
                                Fontane, Theodor

                                  Effi Briest

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                                Theodor Fontane

                                  Effi Briest

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

In Front des schon seit Kurfrst Georg Wilhelm von der Familie von Briest
bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die
mittagsstille Dorfstrae, whrend nach der Park- und Gartenseite hin ein
rechtwinklig angebauter Seitenflgel einen breiten Schatten erst auf einen wei
und grn quadrierten Fliesengang und dann ber diesen hinaus auf ein groes, in
seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und
Rhabarberstauden besetztes Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in
Richtung und Lage genau dem Seitenflgel entsprechend, lief eine ganz in
kleinblttrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen
weigestrichenen Eisentr unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der
Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder
vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflgel und Kirchhofsmauer
bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschlieendes Hufeisen, an dessen offener
Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angeketteltem Boot und dicht daneben
einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Hupten und
Fen an je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief
stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend
standen ein paar mchtige alte Platanen.
    Auch die Front des Herrenhauses - eine mit Aloekbeln und ein paar
Gartensthlen besetzte Rampe - gewhrte bei bewlktem Himmel einen angenehmen
und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufenthalt; an Tagen aber, wo die
Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz entschieden bevorzugt, besonders
von Frau und Tochter des Hauses, die denn auch heute wieder auf dem im vollen
Schatten liegenden Fliesengang saen, in ihrem Rcken ein paar offene, von
wildem Wein umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren
vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenflgels
hinauffhrten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleiig bei der Arbeit, die der
Herstellung eines aus Einzelquadraten zusammenzusetzenden Altarteppichs galt;
ungezhlte Wollstrhnen und Seidendocken lagen auf einem groen, runden Tisch
bunt durcheinander, dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und
eine mit groen, schnen Stachelbeeren gefllte Majolikaschale. Rasch und sicher
ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber whrend die Mutter kein Auge von
der Arbeit lie, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi fhrte, von Zeit zu
Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter allerlei kunstgerechten Beugungen
und Streckungen den ganzen Kursus der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen.
Es war ersichtlich, da sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische
gezogenen bungen mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann so dastand
und, langsam die Arme hebend, die Handflchen hoch ber dem Kopf zusammenlegte,
so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf, aber immer nur flchtig und
verstohlen, weil sie nicht zeigen wollte, wie entzckend sie ihr eigenes Kind
finde, zu welcher Regung mtterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug
ein blau und wei gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein
fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergrtel die Taille gab; der Hals war
frei, und ber Schulter und Nacken fiel ein breiter Matrosenkragen. In allem,
was sie tat, paarte sich bermut und Grazie, whrend ihre lachenden braunen
Augen eine groe, natrliche Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgte
verrieten. Man nannte sie die Kleine, was sie sich nur gefallen lassen mute,
weil die schne, schlanke Mama noch um eine Handbreit hher war.
    Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und rechts
ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer Stickerei gerade wieder
aufblickende Mama ihr zurief: Effi, eigentlich httest du doch wohl
Kunstreiterin werden mssen. Immer am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube
beinah, da du so was mchtest.
    Vielleicht, Mama. Aber wenn es so wre, wer wre schuld? Von wem hab ich
es? Doch nur von dir. Oder meinst du von Papa? Da mut du nun selber lachen. Und
dann, warum steckst du mich in diesen Hnger, in diesen Jungenskittel? Mitunter
denk ich, ich komme noch wieder in kurze Kleider. Und wenn ich die erst wieder
habe, dann knicks ich auch wieder wie ein Backfisch, und wenn dann die
Rathenower herberkommen, setze ich mich auf Oberst Goetzes Scho und reite
hopp, hopp. Warum auch nicht? Drei Viertel ist er Onkel und nur ein Viertel
Courmacher. Du bist schuld. Warum kriege ich keine Staatskleider? Warum machst
du keine Dame aus mir?
    Mchtest du's?
    Nein. Und dabei lief sie auf die Mama zu und umarmte sie strmisch und
kte sie.
    Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich immer,
wenn ich dich so sehe... Und die Mama schien ernstlich willens, in uerung
ihrer Sorgen und ngste fortzufahren. Aber sie kam nicht weit damit, weil in
eben diesem Augenblicke drei junge Mdchen aus der kleinen, in der
Kirchhofsmauer angebrachten Eisentr in den Garten eintraten und einen Kiesweg
entlang auf das Rondell und die Sonnenuhr zuschritten. Alle drei grten mit
ihren Sonnenschirmen zu Effi herber und eilten dann auf Frau von Briest zu, um
dieser die Hand zu kssen. Diese tat rasch ein paar Fragen und lud dann die
Mdchen ein, ihnen oder doch wenigstens Effi auf eine halbe Stunde Gesellschaft
zu leisten, ich habe ohnehin noch zu tun, und junges Volk ist am liebsten unter
sich. Gehabt euch wohl. Und dabei stieg sie die vom Garten in den Seitenflgel
fhrende Steintreppe hinauf.
    Und da war nun die Jugend wirklich allein.
    Zwei der jungen Mdchen - kleine, rundliche Persnchen, zu deren krausem,
rotblondem Haar ihre Sommersprossen und ihre gute Laune ganz vorzglich paten -
waren Tchter des auf Hansa, Skandinavien und Fritz Reuter eingeschworenen
Kantors Jahnke, der denn auch, unter Anlehnung an seinen mecklenburgischen
Landsmann und Lieblingsdichter und nach dem Vorbilde von Mining und Lining,
seinen eigenen Zwillingen die Namen Bertha und Hertha gegeben hatte. Die dritte
junge Dame war Hulda Niemeyer, Pastor Niemeyers einziges Kind; sie war
damenhafter als die beiden anderen, dafr aber langweilig und eingebildet, eine
lymphatische Blondine, mit etwas vorspringenden, blden Augen, die trotzdem
bestndig nach was zu suchen schienen, weshalb denn auch Klitzing von den
Husaren gesagt hatte: Sieht sie nicht aus, als erwarte sie jeden Augenblick den
Engel Gabriel? Effi fand, da der etwas kritische Klitzing nur zu sehr recht
habe, vermied es aber trotzdem, einen Unterschied zwischen den drei Freundinnen
zu machen. Am wenigsten war ihr in diesem Augenblicke danach zu Sinn, und
whrend sie die Arme auf den Tisch stemmte, sagte sie: Diese langweilige
Stickerei. Gott sei Dank, da ihr da seid.
    Aber deine Mama haben wir vertrieben, sagte Hulda.
    Nicht doch. Wie sie euch schon sagte, sie wre doch gegangen; sie erwartet
nmlich Besuch, einen alten Freund aus ihren Mdchentagen her, von dem ich euch
nachher erzhlen mu, eine Liebesgeschichte mit Held und Heldin und zuletzt mit
Entsagung. Ihr werdet Augen machen und euch wundern. brigens habe ich Mamas
alten Freund schon drben in Schwantikow gesehen; er ist Landrat, gute Figur und
sehr mnnlich.
    Das ist die Hauptsache, sagte Hertha.
    Freilich ist das die Hauptsache, Weiber weiblich, Mnner mnnlich - das
ist, wie ihr wit, einer von Papas Lieblingsstzen. Und nun helft mir erst
Ordnung schaffen auf dem Tisch hier, sonst gibt es wieder eine Strafpredigt.
    Im Nu waren die Docken in den Korb gepackt, und als alle wieder saen, sagte
Hulda: Nun aber, Effi, nun ist es Zeit, nun die Liebesgeschichte mit Entsagung.
Oder ist es nicht so schlimm?
    Eine Geschichte mit Entsagung ist nie schlimm. Aber ehe Hertha nicht von
den Stachelbeeren genommen, eh kann ich nicht anfangen - sie lt ja kein Auge
davon. brigens nimm, soviel du willst, wir knnen ja hinterher neue pflcken;
nur wirf die Schalen weit weg oder, noch besser, lege sie hier auf die
Zeitungsbeilage, wir machen dann eine Tte daraus und schaffen alles beiseite.
Mama kann es nicht leiden, wenn die Schlusen so berall umherliegen, und sagt
immer, man knne dabei ausgleiten und ein Bein brechen.
    Glaub ich nicht, sagte Hertha, whrend sie den Stachelbeeren fleiig
zusprach.
    Ich auch nicht, besttigte Effi. Denkt doch mal nach, ich falle jeden Tag
wenigstens zwei-, dreimal, und noch ist mir nichts gebrochen. Was ein richtiges
Bein ist, das bricht nicht so leicht, meines gewi nicht und deines auch nicht,
Hertha. Was meinst du, Hulda?
    Man soll sein Schicksal nicht versuchen: Hochmut kommt vor dem Fall.
    Immer Gouvernante; du bist doch die geborne alte Jungfer.
    Und hoffe mich doch noch zu verheiraten. Und vielleicht eher als du.
    Meinetwegen. Denkst du, da ich darauf warte? Das fehlte noch. brigens,
ich kriege schon einen, und vielleicht bald. Da ist mir nicht bange. Neulich
erst hat mir der kleine Ventivegni von drben gesagt: Frulein Effi, was gilt
die Wette, wir sind hier noch in diesem Jahre zu Polterabend und Hochzeit.
    Und was sagtest du da?
    Wohl mglich, sagt ich, wohl mglich: Hulda ist die lteste und kann sich
jeden Tag verheiraten. Aber er wollte davon nichts wissen und sagte: Nein, bei
einer anderen jungen Dame, die gerade so brnett ist, wie Frulein Hulda blond
ist. Und dabei sah er mich ganz ernsthaft an... Aber ich komme vom Hundertsten
aufs Tausendste und vergesse die Geschichte.
    Ja, du brichst immer wieder ab; am Ende willst du nicht.
    Oh, ich will schon, aber freilich, ich breche immer wieder ab, weil es
alles ein bichen sonderbar ist, ja, beinah romantisch.
    Aber du sagtest doch, er sei Landrat.
    Allerdings Landrat. Und er heit Geert von Innstetten, Baron von
Innstetten.
    Alle drei lachten.
    Warum lacht ihr? sagte Effi pikiert. Was soll das heien?
    Ach, Effi, wir wollen dich ja nicht beleidigen und auch den Baron nicht.
Innstetten, sagtest du? Und Geert? So heit doch hier kein Mensch. Freilich, die
adeligen Namen haben oft so was Komisches.
    Ja, meine Liebe, das haben sie. Dafr sind es eben Adelige. Die drfen sich
das gnnen, und je weiter zurck, ich meine der Zeit nach, desto mehr drfen sie
sich's gnnen. Aber davon versteht ihr nichts, was ihr mir nicht belnehmen
drft. Wir bleiben doch gute Freunde. Geert von Innstetten also und Baron. Er
ist geradeso alt wie Mama, auf den Tag.
    Und wie alt ist denn eigentlich deine Mama?
     Achtunddreiig.
    Ein schnes Alter.
    Ist es auch, namentlich wenn man noch so aussieht wie die Mama. Sie ist
doch eigentlich eine schne Frau, findet ihr nicht auch? Und wie sie alles so
weghat, immer so sicher und dabei so fein und nie unpassend wie Papa. Wenn ich
ein junger Leutnant wre, so wrd ich mich in die Mama verlieben.
    Aber Effi, wie kannst du nur so was sagen, sagte Hulda. Das ist ja gegen
das vierte Gebot.
    Unsinn. Wie kann das gegen das vierte Gebot sein? Ich glaube, Mama wrde
sich freuen, wenn sie wte, da ich so was gesagt habe.
    Kann schon sein, unterbrach hier Hertha. Aber nun endlich die
Geschichte.
    Nun, gib dich zufrieden, ich fange schon an... Also Baron Innstetten! Als
er noch keine zwanzig war, stand er drben bei den Rathenowern und verkehrte
viel auf den Gtern hierherum, und am liebsten war er in Schwantikow drben bei
meinem Grovater Belling. Natrlich war es nicht des Grovaters wegen, da er so
oft drben war, und wenn die Mama davon erzhlt, so kann jeder leicht sehen, um
wen es eigentlich war. Und ich glaube, es war auch gegenseitig.
    Und wie kam es nachher?
    Nun, es kam, wie's kommen mute, wie's immer kommt. Er war ja noch viel zu
jung, und als mein Papa sich einfand, der schon Ritterschaftsrat war und
Hohen-Cremmen hatte, da war kein langes Besinnen mehr, und sie nahm ihn und
wurde Frau von Briest... Und das andere, was sonst noch kam, nun, das wit
ihr... das andere bin ich.
    Ja, das andere bist du, Effi, sagte Bertha. Gott sei Dank; wir htten
dich nicht, wenn es anders gekommen wre. Und nun sage, was tat Innstetten, was
wurde aus ihm? Das Leben hat er sich nicht genommen, sonst knntet ihr ihn heute
nicht erwarten.
    Nein, das Leben hat er sich nicht genommen. Aber ein bichen war es doch so
was.
    Hat er einen Versuch gemacht?
    Auch das nicht. Aber er mochte doch nicht lnger hier in der Nhe bleiben,
und das ganze Soldatenleben berhaupt mu ihm damals wie verleidet gewesen sein.
Es war ja auch Friedenszeit. Kurz und gut, er nahm den Abschied und fing an,
Juristerei zu studieren, wie Papa sagt, mit einem wahren Biereifer; nur als der
siebziger Krieg kam, trat er wieder ein, aber bei den Perlebergern statt bei
seinem alten Regiment, und hat auch das Kreuz. Natrlich, denn er ist sehr
schneidig. Und gleich nach dem Kriege sa er wieder bei seinen Akten, und es
heit, Bismarck halte groe Stcke von ihm und auch der Kaiser, und so kam es
denn, da er Landrat wurde, Landrat im Kessiner Kreise.
    Was ist Kessin? Ich kenne hier kein Kessin.
    Nein, hier in unserer Gegend liegt es auch nicht; es liegt eine hbsche
Strecke von hier fort, in Pommern, in Hinterpommern sogar, was aber nichts sagen
will, weil es ein Badeort ist (alles da herum ist Badeort), und die Ferienreise,
die Baron Innstetten jetzt macht, ist eigentlich eine Vetternreise oder doch
etwas hnliches. Er will hier alte Freundschaft und Verwandtschaft wiedersehn.
    Hat er denn hier Verwandte?
    Ja und nein, wie man's nehmen will. Innstettens gibt es hier nicht, gibt
es, glaub ich, berhaupt nicht mehr. Aber er hat hier entfernte Vettern von der
Mutter Seite her, und vor allem hat er wohl Schwantikow und das Bellingsche Haus
wiedersehen wollen, an das ihn soviel Erinnerungen knpfen. Da war er denn
vorgestern drben, und heute will er hier in Hohen-Cremmen sein.
    Und was sagt dein Vater dazu?
    Gar nichts. Der ist nicht so. Und dann kennt er ja doch die Mama. Er neckt
sie blo.
    In diesem Augenblick schlug es Mittag, und ehe es noch ausgeschlagen,
erschien Wilke, das alte Briestsche Haus- und Familienfaktotum, um an Frulein
Effi zu bestellen: Die gndige Frau liee bitten, da das gndige Frulein zu
rechter Zeit auch Toilette mache; gleich nach eins wrde der Herr Baron wohl
vorfahren. Und whrend Wilke dies noch vermeldete, begann er auch schon auf dem
Arbeitstisch der Damen abzurumen und griff dabei zunchst nach dem
Zeitungsblatt, auf dem die Stachelbeerschalen lagen.
    Nein, Wilke, nicht so; das mit den Schlusen, das ist unsere Sache...
Hertha, du mut nun die Tte machen und einen Stein hineintun, da alles besser
versinken kann. Und dann wollen wir in einem langen Trauerzug aufbrechen und die
Tte auf offener See begraben.
    Wilke schmunzelte. Is doch ein Daus, unser Frulein, so etwa gingen seine
Gedanken; Effi aber, whrend sie die Tte mitten auf die rasch zusammengeraffte
Tischdecke legte, sagte: Nun fassen wir alle vier an, jeder an einem Zipfel,
und singen was Trauriges.
    Ja, das sagst du wohl, Effi. Aber was sollen wir denn singen?
    Irgendwas; es ist ganz gleich, es mu nur einen Reim auf u haben; u ist
immer Trauervokal. Also singen wir:

Flut, Flut,
Mach alles wieder gut...,

und whrend Effi diese Litanei feierlich anstimmte, setzten sich alle vier auf
den Steg hin in Bewegung, stiegen in das dort angekettelte Boot und lieen von
diesem aus die mit einem Kiesel beschwerte Tte langsam in den Teich
niedergleiten.
    Hertha, nun ist deine Schuld versenkt, sagte Effi, wobei mir brigens
einfllt, so vom Boot aus sollen frher auch arme unglckliche Frauen versenkt
worden sein, natrlich wegen Untreue.
    Aber doch nicht hier.
    Nein, nicht hier, lachte Effi, hier kommt so was nicht vor. Aber in
Konstantinopel, und du mut ja, wie mir eben einfllt, auch davon wissen, so gut
wie ich, du bist ja mit dabeigewesen, als uns Kandidat Holzapfel in der
Geographiestunde davon erzhlte.
    Ja, sagte Hulda, der erzhlte immer so was. Aber so was vergit man doch
wieder.
    Ich nicht. Ich behalte so was.

                                Zweites Kapitel


Sie sprachen noch eine Weile so weiter, wobei sie sich ihrer gemeinschaftlichen
Schulstunden und einer ganzen Reihe Holzapfelscher Unpassendheiten mit Emprung
und Behagen erinnerten. Ja, man konnte sich nicht genugtun damit, bis Hulda mit
einem Male sagte: Nun aber ist es hchste Zeit, Effi; du siehst ja aus, ja, wie
sag ich nur, du siehst ja aus, wie wenn du vom Kirschenpflcken kmst, alles
zerknittert und zerknautscht; das Leinenzeug macht immer so viele Falten, und
der groe, weie Klappkragen... ja, wahrhaftig, jetzt hab ich es, du siehst aus
wie ein Schiffsjunge.
    Midshipman, wenn ich bitten darf. Etwas mu ich doch von meinem Adel haben.
brigens Midshipman oder Schiffsjunge. Papa hat mir erst neulich wieder einen
Mastbaum versprochen, hier dicht neben der Schaukel, mit Rahen und einer
Strickleiter. Wahrhaftig, das sollte mir gefallen, und den Wimpel oben selbst
anzumachen, das lie' ich mir nicht nehmen. Und du, Hulda, du kmst dann von der
anderen Seite her herauf, und oben in der Luft wollten wir Hurra rufen und uns
einen Ku geben. Alle Wetter, das sollte schmecken.
    Alle Wetter..., wie das nun wieder klingt... Du sprichst wirklich wie ein
Midshipman. Ich werde mich aber hten, dir nachzuklettern, ich bin nicht so
waghalsig. Jahnke hat ganz recht, wenn er immer sagt, du httest zuviel von dem
Bellingschen in dir, von deiner Mama her. Ich bin blo ein Pastorskind.
    Ach, geh mir. Stille Wasser sind tief. Weit du noch, wie du damals, als
Vetter Briest als Kadett hier war, aber doch schon gro genug, wie du damals auf
dem Scheunendach entlangrutschtest. Und warum? Nun, ich will es nicht verraten.
Aber kommt, wir wollen uns schaukeln, auf jeder Seite zwei; reien wird es ja
wohl nicht, oder wenn ihr nicht Lust habt, denn ihr macht wieder lange
Gesichter, dann wollen wir Anschlag spielen. Eine Viertelstunde hab ich noch.
Ich mag noch nicht hineingehen, und alles blo, um einem Landrat guten Tag zu
sagen, noch dazu einem Landrat aus Hinterpommern. ltlich ist er auch, er knnte
ja beinah mein Vater sein, und wenn er wirklich in einer Seestadt wohnt, Kessin
soll ja so was sein, nun, da mu ich ihm in diesem Matrosenkostm eigentlich am
besten gefallen und mu ihm beinah wie eine groe Aufmerksamkeit vorkommen.
Frsten, wenn sie wen empfangen, soviel wei ich von meinem Papa her, legen auch
immer die Uniform aus der Gegend des anderen an. Also nur nicht ngstlich...
rasch, rasch, ich fliege aus, und neben der Bank hier ist frei.
    Hulda wollte noch ein paar Einschrnkungen machen, aber Effi war schon den
nchsten Kiesweg hinauf, links hin, rechts hin, bis sie mit einem Male
verschwunden war. Effi, das gilt nicht; wo bist du? Wir spielen nicht Versteck,
wir spielen Anschlag, unter diesen und hnlichen Vorwrfen eilten die
Freundinnen ihr nach, weit ber das Rondell und die beiden seitwrts stehenden
Platanen hinaus, bis die Verschwundene mit einem Male aus ihrem Verstecke
hervorbrach und mhelos, weil sie schon im Rcken ihrer Verfolger war, mit
eins, zwei, drei den Freiplatz neben der Bank erreichte.
    Wo warst du?
    Hinter den Rhabarberstauden; die haben so groe Bltter, noch grer als
ein Feigenblatt...
    Pfui...
    Nein, pfui fr euch, weil ihr verspielt habt. Hulda, mit ihren groen
Augen, sah wieder nichts, immer ungeschickt. Und dabei flog Effi von neuem ber
das Rondell hin, auf den Teich zu, vielleicht weil sie vorhatte, sich erst
hinter einer dort aufwachsenden dichten Haselnuhecke zu verstecken, um dann,
von dieser aus, mit einem weiten Umweg um Kirchhof und Fronthaus, wieder bis an
den Seitenflgel und seinen Freiplatz zu kommen. Alles war gut berechnet; aber
freilich, ehe sie noch halb um den Teich herum war, hrte sie schon vom Hause
her ihren Namen rufen und sah, whrend sie sich umwandte, die Mama, die, von der
Steintreppe her, mit ihrem Taschentuche winkte. Noch einen Augenblick, und Effi
stand vor ihr.
    Nun bist du doch noch in deinem Kittel, und der Besuch ist da. Nie hltst
du Zeit.
    Ich halte schon Zeit, aber der Besuch hat nicht Zeit gehalten. Es ist noch
nicht eins; noch lange nicht, und sich nach den Zwillingen hin umwendend (Hulda
war noch weiter zurck), rief sie diesen zu: Spielt nur weiter; ich bin gleich
wieder da.

Schon im nchsten Augenblicke trat Effi mit der Mama in den groen Gartensaal,
der fast den ganzen Raum des Seitenflgels fllte.
    Mama, du darfst mich nicht schelten. Es ist wirklich erst halb. Warum kommt
er so frh? Kavaliere kommen nicht zu spt, aber noch weniger zu frh.
    Frau von Briest war in sichtlicher Verlegenheit; Effi aber schmiegte sich
liebkosend an sie und sagte: Verzeih, ich will mich nun eilen; du weit, ich
kann auch rasch sein, und in fnf Minuten ist Aschenpuddel in eine Prinzessin
verwandelt. So lange kann er warten oder mit dem Papa plaudern.
    Und der Mama zunickend, wollte sie leichten Fues eine kleine eiserne Stiege
hinauf, die aus dem Saal in den Oberstock hinauffhrte. Frau von Briest aber,
die unter Umstnden auch unkonventionell sein konnte, hielt pltzlich die schon
forteilende Effi zurck, warf einen Blick auf das jugendlich reizende Geschpf,
das, noch erhitzt von der Aufregung des Spiels, wie ein Bild frischesten Lebens
vor ihr stand, und sagte beinahe vertraulich: Es ist am Ende das beste, du
bleibst, wie du bist. Ja, bleibe so. Du siehst gerade sehr gut aus. Und wenn es
auch nicht wre, du siehst so unvorbereitet aus, so gar nicht zurechtgemacht,
und darauf kommt es in diesem Augenblicke an. Ich mu dir nmlich sagen, meine
se Effi..., und sie nahm ihres Kindes beide Hnde, ... ich mu dir nmlich
sagen...
    Aber Mama, was hast du nur? Mir wird ja ganz angst und bange.
    ... Ich mu dir nmlich sagen, Effi, da Baron Innstetten eben um deine
Hand angehalten hat.
    Um meine Hand angehalten? Und im Ernst?
    Es ist keine Sache, um einen Scherz daraus zu machen. Du hast ihn
vorgestern gesehen, und ich glaube, er hat dir auch gut gefallen. Er ist
freilich lter als du, was alles in allem ein Glck ist, dazu ein Mann von
Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn du nicht nein sagst, was ich
mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so stehst du mit zwanzig Jahren da,
wo andere mit vierzig stehen. Du wirst deine Mama weit berholen.
    Effi schwieg und suchte nach einer Antwort. Aber ehe sie diese finden
konnte, hrte sie schon des Vaters Stimme von dem angrenzenden, noch im
Fronthause gelegenen Hinterzimmer her, und gleich danach berschritt
Ritterschaftsrat von Briest, ein wohlkonservierter Fnfziger von ausgesprochener
Bonhomie, die Gartensalonschwelle - mit ihm Baron Innstetten, schlank, brnett
und von militrischer Haltung.
    Effi, als sie seiner ansichtig wurde, kam in ein nervses Zittern; aber
nicht auf lange, denn im selben Augenblicke fast, wo sich Innstetten unter
freundlicher Verneigung ihr nherte, wurden an dem mittleren der weit
offenstehenden und von wildem Wein halb berwachsenen Fenster die rotblonden
Kpfe der Zwillinge sichtbar, und Hertha, die Ausgelassenste, rief in den Saal
hinein: Effi, komm.
    Dann duckte sie sich, und beide Schwestern sprangen von der Banklehne,
darauf sie gestanden, wieder in den Garten hinab, und man hrte nur noch ihr
leises Kichern und Lachen.

                                Drittes Kapitel


Noch an demselben Tage hatte sich Baron Innstetten mit Effi Briest verlobt. Der
joviale Brautvater, der sich nicht leicht in seiner Feierlichkeitsrolle
zurechtfand, hatte bei dem Verlobungsmahl, das folgte, das junge Paar leben
lassen, was auf Frau von Briest, die dabei der nun um kaum achtzehn Jahre
zurckliegenden Zeit gedenken mochte, nicht ohne herzbeweglichen Eindruck
geblieben war. Aber nicht auf lange; sie hatte es nicht sein knnen, nun war es
statt ihrer die Tochter - alles in allem ebensogut oder vielleicht noch besser.
Denn mit Briest lie sich leben, trotzdem er ein wenig prosaisch war und dann
und wann einen kleinen frivolen Zug hatte. Gegen Ende der Tafel, das Eis wurde
schon herumgereicht, nahm der alte Ritterschaftsrat noch einmal das Wort, um in
einer zweiten Ansprache das allgemeine Familien-Du zu proponieren. Er umarmte
dabei Innstetten und gab ihm einen Ku auf die linke Backe. Hiermit war aber die
Sache fr ihn noch nicht abgeschlossen, vielmehr fuhr er fort, auer dem Du
zugleich intimere Namen und Titel fr den Hausverkehr zu empfehlen, eine Art
Gemtlichkeitsrangliste aufzustellen, natrlich unter Wahrung berechtigter, weil
wohlerworbener Eigentmlichkeiten. Fr seine Frau, so hie es, wrde der
Fortbestand von Mama (denn es gbe auch junge Mamas) wohl das beste sein,
whrend er fr seine Person, unter Verzicht auf den Ehrentitel Papa, das
einfache Briest entschieden bevorzugen msse, schon weil es so hbsch kurz sei.
Und was nun die Kinder angehe - bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem
nur etwa um ein Dutzend Jahre jngeren Innstetten, einen Ruck geben mute -,
nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert. Geert, wenn er nicht irre, habe die
Bedeutung von einem schlank aufgeschossenen Stamm, und Effi sei dann also der
Efeu, der sich darum zu ranken habe. Das Brautpaar sah sich bei diesen Worten
etwas verlegen an, Effi zugleich mit einem Ausdruck kindlicher Heiterkeit, Frau
von Briest aber sagte: Briest, sprich, was du willst, und formuliere deine
Toaste nach Gefallen, nur poetische Bilder, wenn ich dich bitten darf, la
beiseite, das liegt jenseits deiner Sphre. Zurechtweisende Worte, die bei
Briest mehr Zustimmung als Ablehnung gefunden hatten. Es ist mglich, da du
recht hast, Luise.
    Gleich nach Aufhebung der Tafel beurlaubte sich Effi, um einen Besuch drben
bei Pastors zu machen. Unterwegs sagte sie sich: Ich glaube, Hulda wird sich
rgern. Nun bin ich ihr doch zuvorgekommen - sie war immer zu eitel und
eingebildet. Aber Effi traf es mit ihrer Erwartung nicht ganz; Hulda, durchaus
Haltung bewahrend, benahm sich sehr gut und berlie die Bezeugung von Unmut und
rger ihrer Mutter, der Frau Pastorin, die denn auch sehr sonderbare Bemerkungen
machte. Ja, ja, so geht es. Natrlich. Wenn's die Mutter nicht sein konnte, mu
es die Tochter sein. Das kennt man. Alte Familien halten immer zusammen, und wo
was is, kommt was dazu. Der alte Niemeyer kam in arge Verlegenheit ber diese
fortgesetzten spitzen Redensarten ohne Bildung und Anstand und beklagte mal
wieder, eine Wirtschafterin geheiratet zu haben.
    Von Pastors ging Effi natrlich auch zu Kantor Jahnkes; die Zwillinge hatten
schon nach ihr ausgeschaut und empfingen sie im Vorgarten.
    Nun, Effi, sagte Hertha, whrend alle drei zwischen den rechts und links
blhenden Studentenblumen auf und ab schritten, nun, Effi, wie ist dir
eigentlich?
    Wie mir ist? Oh, ganz gut. Wir nennen uns auch schon du und bei Vornamen.
Er heit nmlich Geert, was ich euch, wie mir einfllt, auch schon gesagt habe.
    Ja, das hast du. Mir ist aber doch so bange dabei. Ist es denn auch der
Richtige?
    Gewi ist es der Richtige. Das verstehst du nicht, Hertha. Jeder ist der
Richtige. Natrlich mu er von Adel sein und eine Stellung haben und gut
aussehen.
    Gott, Effi, wie du nur sprichst. Sonst sprachst du doch ganz anders.
    Ja, sonst.
    Und bist auch schon ganz glcklich?
    Wenn man zwei Stunden verlobt ist, ist man immer ganz glcklich. Wenigstens
denk ich es mir so.
    Und ist es dir denn gar nicht, ja, wie sag ich nur, ein bichen genant?
    Ja, ein bichen genant ist es mir, aber doch nicht sehr. Und ich denke, ich
werde darber wegkommen.
    Nach diesem im Pfarr- und Kantorhause gemachten Besuche, der keine halbe
Stunde gedauert hatte, war Effi wieder nach drben zurckgekehrt, wo man auf der
Gartenveranda eben den Kaffee nehmen wollte. Schwiegervater und Schwiegersohn
gingen auf dem Kieswege zwischen den zwei Platanen auf und ab. Briest sprach von
dem Schwierigen einer landrtlichen Stellung; sie sei ihm verschiedentlich
angetragen worden, aber er habe jedesmal gedankt. So nach meinem eigenen Willen
schalten und walten zu knnen ist mir immer das liebste gewesen, jedenfalls
lieber - Pardon, Innstetten -, als so die Blicke bestndig nach oben richten zu
mssen. Man hat dann blo immer Sinn und Merk fr hohe und hchste Vorgesetzte.
Das ist nichts fr mich. Hier leb ich so freiweg und freue mich ber jedes grne
Blatt und ber den wilden Wein, der da drben in die Fenster wchst.
    Er sprach noch mehr dergleichen, allerhand Antibeamtliches, und
entschuldigte sich von Zeit zu Zeit mit einem kurzen, verschiedentlich
wiederkehrenden Pardon, Innstetten. Dieser nickte mechanisch zustimmend, war
aber eigentlich wenig bei der Sache, sah vielmehr, wie gebannt, immer aufs neue
nach dem drben am Fenster rankenden wilden Wein hinber, von dem Briest eben
gesprochen, und whrend er dem nachhing, war es ihm, als sh er wieder die
rotblonden Mdchenkpfe zwischen den Weinranken und hre dabei den bermtigen
Zuruf: Effi, komm.
    Er glaubte nicht an Zeichen und hnliches, im Gegenteil, wies alles
Aberglubische weit zurck. Aber er konnte trotzdem von den zwei Worten nicht
los, und whrend Briest immer weiter perorierte, war es ihm bestndig, als wre
der kleine Hergang doch mehr als ein bloer Zufall gewesen.

Innstetten, der nur einen kurzen Urlaub genommen, war schon am folgenden Tage
wieder abgereist, nachdem er versprochen hatte, jeden Tag schreiben zu wollen.
Ja, das mut du, hatte Effi gesagt, ein Wort, das ihr von Herzen kam, da sie
seit Jahren nichts Schneres kannte als beispielsweise den Empfang vieler
Geburtstagsbriefe. Jeder mute ihr zu diesem Tage schreiben. In den Brief
eingestreute Wendungen, etwa wie Gertrud und Klara senden Dir mit mir ihre
herzlichsten Glckwnsche, waren verpnt: Gertrud und Klara, wenn sie
Freundinnen sein wollten, hatten dafr zu sorgen, da ein Brief mit
selbstndiger Marke dalge, womglich - denn ihr Geburtstag fiel noch in die
Reisezeit - mit einer fremden, aus der Schweiz oder Karlsbad.
    Innstetten, wie versprochen, schrieb wirklich jeden Tag; was aber den
Empfang seiner Briefe ganz besonders angenehm machte, war der Umstand, da er
allwchentlich nur einmal einen ganz kleinen Antwortbrief erwartete. Den erhielt
er denn auch, voll reizend nichtigen und ihn jedesmal entzckenden Inhalts. Was
es von ernsteren Dingen zu besprechen gab, das verhandelte Frau von Briest mit
ihrem Schwiegersohne: Festsetzungen wegen der Hochzeit, Ausstattungs-und
Wirtschafts- Einrichtungsfragen. Innstetten, schon an die drei Jahre im Amt, war
in seinem Kessiner Hause nicht glnzend, aber doch sehr standesgem
eingerichtet, und es empfahl sich, in der Korrespondenz mit ihm, ein Bild von
allem, was da war, zu gewinnen, um nichts Unntzes anzuschaffen. Schlielich,
als Frau von Briest ber all diese Dinge genugsam unterrichtet war, wurde
seitens Mutter und Tochter eine Reise nach Berlin beschlossen, um, wie Briest
sich ausdrckte, den Trousseau fr Prinzessin Effi zusammenzukaufen. Effi
freute sich sehr auf den Aufenthalt in Berlin, um so mehr, als der Vater darein
gewilligt hatte, im Hotel du Nord Wohnung zu nehmen. Was es koste, knne ja von
der Ausstattung abgezogen werden; Innstetten habe ohnehin alles. Effi - ganz im
Gegensatze zu der solche Mesquinerien ein fr allemal sich verbittenden Mama -
hatte dem Vater, ohne jede Sorge darum, ob er's scherz- oder ernsthaft gemeint
hatte, freudig zugestimmt und beschftigte sich in ihren Gedanken viel, viel
mehr mit dem Eindruck, den sie beide, Mutter und Tochter, bei ihrem Erscheinen
an der Table d'hte machen wrden, als mit Spinn und Mencke, Goschenhofer und
hnlichen Firmen, die vorlufig notiert worden waren. Und diesen ihren heiteren
Phantasien entsprach denn auch ihre Haltung, als die groe Berliner Woche nun
wirklich da war. Vetter Briest vom Alexander-Regiment, ein ungemein
ausgelassener, junger Leutnant, der die Fliegenden Bltter hielt und ber die
besten Witze Buch fhrte, stellte sich den Damen fr jede dienstfreie Stunde zur
Verfgung, und so saen sie denn mit ihm bei Kranzler am Eckfenster oder zu
statthafter Zeit auch wohl im Caf Bauer und fuhren nachmittags in den
Zoologischen Garten, um da die Giraffen zu sehen, von denen Vetter Briest, der
brigens Dagobert hie, mit Vorliebe behauptete: sie shen aus wie adlige alte
Jungfern. Jeder Tag verlief programmig, und am dritten oder vierten Tage
gingen sie, wie vorgeschrieben, in die Nationalgalerie, weil Vetter Dagobert
seiner Cousine die Insel der Seligen zeigen wollte. Frulein Cousine stehe
zwar auf dem Punkte, sich zu verheiraten, es sei aber doch vielleicht gut, die
Insel der Seligen schon vorher kennengelernt zu haben. Die Tante gab ihm einen
Schlag mit dem Fcher, begleitete diesen Schlag aber mit einem so gndigen
Blick, da er keine Veranlassung hatte, den Ton zu ndern. Es waren himmlische
Tage fr alle drei, nicht zum wenigsten fr den Vetter, der so wundervoll zu
chaperonieren und kleine Differenzen immer rasch auszugleichen verstand. An
solchen Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter war nun, wie das
so geht, all die Zeit ber kein Mangel, aber sie traten glcklicherweise nie bei
den zu machenden Einkufen hervor. Ob man von einer Sache sechs oder drei
Dutzend erstand, Effi war mit allem gleichmig einverstanden, und wenn dann auf
dem Heimwege von dem Preise der eben eingekauften Gegenstnde gesprochen wurde,
so verwechselte sie regelmig die Zahlen. Frau von Briest, sonst so kritisch,
auch ihrem eigenen geliebten Kinde gegenber, nahm dies anscheinend mangelnde
Interesse nicht nur von der leichten Seite, sondern erkannte sogar einen Vorzug
darin. Alle diese Dinge, so sagte sie sich, bedeuten Effi nicht viel. Effi
ist anspruchslos; sie lebt in ihren Vorstellungen und Trumen, und wenn die
Prinzessin Friedrich Karl vorberfhrt und sie von ihrem Wagen aus freundlich
grt, so gilt ihr das mehr als eine ganze Truhe voll Weizeug.
    Das alles war auch richtig, aber doch nur halb. An dem Besitze mehr oder
weniger alltglicher Dinge lag Effi nicht viel, aber wenn sie mit der Mama die
Linden hinauf und hinunter ging und nach Musterung der schnsten Schaufenster in
den Demuthschen Laden eintrat, um fr die gleich nach der Hochzeit geplante
italienische Reise allerlei Einkufe zu machen, so zeigte sich ihr wahrer
Charakter. Nur das Eleganteste gefiel ihr, und wenn sie das Beste nicht haben
konnte, so verzichtete sie auf das Zweitbeste, weil ihr dies Zweite nun nichts
mehr bedeutete. Ja, sie konnte verzichten, darin hatte die Mama recht, und in
diesem Verzichtenknnen lag etwas von Anspruchslosigkeit; wenn es aber
ausnahmsweise mal wirklich etwas zu besitzen galt, so mute dies immer was ganz
Apartes sein. Und darin war sie anspruchsvoll.

                                Viertes Kapitel


Vetter Dagobert war am Bahnhof, als die Damen ihre Rckreise nach Hohen-Cremmen
antraten. Es waren glckliche Tage gewesen, vor allem auch darin, da man nicht
unter unbequemer und beinahe unstandesgemer Verwandtschaft gelitten hatte.
Fr Tante Therese, so hatte Effi gleich nach der Ankunft gesagt, mssen wir
diesmal inkognito bleiben. Es geht nicht, da sie hier ins Hotel kommt. Entweder
Hotel du Nord oder Tante Therese; beides zusammen pat nicht. Die Mama hatte
sich schlielich einverstanden damit erklrt, ja dem Lieblinge zur Besiegelung
des Einverstndnisses einen Ku auf die Stirn gegeben.
    Mit Vetter Dagobert war das natrlich etwas ganz anderes gewesen, der hatte
nicht blo den Gardepli, der hatte vor allem auch mit Hlfe jener eigentmlich
guten Laune, wie sie bei den Alexanderoffizieren beinahe traditionell geworden,
sowohl Mutter wie Tochter von Anfang an anzuregen und aufzuheitern gewut, und
diese gute Stimmung dauerte bis zuletzt. Dagobert, so hie es noch beim
Abschied, du kommst also zu meinem Polterabend, und natrlich mit Cortge. Denn
nach den Auffhrungen (aber kommt mir nicht mit Dienstmann oder
Mausefallenhndler) ist Ball. Und du mut bedenken, mein erster groer Ball ist
vielleicht auch mein letzter. Unter sechs Kameraden - natrlich beste Tnzer
wird gar nicht angenommen. Und mit dem Frhzug knnt ihr wieder zurck. Der
Vetter versprach alles, und so trennte man sich.
    Gegen Mittag trafen beide Damen an ihrer havellndischen Bahnstation ein,
mitten im Luch, und fuhren in einer halben Stunde nach Hohen-Cremmen hinber.
Briest war sehr froh, Frau und Tochter wieder zu Hause zu haben, und stellte
Fragen ber Fragen, deren Beantwortung er meist nicht abwartete. Statt dessen
erging er sich in Mitteilung dessen, was er inzwischen erlebt. Ihr habt mir da
vorhin von der Nationalgalerie gesprochen und von der Insel der Seligen - nun,
wir haben hier, whrend ihr fort wart, auch so was gehabt: unser Inspektor Pink
und die Grtnersfrau. Natrlich habe ich Pink entlassen mssen, brigens ungern.
Es ist sehr fatal, da solche Geschichten fast immer in die Erntezeit fallen.
Und Pink war sonst ein ungewhnlich tchtiger Mann, hier leider am unrechten
Fleck. Aber lassen wir das; Wilke wird schon unruhig.
    Bei Tische hrte Briest besser zu; das gute Einvernehmen mit dem Vetter, von
dem ihm viel erzhlt wurde, hatte seinen Beifall, weniger das Verhalten gegen
Tante Therese. Man sah aber deutlich, da er inmitten seiner Mibilligung sich
eigentlich darber freute; denn ein kleiner Schabernack entsprach ganz seinem
Geschmack, und Tante Therese war wirklich eine lcherliche Figur. Er hob sein
Glas und stie mit Frau und Tochter an. Auch als nach Tisch einzelne der
hbschesten Einkufe vor ihm ausgepackt und seiner Beurteilung unterbreitet
wurden, verriet er viel Interesse, das selbst noch anhielt, oder wenigstens
nicht ganz hinstarb, als er die Rechnung berflog. Etwas teuer, oder sagen wir
lieber sehr teuer; indessen es tut nichts. Es hat alles so viel Chic, ich mchte
sagen so viel Animierendes, da ich deutlich fhle, wenn du mir solchen Koffer
und solche Reisedecke zu Weihnachten schenkst, so sind wir zu Ostern auch in Rom
und machen nach achtzehn Jahren unsere Hochzeitsreise. Was meinst du, Luise?
Wollen wir nachexerzieren? Spt kommt ihr, doch ihr kommt.
    Frau von Briest machte eine Handbewegung, wie wenn sie sagen wollte:
unverbesserlich, und berlie ihn im brigen seiner eigenen Beschmung, die
aber nicht gro war.

Ende August war da, der Hochzeitstag (3. Oktober) rckte nher, und sowohl im
Herrenhause wie in der Pfarre und Schule war man unausgesetzt bei den
Vorbereitungen zum Polterabend. Jahnke, getreu seiner Fritz-Reuter-Passion,
hatte sich's als etwas besonders Sinniges ausgedacht, Bertha und Hertha als
Lining und Mining auftreten zu lassen, natrlich plattdeutsch, whrend Hulda das
Kthchen von Heilbronn in der Holunderbaumszene darstellen sollte, Leutnant
Engelbrecht von den Husaren als Wetter vom Strahl. Niemeyer, der sich den Vater
der Idee nennen durfte, hatte keinen Augenblick gesumt, auch die verschmte
Nutzanwendung auf Innstetten und Effi hinzuzudichten. Er selbst war mit seiner
Arbeit zufrieden und hrte, gleich nach der Leseprobe, von allen Beteiligten
viel Freundliches darber, freilich mit Ausnahme seines Patronatsherrn und alten
Freundes Briest, der, als er die Mischung von Kleist und Niemeyer mit angehrt
hatte, lebhaft protestierte, wenn auch keineswegs aus literarischen Grnden.
Hoher Herr und immer wieder hoher Herr - was soll das? Das leitet in die Irre,
das verschiebt alles. Innstetten, unbestritten, ist ein famoses
Menschenexemplar, Mann von Charakter und Schneid, aber die Briests - verzeih den
Berolinismus, Luise -, die Briests sind schlielich auch nicht von schlechten
Eltern. Wir sind doch nun mal eine historische Familie, la mich hinzufgen Gott
sei Dank, und die Innstettens sind es nicht; die Innstettens sind blo alt,
meinetwegen Uradel, aber was heit Uradel? Ich will nicht, da eine Briest oder
doch mindestens eine Polterabendfigur, in der jeder das Widerspiel unserer Effi
erkennen mu - ich will nicht, da eine Briest mittelbar oder unmittelbar in
einem fort von hoher Herr spricht. Da mte denn doch Innstetten wenigstens ein
verkappter Hohenzoller sein, es gibt ja dergleichen. Das ist er aber nicht, und
so kann ich nur wiederholen, es verschiebt die Situation.
    Und wirklich, Briest hielt mit besonderer Zhigkeit eine ganze Zeitlang an
dieser Anschauung fest. Erst nach der zweiten Probe, wo das Kthchen, schon
halb im Kostm, ein sehr eng anliegendes Sammetmieder trug, lie er sich - der
es auch sonst nicht an Huldigungen gegen Hulda fehlen lie -zu der Bemerkung
hinreien, das Kthchen liege sehr gut da, welche Wendung einer
Waffenstreckung ziemlich gleichkam oder doch zu solcher hinberleitete. Da alle
diese Dinge vor Effi geheimgehalten wurden, braucht nicht erst gesagt zu werden.
Bei mehr Neugier auf seiten dieser letzteren wre das nun freilich ganz
unmglich gewesen, aber Effi hatte so wenig Verlangen, in die Vorbereitungen und
geplanten berraschungen einzudringen, da sie der Mama mit allem Nachdruck
erklrte, sie knne es abwarten, und wenn diese dann zweifelte, so schlo Effi
mit der wiederholten Versicherung: es wre wirklich so; die Mama knne es
glauben. Und warum auch nicht? Es sei ja doch alles nur Theaterauffhrung, und
hbscher und poetischer als Aschenbrdel, das sie noch am letzten Abend in
Berlin gesehen htte, hbscher und poetischer knne es ja doch nicht sein. Da
htte sie wirklich selber mitspielen mgen, wenn auch nur, um dem lcherlichen
Pensionslehrer einen Kreidestrich auf den Rcken zu machen. Und wie reizend im
letzten Akt Aschenbrdels Erwachen als Prinzessin oder doch wenigstens als
Grfin; wirklich, es war ganz wie ein Mrchen. In dieser Weise sprach sie oft,
war meist ausgelassener als vordem und rgerte sich blo ber das bestndige
Tuscheln und Geheimtun der Freundinnen. Ich wollte, sie htten sich weniger
wichtig und wren mehr fr mich da. Nachher bleiben sie doch blo stecken, und
ich mu mich um sie ngstigen und mich schmen, da es meine Freundinnen sind.
    So gingen Effis Spottreden, und es war ganz unverkennbar, da sie sich um
Polterabend und Hochzeit nicht allzusehr kmmerte. Frau von Briest hatte so ihre
Gedanken darber, aber zu Sorgen kam es nicht, weil sich Effi, was doch ein
gutes Zeichen war, ziemlich viel mit ihrer Zukunft beschftigte und sich,
phantasiereich, wie sie war, viertelstundenlang in Schilderungen ihres Kessiner
Lebens erging, Schilderungen, in denen sich nebenher, und sehr zur Erheiterung
der Mama, eine merkwrdige Vorstellung von Hinterpommern aussprach oder
vielleicht auch, mit kluger Berechnung, aussprechen sollte. Sie gefiel sich
nmlich darin, Kessin als einen halb sibirischen Ort aufzufassen, wo Eis und
Schnee nie recht aufhrten.
    Heute hat Goschenhofer das letzte geschickt, sagte Frau von Briest, als
sie wie gewhnlich in Front des Seitenflgels mit Effi am Arbeitstische sa, auf
dem die Leinen- und Wschevorrte bestndig wuchsen, whrend der Zeitungen, die
blo Platz wegnahmen, immer weniger wurden. Ich hoffe, du hast nun alles, Effi.
Wenn du aber noch kleine Wnsche hegst, so mut du sie jetzt aussprechen,
womglich in dieser Stunde noch. Papa hat den Raps vorteilhaft verkauft und ist
ungewhnlich guter Laune.
    Ungewhnlich? Er ist immer in guter Laune.
    In ungewhnlich guter Laune, wiederholte die Mama. Und die mu benutzt
werden. Sprich also. Mehrmals, als wir noch in Berlin waren, war es mir, als ob
du doch nach dem einen oder anderen noch ein ganz besonderes Verlangen gehabt
httest.
    Ja, liebe Mama, was soll ich da sagen. Eigentlich habe ich ja alles, was
man braucht, ich meine, was man hier braucht. Aber da mir's nun mal bestimmt
ist, so hoch nrdlich zu kommen... ich bemerke, da ich nichts dagegen habe, im
Gegenteil, ich freue mich darauf, auf die Nordlichter und auf den helleren Glanz
der Sterne..., da mir's nun mal so bestimmt ist, so htte ich wohl gern einen
Pelz gehabt.
    Aber Effi, Kind, das ist doch alles blo leere Torheit. Du kommst ja nicht
nach Petersburg oder nach Archangel.
    Nein; aber ich bin doch auf dem Wege dahin...
    Gewi, Kind. Auf dem Wege dahin bist du; aber was heit das? Wenn du von
hier nach Nauen fhrst, bist du auch auf dem Wege nach Ruland. Im brigen, wenn
du's wnschst, so sollst du einen Pelz haben. Nur das la mich im voraus sagen,
ich rate dir davon ab. Ein Pelz ist fr ltere Personen, selbst deine alte Mama
ist noch zu jung dafr, und wenn du mit deinen siebzehn Jahren in Nerz oder
Marder auftrittst, so glauben die Kessiner, es sei eine Maskerade.

Das war am 2. September, da sie so sprachen, ein Gesprch, das sich wohl
fortgesetzt htte, wenn nicht gerade Sedantag gewesen wre. So aber wurden sie
durch Trommel- und Pfeifenklang unterbrochen, und Effi, die schon vorher von dem
beabsichtigten Aufzuge gehrt, aber es wieder vergessen hatte, strzte mit einem
Male von dem gemeinschaftlichen Arbeitstische fort und an Rondell und Teich
vorber auf einen kleinen, an die Kirchhofsmauer angebauten Balkon zu, zu dem
sechs Stufen, nicht viel breiter als Leitersprossen, hinauffhrten. Im Nu war
sie oben, und richtig, da kam auch schon die ganze Schuljugend heran, Jahnke
gravittisch am rechten Flgel, whrend ein kleiner Tambourmajor, weit voran, an
der Spitze des Zuges marschierte, mit einem Gesichtsausdruck, als ob ihm oblge,
die Schlacht bei Sedan noch einmal zu schlagen. Effi winkte mit dem Taschentuch,
und der Begrte versumte nicht, mit seinem blanken Kugelstock zu salutieren.

Eine Woche spter saen Mutter und Tochter wieder am alten Fleck, auch wieder
mit ihrer Arbeit beschftigt. Es war ein wunderschner Tag, der in einem
zierlichen Beet um die Sonnenuhr herum stehende Heliotrop blhte noch, und die
leise Brise, die ging, trug den Duft davon zu ihnen herber.
    Ach, wie wohl ich mich fhle, sagte Effi, so wohl und so glcklich; ich
kann mir den Himmel nicht schner denken. Und am Ende, wer wei, ob sie im
Himmel so wundervollen Heliotrop haben.
    Aber Effi, so darfst du nicht sprechen: das hast du von deinem Vater, dem
nichts heilig ist und der neulich sogar sagte: Niemeyer she aus wie Lot.
Unerhrt. Und was soll es nur heien? Erstlich wei er nicht, wie Lot ausgesehen
hat, und zweitens ist es eine grenzenlose Rcksichtslosigkeit gegen Hulda. Ein
Glck, da Niemeyer nur die einzige Tochter hat, dadurch fllt es eigentlich in
sich zusammen. In einem freilich hat er nur zu sehr recht gehabt, in all und
jedem, was er ber Lots Frau, unsere gute Frau Pastorin, sagte, die uns denn
auch wirklich wieder mit ihrer Torheit und Anmaung den ganzen Sedantag
ruinierte. Wobei mir brigens einfllt, da wir, als Jahnke mit der Schule
vorbeikam, in unserem Gesprche unterbrochen wurden - wenigstens kann ich mir
nicht denken, da der Pelz, von dem du damals sprachst, dein einziger Wunsch
gewesen sein sollte. La mich also wissen, Schatz, was du noch weiter auf dem
Herzen hast.
    Nichts, Mama.
    Wirklich nichts?
    Nein, wirklich nichts; ganz im Ernste... Wenn es aber doch am Ende was sein
sollte...
    Nun...
    ... So mt es ein japanischer Bettschirm sein, schwarz und goldene Vgel
darauf, alle mit einem langen Kranichschnabel... Und dann vielleicht auch noch
eine Ampel fr unser Schlafzimmer, mit rotem Schein.
    Frau von Briest schwieg.
    Nun siehst du, Mama, du schweigst und siehst aus, als ob ich etwas
besonders Unpassendes gesagt htte.
    Nein, Effi, nichts Unpassendes. Und vor deiner Mutter nun schon gewi
nicht. Denn ich kenne dich ja. Du bist eine phantastische kleine Person, malst
dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus, und je farbenreicher sie sind, desto
schner und begehrlicher erscheinen sie dir. Ich sah das so recht, als wir die
Reisesachen kauften. Und nun denkst du dir's ganz wundervoll, einen Bettschirm
mit allerhand fabelhaftem Getier zu haben, alles im Halblicht einer roten Ampel.
Es kommt dir vor wie ein Mrchen, und du mchtest eine Prinzessin sein.
    Effi nahm die Hand der Mama und kte sie. Ja, Mama, so bin ich.
    Ja, so bist du. Ich wei es wohl. Aber meine liebe Effi, wir mssen
vorsichtig im Leben sein, und zumal wir Frauen. Und wenn du nun nach Kessin
kommst, einem kleinen Ort, wo nachts kaum eine Laterne brennt, so lacht man ber
dergleichen. Und wenn man blo lachte. Die, die dir ungewogen sind, und solche
gibt es immer, sprechen von schlechter Erziehung, und manche sagen auch wohl
noch Schlimmeres.
    Also nichts Japanisches und auch keine Ampel. Aber ich bekenne dir, ich
hatte es mir so schn und poetisch gedacht, alles in einem roten Schimmer zu
sehen.
    Frau von Briest war bewegt. Sie stand auf und kte Effi. Du bist ein Kind.
Schn und poetisch. Das sind so Vorstellungen. Die Wirklichkeit ist anders, und
oft ist es gut, da es statt Licht und Schimmer ein Dunkel gibt.
    Effi schien antworten zu wollen, aber in diesem Augenblicke kam Wilke und
brachte Briefe. Der eine war aus Kessin von Innstetten. Ach, von Geert, sagte
Effi, und whrend sie den Brief beiseite steckte, fuhr sie in ruhigem Tone fort:
Aber das wirst du doch gestatten, da ich den Flgel schrg in die Stube
stelle. Daran liegt mir mehr als an einem Kamin, den mir Geert versprochen hat.
Und das Bild von dir, das stell ich dann auf eine Staffelei; ganz ohne dich kann
ich nicht sein. Ach, wie werd ich mich nach euch sehnen, vielleicht auf der
Reise schon und dann in Kessin ganz gewi. Es soll ja keine Garnison haben,
nicht einmal einen Stabsarzt, und ein Glck, da es wenigstens ein Badeort ist.
Vetter Briest, und daran will ich mich aufrichten, dessen Mutter und Schwester
immer nach Warnemnde gehen - nun, ich sehe doch wirklich nicht ein, warum der
die lieben Verwandten nicht auch einmal nach Kessin hin dirigieren sollte.
Dirigieren, das klingt ohnehin so nach Generalstab, worauf er, glaub ich,
ambiert. Und dann kommt er natrlich mit und wohnt bei uns. brigens haben die
Kessiner, wie mir neulich erst wer erzhlt hat, ein ziemlich groes Dampfschiff,
das zweimal die Woche nach Schweden hinberfhrt. Und auf dem Schiffe ist dann
Ball (sie haben da natrlich auch Musik), und er tanzt sehr gut...
    Wer?
    Nun, Dagobert.
    Ich dachte, du meintest Innstetten. Aber jedenfalls ist es an der Zeit,
endlich zu wissen, was er schreibt... Du hast ja den Brief noch in der Tasche.
    Richtig. Den htt ich fast vergessen. Und sie ffnete den Brief und
berflog ihn.
    Nun, Effi, kein Wort? Du strahlst nicht und lachst nicht einmal. Und er
schreibt doch immer so heiter und unterhaltlich und gar nicht vterlich weise.
    Das wrd ich mir auch verbitten. Er hat sein Alter, und ich habe meine
Jugend. Und ich wrde ihm mit dem Finger drohen und ihm sagen: Geert, berlege,
was besser ist.
    Und dann wrde er dir antworten: Was du hast, Effi, das ist das Bessere.
Denn er ist nicht nur ein Mann der feinsten Formen, er ist auch gerecht und
verstndig und wei recht gut, was Jugend bedeutet. Er sagt sich das immer und
stimmt sich auf das Jugendliche hin, und wenn er in der Ehe so bleibt, so werdet
ihr eine Musterehe fhren.
    Ja, das glaube ich auch, Mama. Aber kannst du dir vorstellen, und ich
schme mich fast, es zu sagen, ich bin nicht so sehr fr das, was man eine
Musterehe nennt.
    Das sieht dir hnlich. Und nun sage mir, wofr bist du denn eigentlich?
    Ich bin... nun, ich bin fr gleich und gleich und natrlich auch fr
Zrtlichkeit und Liebe. Und wenn es Zrtlichkeit und Liebe nicht sein knnen,
weil Liebe, wie Papa sagt, doch nur ein Papperlapapp ist (was ich aber nicht
glaube), nun, dann bin ich fr Reichtum und ein vornehmes Haus, ein ganz
vornehmes, wo Prinz Friedrich Karl zur Jagd kommt, auf Elchwild oder Auerhahn,
oder wo der alte Kaiser vorfhrt und fr jede Dame, auch fr die jungen, ein
gndiges Wort hat. Und wenn wir dann in Berlin sind, dann bin ich fr Hofball
und Galaoper, immer dicht neben der groen Mittelloge.
    Sagst du das so blo aus bermut und Laune?
    Nein, Mama, das ist mein vlliger Ernst. Liebe kommt zuerst, aber gleich
hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung - ja, Zerstreuung,
immer was Neues, immer was, da ich lachen oder weinen mu. Was ich nicht
aushalten kann, ist Langeweile.
    Wie bist du da nur mit uns fertig geworden?
    Ach, Mama, wie du nur so was sagen kannst. Freilich, wenn im Winter die
liebe Verwandtschaft vorgefahren kommt und sechs Stunden bleibt oder wohl auch
noch lnger und Tante Gundel und Tante Olga mich mustern und mich naseweis
finden - und Tante Gundel hat es mir auch mal gesagt -, ja, da macht sich's
mitunter nicht sehr hbsch, das mu ich zugeben. Aber sonst bin ich hier immer
glcklich gewesen, so glcklich...
    Und whrend sie das sagte, warf sie sich heftig weinend vor der Mama auf die
Knie und kte ihre beiden Hnde!
    Steh auf, Effi. Das sind so Stimmungen, die ber einen kommen, wenn man so
jung ist wie du und vor der Hochzeit steht und vor dem Ungewissen. Aber nun lies
mir den Brief vor, wenn er nicht was ganz Besonderes enthlt oder vielleicht
Geheimnisse.
    Geheimnisse, lachte Effi und sprang in pltzlich vernderter Stimmung
wieder auf. Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf, aber das meiste knnt
ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da, wo immer die landrtlichen
Verordnungen stehen. Nun, Geert ist ja auch Landrat.
    Lies, lies.
    Liebe Effi... So fngt es nmlich immer an, und manchmal nennt er mich auch
seine kleine Eva.
    Lies, lies... Du sollst ja lesen.
    Also: Liebe Effi! Je nher wir unsrem Hochzeitstage kommen, je sparsamer
werden Deine Briefe. Wenn die Post kommt, suche ich immer zuerst nach Deiner
Handschrift, aber, wie Du weit (und ich hab es ja auch nicht anders gewollt),
in der Regel vergeblich. Im Hause sind jetzt die Handwerker, die die Zimmer,
freilich nur wenige, fr Dein Kommen herrichten sollen. Das Beste wird wohl erst
geschehen, wenn wir auf der Reise sind. Tapezierer Madelung, der alles liefert,
ist ein Original, von dem ich Dir mit nchstem erzhle, vor allem aber, wie
glcklich ich bin ber Dich, ber meine se, kleine Effi. Mir brennt hier der
Boden unter den Fen, und dabei wird es in unserer guten Stadt immer stiller
und einsamer. Der letzte Badegast ist gestern abgereist; er badete zuletzt bei 9
Grad, und die Badewrter waren immer froh, wenn er wieder heil heraus war. Denn
sie frchteten einen Schlaganfall, was dann das Bad in Mikredit bringt, als ob
die Wellen hier schlimmer wren als woanders. Ich juble, wenn ich denke, da ich
in vier Wochen schon mit Dir von der Piazzetta aus nach dem Lido fahre oder nach
Murano hin, wo sie Glasperlen machen und schnen Schmuck. Und der schnste sei
fr Dich. Viele Gre den Eltern und den zrtlichsten Ku Dir von Deinem Geert.
    Effi faltete den Brief wieder zusammen, um ihn in das Couvert zu stecken.
    Das ist ein sehr hbscher Brief, sagte Frau von Briest, und da er in
allem das richtige Ma hlt das ist ein Vorzug mehr.
    Ja, das rechte Ma, das hlt er.
    Meine liebe Effi, la mich eine Frage tun; wnschtest du, da der Brief
nicht das richtige Ma hielte, wnschtest du, da er zrtlicher wre, vielleicht
berschwenglich zrtlich?
    Nein, nein, Mama. Wahr und wahrhaftig nicht, das wnsche ich nicht. Da ist
es doch besser so.
    Da ist es doch besser so. Wie das nun wieder klingt. Du bist so sonderbar.
Und da du vorhin weintest. Hast du was auf deinem Herzen? Noch ist es Zeit.
Liebst du Geert nicht?
    Warum soll ich ihn nicht lieben? Ich liebe Hulda, und ich liebe Bertha, und
ich liebe Hertha. Und ich liebe auch den alten Niemeyer. Und da ich euch liebe,
davon spreche ich gar nicht erst. Ich liebe alle, die's gut mit mir meinen und
gtig gegen mich sind und mich verwhnen. Und Geert wird mich auch wohl
verwhnen. Natrlich auf seine Art. Er will mir ja schon Schmuck schenken in
Venedig. Er hat keine Ahnung davon, da ich mir nichts aus Schmuck mache. Ich
klettre lieber, und ich schaukle mich lieber, und am liebsten immer in der
Furcht, da es irgendwo reien oder brechen und ich niederstrzen knnte. Den
Kopf wird es ja nicht gleich kosten.
    Und liebst du vielleicht auch deinen Vetter Briest?
    Ja, sehr. Der erheitert mich immer.
    Und httest du Vetter Briest heiraten mgen?
    Heiraten? Um Gottes willen nicht. Er ist ja noch ein halber Junge. Geert
ist ein Mann, ein schner Mann, ein Mann, mit dem ich Staat machen kann und aus
dem was wird in der Welt. Wo denkst du hin, Mama.
    Nun, das ist recht, Effi, das freut mich. Aber du hast noch was auf der
Seele.
    Vielleicht.
    Nun, sprich.
    Sieh, Mama, da er lter ist als ich, das schadet nichts, das ist
vielleicht recht gut: er ist ja doch nicht alt und ist gesund und frisch und so
soldatisch und so schneidig. Und ich knnte beinah sagen, ich wre ganz und gar
fr ihn, wenn er nur... ja, wenn er nur ein bichen anders wre.
    Wie denn, Effi?
    Ja, wie. Nun, du darfst mich nicht auslachen. Es ist etwas, was ich erst
ganz vor kurzem aufgehorcht habe, drben im Pastorhause. Wir sprachen da von
Innstetten, und mit einem Male zog der alte Niemeyer seine Stirn in Falten, aber
in Respekts- und Bewunderungsfalten, und sagte: Ja, der Baron! Das ist ein Mann
von Charakter, ein Mann von Prinzipien.
    Das ist er auch, Effi.
    Gewi. Und ich glaube, Niemeyer sagte nachher sogar, er sei auch ein Mann
von Grundstzen. Und das ist, glaub ich, noch etwas mehr. Ach, und ich... ich
habe keine. Sieh, Mama, da liegt etwas, was mich qult und ngstigt. Er ist so
lieb und gut gegen mich und so nachsichtig, aber... ich frchte mich vor ihm.

                                Fnftes Kapitel


Die Hohen-Cremmer Festtage lagen zurck; alles war abgereist, auch das junge
Paar, noch am Abend des Hochzeitstages.
    Der Polterabend hatte jeden zufriedengestellt, besonders die Mitspielenden,
und Hulda war dabei das Entzcken aller jungen Offiziere gewesen, sowohl der
Rathenower Husaren wie der etwas kritischer gestimmten Kameraden vom
Alexanderregiment. Ja, alles war gut und glatt verlaufen, fast ber Erwarten.
Nur Bertha und Hertha hatten so heftig geschluchzt, da Jahnkes plattdeutsche
Verse so gut wie verlorengegangen waren. Aber auch das hatte wenig geschadet.
Einige feine Kenner waren sogar der Meinung gewesen, das sei das Wahre;
Steckenbleiben und Schluchzen und Unverstndlichkeit - in diesem Zeichen (und
nun gar, wenn es so hbsche rotblonde Krauskpfe wren) werde immer am
entschiedensten gesiegt. Eines ganz besonderen Triumphes hatte sich Vetter
Briest in seiner selbstgedichteten Rolle rhmen drfen. Er war als Demuthscher
Kommis erschienen, der in Erfahrung gebracht, die junge Braut habe vor, gleich
nach der Hochzeit nach Italien zu reisen, weshalb er einen Reisekoffer abliefern
wolle. Dieser Koffer entpuppte sich natrlich als eine Riesenbonbonniere von
Hvel. Bis um drei Uhr war getanzt worden, bei welcher Gelegenheit der sich mehr
und mehr in eine hchste Champagnerstimmung hineinredende alte Briest allerlei
Bemerkungen ber den an manchen Hfen immer noch blichen Fackeltanz und die
merkwrdige Sitte des Strumpfband-Austanzens gemacht hatte, Bemerkungen, die
nicht abschlieen wollten und, sich immer mehr steigernd, am Ende so weit
gingen, da ihnen durchaus ein Riegel vorgeschoben werden mute. Nimm dich
zusammen, Briest, war ihm in ziemlich ernstem Tone von seiner Frau zugeflstert
worden; du stehst hier nicht, um Zweideutigkeiten zu sagen, sondern um die
Honneurs des Hauses zu machen. Wir haben eben eine Hochzeit und nicht eine
Jagdpartie. Worauf Briest geantwortet, er she darin keinen so groen
Unterschied; brigens sei er glcklich.
    Auch der Hochzeitstag selbst war gut verlaufen. Niemeyer hatte vorzglich
gesprochen, und einer der alten Berliner Herren, der halb und halb zur
Hofgesellschaft gehrte, hatte sich auf dem Rckwege von der Kirche zum
Hochzeitshause dahin geuert, es sei doch merkwrdig, wie reich gest in einem
Staate, wie der unsrige, die Talente seien. Ich sehe darin einen Triumph
unserer Schulen und vielleicht mehr noch unserer Philosophie. Wenn ich bedenke,
dieser Niemeyer, ein alter Dorfpastor, der anfangs aussah wie ein Hospitalit...
ja, Freund, sagen Sie selbst, hat er nicht gesprochen wie ein Hofprediger.
Dieser Takt und diese Kunst der Antithese, ganz wie Kgel, und an Gefhl ihm
noch ber. Kgel ist zu kalt. Freilich, ein Mann in seiner Stellung mu kalt
sein. Woran scheitert man denn im Leben berhaupt? Immer nur an der Wrme. Der
noch unverheiratete, aber wohl eben deshalb zum vierten Male in einem
Verhltnis stehende Wrdentrger, an den sich diese Worte gerichtet hatten,
stimmte selbstverstndlich zu. Nur zu wahr, lieber Freund, sagte er. Zuviel
Wrme...! ganz vorzglich... brigens mu ich Ihnen nachher eine Geschichte
erzhlen.

Der Tag nach der Hochzeit war ein heller Oktobertag. Die Morgensonne blinkte;
trotzdem war es schon herbstlich frisch, und Briest, der eben gemeinschaftlich
mit seiner Frau das Frhstck genommen, erhob sich von seinem Platz und stellte
sich, beide Hnde auf dem Rcken, gegen das mehr und mehr verglimmende
Kaminfeuer. Frau von Briest, eine Handarbeit in Hnden, rckte gleichfalls nher
an den Kamin und sagte zu Wilke, der gerade eintrat, um den Frhstckstisch
abzurumen: Und nun, Wilke, wenn Sie drin im Saal, aber das geht vor, alles in
Ordnung haben, dann sorgen Sie, da die Torten nach drben kommen, die Nutorte
zu Pastors und die Schssel mit kleinen Kuchen zu Jahnkes. Und nehmen Sie sich
mit den Glsern in acht. Ich meine die dnngeschliffenen.
    Briest war schon bei der dritten Zigarette, sah sehr wohl aus und erklrte,
nichts bekomme einem so gut wie eine Hochzeit, natrlich die eigene
ausgenommen.
    Ich wei nicht, Briest, wie du zu solcher Bemerkung kommst. Mir war ganz
neu, da du darunter gelitten haben willst. Ich wte auch nicht, warum.
    Luise, du bist eine Spielverderberin. Aber ich nehme nichts bel, auch
nicht einmal so was. In brigen, was wollen wir von uns sprechen, die wir nicht
einmal eine Hochzeitsreise gemacht haben. Dein Vater war dagegen. Aber Effi
macht nun eine Hochzeitsreise. Beneidenswert. Mit dem Zehnuhrzug ab. Sie mssen
jetzt schon bei Regensburg sein, und ich nehme an, da er ihr -
selbstverstndlich ohne auszusteigen - die Hauptkunstschtze der Walhalla
herzhlt. Innstetten ist ein vorzglicher Kerl, aber er hat so was von einem
Kunstfex, und Effi, Gott, unsere arme Effi, ist ein Naturkind. Ich frchte, da
er sie mit seinem Kunstenthusiasmus etwas qulen wird.
    Jeder qult seine Frau. Und Kunstenthusiasmus ist noch lange nicht das
Schlimmste.
    Nein, gewi nicht; jedenfalls wollen wir darber nicht streiten; es ist ein
weites Feld. Und dann sind auch die Menschen so verschieden. Du, nun ja, du
httest dazu getaugt. berhaupt httest du besser zu Innstetten gepat als Effi.
Schade, nun ist es zu spt.
    beraus galant, abgesehen davon, da es nicht pat. Unter allen Umstnden
aber, was gewesen ist, ist gewesen. Jetzt ist er mein Schwiegersohn, und es kann
zu nichts fhren, immer auf Jugendlichkeiten zurckzuweisen.
    Ich habe dich nur in eine animierte Stimmung bringen wollen.
    Sehr gtig. brigens nicht ntig. Ich bin in animierter Stimmung.
    Und auch in guter?
    Ich kann es fast sagen. Aber du darfst sie nicht verderben. Nun, was hast
du noch? Ich sehe, da du was auf dem Herzen hast.
    Gefiel dir Effi? Gefiel dir die ganze Geschichte? Sie war so sonderbar,
halb wie ein Kind, und dann wieder sehr selbstbewut und durchaus nicht so
bescheiden, wie sie's solchem Manne gegenber sein mte. Das kann doch nur so
zusammenhngen, da sie noch nicht recht wei, was sie an ihm hat. Oder ist es
einfach, da sie ihn nicht recht liebt? Das wre schlimm. Denn bei all seinen
Vorzgen, er ist nicht der Mann, sich diese Liebe mit leichter Manier zu
gewinnen.
    Frau von Briest schwieg und zhlte die Stiche auf dem Kanevas. Endlich sagte
sie: Was du da sagst, Briest, ist das Gescheiteste, was ich seit drei Tagen von
dir gehrt habe, deine Rede bei Tisch mit eingerechnet. Ich habe auch so meine
Bedenken gehabt. Aber ich glaube, wir knnen uns beruhigen.
    Hat sie dir ihr Herz ausgeschttet?
    So mcht ich es nicht nennen. Sie hat wohl das Bedrfnis zu sprechen, aber
sie hat nicht das Bedrfnis, sich so recht von Herzen auszusprechen, und macht
vieles in sich selber ab; sie ist mitteilsam und verschlossen zugleich, beinah
versteckt; berhaupt ein ganz eigenes Gemisch.
    Ich bin ganz deiner Meinung. Aber wenn sie dir nichts gesagt hat, woher
weit du's?
    Ich sagte nur, sie habe mir nicht ihr Herz ausgeschttet. Solche
Generalbeichte, so alles von der Seele herunter, das liegt nicht in ihr. Es fuhr
alles so blo ruckweis und pltzlich aus ihr heraus, und dann war es wieder
vorber. Aber gerade weil es so ungewollt und wie von ungefhr aus ihrer Seele
kam, deshalb war es mir so wichtig.
    Und wann war es denn und bei welcher Gelegenheit?
    Es werden jetzt gerade drei Wochen sein, und wir saen im Garten, mit
allerhand Ausstattungsdingen, groen und kleinen, beschftigt, als Wilke einen
Brief von Innstetten brachte. Sie steckte ihn zu sich, und ich mute sie eine
Viertelstunde spter erst erinnern, da sie ja einen Brief habe. Dann las sie
ihn, aber verzog kaum eine Miene. Ich bekenne dir, da mir bang ums Herz dabei
wurde, so bang, da ich gern eine Gewiheit haben wollte, soviel, wie man in
diesen Dingen haben kann.
    Sehr wahr, sehr wahr.
    Was meinst du damit?
    Nun, ich meine nur... Aber das ist ja ganz gleich. Sprich nur weiter; ich
bin ganz Ohr.
    Ich fragte also rundheraus, wie's stnde, und weil ich bei ihrem eigenen
Charakter einen feierlichen Ton vermeiden und alles so leicht wie mglich, ja
beinah scherzhaft nehmen wollte, so warf ich die Frage hin, ob sie vielleicht
den Vetter Briest, der ihr in Berlin sehr stark den Hof gemacht hatte, ob sie
den vielleicht lieber heiraten wrde...
    Und?
    Da httest du sie sehen sollen. Ihre nchste Antwort war ein schnippisches
Lachen. Der Vetter sei doch eigentlich nur ein groer Kadett in
Leutnantsuniform. Und einen Kadetten knne sie nicht einmal lieben, geschweige
heiraten. Und dann sprach sie von Innstetten, der ihr mit einem Male der Trger
aller mnnlichen Tugenden war.
    Und wie erklrst du dir das?
    Ganz einfach. So geweckt und temperamentvoll und beinahe leidenschaftlich
sie ist, oder vielleicht auch, weil sie es ist, sie gehrt nicht zu denen, die
so recht eigentlich auf Liebe gestellt sind, wenigstens nicht auf das, was den
Namen ehrlich verdient. Sie redet zwar davon, sogar mit Nachdruck und einem
gewissen berzeugungston, aber doch nur, weil sie irgendwo gelesen hat, Liebe
sei nun mal das Hchste, das Schnste, das Herrlichste. Vielleicht hat sie's
auch blo von der sentimentalen Person, der Hulda, gehrt und spricht es ihr
nach. Aber sie empfindet nicht viel dabei. Wohl mglich, da es alles mal kommt,
Gott verhte es, aber noch ist es nicht da.
    Und was ist da? Was hat sie?
    Sie hat nach meinem und auch nach ihrem eigenen Zeugnis zweierlei:
Vergngungssucht und Ehrgeiz.
    Nun, das kann passieren. Da bin ich beruhigt.
    Ich nicht. Innstetten ist ein Karrieremacher - vom Streber will ich nicht
sprechen, das ist er auch nicht, dazu ist er zu wirklich vornehm -, also
Karrieremacher, und das wird Effis Ehrgeiz befriedigen.
    Nun also. Das ist doch gut.
    Ja, das ist gut! Aber es ist erst die Hlfte. Ihr Ehrgeiz wird befriedigt
werden, aber ob auch ihr Hang nach Spiel und Abenteuer? Ich bezweifle. Fr die
stndliche kleine Zerstreuung und Anregung, fr alles, was die Langeweile
bekmpft, diese Todfeindin einer geistreichen kleinen Person, dafr wird
Innstetten sehr schlecht sorgen. Er wird sie nicht in einer geistigen de
lassen, dazu ist er zu klug und zu weltmnnisch, aber er wird sie auch nicht
sonderlich amsieren. Und was das schlimmste ist, er wird sich nicht einmal
recht mit der Frage beschftigen, wie das wohl anzufangen sei. Das wird eine
Weile so gehen, ohne viel Schaden anzurichten, aber zuletzt wird sie's merken,
und dann wird es sie beleidigen. Und dann wei ich nicht, was geschieht. Denn so
weich und nachgiebig sie ist, sie hat auch was Rabiates und lt es auf alles
ankommen.
    In diesem Augenblicke trat Wilke vom Saal her ein und meldete, da er alles
nachgezhlt und alles vollzhlig gefunden habe; nur von den feinen Weinglsern
sei eins zerbrochen, aber schon gestern, als das Hoch ausgebracht wurde -
Frulein Hulda habe mit Leutnant Nienkerken zu scharf angestoen.
    Versteht sich, von alter Zeit her immer im Schlaf, und unterm Holunderbaum
ist es natrlich nicht besser geworden. Eine alberne Person, und ich begreife
Nienkerken nicht.
    Ich begreife ihn vollkommen.
    Er kann sie doch nicht heiraten.
    Nein.
    Also zu was?
    Ein weites Feld, Luise.

Dies war am Tage nach der Hochzeit. Drei Tage spter kam eine kleine gekritzelte
Karte aus Mnchen, die Namen alle nur mit zwei Buchstaben angedeutet. Liebe
Mama! Heute vormittag die Pinakothek besucht. Geert wollte auch noch nach dem
andern hinber, das ich hier nicht nenne, weil ich wegen der Rechtschreibung in
Zweifel bin, und fragen mag ich ihn nicht. Er ist brigens engelsgut gegen mich
und erklrt mir alles. berhaupt alles sehr schn, aber anstrengend. In Italien
wird es wohl nachlassen und besser werden. Wir wohnen in den Vier Jahreszeiten,
was Geert veranlate, mir zu sagen, drauen sei Herbst, aber er habe in mir den
Frhling. Ich finde es sehr sinnig. Er ist berhaupt sehr aufmerksam. Freilich
ich mu es auch sein, namentlich wenn er was sagt oder erklrt. Er wei brigens
alles so gut, da er nicht einmal nachzuschlagen braucht. Mit Entzcken spricht
er von Euch, namentlich von Mama. Hulda findet er etwas zierig; aber der alte
Niemeyer hat es ihm ganz angetan. Tausend Gre von Eurer ganz berauschten, aber
auch etwas mden Effi.
    Solche Karten trafen nun tglich ein, aus Innsbruck, aus Verona, aus
Vicenza, aus Padua, eine jede fing an: Wir haben heute vormittag die hiesige
berhmte Galerie besucht, oder wenn es nicht die Galerie war, so war es eine
Arena oder irgendeine Kirche Santa Maria mit einem Zunamen. Aus Padua kam,
zugleich mit der Karte, noch ein wirklicher Brief. Gestern waren wir in
Vicenza. Vicenza mu man sehn wegen des Palladio; Geert sagte mir, da in ihm
alles Moderne wurzele. Natrlich nur in bezug auf Baukunst. Hier in Padua (wo
wir heute frh ankamen) sprach er im Hotelwagen etliche Male vor sich hin: Er
liegt in Padua begraben und war berrascht, als er von mir vernahm, da ich
diese Worte noch nie gehrt hatte. Schlielich aber sagte er, es sei eigentlich
ganz gut und ein Vorzug, da ich nichts davon wte. Er ist berhaupt sehr
gerecht. Und vor allem ist er engelsgut gegen mich und gar nicht berheblich und
auch gar nicht alt. Ich habe noch immer das Ziehen in den Fen, und das
Nachschlagen und das lange Stehen vor den Bildern strengt mich an. Aber es mu
ja sein. Ich freue mich sehr auf Venedig. Da bleiben wir fnf Tage, ja,
vielleicht eine ganze Woche. Geert hat mir schon von den Tauben auf dem
Markusplatze vorgeschwrmt, und da man sich da Tten mit Erbsen kauft und dann
die schnen Tiere damit fttert. Es soll Bilder geben, die das darstellen,
schne blonde Mdchen, ein Typus wie Hulda, sagte er. Wobei mir denn auch die
Jahnkeschen Mdchen einfallen. Ach, ich gbe was drum, wenn ich mit ihnen auf
unserm Hof auf einer Wagendeichsel sitzen und unsere Tauben fttern knnte. Die
Pfauentaube mit dem starken Kropf drft Ihr aber nicht schlachten, die will ich
noch wiedersehen. Ach, es ist so schn hier. Es soll ja auch das Schnste sein.
Eure glckliche, aber etwas mde Effi.
    Frau von Briest, als sie den Brief vorgelesen hatte, sagte: Das arme Kind.
Sie hat Sehnsucht.
    Ja, sagte Briest, sie hat Sehnsucht. Diese verwnschte Reiserei...
    Warum sagst du das jetzt? Du httest es ja hindern knnen. Aber das ist so
deine Art, hinterher den Weisen zu spielen. Wenn das Kind in den Brunnen
gefallen ist, decken die Ratsherren den Brunnen zu.
    Ach, Luise, komme mir doch nicht mit solchen Geschichten. Effi ist unser
Kind, aber seit dem 3. Oktober ist sie Baronin Innstetten. Und wenn ihr Mann,
unser Herr Schwiegersohn, eine Hochzeitsreise machen und bei der Gelegenheit
jede Galerie neu katalogisieren will, so kann ich ihn daran nicht hindern. Das
ist eben das, was man sich verheiraten nennt.
    Also jetzt gibst du das zu. Mir gegenber hast du's immer bestritten, immer
bestritten, da die Frau in einer Zwangslage sei.
    Ja, Luise, das hab ich. Aber wozu das jetzt. Das ist wirklich ein zu weites
Feld.

