
Seiner liebenswürdigen Gönnerin
der Frau Geheimrätin Helene Gruson
in Magdeburg-Buckau

verehrungsvollst gewidmet
vom
Verfasser.















Vorwort.










Das soeben im Druck vollendete Werk, welches ich unter dem Titel: »Mein Leben und mein Wandern« in Buchform meinen Lesern übergebe, sollte ich eigentlich als eine zweite, mehrfach verbesserte Auflage bezeichnen. Es erschien nämlich zuerst in der zweiten Hälfte des Sommers 1893 in einer der meistgelesenen Zeitungen Berlins, der Vossischen, welche von Nummer zu Nummer meine Handschrift zum Abdruck brachte. Schriftliche und mündliche Äußerungen und Urteile wohlwollender Leser beruhigten mich über das Waghalsige des Versuches, mein Leben in die große Öffentlichkeit hineinzutragen. Ehrlich gestanden hatte weder Eitelkeit noch litterarische Ruhmbegierde mir den Beweggrund geliefert, die Feder zu ergreifen und mich selber biographisch zu schildern. Unter solcher Voraussetzung würde ich übel gefahren sein, den reizvoll geschriebenen Lebensbildern, durch welche meine ausgezeichneten Freunde Ebers, Fontane und Ludwig Pietsch in neuester Zeit das deutsche Schriftentum bereichert haben, ebenbürtig an die Seite treten zu wollen.
Die Veranlassung, welche mich dazu führte die wechselreichen Schicksale in meinem vielbewegten Dasein in ungeschminkten Worten dem Leser auszumalen, war traurigen Ursprunges für mich selber, denn eine schwere, fast unheilbare[1]  Krankheit war mitten in dem Vollgenuß meiner Gesundheit urplötzlich auf mich eingestürmt und drohte meinen Lebensfaden in Bälde abzuschneiden. Nur der sorgfältigsten Behandlung meines vortrefflichen Arztes, des Herrn Doktor Fließ, dankte ich meine schließliche Genesung. Obgleich ich mit aller Seelenruhe den kommenden schlimmen Dingen entgegensah, so quälte mich dennoch der eine Gedanke, aus diesem schönen Jammerthale scheiden zu müssen, ohne eine Schuld abgetragen zu haben, nämlich der Familie und meinen Freunden meinen vielverschlungenen Lebenslauf in aller Wahrheit recht und schlecht beschrieben zu haben. Ich fühlte mich dazu um so mehr gedrungen, als die öffentliche Stimme, insoweit sie meine bescheidene Person betrifft, mich für einen glücklichen Menschen hält, dem die goldenen Äpfel gleichsam in den Schoß gefallen sind. Im Gegenteil hatte ich von Anbeginn meiner Laufbahn an mit ungewöhnlichen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten zu kämpfen, und wer in diesem Buche zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird geradezu unbegreiflichen, ja sogar verblüffenden Dingen begegnen. Ich gehörte durch Geist und Verstand keinesweges zu den sogenannten Wunderkindern, im Gegenteil litt ich an schwerer Auffassungskraft, aber was mir an Anlage und Talent fehlte, ersetzte ich durch eisernen Fleiß, der mir entgegenstehende Hindernisse leicht überwinden half. Ihm verdanke ich das Wenige, was ich geworden bin, wenn auch der Kampf um das Dasein mit allen Waffen geführt werden mußte und mein Lebensschifflein von den Sturmwinden nach allen Wassern hin verschlagen wurde.

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Daß mir das Schicksal so hold war mich in Berlin das Licht der Welt erblicken zu lassen, kann ich mir selbstverständlich nicht zum eigenen Verdienst anrechnen, aber diesem Zufalle danke ich es vielleicht, daß die Erinnerungen an das alte Berlin und seine Bewohner, wie sie gelegentlich in meinem[2]  Buche zum Vorschein kommen, gerade bei meinen engeren Landsleuten eine überaus freundliche Aufnahme fanden. Ich selber habe mich stets mit einem gewissen Stolze als Berliner gefühlt und sogar unter den morgenländischen Völkern, mit denen ich lange Jahre zu verkehren das Glück hatte, meine Berliner Seele und Gemütsstimmung niemals untergehen lassen.
Daß ich die innigste Freundschaft, dreißig Jahre hindurch bis zu unserer Trennung, zu einem Franzosen fühlte, wird kein Deutscher bedauern, der die August Mariette berührenden Abschnitte gelesen hat. Selbst die kriegerischen Jahre 1870 und 1871 haben unsere Freundschaft nicht zu verwischen vermocht, trotzdem sich unsere beiden Söhne im Felde feindlich gegenüberstanden. Als Mariette aus dem belagerten Paris nach Kairo zurückgekehrt war, schrieb er mir den nachfolgenden Brief: »Mon cher ami, Votre lettre de ce matin m'a soulagé. Vous n'êtes pas pour moi un Allemand; Vous êtes Brugsch. Aussi Vous n'aviez pas besoin de tant Vous expliquer sur les derniers événements. Ils ont pu affecter mon coeur de Français; ils n'ont pu modifier mon coeur d'homme, principalement vis-à-vis Vous. Je Vous aime en véritable ami et Vous ai toujours aimé beaucoup par une sympathie naturelle que rien n'a détruit ni ne détruira. Vous me connaissez assez pour voir que je n'ai pas besoin de Vous en dire plus et qu'aujourd'hui comme toujours Vous restez en France aussi bien qu'en Allemagne et en Égypte la personne que j'affectionne le plus. Là-dessus je Vous serre la main de tout mon coeur. Tout à Vous. Auguste Mariette.«
Mit einer solchen Freundschaft ging es sich leicht durch das Leben und ich darf behaupten, daß Mariette in den[3]  schwierigsten Lagen meines Daseins meine einzige und wahre Stütze und mein aufrichtigster Ratgeber gewesen ist. Gerade darum fühle ich mich bewogen, ihm schon im Vorworte eine auszeichnende Stelle der Erinnerung einzuräumen.
Und somit lasse ich »Mein Leben und mein Wandern« seine zweite Reise in die Welt antreten, von dem Wunsche beseelt, daß es freundliche Leser finden möge, welche den wechselvollen Schicksalen eines zeitgenössischen Landsmannes mit Vergnügen oder mit Bedauern folgen.
Berlin, den 20. Februar 1894.
Heinrich Brugsch.[4] 



Meine Geburt und meine ersten Kinderjahre.










[3] Wenn ich heutzutage auf der Berliner Stadtbahn die kurze Strecke zwischen der Friedrichstraße und der Börse befahre, so wende ich jedesmal den Kopf nach links, sobald der Zug die kleine Universitätsstraße hinter sich gelassen hat. Nach wenigen Sekunden rasselt er an einem unansehnlichen, aber langgestreckten zweistöckigen Gebäude vorüber, das die Südseite einer umfangreichen und im Viereck angelegten Kaserne bildet, deren nördlicher Flügel sich nach dem Spreeufer am entgegengesetzten Ende ausreckt.
Meine Augen bleiben jedesmal an dem ersten Stockwerk hängen, und ich zähle das fünfte Fenster von der Ecke richtig ab. In dem einfachen und schmucklosen Zimmer, das zu dem Fenster gehört, erblickte ich nämlich am 18. Februar 1827 zum ersten Male das Licht der Welt und eine Soldatenfamilie begrüßte die Ankunft des Erstgeborenen mit den heißesten Wünschen für sein Leben und seine Zukunft.
Die Kaserne war damals, wie noch gegenwärtig, für den Aufenthalt von Truppen bestimmt, denn die Fußartillerie und das zweite Garde-Ulanen-Regiment hatten sich darin seßhaft gemacht. Auch die Offiziere des sogenannten Feldjägerkorps[3]  besaßen einen kleinen Flügel an der südlichen Seite neben den Ulanen, ganz in der Nähe meiner Geburtsstätte. Ein breites, durchsichtiges Holzgitter bildete die Grenze der Flurgänge zwischen den Jägern und den Ulanen.
Den erwähnten südlichen Teil des ganzen Baues bezeich neten die Berliner als»weiße Ulanen-Kaserne«, den nördlichen als Artillerie-Kaserne.
Auf dem nördlichen Teile des weiten inneren Hofraumes, um den sich das Viereck herumlegte, standen blau angestrichene Kanonen mit ihren blitzenden Messingrohren, während den ganzen westlichen Teil des Hofes lange Ställe für die Pferde der beiden Truppenteile begrenzten.
Der Hof mit seiner ganzen Länge und Breite bot mir in meinen ersten Jahren der Kindheit einen herrlichen Tummelplatz für meine Spiele, zu gleicher Zeit gewährte er mir den täglichen Anblick militärischer Schauspiele durch die Übungen und Parademärsche der Soldaten, an denen ich die höchste Befriedigung fand.
Selbstverständlich war dabei meine ganze Zuneigung den weißen Ulauen zugewandt, bei denen mein Vater, ein stattlicher, schöner Mann, zur Zeit meiner Geburt die Stellung eines Quartiermeisters bekleidete. Vor der Artillerie empfand ich eine gewisse Bangigkeit, da ich der Meinung war, die Kanonen könnten geladen sein und bei den Übungen einmal abgeschossen werden. Das hinderte mich jedoch nicht, den ausgestellten Geschützen in ihren dienstfreien Stunden meinen Besuch abzustatten, an ihren Rädern hinauf zu klettern und auf den blanken Rohren hin und her zu rutschen und mich im Reiten zu versuchen.
Zu meiner Taufe waren drei Offiziere des Regimentes als Zeugen eingeladen. Obgleich mein Vater seinem Glauben nach der katholischen Kirche angehörte, so zog er es dennoch[4]  vor, mich der Gemeinschaft der evangelischen Christen zu übergeben und damit die Bitte meiner evangelischen Mutter Dorothea zu erfüllen. Sie war aus Domersleben in der Nähe von Magdeburg gebürtig und die Tochter des Haushofmeisters Schramm, der dem Prinzen Louis von Preußen bis zu dessen in der Schlacht bei Saalfeld erfolgtem Tode seine treuen Dienste geleistet hatte.
Meinem aus Schlesien gebürtigen und strengkatholischen Großvater Johann Karl Brugsch, einem alten ausgedienten Soldaten, der unter Friedrich dem Großen in die Armee eingetreten war und später an sämtlichen Feldzügen der Preußen, den unglücklichen und glücklichen, gegen Napoleon I. teilgenommen hatte, erschien meine beabsichtigte evangelische Taufe als durchaus ungehörig, und er that, wenn auch vergeblich, sein Möglichstes, um meinen Vater von seinem Vorhaben abzubringen. Gegen meine Mutter hegte er einen besonderen Groll, da er sie allein als die Urheberin des Religionswechsels in der Wiege vor Gott und den Menschen verantwortlich machte. Bis zu seinem Tode hin, der in seinem 86. Lebensjahre eintrat, hatte er es nicht über sich gewinnen können, seinen früheren Standpunkt zu ändern und seine gereizte Stimmung abzuschwächen. Sie legte den Grund zu manchen späteren Mißhelligkeiten im stillen Familienleben.
So wurde denn der Täufling in der evangelischen Garnisonkirche in Berlin angemeldet, damit an ihm die heilige Handlung vollzogen werden sollte, als ein unerwartetes Ereignis eintrat, das meine evangelische Gemeinschaft vollständig in den Hintergrund drängte, und zwar aus Rücksichten der Höflichkeit gegen eine fürstliche Person.
Während des letzten Feldzuges gegen Napoleon I. hatte der Fürst Heinrich von Carolath aus Schlesien eine Schwadron der damaligen Vossischen Dragoner geführt, in der mein Großvater[5]  als Wachtmeister, mein eigener Vater und seine sechs Brüder als Freiwillige dienten. Zwischen dem Fürsten und seinem Wachtmeister war im Laufe der Feldzüge, an denen sie beide gemeinschaftlich teilgenommen hatten, ein überaus freundschaftliches Verhältnis entstanden, das um so tiefer wurzelte, als auf dem Schlachtfelde von Leipzig die sechs Brüder meines Vaters ihre Treue für König und Vaterland mit ihrem Tode besiegelten, so daß mein überlebender Vater der letzte seines Stammes blieb. Beim Abschied vom Regimente, nach eingetretenem Frieden, nahm der streng religiöse Fürst meinem Vater das Versprechen ab, ihn bei der Geburt seines ersten Kindes als Taufzeugen einzuladen. Er würde auf alle Fälle erscheinen und selbst eine lange Reise nicht scheuen.

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Damals gab es noch keine bequemen Eisenbahnen, und die bestehende Postverbindung zwischen Berlin und Carolath erforderte, besonders bei schlechter Jahreszeit, eine längere Zeitdauer. Zwölf Jahre waren außerdem seit der Schlacht von Leipzig dahingeflossen, und es war nicht anzunehmen, daß der Fürst sich um der Taufe eines Soldatenkindes halber den Beschwerden einer weitläuftigen Reise in der Postkutsche aussetzen würde. Nichtsdestoweniger ließ mein Vater den Patenbrief vierzehn Tage vor dem Taufdatum abgehen, und in der Frühe eines Donnerstags erfolgte die Antwort, daß der Fürst sich pünktlich in der katholischen St. Hedwigskirche zu Berlin am nächsten Sonntage einfinden werde, um auf seinen Armen den Täufling zu tragen.
Das traf wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Mein armer Vater hatte nichts Eiligeres zu thun, als mich in der evangelischen Garnisonkirche abzumelden und bei der katholischen St. Hedwigskirche anzumelden und alle Vorbereitungen für den würdigen Empfang des Fürsten zu treffen. Ich habe nur die Vermutung, daß ein besonderes Schreiben[6]  meines Großvaters an seinen fürstlichen Freund den Grund des plötzlichen Wechsels abgegeben haben möge.
Beim Verlassen des Gotteshauses steckte der Fürst der Hebamme, die mich hinaustrug, ein Etui in die Hand mit der Weisung, seinen Inhalt – es war sein Porträt in Miniaturmalerei, an einer goldenen Kette – an meinem kleinen Halse zu befestigen und mich, so geschmückt, in die mütterlichen Arme zu legen. Erst vier Jahre später führte der Zufall zu der Entdeckung, daß die ungetreue Hebamme das Kleinod diebischer Weise für sich behalten hatte. Ich weiß nicht zu sagen, ob ich nicht auch das als ein verhängnisvolles Omen auf meinem langen künftigen Lebenswege hätte betrachten können. Die Gründe zu einem solchen Glauben boten mir manche Veranlassungen, über die ich vorläufig mit Stillschweigen hinweggehe.
Meine ersten Kinderjahre verbrachte ich, wie gesagt, unter den weißen Ulanen. Ein strammer Soldat, der brave Mann hieß Streich, der später als ehrsamer Gastwirt in der Stadt Düben die Zeitlichkeit segnete, vertrat die Stelle der Kinderfrau bei mir, und da er mich herzlich lieb gewonnen hatte, so war ich ihm nicht weniger gut und pflegte seine zufällige Abwesenheit jedesmal mit lautem Geschrei zu beklagen. Sobald ich das Laufen erlernt hatte, wurde er aus seiner Stellung verabschiedet. Der große Kasernenhof verwandelte sich zu meinem engeren Heimatslande, soweit mich eben meine Beinchen im Umkreise desselben tragen konnten.
Allmählich drängte auch mein Thatendurst nach der Außenwelt hinaus, zunächst nach dem »Katzenstege«, wie im alten Berlin die heutige Georgenstraße bezeichnet wurde. An der Südseite des Ulanenreviers war eine lange mit Pechanstrich geschwärzte Holzwand aufgebaut, in deren Mitte sich ein Thor mit einem militärischen Posten davor befand. Sie schloß den[7]  Katzensteg nach dieser Seite hin ab. Gegenüber standen kleine, unscheinbare Wohnhäuser, hier eins, dort eins, – auch eine Schnapsbude fehlte nicht der Nähe der Kaserne halber, – und in Lücken dazwischen waren kleine Gärten angelegt, in denen grünes Gemüse die Beete ausfüllte und gelbe Sonnenblumen mit ihren langen Stengeln den Hauptschmuck dazwischen bildeten.
Nach dem nahen Spreeufer zu fiel das Auge auf eine kleine, offene Schmiede. In dichter Nähe des Wassers angelegt, erregte sie meine höchste Bewunderung. Ein lederner Blasebalg pustete in das Kohlenfeuer auf dem Herde, daß die Funken sprühten, auf dem Amboß fiel der Hammer des Schmieds auf rotglühende Hufeisen, und die Pferde, die beschlagen werden sollten, standen mitten auf dem Bürgersteig. Da die rußigen Gesellen, die in der Werkstatt hantierten, meinen Freunden, den weißen Ulanen, angehörten, so heimelte mich das Bild doppelt an. Feierte man eine Viertelstunde, so stand ich vor dem eisernen Geländer am Spreeufer neben der Schmiede und bewunderte die langen Reihen von »Zillen«, die mit Torf, Ziegelsteinen oder Heu und Stroh beladen waren und auf dem tintenschwarzen Wasser ihre nasse Straße langsam dahinzogen. Von den neuen Museumsbauten am gegenüber liegenden Ufer war damals noch keine Rede, und das Artem non odit nisi ignarus oder wie ein berühmter, aber seiner Spottsucht halber bekannter Berliner das letzte Wort damals las: Ignatius prangte noch nicht mit seinen vergoldeten Lettern unter dem Giebel des späteren Musentempels.
Der »Katzensteg« besaß, wie ganz Berlin in der damaligen Zeit, ein holperiges Pflaster mit den verrufenen offenen Rinnsteinen zu beiden Seiten des Dammes. Eine übelriechende Jauche, nicht selten wie Zuspeise in der Suppe mit toten Katzen- und Rattenleibern vermengt, dampfte zum[8]  Himmel auf, und das grüne Gras, vereint mit zarten Gänseblümchen und lieben Butterblumen wuchs in Hülle und Fülle zwischen den Pflastersteinen hervor.
Unter den Häusern auf der Straßenzeile im Angesicht der weißen Ulanen und meiner eigenen Geburtsstätte war mir eines ganz besonders verhaßt und ich vermied seine Nähe aus sehr triftigen Gründen. Es diente als Lazareth für das Regiment der Garde du Corps und besaß nur wenige Zimmer, in denen die Kranken lagen und mehrere Heilgehilfen die Befehle des Stabsarztes ausführten. Ich litt eines Tages an heftigem Zahnweh; mein Vater führte mich ohne viel Federlesens nach dem kleinen Gebäude, das in der Mitte eines traurigen Gärtchens stand. Ein stämmiger Garde du Corps pflanzte mich auf einen Holzschemel, packte mich mit seinem gewaltigen linken Arme fest und eine mit der rechten Hand in meinen Mund eingeführte Zange riß den leidenden Zahn aus seiner Behausung. Ich habe als Kind seitdem nie mehr über Zahnschmerzen gejammert, denn die kräftige Methode der Heilung blieb mir im steten Gedächtnis zurück.


Die Verlängerung des Katzensteges über die heutige Universitäts- und Stallstraße hinaus zeigte auf beiden Seiten der Gasse den traurigen Anblick von Holzzäunen, die nur vereinzelt von niedrigen Häusern von schmucklosem Aussehen unterbrochen wurden. An der Ecke linker Hand befand sich das Diorama von Gropius, ein Anziehungspunkt erster Größe für die schaulustige Bevölkerung des alten Berlin in der winterlichen Jahreszeit. Besonders in der Weihnachtswoche war der Besuch ein ganz außerordentlicher. Landschaftliche Panoramen mit beweglichen Figuren im Vordergrund, das ganze Manöver von Kalisch der vereinten russischen und preußischen Truppen, lustige Szenen aus dem Volksleben mit Hilfe von Wachspuppen zur Erheiterung der Menge zur Darstellung[9]  gebracht, musizierende Kapellen mit lebensgroßen Musikanten aus bemalten und bekleideten Holzpuppen bestehend und ähnliche meist sehr harmlose Schöpfungen bildeten neben einem kleinen Volkstheater die bemerkenswertesten Objekte, die das geehrte Publikum voll Entzücken betrachtete. Später wurde das Diorama nach der gegenüberliegenden Ecke verlegt und der ältere Bau in ein Atelier zur Herstellung von Dekorationsstücken für die königlichen Theater umgewandelt. Eine große Uhr am Giebel diente den Umwohnern und den Straßengängern als unzweifelhaft richtiger Messer der Zeit. Beide Gebäude gingen ein. Das ältere ward durch Feuer verzehrt, sein Nachfolger dagegen heruntergerissen und der freie Platz zum Bau von königlichen Ställen verwertet. Übrigens war, »der alte Gropius«, der Stifter des Dioramas, wie er im Volksmunde hieß, in meinen Kindesjahren eine gefeierte Person in den Augen der Berliner. Ich erinnere mich noch heute seiner gedrungenen Gestalt mit dem graugelockten Goethekopf. Neben dem Diorama zog sich ein Zaun entlang, hinter welchem die Seegersche Reitbahn gelegen war. Die vornehme Sportswelt Berlins, an ihrer Spitze die Herren Offiziere, gab sich hier ein beliebtes Stelldichein, und selbst der Hof verschmähte es nicht, die zeitweise stattfindenden Tourniere und Kostümreiten durch seine Anwesenheit zu verherrlichen. Gegenüber streckte sich eine lange Holzwand mit schwarzem Pechanstrich wie ein ausgespanntes schmutziges Handtuch aus, um einen mächtig großen, mit Gras bewachsenen Platz von der Straßenseite abzuschließen. Die Frauen trockneten auf demselben ihre Wäsche und die liebe Jugend häufte Berge von Sand auf oder schuf Fallgruben von geeigneter Tiefe. Nach links hin, gleich hinter dem breiten Thorwege, erhob sich eine alte Baracke mit dem Kontor des damaligen Berliner Leichenfuhrwesens. Die Schreibstuben lagen zu ebener Erde und die[10]  unheimlichen Wagen zur Bestattung der Toten standen unter einem freien Schuppen mit einem hohen, aus Holzplanken zusammengenagelten Satteldache. Die Gefährte hatten die Gestalt gewöhnlicher Holzwagen, über die eine schwarze Trauerdecke ausgebreitet wurde. Bei jedem Begängnis erlitt die Leiche mit ihrem Sarge die schauderhaftesten Erschütterungen, aber niemand kümmerte sich darum und man sah die Sache als etwas Unvermeidliches oder Unschädliches an.
Von diesen Erschütterungen kann ich ein Wörtchen mitsprechen, denn ich und meine Gespielen männlichen und weiblichen Geschlechtes benutzten bei der Ausfahrt irgend eines der Leichenwagen die günstige Gelegenheit, von hinten in das Vehikel hineinzuschlüpfen und eine kostenfreie Spazierfahrt auf dem holperigen Straßenpflaster zu unternehmen. Unsere kindlichen Gebeine wurden dabei gründlich durchrüttelt, aber der Zweck war erreicht und wir fühlten uns überglücklich.
Soweit die Erinnerungen meiner Kindheit reichen, ist mir noch heute die Bewunderung in lebhaftem Gedächtnis geblieben, mit der ich drei häufige Gestalten des alten Straßenlebens zu betrachten pflegte: den Laternenanstecker, den Plundermatz und den Eckensteher.
Der Laternenanstecker fuhr, wenn ich frühmorgens in die Schule ging, mit seiner von Öl triefenden Karre durch den Katzensteg. Die schmierige blecherne Ölkanne nahm den hintersten Teil des rollenden Kastens ein, ein Ölschöpfer hing an ihrem Henkel, eine Lampenscheere, ein Ölmaß, Dochte und schmutzige Lappen ruhten in einem mit verschließbarem Deckel versehenen Holzkästchen am Vorderteile. Eine Holzleiter ruhte außen an der rechten Seite der Karre. Eine Straßenlampe baumelte an einem formlosen Balken, der in den Erdboden eingepflanzt war, und wankte bei starkem Winde hin und her. Im Innern ruhte auf dem Boden die Lampe, mit deren[11]  Reinigung und Füllung sich der Lampenmann zu beschäftigen hatte. Die Arbeit nahm eine geraume Zeit in Anspruch und die Phasen der vorschreitenden Vollendung gaben mir Stoff zu tiefen Betrachtungen über die Pflege der Straßenlampen der Großstadt Berlin.
Wenn kein Mondschein im Kalender stand, erschien dieselbe Person in abendlicher Zeit, um ihrem Berufe als Lampenanzünder obzuliegen. Die Leiter ruhte dann auf seiner linken Schulter. Er kletterte auf ihr zur Lampenhöhe empor, tupfte den Schwefelkopf eines Zündholzes in ein rot angestrichenes Fläschchen, dessen Füllung aus Asbest und Vitrioltropfen bestand. Im Nu fing das Hölzchen Feuer, mit dem der Docht angesteckt wurde, wenn nicht sonst erschwerende Umstände in Folge von Wind und Regenwetter eintraten.

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Besondere Freude rief in uns Kindern das Erscheinen des Lumpenmatzes hervor. Wenn seine Pfeife auf der Straße ertönte, so stürzte das kleine Volk in das Haus, um schleunigst von der geliebten Mutter leinene Lumpen und Lappen zu erbitten. Der gute Mann, der auf seiner Karre einen Sack und einen länglichen Holzkasten vor sich her schob, kannte genau seine Leute und erwartete mit Ruhe die Rückkehr der Knaben und Mädchen. Das Tauschgeschäft wurde mit allem Ernste durchgeführt und für die gelieferten Stoffe erhielt das junge Volk je nach Wunsch einen buntbedruckten Bilderbogen, zinnerne Ringe mit farbigen Glassteinen, Stecknadeln und dergleichen Dinge als Gegenwert eingehändigt.
Die dritte Straßenerscheinung, die meinen Kinderaugen wie ein Wundertier erschien, war der damalige Eckensteher. Wie sein Name besagt, hatte er seinen Stand an den Ecken der belebtesten Straßen; mit besonderer Vorliebe wählte der dienstbare Geist seinen Platz in unmittelbarer Nähe einer »Destillation« oder »Destille« im Jargon von Neu-Berlin, und[12]  seine gerötete Nase bewies die lebendige Teilnahme, die er von Pause zu Pause dem Aufschwung des Geschäfts widmete. Ein blankes Messingschild mit einer weithin sichtbaren Nummer darauf war an einem breiten Band von hellrotem Kattun an seinem linken Arm befestigt und ein derber lederner Tragriemen ruhte auf seinen Schultern. Er bildete in seiner philosophischen Ruhe ein Gegenstück des orientalischen Derwisches und vermochte wie dieser den lieben langen Tag, mit Ausnahme der Kunstpausen in dem benachbarten Fuselladen, im warmen Sonnenschein auszuharren, um seine Kunden zu erwarten. Zu den berühmtesten Exemplaren der damaligen Eckensteher gehörte Nante mit der Nummer 22, der Unter den Linden an dem Eckhause der Großen Friedrichstraße, gegenüber der Kranzlerschen Konditorei, jahrelang seine Stellung behauptete und in einer beliebten Posse: »Der Eckensteher Nante im Verhör« eine Hauptrolle spielte. Wenn der alte Beckmann, der bekannte Komiker, in diesem Stücke im Königstädtischen Theater am Alexanderplatz auftrat, so waren die Plätze bis zum Olymp hinauf mit fröhlichen Zuschauern besetzt. Es war in der Zeit, in welcher der Bierwirt Drucker den tollen Einfall hatte, seine Gäste durch Ponies reitende Kellner bedienen zu lassen, die vornehmere Welt sich »bei Kranzler« oder in den Konditoreien von Stehely, Josty, Spargnapani oder Meier, am Gendarmenmarkt, ein Stelldichein gab und im Kolosseum in der Alten Jakobstraße in winterlicher Jahreszeit lustige Maskenbälle gefeiert wurden, an denen selbst der Hof teilzunehmen sich nicht scheute. Die höchsten Herrschaften erschienen mitten unter den Bürgern Berlins, ohne zu fürchten, am nächsten Tage in den Zeitungen kritisch beleuchtet zu werden. Damals schrieb man freilich vor 1848.
Auch beim Feuer fehlte ich niemals. Eine plötzliche Feuersbrunst, besonders in nächtlicher Zeit, verschaffte der gesamten[13]  Jugend Berlins, von der ich mich keineswegs ausschloß, den Genuß eines schauerlichen Vergnügens. Die Nachtwächter tuteten in ihr Kuhhorn, sobald ein roter Schein am Himmel aufflammte, langsam öffneten sich die Hausthüren und Gevatter Schneider, Schuster und sonstige seßhafte Mitglieder der Zünfte erschienen im Kostüm von Feuerleuten. Ein sonderbarer dunkler Blechhelm mit einer aufwärts strebenden Krümmung am Hinterkopf bedeckte ihr Haupt und ein schlotternder Rock von festem grünschwarzem Drillich legte sich um ihre Glieder. Die einen zogen nach dem nächsten Spritzenhause, um die rollenden Löschapparate zum Auszuge vorzubereiten, die andern begaben sich nach den Droschkenställen, um deren Besitzer an ihre Pflicht zu gemahnen, d.h. die abgetrabten Gäule an die Spritze zu spannen; wieder andere besetzten die Brunnen »Plumpen« genannt, um die mit faulendem Wasser gefüllten »Tienen«, die auf einem Holzschlitten ruhten, von andern Droschkenpferden durch die Straßen bis zur Brandstätte schleifen zu lassen. Was nur gehen konnte, war auf den Beinen, und natürlich die Jugend nicht die letzte, die sich besonders bei Nacht an dem roten Scheine der sinkenden Pechfackeln erfreute und munter neben den Spritzen und Feuertienen einhertrabte.
Die eigentliche Löscharbeit war bei großen Bränden eine vergebliche Mühe, wenn auch die nächststehenden Zuschauer, die Maulaffen feilboten, von dem Spritzenvolke ohne Unterschied der Person gepreßt wurden, um die Pumpen in Bewegung zu setzen. Ich habe den entsetzlichen Brand des alten Mühlendammes, bei dem nahe an 30 Menschen den Feuertod erlitten, mit eigenen Augen gesehen und später den großen Brand des Opernhauses miterlebt, bei dem zum erstenmale eine Dampfspritze ihre nur schwachen Dienste leistete, denn es fehlte am besten, am Wasser, und brauche auch meinerseits[14]  nicht zu versichern, daß damals das Löschwesen mit den unzureichendsten Mitteln betrieben wurde.
Berlin mit seinen 150000 Einwohnern war trotz seines Rufes als Residenz und als Mittelpunkt eines ungemein regen geistigen Lebens eine Kleinstadt geblieben, die sich am allerwenigsten mit den Weltstädten Paris und London hätte messen können. Der alte Mauerring, von dem noch Reste in der Nähe des Charitee-Gebäudes bis auf den heutigen Tag übrig geblieben sind, beengte ihre Ausdehnung. Es war ein Ereignis, als die Droschke mit der Nummer 100 sich in den Straßen zum erstenmale sehen ließ.

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Außerhalb des häßlichen backsteinernen Gürtels mit seinem abfallenden Abputz fing die freie Natur an, wenn auch mit einziger Ausnahme des Tiergartens in wenig reizvollem Zustande. Die staubigen und sandigen Wege, meist von Hagedorn eingefaßt, oder von Disteln und Brennesseln eingesäumt, führten nach den nächstgelegenen Dörfern in der Umgegend. Einspännige Kremser, die an einzelnen Thoren hielten und deren Führer jeden neu einsteigenden Fahrgast als den letzten vor der im Augenblick bevorstehenden Abfahrt begrüßten, vermittelten die Verbindung mit Charlottenburg und sonstigen ferner liegenden Vergnügungsorten, in welchen »die Weiße« und sogenanntes »Bayersches« in höchst einfachen Gärten kredenzt wurde. Die Gegend des Galgens blieb von den Ausflüglern verschont; nur an den Tagen einer Hinrichtung strömte die neugierige Menge bereits um Mitternacht nach der schauerlichen Stätte, um einen guten Platz für das bevorstehende Schauspiel zu gewinnen. Männer, Frauen und Kinder zogen mit Eßkörben beladen zum Rosenthaler Thore hinaus, und man vergaß alle Müdigkeit in Erwartung der kommenden Dinge. Es war ein Stück mittelalterlichen Lebens, das sich bei solchen Gelegenheiten in und außerhalb Berlins abspiegelte.[15]  Für die öffentliche Ruhe und Ordnung sorgte der Gendarm und der Polizeikommissar, vor welchen beiden ich einen gewaltigen Respekt besaß. Der letztere vertrat die Stelle des heutigen Polizeilieutenants und war in seinem Viertel eine wohlbekannte Erscheinung, der man mit gebührender Höflichkeit und Achtung gegenübertrat. Der Gendarm waltete seines Amtes in den Straßen und richtete sein strenges Auge auf alles Ungesetzliche und Ungehörige. Auch das Rauchen von Pfeifen und Zigarren in der Öffentlichkeit war einem Verbot unterworfen. Ich erinnere mich noch des Aufsehens, welches die berüchtigte Lola Montez während ihres damaligen kurzen Aufenthaltes in Berlin erregte. Von einer englischen Dogge begleitet, promenierte die stolze Spanierin mit einer brennenden Zigarette im Munde und einer Reitgerte in der Hand Unter den Linden einher. Dem Gendarm, der sie zur Rede stellte, hieb sie einfach mit der Gerte über das bärtige Gesicht. Sie wurde verhaftet und sofort aus Berlin verwiesen. Ihre Thaten und ihr Leben haben ihr bekanntlich in der Folge einen bösen Leumund verschafft. Als ich als General-Kommissar der aegyptischen Regierung in Amerika weilte, kam die Nachricht von ihrem Tode zu meinen Ohren. Sie war in bitterstem Elend in einem Dorfe, das in der Nähe von Philadelphia liegt, aus dem Leben geschieden.
Ich könnte ein Buch vom alten Berlin schreiben, wie es damals war, so treu haben sich meine Erinnerungen an die damalige Stadt und ihre witzigen Einwohner, meine lieben Landsleute, erhalten, wenn nicht schon andere mir zuvorgekommen wären und mit gewandterer Feder, als es die meinige ist, diese Aufgabe gelöst hätten. Außerdem liegt es ja nicht in meiner Absicht, dem Leser von der guten alten Zeit zu erzählen, sondern mich selber in den biographischen Vordergrund zu stellen, obgleich ich die Schwierigkeit empfinde, auch[16]  dieser Aufgabe in dem Maße gerecht zu werden, um nicht bloß bei meinen Freunden, sondern auch bei den ferner Stehenden die vielleicht unverdiente Teilnahme für meinen Lebenslauf zu erwecken. Meine Schuljahre darf ich dabei nicht übergehen, denn sie liefern den Schlüssel zu manchen Erscheinungen in der Entwicklung meiner Gemütsart, für die ich sonst keine Erklärung zu finden wüßte.



Auf der Schule.










[17] Allmählich war ich zum siebenjährigen Knaben herangewachsen. Vom Vater in strenger militärischer Zucht gehalten, wurde ich von der Mutter in keiner Weise verwöhnt. In zwischen war auch eine Veränderung in der Lage meiner Eltern insofern eingetreten, als der Vater von den weißen Ulanen nach dem langnamigen Elitekorps der Garde-Reserve- Armee-Gendarmerie versetzt wurde, worin er als erster Wachtmeister die Stelle des führenden Offiziers übernahm. Die Mannschaften, 24 an der Zahl, hatten den Rang von Wachtmeistern oder ältesten Unteroffizieren und die Brust jedes einzelnen schmückten Kriegsauszeichnungen von den Feldzügen gegen Napoleon I. her. Von fremdherrlichen Orden trugen die meisten die russische St. Anna-Medaille, die sie während der häufigen Besuche des allmächtigen Kaisers Nikolaus I. in Berlin empfangen hatten. Ich erwähne ausdrücklich den Namen dieses Fürsten, da ich ihm selber für die Weiterentwicklung meiner Erziehung bis zur Stunde das Gefühl höchster Dankbarkeit bewahrt habe.
Die Gendarmerie, der mein Vater bis zu seinem Lebensende als Führer angehörte, war einzig und allein für den Dienst in unmittelbarer Nähe des Königs Friedrich Wilhelm III. bestimmt. Täglich sandte mein Vater eine Ordonnanz[17]  nach dem königlichen Palais, das später Kaiser Friedrich noch als Kronprinz bewohnte, nachdem das alte Gebäude von bescheiden bürgerlichem Aussehen erweitert und architektonisch ausgeschmückt worden war.
Sobald Kaiser Nikolaus I. in Berlin eintraf, und das geschah fast alljährlich, stieg er im alten königlichen Schlosse ab, und meinem Vater wurde regelmäßig die Auszeichnung zu teil, den Dienst als Ehrenordonnanz in dem Vorzimmer des Kaisers zu übernehmen. Er besaß eine außerordentliche Ähnlichkeit mit der Gestalt des Beherrschers aller Reußen, nur überragte ihn der kaiserliche Hüne um Kopfeslänge, und seine sympathischen Züge flößten dem Allgewaltigen ein ungewöhnliches Vertrauen zu seinem preußischen Ehrenwächter ein. Der Kaiser liebte es sich in deutscher Sprache mit ihm zu unterhalten und sich nach seiner Familie zu erkundigen. Eines Tages sprach er den Wunsch aus, Frau und Kind zu sehen, und Mutter und Sohn wurden ihm im Vorzimmer wirklich vorgestellt. Der Kaiser hob mich mit beiden Händen hoch und küßte mich mit den Worten: »Gott segne Dich mein Kind!« auf die Stirn. Noch heute schwebt mir seine Gestalt lebendig vor Augen.
Die Großmut des Zaren belohnte die wiederholten Dienste meines Vaters in wahrhaft kaiserlicher Weise. Es regnete förmlich wertvolle goldene Uhren und mit Brillanten besetzte Dosen, die letzteren nicht selten mit güldenen Dukaten angefüllt. Der kleine Schatz bildete ein festes Kapital, das stückweise versilbert wurde, wenn ungewöhnliche Ausgaben nötig waren, und dazu gehörten die wachsenden Kosten bei meinem Eintritt in die Schule und was sonst für meine weitere Erziehung und Ausbildung erforderlich war.

