
                                Fontane, Theodor

                                Die Poggenpuhls

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                                Theodor Fontane

                                Die Poggenpuhls

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

Die Poggenpuhls - eine Frau Majorin von Poggenpuhl mit ihren drei Tchtern
Therese, Sophie und Manon - wohnten seit ihrer vor sieben Jahren erfolgten
bersiedelung von Pommersch-Stargard nach Berlin in einem gerade um jene Zeit
fertig gewordenen, also noch ziemlich mauerfeuchten Neubau der
Grogrschenstrae, einem Eckhause, das einem braven und behbigen Manne, dem
ehemaligen Maurerpolier, jetzigen Rentier August Nottebohm gehrte. Diese
Grogrschenstraen-Wohnung war seitens der Poggenpuhlschen Familie nicht zum
wenigsten um des kriegsgeschichtlichen Namens der Strae, zugleich aber auch um
der sogenannten wundervollen Aussicht willen gewhlt worden, die von den
Vorderfenstern aus auf die Grabdenkmler und Erbbegrbnisse des
Matthikirchhofs, von den Hinterfenstern aus auf einige zur Kulmstrae gehrige
Rckfronten ging, an deren einer man, in abwechselnd roten und blauen
Riesenbuchstaben, die Worte Schulzes Bonbonfabrik lesen konnte. Mglich, ja
sogar wahrscheinlich, da nicht jedem mit dieser eigentmlichen Doppelaussicht
gedient gewesen wre; der Frau von Poggenpuhl aber, einer geborenen Ptter - aus
einer angesehenen, aber armen Predigerfamilie stammend -, pate jede der beiden
Aussichten gleich gut, die Frontaussicht, weil die etwas sentimental angelegte
Dame gern vom Sterben sprach, die Rckfrontaussicht auf die Kulmstrae aber,
weil sie bestndig an Husten litt und aller Sparsamkeit ungeachtet zu gutem
Teile von Gerstenbonbons und Brustkaramellen lebte. Jedesmal, wenn Besuch kam,
wurde denn auch von den groen Vorzgen dieser Wohnung gesprochen, deren
einziger wirklicher Vorzug in ihrer groen Billigkeit und in der vor mehreren
Jahren schon durch Rentier Nottebohm gemachten Zusicherung bestand, da die Frau
Majorin nie gesteigert werden wrde. Nein, Frau Majorin, so etwa hatte sich
Nottebohm damals geuert, was dieses angeht, so knnen Frau Majorin ganz ruhig
sein und die Fruleins auch. Gott, wenn ich so alles bedenke... verzeihen Frau
Majorin, das Manonchen war ja noch ein Quack, als Sie damals, zu Michaeli, hier
einzogen..., un als Sie dann Neujahr runterkamen und die erste Miete brachten
und alles noch leer stand von wegen der nassen Wnde, was aber ein Unsinn is, da
sagte ich zu meiner Frau, denn wir hatten es damals noch nich: Line, sagte ich,
das is Handgeld und bringt uns Glck. Und hat auch wirklich. Denn von dasselbe
Vierteljahr an war nie was leer, un immer reputierliche Leute - das mu ich
sagen... Und dann, Frau Majorin, wie werd ich denn grade bei Ihnen mit so was
anfangen... ich meine mit das Steigern. Ich war ja doch auch mit dabei;
Donnerwetter, es war eine ganz verfluchte Geschichte. Hier sitzt mir noch die
Kugel; aber der Doktor sagt: sie wrde schon mal rausfallen und dann htt ich
ein Andenken.
    Und damit schlo Nottebohm eine Rede, wie er sie lnger nie gehalten und wie
sie die gute Frau Majorin nie freundlicheren Ohres gehrt hatte. Das mit dem
Dabeigewesensein aber bezog sich auf Gravelotte, wo Major von Poggenpuhl, spt
gegen Abend, als die pommersche Division herankam, an der Spitze seines
Bataillons, in dem auch Nottebohm stand, ehrenvoll gefallen war. Er, der Major,
hinterlie nichts als einen guten alten Namen und drei blanke Krnungstaler, die
man in seinem Portemonnaie fand und spter seiner Witwe behndigte. Diese drei
Krnungstaler waren, wie das Erbe der Familie, so selbstverstndlich auch der
Stolz derselben, und als sechzehn Jahre spter die erst etliche Monate nach dem
Tode des Vaters geborene jngste Tochter Manon konfirmiert werden sollte, waren
aus den drei Krnungstalern - die bis dahin zu konservieren keine Kleinigkeit
gewesen war - drei Broschen angefertigt und an die drei Tchter zur Erinnerung
an diesen Einsegnungstag berreicht worden. Alles unter geistlicher Mitwirkung
und Beihilfe. Denn Generalsuperintendent Schwarz, der die Familie liebte, war am
Abend des Konfirmationstages in die Poggenpuhlsche Wohnung gekommen und hatte
hier die in Gegenwart einiger alter Kameraden und Freunde stattfindende
Broschenberreichung fast zu einer kirchlichen Zeremonie, jedenfalls aber zu
einer Feier erhoben, die sogar dem etwas groben und gegen die Adelspackage
stark eingenommenen Portier Nebelung imponiert und ihn, wenn auch nicht geradezu
bekehrt, so doch den wohlwollenden Gesinnungen seines Haus- und Brotherrn
Nottebohm um etwas nher gefhrt hatte.
    Wie sich von selbst versteht, war auch die Poggenpuhlsche
Wohnungseinrichtung ein Ausdruck der Verhltnisse, darin die Familie nun mal
lebte; von Plschmbeln existierte nichts und von Teppichen nur ein kleiner
Schmiedeberger, der mit schwarzen, etwas ausgefusselten Wollfransen vor dem Sofa
der zunchst am Korridor gelegenen und schon deshalb als Empfangssalon dienenden
guten Stube lag. Entsprechend diesem Teppiche waren auch die schmalen, hier
und dort gestopften Gardinen; alles aber war sehr sauber und ordentlich
gehalten, und ein mutmalich aus einem alten mrkischen Herrenhause
herstammender, ganz vor kurzem erst auf einer Auktion erstandener,
weilackierter Pfeilerspiegel mit eingelegter Goldleiste lieh der rmlichen
Einrichtung trotz ihres Zusammengesuchtseins oder vielleicht auch um dessen
willen etwas von einer erlschenden, aber doch immerhin mal dagewesenen
Feudalitt.
    ber dem Sofa derselben guten Stube hing ein groes lbildnis (Kniestck)
des Rittmeisters von Poggenpuhl vom Sohrschen Husarenregiment, der 1813 bei
Grogrschen ein Carr gesprengt und dafr den Pour le mrite erhalten hatte -
der einzige Poggenpuhl, der je in der Kavallerie gestanden. Das halb
wohlwollende, halb martialische Gesicht des Rittmeisters sah auf eine flache
Glasschale hernieder, drin im Sommer Aurikeln und ein Vergimeinnichtkranz, im
Winter Visitenkarten zu liegen pflegten. An der andern Wand aber, genau dem
Rittmeister gegenber, stand ein Schreibtisch mit einem kleinen erhhten
Mittelbau, drauf, um bei Besuchen eine Art Gastlichkeit ben zu knnen, eine
halbe Flasche Kapwein mit Liqueurglschen thronte, beides, Flasche wie Glschen,
auf einem goldgernderten Teller, der bestndig klapperte.
    Neben dieser guten Stube lag die einfensterige Wohnstube, daran sich nach
hinten zu das sogenannte Berliner Zimmer anschlo, ein bloer Durchgang, wenn
auch im brigen gerumig, an dessen Lngswand drei Betten standen, nur drei,
trotzdem es eine viergliedrige Familie war. Die vierte Lagersttte, von mehr
ambulantem Charakter, war ein mit Rohr berflochtenes Sofagestell, drauf sich,
wochenweis wechselnd, eine der zwei jngeren Schwestern einzurichten hatte.
    Hinter diesem Berliner Saal (Nottebohm selbst hatte den Grundri dazu
entworfen) lag die Kche mitsamt dem Hngeboden. Hier hauste das alte
Dienstmdchen Friederike, eine treue Seele, die noch den gndigen Herrn gekannt
und als Vertraute der Frau Majorin alles Glck und Unglck des Hauses und
zuletzt auch die bersiedelung von Stargard nach Berlin mit durchgemacht hatte.
    So wohnten die Poggenpuhls und gaben der Welt den Beweis, da man auch in
ganz kleinen Verhltnissen, wenn man nur die rechte Gesinnung und dann freilich
auch die ntige Geschicklichkeit mitbringe, zufrieden und beinahe standesgem
leben knne, was selbst von Portier Nebelung, allerdings unter Kopfschtteln und
mit einigem Widerstreben, zugegeben wurde. Smtliche Poggenpuhls - die Mutter
freilich weniger - besaen die schne Gabe, nie zu klagen, waren lebensklug und
rechneten gut, ohne da sich bei diesem Rechnen etwas strend Berechnendes
gezeigt htte.
    Darin waren sich die drei Schwestern gleich, trotzdem ihre sonstigen
Charaktere sehr verschieden waren.
    Therese, schon dreiig, konnte (was denn auch redlich geschah) auf den
ersten Blick fr unpraktisch gelten und schien von allerhand kleinen Knsten
eigentlich nur die eine, sich in einem Schaukelstuhle gefllig zu wiegen,
gelernt zu haben; in Wirklichkeit aber war sie geradeso lebensklug wie die
beiden jngeren Schwestern und bebaute nur ein sehr andres Feld. Es war ihr, das
stand ihr fest, ihrer ganzen Natur nach die Aufgabe zugefallen, die
Poggenpuhlsche Fahne hochzuhalten und sich mehr, als es durch die Schwestern
geschah, in die Welt, in die die Poggenpuhls nun mal gehrten, einzureihen. In
den Generals- und Ministerfamilien der Behren- und Wilhelmstrae war sie denn
auch heimisch und erzielte hier allemal groe Zustimmung und Erfolge, wenn sie
beim Tee von ihren jngeren Schwestern und deren Erlebnissen in der
seinwollenden Aristokratie spttisch lchelnd berichtete. Selbst der alte
Kommandierende, der, im ganzen genommen, lngst aufgehrt hatte, sich durch
irgend etwas Irdisches noch besonders imponieren zu lassen, kam dann in eine
vergnglich liebenswrdige Heiterkeit, und der der Generalsfamilie befreundete,
schrg gegenber wohnende Unterstaatssekretr, trotzdem er selber von
allerneustem Adel war (oder vielleicht auch eben deshalb), zeigte sich dann
jedesmal hingerissen von der feinen Malice des armen, aber standesbewuten
Fruleins. Eine weitere Folge dieser gesellschaftlichen Triumphe war es, da
Therese, wenn es irgend etwas zu bitten gab, auch tatschlich bitten durfte,
wobei sie, wie bemerkt werden mu, nie fr sich selbst oder aber, klug abwgend,
immer nur um solche Dinge petitionierte, die man mhelos gewhren konnte, was
dann dem Gewhrenden eine ganz spezielle Befriedigung gewhrte.
    So war Therese von Poggenpuhl.
    Sehr anders erwiesen sich die beiden jngeren Schwestern, die, den
Verhltnissen und der modernen Welt sich anbequemend, bei ihrem Tun sozusagen in
Compagnie gingen.
    Sophie, die zweite, war die Hauptsttze der Familie, weil sie das besa, was
die Poggenpuhls bis dahin nicht ausgezeichnet hatte: Talente. Mglich, da diese
Talente bei gnstigeren Lebensverhltnissen einigermaen zweifelvoll angesehen
und mehr oder weniger als unstandesgem߫ empfunden worden wren, bei der
bedrckten Lage jedoch, in der sich die Poggenpuhls befanden, waren diese
natrlichen Gaben Tag fr Tag ein Glck und Segen fr die Familie. Selbst
Therese gab dies in ihren ruhigeren Momenten zu. Sophie - auch uerlich von den
Schwestern verschieden, sie hatte ein freundliches Pudelgesicht mit Lckchen -
konnte eigentlich alles; sie war musikalisch, zeichnete, malte, dichtete zu
Geburtstagen und Polterabenden und konnte einen Hasen spicken; aber alles dies,
soviel es war, htte fr die Familie doch nur die halbe Bedeutung gehabt, wenn
nicht neben ihr her noch die jngste Schwester gewesen wre, Manon, das
Nesthkchen.
    Manon, jetzt siebzehn, war, im Gegensatze zu Sophie, ganz ohne Begabung,
besa aber dafr die Gabe, sich berall beliebt zu machen, vor allem in
Bankierhusern, unter denen sie die nichtchristlichen bevorzugte, so namentlich
das hochangesehene Haus Bartenstein. Bei dem Kindersegen der Mehrzahl dieser
Huser war nie Mangel an angehenden Backfischen, die mit den Anfngen
irgendeiner Kunst oder Wissenschaft bekannt gemacht werden sollten, und ein ber
die verschiedensten Disziplinen angestrengtes lngeres oder krzeres Gesprch
endete regelmig mit der leicht hingeworfenen Bemerkung Manons: Ich halte es
fr mglich, da meine Schwester Sophie da aushelfen kann, eine Bemerkung, die
sie gern machen durfte, weil Sophie tatschlich vor nichts erschrak, nicht
einmal vor Physik und Spektralanalyse.
    So war die Rollenverteilung im Hause Poggenpuhl, aus der sich, wie schon
angedeutet, allerlei finanzielle Vorteile herausstellten, Vorteile, die zuzeiten
nicht unbetrchtlich ber die kleine Pension hinauswuchsen, die den eisernen
Einnahmebestand der Familie bildete. Smtliche drei junge Damen vergaben sich
dabei nicht das geringste, waren vielmehr (besonders die zwei jngeren) ebenso
leichtlebig wie dankbar, vermieden es taktvoll, in geschmacklose Huldigungen
oder gar in Schmeichelei zu verfallen, und standen berall in Achtung und
Ansehen, weil ihr Tun, und das war die Hauptsache, von einer groen persnlichen
Selbstlosigkeit begleitet war. Sie brauchten wenig, wuten sich, zumal auf dem
Gebiete der Toilette - was aber ein geflliges Erscheinen nicht hinderte -, mit
einem Minimum zu behelfen und lebten in ihren Gedanken und Hoffnungen eigentlich
nur fr die zwei Jungens, ihre Brder, Wendelin und Leo, von denen jener schon
ein lterer Premier ber dreiig, dieser ein junger Dachs von kaum
zweiundzwanzig war. Beide, wie sich das von selbst verstand, waren in das
hinterpommersche, neuerdings brigens nach Westpreuen verlegte Regiment
eingetreten, drin schon ihr Vater seine Laufbahn begonnen und am denkwrdigen
18. August in Ruhm und Ehre beschlossen hatte.
    Diesen Ruhm der Familie womglich noch zu steigern war das, was die
schwesterliche Trias mit allen Mitteln anstrebte.
    Hinsichtlich Wendelins, der ihrem eigenen Bemhen in allen Stcken
entgegenkam, besonders auch darin, da er zu sparen verstand, hinsichtlich
dieses lteren Bruders unterlag das Erreichen hchster Ziele kaum einem Zweifel.
Er war klug, nchtern, ehrgeizig, und soviel durch Aufhorchen in dem
militrexzellenzlichen Hause zur Kenntnis Theresens gekommen war, konnte sich's
bei Wendelin eigentlich nur noch darum handeln, ob er demnchst in das
Kriegsministerium oder in den Generalstab abkommandiert werden wrde. Nicht so
glcklich stand es mit Leo, der, weniger beanlagt als der ltere Bruder, nur der
Schneidigkeit zustrebte. Zwei Duelle, von denen das eine einem
Gerichtsreferendarius einen Schu durch beide Backen und den Verlust etlicher
Oberzhne eingetragen hatte, schienen ein rasches Sichnhern an sein
Schneidigkeitsideal zu verbrgen und htten ebensogut wie Wendelins Talente zu
groen Hoffnungen berechtigen drfen, wenn nicht das Gespenst der Entlassung
wegen bestndig anwachsender Schulden immer nebenher geschritten wre. Leo, der
Liebling aller, war zugleich das Angstkind, und immer wieder zu helfen und ihn
vor einer Katastrophe zu bewahren, darauf war alles Dichten und Trachten
gerichtet. Kein Opfer erschien zu gro, und wenn die Mutter auch gelegentlich
den Kopf schttelte, fr die Tchter unterlag es keinem Zweifel, da Leo, wenn
es nur mglich war, ihn bis zu dem entsprechenden Zeitpunkt zu halten, die
nchste groe Russenschlacht, das Zorndorf der Zukunft, durch entscheidendes
Eingreifen gewinnen wrde.
    Aber er ist ja nicht Garde du Corps, sagte die Mama.
    Nein. Aber das ist auch gleichgltig. Die nchste Schlacht bei Zorndorf
wird durch Infanterie gewonnen werden.

                                Zweites Kapitel


Es war ein Wintertag, der dritte Januar.
    Eben kam Friederike von ihrem regelmigen Morgeneinkauf zurck, einen Korb
mit Frhstckssemmeln in der einen, einen Topf mit Milch in der andern Hand,
beides, Semmeln und Milch, aus dem Keller gegenber. Die Finger, trotz wollener
Handschuhe, waren ihr bei der Klte klamm geworden, und so nahm sie denn beim
Eintreten in ihre Kche den Teekessel aus dem Kochloch und wrmte sich an der
Glut. Aber nicht lange, denn sie hatte sich, weil sie gegen Morgen noch einmal
eingeschlafen war, um eine halbe Stunde versptet, was natrlich wieder
eingebracht werden mute.
    So machte sie sich denn eifrig an ihre vom Brett genommene Kaffeemhle,
schttete, so da sie nachher nur noch aufzugieen brauchte, das braune Pulver
in den Beutel und ging nun, nachdem sie schlielich noch den Teekessel wieder in
die Glut gestellt hatte, mit ihrem Holzkorb (dessen Boden brigens jeden
Augenblick herauszufallen drohte) nach vorn, um da das einfensterige Wohnzimmer
zu heizen. Hier kniete sie vor dem Ofen nieder und baute Holz und Prekohlen so
kunstgerecht auf, da es nur eines einzigen Schwefelholzes, allerdings unter
Zutat eines aus Zeitungspapier zusammengedrehten Zopfes, bedurfte, den
knstlichen Bau in Brand zu setzen.
    Keine halbe Minute verging, so begann es im Ofen auch wirklich zu knacken
und zu knistern, und als Friederike nun wute, da es brennen wrde, stand sie
von ihrem Ofenplatz wieder auf, um sich ihrer zweiten Morgenaufgabe, dem
Staubabwischen, zu unterziehen. Hierbei, weil das, was sie leistete, die drei
Fruleins doch nie zufriedenstellte, verfuhr sie, so gewissenhaft sie sonst war,
ziemlich obenhin und beschrnkte sich darauf, eine ber dem Sofa hngende
Bilderreihe, die Leo, trotzdem es Zeitgenossen waren, die Ahnengalerie des
Hauses Poggenpuhl zu nennen pflegte, leidlich blank zu putzen. Drei oder vier
dieser Bilder waren Photographien in Kabinettformat; die lteren aber gehrten
noch der Daguerreotypzeit an und waren so verblichen, da sie nur bei besonders
gnstiger Beleuchtung noch auf ihren Kunstwert hin geprft werden konnten.
    Aber diese Ahnengalerie war doch nicht alles, was hier hing. Unmittelbar
ber ihr prsentierte sich noch ein lbild von einigem Umfang, eine
Kunstschpfung dritten oder vierten Ranges, die den historisch bedeutendsten
Moment aus dem Leben der Familie darstellte. Das meiste, was man darauf sehen
konnte, war freilich nur Pulverqualm, aber inmitten desselben erkannte man doch
ziemlich deutlich noch eine Kirche samt Kirchhof, auf welch letzterem ein
verzweifelter Nachtkampf zu toben schien.
    Es war der berfall von Hochkirch, die sterreicher bestens ajustiert, die
armen Preuen in einem pitoyablen Bekleidungszustande. Ganz in Front aber stand
ein lterer Offizier in Unterkleid und Weste, von Stiefeln keine Rede, dafr ein
Gewehr in der Hand. Dieser Alte war Major Balthasar von Poggenpuhl, der den
Kirchhof eine halbe Stunde hielt, bis er mit unter den Toten lag. Eben dieses
Bild, wohl in Wrdigung seines Familienaffektionswertes, war denn auch in einen
breiten und stattlichen Barockrahmen gefat, whrend die blo unter Glas
gebrachten Lichtbilder nichts als eine Goldhorte zeigten.
    Alle Mitglieder der Familie, selbst der in Kunstsachen etwas skeptische Leo
mit einbegriffen, bertrugen ihre Piett gegen den Hochkircher - wie der
Hochkirch-Major zur Unterscheidung von vielen andern Majors der Familie genannt
wrde - auch auf die bildliche Darstellung seiner ruhmreichen Aktion, und nur
Friederike, sosehr sie den Familienkultus mitmachte, stand mit dem alten, halb
angekleideten Helden auf einer Art Kriegsfu. Es hatte dies einfach darin seinen
Grund, da ihr oblag, mit ihrem alten, wie Spinnweb aussehenden Staublappen doch
mindestens jeden dritten Tag einmal ber den berall Berg und Tal zeigenden
Barockrahmen hinzufahren, bei welcher Gelegenheit dann das Bild, wenn auch nicht
geradezu regelmig, so doch sehr, sehr oft von der Wand herabglitt und ber die
Lehne weg auf das Sofa fiel. Es wurde dann jedesmal beiseite gestellt und nach
dem Frhstck wieder eingegipst, was alles indessen nicht recht half und auch
nicht helfen konnte. Denn die ganze Wandstelle war schon zu schadhaft, und ber
ein kleines, so brach der eingegipste Nagel wieder aus, und das Bild glitt
herab.
    Gott, sagte Friederike, da er da so gestanden hat, nu ja, das war ja
vielleicht ganz gut. Aber nu so gemalen... es sitzt nich und sitzt nich.
    Und nachdem sie dies Selbstgesprch gefhrt und die Ofentr, was immer das
letzte war, wieder fest zugeschraubt hatte, tat sie Handfeger und Wischtuch
wieder in den Holzkorb und trat leise durch die lange Schlafstube hin ihren
Rckzug in die Kche an. Es war aber nicht mehr ntig, dabei so vorsichtig zu
sein, denn alle vier Damen waren bereits wach, und Manon hatte sogar den einen
nach dem Hof hinausfhrenden Fensterflgel halb aufgemacht, davon ausgehend, da
vier Grad unter Null immer noch besser seien als eine vierschlfrige Nacht- und
Stubenluft.
    Keine Viertelstunde mehr, so kam der Kaffee. Die Damen saen schon vorn in
der warmen Stube, die Majorin auf dem Sofa, Therese in ihrem Schaukelstuhl,
whrend Manon, einen Handwerkszeugkasten vor sich, eben diesen Kasten nach einem
etwas lngeren Nagel, und zwar fr den alten, wieder herabgefallenen
Hochkircher, durchsuchte.
    Friederike, sagte die Majorin, du solltest dich mit dem Bilde doch etwas
mehr in acht nehmen.
    Ach, Frau Majorin, ich tu es ja, ich rhr ihn ja beinah nich an; aber er
sitzt immer so wacklig... Gott, Manonchen, wenn Sie doch blo mal einen recht
langen fnden oder, noch besser, wenn Sie mal so 'nen richtigen Haken
einschlagen knnten. In acht nehmen! Gott, ich denke ja immer dran, aber wenn er
denn so mit einmal rutscht, krieg ich doch immer wieder 'nen Schreck. Un is mir
immer, als ob er vielleicht seine Ruhe nich htte.
    Ach, Friederike, rede doch nicht solch dummes Zeug, sagte Therese halb
rgerlich. Der, gerade der. Als ob der seine Ruhe nicht htte! Was das nur
heien soll! Ich sage dir, der hat seine Ruhe. Wenn nur jeder seine Ruhe so
htte. Gut Gewissen ist das beste Ruhekissen. Das weit du doch auch. Und das
gute Gewissen, na, das hat er... Aber wo hast du nur wieder die Semmeln her? Die
sehen ja wieder aus wie erschrocken, viel erschrockener als du. Ich mag nicht
die Budikersemmeln. Warum gehst du nicht zu dem jungen Karchow, das ist doch ein
richtiger Bcker.
    Es war dies eine zwischen dem Mdchen und dem Frulein jeden dritten Tag
wiederkehrende Meinungsverschiedenheit, und Friederike, die vollkommene
Redefreiheit hatte, wrde auch heute nicht geschwiegen und ihren alten Satz,
da man es mit den Kellerleuten nicht verderben drfe, tapfer verteidigt
haben, wenn es nicht in diesem Augenblick drauen geklopft htte. Der
Brieftrger, riefen alle drei Schwestern, und gleich danach erschien auch
Friederike wieder im Zimmer und brachte die Postsachen: ein Zeitungsblatt unter
Kreuzband, eine Holz- und Torfanzeige und einen richtigen Brief. Die Holz- und
Torfanzeige flog gleich aufs Ofenblech, das an Sophie adressierte Zeitungsblatt,
das wahrscheinlich eine Rezension einiger ihrer eben ausgestellten
Aquarellbilder enthielt, wurde beiseite geschoben, und nur der Brief erregte
allgemeine Freude. Von Leo! riefen die Schwestern und reichten den Brief der
Mutter. Diese gab ihn aber an Therese zurck und sagte: Lies du, Therese. Ein
so guter Junge. Aber ich kriege immer einen Schreck. Immer will er was. Und nun
ist eben erst Weihnachten gewesen und Neujahr und die Miete...
    Ach, Mutter, du ngstigst dich immer gleich so. Man sieht doch, da du
keine Soldatentochter bist.
    Nein, bin ich nicht. Und ist auch recht gut so. Wer sollte sonst das
bichen zusammenhalten?
    Wir.
    Ach, ihr...! Aber nun lies, Therese. Mir schlgt ordentlich das Herz.
    ... Liebe Mama! Weihnachten war es nichts. Urlaub htte mir das Regiment
vielleicht gegeben, aber das Reisegeld! Sie reden immer soviel jetzt von
billigen Fahrpreisen, aber ich finde sie viel zu hoch, ganz unnatrlich hoch.
Und da Wendelin auch sagte, 's geht nich, Leo, so ging es nicht, und ich habe
unten bei Schlchtermeister Funke, meinem Wirte, wie Ihr wit, die
Weihnachtsbescherung mit angesehen. Alles war sehr gerhrt, auch Funke. Man
sollte es nicht fr mglich halten. Denn gerade in der Weihnachtszeit wurde
immer geschlachtet, und ich konnte das Gequietsche der armen Biester mitunter
gar nicht mehr mit anhren, und Funke immer in Person dabei. Und nun doch
gerhrt. brigens war die frische Wurst und besonders der Prekopf ganz
vorzglich. In bezug auf Verpflegung bleibt hier in Thorn berhaupt nichts zu
wnschen brig, nur der Geist darbt, und das Herz darbt. berhaupt scheint
darben mein Los. Ach, Mutter, warum bist du keine geborene Bleichrder...?
    Emprend, unterbrach hier Therese ihre Vorlesung. Wir haben schon Manon
mit ihren ewigen Bartensteins, und nun fngt Leo auch noch an.
    Da wir Bartensteins haben, ist ganz gut. Lies lieber weiter.
    ... Also Heiligabend war es nichts. Indessen das Jahr hat auch noch andre
groe Tage. Der grte aber ist der 4. Januar, wo meine gute Alte, geborene
Ptter, geboren wurde. Dieser Tag ist bermorgen, und ich werde gestiefelt und
gespornt antreten, um meine Glckwnsche persnlich berbringen zu knnen.
    Nicht zu glauben. Weihnachten kein Geld, und zwei Tage nach Neujahr, wo
doch die vielen Rechnungen kommen, will er die teure Reise machen.
    Es wird sich ja wohl alles aufklren, Mama, sagte Manon. Und mutmalich
noch in diesem Briefe. Hre nur weiter.
    ... Es geschehen nmlich immer noch Zeichen und Wunder, und mitunter ist es
mir, als ob der Unglauben und alle solche hlichen Zeiterscheinungen
abgewirtschaftet htten. Auch der Adel kommt wieder obenauf, und ganz zuoberst
der arme Adel, das heit also die Poggenpuhls. Denn da wir diesen in einer Art
von Vollendung, oder sag ich Reinkultur, darstellen, darber kann kein Zweifel
sein. Aber zur Sache, wie die Parlamentarier sagen. Und so vernimm denn, am
Silvesterabend noch ein Bettler (allerdings ein glcklicher, denn wir brachten
es im Kasino auf sieben Bowlen in Groformat) und am 1. Januar frh ein Gott,
ein Krsus. Krsus ist nmlich immer das Hchste, was man auch Klimax nennt.
Schon um zehn klopft es, ich reie mich aus meinem Morgentraum und empfinde
einen gewissen bleiernen Zustand, aber nicht auf lange. Denn wer stand vor mir?
Oktavio? Nein, nicht Oktavio. Wir wollen ihn heute lieber Wendelin nennen. Und
was er sagte, war das Folgende: Leo, sagte er, du hast Glck. Geldschiff
angekommen.
    Fr mich? frag ich.
    Nein, fr dich nicht, wenigstens nicht unmittelbar. Aber doch fr mich. Das
Militrwochenblatt hat mir heute frh das Honorar geschickt.
    Viel? unterbrach ich ihn wieder in hchster Erregung.
    Das Militrwochenblatt schickt immer viel, antwortete er ruhig und legte
dabei drei Zwanzigmarkscheine vor mich hin. Ich, geblendet, als ob es nicht
Scheine, sondern das reine pure Gold wre, will mich blindlings und dankbar auf
ihn losstrzen, aber er wehrt mich vornehm ab und sagt nur: Alles deine, Leo;
aber nicht zum Verkneipen. bermorgen frh reist du nach Berlin.
    Der gute Wendelin! Er schickt ihn dir, weil er wei, da er dein Liebling
ist, unterbrach hier Manon und streichelte der Mama die Hnde. Therese aber las
weiter: ... Vier Uhr nachmittags bist du da, benimmst dich nett und hilfst am
andern Morgen den Geburtstag mitfeiern. Nach Kaisers Geburtstag kommt Mamas
Geburtstag. Das ist Poggenpuhlscher Katechismus. Und nun zieh dich an und geh
eine Stunde spazieren. Denn du stehst da wie Silvester in seiner letzten Stunde.
Unter diesen Worten verlie er mich wie ein Frst. Und ich werde tun, wie er
befohlen hat, und Dienstag nachmittag bei Euch eintreffen. Vier Uhr. Tout  vous
ma Reine-mre. Dein glcklicher, verdrehter, wohlaffektionierter Leo I.
    Die beiden jngeren Schwestern klatschten in die Hnde, ja, selbst Therese,
soviel sie an diesem bermut auszusetzen hatte, freute sich des Besuchs. Nur die
Mutter sagte: Ja, da soll ich mich nun freuen. Aber kann ich mich freuen?
Herkommen wird er ja wohl gerade mit dem Geld, aber wenn er hier ist, mssen wir
ihm doch ein paar gute Tage machen, und wenn er auch bescheiden in seinen
Ansprchen ist, so mu er doch den dritten Tag wieder zurck, und dafr mssen
wir aufkommen.
    Sprich doch nicht immer davon, sagte Therese.
    Ja, Therese, du denkst immer, ein Livreediener wird dir eine Kassette
bringen mit der Aufschrift Dem tapferen Hause Poggenpuhl, aber das sind alles
Mrchengeschichten, und der Mann am Schalter, der die Fahrkarten verkauft, ist
eine unerbittliche Wirklichkeit.
    Ach, Mama, sagte Sophie, damit mut du dir die Vorfreude nicht verderben.
Es geschehen noch Zeichen und Wunder, so hat er geschrieben, und wenn sie nicht
geschehen, so la ich mir auf meine letzten Bilder einen Vorschu geben, und
wenn auch das nicht geht, so...
    Nun, so haben wir immer noch die Zuckerdose, warf Manon ein.
    Ja, die soll jedesmal aushelfen. Aber mit einemmal ist sie doch weg.
    Was schlielich auch nichts tte, fuhr Manon beschwichtigend fort. Dann
schenken uns Bartensteins eine neue: Frau Bartenstein sagte mir noch neulich:
Liebe Manon, haben Sie denn gar keinen Wunsch? Ja, Mama, so liegt es, Gott sei
Dank, und ich bin nur traurig, da ich heute abend, wenn Leo kaum angekommen
ist, auf die Polterabendprobe mu. Aber am Ende knnt ich ihn mitnehmen. Ich
habe schon lange meine Gedanken darber und mchte mich verwetten, da Flora
sich aufrichtig freuen wrde.
    Du vergit immer, da er des Knigs Rock trgt.
    Ach, Therese, das ist ja kleinlich und altmodisch und ganz berholt. Unser
Kronprinz ist Kronprinz und trgt auch des Knigs Rock, und wenn er noch nicht
bei Bartensteins war, so war er doch woanders. Aber ebenso.
    Nun, wir werden ja sehen, sagte Therese, die zwar kritisch zu den
Bartensteins stand, aber schlielich auch froh war, da sie existierten.

