um die ganze Welt!
    Ich wei keinen anderen Ausweg. Mich kann Papa nicht davonjagen. Ich werde
ihm schreiben: ich htte eine Krhe geschossen, htte sie in den Kfig werfen
wollen, und da wre das Unglck passiert. ber alles weitere knnen wir dann die
reine Wahrheit sagen. Still, Moser! Die Sache bleibt unter uns, da knnen Sie
beruhigt sein! Den Adler wird Papa schwer verschmerzen. Aber er wird sich
freuen, wenn er hrt, da ich die Krhe getroffen habe. Und weil wir schon lgen
mssen, sagen wir gleich, ich htte sie im Flug geschossen. Dann verzeiht er mir
alles!
    Diese Logik schien dem Alten einzuleuchten; er wollte noch einen
schchternen Widerstand versuchen, als Fritz auf der Veranda erschien: Ich
bitte, Konte, Frulein von Kleesberg verlangt nach Ihnen!
    Kitty wollte ins Haus und blieb erschrocken stehen. Herr Forbeck! Sie
streckte ihm die beiden Hnde hin, die er ungestm ergriff.
    Seine Augen brannten, und seine Lippen zuckten, als rnge, was ihm das Herz
erfllte, gewaltsam nach Sprache. Doch auf den Stufen der Veranda stand der
Jger - und Forbeck sagte mit erzwungener Ruhe: Ich danke Ihnen, da Sie
gekommen sind, um mir das gnstige Urteil des Doktors mitzuteilen.
    Das war doch selbstverstndlich.
    Im Flur klang die Stimme der Jungfer, die von der Treppe dem Diener zurief:
Wo bleibt die Konte? Das arme Frulein droben ist auer sich vor Unruh.
    Ein mdes Lcheln, und zgernd lste Kitty die Hnde. Tante Gundi - Sie
verzeihen - Whrend sie zur Tr ging, tastete sie mit der Hand, als wre sie
von einer Schwche befallen.
    Forbeck sah sie verschwinden, wie ein Erwachender die Bilder einer
traumseligen Nacht im kalten Grau des beginnenden Tages zerrinnen sieht - fr
immer.
    Ich bitte, Herr Forbeck, fragte Moser, soll ich Ihnen vielleicht die
Malsachen heimtragen? Jetzt wird wohl ausgmalt sein?
    Der Alte redete diese Worte aus seiner ehrlichen Betrbnis heraus; Forbeck
empfand ihren Doppelsinn wie einen schmerzenden Stich. Ohne zu antworten, ging
er an Moser vorber. Als er zur Staffelei kam, stand er lange in die Betrachtung
des Bildes versunken. Dann deckte er hastig das Tuch ber die Leinwand und
schlo den Malkasten. Einen letzten Blick noch lie er ber den Rasen gleiten,
ber den leeren Armstuhl und ber die Fenster des Schlosses, aus dessen Mauern
die hundert Enden der mchtigen Hirschgeweihe hervorstarrten wie die Spitzen
gefllter Lanzen.
    Langsam ging er der Ulmenallee entgegen. Vor dem Adlerkfig blieb er stehen.
Scheu rckten die sechs Vgel auf den Stangen hin und her, lfteten die
Schwingen, hoben und duckten die Kpfe. Einer schwang sich gegen das Gitter, da
die Drhte rasselten, und ein anderer lie sich von der Stange fallen und hpfte
schwerfllig auf dem Boden des Kfigs umher, ber den die zerfaserten Reste der
Wildleber ausgestreut waren, von Staub und Federn umwickelt.
    Mir scheint, die merken schon, da der Kamerad nimmer da is! sagte Moser,
als er Forbeck einholte, in der einen Hand das verhllte Bild, in der anderen
den Malkasten.
    Schweigend wandte Forbeck sich ab und folgte der Allee.
    Als sie am Zaunerhaus vorberschritten, stand das feine Lieserl im Garten
hinter den Johannisbeerstauden und machte dem Jger heimliche Zeichen. Moser
drehte brummend das Gesicht zur Seite. Bis zum Dorfe murmelte er ununterbrochen
vor sich hin, nach der Art bejahrter Leute, die im Zorn wie in der Freude laut
zu denken pflegen.
    Schon wollten die beiden in den Hof des Brucknerhauses treten, als ein
junger Bauer von aufflliger Gre, mit einem Stiernacken ber ungeschlachten
Gliedern, an ihnen vorberschritt, eine eiserne Brechstange auf der Schulter.
    Ds is der Pointner-Andres, dem 's Zaunerlieserl in d' Augen sticht! sagte
Moser, der bei Forbeck die Kenntnis des ffentlichen Dorfgeheimnisses
vorauszusetzen schien. Bis jetzt hab ich allweil gsagt: die zwei taugen net
zueinander. Aber heut! Heut knnt ich ihr den Andres vergunnen. Der mcht ihr
die unfrmigen Streich ghrig austreiben. Wissen S', der Andres is a guter
dummer Kerl. Aber Spassetteln lat er net mit ihm machen. Da haut er zu.
    Forbeck hrte nicht und ging an Bruckner, der aus der Scheune kam, ohne Gru
vorber. Als er die Giebelstube erreichte, suchte er mit zitternden Hnden ein
Blatt hervor und schrieb in fliegender Hast einige Worte nieder.
    Bruckner brachte die verhllte Leinwand und den Malkasten.
    Ich bitte, Bruckner, tragen Sie diese Depesche auf die Post!
    Ja, Herr! Der Bauer nahm das Blatt. Da gewahrte er an Forbeck den
zerfetzten rmel. Is Ihnen was passiert?
    Forbeck schttelte stumm den Kopf.
    Zgernd verlie der Bauer die Stube.
    Als die Tr geschlossen war, blieb Forbeck eine Weile unbeweglich stehen.
Dann fiel er auf einen Sessel hin und vergrub das Gesicht in die Hnde.

                                       17


Graf Egge war in schlechter Laune. Zwei Triebe seit dem Morgen. Und er hatte
noch keinen Schu getan. Er schalt ber den hundsmiserablen Wind, lie seinen
rger an den Treibern und Jgern aus und schien doch einen gelinden Trost in der
Tatsache zu finden, da auch seine Shne leer ausgegangen waren. Willy hatte
zwar fnf Patronen verpulvert; aber die Gemsgei und die beiden Kitz, die sich
in seinem sprudelnden Bericht zu kapitalen Bcken auswuchsen, waren von seiner
feuerflinken Bchse gesund an Leib und Gliedern entlassen worden.
    Nun ging es auf Mittag, und es sollte der dritte Bogen beginnen. Die Treiber
waren schon abmarschiert und mit ihnen Tassilo und Franzl, die den Rckwechsel
zu besetzen hatten. Robert und Willy warteten auf Schipper, der mit seinem Herrn
in flsterndem Gesprche abseits stand.
    Sieh nur, wie die beiden die Kpfe zusammenstecken, sagte Robert zu seinem
Bruder, Papa scheint seinem Hof- und Staatsrat geheime Order zu geben.
    Das war nicht weit vom Ziel geschossen. Den Bertl stell' auf den nchsten
Stand! befahl Graf Egge seinem Bchsenspanner. Der kann allein bleiben. Bei
dem bin ich sicher, da er mir den Anlauf nicht verdirbt. Und du geh mit dem
anderen! Sonst brennt er mir am End' wirklich noch eine Gei nieder. Wenn er auf
einen Bock zu Schu kommt, in Gottes Namen! Dieses Zugestndnis lste sich
etwas zgernd von Graf Egges Lippen. Aber nicht zu frh! Das bitt' ich mir
aus!
    Schipper schien verstanden zu haben und nickte lchelnd.
    Graf Egge trat zu seinem Stand, Robert und Willy wnschten ihm Weidmanns
Heil! und begannen mit Schipper bergan zu steigen. Als Robert seinen Stand
erreichte, flsterte Schipper ihm zu: Sind S' g'scheit, Herr Graf! Sie wissen
schon, was ich mein'! Robert schien nicht in der Stimmung zu sein, um
vertrauliche Ratschlge anzunehmen. Gelangweilt zog er die Brauen auf und ma
den Jger mit einem hoheitsvollen Blick.
    Auch Willy machte ein verdrieliches Gesicht. Als er sich mit Schipper den
kahlen Felsen nherte, brummte er: Papa hat mir wohl den schlechtesten Stand
gegeben? Ja?
    Gott bewahr! Den besten im ganzen Trieb. Da schieen S' gwi a paar gute
Bck!
    Noch ehe der Stand erreicht war, krachte schon der Losschu auf der
Treiberlinie. Willy nahm auf einer Felsstufe Platz, und hinter ihm lie Schipper
sich nieder. Es whrte nicht lange, da hrten sie in den Latschen das leise
Kollern kleiner Steine. Es kommt was! zischelte Willy, von heiem Jagdfieber
befallen.
    Ja, ja, halten S' Ihnen nur stad! mahnte Schipper und streckte den Hals.
    Auf zweihundert Schritt erschien ein Gemsbock zwischen den schtteren
Bschen. Willy wollte mit der Bchse auffahren, doch Schipper hielt seinen Arm
gefesselt. Zeit lassen! Der Bock is ganz vertraut. Lassen S' ihn her auf
hundert Schritt, sonst fehlen S' ihn, und der Herr Graf macht an Spitakel!
    Willy sa in zitternder Ungeduld und hing mit brennenden Augen an dem nher
ziehenden Wilde. Schipper lchelte, griff in die Joppentasche, zog lautlos sein
rotgesprenkeltes Schnupftuch hervor und hielt es wie ein Fhnlein ber Willys
Kopf. Flink erugte der Gemsbock das grell leuchtende Warnungssignal und war im
nchsten Augenblick mit jagender Flucht hinter die Bsche geprasselt.
    Natrlich, jetzt hab' ich das Nachsehen! brummte Willy, whrend Schipper
sich duckte und das rote Tuch verschwinden lie.
    Aber junger Herr! Was haben S' denn gmacht! Warum haben S' denn net
gschossen? So an Bock auslassen, Mar' und Josef!
    Zwischen den beiden entwickelte sich ein mit Flsterstimmen gefhrter
Disput, den der Hall eines Schusses unterbrach.
    Drunten auf dem Hauptstand wurde Graf Egge durch diesen Schu aus seinem
regungslosen Sphen und Lauschen geweckt; als er hastig das Gesicht gegen die
Hhe wandte, auf welcher Robert seinen Stand hatte, sah er den Pulverdampf ber
die Latschen gleiten und einen verendeten Gemsbock mit schlagenden Lufen ber
den steilen Grashang herunterrollen. Wtend, mit bereinandergepreten Zhnen,
lachte Graf Egge vor sich hin. Natrlich, jetzt hat er das Geld! Wenn es fr
ein Telegramm nicht schon zu spt wr', ich mcht' ihm einen Strich durch die
Rechnung machen!
    ber das weite Latschenfeld herunter klang der Juchzer eines Treibers. Graf
Egge schien die Bedeutung dieses Rufes zu verstehen; ein Ruck ging durch seine
Gestalt, seine Hnde schlossen sich fester um die Bchse, und die funkelnden
Augen hefteten sich auf ein Gehng, auf dem die Hauptwechsel des Triebes
zusammenliefen. Zwischen dem fernen Grn sah er einen rtlichen Schimmer
gleiten; mit vorsichtiger Bewegung hob er den Feldstecher, und der Blick, den er
durch das Glas warf, steigerte seine leidenschaftliche Erregung. ber den
Bschen sah er die Kronen eines mchtigen Hirschgeweihs erscheinen und wieder
verschwinden. Schon hrte er, nher und immer nher, das leise Brechen der ste.
Er atmete tief und legte die Bchse an die Wange, um schufertig zu sein, wenn
der Hirsch aus der Dickung trte.
    Da krachte auf Roberts Stand der zweite Schu, eine Gemse mit baumelndem
Vorderlauf schleppte sich ber den Grashang, und vor dem Hauptstand im Dickicht
schwankten die ste, whrend die Sprnge eines flchtenden Wildes sich
entfernten.
    Zornrte go sich ber Graf Egges Gesicht, und mit einem Fluch setzte er die
Bchse ab. In der Treiberkette erhob sich wirres Geschrei, aus dem eine einzelne
Stimme herausschallte: Obacht, rckwrts! Ruckwrts!
    Franzl, der mit Tassilo am Saum eines steilen Lrchenwaldes sa, spitzte bei
diesem Ruf die Ohren und flsterte: Passen S' auf, Herr Graf! Im gleichen
Augenblick sah er schon, noch auer Schuweite, den flchtigen Hirsch zwischen
den Latschen auftauchen und stammelte: Heilige Dreifaltigkeit! Der
Sechzehnender von gestern! Sie haben a Glck, so was gibt's nimmer!
    Auch Tassilo hatte den Hirsch schon gewahrt und hob die Waffe.
    Jetzt halten S' aber sauber hin! Wann wieder a Malr passiert, gibt's den
rgsten Verdru mit Ihrem Herrn Vater.
    Das schien auch Tassilo zu befrchten, und dieser Gedanke machte ihn
unruhig. Nehmen Sie Ihre Bchse, sagte er leis, und wenn der Hirsch mit
meiner Kugel weitergeht, so geben Sie einen Fangschu ab!
    Gut! Aber treffen mssen S' ihn! Sonst komm ich in die schnste Suppen
eini, wenn ich schie! Dem Jger zitterte vor Erregung die Hand, mit der er
lautlos den Hahn seiner Bchse spannte.
    Steine klapperten im Dickicht, laut krachten die brechenden ste, eine
stubende Erdscholle wirbelte in die Luft, und mit zurckgelegtem Geweih, die
Vorderlufe eingezogen, sauste der Hirsch aus den Latschen hervor, mit
herrlichem Sprung eine tiefe Wasserrinne bersetzend.
    Da krachte der Schu. Tassilo lie die rauchende Bchse sinken und sah den
Hirsch mit jagenden Sprngen den Saum des Waldes gewinnen. Wohl hatte Franzl
seine Waffe an die Wange gerissen, doch es schien, als wollte er sie unschlssig
wieder sinken lassen.
    Aber so schieen Sie doch! stammelte Tassilo.
    Da reckte sich Franzl, und in seinem Gesicht, das er an den Kolben der
Bchse drckte, spannte sich jeder Zug. Gleitend folgte der blinkende Gewehrlauf
dem Weg des Wildes - hallend blitzte der Schu - mit einer steilen Flucht
quittierte der Hirsch den Empfang der tdlichen Kugel und verschwand in einer
Senkung des Waldes. Lachend setzte Franzl die Bchse ab. Der mu liegen, Herr
Graf, der hat mein Schu mitten auf'm Blatt. Aber wo meinen S' denn, da der
Ihrige stecken knnt?
    Tassilo zuckte die Achseln.
    Der Jger wurde unruhig. Um aller Heiligen willen Sie werden ihn doch
troffen haben?
    Ich glaube. Wenigstens hab' ich Rot gesehen, als mir der Schu brach.
    Gott sei Dank, da kann's ja so weit net fehlen! Aber setzen S' Ihnen
nieder! Wir drfen vom Stand net weg, eh 's Treiben net aus is.
    Sie nahmen ihre Pltze wieder ein, und immer weiter entfernten sich die Rufe
der Treiber. Es fiel kein Schu mehr.
    Noch ehe die Treiberwehr sich aufzulsen begann, hatte Graf Egge schon die
Bchse auf den Rcken genommen und stapfte ungeduldig vor seinem Stand umher,
als wre er lange Stunden in grimmiger Klte gesessen und wollte sich nun die
Glieder warm machen. Dabei brannte sein Gesicht in dunkler Rte, und immer
wieder fuhr er mit zuckenden Fingern durch die Bartstrhne. Als er Robert ber
den Berghang herunterkommen sah, drehte er ihm den Rcken.
    Robert lchelte und ging auf den Vater zu. Ich habe zwei gute Bcke, Papa!
    Die Antwort lie auf sich warten. Natrlich! Hast sie mir ja vor der Nase
weggeschossen.
    Pardon, Papa! Ich war leider allein auf meinem Stand und mute zweifeln, ob
dir die Bcke noch kommen wrden. Da trug ich Bedenken, sie unbeschossen
durchzulassen. Die Szene, die Tassilo gestern zu genieen bekam, war mir eine
Warnung.
    Langsam drehte Graf Egge das Gesicht und streifte Robert mit wtendem Blick.
    Was hast du, Papa? Ich wrde es sehr beklagen, wenn du in meinem
weidmnnisch korrekten Verhalten Ursache zur Unzufriedenheit fndest.
    Ohne zu antworten, verlie Graf Egge den Stand, und als er einen Treiber aus
den Latschen hervortreten sah, schrie er ihn mit heiserer Stimme an: Heut habt
ihr wieder einmal getrieben wie die Schweine! Das war die Einleitung zu einem
Ungewitter, das sich unter Blitz und Donner entlud. Von allen Seiten kamen die
Treiber herbeigerannt, drckten sich auf ein Huflein zusammen wie geduldige
Schafe und lieen schweigend die Kpfe hngen. Sie wuten aus Erfahrung, da sie
mit wortloser Zerknirschung dem Zorn ihres Jagdherrn flinker entrannen als mit
dem Versuch einer Verteidigung. Schlielich unterbrach Graf Egge seinen mit
Flchen reich gespickten Ergu und fragte: Was hat denn der Kerl da hinten
geschossen?
    Dem Grafen Tassilo mu an Endstrumm Hirsch kommen sein, sagte einer der
Treiber, aber ich wei net, ob er ihn hat.
    Das wre noch schner! Mit diesem mystischen Ausspruch, der nach Art der
delphischen Orakel eine doppelte Auslegung zulie, eilte Graf Egge langen
Schrittes davon. Schweigend trotteten die Treiber hinter ihm her, Robert blieb
zurck und steckte lachend eine Zigarette in Brand, und whrend Willy hoch im
Gerll des Latschenfeldes auftauchte, kam Schipper, der fr die Laune seines
Herrn die richtige Witterung zu haben schien, mit langen Stzen ber den
Berghang heruntergesprungen.
    Inzwischen hatten Franzl und Tassilo auf dem Rckwechsel die Suche nach dem
Hirsch begonnen. Sie brauchten nicht weit zu gehen. Mitten im Sprunge war das
Wild zusammengebrochen, mit der Kugel im Herzen. Dort liegt er schon! lachte
Franzl und begann zu rennen. Als er den Hirsch erreichte, verging ihm das
Lachen. Mit blassem Gesichte stand er, schob den Hut in die Stirn, kraute sich
ratlos hinter den Ohren und stotterte: Herr Graf, da wird's was Schns
absetzen! Da schauen S' her! Der Hirsch hat blo mein Schu. Der Ihrige is
gfehlt gwesen.
    Auch Tassilo zeigte ein Gesicht, als wre ihm diese Entdeckung nicht
willkommen.
    's Personal darf nix Guts net schieen, ds is der strengste Auftrag vom
gndigen Herrn! sagte Franzl, dessen Erregung mit jeder Sekunde wuchs. A
Fangschu is was anders. Aber der gndig Herr is mitrauisch. Nix fr ungut,
Herr Tassilo, es is Ihr Vater! Aber der glaubt jetzt, da ich den Hirsch allein
gschossen hab, damit er uns net wieder durchkommt. Franzl wrgte an jedem Wort.
Ich bitt, Herr Graf, jetzt mssen Sie's schon mir zlieb tun und mssen sagen:
Sie haben alle zwei Schu gmacht.
    Nein, lieber Hornegger, auf solche Dinge kann ich mich nicht einlassen.
    Franzl atmete schwer und lie den Kopf sinken. Freilich, ich kann's Ihnen
net verdenken. Lgen tut keiner gern. Aber beim Herrn Grafen kommt man net aus
mit die graden Weg. Ds hab ich schon bitter schmecken mssen. No also, mein
Klampferl hab ich schon droben am Buckel, jetzt kommt noch a Span dazu!
    Seien Sie ohne Sorge, Hornegger, sagte Tassilo mit mhsam bewahrter Ruhe,
ich stehe dafr ein, da Ihnen jeder Verdru erspart bleibt. Wenn mein Vater
hrt, da Sie nur auf meine Weisung geschossen haben -
    Ds wird net viel helfen! Natrlich, Ihnen ins Gesicht wird der Herr Vater
sagen: es ist alles gut. Aber hinterrucks krieg ich mein Putzer. Es wr net 's
erstemal.
    Franzl verstummte, denn Graf Egge kam mit ungeduldiger Hast aus der Senkung
des Waldes heraufgestiegen; hinter ihm erschienen die Treiber, und als Graf Egge
zu dem Hirsch herantrat, rannte auch Schipper zwischen den Bumen daher,
keuchend und mit verschwitztem Gesicht; seine sphenden Augen streiften den
Hirsch, berflogen die stumme Gruppe und blieben lauernd an Franzl haften.
    Beim Anblick des mchtigen Hirsches mit dem Riesengeweih bekam Graf Egges
Gesicht einen Stich ins Gelbliche. Hinter ihm rief ein alter Treiber: Herrgott,
is ds a Hirsch! So an Hirsch hat der gndig Herr selber nimmer gschossen, ich
wei net wie lang! Graf Egge drehte das Gesicht nach dem Schwtzer; dann stie
er mit dem Stachel des Bergstockes an die blutende Wunde des Hirsches und lachte
trocken. Ein schner Schu! Wie gezirkelt! Er hob die Augen zu Tassilo. Ich
gratuliere dir!
    Tassilo wollte sprechen, doch sein Vater kehrte ihm den Rcken zu und
schritt davon. Betroffen eilte Schipper ihm nach und stotterte: Aber Herr Graf!
Der nchste Trieb liegt auf der anderen Seit!
    Schlu fr heute! Ich habe genug! erklrte Graf Egge. Du brich den Hirsch
auf und verdiene dir das Trinkgeld bei denen, die geschossen haben! Ich finde
meinen Weg allein. Die letzten Worte klangen so laut, als wren sie auch fr
andere Ohren gesprochen.
    Tassilo warf die Bchse auf den Rcken und wollte dem Vater folgen. Franzl
hielt ihn am Arm zurck und flsterte: Sagen Sie's ihm erst daheim in der
Htten! Jetzt is er im rgsten Zorn. Und wissen S', warum? Mir scheint, den
Hirsch htt er lieber selber gschossen. Jetzt is die Gschicht doppelt zwider.
    Graf Egge war schon im Schatten des Waldes verschwunden. Manchmal bewegte er
die Lippen, als wren sie durch Trockenheit gespannt, und stie den Bergstock
auf die Steine, da es weithin klirrte.
    Eine halbe Wegstunde hatte er zurckgelegt; da hrte er neben dem Pfad ein
Rascheln im Gebsch, aus dem sich die Gestalt eines schwarzbrtigen Jgers
hervorschob.
    Patscheider? Du? Das klang nicht freundlich. Graf Egge schien diese
Begegnung als eine willkommene Gelegenheit zu begren, um seinen Zorn zu
khlen. Was hast du hier zu schaffen? Warum bist du nicht in deinem Bezirk?
Oder kommst du mir schon wieder mit der Zumutung, da ich deinen Gehalt - Graf
Egge verstummte, als er das fahle Gesicht des Jgers sah. Eine unbehagliche
Ahnung mochte in ihm aufdmmern. Patscheider?
    Der Jger lie einen scheuen Blick ber den Weg auf- und niedergleiten. Ich
bitt, Herr Graf, sagte er mit gepreter Stimme, bei mir drben liegt einer.
    Pfui Teufel! Das is zwider! fuhr es ber Graf Egges Lippen.
    Eine Weile standen sie schweigend voreinander; dann begann der Jger
flsternd zu berichten: Seit zwei Tag hab ich den Kerl schon allweil gsprt.
Kein Bissen mehr hab ich gessen, kein Stndl mehr gschlafen. Und richtig, heut
in der Fruh, grad wie's Tag worden is, bin ich mit ihm zammgrumpelt, net weit
von der Grenz. Vor ich ihn hab anrufen knnen, hat er mich schon gsehen und is
mit der Bchs aufgfahren. Er oder ich! Der Herr Graf is mir eingfallen, und -
meine Kinder! Hab ich's halt krachen lassen! Mitten in der Brust mu er die
Kugel haben. Er is aufs Gsicht gfallen. Die Stimme des Jgers erlosch.
    Graf Egge zauste am Bart. Verflucht! Wer war's denn?
    Ich hab ihn net kennt. Er mu ber der Grenz daheim sein, in Bernbichl,
mein ich. A reicher Bauernsohn. Er hat a guts Gwand anghabt.
    Wo liegt er?
    Gleich unter der Grenzwand, bei der Salzleck in die Latschen drin.
    Da schau! Gleich bei der Salzleck mchten mir die Lumpen meine Hirsche
wegschieen! Aber du bist doch hoffentlich net hin zu ihm, da man net am End
deine Fhrt findet?
    Na, Herr Graf! Ich htt ihn auch gar nimmer anschauen knnen. So was
bremselt im Blut. Was soll jetzt geschehen? Ich mein', ich geh nunter zum Gricht
und mach die Meldung?
    Bist du verrckt? fuhr Graf Egge auf. Diese Laufereien und das Geschrei
in der ganzen Gegend! Das knnte mir grad noch abgehen!
    Aber ich bitt, Herr Graf, stammelte Patscheider, wenn ich die Sach net
zur Anzeig bring, da kann ich in die rgste Schlamastik einikommen. Aber wenn
ich den rechtlichen Weg geh - ich hab am End net mehr als mei' Pflicht erfllt
und in Notwehr gehandelt.
    So? Notwehr? Hat der ander geschossen auf dich?
    Patscheider starrte zu Boden.
    Na also, du Tepp! Ein paar Monat kannst du eingesperrt werden. So fein sind
unsere Gesetze, da sich der Jger vom Lumpen zuerst erschieen lassen soll, vor
er sich wehren darf. Nix da! Die Sach mu vertuschelt werden. Wenn das Interesse
der Jagd in Frage kommt, mu alles andere zurckstehen. Graf Egge besann sich
eine Weile. Pa auf! Du geh heim zu deinem Weib! Such dir einen Weg, auf dem
dir niemand begegnet! Dein Haus liegt einschichtig am Walde, da sieht dich
keiner kommen. Und dein Weib wird dir im Notfall bezeugen knnen, da du seit
gestern mittag daheim warst. Um alles andere brauchst du dich nicht zu kmmern.
Und heut abend zeig dich im Wirtshaus und sei lustig!
    Ds wird sich hart machen, Herr Graf!
    Probier's nur, es wird schon gehen. Und damit dir's leichter gelingt - von
heut an bist du um hundertfnfzig Mark im Gehalt aufgebessert.
    Patscheider hob die Augen; in seinem bleichen Gesicht zuckte keine Miene; er
nickte nur vor sich hin, ohne ein Wort des Dankes zu finden.
    Hinter einer Biegung des Pfades lie sich Stimmenklang und das Klirren der
Bergstcke vernehmen. Fort! murrte Graf Egge, und Patscheider sprang mit einem
hastigen Satz in die Bsche. Graf Egge stand noch eine Weile und sah brtend vor
sich hin. Ein Schauer des Unbehagens rttelte ihm die Schultern; wtend stampfte
er mit dem Fu und spuckte aus. Eine verwnschte Geschichte! Heut kommt mir
aber auch alles ber den Hals! Er sphte ber den Steig zurck, auf dem die
Stimmen nher kamen, rckte mit zornigem Sto die Bchse und begann langspurig
auszuschreiten.
    Nach einigen Minuten tauchte Schipper auf, sphte ber den Pfad und schlug,
als er seinen Herrn nicht gewahrte, ein flinkeres Tempo an. Er holte ihn nicht
mehr ein. Ehe Schipper das offene Latschental erreichte, war Graf Egge bereits
vor dem Palais Dippel angelangt und trat in die Htte.
    Mit der gewohnten Vorsicht, an der seine kochende Erregung nichts zu ndern
vermochte, hngte er die Bchse an den Gewehrrechen. Seine Bergschuhe waren ihm
zwar auch noch heilig, aber sie wurden schon etwas derber behandelt, als er sie
von den Fen zerrte, ohne die Riemen zu lsen. bel kam die Joppe weg; ein paar
Nhte krachten, und zu einem Klumpen geballt flog sie in einen Winkel.
Hemdrmelig und in Filzpantoffeln, vorgebeugten Kopfes und mit den Fusten auf
dem Rcken wanderte Graf Egge in der engen Stube auf und nieder, wie ein
gereizter Lwe in seinem Kfig. Nach allem Jagdpech dieses Morgens war ihm die
Nachricht, die er soeben hatte hren mssen, bs in die Quere gekommen. Am
folgenden Morgen htten die viertgigen Treibjagden in Patscheiders Bezirk
beginnen sollen. Damit war's nun aus. Man mute wohl oder bel so lange warten,
bis da drben alles wieder in Ordnung war.
    Ungeduldig sprang er zum Fenster. Gott sei Dank, da kommt er schon!
murmelte er, als zwischen den Latschen der graue Kopf seines Hof- und
Geheimrates auftauchte. Wieder begann er den Marsch durch die Stube, und
whrend er den Plan entwarf, nach welchem Schipper da drben wirtschaften
sollte, stieg mit unbehaglicher Deutlichkeit vor ihm das Bild eines Menschen
auf, der zwischen blutbesprengten Bschen regungslos auf dem Gesichte lag.
    Schipper erschien. Mit raschem Blick sphte er nach dem Gesicht seines Herrn
und sagte: Es is mir unangnehm, Herr Graf, aber ich mu leider an zwidern
Frfall melden.
    Noch was? fuhr Graf Egge auf, als wre ihm das Ma dessen, was dieser Tag
gebracht hatte, schon mehr als gengend.
    Es tut mir leid, da ich gegen Ihren Herrn Sohn reden mu. Aber es is mei'
Pflicht. Da geh ich durch dick und dnn. Ich hab den Hirsch da drben
aufbrochen. Und schauen S' her: die Kugel hab ich im Hirsch gfunden. Er hat blo
den einzigen Schu. Schipper hielt seinem Herrn auf der flachen Hand eine
Bleikugel hin, deren Spitze breitgedrckt war wie der Kopf eines Pilzes.
    Graf Egge nahm das Blei. Was soll das heien? Das ist doch das kleine
Kaliber, das der Hornegger schiet? Wie kommt die Kugel in den Hirsch? Das Blut
stieg ihm in die Stirn, und die Adern an seinen Schlfen schwollen zu dicken
Schnren.
    Ich bitt, Herr Graf, nehmen S' die Sach net gar so krumm! Es is doch um
Gotts willen kein Verbrechen! Der Herr Tassilo wird halt gforchten haben, es
gibt noch an rgern Spitakl wie gestern, wann er den Hirsch wieder durchlat. Da
wird er halt dem Franzl an Wink geben haben.
    Und dieses Rabenaas hat die Frechheit und schiet mir den Hirsch nieder!
schrie Graf Egge, der nun endlich Gelegenheit fand, alles auszuschtten, was an
rger und Erregung in ihm kochte. Die vorige Woch schlagt er meinem Staatsbock
die Kruck herunter, gestern lgt er mich an, und heut brennt er mir einen Hirsch
nieder, wie ich selber keinen geschossen hab', ich wei nicht, wie lang!
    Aber Herr Graf! Sind S' doch gscheit! versuchte Schipper zu trsten.
Lassen S' Ihnen doch sagen -
    Nichts la ich mir sagen! Solche Schweinereien duld' ich nicht. Das ist
eine unerhrte Gemeinheit! Graf Egge schleuderte die Kugel auf den Tisch und
lie einen drhnenden Faustschlag folgen. Mit dem Kerl bin ich fertig. Und den
anderen, der mein Personal zu solchen Manklereien verleitet - den staub' ich
aus. Natrlich! Der hat jahraus und -ein mit Spitzbuben zu tun. Da ist ihm nicht
wohl unter anstndigen Jgern. Aber meine Jagd soll er mir in Ruh' lassen. Da
versteh ich keinen Spa.
    Jammernd schlug Schipper die Hnde ineinander. Lieber, lieber Herr Graf,
ich bitt Ihnen um Gotts willen - Er verstummte. Tassilo und Franzl betraten die
Stube, der eine mit brennendem Gesicht, der andere mit kalkweier Stirn. Schon
vor der Htte hatten sie die wetternde Stimme gehrt und schienen zu wissen, was
ihrer wartete. Schipper, den ein funkelnder Blick aus Franzls Augen traf, zuckte
die Achseln und drckte sich zur Tr hinaus.
    Wie ein angeschossener Eber fuhr Graf Egge auf Franzl los: Du unterstehst
dich noch, zu mir in die Stube zu kommen? Dieser Empfang machte den Jger
sprachlos; der Hut zitterte in seinen Hnden, und verstrt suchte er Hilfe bei
Tassilo, whrend Graf Egge weiterschrie: Oder hast du vergessen, da es meinem
Personal aufs strengste verboten ist, Jagd auf eigene Faust zu treiben? Glaubst
du vielleicht, ich bezahle jhrlich sechzigtausend Mark fr meine Jagd, um dir
ein Privatvergngen zu machen?
    Tassilo hatte die Bchse auf den Tisch gelegt und trat zwischen seinen Vater
und den Jger. Ich bitte dich, Papa, mich in Ruhe anzuhren.
    Mit dir hab' ich nichts zu verhandeln, du warst nie ein Jger, und du wirst
nie einer. ber Dummheiten, die du machst, rgere ich mich schon lange nicht
mehr. Hornegger aber hat gegen mein ausdrckliches Verbot gehandelt.
    Nein, Papa!
    Ja!
    Den Jger trifft keine Schuld. Ich war der Meinung, den Hirsch getroffen zu
haben, und befahl dem Jger, einen Fangschu abzugeben.
    Das geht mich gar nichts an! Mein Personal hat sich an meine Vorschriften
zu halten. Und einen Jger, der nicht unterscheiden kann, ob ein Hirsch
getroffen ist, den kann ich nicht brauchen! Graf Egge wandte sich an Franzl.
Wir beide sind fertig miteinander. Du kannst gehen! Sofort! Der nchste Monat
wird dir ausbezahlt. Dann such' dir einen anderen Dienst.
    Graf Egge kehrte sich ab und stellte sich vor das Fenster und sttzte die
Fuste auf das Gesims.
    Drauen in der Kche erhob sich Schipper schmunzelnd von der Tr, an der er
gelauscht hatte.
    Franzl stand mit weiem Gesicht, und Tassilo sah den Vater an, als htte er
einen Wahnsinnigen vor sich.
    Herr Graf? stammelte der Jger endlich. Ds kann doch net Ihr Ernst
sein?
    Nein, Hornegger, fiel Tassilo mit bebender Stimme ein, mein Vater hat im
rger ein Wort gesprochen, das er gern zurcknehmen wird, wenn er ruhiger
geworden.
    Graf Egge fuhr mit dem Gesicht herum. Da kennst du mich schlecht.
    Tassilo trat vor den Vater hin, und ihre Augen kreuzten sich. Ich
wiederhole dir, Papa, da ich allein der Schuldige bin. Und ich mu dich bitten,
mir nicht die Demtigung zuzufgen, da der schuldlose Jger fr mein Vergehen
gestraft wird. Ich ersuche dich -
    Jetzt will ich meine Ruhe haben! Graf Egge ging zur Tr.
    Vater! Tassilo wollte dem Vater folgen.
    Franzl hielt ihn am Arm zurck. Das Gesicht des Jgers hatte keinen Tropfen
Blut, aber seine Stimme klang ruhig: Ich bitt, Herr Tassilo, lassen Sie's gut
sein! Seit acht Tagen wirft mir der Herr Graf allbot den Dienst vor die F. In
Gotts Namen, jetzt soll's an End haben. Mei' Stellung is mir lieb gwesen, aber
schlielich hat der Mensch doch an Ehrgfhl.
    Graf Egge hrte diese Worte noch, als er hinaustrat in die Kche und hinter
sich die Tr zuwarf. Einen Augenblick zgerte er und schien wieder in die Stube
zurckkehren zu wollen, um noch ein Wort in dieser Sache zu sprechen. Aber
Schippers Anblick erinnerte ihn an die verfluchte Geschichte da drben. Das
mute zuerst erledigt werden. Dann war noch immer Zeit, um die Suppe, die in der
Stube so hei gekocht worden war, in khlerem Zustand auszulffeln.
    Mit einer stummen Bewegung winkte Graf Egge seinem Bchsenspanner und
verlie mit ihm die Htte. Sie schritten einer ber das Tal hinausgebauten
Graskuppe zu, auf der im Schatten moosbehangener Fichten eine plump gezimmerte
Holzbank stand. Schipper, der den Zweck dieses Weges nicht erriet und dem
Landfrieden nicht vllig zu trauen schien, studierte forschend das Gesicht
seines Herrn. Graf Egge war ruhig. Der Blitz, den er in der Stube losgelassen,
hatte das Ungewitter seines Grolles einigermaen beschwichtigt.
    Als er die Bank erreichte, lie er sich seufzend nieder, kraute sich mit
beiden Hnden im Haar und brummte nach einer Weile: Ein scheulicher Tag heut,
Schipper!
    Ja, Herr Graf, heut is alles schief gangen.
    Und hinter allem noch als Trumpf die rote A! Auf dem Heimweg hat mich der
Patscheider abgefat. Der arme Kerl htte heut in der Frh beinah Malheur
gehabt.
    Mar' und Josef! murmelte Schipper. Er kannte zur Genge die Bedeutung, die
dieses Wort im Sprachgebrauch der Jagdhtte besitzt. Die Sach ist doch
hoffentlich gut ausgangen?
    Zgernd nickte Graf Egge. Fr den Patscheider ja! Der ander liegt!
    Recht so! lachte Schipper mit vorsichtig gedmpftem Jubel. So an Lumpen
nur allweil gleich niederpracken! Ds steigt den andern in d' Nasen. Da is
wieder fnf Jahr lang Ruh im Revier.
    Das Exempel hat wohl seine gute Wirkung, aber so was bleibt doch immer eine
bse Sache. Ich bin kein Freund von Geschrei und Scherereien. Am liebsten wr'
mir's, wenn Staub ber die Geschichte fiele. Patscheider hat als Jger seine
Pflicht getan, ich will nicht, da er Unannehmlichkeiten hat. Da drben mu
sauber gemacht werden, noch heut. Wenn dann das Laufen und Suchen der Verwandten
angeht - im Gebirg' ist berall Unglck mglich. Wenn einer vermit wird, mu
man ihn noch lang nicht erschossen haben. Was meinst du? Kann ich mich auf dich
verlassen?
    Herr Graf - Schipper blies die Backen auf und griff nach seiner Nase, da
tt ich schon lieber wieder a Kitz auf d' Seit rumen. Aber wenn's der Jagd
z'lieb sein mu, in Gotts Namen!
    Er setzte sich dicht an die Seite seines Herrn, und flsternd steckten sie
die Kpfe zusammen. Als Schipper sich nach einer Weile erhob, sagte Graf Egge:
Sei vorsichtig! Und drben geh barfu, die Bauern kennen deine Nagelfhrte.
    Dem Patscheider seine Sachen nimm ich drben gleich von der Htten fort. Er
wird wohl an anderen Posten im Revier kriegen mssen? Oder net?
    Da hast du recht! Der arme Kerl htte in der ersten Zeit ein schlechtes
Schlafen da drben. Ich nehm' ihn zu mir und schicke den Hornegger hinber.
    Den Franzl? Schipper machte ein verblfftes Gesicht. Aber Herr Graf -
    Ach so! brummte Graf Egge, der ber dem wichtigen Thema des Augenblicks
die Szene vllig vergessen hatte, die vor wenigen Minuten in der Htte spielte.
Er strich die Hand ber den Scheitel und lachte. Schon gut! Darber reden wir
noch. Oder - aaah, mir scheint, das Kapitel soll gleich wieder von vorn
anfangen? Diese Vermutung erwachte in Graf Egge, als er Tassilo gewahrte, der
von der Htte kam. Ein spttisches Lcheln. Dann nickte Graf Egge seinem
Bchsenspanner zu: Mach' weiter!
    Wortlos zog Schipper den Hut und schritt der Htte zu. Als er an Tassilo
vorbeiging, schien sich die Sorge, die Graf Egges Vergelichkeit in ihm geweckt
hatte, wieder zu beschwichtigen. Der Blick, mit welchem Tassilo den Vater
suchte, war fr den Jger ein Wetterzeichen, das auf alles andere eher deutete
als auf friedlichen Sonnenschein zwischen Vater und Sohn. Schmunzelnd duckte
Schipper den Kopf zwischen die Schultern und zog den grauen Bart durch die Hand.
Der is gladen! Da kracht's. Es hilft dir nix, Franzerl, heut bist gliefert!
Dieser Gedanke beschftigte ihn so sehr, da er eine Felsschrunde bersah. Er
strauchelte und schlug sich auf dem steinigen Grund das Knie blutig.
    Graf Egge rckte tiefer in die Bank, lie die Fe baumeln und blickte
zwinkernd seinem Sohn entgegen, halb neugierig, halb gereizt.
    Tassilo vermochte vor Erregung kaum zu sprechen. Ich bitte dich, Papa, mit
mir in die Htte zu kommen.
    Was soll ich dort?
    Diesem armen Burschen sollst du sagen, da du seine Entlassung nur in einem
Augenblick der Erregung ausgesprochen. Und da du jetzt, nachdem du ruhiger
geworden, dieses harte Wort auch gern wieder zurcknimmst.
    So? Graf Egge zog die Brauen auf. Du scheinst wohl zu glauben, da ich
unter Kuratel stehe, weil du so kategorisch ber mich verfgst?
    Ich verfge nicht ber dich. Ich bitte. Und ich kann nicht glauben, da du
einen braven Menschen, der dir lange Jahre treu gedient hat, wegen eines
belanglosen Versehens wirklich in so harter Weise bestrafen knntest. Ich bitte
dich, komm!
    Die Antwort lie auf sich warten. Ob das Versehen belanglos ist oder nicht,
darber will ich mit dir nicht streiten. Kmmere du dich um deine Pandekten! Was
fr meine Jagd von Nutzen oder Schaden ist, diese Entscheidung berlasse
geflligst mir! Und wenn ich mein Wort schon ndern wollte? Hat denn die Sache
gar so groe Eile?
    Hornegger packt seinen Rucksack und will gehen.
    Er will? Wiegt ihm die Stellung in meinem Dienst so leicht? Graf Egge
zeigte eine gergerte Miene. Gut! Er soll gehen.
    Papa! Das kann nicht dein Ernst sein!
    Ernst oder nicht, jetzt gerade soll er gehen! Er soll nur ein paar Wochen
dunsten. Das wird fr ihn eine gesunde Warnung sein.
    Auf Tassilos Stirn erschien die gleiche Furche, wie sie tief gezeichnet
zwischen den Brauen seines Vaters lag. Du hast da ein Wort gesprochen, das mir
unfabar ist! sagte er, sich mhsam zur Ruhe zwingend. Die Bitte, mir eine
Krnkung zu ersparen, hast du berhrt, und ich will sie nicht wiederholen. Mir
ist es nur um diesen armen Menschen zu tun. Ich bitte dich eindringlich, die
Folgen der unverdienten Strafe, die du ber Hornegger ausgesprochen, ernster
abzuwgen.
    Oho! fuhr Graf Egge auf; er kreuzte die Arme und bohrte seinen Falkenblick
in Tassilos Augen. Das ist eine nette Sprache, die du gegen mich anschlgst!
    Verzeih' mir, wenn ich in der Erregung nicht die richtigen Worte finde. Ich
wollte nur sagen, da du dich in Hornegger zu irren scheinst. Bei ihm wird die
Sache nicht damit abgetan sein, da er - um dein Wort zu gebrauchen - ein paar
Wochen dunstet und in schwitzender Ungeduld auf die Stunde wartet, in der dir
die Laune kommt, ihn wieder in Gnaden aufzunehmen. Du gibst ihm heut einen Sto
frs ganze Leben. In ihm steckt eine tchtige Natur, er liebt seine Stellung
nicht nur um des Brotes willen, das sie ihm bietet, sie ist ihm die Freude, der
ganze Inhalt seines Lebens. Und an ihr hngt seine Ehre. Er wird dich mit dem
Bewutsein verlassen, da ihm ein schweres Unrecht geschah, und wird doch beim
ersten Schritt ins Dorf den Makel des Davongejagten an sich empfinden mssen.
Jedes Gemunkel der Leute, jedes anzgliche Wort, jedes spttische Lcheln wird
ihn treffen wie ein Stich ins Herz. Und dieser unverdienten Krnkung steht er
wehrlos gegenber.
    Du predigst warm fr ihn! fiel Graf Egge mit scharf klingenden Worten ein.
Du willst ihn wohl dir erhalten? Fr spter? Natrlich! Er hlt ja schon jetzt
zu dir. Er schiet fr dich, er lgt fr dich -
    Vater! stammelte Tassilo.
    Graf Egge erhob sich. Als er den Jger von der Htte kommen sah, lie er
sich lchelnd wieder auf die Holzbank nieder. Geradeswegs, Bchse und Bergstock
in der Hand und hinter den Schultern den dick angepackten Rucksack, ging Franzl
auf seinen Herrn zu. Tassilos Hnde begannen zu zittern, als er den Jger
gewahrte; alles berwindend, was er um seiner selbst willen in diesem Augenblick
empfinden mute, fate er den Arm seines Vaters: Ich bitte dich, Papa! Ich
bitte dich -
    Graf Egge rhrte sich nicht; die Fuste auf seine gespreizten Knie gesttzt,
blickte er zu dem Jger auf, so ruhig, als wre ihm keine Spur von rger
zurckgeblieben, nur eine Art von Neugier, wie diese Szene sich entwickeln
wrde.
    In militrischer Haltung stellte sich Franzl vor ihm auf und zog den Hut;
sein Gesicht war wei, aber seine Stimme hatte festen Klang. Ich meld mich
aus'm Dienst, Herr Graf! Er zgerte. Und wenn mir der Herr Graf noch a Wrtl
verlauben - was der Herr Graf gsagt haben wegen dem Ghalt vom nchsten Monat,
ds lassen wir gut sein. Ich hab net viel brigs. Aber schenken mu ich mir nix
lassen. Wo ich kein Dienst net mach, da brauch ich kein Ghalt! Nix fr ungut,
Herr Graf! Nun schwankte ihm doch die Stimme. Ich bht Ihnen Gott! Ein Zucken
kam ber sein Gesicht, und das Kinn an die Brust drckend, wandte er sich ab.
    Tassilo stand wortlos. Graf Egge schlug die Faust auf die Holzbank und
schrie: So schau nur einer den Lmmel an! Jetzt kehrt er gar noch den Hochmut
heraus und wirft mir die achtzig Mark vor die Fe!
    Franzl hrte diese Worte noch, und das Wasser scho ihm in die Augen. Hastig
suchte er den Steig zu erreichen. Als er an der Htte vorberkam, trat Schipper
aus der Tr, marschfertig fr den Weg zur Arbeit, die er da drben zu
erledigen hatte. Beim Anblick des grauen Kameraden schien es mit Franzls
Selbstbeherrschung ein jhes Ende zu haben. Schipper! Er hob die Faust. Fr
den heutigen Tag mu ich mich wohl bei dir bedanken? Er trat auf den
Bchsenspanner zu, der den Bergstock wehrend vor sich hinstreckte. Schau mir in
d' Augen, du! Und sag mir ins Gsicht: was mu ich im Leben an dir verbrochen
haben, da Tag und Nacht kei Ruh net geben hast, bis ich drauen war bei der
Tr?
    Schippers Antwort war ein dnnes Lcheln, und in seinen halbgeschlossenen
Augen funkelte ein Blick, so hei, wie ihn nur die Freude des Hasses kennt.
    Franzl sah diesen Blick, und es fuhr ihm etwas durch den Kopf - er wute
nicht, was. Aber es jagte ihm einen Schauer ber den Rcken. Wie angewurzelt
stand er und starrte dem Jger nach, der gegen den Saum des Latschenfeldes ging
und in den Bschen verschwand.
    Drben bei der Holzbank war zwischen Vater und Sohn noch immer kein Wort
gefallen. Graf Egge sa mit verschrnkten Armen und guckte zum Himmel hinauf, an
dem sich schwere Wolken zu sammeln begannen. Und Tassilos Augen waren bei
Franzl; als er den Jger in eine Senkung des Weges niedersteigen sah, rief er
ihm mit lauter Stimme zu: Hornegger!
    Ja, Herr Tassilo? klang die unsichere Antwort.
    Erwarten Sie mich bei der ersten Sennhtte, ich komme nach und gehe mit
Ihnen.
    Verwundert drehte Graf Egge das Gesicht. Was soll das heien?
    Aus Tassilos Zgen schien jede Erregung geschwunden. In seinen Augen war
ruhiger Ernst, als er sagte: Du wirst es begreiflich finden, da ich nicht
bleiben kann, whrend der Jger geht, der um meinetwillen entlassen wurde. Ich
fhle mich verpflichtet, fr ihn zu sorgen, ihm so rasch wie mglich eine neue
Stellung zu verschaffen.
    Graf Egge blies die Backen auf, schob die Fuste in die Taschen seiner
Lederhose und nickte mit dem Anschein zustimmender Wichtigkeit. Aaaah! Hchst
ehrenwert! Unter solchen Umstnden mte ich mir ein Gewissen daraus machen,
dich noch lnger halten zu wollen. Bitte! Dieses letzte Wort war von einer
gndig entlassenden Handbewegung begleitet.
    Bevor ich gehe, hab' ich mit dir noch von einer Angelegenheit zu sprechen,
fr deren Erledigung ich mir allerdings eine freundlichere Stunde erhofft hatte
als die jetzige.
    Graf Egge lchelte. Das ist eine Einleitung, die mich neugierig macht.
    Ich gedenke mich zu verheiraten und bitte dich um deine Zustimmung.
    In sprachloser Verblffung sah Graf Egge zu Tassilo auf; dann sagte er
trocken: Du bist majorenn. Ich habe keine Veranlassung, dir Hindernisse in den
Weg zu legen. Da ich von deiner Erffnung sonderlich gerhrt sein wrde, hast
du wohl selbst nicht erwartet. Du hast dich mir gegenber nie auf einen Fu
gestellt, auf dem sich eine besondere Intimitt htte entwickeln knnen.
    Das war nicht meine Schuld.
    La das! Du hast niemals Anteil an meinen Interessen genommen, so wirst du
auch nicht verlangen, da ich ohne Ursache pltzlich sentimental werde und ber
die Aussicht, da du mich zum Grovater machen willst, vor Vergngen aus der
Haut fahre. Heirate! Ich ersuche dich nur, den Tag der Hochzeit nicht gerade in
die Zeit der Hirschbrunft zu verlegen. Da knnte ich schwer abkommen. In allem
brigen hast du meine Zustimmung. Ich wnsche in deinem eigenen Interesse, da
du eine gute Wahl getroffen hast.
    Die beste, um glcklich zu werden.
    Glcklich? Fr Graf Egge schien dieses Wort einen zweifelhaften Wert zu
haben. Deine Braut ist reich?
    Nein. Auf das bescheidene Vermgen, das sie besitzt, wird sie verzichten,
um die Existenz ihrer Mutter und Schwester zu sichern.
    Graf Egge zog die Brauen auf und blies den Atem vor sich hin wie
Pfeifenrauch. Ach sooo? Ein idyllischer Herzensbund, mit Romantik und Edelmut
garniert wie die gebratene Schnepfe mit bestrichenen Schnitten? Das war von dir
zu erwarten. Er vergrub die Fuste wieder in den Taschen. Du bist alt genug,
um zu wissen, was du tun willst. Und da du mich bei deiner Wahl entbehren
konntest, wirst du auch bei allem anderen nicht auf meine Hilfe rechnen. Eine
Spekulation auf meinen Geldbeutel? Das wre fehlgeschossen wie heute auf den
Hirsch, zu dem dir der Franzl verhelfen mute.
    Ich glaube nicht, da ich ein Wort gesprochen habe, das dich zu einer
solchen Befrchtung veranlassen konnte. Du irrst dich in mir.
    Ich irre mich? Schon wieder? Zuerst in diesem Lapp von Jger. Und jetzt in
dir? Um so besser. Aber du hast recht, ich htte dich weniger praktisch taxieren
sollen. Wie Hornegger vor einer Viertelstunde die achtzig Mark, so hast du mir
ja gestern die zwlftausend deiner Apanage vor die Fe geworfen. Der Stolz ist
von jeher die einzige Patrone gewesen, mit der du zu schieen verstanden. Gut,
stell' dich auf eigene Fe! Wenn es dir gelingt, alle Anerkennung! Verdienst du
wirklich soviel?
    Gengend, um mir auch ohne fremde Hilfe einen behaglichen Hausstand grnden
zu knnen.
    Fremde Hilfe? Graf Egge lchelte, als htte er einen leidlich guten Scherz
gehrt. Brav! Du hast ja auch noch die freie Verfgung ber das Erbteil deiner
Mutter. Was dir im brigen noch zusteht, darauf wirst du ein paar ausgiebige
Jahre warten mssen. Meine Gesundheit, die ich der Jagd verdanke, hat eisernen
Halt. Der Rest meines irdischen Pirschganges soll noch zwanzig Jahre dauern. Und
darber.
    Das wnsche ich dir! Bei allem Ernst klangen diese Worte warm und
herzlich.
    Graf Egge blickte langsam auf, als wre dieser Ton an seinem Ohr nicht
wirkungslos vorbergegangen. Danke! Nach der Art eines Bauern, dem das Denken
einige Mhe verursacht, strich er mit beiden Hnden das Haar in die Stirn.
Also, du hast aus Neigung gewhlt? Armut ist ja schlielich keine Schande, nur
ein unwillkommenes bel, an welchem leider unsere besten und ltesten Namen
kranken. Wie heit die Familie deiner Braut?
    Herwegh.
    Herwegh? Herwegh? Halblaut wiederholte Graf Egge den Namen; nach einigem
Besinnen schttelte er den Kopf; es zuckte um seine Nasenflgel. Hr', Junge,
die zwei Silben klingen verdchtig! Oder ist das sterreichischer Adel?
    Nein, Vater. Aber der Name meiner Braut hat guten Klang und sollte dir auch
nicht unbekannt sein - Anna Herwegh?
    Die Sngerin! Graf Egge sprang auf, als wre Feuer unter der Bank
entstanden. Bist du verrckt?
    Tassilo streckte sich, und ruhig begegneten seine Augen dem funkelnden Blick
des Vaters. Ich bin bei Vernunft und gesunden Sinnen.
    Dann sag' mir doch um Gottes willen: wie kommst du auf die Idee, so etwas
heiraten zu wollen?
    Tassilos Stimme bebte. Anna ist eine gefeierte Knstlerin, sie stammt aus
guter Familie, und ihr Ruf ist ein tadelloser. Ich liebe sie.
    Liebe, Liebe! schrie Graf Egge, und die Stimme wurde ihm heiser. La mich
mit diesem Komdiantenwort in Ruhe! Du bist vernarrt. Und weil dir die Einknfte
deiner Kanzlei oder deine sogenannten Prinzipien nicht gestatten, diese Person
zu deiner Geliebten zu machen - deshalb willst du sie heiraten?
    Vater!
    Schweigen folgte diesem Wort. Aug' in Auge standen die beiden voreinander,
Tassilo bleich, Graf Egge mit weiem Gesicht und geballten Fusten.
    ber das Latschenfeld herber klangen lachende Stimmen, vom strker
ziehenden Winde getragen, und der klirrende Aufschlag zweier Bergstcke.
    Rede! brach Graf Egge das Schweigen. Ich glaube noch immer, da du dir
einen bel angebrachten Jux mit mir erlaubst.
    Nein, Vater, das glaubst du nicht. Die Jagd hat dich allerdings immer so
sehr in Anspruch genommen, da dir keine Zeit verblieb, dich viel um die
Charakterentwicklung deiner Kinder zu kmmern. Aber so weit kennst du mich doch,
um zu wissen, da ich mir niemals einen Scherz mit dir erlauben wrde. Im
brigen hat mich das beleidigende Wort, das du gesprochen, der Mhe enthoben,
meine Wahl noch weiter vor dir zu rechtfertigen.
    Graf Egge lachte. Und jhlings erlosch in seinem Gesicht jeder Ausdruck von
Erregung. Schlu! Er strich mit der Hand durch die Luft. Tue, was dir
beliebt! Es htte mich ohnehin gewundert, wenn du einmal deinen gewohnten
Neigungen nach abwrts untreu geworden wrst. Mit beiden Hnden zog er die
Lederhose hher an die Hften. Was stehst du noch? Meine Zustimmung hast du.
Ich habe sie gegeben und widerrufe sie nicht. Du hast ja heut schon einmal
erfahren, da ich ein voreilig gesprochenes Wort, auch wenn es mich reut, nicht
mehr zurcknehme. Mir ist leid um den Hornegger. Aber er wollte gehen. Gut! Mir
ist auch leid um dich, trotz allem! Aber du gehst Wege, die sich mit den meinen
nicht vertragen. Auch gut! Doch eins merke dir: Zwischen deinem Haus und dem
meinen, da geht jetzt die Jagdgrenze. Da gibt's kein Hinber und Herber. Oder
es brennt auf der Pfanne. So! Jetzt werde glcklich!
    Graf Egge setzte sich auf die Bank und streckte die Beine. Seine weiten
Hemdsrmel flatterten im Wind, und sacht bewegten sich die grauen Strhnen
seines Bartes.
    Mit schmerzlichem Ernst hing Tassilo am Gesicht des Vaters. Du hast einen
Stein auf den Weg geworfen, auf dem ich mein Glck zu finden hoffe. Die Folgen
dieser Stunde werden schwer auf mir liegen, doppelt schwer, wenn du mir auch den
Verkehr mit meinen Geschwistern versagen wolltest.
    Ich habe deutsch gesprochen und glaube, da du diese Sprache verstehst.
Oder bist du der Meinung, da du an deiner Frau nicht so viel gewinnst, um deine
Geschwister entbehren zu knnen?
    Tassilos Stimme verschrfte sich. Ich habe in diesem Augenblick weniger an
mich gedacht als an meine Geschwister.
    Schade, da Robert nicht da ist! Er wrde sich fr deine brderliche
Zrtlichkeit bedanken.
    Da meine Sorge um ihn nicht unbegrndet ist, das weit du selbst am
besten. Auch hab' ich noch andere Geschwister. Willy und Kitty werden den
Verkehr mit mir und meinen brderlichen Rat um so hrter entbehren, da ihnen
auch der Vater fehlt.
    Ach so? Darauf luft's hinaus! Du willst zum Abschied noch mit einer
Lektion ber Pdagogik losschieen? Ich denke zuviel an meine Hirsche und
Gamsbcke, zuwenig an meine Kinder? Vielleicht hast du recht. Den deutlichsten
Beweis, wie schlecht ich meine Kinder zu erziehen verstand, hast du selbst in
dieser Stunde geliefert. Fr die Zukunft will ich den Daumen etwas fester
aufdrcken. Auf den Weg, den du einschlgst, soll sich weder deine Schwester
noch einer deiner Brder verirren. Wie sie im brigen geraten, das mu ich ihrer
Natur berlassen. Hoffentlich hat in ihren Adern der gesunde Tropfen Jgerblut,
den sie von mir bekommen, das bergewicht ber das bse Blut der Mutter, von
welchem du, ich merke, zuviel abbekommen hast. Es fhrt dich auf die gleichen
Wege.
    Vater! Das Wort hatte schneidigen Klang. Beleidige mich, und ich werde
dir wehrlos gegenberstehen. Aber du sollst die Mutter nicht vor ihrem Sohn
beschimpfen!
    Ich soll sie fr die Erfahrung, die ich mit ihr machen mute, wohl noch
heiligsprechen? Unter zornigem Lachen zerrte Graf Egge mit beiden Hnden an
seinem Bart. Das ist zuviel verlangt!
    Ich entschuldige nicht die Frau, die dich verlie. Aber diese Frau war
meine Mutter. Da dulde ich keinen verletzenden Eingriff. Auch nicht von dir!
    Sie hat wohl an euch Kindern ein groes Werk der mtterlichen Liebe getan?
    Nein, Vater, ein schweres Unrecht! Aber sie allein war nicht die Schuldige
-
    Eine groartige Weisheit! unterbrach Graf Egge mit heiserer Stimme.
Natrlich! Sie hat ihre Schuld ausgiebig mit einem anderen geteilt.
    Nein, Vater, nicht geteilt! Die grere Schuld hat dieser andere begangen.
Und dieser andere bist du!
    Betroffen sah Graf Egge auf. Er wollte sprechen und wute doch dem
entfesselten Strom dieser glhenden Erregung gegenber kein Wort zu finden.
    Ja, Vater, du! Als das Traurige sich vorbereitete und geschah, war ich ein
Knabe. Aber ich hatte schon Augen, die sehen konnten. Was ich gewahren mute,
ohne es ganz zu erkennen, hat mich ernst gemacht in einer Zeit, in welcher
andere Kinder lachend ihre Jugend genieen. Es hat ber mein Leben einen
Schatten geworfen, der nie wieder von mir gewichen ist. Und was ich damals nur
halb erfate, das begriff ich erst in den folgenden Jahren, in denen du mich und
meine Geschwister der gleichen Vereinsamung und dem Verkehr mit fremden Menschen
berlassen hast wie einst die Mutter. Sie war, als sie deine Frau wurde, noch
halb ein Kind - wie jetzt meine Schwester, fr die du wegen Jagd und Jagd so
selten eine Stunde findest, da sie gewahren kann, um wieviel grauer in der
Zwischenzeit dein Bart geworden. Ich erinnere mich aus meiner Knabenzeit, da du
deinen Jgern zu erzhlen pflegtest, auf welch eine echt weidmnnische
Hochzeitsreise du deine junge Frau gefhrt httest: zuerst zur Fuchshetze nach
England, dann zu den Elchjagden nach Schweden, dann zur Hirschbrunft in die
Bukowina. Da durfte sie, whrend du deine Pirschgnge machtest, in der Jagdhtte
die Gesellschaft deines Bchsenspanners teilen und ihm helfen, deine
abgeschossenen Patronen frisch zu laden.
    Graf Egge war aufgesprungen. Htte sie Sinn fr die Jagd gehabt, so htt'
ihr diese Reise besser gefallen als jede andre, denn gerade damals hab' ich
meine strksten Hirsche geschossen! schrie er mit dunkelrotem Gesicht. Aber
fr so was hatte sie keinen Funken von Verstndnis. Ich hab' mir die redlichste
Mhe gegeben, sie zu mir heraufzuziehen. Alles umsonst! Da ist es kein Wunder,
wenn mir schlielich die Geduld verging.
    Aber auch kein Wunder, wenn die junge Frau, die Monat um Monat einsam in
Hubertus sa, ferne von ihren Kindern -
    Kinder! Kinder! Htt' ich vielleicht diesen ganzen Plrrapparat auf meinen
Jagdreisen immer mit mir herumschleppen sollen?
    Es fragt sich nur, ob diese Jagdreisen so wichtig waren, da um ihretwillen
jede Forderung schweigen mute, die deine Frau und deine Kinder an dich zu
stellen hatten.
    Ach was! Forderung! Htt' eure Mutter Sinn fr das gehabt, was mir Freude
machte, so htt' sie nicht Trbsal blasen mssen, sondern Zerstreuung in Hlle
und Flle gefunden. Aber natrlich, in der Jagdhtte konnte sie nicht schlafen,
da hat sie das Heu gekitzelt. Und der Geruch einer Lederhose war fr ihre feine
Nase eine Katastrophe! Ist es da meine Schuld, wenn sie allein in Hubertus
sitzen mute? Und was euch betrifft? Ihr habt in Mnchen euer warmes Nest
gehabt, mit Governessen und Hofmeistern, die mich ein Heidengeld gekostet haben.
Ich tat meine Schuldigkeit redlich! Aber schlielich existiert man auch um
seiner selbst willen. Ich lebe und sterbe fr die Jagd. Damit hat man zu
rechnen. In erster Linie kommt fr mich die Jagd, dann lange nichts mehr und
dann erst alles andere.
    Diese Wahrheit hat niemand schwerer empfunden als unsere Mutter.
    Mutter! Immer Mutter! Jetzt hab' ich die Geschichte satt! Mit zuckenden
Hnden tastete Graf Egge an seiner Brust umher, als htte er die Joppe an und
mchte die Knpfe schlieen. Ich bin ein Narr, da ich mich von diesem ganzen
Krempel so erregen lasse. Fertig! Schlu! Das ist abgetan. Geh deiner Wege! Und
wenn du in Zukunft an deine Mutter denkst, und es fllt dir dabei dein Vater
ein, so kannst du dir sagen: das alles liegt hinter ihm! Wenn ihn an der ganzen
Geschichte heute noch was rgert, so ist es nur das einzige, da er das Geweih,
das deine verehrte Mutter ihm aufzusetzen beliebte, nicht in seine Sammlung
hngen konnte. Das wr' ein Prachtexemplar gewesen, das alle meine anderen
Hirsche geschlagen htte - sogar die kapitalsten aus der Bukowina! Und nun Gott
befohlen! Er wandte sich ab und fate mit beiden Hnden den Stamm der nchsten
Fichte, als bedrfte er fr den in seinen Fingern arbeitenden Zorn eines festen
Spielzeugs.
    In Tassilos Augen war eine tiefe Trauer. Fast versagte ihm die Stimme. Ich
gehe. Nicht in Groll. Du erbarmst mich, Vater! Was ich aus dir reden hre, ist
nicht mehr menschliche Stimme, sondern der Dmon einer Leidenschaft, die ich
nicht begreife, obwohl ich ihre Wirkungen sehe. Sie hat das Leben meiner Mutter
auf Irrwege und in einen frhen Tod getrieben. Sie hat dich gelst von deinen
Kindern, hat unser Heim und unsere Jugend vernichtet, hat unser Schicksal dem
Spiel des Zufalls berlassen - und sie wird dich selbst zerstren!
    Mit zornigem Lachen ri Graf Egge von der Fichte zwei Rindenstcke los und
zerdrckte sie in seinen Fusten. Dann trat er langsam auf Tassilo zu, ffnete
die Finger und lie die Splitter fallen. Keuchend ging sein Atem, und seine
Lippen bewegten sich, als fnde er das Wort nicht, das er sprechen wollte.
Schritte, die er hrte, machten ihn aufblicken. Willy war in die Htte getreten,
und Robert kam, mit erstaunten Augen den Vater und Bruder musternd. Noch einmal
streifte Graf Egge mit funkelndem Blick das Gesicht seines Sohnes. Trocken
lachend wandte er sich ab, winkte Robert mit beiden Hnden zu und rief: Ich
gratulier euch, Kinder! Heute habt ihr gute Jagd gemacht! Jeder von euch dreien
ist heute reicher um eine Million. Ich hab' einen Erben weniger, und das hat
mich nicht einmal einen Schu gekostet!
    Robert ri die verblfften Augen auf, whrend der Vater an ihm
vorberschritt. Als Graf Egge zur Htte kam, sah er ber die Schulter und
gewahrte, da Tassilo dem zu den Almen fhrenden Steige zuschritt. Da luft der
Narr ohne Stecken davon! - Willy! Sein Jngster erschien unter der Tr, mit
gertetem Gesicht und schimmernden Augen, als htte er im Geheimdepot der
Holzerhtte dem Niersteiner allzu beharrlich zugesprochen. Bring' dem Windhund
seinen Bergstock! Nach der Bchse wird er kein Verlangen haben. Er hat ausgejagt
in meinem Revier!
    Willy begriff nicht. Aber Papa? Was ist denn los?
    Tu, was ich dir sage!
    Willy fate einen der Bergstcke, die neben der Httentr lehnten. Da sah er
Robert kommen, eilte auf ihn zu und flsterte: Bertl? Hast du eine Ahnung, was
fr ein Blitz da schon wieder eingeschlagen hat?
    Robert zuckte die Achseln und trat in die Htte.
    Eine Weile stand Willy unschlssig. Dann rief er mit lauter Stimme: Tas!
Tas! und rannte dem Bruder nach. In einer Senkung des Pfades holte er ihn ein
und erschrak beim Anblick seines Gesichtes. Tas? Um Gottes willen, was ist denn
geschehen?
    Ein mdes Lcheln. Was unausbleiblich war - ob heut oder morgen. Ich bin im
Begriff, eine Heirat zu schlieen, von der ich mein Glck erhoffe. Sie findet
nicht den Beifall deines Vaters. Deshalb will er nun einen Sohn weniger haben.
    Ach du lieber Himmel - stammelte Willy in hilfloser Bestrzung.
    Tassilo nahm den Bergstock. Nicht wahr, Junge, wenn unsere Wege auch nach
dem Willen deines Vaters auseinandergehen, wir wollen gute Brder bleiben?
Herzlich sag er dem Bruder in die Augen und bot ihm die Hand. Und willst du mir
eine Liebe erweisen, so vergi nicht, was du mir gestern in die Hand gelobt
hast! Willst du?
    Willy brachte kein Wort heraus; er nickte nur, umklammerte Tassilos Hand und
sah ihm ratlos ins Gesicht.
    Hast du mich ntig, so schreib mir eine Zeile, und ich werde dich finden.
Und sei gut mit Kitty! Ihr fehlt die Mutter. Der Vater hat wenig Zeit fr sie.
Sei du jetzt der Bruder, den sie braucht.
    Da erwachte Willy aus seiner Erstarrung. Tas! Lieber Tas! Ich fasse das
alles nicht. Ich bin wie mit einem Prgel vor die Stirn geschlagen. Sag' mir,
ich bitte dich -
    Tassilo schttelte den Kopf. La uns kurzen Abschied halten! Und geh zum
Vater! Dein Platz ist bei ihm. Und der Vater knnte es dich entgelten lassen,
wenn er allzulange auf dich warten mte. Er schlang den Arm um Willys Hals,
kte den Bruder, ri sich los und eilte talwrts mit jagendem Schritt.

                                       18


Vor der Tr des Palais Dippel stand Graf Egge mit gespreizten Beinen und
vorgeneigtem Kopf, die Fuste hinter dem Rcken; finster sphte er nach der
Pfadsenkung, in welcher Willy verschwunden war. Als er ihn erscheinen sah,
hellten sich seine Zge auf, und zufrieden nickte er vor sich hin: Na also, da
kommt er ja!
    Willy blieb erschrocken stehen und versuchte seine Gedanken zu sammeln.
    Komm zu mir, Junge! rief Graf Egge, und als Willy noch immer zgerte, ging
er ihm entgegen. Dicht vor ihm blieb er stehen und sah ihm forschend in das
brennende Gesicht. Der andere sieht mir gleich und schlgt der Mutter nach. Du
hast ihre Augen und ihren weichen Mund, aber ich hoffe, du bist im Kern aus
meinem Holz! Halte dich an mich, und es soll dir nicht schlecht bekommen. Hast
du einen Wunsch? Heraus damit! Heut kannst du alles von mir verlangen.
    Willy schttelte den Kopf. Danke, Papa, ich brauche nichts.
    Na, besinn' dich nur, vielleicht fllt dir was ein! Mit einem Lachen, das
ihm nicht vllig gelingen wollte, klopfte Graf Egge den Sohn auf die Schulter
und trat in die Htte. In der Kche schrte er auf dem Herd ein Feuer an und
begann in einer hlzernen Schssel einen dicken Brei aus Mehl und Wasser zu
rhren. Nachdem er den Teig in das heie Schmalz gegossen hatte, ging er zur
Tr, und als er Willy drauen auf der Hausbank sitzen sah, sagte er: Komm
herein, Junge, setz' dich zu mir auf den Herd! Da kannst du lernen, wie man
einen gesunden Schmarren kocht.
    Ja, Papa! Willy erhob sich md und folgte dem Vater; schweigend sa er auf
dem Herdrand und starrte die Pfanne an.
    Erzhl' mir, Junge, sagte Graf Egge, whrend er mit dem langen Eisenlffel
im brodelnden Schmarren herumarbeitete, wie hast du drunten unsere kleine
Schmalgei angetroffen?
    Danke, Papa, gut! erwiderte Willy mit zerstreuter Scheu. Wie lang hast du
sie nicht mehr gesehen?
    Ich glaube, seit dem Hahnfalz. August, Juli, Juni, Mai, April - fnf
Monate.
    Da wirst du Augen machen! Sie fngt an, sich zu einem patenten Mdel
auszuwachsen.
    Graf Egge hob die Pfanne und schttelte sie. Was meinst du, wenn wir die
Gei heraufkommen lieen? Ich trete ihr meine Stube ab und leg' mich zu euch ins
Heu hinauf. Und wenn wir jagen, kann sie bei mir auf dem Stand sitzen.
    Willy erschrak vor den Freuden, die seiner Schwester in Aussicht standen; er
mute ihr das ersparen, auch um den Preis einer Heuchelei. Eine famose Idee,
Papa! Aber weit du, die Sache hat auch ihren Haken. Fr dich!
    Wieso?
    Ein junges Mdel kann nicht stillsitzen. Sie wrde dir manchen guten Schu
verderben.
    Du hast recht! Und da knnte mir einmal die Galle berlaufen. Na also,
lassen wir's! Nchste Woche gehen wir ein paar Tage zu ihr hinunter.
    Nun trat wieder Schweigen ein. Die brennenden Scheite krachten, und in der
Pfanne prasselte das Schmalz. Willy versank mit bekmmertem Gesicht in die
Gedanken an Tassilo, und sein Vater, der ihn von Zeit zu Zeit mit forschendem
Blick berflog, bekam unruhige Hnde. Nach einer Weile legte Graf Egge lchelnd
den eisernen Lffel nieder und trat in die Herrenstube. Lang ausgestreckt lag
Robert mit der brennenden Zigarette auf dem Bett; er wollte sich erheben. Bleib
nur liegen! sagte Graf Egge, sperrte den Geheimschrank auf und trat mit dem
Schchtelchen, das die Juwelen enthielt, zum Fenster. Er whlte einen Rubin von
selten schnem Schliff und verwahrte die anderen Steine wieder im Schrank. Als
er in die Kche zurckkehrte, nickte er Willy lachend zu und drckte ihm den
Rubin in die Hand. Da hast du was! Nimm! La dir einen Ring daraus machen oder
eine Nadel! Aber zeig' mir ein lustiges Gesicht!
    Willy erhob sich und guckte wie ein Trumender auf den Stein, der gleich
einem groen erstarrten Blutstropfen auf seiner flachen Hand lag.
    Geh vor die Tr hinaus ins Licht, sagte Graf Egge, dann siehst du sein
Feuer besser.
    Willy trat ins Freie; doch er hielt ber dem Stein die Hand geschlossen und
sphte gegen den Steig. Ob er die Alm schon erreicht hat? Hastig schob er den
Rubin in die Westentasche und rannte zu der Graskuppe, auf der die Holzbank
unter den Fichten stand. Von hier aus konnte er den Steig im Tal auf eine weite
Strecke bersehen.
    Der Pfad war leer.
    Tassilo hatte die steilen Almhnge schon hinter sich und nherte sich der
ersten Sennhtte. Hier, unter dem vorspringenden Dach, sa Franzl auf einem
Holzblock, die Bchse ber den Knien, die Stirn in die Hnde gedrckt; er sah
erst auf, als ihm Tassilo die Hand auf die Schulter legte; erschrocken erhob er
sich. Wahrhaftiger Gott! Jetzt kommen S' wirklich daher! Aber Herr Tassilo! Wie
knnen S' denn um meintwegen -
    Kommen Sie, lieber Hornegger!
    Tassilo ging voran, Franzl folgte. So schritten sie, jeder mit seinen
wirbelnden Gedanken beschftigt, dem tieferen Bergwald zu.
    Noch ehe der Abend kam, erlosch die Sonne hinter schweren Wolken, die das
letzte Blau verhllten. Im Wald bewegte sich kein Zweig. Kein Vogel sang.
    Drei Stunden waren die beiden gewandert, und vom See herauf tnte schon das
Rauschen des Wetterbaches. Da hrte Tassilo hinter sich den Schritt des Jgers
verstummen, und als er sich umblickte, sah er Franzl vor einer alten Buche
knien, den entblten Kopf gesenkt, vor der Brust die gefalteten Hnde. Tassilo
schien zu empfinden, was dem Jger, der vor dem Marterl seines Vaters kniete,
in diesem Augenblick das Herz erfllen mochte; er nahm den Hut ab, trat an
Franzls Seite und betrachtete den grn gekleideten Mann, den die kindliche
Malerei des Bildchens zeigte: starr ausgestreckt mit einem roten Kreuzlein ber
der Stirn.
    Franzl hatte sein Gebet beendet und bekreuzte Gesicht und Brust; doch er
erhob sich nicht, lie nur die Hnde sinken und bewegte langsam die Lippen, als
lse er die Inschrift des Tfelchens:
    Hier an dieser Stelle wurde Anton Hornegger, grflich Egge-Sennefeldischer
Frster, am heiligen Johannistag erschossen aufgefunden.
    Ein Zittern berlief den Jger, der das Gesicht in die Hnde drckte. Vor
seinen Gedanken stand das Bild jenes Abends, an dem sie den Vater auf Stangen
getragen brachten, mit der roten Wunde auf der Brust. Er sah den Jammer seiner
Mutter wieder - und wieder regte sich in ihm die Ahnung, die ihn seit Jahren nie
verlassen hatte: da der Mrder noch unter den Lebenden wre. Es mute einer
sein, der drunten im Dorfe sa -, so weit ber die Grenze verirrt sich kein
fremder Wildschtz. Vielleicht war es einer, der seit Jahren an Franzl mit
freundlichem Gru vorberging, im Herzen die Furcht und den versteckten Ha. Und
nun soll, wie die anderen im Dorf, auch dieser eine die Nachricht hren, die
morgen wie ein Lauffeuer umfliegen wird: Der Hornegger ist nimmer Jger, ist
entlassen, vom Grafen davongejagt! Wie wird dieser eine aufatmen, erlst von
seiner jahrelangen Furcht! Wie wird er lachen in der Schadenfreude seines
heimlichen Hasses -
    Da erlosch in Franzl pltzlich das qulende Denken. Wie zum Greifen wirklich
sah er vor seinen Augen einen stehen: mit dnnem Lcheln auf den grauen Lippen,
in den halb geschlossenen Augen einen funkelnden Blick, so hei, wie ihn nur die
Freude des befriedigten Hasses kennt.
    Ein Schauer rttelte die Schultern des Jgers. Keuchend drckte er die
Fuste an seine Stirn.
    Hornegger? Was ist Ihnen? fragte Tassilo.
    Taumelnd erhob sich Franzl. Ich bin verruckt! In mir steigen Gedanken auf -
ich kann mir nimmer helfen. Und da soll ich nunter ins Ort und soll - Die
Stimme versagte ihm fast. Was wird d' Mutter sagen! Mar' und Josef! Den Vater
haben s' ihr am Schragen bracht. Und ich komm so daher! Davongjagt mit Schimpf
und Schand, als htt' ich 's rgste Verbrechen angstellt!
    Tassilo hatte Mhe, die Erregung zu beschwichtigen, die aus dem Jger
herausbrach. Franzl wurde ruhiger, je lnger Tassilo zu ihm redete, und
schlielich bat er reumtig: Sind S' mir net harb, Herr Graf, da ich Ihnen
solche Unglegenheiten mach! Aber die Gedanken, die ihn vor dem Marterl seines
Vaters befallen hatten, wollten nicht mehr von ihm lassen. Whrend des
Niederstieges zum Wetterbach hrte Franzl nur mit halbem Ohr auf Tassilos
Zusage, da er einen guten Posten fr den Jger zu finden hoffe. Franzl erwachte
erst aus seiner Verlorenheit, als er das Dorf berblicken konnte; das erste
Gehft, das ihm in die Augen fiel, war das Brucknerhaus. Ein schwerer Atemzug
hob seine Brust. Da wird's jetzt schlecht ausschauen! Mit uns zwei! Trotz
dieser hoffnungslosen Stimmung fuhr ihm eine merkwrdige Eile in die Beine. Ich
lauf a bil voraus, sagte er, sonst mssen wir z'lang auf a Schiffl warten.
Er rannte talwrts.
    Als Tassilo bei sinkendem Abend den Wetterbach erreicht und den frisch
gezimmerten Steg berschritten hatte, blieb er vor der den Klause stehen. Auf
der Marmortafel ber der Tr war in der Dmmerung die halb verwitterte Inschrift
kaum mehr zu erkennen.
    Hier wohnt das Glck! Tassilo entblte nicht den Kopf und faltete nicht
die Hnde, wie es der Jger vor der Buche getan - aber auch ihn erfllte ein
schmerzendes Erinnern. Er stand vor dem Marterl seiner Mutter.
    Vom Ufer klang die rufende Stimme des Jgers, der ein Schiff gefunden hatte.
Es war das Boot des Fischers, und man mute auf engem Platz zwischen triefenden
Netzen sitzen. Tassilo lie sich quer ber den See hinberbringen, zu Annas
Villa. Als die Steintreppe erreicht war, drckte Tassilo die Hand des Jgers.
Auf dem Heimweg komm ich zu Ihnen. Gren Sie mir einstweilen Ihre Mutter!
    Vergelts Gott, Herr Graf! stammelte Franzl mit einer Hast, als wre ihm
ein stiller Wunsch erfllt worden.
    Tassilo sprang ber die Stufen hinauf. Von der Villa klang eine
Mdchenstimme: Wer kommt?
    Ich bin es, Anna!
    Ein leiser Schrei, fliegende Schritte auf dem Kies, dann wieder Stille. Nur
das Ruder des Fischers pltscherte, und vor dem Bug des gleitenden Nachens
rauschte das Wasser.
    Nach kurzer Fahrt landete das Boot vor dem Seehof. Franzl, in der Eile,
schien den Weg zu verfehlen. Statt den Fupfad zur Linken einzuschlagen, der zu
seinem Hause fhrte, rannte er nach rechts, der Strae zu. Vor den Leuten, die
ihm begegneten, drehte er das Gesicht auf die Seite. Immer rascher wurde sein
Schritt, je nher er dem Brucknerhaus kam, und heie Rte brannte auf seinem
erschpften Gesicht, als er im dmmerigen Hof das Mdel gewahrte, das bei einer
Holzbeuge stand und den Arm mit Scheiten belud.
    Franzls Stimme klang gepret und heiser: Guten Abend, Mali!
    Da fielen die Holzscheite prasselnd zu Boden, und Mali, mit weiem Gesichte,
rannte zur Haustr.
    Aber Mali! Was hast denn? Ich bin's ja, der Franzl!
    Mali schien nicht zu hren, nicht zu sehen. Noch ehe sie das Haus erreichte,
streckte sie schon die Hnde nach der Tr. Auf der Schwelle zgerte sie und
drehte halb das Gesicht; dann verschwand sie im finsteren Flur, hinter ihr fiel
die Tr zu, und drinnen klirrte der eiserne Riegel.
    Franzl griff sich wie betubt an den Kopf und guckte in der Dmmerung umher,
als htte er das rechte Haus verfehlt.
    Heilige Mutter! Was is denn ds?
    Er sprang in den Hof, warf den Bergstock auf die Bank und fate die
Trklinke. Mali! Mali! Immer rttelte er an der versperrten Tr. Ich bitt
dich um Gotts willen, was hast denn?
    Im Hause blieb alles still.
    Mali! So mach doch auf! Ich bin's ja, ich, der Franzl!
    Von der Kche her vernahm er das Geknister des Herdfeuers und hrte im Flur
eine wispernde Kinderstimme, die pltzlich verstummte, als htte sich eine Hand
auf den kleinen vorwitzigen Mund gedrckt, um ihn zu schlieen.
    Dem Jger wurde der Verstand wirbelig. Ein paarmal ri er noch an der
Klinke; dann griff er nach seinem Bergstock und taumelte auf die Strae hinaus.
Er ging und wute nicht, welchen Weg er nahm. In seinen Ohren begann ein dumpfes
Summen. War das in seinem Kopf, oder war's die Kirchenglocke, die den Abendsegen
lutete? Auch fallende Tropfen meinte er zu spren und streckte mechanisch die
Hand aus. Richtig, es regnete! Immer dichter fiel es aus den Wolken, alles in
der Runde wurde grau, und hinter dem trben Schleier verschwanden die Berge.
    Von Franzls Kleidern troff das Wasser, und es quietschte in seinen Schuhen.
Er ging und ging. Als er einmal aufblickte, sah er, da er vor dem Parktor von
Hubertus stand. Wo bin ich denn hinglaufen? Er kehrte um. -
    In Strmen rauschte der Regen ber die Ulmenkronen. Auf den Kieswegen des
Parkes gurgelten die wachsenden Bche, und sinkendes Dunkel verhllte das
endlose Gieen und Triefen.
    Es ging auf Mitternacht, als Tassilo von seinem Besuch bei der Horneggerin
heimkehrte, in einen Lodenmantel gehllt, den ihm Franzl geliehen hatte. Er
klopfte an ein Fenster. Fritz ffnete ihm die Tr, mit erhobener Kerze,
verwundert und erschrocken: Herr Graf! So spt! Und ganz allein? In einer
solchen Nacht! Ist denn etwas passiert?
    Nein! erwiderte Tassilo ruhig. Ich komme nur heim, weil ich morgen nach
Mnchen mu. Sehen Sie zu, da ich noch eine Tasse Tee bekomme! Dann mssen Sie
mir packen helfen. Den Wagen fr morgen hab' ich schon bestellt.
    Einen fremden? fragte der Diener verblfft.
    Ich will Papas Pferde nicht bemhen bei solchem Wetter! Ein bitteres
Lcheln. Er nahm den triefenden Mantel von den Schultern. Meine Schwester
schlft schon?
    Jawohl, Herr Graf! Aber denken Sie nur, was heut geschehen ist! Und Fritz
erzhlte, was sich am Vormittag in der Ulmenallee ereignet hatte.
    Als Tassilo von der Verwundung der Kleesberg vernahm, nickte er. Die Adler
meines Vaters greifen scharf!
    Fritz berichtete, da Frulein von Kleesberg schon am Abend fieberfrei und
ohne Schmerzen gewesen wre, nur noch ein wenig schreckhaft und verstrt. Aber
unsere liebe Konte߫, die glcklicherweise durch das kuraschierte Zugreifen
des Malers allem Unheil entronnen wre, htte sich die Sache schwer zu Herzen
genommen und wre den ganzen Tag mit blassem Gesicht und verweinten Augen
umhergegangen.
    Tassilo schritt zur Treppe und sagte flsternd: Machen Sie keinen Lrm,
damit die Damen in ihrer Ruhe nicht gestrt werden. In seinem Zimmer setzte er
sich an den Schreibtisch. Es waren nur wenige Zeilen, die er an Robert richtete,
um dem Bruder seine bevorstehende Vermhlung mit Anna Herwegh anzuzeigen. Der
Brief an Willy wuchs zu acht eng beschriebenen Seiten an.
    An Forbeck schrieb er: Lieber Freund! Es ist mir leid, da ich Hubertus
verlassen soll, ohne Ihnen die Hand zu drcken, ohne mich am Fortschritt Ihres
Bildes zu erfreuen. Mit Ihrem Werke hoffe ich im Glaspalast ein erfreuliches
Wiedersehen zu feiern. Was uns beide betrifft, so knnen Sie selbst unsere
Trennung zu einer kurzen machen, wenn Sie mir die Bitte erfllen wollen, meiner
am 2. September stattfindenden Trauung als mein Zeuge beizuwohnen. Sie waren der
erste, dem ich mich anvertraute. Seien Sie nun auch der erste, der mir an der
Schwelle meines neuen Lebens die Hand zum Glckwunsch reicht. Eine frhliche
Hochzeit kann ich Ihnen nicht versprechen. Mein Vater und meine Geschwister
werden fehlen. Es ist mir nicht gelungen, diesen Schatten von meinem Glckstag
abzuwehren. Was ich gefrchtet habe, ist eingetroffen, schlimmer, als ich es mir
vorstellte. Ihre schtzende Hand hat heute meine Schwester vor dem Griff des
Adlers bewahrt. Ich habe da droben seine Klaue gesprt. Die Wunde ist tief
gegangen. Und der Adler, der heute ausflog, wird nicht der letzte sein. Der
Kfig unter den Ulmen steht noch lange nicht leer.
    Tassilo legte die Feder fort. So sa er lange. Dann schlo er den Brief und
lschte die Lampe.
    Drauen rauschte der Regen, es gluckste und gurgelte um die Mauern, und mit
klatschenden Schlgen peitschte der Wind die schweren Tropfen an die
Fensterscheiben.
    Als Fritz gegen acht Uhr morgens das Frhstck brachte, fand er Tassilo
schon angekleidet und zur Reise fertig.
    Schlft meine Schwester noch?
    Nein, Herr Graf, die Konte und Frulein von Kleesberg haben soeben um den
Tee geklingelt.
    Fritz hatte noch nicht ausgesprochen, als Kitty auf der Schwelle erschien,
mit lose geknotetem Haar, das verhrmte Gesichtchen so wei wie ihr Morgenkleid.
Tas? stammelte sie, whrend der Diener das Zimmer verlie.
    Tassilo brauchte nicht zu sprechen. Kitty sah die gepackten Koffer, die
kuvertierten Briefe auf dem Schreibtisch und las in den Augen des Bruders, was
seine unerwartete Heimkehr von der Jagdhtte und die pltzliche Abreise
bedeutete. Mit ersticktem Schrei umklammerte sie seinen Hals. Er fhrte sie zum
Sofa und suchte sie zu beruhigen. Whrend er erzhlte, was er erzhlen durfte,
und sie mit kommenden Zeiten zu trsten suchte, brach immer wieder der
fassungslose Schmerz aus ihr hervor, bald in wirren Worten, bald mit strmendem
Schluchzen. Dann sprang sie auf. Komm, Tas! Wir wollen zu Anna. Ich mu sie
sehen. Ich mu zu ihr.
    Er sagte ihr, da auch Anna Herwegh mit Mutter und Schwester noch an diesem
Morgen die Reise nach Mnchen antrte.
    Und ich soll euch nie wiedersehen? Dich nicht? Und Anna nicht? Nein, Tas!
Das kann und darf Papa von mir nicht verlangen. Ich halte zu dir, Tas! Da kann
geschehen, was will! Wie schn das sein wird - euer Glck sehen - immer nur euer
Glck - In Trnen erloschen ihre Worte und wieder warf sie sich an den Hals des
Bruders.
    Er streichelte ihr schimmerndes Haar.
    Aber sag' mir, Tas! Wie hat Anna die Nachricht aufgenommen? Wie mu ihr
bange sein in dieser Stunde!
    Ja, Schwester, bedrckend bange! Doch sie ist nicht ohne Trost. Sie liebt.
Und Liebe ist eine feste Brcke. Vertraue ihr, und sie trgt dich ber alle
Tiefe, la dich fhren von ihrer Hand, und immer ist es der rechte Weg, auf den
sie dich leitet.
    Kitty, die blassen Wangen von Trnen berronnen, sah mit groen Augen zu
ihrem Bruder auf.
    Es klopfte an der Tr. Und Kitty, wie aus tiefem Traum erwachend, trat zum
Fenster, um ihr verweintes Gesicht zu verbergen.
    Fritz und der Stallbursch kamen, um die Koffer zu holen. Tassilo ging zum
Schreibtisch. Diesen Brief an Robert soll Moser mit hinaufnehmen, zur
Jagdhtte. Den anderen, an Herrn Forbeck, bitt' ich im Laufe des Vormittags zu
besorgen.
    Kitty machte eine jhe Bewegung. Und kaum hatten die beiden Diener das
Zimmer verlassen, flog sie auf Tassilo zu. Du hast an Herrn Forbeck
geschrieben? Warum?
    Um mich von ihm zu verabschieden. Auch hab' ich ihn gebeten, meiner Trauung
als Zeuge beizuwohnen.
    Er? Bei deiner Trauung? Und ich soll fehlen? Deine Schwester? In
Schluchzen erstickten ihre Worte. Tassilo zog sie an seine Brust. Und da brach
es aus ihr heraus: Ach, Tas, ich bin namenlos unglcklich! Zitternd schmiegte
sie sich in seine Arme, und in einem Sturz von Trnen lste sich ihre strmische
Erregung. Endlich richtete sie sich auf und streifte die Hnde ber das nasse
Gesicht. Eine Bitte noch, Tas! Annas Bild mut du mir lassen. Schlie nur den
Koffer wieder auf!
    Es ist nicht eingepackt. Hier liegt es schon fr dich. Er ffnete am
Schreibtisch eine Lade und reichte ihr das Bild, das sie mit Kssen bedeckte.
Und diesen Brief sollst du mir besorgen.
    Fr Willy? Ich verstehe. Papa soll nicht wissen, da du ihm geschrieben
hast. Gib her! Und Willy ist fr dich, nicht wahr? Wenn er noch schwanken
sollte, bring' ich ihn schon noch herum. Er ist ein leichtsinniges Huhn, aber
ein guter Kerl. Sie verwahrte den Brief. Und nun komm, Tas! Du mut dich von
Tante Gundi verabschieden. Wir wollen uns zusammennehmen, damit die Arme nicht
merkt, was vorgeht. Die Erregung knnte ihr schaden. Oder weit du noch nicht,
was gestern -
    Fritz hat mir alles erzhlt.
    Was sagst du, wie Tante Gundi sich benommen hat! Geradezu groartig! Wenn
ich das getan htte, das wre begreiflich. Schlielich ist man nicht umsonst in
Hubertus geboren. Und Herr Forbeck war in ernster Gefahr. Aber denke dir: sie!
Seit gestern seh' ich sie mit ganz anderen Augen an. Aber komm, Tas! Energisch
trocknete sie die Wangen, nahm das Bild unter den Arm und zog den Bruder zur
Tr. Dabei merkte sie nicht, da Tassilo sie forschend betrachtete und wie in
Sorge jeden Zug ihres hei erregten Gesichtes prfte.
    Gundi Kleesberg machte, als Tassilo und Kitty in ihr Zimmer kamen, einen
Versuch, sich im Bette aufzurichten. Es gelang ihr nicht. Der dick verbundene
Arm, der mit einer Doppelschlinge gefesselt war, lag schwer auf der blauen
Seidendecke. Die Frisur war tadellos, die Wangen hatten ihren zarten Puderflaum,
die Lippen ihr gleichmiges Rot, die Brauen ihre tiefe Schwrze. Aber dieses
Verschnerungswerk, das die Kammerfrau in aller Eile an der Patientin gebt
hatte, war nicht so glcklich geraten wie sonst. Zwischen den zarten Farben
lugte die welke Haut mit gelblichen Flecken hervor; das gab dem Gesicht einen
mden Ausdruck, den der bittere Zug um die Mundwinkel und der ngstliche Blick
noch verschrften. Wer dieses Gesicht betrachtete, htte glauben mgen, da die
Kleesberg nicht nur ein bel verlaufenes Abenteuer, sondern eine erschtternde
Seelenkatastrophe erlebt htte.
    Whrend Tassilo sich neben dem Bett auf einen Sessel niederlie, huschte
Kitty in ihr Zimmer und stellte Annas Bild auf den Ehrenplatz, den die
Photographie der Soeur suprieure mit einem dunklen Winkelchen vertauschen
mute, obwohl die unter das wrdevolle Konterfei geschriebene Widmung mit den
Worten endigte: Gardez-moi la place que mon amour maternel a mrite dans votre
coeur!
    Jh erwachsende Empfindungen sind rcksichtslose Gewalttter, die das Neue
umklammern und das Alte verdrngen. Wie lange wird es dauern, und auch das Bild
der schnen Schwgerin wird den Ehrenplatz wieder rumen mssen?
    An die Mglichkeit eines solchen Wechsels schien Kitty in dieser Stunde
nicht zu denken. Mit abgttischer Andacht hing ihr Blick an dem Bild, und
traumverloren flsterte sie vor sich hin: Wie glcklich er sein wird! Wie
glcklich!
    Als sie hrte, da Tassilo sich erhob und von Tante Gundi Abschied nahm,
geriet sie in Verwirrung und griff nach allerlei Dingen, bevor ihr klar wurde,
da sie einen Mantel umnehmen und die leichten Pantffelchen mit festen Schuhen
vertauschen wollte.
    Tassilo trat ein und zog hinter sich die Tr zu. Lange hielten sie sich
umschlungen, wortlos. Endlich lste Tassilo die Arme der Schwester von seinem
Hals. Komm, gutes Kerlchen, la uns vernnftig sein! Und bleibe hier! Es wrde
uns beiden schwer sein, vor den Leuten drunten ruhig zu erscheinen.
    Nein, Tas! Nur in den Flur hinunter! Ich werde die Zhne
bereinanderbeien.
    So komm!
    Wirklich, Kitty benahm sich wie eine Heldin. So ruhig, als glte es nur eine
Trennung von wenigen Tagen, schttelte sie unter der Flurtr die Hand des
Bruders. Glckliche Reise, Tas! Und auf Wiedersehen! Doch als sich der Wagen
schon in Gang setzte und Tassilo unter dem Lederdach herauswinkte, streckte sie
die Arme nach ihm, rannte in den Regen hinaus und sprang in den Wagen.
    Aber Kind!
    Ich bitte dich, Tas! Nur bis zum Tor! Sie taumelte in dem holpernden
Gefhrt, kam auf Tassilos Knie zu sitzen, und als der Kutscher halten wollte,
puffte sie ihn mit der Faust in den Rcken. Vorwrts!
    Der Wagen rollte unter den triefenden Ulmen durch die Allee und machte die
Adler in ihrem Kfig scheu durcheinanderflattern. Unter dem schtzenden
Lederdchlein hielt Kitty den Bruder umschlungen. Ich sage dir, Tas, wenn jetzt
die arme Gundi nicht krank da droben lge, ich ging mit dir. Mich brchten zehn
Pferde nicht mehr aus dem Wagen! Da hrte sie auf der Strae das Rollen einer
Kutsche. In Schreck und Erregung fuhr sie auf. Tas? Hrst du den Wagen nicht?
Wenn es Anna wre!
    Tassilo sah in der Torffnung die Kpfe zweier Schimmel auftauchen. Ja! Das
ist ihr Wagen.
    Anna! Anna! Anna! schrie Kitty wie von Sinnen, sprang aus dem Wagen und
rannte durch alle Pftzen. Drauen hielt die Kutsche. Als der Schlag sich
ffnete und Anna Herwegh den Fu auf das Trittbrett setzte, hing ihr Kitty schon
am Hals und schluchzte unter Kssen: Hab' ihn lieb, Anna! Hab' ihn lieb! Mach
ihn glcklich! Ich will dich vergttern dafr!
    Schmerz und Erregung machten sie halb betubt, sie hrte stammelnde Worte,
ohne sie zu verstehen, fhlte Hndedrcke, Umarmungen, Ksse - und als sie ihrer
Sinne wieder mchtig wurde, sah sie die beiden Wagen im Regen davonrollen und
gewahrte Fritz, der neben ihr stand und einen Regenschirm ber ihr Kpfchen
hielt, in dessen zerzausten Haaren die Wasserperlen glitzerten.
    Ich bitte, Konte, kommen Sie! mahnte Fritz. Konte werden sich einen
Schnupfen zuziehen.
    Schnupfen? wiederholte sie gedankenlos und starrte ihn an wie ein
vorsintflutliches Wundertier. Mit zitternden Hnden tastete sie nach den
triefenden Eisenstben des Torgitters.
    Fritz wagte keine weitere Mahnung auszusprechen; geduldig stand er und hielt
den Regenschirm. Endlich richtete Kitty sich auf, nahm den Schirm und trat den
Rckweg an.
    Fritz wollte das Tor schlieen. Von der Strae rief eine Stimme:
Auflassen!
    Zwei Bauern brachten einen groen Handkarren gezogen, auf dem die beiden von
Robert gestreckten Gemsbcke lagen - und der Sechzehnender, dessen mchtiges
Geweih zu beiden Seiten des Karrens weit herausragte ber die mit Kot behangenen
Rder.