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Ich begann meine Laufbahn in der Schule des alten Marggraff und hatte darin die ersten Leiden und Freuden[18]  des abgeschlossenen Daseins außerhalb des elterlichen Hauses durchzuleben. Die Lehrer waren mit dem jugendlichen Rekruten im ganzen zufrieden und nur selten traf der harte Kantel meine ausgestreckten Finger oder der schlanke Rohrstock meinen Rücken. Ich besaß zu viel Ehrgefühl, um mich öffentlich vor dem versammelten Kriegsvolk abstrafen zu lassen, und war ebenso aufmerksam während des Schulunterrichts als arbeitsam im elterlichen Hause. Meine Zeugnisse schwankten zwischen I und II, und die Mehrzahl der Lobe schwächten den Eindruck der bösen Tadel ab.
Auf meine gute und schöne Handschrift legte mein gestrenger Herr Vater den höchsten Wert, da er mit Recht behauptete, daß sie die beste Empfehlung in der Welt sei und ein gut geschriebener Brief eine weit freundlichere Aufnahme fände als ein schnell hingeworfener, schwer lesbarer Wisch. Im alten Heinsius, einer Art von Briefsteller, mußte ich außerdem die Form und Anlage eines Briefstückes nach allen Regeln der Kunst privatim erlernen und mir z.B. die Unterschiede zwischen Wohlgeboren, Hochwohlgeboren, Hochedelgeboren u.s.w. bis zur höchsten und allerhöchsten Steigerung zu eigen machen, desgleichen die üblichen Anreden und Titulaturen genau einprägen, um vorkommenden Falles keine folgenschweren Irrtümer zu begeben.
Besuchte ich die Großeltern, die in der Markgrafenstraße 63 ihr bescheidenes Heim aufgeschlagen hatten, so ging dieselbe Qual von neuem an, denn der alte Herr setzte mich an den kleinen Tisch in der Ecke des linken Fensters, zog den Kasten mit den sauber geordneten Schreibmaterialien heraus und die Schreibübungen wurden in der gewohnten Weise fortgesetzt. Seufzte ich, wenn der Großvater auf ein paar Minuten verschwunden war, so steckte mir die liebe Großmutter einen Sechser in die Tasche und ich fuhr rüstig in[19]  meiner Sklavenarbeit fort. Den, wie ich glaubte, redlich verdienten Obolos verwandte ich zum Ankauf nicht etwa von süßen Näschereien, sondern von Bilderbogen, die ich austuschte, um mir eine eigene Welt im kleinen zu schaffen.
Einen Hauptgenuß gewährte mir im großelterlichen Hause das Lesen der Haus- und Familienbibel, die mit zahlreichen Holzschnitten geschmückt war und vor meine entzückten Augen das Leben und die Werke der alten Bewohner im Morgenlande hinzauberten. Ich ward nicht müde, die Darstellungen bis in die kleinsten Einzelheiten zu verfolgen und selbst der Geist Gottes, den der Künstler in Gestalt eines greifen bärtigen Mannes mit fliegendem Gewande, der über den Wassern schwebte, dargestellt hatte, fesselte mich in ungewöhnlichem Maße.
Das ehrwürdige Buch der Bücher, in dessen Besitz ich mich noch heutigen Tages befinde, hatte es mir angethan, und ich schreibe ihm die erste Sehnsucht nach der Bekanntschaft mit den Völkern und Ländern des Ostens zu, die meinem ganzen späteren Leben eine so bestimmte Richtung gab. Dazu kam außerdem, daß die auf Veranlassung und auf Kosten einer evangelischen Missionsgesellschaft veröffentlichte Reisebeschreibung aus dem Orient nach der Schilderung eines Schneidergesellen Namens Borsum trotz oder vielleicht gerade wegen ihres einfachen kindlichen Stiles einen kaum glaubhaften Eindruck auf mich machte. Ich hätte die Schneiderei erlernt, wenn man mir die Aussicht auf eine ähnliche Reise eröffnet hätte. Von dieser Zeit an sparte ich mir alle Groschen und Sechser der Großmutter und der Tante Ramm zusammen, durchstöberte die in den Hausfluren einzelner Häuser in Berlin ausgestellten antiquarischen Bücher, erstand für billiges Geld eine deutsche Übersetzung des Herodot, die gleichfalls in das Deutsche übertragenen älteren Reisebeschreibungen von Pococke, Denon[20]  und Norden und las darin bis in die Nacht hinein, um die Wunder des Morgenlandes nach den Erzählungen jener beneidenswerten Reisenden im vollsten Umfang zu erfassen. Was war mir Berlin und seine Wunder dagegen? Ich hätte die halbe Stadt für eine einzige thebanische Katakombe hingegeben.


Mein Eintritt in das französische Gymnasium, das sich damals hinter dem königlichen Palais befand, sollte verhängnisvoll für mein jugendliches Schicksal werden. Unter der Leitung seines damaligen ernsten, kalten Direktors, des Konsistorialrates Fournier stehend, erfreute sich das Gymnasium eines regen Besuches, an dem die Sprossen aus dem Schoße der französischen Kolonie in Berlin den Löwenanteil davon trugen. Ich wurde der letzten Klasse des Gymnasiums, der Septima, überwiesen und einem Ordinarius unterstellt, der sicherlich nicht schuld daran ist, daß ich heute noch im Lichte der Sonne einherwandele. Gedachter Ordinarius, ein Herr Kohlheim, vom Jahre 1848 her bekannt als eine der eifrigsten Stützen des »Treubundes«, hatte gemeinschaftlich mit meinem Vater als Soldat im Felde gedient und wieder angeknüpfte freundschaftliche Berührungen führten zu Besprechungen über den Gang meiner weiteren Studien. Er wußte meinen Vater davon zu überzeugen, daß nur die Ausbildung auf dem französischen Gymnasium mir eine gesicherte Zukunft eröffnen könnte, und so wanderte ich als achtjähriger Knabe in die Septima.
Wenn ich in dem kindlichen Glauben lebte, gerade in dem Freunde meines Vaters einen gütigen Ratgeber und Lehrer gewonnen zu haben, so hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. In seinen harten, verkniffenen Zügen und in den stechenden Augen thronten weder Milde noch Wohlwollen, und sein Herz entbehrte aller jener Eigenschaften, die einen Schüler zum Lehrer heranziehen und diesen lieb gewinnen lassen. Mein[21]  Ordinarius war ein Schultyrann ärgster Art und der Stock und Schläge mit der Hand in das Gesicht galten ihm als die einzigen Mittel, dem armen Jungen Achtung einzuflößen und zur Aufmerksamkeit und zur Arbeit zu ermuntern. Mein Vater hatte sicherlich Unrecht gehabt, mich vollständig der Gewalt dieses Mannes zu übergeben, und ich konnte nicht einmal zu Hause über erlittene Mißhandlungen klagen, ohne mich einer zweiten Auflage der Strafe auszusetzen. Des Vormittags erhielt ich meine Tracht Prügel, die Mittagszeit über wurde ich eingesperrt, ohne Nahrung zu erhalten, am Nachmittag drohte mir sonstwie mein grausamer Peiniger mit grausamen Strafen. Ohnmächtig der brutalen Behandlung gegenüber leistete ich, der achtjährige Knabe, mir selber einen heiligen Eid, in der Schule weder eine Zeile zu schreiben noch zu lernen und dem Unterrichte mit tauben Ohren zu folgen. Ich habe vier Jahre lang, auch später, nachdem ich das Gymnasium verlassen hatte, den Schwur gehalten und infolgedessen die tadelndsten Zensuren eingeerntet. In dem Septimaner-Ordinarius hatte ich überhaupt jeden Lehrer auf das gründlichste hassen gelernt.
Vor dem Beginn der Weihnachtsferien 1834 erhielt ich als der Letzte in der Klasse Septima das schlechteste Vierteljahrszeugnis mit Nummer IV, außerdem aber vom Herrn Ordinarius einen handgreiflichen Denkzettel so empfindlicher Art, daß mir das Blut vom Rücken lief und ich vor Ermattung umsank. Danach wurde die Klasse entlassen und ich zur Thür mit dem Fuße hinausgestoßen.

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Das war zu viel für mich armen Jungen. In bitterer Kälte und bei fußhohem Schnee wanderte ich langsam durch die Straßen Berlins, schlug den Weg nach Schöneberg ein in der Absicht, nach Magdeburg zu entfliehen und einen dort lebenden Onkel mütterlicherseits um Barmherzigkeit und Obdach[22]  zu bitten. Um 3 Uhr nachmittags, kurz vor dem Weihnachtsfeste, war ich von Berlin aus aufgebrochen; als ich Schöneberg erreichte, herrschte bereits finstere Nacht. Ich besaß kein Geld zum Ankauf von Speisen, um den eingetretenen Hunger zu stillen und eisige Kälte durchbebte meine zitternden Glieder. Aber weiter zog ich durch Schnee und Kälte mitten durch eine düstere Heide, bis ich etwa gegen 10 Uhr nachts Lichter erblickte und meinen Weg in die Richtung nach diesen nahm. Ich stieß auf eine Schenke, in der sich Fuhrleute und Bauern mit lautester Stimme mit einander unterhielten. Mich fürchtend setzte ich meine schlotternden Beine wieder in Bewegung, um meine Reise fortzusetzen. Ich wankte die Fahrstraße entlang, sank plötzlich wie tot um, und mein erstarrter Körper lag begraben im Schnee.
Was weiter mit mir geschehen war, weiß ich selber nicht zu sagen. Nur dessen erinnere ich mich, daß Bauern oder Knechte, die des Weges kamen, mich zufällig entdeckten, aufhoben und auf ihren Wagen legten, um mich in die Schenke zu tragen, zu erwärmen und durch Speise und Trank zu erquicken. Ich wurde schließlich meinen tief bekümmerten Eltern überliefert und verfiel bald darauf in eine schwere Krankheit, die mich lange Wochen an das Bett fesselte.
Mein Peiniger, dem die Kunde von dem Geschehenen mitgeteilt wurde, fühlte so wenig Bedauern darüber, daß er meinem Vater mit der Hand auf die Schulter klopfte und mit seinem satanischen Lächeln die Worte hinzufügte »Glaube mir, Dein Junge wird einst den Galgen zieren!«
Das war der liebenswürdige Lehrer, dem während einer Reihe von Jahren das Schicksal der Jugend und die Bildung zarter Seelen anvertraut war. Seine eigene Strafe sollte ihm indes nicht fehlen. Der Vater eines Septimaners, der nach gewohnter, von mir beschriebenen Weise von dem sauberen[23]  Ordinarius unsäglich gemißhandelt worden war, führte an höherer und höchster Stelle Beschwerde, und Herr K. erhielt neben einer wohlverdienten amtlichen Rüge seine Entlassung aus dem Lehrerstande.
Mein Vater, dem die militärische Disziplin in das Fleisch und Blut übergegangen war, fühlte sich nicht berechtigt, eine Klage zu führen, deren Ausgang ihm zweifelhaft erschienen wäre. Außerdem hatte er mich meinem Peiniger bedingungslos übergeben in dem guten Glauben, daß er als ehemaliger Kriegskamerad das vollste Vertrauen verdiene.
Zum Glück für die Erziehung der Jugend, besonders in unserer Gegenwart, sind derartige Beispiele barbarischer Lehrer kaum mehr denkbar oder sie würden sofort von behördlicher Seite ausgemerzt werden.

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Der Ingrimm, den ich gegen das gesamte Lehrertum gefaßt hatte, sollte lange nicht zur Ruhe kommen. Ich wurde aus dem Gymnasium herausgenommen und in eine Bürgerschule in der Jägerstraße gesteckt, wel che damals unter Leitung ihres Dirigenten Gericke im Flor stand. Was kümmerten mich aber Schule und Lehrer? Ich las dafür die griechischen Klassiker in deutschen Übersetzungen, vertiefte mich in Reisebeschreibungen und Schilderungen des Morgenlandes, ohne meine regelmäßigen kalligraphischen Übungen unter den Augen meines Vaters und Großvaters zu vernachlässigen. Alle Welt war über meine meisterhafte Handschrift erstaunt und sie verschaffte mir die Ehre, meinem Vater treue Dienste als Abschreiber seiner militärischen Berichte zu leisten.
Es ging oft scharf her, besonders um die Zeit gegen Neujahr; da handelte es sich um die Abfertigung der Nationale des aus 24 Mann bestehenden Kommandos der Königsgendarmerie und ihres Pferdebestandes, die tabellenartig angelegt werden mußten und eine Masse von Angaben enthielten, die[24]  einen erklecklichen Vorrat von Linien und von Worten erforderten. Die Listen mußten in viermaliger Abschrift ausgeführt werden, und das erste Exemplar wurde dem König vorgelegt. Es war ein Triumph für meinen Vater, wenn selbst an höchster Stelle die Schönheit der Handschrift gerühmt wurde, aber über das schmeichelhafte Lob aus dem Munde meines Erzeugers konnte ich das eingesogene Gift des Hasses gegen die gesamte Lehrerschaft nicht los werden.



Wie ich zu den alten Ägyptern gekommen bin.










[25] Ich war etwa zwölf Jahre alt geworden, aber ich fühlte mich vereinsamt und vermied es, mit Altersgenossen muntere Spiele zu treiben. Dazu hatte meine Gesundheit seit meiner Auswanderung einen Stoß bekommen und ich fühlte mich oft todesmatt. Und dennoch empfand ich einen unnennbaren Drang zum Schaffen, der mir schließlich die Brücke zu meinen altägyptischen Forschungen baute.
Die Schilderungen der Wunder des alten Ägyptens hatten auf mich einen so überwältigenden Eindruck gemacht, daß mein ganzes Dichten und Trachten auf die Kenntnis der Quellen zur Erforschung dieser Wunder gerichtet war. Das ägyptische Museum in Berlin öffnete mir dazu die Thore. Die damals kleine, aber schon sehr wertvolle königliche Sammlung ägyptischer Antiken befand sich in einem langen, treibhausähnlichen Gebäude mitten im schattigen Baumgehege des Gartens von Monbijou in der Oranienburger Straße. Direktor Herr Passalacqua, ein aus Triest gebürtiger Italiener, hatte sie während seines längeren Aufenthaltes in Ägypten, wo er sich dem kaufmännischen Berufe gewidmet hatte, durch Ausgrabungen und billige Ankäufe zustande gebracht. Bei seiner Rückkehr[25]  nach Europa siedelte er nach Paris über, stellte seine Schätze öffentlich aus und hegte den Wunsch, sie der französischen Regierung, es war in der Zeit Louis Philipps, käuflich abzutreten. Die Verhandlungen darüber zerschlugen sich, bis es unserem großen Alexander von Humboldt, der alljährlich den Winter in Paris verlebte, um in der weltberühmten Bibliothek des Instituts sich wissenschaftlichen Studien hinzugeben, gelungen war, die schöne Sammlung für Berlin zu erwerben. Der dafür gezahlte Preis war mäßig, doch war an den Ankauf die Bedingung geknüpft, daß ihr Besitzer, Herr Passalacqua, zum staatlich besoldeten Direktor des ägyptischen Museums in Monbijou erhoben werden müsse. Ich werde gleich auf den liebenswürdigen Mann zurückkommen, da er in den Jahren meiner ersten Kämpfe eine hervorragende Rolle übernommen hatte.
Schüchtern betrat ich zum erstenmale die mit altägyptischen kleinen und großen Überresten dicht angefüllten Räume des ausgezeichneten Museums, das mir wie ein Heiligtum vorkam, in welchem jeder Teil und jedes Stück das Gefühl ehrfurchtsvollster Bewunderung in meiner jungen Seele erregte. Es war mir, als sei der Himmel mit aller seiner Herrlichkeit auf die Erde gefallen und als wandele ich wie mitten in einem schönen Traume, im Reiche der Märchen einher. Nicht bloße Neugierde, sondern die aufrichtigste Wißbegierde hatte mich ergriffen, und die Hieroglyphen zogen wie Geheimnisse von tiefer Bedeutung an meinen Augen vorüber. Wer löste mir ihre Rätsel, wer gab mir Kunde von der Entstehung und Geschichte der beschriebenen Denkmäler? Die große Frage blieb mir unbeantwortet, und doch glaubte ich einen Fingerzeig nach der Richtung ihrer Lösung entdeckt zu haben und zwar in den hieroglyphischen Wörtern, die Passalacqua auf Grund der bisherigen Entdeckungen Champollions des[26]  Jüngeren mit eigener Hand den ausgestellten Denkmälern bis zu den kleinsten Götterbildern hin in deutscher Umschrift als kurz erklärenden Text beigefügt hatte. Verstohlen zog ich ein Stückchen Papier aus der Tasche, zeichnete mit dem Bleistift die seltsamen Zeichen mit möglichster Treue nach und – die altägyptische Göttin hatte mir zum erstenmale ihre Fingerspitze gereicht, um mich später mit ihren Armen rettungslos zu umklammern.

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Ich hatte bei meinen Bemühungen, die bilderreichen Zeichen dem Papiere anzuvertrauen, die Aufmerksamkeit eines königlichen Galeriedieners erregt, der mit den Worten: »Na, was machst du denn da, du junger Mensch?« sich mir näherte. Beschämt trat ich zurück, aber sofort fiel er ein: »Laß dich nicht stören; ich will dir dein Vergnügen nicht rauben, kannst dir die Zähne daran ausbrechen, wie es schon manchem großen Gelehrten geschehen ist.« Es war »der alte Pahl«, wie man ihn nannte, dessen Bekanntschaft ich hier zum erstenmale machte und der mich später mit seiner vollen Freundschaft beehrte. Der kleine Mann mit dem schmalen Gesichte und der blonden Perücke darüber war damals ein angehender Fünfziger, dessen ganzes Wesen eine unverwüstliche Heiterkeit überstrahlte. So manche »kühle Blonde« mußte ich später bei Pickebacks in der Linienstraße ihm leeren helfen, aber ich that es mit Vergnügen, denn er hatte vor seiner Anstellung im Museum über zehn Jahre einem Heros näher gestanden, den die Welt nur mit Bewunderung nennt, dem großen Staatsmann und Sprachgelehrten Wilhelm v. Humboldt. Pahl, ein ziemlich gebildeter Mann, hatte bei ihm die Stellung eines Sekretärs bekleidet, dem der berühmte Forscher seine letzten Werke in die Feder diktiert hatte, darunter die weltbekannte geistvolle Untersuchung »Über die Kawi-Sprache« und die von einem bei weitem größeren Leserkreise vielbewunderten[27]  »Briefe an eine Freundin.« Der Sekretär war ein echtes Berliner Kind, und wenn seine Zunge gelöst war, so erhielt ich Beiträge zur Charakteristik W. v. Humboldts in seinem häuslichen Dasein, wie sie köstlicher nicht gedacht werden können, und die mir aufs neue die Wahrheit der Behauptung beweisen, daß die Größe eines Mannes vor seinem Kammerdiener verschwindet.
Der alte Pahl blieb während seiner ganzen noch übrigen Lebensdauer bis in seine siebziger Jahre hinein Galeriediener im ägyptischen Museum, auch nach dessen Überführung in die neuen Museen, und damit mein Protektor in allem, was die Freiheit des Eintritts und der Arbeit in den Räumlichkeiten des altägyptischen Heiligtums betraf. Denn damals waren sie nur an einem oder zwei Wochentagen dem großen Publikum geöffnet.
Mein häufiges, d.h. tägliches Erscheinen konnte nicht verfehlen, auch die Aufmerksamkeit des Direktors, Herrn Joseph Passalacqua, auf sich zu ziehen und Pahl ließ es sich nicht nehmen, ihm meinen Fleiß und meine Eigenschaften in überaus warmen Ausdrücken zu rühmen. Ich habe in meinem Gedächtnis die Erinnerungen an die liebenswürdige Persönlichkeit des Dirigenten des Museums im Monbijougarten treu bewahrt, denn er steht mir noch heute wie ein liebes und teures Bild vor Augen, wenn auch mit allen Fehlern und Schwächen eines self made man, der außerdem Südländer war.
Italiener von Geburt, Franzose seiner Sprache und seinem ganzen Wesen nach, machte Passalacqua, damals ein Sechsziger, den Eindruck einer vornehmen Persönlichkeit, die sich bis auf die Erscheinung des äußeren Menschen erstreckte. Er wurde in allen Salons der damaligen Berliner Gesellschaft gern gesehen, verkehrte mit der besten Gesellschaft und zeigte[28]  sich an jedem Nachmittage auf der Promenade Unter den Linden, wo sein ausdrucksvolles Gesicht mit dem bräunlichen Teint eines Südländers unwillkürlich die Aufmerksamkeit der Menge auf sich zog. Unverheiratet, führte er das Leben eines liebenswürdigen Garçons, speiste im Hotel St. Petersburg, führte seine Freunde oder vornehme Fremde in seiner Sammlung umher, saß des Abends im Theater oder ging in Gesellschaft, um nach der Heimkehr bis in die späte Nacht sich geistiger Arbeit hinzugeben.


Seine Wohnung lag zu ebener Erde in der Präsidentenstraße, in der Nähe des Monbijougartens. Sie bestand aus einer Reihe von Zimmern, die an den Wandseiten hängende oder auf dem Erdboden stehende Bilder mit und ohne Umrahmung in ungezählter Menge erfüllten, so daß nur ein schmaler Gang zwischen ihnen frei blieb. Die Schätze bestanden sämtlich aus Ölgemälden aus den älteren italienischen und spanischen Schulen, die Passalacquas Meinung nach den berühmtesten Meistern ihre Entstehung verdankten und einen unbezahlbaren Wert besaßen. In dem hintersten Zimmer stand in der Mitte ein großer runder Tisch mit einer grünen Decke darüber, auf dem ein Ballast von Büchern und Zeichnungen altägyptischer Figuren von seiner Hand ausgeführt sich in wil der Unordnung auftürmten. Nur ein kleiner Raum des Tisches war freigelassen, um ihm zum Schreiben und Lesen zu dienen. Ein bestäubter Kronenleuchter, im Rokokostil ausgeführt, hing über dem Tische. Ein faltiger Gazemantel umhüllte ihn und eine Rosette aus grünem Zeugstoffe versteckte den Anblick des eisernen Hakens, mit welchem der breite Lichtspender an der Decke des Zimmers befestigt war.
Ich erwähne dieses Umstandes aus einem besonderen Grunde. Die Zimmer mit ihren Bilderschätzen durften niemals vom Diener gereinigt werden, so daß der fingerdicke[29]  Staub auf allem ruhte, was den Namen Bild, Möbel, Decke, Vorhang und Gardine führte. Man glaubte sich in der Rumpelkammer eines italienischen Antiquars zu befinden, sobald man den Fuß in die Wohnung gesetzt hatte.
Wie manchen Abend saß der wißbegierige Knabe dem gereiften Manne gegenüber, um aus seinem Munde den wunderbarsten Geschichten vom alten und modernen Ägypten zu lauschen oder von Champollion, dem Entdecker der Hieroglyphenentzifferung, und anderen großen Gelehrten, mit denen Passalacqua persönlich befreundet war, zu hören oder mit Büchern versehen zu werden, die ihm den Eingang in das geträumte Paradies der altägyptischen Mysterien öffnen sollten. Ich fühlte mich jedesmal begeistert und hätte zu den Füßen des Meisters hinsinken können, um meinen kindlichen Dank in stummer Sprache zu äußern. Passalacqua erschien mir wie ein Halbgott, der nur den einen Fehler besaß, daß er die Entzifferung der Hieroglyphen als etwas Nebensächliches betrachtete und das Geheimnis der änigmatischen Bilder als die Grundlage aller Weisheit der alten Ägypter ansah. Was verstand ich damals unter dem Worte änigmatische Bilder?!
Der Meister setzte mir klar und deutlich es auseinander, und zwar in deutscher Sprache, die er ganz vortrefflich schrieb und sprach, daß nicht die Inschriften, sondern die bildlichen Darstellungen auf Stein und Papyrus die Rätsel dieser uralten Weisheit in sich trügen und daß er vom Schicksal begünstigt worden sei, den verlorenen Schlüssel zu ihrer Lösung wieder aufzufinden. Er habe seit einer langen Reihe von Jahren haufenweise die Zeugnisse dieser änigmatischen Sprache gesammelt, da lägen sie – dabei wies seine Hand auf die aufgestapelten Zeichnungen, – und nun ging es an ein Erklären, das mir armen Jungen der Brummtriesel der änigmatischen Weisheit den Kopf förmlich sprengte. Aber ich hielt es aus, um dem[30]  liebenswürdigen Offenbarer der Geheimnisse keine Kränkung oder Enttäuschung zu bereiten.

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Seine Hauptlehre betraf die Bedeutung der rechten, der spirituellen, und der linken oder materiellen Seite der Denkmäler, jene durch Feueropfer, diese durch Brotopfer änigmatisch angezeigt. Dazu treten die vier großen Weltzonen, welche die abgeschiedenen Seelen zu durchwandern hätten, lede einzelne in eine spirituelle und eine materielle Seite geteilt, und das sei die heilige 2×4 oder 8-Zahl. Zeigte eine Darstellung Ausnahmen von den aufgestellten Regeln der Geheimnisse, so wußte er auch dafür jedesmal seine guten Gründe anzuführen, denn es mußte ja stimmen.
Die Unterweisungen in abendlicher Stunde unterbrachen nicht selten piepende Töne, die mir aus der oberen Deckenregion des Kronenleuchters zu stammen schienen, und ich sah dann jedesmal verdutzt nach der ersten Zone des Zimmers. »Beunruhigen Sie sich nicht,« pflegte mein liebenswürdiges Gegenüber beschwichtigend zu bemerken, »es wird wieder ein Vogel sein, der am Abend durch das geöffnete Fenster ins Zimmer geflogen ist, um hier seine Nachtruhe zu halten. Ich störe ihn nicht, denn er bringt mir Glück.«
Ich nehme vorweg, was sich erst später ereignete, da es meinen Lebensweg nicht durchkreuzte, wohl aber auf das Wort »Glück« einen bedenklichen Schimmer wirft. Eines Abends, ich befand mich damals im Nilthale, saß Passalacqua an seinem gewohnten Arbeitsplatze, als aus der beschriebenen Höhe ein ganzes – – Mäusenest, mit den Alten und Jungen darin, auf den Tisch des Hauses herabsegelte. Man kann sich die Überraschung bei solcher unerwarteter Bescherung vorstellen, und es leicht begreifen, daß Gedanken über den Vorzug der Ehe an Stelle der Jung- oder vielmehr Altgesellenwirtschaft in dem Kopfe des würdigen Sechzigers reisten. Er entschloß[31]  sich dazu, eine späte Vernunftheirat abzuschließen, trat unter das sanfte Joch der Ehe und fand darin sein vermißtes Glück. Nur eine Erfahrung blieb ihm vorher nicht erspart. Seine kostbare Gemäldegalerie, die in Berlin keine angemessene Würdigung fand, ließ er nach Paris überführen und unter den Hammer bringen. Der Erlös brachte kaum die Kosten des Transportes und der Miete für das Lokal ihrer Ausstellung ein. Ihr Besitz hatte ihm übrigens wenig Freude bereitet, denn in den letzten Lebensjahren verlor er sein Augenlicht und blieb fortan an sein stilles Heim gefesselt.
Ich darf es nicht verschweigen, das Passalacqua, der in seinem äußeren Auftreten trotz seiner italienischen Ab stammung ein ruhiges und besonnenes Wesen zur Schau trug, mich wenigstens niemals Zeichen einer aufbrausenden Stimmung erkennen ließ, eine tiefe Abneigung gegen den Professor Dr. Richard Lepsius empfand, der sich in Paris und Italien zuerst mit ägyptischen Studien beschäftigt und Gelegenheit gefunden hatte, für die Berliner Museen während seiner ita lienischen Reisen mehrere historisch wichtige Denkmäler ägyptischen Ursprungs durch Ankauf für das Berliner Museum zu erwerben. Dazu gehören die Granitkolosse zweier Königsbilder, die gegenwärtig im Lichthofe der ägyptischen Abteilung, dem Eintretenden gegenüber, Aufstellung gefunden haben. Passalacqua fand sich peinlich davon berührt, daß die Unterhandlungen ohne seine Mitwirkung geführt worden waren und daß er erst Kenntnis davon erhielt, als die Denkmäler bereits ihre Reise nach Berlin angetreten hatten. Seine Mißstimmung wuchs, als später die bekannte erste preußische Expedition nach Ägypten, Äthiopien und der Sinaï-Halbinsel, unter Lepsius' Führung, dem Museum neue und reiche antike Schätze aus dem Nilthale zugeführt hatte, und sie fand ihren Gipfel in der Abweisung seiner eingereichten Pläne, die bei der Anlage[32]  und der Wanddekorierung der ägyptischen Abteilung in den Bauten des neuen Museums ihre Verwendung hätten finden sollen. Man hatte den Vorschlägen und Entwürfen des jungen gelehrten Professors der Ägyptologie den Vorzug geschenkt und Passalacquas Ehrgefühl auf das empfindlichste verletzt. Indes das für ihn Unglaubliche war einmal geschehen und der bisherige Direktor genötigt, die Verwaltung des altägyptischen Museums in der Lepsiusschen Gestalt zu übernehmen. Von seinem Einzuge in das abgeschlossene Direktorialzimmer an überkam ihn eine trübe Stimmung, die er dem Scheiden aus dem frischen baumreichen Monbijou-Garten zuschrieb, die aber thatsächlich viel tiefer saß, nämlich in dem Groll gegen die neuen Einrichtungen und das Eingreifen eines, wie er meinte, Unbefugten in seinen eigenen Thatenkreis.

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Es muß zugegeben werden, daß er sich im vollsten Unrechte befand, denn ein Museum wird nicht zum Privatvergnügen seines Direktors geschaffen und die Wissenschaft, in der Passalacq ua als ein recht liebenswürdiger Dilettant, aber eben nur als Dilettant dastand, hat ein volles Recht, in Museumsangelegenheiten ihre Stimme hören zu lassen und von denen, die es angeht, gehört zu werden, jedoch Passalacqua hatte dafür kein Verständnis und er steckte die Hörner auf, wo er nur konnte. Leider sollte die Gelegenheit nicht fehlen, um meine arme Person, die damals vollständig unbekannt war, mit den beginnenden Stürmen in den oberen Regionen als Trumpf gegen Lepsius auszuspielen. Ich komme später darauf ausführlicher zurück.



Ich trete in Kölln ein.










[33] Meine ersten Berührungen mit Passalacqua fielen gerade in die Zeit, in der ich dem Köllnischen Real-Gymnasium,[33]  damals in dem alten Rathause am Fischmarkt, zum zweitenmale als Gymnasiast übergeben wurde. Ich ward der Quarta zugewiesen, aber meine in der Bürgerschule erworbenen Kenntnisse waren zu schwach, um allen Anforderungen zu entsprechen, und besonders waren es die Sprache der alten Römer und die Schwierigkeiten der Mathematik, die mir eine unsägliche Plage bereiteten. Zur Privatnachhilfe reichten die Mittel der Familie nicht aus, und so drückte ich volle zwei Jahre die harte Schulbank, ohne von der Stelle zu kommen. Meine schriftlichen Arbeiten waren kalligraphische Meisterstücke, aber ihr Inhalt gab Zeugnis von der Quarta Unzulänglichkeit ihres schon vierzehnjährigen Verfassers.
Von dem Hasse gegen das gesamte Lehrertum war ich einigermaßen zurückgekommen. Der Direktor der Anstalt, Professor Dr. August, und meine ehemaligen Lehrer besaßen nicht nur hervorragende pädagogische Fähigkeiten, sondern auch ein gründliches Wissen, das dem jungen Volke der Schüler niemals entgeht, sobald es auf fester Grundlage ruht. August war als Physiker und Mathematiker ein geschätzter Lehrer, Barentin ein im Vortrag unübertrefflicher Meister in den drei Reichen der Natur, Benari ein akademisches Licht, der das Griechische und Lateinische beherrschte wie keiner und beide Sprachen mit unglaublicher Fertigkeit redete. Seine öffentliche Disputation in lateinischer Sprache mit dem Verfasser der Promotionsarbeit unter dem Titel De morbo democratico ist vielleicht noch im Gedächtnis meiner älteren Zeitgenossen. Professor Kuhn, unter dessen Anleitung wir deutschen und englischen Unterricht empfingen, ist der gelehrteste und gründlichste Forscher auf dem Gebiete der indogermanischen Sprachvergleichung gewesen, den meisten bekannt durch eine nach ihm genannte Zeitschrift. Die Namen meiner übrigen Lehrer: Holzapfel, Krech, Kuhlmei, Polsberw, Runge, Selkmann, [34]  Lommatzsch u.a. weisen auf Männer von Bedeutung in der Geschichte des Berliner Schulwesens hin, und jedem einzelnen bin ich für das empfangene Wissen zur wärmsten Dankbarkeit verpflichtet. Darf ich unter den ausgezeichneten Meistern überhaupt von einer Auswahl sprechen, so würden die Namen Holzapfel und Kuhlmei eine besonders leuchtende Stelle in meinen Erinnerungen aus der Jugendzeit einnehmen. Sie waren es, die mich im Lehrer wieder den wahren Freund seines Schülers erkennen ließen. Beide zogen mich in ihr Haus und füllten durch unentgeltlichen Privatunterricht die bestehenden Lücken in meinem Wissen aus. Sie hatten Mitleid mit meinen Schwächen, und bald empfand der junge Vogel die Kraft seiner Schwingen, um im schnellen Fluge aus den niedrigen Regionen der Schulklassen sich zu den obersten Schichten emportragen zu lassen. Ich hatte angefangen meine Lehrer herzlich zu lieben und ihnen die Beweise meiner Liebe durch eisernen Fleiß und die regste Aufmerksamkeit zu vergelten.
Die Trefflichen ruhen heute alle im Grabe, nur Professor Dr. Holzapf el, der später die Stelle eines Gymnasialdirektors in Magdeburg übernahm, weilt noch unter den Lebenden. Ich habe vor wenigen Monaten (im November 1892) die unbeschreibliche Freude gehabt, ihn im Hause meines hochverehrten Freundes Hermann Gruson als 82 jährigen geistesfrischen Greis nach dem langen Zeitraum von 45 Jahren wieder begrüßen zu dürfen. Es ist unnötig, meine tiefe Bewegung und seine eigene thränenreiche Rührung zu schildern, als wir uns Auge ins Auge sahen und jene stumme Sprache redeten, die mehr als die klangreichsten Worte zu sagen vermag. Möge der Himmel die Zahl seiner Jahre vermehren und ihm ein hohes glückseliges Alter spenden!
Dr. Kuhlmei, eine nicht minder liebe Gestalt in meinem Gedächtnis, war mir Lehrer und Freund zu gleich. Er war[35]  der einzige, der von meinen stillen Arbeiten auf altägyptischem Gebiete Kunde hatte und mit seinem vielumfassenden Wissen meinem eigentümlichen Studiendrange auf einem eben erst angebauten Gebiete der Altertumskunde seine kritische Richtung verlieh. Seine reiche und ausgewählte Bibliothek stand mir jeder Zeit zu Gebote, und ich habe im stillen darin gewühlt wie der Geizhals in seinen Schätzen. Leider war es dem liebenswürdigen Lehrer nicht vergönnt, sich später, nach seiner Vermählung mit einer jungen adligen Dame mit dem stolzen Namen von Bismarck, eines ungetrübten häuslichen Glückes zu erfreuen. Er starb an gebrochenem Herzen, und wehmütig begleiteten treue Schüler seine irdischen Überreste nach ihrer letzten Ruhestätte.
Außerhalb der Schule verdankte ich ein gutes Teil meines wiedergewonnenen Lebensmutes und, nebenbei bemerkt, meines mathematischen Wissens einem Manne, dessen Namens ich eben gedacht habe und dessen große Erfolge auf dem Gebiete der Eisentechnik nicht nur das Vaterland, sondern das gesamte Ausland in verdientem Maße zu würdigen verstanden hat, ich meine den jetzigen Geheimrat H. Gruson.
Meine Eltern bewohnten damals ihr bescheidenes Heim, aus Stube, Kammer und Küche bestehend, das auf der Hofseite und zu ebener Erde in einem langgezogenen Hause in der Zigelstraße zu Berlin gelegen war. Es fehlte der Klause nicht an Poesie. Blätterreiche Weinstöcke, am Spalier gezogen, umrankten die Fenster, welche unmittelbar die Aussicht nach einem kleinen Garten des Wirtes öffneten. Ein Taubenschlag barg ein ganzes Vögelvolk in sich und die muntere geflügelte Welt schien ein Vergnügen daran zu finden, sich auf den, Fensterbrettern hin und her zu bewegen und mit girrender Stimme an die kleinen Glasscheiben zu picken. Ich saß vor meinem einfachen Arbeitstische in der Ecke des Schlafzimmers[36]  und empfand an dem Gebahren der Tauben eine selige Lust. Mir war es, als wollten sie mich ins Freie hinauslocken, aber da lagen die Arbeiten für die Schule auf dem Tische, nicht selten ein ägyptisches Werk unter einer lateinischen Grammatik, dem alten Zumpt, versteckt, denn ich fürchtete, den Tadel der Eltern zu verdienen, sobald ich meine ägyptischen Geheimnisse offen zu Tage legte. Meine Studien wurden im geheimen betrieben und selbst des Nachts –. ich schlief in einem schmalen Holzverschlag neben der Küche – fuhr ich in meiner Arbeit fort, nachdem ich sorgfältig gesammelte Kerzenenden angezündet hatte, um mir als Beleuchtung zu dienen.