                                Sechstes Kapitel


Mitte November - sie waren bis Capri und Sorrent gekommen - lief Innstettens
Urlaub ab, und es entsprach seinem Charakter und seinen Gewohnheiten, genau Zeit
und Stunde zu halten. Am 14. frh traf er denn auch mit dem Kurierzuge in Berlin
ein, wo Vetter Briest ihn und die Cousine begrte und vorschlug, die zwei bis
zum Abgange des Stettiner Zuges noch zur Verfgung bleibenden Stunden zum
Besuche des St.-Privat-Panoramas zu benutzen und diesem Panoramabesuch ein
kleines Gabelfrhstck folgen zu lassen. Beides wurde dankbar akzeptiert. Um
Mittag war man wieder auf dem Bahnhof und nahm hier, nachdem, wie herkmmlich,
die glcklicherweise nie ernstgemeinte Aufforderung, doch auch mal
herberzukommen, ebenso von Effi wie von Innstetten ausgesprochen worden war,
unter herzlichem Hndeschtteln Abschied voneinander. Noch als der Zug sich
schon in Bewegung setzte, grte Effi vom Coup aus. Dann machte sie sich's
bequem und schlo die Augen; nur von Zeit zu Zeit richtete sie sich wieder auf
und reichte Innstetten die Hand.
    Es war eine angenehme Fahrt, und pnktlich erreichte der Zug den Bahnhof
Klein-Tantow, von dem aus eine Chaussee nach dem noch zwei Meilen entfernten
Kessin hinberfhrte. Bei Sommerzeit, namentlich whrend der Bademonate,
benutzte man statt der Chaussee lieber den Wasserweg und fuhr, auf einem alten
Raddampfer, das Flchen Kessine, dem Kessin selbst seinen Namen verdankte,
hinunter; am 1. Oktober aber stellte der Phnix, von dem seit lange vergeblich
gewnscht wurde, da er in einer passagierfreien Stunde sich seines Namens
entsinnen und verbrennen mge, regelmig seine Fahrten ein, weshalb denn auch
Innstetten bereits von Stettin aus an seinen Kutscher Kruse telegraphiert hatte:
Fnf Uhr, Bahnhof Klein-Tantow. Bei gutem Wetter offener Wagen.
    Und nun war gutes Wetter, und Kruse hielt in offenem Gefhrt am Bahnhof und
begrte die Ankommenden mit dem vorschriftsmigen Anstand eines
herrschaftlichen Kutschers.
    Nun, Kruse, alles in Ordnung?
    Zu Befehl, Herr Landrat.
    Dann, Effi, bitte, steig ein. Und whrend Effi dem nachkam und einer von
den Bahnhofsleuten einen kleinen Handkoffer vorn beim Kutscher unterbrachte, gab
Innstetten Weisung, den Rest des Gepcks mit dem Omnibus nachzuschicken. Gleich
danach nahm auch er seinen Platz, bat, sich populr machend, einen der
Umstehenden um Feuer und rief Kruse zu: Nun vorwrts, Kruse. Und ber die
Schienen weg, die vielgleisig an der bergangsstelle lagen, ging es in
Schrglinie den Bahndamm hinunter und gleich danach an einem schon an der
Chaussee gelegenen Gasthause vorber, das den Namen Zum Frsten Bismarck
fhrte. Denn an eben dieser Stelle gabelte der Weg und zweigte, wie rechts nach
Kessin, so links nach Varzin hin ab. Vor dem Gasthofe stand ein mittelgroer
breitschultriger Mann in Pelz und Pelzmtze, welch letztere er, als der Herr
Landrat vorberfuhr, mit vieler Wrde vom Haupte nahm. Wer war denn das? sagte
Effi, die durch alles, was sie sah, aufs hchste interessiert und schon deshalb
bei bester Laune war. Er sah ja aus wie ein Starost, wobei ich freilich
bekennen mu, nie einen Starosten gesehen zu haben.
    Was auch nicht schadet, Effi. Du hast es trotzdem sehr gut getroffen. Er
sieht wirklich aus wie ein Starost und ist auch so was. Er ist nmlich ein
halber Pole, heit Golchowski, und wenn wir hier Wahl haben oder eine Jagd, dann
ist er obenauf. Eigentlich ein ganz unsicherer Passagier, dem ich nicht ber den
Weg traue und der wohl viel auf dem Gewissen hat. Er spielt sich aber auf den
Loyalen hin aus, und wenn die Varziner Herrschaften hier vorberkommen, mcht er
sich am liebsten vor den Wagen werfen. Ich wei, da er dem Frsten auch
widerlich ist. Aber was hilft's? Wir drfen es nicht mit ihm verderben, weil wir
ihn brauchen. Er hat hier die ganze Gegend in der Tasche und versteht die
Wahlmache wie kein anderer, gilt auch fr wohlhabend. Dabei leiht er auf Wucher,
was sonst die Polen nicht tun; in der Regel das Gegenteil.
    Er sah aber gut aus.
    Ja, gut aussehen tut er. Gut aussehen tun die meisten hier. Ein hbscher
Schlag Menschen. Aber das ist auch das Beste, was man von ihnen sagen kann. Eure
mrkischen Leute sehen unscheinbarer aus und verdrielicher, und in ihrer
Haltung sind sie weniger respektvoll, eigentlich gar nicht, aber ihr Ja ist Ja,
und Nein ist Nein, und man kann sich auf sie verlassen. Hier ist alles
unsicher.
    Warum sagst du mir das? Ich mu nun doch hier mit ihnen leben.
    Du nicht, du wirst nicht viel von ihnen hren und sehen. Denn Stadt und
Land hier sind sehr verschieden, und du wirst nur unsere Stdter kennenlernen,
unsere guten Kessiner.
    Unsere guten Kessiner. Ist es Spott, oder sind sie wirklich so gut?
    Da sie wirklich gut sind, will ich nicht gerade behaupten, aber sie sind
doch anders als die andern; ja, sie haben gar keine hnlichkeit mit der
Landbevlkerung hier.
    Und wie kommt das?
    Weil es eben ganz andere Menschen sind, ihrer Abstammung nach und ihren
Beziehungen nach. Was du hier landeinwrts findest, das sind sogenannte
Kaschuben, von denen du vielleicht gehrt hast, slawische Leute, die hier schon
tausend Jahre sitzen und wahrscheinlich noch viel lnger. Alles aber, was hier
an der Kste hin in den kleinen See- und Handelsstdten wohnt, das sind von
weither Eingewanderte, die sich um das kaschubische Hinterland wenig kmmern,
weil sie wenig davon haben und auf etwas ganz anderes angewiesen sind. Worauf
sie angewiesen sind, das sind die Gegenden, mit denen sie Handel treiben, und da
sie das mit aller Welt tun und mit aller Welt in Verbindung stehen, so findest
du zwischen ihnen auch Menschen aus aller Welt Ecken und Enden. Auch in unserem
guten Kessin, trotzdem es eigentlich nur ein Nest ist.
    Aber das ist ja entzckend, Geert. Du sprichst immer von Nest, und nun
finde ich, wenn du nicht bertrieben hast, eine ganz neue Welt hier. Allerlei
Exotisches. Nicht wahr, so was hnliches meintest du doch?
    Er nickte.
    Eine ganz neue Welt, sag ich, vielleicht einen Neger oder einen Trken oder
vielleicht sogar einen Chinesen.
    Auch einen Chinesen. Wie gut du raten kannst. Es ist mglich; da wir
wirklich noch einen haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt; jetzt ist er
tot und auf einem kleinen eingegitterten Stck Erde begraben, dicht neben dem
Kirchhof. Wenn du nicht furchtsam bist, will ich dir bei Gelegenheit mal sein
Grab zeigen; es liegt zwischen den Dnen, blo Strandhafer drum rum und dann und
wann ein paar Immortellen, und immer hrt man das Meer. Es ist sehr schn und
sehr schauerlich.
    Ja, schauerlich, und ich mchte wohl mehr davon wissen. Aber doch lieber
nicht, ich habe dann immer gleich Visionen und Trume und mchte doch nicht,
wenn ich diese Nacht hoffentlich gut schlafe, gleich einen Chinesen an mein Bett
treten sehen.
    Das wird er auch nicht.
    Das wird er auch nicht. Hre, das klingt ja sonderbar, als ob es doch
mglich wre. Du willst mir Kessin interessant machen, aber du gehst darin ein
bichen weit. Und solche fremde Leute habt ihr viele in Kessin?
    Sehr viele. Die ganze Stadt besteht aus solchen Fremden, aus Menschen,
deren Eltern oder Groeltern noch ganz woanders saen.
    Hchst merkwrdig. Bitte, sage mir mehr davon. Aber nicht wieder was
Gruseliges. Ein Chinese, find ich, hat immer was Gruseliges.
    Ja, das hat er, lachte Geert. Aber der Rest ist, Gott sei Dank, von ganz
anderer Art, lauter manierliche Leute, vielleicht ein bichen zu sehr Kaufmann,
ein bichen zu sehr auf ihren Vorteil bedacht und mit Wechseln von zweifelhaftem
Wert immer bei der Hand. Ja, man mu sich vorsehen mit ihnen. Aber sonst ganz
gemtlich. Und damit du siehst, da ich dir nichts vorgemacht habe, will ich dir
nur so eine kleine Probe geben, so eine Art Register oder Personenverzeichnis.
    Ja, Geert, das tu.
    Da haben wir beispielsweise keine fnfzig Schritt von uns, und unsere
Grten stoen sogar zusammen, den Maschinen- und Baggermeister Macpherson, einen
richtigen Schotten und Hochlnder.
    Und trgt sich auch noch so?
    Nein, Gott sei Dank nicht, denn es ist ein verhutzeltes Mnnchen, auf das
weder sein Clan noch Walter Scott besonders stolz sein wrden. Und dann haben
wir in demselben Hause, wo dieser Macpherson wohnt, auch noch einen alten
Wundarzt, Beza mit Namen, eigentlich blo Barbier; der stammt aus Lissabon,
gerade daher, wo auch der berhmte General de Meza herstammt - Meza, Beza, du
hrst die Landesverwandtschaft heraus. Und dann haben wir fluaufwrts am
Bollwerk - das ist nmlich der Quai, wo die Schiffe liegen - einen Goldschmied
namens Stedingk, der aus einer alten schwedischen Familie stammt; ja, ich
glaube, es gibt sogar Reichsgrafen, die so heien, und des weiteren, und damit
will ich dann vorlufig abschlieen, haben wir den guten alten Doktor Hannemann,
der natrlich ein Dne ist und lange in Island war und sogar ein kleines Buch
geschrieben hat ber den letzten Ausbruch des Hekla oder Krabla.
    Das ist ja aber groartig, Geert. Das ist ja wie sechs Romane, damit kann
man ja gar nicht fertig werden. Es klingt erst spiebrgerlich und ist doch
hinterher ganz apart. Und dann mt ihr ja doch auch Menschen haben, schon weil
es eine Seestadt ist, die nicht blo Chirurgen oder Barbiere sind oder sonst
dergleichen. Ihr mt doch auch Kapitne haben, irgendeinen fliegenden Hollnder
oder...
    Da hast du ganz recht. Wir haben sogar einen Kapitn, der war Seeruber
unter den Schwarzflaggen.
    Kenn ich nicht. Was sind Schwarzflaggen?
    Das sind Leute weit dahinten in Tonkin und an der Sdsee... Seit er aber
wieder unter Menschen ist, hat er auch wieder die besten Formen und ist ganz
unterhaltlich.
    Ich wrde mich aber doch vor ihm frchten.
    Was du nicht ntig hast, zu keiner Zeit und auch dann nicht, wenn ich ber
Land bin oder zum Tee beim Frsten, denn zu allem andern, was wir haben, haben
wir ja Gott sei Dank auch Rollo...
    Rollo?
    Ja, Rollo. Du denkst dabei, vorausgesetzt, da du bei Niemeyer oder Jahnke
von dergleichen gehrt hast, an den Normannenherzog, und unserer hat auch so
was. Es ist aber blo ein Neufundlnder, ein wunderschnes Tier, das mich liebt
und dich auch lieben wird. Denn Rollo ist ein Kenner. Und solange du den um dich
hast, so lange bist du sicher und kann nichts an dich heran, kein Lebendiger und
kein Toter. Aber sieh mal den Mond da drben. Ist es nicht schn?
    Effi, die, still in sich versunken, jedes Wort halb ngstlich, halb begierig
eingesogen hatte, richtete sich jetzt auf und sah nach rechts hinber, wo der
Mond, unter weiem, aber rasch hinschwindendem Gewlk, eben aufgegangen war.
Kupferfarben stand die groe Scheibe hinter einem Erlengehlz und warf ihr Licht
auf eine breite Wasserflche, die die Kessine hier bildete. Oder vielleicht war
es auch schon ein Haff, an dem das Meer drauen seinen Anteil hatte.
    Effi war wie benommen. Ja, du hast recht, Geert, wie schn; aber es hat
zugleich so was Unheimliches. In Italien habe ich nie solchen Eindruck gehabt,
auch nicht, als wir von Mestre nach Venedig hinberfuhren. Da war auch Wasser
und Sumpf und Mondschein, und ich dachte, die Brcke wrde brechen; aber es war
nicht so gespenstig. Woran liegt es nur? Ist es doch das Nrdliche?
    Innstetten lachte. Wir sind hier fnfzehn Meilen nrdlicher als in
Hohen-Cremmen, und eh der erste Eisbr kommt, mut du noch eine Weile warten.
Ich glaube, du bist nervs von der langen Reise und dazu das St.-Privat-Panorama
und die Geschichte von dem Chinesen.
    Du hast mir ja gar keine erzhlt.
    Nein, ich hab ihn nur eben genannt. Aber ein Chinese ist schon an und fr
sich eine Geschichte...
    Ja, lachte sie.
    Und jedenfalls hast du's bald berstanden. Siehst du da vor dir das kleine
Haus mit dem Licht? Es ist eine Schmiede. Da biegt der Weg. Und wenn wir die
Biegung gemacht haben, dann siehst du schon den Turm von Kessin oder richtiger
beide...
    Hat es denn zwei?
    Ja, Kessin nimmt sich auf. Es hat jetzt auch eine katholische Kirche.

Eine halbe Stunde spter hielt der Wagen an der ganz am entgegengesetzten Ende
der Stadt gelegenen landrtlichen Wohnung, einem einfachen, etwas altmodischen
Fachwerkhause, das mit seiner Front auf die nach den Seebdern hinausfhrende
Hauptstrae, mit seinem Giebel aber auf ein zwischen der Stadt und den Dnen
liegendes Wldchen, das die Plantage hie, herniederblickte. Dies altmodische
Fachwerkhaus war brigens nur Innstettens Privatwohnung, nicht das eigentliche
Landratsamt, welches letztere, schrg gegenber, an der anderen Seite der Strae
lag.
    Kruse hatte nicht ntig, durch einen dreimaligen Peitschenknips die Ankunft
zu vermelden; lngst hatte man von Tr und Fenstern aus nach den Herrschaften
ausgeschaut, und ehe noch der Wagen heran war, waren bereits alle Hausinsassen
auf dem die ganze Breite des Brgersteiges einnehmenden Schwellstein versammelt,
vorauf Rollo, der im selben Augenblicke, wo der Wagen hielt, diesen zu umkreisen
begann. Innstetten war zunchst seiner jungen Frau beim Aussteigen behilflich
und ging dann, dieser den Arm reichend, unter freundlichem Gru an der
Dienerschaft vorber, die nun dem jungen Paare in den mit prchtigen alten
Wandschrnken umstandenen Hausflur folgte. Das Hausmdchen, eine hbsche, nicht
mehr ganz jugendliche Person, der ihre stattliche Flle fast ebensogut kleidete
wie das zierliche Mtzchen auf dem blonden Haar, war der gndigen Frau beim
Ablegen von Muff und Mantel behilflich und bckte sich eben, um ihr auch die mit
Pelz geftterten Gummistiefel auszuziehen. Aber ehe sie noch dazu kommen konnte,
sagte Innstetten: Es wird das beste sein, ich stelle dir gleich hier unsere
gesamte Hausgenossenschaft vor, mit Ausnahme der Frau Kruse, die sich - ich
vermute sie wieder bei ihrem unvermeidlichen schwarzen Huhn - nicht gerne sehen
lt. Alles lchelte. Aber lassen wir Frau Kruse... Dies hier ist mein alter
Friedrich, der schon mit mir auf der Universitt war... Nicht wahr, Friedrich,
gute Zeiten damals... und dies hier ist Johanna, mrkische Landsmnnin von dir,
wenn du, was aus Pasewalker Gegend stammt, noch fr voll gelten lassen willst,
und dies ist Christel, der wir mittags und abends unser leibliches Wohl
anvertrauen und die zu kochen versteht, das kann ich dir versichern. Und dies
hier ist Rollo. Nun, Rollo, wie geht's?
    Rollo schien nur auf diese spezielle Ansprache gewartet zu haben, denn im
selben Augenblicke, wo er seinen Namen hrte, gab er einen Freudenblaff,
richtete sich auf und legte die Pfoten auf seines Herrn Schulter.
    Schon gut, Rollo, schon gut. Aber sieh da, das ist die Frau; ich hab ihr
von dir erzhlt und ihr gesagt, da du ein schnes Tier seiest und sie schtzen
wrdest. Und nun lie Rollo ab und setzte sich vor Innstetten nieder, zugleich
neugierig zu der jungen Frau aufblickend. Und als diese ihm die Hand hinhielt,
umschmeichelte er sie.
    Effi hatte whrend dieser Vorstellungsszene Zeit gefunden, sich umzuschauen.
Sie war wie gebannt von allem, was sie sah, und dabei geblendet von der Flle
von Licht. In der vorderen Flurhlfte brannten vier, fnf Wandleuchter, die
Leuchter selbst sehr primitiv, von bloem Weiblech, was aber den Glanz und die
Helle nur noch steigerte. Zwei mit roten Schleiern bedeckte Astrallampen,
Hochzeitsgeschenk von Niemeyer, standen auf einem zwischen zwei Eichenschrnken
angebrachten Klapptisch, in Front davon das Teezeug, dessen Lmpchen unter dem
Kessel schon angezndet war. Aber noch viel, viel anderes und zum Teil sehr
Sonderbares kam zu dem allen hinzu. Quer ber den Flur fort liefen drei, die
Flurdecke in ebenso viele Felder teilende Balken; an dem vordersten hing ein
Schiff mit vollen Segeln, hohem Hinterdeck und Kanonenluken, whrend weiter hin
ein riesiger Fisch in der Luft zu schwimmen schien. Effi nahm ihren Schirm, den
sie noch in Hnden hielt, und stie leis an das Ungetm an, so da es sich in
eine langsam schaukelnde Bewegung setzte.
    Was ist das, Geert? fragte sie.
    Das ist ein Haifisch.
    Und ganz dahinten das, was aussieht wie eine groe Zigarre vor einem
Tabaksladen?
    Das ist ein junges Krokodil. Aber das kannst du dir alles morgen viel
besser und genauer ansehen; jetzt komm und la uns eine Tasse Tee nehmen. Denn
trotz aller Plaids und Decken wirst du gefroren haben. Es war zuletzt
empfindlich kalt.
    Er bot nun Effi den Arm, und whrend sich die beiden Mdchen zurckzogen und
nur Friedrich und Rollo folgten, trat man, nach links hin, in des Hausherrn
Wohn- und Arbeitszimmer ein. Effi war hier hnlich berrascht wie drauen im
Flur; aber ehe sie sich darber uern konnte, schlug Innstetten eine Portiere
zurck, hinter der ein zweites, etwas greres Zimmer, mit Blick auf Hof und
Garten, gelegen war. Das, Effi, ist nun also dein. Friedrich und Johanna haben
es, so gut es ging, nach meinen Anordnungen herrichten mssen. Ich finde es ganz
ertrglich und wrde mich freuen, wenn es dir auch gefiele.
    Sie nahm ihren Arm aus dem seinigen und hob sich auf die Fuspitzen, um ihm
einen herzlichen Ku zu geben.
    Ich armes kleines Ding, wie du mich verwhnst. Dieser Flgel und dieser
Teppich, ich glaube gar, es ist ein trkischer, und das Bassin mit den Fischchen
und dazu der Blumentisch. Verwhnung, wohin ich sehe.
    Ja, meine liebe Effi, das mut du dir nun schon gefallen lassen, dafr ist
man jung und hbsch und liebenswrdig, was die Kessiner wohl auch schon erfahren
haben werden, Gott wei, woher. Denn an dem Blumentisch wenigstens bin ich
unschuldig. Friedrich, wo kommt der Blumentisch her?
    Apotheker Gieshbler... Es liegt auch eine Karte bei.
    Ah, Gieshbler, Alonzo Gieshbler, sagte Innstetten und reichte lachend
und in beinahe ausgelassener Laune die Karte mit dem etwas fremdartig klingenden
Vornamen zu Effi hinber. Gieshbler, von dem hab ich dir zu erzhlen vergessen
- beilufig, er fhrt auch den Doktortitel, hat's aber nicht gern, wenn man ihn
dabei nennt, das rgere, so meint er, die richtigen Doktors blo, und darin wird
er wohl recht haben. Nun, ich denke, du wirst ihn kennenlernen, und zwar bald:
er ist unsere beste Nummer hier, Schngeist und Original und vor allem Seele von
Mensch, was doch immer die Hauptsache bleibt. Aber lassen wir das alles und
setzen uns und nehmen unsern Tee. Wo soll es sein? Hier bei dir oder drin bei
mir? Denn eine weitere Wahl gibt es nicht. Eng und klein ist meine Htte.
    Sie setzte sich ohne Besinnen auf ein kleines Ecksofa. Heute bleiben wir
hier, heute bist du bei mir zu Gast. Oder lieber so: den Tee regelmig bei mir,
das Frhstck bei dir; dann kommt jeder zu seinem Recht, und ich bin neugierig,
wo mir's am besten gefallen wird.
    Das ist eine Morgen- und Abendfrage.
    Gewi. Aber wie sie sich stellt oder, richtiger, wie wir uns dazu stellen,
das ist es eben.
    Und sie lachte und schmiegte sich an ihn und wollte ihm die Hand kssen.
    Nein, Effi, um Himmels willen nicht, nicht so. Mir liegt nicht daran, die
Respektsperson zu sein, das bin ich fr die Kessiner. Fr dich bin ich...
    Nun was?
    Ach la. Ich werde mich hten, es zu sagen.

                               Siebentes Kapitel


Es war schon heller Tag, als Effi am andern Morgen erwachte. Sie hatte Mhe,
sich zurechtzufinden. Wo war sie? Richtig, in Kessin, im Hause des Landrats von
Innstetten, und sie war seine Frau, Baronin Innstetten. Und sich aufrichtend,
sah sie sich neugierig um; am Abend vorher war sie zu mde gewesen, um alles,
was sie da halb fremdartig, halb altmodisch umgab, genauer in Augenschein zu
nehmen. Zwei Sulen sttzten den Deckenbalken, und grne Vorhnge schlossen den
alkovenartigen Schlafraum, in welchem die Betten standen, von dem Rest des
Zimmers ab; nur in der Mitte fehlte der Vorhang oder war zurckgeschlagen, was
ihr von ihrem Bette aus eine bequeme Orientierung gestattete. Da, zwischen den
zwei Fenstern, stand der schmale, bis hoch hinauf reichende Trumeau, whrend
rechts daneben, und schon an der Flurwand hin, der groe schwarze Kachelofen
aufragte, der noch (soviel hatte sie schon am Abend vorher bemerkt) nach alter
Sitte von auen her geheizt wurde. Sie fhlte jetzt, wie seine Wrme
herberstrmte. Wie schn es doch war, im eigenen Hause zu sein; soviel Behagen
hatte sie whrend der ganzen Reise nicht empfunden, nicht einmal in Sorrent.
    Aber wo war Innstetten? Alles still um sie her, niemand da. Sie hrte nur
den Ticktackschlag einer kleinen Pendule und dann und wann einen dumpfen Ton im
Ofen, woraus sie schlo, da vom Flur her ein paar neue Scheite nachgeschoben
wrden. Allmhlich entsann sie sich auch, da Geert, am Abend vorher, von einer
elektrischen Klingel gesprochen hatte, nach der sie denn auch nicht lange mehr
zu suchen brauchte; dicht neben ihrem Kissen war der kleine weie
Elfenbeinknopf, auf den sie nun leise drckte.
    Gleich danach erschien Johanna. Gndige Frau haben befohlen.
    Ach, Johanna, ich glaube, ich habe mich verschlafen. Es mu schon spt
sein.
    Eben neun.
    Und der Herr..., es wollt ihr nicht glcken, so ohne weiteres von ihrem
Manne zu sprechen, ...der Herr, er mu sehr leise gemacht haben; ich habe
nichts gehrt.
    Das hat er gewi. Und gnd'ge Frau werden fest geschlafen haben. Nach der
langen Reise...
    Ja, das hab ich. Und der Herr, ist er immer so frh auf?
    Immer, gnd'ge Frau. Darin ist er streng: er kann das lange Schlafen nicht
leiden, und wenn er drben in sein Zimmer tritt, da mu der Ofen warm sein, und
der Kaffee darf auch nicht auf sich warten lassen.
    Da hat er also schon gefrhstckt?
    O nicht doch, gnd'ge Frau... der gnd'ge Herr...
    Effi fhlte, da sie die Frage nicht htte tun und die Vermutung, Innstetten
knne nicht auf sie gewartet haben, lieber nicht htte aussprechen sollen. Es
lag ihr denn auch daran, diesen ihren Fehler, so gut es ging, wieder
auszugleichen, und als sie sich erhoben und vor dem Trumeau Platz genommen
hatte, nahm sie das Gesprch wieder auf und sagte: Der Herr hat brigens ganz
recht. Immer frh auf, das war auch Regel in meiner Eltern Hause. Wo die Leute
den Morgen verschlafen, da gibt es den ganzen Tag keine Ordnung mehr. Aber der
Herr wird es so streng mit mir nicht nehmen; eine ganze Weile hab ich diese
Nacht nicht schlafen knnen und habe mich sogar ein wenig gengstigt.
    Was ich hren mu, gnd'ge Frau! Was war es denn?
    Es war ber mir ein ganz sonderbarer Ton, nicht laut, aber doch sehr
eindringlich. Erst klang es, wie wenn lange Schleppenkleider ber die Diele
hinschleiften, und in meiner Erregung war es mir ein paarmal, als ob ich kleine
weie Atlasschuhe she. Es war, als tanze man oben, aber ganz leise.
    Johanna, whrend das Gesprch so ging, sah ber die Schulter der jungen Frau
fort in den hohen schmalen Spiegel hinein, um die Mienen Effis besser beobachten
zu knnen. Dann sagte sie: Ja, das ist oben im Saal. Frher hrten wir es in
der Kche auch. Aber jetzt hren wir es nicht mehr; wir haben uns daran
gewhnt.
    Ist es denn etwas Besonderes damit?
    O, Gott bewahre, nicht im geringsten. Eine Weile wute man nicht recht,
woher es kme, und der Herr Prediger machte ein verlegenes Gesicht, trotzdem
Doktor Gieshbler immer nur darber lachte. Nun aber wissen wir, da es die
Gardinen sind. Der Saal ist etwas multrig und stockig, und deshalb stehen immer
die Fenster auf, wenn nicht gerade Sturm ist, Und da ist denn fast immer ein
starker Zug oben und fegt die alten, weien Gardinen, die auerdem viel zu lang
sind, ber die Dielen hin und her. Das klingt dann so wie seidne Kleider oder
auch wie Atlasschuhe, wie die gnd'ge Frau eben bemerkten.
    Natrlich ist es das. Aber ich begreife nur nicht, warum dann die Gardinen
nicht abgenommen werden. Oder man knnte sie ja krzer machen. Es ist ein so
sonderbares Gerusch, das einem auf die Nerven fllt. Und nun, Johanna, bitte,
geben Sie mir noch das kleine Tuch und tupfen Sie mir die Stirn. Oder nehmen Sie
lieber den Refraichisseur aus meiner Reisetasche... Ach, das ist schn und
erfrischt mich. Nun werde ich hinbergehen. Er ist doch noch da, oder war er
schon aus?
    Der gnd'ge Herr war schon aus, ich glaube drben auf dem Amt. Aber seit
einer Viertelstunde ist er zurck. Ich werde Friedrich sagen, da er das
Frhstck bringt.
    Und damit verlie Johanna das Zimmer, whrend Effi noch einen Blick in den
Spiegel tat und dann ber den Flur fort, der bei der Tagesbeleuchtung viel von
seinem Zauber vom Abend vorher eingebt hatte, bei Geert eintrat.
    Dieser sa an seinem Schreibtisch, einem etwas schwerflligen
Zylinderbureau, das er aber, als Erbstck aus dem elterlichen Hause, nicht
missen mochte. Effi stand hinter ihm und umarmte und kte ihn, noch eh er sich
von seinem Platz erheben konnte.
    Schon?
    Schon, sagst du. Natrlich um mich zu verspotten.
    Innstetten schttelte den Kopf. Wie werd ich das? Effi fand aber ein
Gefallen daran, sich anzuklagen, und wollte von den Versicherungen ihres Mannes,
da sein schon ganz aufrichtig gemeint gewesen sei, nichts hren. Du mut
noch von der Reise her wissen, da ich morgens nie habe warten lassen. Im Laufe
des Tages, nun ja, da ist es etwas anderes. Es ist wahr, ich bin nicht sehr
pnktlich, aber ich bin keine Langschlferin. Darin, denk ich, haben mich die
Eltern gut erzogen.
    Darin? In allem, meine se Effi.
    Das sagst du so, weil wir noch in den Flitterwochen sind... aber nein, wir
sind ja schon heraus. Um 's Himmels willen, Geert, daran habe ich noch gar nicht
gedacht, wir sind ja schon ber sechs Wochen verheiratet, sechs Wochen und einen
Tag. Ja, das ist etwas anderes; da nehme ich es nicht mehr als Schmeichelei, da
nehme ich es als Wahrheit.
    In diesem Augenblicke trat Friedrich ein und brachte den Kaffee. Der
Frhstckstisch stand in Schrglinie vor einem kleinen rechtwinkligen Sofa, das
gerade die eine Ecke des Wohnzimmers ausfllte. Hier setzten sich beide.
    Der Kaffee ist ja vorzglich, sagte Effi, whrend sie zugleich das Zimmer
und seine Einrichtung musterte. Das ist noch Hotelkaffee oder wie bei der
Bottegone... erinnerst du dich noch, in Florenz, mit dem Blick auf den Dom.
Davon mu ich der Mama schreiben, solchen Kaffee haben wir in Hohen-Cremmen
nicht. berhaupt, Geert, ich sehe nun erst, wie vornehm ich mich verheiratet
habe. Bei uns konnte alles nur so gerade passieren.
    Torheit, Effi, ich habe nie eine bessere Hausfhrung gesehen als bei euch.
    Und dann, wie du wohnst. Als Papa sich den neuen Gewehrschrank angeschafft
und ber seinem Schreibtisch einen Bffelkopf und dicht darunter den alten
Wrangel angebracht hatte (er war nmlich mal Adjutant bei dem Alten), da dacht
er, wunder was er getan: aber wenn ich mich hier umsehe, daneben ist unsere
ganze Hohen-Cremmener Herrlichkeit ja blo drftig und alltglich. Ich wei gar
nicht, womit ich das alles vergleichen soll; schon gestern abend, als ich nur so
flchtig darber hinsah, kamen mir allerhand Gedanken.
    Und welche, wenn ich fragen darf?
    Ja, welche. Du darfst aber nicht drber lachen. Ich habe mal ein Bilderbuch
gehabt, wo ein persischer oder indischer Frst (denn er trug einen Turban) mit
untergeschlagenen Beinen auf einem roten Seidenkissen sa, und in seinem Rcken
war auerdem noch eine groe rote Seidenrolle, die links und rechts ganz
bauschig zum Vorschein kam, und die Wand hinter dem indischen Frsten starrte
von Schwertern und Dolchen und Parderfellen und Schilden und langen trkischen
Flinten. Und sieh, ganz so sieht es hier bei dir aus, und wenn du noch die Beine
unterschlgst, ist die hnlichkeit vollkommen.
    Effi, du bist ein entzckendes, liebes Geschpf. Du weit gar nicht, wie
sehr ich's finde und wie gern ich dir in jedem Augenblicke zeigen mchte, da
ich's finde.
    Nun, dazu ist ja noch vollauf Zeit; ich bin ja erst siebzehn und habe noch
nicht vor, zu sterben.
    Wenigstens nicht vor mir. Freilich, wenn ich dann strbe, nhme ich dich am
liebsten mit. Ich will dich keinem andern lassen; was meinst du dazu?
    Das mu ich mir doch noch berlegen. Oder lieber, lassen wir's berhaupt.
Ich spreche nicht gern von Tod, ich bin fr Leben. Und nun sage mir, wie leben
wir hier? Du hast mir unterwegs allerlei Sonderbares von Stadt und Land erzhlt,
aber wie wir selber hier leben werden, davon kein Wort. Da hier alles anders
ist als in Hohen-Cremmen und Schwantikow, das seh ich wohl, aber wir mssen doch
in dem guten Kessin, wie du's immer nennst, auch etwas wie Umgang und
Gesellschaft haben knnen. Habt ihr denn Leute von Familie in der Stadt?
    Nein, meine liebe Effi; nach dieser Seite hin gehst du groen
Enttuschungen entgegen. In der Nhe haben wir ein paar Adlige, die du
kennenlernen wirst, aber hier in der Stadt ist gar nichts.
    Gar nichts? das kann ich nicht glauben. Ihr seid doch bis zu dreitausend
Menschen, und unter dreitausend Menschen mu es doch auer so kleinen Leuten wie
Barbier Beza (so hie er ja wohl) doch auch noch eine Elite geben, Honoratioren
oder dergleichen.
    Innstetten lachte. Ja, Honoratioren, die gibt es. Aber bei Lichte besehen,
ist es nicht viel damit. Natrlich haben wir einen Prediger und einen
Amtsrichter und einen Rektor und einen Lotsenkommandeur, und von solchen
beamteten Leuten findet sich schlielich wohl ein ganzes Dutzend zusammen, aber
die meisten davon: gute Menschen und schlechte Musikanten. Und was dann noch
bleibt, das sind blo Konsuln.
    Blo Konsuln. Ich bitte dich, Geert, wie kannst du nur sagen blo Konsuln.
Das ist doch etwas sehr Hohes und Groes, und ich mchte beinah sagen
Furchtbares. Konsuln, das sind doch die mit dem Rutenbndel, draus, glaub ich,
ein Beil heraussah.
    Nicht ganz, Effi. Die heien Liktoren.
    Richtig, die heien Liktoren. Aber Konsuln ist doch auch etwas sehr
Vornehmes und Hochgesetzliches. Brutus war doch ein Konsul.
    Ja, Brutus war ein Konsul. Aber unsere sind ihm nicht sehr hnlich und
begngen sich damit, mit Zucker und Kaffee zu handeln oder eine Kiste mit
Apfelsinen aufzubrechen, und verkaufen dir dann das Stck pro zehn Pfennige.
    Nicht mglich.
    Sogar gewi. Es sind kleine, pfiffige Kaufleute, die, wenn fremdlndische
Schiffe hier einlaufen und in irgendeiner Geschftsfrage nicht recht aus noch
ein wissen, die dann mit ihrem Rate zur Hand sind, und wenn sie diesen Rat
gegeben und irgendeinem hollndischen oder portugiesischen Schiff einen Dienst
geleistet haben, so werden sie zuletzt zu beglaubigten Vertretern solcher
fremder Staaten, und geradeso viele Botschafter und Gesandte, wie wir in Berlin
haben, so viele Konsuln haben wir auch in Kessin, und wenn irgendein Festtag
ist, und es gibt hier viel Festtage, dann werden alle Wimpel gehit, und haben
wir gerad eine grelle Morgensonne, so siehst du an solchem Tage ganz Europa von
unsern Dchern flaggen und das Sternenbanner und den chinesischen Drachen dazu.
    Du bist in einer spttischen Laune, Geert, und magst auch wohl recht haben.
Aber ich, fr meine kleine Person, mu dir gestehen, da ich dies alles
entzckend finde und da unsere havellndischen Stdte daneben verschwinden.
Wenn sie da Kaisers Geburtstag feiern, so flaggt es immer blo Schwarz und Wei
und allenfalls ein bichen Rot dazwischen, aber das kann sich doch nicht
vergleichen mit der Welt von Flaggen, von der du sprichst. berhaupt, wie ich
dir schon sagte, ich finde immer wieder und wieder, es hat alles so was
Fremdlndisches hier, und ich habe noch nichts gehrt und gesehen, was mich
nicht in eine gewisse Verwunderung gesetzt htte, gleich gestern abend das
merkwrdige Schiff drauen im Flur und dahinter der Haifisch und das Krokodil
und hier dein eigenes Zimmer. Alles so orientalisch, und ich mu es wiederholen,
alles wie bei einem indischen Frsten ...
    Meinetwegen. Ich gratuliere, Frstin...
    Und dann oben der Saal mit seinen langen Gardinen, die ber die Diele
hinfegen.
    Aber was weit du denn von dem Saal, Effi?
    Nichts, als was ich dir eben gesagt habe. Wohl eine Stunde lang, als ich in
der Nacht aufwachte, war es mir, als ob ich Schuhe auf der Erde schleifen hrte
und als wrde getanzt und fast auch wie Musik. Aber alles ganz leise. Und das
hab ich dann heute frh an Johanna erzhlt, blo um mich zu entschuldigen, da
ich hinterher so lange geschlafen. Und da sagte sie mir, das sei von den langen
Gardinen oben im Saal. Ich denke, wir machen kurzen Proze damit und schneiden
die Gardinen etwas ab oder schlieen wenigstens die Fenster; es wird ohnehin
bald strmisch genug werden. Mitte November ist ja die Zeit.
    Innstetten sah in einer kleinen Verlegenheit vor sich hin und schien
schwankend, ob er auf all das antworten solle. Schlielich entschied er sich fr
Schweigen. Du hast ganz recht, Effi, wir wollen die langen Gardinen oben krzer
machen. Aber es eilt nicht damit, um so weniger, als es nicht sicher ist, ob es
hilft. Es kann auch was anderes sein, im Rauchfang oder der Wurm im Holz oder
ein Iltis. Wir haben nmlich hier Iltisse. Jedenfalls aber, eh wir nderungen
vornehmen, mut du dich in unserem Hauswesen erst umsehen, natrlich unter
meiner Fhrung; in einer Viertelstunde zwingen wir's. Und dann machst du
Toilette, nur ein ganz klein wenig, denn eigentlich bist du so am reizendsten -
Toilette fr unseren Freund Gieshbler; es ist jetzt zehn vorber, und ich mte
mich sehr in ihm irren, wenn er nicht um elf oder doch sptestens um die
Mittagsstunde hier antreten und dir seinen Respekt devotest zu Fen legen
sollte. Das ist nmlich die Sprache, drin er sich ergeht. brigens, wie ich dir
schon sagte, ein kapitaler Mann, der dein Freund werden wird, wenn ich ihn und
dich recht kenne.

                                 Achtes Kapitel


Elf war es lngst vorber; aber Gieshbler hatte sich noch immer nicht sehen
lassen. Ich kann nicht lnger warten, hatte Geert gesagt, den der Dienst
abrief. Wenn Gieshbler noch erscheint, so sei mglichst entgegenkommend, dann
wird es vorzglich gehen; er darf nicht verlegen werden; ist er befangen, so
kann er kein Wort finden oder sagt die sonderbarsten Dinge; weit du ihn aber in
Zutrauen und gute Laune zu bringen, dann redet er wie ein Buch. Nun, du wirst es
schon machen. Erwarte mich nicht vor drei; es gibt drben allerlei zu tun. Und
das mit dem Saal oben wollen wir noch berlegen; es wird aber wohl am besten
sein, wir lassen es beim alten.
    Damit ging Innstetten und lie seine junge Frau allein. Diese sa, etwas
zurckgelehnt, in einem lauschigen Winkel am Fenster und sttzte sich, whrend
sie hinaussah, mit ihrem linken Arm auf ein kleines Seitenbrett, das aus dem
Zylinderbureau herausgezogen war. Die Strae war die Hauptverkehrsstrae nach
dem Strande hin, weshalb denn auch in Sommerzeit ein reges Leben hier herrschte,
jetzt aber, um Mitte November, war alles leer und still, und nur ein paar arme
Kinder, deren Eltern in etlichen ganz am uersten Rande der Plantage
gelegenen Strohdachhusern wohnten, klappten in ihren Holzpantinen an dem
Innstettenschen Hause vorber. Effi empfand aber nichts von dieser Einsamkeit,
denn ihre Phantasie war noch immer bei den wunderlichen Dingen, die sie, kurz
vorher, whrend ihrer Umschau haltenden Musterung im Hause gesehen hatte. Diese
Musterung hatte mit der Kche begonnen, deren Herd eine moderne Konstruktion
aufwies, whrend an der Decke hin, und zwar bis in die Mdchenstube hinein, ein
elektrischer Draht lief - beides vor kurzem erst hergerichtet. Effi war erfreut
gewesen, als ihr Innstetten davon erzhlt hatte, dann aber waren sie von der
Kche wieder in den Flur zurck- und von diesem in den Hof hinausgetreten, der
in seiner ersten Hlfte nicht viel mehr als ein zwischen zwei Seitenflgeln
hinlaufender ziemlich schmaler Gang war. In diesen Flgeln war alles
untergebracht, was sonst noch zu Haushalt und Wirtschaftsfhrung gehrte, rechts
Mdchenstube, Bedientenstube, Rollkammer, links eine zwischen Pferdestall und
Wagenremise gelegene, von der Familie Kruse bewohnte Kutscherwohnung. ber
dieser, in einem Verschlage, waren die Hhner einlogiert, und eine Dachklappe
ber dem Pferdestall bildete den Aus- und Einschlupf fr die Tauben. All dies
hatte sich Effi mit vielem Interesse angesehen, aber dies Interesse sah sich
doch weit berholt, als sie, nach ihrer Rckkehr vom Hof ins Vorderhaus, unter
Innstettens Fhrung die nach oben fhrende Treppe hinaufgestiegen war. Diese war
schief, baufllig, dunkel; der Flur dagegen, auf den sie mndete, wirkte beinah
heiter, weil er viel Licht und einen guten landschaftlichen Ausblick hatte: nach
der einen Seite hin, ber die Dcher des Stadtrandes und die Plantage fort,
auf eine hoch auf einer Dne stehende hollndische Windmhle, nach der anderen
Seite hin auf die Kessine, die hier, unmittelbar vor ihrer Einmndung, ziemlich
breit war und einen stattlichen Eindruck machte. Diesem Eindruck konnte man sich
unmglich entziehen, und Effi hatte denn auch nicht gesumt, ihrer Freude
lebhaften Ausdruck zu geben. Ja, sehr schn, sehr malerisch, hatte Innstetten,
ohne weiter darauf einzugehen, geantwortet und dann eine mit ihren Flgeln etwas
schief hngende Doppeltr geffnet, die nach rechts hin in den sogenannten Saal
fhrte. Dieser lief durch die ganze Etage; Vorder- und Hinterfenster standen
auf, und die mehrerwhnten langen Gardinen bewegten sich in dem starken Luftzuge
hin und her. In der Mitte der einen Lngswand sprang ein Kamin vor mit einer
groen Steinplatte, whrend an der Wand gegenber ein paar blecherne Leuchter
hingen, jeder mit zwei Lichtffnungen, ganz so wie unten im Flur, aber alles
stumpf und ungepflegt. Effi war einigermaen enttuscht, sprach es auch aus und
erklrte, statt des den und rmlichen Saals, doch lieber die Zimmer an der
gegenbergelegenen Flurseite sehen zu wollen. Da ist nun eigentlich vollends
nichts, hatte Innstetten geantwortet, aber doch die Tren geffnet. Es befanden
sich hier vier einfenstrige Zimmer, alle gelb getncht, gerade wie der Saal, und
ebenfalls ganz leer. Nur in einem standen drei Binsensthle, die durchgesessen
waren, und an die Lehne des einen war ein kleines, nur einen halben Finger
langes Bildchen geklebt, das einen Chinesen darstellte, blauer Rock mit gelben
Pluderhosen und einen flachen Hut auf dem Kopf. Effi sah es und sagte: Was soll
der Chinese? Innstetten selber schien von dem Bildchen berrascht und
versicherte, da er es nicht wisse. Das hat Christel angeklebt oder Johanna.
Spielerei. Du kannst sehen, es ist aus einer Fibel herausgeschnitten. Effi fand
es auch und war nur verwundert, da Innstetten alles so ernsthaft nahm, als ob
es doch etwas sei. Dann hatte sie noch einmal einen Blick in den Saal getan und
sich dabei dahin geuert, wie es doch eigentlich schade sei, da das alles leer
stehe. Wir haben unten ja nur drei Zimmer, und wenn uns wer besucht, so wissen
wir nicht aus noch ein. Meinst du nicht, da man aus dem Saal zwei hbsche
Fremdenzimmer machen knnte. Das wre so was fr die Mama; nach hinten heraus
knnte sie schlafen und htte den Blick auf den Flu und die beiden Molen, und
vorn htte sie die Stadt und die hollndische Windmhle. In Hohen-Cremmen haben
wir noch immer blo eine Bockmhle. Nun sage, was meinst du dazu? Nchsten Mai
wird doch die Mama wohl kommen.
    Innstetten war mit allem einverstanden gewesen und hatte nur zum Schlusse
gesagt: Alles ganz gut. Aber es ist doch am Ende besser, wir logieren die Mama
drben ein, auf dem Landratsamt; die ganze erste Etage steht da auch leer,
geradeso wie hier, und sie ist da noch mehr fr sich.

Das war so das Resultat des ersten Umgangs im Hause gewesen; dann hatte Effi
drben ihre Toilette gemacht, nicht ganz so schnell, wie Innstetten angenommen,
und nun sa sie in ihres Gatten Zimmer und beschftigte sich in ihren Gedanken
abwechselnd mit dem kleinen Chinesen oben und mit Gieshbler, der noch immer
nicht kam. Vor einer Viertelstunde war freilich ein kleiner, schiefschultriger
und fast schon so gut wie verwachsener Herr in einem kurzen eleganten Pelzrock
und einem hohen, sehr glatt gebrsteten Zylinder an der andern Seite der Strae
vorbeigegangen und hatte nach ihrem Fenster hinbergesehen. Aber das konnte
Gieshbler wohl nicht gewesen sein! Nein, dieser schiefschultrige Herr, der
zugleich etwas so Distinguiertes hatte, das mute der Herr Gerichtsprsident
gewesen sein, und sie entsann sich auch wirklich, in einer Gesellschaft bei
Tante Therese, mal einen solchen gesehen zu haben, bis ihr mit einem Male
einfiel, da Kessin blo einen Amtsrichter habe.
    Whrend sie diesen Betrachtungen noch nachhing, wurde der Gegenstand
derselben, der augenscheinlich erst eine Morgen- oder vielleicht auch eine
Ermutigungspromenade um die Plantage herum gemacht hatte, wieder sichtbar, und
eine Minute spter erschien Friedrich, um Apotheker Gieshbler anzumelden.
    Ich lasse sehr bitten.
    Der armen jungen Frau schlug das Herz, weil es das erste Mal war, da sie
sich als Hausfrau und noch dazu als erste Frau der Stadt zu zeigen hatte.
    Friedrich half Gieshbler den Pelzrock ablegen und ffnete dann wieder die
Tr.
    Effi reichte dem verlegen Eintretenden die Hand, die dieser mit einem
gewissen Ungestm kte. Die junge Frau schien sofort einen groen Eindruck auf
ihn gemacht zu haben.
    Mein Mann hat mir bereits gesagt... Aber ich empfange Sie hier in meines
Mannes Zimmer... er ist drben auf dem Amt und kann jeden Augenblick zurck
sein... Darf ich Sie bitten, bei mir eintreten zu wollen?
    Gieshbler folgte der voranschreitenden Effi ins Nebenzimmer, wo diese auf
einen der Fauteuils wies, whrend sie sich selbst ins Sofa setzte. Da ich
Ihnen sagen knnte, welche Freude Sie mir gestern durch die schnen Blumen und
Ihre Karte gemacht haben. Ich hrte sofort auf, mich hier als eine Fremde zu
fhlen, und als ich dies Innstetten aussprach, sagte er mir, wir wrden
berhaupt gute Freunde sein.
    Sagte er so? Der gute Herr Landrat. Ja, der Herr Landrat und Sie, meine
gndigste Frau, da sind, das bitte ich sagen zu drfen, zwei liebe Menschen
zueinandergekommen. Denn wie Ihr Herr Gemahl ist, das wei ich, und wie Sie
sind, meine gndigste Frau, das sehe ich.
    Wenn Sie nur nicht mit zu freundlichen Augen sehen. Ich bin so sehr jung.
Und Jugend ...
    Ach, meine gndigste Frau, sagen Sie nichts gegen die Jugend. Die Jugend,
auch in ihren Fehlern ist sie noch schn und liebenswrdig, und das Alter, auch
in seinen Tugenden taugt es nicht viel. Persnlich kann ich in dieser Frage
freilich nicht mitsprechen, vom Alter wohl, aber von der Jugend nicht, denn ich
bin eigentlich nie jung gewesen. Personen meines Schlages sind nie jung. Ich
darf wohl sagen, das ist das Traurigste von der Sache. Man hat keinen rechten
Mut, man hat kein Vertrauen zu sich selbst, man wagt kaum, eine Dame zum Tanz
aufzufordern, weil man ihr eine Verlegenheit ersparen will, und so gehen die
Jahre hin, und man wird alt, und das Leben war arm und leer.
    Effi gab ihm die Hand. Ach, Sie drfen so was nicht sagen. Wir Frauen sind
gar nicht so schlecht.
    Oh, nein, gewi nicht...
    Und wenn ich mir so zurckrufe, fuhr Effi fort, was ich alles erlebt
habe... viel ist es nicht, denn ich bin wenig herausgekommen und habe fast immer
auf dem Lande gelebt..., aber wenn ich es mir zurckrufe, so finde ich doch, da
wir immer das lieben, was liebenswert ist. Und dann sehe ich doch auch gleich,
da Sie anders sind als andere, dafr haben wir Frauen ein scharfes Auge.
Vielleicht ist es auch der Name, der in ihrem Falle mitwirkt. Das war immer eine
Lieblingsbehauptung unseres alten Pastors Niemeyer; der Name, so liebte er zu
sagen, besonders der Taufname, habe was geheimnisvoll Bestimmendes, und Alonzo
Gieshbler, so mein ich, schliet eine ganz neue Welt vor einem auf, ja, fast
mcht ich sagen drfen, Alonzo ist ein romantischer Name, ein Preziosa-Name.
    Gieshbler lchelte mit einem ganz ungemeinen Behagen und fand den Mut,
seinen fr seine Verhltnisse viel zu hohen Zylinder, den er bis dahin in der
Hand gedreht hatte, beiseite zu stellen. Ja, meine gndigste Frau, da treffen
Sie's
    Oh, ich verstehe. Ich habe von den Konsuln gehrt, deren Kessin so viele
haben soll, und in dem Hause des spanischen Konsuls hat Ihr Herr Vater
mutmalich die Tochter eines seemnnischen Capitanos kennengelernt, wie ich
annehme, irgendeine schne Andalusierin. Andalusierinnen sind immer schn.
    Ganz wie Sie vermuten, meine Gndigste. Und meine Mutter war wirklich eine
schne Frau, so schlecht es mir persnlich zusteht, die Beweisfhrung zu
bernehmen. Aber als Ihr Herr Gemahl vor drei Jahren hierherkam, lebte sie noch
und hatte noch ganz die Feueraugen. Er wird es mir besttigen. Ich persnlich
bin mehr ins Gieshblersche geschlagen, Leute von wenig Exterieur, aber sonst
leidlich im Stande. Wir sitzen hier schon in der vierten Generation, volle
hundert Jahre, und wenn es so einen Apothekeradel gbe...
    So wrden Sie ihn beanspruchen drfen. Und ich meinerseits nehme ihn fr
bewiesen an und sogar fr bewiesen ohne jede Einschrnkung. Uns, aus den alten
Familien, wird das am leichtesten, weil wir, so wenigstens bin ich von meinem
Vater und auch von meiner Mutter her erzogen, jede gute Gesinnung, sie komme,
woher sie wolle, mit Freudigkeit gelten lassen. Ich bin eine geborene Briest und
stamme von dem Briest ab, der, am Tage vor der Fehrbelliner Schlacht, den
berfall von Rathenow ausfhrte, wovon Sie vielleicht einmal gehrt haben...
    Oh, gewi, meine Gndigste, das ist ja meine Spezialitt.
    Eine Briest also. Und mein Vater, da reichen keine hundert Male, da er zu
mir gesagt hat: Effi (so heie ich nmlich), Effi, hier sitzt es, blo hier, und
als Froben das Pferd tauschte, da war er von Adel, und als Luther sagte: Hier
stehe ich, da war er erst recht von Adel. Und ich denke, Herr Gieshbler,
Innstetten hatte ganz recht, als er mir versicherte, wir wrden gute
Freundschaft halten.
    Gieshbler htte nun am liebsten gleich eine Liebeserklrung gemacht und
gebeten, da er als Cid oder irgend sonst ein Campeador fr sie kmpfen und
sterben knne. Da dies alles aber nicht ging und sein Herz es nicht mehr
aushalten konnte, so stand er auf, suchte nach seinem Hut, den er auch
glcklicherweise gleich fand, und zog sich, nach wiederholtem Handku, rasch
zurck, ohne weiter ein Wort gesagt zu haben.

                                Neuntes Kapitel


So war Effis erster Tag in Kessin gewesen. Innstetten gab ihr noch eine halbe
Woche Zeit, sich einzurichten und die verschiedensten Briefe nach Hohen-Cremmen
zu schreiben, an die Mama, an Hulda und die Zwillinge; dann aber hatten die
Stadtbesuche begonnen, die zum Teil (es regnete gerade so, da man sich diese
Ungewhnlichkeit schon gestatten konnte) in einer geschlossenen Kutsche gemacht
wurden. Als man damit fertig war, kam der Landadel an die Reihe. Das dauerte
lnger, da sich, bei den meist groen Entfernungen, an jedem Tage nur eine
Visite machen lie. Zuerst war man bei den Borckes in Rothenmoor, dann ging es
nach Morgnitz, Dabergotz und Kroschentin, wo man bei den Ahlemanns, den Jatzkows
und den Grasenabbs den pflichtschuldigen Besuch abstattete. Noch ein paar andere
folgten, unter denen auch der alte Baron von Gldenklee auf Papenhagen war. Der
Eindruck, den Effi empfing, war berall derselbe: mittelmige Menschen, von
meist zweifelhafter Liebenswrdigkeit, die, whrend sie vorgaben, ber Bismarck
und die Kronprinzessin zu sprechen, eigentlich nur Effis Toilette musterten, die
von einigen als zu prtentis fr eine so jugendliche Dame, von andern als
zuwenig dezent fr eine Dame von gesellschaftlicher Stellung befunden wurde. Man
merke doch an allem die Berliner Schule: Sinn fr uerliches und eine
merkwrdige Verlegenheit und Unsicherheit bei Berhrung groer Fragen. In
Rothenmoor bei den Borckes und dann auch bei den Familien in Morgnitz und
Dabergotz war sie fr rationalistisch angekrnkelt, bei den Grasenabbs in
Kroschentin aber rundweg fr eine Atheistin erklrt worden. Allerdings hatte
die alte Frau von Grasenabb, eine Sddeutsche (geborene Stiefel von
Stiefelstein), einen schwachen Versuch gemacht, Effi wenigstens fr den Deismus
zu retten; Sidonie von Grasenabb aber, eine dreiundvierzigjhrige alte Jungfer,
war barsch dazwischengefahren: Ich sage dir, Mutter, einfach Atheistin, kein
Zollbreit weniger, und dabei bleibt es, worauf die Alte, die sich vor ihrer
eigenen Tochter frchtete, klglich geschwiegen hatte.
    Die ganze Tournee hatte so ziemlich zwei Wochen gedauert, und es war am 2.
Dezember, als man, zu schon spter Stunde, von dem letzten dieser Besuche nach
Kessin zurckkehrte. Dieser letzte Besuch hatte den Gldenklees auf Papenhagen
gegolten, bei welcher Gelegenheit Innstetten dem Schicksal nicht entgangen war,
mit dem alten Gldenklee politisieren zu mssen. Ja, teuerster Landrat, wenn
ich so den Wechsel der Zeiten bedenke! Heute vor einem Menschenalter oder
ungefhr so lange, ja, da war auch ein zweiter Dezember, und der gute Louis und
Napoleons-Neffe - wenn er so was war und nicht eigentlich ganz woanders
herstammte -, der karttschte damals auf die Pariser Kanaille. Na, das mag ihm
verziehen sein, fr so was war er der rechte Mann, und ich halte zu dem Satze:
Jeder hat es gerade so gut und so schlecht, wie er's verdient. Aber da er
nachher alle Schtzung verlor und Anno 70 so mir nichts, dir nichts auch mit uns
anbinden wollte, sehen Sie, Baron, das war, ja wie sag ich, das war eine
Insolenz. Es ist ihm aber auch heimgezahlt worden. Unser Alter da oben lt sich
nicht spotten, der steht zu uns.
    Ja, sagte Innstetten, der klug genug war, auf solche Philistereien
anscheinend ernsthaft einzugehen, der Held und Eroberer von Saarbrcken wute
nicht, was er tat. Aber Sie drfen nicht zu streng mit ihm persnlich abrechnen.
Wer ist am Ende Herr in seinem Hause? Niemand. Ich richte mich auch schon darauf
ein, die Zgel der Regierung in andere Hnde zu legen, und Louis Napoleon, nun,
der war vollends ein Stck Wachs in den Hnden seiner katholischen Frau, oder
sagen wir lieber, seiner jesuitischen Frau.
    Wachs in den Hnden seiner Frau, die ihm dann eine Nase drehte. Natrlich,
Innstetten, das war er. Aber damit wollen Sie diese Puppe doch nicht etwa
retten? Er ist und bleibt gerichtet. An und fr sich ist es brigens noch gar
nicht mal erwiesen, und sein Blick suchte bei diesen Worten etwas ngstlich
nach dem Auge seiner Ehehlfte, ob nicht Frauenherrschaft eigentlich als ein
Vorzug gelten kann; nur freilich, die Frau mu danach sein. Aber wer war diese
Frau? Sie war berhaupt keine Frau, im gnstigsten Falle war sie eine Dame, das
sagt alles; Dame hat beinah immer einen Beigeschmack. Diese Eugenie - ber deren
Verhltnis zu dem jdischen Bankier ich hier gern hingehe, denn ich hasse
Tugendhochmut - hatte was vom Caf chantant, und wenn die Stadt, in der sie
lebte, das Babel war, so war sie das Weib von Babel. Ich mag mich nicht
deutlicher ausdrcken, denn ich wei߫, und er verneigte sich gegen Effi, was
ich deutschen Frauen schuldig bin. Um Vergebung, meine Gndigste, da ich diese
Dinge vor Ihren Ohren berhaupt berhrt habe.
    So war die Unterhaltung gegangen, nachdem man vorher von Wahl, Nobiling und
Raps gesprochen hatte, und nun saen Innstetten und Effi wieder daheim und
plauderten noch eine halbe Stunde. Die beiden Mdchen im Hause waren schon zu
Bett, denn es war nah an Mitternacht.
    Innstetten, in kurzem Hausrock und Saffianschuhen, ging auf und ab; Effi war
noch in ihrer Gesellschaftstoilette; Fcher und Handschuhe lagen neben ihr.
    Ja, sagte Innstetten, whrend er sein Aufundabschreiten im Zimmer
unterbrach, diesen Tag mten wir nun wohl eigentlich feiern, und ich wei nur
noch nicht, womit. Soll ich dir einen Siegesmarsch vorspielen oder den Haifisch
drauen in Bewegung setzen oder dich im Triumph ber den Flur tragen? Etwas mu
doch geschehen, denn du mut wissen, das war nun heute die letzte Visite.
    Gott sei Dank, war sie's, sagte Effi. Aber das Gefhl, da wir nun Ruhe
haben, ist, denk ich, gerade Feier genug. Nur einen Ku knntest du mir geben.
Aber daran denkst du nicht. Auf dem ganzen weiten Wege nicht gerhrt, frostig
wie ein Schneemann. Und immer nur die Zigarre.
    La, ich werde mich schon bessern und will vorlufig nur wissen, wie stehst
du zu dieser ganzen Umgangs- und Verkehrsfrage? Fhlst du dich zu dem einen oder
andern hingezogen? Haben die Borckes die Grasenabbs geschlagen oder umgekehrt,
oder hltst du's mit dem alten Guldenklee? Was er da ber die Eugenie sagte,
machte doch einen sehr edlen und reinen Eindruck.
    Ei, sieh, Herr von Innstetten, auch medisant! Ich lerne Sie von einer ganz
neuen Seite kennen.
    Und wenn's unser Adel nicht tut, fuhr Innstetten fort, ohne sich stren zu
lassen, wie stehst du zu den Kessiner Stadthonoratioren? wie stehst du zur
Ressource? Daran hngt doch am Ende Leben und Sterben. Ich habe dich da neulich
mit unserem reserveleutnantlichen Amtsrichter sprechen sehen, einem zierlichen
Mnnchen, mit dem sich vielleicht durchkommen liee, wenn er nur endlich von der
Vorstellung losknnte, die Wiedereroberung von Le Bourget durch sein Erscheinen
in der Flanke zustande gebracht zu haben. Und seine Frau! sie gilt als die beste
Bostonspielerin und hat auch die hbschesten Anlegemarken. Also nochmals, Effi,
wie wird es werden in Kessin? Wirst du dich einleben? Wirst du populr werden
und mir die Majoritt sichern, wenn ich in den Reichstag will? Oder bist du fr
Einsiedlertum, fr Abschlu von der Kessiner Menschheit, so Stadt wie Land?
    Ich werde mich wohl fr Einsiedlertum entschlieen, wenn mich die
Mohrenapotheke nicht herausreit. Bei Sidonie werd ich dadurch freilich noch
etwas tiefer sinken, aber darauf mu ich es ankommen lassen; dieser Kampf mu
eben gekmpft werden. Ich steh und falle mit Gieshbler. Es klingt etwas
komisch, aber er ist wirklich der einzige, mit dem sich ein Wort reden lt, der
einzige richtige Mensch hier.
    Das ist er, sagte Innstetten. Wie gut du zu whlen verstehst.
    Htte ich sonst dich? sagte Effi und hing sich an seinen Arm.

Das war am 2. Dezember. Eine Woche spter war Bismarck in Varzin, und nun wute
Innstetten, da bis Weihnachten und vielleicht noch drber hinaus, an ruhige
Tage fr ihn gar nicht mehr zu denken sei. Der Frst hatte noch von Versailles
her eine Vorliebe fr ihn und lud ihn, wenn Besuch da war, hufig zu Tisch, aber
auch allein, denn der jugendliche, durch Haltung und Klugheit gleich
ausgezeichnete Landrat stand ebenso in Gunst bei der Frstin.
    Zum 14. erfolgte die erste Einladung. Es lag Schnee, weshalb Innstetten die
fast zweistndige Fahrt bis an den Bahnhof, von wo noch eine Stunde Eisenbahn
war, im Schlitten zu machen vorhatte. Warte nicht auf mich, Effi. Vor
Mitternacht kann ich nicht zurck sein; wahrscheinlich wird es zwei oder noch
spter. Ich stre dich aber nicht. Gehab dich wohl und auf Wiedersehen morgen
frh. Und damit stieg er ein, und die beiden isabellfarbenen Graditzer jagten
im Fluge durch die Stadt hin und dann landeinwrts auf den Bahnhof zu.
    Das war die erste lange Trennung, fast auf zwlf Stunden. Arme Effi. Wie
sollte sie den Abend verbringen? Frh zu Bett, das war gefhrlich, dann wachte
sie auf und konnte nicht wieder einschlafen und horchte auf alles. Nein, erst
recht mde werden und dann ein fester Schlaf, das war das Beste. Sie schrieb
einen Brief an die Mama und ging dann zu der Frau Kruse, deren gemtskranker
Zustand - sie hatte das schwarze Huhn oft bis in die Nacht hinein auf ihrem
Scho - ihr Teilnahme einflte. Die Freundlichkeit indessen, die sich darin
aussprach, wurde von der in ihrer berheizten Stube sitzenden und nur still und
stumm vor sich hin brtenden Frau keinen Augenblick erwidert, weshalb Effi, als
sie wahrnahm, da ihr Besuch mehr als Strung wie als Freude empfunden wurde,
wieder ging und nur noch fragte, ob die Kranke etwas haben wolle. Diese lehnte
aber alles ab.
    Inzwischen war es Abend geworden, und die Lampe brannte schon. Effi stellte
sich ans Fenster ihres Zimmers und sah auf das Wldchen hinaus, auf dessen
Zweigen der glitzernde Schnee lag. Sie war von dem Bilde ganz in Anspruch
genommen und kmmerte sich nicht um das, was hinter ihr in dem Zimmer vorging.
Als sie sich wieder umsah, bemerkte sie, da Friedrich still und geruschlos ein
Couvert gelegt und ein Kabarett auf den Sofatisch gestellt hatte. Ja so,
Abendbrot... Da werd ich mich nun wohl setzen mssen. Aber es wollte nicht
schmecken, und so stand sie wieder auf und las den an die Mama geschriebenen
Brief noch einmal durch. Hatte sie schon vorher ein Gefhl der Einsamkeit
gehabt, so jetzt doppelt. Was htte sie darum gegeben, wenn die beiden
Jahnkeschen Rotkpfe jetzt eingetreten wren oder selbst Hulda. Die war freilich
immer so sentimental und beschftigte sich meist nur mit ihren Triumphen, aber
so zweifelhaft und anfechtbar diese Triumphe waren, sie htte sich in diesem
Augenblicke doch gern davon erzhlen lassen. Schlielich klappte sie den Flgel
auf um zu spielen; aber es ging nicht. Nein, dabei werd ich vollends
melancholisch; lieber lesen. Und so suchte sie nach einem Buche. Das erste, was
ihr zu Hnden kam, war ein dickes, rotes Reisehandbuch, alter Jahrgang,
vielleicht schon aus Innstettens Leutnantstagen her. Ja, darin will ich lesen;
es gibt nichts Beruhigenderes als solche Bcher. Das Gefhrliche sind blo immer
die Karten; aber vor diesem Augenpulver, das ich hasse, werd ich mich schon
hten. Und so schlug sie denn auf gut Glck auf, Seite 153. Nebenan hrte sie
das Ticktack der Uhr und drauen Rollo, der, seit es dunkel war, seinen Platz in
der Remise aufgegeben und sich, wie jeden Abend, so auch heute wieder, auf die
groe geflochtene Matte, die vor dem Schlafzimmer lag, ausgestreckt hatte. Das
Bewutsein seiner Nhe minderte das Gefhl ihrer Verlassenheit, ja, sie kam fast
in Stimmung, und so begann sie denn auch unverzglich zu lesen. Auf der gerade
vor ihr aufgeschlagenen Seite war von der Eremitage, dem bekannten
markgrflichen Lust schlo in der Nhe von Bayreuth, die Rede; das lockte sie,
Bayreuth, Richard Wagner, und so las sie denn: Unter den Bildern in der
Eremitage nennen wir noch eins, das nicht durch seine Schnheit, wohl aber durch
sein Alter und durch die Person, die es darstellt, ein Interesse beansprucht. Es
ist dies ein stark nachgedunkeltes Frauenportrt, kleiner Kopf, mit herben,
etwas unheimlichen Gesichtszgen und einer Halskrause, die den Kopf zu tragen
scheint. Einige meinen, es sei eine alte Markgrfin aus dem Ende des fnfzehnten
Jahrhunderts, andere sind der Ansicht, es sei die Grfin von Orlamnde; darin
aber sind beide einig, da es das Bildnis der Dame sei, die seither in der
Geschichte der Hohenzollern unter dem Namen der Weien Frau eine gewisse
Berhmtheit erlangt hat.
    Das hab ich gut getroffen, sagte Effi, whrend sie das Buch beiseite
schob; ich will mir die Nerven beruhigen, und das erste, was ich lese, ist die
Geschichte von der Weien Frau, vor der ich mich gefrchtet habe, solang ich
denken kann. Aber da nun das Gruseln mal da ist, will ich doch auch zu Ende
lesen.
    Und sie schlug wieder auf und las weiter: ... Eben dies alte Portrt
(dessen Original in der Hohenzollernschen Familiengeschichte solche Rolle
spielt) spielt als Bild auch eine Rolle in der Spezialgeschichte des Schlosses
Eremitage, was wohl damit zusammenhngt, da es an einer dem Fremden
unsichtbaren Tapetentr hngt, hinter der sich eine vom Souterrain her
hinauffhrende Treppe befindet. Es heit, da, als Napoleon hier bernachtete,
die Weie Frau aus dem Rahmen herausgetreten und auf sein Bett zugeschritten
sei. Der Kaiser, entsetzt auffahrend, habe nach seinem Adjutanten gerufen und
bis an sein Lebensende mit Entrstung von diesem maudit chteau gesprochen.
    Ich mu es aufgeben, mich durch Lektre beruhigen zu wollen, sagte Effi.
Lese ich weiter, so komm ich gewi noch nach einem Kellergewlbe, wo der Teufel
auf einem Weinfa davongeritten ist. Es gibt, glaub ich, in Deutschland viel
dergleichen, und in einem Reisehandbuch mu es sich natrlich alles
zusammenfinden. Ich will also lieber wieder die Augen schlieen und mir, so gut
es geht, meinen Polterabend vorstellen: die Zwillinge, wie sie vor Trnen nicht
weiterkonnten, und dazu den Vetter Briest, der, als sich alles verlegen
anblickte, mit erstaunlicher Wrde behauptete, solche Trnen ffneten einem das
Paradies. Er war wirklich charmant und immer so bermtig... Und nun ich! Und
gerade hier. Ach, ich tauge doch gar nicht fr eine groe Dame. Die Mama, ja,
die htte hierher gepat, die htte, wie's einer Landrtin zukommt, den Ton
angegeben, und Sidonie Grasenabb wre ganz Huldigung gegen sie gewesen und htte
sich ber ihren Glauben oder Unglauben nicht gro beunruhigt. Aber ich... Ich
bin ein Kind und werd es auch wohl bleiben. Einmal hab ich gehrt, das sei ein
Glck. Aber ich wei doch nicht, ob das wahr ist. Man mu doch immer dahin
passen, wohin man nun mal gestellt ist.
    In diesem Augenblicke kam Friedrich, um den Tisch abzurumen.
    Wie spt ist es, Friedrich?
    Es geht auf neun, gnd'ge Frau.
    Nun, das lt sich hren. Schicken Sie mir Johanna.

Gnd'ge Frau haben befohlen.
    Ja, Johanna. Ich will zu Bett gehen. Es ist eigentlich noch frh. Aber ich
bin so allein. Bitte, tun Sie den Brief erst ein, und wenn Sie wieder da sind,
nun, dann wird es wohl Zeit sein. Und wenn auch nicht.
    Effi nahm die Lampe und ging in ihr Schlafzimmer hinber. Richtig, auf der
Binsenmatte lag Rollo. Als er Effi kommen sah, erhob er sich, um den Platz
freizugeben, und strich mit seinem Behang an ihrer Hand hin. Dann legte er sich
wieder nieder.
    Johanna war inzwischen nach dem Landratsamt hinbergegangen, um da den Brief
einzustecken. Sie hatte sich drben nicht sonderlich beeilt, vielmehr
vorgezogen, mit der Frau Paaschen, des Amtsdieners Frau, ein Gesprch zu fhren.
Natrlich ber die junge Frau.
    Wie ist sie denn? fragte die Paaschen.
    Sehr jung ist sie.
    Nun, das ist kein Unglck, eher umgekehrt. Die Jungen, und das ist eben das
Gute, stehen immer blo vorm Spiegel und zupfen und stecken sich was vor und
sehen nicht viel und hren nicht viel und sind noch nicht so, da sie drauen
immer die Lichtstmpfe zhlen und einem nicht gnnen, da man einen Ku kriegt,
blo weil sie selber keinen mehr kriegen.
    Ja, sagte Johanna, so war meine vorige Madam, und ganz ohne Not. Aber
davon hat unsere Gnd'ge nichts.
    Ist er denn sehr zrtlich?
    O sehr. Das knnen Sie doch wohl denken.
    Aber da er sie so allein lt...
    Ja, liebe Paaschen, Sie drfen nicht vergessen... der Frst. Und dann, er
ist ja doch am Ende Landrat. Und vielleicht will er auch noch hher.
    Gewi, will er. Und er wird auch noch. Er hat so was. Paaschen sagt es auch
immer, und der kennt seine Leute.
    Whrend dieses Ganges drben nach dem Amt hinber war wohl eine
Viertelstunde vergangen, und als Johanna wieder zurck war, sa Effi schon vor
dem Trumeau und wartete.
    Sie sind lange geblieben, Johanna.
    Ja, gnd'ge Frau... Gnd'ge Frau wollen entschuldigen... Ich traf drben
die Frau Paaschen, und da hab ich mich ein wenig verweilt. Es ist so still hier.
Man ist immer froh, wenn man einen Menschen trifft, mit dem man ein Wort
sprechen kann. Christel ist eine sehr gute Person, aber sie spricht nicht, und
Friedrich ist so dusig und auch so vorsichtig und will mit der Sprache nie recht
heraus. Gewi, man mu auch schweigen knnen, und die Paaschen, die so neugierig
und so ganz gewhnlich ist, ist eigentlich gar nicht nach meinem Geschmack; aber
man hat es doch gern, wenn man mal was hrt und sieht.
    Effi seufzte. Ja, Johanna, das ist auch das Beste...
    Gnd'ge Frau haben so schnes Haar, so lang und so seidenweich.
    Ja, es ist sehr weich. Aber das ist nicht gut, Johanna. Wie das Haar ist,
ist der Charakter.
    Gewi, gnd'ge Frau. Und ein weicher Charakter ist doch besser als ein
harter. Ich habe auch weiches Haar.
    Ja, Johanna. Und Sie haben auch blondes. Das haben die Mnner am liebsten.
    Ach, das ist doch sehr verschieden, gnd'ge Frau. Manche sind doch auch fr
das schwarze.
    Freilich, lachte Effi, das habe ich auch schon gefunden. Es wird wohl an
was ganz anderem liegen. Aber die, die blond sind, die haben auch immer einen
weien Teint, Sie auch, Johanna, und ich mchte mich wohl verwetten, da Sie
viel Nachstellung haben. Ich bin noch sehr jung, aber das wei ich doch auch.
Und dann habe ich eine Freundin, die war auch so blond, ganz flachsblond, noch
blonder als Sie, und war eine Predigerstochter...
    Ja, denn...
    Aber ich bitte Sie, Johanna, was meinen Sie mit ja denn. Das klingt ja ganz
anzglich und sonderbar, und Sie werden doch nichts gegen Predigerstchter
haben... Es war ein sehr hbsches Mdchen, was selbst unsere Offiziere - wir
hatten nmlich Offiziere, noch dazu rote Husaren - auch immer fanden, und
verstand sich dabei sehr gut auf Toilette, schwarzes Sammetmieder und eine
Blume, Rose oder auch Heliotrop, und wenn sie nicht so vorstehende groe Augen
gehabt htte... ach, die htten Sie sehen sollen, Johanna, wenigstens so gro߫
(und Effi zog unter Lachen an ihrem rechten Augenlid), so wre sie geradezu
eine Schnheit gewesen. Sie hie Hulda, Hulda Niemeyer, und wir waren nicht
einmal so ganz intim; aber wenn ich sie jetzt hier htte und sie da se, da in
der kleinen Sofaecke, so wollte ich bis Mitternacht mit ihr plaudern oder noch
lnger. Ich habe solche Sehnsucht, und..., und dabei zog sie Johannas Kopf
dicht an sich heran, ... ich habe solche Angst.
    Ach, das gibt sich, gnd'ge Frau, die hatten wir alle.
    Die hattet ihr alle? Was soll das heien, Johanna?
    ... Und wenn die gnd'ge Frau wirklich solche Angst haben, so kann ich mir
ja ein Lager hier machen. Ich nehme die Strohmatte und kehre einen Stuhl um, da
ich eine Kopf lehne habe, und dann schlafe ich hier bis morgen frh oder bis der
gnd'ge Herr wieder da ist.
    Er will mich nicht stren. Das hat er mir eigens versprochen.
    Oder ich setze mich blo in die Sofaecke.
    Ja, das ginge vielleicht. Aber nein, es geht auch nicht. Der Herr darf
nicht wissen, da ich mich ngstige, das liebt er nicht. Er will immer, da ich
tapfer und entschlossen bin, so wie er. Und das kann ich nicht; ich war immer
etwas anfllig... Aber freilich, ich sehe wohl ein, ich mu mich bezwingen und
ihm in solchen Stcken und berhaupt zu Willen sein... Und dann habe ich ja auch
Rollo. Der liegt ja vor der Trschwelle.
    Johanna nickte zu jedem Wort und zndete dann das Licht an, das auf Effis
Nachttisch stand. Dann nahm sie die Lampe. Befehlen gnd'ge Frau noch etwas?
    Nein, Johanna. Die Lden sind doch fest geschlossen?
    Blo angelegt, gnd'ge Frau. Es ist sonst so dunkel und so stickig.
    Gut, gut.
    Und nun entfernte sich Johanna; Effi aber ging auf ihr Bett zu und wickelte
sich in ihre Decken.
    Sie lie das Licht brennen, weil sie gewillt war, nicht gleich
einzuschlafen, vielmehr vorhatte, wie vorhin ihren Polterabend, so jetzt ihre
Hochzeitsreise zu rekapitulieren und alles an sich vorberziehen zu lassen. Aber
es kam anders, wie sie gedacht, und als sie bis Verona war und nach dem Hause
der Julia Capulet suchte, fielen ihr schon die Augen zu. Das Stmpfchen Licht in
dem kleinen Silberleuchter brannte allmhlich nieder, und nun flackerte es noch
einmal auf und erlosch.
    Effi schlief eine Weile ganz fest. Aber mit einem Male fuhr sie mit einem
lauten Schrei aus ihrem Schlafe auf, ja, sie hrte selber noch den Aufschrei und
auch, wie Rollo drauen anschlug; - wau, wau klang es den Flur entlang, dumpf
und selber beinah ngstlich. Ihr war, als ob ihr das Herz stillstnde; sie
konnte nicht rufen, und in diesem Augenblicke huschte was an ihr vorbei, und die
nach dem Flur hinausfhrende Tr sprang auf. Aber eben dieser Moment hchster
Angst war auch der ihrer Befreiung, denn, statt etwas Schrecklichem, kam jetzt
Rollo auf sie zu, suchte mit seinem Kopf nach ihrer Hand und legte sich, als er
diese gefunden, auf den vor ihrem Bett ausgebreiteten Teppich nieder. Effi
selber aber hatte mit der andern Hand dreimal auf den Knopf der Klingel
gedrckt, und keine halbe Minute, so war Johanna da, barfig, den Rock ber dem
Arm und ein groes kariertes Tuch ber Kopf und Schulter geschlagen.
    Gott sei Dank, Johanna, da Sie da sind.
    Was war denn, gnd'ge Frau? Gnd'ge Frau haben getrumt.
    Ja, getrumt. Es mu so was gewesen sein... aber es war doch auch noch was
anderes.
    Was denn, gnd'ge Frau?
    Ich schlief ganz fest, und mit einem Male fuhr ich auf und schrie...
vielleicht, da es ein Alpdruck war... Alpdruck ist in unserer Familie, mein
Papa hat es auch und ngstigt uns damit, und nur die Mama sagt immer, er solle
sich nicht so gehenlassen; aber das ist leicht gesagt... ich fuhr also auf aus
dem Schlaf und schrie, und als ich mich umsah, so gut es eben ging in dem
Dunkel, da strich was an meinem Bett vorbei, gerade da, wo Sie jetzt stehen,
Johanna, und dann war es weg. Und wenn ich mich recht frage, was es war...
    Nun was denn, gnd'ge Frau?
    Und wenn ich mich recht frage... ich mag es nicht sagen, Johanna... aber
ich glaube, der Chinese.
     Der von oben? und Johanna versuchte zu lachen, unser kleiner Chinese,
den wir an die Stuhllehne geklebt haben, Christel und ich. Ach, gnd'ge Frau
haben getrumt, und wenn Sie schon wach waren, so war es doch alles noch aus dem
Traum.
    Ich wrd es glauben. Aber es war genau derselbe Augenblick, wo Rollo
drauen anschlug, der mu es also auch gesehen haben, und dann flog die Tr auf,
und das gute, treue Tier sprang auf mich los, als ob es mich zu retten kme.
Ach, meine liebe Johanna, es war entsetzlich. Und ich so allein, und so jung.
Ach, wenn ich doch wen hier htte, bei dem ich weinen knnte. Aber so weit von
Hause... Ach, von Hause...
    Der Herr kann jede Stunde kommen.
    Nein, er soll nicht kommen; er soll mich so nicht sehen. Er wrde mich
vielleicht auslachen, und das knnt ich ihm nie verzeihen. Denn es war so
furchtbar, Johanna... Sie mssen nun hierbleiben... Aber lassen Sie Christel
schlafen und Friedrich auch. Es soll es keiner wissen.
    Oder vielleicht kann ich auch die Frau Kruse holen; die schlft doch nicht,
die sitzt die ganze Nacht da.
    Nein, nein, die ist selber so was. Das mit dem schwarzen Huhn, das ist auch
so was; die darf nicht kommen. Nein, Johanna, Sie bleiben allein hier. Und wie
gut, da Sie die Lden nur angelegt. Stoen Sie sie auf, recht laut, da ich
einen Ton hre, einen menschlichen Ton... ich mu es so nennen, wenn es auch
sonderbar klingt..., und dann machen Sie das Fenster ein wenig auf, da ich Luft
und Licht habe.
    Johanna tat, wie ihr geheien, und Effi fiel in ihre Kissen zurck und bald
danach in einen lethargischen Schlaf.

                                Zehntes Kapitel


Innstetten war erst sechs Uhr frh von Varzin zurckgekommen und hatte sich,
Rollos Liebkosungen abwehrend, so leise wie mglich in sein Zimmer
zurckgezogen. Er machte sich's hier bequem und duldete nur, da ihn Friedrich
mit einer Reisedecke zudeckte. Wecke mich um neun. Und um diese Stunde war er
denn auch geweckt worden. Er stand rasch auf und sagte: Bringe das Frhstck.
    Die gndige Frau schlft noch.
    Aber es ist ja schon spt. Ist etwas passiert?
    Ich wei es nicht; ich wei nur, Johanna hat die Nacht ber im Zimmer der
gndigen Frau schlafen mssen.
    Nun, dann schicke Johanna.
    Diese kam denn auch. Sie hatte denselben rosigen Teint wie immer, schien
sich also die Vorgnge der Nacht nicht sonderlich zu Gemte genommen zu haben.
    Was ist das mit der gnd'gen Frau? Friedrich sagt mir, es sei was passiert
und Sie htten drben geschlafen.
    Ja, Herr Baron. Gnd'ge Frau klingelte dreimal ganz rasch hintereinander,
da ich gleich dachte, es bedeutet was. Und so war es auch. Sie hat wohl
getrumt, oder vielleicht war es auch das andere.
    Welches andere?
    Ach, der gnd'ge Herr wissen ja.
    Ich wei nichts. Jedenfalls mu ein Ende damit gemacht werden. Und wie
fanden Sie die Frau?
    Sie war wie auer sich und hielt das Halsband von Rollo, der neben dem Bett
der gnd'gen Frau stand, fest umklammert. Und das Tier ngstigte sich auch.
    Und was hatte sie getrumt oder, meinetwegen auch, was hatte sie gehrt
oder gesehen? Was sagte sie?
    Es sei so hingeschlichen, dicht an ihr vorbei.
    Was? Wer?
    Der von oben. Der aus dem Saal oder aus der kleinen Kammer.
    Unsinn, sag ich. Immer wieder das alberne Zeug; ich mag davon nicht mehr
hren. Und dann blieben Sie bei der Frau?
    Ja, gnd'ger Herr. Ich machte mir ein Lager an der Erde dicht neben ihr.
Und ich mute ihre Hand halten, und dann schlief sie ein.
    Und sie schlft noch?
    Ganz fest.
    Das ist mir ngstlich, Johanna. Man kann sich gesund schlafen, aber auch
krank. Wir mssen sie wecken, natrlich vorsichtig, da sie nicht wieder
erschrickt. Und Friedrich soll das Frhstck nicht bringen; ich will warten, bis
die gnd'ge Frau da ist. Und machen Sie's geschickt.

Eine halbe Stunde spter kam Effi. Sie sah reizend aus, ganz bla, und sttzte
sich auf Johanna. Als sie aber Innstettens ansichtig wurde, strzte sie auf ihn
zu und umarmte und kte ihn. Und dabei liefen ihr die Trnen bers Gesicht.
Ach, Geert, Gott sei Dank, da du da bist. Nun ist alles wieder gut. Du darfst
nicht wieder fort, du darfst mich nicht wieder allein lassen.
    Meine liebe Effi... stellen Sie hin, Friedrich, ich werde schon alles
zurechtmachen..., meine liebe Effi, ich lasse dich ja nicht allein aus
Rcksichtslosigkeit oder Laune, sondern weil es so sein mu; ich habe keine
Wahl, ich bin ein Mann im Dienst, ich kann zum Frsten oder auch zur Frstin
nicht sagen: Durchlaucht, ich kann nicht kommen, meine Frau ist so allein, oder
meine Frau frchtet sich. Wenn ich das sagte, wrden wir in einem ziemlich
komischen Lichte dastehen, ich gewi, und du auch. Aber nimm erst eine Tasse
Kaffee.
    Effi trank, was sie sichtlich belebte. Dann ergriff sie wieder ihres Mannes
Hand und sagte: Du sollst recht haben; ich sehe ein, das geht nicht. Und dann
wollen wir ja auch hher hinauf. Ich sage wir, denn ich bin eigentlich
begieriger danach als du...
    So sind alle Frauen, lachte Innstetten.
    Also abgemacht; du nimmst die Einladungen an nach wie vor, und ich bleibe
hier und warte auf meinen hohen Herrn, wobei mir Hulda unterm Holunderbaum
einfllt. Wie's ihr wohl gehen mag?
    Damen wie Hulda geht es immer gut. Aber was wolltest du noch sagen?
    Ich wollte sagen, ich bleibe hier und auch allein, wenn es sein mu. Aber
nicht in diesem Hause. La uns die Wohnung wechseln. Es gibt so hbsche Huser
am Bollwerk, eins zwischen Konsul Martens und Konsul Grtzmacher und eins am
Markt, gerade gegenber von Gieshbler; warum knnen wir da nicht wohnen? Warum
gerade hier? Ich habe, wenn wir Freunde und Verwandte zum Besuch hatten, oft
gehrt, da in Berlin Familien ausziehen wegen Klavierspiel oder wegen Schwaben
oder wegen einer unfreundlichen Portiersfrau; wenn das um solcher Kleinigkeit
willen geschieht...
    Kleinigkeiten? Portiersfrau? das sage nicht...
    Wenn das um solcher Dinge willen mglich ist, so mu es doch auch hier
mglich sein, wo du Landrat bist und die Leute dir zu Willen sind und viele
selbst zu Dank verpflichtet. Gieshbler wrde uns gewi dabei behlflich sein,
wenn auch nur um meinetwegen, denn er wird Mitleid mit mir haben. Und nun sage,
Geert, wollen wir dies verwunschene Haus aufgeben, dies Haus mit dem...
    ... Chinesen, willst du sagen. Du siehst, Effi, man kann das furchtbare
Wort aussprechen, ohne da er erscheint. Was du da gesehen hast oder was da, wie
du meinst, an deinem Bette vorberschlich, das war der kleine Chinese, den die
Mdchen oben an die Stuhllehne geklebt haben; ich wette, da er einen blauen
Rock anhatte und einen ganz flachen Deckelhut mit einem blanken Knopf oben.
    Sie nickte.
    Nun siehst du, Traum, Sinnestuschung. Und dann wird dir Johanna wohl
gestern abend was erzhlt haben, von der Hochzeit hier oben...
     Nein.
    Desto besser.
    Kein Wort hat sie mir erzhlt. Aber ich sehe doch aus dem allen, da es
hier etwas Sonderbares gibt. Und dann das Krokodil; es ist alles so unheimlich
hier.
    Den ersten Abend, als du das Krokodil sahst, fandest du's mrchenhaft...
    Ja, damals...
    ... Und dann, Effi, kann ich hier nicht gut fort, auch wenn es mglich
wre, das Haus zu verkaufen oder einen Tausch zu machen. Es ist damit ganz wie
mit einer Absage nach Varzin hin. Ich kann hier in der Stadt die Leute nicht
sagen lassen, Landrat Innstetten verkauft sein Haus, weil seine Frau den
aufgeklebten kleinen Chinesen als Spuk an ihrem Bette gesehen hat. Dann bin ich
verloren, Effi. Von solcher Lcherlichkeit kann man sich nie wieder erholen.
    Ja, Geert, bist du denn so sicher, da es so was nicht gibt?
    Will ich nicht behaupten. Es ist eine Sache, die man glauben und noch
besser nicht glauben kann. Aber angenommen, es gbe dergleichen, was schadet es?
Da in der Luft Bazillen herumfliegen, von denen du gehrt haben wirst, ist viel
schlimmer und gefhrlicher als diese ganze Geistertummelage. Vorausgesetzt, da
sie sich tummeln, da so was wirklich existiert. Und dann bin ich berrascht,
solcher Furcht und Abneigung gerade bei dir zu begegnen, bei einer Briest. Das
ist ja, wie wenn du aus einem kleinen Brgerhause stammtest. Spuk ist ein
Vorzug, wie Stammbaum und dergleichen, und ich kenne Familien, die sich
ebensogern ihr Wappen nehmen lieen als ihre Weie Frau, die natrlich auch eine
schwarze sein kann.
    Effi schwieg.
    Nun, Effi. Keine Antwort?
    Was soll ich antworten? Ich habe dir nachgegeben und mich willig gezeigt,
aber ich finde doch, da du deinerseits teilnahmsvoller sein knntest. Wenn du
wtest, wie mir gerade danach verlangt. Ich habe sehr gelitten, wirklich sehr,
und als ich dich sah, da dacht ich, nun wrd ich frei werden von meiner Angst.
Aber du sagst mir blo, da du nicht Lust httest, dich lcherlich zu machen,
nicht vor dem Frsten und auch nicht vor der Stadt. Das ist ein geringer Trost.
Ich finde es wenig und um so weniger, als du dir schlielich auch noch
widersprichst und nicht blo persnlich an diese Dinge zu glauben scheinst,
sondern auch noch einen adligen Spukstolz von mir forderst. Nun, den hab ich
nicht. Und wenn du von Familien sprichst, denen ihr Spuk soviel wert sei wie ihr
Wappen, so ist das Geschmackssache; mir gilt mein Wappen mehr. Gott sei Dank
haben wir Briests keinen Spuk. Die Briests waren immer sehr gute Leute, und
damit hngt es wohl zusammen.