                                  Zweites Buch

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ber der langen Kette der Berge hingen die Regenwolken, grau in blau getnt.
Doch je weiter es hinausging gegen das Vorland und die Ebene, desto freundlicher
wurde der Himmel. Mit sommerlichem Stillvergngen lchelte die Morgensonne ber
den Lauf der Isar und ber die gute Stadt Mnchen herab, machte die Knufe der
Frauentrme funkeln und vergoldete die Dcher.
    Unter den wenigen Passanten, die an diesem Morgen der letzten Augustwoche
die breite Ludwigstrae sprlich bedeckten, fiel die hohe Gestalt eines
fnfzigjhrigen Mannes auf, in grauem Sommerpaletot, mit schwarzem Filzhut. Das
Haar, das unter dem Hutrand hervorquoll, hatte noch tiefes Braun, whrend der
schmale Vollbart schon eine graue Melierung zeigte. Ein gedankenvolles Lcheln,
wie es starken, im Kampf mit dem Leben gefesteten Naturen eigen ist, milderte
den Ernst der durchgeistigten Zge. Man wrden den Knstler in ihm erraten
haben, auch wenn er nicht den Weg zur Akademie genommen htte.
    Weder in den jungen Parkanlagen der Akademie noch in dem prunkvollen
Treppenhaus begegnete ihm eine Seele. Im obersten Stockwerk hielt er vor einer
Tr, die ein kleines Porzellanschild trug - Professor Georg Werner - und
darunter eine mit Reingeln befestigte Visitenkarte: Hans Forbeck. In dem
groen Atelier, dessen Nordwand ein einziges Riesenfenster bildete, standen vier
Staffeleien. Eine von ihnen trug Professor Werners jngste Arbeit, die der
Vollendung nahe war und bereits ihren Goldrahmen hatte; ein blankes Tfelchen
nannte den Namen des Knstlers und den Titel des Bildes: Die lange Strae.
Zwischen herbstlich belaubten Feldhecken und kahlen Wiesen, hinter denen der
geschlngelte Lauf eines Baches aufleuchtet, zieht eine gerade, staubige
Pappelallee in endlos scheinende Ferne. Das Zwielicht eines nebligen
Herbstabends liegt wie ein Schleier ber der Landschaft. Nur am Horizonte glnzt
ein helles Licht, als wre in jener Ferne reiner Himmel und letzte Sonne. Auf
der Strae steht ein bejahrter Mann; er hat ein schweres Bndel zu Boden
gestellt, die Last der weiten Wanderung hat ihn mde gemacht, und nun deckt er
die magere Hand ber die Augen und spht sehnschtig in jene lichte Ferne, in
der ihm das Ziel und die Ruhe winkt.
    Werner trat vor die Staffelei. Als er nach der Palette greifen wollte, sah
er auf dem Maltisch eine Depesche liegen. Er ffnete und las: Ich bitte Dich,
Werner, komm - Dein Hans!
    Betroffen sah er auf das Blatt und fuhr sich mit der Hand ber die Stirn.
Wie konnte der Junge bei gesunder Vernunft eine solche Depesche schicken, solch
ein halbes Wort, das unruhig machen mu? Ob er krank ist? Und nun da drauen
liegt, ohne Hilfe, ohne einen Menschen, der ihn kennt?
    Im Sturmschritt zum Tor hinaus, in die nahe Wohnung, mit einer hetzenden
Droschke zum Bahnhof!
    Nach zweistndiger Bahnfahrt erreichte Werner die Station, von der die
Sekundrbahn in die Berge abzweigte. Hier hatte er fnfzehn Minuten Aufenthalt,
und das war fr ihn eine schwere Geduldprobe. Zwei Zge kamen. Ein Schwarm von
Reisenden, Gebirgstouristen und Landleuten suchte in dem nach Mnchen gehenden
Zuge unterzukommen. Zerstreut sah Werner ber das lrmende Getriebe hin, wurde
aufmerksam auf einen Herrn und drngte sich durch das Leutegewhl: Doktor Egge!
Doktor Egge!
    Tassilo streckte dem Professor die Hand entgegen.
    Doktor! Kommen Sie von Hubertus? Sind Sie da drauen nicht mit Forbeck
zusammengetroffen?
    Gewi! Und ich habe -
    Werner lie ihn nicht aussprechen. Was ist denn mit dem Jungen? Was fehlt
ihm? Sehen Sie nur die Depesche, die er mir geschickt hat! Werner zerrte das
Blatt heraus.
    Tassilo las.
    Eine Glocke lutete, und die Kondukteure schrien: Mnchen! Hchste Zeit!
    Lchelnd gab Tassilo dem Professor die Depesche zurck. Ich glaube zu
wissen, was hinter der Sache steckt. Allerdings sollte ich Ihnen die
berraschung nicht verderben. Aber ich sehe, Sie sind in Sorge. Forbeck hat ein
Bild begonnen, das Aufsehen machen wird; ich merke mich bei Ihnen gleich als
Kufer vor. Es ist Feuer und Flamme fr die Arbeit, und da vermute ich, da er
ungeduldig wurde und Ihr Urteil nicht mehr erwarten kann. Aber verzeihen Sie,
mein Zug! Gren Sie Forbeck! Auf Wiedersehen!
    Der Zug dampfte zur Halle hinaus. Werner, von seiner Sorge erlst, rckte
den Hut und atmete auf. Gott sei Dank!
    Gegen fnf Uhr abends erreichte er das von Wolken berlagerte Dorf, stieg
beim Seewirt ab und lie sich hinberfhren zum Brucknerhof. Der Bauer kam aus
der Tr; mit Interesse betrachtete Werner die zhe Gestalt und das bleiche, vom
schwarzen Bart wie von einem Schatten umrahmte Gesicht; Bruckner schien den
prfenden Blick mit Unbehagen zu empfinden und fragte wenig freundlich: Was
schafft der Herr?
    Wohnt bei Ihnen Herr Forbeck aus Mnchen?
    Der Bauer nickte und schlug einen anderen Ton an. Er is net daheim. A halbs
Stndl kann's her sein, da is er gegen 's Schlo aussi marschiert. Bitt, Herr,
kommen S' eini ins Haus. Ich fhr Ihnen nauf in sein Stberl. Da knnen S'
warten.
    Bruckner gab die Tr frei, und Werner trat in den Flur. -
    Wenige Minuten frher, ehe Werners Einspnner an Schlo Hubertus
vorbergefahren war, hatte Forbeck den Park betreten, um sich nach Frulein von
Kleesbergs Befinden zu erkundigen. Er hrte von Fritz, da die Sache den
gnstigsten Verlauf nhme, und da die Patientin bereits einen Teil des
Nachmittags auer Bett zugebracht htte.
    Wortlos gab Forbeck zwei Karten ab und trat den Rckweg an. Mden Schrittes
folgte er der Ulmenallee. Ein gellender Vogelschrei weckte ihn aus seinem
Brten. Er stand vor dem Kfig, in dem die Adler mit Gier die blutige Leber des
Sechzehnenders verschlangen. Jeder von ihnen hatte seinen Anteil erhascht und
hielt ihn unter den gespreizten Fngen; ein Ri mit dem Schnabel, und ein dicker
Knollen bewegte sich unter Wrgen langsam durch den Hals hinunter, an dem sich
die Federn strubten. Einer von den Adlern hielt in seiner Mahlzeit inne, duckte
den Kopf zwischen die Flgel und sphte mit funkelndem Blick nach Forbecks
Augen.
    Eine Erinnerung befiel ihn - ihm war, als htte er diesen gleichen Blick vor
nicht langer Zeit im Gesicht eines Menschen gesehen - diesen scharfen,
mitrauischen Falkenblick!
    Er wandte sich ab. Raschen Ganges gewann er die Strae. Als er das
Brucknerhaus erreichte, sah er Mali, mit dem Netterl auf den Armen, hastig gegen
die Scheune gehen. Das hatte den Anschein, als wollte das Mdchen eine Begegnung
mit ihm vermeiden. Dieser ihm unverstndlichen Wahrnehmung nachsinnend, trat er
ins Haus; auf der Treppe hielt er betroffen inne - es war ihm vorgekommen, als
htte er in seinem Zimmer Tritte gehrt. Aber als er die Stube betrat, war sie
leer. Doch fiel es ihm auf, da sein Bild, das er vor einer Stunde mit dem Tuch
bedeckt hatte, unverhllt auf der Staffelei stand. Und am unteren Rand des
Bildes war ein weier Zettel befestigt. Befremdet ging Forbeck auf die Leinwand
zu und sah auf dem Zettel in einer ihm wohlbekannten festen Schrift die beiden
Worte: Goldene Medaille!
    Werner! stammelte er. Da klang hinter ihm ein frohes Lachen, und als er
sich umwandte, stand Werner auf der Schwelle der Schlafkammer.
    Hans! Junge! Du hast mir einen Willkomm bereitet, wie ich ihn mir bei allem
Vertrauen zu deinem Talent nicht htte trumen lassen! Werner zog den Wortlosen
an seine Brust und kte ihn auf beide Wangen. Forbeck hatte den Blick eines
Trunkenen. Er fhlte, da diese Zrtlichkeit seines Lehrers fr ihn ein Lob
bedeutete, wie es kein Wort ihm htte spenden knnen.
    Drauen wollte schon der Abend sinken, und dennoch wurde es pltzlich heller
in der Stube. Die Wolken hatten sich geklftet, und eine leuchtende Flut von
goldrotem Sonnenschein ergo sich ber das Tal und seine Huser.
    Werner war vor das Bild getreten. Sag' mir, Hans, wie hast du das
fertigbringen knnen in diesen lumpigen paar Tagen? Das mu aus dir
herausgefahren sein wie ein Lwensprung! Und wie glcklich du das gefunden hast,
diesen berschlag vom letzten Augenblick der Ruhe in den tobenden Sturm! Wie das
kmpft miteinander: das weichende Licht in seiner letzten, gesteigerten
Schnheit und die anstrmenden Schatten in ihrer Wucht und Tiefe! Und diese
Landschaft! Wo hast du nur diesen gesegneten Fleck Erde entdeckt? Und diese
Menschen! Das Prchen da! Junge! Das ist mehr als ein gelungener Diebstahl an
der Natur, das ist eine knstlerische Offenbarung. Was du da gibst, das hast du
in dir aus einer Tiefe herausgeholt, in die ich noch keinen Blick getan. Du hast
alle Schule von dir abgeschttelt, hast dich auf eigene Fe gestellt. Hans!
Jetzt bist du wer! Werner schlug seine Hand auf Forbecks Schulter und sah ihm
mit glcklichem Stolz in die Augen. Um mir das zu sagen, httest du in deinem
Telegramm etwas weniger sparsam mit den Worten sein drfen! Ich, in der ersten
Verblffung, glaubte, da du krank wret. Und jetzt! Er lachte.
    Forbeck, in dessen Augen die Freude sich umschleierte, wollte sprechen.
Werner lie ihn nicht zu Wort kommen.
    Aber jetzt diesen Zettel weg! Er zerknllte das Blatt, das er an die
Leinwand geheftet hatte. Weit du, Junge, das war nur der erste Jubelschu.
Jetzt kommt der Ernst. Bis das Bild in den Rahmen taugt, wird es noch ein
tchtiges Stck Arbeit brauchen. Da sollst du keine Zeit verlieren. Unsere
italienische Reise schieben wir auf, Italien luft dir nicht davon. Aber die
Stimmung, in der du das begonnen hast, die mut du festhalten wie mit Eisen. So
was vertrgt keinen Ri, das will sich ausstrmen in einem Zug. Morgen
kutschieren wir heim nach Mnchen. Werner lachte wieder. Ohne ein paar
Hahnenkmpfe wird es da zwischen uns nicht abgehen, denn hier, und hier, er
deutete auf verschiedene Stellen des Bildes, da hab' ich meine Bedenken. Aber
diese Mittelgruppe! Das bleibt. Da sollst du mir keinen Strich mehr ndern.
Dieser Jger! Wie er dasteht in gesunder Kraft, in seiner Glckseligkeit! Und
das Mdel erst! Wie bist du denn zu diesem Modell gekommen? Du Sonntagskind! Und
wie du das gestellt hast! So mitten hinein ins hchste Licht! Dieser letzte
Sonnenstrahl, der sie umschmeichelt wie ein Verliebter, scheint zu ihr sagen zu
wollen: Dich hab' ich, und dich la ich nimmer! Hast du fr das Bild schon einen
Titel gefunden?
    
    Ja, Werner! Jetzt!
    Wie soll es heien?
    Der letzte Sonnenstrahl.
    Richtig, Junge! Damit ist alles gesagt! Werner verstummte und sah
betroffen zu Forbeck auf, der die schwimmenden Augen auf die leuchtende
Mdchengestalt gerichtet hielt. Hans? Was ist dir?
    Forbeck hrte nicht.
    Ein Lcheln. Hans? Wer ist dieses Mdchen?
    Forbecks Stimme war rauh. Eine Grfin Egge.
    Werner erblate. Hans? Auch du? Dann fate er Forbeck an den Schultern und
rttelte ihn. Hans! Rede doch! Nimm diese Sorge von mir!
    Ich mache dir Kummer, Werner? Vergib mir! Das ist ber mich hergefallen wie
ein Sturm, mit dem Schmerz schon in der ersten Freude.
    Eine Weile war Stille. Komm, Hans! Wir mssen in frische Luft! Wir beide!
    Sie verlieen das Haus. Es dmmerte schon im Tal. ber das zerflieende
Gewlk her traf noch ein glhender Sonnengru die Zinnen der Berge und die
Almen; alle Hhen waren so scharf beleuchtet, da man jede Sennhtte und jeden
einzelnen Felsblock deutlich unterscheiden konnte; mit klaren Linien hob sich
jeder Baum aus dem schimmernden Hintergrund, und die kahlen Felswnde ragten
gleich erstarrten Flammen in das tiefe Blau des sich klrenden Himmels.
    Sieh, Hans, sagte Werner, wie schn das ist!
    Forbeck nickte.
    Und siehst du ber dem langgestreckten Lrchenwald den blitzenden Streif?
Das mu ein Wasserfall sein. Sieht es nicht aus, als htten die Felsen sich
gespalten wie im Mrchen, um fr einen Augenblick die funkelnde Schatzkammer der
Zwerge vor einem erstaunten Menschenkind zu ffnen? Und weiter oben jener
seltsam geformte Felsklotz? Gleicht er nicht einem goldgekrnten Riesenhaupt,
das sich aus den Tiefen der Erde hervorhebt? Ich sag's immer: Wer verstehen
will, wie die Mrchen wachsen, mu in die Berge gehen.
    So plauderte Werner mit seinem ruhigen Lcheln weiter, jeden Reiz erfassend,
den der herrliche Abend zeigte. Nur manchmal verriet ein Blick, mit dem er
Forbeck streifte, da diese uerliche Ruhe mit der Stimmung seines Innern nicht
im Einklang stand.
    Als sie bei Einbruch der Dunkelheit in die Nhe des Seehofes kamen, dessen
Terrasse mit vergngten Menschen besetzt war, sagte Werner: Komm, suchen wir
uns ein Pltzchen! In mir beginnt sich das Tier zu rhren. Ich habe heut in der
Eile vergessen, Mittag zu machen.
    Sie fanden einen freien Tisch, und mit dem Anschein ernster Wichtigkeit
studierte Werner die Speisekarte. Ringsumher die heiteren Stimmen der Gste. Aus
der Schifferschwemme hrte man die Tne einer Ziehharmonika und den stampfenden
Taktschritt tanzender Paare.
    Was willst du nehmen, Hans?
    Ich kann nicht essen.
    Doch, Hans! Das mu man! Wieder vertiefte Werner sich in die Speisekarte.
Aaaah! Renken am Rost und Rebhuhn mit Rotkraut. Was sagst du zu dieser
kulinarischen Alliteration? Das sind zwei Stabreime, die es verdient htten, von
Wagner in Musik gesetzt zu werden. Er haschte die am Tisch vorberschieende
Kellnerin. Holde Jungfrau!
    Nur net beleidigen! lachte das Mdel. Was schaffen S' denn?
    Werner bestellte. Whrend der Mahlzeit trug er die Kosten der Unterhaltung.
Die Mhe, die er sich gab, um eine ruhige Stimmung zu erzwingen, war von
geringem Erfolg. Schlielich schwiegen sie alle beide. Dann erhob sich Werner.
Du hast recht, Hans! Dieser vergngte Spektakel mu dir wie Schmerz in die
Ohren gehen. Komm!
    Sie folgten der sprlich erleuchteten Promenade, die an den Ufervillen
vorberfhrte. Hinter den letzten Husern endete der Weg auf einem Hgel, vor
einer halbkreisfrmigen Bank. Hier lieen sie sich nieder.
    Es war Nacht geworden. In tiefer Schwrze lag der See und spiegelte die
Fensterhelle der gegenberliegenden Huser.
    Hans? Glaubst du, da sie dich liebhat?
    Forbeck vermochte nicht gleich zu antworten. Kann man lieben, ohne zu
hoffen?
    So habt ihr euch noch nicht ausgesprochen? klang es in rascher Folge.
    Nein!
    Werner atmete tief, als wre ihm die schwerste Sorge von der Seele gefallen.
    Liebe begehrt. Sie kann nicht anders. Vielleicht darf ich auch glauben, da
ich ihr nicht gleichgltig bin, da es mir gelingen knnte, ihre Liebe zu
verdienen. Aber was dann? Ihr Vater hat dafr gesorgt, da sie gerade jetzt die
Schranke, die zwischen uns beiden liegt, in rauher Wirklichkeit vor Augen
sieht.
    Was meinst du damit? fragte Werner und hrte schweigend zu, als ihm
Forbeck von Tassilos Verlobung mit Anna Herwegh erzhlte, von dem Bruch zwischen
Vater und Sohn.
    Dieses Zerwrfnis wird ihm den Weg zu seinem Glck erschweren, doch nicht
verlegen. Der Mann, wenn ihm eine Vergangenheit zerstrt wurde, kann sich eine
Zukunft bauen. Aber ein Mdchen! Das mit hundert Banden an die Familie gekettet
ist, an alle Erinnerungen der Kindheit, an jeden Grundsatz, in dem es erzogen
wurde! Ich liebe sie mit jeder Fiber meines Herzens, ich vergehe in meiner
Sehnsucht, aber was liegt an mir! Wenn nur ihr erspart bleibt, was auf mich
gefallen ist. Ich mu fort, Werner! Haben diese Tage in ihr ein wrmeres Gefhl
fr mich erweckt, so kann es nur erst der Keim einer Empfindung sein, den die
Zeit wieder ersticken wird, ohne tieferen Schmerz. Was mit mir geschieht, ist
gleichgltig. Aber ich will nicht die Ursache sein, da auf ihren Lebensweg nur
ein einziger Schatten fllt. Sie ist geschaffen fr die Sonne.
    Hans! Das war ein braves Wort! Ein anderer in deiner Lage htte wohl anders
gehandelt. Es ist schwer, die schreiende Stimme seiner Sehnsucht stumm zu
machen. Da rennt man vor seiner treibenden Leidenschaft einher, taumelt blind
hinein in den Rausch des Augenblicks und will im Erwachen nicht begreifen, da
man fr immer verlor, was man zu gewinnen meinte! Werner legte den Arm um
Forbecks Schultern. Die Redlichkeit deines Herzens hat bse Dinge verhtet.
    Wie bettelarm wre meine Liebe, wenn sie nicht die Kraft bese, mehr an
den Frieden des geliebten Wesens zu denken als an den eigenen Hunger. Du wrdest
mich begreifen, Werner, wenn du sie gesehen httest. Sie ist wie eine Blte, die
ein Frhlingsmorgen eben erst aus der Knospe weckt. Als ich sie zum ersten Male
sah, was ich da empfand! Ich meinte, es wre die Himmelsfreude des Knstlers,
der pltzlich fhlt, da vor seinem gefesselten Knnen ein Riegel sprang! Wenn
du wtest, wie es gekommen ist -
    Das sollst du nicht erzhlen! Nicht jetzt! Es wrde dich nur erregen. Und
wie soll es gekommen sein? Wie es immer kommt! Das Spiel, das die brave Mutter
Natur mit ihren sogenannten Mustergeschpfen treibt, ist immer das gleiche. Zur
Abwechslung ndert sie nur den Stil. Wie ihr die Laune steht, lt sie den alten
Einfall bald als Posse mimen, bald als Trauerspiel. Ich kenne das, Hans! Mehr
als mir lieb ist!
    Werner! stammelte Forbeck. Das httest du erfahren? An dir selbst?
    Ein kurzes Schweigen. Ich? Nein! Aber mit fnfzig Jahren hat man sich
umgesehen in der Welt. Werner blickte ber den finsteren See hinaus. Ich habe
meine Mutter geliebt, meine Kunst und dich!
    Was ich dir schulde, hab' ich nie so drckend empfunden wie jetzt. Du hast
mir die Hlfte deines Lebens geschenkt, hast dir das Anrecht auf mein
ungeteiltes Herz erworben. Und wie komm ich zu dir zurck?
    Rede keinen Unsinn, lieber Junge! Was solltest du mir schulden? Du weit,
wie ich ber gewisse Dinge denke. Es liegt als unerschtterliche berzeugung in
mir, da es mit uns Menschen fr immer ein Ende hat in dem Augenblick, in dem
wir die Lider schlieen. Wozu noch eine Ewigkeit? Das Leben vergnnt uns Zeit
genug, um das zu erfllen, was der Zweck eines Menschen sein kann. Aber man ist
eitel. Es ist unbehaglich zu denken, da wir mit unserer fliegenden Phantasie
und unserem bohrenden Intellekt nicht viel hher stehen sollen als der Hund, den
wir fttern, als der Ochse, der den Weg alles Fleisches ber unseren Teller
nimmt. Man mchte dauern! Das lehrt den einen glauben und beten, den anderen
schaffen. Dieser Trieb ist auch in mir. Ich will nicht vergehen ohne Spur.
Hinter mir soll etwas bleiben, nicht nur ein totes Werk meiner Hnde, auch ein
Pulsschlag meines Lebens, ein Funke des Feuers, das in mir brannte. Ich habe
gesucht. Und es war nur mein Glck, da ich gerade dich gefunden habe. Ich
erkannte dein Talent und sagte mir: Hier ist gute Erde, hier kannst du sen; was
du ihr anvertraust, wird Frchte tragen, wenn du nicht mehr bist.
    Werner!
    Was anderen ihre Seele ist, das bist mir du! Ich gebe dir, was ich habe,
weil du mir bist, was ich brauche. Aus keinem anderen Grund. Warum also Dank?
Wir beide sind quitt. Fhlst du dich im brigen noch ein bichen verpflichtet
durch die Erbschaft, die ich auf die gelegt, so richte dich auf, Hans, sei so
stark, wie du redlich bist! Ntze dein Leben, la Glck oder Schmerzen kommen,
wie sie mgen! Und ehe dir die Hnde sinken, lege den Kern deines Wesens wieder
in das Herz eines anderen. Dann wirst du dauern! Werner erhob sich. Komm! Das
alles reden wir heute nicht zu Ende. Wir brauchen Ruhe, um morgen mit klarem
Kopf unseren Weg zu suchen. Und wenn du jetzt nach Hause kommst, dann brenn' dir
die Lampe an und setze dich vor dein Bild. Dieser erste dicke Regengu, der von
recht in die Kronen der Bume schlgt, scheint mir denn doch ein bichen zu
aschig in seinem schweren Grau. Da sollte mehr Durchsicht bleiben, sonst macht
dir das ein bses Loch in die Farbe. Auch im tiefsten Schatten steckt noch immer
ein Licht. Nur herausholen mu man's. Komm!
    Forbeck schwieg, und langsam wanderten sie ber den finsteren Weg zurck.
    In tiefer Stille lag der Seehof mit der verdeten Terrasse. Ein groes Boot
war halb an die Lnde gezogen, und glucksend schlug das Wasser gegen die
Bretter.

                                       2


Im Zimmer der Kleesberg waren die beiden Fenster geffnet. Morgensonne lag auf
den Gesimsen und ein leuchtender Streif zog sich ber den Teppich gegen den
Frhstckstisch. Tante Gundi sa in einem Fauteuil, den verbundenen Arm in der
Schlinge, den Scho von einem flaumigen Guanacofell bedeckt, das Graf Egge vor
Jahren mit anderen Trophen von einer sdamerikanischen Jagdreise mit nach
Hubertus gebracht hatte. Still blickte sie vor sich hin und lie sich von Kitty
bedienen, die den Tee mit einem Ernst bereitete, als hinge von seinem Geschmack
die Genesung der Patientin ab. Kittys Wangen waren von einer mder Blsse, ihre
Augen von dunklen Ringen umzogen; aber sie schien vor Gundi Kleesberg alle Kunst
ihrer Selbstbeherrschung zu ben und brachte es sogar fertig, mit gleichmiger
Ruhe zu plaudern:
    Das wird ein herrlicher Tag heute. Der Doktor wird dir sicher gestatten,
einige Stunden im Freien zuzubringen. Das wird dich zerstreuen. Kitty beugte
sich ber den Tisch, um die Spiritusflamme unter dem summenden Kessel zu
mustern. Vielleicht findet sich auch ein bichen Gesellschaft fr dich. Herr
Forbeck war gestern zweimal hier, um sich nach deinem Befinden zu erkundigen.
Wenn er heute wiederkommt, mut du ihn wohl empfangen.
    Meinst du? fragte die Kleesberg mit der Scheu eines Kindes, das einen
stillen Wunsch nicht offen zu gestehen wagt.
    Gewi! Es ist doch begreiflich, wenn er sich sorgt um dich! Kitty
verstummte, weil sie die Tr gehen hrte.
    Fritz brachte eine Karte.
    Herr Forbeck? fragte Kitty, die Wangen von einer feinen Rte berhaucht.
    Nein, Konte, ein mir unbekannter Herr. Er bat, der gndigen Konte
gemeldet zu werden, und entschuldigte sich wegen der frhen Stunde.
    Verwundert nahm Kitty die Karte. Als sie gelesen hatte, sah sie betroffen
auf. Das ist aber sonderbar! Denk' dir, Tante Gundi! - Professor Werner!
    Gundi Kleesberg machte eine so jhe Bewegung, da die Guanacodecke von ihrem
Schoe glitt.
    Aber Gundi, so rede doch! stammelte Kitty in wachsender Erregung. Was
soll ich tun?`Sie wandte sich an den Diener. Wo ist er?
    Ich habe den Herrn ins Billardzimmer gefhrt.
    Kitty warf die Visitenkarte in Tante Gundis Scho. Wie im Flug ging's ber
die Treppe hinunter. Vor der Tr des Billardzimmers stand sie still und drckte
die Hnde auf die brennenden Wangen.
    Als sie eintrat, erhob sich Werner. Seine Augen glitten ber die zierliche
Mdchengestalt und blieben an dem schmalen Antlitz haften, das in der breit
durch die Fenster quellenden Morgensonne wie von zartem Goldton berhaucht
erschien. Auf Werners Lippen erwachte jenes milde Lcheln, und es war etwas
gewinnend Herzliches in der Art, wie er auf Kitty zuging. Verzeihen Sie die
Strung, Komtesse, die ein Fremde Ihnen verursacht.
    Kein Fremder! unterbrach sie, halb noch befangen. Was Sie sind, wei man,
und wir haben in diesen Tagen so viel von Ihnen gesprochen, da ich mich doppelt
freue, Sie kennenzulernen. Sie reichte ihm die Hand. Aber darf ich bitten?
Ihre Hand befreiend, ging sie zum Erker und deutete auf einen Fauteuil. Als
Werner sich niederlie, sphte sie verstohlen nach seinem Gesicht, und es kamen
ihr jene Worte Tassilos in Erinnerung: Denke dir Forbeck um fnfundzwanzig
Jahre lter; so sieht Werner aus! Es war doch seltsam, diese hnlichkeit!
    Sie haben sich wohl schon gefragt, was mich zu Ihnen fhrt?
    Ja, Herr Professor, ich habe mir ein bichen den Kopf zerbrochen. Der
heitere Ton, den sie anzuschlagen versuchte, gelang ihr nicht recht. Aber
welche Ursache Sie auch zu uns fhrt, ich bin ihr dankbar. Herr Forbeck hat
immer mit so groer Liebe und Verehrung von Ihnen gesprochen -
    Es leuchtete in Werners Augen. Da mu ich ihn widerlegen. Hans berschtzt
mich. Aber da wir schon von ihm sprechen - ich komme in seinem Auftrag, um Ihnen
fr die geduldige Mhe zu danken, mit der Sie seine Arbeit untersttzten.
    Kittys Augen ffneten sich weit, als wrde fr sie das Rtsel dieses
Besuches immer dunkler.
    Auch soll ich Ihnen sagen, wie herzlich er bedauert, da es ihm leider
nicht mehr vergnnt ist, sich persnlich von Ihnen zu verabschieden.
    Verabschieden? stammelte Kitty. Herr Forbeck verreist? So pltzlich? Und
das hat solche Eile, da er nicht einmal eine Minute mehr findet, um - Sie
vermochte nicht weiterzusprechen.
    Auch Werner schwieg. Diesen erschreckten Mdchenaugen war ein Bekenntnis
eingeschrieben, das er mit Sorge zu lesen schien.
    Aber ich bitte Sie, Herr Professor! Wie ist denn nur das gekommen? So
unerwartet?
    Er mu so rasch wie mglich nach Mnchen.
    Rasch? So rasch? Aber - Kittys Stimmung begann sich in unverhehlten rger
zu verwandeln. Deswegen fhrt der Zug nicht frher. Da wre noch Zeit genug
gewesen! Verzeihen Sie, Herr Professor, ich selbst komme dabei nicht in Frage,
aber meine Tante, die sich doch wohl ein bichen Rcksicht bei Herrn Forbeck
verdiente - Kitty verstummte, ein jhes Erblassen ging ber ihre Wangen. Er
kann nicht kommen? Er ist krank? Verwundet? Das will er vor uns verheimlichen,
um uns nicht besorgt zu machen.
    Jetzt war mit dem Rtsellsen die Reihe an Werner. Hans? Verwundet? Wie
kommen Sie auf eine solche Vermutung, Komtesse?
    Hat er Ihnen denn nicht erzhlt, was geschehen ist? Die unglckselige
Geschichte mit dem Adler, der aus dem Kfig entflog? Kittys Worte sprudelten.
Wre Herr Forbeck nicht gewesen, es wre mir bel ergangen. Diesmal ebenso wie
damals am Wetterbach! Denken Sie, mit beiden Hnden fate er den Adler! Ich war
zu Boden gestrzt - aber Tantchen wollte Herrn Forbeck zu Hilfe kommen, und
dabei hat sie die beiden Griffe in den Arm bekommen. Aber wir glaubten, da
wenigstens Herr Forbeck unverletzt wre -
    Das ist er auch! Beruhigen Sie sich!
    Nein! Er verheimlicht es auch vor Ihnen. Deshalb will er so schnell nach
Mnchen. Wieder stockte sie. Aber nein! Er ist doch in Hubertus gewesen,
gestern, sogar zweimal! Das stimmt nicht! Verstrt sah sie zu Werner auf. Mir
scheint, ich rede ein bichen wirr durcheinander. Freilich, es wre kein
Wunder.
    Werner meinte den Sinn dieser Worte zu verstehen; neben allem, was die
vergangene Minute ihn erkennen lie, mute er auch der Dinge denken, die er von
Forbeck ber Tassilo gehrt hatte. Der Abschied, zu dem es zwischen Bruder und
Schwester gekommen, mochte in dem Herzen des Mdchens noch mit schmerzlicher
Wirkung nachzittern.
    Ich bitte um Vergebung, Komtesse - es war unrecht von mir, da ich meinem
jungen Freund diesen letzten Besuch - Es lag ihm auf der Zunge: ersparen
wollte. Er korrigierte sich: da ich diesen Weg fr ihn bernahm. Ich wrde das
unterlassen haben, wenn ich gewut htte, da Hans der Dame, von der Sie
sprachen, verpflichtet ist. Nun ist es geschehen, und es war gutgemeint. Ich
bitte Sie, nehmen Sie Hans dem berechtigten Unmut Ihrer Tante gegenber in
Schutz, und legen Sie alle Schuld auf mich! Und Sie selbst, Komtesse - Er hatte
Mhe, seine Bewegung zu verbergen. Zrnen Sie ihm nicht! Die Notwendigkeit
dieser Reise hat sich so pltzlich ergeben, er hat noch mancherlei zu ordnen.
Halten Sie ihm das zugute, und nehmen Sie seinen Abschied aus meiner Hand
entgegen.
    Kitty hatte sich erhoben und reichte Werner die Hand. Ihren Augen war es
anzumerken, da sie mehr auf alles hrte, was in ihrem Innern redete, als auf
die Worte, die an ihr Ohr schlugen.
    Und wenn es der Zufall bringen sollte, da Ihre Wege und die seinen von nun
an auseinanderfhren, so bewahren Sie ihm ein freundliches Gedenken! Da er
diese Tage nicht vergessen wird, dafr ist gesorgt. Die Begegnung mit Ihnen
wurde fr ihn zu einem Wendepunkt seines Lebens, weckte das Beste seiner jungen
Knstlerseele und gab ihm die Kraft fr ein Werk, das seinem Namen Ehre machen
wird. Und wenn Sie in kommender Zeit erfahren werden: Hans Forbeck hat sich
unter den Ersten seiner Kunst einen Platz erkmpft - so drfen Sie sagen: Dabei
hab' ich mitgeholfen. Dieser Gedanke wird Ihnen Freude machen. Nicht wahr,
Komtesse?
    Kitty vermochte nicht zu sprechen; sie nickte nur, whrend sie auf Werner
niedersah, der ihre zitternde Hand an seine Lippen zog. Als er ging, machte sie
einen Schritt, wie um ihn zur Tr zu begleiten. Eine Stuhllehne geriet ihr unter
die tastende Hand, und da blieb sie stehen, so bestrzt, als htte sich etwas
Unbegreifliches ereignet.
    Werner verlie das Haus. Als er aus dem Schatten der Veranda in die Sonne
trat, holte Fritz ihn ein: das gndige Frulein liee den Herrn Professor
bitten. Werner stand in sichtlicher Unruhe. Was konnte Kitty ihm noch zu sagen
haben? Zgernd folgte der dem Diener. Als er in das Billardzimmer treten wollte,
wies ihn Fritz zur Treppe.
    Sie stiegen hinauf, und der Diener ffnete eine Tr. Werner trat ein und sah
sich einer bejahrten Dame gegenber, deren Gesicht er nur unklar zu
unterscheiden vermochte, weil es im Schatten der durch die Fenster flutenden
Sonne lag - ein Gesicht mit den welken Zgen des Alters und den blhenden Farben
der Jugend.
    Verzeihen Sie, Gndigste, aber hier scheint ein Irrtum - Werner
verstummte; er hatte den verbundenen Arm bemerkt, den die Dame in einer seidenen
Schlinge trug. In erwachender Teilnahme trat er nher und sah ihre Augen auf
sich gerichtet wie in Kummer und Angst; ohne Bewegung sa sie im Lehnstuhl.
Schon wollte er sprechen, da sagte sie zaghaft: Sie erkennen mich nicht mehr?
    Ich vermag mich nicht zu erinnern -
    Es ist lange her! Und ich habe mich nicht zu meinem Vorteil verndert. Ich
bin alt geworden. Und hlich. Wer mich heute sieht, mchte in mir nicht mehr
das lustige Mdel von damals vermuten - die nrrische Gundi Kleesberg.
    Dieser Name wirkte auf Werner, als wre ein Blitzstrahl vor ihm
niedergefahren. Er tastete nach einem Stuhl.
    Nun saen sie wortlos, Auge in Auge. Durch die offenen Fenster tnte das
Rauschen der Fontne. Werner hing an diesem gealterten Gesicht, als knnte er
unter der Schminke und zwischen dem Vernichtungswerk der Jahre noch einen Zug
aus vergangener Zeit entdecken. Doch sie wollten einander nicht gleichen, diese
bemalte Welkheit und das Bild seiner Erinnerung: ein schmucker Lockenkopf mit
munteren Augen, mit vorwitzigem Nschen und mit den kirschroten Lippen, nach
deren Ku er einst gedrstet hatte.
    Tief atmend, sagte er leis: Es wre besser gewesen, wenn uns diese
schmerzende Begegnung erspart geblieben wre. Htte ich ahnen knnen, wen ich in
Schlo Hubertus finden wrde, ich htte dieses Haus nicht betreten.
    So hilflos wie ein gescholtenes Kind, lie Gundi Kleesberg das Kinn auf die
Brust winken. Das war hart, Werner!
    Ich wollte Sie nicht krnken. Aber ich habe so viele Jahre gebraucht, um
ruhig zu werden, da es mir nicht zu verdenken ist, wenn ich eine Strung dieser
Ruhe gern vermieden htte.
    Eine Pause trat ein. Scheu blickte Gundi zu ihm auf: Sie wuten nicht, da
ich in Hubertus bin?
    Nein. Der Tod Ihres Vaters und Ihr Eintritt in das Stift war die letzte
Nachricht, die mir vor fnfzehn Jahren ein Zufall von Ihnen brachte.
    Ein Zufall nur? Sie selbst haben nie den Wunsch empfunden, von der Gundi
Kleesberg zu hren?
    Werner schwieg. Um seinen Mund huschte jenes Lcheln, das seine Freunde an
ihm kannten, und von welchem Tassilo gesagt hatte: Eine Kunst, die sich bitter
lernt - es mag keine heitere Geschichte gewesen sein, hinter der ihm nichts
anderes verblieb als dieses Lcheln.
    Gundi Kleesberg schien die stumme Sprache dieses Lchelns zu verstehen.
Dunkle Rte glhte durch die Schminke ihrer Wangen. Auch Sie, Werner? Auch Sie
sind einsam geblieben?
    Einsam? Nein! Ich hatte meine Kunst. Ich halte wenig von dem, was ich heute
gelte in der Welt, habe die Arbeit immer nur geliebt um ihrer selbst willen.
Dennoch sag' ich es vor Ihnen mit einer verzeihlichen Regung von Stolz: Aus dem
Werner ist was geworden. Er hat bewiesen, da er das verchtliche Mitrauen
nicht verdiente, mit dem Ihr Vater ihn von seiner Schwelle wies.
    Zitternd bedeckte Gundi Kleesberg die Augen. Ach, Werner, man hat uns ein
schnes Glck zerstrt!
    Das taten nicht die anderen. Das haben wir selbst getan.
    Ich! Ich allein bin die Schuldige. Mit meiner Feigheit! Htt' ich den Mut
gehabt, alles wre gut geworden! Nur Feigheit war es, als ich mich in deine Arme
warf, um in Heimlichkeit zu erzwingen, was ich offen von meinem Vater nicht zu
fordern wagte. Feigheit war es, als ich schwieg, bis ich sprechen mute!
Feigheit, als ich mich jedem Zwang meines Vaters fgte - Ihre Stimme erlosch,
whrend sie trostlos vor sich niederstarrte. Alles wre noch gut geworden,
htte nur mein Kind gelebt!
    Meinst du? sagte Werner hart. Dein Vater htte auch in diesem Falle
Mittel und Wege gefunden, die Sache auf seine Art zu erledigen und den Skandal,
wie er sich auszudrcken liebte, aus der Welt zu schaffen. Sogenannte brave
Leute, die sich fr ein paar hundert Mark einen Kostgnger gefallen lassen,
htten sich ohne Mhe gefunden, irgendwo in einem Winkel, aus dem keine Stimme
zu den Ohren der guten Gesellschaft reicht. Und alles wre in schnster Ordnung
gewesen. Freilich, das Kind! Aber was liegt an solch einem unbequemen Geschpf!
Wenn nur der Klatsch zur Ruhe kommt. Nicht wahr? Das Kind kann mihandelt werden
und hungern, verderben an Leib und Seele!
    Nein, nein! stammelte Gundi Kleesberg. Besser tot!
    Und wr' es gewachsen und htte, von der Natur mit gutem Kern begabt, alles
Elend einer solchen Kindheit berwunden? Und ein unglckseliger Zufall htte ihm
seine Herkunft verraten, ohne ihm den Vater oder den Namen der Mutter zu nennen,
der bei dem Geschft mit den braven Leuten klug verschwiegen wurde? Was dann? Es
war doch wohl ein Knabe? Oder nicht, Gundi? Der Brief, in dem mir dein Vater den
Tod des Kindes zur Mitteilung brachte, war ein bichen unklar. Aber was dann?
Schmerzvolle Bitterkeit whlte in Werners Stimme. Der arme Junge htte an
seinen Fen eine Kette durchs Leben geschleppt und in seinem Herzen einen
qulenden Stachel getragen. Jeder Gedanke an den Vater wre ihm zu einer
Verwnschung geworden, jeder Gedanke an die Mutter -
    Werner verstummte.
    Und Gundi Kleesberg versank zwischen den Lehnen des Fauteuils. Trnen
rollten ihr ber die Wangen. Es war hart fr mich, da ich mein Kind verlieren
mute. Ich hab' es geliebt und hab' es nie gesehen. Mit seinem kleinen Leben ist
meine letzte Hoffnung erloschen. Aber besser so, wie es ist. Htt' es gelebt und
alles wre gekommen, wie du sagst - ach, das arme Kind!
    Alle Bitterkeit schwand aus Werners Zgen, und in seinen Augen erwachte ein
warmer Glanz, als fnde er in diesem welken, von Trnen und zerflossener
Schminke bedeckten Gesicht jetzt, da auf ihm die Sprache des Schmerzes
geschrieben stand, jene Erinnerung der entschwundenen Jugend wieder, die er vor
wenigen Minuten umsonst gesucht hatte. Gundi! Liebe Gundi! Er zog ihr die Hand
von den Augen.
    Scheu blickte sie zu ihm auf. Wie gut du bist! Sei ohne Sorge! Ich will dir
nicht vorjammern von mir, von dem bsen, zwecklosen Leben, das meine Feigheit
ber mich brachte. Um deinetwillen htt' ich mir den Wunsch versagen sollen,
dich noch einmal zu sehen. Doch ich wollte nur hren, da dir das Leben leichter
und schner wurde als der Gundi Kleesberg. Sag' mir das, Werner, und ich bin
zufrieden!
    Er streichelte ihre Hand und sagte mit seinem milden Lcheln: Leicht? Nein,
Gundi! Aber die Arbeit war mir ein Trost.
    Nur die Arbeit? Ihre Augen ffneten sich weit, ihre Stimme wurde leiser.
Nicht auch dein Sohn?
    Ein kaum merklicher Schreck. Dann dieses ruhige Wort: Deine Frage ist mir
unverstndlich.
    Sie machte eine schchterne Bewegung mit der Hand. Ich begreife, Werner, er
soll es nicht wissen. Und niemand. Sein Leben soll ohne Kette sein, sein Herz
ohne Stachel. Ich habe jedes deiner Worte behalten. Du versagst deinem Herzen,
was er dir bieten knnte als Sohn - und gibst ihm als Freund alles, was ein
Vater nur geben kann! Du bist ihm, was du auch unserem Kind gewesen wrst, wenn
es htte leben drfen. Ich kenne dich, Werner! Vor mir brauchst du es nicht zu
verbergen. Aber sag' mir zu meinem Trost, Werner: da du eine Freude fandest,
ein Glck, das dich vergessen lie, was frher war!
    Das kann ich nicht sagen. Denn ich habe nicht vergessen. Nie! Da ich
Betubung suchte? Es wre sinnlos und unehrlich, das zu leugnen. Kunst und
Entsagung? Das vertrgt sich nicht - auf die Dauer. Aber ich? Und Glck? Nein,
Gundi! Da irrst du dich! Sollte dir das nicht ein Trost sein, den du lieber
hrst?
    Heftig schttelte sie den Kopf. Sag' es mir, Werner, ich bitte dich!
    Es ist die Wahrheit: Ich habe die Frau, die Forbeck seine Mutter nannte,
nie im Leben gesehen. Ich war einsam und suchte nach einem Menschen, den ich
lieben knnte. So fand ich diesen verwaisten Jungen. Ich erkannte seine
berraschende Begabung und hab' ihn erzogen zu einem Kind meines Geistes.
Tiefer Ernst war in Werners Augen. Ich htte Freude an ihm erleben knnen. Und
wie hab' ich ihn jetzt gefunden! Warum hast du mich nicht gefragt, was mich
heute in dieses Haus fhrte? Ich kam, ohne da er es wute - weil ich ihm den
Abschied leichter machen wollte. Errtst du nicht, weshalb? Ich habe mein Knnen
und Denken in ihn gelegt. Zu meiner Freude gleicht er mir in vielen Dingen. Aber
die hnlichkeit des Schicksals htt' ich ihm lieber erspart gewut!
    Erschrocken stammelte Gundi Kleesberg: Er? Und Kitty?
    Werner nickte. Sein Leben wird werden wie das meine.
    Eine Weile sa die Kleesberg wie versteinert. Ach du allgtiger Himmel!
Auch dieses Unglck noch! Wie hat es denn nur geschehen knnen? Ich hab's nicht
kommen sehen und hab' es doch gefrchtet von der ersten Stunde an. Wo hatte ich
nur meinen Kopf? Ich war so ganz versunken in mich selbst! Was sein Anblick in
mir weckte, das machte mich ganz verdreht. Sooft ich ihn ansah, war mir, als
stnde die vergangene Zeit wieder auf. Und whrend ich alte Nrrin die Augen
verdrehte, ist das Unglck ber die Kinder gekommen? Und nun sollen sie elend
werden wie wir? Nein, Werner! Jetzt will ich Mut haben. Den Anfang hab' ich
schon gemacht. Oder weit du nicht, was geschehen ist? Sieh her, Werner! Mhsam
versuchte sie den verbundenen Arm zu heben.
    Nur Werners Augen redeten; sein Mund blieb streng geschlossen, als wre ihm
bange vor jedem Wort, das ihm die Erregung des Augenblicks entreien knnte.
    Feig bin ich gewesen, immer feig, solang es um mich gegangen ist, um mein
eigenes Glck. Jetzt will ich Mut haben. Denn sage mir, was du willst - dein
Wort in Ehren - aber er ist dein Sohn! Solche hnlichkeit bringt kein Zufall und
keine Seelenharmonie. Schon das erstemal, bei der verwnschten Klause, in der
auch das Unglck ihrer Mutter anfing, war es mir, als stndest du selbst vor mir
so wie in deinen jungen Jahren. Und als er kam, als ich ihn sprechen hrte und
bei der Arbeit sah - ganz wie du, Werner - da hatte ich keinen Zweifel mehr! Und
in der Ulmenallee, bei dieser unglckseligen Menageriegeschichte, als der Adler
nach ihm hackte, da sah ich nur dich in ihm. Und da kam der Mut! Ich mute! Und
wr' es nicht nur ein Adler gewesen, ein Tiger, ich htt' ihn gepackt! In ihrer
Erregung griff sie mit beiden Hnden in die Luft und stie einen Wehruf aus -
sie hatte des wunden Armes vergessen.
    Gundi!
    La, Werner! Jetzt haben wir an Wichtigeres zu denken als an mich! Sag' mir
- Im Nebenzimmer ging eine Tr, und erschrocken verstummte Gundi Kleesberg.
Dann beugte sie das heie Gesicht gegen Werner und flsterte: Liebt sie ihn?
Aber was frag' ich noch! Sie mu ihn lieben. Er gleicht ja dir! Und wenn es in
ihr noch schlummern sollte - Wieder verstummte sie.
    Die Tr wurde geffnet, und Kitty stand auf der Schwelle; whrend Gundi
Kleesberg ihre Sinne mhsam zu sammeln suchte, sah Werner betroffen zu Kitty
auf, deren Gesicht keine Spur jener Erregung mehr gewahren lie, in welcher
Werner sie verlassen hatte. Die Wangen waren zart gertet, ihre Augen leuchteten
in stillem Glanz, und den Mund umspielte ein vertrumtes Lcheln.
    Sie, Herr Professor? Staunend zog sie die Brauen auf. Ich dachte Sie
schon auf der Fahrt zum Bahnhof. Aber ich htt' es mir denken knnen, da die
Gundi Kleesberg die schne Gelegenheit, Ihre Bekanntschaft zu machen, beim
Rockzipfel erwischen wrde. Hat sie Ihnen eingestanden, wie sehr sie fr Ihre
Bilder schwrmt? Hat sie erzhlt, da sie vor Ihrem Sptherbst in der
Ausstellung Trnen vergo?
    Kitty! stotterte Gundi Kleesberg.
    Wirkliche Trnen! Erbsengro!
    Das hat sie mir nicht erzhlt! sagte Werner. Aber sie hat mir manches
gesagt, was mir Freude machte. Einem Knstler widerfhrt es selten, sich in
seinen geheimsten Gedanken verstanden zu sehen. Diese Freude hab' ich jetzt
erleben drfen. Bei meinem Schaffen ist viel Bitterkeit nebenhergelaufen. Aber
eine Stunde wie diese macht alte Schatten vergessen und lt mir die Erinnerung
an alles Helle wertvoll erscheinen!
    Ja! Tante Gundi ist eine rasende Kunstkennerin! Aber im Hochgenu, eine
solche gefunden zu haben, scheinen Sie nicht mehr an Ihre knappe Zeit zu denken.
Verzeihen Sie, lieber Herr Professor, aber - Kitty zog ihr goldenes hrchen aus
dem Grtel, lie den Deckel aufspringen und hielt das Zifferblatt vor Werners
Augen. Zwanzig Minuten ber neun! Um elf geht der Zug. Mein Bruder Tas ist
gestern mit dem gleichen Zug gefahren. Wenn Sie den Anschlu nicht versumen
wollen, haben Sie Eile.
    Werner schien ein bichen aus der Fassung gebracht; verwundert zu Kitty
aufblickend, erhob er sich. Ich danke Ihnen, Komtesse! Er griff nach seinem
Hut und sagte zu Gundi Kleesberg: Ich hab' es gern gehrt, da mein Sptherbst
Ihre besondere Teilnahme erweckte. Vielleicht ist Ihnen auch der Vorwurf des
Bildes nicht unbekannt: ein landschaftliches Motiv aus Ihrer Heimat, aus
Franken. Ich habe dort in meiner Jugend schne Tage verlebt, an die ich auch
heute noch dankbar zurckdenke, obwohl sie ein trbes Ende mit Sturm und Regen
nahmen. Ich habe diese Landschaft oft gemalt, sie wird immer wieder lebendig
unter meiner Hand. Und dieser Sptherbst ist kein Bild fr die Welt, nur fr
mich selbst geschaffen und fr das Auge des Kenners. So gut wie Sie, gndiges
Frulein, drfte noch niemand den tiefsten Sinn dieser trumenden Farben
verstanden haben! Darf ich Ihnen das Bildchen schicken?
    Gundi Kleesberg war keines Wortes mchtig; zitternd blickte sie zu Werner
auf.
    Kitty legte den Arm um ihre Schulter. Aber Tante Gundi! So sag' doch: Ja!
    Nein, nein, wie darf ich - das ist ein frstliches Geschenk!
    Um so besser! erklrte Kitty. Wenn Knige schenken, gibt es keinen
Widerspruch, da nimmt man und bedankt sich alleruntertnigst! Herr, Professor,
das Bild soll ins beste Licht kommen! Und Tante Gundi erhlt von mir bei der
nchsten unpassenden Gelegenheit einen Betstuhl beschert, als unentbehrliches
Requisit fr die voraussichtliche Abgtterei, die sie mit dem Sptherbst treiben
wird. Sie wartete nicht, bis Werner die zitternde Hand wieder freigab, die
Gundi Kleesberg ihm gereicht hatte, sondern schob ihren Arm unter den seinen und
zog ihn zur Tr. Nun ist es aber hchste Zeit! Oder Sie versumen noch wirklich
den Zug! Und gren Sie Herrn Forbeck von mir! Sagen Sie ihm, da er vollkommen
entschuldigt ist. Jetzt wei ich, weshalb er reisen mu.
    Erschrocken sah er in ihr glhendes Gesicht. Sie wissen -
    Jawohl! Sie nickte kurz und entschieden. Und sagen Sie ihm, da ich ihm
danke dafr! Adieu, Herr Professor! Glckliche Reise!
    Wortlos verneigte sich Werner und trat in den Flur hinaus.
    Kitty drckte hinter ihm die Tr zu und sah wieder auf die Uhr. Zehn
Minuten ins Dorf, eine Stunde zwanzig zur Station - er kommt noch zurecht! Sie
ging zur Kleesberg, die vor sich hintrumte, verstrt und doch mit glcklichem
Lcheln, wie ein Kind, das am Weihnachtsmorgen erwacht, im Herzen den Nachklang
einer heiligen Freude und dabei die Furcht, es knnte alles nicht wahr gewesen
sein. Gundelchen? Kannst du dich immer noch nicht erholen? Sprich doch! Freude
mu man aus sich herausreden. Verschluckt man sie, so kommt sie in dunkle
Bedrngnis. brigens - Werners Gromut in allen Ehren - aber den wunderbaren
Sptherbst hast du doch niemand anderem zu verdanken als Herrn Forbeck! Er wird
seinem Lehrer erzhlt haben, wie gro du von ihm denkst, und wie sehr du ihn
verehrst.
    Kind! Liebes Kind! In Erregung fate die Kleesberg Kittys Hand. Komm!
Setz dich zu mir! Nimm dir einen Sessel! Trotz dieser Aufforderung gab sie
Kittys Hand nicht frei, sondern zog sie zu sich nieder auf die Lehne des
Fauteuils. Sag' mir aber offen und ehrlich -
    Was?
    Weit du, weshalb uns Herr Forbeck so pltzlich verlt?
    Aber selbstverstndlich! Im ersten Augenblick hat mich die Sache allerdings
ein bichen konfus gemacht. Die reine Gedankenlosigkeit! Da ich mich nicht
gleich auf das einzig Mgliche besann! Kittys Stimme dmpfte sich. Gestern hat
ihm Tas geschrieben. Weit du, Tas und Forbeck sind Freunde. Und da hat ihn Tas
um was gebeten, und deshalb mu er heute nach Mnchen. Und ich sage dir, es ist
von Herrn Forbeck sehr schn gehandelt, da er alles im Stiche lt, um die
Bitte meines Bruders zu erfllen. Ich teile dir das mit, um dich ber Forbecks
Abreise zu beruhigen. Aber ich bitte dich, frage mich nicht wegen Tas! Du wirst
es noch frh genug erfahren.
    Gundi Kleesberg schien keine Spur von Neugier zu empfinden. Sie fragte nur:
Glaubst du, da er wiederkommen wird?
    Natrlich! Er mu doch sein Bild fertigmalen. Dazu braucht er die
Landschaft - und sonst noch allerlei.
    Ja, Kind, er mu wiederkommen! Und ich sage dir, dieses Bild wird Aufsehen
machen!
    Ach, du Kunstkennerin! Soviel ersteh' ich auch!
    Du httest nur hren sollen, wie Werner von seinem Talent gesprochen! Und
was seinen Charakter betrifft - Gundi Kleesberg wurde in ihrer Erregung immer
wunderlicher. Ich will schon gar nicht von seiner uerlichen Erscheinung
sprechen, obwohl auch das - wie soll ich sagen - Beachtung verdient. Ich kenne
deinen Geschmack nicht - aber ich finde ihn schn!
    Schn? Kitty studierte. Nein, Gundi! Das ist zuviel gesagt. Nur seine
Augen - ja, da kannst du recht haben, seine Augen sind schn!
    Weil der ganze gute, vornehme, tchtige Mensch aus ihnen herausblickt!
    Das ist merkwrdig! staunte Kitty. Du warst doch nie berhmt wegen deiner
Menschenkenntnis. Und nun pltzlich zeigst du eine Beobachtungsgabe fr
Charaktere, so scharf und zutreffend - ich bin berrascht!
    Gundi Kleesberg schien ber diese Anerkennung in eine Freude zu geraten, fr
die sie keine Worte fand. Mit glnzenden Augen zu Kitty aufblickend, streichelte
sie ihre Hand, als htte sie nicht ein unerwartetes Kompliment, sondern eine
ersehnte Botschaft vernommen.
    Dieses auffllige Miverhltnis zwischen Ursache und Wirkung machte Kitty
stutzig. Gundelchen? Was hast du denn?
    Ach, Kind! Das waren doch so schne Tage! Ich kann dir gar nicht sagen, wie
sehr ich mich auf seine Rckkehr freue. Und weit du, wenn es wirklich der Fall
sein knnte, da er verhindert wre -
    Verhindert? Es schien, als wrde Kitty von Gundis seltsamer Erregung
angesteckt. Dann schttelte sie den Kopf und lchelte. Ich hab' eine Ahnung,
als sollte ich Herrn Forbeck bald wiedersehen. Sehr bald! Mir schwant so was von
einer berraschung. Tas wird Augen machen!
    Jetzt war an Gundi Kleesberg die Reihe, stutzig zu werden. Kitty? Aber da
wandte sie das Gesicht zum offenen Fenster und lauschte.
    Von der Parkmauer war ein dumpf klingender Ton durch die Ulmenallee bis zum
Schlo gedrungen.
    Werner hatte das eiserne Torgitter hinter sich zugeworfen und war auf die
Strae getreten. Die Augen zu Boden geheftet, im Gesicht das erregte Spiel
seiner wirbelnden Gedanken, schritt er dem Dorf entgegen. Als er das
Brucknerhaus erreichte, sah er vor dem Zauntor den Einspnner stehen, den er fr
neun Uhr bestellt hatte. Und Forbeck schien erraten zu haben, welchem Zweck
dieser Wagen dienen sollte - der Bock war schon mit den Reisetaschen und den zu
einem Bndel geschnrten Malgerten beladen.
    Werner eilte in das Haus und ber die Treppe hinauf. Die gerumte
Giebelstube machte einen den Eindruck. Auf dem Tisch lag eine groe, mit grauem
Packpapier umwickelte Rolle - das Bild. Bei Werners Eintritt erhob sich Forbeck
mit blassem Gesicht, er trug schon den berrock und hatte Hut und Schirm in der
Hand. Guten Morgen, Werner! Ein mdes Lcheln. Du siehst, ich bin
reisefertig. Als der Wagen kam, glaubte ich zu verstehen - Seine Stimme bebte.
Du warst in Hubertus?
    Ja, Hans. Das Schreiben wre dir eine Qual gewesen, der persnliche
Abschied eine Gefahr - fr euch beide!
    Ich danke dir! Es ist besser so. Nur eines ist mir leid. Es wohnt in
Hubertus noch eine Dame, der ich sehr zu Dank verpflichtet bin.
    Frulein von Kleesberg? Werners Stimme bekam einen seltsam befangenen
Klang. Ich habe mit ihr gesprochen. Du kannst ohne Sorge sein, es geht ihr
besser. Und sie lt dich gren. Er legte seine Hand mit schwerem Druck auf
Forbecks Schulter: Das ist eine seelengute, prchtige Dame! Der mut du eine
herzliche Erinnerung bewahren! Jetzt komm!
    Vor dem Haus erwartete sie der Bauer. Auch Mali erschien mit dem Netterl auf
dem Arm; als ihr Forbeck die Hand reichte, fand sie nur ein paar kurze Worte;
wie erleichtert atmete sie auf, als der Wagen davonrollte.
    Geh, sagte der Bauer, httst mit dem jungen Herrn doch a bil
freundlicher sein sollen! Soviel gut is er gwesen mit uns! Und du hast dich
gestellt, als ob d' froh wrst, da er endlich drauen is zum Haus!
    Froh? Zwei Trnen rannen ber Malis Mund. Ds Wrtl kenn ich nimmer,
Lenzi! Und was wir zwei mitanander tragen mssen, tragt sich leichter unter uns
als vor fremde Augen! Sie trat ins Haus.
    Von der Strae tnte noch das Geholper des Wagens.
    Als der Einspnner am Zaunerhaus vorberfuhr, klang aus einem von welkendem
Weinlaub umsponnenen Fensterchen des oberen Stockes eine lustige Stimme. Das
feine Lieserl hantierte mit ihren Parfmglsern und sang dazu:

Und ich lieb dich so fest,
Wie der Baum seine st!
Wie der Himmel seine Stern,
Grad so hab ich dich gern!

    Den Jodler summend, hielt sie eines der Glser gegen die Sonne, dann griff
sie nach einem anderen und sang:

Und a bisserl a Lieb,
Und a bisserl a Treu,
Und a bisserl a Falschheit
Is allweil dabei!

    Die beiden Strophen gehrten nicht zueinander, aber sie gingen beim Lieserl
nach der gleichen Melodie.

                                       3


Die Nachricht, da Graf Egge den Hornegger-Franzl davongejagt htte, machte im
Dorf die Runde von Haus zu Haus - Schipper hatte dafr gesorgt, da die Sache
nicht verschwiegen blieb. Und weil man ber die Ursache was Nheres nicht
erfahren konnte, zerbrach man sich den Kopf mit der Frage, durch welches
Verschulden Franzl die harte Strafe ber sich heraufbeschworen htte. Zu
gleicher Zeit verbreitete sich auch die Nachricht, da ein reicher Bauernsohn
aus einem ber der Grenze liegenden Dorf, der Mhltaler-Sepp von Bernbichl,
spurlos verschwunden wre. Und da brachte man diese beiden Ereignisse
miteinander in mysterisen Zusammenhang. Man wute, da der Sepp gegangen war.
Und schlielich trug es eine Nachbarin der anderen ber den Zaun: der
Hornegger-Franzl wre mit dem Mhltaler-Sepp im Einverstndnis gewesen, Graf
Egge wre hinter die Geschichte gekommen, und so htte Franzl sein Bndel
schnren mssen, und der Mhltaler-Sepp wre entweder verduftet, oder - bei
diesem oder verstummte man und schielte gegen die Berge hinauf.
    Das dunkle Gerede gewann noch an Nahrung, als am Vormittag des 1. September
ein alter weihaariger Bauer im Dorf erschien und sich mit aufflliger Scheu
nach dem Haus des Hornegger-Franzl erkundigte.
    Die kummervollen Augen zu Boden gesenkt, wanderte der Alte ber die Wiesen.
Am Jgerhaus fand er die Tr geschlossen. Erst nach lngerem Klopfen ffnete ihm
die Horneggerin. Sie hatte verweinte Augen und musterte mitrauisch den Bauer,
den sie nicht kannte. Auch der Alte sah scheu zu ihr auf. Ich htt a bil ebbes
z'reden mit dem Herrn Jager. Is er daheim?
    Na! erwiderte die Horneggerin erregt. Was wollts denn von ihm?
    Forschend sah der Alte in das Gesicht des Weibes, als mchte er die Wirkung
seines Namens beobachten. Ich bin der Mhltaler aus Bernbichl.
    So?
    Haben S' mein' Nam noch nie net ghrt?
    Na!
    Und Ihr Sohn hat nie net gredt mit Ihnen vom meinigen?
    Na! Nie net! Und mein Bub is net daheim. Pfet Ihnen Gott!
    Die Horneggerin wollte die Tr schlieen, doch der Alte setzte den Fu ber
die Schwelle. Frau! Lassen S' reden mit Ihnen. Schauen S' mich an in meiner
Kmmernis! Trnen kugelten ihm ber die furchigen Backen.
    Mar' und Josef, Mensch, was haben S' denn? fragte die Horneggerin
erschrocken und zog den Alten in den Flur. Kopfschttelnd verschlo sie die
Haustr, warf einen Sorgenblick ber die Treppe hinauf und ging dem Mhltaler
voran in die Stube.
    Hier saen sie fast eine Stunde lang. Und als der Bauer das Haus verlie,
begleitete ihn die Horneggerin bis zum Zaun. Ihre Hnde zitterten, ihr Gesicht
war wei. Der Mhltaler sah sie an und seufzte. Jetzt hab ich Ihnen Verdru
gmacht, gelt? Aber wie mir zutragen worden is, was d' Leut im Seedorf reden, hab
ich mir halt denkt: Machst den Weg, vielleicht hrst ebbes ber dein' Buben.
Mssen S' mir net harb sein!
    Die Horneggerin schttelte den Kopf. Ihnen kann ich nix verbeln. Aber d'
Leut! Zwanzg Jahr lang haben s' mit angsehen, wie mein Franzl is. Und jetzt,
jetzt springen s' auf ihm rum mit die gnagelten Schuh und trauen ihm die
Schlechtigkeit zu, er knnt Kameradschaft halten mit - Sie verstummte.
    Der Mhltaler lie den Kopf sinken. Halten S' Ihnen net zruck! Ich kann'
net leugnen, mein Bub is keiner von die Brvern gwesen. Allweil hab ich schelten
mssen. Aber gern ghabt hab ich ihn doch. Is mein einziger gwesen! So ebbes is
hart, Frau Frstnerin! Aber nix fr ungut! Such ich halt weiter!
    Als die Horneggerin in das Haus zurckkehrte, klang es ber die Treppe
herunter: Mutter? Auf der obersten Stufe stand Franzl, in Hemdrmeln und ohne
Schuhe. Wer war denn da?
    Einer von die Nachbarsleut.
    Hat er ebbes gredt? Von mir?
    Net an einzigs Wrtl. Hab doch a bil Verstand! D' Leut schauen die Sach
net so gfahrlich an wie du! Und kommt der Brief vom Grafen Tassilo, so is doch
eh wieder alles in Ordnung.
    Die Horneggerin ging in die Kche, um fr Mittag zu kochen. Aber es lie ihr
bei der Arbeit keine Ruhe, sie mute hinauf zu ihrem Buben.
    Eine kleine, wei getnchte Stube; die Dielen gescheuert und mit einem
Leinwandlufer belegt; ein Kruzifix, ein paar Heiligenbilder, vier Farbendrucke,
welche Jagdszenen darstellten, ein Zapfenbrett mit der Ausrstung des Jgers und
ein Dutzend Geweihe. Am Fenster stand ein Werktisch mit einem Schraubstock, vor
welchem Franzl sa; er feilte an einem Gewehrhahn, um ihn der zu Schaden
gekommenen Bchse anzupassen, und war anzusehen wie nach schwerer Krankheit, die
Wangen eingefallen, die Augen von blulichen Ringen umzogen. Seufzend ffnete er
den Schraubstock und drckte den Hahn ber den Zapfen der Bchse. Jetzt pat
er! 's Bchsl wr wieder in Ordnung! Aber ich?
    Die Mutter zog seinen Kopf an ihre Brust, streichelte ihm das Haar und
kramte allen Trost wieder aus, den sie ihm schon zu dutzend Malen vorgeredet
hatte.
    Er hrte sie schweigend an und nickte ein paarmal vor sich hin.
    Vorsichtig begann die Horneggerin von Bernbichl zu reden, von einem
Bauernsohn. Mhltaler heit er. Kennst ihn vielleicht? Als Franzl gleichgltig
den Kopf schttelte, atmete sie erleichtert auf, war aber noch immer nicht ganz
beruhigt. Bub? Sag mir's ehrlich: hast mir nix verschwiegen?
    Ich? Verschwiegen? stotterte Franzl, whrend es ihm hei ber die hageren
Wangen fuhr.
    Die alte Frau erschrak. Schau, Bub, ich kenn dich doch! Der Pfarr liest net
besser im Mebuch als ich in deine Augen. Ich merk dir's an: es druckt dich noch
ebbes.
    Ein dumpfes Pochen. Die Horneggerin hrte nicht. So red doch, Bub, ich
vergeh ja vor lauter Sorg!
    Es pochte wieder, und Franzl erhob sich. An der Haustr klopft einer.
    Ich geh net, eh mir net gsagt hast -
    No ja, wenn's dich beruhigen kann! Heut am Abend verzhl ich dir alles.
Tuscht hab ich mich halt - in einer, auf die ich gschworen htt!
    O du grundgtiger Heiland! jammerte die Horneggerin. Zu allem Unglck
noch a Binkel traurige Liebsgschichten! Ds is uns grad noch abgangen! Drunten
an der Haustr wurde wieder geklopft. Ja, ja, ich komm schon! Dem pressiert's
aber! Sie strich mit der Schrze ber die Augen und verlie die Stube.
    Als sie die Haustr ffnete und Patscheider vor ihr stand, war sie noch zu
sehr mit ihrem Buben beschftigt, um die flackernde Unruhe zu gewahren, die in
den Augen des Jgers brannte. Gr Gott! sagte sie und ging ihm voran in die
Stube.
    Patscheider legte das Gewehr auf die Wandbank. Was macht er denn?
    Die Horneggerin schttete ihr bekmmertes Herz aus. Der Jger sa mit
bleichem Gesicht, und als die Frsterin auf das ble Leutgerede zu sprechen kam,
ballten sich Patscheiders Hnde zu zitternden Fusten. Hab schon ghrt davon,
sagte er heiser, und grad hat im Wirtshaus einer von die Schiffknecht a Wrtl
fallen lassen. Den hab ich hindruckt an d' Wand. Der wird 's Maul halten jetzt!
Aber weil wir schon reden davon - d' Leut sagen, da der alte Mhltaler grad bei
enk da gwesen is?
    Die Frsterin nickte.
    Im Gesicht des Jgers verschrfte sich jeder Zug. Was hat er denn wollen?
    Sein' Buben sucht er. Und vllig erbarmt hat er mich! Grad auf deim Platz,
da is er gsessen.
    Der Jger rckte rasch auf die Seite und guckte das Brett mit scheuen Augen
an.
    Es is sein einziger gwesen. So ebbes is hart, Patscheider!
    Ja, Frsterin, hart! Schweitropfen standen auf der Stirn des Jgers.
Meint der Bauer, man htt ihm sein' Buben erschossen? Ghrt hab ich nix, da
bei uns in der Gegend a Malr passiert wr. Aber gwildert hat er - wie d' Leut
sagen. Freilich, der Vater! Patscheiders Stimme schwankte. Da mu man sich
halt in d' Haut vom Jager einidenken! Kann sein, er hat Weib und Kind. Und da
mu er halt sagen: der ander oder ich. Ds hat keine von unsere Weiber gern,
wenn man ihr den Mann auf'm Schragen in d' Stuben bringt - weil der ander der
Gschwinder war!
    Seufzend drckte die Horneggerin die zitternden Hnde an die Schlfen und
sah die Tr an, durch die man ihr vor Jahren den Mann hereingetragen hatte mit
der Kugel des Wildschtzen im Herzen.
    Und hat der Jager 's Glck, da er davonkommt - da is er net z'neiden!
Hundertmal in der Nacht kann er sich sagen: Dienst und Pflicht! Ja freilich! Es
frit ihm halt doch an der Seel und druckt ihn am Hals, da ihm der Schnaufer
schier vergeht! Patscheider sprang auf. Lassen wir's gut sein! Reden wir
lieber vom Franzl! Er soll sich kein' Kummer net machen, weil er fortkommt von
uns! Mit'm Grafen is net gut hausen. Ich mit mei'm Haufen Kinder, ich bin
anbunden und mu mir alles gfallen lassen. Aber der Franzl hat ledige F. Einer
wie der Franzl macht berall sein' Weg. Der Herr Graf wird schon merken, was er
verliert an ihm. Es reut ihn heut schon, da er so hitzig war. An Hamur hat er
die ganzen Tag her, schauderhaft! Die jungen Herrn Grafen haben schlechte Zeiten
in der Htten droben. Und der Schipper! Der Herr Schipper! Der kann ihm gleich
gar nix mehr recht machen! Den ganzen Tag schimpft der Herr Graf - Patscheider
verstummte und sah nach der Tr.
    Der Postbote trat in die Stube. An eingschriebnen Brief htt ich, Frau
Horneggerin!
    Der Frsterin fuhr die Aufregung in alle Glieder. Und Patscheider rannte in
den Flur und schrie ber die Treppe hinauf: Franzl! Franzl! Gschwind, komm! Der
Brief is da! Als Franzl auf der Treppe erschien, sprang ihm der Jger ber die
Hlfte der Stufen entgegen. Der Brief is da! Der Brief is da!
    Gr Gott, Patscheider! Und Vergelts Gott, da d' soviel Anteil nimmst!
    In der Stube kam ihnen die Horneggerin mit dem Brief entgegen. Whrend ihn
Franzl mit zitternden Hnden ffnete und zu lesen begann, hingen die beiden
gespannt an seinem Gesicht.
    Franzls hagere Wangen waren hei, als er der Mutter den Brief reichte. Da,
lies! A guter Herr, der Graf Tassilo! So ein' gibt's bald nimmer.
    Mit beiden Hnden griff die Horneggerin zu, und Patscheider fragte erregt:
Hat er an Platz fr dich?
    Franzl nickte.
    An guten?
    Es wr kein schlechter.
    Gott sei Dank!
    Aber die Sach hat an Haken!
    Die Horneggerin brach vor Freude in Trnen aus. So a Glck! Was sagst,
Patscheider! Den besten Posten hat er! Zweihundert Mark mehr im Jahr! Und
bleiben knnen wir und mssen d' Heimat net aufgeben und 's Haus net verkaufen.
Alles bleibt, wie's war. Blo a paar Stndl hat der Franzl weiter ins Revier.
    Patscheider stutzte. Was? Kommt er zu dem reichen Fabrikherrn, der mit
seiner Jagd an die unser grenzt?
    Ja! An andern Herrn kriegt er halt, sonst bleibt alles beim alten.
    So, Mutter? Alles? Franzls Stimme war rauh. Hast net gsehen, wie der
Patscheider erschrocken is? Es wird ihm halt eingfallen sein, wie der Herr Graf
auf den Jagdherrn z'sprechen is, der ihm die schne Grenzjagd vor der Nasen
wegpacht hat. Die ganze Zeit her war der Verdru an der Grenz, allweil hat's
Streit geben zwischen unserm Personal und dem von drben. Und jetzt soll ich mit
denen da drben Freund und Bruder sein? Und gegen meine alten Kameraden und
gegen unseren Herrn Grafen soll ich mich auf d' F stellen? Na, Mutter! Den
Posten kann ich net annehmen. Lieber 's Haus verkaufen und fort! In Gotts
Namen!
    Patscheider ri Mund und Augen auf, whrend die Horneggerin wie eine
Salzsule stand. Erst nach einer Weile fand sie die Sprache und stotterte:
Jesus, Jesus, was wird der Graf Tassilo sagen! Jetzt hat er sich bemht. Und du
-
    Der junge Graf hat sich nie um unsere Jagdgeschichten kmmert. Wann ich ihm
alles erzhlen tt, mt er selber sagen: Na, Franzl, ds geht net! - Wann ich
den Posten annimm, ds mt ja rein ausschauen, als ob ich unserem Herrn Grafen
im Zorn an Possen spielen mcht!
    Aaah, du Narr, du Narr! platzte Patscheider los. Ich glaub, der Graf hat
sich bei dir kei Rcksicht net verdient! Er ging auf Franzl zu und rttelte ihn
an der Schulter. Greif zu, Franzl! berall is's besser als bei uns! Seine
Lippen verzerrten sich. Sei froh, da dein' Laufpa hast! Wer wei, was er dir
erspart hat mit dem Futritt, den er dir geben hat! Ein heiseres Lachen.
Lieber davongjagt als aufbessert im Ghalt! Unserem Grafen seine Gnaden sind
hart zum tragen. Greif zu, sag ich dir! Greif zu!
    Franzl schien nicht zu hren. Sein Gesicht hatte sich verfrbt, als er den
Bauern sah, der drauen vor dem Fenster vorberschritt.
    Es war der Bruckner, der von einer Holzarbeit kam, denn er trug die Axt ber
der Schulter. Und als htte er gefhlt, da unter dem Dach des Jgerhauses zwei
brennende Augen auf ihn gerichtet waren, streifte er mit scheuem Blick die
Fenster und beschleunigte den Schritt. Als ihm das Haus hinter den dichten
Bschen des Weges verschwand, atmete er auf. Die Lippe zerbeiend, ging er an
den Hfen und Menschen vorber. Zu Hause angelangt, warf er die Axt in einen
Winkel des Flurs und wollte in die Stube treten, aus der die Stimmen seiner
spielenden Kinder klangen.
    Da rief es in der Kche: Lenzi!
    Er furchte die Stirn, und langsam trat er unter die Tr.
    Mit einer dampfenden Pfanne stand Mali vor dem Herd, dessen Flackerfeuer ihr
abgehrmtes Gesicht mit grellem Schein bergo.
    Was willst?
    Mali stellte die Pfanne ber den Dreifu und drckte hinter dem Bruder die
Tr zu. Seit unser Stadtherr fort is, treibt's dich jeden Abend ins Wirtshaus
ummi. Da mut doch lang schon ebbes ghrt haben davon, was d' Leut bern Franzl
reden?
    Bruckner schwieg.
    Da httst mir schon aus Frsicht a Wrtl sagen sollen! Jetzt hab ich's von
der Nachbarin hren mssen. Dagstanden bin ich, da mich ds Weib nur allweil so
angschaut hat. Was ich hren hab mssen, is mehr, als ich verbeien kann. Wann
keiner net eintritt fr den unschuldigen Menschen, so wei vielleicht ich den
richtigen Weg.
    Aber Mali! stammelte der Bauer. Bist denn verruckt?
    Meinst vielleicht, ich kann mir net denken, wer ds gottvergessene Gred in
Umlauf bringt? Und wer beim Grafen allweil ghetzt hat, bis er im Zorn nimmer
gwut hat, was er tut? Natrlich! Ich kann's begreifen, da der ander kein
ruhigs Stndl nimmer gfunden hat, bis der Franzl net drauen war. Viel Gwissen
hat er net, der ander! Aber a bil ebbes mu sich doch rhren in ihm. Da kann
ich mir denken, was er fr Zeiten ghabt hat die ganzen Jahr her: Tag fr Tag
mit'm Franzl bei der Schssel sitzen mssen, neben ihm liegen in jeder Nacht,
allweil ds Gsicht vor Augen haben, ds er am liebsten vergessen mcht!
    Mali verstummte und sah den Bruder an, der mit schlaff hngenden Armen an
der Mauer lehnte und ins Feuer starrte.
    Schwer atmend wandte das Mdel sich ab. Den andern hab ich gmeint. Und dich
hab ich troffen. Ich sieh's ja ein: Mein Glck mu an End haben, noch eh's an
Anfang ghabt hat. Was liegt an mir! Aber er, Lenzi! Den unschuldigen Menschen
drf man doch net z' Grund gehen lassen unterm Schipper seine Hnd! Ds mut dir
doch selber sagen: da da was gschehen mu! Unser Herrgott wird wohl so viel
Verstand haben, da er mir an Rat schickt! Sie fuhr sich mit den Fusten ber
die Augen, trat zum Herd und fate den Stiel der Pfanne, aus der mit dickem
Dampf ein verdchtiger Brandgeruch herausquoll. Jetzt geh in d' Stuben eini zu
die Kinder! Ich bring dir 's Essen.
    Langsam richtete der Bauer sich auf und sagte mit erloschener Stimme: Mir
is der Appetit vergangen. Er griff nach der Trklinke. Wann dir ebbes einfalt,
was dem Franzl helfen kann - ich leg dir kein Hindernis in Weg. Soll's
ausfallen, wie's mag! Mehr als z' Grund gehn kann ich net. Htt ich gschwiegen
und alles laufen lassen! Es wr besser gewesen. Dir hab ich 's Leben verpatzt,
und in mir is, seit ich gredt hab, der Teufel wieder lebendig, der mein guts
Weib selig durch soviel Jahr fest anbunden hat mit eiserne Strick! Ich spr's,
jetzt frit er mich auf mit Haut und Haar!
    Schweren Schrittes ging Bruckner aus der Kche; vor der Stubentr strich er
mit dem rmel ber das Gesicht, als mchte er von seiner Stirn lschen, was die
Augen seiner Kinde nicht sehen sollten. Als er eintrat, sprangen ihm sein Bub
und sein kleines Mdel jubelnd entgegen, whrend das Netterl, das im
Schlitzhemdl auf der Erde sa, lallend die rmchen nach ihm streckte.