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Zwischen dem Garten vor der Wohnung und dem Ufer der Spree, die an dem Gehöfte vorüberfloß, lag ein großer Platz, der jeder Poesie entbehrte. Er diente als Stätte für die Aufstellung von gebrannten Ziegelsteinen, welche von den »Zillen«, die an der Spreeseite vor Anker lagen, auf Bretterunterlagen ausgekarrt wurden, um mit klingendem Getöse in Reih und Glied in turmähnlicher Gestalt aufgebaut zu werden. Der Anblick war so alltäglich, daß ich schließlich das Ziegelwerk als einen Störenfried betrachtete, denn die damit belasteten »Zillen« raubten mir mein Hauptvergnügen nach geschehener Arbeit: das Angeln von Fischen höchst zweifelhafter Güte und Größe. Immerhin war meine treffliche Mutter als sparsame Hausfrau gütig genug, meine häufige Beute im gesottenen oder gebackenen Zustande auf den Tisch zu bringen, bis mir endlich selber der Appetit verging und ich die Angelrute an den Nagel hing. Auch ein anderes Hindernis schwerwiegender Art trat meiner fortgesetzten Angellust entgegen: mein eigner Bruder, der um diese Zeit, über 14 Jahre nach meiner eignen Geburt, das Licht der Welt erblickte. Ich erhielt die bevorzugte Stellung eines Kindermädchens, das den späten Sprößling während der Freistunden in Licht und[37]  Wärme hinaustragen mußte. Das war der sauerste Dienst in meinem Leben, denn der unverständige Bruder pflegte gewaltig zu schreien, und heimlich ausgeteilte »Knuffe« von meiner Hand erwiesen sich gerade als das schlechteste Mittel, seinem Gesange ein Ende zu bereiten. Die Ägypter lagen mir außerdem im Kopfe, und das Hin- und Hertragen des juugen Weltbürgers hinderte mich, meine Gedanken ihren ungestörten Lauf nehmen zu lassen. Du goldene Jugend, wo war dein leuchtender Schimmer für mich geblieben?
Von der Wohnung meiner Eltern nur durch einen schmalen Gang getrennt, lagen ein paar Zimmer, welche zwei Junggesellen gemietet hatten, um sich für ihren künftigen Beruf vorzubereiten, beide aus Magdeburg gebürtig und beide im gleichen Lebensalter von 21 Jahren flehend. Der eine war ein hochaufgeschossener schöner Jüngling mit den freundlichsten Zügen in dem Gesicht, das von blondem Haar beschattet war, seines Zeichens ein Techniker im Maschinensache, der andere, eine kleine, untersetzte Gestalt mit einem klugen Kopfe und dunkelbraunem, lockigen Haare darauf, hatte sich dem Banksache gewidmet. Sie lebten schlicht und einfach, wie es ehrsamen jungen Gesellen geziemt, und ruhten nach vollendetem Tagewerk nur aus, um sich der fortgesetzten Arbeit und dem Studium mit eifrigstem Bemühen hinzugeben. Vor den anziehenden Lüsten dieser Welt hüteten sie sich weislich, schon aus dem einfachen Grunde, weil ihre Mittel nur bescheidener Art waren. An Lebensfreudigkeit fehlte es ihnen durchaus nicht, denn sie sangen wie die Nachtigall im Busch.
Der zuerst Genannte ist als Erfinder des Hartstahlgusses und als Begründer eines großartigen Industriewesens für die Herstellung von Kanonen und Panzerplatten der ganzen Welt später bekannt geworden, es ist Hermann Gruson; der zweite endete mit dem günstigsten Abschlusse seines Lebens,[38]  denn er hat sich als reicher Mann zurückziehen können, um in Berlin in der Ausübung gottgefälliger Werke ein frommes Dasein zu führen. Sein Name Lösche ist vielleicht dem einen oder anderen Leser bekannt.
Da meine Mutter eine Landsmännin beider Zimmergenossen war, so stellten sich bald freundliche Beziehungen zwischen den beiden Wohnungen her und ich konnte es wagen, mich dem angestaunten Gruson zu nahen, wenn mathematische Schwierigkeiten in meinen Schularbeiten mich von meinen altägyptischen Lieblingen fernhielten. Auf einer schwarzen Tafel, die an der Thür der inneren Wohnung befestigt war, mußte ich mit Kreide Dreiecke, Vierecke und Kreise mit ihren Winkeln, Tangenten und Segmenten malen und unter Grusons lustiger Führung Ansatz und Auflösung regelrecht konstruieren. Die mathematische Wissenschaft machte mir unter solcher Anleitung zuletzt eine wahre Freude, die sich in Stolz auf meinen Lehrer umwandelte, als ich ihn einstmals in der kleidsamen Uniform eines schmucken Pionier-Offiziers über den Hof gehen sah.
Erst dreiundfünfzig volle Jahre sollten bis zum Wiedersehen vergehen, wie ich es später dem geneigten Leser erzählen werde. Die verflossene Zeit war lang genug, reichte aber nicht aus, um uns beide aus dem gegenseitigen Gedächtnis zu verlöschen.
Meine geistige Entwicklung machte schnelle Fortschritte und bald war ich so weit gekommen, als Schüler in den oberen Klassen des Gymnasiums schwächeren Mitschülern Unterricht zu erteilen und durch die gewonnenen Einnahmen zur Bestreitung der Kosten für des Lebens Notdurft und Nahrung in der Familie beizutragen. Auch meines Vaters Stellung hatte eine Wendung zum Besseren genommen; man konnte sogar daran denken, die Miete für eine größere und teuere[39]  Wohnstätte zu erschwingen, die in demselben Hause in der zweiten Etage des Vordergebäudes, an der Artilleriestraße, dicht an der Ebertsbrücke, nach kurzem Suchen glücklich gefunden ward.
Inzwischen hatten meine von mir als Autodidakt begonnenen Studien der altägyptischen Inschriften einen segensreichen Fortgang gefunden und vor allem auf dem Gebiete der demotischen oder ägyptischen Volksschrift, mit deren Entzifferung ich mich fortdauernd beschäftigt hatte, zu wichtigen Entdeckungen geführt, deren Bedeutung ich selber nicht abzuschätzen vermochte. Man kannte bisher nur den alphabetischen Wert weniger Buchstaben, die zur Umschrift griechischer und römischer Namen dienten, während alles übrige in finstere Dunkelheit gehüllt war. Selbst über das System dieser Schriftgattung herrschten Widersprüche unter den Gelehrten, die es überhaupt der Mühe wert gehalten hatten, sich mit ihr näher zu beschäftigen. Die Schwierigkeiten der Entzifferung erschienen damals unüberwindlich.
Heutzutage erliegt es keinem Zweifel mehr, daß diese Schrift aus den verkürzten hieratischen Schriftzügen, der Kurrentschrift der hieroglyphischen, hervorgegangen war, um die damalige Volkssprache zum Ausdruck zu bringen, die grammatisch und syntaktisch die größten Abweichungen von der alten und ältesten Sprache erkennen läßt. Dies nachzuweisen ist heutzutage kein Kunststück mehr, nachdem ich in meiner eisernen Jugendzeit durch jahrelange Arbeiten bis tief in die Nacht hinein die Rätsel von Fall zu Fall gelöst hatte. Aus dem Studium der sogenannten demotischen Kaufkontrakte des Berliner Museums, des demotischen Teiles der Inschrift von Rosette, der gnostischen Papyri von Leyden und ähnlicher Denkmäler hatte ich bereits im Alter von 16 Jahren eine vollständige Grammatik der demotischen Schriftsprache in lateinischer[40]  Abfassung zusammengestellt, deren Lektüre mir noch heute das größte Vergnügen bereitet.


Auf dem Gymnasium wurden meine Fortschritte in allen Zweigen des Unterrichtes von den Lehrern mit dem größten Lobe anerkannt, und ich ließ es mich nicht verdrießen, auch im Hebräischen unter Leitung des Professors Lommatzsch mir meine Sporen zu verdienen. Mit meinen Mitschülern stand ich auf dem besten Fuße. Freundschaften wurden »fürs Leben« geschlossen; wenn auch mit Bezug darauf sich später manche Enttäuschung einstellte. Die beiden Prinzen von Reuß (der eine ist heute der deutsche Gesandte in Wien), der Staatsminister von Puttka mer, die beiden Herren von Prillwitz, die von Klitzing, von Caprivi, der Bildhauer Sußmann(-Helborn), der Hofschauspieler Hiltl, die Architekten Lucä und Ende und manche sonstige später bekannte Persönlichkeit unserer Zeit saßen mit mir in derselben Klasse unter dem milden Regimente unseres verehrten Direktors August.
Dem ausgebreiteten Wissen des letzteren stand eine unglaubliche Zerstreutheit zur Seite, die sich gelegentlich in Worten und Handlungen äußerte und den Stoff zu den lustigsten Geschichten lieferte, wie sie vom Schuldasein unzertrennlich sind. Daß er einmal »mit dem linken Auge durch ein Prisma sehen und mit dem rechten Auge den Bleistift halten ließ, um den Beobachtungswinkel zu notieren«, war noch lange nichts Außergewöhnliches. Manch übermütiger Schüler benutzte das volle Versenktsein des braven Direktors in seinen Gegenstand zu losen Streichen, die mir noch in diesem Augenblicke unwillkürlich ein Lächeln abgewinnen. Ich erinnere mich insbesondere zweier Fälle, die der ganzen Klasse das größte Gaudium bereiteten, ohne daß Professor August auch nur die mindeste Ahnung von den Absichten des Unthäters besessen hätte. Eines schönen Tages sollte ein bekanntes physikalisches[41]  Experiment, die Höhe eines Ortes aus der Zeit der Fallgeschwindigkeit eines Körpers zu berechnen, an einer praktischen Demonstration nachgewiesen werden. Die Primaner stiegen bis zur Flurhöhe des vierten Stockwerkes des alten Gebäudes hinauf, der Direktor hielt in der einen Hand eine Uhr mit Sekundenzeiger, in der andern eine Bleikugel, die in einem gegebenen Momente losgelassen werden sollte, um in die Tiefe zwischen den Treppengeländern zu sinken und durch ihren Aufschlag auf den Boden des untersten Flures den Augenblick ihrer Ankunft und damit das Zeitmaß der vollendeten Fallgeschwindigkeit anzugeben. Drei Kugeln fielen der Reihe nach aus der Hand des Direktors, ohne einen hörbaren Aufschlag in der Tiefe zu hinterlassen. Das war durchaus erklärlich, denn der jüngere von Prillwitz hatte sich nach dem nächstliegenden unteren Stockwerk geschlichen und in seinem Hute die fallenden Kugeln aufgefangen. Der Direktor war vom höchsten Erstaunen ergriffen, denn sein Auge hing stets an dem Sekundenzeiger, und er hat es niemals erfahren, welcher Schalk bei dem jedesmal verunglückten Experimente ihm einen Streich gespickt hatte. Derselbe Primaner, der später als Offizier in das Regiment der Garde-du-Corps in Berlin eintrat, sollte eines schönen Tages einen mathematischen Beweis an einer Dreiecks-Figur vor dem versammelten Kriegsvolke und in der Gegenwart des Dirigenten durchführen. Er trat vor die Tafel, malte mit einem Kreidestückchen das verlangte Dreieck auf den schwarzen Grund und es entspann sich folgende Unterhaltung:
Pr. »Man denke sich ein Dreieck E–M–A.«
Dir. »Wie sonderbar! Man bedient sich der Buchstaben A–B–C.«
Pr. »Das kann ich nicht, Herr Direktor.«
Dir. »Weshalb denn nicht?«
[42]  Pr. »Weil ich EMA zärtlich liebe!«
Wir brachen alle in ein homerisches Gelächter aus, denn man muß wissen, daß Direktor August eine anmutige Tochter besaß, welche den Vornamen Emma trug. Demselben Pr. gelang es, eine ungeheure Heiterkeit hervorzurufen, als ein würdiger Lehrer, der aus Sachsen gebürtig war und dem P-Buchstaben die Aussprache des B verlieh, einen von Pr. verfaßten deutschen Aufsatz verlas, in dem es von P und B förmlich wimmelte und dessen Anfang ich niemals habe vergessen können. Er lautete: »Von dem Potsdamer Platze pilgert das Publikum zwischen paarweis postierten prachtvollen Pappeln mit Postpaketen bepackt nach dem Botanischen Garten.« Man kann sich vorstellen, welches die Wirkung war, als der würdige Sachse die litterarische Leistung des hoffnungsvollen Schülers mit lauter Stimme uns vorlas. »Das ist pure Poesie!« erwiderte Pr. und ein neuer Ausbruch allgemeinster Heiterkeit war die Folge seiner kecken Antwort.
Es ist merkwürdig, wie ansteckend hervorragende Eigenschaften mancher Schüler auf eine ganze Klasse ihren Einfluß ausüben. Das war bei meinem nunmehr verstorbenen Freunde Hiltl der Fall, der als königlicher Schauspieler, vaterländischer Schriftsteller und zuletzt als artistischer Direktor der Waffensammlung im Zeughause, der jetzigen Ruhmeshalle, sich eines wohlverdienten Rufes in der öffentlichen Welt erfreute. Noch Sekundaner, verteilte er an uns übrige die Rollen der Hauptpersonen in Schillers Schauspielen, und es wurde in den Zwischenstunden Theater gespielt mit allem Pathos begeisterter Histrionen. Den Schluß bildete regelmäßig ein Nachspiel, in welchem ein mittelalterliches Turnier als Glanzpunkt diente. Das Gestampfe der Pferde, d.h. unserer eigenen Füße war von donnerähnlicher Wirkung, und dicke Staubwolken wirbelten vom Boden bis zur Decke auf. Ein aufgestellter[43]  Beobachtungsposten an der Thür sorgte für jede unliebsame Überraschung seitens der Lehrer.

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Direktor August war mir im späteren Dasein ein teurer, guter Freund und ein aufrichtig ergebener Gönner geworden, den ich über alles liebte und dessen Hinscheiden mich mit tiefem Schmerze erfüllte.
Meine Gymnasialausbildung näherte sich ihrem Schlusse. Ich saß in der Ober-Prima, zeichnete mich durch ernstes Streben und durch meinen Fleiß im Lernen und in meinen schriftlichen Arbeiten aus und gewann die Zuneigung aller meiner Lehrer. Das Schlachtbeil meiner heimlichen ägyptischen Entzifferungen hatte ich indes nicht vergraben. Nach vollendetem Pensum für die Schule saß ich bis spät nach Mitternacht am Tische vor hieroglyphischen und demotischen Inschriften, um ihre Rätsel zu lösen und meine handschriftliche Grammatik der alten Volkschrift durch neue Entdeckungen zu berreichern. Passalacqua verfolgte mit der gespanntesten Teilnahme den Gang meiner Arbeiten, die ihm mehr als bloß beachtenswert erschienen. Wenn ich aus dieser Zeit noch zweier Personen gedenke, des gegenwärtigen Geheimrats Kunstman, dessen heitere Laune und Witz von da mals bis auf den heutigen Tag nichts an Berliner Salz eingebüßt haben, und meines eigenen Onkels Benecke, so geschieht es, um ihnen hiermit den schuldigen Tribut herzlichster Dankbarkeit noch in meinen späten Lebensjahren abzutragen. Beide waren Beamte der königl. Bibliothek in Berlin und beide ließen es willig durchgehen, daß dem jungen Primaner die gewünschten wissenschaftlichen Werke größeren und kleineren Umfanges anstandlos auf Zeit übergeben wurden. Ich selber war nicht in der Lage, aus eigenem Mitteln mir die meistens seltenen und kostbaren Bücher anzuschaffen, wenn auch meine Sehnsucht nach dem Besitz wenigstens der wichtigeren von Tage zu Tage wuchs und ich alles[44]  aufbot, um aus meinen ärmlichen Spargroschen mich in den Besitz dieses und jenes Buches zu setzen. Ich erinnere mich noch lebhaft, wie mir das Herz im Leibe schlug, als es mir gelungen war, Champollions weltberühmtes Werk »Précis du système hiéroglyphique« käuflich zu erwerben, und wie ich meinen Schatz an die Brust drückte und atemlos nach Hause eilte, um seinen köstlichen Inhalt förmlich zu verschlingen. Das waren Festtage, die mir im Leben nie wiedergekehrt sind. –
Da geschah im Jahre 1847 etwas für mich Außerordentliches. Idelers, des Sohnes, Bücherei sollte nach seinem Tode öffentlich versteigert werden. Das gedruckte Verzeichnis wies einen wahren Reichtum von Werken und Abhandlungen nach, die sich mit meiner eigenen Wissenschaft berührten und mir, wenigstens für damalige Zeit, von höchstem Werte erschienen. Gesprächsweise teilte ich meinem älteren Freunde Passalacqua meinen Jammer mit, die Quelle vor mir fließen zu sehen, ohne meinen brennenden Durst aus ihrem Wasser löschen zu können. »Ich weiß einen Ausweg«, fiel er mir in die Rede, nachdem ich ihm über den Gegenstand meiner Wünsche weitere Mitteilung gemacht hatte, »richten Sie an Se. Majestät den König Friedrich Wilhelm IV. eigenhändig ein Bittgesuch, um Seine Gnade für Sie, den ich stolz bin meinen Schüler zu nennen, in warmen Worten anzurufen und um eine Unterstützung zum Ankauf der von Ihnen gewünschten Werke zu flehen. Se. Majestät ist für jeden Erfolg auf dem Gebiete der ägyptischen Altertumswissenschaft begeistert, – denken Sie an die Opfer, die er für Lepsius' Expedition dargebracht hat, – und da dem edelmütigen Fürsten das wärmste Herz im Busen schlägt, so bin ich fest davon überzeugt, daß er Ihr unterthänigstes Gesuch freudig gewähren wird. An meiner Empfehlung soll es nicht fehlen.« Und also geschah es. Das[45]  Bittgesuch wurde dem König überreicht und mit wahrer Aufregung sahen wir der Antwort entgegen.
Eine ganz unerwartete Ehre sollte mir bald darauf zuteil werden, der Besuch des Professors Dr. Lepsius, dessen Ruhm damals nicht bloß Preußen, sondern die ganze Welt erfüllte. Er war von seiner großen Reise zur Erforschung der Denkmälerwelt in Ägypten, Äthiopien und der Sinaï-Halbinsel zurückgekehrt und hatte das Vertrauen seiner hohen Gönner, Alexander von Humboldt und Josias von Bunsen, die ihn und seine Zwecke der Huld des für Wissenschaft und Kunst begeisterten Königs empfohlen hatten, in der glänzendsten Weise gerechtfertigt. Jede Kritik über den damaligen Wert seiner erfolgreichen Untersuchungen muß vor der Thatsache verstummen, daß seine Arbeiten sich durch eine ungewöhnliche Schärfe der Auffassung, durch ihre Klarheit der Darstellung und durch ihren lehrreichen, selbst vor Zweifeln nicht zurückschreckenden Inhalt auf das vorteilhafteste vor allen bisher erschienenen Leistungen auf demselben Gebiete auszeichneten. Die in derselben Zeit veröffentlichten Tafeln seines bekannten großen Denkmälerwerkes, von der kundigen Hand der beiden Brüder Weidenbach, des Zeichners Eirund und des Architekten Erbkam ausgeführt, lieferten das glänzendste Zeugnis für die unbestreitbaren Verdienste des jungen Professors, der eine neue Epoche der bisher vereinsamten Ägyptologie geschaffen hatte und vor allem dazu beitrug, den Glanz des Namens seines königlichen Beschützers in hellstem Lichte strahlen zu lassen. Die Gunst des Schicksals hatte ihn durch eine reiche Heirat vor den Plagen und Sorgen des gewöhnlichen Lebens sicher gestellt, so daß die junge Berühmtheit nach jeder Richtung hin glücklich zu preisen war. Sein Haus in der Behrenstraße, später in der Bendlerstraße, war eine Pilgerstätte zahlreicher Fremden geworden, die kamen, um ihm ihre Huldigungen zu[46]  beweisen. Zu seinem Kreise gehörte alles, was in der Politik, Wissenschaft und Kunst einen Namen von Bedeutung trug, und Lepsius selber erschien als der Mittelpunkt, der eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf alles Gute und Schöne ausübte. Fügen wir hinzu, daß seine äußere Erscheinung mit dem feingeschnittenen Gesichte und den geistvollen Zügen, die bisweilen jedoch eine gewisse Kälte und Härte verrieten, einen vornehmen Eindruck hinterließ, so haben wir in der Hauptsache erschöpft, was sich von der hervorragenden Persönlichkeit des berühmten Mannes in der damaligen Zeit sagen ließ.

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Im stillen war ich ein Bewunderer seines wissenschaftlichen Namens, aber jede Hoffnung lag mir fern, mich jemals seiner Aufmerksamkeit zu erfreuen. Der Abstand zwischen dem berühmten Manne und dem Gymnasiasten war zu groß. Man wird es mir nachfühlen, wie erschrocken ich war, als Lepsius in die bescheidene Stube des Soldatenkindes eintrat und mit mir eine Unterhaltung anknüpfte, die eher einer Prüfung als einem Austausche allgemeiner Gedanken ähnlich sah. Auf seinen ausgesprochenen Wunsch legte ich ihm die Blätter meiner demotischen Grammatik vor, von der Passalacqua eine besondere Abschrift besaß.
Als ich am nächsten Tage das Gymnasium betrat, wurde ich zu meinem Direktor gerufen, um Auskunft über meine Beziehungen zu Lepsius zu geben. Dieser habe sich bei ihm und dem übrigen Lehrerpersonal nach meinem Fleiße und meinen Anlagen erkundigt und wahrheitsgemäß eine befriedigende Antwort darauf erhalten. Mein Direktor bezeugte mir sein Erstaunen darüber, daß ich mich mit altägyptischen Studien befaßt habe, und lobte mich im allgemeinen zwar, doch ohne seine stillen Zweifel über den Wert meiner eigenen Studien zu unterdrücken. Er riet mir deshalb, erst mein Abiturienten-Examen abzulegen und später auf der Universität meine begonnenen[47]  Arbeiten fortzusetzen. Kleinlaut, fast beschämt, verließ ich das Zimmer des guten Direktors mit dem festen Vorsatze, seinem väterlichen Rate zu folgen und die Ägyptiaca ganz an den Nagel zu hängen. Zum Studieren besaß ich nicht die erforderlichen Mittel, und mein Entschluß war gefaßt, nach dem Vorschlage meines Vaters die Laufbahn eines subalternen Beamten in einem Ministerium nach meiner bestandenen Prüfung als Abiturient einzuschlagen. Meine schöne Handschrift sei meine beste Empfehlung für meine ganze spätere Zukunft. Sogar zwei Unteroffiziere und ein Feuerwerker der Artillerie, die er mir mit Namen nannte und die mir wohlbekannt waren, seien neulich auf Grund ihrer guten Schrift in ein Ministerium eingetreten und sie hätten sicherlich sehr klug gehandelt. Mein Vater war ein Prophet gewesen, denn alle drei Personen bekleiden heutzutage die hohe Stellung von Geheimräten, haben eine gewichtige Stimme im Amt und besitzen Haus und Hof und was man sonst die Güter dieser Welt nennt. Ich habe häufig die Gelegenheit, sie zu sehen und zu sprechen, mit aller Teilnahme alter Erinnerungen von ihrem Glücke zu hören und mir in der Stille meines Herzens den Vorwurf zu machen, nicht dem treuen Rate meines lieben Vaters besser gefolgt zu sein.
Es vergingen einige Wochen nach dem Besuche des Professors Lepsius, als plötzlich eines Abends Direktor Passalacqua in unsere Wohnung eintrat und mit allen Zeichen höchster Aufregung einen Bescheid aus der Tasche zog, der ihm von amtlicher Seite her auf seine Empfehlung zu teil geworden war. Ihr Inhalt war in der That niederschlagend. Es hieß darin mit klaren Worten, ich sei ein sehr mittelmäßiger Schüler auf dem Gymnasium, besäße mehr Einbildung als wirkliche Kenntnisse auf dem Gebiete der ägyptischea Forschungen, die meinen Geist vou allem wirklich für mich[48]  Nützlichem ableiteten, und erwecke deshalb keine Hoffnungen für zukünftige Erfolge, die höchstens unter richtiger Leitung einiges versprechen könnten. Die Ablehnung des Gesuches wäre damit vollständig begründet und es schließlich dem Direktor anheimgestellt, in der Beurteilung aufstrebender Talente in Zukunft mit angemessener Vorsicht zu verfahren.
Wie eine Bombe hatte der Schlag mein Haus getroffen und uns alle in die größte Bestürzung versetzt. Mein ehrenfester Vater insbesondere fühlte ihre Erschütterung, als ihm durch seinen Chef, den damaligen Kommandeur der Leib-Gendarmerie, den liebenswürdigen Obersten, spätern General und Oberstallmeister des Königs von Alvensleben, der wohlgemeinte Rat erteilt wurde, mir trotz meiner schönen Handschrift ein wenig auf die Finger zu sehen und mich streng abzuhalten, Veranlassung zu Eingaben an die Person des königlichen Herrn zu geben. Das war zu viel für sein militärisches Herz und ich mußte es nach seiner Rückkehr ins Haus in harten Vorwürfen empfinden, wie tief ihn die dienstliche Zurechtweisung ins Fleisch geschnitten hatte. Trotzdem war die Sache nicht mehr rückgängig zu machen, denn Passalacqua hatte Stein und Bein darauf geschworen, es den Erbpächtern der Weisheit einzutränken, und der heißblütige Charakter seiner Nation kam in seinem Wesen zum vollsten Ausbruch.



Alexander von Humboldt wird mein Beschützer.










[49] Passalacqua begab sich zu dem Nestor der Wissenschaft, dem großen Alexander von Humboldt, der sich mit Recht eines Weltrufs erfreute und als Freund und Ratgeber Königs Friedrich Wilhelm IV., seines großmütigen und edelherzigen Herrn, des denkbar höchsten Ansehens nicht bloß in Berlin,[49]  sondern im ganzen Lande und in der gesamten gebildeten Welt erfreute. Wenn der ehrwürdige Greis, damals ein angehender Achtziger, im schwarzen Leibrocke und weißer Binde durch die Straßen der Stadt in langsamem Schritte wandelte, so blieb jung und alt, hoch und niedrig stehen, um beim Nahen der würdigen Gestalt in herzlichster Ehrfurcht den Hut zu lüften. Seine Person wie sein Name war allen bekannt, und man schätzte sich glücklich, ihn gesehen zu haben und nun gar erst von ihm angesprochen zu sein.
Seine Wohnung lag in der Oranienburger Straße, ganz in der Nähe der vortrefflichen Mätznerschen Töchterschule und gegenüber einer Apotheke. Eine Gedenktafel an demselben befindet sich heutzutage unterhalb des ersten Stockwerkes, das er allein bewohnte und in welchem er seine letzten arbeitsreichen Jahre bis zu seinem Tode verlebte. Sein schmuckloses Arbeitszimmer, ein kleines, einfenstriges Zimmer, lag nach dem Hofe hinaus, an dessen Hinterseite sich ein Gärtchen befand, dessen Mauer an die Johannisstraße stieß. Ein später Spaziergänger konnte von hier aus noch um drei Uhr nachts das erleuchtete Fenster erkennen, hinter welchem der unsterbliche Gelehrte vor einem Tische saß, um seinen Kosmos niederzuschreiben. Erst gegen vier Uhr pflegte er sein Bett in einem winzig kleinen Alkoven aufzusuchen, in welchem er auch seinen Geist aufgab.
Passalacqua war dem großen Alexander von Humboldt wohl bekannt, denn er hatte mit ihm die Unterhandlungen in Paris wegen der Erwerbung seines ägyptischen Museums für Berlin geführt und war auch nach seiner Ansiedelung in Berlin mit dem Nestor der Wissenschaft in steter Berührung geblieben.
In aller Ruhe setzte er ihm den Gegenstand seiner bitteren Klage auseinander, zugleich die offizielle Erwiderung[50]  auf sein ehrfurchtsvolles Bittgesuch an den König im Original vorlegend.
A. von Humboldt hörte ihn aufmerksam an, bewegte unwillig das Haupt, ein schmerzlicher Zug spielte um seine Lippen, und nach einigem Nachdenken erwiderte er dem erregten Manne, der nach Gerechtigkeit schrie: »Ich beklage auch meinerseits das Geschehene und zweifle durchaus nicht an der Richtigkeit Ihrer Behauptung in Bezug auf das Talent Ihres Schützlings. Aber die Vorsicht gebietet, daß wir ein unparteiisches Urteil auch von anderer, gelehrter Seite vernehmen. Das kann nur möglich sein, wenn der junge Mann seine demotische Grammatik und zwar auf meine Kosten veröffentlicht. Die nicht fehlende Kritik über den Wert oder Unwert seiner Entdeckungen wird für meine weiteren Entschließungen maßgebend sein.«
Schon am nächsten Tage erhielt ich die Einladung, mich zwischen 12 und 1 Uhr mittags, es war die übliche Empfangszeit, in der Behausung des großen Mannes einzufinden. Mein Herz klopfte fast hörbar, als ich den Klingelzug neben der großen Glasthür im ersten Stocke anzog und bald darauf einem kräftigen Fünfziger von herkulischer Gestalt gegenüberstand, der mir den Eingang öffnete und nach meinem Begehren fragte. Es war »der alte Seiffert«, der treue Kammerdiener und ehemalige Begleiter A. v. Humboldts auf dessen letzten Reisen nach dem Ural und Sibirien. Ich nannte ihm meinen Namen und der unbekannte schüchterne Primaner wurde sofort zu dem großen Manne geführt.

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Der ehrwürdige Greis saß wie immer im schwarzen Leibrock und in weißer Binde vor seinem Tische am Fenster, umgeben von Büchern und von offenen Pappkasten, die seine wohlgeordneten Kollektaneen zum »Kosmos« enthielten. Seine Feder schrieb in schräger Zeilenrichtung auf das Papier. Bei[51]  meinem Eintritt erhob er sich, bat mich, auf dem einfachen, mit grünem Wollenstoff überzogenen Sofa meinen Platz einzunehmen, und setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl neben dem von Schriften und Büchern überladenen Sofatisch. Ich war befangen wie einer, dem es an Kopf und Kragen gehen soll, stammelte Worte der Entschuldigung, aber bald schmolz das Eis meiner innersten Furcht und Angst vor den milden, freundlich lächelnden Zügen des Greises, die jedem unvergeßlich blieben, dem auch nur einmal das Glück beschieden war, sich in seiner Nähe zu befinden.
Was er mir sagte, waren Worte des Erstaunens über meine frühe wissenschaftliche Thätigkeit, Fragen nach meinen Eltern und meinem Direktor, »der ihm als gründlicher Physiker auf das beste bekannt sei«, und endlich der Vorschlag, meine Arbeiten auf seine Kosten drucken zu lassen. Ich kann mir noch heute das eigene Zeugnis ausstellen, daß ich die an mich gerichteten Fragen wissenschaftlicher Art, insoweit sie Ägyptens Schriftsprachen und Geschichte berührten, auf das verständigste und augenscheinlich zur Zufriedenheit des Hörenden beantwortete. Er drückte mir beim Abschied die Hand und forderte mich auf, so oft es meine Zeit erlaubte, ihn zu besuchen und seinen guten Ratschlägen zu folgen.
Glücklich wie ein König verließ ich die gesegnete Stätte in begeisterter Stimmung, um meinen Eltern von meinem Empfange und meinen Eindrücken im Hause des Unvergleichlichen zu berichten. Mein gesunkener Mut fühlte sich gehoben, meine Kraft gestählt, mein ganzes Wesen war wie durch Zauber umgewandelt.
Bereits am nächsten Tage ging ich ans Werk, um meine niedergeschriebene Grammatik der demotischen Schriftsprache dem Drucke zu übergeben. An einen Typensatz war natürlich nicht zu denken, da die einzelnen Züge dieser Schrift aus einer[52]  ungemein reichen Zahl, außerdem aber aus vielen miteinander verbundenen Charakteren oder Ligaturen bestehen, deren Schnitt und Guß ebenso zeitraubend als kostspielig gewesen sein würde. Ich zog es deshalb vor, das ganze Buch, in lateinischer Sprache abgefaßt, mit Hilfe des Umdrucks zu veröffentlichen, und schrieb mit einer besonders präparierten, aber sehr zähen Fetttinte meinen Text auf Papier nieder, das mit Eiweiß überzogen war und dem Schreibenden neue Schwierigkeiten bereitete.
Meine Handschrift wurde schließlich auf Zinkplatten übertragen und von diesen der Abzug jedes einzelnen Bogens genommen. Die Arbeit ging munter von statten und nach vierzehntägigem anstrengendem Schreiben im steten Kampfe mit den angedeuteten mechanischen Hindernissen sah ich mein erstes Opus vollendet. Von einer eigenhändig niedergeschriebenen Vorrede meines hochverehrten Direktors August mit schmeichelhaften Worten für den jungen Verfasser in die Welt eingeführt, sah mein Buch im Januar des Jahres 1848 das Licht der litterarischen Öffentlichkeits1. Unmittelbar vor dem Abiturienten-Examen stehend, hatte ich es fertig gebracht und meinerseits das Verlangen Alexanders v. Humboldt in kürzester Frist erfüllt. Mit Spannung sah ich den gelehrten Urteilen über mein Buch in Deutschland und im Auslande entgegen, doch ohne die geringste Unruhe über sein Schicksal zu empfinden, denn ich hatte das tröstende Gefühl, meiner Sache sicher zu sein.


In England war es zuletzt Dr. Hinks gewesen, der gelegentlich der demotischen Schrift seine Aufmerksamkeit geschenkt[53]  hatte, in Frankreich hatte sie dagegen der Pariser Akademiker und Artillerie-Oberst de Saulcy gerade in den letzten Jahren zum Gegenstande seiner eifrigsten Forschungen gemacht, und kurze Zeit vor dem Erscheinen meines eigenen Werkchens eine demotische Inschrift nach seiner Weise entziffert und seine Arbeit darüber in die Öffentlichkeit geschickt. Nachdem ich durch Humboldts Güte in den Besitz seines Werkes gekommen war, konnte ich mich nach kurzer Zeit davon überzeugen, daß seine Entzifferungen auf vollständig irrtümlicher Grundlage beruhten. Ich sprach meine gegenteilige Meinung an einer Stelle meiner Grammatik aus, doch nicht ohne meinem berühmten Beschützer die Fassung meines Urteiles vorher zu unterbreiten. »Um Himmels willen!« rief er lächelnd aus, »Begehen Sie keine Thorheit, als Primaner einem französischen Akademiker die, wenn auch verdiente, Wahrheit zu sagen. Benutzen Sie im Gegenteil die günstige Gelegenheit, ihm trotz Ihrer abweichenden Meinung einige schmeichelhafte Worte zu widmen, etwa in dem Sinne, daß, wenn Sie sich auch nicht mit seiner Leistung einverstanden zu erklären vermöchten, Sie dennoch zu Ihren eigenen Ergebnissen nur durch die Anwendung seiner méthode raisonnée gelangt wären. Sie werden dadurch nichts verlieren und in de Saulcy einen warmen Freund und Beschützer gewinnen, der Ihnen in Paris sehr nützlich sein kann.« Ich folgte Humboldts weisem Rate und ersetzte die bezügliche Stelle durch eine geschickte Wendung, die mit den Worten schloß, daß die Entzifferung der demotischen Schrift ihrer auffallenden Ähnlichkeit der verschiedensten Zeichen halber so schwer sei, daß unter allen Gelehrten, die sich bisher mit demotischen Studien befaßt hätten, die Palme zweifellos dem scharfsinnigen de Saulcy gebühre.
Wie gut ich daran gethan hatte, diesen Ausweg zu nehmen, das bewies mir der erste Empfang schon, den mir wenige[54]  Monate später der gelehrte Artillerie-Oberst nach meiner Ankunft in Paris bereitete. Mit einer schriftlichen Empfehlung Humboldts in der Hand stellte ich mich damals dem französischen Demotiker vor. Er saß in militärischer Uniform auf einem Stuhle vor dem geschnitzten Kamin, umgeben von mehreren jungen französischen Offizieren, die mit ihm an den Feldzügen in Algier teilgenommen hatten. Ich stand aufrecht vor ihm. Kaum hatte er die ersten Worte des Briefes gelesen, als er plötzlich aufsprang, mich stürmisch küßte und umarmte, meine Rechte ergriff und mich seinen Offizieren mit den Worten vorstellte: »Regardez bien ce jeune homme là! On ne m'a jamais battu sur les champs de bataille en Afrique, mais ce gamin m'a joliment vaincu dans ma campagne démotique.« Seinen eifrigen Empfehlungen verdankte ich in der Folge die wärmste Aufnahme in den Kreisen der Pariser Gelehrtenwelt, und seine freundschaftlichen Gesinnungen gegen mich dauerten lebelang.
Das Erscheinen meines bescheidenen Buches wurde vor allem im Auslande mit aufrichtiger Freude begrüßt und zahlreiche Zuschriften berühmter Gelehrten gelangten an mich, um mir zu meinen Erfolgen Glück zu wünschen. Den größten Triumph bereitete mir indessen eine kritische Besprechung meines Buches aus der Feder des französischen Akademikers und Staatsrates Vicomte Emmanuel de Rougé, der wenige Jahre vorher dem Studium des Altägyptischen und der Denkmälerwelt seine ganze Aufmerksamkeit zugewendet hatte. Schon seine ersten Arbeiten auf dem Gebiete der hieroglyphischen und hieratischen Schriftentzifferung bewiesen den außerordentlichen Scharfsinn des späteren Meisters, der dazu berufen war, eine neue fruchtbringende Epoche der Ägyptologie in Frankreich zu begründen. Denn nach dem Tode Champollions des Jüngern stand diese Wissenschaft verlassen und verwaist da.[55] 
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 Freilich nahm Ch. Lenormant den frei gewordenen Lehrstuhl des Entdeckers der Hieroglyphen-Entzifferung ein, doch ohne die Erforschung des noch Unbekannten auch nur um einen Schritt weiter zu bringen.
Vicomte E. de Rougés Abhandlung, die meine eben erschienene demotische Grammatik beleuchtete, war in der Revue archéologie zum Abdruck gelangt und ihr Inhalt von Humboldt mit dem größten Vergnügen gelesen worden. Noch an demselben Tage legte er sie seinem königlichen Herrn und Freunde vor, und man kann sich die Wirkung des Eindrucks leicht vorstellen. Von der Gnade des Königs erhielt ich die rührendsten thatsächlichen Beweise, denn aus seiner Schatulle sollten mir die Kosten während meiner dreijährigen Studien auf der Berliner Universität ausgezahlt werden, um mich der schweren Sorge für mein Fortkommen zu entheben und dadurch meine demotischen Forschungen auf alle Weise zu erleichtern.
Infolge meiner soldatisch strengen Erziehung im Hause haftete meinem ganzen Wesen eine ängstliche Schüchternheit. an, die ich mein Leben hindurch im Umgang mit höher gestellten Personen nur schwer zu unterdrücken vermochte. Ich merkte es nicht erst in meinen späteren Jahren, daß ein Unterschied in der Welt zwischen den Großen und den Kleinen besteht und daß die Abstammung von vornehmen und durch ihre Stellung oder ihren Reichtum hervorragenden Eltern die beste Empfehlung für das Schicksal der Söhne und Töchter des Hauses abgiebt. Die Erblichkeit in der Kaste hat noch heute ihre vollste Giltigkeit, und ich kann aus eigener Lebenserfahrung Humboldts gelegentliche Äußerung nur bestätigen, daß der eiserne Ring des Mandarinentums von einem homo novus nicht ungestraft durchbrochen werden kann.
Nichtsdestoweniger hatte ich in der großen Öffentlichkeit[56]  eine Menge von Freunden gewonnen, die redlich gerade für den homo novus eintraten und ihm die Thüre ihres Hauses und Herzens aufthaten. Der damalige Bürgermeister von Berlin Dr. Naunyn, der Polizeipräsident von Minutoli, mit dem ich später nach Persien zog, der würdige und gelehrte Dr. Parthey, Besitzer der Nicolaischen Buchhandlung in der Brüderstraße und Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin, General von Alvensleben, unter dessen Kommando mein Vater die Leibgendarmerie führte, und andere bekannte Persönlichkeiten boten dem jungen Primaner ihren Schutz und Beistand an, und ich ward durch Einladungen geehrt, als ob ich ein Etwas für Berlin und Umgegend geworden wäre. Ich suchte so viel wie möglich mein schüchternes Wesen zu überwinden, und ging, von der Mutter wohl ausstaffiert, in die glänzendsten Gesellschaften.
Der Monat März des Jahres 1848 war hereingebrochen und das Abiturienten-Examen nahm seinen Anfang. Die schriftlichen Arbeiten waren unter üblicher Klausur erledigt und die Woche für die mündliche Prüfung hatte ihren Anfang genommen. Leider war die öffentliche Ruhe in den angrenzenden Straßen nicht dazu angethan, die Aufmerksamkeit und die weihevolle Stimmung der jungen Abiturienten in gebührendem Maße zu fesseln, denn die Plätze und Gassen in der Umgebung des königlichen Schlosses bis zu den Linden hin waren mit zahlreichen Menschengruppen angefüllt, die sich auf das lebhafteste miteinander unterhielten und ihrem Mißmute mit lauten Worten Ausdruck verliehen. Berlin war politisch aufgeregt, seitdem die letzten Nachrichten aus Paris den Sturz des Königs der Franzosen Louis Philipp infolge eines revolutionären Aufstandes und die Umwandlung der Monarchie in eine Republik gemeldet hatten. Die guten Berliner, welche die Ruhe als die erste Bürgerpflicht zu preisen pflegten,[57]  waren von der stürmischen Bewegung, die wie ein böses Gespenst durch ganz Europa zog, in unheimlichem Maße mit fortgerissen, und sie fanden in der damaligen teueren Zeit und der allgemeinen Not die nächste Veranlassung, ihrem Mißbehagen einen nichts weniger als beruhigenden Ausdruck zu geben. Kavalleriepatrouillen ritten durch die Straßen, verjagten durch ihren Anblick allein die sich zusammendrängenden Bürger und Bassermannschen Gestalten, die nach allen Seiten unter lautem Gejohle und Gepfeife auseinanderstoben. Bei meinen täglichen Wanderungen nach dem Gymnasium in der Prüfungswoche war ich genötigt, den Weg durch die Breite oder Brüderstraße einzuschlagen, und war bei meinen Gängen unfreiwilliger Zeuge der aufregendsten Scenen. Durch ganz Berlin herrschte eine gedrückte Stimmung und jeder Unbeteiligte an der öffentlichen Bewegung ahnte im voraus, daß sich etwas Außergewöhnliches ereignen würde.
Fußnoten

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1 Es erschien unter dem Titel Scriptura Aegyptiorum demotica ex papyris et inscriptionibus explanata scripsit Henricus Brugsch, discipulus primae classis Gymnasii realis, quod Berolini floret in der Amelangschen Buchhandlung (damals in der Brüderstraße gelegen) in dem oben angeführten Jahre.