Der Streit htte wohl noch angedauert und vielleicht zu einer ersten ernstlichen
Verstimmung gefhrt, wenn Friedrich nicht eingetreten wre, um der gndigen Frau
einen Brief zu berreichen. Von Herrn Gieshbler. Der Bote wartet auf Antwort.
    Aller Unmut auf Effis Antlitz war sofort verschwunden; schon blo
Gieshblers Namen zu hren tat Effi wohl, und ihr Wohlgefhl steigerte sich, als
sie jetzt den Brief musterte. Zunchst war es gar kein Brief, sondern ein
Billet, die Adresse Frau Baronin von Innstetten, geb. von Briest in
wundervoller Kanzleihandschrift und statt des Siegels ein aufgeklebtes rundes
Bildchen, eine Lyra, darin ein Stab steckte. Dieser Stab konnte aber auch ein
Pfeil sein. Sie reichte das Billet ihrem Manne, der es ebenfalls bewunderte.
    Nun lies aber.
    Und nun lste Effi die Oblate und las: Hochverehrteste Frau, gndigste Frau
Baronin! Gestatten Sie mir, meinem respektvollsten Vormittagsgru eine ganz
gehorsamste Bitte hinzufgen zu drfen. Mit dem Mittagszuge wird eine
vieljhrige liebe Freundin von mir, eine Tochter unserer guten Stadt Kessin,
Frulein Marietta Trippelli, hier eintreffen und bis morgen frh unter uns
weilen. Am 17. will sie in Petersburg sein, um daselbst bis Mitte Januar zu
konzertieren. Frst Kotschukoff ffnet ihr auch diesmal wieder sein gastliches
Haus. In ihrer immer gleichen Gte gegen mich hat die Trippelli mir zugesagt,
den heutigen Abend bei mir zubringen und einige Lieder ganz nach meiner Wahl
(denn sie kennt keine Schwierigkeiten) vortragen zu wollen. Knnten sich Frau
Baronin dazu verstehen, diesem Musikabende beizuwohnen? sieben Uhr. Ihr Herr
Gemahl, auf dessen Erscheinen ich mit Sicherheit rechne, wird meine gehorsamste
Bitte untersttzen. Anwesend nur Pastor Lindequist (der begleitet) und natrlich
die verwitwete Frau Pastorin Trippel. In vorzglicher Ergebenheit A.
Gieshbler.
    Nun -, sagte Innstetten, ja oder nein?
    Natrlich ja. Das wird mich herausreien. Und dann kann ich doch meinem
lieben Gieshbler nicht gleich bei seiner ersten Einladung einen Korb geben.
    Einverstanden. Also, Friedrich, sagen Sie Mirambo, der doch wohl das Billet
gebracht haben wird, wir wrden die Ehre haben.
    Friedrich ging. Als er fort war, fragte Effi: Wer ist Mirambo?
    Der echte Mirambo ist Ruberhauptmann in Afrika... Tanganjika-See, wenn
deine Geographie so weit reicht..., unserer aber ist blo Gieshblers
Kohlenprovisor und Faktotum und wird heute abend in Frack und baumwollenen
Handschuhen sehr wahrscheinlich aufwarten.
    Es war ganz ersichtlich, da der kleine Zwischenfall auf Effi gnstig
eingewirkt und ihr ein gut Teil ihrer Leichtlebigkeit zurckgegeben hatte,
Innstetten aber wollte das Seine tun, diese Rekonvaleszenz zu steigern. Ich
freue mich, da du ja gesagt hast und so rasch und ohne Besinnen, und nun mcht
ich dir noch einen Vorschlag machen, um dich ganz wieder in Ordnung zu bringen.
Ich sehe wohl, es schleicht dir noch von der Nacht her etwas nach, das zu meiner
Effi nicht pat, das durchaus wieder fort mu, und dazu gibt es nichts Besseres
als frische Luft. Das Wetter ist prachtvoll, frisch und milde zugleich, kaum da
ein Lftchen geht; was meinst du, wenn wir eine Spazierfahrt machten, aber eine
lange, nicht blo so durch die Plantage hin, und natrlich im Schlitten und das
Gelut auf und die weien Schneedecken, und wenn wir dann um vier zurck sind,
dann ruhst du dich aus, und um sieben sind wir bei Gieshbler und hren die
Trippelli.
    Effi nahm seine Hand. Wie gut du bist, Geert, und wie nachsichtig. Denn ich
mu dir ja kindisch oder doch wenigstens sehr kindlich vorgekommen sein; erst
das mit meiner Angst und dann hinterher, da ich dir einen Hausverkauf und, was
noch schlimmer ist, das mit dem Frsten ansinne. Du sollst ihm den Stuhl vor die
Tr setzen - es ist zum Lachen. Denn schlielich ist er doch der Mann, der ber
uns entscheidet. Auch ber mich. Du glaubst gar nicht, wie ehrgeizig ich bin.
Ich habe dich eigentlich blo aus Ehrgeiz geheiratet. Aber du mut nicht solch
ernstes Gesicht dabei machen. Ich liebe dich ja... wie heit es doch, wenn man
einen Zweig abbricht und die Bltter abreit? Von Herzen, mit Schmerzen, ber
alle Maen.
    Und sie lachte hell auf. Und nun sage mir, fuhr sie fort, als Innstetten
noch immer schwieg, wo soll es hingehen?
    Ich habe mir gedacht, nach der Bahnstation, aber auf einem Umwege, und dann
auf der Chaussee zurck. Und auf der Station essen wir oder noch besser bei
Golchowski, in dem Gasthofe Zum Frsten Bismarck, dran wir, wenn du dich
vielleicht erinnerst, am Tage unserer Ankunft vorbeikamen. Solch Vorsprechen
wirkt immer gut, und ich habe dann mit dem Starosten von Effis Gnaden ein
Wahlgesprch, und wenn er auch persnlich nicht viel taugt, seine Wirtschaft
hlt er in Ordnung und seine Kche noch besser. Auf Essen und Trinken verstehen
sich die Leute hier.
    Es war gegen elf, da sie dies Gesprch fhrten, Um zwlf hielt Kruse mit
dem Schlitten vor der Tr, und Effi stieg ein. Johanna wollte Fusack und Pelze
bringen, aber Effi hatte nach allem, was noch auf ihr lag, so sehr das Bedrfnis
nach frischer Luft, da sie alles zurckwies und nur eine doppelte Decke nahm.
Innstetten aber sagte zu Kruse: Kruse, wir wollen nun also nach dem Bahnhof, wo
wir zwei beide heute frh schon mal waren. Die Leute werden sich wundern, aber
es schadet nichts. Ich denke, wir fahren hier an der Plantage lang und dann
links auf den Kroschentiner Kirchturm zu. Lassen Sie die Pferde laufen. Um eins
mssen wir am Bahnhof sein.
    Und so ging die Fahrt. ber den weien Dchern der Stadt stand der Rauch,
denn die Luftbewegung war gering. Auch Utpatels Mhle drehte sich nur langsam,
und im Fluge fuhren sie daran vorber, dicht am Kirchhofe hin, dessen
Berberitzenstrucher ber das Gitter hinauswuchsen und mit ihren Spitzen Effi
streiften, so da der Schnee auf ihre Reisedecke fiel. An der anderen Seite des
Wegs war ein eingefriedeter Platz, nicht viel grer als ein Gartenbeet, und
innerhalb nichts sichtbar als eine junge Kiefer, die mitten daraus hervorragte.
    Liegt da auch wer begraben? fragte Effi.
    Ja. Der Chinese.
    Effi fuhr zusammen; es war ihr wie ein Stich. Aber sie hatte doch Kraft
genug, sich zu beherrschen, und fragte mit anscheinender Ruhe:
    Unserer?
    Ja, unserer. Auf dem Gemeindekirchhof war er natrlich nicht
unterzubringen, und da hat denn Kapitn Thomsen, der so was wie ein Freund war,
diese Stelle gekauft und ihn hier begraben lassen. Es ist auch ein Stein da mit
Inschrift. Alles natrlich vor meiner Zeit. Aber es wird noch immer davon
gesprochen.
    Also es ist doch was damit. Eine Geschichte. Du sagtest schon heute frh so
was. Und es wird am Ende das beste sein, ich hre, was es ist. Solang ich es
nicht wei, bin ich, trotz aller guten Vorstze, doch immer ein Opfer meiner
Vorstellungen. Erzhle mir das Wirkliche. Die Wirklichkeit kann mich nicht so
qulen wie meine Phantasie.
    Bravo, Effi. Ich wollte nicht davon sprechen. Aber nun macht es sich so von
selbst, und das ist gut. brigens ist es eigentlich gar nichts.
    Mir gleich; gar nichts oder viel oder wenig. Fange nur an.
    Ja, das ist leicht gesagt. Der Anfang ist immer das schwerste, auch bei
Geschichten. Nun, ich denke, ich beginne mit Kapitn Thomsen.
    Gut, gut.
    Also Thomsen, den ich dir schon genannt habe, war viele Jahre lang ein
sogenannter Chinafahrer, immer mit Reisfracht zwischen Shanghai und Singapore,
und mochte wohl schon sechzig sein, als er hier ankam. Ich wei nicht, ob er
hier geboren war oder ob er andere Beziehungen hier hatte. Kurz und gut, er war
nun da und verkaufte sein Schiff, einen alten Kasten, draus er nicht viel
herausschlug, und kaufte sich ein Haus, dasselbe, drin wir jetzt wohnen. Denn er
war drauen in der Welt ein vermgender Mann geworden. Und von daher schreibt
sich auch das Krokodil und der Haifisch und natrlich auch das Schiff... Also
Thomsen war nun da, ein sehr adretter Mann (so wenigstens hat man mir gesagt)
und wohl gelitten. Auch beim Brgermeister Kirstein und vor allem bei dem
damaligen Pastor in Kessin, einem Berliner, der kurz vor Thomsen auch
hierhergekommen war und viel Anfeindung hatte.
    Glaub ich. Ich merke das auch; sie sind hier so streng und selbstgerecht.
Ich glaube, das ist pommersch.
    Ja und nein, je nachdem. Es gibt auch Gegenden, wo sie gar nicht streng
sind und wo's drunter und drber geht... Aber sieh nur, Effi, da haben wir
gerade den Kroschentiner Kirchturm dicht vor uns. Wollen wir nicht den Bahnhof
aufgeben und lieber bei der alten Frau von Grasenabb vorfahren? Sidonie, wenn
ich recht berichtet bin, ist nicht zu Hause. Wir knnten es also wagen...
    Ich bitte dich, Geert, wo denkst du hin? Es ist ja himmlisch, so
hinzufliegen, und ich fhle ordentlich, wie mir so frei wird und wie alle Angst
von mir abfllt. Und nun soll ich das alles aufgeben, blo um den alten Leuten
eine Stippvisite zu machen und ihnen sehr wahrscheinlich eine Verlegenheit zu
schaffen. Um Gottes willen nicht. Und dann will ich vor allem auch die
Geschichte hren. Also wir waren bei Kapitn Thomsen, den ich mir als einen
Dnen oder Englnder denke, sehr sauber, mit weien Vatermrdern und ganz weier
Wsche...
    Ganz richtig. So soll er gewesen sein. Und mit ihm war eine junge Person
von etwa zwanzig, von der einige sagen, sie sei seine Nichte gewesen, aber die
meisten sagen, seine Enkelin, was brigens den Jahren nach kaum mglich. Und
auer der Enkelin oder der Nichte war da auch noch ein Chinese, derselbe, der da
zwischen den Dnen liegt und an dessen Grab wir eben vorbergekommen sind.
    Gut, gut.
    Also dieser Chinese war Diener bei Thomsen, und Thomsen hielt so groe
Stcke auf ihn, da er eigentlich mehr Freund als Diener war. Und das ging so
Jahr und Tag. Da mit einemmal hie es, Thomsens Enkelin, die, glaub ich, Nina
hie, solle sich, nach des Alten Wunsche, verheiraten, auch mit einem Kapitn.
Und richtig, so war es auch. Es gab eine groe Hochzeit im Hause, der Berliner
Pastor tat sie zusammen, und Mller Utpatel, der ein Konventikler war, und
Gieshbler, dem man in der Stadt in kirchlichen Dingen auch nicht recht traute,
waren geladen und vor allem viele Kapitne mit ihren Frauen und Tchtern. Und
wie man sich denken kann, es ging hoch her. Am Abend aber war Tanz, und die
Braut tanzte mit jedem und zuletzt auch mit dem Chinesen. Da mit einemmal hie
es, sie sei fort, die Braut nmlich. Und sie war auch wirklich fort,
irgendwohin, und niemand wei, was da vorgefallen. Und nach vierzehn Tagen starb
der Chinese; Thomsen kaufte die Stelle, die ich dir gezeigt habe, und da wurd er
begraben. Der Berliner Pastor aber soll gesagt haben: Man htte ihn auch ruhig
auf dem christlichen Kirchhof begraben knnen, denn der Chinese sei ein sehr
guter Mensch gewesen und geradesogut wie die anderen. Wen er mit den anderen
eigentlich gemeint hat, sagte mir Gieshbler, das wisse man nicht recht.
    Aber ich bin in dieser Sache doch ganz und gar gegen den Pastor; so was
darf man nicht aussprechen, weil es gewagt und unpassend ist. Das wrde selbst
Niemeyer nicht gesagt haben.
    Und ist auch dem armen Pastor, der brigens Trippel hie, sehr verdacht
worden, so da es eigentlich ein Glck war, da er drber hinstarb, sonst htte
er seine Stelle verloren. Denn die Stadt, trotzdem sie ihn gewhlt, war doch
auch gegen ihn, geradeso wie du, und das Konsistorium natrlich erst recht.
    Trippel sagst du? Dann hngt er am Ende mit der Frau Pastor Trippel
zusammen, die wir heute abend sehen sollen?
    Natrlich hngt er mit der zusammen. Er war ihr Mann und ist der Vater von
der Trippelli.
    Effi lachte. Von der Trippelli! Nun sehe ich erst klar in allem. Da sie in
Kessin geboren, schrieb ja schon Gieshbler; aber ich dachte, sie sei die
Tochter von einem italienischen Konsul. Wir haben ja so viele fremdlndische
Namen hier. Und nun ist sie gut deutsch und stammt von Trippel. Ist sie denn so
vorzglich, da sie wagen konnte, sich so zu italienisieren?
    Dem Mutigen gehrt die Welt. brigens ist sie ganz tchtig. Sie war ein
paar Jahr lang in Paris bei der berhmten Viardot, wo sie auch den russischen
Frsten kennenlernte, denn die russischen Frsten sind sehr aufgeklrt, ber
kleine Standesvorurteile weg, und Kotschukoff und Gieshbler - den sie brigens
Onkel nennt, und man kann fast von ihm sagen, er sei der geborne Onkel -, diese
beiden sind es recht eigentlich, die die kleine Marie Trippel zu dem gemacht
haben, was sie jetzt ist. Gieshbler war es, durch den sie nach Paris kam, und
Kotschukoff hat sie dann in die Trippelli transponiert.
    Ach, Geert, wie reizend ist das alles, und welch Alltagsleben habe ich doch
in Hohen-Cremmen gefhrt! Nie was Apartes.
    Innstetten nahm ihre Hand und sagte: So darfst du nicht sprechen, Effi.
Spuk, dazu kann man sich stellen, wie man will. Aber hte dich vor dem Aparten,
oder was man so das Aparte nennt. Was dir so verlockend erscheint - und ich
rechne auch ein Leben dahin, wie's die Trippelli fhrt -, das bezahlt man in der
Regel mit seinem Glck. Ich wei wohl, wie sehr du dein Hohen-Cremmen liebst und
daran hngst, aber du spottest doch auch oft darber und hast keine Ahnung
davon, was stille Tage, wie die Hohen-Cremmner, bedeuten.
    Doch, doch, sagte sie. Ich wei es wohl. Ich hre nur gern einmal von
etwas anderem, und dann wandelt mich die Lust an, mit dabeizusein. Aber du hast
ganz recht. Und eigentlich hab ich doch eine Sehnsucht nach Ruh und Frieden.
    Innstetten drohte ihr mit dem Finger. Meine einzig liebe Effi, das denkst
du dir nun auch wieder so aus. Immer Phantasien, mal so, mal so.

                                 Elftes Kapitel


Die Fahrt verlief ganz wie geplant. Um ein Uhr hielt der Schlitten unten am
Bahndamm vor dem Gasthause Zum Frsten Bismarck, und Golchowski, glcklich,
den Landrat bei sich zu sehen, war beflissen, ein vorzgliches Dejeuner
herzurichten. Als zuletzt das Dessert und der Ungarwein aufgetragen wurden, rief
Innstetten den von Zeit zu Zeit erscheinenden und nach der Ordnung sehenden Wirt
heran und bat ihn, sich mit an den Tisch zu setzen und ihnen was zu erzhlen.
Dazu war Golchowski denn auch der rechte Mann; auf zwei Meilen in der Runde
wurde kein Ei gelegt, von dem er nicht wute. Das zeigte sich auch heute wieder.
Sidonie Grasenabb, Innstetten hatte recht vermutet, war, wie vorige Weihnachten,
so auch diesmal wieder auf vier Wochen zu Hofpredigers gereist; Frau von
Palleske, so hie es weiter, habe ihre Jungfer wegen einer fatalen Geschichte
Knall und Fall entlassen mssen, und mit dem alten Fraude steh es schlecht - es
werde zwar in Kurs gesetzt, er sei blo ausgeglitten, aber es sei ein
Schlaganfall gewesen, und der Sohn, der in Lissa bei den Husaren stehe, werde
jede Stunde erwartet. Nach diesem Geplnkel war man dann, zu Ernsthafterem
bergehend, auf Varzin gekommen. Ja, sagte Golchowski, wenn man sich den
Frsten so als Papiermller denkt! Es ist doch alles sehr merkwrdig; eigentlich
kann er die Schreiberei nicht leiden und das bedruckte Papier erst recht nicht,
und nun legt er doch selber eine Papiermhle an.
    Schon recht, lieber Golchowski, sagte Innstetten, aber aus solchen
Widersprchen kommt man im Leben nicht heraus. Und da hilft auch kein Frst und
keine Gre.
    Nein, nein, da hilft keine Gre.
    Wahrscheinlich, da sich dies Gesprch ber den Frsten noch fortgesetzt
htte, wenn nicht in eben diesem Augenblicke die von der Bahn her
herberklingende Signalglocke einen bald eintreffenden Zug angemeldet htte.
Innstetten sah nach der Uhr.
    Welcher Zug ist das, Golchowski?
    Das ist der Danziger Schnellzug; er hlt hier nicht, aber ich gehe doch
immer hinauf und zhle die Wagen, und mitunter steht auch einer am Fenster, den
ich kenne. Hier gleich hinter meinem Hofe fhrt eine Treppe den Damm hinauf,
Wrterhaus 417...
    Oh, das wollen wir uns zunutze machen, sagte Effi. Ich sehe so gern
Zge...
    Dann ist es die hchste Zeit, gnd'ge Frau.
    Und so machten sich denn alle drei auf den Weg und stellten sich, als sie
oben waren, in einem neben dem Wrterhause gelegenen Gartenstreifen auf, der
jetzt freilich unter Schnee lag, aber doch eine freigeschaufelte Stelle hatte.
Der Bahnwrter stand schon da, die Fahne in der Hand. Und jetzt jagte der Zug
ber das Bahnhofsgeleise hin und im nchsten Augenblick an dem Huschen und an
dem Gartenstreifen vorber. Effi war so erregt, da sie nichts sah und nur dem
letzten Wagen, auf dessen Hhe ein Bremser sa, ganz wie benommen nachblickte.
    Sechs Uhr fnfzig ist er in Berlin, sagte Innstetten, und noch eine
Stunde spter, so knnen ihn die Hohen-Cremmner, wenn der Wind so steht, in der
Ferne vorbeiklappern hren. Mchtest du mit, Effi?
    Sie sagte nichts. Als er aber zu ihr hinberblickte, sah er, da eine Trne
in ihrem Auge stand.

Effi war, als der Zug vorbeijagte, von einer herzlichen Sehnsucht erfat worden.
So gut es ihr ging, sie fhlte sich trotzdem wie in einer fremden Welt. Wenn sie
sich eben noch an dem einen oder andern entzckt hatte, so kam ihr doch gleich
nachher zum Bewutsein, was ihr fehlte. Da drben lag Varzin, und da nach der
anderen Seite hin blitzte der Kroschentiner Kirchturm auf und weiter hin der
Morgenitzer, und da saen die Grasenabbs und die Borckes, nicht die Bellings und
nicht die Briests. Ja, die! Innstetten hatte ganz recht gehabt mit dem raschen
Wechsel ihrer Stimmung, und sie sah jetzt wieder alles, was zurcklag, wie in
einer Verklrung. Aber so gewi sie voll Sehnsucht dem Zuge nachgesehen, sie war
doch andererseits viel zu beweglichen Gemts, um lange dabei zu verweilen, und
schon auf der Heimfahrt, als der rote Ball der niedergehenden Sonne seinen
Schimmer ber den Schnee ausgo, fhlte sie sich wieder freier; alles erschien
ihr schn und frisch, und als sie, nach Kessin zurckgekehrt, fast mit dem
Glockenschlage sieben in den Gieshblerschen Flur eintrat, war ihr nicht blo
behaglich, sondern beinah bermtig zu Sinn, wozu die das Haus durchziehende
Baldrian- und Veilchenwurzelluft das Ihrige beitragen mochte.
    Pnktlich waren Innstetten und Frau erschienen, aber trotz dieser
Pnktlichkeit immer noch hinter den anderen Geladenen zurckgeblieben; Pastor
Lindequist, die alte Frau Trippel und die Trippelli selbst waren schon da.
Gieshbler - im blauen Frack mit mattgoldenen Knpfen, dazu Pincenez an einem
breiten schwarzen Bande, das wie ein Ordensband auf der blendendweien
Piquweste lag -, Gieshbler konnte seiner Erregung nur mit Mhe Herr werden.
Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen; Baron und Baronin
Innstetten, Frau Pastor Trippel, Frulein Marietta Trippelli. Pastor
Lindequist, den alle kannten, stand lchelnd beiseite.
    Die Trippelli, Anfang der Dreiig, stark, mnnlich und von ausgesprochen
humoristischem Typus, hatte bis zu dem Momente der Vorstellung den
Sofa-Ehrenplatz innegehabt. Nach der Vorstellung aber sagte sie, whrend sie auf
einen in der Nhe stehenden Stuhl mit hoher Lehne zuschritt: Ich bitte Sie
nunmehro, gnd'ge Frau, die Brden und Fhrlichkeiten Ihres Amtes auf sich
nehmen zu wollen. Denn von Fhrlichkeiten - und sie wies auf das Sofa - wird
sich in diesem Falle wohl sprechen lassen. Ich habe Gieshbler schon vor Jahr
und Tag darauf aufmerksam gemacht, aber leider vergeblich; so gut er ist, so
eigensinnig ist er auch.
    Aber Marietta...
    Dies Sofa nmlich, dessen Geburt um wenigstens fnfzig Jahre zurckliegt,
ist noch nach einem altmodischen Versenkungsprinzip gebaut, und wer sich ihm
anvertraut, ohne vorher einen Kissenturm untergeschoben zu haben, sinkt ins
Bodenlose, jedenfalls aber gerade tief genug, um die Knie wie ein Monument
anfragen zu lassen. All dies wurde seitens der Trippelli mit ebensoviel
Bonhomie wie Sicherheit hingesprochen, in einem Tone, der ausdrcken sollte: Du
bist die Baronin Innstetten, ich bin die Trippelli.
    Gieshbler liebte seine Knstlerfreundin enthusiastisch und dachte hoch von
ihren Talenten; aber all seine Begeisterung konnte ihn doch nicht blind gegen
die Tatsache machen, da ihr von gesellschaftlicher Feinheit nur ein
bescheidenes Ma zuteil geworden war. Und diese Feinheit war gerade das, was er
persnlich kultivierte. Liebe Marietta, nahm er das Wort, Sie haben eine so
reizend heitere Behandlung solcher Fragen; aber was mein Sofa betrifft, so haben
Sie wirklich unrecht, und jeder Sachverstndige mag zwischen uns entscheiden.
Selbst ein Mann wie Frst Kotschukoff...
    Ach, ich bitte Sie, Gieshbler, lassen Sie doch den. Immer Kotschukoff. Sie
werden mich bei der gnd'gen Frau hier noch in den Verdacht bringen, als ob ich
bei diesem Frsten - der brigens nur zu den kleineren zhlt und nicht mehr als
tausend Seelen hat, das heit hatte (frher, wo die Rechnung noch nach Seelen
ging) -, als ob ich stolz wre, seine tausendundeinste Seele zu sein. Nein, es
liegt wirklich anders; immer frei weg, Sie kennen meine Devise, Gieshbler.
Kotschukoff ist ein guter Kamerad und mein Freund, aber von Kunst und hnlichen
Sachen versteht er gar nichts, von Musik gewi nicht, wiewohl er Messen und
Oratorien komponiert - die meisten russischen Frsten, wenn sie Kunst treiben,
fallen ein bichen nach der geistlichen oder orthodoxen Seite hin -, und zu den
vielen Dingen, von denen er nichts versteht, gehren auch unbedingt
Einrichtungs-und Tapezierfragen. Er ist gerade vornehm genug, um sich alles als
schn aufreden zu lassen, was bunt aussieht und viel Geld kostet.
    Innstetten amsierte sich, und Pastor Lindequist war in einem
allersichtlichsten Behagen. Die gute alte Trippel aber geriet ber den
ungenierten Ton ihrer Tochter aus einer Verlegenheit in die andere, whrend
Gieshbler es fr angezeigt hielt, eine so schwierig werdende Unterhaltung zu
coupieren. Dazu waren etliche Gesangspiecen das beste. Da Marietta Lieder von
anfechtbarem Inhalt whlen wrde, war nicht anzunehmen, und selbst wenn dies
sein sollte, so war ihre Vortragskunst so gro, da der Inhalt dadurch geadelt
wurde. Liebe Marietta, nahm er also das Wort, ich habe unser kleines Mahl zu
acht Uhr bestellt. Wir htten also noch dreiviertel Stunden, wenn Sie nicht
vielleicht vorziehen, whrend Tisch ein heitres Lied zu singen oder vielleicht
erst, wenn wir von Tisch aufgestanden sind...
    Ich bitte Sie, Gieshbler! Sie, der Mann der sthetik. Es gibt nichts
Unsthetischeres als einen Gesangsvortrag mit vollem Magen. Auerdem - und ich
wei, Sie sind ein Mann der ausgesuchten Kche, ja, Gourmand -, auerdem
schmeckt es besser, wenn man die Sache hinter sich hat. Erst Kunst und dann
Nueis, das ist die richtige Reihenfolge.
    Also ich darf Ihnen die Noten bringen, Marietta?
    Noten bringen. Ja, was heit das, Gieshbler? Wie ich Sie kenne, werden Sie
ganze Schrnke voll Noten haben, und ich kann Ihnen doch nicht den ganzen Bock
und Bote vorspielen. Noten! Was fr Noten, Gieshbler, darauf kommt es an. Und
dann, da es richtig liegt, Altstimme...
    Nun ich werde schon bringen.
    Und er machte sich an einem Schranke zu schaffen, ein Fach nach dem andern
herausziehend, whrend die Trippelli ihren Stuhl weiter links um den Tisch
herumschob, so da sie nun dicht neben Effi sa.
    Ich bin neugierig, was er bringen wird, sagte sie. Effi geriet dabei in
eine kleine Verlegenheit.
    Ich mchte annehmen, antwortete sie befangen, etwas von Glck, etwas
ausgesprochen Dramatisches... berhaupt, mein gndigstes Frulein, wenn ich mir
die Bemerkung erlauben darf, ich bin berrascht, zu hren, da sie lediglich
Konzertsngerin sind. Ich dchte, da Sie, wie wenige, fr die Bhne berufen
sein mten. Ihre Erscheinung, Ihre Kraft, Ihr Organ... ich habe noch sowenig
der Art kennengelernt, immer nur auf kurzen Besuchen in Berlin..., und dann war
ich noch ein halbes Kind. Aber ich dchte Orpheus oder Chrimhild oder die
Vestalin.
    Die Trippelli wiegte den Kopf und sah in Abgrnde, kam aber zu keiner
Entgegnung, weil eben jetzt Gieshbler wieder erschien und ein halbes Dutzend
Notenhefte vorlegte, die seine Freundin in rascher Reihenfolge durch die Hand
gleiten lie.
    Erlknig... ah, bah; Bchlein, la dein Rauschen sein... Aber Gieshbler,
ich bitte Sie, Sie sind ein Murmeltier, Sie haben sieben Jahre lang
geschlafen... Und hier Loewesche Balladen; auch nicht gerade das Neueste.
Glocken von Speyer... Ach, dies ewige Bimbam, das beinahe einer Kulissenreierei
gleichkommt, ist geschmacklos und abgestanden. Aber hier Ritter Olaf... nun, das
geht.
    Und sie stand auf, und whrend der Pastor begleitete, sang sie den Olaf
mit groer Sicherheit und Bravour und erntete allgemeinen Beifall.
    Es wurde dann noch hnlich Romantisches gefunden, einiges aus dem
Fliegenden Hollnder und aus Zampa, dann Der Heideknabe, lauter Sachen,
die sie mit ebensoviel Virtuositt wie Seelenruhe vortrug, whrend Effi von Text
und Komposition wie benommen war.
    Als die Trippelli mit dem Heideknaben fertig war, sagte sie: Nun ist es
genug, eine Erklrung, die so bestimmt von ihr abgegeben wurde, da weder
Gieshbler noch ein anderer den Mut hatte, mit weiteren Bitten in sie zu
dringen. Am wenigsten Effi. Diese sagte nur, als Gieshblers Freundin wieder
neben ihr sa: Da ich Ihnen doch sagen knnte, mein gndigstes Frulein, wie
dankbar ich Ihnen bin! Alles so schn, so sicher, so gewandt. Aber eines, wenn
Sie mir verzeihen, bewundere ich fast noch mehr, das ist die Ruhe, womit Sie
diese Sachen vorzutragen wissen. Ich bin so leicht Eindrcken hingegeben, und
wenn ich die kleinste Gespenstergeschichte hre, so zittere ich und kann mich
kaum wieder zurechtfinden. Und Sie tragen das so mchtig und erschtternd vor
und sind selbst ganz heiter und guter Dinge.
    Ja, meine gndigste Frau, das ist in der Kunst nicht anders. Und nun gar
erst auf dem Theater, vor dem ich brigens glcklicherweise bewahrt geblieben
bin. Denn so gewi ich mich persnlich gegen seine Versuchungen gefeit fhle -
es verdirbt den Ruf, also das Beste, was man hat. Im brigen stumpft man ab, wie
mir Kolleginnen hundertfach versichert haben. Da wird vergiftet und erstochen,
und der toten Julia flstert Romeo einen Kalauer ins Ohr oder wohl auch eine
Malice, oder er drckt ihr einen kleinen Liebesbrief in die Hand.
    Es ist mir unbegreiflich. Und um bei dem stehenzubleiben, was ich Ihnen
diesen Abend verdanke, beispielsweise bei dem Gespenstischen im Olaf, ich
versichere Ihnen, wenn ich einen ngstlichen Traum habe oder wenn ich glaube,
ber mir hrte ich ein leises Tanzen oder Musizieren, whrend doch niemand da
ist, oder es schleicht wer an meinem Bette vorbei, so bin ich auer mir und kann
es tagelang nicht vergessen.
    Ja, meine gndigste Frau, was Sie da schildern und beschreiben, das ist
auch etwas anderes, das ist ja wirklich oder kann wenigstens etwas Wirkliches
sein. Ein Gespenst, das durch die Ballade geht, da graule ich mich gar nicht,
aber ein Gespenst, das durch meine Stube geht, ist mir, geradeso wie andern,
sehr unangenehm. Darin empfinden wir also ganz gleich.
    Haben Sie denn dergleichen auch einmal erlebt?
    Gewi. Und noch dazu bei Kotschukoff. Und ich habe mir auch ausbedungen,
da ich diesmal anders schlafe, vielleicht mit der englischen Gouvernante
zusammen. Das ist nmlich eine Qukerin, und da ist man sicher.
    Und Sie halten dergleichen fr mglich?
    Meine gndigste Frau, wenn man so alt ist wie ich und viel rumgestoen
wurde und in Ruland war und sogar auch ein halbes Jahr in Rumnien, da hlt man
alles fr mglich. Es gibt soviel schlechte Menschen, und das andere findet sich
dann auch, das gehrt dann sozusagen mit dazu.
    Effi horchte auf.
    Ich bin, fuhr die Trippelli fort, aus einer sehr aufgeklrten Familie
(blo mit Mutter war es immer nicht so recht), und doch sagte mir mein Vater,
als das mit dem Psychographen aufkam: Hre, Marie, das ist was. Und er hat recht
gehabt, es ist auch was damit. berhaupt, man ist links und rechts umlauert,
hinten und vorn. Sie werden das noch kennenlernen.
    In diesem Augenblicke trat Gieshbler heran und bot Effi den Arm, Innstetten
fhrte Marietta, dann folgte Pastor Lindequist und die verwitwete Trippel. So
ging man zu Tisch.

                                Zwlftes Kapitel


Es war spt, als man aufbrach. Schon bald nach zehn hatte Effi zu Gieshbler
gesagt: es sei nun wohl Zeit; Frulein Trippelli, die den Zug nicht versumen
drfe, msse ja schon um sechs von Kessin aufbrechen, die danebenstehende
Trippelli aber, die diese Worte gehrt, hatte mit der ihr eigenen ungenierten
Beredsamkeit gegen solche zarte Rcksichtsnahme protestiert. Ach, meine
gndigste Frau, Sie glauben, da unsereins einen regelmigen Schlaf braucht,
das trifft aber nicht zu; was wir regelmig brauchen, heit Beifall und hohe
Preise. Ja, lachen Sie nur. Auerdem (so was lernt man) kann ich auch im Coup
schlafen, in jeder Situation und sogar auf der linken Seite und brauche nicht
einmal das Kleid aufzumachen. Freilich bin ich auch nie eingepret; Brust und
Lunge mssen immer frei sein, und vor allem das Herz. Ja, meine gndigste Frau,
das ist die Hauptsache. Und dann das Kapitel Schlaf berhaupt - die Menge tut es
nicht, was entscheidet, ist die Qualitt: ein guter Nicker von fnf Minuten ist
besser als fnf Stunden unruhige Rumdreherei, mal links, mal rechts. brigens
schlft man in Ruland wundervoll, trotz des starken Tees. Es mu die Luft
machen oder das spte Diner, oder weil man so verwhnt wird. Sorgen gibt es in
Ruland nicht; darin - im Geldpunkt sind beide gleich - ist Ruland noch besser
als Amerika.
    Nach dieser Erklrung der Trippelli hatte Effi von allen Mahnungen zum
Aufbruch Abstand genommen, und so war Mitternacht herangekommen. Man trennte
sich heiter und herzlich und mit einer gewissen Vertraulichkeit.
    Der Weg von der Mohrenapotheke bis zur landrtlichen Wohnung war ziemlich
weit; er krzte sich aber dadurch, da Pastor Lindequist bat, Innstetten und
Frau eine Strecke begleiten zu drfen; ein Spaziergang unterm Sternenhimmel sei
das Beste, um ber Gieshblers Rheinwein hinwegzukommen. Unterwegs wurde man
natrlich nicht mde, die verschiedensten Trippelliana heranzuziehen; Effi
begann mit dem, was ihr in Erinnerung geblieben, und gleich nach ihr kam der
Pastor an die Reihe. Dieser, ein Ironikus, hatte die Trippelli, wie nach vielem
sehr Weltlichen, so schlielich auch nach ihrer kirchlichen Richtung gefragt und
dabei von ihr in Erfahrung gebracht, da sie nur eine Richtung kenne, die
orthodoxe. Ihr Vater sei freilich ein Rationalist gewesen, fast schon ein
Freigeist, weshalb er auch den Chinesen am liebsten auf dem Gemeindekirchhof
gehabt htte; sie ihrerseits sei aber ganz entgegengesetzter Ansicht, trotzdem
sie persnlich des groen Vorzugs geniee, gar nichts zu glauben. Aber sie sei
sich in ihrem entschiedenen Nichtglauben doch auch jeden Augenblick bewut, da
das ein Spezialluxus sei, den man sich nur als Privatperson gestatten knne.
Staatlich hre der Spa auf, und wenn ihr das Kultusministerium oder gar ein
Konsistorialregiment unterstnde, so wrde sie mit unnachsichtiger Strenge
vorgehen. Ich fhle so was von einem Torquemada in mir.
    Innstetten war sehr erheitert und erzhlte seinerseits, da er etwas so
Heikles, wie das Dogmatische, geflissentlich vermieden, aber dafr das
Moralische desto mehr in den Vordergrund gestellt habe. Hauptthema sei das
Verfhrerische gewesen, das bestndige Gefhrdetsein, das in allem ffentlichen
Auftreten liege, worauf die Trippelli leichthin und nur mit Betonung der zweiten
Satzhlfte geantwortet habe: Ja, bestndig gefhrdet; am meisten die Stimme.
    Unter solchem Geplauder war, ehe man sich trennte, der Trippelli-Abend noch
einmal an ihnen vorbergezogen, und erst drei Tage spter hatte sich Gieshblers
Freundin durch ein von Petersburg aus an Effi gerichtetes Telegramm noch einmal
in Erinnerung gebracht. Es lautete: Madame la Baronne d'Innstetten, nee de
Briest. Bien arrive. Prince K.  la gare. Plus pris de moi que jamais. Mille
fois merci de votre bon accueil. Compliments empresss  Monsieur le Baron.
Marietta Trippelli.
    Innstetten war entzckt und gab diesem Entzcken lebhafteren Ausdruck, als
Effi begreifen konnte.
    Ich verstehe dich nicht, Geert.
    Weil du die Trippelli nicht verstehst. Mich entzckt die Echtheit; alles
da, bis auf das Pnktchen berm i.
    Du nimmst also alles als eine Komdie.
    Aber als was sonst? Alles berechnet fr dort und fr hier, fr Kotschukoff
und fr Gieshbler. Gieshbler wird wohl eine Stiftung machen, vielleicht auch
blo ein Legat fr die Trippelli.
    Die musikalische Soiree bei Gieshbler hatte Mitte Dezember stattgefunden,
gleich danach begannen die Vorbereitungen fr Weihnachten, und Effi, die sonst
schwer ber diese Tage hingekommen wre, segnete es, da sie selber einen
Hausstand hatte, dessen Ansprche befriedigt werden muten. Es galt nachsinnen,
fragen, anschaffen, und das alles lie trbe Gedanken nicht aufkommen. Am Tage
vor Heiligabend trafen Geschenke von den Eltern aus Hohen-Cremmen ein, und mit
in die Kiste waren allerhand Kleinigkeiten aus dem Kantorhause gepackt:
wunderschne Reinetten von einem Baum, den Effi und Jahnke vor mehreren Jahren
gemeinschaftlich okuliert hatten, und dazu braune Puls- und Kniewrmer von
Bertha und Hertha. Hulda schrieb nur wenige Zeilen, weil sie, wie sie sich
entschuldigte, fr X. noch eine Reisedecke zu stricken habe. Was einfach nicht
wahr ist, sagte Effi. Ich wette, X. existiert gar nicht. Da sie nicht davon
lassen kann, sich mit Anbetern zu umgeben, die nicht da sind!
    Und so kam Heiligabend heran.
    Innstetten selbst baute auf fr seine junge Frau, der Baum brannte, und ein
kleiner Engel schwebte oben in Lften. Auch eine Krippe war da mit hbschen
Transparenten und Inschriften, deren eine sich, in leiser Andeutung, auf ein dem
Innstettenschen Hause fr nchstes Jahr bevorstehendes Ereignis bezog. Effi las
es und errtete. Dann ging sie auf Innstetten zu, um ihm zu danken, aber eh sie
dies konnte, flog, nach altpommerschem Weihnachtsbrauch, ein Julklapp in den
Hausflur: eine groe Kiste, drin eine Welt von Dingen steckte. Zuletzt fand man
die Hauptsache, ein zierliches, mit allerlei japanischen Bildchen berklebtes
Morsellenkstchen, dessen eigentlichem Inhalt auch noch ein Zettelchen
beigegeben war. Es hie da:

Drei Knige kamen zum Heiligenchrist,
Mohrenknig einer gewesen ist; -
Ein Mohrenapothekerlein
Erscheinet heute mit Spezerein,
Doch statt Weihrauch und Myrrhen, die nicht zur Stelle,
Bringt er Pistazien- und Mandel-Morselle.

Effi las es zwei-, dreimal und freute sich darber. Die Huldigungen eines guten
Menschen haben doch etwas besonders Wohltuendes. Meinst du nicht auch, Geert?
    Gewi meine ich das. Es ist eigentlich das einzige, was einem Freude macht
oder wenigstens Freude machen sollte. Denn jeder steckt noch so nebenher in
allerhand dummem Zeuge drin. Ich auch. Aber freilich, man ist, wie man ist.
    Der erste Feiertag war Kirchtag, am zweiten war man bei Borckes drauen,
alles zugegen, mit Ausnahme von Grasenabbs, die nicht kommen wollten, weil
Sidonie nicht da sei, was man als Entschuldigung allseitig ziemlich sonderbar
fand. Einige tuschelten sogar: Umgekehrt; gerade deshalb htten sie kommen
sollen. Am Silvester war Ressourcenball, auf dem Effi nicht fehlen durfte und
auch nicht wollte, denn der Ball gab ihr Gelegenheit, endlich einmal die ganze
Stadtflora beisammen zu sehen. Johanna hatte mit den Vorbereitungen zum
Ballstaate fr ihre Gnd'ge vollauf zu tun, Gieshbler, der, wie alles, so auch
ein Treibhaus hatte, schickte Kamelien, und Innstetten, so knapp bemessen die
Zeit fr ihn war, fuhr am Nachmittage noch ber Land nach Papenhagen, wo drei
Scheunen abgebrannt waren.
    Es war ganz still im Hause. Christel, beschftigungslos, hatte sich
schlfrig eine Fubank an den Herd gerckt, und Effi zog sich in ihr
Schlafzimmer zurck, wo sie sich, zwischen Spiegel und Sofa, an einen kleinen,
eigens zu diesem Zweck zurechtgemachten Schreibtisch setzte, um von hier aus an
die Mama zu schreiben, der sie fr Weihnachtsbrief und Weihnachtsgeschenke bis
dahin blo in einer Karte gedankt, sonst aber seit Wochen keine Nachricht
gegeben hatte.

                                                           Kessin, 31. Dezember

Meine liebe Mama!
    Das wird nun wohl ein langer Schreibebrief werden, denn ich habe - die Karte
rechnet nicht - lange nichts von mir hren lassen. Als ich das letzte Mal
schrieb, steckte ich noch in den Weihnachtsvorbereitungen, jetzt liegen die
Weihnachtstage schon zurck. Innstetten und mein guter Freund Gieshbler hatten
alles aufgeboten, mir den Heiligen Abend so angenehm wie mglich zu machen, aber
ich fhlte mich doch ein wenig einsam und bangte mich nach Euch. berhaupt,
soviel Ursache ich habe, zu danken und froh und glcklich zu sein, ich kann ein
Gefhl des Alleinseins nicht ganz loswerden, und wenn ich mich frher,
vielleicht mehr als ntig, ber Huldas ewige Gefhlstrne mokiert habe, so werde
ich jetzt dafr bestraft und habe selber mit dieser Trne zu kmpfen. Denn
Innstetten darf es nicht sehen. Ich bin aber sicher, da das alles besser werden
wird, wenn unser Hausstand sich mehr belebt, und das wird der Fall sein, meine
liebe Mama. Was ich neulich andeutete, das ist nun Gewiheit, und Innstetten
bezeugt mir tglich seine Freude darber. Wie glcklich ich selber im Hinblick
darauf bin, brauche ich nicht erst zu versichern, schon weil ich dann Leben und
Zerstreuung um mich her haben werde oder, wie Geert sich ausdrckt, ein liebes
Spielzeug. Mit diesem Worte wird er wohl recht haben, aber er sollte es lieber
nicht gebrauchen, weil es mir immer einen kleinen Stich gibt und mich daran
erinnert, wie jung ich bin und da ich noch halb in die Kinderstube gehre.
Diese Vorstellung verlt mich nicht (Geert meint, es sei krankhaft) und bringt
es zuwege, da das, was mein hchstes Glck sein sollte, doch fast noch mehr
eine bestndige Verlegenheit fr mich ist. Ja, meine liebe Mama, als die guten
Flemmingschen Damen sich neulich nach allem mglichen erkundigten, war mir
zumut, als stnd ich schlecht vorbereitet in einem Examen, und ich glaube auch,
da ich recht dumm geantwortet habe. Verdrielich war ich auch. Denn manches,
was wie Teilnahme aussieht, ist doch blo Neugier und wirkt um so zudringlicher,
als ich ja noch lange, bis in den Sommer hinein, auf das frohe Ereignis zu
warten habe. Ich denke, die ersten Julitage. Dann mut Du kommen, oder, noch
besser, sobald ich einigermaen wieder bei Wege bin, komme ich, nehme hier
Urlaub und mache mich auf nach Hohen-Cremmen. Ach, wie ich mich darauf freue und
auf die havellndische Luft - hier ist es fast immer rauh und kalt -, und dann
jeden Tag eine Fahrt ins Luch, alles rot und gelb, und ich sehe schon, wie das
Kind die Hnde danach streckt, denn es wird doch wohl fhlen, da es eigentlich
da zu Hause ist. Aber das schreibe ich nur Dir. Innstetten darf nicht davon
wissen, und auch Dir gegenber mu ich mich wie entschuldigen, da ich mit dem
Kinde nach Hohen-Cremmen will und mich heute schon anmelde, statt Dich, meine
liebe Mama, dringend und herzlich nach Kessin hin einzuladen, das ja doch jeden
Sommer fnfzehnhundert Badegste hat und Schiffe mit allen mglichen Flaggen und
sogar ein Dnenhotel. Aber da ich sowenig Gastlichkeit zeige, das macht nicht,
da ich ungastlich wre, so sehr bin ich nicht aus der Art geschlagen, das macht
einfach unser landrtliches Haus, das, soviel Hbsches und Apartes es hat, doch
eigentlich gar kein richtiges Haus ist, sondern nur eine Wohnung fr zwei
Menschen, und auch das kaum, denn wir haben nicht einmal ein Ezimmer, was doch
genant ist, wenn ein paar Personen zu Besuch sich einstellen. Wir haben freilich
noch Rumlichkeiten im ersten Stock, einen groen Saal und vier kleine Zimmer,
aber sie haben alle etwas wenig Einladendes, und ich wrde sie Rumpelkammern
nennen, wenn sich etwas Germpel darin vorfnde; sie sind aber ganz leer, ein
paar Binsensthle abgerechnet, und machen, das mindeste zu sagen, einen sehr
sonderbaren Eindruck. Nun wirst Du wohl meinen, das alles sei ja leicht zu
ndern. Aber es ist nicht zu ndern; denn das Haus, das wir bewohnen, ist... ist
ein Spukhaus; da ist es heraus. Ich beschwre Dich brigens, mir auf diese meine
Mitteilung nicht zu antworten, denn ich zeige Innstetten immer Eure Briefe, und
er wre auer sich, wenn er erfhre, da ich Dir das geschrieben. Ich htte es
auch nicht getan, und zwar um so weniger, als ich seit vielen Wochen in Ruhe
geblieben bin und aufgehrt habe, mich zu ngstigen; aber Johanna sagt mir, es
kme immer mal wieder, namentlich wenn wer Neues im Hause erschiene. Und ich
kann Dich doch einer solchen Gefahr oder, wenn das zuviel gesagt ist, einer
solchen eigentmlichen und unbequemen Strung nicht aussetzen! Mit der Sache
selber will ich Dich heute nicht behelligen, jedenfalls nicht ausfhrlich. Es
ist eine Geschichte von einem alten Kapitn, einem sogenannten Chinafahrer, und
seiner Enkelin, die mit einem hiesigen jungen Kapitn eine kurze Zeit verlobt
war und an ihrem Hochzeitstage pltzlich verschwand. Das mchte hingehn. Aber
was wichtiger ist, ein junger Chinese, den ihr Vater aus China mit
zurckgebracht hatte und der erst der Diener und dann der Freund des Alten war,
der starb kurze Zeit danach und ist an einer einsamen Stelle neben dem Kirchhof
begraben worden. Ich bin neulich da vorbergefahren, wandte mich aber rasch ab
und sah nach der andern Seite, weil ich glaube, ich htte ihn sonst auf dem
Grabe sitzen sehen. Denn ach, meine liebe Mama, ich habe ihn einmal wirklich
gesehen, oder es ist mir wenigstens so vorgekommen, als ich fest schlief und
Innstetten auf Besuch beim Frsten war. Es war schrecklich; ich mchte so was
nicht wieder erleben. Und in ein solches Haus, so hbsch es sonst ist (es ist
sonderbarerweise gemtlich und unheimlich zugleich), kann ich Dich doch nicht
gut einladen. Und Innstetten, trotzdem ich ihm schlielich in vielen Stcken
zustimmte, hat sich dabei, soviel mcht ich sagen drfen, auch nicht ganz
richtig benommen. Er verlangte von mir, ich solle das alles als
Alten-Weiber-Unsinn ansehen und darber lachen, aber mit einemmal schien er doch
auch wieder selber daran zu glauben und stellte mir zugleich die sonderbare
Zumutung, einen solchen Hausspuk als etwas Vornehmes und Altadliges anzusehen.
Das kann ich aber nicht und will es auch nicht. Er ist in diesem Punkte, so
gtig er sonst ist, nicht gtig und nachsichtig genug gegen mich. Denn da es
etwas damit ist, das wei ich von Johanna und wei es auch von unserer Frau
Kruse. Das ist nmlich unsere Kutscherfrau, die mit einem schwarzen Huhn
bestndig in einer berheizten Stube sitzt. Dies allein schon ist ngstlich
genug. Und nun weit Du, warum ich kommen will, wenn es erst soweit ist. Ach,
wre es nur erst soweit. Es sind so viele Grnde, warum ich es wnsche. Heute
abend haben wir Silvesterball, und Gieshbler - der einzig nette Mensch hier,
trotzdem er eine hohe Schulter hat, oder eigentlich schon etwas mehr -,
Gieshbler hat mir Kamelien geschickt. Ich werde doch vielleicht tanzen. Unser
Arzt sagt, es wrde mir nichts schaden, im Gegenteil. Und Innstetten, was mich
fast berraschte, hat auch eingewilligt. Und nun gre und ksse Papa und all
die andern Lieben. Glckauf zum neuen Jahr.
                                                                     Deine Effi

                              Dreizehntes Kapitel


Der Silvesterball hatte bis an den frhen Morgen gedauert, und Effi war
ausgiebig bewundert worden, freilich nicht ganz so anstandslos wie das
Kamelienbukett, von dem man wute, da es aus dem Gieshblerschen Treibhause
kam. Im brigen blieb auch nach dem Silvesterball alles beim alten, kaum da
Versuche gesellschaftlicher Annherung gemacht worden wren, und so kam es denn,
da der Winter als recht lange dauernd empfunden wurde. Besuche seitens der
benachbarten Adelsfamilien fanden nur selten statt, und dem pflichtschuldigen
Gegenbesuche ging in einem halben Trauertone jedesmal die Bemerkung voraus: Ja,
Geert, wenn es durchaus sein mu, aber ich vergehe vor Langerweile. Worte,
denen Innstetten nur immer zustimmte. Was an solchen Besuchsnachmittagen ber
Familie, Kinder, auch Landwirtschaft gesagt wurde, mochte gehen; wenn dann aber
die kirchlichen Fragen an die Reihe kamen und die mitanwesenden Pastoren wie
kleine Ppste behandelt wurden oder sich auch wohl selbst als solche ansahen,
dann ri Effi der Faden der Geduld, und sie dachte mit Wehmut an Niemeyer, der
immer zurckhaltend und anspruchslos war, trotzdem es bei jeder greren
Feierlichkeit hie, er habe das Zeug, an den Dom berufen zu werden. Mit den
Borckes, den Flemmings, den Grasenabbs, so freundlich die Familien, von Sidonie
Grasenabb abgesehen, gesinnt waren es wollte mit allen nicht so recht gehen, und
es htte mit Freude, Zerstreuung und auch nur leidlichem Sich-behaglich-Fhlen
manchmal recht schlimm gestanden, wenn Gieshbler nicht gewesen wre. Der sorgte
fr Effi wie eine kleine Vorsehung, und sie wute es ihm auch Dank. Natrlich
war er, neben allem anderen, auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser,
ganz zu geschweigen, da er an der Spitze des Journalzirkels stand, und so
verging denn fast kein Tag, wo nicht Mirambo ein groes, weies Couvert gebracht
htte, mit allerhand Blttern und Zeitungen, in denen die betreffenden Stellen
angestrichen waren, meist eine kleine, feine Bleistiftlinie, mitunter aber auch
dick mit Blaustift und ein Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben. Und dabei lie
er es nicht bewenden; er schickte auch Feigen und Datteln, Schokoladentafeln in
Satineepapier und ein rotes Bndchen drum, und wenn etwas besonders Schnes in
seinem Treibhaus blhte, so brachte er es selbst und hatte dann eine glckliche
Plauderstunde mit der ihm so sympathischen jungen Frau, fr die er alle schnen
Liebesgefhle durch- und nebeneinander hatte, die des Vaters und Onkels, des
Lehrers und Verehrers. Effi war gerhrt von dem allen und schrieb fters darber
nach Hohen-Cremmen, so da die Mama sie mit ihrer Liebe zum Alchimisten zu
necken begann; aber diese wohlgemeinten Neckereien verfehlten ihren Zweck, ja
berhrten sie beinahe schmerzlich, weil ihr, wenn auch unklar, dabei zum
Bewutsein kam, was ihr in ihrer Ehe eigentlich fehlte: Huldigungen, Anregungen,
kleine Aufmerksamkeiten. Innstetten war lieb und gut, aber ein Liebhaber war er
nicht. Er hatte das Gefhl. Effi zu lieben, und das gute Gewissen, da es so
sei, lie ihn von besonderen Anstrengungen absehen. Es war fast zur Regel
geworden, da er sich, wenn Friedrich die Lampe brachte, aus seiner Frau Zimmer
in sein eigenes zurckzog. Ich habe da noch eine verzwickte Geschichte zu
erledigen. Und damit ging er. Die Portiere blieb freilich zurckgeschlagen, so
da Effi das Blttern in dem Aktenstck oder das Kritzeln seiner Feder hren
konnte, aber das war auch alles. Rollo kam dann wohl und legte sich vor sie hin
auf den Kaminteppich, als ob er sagen wolle: Mu nur mal wieder nach dir sehen;
ein anderer tut's doch nicht. Und dann beugte sie sich nieder und sagte leise:
Ja, Rollo, wir sind allein. Um neun erschien dann Innstetten wieder zum Tee,
meist die Zeitung in der Hand, sprach vom Frsten, der wieder viel rger habe,
zumal ber diesen Eugen Richter, dessen Haltung und Sprache ganz
unqualifizierbar seien, und ging dann die Ernennungen und Ordensverleihungen
durch, von denen er die meisten beanstandete. Zuletzt sprach er von den Wahlen,
und da es ein Glck sei, einem Kreise vorzustehen, in dem es noch Respekt gbe.
War er damit durch, so bat er Effi, da sie was spiele, aus Lohengrin oder aus
der Walkre, denn er war ein Wagner-Schwrmer. Was ihn zu diesem
hinbergefhrt hatte, war ungewi; einige sagten, seine Nerven, denn so nchtern
er schien, eigentlich war er nervs; andere schoben es auf Wagners Stellung zur
Judenfrage. Wahrscheinlich hatten beide recht. Um zehn war Innstetten dann
abgespannt und erging sich in ein paar wohlgemeinten, aber etwas mden
Zrtlichkeiten, die sich Effi gefallen lie, ohne sie recht zu erwidern.

So verging der Winter, der April kam, und in dem Garten hinter dem Hofe begann
es zu grnen, worber sich Effi freute; sie konnte gar nicht abwarten, da der
Sommer komme mit seinen Spaziergngen am Strand und seinen Badegsten. Wenn sie
so zurckblickte, der Trippelli-Abend bei Gieshbler und dann der Silvesterball,
ja, das ging, das war etwas Hbsches gewesen; aber die Monate, die dann gefolgt
waren, die hatten doch viel zu wnschen briggelassen, und vor allem waren sie
so monoton gewesen, da sie sogar mal an die Mama geschrieben hatte: Kannst Du
Dir denken, Mama, da ich mich mit unsrem Spuk beinah ausgeshnt habe? Natrlich
die schreckliche Nacht, wo Geert drben beim Frsten war, die mcht ich nicht
noch einmal durchmachen, nein, gewi nicht; aber immer das Alleinsein und so gar
nichts erleben, das hat doch auch sein Schweres, und wenn ich dann in der Nacht
aufwache, dann horche ich mitunter hinauf, ob ich nicht die Schuhe schleifen
hre, und wenn alles still bleibt, so bin ich fast wie enttuscht und sage mir:
wenn es doch nur wiederkme, nur nicht zu arg und nicht zu nah.
    Das war im Februar, da Effi so schrieb, und nun war bei nahe Mai. Drben in
der Plantage belebte sich's schon wieder, und man hrte die Finken schlagen. Und
in derselben Woche war es auch, da die Strche kamen, und einer schwebte
langsam ber ihr Haus hin und lie sich dann auf einer Scheune nieder, die neben
Utpatels Mhle stand. Das war seine alte Raststtte. Auch ber dies Ereignis
berichtete Effi, die jetzt berhaupt hufiger nach Hohen-Cremmen schrieb, und es
war in demselben Briefe, da es am Schlusse hie: Etwas, meine liebe Mama,
htte ich beinah vergessen: den neuen Landwehrbezirkskommandeur, den wir nun
schon beinah vier Wochen hier haben. Ja, haben wir ihn wirklich? Das ist die
Frage, und eine Frage von Wichtigkeit dazu, sosehr Du darber lachen wirst und
auch lachen mut, weil Du den gesellschaftlichen Notstand nicht kennst, in dem
wir uns nach wie vor befinden. Oder wenigstens ich, die ich mich mit dem Adel
hier nicht gut zurechtfinden kann. Vielleicht meine Schuld. Aber das ist gleich.
Tatsache bleibt: Notstand, und deshalb sah ich, durch all diese Winterwochen
hin, dem neuen Bezirkskommandeur wie einem Trost- und Rettungsbringer entgegen.
Sein Vorgnger war ein Greuel, von schlechten Manieren und noch schlechteren
Sitten, und zum berflu auch noch immer schlecht bei Kasse. Wir haben all die
Zeit ber unter ihm gelitten, Innstetten noch mehr als ich, und als wir Anfang
April hrten, Major von Crampas sei da, das ist nmlich der Name des neuen, da
fielen wir uns in die Arme, als knne uns nun nichts Schlimmes mehr in diesem
lieben Kessin passieren. Aber, wie schon kurz erwhnt, es scheint, trotzdem er
da ist, wieder nichts werden zu wollen. Crampas ist verheiratet, zwei Kinder von
zehn und acht Jahren, die Frau ein Jahr lter als er, also sagen wir
fnfundvierzig. Das wurde nun an und fr sich nicht viel schaden, warum soll ich
mich nicht mit einer mtterlichen Freundin wundervoll unterhalten knnen? Die
Trippelli war auch nahe an Dreiig, und es ging ganz gut. Aber mit der Frau von
Crampas, brigens keine Geborne, kann es nichts werden. Sie ist immer verstimmt,
beinahe melancholisch (hnlich wie unsere Frau Kruse, an die sie mich berhaupt
erinnert), und das alles aus Eifersucht. Er, Crampas, soll nmlich ein Mann
vieler Verhltnisse sein, ein Damenmann, etwas, was mir immer lcherlich ist und
mir auch in diesem Falle lcherlich sein wrde, wenn er nicht, um eben solcher
Dinge willen, ein Duell mit einem Kameraden gehabt htte. Der linke Arm wurde
ihm dicht unter der Schulter zerschmettert, und man sieht es sofort, trotzdem
die Operation, wie mir Innstetten erzhlt (ich glaube, sie nennen es Resektion,
damals noch von Wilms ausgefhrt), als ein Meisterstck der Kunst gerhmt wurde.
Beide, Herr und Frau von Crampas, waren vor vierzehn Tagen bei uns, um uns ihren
Besuch zu machen; es war eine sehr peinliche Situation, denn Frau von Crampas
beobachtete ihren Mann so, da er in eine halbe und ich in eine ganze
Verlegenheit kam. Da er selbst sehr anders sein kann, ausgelassen und
bermtig, davon berzeugte ich mich, als er vor drei Tagen mit Innstetten
allein war und ich, von meinem Zimmer her, dem Gang ihrer Unterhaltung folgen
konnte. Nachher sprach auch ich ihn. Vollkommener Kavalier, ungewhnlich
gewandt. Innstetten war whrend des Krieges in derselben Brigade mit ihm, und
sie haben sich im Norden von Paris bei Graf Grben fter gesehen. Ja, meine
liebe Mama, das wre nun also etwas gewesen, um in Kessin ein neues Leben
beginnen zu knnen; er, der Major, hat auch nicht die pommerschen Vorurteile,
trotzdem er in Schwedisch-Pommern zu Hause sein soll. Aber die Frau! Ohne sie
geht es natrlich nicht und mit ihr erst recht nicht.

Effi hatte ganz recht gehabt, und es kam wirklich zu keiner weiteren Annherung
mit dem Crampasschen Paare. Man sah sich mal bei der Borckeschen Familie
drauen, ein andermal ganz flchtig auf dem Bahnhof und wenige Tage spter auf
einer Boot- und Vergngungsfahrt, die nach einem am Breitling gelegenen groen
Buchen- und Eichenwalde, der der Schnatermann hie, gemacht wurde; es kam aber
ber kurze Begrungen nicht hinaus, und Effi war froh, als Anfang Juni die
Saison sich ankndigte. Freilich fehlte es noch an Badegsten, die vor Johanni
berhaupt nur in Einzelexemplaren einzutreffen pflegten, aber schon die
Vorbereitungen waren eine Zerstreuung. In der Plantage wurden Karussell und
Scheibenstnde hergerichtet, die Schiffersleute kalfaterten und strichen ihre
Boote, jede kleine Wohnung erhielt neue Gardinen, und die Zimmer, die feucht
lagen, also den Schwamm unter der Diele hatten, wurden ausgeschwefelt und dann
gelftet.
    Auch in Effis eigener Wohnung, freilich um eines anderen Ankmmlings als der
Badegste willen, war alles in einer gewissen Erregung; selbst Frau Kruse wollte
mittun, so gut es ging. Aber davor erschrak Effi lebhaft und sagte: Geert, da
nur die Frau Kruse nichts anfat; da kann nichts werden, und ich ngstige mich
schon gerade genug. Innstetten versprach auch alles, Christel und Johanna
htten ja Zeit genug, und um seiner jungen Frau Gedanken berhaupt in eine
andere Richtung zu bringen, lie er das Thema der Vorbereitungen ganz fallen und
fragte statt dessen, ob sie denn schon bemerkt habe, da drben ein Badegast
eingezogen sei, nicht gerade der erste, aber doch einer der ersten.
    Ein Herr?
    Nein, eine Dame, die schon frher hier war, jedesmal in derselben Wohnung.
Und sie kommt immer so frh, weil sie's nicht leiden kann, wenn alles schon so
voll ist.
    Das kann ich ihr nicht verdenken. Und wer ist es denn?
    Die verwitwete Registrator Rode.
    Sonderbar. Ich habe mir Registratorwitwen immer arm gedacht.
    Ja, lachte Innstetten, das ist die Regel. Aber hier hast du eine
Ausnahme. Jedenfalls hat sie mehr als ihre Witwenpension. Sie kommt immer mit
viel Gepck, unendlich viel mehr, als sie gebraucht, und scheint berhaupt eine
ganz eigene Frau, wunderlich, krnklich und namentlich schwach auf den Fen.
Sie mitraut sich deshalb auch und hat immer eine ltliche Dienerin um sich, die
krftig genug ist, sie zu schtzen oder sie zu tragen, wenn ihr was passiert.
Diesmal hat sie eine neue. Aber doch auch wieder eine ganz ramassierte Person,
hnlich wie die Trippelli, nur noch strker.
    Oh, die hab ich schon gesehen. Gute braune Augen, die einen treu und
zuversichtlich ansehen. Aber ein klein bichen dumm.
    Richtig, das ist sie.

Das war Mitte Juni, da Innstetten und Effi dies Gesprch hatten. Von da ab
brachte jeder Tag Zuzug, und nach dem Bollwerk hin spazierengehen, um daselbst
die Ankunft des Dampfschiffes abzuwarten, wurde, wie immer um diese Zeit, eine
Art Tagesbeschftigung fr die Kessiner. Effi freilich, weil Innstetten sie
nicht begleiten konnte, mute darauf verzichten, aber sie hatte doch wenigstens
die Freude, die nach dem Strand und dem Strandhotel hinausfhrende, sonst so
menschenleere Strae sich beleben zu sehen, und war denn auch, um immer wieder
Zeuge davon zu sein, viel mehr als sonst in ihrem Schlafzimmer, von dessen
Fenstern aus sich alles am besten beobachten lie. Johanna stand dann neben ihr
und gab Antwort auf ziemlich alles, was sie wissen wollte; denn da die meisten
alljhrlich wiederkehrende Gste waren, so konnte das Mdchen nicht blo die
Namen nennen, sondern mitunter auch eine Geschichte dazu geben.
    Das alles war unterhaltlich und erheiternd fr Effi. Grade am Johannistage
aber traf es sich, da kurz vor elf Uhr vormittags, wo sonst der Verkehr vom
Dampfschiff her am buntesten vorberflutete, statt der mit Ehepaaren, Kindern
und Reisekoffern besetzten Droschken, aus der Mitte der Stadt her, ein
schwarzverhangener Wagen (dem sich zwei Trauerkutschen anschlossen) die zur
Plantage fhrende Strae herunterkam und vor dem der landrtlichen Wohnung
gegenber gelegenen Hause hielt. Die verwitwete Frau Registrator Rode war
nmlich drei Tage vorher gestorben, und nach Eintreffen der in aller Krze
benachrichtigten Berliner Verwandten war seitens eben dieser beschlossen worden,
die Tote nicht nach Berlin hin berfhren, sondern auf dem Kessiner
Dnenkirchhof begraben zu wollen. Effi stand am Fenster und sah neugierig auf
die sonderbar feierliche Szene, die sich drben abspielte. Die zum Begrbnis von
Berlin her Eingetroffenen waren zwei Neffen mit ihren Frauen, alle gegen
vierzig, etwas mehr oder weniger, und von beneidenswert gesunder Gesichtsfarbe.
Die Neffen, in gutsitzenden Fracks, konnten passieren, und die nchterne
Geschftsmigkeit, die sich in ihrem gesamten Tun ausdrckte, war im Grunde
mehr kleidsam als strend. Aber die beiden Frauen! Sie waren ganz ersichtlich
bemht, den Kessinern zu zeigen, was eigentlich Trauer sei, und trugen denn auch
lange, bis an die Erde reichende schwarze Kreppschleier, die zugleich ihr
Gesicht verhllten. Und nun wurde der Sarg, auf dem einige Krnze und sogar ein
Palmenwedel lagen, auf den Wagen gestellt, und die beiden Ehepaare setzten sich
in die Kutschen. In die erste - gemeinschaftlich mit dem einen der beiden
leidtragenden Paare - stieg auch Lindequist, hinter der zweiten Kutsche aber
ging die Hauswirtin und neben dieser die stattliche Person, die die Verstorbene
zur Aushlfe mit nach Kessin gebracht hatte. Letztere war sehr aufgeregt und
schien durchaus ehrlich darin, wenn dies Aufgeregtsein auch vielleicht nicht
gerade Trauer war; der sehr heftig schluchzenden Hauswirtin aber, einer Witwe,
sah man dagegen fast allzu deutlich an, da sie sich bestndig die Mglichkeit
eines Extrageschenkes berechnete, trotzdem sie in der bevorzugten und von
anderen Wirtinnen auch sehr beneideten Lage war, die fr den ganzen Sommer
vermietete Wohnung noch einmal vermieten zu knnen.
    Effi, als der Zug sich in Bewegung setzte, ging in ihren hinter dem Hofe
gelegenen Garten, um hier, zwischen den Buchsbaumbeeten, den Eindruck des Lieb-
und Leblosen, den die ganze Szene drben auf sie gemacht hatte, wieder
loszuwerden. Als dies aber nicht glcken wollte, kam ihr die Lust, statt ihrer
eintnigen Gartenpromenade lieber einen weiteren Spaziergang zu machen, und zwar
um so mehr, als ihr der Arzt gesagt hatte, viel Bewegung im Freien sei das
Beste, was sie, bei dem, was ihr bevorstnde, tun knne. Johanna, die mit im
Garten war, brachte ihr denn auch Umhang, Hut und Entoutcas, und mit einem
freundlichen Guten Tag trat Effi aus dem Hause heraus und ging auf das
Wldchen zu, neben dessen breitem chaussierten Mittelweg ein schmalerer Fusteig
auf die Dnen und das am Strand gelegene Hotel zulief. Unterwegs standen Bnke,
von denen sie jede benutzte, denn das Gehen griff sie an, und um so mehr, als
inzwischen die heie Mittagsstunde herangekommen war. Aber wenn sie sa und von
ihrem bequemen Platz aus die Wagen und die Damen in Toilette beobachtete, die da
hinausfuhren, so belebte sie sich wieder. Denn Heiteres sehen war ihr wie
Lebensluft. Als das Wldchen aufhrte, kam freilich noch eine allerschlimmste
Wegstelle, Sand und wieder Sand und nirgends eine Spur von Schatten; aber
glcklicherweise waren hier Bohlen und Bretter gelegt, und so kam sie, wenn auch
erhitzt und mde, doch in guter Laune bei dem Strandhotel an. Drinnen im Saal
wurde schon gegessen, aber hier drauen um sie her war alles still und leer, was
ihr in diesem Augenblicke denn auch das liebste war. Sie lie sich ein Glas
Sherry und eine Flasche Biliner Wasser bringen und sah auf das Meer hinaus, das
im hellen Sonnenlichte schimmerte, whrend es am Ufer in kleinen Wellen
brandete. Da drben liegt Bornholm und dahinter Wisby, wovon mir Jahnke vor
Zeiten immer Wunderdinge vorschwrmte. Wisby ging ihm fast noch ber Lbeck und
Wullenweber. Und hinter Wisby kommt Stockholm, wo das Stockholmer Blutbad war,
und dann kommen die groen Strme und dann das Nordkap und dann die
Mitternachtssonne. Und im Augenblick erfate sie eine Sehnsucht, das alles zu
sehen. Aber dann gedachte sie wieder dessen, was ihr so nahe bevorstand, und sie
erschrak fast. Es ist eine Snde, da ich so leichtsinnig bin und solche
Gedanken habe und mich wegtrume, whrend ich doch an das Nchste denken mte.
Vielleicht bestraft es sich auch noch, und alles stirbt hin, das Kind und ich.
Und der Wagen und die zwei Kutschen, die halten dann nicht drben vor dem Hause,
die halten dann bei uns... Nein, nein, ich mag hier nicht sterben, ich will hier
nicht begraben sein, ich will nach Hohen-Cremmen. Und Lindequist, so gut er ist
- aber Niemeyer ist mir lieber; er hat mich getauft und eingesegnet und getraut,
und Niemeyer soll mich auch begraben. Und dabei fiel eine Trne auf ihre Hand.
Dann aber lachte sie wieder. Ich lebe ja noch und bin erst siebzehn, und
Niemeyer ist siebenundfnfzig.
    In dem Esaal hrte sie das Geklapper des Geschirrs. Aber mit einem Male war
es ihr, als ob die Sthle geschoben wrden; vielleicht stand man schon auf, und
sie wollte jede Begegnung vermeiden. So erhob sie sich auch ihrerseits rasch
wieder von ihrem Platz, um auf einem Umweg nach der Stadt zurckzukehren. Dieser
Umweg fhrte sie dicht an dem Dnenkirchhof vorber, und weil der Torweg des
Kirchhofs gerade offenstand, trat sie ein. Alles blhte hier, Schmetterlinge
flogen ber die Grber hin, und hoch in den Lften standen ein paar Mwen. Es
war so still und schn, und sie htte hier gleich bei den ersten Grbern
verweilen mgen; aber weil die Sonne mit jedem Augenblick heier niederbrannte,
ging sie hher hinauf, auf einen schattigen Gang zu, den Hngeweiden und etliche
an den Grbern stehende Trauereschen bildeten. Als sie bis an das Ende dieses
Ganges gekommen, sah sie zur Rechten einen frisch aufgeworfenen Sandhgel, mit
vier, fnf Krnzen darauf, und dicht daneben eine schon auerhalb der Baumreihe
stehende Bank, darauf die gute, robuste Person sa, die, an der Seite der
Hauswirtin, dem Sarge der verwitweten Registratorin als letzte Leidtragende
gefolgt war. Effi erkannte sie sofort wieder und war in ihrem Herzen bewegt, die
gute, treue Person, denn dafr mute sie sie halten, in sengender Sonnenhitze
hier vorzufinden. Seit dem Begrbnis waren wohl an zwei Stunden vergangen.
    Es ist eine heie Stelle, die Sie sich da ausgesucht haben, sagte Effi,
viel zu hei. Und wenn ein Unglck kommen soll, dann haben Sie den
Sonnenstich.
    Das wr auch das beste.
    Wie das?
    Dann wr ich aus der Welt.
    Ich meine, das darf man nicht sagen, auch wenn man unglcklich ist oder
wenn einem wer gestorben ist, den man liebhatte. Sie hatten sie wohl sehr lieb?
    Ich? Die? I, Gott bewahre.
    Sie sind aber doch sehr traurig. Das mu doch einen Grund haben.
    Den hat es auch, gndigste Frau.
    Kennen Sie mich?
    Ja. Sie sind die Frau Landrtin von drben. Und ich habe mit der Alten
immer von Ihnen gesprochen. Zuletzt konnte sie nicht mehr, weil sie keine rechte
Luft mehr hatte, denn es sa ihr hier und wird wohl Wasser gewesen sein; aber
solange sie noch reden konnte, redete sie immerzu. Es war 'ne richtige
Berlinsche...
    Gute Frau?
    Nein; wenn ich das sagen wollte, mt ich lgen. Da liegt sie nun, und man
soll von einem Toten nichts Schlimmes sagen, und erst recht nicht, wenn er so
kaum seine Ruhe hat. Na, die wird sie ja wohl haben! Aber sie taugte nichts und
war znkisch und geizig, und fr mich hat sie auch nicht gesorgt. Und die
Verwandtschaft, die da gestern von Berlin gekommen... gezankt haben sie sich bis
in die sinkende Nacht..., na, die taugt auch nichts, die taugt erst recht
nichts. Lauter schlechtes Volk, happig und gierig und hartherzig, und haben mir
barsch und unfreundlich und mit allerlei Redensarten meinen Lohn ausgezahlt,
blo weil sie muten und weil es blo noch sechs Tage sind bis zum
Vierteljahrsersten. Sonst htte ich nichts gekriegt; oder blo halb oder blo
ein Viertel. Nichts aus freien Stcken. Und einen eingerissenen Fnfmarkschein
haben sie mir gegeben, da ich nach Berlin zurckreisen kann; na, es reicht so
gerade fr die vierte Klasse, und ich werde wohl auf meinem Koffer sitzen
mssen. Aber ich will auch gar nicht; ich will hier sitzen bleiben und warten,
bis ich sterbe... Gott, ich dachte nun mal Ruhe zu haben und htte auch
ausgehalten bei der Alten. Und nun ist es wieder nichts, und soll mich wieder
rumstoen lassen. Und katholsch bin ich auch noch. Ach, ich hab es satt und lg
am liebsten, wo die Alte liegt, und sie knnte meinetwegen weiterleben... Sie
htte gerne noch weitergelebt; solche Menschenschikanierer, die nich mal Luft
haben, die leben immer am liebsten.
    Rollo, der Effi begleitet hatte, hatte sich mittlerweile vor die Person
hingesetzt, die Zunge weit heraus, und sah sie an. Als sie jetzt schwieg, erhob
er sich, ging einen Schritt vor und legte seinen Kopf auf ihre Knie.
    Mit einem Male war die Person wie verwandelt. Gott, das bedeutet mir was.
Da is ja 'ne Kreatur, die mich leiden kann, die mich freundlich ansieht und
ihren Kopf auf meine Knie legt. Gott, das ist lange her, da ich so was gehabt
habe. Nun, mein Alterchen, wie heit du denn? Du bist ja ein Prachtkerl.
    Rollo, sagte Effi.
    Rollo; das ist sonderbar. Aber der Name tut nichts. Ich habe auch einen
sonderbaren Namen, das heit Vornamen. Und einen andern hat unsereins ja nicht.
    Wie heien Sie denn?
    Ich heie Roswitha.
    Ja, das ist selten, das ist ja...
    Ja, ganz recht, gndige Frau, das ist ein katholscher Name. Und das kommt
auch noch dazu, da ich eine Katholsche bin. Aus 'm Eichsfeld. Und das
Katholsche, das macht es einem immer noch schwerer und saurer. Viele wollen
keine Katholsche, weil sie soviel in die Kirche rennen. Immer in die Beichte;
und die Hauptsache sagen sie doch nich - Gott, wie oft hab ich das hren mssen,
erst als ich in Giebichenstein im Dienst war und dann in Berlin. Ich bin aber
eine schlechte Katholikin und bin ganz davon abgekommen, und vielleicht geht es
mir deshalb so schlecht; ja, man darf nich von seinem Glauben lassen und mu
alles ordentlich mitmachen.
    Roswitha, wiederholte Effi den Namen und setzte sich zu ihr auf die Bank.
Was haben Sie nun vor?
    Ach, gnd'ge Frau, was soll ich vorhaben. Ich habe gar nichts vor. Wahr und
wahrhaftig, ich mchte hier sitzen bleiben und warten, bis ich tot umfalle. Das
wr mir das liebste. Und dann wrden die Leute noch denken, ich htte die Alte
so geliebt wie ein treuer Hund und htte von ihrem Grabe nicht weg gewollt und
wre da gestorben. Aber das ist falsch, fr solche Alte stirbt man nicht; ich
will blo sterben, weil ich nicht leben kann.
    Ich will Sie was fragen, Roswitha. Sind Sie, was man so kinderlieb nennt?
Waren Sie schon mal bei kleinen Kindern?
    Gewi, war ich. Das ist ja mein Bestes und Schnstes. Solche alte
Berlinsche - Gott verzeih mir die Snde, denn sie ist nun tot und steht vor
Gottes Thron und kann mich da verklagen -, solche Alte, wie die da, ja, das ist
schrecklich, was man da alles tun mu, und steht einem hier vor Brust und Magen,
aber solch kleines, liebes Ding, solch Dingelchen wie 'ne Puppe, das einen mit
seinen Guckugelchen ansieht, ja, das ist was, da geht einem das Herz auf. Als
ich in Halle war, da war ich Amme bei der Frau Salzdirektorin, und in
Giebichenstein, wo ich nachher hinkam, da hab ich Zwillinge mit der Flasche
grogezogen; ja, gnd'ge Frau, das versteh ich, da drin bin ich wie zu Hause.
    Nun, wissen Sie was, Roswitha, Sie sind eine gute, treue Person, das seh
ich Ihnen an, ein bichen gradezu, aber das schadet nichts, das sind mitunter
die Besten, und ich habe gleich ein Zutrauen zu Ihnen gefat. Wollen Sie mit zu
mir kommen? Mir ist, als htte Gott Sie mir geschickt. Ich erwarte nun bald ein
Kleines, Gott gebe mir seine Hlfe dazu, und wenn das Kind da ist, dann mu es
gepflegt und abgewartet werden und vielleicht auch gepppelt. Man kann das ja
nicht wissen, wiewohl ich es anders wnsche. Was meinen Sie, wollen Sie mit zu
mir kommen? Ich kann mir nicht denken, da ich mich in Ihnen irre.
    Roswitha war aufgesprungen und hatte die Hand der jungen Frau ergriffen und
kte sie mit Ungestm. Ach, es ist doch ein Gott im Himmel, und wenn die Not
am grten ist, ist die Hlfe am nchsten. Sie sollen sehn, gnd'ge Frau, es
geht; ich bin eine ordentliche Person und habe gute Zeugnisse. Das knnen Sie
sehn, wenn ich Ihnen mein Buch bringe. Gleich den ersten Tag, als ich die
gnd'ge Frau sah, da dacht ich: Ja, wenn du mal solchen Dienst httest. Und nun
soll ich ihn haben. O du lieber Gott, o du heil'ge Jungfrau Maria, wer mir das
gesagt htte, wie wir die Alte hier unter der Erde hatten und die Verwandten
machten, da sie wieder fortkamen, und mich hier sitzenlieen.
    Ja, unverhofft kommt oft, Roswitha, und mitunter auch im guten. Und nun
wollen wir gehen. Rollo wird schon ungeduldig und luft immer auf das Tor zu.
    Roswitha war gleich bereit, trat aber noch einmal an das Grab, brummelte was
vor sich hin und machte ein Kreuz. Und dann gingen sie den schattigen Gang
hinunter und wieder auf das Kirchhofstor zu.
    Drben lag die eingegitterte Stelle, deren weier Stein in der
Nachmittagssonne blinkte und blitzte. Effi konnte jetzt ruhiger hinsehen. Eine
Weile noch fhrte der Weg zwischen Dnen hin, bis sie, dicht vor Utpatels Mhle,
den Auenrand des Wldchens erreichte. Da bog sie links ein, und unter Benutzung
einer schrglaufenden Allee, die die Reeperbahn hie, ging sie mit Roswitha
auf die landrtliche Wohnung zu.

                              Vierzehntes Kapitel


Keine Viertelstunde, so war die Wohnung erreicht. Als beide hier in den khlen
Flur traten, war Roswitha beim Anblick all des Sonderbaren, das da umherhing,
wie befangen; Effi aber lie sie nicht zu weiteren Betrachtungen kommen und
sagte: Roswitha, nun gehen Sie da hinein. Das ist das Zimmer, wo wir schlafen.
Ich will erst zu meinem Manne nach dem Landratsamt hinber - das groe Haus da
neben dem kleinen, in dem Sie gewohnt haben - und will ihm sagen, da ich Sie
zur Pflege haben mchte bei dem Kinde. Er wird wohl mit allem einverstanden
sein, aber ich mu doch erst seine Zustimmung haben. Und wenn ich die habe, dann
mssen wir ihn ausquartieren, und Sie schlafen mit mir in dem Alkoven. Ich
denke, wir werden uns schon vertragen.
    Innstetten, als er erfuhr, um was sich's handle, sagte rasch und in guter
Laune: Das hast du recht gemacht, Effi, und wenn ihr Gesindebuch nicht zu
schlimme Sachen sagt, so nehmen wir sie auf ihr gutes Gesicht hin. Es ist doch,
Gott sei Dank, selten, da einen das tuscht.
    Effi war sehr glcklich, sowenig Schwierigkeiten zu begegnen, und sagte:
Nun wird es gehen. Ich frchte mich jetzt nicht mehr.
    Um was, Effi?
    Ach, du weit ja... Aber Einbildungen sind das schlimmste, mitunter
schlimmer als alles.