                                       4


An jedem Morgen in diesen vergangenen Tagen hatte Willy den Vater an das in
einer schwachen Minute gegebene Versprechen erinnert: an den Besuch bei unserer
kleinen Schmalgei߫. Graf Egge verschob den Abstieg nach Hubertus von einem
Morgen zum Abend, von jedem Abend zum andern Morgen. Immer wieder hielt ihn ein
Gemsbock fest, den Schipper mit dem Tubus ausfindig machte, oder ein starker
Hirsch, dessen Wechsel besttigt wurde. Und Graf Egge zeigte sich um so
hartnckiger in seiner Ausdauer, je weniger ihm in diesen Tagen die Gunst des
grnen Heiligen lcheln wollte. Jedes Treiben milang, jeder Pirschgang
miglckte. Schipper hatte dabei einen bsen Stand. Doch je bler Graf Egge mit
ihm umsprang, desto aufmerksamer bediente er seinen Herrn, schmierte ihm die
Bergschuhe tadelloser als je, behandelte seine Gewehre wie ein Goldarbeiter den
Filigranschmuck und lief sich die Fe krumm in dem Bestreben, das gewandelte
Jagdglck seines Herrn wieder auf bessere Wege zu bringen. Dennoch wollte Graf
Egges Laune nicht besser werden.
    Von Tassilo hatte man whrend dieser Tage in der Htte mit keiner Silbe
gesprochen. Ein einziges Mal hatte Willy versucht, dieses Thema zu berhren, um
auf die Stimmung des Vaters gnstig zu wirken. Graf Egge war ihm mit zorniger
Schrfe ins Wort gefallen: Davon schweig'! Oder es hat ein Ende mit unserer
Freundschaft! Wtend war er aus der Stube gegangen und hatte die Tr hinter
sich zugeschlagen. Eine Stunde spter, als Willy verdrossen hinter der Htte auf
dem Brunnen sa, kam der Vater und drckte ihm einen kleinen, sorgfltig in
Papier gewickelten Gegenstand in die Hand. Nimm, Junge, das schenk' ich dir! Es
sind meine schnsten! Lchelnd blieb er vor Willy stehen, um die Wirkung des
Geschenkes zu beobachten.
    Es waren zwei Hirschgranen von selten dunkler Frbung; Graf trug sie seit
Jahren in der Geldbrse, um sie gleich bei der Hand zu haben, wenn in seinem
Jgerherzen die Sehnsucht nach ihrem Anblick erwachte. Willy war von diesem
Geschenk mehr verblfft als freudig berrascht; die beiden Beinstckchen hatten
fr ihn einen hchst zweifelhaften Wert; doch er wute, da dieses Granenpaar in
der Schtzung seines Vaters hherstand als ein paar der kostbarsten Edelsteine.
    Aber Papa! sagte er halb verlegen und halb gerhrt. Das kann ich
wahrhaftig nicht annehmen. Ich wei doch, wie schwer du dich von diesen Granen
trennst.
    Ja, Junge, es sind die besten, die ich zu verschenken habe. Aber nimm sie
nur! Dir geb ich sie gern. Dich hab' ich lieb! Mit beiden Hnden griff er in
Willys Haar und zog ihm sacht den Kopf hin und her. Vergi das dumme Wort von
vorhin, aber tu mir den Gefallen und la die andere Geschichte begraben sein.
Ich hab's hinuntergewrgt und will Ruhe haben. Mach' du mir Freude, und alles
ist ausgeglichen. Er kte den Sohn auf beide Wangen, nickte ihm lachend zu und
trat in die Htte.
    Ein bichen konsterniert ber den ungewohnten Zrtlichkeitsausbruch, sah
Willy dem Vater nach und steckte die Granen zu dem Rubin in die Westentasche. Er
machte auch keinen Versuch mehr, von der anderen Geschichte zu sprechen. Im
stillen schmiedete er allerlei Plne. Als er den Bruder ins Vertrauen ziehen
wollte, erfuhr er eine khle Abweisung. Ich mische mich nicht in diesen Quark,
sagte Robert, und rate dir, das gleiche zu tun. La den Narren seiner Wege
gehen und sei froh, da du selbst beim Vater schn Kind bist! Willy erwiderte
gereizt, und die Sache endete zwischen den Brdern mit verletzenden Worten.
    Nun baute Willy seine ganze Hoffnung auf die Hilfe Kittys. Was ihm selbst
nicht gelungen war, das mute der Schwester gelingen. Willy sah, da der Vater
auch in der belsten Laune dieser Tage einen freundlicheren Ton anschlug, sobald
die Sprache auf die kleine Schmalgei߫ kam. Und den Verlust des Adlers hatte er
ihr so flink verziehen, da Moser, der Kittys Brief gebracht hatte und das
Mrchen von der im Flug geschossenen Krhe erzhlte, mit einem gelinden
Wischer davonkam. So lie nun Willy keinen Tag vergehen, ohne dem Vater die
Sehnsucht, die Kitty nach ihm empfnde, in den wrmsten Farben zu schildern.
    Ja, Junge, pflegte die Antwort zu lauten, nur noch diesen letzten Trieb
und morgen die Frhpirsch. Dann gehen wir!
    Am 1. September kam Graf Egge gegen Mittag in die Htte zurck, mit Zorn
geladen wie eine Karttsche. Auf einen Kapitalbock hatte ihm die Patrone
versagt, und der zweite Schu, den er im rger der flchtig gewordenen Gemse
nachschickte, war ihm zu kurz geraten und hatte den Bock weidwund getroffen.
Willy suchte den Vater zu beschwichtigen. Das wollte ihm fast gelingen. Da kam
Schipper, der die Unglckspatrone geladen hatte, mit Robert von der Pirsche
zurck und brachte zu allem Unheil noch die Meldung, da seinem Schtzen ein
Doppelschu auf einen Zehner- und Sechserhirsch gelungen wre. Nun ging das
Gewitter wieder los, und ber das gebeugte Haupt des Bchsenspanners prasselte
eine Litanei von Schimpfworten nieder. Schipper wartete das Ende dieses Ergusses
nicht ab, sondern packte seine Bchse und rannte davon, um den angeschossenen
Bock zu suchen.
    Natrlich, jetzt kann er rennen! schrie Graf Egge hinter ihm her. Aber
wenn er den Bock nicht bringt, soll ihn der Teufel holen, der schon lange auf
ihn wartet! Ich mchte nur wissen, fr was ich den Kerl bezahle? Meine
verllichen Leute beit er mir hinaus, und er selber ist ein Jger, da Gott
erbarm! Nicht einmal eine Patrone kann er laden! Der Kerl ist nur zu gebrauchen,
wenn es eine Schweinerei zu vertuscheln gilt. So ein Aasgrber! Pfui Teufel!
    Whrend Graf Egge mit solchen Sentenzen und mit dem krachenden Hall seiner
Faustschlge die Stube erfllte, hatte Robert sich auf den Heuboden verzogen, um
den durch die Pirsch versumten Schlummer nachzuholen. Willy fungierte
unterdessen beim Vater als Beschwichtigungsrat. Doch als sich Graf Egge ber
Schipper mde gescholten hatte, kam Robert an die Reihe. Einen Sechserhirsch
niederbrennen! Unerhrt! Als ob er an dem Zehner nicht genug gehabt htte!
Natrlich! So malos wie am Spieltisch treibt er es auch auf der Jagd. Aber eh
ich mir mein Revier ruinieren lasse, schieb ich einen Riegel vor!
    Der Klang dieser Worte drang durch die Decke zum Heuboden hinauf, ohne
Robert in seinem beginnenden Schlummer zu stren.
    An dieses zweite Kapitel seines Zornes fgte Graf Egge eine Jeremiade ber
das Jagdpech dieser letzten Tage. Da knnte man wirklich aberglubisch werden!
Es ist gerade, als ob ein Fluch auf meiner Bchse lge, seit - Die nhere
Zeitbestimmung verschluckte er.
    Du hast recht, Papa, fiel Willy ein, diese Wendung zugunsten seiner Plne
bentzend, du bist in einem ganz schaudersen Pech! Das lt sich mit Gewalt
nicht ndern. Das beste Mittel ist immer, ein paar Tage aussetzen. Er legte den
Arm um den Hals des Vaters. Es wre das beste, uns augenblicklich auf die
Socken zu machen. Du gehst deinem Pech aus dem Weg, und unserer kleinen Gei
machst du eine Freude. Wir wollen dir drunten die Langweil schon vertreiben!
Jeden Nachmittag schieen wir auf Tontauben, und die kleine Gei mu sich
einben auf den laufenden Hirsch. Ich wette, sie flickt ihm eins aufs Blatt! Sie
mte deine Tochter nicht sein!
    Graf Egge lchelte und fate den Sohn an dem Haarschopf, der ihm in die
Stirn hing. Ja, Bub, recht hast! sagte er in seinem breitesten Dialekt. Mach'
dich fertig und fahr' in die Schuh! Weck' den Lappschwanz da droben! Oder wenn
ihm von der Pirsch die Knie schnackeln, soll er liegenbleiben. Ich geh mit dir,
ich brauch' keinen andern! Und durchs Hochholz nunter mach' ich eine Pirsch mit
dir. Da drunten stehen um die Mittagszeit die guten Hirsch gern umeinander. Nimm
dein Bchsl! Ich la das meine in der Htt, damit ich net in Versuchung komm,
wenn ein Hirsch vor uns aufspringt. Ich will dir eine Freud' machen. Drum geh
ich lieber mit dem Stecken. Weit du, ich kenn' mich! Lachend holte er Willys
Bergschuhe unter dem Ofen hervor und stellte sie ihm vor die Fe.
    Als Willy fr die Wanderung fertig war, kletterte er auf den Heuboden und
weckte den Bruder.
    Graf Egge wollte sich nicht gedulden, bis Robert mit seiner umtndlichen
Toilette zu Ende kme. Das Gewehr in der Hand, fate er Willy am Fu der Leiter
ab. Komm nur, da hab' ich schon dein Bchsl! Der ander wird den Weg auch allein
finden.
    Von der Hand des Vaters fortgezogen, stolperte Willy ber die Schwelle und
nahm, da er sich zu bcken verga, noch eine schmerzliche Erinnerung an das
Palais Dippel mit auf den Weg.
    Bei der Wanderung durch das Latschenfeld und ber die Almgehnge war Graf
Egge in gemtlichster Laune, erzhlte lustige Jagdgeschichten, amsierte sich
auf Kosten Roberts und schilderte mit drolliger Ironie das bestrzte Gesicht,
das Schipper machen wrde, wenn er von der Nachsuche zurckkme und die Htte
leer fnde. Doch mit dem ersten Schritt in den schattendunklen Hochwald
verwandelte sich seine gesprchige Laune in schweigsamen Ernst. Er selbst lud
Willys Bchse, nachdem er die beiden Patronen einer genauen Musterung unterzogen
hatte.
    So! Jetzt nimm deine Tapper in acht und halt die Gucker offen!
    Lautlos pirschten sie ber den weichen Moosgrund, voran Graf Egge, der in
dem pfadlosen Wald jeden Baum zu kennen schien. Als sie eine lehmige Furche
berschritten, deutete er zu Boden und flsterte: Da sprt sich einer ganz
frisch, ein guter! Mach' die Bchs fertig! Immer leiser wurde seine Stimme,
whrend er Willy fr den Fall, da sie den Hirsch antrfen, ein Dutzend
Verhaltungsmaregeln vordozierte: Und vor allem: nicht zu hitzig, la dir Zeit,
fahr langsam von unten auf, und wenn du Rot vor dem Korn hast, zieh ruhig ab!
    Vorsichtig pirschten sie weiter und berstiegen einen moosigen Grat. Kaum
hatten sie die Hhe erreicht, da duckte sich Graf Egge und lispelte: Dort sitzt
er! Siehst du ihn?
    Willy spannte den Hahn und hob die Bchse. Der Hirsch hatte schon das Haupt
aufgeworfen und sprang aus dem Lager. Willy verlor die Ruhe nicht, sondern
zielte mit Beobachtung aller guten Lehren, die er soeben gehrt hatte. Schon sah
er Rot vor dem Korn und wollte drcken. Da fuhren pltzlich zwei Hnde nach
seiner Bchse.
    Gib her! Du fehlst ihn ja doch! Mit diesen Worten entri ihm der Vater die
Waffe, und ehe Willy sich von seiner Verblffung erholen konnte, krachte der
Schu.
    Im Feuer brach der Hirsch zusammen. Mit einem Jauchzer lie Graf Egge die
rauchende Bchse sinken, schwang sein mrbes Htl und lachte: Ja, Bub, recht
hast du g'habt! Droben hab' ich meinem Pech davonlaufen mssen, damit ich da
herunten mein Glck wiederfind!
    So? schmollte Willy. Ich war der Meinung, du wolltest mir ein Vergngen
machen.
    Richtig! Graf Egge lachte. Es ist mir in die Hnde gefahren, ich wei
nicht wie. Aber sei nicht bs! Ein andermal also! Komm! Jetzt sollst du
wenigstens lernen, wie man einen Hirsch weidgerecht aufbricht!
    Willy fand ein zweifelhaftes Vergngen an dieser blutigen Lektion, doch er
wollte dem Vater die Laune nicht verderben, wollte ihn bei gutem Humor nach
Hubertus bringen. So fgte er sich. Fast eine Stunde dauerte der Unterricht. Als
sie den Hirsch mit Fichtenzweigen bedeckt und am Moos die Hnde gesubert
hatten, blickte Graf Egge, da sie sich schon zum Niederstieg anschicken wollten,
lauschend durch den Wald hinauf.
    Man hrte Steine rollen, einen Bergstock klirren. Schipper kam durch den
Wald heruntergesprungen. Bleich, atemlos, von Schwei berronnen, blieb er vor
seinem Herrn stehen und zog den Hut.
    Was willst du? Ach so, du hast wohl den Schu gehrt? Du bist prompt am
Fleck. Das gefllt mir.
    Da liegt er ja, ich gratulier, Herr Graf! Mhsam rang der Jger nach Atem.
Ohne den Schu htt ich a schweres Suchen nach Ihnen ghabt. Ich bring gute
Botschaft. Ihren Gamsbock hab ich. Aber ds is noch lang net 's Wichtigste! Wie
ich auf'm Heimweg unterm Schneelahner vorbeikomm, steht a Rehbock droben. Am
ersten Blick schon, da hat mir 's Gwichtl so gspassig in d' Augen blitzt, und
wie ich 's Spektiv aufzieh, hab ich gmeint, ich mu aus der Haut fahren! So was
von Abnormitt haben S' noch net in Ihrer Sammlung! Fnf Stangen hat der Bock
droben.
    Alle Wetter! stammelte Graf Egge, whrend dunkle Rte sein Gesicht
berflo.
    Und den Bock schieen S', da garantier ich!
    Zitternde Erregung befiel den Grafen. Ich dank dir, Schipper! Schau dich um
Leute um, die den Hirsch heimliefern, ich steig einstweilen hinauf zur Htte!
    Aber Papa! fiel Willy mit der Miene eines schwer Gekrnkten ein. Den
Hirsch hast du mir weggeschossen - ich hab' ihn dir ja von Herzen gegnnt - aber
jetzt halte mir wenigstens dein anderes Versprechen. Der Bock luft dir ja nicht
davon. Aber ich und die Schmalgei -
    Das verstehst du nicht.
    Ich bitte dich, la den Bock und komm mit mir hinunter nach Hubertus! Tu es
mir zuliebe!
    Ja, Junge, alles andere! Aber -
    Papa, ich bitte dich!
    Graf Egge wurde ungeduldig. Einen solchen Bock kann ich nicht auslassen. So
viel Jger solltest du sein, um das begreifen zu knnen. Jetzt bin ich wieder im
Glck. In zwei Pirschen hab' ich ihn. Dann komm ich, darauf hast du mein Wort!
Also sei zufrieden, geh gemtlich nach Haus und gr' mir einstweilen die kleine
Gei! Morgen abend bin ich bei dir. Auf Wiedersehen! Ohne Willys Antwort
abzuwarten, fate er den Bergstock mitsamt der Bchse seines Sohnes und stieg
durch den Wald hinauf, whrend Schipper davoneilte, um auf der nchsten Alm ein
paar Leute zu requirieren.
    Mit trauernden Augen sah Willy dem Vater nach. Es war nicht rger, was er
empfand. Ein seltsames Schmerzempfinden fllte ihm das Herz, und die Kehle war
ihm wie zugeschnrt. Was hab' ich denn nur? Eine Weile noch sah er auf die
grnen Reiser nieder, unter denen der Hirsch so gut verborgen lag, da nur ein
paar Enden des Geweihes hervorragten; dann rckte er den Hut und suchte den
Heimweg. Lange irrte er im Wald umher, bis es ihm gelang, den talabwrts
fhrenden Pfad zu finden. Dabei war er mde geworden. Whrend des Niederstieges
rastete er hufig; auch bei der Buche mit dem Marterl. Whrend er im Schatten
der ste sa, von denen lautlos die welken Bltter niederfielen, beschlich ihn
ein qulendes Unbehagen. Ach, Unsinn! murrte er vor sich hin und erhob sich.
Ich wei doch, wie er ist. Und er wird auch nimmer anders.
    Mittag war vorber, als er das Dorf erreichte. Verdrossen dankte er den
Leuten, die ihn grten. Am Zaunerhaus ging er vorber, ohne zu merken, wo er
sich befand. Als er die Ecke des Grtchens erreichte, fhlte er einen leichten
Schlag an der Wange, sah eine rote Nelke ber seine Schulter fallen und hrte
hinter den Johannisbeerstauden ein leises Kichern. Er lchelte und wollte auf
den Zaun zutreten. Da war ihm pltzlich, als stnde sein Bruder Tassilo vor ihm
und she ihn mit ernsten Augen an, wie vor Tagen da droben in der Bergschlucht.
    Wort halten! Er schleuderte mit dem Fu die Nelke in den Straengraben und
ging seiner Wege. Als er an die Parkmauer kam, blieb er stehen und sah sich um.
Eigentlich war das von mir eine berflssige Flegelei! dachte er. Ich htt'
ihr ein paar harmlose Worte sagen und dann gehen knnen. Aber na, jetzt hat die
Geschichte ein Ende! Tas wird lachen, wenn ich ihm das erzhle.
    Beim Eintritt in die Ulmenallee klang ihm vom Adlerkfig ein wildes
Geflatter entgegen. Er achtete nicht darauf. Auch sah er am Ausgang der Allee
die Schwester erscheinen, die ihm entgegeneilte, als htte sie um sein Kommen
gewut und htte ihn mit Ungeduld erwartet. Sie warf sich an seinen Hals und
kte ihn. Dann fragte sie zgernd: Wo ist Papa?
    Droben! Er will morgen abend kommen. Das heit, wer's glaubt. Ich nicht.
    Morgen abend? wiederholte Kitty erregt. Aber sag' mir, was ist zwischen
ihm und Robert vorgefallen?
    Warum?
    Robert ist vor einer halben Stunde heimgekommen wie ein beleidigter
Olympier, hat sich umgekleidet und ist davongeritten.
    Papa hat ihn etwas unfair behandelt. Mich hat er zwar auch gehrig
aufsitzen lassen, aber das ist Nebensache. Weit du schon, was mit Tas geschehen
ist?
    Alles! sagte Kitty mit heien Wangen. Und sag' es mir lieber gleich: bist
du fr oder gegen ihn?
    Fr ihn, natrlich!
    Kitty belohnte ihn mit einem Ku. Das hab' ich von dir erwartet. Komm ins
Haus! Tas hat mir einen Brief fr dich bergeben. Den mut du augenblicklich
lesen. Und dann sprechen wir weiter. Fnf Minuten la ich dir Zeit, um dich
umzukleiden. Komm! Mit ungeduldiger Hast zog sie ihn gegen die Veranda.
    Wie geht es Tante Gundi?
    Besser, Gott sei Dank! Sie trgt zwar den Arm noch im Verband, aber sie ist
heut schon mit mir ausgefahren und hat herunten diniert. Und jetzt, Willy, sag'
ich dir was: Diese blichen Scherze mit Tante Gundi mssen ein Ende haben! Ich
dulde nicht mehr, da sie nur im geringsten verletzt wird. Sie ist eine goldene
Person! Das erklrte Kitty mit so leidenschaftlicher Energie, da der Bruder
sie verwundert betrachtete. Komm nur! Im Korridor rief sie den Diener und
befahl, ihrem Bruder das Diner in seinem Zimmer nachzuservieren; dann flog sie
ber die Treppe hinauf.
    Die fnf Minuten waren noch nicht vergangen, als sie schon an Willys Tr
pochte. Kann man eintreten?
    Nur los! klang die Antwort. Aber viel umsehen darfst du dich nicht.
    Die Warnung hatte ihre Grnde. In dem Zimmer herrschte eine greuliche
Unordnung. Vor dem bel zugerichteten Waschtisch lagen alle Stcke des
Jagdgewandes auf dem Boden, der eine Bergschuh stand mitten im Zimmer, der
andere unter dem Tisch, auf dem Bett lag der Uniformrock ber dem Bergstock, aus
dem offen stehenden Kleiderschrank hing ein Beinkleid auf die Dielen heraus, in
der halb aufgezogenen Lade einer Kommode war die frische Wsche
durcheinandergeworfen, und auf der Marmorplatte des Nachttisches bildeten
Zigarrentasche, Jagdmesser, Uhr und Brse ein Stilleben mit dem silbernen
Leuchter, in dessen Schale der Rubin und die beiden Hirschgranen lagen.
    Hinter dem Tisch sa Willy in blauer Soldatenhose und weiem Seidenhemd auf
dem Sofa und hielt seine versptete Mahlzeit.
    Kitty hatte, als sie das Zimmer betrat, einen gelinden Schauder zu
berwinden. Ach du lieber Gott! Willy!
    Na, falle nur nicht in Ohnmacht! meinte der Bruder, ohne seine
Auseinandersetzung mit dem Hirschbraten zu unterbrechen. Fritz wird Ordnung
machen. Komm her und schie los!
    Sie gab ihm Tassilos Brief, und whrend Willy zu lesen begann, beobachtete
sie gespannt sein Gesicht; er schien gerhrt zu sein, und tiefe Bewegung sprach
aus seiner Stimme, als er, den Brief zusammenfaltend, sagte: Unser Tas ist ein
herzensguter Kerl!
    Darf ich lesen? fragte Kitty.
    Verlegen schob Willy den Brief in die Hosentasche. Nein, Maus! Tas hat da
auch von militrischen Angelegenheiten geschrieben. Um ber die Sache
hinwegzugleiten, fragte er, wie Tassilo von der Jagdhtte zurckgekommen wre,
und was die Schwester ber den Krach mit Papa erfahren htte.
    In heiem Eifer erzhlte Kitty von Tassilos Abreise, von jenem Nachmittag,
an dem sie das groe Geheimnis erfahren, und von ihrem Besuch bei Anna
Herwegh. Tas mu wahnsinnig glcklich werden!
    Ich gnn' ihm sein Glck von Herzen. Er hat recht, da er dafr durch dick
und dnn geht. Glck, weit du, das ist eine schne Sache. Besonders, wenn es
das echte ist! Die wahre Blume! Freilich, der arme Kerl wird auch die Dornen
spren. Aus dem Klatsch der Leute braucht er sich wenig zu machen. Aber der
Bruch mit Papa wird ihm wie ein Stein auf der Seele liegen. Willy Griff nach
der Obstschale und knackte eine Krachmandel auf. Papa hat ja gewi seine
Eigenheiten! Aber Kind ist Kind. Und Tas hngt an ihm wie wir alle - Robert
ausgenommen, der sich an Papa nur erinnert, wenn er Ursache hat, ihn zu
schrpfen. Die zweite Mandel krachte. Wenn es einen Menschen gibt, der an dem
Bruch zwischen Tas und Papa seine heimliche Freude hat, so ist es Robert. Aber
wir beide, du und ich, wir wollen ihm einen Strich durch die abscheuliche
Rechnung machen. Wir halten zusammen, Maus!
    Ja! Und fest! Sie klammerte sich an seinen Arm. Das wollen wir sofort
beweisen!
    Was meinst du damit?
    Du hast wohl keine Ahnung, wann Tas und Anna sich trauen lassen?
    Davon hat er keine Silbe geschrieben.
    Ich wei es! flsterte sie mit blassem Gesicht. Er hat es auch vor mir
verheimlicht. Aber es scho mir gleich ein Verdacht durch den Kopf, als ich
erfuhr, da Herr Forbeck so pltzlich abreisen mute.
    Herr Forbeck? Wer ist das?
    Purpurne Rte huschte ber Kittys Wangen. Ich kann dir das nicht so genau
erklren. Aber damit du das Ntigste weit: Herr Forbeck ist ein junger Knstler
aus Mnchen. Sehr begabt! Hat eine glnzende Zukunft! Tas und Forbeck sind
intime Freunde. Und Tas sagte mir, da er ihn gebeten htte, sein Trauzeuge zu
sein. Und als er so pltzlich abreiste -
    Wer? Tas?
    Aber nein doch! Herr Forbeck! Ganz pltzlich! Er hatte sonst keine Ursache,
abzureisen, ganz im Gegenteil! Und da fuhr es mir gleich durch den Kopf, wie
alles zusammenhngt. In meiner Aufregung hab' und heimlich nach Mnchen
telegraphiert.
    An wen?
    An meine Schneiderin. Die kommt hinter alles. Da, lies das Telegramm, das
ich gestern abend von ihr bekommen habe! Kitty zerrte aus ihrem Kleid das
zerknllte Blatt hervor.
    Willy las: bermorgen mittag ein Uhr in der Frauenkirche. Erschrocken
sprang er auf. bermorgen? Aber das ist ja schon morgen!
    Morgen! Ja! Was sagst du! Auch Kitty erhob sich; sie schlang den Arm um
Willys Hals und stammelte: Und das siehst du doch ein, das drfen wir nicht
geschehen lassen, da unser Tas in dieser heiligen Stunde allein steht? Das wre
fr ihn nicht nur ein tiefer Schmerz, auch eine Demtigung vor den Verwandten
seiner Braut!
    Ja, Maus, recht hast du! Das ist eine wahrhaft geniale Idee! Ich reise.
Noch heute nacht. Ich freue mich nrrisch auf das Gesicht, das er machen wird.
Und dir, das versprech' ich, dir schick' ich ein ellenlanges Telegramm.
    Das kannst du dir sparen, erklrte Kitty, ich fahre mit!
    Du? Nein, Maus, das ist Unsinn!
    Ich mu zu ihm, ich mu, ich mu! Wie in Verzweiflung umklammerte Kitty
den Bruder.
    Etwas ratlos streichelte er das Haar und die Wangen der Schwester. Sei
vernnftig, kleine Maus! Das geht nicht. Wenn Papa hinter die Geschichte kommt -
ich vertrage einen Puff, aber du? Nein, Maus! Eine solche Verantwortung darf ich
nicht auf mich nehmen.
    So bernehm' ich sie selbst. Ich verantworte alles. Energisch richtete sie
sich auf und erklrte mit jener Sophistik, wie sie hei erregten Mdchenkpfen
gelufig ist: Ich wei wohl, da ich einen solchen Schritt nicht unternehmen
sollte, ohne Papas Erlaubnis einzuholen. Aber wo ist Papa? In der Htte droben
wie immer, immer, immer! Es ist nicht meine Schuld, wenn ich Papa nicht fragen
kann! Wre er mit dir heruntergekommen - nach fnf Monaten fr seine Hirsche und
Gemsbcke ein einziger Tag fr mich, das ist doch nicht zuviel verlangt -, wre
er gekommen, so wrde ich ehrlich mit ihm gesprochen haben und htte ihm so lang
mit Bitten zugesetzt, bis er ja gesagt htte!
    Belustigt sah Willy die Schwester an, schob die Hnde in die Hosentaschen
und wiegte sich auf den Hacken. Du kannst ja die Kleesberg fragen!
    Bei diesem Einwurf geriet Kitty ein bichen aus der Fassung. La doch die
rmste in Ruh'! Soll ich ihr zu allen Schmerzen noch meine Sorgen aufladen? Auch
will ich sicher gehen. Darum frag' ich nicht! Ich mu nach Mnchen. Willy, ich
mu! Davon bringt mich niemand ab. Ihre Wangen brannten, und ihre Augen
leuchteten. Nimm mich mit! Sieh nur, wie ich bitte!
    Er hatte nicht das Herz, um nein zu sagen. Lachend zog er sie an sich und
kte sie auf das Ohrlppchen. Na also -
    Mit ersticktem Freudenschrei umarmte sie ihn.
    Machen wir in Gottes Namen den fidelen Streich in Kompanie! Papa wird uns
zwar eine bse Suppe auszulffeln geben, ganz besonders gesalzen fr meine
Wenigkeit! Aber wenn er sich rgert, wasch ich meine Hnde in Unschuld. Htte er
sein Versprechen gehalten und wre mit heruntergekommen, statt dem verwnschten
Rehbock nachzulaufen! Die Schuld hat er! Und komm, jetzt wollen wir Kriegsrat
halten.
    Sie setzten sich Arm in Arm auf das Sofa und sprachen flsternd miteinander,
wie zwei Kinder, die eine Weihnachtsberraschung vorbereiten. Sie beschlossen,
den ersten Lokalzug zu bentzen, der frh um sechs Uhr von der Station abging;
da hatten sie Anschlu an den um elf Uhr in Mnchen eintreffenden Zug und
konnten Tassilos Wohnung noch zeitig genug erreichen. Punkt halb fnf Uhr
mssen wir hier verduften! sagte Willy. Ich bleibe die Nacht ber wach, damit
ich nicht verschlafe, und lege mich lieber jetzt ein paar Stunden aufs Ohr.
Gegen Abend kannst du mich wecken. Dann geh ich ins Dorf, bestelle den Wagen und
soupiere beim Seewirt. Ich will eine Begegnung mit Robert vermeiden, und dir
rate ich ebenfalls, dich unsichtbar zu machen. Sag': du hast Kopfweh. Und sperr'
dich in dein Zimmer ein! Da kannst du in aller Ruhe packen. Ich schmuggle dir
meinen Handkoffer hinber. Der wird gengen. Groe Toilette brauchst du nicht zu
machen. Wie ich vermute, werden sich die beiden im Reisekostm trauen lassen.
Ich nehme fr mich gar nichts mit. Lackstiefel und Handschuhe kann ich mir in
Mnchen kaufen. Aber jetzt kommt ein Punkt, ber den ich ratlos bin: das
Hochzeitsgeschenk! Geben mssen wir doch was.
    Ich wei schon, was!
    Na, da bin ich neugierig.
    Kittys Augen blitzten. Mamas Perlenkollier!
    Willy erschrak. Aber Maus! Diese Perlen sind ein Vermgen wert! Papa wird
einen unerhrten Spektakel schlagen.
    Stolz richtete sich das Kpfchen auf. Die Perlen sind mein Eigentum. Und
ich wei sehr gut, was ich tue. Htte Mama diesen Tag erlebt, so htte sie
selbst diese Perlen um Annas Hals gelegt.
    Willy ttschelte ihr die Wange. Maus! Du bist ein famoser Kerl! Tas wird
ber deine Idee vor Wonne zerflieen. Somit wren wir ber alles im reinen!
Mach' nur in der Aufregung keine Dummheiten. Und in der Nacht schlaf tchtig,
damit du am Morgen frisch bist. Punkt vier Uhr klopf ich an deine Tr. Und jetzt
drck' dich, Maus! Ich mchte mich niederlegen.
    Kitty erhob sich. Gib mir die Hand darauf, da alles fest und abgemacht
ist!
    Abgemacht!
    Er reichte ihr die Hand, und Kitty drckte sie mit so feierlichem Ernst, als
glt' es einen Staatsakt von der Bedeutung des Rtlischwures.
    Einige Minuten spter schmuggelte Willy den kleinen Lederkoffer in Kittys
Zimmer; dann kehrte er zurck und warf sich mit der brennenden Zigarre aufs
Bett. Er brauchte nicht lange, um den Schlaf zu finden; aus seinen Fingern fiel
die qualmende Zigarre und brannte ein handgroes Loch in den Teppich.
    Er erwachte nicht, als Kitty gegen sechs Uhr in das Zimmer trat. Um ihn zu
wecken, huschte sie zum Bett. Beim Anblick seines Gesichtes erschrak sie. Die
geschlossenen Lider waren von durchsichtiger Blue, die Zge blutleer und von
welker Zerfallenheit, wie das Gesicht eines Schwerkranken in der Erschpfung
nach heftigem Fieber.
    Willy!
    Der angstvolle Ruf weckte ihn. Hastig fuhr er auf und sah die Schwester mit
hei glnzenden Augen an, als vermchte er seine Sinne nicht vllig zu
ermuntern.
    Bist du krank?
    Ich? Unsinn! Mir ist pudelwohl! Lachend sprang er vom Bett, und da mute
er pltzlich husten, lange und heftig.
    Willy! Was hast du denn? stammelte Kitty und brachte ihm das Glas Wasser,
nach dem er mit einer Geste verlangte.
    Er leerte das Glas und drckte die Hand auf die Brust. Ich mu mich im
Aufwachen berschluckt haben. Na, nun ist es ja wieder vorber. Er stellte das
Glas auf den Tisch und atmete tief.
    Besorgt sah ihm Kitty in das Gesicht, dessen Wangen sich wieder zu rten
begannen. Ist dir auch wirklich wohl? Ganz?
    Vollkommen!
    Gott sei Dank! Ich kann dir nicht sagen, wie ich erschrocken bin.
    Ach geh, du bist komisch! brummte er und schob die Schwester zur Tr
hinaus. Er trat vor den Spiegel und betrachtete sein Gesicht, aufmerksam, mit
einer Art von sentimentalem Ernst. Dann begann er sich fr den Weg zum Seewirt
fertigzumachen und pfiff dazu einen lustigen Marsch.
    So schmuck wie aus dem Ei geschlt, in bester Laune, verlie er das Haus und
schlenderte durch die Allee. Als er sich dem Adlerkfig nherte, sah er dnnen
Staub aus dem Drahtgitter hervorquellen; rings um den Kfig war der Boden mit
kleinen Federn angestreut, und weier Flaum flog berall umher. Mir scheint,
sie haben wieder gerauft miteinander! Whrend er nher trat, sah er fnf von
den Adlern eintrchtig in einem Winkel sitzen, whrend der sechste mit dem Hals
in den verbogenen Drhten einer schadhaften Stelle des Gitters hing; der Vogel
mute sich schon halb zu Tode gezappelt haben; sein Gefieder war zerschlagen und
abgeschunden, und nur noch wenig zuckten die Schwingen und Fnge.
    Moser! Moser! schrie Willy erschrocken.
    Der Alte kam aus der Zwirchkammer herbeigeschossen. Was is, Herr Graf?
    Schnell! Den Schlssel zum Adlerkfig! Einer der Vgel hngt im Gitter!
    Jammernd holte Moser den Schlssel und fand den Adler bereits verendet.
    Dem Alten war das Weinen nah. Der zweite! Was wird der gndig Herr sagen!
Da gnad mir unser lieber Himmelvater! Die Hnde zitterten ihm, und seine
schlotternden Backen waren wei. Ich kann mir gar net frstellen, wie so was
passieren hat knnen! Die Gschicht is mir schon vllig unheimlich! Ds geht
nimmer zu mit rechte Ding! Passen S' auf, Herr Graf, ds mu was bedeuten!
    Sie alter Narr! schalt Willy rgerlich. Ich will Ihnen sagen, was es
bedeutet: da Sie immer andere Dinge im Kopf haben, statt fr die Vgel zu
sorgen, die Ihnen von Papa anvertraut sind wie Kinder einem Vater! Htten Sie
den Kfig berwacht und Ihre Pflicht getan, so ginge nicht einer nach dem andern
zugrunde. Das hat es zu bedeuten!
    Whrend Moser wortlos neben dem verendeten Adler zurckblieb und sich in
Zerknirschung den Kahlkopf kraute, bummelte Willy dem Parktor und der Strae zu.

                                       5


Der Abend war lau und milde - einer von jenen linden Abenden des Hochgebirges,
die man nicht schildern kann, nur genieen. Kein Lufthauch regt sich, kein Blatt
an den Bumen. Die Gerusche des Lebens und die Stimmen der Bche klingen
gedmpft und dennoch klar. Der wolkenlose Himmel ist von mattleuchtender Blue,
ein wenig ins Grnliche spielend. Die Zinnen der Berge haben weies Licht, doch
die sinkenden Wlder sind in blauen Schatten gehllt, aus dem sich die bunten
Farben der welkenden Laubkronen hervorheben, so weich und sanft, da der Blick
unersttlich an diesen zarten Tnen hngt wie an einem zauberhaften Reiz.
    Das Tal mit seinen Grten, Husern und Wiesen liegt von schleierfeinem Duft
berflossen. Halb ist es dnner Nebel, der aus dem See hervorquoll, halb
blulicher Rauch, der aus den Dchern stieg und sich zerteilte in der ruhigen
Luft. Sie atmet sich gut und wrzig - es ist, als wrde das Blut mit jedem
Atemzuge leichter. Es prickelt in allen Nerven. Man wandert, ohne den Krper zu
fhlen, und ein gedankenloses Wohlbehagen, die Freudigkeit eines traumhaften
Genieens berkommt die Sinne.
    In solcher Stimmung schlenderte Willy, der bei dem erste Schritt auf die
Strae die Tragdie des Adlerkfigs schon wieder vergessen hatte, dem Dorf
entgegen.
    Da tauchte an einer Biegung der Strae das feine Lieserl auf. Die Kleine
schien bler Laune zu sein und lie das kokett frisierte Kpfchen hngen. Die
rechte Hand hielt sie in die Hfte gesttzt, mit der linken schlenkerte sie in
mdem Phlegma eine gehenkelte Blechkanne, die erraten lie, da das Lieserl zum
Mooshofer wanderte, von dem die Zaunerin ihre Milch bezog.
    Bei Willys Anblick wurde Lieserl rot. Schmollend verzog sie das Mulchen,
und dem Feind das Feld berlassend, schlug sie sich seitwrts in die Bsche.
    Der zrnende Fluchtversuch schien Willy zu erheitern. Mit ein paar flinken
Sprngen holte er die Ausreierin ein. Na, na, na! Das sieht ja aus, als wre
man beleidigt? Er fate Lieserl um die Hfte. Du niedlicher Kfer! Was hab'
ich dir denn getan?
    Da knnen der Herr Graf noch fragen! stie das Lieserl in einem
Hochdeutsch hervor, dessen gespreizter Wortlaut sich bei dieser zornigen Schrfe
drollig anhrte. Lassen Sie mich aus, Herr Graf! Ich bin keine solchene, die
man das eine Mal abbusseln kann und das andere Mal beleidigen. In Trnen
ausbrechend, lie sie die Blechkanne fallen.
    Aber Lieserl, stotterte Willy erschrocken und gab die Weinende frei.
    Sie machte ein paar taumelnde Schritte, sank auf eine Steinplatte und
schluchzte wie vom Bock gestoen.
    Ein Mdel weinen zu sehen - dazu noch ein so schmuckes Mdel wie das feine
Lieserl - das ging ber Willys Krfte. Er dachte in diesem Augenblick an nichts
anderes, nur an diese Trnen. Es waren so hbsche Trnen! und die Wangen, ber
die sie rollten, waren so rund und frisch! Und der Mund, ber den sie flossen,
so weich und rot. Bei jeder neuen Trne schienen die Lippen noch heier zu
glhen.
    Aber Lieserl! Willy setzte sich auf die Steinplatte und schlang den Arm um
den Hals des Mdels. So hr' doch zu weinen auf! Ich hab' dir doch nichts
zuleid' getan, ganz im Gegenteil! Und wenn ich dich krnkte, ohne da ich es
wute, so will ich es gerne wieder gutmachen!
    Lieserl klagte, ihr Hochdeutsch pltzlich vergessend: Na, Herr Graf, da is
nix mehr gut z'machen! Heut haben S' mich ins Herz troffen. So was tut weh! Sie
wissen ja net, wie gut ich Ihnen gwesen bin!
    Willy quittierte diese kurzgefate Liebeserklrung, indem er das Mdel fest
an seine Brust drckte.
    Lieserl strubte sich nicht, doch allen Ernstes wiederholte sie: Na, ds
wissen S' net! Ich htt mein Leben fr Ihnen hergeben knnen. Die ganzen Tg hab
ich allweil an Ihnen denken mssen und hab mir schier d' Augen ausgschaut auf
die Berg auffi!
    Wirklich? Willys Rhrung wuchs. Du liebes, liebes Kerlchen du!
    Und heut z'Mittag - 's allerschnste Nagerl hab ich abgrissen und hab's
Ihnen zugworfen. Und Sie - Lieserls Trnen kamen wieder ins Rollen. Ds arme
Nagerl haben S' mit 'm Fu davongstssen, als tt Ihnen grausen vor dem Blmerl
und - vor mir!
    Aber Schatz! Willy kte das Lieserl auf die von Trnen nassen Lippen.
Wie kannst du nur auf den Einfall kommen, da ich die Nelke mit dem Fu
fortgestoen htte? Ein unglcklicher Zufall. Wie ich die Blume haschen wollte,
bin ich gestolpert. Er herzte die Weinende, recht wie ein Verliebter, der in
Wrme kommt. Geh, du Nrrlein! Welche Ursache knnt' ich denn haben, um dich zu
krnken? Ich hab' dich ja lieb und - Er kte und kte.
    Lieserl strubte sich nicht, sondern schmiegte sich immer enger in Willys
Arme. Dabei weinte sie immerzu, als wre der Zustand dieser flieenden Kmmernis
fr sie ein Behagen.
    Ich bitt dich, Schatz, hr' doch zu weinen auf! Ich kann das nicht sehen!
Wenn ich nur wte, wie ich dich beruhigen knnte! Da fiel ihm der Rubin ein,
den er beim Verlassen seines Zimmers mit den beiden Hirschgranen in die
Hosentasche geschoben hatte. Schatz! Ich hab' was fr dich! Hurtig holte er
den Stein hervor und hielt ihn vor Lieserls Augen; trotz der sinkenden Dmmerung
glhte der Rubin, als wre in seinem Innern ein Funke roten Sonnenlichtes
eingeschlossen.
    Nimm, Lieserl! Den Stein schenk' ich dir. Und wenn du willst, la ich ihn
fr dich zu einer Nadel fassen oder in einen Ring. Aber hr' zu weinen auf!
    Halb erschrocken, halb gierig starrte Lieserl das funkelnde Kleinod an. Und
als ihr Willy den Rubin in die Hand drckte, schlo sie ber dem Stein die
Finger zu einer Faust und guckte zweifelnd zu Willy auf, als knnte sie noch
immer nicht an die Wahrheit dieses Geschenkes glauben.
    Na also? Bekomm ich keinen Dank? Der Stein ist mehr wert, als dein Vater in
einem ganzen Jahr verdient.
    Mit dem Rubin in der krampfhaft geschlossenen Faust warf Lieserl die Arme um
Willys Hals und kte ihn, da ihm der Atem verging.
    Linde Klnge gaukelten durch den Wald - im Dorfe lutete man den Abendsegen.
    Mar' und Joseph! stotterte das Mdel. Betluten! Jetzt hab ich mich schn
versumt! Sie streifte Willy mit einem Funkelblick ihrer schwarzen Augen, und
die Faust mit dem Rubin in die Tasche ihres Rckleins grabend, raffte sie mit
der anderen Hand die Blechkanne von der Erde und wollte Reiaus nehmen. Willy
haschte die Fliehende, ri sie wie ein Berauschter an seine Brust, bedeckte ihr
Gesicht mit Kssen und flsterte: Ich komm an dein Fenster!
    Mit Wangen so rot wie blhender Mohn duckte Lieserl das Gesicht. Aber!
Warten S', Sie Schlimmer Sie! Kichernd wand sie sich aus seinen Armen und
huschte davon.
    Mit dem Hochgefhl eines Siegers nach heier Entscheidungsschlacht sah Willy
dem Mdel nach. Doch als das flatternde Rckl hinter den Buchenstauden
verschwand, schien ein Gefhl in ihm zu erwachen, das mit einem moralischen
Katzenjammer eine unleugbare hnlichkeit besa. Natrlich, murrte er vor sich
hin und schob die Mtze in den Nacken, da wre mein heier Schimmel glcklich
wieder mit meinen guten Vorstzen durchgegangen! Eine Weile berlegte er. Na
also! Den letzten Unsinn noch, und dann Schlu!
    Wie sehr sich auf dem Wege bis zum Seehof seine Stimmung noch zum Besseren
wandelte, verriet das Wort, mit dem er auf der laut belebten Terrasse die
Kellnerin begrte: Flink, Mdel! Eine Flasche Monopol ins Eis! Dann reden wir
weiter!
    In rosiger Laune nahm er das ausgiebige Souper - Seelachs, Paprikahuhn und
Omelette mit Pilzen -, steckte die Zigarre in Brand und vertiefte sich in die
Sektpulle. Trumend blies er die Rauchringe vor sich hin, schmachtete die
funkelnden Sterne an oder blickte unter lyrischen Regungen auf den stillen See
hinaus. In immer krzeren Zwischenrumen leerte er den schlanken Kelch, fllte
ihn wieder und stie die Flasche zurck in den rasselnden Eiskbel.
    Dieses Gerusch weckte die Aufmerksamkeit der Gste, und wenn sie nach dem
stillvergngten Zecher blickten, redete das Wohlgefallen aus ihren Augen. Die
schmucke, schlanke Jnglingsgestalt in der knappen Uniform, das hbsche,
liebenswrdige, von Wein und Trumen erwrmte Gesicht, diese lchelnde
Verlorenheit und dieses glckselige, um keine Umgebung sich bekmmernde Behagen
- das sah sich an wie ein Urbild gesunder und froher Lebenskraft, die sich
sorglos einem Stndlein irdischen Genusses ergibt und ein leuchtendes Luftschlo
in die Wolken baut.
    Glckliche Jugend! flsterte ein bejahrter Herr, der den Heimweg antrat
und trotz des lauen Abends den berrock bis zum Hals zuknpfte.
    Die Terrasse leerte sich immer mehr; immer stiller und trumerischer wurde
die schne Nacht.
    In der Schifferschwemme waren die Klnge der Ziehharmonika verstummt. Als
vorletzter Gast verlie der alte Mooshofer das Wirtshaus. Er hatte schwer
geladen. So breit die Strae war, sie wre ihm fast zu schmal geworden. Hufig
geriet er bis an den Rand der Schlucht, in deren Tiefe der Seebach rauschte;
doch es erwies sich an ihm die Wahrheit des Sprichwortes, da Kinder und
Betrunkene einen starken Schutzengel haben; oft galt es nur einen letzten
Schritt, und der Mooshofer wre nie wieder aus seinem Rausch erwacht; aber immer
im rechten Augenblick schwankte das Gesicht seines taumelnden Krpers wieder
einwrts gegen die Strae. Vor Meister Zauners Garten tat er einen Plumps in den
ungefhrlichen Straengraben, richtete sich brummend auf und torkelte weiter.
    An dem einsamen Haus waren zwei Fenster noch erleuchtet: in Lieserls
Kmmerchen brannte eine Kerze vor dem Spiegel und in der ebenerdigen Wohnstube
die Hngelampe ber dem Tisch. Hier sa die Zaunerin auf der Ofenbank, whrend
der Meister beim Fenster stand, mit den Fusten hinter dem Rcken. Den roten
Gesichtern der beiden war es anzumerken, da sie einen heien Kampf miteinander
ausgefochten hatten.
    Nun schwiegen sie. Der Waffenstillstand whrte nicht lange. Energisch wandte
sich der Meister zu seinem Weib und drohte mit dem Finger. Von heut an steck
ich andere Kerzen auf. Und wenn ich dahinterkomm, da du als Mutter dei' Pflicht
und Schuldigkeit net tust - da kracht's aber ordentlich!
    Jetzt la mir endlich mei' Ruh! So an Spitakl machen! Wegen nix und wieder
nix!
    So? Meinst, ich kenn unser Lieserl net? Den ganzen Abend hab ich's gmerkt,
da mit dem Madl was los is. Sie hat was im Sinn. Und nix Guts net! Aber ich tu
mei' Pflicht als Vater, ich halt meine Augen offen.
    Meintwegen! murrte die Zaunerin, trat auf den Tisch zu und blies die Lampe
aus; ein Gewaltstreich, der den Meister Zauner sprachlos machte. Auf einem Umweg
tastete sich die Zaunerin in den Flur und stieg ber die finstere Treppe hinauf.
Sie wollte noch zu einem kleinen Plausch in die Kammer ihrer Tochter treten. Die
Tr war von innen versperrt.
    Lieserl?
    Ja, Mutter? klang es in der Kammer.
    Geh, mach auf!
    Ich lieg schon. Gut Nacht!
    Gut Nacht, Schatzerl! La dir was Guts trumen! Mit diesem Segenswunsch
wollte die Zaunerin ihre Schlafstube aufsuchen; aber da gewahrte sie den
Lichtschein, der durch die Ritzen der Tr quoll, und wurde neugierig. Sie guckte
durch das Schlsselloch und sah, da ihr feines Lieserl vor dem Spiegel sa und
sich frisierte, als ging es zur Kirche oder zum Tanz. Schmunzelnd richtete sich
die Meisterin auf, schlich auf den Zehen in ihre Stube, und whrend sie ihren
grauen Schopf der Schlafhaube anvertraute, monologisierte sie im stillen:
Schau, jetzt hat er am End doch recht? Sie mu was im Kpfl haben! No also, in
Gotts Namen! Warum soll man ihr an unschuldigs Spassetterl net vergnnen? 's
Madl is gscheit, 's Madl wird schon wissen, was verlaubt is und was net! Man is
ja nur einmal jung! Sie lie sich in die Federn fallen, streckte sich, legte
die Hnde auf die Bettdecke und ghnte. Es whrte nicht lange, und die Zaunerin
schnarchte.
    Drunten ging der Meister noch berall im Haus umher, versperrte die
Kchentr, die Zimmertr und zuletzt das Haustor; alle Schlssel zog er ab und
schob sie in die Tasche. So, brummte er, als er an Lieserls Kammer vorberkam,
jetzt flieg aus, du Stieglitz, du leichtsinniger! Heut hab ich den Kfig
versichert!
    Er trat in die Schlafstube, ffnete das in den Garten fhrende Fenster und
suchte sein Bett, ohne da die Meisterin erwachte. Mit offenen Augen lag er
neben dem schnarchenden Weib, wlzte seine Vatersorgen, berlegte, wie er sein
narrisches Lieserl auf verstandsame Wege bringen knnte, und sann auf ein
Mittel, durch das sich der Eigensinn seiner Tochter brechen lie und ihr Herz
fr den braven Pointner-Andres zu gewinnen wre.
    Die Turmglocke hatte schon Mitternacht geschlagen, als auch bei Meister
Zauner das Bedrfnis nach Schlaf sich fhlbar machte. Da hrte er drunten vor
dem Haus ein sachtes Gerusch. Lauschend richtete er sich auf und vernahm ein
leises Klirren, als wre ein Steinchen gegen eine Fensterscheibe geflogen.
    Richtig! Da kommt er schon! Aber wart, dem will ich heimleuchten!
    Er konnte sich mit dem Ankleiden Zeit lassen, weil er wohlweislich dafr
gesorgt hatte, da Lieserls Absicht, fr einen heimlichen Plausch zur Hausbank
hinunterzuschleichen, auf Hindernisse stoen wrde. Eben wollte er in die Joppe
schlpfen, als es merklich an der Mauer raschelte. Da hrt sich doch alles auf!
Jetzt kraxelt er gar am Spalier in d' Hh! Der Zauner sprang zum Fenster.
Drauen an der Mauer lie sich ein Brechen von sten und Staketen hren, ein
erstickter Schrei, der dumpfe Aufschlag eines schweren Krpers. Der Zauner
berhrte diesen Lrm, denn in kochendem rger hatte er zu schelten begonnen:
Was is denn ds da drauen in der Nacht? Himmel Kreuz Teufel! So was mcht ich
mir verbitten! Er fuhr mit dem Kopf zum Fenster hinaus. Der Garten lag still
und dunkel unter ihm. Kein Gerusch in den Bschen, auf der Strae kein
enteilender Schritt, kein Laut an Lieserls finsterem Fenster.
    Teufel! Is er am End gar schon herin im Haus? Der Meister machte Licht.
    Die Zaunerin ri die verschlafenen Augen auf. Was is denn? Um Gotts willen!
Was is denn schon wieder?
    Du red nur gar nix, du mit deiner saubern Tochter! Aber wart, jetzt komm
ich ihr mit der Richtung! Die flackernde Kerze in der Hand, eilte der Zauner
auf die Treppe hinaus und rttelte an Lieserls verschlossener Kammertr. Wird
aufgmacht oder net? Drinnen kein Laut. Aufgmacht, sag ich, oder ich mach mir
selber auf! Er wartete den Erfolg dieser Drohung nicht ab, sondern warf sich
mit dem ganzen Gewicht seines Krpers gegen die Tr. Die Bretter krachten, und
der Riegel sprang. Auf der gewaltsam erffneten Schwelle stand der Zauner mit
erhobener Kerze und leuchtete in die Kammer.
    Lieserl war allein. In ihrem besten Gewand und kokett frisiert, lehnte sie
neben dem offenen Fenster an der Mauer, mit leichenblassem Gesicht, wie gelhmt
an allen Gliedern.
    Du gottvergessens Madl du! So wollte der Zauner seine Moralpredigt
beginnen.
    Da wankte ihm das Mdel verstrt entgegen. An Unglck, Vater! An Unglck!
    Ja freilich! Du! An Unglck bist fr Vater und Mutter! Der scheltende Flu
seiner Worte stockte pltzlich; er schien zu erkennen, da aus dem entsetzten
Gesicht seiner Tochter noch etwas Schlimmeres redete als nur die Angst eines auf
Heimlichkeiten ertappten Mdels.
    Vater! Vater! Unser guter, lieber Herr Graf -
    Graf? Was Graf? stotterte Meister Zauner.
    Der junge Herr Graf! Ans Fenster is er kommen - ich kann nix dafr, ich hab
ihm halt gfallen! Und wie er am Fenster war - Die Stimme des Mdels versagte
fast. Ich wei net, was er ghabt hat - gahlings hat er husten mssen, und 's
Kpfl is ihm auf d' Seiten gfallen, als tt ihm schwindlig sein. Mit alle zwei
Arm hab ich griffen nach ihm, aber ich hab ihn nimmer halten knnen. Vater!
Jesus Maria, Vater! Ich frcht, es is ihm was gschehen.
    Der Zauner hatte keinen Tropfen Blut mehr im Gesicht und starrte die Tochter
an wie ein Gespenst. Alle vterliche Entrstung war untergegangen in namenlosem
Entsetzen. Mar' und Joseph! Wenn da was gschehen is! Bei mir! Wenn ds der
gndig Herr erfahrt! Die Knie wurden ihm schwach; er schob den Leuchter auf das
Spiegeltischchen, wankte zum Fenster, beugte sich hinaus und rief mit gepreter
Stimme in den Garten hinunter: Herr Graf? Herr Graf? - Ich bitt, so geben S'
doch an! - Is Ihnen was? Herr Graf? - Herr Graf?
    Im Garten kein Laut.
    Halb angekleidet erschien die Zaunerin und sah das Mdel in Angst und
Zittern auf einem Schemel kauern. Kindl? Hat dir der Vater was tan? kreischte
die Meisterin. Sie eilte auf ihr Lieserl zu, und da schrie sie pltzlich auf,
als htte man ihr einen Dolch ins Herz gestoen. Jesus Maria! So a Rabenvater,
der die eigene Tochter blutig schlagt! Wegen nix und wieder nix!
    Blutig? stammelte Lieserl; ein Schauer rttelte ihre Schultern, als sie an
ihrer Brust und am rechten Arm die groen roten Flecken gewahrte.
    Am Fenster tat der Meister einen erstickten Schreckensruf. Alle Heiligen im
Himmel! Da drunten liegt er und tut kein Rhrer nimmer! Wie ein Wahnsinniger
packte er den Leuchter und strzte zur Kammer hinaus.
    Nun dmmerte auch in der Zaunerin die Ahnung auf, da alles sich anders
verhalten mte, als sie in ihrer blinden Mutterangst vermutet hatte. Wohl
brachte Lieserl nur ein paar abgerissene Worte heraus, aber sie sagten genug, um
die Zaunerin in Verzweiflung zu versetzen. Jesus, o Jesus! Mein Lieserl htt
Grfin werden knnen! Und so an Unglck mu dazwischenfahren! O du lieber
Herrgott! Lieserl, komm! Vielleicht is ihm net viel passiert! Der liebe, gute,
se Mensch! Wr ds a Glck! Wr ds a Glck! Mit beiden Hnden zog sie das
zitternde Mdel zur Kammer hinaus und ber die Treppe hinunter, auf deren
letzter Stufe die Kerze flackerte, die der Zauner zurckgelassen hatte, als er
die Haustr aufri.
    Jammernd nahm die Meisterin den Leuchter. Als sie in die Nacht hinaustreten
wollte, kam ihr der Zauner schon entgegen, wankend unter der Last, die er auf
seinen Armen trug. Lieserl taumelte gegen die Mauer, als wrde ihr bel, und die
Mutter erhob ein Wehgeschrei, als htte sie um den eigenen Sohn zu klagen.
    Sei still, Weib! keuchte der Meister. Da uns kein Mensch net hrt! Es
mu verheimlicht werden, dem gndigen Herrn Grafen z'lieb! Schwer atmend sah er
das kalkweie Gesicht an, das an seiner Schulter lag. Es wird doch um Gotts
willen so weit net fehlen! Er trat in den Flur. Weib! Zieh mir den Schlssel
aus'm Sack und sperr die Stubentr auf.
    Die Zaunerin ffnete in wortloser Hast die Tr, sprang in Lieserls Kammer
hinauf und brachte zwei geblumte Kissen; dann hielt sie betend und weinend den
Leuchter, whrend der Meister den regungslosen Krper, von dem die Glieder
kraftlos niederhingen, auf das Sofa bettete. Lieserl drckte sich in den Winkel,
den der Geschirrkasten mit der Mauer bildete; sie hatte die zitternden Finger am
Mund und blickte verstrt nach dem blassen Gesicht, das halb in die Kissen
versunken war. Willy war nicht entstellt, nur bleich; doch die Lippen, auf denen
ein mattes, gutmtiges Lcheln wie erstarrt erschien, waren rot; und rote
Tropfen hingen am Kinn. Er atmete mit Anstrengung, in kurzen Sten, von denen
jeder sich anhrte wie ein Seufzer. Die Augen standen offen; sie hatten
fieberhaften Glanz, ihr Blick war ins Leere gerichtet.
    Meister Zauner, der vor dem Sofa kniete, schob den Arm unter die Kissen.
Herr Graf! Lieber, guter Herr Graf! Wo haben S' denn Schmerzen?
    Willy schien zu hren, zu verstehen. Ein Zittern lief ihm ber die Arme, und
wie ein leiser Hauch klangen die Worte: Bitte - meiner Schwester - sagen lassen
- Die Lider fielen ihm halb ber die Augen, und von den Mundwinkeln sickerten
zwei dnne, rote Fden ber den Hals.
    Lieserl! Den Doktor! stammelte Meister Zauner.
    Das Mdel fuhr mit der Hand in den Weihbrunnkessel, besprengte das Gesicht
und strzte davon. Auf der finsteren Strae brach sie in Schluchzen aus und
rannte, da ihr der Atem verging.

                                       6


ber dem Park von Schlo Hubertus schlummerte die schne Nacht. Im Adlerkfig
herrschte friedliche Stille. Auch die Fontne schien entschlafen und plauderte
nur leise, wie im Traum.
    Ohne Lichtschein lag das Haus inmitten der schweigsamen Finsternis. Unter
seinem Dache fanden in dieser Nacht zwei Augen keinen Schlaf, und in heier
Erwartung pochte ein junges Herz dem Morgen entgegen.
    Als es drei Uhr schlug, erhob sich Kitty lautlos, um sich fr die Reise
anzukleiden. Der gepackte Koffer stand schon seit dem Abend neben der Tr. Auf
dem Tische, fr den ersten suchenden Blick berechnet, lag ein Brief an Gundi
Kleesberg. Nach einem halben Stndchen war Kitty reisefertig. Sie lschte das
Licht und setzte sich in Hut und Mantel an das offene Fenster. Die dreiig
Minuten fieberhaften Wartens wurden ihr lnger, als ihr die ganze Nacht
erschienen war. Endlich klangen die vier ersehnten Schlge. Kitty huschte zur
Tr. Mit jedem Augenblick hoffte sie Willys leisen Schritt zu hren. Minute um
Minute verrann, und drauen im Korridor blieb alles still. Er hat verschlafen!
Sie schlich in das Zimmer des Bruders. Willy! rief sie leise in den dunklen
Raum. Kein Laut. Sie tastete sich zum Bett, um den Siebenschlfer aufzurtteln.
Ihre Hnde griffen in leere Kissen. Erschrocken machte sie Licht. Das Zimmer war
leer. Eine dunkle Angst umklammerte ihr das Herz. Dann fiel ihr ein, wie
energisch Willy sich am vergangenen Abend ihrem Plan zuerst widersetzt hatte.
Und nun mute sie denken, da sein Versprechen nur eine Ausflucht war: er wollte
die Schwester beruhigen, um ungestrt seine Absicht auszufhren und noch in der
Nacht die Reise nach Mnchen anzutreten - allein!
    Kitty stand eine Weile ratlos. Dann nickte sie entschlossen vor sich hin und
lschte das Licht. Mit lautloser Hast kehrte sie in ihr Zimmer zurck und griff
nach dem kleinen Lederkoffer, an dem sie so schwer zu tragen hatte, da ihre
Krfte schon versagen wollten, noch ehe sie die Ulmenallee erreichte.
    Der Morgen begann zu dmmern, und leise zwitscherten die Meisen und Finken.
Auch im Adlerkfig war es schon lebendig; emsig putzten die fnf Raubvgel ihr
Gefieder. Als Kitty, mhsam atmend unter der Last des Koffers, an dem Kfig
vorberkam, streckten die Adler ihre Hlse.
    Ein Zufall fhrte auf der Strae einen Holzknecht vorber, der seiner Arbeit
nachging. Auf Kittys Bitte trug er den Koffer bis zum Mooshof. Hier mute sie
lange an die Fenster pochen. Endlich erschien der Mooshofer, der sein Ruschlein
erst zur Hlfte ausgeschlafen hatte. Ein Schimmel wurde vor das Bernerwgelchen
gespannt, und whrend Kitty zum Sitzbrett hinaufkletterte, tnte von den Bergen
herab, aus weiter Ferne, der verwehte Hall eines Schusses. Kitty berhrte den
rollenden Laut, ihre Aufmerksamkeit war mit dem Schimmel beschftigt, der einen
zweifelhaften Trab entwickelte. Im Verlaufe der Fahrt hatte sie Mhe, den
Mooshofer, dem immer wieder die Augen zufielen, munter zu erhalten. Schlielich
nahm sie selbst die Zgel und schwang die Peitsche. Aber der Schimmel hatte eine
geduldige Haut und lie sich in seiner Gemtsruhe nicht stren.
    Die Station war kaum in Sicht, da hrte man schon die Lokomotive zum
Abschied pfeifen.
    Vier Stunden bis zum nchsten Zug! Und seine Ankunft in Mnchen: drei Uhr
nachmittags! In Verzweiflung debattierte Kitty mit dem Stationsvorstand, dessen
von strengen Vorschriften umpanzertes Herz sich endlich erweichte. Auf einer
Draisine lie er Kitty bis zur Kreuzungsstation der Hauptbahn befrdern, damit
sie einen Zug erreichen konnte, der kurz vor ein Uhr in Mnchen eintreffen
mute.
    Die Sache glckte. Kitty nahm ein Kupee erster Klasse fr sich allein und
lie die Tr versperren. Der Kondukteur machte groe Augen, als er in Mnchen
das Kupee wieder aufschlo und an Stelle des staubgrauen Falter, der zwei
Stunden frher hier untergeschlpft war, einen weien Schmetterling ausfliegen
sah.
    Kittys Erscheinen erregte Aufsehen. Im Sturmschritt eilte sie zum Ausgang
und rief nach einer Droschke. Zur Frauenkirche! Schnell! Sie sprang in den
Wagen und fiel erschpft in die Kissen. Zwanzig Minuten nach ein Uhr! jammerte
sie und trommelte an das vordere Fenster des Wagens. Schneller! Schneller!
    Nun kam die letzte Huserecke, und in der Tiefe einer schmalen, zum Domplatz
fhrenden Gasse tauchten die altersgrauen, gewaltigen Trme der Frauenkirche
auf. Endlich! stammelte Kitty und nahm fr den Kutscher ein Geldstck aus der
Brse. Die Ungeduld kam ihr in die Fe, und in dem schaukelnden Wagen von einer
Wand an die andere taumelnd, streckte sie bald rechts, bald links das Kpfchen
zum Fenster hinaus. Nun lenkte die Droschke auf den Domplatz ein, und kaum hatte
Kitty einen Blick nach dem Portal der Kirche geworfen, da erschrak sie, da ihr
das Blut aus den Wangen wich.
    Die Trauung mute schon vorber sein. Eine Reihe von drei Kutschen fuhr in
raschem Trab gegen die innere Stadt. Ein letzter Wagen hielt noch vor dem Dom,
und neben dem offenen Wagenschlag standen zwei Herren, die sich mit einem
Hndedruck voneinander verabschiedeten. Der ltere verschwand um die Ecke der
Kirche - Professor Werner. Der jngere gab dem Kutscher eine Weisung. Da hrte
er seinen Namen rufen und zuckte beim Klang dieser Stimme zusammen. Herr
Forbeck! Als er sich wandte, sah er Kitty aus der Droschke springen. Von den
Falten des weien Kreppkleides umflattert, die weiten rmel des duftigen
Schwanenpelzes aufgeblht gleich einem schimmernden Flgelpaar, so kam sie auf
ihn zugelaufen und streckte die Hnde.
    Das Wort erstarb ihm, doch seine Augen hingen an ihr, leuchtend, mit
trinkendem Blick.
    Kitty fand zuerst die Sprache. Gott sei Dank! Das klang so freudig, als
wre alle Erregung, Unruhe und Erschpfung von ihr gewichen.
    Komtesse Kitty! stammelte er. Und allein? Wie kommen Sie nach Mnchen?
    Das knnen Sie fragen? Und stehen vor mir in Frack und weier Binde!
Glauben Sie denn, ich htt' es ber mich gebracht, meinen Tas heut ohne die
Schwester zu lassen?
    Aber die Trauung ist schon vorber!
    Das merk' ich! Und krnke mich namenlos! Es zuckte bei dieser Beteuerung
um den rosigen Mund, aber der Glanz der Augen harmonierte nicht mit dem
klagenden Stoseufzer. Wohin sind die anderen Wagen gefahren?
    Die anderen? Zu Frau Herwegh.
    Kommen Sie! Schnell! Ich fahre mit Ihnen! Sie eilte auf den geschlossenen
Wagen zu, der einsam vor dem Portal der Kirche zurckgeblieben war. Forbeck
zgerte, aber Kitty drngte: Schnell! Nur schnell! Im Wagen zog sie die Falten
ihres Kleides an sich und rckte in die Ecke, um Platz fr ihn zu machen.
Schaukelnd rollte die Kutsche ber das Pflaster. Erzhlen Sie! Wie war es in
der Kirche?
    Eine stille, kurze Feier, schn und ergreifend! Wir zehn Menschen, ganz
allein in dem gewaltigen, ernsten Bau! Es war wie ein heiliges Geheimnis. Ich
hatte ein Gefhl, als she ich vor meinen Augen ein Wunder werden.
    Ein Wunder?
    Gibt es ein Wunder, das schner wre als das Glck zweier Menschen, die von
der Natur freinander geschaffen wurden wie das Licht fr den Tag? Sie htten
das sehen mssen: wie sie die Ringe tauschten und die Hnde verschlangen, als
wollten sie sich nimmer, nimmer lassen. Zwei Menschen, die eins geworden fr das
Leben!
    Wie schn! Kittys Augen trumten ins Leere, und ein sehnschtiges Lcheln
spielte um den halb geffneten Mund. Und das hab' ich versumen mssen! Aber
nun bin ich da! Wie ich mich freue auf Tas und Anna! Ich will mich satt sehen an
ihrem Glck!
    Sie hoffen Ihren Bruder noch hier zu finden? stammelte Forbeck
erschrocken. Sie wissen nicht -
    Was?
    Das junge Paar ist von der Trauung zur Bahn gefahren.
    In Entsetzen schlug Kitty die Hnde zusammen.
    Sie reisen an den Rhein und fahren heute bis Stuttgart, mit dem Zug um zwei
Uhr zehn. Als Forbeck die ratlose Bestrzung sah, die aus Kittys Augen redete,
zerrte er die Uhr hervor. Es wre mglich - Er ri das Fenster auf und schrie:
Zum Bahnhof! Schnell! Nur schnell!
    Whrend der jhen Schwenkung, die der Wagen machte, jammerte Kitty: Wir
mssen zurechtkommen! Ich kann doch diese Reise nicht gemacht und Papas Unwetter
ber mich heraufbeschworen haben, ohne Tas und Anna zu sehen!
    Bitte, Komtesse, beruhigen Sie sich! trstete Forbeck, mit der Uhr in der
Hand. Wir haben noch zwanzig Minuten Zeit! Er ffnete die Kupeetr; den einen
Fu im Wagen, den anderen auf dem Trittbrett, debattierte er mit dem Kutscher.
Ein knallender Peitschenschlag, die Pferde fielen in Galopp.
    Gott sei Dank! stammelte Kitty. Und wer hat Tas und Anna zur Bahn
begleitet? Willy? Oder sind sie allein gefahren?
    Allein.
    Und Willy? Wo ist Willy?
    Forbeck verstand die Frage nicht.
    Willy! Mein Bruder Willy! Sie mssen ihn doch heute kennengelernt haben!
Bei der Trauung!
    Nein, Komtesse! Ihr Herr Bruder war bei der Trauung nicht zugegen.
    Kitty erschrak, da ihre Wangen sich verfrbten. Das ist doch ganz
unmglich! Er ist doch eigens hergefahren, damit Tas am heutigen Tag nicht
allein wre! In jagenden Worten erzhlte sie von der Verabredung, die sie mit
Willy getroffen hatte, von seinem vermeintlichen Wortbruch, von ihrer Vermutung,
da er in der Nacht gefahren wre, allein, um ihr den Unwillen des Vaters zu
ersparen. Und nun ist er nicht hier! Und nicht daheim! Wie soll ich denn das
begreifen?
    Forbeck suchte sie zu beruhigen; dabei empfand er eine Sorge, die ihm die
Worte durcheinanderwirrte. Das bemerkte Kitty, und nun begann sie selbst nach
einer Mglichkeit zu suchen, die Willys Abwesenheit erklren konnte. Vielleicht
hatte er in der Eile einen falschen Zug bestiegen und die Versumnis nicht
wieder einholen knnen? Da machen wir uns das Herz schwer, sagte sie, und
mein Bruder Leichtfu sitzt, der Himmel mag wissen, wo, und ist kreuzfidel! Wenn
ich wieder daheim bin, wird sich alles aufklren! Wir beide wollen miteinander
noch lachen ber die Sorge, die wir uns gemacht haben. Wann kommen Sie wieder
nach Hubertus? Ihr Bild drfen Sie nicht warten lassen. Nun haben Sie meinen
Bruder Tas den Freundschaftsdienst geleistet, um den er Sie gebeten hat, nun
sind Sie wieder Herr Ihrer Zeit. Wann kommen Sie?
    Erschrocken sah Forbeck zu ihr auf; er schien sprechen zu wollen und brachte
keinen Laut heraus. Jedes Wort war auch berflssig; die ratlose Pein, die ihm
das Herz bedrckte, redete deutlich aus seinen Augen.
    Kitty wurde von einem ihr ganzes Wesen verstrenden Schreck befallen. Herr
Forbeck? stammelte sie. Warum geben Sie mir keine Antwort? Sie sind doch nur
gegangen, weil Tas sie darum gebeten hat? Sie wurde heftig. So sagen Sie doch
ja! Oder ich wei wahrhaftig nicht mehr, was ich denken soll.
    Er versuchte zu lcheln, wollte sich zu einer Ausflucht zwingen und konnte
nicht lgen. Durch Kittys angstvollen Blick um den letzten Rest seiner Fassung
gebracht, schlug er die Hnde vor das Gesicht.
    Bestrzt, an allen Gliedern zitternd, sa sie in der Ecke des schaukelnden
Wagens.
    Sie hatte verstanden.
    Der Wagen machte eine jhe Kurve und hielt. Lachend ffnete der Kutscher den
Schlag. So bin ich schon lang nimmer gfahren. Drei Schandarm haben mich
aufgschrieben!
    Die beiden im Wagen erwachten, als htte eine derbe Faust sie aufgerttelt.
Forbeck stammelte: Noch fnf Minuten. Wir mssen den Zug noch im Bahnhof
finden! Er sprang aus dem Wagen und reichte Kitty die Hand. Dankend nickte sie,
stieg aus und eilte ber die Stufen des Portals hinauf. Als sie die riesige, von
Menschen, von Geschrei und rollendem Gets belebte Bahnhalle betrat, blieb sie
stehen und sah zu Forbeck auf; ihre Wangen glhten, doch keine Spur von
Verwirrung oder Scheu war an ihr zu bemerken. Nicht wahr, sagte sie mit
strengem Ernst, zu Tas und Anna kein Wort wegen Willy! Das ist nicht die
Stunde, um ihnen Sorge zu machen. Was mich betrifft, da mu ich eben lgen, wenn
ich Tas nicht die Freude verderben will. Und Ihnen mu ich Mhe verursachen,
Herr Forbeck! Bitte, sehen Sie auf dem Fahrplan nach, welchen Zug ich zur
Heimfahrt bentzen knnte. Bitte - genau! Ich bin keine Freundin von Irrtmern.
    Ohne seine Antwort abzuwarten, huschte sie davon; ein Schaffner fhrte sie
zu dem Gleis, auf dem der Kurierzug stand. In einem schon geschlossenen Wagen
erster Klasse gewahrte sie den Bruder. Tas! Lieber Tas! Sie ri die Kupeetr
auf und sprang in den Wagen.
    Ehe Tassilo ein Wort fand, hing sie schon an seinem Hals unter Kssen und
sprudelnden Glckwnschen. Und sie gab den Bruder nur frei, um diese strmische
Zrtlichkeit bei Anna zu wiederholen.
    Kind! Kind! stammelte Tassilo. Was hast du da fr einen Streich gemacht!
    Kitty fuhr sich mit der Hand ber die Augen. Streich? Na also, in Gottes
Namen! Aber du, Anna? Nicht wahr? Du freust dich mit mir?
    Die junge Frau umschlang das Mdchen. Im stillen hab' ich es gehofft. Nun
hast du es wahr gemacht. Ich danke dir!
    Tassilo, dem ein froher Strahl aus den Augen glnzte, nahm das Kpfchen der
Schwester zwischen die Hnde. Kleiner Spatz, du bist ein lieber, lieber Kerl!
Aber das httest du nicht tun sollen! Ich kann mir doch unmglich denken, da
Papa -
    Ob er wei? Natrlich nicht! Sonst s' ich hinter Schlo und Riegel. Aber
mach' dir keine Sorge! Mit Papa komm ich schon wieder auf gleich.
    Mit wem bist du denn gereist? Doch nicht allein?
    Gott bewahre! Tante Gundi war natrlich einverstanden. Sie hat mir die
Beschlieerin mitgegeben.
    Wo ist sie?
    Mit gut gespieltem Erstaunen guckte Kitty zur Kupeetr hinaus. Wei der
Himmel, wo sie herumwimmelt! Ich bin natrlich wie ein Windhund vorausgerannt,
und die Alte hat langsame Beine. Um ber das bedenkliche Thema wegzukommen,
warf sie sich wieder an Annas Hals. Wie schn du bist! Ich kann mich nicht satt
sehen an dir! Und wie ich mich freue an eurem Glck! Das ist ein Tag fr mich -
Wie in seliger Trunkenheit prete sie die Hnde auf die Brust. In mir ist alles
aus den Fugen gegangen! Das ist so schn, so gro - es hat nimmer Platz in mir!
Ich mchte schreien, grad' hinausschreien! Da fhlte sie die Perlen unter ihren
Fingern. Allmchtiger! Jetzt htt ich fast vergessen - Mit zitternden Hnden
lste sie die Schnur. Nimm, Anna! Das hab' ich dir mitgebracht. Mein Bestes!
Diese Perlen hat meine Mutter getragen. Nimm, Anna! Das gibt dir meine Mutter.
Das wird dir Glck bringen. Dir und meinem Tas!
    Da wurde die Kupeetr zugeschlagen. Fertig! rief eine laute Stimme, und
ein gellender Pfiff durchschrillte die Halle. Erschrocken ffnete Tassilo die
Tr wieder. Schnell! Nur schnell! Er sprang auf den Perron, hob die Schwester
aus dem Wagen und kte sie. Zwei Kondukteure kamen gelaufen, Leute drngten
sich herbei, Kpfe tauchten aus allen Wagenfenstern. Tassilo hielt mit der einen
Hand die Griffstange des langsam in Gang kommenden Wagens umklammert, mit der
anderen hielt er die Schwester fest. Wo ist Rosa? Er meinte die Beschlieerin.
Wo ist Rosa? Ich lasse dich nicht allein.
    Aber Tas! Um Gottes willen! stotterte Kitty. Dort ist sie ja!
    Wo?
    Dort! Dort! Sie deutete nach irgendeiner Richtung.
    Die Kondukteure schimpften; der eine wollte die Wagentr schlieen, der
andere Tassilos Hand von der Stange lsen. Hinter den Leuten tauchte die rote
Mtze eines Bahnbeamten auf, whrend Forbeck mit stoenden Ellbogen die dichte
Menschengruppe zu durchbrechen suchte.
    Aber Tas! Tas! jammerte Kitty. Steige doch ein! Deine Frau ist im Wagen
-
    Anna war in der Tr erschienen und griff mit beiden Hnden nach Tassilos
Arm.
    Zurck, Anna! Du fllst! stammelte Tassilo, und um die junge Frau vor dem
drohenden Sturz zu bewahren, gab er die Hand der Schwester frei und schwang sich
auf das Trittbrett. Die Kondukteure drngten ihn in das Kupee, der eine schlug,
am rollenden Wagen hngend, die Tr zu, und der andere schlo die Messingklappe.
    Kitty sah dem rascher und rascher gleitenden Zuge nach. Da reisen sie
jetzt! Mit ihnen das Glck. Weil sie den Mut hatten, ihr Glck zu erkmpfen.
    Mut? sagte Forbeck mit bebender Stimme. Wenn das Herz nach Glck
verlangt, ist der Mut eine billige Sache. Wer Mut zeigen und ein Glck erkmpfen
will, braucht noch ein besseres Recht als nur das Recht seiner Sehnsucht. Ihr
Bruder hatte dieses Recht. Er nahm, indem er gab, und opferte, um zu gewinnen.
    In Erregung schttelte sie das Kpfchen. Das ist mir zu hoch, das versteh'
ich nicht. Sie sah die brennende Rte, die ihm ber Stirn und Wangen schlug,
und wurde verlegen. Ich habe Sie doch nicht verletzt? Was ich sagte, war kein
Vorwurf fr Sie - eher fr mich! Die Augen senkend, zog sie den Schwanenpelz
enger um die Schultern und begann am Geleise entlang zu gehen. Wortlos ging
Forbeck neben ihr her. Da sagte sie leis: Bitte! Erklren Sie mir, was Sie
gemeint haben.
    Denken Sie: Ihr Bruder wre nicht gewesen, was er ist, der Trger eines
adligen Namens, reich, unabhngig, ein Mann, der seine Zukunft in festen Hnden
hlt - sondern ein junger Mensch ohne Namen, ohne Vermgen, ohne Familie, mit
der Heimat auf der Strae. Und denken Sie: Eine grausame Laune des Schicksals
htte es gewollt, da er sein Herz an ein Mdchen verlor, von dem alles ihn
schied, was in der Meinung der Welt als Schranke gilt. Glauben Sie, Ihr Bruder
htte auch dann den Mut gehabt, sein Glck zu erzwingen?
    Gewi! Dann erst recht!
    Nein, Komtesse! Und sicher nicht, wenn seine Neigung von jener Art gewesen
wre, die jede Lebensfaser bewegt wie eine rein klingende Saite und den ganzen
Menschen erhebt, auch wenn sie jede Hoffnung in ihm zerdrckt. Wie htte er das
lachende Spiel mibrauchen drfen, mit dem sich Jugend zu Jugend findet? Und
wenn ein Schimmer von Neigung im Herzen jenes Mdchens fr ihn erwachte? Htte
er diesen Funken mit einem Sturmhauch der Leidenschaft zum Feuer anfachen
sollen, das auflodert, um wieder zu erlschen, wenn die Ernchterung kommt?
Htte er versuchen sollen, im ersten Rausch die Geliebte an sich zu reien?
Htte er sie bereden sollen, ihm Namen und Rang zu opfern, die sorglose
Behaglichkeit im Elternhaus und die Liebe des Vaters, der einer solchen
Verbindung seine Zusage nie erteilt htte? Und was htte er zum Tausch fr
dieses Opfer bieten knnen? Den seligen Taumel einer kurzen Zeit. Und hinter den
rosigen Wochen eine Reihe von Jahren, voll von jenem bitteren Kampf, der die
beginnende Laufbahn jedes ernsthaft strebenden Knstlers erfllt! Es fhrt nicht
jeder Kampf zum Siege. Wenn ihm vor der Zeit die Kraft versagte? Wenn in diesem
aufreibenden Kampf sein Talent in Stcke fiel? Wenn das einzige unterginge, was
er der Geliebten als Dank fr alle Opfer gern geboten htte: den Stolz auf das
Knnen ihres Mannes, den Glauben an ihn, die Hoffnung auf eine Zukunft in Ruhm
und Ehre? Was dann? ber die Geliebte die Mglichkeit eines solchen Glckes
heraufzubeschwren - nein, Komtesse, das ist nicht Mut der Liebe, das wre der
Mut eines Diebes!
    Die Wangen in heier Glut, jeden Zug gespannt in lauschender Erregung, war
Kitty neben Forbeck hergegangen. Nun hob sie den Blick. Ja, Herr Forbeck! Jetzt
versteh' ich! Alles! Ihre Stimme schwankte. Aber dann? Das ist doch kein Ende?
Ich will wissen, was mit ihm geschieht?
    Sein Leben wird hart sein, nicht hlich. Er vermied ihre Augen. Liebe
ist ein Glck, auch wenn sie einsam bleibt. Er hat den Trost seiner Arbeit,
seiner Kunst. Vielleicht erfllt sie ihm doch eine Hoffnung seines Lebens und
trgt ihn auf stolze Hhe, so da er nach Jahren von sich sagen kann: Ich habe
den Kampf nicht gescheut, in dem nur ich allein verlieren konnte, ich hatte den
Mut auch fr den steilsten Weg, und in diesen Jahren der Wandlung ist in mir nur
eines sich gleichgeblieben.
    Kitty nickte. So wird es kommen. Mit ihm! Das wei ich. Aber was soll mit
ihr geschehen? Das ist doch verzeihliche Neugier? Nicht? Also! Sie haben doch
selbst den Fall gesetzt, da sie ihm gut war - wenn Sie auch vermuten, da es
nur so ein kleines, winziges Feuerchen wre?
    Die Zeit wird es lschen. Sie wird vergessen.
    Vergessen? So? Das wre allerdings bequem! Da htte die Geschichte freilich
ein Ende!
    Die Bahnuhr schlug die halbe Stunde, und tnend schwammen die beiden Klnge
durch die weite Halle.
    Erschrocken sah Forbeck auf. Verzeihen Sie, Komtesse, ich habe vergessen -
Sie schickten mich doch, um nach dem Fahrplan zu sehen. Wir mssen eilen, wenn
Sie noch zurechtkommen wollen. Da drben, ganz am Ende der Halle, steht Ihr Zug,
er geht in wenigen Minuten.
    Ich wei. Zwei Uhr achtunddreiig! sagte Kitty und beschleunigte ihren
Gang.
    Sie wissen?
    Natrlich! Es war doch nur ein Vorwand, als ich Sie wegschickte. Ich hoffe,
Sie nehmen mir das nicht bel. Aber Tas, und wir beide zusammen, das htte doch
Veranlassung gegeben zu allerlei unbequemen Fragen. Und da wre doch jetzt nicht
die Zeit gewesen, um das aufzuklren. Nicht wahr? Sie blieb stehen und bot ihm
die Hand. So! Jetzt ist alles klar zwischen uns. Jetzt flink, oder ich versume
den Zug!
    Rasch durcheilten sie die Breite der Halle. Das zweite Zeichen war schon
gegeben, als sie den Zug erreichten. Der Schaffner, mit welchem Kitty vor einer
Stunde in Mnchen angekommen war, begleitete auch den Zug, mit dem sie die
Rckreise antrat; er erkannte sie und lief, um einen Wagen erster Klasse zu
ffnen.
    Forbeck war in nervser Erregung. Es wird Nacht, bis Sie in Hubertus
ankommen, und es macht mir Sorge, da Sie allein reisen.
    Sie lchelte, halb erfreut, halb verlegen. Ich mu allein reisen, gerade
jetzt. Und was sollte mir zustoen? Fnf Stunden sitz' ich ruhig im Kupee, dann
nehm' ich mir einen Einspnner und kutschiere gemtlich nach Hause.
    Forbeck schien nicht beruhigt. Wenn Sie gestatten wollten, da ich in einem
anderen Kupee -
    Ach, Unsinn! Das am allerwenigsten! Das wre noch unbehaglicher. Aber ich
danke Ihnen! Sie wollte ihm die Hand reichen.
    Der Schaffner mahnte: Hchste Zeit, gndiges Frulein!
    Kitty sprang so flink in den Wagen, da die jhe Trennung fast den Anschein
einer Flucht gewann. Forbeck bentzte diesen Moment, um dem Kondukteur ein
Goldstck in die Hand zu drcken: Bitte, nehmen Sie sich der jungen Dame an und
sorgen Sie dafr, da niemand sie strt!
    Der Schaffner machte eine tiefe Reverenz und schlo mit auserlesener
Vorsicht die Wagentr.
    In der einen Hand den Hut, mit der andern an der Uhrkette nestelnd, sagte
Forbeck tonlos: Darf ich bitten, Frulein von Kleesberg zu gren und ihr zu
sagen, da ich die viele Freundlichkeit, die sie mir erwiesen, nie vergessen
werde!
    Ja, Herr Forbeck, das sag' ich ihr! Und das wird ihr Freude machen. Tante
Gundi hat Sie sehr liebgewonnen, sehr! Fr Ihren Gru wird sie sich persnlich
bei Ihnen bedanken, sobald wir nach Mnchen kommen, in drei bis vier Wochen.
Kitty verschwand, erschien aber gleich wieder am Fenster mit dem Jammerschrei:
Um Gottes willen! Wo ist denn mein Koffer? Als sie das fassungslose Entsetzen
gewahrte, von welchem Forbeck befallen wurde, fing sie herzlich zu lachen an:
Na also, da haben Sie jetzt ein bichen Arbeit! Das wird Sie wohltuend
zerstreuen!
    Der Pfiff der Lokomotive und ein rasselnd durch die Wagenreihe zuckender
Sto unterbrachen ihre Worte. In jher Bestrzung streckte sie die Hand aus dem
Fenster. Herr Forbeck! Das klang wie verzehrende Angst. Auf Wiedersehen!
    Er brachte kein Wort heraus, als er hastig ihre Hand erfate; Kittys Finger
klammerten sich um die seinen, und whrend er neben dem rollenden Wagen herlief,
hing sein drstender Blick an ihrem verstrten Gesicht.
    Der Wagen bekam es eilig, die beiden Hnde muten sich lassen.