Eine Abiturientenprüfung mit Hindernissen.










[58] Mitten in dieser Unruhe vollzog sich die Prüfung, bei welcher der allgemein beliebte Schulrat Dr. Schultze, mein späterer Gönner, amtlicherseits zugegen war. Ich wurde nebst einigen anderen von der Prüfung befreit, blieb aber in der Klasse als unfreiwilliger Zeuge der Weisheitsproben der übrigen Abiturienten, unter denen sich auch ein späterer Staatsminister befand. Die Prüfung war im ganzen eine milde und nachsichtige zu nennen, »denn sie kamen alle durch«, während das Schreien und Toben der Menge von der Straße her an die Ohren schlug und jeden einzelnen von uns mit Bangigkeit erfüllte und schlimme Begebenheiten ahnen ließ. Wir sollten wenige Tage darauf es erfahren, daß gerade der Platz vor[58]  dem Gymnasialgebäude, der Köllnische Fischmarkt, und die daranstoßende Breite Straße den Schauplatz blutiger Ereignisse bildeten, die sich auf und neben der gewaltigen Barrikade vor der d'Heureuseschen Konditorei abspielten.
Im elterlichen Hause war die Stimmung gedrückt. Mein Vater gab mit ernster Miene Verhaltungsmaßregeln für den Fall seiner Abwesenheit, prüfte seine Waffen und nahm am Abend von seiner Familie Abschied, um zu Pferde an der Spitze seines Kommandos, dessen Stallung sich in unserer Nähe auf der westlichen Seite der Artillerie-Kaserne befand, den Ritt nach dem königlichen alten Schlosse anzutreten.
Der 18. März brach an und der Aufstand war im vollen Gange. An der entgegengesetzten Seite der Ebertsbrücke, die bei unserem Eckhause begann, in dessen zweitem Stockwerk sich unsere Wohnung befand, stand die russische Batterie mit ihrem hellgrünen Anstrich, welche seiner Zeit Kaiser Nikolaus dem Könige von Preußen zum Geschenk gemacht hatte. Die blitzenden Läufe der Geschützrohre richteten ihre Mündungen gerade auf unser Haus. An dem anderen Ende der Artilleriestraße, da, wo sie in die Oranienburger Straße einlief, war aus den umgestürzten Postwagen der an derselben Stelle liegenden Poststallungen eine Wagenburg errichtet worden, die das Volk besetzt hielt. Das Sturmläuten der Kirchenglocken, das Donnern der Kanonen, das Knattern von Gewehrfeuer, das wilde Geschrei vieler Menschen und am Abend der rotflammende Lichtschein eines gewaltigen Feuers mit weitsprühenden Funken – es rührte von dem Brande des Artilleriedepots in der Oranienburger Vorstadt her, das später in die Kaserne des 3. Garde-Regimentes umgewandelt wurde, – alles das flößte der Familie Entsetzen und Schrecken ein, und bange Trauer erfüllte unser geängstigtes Herz, wenn wir an das Schicksal des eigenen Vaters dachten. Wie dem bittersten Ernste bisweilen[59]  die spaßhafte Seite nicht abgeht, so war es auch bei uns der Fall. Ein mir befreundeter Dr. Siedler, ein wahres Phänomen in allem, was die Kenntnis der römischen Sprache und Litteratur anbetraf, aber ein Angstmeier sondergleichen, hatte seine Zuflucht nach unserer Wohnung genommen, in der Meinung, im Schoße einer militärischen Familie den besten Schutz zu finden. Mit bebenden Lippen bat er meine gute Mutter, ihm ein Versteck in einem – Kleiderspinde zu gönnen. Er zwängte seinen Leichnam hinein, ließ sich einschließen und blieb die ganze Nacht über in hockender Stellung in diesem seltsamen Asyle liegen.

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Der Hufschlag trabender Pferde auf dem Pflaster und das Säbelgeklirr reitender Kavallerie lockte mich an ein Fenster, das nach der Straßenseite unserer Wohnung gelegen war. In diesem Augenblick vernahm ich lautes Gespräch auf der Treppe. Ich öffnete die Thür und fand mich mehreren Personen gegenüber, die sich anstrengten, einige mit Schwefelsäure angefüllte Ballons nach dem Boden des Hauses hinaufzuschleppen. Als Anführer erschien mir ein wohlbekannter Färbermeister, welcher der Nähe der Spree halber in dem von uns bewohnten Gehöft sein Geschäft als Blaufärber und Buntdrucker auf Kattun betrieb. Er hatte den schauderhaften Vorsatz gefaßt, von den Bodenfenstern aus die auf der Straße vorüberziehenden Truppen mit »Oleum« zu übergießen und dazu seine Gesellen als Helfer zu benutzen. Ich stürzte in das Zimmer zurück, riß zwei ungeladene Beutepistolen aus dem französischen Kriege von der Wand, spannte die Hähne am Feuersteinschloß und stellte mich todesmutig der Bande gegenüber. Indem ich mit den in beiden Händen ruhenden Pistolen jeden zu erschießen drohte, der es wagen würde noch einen Schritt treppaufwärts zu thun, sah ich zu meiner höchsten Befriedigung, wie sie eingeschüchtert die Ballons auf dem Flur vor der Thüre im Stiche ließen,[60]  sich eiligst treppabwärts salvierten, und ein paar Sekunden später jagte die Kavalleriemasse unter unseren Fenstern vorüber. Was wäre mit uns allen geschehen, wenn der unglückselige Färber seine Absicht ausgeführt hätte? Ich faßte seitdem einen tiefen Haß gegen den Urheber des so schändlichen Anschlages, und er hütete sich seinerseits mir je wieder in den Weg zu treten.
Kaum eine halbe Stunde später hallte der militärische Schritt von etwa 2000 Menschen durch die Straße, welche die Reiter durchzogen hatten, und mein Auge fiel auf dunkle Gestalten in Arbeitertracht, die mit Waffen und eisernen Stangen versehen in soldatischer Ordnung und in tiefem Schweigen auf dem Damm und über die hölzerne Brücke zogen. Nur hier und da erscholl der Ruf: »Licht raus!«, um zur Beleuchtung der Fenster aufzufordern. Die russische Batterie am anderen Ende der Brücke blieb stumm, denn die bedienende Mannschaft fehlte und zwar zu unserem Glücke. Das Eckhaus, in welchem wir wohnten, wäre in Grund und Boden geschossen worden.
Wir blieben die Nacht über in unseren Kleidern wach, denn wer hätte an den Schlaf denken können? und sahen mit Bangigkeit dem anbrechenden Morgen entgegen. Das unheimliche Getöse war verstummt und von allen Richtungen her brüllte das Victoria! durch die Straßen. Gegen 9 Uhr machte ich mich aus dem Hause, um nach dem Verbleib meines Vaters Erkundigungen einzuziehen, zunächst nach den Stallungen der Leib-Gendarmerie, wo man am besten wissen mußte, ob und wann die Truppe zurückkehren mußte. Ich hatte etwa eine Stunde in dem mir wohlbekannten Raume zugebracht, mir die Zeit damit vertreibend, die Tafeln zu lesen, die über jedem Stande angebracht waren, denn ich hatte sie selbst mit Kreidewasser auf schwarz lackiertem Holzgrunde niedergeschrieben.[61]  Ich ließ die Namen der Numa, Nero, Epaminondas u.s.w., ihre Abstammung, Größe, Alter und was sonst zu einem Pferde-Nationale gehört, an meinem Auge vorüberziehen, aber meine Gedanken waren ganz wo anders, bei dem Vater, dessen Rückkehr ich voll peinlicher Ungeduld erwartete.


Da schlug Pferdegetrappel an mein Ohr und ich vernahm deutlich die Kommandostimme des teuren Mannes. »Halt! Fertig zum Absteigen! Ab!« Ich stürzte hinaus. Die ergrauten Reiter hatten eben den Fuß aus dem Bügel gesetzt und waren im Begriff, die Zügel an der Kandare zu erfassen. Mein Vater sah bleich und wie plötzlich gealtert aus. Mit den Worten: »Vater, das Volk hat gesiegt«, vor der versammelten Reiterschar mit deutlich vernehmbarer Stimme ausgesprochen, trat ich ihm näher, als ein schallender Streich von seiner Hand auf meine rechte Backe fiel. Ich empfing eine Lehre, wie sie eindringlicher wohl niemals mitgeteilt worden ist. Der Empfänger hat sich später niemals auch nur mit einer Silbe dem Vater gegenüber darüber beklagt, denn die augenblickliche Strafe war wohlverdient, und er küßte die Hand, die sie ihm so gründlich verabreicht hatte.
Soldatentreue ist ein golden Ding und nichts geht über ein ehrliches Soldatenherz. Das habe ich so recht an meinem seligen Vater erfahren können. Ich glaube, daß kein lebender Zeitgenosse mehr vorhanden ist, dem das folgende Ereignis bekannt ist, das ich als einen thatsächlichen Beweis für diese Treue der vollen Wahrheit gemäß heute erzählen darf.
Die Pferde wurden in den Stall geführt, abgesattelt, schnell abgerieben und gefüttert. Mein Vater ließ von seiner Mannschaft Schemel herbeitragen und ein inzwischen herbeigeholter Barbier erhielt den Auftrag, den vierundzwanzig Männern den Schmuck ihres Bartes vollständig abzunehmen. Er selbst ließ als der erste die Beraubung des Bartes an sich[62]  vollziehen. Ich stand schüchtern und beschämt in einer fernen Ecke, hörte aber deutlich die folgende Parole-Ausgabe aus seinem Munde: »Die Mannschaften werden sich nach ihrer Behausung begeben, eine bürgerliche Kleidung anziehen und um drei Uhr nachmittags hier wieder erscheinen. Es ist zwar der Befehl erteilt worden, daß die Truppen Berlin zu verlassen haben. Ich bin entschlossen hier zu bleiben, um auch im Bürgerkleide meinem König als treuer Soldat zu dienen. Die Leib-Gendarmerie gehört in die Nähe Sr. Majestät und wir werden gemeinschaftlich diese unsere Aufgabe zu erfüllen wissen. Alles weitere um drei Uhr.«
In dem Vorzimmer des Königs befand sich bereits um 4 Uhr nachmittags eine Bürgerwehrwache mit Gewehr im Arm, die aus 24 Mann bestand und ihre Posten mit pünktlicher Regelmäßigkeit wechselte. Als der König aus seinen Gemächern trat, um ein freundliches Wort an die einzelnen zu richten, ließ mein Vater ein lautes »Präsentiert das Gewehr!« als Kommandoruf erschallen. Erstaunt trat der König auf ihn zu, um nach seinem Namen und seinen Lebensverhältnissen zu fragen. Die gewonnene Aufklärung preßte ihm Thränen aus den Augen und er drückte ihm mit den Worten die Hand: »Nun bin ich beruhigt, denn treuere Wächter kann ich mir nicht wünschen.«
Inzwischen fand unten in dem großen Raume neben der Wendeltreppe, im zweiten Schloßhofe, ein dichtes Gedränge statt; die selige Bürgerwehr aß ihre belegten Butterbrote, trank Wein und Bier dazu und die Philister feierten unter großen Worten ihren Sieg im Kampfe um die Freiheit, in welchem die wenigsten ihr Leben und ihre Knochen in die Schanzen geschlagen hatten.

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Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, die Märztage zu schildern, welche auf der einen Seite verhaltene Wut und[63]  stillen Ingrimm, auf der anderen hellen Jubel und tobendes Frohlocken in ihrem Gefolge hatten. Die Gegensätze hatten sich nach beiden Richtungen hin zugespitzt und prallten hart aufeinander, so daß es selbst im Schoße der Familie zwischen den einzelnen Mitgliedern zu argen Reibereien kam. Im eigenen Hause war der gestrenge Vater ein Mann von erprobter Königstreue, und es durfte kein Wort geäußert werden, das mit seinen Empfindungen nicht im Einklang stand. Er war deshalb einer der ersten, die in den damals gestifteten Treubund eintraten und als äußeres Abzeichen die Rosette der schwarzweißen Kokarde an Stelle der deutschen Farben an ihrem Hute trugen.
Einer Erbtante, die sich damals zu längerem Aufenthalte in unserer Familie befand und in überschwänglicher Sprache die errungene Freiheit pries, dabei aber über Despotismus und Soldatenwirtschaft unbesonnene Äußerungen fallen ließ, gab er eine so kernige Antwort, mit dem Schlußsatze: »dann scheren Sie sich lieber aus meinem Hause!« daß sie schleunigst ihre sieben Sachen zusammenpackte und nach wenigen Stunden in einer Droschke davonfuhr. Nicht bloß die Tante, sondern ihr ganzes erhebliches Vermögen war für uns Kinder unwiderbringlich verloren.
Am Sonntag Nachmittag des 19. März begab ich mich nach unserem alten Gymnasium, um mich nach dem Schicksale meines Direktors zu erkundigen, denn das alte Rathaus, am Fischmarkt gelegen, war nebst d'Heureuses Konditorei von der Breiten Straße aus den Kartätschenschüssen der Artillerie und dem Kugelregen der Infanterie ausgesetzt gewesen, um die Verteidiger einer Riesenbarrikade am Vordringen nach dem Schlosse zu verhindern. Beide Häuser waren wie mit Kugeln gespickt und allenthalben zeigten Blutspuren und Blutlachen die verheerenden Wirkungen der Geschosse. Im Rathause selber[64]  herrschte in der Wohnung des Direktors tiefe Trauer. Das Bolk war am 18. März in das hohe, feste Gebäude eingedrungen, hatte die Fenster bis zu den Dachluken hinauf besetzt und ein ununterbrochenes Feuer auf die Soldaten eröffnet. Dem Andrängen der vorrückenden Truppen konnte die vorher beschriebene Barrikade keinen längeren Widerstand mehr leisten, ein Teil der erbitterten Mannschaften drang in das Haus selber ein, durchstöberte jeden Winkel, um an den Aufrührern ihren Mut zu kühlen, und ließ selbst die Wohnung des Direktors nicht unbesucht. Dieser, mit seiner Kriegsmedaille von 1813, 14 und 15 auf der Brust, stellte sich den stürmenden Soldaten entgegen, erhielt einen Hieb über das Gesicht, die Betten wurden mit den Bajonetten durchstochen und ein zufällig anwesender Besuch des Direktors, ein Herr v. Holzendorf, seines blonden Vollbartes halber verhaftet und in Begleitung von zwei Soldaten abgeführt. Da man eine plötzliche Bewegung des Arrestanten als Fluchtversuch ansah, so wurde er mitten auf der Straße durchs Herz geschossen. Entseelt sank er auf das Pflaster nieder. So entsetzlich in unserer Gegenwart die That erscheinen mag, so sehr muß als Entschuldigung die Erbitterung dienen, die von der einen Seite die Truppen, von der andern die sogenannten Freiheitshelden beseelte. Zur ruhigen Überlegung gab es keine Zeit und der Unschuldige mußte häufig mit dem Schuldigen leiden. Man fackelte eben nicht lange und das Ich oder Du war zur Losung geworden.

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Ich erinnere mich einer Geschichte, die überaus treffend die damalige Situation malt. Sie wurde mir von einem Bekannten erzählt, der bei dem zweiten Garderegiment sein Jahr als Freiwilliger abdiente und bereits die Unteroffiziertreffen trug, als seine Compagnie nach den Linden beordert wurde, die Barrikade an der Großen Friedrichstraße zu nehmen.[65]  Das daneben stehende Haus von Kranzler war mit Kämpfern aus dem Volke besetzt, die den Anmarsch der Truppen erwarteten. Mein Freund war Flügelmann, der sich es fest vorgenommen hatte, auf keinen Mitbürger zu schießen. »Denke dir nur«, schloß er in nachträglicher Entrüstung später die Erzählung seiner Heldenthaten, »da sehe ich einen Kerl am Eckfenster, der in gerader Richtung auf mich zielte. Paff! hatte er seine Kugel in der Brust weg. Er überschlug sich und fiel taumelnd zurück. Ich war mit einem Schlage eines Besseren belehrt worden; ich hielt meinen Gegner fest im Auge, um mein eigenes Leben zu verteidigen. Ich oder du, aber mir war es lieber du!«[66] 



Meine Studienzeit.










[69] Nachdem meine Einschreibung in die Register der königlichen Friedrich Wilhelms-Universität zu Berlin erfolgt war, ging die dreijährige Studentenzeit für mich an, mit all den Freuden und Genüssen, welche die Vorträge berühmter Lehrer der Hochschule, die selbständigen Arbeiten im stillen Heim und der Umgang mit gleichgesinnten Genossen dem begeisterten Musensohn in so reichem Maße zu bieten pflegen.
Das aufregende Treiben der Märztage lag hinter mir. Meine Waffen hatte ich vorschriftsmäßig abgeliefert. Der Besuch der politischen Versammlungen und der gewohnheitsmäßige Aufenthalt in Bierhäusern war mir in der Seele verhaßt. Ein paar jüngere und ältere Freunde – und zu den letzteren zähle ich mit Stolz den noch jetzt lebenden Sprachphilosophen Professor Dr. Steinthal – bereiteten mir durch ihren Umgang die wohlthuendsten Eindrücke und trugen nicht wenig zur Bildung des Herzens und zur Erweiterung meiner Kenntnisse bei. Außerhalb der Universität war mir ein großer Kreis bon Gönnern beschieden worden, in deren Familien ich Zutritt fand und neue Bekanntschaften mit geistesverwandten Männern anzuknüpfen vermochte. Das stets offene Haus der Familie [69]  Wolff bildete damals den Mittelpunkt einer kleinen, aber auserwählten Welt, in welcher die Vertreter der Wissenschaften und Künste, berühmte Reisende und hervorragende Schriftsteller sich zu einem schönen Kranze vereinigten. Der älteste Sohn des Hauses, mein ehemaliger Ordinarius auf Kölln, Professor Dr. Gustav Wolff, war ein Ausbund griechischer Gelehrsamkeit und in der Sophokles-Forschung von hervorragender Bedeutung. Seine wärmste Freundschaft blieb mir bis zu seinem Tode erhalten. In demselben gastlichen Hause lernte ich damals den Dichter Fr. Bodenstedt kennen und schloß einen Freundschaftsbund mit ihm, der unser langes, gemeinsames Leben bis zu seinem Hinscheiden geschmückt hat. Er war im Jahre 1847 nach Berlin gekommen, kurz nach seiner Vermählung mit seiner jugendlichen, anmutigen Gattin, derselben, die gegenwärtig den Witwenschleier trägt, und hatte durch die Veröffentlichung seines »Mirza Schaffy« in kurzem die Herzen aller im Sturme erobert, aber leider sollte seines Bleibens in unserer Mitte nicht lange sein, denn ein polizeilicher Befehl wies ihn aus den Mauern Berlins. Was er verbrochen haben mochte, weiß ich nicht mehr zu sagen, doch lagen im Hintergrunde politische Rücksichten. Er war alles in allem eine prächtige Natur. Leider verkümmerten ihm des Lebens Sorgen und Plagen den Vollgenuß des Daseins, das sein kindliches Gemüt voll Rosenduft und Lenzeslust Edlitham zu Lieb geträumt hatte.

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Von den übrigen Gästen des Hauses schwebt mir noch heute die Gestalt eines jungen Mannes vor Augen, welcher den Namen Stamm trug und dessen sanfte Schönheit wie ein leuchtender Vollmond strahlte. Nur die dunklen Augen, die sich tief in die Seele zu bohren schienen, glänzten wie sonniges Feuer. Mit Reichtümern ausgestattet, lebte er in seinem Hause am Tiergarten gemeinschaftlich mit einem braunfarbigen[70]  Eingebornen aus Java von erstaunlicher Größe und körperlicher Stärke, der alle Eigenschaften seiner exotischen Abstammung an sich trug. Seine Gesichtsbildung war breit, aber nicht unschön, und seine großen, schwarzen Augen funkelten wie glühende Feuerkohlen. Er sprach das Deutsche vollkommen, zeigte außerdem große Fertigkeit in allen fremden Sprachen und war ein Mann von hervorragender Bildung.
Stamm und sein javaischer Freund galten als Sonderlinge in der Berliner Gesellschaft, waren aber überall gern gesehene Gäste. Ihr sittenreines Wesen schreckte vor allem Gewöhnlichen und Gemeinen zurück. Die beiden Dioskuren hatten es sich in den Kopf gesetzt, eine neue Religion zu stiften, die sie in aller Kürze als die Religion der That bezeichneten. Nicht fromme Worte auf der Zunge, sondern gute Handlungen und hilfreiches Wohlthun oder die thatsächliche Barmherzigkeit sollte der Inbegriff des wahrhaft Religiösen in dieser sündigen Welt bilden.
Verstimmt darüber, den gehofften Beifall in Berlin nicht gefunden zu haben, im Gegenteil die Zielscheibe mancher scherzhaften Bemerkung gewesen zu sein, siedelten die beiden Freunde nach England über, um zunächst durch öffentliche Vorträge die Aufmerksamkeit zu erregen und Anhänger für die neue Religion der That zu gewinnen. Die praktischen Engländer gaben ihnen den wohlgemeinten Rat, zunächst mit sich selber den Anfang zu machen. Sie ließen es sich nicht zweimal sagen und absolvierten das schwere Studium der Heilkunde, – die ärztliche Hilfe erschien ihnen als das geeignetste Mittel, die Religion der That zu bezeugen, – bestanden die Prüfung mit Ehren und schifften sich nach Mexiko und später nach Brasilien ein, um auf eigene Kosten Krankenhäuser in den vom gelben Fieber heimgesuchten ungesunden Gegenden zu errichten und selber ärztliche Hilfe zu leisten.
[71]  Dr. Stamm und sein Freund, der in Amerika sein Leben als Helfer der Menschheit einbüßte, hatten ihr ganzes großes Vermögen für die edelsten Zwecke geopfert, ohne Mithelfer und Proselyten der Religion der That gefunden zu haben. Stammt ehrte später blutarm nach Berlin zurück, und in einer bescheiden möblierten Wohnung in der Kronenstraße sah ich den vierzigjährigen Mann wieder. Aber was war aus ihm in der Zwischenzeit geworden! Aus seinen Zügen las ich den tiefsten Gram und Kummer. Die Enttäuschungen, die ihm bereitet waren, hatten seinen Mut geknickt und er beklagte sich bitter, daß ihm das Gesetz die ärztliche Praxis in Preußen verbiete, da er in England promoviert habe. Er wolle versuchen, in Berlin das vorgeschriebene Examen zu bestehen.


Mehrere Jahre darauf traf ich ihn zufällig in Karlsbad wieder. Sein Äußeres zeigte mir den herabgekommenen Mann an. Seine Unterhaltungen verrieten nach keiner Richtung hin den ehemaligen sittenstrengen Jüngling. Er hatte sich durch das Haschisch der Verzweiflung betäubt und war zum Schluß ein vollendeter Sozialist geworden. Von seinem späteren Leben ist mir nichts zu Ohren gekommen. Vielleicht daß ein gütiges Schicksal ihn vor einem schrecklichen Ende bewahrt hat. Verdient hat er ein solches nicht.
Eine andere Bekanntschaft, die ich in dem Wolffschen Hause zu machen Gelegenheit hatte, betraf ein junges, damals erst 15 jähriges Mädchen mit rötlichem Haar und einem klugen hübschen Gesichtchen, das durch ihre scharfen, witzigen Bemerkungen so manchen schüchternen Jüngling in die ärgste Verlegenheit setzte. Es war die schöne Helene, die Tochter des bayerischen Gesandten v. Dönniges und eine nahe Verwandte des Hauses, in dem ich das Glück hatte zu verkehren. Sie hat die wechselvollsten Schicksale durchlebt und durch ihre[72]  Verbindung mit Lassalle eine Zeit lang die Welt von sich reden machen. Bei der Weltausstellung in Wien sah ich sie als Schauspielerin von mäßiger Begabung in einem Theater öffentlich auftreten.
Meine Lehrer von der hiesigen Universität trugen berühmte Namen, die ich nur anzuführen habe, um auf ihre Bedeutung hinzuweisen, die Philologen: Aug. Böckh, Bopp, Lachmann, Haupt, Heyse, den Geographen Karl Ritter, den Historiker von Raumer, die Philosophen Michelet, Trendelenburg, Steinthal (für Sprachvergleichung und das Chinesische).
In dem alten Böckh, den ein langjähriges freundschaftliches Verhältnis mit Alex. von Humboldt verband, besaß ich eine besondere Stütze und hatte die Ehre, fast ein Jahr lang in seinem Hause zu sein, als er, fast erblindet, eines wissenschaftlichen Sekretärs bedurfte. Seine ägyptischen Untersuchungen über die Königslisten Manethos, über das Siriusjahr und das Isisfest von chronologischem Standpunkt aus boten mir häufig die gewünschte Veranlassung, noch als Student mit ihm wissenschaftliche Disputationen zu führen, bei denen ich den höchsten Gewinn für mein eigenes Wissen davon trug. Die Klarheit und Sicherheit seines Vortrages, der Scharfsinn seiner Urteile und Schlüsse, sein feiner, nie verletzender Witz fesselte unwiderstehlich die Zuhörenden. Im Hause liebte er es, bei seinen Arbeiten Zigarren zu rauchen, und wenn ihm ein neuer Gedanke einfiel, so ging regelmäßig der Glimmstengel aus. Das Wiederanzünden war äußerlich das Zeichen, daß ihm die Lösung einer schwierigen Frage gelungen sei. Ein später zur Berühmtheit gelangter Jurist, Dr. Gneist, die jetzige Excellenz von Gneist, bewarb sich damals um die anmutige Tochter des klassischen Geheimrats. Ich hatte damals das Glück, beiden im Hause des Vaters häufig zu begegnen.[73] 
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 Wenn mir ein neuester amerikanischer Schriftsteller die Ehre anthut, mich in einem soeben erschienenen Werke über »die Nadel der Kleopatra« oder den in New- York aufgestellten Obelisken von Alexandrien als The greatest living Egyptologist and disciple of Lepsius zu bezeichnen, so muß ich zu meinem Bedauern erklären, daß ich keinen Anspruch darauf erheben darf, mich als Schüler des Begründers und Förderers der Ägyptologie in Deutschland zu betrachten. Und Lepsius scheint dies selber nicht gewünscht zu haben, wie wäre es sonst möglich gewesen, daß er bei meinem ersten Besuche einer seiner öffentlichen Vorlesungen in der Universität mit lauter Stimme und in Gegenwart der übrigen Zuhörer vom Katheder aus die Aufforderung an mich richtete, sein Kolleg zu verlassen. Tief beschämt und ohne mir die Gründe einer so ungewöhnlichen Abweisung erklären zu können, verließ ich selbstverständlich sofort den Hörsaal. Ich bin in meiner Wissenschaft ein Autodidakt gewesen, und wenn jemand mein Dank für empfangene Lehren auf dem Gebiete der Entzifferung hieroglyphischer und hieratischer Texte gebührt, so ist es allein der französische Vicomte Emmanuel de Rougé Champollions würdigster Nachfolger auf dem Lehrstuhl der Ägyptologie, derselbe, der über die demotische Grammatik des Primaners vom alten Kölln ein so günstiges Urteil gefällt hatte.



Alexander von Humboldt.










[74] Von meinem ersten Besuche an war ich ein stets willkommener Gast in dem Hause Alexander von Humboldts, denn bis zu seinem Hinscheiden ward mir das beneidenswerte Glück zu teil, den großen Gelehrten in jeder Woche des öfteren sehen und sprechen zu können und durch seine guten Ratschläge[74]  und seine belehrenden Unterhaltungen einen reichen Gewinn davon zu tragen. Meine anfängliche Schüchternheit, dem Heros und Nestor der Wissenschaft gegenüber zu stehen, wich nach und nach einer mutigen, wenn auch ehrfurchtsvollen Stimmung und ich durfte mir erlauben, mein offenes und ehrliches Urteil über neu erschienene Werke und Arbeiten ägyptologischen Inhaltes auszusprechen.
Mit Aufmerksamkeit folgte der liebenswürdige Greis meinen Auseinandersetzungen und ein seines Lächeln umspielte seine Lippen, wenn die Gelegenheit sich darbot, daß eine gelehrte Persönlichkeit irgend eine wissenschaftliche Dummheit begangen hatte. Alles Unwissenschaftliche, Oberflächliche, Unkritische war ihm auf das äußerste zuwider und er konnte nicht genug scharfe Bitterkeiten erfinden, um ein gewisses Gelehrtentum zu kennzeichnen. Er verfolgte alle wissenschaftlichen und litterarischen Erscheinungen von einiger Bedeutung, nicht bloß Werke naturwissenschaftlichen Inhalts, las ganze Bücher und Abhandlungen, machte eigenhändige Noten dazu am Rande oder auf dem Umschlagdeckel, beantwortete die zahlreich eingehenden Briefe auf der Stelle, empfing um die Mittagszeit die angemeldeten Besuche, fuhr gegen 4 Uhr zur königlichen Tafel nach Sanssouci, Charlottenburg oder in Berlin, um an der Seite seines königlichen Freundes, des edlen und unglücklichen Königs Friedrich Wilhelm IV., die zugemessene Zeit in lebhaftester Unterhaltung allzu schnell fliehen zu sehen, und schließlich gegen 7 Uhr zurückzukehren und vor seinem kleinen Arbeitstische am Fenster bis gegen 3 Uhr morgens an seinem Kosmos zu schreiben. Er geizte mit seiner Zeit und bedauerte jeden verlorenen Augenblick. Empfänglich für die Eindrücke der Natur, deren Spuren er bis zu den fernsten Räumen des unermeßlichen Weltalls verfolgte, erschien ihm das Theater oder das Konzert als ein Vergnügen zweifelhafter Art. Er[75]  hielt sich fern davon und nur eine besondere Einladung des Hofes konnte ihn veranlassen, seinen Widerwillen aufzugeben und in der Königsloge zu erscheinen. Die darstellenden Künste der Bildhauerei und der Malerei schätzte er außerordentlich und hielt es für seine Pflicht, junge aufstrebende Künstler nach Kräften zu unterstützen und vor allem als beredter Mäcen sie dem Wohlwollen seines königlichen Herrn zu empfehlen. Nach dieser Richtung hin war er ein rettender Engel für alle, denen ein grausames Schicksal den Weg zur weiteren Entfaltung ihres Talentes auf allen Gebieten des Wissens und Könnens versagte, und ein paar Zeilen seiner Hand glichen einer Zauberformel, welche die verschlossensten Zugänge öffnete.
Nur mit der Geistlichkeit hatte er es gründlich verdorben. Während er über »die Schwarzen« sich seine eigene Meinung gebildet hatte, war er bei diesen als verstockter Atheist verrufen, der in seinem Kosmos nicht ein einziges Mal des Namens Gottes gedacht habe. Der große Naturforscher rächte sich dafür durch das Salz seines Witzes, das er stets an die richtige Stelle zu streuen verstand.