                                Drittes Kapitel


Der nchste Tag kam. Als es am Nachmittag schon dmmerte, hielt eine Droschke
vor dem Hause, und Mutter und Tchter sahen alsbald vom Fenster aus, wie
Friederike nach vergnglicher Begrung mit Leo den kleinen Offizierskoffer vom
Kutscherbock nahm und an Agnes Nebelung vorbei - die, weil sie den Leutnant gern
sehen wollte, dicht neben dem Trottoir Aufstellung genommen - auf die Haustr
zuschritt. Leo folgte. Schon auf der von den Schwestern en chelon besetzten
Treppe wurden Ksse gewechselt, oben aber stand die Mama. Tag, meine gute
Alte, und nun wieder ein Ku. Allerhand konfuse Stze, die gar nicht paten,
flogen hin und her, und nun trat Leo von der guten Stube her in das
einfensterige Wohnzimmer, legte Paletot und Sbel ab, zupfte vor dem Spiegel
seinen etwas raufgerutschten Waffenrock zurecht und sagte, whrend er sich mit
einem strammen Ruck vom Spiegel her umdrehte: Na, Kinder, da wr ich mal
wieder. Wie findet ihr mich?
    Oh, wundervoll.
    Danke schn. So was tut immer wohl, wenn's auch nicht wahr ist, man kann
beinahe sagen, es erquickt. Aber apropos, Erquickung. Trotz der frischen Luft,
ich bin kolossal durstig; seit sieben Stunden nichts als eine Sardellensemmel;
wenn ihr ein Glas Bier httet.
    Gewi, gewi. Friederike kann ein Seidel echtes holen.
    Nein, nein; nichts holen. Und wozu? Wasser tut's auch, und er strzte mit
einem Zug ein Glas Wasser hinunter, das ihm Manon gereicht hatte. Brr. Aber
gut.
    Du bist so hastig, sagte Manon. Das bekommt dir nicht. Ich denke, du
trinkst nun erst eine Tasse Kaffee. Wir haben jetzt halb fnf. Und um sieben
dann einen Imbi.
    Sehr gut, Manon, sehr gut. Nur die Reihenfolge lt sich vielleicht ndern.
Das Wasser hab ich intus; nehme ich nun auch noch gleich den Kaffee, so gibt das
zuviel Flssigkeit, nutzlose Magenerweiterung, also so gut wie Schwchung. Und
man braucht seine Krfte, oder, sagen wir, das Vaterland braucht sie.
    Du meinst also...
    Ich mchte mir zu meinen erlauben: Umkehr der Wissenschaft; erst Imbi,
dann Kaffee. Denn wenn mein Durst gro war, mein Hunger kommt gleich danach. In
sieben Stunden...
    Das hast du ja schon gesagt.
    Ja, Wahrheiten drngen sich immer wieder auf. Nun sagt, was habt ihr?
    Eine Ente.
     Kapital.
    Aber sie hngt noch oben am Bodenfenster und ist auch noch alles dran und
drin. Also eine Sache von zwei Stunden...
    Etwas lange.
    ... Doch ich glaube, ich wei Rat. Wir nehmen die Leber heraus, und in
einer Viertelstunde hast du sie gebraten auf dem Teller. Willst du sie mit pfel
oder Zwiebel?
    Mit beiden. Nur nichts ablehnen, wenn es der Anstand nicht absolut
erfordert.
    Du kennst also doch Flle, sagte Therese.
    Natrlich kenn ich Flle, natrlich. Aber nun sage mir, liebe Alte, wie
geht es dir eigentlich? Immer noch Schmerzen hierherum?
    Ja, Leo, jede Nacht.
    Wei der Himmel, da die Doktors auch gar nichts knnen. Sieh hier meinen
Zeigefinger, neulich umgeknickt, das heit, 's ist schon ein Vierteljahr, und
immer dieselbe Schwche. Vielleicht mu ich den Abschied nehmen.
    Ach, rede doch nicht so, unterbrach Therese. Die Poggenpuhls nehmen nicht
den Abschied.
    Dann kriegen sie ihn.
    Sie kriegen ihn auch nicht. Der da (und sie wies auf den Hochkircher)
ist unvergessen und der Sohrsche auch und Papa auch. Der Kaiser wei, was er an
uns hat.
    Ja, Therese, was hat er an uns?
    Er hat unsre Gesinnung und die Gewiheit der Treue bis auf den letzten
Blutstropfen.
    Nun ja, ja, das hat er... Aber sage, Mutter, hast du denn schon bten
lassen?
     Bten?
    Ja, bten. Bten ist pusten und besprechen oder so was wie mit Sympathie.
Das hilft immer. Wir haben da eine alte Pohlsche, sowie die lospustet, ist es
weg... Apropos, ist denn noch Weihnachtsmarkt?
    Ich glaube, er ist noch oder wenigstens ein bichen.
    Ein paar Buden werden ja wohl noch stehen, und da mssen wir hin, Kinder.
Herr Jraf, einen Dreier, so was Klassisches will ich mal wieder hren. Und dann
gehen wir zu Helms und trinken Grog oder Schokolade mit Schlagsahne und dann in
die Reichshallen.
    Oh, das ist ein glcklicher Einfall, sagte Manon. Nicht wahr, Sophie? Du
bist so still; sprich doch auch... Fr Therese wird es wohl nicht passen, sie
wird die Reichshallen nicht vornehm genug finden. Aber zwei Schwestern ist auch
genug, und ich freue mich herzlich. Nur mut du's so einrichten, da wir etwa um
neun bei Bartensteins sind oder doch nicht viel spter. Ja, Leo, bis in die
Vostrae mut du uns dann bringen.
    Gern. Aber wozu? Was ist denn da los?
    Polterabendprobe. Seraphine Schweriner, eine Cousine von Flora, verheiratet
sich in vierzehn Tagen, und da haben wir seit Weihnachten immer Proben. Ich
spiele mit, sogar zweimal, erst Quirlmdchen, dann Slowake mit Mausefallen. Ich
soll reizend aussehen.
    Natrlich.
    Und Sophie hat ein Transparent gemalt und den Prolog gedichtet. Aber sie
will ihn nicht sprechen.
    Das mut du dann am Ende auch noch.
    Vielleicht; aber jedenfalls nicht gern. Prolog ist immer zu langweilig.
Jeder ist immer froh, wenn es damit vorbei ist. Aber ob ja oder nein, davon
sprechen wir unterwegs, vorausgesetzt, da sich unterwegs berhaupt ein Gesprch
fhren lt. Denn man mu jetzt sehr aufpassen: es ist abends immer so neblig.
berhaupt, Berliner Luft...
    Ach, rede doch nicht so was, Manon. Berlin hat die feinste Luft von der
Welt. Ich kann dir sagen, da ich froh bin, mal wieder ein bichen drin
herumschnuppern zu knnen. Nebel; Nebel ist ganz egal, Nebel ist was
uerliches, und alles uerliche bedeutet nichts. Innen steckt es, innen lebt
die schaffende Gewalt, immer frisch, froh und frei; - fromm schenk ich mir,
verzeih, Therese... Gott, unser Nest da, das hat die reinste Luft, immer Ostwind
und dergleichen, und wer nicht fest auf der Bost ist, und er gab sich einen
Schlag auf die Brust, der hat eine Lungenentzndung weg, er wei nicht wie.
Also wir haben die reinste Luft, keine Frage. Und doch sag ich euch, immer
stickig, immer eng, immer klein. Wenn der Oberst niest, hrt es der Posten vorm
Gewehr und prsentiert. Greulich. Wenn nicht das bichen Jeu wre und die paar
Judenmdchen...
    Aber Leo...
    Oder die paar Christenmdchen; blo die Jdinnen sind hbscher.
    Ihr mt aber doch geistige Beschftigung haben?
    I bewahre. Dazu ist ja gar keine Zeit. Ich berschlage blo dann und wann
meine Schulden und rechne und rechne, wie ich wohl rauskomme. Das ist meine
geistige Beschftigung, ganz ernsthaft, beinahe schon wissenschaftlich.
    Gott, Leo, sagte die Mutter und sah ihn ngstlich an. Gewi bist du blo
deshalb gekommen. Ist es denn wieder viel?
    Viel, Mutter? Viel ist es nie. Viel kann es berhaupt nie sein. Denn so
dumm ist keiner. Viel, das fehlte auch noch. Aber wenig ist es, und bei allem
Glck, da es so wenig ist, ist das doch auch grade wieder das rgerliche, ja
das Allerrgerlichste. Denn man sagt sich: Gott, es ist so wenig, dafr kann man
ja gar nichts gehabt haben, und hat auch nicht, und dann kommt erst das andre,
da man's, trotzdem es so wenig ist, doch nicht begleichen kann. Keiner, der
einem hilft, keine Seele. Wenn ich mir da die andern ansehe! Jeder hat einen
Onkel...
    Oh, den haben wir auch, unterbrach Sophie. Und Onkel Eberhard ist ein
Ehrenmann...
    Zugestanden. Aber Onkel Eberhard, so gut er ist, er legitimiert sich nicht
als Onkel oder wenigstens nicht genug. Und dann, Kinder, wer keinen Onkel hat,
der hat doch wenigstens einen Grovater oder einen Paten oder eine Stiftsdame.
Stiftsdame ist das beste. Die glauben alles, jede Geschichte, die man ihnen
vorerzhlt, und wenn sie auch selber nicht viel haben, so geben sie doch alles,
ihr letztes.
    Ach, Leo, rede doch nicht so. Sie knnen doch nicht alles geben.
    Alles, sag ich. Denn was eine richtige Stiftsdame ist, die kann auch alles
geben, weil sie gar nichts braucht. Sie hat Wohnung und Fisch und Wild, und die
Puthhner laufen im Hof herum, und die Tauben sitzen auf dem Dach, und in dem
groen Gemsegarten, den sie natrlich selber besorgen (denn sie haben ja nichts
zu tun), da steht immer irgendwo ein Kohlrabi oder eine Mohrrbe, und in der
Kche ist immer Feuer, weil sie frei Holz haben. Und deshalb, ja, ich mu es
noch einmal sagen, deshalb knnen sie alles geben, weil sie alles haben und
nichts brauchen.
    Aber sie mssen sich doch kleiden.
    Kleiden? I bewahre. Die kleiden sich nicht. Sie haben ein Kleid, und das
dauert dreiig Jahre. Sie ziehen sich blo an; natrlich, denn auf Eva im
Paradiese sind sie nicht eingerichtet... Aber da kommt ja die Leber; riecht
kstlich, delikat. Und nun, Kinder wollen wir teilen: Mutter Mittelstck, weil
das das weichste ist, Therese rechte Spitze, ich linke Spitze, Sophie und
Manon...
    Ach, Leo, mache doch keine Komdie. Du weit ja doch, da du das Ganze
kriegst. So warst du immer, du willst dich nett machen, wo du nicht beim Worte
genommen wirst.
    Gib hier nicht Aufschlsse ber meinen Charakter, Sophie, gib mir lieber
eine Semmel zu der Leber, sie ist sonst zu fett. Und mit der Verwandtschaft hab
ich doch recht; keine Stiftsdame, keine Muhme, keine Base, keine Tante, kaum
eine Cousine, wenigstens keine richtige - man mchte rasend werden, sagt
Mephisto irgendwo. Kennst du Mephisto, Mutter?
    Natrlich kann ich ihn. Ihr Poggenpuhls denkt immer, ihr habt die Weisheit
allein und alles wie durch Inspiration. Denn von der Schule her habt ihr doch
eigentlich gar nichts. Und nun gar du, Leo. Wenn ich an deine Zensuren denke.
Mit Wendelin war das was andres. Aber warum? weil er ins Pttersche schlgt.
    Ach, Mutter, du bist schon die Beste; wenn wir dich nicht htten! Und ich
glaube auch beinahe, da uns die Ptters ber sind. Blo in einem sind sie uns
ganz gleich, sie haben auch nichts, und das ist mein Schmerz. Ach, Mama,
nirgends Geld, nirgends Rckendeckung, und dazu jung und ein Leutnant; - eine
ganz verdeubelte Geschichte. Und dabei habe ich euch aufgefordert, mit zu Helms
zu kommen und dann in die Reichshallen.
    Er ist unverbesserlich, lachte Sophie. Was soll das nun wieder! Erstens
bist du unser Gast, der nichts als die Honneurs zu machen braucht. Und das
Ritterliche wirst du doch wohl fr uns brig haben.
    Gott, Mdels, seid ihr gut. Und so aufgeklrt und begreift, da es nicht
anders sein kann, und ich bleibe in eurer Liebe und Achtung. Das hoffe ich
wenigstens, sonst wrde ich es nicht annehmen. Und nun, denk ich, gehen wir.
Mama, du kommst doch mit?
    Nein, Leo. Eine Person mehr macht schon immer was aus. Und dann mein
Mantel, wenn wir in einem Lokal sitzen, ist auch nicht mehr gut genug.
    Ach, das ist ja gleich, Mutter.
    Und dann hab ich so leicht das Reien hier, und man wei nie, welchen Platz
man kriegt und ob es nicht gerade zieht. Und wenn ich den Zug kriege, dann krieg
ich auch meinen Rheumatismus und mu ins Bett. Und wenn ich den Rheumatismus
nicht kriege, dann krieg ich meine Kolik, und das ist noch schrecklicher.

                                Viertes Kapitel


Leo, der den Weihnachtsmarkt und Helms und die Reichshallen wirklich besucht und
sich dann schlielich vor dem Bartensteinschen Hause von den beiden jngeren
Schwestern, die er bis dahin begleitet, verabschiedet hatte, war bald nach neun
wieder zu Haus, wo er nun, so ging wenigstens sein Plan, mit der Mutter und
Therese weidlich plaudern und ber seine Berliner Eindrcke berichten wollte,
denn er gehrte zu den Glcklichen, die, sowie sie den Fu auf die Strae
setzen, immer was erleben oder sich wenigstens einbilden, was erlebt zu haben.
Er traf es daheim aber anders als erwartet: Therese war in die Stadt gegangen,
um noch ein paar Kleinigkeiten fr den Geburtstagstisch der Mama zu kaufen, und
diese selbst, wie er von Friederike gleich auf dem Korridor erfuhr, war schon zu
Bett. Hm, brummte er und schickte sich, weil ihm nichts andres brigblieb,
eben zu stillem Meditieren in einer Sofaecke an, als die Mama ihm sagen lie, er
solle nur an ihr Bett kommen und ihr was erzhlen. Das war ihm denn allerdings
erheblich lieber, als, wie er sich ausdrckte, unter Betrachtung seines Innern
auf Therese zu warten.
    Ist dir schlecht, Mama?
    Nein, Leo, schlecht eigentlich nicht. Ich habe mich nur hingelegt, weil ich
morgen doch ein bichen bei Krften sein will. Nimm dir einen Stuhl und rcke
ran und dann hole die Lampe, da ich dich immer vor mir habe. Denn du hast ein
gutes Poggenpuhlsches Gesicht, und wenn dann was kommt, was nicht stimmt, so
kann ich es dir immer gleich ansehen und mir meinen Vers danach machen.
    Ach, Mama, du denkst immer, ich mache Flausen; aber es ist nicht so schlimm
damit. Ich habe nicht mal Talent dazu; ich bertreibe blo ein bichen.
    Ist schon recht. Und du warst auch immer mein Liebling, und die andern
haben es dir auch gegnnt. Aber du bist so leichtsinnig und denkst immer, es
wird sich schon finden. Und sieh, das ngstigt mich. Was finden! Wie soll sich
denn was finden, wo soll es denn herkommen? Es ist ja doch eigentlich ein
Wunder, da es noch immer so gegangen ist.
    Ja, Mutter, das ist es ja gerade; da steckt ja gerade die Hoffnung, und ich
mu beinahe sagen die Zuversicht. Wenn das Wunder gestern war, warum soll es
nicht auch heute sein oder morgen oder bermorgen.
    Das klingt ganz gut, aber es ist doch nicht richtig. Sich zu Wunder und
Gnade so stellen, als ob alles so sein mte, das verdriet den, der all die
Gnade gibt, und er versagt sie zuletzt. Was Gott von uns verlangt, das ist nicht
blo so hinnehmen und dafr danken (und oft oberflchlich genug), er will auch,
da wir uns die Gnadenschaft verdienen oder wenigstens uns ihrer wrdig zeigen
und immer im Auge haben, nicht was so vielleicht durch Wunderwege geschehen kann
, sondern was nach Vernunft und Rechnung und Wahrscheinlichkeit geschehen mu.
Und auf solchem Rechnen steht dann ein Segen.
    Ach, Mama, ich rechne ja immerzu.
    Ja, du rechnest immerzu, freilich, aber du rechnest nachher, statt vorher.
Du rechnest, wenn es zu spt ist, wenn du bis ber den Kopf drinsteckst, und
dann willst du dich herausrechnen und rechnest dich blo immer tiefer hinein.
Was dir nicht pat, das siehst du nicht, willst du nicht sehen, und was dir
schmeichelt und gefllt, daraus machst du Wahrscheinlichkeiten. Die Menschen
haben so viel fr uns getan, auch fr dich, und nun, mein ich, heit es: Hilf
dir selber. Immer blo wir sind ja die Poggenpuhls, damit machen wir uns blo
bedrcklich, und zuletzt sind wir Querulanten, was ich doch nicht erleben
mchte.
    Davon sind wir weitab, Mama.
    Nicht so weit, wie du denkst. Onkel Eberhard, der ein sehr feiner und sehr
gtiger Mann ist, ich mu ihn wirklich einen echten Edelmann nennen, wird
allmhlich auch reserviert und ungeduldig. Er sagt es nicht geradeheraus, weil
er eben gtig ist, aber es steht doch leise zwischen den Zeilen.
    Ja, der Onkel, der alte Streitpunkt. Ich bitte dich, Mama, er tut aber doch
auch wirklich zu wenig und alles so blo um Gottes willen, und er mte doch
eigentlich denken: Ich habe meine Zeit gehabt, nun sind die andern dran. Er gibt
wohl dann und wann, gewi, aber was er so auf dem Familienaltar opfert, steht in
keinem rechten Verhltnis, weder zu seinen Einnahmen noch zu seinen Ermahnungen.
Er knnte sich krzer fassen und mehr geben. Hat er doch ein riesiges Glck
gehabt und sitzt nun ber ein Dutzend Jahre schon in der Wolle oder, wie manche
sagen, in einer guten Assiette.
    Da du nicht davon abzubringen bist und nicht wissen willst, wie's mit dem
Onkel eigentlich liegt. Er hat die reiche Witwe geheiratet und wohnt in einem
Schlo, und wenn seine Frau den Prinzen Albrecht oder einen von den Carolaths
einladen will, dann ist das ein groes Wesen, und der halbe niederschlesische
Adel sitzt dann mit zu Tisch, und es sieht dann aus, als gbe Onkel Eberhard das
Fest. Aber er gibt es nicht, sie gibt es; er gibt nur den Namen dazu her und
auch das kaum, denn viele, wenn sie hinter dem Rucken der Tante sprechen nennen
sie noch immer bei dem Namen ihres ersten Mannes. Der war schlesisch und ein
sehr vornehmer Mann, vornehmer als die Poggenpuhls ... das mt ihr euch nun
schon gefallen lassen, da es noch Vornehmere gibt... Ich sage dir, so gut sie
ist, sie hlt ihn trotzdem knapp, und er hat nicht viel mehr als seine
Generalspension, von der er noch alte Schulden bezahlen mu...
    ... Alte Schulden! Siehst du, Mama, da sagst du's nun selbst. Auch der
also. Und ist doch General geworden und hat nun eine reiche Frau...
    ... Wovon er alte Schulden bezahlen mu߫, wiederholte die Mama, ohne seiner
Zwischenrede weiter zu achten. Und da bleibt ihm nur ein Taschengeld.
    Aber ein gutes...
    Vielleicht, oder sagen wir gewi. Und wenn er trotzdem damit zu Rate hlt,
so liegt es wohl auch daran, da er dir mitraut oder, wenn nicht er, da die
Frau dir mitraut und da deren Einflu ihn bestimmt.
    Das ist es ja eben, was einen rgert, dieser unwrdige Weibereinflu. Und
dann, Mama, von mir will ich am Ende nicht reden, ich bin vielleicht enfant
perdu; meinetwegen. Aber Wendelin, dieser Musterknabe, wenn ich meinen Herrn
Bruder so nennen darf, an dem mte er doch wenigstens seine Freude haben und
sogar die Frau Tante. Da liegt doch die Knauserei ganz deutlich zutage.
    Spricht Wendelin ebenso?
    Nein. Der nicht, der braucht es auch nicht. Wendelin, der das Talent hat,
bei seiner Wasserkaraffe sich Herr von ungezhlten Welten zu fhlen, Wendelin
macht auch so seinen Weg. Aber auch fr ihn ist doch ein Unterschied. Es ist nun
mal was andres, ob man seinen Weg spielend macht oder in ewiger Askese. Die mit
Askese haben meistens einen Knacks weg; - sie werden berhmt oder knnen es
wenigstens werden, aber auch wenn sie berhmt sind, wirken sie meistens wie
kleine Schulmeister. Mglich, da Wendelin eine Ausnahme macht.
    Glaubst du denn berhaupt und mit einer Art von Zuversicht, da etwas
Hheres aus ihm werden wird?
    Gewi, Mutter. Kein halbes Jahr, so kommt er in den Generalstab. Was er
ber Skobeleff geschrieben, hat Aufsehen gemacht. Und dann noch ein Jahr oder
zwei, dann schicken sie ihn nach Petersburg, und da heiratet er, so nehme ich
vorlufig an, eine Yussupoff oder eine Dolgorucka; die haben alle wenigstens
zehntausend Seelen und Bergwerke mit Diamanten. Was meinst du dazu? Kein bler
Blick in die Zukunft. Zugegeben, nicht wahr? Aber wenn der Onkel anders wre
oder meinetwegen auch die Tante - doch von der knnen wir es nicht verlangen,
denn sie ist blo angeheiratet und war eine Bourgeoise, was immer schlimm ist;
du bist doch wenigstens eine Brgerliche -, ja, dann wre er schon da, dann wr
er schon in Petersburg, und ich wre schon attachiert und ginge mit in den
Kaukasus oder nach Merw oder nach Samarkand, und all das unterbleibt oder
vertagt sich wenigstens grausamerweise, blo weil kein Vorspann da ist, weil die
Goldfchse fehlen.
    Gott, Leo, wenn man dich so hrt, so sollte man glauben, du knntest alles
haben, wenn sich blo der Wind ein bichen drehen wollte. Phantasien, Plne, so
warst du schon als kleiner Junge.
    Ja, Mutter, so mu man auch sein, wenigstens unsereiner. Wer was hat, nun
ja, der kann das Leben so nehmen, wie's wirklich ist, der kann das sein, was sie
jetzt einen Realisten nennen; wer aber nichts hat, wer immer in einer Wste
Sahara lebt, der kann ohne Fata Morgana mit Palmen und Odalisken und all
dergleichen gar nicht existieren. Fata Morgana, sag ich. Wenn es dann, wenn man
nher kommt, auch nichts ist, so hat man doch eine Stunde lang gelebt und
gehofft und hat wieder Courage gekriegt und watet gemtlich weiter durch den
Sand. Und so sind denn die Bilder, die so trgerisch und unwirklich vor uns
gaukeln, doch eigentlich ein Glck.
    Ja, die Jugend kann das und darf es auch vielleicht. Und ich will dir noch
mehr zugehen: wer immer hoffen kann, und die Hoffnung ist oft besser als die
Erfllung, der hat sein Teil Freude weg. Aber trotzdem, du hoffst zuviel und
arbeitest zuwenig.
    Ich arbeite wenig, das ist richtig, und ich will es nicht loben. Aber ich
habe einen heiteren Sinn, und das ist schlielich besser als alles Arbeiten.
Heiterkeit zieht an, Heiterkeit ist wie ein Magnet, und da denk ich, ich kriege
doch auch noch was.
    Nun, ich will es dir wnschen. Und jetzt geh in die Kche und sage
Friederike, da sie dir was zum Abendbrot bringt.