Roswitha zog in selbiger Stunde noch mit ihren paar Habseligkeiten in das
landrtliche Haus hinber und richtete sich in dem kleinen Alkoven ein. Als der
Tag um war, ging sie frh zu Bett und schlief, ermdet wie sie war, gleich ein.
    Am andern Morgen erkundigte sich Effi - die seit einiger Zeit (denn es war
gerade Vollmond) wieder in ngsten lebte -, wie Roswitha geschlafen und ob sie
nichts gehrt habe.
    Was? fragte diese.
    Oh, nichts. Ich meine nur so; so was, wie wenn ein Besen fegt oder wie wenn
einer ber die Diele schlittert.
    Roswitha lachte, was auf ihre junge Herrin einen besonders guten Eindruck
machte. Effi war fest protestantisch erzogen und wrde sehr erschrocken gewesen
sein, wenn man an und in ihr was Katholisches entdeckt htte; trotzdem glaubte
sie, da der Katholizismus uns gegen solche Dinge wie da oben besser schtze;
ja, diese Betrachtung hatte bei dem Plane, Roswitha ins Haus zu nehmen, ganz
erheblich mitgewirkt.
    Man lebte sich schnell ein, denn Effi hatte ganz den liebenswrdigen Zug der
meisten mrkischen Landfrulein, sich gern allerlei kleine Geschichten erzhlen
zu lassen, und die verstorbene Frau Registratorin und ihr Geiz und ihre Neffen
und deren Frauen boten einen unerschpflichen Stoff. Auch Johanna hrte dabei
gerne zu.
    Diese, wenn Effi bei den drastischen Stellen oft laut lachte, lchelte
freilich und verwunderte sich im stillen, da die gndige Frau an all dem dummen
Zeuge soviel Gefallen finde; diese Verwunderung aber, die mit einem starken
berlegenheitsgefhle Hand in Hand ging, war doch auch wieder ein Glck und
sorgte dafr, da keine Rangstreitigkeiten aufkommen konnten. Roswitha war
einfach die komische Figur, und Neid gegen sie zu hegen wre fr Johanna nichts
anderes gewesen, wie wenn sie Rollo um seine Freundschaftsstellung beneidet
htte.
    So verging eine Woche, plauderhaft und beinahe gemtlich, weil Effi dem, was
ihr persnlich bevorstand, ungengstigter als frher entgegensah. Auch glaubte
sie nicht, da es so nahe sei. Den neunten Tag aber war es mit dem Plaudern und
den Gemtlichkeiten vorbei; da gab es ein Laufen und Rennen, Innstetten selbst
kam ganz aus seiner gewohnten Reserve heraus, und am Morgen des 3. Juli stand
neben Effis Bett eine Wiege. Doktor Hannemann patschelte der jungen Frau die
Hand und sagte: Wir haben heute den Tag von Kniggrtz; schade, da es ein
Mdchen ist. Aber das andere kann ja nachkommen, und die Preuen haben viele
Siegestage. Roswitha mochte wohl hnliches denken, freute sich indessen
vorlufig ganz uneingeschrnkt ber das, was da war, und nannte das Kind ohne
weiteres Ltt-Annie, was der jungen Mutter als ein Zeichen galt. Es msse
doch wohl eine Eingebung gewesen sein, da Roswitha gerade auf diesen Namen
gekommen sei. Selbst Innstetten wute nichts dagegen zu sagen, und so wurde
schon von Klein-Annie gesprochen, lange bevor der Tauftag da war. Effi, die von
Mitte August an bei den Eltern in Hohen-Cremmen sein wollte, htte die Taufe
gern bis dahin verschoben. Aber es lie sich nicht tun; Innstetten konnte nicht
Urlaub nehmen, und so wurde denn der 15. August, trotzdem es der Napoleonstag
war (was denn auch von seiten einiger Familien beanstandet wurde), fr diesen
Taufakt festgesetzt, natrlich in der Kirche. Das sich anschlieende Festmahl,
weil das landrtliche Haus keinen Saal hatte, fand in dem groen
Ressourcen-Hotel am Bollwerk statt, und der gesamte Nachbaradel war geladen und
auch erschienen. Pastor Lindequist lie Mutter und Kind in einem liebenswrdigen
und allseitig bewunderten Toaste leben, bei welcher Gelegenheit Sidonie von
Grasenabb zu ihrem Nachbar, einem adligen Assessor von der strengen Richtung,
bemerkte: Ja, seine Kasualreden, das geht. Aber seine Predigten kann er vor
Gott und Menschen nicht verantworten; er ist ein Halber, einer von denen, die
verworfen sind, weil sie lau sind. Ich mag das Bibelwort hier nicht wrtlich
zitieren. Gleich danach nahm auch der alte Herr von Borcke das Wort, um
Innstetten leben zu lassen. Meine Herrschaften, es sind schwere Zeiten, in
denen wir leben, Auflehnung, Trotz, Indisziplin, wohin wir blicken. Aber solange
wir noch Mnner haben, und ich darf hinzusetzen, Frauen und Mtter (und hierbei
verbeugte er sich mit einer eleganten Handbewegung gegen Effi), ...solange wir
noch Mnner haben wie Baron Innstetten, den ich stolz bin meinen Freund nennen
zu drfen, so lange geht es noch, so lange hlt unser altes Preuen noch. Ja,
meine Freunde, Pommern und Brandenburg, damit zwingen wir's und zertreten dem
Drachen der Revolution das giftige Haupt. Fest und treu, so siegen wir. Die
Katholiken, unsere Brder, die wir, auch wenn wir sie bekmpfen, achten mssen,
haben den Felsen Petri, wir aber haben den Rocher de bronze. Baron Innstetten,
er lebe hoch! Innstetten dankte ganz kurz. Effi sagte zu dem neben ihr
sitzenden Major von Crampas: Das mit dem Felsen Petri sei wahrscheinlich eine
Huldigung gegen Roswitha gewesen; sie werde nachher an den alten Justizrat
Gadebusch herantreten und ihn fragen, ob er nicht ihrer Meinung sei. Crampas
nahm diese Bemerkung unerklrlicherweise fr Ernst und riet von einer Anfrage
bei dem Justizrat ab, was Effi ungemein erheiterte. Ich habe Sie doch fr einen
besseren Seelenleser gehalten.
    Ach, meine Gndigste, bei schnen, jungen Frauen, die noch nicht achtzehn
sind, scheitert alle Lesekunst.
    Sie verderben sich vollends, Major. Sie knnen mich eine Gromutter nennen,
aber Anspielungen darauf, da ich noch nicht achtzehn bin, das kann Ihnen nie
verziehen werden.
    Als man von Tisch aufgestanden war, kam der Sptnachmittags-Dampfer die
Kessine herunter und legte an der Landungsbrcke, gegenber dem Hotel, an. Effi
sa mit Crampas und Gieshbler beim Kaffee, alle Fenster auf, und sah dem
Schauspiel drben zu. Morgen frh um neun fhrt mich dasselbe Schiff den Flu
hinauf, und zu Mittag bin ich in Berlin, und am Abend bin ich in Hohen-Cremmen,
und Roswitha geht neben mir und hlt das Kind auf dem Arme. Hoffentlich schreit
es nicht. Ach, wie mir schon heute zumute ist! Lieber Gieshbler, sind Sie auch
mal so froh gewesen, Ihr elterliches Haus wiederzusehen?
    Ja, ich kenne das auch, gndigste Frau. Nur blo ich brachte kein Anniechen
mit, weil ich keins hatte.
    Kommt noch, sagte Crampas. Stoen Sie an, Gieshbler; Sie sind der
einzige vernnftige Mensch hier.
    Aber, Herr Major, wir haben ja blo noch den Cognac.
    Desto besser.

                              Fnfzehntes Kapitel


Mitte August war Effi abgereist, Ende September war sie wieder in Kessin.
Manchmal in den zwischenliegenden sechs Wochen hatte sie's zurckverlangt; als
sie aber wieder da war und in den dunklen Flur eintrat, auf den nur von der
Treppenstiege her ein etwas fahles Licht fiel, wurde ihr mit einemmal wieder
bang, und sie sagte leise: Solch fahles, gelbes Licht gibt es in Hohen-Cremmen
gar nicht.
    Ja, ein paarmal, whrend ihrer Hohen-Cremmer Tage, hatte sie Sehnsucht nach
dem verwunschenen Hause gehabt, alles in allem aber war ihr doch das Leben
daheim voller Glck und Zufriedenheit gewesen. Mit Hulda freilich, die's nicht
verwinden konnte, noch immer auf Mann oder Brutigam warten zu mssen, hatte sie
sich nicht recht stellen knnen, desto besser dagegen mit den Zwillingen, und
mehr als einmal, wenn sie mit ihnen Ball oder Krocket gespielt hatte, war ihr's
ganz aus dem Sinn gekommen, berhaupt verheiratet zu sein. Das waren dann
glckliche Viertelstunden gewesen. Am liebsten aber hatte sie wie frher auf dem
durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und, in dem Gefhle: Jetzt
strz ich, etwas eigentmlich Prickelndes, einen Schauer ser Gefahr
empfunden. Sprang sie dann schlielich von der Schaukel ab, so begleitete sie
die beiden Mdchen bis an die Bank vor dem Schulhause und erzhlte, wenn sie da
saen, dem alsbald hinzukommenden alten Jahnke von ihrem Leben in Kessin, das
halb hanseatisch und halb skandinavisch und jedenfalls sehr anders als in
Schwantikow und Hohen-Cremmen sei.
    Das waren so die tglichen kleinen Zerstreuungen, an die sich gelegentlich
auch Fahrten in das sommerliche Luch schlossen, meist im Jagdwagen; allem voran
aber standen fr Effi doch die Plaudereien, die sie beinahe jeden Morgen mit der
Mama hatte. Sie saen dann oben in der luftigen, groen Stube, Roswitha wiegte
das Kind und sang in einem thringischen Platt allerlei Wiegenlieder, die
niemand recht verstand, vielleicht sie selber nicht; Effi und Frau von Briest
aber rckten ans offene Fenster und sahen, whrend sie sprachen, auf den Park
hinunter, auf die Sonnenuhr oder auf die Libellen, die beinahe regungslos ber
dem Teich standen, oder auch auf den Fliesengang, wo Herr von Briest neben dem
Treppenvorbau sa und die Zeitungen las. Immer wenn er umschlug, nahm er zuvor
den Kneifer ab und grte zu Frau und Tochter hinauf. Kam dann das letzte Blatt
an die Reihe, das in der Regel der Anzeiger frs Havelland war, so ging Effi
hinunter, um sich entweder zu ihm zu setzen oder um mit ihm durch Garten und
Park zu schlendern. Einmal bei solcher Gelegenheit traten sie, von dem Kieswege
her, an ein kleines, zur Seite stehendes Denkmal heran, das schon Briests
Grovater zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo hatte aufrichten lassen,
eine verrostete Pyramide mit einem gegossenen Blcher in Front und einem dito
Wellington auf der Rckseite.
    Hast du nun solche Spaziergnge auch in Kessin, sagte Briest, und
begleitet dich Innstetten auch und erzhlt dir allerlei?
    Nein, Papa, solche Spaziergnge habe ich nicht. Das ist ausgeschlossen,
denn wir haben blo einen kleinen Garten hinter dem Hause der eigentlich kaum
ein Garten ist, blo ein paar Buchsbaumrabatten und Gemsebeete mit drei, vier
Obstbumen drin. Innstetten hat keinen Sinn dafr und denkt wohl auch nicht sehr
lange mehr in Kessin zu bleiben.
    Aber Kind, du mut doch Bewegung haben und frische Luft, daran bist du doch
gewhnt.
    Hab ich auch. Unser Haus liegt an einem Wldchen, das sie die Plantage
nennen. Und da geh ich denn viel spazieren und Rollo mit mir.
    Immer Rollo, lachte Briest. Wenn man's nicht anders wte, so sollte man
beinah glauben, Rollo sei dir mehr ans Herz gewachsen als Mann und Kind.
    Ach, Papa, das wre ja schrecklich, wenn's auch freilich - soviel mu ich
zugeben - eine Zeit gegeben hat, wo's ohne Rollo gar nicht gegangen wre. Das
war damals... nun, du weit schon... Da hat er mich so gut wie gerettet, oder
ich habe mir's wenigstens eingebildet, und seitdem ist er mein guter Freund und
mein ganz besonderer Verla. Aber er ist doch blo ein Hund. Und erst kommen
doch natrlich die Menschen.
    Ja, das sagt man immer, aber ich habe da doch so meine Zweifel. Das mit der
Kreatur, damit hat's doch seine eigene Bewandtnis, und was da das Richtige ist,
darber sind die Akten noch nicht geschlossen. Glaube mir, Effi, das ist auch
ein weites Feld. Wenn ich mir so denke, da verunglckt einer auf dem Wasser oder
gar auf dem schlbrigen Eis, und solch ein Hund, sagen wir so einer wie dein
Rollo, ist dabei, ja, der ruht nicht eher, als bis er den Verunglckten wieder
an Land hat. Und wenn der Verunglckte schon tot ist, dann legt er sich neben
den Toten hin und blafft und winselt so lange, bis wer kommt, und wenn keiner
kommt, dann bleibt er bei dem Toten liegen, bis er selber tot ist. Und das tut
solch Tier immer. Und nun nimm dagegen die Menschheit! Gott, vergib mir die
Snde, aber mitunter ist mir's doch, als ob die Kreatur besser wre als der
Mensch.
    Aber, Papa, wenn ich das Innstetten wiedererzhlte...
    Nein, das tu lieber nicht, Effi...
    Rollo wrde mich ja natrlich retten, aber Innstetten wrde mich auch
retten. Er ist ja ein Mann von Ehre.
    Das ist er.
    Und liebt mich.
    Versteht sich, versteht sich. Und wo Liebe ist, da ist auch Gegenliebe. Das
ist nun mal so. Mich wundert nur, da er nicht mal Urlaub genommen hat und
rbergeflitzt ist. Wenn man eine so junge Frau hat...
    Effi errtete, weil sie geradeso dachte. Sie mochte es aber nicht einrumen.
Innstetten ist so gewissenhaft und will, glaub ich, gut angeschrieben sein und
hat so seine Plne fr die Zukunft; Kessin ist doch blo eine Station. Und dann
am Ende, ich lauf ihm ja nicht fort. Er hat mich ja. Wenn man zu zrtlich ist...
und dazu der Unterschied der Jahre..., da lcheln die Leute blo.
    Ja, das tun sie, Effi. Aber darauf mu man's ankommen lassen. brigens sage
nichts darber, auch nicht zu Mama. Es ist so schwer, was man tun und lassen
soll. Das ist auch ein weites Feld.

Gesprche wie diese waren whrend Effis Besuch im elterlichen Hause mehr als
einmal gefhrt worden, hatten aber glcklicherweise nicht lange nachgewirkt, und
ebenso war auch der etwas melancholische Eindruck rasch verflogen, den das erste
Wiederbetreten ihres Kessiner Hauses auf Effi gemacht hatte. Innstetten zeigte
sich voll kleiner Aufmerksamkeiten, und als der Tee genommen und alle Stadt- und
Liebesgeschichten in heiterster Stimmung durchgesprochen waren, hing sich Effi
zrtlich an seinen Arm, um drben ihre Plaudereien mit ihm fortzusetzen und noch
einige Anekdoten von der Trippelli zu hren, die neuerdings wieder mit
Gieshbler in einer lebhaften Korrespondenz gestanden hatte, was immer
gleichbedeutend mit einer neuen Belastung ihres nie ausgeglichenen Kontos war.
Effi war bei diesem Gesprch sehr ausgelassen, fhlte sich ganz als junge Frau
und war froh, die nach der Gesindestube hin ausquartierte Roswitha auf
unbestimmte Zeit los zu sein.
    Am anderen Morgen sagte sie: Das Wetter ist schn und mild, und ich hoffe,
die Veranda nach der Plantage hinaus ist noch in gutem Stande und wir knnen uns
ins Freie setzen und da das Frhstck nehmen. In unsere Zimmer kommen wir
ohnehin noch frh genug, und der Kessiner Winter ist wirklich um vier Wochen zu
lang.
    Innstetten war sehr einverstanden. Die Veranda, von der Effi gesprochen und
die vielleicht richtiger ein Zelt genannt worden wre, war schon im Sommer
hergerichtet worden, drei, vier Wochen vor Effis Abreise nach Hohen-Cremmen, und
bestand aus einem groen gedielten Podium, vorn offen, mit einer mchtigen
Markise zu Hupten, whrend links und rechts breite Leinwandvorhnge waren, die
sich mit Hlfe von Ringen an einer Eisenstange hin und her schieben lieen. Es
war ein reizender Platz, den ganzen Sommer ber von allen Badegsten, die hier
vorber muten, bewundert.
    Effi hatte sich in einen Schaukelstuhl gelehnt und sagte, whrend sie das
Kaffeebrett von der Seite her ihrem Manne zuschob: Geert, du knntest heute den
liebenswrdigen Wirt machen; ich fr mein Teil find es so schn in diesem
Schaukelstuhl, da ich nicht aufstehen mag. Also strenge dich an, und wenn du
dich recht freust, mich wieder hierzuhaben, so werd ich mich auch zu
revanchieren wissen. Und dabei zupfte sie die weie Damastdecke zurecht und
legte ihre Hand darauf, die Innstetten nahm und kte.
    Wie bist du nur eigentlich ohne mich fertig geworden?
    Schlecht genug, Effi.
    Das sagst du so hin und machst ein betrbtes Gesicht, und ist doch
eigentlich alles nicht wahr.
    Aber Effi. ..
    Was ich dir beweisen will. Denn wenn du ein bichen Sehnsucht nach deinem
Kinde gehabt httest - von mir selber will ich nicht sprechen, was ist man am
Ende solchem hohen Herrn, der so lange Jahre Junggeselle war und es nicht eilig
hatte...
    Nun?
    Ja, Geert, wenn du nur ein bichen Sehnsucht gehabt httest, so httest du
mich nicht sechs Wochen mutterwindallein in Hohen-Cremmen sitzen lassen wie eine
Witwe, und nichts da als Niemeyer und Jahnke und mal die Schwantikower. Und von
den Rathenowern ist niemand gekommen, als ob sie sich vor mir gefrchtet htten
oder als ob ich zu alt geworden sei.
    Ach, Effi, wie du nur sprichst. Weit du, da du eine kleine Kokette bist?
    Gott sei Dank, da du das sagst. Das ist fr euch das Beste, was man sein
kann. Und du bist nichts anderes als die anderen, wenn du auch so feierlich und
ehrsam tust. Ich wei es recht gut, Geert... Eigentlich bist du...
    Nun, was?
    Nun, ich will es lieber nicht sagen. Aber ich kenne dich recht gut; du bist
eigentlich, wie der Schwantikower Onkel mal sagte, ein Zrtlichkeitsmensch und
unterm Liebesstern geboren, und Onkel Belling hatte ganz recht, als er das
sagte. Du willst es blo nicht zeigen und denkst, es schickt sich nicht und
verdirbt einem die Karriere. Hab ich's getroffen?
    Innstetten lachte. Ein bichen getroffen hast du's. Weit du was, Effi, du
kommst mir ganz anders vor. Bis Anniechen da war, warst du ein Kind. Aber mit
einemmal...
    Nun?
    Mit einemmal bist du wie vertauscht. Aber es steht dir, du gefllst mir
sehr, Effi. Weit du was?
    Nun?
    Du hast was Verfhrerisches.
    Ach, mein einziger Geert, das ist ja herrlich, was du da sagst; nun wird
mir erst recht wohl ums Herz... Gib mir noch eine halbe Tasse... Weit du denn,
da ich mir das immer gewnscht habe. Wir mssen verfhrerisch sein, sonst sind
wir gar nichts...
    Hast du das aus dir?
    Ich knnt es wohl auch aus mir haben. Aber ich hab es von Niemeyer...
    Von Niemeyer! O du himmlischer Vater, ist das ein Pastor. Nein, solche gibt
es hier nicht. Aber wie kam denn der dazu? Das ist ja, als ob es irgendein Don
Juan oder Herzensbrecher gesprochen htte.
    Ja, wer wei߫, lachte Effi. ...Aber kommt da nicht Crampas? Und vom Strand
her. Er wird doch nicht gebadet haben? Am 27. September...
    Er macht fter solche Sachen. Reine Renommisterei.
    Derweilen war Crampas bis in nchste Nhe gekommen und grte.
    Guten Morgen, rief Innstetten ihm zu. Nur nher, nur nher.
    Crampas trat heran. Er war in Zivil und kte der in ihrem Schaukelstuhl
sich weiter wiegenden Effi die Hand.
    Entschuldigen Sie mich, Major, da ich so schlecht die Honneurs des Hauses
mache; aber die Veranda ist kein Haus, und zehn Uhr frh ist eigentlich gar
keine Zeit. Da wird man formlos oder, wenn Sie wollen, intim. Und nun setzen Sie
sich und geben Sie Rechenschaft von Ihrem Tun. Denn an Ihrem Haar, ich wnschte
Ihnen, da es mehr wre, sieht man deutlich, da Sie gebadet haben.
    Er nickte.
    Unverantwortlich, sagte Innstetten, halb ernst-, halb scherzhaft. Da
haben Sie nun selber vor vier Wochen die Geschichte mit dem Bankier Heinersdorf
erlebt, der auch dachte, das Meer und der grandiose Wellenschlag wrden ihn um
seiner Million willen respektieren. Aber die Gtter sind eiferschtig
untereinander, und Neptun stellte sich ohne weiteres gegen Pluto oder doch
wenigstens gegen Heinersdorf.
    Crampas lachte. Ja, eine Million Mark! Lieber Innstetten, wenn ich die
htte, da htt ich es am Ende nicht gewagt; denn so schn das Wetter ist, das
Wasser hatte nur neun Grad. Aber unsereins mit seiner Million Unterbilanz,
gestatten Sie mir diese kleine Renommage, unsereins kann sich so was ohne Furcht
vor der Gtter Eifersucht erlauben. Und dann mu einen das Sprichwort trsten:
Wer fr den Strick geboren ist, kann im Wasser nicht umkommen.
    Aber, Major, Sie werden sich doch nicht etwas so Urprosaisches, ich mchte
beinah sagen, an den Hals reden wollen. Allerdings glauben manche, da... ich
meine das, wovon Sie eben gesprochen haben..., da ihn jeder mehr oder weniger
verdiene. Trotzdem, Major... fr einen Major...
    ... ist es keine herkmmliche Todesart. Zugegeben, meine Gndigste. Nicht
herkmmlich und in meinem Falle auch nicht einmal sehr wahrscheinlich - also
alles blo Zitat oder, noch richtiger, faon de parler. Und doch steckt etwas
Aufrichtiggemeintes dahinter, wenn ich da eben sagte, die See werde mir nichts
anhaben. Es steht mir nmlich fest, da ich einen richtigen und hoffentlich
ehrlichen Soldatentod sterben werde. Zunchst blo Zigeunerprophezeiung, aber
mit Resonanz im eigenen Gewissen.
    Innstetten lachte. Das wird seine Schwierigkeiten haben, Crampas, wenn Sie
nicht vorhaben, beim Grotrken oder unterm chinesischen Drachen Dienste zu
nehmen. Da schlgt man sich jetzt herum. Hier ist die Geschichte, glauben sie
mir, auf dreiig Jahre vorbei, und wer seinen Soldatentod sterben will...
    ... der mu sich erst bei Bismarck einen Krieg bestellen. Wei ich alles,
Innstetten. Aber das ist doch fr Sie eine Kleinigkeit. Jetzt haben wir Ende
September; in zehn Wochen sptestens ist der Frst wieder in Varzin, und da er
ein liking fr Sie hat - mit der volkstmlicheren Wendung will ich zurckhalten,
um nicht direkt vor Ihren Pistolenlauf zu kommen -, so werden Sie einem alten
Kameraden von Vionville her doch wohl ein bichen Krieg besorgen knnen. Der
Frst ist auch nur ein Mensch, und Zureden hilft.
    Effi hatte whrend dieses Gesprchs einige Brotkgelchen gedreht, wrfelte
damit und legte sie zu Figuren zusammen, um so anzuzeigen, da ihr ein Wechsel
des Themas wnschenswert wre. Trotzdem schien Innstetten auf Crampas'
scherzhafte Bemerkungen antworten zu wollen, was denn Effi bestimmte, lieber
direkt einzugreifen. Ich sehe nicht ein, Major, warum wir uns mit Ihrer
Todesart beschftigen sollen; das Leben ist uns nher und zunchst auch eine
viel ernstere Sache.
    Crampas nickte.
    Das ist recht, da Sie mir recht geben. Wie soll man hier leben? Das ist
vorlufig die Frage, das ist wichtiger als alles andere. Gieshbler hat mir
darber geschrieben, und wenn es nicht indiskret und eitel wre, denn es steht
noch allerlei nebenher darin, so zeigte ich Ihnen den Brief... Innstetten
braucht ihn nicht zu lesen, der hat keinen Sinn fr dergleichen..., beilufig
eine Handschrift wie gestochen und Ausdrucksformen, als wre unser Freund statt
am Kessiner Alten Markt an einem altfranzsischen Hofe erzogen. Und da er
verwachsen ist und weie Jabots trgt wie kein anderer Mensch mehr - ich wei
nur nicht, wo er die Pltterin hernimmt -, das pat alles so vorzglich. Nun,
also Gieshbler hat mir von Plnen fr die Ressourcenabende geschrieben und von
einem Entrepreneur, namens Crampas. Sehen Sie, Major, das gefllt mir besser als
der Soldatentod oder gar der andere.
    Mir persnlich nicht minder. Und es mu ein Prachtwinter werden, wenn wir
uns der Untersttzung der gndigen Frau versichert halten drfen. Die Trippelli
kommt...
    Die Trippelli? Dann bin ich berflssig.
    Mitnichten, gndigste Frau. Die Trippelli kann nicht von Sonntag bis wieder
Sonntag singen, es wre zuviel fr sie und fr uns; Abwechslung ist des Lebens
Reiz, eine Wahrheit, die freilich jede glckliche Ehe zu widerlegen scheint.
    Wenn es glckliche Ehen gibt, die meinige ausgenommen..., und sie reichte
Innstetten die Hand.
    Abwechslung also, fuhr Crampas fort. Und diese fr uns und unsere
Ressource zu gewinnen, deren Vizevorstand zu sein ich zur Zeit die Ehre habe,
dazu braucht es aller bewhrten Krfte. Wenn wir uns zusammentun, so mssen wir
das ganze Nest auf den Kopf stellen. Die Theaterstcke sind schon ausgesucht:
Krieg im Frieden, Monsieur Herkules, Jugendliebe von Wilbrandt, vielleicht auch
Euphrosyne von Gensichen. Sie die Euphrosyne, ich der alte Goethe. Sie sollen
staunen, wie gut ich den Dichterfrsten tragiere... wenn tragieren das richtige
Wort ist.
    Kein Zweifel. Hab ich doch inzwischen aus dem Briefe meines alchimistischen
Geheimkorrespondenten erfahren, da Sie, neben vielem anderen, gelegentlich auch
Dichter sind. Anfangs habe ich mich gewundert...
    Denn Sie haben es mir nicht angesehen.
    Nein. Aber seit ich wei, da Sie bei neun Grad baden, bin ich anderen
Sinnes geworden... neun Grad Ostsee, das geht ber den Kastalischen Quell...
    Dessen Temperatur unbekannt ist.
    Nicht fr mich; wenigstens wird mich niemand widerlegen. Aber nun mu ich
aufstehen. Da kommt ja Roswitha mit Ltt-Annie.
    Und sie erhob sich rasch und ging auf Roswitha zu, nahm ihr das Kind aus dem
Arm und hielt es stolz und glcklich in die Hhe.

                              Sechzehntes Kapitel


Die Tage waren schn und blieben es bis in den Oktober hinein. Eine Folge davon
war, da die halb zeltartige Veranda drauen zu ihrem Rechte kam, so sehr, da
sich wenigstens die Vormittagsstunden regelmig darin abspielten. Gegen elf kam
dann wohl der Major, um sich zunchst nach dem Befinden der gndigen Frau zu
erkundigen und mit ihr ein wenig zu medisieren, was er wundervoll verstand,
danach aber mit Innstetten einen Ausritt zu verabreden, oft landeinwrts, die
Kessine hinauf bis an den Breitling, noch hufiger auf die Molen zu. Effi, wenn
die Herren fort waren, spielte mit dem Kind oder durchbltterte die von
Gieshbler nach wie vor ihr zugeschickten Zeitungen und Journale, schrieb auch
wohl einen Brief an die Mama oder sagte: Roswitha, wir wollen mit Annie
spazierenfahren, und dann spannte sich Roswitha vor den Korbwagen und fuhr,
whrend Effi hinterherging, ein paar hundert Schritt in das Wldchen hinein, auf
eine Stelle zu, wo Kastanien ausgestreut lagen, die man nun auflas, um sie dem
Kinde als Spielzeug zu geben. In die Stadt kam Effi wenig; es war niemand recht
da, mit dem sie htte plaudern knnen, nachdem ein Versuch, mit der Frau von
Crampas auf einen Umgangsfu zu kommen, aufs neue gescheitert war. Die Majorin
war und blieb menschenscheu.
    Das ging so wochenlang, bis Effi pltzlich den Wunsch uerte, mit ausreiten
zu drfen; sie habe nun mal die Passion, und es sei doch zuviel verlangt, blo
um des Geredes der Kessiner willen, auf etwas zu verzichten, das einem soviel
wert sei. Der Major fand die Sache kapital, und Innstetten, dem es
augenscheinlich weniger pate - so wenig, da er immer wieder hervorhob, es
werde sich kein Damenpferd finden lassen -, Innstetten mute nachgeben, als
Crampas versicherte, das solle seine Sorge sein. Und richtig, was man
wnschte, fand sich auch, und Effi war selig, am Strande hinjagen zu knnen,
jetzt wo Damenbad und Herrenbad keine scheidenden Schreckensworte mehr
waren. Meist war auch Rollo mit von der Partie, und weil es sich ein paarmal
ereignet hatte, da man am Strande zu rasten oder auch eine Strecke Wegs zu Fu
zu machen wnschte, so kam man berein, sich von entsprechender Dienerschaft
begleiten zu lassen, zu welchem Behufe des Majors Bursche, ein alter Treptower
Ulan, der Knut hie, und Innstettens Kutscher Kruse zu Reitknechten umgewandelt
wurden, allerdings ziemlich unvollkommen, indem sie, zu Effis Leidwesen, in eine
Phantasielivree gesteckt wurden, darin der eigentliche Beruf beider noch
nachspukte.
    Mitte Oktober war schon heran, als man, so herausstaffiert, zum erstenmal in
voller Kavalkade aufbrach, in Front Innstetten und Crampas, Effi zwischen ihnen,
dann Kruse und Knut und zuletzt Rollo, der aber bald, weil ihm das Nachtrotten
mifiel, allen vorauf war. Als man das jetzt de Strandhotel passiert und bald
danach, sich rechts haltend, auf dem von einer migen Brandung berschumten
Strandwege den diesseitigen Molendamm erreicht hatte, versprte man Lust,
abzusteigen und einen Spaziergang bis an den Kopf der Mole zu machen. Effi war
die erste aus dem Sattel. Zwischen den beiden Steindmmen flo die Kessine breit
und ruhig dem Meere zu, das wie eine sonnenbeschienene Flche, darauf nur hier
und da eine leichte Welle kruselte, vor ihnen lag.
    Effi war noch nie hier drauen gewesen, denn als sie vorigen November in
Kessin eintraf, war schon Sturmzeit und als der Sommer kam, war sie nicht mehr
imstande, weite Gnge zu machen. Sie war jetzt entzckt, fand alles gro und
herrlich, erging sich in krnkenden Vergleichen zwischen dem Luch und dem Meer
und ergriff, sooft die Gelegenheit dazu sich bot, ein Stck angeschwemmtes Holz,
um es nach links hin in die See oder nach rechts hin in die Kessine zu werfen.
Rollo war immer glcklich, im Dienste seiner Herrin sich nachstrzen zu knnen;
mit einemmal aber wurde seine Aufmerksamkeit nach einer ganz anderen Seite hin
abgezogen, und sich vorsichtig, ja beinahe ngstlich vorwrts schleichend,
sprang er pltzlich auf einen in Front sichtbar werdenden Gegenstand zu,
freilich vergeblich, denn im selben Augenblicke glitt von einem
sonnenbeschienenen und mit grnem Tang berwachsenen Stein eine Robbe glatt und
geruschlos in das nur etwa fnf Schritt entfernte Meer hinunter. Eine kurze
Weile noch sah man den Kopf, dann tauchte auch dieser unter.
    Alle waren erregt, und Crampas phantasierte von Robbenjagd und da man das
nchste Mal die Bchse mitnehmen msse, denn die Dinger haben ein festes Fell.
    Geht nicht, sagte Innstetten; Hafenpolizei.
    Wenn ich so was hre, lachte der Major. Hafenpolizei! Die drei Behrden,
die wir hier haben werden doch wohl untereinander die Augen zudrcken knnen.
Mu denn alles so furchtbar gesetzlich sein? Alle Gesetzlichkeiten sind
langweilig.
    Effi klatschte in die Hnde.
    Ja, Crampas, Sie kleidet das, und Effi, wie Sie sehen, klatscht Ihnen
Beifall. Natrlich; die Weiber schreien sofort nach einem Schutzmann, aber von
Gesetz wollen sie nichts wissen.
    Das ist so Frauenrecht von alter Zeit her, und wir werden's nicht ndern,
Innstetten.
    Nein, lachte dieser, und ich will es auch nicht. Auf Mohrenwsche lasse
ich mich nicht ein. Aber einer wie Sie, Crampas, der unter der Fahne der
Disziplin grogeworden ist und recht gut wei, da es ohne Zucht und Ordnung
nicht geht, ein Mann wie Sie, der sollte doch eigentlich so was nicht reden,
auch nicht einmal im Spa. Indessen, ich wei schon, Sie haben einen himmlischen
Kehrmichnichtdran und denken, der Himmel wird nicht gleich einstrzen. Nein,
gleich nicht. Aber mal kommt es.
    Crampas wurde einen Augenblick verlegen, weil er glaubte, das alles sei mit
einer gewissen Absicht gesprochen, was aber nicht der Fall war. Innstetten hielt
nur einen seiner kleinen moralischen Vortrge, zu denen er berhaupt hinneigte.
Da lob ich mir Gieshbler, sagte er einlenkend, immer Kavalier und dabei doch
Grundstze.
    Der Major hatte sich mittlerweile wieder zurechtgefunden und sagte in seinem
alten Ton: Ja, Gieshbler; der beste Kerl von der Welt und, wenn mglich, noch
bessere Grundstze. Aber am Ende woher? warum? Weil er einen Verdru hat. Wer
geradegewachsen ist, ist fr Leichtsinn. berhaupt, ohne Leichtsinn ist das
ganze Leben keinen Schu Pulver wert.
    Nun hren Sie, Crampas, gerade soviel kommt mitunter dabei heraus. Und
dabei sah er auf des Majors linken, etwas verkrzten Arm.
    Effi hatte von diesem Gesprche wenig gehrt. Sie war dicht an die Stelle
getreten, wo die Robbe gelegen, und Rollo stand neben ihr. Dann sahen beide, von
dem Stein weg, auf das Meer und warteten, ob die Seejungfrau noch einmal
sichtbar werden wrde.

Ende Oktober begann die Wahlkampagne, was Innstetten hinderte, sich ferner an
den Ausflgen zu beteiligen, und auch Crampas und Effi htten jetzt um der
lieben Kessiner willen wohl verzichten mssen, wenn nicht Knut und Kruse als
eine Art Ehrengarde gewesen wren. So kam es, da sich die Spazierritte bis in
den November hinein fortsetzten.
    Ein Wetterumschlag war freilich eingetreten, ein andauernder Nordwest trieb
Wolkenmassen heran, und das Meer schumte mchtig, aber Regen und Klte fehlten
noch, und so waren diese Ausflge bei grauem Himmel und lrmender Brandung fast
noch schner, als sie vorher bei Sonnenschein und stiller See gewesen waren.
Rollo jagte vorauf, dann und wann von dem Gischt berspritzt, und der Schleier
von Effis Reithut flatterte im Winde. Dabei zu sprechen war fast unmglich; wenn
man dann aber, vom Meere fort, in die schutzgebenden Dnen oder, noch besser, in
den weiter zurckgelegenen Kiefernwald einlenkte, so wurd es still, Effis
Schleier flatterte nicht mehr, und die Enge des Wegs zwang die beiden Reiter
dicht nebeneinander. Das war dann die Zeit, wo man - schon um der Knorren und
Wurzeln willen im Schritt reitend - die Gesprche, die der Brandungslrm
unterbrochen hatte, wieder aufnehmen konnte. Crampas, ein guter Causeur,
erzhlte dann Kriegs-und Regimentsgeschichten, auch Anekdoten und kleine
Charakterzge von Innstetten, der mit seinem Ernst und seiner Zugeknpftheit in
den bermtigen Kreis der Kameraden nie recht hineingepat habe, so da er
eigentlich immer mehr respektiert als geliebt worden sei.
    Das kann ich mir denken, sagte Effi, ein Glck nur, da der Respekt die
Hauptsache ist.
    Ja, zu seiner Zeit. Aber er pat doch nicht immer. Und zu dem allen kam
noch seine mystische Richtung, die mitunter Ansto gab, einmal, weil Soldaten
berhaupt nicht sehr fr derlei Dinge sind, und dann, weil wir die Vorstellung
unterhielten, vielleicht mit Unrecht, da er doch nicht ganz so dazu stnde, wie
er's uns einreden wollte.
    Mystische Richtung? sagte Effi. Ja, Major, was verstehen Sie darunter? Er
kann doch keine Konventikel abgehalten und den Propheten gespielt haben. Auch
nicht einmal den aus der Oper... ich habe seinen Namen vergessen.
    Nein, so weit ging er nicht. Aber es ist vielleicht besser, davon
abzubrechen. Ich mchte nicht hinter seinem Rcken etwas sagen, was falsch
ausgelegt werden knnte. Zudem sind es Dinge, die sich sehr gut auch in seiner
Gegenwart verhandeln lassen, Dinge, die nur, man mag wollen oder nicht, zu was
Sonderbarem aufgebauscht werden, wenn er nicht dabei ist und nicht jeden
Augenblick eingreifen und uns widerlegen oder meinetwegen auch auslachen kann.
    Aber das ist ja grausam, Major. Wie knnen Sie meine Neugier so auf die
Folter spannen. Erst ist es was, und dann ist es wieder nichts. Und Mystik! Ist
er denn ein Geisterseher?
    Ein Geisterseher! Das will ich nicht gerade sagen. Aber er hatte eine
Vorliebe, uns Spukgeschichten zu erzhlen. Und wenn er uns dann in groe
Aufregung versetzt und manchen auch wohl gengstigt hatte, dann war es mit einem
Male wieder, als habe er sich ber alle die Leichtglubigen blo mokieren
wollen. Und kurz und gut, einmal kam es, da ich ihm auf den Kopf zusagte: Ach
was, Innstetten, das ist ja alles blo Komdie. Mich tuschen Sie nicht. Sie
treiben Ihr Spiel mit uns. Eigentlich glauben Sie's grad sowenig wie wir, aber
Sie wollen sich interessant machen und haben eine Vorstellung davon, da
Ungewhnlichkeiten nach oben hin besser empfehlen. In hheren Karrieren will man
keine Alltagsmenschen. Und da Sie so was vorhaben, so haben Sie sich was Apartes
ausgesucht und sind bei der Gelegenheit auf den Spuk gefallen.
    Effi sagte kein Wort, was dem Major zuletzt bedrcklich wurde. Sie
schweigen, gndigste Frau.
    Ja.
    Darf ich fragen, warum? Hab ich Ansto gegeben? Oder finden Sie's
unritterlich, einen abwesenden Freund, ich mu das trotz aller Verwahrungen
einrumen, ein klein wenig zu hecheln? Aber da tun Sie mir trotz alledem
unrecht. Das alles soll ganz ungeniert seine Fortsetzung vor seinen Ohren haben,
und ich will ihm dabei jedes Wort wiederholen, was ich jetzt eben gesagt habe.
    Glaub es. Und nun brach Effi ihr Schweigen und erzhlte, was sie alles in
ihrem Hause erlebt und wie sonderbar sich Innstetten damals dazu gestellt habe.
Er sagte nicht ja und nicht nein, und ich bin nicht klug aus ihm geworden.
    Also ganz der alte, lachte Crampas. So war er damals auch schon, als wir
in Liancourt und dann spter in Beauvais mit ihm in Quartier lagen. Er wohnte da
in einem alten bischflichen Palast - beilufig, was Sie vielleicht
interessieren wird, war es ein Bischof von Beauvais, glcklicherweise Cochon mit
Namen, der die Jungfrau von Orleans zum Feuertod verurteilte -, und da verging
denn kein Tag, das heit keine Nacht, wo Innstetten nicht Unglaubliches erlebt
hatte. Freilich immer nur so halb. Es konnte auch nichts sein. Und nach diesem
Prinzip arbeitet er noch, wie ich sehe.
    Gut, gut. Und nun ein ernstes Wort, Crampas, auf das ich mir eine ernste
Antwort erbitte: wie erklren Sie sich dies alles?
    Ja, meine gndigste Frau...
    Keine Ausweichungen, Major. Dies alles ist sehr wichtig fr mich. Er ist
Ihr Freund, und ich bin ihre Freundin. Ich will wissen, wie hngt dies zusammen?
Was denkt er sich dabei?
    Ja, meine gndigste Frau, Gott sieht ins Herz, aber ein Major vom
Landwehrbezirkskommando, der sieht in gar nichts. Wie soll ich solche
psychologischen Rtsel lsen? Ich bin ein einfacher Mann.
    Ach, Crampas, reden Sie nicht so tricht. Ich bin zu jung, um eine groe
Menschenkennerin zu sein; aber ich mte noch vor der Einsegnung und beinah vor
der Taufe stehen, um Sie fr einen einfachen Mann zu halten. Sie sind das
Gegenteil davon, Sie sind gefhrlich...
    Das Schmeichelhafteste, was einem guten Vierziger, mit einem a.D. auf der
Karte, gesagt werden kann. Und nun also, was sich Innstetten dabei denkt...
    Effi nickte.
    Ja, wenn ich durchaus sprechen soll, er denkt sich dabei, da ein Mann wie
Landrat Baron Innstetten, der jeden Tag Ministerialdirektor oder dergleichen
werden kann (denn glauben Sie mir, er ist hoch hinaus), da ein Mann wie Baron
Innstetten nicht in einem gewhnlichen Hause wohnen kann, nicht in einer solchen
Kate, wie die landrtliche Wohnung, ich bitte um Vergebung, gndigste Frau, doch
eigentlich ist. Da hilft er denn nach. Ein Spukhaus ist nie was Gewhnliches...
Das ist das eine.
    Das eine? mein Gott, haben Sie noch etwas?
    Ja.
    Nun denn, ich bin ganz Ohr. Aber wenn es sein kann, lassen Sie's was Gutes
sein.
    Dessen bin ich nicht ganz sicher. Es ist etwas Heikles, beinah Gewagtes,
und ganz besonders vor Ihren Ohren, gndigste Frau.
    Das macht mich nur um so neugieriger.
    Gut denn. Also Innstetten, meine gndigste Frau, hat auer seinem
brennenden Verlangen, es koste, was es wolle, ja, wenn es sein mu unter
Heranziehung eines Spuks, seine Karriere zu machen, noch eine zweite Passion: er
operiert nmlich immer erzieherisch, ist der geborene Pdagog und htte, links
Basedow und rechts Pestalozzi (aber doch kirchlicher als beide), eigentlich nach
Schnepfenthal oder Bunzlau hingepat.
    Und will er mich auch erziehen? Erziehen durch Spuk?
    Erziehen ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber doch erziehen auf
einem Umweg.
    Ich verstehe Sie nicht.
    Eine junge Frau ist eine junge Frau, und ein Landrat ist ein Landrat. Er
kutschiert oft im Kreise umher, und dann ist das Haus allein und unbewohnt. Aber
solch Spuk ist wie ein Cherub mit dem Schwert...
    Ah, da sind wir wieder aus dem Walde heraus, sagte Effi. Und da ist
Utpatels Mhle. Wir mssen nur noch an dem Kirchhof vorber.
    Gleich danach passierten sie den Hohlweg zwischen dem Kirchhof und der
eingegitterten Stelle, und Effi sah nach dem Stein und der Tanne hinber, wo der
Chinese lag.

                              Siebzehntes Kapitel


Es schlug zwei Uhr, als man zurck war. Crampas verabschiedete sich und ritt in
die Stadt hinein, bis er vor seiner am Marktplatz gelegenen Wohnung hielt. Effi
ihrerseits kleidete sich um und versuchte zu schlafen; es wollte aber nicht
glcken, denn ihre Verstimmung war noch grer als ihre Mdigkeit. Da
Innstetten sich seinen Spuk parat hielt, um ein nicht ganz gewhnliches Haus zu
bewohnen, das mochte hingehen, das stimmte zu seinem Hange, sich von der groen
Menge zu unterscheiden; aber das andere, da er den Spuk als Erziehungsmittel
brauchte, das war doch arg und beinahe beleidigend. Und Erziehungsmittel,
darber war sie sich klar, sagte nur die kleinere Hlfte; was Crampas gemeint
hatte, war viel, viel mehr war eine Art Angstapparat aus Kalkl. Es fehlte jede
Herzensgte darin und grenzte schon fast an Grausamkeit. Das Blut stieg ihr zu
Kopf, und sie ballte ihre kleine Hand und wollte Plne schmieden; aber mit einem
Male mute sie wieder lachen. Ich Kindskopf! Wer brgt mir denn dafr, da
Crampas recht hat! Crampas ist unterhaltlich, weil er medisant ist, aber er ist
unzuverlssig und ein bloer Haselant, der schlielich Innstetten nicht das
Wasser reicht.
    In diesem Augenblick fuhr Innstetten vor, der heute frher zurckkam als
gewhnlich. Effi sprang auf, um ihn schon im Flur zu begren, und war um so
zrtlicher, je mehr sie das Gefhl hatte, etwas gutmachen zu mssen. Aber ganz
konnte sie das, was Crampas gesagt hatte, doch nicht verwinden, und inmitten
ihrer Zrtlichkeiten, und whrend sie mit anscheinendem Interesse zuhrte, klang
es in ihr immer wieder: Also Spuk aus Berechnung, Spuk, um dich in Ordnung zu
halten.
    Zuletzt indessen verga sie's und lie sich unbefangen von ihm erzhlen.

Inzwischen war Mitte November herangekommen, und der bis zum Sturm sich
steigernde Nordwester stand anderthalb Tag lang so hart auf die Molen, da die
mehr und mehr zurckgestaute Kessine das Bollwerk berstieg und in die Straen
trat. Aber nachdem sich's ausgetobt, legte sich das Unwetter, und es kamen noch
ein paar sonnige Sptherbsttage. Wer wei, wie lange sie dauern, sagte Effi zu
Crampas, und so beschlo man, am nchsten Vormittage noch einmal auszureiten;
auch Innstetten, der einen freien Tag hatte, wollte mit. Es sollte zunchst
wieder bis an die Mole gehen; da wollte man dann absteigen, ein wenig am Strande
promenieren und schlielich im Schutze der Dnen, wo's windstill war, ein
Frhstck nehmen.
    Um die festgesetzte Stunde ritt Crampas vor dem landrtlichen Hause vor;
Kruse hielt schon das Pferd der gndigen Frau, die sich rasch in den Sattel hob
und noch im Aufsteigen Innstetten entschuldigte, der nun doch verhindert sei:
letzte Nacht wieder groes Feuer in Morgenitz - das dritte seit drei Wochen,
also angelegt -, da habe er hingemut, sehr zu seinem Leidwesen, denn er habe
sich auf diesen Ausritt, der wohl der letzte in diesem Herbste sein werde,
wirklich gefreut.
    Crampas sprach sein Bedauern aus, vielleicht nur, um was zu sagen,
vielleicht aber auch aufrichtig, denn so rcksichtslos er im Punkte
chevaleresker Liebesabenteuer war, so sehr war er auch wieder guter Kamerad.
Natrlich, alles ganz oberflchlich. Einem Freunde helfen und fnf Minuten
spter ihn betrgen waren Dinge, die sich mit seinem Ehrbegriffe sehr wohl
vertrugen. Er tat das eine und das andere mit unglaublicher Bonhomie.
    Der Ritt ging wie gewhnlich durch die Plantage hin. Rollo war wieder
vorauf, dann kamen Crampas und Effi, dann Kruse. Knut fehlte.
    Wo haben Sie Knut gelassen?
    Er hat einen Ziegenpeter.
    Merkwrdig, lachte Effi. Eigentlich sah er schon immer so aus.
    Sehr richtig. Aber Sie sollten ihn jetzt sehen! Oder doch lieber nicht.
Denn Ziegenpeter ist ansteckend, schon blo durch Anblick.
    Glaub ich nicht.
    Junge Frauen glauben vieles nicht.
    Und dann glauben sie wieder vieles, was sie besser nicht glaubten.
    An meine Adresse?
    Nein.
    Schade.
    Wie dies schade Sie kleidet. Ich glaube wirklich, Major, Sie hielten es fr
ganz in der Ordnung, wenn ich Ihnen eine Liebeserklrung machte.
    So weit will ich nicht gehen. Aber ich mchte den sehen, der sich
dergleichen nicht wnschte. Gedanken und Wnsche sind zollfrei.
    Das fragt sich. Und dann ist doch immer noch ein Unterschied zwischen
Gedanken und Wnschen. Gedanken sind in der Regel etwas, das noch im
Hintergrunde liegt, Wnsche aber liegen meist schon auf der Lippe.
    Nur nicht gerade diesen Vergleich!
    Ach, Crampas, Sie sind... Sie sind...
    Ein Narr.
    Nein. Auch darin bertreiben Sie wieder. Aber Sie sind etwas anderes. In
Hohen-Cremmen sagten wir immer, und ich mit, das Eitelste, was es gbe, das sei
ein Husarenfhnrich von achtzehn...
    Und jetzt?
    Und jetzt sag ich, das Eitelste, was es gibt, ist ein Landwehrbezirksmajor
von zweiundvierzig.
    ... Wobei die zwei Jahre, die Sie mir gndigst erlassen, alles
wiedergutmachen - k die Hand.
    Ja, k die Hand. Das ist so recht das Wort, das fr Sie pat. Das ist
wienerisch. Und die Wiener, die hab ich kennengelernt, in Karlsbad, vor vier
Jahren, wo sie mir vierzehnjhrigem Dinge den Hof machten. Was ich da alles
gehrt habe!
    Gewi nicht mehr, als recht war.
    Wenn das zutrfe, wre das, was mir schmeicheln soll, ziemlich ungezogen...
Aber sehen Sie da die Bojen, wie die schwimmen und tanzen. Die kleinen roten
Fahnen sind eingezogen. Immer wenn ich diesen Sommer, die paar Mal, wo ich mich
bis an den Strand hinauswagte, die roten Fahnen sah, sagt ich mir: da liegt
Vineta, da mu es liegen, das sind die Turmspitzen...
    Das macht, weil Sie das Heinesche Gedicht kennen.
    Welches?
    Nun, das von Vineta.
    Nein, das kenne ich nicht; ich kenne berhaupt nur wenig. Leider.
    Und haben doch Gieshbler und den Journalzirkel! brigens hat Heine dem
Gedicht einen anderen Namen gegeben, ich glaube Seegespenst oder so hnlich.
Aber Vineta hat er gemeint. Und er selber - verzeihen Sie, wenn ich Ihnen so
ohne weiteres den Inhalt hier wiedergebe -, der Dichter also, whrend er die
Stelle passiert, liegt auf einem Schiffsdeck und sieht hinunter und sieht da
schmale, mittelalterliche Straen und trippelnde Frauen in Kapotthten, und alle
haben ein Gesangbuch in Hnden und wollen zur Kirche, und alle Glocken luten.
Und als er das hrt, da fat ihn eine Sehnsucht, auch mit in die Kirche zu
gehen, wenn auch blo um der Kapotthte willen, und vor Verlangen schreit er auf
und will sich hinunterstrzen. Aber im selben Augenblicke packt ihn der Kapitn
am Bein und ruft ihm zu: Doktor, sind Sie des Teufels?
    Das ist ja allerliebst. Das mcht ich lesen. Ist es lang?
    Nein, es ist eigentlich kurz, etwas lnger als Du hast Diamanten und Perlen
oder Deine weichen Lilienfinger..., und er berhrte leise ihre Hand. Aber lang
oder kurz, welche Schilderungskraft, welche Anschaulichkeit! Er ist mein
Lieblingsdichter, und ich kann ihn auswendig, sowenig ich mir sonst, trotz
gelegentlich eigener Versndigungen, aus der Dichterei mache. Bei Heine liegt es
aber anders: Alles ist Leben, und vor allem versteht er sich auf die Liebe, die
doch die Hauptsache bleibt. Er ist brigens nicht einseitig darin...
    Wie meinen Sie das?
    Ich meine, er ist nicht blo fr die Liebe...
    Nun, wenn er diese Einseitigkeit auch htte, das wre am Ende noch nicht
das schlimmste. Wofr ist er denn sonst noch?
    Er ist auch sehr fr das Romantische, was freilich gleich nach der Liebe
kommt und nach Meinung einiger sogar damit zusammenfllt. Was ich aber nicht
glaube. Denn in seinen spteren Gedichten, die man denn auch die romantischen
genannt hat, oder eigentlich hat er es selber getan, in diesen romantischen
Dichtungen wird in einem fort hingerichtet, allerdings vielfach aus Liebe. Aber
doch meist aus anderen, grberen Motiven, wohin ich in erster Reihe die Politik,
die fast immer grblich ist, rechne. Karl Stuart zum Beispiel trgt in einer
dieser Romanzen seinen Kopf unterm Arm, und noch fataler ist die Geschichte vom
Vitzliputzli...
    Von wem?
    Vom Vitzliputzli. Vitzliputzli ist nmlich ein mexikanischer Gott, und als
die Mexikaner zwanzig oder dreiig Spanier gefangengenommen hatten, muten diese
zwanzig oder dreiig dem Vitzliputzli geopfert werden. Das war da nicht anders,
Landessitte, Kultus, und ging auch alles im Handumdrehen, Bauch auf, Herz
raus...
    Nein, Crampas, so drfen Sie nicht weitersprechen. Das ist indezent und
degoutant zugleich. Und das alles so ziemlich in demselben Augenblicke, wo wir
frhstcken wollen.
    Ich fr meine Person sehe mich dadurch unbeeinflut und stelle meinen
Appetit berhaupt nur in Abhngigkeit vom Men.
    Whrend dieser Worte waren sie, ganz wie's das Programm wollte, vom Strand
her bis an eine schon halb im Schutze der Dnen aufgeschlagene Bank, mit einem
uerst primitiven Tisch davor, gekommen, zwei Pfosten mit einem Brett darber.
Kruse, der voraufgeritten, hatte hier bereits serviert; Teebrtchen und
Aufschnitt von kaltem Braten, dazu Rotwein und neben der Flasche zwei hbsche
zierliche Trinkglser, klein und mit Goldrand, wie man sie in Badertern kauft
oder von Glashtten als Erinnerung mitbringt.
    Und nun stieg man ab. Kruse, der die Zgel seines eigenen Pferdes um eine
Krppelkiefer geschlungen hatte, ging mit den beiden anderen Pferden auf und ab,
whrend sich Crampas und Effi, die durch eine schmale Dnenffnung einen freien
Blick auf Strand und Mole hatten, vor dem gedeckten Tische niederlieen.
    ber das von den Sturmtagen her noch bewegte Meer go die schon halb
winterliche Novembersonne ihr fahles Licht aus, und die Brandung ging hoch. Dann
und wann kam ein Windzug und trieb den Schaum bis dicht an sie heran.
Strandhafer stand umher, und das helle Gelb der Immortellen hob sich, trotz der
Farbenverwandtschaft, von dem gelben Sande, darauf sie wuchsen, scharf ab. Effi
machte die Wirtin. Es tut mir leid, Major, Ihnen diese Brtchen in einem
Korbdeckel prsentieren zu mssen...
    Ein Korbdeckel ist kein Korb...
    ... Indessen Kruse hat es so gewollt. Und da bist du ja auch, Rollo. Auf
dich ist unser Vorrat aber nicht eingerichtet. Was machen wir mit Rollo?
    Ich denke, wir geben ihm alles; ich meinerseits schon aus Dankbarkeit. Denn
sehen Sie, teuerste Effi...
    Effi sah ihn an.
    ... Denn sehen Sie, gndigste Frau, Rollo erinnert mich wieder an das, was
ich Ihnen noch als Fortsetzung oder Seitenstck zum Vitzliputzli erzhlen wollte
- nur viel pikanter, weil Liebesgeschichte. Haben Sie mal von einem gewissen
Pedro dem Grausamen gehrt?
    So dunkel.
    ... Eine Art Blaubartsknig.
    Das ist gut. Von so einem hrt man immer am liebsten, und ich wei noch,
da wir von meiner Freundin Hulda Niemeyer, deren Namen Sie ja kennen, immer
behaupteten: sie wisse nichts von Geschichte, mit Ausnahme der sechs Frauen von
Heinrich dem Achten, diesem englischen Blaubart, wenn das Wort fr ihn reicht.
Und wirklich, diese sechs kannte sie auswendig. Und dabei htten Sie hren
sollen, wie sie die Namen aussprach, namentlich den von der Mutter der Elisabeth
- so schrecklich verlegen, als wre sie nun an der Reihe... Aber nun bitte, die
Geschichte von Don Pedro...
    Nun also, an Don Pedros Hofe war ein schner, schwarzer spanischer Ritter,
der das Kreuz von Calatrava - was ungefhr soviel bedeutet wie Schwarzer Adler
und Pour le mrite zusammengenommen - auf seiner Brust trug. Dies Kreuz gehrte
mit dazu, das muten sie immer tragen, und dieser Calatrava-Ritter, den die
Knigin natrlich heimlich liebte...
    Warum natrlich?
    Weil wir in Spanien sind.
    Ach so.
    Und dieser Calatrava-Ritter, sag ich, hatte einen wunderschnen Hund, einen
Neufundlnder, wiewohl es die noch gar nicht gab denn es war grade hundert Jahre
vor der Entdeckung von Amerika. Einen wunderschnen Hund also, sagen wir wie
Rollo...
    Rollo schlug an, als er seinen Namen hrte, und wedelte mit dem Schweif.
    Das ging so manchen Tag. Aber das mit der heimlichen Liebe, die wohl nicht
ganz heimlich blieb, das wurde dem Knige doch zuviel, und weil er den schnen
Calatrava-Ritter berhaupt nicht recht leiden mochte - denn er war nicht blo
grausam, er war auch ein Neidhammel oder, wenn das Wort fr einen Knig und noch
mehr fr meine liebenswrdige Zuhrerin, Frau Effi, nicht recht passen sollte,
wenigstens ein Neidling -, so beschlo er, den Calatrava-Ritter fr die
heimliche Liebe heimlich hinrichten zu lassen.
    Kann ich ihm nicht verdenken.
    Ich wei doch nicht, meine Gndigste. Hren Sie nur weiter. Etwas geht
schon, aber es war zuviel, der Knig, find ich, ging um ein erkleckliches zu
weit. Er heuchelte nmlich, da er dem Ritter wegen seiner Kriegs- und
Heldentaten ein Fest veranstalten wolle, und da gab es denn eine lange, lange
Tafel, und alle Granden des Reichs saen an dieser Tafel, und in der Mitte sa
der Knig, und ihm gegenber war der Platz fr den, dem dies alles galt, also
fr den Calatrava-Ritter, fr den an diesem Tage zu Feiernden. Und weil der,
trotzdem man schon eine ganze Weile seiner gewartet hatte, noch immer nicht
kommen wollte, so mute schlielich die Festlichkeit ohne ihn begonnen werden,
und es blieb ein leerer Platz - ein leerer Platz gerade gegenber dem Knig.
    Und nun?
    Und nun denken Sie, meine gndigste Frau, wie der Knig, dieser Pedro, sich
eben erheben will, um gleisnerisch sein Bedauern auszusprechen, da sein lieber
Gast noch immer fehle, da hrt man auf der Treppe drauen einen Aufschrei der
entsetzten Dienerschaften, und ehe noch irgendwer wei, was geschehen ist, jagt
etwas an der langen Festestafel entlang, und nun springt es auf den Stuhl und
setzt ein abgeschlagenes Haupt auf den leer gebliebenen Platz, und ber eben
dieses Haupt hinweg starrt Rollo auf sein Gegenber, den Knig. Rollo hatte
seinen Herrn auf seinem letzten Gange begleitet, und im selben Augenblicke, wo
das Beil fiel, hatte das treue Tier das fallende Haupt gepackt, und da war er
nun, unser Freund Rollo, an der langen Festestafel und verklagte den kniglichen
Mrder.
    Effi war ganz still geworden. Endlich sagte sie: Crampas, das ist in seiner
Art sehr schn, und weil es sehr schn ist, will ich es Ihnen verzeihen. Aber
Sie knnten doch Beres und zugleich mir Lieberes tun, wenn Sie mir andere
Geschichten erzhlten. Auch von Heine. Heine wird doch nicht blo von
Vitzliputzli und Don Pedro und Ihrem Rollo - denn meiner htte so was nicht
getan - gedichtet haben. Komm, Rollo! Armes Tier, ich kann dich gar nicht mehr
ansehen, ohne an den Calatrava-Ritter zu denken, den die Knigin heimlich
liebte... Rufen Sie, bitte, Kruse, da er die Sachen hier wieder in die Halfter
steckt, und wenn wir zurckreiten, mssen Sie mir was anderes erzhlen, ganz was
anderes.
    Kruse kam. Als er aber die Glser nehmen wollte, sagte Crampas: Kruse, das
eine Glas, das da, das lassen Sie stehen. Das werde ich selber nehmen.
    Zu Befehl, Herr Major.
    Effi, die dies mit angehrt hatte, schttelte den Kopf. Dann lachte sie.
Crampas, was fllt Ihnen nur eigentlich ein? Kruse ist dumm genug, ber die
Sache nicht weiter nachzudenken, und wenn er darber nachdenkt, so findet er
glcklicherweise nichts. Aber das berechtigt Sie doch nicht, dies Glas... dies
Dreiigpfennigglas aus der Josefinenhtte...
    Da Sie so spttisch den Preis nennen, lt mich seinen Wert um so tiefer
empfinden.
    Immer derselbe. Sie haben soviel von einem Humoristen, aber doch von ganz
sonderbarer Art. Wenn ich Sie recht verstehe, so haben Sie vor - es ist zum
Lachen, und ich geniere mich fast, es auszusprechen -, so haben Sie vor, sich
vor der Zeit auf den Knig von Thule hin auszuspielen.
    Er nickte mit einem Anfluge von Schelmerei.
    Nun denn, meinetwegen. Jeder trgt seine Kappe; Sie wissen, welche. Nur das
mu ich Ihnen doch sagen drfen, die Rolle, die Sie mir dabei zudiktieren, ist
mir zuwenig schmeichelhaft. Ich mag nicht als Reimwort auf Ihren Knig von Thule
herumlaufen. Behalten Sie das Glas, aber bitte, ziehen Sie nicht Schlsse
daraus, die mich kompromittieren. Ich werde Innstetten davon erzhlen.
    Das werden Sie nicht tun, meine gndigste Frau.
    Warum nicht?
    Innstetten ist nicht der Mann, solche Dinge so zu sehen, wie sie gesehen
sein wollen.
    Sie sah ihn einen Augenblick scharf an. Dann aber schlug sie verwirrt und
fast verlegen die Augen nieder.

                              Achtzehntes Kapitel


Effi war unzufrieden mit sich und freute sich, da es nunmehr feststand, diese
gemeinschaftlichen Ausflge fr die ganze Winterdauer auf sich beruhen zu
lassen. berlegte sie, was whrend all dieser Wochen und Tage gesprochen,
berhrt und angedeutet war, so fand sie nichts, um dessentwillen sie sich
direkte Vorwrfe zu machen gehabt htte. Crampas war ein kluger Mann,
welterfahren, humoristisch, frei, frei auch im Guten, und es wre kleinlich und
kmmerlich gewesen, wenn sie sich ihm gegenber aufgesteift und jeden Augenblick
die Regeln strengen Anstandes befolgt htte. Nein, sie konnte sich nicht tadeln,
auf seinen Ton eingegangen zu sein, und doch hatte sie ganz leise das Gefhl
einer berstandenen Gefahr und beglckwnschte sich, da das alles nun
mutmalich hinter ihr lge. Denn an ein hufigeres Sichsehen en famille war
nicht wohl zu denken, das war durch die Crampasschen Hauszustnde so gut wie
ausgeschlossen, und Begegnungen bei den benachbarten adligen Familien, die
freilich fr den Winter in Sicht standen, konnten immer nur sehr vereinzelt und
sehr flchtige sein. Effi rechnete sich dies alles mit wachsender Befriedigung
heraus und fand schlielich, da ihr der Verzicht auf das, was sie dem Verkehr
mit dem Major verdankte, nicht allzu schwer ankommen wrde. Dazu kam noch, da
Innstetten ihr mitteilte, seine Fahrten nach Varzin wrden in diesem Jahre
fortfallen: der Frst gehe nach Friedrichsruh, das ihm immer lieber zu werden
scheine; nach der einen Seite hin bedauere er das, nach der anderen sei es ihm
lieb - er knne sich nun ganz seinem Hause widmen, und wenn es ihr recht wre,
so wollten sie die italienische Reise, an der Hand seiner Aufzeichnungen, noch
einmal durchmachen. Eine solche Rekapitulation sei eigentlich die Hauptsache,
dadurch mache man sich alles erst dauernd zu eigen, und selbst Dinge, die man
nur flchtig gesehen und von denen man kaum wisse, da man sie in seiner Seele
beherberge, kmen einem durch solche nachtrglichen Studien erst voll zu
Bewutsein und Besitz. Er fhrte das noch weiter aus und fgte hinzu, da ihn
Gieshbler, der den ganzen italienischen Stiefel bis Palermo kenne, gebeten
habe, mit dabeisein zu drfen. Effi, der ein ganz gewhnlicher Plauderabend ohne
den italienischen Stiefel (es sollten sogar Photographien herumgereicht
werden) viel, viel lieber gewesen wre, antwortete mit einer gewissen
Gezwungenheit; Innstetten indessen, ganz erfllt von seinem Plane, merkte nichts
und fuhr fort: Natrlich ist nicht blo Gieshbler zugegen, auch Roswitha und
Annie mssen dabeisein, und wenn ich mir dann denke, da wir den Canal Grande
hinauffahren und hren dabei ganz in der Ferne die Gondoliere singen, whrend
drei Schritte von uns Roswitha sich ber Annie beugt und Bukken von Halberstadt
oder so was hnliches zum besten gibt, so knnen das schne Winterabende werden,
und du sitzest dabei und strickst mir eine groe Winterkappe. Was meinst du
dazu, Effi?
    Solche Abende wurden nicht blo geplant, sie nahmen auch ihren Anfang, und
sie wrden sich, aller Wahrscheinlichkeit nach, ber viele Wochen hin ausgedehnt
haben, wenn nicht der unschuldige, harmlose Gieshbler, trotz grter
Abgeneigtheit gegen zweideutiges Handeln, dennoch im Dienste zweier Herren
gestanden htte. Der eine, dem er diente, war Innstetten, der andere war
Crampas, und wenn er der Innstettenschen Aufforderung zu den italienischen
Abenden, schon um Effis willen, auch mit aufrichtigster Freude Folge leistete,
so war die Freude, mit der er Crampas gehorchte, doch noch eine grere. Nach
einem Crampasschen Plane nmlich sollte noch vor Weihnachten Ein Schritt vom
Wege aufgefhrt werden, und als man vor dem dritten italienischen Abend stand,
nahm Gieshbler die Gelegenheit wahr, mit Effi, die die Rolle der Ella spielen
sollte, darber zu sprechen.
    Effi war wie elektrisiert; was wollten Padua, Vicenza daneben bedeuten! Effi
war nicht fr Aufgewrmtheiten; Frisches war es, wonach sie sich sehnte, Wechsel
der Dinge. Aber als ob eine Stimme ihr zugerufen htte: Sieh dich vor!, so
fragte sie doch, inmitten ihrer freudigen Erregung: Ist es der Major, der den
Plan aufgebracht hat?
    Ja. Sie wissen, gndigste Frau, da er einstimmig in das Vergngungskomitee
gewhlt wurde. Wir drfen uns endlich einen hbschen Winter in der Ressource
versprechen. Er ist ja wie geschaffen dazu.
    Und wird er auch mitspielen?
    Nein, das hat er abgelehnt. Ich mu sagen, leider. Denn er kann ja alles
und wrde den Arthur von Schmettwitz ganz vorzglich geben. Er hat nur die Regie
bernommen.
    Desto schlimmer.
    Desto schlimmer? wiederholte Gieshbler.
    Oh, Sie drfen das nicht so feierlich nehmen; das ist nur so eine
Redensart, die eigentlich das Gegenteil bedeutet. Auf der anderen Seite
freilich, der Major hat so was Gewaltsames, er nimmt einem die Dinge gern ber
den Kopf fort. Und man mu dann spielen, wie er will, und nicht, wie man selber
will.
    Sie sprach noch so weiter und verwickelte sich immer mehr in Widersprche.

Der Schritt vom Wege kam wirklich zustande, und gerade weil man nur noch gute
vierzehn Tage hatte (die letzte Woche vor Weihnachten war ausgeschlossen), so
strengte sich alles an, und es ging vorzglich; die Mitspielenden, vor allem
Effi, ernteten reichen Beifall. Crampas hatte sich wirklich mit der Regie
begngt, und so streng er gegen alle anderen war, sowenig hatte er auf den
Proben in Effis Spiel hineingeredet. Entweder waren ihm von seiten Gieshblers
Mitteilungen ber das mit Effi gehabte Gesprch gemacht worden, oder er hatte es
auch aus sich selber bemerkt, da Effi beflissen war, sich von ihm
zurckzuziehen. Und er war klug und Frauenkenner genug, um den natrlichen
Entwicklungsgang, den er nach seinen Erfahrungen nur zu gut kannte, nicht zu
stren.
    Am Theaterabend in der Ressource trennte man sich spt, und Mitternacht war
vorber, als Innstetten und Effi wieder zu Hause bei sich eintrafen. Johanna war
noch auf, um behlflich zu sein, und Innstetten, der auf seine junge Frau nicht
wenig eitel war, erzhlte Johanna, wie reizend die gndige Frau ausgesehen und
wie gut sie gespielt habe. Schade, da er nicht vorher daran gedacht, Christel
und sie selber und auch die alte Unke, die Kruse, htten von der Musikgalerie
her sehr gut zusehen knnen; es seien viele dagewesen. Dann ging Johanna, und
Effi, die mde war, legte sich nieder. Innstetten aber, der noch plaudern
wollte, schob einen Stuhl heran und setzte sich an das Bett seiner Frau, diese
freundlich ansehend und ihre Hand in der seinen haltend.
    Ja, Effi, das war ein hbscher Abend. Ich habe mich amsiert ber das
hbsche Stck. Und denke dir, der Dichter ist ein Kammergerichtsrat, eigentlich
kaum zu glauben. Und noch dazu aus Knigsberg. Aber worber ich mich am meisten
gefreut, das war doch meine entzckende kleine Frau, die allen die Kpfe
verdreht hat.
    Ach, Geert, sprich nicht so. Ich bin schon gerade eitel genug.
    Eitel genug, das wird wohl richtig sein. Aber doch lange nicht so eitel wie
die anderen. Und das ist zu deinen sieben Schnheiten...
    Sieben Schnheiten haben alle.
    ... Ich habe mich auch blo versprochen; du kannst die Zahl gut mit sich
selbst multiplizieren.
    Wie galant du bist, Geert. Wenn ich dich nicht kennte, knnt ich mich
frchten. Oder lauert wirklich was dahinter?
    Hast du ein schlechtes Gewissen? Selber hinter der Tr gestanden?
    Ach, Geert, ich ngstige mich wirklich. Und sie richtete sich im Bett in
die Hh und sah ihn starr an. Soll ich noch nach Johanna klingeln, da sie uns
Tee bringt? Du hast es so gern vor dem Schlafengehen.
    Er kte ihr die Hand. Nein, Effi. Nach Mitternacht kann auch der Kaiser
keine Tasse Tee mehr verlangen, und du weit, ich mag die Leute nicht mehr in
Anspruch nehmen als ntig. Nein, ich will nichts als dich ansehen und mich
freuen, da ich dich habe. So manchmal empfindet man's doch strker, welchen
Schatz man hat. Du knntest ja auch so sein wie die arme Frau Crampas: das ist
eine schreckliche Frau, gegen keinen freundlich, und dich htte sie vom Erdboden
vertilgen mgen.
    Ach, ich bitte dich, Geert, das bildest du dir wieder ein. Die arme Frau!
Mir ist nichts aufgefallen.
    Weil du fr derlei keine Augen hast. Aber es war so, wie ich dir sage, und
der arme Crampas war wie befangen dadurch und mied dich immer und sah dich kaum
an. Was doch ganz unnatrlich ist; denn erstens ist er berhaupt ein Damenmann,
und nun gar Damen wie du, das ist seine besondere Passion. Und ich wette auch,
da es keiner besser wei als meine kleine Frau selber. Wenn ich daran denke,
wie, Pardon, das Geschnatter hin und her ging, wenn er morgens in die Veranda
kam oder wenn wir am Strande ritten oder auf der Mole spazierengingen. Es ist,
wie ich dir sage, er traute sich heute nicht, er frchtete sich vor seiner Frau.
Und ich kann es ihm nicht verdenken. Die Majorin ist so etwas wie unsere Frau
Kruse, und wenn ich zwischen beiden whlen mte, ich wte nicht wen.
    Ich wt es schon; es ist doch ein Unterschied zwischen den beiden. Die
arme Majorin ist unglcklich, die Kruse ist unheimlich.
    Und da bist du doch mehr fr das Unglckliche?
    Ganz entschieden.
    Nun hre, das ist Geschmacksache. Man merkt, da du noch nicht unglcklich
warst. brigens hat Crampas ein Talent, die arme Frau zu eskamotieren. Er
erfindet immer etwas, sie zu Hause zu lassen.
    Aber heute war sie doch da.
    Ja, heute. Da ging es nicht anders. Aber ich habe mit ihm eine Partie zu
Oberfrster Ring verabredet, er, Gieshbler und der Pastor, auf den dritten
Feiertag, und da httest du sehen sollen, mit welcher Geschicklichkeit er
bewies, da sie, die Frau, zu Hause bleiben msse.
    Sind es denn nur Herren?
    O bewahre. Da wrd ich mich auch bedanken. Du bist mit dabei und noch zwei,
drei andere Damen, die von den Gtern ungerechnet.
    Aber dann ist es doch auch hlich von ihm, ich meine von Crampas, und so
was bestraft sich immer.
    Ja, mal kommt es. Aber ich glaube, unser Freund hlt zu denen, die sich
ber das, was kommt, keine grauen Haare wachsen lassen.
    Hltst du ihn fr schlecht?
    Nein, fr schlecht nicht. Beinah im Gegenteil, jedenfalls hat er gute
Seiten. Aber er ist so 'n halber Pole, kein rechter Verla, eigentlich in
nichts, am wenigsten mit Frauen. Eine Spielernatur. Er spielt nicht am
Spieltisch, aber er hazardiert im Leben in einem fort, und man mu ihm auf die
Finger sehen.
    Es ist mir doch lieb da du mir das sagst. Ich werde mich vorsehen mit
ihm.
    Das tu. Aber nicht zu sehr; dann hilft es nichts. Unbefangenheit ist immer
das beste, und natrlich das allerbeste ist Charakter und Festigkeit und, wenn
ich solch steifleinenes Wort brauchen darf, eine reine Seele.
    Sie sah ihn gro an. Dann sagte sie: Ja, gewi. Aber nun sprich nicht mehr,
und noch dazu lauter Dinge, die mich nicht recht froh machen knnen. Weit du,
mir ist, als hrte ich oben das Tanzen. Sonderbar, da es immer wiederkommt. Ich
dachte, du httest mit dem allen nur so gespat.
    Das will ich doch nicht sagen, Effi. Aber so oder so, man mu nur in
Ordnung sein und sich nicht zu frchten brauchen.
    Effi nickte und dachte mit einem Male wieder an die Worte, die ihr Crampas
ber ihren Mann als Erzieher gesagt hatte.

Der Heilige Abend kam und verging hnlich wie das Jahr vorher; aus Hohen-Cremmen
kamen Geschenke und Briefe; Gieshbler war wieder mit einem Huldigungsvers zur
Stelle, und Vetter Briest sandte eine Karte: Schneelandschaft mit
Telegraphenstangen, auf deren Draht geduckt ein Vgelchen sa. Auch fr Annie
war aufgebaut: ein Baum mit Lichtern, und das Kind griff mit seinen Hndchen
danach. Innstetten, unbefangen und heiter, schien sich seines huslichen Glcks
zu freuen und beschftigte sich viel mit dem Kinde. Roswitha war erstaunt, den
gndigen Herrn so zrtlich und zugleich so aufgerumt zu sehen. Auch Effi sprach
viel und lachte viel, es kam ihr aber nicht aus innerster Seele. Sie fhlte sich
bedrckt und wute nur nicht, wen sie dafr verantwortlich machen sollte,
Innstetten oder sich selber. Von Crampas war kein Weihnachtsgru eingetroffen;
eigentlich war es ihr lieb, aber auch wieder nicht, seine Huldigungen erfllten
sie mit einem gewissen Bangen, und seine Gleichgltigkeiten verstimmten sie; sie
sah ein, es war nicht alles so, wie's sein sollte.
    Du bist so unruhig, sagte Innstetten nach einer Weile.
    Ja. Alle Welt hat es gut mit mir gemeint, am meisten du; das bedrckt mich,
weil ich fhle, da ich es nicht verdiene.
    Damit darf man sich nicht qulen, Effi. Zuletzt ist es doch so: was man
empfngt, das hat man auch verdient.
    Effi hrte scharf hin, und ihr schlechtes Gewissen lie sie sich selber
fragen, ob er das absichtlich in so zweideutiger Form gesagt habe.
    Spt gegen Abend kam Pastor Lindequist, um zu gratulieren und noch wegen der
Partie nach der Oberfrsterei Uvagla hin anzufragen, die natrlich eine
Schlittenpartie werden msse. Crampas habe ihm einen Platz in seinem Schlitten
angeboten, aber weder der Major noch sein Bursche, der, wie alles, auch das
Kutschieren bernehmen solle, kenne den Weg, und so wrde es sich vielleicht
empfehlen, die Fahrt gemeinschaftlich zu machen, wobei dann der landrtliche
Schlitten die Tte zu nehmen und der Crampassche zu folgen htte. Wahrscheinlich
auch der Gieshblersche. Denn mit der Wegkenntnis Mirambos, dem sich
unerklrlicherweise Freund Alonzo, der doch sonst so vorsichtig, anvertrauen
wolle, stehe es wahrscheinlich noch schlechter als mit der des sommersprossigen
Treptower Ulanen. Innstetten, den diese kleinen Verlegenheiten erheiterten, war
mit Lindequists Vorschlage durchaus einverstanden und ordnete die Sache dahin,
da er pnktlich um zwei Uhr ber den Marktplatz fahren und ohne alles Sumen
die Fhrung des Zuges in die Hand nehmen werde.
    Nach diesem bereinkommen wurde denn auch verfahren, und als Innstetten
Punkt zwei Uhr den Marktplatz passierte, grte Crampas zunchst von seinem
Schlitten aus zu Effi hinber und schlo sich dann dem Innstettenschen an. Der
Pastor sa neben ihm. Gieshblers Schlitten, mit Gieshbler selbst und Doktor
Hannemann, folgte, jener in einem eleganten Bffelrock mit Marderbesatz, dieser
in einem Brenpelz, dem man ansah, da er wenigstens dreiig Dienstjahre zhlte.
Hannemann war nmlich in seiner Jugend Schiffschirurgus auf einem Grnlandfahrer
gewesen. Mirambo sa vorn, etwas aufgeregt wegen Unkenntnis im Kutschieren, ganz
wie Lindequist vermutet hatte.
    Schon nach zwei Minuten war man an Utpatels Mhle vorbei.
    Zwischen Kessin und Uvagla (wo, der Sage nach, ein Wendentempel gestanden)
lag ein nur etwa tausend Schritt breiter, aber wohl anderthalb Meilen langer
Waldstreifen, der an seiner rechten Lngsseite das Meer, an seiner linken, bis
weit an den Horizont hin, ein groes, beraus fruchtbares und gut angebautes
Stck Land hatte. Hier, an der Binnenseite, flogen jetzt die drei Schlitten hin,
in einiger Entfernung ein paar alte Kutschwagen vor sich, in denen, aller
Wahrscheinlichkeit nach, andere nach der Oberfrsterei hin eingeladene Gste
saen. Einer dieser Wagen war an seinen altmodisch hohen Rdern deutlich zu
erkennen, es war der Papenhagensche. Natrlich. Gldenklee galt als der beste
Redner des Kreises (noch besser als Borcke, ja selbst besser als Grasenabb) und
durfte bei Festlichkeiten nicht leicht fehlen.
    Die Fahrt ging rasch - auch die herrschaftlichen Kutscher strengten sich an
und wollten sich nicht berholen lassen -, so da man schon um drei vor der
Oberfrsterei hielt. Ring, ein stattlicher, militrisch dreinschauender Herr von
Mitte Fnfzig, der den ersten Feldzug in Schleswig noch unter Wrangel und Bonin
mitgemacht und sich bei Erstrmung des Danewerks ausgezeichnet hatte, stand in
der Tr und empfing seine Gste, die, nachdem sie abgelegt und die Frau des
Hauses begrt hatten, zunchst vor einem langgedeckten Kaffeetische Platz
nahmen, auf dem kunstvoll aufgeschichtete Kuchenpyramiden standen. Die
Oberfrsterin, eine von Natur sehr ngstliche, zum mindesten aber sehr befangene
Frau, zeigte sich auch als Wirtin so, was den beraus eitlen Oberfrster, der
fr Sicherheit und Schneidigkeit war, ganz augenscheinlich verdro. Zum Glck
kam sein Unmut zu keinem Ausbruch, denn von dem, was seine Frau vermissen lie,
hatten seine Tchter desto mehr, bildhbsche Backfische von vierzehn und
dreizehn, die ganz nach dem Vater schlugen. Besonders die ltere, Cora,
kokettierte sofort mit Innstetten und Crampas, und beide gingen auch darauf ein.
Effi rgerte sich darber und schmte sich dann wieder, da sie sich gergert
habe. Sie sa neben Sidonie von Grasenabb und sagte: Sonderbar, so bin ich auch
gewesen, als ich vierzehn war.
    Effi rechnete darauf, da Sidonie dies bestreiten oder doch wenigstens
Einschrnkungen machen wrde. Statt dessen sagte diese: Das kann ich mir
denken.
    Und wie der Vater sie verzieht, fuhr Effi halb verlegen, und nur, um doch
was zu sagen, fort.
    Sidonie nickte. Da liegt es. Keine Zucht. Das ist die Signatur unserer
Zeit.
    Effi brach nun ab.
    Der Kaffee war bald genommen, und man stand auf, um noch einen halbstndigen
Spaziergang in den umliegenden Wald zu machen, zunchst auf ein Gehege zu, drin
Wild eingezunt war. Cora ffnete das Gatter, und kaum da sie eingetreten, so
kamen auch schon die Rehe auf sie zu. Es war eigentlich reizend, ganz wie ein
Mrchen. Aber die Eitelkeit des jungen Dinges, das sich bewut war, ein lebendes
Bild zu stellen, lie doch einen reinen Eindruck nicht aufkommen, am wenigsten
bei Effi. Nein, sagte sie zu sich selber, so bin ich doch nicht gewesen.
Vielleicht hat es mir auch an Zucht gefehlt, wie diese furchtbare Sidonie mir
eben andeutete, vielleicht auch anderes noch. Man war zu Haus zu gtig gegen
mich, man liebte mich zu sehr. Aber das darf ich doch wohl sagen, ich habe mich
nie geziert. Das war immer Huldas Sache. Darum gefiel sie mir auch nicht, als
ich diesen Sommer sie wiedersah.
    Auf dem Rckwege vom Walde nach der Oberfrsterei begann es zu schneien.
Crampas gesellte sich zu Effi und sprach ihr sein Bedauern aus, da er noch
nicht Gelegenheit gehabt habe, sie zu begren. Zugleich wies er auf die groen,
schweren Schneeflocken, die fielen, und sagte: Wenn das so weitergeht, so
schneien wir hier ein.
    Das wre nicht das Schlimmste. Mit dem Eingeschneitwerden verbinde ich von
langer Zeit her eine freundliche Vorstellung, eine Vorstellung von Schutz und
Beistand.
    Das ist mir neu, meine gndigste Frau.
    Ja, fuhr Effi fort und versuchte zu lachen, mit den Vorstellungen ist es
ein eigen Ding, man macht sie sich nicht blo nach dem, was man persnlich
erfahren hat, auch nach dem, was man irgendwo gehrt oder ganz zufllig wei.
Sie sind so belesen, Major, aber mit einem Gedichte - freilich keinem
Heineschen, keinem Seegespenst und keinem Vitzliputzli bin ich Ihnen, wie mir
scheint, doch voraus. Dies Gedicht heit die Gottesmauer, und ich hab es bei
unserm Hohen-Cremmner Pastor vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ganz klein
war, auswendig gelernt.
    Gottesmauer, wiederholte Crampas. Ein hbscher Titel, und wie verhlt es
sich damit?
    Eine kleine Geschichte, nur ganz kurz. Da war irgendwo Krieg, ein
Winterfeldzug, und eine alte Witwe, die sich vor dem Feinde mchtig frchtete,
betete zu Gott, er mge doch eine Mauer um sie bauen, um sie vor dem
Landesfeinde zu schtzen. Und da lie Gott das Haus einschneien, und der Feind
zog daran vorber.
    Crampas war sichtlich betroffen und wechselte das Gesprch.
    Als es dunkelte, waren alle wieder in der Oberfrsterei zurck.