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Nicht treffender konnte Alexander v. Humboldts eigenartiges Wesen geschildert werden als mit den folgenden Worten eines französischen Schriftstellers, welche die Beschreibung des fesselnden Reizes seiner Unterhaltung beschließen. »Hat man ihn gehört, wie er die Menschen und die Dinge vorüberziehen läßt, so muß man es sich sofort vergegenwärtigen, daß der berühmte und schalkhafte Gelehrte im Grunde genommen die edelste Natur war, die jemals gefunden werden könnte, der hochherzigste, uneigennützigste und erhabenste Charakter; daß sein Leben nur ein beständiges Opfer der Liebe für die Wissenschaft darstellte; daß in Berlin, wo er sich des vollsten Vertrauens seines Königs erfreute, dessen Kammerherr er war, ohne je etwas anderes sein zu wollen, er seinen Einfluß in[76]  edelster Weise zu Gunsten der Litteratur, der Wissenschaften und der Künste zur Geltung brachte, mit einem Worte sei es gesagt, daß er das Geheimnis besaß, nach allen Richtungen hin viel Gutes zu thun und allgemein geliebt zu werden, trotzdem er sich dabei über alle Welt lustig machte.«
Humboldt zeigte sich als bitterster Feind großsprecherischer Ignoranz und heuchlerischer Gesinnung, die im Trüben fischt und in unwürdiger Liebedienerei den Großen der Erde schmeichelt, um ihre egoistischen Zwecke, wenn auch auf langen Umwegen, zu erreichen. Wahrheit und Recht glänzten als sein Ehrenschild und das Ringen und Streben nach Vollkommenheit auf der Kampfesstätte des Wissens erhielt den damals Achtzigjährigen in jugendlicher Frische und Munterkeit. Sittenanmut und edle Anschauungen erschienen ihm als das erste Erfordernis eines Mannes von Ehre. Die kleinen Schwächen im menschlichen Wesen übersah er gern und betrachtete sie als vorübergehende Schatten über den hellen Spiegel eines durch Geist und Wissen bevorzugten Menschen.
Die Zeiten, in denen Humboldt die vier Bände seines Kosmos niederschrieb, um am Schlusse des letzten von der Welt Abschied zu nehmen, waren nicht dazu angethan, ihn mit frohen Hoffnungen für die Zukunft zu erfüllen. Menschen und Dinge lieferten ihm häufig den Stoff dazu, sich in bitteren und beißenden Bemerkungen zu ergehen und in Briefen und Worten seinen Freunden gegenüber sein beschwertes Herz auszuschütten, denn, wie er sich einmal äußerte, seinen wirklichen Freunden sei man allein die offene Wahrheit zu sagen schuldig. An dieser Äußerung ist von verschiedener Seite her gedreht und gedeutelt worden, aber sie hatte nur den einen Sinn, den er ihr unterlegte und zwar mit vollstem Rechte. Denn sie setzte selbstverständlich die diskrete Verschwiegenheit derer voraus, die er als seine aufrichtigen Freunde betrachten zu dürfen[77]  glaubte. Hätte er voraussehen können, daß seine intimsten Gespräche und Mitteilungen einst von unberufener Seite aus der Öffentlichkeit übergeben werden würden, und zwar unmittelbar nach seinem Hinscheiden, er würde sich wahrlich gehütet haben, auch nur einen Fuß über die Schwelle des Hauses Varnhagens von Ense zu setzen, der mit Wohlbehagen sämtliche Humboldtiana in sein Tagebuch einzeichnete und förmlich Register darüber hielt. Der greise Verfasser des Kosmos, den die Franzosen seines französischen Stiles und seiner geistigen Verwandtschaft halber als ihren Landsmann uns Deutschen streitig machten, hielt unsere kraftvolle reiche deutsche Muttersprache in höchsten Ehren, und alle seine Bemühungen bei der Ausarbeitung seines unsterblichen Werkes waren darauf gerichtet, in edelster Form und tadelloser Vollkommenheit des Ausdruckes seine Gedanken in Worte zu kleiden, leider, wie er es selber bezeugte, oft zu armen, um die einzelnen Teile des Naturgemäldes nach ihren Erscheinungsformen und Eindrücken mit der gewünschten sprachlichen Vollendung zu malen. Varnhagen von Ense, ein Mann von Geschmack in der Beherrschung des deutschen Sprachgeistes, wurde häufig als Ratgeber in schwierigen Fällen angerufen, um den entscheidenden Ausschlag in der Wahl eines Ausdruckes zu geben, gerade wie Professor Dr. Buschmann, damals Bibliothekar an der königl. Bibliothek, »mein Pedant«, wie Humboldt ihn nannte, die Aufgabe erfüllte, gegen ein Jahrgehalt die Revision der gedruckten Blätter des Kosmos zu übernehmen. Es war natürlich, daß langjährige freundschaftliche Beziehungen zu Varnhagen für Humboldt als ein Grund mehr erschienen, mit seinem gelegentlichen Unmut nicht hinter dem Berge zu halten und frei von der Leber zu erzählen, was nur von dem verschwiegenen Freunde allein gehört zu werden bestimmt war.[78] 

 Ich will an einem einzigen Beispiele die Fälschung nachweisen, deren sich die unverschämte Herausgeberin der Varnhagenschen Tagebücher schuldig gemacht hat, als sie nach einer angeblichen Mitteilung Alexander von Humboldts dem Könige Friedrich Wilhelm IV. das geflügelte Wort »der Racker von Staat« in den Mund legte. Thatsächlich gehört die Erfindung dieser Äußerung einem Bauer an, der sie bei folgender Gelegenheit seinem Könige und Herrn mit offenster Freimütigkeit entgegenrief. Der Herrscher kehrte an einem Vormittage von einer Spazierfahrt nach seinen Gemächern in Sanssouci zurück, als bei der Einfahrt sich ein Bäuerlein mit einem in der Hand hochgehaltenen Bittgesuch in Briefgestalt entgegenstellte. Der König fragte nach seinem Begehr. Es handelte sich um die erbetene Aufhebung einer Verordnung, wonach eine Straße mitten durch das Feld des Bauern angelegt werden sollte. Als ihm alle Klagen und Schreibereien nichts halfen, wandte er sich an die allerhöchste Stelle. In gewohnter jovialer Weise erwiderte der König: »Ja, lieber Freund, da kann ich nichts machen, denn die ganze Sache geht den Staat an.« Verlegen kratzte sich der gute Mann ins Haar und seinem Munde entflogen die Worte: »Ja, Majestät, wenn dieser Racker von Staat nicht wäre!«
Unter hellem Lachen erzählte der König diese kleine Geschichte den gerade anwesenden Personen seines Hofes, unter denen sich Alexander von Humboldt befand, und wiederholte mehrmals »Nein, dieser Racker von Staat! Es ist zu köstlich!« Man begreift nach dieser Probe, in welcher Weise von der geldsüchtigen Herausgeberin der Tagebücher die natürlichsten Dinge von der Welt entstellt wurden, um einen kitzelnden Reiz auf den ferner stehenden Leser auszuüben.
Es würde mir mein Lebtag nicht einfallen, die zahlreichen, meist spaßhaften oder spöttischen Bemerkungen des[79]  großen Gelehrten, wie sie mir noch heute in lebhafter Erinnerung sind, dem Drucke zu übergeben, denn sie waren vom Augenblick eingegeben und in dem Vertrauen zu mir geäußert, daß ich sie eben für mich behielte, am allerwenigsten der Öffentlichkeit überlieferte. Die Zeitgeschichte würde dadurch nichts gewinnen und mir selber der gerechte Vorwurf erwachsen, zu den indiskreten Personen zu gehören.
Viel lehrreicher und unterhaltender war es für mich, aus dem beredten Munde des greisen Fürsten der Wissenschaft von dem Gange seiner eigenen Studien und seinen Beziehungen zu den großen Zeitgenossen während seines langen, an Erfahrungen und Arbeiten reichen Lebens zu hören. Er erinnerte sich z.B. mit Vergnügen der Zeit, in welcher er in seinen jungen Jahren die große Handelsschule in Frankfurt a. M. besuchte und statt der Beschäftigung mit den Finanzen seine erste Abhandlung »über die Basalte am Rhein« anno 1790 niedergeschrieben hatte. Sie habe ihm das Glück verschafft, ohne Examen zum Bergassessor ernannt zu werden. Später sei er in die Nähe von Berlin, das er früher gehaßt habe, versetzt worden, um in den Rüdersdorfer Kalkbergen, die er genau kenne, seine bergmännische Thätigkeit auszuüben. Er gehöre überhaupt zu den Menschen, denen das Glück hold gewesen sei, denn niemals habe er eine sonst vorgeschriebene Prüfung bestanden und sei dennoch von Stufe zu Stufe befördert worden.

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Unsern großen Dichter Schiller, mit dem er einige Male in Berührung gekommen sei, schilderte er mir als eine einfache, schlichte und prosaische Erscheinung, die keinen besonderen Eindruck als geistreicher Mann auf ihn gemacht habe. Desto geistreicher sei dagegen Frau von Wolzogen gewesen. Schiller habe sich zu allem hergegeben. Einmal, so erinnere er sich, habe er in Rudolstadt die Zauberflöte ohne Musik[80]  aufführen lassen und dabei als Schauspieler mitgewirkt. Es habe einen lächerlichen Eindruck auf ihn gemacht.
Bis zum Tode des großen Gelehrten hin, der in seinem Hause in Berlin am 6. Mai 1859 erfolgte, war mir seine volle Gunst beschieden und Hunderte wertvoller Briefe an mich, von meinen Studentenjahren an bis zu meinem Dasein als Privatdozent an der Berliner Universität, bezeugen die Achtung und Freundschaft, deren ich mich seinerseits in steter Zunahme der Herzlichkeit der Ausdrücke zu erfreuen hatte. Er war der gute Genius, der wie ein sorgender Vater über mich wachte, meine Schritte leitete, mir das Wohlwollen des gütigen Königs sicherte, meine ersten Reisen nach Paris, Leyden, Turin und Ägypten durch seine Vermittelung an allerhöchster Stelle ermöglichte und durch die kräftigsten Empfehlungsbriefe meinen Eintritt in die Fremde erleichterte. Der Name Alexander v. Humboldt hatte die Wirkung eines Zauberstabes, denn er öffnete mir Thür und Thor, wohin ich auch meine Schritte richtete, und verschaffte mir die Ehre, noch als Student von den berühmtesten und höchststehenden Männern als einer ihresgleichen empfangen und behandelt zu werden. Ich fühlte es wohl, daß meine bescheidene Arbeit über die demotische Grammatik niemals und am allerwenigsten in so früher Jugend eine so ungewöhnliche Teilnahme auf mich gelenkt hätte, wenn nicht die Briefe des Unvergleichlichen mir die Bahn zu allem Schönen und Guten auf den Höhen der Menschheit geebnet hätten. Selbst im fernsten Auslande wurden mir von seiner Hand schriftliche Antworten und Nachrichten zu teil, die mich lobten und ermunterten und über die ägyptischen Ereignisse in der Heimat in Kenntnis setzten.
Meine erste Reise nach Paris, die ich als Studiosus und auf Kosten des Königs Friedrich Wil helm IV. antrat, gewährte mir die außerordentlichsten Eindrücke, wie sie die[81]  Weltstadt an der Seine noch heutigen Tages darbietet und die auf mich um so tiefer einwirken mußten, als ich niemals aus den vier Mauern meiner elterlichen Wohnung herausgetreten war, um in fremden Ländern und unter ausländischen Völkern einen länger dauernden Aufenthalt zu nehmen. Mir schlug das Herz, als ich das preußische Schwarz-Weiß auf den Grenzpfählen verschwinden sah, die Laute meiner deutschen Muttersprache nicht mehr hörte und ein französischer Sergeant de ville mit langem spitzen Knebelbart und dem schiefen Dreimaster auf dem Haupte nach meinem Passe-port verlangte. In den Restaurants an den Hauptstationen der Eisenbahn mit ihrem glänzenden, spiegelreichen Aufputz des Buffetts und der höflichen und gewandten Bedienung fiel mir der Gegensatz zwischen der französischen Eleganz und der deutschen Derbheit zum erstenmale in die Augen, aber dennoch suchte ich vergeblich nach einem deutschen belegten Butterbrote, um meinen bellenden Magen zu beschwichtigen. Nicht einmal den Ausdruck dafür bot mir mein Wörterbuch im Kopfe von den Zeiten meines französischen Gymnasialunterrichts her. Die guten Leute, welche zu mir in die dritte Wagenklasse einstiegen und deren Anzüge mir das Fremde nach einer anderen Richtung hin verrieten, redeten eine mir überhaupt unverständliche Zunge; von zehn Wörtern verstand ich nur eines, und ich bin überzeugt, auch dies war von mir falsch verstanden. Der und jener wandte sich mit irgend einer Bemerkung an mich und meine beständige Erwiderung ertönte als ein langgezogenes Oui! Ich war in Verzweiflung und malte mir mit allen Schrecken der Einbildung meinen Einzug in Paris und meine Vorstellung bei den berühmten Gelehrten des Instituts aus.[82] 



Paris.










[83] Alexander v. Humboldt hatte mich mit einem Empfehlungsbriefe an den Besitzer eines kleinen Hotels versehen, in welchem er während seiner alljährlichen, mehrmonatlichen Aufenthalte in Paris zu wohnen pflegte. Es lag in der alten Rue-Bonaparte, später in Rue-des-petits-Augustins umgetauft, in dichter Nähe des langen Kais, auf dessen Steingeländer fliegende Antiquare ihre papiernen Schätze des Tages über auszulegen pflegten, um arme Studenten, neugierige Litteraten und auf Seltenheiten verpichte Professoren zur näheren Prüfung des Gebotenen anzulocken. Nicht weit davon erhob sich das Gebäude des Instituts vor dem Pont-neuf mit seiner Reiterstatue Louis XIV., das Heiligtum der französischen Wissenschaft, mit seiner berühmten Bibliothek und den Sälen für die Sitzungen der französischen Akademiker dahinter.
Herr Bieler, der Besitzer des kleinen bescheidenen Hotels, ein braver Schweizer, dem das Französische wie das Deutsche vollkommen geläufig war, empfing mich bei meiner Ankunft in der zuvorkommendsten Weise, las das an ihn gerichtete Schreiben von »Monsieur le Baron« mit Entzücken und räumte mir und meinem mitreisenden Freunde zwei kleine, aber saubere Zimmer im Entresol ein. Ich habe meines Reisegefährten bisher nicht Erwähnung gethan, aus dem sehr einfachen Grunde, weil er auf der ganzen Fahrt von Berlin nach Paris kein Sterbenswörtchen mit mir gewechselt hatte. John Fisher, Sohn eines reichen Stiefelfabrikanten für die englische Armee, mit seinem Wohnsitze in London, war ein wunderlicher Bruder Studio nach englischem Zuschnitt, der sich in Berlin niedergelassen hatte, um sich durchaus und mit heißem Bemühen der Herbartschen Philosophie zu überlassen. Er war aber doch ein lieber Kerl, den ich von Herzen gern hatte und der[83]  nur den einen nationalen Fehler besaß, daß er zeitweise vom Spleen befallen wurde und in solchem Zustande die unglaublichsten Dinge leistete. Dazu gehörte sein dauerndes Stillschweigen, das tagelang anhielt, bis er wieder redselig wurde und auf das lebhafteste an der Unterhaltung sich beteiligte. Als ich ihm einen Tag vor meiner Abreise meine Absicht mitteilte, auf sechs Monate nach Paris zu gehen, um ägyptische Studien zu treiben, sagte er einfach: »Ich werde mitgehen, hole mich morgen abend 9 Uhr ab.« Er wohnte Unter den Linden in dem allen alten Berlinern wohlbekannten Hause des Optikers Petitpierre, da wo sich heute ein seines Restaurant an der Ecke der Charlottenstraße befindet. Petitpierre machte den Barometer- und Thermometerstand für ganz Berlin und niemand ging vorüber, ohne die im breiten Schaufenster ausgestellten Quecksilbersäulen zu prüfen, gerade wie niemand an der gegenüberliegenden Lindenseite vorüberziehen konnte, ohne an der Normaluhr die »akademische Zeit« für Berlin mit den Angaben seiner eigenen Taschenuhr zu vergleichen.
Bei meiner Ankunft vor dem bezeichneten Hause, pünktlich um neun Uhr abends des nächsten Tages, stieß meine Droschke auf ein Hindernis, um unmittelbar vor dem Thore zu halten. Es war ein Lastwagen, der mit großen Holzkisten und Koffern, wohl zwölf bis fünfzehn ihrer Zahl nach, bepackt war, welche die gesamte Bibliothek, die sonstige Reiseausrüstung und zwei Kisten mit etwa hundert Paar englischer mit Nägeln beschlagener Armeestiefel John Fishers enthielten. Mein britischer Kollege besaß reiche Mittel, um ein nobles Studentenleben zu führen und in eleganter Kleidung zu erscheinen, aber in puncto Stiefel ließ er sich nicht davon abbringen, den Ratschlägen seines weisen und sparsamen Vaters zu folgen.

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Ich fand ihn reisefertig und wir stiegen in die dritte[84]  Klasse ein, um den langen, damals beinahe vierzigstündigen Weg bei bitterer Kälte auf der Bahn über Köln zurückzulegen. Wie gesagt, er war stumm wie ein Fisch auf unserer ganzen Fahrt geblieben, und erst am zweiten Tage unseres Pariser Aufenthaltes taute seine eingefrorene Zunge wieder auf.
Ich nehme die traurige Erzählung seines Todes vorweg denn er starb als Selbstmörder in demselben Zimmer, das er damals, im Jahre 1848, bewohnte, nach Verlauf von etwa zwanzig Jahren. Paris schien eine besondere Anziehungskraft auf ihn zu üben. Mit ihm befreundete Engländer verleiteten ihn zum Eintritt in den berüchtigten Jockeyklub; er verpraßte sein väterliches Vermögen, studierte später Medizin, ging als Schiffsarzt nach Australien und kehrte glücklich wieder zurück. um in Paris das Bielersche Hotel zum Absteigequartier zu wählen. Tagelang beschäftigte er sich in seinem Zimmer damit, ein Dutzend Rasiermesser auf einem Schleifstein zu schärfen, bis ihn die Wirtsleute mit durchschnittenem Halse in einer Sofaecke in seinem Blute liegend vorfanden.
Das lebendige Treiben in Paris verwirrte anfangs meine Sinne, und ich fand kaum die nötige Ruhe und Muße, in meinen Briefen an die Eltern die tausendfältig auf mich einstürmenden Eindrücke, wenn auch in kürzester Fassung, zu schildern. Die mächtige Hauptstadt schien mir eine Welt für sich zu sein. Das wogte und strömte wie ein brausendes Meer über die Plätze und durch die Straßen und die Kais entlang, von einem Ende des Riesenleibes bis zum andern. Auf den Boulevards, so glaubte ich damals, war man seines Lebens nicht sicher, und ich kam mir wie ein verlorenes Sandkörnchen in der beweglichen Menge vor, die ihren Weg dahinzog oder in den eleganten Cafés auf hübschen Stühlen oder auf kleinen Divans vor den runden marmornen Nipptischen lungerte und mit der Lorgnette die vorüberhüpfenden Landsmänninnen[85]  mit zierlich aufgehobenem Unterkleide und der niedlichen Chaussure an den kleinen Füßen auf längere oder kürzere Dauer im Auge behielt. Eine Flut von Zeitungen und Flugblättern wurde in den Säulen oder auf der Straße feilgeboten; man lebte im Jahre 48 und unter dem Präsidenten der Republik Louis Napoleon und die Politik beherrschte das öffentliche Straßenleben. Ich bewunderte die Denkmäler aus den Zeiten der vergangenen Geschichte Frankreichs. Die Kirchen und monumentalen Bauten, der Dom von Notre-Dame, das Louvre und Palais-royal, das Stadthaus, der Justizpalast und wie die steinernen Sehenswürdigkeiten alle heißen, reizten meine Neugierde und ließen mich die große Stadt von einem Ende bis zum andern durchschweifen. Selbst die engen Gassen in der Nähe des Palais-de-justice, die Eugène Sue in seinen damals von aller Welt gelesenen und viel bewunderten »Geheimnissen von Paris« mit so lebendiger Anschaulichkeit beschrieben hatte, schreckten mich nicht durch ihren Schmutz und ihre unheimliche Bevölkerung von einem Besuche ab. Ich schlich mich durch das schmale Häusergewirr hindurch, in welchem die Gosse mit ihrem mephitisch duftenden feuchten Inhalt ihren Weg in der Mitte des Straßenpflasters dahinzog. Ich glaubte einer »Marienblume« begegnen zu müssen oder den drolligen Schuster Pipelet in der Pförtnerbude mit dem »Was-ist-das«-Fensterchen von Angesicht zu Angesicht sehen zu können, aber ich wurde bald enttäuscht, denn das bitterste Elend und die unheimlichsten Gestalten wanderten mir entgegen und aus jeder Ecke rief es mir ein Bleibe fern! in stummer Sprache zu. Die Gassen sind heute verschwunden, denn dieser Schlupfwinkel des alten Paris mit seinem Gesindel ist längst beseitigt und nur der Roman hat seine Erinnerung erhalten. Auch der weltbekannten, später von dem Boden der Stadt verschwundenen Chaumière, in der[86]  Nähe des Luxemburg-Gartens, stattete ich einen Besuch ab. Ich sah lustige Studenten mit tollen Grisetten unbeschreibliche Tänze ausführen und hatte an dem einen Besuch für alle Zeiten genug. Aber ich sah, was mir nach Erzählungen und gedruckten Schilderungen unglaublich erschienen war, und konnte bei der Rückkehr davon erzählen.


Meine unbegrenzte Neugierde war in der ersten Woche meines Pariser Aufenthalts vollkommen befriedigt; ich hatte angefangen, mich in die neuen Verhältnisse einzuleben, mich an den Klang der Pariser Sprache zu gewöhnen und das schnell gesprochene Wort leidlich zu verstehen, die billigen Restaurants kennen zu lernen und, alles in allem, mich für meinen Eintritt in die Welt der großen Geister vorzubereiten. Hatte ich durch eine selbst oberflächliche Vergleichung die Überzeugung gewonnen, daß mein liebes Berlin gegen Paris eigentlich doch nur ein Dorf sei, wenn ich das Leben auf der Straße und die bewegliche Menge in Rücksicht zog, so fand mein Urteil in noch viel höherem Maße in dem Pariser Salon seine erneuerte Bestätigung. Die Unterschiede zwischen hier und dort schienen mir riesengroß. Die Académiciens, in deren Arbeiten und Geistesthaten Frankreich seinen gerechten Stolz setzte, denn die ganze Nation verehrte in ihnen die Lehrer der übrigen gesamten Menschheit, überschütteten mich mit liebenswürdigen Einladungen und öffneten mir mit dem Ausdruck ihrer freundschaftlichsten Gefühle die Schätze ihres Wissens und ihrer reichen Sammlungen. Der alte, damals noch lebende Urgreis Jomard, das letzte noch im Lichte der Sonne wandelnde Mitglied der wissenschaftlichen Kommission, die am Ende des vergangenen Jahrhunderts die militärische Expedition des großen Napoleon nach Ägypten begleitet hatte, der berühmte Hellenist und Direktor der Bibliothéque-nationale in der Rue-Richelieu, le père Hase, wie die[87]  Franzosen meinen deutschen, zum Gallier gewordenen Landsmann bezeichneten, sein jüngerer Kollege Mr. Eggers, der sich mit der Herausgabe des Letronneschen Nachlasses beschäftigte, der Ägyptolog Vicomte E. de Rougé und sein Kollege Ch. Lenormant, der neueste Demotiker de Saulcy, zu der Zeit Oberst in der Armee und Direktor des Artillerie-Museums, der scharfsinnige Numismatiker Longpérier, der Herausgeber der Schahname des Firdusi: Jules Mohl, die beiden Ampère, der berühmte Astronom Biot und viele andere Mitglieder des Institut, sie alle empfingen mich, den schüchternen jungen Studenten aus Berlin, wie einen werten Freund und älteren Bekannten, und tief beschämt empfand ich die Schwierigkeit einer Lage, für die ich nicht geboren war und die in aller Würdigkeit zu behaupten mir die Kraft und der Mut und nicht am letzten die erforderliche Menschenkenntnis zu fehlen schienen.
An den Sitzungen der Akademie nahm ich regelmäßig Anteil und ich lauschte mit dem höchsten Vergnügen den Vorträgen und Diskussionen über gelehrte Gegenstände. Die Könige der Wissenschaft saßen an einem langen, grünen Tische in der Mitte eines mächtigen Saales, im Hinterhofe des Institut, und jedermann war der Zutritt gestattet, um die geistigen Größen Frankreichs in ihrer leibhaftigen Gestalt zu bewundern. War die Sitzung zu Ende, so zog man sich in die Sprechzimmer zurück und gruppenweise saß man vor den geheizten Kaminen, um Privatgespräche zu führen, Tagesfragen zu erörtern oder neue Entdeckungen auf wissenschaftlichem Gebiete mit französischer Lebhaftigkeit zu beleuchten. Bei allen Unterhaltungen b lieben die höflichsten Formen gewahrt und selbst die Ironie hüllte sich in die feinsten Wendungen. Einen derberen Ton schlug der militärisch geschulte Oberst und Akademiker de Saulcy an, aber die Unsterblichen lächelten über seine spaßhaften Ausfälle[88]  und begleiteten seine stärksten Ausdrücke – ich erinnere mich seines Je vous en défie, bei einer öffentlichen Sitzung – mit Ausbrüchen allgemeiner Heiterkeit. Ich fühlte mich erwärmt und gehoben und hegte vorläufig nur den einen Wunsch, durch neue Entdeckungen die gute Meinung der französischen Lehrmeister für mich zu erhalten und mich der zahlreichen Empfehlungen meines unvergeßlichen Gönners würdig zu beweisen.

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Die Gelegenheit dazu sollte mir nicht fehlen, nachdem ich die reichen ägyptischen Sammlungen des Louvre und der Nationalbibliothek, in der sich vor allem ein wahrer Schatz hieratischer und demotischer Papyri befand, mit Aufwand meiner ganzen mir zur Verfügung stehenden Zeit auf das fleißigste durchmustert und so viel als möglich Abschriften davon genommen hatte. Durch die unerwartete Auffindung der griechischen Übersetzung einer im Berliner Museum bewahrten langen demotischen Urkunde und durch den Nachweis der demotischen Übertragung des ausgedehnten 125. Kapitels des hieroglyphischen sogenannten Totenbuches in einem Pariser Papyrus hatte ich das Glück, zwei doppelsprachige Inschriften von weittragender Bedeutung entdeckt und meiner stiefmütterlich behandelten Wissenschaft eine ungeahnte Bereicherung zugeführt zu haben. Vicomte E. de Rougé, der sich damals als Honorar-Direktor mit der Abfassung eines ebenso geistvollen als gelehrten Kataloges der altägyptischen Sammlungen des Louvre beschäftigte, umarmte mich, ganz entzückt von meinen Funden, und die Herren Akademiker drückten mir die Hände über meine erfolgreichen Arbeiten bald nach meiner Ankunft in Paris. »Voyez ce gredin de Brugsch, il nous plante nous tous!« äußerte sich de Saulcy in seiner jovialen Weise während einer öffentlichen Sitzung im Institut.
Nach den vielen Demütigungen und Enttäuschungen, denen[89]  ich in Berlin von Seiten mancher unter denienigen ausgesetzt war, welche sich rühmten, Hüter und Pfleger der Wissenschaft zu sein, wirkte meine Aufnahme in Paris wie eine Herzstärkung und meine Schaffenslust wuchs in dem Maße, als ich jede Gelegenheit eifrigst benutzte, um mich des Wohlwollens meines edelmütigen Königs und seines Freundes Alexander von Humboldt durch meine Arbeiten in Paris würdig zu beweisen. Ich war von früh bis abends thätig, lebte sparsam, ilm meinen Aufenthalt in der Weltstadt, so weit es anging, zu verlängern, und kehrte schließlich nach Berlin zurück, um meine gehobenen Schätze in stiller Zurückgezogenheit wissenschaftlich zu verwerten und meine Universitätsstudien mit allem Eifer fortzusetzen. Ich suchte regelmäßig nicht vor 2 lihr nachts das Bett auf, wenn auch meine körperlichen Kräfte darunter bedenklich litten und ich zur Zahl der blassen, mageren Jünglinge gehörte. Mein Wissensdurst war eben unbegrenzt und die Vorstellung, daß ich fast überall als Pfadfinder den Fuß zum erstenmale auf unbekannten Boden setzte, verlieh mir jene Begeisterung, die nnr der zu begreifen vermag, der sich je in ähnlicher Lage befunden hat. Mein Umgang beschränkte sich auf wenige Freunde, unter denen ich von den noch lebenden Zeitgenossen den Bildhauer L. Sußmann, die beiden Begas, den Bildhauer und den Maler, und Dr. Steinthal in erster Linie rechne. Mit Paul Heyse verkehrte ich fast täglich, da wir beide in den Vorlesungen seines ausgezeichneten Vaters als gute Nachbaren im Kolleg neben einander zu sitzen pflegten. Seine fast mädchenhafte Schönheit machte damals einen tiefen Eindruck auf mich, und doch sollte mir in meinem Leben niemals die Gelegenheit geboten werden, ihn von Angesicht zu Angesicht wiederzusehen. Freilich weilte ich lange Jahre in Ägypten, während der Glückliche die Ruhmesleiter auf seiner Dichterlaufbahn emporstieg.[90] 



In Holland.










[91] Meinen älteren Freund und Gönner, den Museumsdirektor Passalacqua fand ich nach meiner Rückkehr in Berlin in höchster Verstimmung wieder. Sein Ärger, daß seine Pläne zu der Anlage und Aufstellung der seiner Obhut anvertrauten Ägyptischen Sammlung in dem eben vollendeten Neuen Museum höheren Ortes unberücksichtigt geblieben waren, verleiteten ihn zu einer offiziell eingereichten Klage gegen den damaligen Generaldirektor Herrn von Olfers und den Prof. Lepsius, die handschriftlich nicht weniger als 270 Bogenseiten umfaßte. Der vielbeschäftigte Verfasser des Kosmos lehnte es ab, das ihm übersandte umfangreiche Opus durchzulesen und überhaupt sich mit der heiklen Angelegenheit zu befassen. Jupiter tonans zürnte, aber seine Blitze fielen ins Wasser. Mich selber traf sein geheimer Groll, da ich mich entschieden weigerte, wissenschaftliche Angriffe gegen Lepsius vom Stapel gehen zu lassen, und im Gegenteil, auf Humboldts mündlich und schriftlich ausgesprochene weise Ratschläge, darauf bedacht war, in Zukunft eine freundlichere Stimmung des offiziellen Gelehrten gegen mich zu erwecken. Passalacqua hatte mich einmal als Trumpf in der bedauerlichen Angelegenheit ausgespielt und in allen gesellschaftlichen Kreisen Berlins das lärmende Tamtam geschlagen, ein anderes Mal riet mir die einfachste Lebensklugheit, mich nicht als Mittel zu anderen Zwecken mißbrauchen zu lassen. Ich fühlte mich genugsam gewitzigt und widerstand allen Versuchungen, die an mich herantraten. Eine rätselhafte, nie aufgeklärte Klatschgeschichte trug hauptsächlich dazu bei, mich bei Zeiten zu warnen. Herr de Saulcy sollte sich während eines Aufenthaltes in Frankfurt a. M. abfällig über Alex. v. Humboldt und meine Wenigkeit geäußert und es ausgesprochen[91]  haben, er wolle nach Berlin kommen, um Rechenschaft (über was?) zu fordern. Mein hoher Gönner zog es vor, an ihn eine offene Anfrage zu richten. Die Erwiderung darauf giebt inhaltlich das folgende Schreiben wieder:
»Ich eile Ihnen zu sagen, daß in einem Briefe vom 19. Oktober, schon als Antwort auf meine Vorwürfe, Mr. de Saulcy auf die liebenswürdigste Weise meldet: daß er in den Pyrenäen war, nicht daran gedacht habe, jetzt nach Berlin zu kommen; daß er eben erfahren, »nach Fremdenbüchern in Mainz reife ein Mensch unter seinem Namen!!« Da der Brief die größten Lobsprüche von Ihnen enthält (Mr Brugsch est un jeune homme du plus brillant avenir, entre ses mains, je vous l'affirme, la p hilologie égyptienne fera des progrès admirables. Il a débuté par un coup de maître et certes il ne s'arrêtera pas en aussi beau chemin), so will ich ihn (ehe ich Ihnen diesen schenke) dem König zeigen. Ich würde Ihnen diese Lobsprüche nicht mitteilen, wenn Ihr Betragen mir nicht die Sicherheit gäbe, frühes und so lebhaft ausgedrücktes Lob ertragen zu können. Anderen als Ihnen, mein teurer Br., könnte es verderblich werden. A. v. Humboldt. Mittwoch.«

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Meine Pariser Reise lag längst hinter mir, als auch durch königliche Großmut mein Wunsch in Erfüllung ging, die reichen Museen in Leyden und in Turin besuchen zu können. um in deren berühmten Sammlungen nach demotischen Schätzen zu fahnden, gleichzeitig aber der hieroglyphischen Grammatik und ihrem Wörtervorrat meine ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden. Im Laufe meiner eigenen Forschungen hatte sich mir die Überzeugung aufgedrängt, daß Champollions unsterbliche Arbeiten, noch dazu in ihrer nach seinem Tode von ziemlich unkundigen Händen veröffentlichten Gestalt, durchaus nicht mehr ausreichten, um altägyptischen Texten ihr wirklich[92]  philologisch begründetes Verständnis abzugewinnen. Der große Meister hatte das erste Licht in tausendjährige Dunkelheiten hineingetragen, aber es glich dem schwachen Morgenrot, das mit seinem Dämmerungsscheine das künftig zu erobernde Gebiet nur matt zu erleuchten vermochte. Das vorliegende ungeheure Material aus den Zeiten der schreibseligen alten Ägypter mußte gesichtet, das Jüngere und Jüngste von dem Älteren und Ältesten getrennt und die Unterschiede der einzelnen Schriftzeichen und der sprachlichen Ausdrücke von dem Grammatischen an streng gesondert werden. Die Entwicklung der Schriftzeichen selber bis zum kurrentesten Demotischen hin mußte im Laufe eines mehr als 3000jährigen Bestehens der altägyptischen Litteratur von Jahrhundert zu Jahrhundert an Beispielen nachgewiesen und desgleichen die Entwicklung der Sprache bis zum modernen Koptischen hinein in der grammatischen und lexikalischen Wortbildung mit aller notwendigen Gründlichkeit verfolgt werden. Das alles war eine Riesenaufgabe, an deren Lösung noch das heutige Geschlecht arbeitet. Selbst die koptische Sprache, deren Wörtervorrat in dem bekannten Lexikon des gelehrten italienischen Abbés Amadeo Peyron noch lange nicht erschöpft oder vom heutigen wissenschaftlichen Standpunkte aus genügend behandelt worden ist, bedurfte einer vollständigen Umarbeitung und erforderte die eingehendsten Untersuchungen. Mit einem Worte: es blieb noch alles zu thun übrig, um den aufgehäuften rohen Blöcken Form und Gestalt zum Aufbau eines gewaltigen Gebäudes zu geben, dessen Fundamente der Meister eben nur flüchtig in seinem Grundplane skizziert hatte.
Mir schwebte der Gedanke vor, zunächst den Wortschatz in alphabetischer Anordnung zusammenzustellen, mich von der Bedeutung der gefundenen Wörter durch klare Beispiele zu überzeugen und damit mir selber und meinen Nachfolgern[93]  eine feste Grundlage unserer Studien zu schaffen. In Holland kam dieser Gedanke zu seiner Reise und ich begann eine Arbeit, die in den Jahren 1868 bis 1880 der Öffentlichkeit übergeben worden ist, mein siebenbändiges hieroglyphisch-demotisches Wörterbuch, das heutzutage Gemeingut der Wissenschaft geworden ist, denn wie man mich versichert, bildet es bis zur Stunde die viel benutzte Quelle aller altägyptischen Entzifferungen.


Meine Reise nach Holland ging bei der Bescheidenheit meiner Mittel natürlich dritter Klasse mit der Eisenbahn und auf der Post vor sich. Über Wesel und Amsterdam gelangte ich glücklich nach Leyden. Es gewährte mir einen außerordentlichen Reiz, in dem weiten, von gradlinigen Kanälen durchfurchten, aber überall wohlbebauten und mit sauberen, buntbemalten Dörfern und Ansiedlungen bedeckten Ebenen meine Straße dahinzuziehen und mit ebenso sauberen als biedermännischen Mitreisenden holländischer Abkunft in den sonderbarsten Wagenkasten der Eisenbahn zusammenzusitzen. Die dritte Wagenklasse entbehrte damals der Fenster, und wie bei unseren Berliner Pferdeeisenbahnen in sommerlicher Jahreszeit dienten farblose Leinwandtücher um alle vier Seiten des Kastens als einziges Schutzmittel gegen Sonnenschein und Regengüsse. Mit der Sprache kam ich nicht weit, denn außer Myn Her verstand ich so gut wie nichts, und mein Erstaunen, während meines kurzen Aufenthaltes in dem holländischen Venedig, der alten Handelsstadt Amsterdam, die Anwesenheit so vieler Cantore an den blanken Schildern der schwarz angestrichenen Hausthüren entdeckt zu haben, legte sich erst, nachdem mir die Bedeutung des holländischen Cantor im Sinne des französischen Comptoir erklärt wurde.
Mein Einzug in Leyden, der Universitätsstadt der Niederlande, fand in der Frühe des Morgens bei starkem[94]  Regenwetter statt. Ein Trupp Soldaten marschierte in Reih und Glied an mir vorüber. Offiziere und Mannschaften hatten Regenschirme aufgespannt, ohne ahnen zu können, wie sehr mich, das Soldatenkind, ein solcher Anblick belustigte. Aber die Holländer schienen mir außerordentlich praktische Leute zu sein, die sich wenig um Äußerlichkeiten kümmerten. Daß, wie ich es später häufig zu beobachten Gelegenheit fand, die Mägde den halben gepflasterten Straßendamm und die steinernen Stufen der Hausthürtreppe mit Bürsten und Wasser sorgfältig säuberten und förmlich bügelten, fiel mir zuletzt gar nicht mehr auf. Es mußte eben bis zu den leuchtenden Fensterscheiben hin alles blitzblank gewaschen erscheinen, und wenn ich später die schmutzigsten ägyptischen Fellachendörfer durchwanderte, so gedachte ich fast jedesmal mit heimlicher Sehnsucht der holländischen Reinlichkeit.
Den verehrten Direktor der ägyptischen Sammlungen des Museums in Leyden, Herrn Dr. Leemans, hatte ich die Freude zum erstenmale persönlich kennen und in dem Herausgeber der Denkmäler seines überreichen Schatzes einen ebenso gelehrten als kritisch hervorragenden Mann schätzen zu lernen. Er zog mich nach kurzer Bekanntschaft in sein gastliches Haus und ich hatte die Gelegenheit, bei ihm, wie bei allen übrigen Bekannten, die mich durch Einladungen beehrten, die Gediegenheit und die Gemütlichkeit des holländischen Familienlebens zu bewundern. Kein Abend verging, ohne daß sich der Hausvater mit den Seinigen vereinigt fand und der Gesang oder die Musik der Söhne und Töchter die Stunden in angenehmster Weise verschönte. Die junge Holländerin erschien mir wie der Typus der jugendfrischen Heiterkeit. Ihr offenes, ehrliches Wesen, fern von jedem Zimperlichen oder Gezierten, ihr liebliches Lächeln in dem ehrlichen, frischen, hübschen Gesicht hinterließ einen unwiderstehlichen Eindruck und entzückte mich in[95]  höchstem Maße. In dem Hause des Professors Juynboll hätte ich um ein Haar mein Herz verloren, wenn sie mich eben nur gewollt hätte. Auch das studentische Leben, wie es in Leyden äußerlich nach englischem Klubwesen eingerichtet ist, fesselte meine Aufmerksamkeit. Das Kameradschaftliche bildete den Grundton und das gemeinschaftliche Zusammenleben in den stattlichen Sälen eines eigenen Gebäudes verfehlte seines Eindruckes nicht. Freilich konnten, meiner Meinung nach, nur Söhne reicherer Eltern an den Vorzügen eines solchen stattlichen Heims teilnehmen, denn die Kosten des Unterhalts mußten ganz beträchtlich sein.

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Die Tage im Leydener Museum und die Abende im Hause meines holländischen Gastfreundes flossen wie Minuten dahin, und ich war selber erstaunt, als die Stunde des Abschiedes genaht war. Aber volle sechs Wochen waren seit meiner Ankunft verflossen und an der Fülle meiner wissenschaftlichen Ernte sah ich am besten, daß ich meine anderthalb Monate wohl ausgenutzt hatte. In dem vortrefflichen Dr. Leemans hatte ich für das Leben einen stets hilfreichen Freund gewonnen, mit dem ich viele Jahre hindurch in brieflicher Verbindung stand und dessen weisen Ratschlägen ich stets mein Ohr öffnete. Er erfreut sich noch heute eines glücklichen Daseins auf Erden, wenn auch sein Alter sich bis in die Achtziger hinein vorgeschoben hat.
Ich verließ das holländische Gebiet mit allen Segenswünschen gegen seine gastfreundlichen Stätten und konnte die Zeit meiner Rückkehr nach Berlin kaum erwarten, um meine wissenschaftliche Ausbeute zu durchmustern und schließlich meinem hohen Gönner A. von Humboldt eine schriftliche Abhandlung zu überreichen, die eine Frucht meiner Leydener Studien in sich schloß. Sie betraf die Bekanntschaft der Alten mit dem Hypnotismus (mindestens schon im zweiten[96]  Jahrhundert) und dessen Ausbeutung durch magischen Charlatanismus auf Grund der demotisch abgefaßten sogenannten gnostischen Papyri des Leydener Museums. Ich erweiterte später meine Arbeiten, insoweit sie demotische Funde in Holland betrafen, durch den Nachweis, daß die äsopischen Fabeln zweifelsohne alle Zeichen einer ägyptisch-äthiopischen Herkunft an sich tragen.



Mein Zug über die Alpen.