                                Fnftes Kapitel


Leo war es zufrieden, denn er hatte wirklich Hunger. Die Entenleber zu Mittag
war nicht viel gewesen und die Tasse Schokolade bei Helms noch weniger.
    Er ging also hinaus und traf Friederike, die vor einer Kchenlampe sa und,
ein an den Fu der Lampe gestelltes Tintenfa dicht vor sich, in ihrem
Wirtschaftsbuch aufschrieb. Der aus Holz geschnitzte Federhalter, den sie
nachsinnend zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, war noch ganz neu (wohl ein
Weihnachtsgeschenk) und schlo nach oben hin mit einem Adler ab, der aber auch
eine Taube sein konnte. Soviel sich bei dem herrschenden Halbdunkel erkennen
lie, war in der Kche rundum alles in guter Ordnung und Sauberkeit, wenn auch
nicht gerade blitzblank; blitzblank war nur der in seinem Kochloch stehende
Teekessel, dessen Tllendeckel bestndig klapperte. Denn immer kochendes Wasser
zur Verfgung zu haben war ein eigentmlicher, zugleich klug erwogener Luxus der
Poggenpuhlschen Familie, die sich dadurch in Stand gesetzt sah, jederzeit eine
bescheidene Gastlichkeit ben zu knnen. Diese bettigte sich dann in
verschiedenem. Obenan, fast schon als Spezialitt, stand eine mit Hilfe von
gersteten Semmelscheiben und einer Muskatnuprise rasch herzustellende
Kraftbrhe von franzsischen Namen, in deren Anfertigung jeder einzelne so sehr
exzellierte, da selbst Flora, wenn sie abends zu einer Plauderstunde mit
herankam, unter freundlicher Ablehnung von Aufschnitt und dergleichen, darum
zu bitten pflegte. Was auch klug war.
    Ja, Friederike, sagte jetzt Leo, als er, einen Kchenstuhl heranrckend,
sich ber die Lehne desselben beugte, Mama schickt mich zu dir und hat sogar
von Abendbrot gesprochen. Wie steht es eigentlich damit? Ich habe Hunger und
danke Gott fr alles. Und dir auch.
    Ja, junger Herr, viel is es nich.
    Na, was denn?
    Nun, eine Boulette von gestern mittag und ein paar eingelegte Heringe mit
Dill und Gurkenscheiben. Und dann noch ein Edamer. Aber von dem Edamer is blo
noch sehr wenig. Und dann kann ich Ihnen vielleicht noch einen Tee aufgieen.
Das Wasser bullert ja noch.
    Nein, Friederike, Tee nicht. Was soll man damit? Aber das andre ist gut,
und ich werde gleich hier bleiben, gleich hier in der Kche. Mama ist md und
angegriffen, und du kannst mir dann auch was von den Mdchen erzhlen. Sie
schreiben mir immer, Manon immer vier Seiten, aber es steht nicht viel drin. Wie
geht es denn eigentlich?
    Ja, junger Herr, wie soll es gehn? Frulein Therese, na, da wissen Sie ja
Bescheid;... aber ich will am Ende nichts gesagt haben. Und dann Sophiechen. Nu,
das Sophiechen ist ein Prachtstck. Und Manonchen ist immer fidel, das mu wahr
sein.
    Und hlt es mit den reichen Bankiers, und das ist auch klug und weise.
Bankiers, das sind eigentlich die einzigen Menschen, mit denen man umgehen
sollte, blo schade, da sie fast alle vom Alten Bund sind.
    Ja, junger Herr, so is es, und ich hab es ihr auch schon gesagt; aber da
sagte sie: Ja, Friederike, wenn man so was will, dann darf man nicht viel
aussuchen, dann mu man's nehmen, wie's fllt.
    Sehr vernnftig, ein kluges Mdchen; gefllt mir auerordentlich und ist
mir auch ganz recht. Ich bin nmlich auch so 'n bichen mit drin, hab auch
angebndelt, schne schwarze Person, Taille so, und Augen, na, Friederike, ich
sag dir, Augen, die reinen Mandelaugen und eigentlich alles schon wie Harem.
Kennst du Harem?
    Natrlich kenn ich Harem. Das is das, wo die Trken ihre Frauen drin haben
und keine Fenster als blo ganz kleine Lcher, wo sie nur mal heimlich
rausgucken knnen.
    Richtig. Und so wie bei den Trken oder doch beinahe so, so sieht meine
auch aus.
    Aber wird es denn gehen, junger Herr? Wird es denn die Familie zugeben?
    Welche? Meine oder ihre?
    Nu, ich meine die Poggenpuhls.
    Das ist mir egal, Friederike. Und dann ... sich, so dumm sind die
Poggenpuhls auch nicht, wenn es nur recht viel ist, sind sie ganz zufrieden und
geben alles zu.
    Is es denn viel?
    Ja, das wei ich selber noch nicht. Und dann sind diese Orientalen so
grlich vorsichtig und machen immer Ehekontrakte, wo man nichts kriegt, wenn
man nicht gleich ein halbes Dutzend herzaubert. Und so schnell geht es doch
nicht.
    Ach, Leochen, Sie werden schon...
    Ja, Friederike, das sagst du so; die Spiele der Natur sind aber merkwrdig,
und wenn dann welche geboren werden, kleine, reizende Engelchen, denn wenn sie
ganz klein sind, sind sie immer Engelchen, dann sterben sie, und sieh, dann
sitzt man wieder da und hat alle Mhe umsonst gehabt.
    Ja, ja, so was kommt vor. Na, aber sind Sie denn schon eins miteinander?
    I Gott bewahre, sie wei eigentlich kein Sterbenswort, und ich sage das
auch blo alles so, weil einem immer das Messer an der Kehle sitzt, und da malt
man sich denn so was aus und trstet sich und denkt, mal wirst du doch wohl
rauskommen aus all dem Elend... Aber Friederike, du knntest mir doch eigentlich
einen Tee machen, das heit, wenn noch ein bichen Rum da ist.
    Nein, Leochen, Rum is nich mehr da; blo noch ein Gilka.
    Hm, das pat eigentlich nicht recht. Aber am Ende, warum nicht? Eintun kann
ich ihn freilich nicht, aber so nebenher ist er ganz gut zu brauchen. Und nach
dem Hering ist mir doch so 'n bichen durstig geworden. Und was ich dir von der
schnen schwarzen Jdin gesagt habe, drber mut du reinen Mund halten und
darfst davon nicht sprechen, nicht zu Mutter und auch nicht zu den Schwestern,
wenigstens nicht zu Therese. Zu Manon kannst du schon eher etwas sagen, die ist
ja schon so gut wie mit dabei, mit ihren ewigen Bartensteins, wo sie mich auch
immer hin haben will. Der Alte soll brigens sehr reich sein, und ich wei auch
noch nicht, was ich tue. Man ist dann mit einemmal raus, und das ist doch die
Hauptsache. Wenn es aber nichts wird, na, dann, Friederike, dann mssen die
Schwarzen ran, das heit die richtigen Schwarzen, die wirklichen, dann mu ich
nach Afrika.
    Gott, Leochen! Davon hab ich ja gerade dieser Tage gelesen. Du meine Gte,
die machen ja alles tot und schneiden uns armen Christenmenschen die Hlse ab.
    Das tun sie hier auch; berall dasselbe.
    Und soviel wilde Tiere, Schlangen und Krokodile, da man bei all der Hitze
nich mal baden kann.
    Ja, das ist richtig. Aber dafr hat man auch alles frei, und wenn man einen
Elefanten schiet, da hat man gleich Elfenbein, soviel man will, und kann sich
ein Billard machen lassen. Und glaube mir, so was Freies, das hat schlielich
auch sein Gutes. Hast du mal von Schuldhaft gehrt? Natrlich hast du. Nu sieh,
so was wie Schuldhaft gibt es da gar nicht, weil es keine Schulden und keine
Wechsel gibt und keine Zinsen und keinen Wucher, und wenn ich in Bukoba bin -
das ist so 'n Ort zweiter Klasse, also so wie Potsdam -, da kann sich's treffen,
da mir der quator, von dem du wohl schon gelesen haben wirst und der so seine
guten fnftausend Meilen lang ist, da mir der gerade ber den Leib luft.
    Um Gottes willen...
    Und so was ist hier ganz unmglich, und deshalb will ich auch hin, wenn
sich hier nicht bald was findet.
    Gott, junger Herr, dann doch lieber...
    Gewi, Friederike, viel lieber. Und all das Poggenpuhlsche, wovon Therese
soviel Lrm macht... Aber, alle Wetter, dabei fllt mir ein, wo steckt denn nur
eigentlich Therese? Sie wollte ja, wie du sagtest, blo in die Stadt, um noch zu
Mamas Geburtstag was einzukaufen... Gott, Geburtstag. Sage, Friederike, da mu
ich am Ende doch auch wohl was anschaffen, die alte Frau glaubt sonst, ich denke
blo immer an mich. Also was meinst du, was kann ich ihr wohl schenken, was
braucht sie?
    Gott, junger Herr, die gndige Frau braucht ja eigentlich alles.
    Alles? Das ist mir zuviel, das geht nicht, das ist ber meinen Etat. Und
zurck mu ich doch auch noch wieder, und es reicht schon nicht... Aber du hast
ja vorhin von einem Edamer gesprochen. Is noch was da?
    Versteht sich.
    Nun gut. Aber zunchst wollen wir das mit dem Geburtstagsgeschenk abmachen.
Freilich, zurck mu ich, das bleibt das erste.
    Ja, junger Herr, wieviel wollen Sie denn wohl anlegen?
    Wollen? Eine Million. Aber knnen, Friederike, knnen, da sitzt es, da
hapert es. ber, ber... na, ich will lieber keine Summe nennen; nur blo was
Nettes, was Sinniges mu es sein.
    Nu, ich denke mir eine Primel.
    Gut, Primel. Primel pat ganz vorzglich. Primel oder Primula veris, das
ist nmlich der lateinische Name, heit soviel wie Frhlingsanfang, und Mutter
wird siebenundfnfzig. Und sieh, das ist das, was ich sinnig nenne.
    Und dann, junger Herr, vielleicht noch eine Tte mit Mehlweichen; die it
sie fr ihr Leben gern. Aber knusprige, nicht solche, die sich so ziehen wie
Leder.
    Auch gut. Also Primel und Mehlweichen, knusprig und alle wei bestreut.
Aber es ist schon so spt; ich glaube, man kriegt keine mehr.
    Nein, heute nicht mehr; ich besorge sie aber morgen frh. Vor neun wird ja
doch nich aufgebaut, denn es mu doch erst berall warm sein und auch alles ein
bichen in Ordnung.
    Unter diesen Worten begann Friederike die herumstehenden Teller und Glser
abzurumen und setzte dafr den halben Edamer, der eigentlich nur noch eine rote
Schale war, auf den Tisch. Aber das tat nichts. Leo hatte schon sein kleines
Taschenmesser, weil ihm das am handlichsten war, herausgenommen und schabte
damit die guten Stellen mit vieler Geschicklichkeit heraus, immer versichernd,
da, wenn man noch was fnde, wo eigentlich nichts mehr zu finden sei, das sei
jedesmal das beste und darin lge auch was Sinniges. Ja, Friederike, so mu man
leben, immer so die kleinen Freuden aufpicken, bis das groe Glck kommt...
    Ja, wenn es blo kommt...
    Und wenn es nicht kommt, dann hat man wenigstens die kleinen Glcke
gehabt.
    Und dabei setzte er den ausgehhlten Edamer auf seinen linken Zeigefinger
und drehte ihn erst langsam und dann immer rascher herum, wie einen kleinen
Halbglobus.
    Sieh, das hier oben, das ist die Nordhlfte. Und hier unten, wo gar nichts
ist, da liegt Afrika.

                                Sechstes Kapitel


Leo war in der guten Stube untergebracht worden und schlief hier unbequem, aber
fest auf dem kleinen Rohrsofa, das fr gewhnlich in der Schlafstube stand. Er
wurde nur einen Augenblick wach, als Friederike kam, um einzuheizen, fiel aber
rasch wieder in einen ruhigen Morgenschlaf zurck, als er nebenan in der
einfenstrigen Wohnstube das Knacken und Knistern des Holzes und bald darauf das
Klappern der Ofentr hrte.
    Gegen halb neun erst kam Manon, um ihn zu wecken. Aufstehn, Leo; es ist
hchste Zeit. Wir knnen Mama nicht lnger im Bett halten. Und nun sprang er
auf und machte mit soldatischer Schnelligkeit seine Toilette. Der Pfeilerspiegel
ber der Konsole prsentierte sich dabei stattlich genug, alles brige aber war
desto primitiver: ein Kchenstuhl mit Waschbecken und Handtuch, ein Glas und
eine Wasserkaraffe. Was er sonst noch brauchte, nahm er aus seinem Koffer.
    Guten Morgen, meine Damen, mit diesen Worten trat er bei den Schwestern
ein und gab jeder einen Ku. Es war schon recht hbsch warm in dem kleinen
Zimmer. Auf einem alten Klavier lagen und standen die fr die Mama bestimmten
Geschenke noch wirr und ungeordnet umher, denn sie sollten, wie
selbstverstndlich, nicht hier, sondern in der guten Stube, die noch erst in
Stand zu setzen war, aufgebaut werden. Das geschah denn auch, und nun hatte man
ber alles einen berblick: eine Morgenhaube, zwei Paar Zwirnhandschuhe und ein
Paar Filzschuhe. Von Friederike war eine Erika gestiftet, zwischen den zwei
Filzschuhen stand Leos Primel und die Tte, Leo selbst aber ri noch rasch ein
Blatt aus seinem Notizbuch, um ein paar Zeilen aufzuschreiben, und schob diese
dann zwischen die beiden blalilafarbenen Primelblten. Ein Bild meines
Glcks, sagte er zu der neben ihm stehenden Sophie; zwei Blten und blalila.
Nun endlich konnte auch die schon ungeduldig werdende Mutter aus ihrer
Schlafstube befreit und an den Geburtstagstisch gefhrt werden. Leo und die zwei
jngeren Schwestern kten ihr die Hand, whrend sich Therese mit einem
Backenku begngte. Gott, Kinder, so vielerlei, sagte die gute alte Dame. Und
wie ausgesucht. Ja, die Filzschuhe haben mir gefehlt; ich hab es immer so kalt.
Und die Primel und noch dazu mit einem Spruch. Und sie nahm den Zettel und las:
Eine Primel, von deinem... Ja, ja, Leo, das bist du; du hast das Wort nicht
ausgeschrieben, aber das war auch nicht ntig. Na, der liebe Gott meint es ja
gut mit uns allen, und vielleicht hilft er dir auch noch.
    Natrlich, Mutter, sagte Therese, du darfst ihn nicht so herabstimmen. Er
mu sein Selbstgefhl behalten und sich sagen, da ein Pommerscher von Adel
immer seinen Platz findet. Ich bin guten Muts.
    Und bernimmst auch Brgschaft?
    Nein, Leo; Brgschaft bernimmst du selbst. Und wenn du sie richtig
bernimmst, wie es einem Poggenpuhl geziemt und worin dir Wendelin ein Vorbild
sein kann, so wirst du gute Tage haben. Wir haben einen Stern im Wappen.
    Ich wollte, ich htte erst einen auf der Achselklappe.
    Kommt Zeit, kommt Rat. Aber nun nimm Mamas Arm und fhre sie.

Man blieb wohl eine Stunde beim Kaffee. Leo hatte von seinem Thorner Leben zu
berichten, am meisten von seinen Besuchen auf dem Lande, sowohl bei den
deutschen wie bei den polnischen Edelleuten.
    Und macht ihr bei diesen moralische Eroberungen? fragte Therese. Gewinnt
ihr Terrain?
    Terrain? Ich bitte dich, Therese, wir sind froh, wenn wir im Skat gewinnen.
Aber auch damit hat's gute Wege. Diese Polen, ich sage dir, das sind verdammt
pfiffige Kerle, lauter Schlauberger...
    Du hast soviel berlinische Ausdrcke, Leo.
    Hab ich. Und weil man nie genug davon haben kann, denk ich, wir brechen so
bald wie mglich auf und gehen in die Stadt auf weitere Suche. Wer Augen und
Ohren hat, findet immer was. Ich mchte mal wieder eine Litfasule studieren.
Wer dreihundert Mark sparen will oder die Goldene Hundertzehn oder Mittel gegen
den Bandwurm. Ich lese so was ungeheuer gern. Wer kommt mit? Wer hat Zeit und
Lust?
    Therese schwieg und wandte sich ab.
    Hm, Therese lt mich im Stich, und Sophie hat die Wirtschaft. Aber Manon,
auf dich, denk ich, ist Verla. Wir sehen uns das Rezonvillepanorama an (so was
verstehn die Franzosen) und sind um zwlf Unter den Linden und sehen die Wache
aufziehn mit voller Musik, und wenn wir Glck haben, steht der alte Kaiser am
Fenster und grt uns. Oder wir knnen's uns wenigstens einbilden.
    Unter diesen Worten hatten sich Leo und Manon erhoben.
    Kommt nicht zu spt; zwei Uhr, mahnte Sophie, was denn auch versprochen
wurde.

Leo und Manon hielten Zeit, und Punkt zwei ging man zu Tisch. Es war in der
guten Stube gedeckt, in der Mitte eine Torte, links und rechts die Erika und die
Primel. Der Sohrsche sah aus seinem Rahmen herab und lchelte.
    Gleich nach der Suppe wurde der Glasteller mit der kleinen
Reprsentationsweinflasche von dem Schreibtisch heruntergenommen und vor Leo
hingestellt, der mit vieler Wrde bemerkte: Wenn dies mir gilt, so mu ich es
zurckweisen; wenn es aber wegen Mamas Geburtstag ist, auf deren Wohl wir
trinken mssen, so kann es stehnbleiben.
    Und whrend noch darber parlamentiert und Leos Widerstand beseitigt wurde,
kam Friederike und brachte die Ente.
    Wovon willst du? fragte Sophie.
    Keule, wenn ich bitten darf. Ich finde nmlich, wer um die Keule bittet,
fhrt immer am besten. Es macht jedesmal einen guten, weil bescheidenen
Eindruck, und zweitens lt einen das Bindestck nicht leicht im Stich. Auerdem
ist die reine Quantittsfrage doch auch nicht zu verachten.
    Er tat sich denn auch bene; alles war ihm zu Willen, und dann brachte er
seinen Toast aus auf das Wohl der Mutter. Diese mute trinken, die Mdchen aber
stieen nur mit dem Knchel ihres Zeigefingers an.
    Es ist doch wahr, zu Hause schmeckt es immer am besten. Solche mtterliche
Ente krieg ich in ganz Thorn nicht. Und diese Fllung, noch dazu zweierlei, hier
Maronen und hier Pudding mit Rosinen. Kinder, ich glaube beinahe, es ist alles
Verstellung bei euch; ich glaube, ihr habt was, ihr seid gar nicht so arm.
    Ach, Leo, sage nur so was nicht, sprich nicht so was; das ngstigt mich
immer. Du bist imstande, dir wirklich so was einzubilden...
    Nein, nein, ich wei ja Bescheid. Ich dachte nur zufllig an etwas, was ich
mal in einer Zeitung gelesen habe, eine Geschichte von einer alten Frau, die ein
ganzes Vermgen, ich will nicht sagen, wo, eingenht hatte. Und dann dacht ich
auch an Onkel Eberhard, an unsern Onkelgeneral, und da er doch eigentlich...
    In diesem Augenblick ging drauen die Klingel, und Friederike trat ein, um
den Herrn General zu melden.
    Lupus in fabula. Aber ehe Leo noch das Wort aussprechen konnte, stand der
Onkel schon in der Tr, legte den Finger halb dienstlich an die Schlfe und
sagte: Habe die Ehre, Frau Schwgerin.
    Die Mdchen eilten ihm entgegen, Leo natrlich desgleichen; als aber auch
die alte Frau sich erheben wollte, versagten ihr die Krfte, so sehr war sie
bewegt von der Gte ihres Schwagers, fr den sie immer eine besondere Liebe und
Verehrung gehabt hatte.
    Sitzen bleiben, meine liebe Albertine. Das kommt von den zu jugendlichen
Bewegungen. Bringe dir auch Gre von meiner Frau... Und da ich den Leo hier
treffe! Wetter, Junge, du siehst brillant aus und wundervoll genhrt. Freilich,
freilich..., und er wies auf die Ente.
    An der du dich beteiligen mut, sagte Manon.
    Und der Onkel rckte auch wirklich ein, band sich, was er selbst als
altmodisch bezeichnete, eine Serviette vor und machte sich mit vielem Behagen
daran, einen Flgel abzuknaupeln. Delikat. Es ist brigens bekannt, was
wirklich Gutes kriegt man nur in den kleinen Haushaltungen. Und warum? In einem
kleinen Haushalt kocht man noch mit Liebe. Ja, meine liebe Albertine, mit Liebe;
das ist nun mal die Hauptsache.
    Du bist immer so gut, Eberhard, immer der alte. Und wenn es dir schmeckt...
Aber sage vor allem, was fhrt dich her? In Winterszeit nach Berlin.
    Ja, Albertine, was fhrt mich her! Ich knnte sagen, dein Geburtstag. Aber
du wrdest es vielleicht nicht glauben, und da ist es doch wohl besser, da ich
gleich mit der Wahrheit herausrcke. Geschftliches fhrt mich her, Hypotheken,
Abschreibungen und auf der Bank allerlei Sachen. Eigentlich langweilig. Aber
doch auch wieder interessant...
    Sehr, sehr, seufzte Leo und wollte dies weiter ausfhren. Therese aber hob
den Finger, um ihm Schweigen anzudeuten.
    ... Und, fuhr der Onkelgeneral fort, da die Reise nun mal ntig war, habe
ich mir natrlich diesen vierten Januar ausgesucht, um meiner lieben Frau
Schwgerin gratulieren zu knnen.
    Und du wirst bei uns wohnen, sagte die Majorin. Wir knnen dir nicht viel
bieten, aber wir haben doch die Aussicht auf den Matthi...
    Ich wei, Albertine, sagte der General. Alles sehr schn. Aber offen
gestanden, ich ziehe den Potsdamer Platz vor, weil da das meiste Leben ist. Und
Leben ist nun mal das Beste, was eine groe Stadt hat. Das fehlt uns in
Adamsdorf. Ich bin also wieder im Frstenhof abgestiegen, bin da schon bekannt,
und wahrhaftig, es sieht beinahe so aus, als freuten sich alle, wenn ich komme.
    Wird auch wohl so sein.
    Und wenn ich mich da morgens ins Fenster lege, links und rechts ein
Sofakissen unterm Arm, und die frische Winterluft kommt so vom Hall'schen Tor
her - was ich mir wohl gnnen kann, weil ich dran gewhnt bin, denn von unsrer
alten Koppe herunter pustet es noch ganz anders -, und ich habe dann so Caf
Bellevue und Josty vor mir, Josty mit dem Glasvorbau, wo sie schon von frh an
sitzen und Zeitungen lesen, und die Pferdebahnen und Omnibusse kommen von allen
Seiten heran, und es sieht aus, als ob sie jeden Augenblick ineinanderfahren
wollten, und Blumenmdchen dazwischen (aber es sind eigentlich Stelzfe), und
in all dem Lrm und Wirrwarr werden dann mit einem Male Extrabltter ausgerufen,
so wie Feuerruf in alten Zeiten und mit einer Unkenstimme, als wre wenigstens
die Welt untergegangen - ja, Kinder, wenn ich das so vor mir habe, da wird mir
wohl, da wei ich, da ich mal wieder unter Menschen bin, und darauf mag ich
nicht gern verzichten.
    Leo nickte stumm.
    Also verzeih, Albertine, wenn ich ablehne. Bequemer gelegen ist der
Frstenhof auch. Aber zusammen sein wollen wir doch. Jetzt ist es drei. Was
machen wir heute? Kroll! Gut, das ginge. Da wird doch wohl eine
Weihnachtsvorstellung sein, Schneewittchen oder Aschenbrdel; Aschenbrdel ist
besser. In Schneewittchen haben wir den glsernen Sarg. Und ich bin im ganzen
genommen nicht fr Srge, bin berhaupt mehr fr heitere Ideenverbindungen.
    Ja, Onkel, sagte Leo, da wre vielleicht ein Theater das beste. Sie geben
heute die Quitzows an zwei Stellen: im Schauspielhause die richtigen Quitzows
und am Moritzplatz die parodierten. Was meinst du zu den Quitzows am
Moritzplatz?
    Nein, Leo, das geht nicht, so gern ich sonst dergleichen sehe. Man ist doch
seinem Namen auch was schuldig. Sieh, die Poggenpuhls waren in Pommern so
ziemlich dasselbe, was die Quitzows in der Mark waren, und da, mein ich,
verlangt es der Korpsgeist, da wir uns eine Parodie der Sache nicht so ganz
gemtlich mit ansehn.
    Therese erhob sich, um dem Onkel einen Ku zu geben. Es ist mir immer eine
Genugtuung, Onkel, solcher Gesinnung zu begegnen. Leo verflacht sich mit jedem
Tage mehr. Und warum, weil er dem Goldenen Kalbe nachjagt.
    Ja, sagte Leo, das tu ich. Wenn es nur was hlfe.
    Wird schon, trstete die sofort an Flora denkende Manon.
    Aber wozu das? fuhr Leo fort. Das liegt ja alles weitab. Vorlufig sind
wir noch bei den Quitzows, bei den richtigen und den falschen. Die falschen sind
abgelehnt, also...
    ... die richtigen, ergnzte der General. Die richtigen im
Schauspielhause; da wollen wir hin. Und hinterher in ein Lokal, um da noch
unsern kleinen Schwatz zu haben und, so gut es geht, festzustellen, was es denn
eigentlich mit dem Stck auf sich hat. Es soll ein sehr gutes Stck sein, auch
schon darin da es beiden Parteien gerecht wird, was doch immer eine schwere
Sache bleibt. Aber, soviel hab ich schon gehrt, der Dietrich von Quitzow soll
interessanter sein als der Kurfrst Friedrich. Natrlich; das ist immer so. Wer
mit dem Eisenhandschuh auf den Tisch schlgt, ist immer interessanter als der,
der blo eine Nachmittagspredigt hlt. Damit kommt man nicht weit. Ich denke mir
den Dietrich so wie etwa den Gtz von Berlichingen, der vor dem Kaiser nicht
erschrak und den Heilbronner Rat verhhnte. Das war immer meine Lieblingsszene.
Billets werden wir doch wohl kriegen, meinetwegen auch mit Aufschlag. Wenn man
Poggenpuhl heit, mu man fr einen alten Kameraden von ehedem was brighaben.
    Ein Glck, Eberhard, sagte die Majorin, da die Wnde keine Ohren haben.
So seid ihr Adligen. Und ihr Poggenpuhls... na, ich wei ja, ihr seid immer noch
von den besten. Aber auch ihr! Alles habt ihr von den Hohenzollern, und sowie
die Standesfrage kommt, steht ihr gegen sie.
    Hast recht, Albertine. So sind wir. Aber es hat nicht viel auf sich damit.
Wenn es gilt, sind wir doch immer wieder da. Da nebenan hngt der Hochkircher,
nach wie vor ohne Rock, was ihn aber ehrt, und ich mchte beinahe sagen, was ihn
kleidet, und hier (und er wies auf das Bild ber dem Sofa), hier hngt der
Sohrsche, und euer guter Vater, mein Bruder Alfred, nun, der liegt bei
Gravelotte. Das sind unsre Taten, die sprechen. Aber wenn stille Tage sind, so
wie jetzt, dann sticht uns wieder der Hafer, und wir freuen uns der alten
Zeiten, wo's noch kein Kriegsministerium und keine blauen Briefe gab und wo man
selber Krieg fhrte. Man soll es wohl eigentlich nicht sagen, und ich sag es
auch nur so hin, aber eigentlich mu es damals hbscher gewesen sein. Die Brger
brauten das Bernauer und das Cottbusser Bier, und wir tranken es aus. Und so mit
allem. Es war alles forscher und fideler als jetzt und eigentlich fr die Brger
auch. Noch keine Konkurrenz. Nicht wahr, Leo?
    Na, ob, Onkel. Alles viel schneidiger. Vielleicht kommt es noch mal
wieder.
    Glaub ich auch. Nur nicht bei uns. Wir sind nicht mehr dran. Was jetzt so
aussieht, ist blo noch Aufflackern... Aber nun Schlachtplan fr heute abend.
Ich will zunchst in meinen Frstenhof und ein paar Zeilen an meine Frau
schreiben, und um sechseinhalb seid ihr bei mir. Schwgerin, du auch.
    Nein, Eberhard. Fr mich ist es nichts mehr, ich habe das Reien und bleibe
lieber zu Hause. Wenn ihr alle fort seid, will ich erst das Tageblatt lesen und
dann den Abendsegen. Oder Friederike soll ihn lesen. Sie wundert sich schon, da
wir seit Silvester so wie die Heiden gelebt haben.