                              Neunzehntes Kapitel


Gleich nach sieben ging man zu Tisch, und alles freute sich, da der
Weihnachtsbaum, eine mit zahllosen Silberkugeln bedeckte Tanne, noch einmal
angesteckt wurde. Crampas, der das Ringsche Haus noch nicht kannte, war helle
Bewunderung. Der Damast, die Weinkhler, das reiche Silbergeschirr, alles wirkte
herrschaftlich, weit ber oberfrsterliche Durchschnittsverhltnisse hinaus, was
darin seinen Grund hatte, da Rings Frau, so scheu und verlegen sie war, aus
einem reichen Danziger Kornhndlerhause stammte. Von da her rhrten auch die
meisten der ringsumher hngenden Bilder: der Kornhndler und seine Frau, der
Marienburger Remter und eine gute Kopie nach dem berhmten Memlingschen
Altarbilde in der Danziger Marienkirche. Kloster Oliva war zweimal da, einmal in
l und einmal in Kork geschnitzt. Auerdem befand sich ber dem Bfett ein sehr
nachgedunkeltes Portrt des alten Nettelbeck, das noch aus dem bescheidenen
Mobiliar des erst vor anderthalb Jahren verstorbenen Ringschen Amtsvorgngers
herrhrte. Niemand hatte damals, bei der wie gewhnlich stattfindenden Auktion,
das Bild des Alten haben wollen, bis Innstetten, der sich ber diese Miachtung
rgerte, darauf geboten hatte. Da hatte sich denn auch Ring patriotisch
besonnen, und der alte Kolbergverteidiger war der Oberfrsterei verblieben.
    Das Nettelbeck-Bild lie ziemlich viel zu wnschen brig; sonst aber verriet
alles, wie schon angedeutet, eine beinahe an Glanz streifende Wohlhabenheit, und
dem entsprach denn auch das Mahl, das aufgetragen wurde. Jeder hatte mehr oder
weniger seine Freude daran, mit Ausnahme Sidoniens. Diese sa zwischen
Innstetten und Lindequist und sagte, als sie Coras ansichtig wurde: Da ist ja
wieder dies unausstehliche Balg, diese Cora. Sehen Sie nur, Innstetten, wie sie
die kleinen Weinglser prsentiert, ein wahres Kunststck, sie knnte jeden
Augenblick Kellnerin werden. Ganz unertrglich. Und dazu die Blicke von Ihrem
Freunde Crampas! Das ist so die rechte Saat! Ich frage Sie, was soll dabei
herauskommen?
    Innstetten, der ihr eigentlich zustimmte, fand trotzdem den Ton, in dem das
alles gesagt wurde, so verletzend herbe, da er spttisch bemerkte: Ja, meine
Gndigste, was dabei herauskommen soll? Ich wei es auch nicht - worauf sich
Sidonie von ihm ab- und ihrem Nachbar zur Linken zuwandte: Sagen Sie, Pastor,
ist diese vierzehnjhrige Kokette schon im Unterricht bei Ihnen?
    Ja, mein gndigstes Frulein.
    Dann mssen Sie mir die Bemerkung verzeihen, da Sie sie nicht in die
richtige Schule genommen haben. Ich wei wohl, es hlt das heutzutage sehr
schwer, aber ich wei auch, da die, denen die Frsorge fr junge Seelen
obliegt, es vielfach an dem rechten Ernste fehlen lassen. Es bleibt dabei, die
Hauptschuld tragen die Eltern und Erzieher.
    Lindequist, denselben Ton anschlagend wie Innstetten, antwortete, da das
alles sehr richtig, der Geist der Zeit aber zu mchtig sei.
    Geist der Zeit! sagte Sidonie. Kommen Sie mir nicht damit. Das kann ich
nicht hren, das ist der Ausdruck hchster Schwche, Bankrutterklrung. Ich
kenne das; nie scharf zufassen wollen, immer dem Unbequemen aus dem Wege gehen.
Denn Pflicht ist unbequem. Und so wird nur allzuleicht vergessen, da das uns
anvertraute Gut auch mal von uns zurckgefordert wird. Eingreifen, lieber
Pastor, Zucht. Das Fleisch ist schwach, gewi; aber...
    In diesem Augenblicke kam ein englisches Roastbeef, von dem Sidonie ziemlich
ausgiebig nahm, ohne Lindequists Lcheln dabei zu bemerken. Und weil sie's nicht
bemerkte, so durfte es auch nicht wundernehmen, da sie mit vieler
Unbefangenheit fortfuhr: Es kann brigens alles, was Sie hier sehen, nicht wohl
anders sein; alles ist schief und verfahren von Anfang an. Ring, Ring - wenn ich
nicht irre, hat es drben in Schweden oder da herum mal einen Sagenknig dieses
Namens gegeben. Nun sehen Sie, benimmt er sich nicht, als ob er von dem
abstamme, und seine Mutter, die ich noch gekannt habe, war eine Plttfrau in
Kslin.
    Ich kann darin nichts Schlimmes finden.
    Schlimmes finden? Ich auch nicht. Und jedenfalls gibt es Schlimmeres. Aber
so viel mu ich doch von Ihnen, als einem geweihten Diener der Kirche,
gewrtigen drfen, da Sie die gesellschaftlichen Ordnungen gelten lassen. Ein
Oberfrster ist ein bichen mehr als ein Frster, und ein Frster hat nicht
solche Weinkhler und solch Silberzeug; das alles ist ungehrig und zieht dann
solche Kinder gro wie dies Frulein Cora.
    Sidonie, jedesmal bereit, irgendwas Schreckliches zu prophezeien, wenn sie,
vom Geist berkommen, die Schalen ihres Zornes ausschttete, wrde sich auch
heute bis zum Kassandrablick in die Zukunft gesteigert haben, wenn nicht in eben
diesem Augenblicke die dampfende Punschbowle - womit die Weihnachtsreunions bei
Ring immer abschlossen - auf der Tafel erschienen wre, dazu Krausgebackenes,
das, geschickt bereinandergetrmt, noch weit ber die vor einigen Stunden
aufgetragene Kaffeekuchenpyramide hinauswuchs. Und nun trat auch Ring selbst,
der sich bis dahin etwas zurckgehalten hatte, mit einer gewissen strahlenden
Feierlichkeit in Aktion und begann die vor ihm stehenden Glser, groe
geschliffene Rmer, in virtuosem Bogensturz zu fllen, ein Einschenkekunststck,
das die stets schlagfertige Frau von Padden, die heute leider fehlte, mal als
Ringsche Fllung en cascade bezeichnet hatte. Rotgolden wlbte sich dabei der
Strahl, und kein Tropfen durfte verlorengehen. So war es auch heute wieder.
Zuletzt aber, als jeder, was ihm zukam, in Hnden hielt - auch Cora, die sich
mittlerweile mit ihrem rotblonden Wellenhaar auf Onkel Crampas' Scho gesetzt
hatte -, erhob sich der alte Papenhagner, um, wie herkmmlich bei Festlichkeiten
der Art, einen Toast auf seinen lieben Oberfrster auszubringen. Es gbe viele
Ringe, so etwa begann er, Jahresringe, Gardinenringe, Trauringe, und was nun
gar - denn auch davon drfe sich am Ende wohl sprechen lassen - die
Verlobungsringe angehe, so sei glcklicherweise die Gewhr gegeben, da einer
davon in krzester Frist in diesem Hause sichtbar werden und den Ringfinger (und
zwar hier in einem doppelten Sinne den Ringfinger) eines kleinen hbschen
Ptschelchens zieren werde...
    Unerhrt, raunte Sidonie dem Pastor zu.
    Ja, meine Freunde, fuhr Gldenklee mit gehobener Stimme fort, viele Ringe
gibt es, und es gibt sogar eine Geschichte, die wir alle kennen, die die
Geschichte von den drei Ringen heit, eine Judengeschichte, die, wie der ganze
liberale Krimskrams, nichts wie Verwirrung und Unheil gestiftet hat und noch
stiftet. Gott bessere es. Und nun lassen Sie mich schlieen, um Ihre Geduld und
Nachsicht nicht ber Gebhr in Anspruch zu nehmen. Ich bin nicht fr diese drei
Ringe, meine Lieben, ich bin vielmehr fr einen Ring, fr einen Ring, der so
recht ein Ring ist, wie er sein soll, ein Ring, der alles Gute, was wir in
unsrem altpommerschen Kessiner Kreise haben, alles, was noch mit Gott fr Knig
und Vaterland einsteht - und es sind ihrer noch einige (lauter Jubel) -, an
diesem seinem gastlichen Tisch vereinigt sieht. Fr diesen Ring bin ich. Er lebe
hoch!
    Alles stimmte ein und umdrngte Ring, der, solange das dauerte, das Amt des
Einschenkens en cascade an den ihm gegenbersitzenden Crampas abtreten mute;
der Hauslehrer aber strzte von seinem Platz am unteren Ende der Tafel an das
Klavier und schlug die ersten Takte des Preuenliedes an, worauf alles stehend
und feierlich einfiel: Ich bin ein Preue... will ein Preue sein.
    Es ist doch etwas Schnes, sagte gleich nach der ersten Strophe der alte
Borcke zu Innstetten, so was hat man in anderen Lndern nicht.
    Nein, antwortete Innstetten, der von solchem Patriotismus nicht viel
hielt, in anderen Lndern hat man was anderes.
    Man sang alle Strophen durch, dann hie es, die Wagen seien vorgefahren, und
gleich darnach erhob sich alles, um die Pferde nicht warten zu lassen. Denn
diese Rcksicht auf die Pferde ging auch im Kreise Kessin allem anderen vor.
Im Hausflur standen zwei hbsche Mgde, Ring hielt auf dergleichen, um den
Herrschaften beim Anziehen ihrer Pelze behlflich zu sein. Alles war heiter
angeregt, einige mehr als das, und das Einsteigen in die verschiedenen Gefhrte
schien sich schnell und ohne Strung vollziehen zu sollen, als es mit einemmal
hie, der Gieshblersche Schlitten sei nicht da. Gieshbler selbst war viel zu
artig, um gleich Unruhe zu zeigen oder gar Lrm zu machen; endlich aber, weil
doch wer das Wort nehmen mute, fragte Crampas, was es denn eigentlich sei.
    Mirambo kann nicht fahren, sagte der Hofeknecht; das linke Pferd hat ihn
beim Anspannen vor das Schienbein geschlagen. Er liegt im Stall und schreit.
    Nun wurde natrlich nach Doktor Hannemann gerufen, der denn auch hinausging
und nach fnf Minuten mit echter Chirurgenruhe versicherte: Ja, Mirambo msse
zurckbleiben; es sei vorlufig in der Sache nichts zu machen als stilliegen und
khlen. brigens von Bedenklichem keine Rede. Das war nun einigermaen ein
Trost, aber schaffte doch die Verlegenheit, wie der Gieshblersche Schlitten
zurckzufahren sei, nicht aus der Welt, bis Innstetten erklrte, da er fr
Mirambo einzutreten und das Zwiegestirn von Doktor und Apotheker persnlich
glcklich heimzusteuern gedenke. Lachend und unter ziemlich angeheiterten
Scherzen gegen den verbindlichsten aller Landrte, der sich, um hlfreich zu
sein, sogar von seiner jungen Frau trennen wolle, wurde dem Vorschlage
zugestimmt, und Innstetten, mit Gieshbler und dem Doktor im Fond, nahm jetzt
wieder die Tte. Crampas und Lindequist folgten unmittelbar. Und als gleich
danach auch Kruse mit dem landrtlichen Schlitten vorfuhr, trat Sidonie lchelnd
an Effi heran und bat diese, da ja nun ein Platz frei sei, mit ihr fahren zu
drfen. In unserer Kutsche ist es immer so stickig; mein Vater liebt das. Und
auerdem, ich mchte so gerne mit Ihnen plaudern. Aber nur bis Quappendorf. Wo
der Morgnitzer Weg abzweigt, steig ich aus und mu dann wieder in unsern
unbequemen Kasten. Und Papa raucht auch noch.
    Effi war wenig erfreut ber diese Begleitung und htte die Fahrt lieber
allein gemacht; aber ihr blieb keine Wahl, und so stieg denn das Frulein ein,
und kaum da beide Damen ihre Pltze genommen hatten, so gab Kruse den Pferden
auch schon einen Peitschenknips, und von der oberfrsterlichen Rampe her, von
der man einen prchtigen Ausblick auf das Meer hatte, ging es, die ziemlich
steile Dne hinunter, auf den Strandweg zu, der, eine Meile lang, in beinahe
gerader Linie bis an das Kessiner Strandhotel und von dort aus, rechts
einbiegend, durch die Plantage hin, in die Stadt fhrte. Der Schneefall hatte
schon seit ein paar Stunden aufgehrt, die Luft war frisch, und auf das weite
dunkelnde Meer fiel der matte Schein der Mondsichel. Kruse fuhr hart am Wasser
hin, mitunter den Schaum der Brandung durchschneidend, und Effi, die etwas
frstelte, wickelte sich fester in ihren Mantel und schwieg noch immer und mit
Absicht. Sie wute recht gut, da das mit der stickigen Kutsche blo Vorwand
gewesen und da sich Sidonie nur zu ihr gesetzt hatte, um ihr etwas Unangenehmes
zu sagen. Und das kam immer noch frh genug. Zudem war sie wirklich mde,
vielleicht von dem Spaziergang im Walde, vielleicht auch von dem
oberfrsterlichen Punsch, dem sie, auf Zureden der neben ihr sitzenden Frau von
Flemming, tapfer zugesprochen hatte. Sie tat denn auch, als ob sie schliefe,
schlo die Augen und neigte den Kopf immer mehr nach links.
    Sie sollten sich nicht so sehr nach links beugen, meine gndigste Frau.
Fhrt der Schlitten auf einen Stein, so fliegen Sie hinaus. Ihr Schlitten hat
ohnehin kein Schutzleder und, wie ich sehe, auch nicht einmal die Haken dazu.
    Ich kann die Schutzleder nicht leiden; sie haben so was Prosaisches. Und
dann, wenn ich hinausflge, mir wr es recht, am liebsten gleich in die
Brandung. Freilich ein etwas kaltes Bad, aber was tut's... brigens hren Sie
nichts?
    Nein.
    Hren Sie nicht etwas wie Musik?
    Orgel?
    Nein, nicht Orgel. Da wrd ich denken, es sei das Meer. Aber es ist etwas
anderes, ein unendlich feiner Ton, fast wie menschliche Stimme...
    Das sind Sinnestuschungen, sagte Sidonie, die jetzt den richtigen
Einsetzemoment gekommen glaubte. Sie sind nervenkrank. Sie hren Stimmen. Gebe
Gott, da Sie auch die richtige Stimme hren.
    Ich hre... nun, gewi, es ist Torheit, ich wei, sonst wrd ich mir
einbilden, ich htte die Meerfrauen singen hren... Aber, ich bitte Sie, was ist
das? Es blitzt ja bis hoch in den Himmel hinauf. Das mu ein Nordlicht sein.
    Ja, sagte Sidonie. Gndigste Frau tun ja, als ob es ein Weltwunder wre.
Das ist es nicht. Und wenn es dergleichen wre, wir haben uns vor Naturkultus zu
hten. brigens ein wahres Glck, da wir auer Gefahr sind, unsern Freund
Oberfrster, diesen eitelsten aller Sterblichen, ber dies Nordlicht sprechen zu
hren. Ich wette, da er sich einbilden wrde, das tue ihm der Himmel zu
Gefallen, um sein Fest noch festlicher zu machen. Er ist ein Narr. Gldenklee
konnte Besseres tun als ihn feiern. Und dabei spielt er sich auf den Kirchlichen
aus und hat auch neulich eine Altardecke geschenkt. Vielleicht, da Cora daran
mitgestickt hat. Diese Unechten sind schuld an allem, denn ihre Weltlichkeit
liegt immer obenauf und wird denen mit angerechnet, die's ernst mit dem Heil
ihrer Seele meinen.
    Es ist so schwer, ins Herz zu sehen!
    Ja. Das ist es. Aber bei manchem ist es auch ganz leicht. Und dabei sah
sie die junge Frau mit beinahe ungezogener Eindringlichkeit an.
    Effi schwieg und wandte sich ungeduldig zur Seite.
    Bei manchem, sag ich, ist es ganz leicht, wiederholte Sidonie, die ihren
Zweck erreicht hatte und deshalb ruhig lchelnd fortfuhr, und zu diesen
leichten Rtseln gehrt unser Oberfrster. Wer seine Kinder so erzieht, den
beklag ich, aber das eine Gute hat es, es liegt bei ihm alles klar da. Und wie
bei ihm selbst, so bei den Tchtern. Cora geht nach Amerika und wird Millionrin
oder Methodistenpredigerin; in jedem Fall ist sie verloren. Ich habe noch keine
Vierzehnjhrige gesehen...
    In diesem Augenblicke hielt der Schlitten, und als sich beide Damen umsahen,
um in Erfahrung zu bringen, was es denn eigentlich sei, bemerkten sie, da
rechts von ihnen, in etwa dreiig Schritt Abstand, auch die beiden anderen
Schlitten hielten - am weitesten nach rechts der von Innstetten gefhrte, nher
heran der Crampassche.
    Was ist? fragte Effi.
    Kruse wandte sich halb herum und sagte: Der Schloon, gnd'ge Frau.
    Der Schloon? Was ist das? Ich sehe nichts.
    Kruse wiegte den Kopf hin und her, wie wenn er ausdrcken wollte, da die
Frage leichter gestellt als beantwortet sei. Worin er auch recht hatte. Denn was
der Schloon sei, das war nicht so mit drei Worten zu sagen. Kruse fand aber in
seiner Verlegenheit alsbald Hlfe bei dem gndigen Frulein, das hier mit allem
Bescheid wute und natrlich auch mit dem Schloon.
    Ja, meine gndigste Frau, sagte Sidonie, da steht es schlimm. Fr mich
hat es nicht viel auf sich, ich komme bequem durch; denn wenn erst die Wagen
heran sind, die haben hohe Rder, und unsere Pferde sind auerdem daran gewhnt.
Aber mit solchem Schlitten ist es was anderes; die versinken im Schloon, und Sie
werden wohl oder bel einen Umweg machen mssen.
    Versinken! Ich bitte Sie, mein gndigstes Frulein, ich sehe noch immer
nicht klar. Ist denn der Schloon ein Abgrund oder irgendwas, drin man mit Mann
und Maus zugrunde gehen mu? Ich kann mir so was hierzulande gar nicht denken.
    Und doch ist es so was, nur freilich im kleinen; dieser Schloon ist
eigentlich blo ein kmmerliches Rinnsal, das hier rechts vom Gothener See her
herunterkommt und sich durch die Dnen schleicht. Und im Sommer trocknet es
mitunter ganz aus, und Sie fahren dann ruhig drber hin und wissen es nicht
einmal.
    Und im Winter?
    Ja, im Winter, da ist es was anderes; nicht immer, aber doch oft. Da wird
es dann ein Sog.
    Mein Gott, was sind das nur alles fr Namen und Wrter!
    ... Da wird es ein Sog, und am strksten immer dann, wenn der Wind nach dem
Lande hin steht. Dann drckt der Wind das Meerwasser in das kleine Rinnsal
hinein, aber nicht so, da man es sehen kann. Und das ist das Schlimmste von der
Sache, darin steckt die eigentliche Gefahr. Alles geht nmlich unterirdisch vor
sich, und der ganze Strandsand ist dann bis tief hinunter mit Wasser durchsetzt
und gefllt. Und wenn man dann ber solche Sandstelle weg will, die keine mehr
ist, dann sinkt man ein, als ob es ein Sumpf oder ein Moor wre.
    Das kenn ich, sagte Effi lebhaft. Das ist wie in unsrem Luch, und
inmitten all ihrer ngstlichkeit wurde ihr mit einem Male ganz wehmtig-freudig
zu Sinn.
    Whrend das Gesprch noch so ging und sich fortsetzte, war Crampas aus
seinem Schlitten ausgestiegen und auf den am uersten Flgel haltenden
Gieshblerschen zugeschritten, um hier mit Innstetten zu verabreden, was nun
wohl eigentlich zu tun sei. Knut, so vermeldete er, wolle die Durchfahrt
riskieren, aber Knut sei dumm und verstehe nichts von der Sache; nur solche, die
hier zu Hause seien, mten die Entscheidung treffen. Innstetten - sehr zu
Crampas' berraschung - war auch frs Riskieren, es msse durchaus noch mal
versucht werden... er wisse schon, die Geschichte wiederhole sich jedesmal: die
Leute hier htten einen Aberglauben und vorweg eine Furcht, whrend es doch
eigentlich wenig zu bedeuten habe. Nicht Knut, der wisse nicht Bescheid, wohl
aber Kruse solle noch einmal einen Anlauf nehmen und Crampas derweilen bei den
Damen einsteigen (ein kleiner Rcksitz sei ja noch da), um bei der Hand zu sein,
wenn der Schlitten umkippe. Das sei doch schlielich das Schlimmste, was
geschehen knne.
    Mit dieser Innstettenschen Botschaft erschien jetzt Crampas bei den beiden
Damen und nahm, als er lachend seinen Auftrag ausgefhrt hatte, ganz nach
empfangener Ordre den kleinen Sitzplatz ein, der eigentlich nichts als eine mit
Tuch berzogene Leiste war, und rief Kruse zu: Nun vorwrts, Kruse.
    Dieser hatte denn auch die Pferde bereits um hundert Schritte zurckgezoppt
und hoffte, scharf anfahrend, den Schlitten glcklich durchbringen zu knnen; im
selben Augenblick aber, wo die Pferde den Schloon auch nur berhrten, sanken sie
bis ber die Knchel in den Sand ein, so da sie nur mit Mhe nach rckwrts
wieder heraus konnten.
    Es geht nicht, sagte Crampas, und Kruse nickte.
    Whrend sich dies abspielte, waren endlich auch die Kutschen herangekommen,
die Grasenabbsche vorauf, und als Sidonie, nach kurzem Dank gegen Effi, sich
verabschiedet und dem seine trkische Pfeife rauchenden Vater gegenber ihren
Rckplatz eingenommen hatte, ging es mit dem Wagen ohne weiteres auf den Schloon
zu; die Pferde sanken tief ein, aber die Rder lieen alle Gefahr leicht
berwinden, und ehe eine halbe Minute vorber war, trabten auch schon die
Grasenabbs drben weiter. Die andern Kutschen folgten. Effi sah ihnen nicht ohne
Neid nach. Indessen nicht lange, denn auch fr die Schlittenfahrer war in der
zwischenliegenden Zeit Rat geschafft worden, und zwar einfach dadurch, da sich
Innstetten entschlossen hatte, statt aller weiteren Forcierung, das friedlichere
Mittel eines Umwegs zu whlen. Also genau das, was Sidonie gleich anfangs in
Sicht gestellt hatte. Vom rechten Flgel her klang des Landrats bestimmte
Weisung herber, vorlufig diesseits zu bleiben und ihm durch die Dnen hin bis
an eine weiter hinauf gelegene Bohlenbrcke zu folgen. Als beide Kutscher, Knut
und Kruse, so verstndigt waren, trat der Major, der, um Sidonie zu helfen,
gleichzeitig mit dieser ausgestiegen war, wieder an Effi heran und sagte: Ich
kann Sie nicht allein lassen, gnd'ge Frau.
    Effi war einen Augenblick unschlssig, rckte dann aber rasch von der einen
Seite nach der anderen hinber, und Crampas nahm links neben ihr Platz.
    All dies htte vielleicht mideutet werden knnen, Crampas selbst aber war
zu sehr Frauenkenner, um es sich blo in Eitelkeit zurechtzulegen. Er sah
deutlich, da Effi nur tat, was, nach Lage der Sache, das einzig Richtige war.
Es war unmglich fr sie, sich seine Gegenwart zu verbitten. Und so ging es denn
im Fluge den beiden anderen Schlitten nach, immer dicht an dem Wasserlaufe hin,
an dessen anderem Ufer dunkle Waldmassen aufragten. Effi sah hinber und nahm
an, da schlielich an dem landeinwrts gelegenen Auenrande des Waldes hin die
Weiterfahrt gehen wrde, genau also den Weg entlang, auf dem man in frher
Nachmittagsstunde gekommen war. Innstetten aber hatte sich inzwischen einen
andern Plan gemacht, und im selben Augenblicke, wo sein Schlitten die
Bohlenbrcke passierte, bog er, statt den Auenweg zu whlen, in einen
schmaleren Weg ein, der mitten durch die dichte Waldmasse hindurchfhrte. Effi
schrak zusammen. Bis dahin waren Luft und Licht um sie her gewesen, aber jetzt
war es damit vorbei, und die dunklen Kronen wlbten sich ber ihr. Ein Zittern
berkam sie, und sie schob die Finger fest ineinander, um sich einen Halt zu
geben. Gedanken und Bilder jagten sich, und eines dieser Bilder war das
Mtterchen in dem Gedichte, das die Gottesmauer hie, und wie das Mtterchen,
so betete auch sie jetzt, da Gott eine Mauer um sie her bauen mge. Zwei, drei
Male kam es auch ber ihre Lippen, aber mit einemmal fhlte sie, da es tote
Worte waren. Sie frchtete sich und war doch zugleich wie in einem Zauberbann
und wollte auch nicht heraus.
    Effi, klang es jetzt leis an ihr Ohr, und sie hrte, da seine Stimme
zitterte. Dann nahm er ihre Hand und lste die Finger, die sie noch immer
geschlossen hielt, und berdeckte sie mit heien Kssen. Es war ihr, als wandle
sie eine Ohnmacht an.
    Als sie die Augen wieder ffnete, war man aus dem Walde heraus, und in
geringer Entfernung vor sich hrte sie das Gelut der voraufeilenden Schlitten.
Immer vernehmlicher klang es, und als man, dicht vor Utpatels Mhle, von den
Dnen her in die Stadt einbog, lagen rechts die kleinen Huser mit ihren
Schneedchern neben ihnen.
    Effi blickte sich um, und im nchsten Augenblicke hielt der Schlitten vor
dem landrtlichen Hause.

                              Zwanzigstes Kapitel


Innstetten, der Effi, als er sie aus dem Schlitten hob, scharf beobachtet, aber
doch ein Sprechen ber die sonderbare Fahrt zu zweien vermieden hatte, war am
anderen Morgen frh auf und suchte seiner Verstimmung, die noch nachwirkte, so
gut es ging, Herr zu werden.
    Du hast gut geschlafen? sagte er, als Effi zum Frhstck kam.
    Ja.
    Wohl dir. Ich kann dasselbe von mir nicht sagen. Ich trumte, da du mit
dem Schlitten im Schloon verunglckt seist, und Crampas mhte sich, dich zu
retten; ich mu es so nennen, aber er versank mit dir.
    Du sprichst das alles so sonderbar, Geert. Es verbirgt sich ein Vorwurf
dahinter, und ich ahne weshalb.
    Sehr merkwrdig.
    Du bist nicht einverstanden damit, da Crampas kam und uns seine Hlfe
anbot.
    Uns?
    Ja, uns, Sidonien und mir. Du mut durchaus vergessen haben, da der Major
in deinem Auftrage kam. Und als er mir erst gegenbersa, beilufig jmmerlich
genug auf der elenden schmalen Leiste, sollte ich ihn da ausweisen, als die
Grasenabbs kamen und mit einem Male die Fahrt weiterging? Ich htte mich
lcherlich gemacht, und dagegen bist du doch so empfindlich. Erinnere dich, da
wir unter deiner Zustimmung viele Male gemeinschaftlich spazierengeritten sind,
und nun sollte ich nicht gemeinschaftlich mit ihm fahren? Es ist falsch, so hie
es bei uns zu Haus, einem Edelmanne Mitrauen zu zeigen.
    Einem Edelmanne, sagte Innstetten mit Betonung.
    Ist er keiner? Du hast ihn selbst einen Kavalier genannt, sogar einen
perfekten Kavalier.
    Ja, fuhr Innstetten fort, und seine Stimme wurde freundlicher, trotzdem
ein leiser Spott noch darin nachklang. Kavalier, das ist er, und ein perfekter
Kavalier, das ist er nun schon ganz gewi. Aber Edelmann! Meine liebe Effi, ein
Edelmann sieht anders aus. Hast du schon etwas Edles an ihm bemerkt? Ich nicht.
    Effi sah vor sich hin und schwieg.
    Es scheint, wir sind gleicher Meinung. Im brigen, wie du schon sagtest,
ich bin selber schuld; von einem Fauxpas mag ich nicht sprechen, das ist in
diesem Zusammenhange kein gutes Wort. Also selber schuld, und es soll nicht
wieder vorkommen, soweit ich's hindern kann. Aber auch du, wenn ich dir raten
darf, sei auf deiner Hut. Er ist ein Mann der Rcksichtslosigkeiten und hat so
seine Ansichten ber junge Frauen. Ich kenne ihn von frher.
    Ich werde mir deine Worte gesagt sein lassen. Nur soviel, ich glaube, du
verkennst ihn.
    Ich verkenne ihn nicht
    Oder mich, sagte sie mit einer Kraftanstrengung und versuchte seinem
Blicke zu begegnen.
    Auch dich nicht, meine liebe Effi. Du bist eine reizende kleine Frau, aber
Festigkeit ist nicht eben deine Spezialitt.
    Er erhob sich, um zu gehen. Als er bis an die Tr gegangen war, trat
Friedrich ein, um ein Gieshblersches Billet abzugeben, das natrlich an die
gndige Frau gerichtet war.
    Effi nahm es. Eine Geheimkorrespondenz mit Gieshbler, sagte sie: Stoff
zu neuer Eifersucht fr meinen gestrengen Herrn. Oder nicht?
    Nein, nicht ganz meine liebe Effi. Ich begehe die Torheit, zwischen Crampas
und Gieshbler einen Unterschied zu machen. Sie sind sozusagen nicht von
gleichem Karat; nach Karat berechnet man nmlich den reinen Goldeswert, unter
Umstnden auch der Menschen. Mir persnlich, um auch das noch zu sagen, ist
Gieshblers weies Jabot, trotzdem kein Mensch mehr Jabots trgt, erheblich
lieber als Crampas' rotblonder Sappeurbart. Aber ich bezweifle, da dies
weiblicher Geschmack ist.
    Du hltst uns fr schwcher, als wir sind.
    Eine Trstung von praktisch auerordentlicher Geringfgigkeit. Aber lassen
wir das. Lies lieber.
    Und Effi las: Darf ich mich nach der gnd'gen Frau Befinden erkundigen? Ich
wei nur, da Sie dem Schloon glcklich entronnen sind: aber es blieb auch durch
den Wald hin immer noch Fhrlichkeit genug. Eben kommt Dr. Hannemann von Uvagla
zurck und beruhigt mich ber Mirambo: gestern habe er die Sache fr
bedenklicher angesehen, als er uns habe sagen wollen, heute nicht mehr. Es war
eine reizende Fahrt. - In drei Tagen feiern wir Silvester. Auf eine
Festlichkeit, wie die vorjhrige, mssen wir verzichten; aber einen Ball haben
wir natrlich, und Sie erscheinen zu sehen wrde die Tanzwelt beglcken und
nicht am wenigsten Ihren respektvollst ergebenen Alonzo G.
    Effi lachte. Nun, was sagst du?
    Nach wie vor nur das eine, da ich dich lieber mit Gieshbler als mit
Crampas sehe.
    Weil du den Crampas zu schwer und den Gieshbler zu leicht nimmst.
    Innstetten drohte ihr scherzhaft mit dem Finger.
    Drei Tage spter war Silvester. Effi erschien in einer reizenden
Balltoilette, einem Geschenk, das ihr der Weihnachtstisch gebracht hatte; sie
tanzte aber nicht, sondern nahm ihren Platz bei den alten Damen, fr die, ganz
in der Nhe der Musikempore, die Fauteuils gestellt waren. Von den adligen
Familien, mit denen Innstettens vorzugsweise verkehrten, war niemand da, weil
kurz vorher ein kleines Zerwrfnis mit dem stdtischen Ressourcenvorstand, der,
namentlich seitens des alten Gldenklee, mal wieder destruktiver Tendenzen
beschuldigt worden war, stattgefunden hatte; drei, vier andere adlige Familien
aber, die nicht Mitglieder der Ressource, sondern immer nur geladene Gste waren
und deren Gter an der anderen Seite der Kessine lagen, waren aus zum Teil
weiter Entfernung ber das Flueis gekommen und freuten sich, an dem Feste
teilnehmen zu knnen. Effi sa zwischen der alten Ritterschaftsrtin von Padden
und einer etwas jngeren Frau von Titzewitz. Die Ritterschaftsrtin, eine
vorzgliche alte Dame, war in allen Stcken ein Original und suchte das, was die
Natur, besonders durch starke Backenknochenbildung, nach der
wendisch-heidnischen Seite hin fr sie getan hatte, durch christlich-germanische
Glaubensstrenge wieder in Ausgleich zu bringen. In dieser Strenge ging sie so
weit, da selbst Sidonie von Grasenabb eine Art Esprit fort neben ihr war,
wogegen sie freilich - vielleicht weil sich die Radegaster und die Swantowiter
Linie des Hauses in ihr vereinigten - ber jenen alten Paddenhumor verfgte,
der, von langer Zeit her, wie ein Segen auf der Familie ruhte und jeden, der mit
derselben in Berhrung kam, auch wenn es Gegner in Politik und Kirche waren,
herzlich erfreute.
    Nun, Kind, sagte die Ritterschaftsrtin, wie geht es Ihnen denn
eigentlich?
    Gut, gndigste Frau; ich habe einen sehr ausgezeichneten Mann.
    Wei ich. Aber das hilft nicht immer. Ich hatte auch einen ausgezeichneten
Mann. Wie steht es hier? Keine Anfechtungen?
    Effi erschrak und war zugleich wie gerhrt. Es lag etwas ungemein
Erquickliches in dem freien und natrlichen Ton, in dem die alte Dame sprach,
und da es eine so fromme Frau war, das machte die Sache nur noch erquicklicher.
    Ach, gndigste Frau...
    Da kommt es schon. Ich kenne das. Immer dasselbe. Darin ndern die Zeiten
nichts. Und vielleicht ist es auch recht gut so. Denn worauf es ankommt, meine
liebe junge Frau, das ist das Kmpfen. Man mu immer ringen mit dem natrlichen
Menschen. Und wenn man sich dann so unter hat und beinah schreien mchte, weil's
weh tut, dann jubeln die lieben Engel!
    Ach, gndigste Frau. Es ist oft recht schwer.
    Freilich ist es schwer. Aber je schwerer, desto besser. Darber mssen Sie
sich freuen. Das mit dem Fleisch, das bleibt, und ich habe Enkel und Enkelinnen,
da seh ich es jeden Tag. Aber im Glauben sich unterkriegen, meine liebe Frau,
darauf kommt es an, das ist das Wahre. Das hat uns unser alter Martin Luther zur
Erkenntnis gebracht, der Gottesmann. Kennen Sie seine Tischreden?
    Nein, gndigste Frau.
    Die werde ich Ihnen schicken.
    In diesem Augenblicke trat Major Crampas an Effi heran und bat, sich nach
ihrem Befinden erkundigen zu drfen. Effi war wie mit Blut bergossen, aber ehe
sie noch antworten konnte, sagte Crampas: Darf ich Sie bitten, gndigste Frau,
mich den Damen vorstellen zu wollen?
    Effi nannte nun Crampas' Namen, der seinerseits schon vorher vollkommen
orientiert war und in leichtem Geplauder alle Paddens und Titzewitze, von denen
er je gehrt hatte, Revue passieren lie. Zugleich entschuldigte er sich, den
Herrschaften jenseits der Kessine noch immer nicht seinen Besuch gemacht und
seine Frau vorgestellt zu haben; aber es sei sonderbar, welche trennende Macht
das Wasser habe. Es sei dasselbe wie mit dem Canal La Manche...
    Wie? fragte die alte Titzewitz.
    Crampas seinerseits hielt es fr unangebracht, Aufklrungen zu geben, die
doch zu nichts gefhrt haben wrden, und fuhr fort Auf zwanzig Deutsche, die
nach Frankreich gehen, kommt noch nicht einer, der nach England geht. Das macht
das Wasser; ich wiederhole, das Wasser hat eine scheidende Kraft.
    Frau von Padden, die darin mit feinem Instinkt etwas Anzgliches witterte,
wollte fr das Wasser eintreten, Crampas aber sprach mit immer wachsendem
Redeflu weiter und lenkte die Aufmerksamkeit der Damen auf ein schnes Frulein
von Stojentin, das ohne Zweifel die Ballknigin sei, wobei sein Blick brigens
Effi bewundernd streifte. Dann empfahl er sich rasch unter Verbeugung gegen alle
drei.
    Schner Mann, sagte die Padden. Verkehrt er in Ihrem Hause?
     Flchtig.
    Wirklich, wiederholte die Padden, ein schner Mann. Ein bichen zu
sicher. Und Hochmut kommt vor dem Fall... Aber sehen Sie nur, da tritt er
wirklich mit der Grete Stojentin an. Eigentlich ist er doch zu alt; wenigstens
Mitte Vierzig.
    Er wird vierundvierzig.
    Ei, ei. Sie scheinen ihn ja gut zu kennen.

Es kam Effi sehr zupa, da das neue Jahr, gleich in seinem Anfang, allerlei
Aufregungen brachte. Seit Silvesternacht ging ein scharfer Nordost, der sich in
den nchsten Tagen fast bis zum Sturm steigerte, und am dritten Januar
nachmittags hie es, da ein Schiff drauen mit der Einfahrt nicht zustande
gekommen und hundert Schritt vor der Mole gescheitert sei; es sei ein
englisches, von Sunderland her, und soweit sich erkennen lasse, sieben Mann an
Bord; die Lotsen knnten beim Ausfahren, trotz aller Anstrengung, nicht um die
Mole herum, und vom Strande aus ein Boot abzulassen, daran sei nun vollends
nicht zu denken, die Brandung sei viel zu stark. Das klang traurig genug. Aber
Johanna, die die Nachricht brachte, hatte doch auch Trost bei der Hand: Konsul
Eschrich, mit dem Rettungsapparat und der Raketenbatterie, sei schon unterwegs,
und es wrde gewi glcken; die Entfernung sei nicht voll so weit wie Anno 75,
wo's doch auch gegangen, und sie htten damals sogar den Pudel mit gerettet, und
es wre ordentlich rhrend gewesen, wie sich das Tier gefreut und die
Kapitnsfrau und das liebe, kleine Kind, nicht viel grer als Anniechen, immer
wieder mit seiner roten Zunge geleckt habe.
    Geert, da mu ich mit hinaus, das mu ich sehen, hatte Effi sofort
erklrt, und beide waren aufgebrochen, um nicht zu spt zu kommen, und hatten
denn auch den rechten Moment abgepat; denn im Augenblick, als sie, von der
Plantage her, den Strand erreichten, fiel der erste Schu, und sie sahen ganz
deutlich, wie die Rakete mit dem Fangseil unter dem Sturmgewlk hinflog und ber
das Schiff weg jenseits niederfiel. Alle Hnde regten sich sofort an Bord, und
nun holten sie, mit Hlfe der kleinen Leine, das dickere Tau samt dem Korb
heran, und nicht lange, so kam der Korb in einer Art Kreislauf wieder zurck,
und einer der Matrosen, ein schlanker, bildhbscher Mensch mit einer
wachsleinenen Kappe, war geborgen an Land und wurde neugierig ausgefragt,
whrend der Korb aufs neue seinen Weg machte, zunchst den zweiten und dann den
dritten heranzuholen und so fort. Alle wurden gerettet, und Effi htte sich, als
sie nach einer halben Stunde mit ihrem Manne wieder heimging, in die Dnen
werfen und sich ausweinen mgen. Ein schnes Gefhl hatte wieder Platz in ihrem
Herzen gefunden, und es beglckte sie unendlich, da es so war.
    Das war am Dritten gewesen. Schon am Fnften kam ihr eine neue Aufregung,
freilich ganz anderer Art. Innstetten hatte Gieshbler, der natrlich auch
Stadtrat und Magistratsmitglied war, beim Herauskommen aus dem Rathause
getroffen und im Gesprche mit ihm erfahren, da seitens des Kriegsministeriums
angefragt worden sei, wie sich die Stadtbehrden eventuell zur Garnisonsfrage zu
stellen gedchten. Bei ntigem Entgegenkommen, also bei Bereitwilligkeit zu
Stall- und Kasernenbauten, knnten ihnen zwei Schwadronen Husaren zugesagt
werden. Nun, Effi, was sagst du dazu? - Effi war wie benommen. All das
unschuldige Glck ihrer Kinderjahre stand mit einemmal wieder vor ihrer Seele,
und im Augenblick war es ihr, als ob rote Husaren - denn es waren auch rote wie
daheim in Hohen-Cremmen - so recht eigentlich die Hter von Paradies und
Unschuld seien. Und dabei schwieg sie noch immer.
    Du sagst ja nichts, Effi.
    Ja, sonderbar, Geert. Aber es beglckt mich so, da ich vor Freude nichts
sagen kann. Wird es denn auch sein? Werden sie denn auch kommen?
    Damit hat's freilich noch gute Wege, ja, Gieshbler meinte sogar, die Vter
der Stadt, seine Kollegen, verdienten es gar nicht. Statt einfach ber die Ehre,
und wenn nicht ber die Ehre, so doch wenigstens ber den Vorteil einig und
glcklich zu sein, wren sie mit allerlei Wenns und Abers gekommen und htten
geknausert wegen der neuen Bauten; ja, Pfefferkchler Michelsen habe sogar
gesagt, es verderbe die Sitten der Stadt, und wer eine Tochter habe, der mge
sich vorsehen und Gitterfenster anschaffen.
    Es ist nicht zu glauben. Ich habe nie manierlichere Leute gesehen als
unsere Husaren; wirklich, Geert. Nun, du weit es ja selbst. Und nun will dieser
Michelsen alles vergittern. Hat er denn Tchter?
    Gewi; sogar drei. Aber sie sind smtlich hors concours.
    Effi lachte so herzlich, wie sie seit lange nicht mehr gelacht hatte. Doch
es war von keiner Dauer, und als Innstetten ging und sie allein lie, setzte sie
sich an die Wiege des Kindes, und ihre Trnen fielen auf die Kissen. Es brach
wieder ber sie herein, und sie fhlte, da sie wie eine Gefangene sei und nicht
mehr heraus knne.
    Sie litt schwer darunter und wollte sich befreien. Aber wiewohl sie starker
Empfindungen fhig war, so war sie doch keine starke Natur; ihr fehlte die
Nachhaltigkeit, und alle guten Anwandlungen gingen wieder vorber. So trieb sie
denn weiter, heute, weil sie's nicht ndern konnte, morgen, weil sie's nicht
ndern wollte. Das Verbotene, das Geheimnisvolle hatte seine Macht ber sie.
    So kam es, da sie sich, von Natur frei und offen, in ein verstecktes
Komdienspiel mehr und mehr hineinlebte. Mitunter erschrak sie, wie leicht es
ihr wurde. Nur in einem blieb sie sich gleich: sie sah alles klar und
beschnigte nichts. Einmal trat sie sptabends vor den Spiegel in ihrer
Schlafstube; die Lichter und Schatten flogen hin und her, und Rollo schlug
drauen an, und im selben Augenblicke war es ihr, als she ihr wer ber die
Schulter. Aber sie besann sich rasch. Ich wei schon, was es ist; es war nicht
der, und sie wies mit dem Finger nach dem Spukzimmer oben. Es war was
anderes... mein Gewissen... Effi, du bist verloren.
    Es ging aber doch weiter so, die Kugel war im Rollen, und was an einem Tage
geschah, machte das Tun des andern zur Notwendigkeit.
    Um die Mitte des Monats kamen Einladungen aufs Land. ber die dabei
innezuhaltende Reihenfolge hatten sich die vier Familien, mit denen Innstettens
vorzugsweise verkehrten, geeinigt: die Borckes sollten beginnen, die Flemmings
und Grasenabbs folgten, die Gldenklees schlossen ab. Immer eine Woche
dazwischen. Alle vier Einladungen kamen am selben Tage; sie sollten ersichtlich
den Eindruck des Ordentlichen und Wohlerwogenen machen, auch wohl den einer
besonderen freundschaftlichen Zusammengehrigkeit.
    Ich werde nicht dabeisein, Geert, und du mut mich der Kur halber, in der
ich nun seit Wochen stehe, von vornherein entschuldigen.
    Innstetten lachte. Kur. Ich soll es auf die Kur schieben. Das ist das
Vorgebliche; das Eigentliche heit: du willst nicht.
    Nein, es ist doch mehr Ehrlichkeit dabei, als du zugeben willst. Du hast
selbst gewollt, da ich den Doktor zu Rate ziehe. Das hab ich getan, und nun mu
ich doch seinem Rate folgen. Der gute Doktor, er hlt mich fr bleichschtig,
sonderbar genug, und du weit, da ich jeden Tag von dem Eisenwasser trinke.
Wenn du dir ein Borckesches Diner dazu vorstellst, vielleicht mit Prekopf und
Aal in Aspik, so mut du den Eindruck haben, es wre mein Tod. Und so wirst du
dich doch zu deiner Effi nicht stellen wollen. Freilich mitunter ist es mir...
    Ich bitte dich, Effi ...
    ... brigens freu ich mich, und das ist das einzige Gute dabei, dich
jedesmal, wenn du fhrst, eine Strecke Wegs begleiten zu knnen, bis an die
Mhle gewi oder bis an den Kirchhof oder auch bis an die Waldecke, da, wo der
Morgnitzer Querweg einmndet. Und dann steig ich ab und schlendere wieder
zurck. In den Dnen ist es immer am schnsten.
    Innstetten war einverstanden, und als drei Tage spter der Wagen vorfuhr,
stieg Effi mit auf und gab ihrem Manne das Geleit bis an die Waldecke. Hier la
halten, Geert. Du fhrst nun links weiter, ich gehe rechts bis an den Strand und
durch die Plantage zurck. Es ist etwas weit, aber doch nicht zu weit. Doktor
Hannemann sagt mir jeden Tag, Bewegung sei alles, Bewegung und frische Luft. Und
ich glaube beinah, da er recht hat. Empfiehl mich all den Herrschaften; nur bei
Sidonie kannst du schweigen.
    Die Fahrten, auf denen Effi ihren Gatten bis an die Waldecke begleitete,
wiederholten sich allwchentlich; aber auch in der zwischenliegenden Zeit hielt
Effi darauf, da sie der rztlichen Verordnung streng nachkam. Es verging kein
Tag, wo sie nicht ihren vorgeschriebenen Spaziergang gemacht htte, meist
nachmittags, wenn sich Innstetten in seine Zeitungen zu vertiefen begann. Das
Wetter war schn, eine milde, frische Luft, der Himmel bedeckt. Sie ging in der
Regel allein und sagte zu Roswitha: Roswitha, ich gehe nun also die Chaussee
hinunter und dann rechts an den Platz mit dem Karussell; da will ich auf dich
warten, da hole mich ab. Und dann gehen wir durch die Birkenallee oder durch die
Reeperbahn wieder zurck. Aber komme nur, wenn Annie schlft. Und wenn sie nicht
schlft, so schicke Johanna. Oder la es lieber ganz; es ist nicht ntig, ich
finde mich schon zurecht.
    Den ersten Tag, als es so verabredet war, trafen sie sich auch wirklich.
Effi sa auf einer an einem langen Holzschuppen sich hinziehenden Bank und sah
nach einem niedrigen Fachwerkhause hinber, gelb mit schwarzgestrichenen Balken,
einer Wirtschaft fr kleine Brger, die hier ihr Glas Bier tranken oder Solo
spielten. Es dunkelte noch kaum, die Fenster aber waren schon hell, und ihr
Lichtschimmer fiel auf die Schneemassen und etliche zur Seite stehende Bume.
Sieh, Roswitha, wie schn das aussieht.
    Ein paar Tage wiederholte sich das. Meist aber, wenn Roswitha bei dem
Karussell und dem Holzschuppen ankam, war niemand da, und wenn sie dann
zurckkam und in den Hausflur eintrat, kam ihr Effi schon entgegen und sagte:
Wo du nur bleibst, Roswitha, ich bin schon lange wieder hier.
    In dieser Art ging es durch Wochen hin. Das mit den Husaren hatte sich wegen
der Schwierigkeiten, die die Brgerschaft machte, so gut wie zerschlagen; aber
da die Verhandlungen noch nicht geradezu abgeschlossen waren und neuerdings
durch eine andere Behrde, das Generalkommando, gingen, so war Crampas nach
Stettin berufen worden, wo man seine Meinung in dieser Angelegenheit hren
wollte. Von dort schrieb er den zweiten Tag an Innstetten: Pardon, Innstetten,
da ich mich auf franzsisch empfohlen. Es kam alles so schnell. Ich werde
brigens die Sache hinauszuspinnen suchen, denn man ist froh, einmal drauen zu
sein. Empfehlen Sie mich der gndigen Frau, meiner liebenswrdigen Gnnerin.
    Er las es Effi vor. Diese blieb ruhig. Endlich sagte sie: Es ist recht gut
so.
    Wie meinst du das?
    Da er fort ist. Er sagt eigentlich immer dasselbe. Wenn er wieder da ist,
wird er wenigstens vorbergehend was Neues zu sagen haben.
    Innstettens Blick flog scharf ber sie hin. Aber er sah nichts, und sein
Verdacht beruhigte sich wieder. Ich will auch fort, sagte er nach einer Weile,
sogar nach Berlin; vielleicht kann ich dann, wie Crampas, auch mal was Neues
mitbringen. Meine liebe Effi will immer gern was Neues hren; sie langweilt sich
in unserm guten Kessin. Ich werde gegen acht Tage fort sein, vielleicht noch
einen Tag lnger. Und ngstige dich nicht... es wird ja wohl nicht
wiederkommen..., du weit schon, das da oben... Und wenn doch, du hast ja Rollo
und Roswitha.
    Effi lchelte vor sich hin, und es mischte sich etwas von Wehmut mit ein.
Sie mute des Tages gedenken, wo Crampas ihr zum erstenmal gesagt hatte, da er
mit dem Spuk und ihrer Furcht eine Komdie spiele. Der groe Erzieher! Aber
hatte er nicht recht? War die Komdie nicht am Platz? Und allerhand
Widerstreitendes, Gutes und Bses, ging ihr durch den Kopf.
    Den dritten Tag reiste Innstetten ab.
    ber das, was er in Berlin vorhabe, hatte er nichts gesagt.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Innstetten war erst vier Tage fort, als Crampas von Stettin wieder eintraf und
die Nachricht brachte, man htte hheren Orts die Absicht, zwei Schwadronen nach
Kessin zu legen, endgltig fallenlassen; es gbe so viele kleine Stdte, die
sich um eine Kavallerie-Garnison, und nun gar um Blchersche Husaren, bewrben,
da man gewohnt sei, bei solchem Anerbieten einem herzlichen Entgegenkommen,
aber nicht einem zgernden zu begegnen. Als Crampas dies mitteilte, machte der
Magistrat ein ziemlich verlegenes Gesicht; nur Gieshbler, weil er der
Philisterei seiner Kollegen eine Niederlage gnnte, triumphierte. Seitens der
kleinen Leute griff, beim Bekanntwerden der Nachricht, eine gewisse Verstimmung
Platz, ja selbst einige Konsuls mit Tchtern waren momentan unzufrieden; im
ganzen aber kam man rasch ber die Sache hin, vielleicht weil die
nebenherlaufende Frage, was Innstetten in Berlin vorhabe, die Kessiner
Bevlkerung oder doch wenigstens die Honoratiorenschaft der Stadt mehr
interessierte. Diese wollte den beraus wohlgelittenen Landrat nicht gern
verlieren, und doch gingen darber ganz ausschweifende Gerchte, die von
Gieshbler, wenn er nicht ihr Erfinder war, wenigstens genhrt und
weiterverbreitet wurden. Unter anderem hie es, Innstetten wrde als Fhrer
einer Gesandtschaft nach Marokko gehn, und zwar mit Geschenken, unter denen
nicht blo die herkmmliche Vase mit Sanssouci und dem Neuen Palais, sondern vor
allem auch eine groe Eismaschine sei. Das letztere erschien, mit Rcksicht auf
die marokkanischen Temperaturverhltnisse, so wahrscheinlich, da das Ganze
geglaubt wurde.
    Effi hrte auch davon. Die Tage, wo sie sich darber erheitert htte, lagen
noch nicht allzuweit zurck; aber in der Seelenstimmung, in der sie sich seit
Schlu des Jahres befand, war sie nicht mehr fhig, unbefangen und ausgelassen
ber derlei Dinge zu lachen. Ihre Gesichtszge hatten einen ganz anderen
Ausdruck angenommen, und das halb rhrend, halb schelmisch Kindliche, was sie
noch als Frau gehabt hatte, war hin. Die Spaziergnge nach dem Strand und der
Plantage, die sie, whrend Crampas in Stettin war, aufgegeben hatte, nahm sie
nach seiner Rckkehr wieder auf und lie sich auch durch ungnstige Witterung
nicht davon abhalten. Es wurde wie frher bestimmt, da ihr Roswitha bis an den
Ausgang der Reeperbahn oder bis in die Nhe des Kirchhofs entgegenkommen solle,
sie verfehlten sich aber noch hufiger als frher. Ich knnte dich schelten,
Roswitha, da du mich nie findest. Aber es hat nichts auf sich; ich ngstige
mich nicht mehr, auch nicht einmal am Kirchhof, und im Walde bin ich noch keiner
Menschenseele begegnet.
    Es war am Tage vor Innstettens Rckkehr von Berlin, da Effi das sagte.
Roswitha machte nicht viel davon und beschftigte sich lieber damit, Girlanden
ber den Tren anzubringen; auch der Haifisch bekam einen Fichtenzweig und sah
noch merkwrdiger aus als gewhnlich. Effi sagte: Das ist recht, Roswitha; er
wird sich freuen ber all das Grn, wenn er morgen wieder da ist. Ob ich heute
wohl noch gehe? Doktor Hannemann besteht darauf und meint in einem fort, ich
nhme es nicht ernst genug, sonst mte ich besser aussehn; ich habe aber keine
rechte Lust heut, es nieselt, und der Himmel ist so grau.
    Ich werde der gnd'gen Frau den Regenmantel bringen.
    Das tu! Aber komme heute nicht nach, wir treffen uns ja doch nicht, und
sie lachte. Wirklich, du bist gar nicht findig, Roswitha. Und ich mag nicht,
da du dich erkltest, und alles um nichts.
    Roswitha blieb denn auch zu Haus, und weil Annie schlief, ging sie zu
Kruses, um mit der Frau zu plaudern. Liebe Frau Kruse, sagte sie, Sie wollten
mir ja das mit dem Chinesen noch erzhlen. Gestern kam die Johanna dazwischen,
die tut immer so vornehm, fr die ist so was nicht. Ich glaube aber doch, da es
was gewesen ist, ich meine mit dem Chinesen und mit Thomsens Nichte, wenn es
nicht seine Enkelin war.
    Die Kruse nickte.
    Entweder, fuhr Roswitha fort, war es eine unglckliche Liebe (die Kruse
nickte wieder), oder es kann auch eine glckliche gewesen sein, und der Chinese
konnte es blo nicht aushalten, da es alles mit einemmal so wieder vorbei sein
sollte. Denn die Chinesen sind doch auch Menschen, und es wird wohl alles ebenso
mit ihnen sein wie mit uns.
    Alles, versicherte die Kruse und wollte dies eben durch ihre Geschichte
besttigen, als ihr Mann eintrat und sagte: Mutter, du knntest mir die Flasche
mit dem Lederlack geben; ich mu doch das Sielenzeug blank haben, wenn der Herr
morgen wieder da ist; der sieht alles, und wenn er auch nichts sagt, so merkt
man doch, da er's gesehn hat.
    Ich bring es Ihnen raus, Kruse, sagte Roswitha. Ihre Frau will mir blo
noch was erzhlen; aber es is gleich aus, und dann komm ich und bring es.
    Roswitha, die Flasche mit dem Lack in der Hand, kam denn auch ein paar
Minuten danach auf den Hof hinaus und stellte sich neben das Sielenzeug, das
Kruse eben ber den Gartenzaun gelegt hatte. Gott, sagte er, whrend er ihr
die Flasche aus der Hand nahm, viel hilft es ja nicht, es nieselt in einem weg,
und die Blnke vergeht doch wieder. Aber ich denke, alles mu seine Ordnung
haben.
    Das mu es. Und dann, Kruse, es ist ja doch auch ein richtiger Lack, das
kann ich gleich sehn, und was ein richtiger Lack ist, der klebt nicht lange, der
mu gleich trocknen. Und wenn es dann morgen nebelt oder na fllt, dann schadet
es nich mehr. Aber das mu ich doch sagen, das mit dem Chinesen is eine
merkwrdige Geschichte.
    Kruse lachte. Unsinn is es, Roswitha. Und meine Frau, statt aufs Richtige
zu sehen, erzhlt immer so was, un wenn ich ein reines Hemd anziehen will, fehlt
ein Knopp. Un so is es nu schon, solange wir hier sind. Sie hat immer blo
solche Geschichten in ihrem Kopp und dazu das schwarze Huhn. Un das schwarze
Huhn legt nich mal Eier. Un am Ende, wovon soll es auch Eier legen? Es kommt ja
nich raus, und von 's bloe Kikeriki kann doch so was nich kommen. Das is von
keinem Huhn nich zu verlangen.
    Hren Sie, Kruse, das werde ich Ihrer Frau wiedererzhlen. Ich habe Sie
immer fr einen anstndigen Menschen gehalten, und nun sagen Sie so was wie das
da von Kikeriki. Die Mannsleute sind doch immer noch schlimmer, als man denkt.
Un eigentlich mt ich nu gleich den Pinsel hier nehmen und Ihnen einen
schwarzen Schnurrbart anmalen.
    Nu von Ihnen, Roswitha, kann man sich das schon gefallen lassen, und
Kruse, der meist den Wrdigen spielte, schien in einen mehr und mehr schkrigen
Ton bergehen zu wollen, als er pltzlich der gndigen Frau ansichtig wurde, die
heute von der anderen Seite der Plantage herkam und in eben diesem Augenblicke
den Gartenzaun passierte.
    Guten Tag, Roswitha, du bist ja so ausgelassen. Was macht denn Annie?
    Sie schlft, gnd'ge Frau.
    Aber Roswitha, als sie das sagte, war doch rot geworden und ging, rasch
abbrechend, auf das Haus zu, um der gndigen Frau beim Umkleiden behlflich zu
sein. Denn ob Johanna da war, das war die Frage. Die steckte jetzt viel auf dem
Amt drben, weil es zu Haus weniger zu tun gab, und Friedrich und Christel
waren ihr zu langweilig und wuten nie was.
    Annie schlief noch. Effi beugte sich ber die Wiege, lie sich dann Hut und
Regenmantel abnehmen und setzte sich auf das kleine Sofa in ihrer Schlafstube.
Das feuchte Haar strich sie langsam zurck, legte die Fe auf einen niedrigen
Stuhl, den Roswitha herangeschoben, und sagte, whrend sie sichtlich das
Ruhebehagen nach einem ziemlich langen Spaziergange geno: Ich mu dich darauf
aufmerksam machen, Roswitha, da Kruse verheiratet ist.
    Ich wei, gnd'ge Frau.
    Ja, was wei man nicht alles und handelt doch, als ob man es nicht wte.
Das kann nie was werden.
    Es soll ja auch nichts werden, gnd'ge Frau...
    Denn wenn du denkst, sie sei krank, da machst du die Rechnung ohne den
Wirt. Die Kranken leben am lngsten. Und dann hat sie das schwarze Huhn. Vor dem
hte dich, das wei alles und plaudert alles aus. Ich wei nicht, ich habe einen
Schauder davor. Und ich wette, da das alles da oben mit dem Huhn
zusammenhngt.
    Ach, das glaub ich nicht. Aber schrecklich ist es doch. Und Kruse, der
immer gegen seine Frau ist, kann es mir nicht ausreden.
    Was sagte der?
    Er sagte, es seien blo Muse.
    Nun, Muse, das ist auch gerade schlimm genug. Ich kann keine Muse leiden.
Aber ich sah ja deutlich, wie du mit dem Kruse schwatztest und vertraulich
tatest, und ich glaube sogar, du wolltest ihm einen Schnurrbart anmalen. Das ist
doch schon sehr viel. Und nachher sitzest du da. Du bist ja noch eine schmucke
Person und hast so was. Aber sieh dich vor, soviel kann ich dir blo sagen. Wie
war es denn eigentlich das erste Mal mit dir? Ist es so, da du mir's erzhlen
kannst?
    Ach, ich kann schon. Aber schrecklich war es. Und weil es so schrecklich
war, drum knnen gnd'ge Frau auch ganz ruhig sein, von wegen dem Kruse. Wem es
so gegangen ist wie mir, der hat genug davon und pat auf. Mitunter trume ich
noch davon, und dann bin ich den andern Tag wie zerschlagen. Solche grausame
Angst...
    Effi hatte sich aufgerichtet und sttzte den Kopf auf ihren Arm. Nun
erzhle. Wie kann es denn gewesen sein? Es ist ja mit euch, das wei ich noch
von Hause her, immer dieselbe Geschichte...
    Ja, zuerst is es wohl immer dasselbe, und ich will mir auch nicht
einbilden, da es mit mir was Besonderes war, ganz und gar nicht. Aber wie sie's
mir dann auf den Kopf zusagten und ich mit einem Male sagen mute: Ja, es ist
so, ja, das war schrecklich. Die Mutter, na, das ging noch, aber der Vater, der
die Dorfschmiede hatte, der war streng und wtend, und als er's hrte, da kam er
mit einer Stange auf mich los, die er eben aus dem Feuer genommen hatte, und
wollte mich umbringen. Und ich schrie laut auf und lief auf den Boden und
versteckte mich, und da lag ich und zitterte und kam erst wieder nach unten, als
sie mich riefen und sagten, ich solle nur kommen. Und dann hatte ich noch eine
jngere Schwester, die wies immer auf mich hin und sagte Pfui. Und dann, wie das
Kind kommen sollte, ging ich in eine Scheune nebenan, weil ich mir's bei uns
nicht getraute. Da fanden mich fremde Leute halbtot und trugen mich ins Haus und
in mein Bett. Und den dritten Tag nahmen sie mir das Kind fort, und als ich
nachher fragte, wo es sei, da hie es, es sei gut aufgehoben. Ach, gndigste
Frau, die heil'ge Mutter Gottes bewahre Sie vor solchem Elend.
    Effi fuhr auf und sah Roswitha mit groen Augen an. Aber sie war doch mehr
erschrocken als emprt. Was du nur sprichst! Ich bin ja doch eine verheiratete
Frau. So was darfst du nicht sagen, das ist ungehrig, das pat sich nicht.
    Ach, gndigste Frau...
    Erzhle mir lieber, was aus dir wurde. Das Kind hatten sie dir genommen. So
weit warst du...
    Und dann, nach ein paar Tagen, da kam wer aus Erfurt, der fuhr bei dem
Schulzen vor und fragte, ob da nicht eine Amme sei. Da sagte der Schulze Ja.
Gott lohne es ihm, und der fremde Herr nahm mich gleich mit, und von da an hab
ich bere Tage gehabt; selbst bei der Registratorin war es doch immer noch zum
Aushalten, und zuletzt bin ich zu Ihnen gekommen, gndige Frau. Und das war das
Beste, das Allerbeste. Und als sie das sagte, trat sie an das Sofa heran und
kte Effi die Hand.
    Roswitha, du mut mir nicht immer die Hand kssen, ich mag das nicht. Und
nimm dich nur in acht mit dem Kruse. Du bist doch sonst eine so gute und
verstndige Person... Mit einem Ehemanne... das tut nie gut.
    Ach, gnd'ge Frau, Gott und seine Heiligen fhren uns wunderbar, und das
Unglck, das uns trifft, das hat doch auch sein Glck. Und wen es nicht bessert,
dem is nich zu helfen... Ich kann eigentlich die Mannsleute gut leiden...
    Siehst du, Roswitha, siehst du.
    Aber wenn es mal wieder so ber mich kme, mit dem Kruse, das is ja nichts,
und ich knnte nicht mehr anders, da lief ich gleich ins Wasser. Es war zu
schrecklich. Alles. Und was nur aus dem armen Wurm geworden is? Ich glaube
nicht, da es noch lebt; sie haben es umkommen lassen, aber ich bin doch
schuld. Und sie warf sich vor Annies Wiege nieder und wiegte das Kind hin und
her und sang in einem fort ihr Bukken von Halberstadt.
    La߫, sagte Effi. Singe nicht mehr; ich habe Kopfweh. Aber bringe mir die
Zeitungen. Oder hat Gieshbler vielleicht die Journale geschickt?
    Das hat er. Und die Modezeitung lag obenauf. Da haben wir drin geblttert,
ich und Johanna, eh sie rberging. Johanna rgert sich immer, da sie so was
nicht haben kann. Soll ich die Modezeitung bringen?
    Ja, die bringe und bring auch die Lampe.
    Roswitha ging, und Effi, als sie allein war, sagte: Womit man sich nicht
alles hilft! Eine hbsche Dame mit einem Muff und eine mit einem Halbschleier;
Modepuppen. Aber es ist das Beste, mich auf andre Gedanken zu bringen.

Im Laufe des andern Vormittags kam ein Telegramm von Innstetten, worin er
mitteilte, da er erst mit dem zweiten Zuge kommen, also nicht vor Abend in
Kessin eintreffen werde. Der Tag verging in ewiger Unruhe; glcklicherweise kam
Gieshbler im Laufe des Nachmittags und half ber eine Stunde weg. Endlich um
sieben Uhr fuhr der Wagen vor, Effi trat hinaus, und man begrte sich.
Innstetten war in einer ihm sonst fremden Erregung, und so kam es, da er die
Verlegenheit nicht sah, die sich in Effis Herzlichkeit mischte. Drinnen im Flur
brannten die Lampen und Lichter, und das Teezeug, das Friedrich schon auf einen
der zwischen den Schrnken stehenden Tische gestellt hatte, reflektierte den
Lichterglanz.
    Das sieht ja ganz so aus wie damals, als wir hier ankamen. Weit du noch,
Effi?
    Sie nickte.
    Nur der Haifisch mit seinem Fichtenzweig verhlt sich heute ruhiger, und
auch Rollo spielt den Zurckhaltenden und legt mir nicht mehr die Pfoten auf die
Schulter. Was ist das mit dir, Rollo?
    Rollo strich an seinem Herrn vorbei und wedelte.
    Der ist nicht recht zufrieden, entweder mit mir nicht oder mit andern. Nun,
ich will annehmen, mit mir. Jedenfalls la uns eintreten. Und er trat in sein
Zimmer und bat Effi, whrend er sich aufs Sofa niederlie, neben ihm Platz zu
nehmen. Es war so hbsch in Berlin, ber Erwarten; aber in all meiner Freude
habe ich mich immer zurckgesehnt. Und wie gut du aussiehst! Ein bichen bla
und auch ein bichen verndert, aber es kleidet dich.
    Effi wurde rot.
    Und nun wirst du auch noch rot. Aber es ist, wie ich dir sage. Du hattest
so was von einem verwhnten Kind, mit einemmal siehst du aus wie eine Frau.
    Das hr ich gern, Geert, aber ich glaube, du sagst es nur so.
    Nein, nein, du kannst es dir gutschreiben, wenn es etwas Gutes ist...
    Ich dchte doch.
    Und nun rate, von wem ich dir Gre bringe.
    Das ist nicht schwer, Geert. Auerdem, wir Frauen, zu denen ich mich,
seitdem du wieder da bist, ja rechnen darf (und sie reichte ihm die Hand und
lachte), wir Frauen, wir raten leicht. Wir sind nicht so schwerfllig wie ihr.
    Nun von wem?
    Nun natrlich von Vetter Briest. Er ist ja der einzige, den ich in Berlin
kenne, die Tanten abgerechnet, die du nicht aufgesucht haben wirst und die viel
zu neidisch sind, um mich gren zu lassen. Hast du nicht auch gefunden, alle
alten Tanten sind neidisch.
    Ja, Effi, das ist wahr. Und da du das sagst, das ist ganz meine alte Effi
wieder. Denn du mut wissen, die alte Effi, die noch aussah wie ein Kind, nun,
die war auch nach meinem Geschmack. Grad so wie die jetzige gnd'ge Frau.
    Meinst du? Und wenn du dich zwischen beiden entscheiden solltest...
    Das ist eine Doktorfrage, darauf lasse ich mich nicht ein. Aber da bringt
Friedrich den Tee. Wie hat's mich nach dieser Stunde verlangt! Und hab es auch
ausgesprochen, sogar zu deinem Vetter Briest, als wir bei Dressel saen und in
Champagner dein Wohl tranken... Die Ohren mssen dir geklungen haben... Und
weit du, was dein Vetter dabei sagte?
    Gewi etwas Albernes. Darin ist er gro.
    Das ist der schwrzeste Undank, den ich all mein Lebtag erlebt habe. Lassen
wir Effi leben, sagte er, meine schne Cousine... Wissen Sie, Innstetten, da
ich Sie am liebsten fordern und totschieen mchte? Denn Effi ist ein Engel, und
Sie haben mich um diesen Engel gebracht. Und dabei sah er so ernst und wehmtig
aus, da man's beinah htte glauben knnen.
    Oh, diese Stimmung kenn ich an ihm. Bei der wievielten wart ihr?
    Ich hab es nicht mehr gegenwrtig, und vielleicht htte ich es auch damals
nicht mehr sagen knnen. Aber das glaub ich, da es ihm ganz ernst war. Und
vielleicht wre es auch das richtige gewesen. Glaubst du nicht, da du mit ihm
httest leben knnen?
    Leben knnen? Das ist wenig, Geert. Aber beinah mchte ich sagen, ich htte
auch nicht einmal mit ihm leben knnen.
    Warum nicht? Er ist wirklich ein liebenswrdiger und netter Mensch und auch
ganz gescheit.
    Ja, das ist er...
    Aber...
    Aber er ist dalbrig. Und das ist keine Eigenschaft, die wir Frauen lieben,
auch nicht einmal dann, wenn wir noch halbe Kinder sind, wohin du mich immer
gerechnet hast und vielleicht, trotz meiner Fortschritte, auch jetzt noch
rechnest. Das Dalbrige, das ist nicht unsre Sache. Mnner mssen Mnner sein.
    Gut, da du das sagst. Alle Teufel, da mu man sich ja zusammennehmen. Und
ich kann von Glck sagen, da ich von so was, das wie Zusammennehmen aussieht
oder wenigstens ein Zusammennehmen in Zukunft fordert, so gut wie direkt
herkomme... Sage, wie denkst du dir ein Ministerium?
    Ein Ministerium? Nun, das kann zweierlei sein. Es knnen Menschen sein,
kluge, vornehme Herren, die den Staat regieren, und es kann auch blo ein Haus
sein, ein Palazzo, ein Palazzo Strozzi oder Pitti oder, wenn die nicht passen,
irgendein andrer. Du siehst, ich habe meine italienische Reise nicht umsonst
gemacht.
    Und knntest du dich entschlieen, in solchem Palazzo zu wohnen? Ich meine
in solchem Ministerium?
    Um Gottes willen, Geert, sie haben dich doch nicht zum Minister gemacht?
Gieshbler sagte so was. Und der Frst kann alles. Gott, der hat es am Ende
durchgesetzt, und ich bin erst achtzehn.
    Innstetten lachte. Nein, Effi, nicht Minister, soweit sind wir noch nicht.
Aber vielleicht kommen noch allerhand Gaben in mir heraus, und dann ist es nicht
unmglich.
    Also jetzt noch nicht, noch nicht Minister?
    Nein. Und wir werden, die Wahrheit zu sagen, auch nicht einmal in einem
Ministerium wohnen, aber ich werde tglich ins Ministerium gehen, wie ich jetzt
in unser Landratsamt gehe, und werde dem Minister Vortrag halten und mit ihm
reisen, wenn er die Provinzialbehrden inspiziert. Und du wirst eine
Ministerialrtin sein und in Berlin leben, und in einem halben Jahre wirst du
kaum noch wissen, da du hier in Kessin gewesen bist und nichts gehabt hast als
Gieshbler und die Dnen und die Plantage.
    Effi sagte kein Wort, und nur ihre Augen wurden immer grer; um ihre
Mundwinkel war ein nervses Zucken, und ihr ganzer zarter Krper zitterte. Mit
einem Male aber glitt sie von ihrem Sitze vor Innstetten nieder, umklammerte
seine Knie und sagte in einem Tone, wie wenn sie betete: Gott sei Dank!
    Innstetten verfrbte sich. Was war das? Etwas, was seit Wochen flchtig,
aber doch immer sich erneuernd ber ihn kam, war wieder da und sprach so
deutlich aus seinem Auge, da Effi davor erschrak. Sie hatte sich durch ein
schnes Gefhl, das nicht viel was andres als ein Bekenntnis ihrer Schuld war,
hinreien lassen und dabei mehr gesagt, als sie sagen durfte. Sie mute das
wieder ausgleichen, mute was finden, irgendeinen Ausweg, es koste, was es
wolle.
    Steh auf, Effi. Was hast du?
    Effi erhob sich rasch. Aber sie nahm ihren Platz auf dem Sofa nicht wieder
ein, sondern schob einen Stuhl mit hoher Lehne heran, augenscheinlich, weil sie
nicht Kraft genug fhlte, sich ohne Sttze zu halten.
    Was hast du? wiederholte Innstetten. Ich dachte, du httest hier
glckliche Tage verlebt. Und nun rufst du Gott sei Dank, als ob dir hier alles
nur ein Schrecknis gewesen wre. War ich dir ein Schrecknis? Oder war es was
andres? Sprich.
    Da du noch fragen kannst, Geert, sagte sie, whrend sie mit einer
uersten Anstrengung das Zittern ihrer Stimme zu bezwingen suchte. Glckliche
Tage! Ja, gewi, glckliche Tage, aber doch auch andre. Nie bin ich die Angst
hier ganz losgeworden, nie. Noch keine vierzehn Tage, da es mir wieder ber die
Schulter sah, dasselbe Gesicht, derselbe fahle Teint. Und diese letzten Nchte,
wo du fort warst, war es auch wieder da, nicht das Gesicht, aber es schlurrte
wieder, und Rollo schlug wieder an, und Roswitha, die's auch gehrt, kam an mein
Bett und setzte sich zu mir, und erst als es schon dmmerte, schliefen wir
wieder ein. Es ist ein Spukhaus, und ich hab es auch glauben sollen, das mit dem
Spuk - denn du bist ein Erzieher. Ja, Geert, das bist du. Aber la es sein,
wie's will, soviel wei ich, ich habe mich ein ganzes Jahr lang und lnger in
diesem Hause gefrchtet, und wenn ich von hier fortkomme, so wird es, denk ich,
von mir abfallen, und ich werde wieder frei sein.
    Innstetten hatte kein Auge von ihr gelassen und war jedem Worte gefolgt. Was
sollte das heien: Du bist ein Erzieher? und dann das andre, was vorausging:
Und ich hab es auch glauben sollen, das mit dem Spuk. Was war das alles? Wo
kam das her? Und er fhlte seinen leisen Argwohn sich wieder regen und fester
einnisten. Aber er hatte lange genug gelebt, um zu wissen, da alle Zeichen
trgen und da wir in unsrer Eifersucht, trotz ihrer hundert Augen, oft noch
mehr in die Irre gehen als in der Blindheit unsres Vertrauens. Es konnte ja so
sein, wie sie sagte. Und wenn es so war, warum sollte sie nicht ausrufen: Gott
sei Dank!
    Und so, rasch alle Mglichkeiten ins Auge fassend, wurde er seines Argwohns
wieder Herr und reichte ihr die Hand ber den Tisch hin: Verzeih mir, Effi,
aber ich war so sehr berrascht von dem allen. Freilich wohl meine Schuld. Ich
bin immer zu sehr mit mir beschftigt gewesen. Wir Mnner sind alle Egoisten.
Aber das soll nun anders werden. Ein Gutes hat Berlin gewi: Spukhuser gibt es
da nicht. Wo sollen die auch herkommen? Und nun la uns hinbergehen, da ich
Annie sehe; Roswitha verklagt mich sonst als einen unzrtlichen Vater.
    Effi war unter diesen Worten allmhlich ruhiger geworden, und das Gefhl,
aus einer selbstgeschaffenen Gefahr sich glcklich befreit zu haben, gab ihr
ihre Spannkraft und gute Haltung wieder zurck.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Am andern Morgen nahmen beide gemeinschaftlich ihr etwas versptetes Frhstck.
Innstetten hatte seine Mistimmung und Schlimmeres berwunden, und Effi lebte so
ganz dem Gefhl ihrer Befreiung, da sie nicht blo die Fhigkeit einer gewissen
erknstelten guten Laune, sondern fast auch ihre frhere Unbefangenheit
wiedergewonnen hatte. Sie war noch in Kessin, und doch war ihr schon zumute, als
lge es weit hinter ihr.
    Ich habe mir's berlegt, Effi, sagte Innstetten, du hast nicht so ganz
unrecht mit allem, was du gegen unser Haus hier gesagt hast. Fr Kapitn Thomsen
war es gerade gut genug, aber nicht fr eine junge verwhnte Frau; alles
altmodisch, kein Platz. Da sollst du's in Berlin besser haben, auch einen Saal,
aber einen andern als hier, und auf Flur und Treppe hohe bunte Glasfenster,
Kaiser Wilhelm mit Zepter und Krone oder auch was Kirchliches, heilige Elisabeth
oder Jungfrau Maria. Sagen wir Jungfrau Maria, das sind wir Roswitha schuldig.
    Effi lachte. So soll es sein. Aber wer sucht uns eine Wohnung? Ich kann
doch nicht Vetter Briest auf die Suche schicken. Oder gar die Tanten! Die finden
alles gut genug.
    Ja, das Wohnungsuchen. Das macht einem keiner zu Dank. Ich denke, da mut
du selber hin.
    Und wann meinst du?
    Mitte Mrz.
    Oh, das ist viel zu spt, Geert, dann ist ja alles fort. Die guten
Wohnungen werden schwerlich auf uns warten!
    Ist schon recht. Aber ich bin erst seit gestern wieder hier und kann doch
nicht sagen reise morgen. Das wrde mich schlecht kleiden und pate mir auch
wenig; ich bin froh, da ich dich wiederhabe.
    Nein, sagte sie, whrend sie das Kaffeegeschirr, um eine aufsteigende
Verlegenheit zu verbergen, ziemlich geruschvoll zusammenrckte, nein, so
soll's auch nicht sein, nicht heut und nicht morgen, aber doch in den nchsten
Tagen. Und wenn ich etwas finde, so bin ich rasch wieder zurck. Aber noch eins,
Roswitha und Annie mssen mit. Am schnsten wr es, du auch. Aber ich sehe ein,
das geht nicht. Und ich denke, die Trennung soll nicht lange dauern. Ich wei
auch schon, wo ich miete...
    Nun?
    Das bleibt mein Geheimnis. Ich will auch ein Geheimnis haben. Damit will
ich dich dann berraschen.
    In diesem Augenblick trat Friedrich ein, um die Postsachen abzugeben. Das
meiste war Dienstliches und Zeitungen. Ah, da ist auch ein Brief fr dich,
sagte Innstetten. Und wenn ich nicht irre, die Handschrift der Mama.
    Effi nahm den Brief. Ja, von der Mama. Aber das ist ja nicht der Friesacker
Poststempel; sieh nur, das heit ja deutlich Berlin.
    Freilich, lachte Innstetten. Du tust, als ob es ein Wunder wre. Die Mama
wird in Berlin sein und hat ihrem Liebling von ihrem Hotel aus einen Brief
geschrieben.
    Ja, sagte Effi, so wird es sein. Aber ich ngstige mich doch beinah und
kann keinen rechten Trost darin finden, da Hulda Niemeyer immer sagte: Wenn man
sich ngstigt, ist es besser, als wenn man hofft. Was meinst du dazu?
    Fr eine Pastorstochter nicht ganz auf der Hhe. Aber nun lies den Brief.
Hier ist ein Papiermesser.
    Effi schnitt das Couvert auf und las: Meine liebe Effi. Seit 24 Stunden bin
ich hier in Berlin; Konsultationen bei Schweigger. Als er mich sieht,
beglckwnscht er mich, und als ich erstaunt ihn frage, wozu, erfahr ich, da
Ministerialdirektor Wllersdorf eben bei ihm gewesen und ihm erzhlt habe:
Innstetten sei ins Ministerium berufen. Ich bin ein wenig rgerlich, da man
dergleichen von einem Dritten erfahren mu. Aber in meinem Stolz und meiner
Freude sei Euch verziehen. Ich habe es brigens immer gewut (schon als 1. noch
bei den Rathenowern war), da etwas aus ihm werden wrde. Nun kommt es Dir
zugute. Natrlich mt Ihr eine Wohnung haben und eine andere Einrichtung. Wenn
du, meine liebe Effi, glaubst, meines Rates dabei bedrfen zu knnen, so komme,
so rasch es Dir Deine Zeit erlaubt. Ich bleibe acht Tage hier in Kur, und wenn
es nicht anschlgt, vielleicht noch etwas lnger; Schweigger drckt sich
unbestimmt darber aus. Ich habe eine Privatwohnung in der Schadowstrae
genommen; neben dem meinigen sind noch Zimmer frei. Was es mit meinem Auge ist,
darber mndlich; vorlufig beschftigt mich nur Eure Zukunft. Briest wird
unendlich glcklich sein, er tut immer so gleichgltig gegen dergleichen,
eigentlich hngt er aber mehr daran als ich. Gre Innstetten, ksse Annie, die
Du vielleicht mitbringst. Wie immer Deine Dich zrtlich liebende Mutter
                                                                   Luise von B.

Effi legte den Brief aus der Hand und sagte nichts. Was sie zu tun habe, das
stand bei ihr fest; aber sie wollte es nicht selber aussprechen, Innstetten
sollte damit kommen, und dann wollte sie zgernd ja sagen.
    Innstetten ging auch wirklich in die Falle. Nun, Effi, du bleibst so
ruhig.
    Ach, Geert, es hat alles so seine zwei Seiten. Auf der einen Seite beglckt
es mich, die Mama wiederzusehen und vielleicht sogar schon in wenig Tagen. Aber
es spricht auch so vieles dagegen.
    Was?
    Die Mama, wie du weit, ist sehr bestimmt und kennt nur ihren eignen
Willen. Dem Papa gegenber hat sie alles durchsetzen knnen. Aber ich mchte
gern eine Wohnung haben, die nach meinem Geschmack ist, und eine neue
Einrichtung, die mir gefllt.
    Innstetten lachte. Und das ist alles?
    Nun, es wre grade genug. Aber es ist nicht alles. Und nun nahm sie sich
zusammen und sah ihn an und sagte: Und dann, Geert, ich mchte nicht gleich
wieder von dir fort.
    Schelm, das sagst du so, weil du meine Schwche kennst. Aber wir sind alle
so eitel, und ich will es glauben. Ich will es glauben und doch zugleich auch
den Heroischen spielen, den Entsagenden. Reise, sobald du's fr ntig hltst und
vor deinem Herzen verantworten kannst.
    So darfst du nicht sprechen, Geert. Was heit das, vor meinem Herzen
verantworten. Damit schiebst du mir, halb gewaltsam, eine Zrtlichkeitsrolle zu,
und ich mu dir dann aus reiner Koketterie sagen: Ach, Geert, dann reise ich
nie. Oder doch so etwas hnliches.
    Innstetten drohte ihr mit dem Finger. Effi, du bist mir zu fein. Ich dachte
immer, du wrst ein Kind, und sehe nun, da du das Ma hast wie alle andern.
Aber lassen wir das, oder wie dein Papa immer sagte: Das ist ein zu weites Feld.
Sage lieber, wann willst du fort?
    Heute haben wir Dienstag. Sagen wir also Freitag mittag mit dem Schiff.
Dann bin ich am Abend in Berlin.
    Abgemacht. Und wann zurck?
    Nun, sagen wir Montag abend. Das sind dann drei Tage.
    Geht nicht. Das ist zu frh. In drei Tagen kannst du's nicht zwingen. Und
so rasch lt dich die Mama auch nicht fort.
    Also auf Diskretion.
    Gut.
    Und damit erhob sich Innstetten, um nach dem Landratsamte hinberzugehen.