                                       7


Tut mir leid, aber der Herr is net daheim! So hatte, als das Lieserl in der
Nacht am Doktorhaus die Glocke gezogen, die Haushlterin des Arztes aus dem
Fenster gerufen. Um neune am Abend hat er in d' Frleiten mssen. Das war ein
einsam gelegener Bauernhof, zwei Stunden vom Seedorf entfernt. Wenn er
heimkommt, schick ich ihn gleich. Wer is denn krank bei dir?
    Lieserl, an allen Gliedern zitternd, gab mit erwrgter Stimme die Antwort:
Der Mutter is net gut!
    Es wird net so arg sein! Sie soll sich derweil an Tee machen. In der Fruh
kommt der Herr Doktor schon.
    Das Fenster klirrte; und Lieserl trat den Heimweg an. Ihre Trnen waren
versiegt, ihre Angst verwandelte sich in dumpfe Erschlaffung. Wie Blei lag es
ihr in den Knien. Schlielich begann sie aber doch zu laufen, weil die tiefe
Finsternis sie gruseln machte; dazu hatte sie die Empfindung, als striche ihr
jemand mit eiskalter Hand ber das Gesicht. Und das eintnige Rauschen, das
neben der Strae aus der tiefen Schlucht der Ache klang, weckte in ihr die
Vorstellung einer Gespensterstimme.
    Als sie heimkam, sah sie an den ebenerdigen Fenstern alle Lden geschlossen.
Sie hrte ersticktes Schluchzen und gewahrte auf der Hausbank einen schwarzen
Klumpen, an dem sich eine weie Schrze bewegte. Vor Erschpfung taumelnd,
umklammerte Lieserl den Arm der Mutter und lallte, da sie den Doktor nicht
daheim gefunden.
    Lieserl! schluchzte die Zaunerin und zog die Tochter auf ihren Scho. So
a Glck htt dir zustehn knnen! Und so an Unglck mu kommen ber uns! O du
mein armes, verlassens Kinderl. Da htt jetzt auch kein Doktor nimmer gholfen.
    Mar' und Joseph! kreischte Lieserl und verbarg unter Zittern das Gesicht
am Hals der Mutter.
    So saen sie und weinten miteinander. Endlich versuchte die Zaunerin das
Mdel aufzurichten. Komm, ich fhr dich in d' Stuben eini! Schau ihn an, dein
armen Schatz, wie er daliegt, so lieb und schn!
    Die Stubentr war halb geffnet, und man sah den Tisch mit der Hngelampe
darber, die einen hellen Lichtkreis ber die Dielen warf. Auf einem Sessel
mitten in der Stube stand eine irdene Schssel mit rot gefrbtem Wasser, in dem
ein blutfleckiger Lappen schwamm. Gebrochen, mit ksigem Gesicht, sa der
Zaunerwastl auf der Ofenbank; als die Meisterin und das Lieserl ber die
Schwelle geschlichen kamen, zuckte es in seinen Fusten, und mit irrem Blick
streifte er das Sofa, auf dem der Tote lag: in der schmucken Uniform mit den
blinkenden Knpfen, den seitlich geneigten Kopf in die Kissen versunken. Das
hbsche, junge Gesicht, das sorgfltig vom Blut gereinigt war, zeigte einen
gutmtigen, fast knabenhaften Ausdruck.
    Vom Arm der Mutter umschlungen, stand Lieserl vor dem Toten, mit
aufgerissenen Augen, von einem Schauer gerttelt, da ihr die Zhne klapperten.
    Schau, Lieserl, da liegt er! schluchzte die Zaunerin. Druck ihm die
lieben ugerln zu! Der hat's verdient um dich.
    Meister Zauner wurde unruhig.
    Von der Mutter geschoben, nherte Lieserl sich dem Sofa. Als ihre Finger die
Lider des Toten berhrten, wich sie zurck und schlug die Hnde vor das Gesicht:
Mutter! Ich frcht mich vor ihm!
    Da sprang der Zauner auf, mit geballten Fusten. Naus! schrie er in seinem
Zorn, da ihm der Schaum vor die Mundwinkel trat. Naus zu Stuben! Du! Solang er
glebt hat, hast dich net gforchten? Gelt? Da hast scharwenzeln knnen und 's
Fenster sperrangelweit aufreien! Und jetzt tt dir grausen vor ihm? Naus zur
Stuben, du Fratz, du gottvergessener! Oder ich vergreif mich an dir!
    Lieserl, die Arme ber den Kopf schlagend, floh aus der Stube; zum erstenmal
im Leben hatte sie Angst vor ihrem Vater.
    O du grundgtiger Heiland! kreischte die Zaunerin. So was von
Gemtlosigkeit is mir meiner Lebtag noch net unterkommen! Lieserl! Mein arms
Lieserl! Sie wollte ihrem mihandelten Kinde folgen.
    Du bleibst! keuchte der Zauner. Mit dir hab ich z'reden! Er fate das
Weib am Arm und warf die Tr zu.
    Lieserl hatte im Flur die brennende Kerze aufgerafft und rannte, wie von
einem Gespenst gejagt, ber die Treppe hinauf in ihr Stbchen. Zitternd schob
sie den Riegel vor, schlo in scheuer Hast das Fenster, das noch immer offen
stand, und trug den Leuchter zum Spiegeltisch. Ihr Blick fiel in das Glas, und
sie sah die roten Flecken an ihrer Brust und am rmel. Von Grauen befallen, ri
sie das Leibchen herunter; eine Hafte verfing sich am Nacken in ihrem Haar, und
das verursachte ihr solchen Schreck, da sie aufschrie und in blinder Angst
immer zerrte, bis ihre Zpfe sich lsten. Unter einem Zhneschauer ri sie die
Tr wieder auf, schleuderte das Leibchen in den dunklen Flur hinaus und
schlenkerte die Finger wie ein zu Tod erschrockenes Kind, das sich im Spiel mit
dem Feuer die Hnde verbrannte. In Rock und Schuhen, das Gesicht von Angst und
Erschpfung entstellt, warf sie sich ber das Bett; es war aufgedeckt und frisch
berzogen wie vor hohem Feiertag; nur die Kissen fehlten.
    Lautloses Schluchzen erschtterte den Krper, whrend sie den Kopf in das
flaumige Oberbett vergraben hielt. So hrte sie keinen Laut, obwohl man aus der
Stube herauf den Klang der wechselnden Stimmen vernehmen konnte.
    Tritte polterten im Flur, und die Haustr knarrte. ber die Fenster des
Stbchens zuckte ein unruhiger Schein, als ginge man mit einer Laterne gegen die
Strae. Eine halbe Stunde herrschte tiefe Stille da drunten, dann wurde die
Haustr geschlossen, und mde Tritte schlurften ber die Treppe herauf.
    Die Zaunerin kam in das Stbchen geschlichen. Ein Bild des Jammers, fiel sie
neben dem Bett auf einen Sessel. Nach einer Weile strich sie scheu mit der Hand
ber Lieserls entblte Schulter. Jetzt mut dich nimmer frchten! Er is schon
aus'm Haus.
    Das Mdel fuhr auf, stierte die Mutter an und verbarg das Gesicht wieder in
den Federn.
    Der Vater hat gmeint, es knnt dem gndigen Herrn lieber sein, wenn d' Leut
sagen: 's Unglck is auf der Straen gschehen - lieber, als wenn 's Geschrei
umanand ging: er is am Zaunerlieserl ihrem Fenster ausgrutscht! Es wr auch
besser fr dich, wenn die Sach vermankelt wird. Soviel Ehr: da der junge Herr
Graf seine gndigen Augen zu dir erhoben hat. Aber d' Leut fassen so was
gspassig auf. Da knntst an Treff kriegen frs Leben! Und der Vater hat gar net
denkt an dich! Nur allweil an gndigen Herrn Grafen! Und drum hat er den armen
Kerl abitragen in Seebachgraben und hat ihn hingelegt, als ob er in der Nacht
ber d' Straen naustreten wr und htt sich derfallen. Und jetzt is er fort,
der Vater, und is auffi zum gndigen Herrn in d' Jagdhtten. Der wird Augen
machen!
    Seufzend blies die Zaunerin den Atem aus, und ihre Zhren begannen wieder zu
flieen. Nach einer stummen Weile erhob sie sich und drckte sthnend die Fuste
in den Rcken. Jetzt mu ich sauber machen drunt! Und sei gscheit, Lieserl, tu
dich ordentlich niederlegen. Es kommt der Tag schon bald, und a paar Stnderln
Ruh mut haben, sonst kann dir's morgen jeder Mensch vom Gsichterl ablesen, da
was passiert is! Geh, sei gscheit! Ich hol dir dem Vater seine Kopfpolstern
ummi. Der braucht s' heut nacht sowieso net. Sie verschwand und erschien
wieder, unter jedem Arm ein bauschiges Kissen. Mit umstndlicher Sorgfalt machte
sie das Bett zurecht und entkleidete das feine Lieserl, das stumm und willenlos
alles mit sich geschehen lie. So, du arms Hascherl! Jetzt tu dich einihuscheln
in d' Federn! Und 's Lichtl la ich brennen. Da dich net frchten tust.
    Zrtlich streichelte die Zaunerin das blasse Gesicht ihres Kindes,
zerdrckte mit der Faust eine schimmernde Muttertrne und humpelte seufzend aus
der Stube.
    Schaudernd schmiegte sich Lieserl in die Kissen und zog das Deckbett ber
die Ohren.
    Die Stunden versickerten, und vor den Fenstern des Stbchens begann der
erwachende Tag zu glnzen.
    Mutter Zaunerin erschien mit nasser Schrze und mit Hnden, die von der
Klte des Wassers gertet waren. Der se Trost, den in allem Leid die Arbeit
bietet, schien sich auch ihr erwiesen zu haben. Sie war gefat. So, Lieserl! A
traurigs Gschftl hab ich ghabt. Aber drunt is wieder alles in Ordnung. Jetzt
kann ins Haus kommen, wer mag. Keiner wird merken, da da was gschehen is. Vor
die Leut heit's Obacht geben! Wir zwei unter uns knnen reden drber, was fr a
Glck uns zugstanden wr, wenn's mgen htt!
    Mit diesen Reden unter uns machte die Zaunerin gleich den Anfang und
errterte unter Seufzern jede Hoffnung, die das arge Unglck so jh vernichtet
hatte. Schau, liebs Kindl, ich will dir gwi kein Frwurf machen. Aber httst
Vertrauen zu deiner Mutter ghabt, wer wei, wie's gangen wr? Und red doch
endlich amal a Wrtl! Es knnt mich trsten, wenn ich wt, wie alles kommen
is.
    Lieserl schttelte heftig den Kopf und vergrub das Gesicht in die Kissen.
Aber die schmerzvolle Neugier der Zaunerin gab keine Ruhe mehr, bis sie gestillt
wurde. Lieserl mute erzhlen, ob sie wollte oder nicht.
    Es wuchs der Tag vor den Fenstern. Und wie das Licht da drauen in alle
Winkel des Tales drang, so schlich sich auch ein verklrender Strahl in Lieserls
dunkle Liebesgeschichte. Sie schien es selbst nicht zu merken, da sie beim
Erzhlen mehr als bedenklich von der Wahrheit abirrte. die Verstrtheit ihres
hbschen Grbchengesichtes begann sich zu mildern, und whrend ihre dunklen
Kirschenaugen in schwrmerischem Kummer blickten, verwandelte Lieserl sich vor
der Mutter in die makellose, des tiefsten Mitleids wrdige Heldin eines
sentimentalen Romans, der die Zaunerin zu Trnen rhrte.
    Im Verlaufe des vorletzten Kapitels, das im abendlichen Walde spielte und
eines Kniefalls mit heien Liebesschwren des unglcklichen Helden Erwhnung
tat, lie sich Lieserl ihr Rckl reichen und holte aus der Tasche ein
zusammengeknpftes Tchl hervor. ber der Bettdecke lste sie den Knoten und
hielt der Mutter auf flacher Hand den funkelnden Rubin entgegen. Da schau,
Mutter! Den kostbaren Edelstein hat er mir gschenkt! Soviel is unser Haus und
Garten net wert! Das war eine poetische bertreibung, aber sie fand den
sprachlos staunenden Glauben der Zaunerin. Und gschworen hat er mir, da er
mich lieber htt als alles auf der Welt! Trnen erstickten ihre Stimme.
    Der gute, liebe, se Mensch! Vor Rhrung, Schmerz und freudiger
berraschung einem Weinkrampf nahe, warf die Zaunerin sich an die Brust ihres
Kindes. Lieserl, Lieserl! Ds kostbare Blutstrpfl mut in Ehren halten und am
Halserl tragen wie an Ammalett, zum ewigen Andenken bis zu deiner seligen
Todesstund!
    Tod! Das ble Wort jagte einen Schauer ber Lieserls Nacken. Ich bitt dich,
red net allweil vom Sterben! greinte sie und wand sich aus den Armen der
Mutter.
    Die Zaunerin klagte weiter: Du mein arms, unschuldigs Kindl du! Der htt
dich gheirat, Lieserl! Du, Frau Grfin! Und ich als Grfin-Mutter! Und jetzt is
alles aus! Und wer kann wissen, ob 's Unglck schon an End hat? Vllig grausen
tut's mir, wenn ich dran denk, was da fr Sachen aussiwachsen knnen! Und wer
mu leiden drunter? Du, Lieserl! Allweil der Unschuldig! Ds is die Grechtigkeit
auf der Welt! Gott beht uns vor so was! Die Zaunerin schlug ein Kreuz. Dazu
hatte sie den rechten Augenblick gewhlt, denn das Morgengelut der
Kirchenglocke begrte den neugeborenen Tag.
    Lieserl schien von der Angst der Mutter angesteckt. Was soll mir denn
gschehen knnen?
    D' Leut, Lieserl! Die schlechten Leut! Wr alles gut nausgangen, 's ganze
Dorf wr zersprungen vor lauter Neid. Aber jetzt! Weil alles schief gangen is!
Wann der Vater die Gschicht net gut vermankelt, rucken d' Leut mit'm Gsptt und
mit der boshaften Gaudi ber uns her, da man sich in Erdboden verschliefen
mcht! Verschandeln werden dich d' Leut, kein guts Haar mehr lassen s' an deiner
Ehr! Und hngen bleibt's an dir! Dein Leben lang! Herrichten werden dich d'
Leut, da dich keiner mehr anschaut auf der ganzen Welt! Und sitzen bleibst! Ich
sag dir's, Lieserl, ich wei net, was ich drum gb, wenn gschwind einer da wr,
der dich vom Fleck weg auffifhren tt ins Pfarrhaus!
    Aber Mutter! stammelte das Mdel, dem die finstere Logik der Zaunerin mit
Schrecken einzuleuchten schien. Wo soll denn gschwind einer herkommen?
    Die Phantasie der Mutterliebe machte ber allen Jammer hinber einen
Lwensprung: Der Pointner-Andres!
    Als Lieserl den Namen hrte, fuhr sie aus den Kissen und spie zur Erde.
    Lieserl! Ich sag dir's: Tu dich net versndigen! Oder willst dein Glck
verklmpern? jammerte die Zaunerin. Ich hab dir's allweil gsagt: Halt dir den
Andres warm! Er is net der schlechteste. Der schnste Hof im ganzen Ort! Und der
Steinbruch, der zum Hof ghrt, is die reinste Goldgruben. Aber allweil is noch
nix verspielt. Der Andres is vllig narrisch vor lauter Lieb zu dir. Da tt's
dich nur a Wrtl kosten, und alles wr in der schnsten Ordnung. Meiner Seel,
wenn ich wt, wo ich den Andres find, auf der Stell tt ich reden mit ihm!
    Mutter! lallte Lieserl, zu Tod erschrocken. Lieber sterben als so was von
Schlechtigkeit verben!
    Schlechtigkeit? Was Schlechtigkeit? Das Wort schien die Zaunerin zu
reizen. 's ganze Leben ruinieren und Sorg und Elend ber d' Mutter bringen! Ds
wird wohl Schlechtigkeit gnug sein! Warnend erhob sie den Finger. Sei gscheit,
Lieserl! Oder willst es drauf ankommen lassen, da dich der Andres auch nimmer
mag? Und da dich der Miserabligste im Ort nimmer anrhren mcht mit'm Stecken?
Ah na! Da is d' Mutter noch da! Auf der Stell schau ich, da ich den Andres
find! Und dir, Lieserl, sag ich: Sei gscheit! Die Tochter mit einem letzten
warnenden Blick bedenkend, strebte das kummervolle Mutterherz der Zaunerin zur
Tr hinaus.
    Ich tu's net! Und ich tu's net! kreischte Lieserl und sprang wie in einem
Anfall von Wahnwitz aus dem Bett. Und net um d' Welt! Und net um alles! Lieber
sterben! Pfui Teufel, Mutter! Mir graust! Sie ri die Tr auf, um die Mutter
noch einzuholen. Da sah sie auf der Flurdiele das blutige Leibchen liegen. Von
kaltem Grauen geschttelt, taumelte sie zurck und warf, als htte sie ein
Gespenst gesehen, die Tr ins Schlo.
    Ein paar Minuten spter zappelte die Meisterin aus dem Haus, einen
Henkelkorb am Arm, mit einem wollenen Umschlagtuch.
    Es war noch frh am Morgen; aber das Leben des Dorfes erwachte schon. Blauer
Rauch stieg aus den Schornsteinen, von den zerstreuten Hfen hrte man Gerusch
und Stimmen, die Hunde schlugen an, auf der Strae rasselte ein Leiterwagen, und
aus dem Park von Schlo Hubertus, dessen Baumkronen von grauem Nebel umsponnen
waren, klang von Zeit zu Zeit ein gellender Adlerschrei.
    Die Zaunerin hatte es eilig. Sie achtete der schweren Nsse nicht, die sie
mit dem Rocksaum von den weibetauten Grsern streifte.
    Schnaufend erreichte sie das Pointnerhaus, ein stattliches Gebude in
weitlufigem Hofraum. Beim Brunnen stand eine Magd, und freundlich rief die
Zaunerin ber die Staketen: Guten Morgen, Franzi! Zeitig bist auf!
    Die Magd lachte. Wr net schlecht, wenn ich d' Sonn verschlafen mcht!
    Ja, ja, a fleiigs Haus, der Pointnerhof! Der Bauer is wohl auch schon lang
bei der Arbeit?
    Da hast recht! Der Alt is am Feld drauen, und der Jung schafft schon seit
in der Fruh um fnfe im Steinbruch.
    So? So? Bht dich Gott!
    Die Zaunerin eilte weiter. Ihr Weg ging durch ein Laubgehlz, dessen Bltter
sich schon gelblich zu frben begannen. Ein mit Quadersteinen beladener Wagen
kam ihr entgegen, sie hrte einen Sprengschu und vernahm das dumpfe Gets des
fallenden Gesteins.
    Die Bume lichteten sich, und vor der Zaunerin lag der tief in den Berghang
eingewhlte Steinbruch. ber der kahlen Wand verzog sich der Pulverdampf des
letzten Sprengschusses, whrend am Fu der Felsen, zwischen klotzigen Trmmern,
drei Arbeiter mit klingenden Hammerschlgen schon wieder die neuen Sprenglcher
in das Gestein meielten. Im Schotterfelde standen zwei Wagen, der eine schon
mit Steinen befrachtet, whrend der andere beladen wurde; vier Mnner waren hier
bei der Arbeit, unter ihnen der Pointner-Andres. Er hielt die Schulter gegen
einen eisernen Hebel gestemmt und wlzte einen schweren Stein auf den chzenden
Wagen hinauf. Als die Zaunerin sich nherte, rollte der Block an seinen Platz.
Andres wischte mit dem Hemdrmel den Schwei von der Stirn; nun gewahrte er das
Weib, lie den Arm fallen und sperrte die Augen auf.
    Guten Morgen, Andres! Fleiig? nickte die Zaunerin mit groer Herzlichkeit
und ging vorber.
    Sie kannte den Andres und brauchte nicht das Gesicht zu drehen, um zu
wissen, da er ihr folgen wrde. Als sie den Wald erreichte, kam ihr der junge
Pointner mit schweren Schritten nachgetappt, verlegen, erregt wie ein hungriges
Kind, das die Mutter mit geflltem Krbchen vom Bcker kommen sieht.
    He! Meisterin! Wohin denn?
    Die Zaunerin blieb stehen und hatte eine Ausrede flink bei der Hand. Ein
paar Reden wurden gewechselt, und mit einer scheuen Frage nach Lieserls Befinden
brachte der Andres selbst das Gesprch auf den Weg, um den es der Zaunerin zu
tun war.
    Geh, du! Fragen kannst auch noch! schmollte sie, als wre sie dem Andres
aus irgendeiner Ursache bitterbs und knnte ihm doch nicht gram sein.
    Diese dunkle Einleitung brachte den jungen Pointner aus seiner ohnehin recht
zweifelhaften Ruhe. Du? Was machst denn fr Augen?
    So? Merkst es? Wann ich dich net so gern htt, mcht ich dir am liebsten d'
Ohrwascheln aus'm Kopf reien vor lauter Zorn! Ja, dir! Mein Madl so
schikanieren! Da hrt sich doch alles auf!
    Dem Andres versagte vor Verblffung die Sprache. Seine klobigen Fuste
zitterten, mit offenem Mund und groen Augen starrte er die Zaunerin an, und
Rte und Blsse wechselten auf seinem ungeschlachten Gesicht. Wie? Was denn?
Ich hab dem Lieserl kein unguts Wrtl net geben! Soviel drsten tut mich nach
dem Lieserl! Allweil lachen mich d' Leut drum aus! Und 's Lieserl is soviel
unfreundlich. Allweil sagt's mir, da ihr keiner auf der Welt so zwider wr wie
ich. Andres strich mit den Hnden bers Haar und seufzte schwer.
    Du? Zwider? Dem Lieserl? Die Zaunerin stellte den Korb zu Boden und schlug
die Hnde ber dem Kopf zusammen. Bist denn du mit Blindheit gschlagen? Da mu
ich schon aussi mit der Sprach! Nun ging es weiter wie ein klapperndes
Mhlwerk. Ohne sich eine Kunstpause zu vergnnen, spielte die Zaunerin ihre
strohdumme Komdie zu Ende. Jeder andere wre stutzig geworden. Aber der
Pointner-Andres war blind, trotz seiner scharfen Augen. Er war gewi kein groes
Geisteskind, aber auch nicht dumm - nur eben verliebter als fr ihn gesund war.
Um die heien Kohlen in seinem Herzen zur Flamme anzublasen, htte es gar nicht
dieses langen Mrchens von der unverstandenen Liebe bedurft, von Lieserls
bleichen Wangen und ihren schlaflosen Nchten, von den heien Trnen, bei denen
die Zaunerin ihr armes Kind berraschte, von Lieserls Beichte am Mutterherzen
und von ihrem verzeihlichen Groll ber den Pointner-Andres, der halt gar net
Ernst macht. Htte die Zaunerin statt dieses langen Schwindels nur kurzweg
gesagt: Komm, Andres! Zum Lieserl! - sie htte die gleiche Wirkung ebenso
sicher erzielt, nur um vieles rascher.
    Der baumschwere Mensch zitterte an allen Gliedern, seine Augen glnzten, und
so lange Schritte machte er, da ihm die Zaunerin kaum zu folgen vermochte. Und
wie er den Kopf trug, wie seine schwere Gestalt sich reckte!
    Weniger hoffnungsfreudig war das Antlitz der siegreichen Mutter anzusehen;
unruhig huschte ihr Blick nach allen Seiten, und als die Strae erreicht war,
guckte sie scheu in die Seebachschlucht hinunter, aus deren Schattentiefe dnne
Wasserdnste sich emporkruselten in die sonnige Morgenluft.
    Die Beklemmung, von der die Zaunerin befallen war, schien sich einigermaen
zu lsen, als sie vor dem Pointner-Andres das Staketentrchen ffnete. Mit
wichtigtuender Geheimniskrmerei fhrte sie den Burschen ins Haus und lie ihn
in die Stube treten, deren Dielen frisch gescheuert waren und noch feuchte
Flecken hatten.
    Whrend Andres mit unbehilflicher Verlegenheit immer seine klobigen Hnde
abstaubte und auf dem Sofa Platz nahm, stolperte das mtterliche Schicksal ber
die Stiege hinauf. Beim Eintritt in Lieserls Stbchen nickte die Zaunerin
befriedigt vor sich hin, als sie die Kammer geordnet und das Mdel auf einem
Sessel sitzen sah, zwar bla wie eine geknickte Lilie, doch zierlich frisiert
und mit Sorgfalt gekleidet.
    Gut geht's, Herzerl! Er is schon da.
    Lieserl schluckte, und ihr farbloses Gesicht verzerrte sich, als htte man
ihr eine gallenbittere Medizin gereicht. Na, Mutter! Net um alles in der Welt!
Ich geh net nunter in d' Stuben!
    ber dieses Hindernis kam die Zaunerin flink hinber. So wart a bil, ich
hol ihn auffi! Drunten auf der Stubenschwelle brauchte sie nur mit dem Finger
zu winken, und der Andres kam. Als er den Flur des oberen Stockes erreichte, sah
der im elterlichen Haus an strenge Ordnung gewhnte Bursch auf den Dielen das
Leibchen liegen, fr das die Zaunerin kein Auge hatte. Er hob es auf und legte
es ber das Stiegengelnder. Auf dem Boden blieb ein matter brunlicher Fleck
zurck, als htte durch lange Zeit ein rostiges Eisen auf dem Brett gelegen. Die
Zaunerin klinkte inzwischen die Tr auf und tuschelte schelmisch in das
Stbchen: Lieserl! Schau, wer da is! Kichernd lie sie den Burschen ber die
Schwelle.
    Mit verstrtem Gesicht stand Lieserl an die Mauer gelehnt. Aber Mutter!
stotterte sie und schlug den Arm ber die Augen.
    No also, jetzt red! sagte die Zaunerin zum jungen Pointner. Doch Andres
stand wie angewurzelt und wute nicht, was er sagen sollte. Wenn dir 's Glck
die Red verschlagt, meinte die Zaunerin, so mach halt kurzen Proze und gib
ihr a Bussel, a richtigs! Sie versetzte dem Andres einen Puff in den Rcken,
und um dem schwerflligen Freier diesen kurzen Proze߫ zu erleichtern, lie sie
ihn mit der Braut allein.
    Drauen an der Tr blieb sie stehen und wollte das Ohr an die Bretter
drcken. Da hrte sie das Knarren der Haustr und Schritte im Flur. Unwillig
humpelte sie ber die Stiege hinunter, und als sie den Doktor sah, bekam sie
einen frchterlichen Schreck. Aber gleich die ersten Worte des Arztes lieen sie
die Ausflucht erraten, die das Lieserl in der Nacht gebraucht hatte. Nun fand
die Zaunerin flink ihre Sprache wieder, drckte die Hnde auf den umfangreichen
Magen und schilderte die grausamen Schmerzen, von denen sie in der Nacht
geplagt worden wre.
    Der Doktor fhlte der Zaunerin den Puls, lie sich die Zunge zeigen und
schien den bsen Anfall nicht sonderlich ernst zu nehmen.
    Als er am Tische sa und der Kranken das Abfhrmittel verschrieb, kamen
Schritte ber die Treppe herunter, und auf der Schwelle erschien ein Paar:
Lieserl, bleich und scheu - der junge Pointner mit lachendem Gesicht. Er sah wie
ein stolzer Preisstier aus, dem nur der Blumenkranz und die Hrner fehlten.
    Da konnte nun der Doktor Zeuge des ehrsamen Verspruches sein, zu dem das
Zauner-Lieserl ihre kleine, weie, zitternde Hand in die braune schwielige
Riesenfaust des Pointner-Andres legte.
    Whrend die Zaunerin vor Freude in die Schrze heulte und der alte Doktor
dem jungen Paar seinen Glckwunsch sagte, ging drauen vor den Fenstern ein
Fischer vorber; er hielt die Forellengerte unter dem Arm und spiete seinen
Wurm an die Angel; dann verlie er die Strae und betrat einen schmalen Steig,
der in die Seebachschlucht hinunterfhrte.

                                       8


Der Zauner-Wastl erreichte auf seinem Weg zur Jagdhtte bei Tagesanbruch die
Almen. Erschpft und keuchend lie er sich am Wegrain auf einen Baumstock nieder
und drckte die Fuste auf seine arbeitende Brust, whrend er den sorgenvollen
Blick ber den steilen, stundenlangen Weg emporgleiten lie, den er noch
zurckzulegen hatte. Auf dem Almfeld sah er ein altes, gebcktes Buerlein in
langem Sonntagsrocke bergwrts steigen. Wer kann das sein? Was will der fremde
Bauer da droben? Es sieht fast so aus, als ginge er den gleichen Weg - da hinauf
zur Jagdhtte?
    Die Jagdhtte! Dieses Wort lie den Zauner wieder an die eigenen Sorgen
denken. Wie sollte er vor den gndigen Herrn Grafen hintreten? Was sagen, um den
Vater, der den Sohn verloren, nicht schon mit dem ersten Wort ins Herz zu
treffen? Meister Wastl nahm den Kopf zwischen die Hnde. Und whrend er darber
nachsann, wie er seine Unglcksbotschaft einleiten knnte, vernahm er aus der
fernen Hhe einen rollenden Hall.
    Es war das Echo eines Schusses.
    Diesen Schu hatte Graf Egge abgegeben. Und das Wild, dem der Schu
gegolten, war der abnorme Rehbock, dem zuliebe Graf Egge am verwichenen Morgen
den Abstieg nach Hubertus unterbrochen hatte.
    Schipper, der das seltsame Wild ausgesprt und seinen Herrn auf dem
glcklich geratenen Pirschgang begleitet hatte, gratulierte lachend, als der
Rehbock im Feuer strzte. No also, da liegt er! Wnsch Glck, Herr Graf! Hab
ich's net gsagt: Sie bleiben net umsonst heroben! Gelt, es hat sich rentiert,
da der junge Herr Graf allein hat heimmarschieren mssen. Wren S' mit ihm
abitrappt, so htten S' den Bock net. Schauen S' ihn an! Was der fr Gwichtl
hat!
    Es htte bei Graf Egge dieser Aufforderung nicht bedurft. In der Hand die
rauchende Bchse, sprang er auf seine Beute zu. Als er das verendete Wild
erreichte und das seltene, wertvolle Gehrn in der Nhe sah, schwang er im
ersten Ungestm seiner Jgerfreude das verwitterte Filzhtl wie ein Hterbub,
dem ein Glck vom Himmel herunter ins Herz gefallen. So gro war seine Freude,
da er den Jger mit keiner Hand an den Rehbock rhren lie. Er selber nahm das
Messer, um den Bock aufzubrechen und ihn mit verschrnkten Lufen in die
Tragriemen einzuschnren. Es fehlte nicht viel, so htte Graf Egge seine Beute
auch noch auf den Rcken genommen; erst nach lngerer Debatte gnnte er dem
Jger die Ehre, den Bock zur Jagdhtte tragen zu drfen. Aber ich geh hinter
dir drein, Schritt um Schritt, sagte er, sonst gschieht am End mit dem Gwichtl
wieder so eine Zauberei sie selbigsmal mit der Gamskruck.
    Schipper, der den Rehbock auf den Rcken schwang, hielt es fr das beste,
diesen Spa zu berhren.
    Mit einem Moosbschel suberte Graf die roten Hnde, wischte sie noch ein
paarmal ber die Rckseite der Lederhose, steckte sein Pfeiflein in Brand und
wanderte hinter dem Jger her. Da hatte er immer das schne Geweih vor den
Augen.
    Du, das sag' ich dir, unterbrach er das Schweigen, auf der Stell, wie wir
in d' Htten kommen, wird das Gwichtl runtergsgt und ausgsotten. Das kriegt
kein anderer mehr in d' Hnd. Das nimm ich heut selber mit nunter.
    Wollen S' denn heut wirklich heim? fragte Schipper, ber alle
Anzglichkeit in Graf Egges Worten harmlos hinweggleitend. 's Jagdpech is
vorbei und 's Glck is wieder einzogen. Ds sollten S' ausnutzen.
    Eigentlich hast du recht. Aber ich mu hinunter. Ich hab's dem Buben in die
Hand gelobt. Jetzt hab' ich den Bock, jetzt halt ich mein Versprechen.
    Freilich, den Grafen Willy, den haben S' halt gern! Da mu alles andre
zruckstehn!
    Eine halbe Stunde waren sie gewandert, als der Graf - er wollte sich zum
Rumen der ausgebrannten Pfeife einen Zweig zurechtschneiden - den Abgang seines
Messers bemerkte. Herrgott, jetzt hab' ich den Knicker am Schuplatz
liegenlassen!
    Ich kehr gleich um.
    Nix da! Erst trag du den Bock in d' Htten! Graf Egge zwinkerte mit dem
linken Auge. Vor allem will ich mein Gwichtl in Numro Sicher wissen.
    Schipper mochte nun doch die moralische Verpflichtung einer Abwehr fhlen.
Aber Herr Graf! Der Franzl is ja nimmer da! Kaum hatte er das ausgesprochen,
da schien er schon zu merken, da er eine Dummheit gemacht hatte.
    Ein Schatten ging ber Graf Egges Gesicht, und langsam nahm er die erkaltete
Pfeife aus dem Mund. Du! La du den Franzl in Ruh'! Im ersten Zorn ber andere
Dinge bin ich ungerecht gegen den armen Kerl gewesen. Das ist vorbei und nicht
mehr zu ndern. Aber du la ihn in Ruh'! Du Feiner! Lnger hielt Graf Egges
Ernst nicht an; er schmunzelte schon wieder und kehrte vom Hochdeutsch, das er
gestreift hatte, zum Dialekt zurck. Und jetzt, du Gauner, pa auf, jetzt sag
ich dir was! Der Lump, der selbigsmal die Kruck hat mausen wollen, warst du! Ja,
du! Und da ich mir weiter aus der Sach nix mach, dafr kannst du dich bei der
Kruck bedanken! Die hat in d' Augen gstochen! Graf Egge strich mit der
Pfeifenspitze ber den Schnurrbart und lachte. Wrst du der Jagdherr gwesen und
ich der Jger - ich glaub, ich selber wr schwach worden. Da ich so was begreif,
das is die einzig Entschuldigung fr dich. Und heut der abnorme Bock dazu! Die
Gschicht is erledigt. In Zukunft schau ich dir besser auf d' Finger.
    Schipper zeigte das Lcheln eines Gekrnkten, der keine Galle hat. Der
gndig Herr Graf belieben seine Spassetteln z' machen. Ds mu ich mir gfallen
lassen. In Gotts Namen! Das Klirren eines Bergstockes lie ihn talwrts
blicken. Herr Graf, da kommt der Patscheider.
    Der kommt grad recht! Leg den Bock ab und such mir den Knicker!
    Schweigend gehorchte Schipper und sprang davon.
    Wenige Minuten spter tauchte Patscheider aus den Latschen auf; der steile
Weg hatte sein mdes, bleiches Gesicht nicht zu rten vermocht. Er zog den Hut.
Guten Morgen, Herr Graf! An Schu hab ich ghrt. Ah, da liegt ja der Bock. Ich
gratulier!
    Den schau dir an! sagte Graf Egge mit Stolz und Behagen. Was der fr a
Gwichtl hat.
    Pflichtschuldig bewunderte Patscheider das schne Gehrn, und als ihm Graf
Egge die Jagdgeschichte mit umstndlicher Genauigkeit erzhlte, schien es der
Jger aus irgendeinem Grunde gern zu bemerken, da sein Herr in guter Laune war.
    Sie traten den Heimweg an. Nun ging Graf Egge voraus; er schien um das
Gehrn des Bockes, den Patscheider trug, keine Sorge mehr zu haben.
    Ein paar hundert Schritte waren sie gegangen; da guckte der Jger sich
vorsichtig um, und als er den Pfad hinter sich leer wute, sagte er halblaut:
Was Neues wt ich, Herr Graf!
    Schie los!
    Dem Franzl is aber Posten anboten worden, mit zweihundert Mark mehr im
Jahr, als er bei uns ghabt hat. Und wissen S', wo? Bei dem Fabrikherrn drben,
der Ihnen die Grenzjagd weggsteigert hat.
    Graf Egges Stirn wurde dunkelrot, und seine Augen funkelten. Der Franzl hat
angenommen?
    Gott bewahr! Abgschlagen hat er.
    Woher weit du das? fragte Graf Egge verblfft.
    Patscheider machte ein Gesicht, als brchte ihn diese Frage in Verlegenheit.
Jetzt mu ich ehrlich aussi mit der Sprach. Es is vielleicht net recht, da ich
mit'n Franzl noch verkehr, seit er bei uns gschat worden is. Aber schauen S',
Herr Graf, viel Jahr lang haben wir Freundschaft ghalten, und erbarmt hat er
mich auch, der arme Teufel! Gestern hab ich den Franzl heimgsucht. Und wie's der
Zufall will, grad kommt der Brief. Patscheider verschwieg, da der Brief vom
Grafen Tassilo war. Alles andere erzhlte er, Wort fr Wort, wie die Geschichte
mit dem Brief im Stbchen der Horneggerin sich abgespielt hat. Sei' Mutter hat
gweint vor lauter Freud. Und ich selber hab gmeint, ich mt ihm zureden.
    So?
    Was will er denn machen? Er kann net briwatisieren. In der Not greift einer
bald nach allem. Aber der Franzl? Kasweis is er gwesen im Gsicht. Und na hat er
gsagt, es mt rein ausschauen, hat er gsagt, als ob ich unserm Herrn Grafen im
Zorn an Possen spielen mcht.
    Es arbeitete in Graf Egges Zgen. Warum erzhlst du mir das?
    Ich hab gmeint, es freut Ihnen, wann S' hren, wie der Franzl noch allweil
zu Ihnen halt.
    Graf Egge legte die Hand auf die Schulter des Jgers. Ja, Patscheider! Ich
danke dir! Er wandte sich ab, schlug einen Sturmschritt an und whlte mit
zuckender Hand im Bart.
    Schon tauchte das Dach der Jagdhtte ber einen Rasenbuckel hervor. Da
muten die beiden das breite Kiesbett eines ausgetrockneten Wildbaches
durchschreiten. Graf Egge bekam scharfe Steinchen in die Schuhe, und das
schmerzte ihn bei jedem Tritt. Als er ans Ufer gestiegen war, winkte er dem
Jger, vorauszugehen, und lie sich nieder, um die Schuhe abzustreifen. Das bel
war behoben; aber noch immer blieb er sitzen, lie die Arme bers Knie hngen
und sphte hinunter ins ferne Tal.
    Krftig zog der Wind ber das sonnbeglnzte Gehnge empor und trug
verschwommene Klnge aus der Tiefe herauf - das Gelut der Kirchenglocke. Die
Zeit der Messe war vorber, bis Mittag waren noch lange Stunden. Warum lutete
man da drunten?
    Graf Egge erhob sich. Vorwrts! Und heim! Ich hab's ihm versprochen!
    Als er vor dem Palais Dippel anlangte, sah er rechts neben der offenen Tr
den Rehbock liegen und links auf der Hausbank ein altes gebeugtes Buerlein
sitzen, im langen Sonntagsrock und mit vergrmtem Gesicht.
    Bei Graf Egges Anblick schien den Alten eine ratlose Erregung zu befallen;
scheu blickte er nach allen Seiten, erhob sich, nahm respektvoll das Htl ab und
strich das Haar in die Stirn. Recht guten Morgen, gndiger Herr Graf! Seine
Stimme klang, als wre ihm die Kehle zugeschnrt.
    Mitrauisch betrachtete Graf Egge den Bauer. Seine Brauen furchten sich.
Wer bist du? Was willst du? Kommst du vielleicht wegen Wildschaden? Da kehr'
nur gleich wieder um! Heuer bezahl' ich keinen Knopf mehr. Dreizehntausend Mark
hab' ich heuer schon geblecht. Das wird mir auf die Dauer zu dumm! Jahraus,
jahrein steckt die Gemeinde den schauderhaften Jagdzins ein. Und dann kommt noch
jeder von euch und will mich schrpfen bis auf den letzten Blutstropfen.
Wildschaden, Wildschaden, Wildschaden! Das nimmt kein Ende mehr. Was ich an
Wildschaden bezahlen soll, ist zehnmal mehr, als meine Hirsche fressen knnten,
wenn jeder von ihnen zehn Muler htt'! Ich kenne den Schwindel. Ich wei, wie's
gemacht wird. Jeder von euch spekuliert auf den Wildschaden wie der Jud' auf die
schlechte Ernte. Die miserabelsten cker, die am Wald liegen, stehen dreifach im
Preis, weil sie sicheren Wildschaden tragen. Da wird kein Mist aufs Feld
gefahren, verschimmelter Haber und fauler Klee wird ausgest, schandenhalber ein
paar Hnd' voll. Und wenn der Acker leer bleibt, heit es: Die Hirsch sind
dagewesen, jetzt soll der Jagdherr schwitzen! In der Nacht holt so ein Lump die
Kartoffel aus seinem Feld, drckt mit einem gestohlenen Hirschlauf den ganzen
Boden voll Fhrten an, und dann schreit der Schweinehund nach der Kommission!
Heiratet ein Bauer seine Tochter aus, wer bezahlt ihr die Aussteuer? Der
Jagdherr! Sogar ins Testament wird der Wildschaden gesetzt wie das sichere Geld
im Kasten! Was meine Hirsche fressen, ist wertlos fr euch. Aber was ich dafr
bezahle, ist euer bester Verdienst. Ja, Bauer! Euer bester Verdienst! Was wre
denn in dem gottvergessenen Bergwinkel euer Dorf ohne mich und meine Jagd? Ein
Bettelnest voll Hungerleider. Meine Jagd ist ein Luxus, gut! Ich bezahl' ihn
teuer genug. Sechzigtausend Mark jedes Jahr. Und wohin verschwindet der Haufen
Geld? In euren Sack! Das Dorf ist reich geworden an meiner Jagd. Aber alles hat
seine Grenzen. Ich la mir nicht die Haut ber die Ohren ziehen. Endlich wird
mir die Geschichte zu dumm!
    Graf Egge, der ber diese Frage nicht aus ungerechtem rger, sondern aus
wohlbegrndeter Erfahrung sprach, hatte sich in heien Zorn hineingeredet. Er
lehnte Gewehr und Bergstock an die Httenwand und lftete die Joppe.
    So red'! Wieviel verlangst du? Es scheint, du bist ein ehrlicher Kerl, ich
seh dir's am Gesicht an, da du wirklichen Schaden hast. In solchem Fall hab'
ich mich nie geweigert, die Tasche aufzuknpfen. Also? Wieviel?
    Der Bauer schttelte kummervoll den weien Kopf. Belieben, gndiger Herr
Graf, ich komm net wegen Wildschaden!
    Graf Egge sah den Alten verwundert an. Was willst du?
    Der Bauer schluckte. Belieben, gndiger Herr Graf, ich such mein Buben.
    Schweigend trat Graf Egge ein paar Schritte zurck, und zwischen seinen
Brauen erschien eine tiefe Furche. Wer bist du?
    Wenn der gndig Herr Graf belieben, wr ich der Mhltaler aus Bernbichl.
    Im Kchenraum der Jagdhtte klapperte eine Pfanne, die zu Boden gefallen
war. ber Graf Egges Gesicht ging ein Zucken des Unbehagens, nur flchtig. Dem
Blick des Alten entging das nicht, und sein Htl, das er zwischen den Fingern
drehte, fing zu zittern an. Der Mhltaler aus Bernbichl! wiederholte er mit
erloschener Stimme. Der gndig Herr Graf haben mein Namen gwi schon ghrt?
    Nein!
    So? So? Freilich, wenn's der gndig Herr Graf belieben, mu man's glauben!
Langsam nickte der Bauer vor sich hin; dann hob er die umflorten Augen. Aber an
Buben hab ich ghabt - belieben, gndiger Herr Graf - den haben S' gwi schon
gsehen amal, mein Buben?
    Nein!
    So? So? Aber einer von Ihnere Jager? Net? Drum tt ich halt fragen -
belieben, gndiger Herr Graf - ob ich net a Wrtl hren knnt? Blo an einzigs
Wrtl! Dem Alten kollerten zwei Zhren ber die bleichen Backen. Die ganzen
Tag her such ich schon allweil. Is a harter Weg gwesen, da auffi. Aber a Vater!
Was tut a Vater net alles?
    Graf Egge bewegte die Schultern unter der Joppe. Ich werde nicht klug aus
deinem Gerede. Dir ist im Gebirg' ein Bub verunglckt?
    Verunglck? Der Bauer starrte zu Boden. Wenn der gndig Herr Graf
belieben, sagen wir halt, verunglckt. Und so viel druckt's mich, da er kei
christliche Ruhstatt net haben soll.
    Du tust mir leid, Alter! Aber ich begreife nicht, warum du zu mir kommst?
    Nur a Wrtl! Belieben, gndiger Herr Graf, blo an einzigs! Von die Brvern
is er keiner gwesen. Vielleicht bin ich selber schuld dran. Ich, der Vater! Weil
ich's ihm net wehren hab knnen, wann er in der Nacht davongschlichen is, mit'm
Bxl unter der Joppen. Aber so viel Straf hat er net verdient, da ihn kein
christlicher Gru und kein Vaterunser nimmer findt! Die Stimme des Alten
erstickte. Drum tt ich halt recht schn bitten - nur an einzigs Wrtl,
belieben, gndiger Herr Graf - da ich mein Buben find.
    Graf Egge begann ungeduldig zu werden, bekmpfte aber noch immer seine
wachsende Erregung. Ich will nicht hart sein gegen dich. Aber du redest mir da
einen Verdacht ins Gesicht, den ich mir verbitten mu. Sei vernnftig, Alter,
und geh deiner Wege! Ich wei nichts von deinem Buben.
    Der Bauer griff mit seiner Zitterhand nach Graf Egges Joppe. Er ist mein
Einziger gwesen - belieben, gndiger Herr Graf!
    La deine Hnde von mir! Da klangen Schritte auf dem nahen Steig. Graf
Egge sah den Zauner-Wastl auf die Htte zukommen und fand in diesem unerwarteten
Besuch eine willkommene Ausrede. Ich will meine Leute beauftragen, da sie
Nachfrag' halten. Jetzt mu ich dich fortschicken. Da kommt einer, mit dem ich
wichtige Dinge zu besprechen habe! Er wandte sich von dem Alten ab, der noch
immer die Hand streckte, einen flehentlichen Blick in den heien Augen. Gr'
dich Gott, Wastl! rief Graf Egge ein bichen unsicher. Gut, da du endlich
kommst! Nur gleich herein in die Stube! Da sah er den Ausdruck ratloser Angst
in Meister Zauners Gesicht; er stutzte, und eine Frage schien ihm auf der Zunge
zu liegen, aber mit unbehaglichem Blick streifte er den alten Bauer, schttelte
den Kopf und trat in die Htte.
    Auf dem Herd der Kchenstube, neben dem flackernden Feuer, sa Patscheider,
regungslos, die Fuste auf den Knien. Er hrte den Grafen in die Stube treten
und hrte einen anderen kommen, der an der Httenschwelle den Kot von seinen
Schuhen stie. Dann klang aus der Herrenstube die laute Stimme des Grafen und
ein Gestammel des anderen. Graf Egges Stimme dmpfte sich, verstummte, und nur
noch ein Gemurmel des anderen war zu vernehmen. In der Stube schienen Dinge
verhandelt zu werden, die jedes fremde Ohr zu scheuen hatten. Patscheider war
ohne Neugier; er lauschte wohl - nicht gegen die Herrenstube, sondern gegen die
Tr, die ins Freie fhrte. Da drauen war manchmal ein mder Seufzer zu hren,
ein leises chzen der Bank.
    Jetzt klang aus der Herrenstube ein rchelnder Schrei, das Gepolter eines
fallenden Sessels und ein dumpfer Schlag, als wre ein Mensch zu Boden gefallen.
Erschrocken sprang der Jger auf die Tr zu. Er hatte sie noch nicht erreicht,
als sie von innen aufgerissen wurde und Graf Egge mit verzerrtem Gesicht und
verstrten Augen ber die Schwelle taumelte; wie ein Erstickender atmend,
streckte er die Arme nach freier Luft; doch beim ersten Schritt, den er ber die
Httenschwelle tat, stand er wie gelhmt und stierte den Bauer an, der sich
zitternd von der Hausbank erhob.
    An einzigs Wrtl - belieben, gndiger Herr Graf! Schauen S' mich an, wie
ich dasteh - a Vater, der sein' Buben sucht!
    Graf Egge machte mit der Hand eine sinnlose Bewegung. Tief gebeugt, wie
unter drckender Last, wankte er in die Htte zurck.
    Herr Graf! stotterte Patscheider. Um Gotts willen, was haben S' denn?
    Ohne zu antworten, trat Graf Egge in die Stube und drckte hinter sich die
Tr zu.
    Im Ofenwinkel stand der Zauner-Wastl, kreidebleich. Er wagte sich nicht zu
rhren, als Graf Egge auf die Holzbank fiel, die Arme ber den Tisch warf und
das Gesicht vergrub.
    Einmal rckte Meister Zauner kaum merklich von der Stelle, und dabei
streifte sein Ellbogen die Ofenkante. Graf Egge fuhr auf; seine trockenen Augen
waren rot gerndert, wie von einer Entzndung; er ma den stummen Gast hinter
dem Ofen, und an seinen Schlfen schwollen die Adern; dann griff er an seine
Stirn, als mte er sich auf irgend etwas besinnen, und erhob sich mhsam; nach
Atem ringend, ri er den Hemdkragen auf und machte einen Gang durch die Stube.
Vor dem Zauner blieb er stehen und sagte mit zerdrckter Stimme: Es war gut so,
wie du es gemacht hast. Dich trifft keine Schuld. Du bist ein treuer Kerl und
hngst an mir. Jetzt geh! Ich bleibe, bis sie mich holen. Lang wird's nicht
dauern. Was stehst du noch? Geh! Dieses letzte Wort klang hart und scharf.
    Der Zauner-Wastl schluckte schwer und schob sich aus der Stube.
    Graf Egge ging zur Bank, mit heien Augen ins Leere blickend. Da hrte er
drauen den Meister Zauner sagen: Pfe Gott mitanander! Und eine mde
Greisenstimme antwortete: Pfet Ihnen Gott!
    Patscheider! schrie Graf Egge wie ein Irrsinniger, und seine Hnde
schlossen sich zu zuckenden Fusten.
    Der Jger kam.
    Schaff' mir den Menschen fort! Den da drauen! keuchte Graf Egge. Seine
Nhe bringt mich um.
    Patscheider nickte und ging.
    Vor der Httentr fand er den Bauer auf der Bank, zwischen den Knien einen
kurzen Stecken, den die Zitterhnde umklammert hielten.
    Mhltaler - Dem Jger versagte die Stimme. Mit dem Herrn Grafen is jetzt
kein Reden net. Sind S' gscheit und marschieren S' in Gotts Namen.
    Der Alte schttelte den Kopf.
    Patscheider sphte gegen das Stubenfenster, fate den Arm des Bauern und
zischelte: Blo ber's Eck ummi! Leben S' Ihnen in d' Latschen eini, da Ihnen
keiner sieht. Nachher komm ich und sag Ihnen was. Rasch, wie um der Antwort des
Bauern zu entrinnen, sprang er in die Htte und blieb vor dem versinkenden
Herdfeuer stehen. Nach einer Weile hrte er schwere Schritte, die sich
entfernten. Patscheider trat in die Stube. Jetzt is er fort.
    Graf Egge atmete auf. Mit steinernem Gesicht, wie ein Schlafwandler, ging er
in der Stube umher, drckte den Hut ber das zerwhlte Haar und suchte die
Bchse. Sie stand noch vor der Htte drauen, und Patscheider brachte sie ihm.
Mechanisch, wie vor jedem Pirschgang, ffnete Graf Egge den Doppellauf der
Waffe, um nachzusehen, ob sie richtig geladen wre. Er nickte. Und taumelte aus
der Stube.
    Wohin, Herr Graf? fragte der Jger in Unruhe.
    Heim! Es zuckte um Graf Egges Mund wie das Lcheln eines Verrckten. Ich
hab's ihm versprochen. Das mu ich halten.
    Die Tr, Herr Graf!
    Die Warnung kam zu spt. Mit rotem Fleck auf der bleichen Stirn, wortlos,
ohne den blichen Fluch, bckte sich Graf Egge, um den Hut aufzuheben, der ihm
vom Kopf gefallen war. Er drckte den mrben Filz wieder ber's Haar und ging.
Sein Schritt war schleppend.
    Patscheider blieb unter der Tr stehen, bis er seinen Herrn im Latschenfelde
verschwinden sah. Dann trug er den Rehbock in die Kche, lschte auf dem Herd
das Feuer und sprang davon. Zwischen dichten Latschen blieb er stehen und
rusperte sich. Langsam schob der Bauer sich aus den Stauden heraus. Patscheider
vermied den Blick des Alten. Mhltaler - ich mu enk alles sagen. A Vater
derbarmt ein' allweil. Aber net verraten drfen S' mich! Machen S' mei' Familli
net unglcklich!
    Der Bauer nahm den Hut ab. Jetzt wei ich alles! - Herr Gott, gib ihm die
ewige Ruh! Er bekreuzte sich. Und nach einer Weile fragte er: Hat's denn sein
mssen?
    Er hat anglegt auf mich. Man hat sein Dienst und hat Weib und Kinder. Da
denkt halt jeder z'erst an die eigene Haut.
    Der Bauer nickte. Allweil hab ich's ihm gsagt, und er hat net hren mgen!
Jetzt mu er ben. Und der Vater mit! Langsam hob er die Augen. Wie ich
gmerkt hab, tragst die Sach a bil hart. Mensch is Mensch. Ds is halt doch was
anders als a Gamsbock.
    Ja, Mhltaler!
    Wieder standen sie eine Weile schweigend voreinander.
    Wo liegt er denn?
    Net weit von der Grenz.
    Hilfst mir ihn ummitragen?
    Patscheider zgerte mit der Antwort. A harts Stckl fr uns zwei: der Vater
- und ich, der Jager! Und gut zum Anschaun wird er auch nimmer sein. Aber in
Gotts Namen! Da er sein christlich Begrbnis kriegt! Unser Herrgott wird ihm ja
sonst verziehen haben. Unser Herrgott is a guter Mann.
    Eine Strecke waren sie schon gegangen, als der Alte vor sich hinmurmelte:
Net an einzigs Wrtl hat er mir gsagt, der gndig Herr Graf.
    Weil er nix wei davon. Ich hab kei Meldung gmacht.
    So? Kei Meldung? Bist der richtige Jager, der auf seim Herrn nix sitzen
lat!
    Patscheider zog den Bauer in den Schatten eines Latschenbusches. Da drunten
geht er grad ber d' Lichtung. Wann er umschaut, mu er mich sehen. Und wann er
mich sieht, bin ich um mein Dienst.
    Die Sorge des Jgers war unbegrndet.
    Graf Egge ging seiner Wege, ohne sich umzusehen. Als er den Saum der Almen
erreichte, setzte er sich zu Fen einer Felswand auf das rauhe Gerll, legte
die Bchse ber den Scho und sphte hinunter gegen den Wald, aus dem sich der
vom Seedorf kommende Pfad gleich einer feinen, weien Linie hervorschlngelte.
    Hier mute er sie von weitem gewahren, wenn sie kamen, um ihn heimzuholen.

                                       9


Mit sprachlosem Schreck hatte Frulein von Kleesberg am Morgen die Nachricht von
Kittys Verschwinden aufgenommen. Der Brief, der in Kittys Zimmer gefunden wurde,
beschwichtigte ihre Sorge, brachte aber einen neuen Sturm von Erregung. Dabei
liefert sie eine Konfusion um die andere. Beim Frhstck go sie den Tee in die
Zuckerdose statt in die Tasse, gebrauchte den wunden Arm und legte den gesunden
in die seidene Schlinge. Dann lie sie den Lehnstuhl an das offene Fenster
rcken; hier sa sie und trumte vor sich hin. Immer von neuem las sie Kittys
Brief. Natrlich! Sie mute nach Mnchen! Ob sie wollte oder nicht! Zu Tas? So?
Wirklich? Nur zu Tas?
    Beim Gedanken an Graf Egge lief ihr freilich ein kaltes Gruseln ber den
Rcken. Aber Graf Egge sa vorerst noch weit da droben in seiner Jagdhtte. Und
schlielich mute Willy alle Schuld an diesem Streich auf sich nehmen; er hatte
leichteres Spiel beim Vater und konnte sagen, da er die Schwester zu dieser
Reise beredet htte. Nein, die nchste Sorge war nicht Graf Egge, sondern
Robert! Sie grbelte sich eine Geschichte aus von einer Landpartie, die Kitty
mit Willy unternommen htte. Aber sie sollte keine Gelegenheit finden, diese
Geschichte an den Mann zu bringen. Robert war frh am Morgen in den Sattel
gestiegen und mit dem Stallburschen davongeritten. Als er gegen neun Uhr nach
Hubertus zurckkehrte - da kam auch ein anderer in das vterliche Haus zurck,
auf fremden Fen.
    Der Fischer hatte in der Seebachklamm den Verunglckten gefunden; auf
seinen Armen brachte er den Toten in das Schlo getragen, umringt von einem
Schwarm erregter Menschen. Unter ihnen befand sich auch der Pointner-Andres, den
das Geschrei, das auf der Strae entstanden war, aus dem Zaunerhaus gerufen
hatte. Mitleidig betrachtete er den Toten; aber sein junges Glck war so gro,
da in seinem berfllten Herzen das Erbarmen keinen ausreichenden Platz mehr
fand.
    Als der wirre Menschenlauf in der Ulmenallee an dem Kfig vorberkam, wurden
die Adler scheu und tobten hinter dem Gitter. Der alte Moser, der den Vgeln das
Futter bringen wollte, war von den Bewohnern des Schlosses der erste, der hren
und sehen mute, was geschehen war. Er lie die blutige Schssel fallen. Jesus,
Maria! So an Unglck! Aber gleich hab ich's gsagt, wie der Adler hin worden is:
ds bedeut nix Guts!
    Man trug den Entseelten in seine Stube. Auf der Treppe fiel Gundi von
Kleesberg beim Anblick des Toten ohnmchtig zu Boden. Als sie wieder zum
Bewutsein kam, lag sie in ihrem Bett, und vor ihr sa der Doktor. Sie war vom
Schreck so betubt, da sie nur zur Hlfte verstand, was man ihr sagte. Robert
wre mit dem Fischer zu Berg gestiegen, um Graf Egge zu holen und ihn schonend
auf das Unabnderliche vorzubereiten. Von Hilfe keine Rede mehr. Der Tod mute
schon vor Stunden eingetreten sein. Der Doktor schrieb die Katastrophe einer
inneren Verblutung zu, da er an dem Krper des Verunglckten nur unbedeutende
Schrammen und auf der Stirn einen blauen Fleck gefunden hatte, der als
berbleibsel einer harmlosen Beule zu erkennen war. Die uerliche Ursache des
unglcklichen Sturzes erschien nicht rtselhaft; es war bekanntgeworden, da
Graf Willy vergangenen Abend bis Mitternacht beim Seewirt schwer gekneipt hatte.
Drei Flaschen Monopol - da war ein Fehltritt begreiflich.
    In Jammer aufgelst, wurde die Kleesberg auch noch gepeinigt durch den
Gedanken an Kitty. Willy begleitet mich, also mach dir keine Sorge! So hatte
die Komtesse geschrieben. Nun lag Willy da drben, still und kalt. Was war aus
Kitty geworden?
    Fritz und Moser wurden ins Dorf geschickt, um Nachfrage bei jedem Bauern zu
halten, der ein Fuhrwerk besa. Gegen zwlf Uhr kam Fritz mit der Nachricht
gelaufen, da der Mooshofer das gndige Frulein zur Bahn gebracht htte. Diese
Entdeckung gengte nicht, um die Kleesberg zu beruhigen. Die Trnen rollten ihr
ber die ungeschminkten Wangen, whrend sie dem Diener ein Telegramm an
Professor Werner diktierte. Dann unertrgliche Stunden eines angstvollen
Wartens! Erst nach fnf Uhr kam die Antwort, die von Gundi Kleesberg bei allem
Jammer, der sie erfllte mit einem Freudenschrei empfangen wurde.
    Wenige Minuten spter traf, von Robert begleitet, Graf Egge in Schlo
Hubertus ein. Wie sonst bei der Heimkehr hngte er im Flur die Bchse an das
Zapfenbrett. Sein Gesicht war von kalkiger Blsse und schien gealtert. Wo liegt
er?
    In seinem Zimmer. Robert sprach mit gedmpfter Stimme. Willst du dich
nicht vorher umkleiden?
    Der Vater streifte ihn mit einem Blick, wie man etwas Fremdes, Unbehagliches
betrachtet. Dann stieg er langsam ber die Treppe hinauf; seine genagelten
Bergschuhe klappten auf den roten Marmorstufen wie mde Hammerschlge. Vor
Willys Zimmer blieb er stehen und sttzte sich eine Weile an die Mauer. Dann
ffnete er die Tr.
    Das Zimmer war ausgerumt, das Bett in die Mitte gerckt. Durch die beiden
Fenster fiel das Abendlicht ber die mit der Uniform bekleidete Gestalt und ber
das wchserne Gesicht des Toten. Die gefalteten Hnde umschlossen ein kleines,
elfenbeinernes Kruzifix und ein Struchen Edelweiblten, die der alte Moser
gespendet hatte. An den Kanten des Bettes brannten vier dicke Wachskerzen auf
hohen, silbernen Leuchtern.
    Ein rchelnder Laut. Wie von einem Keulenschlag getroffen, warf Graf Egge
sich ber den Leichnam. Mein Bub! Er schluchzte wie ein Kind.
    Als er nach einer Weile das verzerrte Gesicht hob, um den Toten zu
betrachten, sah er auf der wachsbleichen Stirn den blulichen Fleck. Mit
langsamer Hand, wie ein Trumender, griff er an die eigene Stirn und befhlte
die Beule, die er sich beim Verlassen der Jagdhtte an der niederen Tr geholt
hatte. Ein Zittern befiel ihn.
    Da legte sich sanft eine Hand auf seine Schulter. Papa -
    Jh erhob sich Graf Egge, und in Zorn funkelten seine rot gernderten Augen,
als sie an Robert auf und nieder glitten, der mit wrdevoller Gefatheit vor dem
Vater stand.
    La mich allein! Graf Egges Stimme klang rauh und heiser. Ich brauche
niemand.
    Wenn du befiehlst! Robert verlie das Zimmer und hrte, da innen an der
Tr der Riegel vorgeschoben wurde.
    Im Billardzimmer lie Robert Papier und Schreibzeug in den Erker bringen, um
die Todesanzeige aufzusetzen, die mit der letzten Post an die Druckerei nach
Mnchen abgehen sollte. Whrend er schrieb, rannte Gundi Kleesberg in schwarzem
Mantel und verschleiert aus dem Haus und durch die Ulmenallee zum Parktor; hier
wartete sie, bis der Wagen nachkam, der sie zur Bahn bringen sollte.
    Die Dmmerung sank und legte sich wie dunkler Flor um die Mauern von
Hubertus und um alle Wipfel des Parkes.
    Gegen neun Uhr kam der Wagen von der Bahn zurck; Fritz, der ihn kommen
hrte, erschien mit einer Lampe auf der Veranda.
    Kitty war so schwach, so zerschlagen an Herz und Gliedern, da sie taumelte
und im Flut auf einen Sessel fiel. Der Diener reichte ihr zwei Depeschen, die
gekommen waren.
    Wo ist der Herr? fragte Gundi Kleesberg scheu.
    Noch immer oben, flsterte Fritz, die Tr ist noch immer versperrt. Auch
der Herr Pfarrer mute wieder fortgehen.
    Und Robert?
    Graf Robert sind mit Hochwrden ins Dorf gegangen, um vor Postschlu die
Depeschen aufzugeben.
    Gundi Kleesberg hatte den Mantel abgeworfen, trat zu Kitty und legte den Arm
um ihre Schultern.
    Kitty hob das bleiche, vergrmte Gesicht und reichte der Kleesberg ein
Telegramm. Von Tas. Er sorgt sich um mich und ahnt nicht, welche Antwort ich
ihm schicken mu.
    Die Depesche war in Augsburg aufgegeben: Erbitte Drahtantwort nach
Stuttgart, ob Du wohlbehalten zu Hause eingetroffen. Tassilo. Hotel Marquardt.
Whrend Gundi Kleesberg las, machte ein schluchzender Laut sie aufblicken.
    Kitty hielt die zweite Depesche an die Lippen gepret. Ein Strom von Trnen
ging ber ihre blassen Wangen. In verstrter Hast verbarg sie den Zettel an
ihrer Brust und streckte die Arme ins Leere. Ich will zu Papa!
    Droben fand sie die Tr verschlossen. Schluchzend warf sie sich gegen die
Bretter.
    In der Stube ein schwerer Tritt. Die Tr wurde geffnet. Im Schatten der
flackernden Kerzen stand Graf Egge auf der Schwelle. Um die wirr von den
Schlfen abstehenden Haarbschel und um die zerzausten Strhnen des Bartes irrte
ein matter Kerzenschein. Rote Lichtlinien umsumten die nackten Knie.
    Aufschreiend warf sich Kitty an den Hals des Vaters. Er fragte nicht,
weshalb sie so spt erst kme, und hatte keinen Blick fr das weie, festliche
Kleid, das sie trug. Mit leidenschaftlicher Zrtlichkeit umklammerte er die
Tochter, da sie sthnte unter dem Druck seiner Arme. Er zog sie zum Bett.
Schau, kleine Gei - mein guter Bub! Er lie sich auf den Bettrand sinken und
zog die Tochter auf seinen Scho. Graf Egge mit fahlem Gesicht und ohne Trnen,
Kitty unter strmendem Schluchzen, so saen sie in wortlosem Schmerz. Das war
ihr Wiedersehen nach fnf Monaten.
    Robert trat in das Zimmer; er trug einen breiten Florstreifen um den rmel.
Kitty streckte die Arme nach ihm. Peinlich betroffen fate Robert die Schwester
am Handgelenk: Bist du von Sinnen? In diesem Kleid? Das mag fr den Zweck
deiner Reise gepat haben. Wie kannst du vor Papa in diesem Kleid erscheinen?
Heut? Und hier?
    Kittys Trnen versiegten; an allen Gliedern zitternd, lie sie den ratlosen
Blick an sich hinuntergleiten.
    Graf Egge hatte sich erhoben. Was soll das?
    Robert schien verlegen zu werden. Ich bin berzeugt, da Kitty in bester
Absicht handelte, nur unberlegt. Aber es ist wohl besser, wir sprechen nicht
davon. Nicht heute. Und nicht hier.
    Bleich richtete Kitty sich auf. Du sollst nicht beschnigen, was ich getan
habe. Sie wandte sich an den Vager. Vergib mir, Papa, wenn ich dir Kummer
mache. Ich war heut in Mnchen. Bei Tas.
    Graf Egge schwieg; kein Zug bewegte sich in seinem Gesicht; nur seine Lippen
preten sich bereinander, da sie wei wurden.
    Verstrt sah Kitty zu ihm auf. Ich wute, da ich ein Unrecht an dir
beging, aber ich konnte nicht anders. Wie an dir, so hngt mein Herz an ihm. Ich
htte sterben mssen, wenn ich ihn heut nicht htte sehen sollen.
    Graf Egges Augen erweiterten sich. Heut? Warum gerade heut?
    Wortlos bewegte Kitty die Hand. Ihre verzweifelten Augen irrten ber das
Totenbett und blieben am Vater hngen.
    Warum?
    Das kann ich dir nicht sagen. Heute nicht.
    Graf Egge schien verstanden zu haben. Unter dem Druck seiner Faust, die um
die Kante des Bettes geklammert lag, knirschte das Holz.
    Papa! schrie Kitty und taumelte auf den Vater zu.
    Robert hielt sie zurck. Hast du keinen Schimmer von Zartgefhl? Sieh den
Vater doch an: was du ihm getan hast!
    Du! Ein keuchender Laut. La mir die arme Gei in Ruh! Graf Egge legte
den Arm um Kitty und wurde ruhiger. Es war unrecht, was du getan hast, aber ich
begreif' es! Da sah er die Kleesberg unter der Tr stehen, zitternd, mit nassen
Wangen. Gundi! Bringen Sie die kleine Gei ins Bett! Sie kann sich nimmer
aufrecht halten.
    Hastig kam Gundi Kleesberg herbei, fate Graf Egges Hand und machte einen
Versuch, ihrem Kummer Ausdruck zu geben. Er schttelte den Kopf und sagte rauh:
Lassen Sie das! Ich wei, Sie sind ihm gut gewesen. Da braucht's kein Wort.
Sorgen Sie sich lieber um die arme Gei!
    Kitty klammerte die Arme um den als des Vaters und drckte das Gesicht an
seine Brust. Ein paarmal strich er mit der Hand ber ihr schimmerndes Haar, dann
schob er sie der Gundi Kleesberg zu, die sie aus dem Zimmer fhrte.
    Graf Egge wandte sich zu dem Toten. Whrend er das wchserne Gesicht
betrachtete, nickte er langsam vor sich hin. Du auf dem kalten Bett! Und der
andere - Sthnen drckte er die Fuste auf die Stirn und fiel aufs Knie. Mit
gefalteten Hnden, wie ein steifknochiger Bauer vor dem Gnadenbilde, sprach er
ein lautes Gebet. Dann kte er den Toten auf beide Wangen und auf den Mund. Als
er sich erhob. sah er Robert zu Fen des Bettes stehen, wie die Ehrenwache vor
dem Paradebett eines Frsten. Ach so? Du bist auch noch einer! Der dritte?
Seine Hand fuhr in den Bart. Was machst denn du heute nacht? In Hubertus wird
keine Bank gelegt. Da wirst du wohl schlafen mssen.
    Vater! fuhr Robert auf. In der nchsten Sekunde hatte er seine Emprung
schon berwunden. Ich ehre deinen Schmerz um den Toten, auch wenn er dich
ungerecht macht gegen die Lebenden.
    So? Graf Egge verlie das Zimmer. Auf der untersten Treppenstufe streifte
er die Bergschuhe von den Fen. Wo ist Moser? Der Jger, der auf der
finsteren Veranda sa, kam gelaufen, und Graf Egge sagte: Geh ins Dorf! Der
Pfarrer mit seinem Kaplan soll kommen. Ich will, da sie droben wachen und fr
meinen Buben beten. Mit nackten Fen ging er ber den Flur und ffnete die Tr
der Kruckenstube. Fritz! Meine Lampe?
    Es wurde still in Schlo Hubertus. Nur die Ankunft der beiden Geistlichen
unterbrach fr einige Minuten die dumpfe Ruhe. Fast alle Fenster blieben die
ganze Nacht hindurch erleuchtet.
    Im Zimmer der Kleesberg brannten zwei Lampen und vier Kerzen; sie konnte es
nicht hell genug haben.
    Sooft sie an Kittys Tr lauschte, hrte sie leises Weinen; erst nach
Mitternacht wurde es still da drinnen. Und nun machte sich die Gundi Kleesberg
wieder Sorgen ber dieses Schweigen. Leis ffnete sie die Tr.
    Die beiden Kerzen, die das Zimmer erleuchteten, waren zu kleinen Stmpchen
niedergebrannt und warfen eine unruhig flackernde Helle ber das Bett.
Schimmernd ringelte das gelste Haar sich um das weie Mdchengesicht, von dem
der Schlaf den Ausdruck der Erschpfung und des Kummers nicht ganz zu lschen
vermochte. Ein mattes Zucken lief zuweilen ber die schlanken Hnde, die schwer
auf der Seidendecke lagen.
    Lautlos deckte Gundi Kleesberg die Messinghtchen ber die Kerzen und
schlich aus dem dunkel gewordenen Zimmer.
    Die Nacht verging.
    Als Fritz am Morgen in die Kruckenstube trat, fand er die Lampe ausgebrannt
und das Bett unberhrt. Graf Egge sa vor dem offenen Eisenschrank im Lehnstuhl
und stellte die Ebenholzkstchen seiner Juwelensammlung, mit deren Musterung er
sich einen Teil der Nacht vertrieben hatte, in die Fcher zurck. Seufzend
schlo er den Schrank, zog den Schlssel ab und prete die Fuste an seine
Stirn.
    Gut, da du kommst! Ich wollte dich eben rufen. Was mu denn eigentlich
jetzt geschehen?
    Erlaucht knnen ohne Sorge sein. Graf Robert haben alles Ntige bereits
angeordnet. Die Depeschen sind gestern noch abgegangen, und Graf Robert sind die
halbe Nacht aufgewesen, um die Adressenliste fr die Parte zu schreiben. Der
Bursch ist frh um vier Uhr mit der Liste nach Mnchen gefahren und wird abends
mitbringen, was Graf Robert bestellt haben. Das Leichenbegngnis wird morgen
frh um neun Uhr stattfinden. Den Kondukt besorgt eine Mnchner Gesellschaft,
auch die Musik und ein Doppelquartett sind aus Mnchen verschrieben -
    Hr' auf! keuchte Graf Egge und verzog den Mund, als htte er einen
gallenbitteren Trunk getan. Durch das Zimmer schreitend, lachte er heiser vor
sich hin. Und diesen ganzen Pflanz hat Robert gemacht? So flink? Respekt! Er
behlt den Kopf oben, wo andere den Verstand verlieren mchten. Mit den Fusten
hinter dem Rcken blieb er vor der Mauer stehen und starrte die dicht
nebeneinanderhngenden Gemsgehrne an.
    Darf ich Erlaucht das Frhstck bringen?
    Mir ist der Appetit vergangen.
    Aber Erlaucht sollten doch andere Kleider -
    Die schwarzen? Na, also! Bring sie!
    Eine halbe Stunde spter stieg Graf Egge in altmodischem Gehrock, an dem die
rmel zu kurz waren und die Nhte zu platzen drohten, ber die Treppe hinauf. Er
hrte Lrm und Hammerschlge.
    Im Totenzimmer war ein Dutzend Menschen beschftigt, um die Wnde mit
schwarzem Tuch auszuschlagen und das auf Stufen erhhte Paradebett mit einer
Mauer von Blumen zu umgeben. Der Zauner-Wastl hatte die Oberleitung und
bettigte seine vielseitigen Talente. Scheuer Kummer sprach aus seinem
bernchtigen Gesicht, und als er den Grafen gewahrte, sank ihm der Kopf noch
tiefer zwischen die Schultern.
    Graf Egge lie schweigend den Blick durch das Zimmer und ber die Menschen
gleiten, zog die Hand durch den Bart und machte wieder kehrt.
    Meister Zauner schlich ihm nach. Ich bitt, Herr Graf, da hab ich was
gfunden! Er nahm einen winzigen, in einen Fetzen Zeitungspapier gewickelten
Gegenstand aus der Westentasche.
    Graf Egge nahm den Fund und ging davon. Als er in der Kruckenstube wieder im
Lehnstuhl sa, wickelte er mit zitternden Hnde das Papierchen auf. Es enthielt
die beiden Hirschgranen. Das Wasser stieg ihm in die Augen, whrend er sie
betrachtete. Sthnend zog er die Brse hervor und verwahrte die Granen. Nun
hatten sie wieder den alten Platz gefunden. Nach einer Weile hob Graf Egge das
zerknllte Papier vom Boden auf und untersuchte es noch einmal, ob es nicht auch
noch etwas anderes enthielte. Dabei berhrte er ein leises Klopfen und blickte
erst auf, als die Tr ging.
    Schipper trat in die Stube, mit demtiger Trauermiene, und whrend er den
Hut zwischen den Hnden drehte, fing er zu klagen an: Mar' und Josef, lieber
Herr Graf, was sind denn jetzt da fr Sachen passiert! Gestern hab ich mir gar
net frstellen knnen, was los is. Heut in der Fruh, da hab ich mir denkt: Jetzt
mut den abnormen Rehbock abitragen-
    Graf Egge war aufgesprungen. Seine Stirn brannte, als htte er einen Schlag
ins Gesicht erhalten. Mit zuckenden Fusten tat er einen Schritt gegen den Jger
und schrie: Hinaus!
    Aber Herr Graf! stotterte Schipper verblfft.
    Hinaus! Du bist schuld, da ich geblieben bin! Wr' ich mit ihm
hinuntergegangen, es wr' nicht geschehen. Ich wollte gehen. Du, du hast mich
gehalten! Geh mir aus den Augen, oder ich vergreife mich an dir. Aasgrber!
Mrder! Aus meinen Augen! Hinaus!
    Diesem Ausbruch sinnlosen Zornes gegenber hielt es Schipper fr ratsam,
schleunig den Rckzug anzutreten. Als er die Veranda erreichte, setzte er den
Hut auf und guckte ber die Schulter. Dann suchte er die Zwirchkammer auf, wo
seine Bchse und sein Bergstock in einer Ecke standen. Der alte Moser, der auf
den blutigen Steinfliesen kniete und dem Rehbock das abnorme Gehrn
heruntersgte, schien an Schippers Gesicht zu merken, da nicht alles im Geleise
war. Was hast denn?
    In Ruh la mich! Wtend warf Schipper die Bchse hinter die Schulter und
stapfte davon. Er machte einen Umweg um das Schlo und blies die Backen auf, als
er die Strae erreichte.
    In Meister Zauners Grtl sah er das feine Lieserl mit dem Pointner-Andres
umhergehen; das Mdel schnitt mit einer Schere die letzten Blumen ab und legte
sie in ein Krbchen, das ihr der Andres nachtrug. Gr dich Gott, Lieserl!
rief Schipper ber den Zaun. Machst an Kranz fr d' Herrschaft?
    Ja! Aber es schaut schon a bil schlecht mit die Blumen aus.
    Freilich, die schne Zeit is vorbei! Mit dieser philosophischen Bemerkung
ging Schipper seiner Wege. Als ihn die Strae am Brucknerhaus vorberfhrte,
wurde sein Schritt langsamer. Er musterte die Fenster, kniff die Augen ein und
lchelte. Mir scheint, es halt nimmer lang mit'm Grafen und mir. Er blickte
ber die Strae zurck gegen den Park von Hubertus. Da mu ich ans Nestbauen
denken! Er rckte den Hut und trat in den Hof des Bruckner, dessen Bbchen vor
dem Brunnen spielte. He, du, Kleiner, is d' Mali-Mahm daheim?
    Na, sie is zum Seewirt um Blumen gangen fr an Grabkranz. Aber der Vater is
daheim.
    So? Der Vater? Lchelnd ging Schipper auf das Haus zu, guckte durch ein
Fenster in die Stube und klopfte an die Scheibe.
    Drauen auf der Strae ging die Horneggerin vorber, die vom Krmer kam.
Dunkel scho ihr das Blut ins Gesicht, als sie den Jger gewahrte. Was der
Franzl dazu sagen wrde? Da der Schipper bei der Mali ans Fenster klopft!
    Auf dem Lndeplatz begegnete ihr eine Magd des Seewirts mit einem riesigen
Kranz aus Eibenzweigen und weien Nelken.
    Das war der erste Kranz, der sich in Hubertus einstellte. Fritz trug ihn in
die Kruckenstube, aus der man Graf Egges erregte Stimme hrte; als der Diener
eintrat, verstummte sie. Graf Egge stand neben dem Lehnstuhl, in welchem Kitty
sa, schwarz gekleidet, die zitternden Hnde im Scho, mit verweinten Augen.
Zwischen Vater und Tochter schien es ernste Worte gegeben zu haben. Graf Egge
furchte beim Anblick des Kranzes die Brauen, Kitty erhob sich, betrachtete die
Blumen in tiefer Bewegung und entfernte ein paar welk gewordene Blten. Wer hat
ihn geschickt?
    Der Seewirt, gndiges Frulein.
    Sagen Sie, da wir herzlich danken lassen.
    Fritz nickte und wandte sich an seinen Herrn. Ich bitte, Erlaucht, was soll
ich den Leuten geben, wenn sie Blumen bringen?
    Geben? Ach so? Das wird als Geschft betrachtet? Ich soll mich qulen
lassen und dafr noch bezahlen? Gib zwanzig Pfennig!
    Matte Rte huschte ber Kittys Wangen, whrend sie stammelte: Aber Papa -
    Also dreiig! Das ist mehr als genug. Er winkte mit dem Kopf gegen das
Billardzimmer. Der da drben, der das Trauerro auf meine Kosten spielt, steigt
mir mit dem Oktoberfestrummel, den er fr morgen inszeniert hat, ohnedies bis
ber die Knie in den Geldbeutel. Jetzt weiter mit dem Gras! Und bring' mir von
dem Zeug nichts mehr in die Stube.
    Kitty flsterte dem Diener ein paar Worte zu, und als sie mit dem Vater
wieder allein war, ging sie mde zum Lehnstuhl zurck.
    Schweigend, unter whlender Erregung wanderte Graf Egge im Zimmer auf und
ab; dann blieb er vor Kitty stehen. Kein Wort mehr davon! Da du ihm die
Depesche schicktest, war in Ordnung. Der da drben hat mein Unglck auch unsrem
Schuster und Schneider angezeigt. Aber es war unrecht von dir, da du meinen
Schmerz um den einen zugunsten des anderen benutzen wolltest. Ich habe dich
lieb. Aber da wirst auch du nichts ndern. Er selbst hat sich gelst von mir, so
mag er seiner Wege gehen. Ich wei, es ist hart fr dich, mit ihm zu brechen.
Aber ich bin dein Vater, und mein Recht an dir ist das ltere. Und ich brauche
dich. Zrtlichkeit ist nie meine Sache gewesen. Aber Vater bleibt Vater. Und ich
bin arm geworden. Der eine hat mich verlassen. Den andern hat mir Gott und meine
Schuld genommen. Und der da drben zhlt nicht. Meine Jagd und du, das ist der
Rest. Meine Jagd will ich festhalten, solang ich noch gesunde Fuste und sehende
Augen habe. Er legte die Hnde auf Kittys Schultern. Und du? Gelt, kleine
Gei, du hngst an mir?
    In Trauer sah Kitty zum Vater auf.
    Ungeduldig rttelte Graf Egge ihre Schultern. Sei nicht so stumm! Ich
brauche Trost. Sag es mir, kleine Gei, da ich dir mehr bin als er! Ich will es
hren. So rede doch! Ein heiserer Laut. Rede, wenn ich nicht glauben soll, da
du ihm zuliebe gegen deinen Vater stehen knntest! Oder willst du verteidigen,
was er getan? Wrst du fhig, dir ein Beispiel an ihm zu nehmen und mir den
Rcken zu kehren wie er? Und mich noch einsamer zu machen? - Gei? Sein Atem
ging schwer. Hrst du nicht? Oder mu ich dich bitten um ein Wort? Dein Vater?
    Kitty erhob sich, das Gesicht entstellt von dem schmerzvollen Kampf ihres
Herzens. Sie fhlte, da es sich in diesem Augenblick fr sie noch um anderes
handelte als um eine uerung kindlicher Liebe, die der Vater von ihr zu hren
verlangte. Seine Frage war gestellt, als htte er unbewut einen Blick in ihre
Seele getan und htte erraten, was in ihr lebendig geworden war und nach seinem
Recht begehrte. Wollte sie nicht untreu werden an sich selbst, ihre Treue fr
den Bruder nicht verleugnen und den Weg nicht sperren, auf dem ihre Sehnsucht
dem eigenen Glck entgegenflog, so durfte sie nicht lgen. Sie mute offen
sprechen und den unvermeidlichen Kampf mit dem Vater schon in dieser Stunde
beginnen.
    Bleich, aber entschlossen richtete sie sich auf. Doch als sie die Augen hob
und diese von Gram durchwhlten Zge sah, diese von der schlaflosen Kummernacht
entzndeten Lider und den angstvollen Blick, der nach einem Wort ihrer Liebe
drstete - da erstickte das Erbarmen jedes andere Gefhl in ihr. Sie streckte
die Arme, und unter heiem Schluchzen warf sie sich an die Brust des Vaters und
umklammerte seinen Hals.
    Graf Egge wurde weich; er brachte es fast zu einem Lcheln, whrend er Kitty
umschlungen hielt und ihr Haar streichelte. Ich danke dir, Geilein! Du hngst
noch an mir, und ich will's vergelten! Vielleicht hab' ich auch an dir ein
Versumnis begangen. Ich will's gutmachen, will dir ein rechter Vater sein. Du
sollst mich nimmer verlassen. Gib acht, wie schn das sein wird. Im Winter
sollst du mit mir reisen, und im Frhjahr la ich fr uns beide in meinem besten
Revier eine neue Htte bauen, mit einem netten Stbchen fr dich, mit jeder
Bequemlichkeit, die du haben willst. Und in der Htte soll eigens fr dich
gekocht werden. Und schieen sollst du lernen und sollst ein Jger werden, vor
dem ich selber den Hut abziehe. Das wird dir Freude machen, gelt? Und dann wirst
du munter und glcklich sein! Und lachen, immer lachen! Damit ich den armen,
lieben Jungen leichter verschmerze, der jetzt da droben liegt und kein Lachen
mehr hat fr seinen Vater. Zwei Zhren rollten ihm ber den Schnurrbart, und
fester schlangen sich seine Arme um die Tochter. Da fhlte er, wie ihr Krper
zitterte. Aber Geilein? Was hast du? Er fate sie am Kinn und hob ihr
Gesicht. Aus diesem trostlosen Blick redete alles andere zu ihm, nur nicht die
Wirkung, die er sich von seinen zrtlichen Verheiungen versprochen hatte. Seine
Brauen furchten sich, ein unruhiges Spiel erwachte in den Falten, die seine
Augen umringten. An was denkst du? Hast du nicht gehrt, was ich sagte? Macht
es dir keine Freude, wie ich mich sorge fr dich?
    Gewi, Papa! erwiderte sie tonlos. Ich werde alles tun, was du willst.
    So? Das klang hart und trocken. Du scheinst mde zu sein? Setz' dich!
Mit energischem Griff drehte Graf Egge den Lehnstuhl. Wortlos blieb er eine
Weile vor Kitty stehen und betrachtete sie in wachsendem Mitrauen. Nervs die
Finger bewegend, wandte er sich ab und wanderte ein paarmal durch die Stube.
Pltzlich nahm er eines der schnsten Gemsgehrne von der Wand, legte den Arm um
Kittys Schultern und hielt ihr die Krucke vor die Augen. Schau, kleine Gei!
Den Bock hab' ich auf vierhundert Gnge um Feuer niedergelegt. Es war mein
bester Schu. Und die Kruck' ist schn, gelt?
    Ja, Papa, sehr schn!
    Die mde Antwort gefiel ihm nicht. Er trug das Gehrn auf seinen Platz
zurck und nahm in kochender Unruhe die Wanderung durch das Zimmer wieder auf.
Dann pltzlich fate er den Knauf des Lehnstuhls, und in Zorn brach es aus ihm
heraus: Zeig' mir ein anderes Gesicht! Ich seh' dir's an, da du mehr an ihn
denkst als an mich und den armen Kerl da droben! Aber du hast mir doch gesagt,
da er sein Glck gefunden hat. Auch ohne mich. Also gut! So trste dich damit,
da er glcklich ist. Er hat, was er wollte.
    Wie ein Krampf ging es ber Kittys Schultern und Arme; ihre Lippen fanden
keinen Laut.
    Keuchend prete Graf Egge die Fuste auf seine Brust; er ging zum Fenster
und wischte ber die Scheibe, als wre sie mit Tau beschlagen; eine Weile stand
er vor dem Bett und strich die Decke glatt; dann packte er wtend einen der in
Reih' und Glied stehenden Bergschuhe, musterte das Beschlg, blies den Staub vom
Leder und roch an dem Schuh. Natrlich! Den hat man wieder nicht geschmiert,
Gott wei wie lang! Ein Lumpenpack! Und das bezahlt man. Er schleuderte den
Schuh in einen Winkel und warf sich auf das Bett; nach ein paar lautlosen
Minuten sprang er wieder auf. Reden kannst du nicht. Und diese Stumme Mette
riegelt mir das Blut durcheinander. So la mich lieber allein und geh zur
Kleesberg!
    Schweigend erhob sich Kitty.
    Gei?
    Sie wandte das Gesicht.
    Graf Egge trat auf den eisernen Schrank zu. Komm! Du sollst was haben! Er
hatte schon den Schrank geffnet, als Kitty wie eine Verzweifelte auf ihn
zugeflogen kam und seinen Arm umklammerte. Sprechen konnte sie nicht; sie
starrte nur angstvoll in sein Gesicht und schttelte den Kopf.
    Er sah sie mit groen Augen an, zuerst verblfft und dann beleidigt. Ach
so? Du willst nichts? Auch gut! Mit heiserem Lachen zog er den Schlssel ab und
schob ihn in die Tasche. So geh!
    Sie verlie das Zimmer und schleppte sich die Treppe hinauf. Als sie ihr
Stbchen erreichte, vergrub sie das Gesicht in den Armen und brach in Schluchzen
aus.
    Die Kleesberg kam aus dem anstoenden Zimmer. Sie nahm die Schluchzende in
die Arme, stammelte, weinte und suchte zu trsten. Eine Weile lie Kitty diese
konfuse Zrtlichkeit, die ihr wohl tat, ber sich ergehen; dann trocknete sie
die Augen. Aus der Kommode holte sie eine gehkelte Brse, durch deren
Seidenmaschen die Goldstcke glnzten, und stieg in den Flur hinunter.
    Hier ist Geld, Fritz, geben Sie reichlich! Papa soll es nicht wissen. Und
wenn Depeschen fr mich gebracht werden - Die Stimme versagte ihr. Nicht wahr,
Fritz, ich bekomme sie gleich?
    An der Kruckenstube wurde die Tr aufgerissen, und Graf Egge erschien auf
der Schwelle. Wortlos stand er und wartete, bis Kitty auf der Treppe verschwand;
dann winkte er den Diener zu sich. Was wollte sie?
    Die gndige Konte haben gefragt, ob nicht Depeschen fr sie gekommen
wren, stotterte Fritz, die Hand mit der Brse hinter dem Rcken.
    Wenn Depeschen kommen, werden sie mir gebracht! Alle! Gleichviel, welche
Adresse sie haben. Er trat in das Zimmer zurck und schlug die Tr zu.
    Einige Stunden spter erhielt er die Meldung, da droben alles in Ordnung
wre.
    So? Jetzt soll ich ihn wiederhaben drfen? Sehr gndig von euch!
    Er stieg die Treppe hinauf. Schon nach wenigen Minuten kehrte er wieder
zurck, steinerne Hrte im fahlen Gesicht. Was er gefunden, diese stilvolle
Trauerbude, dieser aufgeputzte Tod, dieses Treibhaus mit dem Gewirr der schwl
duftenden Blumen - das hatte ihn fremd berhrt und seinen Schmerz ernchtert.
    Beim Eintritt in die Kruckenstube sah Graf Egge auf dem Lehnstuhl das
abnorme Gehrn des Rehbocks liegen. Der alte Moser hatte gehofft, seinem Herrn
mit dem Anblick dieser Trophe einen Trost zu bringen; er hatte sich aber
verrechnet. In aufwallendem Zorn fate Graf Egge das Geweih, zerbrach mit einem
Druck seiner Faust die Hirnschale und schleuderte die Stcke unter das Bett.
    Der Tag verging, und die Telegramme und Krnze kamen in ununterbrochener
Folge. Gegen Abend kehrte Roberts Bursche aus Mnchen zurck mit einem Berg von
Schachteln und Paketen. Er brachte auch einen kleinen Lederkoffer und dazu einen
Strau weier Rosen.
    Wieder einmal trug Fritz ein Dutzend Depeschen in die Kruckenstube. Graf
Egge berflog die Adressen und gab die Telegramme, die an ihn selbst gerichtet
waren, dem Diener zurck. Fr Robert! Drei Depeschen behielt er und las die
erste. Professor Werner? Er schttelte den Kopf und ffnete die zweite. Hans
Forbeck? Ohne sich weiter um den Inhalt der beiden Bltter zu kmmern, reichte
er sie dem Diener. Fr meine Tochter! Als er die letzte Depesche geffnet
hielt, befiel ein Zittern seine Hnde. Mit heftiger Geste winkte er dem Diener
zu gehen. Nun las er. Wie von einer Schwche befallen, lie er sich in den
Lehnstuhl sinken. Er hat ihn liebgehabt! Ungestm die weiche Regung von sich
abschttelnd, die ihn wider Willen erfat hatte, sprang er auf. Wir sind zu
Ende miteinander, er und ich! Mit zuckenden Hnden zerri er die Depesche, warf
die zu einem Knuel geballten Fetzen in einen Winkel und ffnete die Tr.
    Robert! Laut hallte der Ruf im Flur.
    Ja, Papa! klang aus dem Billardzimmer die Antwort.
    Graf Egge ging der Stimme nach; als er die Schwelle betrat, fuhr ihm das
Blut ins Gesicht. Der Raum war anzusehen wie die Verkaufshalle eines
Bestattungsgeschftes. Offene Schachteln, ein Wust von Packleinen und
Seidenpapier, Wachsfackeln, ein Bahrtuch mit gesticktem Wappen und langen
Silberfransen, kunstvoll gebundene Krnze mit langen Atlasschleifen, ein
Samtkissen mit Helm und Degen, Halbbuketts aus Palmzweigen und seltenen Blumen -
alles kunterbunt durcheinander, auf der Erde, auf dem Billard, auf den Sthlen.
    Robert legte die Zigarette weg und trat auf den Vater zu. Verzeih', Papa,
das ist ein peinlicher Anblick fr dich. Aber wir mssen unserem Rang und Namen
Rechnung tragen, und ich habe diese schmerzlichen Pflichten mir aufgeladen, um
dich damit zu verschonen.
    Graf Egge schien nicht darauf zu hren; von einer mit Gold bedruckten
Kranzschleife leuchtete ihm ein Wort entgegen, das ihn nher zog. Er fate das
Doppelband und las: Dem heigeliebten, unvergelichen Sohn - von seinem
tiefgebeugten Vater. Er lie die Schleife fallen. Moser! rief er in Zorn dem
alten Jger zu, der eben eine neue Schachtel ffnete. Weg mit dem Schwindel und
ins Feuer damit.
    Aber Papa! stammelte Robert.
    Ein kalter Blick des Vaters. uere du deinen Schmerz, wie dir beliebt. Was
meine Trauer zu sagen hat, das bitt' ich mir zu berlassen! Graf Egge ging zur
Tr und kehrte auf der Schwelle wieder um. Herr Doktor Egge hat sich fr morgen
mit dem Frhzug angemeldet. Dieser Besuch ist berflssig. Du wirst ihn vor dem
Parktor erwarten und ihm bedeuten, da ich mir die zwecklose Unbehaglichkeit
einer solchen Begegnung morgen erspart wissen mchte. Die Form berla ich dir!
Es zuckte wie Hohn um Graf Egges Mund. Da du diese Mission mit prompten Erfolg
erledigen wirst, daran zweifle ich nicht! Ohne Roberts Antwort abzuwarten,
verlie er das Zimmer, kehrte in die Kruckenstube zurck und stie den Riegel
vor.