                               Siebentes Kapitel


Man hatte Billets erhalten, gute Pltze, vierte Parkettreihe. Mitterwurzer, der
gerade zum Gastspiel in Berlin war, gab den Dietrich von Quitzow, und gleich die
Szene mit Wend von Ilenburg, Akt zwei, schlug mchtig ein. In der bald darauf
folgenden Zwischenpause wandte sich der immer erregter gewordene Onkelgeneral an
die rechts neben ihm sitzende Therese und sagte: Merkwrdig, ganz wie Bismarck.
Und dabei beide, so spielt der Zufall, wie Wand an Wand geboren; ich glaube, von
Schnhausen bis Quitzwel kann man mit einer Windbchse schieen, oder ein
Landbrieftrger luft es in einem Vormittag. Wunderbare Gegend, diese Gegend da;
Langobardenland. Ja, wo's mal sitzt, da sitzt es. Was meinst du, Leo?
    Leo htte gern geantwortet, aber so freiweg er sonst war, er genierte sich
doch einigermaen, weil er sah, da man auf den Reihen vor und hinter ihm
bereits die Kpfe zusammensteckte und tuschelte. Der Onkel sah es auch, nahm's
aber nicht bel und dachte nur: Kenn ich; berlinische Zimperei.
    Bald gegen zehn war die Vorstellung aus, und nach kurzer Beratung an einer
etwas zugigen Ecke beschlo man, mglichst in der Nhe zu bleiben und in einem
in der Charlottenstrae gelegenen Theaterrestaurant zu soupieren. Man fand hier
alles so ziemlich besetzt, kam aber doch noch unter und traf nach berfliegung
der Speisekarte rasch die Wahl. Alle waren fr Seezunge, mit Ausnahme von
Therese, die sich fr Makkaroni mit Tomaten erklrte. Gleich danach wurden ohne
weiteres fnf Seidel wie ebenso viele Selbstverstndlichkeiten vor sie
hingepflanzt, und erst als diese Seidel schon halb geleert waren, erschien auch
das Bestellte, was dem schon ziemlich nervs gewordenen alten General sein
Gleichgewicht wiedergab. Er ruckte nun seinen Teller etwas nher an sich heran,
trpfelte Zitronensaft auf die knusprige Panierung und sagte, whrend er gleich
den ersten Bissen kennermig wrdigte: Ja, Berlin wird Weltstadt. Aber was
mehr sagen will, es wird auch Seestadt. Sie reden ja schon von einem groen
Hafen, ich glaube, da bei Tegel herum - und ich kann wohl sagen, diese Seezunge
schmeckt, als ob wir den Hafen schon htten oder als ob wir hier mindestens in
Wilkens Keller in Hamburg sen. Es sind das noch so Erinnerungen von
achtundvierzig her, wo ich ein blutjunger Leutnant war, so wie Leo jetzt, nur
schmalere Gage.
    Kann ich mir kaum denken, Onkel.
    Nun, wir wollen das fallenlassen; so was wird leicht persnlich, und im
Persnlichen liegen immer die Keime zu Streitigkeiten. Aber Kunst, Kunst,
darber lt sich reden; Kunst ist immer friedlich. Sagt, Kinder, was war das
eigentlich mit dem Berliner Jargon in dem Stck? Schon gleich als die
Strauberger kamen und der Torwart nach ihnen auslugte, ging es damit los. Und
das alles so um 1411 herum.
    Ich denke mir, sagte Therese, der Dichter, ein Mann von Familie, wird
doch wohl seine Studien dazu gemacht haben. Vielleicht, da er Wendungen und
Ausdrcke, die dich verwundern, in alten Magistratsakten gefunden hat.
    Ach, Kind, das Berlinische, das da gesprochen wird, das ist noch keine
hundert Jahre alt und manches noch keine zwanzig. Aber es mag wohl schwer sein.
Am besten hat mir die polnische Grfin gefallen, ich glaube Barbara mit Namen,
eine schne Person, das mu wahr sein. Auf dem Zettel stand: Natrliche Tochter
Knig Jagellos von Polen. Will ich gern glauben; sie hatte so was, Augen wie
Kohlen. Und dieser Dietrich; alle Wetter, mu der verwhnt gewesen sein, um
solche polnische Knigstochter so abfallen zu lassen. Ich kenne nur wenig Flle
der Art, vielleicht den mit Karl dem Zwlften und der Aurora von Knigsmarck.
Aber dieser Fall ist eigentlich keiner. Denn das mit Karl dem Zwlften lag doch
noch wieder anders; das hatte einen Haken...
    Einen Haken? Welchen, Onkel?
    Ach, Manonchen, das ist nichts fr junge Damen. Und hier so ffentlich...
    Dann sag es mir ins Ohr.
    Geht auch nicht. Sieh, das sind so Finessen, auf die man warten mu, bis
man sie zufllig mal aufpickt, sagen wir auf einem Einwickelbogen oder auf einem
alten Zeitungsblatt, da wo die Gerichtssitzungen oder die historischen Miszellen
stehn. Denn nach meinen Erfahrungen umschliet die sogenannte Makulatur einen
ganz bedeutenden Geschichtsfonds, mehr als manche Geschichtsbcher. Ich wrde
mich dabei vielleicht auf Leo berufen, wenn er nicht mit seinem Kneifer
bestndig nach dem eleganten jungen Herrn da drben hinberlorgnettierte; da
drben am zweiten Tisch von uns. Und nun grt er auch noch.
    Wirklich, Leo war whrend der letzten Minuten ziemlich unaufmerksam gewesen,
und jetzt erhob er sich von seinem Platz und ging auf den jungen Herrn zu, von
dem der Onkel eben gesprochen. Es war unschwer zu sehen, da beide gleichmig
verwundert waren, sich hier zu finden, und nachdem sie, wie's schien, ein paar
orientierende Fragen ausgetauscht hatten, fhrte Leo den hier so unerwartet
Wiedergefundenen an den Poggenpuhlschen Tisch und sagte: Lieber Onkel, erlaube
mir, da ich dir Herrn von Klessentin vorstelle. Alter Kamerad von mir, noch von
den Kadetten her... Meine drei Schwestern...
    Herr von Klessentin, sehr gewandt und von typischer Leutnantshaltung,
verbeugte sich gegen den General und die jungen Damen und bemerkte dann, da er
sich des Herrn Generals, der mal zum Besuch drauen in Lichterfelde gewesen sei,
sehr wohl noch erinnere.
    Trifft zu, Herr von Klessentin. Ich war fter drauen, mute doch dann und
wann nach dem Rechten sehn. Und dabei wies er auf Leo. Hat freilich nicht viel
geholfen. Aber wollen Sie nicht bei uns einrcken? Dies ist der beste Tisch
hier, etwas abgetrennt von den brigen und kein Zug.
    Klessentin verbeugte sich, holte sein Seidel und nahm den Platz zwischen dem
General und Therese.
    Wir haben uns hier sehaft gemacht, fuhr der General fort, weil es so
nahe beim Theater ist... Sie waren drben auch zugegen...
    Zu Befehl, Herr General.
    ... Und ich mchte beinahe wetten, Sie links im Parkett bemerkt zu haben,
sechste oder siebente Reihe.
    Bedaure, Herr General; ich war dem Aktionsfeld um ein gut Teil nher...
    Weiter vor?
    Ja, Herr General. Auf der Bhne selbst.
    Alle (Leo mit eingeschlossen) fuhren neugierig, aber doch auch ein wenig
schreckhaft zusammen, und man war froh, als der Onkel in einem heiteren Tone
sagte: Da hat man Sie zu beglckwnschen, Herr von Klessentin. Hinter den
Kulissen;  la bonne heure, so gut trifft es nicht jeder. Aber andrerseits,
Pardon, bin ich doch auch wieder erstaunt, etwas Derartiges unter der jetzigen
Verwaltung - die, soviel ich wei, auf sittliche Strenge hlt - sich berhaupt
ermglichen zu sehn. Oder sind es persnliche Beziehungen zum Graf Hochbergschen
Hause?
    Leider nicht, Herr General. Es handelt sich auch nicht um besondere, mich
auszeichnende persnliche Beziehungen. Ich bin nmlich einfach Bhnenmitglied.
Der Dietrich Schwalbe, dessen Sie sich vielleicht aus dem letzten Akt her
entsinnen - auf dem Zettel steht Bannertrger; richtiger wre vielleicht
Quitzowscher Milchbruder gewesen, aber diese Bezeichnung unterlie man wohl aus
Delikatesse -, dieser Dietrich Schwalbe bin ich.
    Therese bog ein wenig nach links hin aus, whrend die beiden jngeren
Mdchen noch mehr aufhorchten als vorher und auf den wiedergefundenen Freund
ihres Bruders mit einem rasch sich steigernden Interesse blickten. Leo selbst
schien immer noch etwas unsicher und war froh, als der Onkel mit groer
Jovialitt fortfuhr: Freut mich, Herr von Klessentin. Man kann seinem Knig an
jeder Stelle dienen; nur auf die Treue des Dienstes kommt es an...
    Klessentin verbeugte sich.
    Aber was mich berrascht, ich habe den Zettel wenigstens dreimal
durchstudiert und bin Ihrem Namen nicht begegnet...
    Er fehlt auch, Herr General. Auf dem Zettel heie ich einfach Herr Manfred,
nach meinem Vornamen. Es ist das so Sitte. Manfred ist mein nom de guerre.
    Nom de guerre, lachte der Alte. Vorzglich. Ein Klessentin tritt aus der
Armee und wird Schauspieler, und im selben Augenblick, wo er dem Kriegshandwerk
entsagt, kriegt er einen nom de guerre. Ein Glck dabei, da Sie solchen
hbschen Vornamen hatten. Aber so hbsch er ist, ich mchte doch fragen drfen,
knnen nicht durch solche poetisch historischen Vornamen allerlei Komplikationen
entstehen, knnen Sie nicht beispielsweise grade mit Manfred in eine gewisse
Verlegenheit geraten?
    Ich mag die Mglichkeit nicht geradezu bestreiten, Herr General. Aber wenn
ich die ganze lange Reihe der Rollen und Stcke durchnehme, so kann ich mir, was
speziell meinen Namen angeht, eine solche Komplikation doch nur fr den Fall
denken, da ich den Lord Byronschen Manfred zu spielen htte. Dann wrd es
freilich auf dem Zettel heien mssen: Manfred... Herr Manfred, was - soviel mu
ich zugeben - das Publikum einigermaen stutzig machen und eine momentane
Verwirrung heraufbeschwren knnte.
    Versteh, versteh. Eine Verwirrung brigens, aus der Sie nichtsdestoweniger
einen Ausweg finden wrden.
    Ich glaube dies bejahen zu drfen, immer fr den Fall, da ich berhaupt in
die hier angedeutete Lage kommen sollte. Das ist aber so gut wie ausgeschlossen,
weil ganz auerhalb meiner Sphre.
    Sie sind dessen sicher?
    Vollkommen, Herr General. Der Lord Byronsche Manfred...
    Und dann, Pardon, Herr von Klessentin, der ltere Bruder in der Braut von
Messina... der, wenn mir recht ist, etwas weniger schuldbelastete...
    ... Zu Befehl, Herr General. Aber, Verzeihung, das ist eigentlich ein Don
Manuel.
    Ah, richtig, richtig. Don Manuel, Don Manfred oder auch blo Manfred, das
ist mir durcheinandergelaufen ... Und Sie meinen, dieser Manfred, also
wahrscheinlich auch dieser Manuel, beide Rollen, wie Sie sich ausdrckten, lgen
ganz auerhalb Ihrer Sphre.
    Gewi, Herr General. Der Byronsche Manfred ist eine Pyramidalrolle, gro,
erhaben wie Lord Byron selbst, whrend ich durchaus auf einer Anfngerstufe
stehe.
    Das ndert sich. Das ist berall dasselbe. Heute Fhnrich und nach vierzig
Jahren General; kommt Zeit, kommt Rat.
    Wollte Gott, da es so lge, Herr General. Aber es liegt anders. Ich bin
nun mal in der Bhnenlaufbahn drin und mu jetzt dabei verbleiben, ein ewiges
Umsatteln macht einen schlechten Eindruck. Aber es ist mir, gerade seit ich
dabei bin, ganz klargeworden, da Herr Manfred kein groer Knstlername werden
wird... Es ist mglich oder wenigstens sehr wnschenswert, da ich ber kurz
oder lang eine sogenannte gute Partie machen werde, nach welchem Ereignis ich
keinen Augenblick zgern wrde, mich von der Bhne wieder zurckzuziehen. Ich
bin eigentlich gern Schauspieler, ja, ich knnte beinahe sagen mit Passion; aber
trotzdem... eine Tiergartenvilla mit einem Delphinbrunnen, der immer pltschert
und den Rasen bewssert...
    Eine solche Villa, mein lieber Klessentin, wurden Sie vorziehen. Das ist
das, was ich eine gesunde Reaktion nenne. Gott gebe seinen Segen dazu. Ja, Park
mit Reh und Wasserfall und mit alten Platanen, im Herbste goldgelb - das hat es
mir auch angetan. Aber solange Sie nun noch mitmachen, ist da nicht ein
Avancement mglich?
    Schwerlich, Herr General.
    ... Und wenn nicht - verzeihen Sie meine Neugier, aber ich interessiere
mich fr all dergleichen -, also wenn nicht, in welchem Rollenfache hat man Sie
denn eigentlich zu suchen? Wenn ich wieder auf meinem Gute sitze und nehme die
Zeitung und lese: Morgen, Mittwoch: Wilhelm Tell, so will ich, nachdem ich das
Vergngen Ihrer Bekanntschaft gehabt habe - denn Sie gefallen mir
auerordentlich, Herr von Klessentin; verzeihen Sie, da ich Ihnen das so ohne
weiteres sage -, so will ich doch wissen, wo ich Sie im Tell unterzubringen
habe; fr den Attinghaus sind Sie zu jung und fr den Geler nicht dmonisch
genug; aber vielleicht Rudenz.
    Sie greifen immer noch um etliche Stufen zu hoch, Herr General. Es gibt
allerdings ein paar Ausnahmeflle, so zum Beispiel heute abend, wo ich mich als
Quitzowscher Bannertrger von dem eigentlichen Gros um ein geringes abheben
durfte, im ganzen aber drfen mich der Herr General immer nur da suchen, wo Sie
Gruppen und Rubriken finden: Erster Brger, zweiter Mrder, dritter
Pappenheimer; so sind mir die Wrfel gefallen. Speziell im Tell bin ich
natrlich mit auf dem Rtli und habe da den Mondregenbogen und dann spter das
Alpenglhen dicht hinter mir. Trotzdem - ich habe bis jetzt immer nur den Meier
von Sarnen und ein einziges Mal auch den Auf der Mauer gespielt, und ich darf
hinzusetzen, mein Ehrgeiz versteigt sich berhaupt nicht hher als bis zu
Rsselmann. Ein schwacher Aufstieg. Aber um Ihnen nichts zu verschweigen, man
verletzt auch schon durch ein so bescheidenes Avancement andrer Interessen. Und
so viel liegt mir wieder nicht dran.
    Bravo, bravo. Ganz mein Fall. Nur nicht andre beiseite schieben, nur nicht
ber Leichen.
    Und dann, Herr General, wie man mit Recht sagt, da auch die kleinen
Existenzen ihre groen Momente haben, so ganz besonders auch beim Theater. Da
ist beinahe keiner unter den mir gleichgestellten Kollegen, der sich nicht
sagte: Ja, dieser Matkowsky! dieser Matkowsky spielt den Mortimer und den
Prinzen in Calderons Leben ein Traum, und er spielt beide gut, sehr gut; aber
den Friehardt (das ist, Verzeihung, der Kriegsknecht, der vor Gelers Hut Wache
steht) oder den Deveroux, der den Wallenstein mit der Partisane niederstt,
oder die Hexe im Faust oder - verzeihen Sie, meine Damen, da ich meine
Beispiele anscheinend mit Vorliebe grade aus dieser Sphre nehme - die dritte
Macbeth-Hexe, die spiele ich, da bin ich ihm ber, diesem Matkowsky... Und
solche glcklichen Momente habe ich auch.
    Mir sehr interessant, mein lieber Herr von Klessentin. Und nun mssen Sie
auch noch einen Schritt weiter gehn und auer dem Meier von Sarnen, von dem ich,
offen gestanden, eine nur dunkle Vorstellung habe, mir also auer diesem Meier
von Sarnen noch ein paar andre Ihrer Paradepferde nennen, klein oder gro, denn
man kann bekanntlich auch auf einem Pony paradieren.
    Es schmeichelt mir, soviel freundlichem Interesse bei Ihnen zu begegnen,
und ich wnsche nur, da meine gern abzulegenden Gestndnisse mich um dies
freundliche Interesse nicht bringen mgen. Meine Begabung, wenn berhaupt von
einer solchen die Rede sein kann, liegt nmlich sonderbarerweise nach der Seite
des Grotesken hin; auch meine heutige Rolle streifte wenigstens dieses Gebiet,
und so darf ich denn wohl sagen, da ich meine kleinen Triumphe bisher im
Sommernachtstraum und besonders in Shakespeares Heinrich dem Vierten, zweiter
Teil, errungen habe. Der Zufall, ein glcklicher oder unglcklicher, hat es so
gefgt, da ich die ganze Reihe der Falstaffschen Rekruten, also des sogenannten
Kanonenfutters, durchgespielt habe, mit Ausnahme des Schwchlich. Einmal wurd
ich sogar durch Hndeklatschen von seiten Seiner Majestt ausgezeichnet, was
mich begreiflicherweise sehr beglckte. Beim Publikum aber hab ich bisher in der
Rolle des Bullkalb am meisten angesprochen.
    Therese begleitete dies Wort mit einer stolzen Kopfbewegung, die Herrn von
Klessentin nicht entging, weshalb er sofort hinzusetzte: Wenn man erst mal, und
ich mu deshalb wiederholentlich die Verzeihung der Damen anrufen, beim Beichten
ist, so kommen leicht Dinge zum Vorschein, die mehr oder weniger anstig
wirken. Und besonders wenn Shakespeare in Frage steht. In eben diesem Heinrich
dem Vierten begegnen wir Personen und Namen, einer Witwe Hurtig
beispielsweise... Nun, diese Witwe selbst mchte vielleicht noch gehn, aber
neben ihr waltet auch ein blondes Dorchen seines Amtes, ein junges Mdchen mit
einem Zunamen...
    Oh, ich wei, ich wei߫, lachte Manon.
    Du weit es nicht, sagte Therese mit dem ganzen Ernst einer lteren
Schwester, die den Schul- und Erziehungsgang der jngeren berwacht und
daraufhin eine Verantwortlichkeit bernommen hat.
    Doch, doch, und Leo kann es bezeugen. Und er mu es sogar, damit der rmste
mal wieder zu Worte kommt. Er ist ja ganz in bewunderndem Zuhren aufgegangen,
und ich wette, er hat die ganze Zeit ber berlegt, welche Rollen ihm am besten
passen wrden.
    Sophie legte den Finger auf den Mund. Aber Manon sah es nicht oder wollte es
nicht sehen und fuhr fort: Und wir erleben es auch noch, da wir nach dem
Vorbilde von Manfred ... Herr Manfred auf dem Theaterzettel lesen: Leo... Herr
Leo. Der von ihm zu Spielende mu aber natrlich ein Papst sein, unter dem tu
ich es nicht. Ja, Leo, das ist mein Ernst. Und ich wrde mich vielleicht auch
freuen, dich auf der Bhne zu sehn. Warum auch nicht? Ich meine, man mu nur
berhmt sein; auf welchem Gebiet, ist eigentlich ganz gleich.
    Das ist dann, unterbrach Therese, der Grundsatz jenes auch berhmt
Gewordenen, der den Tempel zu Korinth anzndete...
    Ephesus..., verbesserte Leo, Korinth, da waren die Kraniche...
    Das ist gleich, Tempel ist Tempel. Im brigen, verzeih, Onkel, wenn ich,
dir vorgreifend, an unsern Aufbruch mahne. Auch Herr von Klessentin wird mir
verzeihen. Aber unsre gute Mama...
    Versteht sich, versteht sich. Und noch dazu heute an ihrem Geburtstage ...
Leo (und Onkel Eberhard nahm bei diesen Worten einen Schein aus seiner
Brieftasche), bitte, bemchtige dich des Kellners und bring alles ins klare.
Herr von Klessentin, Sie begleiten uns vielleicht eine Strecke...
    Mir eine groe Ehre, Herr General. Aber bitte zugleich verzeihen zu wollen,
wenn ich schon an der Friedrichstraenecke mich verabschiede. Eine
Verabredung... zwei Kameraden von meinem alten Regiment. Ich wrde versuchen,
und er wandte sich an die jungen Damen, Ihnen auch Ihren Herrn Bruder abtrnnig
zu machen (wenn man mal in Berlin ist, will man auch Berliner Luft genieen),
aber ich zweifle, da seine ritterlichen Gesinnungen ihm diese Fahnenflucht
gestatten.
    Es wird sich leider verbieten, Herr von Klessentin, sagte Therese mit
einem bedeutungsvollen Lcheln. Und was die Berliner Luft angeht, ich glaube,
wir haben sie in der Grogrschenstrae reiner als in der Friedrichstrae...
    Reiner, aber nicht echter... mein gndigstes Frulein.
    Leo, der inzwischen die Rechnung beglichen hatte, gesellte sich ihnen
wieder, und so brach man denn in corpore auf: der General mit Therese, Leo mit
Manon, Herr von Klessentin mit Sophie, die weniger gesprochen, aber durch ihre
Mienen all die Zeit ber ein besonderes Interesse gezeigt hatte.
    Sie fragte whrend ihres jetzt beginnenden Geplauders mit ihrem Partner auch
nach Frulein Conrad, von deren Verlobung sie ganz vor kurzem gehrt habe. Der
Verlobte, so bemerkte sie, soll ein sehr scharfer Kritiker sein. Ich denke es
mir schwer, einen Kritiker immer zur Seite zu haben. Es bedrckt und lhmt den
hheren Flug.
    Nicht immer. Wer fliegen kann, fliegt doch.
    Ich freue mich, das aus Ihrem Munde zu hren...
    Und bei diesen Worten hatte man die Ecke der Leipziger und Friedrichstrae
erreicht, und Herr von Klessentin empfahl sich; die Poggenpuhls aber gingen
weiter auf das Potsdamer Tor zu, wo man sich am Frstenhofe - nachdem Leo
nicht blo eine exakte Rechnungsablegung, sondern zu des Onkels groer
Erheiterung auch eine Behndigung des verbliebenen Restes versucht hatte - mit
einem Bis auf morgen voneinander verabschiedete.

                                 Achtes Kapitel


Mitternacht war dicht heran, als die Geschwister vor ihrer Wohnung eintrafen.
Sophie hatte den Schlssel und schlo auf. In einer gewissen Erregung, in der
sie sich mehr oder weniger befanden, sprachen sie ziemlich laut auf der Treppe,
was das Gute hatte, da ihnen die ber das lange Ausbleiben schon etwas unruhig
gewordene Friederike bis in den zweiten Stock entgegenkam und leuchtete.
    Mama noch auf? fragte Leo.
    Nein, junger Herr. Die gndige Frau hat sich schon gleich nach neun zu Bett
gelegt; es war ihr so kalt. Aber sie liegt blo; sie schlft noch nicht.
    Unter diesem kurzen Gesprche hatten die jungen Damen ihre Mntel, Leo
seinen Paletot abgelegt, und alle traten gemeinschaftlich in das groe
Schlafzimmer, um die Mama noch zu begren, whrend sich Friederike in ihre
Kche zurckzog.
    Die Majorin sa mehr im Bett, als sie lag, und schien in besserer Stimmung
als gewhnlich. Aber, Kinder, so spt; nachtschlafende Zeit; ich dachte schon,
es wre was passiert...
    Ist auch, Mutter.
    Na, das mag was Schnes sein. Vielleicht hast du dein Vermgen verloren.
Aber davon hr ich noch immer frh genug. Komm, Manon, gib mir deine Hand und
sich mich an. Und nun rckt euch Sthle ran und erzhlt. Und du, Leo, kannst
dich unten auf die Bettkante setzen. Es ist immer noch nicht so hart wie
Lattenstrafe; die gab es noch, als ich jung war. Ihr seid ja runde sechs Stunden
weg gewesen, und ein wahres Glck, da ich Friederike habe, mit der ich mich
aussprechen kann.
    Was du wohl auch redlich getan hast, sagte Therese. Du machst dich immer
so vertraulich mit ihr, mehr als eine Herrschaft wohl eigentlich sollte.
    Meinst du? sagte die Majorin, whrend sie sich in ihrem Bett noch etwas
hher hinaufrckte. Was meine vornehme Therese nicht alles wei und meint. Aber
nun will ich dir auch sagen, was ich meine. Ich meine, da solche schlichte
Treue das Allerschnste ist, das Schnste fr den, der sie gibt, und das
Schnste fr den, der sie empfngt. Die Liebe der Kinder, auch wenn es gute
Kinder sind, die hat keine Dauer; die denken an sich, und ich will's auch nicht
tadeln und nicht anders haben; aber solch altes Hausinventar wie die Friederike,
die will nichts als helfen und beistehn und fordert weiter nichts, als da man
mal danke sagt. Und ich sage dir, Therese, da steckt ein gut Teil Christentum
drin.
    Ja, das glaubst du immer, Mutter.
    Nein, das glaube ich nicht, das wei ich. Aber wir wollen das lassen; Leo
soll lieber erzhlen, wie alles war.
    Ja, Mama, wenn ich davon erzhlen soll, so kann ich es nur nach einer
Disposition, dreigeteilt, also wie 'ne Predigt.
    Bitte, Leo...
    Dreigeteilt also schlechtweg, ohne Zubemerkung oder Vergleich. Erster Teil:
Onkel und die Quitzows; zweiter Teil: Onkel und Herr Manfred (Manfred ist
nmlich mein Kadettenfreund Klessentin) und dritter Teil: Onkel und... Aber
davon erst nachher; ich will meinen besten Trumpf nicht gleich in einer groen
berschrift ausspielen.
    Ach, Leo, das sind ja wieder Flausen; hinterher ist es gar nichts.
    Fehlgeschossen, wie du gleich sehen wirst. Aber jetzt aufgepat. Erst also:
Onkel und die Quitzows.
    Der gute Onkel! Er wird natrlich ber all die Rodomontaden entzckt
gewesen sein.
    Mitnichten, Mutter. Ich mchte vielmehr umgekehrt annehmen, da er,
trotzdem er den Dietrich von Quitzow bewunderte, nicht so recht auf seine Kosten
gekommen ist. Aber es stehe dahin. Nur soviel, als die Strauberger mit Sack und
Pack anrckten, sprach er ziemlich laut (und jedenfalls so, da es einen
genieren konnte) von Mhlendamm und Trdelmarkt. Am meisten gefallen hat ihm
offenbar eine hbsche Grfin, eine gewisse Barbara, die bei den Pommernherzgen,
das mindeste zu sagen, gut angeschrieben stand und es nun auch mit unserm
Dietrich von Quitzow versuchen wollte. Aber da kam sie schn an. Die Mark
vertrat schon damals die hhere Sittlichkeit, also dasselbe, wodurch sie spter
so gro geworden ist.
    Spotte nicht.
    Und der Onkel zeigte auch darin wieder seine pommersche Abstammung, da er
gleich in hellen Flammen stand und von Manfred Klessentin, den wir nach der
Vorstellung im Theaterrestaurant trafen, auf der Stelle wissen wollte, wer denn
eigentlich die Grfin sei. Das heit, die Schauspielerin, die die Grfin gab.
    Eine schne Geschichte...
    ... Und da haben wir denn mit guter Manier auch gleich die berleitung auf
Teil zwei, auf Onkel Eberhard und Manfred Klessentin. Aber davon knnen dir am
Ende die Mdchen geradesogut erzhlen wie ich selbst.
    Die Mama nickte.
    ... Und so denn lieber gleich Teil drei unter der imposanten berschrift:
Onkel Eberhard und der Hundertmarkschein. Und noch dazu ein ganz neuer. Ja,
Mama, das war ein groer Moment. Er existiert zwar nicht mehr als Ganzes, ich
meine natrlich den Schein, aber doch immer noch in sehr respektablen
berresten. Hier sind sie. Wie du dir denken kannst, strubt ich mich eine ganze
Weile dagegen, als ich aber sah, da er es belnehmen wrde...
    Leo, so hast du noch nie gelogen...
    Selbstverspottung ist keine Lge, Mama. Aber du siehst daran so recht, wie
unrecht du mit deiner ewigen Sorge hast. Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung
auf, solch groes Dichterwort ist nicht umsonst gesprochen und darf nie
vergessen werden. Ich bekenne gern, da ich den ganzen Abend ber wegen des
Rckreisebillets in einer gewissen Unruhe war, denn ich darf wohl sagen, ich
gebe lieber, als ich nehme...
    Die Mdchen lachten.
    ... Indessen, Gott verlt keinen Deutschen nicht und einen Poggenpuhl erst
recht nicht, und wenn die Not am grten ist, ist die Hilfe am nchsten. So hab
ich es immer gefunden. Und so schwimm ich denn augenblicklich ganz kreuzfidel
wieder obenauf und, so Gott will, eine ganze Weile noch. Denn die Rckreise
macht keinen groen Abstrich, auch wenn ich erster Klasse fahre.
    Aber Leo...
    Beruhigt euch, Kinder. Ich werde ja nicht erster Klasse fahren; es beglckt
mich nur, so einen Augenblick denken zu knnen, ich knnt es. Alles blo
Phantasie, Traumbild. Aber das ist Ernst: ich will wissen, wieviel ich von
meinem Vermgen hier lassen soll; jede Summe ist mir recht, und ich will auch
keine Rckzahlung und keine Zinsen. Ich will vielmehr diesen Zustand voll und
rein genieen und will Wendelin mal bertrumpfen. Aber ihr sagt ja nichts, auch
du nicht, Mama.
    Nun, ich nehme es fr genossen an, Leo. Und nun geh in die Vorderstube, und
nimm Manon mit, sie kann dir da beim Packen behilflich sein. Aber haltet euch
nicht zu lange damit auf; ich wei schon, ihr kommt immer ins Schwatzen und
knnt dann kein Ende finden. Und nun gute Nacht, und wir nehmen auch gleich
Abschied. Komm morgen frh nicht an mein Bett, und bringe Wendelin meine Gre,
und es wre hbsch von ihm gewesen, da er dir diese Reise gegnnt. Er wre nun
schon der Beste von der Familie, ganz anders...
    Wie Leo...
    Ja, ganz anders. Aber du kannst doch bleiben, wie du bist. So sind alle
alten Mtter; die Tunichtgute sind ihnen immer die liebsten, wenn sie nebenher
nur das Herz auf dem rechten Fleck haben. Und das hast du. Du taugst nichts,
aber du bist ein lieber Kerl. Und nun gute Nacht, mein Junge.
    Er streichelte sie und gab ihr einen Ku, und dann ging er mit der jngsten
Schwester, die seine besondere Vertraute war, nach vorn, um da fr den
Abreisemorgen alles in Ordnung zu bringen.