[97] Meine dritte Fahrt in das demotische Ausland – nannte doch Humboldt selber die Straße, in der ich zuerst wohnte, die demotische Artilleriestraße, – nahm ihre Richtung nach dem Süden, nach der bella Italia. Mit baren 150 Thalern in der Tasche trat ich meinen Zug über die Alpen an, um die Hauptstadt des damaligen Königreiches Piemont und Savoyen zu erreichen und in den berühmten ägyptischen Sammlungen des Museums von Turin neue demotische Ernten einzuheimsen.
Die Reise war lang und beschwerlich. An Stelle des teuren Schnellzuges wählte ich den gewöhnlichen billigen Zug, der von Berlin aus in der Richtung über Frankfurt a. M. am östlichen Ufer des Rheins zunächst nach Basel führt. Aus Sparsamkeitsrücksichten hatte ich den Entschluß gefaßt, auf der ganzen Reise bis Turin überhaupt dem Hotelleben fern zu bleiben, mit anderen Worten Tag und Nacht, eine volle Woche hindurch, nicht aus dem Zeuge zu kommen. Es war eine harte Aufgabe, die ich mit allem Aufwand meiner nicht übermäßig großen Kräfte durchzuführen versuchte. Schon in Basel, das ich am Abend erreichte, kam mir die Sache nicht ganz geheuer vor, aber dem Mutigen gehört die Welt. Ich stieg[97]  in den kastenförmigen Wagenbauch einer alten Postkutsche, gemeinschaftlich mit einigen stämmigen Söhnen der freien Schweiz, die ein fürchterliches Deutsch redeten und aus kurzen, gl immenden Pfeifen einen pestilenzialisch duftenden Tabak in den beengten Raum hineindampften. Der Schwager stieß lustig in sein Horn, das Viergespann zog an und mit schwerem Gepolter rasselte das Gefährt durch die engen, holperigen Gassen der Stadt.
Ich weiß es heute nicht mehr, wer mir den seltsamen Rat erteilt hatte, meinen Weg übcr Basel zu nehmen, um den St. Gotthard zu erreichen und niederwärts steigend von Arona aus die ziemlich ebene Straße nach Turin einzuschlagen. Viel leicht hatte der liebenswürdige Ratgeber es im Sinne gehabt, mir die Gelegenheit zur Bewunderung der außerordentlichen Naturschönheiten der alpinen Schweiz zu bieten. Hätte ich eine Ahnung von den damaligen Reiseschwierigkeiten auf diesem Wege gehabt, ich wäre freudig eine andere, vielleicht nähere Straße gezogen und hätte auf den Anblick selbst der großartigsten Naturgemälde mit Vergnügen Verzicht geleistet. Damals gab es noch keine Eisenbahnen in der Schweiz und die Verbindung von Stadt zu Stadt stellte eine ungeschlachte vorsintflutliche Postkarre her. Außerdem fehlte es unter dem freien Volke an billigen Preisen für Zehrung und Tränkung der Reisenden, und ich habe die biederen Postillone stark in Verdacht, mit den Gastwirten an den Hauptstationen der Straße geheime Bündnisse eingegangen zu sein, deren Spitze auf die Opferlämmer von draußen im Bauche der Postkutsche gerichtet war. Hatte man sich nämlich dem Marterkasten entwunden, nachdem man vorher gehörig gerüttelt und geschüttelt worden war, um ein Mahl an dem gedeckten Tische der Gaststube einzunehmen, so mußte alles nach der Karte bestellt werden. Man zahlte das Bestellte vorher, um später keine unnütze Zeit zu verlieren.[98]  Nachdem der Wirt sein schönes Geld eingestrichen hatte, verging geraume Zeit, bis eine heiße, dampfende Suppe auf dem Tische erschien. Man aß die siedende Brühe unter allen Vorsichtsmaßregeln gegen unfreiwillige Verbrennung der inneren Mundhöhle. Darauf trat eine Kunstpause ein. Endlich lockte der Anblick eines leuchtenden Bratens zum energischen Angriff, da blies wie auf Verabredung der Schwager in sein Horn, man war genötigt hinauszueilen und im Innern der Postkutsche darüber nachzudenken, ob der Mensch nicht ein ganz gemeines Raubtier sei, das alle Kniffe und Griffe anwendet, um seiner Beute das Fell bis über die Ohren zu ziehen. Niemals in meinem Leben habe ich einen ähnlichen Hunger empfunden, wie auf dieser fatalen Reise durch die Schweiz. Ich hatte mir seitdem es zugeschworen, niemals in mei nem Leben die Schweiz wieder zu berühren und habe wirklich meinen Eid bis zur Stunde treulich gehalten.
Was soll ich viel erzählen von dem, was Tausende von Malen geschildert worden ist und besser, als es meine schwache Feder zu beschreiben im stande wäre? Wir fuhren nach Luzern; ich sah den steilen Pilatus vor mir liegen, als brauchte ich nur die Hand auszustrecken, um ihn zu greifen. Ich schiffte mich auf dem Vierwaldstätter See ein und stieg am anderen Ende, bei Flüelen, wieder aus. Ein neuer Marterkasten nahm mich auf und hinauf gings zum schneebedeckten St. Gotthard und beim Hospiz vorüber abwärts nach Süden. Bei der Ankunft an der Nordspitze des Lago Maggiore bestieg ich von neuem einen Dampfer, bewunderte mit scheelen Blicken die malerischen Ufer und die bergreiche Umgegend dieses Sees, erreichte endlich den Hafenplatz Arona und verbrachte darin eine elende Nacht in einer Weinkneipe, in welcher Strolche von banditenmäßigem Aussehen mich mit lüsternen Augen zu betrachten schienen. Mir wurde unheimlich[99]  zu Mute und ich wanderte ein paar Stunden lang durch einsame Straßen, um bei hellem Mondschein von Hunden angebelfert zu werden oder wankenden Trunkenbolden zu begegnen, die mit heiserer Stimme ein italienisches Nationallied lallten. Ich nahm allen Mut zusammen, kehrte nach dem Weinladen zurück und verschlief die letzten Stunden vor Anbruch des Morgens auf einer schmalen Holzbank, die mir der Wirt, der eben den Laden zu schließen im Begriff stand, freiwillig gegen Bezahlung eingeräumt hatte. Gelähmt an allen Gliedern erhob ich mich beim ersten Strahl der aufgehenden Sonne Italiens von meiner unglücklichen Lagerstätte, und wie immer mit meinem bescheidenen Gepäckstück in der Hand, schlug ich den Weg nach dem mir mitgeteilten Posthause ein, wo sich täglich die Gelegenheit zur Fahrt nach Turin darbot.

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Der Postwagen war eigentlich nur ein Omnibus mit zwei Holzbänken an den Längsseiten des Gefährtes, auf denen etwa 16 Personen ihren Platz einnehmen konuten. Nur ein halbes Dutzend Italiener fanden sich als Reisegefährten vor, darunter ein Pater in härener Kutte, mit dem ich eine Unterhaltung anzuknüpfen versuchte. Ich sprach französisch, aber die Sprache der modernen Gallier war ihm vollständig unbekannt, wie mir zu jener Zeit die italienische. Ich kam auf den gescheiten Einfall, das Lateinische als Verständigungsmittel zu wählen, und siehe da, der Mönch wußte zu antworten und unsere Rede floß wie Honigseim über unsere Zunge. Ob sie einen klassischen Beigeschmack besessen, darüber vermag ich heute, nachdem so lange Zeit vergangen ist, kein sicheres Urteil zu fällen. Seiner Hochwürden erlaubte ich mir in Bezug auf mein Reiseziel, die Stadt Turin, einige Fragen vorzulegen, die Personen berührten und mit meinen zukünftigen Bekanntschaften in einem näheren Zusammenhange standen. Ich ließ es dabei nicht unberührt, daß mir eine Empfehlung Alexander von [100]  Humboldts zu Gebote stände, von der ich eine besondere Wirkung erwartete. Auf meine Frage, ob er diese hohe Persönlichkeit wenigstens dem Namen nach kenne, erfolgte aus seinem Munde die allerliebste Erwiderung: »Der Priester oder Bischof dieses Namens ist mir leider unbekannt.« Ich wäre beinahe von der Bank gefallen; A. von Humboldt ein Bischof!!
In aller Frühe des Morgens waren wir abgefahren, am Abend zogen wir bereits in Turin ein. Soweit es sich erkennen ließ, machte die Stadt mit ihren breiten, wohl gepflasterten Straßen einen überaus sauberen, nichts weniger als italienischen Eindruck, denn man hätte glauben können, sich in irgend einer größeren Residenz in deutschen Landen zu befinden. Vor einem bescheidenen Gasthause in einer Nebenstraße, dem Albergo-del-Puzzo, stiegen wir ab und ich bezog ein winzig kleines Zimmer, das nach dem Hofe hin gelegen und durch eine Thür von einem eisernen Umgang aus zu erreichen war. Es war eine Art von Balkonzimmer, mit roten Fliesen gepflastert, unsauber, frostig, ungemütlich, mangelhaft ausgestattet und ohne Vorhänge vor der langen, wackligen Glasthür. Ich nahm eine frugale Mahlzeit ein, bei der Südfrüchte, d.h. Radieschen nebst grünen Salatblättern den wesentlichsten Bestandteil bildeten, entledigte mich meiner Kleider und legte mich seit acht Tagen zum erstenmale wieder in ein Bett.
Ich schlief spottschlecht und fühlte mich ernstlich krank. Mein aufgedunsener Leib schien die Härte von Stein zu besitzen, meine Stirn war glühend heiß, und als mich am frühen Morgen das lärmende Treiben der Knechte im Hofe erweckte, welche die Postpferde vor den Omnibuswagen spannten, erhob ich mich vom harten Lager, um mich gleich darauf wieder niederzulegen. Erst gegen drei Uhr nachmittags gewann ich[101]  soviel Kraft über mich, um mich anzukleiden und den Gang nach dem nahe gelegenen Museum zu wagen.
Mit Mühe und Not fragte ich mich nach der früher so heiß ersehnten Stätte durch und richtete an den alten, bärtigen Pförtner in großer Uniform vor der Thür in französischer Sprache die Frage, ob ich mich an richtiger Stelle befände. Er beantwortete sie zu meiner größten Freude im geläufigsten Französisch, lud mich in seine Loge links vom Hauptgange ein und schien das aufrichtigste Mitleid mit meinem elenden Zustande zu haben, denn ich sah blaß wie der Tod aus und der Angstschweiß stand mir vor der Stirn. Auf seine Bemerkung, daß gerade oben eine Sitzung der Herren Akademiker stattfände, zog ich die Empfehlung Alexander v. Humboldts aus der Tasche, überreichte sie ihm mit der Bitte, sie einem der Herren vorzuweisen, in der Hoffnung, einem Retter in meiner Not zu begegnen. Der Brief war eigentlich ein offenes Blatt, auf welches mein Gönner in klarer Handschrift die folgenden Worte niedergeschrieben hatte:
»Je prie tous ceux ui dans les belles Régions de l'Italie ont conservé quelque souvenir de mon nom et de mes travaux, d'accueillir avec bienveillance le porteur de ces lignes, Mr. le Docteur Brugsch, mon compatriote, dont les recherches archéologiques inspirent un grand intérêt et qui est aussi distingué par son savoir que par la délicat esse de ses sentiments.
Potsdam ce 6. Juillet 1851.
Le Bn. de Humboldt.«

Ich weiß sehr wohl, wie wenig ich für meine Person eine so schmeichelhafte Auszeichnung verdient habe, aber der edle Greis that für seine ergebenen Freunde lieber zu viel als zu wenig, wenn es sich darum handelte, sie zu unterstützen und in die große Welt einzuführen.[102] 

 Der stattliche alte Pförtner, nach seiner Versicherung ein infolge von Verwundungen in Turin zurückgebliebener ehemaliger Grenadier der Garde Napoleon Bonapartes, hatte mich kaum verlassen, als ich auf meinem Stuhle in Ohnmacht fiel und alle Besinnung verlor. Ich erwachte erst, als ich mich mit Wasser bespritzt fühlte. Ich schlug die Augen auf und fand mich zu meinem Erstaunen von einem großen Kreise würdig aussehender Herrn umgeben, die sich voller Teilnahme nach meinem Befinden erkundigten und mir bereitwilligst ihre Hilfe anboten. Ein Mitglied der medizinischen Abteilung der Akademie übernahm augenblicklich meine Behandlung, untersuchte meinen Körper, befühlte meinen Puls, fragte nach diesem und jenem Ereignisse auf meiner Reise, und da ich das Allernatürlichste auf einer solchen langen Wanderung nicht bestätigen konnte, so wurde mir sofort ein warmes Bad anempfohlen und mir geraten, mich danach ins Bett zu legen und das Weitere abzuwarten.
»Das Weitere« ging pünktlich in meinem Zimmer eine Stunde später vor sich. Eine kräftige Hand pochte an die durchsichtige Glasthür und in der Meinung, daß es der liebenswürdige akademische Arzt sei, der mir seinen hilfreichen Besuch abzustatten komme, wandte ich mich nach der Thür mit einem vernehmlichen: »Entrez, Monsieur, s'il vous plaît!« Wer beschreibt meine Überraschung, als sich eine breit angelegte Frauengestalt in den vierziger Jahren ihres Lebensalters mit einem vollständig ausgebildeten schwarzen Schnurrbart über der Oberlippe durch die schmale Thür zwängte, mich italienisch begrüßte, den Inhalt eines zusammengelegten Packetes bloß legte und jene Prozedur an mir vollzog, die besorgte Mütter ihren Kindern nicht selten angedeihen lassen. Ich fühlte mich tief beschämt, aber die überaus stämmige Madame ließ sich nicht einschüchtern und das Unvermeidliche geschah.[103]  Ich war gerettet, wenn auch tief zerknirscht. Meine antiquarischen Studien konnten noch an demselben Nachmittag in Angriff genommen werden.
In den Räumen des Museums hatte ich die Freude, dem Abbé Amadeo Peyron zubegegnen, dem jedem Ägyptologen wohlbekannten Verfasser eines koptisch-lateinischen Wörterbuches und Herausgeber der griechischen Papyri des Turiner Museums. Der alte gelehrte Herr mit seinen milden und freundlichen Zügen, die keineswegs an seinen geistlichen Stand erinnerten, begrüßte mich mit aufrichtiger Freude und lobte meine Arbeiten über das Demotische mit ungeheuchelter Wärme des Ausdruckes. Aber ich fühlte es wie einen Stich in das Herz, als er seine Lobsprüche mit folgender Bemerkung einleitete. »Ich habe, so sagte er mir, den jüngeren Champollion, den sogenannten Entdecker der Hieroglyphenentzifferung, wohl gekannt von seinen ersten Besuchen an, die er unserem Museum abstattete. Ich hielt ihn für einen gewöhnlichen Schwindler und seine Arbeiten haben mich in der Folge in meiner Ansicht bestärkt. Seine philologischen Leistungen sind mir bis zur Stunde unverstandene Rätsel geblieben. Wie anders hat Ihre demotische Grammatik auf mich eingewirkt....« Ich unterlasse es, seine weiteren Ausführungen wiederzugeben, um nicht den Schein zu erwecken, als wollte ich mich auf Kosten des arg verkannten großen Franzosen, dem ich mein eigenes erstes Wissen allein verdanke, in den unverdienten Vordergrund stellen. Trotz Peyron bleibt er allezeit der große Champollion.
Meine Arbeiten im ägyptischen Museum von Turin schenkten mir die unerwartetsten Genüsse und ich wurde nicht müde, die gebotenen Früchte emsig zu pflücken. Der damalige Direktor dieser Sammlung, der kenntnisreiche italienische Gelehrte Orcurti, öffnete mir mit liebenswürdigster Bereitwilligkeit selbst ihre verborgensten Schätze, zugleich aber auch[104]  sein ganzes Herz, das durch die tägliche Sorge für die Erhaltung seiner Familie bei einer Jahresbesoldung von 800! Franks auf das qualvollste litt. Ich empfand die lebhafteste Teilnahme für sein Schicksal, ohne doch selber die Mittel zu besitzen, ihm meine Hilfe zu bringen. Der Akademie fehlte eine ausreichende Dotation und alle meine Empfehlungen und Bemühungen um Verbesserung seiner Lage scheiterten an der leidigen Geldfrage. Der Arme ist frühzeitig gestorben, nachdem er der wissenschaftlichen Welt durch die Herausgabe eines Kataloges der reichen Sammlungen des Museums den letzten und wertvollsten Dienst geleistet hatte. Wie oft habe ich es seitdem erleben müssen, daß das Talent von Gottes Gnaden im Kampfe ums Dasein im Bettelrocke jämmerlich verendete, während Halbwisser und Faulenzer in ihrem Fette schwelgten und auf der Straße des Nepotismus zu reichen Pfründen gelangten!

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Da ich kein wissenschaftliches Buch schreibe, so darf ich den Leser nicht mit Schilderungen wenn auch nur der ausgezeichnetsten Denkmäler plagen, die Turin zu einem der größten Anziehungspunkte für den wandernden Gelehrten machen. Ich will es nur nebenher bemerken, daß unter den demotischen Papyrusrollen sich die ältesten Beispiele der Anwendung der altägyptischen Volksschrift in Form datierter Kontrakte vorfinden. Sie gehören den Zeiten der Psammetiche an (um das siebente Jahrhundert v. Chr. Geb.), doch vermochte ich kaum die Hälfte ihres Inhaltes zu entziffern, denn die Schrift zeigt die ersten Anfänge ihrer Bildung aus jenen schwer zu erkennenden Formen der hieratischen Schriftzüge, wie sie als jener Epoche eigentümlich erscheinen.
In Turin hatte ich die Bekanntschaft eines deutschen liebenswürdigen Landsmannes gemacht, des Barons Pirch, der damals eine Stellung als Legationsrat bei der preußischen[105]  Gesandtschaft in Turin bekleidete. Seiner freundlichen Vermittlung verdankte ich manche Einführung in die vornehme Gesellschaft, nicht weniger seinen lebendigen Schilderungen die genaue Kenntnis von Stadt und Land bis zu den malerischen Gebirgszügen der schneebedeckten Seealpen im Hintergrunde der Stadt. Ein gemeinsamer Ausflug zu Wagen nach den Bergen in der Richtung nach dem Sommersitze Rivoli der reichen Turiner entzückte durch den landschaftlichen Reiz der Umgebung in nächster Nähe der Residenz. Freilich war eine gewisse Vorsicht nötig, denn als wir des Abends bei finsterer Nacht durch die Schluchten fuhren, wurden ein paar Pistolen in Bereitschaft gesetzt, um die damals nicht seltenen Angriffe von Briganten abweisen zu können.
Bei meiner Rückkehr nach der Heimat wählte ich diejenige Straße, die in westlicher Richtung von Turin über den Mont Cenis führt und die Städte Chambe ry und Aix-les-Bains, die Heimat der Savoyarden, berührt, um schließlich über Geus und Bern den Weg nach Basel einzuschlagen. Auf dem Postwagen belegte ich regelmäßig den hohen Sitz neben dem Schwager und genoß eine freie Umschau über die wundervollsten Naturgemälde in stetem Wechsel von Berg und Thal, die mir lebelang in der Erinnerung zurückgeblieben sind und mich außerdem in reichstem Maße für die Hungertour auf der Reise über den St. Gotthard entschädigten. Herr von Pirch, der mir auf das eindringlichste die Vorzüge des westlichen Weges empfohlen hatte, war in seinem vollen Rechte gewesen, und ich dankte ihm im Geiste und in der Wahrheit für den mir geleisteten guten Dienst. Eins will ich nicht vergessen hinzuzufügen. In Paris hatte ich die armen Savoyarden als bescheidene Kinder kennen gelernt. Auf ihrem Heimatsboden zeigten sie sich nichts weniger als liebenswürdig. Sie liefen neben dem Postwagen einher, bettelten mit lautem Geschrei[106]  um eine milde Gabe, und wenn ihnen dieselbe, in barer Münze gezahlt, nicht ansehnlich genug erschien, so warfen sie mit Steinen in die Fenster des Wagens, so daß die Gläser klirrend in Stücke gingen. Als man sich zu ihrer Verfolgung anschickte, schlugen sie sich seitwärts in die Büsche, um vorläufig auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.
Meine Studentenjahre flossen bei meinem regelmäßigen Besuche der Universität und unter fortgesetzten demotischen Studien mit unglaublicher Geschwindigkeit dahin. In der Arbeit empfand ich die höchste Luft und jede neue Entdeckung auf dem Gebiete der altägyptischen Entzifferungen, für welche mir meine Reisen ein außerordentlich reiches Material zu Gebote gestellt hatten, konnte mich in einen wahren Freudentaumel versetzen. Thatsächlich lebte ich bisweilen in einem Zustande wirklicher Verzückung, die mein ganzes Nervensystem in Beschlag nahm und die merkwürdigsten Erscheinungen an mir hervorrief. Die folgende erwähne ich ausdrücklich, weil sie sich im Laufe der Zeit mehrfach wiederholte, so daß ich anfing mich beinahe vor mir selber zu fürchten.
Bis tief in die Nacht hinein saß ich eifrig vor meinen ägyptischen Inschriften, um beispielsweise die Aussprache und die grammatische Bedeutung eines Zeichens oder einer Wortgruppe festzustellen. Ich fand trotz alles Grübelns und Nachdenkens die Lösung nicht, legte mich übermüdet in mein Bett, das sich in meinem Arbeitszimmer befand, nachdem ich vorher die Lampe ausgedreht hatte, um in einen tiefen Schlaf zu verfallen. Im Traume setzte ich die unerledigt gebliebene Untersuchung fort, fand plötzlich die Lösung, verließ sofort meine Lagerstätte, nahm wie ein Nachtwandler mit geschlossenen Augen vor dem Tische Platz und schrieb das Ergebnis mit Bleistift auf ein Blättchen Papier. Ich erhob mich, kehrte nach meiner Schlafstätte zurück und schlief von neuem weiter.[107] 
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 Nach meinem Erwachen am Morgen war ich jedesmal erstaunt, die Lösung des Rätsels in deutlichen Schriftzügen vor mir zu sehen. Ich erinnerte mich wohl des Traumes, aber fragte mich vergebens, wie ich im stande gewesen war, in der dicksten Finsternis deutlich lesbare ganze Zeilen niederzuschreiben?
Eine andere Erscheinung, die mir unvergeßlich im Gedächtnis haftet, hatte einen gespenstigen Beigeschmack. Ein lieber Freund, der Landschaftsmaler Eduard Hildebrandt ruhmreichen Angedenkens, besaß einen gut erhaltenen Mumienkopf ägyptischen Ursprungs, den er auf seiner letzten Reise in Theben erworben hatte. Er machte ihn mir zum Geschenk und ich stellte ihn unter einen Glaskasten auf meinem Arbeitstisch. Die Augen daran waren aufgesperrt und zwischen den schwarz gewordenen und halb geöffneten Lippen zeigte sich eine Doppelreihe von blendend weißen Zähnen. Niemals hatte ich ein Gefühl des Abscheus oder des Grauens vor dem allerdings nicht schönen Anblick empfunden. Eines Tages saß ich von der Mittagsstunde an bis in die Nacht hinein ununterbrochen an meinen Tisch gefesselt, wie gewöhnlich mit schwierigen Fragen beschäftigt, die meine ganze Denkkraft in Anspruch nahmen, ohne daß es mir gelang, die gewünschte Antwort darauf zu finden. Unmutig richtete ich meinen Blick nach dem Kopfe und murmelte: »Wenn du, mehrtausendjähriges Menschenkind, deinen geschlossenen Mund öffnen wolltest, um mir die Antwort zu geben, was gäbe ich nicht darum!« In demselben Augenblick schlug es zwölf Uhr Mitternacht. Da sah ich zu meinem Entsetzen, wie die Augen des Mumienkopfes sich drehten, der Mund und die Zunge sich bewegten, mit einem Worte, wie das Tote zu leben begann. Kalter Schauer durchrieselte meine Glieder, mein Herz pochte, ich wandte den Kopf ab, um nichts mehr zu schauen, drehte die Lampe hastig aus und[108]  stürzte mich angekleidet in das Bett, um die Decke über meinen Kopf zu ziehen und eine angstvolle Stunde bis zum Einschlafen zu durchwachen. Am nächsten Morgen erschien der Kopf unverändert, wie er stets gewesen war. Ich hatte indes nichts Eiligeres zu thun, als ihn in einen Korb zu packen und dem ägyptischen Museum in Berlin als Eigentum zu übergeben. Mir war's, als sei ein Stein von meinem Herzen gefallen, nachdem ich mich von dem unheimlichen Nachbar befreit sah. Ich hatte an mir selber die Erfahrung gemacht, daß eine aufgeregte Phantasie dem sehenden Auge die schrecklichsten Bilder vorzugaukeln vermag. Ich habe später in Theben mitten unter altägyptischen Leichen mutterseelenallein geschlafen, aber niemals jenes qualvolle Gefühl verspürt, das mich bei der beschriebenen Erscheinung in Berlin mit dämonischer Gewalt gepackt hatte.
Noch während meiner Studienzeit konnte ich manche Ergebnisse meiner wissenschaftlichen Arbeiten im Druck der Öffentlichkeit übergeben und habe reichen Beifall, aber mit überwiegender Mehrheit vom Auslande her, für meine Entdeckungen eingeerntet. Es ist wahr, daß meine Abhandlungen ein eng begrenztes Gebiet der ägyptisch-demotischen Studien berührten, aber Alexander von Humboldt entdeckte in seiner ewigen Güte gerade darin einen besonderen Vorzug, da auch im Reiche der Natur die mikroskopischen Untersuchungen den größten Nutzen gewährten, weil sie in ihrer Verbindung miteinander die eigentliche Grundlage aller Forschung bildeten.



Ich werde ein [109] Doctor philosophiae.










Die Zeit war allmählich herangerückt, um mich für die Prüfung zum Doktor der Philosophie an der Universität zu Berlin vorzubereiten, und deshalb sah ich mich genötigt, meine[109]  ägyptischen Arbeiten während mehrerer Monate bei Seite zu legen und der Weltweisheit und den freien Künsten als zukünftiger magister liberalium artium meine ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden. Ich beneidete fast A. von Humboldt, der mich versicherte, niemals in seinem Leben eine Prüfung bestanden und dennoch sein Fortkommen gefunden zu haben. Es war ein schweres Stück Arbeit, mich in den einzelnen Fächern zurechtzufinden, für welche ich die Prüfung zu bestehen hatte, aber ich war im allgemeinen gut beschlagen, wie man zu sagen pflegt, und nur die Philosophie gab mir vieles zu schaffen, da ich den Verdacht nicht los werden konnte, daß, mit Ausnahme der Logik, vor deren Kategorien ich einen besonderen Respekt besaß, ein jedes System nur mehr oder weniger geschickt angelegte Probestücke des Denkens nach der besonderen Qualität seines Stifters enthalte. Die Hegelsche Philosophie, welche ich versucht hatte unter Professors Michelet Leitung zu erfassen, bereitete mir besondere Schwierigkeiten, wenn auch ihr Geist mich unwillkürlich anzog. Ich verstand es, daß alles ist und im nächsten Augenblick nicht ist, mit andern Worten gesagt, daß alles wird oder der steten Veränderung unterworfen ist, daß ferner das Werden der Bewegung im Raume entspricht, daß die Zeit nur der gemessene Raum, daher für sich allein undenkbar ist, aber es wirbelte mir in meinem Kopfe, als ich die obersten Stufen auf der Leiter der Erkenntnis bestieg und von schwindelnder Höhe aus in eine ungeheure Tiefe hinabschaute. Ich wäre mein ganzes Leben lang kein Philosoph geworden, und wenn ich auf Grund meines Diploms dennoch zum Doctor philosophiae ernannt worden bin, so habe ich eigentlich eine solche Auszeichnung wenig oder gar nicht verdient, was ich an der Neige meines Daseins offen zu beichten keine Scheu empfinde.
Und doch ist der Mensch ein recht eitles Wesen, das sich[110]  gern mit falschen Federn schmückt. Als die schweren Stunden der Prüfung hinter mir lagen und die Gesamtheit der Herren Professoren, die als Examinatoren und Beisitzer mich bis auf die Nieren erforscht hatten, mich für würdig des Titels eines Doktors der Philosophie erklärte, da jubelte es in mir hell auf, ich verneigte mich aufs tiefste und verließ die Halle der Weisheit, um nach Hause zu eilen, meinen lieben Eltern das ungeheure Ereignis mitzuteilen und spornstreichs von dannen zu stürzen und bei einem Porzellanmaler in der Nähe ein Thürschild mit der Aufschrift Dr. phil. H. Brugsch zur baldmöglichsten Anfertigung zu bestellen. Ich war der Meinung, daß die Welt nicht früh genug erfahren könne, daß hinter der Flurthüre unserer Wohnung ein wirklicher Doktor der Philosophie seine Werkstatt des Geistes aufgeschlagen habe.
Meine feierliche Promotion fand nach herkömmlicher Weise in der Aula der Berliner Universität statt, ohne besonderen Zudrang einer schaulustigen und wissensdurstigen Corona. Die unvermeidliche öffentliche Disputation ließ an Beweiskraft der von mir vorgeschlagenen Thesen nichts zu wünschen übrig, und ich ging als Sieger im Streite glanzvoll hervor. Der Vorsicht halber hatte ich es dennoch für gut befunden, mich einen Tag früher mit meinen Gegnern zu verständigen und, ich bekenne es ganz ehrlich, die Rollen waren ganz hübsch einstudiert und verteilt worden. Ich erhielt meinen Doktorhut, leistete den vorgeschriebenen Eid und gab in einem Restaurant, das damals unmittelbar über der Kranzlerschen Konditorei gelegen war, meinen Opponenten eine leckere Mahlzeit. Mein Freund Dr. Theodor Stamm, der vor kurzem erst von einer Reise nach dem Orient zurückgekehrt war, um die Lebenskraft des Wassers und die Religion der That an ihrer ältesten Wiege genauer kennen zu lernen, war von seinen Erfahrungen nichts weniger als befriedigt und äußerte sich[111]  bitter in der Unterhaltung bei Tische über den zunehmenden Verfall der Menschheit, die nur von Selbstsucht und Verfolgungsgier beseelt sei. Das zweite Thema, das er anschlug, paßte zwar wenig zu den mit Wein gefüllten Gläsern neben unseren Tellern, aber es war dennoch für uns lehrreich, weil der junge Redner den Beweis führte, daß Pindar, der griechische Dichter, ganz recht hatte, das Wasser als das Beste in der Welt zu preisen. Seitdem man im Morgenlande es versäumt habe, vielleicht Ägypten teilweise ausgenommen, sich um das Wasser zu kümmern, sei alles in Verfall geraten und das Elend an die Stelle des Reichtums getreten. Wir konnten ihm von ganzem Herzen nur Beifall zu seiner Behauptung spenden, und so schieden schließlich meine Freunde von mir mit ihren besten Wünschen für mein Wohlergehen in der Zukunft.

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Was nun? Das war die große Frage, die an mich nach absolviertem Doctor herantrat. Das königliche Stipendium, das bis dahin mich über dem Wasser gehalten hatte, war nach dem vollendeten dritten Jahre abgelaufen und ich somit genötigt, für mich in Zukunft selber zu sorgen. Meine wissenschaftlichen Arbeiten, die ich von Zeit zu Zeit veröffentlichte, brachten wenig ein, und es wäre mir peinlich gewesen, von meinen Eltern das liebe Brot empfangen zu müssen. Da fügte es Schicksal und Zufall, daß sich mir plötzlich eine Gelegenheit darbot, die allen Bekümmernissen ein Ende bereitete, wenn ich nur zugreifen wollte. Mehrere vornehme moldauische Familien, deren Namen: Ghika, Dobreann, Skelitti u.a. mir noch heute geläufig sind, suchten für ihre im Alter von 12 bis 14 Jahren stehenden Söhne eine Pension, in der die französische Sprache als Umgangssprache diente und die Wissenschaften nach deutscher Methode gelehrt wurden. Als Hauptbedingung setzten die Eltern voraus, daß der Pensionsvater[112]  ein verheirateter Mann wäre. Im übrigen stellten sich die Gegenleistungen an barem Gelde so günstig heraus, daß sie auf mehrere Jahre hinaus den Betreffenden nicht nur jeder Sorge um das materielle Dasein enthoben, sondern ihm gestatteten, sogar ein vornehmes Leben im eigenen Heim zu führen. Nach reiflicher Überlegung übernahm ich die Verpflichtung, die Söhne der Moldavia in Pension und Unterricht bei mir aufzunehmen, freilich wilde, urkräftige Knaben, die sich jedoch später zu tüchtigen, kenntnisreichen Jünglingen und Männern entwickelten und sämtlich ihrem Vaterlande die besten Dienste leisteten.
Die Hauptbedingung blieb aber meinerseits zu erfüllen übrig: ich mußte mich verheiraten, und gerade das erschien mir als das geringste unter den zu überwindenden Hindernissen. Noch in meinen Studentenjahren hatte ich während eines Besuches auf dem Gute eines reichen Grundbesitzers in der Nähe von Berlin die Bekanntschaft einer jungen Waise gemacht, sie war damals 17 Jahre alt, deren liebes, natürliches Wesen und blühende Gesundheitsfrische mein Herz und meine Sinne nicht bloß vorübergehend fesselten. Es kam sehr bald zu einer Erklärung, die zu meinen Gunsten ausfiel, und Pauline war in gleicher Weise entzückt, daß sie so unerwartet schnell die Meinige für das Leben werden und als ehrsame Hausfrau an meiner Seite walten sollte. Sie war die jüngste von drei Schwestern, die nach dem frühen Tode der Eltern in der Steinstraße ein Haus ihr eigen nannten. Die älteste war bereits die Gattin eines Kaufmanns geworden, der gegenwärtig die Stelle eines würdigen Bezirksvorstehers in Berlin bekleidet, nachdem er sich von seinem früheren Geschäfte zurückgezogen hatte. Er ist der Vater des talentvollen Bildhauers und Malers Richard Neumann, allen schaulustigen Berlinern als erfindungsreicher Dirigent des Panopticums Unter[113]  den Linden wohl bekannt. Die zweite Schwester verwaltete als Wirtin das Haus und leitete die Erziehung meiner späteren Frau. Sie starb als würdige Matrone, ohne unsere Verheiratung zu erleben, die im Jahre 1851 in der Dorotheenstädtischen Kirche vom Prediger Vater eingesegnet wurde. Alexander von Humboldt hatte es nicht abgelehnt, uns die Ehre seiner Gegenwart als Trauzeuge zu erweisen, und unter den sonstigen eingeladenen Gästen hatte ich die Freude, den Direktor Passalacqua und meinen berühmten Freund, den Landschaftsmaler Eduard Hildebrandt, begrüßen zu dürfen.


Meine junge Frau, eine geborene Berlinerin und Bürgerstochter, die mir leider später durch den Tod entrissen wurde, beglückte mich durch die Reinheit ihrer Gesinnungen und die liebenswürdigste Heiterkeit in ihrer ganzen Erscheinung. Sie hob mir den oft sinkenden Mut und flößte mir die Begeisterung für meine ausdauernden und schwierigen Arbeiten auf dem Gebiete der ägyptischen Schriftentzifferung ein, wobei sie an meiner eigenen Freude über irgend eine glückliche Entdeckung den lebhaftesten Anteil nahm, obgleich sie blutwenig davon verstand. Daneben besaß sie die vorzügliche Eigenschaft, nicht vergnügungssüchtig zu sein und die Bescheidenheit des Daseins eines jungen angehenden Gelehrten mit wahrer Genugthuung zu empfinden.
Wir hatten eine Wohnung in der Friedrichstraße 99 gemietet, gegenüber dem großen Zirkus von Renz und Dejazet, dessen ehemalige Lage der heutige Zentralbahnhof bezeichnet. Unser erstes Heim war geräumig und für damalige Verhältnisse sogar glänzend zu nennen, denn meine reichen Moldauer rückten ein und es durfte nicht an Platz fehlen, um den geforderten Ansprüchen zu genügen. Meine junge Frau war freilich entsetzt, als die verschiedenen Mütter mit brennender Cigarette[114]  zwischen den zarten Lippen erschienen, um die hoffnungsvollen Söhne dem jungen Ehepaar zur Pflege und Erziehung zu überliefern. Aber ihre Heimat lag ja nicht weit von der Türkei und die Haremssitte des Rauchens hatte die trennende Grenze überschritten und unter den Damen der Moldau und Wallachei willigen Eingang gefunden.
Eine große Verantwortlichkeit hatte ich durch die Verpflichtung übernommen, einer Fünfzahl von ausländischen Knaben, die außer ihrer Muttersprache nur das Französische parlierten, eine gründliche deutsche Erziehung und deutsche Bildung angedeihen zu lassen. Meine Zeit war vollauf dadurch in Anspruch genommen, und nur die Nacht, bisher meine treueste Freundin, blieb auch für die Zukunft mir für meine stillen, friedlichen Arbeiten übrig.
Ein ganzes Jahr lang hatte ich die schwere Bürde eines jungen Pensionsvaters getragen, dem die ihm anvertraute Jugend mit ihren verwöhnten Sitten so manche saure Stunde bereitete, als ich dessen überdrüssig wurde und nach kurzer Überlegung zu dem Entschlusse gelangte, das mühselige Geschäft aufzugeben und meine ganze Zeit der Wissenschaft allein zu widmen. Der Klang der moldauischen güldenen Dukaten besaß la viel Verführerisches, aber er entschädigte mich keineswegs für die geistige Unruhe, von der ich mich bei Tage und bei Nacht bedrängt fühlte. Denn selbst aus dem Schlafe rüttelte sie mich wach, nachdem mir ein Zufall die wenig erbauliche Entdeckung verschafft hatte, daß die ältere Generation meiner Pflegesöhne, mit Thür- und Hausschlüssel versehen, regelmäßig noch um ein Uhr nachts die Wohnung verließ, um mit der französischen Kunstreitergesellschaft des Zirkus Dejazet ein paar lustige Stunden zu verleben. Ohne daß ich eine Ahnung davon besessen hatte, war die gesamte Dienerschaft meines Hauses von den jungen Bären durch Geldspenden[115]  bestochen worden und ein jedes Mitglied derselben gewissenlos genug gewesen, die heimlichen Ausbrüche der goldenen Jugend kräftigst zu unterstützen.
Mein ferneres Leben in Berlin wurde mit Bezug auf die gewählte Wohnstätte zu einem wahren Nomadendasein. Die vereinigte Familie wechselte sie, sobald die Einnahmen zunahmen und sich eine passende Gelegenheit zu einem besseren Heim darbot. Im allgemeinen blieben wir am Südwesten hängen, wo damals der Mietspreis im Durchschnitt fünfzig Thaler für einen jeden bewohnbaren Zimmerraum betrug. Nachdem ich die stattliche Wohnung in der Großen Friedrichstraße seelenvergnügt aufgegeben hatte, bezog ich mein neues Quartier in der Johannistraße 3a, freilich ein drei Treppen hoch gelegener Bau, aber mir angenehm durch di Nähe meines Gönners Alexander von Humboldt, in dessen Garten ich von meinem Fenster aus hinein sehen konnte. Daneben erhob sich eine soeben vollendete jüdische Synagoge, deren Besucher an den jüdischen Fest- und Feiertagen der sonst stillen Gegend ein gewisses Leben und ein sonntagsähnliches Aussehen verliehen.