                                       10


Die herbstlichen Frhnebel, die einen schnen Tag versprachen, verzogen sich
langsam ber den Wipfel des Parkes, als um die neunte Morgenstunde alle Glocken
des Kirchturms zu luten begannen. Der Platz vor dem Schlosse war schwarz von
Menschen. Aus dem Dorf und allen benachbarten Ortschaften waren die Bauern
zusammengestrmt und rissen die Augen auf, als sie den feierlichen Prunk des
Kondukts unter den getragenen Klngen des Trauermarsches sich entwickeln sahen.
Die Mannsleute musterten neugierig die Pferde mit den nickenden Federbschen,
whrend die Neugier der Weiber und Mdchen den uniformierten Fackeltrgern und
den in schwarze Seide gekleideten Pagen galt. Hinter dem Sarge gingen Graf Egge
und Robert mit vier Offizieren, die Willys Regiment geschickt hatte. An die
Honoratioren schlo sich der Schwarm der Dorfbewohner an. Unbekmmert um Choral
und Trauermarsch, beteten sie nach ihrer Gewohnheit mit lauten Stimmen und
hatten dabei fr alles ein Auge, besonders fr den Adlerkfig, an dem der Zug
vorber mute. Eng aneinander gedrckt saen die fnf Vgel auf der hchsten
Stange und drehten unruhig die Kpfe mit den blitzenden Augen.
    Im Gottesacker gab es eine lange Feier; nach der Grabrede des Geistlichen
sprach einer der Offiziere, und dann fielen die Snger ein: Es ist bestimmt in
Gottes Rat -
    Graf Egge schien nicht zu sehen, nicht zu hren, bis ihm der Geistliche die
kleine Schaufel reichte, schon mit Erde gefllt. Polternd fiel die Scholle ber
den Sarg. Dann nahm die Schaufel ihren Weg durch hundert Hnde. Als die Bauern
sahen, da die Offiziere, wenn sie die Schaufel weiterreichten, auf den Grafen
zutraten und ihm die Hand drckten, befolgten sie dieses Beispiel mit
wrdevoller Umstndlichkeit - und Graf Egge bekam blaue Finger von der
Teilnahme, die sich mit derben Fusten an ihn herandrngte.
    Hinter dem Rcken der Bauern, die sich vor dem Grafen hin und her schoben,
kam einer scheu bis zum Grab geschlichen, fate mit der Hand einen Brocken Erde,
lie ihn hinunterfallen in die Grube und wollte wieder gehen.
    Graf Egge gewahrte ihn. Franzl! rief er mit erloschner Stimme. Komm her!
Gib mir die Hand!
    Es schttelte den Jger, als htte ein Krampf seine Schultern befallen. Dem
Grafen, der diesen ehrlichen Kummer erkannte, ging die kalte Ruhe in heier
Rhrung unter, und er begann zu weinen. Robert, von dieser Schwche seines
Vaters peinlich berhrt, zischelte dem Geistlichen ein paar Worte zu, worauf der
Hochwrdige Herr den Jger beiseiteschob und den Arm des Grafen nahm. Kommen
Sie mit mir in die Kirche, Erlaucht, bei Gott ist Trost, nicht bei Menschen.
    Die Glocken luteten zum Totenamt, und whrend das Grab geschlossen und der
Hgel mit den hundert Krnzen bedeckt wurde, fllten sich alle Bnke der Kirche.
    In einem Winkel neben dem Portal stand der Seewirt und wartete, bis sich der
Gottesacker geleert hatte; dann drckte er den Hut bers Haar und rannte davon.
    Wenige Minuten spter kam vom Seehof ein geschlossener Landauer gefahren und
hielt vor der Kirchenmauer. Der Seewirt, der neben dem Kutscher auf dem Bock
sa, sprang herunter und ffnete den Schlag.
    Tassilo stieg aus. Er schien seine Bewegung gewaltsam niederzukmpfen, doch
sie redete aus seinem entstellten Gesicht. Als er zwischen den Grabsteinen und
eisernen Kreuzen den blumigen Hgel sah, stockte sein Schritt.
    In der Kirche klangen rauschende Orgeltne und die Stimmen des Chorgesanges;
aus einem offen stehenden Fenster quoll der Duft des Weihrauchs, und ber den
Scheiben flimmerte ein Widerschein der brennenden Kerzen.
    Man hatte schon zur Wandlung gelutet, als Tassilo den Friedhof verlie, in
der Hand einen kleinen Zweig mit welkenden Blumen, den er von Kittys Kranz
gebrochen hatte.
    Vor dem Wagen nickte er dem Seewirt zu. Ich danke Ihnen!
    Er stieg ein und sagte heiser: Den Brief an meine Schwester besorgen Sie
selbst, nicht wahr?
    Jawohl, Herr Graf.
    Jetzt, noch ehe die Messe zu Ende ist?
    Sofort, Herr Graf.
    Der Seewirt schlo die Wagentr und schlug, whrend die Kutsche davonrollte,
in flinkem Gange die Richtung nach Schlo Hubertus ein.
    Die Orgel rauschte. Und als die von Mnchen verschriebenen Snger ein
schnes Lied begannen, zwitscherten die Vgel auf allen Akazienbumen des
Friedhofes.
    Unter dem Schlugelut der Glocken wanderte Graf Egge mit Robert und den
Offizieren die Strae hinaus. Schweigend traten sie in den Park, und je mehr sie
sich dem Schlosse nherten, desto lngere Schritte machte Graf Egge, so da
Robert und die Offiziere hinter ihm zurckblieben. Als er den Flur betrat, warf
er den Zylinder in einen Winkel und ri den schwarzen Rock herunter. Moser!
Bring' mir mein Jagdzeug, die Schuhe Modell 64! Flink! Er trat in die
Kruckenstube.
    Moser sprang, da ihm der Kopf rot wurde. Nach zwei Minuten hatte er alles
beisammen: Joppe, Flanellhemd, Lederhose, Wadenstutzen und Schuhe. Whrend er
seinem Herrn beim Umkleiden behilflich war, wollte er seinem Jammer Ausdruck
geben.
    Schweig! fuhr ihn Graf Egge an. Als er sich bckte, um mit den nackten
Fen in die Schuhe zu schlpfen, fiel sein Blick unter das Bett. Er wurde
unruhig und kaute am Schnurrbart. Dann sagte er pltzlich: Da drunten liegt
was. Her damit!
    Moser kroch unter das Bett. Jesus Maria, das schne Gwichtl! Mit
kreideblassem Gesicht brachte er seinem Herrn die beiden Hlften des
entzweigebrochenen Geweihes und stotterte: Meiner Seel, Herr Graf, ich hab ds
Gwichtl mit keiner Hand net angrhrt!
    Graf Egge griff zgernd nach den beiden Stcken und betrachtete sie. Was
kann das Geweih dafr? Er reichte dem Bchsenspanner die Stangen. Flick' die
Schale wieder zusammen! Gib dir Mhe, da man den Schaden nicht merkt. Dann male
mir ein schwarzes Kreuz darauf und hng' das Geweih dort ber mein Bett! Diese
Entscheidung schien sein gepretes Gemt erleichtert zu haben. Er fuhr aufatmend
in die Joppe. Den Hut und die Bchse! Ehe Moser zur Tr kam, fragte Graf Egge:
Warum kommt die kleine Gei nicht herunter zu mir? Wei sie nicht, da ich
schon daheim bin? Der Jger stotterte ein paar Worte. Graf Egge hrte nicht.
Die arme Schmalgei! Sie mu eine bse Stunde gehabt haben, so allein daheim!
Mit dem Ellbogen schob er den Jger beiseite und verlie die Stube.
    Im Flur hrte er aus dem Billardzimmer die Stimmen Roberts und der Gste.
Einen Augenblick zgerte er, als kme ihm die Pflicht des Hausherrn zum
Bewutsein. Unter einem Laut des Widerwillens verzog er das Gesicht und stieg
die Treppe hinauf.
    Gr' dich Gott, Geilein! Da bin ich wieder! sagte er, als er in Kittys
Zimmer trat. Eine bittere Stunde war's. Auch das hat berstanden sein mssen! -
Gei? Warum siehst du mich so merkwrdig an?
    Kitty stand mit dem Rcken gegen das Fenster; in ihrem beschatteten Gesicht
brannten die Augen, die starr am Vater hingen.
    Dieser Empfang verdro ihn. Ach so? Vielleicht, weil ich schon wieder in
den Ledernen stecke? Ich htte wohl bleiben sollen? Das stimmt. Aber ich halt es
hier nicht aus. Das Dach erstickt mich. Und ich rieche immer die verwnschten
Kerzen! Ich mu hinauf. Mu die Bchse in der Hand spren, wenn ich Trost finden
will. Mu Berge sehen! Wild! Da gewahrte er den Brief in Kittys Hand. Was hast
du da?
    Wortlos reichte sie ihm das Blatt.
    Er nahm es. Das Blut scho ihm dunkel in die Stirn, als er die Schrift
erkannte. Und dieser Schrift war es anzumerken, da der Brief in Minuten der
furchtbarsten Erregung geschrieben war. Er lautete: Meine gute Schwester!
Drauen luten fr den armen Jungen die Glocken, und ich sitze im Seehof und
versuche zu schreiben. Du sollst wissen, da ich kam. Wie mich das Entsetzliche
getroffen hat, dafr hab' ich kein Wort. Es wird dir nicht anders ums Herz sein
als mir. Anna wollte mich begleiten, auch auf die Gefahr hin, sich versteckt
halten und eine demtige Rolle spielen zu mssen. Das litt ich nicht und kam
allein. Ich habe dabei nur an dich gedacht und an den Vater, an seinen Kummer
und an meine Pflicht, euch beiden eine Sttze zu sein. Wie htt' ich mir denken
knnen, da man es mir verwehren wrde, den Bruder auf seinem letzten Weg zu
begleiten und dich zu sehen! Um so tiefer hat mich das getroffen. Ich will gegen
Papa nicht klagen, aber es war nicht gut, da er Robert schickte. So hab' ich
zwei Brder an einem Tag verloren. Robert hat mich so tief verwundet, da ich
von ihm gelst bin frs Leben. - Wie ein Dieb mu ich mich an das Grab des
Bruders schleichen, whrend Papa in der Messe ist. Und mu fort, ohne dich
gesehen zu haben! Wie soll das nun weiter kommen? Alles ber mich, in Gottes
Namen, wenn nur die Sorge um dich in meinem Herzen schweigen mchte! Jetzt darf
ich dir auch nicht mehr sagen: Wenn du meiner bedarfst, so komm zu mir! Nur
denken darf ich an dich, fr dich alles Glck erhoffen, das du verdienst. Und in
Gedanken dich an mein Herz drcken, dich kssen wie jetzt. - Dein Tas. Der
Brief hatte noch eine Nachschrift: Verbrenne dieses Blatt.
    Graf Egge legte den Brief auf die Tischplatte und sagte rauh: Wer auf der
einen Seite ein Loch grbt, mu auf der anderen Seite den Hgel aufwerfen. Dir
gibt er doppelt als Bruder, was er als Sohn den Vater entbehren lie. Du httest
seine Nachschrift befolgen sollen. Es wre besser gewesen!
    Kitty stand regungslos, ohne Trnen. Ich wollte, da du lesen solltest.
    Wozu das? Willst du wieder den Sturmbock deiner schwesterlichen
Zrtlichkeit fr ihn einlegen, wie gestern?
    Nein, Papa! Ich wollte an dich nur die Frage richten, ob es mit deinem
Willen geschah, was Robert tat?
    So? Und wenn es so wre? Was willst du sagen dagegen?
    Nichts, Papa! Kittys Augen hingen mit einem Blick unsglicher Trauer am
Vater. Nichts - oder mehr, als gut wre fr dich und mich! Sie rang nach Atem.
Nein! Nicht heute. Das wre unmenschlich! Mit zitternden Hnden griff sie an
ihre Schlfe. Ich bin dein Kind, und du bist mein Vater.
    Die Brauen furchend, trat Graf Egge zurck. So? Das fllt dir also noch
ein? Viel ist es freilich nicht, was nach aller Zrtlichkeit fr den anderen
noch brigbleibt fr mich. Und zu sprechen brauchst du nicht. Ich habe schon
mehr als genug gehrt. Und meine Antwort darauf - Ein Blick in Kittys Augen
lie ihn verstummen. Er zerrte die Hnde durch den Bart und ging mit den
klappenden Nagelschuhen ein paarmal im Zimmer auf und ab. Sich gewaltsam
beherrschend, blieb er stehen. Vielleicht hast du recht. Das ist heute nicht
der richtige Tag. Ehe wir beide miteinander ins klare kommen, brauchen wir Zeit,
um ruhig zu werden. Je lnger er Kitty betrachtete, desto mehr verloren seine
Worte den gereizten Klang. Das wird sich leichter machen, wenn wir Luft
zwischen uns beide legen. Ich geh in meine Htte hinauf, und du - versteh' mich
nicht falsch, das ist nichts anderes als vernnftige berlegung - Onkel Benno in
Eggeberg erwartet dich ohnehin mit Ende des Monats, er wird sich freuen, wenn du
ein paar Wochen frher kommst. Dort hast du Zeit, ber alles nachzudenken. Dann
whle zwischen dem andern und mir. Ich hoffe, du wirst das Rechte finden! Er
legte die Hand auf ihre Schulter. Du sollst mir bleiben, Gei! Aber ich will
dich ganz haben. Halbheiten vertrag' ich nicht. Und jetzt genug! Wenn du willst,
kannst du schon morgen reisen. Ich sitze dann auch ruhiger in meiner Htte
droben. Auch steht die Hirschbrunft vor der Tr, und da htt' ich ohnehin keine
Zeit fr dich. Wo ist die Kleesberg? Ich will die Sache mit ihr in Ordnung
bringen.
    Gundi Kleesberg erschien auf der Schwelle des anstoenden Zimmers. Ich habe
bereits gehrt!
    Dieser Ton, die Erregung, die aus Tante Gundis Haltung sprach, und ihre
strafenden Augen schienen Graf Egges Verwunderung zu wecken. Er war gewohnt, die
Kleesberg in seiner Nhe das zitternde Kaninchen spielen zu sehen. Oho! Sie
haben ja Feuer unter dem Dachstuhl, scheint mir! Was ist Ihnen ber die Leber
gelaufen?
    Meiner Sprache fehlt es zwar an den hchst gewhlten Bildern, wie Erlaucht
sie zu gebrauchen belieben. Aber wenn Sie mir eine Unterredung unter vier Augen
gewhren wollen, hoffe ich doch, ein paar bezeichnende Worte zu finden.
    Graf Egges Erstaunen wuchs. Ach so? Sie sind gegen mich geladen? Und wie
ich merke, bis an den Hals. Nur losgeschossen! Ich habe kein Geheimnis mit
Ihnen. Sie knnen auch hier sprechen.
    Ich bedaure, da mir die Gegenwart der Komtesse eine Rcksicht auferlegt,
deren Notwendigkeit Erlaucht nicht zu empfinden scheinen - wie mich der Ton des
Gesprches vermuten lt, dessen unfreiwillige Zeugin ich leider wurde. Ich,
Erlaucht, wei, wie ich mit Ihrer Tochter zu sprechen habe. Ich bin nur ihre
mtterliche Freundin. Aber ich glaube, mein Herz wrde das Richtige um so besser
finden, wenn sie mir gegenberstnde als mein leibliches Kind!
    Kitty wankte auf Gundi Kleesberg zu und legte unter flehendem Blick die Hand
auf ihren Arm.
    Nun schien Graf Egge zu verstehen. Seine Augen wurden klein, und dick
schwollen ihm die Adern an Hals und Schlfen. Moderieren Sie sich, meine Beste!
Ich spreche zu meinen Kindern, wie es mir beliebt. Wenn Sie den
unwiderstehlichen Trieb zu einer Vorlesung verspren, so predigen Sie doch
lieber Ihrem eigenen Gewissen! Wenn sich das Mdel heute nicht klar ist ber den
Platz, an den meine Tochter gehrt, so liegt die halbe Schuld an Ihnen!
    Gundi Kleesberg wollte sprechen, aber sie kam nicht zu Wort.
    Auf die Mhe, dem Mdel die Pflichten eines Kindes klarzumachen, scheinen
Sie nicht viel Zeit verwendet zu haben. Da es so kommen wird, da htt' ich
voraussehen knnen. Die Historie Ihrer Jugend war fr Sie nicht die beste
Empfehlung. Sie wissen, was ich meine. Und jetzt hab' ich die Bescherung! Dazu
hab' ich mitgeholfen. Ich htte mir sagen mssen, da Sie viel eher die
geeignete Person wren, um in dem Kind das Blut der Mutter zu wecken, statt
Respekt und Liebe fr den Vater. Jetzt rate ich Ihnen, in Eggeberg, nachzuholen,
was Sie in Hubertus versumt haben. Gottbefohlen! Mit klappernden Schritten,
von denen jeder die Spur der genagelten Sohle auf den Dielen zurcklie, ging
Graf Egge aus dem Zimmer.
    Die Kleesberg taumelte auf einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den
Hnden. Das ist zuviel! Ich bleibe keine Minute mehr. Und wenn ich betteln und
hungern mte! Ehe ich bei einem solchen Menschen bleibe - lieber zurck ins
Stift, in diese Hlle! Da begegnete ihr Blick den Augen Kittys, und alle
Emprung war verflogen; nur Schmerz und Erbarmen blieben zurck, und sie
stammelte unter Trnen: Ach du mein liebes, gutes Kind! Wie kann ich denn nur
das dumme Zeug da reden! Nein! Nein! Ich bleibe. Und wenn er mit Fusten auf
mich losschlgt! Wen httest du noch, wenn auch ich mich vertreiben liee! Ich
halte stand! Und ich wei, was ich tue!
    Kitty schien nicht zu hren. Dann hob sie langsam die Augen. Was meinte
Papa, als er von meiner Mutter sprach? Es war ein Ton, der mir das Herz zerri.
Was wollte er sagen damit?
    Gundi Kleesberg erschrak und stotterte einen Schwall von Ausreden.
    Kitty schttelte den Kopf. Sag' es mir! Es lt mir keine Ruhe mehr. Ich
hab' es gefhlt: er hat bel geredet von meiner Mutter. Hat er ein Recht dazu?
    Whrend die Kleesberg ratlos nach Worten suchte, ging Graf Egge unter dem
Fenster vorber, den Bergstock in der Hand, die Bchse auf dem Rcken.
    Finster musterte sein Blick den weien Kiesgrund, der zerwhlt war von
hundert Fen. Welke Blumen, die von den Krnzen abgefallen, lagen
umhergestreut, und am steinernen Rand des Springbrunnens war eine Stelle dick
mit rotem Wachs betropft. Graf Egge machte lange Schritte. Als er die Ulmenallee
erreichte, kam Robert ihm nachgelaufen. Aber ums Himmels willen! Papa! Du wirst
doch jetzt nicht auf die Htte gehen?
    Willst du mich daran hindern? Graf Egge griff an die Joppentasche, ob er
die Patronen nicht vergessen htte.
    Aber ich bitte dich, was soll ich denn unseren Gsten sagen? Du bringst
mich den Herren Kameraden gegenber in eine so klgliche Situation -
    Sonst hast du keinen Schmerz? Na, dann steht es nicht schlecht um dich.
Sag' ihnen, was du willst! Du wirst die wohlschmeckende Ausrede ebenso leicht
finden, wie du heute frh vor dem Gitter da drauen das bitterste Wort gefunden
hast.
    Robert starrte den Vater an, mehr verblfft als beleidigt. Ich mchte doch
ersuchen, Papa -
    Schweig! Ich mache dir keinen Vorwurf. Die grte Niedertrchtigkeit bei
der Geschichte hab' ich selbst begangen, weil ich dich schickte. ber den Rest
deines Urlaubs kannst du ohne Rcksicht auf mich verfgen. Den schuldigen
Abschied nehm' ich als empfangen an. Du wirst ja wohl so bald nicht von dir
hren lassen? Da du ber deine Apanage hinaus um Geld nicht mehr zu kommen
brauchst, wte ich nicht, was du mir sonst zu schreiben httest. Adieu! Graf
Egge zog mit beiden Hnden die Lederhose hher an den Leib und schritt davon.
    Als er das Adlerhaus erreichte, blieb er stehen, musterte die fnf Vgel und
nickte vor sich hin. Es wird leer. Ich mu fr Nachschub sorgen. Er sah ber
die Schulter nach Schlo Hubertus zurck. Nun schritt er weiter, die Arme ber
Lauf und Schaft der Bchse gelegt, und starrte grbelnd vor sich hin. Sie wird
sich besinnen und zu mir halten! Ich such' ihr einen Mann, und das Paar soll mir
Leben und Kinder ins Haus bringen. Sie hat Rasse. Das wird Buben geben!
    Um nicht am Zaunerhaus vorber zu mssen, machte er einen Umweg durch den
Wald und suchte auf verstecktem Fupfad den Friedhof auf. Gott sei Dank!
murrte er in den Bart, als er den Gottesacker leer sah. Hastig trat er ein und
suchte zwischen den Eisenkreuzen das frische Grab.
    Leises Gesumm umschwebte den bunten Hgel; der starke Duft dieser tausend
Blumen hatte die Bienen herbeigelockt, die auf den herbstlichen Wiesen nur noch
sprliche Ernte fanden.
    Whrend Graf Egge auf beiden Knien lag, mit verschlungenen Hnden, betrat
der Mesner den Friedhof und verschwand in der Kirche.
    Es war Mittag, und die Glocke begann zu luten.

                                       11


In der Wohnstube der Horneggerin sa Franzl am blau gedeckten Tisch, und seine
Mutter brachte die Brotsuppe. Sie wollte gerade die rauchende Schssel auf den
Tisch setzen, als sie am Hof das Zauntrchen gehen hrte und einen Blick durch
das Fenster warf. Im ersten Schreck htte sie fast die Suppe fallen lassen. Erst
wurde sie kreidebleich, dann dunkelrot bis unter die grauen Haare. Jesus Maria!
Bub! Da kommt der Herr Graf! Whrend Franzl auffuhr, als htte der Blitz vor
ihm in die Schssel geschlagen, griff die Horneggerin an ihre Frisur, ri die
Kchenschrze herunter und stotterte: Mar' und Joseph! Wie schau ich denn aus!
Halb angezogen! Und jetzt kommt der Herr Graf! Sie wollte in die Kammer
springen, aber die Knie versagten ihr. Und da ging schon die Stubentr auf, und
Graf Egge erschien auf der Schwelle.
    Den Bergstock hatte er im Flur gelassen. Einen wortlosen Gru nickend,
stellte er die Bchse an die Mauer, nahm den Hut ab und warf ihn auf das
Fensterbrett. Schweigend sah er den Jger an, dem die Erregung alle Glieder zu
lhmen schien, betrachtete die alte Frau, die zitternd hinter dem Ofen stand,
und whrend seine gebeugte Gestalt sich langsam streckte, lie er den Blick ber
alle Wnde und Gerte des Stbchens gleiten. Tief atmend drckte er die Fuste
auf die Brust, als wre zwischen diesen engen, niederen Mauern ein wohltuendes
Gefhl der Erleichterung ber ihn gekommen. Nun ging er auf den Jger zu und bot
ihm die Hand. Gr' dich Gott, Franzl! Ich seh' es ein, ich hab' dir unrecht
getan. Das will ich wieder gutmachen. Schlag ein und trutz' nicht! Sei wieder
mein Jger, mein bester, wie du es immer warst! Ich mu doch einen Menschen
haben, von dem ich wei, er hngt an mir! Schlag ein, Alter!
    Whrend die Horneggerin im Ofenwinkel unter Trnen die Augen aufschlug, als
wre dem lieben Herrgott ein Wunder gelungen, bot Franzl den Anblick eines
Menschen, der ein paar tiefe Krge ber den Durst getrunken hat. Er machte wohl
den Versuch, in militrischer Haltung vor seinem Herrn zu stehen, aber es zog
ihm den Kopf in den Nacken, und dabei wrgte er immer das eine Wort heraus:
Aber Herr Graf! Aber Herr Graf! Aber Herr Graf -
    Mach' keine Geschichten, sondern schlag ein! Oder soll ich die Hand eine
halbe Stund' lang herhalten?
    Da griff der Jger mit beiden Hnden zu, und der Druck fiel so krftig aus,
da Graf Egge die Zhne bereinanderbi.
    So! Und jetzt zur Schssel und i! Wenn du fertig bist, packen wir auf und
marschieren. Graf Egge schob den Jger zur Bank und wandte sich an die
Horneggerin, wobei seine Sprache zu vollem Dialekt wurde. Geben S' an Lffel
her, Mutter! Ich halt mit. Zwei Tag lang hab ich kein Bissen nimmer
nunterbracht. Jetzt krachen mir alle Rippen. An Lffel her!
    Aber gern! Es is mir ja die grte Ehr! Die Frsterin wute vor Freude und
Verwirrung nimmer, was sie beginnen sollte. Jesus, wann ich nur auf so was
gfat gwesen wr! Da htt ich aufkocht, ich wei net was! Und grad heut mu ich
so a grings Mittagessen haben. Die Brotsuppen da - ich trau mir's gar net sagen
- und Tirolerkndl mit Selchkraut! D' Suppen, mein ich, wr net bel. Aber die
Kndl, Herr Graf, die Kndl halt! Soviel sinnieren hab ich mssen, derweil ich
kocht hab. Und da hab ich's net gwissenhaft gnug mit die Kndl gnommen. Wenn s'
Ihnen nur net drucken! Jesus Maria! Ds wr mir 's rgste!
    Ich kann mir was rgers denken! Unter mdem Lcheln schob sich Graf Egge
hinter den Tisch. Wenn alles andre so leicht hinunterging wie gschmalzene
Kndl. Also Mutter, geben S' den Lffel her!
    Jesses ja! An Lffel! Wo hab ich denn mein Kopf! Die Horneggerin rannte in
die Kammer hinaus.
    Habt ihr schon gebetet? fragte Graf Egge, whrend er die Fe unter den
Tisch streckte.
    Franzl brachte keinen Laut heraus und nickte nur.
    Graf Egge lehnte sich an die Wand zurck, verschlang die Hnde ber dem Gurt
der Lederhose, sprach halblaut ein Vaterunser und bekreuzte sich; dann griff er
ber den Tisch, fate den Blechlffel der Horneggerin, wischte ihn am Zipfel des
blauen Tischtuches ab und fuhr in die Schssel. Schie los, Franzl!
    Als die Frsterin kam, mit dem silbernen Patenlffel ihres Buben und einem
blanken Hirschhornbesteck, das sie vor Jahren auf dem Mnchener Oktoberfest im
Glckshafen gewonnen hatte, war die Suppenschssel schon halb geleert. Packen
S' wieder ein, Mutter! sagte Graf Egge und behielt den Blechlffel.
    Mit Zittern und Bangen trug die Horneggerin das Kraut und die Kndel auf;
doch das derbe Gericht erwarb sich so ausgiebig die Gnade des Gastes, da Franzl
und seine Mutter zu kurz kamen. Da fand die Frsterin unter scheuem Lcheln
sogar den Mut zu der Bemerkung: Mir scheint, Herr Graf, sie schmecken Ihnen?
    Prmieren tt ich Ihnen grad net fr so an Exemplar. Aber der Hunger treibt
Bratwrst nunter. Ich hab harte Fasten hinter mir.
    O mein Gott, gelt, vor lauter Kmmernis haben S' nix mehr essen knnen?
Die Augen der Horneggerin fllten sich wieder mit Trnen. Ds kenn ich, wie so
was is! Und wie so an Unglck nur kommen kann! Gestern noch's lachende Leben,
und heut der ewige Schlaf! Da wr's kein Wunder, wann der Mensch zittert vor
jeder Stund, und wann er Gott sei Dank sagt hinter jedem Tag, der glimpflich
vorbeigangen is!
    Eine Weile noch hrte Graf Egge den herzlich gemeinten Jammer der alten Frau
geduldig an. Dann legte er pltzlich die Gabel nieder, wrgte den letzten Bissen
hinunter und erhob sich. Mach' fertig, Franzl, ich wart' im Hof! Er reichte
der Horneggerin, die erschrocken verstummt war die Hand ber den Tisch.
Vergelts Gott, Mutter! Dann griff er nach seiner Bchse und verlie die Stube.
    Franzl schob sich aus der Bank heraus. Da nahm die Horneggerin sein Gesicht
zwischen die Hnde. Bub! Was sagst! Gestern hast mich in deiner Kmmernis
erbarmt, da ich mir 's Herz htt aussireien knnen. Und heut is alles wieder
gut!
    Franzl nickte; dabei sprach aus seinen Augen etwas, das mit dieser
Zustimmung nicht harmonieren wollte. Er umschlang die Mutter und schmiegte die
Wange an ihr graues Haar. So standen sie eine Weile, bis Franzl aufatmend sagte:
Jetzt mut mich auslassen. 's Warten hat er net gern. Er rannte zur Stube
hinaus. Eine Minute spter kam er die Treppe herunter, fertig fr den Berggang.
Die Mutter wollte ihm die Stirn mit Weihwasser besprengen, aber bei Franzls Eile
gingen die heiligen Tropfen daneben.
    Graf Egge trommelte schon mit dem Fu und drngte: Vorwrts! Vorwrts!
    Mit langen Schritten wanderte das Paar davon, an den welkenden Hecken
entlang.
    Als sie die Wiesen berschritten und zu den dichter stehenden Husern des
Dorfes kamen, klang hinter ihnen ein Gewinsel, Gebell und Geheul, das sich
nherte und immer lauter wurde. Franzl drehte das Gesicht: Um Gottes willen,
Herr Graf! Was kommt denn da daher?
    Mit Springen und Strzen, berschlagen und Kollern nherte sich ein lebendig
scheinender Knuel von flatternden Leinwandfetzen und lang nachschleifenden
Bndern, die sich durcheinanderringelten wie kmpfende Schlangen. Je nher das
seltene Ungeheuer kam, desto deutlicher lieen sich die wirbelnden Fe, der
zuckende Kopf und die schlagende Rute des Hundes erkennen, der als heulender
Kern in dieser absonderlichen Schale steckte.
    Jesus Maria! Herr Graf! Unser Hirschmann! Der is dem Tierarzt durchbrennt,
hat heimgsucht und is auf unser Fhrten kommen! Franzl legte den Bergstock und
die Bchse ab und rannte dem Hund entgegen. Hirschmanndl! Hirschmanndl! Da komm
her! Ja Hirschmanndl! Was is denn mit dir? Wo kommst denn her?
    Wie der Hund in seinem zerzausten Spitalgewand herangeschossen kam; wie er
in winselnder Freude an dem Jger emporzuspringen versuchte, sich in die
schlagenden Fetzen verwickelte, laut heulend strzte und frhlich bellend wieder
aufsprang; wie Franzl ihn haschen wollte und nur die flatternde Bandage zu
fassen bekam, aus der sich der Hund unter Geheul und Gezappel vollends
hervorkugelte; wie der Jger nun selbst zu Boden taumelte und der befreite Hund
mit ungestmer Liebkosung ber ihn herfiel - das war ein so drolliger Anblick,
da Graf Egge lachen mute. Aber dieses Lachen schien ihn zu schmerzen, denn er
prete die Hand an den Hinterkopf.
    Auch Franzl lachte. Die lrmende Freude des treuen Tieres lie ihn des
Kummers vergessen, den auch die Ausshnung mit seinem Jagdherrn nicht hatte
beschwichtigen knnen. Auf der Erde sitzend, hielt er den zappelnden Hund
umschlungen und blickte lachend zu Graf Egge auf: Jetzt, Herr Graf, jetzt sind
wir wieder alle beinander!
    Alle? Da fehlt noch viel, scheint mir! Dem Grafen war das Lachen
vergangen. Nun erkannte der Hund auch ihn, ri sich aus den Armen des Jgers und
kam gesprungen. Mit zerstreuter Freundlichkeit ttschelte ihm Graf Egge den
Kopf; dabei wurde das Tier ruhig und zog den Schweif ein.
    In Franzl erwachte die Sorge, ob der Hund auch vllig geheilt wre;
Hirschmann ersparte dem Jger die nhere Untersuchung; als Graf Egge sich in
Gang setzte, bersprang der Hund eine Planke und sauste wie verrckt auf den
Wiesen herum; dabei schttelte er immer wieder das Fell, drehte sich im Kreis
und schnappte mit den Zhnen nach seinen Flanken.
    Der is freilich gsund! Ja! meinte Franzl. Aber d' Haut mu ihn spannen.
Vom Verband hngt ihm noch 's ganze Fell voller Pech.
    Whrend die beiden das Dorf durchschritten, drehte sich ihr Gesprch nur um
den Hund, der bald vor, bald hinter ihnen seine vergngten Sprnge machte. Die
Leute, die ihnen begegneten, grten scheu und mit groen Augen. Immer huschte,
wenn Franzl sich fr einen Gru bedankte, eine dunkle Rte ber sein schmal
gewordenes Gesicht. So erreichten sie den Lndeplatz. Der Seewirt, der auf der
Veranda mit einem Touristen plauderte, kam gelaufen und zog die Mtze.
    Seewirt! Graf Egge hatte die Hand auf Franzls Schulter gelegt. Ich habe
leider hren mssen, da im Dorf ganz unqualifizierbar Redereien ber den
Hornegger umhergetragen werden. Das ist bswilliger Quatsch. Hornegger hat sich
im Dienst nicht das geringste zuschulden kommen lassen. Wenn ich in grundlosem
Zorn eine bereilung begangen habe, so liegt die Schuld an mir! Ich sage Ihnen
das, damit Sie es unter die Leute bringen. Verstanden? Und jetzt mein Schiff!
    Whrend der Seewirt davoneilte, wechselten Rte und Blsse auf dem Gesicht
des Jgers. Aber Herr Graf! Was machen S' denn fr Gschichten! Ds is doch
z'viel, Herr Graf!
    Halt' den Schnabel, du dummer Kerl, du guter! Ich hab' dir einen Treff ins
Blut gegeben, jetzt will ich dir auch das rechte Pflaster auflegen. Was ich dem
Seewirt gesagt habe, wird umlaufen im Dorf wie ein Windspiel. Und die Leute, die
uns heut miteinander gesehen haben, werden ihren Metzen Korn auf deine Mhle
schtten. Schau nur, da drben steht schon wieder einer und reit das Maul auf!
    Als der Bauer, der inmitten der Strae stand, die Aufmerksamkeit der beiden
Jger auf sich gerichtet sah, wandte er sich ab und ging seiner Wege. Es war der
Bruckner. Bevor er um die Ecke bog, warf er noch einen scheuen Blick zu den
Bergen hinauf, als wre dort oben fr ihn ein Gegenstand der Sorge.
    Franzl war merkwrdig still geworden. Whrend der ganzen Fahrt ber den See
sprach er keine Silbe und guckte so schwermtig vor sich hin, als htten die
Ereignisse der vergangenen Stunde seinen Kummer um kein Hrchen erleichtert.
    Neben dem Wetterbach stiegen sie aus. Franzl, den das eigene Schweigen zu
drcken begann, versuchte zu plaudern; doch er schwieg wieder, als er merkte,
da sein Herr nicht hrte. Erregung whlte in Graf Egges Zgen. Whrend sie an
der Klause vorbergingen, hielt er das Gesicht abgewandt; als sie den Wildbach
berschritten hatten und ber einen steilen Hang emporgestiegen waren, blieb er
stehen und sah mit funkelnden Augen zurck. ber die welkenden Kronen der
Ahornbume ragte das Dchlein der Klause hervor. Wenn sie alle gegen mich
stehen? Kann es mich wundern? Sie sind die Kinder dieser Mutter! murrte Graf
Egge, ohne sich um die Gegenwart des Jgers zu kmmern. In der Sonne leuchtete
die Marmortafel mit der Inschrift: Hier wohnt das Glck! Graf Egge fate mit
zornigem Griff die Bchse. Der Schu krachte, und von der Kugel getroffen,
strzten die Trmmer der zersplitterten Marmortafel mit dumpfen Klatsch zu
Boden.
    Herr Graf! stotterte Franzl. Um Gotts willen, was treiben S' denn?
    Ohne zu antworten, warf Graf Egge die Bchse ber den Rcken und stieg
bergan.
    Nach dreistndiger Wanderung erreichten sie die Almen. Die weiten,
gelblichen Grasgehnge dehnten sich still und de - whrend der letzten Tage
hatten die Sennerinnen mit ihren Herden die im Seetal liegenden Niederalmen
bezogen.
    Die Schatten des Abends wurden lang, als der Weg der beiden Jger zu Ende
ging und hinter dem Latschenwald das silbergraue Schindeldach der Dippelhtte
hervortauchte. Bei der letzten Biegung des Pfades blieb Graf Egge pltzlich
stehen, und in aufbrausendem Zorn klang seine Stimme: Was will das Weibsbild in
meiner Htte? Das sieht ihm gleich, dem gottverlassenen Kerl, da er auch noch
karessiert in meinem Bett! Und heute!
    Franzl, den die Gedanken an die bevorstehende Begegnung mit Schipper
beschftigt hatten,, blickte auf. Was is denn, Herr Graf?
    Hast du das Weibsbild nicht gesehen, das aus der Htte kam?
    Der Jger schttelte den Kopf.
    Die Person mu ein schlechtes Gewissen haben. Ich hab' es deutlich gesehen,
da sie vor uns erschrocken ist. Warum nimmt sie Reiaus? Warum macht sie den
Umweg durch die Latschen, ber den Steig da droben? Lauf zurck und schneid ihr
den Weg ab! Ich will wissen, wer es war, und was sie in meiner Htte zu suchen
hatte.
    Die Bchse in der Hand, lief Franzl ber den Pfad zurck. Eine weie Schrze
schimmerte zwischen den Latschen. Er machte noch ein paar lautlose Sprnge. Und
nun standen sie voreinander, alle beide zu Tod erschrocken, mit blassen
Gesichtern.
    Mali? Du!
    Das Mdel zitterte.
    Und Franzl griff an seinen Hals. Der Herr Graf - gsehen hat er dich - und
wissen mcht er -
    Es brannte hei ber Malis Wangen, und wie in Freude stammelte sie: Der
Graf? Und du? Ich bitt dich, so red doch, bist denn wieder im Dienst? Und is
denn alles wieder in Ordnung?
    Er sah sie betroffen an. Ihre Freude hatte zu deutlich gesprochen, um nicht
verstanden zu werden. Aber Franzl hatte whrend der vergangenen Tage seinen
Verstand so bs zergrbelt, da er keinen ruhigen Gedanken, keinen vernnftigen
Schlu mehr fertigbrachte. Ob ich wieder mein Dienst hab? Warum willst es denn
von mir erfahren? Ds httst doch grad so gut vom nmlichen hren knnen, der
dir selbigsmal so gschwind hat sagen lassen, da ich gschat worden bin. Bis
gestern hab ich noch allweil studiert, wie's mglich war, da die Katz der Maus
vorausgsprungen is? Aber gestern is mir a Lichtl aufgangen - seit ich ghrt hab,
was fr a Bsuch bei dir ans Fenster klopft hat. Aber der hat 's Trl schn offen
gfunden? Freilich, der hat sein sicheren Posten!
    Mali verfrbte sich, und dennoch atmete sie auf, als wre ihr eine Sorge von
der Seele gefallen.
    Dem Jger wurde die Stimme heiser. Und gar net schenierst dich? Geht's
allweil so bei dir? Bald aussi, bald eini, wie der Kapaziner im Wetterhusl?
Bei aller Entrstung, die in ihm whlte, trieb ihn doch sein Herz, dem hlichen
Raben ein bichen was von seiner Schwrze zu nehmen. Hat dir's dein Bruder
eingeben? Du sollst den Verstand a bil walten lassen?
    Franzl? Was hast denn? fragte Mali tonlos. Der Bruder hat nix z'schaffen
mit meiner Sach. Ich bin selber so gscheit gwesen. Ich hab mir halt denkt -
    Denkt hast? So? Denkt? Franzl lachte und rieb den Hut hin und her. No
schau, jetzt hab ich ja wieder mein Posten! Und wie mich gsehen hast mit der
Bchs, man knnt schier glauben, es htt dich gfreut? Da willst am End gar
wieder umsatteln? Viel bild ich mir net ein auf mich. Aber es knnt schon sein,
da dir's lieber wr: der Posten und ich, als der Posten und der ander dazu?
    In der Brucknermali schien der empfindliche Apparat zu versteinern, mit dem
die Menschenkinder zu denken pflegen.
    Und Franzl lachte, da es ihm na in die Augen sprang. Viel Zutrauen mut
aber nimmer ghabt haben zu meiner Repatazion! Sonst httst dich net gar so
tummelt, da dem andern sein' Bsuch wieder heimgibst! Und fein hast dir 's
Stndl ausgsucht. Wo er allein in der Htten war und der Graf beim Grbnis
drunt! Erschrocken griff sich Franzl hinter's Ohr. Mar' und Joseph! In meiner
Narretei vergi ich ganz, warum ich dasteh! Er richtete sich auf. Mich geht ja
die ganze Gschicht nix an! Der Herr Graf mcht wissen, was du in seiner Htten
suchst? Da schwankte ihm wieder die Stimme. Und was du mit'm Schipper hast?
    Mali tappte mit beiden Hnden nach dem Kopf, als htte sie Sorge um ihren
gemarterten Verstand. Man konnte ihr's ansehen, wie schwer sie die Ausrede fand,
nach der sie suchte. Rasten hab ich mssen, a bil rasten halt! Sonst hab ich
nix in der Htten gsucht. Blo rasten hab ich mssen.
    Rasten? So? Was hat dich denn gar so md gmacht?
    Bei der Sennerin bin ich gwesen.
    So? Bei der Sennerin? Die schon abtrieben hat?
    Ratlos guckte Mali ber die stillen Almen hinunter; dann schlug sie den Arm
ber die Stirn, stolperte ber den Grasrain auf den Jgersteig und ging davon.
    Komm gut heim! Dein Weg wird finster! rief Franzl ihr mit zerdrckter
Stimme nach. Oder soll ich dir leicht den Schipper schicken, da er dich
fhrt?
    Mali griff nach einem Latschenzweig und drehte das Gesicht; es war
entstellt. Franzl! Nimm dich vor'm Schipper in acht! Wie von Sinnen rannte sie
davon.
    Franzl stand so betubt, als htte er einen schweren Schlag auf den Kopf
bekommen. Da hrte er einen gellenden Fingerpfiff. Jesses na! Er begann zu
springen.
    Graf Egge empfing ihn mrrisch. Was ist denn mit dir? Ich wart' mir da die
Seel' heraus! Wo bleibst du so lang?
    Gredt hab ich mit'm Madl, keuchte der Jger atemlos, ich bitt um
Entschuldigung.
    Bei Graf Egge schien der Zorn ber die weie Schrze sich schon gelegt zu
haben; er nahm die Wanderung wieder auf und fragte zerstreut: Wer war es?
    Der Name wurde fr Franzl eine zhe Sache. Die Bruckner-Mali.
    So? Die ist wieder im Dorf? Ihr Bruder, sagt Moser, wr' frher nicht
sauber gewesen? Wie kommt das Mdel jetzt in meine Htte?
    Rasten hat's mssen, blo a bil rasten! Sonst nix, Herr Graf!
    Rasten? Die soll sich ein andermal auf den Kuhsteig setzen, nicht auf meine
Bank! Damit war die Sache erledigt - wenigstens fr Graf Egge.

                                       12


Es dmmerte noch nicht. Aber auf dem Herd der Dippelhtte brannte bereits ein
Feuer. Daneben stand schon die eiserne Pfanne und das Holzgeschirr mit dem
Schmarrenteig.
    Die Fuste in den Taschen der Lederhose, sa Schipper auf dem Herdrand und
schien vergessen zu haben, da er kochen wollte. An der Lippe beiend, in den
grauen Zgen den Ausdruck grbelnder Wut, sah er unruhig vor sich hin. Da klang
das Klirren eines Nagelschuhs. Schipper hob lauschend den Kopf und erkannte den
schweren Schritt. Mit einem Fluch sprang er auf und murmelte: Is denn der kein
Mensch net? Jetzt kommt er heut noch da rauf! Er strich mit der Hand ber das
Gesicht und sprang zur Tr.
    Graf Egge stand vor ihm.
    Wie in freudiger berraschung schlug Schipper die Hnde zusammen. Ja gr
Ihnen Gott, Herr Graf! Ja weil S' nur wieder heroben sind in der Htten! Seit
Mittag is mir's allweil frgangen, da ich heut noch die Freud hab - Schipper
gewahrte, da sein Herr nicht allein war, und das Wort blieb ihm in der Kehle
stecken.
    Was hockst du in der Htte? fuhr ihn Graf Egge an. Warum hast du nicht
Dienst gemacht?
    Schipper war noch immer sprachlos; Franzls Anblick hatte auf ihn gewirkt wie
die Erscheinung eines Gespenstes.
    Hrst du nicht?
    Ich bitt, Herr Graf, ich hab mir halt denkt, Sie kommen.
    Das Denken berla mir! Du mach deinen Schutz! Hol' deine Bchse und pack'
dein Zeug in den Rucksack! Alles. Und dann marschier'! Von heut an bernimmst du
Patscheiders Bezirk. Ich hab' in meiner Htte fr dich keinen Platz mehr.
    Schipper zitterte vor Wut, und sein Gesicht spielte alle Farben; aber er
schien zu merken, da die Stunde nicht geeignet war, um gegen dieses unerwartete
Versetzungsdekret eine Vorstellung zu erheben. Sich mhsam bezwingend, sagte er
mit Ruhe: Wie der Herr Graf befehlen! Dem verwahrlosten Bezirk da drben wird
mei' scharfe Aufsicht net bel anschlagen. Und der gndig Herr Graf wird wissen,
was er will.
    Vor allem will ich Ruhe haben, und da kann ich nicht vor Augen brauchen,
was mir die Galle aufriegelt. Graf Egge trat in die Htte.
    Schipper wollte ihm folgen, kehrte aber wieder um und trat auf Franzl zu.
Gr dich Gott, Hornegger! Hat der Herr Graf an Einsehen ghabt? Es is mir lieb,
da d' wieder da bist! Er streckte ihm die Hand hin. Wir zwei haben uns oft
net recht verstanden mitanander. Jetzt red ich mir's grad amal vom Herzen weg.
Wr gscheiter, wir tten als gute Kameraden einer zum andern halten. Geh, schlag
ein!
    Franzl rhrte keinen Finger und bohrte den Blick in Schippers Augen.
    Oho! Was hast denn? Schipper lachte. Warum schaust mich denn an wie der
Teufel die arme Seel?
    Hornegger! klang es aus der Stube. Und Franzl ging zu seinem Herrn, um den
Kammerdienst anzutreten, aus welchem Schipper entlassen war.
    Als Graf Egge die Herrenstube betreten hatte, war es sein erstes gewesen,
das Geheimarchiv aufzusperren, um sich zu berzeugen, ob hier alles in Ordnung
wre. Unversehrt und friedlich ruhte das herrliche Gemsgehrn neben dem Samtetui
mit den Edelsteinen, von denen nur ein einziger fehlt - ein Rubin.
    Nun sa Graf Egge auf dem Bett, und whrend ihm Franzl die Schuhriemen lsen
mute, hielt er den Hund auf seinem Scho und zupfte ihm aus dem roten Fell die
Harztropfen heraus, die vom Verband zurckgeblieben waren.
    Nach einer Weile kam Schipper und meldete sich fertig zum Marsch.
    Sein Herr entlie ihn wortlos. Als die Schritte des entthronten
Bchsenspanners vor der Htte verklangen, erhob sich Graf Egge und sagte zu
Franzl, der eben die Hngelampe anzndete: So! Jetzt is die Luft sauber! Komm,
Alter, jetzt kochen wir unseren Schmarren!
    Die Vorbereitungen, die auf dem Herd bereits getroffen waren, erleichterten
die Sache. Whrend das Schmalz in der Pfanne prasselte, besprachen sie die
Pirschplne fr den kommenden Tag. Das heit, Graf Egge besprach sie. Franzl,
der verloren umherging, Holz brachte und Wasser zum Feuer setzte, kam ber ein
paar pflichtschuldige Wrtchen nicht hinaus und erklrte sich mit allen
Vorschlgen einverstanden, die sein Herr ausgrbelte. Mitten in der Rede brach
Graf Egge ab, deutete mit dem eisernen Pfannenlffel nach der Ecke des Herdes
und sagte mit schwankender Stimme: Schau, Franzl, auf dem Fleckl, da is er
gsessen am letzten Abend!
    Eine stille Mahlzeit.
    Whrend Graf Egge in der Stube die Zither stimmte und Franzl in der Kche
das Geschirr splte, kam Patscheider von seinem Reviergang zurck. Fr die
Freude ber das Wiedersehen mit Franzl hatte der Jger nur ein paar kurze Worte;
wie sie gemeint waren, das sprach ihm aus den Augen; zum erstenmal lachte er
wieder seit vielen Tagen. Nach dem Rapport teilte er sich mit Franzl in die
Arbeit, und dabei sprachen sie flsternd von dem Unglck drunt und vom armen
Herrn. Whrend dieses Gesprches erwachte in Patscheider ein Gedanke, der ihn
um so unruhiger machte, je lnger er ihn verschwieg. Endlich platzte er damit
heraus: Sag, Franzl! Jetzt hast ja dein' Dienstplatz wieder. Ttst mir harb
sein, wenn ich mich um den Posten bewerben mcht, den man dir anboten hat?
    Betroffen sah Franzl auf. Er kannte den Jger gut genug, um zu wissen, da
hinter der Sache alles andere eher steckte als Eigennutz. Michel! Um Gotts
willen! Was is denn?
    Patscheider wehrte mit der Hand. Frag net! Bei so was tut 's Reden net
gut.
    Das war schon zuviel gesagt. Das Gerede im Dorf, Patscheiders verndertes
Wesen und seine letzten Worte - der Zusammenhang dieser Dinge weckte in Franzl
eine Ahnung, die ihm den Herzschlag stocken machte. Michl! Jesus Maria!
    Ttst mir harb sein?
    Franzl schttelte den Kopf. Ohne ein weiteres Wort erhob sich Patscheider,
klopfte an die Tr der Herrenstube und trat ein.
    Graf Egge stimmte noch immer an seiner Elegienzither; der Klang der Akkorde
war ihm noch nicht rein genug. Eine Saite schraubend, sah er auf.
    Ich bitt, Herr Graf, sagte Patscheider verlegen, ich htt gern a bil
nach meine Leut gschaut. Wenn S' nix dagegen htten? Morgen am Abend vor dem
Pirschgang wr ich wieder heroben.
    Geh nur! Graf Egge schlug einen Akkord an und neigte das Ohr gegen die
Saiten. Und sag' dem Hornegger, er kann sich schlafen legen.
    Franzl nahm die Botschaft als Befehl, und nachdem er hinter Patscheider die
Httentr verriegelt hatte, kletterte er auf den Heuboden.
    Schlaflos lag er in der Finsternis unter den Dachsparren und qulte sich mit
seinen wirren Gedanken, whrend aus der Herrenstube herauf die zrtlichen Klnge
der Zither tnten.
    Graf Egge spielte an diesem Abend nur ernste Stcke. An Koschats Verlassen,
verlassen reihte sich Mutterseelenallein mit meisterhaft ausgefhrten
Flageolettnen. Ein schwermtiges Zwischenspiel in A-Moll leitete ber in das
Tiroler Volkslied:

                        Wenn ich zu meinem Kinde geh -

    Bei diesem Liede mute Graf Egge whrend des Spiels den Kopf zurckbeugen,
damit die Trnen, die ihm ber die Wangen rollten, nicht in die Saiten fielen;
die Zither ist ein wehleidiges Instrument, und Feuchtigkeit vertrgt sie nicht.
Beim Schluakkord seufzte Graf Egge so schwer, da Hirschmann, der hinter dem
Ofen lag, den Kopf erhob und seinen Herrn verwundert betrachtete.
    Wieder klang die Zither. Dem Schlummerlosen auf dem Heuboden redeten diese
feinen Klnge ins Herz. Er setzte sich auf, drckte den Kopf in die Hnde und
grbelte. Immer tauchten zwei Bilder gleichzeitig in ihm auf, eines ein
Widerspruch zum anderen; jeder Gedanke, dem er folgte, fhrte ihn nach Irrwegen
zu einem groen Loch, vor dem er ratlos stand und wieder den Rckweg suchte; und
in seinen eigenen Kummer mischte sich noch das Erbarmen mit dem armen Herrn da
drunt und die Sorge, die er sich um Patscheider machte.
    Der hatte auf seinem Heimweg in der dunklen Nacht ein bles Wandern; auf den
Almen ging es noch leidlich, da leuchteten die Sterne ein bichen; aber im
schwarzen Hochwald setzte es Beulen und blutige Risse.
    Mitternacht hatte geschlagen, als Patscheider das Dorf erreichte; in den
Hfen, an denen er vorberkam, bellten die Hunde, und dumpf rauschte die Ache in
der Nachtstille. Langgezogene Nebelstreifen schwebten aus dem Seetal heraus,
umhllten den Kirchturm und senkten sich ber den Friedhof und die Wiesen. Alle
Huser lagen schon dunkel, nur aus der Stube des Brucknerhauses leuchtete noch
ein trber Lichtschimmer; und der Jger sah, als er vorbeiwanderte, einen
Schatten ber die Fenster irren.
    Diesen Schatten warf der Bauer, der mit nackten Fen in der Stube auf und
ab ging; die Schwarzwlderuhr tickte, und mit glostendem Ruber brannte eine
dnne Kerze auf dem Tisch, hinter welchem Mali im Herrgottswinkel sa, den Kopf
an die Wand gelehnt. Auf dem Ledersofa, das nach Forbecks Abreise aus dem
Giebelzimmer den Umzug in die Stube gemacht hatte, schlummerte das kleine
Netterl, und fr Mali lag auf dem Boden eine Matratze mit rotgeblumtem Kissen
und wollener Decke.
    Bruckner blieb vor der Schwester stehen. Ich studier mir 's Hirnkastl aus,
aber ich find nix Bessers. Bleibst im Haus, so is 's Unglck fertig. Ds mut
selber einsehen, nach dem, was heut am Berg droben passiert is! Oder net?
    Mali nickte.
    Da ich dich net gern fortla, kannst dir denken. Der Bauer sah hinber zu
dem schlafenden Kind. Aber es geht nimmer anders, jetzt mu ich allein mit'm
Schdel durch d' Wand. Am besten, du gehst gleich morgen in der Fruh. Den Kufer
schick ich dir mit'm Boten nach. Is dir's recht so?
    Mali schob sich hinter dem Tisch hervor, ging zum Sofa und streifte mit der
Hand ber das Haar des Kindes. Magst mir 's Netterl net mitgeben? 's Kind tt
gsunden in meiner Sorg. Und d' Schwester htt die grte Freud.
    Er schttelte heftig den Kopf. D' Schwester hat kleine Muler gnug. Und
htt ich meine Kinder nimmer, was htt ich noch? Ich gib keins her. A paar Tag
lang hilft mir d' Nachbarin aus, nachher mu ich mich halt um a richtigs
Weibsbild umschauen. Soll's kosten was mag! Lieber schind ich mich, da mir 's
Blut aussispritzt bei die Ngel. So! Jetzt leg dich schlafen! Die halbe Nacht is
eh schon wieder beim Teufel.
    Trotz dieser Mahnung gingen noch Stunden vorber, ehe hinter den Fenstern
des Brucknerhauses das Licht erlosch.
    Der folgende Tag, ein Sonntag, brachte das ganze Dorf in Aufregung. Aber das
Getratsch und Gerede, das nach dem Hochamt aus der Kirche getragen wurde, hatte
nichts mit der Tatsache zu schaffen, da am frhen Morgen die Bruckner-Mali mit
einem kleinen weien Bndel und mit rotgernderten Augen zum Dorf
hinausgewandert war. Was den halb lustigen, halb verwunderten Leutrummel
verursachte, war die nach der Predigt von der Kanzel erfolgte Verkndigung: Zum
heiligen Bund der Ehe haben sich versprochen der ehr- und tugendhafte Jngling
Andreas Pointner und die ehr- und tugendsame Jungfrau Elisabeth Zauner, beide
allhier.
    Auch Patscheider, der gegen zwlf Uhr mittags vor dem Seehof aus einem
Einspnner stieg und ein Schiff verlangte, bekam die groe Neuigkeit zu hren.
Er zuckte nur die Achseln und sprang in den Kahn. Als er beim Wetterbach
landete, begann er mit treibendem Marsch bergan zu steigen und traf, wie er es
seinem Herrn zugesagt hatte, noch vor der guten Zeit im Palais Dippel ein.
Graf Egge stand vor der Htte, schon zum Pirschgang fertig. Mit der Bchse auf
dem Rcken las er einen Brief, dessen zerrissenes Kuvert auf der Erde lag.
Moser, der mit dem Hut in der Hand vor Graf Egge stand, schien diesen Brief
soeben gebracht zu haben. Auch Franzl war schon fr den Jagdweg gerstet; er sa
auf der Httenbank und sah, als Patscheider kam, stumm fragend zu ihm auf; der
Jger nickte und verschwand in der Httentr.
    Graf Egge hatte zu Ende gelesen und schien in Erregung mit einem Entschlu
zu kmpfen. Pltzlich wandte er sich zu Moser und fuhr ihn an. Was kommst du
auch gerade jetzt mit dem Brief daher? Ich kann doch jetzt nicht schreiben, ich
versume doch die Pirsch! Wieder berlegte er. Die Unentschlossenheit whrte
nicht lange. Er schob den Brief in die Joppentasche. In Gottes Namen! Bring'
ihr die Antwort mndlich. Ich bin damit einverstanden, da die Damen morgen
reisen. Er bi am Schnurrbart und suchte nach Worten. Sie sollen sich in
Mnchen nicht lnger als ntig aufhalten. Im Palais ist alles versperrt und
verriegelt, und der Kampfergeruch knnte ihnen Kopfweh machen. Es ist besser,
sie bleiben ber Mittag in einem Hotel und fahren gleich nach Tisch mit dem
Kurierzug weiter. Das erspart ihnen berflssige Besuche. Es zuckte um Graf
Egges Augen. Von Eggeberg sollen sie mir eine Depesche schicken, da sie
glcklich angekommen sind. Ich schreibe dann schon - wenn ich Zeit habe. Und
meiner Tochter kannst du sagen, es htte mich gefreut, da sie morgen noch zu
mir heraufkommen wollte. Aber das darf ich ihr nicht zumuten. Die paar Tage sind
mir in die Knie gegangen - um wieviel elender mu das Mdel sein. Sie soll sich
schonen fr die Reise. Ich la ihr gute Fahrt wnschen. Recht gute Fahrt. Und
glckliche Ankunft in Eggeberg. Und einen guten Winter. Sag' ihr das! Vielleicht
komm ich nach der Hirschbrunft, bevor ich reise, auf einen Sprung nach Eggeberg.
Mein Bruder hat freilich eine Jagd, da Gott erbarm'! Aber dem Mdel zulieb!
Sag' ihr das! Er rckte den Hut. Hornegger, komm! Graf Egge folgte dem Steig
und fragte, als Franzl ihn einholte: Wo, meinst du, da der Bock steht?
    Drei Stunden spter, als es dmmerte, brachte Franzl die von seinem Herrn
erlegte Gemse zur Dippelhtte getragen. Aber die Laune, in der Graf Egge nach
Hause kam, war eine andere, als sie sonst nach einem glcklichen Schu zu sein
pflegte. Auf der Pirsche hatte er den Augenblick, in dem er Feuer geben durfte,
kaum erwarten knnen; als ihm aber die Beute zu Fen lag, hatte er das Gehrt
ohne Freude betrachtet; und auf dem Heimweg besprach er nicht wie sonst mit
eingehender Umstndlichkeit den Verlauf der Jagd, sondern war von mrrischer
Schweigsamkeit.
    Nach der Mahlzeit gab es eine bse Szene zwischen ihm und Patscheider, der
seinen Dienst kndigte. Graf Egge schrie, da die Fenster klirrten.
    Franzl ging zum Brunnen, um nicht wider Willen hren zu mssen, was in der
Stube verhandelt wurde. Es whrte fast eine Stunde, bis in der Htte wieder Ruhe
war. Als Franzl in die Herdstube zurckkehrte, packte Patscheider mit zitternden
Hnden seinen Rucksack, whrend in der Herrenstube die Saiten klangen.
    Gott sei Dank, Franzl, jetzt hab ich's berstanden! Mein Packl trag ich
freilich mit fort. Aber jetzt kann ich mit Ruh an Weib und Kinder denken.
    Aber Michl! Was is denn? Warum packst denn jetzt?
    Fort soll ich, gleich auf der Stell, hat er gsagt. Heut hat er's mir macht
wie selbigsmal dir! Statt da er an Einsehen ghabt htt mit meiner armen Seel.
Statt da er froh gewesen wr ber den Ausweg, den mein Erbarmen mit dem armen
Teufel von Vater - Patscheider verschluckte den Rest des Satzes. Da hab ich
mich nimmer halten knnen. Und alles hab ich ihm gradaus ins Gsicht gsagt, was
ich die ganze Zeit her in mich nunterdruckt hab. Alles! Alles!
    Michel, um Gotts willen, bist denn gscheit? stammelte Franzl. Weit doch,
da er aufgregt is und hart im Holz! Und schau, jetzt hat ihn ds frchtige
Unglck troffen. So was dreht doch an Menschen um und um! Wie kannst ihm denn da
was belnehmen? Aber Michl! Michl!
    Patscheider kratzte sich den Kopf. Vielleicht hast recht, vielleicht htt
ich mir 's Maul verriegeln sollen. Aber ich hab mich nimmer halten knnen. Es is
mir aussigrumpelt. Er hat mir Sachen ins Gsicht gsagt - Der Zorn erwachte
wieder in ihm. Himmelkreuzteufel, ich hab ja rein glaubt -
    In der Stube schwieg die Zither, und Graf Egge rief mit heiserer Stimme:
Wird da drauen bald Ruh' werden! Dann klangen die Saiten wieder.
    Die beiden Jger sprachen kein Wort mehr. Als Patscheider den Bergsack auf
den Rcken gehoben hatte, winkte er seinem Kameraden. Schweigend gingen sie in
der Nacht eine Strecke miteinander. Dann umklammerte Patscheider Franzls Hand.
Bht dich Gott! Und ich sag dir Vergelts Gott, weil mir verlaubt hast, da ich
mich um den Posten umschau. Da ich dich net vergi, da kannst Gift drauf
nehmen! Alles andre la ich hinter mir. Kreuz drber und fertig! Dir, Franzl,
bleib ich der Alte. Bht dich Gott, Kamerad! Er ri ihn an sich, kte ihn wie
ein zrtlich gewordener Br und stolperte in die Nacht hinaus.
    Franzl hatte kein Wort gefunden. Als Patscheiders Schritte schon verhallten,
rief er ihm nach: Bht dich Gott, Michl! La dir's gut gehn, gelt! Whrend er
in die Htte zurckkehrte, blieb er immer wieder stehen und sah durch die
Finsternis gegen das Tal hinunter. In der Jgerstube setzte er sich auf den Herd
und starrte in die verglimmenden Kohlen. Seufzend erhob er sich endlich und
suchte seine Liegerstatt im Heu.
    Es waren unfreundliche Zeiten, die nun im Palais Dippel Einzug hielten. Graf
Egges Laune wurde knorriger von Tag zu Tag, und die rhrseligen Stimmungen, die
in der ersten Zeit noch ab und zu seine gallige Verbitterung fr kurze Stunden
lsten, wurden immer seltener. Jeder Mierfolg auf der Jagd war die Veranlassung
zum Ausbruch eines malosen Zornes. Kein Tag verging, ohne da Franzl sich das
Unglck seines Herrn in eindringliche Erinnerung rufen mute, um seine
geduldige Ruhe bewahren zu knnen. Dabei lagen die Sorgen seines Herzens wie ein
drckender Stein auf ihm. Und sein Beruf war ihm keine Freude mehr; immer
bedenklicher schttelte er den Kopf zu der Art und Weise seines Herrn.
    Wie Graf Egge jetzt die Jagd betrieb, das war eine Hetze ohne Atemholen; am
Morgen die Pirsch, untertags eine Treibjagd, am Abend wieder die Pirsch. Was ihm
vor die Bchse kam, wurde niedergebrannt. Und in der Nacht ein dumpfer, schwerer
Schlaf nach den erschpfenden Strapazen des Tages. Am Morgen ging es wieder mit
so blinder Hast zum Tempel hinaus, da auf Graf Egges Stirn die Beule in
Permanenz erklrt war. Keine Beute befriedigte ihn, kein Erfolg vermochte ihn zu
sttigen. Es war nicht mehr die Jagd, was er suchte, nur noch die fieberhafte
Erregung vor dem Schu.
    Eines Nachmittags, whrend der Gemspirsch, sahen sie zwei Adler ber einer
Felswand kreisen. Das brachte eine neue, willkommene Erregung. Graf Egge scho
die erste Gemsgei nieder, die ihm ber den Weg sprang; sie wurde auf der Zinne
der Wand als Kder ausgelegt, und whrend Franzl die Wache bezog, bersiedelte
Graf Egge in Schippers Htte.
    Nach Verlauf einer Woche konnte Franzl seinem Herrn die Meldung bringen, da
die Adler den Kder angenommen htten und regelmig einfielen.
    Wenn S' Ihnen d' Mh net verdrieen lassen, Herr Graf, die schieen S' alle
zwei!
    Graf Egge besann sich. Dann schttelte er den Kopf. Schieen? Ich will mehr
davon haben! Die wirst du mir fttern ber den Winter. Vielleicht bleiben sie
und horsten. Dann hol' ich mir die Jungen aus dem Nest. Das fllt mir den Kfig
wieder und bringt eine Abwechslung. Ich mu wieder einmal was anderes haben,
eine Sache, die mir das Blut von unten herauf aufriegelt. Das ewige Gepulver
wchst mir zum Hals heraus.
    Im Widerspruch zu diesem Gestndnis machte jeder folgende Tag ein paar
Patronen leer. Whrend der Hirschbrunft gnnte sich Graf Egge tglich kaum ein
paar Stunden Ruhe; es war Vollmondzeit, und so bentzte er auch die Nchte zum
Ansitz, ohne sich viel um die rheumatischen Schmerzen zu kmmern, die sich jetzt
im linken Knie zu rhren begannen, das bisher von dem bel noch immer verschont
geblieben war. Er erinnerte sich der halben Unterhose, die er im Sommer erspart
hatte, und es setzte ein bses Wetter, als das wollene Bein nicht gleich
gefunden wurde. Diesmal wollte die Wrme der Wolle so flink nicht helfen. Graf
Egges Gang wurde immer schleppender, sein Gesicht bekam eine gelbliche Frbung,
und seine Augen fielen tief in die Hhlen. Aber solang auf den Almen und im
Bergwald noch ein Brunftschrei zu hren war, gnnte er sich keine Ruhe. Im
Verlaufe von drei Wochen brachte er neunzehn Hirsche auf die Decke. Den letzten
erlegte er am Morgen des 16. Oktober, obwohl mit dem Tage vorher die Schuzeit
schon zu Ende gegangen war. Vom aufgebrochenen Hirsch weg trat er den Abstieg an
und lie, in Schlo Hubertus angekommen, den Doktor holen. Dieser riet ihm eine
Luftvernderung, den Besuch eines milden Klimas. Unverzglich befolgte Graf Egge
diesen Rat, schien aber dabei die Himmelsgegenden zu verwechseln, denn er reiste
am folgenden Morgen zu den Elchjagden nach Finnland ab. Zu seiner Bedienung und
Pflege nahm er Schipper mit, der in der Brunftzeit wieder zu Gnaden gekommen
war, da er seinen Herrn auf zwlf Hirsche zu Schu gebracht hatte.
    Franzl atmete auf. Sein erstes war, da er sich im Palais Dippel einen Tag
und eine Nacht ins Heu vergrub, um in einem bleiernen Schlaf seine zerriebenen
Knochen rasten zu lassen. Als er erwachte und vor die stille Htte trat, lag ein
schimmernder Herbstmorgen ber den Bergen, deren hchste Zinnen schon die erste
Schneekoppe trugen. Franzl kam sich vor wie eine aus dem Fegfeuer erlste Seele.
In dieser einsamen Ruhe fhlte er sich selbst wieder, empfand, da er lebte.
Nach dem Frhstck, das ihm seit Wochen zum erstenmal wieder mundete, nahm er
seine Bchse und wanderte den ganzen Tag in seinem Bezirk umher. Er ruhte im
rauschenden Wald, rastete auf sonnbeschienenen Gehngen, sah trumend die
ragenden Wnde an und beobachtete, wie das versprengte Wild sich wieder
sammelte. Die Freude an seinem Beruf begann in seiner Seele wieder warm zu
werden. Und noch etwas anderes fand er in dieser Stille, bei diesem erquickenden
Aufatmen: der wirre Sorgenknoten seines Herzens lste sich wie von selbst. Jetzt
zum erstenmal konnte er ruhig berdenken, was er mit Mali erlebt hatte, und da
wurde der schwarze Rabe, als der ihm das Mdel erschienen war, immer weier und
weier. Wohl fand er die Sache jetzt nicht weniger unbegreiflich als frher.
Aber der Gedanke an Malis offene Herzlichkeit, die Erinnerung an ihr vergrmtes
Gesicht, an den angstvollen Klang der Stimme, mit der sie ihm jene Warnung vor
Schipper zugerufen hatte - das waren strkere Trmpfe als die verriegelte
Haustr und der Besuch des Mdels in der Dippelhtte. Hinter der Sache mute was
stecken, was er nicht erraten, nicht ahnen konnte. Um darber ins klare zu
kommen, wute er keinen besseren Weg, als mit einer offenen Frage vor das Mdel
hinzutreten.
    Getrstet und von neuer Hoffnung erfllt, kehrte Franzl mit diesem Entschlu
am Abend ins Palais Dippel zurck. Am folgenden Tage hielt ihn noch die Pflicht
auf den Bergen fest: mit Hilfe zweier Holzknechte mute er einen Spiehirsch,
den Graf Egge niedergebrannt hatte, als Kder fr die beiden Adler auf die Hhe
der Felswand schaffen. Um zwei Uhr mittags kehrte er von dieser Arbeit zurck,
schlo am Palais Dippel die Fensterlden, versperrte die Tr, und nun rannte er
wie ein Narr, um noch vor Einbruch der Dmmerung das Dorf zu erreichen.
    Als er am Seehof vorbersauste, wurde in der Wirtsstube schon die Lampe
angezndet. ber der Strae lag noch ein fahles Zwielicht, und ehe Franzl den
Zaun des Brucknerhauses erreichte, konnte er schon die Gestalt des Mdels
gewahren, das zwischen Tr und Brunnen umherwanderte und das in einen
Lodenmantel gewickelte Netterl auf den Armen trug. Das Herz schlug ihm wie ein
Hammer. Doch als er in den Hof trat, sah er das ihm fremde, grobknochige
Frauenzimmer ratlos an. Um Gotts willen! Wer bist denndu?
    's Kindsmadl bin ich, beim Bruckner.
    Kindsmadl? Zu was braucht denn der Bruckner fremde Leut im Haus? Is doch d'
Schwester da!
    So? Bist du auer der Welt daheim? Weit denn gar nix? D' Mali is schon
lang nimmer im Ort.
    Franzl verfrbte sich.
    Die is zu ihrer Schwester aussi uns Unterland. Jetzt bin ich da! Franzl
stand eine Weile auf den vorgestreckten Bergstock gesttzt. Da wnsch ich gut
Nacht! Langsam, immer den Kopf schttelnd, ging er der Strae zu.
    Mir scheint, bei dem rappelt's! brummte die Magd.
    Vor dem Zaun blieb Franzl stehen, schob den Hut in die Stirn und rieb den
Nacken. Aus und gar! Jetzt mach an Schnapper, Herzl, da dich wieder
derfangst!
    Schon am folgenden Morgen stieg er wieder zur Dippelhtte hinauf, obwohl er
fr diesen Tag zur Hochzeit des feinen Lieserls und des Pointner-Andres geladen
war. Seine Mutter hatte ihm zugeredet, die Gaudi mitzumachen, weil sie hoffte,
da Franzls aschfarbene Stimmung sich beim Klang der Geigen und Klarinetten ein
bichen aufheitern mchte. Am Abend aber dankte sie dem lieben Herrgott mit
aufgehobenen Hnden, da ihr Bub nicht dabei war - denn der Hochzeitsjubel
hatte ein sonderbares Ende genommen.
    Die Braut, die neben dem Ehering einen Reif mit funkelndem Rubin am Finger
trug und gleich einer stadtischen Hochzeiterin in ein weies Atlaskleid mit
langer Schleppe gekleidet war, tanzte fleiig mit den zur Hochzeit geladenen
Burschen und besonders mit dem jungen Postpraktikanten. Der Brutigam wurde
unruhig, lie sich aber vorerst noch durch die Einsicht beschwichtigen, da er
wirklich ein schlechter und schrecklich ungeschickter Tnzer war, dessen
flofrmige Hochzeitsstiefel jede zierliche Fuspitze schwer bedrohten. Aber was
der Andres an Temperament in den Beinen ersparen mute, das sammelte sich
langsam in den Adern an seinen Schlfen zu besorgniserregenden Wlsten an.
    Meister Zauner wollte vermitteln, zog sein Tchterlein beiseite und
flsterte dem erhitzten Weibchen ein paar eindringliche Worte ins Ohr.
    Jetzt bin ich Frau, versteht der Herr Vater? antwortete das feine Lieserl.
Jetzt tu ich, was ich mag! A bil was mu ich haben davon, da ich mich
aufgeopfert hab! Lachend trat sie mit dem Postpraktikanten zu einem Walzer an.
    Immer eifriger sprach der Brutigam in seinem wachsenden Mivergngen dem
Weinglas zu. Einmal griff er ber den Tisch und zupfte die Zaunerin am rmel:
Was wagen S', Frau Schwiegermutter - mein Lieserl schaut sich net arg viel auf
mich! Ds verdriet mich recht!
    So la ihr doch heut ds bil Vergngen! lautete die rgerliche Antwort.
Von abends um neune an ghrt s' dein! Und 's Leben is lang. Da kommst noch
allweil auf deine Kosten.
    Der Brutigam nickte und sa wieder geduldig auf seinem einsamen Platz. Als
aber Stunde um Stunde verging, ohne da Lieserl den Tanzboden verlie, erhob
sich der Andres endlich, suchte sein Brutl auf und sagte: Weiberl, was is
denn? Schaust dich gar nimmer um auf mich? Ich bin doch heut die Hauptperson!
    Lieserl gab eine Antwort, die den jungen Pointner erblassen machte. Er legte
seine Brenfaust mit eisernem Griff um das schlanke rosige Handgelenk der Braut,
zog sie trotz ihres Strubens zur Hochzeitstafel und hielt sie an seiner Seite
fest. Die Zaunerin ereiferte sich ber diese unghobelte Gwaltttigkeit,
Meister Wastl zog sich schwermtig mit seiner Weinflasche in das Extrastbchen
zurck, um die Sache nicht lnger mit ansehen zu mssen, und das feine Lieserl
weinte vor Zorn. Als der Postpraktikant, dem sie die nchste Quadrille zugesagt
hatte, sein Recht forderte, sagte der Brutigam sehr grob: Nix da! Mein Lieserl
bleibt bei mir! Heut mu ich mir d' Mahlzeit net aufwrmen lassen von eim
andern. Heut koch ich selber. Es gab ein Wortwechsel, ein paar Burschen faten
die Situation unter dem Gelchter der ganzen Hochzeitsgesellschaft in drastisch
wirkende Schnaderhpfel, der Brutigam warf einem der Snger das Weinglas an den
Kopf, und die Folge war eine blutige Keilerei. Bei diesem Tanz war der
Pointner-Andres der unbertrumpfbare Meister. Er machte bei der Suberung des
Tanzlokals so grndliche Arbeit, da nur die Musikanten noch zurckblieben,
ausgenommen den Kontrabassisten, der auerhalb der Tribne stand und beim
Aufwaschen aus Versehen mitgenommen wurde. Als er die Scherben seines
Instruments ansah, erklrte er: Is einer gschickt, so kann er aus meiner
Bageigen noch allweil a Zndholzschachterl machen.
    Die Trompeter und Klarinettisten, die der Lawine des Hinauswurfs glcklich
entronnen waren, muten einen lustigen Marsch anstimmen. Und unter
Schmetterklngen wurde der sieghafte Brutigam, der sein trotzendes Weiberl mit
festem Griff an der Hand fhrte, von allen Ungeprgelten der
Hochzeitsgesellschaft heimgeleitet in das Paradies seines jungen Glckes.

                                       13


Am Allerseelentag fiel der erste Schnee ber die Dcher des Dorfes, whrend er
auf den Bergen schon fuhoch lag. - Franzl blieb in der Dippelhtte, um den Flug
der Adler zu berwachen. Mitte November erhielt er aus Siebenbrgen von Graf
Egge die telegraphische Anfrage: Sind sie noch da? Vier Wochen spter kam die
gleiche Frage aus dem Banat, wohin Graf Egge zu den Brenjagden gereist war.
    Am Tag vor Weihnachten suchte Franzl unter wirbelndem Schneegestber den
Heimweg ins Dorf.
    Im Park von Hubertus war weie Stille. Schmal ausgetretene Fuwege fhrten
durch den hohen Schnee. Am Schlo waren alle Fensterlden geschlossen, die
Hirschgeweihe von der Mauer abgenommen. Der Adlerkfig in der Ulmenallee stand
leer, und in dicken Klumpen hing der Schnee am Drahtgitter - die Sommergste des
Kfigs hatten das Winterquartier in der Remise bezogen.
    Fr Franzl kamen harte Wochen. Die berwachung der Wildftterung, die
Zurichtung der Marderfallen und das Legen der Fuchseisen hielt ihn vom Morgen
bis zum Abend auf den Beinen. Wohl waren fr Patscheider und Schipper zwei neue
Jger in Dienst getreten, aber sie muten das Revier erst kennenlernen, bevor
ihnen Franzl einen Teil der Arbeit bertragen konnte. Und jede zweite Woche
stieg er durch den zhen Schnee zum Palais Dippel hinauf, um den Adlern frische
Kirrung zu legen.
    Noch in jeder Schneezeit hatte Franzl die gleichen Strapazen gesund und
lachend bertaucht. In diesem Winter wurde sein Gesicht so schmal, seine Gestalt
so hager, da die Horneggerin mit Sorgen kein Ende fand.
    Die letzte Mrzwoche brachte einen brausenden Fhnsturm. Auf allen
sonnseitigen Gehngen der Berge schmolz der Schnee, und das Hochwild verlie -
fr den Jger das erste Frhlingszeichen - die Futterpltze, um zu den Almen
hinaufzusteigen.
    Franzl quartierte sich wieder im Palais Dippel ein. Seine stille Schwermut
blieb auch da droben unverndert, obwohl ihm die Arbeit keine Zeit zu zwecklosem
Grbeln vergnnte. Whrend er dem neuen Kameraden, der mit ihm das Heulager
teilte, den Schutzdienst im Bezirk berlie, war er vom ersten Morgengrauen bis
zum sinkenden Abend auf den Fen, um hoch im Gewnd den Kirrungsplatz der Adler
zu berwachen oder tief im Bergwald die Balzpltze der Auerhhne aufzusuchen.
    In der ersten Maiwoche schickte ihm Moser einen Zettel des Inhaltes: Morgen
kommt der gndig Herr Graf, er will dich gleich haben, hat er dellagrafiert. Um
zehne kommt er, also schau, da bei der Hand bist, sonst gibt's Spitakl - dein
lieber Moser. Franzl trat sofort den Heimweg an und stellte sich rechtzeitig in
Hubertus ein. Das Schlo hatte schon Frhlingstoilette gemacht: die Geweihe
hingen an der Mauer, die Fontne pltscherte, die Rosenstmmchen waren
aufgebunden, und in der Ulmenallee, deren Bume von einem zartgrnen Schimmer
berhaucht waren, saen die fnf Adler hinter dem Gitter. Einer der Vgel
trauerte. Den Kopf zwischen die Schultern geduckt, sa er auf der Stange und
blhte das Gefieder auf, als wre ihm nicht mehr behaglich in seiner Haut.
    Moser, der gerade die Ftterung erledigte, sagte zu Franzl: Ich kann mir
gar net denken, was der Vogel hat. Die Gschicht is wie verhext. Ich bin net
aberglubisch. Aber da gschieht wieder ebbes im Haus! Nix Guts! Moser
verstummte, denn er hrte von der Strae her das Rollen eines Wagens.
    Mit raschem Trab, dessen Hufschlag der weiche Kiesgrund dmpfte, kamen die
Pferde durch die Ulmenallee. Den Scho von einer rot eingefaten Pantherdecke
berbreitet, sa Graf Egge allein in der offenen Kalesche; er trug einen
dunkelgrnen Jagdanzug mit Lederknpfen, einen neuen, grauen Havelock und dazu
seinen alten verwitterten Filzhut, auf dem ein dickes Bschel der Reiherfedern
nickte, die er im Winter an der unteren Donau erbeutet hatte.
    Franzl eilte dem Wagen entgegen. Gr Gott, Herr Graf, und Weidmanns Heil
daheim! Bis ins Herz erschrak er, als er das Gesicht seines Herrn in der Nhe
sah; es hatte eine fahlgelbe Frbung, wie verregnetes Heu, der Mund war bitter
verzerrt, jede Furche schrfer geschnitten, und die tiefliegenden Augen hatten
einen fieberhaften Glanz.
    Graf Egge stieg mit gebeugtem Rcken und etwas steifem Fu aus dem Wagen; er
dankte fr den Gru des Jgers nicht; sein erstes Wort war die Frage: Was
machen die Adler?
    Sie horsten bei uns.
    Langsam streckte sich Graf Egges Gestalt, und in Erregung spannten sich
seine schlaffen Zge. Er legte die Hand auf Franzls Schulter, atmete tief und
nickte lchelnd. Ohne ein Wort zu sprechen, lie er sich von Fritz und Moser
begren und trat ins Schlo. Zuerst ffnete er die Tr der Kruckenstube und
warf einen Blick ber die Wnde; dann ging er in das Speisezimmer, wo zum
Frhstck fr ihn gedeckt war. Neben dem Teller lag die in den letzten Tagen
eingetroffene Post.
    Hornegger soll kommen! befahl Graf Egge, als Fritz zu servieren begann.
    Franzl mute am Tisch Platz nehmen und die Reviergeschichte des Winters
erzhlen. Graf Egge a dazu einige Bissen und ffnete die Briefe. Unter ihnen
war ein Nachzgler der schwarzen Rechnungen: eine Forderung fr Kranzschleifen
mit Golddruck.
    Graf Egges Gesicht entstellte sich, und im Zorn warf er das zerknllte Blatt
unter den Tisch. Das nimmt kein Ende mehr! Ich will Ruhe haben! Ruhe! Er
drckte die Fuste an seinen Kopf und sagte nach einer Weile zu Franzl: Erzhle
weiter! Wann hast du die Htte bezogen?
    Am 10. April, Herr Graf! Und da hab ich mir gleich denkt, da die Adler
horsten mssen. 's Weiberl is verschwunden gwesen, und die ganze Zeit her hab
ich nur allweil 's kleinere Manndl streichen sehen. Seit frgestern sind s'
wieder alle zwei am Flug. Es mssen die Jungen schon ausgfallen sein.
    Diese Meldung schien Graf Egges Erregung zu beschwichtigen. Wo liegt der
Horst?
    Den hab ich net gfunden, Herr Graf! gab Franzl kleinlaut zur Antwort.
    Was? Den Horst nicht gefunden? Es gewitterte auf Graf Egges Stirne.
    Ich hab mir kein Weg verdrieen lassen. Aber ich kann den Horst net
finden.
    Schipper findet ihn schon. Willst du wetten?
    Franzl gab keine Antwort. Und Graf Egge sprach nicht weiter, weil er auf
einem der noch unerffneten Briefe die Handschrift der Adresse erkannte. Hastig
ffnete er und las:

                                                 Schlo Eggeberg, den 30. April

            Verehrte Erlaucht!