Die Tage bis zur Abreise vergingen wie im Fluge. Roswitha war sehr glcklich.
Ach, gndigste Frau, Kessin, nun ja... aber Berlin ist es nicht. Und die
Pferdebahn. Und wenn es dann so klingelt und man nicht wei, ob man links oder
rechts soll, und mitunter ist mir schon gewesen, als ginge alles grad ber mich
weg. Nein, so was ist hier nicht. Ich glaube, manchen Tag sehen wir keine sechs
Menschen. Und immer blo die Dnen und drauen die See. Und das rauscht und
rauscht, aber weiter ist es auch nichts.
    Ja, Roswitha, du hast recht. Es rauscht und rauscht immer, aber es ist kein
richtiges Leben. Und dann kommen einem allerhand dumme Gedanken. Das kannst du
doch nicht bestreiten, das mit dem Kruse war nicht in der Richtigkeit.
    Ach, gndigste Frau...
    Nun, ich will nicht weiter nachforschen. Du wirst es natrlich nicht
zugeben. Und nimm nur nicht zuwenig Sachen mit. Deine Sachen kannst du
eigentlich ganz mitnehmen und Annies auch.
    Ich denke, wir kommen noch mal wieder.
    Ja, ich. Der Herr wnscht es. Aber ihr knnt vielleicht dableiben, bei
meiner Mutter. Sorge nur, da sie Anniechen nicht zu sehr verwhnt. Gegen mich
war sie mitunter streng, aber ein Enkelkind...
    Und dann ist Anniechen ja auch so zum Anbeien. Da mu ja jeder zrtlich
sein.
    Das war am Donnerstag, am Tage vor der Abreise. Innstetten war ber Land
gefahren und wurde erst gegen Abend zurckerwartet. Am Nachmittag ging Effi in
die Stadt, bis auf den Marktplatz, und trat hier in die Apotheke und bat um eine
Flasche Sal volatile. Man wei nie, mit wem man reist, sagte sie zu dem alten
Gehlfen, mit dem sie auf dem Plauderfue stand und der sie anschwrmte wie
Gieshbler selbst.
    Ist der Herr Doktor zu Hause? fragte sie weiter, als sie das Flschchen
eingesteckt hatte.
    Gewi, gndigste Frau; er ist hier nebenan und liest die Zeitungen.
    Ich werde ihn doch nicht stren?
    Oh, nie.
    Und Effi trat ein. Es war eine kleine, hohe Stube, mit Regalen ringsherum,
auf denen allerlei Kolben und Retorten standen; nur an der einen Wand befanden
sich alphabetisch geordnete, vorn mit einem Eisenringe versehene Ksten, in
denen die Rezepte lagen.
    Gieshbler war beglckt und verlegen. Welche Ehre. Hier unter meinen
Retorten. Darf ich die gndige Frau auffordern, einen Augenblick Platz zu
nehmen?
    Gewi, lieber Gieshbler. Aber auch wirklich nur einen Augenblick. Ich will
Ihnen adieu sagen.
    Aber meine gndigste Frau, Sie kommen ja doch wieder. Ich habe gehrt, nur
auf drei, vier Tage...
    Ja, lieber Freund, ich soll wiederkommen, und es ist sogar verabredet, da
ich sptestens in einer Woche wieder in Kessin bin. Aber ich knnte doch auch
nicht wiederkommen. Mu ich Ihnen sagen, welche tausend Mglichkeiten es gibt...
Ich sehe, Sie wollen mir sagen, da ich noch zu jung sei... auch Junge knnen
sterben. Und dann so vieles andere noch. Und da will ich doch lieber Abschied
nehmen von Ihnen, als wr es fr immer.
    Aber meine gndigste Frau...
    Als wr es fr immer. Und ich will Ihnen danken, lieber Gieshbler. Denn
Sie waren das Beste hier; natrlich, weil Sie der Beste waren. Und wenn ich
hundert Jahr alt wrde, so werde ich Sie nicht vergessen. Ich habe mich hier
mitunter einsam gefhlt, und mitunter war mir so schwer ums Herz, schwerer, als
Sie wissen knnen; ich habe es nicht immer richtig eingerichtet; aber wenn ich
Sie gesehen habe, vom ersten Tage an, dann habe ich mich immer wohler gefhlt
und auch besser.
    Aber meine gndigste Frau.
    Und dafr wollte ich Ihnen danken. Ich habe mir eben ein Flschchen mit Sal
volatile gekauft; im Coup sind mitunter so merkwrdige Menschen und wollen
einem nicht mal erlauben, da man ein Fenster aufmacht; und wenn mir dann
vielleicht - denn es steigt einem ja ordentlich zu Kopf, ich meine das Salz -
die Augen bergehen, dann will ich an Sie denken. Adieu, lieber Freund, und
gren Sie Ihre Freundin, die Trippelli. Ich habe in den letzten Wochen fter an
sie gedacht und an Frst Kotschukoff. Ein eigentmliches Verhltnis bleibt es
doch. Aber ich kann mich hineinfinden... Und lassen Sie einmal von sich hren.
Oder ich werde schreiben.
    Damit ging Effi. Gieshbler begleitete sie bis auf den Platz hinaus. Er war
wie benommen, so sehr, da er ber manches Rtselhafte, was sie gesprochen, ganz
hinwegsah.

Effi ging wieder nach Haus. Bringen Sie mir die Lampe, Johanna, sagte sie,
aber in mein Schlafzimmer. Und dann eine Tasse Tee. Ich hab es so kalt und kann
nicht warten, bis der Herr wieder da ist.
    Beides kam. Effi sa schon an ihrem kleinen Schreibtisch, einen Briefbogen
vor sich, die Feder in der Hand. Bitte, Johanna, den Tee auf den Tisch da.
    Als Johanna das Zimmer wieder verlassen hatte, schlo Effi sich ein, sah
einen Augenblick in den Spiegel und setzte sich dann wieder. Und nun schrieb
sie: Ich reise morgen mit dem Schiff, und dies sind Abschiedszeilen. Innstetten
erwartet mich in wenig Tagen zurck, aber ich komme nicht wieder... Warum ich
nicht wiederkomme, Sie wissen es... Es wre das beste gewesen, ich htte dies
Stck Erde nie gesehen. Ich beschwre Sie, dies nicht als einen Vorwurf zu
fassen; alle Schuld ist bei mir. Blick ich auf Ihr Haus. .. Ihr Tun mag
entschuldbar sein, nicht das meine. Meine Schuld ist sehr schwer. Aber
vielleicht kann ich noch heraus. Da wir hier abberufen wurden, ist mir wie ein
Zeichen, da ich noch zu Gnaden angenommen werden kann. Vergessen Sie das
Geschehene, vergessen Sie mich. Ihre Effi.
    Sie berflog die Zeilen noch einmal, am fremdesten war ihr das Sie; aber
auch das mute sein; es sollte ausdrcken, da keine Brcke mehr da sei. Und nun
schob sie die Zeilen in ein Couvert und ging auf ein Haus zu, zwischen dem
Kirchhof und der Waldecke. Ein dnner Rauch stieg aus dem halb eingefallenen
Schornstein. Da gab sie die Zeilen ab.
    Als sie wieder zurck war, war Innstetten schon da, und sie setzte sich zu
ihm und erzhlte ihm von Gieshbler und dem Sal volatile.
    Innstetten lachte. Wo hast du nur dein Latein her, Effi?

Das Schiff, ein leichtes Segelschiff (die Dampfboote gingen nur sommers), fuhr
um zwlf. Schon eine Viertelstunde vorher waren Effi und Innstetten an Bord;
auch Roswitha und Annie.
    Das Gepck war grer, als es fr einen auf so wenig Tage geplanten Ausflug
geboten erschien. Innstetten sprach mit dem Kapitn: Effi, in einem Regenmantel
und hellgrauen Reisehut, stand auf dem Hinterdeck, nahe am Steuer, und musterte
von hier aus das Bollwerk und die hbsche Huserreihe, die dem Zuge des
Bollwerks folgte. Gerade der Landungsbrcke gegenber lag Hoppensacks Hotel, ein
drei Stock hohes Gebude, von dessen Giebeldach eine gelbe Flagge, mit Kreuz und
Krone darin, schlaff in der stillen, etwas nebeligen Luft herniederhing. Effi
sah eine Weile nach der Flagge hinauf, lie dann aber ihr Auge wieder abwrts
gleiten und verweilte zuletzt auf einer Anzahl von Personen, die neugierig am
Bollwerk umherstanden. In diesem Augenblicke wurde gelutet. Effi war ganz eigen
zumut, das Schiff setzte sich langsam in Bewegung, und als sie die
Landungsbrcke noch einmal musterte, sah sie, da Crampas in vorderster Reihe
stand. Sie erschrak bei seinem Anblick und freute sich doch auch. Er
seinerseits, in seiner ganzen Haltung verndert, war sichtlich bewegt und grte
ernst zu ihr hinber, ein Gru, den sie ebenso, aber doch zugleich in groer
Freundlichkeit, erwiderte; dabei lag etwas Bittendes in ihrem Auge. Dann ging
sie rasch auf die Kajte zu, wo sich Roswitha mit Annie schon eingerichtet
hatte. Hier, in dem etwas stickigen Raume, blieb sie, bis man aus dem Flu in
die weite Bucht des Breitling eingefahren war; da kam Innstetten und rief sie
nach oben, da sie sich an dem herrlichen Anblick erfreue, den die Landschaft
gerade an dieser Stelle bot. Sie ging dann auch hinauf. ber dem Wasserspiegel
hingen graue Wolken, und nur dann und wann scho ein halbumschleierter
Sonnenblick aus dem Gewlk hervor. Effi gedachte des Tages, wo sie, vor jetzt
gerade fnf Vierteljahren, im offenen Wagen am Ufer eben dieses Breitlings hin
entlanggefahren war. Eine kurze Spanne Zeit, und das Leben oft so still und
einsam. Und doch, was war alles seitdem geschehen!
    So fuhr man die Wasserstrae hinauf und war um zwei an der Station oder doch
ganz in Nhe derselben. Als man gleich danach das Gasthaus des Frsten
Bismarck passierte, stand auch Golchowski wieder in der Tr und versumte
nicht, den Herrn Landrat und die gndige Frau bis an die Stufen der Bschung zu
geleiten. Oben war der Zug noch nicht angemeldet, und Effi und Innstetten
schritten auf dem Bahnsteig auf und ab. Ihr Gesprch drehte sich um die
Wohnungsfrage; man war einig ber den Stadtteil, und da es zwischen dem
Tiergarten und dem Zoologischen Garten sein msse. Ich will den Finkenschlag
hren und die Papageien auch, sagte Innstetten, und Effi stimmte ihm zu.
    Nun aber hrte man das Signal, und der Zug lief ein; der Bahnhofsinspektor
war voller Entgegenkommen, und Effi erhielt ein Coup fr sich.
    Noch ein Hndedruck, ein Wehen mit dem Tuch, und der Zug setzte sich wieder
in Bewegung.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Auf dem Friedrichstraen-Bahnhofe war ein Gedrnge; aber trotzdem, Effi hatte
schon vom Coup aus die Mama erkannt und neben ihr den Vetter Briest. Die Freude
des Wiedersehens war gro, das Warten in der Gepckhalle stellte die Geduld auf
keine allzu harte Probe, und nach wenig mehr als fnf Minuten rollte die
Droschke neben dem Pferdebahngeleise hin, in die Dorotheenstrae hinein und auf
die Schadowstrae zu, an deren nchstgelegener Ecke sich die Pension befand.
Roswitha war entzckt und freute sich ber Annie, die die Hndchen nach den
Lichtern ausstreckte.
    Nun war man da. Effi erhielt ihre zwei Zimmer, die nicht wie erwartet, neben
denen der Frau von Briest, aber doch auf demselben Korridor lagen, und als alles
seinen Platz und Stand hatte und Annie in einem Bettchen mit Gitter glcklich
untergebracht war, erschien Effi wieder im Zimmer der Mama, einem kleinen Salon
mit Kamin, drin ein schwaches Feuer brannte; denn es war mildes, beinah warmes
Wetter. Auf dem runden Tische mit grner Schirmlampe waren drei Couverts gelegt,
und auf einem Nebentischchen stand das Teezeug.
    Du wohnst ja reizend, Mama, sagte Effi, whrend sie dem Sofa gegenber
Platz nahm, aber nur um sich gleich danach an dem Teetisch zu schaffen zu
machen. Darf ich wieder die Rolle des Teefruleins bernehmen?
    Gewi, meine liebe Effi. Aber nur fr Dagobert und dich selbst. Ich
meinerseits mu verzichten, was mir beinah schwerfllt.
    Ich versteh, deiner Augen halber. Aber nun sage mir, Mama, was ist es
damit? In der Droschke, die noch dazu so klapperte, haben wir immer nur von
Innstetten und unserer groen Karriere gesprochen, viel zuviel, und das geht
nicht so weiter; glaube mir, deine Augen sind mir wichtiger, und in einem finde
ich sie, Gott sei Dank, ganz unverndert, du siehst mich immer noch so
freundlich an wie frher. Und sie eilte auf die Mama zu und kte ihr die Hand.
    Effi, du bist so strmisch. Ganz die alte.
    Ach nein, Mama. Nicht die alte. Ich wollte, es wre so. Man ndert sich in
der Ehe.
    Vetter Briest lachte. Cousine, ich merke nicht viel davon; du bist noch
hbscher geworden, das ist alles. Und mit dem Strmischen wird es wohl auch noch
nicht vorbei sein.
    Ganz der Vetter, versicherte die Mama; Effi selbst aber wollte davon
nichts hren und sagte: Dagobert, du bist alles nur kein Menschenkenner. Es ist
sonderbar. Ihr Offiziere seid keine guten Menschenkenner, die jungen gewi
nicht. Ihr guckt euch immer nur selber an oder eure Rekruten, und die von der
Kavallerie haben auch noch ihre Pferde. Die wissen nun vollends nichts.
    Aber Cousine, wo hast du denn diese ganze Weisheit her? Du kennst ja keine
Offiziere. Kessin, so habe ich gelesen, hat ja auf die ihm zugedachten Husaren
verzichtet, ein Fall, der brigens einzig in der Weltgeschichte dasteht. Und
willst du von alten Zeiten sprechen? Du warst ja noch ein halbes Kind, als die
Rathenower zu euch herberkamen.
    Ich knnte dir erwidern, da Kinder am besten beobachten. Aber ich mag
nicht, das sind ja alles blo Allotria. Ich will wissen, wie's mit Mamas Augen
steht.
    Frau von Briest erzhlte nun, da es der Augenarzt fr Blutandrang nach dem
Gehirn ausgegeben habe. Daher kme das Flimmern. Es msse mit Dit gezwungen
werden; Bier, Kaffee, Tee - alles gestrichen und gelegentlich eine lokale
Blutentziehung, dann wrde es bald besser werden. Er sprach so von vierzehn
Tagen. Aber ich kenne die Doktorangaben; vierzehn Tage heit sechs Wochen, und
ich werde noch hiersein, wenn Innstetten kommt und ihr in eure neue Wohnung
einzieht. Ich will auch nicht leugnen, da das das Beste von der Sache ist und
mich ber die mutmalich lange Kurdauer schon vorweg trstet. Sucht euch nur
recht was Hbsches. Ich habe mir Landgrafen- oder Keithstrae gedacht, elegant
und doch nicht allzu teuer. Denn ihr werdet euch einschrnken mssen.
Innstettens Stellung ist sehr ehrenvoll, aber sie wirft nicht allzuviel ab. Und
Briest klagt auch. Die Preise gehen herunter, und er erzhlt mir jeden Tag, wenn
nicht Schutzzlle kmen, so m er mit einem Bettelsack von Hohen-Cremmen
abziehen. Du weit, er bertreibt gern. Aber nun lange zu, Dagobert, und wenn es
sein kann, erzhle uns was Hbsches. Krankheitsberichte sind immer langweilig,
und die liebsten Menschen hren blo zu, weil es nicht anders geht. Effi wird
wohl auch gern eine Geschichte hren, etwas aus den Fliegenden Blttern oder aus
dem Kladderadatsch. Er soll aber nicht mehr so gut sein.
    Oh, er ist noch ebensogut wie frher. Sie haben immer noch Strudelwitz und
Prudelwitz, und da macht es sich von selber.
    Mein Liebling ist Karlchen Mienick und Wippchen von Bernau.
    Ja, das sind die Besten. Aber Wippchen, der brigens - Pardon, schne
Cousine - keine Kladderadatschfigur ist, Wippchen hat gegenwrtig nichts zu tun,
es ist ja kein Krieg mehr. Leider. Unsereins mchte doch auch mal an die Reihe
kommen und hier diese schreckliche Leere, und er strich vom Knopfloch nach der
Achsel hinber, endlich loswerden.
    Ach, das sind ja blo Eitelkeiten. Erzhle lieber. Was ist denn jetzt
dran?
    Ja, Cousine, das ist ein eigen Ding. Das ist nicht fr jedermann. Jetzt
haben wir nmlich die Bibelwitze.
    Die Bibelwitze? Was soll das heien...? Bibel und Witze gehren nicht
zusammen.
    Eben deshalb sagte ich, es sei nicht fr jedermann. Aber ob zulssig oder
nicht, sie stehen jetzt hoch im Preise. Modesache, wie Kiebitzeier.
    Nun, wenn es nicht zu toll ist, so gib uns eine Probe. Geht es?
    Gewi geht es. Und ich mchte sogar hinzusetzen drfen, du triffst es
besonders gut. Was jetzt nmlich kursiert, ist etwas hervorragend Feines, weil
es als Kombination auftritt und in die einfache Bibelstelle noch das dativisch
Wrangelsche mit einmischt. Die Fragestellung - alle diese Witze treten nmlich
in Frageform auf - ist brigens in vorliegendem Falle von groer Simplizitt und
lautet: Wer war der erste Kutscher? Und nun rate.
    Nun, vielleicht Apollo.
    Sehr gut. Du bist doch ein Daus, Effi. Ich wre nicht daraufgekommen. Aber
trotzdem, du triffst damit nicht ins Schwarze.
    Nun, wer war es denn?
    Der erste Kutscher war Leid. Denn schon im Buche Hiob heit es: Leid soll
mir nicht widerfahren oder auch wieder fahren in zwei Wrtern und mit einem e.
    Effi wiederholte kopfschttelnd den Satz, auch die Zubemerkung, konnte sich
aber trotz aller Mhe nicht drin zurechtfinden; sie gehrte ganz ausgesprochen
zu den Bevorzugten, die fr derlei Dinge durchaus kein Organ haben, und so kam
denn Vetter Briest in die nicht beneidenswerte Situation, immer erneut erst auf
den Gleichklang und dann auch wieder auf den Unterschied von widerfahren und
wieder fahren hinweisen zu mssen.
    Ach, nun versteh ich. Und du mut mir verzeihen, da es so lange gedauert.
Aber es ist wirklich zu dumm.
    Ja, dumm ist es, sagte Dagobert kleinlaut.
    Dumm und unpassend und kann einem Berlin ordentlich verleiden. Da geht man
nun aus Kessin fort, um wieder unter Menschen zu sein, und das erste, was man
hrt, ist ein Bibelwitz. Auch Mama schweigt, und das sagt genug. Ich will dir
aber doch den Rckzug erleichtern...
    Das tu, Cousine.
    ... Den Rckzug erleichtern und es ganz ernsthaft als ein gutes Zeichen
nehmen, da mir, als erstes hier, von meinem Vetter Dagobert gesagt wurde: Leid
soll mir nicht widerfahren. Sonderbar, Vetter, so schwach die Sache als Witz
ist, ich bin dir doch dankbar dafr.
    Dagobert, kaum aus der Schlinge heraus, versuchte ber Effis Feierlichkeit
zu sptteln, lie aber ab davon, als er sah, da es sie verdro.
    Bald nach zehn Uhr brach er auf und versprach, am anderen Tage
wiederzukommen, um nach den Befehlen zu fragen.
    Und gleich nachdem er gegangen, zog sich auch Effi in ihre Zimmer zurck.

Am andern Tage war das schnste Wetter, und Mutter und Tochter brachen frh auf,
zunchst nach der Augenklinik, wo Effi im Vorzimmer verblieb und sich mit dem
Durchblttern eines Albums beschftigte. Dann ging es nach dem Tiergarten und
bis in die Nhe des Zoologischen, um dortherum nach einer Wohnung zu suchen.
Es traf sich auch wirklich so, da man in der Keithstrae, worauf sich ihre
Wnsche von Anfang an gerichtet hatten, etwas durchaus Passendes ausfindig
machte, nur da es ein Neubau war, feucht und noch unfertig. Es wird nicht
gehen, liebe Effi, sagte Frau von Briest, schon einfach Gesundheitsrcksichten
werden es verbieten. Und dann, ein Geheimrat ist kein Trockenwohner.
    Effi, sosehr ihr die Wohnung gefiel, war um so einverstandener mit diesem
Bedenken, als ihr an einer raschen Erledigung berhaupt nicht lag, ganz im
Gegenteil: Zeit gewonnen, alles gewonnen, und so war ihr denn ein
Hinausschieben der ganzen Angelegenheit eigentlich das Liebste, was ihr begegnen
konnte. Wir wollen diese Wohnung aber doch im Auge behalten, Mama, sie liegt so
schn und ist im wesentlichen das was ich mir gewnscht habe. Dann fuhren beide
Damen in die Stadt zurck, aen im Restaurant, das man ihnen empfohlen, und
waren am Abend in der Oper, wozu der Arzt unter der Bedingung, da Frau von
Briest mehr hren als sehen wolle, die Erlaubnis gegeben hatte.
    Die nchsten Tage nahmen einen hnlichen Verlauf; man war aufrichtig
erfreut, sich wiederzuhaben und nach so langer Zeit wieder ausgiebig miteinander
plaudern zu knnen. Effi, die sich nicht blo auf Zuhren und Erzhlen, sondern,
wenn ihr am wohlsten war, auch auf Medisieren ganz vorzglich verstand, geriet
mehr als einmal in ihren alten bermut, und die Mama schrieb nach Hause, wie
glcklich sie sei, das Kind wieder so heiter und lachlustig zu finden; es
wiederhole sich ihnen allen die schne Zeit von vor fast zwei Jahren, wo man die
Ausstattung besorgt habe. Auch Vetter Briest sei ganz der alte. Das war nun auch
wirklich der Fall, nur mit dem Unterschiede, da er sich seltener sehen lie als
vordem und auf die Frage nach dem Warum anscheinend ernsthaft versicherte: Du
bist mir zu gefhrlich, Cousine. Das gab dann jedesmal ein Lachen bei Mutter
und Tochter, und Effi sagte: Dagobert, du bist freilich noch sehr jung, aber zu
solcher Form des Courmachens doch nicht mehr jung genug.
    So waren schon beinah vierzehn Tage vergangen. Innstetten schrieb immer
dringlicher und wurde ziemlich spitz, fast auch gegen die Schwiegermama, so da
Effi einsah, ein weiteres Hinausschieben sei nicht mehr gut mglich und es msse
nun wirklich gemietet werden. Aber was dann? Bis zum Umzuge nach Berlin waren
immer noch drei Wochen, und Innstetten drang auf rasche Rckkehr. Es gab also
nur ein Mittel: sie mute wieder eine Komdie spielen, mute krank werden.
    Das kam ihr aus mehr als einem Grunde nicht leicht an; aber es mute sein,
und als ihr das feststand, stand ihr auch fest, wie die Rolle, bis in die
kleinsten Einzelheiten hinein, gespielt werden msse.
    Mama, Innstetten, wie du siehst, wird ber mein Ausbleiben empfindlich. Ich
denke, wir gehen also nach und mieten heute noch. Und morgen reise ich. Ach, es
wird mir so schwer, mich von dir zu trennen.
    Frau von Briest war einverstanden. Und welche Wohnung wirst du whlen?
    Natrlich die erste, die in der Keithstrae, die mir von Anfang an so gut
gefiel und dir auch. Sie wird wohl noch nicht ganz ausgetrocknet sein, aber es
ist ja das Sommerhalbjahr, was einigermaen ein Trost ist. Und wird es mit der
Feuchtigkeit zu arg und kommt ein bichen Rheumatismus, so hab ich ja
schlielich immer noch Hohen-Cremmen.
    Kind, beruf es nicht; ein Rheumatismus ist mitunter da, man wei nicht
wie.
    Diese Worte der Mama kamen Effi sehr zupa. Sie mietete denselben Vormittag
noch und schrieb eine Karte an Innstetten, da sie den nchsten Tag zurckwolle.
Gleich danach wurden auch wirklich die Koffer gepackt und alle Vorbereitungen
getroffen. Als dann aber der andere Morgen da war, lie Effi die Mama an ihr
Bett rufen und sagte: Mama, ich kann nicht reisen. Ich habe ein solches Reien
und Ziehen, es schmerzt mich ber den ganzen Rcken hin, und ich glaube beinah,
es ist ein Rheumatismus. Ich htte nicht gedacht, da das so schmerzhaft sei.
    Siehst du, was ich dir gesagt habe: man soll den Teufel nicht an die Wand
malen. Gestern hast du noch leichtsinnig darber gesprochen, und heute ist es
schon da. Wenn ich Schweigger sehe, werde ich ihn fragen, was du tun sollst.
    Nein, nicht Schweigger. Der ist ja ein Spezialist. Das geht nicht, und er
knnt es am Ende belnehmen, in so was anderem zu Rate gezogen zu werden. Ich
denke, das beste ist, wir warten es ab. Es kann ja auch vorbergehen. Ich werde
den ganzen Tag ber von Tee und Sodawasser leben, und wenn ich dann
transpiriere, komm ich vielleicht drber hin.
    Frau von Briest drckte ihre Zustimmung aus, bestand aber darauf, da sie
sich gut verpflege. Da man nichts genieen msse, wie das frher Mode war, das
sei ganz falsch und schwche blo; in diesem Punkte stehe sie ganz zu der jungen
Schule: tchtig essen.
    Effi sog sich nicht wenig Trost aus diesen Anschauungen, schrieb ein
Telegramm an Innstetten, worin sie von dem leidigen Zwischenfall und einer
rgerlichen, aber doch nur momentanen Behinderung sprach, und sagte dann zu
Roswitha: Roswitha, du mut mir nun auch Bcher besorgen; es wird nicht
schwerhalten, ich will alte, ganz alte.
    Gewi, gnd'ge Frau. Die Leihbibliothek ist ja gleich hier nebenan. Was
soll ich besorgen?
    Ich will es aufschreiben, allerlei zur Auswahl, denn mitunter haben sie
nicht das eine, was man grade haben will. Roswitha brachte Bleistift und
Papier, und Effi schrieb auf: Walter Scott, Ivanhoe oder Quentin Durward;
Cooper, Der Spion; Dickens, David Copperfield; Willibald Alexis, Die Hosen
des Herrn von Bredow.
    Roswitha las den Zettel durch und schnitt in der anderen Stube die letzte
Zeile fort; sie genierte sich ihret- und ihrer Frau wegen, den Zettel in seiner
ursprnglichen Gestalt abzugeben.
    Ohne besondere Vorkommnisse verging der Tag. Am andern Morgen war es nicht
besser und am dritten auch nicht.
    Effi, das geht so nicht lnger. Wenn so was einreit, dann wird man's nicht
wieder los; wovor die Doktoren am meisten warnen und mit Recht, das sind solche
Verschleppungen.
    Effi seufzte. Ja, Mama, aber wen sollen wir nehmen? Nur keinen jungen; ich
wei nicht, aber es wrde mich genieren.
    Ein junger Doktor ist immer genannt, und wenn er es nicht ist, desto
schlimmer. Aber du kannst dich beruhigen; ich komme mit einem ganz alten, der
mich schon behandelt hat, als ich noch in der Heckerschen Pension war, also vor
etlichen zwanzig Jahren. Und damals war er nah an fnfzig und hatte schnes
graues Haar, ganz kraus. Er war ein Damenmann, aber in den richtigen Grenzen.
rzte, die das vergessen, gehen unter, und es kann auch nicht anders sein;
unsere Frauen, wenigstens die aus der Gesellschaft, haben immer noch einen guten
Fond.
    Meinst du? Ich freue mich immer, so was Gutes zu hren. Denn mitunter hrt
man doch auch andres. Und schwer mag es wohl oft sein. Und wie heit denn der
alte Geheimrat? Ich nehme an, da es ein Geheimrat ist.
    Geheimrat Rummschttel.
    Effi lachte herzlich. Rummschttel! Und als Arzt fr jemanden, der sich
nicht rhren kann.
    Effi, du sprichst so sonderbar. Groe Schmerzen kannst du nicht haben.
    Nein, in diesem Augenblicke nicht; es wechselt bestndig.

Am andern Morgen erschien Geheimrat Rummschttel. Frau von Briest empfing ihn,
und als er Effi sah, war sein erstes Wort: Ganz die Mama.
    Diese wollte den Vergleich ablehnen und meinte, zwanzig Jahre und drber
seien doch eine lange Zeit; Rummschttel blieb aber bei seiner Behauptung,
zugleich versichernd: nicht jeder Kopf prge sich ihm ein, aber wenn er
berhaupt erst einen Eindruck empfangen habe, so bleibe der auch fr immer. Und
nun, meine gndigste Frau von Innstetten, wo fehlt es, wo sollen wir helfen?
    Ach, Herr Geheimrat, ich komme in Verlegenheit, Ihnen auszudrcken, was es
ist. Es wechselt bestndig. In diesem Augenblick ist es wie weggeflogen. Anfangs
habe ich an Rheumatisches gedacht, aber ich mchte beinah glauben, es sei eine
Neuralgie, Schmerzen den Rcken entlang, und dann kann ich mich nicht
aufrichten. Mein Papa leidet an Neuralgie, da hab ich es frher beobachten
knnen. Vielleicht ein Erbstck von ihm.
    Sehr wahrscheinlich, sagte Rummschttel, der den Puls gefhlt und die
Patientin leicht, aber doch scharf beobachtet hatte. Sehr wahrscheinlich, meine
gndigste Frau. Was er aber still zu sich selber sagte, das lautete:
Schulkrank und mit Virtuositt gespielt; Evastochter comme il faut. Er lie
jedoch nichts davon merken, sondern sagte mit allem wnschenswerten Ernst: Ruhe
und Wrme sind das Beste, was ich anraten kann. Eine Medizin, brigens nichts
Schlimmes, wird das Weitere tun.
    Und er erhob sich, um das Rezept aufzuschreiben Aqua Amygdalarum amararum
eine halbe Unze, Sirupus florum Aurantii zwei Unzen. Hiervon, meine gndigste
Frau, bitte ich Sie, alle zwei Stunden einen halben Teelffel voll nehmen zu
wollen. Es wird Ihre Nerven beruhigen. Und worauf ich noch dringen mchte: keine
geistigen Anstrengungen, keine Besuche, keine Lektre. Dabei wies er auf das
neben ihr liegende Buch.
    Es ist Scott.
    Oh, dagegen ist nichts einzuwenden. Das beste sind Reisebeschreibungen. Ich
spreche morgen wieder vor.
    Effi hatte sich wundervoll gehalten, ihre Rolle gut durchgespielt. Als sie
wieder allein war - die Mama begleitete den Geheimrat -, scho ihr trotzdem das
Blut zu Kopf; sie hatte recht gut bemerkt, da er ihrer Komdie mit einer
Komdie begegnet war. Er war offenbar ein beraus lebensgewandter Herr, der
alles recht gut sah, aber nicht alles sehen wollte, vielleicht weil er wute,
da dergleichen auch mal zu respektieren sein knne. Denn gab es nicht zu
respektierende Komdien, war nicht die, die sie selber spielte, eine solche?
    Bald danach kam die Mama zurck, und Mutter und Tochter ergingen sich in
Lobeserhebungen ber den feinen alten Herrn, der trotz seiner beinah Siebzig
noch etwas Jugendliches habe. Schicke nur gleich Roswitha nach der Apotheke...
Du sollst aber nur alle drei Stunden nehmen, hat er mir drauen noch eigens
gesagt. So war er schon damals, er verschrieb nicht oft und nicht viel; aber
immer Energisches, und es half auch gleich.

Rummschttel kam den zweiten Tag und dann jeden dritten, weil er sah, welche
Verlegenheit sein Kommen der jungen Frau bereitete. Dies nahm ihn fr sie ein,
und sein Urteil stand ihm nach dem dritten Besuche fest: Hier liegt etwas vor,
was die Frau zwingt, so zu handeln, wie sie handelt. ber solche Dinge den
Empfindlichen zu spielen lag lngst hinter ihm.
    Als Rummschttel seinen vierten Besuch machte, fand er Effi auf, in einem
Schaukelstuhl sitzend, ein Buch in der Hand, Annie neben ihr.
    Ah, meine gndigste Frau! Hocherfreut. Ich schiebe es nicht auf die Arznei;
das schne Wetter, die hellen, frischen Mrztage da fllt die Krankheit ab. Ich
beglckwnsche Sie. Und die Frau Mama?
    Sie ist ausgegangen, Herr Geheimrat, in die Keithstrae, wo wir gemietet
haben. Ich erwarte nun innerhalb weniger Tage meinen Mann, den ich mich, wenn in
unserer Wohnung erst alles in Ordnung sein wird, herzlich freue Ihnen vorstellen
zu knnen. Denn ich darf doch wohl hoffen, da Sie auch in Zukunft sich meiner
annehmen werden.
    Er verbeugte sich.
    Die neue Wohnung, fuhr sie fort, ein Neubau, macht mir freilich Sorge.
Glauben Sie, Herr Geheimrat, da die feuchten Wnde...
    Nicht im geringsten, meine gndigste Frau. Lassen Sie drei, vier Tage lang
tchtig heizen und immer Tren und Fenster auf, da knnen Sie's wagen, auf meine
Verantwortung. Und mit Ihrer Neuralgie, das war nicht von solcher Bedeutung.
Aber ich freue mich Ihrer Vorsicht, die mir Gelegenheit gegeben hat, eine alte
Bekanntschaft zu erneuern und eine neue zu machen.
    Er wiederholte seine Verbeugung, sah noch Annie freundlich in die Augen und
verabschiedete sich unter Empfehlungen an die Mama.
    Kaum da er fort war, so setzte sich Effi an den Schreibtisch und schrieb:
Lieber Innstetten! Eben war Rummschttel hier und hat mich aus der Kur
entlassen. Ich knnte nun reisen, morgen etwa; aber heut ist schon der 24. und
am 28. willst Du hier eintreffen. Angegriffen bin ich ohnehin noch. Ich denke,
Du wirst einverstanden sein, wenn ich die Reise ganz aufgebe. Die Sachen sind ja
ohnehin schon unterwegs, und wir wrden, wenn ich kme, in Hoppensacks Hotel wie
Fremde leben mssen. Auch der Kostenpunkt ist in Betracht zu ziehen, die
Ausgaben werden sich ohnehin hufen; unter anderem ist Rummschttel zu
honorieren, wenn er uns auch als Arzt verbleibt. brigens ein sehr
liebenswrdiger alter Herr. Er gilt rztlich nicht fr ersten Ranges,
Damendoktor sagen seine Gegner und Neider. Aber dies Wort umschliet doch auch
ein Lob; es kann eben nicht jeder mit uns umgehen. Da ich von den Kessinern
nicht persnlich Abschied nehme, hat nicht viel auf sich. Bei Gieshbler war
ich. Die Frau Majorin hat sich immer ablehnend gegen mich verhalten, ablehnend
bis zur Unart; bleibt nur noch der Pastor und Dr. Hannemann und Crampas.
Empfiehl mich letzterem. An die Familien auf dem Lande schicke ich Karten;
Gldenklees, wie Du mir schreibst, sind in Italien (was sie da wollen, wei ich
nicht), und so bleiben nur die drei andern. Entschuldige mich, so gut es geht.
Du bist ja der Mann der Formen und weit das richtige Wort zu treffen. An Frau
von Padden, die mir am Silvesterabend so auerordentlich gut gefiel, schreibe
ich vielleicht selber noch und spreche ihr mein Bedauern aus. La mich in einem
Telegramm wissen, ob Du mit allem einverstanden bist. Wie immer
                                                                     Deine Effi

Effi brachte selber den Brief zur Post, als ob sie dadurch die Antwort
beschleunigen knne, und am nchsten Vormittage traf denn auch das erbetene
Telegramm von Innstetten ein: Einverstanden mit allem. Ihr Herz jubelte, sie
eilte hinunter und auf den nchsten Droschkenstand zu. Keithstrae 1 c.
    Und erst die Linden und dann die Tiergartenstrae hinunter flog die
Droschke, und nun hielt sie vor der neuen Wohnung.
    Oben standen die den Tag vorher eingetroffenen Sachen noch bunt
durcheinander, aber es strte sie nicht, und als sie auf den breiten
aufgemauerten Balkon hinaustrat, lag jenseits der Kanalbrcke der Tiergarten vor
ihr, dessen Bume schon berall einen grnen Schimmer zeigten. Darber aber ein
klarer blauer Himmel und eine lachende Sonne.
    Sie zitterte vor Erregung und atmete hoch auf. Dann trat sie, vom Balkon
her, wieder ber die Trschwelle zurck, erhob den Blick und faltete die Hnde.
    Nun, mit Gott, ein neues Leben! Es soll anders werden.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Drei Tage danach, ziemlich spt, um die neunte Stunde, traf Innstetten in Berlin
ein. Alles war am Bahnhof, Effi, die Mama, der Vetter; der Empfang war herzlich,
am herzlichsten von seiten Effis, und man hatte bereits eine Welt von Dingen
durchgesprochen, als der Wagen, den man genommen, vor der neuen Wohnung in der
Keithstrae hielt. Ach, da hast du gut gewhlt, Effi, sagte Innstetten, als er
in das Vestibl eintrat, kein Haifisch, kein Krokodil und hoffentlich auch kein
Spuk.
    Nein, Geert, damit ist es nun vorbei. Nun bricht eine andere Zeit an, und
ich frchte mich nicht mehr und will auch besser sein als frher und dir mehr zu
Willen leben. Alles das flsterte sie ihm zu, whrend sie die teppichbedeckte
Treppe bis in den zweiten Stock hinanstiegen. Der Vetter fhrte die Mama.
    Oben fehlte noch manches, aber fr einen wohnlichen Eindruck war doch
gesorgt, und Innstetten sprach seine Freude darber aus. Effi, du bist doch ein
kleines Genie, aber diese lehnte das Lob ab und zeigte auf die Mama, die habe
das eigentliche Verdienst. Hier mu es stehen, so hab es unerbittlich
geheien, und immer habe sie's getroffen, wodurch natrlich viel Zeit gespart
und die gute Laune nie gestrt worden sei. Zuletzt kam auch Roswitha, um den
Herrn zu begren, bei welcher Gelegenheit sie sagte: Frulein Annie liee sich
fr heute entschuldigen - ein kleiner Witz, auf den sie stolz war und mit dem
sie auch ihren Zweck vollkommen erreichte.
    Und nun nahmen sie Platz um den schon gedeckten Tisch, und als Innstetten
sich ein Glas Wein eingeschenkt und auf glckliche Tage mit allen angestoen
hatte, nahm er Effis Hand und sagte: Aber Effi, nun erzhle mir, was war das
mit deiner Krankheit?
    Ach, lassen wir doch das, nicht der Rede wert; ein bichen schmerzhaft und
eine rechte Strung, weil es einen Strich durch unsere Plne machte. Aber mehr
war es nicht, und nun ist es vorbei. Rummschttel hat sich bewhrt, ein feiner,
liebenswrdiger alter Herr, wie ich dir, glaub ich, schon schrieb. In seiner
Wissenschaft soll er nicht gerade glnzen, aber Mama sagt, das sei ein Vorzug.
Und sie wird wohl recht haben wie in allen Stcken. Unser guter Doktor Hannemann
war auch kein Licht und traf es doch immer. Und nun sage, was macht Gieshbler
und die anderen alle?
    Ja, wer sind die anderen alle? Campas lt sich der gnd'gen Frau empfehlen
...
    Ah, sehr artig.
    Und der Pastor will dir desgleichen empfohlen sein; nur die Herrschaften
auf dem Lande waren ziemlich nchtern und schienen auch mich fr deinen Abschied
ohne Abschied verantwortlich machen zu wollen. Unsere Freundin Sidonie war sogar
spitz, und nur die gute Frau von Padden, zu der ich eigens vorgestern noch
hinberfuhr, freute sich aufrichtig ber deinen Gru und deine Liebeserklrung
an sie. Du seist eine reizende Frau, sagte sie, aber ich sollte dich gut hten.
Und als ich ihr erwiderte: Du fndest schon, da ich mehr ein Erzieher als ein
Ehemann sei, sagte sie halblaut und beinahe wie abwesend: Ein junges Lmmchen
wei wie Schnee. Und dann brach sie ab.
    Vetter Briest lachte. Ein junges Lmmchen wei wie Schnee... Da hrst du's,
Cousine. Und er wollte sie zu necken fortfahren, gab es aber auf, als er sah,
da sie sich verfrbte.
    Das Gesprch, das meist zurckliegende Verhltnisse berhrte, spann sich
noch eine Weile weiter, und Effi erfuhr zuletzt aus diesem und jenem, was
Innstetten mitteilte, da sich von dem ganzen Kessiner Hausstande nur Johanna
bereit erklrt habe, die bersiedelung nach Berlin mitzumachen. Sie sei
natrlich noch zurckgeblieben, werde aber in zwei, drei Tagen mit dem Rest der
Sachen eintreffen; er sei froh ber ihren Entschlu, denn sie sei immer die
brauchbarste gewesen und von einem ausgesprochen grostdtischen Chic.
Vielleicht ein bichen zu sehr. Christel und Friedrich htten sich beide fr zu
alt erklrt, und mit Kruse zu verhandeln habe sich von vornherein verboten. Was
soll uns ein Kutscher hier? schlo Innstetten. Pferd und Wagen, das sind Tempi
passati, mit diesem Luxus ist es in Berlin vorbei. Nicht einmal das schwarze
Huhn htten wir unterbringen knnen. Oder unterschtz ich die Wohnung?
    Effi schttelte den Kopf, und als eine kleine Pause eintrat, erhob sich die
Mama; es sei bald elf, und sie habe noch einen weiten Weg, brigens solle sie
niemand begleiten, der Droschkenstand sei ja nah - ein Ansinnen, das Vetter
Briest natrlich ablehnte. Bald darauf trennte man sich, nachdem noch Rendezvous
fr den andern Vormittag verabredet war.
    Effi war ziemlich frh auf und hatte - die Luft war beinahe sommerlich warm
- den Kaffeetisch bis nahe an die geffnete Balkontr rcken lassen, und als
Innstetten nun auch erschien, trat sie mit ihm auf den Balkon hinaus und sagte:
Nun, was sagst du? Du wolltest den Finkenschlag aus dem Tiergarten hren und
die Papageien aus dem Zoologischen. Ich wei nicht, ob beide dir den Gefallen
tun werden, aber mglich ist es. Hrst du wohl? Das kam von drben, drben aus
dem kleinen Park. Es ist nicht der eigentliche Tiergarten, aber doch beinah.
    Innstetten war entzckt und von einer Dankbarkeit, als ob Effi ihm das alles
persnlich herangezaubert habe. Dann setzten sie sich, und nun kam auch Annie.
Roswitha verlangte, da Innstetten eine groe Vernderung an dem Kinde finden
solle, was er denn auch schlielich tat. Und dann plauderten sie weiter,
abwechselnd ber die Kessiner und die in Berlin zu machenden Visiten und ganz
zuletzt auch ber eine Sommerreise.
    Mitten im Gesprch aber muten sie abbrechen, um rechtzeitig beim Rendezvous
erscheinen zu knnen.

Man traf sich, wie verabredet, bei Helms, gegenber dem Roten Schlo, besuchte
verschiedene Lden, a bei Hiller und war bei guter Zeit wieder zu Haus. Es war
ein gelungenes Beisammensein gewesen, Innstetten herzlich froh, das
grostdtische Leben wieder mitmachen und auf sich wirken lassen zu knnen. Tags
darauf, am 1. April, begab er sich in das Kanzlerpalais, um sich einzuschreiben
(eine persnliche Gratulation unterlie er aus Rcksicht), und ging dann aufs
Ministerium, um sich da zu melden. Er wurde auch angenommen, trotzdem es ein
geschftlich und gesellschaftlich sehr unruhiger Tag war, ja, sah sich seitens
seines Chefs durch besonders entgegenkommende Liebenswrdigkeit ausgezeichnet.
Er wisse, was er an ihm habe, und sei sicher, ihr Einvernehmen nie gestrt zu
sehen.
    Auch im Hause gestaltete sich alles zum Guten. Ein aufrichtiges Bedauern war
es fr Effi, die Mama, nachdem diese, wie gleich anfnglich vermutet, fast sechs
Wochen lang in Kur gewesen, nach Hohen-Cremmen zurckkehren zu sehen, ein
Bedauern, das nur dadurch einigermaen gemildert wurde, da sich Johanna
denselben Tag noch in Berlin einstellte. Das war immerhin was, und wenn die
hbsche Blondine dem Herzen Effis auch nicht ganz so nahestand wie die ganz
selbstsuchtslose und unendlich gutmtige Roswitha, so war sie doch gleichmig
angesehen, ebenso bei Innstetten wie bei ihrer jungen Herrin, weil sie sehr
geschickt und brauchbar und der Mnnerwelt gegenber von einer ausgesprochenen
und selbstbewuten Reserviertheit war. Einem Kessiner on dit zufolge lieen sich
die Wurzeln ihrer Existenz auf eine lngst pensionierte Gre der Garnison
Pasewalk zurckfhren, woraus man sich auch ihre vornehme Gesinnung, ihr schnes
blondes Haar und die besondere Plastik ihrer Gesamterscheinung erklren wollte.
Johanna selbst teilte die Freude, die man allerseits ber ihr Eintreffen
empfand, und war durchaus einverstanden damit, als Hausmdchen und Jungfer, ganz
wie frher, den Dienst bei Effi zu bernehmen, whrend Roswitha, die der
Christel in beinahe Jahresfrist ihre Kochknste so ziemlich abgelernt hatte, dem
Kchendepartement vorstehen sollte. Annies Abwartung und Pflege fiel Effi selber
zu, worber Roswitha freilich lachte. Denn sie kannte die jungen Frauen.
    Innstetten lebte ganz seinem Dienst und seinem Haus. Er war glcklicher als
vordem in Kessin, weil ihm nicht entging, da Effi sich unbefangener und
heiterer gab. Und das konnte sie, weil sie sich freier fhlte. Wohl blickte das
Vergangene noch in ihr Leben hinein, aber es ngstigte sie nicht mehr, oder doch
um vieles seltener und vorbergehender, und alles, was davon noch in ihr
nachzitterte, gab ihrer Haltung einen eigenen Reiz. In jeglichem, was sie tat,
lag etwas Wehmtiges, wie eine Abbitte, und es htte sie glcklich gemacht, dies
alles noch deutlicher zeigen zu knnen. Aber das verbot sich freilich.
    Das gesellschaftliche Leben der groen Stadt war, als sie whrend der ersten
Aprilwochen ihre Besuche machten, noch nicht vorber, wohl aber im Erlschen,
und so kam es fr sie zu keiner rechten Teilnahme mehr daran. In der zweiten
Hlfte des Mai starb es dann ganz hin, und mehr noch als vorher war man
glcklich, sich in der Mittagsstunde, wenn Innstetten von seinem Ministerium
kam, im Tiergarten treffen oder nachmittags einen Spaziergang nach dem
Charlottenburger Schlogarten machen zu knnen. Effi sah sich, wenn sie die
lange Front zwischen dem Schlo und den Orangeriebumen auf und ab schritt,
immer wieder die massenhaft dort stehenden rmischen Kaiser an, fand eine
merkwrdige hnlichkeit zwischen Nero und Titus, sammelte Tannenpfel, die von
den Trauertannen gefallen waren, und ging dann, Arm in Arm mit ihrem Manne, bis
auf das nach der Spree hin einsam gelegene Belvedere zu.
    Da drin soll es auch einmal gespukt haben, sagte sie.
    Nein, blo Geistererscheinungen.
    Das ist dasselbe.
    Ja, zuweilen, sagte Innstetten. Aber eigentlich ist doch ein Unterschied.
Geistererscheinungen werden immer gemacht - wenigstens soll es hier in dem
Belvedere so gewesen sein, wie mir Vetter Briest erst gestern noch erzhlte -,
Spuk aber wird nie gemacht, Spuk ist natrlich.
    Also glaubst du doch dran?
    Gewi glaub ich dran. Es gibt so was. Nur an das, was wir in Kessin davon
hatten, glaub ich nicht recht. Hat dir denn Johanna schon ihren Chinesen
gezeigt?
    Welchen?
    Nun, unsern. Sie hat ihn, eh sie unser altes Haus verlie, oben von der
Stuhllehne abgelst und ihn ins Portemonnaie gelegt. Als ich mir neulich ein
Markstck bei ihr wechselte, hab ich ihn gesehen. Und sie hat es mir auch
verlegen besttigt.
    Ach, Geert, das httest du mir nicht sagen sollen. Nun ist doch wieder so
was in unserm Hause.
    Sag ihr, da sie ihn verbrennt.
    Nein, das mag ich auch nicht, und das hilft auch nichts. Aber ich will
Roswitha bitten...
    Um was? Ah, ich verstehe schon, ich ahne, was du vorhast. Die soll ein
Heiligenbild kaufen und es dann auch ins Portemonnaie tun. Ist es so was?
    Effi nickte.
    Nun, tu, was du willst. Aber sag es niemandem.
    Effi meinte dann schlielich, es lieber doch lassen zu wollen, und unter
allerhand kleinem Geplauder, in welchem die Reiseplne fr den Sommer mehr und
mehr Platz gewannen, fuhren sie bis an den Groen Stern zurck und gingen dann
durch die Korso-Allee und die breite Friedrich-Wilhelms-Strae auf ihre Wohnung
zu.

Sie hatten vor, schon Ende Juli Urlaub zu nehmen und ins bayerische Gebirge zu
gehen, wo gerade in diesem Jahre wieder die Oberammergauer Spiele stattfanden.
Es lie sich aber nicht tun; Geheimrat von Wllersdorf, den Innstetten schon von
frher her kannte und der jetzt sein Spezialkollege war, erkrankte pltzlich,
und Innstetten mute bleiben und ihn vertreten. Erst Mitte August war alles
wieder beglichen und damit die Reisemglichkeit gegeben; es war aber nun zu spt
geworden, um noch nach Oberammergau zu gehen, und so entschied man sich fr
einen Aufenthalt auf Rgen. Zunchst natrlich Stralsund, mit Schill, den du
kennst, und mit Scheele, den du nicht kennst und der den Sauerstoff entdeckte
was man aber nicht zu wissen braucht. Und dann von Stralsund nach Bergen und dem
Rugard, von wo man, wie mir Wllersdorf sagte, die ganze Insel bersehen kann,
und dann zwischen dem Groen und Kleinen Jasmunder Bodden hin, bis nach Sanitz.
Denn nach Rgen reisen heit nach Sanitz reisen. Binz ginge vielleicht auch
noch, aber da sind - ich mu Wllersdorf noch einmal zitieren - so viele kleine
Steinchen und Muschelschalen am Strande, und wir wollen doch baden.
    Effi war einverstanden mit allem, was von seiten Innstettens geplant wurde,
vor allem auch damit, da der ganze Hausstand auf vier Wochen aufgelst werden
und Roswitha mit Annie nach Hohen-Cremmen, Johanna aber zu ihrem etwas jngeren
Halbbruder reisen sollte, der bei Pasewalk eine Schneidemhle hatte. So war
alles gut untergebracht. Mit Beginn der nchsten Woche brach man denn auch
wirklich auf, und am selben Abende noch war man in Sanitz. ber dem Gasthause
stand Hotel Fahrenheit. Die Preise hoffentlich nach Raumur, setzte
Innstetten, als er den Namen las, hinzu, und in bester Laune machten beide noch
einen Abendspaziergang an dem Klippenstrande hin und sahen von einem
Felsenvorsprung aus auf die stille, vom Mondschein berzitterte Bucht. Effi war
entzckt. Ach, Geert, das ist ja Capri, das ist ja Sorrent. Ja, hier bleiben
wir. Aber natrlich nicht im Hotel; die Kellner sind mir zu vornehm, und man
geniert sich, um eine Flasche Sodawasser zu bitten...
    Ja, lauter Attachs. Es wird sich aber wohl eine Privatwohnung finden
lassen.
    Denk ich auch. Und wir wollen gleich morgen danach aussehen.
    Schn wie der Abend war der Morgen, und man nahm das Frhstck im Freien.
Innstetten empfing etliche Briefe, die schnell erledigt werden muten, und so
beschlo Effi, die fr sie frei gewordene Stunde sofort zur Wohnungssuche zu
benutzen. Sie ging erst an einer eingepferchten Wiese, dann an Husergruppen und
Haferfeldern vorber und bog zuletzt in einen Weg ein, der schluchtartig auf das
Meer zulief. Da, wo dieser Schluchtenweg den Strand traf, stand ein von hohen
Buchen berschattetes Gasthaus, nicht so vornehm wie das Fahrenheitsche, mehr
ein bloes Restaurant, in dem, der frhen Stunde halber, noch alles leer war.
Effi nahm an einem Aussichtspunkte Platz, und kaum da sie von dem Sherry, den
sie bestellt, genippt hatte, so trat auch schon der Wirt an sie heran, um halb
aus Neugier und halb aus Artigkeit ein Gesprch mit ihr anzuknpfen.
    Es gefllt uns sehr gut hier, sagte sie, meinem Manne und mir; welch
prchtiger Blick ber die Bucht, und wir sind nur in Sorge wegen einer Wohnung.
    Ja, gndigste Frau, das wird schwerhalten . .
    Es ist aber schon spt im Jahr...
    Trotzdem. Hier in Sanitz ist sicherlich nichts zu finden, dafr mcht ich
mich verbrgen; aber weiter hin am Strand, wo das nchste Dorf anfngt, Sie
knnen die Dcher von hier aus blinken sehen, da mcht es vielleicht sein.
    Und wie heit das Dorf?
    Crampas.
    Effi glaubte nicht recht gehrt zu haben. Crampas, wiederholte sie mit
Anstrengung. Ich habe den Namen als Ortsnamen nie gehrt... Und sonst nichts in
der Nhe?
    Nein, gndigste Frau. Hierherum nichts. Aber hher hinauf, nach Norden zu,
da kommen noch wieder Drfer, und in dem Gasthause, das dicht neben
Stubbenkammer liegt, wird man Ihnen gewi Auskunft gehen knnen. Es werden dort
von solchen, die gerne noch vermieten wollen, immer Adressen abgegeben.
    Effi war froh, das Gesprch allein gefhrt zu haben, und als sie bald danach
ihrem Manne Bericht erstattet und nur den Namen des an Sanitz angrenzenden
Dorfes verschwiegen hatte, sagte dieser: Nun, wenn es hierherum nichts gibt, so
wird es das beste sein, wir nehmen einen Wagen (wodurch man sich beilufig einem
Hotel immer empfiehlt) und bersiedeln ohne weiteres da hher hinauf, nach
Stubbenkammer hin. Irgendwas Idyllisches mit einer Geiblattlaube wird sich da
wohl finden lassen, und finden wir nichts, so bleibt uns immer noch das Hotel
selbst. Eins ist schlielich wie das andere.
    Effi war einverstanden, und gegen Mittag schon erreichten sie das neben
Stubbenkammer gelegene Gasthaus, von dem Innstetten eben gesprochen, und
bestellten daselbst einen Imbi. Aber erst nach einer halben Stunde; wir haben
vor, zunchst noch einen Spaziergang zu machen und uns den Herthasee anzusehen.
Ein Fhrer ist doch wohl da?
    Dies wurde bejaht, und ein Mann von mittleren Jahren trat alsbald an unsere
Reisenden heran. Er sah so wichtig und feierlich aus, als ob er mindestens ein
Adjunkt bei dem alten Herthadienst gewesen wre.
    Der von hohen Bumen umstandene See lag ganz in der Nhe, Binsen sumten ihn
ein, und auf der stillen, schwarzen Wasserflche schwammen zahlreiche Mummeln.
    Es sieht wirklich nach so was aus, sagte Effi, nach Herthadienst.
    Ja, gnd'ge Frau... Dessen sind auch noch die Steine Zeugen.
    Welche Steine?
    Die Opfersteine.
    Und whrend sich das Gesprch in dieser Weise fortsetzte, traten alle drei
vom See her an eine senkrecht abgestochene Kies- und Lehmwand heran, an die sich
etliche glattpolierte Steine lehnten, alle mit einer flachen Hhlung und
etlichen nach unten laufenden Rinnen.
    Und was bezwecken die?
    Da es besser abliefe, gnd'ge Frau.
    La uns gehen, sagte Effi, und den Arm ihres Mannes nehmend, ging sie mit
ihm wieder auf das Gasthaus zurck, wo nun, an einer Stelle mit weitem Ausblick
auf das Meer, das vorher bestellte Frhstck aufgetragen wurde. Die Bucht lag im
Sonnenlichte vor ihnen, einzelne Segelboote glitten darber hin, und um die
benachbarten Klippen haschten sich die Mwen. Es war sehr schn, auch Effi fand
es, aber wenn sie dann ber die glitzernde Flche hinwegsah, bemerkte sie, nach
Sden zu, wieder die hell aufleuchtenden Dcher des langgestreckten Dorfes,
dessen Name sie heute frh so sehr erschreckt hatte.
    Innstetten, wenn auch ohne Wissen und Ahnung dessen, was in ihr vorging, sah
doch deutlich, da es ihr an aller Lust und Freude gebrach. Es tut mir leid,
Effi, da du der Sache hier nicht recht froh wirst. Du kannst den Herthasee
nicht vergessen und noch weniger die Steine.
    Sie nickte. Es ist so, wie du sagst. Und ich mu dir bekennen, ich habe
nichts in meinem Leben gesehen, was mich so traurig gestimmt htte. Wir wollen
das Wohnungssuchen ganz aufgeben; ich kann hier nicht bleiben.
    Und gestern war es dir noch der Golf von Neapel und alles mgliche Schne.
    Ja, gestern.
    Und heute? Heute keine Spur mehr von Sorrent?
    Eine Spur noch, aber auch nur eine Spur; es ist Sorrent, als ob es sterben
wollte.
    Gut dann, Effi, sagte Innstetten und reichte ihr die Hand. Ich will dich
mit Rgen nicht qulen, und so geben wir's denn auf. Abgemacht. Es ist nicht
ntig, da wir uns an Stubbenkammer anklammern oder an Sanitz oder da weiter
hinunter. Aber wohin?
    Ich denke, wir bleiben noch einen Tag und warten das Dampfschiff ab, das,
wenn ich nicht irre, morgen von Stettin kommt und nach Kopenhagen hinberfhrt.
Da soll es ja so vergnglich sein, und ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr
ich mich nach etwas Vergnglichem sehne. Hier ist mir, als ob ich in meinem
ganzen Leben nicht mehr lachen knnte und berhaupt nie gelacht htte, und du
weit doch, wie gern ich lache.
    Innstetten zeigte sich voll Teilnahme mit ihrem Zustand, und das um so
lieber, als er ihr in vielem recht gab. Es war wirklich alles schwermtig, so
schn es war.
    Und so warteten sie denn das Stettiner Schiff ab und trafen am dritten Tage
in aller Frhe in Kopenhagen ein, wo sie auf Kongens Nytorv Wohnung nahmen. Zwei
Stunden spter waren sie schon im Thorwaldsen-Museum, und Effi sagte: Ja,
Geert, das ist schn, und ich bin glcklich, da wir uns hierher auf den Weg
gemacht haben. Bald danach gingen sie zu Tisch und machten an der Table d'hte
die Bekanntschaft einer ihnen gegenbersitzenden jtlndischen Familie, deren
bildschne Tochter, Thora von Penz, ebenso Innstettens wie Effis beinah
bewundernde Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm. Effi konnte sich nicht satt
sehen an den groen, blauen Augen und dem flachsblonden Haar, und als man sich
nach anderthalb Stunden von Tisch erhob, wurde seitens der Penzschen Familie -
die leider, denselben Tag noch, Kopenhagen wieder verlassen mute - die Hoffnung
ausgesprochen, das junge preuische Paar mit nchstem in Schlo Aggerhuus (eine
halbe Meile vom Limfjord) begren zu drfen, eine Einladung, die von den
Innstettens auch ohne langes Zgern angenommen wurde. So vergingen die Stunden
im Hotel. Aber damit war es nicht genug des Guten an diesem denkwrdigen Tage,
von dem Effi denn auch versicherte, da er im Kalender rot angestrichen werden
msse. Der Abend brachte, das Ma des Glcks voll zu machen, eine Vorstellung im
Tivoli-Theater: eine italienische Pantomime, Arlequin und Colombine. Effi war
wie berauscht von den kleinen Schelmereien, und als sie spt am Abend nach ihrem
Hotel zurckkehrten, sagte sie: Weit du, Geert, nun fhl ich doch, da ich
allmhlich wieder zu mir komme. Von der schnen Thora will ich gar nicht erst
sprechen; aber wenn ich bedenke, heute vormittag Thorwaldsen und heute abend
diese Colombine...
    ... die dir im Grunde doch noch lieber war als Thorwaldsen...
    Offen gestanden, ja. Ich habe nun mal den Sinn fr dergleichen. Unser gutes
Kessin war ein Unglck fr mich. Alles fiel mir da auf die Nerven. Rgen beinah
auch. Ich denke, wir bleiben noch ein paar Tage hier in Kopenhagen, natrlich
mit Ausflug nach Frederiksborg und Helsingr, und dann nach Jtland hinber; ich
freue mich aufrichtig, die schne Thora wiederzusehen, und wenn ich ein Mann
wre, so verliebte ich mich in sie.
    Innstetten lachte. Du weit noch nicht, was ich tue.
    Wr mir schon recht. Dann gibt es einen Wettstreit, und du sollst sehen,
dann hab ich auch noch meine Krfte.
    Das brauchst du mir nicht erst zu versichern.

So verlief denn auch die Reise. Drben in Jtland fuhren sie den Limfjord
hinauf, bis Schlo Aggerhuus, wo sie drei Tage bei der Penzschen Familie
verblieben, und kehrten dann mit vielen Stationen und krzeren und lngeren
Aufenthalten in Viborg, Flensburg, Kiel ber Hamburg (das ihnen ungemein gefiel)
in die Heimat zurck - nicht direkt nach Berlin in die Keithstrae, wohl aber
vorher nach Hohen-Cremmen, wo man sich nun einer wohlverdienten Ruhe hingeben
wollte. Fr Innstetten bedeutete das nur wenige Tage, da sein Urlaub abgelaufen
war, Effi blieb aber noch eine Woche lnger und sprach es aus, erst zum dritten
Oktober, ihrem Hochzeitstage, wieder zu Haus eintreffen zu wollen.
    Annie war in der Landluft prchtig gediehen, und was Roswitha geplant hatte,
da sie der Mama in Stiefelchen entgegenlaufen sollte, das gelang auch
vollkommen. Briest gab sich als zrtlicher Grovater, warnte vor zuviel Liebe,
noch mehr vor zuviel Strenge, und war in allem der alte. Eigentlich aber galt
seine Zrtlichkeit doch nur Effi, mit der er sich in seinem Gemt immer
beschftigte, zumeist auch, wenn er mit seiner Frau allein war.
    Wie findest du Effi?
    Lieb und gut wie immer. Wir knnen Gott nicht genug danken, eine so
liebenswrdige Tochter zu haben. Und wie dankbar sie fr alles ist und immer so
glcklich, wieder unter unserm Dach zu sein.
    Ja, sagte Briest, sie hat von dieser Tugend mehr, als mir lieb ist.
Eigentlich ist es, als wre dies hier immer noch ihre Heimsttte. Sie hat doch
den Mann und das Kind, und der Mann ist ein Juwel, und das Kind ist ein Engel,
aber dabei tut sie, als wre Hohen-Cremmen immer noch die Hauptsache fr sie und
Mann und Kind kmen gegen uns beide nicht an. Sie ist eine prchtige Tochter,
aber sie ist es mir zu sehr. Es ngstigt mich ein bichen. Und ist auch
ungerecht gegen Innstetten. Wie steht es denn eigentlich damit?
    Ja, Briest, was meinst du?
    Nun, ich meine, was ich meine, und du weit auch was. Ist sie glcklich?
Oder ist da doch irgendwas im Wege? Von Anfang an war mir's so, als ob sie ihn
mehr schtze als liebe. Und das ist in meinen Augen ein schlimm Ding. Liebe hlt
auch nicht immer vor, aber Schtzung gewi nicht. Eigentlich rgern sich die
Weiber, wenn sie wen schtzen mssen; erst rgern sie sich, und dann langweilen
sie sich, und zuletzt lachen sie.
    Hast du so was an dir selber erfahren?
    Das will ich nicht sagen. Dazu stand ich nicht hoch genug in der Schtzung.
Aber schrauben wir uns nicht weiter, Luise. Sage, wie steht es?
    Ja, Briest, du kommst immer auf diese Dinge zurck. Da reicht ja kein
dutzendmal, da wir darber gesprochen und unsere Meinungen ausgetauscht haben,
und immer bist du wieder da mit deinem Alles-wissen-Wollen und fragst dabei so
schrecklich naiv, als ob ich in alle Tiefen she. Was hast du nur fr
Vorstellungen von einer jungen Frau und ganz speziell von deiner Tochter?
Glaubst du, da das alles so plan daliegt? Oder da ich ein Orakel bin (ich kann
mich nicht gleich auf den Namen der Person besinnen) oder da ich die Wahrheit
sofort klipp und klar in den Hnden halte, wenn mir Effi ihr Herz ausgeschttet
hat? Oder was man wenigstens so nennt. Denn was heit ausschtten? Das
Eigentliche bleibt doch zurck. Sie wird sich hten, mich in ihre Geheimnisse
einzuweihen. Auerdem, ich wei nicht, von wem sie's hat, sie ist... ja, sie ist
eine sehr schlaue kleine Person, und diese Schlauheit an ihr ist um so
gefhrlicher, weil sie so sehr liebenswrdig ist.
    Also das gibst du doch zu... liebenswrdig. Und auch gut?
    Auch gut. Das heit voll Herzensgte. Wie's sonst steht, da bin ich mir
doch nicht sicher; ich glaube, sie hat einen Zug, den lieben Gott einen guten
Mann sein zu lassen und sich zu trsten, er werde wohl nicht allzu streng mit
ihr sein.
    Meinst du?
    Ja, das mein ich. brigens glaube ich, da sich vieles gebessert hat. Ihr
Charakter ist, wie er ist, aber die Verhltnisse liegen seit ihrer bersiedlung
um vieles gnstiger, und sie leben sich mehr und mehr ineinander ein. Sie hat
mir so was gesagt, und, was mir wichtiger ist, ich hab es auch besttigt
gefunden, mit Augen gesehen.
    Nun, was sagte sie?
    Sie sagte: Mama, es geht jetzt besser. Innstetten war immer ein
vortrefflicher Mann, so einer, wie's nicht viele gibt, aber ich konnte nicht
recht an ihn heran, er hatte so was Fremdes. Und fremd war er auch in seiner
Zrtlichkeit. Ja, dann am meisten; es hat Zeiten gegeben, wo ich mich davor
frchtete.
    Kenn ich, kenn ich.
    Was soll das heien, Briest? Soll ich mich gefrchtet haben oder willst du
dich gefrchtet haben? Ich finde beides gleich lcherlich...
    Du wolltest von Effi erzhlen.
    Nun also, sie gestand mir, da dies Gefhl des Fremden sie verlassen habe,
was sie sehr glcklich mache. Kessin sei nicht der rechte Platz fr sie gewesen,
das spukige Haus und die Menschen da, die einen zu fromm, die andern zu platt,
aber seit ihrer bersiedlung nach Berlin fhle sie sich ganz an ihrem Platz. Er
sei der beste Mensch, etwas zu alt fr sie und zu gut fr sie, aber sie sei nun
ber den Berg. Sie brauchte diesen Ausdruck, der mir allerdings auffiel.
    Wieso? Er ist nicht ganz auf der Hhe, ich meine, der Ausdruck. Aber...
    Es steckt etwas dahinter. Und sie hat mir das auch andeuten wollen.
    Meinst du?
    Ja, Briest; du glaubst immer, sie knne kein Wasser trben. Aber darin
irrst du. Sie lt sich gern treiben, und wenn die Welle gut ist, dann ist sie
auch selber gut. Kampf und Widerstand sind nicht ihre Sache.
    Roswitha kam mit Annie, und so brach das Gesprch ab.

Dies Gesprch fhrten Briest und Frau an demselben Tage, wo Innstetten von
Hohen-Cremmen nach Berlin hin abgereist war, Effi auf wenigstens noch eine Woche
zurcklassend. Er wute, da es nichts Schneres fr sie gab, als so sorglos in
einer weichen Stimmung hintrumen zu knnen, immer freundliche Worte zu hren
und die Versicherung, wie liebenswrdig sie sei. Ja, das war das, was ihr vor
allem wohltat, und sie geno es auch diesmal wieder in vollen Zgen und aufs
dankbarste, trotzdem jede Zerstreuung fehlte; Besuch kam selten, weil es seit
ihrer Verheiratung, wenigstens fr die junge Welt, an dem rechten
Anziehungspunkte gebrach, und selbst die Pfarre und die Schule waren nicht mehr
das, was sie noch vor Jahr und Tag gewesen waren. Zumal im Schulhause stand
alles halb leer. Die Zwillinge hatten sich im Frhjahr an zwei Lehrer in der
Nhe von Genthin verheiratet, groe Doppelhochzeit mit Festbericht im Anzeiger
frs Havelland, und Hulda war in Friesack zur Pflege einer alten Erbtante, die
sich brigens, wie gewhnlich in solchen Fllen, um sehr viel langlebiger
erwies, als Niemeyers angenommen hatten. Hulda schrieb aber trotzdem immer
zufriedene Briefe, nicht weil sie wirklich zufrieden war (im Gegenteil), sondern
weil sie den Verdacht nicht aufkommen lassen wollte, da es einem so
ausgezeichneten Wesen anders als sehr gut ergehen knne. Niemeyer, ein schwacher
Vater, zeigte die Briefe mit Stolz und Freude, whrend der ebenfalls ganz in
seinen Tchtern lebende Jahnke sich herausgerechnet hatte, da beide junge
Frauen am selben Tage, und zwar am Weihnachtsheiligabend, ihre Niederkunft
halten wrden. Effi lachte herzlich und drckte dem Grovater in spe zunchst
den Wunsch aus, beiden Enkeln zu Gevatter geladen zu werden, lie dann aber die
Familienthemata fallen und erzhlte von Kjbenhavn und Helsingr, vom Limfjord
und Schlo Aggerhuus und vor allem von Thora von Penz, die, wie sie nur sagen
knne, typisch skandinavisch gewesen sei, blauugig, flachsen und immer in
einer roten Plschtaille, wobei sich Jahnke verklrte und ein Mal ber das
andere sagte: Ja, so sind sie; rein germanisch, viel deutscher als die
Deutschen.
    An ihrem Hochzeitstage, dem dritten Oktober, wollte Effi wieder in Berlin
sein. Nun war es der Abend vorher, und unter dem Vorgeben, da sie packen und
alles zur Rckreise vorbereiten wolle, hatte sie sich schon verhltnismig frh
auf ihr Zimmer zurckgezogen. Eigentlich lag ihr aber nur daran, allein zu sein;
so gern sie plauderte, so hatte sie doch auch Stunden, wo sie sich nach Ruhe
sehnte.
    Die von ihr im Oberstock bewohnten Zimmer lagen nach dem Garten hinaus; in
dem kleineren schlief Roswitha und Annie, die Tr nur angelehnt, in dem
greren, das sie selber innehatte, ging sie auf und ab: die unteren
Fensterflgel waren geffnet, und die kleinen weien Gardinen bauschten sich in
dem Zuge, der ging, und fielen dann langsam ber die Stuhllehne, bis ein neuer
Zugwind kam und sie wieder frei machte. Dabei war es so hell, da man die
Unterschriften unter den ber dem Sofa hngenden und in schmale Goldleisten
eingerahmten Bildern deutlich lesen konnte: Der Sturm auf Dppel, Schanze V,
und daneben: Knig Wilhelm und Graf Bismarck auf der Hhe von Lipa. Effi
schttelte den Kopf und lchelte. Wenn ich wieder hier bin, bitt ich mir andere
Bilder aus; ich kann so was Kriegerisches nicht leiden. Und nun schlo sie das
eine Fenster und setzte sich an das andere, dessen Flgel sie offenlie. Wie tat
ihr das alles so wohl. Neben dem Kirchturm stand der Mond und warf sein Licht
auch auf den Rasenplatz mit der Sonnenuhr und den Heliotropbeeten. Alles
schimmerte silbern, und neben den Schattenstreifen lagen weie Lichtstreifen, so
wei, als lge Leinwand auf der Bleiche. Weiter hin aber standen die hohen
Rhabarberstauden wieder, die Bltter herbstlich gelb, und sie mute des Tages
gedenken, nun erst wenig ber zwei Jahre, wo sie hier mit Hulda und den
Jahnkeschen Mdchen gespielt hatte. Und dann war sie, als der Besuch kam, die
kleine Steintreppe neben der Bank hinaufgestiegen, und eine Stunde spter war
sie Braut.
    Sie erhob sich und ging auf die Tr zu und horchte: Roswitha schlief schon
und Annie auch.
    Und mit einem Male, whrend sie das Kind so vor sich hatte, traten ungerufen
allerlei Bilder aus den Kessiner Tagen wieder vor ihre Seele: das landrtliche
Haus mit seinem Giebel und die Veranda mit dem Blick auf die Plantage, und sie
sa im Schaukelstuhl und wiegte sich; und nun trat Crampas an sie heran, um sie
zu begren, und dann kam Roswitha mit dem Kinde, und sie nahm es und hob es
hoch in die Hhe und kte es.
    Das war der erste Tag; da fing es an. Und whrend sie dem nachhing,
verlie sie das Zimmer, drin die beiden schliefen, und setzte sich wieder an das
offene Fenster und sah in die stille Nacht hinaus.
    Ich kann es nicht loswerden, sagte sie. Und was das schlimmste ist und
mich ganz irremacht an mir selbst...
    In diesem Augenblicke setzte die Turmuhr drben ein, und Effi zhlte die
Schlge.
    Zehn... Und morgen um diese Stunde bin ich in Berlin. Und wir sprechen
davon, da unser Hochzeitstag sei, und er sagt mir Liebes und Freundliches und
vielleicht Zrtliches. Und ich sitze dabei und hre es und habe die Schuld auf
meiner Seele.
    Und sie sttzte den Kopf auf ihre Hand und starrte vor sich hin und schwieg.
    Und habe die Schuld auf meiner Seele, wiederholte sie. Ja, da hab ich
sie. Aber lastet sie auch auf meiner Seele? Nein. Und das ist es, warum ich vor
mir selbst erschrecke. Was da lastet, das ist etwas ganz anderes - Angst,
Todesangst und die ewige Furcht: es kommt doch am Ende noch an den Tag. Und dann
auer der Angst... Scham. Ich schme mich. Aber wie ich nicht die rechte Reue
habe, so hab ich auch nicht die rechte Scham. Ich schme mich blo von wegen dem
ewigen Lug und Trug; immer war es mein Stolz, da ich nicht lgen knne und auch
nicht zu lgen brauche, lgen ist so gemein, und nun habe ich doch immer lgen
mssen, vor ihm und vor aller Welt, im groen und im kleinen, und Rummschttel
hat es gemerkt und hat die Achseln gezuckt, und wer wei, was er von mir denkt,
jedenfalls nicht das Beste. Ja, Angst qult mich und dazu Scham ber mein
Lgenspiel. Aber Scham ber meine Schuld, die hab ich nicht oder doch nicht so
recht oder doch nicht genug, und das bringt mich um, da ich sie nicht habe.
Wenn alle Weiber so sind, dann ist es schrecklich, und wenn sie nicht so sind,
wie ich hoffe, dann steht es schlecht um mich, dann ist etwas nicht in Ordnung
in meiner Seele, dann fehlt mir das richtige Gefhl. Und das hat mir der alte
Niemeyer in seinen guten Tagen noch, als ich noch ein halbes Kind war, mal
gesagt: auf ein richtiges Gefhl, darauf kme es an, und wenn man das habe, dann
knne einem das Schlimmste nicht passieren, und wenn man es nicht habe, dann sei
man in einer ewigen Gefahr, und das, was man den Teufel nenne, das habe dann
eine sichere Macht ber uns. Um Gottes Barmherzigkeit willen, steht es so mit
mir?
    Und sie legte den Kopf in ihre Arme und weinte bitterlich.
    Als sie sich wieder aufrichtete, war sie ruhiger geworden und sah wieder in
den Garten hinaus. Alles war so still, und ein leiser, feiner Ton, wie wenn es
regnete, traf von den Platanen her ihr Ohr.
    So verging eine Weile. Herber von der Dorfstrae klang ein Geplrr: der
alte Nachtwchter Kulicke rief die Stunden ab, und als er zuletzt schwieg,
vernahm sie von fern her, aber immer nher kommend, das Rasseln des Zuges, der,
auf eine halbe Meile Entfernung, an Hohen-Cremmen vorberfuhr. Dann wurde der
Lrm wieder schwcher, endlich erstarb er ganz, und nur der Mondschein lag noch
auf dem Grasplatz, und nur auf die Platanen rauschte es nach wie vor wie leiser
Regen nieder.
    Aber es war nur die Nachtluft, die ging.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Am andern Abend war Effi wieder in Berlin, und Innstetten empfing sie am
Bahnhof, mit ihm Rollo, der, als sie plaudernd durch den Tiergarten hinfuhren,
nebenhertrabte.
    Ich dachte schon, du wrdest nicht Wort halten.
    Aber Geert, ich werde doch Wort halten, das ist doch das erste.
    Sage das nicht. Immer Wort halten ist sehr viel. Und mitunter kann man auch
nicht. Denke doch zurck. Ich erwartete dich damals in Kessin, als du die
Wohnung mietetest, und wer nicht kam, war Effi.
    Ja, das war was anderes.
    Sie mochte nicht sagen, ich war krank, und Innstetten hrte drber hin. Er
hatte seinen Kopf auch voll anderer Dinge, die sich auf sein Amt und seine
gesellschaftliche Stellung bezogen. Eigentlich, Effi, fngt unser Berliner
Leben nun erst an. Als wir im April hier einzogen, damals ging es mit der Saison
auf die Neige, kaum noch, da wir unsere Besuche machen konnten, und
Wllersdorf, der einzige, dem wir nherstanden - nun, der ist leider
Junggeselle. Von Juni an schlft dann alles ein, und die heruntergelassenen
Rouleaux verknden einem schon auf hundert Schritt: Alles ausgeflogen; ob wahr
oder nicht, macht keinen Unterschied... Ja, was blieb da noch? Mal mit Vetter
Briest sprechen, mal bei Hiller essen, das ist kein richtiges Berliner Leben.
Aber nun soll es anders werden. Ich habe mir die Namen aller Rte notiert, die
noch mobil genug sind, um ein Haus zu machen. Und wir wollen es auch, wollen
auch ein Haus machen, und wenn der Winter dann da ist, dann soll es im ganzen
Ministerium heien: Ja, die liebenswrdigste Frau, die wir jetzt haben, das ist
doch die Frau von Innstetten.
    Ach, Geert, ich kenne dich ja gar nicht wieder, du sprichst ja wie ein
Courmacher.
    Es ist unser Hochzeitstag, und da mut du mir schon was zugute halten.