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An meine damalige Wohnung knüpfen sich viele liebe Erinnernugen, die ich später Gelegenheit haben werde aufzufrischen. Es war nicht der bloße Zufall, der mich hier mit berühmten Zeitgenossen auf den Gebieten der Kunst und Wissenschaft zusammenführte, die jedoch in der Mehrzahl dem Auslande angehörten, denn Berlin war als die Residenz des für alles Schöne und Gute begeisterten Königs Friedrich Wilhelm IV. zu einem Stelldichein erleuchteter Geister geworden, die aus allen Teilen der Welt herbeiströmten, um an der Stätte, an der die Musen und Minerva ihren Lieblingssitz aufgeschlagen hatten, für längere oder kürzere Zeit zu weilen. Die Liebenswürdigkeit des königlichen Schutzherrn, der in allen[116]  Zweigen des Wissens und Könnens wohl bewandert war und in seinem »großen Alexandros« einen bewährten Freund und Ratgeber besaß, bezauberte alle Besucher, welche die Ehre hatten, dem hohen Herrn vorgestellt zu werden und seine geistvollen Unterhaltungen zu bewundern. Besonders waren es französische Gelehrte, die es sich nicht nehmen ließen, dem Könige ihre Huldigungen darzubringen und in den Museen wie in den Kreisen der Gesellschaft Berlins ihre höchste Befriedigung auszusprechen. Selbst meiner drei Treppen hoch gelegenen Klause in der Johannisstraße ward die Auszeichnung zu teil, von den berühmtesten Leuten betreten zu werden. Die französischen Akademiker Renan, E. de Rougé, Maurice, Vognë, der französische Afrikareisende Marquis d'Escayrac de Lauture u.a. gehörten zu ihrer Zahl, und ich empfand mit ganzer Seele den Stolz, meinen königlichen Herrn in allen Zungen und Tonarten von ihnen gepriesen zu hören.
Mit dem Namen des vorher genannten französischen Marquis, welcher im Jahre 1856 auf Befehl des Vizekönigs von Ägypten eine Reise in das Herz des Sudan zur Entdeckung der Nilquellen unternahm, ist eine seltsame Erinnerung in meinem Leben aus jener Zeit verbunden. Der Marquis hatte die Reise nach Berlin unternommen, um mich zu bewegen, an der Expedition teilzunehmen. Ich war drauf und dran, auf seinen Vorschlag einzugehen und den vorgelegten Kontrakt zu unterzeichnen, wenn nicht Alexander von Humboldt in letzter Stunde sein entscheidendes Veto ausgesprochen hätte.
In Berlin selbst fand ich damals in der gelehrten Welt nur eine geringe Beachtung und Anerkennung. Meine Studien und Entdeckungen lagen abseits von der großen Straße, welche von der Mehrzahl der Sprachforscher eingeschlagen wurde, so daß niemand in der Lage war, ein richtiges und unparteiisches Urteil zu fällen. Kann es Wunder nehmen, daß damals die[117]  absprechenden Äußerungen des offiziellen Ägyptologen mir die gelehrte Teilnahme im eigenen Vaterlande verschloß? Diejenigen, welche für mich eintraten, waren keine Ägyptologen, aber noch heute danke ich ihnen die Ermutigung, welche ihr Vertrauen zu meinen bezweifelten Leistungen mir zur Fortsetzung meiner Arbeiten einflößte. Dankbar erkenne ich noch heute die liebenswürdige Aufnahme an, die mir im Hause meines damaligen Gönners, des Geheimrat Dieterici, Direktors des Statistischen Amtes in der Lindenstraße, zu teil wurde. Die Bekanntschaft mit seinem vortrefflichen Sohn, dem Arabisten Fritz Dieterici, hat mir bis zur Stunde die Erinnerung an eine Zeit bewahrt, in welcher nur der Zuspruch und die Teilnahme wirklich guter Menschen unter meinen eigenen Landsleuten meinen sinkenden Mut zu heben imstande waren.[118] 



Meine erste Reise nach Ägypten.










[121] Es war gegen das Ende des Jahres 1851, als ein Herr Reuter, ein deutscher Kaufmann aus Magdeburg, der eben von einer in Handelsgeschäften nach Syrien und Ägypten unternommenen Reise zurückgekehrt war, mich in Berlin aufsuchte, um mir die Grüße eines in Alexandrien ansässigen englischen Bewohners dieser Stadt zu überbringen. Sein Name, Mr. Harris, war mir schon damals wohlbekannt, obgleich er sich erst später in den Bezeichnungen hochberühmter ägyptischer Papyrusrollen, namentlich von Harris No. I., in den Sammlungen des Britischen Museums in London wahrhaft verewigt hat. Seine reichen Mittel erlaubten es ihm, Jahr um Jahr regelmäßig eine Winterreise auf eigenem Nilschiffe nach Oberägypten zu unternehmen und Altertümer aller Art, vor allem wertvolle griechische und ägyptische Papyrus zu, nebenbei gesagt, überaus billigen Preisen zu erwerben. Das Glück war ihm dabei außerordentlich hold. So stieß er bei seinem Besuche einer Höhle voller Krokodilmumien, gegenüber der Stadt Monfalut in Oberägypten, auf einbalsamierte menschliche Körper, die mitten unter den Ungeheuern,[121]  man weiß nicht aus welchen Gründen, ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Auf dem Leibe des einen entdeckte er zwei umfangreiche Papyrusrollen, die mit griechischen Buchstaben beschrieben waren. Sie enthielten die eine die Reden des griechischen Redners Hypereides, die andere den größten Teil der Homerischen Ilias. Beide Funde machten damals gerechtes Aufsehen in der wissenschaftlichen Welt und der Name Harris lebte in aller Munde.
Auf seinen Fahrten nach dem Oberlande pflegte er von einer jungen Vollblutnegerin begleitet zu sein, die er an Kindesstatt angenommen hatte. Ich habe sie später als erwachsene Jungfrau persönlich kennen und ihren Geist hoch schätzen gelernt. Sie hatte in England eine vorzügliche Erziehung genossen, sprach und schrieb das Englische mit außerordentlicher Feinheit, beherrschte daneben das Französische, Italienische und Arabische und spielte in der Gesellschaft von Alexandrien eine geradezu hervorragende Rolle. Wenn auch ihr Negerantlitz an Schönheit alles zu wünschen übrig ließ, so vergaß man in der Unterhaltung mit ihr das Häßliche ihrer Rasse, denn neben ihrem Geiste besaß sie eine gefällige Beredsamkeit und einen sprudelnden Witz, der ihr die Herzen der Hörer sofort gewann. Nur das große Vermögen, das nach dem Tode ihres Pflegevaters ihr durch Testament zugesichert war, lockte manchen Freier an, allein lächelnd bemerkte sie mir einmal: »Sagen Sie mir, welcher Europäer wird mich bei einem solchen Gesichte aus reinster Liebe heiraten?«
Auf dem »Hahnen-Hügel« von Alexandrien, in der Nähe der Festungswerke, die mit großer Wahrscheinlichkeit die Gräber Alexanders des Großen und der Ptolemäer bedecken, besaß Mr. Harris ein hübsches Haus mit einer reizvollen Aussicht über die unten liegende Stadt und das weite blaue Meer im Hintergrunde. Einen großen Teil der vornehmen[122]  Villa nahmen die antiquarischen Schätze ein, die ein vollständiges Museum seltener und kostbarer Antiken bildeten, um freilich nach dem Tode des Vaters in alle Winde hin durch Verkauf zerstreut zu werden. Mr. Harris war nicht nur ein Amateur im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern ein besonnener und scharfsinniger Forscher, der mit der Hieroglyphenschrift, soweit sie damals erschlossen vorlag, bekannt war und manche wertvolle Publikation in englischer Sprache veröffentlicht hatte, welche die Früchte seiner Studien in den oberägyptischen Tempeln enthielten. Eine seiner wichtigsten Entdeckungen betraf die geographische Bedeutung gewisser listenförmig geordneter Hieroglyphen, in denen er mit großem Scharfsinn die Namen und die Folge der altägyptischen Provinzen (Nomen) Ober- und Unterägyptens vermutete. Seine durchaus richtige Ahnung bildete die Grundlage aller meiner späteren geographischen Arbeiten über Ägypten.

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Der deutsche Kaufmann, von dem ich vorher gesprochen hatte, behauptete, ein Freund des Mr. Harris zusein, in dessen Auftrage er mich zu einer Reise nach dem Nilthale einlud, um die Gastfreundschaft des sammelnden Engländers in vollstem Umfange zu genießen. Er verschwieg mir es nicht, daß Mr. Harris eine heiratsfähige schwarze Tochter von großem Geiste und Verstand besäße, allein ich wies ihm meinen Trauring und machte es ihm dadurch klar, daß ich bereits »versagt sei« und deshalb auf Fräulein Harris samt ihren Reichtümern und dem ägyptischen Museum verzichte. Mit tiefem Bedauern bin ich im vorigen Jahre erst, während meines letzten Aufenthaltes in Ägypten, durch ein Schreiben der unglücklichen, nunmehr recht alten schwarzen Dame belehrt worden, daß sie nach dem Tode des Vaters um ihr gesamtes Vermögen gekommen war, so daß sie sich in bitterster Not befand.[123]  Damals nahm ich mir die Freiheit, meinem hohen Gönner A. von Humboldt von der verlockenden Einladung des Herrn Harris gelegentlich Mitteilung zu machen, und er fand sie so wichtig für meine ägyptischen Studien, daß er mir das Versprechen gab, dem Könige davon Kenntnis zu geben und mir die notwendigsten Mittel zu einer wissenschaftlichen Reise nach Ägypten in Aussicht zu stellen. Die Hoffnung, die erforderliche Geldsumme aufzutreiben, war freilich recht schwach. Lepsius' Reise hatte etwa hunderttausend Thaler gekostet und seit dieser waren erst kaum zehn Jahre verflossen. Der König und der Staat hatten gegen das alte Ägypten ihre vollste Schuldigkeit gethan und dazu traten die Kosten für die Veröffentlichung der »Denkmäler«, welche die Hauptergebnisse der ersten preußischen Expedition in prächtigster Ausführung der Tafeln enthalten sollten. Des Königs Großmut war außerdem durch viele andere Unterstützungen auf wissenschaftlichem Gebiete in Anspruch genommen, so daß man mit dem Gelde ernstlich rechnen mußte. Humboldts Bemühungen, die Reise dennoch zu ermöglichen, fanden beinahe keine Grenzen und es ist rührend, die Briefe zu lesen, die er mir fast täglich schrieb, um mich über die guten Aussichten oder die Mißerfolge seiner Schritte im Laufenden zu erhalten. Mit Anspielung auf eine altägyptische Göttersage suchte er mich zu überzeugen, daß es sich nicht bloß um das Reisegeld, sondern damit auch um einen Kampf des bösen Typhon gegen den guten Osiris handele. Da er aber einmal die Angelegenheit in seine Hände genommen, so wolle er sie auch bis zu Ende durchführen.
So heiß meine Sehnsucht nach meinem gelobten Lande an den Ufern des Niles war, so hätte ich um alles in der Welt nicht gewagt, durch eigenes Bitten dem liebenswürdigen Greise lästig zu werden, denn es gab damals eine Menge [124]  dii minorum gentium, die auf dem Wege der Hintertreppe seine Güte in geradezu unerlaubtem Maße und mit schamloser Dreistigkeit mißbrauchten und um Unterstützungen, Stellungen und sogar Ordensauszeichnungen sich an die Großmacht seines berühmten Namens und an seinen Einfluß auf den königlichen Freund wandten. Mit den aufreibenden Arbeiten für die Herausgabe des »Kosmos« beschäftigt, der von Bogen zu Bogen im Druck vorwärtsschritt (Prof. Buschmann besorgte die Reinschrift des bekanntlich schwer leserlichen Manuskriptes, das später, bald nach dem Tode A. von Humboldts, von dem Kopisten dem damaligen Kaiser Napoleon III., in Begleitung eines Schreibens, als Eigentum überreicht wurde), außerdem durch eingetretene körperliche Schwäche infolge seines zunehmenden Alters des Mutes energischer Abwehr beraubt, war er genötigt viele Stunden seiner kostbaren Zeit aufdringlichen Bittstellern zu opfern und sich mit»Bettelbriefen« und mit Besuchen bei Personen zu beschäftigen, die ganz außerhalb seiner wissenschaftlichen Kreise standen.


Meine Reisehoffnungen schienen langsam einzuschlummern. als eine in den Zeitungen verbreitete Nachricht ihnen einen neuen Anstoß gab. August Mariette, ein französischer Archäolog, dessen spätere herzliche Freundschaft zu mir nur mit seinem Tode (1881) erlosch, hatte das unerwartete Glück gehabt, die Grabstätten der heiligen Apis-Stiere im sogenannten Serapeum bei Memphis aufzufinden und unter dem tiefen Sande der Wüste hinter dem heutigen Dorfe Abusir und in der Nähe der Stufenpyramide von Sakkarah auf ebenso zahlreiche als wertvolle Denkmäler der Vorzeit zu stoßen. Darunter befand sich, nach den Mitteilungen der Tagesblätter, ein unglaublicher Reichtum beschriebener Stelen oder Denksteine, und nicht am wenigsten solcher, die mit demotischen Inschriften bedeckt waren. Sie blieben unverstandene Rätsel, da[125]  sich außer mir niemand damals mit der Entzifferung der ägyptischen Volksschrift befaßt hatte. Welche Ernte durfte ich erwarten und wie schlug mein Herz bei dem Gedanken an die Hebung wirklich geschichtlicher Schätze!
Was beinahe unmöglich schien, wurde mit einem Male zur vollen Wirklichkeit. Alexander von Humboldt, kräftig von dem Geheimen Kabinettsrat Illaire unterstützt, verstand es durch den Hinweis auf die Marietteschen Funde, die Begeisterung des edlen und großmütigen Königs zu erwecken, und 1500 Thaler wurden mir für die Dauer eines Jahres zu einer Reise nach dem Lande meiner sehnsuchtsvollsten Wünsche bewilligt. Keiner konnte glücklicher sein als ich und mit überstürzender Eile traf ich alle Vorbereitungen zu meiner Abreise, die auf den Anfang des Monats Januar 1853 angesetzt wurde.
In Deutschland gehörten in der damaligen Zeit Wanderungen nach Ägypten zu deu Seltenheiten, nicht so in Frankreich und England, von wo der Reisezug alljährlich eine Menge von Besuchern nach dem Pharaonenlande führte, um an Ort und Stelle die Wunder der Vorzeit kennen zu lernen und, wie in einer Schule, der Erinnerung an längst vergangene Geschichten ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken. In meinem Vaterlande war man noch nicht daran gewöhnt, sich ohne weiteres und aus bloßer Neugierde oder aus Wissensdurst den möglichen Gefahren einer so weiten Reise übers Meer nach Afrika auszusetzen und wenn es geschah, so ordnete der besonnene Mann sein Haus für den Fall seines Todes und traf alle Maßregeln, um sich vor den schädlichen Einflüssen des fremden Klimas zu schützen. Er zog vorher genauere Erkundigungen über Land und Leute in jener fernen Welt ein, denn einen »Bädecker, Ägypten« gab es noch nicht, vielmehr war der einzelne darauf angewiesen, sich aus den[126]  bekannteren Reisewerken, besonders aus den »Reisebriefen aus Ägypten« des Professor Lepsius, den nötigen Rat und Beistand zu erholen.
Die Vorbereitungen innerhalb und außerhalb meiner vier Pfähle waren bald erledigt und selbst das dickste wollene Unterzeug blieb nicht vergessen, um den Leib vor Erkältungen zu hüten, und so nahm ich Abschied von meinen Lieben, die mich mit Segenswünschen und Thränen überschütteten, um in Begleitung meines Vaters zunächst über Prag und Wien die Reise nach der Hafenstadt Triest anzutreten. Er ließ es sich einmal nicht nehmen, mich wenigstens bis nach dem Hafen zu führen, um Zeuge meiner Einschiffung zu sein. Es war bitterkalt, wir reisten dritter Klasse, die Beförderung auf dem Schienenwege ging ziemlich langsam von statten, wurde am Semmering hinter Wien unterbrochen und hörte überhaupt bei Laibach vollständig auf. Man war gezwungen, sich eines Postwagens zu bedienen, um die letzte Strecke über den traurig öden und fast vegetationslosen Karst bis nach Triest zurückzulegen. Auf diesem Wege hatten wir zuguterletzt die unangenehme Überraschung, von einem Borasturm überfallen zu werden, der mit orkanähnlicher Gewalt über das grenzenlose Steinmeer dahinfegte, so daß die Postpferde nur noch im stande waren, im langsamsten Schritte den schweren Wagenkasten fortzubewegen. Der Anblick des blauen Meeres von der Höhe der Poststraße unmittelbar vor Triest aus entschädigte reichlich für die ausgestandene Kälte, und wohlgemut bezogen wir ein kleines Albergo in der Hafenstadt mit ihrem durchaus italienischen Anstrich.

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Wie bei allen meinen früheren Reisen, so hatte auch diesmal Alexander von Humboldt es für gut befunden, mich vor meiner Abreise mit Empfehlungsschreiben zu versehen, die mir zum größten Vorteil gereichten und mir Haus und[127]  Herzen öffnen halfen. Das Schreiben an den Engländer Harris in Alexandrien, von dem sich mein hoher Gönner die größten Erfolge versprach, hat ein merkwürdiges Schicksal gehabt. In seinem letzten Briefe, worin ich zugleich eine große Reihe von Aufträgen zu genauen Beobachtungen geologischer und physikalischer Natur empfing, schrieb er mir: »Hier, mein teurer Br., ist der Brief an Herrn Harris, in dem ich listig alles zusammengedrängt habe, was ihm angenehm und Ihnen nützlich sein kann.« Die Empfehlung war in französischer Sprache abgefaßt, nicht in englischer, wie man es nach der Abstammung des Adressaten hätte erwarten können. »Ich spreche und lese das Englische mit vollkommenstem Verständnis, sagte mir Humboldt eines Tages, aber ich habe nie gewagt, es zu schreiben. In seiner scheinbaren Einfachheit bietet es die größten stilistischen Feinheiten und darum Schwierigkeiten dar, denen ich mich nicht gewachsen fühle«.
Den Inhalt der »listigen« Empfehlung habe ich durch einen seltsamen Zufall erst vor zwei Jahren kennen gelernt und ich darf ihn ungescheut veröffentlichen, da er seit etwa 20 Jahren jedermann zur Kenntnis vorlag. Mein langjähriger Freund der Afrikareisende Professor Dr. Schweinfurth zog ihn vor mehreren Jahren mitten aus einem Haufen alter Papiere und Schriftstücke hervor, die in dem früheren Douane-Gebäude von Alexandrien aufgespeichert lagen. Bei einer flüchtigen Durchsicht erkannte er die Handschrift seines großen Kollegen Alexander v. Humboldt auf dem Briefumschlag. Er hatte nichts Eiligeres zu thun, als ihn für sich zu erbitten, ohne eine Auskunft darüber erhalten zu können, wie das Schreiben überhaupt an diesen Ort gelangt war. Nach seiner Rückkehr bereitete er mir die angenehme Überraschung, mir die 40 Jahre alte Empfehlung als mein Eigentum zu überreichen. Sie lautet wörtlich:

[128]  Monsieur!
Je ne pouvais laisser partir un jeune Savant, Mr. Brugsch, auquel je suis vivement attaché, sans profiter de cette occasion pour Vous offrir, Monsieur, l'hommage de ma reconnaissance qui vous est due de la part de tous ceux qui suivent avec intérêt les immenses progrès de l'Archéologie égyptienne. Vous avez profité noblement avec succès de la position élevée dans laquelle Vous Vous êtes trouvé, en réunissant tant de documents démotiques, en découvrant le fragment précieux de l'orateur Hyperides et d'après ce que l'on nous annonce un fragment de l'Jliade! Que mon jeune ami, aussi distingué par l'étendue et la solidité de ses connaissances que par la douceur de son caractère, serait heureux de jouir de la Protection que j'ose réclamer pour lui auprès de Vous!
C'est d'après les ordres de mon Roi que le Dr. Brugsch, qui sur ma recommandation a été reçu avec une grande bienveillance à Paris, à Leyde et à Turin, se rend, pour une année, en Égypte. Le Roi le connaît et le chêrit personnellement. Au milieu des agitations politiq ues de l'Allemagne le Roi ne cesse de se mettre au courant de tout ce qui nous revèle le merveilleux et antique état de culture sur les bords du Nil et de l'Euphrate, à Thèbes comme à Nimrond et à Khorsabad. Votre dernière mémoire, Monsieur, que j'ai eu le plaisir de mettre sous les yeux du Roi, a fixé son attention dans une de nos soirées de Charlottenbourg q ui est le Sanssouci d'hiver pour la Cour de Prusse.

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Veuillez bien, je Vous en prie, Monsieur, excuser l'illisibilité de ces lignes tracées par un savant »antédiluvien«[129]  et agréer l'expression de ma plus haute et plus sincère considération.
à Berlin ce 26 Déc. 1852.
V. t. h. et t. d. serviteur.
Le Baron de Humboldt.

Ein letzter Segenswunsch des Vaters, und der Dampfer stieß in See. Fern sei es von mir, den Leser mit der Schilderung meiner Überfahrt von Triest nach Alexandrien auf einem winzig kleinen Schiffe des Österreichischen Lloyd zu langweilen. Nur das Eine bleibe nicht unerwähnt, daß ich bei einem ungewöhnlichen Sturme auf dem Adriatischen Meere, – ich war seekrank, wie nur einer es sein kann –, fast den Kopf verlor, als mitten in dem Wogenschwall einer der beiden oszillierenden Zylinder der Dampfmaschine einen Bruch bekam, so daß die Segel aufgesetzt werden mußten, um dem zweiten Zylinder die Arbeit zu erleichtern. Indes wir erreichten glücklich die Insel Korfu und wechselten das Schiff mit einem noch kleineren Raddampfer, um vier Tage später in A lexandrien glücklich einzulaufen. Auf dieser ersten Fahrt, die ich in den späteren Jahren meines Lebens mindestens fünfzigmal wiederholt habe, in einem einzigen Jahre, 1874, sogar dreimal, lernte ich weniger die feste Bauart und Eleganz, als vielmehr die seemännische Kenntnis, Ruhe, Besonnenheit und Nüchternheit der Offiziere und der gesamten Schiffsmannschaft des Österreichischen Lloyd hoch schätzen und ich blieb der Gesellschaft treu mit zwei Ausnahmen, die durch die zwingendsten Umstände geboten waren. Einmal benutzte ich die Fahrgelegenheit eines französischen Messagerie-Dampfers, von Marseille nach Alexandrien über Messina, das andere Mal eines englischen P. O. Company-Schiffes, ohne mich auf beiden besonders behaglich gefühlt zu haben, wenn auch die französische Heiterkeit von der englischen[130]  Steifheit, wenigstens nicht-englischen Reisenden gegenüber, in angenehmster Weise abstach. Einen Übelstand hat allerdings der Lloyd, der von den Schiffsgästen ohne italienische Sprachkenntnis bis auf den heutigen Tag schwer empfunden wird, ich meine die mangelhafte Kenntnis oder die vollständige Unkenntnis der deutschen Sprache bei dem.gesamten Schiffspersonal.



Erlebnisse in Alexandrien.










[131] Meinen ersten Aufenthalt in Ägypten, in den Jahren 1853 und 1854, meine Erlebnisse und die Eindrücke, die ich auf meiner ersten Wanderung im Nilthale von Alexandrien an bis zur Insel Philä hin von Land und Leuten empfing, und vor allem meine Denkmälerstudien habe ich in meinen »Reiseberichten aus Ägypten« (1855 in Leipzig bei F. A. Brockhaus erschienen) mit ungeschminkter Treue zu schildern versucht. Obgleich ein Schriftsteller meines Schlages die Kinder seiner Feder nicht besonders zu lieben pflegt, denn er entdeckt später nur zu häufig die Mängel, die ihnen anhaften, so hat mich dennoch niemals die Neigung verlassen, die gedruckten Seiten meines Reisewerkes immer wieder und wieder zu lesen. Im höheren Alter stehend, empfinde ich sogar ein Vergnügen darin, die Urteile meiner Jugend mit den gereiften Erfahrungen meines Lebensherbstes zu vergleichen und die wissenschaftlichen Fortschritte abzumessen, die seitdem auf dem Felde der Ägyptologie gemacht worden sind. Trotz zahlreicher Verbesserungen, die von einer neuen Ausgabe meiner Reiseberichte nach dem gegenwärtigen Stande der Forschung unzertrennlich sein dürften, ist die Wärme jugendlicher Begeisterung in meinen gelieferten Schilderungen wohlthuend und erquicklich für meine alt gewordene Seele.[131]  Der Stellvertreter des preußischen Generalkonsuls in Alexandrien, ein Herr Bauernhorst, empfing mich mit offenen Armen. Er gehörte zu den älteren Nummern der in Afrika vagabundierenden Reisenden, hatte mit von Heuglin und unserem bekannten Vogel-Brehm den langen und beschwerlichen Weg nach Chartum zurückgelegt und vieles gesehen nnd erlebt, was damals wenigstens allen übrigen Menschen verschlossen geblieben war. Die Erzählungen des schönen Mannes von herkulischer Gestalt, des Sohnes eines Berliner Briefträgers und eines Bruders der hannoverschen, auch in Petersburg und Berlin wohlbekannten Hofschauspielerin Frau von Bärndorf, pflegten von Kraftausdrücken zu strotzen, die seinem heftigen, oft ungebärdigen Charakter entsprachen. Es hielt schwer, wie man zu sagen pflegt, mit ihm fertig zu werden, denn seine leidenschaftliche Art schreckte allgemein zurück, so daß er nur ein paar aufrichtige Freunde besaß. Nichtsdestoweniger hatte er mich in sein Herz geschlossen und vor meinen Augen den Vorhang seines abenteuerlichen Lebens von Akt zu Akt steigen lassen.
Er huldigte mit Vorliebe dem Pferdesport und konnte es nicht begreifen, daß ich nach einigen abfälligen Versuchen mich hartnäckig weigerte, auf seinem englischen Vollblutschimmel neben ihm durch Alexandriens Straßen oder auf dem Gebiete von Ramleh einherzulagen. Doch machte es ihm Freude, mich auch »unberitten« in die Gesellschaft von Alexandrien einzuführen, und er empfand es mit einer besonderen Genugthuung, einen Schützling des weltbekannten Alexander von Humboldt, der ihm auf das wärmste empfohlen sei, als seinen Freund und Gast bezeichnen zu können. Ich war nämlich damals in einem von dem Württemberger Zech geleiteten Hotel in Alexandrien abgestiegen, aber meinem preußischen Konsularvertreter ließ es keine Ruhe, mich als Gast mit Sack und Pack[132]  in seine eigene Wohnung einrücken zu sehen. Es ging darin ziemlich junggesellenmäßig und wild-afrikanisch her. So gehörte es zu den Nachmittagsunterhaltungen meines konsularischen Beschützers, mit einem Revolver nach einer im Zimmer an der Wand befindlichen Scheibe zu schießen. Eines Tages schlug eine Kugel durch die dünne Mauer und traf ein im Nebenzimmer an der Rückseite aufgehängtes Bild, dessen Glassplitter mit lautem Geklirr zur Erde fielen. Man hätte das verblüffte Gesicht des Schießhelden sehen sollen, als er sich davon überzeugen mußte, daß er eine hochstehende Person in unserem Vaterlande, wenn auch nur in effigie, mitten durch die Brust geschossen hatte!

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Im übrigen war sein Grundsatz: leben und leben lassen, und nach Luthers Wahlspruch, daß Wein, Weiber und Gesang des Menschen Herz sein Lebelang erfreuen, huldigte er allen dreien, besonders aber dem Weine, wozu ein biederer Mecklenburger, mit dem Namen»Vater Langfeld«, häufig Gelegenheit und reichen Stoff darbot. Dieser hielt am heutigen Mehemmed-Ali-Platze, damals »Place-des-Consuls« genannt, am Eck ein offenes Weingeschäft und es muß ihm nachgesagt werden, daß seine Getränke unverfälscht und edel waren und mannhafte Leute selbst unter der heißen ägyptischen Sonne wohl zu einem langen Trunke verlocken konnten.
Da ich niemals in meinem Leben besonderes Behagen am Genuß berauschender Getränke empfunden hatte, so wurde ich von meinem Gastfreunde von diesem Standpunkte aus mit verächtlicher Miene angesehen. Ich entschuldigte mich, so gut ich es vermochte, mit Bezug auf meine schwachen Kräfte, verhehlte ihm andererseits jedoch nicht meine volle Bewunderung für seine eigene außerordentliche Leistungsfähigkeit. Und so kamen wir gut miteinander aus.
Vater Langfeld, eine dicke, urkräftige Gestalt, die eher[133]  einem behäbigen Gutsherrn, als einem Alexandriner Weinwirt ähnlich sah, war nicht nur durch Geburt und Abstammung ein Landsmann Fritz Reuters, sondern auch ein Geistesverwandter von ihm durch seinen angeborenen Witz und Humor. Er sprach eigentlich wenig und haspelte die Worte »mes singsch« in einem wunderlichen Gemisch von Platt-und Hochdeutsch in kurzen Sätzen ab, die an naturwüchsiger Schlagfertigkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Auch in seinen Handlungen und Entschlüssen offenbarte sich der Mecklenburger, wie ihn Fritz Reuter mit unnachahmlicher Treue in seinen Schriften geschildert hat. Als Beweis dafür führe ich die folgende Geschichte an, die ich von ihm erlebt habe und an die ich nicht ohne das höchste Vergnügen zurückdenke.
Langfeld versprach mir seinen Besuch in Berlin, wenn ich glücklich nach Europa zurückgekehrt sein würde. Einige Jahre waren seitdem verflossen, als er wirklich in meiner Wohnung erschien, seine kleine Reisetasche am grünen Bande um die Schulter gehängt. Wir unterhielten uns von vergangenen Zeiten bei einem Glase funkelnden Weins, den er mit Kennera ugen auf seine Farbe und seinen Glanz hin prüfte, mit schlürfenden Lippen kostete und sofort als »schlechte Sorte, Berliner Gift« in mehr als hinreichender Weise erklärte. Darauf entspann sich die folgende Unterhaltung.
»Wo sind Sie abgestiegen, Herr Langfeld?«
»Hier unten.«
»In meinem Hause? Das ist ja ein wunderlicher Zufall.«
»Nein, unten, in Droschke.«
»So sind Sie eben von der Bahn gekommen und suchen ein Hotel?«
»Im Gegenteil, logiere seit gestern in Droschke.«
»Das verstehe, wer da kann. Und Ihr Gepäck?«
»Trage das bei mir!« und er klopfte mit der fleischigen[134]  rechten Hand auf seine Tasche, »da ist Kamm, Bürste und Seife drin und ein ganzes Packen Gold.«
»Aber erklären Sie sich doch genauer, ich verstehe immer weniger.«
»Nicht viel zu erklären. Wohne in Droschke Tag und Nacht, d.h. schlafe nachts ein paar Stunden in Remise. Pferdedecke wärmt mich. Ist ja Sommer. Bei Tage fährt mich Kutscher wohin er will, sachkundiger Mann, ersetzt mir Fremdenführer durch Berlin. Esse und trinke gut, sehe alles, höre alles, weiß alles. Hält Droschke, steige ich aus, erhalte Anweisung, Kutscher wartet und nachher weiter. Brauche ich Wäsche oder sonst etwas, kaufe ich, was ich wünsche. Kutscher kriegt alles, was ich ablege. Bin zufrieden. Keine Überfracht, kein Hotel, keine Trinkgelder, kein Packen, kein Suchen und Fragen, habe alles. Bleibe noch drei Tage hier. Nun ziehen Sie sich an, Herr Doktor, kommen unten in mein Hotel, fahren wohin Kutscher will. Sehr bequem.«


Ich glaube kaum, daß jemals ein anderer Sterblicher auf den Gedanken gekommen wäre, eine Droschke als ambulantes Hotel während seines Aufenthaltes in einer europäischen Stadt zu benutzen. Aber Vater Langfeld hatte diese Idee mit Erfolg bereits in Triest, Wien und Prag praktisch durchgeführt und war nicht davon zu überzeugen, daß man auch in anderer Weise die Welt durchreisen könne. Sein nächstes Ziel war Paris, zu dessen Besichtigung er eine ganze Woche Aufenthaltes in irgend einer Hoteldroschke bestimmt hatte. Wie ich später aus seinem Munde hörte, hat er nicht nur das große Babel an der Seine, sondern auch London von einer Mietsdroschke aus mit größtem Nutzen in Augenschein genommen. In seinem häuslichen Dasein war er übrigens durchaus nicht verwöhnt worden. Nach damaliger Unsitte vieler in Ägypten ansässigen Europäer war er mit einer verwitweten[135]  oder geschiedenen koptischen Christin eine Ehe »auf Zeit« eingegangen, die von dem Patriarchat anstandslos anerkannt wurde. Die schlimmsten Folgen einer solchen Verbindung traten erst hervor, wenn aus der ungesetzlichen Gemeinschaft Kinder entsprossen waren. Ich habe später einmal amtlich den traurigen Fall verhandeln müssen, daß ein sehr geschickter und allgemein beliebter deutscher Photograph plötzlich starb, ohne daß die Frau, eine Koptin, und die hinterbliebenen Kinder auch nur das geringste Anrecht auf die Hinterlassenschaft des Mannes und Vaters nach dem Wortlaut des Gesetzes gehabt hätten.
Mein sehnlichst gewünschter und endlich ausgeführter Besuch bei Mr. Harris, einem schon hochbejahrten Engländer brachte mir eine große Enttäuschung. Ich lernte in ihm eine einfache, schlichte Natur mit fast schüchternem Wesen kennen, während seine farbige Tochter, elegant nach englischer Mode gekleidet, eine so geistvoll lebendige Unterhaltung entwickelte, daß ich geradezu entzückt von ihr war. Selbstverständlich wurde mir bereitwilligst die erbetene Erlaubnis gewährt, in der schon damals weltbekannten Sammlung ägyptischer und griechisch-römischer Altertümer arbeiten zu dürfen, aber damit war auch alles geschehen, was sich als besondere Höflichkeit bezeichnen l ieße. Ich hatte meinerseits eine Einladung zu einer gemeinschaftlichen Reise mit Vater und Tochter auf ihrem großen Nilschiffe nach Oberägypten erwartet, allein davon war auch nicht im entferntesten die Rede und ziemlich ärgerlich schied ich bei meinem ersten Besuche von beiden Harris.
Fast einen vollen Monat weilte ich in der Alexandersstadt, die zu jener Zeit eigentlich erst im Bau begriffen war, insoweit es sich um die Anlage neuer Straßen mit stattlichen, in europäischem Stile ausgeführten Häusern, oft wahren Palästen, handelte. Bei den Ausgrabungen für die Anlagen[136]  der Fundamentierungen traten au allen Ecken und Enden die merkwürdigsten Reste der alten Stadt zu Tage, und nicht am wenigsten überraschte es mich, daß die ehemaligen Wasserleitungen, unterirdische Kanäle mit hohen, voll ausgemauerten Wölbungen, sich wohl erhalten zeigten. Ein ganzes Netz von Kanälen, ganz nach modernen Mustern angelegt, zog sich durch das unterirdische Revier, und ich geriet geradezu in das größte Erstaunen, als ich auf einem von Arabern geleiteten Kahn beim Scheine von Fackeln lange hochgewölbte Gänge durchfuhr, über welchen sich der größte Teil von Neubauten der modernen Stadt befindet. Die verschütteten Zisternen, denen man auf allen Plätzen und in allen Gassen des heutigen Alexandrien begegnet, mündeten in diese alten Wasserleitungen, die heutigen Tages mit dem Aufbau der letzten Häuser verschwunden sind, so daß vielleicht nur wenige Bewohner der älteren Generation überhaupt eine Ahnung davon besitzen. Auf meine Mitteilung hin übernahm es in späterer Zeit mein verstorbener Freund August Mariette, wenigstens die Zisternen ihrer Lage nach topographisch aufzunehmen, nachdem ihm vom Kaiser Napoleon III., der sich damals mit seiner bekannten Arbeit über Julius Cäsar beschäftigte, der Wunsch ausgedrückt war, den Plan und die Straßenläufe der alten Stadt mit möglichster Sorgfalt zu rekonstruieren.