    Seit acht Wochen hatten wir nicht mehr die Freude, ber Erlaucht Aufenthalt
und Befinden eine Nachricht zu erhalten. Da gegenwrtig die Auerhhne balzen,
darf ich wohl vermuten, da diese Zeilen Erlaucht in Hubertus finden werden.
Leider mu ich Erlaucht in Ihrem Jagdvergngen durch eine Familiensorge stren.
Die Pflichten meiner Stellung zwingen mich, Erlaucht die Mitteilung zu machen,
da Komtesse Kittys schwermtiger Seelenzustand sich whrend der letzten beiden
Monate in besorgniserregender Weise verschlimmerte. Da wir dem hiesigen
Dorfarzte nicht gengendes Vertrauen schenken, sah Graf Bruno sich veranlat,
eine medizinische Kapazitt aus Wrzburg zu berufen. Der Professor vermochte ein
akutes Leiden nicht zu erkennen. Doch konstatierte er einedurch
Gemtserschtterungen verursachte Depression, die zu ernstlichen Dingen fhren
knnte, wenn sie nicht bald durch mildes Klima und Aufheiterung behoben wrde.
In Eggeberg ist es zum Einschlafen langweilig, und immer friert man, auch wenn
die Sonne scheint. Es wurde die Frage errtert, ob nicht von einer Reise nach
dem Sden eine heilsame Wirkung zu erhoffen wre. Der Professor brachte Sorrent
oder Capri in Vorschlag. Und nun bitte ich Erlaucht, eine mglichst rasche
Entscheidung zu treffen. Htten Erlaucht fr den von Monat zu Monat verschobenen
Besuch in Eggeberg endlich Zeit gefunden, so wrde das blasse Gesichtchen des
armen Kindes so eindringlich zum Herzen des Vaters gesprochen haben, da
Erlaucht selbst die Notwendigkeit eines energischen Eingreifens erkannt htten.
Indem ich hoffe, da diese Zeilen Erlaucht bei wnschenswertem Wohlsein und in
bester Jagdlaune finden mchten, gre ich als

                              Erlaucht ergebenste

                                                               Gundi Kleesberg.

    Graf Egge lie den Brief sinken und sah zur Zimmerdecke hinauf, an der die
ausgestopften Adler hingen. Sorge und rger sprachen aus dem unruhigen Spiel
seiner Zge. Die Stirn in wulstige Falten gelegt, erhob er sich und wanderte mit
langen Schritten um den Tisch. Vor einem Fenster blieb er stehen und drckte die
Hand an den Hinterkopf, als htte er Schmerzen im Genick. Die arme Gei! Reise
ich morgen frh, so kann ich bermorgen bei ihr sein! Er zog die Finger durch
den Bart und wandte sich dem Jger zu. Seit wann, sagst du, streichen die
beiden Adler wieder?
    Seit frgestern, Herr Graf!
    Dann sind schon die Jungen im Horst! Die knnten flgg sein, bevor ich
wiederkme! berlegend sah Graf Egge durch das Fenster gegen die Berge und
schttelte den Kopf. Es geht nicht. Mit dem besten Willen nicht! Er ging zum
Tisch, ri von Tante Gundis Brief ein unbeschriebenes Blatt ab und kritzelte mit
Bleistift die Depesche: Gundi Kleesberg, Schlo Eggeberg. Willige in alles, da
sehr in Sorge um arme Gei. Reisen Sie sofort und senden Sie wchentlich
ausfhrliche Nachricht. Gru und Ku fr Kitty. Wre selbst gekommen, doch
leider dringend abgehalten. Reisegeld telegraphisch angewiesen - Egge.
Bedchtig berlas er das Geschriebene, strich die berflssigen Worte und
schrieb die telegraphische Anweisung an das Bankhaus. Hornegger! Trag die
beiden Depeschen auf die Post! Eil' dich! Bis du zurckkommst, bin ich fertig
fr den Berg. Und bin ich einmal droben, so wird der Horst bald gefunden sein.
Also weiter!
    Franzl machte lange Fe. Als er durch die Ulmenallee rannte, erschien im
Parktor ein Leiterwagen, beladen mit sieben riesigen Elchgeweihen und vier
groen Kisten, in denen sich die von Graf Egge auf der Winterreise erbeuteten
Brenfelle und Vogelblge befanden. Neben dem Kutscher, auf einem ber die
Leitern gelegten Brett, sa Schipper in der durch die lange Reise bel
mitgenommenen Bchsenspanner- das Lederfutteral mit Graf Egges Lieblingsbchse
ber den Knien. Als er den Jger gewahrte, machte er die grauen Augen klein und
verzog den Mund.
    Wie eine Flamme schlug es ber Franzls Gesicht, dann erblate er wieder.
Zgernd griff er an den Hut und ging vorber.
    Whrend er im Postbureau vor dem Schalter stand, hinter dem der junge Beamte
die Worte der beiden Depeschen zhlte, kam der Pointner-Andres mit einem dich
gesiegelten Geldbrief in der klobigen Hand, die Kleider bedeckt vom Staub des
Steinbruches.
    Gr Gott, Andres! sagte Franzl zerstreut. Hast auch was zum
Fortschicken?
    Ja! Wieder an Schppel voll Avakatengelder! Noch allweil Hochzeitskosten!
Die Augen des ungeschlachten Menschen funkelten zornig in den Postschalter
hinein. Der Spa, Brderl, is teuer gwesen! Und ich mein' schier, er kostet
mich noch mehr als Geld!
    Drei Mark vierzig! sagte der Beamte verdrielich.
    Franzl bezahlte und sah den jungen Bauer an. Was is denn, Andres? Hast an
Verdru?
    Ich? Gott bewahr! Der Pointner-Andres lachte. Ich sitz drin im Glck wie
der Kuchelschwab in der Zuckerbx! Hab Haus und Hof und die allerschnste
Buerin. Ja, die allerschnste! Hab ich net recht, Herr Praktikant?
    Der Beamte hinter dem Schalter zuckte die Achseln und brummte ein paar
unverstndliche Worte.
    So reden S' doch, Herr Praktikant, schenieren S' Ihnen net! Die Stimme des
Pointner-Andres wurde heiser. Sie mssen doch wissen, wie schn mein Lieserl
is! Wie d' Leut sagen, kommen S' oft auf Bsuch zu mir. Schad, da ich nie daheim
bin. Es tt mich freuen, wenn wir zwei amal zammtreffen mchten!
    Der Praktikant fuhr auf: Ich verbitte mir diese Redereien! Hier ist
Amtsstunde! Geben Sie Ihren Brief her!
    Der Pointner-Andres warf den Brief auf das Zahlbrett und lachte.
    Bht dich Gott, Andres! wollte Franzl sagen, aber es verschlug ihm die
Rede. Den Kopf schttelnd ging er davon.
    In Schlo Hubertus fand er den ganzen Flur mit den halbausgepackten Kisten
verstellt. Moser sortierte die Vogelblge, deren bunte Federn den Boden des
Flurs mit leuchtenden Farben bedeckten. Graf Egge, schon fr die Bergfahrt
gerstet und mit der Bchse auf dem Rcken, diktierte dem Diener die Adressen
der Prparatoren, an die man die Blge zum Ausstopfen schicken sollte. Dann
sagte er zu Franzl: Komm! Mir brennt die Ungeduld in allen Knochen. Ich will
die Adler heute noch streichen sehen.
    Einige Minuten spter wanderten sie durch die Ulmenallee. Graf Egge legte
die Hand auf Franzls Schulter. Du bleibst bei mir! Der andere soll wieder
seinen Bezirk bernehmen. Der Kerl hat mich whrend der Reise grn und blau
gergert und hat mir das Geld aus der Tasche geholt wie mit dem Stopselzieher.
    Eine Weile folgten sie der Strae, dann lenkte Graf Egge in die Wiesen ein
und suchte auf einem Umweg die Kirche. Fast eine Viertelstunde blieb er im
Friedhof, whrend Franzl vor dem Gitter warten mute.
    Als die beiden ihren Weg wieder aufnahmen, rannte ein derbknochiges
Weibsbild an ihnen vorber.
    Es war die Magd des Bruckner. Sie lief, da ihre Rcke flatterten; und als
sie die Wohnung des Doktors erreichte, ri sie an der Glcke, da der Hall das
ganze Haus durchschrillte.
    Der alte Herr ffnete selbst die Tr.
    Ich bitt, zum Bruckner, aber gleich! Unser Bberl hat's im Hals und kriegt
kei Luft nimmer.
    Der Doktor sprang in die Stube, kam mit Hut und Ledertasche und folgte der
Magd. Ohne Frage wute er, zu welcher Krankheit er gerufen wurde. Seit Wochen
ging im Dorf ein bses Gespenst von Haus zu Haus, der grausame Wrgeengel der
Kinder. Seit dem Fasching war der Friedhof schon um sieben kleine Grber reicher
geworden.
    Als der Doktor eine Stunde spter das Haus des Bruckner verlie, begleitete
ihn der Bauer bis zur Strae. Lenzi ging gebeugt wie ein Greis, sein Gesicht war
nur noch Haut und Knochen; die Sorgen des Winters hatten ihm die Haare grau
bestubt, und seine Augen blickten unstet und kummervoll.
    Ich komme nach Tisch und am Abend wieder, sagte der Arzt, befolgen Sie
nur genau, was ich verordnet habe. Und vor allem: die Magd mit den beiden
anderen Kindern mu hinauf ins Giebelzimmer, sie drfen mit dem kranken Kind in
keine Berhrung kommen.
    Um Gotts willen! Nur mhsam brachte der Bauer Wort um Wort heraus.
Steht's denn schon so schlecht, Herr Doktor? Is am End kei Hoffnung nimmer?
    Solange man lebt, ist immer Hoffnung. Beruhigen Sie sich, Bruckner! Aber
ein bichen spt haben Sie nach mir geschickt.
    Dem Bauer zog es den Kopf zwischen die Schultern. Wie der Mensch halt is!
Ich hab mir denkt, der Hascher wird sich a bil verkhlt haben, und drum kachezt
er halt!
    Vor allem brauchen Sie jetzt fr das Kind eine verlliche Pflegerin. Die
Magd hat fr die zwei anderen Kinder zu sorgen und darf die Krankenstube nicht
betreten. Wie wr's mit Ihrer Schwester? Das Mdel ist verllich und hat zur
Kinderpflege eine glckliche Hand. Das haben Sie am Netterl gesehen! Wenn die
Mali wiederkme, das wr' der beste Ausweg.
    Heftig schttelte Bruckner den Kopf. D' Mali is in Horgau beim Schwager.
Der kann d' Schwester net graten.
    So? Na, vielleicht lt sich drber noch reden. Nach Tisch komme ich
wieder.
    Der Doktor ging vom Bruckner weg zur Post und schickte ein Telegramm ab:
Amalie Bruckner, Horgau. Ein Kind Ihres Bruders schwer erkrankt. Brauche Sie
zur Pflege. Doktor Eisler.
    Am Abend des folgenden Tages kam Mali mit dem Botenwagen vor das
Brucknerhaus gefahren. Auch ihr war es anzusehen, da sie einen harten Winter
hinter sich hatte. Mit einem Sorgenblick berflog sie das Haus des Bruders, und
es bengstigte sie, da niemand kam, als der Wagen hielt und ihr Koffer
abgeladen wurde. Nun war sie im Hof, und da trat ein Mann in Hemdrmeln und mit
blauer Leinenschrze aus dem Haus, in den Hnden einen Zollstab, den er
zusammenklappte - der Meister Schreiner. So? sagte er. Kommst dein Bruder
trsten? Grad hab ich Ma gnommen. Ds kleine Schluckerl braucht keine langen
Bretter.
    Jesus! stammelte Mali erblassend. Sie lie ihr Bndel fallen und rannte
ins Haus.
    Graues Zwielicht lag in der Stube. Die anstoende Kammer stand offen, und
der Kerzenschein, der aus der Tr fiel, beleuchtete den Bauer; er sa neben dem
Tisch auf der Holzbank, die Fuste ber den Knien. Langsam hob er das entstellte
Gesicht. Du? So? Bist da? Der unerwartete Anblick der Schwester rttelte ihn
nicht auf aus seinem dumpfen Schmerz. Er deutete mit dem Arm gegen die Kammer.
Schau, was da drinliegt! Wo mein Fu hintritt, wachst kein Halmerl nimmer. Da
geht alles z' Grund!
    Es wurde immer dunkler in der Stube, und immer heller strahlten in der
Kammer die kleinen tanzenden Kerzenflammen.
    Die ganze Nacht hindurch, bis zum Morgen, wachten die Geschwister
miteinander.
    Am zweiten Nachmittage kam der Geistliche mit dem Mesner. Eine Viertelstunde
spter war alles erledigt. Die paar Nachbarsleute, die dem kleinen Sarg das
Geleit gegeben hatten, wurden von Mali zum Gsturitrunk geladen; er wurde beim
Seewirt in der Schifferschwemme abgehalten; es gab Bier und Branntwein, Brot und
Kse. Die Schmausleut nahmen nur einen der Tische ein; an den anderen Tischen
saen die zechenden Schiffer und Holzknechte, die bei Zitherklang und vollen
Krgen sich wenig um den Tod bekmmerten, der in der stillen Ecke nach alter
Sitte begossen wurden. Aber je tiefer der Abend sank, je mehr der Pfeifenqualm
die trbe Hngelampe verschleierte, desto lebendiger wurde es auch am
Gsturitisch: die Mnner sprachen vom Viehhandel, die Weiber erinnerten sich
der schnen Grafenleich vom vergangenen Herbste. Ja, wann so a Graf stirbt,
der hat's gut!
    Wortlos sa der Bruckner in diesem heiter werdenden Lrm und leerte ein Glas
ums andere. Immer sorgenvoller betrachtete ihn die Schwester. Als die paar
Stunden, die man schicklicherweise am Gsturitisch verbringen mute, endlich
vorber waren, flsterte sie ihm zu: Komm, Lenzi, geh mit heim!
    Er schob sie mit dem Ellbogen von sich. Ich mu aufgieen, oder es bringt
mich um.
    Lenzi! Sei gscheit! Komm mit heim zu deine Kinder!
    La mich sitzen! Ich mu was haben, was mir 's Blut in Ruh bringt. Saufen
oder wildern! Bchs rhr ich keine mehr an. Mu halt der Schnaps helfen.
    Mali, mit kalkweiem Gesicht, reichte jedem Gast zum Abschied die Hand und
sagte mit erloschener Stimme zum Bruder: Kommst bald nach, Lenzi, gelt?
    Als sie ins Freie trat, schlug ihr ein schwler Windsto ins Gesicht und
fate die Rcke. Aus dem nachtschwarzen Seekessel quoll dumpfes Sausen und
Gebrumm heraus. Ein Fhnsturm!
    Schon wollte Mali die Lnde berschreiten, als sie das Gepolter eines ans
Ufer stoenden Nachens hrte und im Dunkel eine Mannsgestalt mit Bchse und
Bergstock aus dem Boot steigen sah. Erschrocken drckte sie sich in die
Finsternis der nchsten Schiffshtte. Nun vernahm sie die Stimme des Jgers, der
mit dem Schiffer sprach. Sie hatte sich umsonst gengstigt. Es war Graf Egge,
der allein von der Jagdhtte nach Hubertus zurckkehrte.
    Mali rannte ber die Lnde. Noch ehe sie das Haus des Bruders erreichte,
fiel der Sturm mit voller Gewalt ber das Tal. Die Schindeln flogen von den
Dchern, in den Kronen der knospenden Bume brachen die morschen ste, und in
das Heulen des Windes mischte sich das Gepolter fallender Bretter und das
Gerassel der losen Fensterlden.
    Am Brucknerhaus waren alle Scheiben dunkel. Mali trat in den Flur und
konnte, gegen einen Windsto ankmpfend, nur mhsam die Haustr wieder
schlieen. Unter dem tobenden Lrm, der um die Wnde sauste, klang aus der
Giebelstube herunter das Weinen eines Kindes und eine scheltende Stimme. Mali
sprang ber die Treppe hinauf und trat in die dunkle Stube. Aber Madl! Was
bleibst denn mit die Kinder in der Finsternis? Warum machst denn kein Licht
net?
    Wenn mich die Kinder net dazu kommen lassen! brummte die Magd. 's Netterl
geht mir net vom Arm, und d' Hanni macht so Gschichten mit ihrer Wehleidigkeit.
    Weinend war Hannerl auf Mali zugegangen und hngte sich an ihren Rock. Mir
tut's so weh, Malimahm, mir tut's so weh da drin!
    Wo denn, Schatzerl, wo tut's dir denn weg?
    Da drin!
    Mali, die im Dunkel der Stube nicht zu sehen vermochte, griff erschrocken
mit den Hnden zu und fhlte, da das Kind die Fingerchen am Hals hatte. Mar'
und Joseph! Ein paar Augenblicke stand sie wie gelhmt. Dann kreischte sie:
Schaff das Kind ins Bett! Und gib mir 's Netterl her! In verzweifelter Angst
ri sie das Jngste vom Arm der Magd und strzte zur Stube hinaus, ber die
Treppe hinunter und ins Freie. Das Kpfchen des Kindes mit der Schrze
verhllend, rannte sie durch den tobenden Sturm zum Nachbarhaus. Mit der Faust
schlug sie an die Tr und schrie: Nachbarin!
    Eine alte Buerin ffnete.
    Um tausend Gotts willen, Nachbarin, nimm mein Netterl ins Haus! Bei uns
daheim is kein Bleiben nimmer. Jetzt fangt's beim Hannerl an! Ohne die Antwort
abzuwarten, drckte Mali der Nachbarin das Kind in die Arme und rannte wieder
zum Haus des Bruders.
    Immer tosender wuchs der Sturm, und krachend strzte im Garten des Bruckner
ein Apfelbaum, dessen Stamm seit Jahren im Kerne faul gewesen.

                                       14


Unter den Windsten klapperten in der finsteren Parkallee die ste der Ulmen
gegeneinander - wie die Stangen kmpfender Hirsche, meinte Graf Egge, der das
eiserne Gitter hinter sich zuwarf.
    Fritz machte groe Augen, als er seinen Herrn bei Nacht so unerwartet im
Schlo erscheinen sah, mit Sturmzeichen im Gesicht. Graf Egge hatte die Tage her
mit vier Jgern vom Morgen bis zum Abend in seinem Gemsrevier alle Felswnde
abgesucht, ohne den Adlerhorst zu finden.
    Mit jedem resultatlos verbrachten Tag war seine Milaune gewachsen und hatte
den Jgern ble Stunden bereitet. Und am Mittag - weil er vom Fhn einen
Wetterumschlag befrchtete, bei dem man das Suchen nach dem Horste einstellen
mute und keinen Auerhahn mehr hrte - war er wtend aus der Jagdhtte
davongerannt.
    Heulende Windste umsausten das Schlo, whrend Fritz mit erhobener Lampe
im Flur umherleuchtete und Graf Egge die unter die Trophen eingereihten
Elchgeweihe musterte, die kaum noch Platz gefunden hatten.
    Er lie sich die Lampe in die Kruckenstube tragen. Auf die Frage des
Dieners, was Erlaucht zu speisen wnsche, sagte er: Milchsuppe. Einen Schmarren
bringt ihr nicht fertig.
    Eine halbe Stunde spter sa er im Speisezimmer. Gespensterhaft bewegten
sich in der aufsteigenden Lampenwrme die an der Decke hngenden Adler, whrend
drauen der Fhnsturm ungestm an allen Fenstern rttelte, als wollte er Einla
begehren fr den Frhling.
    Graf Egge hatte das Gedeck beiseitegeschoben und lffelte die Milchsuppe aus
der Schssel. Er war mit seinem Mahl noch nicht zu Ende, als Moser eine Depesche
brachte: Wohlbehalten in Genua eingetroffen, dampfen mit Bismarck nach Neapel
und sind morgen abend in Capri. Haben herrliches Wetter, Komtesse Kitty
sichtlich erquickt. Gre in ihrem Namen. Gundi.
    Verdrossen betrachtete Graf Egge das Blatt. Auer den vielen berflssigen
Wrtern schien ihm noch was anderes gegen den Strich zu gehen. Herrliches
Wetter? brummte er und legte die Depesche fort. Unsinn! Wre sie zu mir
gekommen! Schmarren und Bergluft htten ihr besser geholfen als das wlsche
Gesusel da drunten. Er steckte seine kurze Pfeife in Brand und las die
Depesche wieder. Die Alte, natrlich! Das ist wieder was fr ihren romantischen
Haubenstock. Die wird in Wonne schwimmen. Auf meine Kosten! Seufzend erhob er
sich. Und dieser Unsinn! Mit dem kranken Mdel die Reise so zu berstrzen! Als
fnde die Schmalgei da drunten ihre Gesundheit ber Nacht! Wie ein Wunder!
Mimutig setzte er sich in einem dunklen Winkel auf die gepolsterte Wandbank und
sog an der Pfeife. Sie schien ihm nicht zu schmecken. Er stand wieder auf,
tappte im Zimmer umher, lie den Blick ber alle Wnde irren und bewegte mit
einem Gefhl des Unbehagens die Schultern unter der Joppe. Er fhlte sich
einsam.
    Whrend Moser den Tisch rumte, prete Graf Egge sthnend die Faust in den
Rcken. Zum Teufel auch! Was ist denn mit meinen Knochen?
    Herr Graf, sagte Moser vorwurfsvoll, es wr kein Wunder! Den ganzen
Winter eine Strapaz um die ander und nach der weiten Heimreis wieder am Berg
auffi! Sie verlangen a bil z'viel von Ihrem Alter.
    Alter? Du Rindvieh! Ich hoffe noch meine zwanzig Jahr' zu jagen! Und wenn
ich steif und krumm werde, la ich mich tragen auf die Jagd. Wenn nur die Augen
aushalten! Die Hand ist Nebensache. Wackelt beim Zielen das Korn aus dem Hirsch
heraus, so kann's auch wieder hineinwackeln. Das Aug' macht es. Und meine Augen
sind gut. Die haben noch Falkenblick! - Aber md bin ich.
    Die ganze Nacht tobte der Fhnsturm. Als der Morgen graute, begann das
Rauschen des Windes langsam zu verstummen. Bei lachender Sonne und blauem Himmel
stieg ein linder Frhlingstag von den Bergen herunter. Die Felsenzinnen, auf
denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, schimmerten wie frischer Silbergu,
das tiefe Grn der Fichtenwlder schien erneut in seiner Farbe, an den Hecken im
Dorf und an allen Laubbumen waren die Knospen gesprungen, und die warme Luft
war erfllt von wrzigem Geruch, als htte der Fhn den Blumenduft des Sdens
ber die Berge in das Tal getragen.
    In allen Menschen war Freude. Nur Graf Egge - wegen des versumten
Pirschmorgens, der ihm ein paar Auerhhne htte bescheren knnen - fluchte wie
ein Berserker.
    Um seine Schauerlaune ein bichen aufzubessern, setzte er sich in der
Kruckenstube vor den eisernen Schrank und begann die Edelsteine, die er von der
Reise mitgebracht hatte, in seine Sammlung einzureihen. Als er in eines der
Fcher griff, geriet ihm eine Mnze zwischen die Finger; er zog sie hervor und
betrachtete sie; es war ein Taler, ein gewhnlicher Taler, ohne irgendwelchen
Wert fr den Sammler; dennoch schien die Mnze fr Graf Egge besonderen Wert zu
besitzen; er lchelte, nickte in Gedanken vor sich hin und legte den Taler
wieder in das Fach zurck. Whrend er dann Lade um Lade aufzog und die Etuis mit
den funkelnden Steinen auf dem eisernen Klapptisch vor sich ausbreitete, ging
drauen vor dem Fenster der alte Bchsenspanner vorber, der den Adlern das
Futter zum Kfig trug.
    Als Moser den Kfig erreichte, ffnete er das Futtertrchen und warf den
Inhalt der Schssel hinter das Gitter. Vier Adler hpften mit geffneten
Schwingen von den Stangen herunter und rauften sich gierig um die blutigen
Brocken. Der fnfte blieb regungslos mit aufgeblhtem Gefieder in seinem Winkel
sitzen und hielt wie im Schlaf die gelben Lider ber die Augen gezogen.
    Der macht's nimmer lang. Jetzt mu ich reden, oder es bleibt auf mir
sitzen!
    Er wollte schon den Rckweg antreten. Da hrte er, da ein Wagen vor dem
Parktor hielt. Das eiserne Gitter klirrte. Ein Offizier, in den umgehngten
Mantel gewickelt, kam hastig durch die Ulmenallee gegangen.
    Moser ri die Augen auf. Meiner Seel, da kommt der Graf Robert! Er stellte
die blutige Schssel nieder und suberte die Hnde an der Lederhose. Gr Ihnen
Gott, Herr Graf! Die Freud, die der gndig Herr haben wird!
    Roberts Gesicht war welk wie nach einer durchwachten Nacht. Er bersah die
Hand, die ihm der alte Jger bot, nickte wortlos und schritt vorber. Auf der
Veranda nahm er den Mantel ab. Als er im Flur die spiegelblanke Bchse und den
verwitterten Filzhut seines Vaters am Gewehrrechen hngen sah, atmete er
erleichtert auf. Mit zitternden Hnden schnallte er den Sbel ab und hngte ihn
neben die Bchse; dann ging er auf die Tr der Kruckenstube zu und pochte.
    Herein!
    Graf Egge machte bei Roberts Anblick einen Ruck, da sich der Lehnstuhl
drehte. Der Klapptisch des eisernen Schrankes zitterte, und die Hunderte von
bunten Edelsteinen, die vor Graf Egge in Reihen geordnet lagen, blitzten und
funkelten in gesteigertem Feuer.
    Du?
    Der harte Klang dieses Wortes und der mitrauische Blick, mit dem der Vater
den Sohn vom Kopf bis zu den Fen musterte, lie erraten, da Graf Egge sich
von dem unerwarteten Besuch nichts Gutes versprach.
    Robert hatte die Tr zugedrckt. Ein paar Augenblicke war es still im
Zimmer. Graf Egge lehnte sich in den Sessel zurck und zog die Hand durch den
Bart.
    Guten Tag, Papa! Mit diesem Gru, der etwas unsicher klang, ging Robert
auf den Vater zu. Da gewahrte er die Verwstung, die der Winter in diesem
Gesicht angerichtet hatte. Bist du nicht wohl, Papa?
    Ich? Warum?
    Ich frchte, diese letzte Jagdreise hat dich ber deine Krfte angestrengt.
Du siehst leidend aus, und ich mache mir ernste Sorge.
    Graf Egge lachte trocken und machte eine abweisende Bewegung mit der Hand.
Frs erste: Ich bin nicht krank. Im Gegenteil. Ich hoffe noch lange zu leben.
Lnger vielleicht, als manchem lieb ist. Und zweitens: Die Sentimentalitt
kannst du dir sparen! Sag' lieber offen heraus, weshalb du gekommen bist. Dein
Besuch hat doch einen Zweck? Oder nicht? Er begann die mit verblichenem Samt
berspannten Platten, auf denen die blitzenden Steine in kleinen Vertiefungen
dicht nebeneinanderlagen, sehr flink in die eisernen Schubfcher einzurumen.
Also? Was willst du?
    Robert nagte an der Lippe.
    Graf Egge legte eine Platte mit Saphiren in den Schrank und hob das Gesicht.
Hast du meine Frage nicht gehrt? Was suchst du bei mir?
    Hilfe!
    Das Wort klang wie ein erstickter Schrei.
    Graf Egge erhob sich, steinerne Hrte im Gesicht, in den Augen das Gefunkel
des aufsteigenden Zorns. Du hast wieder gespielt? Und verloren? Zu antworten
brauchst du nicht. Man sieht dir's an, da dir das Wasser bis an den Hals geht.
Du stehst vor mir wie der menschgewordene Katzenjammer. Und den Weg zu mir hast
du umsonst gemacht. Oder hoffst du was? Nein, Herr Sohn, damit hat's ein Ende.
Das hab' ich dir schon im Sommer gesagt. Aber wenn du vielleicht zur Jagd
bleiben willst - da kannst du mir ein paar Auerhhne vor der Nase wegschieen,
wie damals die beiden Gamsbck'.
    Ich bitte dich, Vater, rede nicht so mit mir! Ich wei, wie sehr ich im
Unrecht bin. Aber es steht fr mich alles auf dem Spiel. Mein Name, meine Ehre
-
    Und das Leben! Ich kenne diese Litanei zur Genge. Und hab' es endlich
satt, dazu das klingende Amen sagen zu mssen. Hilf dir, wie du kannst! Ich
lasse dich fallen!
    Vater!
    Ich lasse dich fallen. Unerbittlich! Mit zorniger Wucht betonte Graf Egge
jede Silbe. Und willst du drohen, da dir nichts anderes mehr brigbleibt als
die Kugel, so sag' ich: Du bist den Schu Pulver nicht wert, ohne den die Sache
sich nicht erledigen lt.
    Das Gesicht von Blsse berronnen, klammerte Robert die zitternden Hnde um
die Stuhllehne. Vater! Was aus dir redet gegen mich, ist mehr als Zorn und
rger. Das ist Ha!
    Ja, Robert! Ha! Langsam den Krper vorbeugend, mit brennenden Flecken auf
den Wangen, sttzte Graf Egge die schwere Faust auf den eisernen Tisch. Bis
heute hab' ich es nicht gewut. Jetzt hat mir's dein eigenes Wort gesagt. Alle
meine Kinder lieb' ich. Auch den einen, der sich von mir gelst und mich in der
letzten Stunde beleidigt hat bis ins Innerste. Aber bei allem Zorn, den ich
gegen ihn trage, hat er mir Achtung abgezwungen durch den redlichen Ernst seines
Willens, durch seine Begabung und seine sichere Kraft. Und wenn ich ihn immer
gefrozzelt habe in meiner lmmelhaften Manier? Weit du, was es war? Nur der
rger meiner Erkenntnis, da der Bub mehr ist als sein Vater - wenn auch ein
Jger, da Gott erbarm'! Und hol' mich der Teufel, ich htt' ihm diese
verwnschte Heirat noch verzeihen knnen. Ich hab's von aller Welt zu hren
bekommen, welch ein blaues Wunder dieses Frauenzimmer sein soll! Und eine
Knstlerin! Ich verstehe zwar von Kunst soviel wie der Ochs vom Zitherspiel.
Aber es mu am Ende doch was Rechtes dahinterstecken, sonst wrde nicht alle
Welt dazu ihren Kratzfu machen. Wei Gott, ich wrde ihm diese Heirat verziehen
haben, htt' er mir in jener letzten Stunde ber meine Jagd nicht Dinge ins
Gesicht gesagt, ber die ich nicht mehr wegkomme, auch nicht in meiner
Todesstunde. Gott soll sie mir unberufen noch lang ersparen!
    Graf Egge, der diese Worte mit versinkendem Klang vor sich hingeredet hatte,
hob das Gesicht, und seine Stimme bekam wieder ihre schneidende Schrfe.
    Ja, Robert! Alle meine Kinder hab' ich geliebt. Dich hasse ich, als wre in
dir kein Tropfen meines Blutes. Ich rechne dir nicht deinen Leichtsinn an, nicht
deine bodenlose Verschwendungssucht, die mir Tausende aus dem Sack gerissen. Da
hab' ich bei allem sehr ausgiebig mitgeholfen. Jetzt seh' ich es ein. Ich habe
mich zuwenig um euch gekmmert. Aber die anderen sind geraten aus eigenem Kern.
Du hast dich ausgewachsen, so, wie du vor mir stehst. Deine Brder haben mich
verlassen, der eine im Tod, der andre im Leben. Zur Hlfte ging auch schon die
kleine liebe Gei von mir. Nur du bist mir geblieben.
    Er mute sich ruspern, als wre ihm was in den Hals geraten.
    Immer hast du bei mir ausgehalten. Hast immer meine Partei genommen. Jede
meiner Launen hast du geschluckt. Jede meiner Roheiten hast du eingesteckt, ohne
mit einer Miene zu zucken. Aus kindlicher Liebe? Aus Respekt vor dem Vater? Gott
bewahre! Nur, weil dein alter Herr fr dich die Hosentasche war, aus der du
schpfen konntest wie der Bauer aus seinem Jauchentmpel. Wenn ich jetzt
verlassen stehe von den Kindern, die mir lieb waren, so trag ich selbst die
Schuld. Das fhl' ich jetzt. Aber du hast mitgeholfen! Jene gottverwnschte
Szene mit deinem Bruder vor der Htte droben wre nicht so gekommen, nicht so
verlaufen, httest nicht du mich Jahr um Jahr gegen ihn gereizt mit kalter
Berechnung! Und htt' ich nicht in jenen Tagen, als mein lieber Bub auf dem
schwarzen Schragen schlief, den kochenden Zorn ber dich in mir herumgetragen,
ich htte der armen Gei nicht so harte Worte gegeben, da sie vor mir stand
erschrocken und bis zur Stummheit verschchtert, whrend mich drstete nach
einem Wort ihrer Liebe. Und was meinem Gefhl fr dich den Rest gegeben hat?
Weit du das?
    Ein heiseres, zorniges Lachen.
    Aber du hast dich ja selbst nicht gesehen, wie du vor der Leiche deines
Bruders standest! Herzlos, kalt und unbewegt wie eine Wachsfigur. Mit deiner
Nhe und mit dem schwarz gernderten Schwindel, den du in Szene setztest, hast
du mir meinen Schmerz um den armen Buben besudelt und abgestumpft. Seit damals
bin ich fertig mit dir. Und wenn ich dich ansehe, bedaure ich nur noch eines:
die Uniform, die du trgst! Das ist ein Rock, der hinter seinem Futter einen
Mann und Menschen haben will. Und du bist keins von beiden.
    Graf Egge fuhr mit dem rmel ber den Mund und zerrte keuchend die Joppe
zurecht.
    Gott sei Dank! Jetzt hab' ich es mir endlich von der Leber geredet. Geh
deiner Wege! Ich will Ruhe haben. Er fiel in den Lehnstuhl und prete die Hand
in den Nacken.
    Robert stand mit verzerrtem Gesicht. Ich habe dich schweigend angehrt.
Auch jetzt hab' ich auf die unqualifizierbaren Dinge, die ich zu hren bekam,
kein Wort zu erwidern. Seine Stimme klang tonlos, aber mit gemessener Ruhe, wie
bei einem dienstlichen Rapport. Du hast fr mich einen Strich durch den Namen
Vater gemacht. So hab' ich auch als Sohn keine Forderung mehr an dich zu
stellen, weder jetzt noch spter. Ich bedaure sogar, da meine gegenwrtige Lage
mich zwingt, die Ausfolgung meines mtterlichen Erbteils von dir verlangen zu
mssen.
    Ich habe mit dem Geld deiner Mutter nichts zu schaffen! fuhr Graf Egge
auf. Es liegt fr euch in der Bank.
    Zur Ausfolgung des mir zukommenden Anteils bedarf es deiner Zustimmung. Es
ist das ohnehin nur eine versumte Formalitt, da ich bei meinem Alter das
Verfgungsrecht ber mein Eigentum nach dem Gesetz bereits besitze. Ich
wiederhole meine Forderung.
    Und ich verweigere sie. Diese dreimalhunderttausend Mark wrden flinke Fe
bei dir bekommen.
    Wohl mglich! Mehr als die Hlfte dieser Summe mu ich zwischen heut und
zwei Tagen im Klub erlegen, um die Spielschuld der letzten Nacht zu begleichen.
Du siehst also, da ich gezwungen bin, meine Forderung zu wiederholen. Ich
ersuche um deine Antwort.
    Graf Egges Gesicht frbte sich dunkelrot. Meine Antwort? schrie er, da
die Fensterscheiben klirrten. Meine Antwort ist die Kuratel, die ich ber dich
verhngen lasse. Dann tu, was du willst! Entweder zieh den Rock des Knigs aus,
in den du nicht mehr gehrst, oder mache mit dir - Graf Egge verstummte.
    Drauen im Flur lie sich Lrm vernehmen, und klappernde Schritte nherten
sich, whrend die Stimme des alten Bchsenspanners kreischte: Herr Graf! Herr
Graf! Herr Graf!
    Die Tr wurde aufgerissen, und Moser stolperte in die Stube: Herr Graf! Der
Schipper is da! Drauen hockt er und hat kein Schnaufer nimmer - so is er
grennt! Den Horst hat er gfunden! Den Horst, Herr Graf. Den Horst!
    Gott sei Dank! Das kommt mir wie eine Erlsung. Schipper, Schipper! Graf
Egge sprang zur Tr hinaus, und Moser humpelte lachend hinter ihm her.
    Robert starrte dem Vater nach und stand wie betubt. Er zog sein Tuch
hervor, dessen starkes Parfm die ganze Stube durchhauchte und den Fettgeruch
der geschmierten Schuhe verschwinden lie. Schwer auf die Stuhllehne gesttzt,
wischte er mit dem Tuch ber die Stirn, auf der ihm der kalte Schwei in dnnen
Tropfen stand. Stumpf und glsern, als wren alle Gedanken in ihm erloschen, sah
er auf den eisernen Klapptisch. Hier lag noch eine Tablette mit fnfzig Rubinen,
nach der Gre geordnet, vom winzigen Stein, dessen Wert nur in der kunstvollen
Facettierung bestand, bis zu einem in schiefen Rauten geschliffenen Stck von
Walnugre. Ohne zu wissen, was er tat, griff Robert nach der Tablette und
besah gedankenlos die Steine, die in blutrotem Feuer leuchteten.
    Schipper, Schipper! klang im Flur die Stimme Graf Egges.
    Der Jger sa auf einer Bank der Veranda, erschpft, nach Atem ringend; er
hatte den Weg von seinem Bezirk nach Hubertus in kaum zwei Stunden zurckgelegt.
    Schipper! Graf Egge erschien, vor Erregung zitternd. Du hast ihn
gefunden? Wirklich?
    Der Jger konnte nicht sprechen; er nickte nur.
    Zum Teufel, so red' doch! Wo liegt der Horst?
    Mhsam brachte Schipper die paar Worte heraus: Droben - hinter der Hochalm
- in der Hangenden Wand!
    Unsinn! Ich hab' doch die Wand mit dem Glas an die hundertmal abgesucht!
    Der Horst liegt so versteckt - wenn ich den Adler heut in der Fruh net
zufllig einistreichen sieh, so findt ihn kein Mensch net!
    Brav, Schipper! Du hast mir eine Freude gebracht, auf die ich warte seit
einem halben Jahr. Ich will dir deine Botschaft gut bezahlen. Graf Egge
verstummte; ein Gedanke, der ihn vor Schreck erblassen machte, war ihm durch den
Kopf gefahren. Herrgott! Der offene Kasten! Meine Steine! Er rannte ins Haus
zurck, als htte er einen Brand zu lschen.
    Von der Schwelle der Kruckenstube sah er Robert vor dem eisernen Klapptisch,
sah die Tablette mit den Rubinen in seiner Hand. Richtig! So flink, da seine
Joppe flatterte, sprang er auf Robert zu und schlug ihm mit eisernem Griff die
Faust um das Handgelenk. La du meine Steine in Ruh'! Der groe Rubin kollerte
ber den Samt und rollte zu Boden. Whrend Graf Egge sich bckte, um ihn
aufzuheben, taumelte Robert mit aschfahlem Gesicht zurck.
    Vater! Bist du von Sinnen?
    Verdrossen hob Graf Egge die Augen; er schien zu fhlen, da er in seinem
Mitrauen zu weit gegangen war; doch er suchte nach keinem einlenkenden Wort,
zuckte nur die Schultern, blies den Staub von dem Rubin und legte ihn wieder in
die Vertiefung der Tablette.
    Robert machte einen Schritt gegen den Vater. Jeden anderen wrde ich nach
diesem Auftritt vor meine Pistole fordern. Dir bin ich, was ich jetzt bedaure,
mein Leben schuldig. Das schlgt mir die Waffe aus der Hand. Aber zwischen uns
beiden ist alles erledigt!
    Er verbeugte sich wie vor einem Fremden und ging zur Tr.
    Graf Egge lachte heiser. Willst du nicht doch ein bichen mit dir reden
lassen? Nur ber Geschfte. Ich lege der Auszahlung deines mtterlichen Erbteils
kein Hindernis mehr in den Weg. Wenn du dich einen Augenblick gedulden willst,
so kannst du die Vollmacht -
    Ich mu ersuchen, diese Angelegenheit durch deinen Anwalt zu erledigen.
    Gut! Und was deinen Pflichtteil an meinem eigenen Besitz betrifft -
    Ich verzichte.
    Aaaah? Wirklich? Eine halbe Million. Und du verzichtest? Graf Egge lachte
in Hohn und Zorn. Da bin ich nur neugierig, wann die gekrnkte Leberwurst bei
dir auf den Zipfel kommt? Vermutlich, wenn die andere Hlfte deines Mtterlichen
auch verspielt ist?
    Robert konnte das letzte Wort seines Vaters nicht mehr hren. Er hatte die
Kruckenstube bereits verlassen.
    Graf Egge sah die Tr an, als erschiene ihm dieser Abschied nicht vllig
glaubhaft; aber die Tr blieb geschlossen, und drauen im Flur verhallte Roberts
Schritt. Die Tablette mit den Rubinen zitterte in Graf Egges Hnden; er legte
sie in den Schrank zurck, stie die Lade zu und lauschte gegen die Tr.
Richtig, er geht! Ein paarmal wanderte er, mit den Fusten hinter dem Rcken,
in der Stube auf und ab, blieb vor dem eisernen Schranke stehen und brummte:
Das war zu grob von mir! Er ging zur Tr und rief in den Flur hinaus: Fritz!
Papier und Tinte!
    Mit fahrigen Kritzelzeichen schrieb er den Auftrag zur Ausfolgung von 300
000 (mit Worten: dreimalhunderttausend) Mark an Robert Graf Egge-Sennefeld -
und siegelte den Brief.
    Fritz, la einspannen! Fahr mit diesem Brief zur Bahn! Er soll mit dem
nchsten Zug abgehen, expre!
    Sofort, Erlaucht! Soll Moser bei Tisch servieren?
    La mich in Ruh'! Mich hungert nicht! Graf Egge ging in den Flur, nahm Hut
und Bchse, schulterte den Bergstock und trat auf die Veranda. Komm, Schipper!
Flink! Ich will den Horst heut noch sehen. Ich mu!
    Whrend sie Seite an Seite durch die Ulmenallee davonwanderten, begann der
Bchsenspanner seinen ausfhrlichen Bericht ber die Lage des Horstes, den die
Adler so geschtzt und sicher in die unwegsame Felswand eingebaut hatten, da
Graf Egge sich wohl oder bel mit dem Abschu des alten Paares begngen mte,
da das Ausheben der Jungen ein Ding der Unmglichkeit wre.
    Unmglich? Graf Egge lachte. Der Horst soll liegen, wie er mag. Ich mu
hinauf!
    Sie verlieen den Park und hrten den dumpfen Klatsch nicht mehr, der sich
hinter ihnen vernehmen lie.
    Im Adlerkfig war der kranke Raubvogel von der Stange gefallen.

                                       15


Den reinen Himmel und die noch halb mit Schnee bedeckten Felszinnen in
leuchtenden Schimmer tauchend, sank die Sonne hinter die Berge, als Graf Egge,
vom fnfstndigen Marsch erschpft, mit Schipper die Hangende Wand erreichte.
    Sie verdiente mit Recht ihren Namen; breit und massig stieg sie aus dem mit
Zirbelkiefern durchsetzten Latschenfeld bis zu einer Hhe von etwa
hundertzwanzig Meter empor, im Anstieg die kahlen Steinplatten nach auswrts
wlbend, so da die Kuppe der Felswand ber ihren Fu hinausragte.
    So, Herr Graf, jetzt suchen S' amal den Horst!
    Graf Egge setzte sich auf einen Steinblock, schob den Hut in den Nacken und
sphte gegen die Hhe der Felsen. Eine stumme Weile verrann; endlich schttelte
er ungeduldig den Kopf. Zeig' ihn mir!
    Hab ich's net gsagt? Wenn ich net zufllig den Adler einistreichen sieh,
wird der Horst seiner Lebtag net gfunden. Schauen S' auffi, Herr Graf! Schier in
der Mitten von der Wand, sechzg oder siebzg Meter in der Hh, da hngt a grns
Fleckl. Sehen Sie's?
    Richtig!
    Und unten dran? Sehen S' den kurzen grauen Strich?
    Stimmt!
    Ds is der Horst! Schipper reichte seinem Herrn das Fernrohr.
    Kaum hatte Graf Egge seinen Blick durch das Glas geworfen, als er in
Erregung aufsprang. Richtig, der Horst! Und mit zwei Jungen! Ich habe die
weien Kpfe gesehen! Er schob das Fernrohr zusammen und sphte zur Hhe. Je
lnger er die Wand betrachtete, desto lnger wurde sein Gesicht. Ja, Schipper!
Da spuckt's mit dem Ausheben. Aber ich mu hinauf! Und wenn es um den Hals
geht!
    Den Weg zum Horst mit einer Klettertour ber die Felsen zu suchen - dieses
Mittel berlegte Graf Egge gar nicht. Bei dem berhngenden Bau der Wand war die
Mglichkeit, den Horst klimmend zu erreichen, vllig ausgeschlossen. Also von
oben nach unten? Am Seil? So hatte Graf Egge schon drei Horste ausgehoben.
Freilich, da hatte das Seil immer nur den Zweck gehabt, ihn beim Einstieg in die
Wand vor dem Sturz zu sichern. Aber hier? Wenn er sich, auf einem Prgel
reitend, am Tau von der berhngenden Kuppe niederseilen liee, wrde er frei in
der Luft schweben, ein Dutzend Meter vom Horst entfernt. Wrde es ihm gelingen,
sich so in Schwung zu setzen, da er das Astwerk des Horstes mit den Hnden
erfassen und festen Fu im Felsloch gewinnen knnte? Wrde das Seil, auch
doppelt genommen, die Reibung dieses langen Geschaukels ertragen?
    Zu jedem neuen Gedanken schttelte Graf Egge den Kopf. Er nahm den Hut ab,
kraute sich in nervser Unruhe hinter den Ohren, begann wieder zu berlegen und
sagte schlielich: Da bleibt nur ein einziger Weg. Die Leiter!
    Schipper mute lachen. Aber Herr Graf! Siebzg Meter Leitern! Ds kann doch
net Ihr Ernst sein? So an Einfall!
    Graf Egge wurde dunkelrot im Gesicht. Die Verantwortung ber meine Einflle
berla du mir! Pack' zusammen und spring hinunter ins Dorf. -
    Er konnte nicht weitersprechen; Schipper hatte ihn am Arm gefat und in das
dichte Gezweig eines Latschenbusches zurckgerissen. Der Adler kommt!
    Gleich einem huschenden Schatten, mit regungslos ausgebreiteten Schwingen,
kam der riesige Vogel hoch in den schimmernden Lften ber das Almental
einhergeschossen, einen schwarzen Klumpen in den Fngen. ber der Felswand
machte er eine Schwenkung. Einen Augenblick leuchtete, von der Sonne beschienen,
sein Gefieder gleich mattem Gold. Dann strzte er wie ein Pfeil aus den Lften
und verschwand im Horst. Keuchend tappte Graf Egge nach seiner Bchse. Doch
bevor er die Hhne spannen und die Waffe heben konnte, hatte sich der Adler
schon aus dem Horst geschwungen, warf sich mit sausendem Fall ber die Felswand
herunter, huschte zwischen den Zirbelkiefern dicht ber die Latschen weg und hob
sich auer Schuweite in die Lfte.
    Bleich vor Erregung sah Graf Egge dem entschwindenden Vogel nach. Wart,
Brderl! Wir wachsen noch zamm miteinander! Z'erst die Alten und dann die
Jungen! Alles schn der Ordnung nach! Er wandte sich an den Jger. Flink!
Hinunter ins Ort! Zum Zimmermann! Er soll zusammentrommeln, was sich auf
Zimmermannsarbeit versteht. Vier Leitern will ich haben, jede von zwanzig Meter
Lnge, die erste fest und schwer, die anderen immer leichter. Die Stangen aus
grnem Fichtenholz und die Sprossen von Eschen. Die Enden der Stangen sollen mit
einem Falz ineinanderpassen und eiserne Seitenschienen bekommen, an denen man
sie hier oben miteinander verschrauben kann. Verstehst du, wie ich es meine?
    Jawohl, Herr Graf!
    In acht Tagen will ich die Leitern haben. Man soll noch heut mit der Arbeit
beginnen und Tag und Nacht durcharbeiten. Du bleibe dabei und berwache das
Holz, das sie nehmen. An dem Holz, Schipper, hngt mein Hals.
    Schipper machte sich wegfertig. Alles wird pnktlich bsorgt, Herr Graf. Und
Weidmanns Heil! Hoffentlich kriegen S' die Alten alle zwei! Er sprang davon.
    Graf Egge whlte fr die kommenden Tage, die der Beobachtung der beiden
Alten gelten sollten, in den Latschen ein Versteck, das ihn gut verbarg und
ihm doch bequemen Ausblick nach allen Seiten gewhrte. Dann trat er den Weg zu
der eine Stunde entfernten Dippelhtte an.
    In der Nhe des Jagdhauses traf er in der grauen Dmmerung mit Franzl
zusammen, der kleinlaut meldete, da er den Horst noch immer nicht gefunden
htte.
    Du blinder He! brummte Graf Egge. Wenn ich auf dich allein angewiesen
wre, htt' ich das Nachsehen. Den Horst hat der Schipper gefunden.
    Franzl schwieg; aber er schluckte hrbar, als htte er im Hals einen Bissen
stecken, der nicht hinunter wollte.
    Koch' mir den Schmarren, sagte Graf Egge, als er in die Htte trat, ich
bin zu md, um mich selber an den Herd zu stellen. Wei der Teufel, was das ist!
Sonst hat mich eine siebzehnstndige Sommerpirsch nicht md gemacht. Jetzt
robelt mir ein Katzensprung alle Knochen im Leib durcheinander.
    Am anderen Morgen, gegen drei Uhr, weckte Franzl seinen Herrn. -
    Sechs Tage vergingen. Die Auerhhne, deren Balz schon dem Ende zuneigte,
waren fr Graf Egge eine erloschene Sache. Nur noch die Adler lebten fr ihn.
Tglich sah er die beiden Alten beim Aus- und Einflug, studierte ihre
Gewohnheiten und ermittelte den Platz, von dem der Schu am sichersten gelingen
mute. Fallen durften die zwei Adler erst an dem Tag, bevor man die Leitern
brachte. Wren die Alten auf der Strecke, und ginge das Ausnehmen nicht glatt
vonstatten, so wrden die Jungen vor Hunger eingehen, ehe Graf Egge sie am
Kragen fassen und aus dem Horst herauslupfen konnte.
    Von diesem vierzehnstndigen Sitzen und Lauern, Tag fr Tag, waren Graf
Egges Krfte und Glieder so zerrieben, da er gegen Abend des sechsten Tages die
Htte kaum noch zu erreichen vermochte. Weil er wute, da ihm die fiebernde
Erregung keinen Schlummer vergnnen wrde, nahm er einen festen Lffel voll
Schlafpulver. Und da lag er von fnf Uhr abends an auf dem gleichen
Matratzenfleck, unbeweglich wie ein Bleiklumpen.
    Jetzt kam der groe Morgen. Franzl, wieder gegen die dritte Frhstunde,
weckte den Grafen und vermochte ihn kaum wach zu bekommen. Endlich gelang es.
Und Graf Egge sprang aus dem Bett, als htte der zehnstndige Schlaf auch die
letzte Spur der schweren Ermdung von seinen Knochen gelst. Aus seinem ersten
Worte sprach schon die brennende Spannung, die der Gedanke an die bevorstehende
Jagd in ihm entzndete. Whrend er das Frhstck hinunterschlang, gab er dem
Jger die Weisung: Ich bleib allein. Zwei knnen nicht so ruhig sein wie einer.
Da du mir heut den ganzen Tag nicht in die Nhe der Hangenden Wand kommst! La
dich auch sowenig als mglich auf den Almen blicken, damit du mir die Adler
nicht vergrmst, wenn sie zustreichen. Geh lieber hinunter in den Wald und sieh
nach den Auerhhnen. Wenn sie noch leidlich balzen, hol' ich mir ein paar,
sobald ich den Horst gerumt habe. Noch am letzten Bissen kauend, hob er den
mit Proviant gefllten Bergsack auf den Rcken, nahm die Bchse und eilte aus
der Stube. Fr diesen wichtigen Tag war ihm jede ntige Vorsicht so fest ins
Blut gegossen, da er bei aller Hast auch ohne Beule durch die Dippeltr kam.
    Franzl, der ihm nachsah, seufzte beklommen vor sich hin: Unser gtiger
Herrgott soll's geben, da er s' kriegt, alle zwei. Sonst macht der Zorn aus ihm
an Igel, den man nimmer angreifen kann!
    Die Sterne wollten schon verlschen, als Franzl die Htte verlie. Im
Laufschritt umkreiste er das weite Almfeld, um vor dem ersten Morgengrauen den
tiefer liegenden Bergwald zu erreichen. Auf dem offenen Gehnge hoben sich schon
die grauen Steine erkennbar aus dem finsteren Rasen, doch im Walde, zwischen den
hohen Fichten, lag noch tiefe Nacht. Ein Kuzl huschte mit klagendem Schrei ber
die Bume, in deren schwarzem Schatten Franzl den Weg zu den Balzpltzen suchte.
Allmhlich begann es im Walde grau zu werden, durch eine Lcke der Bume
schimmerte schon ein lichter Streif des stlichen Himmels, und bald vernahm der
Jger in der Morgenstille den klippenden Balzgesang des ersten Hahnes. Nicht
weit davon balzten zwei andere Hhne. Im Bogen umging der Jger den Platz, um
die verliebten Snger nicht zu stren, und wanderte, bis er bei vollem Erwachen
der Morgendmmerung das Herz des Hahnenreviers erreichte.
    Am Saum einer kleinen Ble, die mit jungen Lrchen und dichten
Heidelbeerbschen bewachsen war, lie Franzl sich zu Fen einer alten Fichte
nieder, legte die Bchse ber den Scho und lauschte. Fnf Hhne sangen mit
heiem Eifer um ihn her, und in das Quintett dieses seltsamen Minneliedes
mischte sich der Schlag und das Gezwitscher der erwachenden Drosseln und Meisen.
Mit rosigem Schimmer fiel der Morgen ber den Wald, eine ferne Felswand
leuchtete wie reines Gold, und farbige Bnder schwammen ber den Himmel hin.
Bald zuckten, wie brennende Pfeile, die ersten Strahlen der Sonne ber die
Wipfel, in tausend Tautropfen begann ein blitzendes Gefunkel, und als htte der
erwachende Wald tief aufgeatmet, so strich mit sachtem Hauch der Morgenwind
durch die Bume.
    Unbeweglich sah Franzl ringsumher, und die wundersame Schnheit dieses
Frhlingsmorgens schlich ihm wie ein erquickender Trost in das mde, bedrckte
Herz. Ein Gefhl hoffender Lebensfreude erwachte in ihm, er prete die Fuste
auf die Brust, als wrden ihm pltzlich alle Rippen zu eng - und dabei mute er
an Graf Egge denken, der jetzt geduckt und frstelnd zwischen den feuchten
Latschen sa und fr nichts anderes Sinn und Auge hatte als fr den Horst in der
Wand.
    Meiner Seel, ich mcht net tauschen!
    Breit flutete ein goldiges Sonnenband ber die Ble und rckte immer
weiter, bis es den Jger erreichte. Mit schwirrendem Flgelschlag fielen drei
Auerhennen in das Heidekraut, und immer neue strichen aus dem Wald hervor, als
htte sich hier die ganze Weiblichkeit des Hahnenreviers zum Frhstck
Stelldichein gegeben. Der Balzgesang der Hhne, der schon ausgesetzt hatte,
begann von neuem. Die Stimmen der jngeren Hhne wurden bertnt von dem
hitzigen Gesang des alten Platzhahnes. Nahe dem Jger sa er auf einer Buche und
gaukelte bei seinem Lied auf dem drren Aste hin und her. Pltzlich schwang er
sich in das Heidekraut und tanzte mit gefchertem Sto und zitternden Schwingen
zwischen den leise glucksenden Hennen seinen Hochzeitsreigen. Lautlos kamen die
jngeren Hhne der Reihe nach zugeflogen, die einen, um unter dem eiferschtigen
Zorn des gestrengen Platzherrn einen Teil ihrer Federn zu lassen, die anderen,
um sich verstohlen zu den Hennen zu gesellen, die sich aus der Nhe des alten
Hahnes verloren. Lchelnd sah Franzl diesem lustigen Minnetreiben des Waldes zu.
Alles liebt in der Welt, jeds Manndl hat sei' Freud am Weiberl! Kruzitrken!
Wenn ich's nur auch so gut haben knnt! Er seufzte. Was wird jetzt d' Mali
machen im Unterland?
    Er schlang die Arme um das Knie und trumte in den erwachenden Tag hinein.
Die Bilder, die vor seinem sehnschtigen Herzen gaukelten, waren freilich
himmelweit verschieden von der Wirklichkeit. In ihres Bruders Haus lag Mali auf
den Knien vor dem Bettchen des kranken Dirnleins, das in Schmerzen um sein
erlschendes Leben kmpfte - und Franzls Trume sahen das Mdel weit drauen im
Unterland, wie es in der Morgensonne unter der Haustr stand und gegen Sden
blickte, wo die Berge der Heimat blauten.
    Er schlo die Augen und lehnte den Kopf an den Stamm der Fichte. Mit linder
Wrme umschmeichelte ihm die Frhlingssonne das Gesicht, und ohne da er es
merkte, holte sich der in der Nacht versumte Schlummer sein gesundes Recht.
    Eine Stunde hatte er geschlafen, als ihn der Hall eines Schusses weckte. Das
Echo kam von der Hangenden Wand.
    Jetzt hat er an Adler! Gott sei Dank!
    Mit lrmendem Geflatter hob sich das Auerwild aus dem Heidekraut, als Franzl
die Ble berschritt.
    Rastlos stieg er bis zum Abend im Wald umher und hrte, als schon die
Dmmerung einbrach, wieder einen Schu von der Hangenden Wand.
    Mein heiliger Schutzengel, jetzt kriegst a Kerzl, jetzt hat er alle zwei,
jetzt kommen gute Zeiten!
    Er lachte, schrie einen Jauchzer in den glhenden Abend hinaus und fing zu
rennen an.
    Bei sinkender Nacht erreichte er die Dippelhtte, in deren Herrenstube die
Lampe brannte. An dem hlzernen Nagel neben der Httentr hing ein Adler. Nur
einer? Franzl guckte und guckte, ohne den zweiten zu finden.
    Graf Egge lag auf dem Bett, als Franzl in die Stube trat.
    Ich gratulier, gndiger Herr! Hab 's Manndl schon hngen sehen drauen. Wo
is denn der ander?
    Mhsam, als wren ihm alle Gelenke erstarrt, richtete Graf Egge sich auf und
brummte: Das Weibchen hab' ich am Abend gefehlt. Geflucht hab' ich wie ein
Trk'. Aber das ist gegangen wie der Blitz: hinein in den Horst und wieder
davon. Schon nachmittags um zwei Uhr hab' ich gemeint, ich halt das Stillsitzen
nimmer aus, immer mit der Bchs im Anschlag. Mit Gewalt hab' ich's erzwungen -
und richtig, wie der Adler absegelt vom Horst, sind mir alle Knochen so steif
gewesen, da ich mit dem Schu zu kurz gekommen bin. Und jetzt bin ich wie
zerschlagen am ganzen Leib! Komm her und zieh mir die Hos herunter. Dann mach'
die Lampe aus! Gegessen hab' ich schon. Er lie die Fe schwer vom Bett fallen
und drckte sthnend die Hand an den Hinterkopf.
    Soll ich net an kalten Umschlag bringen?
    La mich in Ruh'! Mit krumm gezogenem Rcken schob Graf Egge sich unter
die wollene Decke. Na, ich hoff', die Geschichte morgen wird mir das verstockte
Blut wieder aufmischen!
    Der Jger drehte die Lampe ab und verlie die Stube.
    Frh am Morgen brachte Schipper die Meldung: Alles in Ordnung! Bis in zwei
Stund kommen d' Leut und bringen, was der Herr Graf bstellt haben!
    In erregter Hast wurde das Frhstck genommen und - nach Erzeugung eines
neuen Dippels auf Graf Egges Stirn - der Weg zur Hangenden Wand angetreten.
Schipper ging neben seinem Herrn und sah ein paarmal spttisch auf Franzl
zurck, der hinten nachtraben durfte. Als sie das weite Almfeld berschritten
hatten und den Fu der Felswand erreichten, hrten sie schon das Geschrei der
Leute, die durch den Wald heraufkamen. Sechzehn Holzknechte trugen die vier
mchtigen Leitern, vier andere schleppten sich mit dicken Seilrollen.
    Was schreit ihr denn wie die Jochgeier? Hier wird das Maul gehalten! rief
ihnen Graf Egge entgegen.
    Die Leute bekamen rote Kpfe, aber sie sprachen kein Wort mehr.
    Mit erschrockenen Augen betrachtete Franzl die Leitern, sah prfend an der
hohen Wand hinauf und schttelte den Kopf.
    Graf Egge hatte den Hut in den Nacken zurckgeschoben, denn die Beule des
Morgens brannte unter dem Schweiband. Er stellte die Bchse an einen Baum, zog
die Joppe aus und bernahm das Kommando.
    In gerader Linie unter dem Horst, senkrecht zur Felswand, wurden die vier
Leitern auf dem Latschenfeld der Lnge nach aneinandergelegt. Die Enden der
Stangen wurden zusammengefalzt und mit den eisernen, die Fugen sttzenden
Schienen fest verschraubt, so da die vier Stcke zu einer einzigen riesigen
Leiter verbunden waren. Whrend Franzl, dem die Sache nicht geheuer erschien, an
der Leiter entlang ging und die Stangen, jede Sprosse und alle Verschraubungen
einer peinlichen Prfung unterzog, stiegen zwlf Holzknechte mit Seilen auf
einem Umweg zur Zinne der Felswand empor. Eine Stunde verging, bis sie auf dem
berhngenden Grat als winzige Figrchen erschienen. Von zwei Stellen, zur
Rechten und zur Linken des Horstes, wurden die Seile niedergelassen. Wie
endlose, sich unruhig bewegende Schlangen kamen sie durch die Luft
herabgekrochen. Aus dem Horste rieselte weilicher Staub ber die Felsen, und
die jungen Adler begannen zu schreien.
    Aha, mir scheint, die merken schon, da die Gschicht um ihren Kragen geht!
sagte Schipper mit Gelchter.
    Die Seile erreichten den Boden, und mit einem Dutzend fester Knoten wickelte
Franzl sie um das obere Ende der Leiter. Mit Pflcken und Seilen wurde der Fu
der Leiter festgelegt, so da er nicht mehr von der Stelle rcken konnte. Dann
rief Graf Egge durch die hohlen Hnde das Kommando zur Hhe: Auf!
    Die Seile spannten sich, und langsam begann der Kopf der Leiter sich zu
heben. Von der Hhe der Felswand klangen die eintnigen Rufe herab, mit denen
die Holzknechte jeden Zug und Ruck begleiteten. Immer hher schwankte die
Leiter, deren schwere Stangen sich chzend bogen wie dnne Gerten. Herr Graf,
stammelte Franzl, die langen Hlzer haben an unsinniges Gwicht. Passen S' auf,
Herr, d' Leitern halten den Druck net aus!
    Wart' es ab! murrte Graf Egge. Und wenn die da brechen, la ich andere
machen. Ich mu hinauf! Mit gespanntem Blick verfolgte er die Bewegung der
riesigen Leiter, die sich fast schon zu einem Halbkreis gebogen hatte. Doch die
Stangen hielten aus, langsam begannen sie sich wieder zu strecken, und bald war
das Ende der Leiter schon so hoch gestiegen, da der oberste Teil so winzig und
zierlich anzusehen war wie ein Kinderspielzeug. Nun standen die Stangen
senkrecht und neigten sich, als die Seile nachgelassen wurden, schwankend gegen
die Felswand. Dicht unter dem Horste legte sich die letzte Sprosse an das
Gestein.
    Gott sei Dank! Diesmal hab ich's aber gnau troffen! jubelte Graf Egge, dem
vor ungeduldiger Erwartung die Hnde zitterten. Die Geschichte schien ihm
wirklich das verstockte Blut aufzumischen. Es war an ihm keine Spur mehr von
der Erschpfung der letzten Tage zu bemerken. Die Erregung schien seinen Krper
verjngt zu haben, und als er jetzt die Hemdrmel bis zu den Schultern
aufstlpte, schwollen ihm die Adern und Sehnen wie dicke Striemen aus dem
hageren Fleisch der Arme.
    In der Mitte der Leiter hatte man, bevor sie aufgezogen wurde, zwei lange
Seile befestigt; man spannte sie nach rechts und links, so da die Leiter, in
ihrer Lage festgehalten, nicht mehr seitwrts ausweichen und nicht strzen
konnte.
    Fertig! sagte Graf Egge, band sich die Leine um den Leib, mit der er die
jungen Adler fesseln und vom Horste herunterlassen wollte, und trat zur Leiter.
    Da fate ihn Franzl am Arm. Ich bitt, Herr Graf! Die Sach gfallt mir net.
Und wenn S' schon glauben, es mu sein, lassen S' lieber mich naufsteigen!
    Lachend musterte Graf Egge den Jger. Du bist wohl verrckt? Soll ich
heiraten, damit du die Kinder kriegst? Seit einem halben Jahr wart ich auf
diesen Tag, und jetzt soll ich die Freude dir lassen?
    Freud? Aber Herr Graf! Lassen S' Ihnen doch im guten zureden! Wenn S' die
Adler schon lebendig haben mssen, ich hol s' Ihnen runter. Wenn's schief geht,
was liegt an mir? Ich bin der Jager und a lediger Mensch. Sie sind der Herr Graf
und haben Leut, die Ihnen brauchen.
    Aber, Franzl, hr amal auf mit dem Weibsbildergred! fiel Schipper ein.
Wenn du Angst hast - der Herr Graf hat keine!
    Franzl wandte sich wortlos ab; doch als er seinen Herrn den Fu auf die
erste Sprosse stellen sah, streckte er wieder die Hnde nach ihm. Sind S'
gscheit, Herr Graf! Lassen S' Ihnen wenigstens anseilen! Die Leiter mu ja
schauderhaft schwanken unter Ihrem Gwicht. Sie wirft Ihnen naus in d' Luft wie
nix. Lassen S' Ihnen doch anseilen!
    Meinetwegen! Damit ich endlich Ruh' habe! brummte Graf Egge und rief in
die Hhe: Seil herunter!
    
    Mit einer sicher geknoteten Doppelschlinge legte Franzl das Tau, das ber
die Felsen herunterkam, um die Brust seines Herrn. Dabei erwachte in ihm eine
neue Sorge. Wenn nur der ander Adler net kommt! Die Jungen schreien, da er's
hren mu, wenn er in der Nh is!
    Soll nur kommen! Lachend fhlte Graf Egge an die Messertasche. Dann mach'
ich es ihm wie dem vor sieben Jahren und sto ihm den Gnicker in den Hals, wenn
er auf mich hat! - Also! Fertig! Er spuckte in die Hnde und griff nach der
Leiter. Halt! Jetzt htt' ich fast vergessen - Langsam kniete er auf den Boden
hin und sprach mit lauter Stimme ein Vaterunser. Und jetzt hinauf!
    Whrend Graf Egge mit vorsichtiger Ruhe, um die Leiter nicht schwanken zu
machen, langsam emporzusteigen begann, rannte Franzl eine Strecke von der
Felswand zurck und rief in die Hhe: Leut da droben! Aufpassen jetzt!
Aufpassen! 's Seil darf kein' Augenblick net locker hngen! Sooft ich den Hut
schwenk, mu langsam angezogen werden! Habt's verstanden?
    Jaaa! klang von oben die Antwort herunter.
    Dann Stille. Schipper stand mit zwei Holzknechten beim Fu der Leiter.
Franzl lie keinen Blick von seinem Herrn und regulierte durch die Zeichen, die
er mit dem Hut machte, die Spannung des Notseils. Je drei Holzknechte zogen zur
Rechten und Linken die in der Mitte der Leiter festgemachten Taue an, um das
Schwanken der Stangen zu verhindern. Aber das wollte ihnen nicht gelingen. Je
hher Graf Egge stieg, desto heftiger schaukelte die Leiter, so da ihr Ende
lose an der Felswand hin und her zu klatschen begann.
    Bei diesem Anblick verlor Franzl die Ruhe wieder und rief in Sorge: Es geht
net, Herr Graf! Kehren S' um, sag ich! Kehren S' um!
    Graf Egge machte ein abwehrendes Zeichen mit der Hand und hing dann
regungslos an die Sprossen geklammert, bis die Stangen wieder in Ruhe kamen. Nun
stieg er weiter. Je mehr er sich der Mitte der Leiter nherte, desto mehr
verstrkte sich die pendelnde Bewegung; die Leiter ging auf und nieder wie eine
sausende Schaukel, und die Enden der Stangen schlugen so weit von der Felswand
zurck, da die Leiter im Aufschwung beinahe senkrecht zu stehen kam. Mit aller
Kraft mute Graf Egge sich an die Sprossen klammern, um nicht in die Luft
geworfen zu werden.
    Bleich wie eine Mauer, stammelte Franzl: Um Gotts willen! Ds is ja nimmer
Kuraschi, ds is bermut. Mit gellender Stimme schrie er: Herr Graf! Kehren S'
um! Hren S' mich net? Kreuzteufel, jetz fang ich an, wild z' werden! Runter,
Herr Graf! Auf der Stell gehen S' runter! Und wenn S' schon nimmer an Ihnen
selber denken, so denken S' an Ihnere Kinder! Kehren S' um, Herr Graf! Kehren S'
um!
    Graf Egge hrte nicht.
    Recht hat er, der Franzl! brummte einer von den Holzknechten am Fu der
Leiter. Ds heit Gott versuchen!
    Graf Egge hing regungslos an die schwingende Leiter geklammert und drckte,
um nicht vom Schwindel befallen zu werden, das Gesicht in die Arme. Dann stieg
er wieder, hielt abermals inne, kletterte von neuem - und endlich konnte
Schipper spttisch ber die Schulter zu Franzl zurckrufen: No also, Herr von
Angstmeier, jetzt is er ja droben! Htt er dir gfolgt, so knnt er sich jetzt
auslachen lassen vom ganzen Ort.
    Franzl erwiderte keine Silbe.
    Da schollen laute Rufe von der Zinne der Felswand, ein Schatten huschte ber
die Latschen, und wie ein aus den Lften fallender Keil stie das Adlerweibchen
auf Graf Egge nieder. Schipper und die Holzknechte schrien wirr durcheinander;
sie sahen, wie Graf Egge zur Abwehr den Arm erhob, und sahen das Aufblitzen des
Messers. Der Stich ging fehl. Mit einem weien Leinwandfetzen in den Klauen
machte der Adler eine Schwenkung und wollte den Sto wiederholen. Da krachte
inmitten des kreischenden Stimmenlrms ein Schu - und whrend unter dem Rollen
des Echos der Adler als lebloser Klumpen zu Boden strzte, lie Franzl, dessen
Gesicht so wei war wie Kalk, die rauchende Bchse sinken. Die Holzknechte
jauchzten, und whrend Schipper wortlos mit den Augen zwinkerte, klang vom Horst
herunter die Stimme Graf Egge: Bravo, Hornegger! Das hat geklappt!
    Franzl atmete auf; er hrte aus diesen Worten nichts anderes, als da sein
Herr ohne Schaden davongekommen war.
    Die Leute wollten nicht wieder schweigen; alle schwatzten und schrien
durcheinander, whrend sie gespannt jede Bewegung Graf Egges verfolgten. Niemand
dachte mehr an eine Gefahr; das Ausnehmen der Jungen war nun ein Kinderspiel -
und hatte die Leiter beim Aufstieg ausgehalten, so hielt sie wohl auch beim
Abstieg fest.
    Franzl stand schweigend abseits und gab den Leuten auf der Zinne mit seinem
Hut die Zeichen. Da sah er, da Graf Egge, der auf den letzten Sprossen der
ruhig gewordenen Leiter stand, mit dem Arm umhertastete, als kme er nicht mehr
weiter.
    Was is denn, Herr Graf?
    Der Horst hngt ber! klang die Antwort herunter. Ich finde keinen Weg in
das Steinloch. Dann gleich wieder folgten die Worte: Ja, es geht! Jetzt hab'
ich einen Schlupf.
    Unten sahen sie, wie Graf Egge mit beiden Hnden in jenen kleinen grauen
Strich hineingriff - in das wirr verschlungene Astwerk des Horstes. Da rieselte
weilicher Staub in dicker Menge ber die Felsen nieder, und whrend im Horst
die jungen Adler schrien, als wren sie lebendig an den Spie gesteckt, zog Graf
Egge hastig den Kopf zurck und griff nach seinem Gesicht.
    Um Gotts willen, Herr Graf, schrie Franzl, was haben S' denn?
    Keine Antwort kam; unten sahen sie nur, da Graf Egge sich mit den Hnden an
seinen Augen zu schaffen machte.
    Herr Graf! Herr Graf! Ums Himmels willen, so geben S' doch an!
    Wieder keine Antwort; doch mit tastenden Fen, den einen Arm ber die Augen
gedrckt, begann Graf Egge langsam ber die Sprossen herunterzusteigen. Die
Leute am Fu der Leiter waren stumm geworden und starrten betroffen in die Hhe.
    Franzl, dem eine dunkle Angst die Kehle zuschnrte, rief mit heiserer Stimme
den Leuten in der Hhe die Weisung zu, da sie das Notseil vorsichtig nachlassen
sollten, immer in Fhlung mit dem Krper, an dem es befestigt war.
    Schneller und schneller glitt Graf Egge ber die Sprossen nieder, ohne
darauf zu achten, da die Leiter immer heftiger zu schaukeln begann. Er hatte
die Hlfte der Sprossen noch nicht zurckgelegt, da krachten pltzlich die
Stangen und splitterten entzwei wie sprde Glasstbe. Ein Schrei von allen
Lippen, und whrend die Stcke der gebrochenen Leiter gegen die Felswand
schlugen, baumelte Graf Egge am Seil. Noch immer hielt er mit der einen Hand die
Augen bedeckt; mit der anderen tastete er ber seinem Kopfe nach dem Tau, das
sich im langsamen Niedersenken mit dem schwebenden Krper immer rascher zu
drehen begann.
    Unter wirrem Geschrei streckten sich zwanzig Hnde nach Graf Egge; bevor er
noch mit den Fen die Erde berhrte, fing ihn Franzl mit beiden Armen auf und
fhrte den Taumelnden, den Schipper mit einem Messerschnitt vom Seil gelst
hatte, zu einem Steinblock. Der Griff des Adlers hatte dem Grafen das Hemd vom
Nacken bis zum Grtel entzweigerissen, ber den halb entblten Rcken zogen
sich zwei bluliche Striemen, die das Tau in die Haut gedrckt hatte, und Haar,
Gesicht und Schultern waren von weilichem Unrat bedeckt.
    Wasser! Lauf einer nach Wasser! keuchte Graf Egge, whrend er mit
zuckenden Hnden an den Augen rieb. Wie ich am Horst in die Prgel gegriffen
habe, ist mir ein ganzer Karren voll Adlermist ins Gesicht gefallen! Das Zeug
brennt wie Feuer! Er sthnte vor Schmerz. Wasser! Wasser!
    Schipper und ein paar Holzknechte waren schon zu dem in der Talsohle
rinnenden Wildbach gerannt, um mit ihren Hten Wasser zu schpfen.
    Franzl zog seinem Herrn die Hnde vom Gesicht und stammelte: Tun S' doch um
Gotts willen net allweil reiben, Herr Graf. Ds is schlechter als alles! Und 's
Wasser kommt ja gleich!
    Graf Egge versuchte aufzublicken. Er konnte die Augen nicht ffnen. Bist
du's, Franzl? Ich dank dir fr das Seil und fr den prchtigen Schu!
    Nix zu danken, Herr Graf! Aber meiner Seel, a zweitsmal mcht ich den Schu
nimmer machen! Die Kugel mu keine drei Schuh neben Ihnen vorbeigeflogen sein!
Wie ich ds fertigbracht hab, wei der liebe Herrgott - ich net! Grad froh
mssen wir sein, da die Sach so glimpflich abgangen is. Gegen den Wehdam in
Ihre Augen wird ja 's kalte Wasser hoffentlich helfen. Da kommen d' Leut schon
mit die ganzen Ht voll!
    Schnell! Nur schnell! sthnte Graf Egge. Ich halt es nimmer aus vor
Schmerz!
    Hastig zerrte Franzl das Taschentuch aus Graf Egges Joppe, tauchte es in den
ersten triefenden Hut, der ihm geboten wurde, und wusch seinem Herrn den weien
Unrat vom Gesicht. Aber der brennende Schmerz in Graf Egges Augen wollte sich
nicht khlen und stillen lassen. Die Augenrnder entzndeten sich, und die Lider
schwollen zu dicken, roten Wlsten an, die sich nicht mehr bewegen lieen.
    Fhrt mich in die Htte! stie Graf Egge zwischen den
bereinandergebissenen Zhnen hervor. Und einer soll nach dem Doktor laufen!
    Nix, Herr Graf, jetzt is's aus mit der Htten! Jetzt mssen S' heim!
erklrte Franzl mit bebender Stimme. Bis man den alten Herrn Doktor da
auffibringt, ds tt bis morgen in der Fruh dauern! Ihnen mu heut noch gholfen
werden Er wandte sich an die Holzknechte. Du, Kasper, spring voraus und schau,
da gleich a Schiffl und der Dokter bei der Hand is! Du, Sepp, nimm dem Herrn
Grafen sei' Bchs und die meinig! Und die andern sollen Ordnung machen bei der
Wand! Er schlang Graf Egges Arm unter den seinen. Kommen S', Herr Graf, lassen
S' Ihnen fhren! Ich bring Ihnen schon nunter. Da fehlt nix.
    Ja, der Franzl hat recht! fiel Schipper ein. Geben S' her, Herr Graf, ich
pack den andern Arm!
    Du! Rhr mich nicht an! keuchte Graf Egge und sprang auf. Den Horst hast
du gefunden! Wie damals den abnormen Bock. Fort von mir! Sthnen griff er nach
seinen Augen. Fhr' mich, Franzl!
    Ja, Herr Graf, kommen S'! Und passen S' auf, da liegt a Trumm Stein im
Weg.
    Trotz dieser Warnung stolperte Graf Egge, und Franzl hatte Mhe, ihn
aufrecht zu erhalten.
    Schipper sah den beiden mit kleinen Augen nach; dann zuckte er die Achseln,
suchte den Adler aus den Latschen hervor, ri ihm die beiden schnsten
Flaumfedern aus und steckte sie auf seinen Hut. Ein Holzknecht bot ihm zwanzig
Mark dafr. Um dreiig wollte Schipper sie geben. Das war dem Knecht zuviel.
    Whrend die Leute unter endlosem Geschwatz bei der Wand die Arbeit begannen,
eilte Sepp mit den beiden Gewehren davon. Am Waldsaum holte er Franzl und den
Grafen ein; sie standen am Bach; Franzl tauchte das Tuch ins Wasser und band es
seinem Herrn ber die Augen; dann nahm er ihn wieder am Arm und fhrte ihn.
    Der Heimweg gestaltete sich schlimmer, als Franzl gedacht hatte. Bei jedem
Wasser, zu dem sie kamen, wurde der nasse Bund gewechselt, aber der Brand, den
Graf Egge in seinen verschwollenen Augen fhlte, steigerte sich von Minute zu
Minute; bei aller Selbstbeherrschung konnte er den Schmerz nicht mehr verbeien;
immer wieder krampfte er die Fuste ein und schrie durch die verbissenen Zhne.
    Sechs Stunden brauchten sie, bis sie die Klause beim Wetterbach erreichten,
wo der Doktor schon mit dem Holzknecht wartete.
    Graf Egge mute sich vor der Eremitage auf die Bank setzen. Dabei ruhten
seine zitternden Fe auf den Trmmern der Marmorplatte.
    Die Untersuchung des Arztes whrte lang. Schlielich seufzte er und
schttelte den Kopf. Hier kann ich nichts machen, Erlaucht! Es dmmert schon.
Wir mssen sehen, da wir Sie so rasch als mglich nach Hause bringen. Aber ich
will Ihnen wenigstens die Schmerzen lindern. Er nahm ein kleines Flschchen mit
Kokainlsung aus seiner Ledertasche und lie einige Tropfen zwischen die
geschwollenen Lider flieen.
    Erleichtert atmete Graf Egge auf und lie sich den kalten Bund wieder um die
Augen legen. Franzl, wo bist du? fragte er und streckte die Hand. Als er die
Finger des Jgers fhlte, sagte er: Ich danke dir! Diesen Weg verge ich dir
nimmer. Jetzt tu mir den einen Gefallen und steig wieder hinauf und hte mir
meine Auerhhne! Wenn der andere da droben merkt, da die Balzpltze ohne
Aufsicht sind, ist er imstand und schiet mir den schnsten Hahn weg, um den
Sto zu verkitschen. Und schick' mir meinen Adler herunter! Der von heute gehrt
dir. bermorgen komm ich wieder hinauf. Als Graf Egge das sagte, zuckte es
seltsam ber das Gesicht des Doktors. Dann schie ich die paar Hhne, die noch
balzen.
    Pfe Gott, Herr Graf! Schauen S' nur, da Ihnen bald wieder besser wird!
Droben halt ich derweil schon alles in Ordnung! Aber - jetzt mu ich was bitten,
Herr Graf!
    Sprich nur! Was willst du haben?
    Die jungen Adler droben im Horst mssen verhungern, seit die Alten weg
sind. Raubvgel sind s' freilich. Deswegen mu man die armen Viecher net die
schauderhafteste Marter leiden lassen. Wenn's Ihnen recht is, Herr Graf, la ich
mich morgen mit der Bchs von der Wand abseilen und gib ihnen den Gnadenschu.
Ich tt schn bitten, da mir's der Herr Graf verlaubt.
    Graf Egge antwortete nicht; nur mit einer unmutigen Handbewegung stimmte er
zu. Dann erhob er sich mhsam und lie sich vom Doktor zum Boot fhren.