Innstetten war ernsthaft gewillt, auf das stille Leben, das er in seiner
landrtlichen Stellung gefhrt, ein gesellschaftlich angeregteres folgen zu
lassen, um seinet- und noch mehr um Effis willen; es lie sich aber anfangs nur
schwach und vereinzelt damit an, die rechte Zeit war noch nicht gekommen, und
das Beste, was man zunchst von dem neuen Leben hatte, war genauso wie whrend
des zurckliegenden Halbjahres ein Leben im Hause. Wllersdorf kam oft, auch
Vetter Briest, und waren die da, so schickte man zu Gizickis hinauf, einem
jungen Ehepaare, das ber ihnen wohnte. Gizicki selbst war Landgerichtsrat,
seine kluge, aufgeweckte Frau ein Frulein von Schmettau. Mitunter wurde
musiziert, kurze Zeit sogar ein Whist versucht; man gab es aber wieder auf, weil
man fand, da eine Plauderei gemtlicher wre. Gizickis hatten bis vor kurzem in
einer kleinen oberschlesischen Stadt gelebt, und Wllersdorf war sogar, freilich
vor einer Reihe von Jahren schon, in den verschiedensten kleinen Nestern der
Provinz Posen gewesen, weshalb er denn auch den bekannten Spottvers:

Schrimm
Ist schlimm,
Rogasen
Zum Rasen,
Aber weh dir nach Samter
Verdammter -

mit ebensoviel Emphase wie Vorliebe zu zitieren pflegte. Niemand erheiterte sich
dabei mehr als Effi, was dann meistens Veranlassung wurde, kleinstdtische
Geschichten in Hlle und Flle folgen zu lassen. Auch Kessin - mit Gieshbler
und der Trippelli, mit Oberfrster Ring und Sidonie Grasenabb - kam dann wohl an
die Reihe, wobei sich Innstetten, wenn er guter Laune war, nicht leicht genugtun
konnte. Ja, so hie es dann wohl, unser gutes Kessin! Das mu ich zugeben, es
war eigentlich reich an Figuren, obenan Crampas, Major Crampas, ganz Beau und
halber Barbarossa, den meine Frau, ich wei nicht, soll ich sagen
unbegreiflicher- oder begreiflicherweise, stark in Affektion genommen hatte...
- Sagen wir begreiflicherweise, warf Wllersdorf ein, denn ich nehme an, da
er Ressourcenvorstand war und Komdie spielte, Liebhaber oder Bonvivants. Und
vielleicht noch mehr, vielleicht war er auch ein Tenor. Innstetten besttigte
das eine wie das andere, und Effi suchte lachend darauf einzugehen, aber es
gelang ihr nur mit Anstrengung, und wenn dann die Gste gingen und Innstetten
sich in sein Zimmer zurckzog, um noch einen Sto Akten abzuarbeiten, so fhlte
sie sich immer aufs neue von den alten Vorstellungen geqult, und es war ihr zu
Sinn, als ob ihr ein Schatten nachginge.
    Solche Bengstigungen blieben ihr auch. Aber sie kamen doch seltener und
schwcher, was bei der Art, wie sich ihr Leben gestaltete, nicht wundernehmen
konnte. Die Liebe, mit der ihr nicht nur Innstetten, sondern auch fernerstehende
Personen begegneten, und nicht zum wenigsten die beinah zrtliche Freundschaft,
die die Ministerin, eine selbst noch junge Frau, fr sie an den Tag legte - all
das lie die Sorgen und ngste zurckliegender Tage sich wenigstens mindern, und
als ein zweites Jahr ins Land gegangen war und die Kaiserin, bei Gelegenheit
einer neuen Stiftung, die Frau Geheimrtin mit ausgewhlt und in die Zahl der
Ehrendamen eingereiht, der alte Kaiser Wilhelm aber auf dem Hofball gndige,
huldvolle Worte an die schne, junge Frau, von der er schon gehrt habe,
gerichtet hatte, da fiel es allmhlich von ihr ab. Es war einmal gewesen, aber
weit, weit weg, wie auf einem andern Stern, und alles lste sich wie ein
Nebelbild und wurde Traum.
    Die Hohen-Cremmener kamen dann und wann auf Besuch und freuten sich des
Glcks der Kinder, Annie wuchs heran - schn wie die Gromutter, sagte der
alte Briest -, und wenn es an dem klaren Himmel eine Wolke gab, so war es die,
da es, wie man nun beinahe annehmen mute, bei Klein-Annie sein Bewenden haben
werde; Haus Innstetten (denn es gab nicht einmal Namensvettern) stand also
mutmalich auf dem Aussterbe-Etat. Briest, der den Fortbestand anderer Familien
obenhin behandelte, weil er eigentlich nur an die Briests glaubte, scherzte
mitunter darber und sagte: Ja, Innstetten, wenn das so weitergeht, so wird
Annie seinerzeit wohl einen Bankier heiraten (hoffentlich einen christlichen,
wenn's deren dann noch gibt), und mit Rcksicht auf das alte freiherrliche
Geschlecht der Innstetten wird dann Seine Majestt Annies Hautefinance-Kinder
unter dem Namen von der Innstetten im Gothaischen Kalender oder, was weniger
wichtig ist, in der preuischen Geschichte fortleben lassen - Ausfhrungen, die
von Innstetten selbst immer mit einer kleinen Verlegenheit, von Frau von Briest
mit Achselzucken, von Effi dagegen mit Heiterkeit aufgenommen wurden. Denn so
adelsstolz sie war, so war sie's doch nur fr ihre Person, und ein eleganter und
welterfahrener und vor allem sehr, sehr reicher Bankierschwiegersohn wre
durchaus nicht gegen ihre Wnsche gewesen.
    Ja, Effi nahm die Erbfolgefrage leicht, wie junge, reizende Frauen das tun;
als aber eine lange, lange Zeit - sie waren schon im siebenten Jahre in ihrer
neuen Stellung - vergangen war, wurde der alte Rummschttel, der auf dem Gebiete
der Gynkologie nicht ganz ohne Ruf war, durch Frau von Briest doch schlielich
zu Rate gezogen. Er verordnete Schwalbach. Weil aber Effi seit letztem Winter
auch an katarrhalischen Affektionen litt und ein paarmal sogar auf Lunge hin
behorcht worden war, so hie es abschlieend: Also zunchst Schwalbach, meine
Gndigste, sagen wir drei Wochen, und dann ebensolange Ems. Bei der Emser Kur
kann aber der Geheimrat zugegen sein. Bedeutet mithin alles in allem drei Wochen
Trennung. Mehr kann ich fr Sie nicht tun, lieber Innstetten.
    Damit war man denn auch einverstanden, und zwar sollte Effi, dahin ging ein
weiterer Beschlu, die Reise mit einer Geheimrtin Zwicker zusammen machen, wie
Briest sagte, zum Schutze dieser letzteren, worin er nicht ganz unrecht hatte,
da die Zwicker, trotz guter vierzig, eines Schutzes erheblich bedrftiger war
als Effi. Innstetten, der wieder viel mit Vertretung zu tun hatte, beklagte, da
er, von Schwalbach gar nicht zu reden, wahrscheinlich auch auf gemeinschaftliche
Tage in Ems werde verzichten mssen. Im brigen wurde der 24. Juni (Johannistag)
als Abreisetag festgesetzt, und Roswitha half der gndigen Frau beim Packen und
Aufschreiben der Wsche. Effi hatte noch immer die alte Liebe fr sie, war doch
Roswitha die einzige, mit der sie von all dem Zurckliegenden, von Kessin und
Crampas, von dem Chinesen und Kapitn Thomsens Nichte, frei und unbefangen reden
konnte.
    Sage, Roswitha, du bist doch eigentlich katholisch. Gehst du denn nie zur
Beichte?
    Nein.
    Warum nicht?
    Ich bin frher gegangen. Aber das Richtige hab ich doch nicht gesagt.
    Das ist sehr unrecht. Dann freilich kann es nicht helfen.
    Ach, gndigste Frau, bei mir im Dorfe machten es alle so. Und welche waren,
die kicherten blo.
    Hast du denn nie empfunden, da es ein Glck ist, wenn man etwas auf der
Seele hat, da es runter kann?
    Nein, gndigste Frau. Angst habe ich wohl gehabt, als mein Vater damals mit
dem glhenden Eisen auf mich loskam; ja, das war eine groe Furcht, aber weiter
war es nichts.
    Nicht vor Gott?
    Nicht so recht, gndigste Frau. Wenn man sich vor seinem Vater so frchtet,
wie ich mich gefrchtet habe, dann frchtet man sich nicht so sehr vor Gott. Ich
habe blo immer gedacht, der liebe Gott sei gut und werde mir armem Wurm schon
helfen.
    Effi lchelte und brach ab und fand es auch natrlich, da die arme Roswitha
so sprach, wie sie sprach. Sie sagte aber doch: Weit du, Roswitha, wenn ich
wiederkomme, mssen wir doch noch mal ernstlich drber reden. Es war doch
eigentlich eine groe Snde.
    Das mit dem Kinde, und da es verhungert ist? Ja, gndigste Frau, das war
es. Aber ich war es ja nicht, das waren ja die anderen... Und dann ist es auch
schon so sehr lange her.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Effi war nun schon in die fnfte Woche fort und schrieb glckliche, beinahe
bermtige Briefe, namentlich seit ihrem Eintreffen in Ems, wo man doch unter
Menschen sei, das heit unter Mnnern, von denen sich in Schwalbach nur
ausnahmsweise was gezeigt habe. Geheimrtin Zwicker, ihre Reisegefhrtin, habe
freilich die Frage nach dem Kurgemen dieser Zutat aufgeworfen und sich aufs
entschiedenste dagegen ausgesprochen, alles natrlich mit einem
Gesichtsausdrucke, der so ziemlich das Gegenteil versichert habe; die Zwicker
sei reizend, etwas frei, wahrscheinlich sogar mit einer Vergangenheit, aber
hchst amsant, und man knne viel, sehr viel von ihr lernen; nie habe sie sich,
trotz ihrer fnfundzwanzig, so als Kind gefhlt wie nach der Bekanntschaft mit
dieser Dame. Dabei sei sie so belesen, auch in fremder Literatur, und als sie,
Effi, beispielsweise neulich von Nana gesprochen und dabei gefragt habe, ob
es denn wirklich so schrecklich sei, habe die Zwicker geantwortet: Ach, meine
liebe Baronin, was heit schrecklich? Da gibt es noch ganz anderes. - Sie
schien mich auch, so schlo Effi ihren Brief, mit diesem anderen bekannt
machen zu wollen. Ich habe es aber abgelehnt, weil ich wei, da Du die Unsitte
unserer Zeit aus diesem und hnlichem herleitest, und wohl mit Recht. Leicht ist
es mir aber nicht geworden. Dazu kommt noch, da Ems in einem Kessel liegt. Wir
leiden hier auerordentlich unter der Hitze.
    Innstetten hatte diesen letzten Brief mit geteilten Empfindungen gelesen,
etwas erheitert, aber doch auch ein wenig mimutig. Die Zwicker war keine Frau
fr Effi, der nun mal ein Zug innewohnte, sich nach links hin treiben zu lassen;
er gab es aber auf, irgendwas in diesem Sinne zu schreiben, einmal, weil er sie
nicht verstimmen wollte, mehr noch, weil er sich sagte, da es doch nichts
helfen wrde. Dabei sah er der Rckkehr seiner Frau mit Sehnsucht entgegen und
beklagte des Dienstes nicht blo immer gleichgestellte, sondern jetzt, wo
jeder Ministerialrat fort war oder fort wollte, leider auch auf Doppelstunden
gestellte Uhr.
    Ja, Innstetten sehnte sich nach Unterbrechung von Arbeit und Einsamkeit, und
verwandte Gefhle hegte man drauen in der Kche, wo Annie, wenn die
Schulstunden hinter ihr lagen, ihre Zeit am liebsten verbrachte, was insoweit
ganz natrlich war, als Roswitha und Johanna nicht nur das kleine Frulein in
gleichem Mae liebten, sondern auch untereinander nach wie vor auf dem besten
Fue standen. Diese Freundschaft der beiden Mdchen war ein Lieblingsgesprch
zwischen den verschiedenen Freunden des Hauses, und Landgerichtsrat Gizicki
sagte dann wohl zu Wllersdorf: Ich sehe darin nur eine neue Besttigung des
alten Weisheitssatzes: Lat fette Leute um mich sein; - Csar war eben ein
Menschenkenner und wute, da Dinge wie Behaglichkeit und Umgnglichkeit
eigentlich nur beim Embonpoint sind. Von einem solchen lie sich denn nun bei
beiden Mdchen auch wirklich sprechen, nur mit dem Unterschiede, da das in
diesem Falle nicht gut zu umgehende Fremdwort bei Roswitha schon stark eine
Beschnigung, bei Johanna dagegen einfach die zutreffende Bezeichnung war. Diese
letztere durfte man nmlich nicht eigentlich korpulent nennen, sie war nur prall
und drall und sah jederzeit mit einer eigenen, ihr brigens durchaus kleidenden
Siegermiene gradlinig und blauugig ber ihre Normalbste fort. Von Haltung und
Anstand getragen, lebte sie ganz in dem Hochgefhl, die Dienerin eines guten
Hauses zu sein, wobei sie das berlegenheitsbewutsein ber die halb buerisch
gebliebene Roswitha in einem so hohen Mae hatte, da sie, was gelegentlich
vorkam, die momentan bevorzugte Stellung dieser nur belchelte. Diese
Bevorzugung - nun ja, wenn's dann mal so sein sollte, war eine kleine
liebenswrdige Sonderbarkeit der gndigen Frau, die man der guten alten Roswitha
mit ihrer ewigen Geschichte von dem Vater mit der glhenden Eisenstange schon
gnnen konnte. Wenn man sich besser hlt, so kann dergleichen nicht vorkommen.
Das alles dachte sie, sprach's aber nicht aus. Es war eben ein freundliches
Miteinanderleben. Was aber wohl ganz besonders fr Frieden und gutes
Einvernehmen sorgte, das war der Umstand, da man sich, nach einem stillen
bereinkommen, in die Behandlung und fast auch Erziehung Annies geteilt hatte.
Roswitha hatte das poetische Departement, die Mrchen- und Geschichtenerzhlung,
Johanna dagegen das des Anstands, eine Teilung, die hben und drben so
festgewurzelt stand, da Kompetenzkonflikte kaum vorkamen, wobei der Charakter
Annies, die eine ganz entschiedene Neigung hatte, das vornehme Frulein zu
betonen, allerdings mithalf, eine Rolle, bei der sie keine bessere Lehrerin als
Johanna haben konnte.
    Noch einmal also: Beide Mdchen waren gleichwertig in Annies Augen. In
diesen Tagen aber, wo man sich auf die Rckkehr Effis vorbereitete, war Roswitha
der Rivalin mal wieder um einen Pas voraus, weil ihr, und zwar als etwas ihr
Zustndiges, die ganze Begrungsangelegenheit zugefallen war. Diese Begrung
zerfiel in zwei Hauptteile: Girlande mit Kranz und dann, abschlieend,
Gedichtvortrag. Kranz und Girlande - nachdem man ber W. oder E.v.I. eine
Zeitlang geschwankt - hatte zuletzt keine sonderlichen Schwierigkeiten gemacht
(W., in Vergimeinnicht geflochten, war bevorzugt worden), aber desto grere
Verlegenheit schien die Gedichtfrage heraufbeschwren zu sollen und wre
vielleicht ganz unbeglichen geblieben, wenn Roswitha nicht den Mut gehabt htte,
den von einer Gerichtssitzung heimkehrenden Landgerichtsrat auf der zweiten
Treppe zu stellen und ihm mit einem auf einen Vers gerichteten Ansinnen mutig
entgegenzutreten. Gizicki, ein sehr gtiger Herr, hatte sofort alles
versprochen, und noch am selben Sptnachmittage war seitens seiner Kchin der
gewnschte Vers, und zwar folgenden Inhalts, abgegeben worden:

Mama, wir erwarten dich lange schon,
Durch Wochen und Tage und Stunden,
Nun gren wir dich von Flur und Balkon
Und haben Krnze gewunden.
Nun lacht Papa voll Freudigkeit,
Denn die gattin- und mutterlose Zeit
Ist endlich von ihm genommen,
Und Roswitha lacht und Johanna dazu,
Und Annie springt aus ihrem Schuh
Und ruft: Willkommen, willkommen.

Es versteht sich von selbst, da die Strophe noch an demselben Abend auswendig
gelernt, aber doch nebenher auch auf ihre Schnheit beziehungsweise
Nicht-Schnheit kritisch geprft worden war. Das Betonen von Gattin und Mutter,
so hatte sich Johanna geuert, erscheine zunchst freilich nur in der Ordnung;
aber es lge doch auch etwas darin, was Ansto erregen knne, und sie persnlich
wrde sich als Gattin und Mutter dadurch verletzt fhlen. Annie, durch diese
Bemerkung einigermaen gengstigt, versprach, das Gedicht am andern Tage der
Klassenlehrerin vorlegen zu wollen, und kam mit dem Bemerken zurck. Das
Frulein sei mit Gattin und Mutter durchaus einverstanden, aber desto mehr gegen
Roswitha und Johanna gewesen - worauf Roswitha erklrt hatte: Das Frulein sei
eine dumme Gans; das kme davon, wenn man zuviel gelernt habe.

Es war an einem Mittwoch, da die Mdchen und Annie das vorstehende Gesprch
gefhrt und den Streit um die bemngelte Zeile beigelegt hatten. Am andern
Morgen - ein erwarteter Brief Effis hatte noch den mutmalich erst in den Schlu
der nchsten Woche fallenden Ankunftstag festzustellen - ging Innstetten auf das
Ministerium. Jetzt war Mittag heran, die Schule aus, und als Annie, ihre Mappe
auf dem Rcken, eben vom Kanal her auf die Keithstrae zuschritt, traf sie
Roswitha vor ihrer Wohnung.
    Nun la sehen, sagte Annie, wer am ehesten von uns die Treppe
heraufkommt. Roswitha wollte von diesem Wettlauf nichts wissen, aber Annie
jagte voran, geriet, oben angekommen, ins Stolpern und fiel dabei so
unglcklich, da sie mit der Stirn auf den dicht an der Treppe befindlichen
Abkratzer aufschlug und stark blutete. Roswitha, mhevoll nachkeuchend, ri
jetzt die Klingel, und als Johanna das etwas verngstigte Kind hineingetragen
hatte, beratschlagte man, was nun wohl zu machen sei. Wir wollen nach dem
Doktor schicken... wir wollen nach dem gndigen Herrn schicken..., des Portiers
Lene mu ja jetzt auch aus der Schule wieder dasein. Es wurde aber alles wieder
verworfen, weil es zu lange dauere, man msse gleich was tun, und so packte man
denn das Kind aufs Sofa und begann mit kaltem Wasser zu khlen. Alles ging auch
gut, so da man sich zu beruhigen begann. Und nun wollen wir sie verbinden,
sagte schlielich Roswitha. Da mu ja noch die lange Binde sein, die die
gndige Frau letzten Winter zuschnitt, als sie sich auf dem Eise den Fu
verknickt hatte. .. - Freilich, freilich, sagte Johanna, blo wo die Binde
hernehmen...? Richtig, da fllt mir ein, die liegt im Nhtisch. Er wird wohl zu
sein, aber das Schlo ist Spielerei; holen Sie nur das Stemmeisen, Roswitha, wir
wollen den Deckel aufbrechen. Und nun wuchteten sie auch wirklich den Deckel ab
und begannen in den Fchern umherzukramen, oben und unten, die zusammengerollte
Binde jedoch wollte sich nicht finden lassen. Ich wei aber doch, da ich sie
gesehn habe, sagte Roswitha, und whrend sie halb rgerlich immer weitersuchte,
flog alles, was ihr dabei zu Hnden kam, auf das breite Fensterbrett: Nhzeug,
Nadelkissen, Rollen mit Zwirn und Seide, kleine vertrocknete Veilchenstruchen,
Karten, Billets, zuletzt ein kleines Konvolut von Briefen, das unter dem dritten
Einsatz gelegen hatte, ganz unten, mit einem roten Seidenfaden umwickelt. Aber
die Binde hatte man noch immer nicht.
    In diesem Augenblicke trat Innstetten ein.
    Gott, sagte Roswitha und stellte sich erschreckt neben das Kind. Es ist
nichts, gndiger Herr; Annie ist auf das Kratzeisen gefallen... Gott, was wird
die gndige Frau sagen. Und doch ist es ein Glck, da sie nicht mit dabei war.
    Innstetten hatte mittlerweile die vorlufig aufgelegte Kompresse
fortgenommen und sah, da es ein tiefer Ri, sonst aber ungefhrlich war. Es
ist nicht schlimm, sagte er; trotzdem, Roswitha, wir mssen sehen, da
Rummschttel kommt. Lene kann ja gehen, die wird jetzt Zeit haben. Aber was in
aller Welt ist denn das da mit dem Nhtisch?
    Und nun erzhlte Roswitha, wie sie nach der gerollten Binde gesucht htten;
aber sie woll es nun aufgeben und lieber eine neue Leinwand schneiden.
    Innstetten war einverstanden und setzte sich, als bald danach beide Mdchen
das Zimmer verlassen hatten, zu dem Kinde. Du bist so wild, Annie, das hast du
von der Mama. Immer wie ein Wirbelwind. Aber dabei kommt nichts heraus oder
hchstens so was. Und er wies auf die Wunde und gab ihr einen Ku. Du hast
aber nicht geweint, das ist brav, und darum will ich dir die Wildheit
verzeihen... Ich denke, der Doktor wird in einer Stunde hiersein; tu nur alles,
was er sagt, und wenn er dich verbunden hat, so zerre nicht und rcke und drcke
nicht dran, dann heilt es schnell, und wenn die Mama dann kommt, dann ist alles
wieder in Ordnung oder doch beinah. Ein Glck ist es aber doch, da es noch bis
nchste Woche dauert, Ende nchster Woche, so schreibt sie mir; eben habe ich
einen Brief von ihr bekommen; sie lt dich gren und freut sich, dich
wiederzusehen.
    Du knntest mir den Brief eigentlich vorlesen, Papa.
    Das will ich gern.
    Aber eh er dazu kam, kam Johanna, um zu sagen, da das Essen aufgetragen
sei. Annie, trotz ihrer Wunde, stand mit auf, und Vater und Tochter setzten sich
zu Tisch.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Innstetten und Annie saen sich eine Weile stumm gegenber; endlich, als ihm die
Stille peinlich wurde, tat er ein paar Fragen ber die Schulvorsteherin, und
welche Lehrerin sie eigentlich am liebsten habe. Annie antwortete auch, aber
ohne rechte Lust, weil sie fhlte, da Innstetten wenig bei der Sache war. Es
wurde erst besser, als Johanna, nach dem zweiten Gericht, ihrem Anniechen
zuflsterte, es gbe noch was. Und wirklich, die gute Roswitha, die dem Liebling
an diesem Unglckstage was schuldig zu sein glaubte, hatte noch ein briges
getan und sich zu einer Omelette mit Apfelschnitten aufgeschwungen.
    Annie wurde bei diesem Anblicke denn auch etwas redseliger, und ebenso
zeigte sich Innstettens Stimmung gebessert, als es gleich danach klingelte und
Geheimrat Rummschttel eintrat. Ganz zufllig. Er sprach nur vor, ohne jede
Ahnung, da man nach ihm geschickt und um seinen Besuch gebeten habe. Mit den
aufgelegten Kompressen war er zufrieden. Lassen Sie noch etwas Bleiwasser holen
und Annie morgen zu Hause bleiben. berhaupt Ruhe. Dann frug er noch nach der
gndigen Frau, und wie die Nachrichten aus Ems seien; er werde den andern Tag
wiederkommen und nachsehen.

Als man von Tisch aufgestanden und in das nebenangelegene Zimmer - dasselbe, wo
man mit soviel Eifer und doch vergebens nach dem Verbandstck gesucht hatte -
eingetreten war, wurde Annie wieder auf das Sofa gebettet. Johanna kam und
setzte sich zu dem Kinde, whrend Innstetten die zahllosen Dinge, die bunt
durcheinandergewrfelt noch auf dem Fensterbrett umherlagen, wieder in den
Nhtisch einzurumen begann. Dann und wann wute er sich nicht recht Rat und
mute fragen.
    Wo haben die Briefe gelegen, Johanna?
    Ganz zuunterst, sagte diese, hier in diesem Fach.
    Und whrend so Frage und Antwort ging, betrachtete Innstetten etwas
aufmerksamer als vorher das kleine, mit einem roten Faden zusammengebundene
Paket, das mehr aus einer Anzahl zusammengelegter Zettel als aus Briefen zu
bestehen schien. Er fuhr, als wre es ein Spiel Karten, mit dem Daumen und
Zeigefinger an der Seite des Pckchens hin, und einige Zeilen, eigentlich nur
vereinzelte Worte, flogen dabei an seinem Auge vorber. Von deutlichem Erkennen
konnte keine Rede sein, aber es kam ihm doch so vor, als habe er die Schriftzge
schon irgendwo gesehen. Ob er nachsehen solle?
    Johanna, Sie knnten uns den Kaffee bringen. Annie trinkt auch eine halbe
Tasse. Der Doktor hat's nicht verboten, und was nicht verboten ist, ist
erlaubt.
    Als er das sagte, wand er den roten Faden ab und lie, whrend Johanna das
Zimmer verlie, den ganzen Inhalt des Pckchens rasch durch die Finger gleiten.
Nur zwei, drei Briefe waren adressiert: An Frau Landrat von Innstetten. Er
erkannte jetzt auch die Handschrift; es war die des Majors. Innstetten wute
nichts von einer Korrespondenz zwischen Crampas und Effi, und in seinem Kopfe
begann sich alles zu drehen. Er steckte das Paket zu sich und ging in sein
Zimmer zurck. Etliche Minuten spter, und Johanna, zum Zeichen, da der Kaffee
da sei, klopfte leis an die Tr. Innstetten antwortete auch, aber dabei blieb
es; sonst alles still. Erst nach einer Viertelstunde hrte man wieder sein
Aufundabschreiten auf dem Teppich. Was nur Papa hat? sagte Johanna zu Annie.
Der Doktor hat ihm doch gesagt, es sei nichts.

Das Aufundabschreiten nebenan wollte kein Ende nehmen. Endlich erschien
Innstetten wieder im Nebenzimmer und sagte: Johanna, achten Sie auf Annie, und
da sie ruhig auf dem Sofa bleibt. Ich will eine Stunde gehen oder vielleicht
zwei.
    Dann sah er das Kind aufmerksam an und entfernte sich.
    Hast du gesehen, Johanna, wie Papa aussah?
    Ja, Annie. Er mu einen groen rger gehabt haben. Er war ganz bla. So hab
ich ihn noch nie gesehen.
    Es vergingen Stunden. Die Sonne war schon unter, und nur ein roter
Widerschein lag noch ber den Dchern drben, als Innstetten wieder zurckkam.
Er gab Annie die Hand, fragte, wie's ihr gehe, und ordnete dann an, da ihm
Johanna die Lampe in sein Zimmer bringe. Die Lampe kam auch. In dem grauen
Schirm befanden sich halb durchsichtige Ovale mit Photographien, allerlei
Bildnisse seiner Frau, die noch in Kessin, damals, als man den Wichertschen
Schritt vom Wege aufgefhrt hatte, fr die verschiedenen Mitspielenden
angefertigt waren. Innstetten drehte den Schirm langsam von links nach rechts
und musterte jedes einzelne Bildnis. Dann lie er davon ab, ffnete, weil er es
schwl fand, die Balkontr und nahm schlielich das Briefpaket wieder zur Hand.
Es schien, da er, gleich beim ersten Durchsehen, ein paar davon ausgewhlt und
obenauf gelegt hatte. Diese las er jetzt noch einmal mit halblauter Stimme.
    Sei heute nachmittag wieder in den Dnen, hinter der Mhle. Bei der alten
Adermann knnen wir uns ruhig sprechen, das Haus ist abgelegen genug. Du mut
Dich nicht um alles so bangen. Wir haben auch ein Recht. Und wenn Du Dir das
eindringlich sagst, wird, denk ich, alle Furcht von Dir abfallen. Das Leben wre
nicht des Lebens wert, wenn das alles gelten sollte, was zufllig gilt. Alles
Beste liegt jenseits davon. Lerne Dich daran freuen.
    ... Fort, so schreibst Du, Flucht. Unmglich. Ich kann meine Frau nicht im
Stich lassen, zu allem andern auch noch in Not. Es geht nicht, und wir mssen es
leichtnehmen, sonst sind wir arm und verloren. Leichtsinn ist das Beste, was wir
haben. Alles ist Schicksal. Es hat so sein sollen. Und mchtest Du, da es
anders wre, da wir uns nie gesehen htten?
    Dann kam der dritte Brief.
    ... Sei heute noch einmal an der alten Stelle. Wie sollen meine Tage hier
verlaufen ohne Dich! In diesem den Nest. Ich bin auer mir, und nur darin hast
Du recht: es ist die Rettung, und wir mssen schlielich doch die Hand segnen,
die diese Trennung ber uns verhngt.
    Innstetten hatte die Briefe kaum wieder beiseite geschoben, als drauen die
Klingel ging. Gleich danach meldete Johanna: Geheimrat Wllersdorf.
    Wllersdorf trat ein und sah auf den ersten Blick, da etwas vorgefallen
sein msse.
    Pardon, Wllersdorf, empfing ihn Innstetten, da ich Sie gebeten habe,
noch gleich heute bei mir vorzusprechen. Ich stre niemand gern in seiner
Abendruhe, am wenigsten einen geplagten Ministerialrat. Es ging aber nicht
anders. Ich bitte Sie, machen Sie sich's bequem. Und hier eine Zigarre.
    Wllersdorf setzte sich. Innstetten ging wieder auf und ab und wre bei der
ihn verzehrenden Unruhe gern in Bewegung geblieben, sah aber, da das nicht
gehe. So nahm er denn auch seinerseits eine Zigarre, setzte sich Wllersdorf
gegenber und versuchte ruhig zu sein.
    Es ist, begann er, um zweier Dinge willen, da ich Sie habe bitten
lassen: erst, um eine Forderung zu berbringen, und zweitens, um hinterher, in
der Sache selbst, mein Sekundant zu sein; das eine ist nicht angenehm und das
andere noch weniger. Und nun Ihre Antwort.
    Sie wissen, Innstetten, Sie haben ber mich zu verfgen. Aber eh ich die
Sache kenne, verzeihen Sie mir die naive Vorfrage: mu es sein? Wir sind doch
ber die Jahre weg, Sie, um die Pistole in die Hand zu nehmen, und ich, um dabei
mitzumachen. Indessen miverstehen Sie mich nicht, alles dies soll kein Nein
sein. Wie knnte ich Ihnen etwas abschlagen. Aber nun sagen Sie, was ist es?
    Es handelt sich um einen Galan meiner Frau, der zugleich mein Freund war
oder doch beinah.
    Wllersdorf sah Innstetten an. Innstetten, das ist nicht mglich .
    Es ist mehr als mglich, es ist gewi. Lesen Sie.
    Wllersdorf flog darber hin. Die sind an Ihre Frau gerichtet?
    Ja. Ich fand sie heut in ihrem Nhtisch.
    Und wer hat sie geschrieben?
    Major Crampas.
    Also Dinge, die sich abgespielt, als Sie noch in Kessin waren?
    Innstetten nickte.
    Liegt also sechs Jahre zurck oder noch ein halb Jahr lnger.
    Ja.
    Wllersdorf schwieg. Nach einer Weile sagte Innstetten: Es sieht fast so
aus, Wllersdorf, als ob die sechs oder sieben Jahre einen Eindruck auf Sie
machten. Es gibt eine Verjhrungstheorie, natrlich, aber ich wei doch nicht,
ob wir hier einen Fall haben, diese Theorie gelten zu lassen.
    Ich wei es auch nicht, sagte Wllersdorf. Und ich bekenne Ihnen offen,
um diese Frage scheint sich hier alles zu drehen.
    Innstetten sah ihn gro an. Sie sagen das in vollem Ernst?
    In vollem Ernst. Es ist keine Sache, sich in jeu d'esprit oder in
dialektischen Spitzfindigkeiten zu versuchen.
    Ich bin neugierig, wie Sie das meinen. Sagen Sie mir offen, wie stehen Sie
dazu?
    Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglck ist hin. Aber wenn
Sie den Liebhaber totschieen, ist Ihr Lebensglck sozusagen doppelt hin, und zu
dem Schmerz ber empfangenes Leid kommt noch der Schmerz ber getanes Leid.
Alles dreht sich um die Frage, mssen Sie's durchaus tun? Fhlen Sie sich so
verletzt, beleidigt, emprt, da einer weg mu, er oder Sie? Steht es so?
    Ich wei es nicht.
    Sie mssen es wissen.
    Innstetten war aufgesprungen, trat ans Fenster und tippte voll nervser
Erregung an die Scheiben. Dann wandte er sich rasch wieder, ging auf Wllersdorf
zu und sagte: Nein, so steht es nicht.
    Wie steht es dann?
    Es steht so, da ich unendlich unglcklich bin; ich bin gekrnkt,
schndlich hintergangen, aber trotzdem, ich bin ohne jedes Gefhl von Ha oder
gar vor Durst nach Rache. Und wenn ich mich frage, warum nicht?, so kann ich
zunchst nichts anderes finden als die Jahre. Man spricht immer von unshnbarer
Schuld; vor Gott ist es gewi falsch, aber vor den Menschen auch. Ich htte nie
geglaubt, da die Zeit, rein als Zeit, so wirken knne. Und dann als zweites:
ich liebe meine Frau, ja, seltsam zu sagen, ich liebe sie noch, und so furchtbar
ich alles finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer Liebenswrdigkeit,
eines ihr eignen heiteren Charmes, da ich mich, mir selbst zum Trotz, in meinem
letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt fhle.
    Wllersdorf nickte. Kann ganz folgen, Innstetten, wrde mir vielleicht
ebenso gehen. Aber wenn Sie so zu der Sache stehen und mir sagen: Ich liebe
diese Frau so sehr, da ich ihr alles verzeihen kann, und wenn wir dann das
andere hinzunehmen, da alles weit, weit zurckliegt, wie ein Geschehnis auf
einem andern Stern, ja, wenn es so liegt, Innstetten, so frage ich, wozu die
ganze Geschichte?
    Weil es trotzdem sein mu. Ich habe mir's hin und her berlegt. Man ist
nicht blo ein einzelner Mensch, man gehrt einem Ganzen an, und auf das Ganze
haben wir bestndig Rcksicht zu nehmen, wir sind durchaus abhngig von ihm.
Ging' es, in Einsamkeit zu leben, so knnt ich es gehen lassen; ich trge dann
die mir aufgepackte Last, das rechte Glck wre hin, aber es mssen so viele
leben ohne dies rechte Glck, und ich wrde es auch mssen und - auch knnen.
Man braucht nicht glcklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen Anspruch
darauf, und den, der einem das Glck genommen hat, den braucht man nicht
notwendig aus der Welt zu schaffen. Man kann ihn, wenn man weltabgewandt
weiterexistieren will, auch laufenlassen. Aber im Zusammenleben mit den Menschen
hat sich ein Etwas ausgebildet, das nun mal da ist und nach dessen Paragraphen
wir uns gewhnt haben alles zu beurteilen, die andern und uns selbst. Und
dagegen zu verstoen geht nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun
wir es selbst und knnen es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den
Kopf. Verzeihen Sie, da ich Ihnen solche Vorlesung halte, die schlielich doch
nur sagt, was sich jeder selber hundertmal gesagt hat. Aber freilich, wer kann
was Neues sagen! Also noch einmal, nichts von Ha oder dergleichen, und um eines
Glckes willen, das mir genommen wurde, mag ich nicht Blut an den Hnden haben;
aber jenes, wenn Sie wollen, uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt
nicht nach Charme und nicht nach Liebe und nicht nach Verjhrung. Ich habe keine
Wahl. Ich mu.
    Ich wei doch nicht, Innstetten...
    Innstetten lchelte. Sie sollen selbst entscheiden, Wllersdorf. Es ist
jetzt zehn Uhr. Vor sechs Stunden, diese Konzession will ich Ihnen vorweg
machen, hatt ich das Spiel noch in der Hand, konnt ich noch das eine und noch
das andere, da war noch ein Ausweg. Jetzt nicht mehr, jetzt stecke ich in einer
Sackgasse. Wenn Sie wollen, so bin ich selber schuld daran; ich htte mich
besser beherrschen und bewachen, alles in mir verbergen, alles im eignen Herzen
auskmpfen sollen. Aber es kam zu pltzlich, zu stark, und so kann ich mir kaum
einen Vorwurf machen, meine Nerven nicht geschickter in Ordnung gehalten zu
haben. Ich ging zu Ihnen und schrieb Ihnen einen Zettel, und damit war das Spiel
aus meiner Hand. Von dem Augenblicke an hatte mein Unglck und, was schwerer
wiegt, der Fleck auf meiner Ehre einen halben Mitwisser, und nach den ersten
Worten, die wir hier gewechselt, hat es einen ganzen. Und weil dieser Mitwisser
da ist, kann ich nicht mehr zurck.
    Ich wei doch nicht, wiederholte Wllersdorf. Ich mag nicht gerne zu der
alten abgestandenen Phrase greifen, aber doch lt sich's nicht besser sagen:
Innstetten, es ruht alles in mir wie in einem Grabe.
    Ja, Wllersdorf, so heit es immer. Aber es gibt keine Verschwiegenheit.
Und wenn Sie's wahr machen und gegen andere die Verschwiegenheit selber sind, so
wissen sie es, und es rettet mich nicht vor Ihnen, da Sie mir eben Ihre
Zustimmung ausgedrckt und mir sogar gesagt haben: Ich kann Ihnen in allem
folgen. Ich bin, und dabei bleibt es, von diesem Augenblicke an ein Gegenstand
Ihrer Teilnahme (schon nicht etwas sehr Angenehmes), und jedes Wort, das Sie
mich mit meiner Frau wechseln hren, unterliegt Ihrer Kontrolle, Sie mgen
wollen oder nicht, und wenn meine Frau von Treue spricht oder, wie Frauen tun,
ber eine andere zu Gericht sitzt, so wei ich nicht, wo ich mit meinen Blicken
hin soll. Und ereignet sich's gar, da ich in irgendeiner ganz alltglichen
Beleidigungssache zum Guten rede, weil ja der Dolus fehle oder so was hnliches,
so geht ein Lcheln ber Ihr Gesicht, oder es zuckt wenigstens darin, und in
Ihrer Seele klingt es: Der gute Innstetten, er hat doch eine wahre Passion, alle
Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu untersuchen, und das
richtige Quantum Stickstoff findet er nie. Er ist noch nie an einer Sache
erstickt... Habe ich recht, Wllersdorf, oder nicht?
    Wllersdorf war aufgestanden. Ich finde es furchtbar, da Sie recht haben,
aber Sie haben recht. Ich qule Sie nicht lnger mit meinem mu es sein. Die
Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge verlaufen nicht, wie wir wollen,
sondern wie die andern wollen. Das mit dem Gottesgericht, wie manche hochtrabend
versichern, ist freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus
ist ein Gtzendienst, aber wir mssen uns ihm unterwerfen, solange der Gtze
gilt.
    Innstetten nickte.
    Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander, und es wurde festgestellt,
Wllersdorf solle noch denselben Abend abreisen. Ein Nachtzug ging um zwlf.
    Dann trennten sie sich mit einem kurzen: Auf Wiedersehen in Kessin.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Am andern Abend, wie verabredet, reiste Innstetten. Er benutzte denselben Zug,
den am Tage vorher Wllersdorf benutzt hatte, und war bald nach fnf Uhr frh
auf der Bahnstation, von wo der Weg nach Kessin links abzweigte. Wie immer,
solange die Saison dauerte, ging auch heute, gleich nach Eintreffen des Zuges,
das mehrerwhnte Dampfschiff, dessen erstes Luten Innstetten schon hrte, als
er die letzten Stufen der vom Bahndamm hinabfhrenden Treppe erreicht hatte. Der
Weg bis zur Anlegestelle war keine drei Minuten; er schritt darauf zu und
begrte den Kapitn, der etwas verlegen war, also im Laufe des gestrigen Tages
von der ganzen Sache schon gehrt haben mute, und nahm dann seinen Platz in der
Nhe des Steuers. Gleich danach lste sich das Schiff vom Brckensteg los; das
Wetter war herrlich, helle Morgensonne, nur wenig Passagiere an Bord. Innstetten
gedachte des Tages, als er, mit Effi von der Hochzeitsreise zurckkehrend, hier
am Ufer der Kessine hin in offenem Wagen gefahren war - ein grauer Novembertag
damals, aber er selber froh im Herzen; nun hatte sich's verkehrt: das Licht lag
drauen, und der Novembertag war in ihm. Viele, viele Male war er dann des Weges
hier gekommen, und der Frieden, der sich ber die Felder breitete, das Zuchtvieh
in den Koppeln, das aufhorchte, wenn er vorberfuhr, die Leute bei der Arbeit,
die Fruchtbarkeit der cker, das alles hatte seinem Sinne wohlgetan, und jetzt,
in hartem Gegensatz dazu, war er froh, als etwas Gewlk heranzog und den
lachenden blauen Himmel leise zu trben begann. So fuhren sie den Flu hinab,
und bald, nachdem sie die prchtige Wasserflche des Breitling passiert, kam
der Kessiner Kirchturm in Sicht und gleich danach auch das Bollwerk und die
lange Huserreihe mit Schiffen und Booten davor. Und nun waren sie heran.
Innstetten verabschiedete sich von dem Kapitn und schritt auf den Steg zu, den
man, bequemeren Aussteigens halber, herangerollt hatte. Wllersdorf war schon
da. Beide begrten sich, ohne zunchst ein Wort zu sprechen, und gingen dann,
quer ber den Damm, auf den Hoppensackschen Gasthof zu, wo sie unter einem
Zeltdach Platz nahmen.
    Ich habe mich gestern frh hier einquartiert, sagte Wllersdorf, der nicht
gleich mit den Sachlichkeiten beginnen wollte. Wenn man bedenkt, da Kessin ein
Nest ist, ist es erstaunlich, ein so gutes Hotel hier zu finden. Ich bezweifle
nicht, da mein Freund, der Oberkellner, drei Sprachen spricht; seinem Scheitel
und seiner ausgeschnittnen Weste nach knnen wir dreist auf vier rechnen...
Jean, bitte, wollen Sie uns Kaffee und Cognac bringen.
    Innstetten begriff vollkommen, warum Wllersdorf diesen Ton anschlug, war
auch damit einverstanden, konnte aber seiner Unruhe nicht ganz Herr werden und
zog unwillkrlich die Uhr.
    Wir haben Zeit, sagte Wllersdorf. Noch anderthalb Stunden oder doch
beinah. Ich habe den Wagen auf acht ein Viertel bestellt; wir fahren nicht
lnger als zehn Minuten.
    Und wo?
    Crampas schlug erst ein Waldeck vor, gleich hinter dem Kirchhof. Aber dann
unterbrach er sich und sagte: Nein, da nicht. Und dann haben wir uns ber eine
Stelle zwischen den Dnen geeinigt. Hart am Strand; die vorderste Dne hat einen
Einschnitt, und man sieht aufs Meer.
    Innstetten lchelte. Crampas scheint sich einen Schnheitspunkt ausgesucht
zu haben. Er hatte immer die Allren dazu. Wie benahm er sich?
    Wundervoll.
    bermtig? frivol?
    Nicht das eine und nicht das andere. Ich bekenne Ihnen offen, Innstetten,
da es mich erschtterte. Als ich Ihren Namen nannte, wurde er totenbla und
rang nach Fassung, und um seine Mundwinkel sah ich ein Zittern. Aber all das
dauerte nur einen Augenblick, dann hatte er sich wieder gefat, und von da ab
war alles an ihm wehmtige Resignation. Es ist mir ganz sicher, er hat das
Gefhl aus der Sache nicht heil herauszukommen, und will auch nicht. Wenn ich
ihn richtig beurteile, er lebt gern und ist zugleich gleichgltig gegen das
Leben. Er nimmt alles mit und wei doch, da es nicht viel damit ist.
    Wer wird ihn sekundieren? Oder sag ich lieber, wen wird er mitbringen?
    Das war, als er sich wieder gefunden hatte, seine Hauptsorge. Er nannte
zwei, drei Adlige aus der Nhe, lie sie dann aber wieder fallen, sie seien zu
alt und zu fromm, er werde nach Treptow hin telegraphieren an seinen Freund
Buddenbrook. Und der ist auch gekommen, famoser Mann, schneidig und doch
zugleich wie ein Kind. Er konnte sich nicht beruhigen und ging in grter
Erregung auf und ab. Aber als ich ihm alles gesagt hatte, sagte er geradeso wie
wir: Sie haben recht, es mu sein!
    Der Kaffee kam. Man nahm eine Zigarre, und Wllersdorf war wieder darauf
aus, das Gesprch auf mehr gleichgltige Dinge zu lenken.
    Ich wundere mich, da keiner von den Kessinern sich einfindet, Sie zu
begren. Ich wei doch, da Sie sehr beliebt gewesen sind. Und nun gar Ihr
Freund Gieshbler...
    Innstetten lchelte. Da verkennen Sie die Leute hier an der Kste; halb
sind es Philister und halb Pfiffici, nicht sehr nach meinem Geschmack; aber eine
Tugend haben sie, sie sind alle sehr manierlich. Und nun gar mein alter
Gieshbler. Natrlich wei jeder, um was sich's handelt, aber eben deshalb htet
man sich, den Neugierigen zu spielen.
    In diesem Augenblicke wurde von links her ein zurckgeschlagener Chaisewagen
sichtbar, der, weil es noch vor der bestimmten Zeit war, langsam herankam.
    Ist das unser? fragte Innstetten.
    Mutmalich.
    Und gleich danach hielt der Wagen vor dem Hotel, und Innstetten und
Wllersdorf erhoben sich.
    Wllersdorf trat an den Kutscher heran und sagte: Nach der Mole.
    Die Mole lag nach der entgegengesetzten Strandseite, rechts statt links, und
die falsche Weisung wurde nur gegeben, um etwaigen Zwischenfllen, die doch
immerhin mglich waren, vorzubeugen. Im brigen, ob man sich nun weiter drauen
nach rechts oder links zu halten vorhatte, durch die Plantage mute man
jedenfalls, und so fhrte denn der Weg unvermeidlich an Innstettens alter
Wohnung vorber. Das Haus lag noch stiller da als frher; ziemlich
vernachlssigt sah's in den Parterrerumen aus; wie mocht es erst da oben sein!
Und das Gefhl des Unheimlichen, das Innstetten an Effi so oft bekmpft oder
auch wohl belchelt hatte, jetzt berkam es ihn selbst, und er war froh, als sie
dran vorbe waren.
    Da hab ich gewohnt, sagte er zu Wllersdorf.
    Es sieht sonderbar aus, etwas d und verlassen.
    Mag auch wohl. In der Stadt galt es als ein Spukhaus, und wie's heute
daliegt, kann ich den Leuten nicht unrecht geben.
    Was war es denn damit?
    Ach, dummes Zeug: alter Schiffskapitn mit Enkelin oder Nichte, die eines
schnen Tages verschwand, und dann ein Chinese, der vielleicht ein Liebhaber
war, und auf dem Flur ein kleiner Haifisch und ein Krokodil, beides an Strippen
und immer in Bewegung. Wundervoll zu erzhlen, aber nicht jetzt. Es spukt einem
doch allerhand anderes im Kopf.
    Sie vergessen, es kann auch alles glatt ablaufen.
    Darf nicht. Und vorhin, Wllersdorf, als Sie von Crampas sprachen, sprachen
Sie selber anders davon.
    Bald danach hatte man die Plantage passiert, und der Kutscher wollte jetzt
rechts einbiegen auf die Mole zu. Fahren Sie lieber links. Das mit der Mole
kann nachher kommen.
    Und der Kutscher bog links in eine breite Fahrstrae ein, die hinter dem
Herrenbade grad auf den Wald zulief. Als sie bis auf dreihundert Schritt an
diesen heran waren, lie Wllersdorf den Wagen halten, und beide gingen nun,
immer durch mahlenden Sand hin, eine ziemlich breite Fahrstrae hinunter, die
die hier dreifache Dnenreihe senkrecht durchschnitt. berall zur Seite standen
dichte Bschel von Strandhafer, um diesen herum aber Immortellen und ein paar
blutrote Nelken. Innstetten bckte sich und steckte sich eine der Nelken ins
Knopfloch. Die Immortellen nachher.
    So gingen sie fnf Minuten. Als sie bis an die ziemlich tiefe Senkung
gekommen waren, die zwischen den beiden vordersten Dnenreihen hinlief, sahen
sie, nach links hin, schon die Gegenpartei: Crampas und Buddenbrook und mit
ihnen den guten Doktor Hannemann, der seinen Hut in der Hand hielt, so da das
weie Haar im Winde flatterte.
    Innstetten und Wllersdorf gingen die Sandschlucht hinauf, Buddenbrook kam
ihnen entgegen. Man begrte sich, worauf beide Sekundanten beiseite traten, um
noch ein kurzes sachliches Gesprch zu fhren. Es lief darauf hinaus, da man a
tempo avancieren und auf zehn Schritt Distance feuern solle. Dann kehrte
Buddenbrook an seinen Platz zurck; alles erledigte sich rasch; und die Schsse
fielen. Crampas strzte.
    Innstetten, einige Schritt zurcktretend, wandte sich ab von der Szene.
Wllersdorf aber war auf Buddenbrook zugeschritten, und beide warteten jetzt auf
den Ausspruch des Doktors, der die Achseln zuckte. Zugleich deutete Crampas
durch eine Handbewegung an, da er etwas sagen wollte. Wllersdorf beugte sich
zu ihm nieder, nickte zustimmend zu den paar Worten, die kaum hrbar von des
Sterbenden Lippen kamen, und ging dann auf Innstetten zu.
    Crampas will Sie noch sprechen, Innstetten. Sie mssen ihm zu Willen sein.
Er hat keine drei Minuten Leben mehr.
    Innstetten trat an Crampas heran.
    Wollen Sie..., das waren seine letzten Worte.
    Noch ein schmerzlicher und doch beinah freundlicher Schimmer in seinem
Antlitz, und dann war es vorbei.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Am Abend desselben Tages traf Innstetten wieder in Berlin ein. Er war mit dem
Wagen, den er innerhalb der Dnen an dem Querwege zurckgelassen hatte, direkt
nach der Bahnstation gefahren, ohne Kessin noch einmal zu berhren, dabei den
beiden Sekundanten die Meldung an die Behrden berlassend. Unterwegs (er war
allein im Coup) hing er, alles noch mal berdenkend, dem Geschehenen nach; es
waren dieselben Gedanken wie zwei Tage zuvor, nur da sie jetzt den umgekehrten
Gang gingen und mit der berzeugtheit von seinem Recht und seiner Pflicht
anfingen, um mit Zweifeln daran aufzuhren. Schuld, wenn sie berhaupt was ist,
ist nicht an Ort und Stunde gebunden und kann nicht hinfllig werden von heute
auf morgen. Schuld verlangt Shne; das hat einen Sinn. Aber Verjhrung ist etwas
Halbes, etwas Schwchliches, zum mindesten was Prosaisches. Und er richtete
sich an dieser Vorstellung auf und wiederholte sich's, da es gekommen sei,
wie's habe kommen mssen. Aber im selben Augenblicke, wo dies fr ihn feststand,
warf er's auch wieder um. Es mu eine Verjhrung geben, Verjhrung ist das
einzig Vernnftige; ob es nebenher auch noch prosaisch ist, ist gleichgltig;
das Vernnftige ist meist prosaisch. Ich bin jetzt fnfundvierzig. Wenn ich die
Briefe fnfundzwanzig Jahre spter gefunden htte, so war ich siebzig. Dann
htte Wllersdorf gesagt: Innstetten, seien Sie kein Narr. Und wenn es
Wllersdorf nicht gesagt htte, so htt es Buddenbrook gesagt, und wenn auch der
nicht, so ich selbst. Dies ist mir klar. Treibt man etwas auf die Spitze, so
bertreibt man und hat die Lcherlichkeit. Kein Zweifel. Aber wo fngt es an? Wo
liegt die Grenze? Zehn Jahre verlangen noch ein Duell, und da heit es Ehre, und
nach elf Jahren oder vielleicht schon bei zehnundeinhalb heit es Unsinn. Die
Grenze, die Grenze. Wo ist sie? War sie da? War sie schon berschritten? Wenn
ich mir seinen letzten Blick vergegenwrtige, resigniert und in seinem Elend
doch noch ein Lcheln, so hie der Blick: Innstetten, Prinzipienreiterei... Sie
konnten es mir ersparen und sich selber auch. Und er hatte vielleicht recht. Mir
klingt so was in der Seele. Ja, wenn ich voll tdlichem Ha gewesen wre, wenn
mir hier ein tiefes Rachegefhl gesessen htte... Rache ist nichts Schnes, aber
was Menschliches und hat ein natrlich menschliches Recht. So aber war alles
einer Vorstellung, einem Begriff zuliebe, war eine gemachte Geschichte, halbe
Komdie. Und diese Komdie mu ich nun fortsetzen und mu Effi wegschicken und
sie ruinieren und mich mit... Ich mute die Briefe verbrennen, und die Welt
durfte nie davon erfahren. Und wenn sie dann kam, ahnungslos, so mut ich ihr
sagen: Da ist dein Platz, und mute mich innerlich von ihr scheiden. Nicht vor
der Welt. Es gibt so viele Leben, die keine sind, und so viele Ehen, die keine
sind... dann war das Glck hin, aber ich htte das Auge mit seinem Frageblicke
und mit seiner stummen leisen Anklage nicht vor mir.
    Kurz vor zehn hielt Innstetten vor seiner Wohnung. Er stieg die Treppen
hinauf und zog die Glocke; Johanna kam und ffnete.
    Wie steht es mit Annie?
    Gut, gnd'ger Herr. Sie schlft noch nicht... Wenn der gnd'ge Herr...
    Nein, nein, das regt sie blo auf. Ich sehe sie lieber morgen frh. Bringen
Sie mir ein Glas Tee, Johanna. Wer war hier?
    Nur der Doktor.
    Und nun war Innstetten wieder allein. Er ging auf und ab, wie er's zu tun
liebte. Sie wissen schon alles; Roswitha ist dumm, aber Johanna ist eine kluge
Person. Und wenn sie's nicht mit Bestimmtheit wissen, so haben sie sich's
zurechtgelegt und wissen es doch. Es ist merkwrdig, was alles zum Zeichen wird
und Geschichten ausplaudert, als wre jeder mit dabeigewesen.
    Johanna brachte den Tee. Innstetten trank. Er war nach der beranstrengung
totmde und schlief ein.

Innstetten war zu guter Zeit auf. Er sah Annie, sprach ein paar Worte mit ihr,
lobte sie, da sie eine gute Kranke sei, und ging dann aufs Ministerium, um
seinem Chef von allem Vorgefallenen Meldung zu machen. Der Minister war sehr
gndig. Ja, Innstetten, wohl dem, der aus allem, was das leben uns bringen
kann, heil herauskommt; Sie hat's getroffen. Er fand alles, was geschehen, in
der Ordnung und berlie Innstetten das Weitere.
    Erst sptnachmittags war Innstetten wieder in seiner Wohnung, in der er ein
paar Zeilen von Wllersdorf vorfand. Heute frh wieder eingetroffen. Eine Welt
von Dingen erlebt; Schmerzliches, Rhrendes, Gieshbler an der Spitze. Der
liebenswrdigste Pucklige, den ich je gesehen. Von Ihnen sprach er nicht
allzuviel, aber die Frau, die Frau! Er konnte sich nicht beruhigen, und zuletzt
brach der kleine Mann in Trnen aus. Was alles vorkommt. Es wre zu wnschen,
da es mehr Gieshbler gbe. Es gibt aber mehr andere. Und dann die Szene im
Hause des Majors... furchtbar. Kein Wort davon. Man hat wieder mal gelernt:
aufpassen. Ich sehe Sie morgen. Ihr W.
    Innstetten war ganz erschttert, als er gelesen. Er setzte sich und schrieb
seinerseits ein paar Briefe. Als er damit zu Ende war, klingelte er: Johanna,
die Briefe in den Kasten.
    Johanna nahm die Briefe und wollte gehen.
    ... Und dann, Johanna, noch eins: die Frau kommt nicht wieder. Sie werden
von anderen erfahren, warum nicht. Annie darf nichts wissen, wenigstens jetzt
nicht. Das arme Kind. Sie mssen es ihr allmhlich beibringen, da sie keine
Mutter mehr hat. Ich kann es nicht. Aber machen Sie's gescheit. Und da Roswitha
nicht alles verdirbt.
    Johanna stand einen Augenblick ganz wie benommen da. Dann ging sie auf
Innstetten zu und kte ihm die Hand.
    Als sie wieder drauen in der Kche war, war sie von Stolz und berlegenheit
ganz erfllt, ja beinahe von Glck. Der gndige Herr hatte ihr nicht nur alles
gesagt, sondern am Schlusse auch noch hinzugesetzt: und da Roswitha nicht
alles verdirbt. Das war die Hauptsache, und ohne da es ihr an gutem Herzen und
selbst an Teilnahme mit der Frau gefehlt htte, beschftigte sie doch, ber
jedes andere hinaus, der Triumph einer gewissen Intimittsstellung zum gndigen
Herrn.
    Unter gewhnlichen Umstnden wre ihr denn auch die Herauskehrung und
Geltendmachung dieses Triumphes ein leichtes gewesen, aber heute traf sich's so
wenig gnstig fr sie, da ihre Rivalin, ohne Vertrauensperson gewesen zu sein,
sich doch als die Eingeweihtere zeigen sollte. Der Portier unten hatte nmlich,
so ziemlich um dieselbe Zeit, wo dies spielte, Roswitha in seine kleine Stube
hineingerufen und ihr gleich beim Eintreten ein Zeitungsblatt zum Lesen
zugeschoben. Da, Roswitha, das ist was fr Sie; Sie knnen es mir nachher
wieder runterbringen. Es ist blo das Fremdenblatt: aber Lene ist schon hin und
holt das Kleine Journal. Da wird wohl schon mehr drinstehen; die wissen immer
alles. Hren Sie, Roswitha, wer so was gedacht htte.
    Roswitha, sonst nicht allzu neugierig, hatte sich doch nach dieser Ansprache
so rasch wie mglich die Hintertreppe hinaufbegeben und war mit dem Lesen gerade
fertig, als Johanna dazukam.
    Diese legte die Briefe, die ihr Innstetten eben gegeben, auf den Tisch,
berflog die Adressen oder tat wenigstens so (denn sie wute lngst, an wen sie
gerichtet waren) und sagte mit gut erknstelter Ruhe: Einer ist nach
Hohen-Cremmen.
    Das kann ich mir denken, sagte Roswitha.
    Johanna war nicht wenig erstaunt ber diese Bemerkung. Der Herr schreibt
sonst nie nach Hohen-Cremmen.
    Ja, sonst. Aber jetzt... Denken Sie sich, das hat mir eben der Portier
unten gegeben.
    Johanna nahm das Blatt und las nun halblaut eine mit einem dicken
Tintenstrich markierte Stelle: Wie wir kurz vor Redaktionsschlu von
gutunterrichteter Seite her vernehmen, hat gestern frh in dem Badeorte Kessin,
in Hinterpommern, ein Duell zwischen dem Ministerialrat v.I. (Keithstrae) und
dem Major von Crampas stattgefunden. Major von Crampas fiel. Es heit, da
Beziehungen zwischen ihm und der Rtin, einer schnen und noch sehr jungen Frau,
bestanden haben sollen.
    Was solche Bltter auch alles schreiben, sagte Johanna, die verstimmt war,
ihre Neuigkeit berholt zu sehen. Ja, sagte Roswitha. Und das lesen nun die
Menschen und verschimpfieren mir meine liebe, arme Frau. Und der arme Major. Nun
ist er tot.
    Ja, Roswitha, was denken Sie sich eigentlich. Soll er nicht tot sein? Oder
soll lieber unser gndiger Herr tot sein?
    Nein, Johanna, unser gnd'ger Herr, der soll auch leben, alles soll leben.
Ich bin nicht fr totschieen und kann nicht mal das Knallen hren. Aber
bedenken Sie doch, Johanna, das ist ja nun schon eine halbe Ewigkeit her, und
die Briefe, die mir gleich so sonderbar aussahen, weil sie die rote Strippe
hatten und drei- oder viermal umwickelt und dann eingeknotet und keine Schleife
- die sahen ja schon ganz gelb aus, so lange ist es her. Wir sind ja nun schon
ber sechs Jahre hier, und wie kann man wegen solcher alten Geschichten...
    Ach, Roswitha, Sie reden, wie Sie's verstehen. Und bei Lichte besehen, sind
Sie schuld. Von den Briefen kommt es her. Warum kamen Sie mit dem Stemmeisen und
brachen den Nhtisch auf, was man nie darf; man darf kein Schlo aufbrechen, was
ein anderer zugeschlossen hat.
    Aber, Johanna, das ist doch wirklich zu schlecht von Ihnen, mir so was auf
den Kopf zuzusagen, und Sie wissen doch, da sie schuld sind und da Sie wie
nrrisch in die Kche strzten und mir sagten, der Nhtisch msse aufgemacht
werden, da wre die Bandage drin, und da bin ich mit dem Stemmeisen gekommen,
und nun soll ich schuld sein. Nein, ich sage...
    Nun, ich will es nicht gesagt haben, Roswitha. Nur Sie sollen mir nicht
kommen und sagen: Der arme Major. Was heit der arme Major! Der ganze arme Major
taugte nichts; wer solchen rotblonden Schnurrbart hat und immer wribbelt, der
taugt nie was und richtet blo Schaden an. Und wenn man immer in vornehmen
Husern gedient hat, aber das haben Sie nicht, Roswitha, das fehlt Ihnen
eben..., dann wei man auch, was sich pat und schickt und was Ehre ist, und
wei auch, da, wenn so was vorkommt, dann geht es nicht anders, und dann kommt
das, was man eine Forderung nennt, und dann wird einer totgeschossen.
    Ach, das wei ich auch; ich bin nicht so dumm, wie Sie mich immer machen
wollen. Aber wenn es so lange her ist...
    Ja, Roswitha, mit Ihrem ewigen so lange her; daran sieht man ja eben, da
Sie nichts davon verstehen. Sie erzhlen immer die alte Geschichte von Ihrem
Vater mit dem glhenden Eisen, und wie er damit auf Sie losgekommen, und
jedesmal, wenn ich einen glhenden Bolzen eintue, mu ich auch wirklich immer an
Ihren Vater denken und sehe immer, wie er Sie wegen des Kindes, das ja nun tot
ist, totmachen will. Ja, Roswitha, davon sprechen Sie in einem fort, und es
fehlt blo noch, da Sie Anniechen auch die Geschichte erzhlen, und wenn
Anniechen eingesegnet wird, dann wird sie's auch gewi erfahren, und vielleicht
denselben Tag noch; und das rgert mich, da Sie das alles erlebt haben, und Ihr
Vater war doch blo ein Dorfschmied und hat Pferde beschlagen oder einen
Radreifen gelegt, und nun kommen Sie und verlangen von unserm gnd'gen Herrn,
da er sich das alles ruhig gefallen lt, blo weil es so lange her ist. Was
heit lange her? Sechs Jahre ist nicht lange her. Und unsre gnd'ge Frau - die
aber nicht wiederkommt, der gnd'ge Herr hat es mir eben gesagt -, unsre gnd'ge
Frau wird erst sechsundzwanzig, und im August ist ihr Geburtstag, und da kommen
Sie mir mit, lange her'. Und wenn sie sechsunddreiig wre, ich sage Ihnen, bei
sechsunddreiig mu man erst recht aufpassen, und wenn der gnd'ge Herr nichts
getan htte, dann htten ihn die vornehmen Leute geschnitten. Aber das Wort
kennen Sie gar nicht, Roswitha, davon wissen Sie nichts.
    Nein, davon wei ich nichts, will auch nicht; aber das wei ich, Johanna,
da Sie in den gnd'gen Herrn verliebt sind.
    Johanna schlug eine krampfhafte Lache auf.
    Ja, lachen Sie nur. Ich seh es schon lange. Sie haben so was. Und ein
Glck, da unser gnd'ger Herr keine Augen dafr hat... Die arme Frau, die arme
Frau.
    Johanna lag daran, Frieden zu schlieen. Lassen Sie's gut sein, Roswitha.
Sie haben wieder Ihren Koller; aber ich wei schon, den haben alle vom Lande.
    Kann schon sein.
    Ich will jetzt nur die Briefe forttragen und unten sehen, ob der Portier
vielleicht schon die andere Zeitung hat. Ich habe doch recht verstanden, da er
Lene danach geschickt hat? Und es mu auch mehr darin stehen; das hier ist ja so
gut wie gar nichts.

                              Dreiigstes Kapitel


Effi und die Geheimrtin Zwicker waren seit fast drei Wochen in Ems und
bewohnten daselbst das Erdgescho einer reizenden kleinen Villa. In ihrem
zwischen ihren zwei Wohnzimmern gelegenen gemeinschaftlichen Salon mit Blick auf
den Garten stand ein Polysanderflgel, auf dem Effi dann und wann eine Sonate,
die Zwicker dann und wann einen Walzer spielte; sie war ganz unmusikalisch und
beschrnkte sich im wesentlichen darauf, fr Niemann als Tannhuser zu
schwrmen.
    Es war ein herrlicher Morgen; in dem kleinen Garten zwitscherten die Vgel,
und aus dem angrenzenden Hause, drin sich ein Lokal befand, hrte man, trotz
der frhen Stunde, bereits das Zusammenschlagen der Billardblle. Beide Damen
hatten ihr Frhstck nicht im Salon selbst, sondern auf einem ein paar Fu hoch
aufgemauerten und mit Kies bestreuten Vorplatz eingenommen, von dem aus drei
Stuten nach dem Garten hinunterfhrten; die Markise, ihnen zu Hupten, war
aufgezogen, um den Genu der frischen Luft in nichts zu beschrnken, und sowohl
Effi wie die Geheimrtin waren ziemlich emsig bei ihrer Handarbeit. Nur dann und
wann wurden ein paar Worte gewechselt.
    Ich begreife nicht, sagte Effi, da ich schon seit vier Tagen keinen
Brief habe; er schreibt sonst tglich. Ob Annie krank ist? Oder er selbst?
    Die Zwicker lchelte: Sie werden erfahren, liebe Freundin, da er gesund
ist, ganz gesund.
    Effi fhlte sich durch den Ton, in dem dies gesagt wurde, wenig angenehm
berhrt und schien antworten zu wollen, aber in eben diesem Augenblicke trat das
aus der Umgegend von Bonn stammende Hausmdchen, das sich von Jugend an daran
gewhnt hatte, die mannigfachsten Erscheinungen des Lebens an Bonner Studenten
und Bonner Husaren zu messen, vom Salon her auf den Vorplatz hinaus, um hier den
Frhstckstisch abzurumen. Sie hie Afra.
    Afra, sagte Effi. es mu doch schon neun sein; war der Postbote noch
nicht da?
    Nein, noch nicht, gnd'ge Frau.
    Woran liegt es?
    Natrlich an dem Postboten; er ist aus dem Siegenschen und hat keinen
Schneid. Ich hab's ihm auch schon gesagt, das sei die reine Lodderei. Und wie
ihm das Haar sitzt; ich glaube, er wei gar nicht, was ein Scheitel ist.
    Afra, Sie sind mal wieder zu streng. Denken Sie doch: Postbote, und so
tagaus, tagein bei der ewigen Hitze...
    Ist schon recht, gnd'ge Frau. Aber es gibt doch andere, die zwingen's;
wo's drinsteckt, da geht es auch. Und whrend sie noch so sprach, nahm sie das
Tablett geschickt auf ihre fnf Fingerspitzen und stieg die Stufen hinunter, um
durch den Garten hin den nheren Weg in die Kche zu nehmen.
    Eine hbsche Person, sagte die Zwicker. Und so quick und kasch, und ich
mchte fast sagen, von einer natrlichen Anmut. Wissen Sie, liebe Baronin, da
mich diese Afra... brigens ein wundervoller Name, und es soll sogar eine
heilige Afra gegeben haben, aber ich glaube nicht, da unsere davon abstammt...
    Und nun, liebe Geheimrtin, vertiefen Sie sich wieder in Ihr Nebenthema,
das diesmal Afra heit, und vergessen darber ganz, was Sie eigentlich sagen
wollten . . .
    Doch nicht, liebe Freundin, oder ich finde mich wenigstens wieder zurck.
Ich wollte sagen, da mich diese Afra ganz ungemein an die stattliche Person
erinnert, die ich in Ihrem Hause...
    Ja. Sie haben recht. Es ist eine hnlichkeit da. Nur unser Berliner
Hausmdchen ist doch erheblich hbscher und namentlich ihr Haar viel schner und
voller. Ich habe so schnes flachsenes Haar, wie unsere Johanna hat, berhaupt
noch nicht gesehen. Ein bichen davon sieht man ja wohl, aber solche Flle..
    Die Zwicker lchelte. Das ist wirklich selten, da man eine junge Frau mit
solcher Begeisterung von dem flachsenen Haar ihres Hausmdchens sprechen hrt.
Und nun auch noch von der Flle! Wissen Sie, da ich das rhrend finde. Denn
eigentlich ist man doch bei der Wahl der Mdchen in einer bestndigen
Verlegenheit. Hbsch sollen sie sein, weil es jeden Besucher, wenigstens die
Mnner, strt, eine lange Stakete mit griesem Teint und schwarzen Rndern in der
Trffnung erscheinen zu sehen, und ein wahres Glck, da die Korridore meistens
so dunkel sind. Aber nimmt man wieder zuviel Rcksicht auf solche
Hausreprsentation und den sogenannten ersten Eindruck und schenkt man wohl gar
noch einer solchen hbschen Person eine weie Tndelschrze nach der andern, so
hat man eigentlich keine ruhige Stunde mehr und fragt sich, wenn man nicht zu
eitel ist und nicht zu viel Vertrauen zu sich selber hat, ob da nicht Remedur
geschaffen werden msse. Remedur war nmlich ein Lieblingswort von Zwicker,
womit er mich oft gelangweilt hat; aber freilich, alle Geheimrte haben solche
Lieblingsworte.
    Effi hrte mit sehr geteilten Empfindungen zu. Wenn die Geheimrtin nur ein
bichen anders gewesen wre, so htte dies alles reizend sein knnen, aber da
sie nun mal war, wie sie war, so fhlte sich Effi wenig angenehm von dem
berhrt, was sie sonst vielleicht einfach erheitert htte.
    Das ist schon recht, liebe Freundin, was Sie da von den Geheimrten sagen.
Innstetten hat sich auch dergleichen angewhnt, lacht aber immer, wenn ich ihn
daraufhin ansehe, und entschuldigt sich hinterher wegen der Aktenausdrcke. Ihr
Herr Gemahl war freilich schon lnger im Dienst und berhaupt wohl lter...
    Um ein geringes, sagte die Geheimrtin spitz und ablehnend.
    Und alles in allem kann ich mich in Befrchtungen, wie Sie sie aussprechen,
nicht recht zurechtfinden. Das, was man gute Sitte nennt, ist doch immer noch
eine Macht...
    Meinen Sie?
    ... Und ich kann mir namentlich nicht denken, da es gerade Ihnen, liebe
Freundin, beschieden gewesen sein sollte, solche Sorgen und Befrchtungen
durchzumachen. Sie haben, Verzeihung, da ich diesen Punkt hier so offen
berhre, gerade das, was die Mnner einen Charme nennen, Sie sind heiter,
fesselnd, anregend, und wenn es nicht indiskret ist, so mcht ich, angesichts
dieser Ihrer Vorzge, wohl fragen drfen, sttzt sich das, was Sie da sagen, auf
allerlei Schmerzliches, das Sie persnlich erlebt haben?
    Schmerzliches? sagte die Zwicker. Ach, meine liebe, gndigste Frau,
Schmerzliches, das ist ein zu groes Wort, auch dann noch, wenn man vielleicht
wirklich manches erlebt hat. Schmerzlich ist einfach zuviel, viel zuviel. Und
dann hat man doch schlielich auch seine Hlfsmittel und Gegenkrfte. Sie drfen
dergleichen nicht zu tragisch nehmen.
    Ich kann mir keine rechte Vorstellung von dem machen, was Sie anzudeuten
belieben. Nicht, als ob ich nicht wte, was Snde sei, das wei ich auch; aber
es ist doch ein Unterschied, ob man so hineingert in allerlei schlechte
Gedanken oder ob einem derlei Dinge zur halben oder auch wohl zur ganzen
Lebensgewohnheit werden. Und nun gar im eigenen Hause...
    Davon will ich nicht sprechen, das will ich nicht so direkt gesagt haben,
obwohl ich, offen gestanden, auch nach dieser Seite hin voller Mitrauen bin
oder, wie ich jetzt sagen mu, war; denn es liegt ja alles zurck. Aber da gibt
es Auengebiete. Haben Sie von Landpartien gehrt?
    Gewi. Und ich wollte wohl, Innstetten htte mehr Sinn dafr...
    berlegen Sie sich das, liebe Freundin. Zwicker sa immer in Saatwinkel.
Ich kann Ihnen nur sagen, wenn ich das Wort hre, gibt es mir noch jetzt einen
Stich ins Herz. berhaupt diese Vergngungsrter in der Umgegend unseres lieben,
alten Berlin! Denn ich liebe Berlin trotz alledem. Aber schon die bloen Namen
der dabei in Frage kommenden Ortschaften umschlieen eine Welt von Angst und
Sorge. Sie lcheln. Und doch, sagen Sie selbst, liebe Freundin, was knnen Sie
von einer groen Stadt und ihren Sittlichkeitszustnden erwarten, wenn Sie
beinah unmittelbar vor den Toren derselben (denn zwischen Charlottenburg und
Berlin ist kein rechter Unterschied mehr), auf kaum tausend Schritte
zusammengedrngt, einem Pichelsberg, einem Pichelsdorf und einem Pichelswerder
begegnen. Dreimal Pichel ist zuviel. Sie knnen die ganze Welt absuchen, das
finden Sie nicht wieder.
    Effi nickte.
    Und das alles, fuhr die Zwicker fort, geschieht am grnen Holze der
Havelseite. Das alles liegt nach Westen zu, da haben Sie Kultur und hhere
Gesittung. Aber nun gehen Sie, meine Gndigste, nach der andern Seite hin, die
Spree hinauf. Ich spreche nicht von Treptow und Stralau, das sind Bagatellen,
Harmlosigkeiten, aber wenn Sie die Spezialkarte zur Hand nehmen wollen, da
begegnen Sie neben mindestens sonderbaren Namen wie Kiekebusch, wie Wuhlheide...
Sie htten hren sollen, wie Zwicker das Wort aussprach... Namen von geradezu
brutalem Charakter, mit denen ich Ihr Ohr nicht verletzen will. Aber natrlich
sind das gerade die Pltze, die bevorzugt werden. Ich hasse diese Landpartien,
die sich das Volksgemt als eine Kremserpartie mit Ich bin ein Preue vorstellt,
in Wahrheit aber schlummern hier die Keime einer sozialen Revolution. Wenn ich
sage soziale Revolution, so meine ich natrlich moralische Revolution, alles
andere ist bereits wieder berholt; und schon Zwicker sagte mir noch in seinen
letzten Tagen Glaube mir, Sophie, Saturn frit seine Kinder. Und Zwicker, welche
Mngel und Gebrechen er haben mochte, das bin ich ihm schuldig, er war ein
philosophischer Kopf und hatte ein natrliches Gefhl fr historische
Entwickelung... Aber ich sehe, meine liebe Frau von Innstetten, so artig sie
sonst ist, hrt nur noch mit halbem Ohr zu; natrlich, der Postbote hat sich
drben blicken lassen, und da fliegt denn das Herz hinber und nimmt die
Liebesworte vorweg aus dem Briefe heraus... Nun, Bselager, was bringen Sie?
    Der Angeredete war mittlerweile bis an den Tisch herangetreten und packte
aus: mehrere Zeitungen, zwei Friseuranzeigen und zuletzt auch einen groen
eingeschriebenen Brief an Frau Baronin von Innstetten, geb. von Briest.
    Die Empfngerin unterschrieb, und nun ging der Postbote wieder. Die Zwicker
aber berflog die Friseuranzeigen und lachte ber die Preisermigung von
Shampooing.
    Effi hrte nicht hin; sie drehte den ihrerseits empfangenen Brief zwischen
den Fingern und hatte eine ihr unerklrliche Scheu, ihn zu ffnen.
Eingeschrieben und mit zwei groen Siegeln gesiegelt und ein dickes Couvert. Was
bedeutete das? Poststempel: Hohen-Cremmen, und die Adresse von der Handschrift
der Mutter. Von Innstetten, es war der fnfte Tag, keine Zeile.
    Sie nahm eine Stickschere mit Perlmuttergriff und schnitt die Lngsseite des
Briefes langsam auf. Und nun harrte ihrer eine neue berraschung. Der
Briefbogen, ja das waren eng geschriebene Zeilen von der Mama, darin eingelegt
aber waren Geldscheine mit einem breiten Papierstreifen drum herum, auf dem mit
Rotstift, und zwar von des Vaters Hand, der Betrag der eingelegten Summe
verzeichnet war Sie schob das Konvolut zurck und begann zu lesen, whrend sie
sich in den Schaukelstuhl zurcklehnte. Aber sie kam nicht weit, die Zeilen
entfielen ihr, und aus ihrem Gesicht war alles Blut fort. Dann bckte sie sich
und nahm den Brief wieder auf.
    Was ist Ihnen, liebe Freundin? Schlechte Nachrichten?
    Effi nickte, gab aber weiter keine Antwort und bat nur, ihr ein Glas Wasser
reichen zu wollen. Als sie getrunken, sagte sie: Es wird vorbergehen, liebe
Geheimrtin, aber ich mchte mich doch einen Augenblick zurckziehen... Wenn Sie
mir Afra schicken knnten.
    Und nun erhob sie sich und trat in den Salon zurck, wo sie sichtlich froh
war, einen Halt gewinnen und sich an dem Polysanderflgel entlangfhlen zu
knnen. So kam sie bis an ihr nach rechts hin gelegenes Zimmer, und als sie
hier, tappend und suchend, die Tr geffnet und das Bett an der Wand gegenber
erreicht hatte, brach sie ohnmchtig zusammen.

                           Einunddreiigstes Kapitel


Minuten vergingen. Als Effi sich wieder erholt hatte, setzte sie sich auf einen
am Fenster stehenden Stuhl und sah auf die stille Strae hinaus. Wenn da doch
Lrm und Streit gewesen wre; aber nur der Sonnenschein lag auf dem chaussierten
Wege und dazwischen die Schatten, die das Gitter und die Bume warfen. Das
Gefhl des Alleinseins in der Welt berkam sie mit seiner ganzen Schwere. Vor
einer Stunde noch eine glckliche Frau, Liebling aller, die sie kannten, und nun
ausgestoen. Sie hatte nur erst den Anfang des Briefes gelesen, aber genug, um
ihre Lage klar vor Augen zu haben. Wohin? Sie hatte keine Antwort darauf, und
doch war sie voll tiefer Sehnsucht, aus dem herauszukommen, was sie hier umgab,
also fort von dieser Geheimrtin, der das alles blo ein interessanter Fall
war und deren Teilnahme, wenn etwas davon existierte, sicher an das Ma ihrer
Neugier nicht heranreichte.
    Wohin?
    Auf dem Tische vor ihr lag der Brief; aber ihr fehlte der Mut,
weiterzulesen. Endlich sagte sie Wovor bange ich mich noch? Was kann noch
gesagt werden, das ich mir nicht schon selber sagte? Der, um den all dies kam,
ist tot, eine Rckkehr in mein Haus gibt es nicht, in ein paar Wochen wird die
Scheidung ausgesprochen sein, und das Kind wird man dem Vater lassen. Natrlich.
Ich bin schuldig, und eine Schuldige kann ihr Kind nicht erziehen. Und wovon
auch? Mich selbst werde ich wohl durchbringen. Ich will sehen, was die Mama
darber schreibt, wie sie sich mein Leben denkt.
    Und unter diesen Worten nahm sie den Brief wieder, um auch den Schlu zu
lesen.
    ... Und nun Deine Zukunft, meine liebe Effi. Du wirst Dich auf Dich selbst
stellen mssen und darfst dabei, soweit uere Mittel mitsprechen, unserer
Untersttzung sicher sein. Du wirst am besten in Berlin leben (in einer groen
Stadt vertut sich dergleichen am besten) und wirst da zu den vielen gehren, die
sich um freie Luft und lichte Sonne gebracht haben. Du wirst einsam leben und,
wenn Du das nicht willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphre herabsteigen mssen.
Die Welt, in der Du gelebt hast, wird Dir verschlossen sein. Und was das
traurigste fr uns und fr Dich ist (auch fr Dich, wie wir Dich zu kennen
vermeinen) - auch das elterliche Haus wird Dir verschlossen sein; wir knnen Dir
keinen stillen Platz in Hohen-Cremmen anbieten, keine Zuflucht in unserem Hause,
denn es hiee das, dies Haus von aller Welt abschlieen, und das zu tun, sind
wir entschieden nicht geneigt. Nicht weil wir zu sehr an der Welt hingen und ein
Abschiednehmen von dem, was sich Gesellschaft nennt, uns als etwas unbedingt
Unertrgliches erschiene; nein, nicht deshalb, sondern einfach, weil wir Farbe
bekennen und vor aller Welt, ich kann Dir das Wort nicht ersparen, unsere
Verurteilung Deines Tuns, des Tuns unseres einzigen und von uns so sehr
geliebten Kindes, aussprechen wollen...
    Effi konnte nicht weiterlesen; ihre Augen fllten sich mit Trnen, und
nachdem sie vergeblich dagegen angekmpft hatte, brach sie zuletzt in ein
heftiges Schluchzen und Weinen aus, darin sich ihr Herz erleichterte.

Nach einer halben Stunde klopfte es, und auf Effis Herein erschien die
Geheimrtin.
    Darf ich eintreten?
    Gewi, liebe Geheimrtin, sagte Effi, die jetzt, leicht zugedeckt und die
Hnde gefaltet, auf dem Sofa lag. Ich bin erschpft und habe mich hier
eingerichtet, so gut es ging. Darf ich Sie bitten, sich einen Stuhl zu nehmen.
    Die Geheimrtin setzte sich so, da der Tisch, mit einer Blumenschale
darauf, zwischen ihr und Effi war. Effi zeigte keine Spur von Verlegenheit und
nderte nichts in ihrer Haltung, nicht einmal die gefalteten Hnde. Mit einem
Male war es ihr vollkommen gleichgltig, was die Frau dachte; nur fort wollte
sie.
    Sie haben eine traurige Nachricht empfangen, liebe, gndigste Frau...
    Mehr als traurig, sagte Effi. Jedenfalls traurig genug, um unserem
Beisammensein ein rasches Ende zu machen. Ich mu noch heute fort.
    Ich mchte nicht zudringlich erscheinen, aber ist es etwas mit Annie?
    Nein, nicht mit Annie. Die Nachrichten kamen berhaupt nicht aus Berlin, es
waren Zeilen meiner Mama. Sie hat Sorgen um mich, und es liegt mir daran, sie zu
zerstreuen oder, wenn ich das nicht kann, wenigstens an Ort und Stelle zu sein.
    Mir nur zu begreiflich, sosehr ich es beklage, diese letzten Emser Tage nun
ohne Sie verbringen zu sollen. Darf ich Ihnen meine Dienste zur Verfgung
stellen?
    Ehe Effi darauf antworten konnte, trat Afra ein und meldete, da man sich
eben zum Lunch versammle. Die Herrschaften seien alle sehr in Aufregung: der
Kaiser kme wahrscheinlich auf drei Wochen, und am Schlu seien groe Manver,
und die Bonner Husaren kmen auch.
    Die Zwicker berschlug sofort, ob es sich verlohnen wrde, bis dahin zu
bleiben, kam zu einem entschiedenen Ja und ging dann, um Effis Ausbleiben beim
Lunch zu entschuldigen.
    Als gleich danach auch Afra gehen wollte, sagte Effi: Und dann, Afra, wenn
Sie frei sind, kommen Sie wohl noch eine Viertelstunde zu mir, um mir beim
Packen behlflich zu sein. Ich will heute noch mit dem Sieben-Uhr-Zuge fort.
    Heute noch? Ach, gndigste Frau, das ist doch aber schade. Nun fangen ja
die schnen Tage erst an.
    Effi lchelte.

Die Zwicker, die noch allerlei zu hren hoffte, hatte sich nur mit Mhe
bestimmen lassen, der Frau Baronin beim Abschiede nicht das Geleit zu geben.
Auf einem Bahnhofe, so hatte Effi versichert, sei man immer so zerstreut und
nur mit seinem Platz und seinem Gepck beschftigt; gerade Personen, die man
liebhabe, von denen nhme man gern vorher Abschied. Die Zwicker besttigte das,
trotzdem sie das Vorgeschtzte darin sehr wohl herausfhlte; sie hatte hinter
allen Tren gestanden und wute gleich, was echt und unecht war.
    Afra begleitete Effi zum Bahnhof und lie sich fest versprechen, da die
Frau Baronin im nchsten Sommer wiederkommen wolle; wer mal in Ems gewesen, der
komme immer wieder. Ems sei das schnste, auer Bonn.
    Die Zwicker hatte sich mittlerweile zum Briefschreiben niedergesetzt, nicht
an dem etwas wackligen Rokokosekretr im Salon, sondern drauen auf der Veranda,
an demselben Tisch, an dem sie kaum zehn Stunden zuvor mit Effi das Frhstck
genommen hatte.
    Sie freute sich auf den Brief, der einer befreundeten, zur Zeit in
Reichenhall weilenden Berliner Dame zugute kommen sollte. Beider Seelen hatten
sich lngst gefunden und gipfelten in einer der ganzen Mnnerwelt geltenden
starken Skepsis; sie fanden die Mnner durchweg weit zurckbleibend hinter dem,
was billigerweise gefrdert werden knne, die sogenannten forschen am meisten.
Die, die vor Verlegenheit nicht wissen, wo sie hinsehen sollen, sind, nach
einem kurzen Vorstudium, immer noch die besten, aber die eigentlichen Don Juans
erweisen sich jedesmal als eine Enttuschung. Wo soll es am Ende auch
herkommen. Das waren so Weisheitsstze, die zwischen den zwei Freundinnen
ausgetauscht wurden.
    Die Zwicker war schon auf dem zweiten Bogen und fuhr in ihrem mehr als
dankbaren Thema, das natrlich Effi hie, eben wie folgt fort: Alles in allem
war sie sehr zu leiden, artig, anscheinend offen, ohne jeden Adelsdnkel (oder
doch gro in der Kunst, ihn zu verbergen) und immer interessiert, wenn man ihr
etwas Interessantes erzhlte, wovon ich, wie ich Dir nicht zu versichern
brauche, den ausgiebigsten Gebrauch machte. Nochmals also, reizende junge Frau,
fnfundzwanzig oder nicht viel mehr. Und doch hab ich dem Frieden nie getraut
und traue ihm auch in diesem Augenblicke noch nicht, ja, jetzt vielleicht am
wenigsten. Die Geschichte heute mit dem Briefe - da steckt eine wirkliche
Geschichte dahinter. Dessen bin ich so gut wie sicher. Es wre das erste Mal,
da ich mich in solcher Sache geirrt htte. Da sie mit Vorliebe von den
Berliner Modepredigern sprach und das Ma der Gottseligkeit jedes einzelnen
feststellte, das und der gelegentliche Gretchenblick, der jedesmal versicherte,
kein Wsserchen trben zu knnen - alle diese Dinge haben mich in meinem
Glauben... Aber da kommt eben unsere Afra, von der ich Dir glaub ich, schon
schrieb, eine hbsche Person, und packt mir ein Zeitungsblatt auf den Tisch, das
ihr, wie sie sagt, unsere Frau Wirtin fr mich gegeben habe; die blau
angestrichene Stelle. Nun verzeih, wenn ich diese Stelle erst lese...
    Nachschrift. Das Zeitungsblatt war interessant genug und kam wie gerufen.
Ich schneide die blau angestrichene Stelle heraus und lege sie diesen Zeilen
bei. Du siehst daraus, da ich mich nicht geirrt habe. Wer mag nur der Crampas
sein? Es ist unglaublich - erst selber Zettel und Briefe schreiben und dann auch
noch die des anderen aufbewahren! Wozu gibt es fen und Kamine? Solange
wenigstens, wie dieser Duellunsinn noch existiert, darf dergleichen nicht
vorkommen; einem kommenden Geschlechte kann diese Briefschreibepassion (weil
dann gefahrlos geworden) vielleicht freigegeben werden. Aber so weit sind wir
noch lange nicht. brigens bin ich voll Mitleid mit der jungen Baronin und
finde, eitel wie man nun mal ist, meinen einzigen Trost darin, mich in der Sache
selbst nicht getuscht zu haben. Und der Fall lag nicht so ganz gewhnlich. Ein
schwcherer Diagnostiker htte sich doch vielleicht hinters Licht fhren lassen.
Wie immer
                                                                   Deine Sophie

                           Zweiunddreiigstes Kapitel


Drei Jahre waren vergangen, und Effi bewohnte seit fast ebenso langer Zeit eine
kleine Wohnung in der Kniggrtzer Strae, zwischen Askanischem Platz und
Halleschem Tor: ein Vorder- und Hinterzimmer und hinter diesem die Kche mit
Mdchengela, alles so durchschnittsmig und alltglich wie nur mglich. Und
doch war es eine apart hbsche Wohnung, die jedem, der sie sah, angenehm
auffiel, am meisten vielleicht dem alten Geheimrat Rummschttel, der, dann und
wann vorsprechend, der armen jungen Frau nicht blo die nun weit zurckliegende
Rheumatismus- und Neuralgiekomdie, sondern auch alles, was seitdem sonst noch
vorgekommen war, lngst verziehen hatte, wenn es fr ihn der Verzeihung
berhaupt bedurfte. Denn Rummschttel kannte noch ganz anderes. Er war jetzt
ausgangs Siebzig, aber wenn Effi, die seit einiger Zeit ziemlich viel krnkelte,
ihn brieflich um seinen Besuch bat, so war er am anderen Vormittag auch da und
wollte von Entschuldigungen, da es so hoch sei, nichts wissen. Nur keine
Entschuldigungen, meine liebe, gndigste Frau; denn erstens ist es mein Metier,
und zweitens bin ich glcklich und beinahe stolz, die drei Treppen so gut noch
steigen zu knnen. Wenn ich nicht frchten mte, Sie zu belstigen - - denn ich
komme doch schlielich als Arzt und nicht als Naturfreund und
Landschaftsschwrmer -, so kme ich wohl noch fter, blo um Sie zu sehen und
mich hier etliche Minuten an Ihr Hinterfenster zu setzen. Ich glaube, Sie
wrdigen den Ausblick nicht genug.
    O doch, doch, sagte Effi; Rummschttel aber lie sich nicht stren und
fuhr fort: Bitte, meine gndigste Frau, treten Sie hier heran, nur einen
Augenblick, oder erlauben Sie mir, da ich Sie bis an das Fenster fhre. Wieder
ganz herrlich heute. Sehen Sie doch nur die verschiedenen Bahndmme, drei, nein
vier, und wie es bestndig darauf hin und her gleitet... und nun verschwindet
der Zug da wieder hinter einer Baumgruppe. Wirklich herrlich. Und wie die Sonne
den weien Rauch durchleuchtet! Wre der Matthikirchhof nicht unmittelbar
dahinter, so wre es ideal.
    Ich sehe gern Kirchhfe.
    Ja, Sie drfen das sagen. Aber unserein! Unsereinem kommt unabweislich
immer die Frage, knnten hier nicht vielleicht einige weniger liegen? Im
brigen, meine gndigste Frau, bin ich mit Ihnen zufrieden und beklage nur, da
Sie von Ems nichts wissen wollen; Ems, bei Ihren katarrhalischen Affektionen,
wrde Wunder...
    Effi schwieg.
    Ems wrde Wunder tun. Aber da Sie's nicht mgen (und ich finde mich darin
zurecht), so trinken Sie den Brunnen hier. In drei Minuten sind Sie im
Prinz-Albrechtschen Garten, und wenn auch die Musik und die Toiletten und all
die Zerstreuungen einer regelrechten Brunnenpromenade fehlen, der Brunnen selbst
ist doch die Hauptsache.
    Effi war einverstanden, und Rummschttel nahm Hut und Stock. Aber er trat
noch einmal an das Fenster heran. Ich hre von einer Terrassierung des
Kreuzbergs sprechen, Gott segne die Stadtverwaltung, und wenn dann erst die
kahle Stelle dahinten mehr in Grn stehen wird... Eine reizende Wohnung. Ich
knnte Sie fast beneiden... Und was ich schon lngst einmal sagen wollte, meine
gndige Frau, Sie schreiben mir immer einen so liebenswrdigen Brief. Nun, wer
freute sich dessen nicht? Aber es ist doch jedesmal eine Mhe... Schicken Sie
mir doch einfach Roswitha.