Als sie mit dem Kofferpacken fertig waren, nahm Manon Leos Hand und sagte: Setz
dich da in die Sofaecke; ich mu noch ein paar Worte mit dir sprechen.
    Brrr. Das klingt ja ganz ernsthaft. Ist es so was?
    Ja, es ist so was. Freilich in deinen Augen kaum. Und nun hre zu, ganz
aufmerksam. Ich bin nmlich einigermaen in Sorge, da du, deiner ewigen
Schulden halber, falsche Schritte tust. Und noch dazu in Thorn. Ich bitte dich,
bereile nichts. Du hast neuerdings ein paarmal Andeutungen gemacht, erst in
deinen Briefen und nun auch hier wieder, so heute abend noch auf dem Heimwege.
Du weit, da ich in dieser delikaten Sache nicht wie Therese denke; sie hlt
die Poggenpuhls fr einen Pfeiler der Gesellschaft, fr eine staatliche Sule,
was natrlich lcherlich ist; aber du deinerseits hast umgekehrt eine Neigung,
zuwenig auf unsern alten Namen zu geben oder, was dasselbe sagen will, auf den
Ruhm unsres alten Namens. Ruhm und Name sind aber viel.
    Kann ich zugeben, Manon; aber wer hat heutzutage nicht einen Namen? Und was
macht nicht alles einen Namen! Pears Soap, Blookers Cacao, Malzextrakt von
Johann Hoff. Rittertum und Heldenschaft stehen daneben weit zurck. Nimm da
beispielsweise den Marschall Niel! Er hat, glaub ich, Sebastopol erobert und
war, wenn ich nicht irre, verzeih den Kalauer, ein Genie im Genie; jedenfalls
eine militrische Berhmtheit. Und doch, wenn nicht die Rose nach ihm hiee,
wte kein Mensch mehr, da er gelebt hat. Indessen lassen wir Niel; was geht
uns am Ende Niel an? Nehmen wir lieber etwas, was uns viel, viel nher liegt,
nehmen wir da beispielsweise den groen Namen Hildebrand. Es gibt, glaub ich,
drei berhmte Maler dieses Namens, der dritte kann brigens auch ein Bildhauer
gewesen sein, es tut nichts. Aber wenn irgendwo von Hildebrand gesprochen wird,
wohl gar in der Weihnachtszeit, so denkt doch kein Mensch an Bilder und Bsten,
sondern blo an kleine dunkelblaue Pakete mit einem Pfefferkuchen obenauf und
einer Strippe drum herum. Ich sage dir, Manon, ich habe mein
Poggenpuhlhochgefhl geradesogut wie du und fast so gut wie Therese; wenn ich
dieses Hochgefhls aber froh werden soll, so brauche ich zu meinem
Poggenpuhlnamen, der, trotz aller Berhmtheit, doch leider nur eine einstellige
Zahl ist, noch wenigstens vier Nullen. Eigentlich wohl fnf.
    Ich habe nichts dagegen, Leo, da du so rechnest; ganz im Gegenteil. Bin
ich doch selber nicht ngstlich in diesem Punkte. Ja, ich gehe zu, du mut so
rechnen. Aber ich frchte, du rechnest nicht an der richtigen Stelle. Da sind
Bartensteins, da ist Flora... Ja, das wre was. Flora Bartenstein ist ein kluges
und schnes Mdchen und dazu meine Freundin. Und reich ist sie nun schon ganz
gewi. Also darber liee sich reden. Aber in Thorn, wovon du bestndig
schreibst und sprichst... freilich immer nur so dunkel und blo in Andeutungen.
Ich bitte dich, Leo, was soll das? In Thorn ...! Wie heit sie denn eigentlich?
    Esther.
    Nun, das ginge. Viele Englnderinnen heien so. Und ihr Vatersname?
    Blumenthal.
    Das ist freilich schon schlimmer. Aber am Ende mag auch das hingehen, weil
es ein zweilebiger Name ist, sozusagen  deux mains zu gebrauchen, und wenn du
Stabsoffizier bist (leider noch weitab), und es heit dann bei Hofe, wo du doch
wohl verkehren wirst: die Frau Majorin oder die Frau Oberst von Poggenpuhl ist
eine Blumenthal, so hlt sie jeder fr eine Enkelin des Feldmarschalls. Ein
Poggenpuhl, der eine Blumenthal heiratet, soviel Vorteil mu man am Ende von
einem alten Namen haben, rckt sofort auf den rechten Flgel der Mglichkeiten.
    Bravo, Manon. Also deine Bedenken zerrinnen.
    Doch nicht ganz; soviel kann ich nicht zugehen. Ich mhe mich nur einfach,
aus Esther und Blumenthal das Beste zu machen. Auerdem, ich begreife deine
Lage, fhle den Druck mit und freue mich, da du heraus willst. Aber wenn es
irgend sein kann, bleibe im Lande und nhre dich redlich; la es nicht an der
Weichsel sein, nicht Esther; sie kann, wie sie auch sei, an Flora nicht
heranreichen. Zudem, die ganze Bartensteinsche Familie - es sind drei Brder,
zwei in der Vostrae - hat ein besonderes Ansehen; der, in dessen Hause ich
verkehre, ist ein Ehrenmann, beilufig auch noch ein Humorist, und ich bin
sicher, da er bei der nchsten Anleihe geadelt wird. In meinen Augen ist das
nichts von Bedeutung, ja, beinahe strend, denn ich hasse alles Halbe, was es
doch am Ende bleibt. Aber vor der Welt...
    Ich will es mir berlegen, Manon. Vorlufig find ich es entzckend, so
gleichsam die Wahl zu haben; wenigstens kann ich mir so was einbilden. Am
liebsten freilich blieb ich noch eine Weile, was ich bin; ein Junggeselle steht
doch obenan. Nur der Witwer mit seinem Blick in Vergangenheit und Zukunft steht
vielleicht noch hher. Aber das kann man nicht gleich so haben. Und nun gehab
dich wohl. Mama wird sich schon wundern, was wir noch alles wieder miteinander
gehabt haben.
    Und bei diesen Worten trennten sie sich.
    Manon aber trat noch an das Bett der Mutter, um zu sehen, ob sie schliefe.
    Du hast geweint, Mama.
    Ja, Kind. Aber gute Trnen; die tun wohl.

                                Neuntes Kapitel


Manon war frh auf, um dem Bruder noch bei der Abreise behilflich zu sein, die
beiden andern Schwestern aber beschrnkten sich darauf, als Leo den Korridor
passierte, ihm ihre Arme durch den Trspalt entgegenzustrecken.
    Ich kenne euch doch, sagte Leo, der dicke Arm, das ist Sophie. Die von
ihm gestellte Diagnose war denn auch richtig, aber fr Therese verletzlich, und
so empfing der Abschiedsmoment einen kleinen Beigeschmack von Verstimmung.
Friederike, die natrlich mit aufgestanden war, trug den Koffer bis an den
nchsten Droschkenstand, und als Leo hier gewhlt und Platz genommen und dem
Kutscher Friedrichstraenbahnhof zugerufen hatte, drckte er Friederike etwas
in die Hand, das diese - trotzdem ihr bei den Poggenpuhls eigentlich wenig
Gelegenheit gegeben war, ein feines Abschtzungsvermgen fr im Halbdunkel
gereichte Trinkgelder auszubilden - sofort als einen richtigen preuischen Taler
erkannte. Der Schreck darber war beinahe noch grer als die Freude.
    Gott, junger Herr...
    Ja, Friederike, die Tage sind verschieden, und wenn es nach mir ginge...
    Nein, nein...
    ... Und wenn es nach mir ginge, so nhm ich gleich den ausgehhlten Edamer,
der doch wohl noch da ist, und schttete ihn dir voll lauter Goldstcke. Na, nun
mit Gott, vorwrts. Und dabei gab er ihr noch die Hand, und die Droschke setzte
sich in eine wilde, aber schnell nachlassende Bewegung.

Auf dem Heimwege von der Potsdamerstraenecke bis wieder nach Hause kamen
Friederike allerlei Betrachtungen. Es kann einen doch eigentlich rhren, sagte
sie. Und wenn ich dann so an das reiche Volk denke, wo ich frher war, und gar
kein Mensch nich. Und daneben nun diese Poggenpuhls! Eigentlich haben sie ja gar
nichts, un mitunter genier ich mich, wenn ich sagen mu: Ja, gnd'ge Frau, der
Scheuerlappen geht nu nich mehr. Aber sie haben doch alle so was, auch die
Therese; sie tut wohl ein bichen gro, aber eigentlich is es doch auch nich
schlimm. Un nu das Leochen! Ein Tunichtgut ist er und ein Flausenmacher, da hat
die arme alte Frau ganz recht, un hat auch seinen Nagel, wie sie alle haben,
blo die Frau nich... na, die hat sich zu sehr qulen mssen, un da vergeht es
einem... Aber man is doch immer ein Mensch, un darin sind sie sich alle gleich.
Ich bin froh, da ich solche Stelle habe; satt wird man ja doch am Ende, un wenn
es mitunter knapp is, denn kosten sie blo un lassen einen alles; aber ich mag
denn auch nich; wenn man das so sieht, da steckt es einen auch in 'n Hals un
will nich runter. Ja, ja, das liebe Geld... Un 'n Taler. Wo er ihn blo herhat?
Na, der Onkel wird wohl ordentlich in die Tasche gegriffen haben.
    Als Friederike wieder oben war, fand sie die beiden lteren Mdchen schon am
Kaffeetisch, und Manon kniete vor dem Ofen, um einzuheizen. Als es zuletzt
brannte, kam auch die Mutter und nahm wie gewhnlich ihren Platz auf dem Sofa.
    Na, ist er gut fortgekommen?
    Ja, Mama, sagte Manon, und ich soll dir auch noch einen Ku von ihm
geben, und du wrst doch die Beste, wenn du auch keine richtige Poggenpuhl
wrst...
    Nein, das bin ich nicht. Gott, Kinder, wenn ich auch eine wre, da wre die
Elle schon lange viel lnger als der Kram.
    Ach la doch; es geht auch so. Nur immer Mut. Ich hatte mir schon
vorgenommen, mit Flora zu sprechen, und da mit einmal kam der Onkel...
    Ja, der hat mal wieder geholfen. Aber man mu nicht denken, da es immer so
geht...
    Nicht immer, Mama; aber doch beinah.
    Ja, du bist auch solch Leichtfu, ganz wie der Bruder. Und mit dem jungen
Klessentin wird es wohl auch so gewesen sein. Da seht ihr, was dabei
herauskommt. Und nun heit er Herr Manfred. Und wenn nicht ein Wunder geschieht,
und ihr habt ja auch schon so was gesagt, so lesen wir auch noch mal auf dem
Theaterzettel: Herr Leo. Wie fandet ihr denn den jungen Klessentin? Und wie kam
denn der Onkel mit ihm aus oder er mit dem Onkel? Es mu doch eine rechte
Verlegenheit gewesen sein.
    Nein, Mama, sagte Sophie. Und warum auch? Man mu es nur immer richtig
ansehen. Ich bin doch auch von Adel und eine Poggenpuhl, und ich male Teller und
Tassen und gebe Klavier- und Singunterricht. Er spielt Theater. Es ist doch
eigentlich dasselbe.
    Nicht so ganz, Sophie. Das ffentliche. Da liegt es.
    Ja, was heit ffentlich? Wenn sie bei Bartensteins tanzen und ich spiele
meine drei Tnze, weil es unfreundlich wre, wenn ich nein sagen wollte, dann
ist es auch ffentlich. Sowie wir aus unsrer Stube heraus sind, sind wir in der
ffentlichkeit und spielen unsre Rolle.
    Gut, gut, Sophie. Du sollst recht haben; ich will es glauben. Aber der
junge Klessentin. Was spielt er denn eigentlich? Ich habe doch noch nie von ihm
gelesen.
    Er hat immer nur ganz kleine Rollen und nannte auch ein paar. Aber, was
einen trsten kann, er setzte gleich hinzu, das mache keinen rechten
Unterschied, und die kleinen Rollen, auf die km es mitunter auch an,
geradesogut wie auf die groen. Und alles, was er sagte, klang so nett und so
zufrieden und so voll guter Laune, da Onkel Eberhard ganz eingenommen von ihm
war und ihn beglckwnschte.
    Ja, das glaub ich. Der gute Onkel ist eine Seele von Mann und kann das
Wichtigtun und das Auf-Stelzen-Gehen nicht leiden, und wenn einer sagt: Ich bin
frs Kleine, der hat gleich sein Herz gewonnen. Er mag's nicht, wenn die
Menschen sich aufblasen und so tun, als ob sie ohne Atlastapeten nicht leben
konnten. Er ist fr seine Person beinahe bedrfnislos und mit allem zufrieden,
und deshalb will ich ihn auch bitten, heute mittag mit uns frliebzunehmen. Denn
ich denke doch, da er noch mit herankommt. Was knnen wir ihm denn wohl
vorsetzen? Du hast ja die Woche, Sophie; was meinst du?
    Nun, ich meine: Weibiersuppe mit Sago, die hat ihm das vorige Mal so gut
geschmeckt. Und dann haben wir noch eine kleine Schssel Teltower Rben und
knnen von der Spickgans aufschneiden.
    Das wird nicht gehen, sagte Therese. Die Spickgans ist aus Adamsdorf, von
der Tante.
    Tut nichts. Spickgnse kann man nicht unterscheiden. Und wenn er es merkt,
ist es eigentlich eine kleine Aufmerksamkeit. Und als dritten Gang denk ich mir
dann Sahnenbaisers von Konditor Eschke drben. Und dann Butterbrot und Kse.
    Die Mutter, die das Ganze nur als eine symbolische Handlung ansah und sehr
wohl wute, da der Onkel vorher gefrhstckt haben wrde, war mit diesem Men
zufrieden und verlangte nur noch, da die Tchter, die noch nachtrgliche
Neujahrsvisiten in der Stadt zu machen hatten, um sptestens zwei Uhr wieder zu
Hause wren, weil es sonst zu spt wrde. Bis dahin wollte sie den Onkel schon
festhalten.
    Und nachdem auf diese Weise alles geordnet war, rumte man den Kaffeetisch
ab und begab sich in das Hinterzimmer, um da fr die noch ausstehenden Besuche
die ntige Toilette zu machen.

Alle drei Schwestern verlieen gleichzeitig die Wohnung, um vom Botanischen
Garten aus die Pferdebahn zu benutzen, deren Zonentarif sie sehr genau
kannten. Die alte Majorin, als alles ausgeflogen, ging nun auch ihrerseits an
ihre Restituierung und war kaum damit fertig, als sie drauen auf dem Vorflur
ein ziemlich lautes und gemtliches Sprechen hrte, das keinen Zweifel darber
lie, da der Schwagergeneral gekommen sein msse.
    Guten Morgen, Albertine. Verzeih, da ich etwas frh komme, aber, wie ich
sehe, doch nicht zu frh. Alles schon blink und blank, alles schon in full
dress, wenn man dies von einer Dame sagen kann; full dress ist nmlich
eigentlich wohl mnnlich und heit, glaub ich, soviel wie Frack oder Schniepel.
Frher sagte man Schniepel.
    Ach, Eberhard, du meinst es gut und hast immer ein freundliches Wort und
siehst es auch gleich, da ich mir meine Staatshaube mit einem neuen Band
aufgesetzt habe. Aber mit mir ist Spiel und Tanz vorbei.
    Nicht vorbei, Albertine. Immer noch eine propre Frau. Und du bist ja noch
keine sechzig. Aber wenn auch. Was sind Jahre? Jahre sind gar nichts. Sieh mich
an. Eben kam ein Bataillon von eurem Eisenbahnregiment an mir vorbei - ich sage
von eurem, denn ihr habt es ja hier in eurer Strae -, und ich kann dir sagen,
wie ich blo den ersten Paukenschlag hrte, da ging es mir wieder durch alle
Glieder, und ich fhlte ordentlich, wie das alte Gebein wieder jung und
elastisch wurde. Man hat immer das Spiel in der Hand und ist geradeso jung, wie
man sein will. Aber du spinnst dich zu sehr ein, da wird man Antiquitte,
gyptisches Museum, man wei nicht wie. Sieh zum Beispiel gestern. Warum warst
du nicht mit dabei?
    Lieber Eberhard, Theater - es ist nichts mehr fr mich.
    Falsch, falsch. So denkt jeder. Aber ist man erst drin im Feuer, dann hat
man auch das alte Vergngen wieder. Ich sage dir, Albertine, wenn du diesen
Quitzow, diesen Dietrich von Quitzow, gesehen httest, Studie nach Bismarck,
aber Bismarck Waisenknabe daneben. Augenbrauen wie 'ne Schuhbrste. Mssen das
Leute gewesen sein. Und sein Bruder soll noch toller ausgesehen haben, weil er
blo ein Auge hatte. Polyphem. Hie er nicht Polyphem?
    Ich glaube, Eberhard. Wenigstens gibt es so einen.
    Und dann nach dem Theater. In der Kneipe. Nun, die Kinder werden dir davon
erzhlt haben und von diesem Herrn Manfred, diesem Klessentin. Ein reizender
junger Kerl, schneidig, frisch, humoristisch angeflogen. Ach, Albertine,
mitunter ist mir doch so, als ob alles Vorurteil wre. Na, wir brauchen es nicht
abzuschaffen; aber wenn andre sich dranmachen, offen gestanden, ich kann nicht
viel dagegen sagen. Es hat alles so seine zwei Seiten. Adel ist gut, Klessentin
ist gut, aber Herr Manfred ist auch gut. berhaupt, alles ist gut, und
eigentlich ist ja doch jeder Schauspieler.
    Ach, ich nicht, lieber Eberhard.
    Nein, du nicht, Albertine. Dir ist es vergangen. Aber ich, ich bin einer.
Sieh, ich spiele den Gemtlichen, und ich darf nicht mal sagen, da sich solche
Schauspielerei fr einen General nicht pate. Da gibt es noch ganz andre
Nummern, die auch alle Komdie gespielt haben, Kaiser und Knige. Nero spielte
und sang und lie Rom anznden. Jetzt ist es Panorama, fnfzig Pfennig Entree.
Denke dir, so billig ist alles geworden. Und vor zehn Jahren, wie mir eben
einfllt, waren hier sogar die Fackeln des Nero ausgestellt, ein groes Bild.
Damals war ich noch in Dienst, und ich sehe die groe Leinwand noch vor mir. Und
du hast es vielleicht auch gesehen.
    Nein, Eberhard, ich habe so was nie gesehen. Ich mute mir dergleichen
immer versagen. Du weit schon weshalb.
    Sprich nicht von versagen. Das Wort kann ich nicht leiden, man mu sich
nichts versagen, und wenn man nicht will, braucht man auch nicht. Nun sieh, das
war ein Bild, so gro wie die Segelleinwand von einem Spreekahn oder wohl
eigentlich noch grer, und rechts an der Seite, ja, da war ja nun das, was die
Gelehrten die Fackeln des Nero nennen, und ein paar brannten auch schon, und die
andern wurden eben angesteckt. Und was glaubst du nun wohl, Albertine, was diese
Fackeln eigentlich waren? Christenmenschen waren es, Christenmenschen, in
Pechlappen einbandagiert, und sahen aus wie Mumien oder wie groe Wickelkinder,
und dieser Nero, der Veranstalter von all dieser Grlichkeit, der lag ganz
gemtlich auf einem goldnen Wagen, und zwei goldfarbne Lwen davor, und der
dritte Lwe lag neben ihm, und er kraute ihn in seiner Mhne, als ob es ein
Pudel wre. Und nun sieh, dieser selbige Nero, der sich so was leisten konnte,
der die ganze Welt, ich glaube bis hier in unsre Berliner Gegend, beherrschte,
der sang und spielte auch, geradeso wie dieser Herr von Klessentin, und da frag
ich mich denn: Ja, warum soll er nicht, dieser junge Mensch? Wenn ein Kaiser
spielen darf, warum soll Klessentin nicht spielen? ein unbescholtener junger
Mann, der wahrscheinlich niemals 'ne Fackel angesteckt hat, am wenigsten
solche.
    Die Majorin reichte dem Schwager die Hand und sagte: Eberhard, du bist
immer noch derselbe. Und Leo wird auch so. Dein Bruder Alfred war immer ernst,
ein bichen zu sehr, was wohl an den Verhltnissen liegen mochte...
    Sprich nicht von Verhltnissen, Albertine. Verhltnisse, davon kann ich
nicht hren...
    Und es ist merkwrdig, da die Kinder oft mehr den Charakter aus der
Seitenlinie haben. Und ich will nur wnschen, da sein Lebensgang, ich meine
Leos, auch so wird wie der deine, dasselbe Glck...
    Sprich nicht von Glck, Albertine. Mag ich auch nicht hren. Selbst ist der
Mann. Aber nein, nein, ich will dies nicht gesagt haben... Sprich nur von
Glck... Es ist ganz richtig... Ich habe Glck gehabt. Erst im Dienst. Natrlich
immer meine Schuldigkeit getan, aber doch schlielich kein Moltke... Gott sei
Dank brigens, da es davon so wenige gibt, sie fren sich sonst untereinander
auf, und wenn es zum Klappen kme, htten wir keinen... Einer ist schon immer
das beste, da gibt es keine Konkurrenz und keinen Neid. Aber nun lassen wir
Klessentin und Nero und Moltke und versuchen wir ein ander Bild. Wo sind die
Mdchen?
    Ausgeflogen. Und ich habe es unternommen, sie bei dem gtigen Onkel zu
entschuldigen. Es waren aufgeschobene Besuche, hchste Zeit. Aber du siehst sie
noch. Ich rechne darauf, da du bleibst und unser Gast bist, so gut wir's
haben.
    Ah, ah, ah. Kann ich nicht leiden. So gut wir's haben. Was heit das? Ein
Teller Suppe...
    Sophie sprach von Weibiersuppe mit Sago...
    Vorzglich. Und knnte meine Beschlsse beinah umstoen. Aber ich habe noch
allerhand zu tun und zu besorgen. Eigentlich Unsinn; eine Postkarte besorgt es
alles viel besser. Aber meine Frau wnscht es. Und was eine Frau wnscht, ist
Befehl, sonst ist der Krieg da, worin wir Militrs immer geschlagen werden; je
schneidiger, je grer die Niederlage. Also ich mu fort. Und so gern ich die
Mdchen alle drei noch mal gesehen htte, so pat es mir auch wieder, da sie
nicht da sind. Ich will nmlich eine nach Adamsdorf mitnehmen, meine Frau hat
den Wunsch ausgesprochen, und ist nur noch die Frage, natrlich deine Zustimmung
vorausgesetzt, welche?
    Und du meinst, die Frage beantwortet sich besser unter uns.
    Ja, Albertine.
    Nun, da denke ich mir Therese. Sie war schon vorletzten Sommer mit deiner
Frau in Pyrmont und kennt alles und hat sich einigermaen mit ihr eingelebt.
    Alles richtig. Und doch wre vielleicht ein Wechsel angezeigt. La mich
offen zu dir sprechen. Therese ist ein vortreffliches Mdchen und eine Dame.
Aber sie hat von der Dame mehr, als meiner Frau lieb ist. Meine Frau, eine
Brgerliche wie du, ist von einfachen Lebensgewohnheiten und Anschauungen, was
ich alles nur billigen kann. Und Therese - du wirst verzeihen, da ich es sage -
hat eine ziemlich ausgesprochene Neigung, sich auf das Poggenpuhlsche hin
auszuspielen. Ich mag nichts dagegen sagen und nehme persnlich keinen Ansto
daran. Aber meine Frau findet es etwas bertrieben und hat auch seinerzeit
Auseinandersetzungen mit ihr darber gehabt.
    Ich versteh, Eberhard. Und deine Frau hat recht. Es geht mir hier ebenso
mit ihr. Sie hat einen zuverlssigen Charakter und nimmt es ziemlich ernst mit
ihren Anschauungen von Adel und Adelspflicht. Aber es ist sehr schwer, wenn man
in Verhltnissen...
    Nein, nein, nein...
    ... Wenn man auf so bescheidenem Fue lebt wie wir. Das gibt dann immer
Meinungsverschiedenheiten und Unliebsamkeiten. Aber wenn Therese nicht, wer
dann? Von Manon wrde ich mich nicht gern trennen.
    Sollst du auch nicht, Albertine. Manon ist Nesthkchen und mu dir bleiben.
Meine Frau hat sich, ich wiederhole, deine Zustimmung vorausgesetzt, fr Sophie
entschieden. Die hat ihr sehr gefallen, als sie sie hier sah, und ihre Briefe
haben ihr gefallen, auch die, die sie an Therese schrieb. Alles so verstndig.
Und meine Frau hat eine Vorliebe fr das Verstndige, nur keine Flausen und
Redensarten und aufgesteifte Sachen. Und Mogeleien sind ihr nun schon von Grund
aus zuwider.
    Davon hat Sophie, Gott sei Dank, nichts. Ihr Leben ist immer Arbeit
gewesen, und sie hlt eigentlich alles zusammen, was sonst auseinanderfiele.
    Darf nicht. Darf nicht. Nichts darf auseinanderfallen. Also Sophie! Meine
Frau will nmlich allerlei Neues und will namentlich auch neue Wappenteller
haben, was mich anfnglich, offen gestanden, aufs uerste verwunderte. Sie hat
mir aber Aufschlu darber gegeben. Ich bin jetzt, sagte sie mir neulich, eine
Poggenpuhl, und da pat es nicht mehr, da alles noch das Leysewitzsche Wappen
hat; ich glaube, die Leute reden darber, und das mu man vermeiden. Sophie malt
so gut; sie soll uns das Poggenpuhlsche Wappen malen, dabei wird sie sich auch
wohl fhlen und glcklich sein, ihre Gaben im Dienste der Familie verwenden zu
knnen. Und dann ist sie so musikalisch. In der Dmmerstunde zuhren, wenn ein
Schubertsches Lied gespielt wird, darauf freu ich mich, das wird unser stilles
Haus beleben, und wir knnen Besuche dazu laden.
    Und wann denkst du, da sie reisen soll?
    Gleich heute mit mir. Sie mu um drei mit ihrem Koffer in meinem Hotel
sein. Am besten allein. Abschiede verwirren, Ksse sind lcherlich. Um vier geht
der Zug, und um elf sind wir in Adamsdorf.
    Damit erhob er sich, und unter Gren an Therese und Manon nahm er Abschied.