                                       16


Unter blauem Himmel, bei strahlendem Frhlingswetter fuhren die Kleesberg und
Komtesse Kitty in einer mit drei Pferden bespannten Kalesche vom Albergo de'
Cappuccini ab und durch Amalfi. Zwischen Lrm und Leben rollte der Wagen ber
die Piazza, an der Kathedrale vorber und am Hafen entlang. Bei einer Wendung
der Strae tauchten wie ein schimmerndes Mrchenbild die weien Huser von
Atrani auf.
    Gundi Kleesberg, deren seidener Staubmantel im Meerwind flatterte, hielt mit
beiden Hnden Kittys Hand umschlossen und stammelte immer wieder: Wie schn!
Wie schn!
    Kitty schien nicht zu hren. Die schlanke, etwas voller gewordene Gestalt,
von den schmiegsamen Falten eines schwarzen Kreppkleides umflossen, lag stumm in
den Wagen zurckgelehnt. Der Schleier war ber das Htchen geschoben, und die
schimmernden Lckchen umzitterten mit unruhigem Spiel das schmale, von einem Zug
des Leidens durchgeistigte Gesicht. Manchmal bewegte Kitty leis die Schultern,
als mchte sie, liebkost von der Wrme des blhenden Frhlingsmorgens, die
Erinnerung an den kalten, trostlosen Winter auf Schlo Eggeberg von sich
abwerfen.
    Vor ihren Gedanken stieg das Bild jener Einsamkeit auf, wie sie es
hundertmal gesehen, wenn sie am Fenster stand: die kahlen Bume des
Schlohgels, die plumpen Dcher der Wirtschaftsgebude mit ihren knarrenden
Windfahnen, die den Weinberge mit den zu Sten geschichteten Rebstcken, der
vereiste Flu im Tal und ber dem winterlichen Wald der graue Himmel mit seinen
Schneewolken. Dazu in ihrer Seele die Erinnerung an die Kummertage von Hubertus
und der Gedanke an den Vater, der ber Elchhirschen und Bren seines Kindes
verga, an die Mutter, deren Leidensgang und Schicksal sie nun kannte, an
Tassilo und Anna, von deren Glck und Liebe sie geschieden war. Und zwischen
diesen beglckenden Bildern klang in ihrem verschlossenen Herzen ruhelos ein
schwermtiges und dennoch sehnsuchtsvolles Lied - die Erinnerung an einen, an
den sie nicht denken sollte, nicht denken durfte.
    Den stillen gleichfrmigen Schneckengang dieser grauen Wintertage
unterbrachen zwei Ereignisse. In der Weihnachtswoche traf Werners Sptherbst
in Eggeberg ein, um die Kleesberg in einen andauernden Zustand
unzurechnungsfhiger Ekstase zu versetzen. Und im Mrz, an einem Sonntag, der
ein bichen Sonne hatte, kam Tante Gundi gleich einer glckselig Beschwipsten in
Kittys Stbchen gezappelt, mit einem Zeitungsblatt, das sie wie eine Fahne
schwenkte. Kind! Das mut du lesen! Du mut! Komm her, Kind! Komm! Und lies,
was da gedruckt steht! Schwarz auf wei!
    Es war die Nachricht, da Hans Forbeck fr sein groes, Der letzte
Sonnenstrahl betiteltes Gemlde, das der Liebling aller Besucher der Berliner
Jahresausstellung war, die Goldene Medaille erhalten hatte.
    Hei flog es ber Kittys schmchtige Wangen. Dann schlug sie die Hnde vor
das Gesicht und brach in Schluchzen aus.
    Von diesem Tag an entfaltete Gundi Kleesberg eine geheimnisvolle Ttigkeit.
Briefe gingen, und Briefe kamen. Und immer hufiger begann die Kleesberg unter
Seufzern und Kopfschtteln von dem bedenklichen Aussehen des armen Kindes zu
sprechen. Graf Benno und die Grfin suchten die wunderlich aufgeregte Dame zu
beruhigen, und auch Kitty versicherte immer wieder, da sie siech wohl fhle,
und da ihr nicht das geringste fehle. Aber tglich entdeckte Gundi Kleesberg an
dem armen Kind ein neues Anzeichen, das den Ausbruch einer schweren Krankheit
befrchten lie. Hoch und teuer schwor sie, da es ihre heilige Pflicht wre,
dem drohenden Unglck vorzubeugen. Schlielich gelang es ihr wirklich, mit
ihrer Sorge auch Graf Benno und die Grfin anzustecken. Dem ruhigen Naturell der
beiden war jede bertriebene ngstlichkeit fremd, aber sie konnten sich der
Wahrnehmung nicht verschlieen, da Kittys Gesichtchen - obwohl gerade in diesen
Wochen ihre Gestalt sich sichtlich entwickelte - von Tag zu Tag schmchtiger und
blasser wurde, ihr Wesen immer stiller und gedrckter. Diesem seltsamen
Widerspruch im Habitus der Patientin stand auch der alte, gutmtige Dorfarzt
ratlos gegenber, und er zog sich diplomatisch aus der Klemme, indem er die
Berufung einer medizinischen Autoritt als empfehlenswert bezeichnete. Gundi
Kleesberg holte den Herrn Professor von der Bahn ab. Als sie mit ihm auf Schlo
Eggeberg eintraf, zeigte sie bei aller schuligen Aufregung eine so
zuversichtliche Miene, als htte sie dem Professor Kittys Leidensgeschichte
bereits geschildert und von ihm einen Rat gehrt, der ihre Sorge verstummen
machte. Und aufatmend nickte sie zu dem mit leisem Lcheln abgegebenen Votum des
Professors: sofortige Luftvernderung, lngerer Aufenthalt im sdlichen Italien.
Die ganze Nacht sa Gundi Kleesberg ber dem schwierigen Brief an Graf Egge, und
als das zustimmende Telegramm aus Hubertus eintraf, betrieb sie das Packen der
Koffer mit einer Hast, die das ganze Schlo rebellierte.
    Die Reise begann. Doch sonderbar! Seit Wochen hatte Tante Gundi sich in
zrtlicher Sorge fr Kitty und in ngstlichen, fr das Wohl des armen, kranken
Kindes bedachten Maregeln erschpft; ber diese aus Gesundheitsrcksichten
unternommene Reise schien sie aber eine merkwrdige Ansicht zu haben. Die Fahrt
entwickelte sich zu einer wahren Hetzjagd. Zuerst in einer Eisenbahntour bis
Genua. Gleich am folgenden Tage wieder weiter mit dem Dampfer. Und obwohl die
Fahrt so strmisch war, da Tante Gundi einen Anfall von Seekrankheit bekam und
ein paar Ruhetage dringend ntig gehabt htte, wurde in Neapel unverzglich das
nach Capri gehende Schiff bestiegen.
    Bei der Landung an der Marina Grande befand sich Gundi Kleesberg in einem
Zustand so verstrter Ungeduld, da Kitty, die bisher die ganze Hetze klaglos
ertragen hatte, in Sorge zu fragen begann: Aber Gundi? Was hast du nur?
    Ich freue mich, Kind, ich freue mich!
    Als man im Wagen sa und ber die schne Bergstrae emporfuhr, drckte die
Kleesberg immer wieder Kittys Arm an ihre Brust und beteuerte: Hier sollst du
gesund werden, du mein armes Herzkind! Ganz gesund! Das schwr ich! Dabei
guckte sie so erwartungsvoll ber die Strae voraus und nach allen Seiten, als
mte sich mit jedem nchsten Moment ein wundersames Ereignis vollziehen. Diese
hochgespannte, traumhafte Stimmung hielt an, bis Tante Gundi im Hotel Quisisana
in die Federn sank. Doch am folgenden Morgen, als die Kleesberg von einem
frhzeitig unternommenen Ausgang zu Kitty zurckkehrte, war ihre rosige Laune
ins graue Widerspiel verwandelt. Sie schalt ber den wahnsinnigen Professor,
der sie und das arme Kind in diesen von unangenehmen Menschen wimmelnden,
meerumschlossenen steinernen Spucknapf verbannt htte. Von jedem khlen
Lftchen behauptete sie, da es den sicheren Tod brchte. Und als die linde
Sonne kam, jammerte sie, da man zerschmelzen msse in dieser afrikanischen
Glut! Am liebsten wre sie gleich wieder abgereist. Erst nach langem Zureden
vermochte Kitty ein paar Ruhetage zu erwirken.
    Das gleiche sonderbare Launenspiel wiederholte sich nach der Ankunft in
Sorrent: himmelhoch jauchzend, zu Tode betrbt. Zwischen den beiden Phasen lag
eine von Gundi Kleesberg allein und geheim unternommene Wagenfahrt zur
Cocumella, einer zwischen blhenden Orangengrten gelegenen Knstlerherberge.
Als sie zurckkehrte, zappelte die Kleesberg atemlos in Kittys Zimmer und
beteuerte: Sei mir nicht bse, Kindchen, aber hier halt ich es nicht aus!
Keinen Tag! Diese engen, trostlosen Mauergassen, dieser Schmutz, dieses
Geschrei! Das ist, um zu verzweifeln! Ich hab's doch immer gesagt: Capri,
Sorrent, das ist ein ganz unglaublicher Einfall! Htte man auf mich gehrt, wir
wren direkt nach Ravello gegangen! Direkt!
    Kitty konnte sich zwar nicht erinnern, da Gundi Kleesberg je einen solchen
Vorschlag gemacht htte; aber sie ergab sich in Geduld und lie sich am
folgenden Morgen wieder in den Wagen packen.
    Mde traf man am Abend in Amalfi ein und ging bald zur Ruhe, um sich - wie
Gundi sagte - tchtig auszuschlafen fr den groen Tag. Diese mystische
Bezeichnung wurde nicht nher erklrt. Doch eine Stunde spter, als Kitty schon
in den weien Kissen ruhte, kam die Kleesberg noch einmal zur Tr
hereingeschlichen, umarmte Kitty mit strmischer Zrtlichkeit und stammelte:
Morgen, mein liebes Kind! Morgen! Morgen!
    Die Nacht verging. Ein paarmal erwachte Kitty aus unruhigen Trumen, dann
hrte sie aus der Tiefe herauf das Rauschen des Meeres, das melodische
Gepltscher, mit dem die Wellen an die steinernen Dmme schlugen, und manchmal
den verschwommenen Ruf eines Hafenwchters.
    Durch das offene Fenster leuchteten aus dem Stahlblau des Himmels ein paar
Sterne herein, die lebhaft funkelten. Allmhlich dmpfte sich ihr Feuer, der
blaue Grund begann sich zu lichten, und der Morgen kam, strahlend in Schnheit,
mit Glanz und Duft.
    Und da fuhren sie nun, whrend Amalfi und das Meer in der Tiefe langsam
entschwanden, ber die herrlichste aller Straen empor, Gundi Kleesberg in
neugespannter Erwartung, wie von einem Freudentaumel befallen, und Kitty
versunken in genieendes Staunen und in ihre stillen Gedanken.
    Langsam stieg der Weg zwischen den niederen Mauern der Zitronengrten,
erffnete fr Augenblicke eine wundersame Fernsicht ber die im Duft des Morgens
blauende Kste von Salerno und lenkte mit klimmenden Serpentinen in das
stundenlange Tal von Atrani ein. Der Strae zu Fen lagen wie ein grner,
welliger See die ununterbrochen aneinandergereihten Orangenhaine, deren Bume
zugleich mit den roten Frchten die weien Blten trugen, das weite Tal mit
herbem Wohlgeruch erfllend. Verstohlen lugten aus dem Grn die Dcher einzelner
Villen hervor; und ber den hchsten Husern, die wie weie Punkte waren, schob
sich ein Felshgel hinter dem andern hervor, immer rmer an Grn, bis hinauf zu
den kahlen Schrofen, mit denen der Mont'Angelo seine wuchtige Zinne in den
Himmel streckt. Da droben waren nur noch die beiden Kontraste zu sehen:
blendendes Sonnenlicht und blau verschwommener Schatten.
    Im Wagen, der bei sachtem Trab der Pferde ber die Strae emporrollte, war
seit dem begeisterten Entzcken, in das die Kleesberg beim Anblick von Atrani
ausgebrochen, keine Silbe mehr laut geworden. Kitty blickte mit trinkenden Augen
ber das schne Tal, und in Tante Gundi schien, je mehr man sich der Hhe von
Ravello nherte, um so merklicher jener Zustand der Unruhe wieder zu erwachen,
der sie whrend der vergangenen Reisetage bei jeder Ankunft an einem neuen Ort
befallen hatte.
    Aus solcher Stimmung fuhr sie einmal auf und atmete tief, weil sie den
Wohlgeruch empfand, der die Luft erfllte. Ach, dieser Duft! Orangenblten und
Myrte! Zrtlich legte sie den Arm um Kittys Schultern. Denk' nur, Kind, ich
habe immer die Vorstellung, als wr' ich in der Kirche und htte ein
geschmcktes Brutlein vor den Altar zu fhren.
    Es zuckte schmerzlich um Kittys Mund.
    Der Wagen bog in die letzte, steile Serpentine ein, auf deren Hhe sich
schon der Campanile von Ravello und die brchigen Zinnen des maurischen Tores
zeigten. Neben der Strae erhoben sich die Trmmer einer alten, aus gewaltigen
Blcken gefgten Festungsmauer, und hinter diesen Kltzen erschien eine Ruine
mit geborstener Kuppel; wirr verwobenes Schlinggewchs rankte sich um das graue
Gemuer, und leuchtend hingen die Blumen zwischen dem Grn.
    Gundi Kleesberg lie den feuchten Blick ber Tag und Hhe gleiten. Wie
schn! Das alles hat Gott erschaffen, damit sich die Menschen ihres Lebens
freuen mchten! Aber das wollen die Schafskpfe nicht erkennen! Da zerstrt der
eine das Glck, das ihn der Himmel finden lie, und der andere hat nicht den
Mut, nach dem Geschenk zu greifen, das Gott ihm bietet, und macht sich elend
frs ganze Leben!
    Kitty sah verwundert auf. Tante Gundi?
    Ja, Kind! Sieh mich nur an! Mich altes, zweckloses Geschpf! Auch ich war
einmal jung wie du! Auch zu mir kam das Glck. Aber ich war zu feig, um es
festzuhalten! Und ich htte, um meinem Leben Inhalt und Wert zu geben, nur ein
einziges Wort zu sprechen brauchen - ein Wort, wie es dein Bruder Tas zu seinem
Vater sprach!
    Blsse rann ber Kittys Gesicht.
    Und nun sieh mich an, Kind! Mich mit meinen Runzeln unter der Schminke!
Mich! Mit allem, was ber ein Frauenherz kommen kann an Schmerz und Reue! Nimm
dir eine Warnung an mir! Du bist jung, bist schn und so herzensgut! Du
verdienst das Glck. Wer wei, ob es dir nicht begegnet bei deinem nchsten
Schritt? Wenn es vor dir steht und lchelt dich an mit treuen Augen, dann sei
nicht feige Kind! Greif zu mit beiden Hnden! Sage dir, da das Glck alles
andere aufwiegt, Name, Stellung, Besitz! Sieh mich an, Kind! Wie glcklich htt'
ich werden knnen! Und bei aller Reue liegt noch wie ein schwerer Stein der
Vorwurf auf mir, da ich durch meine Feigheit auch einen anderen frs ganze
Leben einsam machte. Einen herrlichen Menschen! Ich bin ja viel zu bescheiden,
um glauben zu knnen, da ich ihm mehr geworden wre als eine brave Frau, die
ihm ein freundliches Haus geschaffen htte - whrend er, der Begnadete, in
seiner Kunst eine Stufe um die andere erstieg, bis zur Hhe des Ruhmes! Wie
glcklich wre ich gewesen in meinem stillen Winkelchen! Und htte mit Stolz und
Liebe zu ihm aufgeblickt - zu ihm, den alle Welt bewundert und verehrt!
    Erschrocken, von einer Ahnung durchzuckt, umklammerte Kitty Gundis Hand und
stammelte: Werner?
    Da hielt der Wagen auf der Piazza von Ravello. Aus der Kathedrale, deren
Bronzetren offen standen, tnte Gesang und Orgelspiel.
    Gundi Kleesberg hob wie eine Erwachende das Gesicht.
    Hotel Palumbo? klang eine dnne Tenorstimme; ein alter Mann, der eine
schwarze Samtjacke trug und auch sonst wie ein verbummelter Maler aussah, trat
an den Wagenschlag und war den Damen beim Aussteigen behilflich. Bei aller
Erregung hatte Gundi Kleesberg doch einen staunenden Blick fr die auffallende
Reinlichkeit, die im Hofraum und Foyer der Pension Palumbo herrschte; das Wunder
klrte sich auf, als die Padrona erschien, um die Damen zu begren - eine
deutsche Frau. Sie fhrte ihre Gste in einen Seitentrakt des Hauses; alle
Wendungen der Treppe waren durch nette Vorhnge abgeschlossen, und der Korridor
mit seinen klaren Fenstern spiegelte von Sauberkeit. An einem Zimmer, in dem ein
Mdchen Ordnung machte, stand die Tr offen - und Gundi Kleesberg geriet in
wunderlichen Aufruhr, als sie in dem Raum verschiedene Malgerte gewahrte, eine
Staffelei und mehrere mit Leinwand berspannte Rahmen.
    Nur schnell, Kind! Schnell! stammelte sie, als die Padrona fr Kitty ein
allerliebstes Zimmerchen ffnete, mit Mbeln aus Olivenholz und mit Gardinen aus
weiem Leinenplsch. Ich werde in fnf Minuten fertig sein! Sie fate den Arm
der Padrona. Kommen Sie, liebe Frau, ich bitte, kommen Sie, ich habe mit Ihnen
zu sprechen.
    Kitty hatte ihr Zimmer betreten. Der kleine freundliche Raum heimelte sie an
und erinnerte sie an ihr Stbchen in Hubertus. Am offenen Fenster, durch das der
Blick ber grnes Rebengelnde hinunterglitt in das Tal von Minori und auf das
ferne Meer, lie sie sich in einen Lehnstuhl sinken und prete die Hnde ber
die glhenden Wangen. Ohne den leisen Wechsel der beiden aus dem Nebenzimmer
klingenden Frauenstimmen zu hren, war sie versunken in ziellose Gedanken,
befangen von einer Stimmung, deren rtselhafte Art sie sich selbst nicht zu
erklren wute. Und dann ging die Tr auf, und Gundi Kleesberg stand vor ihr,
halb erschrocken und halb emprt. Um Gottes willen, Kind! Was hast du denn
getrieben die ganze Zeit? Eine Viertelstunde fast! Da soll sie fertig sein und
sitzt noch immer in Hut und Mantel! Sie griff wie eine flinke Kammerjungfer zu,
um Kitty behilflich zu sein. Nur schnell, Kind! Schnell! Wir haben keine Zeit
zu verlieren. Wir mssen zum Palazzo Rufalo. Das ist das erste. Das wichtigste!
Alles andere wird sich finden. Komm nur! Komm! Aus einer Blumenvase zerrte sie
drei schne Rosen.
    Kitty wehrte: Du weit, ich trage keine Blumen.
    Doch, Kind! Nimm sie nur! Heute! Wie sonderbar Gundi Kleesberg dieses Wort
betonte! Heut! Ich dulde nicht, da du so gehst, in diesem unfreundlichen
Schwarz! Nimm die Rosen! Ich bitte dich! Sie setzte ihren Willen durch. Und
dann rckte sie an Kittys Hut, nestelte am Schleier und an den Falten des
Kleides, als stnde die Komtesse vor der Fahrt zu ihrem ersten Hofball. Die
letzte Prfung fiel zu ihrer Zufriedenheit aus. So, jetzt gefllst du mir! Und
nun komm! In einem Anfall mtterlicher Rhrung streckte sie die Arme, um Kitty
an sich zu ziehen. Aber nein! Nein! Ich knnte dir die Rosen zerdrcken! Komm
nur, komm! Sie rauschte zur Tr, als wre jede Minute kostbar.
    Betroffen schttelte Kitty den Kopf. Aber Tante Gundi? Was ist denn nur mit
dir?
    Komm nur! Kmmere dich nicht um mich! Ich bin ein bichen verrckt. Es ist
so schn hier, so unglaublich schn! Und alles andere, du ahnst ja nicht -
Gundi Kleesberg verstummte erschrocken, als htte sie zuviel gesagt. Komm nur!
Komm!
    Vor dem Hotel erwartete sie der Cicerone mit dem schwarzen Samtflaus. Er zog
den grauen Schlapphut. Primieramente, begann er mit seiner quiekenden
Tenorstimme, condurr le signore alla bella vista nel giardino degli Affliti -
    Was kmmert mich die Aussicht im Garten der Betrbten! unterbrach ihn
Gundi Kleesberg. Wir wollen zum Palazzo Rufalo.
    Der Cicerone machte zu dieser Eigenmchtigkeit eine nachsichtsvolle Miene
und zuckte die Achseln. Come Le piace. Doch als sie die Ecke der Kathedrale
erreichten, dozierte er nach seiner Gewohnheit: Ed ora entriamo nel santo
duomo. Fu costrutto nel secolo undicesimo -
    Tante Gundi wurde ungeduldig. Ich will nicht wissen, wie alt Ihr Dom ist.
Ich will zum Palazzo Rufalo.
    Come Le piace! Der Cicerone war gekrnkt.
    Das ist doch ein unglaublicher Mensch!
    Kitty suchte die Emprte zu beruhigen, aber Gundi Kleesberg ereiferte sich
immer mehr.
    Jede Minute ist kostbar, und da vertrdelt uns dieses Ungeheuer die Zeit
mit seinen eingepaukten Redensarten!
    Sie kamen zu einer hohen grauen Mauer, an der ein paar sarazenische
Arabesken der Verwitterung entgangen waren. ber dem Kamm der Mauer sah man ein
Gewirr von Zypressenwipfeln und Baumkronen, zwischen deren dichtem Grn sich ein
von Laub umschleiertes Gemuer zeigte, eine graue Zinne, ein Turm mit maurischer
Galerie und schwarz ghnenden Rundfenstern - ein Bild, aus dem es herauswinkte
wie ein Geheimnis.
    Ein dunkler Torweg wurde durchschritten, und der Cicerone hielt vor einer
kleinen eisernen Pforte. Eccolo, il Suo palazzo Rufalo! Er deutete auf einen
Glockenzug, legte die Hnde hinter den Rcken und sagte trocken: Si
campanella.
    Gundi Kleesberg atmete tief, streifte Kittys Gesicht mit verwirrtem Blick
und fate den Draht. Dumpf, mit einem greisenhaften Klang, hallte der Glockenton
durch den stillen Garten. Schlurfende Tritte kamen auf das Tor zu; als es
geffnet wurde, knarrten die alten Angeln. Der Pfrtner, ein mrrischer Greis,
bernahm die Fhrung der Damen, whrend der Cicerone verdrossen im Gchen
zurckblieb.
    Eine khle, feuchte, von Blumengeruch erfllte Luft wehte den Eintretenden
entgegen. Das dichte Laubwerk, das den schmalen Pfad zu beiden Seiten
begleitete, gewhrte kaum einen Durchblick; nun erweiterte sich der Pfad, und
berschattet von alten Baumriesen, deren Stmme mit Schlingwerk behangen waren,
erhob sich die Ruine der maurischen Torhalle mit der schn geschwungenen Kuppel.
Ein Hauch von Schwermut flsterte aus den grauen, durch Raub und Alter des
Schmuckes beraubten Steinen; sie hatten glanzvolle Zeiten gesehen; diese Pracht
und Macht war untergegangen - sie allein noch standen, wie ein trauerndes
Denkmal ber Grbern. Und den gleichen melancholischen Charakter zeigte der
tiefschattige Garten, der sich an die Halle schlo: zwischen ernsten
schwrzlichen Zypressen und scharf duftenden Pfefferbumen lagen kleine Beete
mit feurig blhenden Orchideen, berall lugten aus verwilderten Rosenbschen
verblichene Marmorreste hervor, zertrmmerte Statuen, gestrzte Sulen; leise
murmelten die versteckten Brunnen, zuweilen lie sich ein ser Vogelschlag
vernehmen, und der sachte Windhauch, der durch die Laubengnge strich, spielte
mit den Rosenblttern, die auf allen Wegen lagen und gleich winzigen Schifflein
auf den kleinen, stillen Teichen umherschwammen. Trumende Mrchenstimmung war
unter diesen Bumen, in dieser Luft. Nun wieder erhob sich graues Gemuer, und
klingend hallten die Schritte auf den Steinfliesen des Torweges, der in das
Allerheiligste dieser Ruinen fhrt, in den maurischen Sulenhof.
    Drei Loggien, die einen dsteren, kellertiefen Hof umschlieen, bauen sich
leicht und luftig bereinander. An den kahlen Wnden hngen nur noch einzelne
Reste der Marmorbekleidung, doch unversehrt sind die schlanken, doppelreihigen
Alabastersulchen erhalten, mit den grazis geschwungenen und zierlich
ornamentierten Bogen darber; hier und dort noch eine Spur der erloschenen Farbe
und Vergoldung.
    Kittys Wangen brannten, ihre Augen glnzten; sie empfand die hinreiende
Macht der Erinnerung, die aus diesen stummen Steinen redet. Zurckversetzt in
lngst entschwundene Zeiten, sah sie Bilder um Bilder vor ihrer trumenden Seele
sich beleben. Schwerter klirrten, und weie Schleier flatterten, Hufschlag
tnte, und die Laute klang. So deutlich vernahm sie die Saiten, als klngen sie
wahrhaftig an ihr Ohr - aber nein, das war kein Traum, sie hrte die Saiten
wirklich! Aus einem offenen Fenster des Palazzo tnte, mit seltsamer Kunst
gespielt, eine Mandoline, von einer Gitarre begleitet. Und Kitty erkannte die
Weise. Es war eine Barkarole, die sie in Sorrent hatten singen hren, ein
zrtliches Lied, das ihr mit schmeichelndem Locken ins Herz gegriffen hatte:

Vieni, diletta,
Vieni al mar,
Vieni, t'aspetta
Il marinar!

Und wieder - in dieser mrchenhaften Umgebung mit gesteigertem Gefhl - empfand
sie die heie, verlangende Sehnsucht, die ihr aus den zrtlichen Worten des
Liedes am Sorrentiner Strand in die Seele gefallen war. Hastig, wie um dem
Zauber zu entrinnen, der sie in der geheimnisvollen Schattenstille dieser Mauern
berfiel, flchtete sie hinaus in die helle Sonne.
    Zwischen Blumen plauderte ein Springbrunnen, und eine Marmortreppe fhrte zu
einer Terrasse, die, von Laubengngen durchzogen, sich hinausbaute ber die
steil abfallenden Weinberge und einen Rundblick ber den Golf von Salerno bot.
    Mit einem wehen Zug um die Lippen trat Kitty unter eines dieser Laubdcher,
umspielt von flimmernden Sonnenlichtern und farbigem Bltterschatten. Pltzlich
verhielt sie den Fu, von Schreck befallen; das Blut scho ihr zum Herzen und
strmte wieder mit Glut in die Wangen; nach Atem ringend, griff sie an die
Augen, als mte, was sie sah, in der nchsten Sekunde verschwinden wie eine
Tuschung ihrer Sinne.
    Inmitten des Laubenganges, in dessen Tiefe eine Nische in die Felswand
gehauen war, stand eine Staffelei, deren Leinwand die Farben eines frisch
begonnenen Bildes zeigte. Hatte den jungen Knstler schon im ersten Werden
seines Werkes die Ermdung befallen? Er sa auf einer Marmorbank, die Palette in
der ruhenden Hand, und blickte trumend ins Leere. Da vernahm er einen
stammelnden Laut und straffte sich auf - Hans Forbeck. Seine Gestalt war gereift
in diesem halben Jahr und hatte breitere Schultern bekommen; dichter sprote der
dunkle Bart, und die sdliche Sonne hatte ihm die ernste Stirn gebrunt.
    Bei Kittys Anblick erblate er, und die Palette entfiel seiner Hand. So
standen sie voreinander, Aug' in Auge. Dieser erstarrende Schreck, dieser
lhmende Zweifel an der Wahrheit dauerte nicht lang. Wohl blieben ihre Lippen
stumm, doch es sprachen ihre Herzen, es redete ihre Sehnsucht, die gewachsen war
mit jedem vergrmten Tag, in jeder ruhelosen Nacht. Unter einem Lachen ihrer
Freude flogen sie aufeinander zu, hielten sich umschlungen und hingen Mund an
Mund in einem drstenden Ku, der nimmer enden wollte.
    Bei der Marmortreppe stand Gundi Kleesberg wie eine mit sich selbst
zufriedene Schicksalsgttin von etwas barocken Formen.
    Da klang hinter einer mit Blten bersten Rosenhecke eine Mnnerstimme:
Hans!
    Forbeck und Kitty hrten nicht; alles um sie her war ihnen untergegangen in
der Taumelfreude ihres jungen, vom Himmel gefallenen Glckes. Doch Gundi
Kleesberg fiel aus ihrer stolzen Gtterhhe tief ins Menschliche herunter und
begann an allen Gliedern zu zittern, als sie diese Stimme erkannte.
    Hans! Komm doch einen Augenblick!
    Eine Weile war Stille, dann knirschte hinter der Rosenhecke ein Tritt im
Sand. Nun kam Leben in die Schlottersule der Kleesberg. Die Hnde streckend,
als htte sie das erste Glck der Liebenden vor einer Strung zu behten,
zappelte sie auf die Hecke zu. Da stand Professor Werner vor ihr, sprachlos vor
berraschung.
    Werner! stammelte sie. Weiter fand sie keinen Gru, kein Wort. Mit beiden
Hnden fate sie ihn am Arm und zog ihn so weit in den Laubengang, da er das
junge Paar gewahren mute. Und als ihm, mehr in Schreck als in Freude, ein
ersticktes Wort ber die Lippen fuhr, zog sie ihn wieder hinter die Hecke zurck
und sah zu ihm auf mit stolzer Freude. Dieses Glck, Werner - dieses junge
Glck hab' ich geschaffen, ich, die Gundi Kleesberg! Fr mein Glck, da war ich
feig. Aber fr die beiden Kinder hab' ich Mut gehabt. Und nicht nur Mut. Es war
auch meine Pflicht. Ich hab' an Kitty die Stelle einer Mutter zu vertreten. Und
als ich sah, wie sie in diesem traurigen Winter hinschwand und sich verzehrte -
da hab' ich gesagt zu mir: Gundelchen, jetzt mut du! Und habe diesen
Gewaltstreich begangen und bin euch nachgereist und hab' euch gesucht, in Capri,
in Sorrent, in Amalfi, bis ich euch fand. Und jetzt, Werner - diese schne
Stunde hat nicht nur das mutterlose, von Kummer und Sehnsucht kranke Kind gesund
und glcklich gemacht - sie hat das Glck auch deinem Sohn gegeben! Trnen
kollerten ihr ber die Wangen herunter und zeichneten zwei Feuerlinien durch den
weien Puder. Deinem Sohn!
    Werner war diesem erregten Gestammel gegenber nicht zu Wort gekommen;
kopfschttelnd, wie in Sorge, hatte er sie angehrt. Bei ihrem letzten Wort
schien er ein anderer zu werden. Er widersprach nicht, wie in Hubertus.
Schweigend sah er in Gundis Augen, nahm ihre kleine, dicke, zitternde Hand und
kte sie.
    Nur keine Sorge, Werner! Hab' nur keine Sorge um die Kinder! Diese erste
Stunde habe ich erzwingen mssen. Jetzt la sie nur getrost den Weg ihres
Glckes weitergehen! An ihm, das wei ich, wird es nicht fehlen. Er mte dein
Sohn nicht sein. Er ist wie du: treu, redlich und stark. Er wird sie glcklich
machen, stolz im Glck und reich an Ehre!
    Ja, Gundi, das wird er! Werners Augen leuchteten.
    Und sie? Gib acht, Werner, ich kenne sie! Sie ist nicht, wie ich gewesen
bin. Sie wird den Mut ihres Glckes haben - ihres reinen Glckes. Sie ist
Fleisch und Blut ihres Bruders Tas! Mit beiden Hnden, ohne die Dornen zu
scheuen, drckte Gundi Kleesberg das Rankengewirr der Hecke auseinander. Sieh
nur, Werner, wie sie den Arm um ihn geschlungen hlt! Blut ihres Vaters ist sie
doch schlielich auch. Die lt nimmer aus.
    Flsternd hauchte der vom Meer heraufziehende Wind durch das zitternde
Laubwerk. Leise schwankten die schlanken Wipfel der Zypressen, die Brunnen
murmelten, und whrend lautlos die Rosenbltter fielen, tnten aus dem grauen
Tor des Sulenhofes die zrtlichen Klnge der Barkarole.

                                       17


Im Sden blhten die Rosen - auf den Bergen um Hubertus kmpfte der Fhn seinen
brausenden Frhlingskampf gegen den letzten Schnee, der noch schwer auf den
Zinnen der Felsen lag.
    Im tieferen Bergwald, in dem nur vereinzelte Schneeflecke noch als verlorene
Posten des besiegten Winters zwischen Felsblcken und in schattigen Mulden
lagen, brach schon das lichtgrne Laub aus allen Buchenknospen.

Buchlaub raus,
Hahnfalz aus!

    So sagt ein alter Jgerspruch. Und Franzl, der an jedem Morgen die
Balzpltze abwanderte, gewahrte mit Sorge, da ein Auerhahn um den anderen sein
Liebeslied verstummen lie.
    Wenn er kommt, der Graf, wird's schlecht ausschauen mit die Hahnen!
    Tag um Tag verging. Graf Egge erschien nicht in der Dippelhtte.
    Whrend er mit dem Bund um die Augen in der verdunkelten Kruckenstube sa,
dachte er wohl in Zorn und Ungeduld an seine Auerhhne. Aber der
Leinwandriegel, der ihn am Bergsteigen hinderte, hatte dauerhaften Halt. An
jedem Morgen empfing Graf Egge den Doktor mit einem Ungewitter. Diesem malosen
Zorn gegenber verhielt sich der alte Arzt sehr wortkarg und hatte nur immer den
einen Trost: Geduld, liebe Erlaucht! Geduld! Zuerst mit scheuem Zgern, dann
immer eindringlicher machte der Doktor den Vorschlag, einen Spezialisten aus
Mnchen zum Konsilium zu berufen.
    Unsinn! murrte Graf Egge. Lassen Sie mich mit dem stdtischen Quacksalber
in Ruhe! Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Sie werden mir meine Lichter schon wieder
sauber putzen.
    Eine hnliche Abfertigung wurde Fritz zuteil, als er fragte: Soll man nicht
der gndigen Konte von Erlauchts Unplichkeit Mitteilung machen?
    Da du dich nicht unterstehst! lautete die Antwort. Die arme Gei soll
die schne Zeit da drunten ungestrt genieen, damit sie mir gesund an Leib und
Seele nach Hubertus heimkehrt! Sonst braucht sich niemand um mich zu kmmern.
Wenn du die Frechheit hast, eine Zeile nach Mnchen zu schreiben, werf' ich dich
aus dem Haus.
    Die Pflege des Kranken hatte der alte Moser bernommen, die Weibsbilder
vertrug Graf Egge nicht in seiner Nhe. Mit Moser konnte er auch von der Jagd
schwatzen, von dem verwnschten Horst in der Hangenden Wand und von den
Auerhhnen. Diese Gesprche fllten fast den ganzen Tag. Wurde Graf Egge des
platonischen Jagens mde, so lie er sich eines der an der Wand hngenden
Gemsgehrne reichen, befhlte die Schale und das gekrmmte Horn mit pedantischer
Aufmerksamkeit, ma mit der Handspanne die Lnge und Weite der Haken und riet,
in welchem Jahr und auf welchem Berg der Bock geschossen wre. Fast immer traf
er das Richtige. Oder er schickte Moser aus der Stube und ffnete, im Lehnstuhl
ruhend den eisernen Schrank. Eine Lade um die andere zog er auf, legte die
Samttabletten vor sich aus und lie die tastenden Finger ber die Steine
gleiten. Bevor er den Schrank nicht geschlossen und den Schlssel abgezogen
hatte, durfte Moser die Stube nicht betreten.
    So sa er wieder einmal vor dem offenen Schrank und zhlte die Steine. Da
hrte er das Gelut der Kirchenglocken, und die Klnge schienen ihn unbehaglich
zu berhren.
    Moser!
    Der alte Bchsenspanner erschien.
    Bleib bei der Tr stehen! Ich will nur fragen - wem wird denn da gelutet?
    A Kindl tragen s' aussi.
    Wem hat das Kind gehrt?
    Dem Bruckner-Lenzi. Jetzt hat der arm Teufel schon 's zweite verloren. An
der Halsbrune. Jaaa, ich sag's allweil: der Hals und d' Augen, ds sind zwei
heiklige Sachen. Der Hals bei die Kinder und d' Augen bei uns alte Leut!
    Rindvieh! brummte Graf Egge und griff an seine Binde. Der Bruckner-Lenzi?
Von dem du immer sagtest, da er gegangen wre?
    Ja, Herr Graf! Ich hab mich auch net tuscht seinerzeit. Aber jetzt, mein'
ich, is er sauber. Jetzt geht er nimmer.
    So? - Setz' dich wieder hinaus und mach' die Tr zu! Fest, da ich es hre!
- Mich geniert die Zugluft.
    Graf Egge tastete an den Steinen umher und begann zu zhlen.
    Nach einer Weile verstummte das Gelut.
    An diesem Abend wurde in der Schifferschwemme des Seehofes wieder ein
Gsturitrunk gehalten. Und wieder blieb, whrend die Gste laut durcheinander
schwatzten, der Bruckner-Lenzi stumm und mit glsernen Augen hinter der Flasche
sitzen. Mali mahnte ihn nicht mehr an den Heimweg. Als zum Ave-Maria gelutet
wurde, erhob sie sich wortlos und ging.
    Schon wollte sie den stillen Hof des Bruders betreten, als ber den Zaun die
Stimme der Nachbarin klang: Mali? Bist du's?
    Ja, Nachbarin!
    Geh, komm a bil eini! 's Netterl verlangt soviel nach dir.
    Kein Wunder, da Mali erschrak. Um Gotts willen! 's Kindl wird doch frisch
sein?
    Aber freilich! Schaut aus wie 's Leben! Aber allweil verlangt's nach dir.
    Mali empfand die Anhnglichkeit des Kindes wie einen warmen Trost. Dennoch
zgerte sie mit der Antwort. Ich trau mich net recht, ich knnt vom Halsgift
was im Gwand haben.
    Ich gib dir von mir an Rock und an Janker.
    Diesen Vorschlag nahm Mali an. Und dann sa sie in der Kammer bei dem Kinde,
das mit seinen glnzenden Augen aussah, als htte ihm die Verbannung aus dem
Vaterhause so wohl getan wie einem Stadtkind die Sommerfrische.
    Es ging auf die neunte Abendstunde, als Mali das Kind in Schlaf gesungen
hatte und von der Nachbarin Abschied nahm. Immer wieder drckte sie die Hnde
des Weibleins. Tausendmal Vergelts Gott! Meiner Seel, Nachberin, was dem guten
Kind z'lieb tan hast, vergi ich dir meiner Lebtag net!
    Geh, was redst denn! Mach lieber, da d' heimkommst! Den Schlaf kannst
brauchen!
    Ja, Nachberin, heut brauch ich d' Ruh. Aber morgen in aller Fruh wird 's
Haus aufgwaschen, Tren und Fenster aufgrissen und alles ausgruchert. Ehnder
trag ich 's Kindl net heim. Und unser Herrgott wird mithelfen. Es mu doch
wieder amal Tag werden bei uns!
    Als Mali den Hof des Bruders betrat, sah sie Lichtschein an den
Stubenfenstern.
    Gott sei Dank, er is schon daheim! Da kann er doch kein Rausch net haben.
    Sie bekreuzte sich aus Freude ber das gute Anzeichen. Doch als sie die
Stubentr ffnete, erschrak sie, da ihr das Blut wie zu Eis wurde. Der Bauer
stand am Tisch, hatte den Hut auf dem Kopf, einen Bergsack hinter den Schultern
und wischte mit einem schmutzigen Lappen den Rost von einer alten Bchse.
    Lenzi!
    Er wandte das verwstete Gesicht. Der Schnaps will nimmer helfen. Probier
ich halt 's ander wieder.
    Lenzi! Um Gotts willen! Eine namenlose Angst schrie aus dem erstickten
Wort.
    Er zuckte die Achseln. Ich mu fr d' Leichenkosten sorgen. Der Doktor tt
warten. Der Pfarr pressiert. Er schleuderte den Lappen in einen Winkel.
    Wie eine Verzweifelte strzte Mali auf ihn zu und umklammerte seinen Arm.
Lenzi! Hat dich denn unser Herrgott ganz verlassen?
    Ah na! Er hat sich bsonders um mich kmmert. Fleiig treibt er 's
Engelmachen. Respekt! Heiser lachend schttelte Bruckner die Schwester von sich
ab.
    Sie versuchte ihm das Gewehr zu entreien.
    Bruckner lachte. Tu dich net sorgen! Ich geh dem deinigen net ins Gu. Ich
such mein' alten Spezi wieder auf. Der lat mit ihm reden, hat er gsagt. Er
stie die Schwester von sich und ri die Tr auf. Ein rauschender Luftstrom fuhr
in die Stube und lschte die Kerze.
    Lenzi! keuchte das Mdel. Im finsteren Flur, in den der Fhn durch die
offene Haustr brauste, holte sie den Bruder ein, klammerte sich an ihn und lie
sich schleifen. Lenzi! Denk, was deiner armen Resi gschworen hast! Um aller
Heiligen willen - Lenzi - Von der Faust des Bauern zurckgeschleudert, taumelte
sie gegen die Wand. Sthnend raffte sie sich auf, rannte in die Finsternis
hinaus und schrie den Namen des Bruders. Der rauschende Fhn verschlang den
gellenden Laut.
    Hinter eine Hecke geduckt, mit der Bchse in der Hand, eilte Bruckner ber
die Wiesen, erreichte den Steg, der die Seebachklamm berbrckte, und gewann den
Wald. Im schwarzen Schatten der Bume schpfe er Atem und lud das Gewehr. Dann
stieg er bergwrts durch die Finsternis.
    Je hher er kam, desto schwcher wurde das Wehen, das durch die Wipfel ging.
Zwei Stunden war er gestiegen, als er mitten im Hochwald eine Ble erreichte.
Es war eine Kohlensttte. Drei Meiler dampften, und vor einer Rindenhtte lag
ein Gluthaufen, der die Sttte mit rotem Schein berstrahlte. Bruckner lehnte
die Bchse an einen Stamm, ging auf den Meiler zu, griff mit beiden Hnden in
den auf der Erde liegenden Kohlenstaub und schwrzte das Gesicht. Dann stieg er
weiter.
    Es ging auf die zweite Morgenstunde, als er das Steinfeld erreichte, in
dessen Mitte, wie ein schwarzer Klumpen, die Diensthtte Schippers lag. Roter
Herdschein blinkte aus dem kleinen Fenster.
    Schau, zeitlich is er auf! Leicht geht er aufs Hahnverlusen?
    Die aus dem Fenster fallende Helle beleuchtete den Rauch, der ber das
Schindeldach niederwallte und sich zu Boden schlug - ein Zeichen, da der Morgen
schweren Nebel bringen wrde.
    Neben dem flackernden Feuer sa Schipper auf dem Herd, schon angekleidet,
aber noch mit nackten Fen. Whrend der fertige Schmarren in der vom Feuer
genommenen Pfanne dampfte, berwachte der Jger die blecherne Kaffeemaschine,
aus der sich ein dnnes Rieseln vernehmen lie; als es verstummte, erhob sich
Schipper, streckte ghnend die Arme, nahm eine irdene Schale vom Geschirrahmen
und fllte sie mit schwarzem Kaffee. Nun setzte er sich, schlug die Beine
bereinander, blies die rauchende Brhe und kostete.
    Da wurde, ohne da sich ein Schritt vor der Htte hatte hren lassen, die
Tr aufgestoen, und auf der Schwelle stand eine Mannsgestalt mit geschwrztem
Gesicht, die Bchse in der Hand. Im ersten Schreck lie Schipper die Blechschale
fallen, da ihm die heie Brhe die Lederhose bergo. Und sein graues Gesicht
wurde so wei wie Kalk.
    Langsam nherte sich der Wildschtz und sagte mit lachendem Hohn: Wenn's
jetzt an andere wr als ich? Der htt dir bei deiner Kuraschi den Vortl gschwind
abgwonnen.
    Von seinem Schreck sich erholend, ri Schipper die Augen auf. Aaah! Da
schau! Der Lenzi! Er hob die Blechschale von der Erde. Schad um mein' Kaffee!
Trotz der Ruhe, mit der er diese Bemerkung machte, schien er sich doch nicht
sonderlich behaglich zu fhlen. Magst mithalten? Grad hab ich kocht.
    Bruckner stand wortlos und hing mit hei funkelnden Augen an dem Jger.
    Der fuhr mit dem Lffel in die Pfanne. Was stehst denn wie der Hackstock?
An was denkst denn?
    An alles, was ich dir verdank! Und wieder frag ich mich, wie schon
hundertmal: ob ich denn alles, was mich druckt, mit Recht am Buckl trag?
    Mach's wie ich! Nimm's leichter!
    Ob ich 's Recht net htt dazu? Bruckner streckte sich. Zwei Bchsen haben
kracht, zwei Kugeln sind gflogen am selbigen Johannistag. Eine blo hat troffen.
Ob's die deinig war? Oder die meinig?
    Troffen hat ihn du! erklrte Schipper mit Seelenruhe, whrend ihm der
Schmarren, an dem er kaute, zwischen den Zhnen krachte. Mir is der Schu in d'
Luft auffigfahren. Da kann ich schwren drauf. Ds hab ich auch deiner Schwester
gsagt, wie s' mich im Herbst mit ihrem Bsuch beehrt hat. Ein hliches Lcheln
verzerrte seine grauen Lippen. Lenzi, ds war a dumms Stckl, da deiner
Schwester alles verzhlt hast. Die macht dir Unglegenheiten. Wie sich 's Madl
fr'n Franzl ins Zeug glegt hat! Ui jegerl! Und ich wr noch der gute Kerl
gwesen und htt's gheirat - da die dumme Gschicht in der Familli bleibt.
Schipper griff fleiig in die Pfanne. Aber lassen wir die alten Gschichten!
Reden wir lieber vom Allerneuesten. Er deutete mit dem Lffel auf Bruckners
Bchse. Is ds noch allweil die alte Spritzen? Er lachte. Hat's dich wieder
grissen? Mut dir Geld machen?
    Der Bauer atmete schwer. Knnt schon sein, da ich Geld brauch. Der Wasen
im Kirchhof hat sein Preis.
    Ah ja, richtig, ich hab ghrt, was fr a Kreuz mit deine Kinder hast.
Schipper wischte mit dem rmel den Mund ab. Ja, so was is traurig!
    Diese uerung des Mitleids wirkte auf Bruckner, als htte ihn ein
Peitschenhieb ins Gesicht getroffen. Mit grober Faust packte er die Schulter des
Jgers. Dann wandte er sich ab, spie in das Feuer und ging zur Tr.
    Schmunzelnd sah Schipper ihm nach.
    Bruckner fate die Klinke und drehte das schwarze Gesicht. Da ich mir Geld
mach mit deiner Hilf? Ah na! Ich hab zwei Kh im Stall und hab noch allweil a
Hemmed am Leib! Hrst an Schu in der Fruh, so kannst suchen untertags. 's
Wildbret la ich dir liegen. Es hat mich heut in der Nacht aus'm Haus trieben,
weil ich was haben mu frs Blut. Wie Feuer hab ich's in mir. Und khl mu ich's
machen. Drum rat ich dir im guten: Steig mir net nach! Du! Dem Bauer brach die
Stimme mit heiserm Laut.
    Aber Lenzi! Geh, geh, geh! Du hast z'viel Vaterunser gnottelt in die
letzten Tg. So was macht ein' wirblet!
    Bruckner antwortete nicht gleich. Ja! Kunnt schon wahr sein! Hast du noch a
richtigs Vaterunser, so bet, Schipper, da mir 's Netterl bleibt! Mt ich 's
letzte auch noch verlieren, so wei ich, was ich tu. Da mach ich saubern Tisch
in mir, und geh zum Gricht. Den Weg mach ich net allein. Der Bauer ffnete die
Tr. Rauschend flackerte das Herdfeuer. Bet, Schipper, da mich 's Netterl
anlacht, wann ich heimkomm aus 'm Berg!
    Der Jger sa auf dem Herd, als wre ein Sturz eiskalten Wassers ber ihn
niedergegangen. Als vor der Htte der schwere Tritt verhallte, sprang Schipper
auf und lauschte in die Nacht hinaus. Mit beiden Hnden griff er an seinen Kopf
und kehrte zum Herd zurck. Es zuckte und whlte in seinem Gesicht. Nun stlpte
er den Hut ber den grauen Kopf, stopfte mit zitternden Hnden die Bergschuhe in
den Rucksack und nahm die Bchse. Scheit um Scheit warf er in die Herdflamme und
ffnete die Tr. Der Feuerschein sollte hinausleuchten ber das Steinfeld und
den anderen glauben machen, da die Htte nicht verlassen stnde.
    Dicht an den Pfosten gedrckt - damit sein Schatten in der auf dem Steinfeld
liegenden Feuerhelle nicht bemerkbar wrde - schlich Schipper zur Tr hinaus und
huschte, jeden Felsblock als Deckung ntzend, durch die lautlose Nacht einer
tiefer liegenden Mulde zu. Im Schutz der Bodensenke rannte er dem Latschental
entgegen, das zur Hangenden Wand fhrte. Als er die Felswand erreichte, warf er
sich zu Boden, um Atem zu schpfen und die Schuhe anzulegen. Es war die Stelle,
an der Graf Egge die Leiter hatte aufziehen lassen; unsichtbar und still hing
der Horst in der finsteren Hhe; der Wind, der mit leisem Geraschel ber die
Felsen niederstrich, hatte matten Aasgeruch.
    Schipper nahm die Bchse in die Hand und begann wieder zu rennen; nun
brauchte er den Hall seiner Schritte nimmer zu scheuen.
    Am stlichen Himmel wollten schon die Sterne erlschen, als er das
Latschenfeld vor der Dippelhtte erreichte. Er sah das rot leuchtende
Fensterchen der Herdstube und atmete auf. Gott sei Dank!
    Da erlosch die Fensterhelle, und in der stillen Nacht klang das leise
Gerusch der Httentr, die geffnet und wieder geschlossen wurde. Franzl wollte
zu den Balzpltzen der Spielhhne hinaufsteigen. Jetzt sah er zwischen dem
finsteren Gezweig die schwarze Gestalt vor sich auftauchen. Halt! Mit jhem
Ruck hatte Franzl die Bchse an die Wange gerissen. Wer bist?
    ha! Langsam! Schipper lachte heiser. Schnell bist fertig mit der Bchs!
    Franzl lie die Waffe sinken. Unsereiner mu auf der Hut sein! Das klang
nicht freundlich. Was suchst denn du in meim Bezirk? Und was schnaufst denn
so?
    Grennt bin ich wie der Teufel. Heut gibt's Arbeit. Ich hab zwei Lumpen in
meim Revier.
    Franzl bohrte den Blick in das vom Dunkel verschleierte Gesicht des anderen.
Die Sache wollte ihm nicht einleuchten - weil er selbst in einem solchen Fall
nicht um Hilfe gerannt wre.
    Aber Mensch! Hast denn net verstanden? Zwei Lumpen hab ich im Revier!
    Franzl warf die Bchse hinter den Rcken und nahm die Richtung gegen die
Hangende Wand. Schipper hielt sich wortlos hinter ihm. Der Himmel wurde bleich;
halb verhllte ihn der schwere Nebel, der aus allen Grnden rauchte, um zu
kreisendem Gewlk ineinanderzuflieen. Und Gedanken, so grau wie der Nebel,
wirbelten durch Franzls Kopf. Immer stand ihm das Gesicht Patscheiders vor den
Augen. Und immer flsterte eine Mdchenstimme: Nimm dich vor'm Schipper in
acht!
    Da lachte der andere. Ein merkwrdiger Jager bist. Fragt mit keiner Silben,
wo ich d' Lumpen gmerkt hab!
    Was ich wissen mu, wirst mir schon sagen.
    Um eins in der Fruh bin ich fort, weil ich am Schneelahner den Spielhahn
gern verlust htt. Wie ich auffisteig ber d' Lahneralm und komm zur Sennhtten,
merk ich Licht hinterm Fensterladen, schleich mich auf d' Htten zu und guck
durch d' Ladenklums in d' Almstuben eini. Was sagst! Sitzen zwei so
gottverfluchte Lumpen drin, jeder mit der Bchs ber die Knie! Einer a bil
junger, und der ander a Mordstrumm Lackel mit kohlschwarzem Bart, a bil
angrawelet. Und da hocken s' am Fuier und reden in aller Gmtlichkeit den
Pirschgang bern Schneelahner aus!
    Und da bist davongrennt? Alle Gedanken der letzten Minuten waren in Franzl
ausgelscht, und nur noch der Jger war in ihm lebendig. Statt da die Bchs in
d' Hand nimmst und einispringst zur Tr! Die httst alle zwei im Sack ghabt.
    Mit 'm Maul is bald einer gfangt. Und da ich d' Wahrheit sag - ich hab die
zwei was reden hren. Und da war mein einzigs Denken: da mut den Franzl holen!
Meiner Seel, ich trau mir's gar net sagen -
    Franzl blieb wie angewurzelt stehen. Seine Lippen bewegten sich ohne Laut.
Was hatte er? Furcht war ihm fremd. Dennoch schnrte ihm jetzt ein beklemmendes
Gefhl den Hals zusammen.
    Was ich dir sagen mu, is hart fr dich. Das klang wie kameradschaftliches
Erbarmen. Aber es mu sein! Unter Schippers Hutrand funkelten die Augen. Wie
ich so einilus in d' Htten, hr ich, wie der jngere meint: ob net hinter der
Dippelhtten der bessere Pirschgang wr? Da beutelt der ander den Kopf und sagt
kein Wrtl und schaut ins Fuier eini. Und der jnger lacht so gspaig, stupft
den andern mit'm Ellbogen an und sagt: Gelt, du, dem Franzl gehst lieber aus'm
Weg - der Alte und der Junge - so was wr a bil z'viel auf ein Gwissen auffi!
    Mit ersticktem Laut ri Franzl die Bchse von der Schulter, strzte auf
Schipper zu und fate ihn an der Brust. Auf Ehr und Seligkeit, Schipper? Is ds
wahr?
    Auf Ehr und Seligkeit!
    Da lste sich Franzls Faust von der Brust des anderen. Jetzt sag ich dir
Vergelts Gott, da d' mich gholt hast! Komm!
    Schipper blieb noch ein paar Augenblicke stehen; ein Frsteln, das ihn
pltzlich befiel, zog ihm den Kopf in den Nacken.
    Sie sprachen kein Wort mehr. Als sie mit schweiberronnenen Gesichtern aus
dem Latschental hervortraten, lag der Nebel so dicht, da sie im Schutze des
grauen Schleiers ungedeckt gegen die Hhe steigen konnten; sie hatten die Schuhe
abgelegt und sprangen mit nackten Fen. Kaum auf dreiig Schritt vermochten sie
zu sehen. Doch immer nher klang, wie ein wegweisender Ruf, vom Grat des
Schneelahners der lustige Balzgesang des Spielhahns.
    Da fiel in der von Dunst umwobenen Hhe ein Schu, dessen Echo im Nebel
erstickte. Der Spielhahn schwieg.
    Dem Hahn hat's gegolten! zischelte Schipper. Franzl, jetzt ghrt er uns!
In seinem gierigen Eifer merkte Schipper nicht, da er nur von einem sprach.
Jetzt mu er uns in d' Hnd laufen! Nimm du die linke Seit, Franzl, ich nimm
die rechte. So haben wir ihn in der Mitt! Und sei gscheit, Franzl! Wenn's drauf
ankommt, wart net lang! Lieber der ander als du!
    Franzl antwortete nicht; sein brennender Blick bohrte sich in den grauen
Dunst, der die Hhe verschleiert hielt. Sich zur Linken wendend, stieg er
lautlos in die Felsen ein.
    Schipper huschte nach der anderen Seite. Als er um die Ecke war, ffnete er
die Bchse, zog die beiden Patronen hervor, musterte sie genau und schob sie
wieder in den Doppellauf. Fr alle Fll! Ich will mei' Ruh haben!
    Auch Franzl hatte, als er den Einstieg des Wechsels erreichte, den Schritt
verhalten, um seinen Atem zur Ruhe kommen zu lassen. Dabei nahm er den Hut ab
und drckte ihn an die Brust. Er wute, da der Weg, den er betrat, ein Gang auf
Leben und Tod war.
    Ein Windsto fuhr ber das Gehnge herunter und jagte die Nebelfetzen,
whrend die Dmmerung der Frhe sich in hellen Tag zu verwandeln begann.

                                       18


Immer schrfer zog der Morgenwind ber die Berge gegen das Seetal. Immer dichter
trieb er die Nebel zusammen und ballte sie zu schweren Wolken, die sich von den
Almen gegen die Wlder senkten. Schwerfllig lsten sie sich aus den Wipfeln,
schwammen ber das Tal und schlossen sich ber ihm zu einer grauen Decke.
    Im Seedorf regte sich noch kaum das Gerusch des erwachenden Tages.
    Vor dem Brucknerhause sa Mali auf der Bank mit bernchtigem, von Angst
entstelltem Gesicht, den Kopf an die Mauer gelehnt, die Hnde wie gebrochen im
Scho.
    Ihre Sinne schienen taub fr das Leben, das sich immer lauter in den
Nachbarhusern regte; doch jeden Bauer, der hinter den Hecken auftauchte,
verschlang ihr Blick mit banger Erwartung.
    Jetzt kam der Doktor Eisler mit zwei fremden Herren ber die Strae her;
ihnen folgte ein Diener, der eine mit Leder bezogene Kassette trug. Sie gingen
am Brucknerhaus vorber und nahmen den Weg nach Schlo Hubertus. In der
Ulmenallee blieben sie eine Weile vor dem Kfig stehen, in dem die vier Adler
unruhig von einer Stange zur anderen hpften.
    Fritz, der von dem Besuche schon zu wissen schien, empfing die Gste auf der
Veranda, flsterte mit dem Dorfarzt und fhrte die Herren ins Billardzimmer.
    Doktor Eisler ging allein zur Kruckenstube. Vor der Tr zgerte er. Dann
drckte er die Klinke nieder.
    Nur ein mattes Zwielicht fiel, whrend die Tr sich ffnete und wieder
schlo, in die verfinsterte Stube. Moser erhob sich von seinem Sessel, und Graf
Egge bewegte sich im Lehnstuhl.
    Doktor? Sie?
    Ja, Erlaucht! Guten Morgen!
    Na also! Endlich! Graf Egge wollte sich aufrichten, lie sich aber wieder
auf die Kissen zurcksinken, die seinen Rcken sttzten. Es geht aufwrts,
Doktor! Jede Spur von Schmerz ist wie weggeblasen. Jetzt machen Sie aber
vorwrts, da ich bald hinaufkomme. Die Auerhhne sind versumt, ich mu mich
heuer mit den Spielhhnen begngen! - Verwnschtes Nest!
    Der Arzt hatte dem Bchsenspanner ein paar Worte zugeflstert und ging,
whrend Moser auf den Zehen zum Fenster schlich, auf Graf Egge zu. Der Schmerz
hat also nachgelassen?
    Er ist weg, vollstndig!
    Das wird die Untersuchung sehr erleichtern. Und um mit der Tr gleich ins
Haus zu fallen - gestern abend bekam ich unerwartet den Besuch zweier Kollegen.
Es wre mir lieb, wenn Erlaucht gestatten wollten, da ich meine Freunde zur
Untersuchung beiziehe.
    Graf Egge wurde unruhig. Dann sagte er trocken: Reden wir ehrlich
miteinander! Zwei so alte Hasen wie wir brauchen sich keine Kindereien
vorzumachen. Diese sogenannten Freunde? Da ist wohl ihr Mnchener Wundertier
dabei, von dem sie neulich sprachen? Sie haben da ein bichen auf eigene Faust
bestellt? Stimmt das?
    Ja, Erlaucht! Zu Ihrem Besten, wie ich hoffe, die Stimme des Doktors
schwankte, und zu meiner Beruhigung!
    Na also! Auch das noch! Ich beginne mrb zu werden. Wenn Ihre zwei
Kathederbonzen dazu beitragen, mich flinker aus dem langweiligen
Blindekuhspielen zu erlsen, will ich ihnen dankbar sein. In Gottes Namen, man
soll sie holen lassen!
    Die Herren befinden sich bereits im Schlo.
    Hui! Graf Egge lachte md. Das klappt wie der Montag auf den Sonntag.
Also her mit ihnen. Hoffentlich braucht die Geschichte keine weiteren
Vorbereitungen?
    Erlaucht knnen im Lehnstuhl bleiben, ich werde nur die Binde abnehmen.
    Geruschlos hatte Moser whrend dieses Gesprches die Bretterverschalung von
der Fensternische entfernt, den dicken Teppich beseitigt, mit dem die Scheiben
verhngt waren, und die Lden geffnet.
    Hell brach der Tag in die Stube und umflutete mit seinem Licht den Kranken,
der regungslos im Lehnstuhl ruhte, whrend der Arzt ihm die Binde lste.
    Graf Egges Rcken war gekrmmt, seine Gestalt in sich versunken, Haar und
Bart wirr durcheinandergezaust. Die gefurchten Zge hatten eine welke, gelbliche
Farbe; ber die halbe Stirn und die Hlfte der Wangen zog sich, soweit der
Verband das Gesicht bedeckt hatte, ein blulichweier Streif.
    Als die Binde fiel, bewegte Graf Egge blinzelnd die noch etwas gerteten,
leicht verschwollenen Lider; dann hob er langsam die Hnde, strich mit den
Fingern ber die Augen und atmete auf. Endlich!
    Doktor Eisler fragte hastig: Haben Sie einen Schimmer vor dem Blick? Knnen
Sie sehen, Erlaucht?
    Aber Menschenkind! Graf Egge drehte das Gesicht hin und her; dabei blieben
die Augen unbewegt - sie waren trocken, ohne Glanz und grau umflort. Wie soll
ich denn sehen knnen in dieser gyptischen Finsternis? Machen Sie doch erst die
Fenster hell!
    Moser stand wie versteinert vor Entsetzen. Und Doktor Eisler sagte mit
gepreter Stimme: Wenn Erlaucht gestatten, werde ich die Kollegen rufen. Er
verlie die Stube.
    Graf Egge hrte die Tr gehen. Das ist komisch! murmelte er, whrend er
das Gesicht mit den starren Augen nach allen Seiten drehte. Wie hat er denn das
gemacht? Mit der Tr? Oder habt ihr den Flur da drauen auch verhngt? - Moser!
So nimm doch endlich das schwarze Zeug vom Fenster weg!
    Dem Alten kugelten die Trnen ber den Schnurrbart.
    Graf Egge wurde ungeduldig. Das Fenster auf! Die Quacksalber knnen mich
doch nicht in der Finsternis untersuchen. Mach' das Fenster hell!
    Aber ich bitt, Herr Graf, stammelte Moser, ich hab ja d' Lden schon lang
aufgmacht, es ist ja hellichter Tag in der Stub!
    Du bist wohl verrckt? lallte Graf Egge tonlos. Oder betrunken? Mit
zitternden Fingern fhlte er an seine Augen. Das ist doch Unsinn! - Das ist
doch Unsinn! Ein dutzendmal wiederholte er dieses Wort. Da hrte er Schritte im
Flur und gedmpftes Gesprch; die Zge vor Erregung wie gelhmt, wandte er die
Augen nach der Richtung dieses Gerusches. Er vernahm, da die Tr geffnet
wurde - und mit grauenhaftem Schreck zuckte es ber sein Gesicht.
    Kaum hatte Doktor Eisler die Namen der beiden Herren genannt, als Graf Egge
heiser fragte: Sagen Sie mir bitte, Sie sind doch durch die Tr hereingetreten?
Da mu doch Licht in die Stube gefallen sein? Und das Kamel hinter meinem Sessel
behauptet, das Fenster wre hell? Ist das wahr?
    Man suchte ihn zu beruhigen. Aus den freundlichen Worten hrte er als
Antwort auf seine Frage das Ja heraus.
    Wahr! Keuchend sprang er auf, krampfte die Hnde in seine Brust und schrie
mit der Qual eines Gemarterten: Ich sehe nichts! Ich sehe nichts! Er taumelte.
Vier Hnde griffen nach ihm. Zitternd an allen Gliedern, fiel er in den Stuhl
zurck.
    Er sprach kein Wort mehr; schwer atmend sa er zwischen den Kissen und lie
alles mit sich geschehen; er netzte nur manchmal mit der Zunge die heien,
ausgetrockneten Lippen, und immer wieder rann ihm ein heftiges Zittern durch die
Hnde, die auf den Armlehnen des Sessels lagen.
    ber eine Stunde whrte die Untersuchung. Man wollte das grausame Votum in
schonende Worte kleiden. Graf Egge schnitt alle trstenden Umschweife mit der
scharfen Frage ab: Wollen Sie mir kurz die Wahrheit sagen? - Blind?
    Blind!
    Und keine Rettung mehr?
    Keine!
    Graf Egges Arme streckten sich, und langsam schlossen sich die Fuste. Dann
fragte er: Wre eine Heilung mglich gewesen, wenn ich frher der Berufung
eines Konsiliums zugestimmt htte?
    Nein, Herr Graf! Unser Collega stand, als er Ihre Behandlung bernahm,
bereits einem vollendeten Proze gegenber. Die mit grenden Aasteilchen
vermischten Exkremente der Raubvgel enthielten eine tzende Sure, die
innerhalb weniger Stunden die Augen zerstrt haben mu.
    Ist noch weitere Behandlung ntig?
    Nein, Herr Graf! Die Entzndung der Lider ist zurckgegangen. Etwas anderes
war nicht zu erreichen.
    Moser! Sttze mich! Graf Egge richtete sich auf und verneigte sich. Ich
danke den Herren! Mein Hausarzt wird alles weitere ordnen! Er streckte die
zitternde Hand. Ich danke Ihnen!
    Wortlos empfing er die Hndedrcke der Herren und blieb aufrecht stehen, bis
er hrte, da die Tr geschlossen wurde; dann fiel er sthnend in den Sessel
zurck und schlug die Hnde vor das Gesicht.
    Moser stand hinter dem Lehnstuhl und wagte sich nicht zu rhren.
    Vom Dorfe scholl das Gelut der Glocken. Graf Egge lie schwer die Hnde
fallen. Warum lutet man?
    Die Kirch mu aus sein. Man lutet zum Wettersegen.
    Also Morgen? Und drauen scheint die Sonne?
    Nein, Herr Graf! Der Tag is trb, alles hngt voll Wolken. Dem Alten
versagte die Stimme. Es wird bald schtten, mein' ich.
    Wieder Stille in der Stube. Nur die fernen Glocken sangen.
    Pltzlich hob Graf Egge das Gesicht und stammelte: Moser! Rei mich am
Bart!
    Aber um Gotts willen, Herr Graf -
    Tu es! befahl Graf Egge mit gereizter Schrfe.
    Moser gehorchte.
    Richtig! Ich spr' es. Alles ist wahr. Ich wache. Und vor meinen Augen
bleibt's schwarz. Moser! Moser! Das klang wie Schluchzen; doch keine Trne
netzte die starren, glanzlosen Augen. Moser! Meine Lichter sind hin! Jetzt
hat's ein Ende mit der Jagd!
    Da war es auch mit Mosers Selbstbeherrschung vorber. Mar' und Joseph! Mar'
und Joseph! So an Unglck!
    Was tu ich jetzt? Wofr leb' ich noch? Ich soll keinen Berg mehr sehen?
Keinen Wald und keinen Baum! Keinen Hirsch in der Brunft! Keinen Gamsbock im
Gewnd! Keinen balzenden Hahn auf seinem Ast, wenn er den schnen Morgen
ansingt, und wenn ihm die Rosen leuchten! Nichts mehr! Nichts, Moser! Daran
sterb' ich! Das ertrag' ich keine Woche. Keinen Tag! Lieber eine Kugel in den
Kopf! Graf Egge wankte keuchend gegen die Mauer und tastete mit den Hnden.
    Stotternd suchte Moser ihn zu beruhigen und zog ihn wieder auf den Lehnstuhl
zurck.
    Mit gebeugtem Rcken, zitternd an allen Gliedern, sa Graf Egge zwischen den
Kissen und bohrte die Ngel in das mrbe Leder der Armlehne. Mhsam atmend, mit
erloschener Stimme, begann er zu sprechen: Alles schwarz vor den Augen! Und das
immer so! Einen Tag um den andern! Das vermag ich nicht auszudenken. Es ist
unmglich! Es mu noch Hilfe geben! Es mu! Die gelehrten Pfuscher haben in
hundert Fllen schon einen Menschen aufgegeben. Und dann hat ihm ein Hausmittel
geholfen, ein altes Weib. Moser! Moser! Es mu auch fr mich noch eine Hilfe
geben! Ich will meinen Engel haben, wie der alte Tobias! Moser! Mit beiden
Hnden umklammerte Graf Egge den Arm des Bchsenspanners. Moser! Da fllt mir
was ein! Bei Schlo Eggeberg - mein ganzes Leben hab' ich an den Menschen nimmer
gedacht, und jetzt auf einmal wei ich seinen Namen - Haneeter hat er geheien -
und ich seh' ihn vor mir, ganz deutlich, mit dem blauen Kittel und der langen
Schippe. Moser! Bei Schlo Eggeberg hat in meiner Jugend ein Schfer gelebt. Der
war berhmt in der ganzen Gegend. Der hatte fr alles ein Mittel! Lallend
schlug er die Hnde ineinander und hob das Gesicht mit den starren Augen gegen
die Stubendecke. Herrgott im Himmel, gib mir, da mein Haneeter noch lebt!
Wieder tappte er nach dem Arm des Bchsenspanners. Moser! Man mu
hinaufschicken zur Htte. Schipper soll kommen. Nein! Der nicht! Der hat den
verfluchten Horst gefunden. Und damals im Herbst den abnormen Bock! Der hat
meine Augen auf dem Gewissen. Und meinen lieben Buben! - Nein! - Den Hornegger
la kommen! Meinen braven Franzl! Der soll mir den Haneeter herschaffen. Auf den
Franzl kann ich mich verlassen. Der spart noch am Reisegeld und luft sich fr
mich die Fe krumm. Er soll nach Eggeberg fahren. Er soll mir den Haneeter
schaffen - oder einen anderen, der mir hilft! Hrst du, Moser?
    Ja, Herr Graf, ja, ja!
    Der Franzl, das wei ich, der Franzl findet einen, der mir helfen kann!
Sieh nur, Moser, ich bin bescheiden, ich verlange nicht das ganze Licht meiner
Augen wieder! Nur auf fnfzig Schritt will ich sehen knnen, nur auf hundert,
nur so weit, als die Kugel trgt! Ich lebe nimmer, wenn ich nicht jagen kann!
Ich lebe nimmer -
    Mit zuckenden Hnden griff er in seinen Bart, zerrte und whlte an seiner
Brust und versank immer tiefer in die Kissen. Der Schwei, der ihm aus der Stirn
gebrochen war, sickerte ihm ber die starren Augen.
    Moser! Das Fenster auf! Ich brauche Luft!
    Als die Scheiben klirrten und der frische Hauch des Morgens in die Stube
strich, atmete Graf Egge tief; dann sa er still, mit brtenden Gedanken unter
der gefurchten Stirn, manchmal in raunendem Selbstgesprch die trockenen Lippen
bewegend.
    Ein gellender Vogelschrei klang durch die Bume her.
    Graf Egge hob das Gesicht; ein irres Lcheln glitt um seine welken Lippen,
und die schlaffen Zge spannten sich. Klatschend schlug er die Hnde auf die
Armlehnen, stemmte sich mit jhem Ruck aus dem Sessel und rief: Moser! Wir
halten Jagd. Bring' mir die Bchse!
    Der Alte schlug vor Schreck die Hnde ber dem Kopf zusammen. Aber um Gotts
willen! Herr Graf! Wo denken S' denn hin?
    Bring' mir die Bchse! Ich will vor der langen Nacht meine letzte Jagd noch
haben. Adlerjagd! In bebender Erregung schrie er das Wort vor sich hin. Dieser
verwnschten Brut hab' ich mein Unglck zu verdanken! Ich will nicht, da sie
mir Tag um Tag ihren Spott in die Ohren schreien, whrend ich mit blinden Augen
sitze. Sie sollen nicht leben in meiner Nhe - diesen Tag nicht berleben! Meine
Augen sind hin. Aber man schiet nicht mit den Augen allein, ich habe noch meine
Hand. Bring' mir die Bchse! Die Bchse!
    Dem malosen Ausbruch gegenber wagte Moser keine Widerrede; bestrzt den
Kopf schttelnd, eilte er davon und brachte das Gewehr und die Ledertasche mit
den Patronen. Als ihn Graf Egge in die Stube zurckkehren hrte, streckte er
schon die Arme; es zuckte in seinem Gesicht, whrend er die Hnde um Schaft und
Lauf der Bchse klammerte.
    Herr Graf! stotterte Moser in ratloser Sorge. Ich bitt Ihnen ums
Himmelswillen, nehmen S' doch Vernunft an!
    Fhre mich! befahl Graf Egge. Und Fritz soll den Sessel zum Kfig tragen,
nach der Straenseite, damit die Kugeln gegen die Berge fliegen, nicht ins Dorf.
Vorwrts! Fhre mich!
    Fritz, der im Flur von Moser schon gehrt hatte, auf welchen Einfall der
arme blinde Narr geraten wre, erschien auf der Schwelle. Sie machten einen
Versuch, ihrem Herrn diese Jagd noch in Gte auszureden. An Graf Egges
Schlfen begannen die Adern zu schwellen - und da taten sie ihm den Willen.
    Langsam fhrte Moser seinen Herrn durch den Flur, ber die Veranda, an der
pltschernden Fontne vorber.
    In der Ulmenallee, zwischen Kfig und Parktor, wartete der Sessel. Graf Egge
lie sich nieder und legte die Bchse ber den Scho.
    Moser? Hab' ich hier freien Ausschu bis zu den Adlern?
    Ja, Herr Graf!
    Hngt kein Ast in die Schubahn?
    Nein, Herr Graf!
    Wie weit?
    Gute hundert Schritt!
    Graf Egge nickte. Stell dich hinter mich und hilf mir zielen. Er suchte die
Patronen, die ihm Moser in die Joppentasche gesteckt hatte, und lud die Bchse.
Das alles tat er stumm, mit jenen bedchtigen, zgernden Bewegungen, wie sie den
Blinden eigen sind. Dabei glhte die Erregung auf seinem zerfallenen Gesicht.
    Seitwrts zwischen den Bumen stand Fritz mit der Beschlieerin und der
Kchin; die Leute waren bla und verstrt, flsterten miteinander und redeten
durch Zeichen mit Moser, in dem der Zorn und das Mitleid miteinander rauften;
bei allem Erbarmen, das er mit seinem Herrn empfand, ging ihm doch die Jagd,
zu welcher er da helfen mut, wider das alte Jgerherz.
    Atem schpfend hob Graf Egge die Bchse und prete den Kolben an die Wange.
Hab' ich die Richtung?
    Mehr nach rechts, Herr Graf! Moser visierte ber die Schultern seines
Herrn. A bil hher! Noch a bil! Jetzt, mein' ich, knnt's recht sein.
    Der Schu krachte. Sich vorbeugend, lauschte Graf Egge.
    Die Adler saen ruhig auf ihrer Stange und streckten nur die Hlse.
    Z' kurz haben S' gschossen!
    Der zweite Schu ging ber die Kpfe der Vgel weg. Der dritte traf. Ein
Adler strzte von der Stange und wlzte sich mit schlagenden Schwingen auf dem
Boden des Kfigs. Als Graf Egge das Geflatter hrte, lachte er heiser. Liegt
einer?
    Moser schwieg.
    Immer rascher folgten die Schsse, immer heier brannte Graf Egges Gesicht,
und rote derchen erschienen im glanzlosen Wei seiner starren Augpfel.
Rasselnd ging sein Atem, und immer unsicherer hielt er die Bchse. Noch
einundzwanzig Kugeln mute er durch das Gitter jagen, bis es im Kfig still
wurde.
    Fertig?
    Ja, Herr Graf! Und Gott sei Dank, da alles vorbei is! murrte Moser.
Jetzt mu ich's ehrlich raussagen: ds is a Stckl Arbeit gwesen, bei dem mir
graust hat!
    Langsam nahm Graf Egge die leeren Patronen der beiden letzten Schsse aus
der Bchse, klappte den Lauf wieder zu und stellte die Waffe zwischen die Knie.
Ich will die Strecke sehen. Bring' mir die Adler und gib mir einen nach dem
andern in die Hand.
    Moser ging zum Kfig, und weil er den Schlssel nicht zur Hand hatte,
drckte er mit der Schulter das Trchen des Kfigs ein. Er hatte an den vier
riesigen Vgeln schwer zu schleppen; einer der Adler bewegte noch matt die Zunge
im offenen Schnabel, whrend sein Kopf und die Schwingen auf der Erde
schleiften; hinter Mosers Schritten blieb eine rote Fhrte.
    Graf Egge verzog den Mund, als ihm Moser den ersten Adler reichte. Sie
riechen wie das verwnschte Nest da droben! Seine Erschpfung gewaltsam
berwindend, wog er den Vogel mit freier Hand und nannte die Zahl der Pfunde,
auf die er ihn schtzte. So tat er beim zweiten und beim dritten. Als er den
vierten Adler fate, regte sich in dem Tier ein letzter Funke der noch nicht
vllig erloschenen Lebensgeister; es streckte den hngenden Fu und krampfte die
Klauen ein. Mit leisem Schmerzenslaut schttelte Graf Egge die Hand und lie den
Adler fallen. Willst du noch greifen? Er lchelte md.
    Moser, der die leeren Patronen von der Erde auflas, hatte dieses Vorfalles
nicht geachtet. Als er sich aufrichtete, sah er seinen Herrn regungslos im
Lehnstuhl sitzen, die zitternden Hnde um den Lauf der Bchse gelegt.
    Starr waren die umflorten Augen gegen das Gewlk der Berge gerichtet, und
die welken Lippen raunten: Meine letzte Jagd! Wankend erhob sich Graf Egge.
Moser! Fhr' mich ins Haus!
    Whrend der Bchsenspanner seinen Herrn am linken Arm fate und ihn Schritt
fr Schritt gegen die Veranda fhrte, sickerte an Graf Egges rechter Hand ein
roter Tropfen vom Gelenk ber den Daumen.
    Als sie zur Fontne kamen, verhielt Graf Egge den Fu, und in seinem
erschpften Gesicht zeigte sich der Ausdruck eines qulenden Gefhls. Her du
mein Gott im Himmel! Moser! Was mir jetzt einfllt! Seine Stimme schwankte.
Mein Kind da drunten - die arme liebe Gei!
    Das Wort hatte einen Klang, da dem alten Jger die Zhren in die Augen
schossen.
    Als sie in die Kruckenstube kamen, mute Fritz, der den Lehnstuhl brachte,
um das Schreibzeug laufen, und Graf Egge diktierte ihm eine Depesche: Bitte
Rckreise anzutreten, bin leidend. Er besann sich und schttelte den Kopf.
Nein, nicht so! Das mu ihr Sorge machen. Sie erfhrt es noch frh genug. Nimm
ein anderes Blatt und schreibe: Komm heim, liebe Gei, habe Sehnsucht nach Dir!
Er lauschte dem Gekritzel der Feder. Hast du?
    Ja, Erlaucht!
    So schreib es noch zweimal ab. Das eine nach Capri, Hotel Quisisana, das
andere nach Sorrent, Hotel Tramontano, das dritte nach Amalfi. Und dann lauf zur
Post! Tummel dich, Fritz! Tummel dich!
    Seufzend lie Graf Egge sich in die Kissen des Lehnstuhls fallen und schlo
die gerteten Lider.
    Einige Minuten spter trat Fritz den Weg in das Dorf an, um die Depeschen
aufzugeben. Er fand den Schalter geschlossen und mute die Telegramme dem
Seewirt bergeben, der in rger zu schelten begann:
    Was? Der Schalter schon wieder zu? Da hrt sich doch alles auf! Es tut kein
gut nimmer mit'm Praktikanten! Den Dienst versumt er, den ganzen Ghalt verjuxt
er, im halben Monat lat er sich Vorschu geben, und da wird ein Ringerl und
Ketterl und Banderl ums ander kauft! Mich geht die Sach nix an. Aber sein Dienst
soll er in der Ordnung machen! Und wenn's net anders wird, la ich an gsalzenen
Bericht ans Oberpostamt abmarschieren. Oder ich red mit'm Pointner-Andres, da
er amal an End macht! - Ich la den Praktikanten gleich suchen, Herr Fritz, da
die Telegrammer fortkommen. Aber sagen S', was macht denn der gndig Herr Graf?
Geht's besser mit'm Gschau?
    Fritz, der aus dem Unglck seines Herrn keine Neuigkeit fr das Dorf
herausschlagen wollte, zuckte die Achseln und ging davon. Als er die Lnde
berschritten hatte, gewahrte er auf der Strae vor dem Brucknerhaus eine
erregte Menschengruppe. Zwischen wirr durcheinanderschreienden Burschen und
Weibern stand ein junger Jger mit erschpftem Gesicht. Unter Flchen suchte er
sich aus den Hnden loszureien, die ihn an der Joppe und an den Armen gefat
hielten. Herr Fritz! Herr Fritz! keuchte er, als er den Diener gewahrte.
Gewaltsam wand er sich aus dem Knuel der Leute hervor und schleuderte ein Mdel
zurck, das wie eine Verzweifelte an seinen Arm geklammert hing und nicht von
ihm lassen wollte.
    Um Gottes willen! stammelte Fritz. Was ist denn?
    Der Jger zog den Diener im Sturmschritt mit sich fort. Da krampften sich
wieder zwei Mdchenhnde um seinen Arm, und eine tonlose Stimme lallte ein Wort,
das unter Trnen erstickte. Der Jger geriet in Wut. Was will denn das
narrische Weibsbild allweil? Ein zorniger Schwung seines Armes befreite ihn und
machte das Mdel taumeln.
    Schreiend kamen die Leute gelaufen, allen voran eine alte Buerin. Sie trug
das weinende Netterl auf dem Arm und jammerte: Mali! Aber Mali! Was treibst
denn?
    Mali hrte nicht. Sie war in die Knie gebrochen, raffte sich wieder auf,
wankte hinter dem Jger her und streckte die Hnde nach ihm.
    Aber so reden Sie doch! stotterte Fritz. Was ist denn geschehen?
    Die Lumpen, die gottverfluchten! Von unsere Jager haben s' ein erschossen!
Am Schneelahner droben liegt er, mit der Kugel in der Brust.
    Ein gellender Aufschrei; dann stand das Mdel wie gelhmt, die Augen weit
aufgerissen.
    Mali! Jesus Maria! kreischte die Nachbarin. Und erschrocken umringten die
Leute das Mdel, das wie in ausbrechendem Irrsinn mit den Armen nach allen
Seiten zu schlagen begann. Johannistag! Die schrille Stimme war von Schluchzen
zerbrochen. Johannistag! Und verfolgt von den kreischenden Weibern und
Burschen, die Schultern umringelt von den gelsten Zpfen, rannte Mali den Weg
entlang, der gegen die Berge fhrte.
    Als sie den Wald erreichte, war der schreiende Trupp noch dicht hinter ihr.
Doch als der steinige Bergpfad begann, ber den sie hinaufrannte, als wre der
steile Weg die ebene Strae, da blieben die anderen immer weiter hinter ihr
zurck. Immer schwcher klangen in der Tiefe des Waldes die lrmenden Stimmen,
bis sie untergingen im Rauschen des Wildbaches.
    Wie ein gehetztes Wild, ringend um jeden Atemzug, eilte Mali durch den
Bergwald empor und den Almen zu. Zwischen Schluchzen lallte sie die abgerissenen
Worte des Gebetes, mit dem ihre Seele zum Himmel schrie. Sie strzte, raffte
sich wieder auf, trat in ihre Kleider und ri den Rocksaum in Fetzen. Ehe sie zu
den Almen kam, geriet sie in den Nebel, der alle Bume grau verschleierte.
    Um das offene Almfeld brodelten die weien Dmpfe, wie der Rauch um eine
Brandstatt wirbelt. Immer heftiger setzte Windsto um Windsto ein. Und wenn das
Brausen durch die wogenden Massen des Gewlkes ging, bekam zuweilen das Grau der
Hhe einen so verlorenen Schimmer, als wre irgendwo dort oben das Licht, der
schne Tag.
    Ein dumpfes Drhnen. In den hchsten Wnden hatte sich eine Lawine gelst,
die den letzten Schnee des Winters von den steilen Felsen hinunterwarf in die
Schluchten. Und als htte den kmpfenden Lenz in der Freude seines Sieges die
Lust zu jauchzen berkommen, so setzte der Frhlingssturm mit tosendem Rauschen
ein, peitschte die grauen Nebel und ri ber den Latschenfeldern das treibende
Gewlk entzwei. Ein Stck des blauen Himmels erschien, eine leuchtende, von
finsteren Wolken umflatterte Felswand, und ihr zu Fen das Steinfeld mit der
Jgerhtte, deren Schindeldach im Glanz der Sonne wie Silber funkelte.
    Nur wenige Augenblicke whrte das schimmernde Bild. Dann flossen die Wirbel
des Gewlkes wieder ineinander. Es rauschte und brauste der Fhn. Und ein
erstickter Laut, wie ein kraftloser Schrei um Hilfe, scholl durch die grauen
Nebel, die der Wind an der Jgerhtte vorberpeitschte.
    Die Tr der Htte stand offen, und an der Blockwand lehnte eine Bchse mit
kotigem Schaft. In der Herdstube kein Feuerschein, kein Laut.
    Hinter der Htte das Gepltscher des Brunnens. Auf dem hlzernen Trog, ber
dessen Wand das Wasser niedertroff, sa ein Jger; sein Gesicht war bleich, das
Hemd an der Brust und die nackten Knie mit Blut besudelt.
    Ein Laut, der aus den grau verschleierten Latschen tnte, machte ihn
aufblicken. War's der Wehlaut eines zu Tode verwundeten Tieres? Oder die Stimme
eines Menschen?
    Mhsam, als wren ihm alle Glieder gebrochen, erhob sich der Jger und
sphte in den treibenden Nebel.
    Von dem Steig, der aus den Latschen gegen die Htte fhrte, lie sich
Gerusch vernehmen. Im wirbelnden Grau erschien eine verschwommene Gestalt. Sie
schien zu taumeln. Nun strzte sie und raffte sich sthnend wieder auf.
    Der Jger sprang ihr entgegen. Jesus Maria! Das klang wie Schreck und
dennoch wie heie Freude. Mali! Mali!
    Zitternd stand sie, atemlos, bis zur Ohnmacht entkrftet, mit entstelltem
Gesicht, und starrte ihn an wie ein Wunder, das vor ihren Augen den Tod in Leben
verwandelte. Seinen Namen lallend, taumelte sie auf den Jger zu. Mit beiden
Hnden griff sie ihm ins Gesicht, als ginge vor ihren Augen alles unter. Wieder
wollte sie seinen Namen nennen und schrie nur einen heiseren Laut - wollte ihn
kssen und bi ihn in die Wange, in den Bart, in das Kinn.
    Mali! Franzl fhlte da die Arme sich lsten, die seinen Hals umklammert
hielten. Er wollte sie umschlingen. Da glitt sie schon an ihm nieder und strzte
wie entseelt zu Boden.
    Keuchend warf er sich auf die Knie, ri die Ohnmchtige an seine Brust,
schrie ihren Namen und rttelte den regungslosen Krper.
    Sie wollte nicht erwachen.
    Schreiend trug er sie zum Brunnen, schpfte Wasser mit der Hand und wusch
ihr das Gesicht, immer wieder ihren Namen kreischend.
    Sie wollte nicht hren, nicht erwachen.
    Ein brausender Windsto teilte das Gewlk. Breit leuchtete ein Sonnenstrahl
ber das Felsgehng, ber die Htte und ber die beiden Menschen hin. Dann
schlossen sich die jagenden Nebel wieder, und alle Hhe war grau verschleiert.
    Aus der Tiefe des Latschenfeldes tnte ein langgezogener Ruf. Franzl gab
Antwort mit gellendem Schrei.
    Zwischen den Latschen klirrte der Stachel eines Bergstockes im Gerll, und
lrmende Stimmen kamen nher.