Effi dankte ihm, und so schieden sie.
    Schicken Sie mir doch einfach Roswitha..., hatte Rummschttel gesagt. Ja,
war denn Roswitha bei Effi? war sie denn statt in der Keith- in der Kniggrtzer
Strae? Gewi war sie's, und zwar sehr lange schon, gerade so lange, wie Effi
selbst in der Kniggrtzer Strae wohnte. Schon drei Tage vor diesem Einzug
hatte sich Roswitha bei ihrer lieben gndigen Frau sehen lassen, und das war ein
groer Tag fr beide gewesen, so sehr, da dieses Tages hier noch nachtrglich
gedacht werden mu.
    Effi, hatte damals, als der elterliche Absagebrief aus Hohen-Cremmen kam und
sie mit dem Abendzuge von Ems nach Berlin zurckreiste, nicht gleich eine
selbstndige Wohnung genommen, sondern es mit einem Unterkommen in einem
Pensionate versucht. Es war ihr damit auch leidlich geglckt. Die beiden Damen,
die dem Pensionate vorstanden, waren gebildet und voll Rcksicht und hatten es
lngst verlernt, neugierig zu sein. Es kam da so vieles zusammen, da ein
Eindringenwollen in die Geheimnisse jedes einzelnen viel zu umstndlich gewesen
wre. Dergleichen hinderte nur den Geschftsgang. Effi, die die mit den Augen
angestellten Kreuzverhre der Zwicker noch in Erinnerung hatte, fhlte sich denn
auch von dieser Zurckhaltung der Pensionsdamen sehr angenehm berhrt, als aber
vierzehn Tage vorber waren, empfand sie doch deutlich, da die hier herrschende
Gesamtatmosphre, die physische wie die moralische, nicht wohl ertragbar fr sie
sei. Bei Tisch waren sie zumeist zu sieben, und zwar auer Effi und der einen
Pensionsvorsteherin (die andere leitete drauen das Wirtschaftliche) zwei die
Hochschule besuchende Englnderinnen, eine adelige Dame aus Sachsen, eine sehr
hbsche galizische Jdin, von der niemand wute, was sie eigentlich vorhatte,
und eine Kantorstochter aus Polzin in Pommern, die Malerin werden wollte. Das
war eine schlimme Zusammensetzung, und die gegenseitigen berheblichkeiten, bei
denen die Englnderinnen merkwrdigerweise nicht absolut obenan standen, sondern
mit der vom hchsten Malergefhl erfllten Polzinerin um die Palme rangen, waren
unerquicklich; dennoch wre Effi, die sich passiv verhielt, ber den Druck, den
diese geistige Atmosphre bte, hinweggekommen, wenn nicht, rein physisch und
uerlich, die sich hinzugesellende Pensionsluft gewesen wre. Woraus sich diese
eigentlich zusammensetzte, war vielleicht berhaupt unerforschlich, aber da sie
der sehr empfindlichen Effi den Atem raubte, war nur zu gewi, und so sah sie
sich, aus diesem uerlichen Grunde, sehr bald schon zur Aus- und Umschau nach
einer anderen Wohnung gezwungen, die sie denn auch in verhltnismiger Nhe
fand. Es war dies die vorgeschilderte Wohnung in der Kniggrtzer Strae. Sie
sollte dieselbe zu Beginn des Herbstvierteljahrs beziehen, hatte das Ntige dazu
beschafft und zhlte whrend der letzten Septembertage die Stunden bis zur
Erlsung aus dem Pensionat.
    An einem dieser letzten Tage - sie hatte sich eine Viertelstunde zuvor aus
dem Ezimmer zurckgezogen und gedachte sich eben auf einem mit einem
groblumigen Wollstoff berzogenen Seegras-Sofa auszuruhen - wurde leise an ihre
Tr geklopft.
    Herein.
    Das eine Hausmdchen, eine krnklich aussehende Person von Mitte Dreiig,
die, durch bestndigen Aufenthalt auf dem Korridor des Pensionats, den hier
lagernden Dunstkreis berallhin in ihren Falten mitschleppte, trat ein und
sagte: Die gndige Frau mchte entschuldigen, aber es wolle sie jemand
sprechen.
    Wer?
    Eine Frau.
    Und hat sie ihren Namen genannt?
    Ja. Roswitha.
    Und siehe da, kaum da Effi diesen Namen gehrt hatte, so schttelte sie den
Halbschlaf von sich ab und sprang auf und lief auf den Korridor hinaus, um
Roswitha bei beiden Hnden zu fassen und in ihr Zimmer zu ziehen.
    Roswitha. Du. Ist das eine Freude. Was bringst du? Natrlich was Gutes. Ein
so gutes altes Gesicht kann nur was Gutes bringen. Ach, wie glcklich ich bin,
ich knnte dir einen Ku geben; ich htte nicht gedacht, da ich noch solche
Freude haben knnte. Mein gutes altes Herz, wie geht es dir denn? Weit du noch,
wie's damals war, als der Chinese spukte? Das waren glckliche Zeiten. Ich habe
damals gedacht, es wren unglckliche, weil ich das Harte des Lebens noch nicht
kannte. Seitdem habe ich es kennengelernt. Ach, Spuk ist lange nicht das
schlimmste! Komm, meine gute Roswitha, komm, setze dich hier zu mir und erzhle
mir... Ach, ich habe solche Sehnsucht. Was macht Annie?
    Roswitha konnte kaum reden und sah sich in dem sonderbaren Zimmer um, dessen
grau und verstaubt aussehende Wnde in schmale Goldleisten gefat waren. Endlich
aber fand sie sich und sagte, da der gndige Herr nun wieder aus Glatz zurck
sei; der alte Kaiser habe gesagt, sechs Wochen in solchem Falle sei gerade
genug, und auf den Tag, wo der gndige Herr wieder dasein wrde, darauf habe
sie blo gewartet, wegen Annie, die doch eine Aufsicht haben msse. Denn Johanna
sei wohl eine sehr propre Person, aber sie sei doch noch zu hbsch und
beschftige sich noch zuviel mit sich selbst und denke vielleicht Gott wei was
alles. Aber nun, wo der gndige Herr wieder aufpassen und in allem nach dem
Rechten sehen knne, da habe sie sich's doch antun wollen und mal sehen, wie's
der gndigen Frau gehe...
    Das ist recht. Roswitha...
    Und habe mal sehen wollen ob der gndigen Frau was fehle und ob sie sie
vielleicht brauche, dann wolle sie gleich hierbleiben und beispringen und alles
machen und dafr sorgen, da es der gndigen Frau wieder gut ginge.
    Effi hatte sich in die Sofaecke zurckgelehnt und die Augen geschlossen.
Aber mit eins richtete sie sich auf und sagte: Ja, Roswitha, was du da sagst,
das ist ein Gedanke; das ist was. Denn du mut wissen, ich bleibe hier nicht in
dieser Pension, ich habe da weiter hin eine Wohnung gemietet und auch
Einrichtung besorgt, und in drei Tagen will ich da einziehen. Und wenn ich da
mit dir ankme und zu dir sagen knnte: Nein, Roswitha, da nicht, der Schrank
mu dahin und der Spiegel da, ja, das wre was, das sollte mir schon gefallen.
Und wenn wir dann mde von all der Plackerei wren, dann sagte ich: Nun,
Roswitha, gehe da hinber und hole uns eine Karaffe Spatenbru, denn wenn man
gearbeitet hat, dann will man doch auch trinken, und wenn du kannst, so bring
uns auch etwas Gutes aus dem Habsburger Hof mit, du kannst ja das Geschirr
nachher wieder herberbringen -, ja, Roswitha, wenn ich mir das denke, da wird
mir ordentlich leichter ums Herz. Aber ich mu dich doch fragen, hast du dir
auch alles berlegt? Von Annie will ich nicht sprechen, an der du doch hngst,
sie ist ja fast wie dein eigen Kind - aber trotzdem, fr Annie wird schon
gesorgt werden, und die Johanna hngt ja auch an ihr. Also davon nichts. Aber
bedenke, wie sich alles verndert hat, wenn du wieder zu mir willst. Ich bin
nicht mehr wie damals; ich habe jetzt eine ganz kleine Wohnung genommen, und der
Portier wird sich wohl nicht sehr um dich und um mich bemhen. Und wir werden
eine sehr kleine Wirtschaft haben, immer das, was wir sonst unser
Donnerstag-Essen nannten, weil da rein gemacht wurde. Weit du noch? Und weit
du noch, wie der gute Gieshbler mal dazukam und sich zu uns setzen mute und
wie er dann sagte: So was Delikates habe er noch nie gegessen. Du wirst dich
noch erinnern, er war immer so schrecklich artig, denn eigentlich war er doch
der einzige Mensch in der Stadt, der von Essen was verstand. Die andern fanden
alles schn.
    Roswitha freute sich ber jedes Wort und sah schon alles in bestem Gange,
bis Effi wieder sagte: Hast du dir das alles berlegt? Denn du bist doch - ich
mu das sagen, wiewohl es meine eigne Wirtschaft war -, du bist doch nun durch
viele Jahre hin verwhnt, und es kam nie darauf an, wir hatten es nicht ntig,
sparsam zu sein; aber jetzt mu ich sparsam sein, denn ich bin arm und habe nur,
was man mir gibt, du weit, von Hohen-Cremmen her. Meine Eltern sind sehr gut
gegen mich, soweit sie's knnen, aber sie sind nicht reich. Und nun sage, was
meinst du?
    Da ich nchsten Sonnabend mit meinem Koffer anziehe, nicht am Abend,
sondern gleich am Morgen, und da ich da bin, wenn das Einrichten losgeht. Denn
ich kann doch ganz anders zufassen wie die gndige Frau.
    Sage das nicht, Roswitha. Ich kann es auch. Wenn man mu, kann man alles.
    Und dann, gndige Frau, Sie brauchen sich wegen meiner nicht zu frchten,
als ob ich mal denken knnte: Fr Roswitha ist das nicht gut genug. Fr Roswitha
ist alles gut, was sie mit der gndigen Frau teilen mu, und am liebsten, wenn
es was Trauriges ist. Ja, darauf freue ich mich schon ordentlich. Dann sollen
Sie mal sehen, das verstehe ich. Und wenn ich es nicht verstnde, dann wollte
ich es schon lernen. Denn, gndige Frau, das hab ich nicht vergessen, als ich da
auf dem Kirchhof sa, mutterwindallein, und bei mir dachte, nun wre es doch
wohl das beste, ich lge da gleich mit in der Reihe. Wer kam da? Wer hat mich da
bei Leben erhalten? Ach, ich habe soviel durchzumachen gehabt. Als mein Vater
damals mit der glhenden Stange auf mich loskam...
    Ich wei schon, Roswitha...
    Ja, das war schlimm genug. Aber als ich da auf dem Kirchhof sa, so ganz
arm und verlassen, das war doch noch schlimmer. Und da kam die gndige Frau. Und
ich will nicht selig werden, wenn ich das vergesse.
    Und dabei stand sie auf und ging aufs Fenster zu. Sehen Sie, gndige Frau,
den mssen Sie doch auch noch sehen.
    Und nun trat auch Effi heran.
    Drben, auf der anderen Seite der Strae, sa Rollo und sah nach den
Fenstern der Pension hinauf.

Wenige Tage danach bezog Effi, von Roswitha untersttzt, ihre Wohnung in der
Kniggrtzer Strae, darin es ihr von Anfang an gefiel. Umgang fehlte freilich,
aber sie hatte whrend ihrer Pensionstage von dem Verkehr mit Menschen so wenig
Erfreuliches gehabt, da ihr das Alleinsein nicht schwerfiel, wenigstens
anfnglich nicht. Mit Roswitha lie sich allerdings kein sthetisches Gesprch
fhren, auch nicht mal sprechen ber das, was in der Zeitung stand, aber wenn es
einfach menschliche Dinge betraf und Effi mit einem Ach, Roswitha, mich
ngstigt es wieder... ihren Satz begann, dann wute die treue Seele jedesmal
gut zu antworten und hatte immer Trost und meist auch Rat.
    Bis Weihnachten ging es vorzglich; aber der Heiligabend verlief schon recht
traurig, und als das neue Jahr herankam, begann Effi ganz schwermtig zu werden.
Es war nicht kalt, nur grau und regnerisch, und wenn die Tage kurz waren, so
waren die Abende desto lnger. Was tun? Sie las, sie stickte, sie legte
Patience, sie spielte Chopin, aber diese Nocturnes waren auch nicht angetan,
viel Licht in ihr Leben zu tragen, und wenn Roswitha mit dem Teebrett kam und
auer dem Teezeug auch noch zwei Tellerchen mit einem Ei und einem in kleine
Scheiben geschnittenen Wiener Schnitzel auf den Tisch setzte, sagte Effi,
whrend sie das Pianino schlo: Rcke heran, Roswitha. Leiste mir
Gesellschaft.
    Roswitha kam denn auch. Ich wei schon, die gndige Frau haben wieder
zuviel gespielt; dann sehen Sie immer so aus und haben rote Flecke. Der
Geheimrat hat es doch verboten.
    Ach, Roswitha, der Geheimrat hat leicht verbieten, und du hast es auch
leicht, all das nachzusprechen. Aber was soll ich denn machen? Ich kann doch
nicht den ganzen Tag am Fenster sitzen und nach der Christuskirche hinbersehen.
Sonntags, beim Abendgottesdienst, wenn die Fenster erleuchtet sind, sehe ich ja
immer hinber; aber es hilft mir auch nichts, mir wird dann immer noch schwerer
ums Herz.
    Ja, gndige Frau, dann sollten Sie mal hineingehen. Einmal waren Sie ja
schon drben.
    O schon fters. Aber ich habe nicht viel davon gehabt. Er predigt ganz gut
und ist ein sehr kluger Mann, und ich wre froh, wenn ich das Hundertste davon
wte. Aber es ist doch alles blo, wie wenn ich ein Buch lese; und wenn er dann
so laut spricht und herumficht und seine schwarzen Locken schttelt, dann bin
ich aus meiner Andacht heraus.
    Heraus?
    Effi lachte. Du meinst, ich war noch gar nicht drin. Und es wird wohl so
sein. Aber an wem liegt das? Das liegt doch nicht an mir. Er spricht immer
soviel vom Alten Testament. Und wenn es auch ganz gut ist, es erbaut mich nicht.
berhaupt all das Zuhren; es ist nicht das Rechte. Sieh, ich mte so viel zu
tun haben, da ich nicht ein noch aus wte. Das wre was fr mich. Da gibt es
so Vereine, wo junge Mdchen die Wirtschaft lernen, oder Nhschulen oder
Kindergrtnerinnen. Hast du nie davon gehrt?
    Ja, ich habe mal davon gehrt. Anniechen sollte mal in einen Kindergarten.
    Nun, siehst du, du weit es besser als ich. Und in solchen Verein, wo man
sich ntzlich machen kann, da mchte ich eintreten. Aber daran ist gar nicht zu
denken; die Damen nehmen mich nicht an und knnen es auch nicht. Und das ist das
schrecklichste, da einem die Welt so zu ist und da es sich einem sogar
verbietet, bei Gutem mit dabeizusein. Ich kann nicht mal armen Kindern eine
Nachhlfestunde geben...
    Das wre auch nichts fr Sie, gndige Frau; die Kinder haben immer so
fettige Stiefel an, und wenn es nasses Wetter ist - das ist dann solch Dunst und
Schmok, das halten die gndige Frau gar nicht aus.
    Effi lchelte. Du wirst wohl recht haben, Roswitha; aber es ist schlimm,
da du recht hast, und ich sehe daran, da ich noch zuviel von dem alten
Menschen in mir habe und da es mir noch zu gut geht.
    Davon wollte aber Roswitha nichts wissen. Wer so gut ist wie gndige Frau,
dem kann es gar nicht zu gut gehen. Und Sie mssen nur nicht immer so was
Trauriges spielen, und mitunter denke ich mir, es wird alles noch wieder gut,
und es wird sich schon was finden.
    Und es fand sich auch was. Effi, trotz der Kantorstochter aus Polzin, deren
Knstlerdnkel ihr immer noch als etwas Schreckliches vorschwebte, wollte
Malerin werden, und wiewohl sie selber darber lachte, weil sie sich bewut war,
ber eine unterste Stufe des Dilettantismus nie hinauskommen zu knnen, so griff
sie doch mit Passion danach, weil sie nun eine Beschftigung hatte, noch dazu
eine, die, weil still und geruschlos, ganz nach ihrem Herzen war. Sie meldete
sich denn auch bei einem ganz alten Malerprofessor, der in der mrkischen
Aristokratie sehr bewandert und zugleich so fromm war, da ihm Effi von Anfang
an ans Herz gewachsen erschien. Hier, so gingen wohl seine Gedanken, war eine
Seele zu retten, und so kam er ihr, als ob sie seine Tochter gewesen wre, mit
einer ganz besonderen Liebenswrdigkeit entgegen. Effi war sehr glcklich
darber, und der Tag ihrer ersten Malstunde bezeichnete fr sie einen Wendepunkt
zum Guten. Ihr armes Leben war nun nicht so arm mehr, und Roswitha triumphierte,
da sie recht gehabt und sich nun doch etwas gefunden habe.
    Das ging so Jahr und Tag und darber hinaus. Aber da sie nun wieder eine
Berhrung mit den Menschen hatte, wie sie's beglckte, so lie es auch wieder
den Wunsch in ihr entstehen, da diese Berhrungen sich erneuern und mehren
mchten. Sehnsucht nach Hohen-Cremmen erfate sie mitunter mit einer wahren
Leidenschaft, und noch leidenschaftlicher sehnte sie sich danach, Annie
wiederzusehen. Es war doch ihr Kind, und wenn sie dem nachhing und sich dabei
gleichzeitig der Trippelli erinnerte, die mal gesagt hatte: die Welt sei so
klein, und in Mittelafrika knne man sicher sein, pltzlich einem alten
Bekannten zu begegnen, so war sie mit Recht verwundert, Annie noch nie
getroffen zu haben. Aber auch das sollte sich eines Tages ndern. Sie kam aus
der Malstunde, dicht am Zoologischen Garten, und stieg, nahe dem Halteplatz, in
einen die lange Kurfrstenstrae passierenden Pferdebahnwagen ein. Es war sehr
hei, und die herabgelassenen Vorhnge, die bei dem starken Luftzuge, der ging,
hin und her bauschten, taten ihr wohl. Sie lehnte sich in die dem Vorderperron
zugekehrte Ecke und musterte eben mehrere in eine Glasscheibe eingebrannte
Sofas, blau, mit Quasten und Puscheln daran, als sie - der Wagen war gerade in
einem langsamen Fahren - drei Schulkinder aufspringen sah, die Mappen auf dem
Rcken, mit kleinen spitzen Hten, zwei blond und ausgelassen, die dritte dunkel
und ernst. Es war Annie. Effi fuhr heftig zusammen, und eine Begegnung mit dem
Kinde zu haben, wonach sie sich doch so lange gesehnt, erfllte sie jetzt mit
einer wahren Todesangst. Was tun? Rasch entschlossen ffnete sie die Tr zu dem
Vorderperron, auf dem niemand stand als der Kutscher, und bat diesen, sie bei
der nchsten Haltestelle vorn absteigen zu lassen. Is verboten, Frulein,
sagte der Kutscher; sie gab ihm aber ein Geldstck und sah ihn so bittend an,
da der gutmtige Mensch anderen Sinnes wurde und vor sich hin sagte: Sind soll
es eigentlich nich; aber es wird ja wohl mal gehn. Und als der Wagen hielt,
nahm er das Gitter aus, und Effi sprang ab.
    Noch in groer Erregung kam Effi nach Hause.
    Denke dir, Roswitha, ich habe Annie gesehen. Und nun erzhlte sie von der
Begegnung in dem Pferdebahnwagen. Roswitha war unzufrieden, da Mutter und
Tochter keine Wiedersehensszene gefeiert hatten, und lie sich nur ungern
berzeugen, da das, in Gegenwart so vieler Menschen, nicht wohl angegangen sei.
Dann mute Effi erzhlen, wie Annie ausgesehen habe, und als sie das mit
mtterlichem Stolze getan, sagte Roswitha Ja, sie ist so halb und halb. Das
Hbsche und, wenn ich es sagen darf, das Sonderbare, das hat sie von der Mama;
aber das Ernste, das ist ganz der Papa. Und wenn ich mir so alles berlege, ist
sie doch wohl mehr wie der gndige Herr.
    Gott sei Dank! sagte Effi.
    Na, gnd'ge Frau, das ist nu doch auch noch die Frage. Und da wird ja wohl
mancher sein, der mehr fr die Mama ist.
    Glaubst du, Roswitha? Ich glaube es nicht.
    Na, na, ich lasse mir nichts vormachen, und ich glaube, die gndige Frau
wei auch ganz gut, wie's eigentlich ist und was die Mnner am liebsten haben.
    Ach, sprich nicht davon, Roswitha.
    Damit brach das Gesprch ab und wurde auch nicht wieder aufgenommen. Aber
Effi, wenn sie's auch vermied, grade ber Annie mit Roswitha zu sprechen, konnte
die Begegnung in ihrem Herzen doch nicht verwinden und litt unter der
Vorstellung, vor ihrem eigenen Kinde geflohen zu sein. Es qulte sie bis zur
Beschmung, und das Verlangen nach einer Begegnung mit Annie steigerte sich bis
zum Krankhaften. An Innstetten schreiben und ihn darum bitten, das war nicht
mglich. Ihrer Schuld war sie sich wohl bewut, ja, sie nhrte das Gefhl davon
mit einer halb leidenschaftlichen Geflissentlichkeit; aber inmitten ihres
Schuldbewutseins fhlte sie sich andererseits auch von einer gewissen
Auflehnung gegen Innstetten erfllt. Sie sagte sich: er hatte recht und noch
einmal und noch einmal, und zuletzt hatte er doch unrecht. Alles Geschehene lag
so weit zurck, ein neues Leben hatte begonnen - er htte es knnen verbluten
lassen, statt dessen verblutete der arme Crampas.
    Nein, an Innstetten schreiben, das ging nicht; aber Annie wollte sie sehen
und sprechen und an ihr Herz drcken, und nachdem sie's tagelang berlegt hatte,
stand ihr fest, wie's am besten zu machen sei.
    Gleich am andern Vormittage kleidete sie sich sorgfltig in ein dezentes
Schwarz und ging auf die Linden zu, sich hier bei der Ministerin melden zu
lassen. Sie schickte ihre Karte hinein, auf der nur stand: Effi von Innstetten,
geb. von Briest. Alles andere war fortgelassen, auch die Baronin. Exzellenz
lassen bitten, und Effi folgte dem Diener bis in ein Vorzimmer, wo sie sich
niederlie und trotz der Erregung, in der sie sich befand, den Bilderschmuck an
den Wnden musterte. Da war zunchst Guido Renis Aurora, gegenber aber hingen
englische Kupferstiche, Stiche nach Benjamin West, in der bekannten
Aquatinta-Manier von viel Licht und Schatten. Eines der Bilder war Knig Lear im
Unwetter auf der Heide.
    Effi hatte ihre Musterung kaum beendet, als die Tr des angrenzenden Zimmers
sich ffnete und eine groe, schlanke Dame von einem sofort fr sie einnehmenden
Ausdruck auf die Bittstellerin zutrat und ihr die Hand reichte: Meine liebe,
gndigste Frau, sagte sie, welche Freude fr mich, Sie wiederzusehen...
    Und whrend sie das sagte, schritt sie auf das Sofa zu und zog Effi, whrend
sie selber Platz nahm, zu sich nieder.
    Effi war bewegt durch die sich in allem aussprechende Herzensgte. Keine
Spur von berheblichkeit oder Vorwurf, nur menschlich schne Teilnahme. Womit
kann ich Ihnen dienen? nahm die Ministerin noch einmal das Wort.
    Um Effis Mund zuckte es. Endlich sagte sie: Was mich herfhrt, ist eine
Bitte, deren Erfllung Exzellenz vielleicht mglich machen. Ich habe eine
zehnjhrige Tochter, die ich seit drei Jahren nicht gesehen habe und gern
wiedersehen mchte.
    Die Ministerin nahm Effis Hand und sah sie freundlich an.
    Wenn ich sage, in drei Jahren nicht gesehen, so ist das nicht ganz richtig.
Vor drei Tagen habe ich sie wiedergesehen. Und nun schilderte Effi mit groer
Lebendigkeit die Begegnung, die sie mit Annie gehabt hatte. Vor meinem eigenen
Kinde auf der Flucht. Ich wei wohl, man liegt, wie man sich bettet, und ich
will nichts ndern in meinem Leben. Wie es ist, so ist es recht; ich habe es
nicht anders gewollt. Aber das mit dem Kinde, das ist doch zu hart, und so habe
ich denn den Wunsch, es dann und wann sehen zu drfen, nicht heimlich und
verstohlen, sondern mit Wissen und Zustimmung aller Beteiligten.
    Unter Wissen und Zustimmung aller Beteiligten wiederholte die Ministerin
Effis Worte. "Das heit also unter Zustimmung Ihres Herrn Gemahls. Ich sehe, da
seine Erziehung dahin geht, das Kind von der Mutter fernzuhalten, ein Verfahren,
ber das ich mir kein Urteil erlaube. Vielleicht, da er recht hat; verzeihen
Sie mir diese Bemerkung, gndige Frau.
    Effi nickte.
    Sie finden sich selbst in der Haltung Ihres Herrn Gemahls, zurecht und
verlangen nur, da einem natrlichen Gefhle, wohl dem schnsten unserer Gefhle
(wenigstens wir Frauen werden uns darin finden), sein Recht werde. Treff' ich es
darin?
    In allem.
    Und so soll ich denn die Erlaubnis zu gelegentlichen Begegnungen erwirken,
in Ihrem Hause, wo Sie versuchen knnen, sich das Herz Ihres Kindes
zurckzuerobern.
    Effi drckte noch einmal ihre Zustimmung aus, whrend die Ministerin
fortfuhr: Ich werde also tun, meine gndigste Frau, was ich tun kann. Aber wir
werden es nicht eben leicht haben. Ihr Herr Gemahl, verzeihen Sie, da ich ihn
nach wie vor so nenne, ist ein Mann, der nicht nach Stimmungen und Laune,
sondern nach Grundstzen handelt, und diese fallenzulassen oder auch nur
momentan aufzugeben wird ihm hart ankommen. Lg es nicht so, so wre seine
Handlungs- und Erziehungsweise lngst eine andere gewesen. Das, was hart fr Ihr
Herz ist, hlt er fr richtig.
    So meinen Exzellenz vielleicht, es wre besser, meine Bitte
zurckzunehmen?
    Doch nicht. Ich wollte nur das Tun Ihres Herrn Gemahls erklren, um nicht
zu sagen rechtfertigen, und wollte zugleich die Schwierigkeiten andeuten, auf
die wir, aller Wahrscheinlichkeit nach, stoen werden. Aber ich denke, wir
zwingen es trotzdem. Denn wir Frauen, wenn wir's klug einleiten und den Bogen
nicht berspannen, wissen mancherlei durchzusetzen. Zudem gehrt Ihr Herr Gemahl
zu meinen besonderen Verehrern, und er wird mir eine Bitte, die ich an ihn
richte, nicht wohl abschlagen. Wir haben morgen einen kleinen Zirkel, auf dem
ich ihn sehe, und bermorgen frh haben Sie ein paar Zeilen von mir, die Ihnen
sagen werden, ob ich's klug, das heit glcklich, eingeleitet oder nicht. Ich
denke, wir siegen in der Sache, und Sie werden Ihr Kind wiedersehen und sich
seiner freuen. Es soll ein sehr schnes Mdchen sein. Nicht zu verwundern.

                           Dreiunddreiigstes Kapitel


Am zweitfolgenden Tage trafen, wie versprochen, einige Zeilen ein, und Effi las:
Es freut mich, liebe gndige Frau, Ihnen gute Nachricht geben zu knnen. Alles
ging nach Wunsch; Ihr Herr Gemahl ist zu sehr Mann von Welt, um einer Dame eine
von ihr vorgetragene Bitte abschlagen zu knnen; zugleich aber - auch das darf
ich Ihnen nicht verschweigen -, ich sah deutlich, da sein Ja nicht dem
entsprach, was er fr klug und recht hlt. Aber kritteln wir nicht, wo wir uns
freuen sollen. Ihre Annie, so haben wir es verabredet, wird ber Mittag kommen,
und ein guter Stern stehe ber Ihrem Wiedersehen.
    Es war mit der zweiten Post, da Effi diese Zeilen empfing, und bis zu
Annies Erscheinen waren mutmalich keine zwei Stunden mehr. Eine kurze Zeit,
aber immer noch zu lang, und Effi schritt in Unruhe durch beide Zimmer und dann
wieder in die Kche, wo sie mit Roswitha von allem mglichen sprach, von dem
Efeu drben an der Christuskirche, nchstes Jahr wrden die Fenster wohl ganz
zugewachsen sein, von dem Portier, der den Gashahn wieder so schlecht
zugeschraubt habe (sie wrden doch noch nchstens in die Luft fliegen), und da
sie das Petroleum doch lieber wieder aus der groen Lampenhandlung Unter den
Linden als aus der Anhaltstrae holen solle - von allem mglichen sprach sie,
nur von Annie nicht, weil sie die Furcht nicht aufkommen lassen wollte, die
trotz der Zeilen der Ministerin, oder vielleicht auch um dieser Zeilen willen in
ihr lebte.
    Nun war Mittag. Endlich wurde geklingelt, schchtern, und Roswitha ging, um
durch das Guckloch zu sehen. Richtig, es war Annie. Roswitha gab dem Kinde einen
Ku, sprach aber sonst kein Wort, und ganz leise, wie wenn ein Kranker im Hause
wre, fhrte sie das Kind vom Korridor her erst in die Hinterstube und dann bis
an die nach vorn fhrende Tr.
    Da geh hinein, Annie. Und unter diesen Worten, sie wollte nicht stren,
lie sie das Kind allein und ging wieder auf die Kche zu.
    Effi stand am andern Ende des Zimmers, den Rcken gegen den Spiegelpfeiler,
als das Kind eintrat. Annie! Aber Annie blieb an der nur angelehnten Tr
stehen, halb verlegen, aber halb auch mit Vorbedacht, und so eilte denn Effi auf
das Kind zu, hob es in die Hhe und kte es.
    Annie, mein ses Kind, wie freue ich mich. Komm, erzhle mir, und dabei
nahm sie Annie bei der Hand und ging auf das Sofa zu, um sich da zu setzen.
Annie stand aufrecht und griff, whrend sie die Mutter immer noch scheu ansah,
mit der Linken nach dem Zipfel der herabhngenden Tischdecke. Weit du wohl,
Annie, da ich dich einmal gesehen habe.
    Ja, mir war es auch so.
    Und nun erzhle mir recht viel. Wie gro du geworden bist! Und das ist die
Narbe da; Roswitha hat mir davon erzhlt. Du warst immer so wild und ausgelassen
beim Spielen. Das hast du von deiner Mama, die war auch so. Und in der Schule?
ich denke mir, du bist immer die Erste, du siehst mir so aus, als mtest du
eine Musterschlerin sein und immer die besten Zensuren nach Hause bringen. Ich
habe auch gehrt, da dich das Frulein von Wedelstdt so gelobt haben soll. Das
ist recht; Ich war auch so ehrgeizig, aber ich hatte nicht solche gute Schule.
Mythologie war immer mein Bestes. Worin bist du denn am besten?
    Ich weis es nicht.
    Oh, du wirst es schon wissen. Das wei man. Worin hast du denn die beste
Zensur?
    In der Religion.
    Nun, siehst du, da wei ich es doch. Ja, das ist sehr schn; ich war nicht
so gut darin, aber es wird wohl auch an dem Unterricht gelegen haben. Wir hatten
blo einen Kandidaten.
    Wir hatten auch einen Kandidaten.
    Und der ist fort?
    Annie nickte.
    Warum ist er fort?
    Ich wei es nicht. Wir haben nun wieder den Prediger.
    
    Den ihr alle sehr liebt.
    Ja; zwei aus der ersten Klasse wollen auch bertreten.
    Ah, ich verstehe; das ist schn. Und was macht Johanna?
    Johanna hat mich bis vor das Haus begleitet...
    Und warum hast du sie nicht mit heraufgebracht?
    Sie sagte, sie wolle lieber unten bleiben und an der Kirche drben warten.
    Und da sollst du sie wohl abholen?
    Ja.
    Nun, sie wird da hoffentlich nicht ungeduldig werden. Es ist ein kleiner
Vorgarten da, und die Fenster sind schon halb von Efeu berwachsen, als ob es
eine alte Kirche wre.
    Ich mchte sie aber doch nicht gerne warten lassen.
    Ach, ich sehe, du bist sehr rcksichtsvoll, und darber werde ich mich wohl
freuen mssen. Man mu es nur richtig einteilen... Und nun sage mir noch, was
macht Rollo?
    Rollo ist sehr gut. Aber Papa sagt, er wrde so faul; er liegt immer in der
Sonne.
    Das glaub ich. So war er schon, als du noch ganz klein warst... Und nun
sage mir, Annie - denn heute haben wir uns ja blo so mal wiedergesehen -, wirst
du mich fter besuchen?
    O gewi, wenn ich darf.
    Wir knnen dann in dem Prinz-Albrechtschen Garten spazierengehen.
    O gewi, wenn ich darf.
    Oder wir gehen zu Schilling und essen Eis, Ananas- oder Vanilleneis; das a
ich immer am liebsten.
    O gewi, wenn ich darf.
    Und bei diesem dritten wenn ich darf war das Ma voll; Effi sprang auf,
und ein Blick, in dem es wie Emprung aufflammte, traf das Kind. Ich glaube, es
ist die hchste Zeit, Annie; Johanna wird sonst ungeduldig. Und sie zog die
Klingel. Roswitha, die schon im Nebenzimmer war, trat gleich ein. Roswitha, gib
Annie das Geleit bis drben zur Kirche. Johanna wartet da. Hoffentlich hat sie
sich nicht erkltet. Es sollte mir leid tun. Gre Johanna.
    Und nun gingen beide.
    Kaum aber, da Roswitha drauen die Tr ins Schlo gezogen hatte, so ri
Effi, weil sie zu ersticken drohte, ihr Kleid auf und verfiel in ein
krampfhaftes Lachen. So also sieht ein Wiedersehen aus, und dabei strzte sie
nach vorn, ffnete die Fensterflgel und suchte nach etwas, das ihr beistehe.
Und sie fand auch was in der Not ihres Herzens. Da neben dem Fenster war ein
Bcherbrett, ein paar Bnde von Schiller und Krner darauf, und auf den
Gedichtbchern, die alle gleiche Hhe hatten, lag eine Bibel und ein Gesangbuch.
Sie griff danach, weil sie was haben mute, vor dem sie knien und beten konnte,
und legte Bibel und Gesangbuch auf den Tischrand, gerade da, wo Annie gestanden
hatte, und mit einem heftigen Ruck warf sie sich davor nieder und sprach
halblaut vor sich hin: O du Gott im Himmel, vergib mir, was ich getan; ich war
ein Kind... Aber nein, nein, ich war kein Kind, ich war alt genug, um zu wissen,
was ich tat. Ich hab es auch gewut, und ich will meine Schuld nicht kleiner
machen... aber das ist zuviel. Denn das hier, mit dem Kind, das bist nicht du,
Gott, der mich strafen will, das ist er, blo er! Ich habe geglaubt, da er ein
edles Herz habe, und habe mich immer klein neben ihm gefhlt; aber jetzt wei
ich, da er es ist, er ist klein. Und weil er klein ist, ist er grausam. Alles,
was klein ist, ist grausam. Das hat er dem Kinde beigebracht, ein Schulmeister
war er immer, Crampas hat ihn so genannt, spttisch damals, aber er hat recht
gehabt. O gewi, wenn ich darf. Du brauchst nicht zu drfen; ich will euch nicht
mehr, ich ha euch, auch mein eigen Kind. Was zuviel ist, ist zuviel. Ein
Streber war er, weiter nichts. - Ehre, Ehre, Ehre... und dann hat er den armen
Kerl totgeschossen, den ich nicht einmal liebte und den ich vergessen hatte,
weil ich ihn nicht liebte. Dummheit war alles, und nun Blut und Mord. Und ich
schuld. Und nun schickt er mir das Kind, weil er einer Ministerin nichts
abschlagen kann, und ehe er das Kind schickt, richtet er's ab wie einen Papagei
und bringt ihm die Phrase bei wenn ich darf. Mich ekelt, was ich getan; aber was
mich noch mehr ekelt, das ist eure Tugend. Weg mit euch. Ich mu leben, aber
ewig wird es ja wohl nicht dauern.
    Als Roswitha wiederkam, lag Effi am Boden, das Gesicht abgewandt, wie
leblos.

                           Vierunddreiigstes Kapitel


Rummschttel, als er gerufen wurde, fand Effis Zustand nicht unbedenklich. Das
Hektische, das er seit Jahr und Tag an ihr beobachtete, trat ihm ausgesprochener
als frher entgegen, und, was schlimmer war, auch die ersten Zeichen eines
Nervenleidens waren da. Seine ruhig freundliche Weise aber, der er einen Beisatz
von Laune zu geben wute, tat Effi wohl, und sie war ruhig, solange Rummschttel
um sie war. Als er schlielich ging, begleitete Roswitha den alten Herrn bis in
den Vorflur und sagte: Gott, Herr Geheimrat, mir ist so bange; wenn es nu mal
wiederkommt, und es kann doch; Gott - da hab ich ja keine ruhige Stunde mehr. Es
war aber doch auch zuviel, das mit dem Kind. Die arme gndige Frau. Und noch so
jung, wo manche erst anfangen.
    Lassen Sie nur, Roswitha. Kann noch alles wieder werden. Aber fort mu sie.
Wir wollen schon sehen. Andere Luft, andere Menschen.
    Den zweiten Tag danach traf ein Brief in Hohen-Cremmen ein, der lautete:
Gndigste Frau! Meine alten freundschaftlichen Beziehungen zu den Husern
Briest und Belling und nicht zum wenigsten die herzliche Liebe, die ich zu Ihrer
Frau Tochter hege, werden diese Zeilen rechtfertigen. Es geht so nicht weiter.
Ihre Frau Tochter, wenn nicht etwas geschieht, das sie der Einsamkeit und dem
Schmerzlichen ihres nun seit Jahren gefhrten Lebens entreit, wird schnell
hinsiechen. Eine Disposition zu Phthisis war immer da, weshalb ich schon vor
Jahren Ems verordnete; zu diesem alten bel hat sich nun ein neues gesellt: ihre
Nerven zehren sich auf. Dem Einhalt zu tun, ist ein Luftwechsel ntig. Aber
wohin? Es wrde nicht schwer sein, in den schlesischen Bdern eine Auswahl zu
treffen, Salzbrunn gut und Reinerz, wegen der Nervenkomplikation, noch besser.
Aber es darf nur Hohen-Cremmen sein. Denn, meine gndigste Frau, was Ihrer Frau
Tochter Genesung bringen kann, ist nicht Luft allein; sie siecht hin, weil sie
nichts hat als Roswitha. Dienertreue ist schn, aber Elternliebe ist besser.
Verzeihen Sie einem alten Manne dies Sicheinmischen in Dinge, die jenseits
seines rztlichen Berufes liegen. Und doch auch wieder nicht, denn es ist
schlielich auch der Arzt, der hier spricht und seiner Pflicht nach, verzeihen
Sie dies Wort, Forderungen stellt... Ich habe soviel vom Leben gesehen... aber
nichts mehr in diesem Sinne. Mit der Bitte, mich Ihrem Herrn Gemahl empfehlen zu
wollen, in vorzglicher Ergebenheit
                                                              Dr. Rummschttel.

Frau von Briest hatte den Brief ihrem Manne vorgelesen; beide saen auf dem
schattigen Steinfliesengange, den Gartensaal im Rcken, das Rondell mit der
Sonnenuhr vor sich. Der um die Fenster sich rankende wilde Wein bewegte sich
leis in dem Luftzuge, der ging, und ber dem Wasser standen ein paar Libellen im
hellen Sonnenschein.
    Briest schwieg und trommelte mit dem Finger auf dem Teebrett.
    Bitte, trommle nicht; sprich lieber.
    Ach, Luise, was soll ich sagen. Da ich trommle, sagt gerade genug. Du
weit seit Jahr und Tag, wie ich darber denke. Damals, als Innstettens Brief
kam, ein Blitz aus heiterem Himmel, damals war ich deiner Meinung. Aber das ist
nun schon wieder eine halbe Ewigkeit her; soll ich hier bis an mein Lebensende
den Groinquisitor spielen? Ich kann dir sagen, ich hab es seit lange satt...
    Mache mir keine Vorwrfe, Briest; ich liebe sie so wie du, vielleicht noch
mehr; jeder hat seine Art. Aber man lebt doch nicht blo in der Welt, um schwach
und zrtlich zu sein und alles mit Nachsicht zu behandeln, was gegen Gesetz und
Gebot ist und was die Menschen verurteilen und, vorlufig wenigstens, auch noch
- mit Recht verurteilen.
    Ach was. Eins geht vor.
    Natrlich, eins geht vor; aber was ist das eine?
    Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Und wenn man gar blo eines hat...
    Dann ist es vorbei mit Katechismus und Moral und mit dem Anspruch der
Gesellschaft.
    Ach, Luise, komme mir mit Katechismus, soviel du willst; aber komme mir
nicht mit Gesellschaft.
    Es ist sehr schwer, sich ohne Gesellschaft zu behelfen.
    Ohne Kind auch. Und dann glaube mir, Luise, die Gesellschaft, wenn sie nur
will, kann auch ein Auge zudrcken. Und ich stehe so zu der Sache: kommen die
Rathenower, so ist es gut, und kommen sie nicht, so ist es auch gut. Ich werde
ganz einfach telegraphieren: Effi, komm. Bist du einverstanden?
    Sie stand auf und gab ihm einen Ku auf die Stirn. Natrlich bin ich's. Du
solltest mir nur keinen Vorwurf machen. Ein leichter Schritt ist es nicht. Und
unser Leben wird von Stund an ein anderes.
    Ich kann's aushalten. Der Raps steht gut, und im Herbst kann ich einen
Hasen hetzen. Und der Rotwein schmeckt mir noch. Und wenn ich das Kind erst
wieder im Hause habe, dann schmeckt er mir noch besser... Und nun will ich das
Telegramm schicken.
    Effi war nun schon ber ein halbes Jahr in Hohen-Cremmen; sie bewohnte die
beiden Zimmer im ersten Stock, die sie schon frher, wenn sie zu Besuch da war,
bewohnt hatte; das grere war fr sie persnlich hergerichtet, nebenan schlief
Roswitha. Was Rummschttel von diesem Aufenthalt und all dem andern Guten
erwartet hatte, das hatte sich auch erfllt, soweit sich's erfllen konnte. Das
Hsteln lie nach, der herbe Zug, der das so gtige Gesicht um ein gut Teil
seines Liebreizes gebracht hatte, schwand wieder hin, und es kamen Tage, wo sie
wieder lachen konnte. Von Kessin und allem, was da zurcklag, wurde wenig
gesprochen, mit alleiniger Ausnahme von Frau von Padden und natrlich von
Gieshbler, fr den der alte Briest eine lebhafte Vorliebe hatte. Dieser
Alonzo, dieser Preciosa-Spanier, der einen Mirambo beherbergt und eine Trippelli
grozieht - ja, das mu ein Genie sein, das la ich mir nicht ausreden. Und
dann mute sich Effi bequemen, ihm den ganzen Gieshbler, mit dem Hut in der
Hand und seinen endlosen Artigkeitsverbeugungen, vorzuspielen, was sie, bei dem
ihr eigenen Nachahmungstalent, sehr gut konnte, trotzdem aber ungern tat, weil
sie's allemal als ein Unrecht gegen den guten und lieben Menschen empfand. - Von
Innstetten und Annie war nie die Rede, wiewohl feststand, da Annie Erbtochter
sei und Hohen-Cremmen ihr zufallen wrde.
    Ja, Effi lebte wieder auf, und die Mama, die, nach Frauenart, nicht ganz
abgeneigt war, die ganze Sache, so schmerzlich sie blieb, als einen
interessanten Fall anzusehen, wetteiferte mit ihrem Manne in Liebes-und
Aufmerksamkeitsbezeugungen.
    Solchen guten Winter haben wir lange nicht gehabt, sagte Briest. Und dann
erhob sich Effi von ihrem Platz und streichelte ihm das sprliche Haar aus der
Stirn. Aber so schn das alles war, auf Effis Gesundheit hin angesehen, war es
doch alles nur Schein, in Wahrheit ging die Krankheit weiter und zehrte still
das Leben auf. Wenn Effi - die wieder wie damals an ihrem Verlobungstage mit
Innstetten, ein blau und wei gestreiftes Kittelkleid mit einem losen Grtel
trug - rasch und elastisch auf die Eltern zutrat, um ihnen einen guten Morgen zu
bieten, so sahen sich diese freudig verwundert an, freudig verwundert, aber doch
auch wehmtig, weil ihnen nicht entgehen konnte, da es nicht die helle Jugend,
sondern eine Verklrtheit war, was der schlanken Erscheinung und den leuchtenden
Augen diesen eigentmlichen Ausdruck gab. Alle, die schrfer zusahen, sahen
dies, nur Effi selbst sah es nicht und lebte ganz dem Glcksgefhle, wieder an
dieser fr sie so freundlich friedreichen Stelle zu sein, in Vershnung mit
denen, die sie immer geliebt hatte und von denen sie immer geliebt worden war,
auch in den Jahren ihres Elends und ihrer Verbannung.
    Sie beschftigte sich mit allerlei Wirtschaflichem und sorgte fr
Ausschmckung und kleine Verbesserungen im Haushalt. Ihr Sinn fr das Schne
lie sie darin immer das Richtige treffen. Lesen aber und vor allem die
Beschftigung mit den Knsten hatte sie ganz aufgegeben. Ich habe davon so viel
gehabt, da ich froh bin, die Hnde in den Scho legen zu knnen. Es erinnerte
sie auch wohl zu sehr an ihre traurigen Tage. Sie bildete statt dessen die Kunst
aus, still und entzckt auf die Natur zu blicken, und wenn das Laub von den
Platanen fiel, wenn die Sonnenstrahlen auf dem Eis des kleinen Teiches blitzten
oder die ersten Krokus aus dem noch halb winterlichen Rondell aufblhten - das
tat ihr wohl, und auf all das konnte sie stundenlang blicken und dabei
vergessen, was ihr das Leben versagt oder, richtiger wohl, um was sie sich
selbst gebracht hatte.
    Besuch blieb nicht ganz aus, nicht alle stellten sich gegen sie; ihren
Hauptverkehr aber hatte sie doch in Schulhaus und Pfarre.
    Da im Schulhaus die Tchter ausgeflogen waren, schadete nicht viel, es
wrde nicht mehr so recht gegangen sein; aber zu Jahnke selbst - der nicht blo
ganz Schwedisch-Pommern, sondern auch die Kessiner Gegend als Skandinavisches
Vorland ansah und bestndig darauf bezgliche Fragen stellte -, zu diesem alten
Freunde stand sie besser denn je. Ja, Jahnke, wir hatten ein Dampfschiff, und
wie ich Ihnen, glaub ich, schon einmal schrieb oder vielleicht auch schon mal
erzhlt habe, beinahe wr ich wirklich rber nach Wisby gekommen. Denken Sie
sich, beinahe nach Wisby. Es ist komisch, aber ich kann eigentlich von vielem in
meinem Leben sagen beinah.
    Schade, schade, sagte Jahnke.
    Ja, freilich schade. Aber auf Rgen bin ich wirklich umhergefahren. Und das
wre so was fr Sie gewesen, Jahnke. Denken Sie sich, Arkona mit einem groen
Wenden-Lagerplatz, der noch sichtbar sein soll; denn ich bin nicht hingekommen;
aber nicht allzu weit davon ist der Herthasee mit weien und gelben Mummeln. Ich
habe da viel an Ihre Hertha denken mssen...
    Nun, ja, ja, Hertha... Aber Sie wollten von dem Herthasee sprechen...
    Ja, das wollt ich... Und denken Sie sich, Jahnke, dicht an dem See standen
zwei groe Opfersteine, blank und noch die Rinnen drin, in denen vordem das Blut
ablief. Ich habe von der Zeit an einen Widerwillen gegen die Wenden.
    Ach, gnd'ge Frau verzeihen. Aber das waren ja keine Wenden. Das mit den
Opfersteinen und mit dem Herthasee, das war ja schon wieder viel, viel frher,
ganz vor Christum natum; reine Germanen, von denen wir alle abstammen...
    Versteht sich, lachte Effi, von denen wir alle abstammen, die Jahnkes
gewi und vielleicht auch die Briests.
    Und dann lie sie Rgen und den Herthasee fallen und fragte nach seinen
Enkeln, und welche ihm lieber wren, die von Bertha oder die von Hertha.
    Ja, Effi stand gut zu Jahnke. Aber trotz seiner intimen Stellung zu
Herthasee, Skandinavien und Wisby war er doch nur ein einfacher Mann, und so
konnte es nicht wohl ausbleiben, da der vereinsamten jungen Frau die
Plaudereien mit Niemeyer um vieles lieber waren. Im Herbst, solange sich im
Parke promenieren lie, hatte sie denn auch die Hlle und Flle davon; mit dem
Eintreten des Winters aber kam eine mehrmonatliche Unterbrechung, weil sie das
Predigerhaus selbst nicht gern betrat; Frau Pastor Niemeyer war immer eine sehr
unangenehme Frau gewesen und schlug jetzt vollends hohe Tne an, trotzdem sie,
nach Ansicht der Gemeinde, selber nicht ganz einwandsfrei war.
    Das ging so den ganzen Winter durch, sehr zu Effis Leidwesen. Als dann aber,
Anfang April, die Strucher einen grnen Rand zeigten und die Parkwege rasch
abtrockneten, da wurden auch die Spaziergnge wieder aufgenommen.
    Einmal gingen sie auch wieder so. Von fern her hrte man den Kuckuck, und
Effi zhlte, wie viele Male er rief. Sie hatte sich an Niemeyers Arm gehngt und
sagte: Ja, da ruft der Kuckuck. Ich mag ihn nicht befragen. Sagen Sie, Freund,
was halten Sie vom Leben?
    Ach, liebe Effi, mit solchen Doktorfragen darfst du mir nicht kommen. Da
mut du dich an einen Philosophen wenden oder ein Ausschreiben an eine Fakultt
machen. Was ich vom Leben halte? Viel und wenig. Mitunter ist es recht viel und
mitunter ist es recht wenig.
    Das ist recht, Freund, das gefllt mir; mehr brauch ich nicht zu wissen.
Und als sie das so sagte, waren sie bis an die Schaukel gekommen. Sie sprang
hinauf, mit einer Behendigkeit wie in ihren jngsten Mdchentagen, und ehe sich
noch der Alte, der ihr zusah, von seinem halben Schreck erholen konnte, huckte
sie schon zwischen den zwei Stricken nieder und setzte das Schaukelbrett durch
ein geschicktes Auf- und Niederschnellen ihres Krpers in Bewegung. Ein paar
Sekunden noch, und sie flog durch die Luft, und blo mit einer Hand sich
haltend, ri sie mit der andern ein kleines Seidentuch von Brust und Hals und
schwenkte es wie in Glck und bermut. Dann lie sie die Schaukel wieder langsam
gehen und sprang herab und nahm wieder Niemeyers Arm.
    Effi, du bist doch noch immer, wie du frher warst.
    Nein. Ich wollte, es wre so. Aber es liegt ganz zurck, und ich hab es nur
noch einmal versuchen wollen. Ach, wie schn es war, und wie mir die Luft
wohltat; mir war, als flg ich in den Himmel. Ob ich wohl hineinkomme? Sagen Sie
mir's, Freund, Sie mssen es wissen. Bitte, bitte...
    Niemeyer nahm ihren Kopf in seine zwei alten Hnde und gab ihr einen Ku auf
die Stirn und sagte: Ja, Effi, du wirst.

                           Fnfunddreiigstes Kapitel


Effi war den ganzen Tag drauen im Park, weil sie das Luftbedrfnis hatte; der
alte Friesacker Dr. Wiesike war auch einverstanden damit, gab ihr aber in diesem
Stcke doch zuviel Freiheit, zu tun, was sie wolle, so da sie sich whrend der
kalten Tage im Mai heftig erkltete: sie wurde fiebrig, hustete viel, und der
Doktor, der sonst jeden dritten Tag herberkam, kam jetzt tglich und war in
Verlegenheit, wie er der Sache beikommen solle, denn die Schlaf- und
Hustenmittel, nach denen Effi verlangte, konnten ihr des Fiebers halber nicht
gegeben werde.
    Doktor, sagte der alte Briest, was wird aus der Geschichte? Sie kennen
sie ja von klein auf, haben sie geholt. Mir gefllt das alles nicht; sie nimmt
sichtlich ab, und die roten Flecke und der Glanz in den Augen, wenn sie mich mit
einem Male so fragend ansieht. Was meinen Sie? Was wird? Mu sie sterben?
    Wiesike wiegte den Kopf langsam hin und her. Das will ich nicht sagen, Herr
von Briest. Da sie so fiebert, gefllt mir nicht. Aber wir werden es schon
wieder runterkriegen, dann mu sie nach der Schweiz oder nach Mentone. Reine
Luft und freundliche Eindrcke, die das Alte vergessen machen .
    Lethe, Lethe.
    Ja, Lethe, lchelte Wiesike. Schade, da uns die alten Schweden, die
Griechen, blo das Wort hinterlassen haben und nicht zugleich auch die Quelle
selbst...
    Oder wenigstens das Rezept dazu; Wsser werden ja jetzt nachgemacht. Alle
Wetter, Wiesike, das wr ein Geschft, wenn wir hier so ein Sanatorium anlegen
knnten: Friesack als Vergessenheitsquelle. Nun, vorlufig wollen wir's mit der
Riviera versuchen. Mentone ist ja wohl Riviera? Die Kornpreise sind zwar in
diesem Augenblicke wieder schlecht, aber was sein mu, mu sein. Ich werde mit
meiner Frau darber sprechen.
    Das tat er denn auch und fand sofort seiner Frau Zustimmung, deren in
letzter Zeit - wohl unter dem Eindruck zurckgezogenen Lebens - stark erwachte
Lust, auch mal den Sden zu sehen, seinem Vorschlage zu Hlfe kam. Aber Effi
selbst wollte nichts davon wissen. Wie gut ihr gegen mich seid. Und ich bin
egoistisch genug, ich wrde das Opfer auch annehmen, wenn ich mir etwas davon
versprche. Mir steht es aber fest, da es mir blo schaden wrde.
    Das redest du dir ein, Effi.
    Nein. Ich bin so reizbar geworden; alles rgert mich. Nicht hier bei euch.
Ihr verwhnt mich und rumt mir alles aus dem Wege. Aber auf einer Reise, da
geht das nicht, da lt sich das Unangenehme nicht so beiseite tun; mit dem
Schaffner fngt es an, und mit dem Kellner hrt es auf. Wenn ich mir die
sffisanten Gesichter blo vorstelle, so wird mir schon ganz hei. Nein, nein,
lat mich hier. Ich mag nicht mehr weg von Hohen-Cremmen, hier ist meine Stelle.
Der Heliotrop unten auf dem Rondell, um die Sonnenuhr herum, ist mir lieber als
Mentone.
    Nach diesem Gesprch lie man den Plan wieder fallen, und Wiesike, soviel er
sich von Italien versprochen hatte, sagte: Das mssen wir respektieren, denn
das sind keine Launen; solche Kranken haben ein sehr feines Gefhl und wissen,
mit merkwrdiger Sicherheit, was ihnen hilft und was nicht. Und was Frau Effi da
gesagt hat von Schaffner und Kellner, das ist doch auch eigentlich ganz richtig,
und es gibt keine Luft, die soviel Heilkraft htte, den Hotelrger (wenn man
sich berhaupt darber rgert) zu balancieren. Also lassen wir sie hier; wenn es
nicht das Beste ist, so ist es gewi nicht das Schlechteste.
    Das besttigte sich denn auch. Effi erholte sich, nahm um ein geringes
wieder zu (der alte Briest gehrte zu den Wiegefanatikern) und verlor ein gut
Teil ihrer Reizbarkeit. Dabei war aber ihr Luftbedrfnis in einem bestndigen
Wachsen, und zumal wenn Westwind ging und graues Gewlk am Himmel zog,
verbrachte sie viele Stunden im Freien. An solchen Tagen ging sie wohl auch auf
die Felder hinaus und ins Luch, oft eine halbe Meile weit, und setzte sich, wenn
sie mde geworden, auf einen Hrdenzaun und sah, in Trume verloren, auf die
Ranunkeln und roten Ampferstauden die sich im Winde bewegten.
    Du gehst immer so allein, sagte Frau von Briest. Unter unseren Leuten
bist du sicher; aber es schleicht auch soviel fremdes Gesindel umher.
    Das machte doch einen Eindruck auf Effi, die an Gefahr nie gedacht hatte,
und als sie mit Roswitha allein war, sagte sie: Dich kann ich nicht gut
mitnehmen, Roswitha; du bist zu dick und nicht mehr fest auf den Fen.
    Nu, gnd'ge Frau, so schlimm ist es doch noch nicht. Ich knnte ja doch
noch heiraten.
    Natrlich, lachte Effi. Das kann man immer noch. Aber weit du, Roswitha,
wenn ich einen Hund htte, der mich begleitete. Papas Jagdhund hat gar kein
Attachement fr mich, Jagdhunde sind so dumm, und er rhrt sich immer erst, wenn
der Jger oder der Grtner die Flinte vom Riegel nimmt. Ich mu jetzt oft an
Rollo denken.
    Ja, sagte Roswitha, so was wie Rollo haben sie hier gar nicht. Aber damit
will ich nichts gegen hier gesagt haben. Hohen-Cremmen ist sehr gut.

Es war drei, vier Tage nach diesem Gesprche zwischen Effi und Roswitha, da
Innstetten um eine Stunde frher in sein Arbeitszimmer trat als gewhnlich. Die
Morgensonne, die sehr hell schien, hatte ihn geweckt, und weil er fhlen mochte,
da er nicht wieder einschlafen wrde, war er aufgestanden, um sich an eine
Arbeit zu machen, die schon seit geraumer Zeit der Erledigung harrte.
    Nun war es eine Viertelstunde nach acht, und er klingelte. Johanna brachte
das Frhstckstablett, auf dem, neben der Kreuzzeitung und der Norddeutschen
Allgemeinen, auch noch zwei Briefe lagen. Er berflog die Adressen und erkannte
an der Handschrift, da der eine vom Minister war. Aber der andere? Der
Poststempel war nicht deutlich zu lesen, und das Sr. Wohlgeboren Herrn Baron
von Innstetten bezeugte eine glckliche Unvertrautheit mit den landesblichen
Titulaturen. Dem entsprachen auch die Schriftzge von sehr primitivem Charakter.
Aber die Wohnungsangabe war wieder merkwrdig genau: W., Keithstrae 1 c, zwei
Treppen hoch.
    Innstetten war Beamter genug, um den Brief von Exzellenz zuerst zu
erbrechen. Mein lieber Innstetten! Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu knnen,
da Seine Majestt Ihre Ernennung zu unterzeichnen geruht haben, und gratuliere
Ihnen aufrichtig dazu. Innstetten war erfreut ber die liebenswrdigen Zeilen
des Ministers, fast mehr als ber die Ernennung selbst. Denn was das
Hherhinaufklimmen auf der Leiter anging, so war er seit dem Morgen in Kessin,
wo Crampas mit einem Blick, den er immer vor Augen hatte, Abschied von ihm
genommen, etwas kritisch gegen derlei Dinge geworden. Er ma seitdem mit anderem
Mae, sah alles anders an. Auszeichnung, was war es am Ende? Mehr als einmal
hatte er, whrend der ihm immer freudloser dahinflieenden Tage, einer
halbvergessenen Ministerialanekdote, aus den Zeiten des lteren Ladenberg her,
gedenken mssen, der, als er nach langem Warten den Roten Adlerorden empfing,
ihn wtend und mit dem Ausrufe beiseite warf: Da liege, bis du schwarz wirst.
Wahrscheinlich war er dann hinterher auch schwarz geworden, aber um viele Tage
zu spt und sicherlich ohne rechte Befriedigung fr den Empfnger. Alles, was
uns Freude machen soll, ist an Zeit und Umstnde gebunden, und was uns heute
noch beglckt, ist morgen wertlos. Innstetten empfand das tief, und so gewi ihm
an Ehren und Gunstbezeugungen von oberster Stelle her lag, wenigstens gelegen
hatte, so gewi stand ihm jetzt fest, es kme bei dem glnzenden Schein der
Dinge nicht viel heraus, und das, was man das Glck nenne, wenn's berhaupt
existiere, sei was anderes als dieser Schein. Das Glck, wenn mir recht ist,
liegt in zweierlei: darin, da man ganz da steht, wo man hingehrt (aber welcher
Beamte kann das von sich sagen), und zum zweiten und besten in einem behaglichen
Abwickeln des ganz Alltglichen, also darin, da man ausgeschlafen hat und da
einen die neuen Stiefel nicht drcken. Wenn einem die 720 Minuten eines
zwlfstndigen Tages ohne besonderen rger vergehen, so lt sich von einem
glcklichen Tage sprechen. In einer Stimmung, die derlei schmerzlichen
Betrachtungen nachhing, war Innstetten auch heute wieder. Er nahm nun den
zweiten Brief. Als er ihn gelesen, fuhr er ber seine Stirn und empfand
schmerzlich, da es ein Glck gebe, da er es gehabt, aber da er es nicht mehr
habe und nicht mehr haben knne.
    Johanna trat ein und meldete: Geheimrat Wllersdorf.
    Dieser stand schon auf der Trschwelle. Gratuliere, Innstetten.
    Ihnen glaub ich's; die anderen werden sich rgern. Im brigen...
    Im brigen. Sie werden doch in diesem Augenblicke nicht kritteln wollen.
    Nein. Die Gnade Seiner Majestt beschmt mich und die wohlwollende
Gesinnung des Ministers, dem ich das alles verdanke, fast noch mehr.
    Aber...
    Aber ich habe mich zu freuen verlernt. Wenn ich es einem anderen als Ihnen
sagte, so wrde solche Rede fr redensartlich gelten. Sie aber, Sie finden sich
darin zurecht. Sehen Sie sich hier um; wie leer und de ist das alles. Wenn die
Johanna eintritt, ein sogenanntes Juwel, so wird mir angst und bange. Dieses
Sich-in-Szene-Setzen (und Innstetten ahmte Johannas Haltung nach), diese halb
komische Bstenplastik, die wie mit einem Spezialanspruch auftritt, ich wei
nicht, ob an die Menschheit oder an mich - ich finde das alles so trist und
elend, und es wre zum Totschieen, wenn es nicht so lcherlich wre.
    Lieber Innstetten, in dieser Stimmung wollen Sie Ministerialdirektor
werden?
    Ah, bah. Kann es anders sein? Lesen Sie; diese Zeilen habe ich eben
bekommen.
    Wllersdorf nahm den zweiten Brief mit dem unleserlichen Poststempel,
amsierte sich ber das Wohlgeboren und trat dann ans Fenster, um bequemer
lesen zu knnen.
    Gnd'ger Herr! Sie werden sich wohl am Ende wundern, da ich Ihnen
schreibe, aber es ist wegen Rollo. Anniechen hat uns schon voriges Jahr gesagt:
Rollo wre jetzt so faul; aber das tut hier nichts, er kann hier so faul sein,
wie er will, je fauler, je besser. Und die gnd'ge Frau mchte es doch so gern.
Sie sagt immer, wenn sie ins Luch oder ber Feld geht: Ich frchte mich
eigentlich, Roswitha, weil ich da so allein bin; aber wer soll mich begleiten?
Rollo, ja, das ginge; der ist mir auch nicht gram. Das ist der Vorteil, da sich
die Tiere nicht so drum kmmern. Das sind die Worte der gnd'gen Frau, und
weiter will ich nichts sagen und den gnd'gen Herrn blo noch bitten, mein
Anniechen zu gren. Und auch die Johanna. Von Ihrer treu ergebensten Dienerin
                                                           Roswitha Gellenhagen

Ja, sagte Wllersdorf, als er das Papier wieder zusammenfaltete, die ist uns
ber.
    Finde ich auch.
    Und das ist auch der Grund, da Ihnen alles andere so fraglich erscheint.
    Sie treffen's. Es geht mir schon lange durch den Kopf, und diese schlichten
Worte mit ihrer gewollten oder vielleicht auch nicht gewollten Anklage haben
mich wieder vollends aus dem Huschen gebracht. Es qult mich seit Jahr und Tag
schon, und ich mchte aus dieser ganzen Geschichte heraus; nichts gefllt mir
mehr; je mehr man mich auszeichnet, je mehr fhle ich, da dies alles nichts
ist. Mein Leben ist verpfuscht, und so hab ich mir im stillen ausgedacht, ich
mte mit all den Strebungen und Eitelkeiten berhaupt nichts mehr zu tun haben
und mein Schulmeistertum, was ja wohl mein Eigentlichstes ist, als ein hherer
Sittendirektor verwenden knnen. Es hat ja dergleichen gegeben. Ich mte also,
wenn's ginge, solche schrecklich berhmte Figur werden, wie beispielsweise der
Doktor Wichern im Rauhen Hause zu Hamburg gewesen ist, dieser Mirakelmensch, der
alle Verbrecher mit seinem Blick und seiner Frmmigkeit bndigte...
    Hm, dagegen ist nichts zu sagen; das wrde gehen.
    Nein, es geht auch nicht. Auch das nicht mal. Mir ist eben alles
verschlossen. Wie soll ich einen Totschlger an seiner Seele packen? Dazu mu
man selber intakt sein. Und wenn man's nicht mehr ist und selber so was an den
Fingerspitzen hat, dann mu man wenigstens vor seinen zu bekehrenden Confratres
den wahnsinnigen Ber spielen und eine Riesenzerknirschung zum besten geben
knnen.
    Wllersdorf nickte.
    ... Nun sehen Sie, Sie nicken. Aber das alles kann ich nicht mehr. Den Mann
im Berhemd bring ich nicht mehr heraus und den Derwisch oder Fakir, der unter
Selbstanklagen sich zu Tode tanzt, erst recht nicht. Und da hab ich mir denn,
weil das alles nicht geht, als ein Bestes herausgeklgelt: weg von hier, weg und
hin unter lauter pechschwarze Kerle, die von Kultur und Ehre nichts wissen.
Diese Glcklichen! Denn gerade das, dieser ganze Krimskrams ist doch an allem
schuld. Aus Passion, was am Ende gehen mchte, tut man dergleichen nicht. Also
bloen Vorstellungen zuliebe... Vorstellungen..! Und da klappt denn einer
zusammen, und man klappt selber nach. Blo noch schlimmer.
    Ach was, Innstetten, das sind Launen, Einflle. Quer durch Afrika, was soll
das heien? Das ist fr 'nen Leutnant, der Schulden hat. Aber ein Mann wie Sie!
Wollen Sie mit einem roten Fez einem Palaver prsidieren oder mit einem
Schwiegersohn von Knig Mtesa Blutfreundschaft schlieen? Oder wollen Sie sich
in einem Tropenhelm, mit sechs Lchern oben, am Kongo entlangtasten, bis Sie bei
Kamerun oder da herum wieder herauskommen? Unmglich!
    Unmglich? Warum? Und wenn unmglich, was dann?
    Einfach hierbleiben und Resignation ben. Wer ist denn unbedrckt? Wer
sagte nicht jeden Tag: eigentlich eine sehr fragwrdige Geschichte. Sie wissen,
ich habe auch mein Pckchen zu tragen, nicht gerade das Ihrige, aber nicht viel
leichter. Es ist Torheit mit dem Im-Urwald-Umherkriechen oder in einem
Termitenhgel nchtigen; wer's mag, der mag es, aber fr unserein ist es nichts.
In der Bresche stehen und aushalten, bis man fllt, das ist das beste. Vorher
aber im kleinen und kleinsten soviel herausschlagen wie mglich und ein Auge
dafr haben, wenn die Veilchen blhen oder das Luisendenkmal in Blumen steht
oder die kleinen Mdchen mit hohen Schnrstiefeln ber die Korde springen. Oder
auch wohl nach Potsdam fahren und in die Friedenskirche gehen, wo Kaiser
Friedrich liegt und wo sie jetzt eben anfangen, ihm ein Grabhaus zu bauen. Und
wenn Sie da stehen, dann berlegen Sie sich das Leben von dem, und wenn Sie dann
nicht beruhigt sind, dann ist Ihnen freilich nicht zu helfen.
    Gut, gut. Aber das Jahr ist lang, und jeder einzelne Tag... und dann der
Abend.
    Mit dem ist immer noch am ehesten fertig zu werden. Da haben wir Sardanapal
oder Coppelia mit der dell'Era, und wenn es damit aus ist, dann haben wir
Siechen. Nicht zu verachten. Drei Seidel beruhigen jedesmal. Es gibt immer noch
viele, sehr viele, die zu der ganzen Sache nicht anders stehen wie wir, und
einer, dem auch viel verquer gegangen war, sagte mir mal: Glauben Sie mir,
Wllersdorf, es geht berhaupt nicht ohne Hlfskonstruktionen! Der das sagte,
war ein Baumeister und mut es also wissen. Und er hatte recht mit seinem Satz.
Es vergeht kein Tag, der mich nicht an die Hlfskonstruktionen gemahnte.
    Wllersdorf, als er sich so expektoriert, nahm Hut und Stock. Innstetten
aber, der sich bei diesen Worten seines Freundes seiner eigenen voraufgegangenen
Betrachtungen ber das kleine Glck erinnert haben mochte, nickte halb
zustimmend und lchelte vor sich hin.
    Und wohin gehen Sie nun, Wllersdorf? Es ist noch zu frh fr das
Ministerium.
    Ich schenk es mir heute ganz. Erst noch eine Stunde Spaziergang am Kanal
hin bis an die Charlottenburger Schleuse und dann wieder zurck. Und dann ein
kleines Vorsprechen bei Huth, Potsdamer Strae, die kleine Holztreppe vorsichtig
hinauf. Unten ist ein Blumenladen.
    Und das freut Sie? Das gengt Ihnen?
    Das will ich nicht gerade sagen. Aber es hilft ein bichen. Ich finde da
verschiedene Stammgste, Frhschoppler, deren Namen ich klglich verschweige.
Der eine erzhlt dann vom Herzog von Ratibor, der andere vom Frstbischof Kopp
und der dritte wohl gar von Bismarck. Ein bichen fllt immer ab. Dreiviertel
stimmt nicht, aber wenn es nur witzig ist, krittelt man nicht lange dran herum
und hrt dankbar zu.
    Und damit ging er.

                          Sechsunddreiigstes Kapitel


Der Mai war schn, der Juni noch schner, und Effi, nachdem ein erstes
schmerzliches Gefhl, das Rollos Eintreffen in ihr geweckt hatte, glcklich
berwunden war, war voll Freude, das treue Tier wieder um sich zu haben.
Roswitha wurde belobt, und der alte Briest erging sich, seiner Frau gegenber,
in Worten der Anerkennung fr Innstetten, der ein Kavalier sei, nicht kleinlich,
und immer das Herz auf dem rechten Fleck gehabt habe. Schade, da die dumme
Geschichte dazwischenfahren mute. Eigentlich war es doch ein Musterpaar. Der
einzige, der bei dem Wiedersehen ruhig blieb, war Rollo selbst, weil er entweder
kein Organ fr Zeitma hatte oder die Trennung als eine Unordnung ansah, die nun
einfach wieder behoben sei. Da er alt geworden, wirkte wohl auch mit dabei. Mit
seinen Zrtlichkeiten blieb er sparsam, wie er beim Wiedersehen sparsam mit
seinen Freudenbezeugungen gewesen war, aber in seiner Treue war er womglich
noch gewachsen. Er wich seiner Herrin nicht von der Seite. Den Jagdhund
behandelte er wohlwollend, aber doch als ein Wesen auf niederer Stufe. Nachts
lag er vor Effis Tr auf der Binsenmatte, morgens, wenn das Frhstck im Freien
genommen wurde, neben der Sonnenuhr, immer ruhig, immer schlfrig, und nur wenn
sich Effi vom Frhstckstisch erhob und auf den Flur zuschritt und hier erst den
Strohhut und dann den Sonnenschirm vom Stnder nahm, kam ihm seine Jugend
wieder, und ohne sich darum zu kmmern, ob seine Kraft auf eine groe oder
kleine Probe gestellt werden wrde, jagte er die Dorfstrae hinauf und wieder
herunter und beruhigte sich erst, wenn sie zwischen den ersten Feldern waren.
Effi, der freie Luft noch mehr galt als landschaftliche Schnheit, vermied die
kleinen Waldpartien und hielt meist die groe, zunchst von uralten Rstern und
dann, wo die Chaussee begann, von Pappeln besetzte groe Strae, die nach der
Bahnhofsstation fhrte, wohl eine Stunde Wegs. An allem freute sie sich, atmete
beglckt den Duft ein, der von den Raps- und Kleefeldern herberkam, oder folgte
dem Aufsteigen der Lerchen und zhlte die Ziehbrunnen und Trge, daran das Vieh
zur Trnke ging. Dabei klang ein leises Luten zu ihr herber. Und dann war ihr
zu Sinn, als msse sie die Augen schlieen und in einem sen Vergessen
hinbergehen. In Nhe der Station, hart an der Chaussee, lag eine Chausseewalze.
Das war ihr tglicher Rasteplatz, von dem aus sie das Treiben auf dem Bahndamm
verfolgen konnte; Zge kamen und gingen, und mitunter sah sie zwei Rauchfahnen,
die sich einen Augenblick wie deckten und dann nach links und rechts hin wieder
auseinandergingen, bis sie hinter Dorf und Wldchen verschwanden. Rollo sa dann
neben ihr, an ihrem Frhstck teilnehmend, und wenn er den letzten Bissen
aufgefangen hatte, fuhr er, wohl um sich dankbar zu bezeigen, irgendeine
Ackerfurche wie ein Rasender hinauf und hielt nur inne, wenn ein paar beim
Brten gestrte Rebhhner dicht neben ihm aus einer Nachbarfurche aufflogen.
    Wie schn dieser Sommer! Da ich noch so glcklich sein knnte, liebe Mama,
vor einem Jahre htte ich's nicht gedacht - das sagte Effi jeden Tag, wenn sie
mit der Mama um den Teich schritt oder einen Frhapfel vom Zweig brach und
tapfer einbi. Denn sie hatte die schnsten Zhne. Frau von Briest streichelte
ihr dann die Hand und sagte: Werde nur erst wieder gesund, Effi, ganz gesund;
das Glck findet sich dann; nicht das alte, aber ein neues. Es gibt Gott sei
Dank viele Arten von Glck. Und du sollst sehen, wir werden schon etwas finden
fr dich.
    Ihr seid so gut. Und eigentlich hab ich doch auch euer Leben gendert und
euch vor der Zeit zu alten Leuten gemacht.
    Ach, meine liebe Effi, davon sprich nicht. Als es kam, da dacht ich ebenso.
Jetzt wei ich, da unsere Stille besser ist als der Lrm und das laute Getriebe
von vordem. Und wenn du so fortfhrst, knnen wir noch reisen. Als Wiesike
Mentone vorschlug, da warst du krank und reizbar und hattest, weil du krank
warst, ganz recht mit dem, was du von den Schaffnern und Kellnern sagtest; aber
wenn du wieder festere Nerven hast, dann geht es, dann rgert man sich nicht
mehr, dann lacht man ber die groen Allren und das gekruselte Haar. Und dann
das blaue Meer und weie Segel und die Felsen ganz mit rotem Kaktus berwachsen
- ich habe es noch nicht gesehen, aber ich denke es mir so. Und ich mchte es
wohl kennenlernen.
    So verging der Sommer, und die Sternschnuppennchte lagen schon zurck. Effi
hatte whrend dieser Nchte bis ber Mitternacht hinaus am Fenster gesessen und
sich nicht mde sehen knnen. Ich war immer eine schwache Christin; aber ob wir
doch vielleicht von da oben stammen und, wenn es hier vorbei ist, in unsere
himmlische Heimat zurckkehren, zu den Sternen oben oder noch drber hinaus! Ich
wei es nicht, ich will es auch nicht wissen, ich habe nur die Sehnsucht.
    Arme Effi, du hattest zu den Himmelswundern zu lange hinaufgesehen und
darber nachgedacht, und das Ende war, da die Nachtluft und die Nebel, die vom
Teich her aufstiegen, sie wieder aufs Krankenbett warfen, und als Wiesike
gerufen wurde und sie gesehen hatte, nahm er Briest beiseite und sagte: Wird
nichts mehr; machen Sie sich auf ein baldiges Ende gefat.
    Er hatte nur zu wahr gesprochen, und wenige Tage danach, es war noch nicht
spt und die zehnte Stunde noch nicht heran, da kam Roswitha nach unten und
sagte zu Frau von Briest: Gndigste Frau, mit der gndigen Frau oben ist es
schlimm; sie spricht immer so still vor sich hin, und mitunter ist es, als ob
sie bete, sie will es aber nicht wahrhaben, und ich wei nicht, mir ist, als ob
es jede Stunde vorbei sein knnte.
    Will sie mich sprechen?
    Sie hat es nicht gesagt. Aber ich glaube, sie mchte es. Sie wissen ja, wie
sie ist; sie will Sie nicht stren und ngstlich machen. Aber es wre doch wohl
gut.
    Es ist gut, Roswitha, sagte Frau von Briest, ich werde kommen.
    Und ehe die Uhr noch einsetzte, stieg Frau von Briest die Treppe hinauf und
trat bei Effi ein. Das Fenster stand auf, und sie lag auf einer Chaiselongue,
die neben dem Fenster stand.
    Frau von Briest schob einen kleinen schwarzen Stuhl mit drei goldenen
Stbchen in der Ebenholzlehne heran, nahm Effis Hand und sagte:
    Wie geht es dir, Effi? Roswitha sagt, du seiest so fiebrig.
    Ach, Roswitha nimmt alles so ngstlich. Ich sah ihr an, sie glaubt, ich
sterbe. Nun, ich wei nicht. Aber sie denkt, es soll es jeder so ngstlich
nehmen wie sie selbst.
    Bist du so ruhig ber Sterben, liebe Effi?
    Ganz ruhig, Mama.
    Tuschst du dich darin nicht? Alles hngt am Leben und die Jugend erst
recht. Und du bist noch so jung, liebe Effi.
    Effi schwieg eine Weile. Dann sagte sie: Du weit, ich habe nicht viel
gelesen, und Innstetten wunderte sich oft darber, und es war ihm nicht recht.
    Es war das erste Mal, da sie Innstettens Namen nannte, was einen groen
Eindruck auf die Mama machte und dieser klar zeigte, da es zu Ende sei. Aber
ich glaube, nahm Frau von Briest das Wort, du wolltest mir was erzhlen
    Ja, das wollte ich, weil du davon sprachst, ich sei noch so jung. Freilich
bin ich noch jung. Aber das schadet nichts. Es war noch in glcklichen Tagen, da
las mir Innstetten abends vor; er hatte sehr gute Bcher, und in einem hie es:
es sei wer von einer frhlichen Tafel abgerufen worden, und am anderen Tage habe
der Abgerufene gefragt, wie's denn nachher gewesen sei. Da habe man ihm
geantwortet: Ach, es war noch allerlei; aber eigentlich haben Sie nichts
versumt. Sieh, Mama, diese Worte haben sich mir eingeprgt - es hat nicht viel
zu bedeuten, wenn man von der Tafel etwas frher abgerufen wird.
    Frau von Briest schwieg. Effi aber schob sich etwas hher hinauf und sagte
dann: Und da ich nun mal von alten Zeiten und auch von Innstetten gesprochen
habe, mu ich dir doch noch etwas sagen, liebe Mama.
    Du regst dich auf, Effi.
    Nein, nein; etwas von der Seele heruntersprechen, das regt mich nicht auf,
das macht still. Und da wollt ich dir denn sagen: ich sterbe mit Gott und
Menschen vershnt, auch vershnt mit ihm.
    Warst du denn in deiner Seele in so groer Bitterkeit mit ihm? Eigentlich,
verzeihe mir, meine liebe Effi, da ich das jetzt noch sage, eigentlich hast du
doch euer Leid heraufbeschworen.
    Effi nickte. Ja, Mama. Und traurig, da es so ist. Aber als dann all das
Schreckliche kam, und zuletzt das mit Annie, du weit schon, da hab ich doch,
wenn ich das lcherliche Wort gebrauchen darf, den Spie umgekehrt und habe mich
ganz ernsthaft in den Gedanken hineingelebt, er sei schuld, weil er nchtern und
berechnend gewesen sei und zuletzt auch noch grausam. Und da sind Verwnschungen
gegen ihn ber meine Lippen gekommen.
    Und das bedrckt dich jetzt?
    Ja. Und es liegt mir daran, da er erfhrt, wie mir hier in meinen
Krankheitstagen, die doch fast meine schnsten gewesen sind, wie mir hier
klargeworden, da er in allem recht gehandelt. In der Geschichte mit dem armen
Crampas - ja, was sollt er am Ende anders tun? Und dann, womit er mich am
tiefsten verletzte, da er mein eigen Kind in einer Art Abwehr gegen mich
erzogen hat, so hart es mir ankommt und so weh es mir tut, er hat auch darin
recht gehabt. La ihn das wissen, da ich in dieser berzeugung gestorben bin.
Es wird ihn trsten, aufrichten, vielleicht vershnen. Denn er hatte viel Gutes
in seiner Natur und war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe
ist.
    Frau von Briest sah, da Effi erschpft war und zu schlafen schien oder
schlafen wollte. Sie erhob sich leise von ihrem Platz und ging. Indessen, kaum
da sie fort war, erhob sich auch Effi und setzte sich an das offene Fenster, um
noch einmal die khle Nachtluft einzusaugen. Die Sterne flimmerten, und im Parke
regte sich kein Blatt. Aber je lnger sie hinaushorchte, je deutlicher hrte sie
wieder, da es wie ein feines Rieseln auf die Platanen niederfiel. Ein Gefhl
der Befreiung berkam sie. Ruhe, Ruhe.

Es war einen Monat spter, und der September ging auf die Neige. Das Wetter war
schn, aber das Laub im Parke zeigte schon viel Rot und Gelb, und seit den
quinoktien, die drei Sturmtage gebracht hatten, lagen die Bltter berallhin
ausgestreut. Auf dem Rondell hatte sich eine kleine Vernderung vollzogen, die
Sonnenuhr war fort, und an der Stelle, wo sie gestanden hatte, lag seit gestern
eine weie Marmorplatte, darauf stand nichts als Effi Briest und darunter ein
Kreuz. Das war Effis letzte Bitte gewesen: Ich mchte auf meinem Stein meinen
alten Namen wiederhaben; ich habe dem andern keine Ehre gemacht. Und es war ihr
versprochen worden.
    Ja, gestern war die Marmorplatte gekommen und aufgelegt worden, und
angesichts der Stelle saen nun wieder Briest und Frau und sahen darauf hin und
auf den Heliotrop, den man geschont und der den Stein jetzt einrahmte. Rollo lag
daneben, den Kopf in die Pfoten gesteckt.
    Wilke, dessen Gamaschen immer weiter wurden, brachte das Frhstck und die
Post, und der alte Briest sagte: Wilke, bestelle den kleinen Wagen. Ich will
mit der Frau ber Land fahren.
    Frau von Briest hatte mittlerweile den Kaffee eingeschenkt und sah nach dem
Rondell und seinem Blumenbeete. Sieh, Briest, Rollo liegt wieder vor dem Stein.
Es ist ihm doch noch tiefer gegangen als uns. Er frit auch nicht mehr.
    Ja, Luise, die Kreatur. Das ist ja, was ich immer sage. Es ist nicht soviel
mit uns, wie wir glauben. Da reden wir immer von Instinkt. Am Ende ist es doch
das Beste.
    Sprich nicht so. Wenn du so philosophierst... nimm es mir nicht bel,
Briest, dazu reicht es bei dir nicht aus. Du hast deinen guten Verstand, aber du
kannst doch nicht an solche Fragen...
    Eigentlich nicht.
    Und wenn denn schon berhaupt Fragen gestellt werden sollen, da gibt es
ganz andere, Briest, und ich kann dir sagen, es vergeht kein Tag, seit das arme
Kind da liegt, wo mir solche Fragen nicht gekommen wren...
    Welche Fragen?
    Ob wir nicht doch vielleicht schuld sind?
    Unsinn, Luise. Wie meinst du das?
    Ob wir sie nicht anders in Zucht htten nehmen mssen. Gerade wir. Denn
Niemeyer ist doch eigentlich eine Null, weil er alles in Zweifel lt. Und dann,
Briest, so Leid es mir tut... Deine bestndigen Zweideutigkeiten... und zuletzt,
womit ich mich selbst anklage, denn ich will nicht schuldlos ausgehen in dieser
Sache, ob sie nicht doch vielleicht zu jung war? Rollo, der bei diesen Worten
aufwachte, schttelte den Kopf langsam hin und her, und Briest sagte ruhig Ach,
Luise, la... das ist ein zu weites Feld.