                                Zehntes Kapitel


                  Sophie von Poggenpuhl an Frau von Poggenpuhl

                                                            Adamsdorf, 6. Januar

Liebe Mama! Gestern, gleich nach elf, sind wir wohlbehalten hier eingetroffen.
Ganz zuletzt, auf dem Wege von Hirschberg hierher, entzckte mich die Fahrt im
offenen Wagen, trotzdem der Himmel bedeckt und das Gebirge, das zu sehen ich
mich so gefreut, in seinen Linien unsichtbar war. Aber in den Drfern herrschte
doch noch Leben, und die Erdmannsdorfer Fabrik, in der auch die Nacht hindurch
gearbeitet wird, leuchtete durch den Nebel, der zog. Es sah
mittelalterlich-romantisch aus, als ob eine uralte Piastenfamilie darin wohnte.
Hier in Adamsdorf - nur ganz in der Ferne schlug noch ein Hund an, und ein
andrer antwortete - war schon alles still, und still war es auch auf dem
Vorplatz vor dem Schlo. Ich ngstigte mich einen Augenblick; aber wie fiel das
alles von mir ab, als ich in den Salon trat und von der Tante aufs
liebenswrdigste begrt wurde! Eine herrliche Frau. Ich begreife Therese nicht,
die sich nie so recht mit ihr stellen konnte. Vielleicht kommen auch fr mich
noch die Beschwerlichkeiten, aber ich glaube es kaum. Da Dir, mein altes
Mutterchen, die Lebenslose doch auch so glcklich gefallen wren! Ich sprach
von: Salon. Ja, es war ein Salon, in den wir eintraten, aber viel mehr noch ist
es eine Halle. Der Vorbesitzer von Adamsdorf, das in alten Zeiten eine
Benediktinerabtei war, hat viel von den alten Klostergebuden mit in den Neubau
herbergenommen, und diese Halle war vordem ein Refektorium; - durch den Raum
hin stehen noch drei gotische Pfeiler, und in dem Kamin glomm ein Feuer, dessen
von Zeit zu Zeit aufflackernde Lichter an der gewlbten Decke hin spielten.
Auer der Tante war nur noch eine Katze da, ein wunderschnes groes Tier, das
spinnend um mich herum ging und mir dann auf den Scho sprang. Ich erschrak;
aber die Tante beruhigte mich und sagte: das sei eine Liebeserklrung, womit Bob
(es wird also wohl ein Kater sein) sonst sehr zurckhalte. Er sei mitrauisch
und eiferschtig. Weil wir ausgefroren waren, bat der Onkel um einen Eierpunsch,
den sie hier aus Ungarwein und Gelbei machen. Es schmeckte mir ganz vorzglich.
Und was noch wichtiger, ich habe hinterher herrlich geschlafen, und als ich zu
guter Zeit aufstand und die Jalousien in die Hhe zog, da lag das Gebirge, ganz
von Schnee berdeckt, in langer Linie vor mir. Wir wollen in den nchsten Tagen
eine Partie nach der Heinrichsbaude machen und dann in einem Hrnerschlitten
wieder zu Tale fahren. Es soll wunderschn sein, aber ich ngstige mich ein
wenig. Ergeh es Dir gut. Gru und Ku Euch allen und (wenn Ihr schreibt) auch
nach Thorn hin an die Brder. In herzlicher Liebe
                                                                    Deine Sophie

                                                    Schlo Adamsdorf, 16. Januar

Liebe Mama! Ich habe mich nun schon ganz hier eingelebt. Die Tante verbleibt in
ihrer Gte dieselbe gegen mich; vom Onkel es zu versichern ist nicht ntig, und
auch Bob hlt in seinem Attachement aus. Er geht darin ein wenig zu weit, denn
seine Zrtlichkeitsbezeigungen haben immer etwas berfallartiges. Mit einemmal
springt er mich an, immer noch die Tigernatur. Die Fahrt zur Heinrichsbaude
hinauf ist vertagt worden. Man will noch einen frischen Schneefall abwarten,
denn es heit: je mchtiger die Schneedecke, desto schner die Fahrt talwrts
und desto gefahrloser; der Schlitten fliegt dann ber die Felsblcke weg, als ob
es Maulwurfshgel wren. Unser Leben hier ist ziemlich still, wenig Besuch, und
auer unserm Adamsdorfer Prediger, der dann und wann vorspricht, kommen meist
nur Prediger aus der Nachbarschaft und ein alter Oberst aus der Stadt; auerdem
auch noch ein Amtsgerichtsrat und seine Frau. Diese Besuche freuen mich immer
sehr, aber auch ohne sie habe ich Unterhaltung die Hlle und Flle, weil die
Tante gern aus ihrem Leben erzhlt, am liebsten aus ihren Kindertagen, die sie
noch in Armut verbrachte. Zu dem allem haben wir auch noch eine merkwrdige
Bildergalerie hier, deren Grundstock aus verschiedenen Bildnissen aus der
Klosterzeit her besteht: Heiligenbilder (nicht viele), zu denen sich die
Portrts von bten und Prioren und sogar ein Frstbischof von Breslau gesellen;
dazwischen allerlei spezifisch Preuisches: Friedrich der Groe (dreimal), Prinz
Heinrich, General Tauentzien und zum Schlu ein Dutzend Bildnisse von Personen
aus der Familie des ersten Mannes der Tante. Lauter Leysewitze. Von den
Poggenpuhls nichts; nicht einmal das Portrt des Onkels. Ich nahm vor ein paar
Tagen Gelegenheit, leise darauf hinzuweisen, worauf er lachend erwiderte: Ja,
Fiechen (so nennt er mich immer), das Poggenpuhlsche fehlt ganz und gar, was
aber recht gut ist; es herrscht hier schon ein ungeheures Durcheinander, und
wenn auch noch der Hochkircher und der Sohrsche hinzukmen, so wre die
Konfusion vollstndig. Der gute Onkel hat solchen bon sens, da ihm der Hang,
auch Mitglieder seiner eigenen Familie hier einziehen und mit den
altschlesischen Adligen in Wettstreit treten zu sehen, gnzlich fernliegt. Und
damit hngt es auch wohl zusammen, da die Wappentellerfrage ruht. Onkel
Eberhard war wohl von Anfang an dagegen und hat nur schlielich, ich will nicht
sagen gern, aber doch ohne lange Kmpfe nachgegeben. All das hat sich aber
gendert. Eine ganz andere Aufgabe harrt jetzt meiner, die mich stolz und
glcklich macht. Was dies andre nun ist, davon das nchste Mal. - Wenn Briefe
von Wendelin oder Leo bei Euch eintreffen, so schickt sie mir, zunchst
natrlich meinetwegen, aber doch auch des Onkels halber, der sich fr beide ganz
aufrichtig interessiert und von jedem was erwartet, von Wendelin gewi, aber
auch von Leo. Leo, sagte er noch heut, ist ein Glckskind, und das Beste, was
man haben kann, ist doch immer das Glck. Die Tante wurde dabei ganz ernsthaft
und bestritt es, beruhigte sich aber, als er verbindlich und mit einer
chevaleresken Handbewegung sagte: Hab ich dich verdient oder war es Glck? Sie
gab ihm einen Ku, was mich rhrte, denn es war kein Zrtlichkeitsku, den ich
bei alten Leuten nicht sehen mag, sondern nur echte Zuneigung und Dankbarkeit.
Und mit Recht. Denn so gewi diese Verheiratung ihn glcklich gemacht hat, so
gewi auch sie. - Du siehst aus diesem allem, wie glcklich ich hier bin, aber
mitunter sehne ich mich doch nach Dir und mchte Dir die Hnde streicheln.
ngstige Dich nur nicht zu viel. Es wird noch alles gut. Das lt Dir der Onkel
noch eigens durch mich vermelden. Er sagte mir heut, es gbe einen Wappenspruch,
der laute: Sorg, aber sorge nicht zu viel, es kommt doch, wie's Gott haben
will. Und gegen diesen Spruch, so schlo er, verstieest Du mehr, als recht
sei. Ich hab brigens nicht, wie Du vielleicht glaubst, mit eingestimmt, hab ihm
vielmehr gesagt: Wie weh etwas tut, wei nur der, der das Weh gerade hat. Da
hat er mir auch einen Ku gegeben. Es ist ein herrlicher Mann, und ich kann
nicht herauskriegen, wer besser ist, er oder sie. Nun aber lebe wohl.
                                                                    Deine Sophie

                                                     Schlo Adamsdorf, 19 Januar

Heut, meine liebe Mama, nur eine Karte. Vorgestern ist Schnee gefallen; er liegt
um das Schlo her wie eine Mauer. Seit heute frh aber klarer blauer Himmel,
milde Klte, himmlisches Wetter. Wir wollen nun in den nchsten Tagen zu Fu und
zu Wagen bis auf den Kamm des Gebirges und dann in Hrnerschlitten zu Tal. Der
Pastor und ein Assessor aus der Stadt wollen teilnehmen. Ich freue mich
unendlich darauf. Ergeh es Euch gut.
                                                                    Deine Sophie

                                                      Heinrichsbaude, 22. Januar

Wieder nur eine Karte. Diesmal aber mit einem Bilde drauf (Heinrichsbaude). Wir
sind nmlich hier oben und werden wenigstens noch bis morgen bleiben, bleiben
mssen. Und daran bin ich schuld. Ich verfehlte, gleich als ich den Schlitten
bestiegen und das Niedersausen begonnen hatte, den rechten Weg und wre,
rettungslos verloren, in den Krater gestrzt - den sie, weil er unten Wasser
hat, den kleinen Teich nennen -, wenn nicht ein in der richtigen Richtung
fahrender Schlitten, der dies sah, mit allem Vorbedacht von der Seite her in
meinen Hrnerschlitten hineingefahren wre. Bei diesem, ich mu sagen
glcklichen, weil mich rettenden Zusammensto wurde ich herausgeschleudert und
mute, weil ich, etwas verletzt, nicht gehen konnte, hierher zurckgetragen
werden. Wir erwarten in ein paar Stunden den Arzt aus Krummhbel. Das ist das
nchste groe Dorf. ngstigt Euch nicht. Auf Hrnerschlittenfahrten aber la ich
mich nicht wieder ein. Mein Retter war ein junger Assessor (adlig) und schon
verlobt. Wie immer
                                                                    Deine Sophie

                                                    Schlo Adamsdorf, 25. Januar

Zwei Telegramme des guten Onkels werden Dich ber mein Befinden beruhigt haben.
Von Gefahr keine Rede mehr; Oberschenkelbruch; in vier Wochen, sptestens in
sechs, kann ich wieder tanzen. Der Arzt ist vorzglich und sehr dezent; Sohn
eines Webers hier aus der Nhe (Notiz fr Therese). Meine Rettung, wie ich Dir,
glaub ich, schon schrieb, verdanke ich allein dem Assessor; er ist natrlich
Reserveleutnant und will, wenn es zum Kriege kommt, dabeibleiben. Akten sind ihm
zuwider, was der Amtsgerichtsrat, sein Vorgesetzter, lchelnd besttigt. Da ich
so viele Wochen ruhig liegen mu, wrde mir hart ankommen, wenn mir der Doktor
nicht freie Bewegung meiner Arme gestattet htte. Die Tante lie mir denn auch
sofort eine Stellage herrichten, so da ich ohne Mhe schreiben und zeichnen
kann. Ich mache davon den reichlichsten Gebrauch und fertige Skizzen ber
Skizzen. Und da ist es denn auch wohl an der Zeit, Dir, meine gute Alte, von dem
neuen Plan zu erzhlen, hinsichtlich dessen ich schon vor ein paar Wochen, bald
nach meinem Eintreffen hier, einige kurze Andeutungen machte. Statt mit dem
Malen von Wappentellern bin ich nmlich, hre und staune, mit Ausmalung unsrer
protestantischen Kirche (das Dorf hat, wie fast berall hier, auch eine
katholische) betraut worden, und zwar sollen in all die tiefer liegenden Felder,
die sich um die Kirchenempore herumziehen, auf Holz gemalte biblische Bilder
eingelassen werden, jedes etwa von der Gre eines zusammengeklappten
Spieltisches. Eine freilich etwas sonderbare Ma- und Grenangabe, wenn ich
bedenke, da es sich um eine Kirche handelt. Natrlich wird es nichts groartig
Kunstmiges werden, dafr ist gesorgt, aber doch auch nichts Schlechtes, und,
was mich am meisten beglckt, ich werde die Aufgabe ganz neu zu lsen trachten.
Also: Joseph wird nach gypten hin verkauft, Judith und Holofernes, Simson
und Delila - all dergleichen denk ich fallenzulassen und dafr das zu nehmen,
worin das Landschaftliche vorherrscht. Meine Bemhungen gehen mithin zunchst
dahin, in der Bibel nach Stoffen mit guter Szenerie zu suchen und solche, wenn
ich sie gefunden, in wenig Strichen hinzuwerfen, so gut es in meiner
gegenwrtigen Lage geht.
    Aus der Lnge meines Briefes siehst Du, da es mir trotz alledem und alledem
sehr gut ergeht. Manon wird dies vielleicht bestreiten und sich darauf berufen,
da man, weil man Briefe vorlufig noch mit der Hand schreibe, keine
Schlufolgerungen daraus auf das Wohlbefinden des Fues ziehen drfe. Das ist
aber falsch. Wenn man einen kranken groen Zehen hat, d.h. wirklich krank, so
kann man ebensowenig schreiben, wie wenn es ein kranker Daumen wre.
    La mich recht ausfhrlich hren, wie's Euch geht. Auch Friederike soll mir
schreiben; Dienstbotenbriefe sind immer so reizend, so ganz anders wie die der
Gebildeten. Die Gebildeten schreiben schlechter, weil weniger natrlich;
wenigstens oft. Das Herz bleibt doch die Hauptsache. Nicht wahr, meine liebe
gute Alte?! Du weit das am besten. Und Therese soll mir eine Beschreibung von
der Soiree bei Bronsarts machen und ob lebende Bilder gestellt wurden und
welche. Und Manon soll mir von Bartensteins schreiben und dem Ball und ob sie
mitgetanzt hat und mit wem. Und welche Toilette sie hatte. Manon versteht es,
aus ein bichen Tll und einem Rosaband ein Feenkostm zu machen. Und nun lebe
wohl. Die Tante will noch ein paar Zeilen (vielleicht einen Krankenbericht) mit
beilegen. Wie immer Deine Dich herzlich liebende
                                                                          Sophie

                                 Elftes Kapitel


Whrend der Wochen, wo diese Korrespondenz zwischen Berlin und Schlo Adamsdorf
ging, ging auch ein Briefwechsel zwischen Berlin und Thorn. Leo begann mit einer
Karte an Manon, die, nachdem sie geschrieben, wohlweislich noch in ein Couvert
gesteckt worden war.

                                                                Thorn, 8. Januar

Seit drei Tagen wieder da. Kopernikus steht noch. Im ganzen Neste riecht es nach
Bierfisch, was brigens nicht ganz richtig ist, denn sie kochen hier die Karpfen
mit Pfefferkuchen und Ungarwein. In diesen Stcken sind wir Euch berlegen;
freilich geht man etwas mibruchlich damit vor. - Wendelin empfing mich am
Bahnhof, furchtbar artig, aber doch auch sehr gndig. Er bertreibt es;
Gnnermiene, ganz Generalstab. Und er ist es noch nicht mal. Natrlich kommt er
dazu. Soviel Tugenden kann sich der Staat nicht entgehen lassen. Verzeih diese
Malicen, aber wenn man sich so verschwindend klein fhlt, hat man nichts als
Schndlichkeiten, um sich vor sich und andern zu behaupten. Der Wurm krmmt
sich. Ich schreibe morgen wieder, vielleicht noch heute, wenn mir das
Rekrutenexerzieren nicht den Lebensodem nimmt. Dobry, dobry und dazwischen
Schafskopp. Tausend Gre.
                                                                        Dein Leo

An den Rand der Karte war noch eine Nachschrift gekritzelt.
    Eben kommt eine Einladung zu heut abend; engster Zirkel. Wohin, brauche ich
Dir wohl nicht erst zu sagen. Esther brigens heute frh schon am Fenster
gesehen - pomps, ja fast Pomposissima, was mich ein wenig ngstigt. Denn sie
ist erst 18. Wohin soll das am Ende fhren?

    Drei Tage nach Empfang antwortete Manon.

                                                              Berlin, 12. Januar

Mein lieber Leo! Habe Dank fr Deine Zeilen, die mich herzlich erfreut haben,
weil sie so ganz Du selbst waren. Deine Karte, glcklicherweise couvertiert, kam
zugleich mit einem Briefe von Sophie. Da sah man so recht den Unterschied.
Sophie immer, ich mchte sagen, Palette in Hand, immer knstlerisch, immer
gefhlvoll und immer dankbar. Namentlich dies letztere lt sich Dir nicht
vorwerfen. Dein lterer Bruder (und der bessere dazu) macht Dir den Hof, und Du
bespttelst ihn. Ei, ei; poggenpuhlsch ist das jedenfalls nicht. Die Poggenpuhls
sind piettvoll. Ich glaube, Dein Hang zu kleinen Spttereien und
berheblichkeiten fliegt Dir so an, ist Umgangseinflu oder, was dasselbe sagen
Will, eine Folge des Tons, dem Du im Hause der pompsen Esther oder der
Pomposissima, wie Du schreibst, begegnest. Ich kenne diesen Ton auch von
Bartensteins her, wiewohl diese selbst nicht daran teilnehmen und verlegen
werden, wenn er berhaupt angeschlagen wird. Da dies geschieht, knnen aber
freilich selbst Bartensteins nicht verhten, denn sie haben, bei der
eigentmlichen Zusammensetzung ihrer Gesellschaft, das Spiel nie ganz in der
Hand. Um nur eins zu nennen, die Verwandtschaft, die sich allsonntglich bei
ihnen versammelt, ist immer wie aus zwei Welten: der eine Onkel war vielleicht
dreiig Jahre lang in London oder Paris, der andre dreiig Jahre lang in
Schrimm. Und das macht denn doch einen Unterschied. Ich sprach von
Umgangseinflu. Er ist da; seine Macht verspr ich an mir selbst, und wenn ich
Therese ansehe, so besttigt sich mir dieser Einflu, von der andern Seite her,
wie eine Probe aufs Exempel. Therese, wenn auch manches an ihr anders sein
knnte, wei doch jederzeit, was sich schickt, und das verdankt sie der
Wilhelmstraenluft, in der sie nun mal lebt. Ich wei nicht, in welcher Strae
Esther wohnt (vielleicht auch in einer Wilhelmstrae), nur das wei ich, da es
in der unsrigen keine Pomposissimas gibt. Ich mu mich hier unterbrechen. Eben
hat es geklingelt, und aus dem Korridorgesprch, das Friederike fhrt, hab ich
gehrt, da Flora gekommen und bei der Mama eingetreten ist. Sie wird mich
einladen wollen. ber das vorstehende Thema nchstens mehr. Deine ganze Zukunft,
soviel wird mir immer klarer, dreht sich um die Frage: Esther oder Flora. Flora,
Gott sei Dank, ist blond, sogar hellrotblond. Lebe wohl. In alter Liebe
                                                                     Deine Manon

                                                              Berlin, 15. Januar

Lieber Leo! Du hast meinen zweiten Brief, der den ersten vervollstndigen
sollte, gar nicht abgewartet und mir umgehend geantwortet. Das ist sehr
liebenswrdig, aber leider auch ngstlich, und wenn schon die bloe Raschheit
der Erwiderung etwas Mich-besorgt-Machendes hatte, so mehr noch die einzelnen
Wendungen Deines Briefs. Ich will doch nicht frchten, da die Einladung zum 8.
abends, von der Du auf Deiner Karte schriebst, verhngnisvoll fr Dich geworden
ist. Ich wei, da dunkler Teint Dir immer gefhrlich war. Und Esther! Es ist
merkwrdig, da manchem Namen etwas wie eine mystische Macht innewohnt, eine Art
geistiges Fluidum, das in rtselhafter Weise weiterwirkt. Raffe Dich auf, sei
strker, als Ahasverus war (ich meine den Perserknig), der auch der Macht der
Esther erlag. Eben habe ich Deine Zeilen noch einmal berflogen und wieder den
Eindruck davon gehabt, als httest Du Dich bereits engagiert. Ist dem so, so
wei ich sehr wohl, da die Welt darber nicht zugrunde gehen wird, aber mit
Deiner Karriere ist es dann vorbei. Denn in der Provinz, und speziell in Deiner
Provinz, ist das religise Gefhl - oder, wie sie bei Bartensteins immer sagen,
das Konfessionelle (sie whlen gern solche sonderbar verschrnkten Ausdrcke)
- von viel eigensinnigerem Charakter, und der bertritt wird von den Eltern
einfach verweigert werden. In diesem Falle bliebe Dir also nur Standesamt, ein,
so aufgeklrt ich bin, mir geradezu schrecklicher Gedanke. Solch ein Schritt
wrde Dich nicht nur von der Armee, sondern, was mehr sagen will, auch von der
Gesellschaft ausschlieen, und Du wrdest von da ab in der Welt umherirren
mssen, fremd, abgewiesen, ruhelos. Und da htten wir dann den andern Ahasverus.
Tu uns das nicht an. Therese wrd es nicht berleben.
                                                                     Deine Manon

                                                              Berlin, 18. Januar

Mein lieber Leo! Gott sei Dank. Nun kann noch alles gut werden. Du glaubst
nicht, wie erlst ich mich fhle, da dieses Wetter an uns allen und nicht zum
wenigsten an Dir selber vorbergegangen ist. Du lachst mich aus ber meine
Besorgnisse, neckst mich und stellst die Frage, was denn, wenn's nun wirklich
sich so gestaltet htte, was denn fr ein Unterschied gewesen wre zwischen den
so verpnten Blumenthals und den mit so vielem Empressement empfohlenen
Bartensteins. Ja, Du fgst hinzu, Blumenthal fhre seit Jahr und Tag den
Kommerzienratstitel und solche Staatsapprobation durch eine doch immerhin
christliche Behrde sei zwar nicht die Taufe selbst, aber doch nahe daran, und
so sei denn Haus Blumenthal dem Hause Bartenstein eigentlich um einen Pas
voraus. Ach, lieber Leo, das klingt ganz gut, und als einen Scherz will ich es
gelten lassen, aber in Wahrheit liegt es doch anders. Bei Bartensteins war der
Kronprinz, Bartenstein ist rumnischer Generalkonsul, was hher steht als
Kommerzienrat, und bei Bartensteins waren Droysen und Mommsen (ja, einmal, kurz
vor seinem Hinscheiden, auch Leopold von Ranke), und sie haben in ihrer Galerie
mehrere Bilder von Menzel, ich glaube einen Hofball und eine Skizze zum
Krnungsbild. Ja, lieber Leo, wer hat das? In einem Damenkomitee fr das
Magdalenum sitzt Frau Melanie, das ist der Vorname der Frau Bartenstein, seit
einer Reihe von Jahren, Dryander zeichnet sie bei jeder erdenklichen Gelegenheit
aus... Und dann Esther und Flora selbst! Es ist ein Unterschied, mu ein
Unterschied sein. Ich beschwre Dich: berlege - vor allem aber - und das ist
das, was ich Dir nicht genug ans Herz legen kann -, vor allem wiege Dich nicht
in der eitlen Vorstellung, da man hier, blo weil ich es im stillen so sehr,
sehr wnsche, da man hier etwa bang und sehnlichst auf Dich wartete. Die
Wnsche beider Eltern, auch Floras selbst, gehen unzweifelhaft nach der
Adelsseite hin, aber doch sehr mit Auswahl, und wenn beispielsweise bei Frau
Melanie - die sich ihrer und ihres Hauses Vorzge sehr wohl bewut ist - die
Entscheidung lge, so wei ich ganz bestimmt, da sie's unter einem Arnim oder
Blow nicht gern tun wurde. Und nun berechne danach die Chancen der Poggenpuhls!
Sie sind, trotz Therese, nicht eben berwltigend, und Deine persnliche
Liebenswrdigkeit wrde schlielich doch viel, viel mehr den Ausschlag zu geben
haben als das Ma unsrer historischen Berhmtheit. Demungeachtet ist auch diese
ein durchaus in Rechnung zu stellender Faktor, ganz besonders Flora gegenber,
die, im Gegensatz zu beiden Eltern, einen ausgesprochen romantischen Sinn hat
und mir erst vorgestern wieder versicherte, da ihr, als sie neulich in Potsdam
die Grenadiermtzen vom 1. Garderegiment gesehen htte, die Trnen in die Augen
gekommen seien. - Alles in allem, Leo, Du hast noch keine volle Vorstellung
davon, um was und um wieviel Du wirbst und da es, trotz meiner guten und, ich
kann wohl sagen, intimsten Beziehungen, immer noch Mhen und Anstrengungen
kosten wird, die Braut heimzufhren. Weise also nicht hochmtig das, was ich Dir
noch vorzuschlagen haben werde, zurck, ein Leichtsinn, gegen den ich Dich durch
Deinen guten Verstand und Deine schlechte Finanzlage gleichmig geschtzt
glaube.
    ... Aber da kommt eben Flora, um mich zum shopping (sie whlt gern
englische Wendungen) abzuholen, und ich mu hier abbrechen, ohne mich ber
meinen Plan: eine Familiengeschichte der Poggenpuhls, hre und staune, durch
Dich geschrieben zu sehen, nher ausgesprochen zu haben. Nur noch soviel:
Wendelin mu das Beste dabei tun und hinterher natrlich Onkel Eberhard.
berleg's. Vor allem aber Mut und Schweigen. Flora wei nichts, ahnt nichts. Wie
immer
                                                                     Deine Manon

Umgehend antwortete Leo.

                                                               Thorn, 19. Januar

Meine liebe Manon! Ich fhle mich wie beschmt durch Deine Liebe und Frsorge.
Ein vorzglicher Plan, geradezu groartig. Aber, aber... Und ach, dies Aber lt
mich Dir in ziemlich schwermtiger Verfassung antworten. Wendelin, der es doch
schlielich machen mte, will nicht. Er findet es einfach ridikl. Und warum?
Weil, seiner aufrichtigen Meinung nach, das Poggenpuhlsche nicht mit den
Kreuzzgen, sondern einfach mit Wendelin von Poggenpuhl anfngt. Was seit
hundert Jahren unter dem Hochkircher und dem Sohrschen geschah, war
Alltagsarbeit; in Front stehen und Hurra schreien bedeutet ihm nicht viel, er
ist fr strategische Gedanken. Jedenfalls denkt er mehr an sich als an die
Familie. Er hilft mir zwar regelmig und ist in vielen Stcken eine glnzende
Nummer, aber es mu immer was sein, was ihm zugleich in aller Augen zu Vorteil
und Ehre gereicht; wenn es ihm so vorkommt, da er persnlich damit bei hohen
Vorgesetzten anstoen oder wohl gar in einem fragwrdigen Lichte dastehen
knnte, so ist es mit allem Familiengefhl und aller Bereitwilligkeit rasch
vorbei. Er heit Poggenpuhl, aber er ist keiner, oder doch ganz auf seine Weise,
die von der unsrigen sehr abweicht. Darber aber kein Wort zu Mama; die ist
imstande und schreibt es ihm, und dann bin ich an den Pranger gestellt. Ich bin
ohnehin schon immer verlegen, wenn er bei mir in die Stube tritt. Er hat so 'n
verdammt superiores Lcheln, und ich mu mich ducken. berhaupt - und das ist
das Fatale der ganzen Karriere -, man mu sich immer ducken. Aber statt dieser
Confessions lieber zurck zur Hauptsache, zu der zu schreibenden
Ruhmesbroschre. Wendelin, wie gesagt, will nicht, und ich selber kann nicht,
kann nicht und wenn sich's darum handelte, die Knigin von Madagaskar als Braut
heimzufhren. Ach, Manon! ... ber Madagaskar fern im Osten seh ich Frhlicht
glnzen - ja, dahin mu ich, damit endet's, damit mu es enden! Denn ich werde
Flora nie mein nennen (so drcken sich manche aus), wenn die
Familiengeschichte durchaus geschrieben werden mu. Und daneben, und das ist das
Schlimmste, weil zugleich das Beschmendste, daneben hab ich die Leidenschaft
Esthers fr mich stark berschtzt. Oder vielleicht auch, da mir ber Nacht ein
Rival, ein bevorzugter Mitbewerber erstanden. In diesem Falle wrde ich Esther
hassen mssen. Und um mit nichts zurckzuhalten, ach, Manon, auch von dem
Quitzowabend, der sich so glnzend anlie oder wenigstens so glnzend abschlo,
ist seit einer Woche so gut wie nichts mehr da. Trauriges Dasein und drauen
Tauwetter. Ich knnte den Hamletmonolog deklamieren, aber ich whle das Krzere:
Nymphe, bete fr mich. Es wird wohl falsch zitiert sein; die meisten Zitate
sind falsch.
                                                                        Dein Leo