                                       19


Am gleichen Morgen, an dem der Draht Graf Egges spt erwachte Sehnsucht nach
Amalfi, Sorrent und Capri meldete, trafen Kitty und Gundi Kleesberg mit Hans
Forbeck und Professor Werner in Mnchen ein.
    Bei der Einfahrt in den Bahnhof beugte Kitty sich aus dem Kupee und
stammelte in Freude: Tas und Anna sind da, sie erwarten uns! Mit beiden Hnden
winkend, rief sie, die Stimme erstickt von Trnen: Anna! Tas!
    Sie standen Seite an Seite, ein schnes, stolzes Paar - wer die beiden sah,
mute fhlen: das sind glckliche Menschen.
    Der Zug war noch im Gang, als Kitty schon die Klappe der Kupeetr ffnete.
Vor Freude schluchzend, flog sie dem Bruder an den Hals. Er nahm ihr zuckendes
Gesichtchen zwischen die Hnde und sagte lchelnd: Sieh mir in die Augen und
lies die Antwort auf deinen Brief aus Ravello! Ich wnsche dir Glck, mein
lieber Spatz! Du hast gut gewhlt. Er wandte sich an Forbeck, umschlang ihn und
kte ihn auf die Wange.
    Tas! Mein guter, guter Tas! Wie lieb du bist! Wie herzensgut! Und vom
Bruder flog Kitty in seligem Sturm auf Anna zu.
    Tassilo begrte die Kleesberg. Und es war ein seltsamer Blick, mit dem er
sich von Gundi zu Werner wandte. Wortlos bot er ihm die beiden Hnde. Auch
Werner schwieg, whrend er Tassilos Hndedruck erwiderte.
    Vor dem Bahnhof wartete die Equipage, in der die Damen Platz nahmen. Die
Herren folgten in einem Mietwagen; wohl gab sich der Kutscher alle Mhe, hinter
dem voraneilenden Gefhrt zu bleiben, doch als er vor dem Ziel die Pferde
parierte, hatten Kitty und Grfin Anna schon die im ersten Stock gelegene
Wohnung betreten; nur Tante Gundi stand noch auf der Treppe und kmpfte mit
ihrem versagenden Atem.
    Forbeck sprang ber die Stufen hinauf und reichte der Kleesberg den Arm.
    Diesen Augenblick bentzte Werner, um an Tassilo die flsternde Frage zu
richten: Wann haben Sie meinen Brief erhalten?
    Zugleich mit dem Brief meiner Schwester. Wie tief sein Inhalt mich bewegte,
vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Ich kann Ihnen auch die Grnde nachfhlen, die
Sie veranlaten, diesen verhllten Wert Ihres Lebens vor mir zu ffnen. Ich
danke Ihnen fr diesen Beweis Ihres Vertrauens. Dennoch kann ich Ihnen einen
Vorwurf nicht ersparen. Werner? Lieber Freund? Tassilo legte die Hand auf
Werners Schulter. Haben Sie mich so wenig kennengelernt, um in mir einen
Menschen von trichtem Vorurteil vermuten zu drfen?
    Aber Doktor! stammelte Werner. Wie knnen Sie nur auf einen solchen
Gedanken kommen?
    Sie haben ihn mir aufgezwungen durch Ihre Sorge. Soll mir der Brutigam
meiner Schwester minder willkommen sein, weil sein Vater nicht der im Elend
untergegangene Trunkenbold ist, dessen Namen er trgt und zu Glanz erhebt,
sondern ein Mann, den ich als Knstler verehre und als seltenen Menschen liebe?
Blut von Ihrem Blut, Werner! Das ist mir eine neue Sicherheit fr das Glck
meiner Schwester.
    Werner fate Tassilos Hand. Ich danke Ihnen fr dieses Wort. Und billigen
Sie auch mein Verhalten gegen Hans? Da ich mein Schweigen ihm gegenber fr
immer bewahren will?
    Ja, Werner! Sie bringen Ihrem Sohn ein Opfer, wie es nur die tiefe,
uneigenntzige Liebe eines Vaters bringen kann. Hans liebt Sie als seinen
geistigen Vater. Er dankt Ihnen alles, Charakter, Bildung und Knnen. Soll er
das Recht eines Wortes mit dem Umsturz seines ganzen Innern bezahlen, mit einer
schiefen Stellung vor der Welt? Nein! Sie mssen schweigen, nicht nur ihm
zuliebe, auch aus Barmherzigkeit fr eine andere! Wie stnde sie vor ihrem Sohn?
Bedrckt von Scham, belastet mit einer Tragik, die hart ans Lcherliche
streift!
    Whrend dieses Gesprches waren sie ber die Treppe hinaufgestiegen. Aus dem
offenen Korridor klang die Stimme der Kleesberg, die sich bei ihrem lieben
Hans fr den freundlichen Ritterdienst bedankte.
    Tassilo fragte leis: Sie hat keine Ahnung?
    Keine! Da er mein Sohn ist, erriet sie auf den ersten Blick. Mehr kann sie
nicht ahnen. Wie soll sie denken, da der eigene Vater sie belog? Da er, um sie
von dem obskuren Tagdieb loszureien, der mit dem Fieber kmpfenden Tochter das
herzlose Mrchen vom Tod ihres Kindes vorgaukelte? Ich habe doch auch an diese
Lge geglaubt! Noch heute wr' ich ein einsamer Mensch, wenn ich nicht die
Sehnsucht empfunden htte, das einzige zu suchen, was hinter meinem vernichteten
Glck noch brig war: dieses kleine Grab! Es wollte sich nicht finden lassen.
Dennoch hab' ich jahrelang gebraucht, bis der erste Zweifel in mir erwachte, und
bis die halb erloschene Spur, der ich hartnckig folgte, mich meinen Jungen
finden lie. Und wie hab' ich ihn gefunden! Ich wollte, da ich dieses Bild
vergessen knnte!
    Da klangen heitere Stimmen, rasche Tritte, das Rauschen eines Kleides. Arm
in Arm erschienen Kitty und Forbeck unter der Tr. Whrend Werner das junge Paar
betrachtete, streifte Tassilo zrtlich die Hand ber das Haar der Schwester. Im
Speisezimmer, dessen Tisch zum Frhstck gedeckt und mit Blumen geschmckt war,
fanden sie Grfin Anna und die Kleesberg. Und da wollte nun Kitty, die das Heim
ihres Bruders an diesem Morgen zum erstenmal betrat, vor allem sehen, wie das
Glck wohnt!
    Es wohnte schn - in Rumen, welche Zeugnis gaben von vornehmem Kunstsinn
und erlesenem Geschmack. Kitty fate ihr Entzcken in das Urteil: Das ist keine
Wohnung, die man eingerichtet hat. Das kommt mir vor, als wre das gewachsen,
ganz von selbst, wie ein Baum, wie eine Blume. Ihr beide mt so wohnen! Ich
kann es mir gar nicht anders denken. Nur im Zimmer der Grfin vermite sie
etwas - das Allerwichtigste. Anna? Wo ist dein Flgel?
    Der steht, wo sein Platz ist, fiel Tassilo lchelnd ein, in meinem
Zimmer! Komm! Da sollst du auch noch was anderes sehen. Er ffnete die Tr des
anstoenden Raumes.
    Ein leiser Schrei glcklichster berraschung.
    An der Wand, im vollen Licht der beiden Fenster, hing ein groes Gemlde:
aus dem schimmernden Farbenzauber der Leinwand leuchtet eine weie
Mdchengestalt heraus; die Schatten des nahenden Sturmes umdrohen sie, doch
sicher und lchelnd, von Sonne umschmeichelt, ruht sie auf den starken
Mannesarmen, die sie fahrlos hinbertragen ber den Steg des tobenden
Wildbaches.
    Hans! stammelte Kitty. Und das hast du mir verschwiegen! Oder hast du
selbst nicht gewut - Ihre Augen suchten den Bruder. Tas? Wie kamst du zu
diesem Bild?
    Durch gtige Vermittlung der Post. Und dann kam aus Capri ein Brief, in dem
ein gewisser Hans Forbeck sich entschuldigte, da sein Hochzeitsgeschenk den
Umweg ber Berlin genommen htte.
    Hans! jubelte Kitty. Und dann stand sie stumm an seine Schulter gelehnt
und trank mit glnzenden Augen den Zauber dieser Farben. Immer heier glhten
ihre Wangen. Hans! Sie schlang die Arme um seinen Hals. Ich bin stolz auf den
Namen, den ich tragen werde! Dann flog sie auf die Grfin zu. Eine Bitte,
Anna! Die mut du mir erfllen! Sing mir das Lied vom Jasminstrauch!
    Grfin Anna ffnete den Flgel. Eine Flut von Tnen rauschte durch den Raum,
und die herrliche Stimme klang.

Grn ist der Jasminenstrauch
Abends eingeschlafen.
Als ihn mit des Morgens Hauch
Sonnenlichter trafen,
Ist er schneewei aufgewacht.
Was geschah nur ber Nacht?
Seht, so geht es Bumen,
Die im Frhling trumen.

    Als Grfin Anna die schlanken weien Hnde in den Scho sinken lie, war es
lange still im Zimmer. -
    Und einige Stunden spter das wirre Getriebe des Bahnhofes, das Pfeifen der
Lokomotive, das dumpfe Schlagen der Rder, die sich unter dem gleitenden Wagen
drehten, immer schneller und schneller.
    Kitty und Gundi Kleesberg reisten nach Hubertus. Wohl hatte Tante Gundi, die
das uerste gern noch verschoben htte, eine Ruhepause von einigen Tagen
gewnscht. Aber Kitty wute die Weiterreise durchzusetzen - sie wollte ihr Glck
entschieden wissen, und Tassilo hatte ihr beigestimmt. Eine Depesche meldete
nach Hubertus, da die Damen mit dem letzten Zug eintreffen wrden, und da der
Wagen sie bei der Station erwarten sollte.
    Fr Kitty wurde die Reise zu einem fliegenden Traum. Sie kam sich vor wie
ein Kind, dem eine Flsterstimme zrtliche Mrchen erzhlt. Und immer sah sie
farbig schimmernde Bilder vor den geschlossenen Augen. Wie sonderbar! Da sie an
Mrchen denken konnte! Jetzt, vor dieser Begegnung mit dem Vater! Aber war nicht
alles, was sie in diesen Tagen erlebt hatte, das echte, rechte Mrchen? Der Flug
dieser Heimreise? Das blhende Wunder von Ravello? Ihre Liebe und ihr Glck?
    Immer sphte sie nach den von Wolken umlagerten Bergen, die nher und nher
rckten und mit jeder Minute wuchsen. Diese Wolken, die sich dunkel herwlzten
ber die noch mit Schnee gesprenkelten Gipfel, trugen schweren Regen in sich,
vielleicht ein Ungewitter.
    Im Bahnwagen brannte die Lampe schon, und drauen sank die Dmmerung. Die
schwermtigen Dorfmoore hatten gelblichen Schein; in tiefer Schwrze stiegen die
Bergwlder auf, und durch das blaugraue Gewlk, wenn die treibenden Massen sich
zuweilen klfteten, leuchtete ein Fetzen Himmel gleich einer rot brennenden
Fackel.
    In Kitty erwachte eine beklemmende Erinnerung. Ein hnlicher Abend war es
gewesen, als sie von der versumten Hochzeit ihres Bruders nach Hause fuhr!
    Tiefer und tiefer sank die Dmmerung; dann ein Pfiff der Lokomotive, und das
Ziel war erreicht. Vor dem Bahnhof stand die Kalesche. Der Kutscher war
einsilbig und musterte die Damen mit scheuem Blick.
    Es wurde finster, bis der Wagen durch das Parktor von Hubertus lenkte. In
der Tiefe der Allee stand eine funkelnde Sule: die von den Laternen der Veranda
beleuchtete Fontne. Im Adlerkfig kein Laut, nicht das leiseste Geflatter.
Seltsam! murmelte Kitty. Wie still sie heute sind!
    Der Wagen hielt, und Fritz, mit der Lampe in der Hand, trat zum Schlag. Er
sprach nicht, sein Gesicht war bla, und die Lampe klirrte. Verwundert sah ihn
Kitty an und wollte sprechen. Da gewahrte sie noch einen anderen. Auf den Stufen
der Veranda stand der Pfarrer.
    Hochwrden? stammelte Kitty.
    Man hat mich gerufen, um Sie zu empfangen, gndiges Frulein!
    Der Ton dieser Worte nahm ihr die Sprache.
    Kommen Sie, mein gutes Kind! Ich will Ihnen Sttze sein beim Eintritt in
das vterliche Haus, auf das der Herr in unerforschlichem Ratschlu seine
schwere Hand gelegt hat.
    Kitty zitterte, als der Pfarrer sie fhrte. Im Billardzimmer hatte sie ein
Gefhl, als versnken die Wnde. Dazu hrte sie immer Worte, Worte. Es war schon
ausgesprochen, das Furchtbare - und sie konnte es nicht fassen. Dann streckte
sie unter schluchzendem Laut die Hnde und strzte aus dem Zimmer, durch den
Flur - zur Kruckenstube.
    Eine Hngelampe erleuchtete die getnchten Mauern, auf denen sich die
Gemsgehrne durch ihre Schatten verdoppelten. Die Beine von einer Wildschur
umwickelt, sa Graf Egge im Lehnstuhl, das graue Haupt mit dem steinernen
Gesicht und den toten Augen ein wenig zurckgeneigt.
    Kein Laut kam ber Kittys Lippen. Einen Schritt nur tat sie und stand wieder
wie gelhmt.
    Kaum merklich bewegte sich Graf Egge; seine Finger zogen sich ein, und
zwischen den schmal geffneten Lippen blinkten die Zhne.
    Geilein? Das klang wie aus weiter Ferne.
    Da schrie sie, als htte man ihr einen glhenden Stahl ins Herz gebohrt,
strzte auf den Vater zu, umschlang ihn, brach in die Knie und drckte
schluchzend das Gesicht in seinen Scho.
    Ein Schttern ging durch den Krper des Blinden. Mit beiden Hnden tappte
er, bis er das zuckende Haupt seines Kindes fand.
    Sei gut, Geilein! Mach' keinen Unsinn! Es ist nun einmal so. Ich hab'
ausgejagt. Das ist nimmer zu ndern. Hoffentlich hat dir's der Pfarrer
lffelweis eingegeben.
    Sie schluchzte.
    Er streichelte ihr das weiche Haar und befhlte ihre kleinen Ohren. Eine
harte Sache, Geilein! Die Lichter hin. Alles schwarz vor den Augen. Kein Berg
und kein Wald. Nimmer Grn und nimmer Blau. Nur Schwarz! Und dich lieb' ich
auch. Und soll dich nimmer sehen. Und es sehnt mich nach deinem Anblick. Hat dir
die Sonne da drunten wohlgetan? Bist du gesund geworden? Hast du rote Wangen?
La mir die Kleesberg kommen! Die soll mir sagen - Er verstummte. Wie in
Schmerz verzog er den Mund, whrend er den rechten Arm streckte und die Finger
bewegte, als empfnde er eine Spannung an der Hand.
    Kitty fuhr auf. Sie konnte den Anblick nicht ertragen - die welken Zge, die
starren, vorgequollenen Augen mit dem roten Kreis um jeden Apfel. Sthnend barg
sie wieder das Gesicht. Alles zu Ende. Auch ihr Glck, ihre Liebe! Alles
vernichtet, versunken! Sie war gekommen, mit dem Vater zu ringen um ihr Glck -
wenn es sein mte, ihn zu verlassen! Und da lag sie zu seinen Fen, an ihn
geschmiedet mit allen Banden einer Kindersdeele! Nur noch die Liebe zu ihm,
aller Jammer, der sie erschtterte, alles Erbarmen, das ihr das Herz zerri! Und
das andere zu Ende - das schne, selige Mrchen, verklungen, versunken! Nur
dieser Blinde noch, nur diese starren, toten Augen, die trocken waren, ohne
Glanz und ohne Trnen - - -
    Es pochte an die Fenster; schwere Tropfen schlugen gegen die Scheiben. Dann
ein Sausen, das von weit her tnte und im nchsten Augenblick schon alle Mauern
von Hubertus umringte, ein helles Geprassel, wachsend zu einem drhnenden
Geknatter. Die Fenster wurden wei, es trommelte auf dem Dach und brauste durch
alle Wipfel des Parkes nieder auf die Erde. Der echte, wilde, zgellose
Frhlingsregen der Berge, der alle faulen Zweige von den Bumen schlgt, die
Tler und Hhen subert, den letzten Schnee ersuft und die Felsen befruchtet!
    Ein fahler Blitz, ein matt verrollender Donner, dann wieder Finsternis und
Strme ber Strme.
    Bche rannen auf allen Straen des Dorfes, der See berstieg die Ufer, und
in das Geprassel des Regens mischte sich immer mchtiger das Rauschen der Ache
und der schwellenden Wildbche.
    An allen Husern waren die Fenster hell. ber die roten Scheiben huschten
die schwarzen Schatten der Weiber, die mit Lumpen alle Lcken der Fensterrahmen
verstopften. Und hinter den Flurtren das Geschrei der Mgde, die das
eingedrungene Wasser von den Dielen schpften.
    Ein einziges Haus war d und finster. Das Brucknerhaus. Und doch belebt: die
beiden Khe brllten im Stall und zerrten an den Ketten. Sie hungerten.
    Im Seehof kreischender Stimmenlrm; die Schifferschwemme mit Gsten
angefllt; kein Lied, kein Zitherklang; nur das Gewirr der lauten, erregten
Stimmen; und die erleuchteten Fenster von Qualm verschleiert.
    Auf der gedeckten Terrasse stand der Seewirt; die Fensterhelle warf seinen
Schatten lang auf die berschwemmte Lnde hinaus.
    Jetzt Stimmen vom Waldsaum her, und das Gepltscher watender Schritte. Vier
Holzknechte betraten die Terrasse, schttelten die triefenden Wettermntel und
schleuderten das Wasser von den schwammigen Hten.
    Was is? fragte der Seewirt. Gschieht in der Nacht noch was?
    Nix mehr! Die Bescherung droben mu liegenbleiben, hat der Schandari gsagt,
bis morgen die Grichtsleut alles gesehen haben. Aber ds arme Madl werden s' in
der Nacht noch runterbringen. Wie der Regen anfangt hat, sind s' mit der
Tragbahr in der Almhtt untergstanden.
    Die Holzknechte suchten ins Trockene zu kommen. Als die Tr der Schwemme
geffnet wurde, quoll der dicke Pfeifenqualm heraus.
    Der Seewirt fate einen der Knechte am Lodenzipfel. Geh, Steffel, mach den
Sprung zur Frstnerin aussi! Sie wei schon, da ihrem Buben nix gschehen is,
aber ds arme Weibl tut wie verruckt. Geh, mach ds Katzensprngl! Ich zahl dir
a paar Ma Bier.
    Meinetwegen! Der Knecht stapfte durch die Pftzen und verschwand im Grau
des strmenden Regens.
    Stunde um Stunde verrann. Um Mitternacht machte der Seewirt Kehraus in der
Schwemme. Laut schwatzend torkelten die Letzten nach Hause.
    Der Regen war dnner geworden und ging in feines Geriesel ber; das hatte
keinen Laut mehr; und das Rauschen der Bche wurde eintnig.
    Droben im Bergwald gaukelten die Lichter zweier Fackeln; sie verschwanden,
um auf dem tieferen Gehng wieder aufzublitzen.
    Durch die hngende Wolkendecke stahl sich das erste Grau; aus den Wldern
dampften bleiche Nebel und schwebten unruhig hin und her, jedem Wechsel des
Windes folgend. Ein starker Geruch von zerriebenem Laub und aufgewhlter Erde
fllte die Luft. Es tropfte von den Bumen; die hatten ihre Blttchen in dieser
Nacht zu Blttern ausgeschoben. Ein junger Apfelbaum, der hinter dem Zaun eines
stillen, den Gehftes stand, hatte weien Bltenschimmer. Und eine Drossel
schlug. Das war der erste Laut dieses Morgens. Dann klirrende Schritte auf dem
Steig, der vom Waldhang gegen die Lnde fhrte.
    Zwei Holzknechte erschienen unter den triefenden Bumen; der eine schob mit
dem Bergstock das Fallholz und die Steine aus dem Weg, der andere trug die
Bchse und den Httensack eines Jgers; ihnen folgten zwei Mnner mit einer
Reisigbahre: die Stangen am Fuende trug ein alter Bauer, whrend die Traghlzer
zu Hupten der Bahre in Franzls Hnden lagen. Sein Gang war mhsam, seine Arme
zitterten. Die drei anderen hatten sich von Stunde zu Stunde abgelst; nur
Franzl hatte immer den Kopf geschttelt, wenn einer der Knechte ihm die Stangen
aus den Hnden nehmen wollte. Das nasse Gewand klatschte an seinem Krper.
Tastend suchte sein Schritt den Weg, whrend seine Augen an dem Mdchen hingen,
das auf dem Reisig der Bahre gebettet lag, mit Franzls Wettermantel unter dem
Kopf, mit zerschnittenem Mieder und gelstem Haar. Malis Augen standen offen und
hatten flackernden Glanz; bald schrie sie mit heiseren Lauten, bald wieder
raunte sie ein Gewirr sinnloser Worte vor sich hin; dabei zupften ihre Finger
ruhelos an den Haaren der triefenden Lodendecke, die den Krper der
Fieberkranken bis zur Brust umhllte.
    Die Bahrentrger schritten am Brucknerhaus vorber und den Wiesen zu.
    Auf dem Strlein stand die alte Horneggerin. Franzl! schrie sie. Und
rannte.
    Nun war es mit Franzls Beherrschung zu Ende. Da schau, Mutter! Gibt's an
Unglck mit'm Madl, so kannst mich gleich mit eingraben!
    Alle Freude der Horneggerin, da sie ihren Buben heil nach Hause kommen sah,
verwandelte sich in Jammer. Jesus Maria! Sie eilte den Trgern voraus, um Zaun
und Tr vor ihnen zu ffnen. Nur eini, Leut! Mein Bett soll s' haben, und wenn
ich am Boden liegen mt!
    Als Franzl die Fiebernde in die Kammer trug, schlug sie mit den Hnden um
sich und schrie.
    Der Doktor kam, und die Horneggerin schob ihren Buben zur Tr hinaus. In der
Stube fiel er auf die Ofenbank, und seine Knie begannen zu zittern, da die
genagelten Abstze laut auf den Dielen trommelten.
    Mit verweintem Gesicht kam die Horneggerin aus der Kammer geschlichen und
legte den Arm um den Hals ihres Buben. Sei gscheit Franzl! Solang eins am Leben
is, darf man d' Hoffnung net verlieren!
    Franzl umklammerte die Mutter. Ds Madl is mir alles! Mein Glck und Leben!
Wenn unser Herrgott dem Madl nimmer helfen mag - da wr's mir lieber, dem
Bruckner sei' Kugel htt net den andern troffen, sondern mich!
    Jesus! Bub! stotterte die Frsterin. Wie kannst dich denn so
versndigen!
    Recht hast! Ich hab an dich vergessen. Gott verzeih mir's! Franzl hob das
bleiche Gesicht; seine Augen brannten. Mutter! Jetzt hat der Vater d' Ruh im
Grab. Der ihm die Kugel durchs Herz gjagt hat am blutigen Johannistag - jetzt
liegt er droben in die Latschen, mit der Kugel am gleichen Fleck.
    Jhe Blsse rann ber das Furchengesicht der alten Frau. Der Bruckner?
    Der Jger schttelte den Kopf. Leis begann er zu erzhlen, whrend seine
verstrten Augen immer wieder die Kammertr suchten. Die ganze Leidensgeschichte
seines Herzens sprudelte aus ihm heraus, von der ersten Begegnung mit Mali bis
zu ihrem warnenden Wort vor der Dippelhtte: Nimm dich vorm Schipper in acht!
Er schilderte jedes Erlebnis mit dem grauen Kameraden, bis zum letzten Morgen
unter der Hangenden Wand.
    Gleich hat mir die Gschicht mit seine zwei Lumpen net taugt. Aber mit dem
Wrtl vom Schwarzbartigen, der den Vater am Gwissen htt, hat er mir Fuier ins
Blut gossen. Und wie ich einisteig bern Schneelahner, sitzt er schon da vor
mir, der Schwarzbartig, mit'm Gsicht voll Ru! Siedhei geht's mir in Kopf, und
ich fahr gleich auf mit der Bchs. Allweil sitzt er und rhr sich net. Der
Spielhahn is ihm vor die F glegen, 's Gwehr hat er zwischen die Knie ghabt,
und allweil schaut er in Boden eini. Und gahlings schlagt er d' Hnd vors Gsicht
und fangt zum heulen an wie a wehleidigs Kindl. Ds hat mich packt, ich wei net
wie. Die Bchs hab ich aus'm Anschlag gnommen, bin auf ihn zu in aller Ruh und
sag: Gib dich, Lump! Da schaut er mich an. Nachher schnauft er und sagt: Da hast
mich! Eiskalt geht's mir bern Buckel. Gleich fallt mir d' Schwester ein. Jesus!
Bruckner? Du! Mehr hab ich net aussibracht. Ja, sagt er, ich! Und steht auf,
will mir 's Gwehr hinbieten und sagt: Gegen dich gibt's fr mich kein Wehren
net! Da kracht's bern Lahner her. Und jetzt erst fallt mir wieder der zweite
ein, von dem der Schipper verzhlt hat. Ich mach an Sprung auf d' Seiten. Drben
fliegt 's Pulverwlkl auf, und zwischen die Latschen blitzt der Lauf kerzengrad
gegen mich her -
    Jesus! keuchte die Horneggerin und bedeckte die Augen.
    Aber ich war mit der Bchs noch net im Gsicht, da fallt neben meiner der
zweite Schu. In die Latschen drin berschlagt sich einer, sei' Bchs kugelt
aussi ber d' Wand, und neben meiner sagt der Bruckner: Fr dein' Vater, Franzl!
Heut is Zahltag gwesen! Da greift er mit der Hand an d' Seiten, und 's Blut
rinnt ihm bern Schenkel. Sei' Bchs, die noch graucht hat, fallt ihm aus der
Faust. Und wie der Baum im letzten Hieb, so schlagt er auf d' Steiner nieder.
Ich spring ihm z' Hilf. Fehlt's weit? frag ich. Ja, sagt er, wird wohl Zeit
sein, da ich beicht - 's Heutige druckt mich net, aber 's Alte mcht ich mir
vom Gwissen laden! - Mutter, Mutter, was hab ich hren mssen!
    Mit langsamen, hlzernen Worten wiederholte Franzl, was ihm der Sterbende
gebeichtet hatte.
    Schier hat er nimmer reden knnen. Verzeihst mir? hat er noch gfragt. Ja,
sag ich, derbarmen tust mich! Da schaut er mich an und hat sich gstreckt. Und
Netterl, mein Netterl! Und aus und gar is gwesen. Und beten hab ich mssen. Und
hab net glauben knnen, da er der Schuldig is! Zwei Kugeln sind geflogen am
Johannistag, eine blo hat troffen. Mutter, da leg ich d' Hand ins Fuier: es war
dem Schipper die seinig! Die ganzen Jahr her hab ich's gsprt in mir und hab's
net verstanden. Es war sein Gwissen, ds sich gwehrt hat gegen mich! Und die
letzte Lug am gestrigen Weg? Und wie er mich ghetzt hat, da ihn mei' Kugel vom
andern erlsen sollt! Und wie sich der Bruckner gutwillig geben will, schiet er
ihm hinterrucks die Kugel auffi. Warum denn? Weil er gforchten hat, der Bruckner
knnt reden. Und die ander Kugel htt er mir durch'n Schdel gjagt, da ich kein
Zeugen mach. Er hat sich verrechnet. Und der Bruckner hat zahlt fr mich. Wie
ich eingstiegn bin in d' Latschen, und der Schipper is daglegen, mit die Fust
in der Luft und im ksigen Gsicht noch allweil sein giftiges Lachen - Mutter, da
hat's bei mir kei Frag nimmer braucht. Jetzt leg ich d' Hand ins Fuier: der
Schipper war's!
    Von Grauen geschttelt, bekreuzte sich die Frsterin. Unser Herrgott soll
ihm gndig sein! Ich hab verziehen. Sie umklammerte den Sohn. Sie christlich,
Bub! Vergib!
    Franzl schttelte den Kopf, und seine Stimme war hart wie Eisen. Ich bin a
guter Christ. Aber da drin liegt d' Mali. Ich hab blo an einzigs Denken: da
mich unser Herrgott die Stund erleben lat, in der ich dem Madl sagen kann: Tu
dich trsten, der Schipper war's, und deim Bruder verdank ich mein Leben.
    Der Doktor kam aus der Kammer. Kopf hoch, lieber Hornegger! Er winkte der
Frsterin und trat mit ihr vor das Haus. Ihnen mu ich die Wahrheit sagen.
Nervenfieber und schwere Lungenentzndung. Das kann Bume werfen.
    Die Horneggerin mute sich erst in der Kche ausweinen, ehe sie die Kammer
wieder betreten konnte.
    Franzl sa zu Fen des Bettes und hielt die glhenden Hnde der Kranken
umklammert, die regungslos in den geblumten Kissen lag, mit dunklen Rosen auf
den Wangen.
    Mutter? Das klang wie ein Hauch. Meinst net, sie schaut schon besser
aus?
    Aber ja! Gwi! Viel besser!
    Franzl atmete auf und erhob sich. Es kommt mich hart an - aber ich mu
Rapport machen. Bleibst bei ihr?
    Tag und Nacht!
    Und tust alles, was der Doktor gsagt hat?
    Alles! Verla dich auf mich! Aber zieh dich um, tropfst ja am ganzen Leib!
    Ds khlt mich grad. Scheu rhrte er mit den Fingerspitzen an Malis
glhende Wange; dann schlich er zur Tr. Was ich sagen will - am Heimweg knnt
ich 's Brucknerhaus absperren und 's Netterl mit heimbringen? Is dir's recht?
    Die Horneggerin zgerte mit der Antwort.
    Mutter! Weit es nimmer? Netterl! hat er gsagt und hat mich angschaut im
letzten Schnaufer.
    Aber Franzl! Ich hab ja nix dagegen. Freilich! Freilich! Aber wenn ich nur
wt - d' Mali wird mich brauchen, Franzl - ganz!
    Ganz und doppelt! Da mut a tchtigs Weibsbild zur Hilf haben! Die knnt
mit'm Netterl in mein Stbl auffiziehen. Ich leg mich auf'n Heuboden, 's Heu bin
ich gwohnt.
    Er wartete die Antwort nimmer ab. Als er den Hof betrat, lutete man zur
Messe. Ein blauer Streif des Himmels schimmerte durch die Wolken. Noch war die
Sonne nicht zusehen, doch fern im See war ein funkelndes Glanzband hingegossen
ber den grnen Spiegel.

                                       20


In der Kruckenstube stand das Fenster offen. Die Frische des Morgens hauchte
herein in den kleinen Raum, in dem die Stimme Kittys klang, eintnig und mde.
    Sie sa neben dem Lehnstuhl und las ihrem Vater aus seinem Lieblingsbuche
vor - aus Kobells Wildanger:
    In der Falzzeit ist der Auerhahn zuweilen sehr zerstreut, welches einige
auch verrckt nennen, und manchmal kann man sich ihm am hellen Tage nhern und
ihn mit aller Bequemlichkeit vom Baum schieen; ob aber die Zerstreutheit so
weit geht, da er, wie Flle erzhlt werden, auch ohne zu falzen, nach einem
Fehlschu aushalte und gleichsam auch sich fleckeln lasse, darber kann ich
nicht urteilen; bei den bayerischen Auerhhnen ist dergleichen meines Wissens
nicht gebruchlich.
    Graf Egge lachte mit verzerrtem Mund. Recht hat er! Solchen Unsinn haben
die Sonntagsjger aufgebracht, die man hinauskarwatschen sollte aus Wald und
Bergen. Er scheuerte die rechte Hand an der Kante der Armlehne und spannte die
Finger auseinander. Die ganze Zeit ber, seit Kitty zu lesen begonnen, hatte
Graf Egge immer mit dieser Hand zu schaffen; bald befhlte er mit der Linken das
Gelenk und kratzte; bald schttelte er die Hand, als wre sie von Fliegen
belstigt; bald schob er sie unter die Wildschur, um sie gleich wieder
hervorzuziehen, als wre ihm die Wrme unbehaglich.
    Was hast du, Papa? Fhlst du Schmerzen an deiner Hand?
    Schmerzen? Ach, Unsinn! Nur so ein komisches Jucken. Lies weiter!
    Kitty nahm das Buch wieder auf. Immer matter klang ihre Stimme, und die
Buchstaben schwammen ihr vor den Augen, so da sie hufig stockte.
    Bist du mde, Geilein? fragte Graf Egge endlich.
    Nein, Papa!
    Doch! Ich hr' es! Lege das Buch weg und geh ein bichen in die Luft
hinaus.
    La mich bei dir bleiben!
    Graf Egge fhlte ihr Haupt an seiner Schulter, und wie ein Schimmer von
Behagen ging es ber seine zerfallenen Zge. So bleibe! Es ist mir auch lieber,
ich hab' dich bei mir. Aber das Buch leg' weg! Erzhl' mir ein bichen von
deiner Reise! Habt ihr Bekannte getroffen?
    Glhend flog es ber Kittys bleiche Wangen. Durfte sie lgen? Ihre Stimme
zitterte. In Ravello trafen wir mit Professor Werner zusammen.
    Wer ist das?
    Ein Jugendfreund Tante Gundis.
    Was soll mich der interessieren? Sonst habt ihr niemand gesehen?
    Ja, Papa. In Professor Werners Begleitung war ein junger Knstler, der
heuer in Berlin die goldene Medaille bekam. - Hans Forbeck - Den Atem
verhaltend, sah Kitty zu ihrem Vater auf.
    Forbeck? Forbeck? Graf Egge runzelte die Stirn, als htte er Mhe sich zu
besinnen. Den Namen mu ich doch schon gehrt haben?
    Du kennst ihn auch! stammelte Kitty. Im vergangenen Sommer trafst du ihn
auf der Hochalm. Er hat dich gezeichnet.
    Ach so? Der? Ein schlanker, netter Kerl mit gescheiten Augen? Den kenn' ich
freilich! Graf Egge nickte lchelnd vor sich hin. Die Geschichte macht mir
heut noch Vergngen. Wei er jetzt, wen er zeichnete? Damals hielt er mich fr
einen richtigen Jger und hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Ja, Gei, in dem
steckt was! Der hat einen Blick fr das Echte. Und jetzt hat er die goldene
Medaille bekommen? Das bedeutet wohl fr einen Knstler soviel wie fr einen
Jger der Blattschu auf den Tiger? Was? Na, das gnn' ich ihm! Er war damals
Feuer und Flamme fr meine Joppe, fr mein ganzes Gestell und fr meinen
wuchtigen Rakopf, wie er sagte! Graf Egge lachte. Er lie mir keine Ruh', ich
mute ihm sitzen. Und ich hab's auch gern getan. Ich sag' dir, Gei, er hat
meinen Kopf aufs Blatt geschmissen, da ich dachte: Herrgott, der zeichnet, wie
ich schiee. Und denk' dir: nach der Sitzung hat er mir einen Taler gegeben. Fr
so echt hat er mich genommen. Den Taler hab' ich heut noch. Da drin liegt er im
Kasten. Und er freut mich doppelt: weil er das einzige Geld ist, das ich
verdiente in meinem Leben, und weil er mich an diesen prchtigen Jungen
erinnert. Ja, Geilein, dem hab' ich gefallen. Und er mir auch!
    Kittys Atem flog. Wie ein Rausch der Hoffnung hatte es ihr Herz befallen.
Das war die Stunde, in der sie sprechen durfte, sprechen mute! Vater - Vater
-
    Betroffen hob Graf Egge das Gesicht und machte eine Wendung im Lehnstuhl;
dabei stie er mit der rechten Hand an den Knauf der Lehne. Unter sthnendem
Laut zog er den Arm zurck. Herrgott! Das ist mir durch die Schulter bis ins
Herz gegangen! Was ist denn nur das mit dieser verwnschten Pranke? Er rieb an
der Hand. Sieh doch einmal her, Geilein - hier am Gelenk mu es sein! Gestern
hat mich das halb verendete Biest noch gekratzt. Die Klaue mu tiefer gegangen
sein, als ich dachte.
    Aus allem Taumel ihrer Hoffnung gerissen, beugte Kitty das erblate Gesicht
ber die Hand des Vaters.
    Alle Gelenke waren geschwollen. Auf der von der Spannung schimmernden Haut
zeigten sich kleine blasige Flecken. Zwischen dem Knchel und der Pulsader
sickerte ein dunkler Tropfen, und als ihn Kitty mit ihrem Tuche sacht entfernt
hatte, gewahrte sie eine winzige, schwrzlich gernderte Wunde, wie vom Stich
einer tintigen Feder.
    Kitty war ber das Aussehen der Hand erschrocken; doch die Entdeckung dieser
unscheinbaren Verletzung beruhigte sie wieder. Das sagte sie dem Vater und erhob
sich. Ich will zu Doktor Eisler schicken.
    Als sie in den Flur hinaustrat, hatte sie einen Anfall von Schwindel und
mute sich an die Mauer sttzen. Fritz brachte ihr frisches Wasser, und sie
leerte mit drstenden Zgen das Glas. Dann schickte sie den Diener ins Dorf: er
sollte sich eilen und dem Arzte sagen, da es sich um eine Riwunde handle -
Doktor Eisler mchte mitbringen, was zum Verbande ntig wre.
    Schon wollte sie wieder zum Vater zurckkehren, als der Postbote eine
Depesche brachte - die Antwort auf das Telegramm, das Kitty in der Nacht ohne
Wissen des Vaters an den Bruder geschickt hatte. Mit zitternden Hnden ffnete
sie das Blatt. Komme elf Uhr zwanzig - Tas.
    Eine Viertelstunde spter betrat Doktor Eisler die Kruckenstube. Graf Egge
hob sich ein wenig aus den Polstern und versuchte einen scherzenden Ton: Na
also, Dokterl, da htten wir wieder miteinander zu schaffen! Die kleine,
ngstliche Gei will's nicht anders. Aber diesmal wird' ohne Konsilium gehen.
Also los! Sehen Sie meine Hand an, und dann sagen Sie vor allem der armen Gei
da, da sie sich beruhigen soll. Und schicken Sie das Mdel in die frische Luft
hinaus!
    Mit besorgtem Blick musterte der Doktor Kittys erschpftes Gesicht. Ja,
Komtesse, Ihr Herr Vater hat recht. Soweit mir Fritz die Verletzung schildern
konnte, scheint die Sache ja wirklich ganz unbedeutend. Sie aber scheinen
dringend einer Erholung bedrftig. Machen Sie eine kleine Spazierfahrt!
    Eine ausgiebige! fiel Graf Egge ein. Komme mir unter drei Stunden nicht
nach Hause!
    Kitty zgerte; es widerstrebte ihr, den Kranken zu verlassen; aber bei dem
Gedanken an Tassilo war es ihr doch willkommen, da der Vater auf seinem Willen
bestand - zwei Stunden schon gengten ihr, um den Bruder von der Bahn zu holen,
ihn auf alles vorzubereiten, was seiner in Hubertus wartete. Zrtlich kte sie
den Vater auf die Stirn und streichelte ihm das graue Haar; ihre Augen
schwammen, als sie die Stube verlie.
    Der Doktor atmete auf; schon der erste flchtige Blick, den er auf die
verletzte Hand geworfen, hatte ihn wnschen lassen, mit Graf Egge allein zu
sein. Nun sollte ihm Moser helfen, den Oberkrper des Kranken zu entblen.
    Wozu das? murrte Graf Egge.
    Es ist ntig, Erlaucht.
    Der rechte rmel der Joppe umspannte die Schwellung des Ellbogens so fest,
da er sich nicht mehr abstreifen lie; man mute ihn der Lnge nach
entzweischneiden.
    Vor dem Fenster rollte der Wagen vorber und fuhr in jagendem Trab durch die
Ulmenallee. Kitty sa in ihren Mantel gewickelt und trieb zuweilen mit einem
stammelnden Wort den Kutscher zur Eile an. Was ihr Herz erfllte mit zehrender
Sorge, redete aus ihren verstrten und erschpften Zgen. Doch wie die
strahlende Frhlingssonne immer wieder durch die grau ziehenden Wolken brach,
wie in den klatschenden Tropfenfall der Bume sich das se Gezwitscher der
Vgel mischte, so klang in allen Sorgensturm ihrer Seele immer wieder das Wort
des Vaters: Geilein! Dem hab' ich gefallen. Und er mir auch!
    Der frische Lufthauch, der bei der raschen Fahrt ihre Wangen umfchelte,
linderte ihre Erschpfung und betubte sie zugleich; das Gerttel und Gerassel
des Wagens lullte ihre Sinne ein; die warme Sonne, die immer seltener hinter den
sich zerteilenden Nebeln verschwand, umkoste sie und legte sich wie mit linder
Hand auf ihre mden Lider. -
    Als Kitty aus dem Schlummer aufschreckte, der sie wider Willen befallen
hatte, hielt der Wagen vor der Station. Da fuhr auch der Zug schon in den
Bahnhof ein. Ein paar Dutzend Leute stiegen aus. Mit angstvollem Blick berflog
Kitty die Menschen, die an ihr vorbergingen. Den einen, den sie suchte, wollten
ihre Augen nicht finden.
    Schon standen alle Wagen leer, und die Lokomotive dampfte in die Remise.
    Tassilo war nicht gekommen. Hatte er den Zug versumt, oder -? Neuer Schreck
umklammerte Kittys Herz. Und was sollte sie tun? Den nchsten Zug erwarten? Drei
Stunden? Die Sorge um den Bruder hielt sie fest, die Sorge um den Vater trieb
sie nach Hause. In der Amtsstube des Stationsvorstehers warf sie mit zitternder
Hand einige Zeilen nieder und bat den Beamten, das Blatt ihrem Bruder zu
bergeben, wenn er mit dem nchsten Zuge kme. Den Wagen lie Kitty warten und
fuhr mit einem gemieteten Einspnner nach Hubertus zurck.
    Der Beamte konnte sich seines Auftrages entledigen: Graf Tassilo traf um
zwei Uhr nachmittags ein. Sein ernstes Gesicht wurde, als er Kittys Zeilen las,
noch um einen Schatten blsser. Er reichte dem Beamten die Hand, und seine
Stimme schwankte: Ich danke Ihnen! Dann eilte er zum Wagen und mahnte den
Kutscher: Treiben Sie die Pferde!
    Und whrend er bei jagender Fahrt an das Unglck des Vaters dachte, an die
Begegnung mit ihm, an den Kummer der Schwester und an ihre Zukunft, stand vor
seinen Augen noch immer das Erlebnis, das ihn den Frhzug hatte versumen
lassen.
    Um vier Uhr morgens hatte er Kittys Depesche erhalten. Diese halbe, in ihrer
hilflosen Fassung doch so deutlich redende Nachricht legte sich mit eisiger Hand
um sein Herz. Und neben der erschtternden Sorge qulte ihn die Frage: ob der
Vater um diese Mitteilung wute, um diesen verzweifelten Hilfeschrei, mit dem
die Schwester den Bruder rief? Aber durfte er noch berlegen? Er mute reisen.
Auch auf die Gefahr, da er vor dem Parktor von Hubertus wieder einen wehrenden
Arm finden und eine Beleidigung erfahren wrde, wie damals an jenem schwarzen
Morgen! Der Vater in seinem Unglck und die Schwester in ihrem Kummer bedurften
seiner. Er mute reisen. Wann ging der erste Zug? In einer Stunde. Noch
gengende Zeit! Und Anna? Durfte er sie mit dieser Sorge belasten? Mute in ihr
- deren schlummerloser Wunsch die Ausshnung ihres Gatten mit dem Vater war -
durch diese Reise nicht auch eine Hoffnung erweckt werden, die mit Enttuschung
enden konnte? Nein, Anna durfte den Grund dieser Reise nicht erfahren, ehe nicht
alles geklrt, nicht jeder Schatten zerstreut wre. Ein Telegramm htte ihn in
dienstlicher Angelegenheit unerwartet abgerufen - so instruierte er den Diener
und traf in Hast die Vorbereitungen fr die Reise.
    Der Morgen graute, als er auf die stille Strae trat; dnner Regen rieselte,
und fahl brannten die Laternenflammen in der trben Dmmerung. Schon wollte
Tassilo in den Wagen steigen. Da hrte er das Klirren eines Schleppsbels. Ein
Offizier kam auf ihn zugegangen.
    Graf Egge?
    Baron Drwall?
    Ich wollte Sie soeben in Ihrer Morgenruhe stren. Eine mehr als peinliche
Sache -
    Verzeihen Sie, Baron! Eine Reise, die keinen Aufschub duldet - ich bitte
Sie herzlich, zu entschuldigen -
    So mu ich Ihnen hier auf der Strae sagen, um was es sich handelt. Um Ehre
und Leben Ihres Bruders.
    Tassilo erbleichte. Ich bitte - Er ging zur Tr und lie Baron Drwall
eintreten.
    Schweigend stiegen sie die Treppe hinauf. In Tassilos Zimmer brannte noch
die Lampe, und ihre rtliche Helle kmpfte mit dem grauen Frhlicht, das durch
die Fenster quoll.
    Baron Drwall warf den nassen Mantel ab, setzte sich und legte die Mtze
ber den Sbelkorb. Da Ihre Minuten kostbar sind, und Umschweife den Vorfall
nicht mildern, vermeide ich jedes berflssige Wort. Ihr Bruder hat heute nacht
gespielt, mit zherem Pech als je. Er wollte eine gnstige Chance erzwingen und
steigerte die Einstze in einer Weise, da die Kameraden sich vom Spiel
zurckzogen. Sein einziger Gegner blieb Marchese d'Alanto, der die Bank hielt
und jeden Einsatz annahm. Robert doublierte Karte um Karte, aber die Bltter
sprachen mit einer Hartnckigkeit gegen den armen Jungen, da er sich
schlielich in seiner Erregung zu einer mehr als unvorsichtigen uerung
hinreien lie. Marchese d'Alanto warf ihm die Karten ins Gesicht. Und jetzt -
Baron Drwall verstummte; er schien auf ein entgegenkommendes Wort zu hoffen.
    Tassilo schwieg.
    Die Sache ist leider von einer Art, da ihre Ordnung keinen Aufschub
duldet. Vor jedem anderen Schritt mu diese Spielschuld aus der Welt geschafft
werden. Der arme Junge ist in bser Klemme. Wir knnen ihm nicht helfen, die
Summe geht ber unsere Krfte. Das Arrangement der Sache durch ein Geschft
wrde Zeit verlangen. So bleiben nur zwei Wege: eine offene Depesche an seinen
Vater -
    Unmglich! Tassilos Stimme bebte. Mein Vater ist leidend, und ich mchte
ihm diese Erregung um jeden Preis erspart wissen!
    Also der andere Weg: Ihre Hilfe!
    Tassilo erhob sich. Mein Bruder wei um Ihren Besuch?
    Drwall wurde verlegen. Dieser Weg war mein Vorschlag. Ihr Bruder wies ihn
allerdings energisch zurck, aber - er hinderte mich nicht, zu gehen.
    Und die ntige Summe?
    Baron Drwall zgerte. Vierhundertzwanzigtausend.
    Tassilo ging zum Schreibtisch und nahm das Scheckbuch aus einer Lade. Mit
ruhiger Hand fllte er das Blatt aus und unterschrieb. Er verfgte mit diesem
Federstrich fast ber alles, was er besa, ber sein mtterliches Erbe und ber
die Hlfte dessen, was er im Laufe der vergangenen Jahre durch Arbeit erworben
hatte.
    Als Tassilo die Feder niederlegte, sagte Drwall: Ich danke Ihnen, Graf, im
Namen Ihres Bruders.
    Ich kann auf Dank keinen Anspruch erheben, da ich an meine Hilfe eine
Bedingung knpfen mu. Ich ermchtige Sie, Baron, diesen Scheck meinem Bruder
auszufolgen - gegen einen Revers, in dem sich Robert verpflichtet, sofort nach
Ordnung dieser Sache um seinen Abschied einzukommen.
    Graf Egge! Diese Bedingung ist hart.
    Diese Bedingung ist geboten durch die Rcksicht auf meinen Vater und ist
eine Forderung des Degens, den Robert bisher getragen. Oder wollen Sie, Baron
Drwall, die Garantie bernehmen, da mein Bruder mit dem heutigen Tag von
seiner unglckseligen Leidenschaft geheilt ist? Und da er sich fr die Zukunft
von Konflikten fernzuhalten wei, die unvertrglich sind mit der keinen Makel
duldenden Ehre eines Offiziers?
    Drwall schwieg.
    So bedaure ich, in Wrdigung des Rockes, den auch Sie tragen, Baron, diese
Bedingung aufrechterhalten zu mssen.
    Er ist gezwungen, sie anzunehmen. Und ehrlich gesprochen, ich mu Ihnen
recht geben. Nun verzeihen Sie mir die unbehagliche Stunde -
    Sie war nicht unbehaglich, nur ernst.
    Baron Drwall warf den Mantel um die Schultern.
    Tassilos Stimme verlor ihren ruhigen Klang. Ich darf Sie wohl bitten, mir
ber den Verlauf dieses Tages Nachricht zu geben?
    Wohin?
    Nach Hubertus.
    Hoffentlich kann ich Ihnen Gutes melden, die Sache wird ja wohl glimpflich
verlaufen.
    Das gebe der Himmel! Und wenn alles erledigt ist, nicht frher, bitte ich,
Robert mitzuteilen, da sein Vater schwer leidend ist.
    Als Tassilo allein war, zog er die Uhr. Noch zwlf Minuten. Es wre noch
mglich! Sein Blick haftete an dem Bild seiner Frau, das auf dem Schreibtisch
stand. Er hatte sie arm gemacht, aber er wute, sie wrde lcheln dazu! Diese
Stunde hatte das hliche Wort beglichen, das Robert gegen Anna ausgesprochen -
nun hatte sie ihm geholfen!
    Durch die Fenster brach der helle Tag. Das Frhlicht hatte roten Schein.
    Tassilos Pferde jagten zum Bahnhof. Der Zug hatte die Halle schon verlassen.
Drei volle Stunden bis zum nchsten Zug.
    Um die Zeit zu verbringen und mit sich allein zu sein, fuhr Tassilo mit dem
Wagen bis zur zweiten Station.
    Und nun lag das Ziel vor ihm! Was sollte ihn in Hubertus erwarten? Welche
Nachricht sollte der Abend aus Mnchen bringen? Drei Uhr schon! Vielleicht waren
in jenem hlichen Spiel die bleiernen Wrfel bereits gefallen? Wie hatten sie
entschieden? Eine dumpfe Angst whlte in ihm - sie galt dem Vater und galt dem
Bruder.
    In der Tiefe der Waldstrae tauchte die Parkmauer von Hubertus auf, und eine
gellende Stimme klang: Tas! Tas! Umflattert von den Falten des schwarzen
Kleides, eilte Kitty dem Bruder entgegen. Ehe die Pferde halten konnten, sprang
sie in den Wagen und hing an Tassilos Hals. Sie fand nicht viel Worte, um ihn
vorzubereiten. Ihr Schmerz redete eine kurze, deutliche Sprache. Stumm hielte
Tassilo die Weinende umschlungen, whrend der Wagen in der Ulmenallee am leeren
Adlerkfig vorberrollte. Als zwischen den Bumen das Schlo erschien, fragte
Tassilo: Wei er, da ich komme?
    Nein. Ich habe versucht, die Rede auf dich zu bringen. Er lie mich nicht
weitersprechen. Dann wurde er unruhig - ich glaube, er frchtet, da ich dir
Nachricht schickte.
    Der Wagen hielt, Doktor Eisler erwartete ihn.
    Ihr Vater verlangt nach Ihnen, sagte der Arzt zu Kitty, aber bitte,
beherrschen Sie sich! Jede uerung Ihres Schmerzes bedrckt ihn. Seine Augen
sehen nicht, aber sein Gehr empfindet doppelt scharf.
    Kitty trocknete die Wangen. Er soll keinen Laut von mir hren. Sie sah zu
ihrem Bruder auf. Und du?
    Ich komme.
    Whrend Kitty zum Vater ging, wanderte Tassilo mit Doktor Eisler in den Park
hinaus. Er las es schon aus dem Blick des Arztes, da er Schweres hren sollte.
    Was sagte Ihnen Ihre Schwester? fragte der Doktor.
    Da das Leben meines Vaters in Gefahr steht.
    Das mute ich ihr sagen. Aber verschwiegen hab' ich ihr, wie nah diese
Gefahr ist. Ihnen gegenber, und wenn ich Ihnen auch Kummer verursache, mu ich
wahr sein. Machen Sie sich auf das Schlimmste gefat! Ihr Vater ist verloren.
Blutvergiftung. Das Wort ist unerbittlich.
    Bleich fiel Tassilo auf eine Gartenbank und bedeckte das Gesicht. Es whrte
lange, bis er zu sprechen vermochte.
    Blind? Und jetzt der Tod? Unerbittlich?
    Der Proze nimmt einen rapiden Verlauf. Bei der ersten Untersuchung,
vormittags zehn Uhr, hoffte ich, da eine Ablsung der Hand noch Rettung bringen
knnte. Ich lief nach Hause, um alles vorzubereiten. Als ich kam, um Ihrem Vater
die Wahrheit zu sagen und seine Einwilligung zu erwirken, sah ich, da auch eine
Wegnahme des ganzen Armes nicht mehr gefruchtet htte. Nun schwieg ich. Htt'
ich den Kranken nutzlos qulen sollen? Ich linderte seine Schmerzen. Nun ist
sein Zustand ein ertrglicher.
    Und ahnt mein Vater -?
    Das kann ich nicht sicher beantworten. Er beherrscht sich, seiner Tochter
zuliebe. Aber er macht sich wohl seine Gedanken - wenigstens hat er selbst die
Frage gefunden: Gift im Blut? Ich habe natrlich verneint.
    Und wie lange - Tassilos Stimme versagte, wie lange geben Sie ihm noch
Frist?
    Bis morgen. Mit dem Abend, frchte ich, werden die stillen Delirien und die
Schlafsucht beginnen. Das ist der Vorbote des uersten.
    Tassilo schwieg.
    Doktor Eisler sagte: Es ist mir schwer geworden, Ihnen das mitzuteilen. Es
geht mir auch selbst zu Herzen. Gerade jetzt. Ich habe bse Zeiten. Der To
schlgt um sich wie zur Faschingszeit der Hanswurst mit seiner Peitsche. Und
berall versagt mein Brselchen Wissen. Ihr Vater ist ein Greis, dessen Zeit
gemessen war. Ihm kommt die letzte Stunde wie eine Erlsung aus dunkler Qual.
Aber andere! Liebe Kinder und blhende Jugend! Ich habe harte Zeiten. Die Augen
des alten Mannes wurden feucht. Darf ich gehen, Herr Graf? Auf mich wartet ein
gutes, liebes Mdel, das mit dem Tode ringt. Ein freundliches Menschenglck
droht mit diesem Leben zu versinken. Dort bin ich ntig. Hier kann ich nichts
mehr helfen. Darf ich gehen? In einer Stunde knnte ich wiederkommen.
    Gehen Sie! stammelte Tassilo und drckte die Hand des Arztes. Sie
schieden, und whrend Doktor Eisler sich rasch entfernte, trat Tassilo in das
Schlo. Im Flur schrieb er eine Depesche an Forbeck: Kommen Sie morgen mit dem
ersten Zug. Kitty bedarf eines Trostes. Mein Vater der Auflsung nahe. Bitte
Sie, Anna schonend vorzubereiten.
    Nun kam fr ihn das Schwere - dieses Wiedersehen mit dem Vater!
    Moser trug eine Flasche mit frischem Wasser in die Kruckenstube, aus welcher
Kittys eintnige Stimme klang. Hinter dem alten Jger trat Tassilo lautlos ber
die Schwelle.
    Kitty sa neben dem Bett des Vaters in einem niederen Fauteuil, Kobells
Wildanger auf dem Scho. Als sie den Bruder eintreten sah, stockte ihre Stimme
fr einen Augenblick. Dann las sie weiter: Wer den lustigen Spielhahn in seiner
hochzeitlichen Freude kennenlernen will, mu ihn auf dem Platz belauschen, wo er
am frhen Tag seinen Tanz beginnt. Das ist ein Springen und Laufen im Reigen und
ein Blasen und Gurgeln in munterem Wechsel. Whrend der Auerhahn nur der
verschwiegenen Nacht seine Klagen vertrauen will und zeitweise in
berschwenglicher Liebesphantasie den Kopf verliert, zeigt sich der Spielhahn
aufgeweckt, frhlich und herausfordernd. Kommt ihm ein anderer Hahn zu nahe, so
geht es gerne an ein heftiges, erbostes Raufen; sie schreiten mit halb gehobenen
Flgeln und gestrubten Federn aufeinander los, wobei sie sich oft beim Angriff
gegenseitig umwerfen und auf dem Rcken liegen, da man ber dem komischen
Anblick das Schieen vergit - -
    Ein mattes Lachen brach von Graf Egges blulichen Lippen.
    Erschttert bis ins Innerste, stand Tassilo neben der Tr. Was war aus
diesem Riesen an wilder Kraft und eiserner Gesundheit geworden, wie er seit
jener letzten Szene vor der Dippelhtte in Tassilos Erinnerung lebte: starr und
unbeugsam, mit dem zornflammenden Gesicht und den blitzenden Falkenaugen! Was
hatte sein Dmon aus ihm gemacht! War das noch der gleiche Mensch? Dieser welke,
gebrochene Greis, der in den zerwhlten Kissen des Bettes lag, die Zge
entstellt, die Augen glanzlos und erblindet, die Glieder abgezehrt, den Arm, in
dessen Adern der Tod schon nach dem Sitz des Lebens rollte, von dicken
Leinwandbndern umschlungen? Und das sein Vater? An dem das Herz des Sohnes,
obwohl es den Sto dieser knchernen Faust empfunden, mit allen Fibern hing! Das
hatte Tassilo in keiner Stunde seines Lebens tiefer empfunden als in dieser
Stunde des Wiedersehens, die das Scheiden fr immer brachte.
    Eine Schwche fiel ihm in die Knie, und whrend Moser die Stube verlie,
ging Tassilo auf den Lehnstuhl zu und lie sich niedersinken.
    Hastig erhob Graf Egge den Kopf, und seine Zge spannten sich. Er machte mit
der Linken eine Bewegung gegen Kitty, da sie schweigen sollte.
    Wer ist hier gegangen?
    Keine Antwort kam.
    Wer ist hier gegangen, frag' ich?
    Moser! stammelte Kitty. Moser war hier. Er brachte Wasser und hat in
diesem Augenblick das Zimmer verlassen.
    Moser? So? Moser? Wirklich? Graf Egge lie den Kopf zurcksinken. Mir
war, als htt' ich noch einen anderen gehrt. Einen anderen - Seine Stimme
versank.
    Was meinst du, Papa?
    Schon gut! Ich will mich geirrt haben.
    Kitty tauschte einen bekmmerten Blick mit dem Bruder und fragte lispelnd:
Soll ich weiterlesen, Papa?
    Nein Geilein! Ruh' dich aus! Ich danke dir. Bist ein guter Kerl!
    Schweigen war im Zimmer; die Trnen rollten ber Kittys Wangen, whrend
Tassilos Augen am Vater hingen, der regungslos in den Kissen lag und zuweilen
den Atem anhielt, als lauschte er.
    So verging eine Stunde.
    Geilein?
    Ja, Papa?
    Lies mir wieder! Deine Stimme tut mir wohl. Willst du?
    Gerne, Papa.
    Whrend Kitty las, wurde Graf Egge unruhig; dann pltzlich griff er mit der
Linken unter sthnendem Laut nach seiner kranken Schulter. Herrrr, da fngt es
schon wieder an! Das ist nicht mehr auszuhalten. Den Doktor! Er soll mir wieder
eine Ration verabreichen wie vorhin. Das hat geholfen.
    Erschrocken eilte Kitty aus der Stube. Tassilo war aufgesprungen.
    Als Graf Egge hrte, da die Tr geschlossen wurde, hob er sich aus den
Kissen und tastete mit der Linken an sich herum. Dann sa er regungslos, das
zitternde Kinn auf der Brust, und starrte mit den toten Augen vor sich hin. Und
raunte: Pfui! - Pfui! - In mir fliegen die Raben - scheint mir! - Raben? Sein
Mund verzerrte sich. Unsinn! Raben? Ich bin Adlerfra! Zuerst die Augen. Dann
alles andere. Das ist so ihre Art. Ich kenne sie.
    Tassilo griff nach der Lehne des Sessels, und das alte Mbel chzte.
    Lauschend hob Graf Egge das Gesicht. Ist jemand da?
    Kitty erschien in der Tr. Doktor Eisler ist hier, Papa! Da kommt er schon
-
    Der Arzt trat in die Stube und zum Bett. Guten Abend, Erlaucht! Wie fhlen
Sie sich?
    Graf Egge schwieg eine Weile. Dann sagte er mit umflorter Stimme: Geilein,
la mich allein mit ihm!
    Ja, Papa. Sie ging aus der Stube.
    Doktor? Sind wir jetzt allein?
    Ein flehender Blick Tassilos traf den Arzt.
    Ja, Erlaucht.
    Dann wollen wir offen sein. Unter uns. Doktor, ich spr's - zu mir will
einer kommen, der Mangel an Fleisch und berflu an Knochen hat. Rcken Sie
ehrlich heraus mit der Sprache! Diese drei Buchstaben werde ich auch noch
verdauen knnen! Tod? Es hrt sich bel an. Aber einmal mu es kommen hinter
allem Leben, wie hinter jedem Schu der Brand. Und besser die groe Nacht als
diese kleine vor meinen Lichtern. Ehrlich, Doktor? Das Biest mit seiner Aasklaue
hat mir den Rest gegeben? Auch ein Jgertod. Aber kein schner! - So reden Sie
doch!
    Aber liebe Erlaucht - stammelte der Arzt.
    Ach so, Sie werden zrtlich? Na, dann wei ich, da es um die letzte
Patrone geht. Dann bestellen Sie mir den Pfarrer! Ich will rechtzeitig mit dem
Himmel auf gleich kommen, oder ich gerate da drben in schlechtes Revier. Und
sagen Sie - Graf Egge unterbrach sich, und seine Stimme bekam anderen Klang.
Wer atmet hier? Ich hr' ihn. Ganz deutlich. Und der hat ein schweres Herz!
Graf Egge lauschte. Er hrte den Schritt des Doktors, der die Stube verlie. Als
die Tr geschlossen war, tastete Graf Egge mit der Linken ins Leere und
murmelte: Komm her, Tas! Ich wei, du bist es.
    Vater!
    Tassilo strzte vor dem Bett auf die Knie und bedeckte die welke Hand mit
Kssen. Graf Egge hob ihn auf und rckte an die Wand. Zu mir! Komm! Setz' dich
zu mir! Wir wollen kurze Rechnung machen. Einen Strich unter alles! Sag' mir
eines: Bist du glcklich?
    Ja, Vater! Und was mir noch fehlte, halt' ich jetzt in meiner Hand.
    Hast du deine Frau bei dir? Nicht? So la sie kommen! Oder nein! Lieber
nicht! Ich hrte, sie ist eine Dame von Geschmack. Ich wrde ihr bel gefallen.
Graf Egge sank in die Kissen zurck, und seine Stimme wurde matt. Bs hat die
Jagd mich zugerichtet. Es kam, wie du sagtest, Tas! Meine Kinder hat sie mir
genommen, meine Kraft, meine Augen, meine Hand, und jetzt frit sie mich auf mit
Haut und Haaren. Aber schadet nichts. Ich liebe sie doch. Und glaube mir, Tas,
sie ist eine edle Freude. Es gab eine Zeit, in der ich sie so genossen habe.
Aber ich war ein Nimmersatt und hab' ihr schnes Bild zum Scheusal gemacht. La
dich nicht abschrecken durch mein Beispiel! Du bist wohl ein Jger, da Gott
erbarm'. Aber du bist auch ein Mann, der kann, was er will. Wenn du dir Mhe
geben mchtest, knnte aus dir noch ein prchtiger Jger werden Tu es mir
zuliebe, Tas! Ich knnte mich nicht ruhig zum letzten Schnapper hinlegen, wenn
ich denken mte, da mein schnes Revier zerfllt und verwstet wird. Versprich
mir, Tas, da du meine Jagd in gutem Stand erhalten willst.
    Ja, Vater!
    Dein Wort?
    Mein adeliges Wort!
    Jetzt verlang', was du willst, jetzt kannst du alles von mir haben! Die
Worte klangen schleppend, kaum noch verstndlich. Was - willst - du?
    Nichts fr mich. Da ich Friede habe mit dir, ist alles, was ich mir
wnsche. Aber eine wei ich, Vater, die htte eine groe Bitte an dich auf dem
Herzen. Die Bitte um das Glck ihres Lebens!
    Meinst du - die kleine - Schmalgei? Graf Egge nickte mhsam. Was - will
sie?
    In Hast, tief und schmerzvoll bewegt, redete Tassilo dem Glck seiner
Schwester das Wort. Whrend er schilderte, wie Kitty und Forbeck sich
kennenlernten, whrend er von dem redlichen Charakter des jungen Knstlers
sprach, von seiner reichen Begabung, von seiner schnen Zukunft, hatten Graf
Egges Zge einen Ausdruck, der verriet, da er lauschte und verstand. Allmhlich
aber fhlte Tassilo, wie der Druck der drren, heien Finger, die er mit beiden
Hnden umschlossen hielt, sich linderte und lste. Erschrocken verstummte er und
sphte in das Gesicht des Vaters. Graf Egge lag ruhig, mit schweren Atemzgen;
die gerteten Lider waren halb ber die starren Augen gesunken, und wie ein
versteinertes Lcheln lag es um den welken Mund.
    Vater?
    Keine Miene zuckte in dem mden Antlitz. Graf Egge schlief.
    Es rieselte kalt durch Tassilos Herz. Er wute, was dieser Schlaf bedeutete.
Er wute, da das Ende begann, und in den Schmerz, der ihn um den Vater
erfllte, mischte sich die bedrckende Erkenntnis, da keine Stunde mehr kommen
wrde, in der Graf Egge mit klaren Sinnen ber die Zukunft seiner Tochter
entscheiden knnte. Tassilo prete die zitternden Hnde an seine Stirn. Sollte
ber den Lebensweg seiner Schwester der Schatten des Gedankens fallen, da sie
ein Glck geno, das die Zustimmung des Vaters nicht gefunden? Tassilo erhob
sich. Er fand die Schwester im Flur. Leise weinend sa sie neben der Tr. Moser
stand bei ihr und trstete sie mit stotternden Worten. Als sie den Bruder sah,
taumelte sie in seine Arme. Tas? Ich habe deine Stimme gehrt - und die seine?
    Er umschlang sie und flsterte ihr ins Ohr: Wir sind vershnt. Und ich habe
mit ihm gesprochen von dir und deinem Hans! Der Vater nickte und lchelte.
Sprechen konnte er nimmer.
    Aufschluchzend streckte Kitty die Arme nach der Tr. Tassilo hielt sie
zurck. Er schlft. Weck' ihn nicht! Der Schlummer lindert seine Schmerzen.
    Lautlos traten sie ein. Unter Trnen, zrtlich drckte Kitty ihre Lippen auf
die regungslose, glhende Hand des Vaters. Tassilo zog die Schwester auf seinen
Scho. So saen sie zu Fen des Lagers.
    Schweigende Stunden verrannen. Manchmal murmelte Graf Egge im Schlaf. Das
Licht des Abends leuchtete rot in die Stube und wurde grau. Moser brachte die
Lampe, und Gundi Kleesberg kam, mit dem nassen Bund um die Stirn; vor Migrne
vermochte sie kaum die Augen zu ffnen, aber sie lie sich nicht wieder
fortschicken.
    Immer lauter klangen die Worte, die Graf Egge im Schlummer lallte. Er redete
wirr. Von Jagd und Jagd. rgerlich zankte er mit einem Jger, staunte ber das
abnorme Gehrn eines Bockes, whnte unter dem Adlerhorst zu stehen und befahl,
die Leiter aufzuziehen. Dann wollte er mit mattem Sthnen mit beiden Hnden nach
seinen Augen greifen. Der kranke Arm versagte. Ein schmerzliches Zucken fuhr
durch seinen Krper, und Graf Egge richtete sich auf. Tas? Was wollt' ich
sagen? - Richtig, ja, da du heuer den Abschu beschrnken mut! Im letzten Jahr
hab' ich toll gewirtschaftet. Das mut du wieder einholen, oder die Jagd leidet!
- Wer kommt?
    Moser hatte die Stube betreten, deutete mit dem Daumen hinter sich und
machte ein Kreuz in die Luft.
    Vater! Der hochwrdige Herr ist hier, sagte Tassilo, bist du bereit, ihn
zu empfangen?
    Ja! Graf Egges Stimme klang ruhig und klar. Aber nicht so, wie ich hier
liege. Moser! Ruf den Fritz, er soll dir helfen, mich anzukleiden. Und bring'
mir von meinem Jagdzeug das Allerbeste: die gute Sommerjoppe - sie hat weite
rmel - meine neue Lederhose und die grne Weste mit den schwarzen Hirschgranen!
Den lieben Herrgott mu man in Gala empfangen. Und man darf ihn nicht warten
lassen. Flink!
    Vater! stammelte Tassilo. Ich bitte dich, deine Krfte zu schonen! Dein
frommer Wille hat Feiertagsgewand -
    Widersprich nicht, Tas! Ich will es. Das war ein Ton, der an vergangene
Zeiten erinnerte. Gundi? Sind Sie hier? Fhren Sie die kleine Gei hinber!
Oder ich steige vor euch beiden aus dem Bett. Das drfte kein vergnglicher
Anblick sein. Flink, Moser!
    Sie muten ihm den Willen tun.
    Als der Geistliche die Kruckenstube betrat, im Chorhemd und mit dem
Ziborium, sa Graf Egge vllig angekleidet und mit starrer Haltung im Lehnstuhl
und bekreuzte sich mit der Linken.
    Kitty und Gundi Kleesberg knieten vor der Tr im Flur.
    Tassilo war abgerufen worden. Die gerichtliche Kommission, die im Fall
Bruckner-Schipper amtierte und den Tatort in Augenschein genommen hatte, war in
Hubertus erschienen, um den Jagdherrn zu vernehmen. Erschrocken hrte Tassilo
von der blutigen Tragdie, die sich auf den Bergen abgespielt hatte. Als die
Beamten erfuhren, in welchem Zustand Graf Egge sich befnde, verzichteten sie
auf die Einvernahme und entfernten sich. Am Ausgang der Ulmenallee begegnete
ihnen der Postbote und grte: Recht guten Abend!
    Tassilo, der in das Schlo zurckkehren wollte, hrte die Stimme und rief in
das sinkende Dunkel hinaus: Bringen Sie eine Depesche?
    Ja, Herr Graf!
    Tassilos Hnde zitterten, als er auf der Veranda im Schein der Laterne das
Blatt ffnete. Er las - und Blsse rann ihm ber das Gesicht. Sie spielen - und
beschimpfen sich - und der eine streicht den Gewinn ein und jagt dem andern das
Blei durchs Herz! Und das heit Ehre bei ihnen! Da tnten Schritte aus dem
Flur, wirres Gerusch und ein schluchzender Schrei. Die Depesche verbergend,
strzte Tassilo ins Haus.
    Graf Egge war ohnmchtig geworden, kaum da er die heilige Wegzehrung
empfangen hatte. Mhsam entkleidete man den Bewutlosen und brachte ihn zu Bett.
Seine Ohnmacht ging in Schlummer ber, in stille Delirien. Das whrte die ganze
Nacht. Gegen Morgen kam er zur Besinnung und wischte sich mit der Linken den
Schwei vom Gesicht.
    Wer ist bei mir?
    Tassilo fate seine Hand. Ich, Vater, deine kleine Gei und die Gundi
Kleesberg.
    Einer fehlt. Und ich wei, er kommt nicht mehr. Tas! Nimm du dich seiner
an! Aber ich frchte, da ihm nicht mehr zu helfen ist. Ein schwerer Seufzer
lste sich aus der Brust des Kranken. Ist das deine Hand, Tas, die ich halte?
    Ja, Vater! Tassilos Stimme war tonlos.
    Und du, Geilein? Komm! Leg' deine Hand dazu! Tas wird dir den Vater
ersetzen, und die Kleesberg wird dir eine Mutter sein - freilich eine etwas
rapplige -, nichts fr ungut, Sie guter alter Haubenstock! Die beiden, liebe
Schmalgei, werden sorgen fr dein Glck -
    Vater! Vater! Schluchzend schmiegte Kitty ihre Wange an die Schulter des
Vaters.
    Was machst du da fr Geschichten, kleine Gei! Nimm dich zusammen! Sei
meine Tochter! Stark! - Gundi! Nehmen Sie das Kind! - Und du, Tas, la unsere
Leute kommen! Und die Jger! Meinen braven Franzl! Der hat fest zu mir gehalten.
Jetzt soll er mir auch Waidmanns Heil wnschen zur Pirsch ber alle Berge. Den
halte dir warm, Tas! Das ist ein feiner Kerl. Sei auch den anderen ein guter
Jagdherr! Sie verdienen es. Nur einer nicht! Graf Egges Stimme klang heiser,
und zwischen den verzerrten Lippen blinkten die Zhne. Tas! Ich warne dich vor
ihm. Der Schuft hat Aasgeruch an sich wie der Horst in der Hangenden Wand. Und
Fnge hat er wie mein letzter Adler. Das zuckt nur ein bichen - du merkst es
nicht - und bist vergiftet! Setz' ihn hinter Schlo und Riegel! In den Kfig!
Nein, Tas - den Kfig - rei den verfluchten Kfig nieder - er stinkt! Ich hab'
den Geruch in der Nase - zum Henker auch, so macht doch das Fenster zu! Der
Kfig stinkt! Das Fenster zu!
    Aber es ist ja geschlossen! stammelte Gundi Kleesberg.
    Graf Egge schien nicht zu hren; immer wirrer wurden seine Reden, und seine
Stimme versank in neubeginnendem Taumel. Eine Stunde lag er still, in dumpfem
Schlaf. Als die Dmmerung des erwachenden Tages durch die Fenster graute, wurde
er unruhig, und wieder begann das Raunen und Gemurmel: Jagd, Jagd, immer Jagd -
und Willys Name. Whrend die Kirchenglocke ihren Morgensegen in die wachsende
Helle sang, hob Graf Egge sich chzend auf und griff mit der Linken unter die
Kissen. Er zog einen Schlssel hervor und drckte ihn in Tassilos Hand. Nimm,
mein guter Junge, nimm! Sperr' den Schrank auf! Deine Hand ist sicher. Sperr'
auf und bring' mir die Rubinen! Links in der Lade liegen sie obenauf. So tu es
doch! Hrst du nicht, was ich sage? Die Rubinen bring' mir!
    Tassilo erfllte den Willen des Vaters, obwohl er sah, da das Fieber aus
ihm redete.
    Graf Egge, als die Tablette mit den blutrot funkelnden Juwelen auf seinem
Schoe lag, tastete mit zuckenden Fingern von Stein zu Stein und raunte:
Stimmt! Stimmt! Alle. Nur einer fehlt. Den hab' ich dir geschenkt. Komm, mein
guter Junge, nimm den da auch noch! Es ist mein schnster. Ich schenk' ihn dir.
Aber zeig' mir nicht dieses weie, wchserne Gesicht. Oder willst du jagen?
Komm, ich wei fr dich einen Kapitalhirsch. Meinen besten. Komm, ich fhre
dich. Und meine Bchse la ich daheim. - Ich kenne mich. Du sollst ihn haben!
Du! Hast du Patronen? Gut! Alles gut. Aber dreh' den blauen Rock um - die
goldenen Knpfe blinken - und wirf diese dummen Blumen weg, sie verpesten mir
den Wald. Leiser! Leiser! Nimm die Schuhe besser in acht - Graf Egges Zge
verschrften sich, seine Nase wurde spitz und vernderte die Farbe; sein
Oberkrper schrumpfte in sich zusammen, und die starren Augpfel quollen aus den
Lidern. Siehst du ihn? Dort, im Lager! Flink! Er verhofft schon - Keuchend
ging der Atem des Sterbenden. Her mit der Bchse! Du fehlst ihn ja doch! Eine
zuckende Bewegung des Armes, ein Laut wie ein Jauchzer, der in mattem Sthnen
erlosch - und Graf Egge fiel schwer zurck. Die Kugel sitzt. Da liegt er -
Seine Glieder streckten sich.
    Die Tablette mit den Rubinen glitt zu Boden, und kollernd hpften die
funkelnden Steine nach allen Seiten ber die Dielen.
    Von Jammer und Grauen erfllt und den Ernst des Augenblickes ahnend, starrte
Kitty zu ihrem Bruder auf. Als er die Arme nach ihr streckte, verstand sie, da
sie den Vater verloren hatte.
    Jetzt, in diesem fassungslosen Schmerz der ersten Trauerstunde, konnte sie
leichter hren, was ihr Tassilo nicht lnger verschweigen durfte: da der Tod
mit diesem Tage zwiefach in Schlo Hubertus eingezogen war.
    Die Lampe, die noch im Zimmer brannte, warf ihren trben Schein ber den
Toten und ber die Geschwister, die sich umschlungen hielten.
    Und drauen erwachte der Frhlingsmorgen mit reinem Blau, mit Duft und
leuchtenden Farben. Strahlend ging die Sonne ber die Berge, alle Zinnen in
Feuer tauchend.
    Immer schner wuchs der Tag, whrend vom Kirchturm das Zgenglcklein mit
seinen dnnen, abgehackten Klngen ber alle Dcher rief: Betet, Leut - betet,
Leut - betet, Leut -
    Einer der erste, den die im Dorf umlaufende Kunde von Graf Egges Ableben
erreichte, war Franzl. Atemlos kam er ins Schlo gerannt und stand erschttert
vor seinem still gewordenen Herrn. Als er hrte, mit welchen Worten Graf Egge in
der letzten Stunde seiner noch gedacht hatte, fuhr ihm vor weher Freude das Blut
ins Gesicht. Moser, schau, er hat seine Mucken und Marotten ghabt, aber 's
Herz, ganz einwendig, 's Herz is gut gwesen. Und a Jager! Moser, so a Jager
kommt nimmer! Ds is noch einer gwesen aus der alten, guten Zeit. Oft hat er
ber d' Schnur ghaut - 's Jagerblut hat halt seine gachen Hitzen. Aber wenn's
golten hat, is er gstanden wie a Baum. Und kein Unrecht hat er leiden knnen,
gar keins! Ds wei ich, ds hab ich erlebt. Moser, Moser, so einer kommt so
bald nimmer! Weinen knnt ich um ihn, grad weinen! Franzl sagte das in der
Bedingungsform - er schien nicht zu wissen, da ihm der Bart von den Zhren
tropfte.
    Die Veranda begann sich mit Leuten zu fllen. Das halbe Dorf kam gelaufen -
die einen aus Pflicht oder Teilnahme, die andern aus Neugier.
    Zu Mittag kehrte der Wagen von der Bahn zurck. Grfin Anna kam mit Hans
Forbeck und Professor Werner. In wortloser Bewegung zog Tassilo die geliebte
Frau in seine Arme, und Kitty klammerte sich schluchzend an ihren Verlobten:
Hans! Wir drfen glcklich werden! Tas hat ihm alles gesagt. Und er hat genickt
und gelchelt - sprechen konnte er nimmer. Er war dir gut, Hans! Du hast ihm
gefallen. Das hat er mir selbst gesagt. Und da er deinen Taler noch immer htte
- als Erinnerung an dich!
    Whrend die beiden Paare im Sterbezimmer vor dem schlummernden Vater
standen, fiel die Sonne durch das offene Fenster. Drauen im Frhlingslaub der
Bume pisperten die Meisen und Finken.
    Bevor es Abend wurde, fingen die Glocken zu luten an. Zwei Schlfer wurden
in einem Grab zur Ruhe bestattet, der Jger neben dem Wildschtzen - Jochl
Schipper neben dem Bruckner-Lenzi. Jener Pirschgang vor vielen Jahren, am Morgen
des Johannistages, hatte sie zu Kameraden fr die Ewigkeit gemacht. Nach dieser
stillen Feier im Kirchhof gab es keinen Gsturitrunk beim Seewirt. Die Leute,
die der Bestattung beigewohnt hatten, zechten wohl bis spt in die Nacht, aber
auf eigene Kosten. Die Ereignisse der letzten Tage wurden auf der Bierbank unter
endlosem Disput errtert, man erinnerte sich der Grafenleich vom vergangenen
Herbst und sah der Wiederholung des Schauspiels mit Spannung entgegen. Diese
Neugier blieb ungestillt.
    In der folgenden Nacht verlie ein stiller Kondukt den Park von Hubertus und
nahm den Weg zur Bahn. Der Sarg wurde nach Mnchen gebracht, um in der
Familiengruft der Egge seinen Platz zu finden, Seite an Seite mit einem anderen.
    Ein ruhiger Tag kam ber Schlo Hubertus. Grfin Anna, Kitty und die
Kleesberg waren mit Hans und Werner schon am Morgen nach Mnchen abgereist.
Tassilo blieb noch bis zum Abend, um alles Ntige zu ordnen. Fr den Nachmittag
waren die Jger bestellt, um sich mit Handschlag ihrem neuen Jagdherrn zu
verpflichten; es stand auf ihren gebrunten, wetterharten Gesichtern zu lesen,
da sie unter dem neuen Herrn sich gute Zeiten versprachen; ein ausgiebiges Teil
ihrer Hoffnungen erfllte sich schon beim ersten Rapport; Tassilo erhhte ihre
Bezge, und um den strengen Dienst zu erleichtern, den sie bisher zu leisten
hatten, sollten zwei neue Jger aufgenommen werden.
    Der eine wird in den nchsten Tagen aus Mnchen kommen. Er ist ein
abgestrafter Wilddieb, aber ich wei, er wird ein braver Mensch und verllicher
Jger werden. Und ich erwarte, da ihm keiner von euch aus seiner Vergangenheit
einen Vorwurf machen wird. Nehmt ihn als guten Kameraden auf, er hat aus
Leidenschaft gefehlt, und das ist verzeihlich. In diesem milderen Sinne will ich
in meinen Revieren auch den Schutz gefhrt wissen. Tretet jedem ungesetzlichen
Eingriff mit Strenge entgegen, aber erspart euch und mir die Folgen jhzorniger
bereilung. Ich will edles Weidwerk pflegen und in meinen Revieren den Boden
grn erhalten. Und was den zweiten Jger betrifft - Hornegger? Glauben Sie, da
mit Patscheider zu reden wre? Der Mann war tchtig, ich mcht' ihn gerne
wiedergewinnen.
    Mar' und Joseph, Herr Graf, stotterte Franzl in Freude, an einzigs Wrtl,
und der Michl springt wie narrisch. Ich wei, er hat Heimweh.
    Gut, sprechen Sie mit ihm, Sie haben freie Hand, Hornegger! Und nicht nur
in dieser Frage. Sie sind von heut an mein Frster, der Leiter meiner Jagd. Es
war der letzte Wille meines Vaters, seine Jagd im besten Stand zu erhalten. Fr
die streng weidmnnische Erfllung dieses Wunsches wei ich mir keinen Besseren
als Sie, lieber Hornegger! Sie haben mein volles Vertrauen, und Ihr Wort hat den
Jgern zu gelten wie das meine. Auf Wiedersehen im nchsten Jahr!
    Tassilo empfing den festen Druck dieser braunen Fuste; dann gingen die
Jger; nur Franzl blieb noch; er stand wie angewurzelt, drehte den Hut zwischen
den Hnden und rang nach Worten. Herr Graf - Herr Graf - Mehr brachte er nicht
heraus.
    Schon gut, Franzl! Tassilo legte ihm die Hand auf die Schulter. Und wie
steht's daheim?
    In Franzls Augen wurde die Freude zu Wasser. Allweil im gleichen. Noch
allweil net besser. Der Herr Doktor macht schieche Augen an ds gute Madl hin!
    Jetzt nicht mehr! klang eine Stimme von der Tr. Doktor Eisler war
eingetreten. Ich komme gerade zu gutem Trost, wie mir scheint! Munter, lieber
Hornegger! Das Mdel hat's berklettert, das Fieber sinkt! Er fgte bei, da es
noch ein paar Tage dauern knnte, bis die Kranke aus der Bewutlosigkeit
erwachen wrde. Aber das hrte Franzl nimmer. Mit stammelndem Laut hatte er
einen Sprung zur Tr gemacht; den Abschied von seinem Herrn und den schicklichen
Dank fr die gute Botschaft des Doktors vergessend, strzte er in den Flur
hinaus, stie mit der Schulter an eine Sule der Veranda, da er taumelte,
sprang ber die Stufen hinunter und rannte - und rannte - -
    Doktor Eisler blieb bis zu Tassilos Abfahrt. Was sie miteinander zu reden
hatten, betraf den guten Jungen, der nicht einsam und getrennt vom Vater im
Friedhof des Dorfes schlummern sollte. Auch er sollte die Heimkehr finden in die
Erbgruft seines Geschlechtes.
    Der Abend war lau, und sanftes Geflster ging durch das Laub der Ulmen, als
Tassilo sich von Doktor Eisler verabschiedete und in den Wagen stieg. Seine
Augen glitten ber die stillen Fenster des Schlosses, ber den weiten Park und
zu den Bergen hinauf, deren Hhen vom Goldglanz des Abends so klar beleuchtet
waren, da man jeden Baum und jeden einzelnen Felsblock unterscheiden konnte. In
reiner Schnheit zeichneten sich die schimmernden Grate vom tiefen Blau des
Himmels ab, und ihre Schatten milderten sich im Duft der farbigen Lfte.

                                     * * *

    Zwei Tage spter wurde im Friedhof ein grn berwachsenes Grab geffnet. Und
whrend hier die Tragdie des Schlosses ihre letzte Szene fand, nahm an anderer
Stelle ein Satyrspiel der Bauernstube seinen Anfang.
    Im Steinbruch stand der Pointner-Andres vor dem mit Quadern beladenen Wagen;
er wollte mit der Ladung zur Bahn fahren, hatte die Pferde zur Deichsel gefhrt
und entwirrte gerade den ledernen Leitstrang, um den Riemen in die Zume
einzuschnallen. Da ging eine junge Dirn vorber; sie lchelte ganz merkwrdig,
als sie den Pointner gewahrte, der mit verdrossenem Gesicht an den Schlingen des
Riemens nestelte; ein paarmal guckte sie kichernd ber die Schulter, und an der
Waldecke blieb sie stehen und rief dem Pointner lachend zu: Du, Andresl, mir
scheint, du hast was Schns mit der Post kriegt. Ja! Grad hab ich den Biamtn bei
dir daheim einkehren sehen - der hat a blaus Rckerl an! Kichernd verschwand
sie.
    Eine Weile stand der Pointner regungslos, den Kopf mit dem Stiernacken
vorgestreckt, die Augen funkelnd; dann drehte er dem Gespann den Rcken, und mit
dem verschlungenen Riemen in der zitternden Faust ging er langen Schrittes dem
Dorfe zu. Als er sich seinem Gehfte durch die Grten nherte, gewahrte er, da
eine Magd sein Kommen bemerkt hatte und erschrocken in das Haus rannte. Er
nderte die Richtung seines Weges, und statt die Haustr zu suchen, lief er um
den Stall herum zu dem Hintertrchen, das aus der Kche ins Freie fhrte. Da
hrte er schon das Gewisper einer Stimme und das Klirren des Riegels. Die Tr
wurde aufgerissen, und einer im blauen Rckerl wollte das Weite suchen. Aber
der Pointner hatte schon die Faust geschwungen. Die Riemen pfiffen. Und auf dem
Gesicht des Herrn Postpraktikanten, der halb bewutlos gegen den Dngerhaufen
taumelte, brannten drei dunkelrote Striemen. Was weiter mit dem Gezeichneten
geschah, schien den Pointner-Andres nicht zu kmmern. Er hatte in der dunklen
Kche einen kreischenden Laut gehrt und war mit einem Sprung ber der Schwelle.
    Zwei Tren krachten ins Schlo, ein Gepolter und Geklirr lie sich
vernehmen, als wre ein Tisch umgefallen und ein Haufen Geschirr zu Boden
gestrzt. Und trotz der geschlossenen Fenster klangen aus der Stube des
Pointnerhofes zeternde Schmerzensschreie so laut in den Hofraum und auf die
Strae, da die Dienstboten zusammenliefen und die Nachbarsleute aus den Husern
sprangen. Nach einer Weile wurde es in der Stube des Pointners still, ganz
still. Mit rotem Gesicht trat der Bauer aus der Haustr. Er schien die
Dienstboten nicht zu sehen, die sich in Stall und Scheune verzogen. Schmunzelnd
hob er die Faust, betrachtete den Riemen und atmete erleichtert auf: Mein
lieber Herrgott, ich dank dir, da ich blo den Riem in der Hand ghabt hab! Und
net die Brechstang! Jetzt htte ich nimmer gfragt, mit was ich zuschlag. Er
blies die Backen auf und ging zur Strae.
    Vor dem Zaun des Frsterhofes stand die Horneggerin, mit dem Netterl auf den
Armen. Aber Andres! Andres! rief sie den Bauer an. Du wirst doch um Gottes
willen dein Weib net prgelt haben?
    Und ghrig auch noch! lautete die ruhige Antwort. Sie hat's verdient. Und
gsunde Schlg, ds is noch 's einzige, was ihr Mores beibringt. Ihr Vater hat's
versumt. Jetzt hab ich's wieder eingholt. Heut hat s' Respekt vor mir! Heut hat
s' betteln knnen: Verzeih mir's, Andres, verzeih mir, lieber Andres! Jaaa,
lieber hat s' gsagt! Pa auf, Nachbarin, aus der mach ich noch die Brvste.
Jetzt wei ich, was hilft bei ihr. Pa auf, die kriegt mich noch gern!
    Der Pointner ging seiner Wege und lachte. Dieses Lachen kam ihm freilich
nicht ganz von Herzen. Es war aber doch ein Lachen, aus dem es wie Hoffnung
klang.
    Kopfschttelnd sah die Horneggerin dem Bauern nach und kehrte zur Haustr
zurck, das kraushaarige Kpfchen des Kindes streichelnd, das im Halbschlaf an
ihrer Schulter lag, mit roten Pausbacken und rund gepolsterten Hndchen. Noch
hatte die Frsterin die Tr nicht erreicht, als Franzl mit brennendem Gesicht
aus dem Flur geschossen kam.
    Mutter! Gib mir 's Kind her! D' Mali wacht auf. Sie mu uns alle gleich im
ersten Augenblick sehen, uns alle miteinander! Komm, Mutter, komm!
    Er hatte der Mutter das Netterl vom Arm gerissen und rannte ins Haus zurck.
Vor der Kammertr blieb er stehen und atmete tief. Lautlos trat er ein, und das
Kind umschlungen haltend, lie er sich auf den Sessel nieder, der zu Fen des
Bettes stand.
    Ruhig schlummerte Mali in den geblumten Kissen; die schmal gewordenen Wangen
waren berhaucht von einer matten Rte, die noch die letzte Glut des weichenden
Fiebers und schon der erste Schimmer der wiederkehrenden Gesundheit war. Fast
glich das Gesicht der Kranken einem schmchtigen Knabengesicht, umrahmt von
kurzgeschnittenem Haar - auf den Rat des Arztes waren die dicken, schweren
Flechten der Schere zum Opfer gefallen.
    Manchmal regten sich die weien Finger auf der roten Decke, und unter einem
tieferen Atemzug bewegte die Schlummernde den Kopf.
    Jetzt schlug sie die Augen auf.
    Es war ein freundliches Bild, das ihr erster Blick umfate: Franzl mit
lachendem Gesicht, auf seinen Armen das Netterl, das groe Augen machte, und
hinter den beiden die vergngte Frsterin.
    Ein Lcheln - und Mali schlo unter tiefem Seufzer die Augen wieder.
    's Madl meint, sie trumt! lispelte die Horneggerin ihrem Buben zu.
    So flsternd das gesprochen war - es hatte doch den Weg zum Ohr der
Erwachenden gefunden.
    Ihre Lider hoben sich, die Augen schienen zu wachsen, und ein Zittern rann
durch ihre Arme.
    Mit zrtlicher Scheu legte Franzl seine braune Hand auf diese blassen
Finger; da fuhr die Erwachte aus den Kissen auf, ein feiner, wunderlicher Laut
erschtterte ihre Brust, und wie in Bangen, da zu Luft zerrinnen knnte, was
ihre Blicke schauten, umklammerte sie die Hand des Jgers.
    Durch die kleine weie Stube ging auf leisen Sohlen der Engel eines groen
Glckes.