                                Zwlftes Kapitel


Diese Korrespondenz zwischen den zwei jngeren Geschwistern setzte sich bis in
den Februar hinein fort, wenig zur Freude Theresens, die gelegentlich einen von
Leos Briefen las und es jedesmal beklagte, da sich das Poggenpuhlsche so weit
verirren knne, wobei sie brigens der Schwester die Hauptschuld zuma. Meiner
Meinung nach, so hie es regelmig, wenn dies Thema zur Sprache kam, ist der
ganze Briefwechsel berhaupt berflssig; wenn er aber stattfinden soll, so
mcht ich wohl, da er einen andern Inhalt htte. Du wirst ihn noch ganz zu dir
hinberziehen, in jene gesellschaftliche Sphre, darin du dich leider wohl und
immer wohler fhlst. Du willst nicht einsehen, da die Welt, die du leichtfertig
und hochmtig, und blo um dich zu mokieren, als die christlich-germanische
bezeichnest, da diese Welt mehr bedeutet als ein halbes Dutzend Gersons - denn
so viele werden es doch wohl nachgerade sein. Es kommt auf das innerliche Leben
an, nicht auf das uerliche: die pfel mit der schnen Schale sind meist
wurmstichig.
    Und die grauen Reinetten berdauern den ganzen Winter.
    Therese zuckte die Achseln und brach ab, nahm auch nicht Veranlassung,
darauf zurckzukommen, und zwar um so weniger, als sich das, was ihr die Mama in
dieser Streitsache begtigend gesagt hatte, sehr bald erfllen sollte. La doch
die beiden, so etwa waren die Worte der Majorin bei jener Gelegenheit gewesen,
du solltest doch Leo kennen und wissen, wie wenig das alles auf sich hat. Heute
will er das und morgen das. Ehe drei Wochen um sind, hrt die Schreiberei
zwischen ihnen von selbst auf. Und so kam es auch. Leo schlo sich, noch ehe
der Januar zu Ende ging, einem katholischen Geistlichen an, der Dogmenstrenge
mit Skat und Fidelitt glcklich zu vereinigen wute, welche neue Bekanntschaft
denn auch sofort verhngnisvoll fr die weitere Errterung der Esther- und
Flora-Frage wurde. Sie starb sehr bald ab.
    Ja, die Korrespondenz nach Thorn hin erlosch rasch, aber die zwischen Sophie
und Manon setzte sich fort, und keine Woche verging, ohne da ein Brief aus
Adamsdorf eingetroffen wre, meistens gleichzeitig mit einer sorglich gepackten
Kiste, deren Eintreffen Friederike, wenn sie sie ffnete, jedesmal mit derselben
Rede begleitete: Wieder frische Eier und alle eingewickelt und in Hcksel. Ja,
das la ich mir gefallen, gnd'ge Frau. Denn erstens kriegt man keine frischen,
wenn es auch draufsteht, und zweitens sind Eier doch immer besser, als was eben
erst geschlachtet is. Ente geht noch, weil Ente fett ist; aber schon bei Hhnern
fngt es an, und ist es gar Kalb, dann hat es immer einen Stich... Un ich werde
auch gleich eins kochen, gnd'ge Frau; Sie mssen sich auch mal was gnnen. Es
ist wahr, Sie haben ja die Bonbons, aber das gibt keine Kraft un is blo von
wegen den Husten.
    Sophiens Briefe teilten sich, der Zeit nach, in solche, die sich mit ihrer
fortschreitenden Genesung und, als diese schlielich da war, mit ihrer
malerischen Ttigkeit beschftigten. Diese Briefe zu lesen war immer ein
Vergngen, und einzelne davon nahm Manon sogar mit zu Bartensteins, um sie da
zum besten zu geben, aber freilich meist nur, wenn der Alte zugegen war, der so
was gern hrte, whrend die Damen eigentlich nur aus Artigkeit folgten. Flora
(vielleicht weil sie wegen eines geplanten Ausfluges nach Olympia gerade
Neugriechisch lernte) hatte eine Neigung, alles unbedeutend zu finden, was
Manon, so verliebt sie in die Freundin war, doch bestimmte, mit ihren
Mitteilungen schlielich etwas zurckhaltender zu sein.
    In einem dieser Briefe hie es: Ich bin jetzt bei der Sndflut, die ja,
wenn man will, auch ins Landschaftliche fllt. Wasser ist doch auch Gegend, und
Gegend ist Landschaft. Und was denkt Ihr nun wohl, wie meine Sndflut aussieht?
Ganz anders wie andre, was ich, ohne unbescheiden zu sein, sagen darf, weil die
Idee nicht von mir, sondern von Onkel Eberhard herrhrt. Und auch eigentlich
nicht von ihm, wie Ihr gleich hren werdet. Als ich mich nmlich vorige Woche
beim Tee dahin uerte, da ich jetzt an die Sndflut herangehen wolle, sagte
der Onkel: Ja, Fiechen, wie denkst du dir das nun eigentlich? Oder richtiger,
ich will es gar nicht wissen, ich will dir lieber gleich sagen, wie ich es mir
denke und wie ich es mir wnsche. Als ich noch in Berlin bei Alexander stand,
war ich mal auf Besuch in einer benachbarten Dorfkirche, drin viele Bilder
waren, auch eine Sndflut. Und aus der Sndflut ragte nicht blo, wie
gewhnlich, der Berg Ararat mit der Arche hervor, nein, neben dem Ararat befand
sich auch noch in geringer Entfernung ein zweiter Berg, und auf diesem zweiten
Berge stand eine Kirche. Und diese Kirche war genau die kleine mrkische
Dorfkirche mit einem Laternenturm und sogar einem Blitzableiter, in der wir uns
in jenem Augenblick gerade befanden. Und das hat damals einen so groen Eindruck
auf mich gemacht, da ich dich bitten mchte, du machtest es auch so und lieest
auch zwei Kuppen aufsteigen und auf der zweiten Kuppe stnde die Kirche von
Adamsdorf. Das heit die protestantische. Wenn sich die Katholiken darber
rgern, knnen sie sich ja ihre Kirche auch malen lassen. Ich stehe zu Martin
Luther und der reinen Lehre. Darin, denke ich, bin ich ein fester Poggenpuhl.
Ich erschrak erst, als der Onkel das sagte, weil ich es mir alles anders gedacht
hatte, da's aber kein Entrinnen gab, so gab ich mich zufrieden, und jetzt, wo's
beinahe fertig ist, hab ich mich in die Idee ganz verliebt. So kindlich es mir
anfnglich vorkam und auch noch vorkommt, so hat es doch zugleich eine tiefe
Bedeutung; als die alte Sndenwelt unterging und die neue bessere, sich
aufbaute, war das erste, was neu erschien (denn die Tiere waren ja noch aus der
alten Welt), die Kirche jenes kleinen mrkischen Dorfes und jetzt also die von
Adamsdorf. Es war, als ob Gott sie gleich dahin gestellt habe. Natrlich kann
man darber lachen, aber man kann sich auch darber freuen. Und Du, meine liebe
Mama, die Du ja Gott sei Dank aus einem frommen Predigerhause bist, Du wirst es
schn finden und den Onkel Eberhard noch lieber haben als zuvor. Er ist auch
wirklich ein kapitaler Mann. Soviel ber die Idee zu dem Bilde. Und nun wirst Du
Dich nur noch wundern, wo und wie ich, die ich das Meer nie gesehen, die
Vorstellung dazu hergenommen und zu meiner Sndflut verwandt habe. Nun hre.
Vielleicht erinnerst Du Dich noch der Partie, die wir vorigen Herbst mit
Bartensteins machten, alle dritter Klasse, was Bartensteins noch so sehr
amsierte. Dritter Klasse Ringbahn und bis Bahnhof Stralau. Und als wir da hoch
oben ausstiegen, hoch wie der Berg Ararat, da lag der Rummelsburger See mitsamt
der Spree wie eine mchtige Wasserflche vor uns. Dieses Panorama hab ich fr
mein Bild benutzt. Der Bahnhof ist der Ararat, der Rummelsburger See die
Sndflut. Auf strmische Bewegung, weil ich doch sozusagen nur den Schluakt der
Sndflut gemalt habe, glaubte ich, ohne dadurch unkorrekt zu werden, verzichten
zu knnen.

Briefe verwandten Inhalts trafen fter ein, unter denen einer, der Sophies
Untergang von Sodom und Gomorrha beschrieb, des alten Bartenstein ganz
besondern Beifall weckte. Das ist eine Mahnung, hatte er sich damals gegen
Manon geuert ohne brigens anzudeuten, wen er dadurch gemahnt sehen wollte.
    Fiechen lebte sich inzwischen immer mehr ein, und je lnger sie bei den
Verwandten weilte, desto lebhafter wandte sie sich, neben ihren Malereien, auch
den huslichen Angelegenheiten von Schlo Adamsdorf und ganz besonders dem
Charakter der Frau vom Hause zu. Gesprche, die sie, wenn sie gemeinschaftlich
um die groe Parkwiese gingen, mit der Tante fhrte, teilte sie, wenn es pate,
ganz ausfhrlich nach Hause hin mit. Einmal schrieb sie: Wir haben gestern
wieder unsern Spaziergang gemacht, um die groe Wiese herum, in deren Mitte sich
ein Gehege mit ein paar jungen Rehen befindet, reizenden Tiere, die ich auch
noch zu verwenden hoffe. Da mit einmal, ich wei nicht mehr in welchem
Zusammenhange, sagte die Tante: Ja, deine Schwester Therese. Sie wird nicht
recht zufrieden mit mir gewesen sein und mich vielleicht bei euch verklagt
haben, weil ich damals in Pyrmont nicht Lust bezeigte, mich der Frstin von Wied
vorstellen zu lassen, worauf sie bestndig drang, und als ein Korso war, wollte
ich nicht mit in der Reihe fahren und noch weniger die Pferdegeschirre mit
Rosengirlanden ausstaffieren lassen. Es erschien mir alles unpassend, und ich
hab es ihr auch frank und frei gesagt. Therese, wie das so oft geschieht, hat
eine falsche Vorstellung von meiner Vermgenslage, die mal glnzend war, aber es
nicht mehr ist. Es liegt mir daran, dich ber diese Dinge, die ziemlich
kompliziert sind, aufzuklren. Ich bin aus einer einfachen brgerlichen Familie,
die klein und arm anfing und es nachher zu Reichtum brachte. Da heiratete mich
mein erster Mann, der damals nichts besa, und kaufte sich Schlo Adamsdorf,
denselben Besitz, der schon frher einmal, als es aufhrte Kloster zu sein, in
seiner Familie war und dann verlorenging. Er war ein vollkommener Kavalier, und
wir fhrten eine sehr glckliche Ehe, in der brigens, was das Vermgen angeht,
die Rollen sehr bald gewechselt wurden. Mein Geld nmlich ging verloren, und wir
htten Adamsdorf wieder aufgeben mssen, wenn nicht mein Mann durch Todesflle
ganz unerwartet ein ziemlich bedeutendes Vermgen geerbt htte. Das hat uns an
dieser Stelle gehalten. Aber alles, was wir besitzen, ist dadurch wieder
Leysewitzisch geworden und mu den Leysewitzes verbleiben, was dein Onkel auch
von Anfang an gewut hat und guthie. Ich habe das seltene Glck erfahren, in
zwei Ehen zwei gleich treffliche Mnner zur Seite gehabt zu haben. Alles hat
sich zum Guten fr mich gefgt, aber diese glckliche Gestaltung der
Verhltnisse darf ich auch nicht vergessen und mu danach leben. Es liegt so:
Von allem, was du hier siehst, haben wir nur den Niebrauch; Schlo, Gut,
Vermgen, alles fllt zurck, und weil es so ist, habe ich haushalten gelernt.
Und du, du bist ein gutes und kluges Kind und kannst mir in allem folgen.
Therese, die, wenn ich Andeutungen der Art machte, kaum mit halbem Ohr hinhrte,
wollte nicht recht daran glauben. Das ist immer so. Was einem nicht pat, das
glaubt man nicht gern.
    Ja, liebe Mama, das war es, was die Tante mich wissen lie. Es wird ganz gut
sein, wenn Therese davon erfhrt. Aber in Deiner Antwort bitte ich Dich, all
dieser Dinge, trotzdem sie mir wahrscheinlich mitgeteilt wurden, um sie Dich
wissen zu lassen, nicht zu erwhnen; ich bin daran gewhnt, Deine und der
Schwestern Briefe beim Frhstck vorzulesen, und eine auf diese meine
Mitteilungen bezgliche Antwortstelle wrde mich nur in Verlegenheit bringen.
    Im brigen hab ich seit vielen Wochen nichts von den Brdern gehrt.
Wendelin, das fllt nicht auf, er schrieb immer nur Pflichtbriefe. Aber Leo?
Mitunter ngstige ich mich doch und denke, sein nchster Brief kommt aus Kamerun
oder Namaqualand. Ehe nicht seine Verhltnisse geordnet sind, kommt er nicht zur
Ruhe. Aber wo soll diese Ordnung herkommen?

Es war Ende Mai, als Sophie diesen Brief schrieb, und sie vermied klugerweise,
das darin behandelte Thema noch einmal zu berhren. Es gengte ihr, da ihr
Brief seine Wirkung getan und das ungerechte Kritteln der lteren Schwester in
eine gerechtere Beurteilung umgewandelt hatte.
    Das stille Leben in Schlo Adamsdorf nahm mittlerweile seinen Fortgang und
erfuhr nur einen Wandel, als der Hochsommer heran war und die Tante, eine
passionierte Schlesierin, allwchentlich einmal auf eine Fahrt ins Gebirge
drang. Abwechselnd fuhr man bis Schreiberhau oder Hermsdorf oder Krummhbel, um
dann von diesen Punkten aus hher ins Gebirge hinaufzusteigen, nach Kirche Wang
oder dem Mittagsstein, oder selbst bis zu den Schneegruben. Sophie skizzierte
irgendeine Szenerie fr ihre alttestamentlichen Bilder und sagte dabei: Das ist
Abrahams Grab, das ist der Sinai, das ist der Bach Kidron. Ihr grtes
Vergngen aber war immer, wenn auf dem Heimwege, da, wo man das Fuhrwerk
zurckgelassen hatte, noch einmal Rast gemacht und das Tun und Treiben der
Berliner Sommerfrischler beobachtet wurde. Das gab dann jedesmal
Heiterkeitsstoff fr die Rckfahrt, und Onkel Eberhard wurde nicht mde zu
versichern: Ja, diese Berliner, man mag sie nun lieben oder hassen, amsant
sind sie, und ihnen so zuzusehen ist immer wie ein Schauspiel. Eigentlich ist es
auch wirklich so was; denn sie kucken sich immer um, ob sie auch wohl ein
Publikum haben, vor dem sich's verlohnt, den Vorhang aufzuziehen.
    An den Bildern fr die Kirche wurde den ganzen Sommer ber fleiig
weitergearbeitet. Ende August war Sophie schon bei Saul in der Hhle (die
Hhle dazu hatte sie dicht bei den Krbersteinen entdeckt), und Saul selbst war
halb Onkel Eberhard, halb der Kretschamwirt, der einen Vollbart trug und einen
bsen Blick hatte. David aber war der Assessor. Onkel Eberhard freute sich
aufrichtig am Fortschreiten der Arbeit und versicherte jeden Tag, da er nie
geglaubt htte, von einer solchen Sache soviel Freude haben zu knnen. Er erging
sich dann auch in wohlgemeinten uerungen ber Knstlerleben berhaupt und nahm
alles zurck, was er in seinen frheren Jahren darber gesagt hatte. Man kann
darber lachen, aber es ist doch immer eine kleine Schpfung. Und schaffen macht
Freude. Wenigstens kann ich mir nicht denken, da Gott die Welt aus
Verdrielichkeit geschaffen hat.
    Mancher sieht doch so aus, Onkel.
    Ja, Fiechen, da hast du recht. Mancher sieht so aus. Aber was kommt nicht
alles vor! Und das einzelne beweist nichts. Das ist ein fataler Zug letzt bei
den Menschen, da sie den Ausnahmefall zur Regel machen wollen. Und wenn sie
sich dabei nur was Hbsches aussuchten! Aber nein, was recht Hliches mu es
sein. 's war freilich vor dreiig Jahren auch nicht viel besser. Ich hab es noch
erlebt, wie das mit den Affen aufkam und da irgendein Orang-Utang unser
Grovater sein sollte. Da httest du sehen sollen, wie sie sich alle freuten.
Als wir noch von Gott abstammten, da war eigentlich gar nichts los mit uns, aber
als das mit dem Affen Mode wurde, da tanzten sie wie vor der Bundeslade.
    Das war gerade am zweiten September, da Onkel Eberhard und Sophie dies
Gesprch hatten, oben in der Giebelstube, die die Adamsdorfer Herrschaften ihrer
Nichte zum Atelier eingerichtet hatten. Eine Stunde spter fuhr der Onkel nach
Hirschberg, wo der Sedantag wie herkmmlich festlich begangen werden sollte.
Natrlich auch durch eine Rede auf Kaiser Wilhelm. Und diese Rede, wie nicht
minder selbstverstndlich, hatte der alte General von Poggenpuhl zu halten, dem
dabei schlechter zumute war als bei St. Privat im allerverflixtesten Moment.
Sonst, wenn er die schne Fahrt durchs Tal machte, lachten ihn die Felder in
ihrem Segen an, aber heute sah er nicht, wie der Hafer stand, er sah ihn
berhaupt nicht, sondern memorierte in einem fort und sagte sich in wachsender
Unruhe: Jetzt ist es eins. Noch drei Stunden, dann fngt mein Leben erst wieder
an und vielleicht auch mein Appetit. Bis dahin ist es nichts. Er hatte denn
auch Kopfweh, ein leises Ticken an zwei Stellen, das sich bei der bestndig
wiederkehrenden Frage: Wenn ich nun steckenbleibe? natrlich noch steigerte.
Zuletzt aber fand er sich auch darin zurecht oder resignierte sich wenigstens.
Und wenn ich nun wirklich steckenbleibe, was ist es denn am Ende? Zu meiner
Zeit konnte berhaupt keiner reden, und das wissen die Vernnftigen auch.
Auerdem hab ich die Einleitung ganz intus, und wenn ich merke, da ich mich zu
verwickeln anfange, so sag ich blo: ... Und so mcht ich Sie denn fragen, Sie
alle, die Sie hier versammelt sind, sind wir Preuen? Ich bin Ihrer Antwort
sicher. Und in diesem Sinne fordre ich Sie auf... Und dann das Hoch.
    All das gab ihm seine Haltung einigermaen wieder, aber er blieb trotzdem in
einem gewissen Fieber, und dies hielt auch noch an, als der schreckliche Moment
bereits vorber war. Vielleicht lag es auch daran, da er gleich nach seinem
Hoch ein groes Glas herben Ungar heruntergestrzt hatte. Nach dem Kaffee
berfiel ihn ein Schwindel. Es ging aber wieder vorber, und in bester Laune
brach er schlielich auf. Die Sterne funkelten; es war schon herbstlich frisch,
und er frstelte. Hre, Johann, sagte er, hast du nicht eine Zudecke?
    Nein, Herr General; ich werde aber meinen Mantel ausziehen.
    Aber da kam er schn an. Unsinn, Menschen Rock vom Leibe ziehen; ich, ein
Poggenpuhl. Und in solchen Ausrufungen sprach er noch eine Weile weiter.
    Es war ein Uhr, als er in die Dorfgasse einfuhr. Im Schlosse war noch ein
alter Diener auf, ebenso Sophie. Die sah schon auf dem Flur, wie verndert er
war. Onkel, du frierst so, soll ich noch einen Tee machen oder eine Strze?
    Unsinn. General Poggenpuhl ...
    Es klang so sonderbar, und Johann sagte zu Sophie: Gott, Frulein, so sagt
er schon immerzu. Ich glaube, er ist sehr krank.

Er war sehr krank. Doktor Nitsche, der am andern Morgen gerufen wurde, bemerkte
zu der Tante: Gndige Frau, wir mssen nasse Tcher aufhngen und ein mattes
Licht und vollkommene Ruhe; zu Sophie aber sagte er: Typhus, mein gndiges
Frulein.
    Wird er wieder?
    Er zuckte die Achseln.

                              Dreizehntes Kapitel


Die Befrchtungen erfllten sich schnell. Sophie, die trotz Widerspruch des
Arztes die Pflege leitete, schrieb jeden Abend eine Karte nach Haus, in der sie
- schon der Tante halber, die die Zeilen vielleicht lesen mochte - zunchst
immer nur betonte, da noch keine Gefahr sei. Sie war aber nur zu sehr da, und
den siebenten Tag nach Beginn der Krankheit traf ein Brief bei der Mama ein, der
dahin lautete:
    Heute mittag ist Onkel Eberhard gestorben; whrend der Nacht war er noch in
groer Unruhe, dann fiel er im Laufe des Vormittags in einen apathischen
Zustand, und kurz vor zwlf ist er eingeschlafen. Von Anfang an war wenig
Hoffnung, weniger, als ich Dir aussprechen mochte. Ich habe viel an ihm
verloren, aber nicht ich nur; wir werden ihn alle sehr vermissen, vielleicht
Wendelin ausgenommen, der seinen Weg auch so macht. ber manches, was diese Tage
mich sonst noch erleben lieen, mndlich ausfhrlicher. Ich freue mich, Euch
alle wiederzusehen, vor allem Dich, meine liebe gute Mama. Da Ihr kommt, nehme
ich als sicher an. Die Tante wnscht es dringend, und ich glaube, wir mssen
ihre Wnsche respektieren. Erst aus Klugheit und dann, weil sie's so sehr
verdient. Das Beigeschlossene bittet sie freundlichst aus ihrer Hand annehmen zu
wollen und hofft, da es ausreichen werde, die Reise sowie alles brige zu
bestreiten. Was ich brauche, wird aus Breslau kommen. Ihr werdet am besten
bermorgen abend abreisen. Dann seid Ihr am zwlften in aller Frhe hier. In der
Mittagsstunde soll die Beisetzung erfolgen.
                                                                   Deine Sophie

Die Gefhlsbewegung, als Manon diesen Brief vorgelesen hatte, war bei den drei
Damen eine nicht geringe, bewegte sich aber doch nach sehr verschiedenen Seiten
hin. Die Mutter hing ganz einer herzlichen Trauer nach, die noch reiner gewesen
wre, wenn sich nicht manche bange Zukunftssorge mit eingemischt htte; Manon,
trotz aller Verehrung und Liebe fr den Onkel, empfand es schmerzlich, einer
gerade fr den zwlften bei Bartensteins angesetzten Soiree nicht beiwohnen zu
knnen, whrend sich Therese nur von einer Vorstellung beherrscht fhlte: von
dem Gedanken an das ihr lediglich als eine Haupt- und Staatsaktion erscheinende
Begrbnis. Sie sah sich nicht nur bereits in der vordersten Reihe der
Leidtragenden, sondern lebte auch ganz dem Hochgefhle, da die Reprsentation
der Poggenpuhlschen Familie - die beiden alten Damen, als nur angeheiratete,
zhlten kaum mit - einzig und allein auf ihr beruhe. Dies Hochgefhl sah sich
allerdings durch den dem Briefe beigelegten Tausendmarkschein auf Augenblicke
beeintrchtigt, aber die Vorzge lagen andrerseits auch wieder so klar zutage,
da das Bedrckliche schnell hinschwand, besonders nachdem man sich
untereinander dahin geeinigt hatte, da Therese in die Stadt fahren und dort die
Trauergarderobe besorgen solle. Nchst dem Begrbnis selbst erschien allen
dieser Besuch in einem Trauermagazin als der bedeutungsvollste Moment, und die
Miene, mit der sich die ltere Schwester zu dieser Fahrt anschickte, hatte etwas
so ausgesprochen Distinguiertes, da selbst Manon davon berhrt und zu einer Art
Huldigung hingerissen wurde.
    Dieses Gefhl machte freilich rasch einer entgegengesetzten Empfindung
Platz, als Therese von ihrer Fahrt zurckkehrte. Die Kleider, so berichtete sie,
wrden bis morgen frh geliefert werden, kleine nderungen seien leicht zu
bewerkstelligen; alles andre aber habe sie gleich erstanden und in einem groen
Karton mitgebracht. Es waren dies Krepphte, lange schwarze Schleier und drei
Trauerhauben mit einer tiefen Stirnschnebbe.
    Gehst du davon aus, sagte Manon, da wir diese Hauben mit Schnebbe
wirklich tragen sollen?
    Eine sonderbare Frage.
    Das heit also ja?
    Therese nickte.
    Nun, dann erlaube mir, dir zu sagen, da ich mich davon ausschlieen
werde.
    Das wirst du nicht. An solchem Tage wenigstens wirst du dich auf das
besinnen, was du deinem Namen schuldig bist.
    Ich wei, was ich meinem Namen schuldig bin.
    Und das wre?
    Wenn es sein kann, nicht ins Ridikle zu fallen.
    Was in deinen Augen worin besteht?
    ... Uns  tout prix als Kniginwitwe herauszustaffieren. Wir sind einfach
die Nichten eines alten Generals.
    Des Generals von Poggenpuhl. Ich wenigstens stehe in der alten guten
Tradition.
    Aber nicht in der des guten Geschmacks.
    Man erhitzte sich immer mehr; zuletzt sollte die Mama entscheiden. Diese
lehnte das aber ab. Ich bin nicht bewandert genug in derlei Fragen und wei
nicht, ob es pat oder ob es zuviel ist. Ich denke mir, wir nehmen die Kartons
mit und richten uns nach dem Ausspruch der Tante.
    Dies fand Zustimmung, und als am andern Morgen die gleich wie angegossen
sitzenden Kleider erschienen, wurde vor dem langen schmalen Spiegel, in dem man
sich gemustert und gegenseitig befriedigend gefunden hatte, der schwesterliche
Friede neu besiegelt.
    Er war doch ein herrlicher Mann, sagte Manon.
    Das war er, und sein Andenken sei gesegnet. Aus meinem Herzen kann sein
Bild nie wieder schwinden.

Um zehn Uhr ging der Nachtzug, vom Friedrichsstraenbahnhof aus, ab. Schon vor
neun stand man in voller Reisetoilette da, bei der Manon, die sehr gut aussah,
auf einen zufllig vorhandenen Krimstecher nur ungern verzichtet hatte. Sie
sagte sich aber, da es stillos sein wrde (stillos war eine Lieblingswendung
Floras), und als sie dies erlsende Wort gefunden hatte, wurde ihr der Verzicht
auch leichter. Friederike befand sich mit im Vorzimmer, um zu helfen, wenn die
Mntel umgenommen werden sollten; es war aber immer noch viel zu frh, und man
kam in Verlegenheit, wie die Zeit hinzubringen sei. Das benutzte die Majorin, um
noch eindringlich eine Rede zu halten.
    Ich kann dir nur sagen, Friederike, sei vorsichtig und denke daran, was
alles vorkommt. Erst gestern stand wieder was drin.
    Ich wei ja, gnd'ge Frau. Aber man is doch auch kein Kind mehr.
    Und wenn es klingelt, mache nicht gleich auf und schiebe dir lieber erst
eine Fubank ran, da du durchs Oberfenster sehen kannst, wer eigentlich drauen
ist...
    Ja, gnd'ge Frau.
    Und wenn du aufmachst, immer noch die Kette vor und immer blo durch die
Ritze... Neulich ist erst wieder eine Witwe totgemacht worden, und wenn du
gleich alles aufreit, kann es dir auch passieren, oder sie streuen dir
Schnupftabak in die Augen, oder sie haben auch einen Knebel, und du kannst nicht
mal schreien. Und dann rauben sie alles aus...
    Ach Gott, gnd'ge Frau, die wissen ja immer gut Bescheid, hier kommen sie
nicht.
    Sage das nicht. Die denken auch, wer das Kleine nicht ehrt, ist des Groen
nicht wert. Immer besser bewahrt als beklagt!
    Friederike versprach alles, und nun trennte man sich.
    Eine Droschke - die Portierfrau hatte sich dazu verstanden, eine von der
Ecke her herbeizuholen - hielt schon vor der Tr, und nach nochmaligem Abschied
von Friederike ging es auf die Potsdamer Strae zu.

Morgens gleich nach fnf kam der Zug in Schmiedeberg an, von dem aus es nur eine
kleine Stunde bis Adamsdorf war. Johann hielt in einem offenen Wagen am
Bahnhofe; der groe Koffer kam nach vorn, die alte Majorin in den Fond, ebenso
Therese; Manon dagegen sa auf dem Rcksitz und freute sich ber das
Landschaftsbild. Die Sonne war noch nicht auf, die Berge ringsum aber rteten
sich schon, und dazu ging eine frische Luft. Alles versprach einen schnen
Herbsttag.
    Auch Therese war ganz hingenommen davon, und als die Berglinien immer
schrfer und klarer hervortraten, deutete sie darauf hin und sagte, sich von
ihrem Sitz erhebend: Das also ist das Riesengebirge?
    Johann, an den sich diese Frage richtete, fand sich in dem ungewohnten Worte
nicht gleich zurecht und sagte deshalb: Ja, da links, das ist die Koppe.
    Die Schneekoppe?
    Ja, die Koppe.
    Manon amsierte sich, da der Kutscher auf das Bildungsdeutsch ihrer lteren
Schwester nicht recht eingehen wollte, whrend Therese selbst ihrer
Lieblingsvorstellung von der Volkbeschrnkung behaglich nachhing.
    Es war gerade sechs, als der Wagen vor Schlo Adamsdorf hielt. Ein Diener
half den Damen beim Aussteigen, und gleich nach ihm erschien Sophie, die
sichtlich erfreut war, alle drei wiederzusehen, Therese mit eingeschlossen,
trotzdem diese sich etwas reserviert zeigte. Sie fand nmlich den Empfang anders
als erwartet und vermite namentlich die Tante.
    Wo ist die Tante? fragte sie. Doch nicht krank?
    Nein, nicht krank, erwiderte Sophie, die sofort erriet, was in Theresens
Seele vorging. Die letzten Tage waren so schwere Tage. Da will sie sich
ausruhen, solange es irgend geht. Sie hat mich gebeten, sie zu entschuldigen.
    Arme Verwandte, sagte Therese mit halblauter Stimme vor sich hin.
    Danach stiegen alle die breite Treppe hinauf in den ersten Stock, wo zwei
Fremdenzimmer hergerichtet waren, ein groes und ein kleines, beide
nebeneinander und die Zwischentr auf, nur durch eine schwere Portiere
geschlossen. In dem groen Zimmer sollte die Mama mit Manon schlafen, in dem
kleineren Therese. Die Auszeichnung, die darin lag, shnte diese halb wieder
aus.
    Und nun knnt ihr euch, sagte Sophie, noch volle zwei Stunden ausruhen.
Oder soll ich euch gleich ein Frhstck aufs Zimmer schicken, und ihr geht dann
im Park spazieren, bis die Tante kommt? Es ist am schnsten des Morgens.
    Manon und die Mama schienen auch wirklich zu schwanken, namentlich erstere,
die von Morgenspaziergngen im Park eine hohe Vorstellung hatte. Therese hielt
es aber fr unklug, diese Dinge zu sehr zu betonen und zu tun, als ob man
dergleichen noch nie gesehen habe; die Gter in Pommern, die sie kannte, hatten
doch schlielich auch ihre Paris, und so sagte sie denn, es wurde wohl das beste
sein, dem Beispiel der Tante zu folgen und fr das, was der Tag noch alles
bringen msse, nach Mglichkeit Krfte zu sammeln.

                              Vierzehntes Kapitel


Um halb neun erschienen die Damen unten in der groen Halle, darin ein Feuer
brannte, trotzdem die Luft drauen beinahe sommerlich war. Die Tante begrte
die Verwandtschaft herzlich und zugleich mit einem so vornehmen Anstand, da
Therese ziemlich verwundert war. Damals, in Pyrmont, hatte die Generalin einen
sehr brgerlichen Eindruck auf sie gemacht, woraus alle
Meinungsverschiedenheiten und kleinen Hkeleien entstanden waren. Und jetzt nun
so ganz anders. War es das Gefhl, hier in Adamsdorf auf der eigenen Scholle zu
sein? Oder war es einfach der Schmerz, der sie geadelt hatte? Sie entschied sich
fr den Schmerz.
    Ihr Beisammensein beim Frhstck whrte nicht lange; waren doch nur noch
wenige Stunden bis zum Begrbnis, und der Adel aus der Nachbarschaft erschien
sehr wahrscheinlich um ein gut Teil frher. Die Mama fragte, ob sie den Schwager
noch einmal sehen knne, was verneint wurde; der Sarg sei schon geschlossen.
Manon und Therese drckten ihre Trauer darber aus, waren aber eigentlich froh
und fanden Trost in der Wendung, er lebt so in einem lichteren Bilde in uns
fort.
    Schon um zehn fllte sich der Platz vor dem Schlo mit Leuten aus dem Dorf;
die Alten, Mnner wie Frauen, waren ernst und bewegt, denn sie hatten den
General geliebt und verehrt, das junge Volk aber war mehr oder weniger in
Kirmesstimmung und kicherte sich sehr Irdisches ins Ohr. Um elf kamen die
Equipagen, eine halbe Stunde spter die beiden Geistlichen aus dem Dorf (auch
der katholische), und um zwlf setzte sich der Zug unter Gesang in Bewegung, bis
in die Kirche. Hier sprach der Geistliche; nach ihm, in privater Eigenschaft,
auch der alte katholische Pfarrer, der nur dem Dank fr die schne
Gerechtigkeit Worte leihen wolle, die den verehrten Toten ausgezeichnet habe -
danach noch die Einsegnung, und der Sarg senkte sich in die Kirchengruft.
Therese hatte ein schmerzliches Gefhl, da ein Poggenpuhl ausersehen sei, so
zwischen den Srgen einer fremden Familie zu liegen, und ihre Haltung, die durch
Ernst auffiel, gab diesem Gefhle Ausdruck. Einige billigten es; andre aber -
Schlesische von Adel - fanden es etwas albern und flsterten sich zu:
Pommerscher Junkerhochmut. Denn die Schlesier haben keine Junker. Oder
wenigstens keine ganz echten.
    Alle waren brigens mit der Feier zufrieden, einen Kirchenltesten
ausgenommen, der nicht darber weg konnte, da auch der alte Katholsche
gesprochen habe. Das ginge nicht. Wenn man das einreien lasse, so setze man
sich in die Nesseln und die Simonie sei fertig. Was er darunter eigentlich
verstand, konnte nicht aufgeklrt werden.

Gleich nach der Feier in der Kirche wurde ein Imbi genommen, Mittagstafel fiel
aus, und als die Gste wieder fort waren, zogen sich die beiden alten Damen, die
Generalin und die Majorin, in ihre Zimmer zurck. Sie bedurften der Ruhe,
wollten allein sein. Sophie hatte noch in der Wirtschaft zu tun, und so blieben
nur Manon und Therese, die sich alsbald zu einem Spaziergange an dem von einem
Wsserchen umzogenen Auenrande des Parkes hin entschlossen. Es mochte gegen
vier Uhr sein, die Sonne neigte sich schon und schien durch hohe Silberpappeln.
Kein Lftchen ging, alles still, nur von einer benachbarten Schmiede her hrte
man ein Hmmern und Pinken und ganz zuletzt, als man weiter und schon bis in die
Nhe der Felder gekommen war, auch das Dengeln der Sense; weie Birkenbrcken
fhrten ber das Wsserchen hinber, und an einzelnen Stellen machte der
Laubengang kleine Nischen und Buchtungen, in denen Bnke standen. Die Vgel
sangen nicht mehr, aber ein Eichhrnchen sprang ber den Weg. Therese gab ihre
kritische Laune ganz auf und fand sich gemigt, anerkennende uerungen ber
den schlesischen Adel einzustreuen. Es ist alles reicher hier, sagte sie, man
fhlt es den Dingen ab, da niemand ans Sparen dachte. Bei uns denkt man immer
daran, auch die, die's nicht ntig haben. Sieh diese Bank. Alles Granit und mit
Sandstein eingefat. Bei uns wre sie von Holz.
    Manon fand es eigentlich auch. Aber die Hauptunterhaltungsform zwischen den
Poggenpuhlschen Schwestern war die, da eine der andern widersprach. Und so
sagte sie denn: Du kannst nie Ma halten, Therese. Wie wir ankamen, mifiel dir
alles, und nun findest du wieder alles schn und reich und uns berlegen. Ich
kann es nicht finden; ich finde den Tiergarten viel schner.
    Wie du nur so was sagen kannst, und alles blo aus Widerspruch. Der
Tiergarten, nun meinetwegen, der kann passieren; aber er ist doch etwas
ffentliches, und was ffentlich ist, ist immer gewhnlich. Und vieles, was man
im Tiergarten sieht, ist geradezu zynisch.
    Zynisch?
    Ja. Man sieht Statuen und Reliefs, die das Zynische rcksichtslos
herauskehren. Ich whle diesen Ausdruck absichtlich. Es ist das eben die
Vorliebe fr das Natrliche, das die moderne Kunst als ihr gutes Recht ansieht;
ich glaube aber umgekehrt, da die Kunst verhllen soll. Indessen dies alles mag
auf sich beruhen, ich will davon nicht sprechen; als ich vorhin mit Vorbedacht
das Wort zynisch gebrauchte, dachte ich vielmehr an die lebendigen Bilder und
Szenen, an die Menschen also, die man dort findet. Auf jeder Bank sitzt ein Paar
und verletzt durch seine Haltung. Und wenn man endlich wo Platz nehmen will, an
einer Stelle, wo sich zufllig kein Paar befindet, so kann man es auch nicht,
weil man nie wei, wer vorher da gesessen hat. Gerade im Tiergarten soll es so
furchtbare Menschen geben.
    Ich setze mich immer da, wo Kinder spielen.
    Das solltest du nicht tun, Manon. Man ist auch da nicht sicher, oft da am
wenigsten. Und jedenfalls fehlt allem der Zauber des Unberhrten; hier wei ich,
ich atme eine reine Luft. Sich doch, wie das da pltschert; bei uns ist alles
trbe Lache.
    Therese sprach noch weiter in dieser Richtung und verstieg sich dabei bis zu
hoher Anerkennung der Tante. Sophie hat uns nicht zuviel geschrieben, eine
Frau, in der alles Frhere bis auf den letzten Rest getilgt ist. Es ist nicht
jedem beschieden, dies von sich sagen zu knnen. Wenn ich da an Mama denke...
    Du solltest nichts gegen Mama sagen. Mama ist gut und mute viel tragen und
hat es. Das kann auch nicht jeder.
    Erst beim Tee sahen sich alle wieder. Manon sprach ber die Gste, ber
einzelne Vorkommnisse, zuletzt auch ber die Predigt. Der Geistliche hatte viel
von Auferstehung gesprochen, und die Tante richtete die Frage an Sophie, ob die
Auferstehung nicht auch durch einen Hergang aus dem Alten Testament dargestellt
werden knne. Sie wrde sich freuen zu hren, da das mglich sei.
    Ja, sagte Sophie, das Alte Testament hat einen Hergang, von dem man
annimmt, da er die Auferstehung bedeute.
    Und welcher ist das?
    Es ist das der Moment, wo der groe Walfisch den von ihm verschlungenen
Propheten Jonas wieder auswirft. Wie man zugestehen mu, sehr sinnreich. Ich
fhle mich der Aufgabe aber nicht gewachsen.
    Gott sei Dank, sagte Manon in einem pltzlichen Anfall von bermut.
    Sage das nicht, Kind, bemerkte die Tante. Dir erscheint es komisch; aber
was Jahrhunderte mit Ernst und Achtung angeschaut haben, darin seh ich immer
etwas, was man respektieren mu.
    Manon errtete und erhob sich dann und kte der Tante die Hand.

Man trennte sich frh, aber doch mit der Zusicherung, am andern Tage sptestens
um sieben beim Frhstck sein zu wollen. Es gab noch allerhand zu besprechen. Da
kam man denn auch berein, da Sophie, die nun schon so lange in halber
Einsamkeit gelebt habe, wieder mit nach Berlin zurckkehren solle, aber nur auf
kurze Zeit. Sophie, so uerte sich die Tante, sei so gut und so klug und so
bescheiden, da ihre Nhe ihr ein Bedrfnis geworden sei; sie msse sich
freilich in der groen Stadt erholen, aber je eher sie zurckkehre, je lieber
sei es ihr. Es wurde seitens der Tante festgesetzt, da sie Mitte November
wieder in Adamsdorf eintreffen solle; mit dem Malen wrde es dann in den dunkeln
Nebeltagen wohl vorbei sein, aber das schade nichts, und wenn Sophie neben ihr
sitze und mit ihr ins Feuer she und des lieben Toten gedenke, so sei das noch
besser als das beste Bild. Als sie das sagte, reichte sie Sophie die Hand, und
alle waren glcklich, da ein so herzliches Verhltnis zwischen den beiden
bestehe. Selbst Therese freute sich; ihr Familiengefhl war strker als ihre
persnliche Eitelkeit, und sie sah in dem Ganzen einen Sieg des Poggenpuhlschen,
das doch auch in Sophie lebte, wenn auch anders als bei den andern und ganz
besonders bei ihr. Sie hatte das Liebe, Freundliche, Demtige, das der gute
Onkel ja auch gehabt.
    Nach diesen Abmachungen zogen sich die jungen Mdchen zurck, um dem Pfarrer
und seiner jungen Frau, die fr eine Schnheit galt und es auch war, einen
Besuch zu machen, und nur die beiden alten Damen, die den Namen Poggenpuhl
trugen und doch keine Poggenpuhls waren, blieben in der Veranda zurck. Der
Diener wollte den Frhstckstisch abrumen. La noch, Joseph, sagte die
Generalin, und als sie wieder allein waren, sahen beide auf das Gartenrondel und
dann, ber eine von Efeu berwachsene Mauer fort, auf die Dcher der Dorfstrae,
zwischen denen der Kirchturm mit seinem grnen Kupferdach aufragte. Die Gedanken
beider gingen denselben Weg, sie dachten an den, der nun da drben in der
stillen Gruft lag.
    Eine Weile verging, ohne da ein Wort gesprochen worden wre, dann nahm die
Generalin der Majorin Hand und sagte: Liebe Frau Majorin, ich mu nun noch
etwas richtigstellen zwischen uns. Etwas Geschftliches. Und ich denke, Sie
werden mir zustimmen in dem, was ich vorzuschlagen habe.
    Das werde ich gewi. Ich darf das sagen, ohne da ich wei, um was es sich
handelt. Ich habe zu sehr erfahren, wie gtig Sie sind.
    Nun denn ohne Umschweife. Sie wissen durch Sophie, die mir diese
Ausplauderei nachtrglich gebeichtet, wie die Besitzverhltnisse liegen.
Adamsdorf verbleibt mir bei meinen Lebzeiten, dann fllt es an die Familie
meines ersten Mannes zurck. Mein eingebrachtes Vermgen ging verloren. Auch
davon werden Sie wissen. Aber diesen Vermgensverlust war ich doch imstande
spter wieder zu begleichen, wenigstens einigermaen. Poggenpuhl bestritt seine
kleinen Liebhabereien von seiner Pension, unser Haushalt wurde sparsam gefhrt,
und so hab ich mich in der glcklichen Lage gesehen, schlechter Ernten
unerachtet, ein bescheidenes Privatvermgen aufs neue sammeln zu knnen. Darber
habe ich freie Bestimmung, und ehe Sie Adamsdorf verlassen, sollen Sie hren,
wie ich darber verfgt habe. Die Summe selbst betrgt bis zur Stunde nicht mehr
als etwa siebzehntausend Taler - ich rechne noch nach Talern -, von denen ich
zwlftausend Taler in fnfprozentigen Papieren bei meinem Bankier in Breslau
deponiert habe. Sie werden davon, vom ersten Oktober an, die vierteljhrlichen
Zinsen empfangen, so da sich Ihre Jahreseinnahmen um etwa sechshundert Taler
verbessern werden. Das Kapital ist unkndbar. Nur im Falle sich eine Ihrer
Tchter verheiraten sollte, wird ihr ihr Anteil ausgezahlt. Wenn sich alle drei
verheiraten, wrde fr Sie, meine gndige Frau, nur ein Geringes brigbleiben,
aber Ihnen verbliebe dann die ganze staatliche Pension, und ich wei von vielen
Jahren her, wie anspruchslos Sie Ihr Leben einzurichten wissen.
    Die Majorin war so gerhrt, da sie stumm dasa und vor sich hin blickte,
whrend die Generalin fortfuhr: Dann sind da freilich noch die Shne, und die
sollen nicht vergessen sein. Aber das ist eine Privatsache, die das andere nicht
berhrt; sie werden sich mit kleinen einmaligen Geschenken ihrer Tante begngen
mssen. Ich habe vor, an Wendelin, der ein guter Wirt ist und den Wert des
Geldes kennt, tausend Taler zu schicken, an Leo fnfhundert. Leo wird sich davon
einen guten Tag machen; er ist ein Leichtfu, woran ich aber keine moralischen
Betrachtungen knpfe, denn auch die Leichtfe sind mir sympathisch,
vorausgesetzt, da Anstand und gute Gesinnung in dem leichten Leben nicht
untergehen. Fr meine teure Sophie behalte ich mir noch Sonderentschlsse vor.
Das war es, meine liebe Frau Majorin, was ich Ihnen vor Ihrer Abreise noch
mitteilen wollte.
    Die Sonne schimmerte gedmpften Lichts durch die noch dicht in Laub
stehenden Bume, auf das Rondel und die Beete aber, die sich vor der Veranda
ausdehnten, fiel ihr voller Schein, und die noch hie und da blhenden Balsaminen
und Verbenen leuchteten auf in einem helleren Wei und Rot. Von dem Gutshof her
stiegen Tauben auf und flogen hoch ber den Garten hin, auf den Kirchturm zu,
den sie umschwrmten, ehe sie sich auf den kupfernen Helm und den First des
Daches niederlieen.
    Die Majorin wollte der Generalin die Hand kssen, aber diese umarmte sie und
kte sie auf die Stirn.
    Ich bin glcklicher als Sie, sagte die Generalin.
    Das sind Sie, gndige Frau. Glcklich machen ist das hchste Glck. Es war
mir nicht beschieden. Aber auch dankbar empfangen knnen ist ein Glck.

                              Fnfzehntes Kapitel


An dem Tage, an dem die Poggenpuhls zurckerwartet wurden, war nicht blo
Friederike, sondern auch die Portierfamilie in einer gewissen Aufregung. Es hing
dies, soweit die Nebelungs in Betracht kamen, mit dem zuflligen Umstande
zusammen, da infolge Verreistseins eines in der zweiten Etage wohnenden
freikonservativen Geheimrats die fr diesen bestimmten Zeitungen unten in der
Portierwohnung abgegeben und von dem ebenso neugierigen wie gern faulenzenden
Nebelung (seine Frau mute sich dafr qulen) je nach Laune durchstudiert oder
auch blo berflogen wurden. Unter diesen Zeitungen war auch die Post, in der
in der heutigen Morgennummer des Hinscheidens des Generalmajors von Poggenpuhl
kurz Erwhnung geschehen war, unter gleichzeitiger Anfgung der Worte: Siehe
auch die Todesanzeigen. Auf diese strzte sich nun unser Nebelung sofort, und
als er die schwarz umrnderte Anzeige gefunden und mit einem gewissen Grinsen
aufmerksam gelesen hatte, schob er das Blatt seiner vierzehnjhrigen, mit ihren
zwei Brdern gerade beim Nachmittagskaffee sitzenden Tochter Agnes zu und sagte:
Da, Agnes, lies mal; das da, wo die dicken schwarzen Striche sind. Und Agnes,
die nicht blo bleichschtig, sondern wegen ihrer Figur und ihrer Vorliebe fr
die Jungfrau von Orleans auch frs Theater bestimmt war, las, whrend alles
aufhorchte:

Heute starb, 67 Jahre alt, auf Schlo Adamsdorf in Schlesien unser teurer
Gatte, Schwager und Oheim, der Generalmajor a. D.

                         Eberhard Pogge von Poggenpuhl,

Ritter des Eisernen Kreuzes I. Klasse wie des Ordens Albrechts des Bren. Dies
zeigen statt jeder besonderen Meldung an die tiefbetrbten Hinterbliebenen

    Josephine Pogge von Poggenpuhl, geb. Bienengrber, verwitwete Freiin von
        Leysewitz, als Gattin
    Albertine Pogge von Poggenpuhl, geb. Ptter, verwitwete Majorin, als
        Schwgerin
    Wendelin Pogge von Poggenpuhl, Premierleutnant im Grenadier-Reg. von
        Trzebiatowski
    Leo Pogge von Poggenpuhl, Sekondleutnant im Grenadier-Reg. von Trzebiatowski

    Therese Pogge von Poggenpuhl
    Sophie Pogge von Poggenpuhl
    Manon Pogge von Poggenpuhl, als Neffen und Nichten.

Agnes, deren etwas kseweies Gesicht bei dem Vortrag all dieser Namen - nur den
polnischen Regimentsnamen brachte sie nicht recht zustande - ganz rot geworden
war, legte das Blatt aus der Hand, whrend der Alte mit breitem Behagen sagte:
Na, so was von Poggen; ich hr es ordentlich quaken - ein Witz, der von dem
johlenden Beifall seiner beiden Jungens (echter Nebelungs) sofort begleitet
wurde. Die Tochter aber, die sich von ihrem dramatischen Vortrag eine ganz
andere Wirkung versprochen hatte, stand auf und sagte, whrend sie hinausging,
zu der etwas seitab sitzenden Mutter: Ich wei nicht, Vater ist heute wieder so
ordinr - eine Bemerkung, die die krnkliche, immer verrgerte Frau durch
mehrmaliges Kopfnicken besttigte. Nebelung selbst aber rief der in der Tr eben
verschwindenden Tochter nach: Sei nich so frech, Krte; - noch bist du nich
dabei.

In gewissem Sinne hatte Agnes ihrem Vater unrecht getan. In der Tiefe seiner
Seele fhlte sich Nebelung gar nicht so unberhrt von dem allen, er hatte sich
vielmehr, als echter Berliner, nur den durch die glnzende Namensaufzhlung
empfangenen Eindruck wegschwadronieren wollen. Andrerseits freilich war er
aufrichtig unwirsch, da ihm das pauvre Volk da oben mit einmal als etwas
Besonderes aufgezwungen werden sollte. Das sei doch alles blo zum Lachen, der
reine Unsinn. Aber wie immer auch, whrend er sich noch dagegen strubte, war er
doch auch schon wieder bereit, gute Miene zum bsen Spiele zu machen, und die
Gelegenheit dazu bot sich bald.
    Es mochte halb fnf sein (die Jungens waren eben aus der Schule nach Hause
gekommen), als die Streitszene zwischen Vater und Tochter gespielt hatte, und
keine Stunde mehr, so kam auch schon eine Droschke mit Reisekoffer die
Grogrschenstrae herauf. Das ganze Haus wartete. Wie Friederike, so hatten
sich auch die Nebelungs unten aufgepflanzt, allerdings in sehr verschiedenen
Stellungen und Beschftigungen; die beiden Jungens lehnten sich an die Hauswand,
halb neugierig, halb bummelig, weil sie dem freien deutschen Mann in ihnen
nichts vergeben wollten, Nebelung selbst aber, eine Art Fes auf dem Kopfe,
patrouillierte das Trottoir auf und ab, whrend Agnes, wie wenn es sich um ihr
Auftreten etwa als Mondecar oder irgend sonst ein spanisches Hoffrulein
gehandelt htte, schlank und aufrecht in der offenstehenden Haustre stand. Als
die Frau Majorin an ihr vorberging, machte sie einen gut einstudierten
Hofknicks, der sich gesteigert wiederholte, als gleich danach Therese kam. War
diese doch die einzige der Familie, die noch unentwegt den langen Trauerschleier
trug, was ihr, samt ihrer funebren Haltung, auch schon unterwegs allerlei
Huldigungen eingetragen hatte. Man hatte sie fr eine junge Offizierswitwe
gehalten, deren Mann in einem schlesischen Bade gestorben sei.
    Hart neben dem Brgersteige hielt noch immer die Droschke, mit deren
Kutscher, einem ziemlich verschmitzt dreinschauenden Manne, Manon und Sophie
wegen Heraufschaffung des Koffers parlamentierten; er knne nicht von dem
Pferde weg, er kme sonst in Strafe, so hie es seinerseits immer wieder. In
diesem Verlegenheitsmoment aber trat der sonst so zugeknpfte Nebelung an die
beiden jungen Damen heran und erklrte sich unter geflliger Lftung seines Fes
bereit, den groen Koffer in die Wohnung hinaufzutragen. Ach, Herr
Nebelung..., sagte Sophie. Dieser aber hatte schon Hand angelegt, wuchtete den
Koffer ziemlich geschickt auf seine Schulter und lie sich auch nicht
irremachen, als ihm der in seiner Diplomatie verunglckte Droschkenkutscher
spttisch nachrief: Na, schaden Sie sich man nich.
    Es hatte damit aber gute Wege, denn der Koffer, so gro er war, war nicht
schwer, und Nebelung schien kaum auer Atem, als er oben ankam. Friederike nahm
ihm den Koffer ab, und im selben Augenblicke sagte Sophie: Bitte, Herr
Nebelung... Ich danke Ihnen. Unten aber, in seine Portierloge zurckgekehrt,
warf Nebelung ein blankes Markstck auf den Tisch und sagte: Da, Mutter, das
mu in die Sparbchse. Pogge von Poggenpuhl... Un noch dazu von Sophiechen...
Jungferngeld; das heckt.
    Agnes, die nur die Schluworte gehrt hatte, drehte sich verchtlich um.

An der Treinfassung oben hing ein halber Papierbogen mit Willkommen von
Friederikens eigener Hand. Aus Schreibunsicherheit oder vielleicht auch aus
Ersparnis hatten die Buchstaben alle keinen rechten Tintenkorpus, sondern
bestanden blo aus zwei nebeneinanderherlaufenden Linien. In der Blumenschale
vor dem Bilde des Sohrschen befanden sich rote und weie Markt-Astern. Einige
davon waren fr den Hochkircher bestimmt gewesen, und zwar zum Einstecken hinter
den Rahmen; aber Friederike hatte wieder Abstand davon genommen mit der
Bemerkung: Den kenn ich; wenn man ihn anrhrt, fllt er.
    Na, leben tust du ja noch, sagte die Majorin, als ihr Friederike
dienstbeflissen den Mantel abnahm. Hast du auch nicht zu sehr gespart? Das mut
du nicht. Und immer blo Nachgu; dabei kannst du nicht gedeihen.
    Ach, ich gedeihe schon, gnd'ge Frau.
    Na, wenn es nur wahr ist. Aber nun bringe uns Kaffee. Die Tassen stehen ja
schon. Ein bichen ausgefroren bin ich doch; die eine Dame ri immer alles auf.
    Ja, das tut man jetzt, Mama, sagte Therese.
    Ich wei, man tut es jetzt. Und es mag auch gut sein, aber nicht fr jeden.
Wer Rheumatismus hat...
    Sophie hatte sich's inzwischen auch bequem gemacht und warf sich mit einem
gewissen Behagen in die Sofaecke, erst das Zimmer und dann all die alten
Kleinigkeiten musternd, die umher standen und lagen und die sie hundertmal in
Hnden gehabt hatte.
    Komm, Mama, du mut dich hier neben mich setzen, oder ich rcke weiter hin,
denn dies ist ja deine Ecke. Gott, wenn ich mich hier so umsehe. Eigentlich ist
es doch ganz hbsch bei euch.
    Du knntest sagen bei uns, sagte Therese.
    Gewi, gewi. Ich gehre ja zu euch und werde immer zu euch gehren. Aber
die lange Zeit. Dreiviertel Jahr oder doch beinah. Und dann soll ich ja auch
wieder zurck.
    Und willst auch? Und willst es auch gern?
    Natrlich. Es ist ja abgemacht. Und wenn es auch nicht abgemacht wre, ich
bin gern in Adamsdorf und gern bei der Tante.
    Wer wr es nicht, sagte Therese. Der Park und die Gruft, darin nun der
General, unser Onkel, ruht. Dahin zieht es wohl jeden. Und diese Frau, der ich
viel abbitten mu, ich hielt sie fr befangen in Brgerlichkeit, aber sie hat
ganz die Formen der vornehmen Welt. Es ist schade, da sich dieser
Umwandlungsproze so selten vollzieht.
    Sophie und Manon warfen der Schwester Blicke zu mit der offenbaren Absicht,
sie von dem heiklen Thema abzubringen. Aber so gut gemeint dies war, so war es
doch nicht ntig, weil die Mama nichts von Bitterkeit dabei empfand. Sie
lchelte nur wehmutig vor sich hin mit jener stillen berlegenheit, die das
Leben und das Bewutsein gibt, die Kmpfe des Lebens ehrlich durchgefochten zu
haben. Ach, meine liebe vornehme Tochter, sagte sie, was du da wieder
sprichst.
    Ich habe dich nicht krnken wollen, Mama.
    Wei ich. Und es krnkt mich auch nicht. Ich hatte auch mal mein
Selbstgefhl und meinen Stolz, aber all das hat das Leben zerrieben und mich
mrbe gemacht... Das mit der Tante, ja, da hast du recht, das ist eine
vorzgliche Frau und, wenn du's so haben willst, auch eine adlige Frau. Das hab
ich immer gewut, und seit diesen Tagen wei ich es noch besser. Aber das alles
- und es ist hart, da ich das meiner eigenen Tochter immer wieder versichern
mu, whrend sie's doch wissen knnte, auch ohne meine Versicherung -, aber das
alles htte das Leben auch aus mir machen knnen. Es hat es nur nicht gewollt.
In einem Schlosse zu Hause zu sein und Hunderte beglcken und dann durch
Entziehung von Glck auch mal wieder strafen zu knnen, das alles ist eine andre
Lebensschule, wie wenn man nach Herrn Nebelungs Augen sehen und sich um seine
Gunst bewerben mu. Ich habe nur sorgen und entbehren gelernt. Das ist meine
Schule gewesen. Viel Vornehmes ist dabei nicht herausgekommen, nur Demut. Aber
Gott verzeih es mir, wenn ich etwas Unrechtes damit sage, die Demut, wenn sie
recht und echt ist, ist vielleicht auch eine Eigenschaft, die sich unter dem
Adel sehen lassen kann.
    Sophie glitt leise von dem Sofa nieder auf ihre Knie und bedeckte die Hnde
der alten Frau mit Trnen und Kssen. Das kannst du nicht verantworten,
Therese, sagte Manon und trat ans Fenster.
    Therese selbst aber lie ihr Auge ruhig ber die ber der Sofalehne hngende
Ahnengalerie hingleiten, und ihr Auge schien sagen zu wollen: Ihr seid
Zeugen, da ich nicht mehr gesagt, als ich sagen durfte. Dann aber kam ihr ein
zweites, besseres Gefhl, und sie lieh ihm auch Worte. Verzeih, Mama, sagte
sie. Es kann sein, da ich unrecht habe.

Es lag nicht im Charakter der Familie, den Verstimmungen ber eine derartige
Szene Dauer zu geben. Die Mutter hatte Schwereres tragen gelernt und war jeden
Augenblick zur Verzeihung und Nachgiebigkeit geneigt, whrend die im
wesentlichen in ihren Anschauungen verharrende, trotzdem aber nicht eigentlich
eigensinnige Therese das Bedrfnis hatte, wieder einzulenken, wozu ein Gesprch
mit Manon das beste Mittel bot. Sie nahm daher diese bei der Hand, fhrte sie
von ihrem Fensterplatz her an den Kaffeetisch zurck und sagte, whrend sie sie
neben sich auf eine Fubank niederzog: Es mu nun doch vieles anders werden mit
uns und auch mit dir, Manon. Du bist, mein lieber Schelm, am weitesten ab vom
rechten Wege. Wie denkst du nun eigentlich hinsichtlich deiner Zukunft?
    Zukunft? - Ach, du meinst heiraten?
    Ja, das vielleicht auch. Aber zunchst meine ich hinsichtlich deines
Umgangs, deines gesellschaftlichen Verkehrs. Wie denkst du darber?
    Nun geradeso wie frher. Mein Verkehr bleibt, wie er ist.
    Das solltest du doch berlegen.
    berlegen? Ich bitte dich... Ich mchte wohl das Gesicht des alten
Bartenstein sehen, wenn ich mich, angesichts meiner zweihundert Taler Zinsen,
pltzlich auf meinen alten Adel besnne. Wenn es mehr wre, verzieh er mir's
vielleicht. Aber...
    Also alles beim alten?
    Ja. Und nun gar heiraten! So dumme Gedanken drfen wir doch nicht haben;
wir bleiben eben arme Mdchen. Aber Mama wird besser verpflegt werden, und Leo
braucht nicht nach dem quator. Denn ich denke mir, seine Schulden werden nun
wohl bezahlt werden knnen, ohne Blumenthals und selbst ohne Flora. Flora selbst
aber bleibt meine Freundin. Das ist das, was ich haben will. Und so leben wir
glcklich und zufrieden weiter, bis Wendelin und Leo etwas Ordentliches geworden
sind und wir wieder ein paar andre Gren haben als den Sohrschen und den
Hochkircher.
    Du vergit einen dritten, deinen Vater, sagte die Majorin, in der sich bei
dieser bergehung zum erstenmal das Poggenpuhlsche regte.
    Ja, meinen Vater, den hatt ich vergessen. Sonderbar, Vter werden fast
immer vergessen. Ich werde mit Flora darber sprechen. Die sagte auch mal so
was.