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Ich verwandte viel Zeit und Mühe auf das Studium dieser merkwürdigen Kanäle, in deren Wandseiten sich manche behauene Werkstücke mit Darstellungen und Inschriften von Denkmälern aus voralexandrinischer Zeit vorfanden, nahm Kenntnis von allen Überresten des Altertums, die sonst zu Tage lagen oder in den Sümpfen der nächsten Umgebung versenkt waren, besuchte wiederholt die Villenkolonie von Ramleh und die dort aufgefundenen Reste des älteren Ortes Nikopolis, durchstöberte die jetzt fast ganz verschwundenen[137]  Katakomben aus heidnischen und christlichen Zeiten, mit einem Worte, ich schwelgte als angehender Antiquar in Genüssen, die nur der zu begreifen vermag, den jemals die Liebe zum Alten begeistert hat.
Auf meinen täglichen Ausflügen erfreute ich mich eines kenntnisreichen und ortskundigen Führers in der Person des Dr. med. Pfund, eines geborenen Hamburgers, der sich einige Jahre vor meiner Ankunft in Alexandrien niedergelassen hatte und von den sehr geringen Einnahmen seiner Stadt- und Schiffspraxis lebte. Seinem Lieblingsfache, der Erforschung der Flora A lexandriens, opferte er fast seine ganze Zeit, so daß seine Herbarien einen erstaunlichen Umfang gewannen. Leider brachte ihn seine gelehrte Neigung niemals auf einen grünen Zweig, so daß er ohne Unterbrechung mit Kummer und Sorge zu kämpfen hatte. Er siedelte später mit Frau und Kind nach Kairo über, allein auch hier gelang es ihm nicht, ein besseres Fortkommen zu finden. Ich verschaffte ihm später eine Stellung als Lehrer an der von mir gegründeten Regierungsschule, die ihn eine Zeit hindurch über Wasser hielt. Als sechzigjähriger Mann fühlte er später noch die Kraft und den Mut in sich, eine ägyptische Expedition nach Dongola und Kordofan als Arzt und Botaniker zu begleiten, starb aber infolge eines heftigen Fiebers als ein unglückliches Opfer seiner letzten Bemühungen, Frau und Kind vor der bitteren Sorge um das liebe Leben zu schützen. Bedeutend als Botaniker, fand er dennoch nirgends die verdiente Anerkennung, denn er arbeitete langsam und bedächtig und seine jüngeren Kollegen kamen ihm zuvor; mittelmäßig als Arzt, verscherzte er seine Kundschaft durch den botanischen Übereifer, der ihm die für den Krankenbesuch notwendige Zeit raubte; schwach als Mensch und von fast kindlichem Gemüte, verzweifelte er an sich selbst und ging darüber elend zu Grunde. Doppelt[138]  empfinde ich deshalb die Freude, wenn ich gelegentlich in den neuesten botanischen Werken über die Flora Ägyptens seinen Namen mit Ehren erwähnt finde.
Meine gemeinschaftliche Reise von Alexandrien nach Kairo mit dem später in der Wissenschaft bekannten österreichischen Baron von Friedau und zwei anderen vornehmen Landsleuten des letzteren, darunter ein Baron vonKönigswart, ging auf einem Nilboote vor sich, denn in der damaligen Zeit gab es weder Eisenbahnen noch Postdampfer in Ägypten. Fast eine Woche waren wir unterwegs, einen Abstecher zu Lande, von dem Dorfe Terraneh aus durch die Wüste nach den Natronseen und Natronklöstern im Westen mit eingerechnet. Auf dieser Fahrt, die mich zum erstenmale das üppige Grün der ägyptischen Felder zu beiden Seiten des Stromes in winterlicher Jahreszeit kennen lehrte, ereignete sich ein überaus lustiger Vorfall, der höchst traurig hätte werden können. Baron v. K. war ein eingefleischter Jäger vor dem Herrn, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, auf unserer Fahrt einen roten Flamingo vom Schiffe aus zu schießen. Schon in aller Frühe des Morgens lag er an Bord mit dem Gewehre auf der Lauer, seine schwachen Augen mit einer Brille und einem Zwicker vierfach bewaffnet. Seine laute Stimme drang eines Tages bei anbrechender Aurora in den Salon hinein:»Kommts eilig, wenn Ihr den Flamingo sehen wollt!« Wir drehten uns auf die andere Seite, um ruhig weiter zu schlafen, als der Schrotschuß krachte, zugleich aber ein lamentables Geschrei vom linken Ufer her zu uns herüber tönte. Ich stürzte halb bekleidet aus dem Bettraum und war Zeuge folgender Scene. Ein ägyptischer Fellah, nach Landessitte so gut wie unbekleidet, war bereits in der Frühe des anbrechenden Tages damit beschäftigt, am Nilufer mit Hilfe eines Noreg, einer höchst einfachen Vorrichtung zum Schöpfen des Flußwassers, seine Felder[139]  zu befeuchten. Sein von der aufsteigenden Sonne beleuchteter rotbrauner Körper, der sich bei der Arbeit des ledernen Schöpfeimers bald auf-, bald abwärts bewegte, strahlte im Purpurscheine der Königin des Tages. Da geschah das Unglaubliche. Der Baron, in der festen Meinung, einen herrlichen rotfarbigen Flamingo vor sich zu sehen, schoß sein Gewehr auf den Vogel ab und die Schrotladung ging in den Rücken des armen Menschenkindes. Mit einem Aufschrei stürzte sich der Getroffene in den Nil, seine Arme zerteilten das Wasser und mit lautem Klagerufe klammerte er sich am Bord unseres Nilbootes fest, um etwa den unvorsichtigen Jäger zur Rede zu stellen? O nein! sondern um flehentlich ein wiederholtes Backschisch auszurufen. Man zog ihn aufs Deck, seine zahlreichen Schußwunden wurden besichtigt und ihm ein blanker Fünffrankenthaler als Schmerzensgeld verabreicht. Schmunzelnd betrachtete er das Geldstück, bedankte sich nach ägyptischer Weise mit einem »Gott vermehre euer Glück!« und versicherte uns mit treuherziger Miene, wenn auch am ganzen Leibe zitternd und bebend, er würde doch noch einmal gern als Zielscheibe dienen, wenn ihm die Auflage verdoppelt würde. Baron v. K. würde sicher nicht so leichten Kaufes davon gekommen sein, wenn er das Jagdunglück in seiner eigenen Heimat verbrochen hätte.



In Kairo.










[140] Unsere Ankunft in Kairo ging glatt vor sich. Wir landeten in der Hafenstadt Bulak, zogen mit unserem Gepäck auf Eselsrücken nach der Stadt, mitten durch ein ungeheures Schilfgebüsch, das über Manneshöhe emporschoß und auf dem sich gegenwärtig das vornehmste europäische Stadtviertel der[140]  Ismailijeh erhebt, und stiegen im Hotel d'Orient ab, das damals zum Aufenthalte der wenigen in Kairo anwesenden Fremden diente. Heute ist es zu einem Gasthofe zweiten Ranges herabgesunken, obgleich seine günstige Lage, auf einem freien Platze vor dem Ezbekijeh-Garten eine besondere Anziehungskraft ausüben sollte.
Unter den anwesenden Gästen, welche die letzten Wintermonate unter der ägyptischen Frühlingssonne zu verweilen gedachten, befanden sich viele, denen ich in meinem späteren Leben wieder begegnete. Ich lernte hier zum erstenmale einen schönen, jungen, preußischen Kürassieroffizier, den Grafen Perponcher aus Berlin, kennen, der infolge einer hartnäckigen Heiserkeit das milde Klima Ägyptens aufgesucht hatte. Es ist derselbe, der später als Hofmarschall im Dienste Kaiser Wilhelms I. als eine sehr beliebte Persönlichkeit in den Vordergrund trat. Die junge österreichische Fürstin von Windischgrätz beehrte mich durch ihre Freundschaft, zu der ihr in erster Linie meine antiquarischen Kenntnisse des Landes die nächste Veranlassung geboten hatten. Unter den übrigen Bewohnern des Gasthofes, der Mehrzahl nach bestanden sie aus Engländern und Franzosen, fehlte es nicht an lustigen Personen, die an der gemeinsamen Tafelrunde teilnahmen und die Gesellschaft im höchsten Maße zu erheitern wußten, oft ohne dies zu beabsichtigen. Ich zähle dazu einen steifernsten Amerikaner, der mit Winden und Stricken die weite Reise von New-York nach Kairo zurückgelegt hatte, um eine der Pyramiden von Gizeh von ihrem Standort zu rücken und nach seiner Heimatsstätte zu überführen; ferner einen jungen evangelischen Kandidaten der Theologie, der später in Berlin seine Gemeinde durch seine frommen Predigten erbaute, damals aber mit einem kleinen Beutel voll Schiffszwieback und ohne sonstige Zehrung ausgerüstet und auf einem Kamel hinter einem Beduinen[141]  sitzend die lange Reise durch die Wüste nach dem Sinai zurückzulegen gedachte und krank und elend nach dreitägigem Marsche nach unserm Hotel zurückgebracht wurde. Unvergeßlich bleibt mir vor allen übrigen ein närrischer österreichischer Arzt Dr. Jemtschik, der einem im Kriege gegen Piemont schwer verwundeten Offizier als Begleiter nach Kairo beigegeben war und den langen lieben Tag auf seinen Jagden in der Umgebung von Kairo zubrachte. Der arme Kranke, dem eine Kugel durch die Lunge gedrungen war, lag derweil hilflos auf seinem Krankenlager. Eines Abends wurde seine Bettumhüllung aus leichtem Gazestoff, die s ogenannte Mustiquière, durch ein auf dem Nachttisch stehendes Kerzenlicht infolge eines Luftzuges in Brand gesteckt. Er sah sich allein, raffte sich aber mit seiner letzten Kraft empor, um aus dem Bett zu stürzen und einen kleinen Kasten mit Munition unter seiner Lagerstätte hervorzuziehen. Sein ärztlicher Beistand hatte nämlich diesen Platz für den geeignetsten gefunden, um den gefährlichen Inhalt des Kastens vor den üblichen Diebereien der arabischen und nubischen Bedienung im Hotel zu schützen. Wenige Tage darauf gab der Leidende infolge der Aufregung und Überanstrengung nach einem heftigen Blutsturze seinen Geist auf. Dr. Jemtschik zog es vor, nicht nach der Heimat zurückzukehren. Er nahm eine Stellung im Dienste der ägyp tischen Regierung an, wurde als Arzt nach dem Sudan ge schickt, nm in Chartum die Kuhpockenimpfung einzuführen, gelangte nach mehrmonatlicher Reise wohlbehalten unter den Sudanesen an, um sich schließlich zu überzeugen, daß er das Notwendigste mitzunehmen vergessen hatte – die Lymphe.

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Die Ankunft eines österreichischen Landsmannes aus Wien, eines Dr. Natterer, versetzte unseren Helden in einen wahren Freudentaumel. Der nicht ganz junge Wanderer, damals etwa 32 Jahre alt, trng eine Unbeholfenheit nnd eine Schüchternheit[142]  zur Schau, die bei einem jungen Mädchen von fünfzehn Jahren erklärlich gewesen wäre. Er öffnete uns beiden sehr bald sein Herz. Sohn eines vermögenden Hausbesitzers bürgerlicher Abkunft in Wien, habe er, Dr. N., sich naturwissenschaftlichen Forschungen hingegeben, eine zehnjährige Liebschaft mit einer ehrsamen Schneidermamsell leider hoffnungslos genährt, da sich der Herr Vater gegen die eheliche Verbindung beider Liebenden mit festem Willen erklärt hätte. Die holdselige Braut sei schließlich des Wartens überdrüssig geworden, habe ihm kurzweg einen Scheidebrief geschrieben und sich sofort verheiratet. Ein paar Tage nach ihrer Verehelichung sei der Herr Vater aus dem Leben geschieden und ihm als einzigem Sohne die reiche Hinterlassenschaft des Verstorbenen übergeben worden. Der Verzweiflung nahe, habe er, der niemals die Stadt Wien verlassen hätte, die weite Reise nach Afrika angetreten, um sich auf dem Sklavenmarkt in Kairo eine Frau zu kaufen, die für-, alle Zeit sein wohlbezahltes und wohlerworbenes Eigentum bleiben müsse.
Dr. Jemtschik jauchzte vor Vergnügen auf und rief mit seiner Stentorstimme, und seine rechte Hand fiel dabei auf den Tisch: »Das war eine urgescheite Idee von Ihnen! Wir begeben uns morgen gemeinschaftlich nach dem Sklavenmarkt im Chan-Chalil, Brugsch muß mit, und wir helfen Ihnen eine Frau auswählen und kaufen.«
Am nächsten Morgen zogen wir auf drei Eseln – Wagen oder gar erst Droschken gab es damals in Kairo nur in einigen Exemplaren von vorsündflutlicher Bauart – durch die lange Straße der Muski nach den Bazaren, um unseren Weg nach dem allen Reisenden bekannten Chan-Chalil zu nehmen, der nach der Aufhebung der Sklaverei in der ganzen Türkei zu einem Teppich-Bazar umgewandelt worden ist. Das umfangreiche Gebäude, aus Stein- und Ziegelwerk ausgeführt,[143]  umschließt einen Hof, worin sich vier Stockwerke mit Galerien erheben, von denen aus kleine Türme nach gewölbten Gemächern dahinter führen. Ihre finsteren Räume erhalten ihr Licht von außen durch ein kleines Fenster, mit eisernen Gittern davor, und dienen heute als Lagerraum der Teppichschätze, damals bildeten sie die Wohnstätte für etwa 2000 arme heidnische Sklaven aus dem Sudan, aber auch christliche Abessinier nicht ausgeschlossen.
Mir wurde fast ängstlich zu Mute, als der Sklavenhändler, ein feister Araber von rohem Aussehen, uns nötigte, die steinernen Stufen nach der oberen ersten Galerie hinaufzusteigen, nachdem ihm Dr. Jemtschik sein Begehren in arabischem Kauderwelsch mitgeteilt hatte. Wir betraten bald darauf eine jener dunkeln Kammern, die eher einem Gefängnisse unter den Bleidächern von Venedig als einem Aufenthalte für menschliche Wesen ähnlich sah. Das Halblicht des Tages fiel vom Hofe aus durch die geöffnete Thür in das Innere des unheimlichen Raumes, in welchem farbige Frauen und Mädchen auf dem Erdboden hockten und mit stumpfsinnigem Blicke der Arbeit einer Genossin zusahen, die damit beschäftigt war, auf einem heißen Bleche – als Feuerungsmittel diente schwelender, äußerst übelriechender Kamelmist, die bekannte Gilleh der Araber, von der schon im Buche Hiob die Rede ist, – eine teigartige, fladenförmige Masse zu backen. Es war das Brot der Unglücklichen, das ihnen als einzige Nahrung geboten wurde. An Stelle menschlicher Bekleidung diente ihnen eine Art von Getreidesack aus rohstem Stoffe, der an seinem unteren Teile in einer Art von Rundung ausgeschnitten war, groß genug, um den Kopf eines menschlichen Leibes durchstecken zu können. Das traurige Stück Elend bot unseren Augen das Bild einer Reihe von Säcken dar, an denen sich oben ein menschliches Haupt befand.[144] 

 Ich fühlte mich tief erschüttert und bewegt und hätte am liebsten den unheimlichen Ort sofort wieder verlassen. Falsche Scham auf der einen Seite, Neugierde auf der andern hielt mich ab, meine Absicht auszuführen, und so wurde ich unfreiwilliger Zeuge eines Kaufes, der nach meiner Meinung nach europäischem Gesetze nicht nur unstatthaft, sondern sogar strafbar war. Dr. Natterers Wahl fiel auf ein etwa vierzehnjähriges, hübsches abessynisches Mädchen, für das er bare 100 Marie-Theresien-Thaler zahlte. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß er nach diesem vollzogenen Handel eine sehr schwere Verantwortlichkeit übernommen habe, da er vor seinem Konsul eine Erklärung abgeben müsse, daß er an dem Kinde Elternstelle zu vertreten habe und zunächst für eine christliche Pension und die angemessene Schulbildung sorgen müsse. An alles das hatte er vorher nicht gedacht und ich weiß nicht, welche Schritte er später einschlug, um meinem guten Rate zu folgen. Mir war die Gesellschaft von Mephistopheles und Faust zuwider geworden und ich verließ das Hotel, um meine neue Wohnstätte unmittelbar unter den Fittigen des preußischen Aars aufzuschlagen, mit anderm Wort als Gast unseres damaligen Generalkonsuls Baron von Pentz.
Gleich nach meiner ersten Vorstellung bei diesem erging die Einladung an mich, sein Haus als das meinige zu betrachten und zu ihm zu ziehen. Ich nahm das liebenswürdige Anerbieten an und erhielt eines der freundlichsten Zimmer in seiner Wohnung, die unmittelbar hinter dem Hotel d'Orient gelegen und nur durch eine schmale Straße von diesem getrennt war. Von den letzten Fenstern aus fiel das Auge auf das Viertel der Ezbekieh, die damals noch nicht die Gestalt eines langweiligen städtischen Gartens nach französischem Zuschnitt angenommen hatte, sondern gerade wegen ihrer Wildheit und in ihrem Baumreichtum und Pflanzendickicht eine[145]  der anziehendsten Stellen von Kairo bildete. Araber und Griechen hatten hier eine Menge bunt angestrichener hölzerner Kaffeehäuser aufgeschlagen, man saß unter den dichtbelaubten schattigen Bäumen von erstaunlicher Größe vor kleinen hölzernen Tischen, trank seinen Mokka, blies die blauen Wolken des köstlichen Latakia-Tabaks aus langen Tschibuks in die von balsamischen Düften geschwängerte Luft und glaubte sich wie im Traume nach Tausend und einer Nacht versetzt. Durch das Innere des Dickichts zogen sich schmale Gänge voll blühender Rosen und Myrten, in denen die Haremsdamen, tief verschleiert, sich in aller Freiheit bewegten, ohne zu fürchten, von einem »Frängi« oder Europäer belästigt zu werden. Alles war so urwüchsig und echt morgenländisch, wie die ganze Anpflanzung selber, die an uugekünstelter Schönheit nichts zu wünschen übrig ließ. Sie wurde mein Lieblingsaufenthalt, so oft und so lange ich damals und später in Kairo weilte um mit meinen Freunden, meistens Afrikareisenden, wie Herrn v. Heuglin, einem Württemberger, und dem bayerischen Baron v. Nei mans, die lehrreichsten Gespräche zu führen und ihren Plänen oder Reiseerzählungen mit gespanntester Aufmerksamkeit zu lauschen.

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Unser General-Konsul, Baron von Pentz, war aus Mecklenburg gebürtig, halte als Artillerie-Offizier in der Armee gedient, war später ausgetreten, um sich der diplomatischen Laufbahn zu widmen, und von der Regierung als Generalkonsul nach Ägypten geschickt worden. Ein angehender Fünfziger und unverheiratet, war er seinem ganzen Wesen nach das gerade Gegenteil von dem, was man im damaligen Oriente von dem Vertreter einer fremden europäischen Regierung erwartete, d.h. von ehrlicher Offenheit und, im Ausdruck seiner Meinungen, von einer Derbheit, die von den ränkesüchtigen, einschmeichelnden, übertrieben höflichen und schlauen Morgenländern[146]  als Grobheit ausgelegt wurde und ihn nichts weniger als eine beliebte Persönlichkeit erscheinen ließ. Sein unbestechlicher Charakter übte trotzdem einen großen Eindruck auf sie aus und im geheimen mußten sie sich sagen, daß »der alte Pentz«, wie man ihn in Kairo zu nennen pflegte, ein ganzer Mann sei, dem gegenüber man andere Saiten aufzuspannen habe.
Wer ihn näher kannte, und unser gemeinsames häusliches Leben bot mir selber vielfältige Veranlassung dazu, mußte ihm die vollste Anerkennung gerade seines oft barschen Auftretens wegen zollen, denn im ägyptischen Nilthale war Preußen oder Brussia ein kaum dem Namen nach gekanntes Land, und man erlaubte sich bisweilen spöttische Anspielungen, die der alte Baron mit dem ganzen Aufwand seiner Kraftausdrücke sofort zurückwies. Der zur Zeit regierende Vizekönig, Abbas I., von den Arabern mit vollem Rechte »der Grausame« tituliert, war ein ausgesprochener Freund der Engländer, wie sich später sein Nachfolger Sajid Pascha durch seine Hinneigung zu Frankreich auszeichnete. Die Politik Ägyptens schwankte schon damals zwischen diesen beiden Großmächten hin und her, die man in einem gegebenen Falle als die natürlichsten und mächtigsten Beschützer ansah. Die übrigen Mächte kamen wenig oder gar nicht in Betracht, und Brussia spielte eine sehr untergeordnete Rolle nach den ägyptischen Anschauungen, die sich erst mit einem Schlage änderten, als 15 Jahre später die Nachricht von dem Siege der Preußen bei Königgrätz auf telegraphischem Wege nach Kairo gelangte.
Ich erinnere mich noch heute mit wahrer Herzensfreude, wie die Muski-Straße, in welcher sich zu jener Zeit das preußische Konsulat befand, nach Bekanntwerden des Ereignisses im Nu sich mit einer dichten Menge von Arabern füllte. Die Leute standen zusammengepreßt, Kopf an Kopf, und richteten[147]  ihre Augen unverwandt nach dem Wappen über der Eingangspforte des Konsulats, das damals, neben dem Schilde stehend, die bekannten beiden wilden Männer mit der Keule in der Hand in buntfarbiger Ausführung zeigte. Die dienstthuenden preußischen Kawasse, aus zwei Eingeborenen erwählt, hatten ihr Möglichstes zu thun, um auf die zahlreichen an sie gerichteten Fragen Rede und Antwort zu geben. »Das sind die Söhne des Reiches Brussia? Allerdings sind es kräftige, starke Söhne Adams, aber sie gehen ja nackt. Frieren denn nicht die Väter des Landes in ihrer kalten Heimat? Und giebt es noch keine Schneider unter ihnen? Wie wunderbar, statt des Tarbusches oder des Hutes tragen sie Baumblätter auf dem Kopfe, und um die Hüfte einen kurzen Schurz von Kohl oder was die grünen Blätter sonst bedeuten mögen. Sieh nur, mein Bruder, ihre seltsamen Gewehre (sie meinten damit die Keulen auf dem Bilde). Das sind die gefährlichen Waffen, mit denen sie, ohne zu laden, eine Kugel nach der andern auf ihren Feind geschleudert haben. Maschallah! Was Gott doch alles nach seinem Willen geschehen läßt!«

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So und ähnlich lautete die Unterhaltung, welche die neugierigen Gasser miteinander führten, um ihr Erstaunen kund zu geben, daß man bisher nichts von den tapferen Söhnen des Reiches Brussia gewußt habe, woran sich die Wünsche knüpften, daß man sie doch einladen sollte, nach Ägypten zu kommen, natürlich in aller Freundschaft, um ihre sonderbaren, aber so gefährlichen Gewehre zu zeigen und sich von ganz Misr oder dem Ägypterlande bewundern zu lassen.



Baron von Pentz.










[148] Der alte Baron von Pentz hatte zu seiner Zeit, wie gesagt, einen schweren Stand, um Preußens Ehre und Ruhm[148]  nach seiner kräftigen Art zu verteidigen und zu schützen, besonders dem harten Abbas gegenüber, der in der Person des Baron das verkörperte Preußentum erkennen zu müssen glaubte. Er hegte einen gründlichen Haß gegen ihn und liebte es, spitze Redensarten fallen zu lassen, die von der anderen Seite her nicht unerwidert blieben. Ich erinnere mich in dieser Beziehung eines Vorfalles, als sei er erst gestern geschehen, bei dem ich selber eine unglaublich klägliche Rolle gespielt haben muß, da es sich um meine eigene Vorstellung bei Abbas I. handelte.
Ich schicke voraus, daß der damalige Vizekönig fast niemals länger als ein paar Tage in demselben Palaste zu weilen pflegte, sondern jahraus jahrein planlos von einer Stelle zur andern wanderte, um sein bärtiges Haupt zur nächtlichen Ruhe niederzulegen. Er hatte eine Art von Reisefieber, wie man behauptete lediglich aus Furcht, durch Mörderhand ums Leben zu kommen. Thatsächlich war dies in dem Nilschlosse bei Benha der Fall; zwei seiner Leibmameluken überfielen ihn dort und erdrosselten ihn mit Hilfe einer umgelegten Schlinge. Da niemand eine Ahnung davon besaß, an welchem Platze er vielleicht schon in der nächsten Stunde weilen würde, so war sein Reisen eigentlich eine Art täglicher Flucht, über deren Richtung keiner eine genaue Auskunft zu geben vermochte. Für die Generalkonsulate, die geschäftlich mit dem Vizekönig zu verkehren hatten, blieb es stets eine schwere Aufgabe, sich über sein augenblickliches Quartier zu vergewissern, und es bedurfte aller Umsicht der eingeborenen konsularischen Dolmetscher, um eine nur einigermaßen zuverlässige Angabe zu erhalten. Ost mußte List gegen List gebraucht werden, wie sie thatsächlich der alte Baron bei einer gebotenen Gelegenheit mit vollem Erfolge in Anwendung brachte. Abbas hatte sich nach seinem kleinen Schlosse von[149]  Meks, am wüsten Meeresufer in der Nähe von Alexandrien, auf unbestimmte Zeit zurückgezogen. Plötzlich fuhr ein schwerer Wagen vor das Portal, dessen Insasse der preußische Vertreter war. »Wir bedauern Ew. Excellenz melden zu müssen, daß Seine Hoheit bereits das Schloß verlassen hat,« lispelte ein anwesender Beamter am vizeköniglichen Hofe. – »Schadet nichts«, versetzte Herr von Pentz, »ich habe mich darauf eingerichtet, mindestens eine ganze Woche an dieser angenehmen Stelle zu bleiben. Habe meine Betten einpacken lassen, auch für ausreichenden Proviant Sorge getragen, – dabei wies er auf Kisten und Kasten in und am Wagen, – und mir vorgenommen, durch Lektüre von Büchern die Zeit zu vertreiben.« Der also förmlich belagerte Abbas I. sah sich schließlich genötigt, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und der Baron erhielt den gewünschten Empfang.

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Ich war kaum vierzehn Tage in Kairo und im Hause des Generalkonsuls anwesend, als dieser eines Morgens unter Frohlocken in mein Zimmer mit den Worten trat: »Ich habe ihn glücklich abgefangen, er haust heute in der Abbasijeh. Sie kommen mit, denn ich habe die Absicht Sie vorzustellen.« In einer gemieteten Kutsche aus der Rokokozeit fuhren wir zum Thore hinaus nach der Wüste, in der Richtung von Heliopolis, wo sich der Vizekönig ein geschmackloses vielsenstriges Schloß mit hellblauem Anstrich hatte aufführen lassen, das rings herum von einer mächtigen hohen Mauer umgeben war. Es wurde nach seinem Namen Abbasijeh getauft, später in eine Kaserne umgewandelt und besteht noch heute als eine baufällige Ruine, in deren Nähe sich nach der sogenannten Schlacht von Tell el-Kebir und nach einem mit erstaunlicher Schnelligkeit zurückgelegten Marsche die indischen Reiter der englischen Armee aufgestellt hatten, um von den demütig sich verneigenden[150]  Schechs von Kairo als Retter aus den Krallen Arabi Paschas begrüßt zu werden.
Wir wurden vom Vizekönig empfangen, der mit seinem umfangreichen Leibe die linke Ecke eines langen Divans an der Fensterseite einnahm. Er trug die damals übliche arabische Tracht und sein schwarzbärtiges Vollgesicht glänzte nichts weniger als freundlich bei unserem Eintritt. In gebückter Stellung, die Hände als Zeichen unterwürfiger Gehorsamkeit über einander gelegt, stand ein junger Armenier Namens Nubar Effendi in seiner Eigenschaft als Hofdragoman in angemessener Entfernung von dem Allmächtigen und Gefürchteten, derselbe Nubar, der später als Ministerpräsident einen so hervorragenden Platz in der neuesten Geschichte der ägyptischen Vizekönige einnehmen sollte und es nicht ungern hörte, mit unserm Fürsten Bismarck verglichen zu werden. Abbas I. war keiner europäischen Sprache kundig und liebte es, die Unterhaltung auf türkisch zu führen, während Nubar die Aufgabe hatte, das türkisch Gesprochene in das Französische oder umgekehrt das Französische in das Türkische zu übertragen.
Wie schwer es ist, eine solche Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen, das kann ich selber auf Grund meiner eigenen Erfahrungen als Dragoman im Dienste von Kaiser und Reich bestätigen, als mir die Ehre zu teil ward, während meines Aufenthaltes in Persien unserem Gesandten als Dolmetscher in seinen Unterhaltungen mit dem Schah der iranischen Königreiche zu dienen. Neben der Ruhe und Besonnenheit bedarf es der schnellsten Auffassung und des gewandten richtigen Ausdruckes, um jede Mitteilung sofort aus der einen Sprache in die andere mit aller Schärfe zu übertragen, jedes Mißverständnis zu vermeiden, nichts Eigenes hineinzulegen und nebenbei die Höflichkeitsformeln in den Anreden und Wendungen[151]  ohne Ülbertreibung dem orientalischen Geschmacke anzupassen. Ich kann versichern, daß eine halbstündige Unterredung meine Kräfte jedesmal auf das Äußerste angespannt hatte, so daß ich nach der Rückkehr in meine Wohnung mich auf mein Bett werfen mußte, um mich nur einigermaßen von der ausgestandenen Arbeit zu erholen. Selbst die sprachkundigsten, gewandtesten und geübtesten Dolmetscher sind nicht im stande, über eine halbe Stunde hinaus das Maß ihrer Kräfte zu erproben. Sie tragen dabei zum Schlusse ihre eigene Haut zu Markte, denn die Last aller Verantwortlichkeit für Rede und Gegenrede ruht auf ihren Schultern.


Doch um auf meine Erzählung zurückzukommen, so muß ich erwähnen, daß sich infolge eines Zwischenfalles Nubar Effendi in einer der schwierigsten Lagen befand. Kaum war ich dem Vizekönig vorgestellt worden, so trat nuangemeldet der englische Generalkonsul Murray, historisch bekannter als der Urheber des persisch englischen Krieges, in das Audienzzimmer, um von dem Vizekönig in auffallend liebenswürdiger Weise bewillkommnet und eingeladen zu werden, an der Unterhaltung teilzunehmen. Herr Murray besaß außerdem den Vorzug der Kenntnis des Türkischen, so daß wir übrigens von dem Inhalt der geführten Zwischengespräche in vollster Unkenntnis blieben.
Ich sah, wie sich die Wangen des Barons röteten, ein bedenkliches Zeichen von böser Vorbedeutung bei ihm. Er verlangte mit fester Stimme, daß sich Herr Murray zu entfernen habe, da er zuerst gekommen, offiziell angemeldet und empfangen sei. Auf die ablehnende Antwort des Vizekönigs entspann sich ein kaum glaublicher Wortkrieg, in welchem von Seiten des Vizekönigs Preußen und seine Barone ziemlich schlecht wegkamen. Den letzteren Trumpf spielte der aufs höchste gereizte Baron mit dem bedenklichen Zuruf aus: »Jetzt[152]  wissen Sie, was Preußen und ein Baron bedeutet. Ihnen aber will ich sagen, was Sie sind: Der Nachkomme eines mazedonischen Tabakshändlers!«
Bleich und zitternd stand Nubar da, Murray lächelte in sonderbarer Weise, Abbas schleuderte die Pfeife von sich, daß ein Funkenmeer über den kostbaren Teppich auf den Boden flutete, sprang wie von der Tarantel gestochen von seinem Sitze auf und verschwand schleunigst durch eine geöffnete Thür aus dem Saale. Das war eine seltsame Audienz, wie ich sie niemals mehr erleben möchte, aber ganz im Stile jener Zeit, in welcher die seine türkische Artigkeit noch nicht ihre gewinnenden Formen von heute im diplomatischen Verkehr gewonnen hatte.
»Dem habe ich es einmal ordentlich gesagt«, schnaufte mein hochverehrter Gastfreund, als er die letzte Treppenstufe hinter sich hatte, »aber es war notwendig, ihm diese Lektion in Gegenwart des englischen Kollegen zu erteilen.«
So viel ich mich erinnere, wurde einige Monate später Nubar Effendi in Mission nach Berlin gesandt und bald darauf Baron von Pentz von seinem Posten abberufen. Er nahm seinen Abschied, siedelte nach Brandis, einem Rittergute in der Nähe von Leipzig, über, wurde als Sohn von der Besitzerin desselben, einer achtzigjährigen Tante, adoptiert und starb bald darauf, nachdem er einen Familienprozeß verloren hatte, der, wie ich glaube, sich über 100 Jahre in die Länge gezogen und ihm sein ganzes Vermögen gekostet hatte. Er war ein durch und durch ehrenwerter Charakter, ein Original, wenn man will, aber im besten Sinne des Wortes, mit dem ich niemals in Streit geraten bin, einmal weil es sich für mich, den jungen gastfreundschaftlich aufgenommenen Mann, nicht schickte, hauptsächlich aber darum, weil ich wußte, daß[153]  die höchsten Tugenden des Menschen, Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit, seine angeborenen Eigenschaften waren.

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Auf seinen Adel bildete er sich nichts besonderes ein, dennoch aber bedauerte er mir gegenüber eines Tages ganz offen, daß wir uns leider nach unserem Tode nicht wiedersehen würden, da auch im Himmel der Unterschied zwischen Adligen und Bürgerlichen fortbestehen würde, weil für jene ein schönerer Aufenthalt als für diese nach Gottes unerforschlichem Willen reserviert sei.
Ich lachte hell auf und fragte nach den Beweisen seiner Behauptung. Er setzte mir daraufhin es auseinander, daß schon in der Bibel sich eine Andeutung des großen Unterschiedes zwischen edlem und bürgerlichem Blute vorfände. Es stehe nämlich geschrieben (1. Buch Mos. 6, 1 fl.), daß nach der Vermehrung der Menschen auf Erden die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen sahen, wie sie schön waren und zu Weibern nahmen, welche sie wollten. Das sei doch das älteste Beispiel einer wirklichen Mesalliance zwischen dem Adel und den Bürgerlichen und niemand in der Welt sei im stande, seine Auslegung zu bestreiten, weil sie nur in diesem Sinne das allein richtige Verständnis erhalte. Ich möge spotten, wie ich wolle, er sei der Überzeugung, daß selbst das Blut des Adligen, wenn unvermischt, sich von dem des Bürgerlichen durch größere Reinheit ganz wesentlich auszeichne. Es sei das die Bläue, von der so häufig die Rede sei. »Aber darum«, fügte er hinzu, »bleiben wir immer die besten Freunde. Auch mir sind die Töchter der Menschen, wenn sie jung, hübsch und gescheit sind, eine angenehme Erscheinung und für den Anblick eines heiteren und lustigen Mägdelein überlasse ich Ihnen hundert Ramsesbilder, ein jedes von 4000 jährigem Alter.« Seelensvergnügt rieb er sich dabei die Hände, als habe er einen großen wissenschaftlichen Sieg über mich davon[154]  getragen. Gott hab' ihn selig meinen lieben dahingeschiedenen Gönner, der sich durch seine thatkräftige Unterstützung meiner ersten Studien in Ägypten ein Denkmal dauernder Dankbarkeit in meinem Herzen gesetzt hat.



Neue Freunde in Kairo.










[155] Der österreichische Kollege des Barons von Pentz, Generalkonsul von Huber, dessen Freundschaft ich mich bis zu seinem Lebensende erfreute, dachte über das ägyptische Altertum anders als jener, wenngleich er auch nach der anderen Seite ein hoher Verehrer weiblicher Anmut und Schönheit war und deshalb keine Gelegenheit versäumte, empfohlene Reisende in Damengesellschaft zu einem Picknick in der Wüste bei Sakkarah einzuladen. Er war trotzdem Junggeselle bis zu seinem letzten Tage hin geblieben, da er seine ganze Neigung und seine ganze Zeit, so weit sie nicht von seinem Amte in Anspruch genommen wurde, der Wissenschaft der Numismatik zum Opfer brachte. Er besaß eine der schönsten und kostbarsten Sammlungen, die er später in London zur öffentlichen Versteigerung kommen ließ, nachdem er während seines langen Aufenthaltes in Odessa und in der Türkei überall Gelegenheit gefunden hatte, die seltensten Stücke zu erwerben. Seine späteren Beziehungen zu befreundeten Konsuln verschafften ihm fast wöchentlich neue Sendungen, die er mit wahrem Entzücken zu prüfen und ihrem Ursprunge nach zu bestimmen pflegte. Er war ein sehr gelehrter Herr in seinem Fache und viele wertvolle Aufsätze in der Wiener numismatischen Zeitschrift sind aus seiner Feder geflossen. Mit vielem Verständnis hatte er in gleicher Weise, seiner Liebhaberei für alles Antike folgend, eine Sammlung ägyptischer Altertümer angelegt, die[155]  nach Tausenden von Gegenständen zählte, und sogar Nachgrabungen geleitet, die manche schöne Funde zu Tage förderten. Freilich standen die Altertümer in der damaligen Zeit nicht sehr hoch im Preise, denn beispielsweise kostete ein geschnittener prächtiger Käserslein, ein sogenannter Scarabäus, altägyptischer Herkunft kaum eine halbe Mark, während ein solches Stück heute mit der vierzig- bis sechzigfachen Summe bezahlt wird. Die auserlesensten Denkmäler seiner Funde und Sammlungen widmete Herr von Huber inpatriotischer Absicht dem kaiserlichen Ambraser-Museum in Wien; den übrigen Teil seines Antiken Kabinetts veräußerte er bei seinem Abgange aus Ägypten an den Vizekönig Sajid Pascha gegen mehrere Tausende englischer Pfunde. Er bildete die eigentliche Grundlage des hochberühmten Museums von Bulak, dessen Schätze seit einigen Jahren in das Schloß von Gizeh, gegenüber von Alt-Kairo, übersiedelt wurden.
Herr von Huber, gleichfalls ein angehender Fünfziger, dessen Name in meinem Gedächtnis mit treuster Erinnerung bewahrt bleiben wird, bot seiner äußeren Erscheinung nach wenig Anziehendes dar. Von kleiner Gestalt, die nach vorwärts gebeugt war, eine Folge seiner anstrengenden Arbeiten in krummer Haltung vor seinem Schreibtische, verriet er in seinen Gesichtszügen mit den stark hervortretenden Augen auch nicht die leiseste Spur von Schönheit oder Anmut. Nur sein dunkler, sorgfältig gefärbter Bart – auch sein langes, strähnig herabfallendes Haupthaar litt an künstlichem Schwarz – milderte ein wenig den Eindruck des geradezu Häßlichen und eigenartig Blöden, wenn es auch dem Physiognomiker nicht entgehen konnte, daß Scharfsinn und Weltspott aus diesen Zügen hervorleuchtete. Mein ehrenwerter Freund, Herr A. von Kremer, der damals als erster Dragoman des österreichischen Generalkonsulates in Kairo lebte und später als[156]  österreichischer Handelsminister seine Laufbahn abschloß, konnte mir nicht genug von der Strenge und Spottsucht des Alten erzählen, der, selber ein ausgezeichneter Arbeiter, seine Beamten bis aufs Blut zu peinigen verstand. Herr von Kremer war ein sehr gelehrter Arabist, der durch seine veröffentlichten Abhandlungen und Bücher über Ägypten und das Arabertum einen verdienten Namen erwarb, aber es wurde ihm herzlich schwer, den Ansprüchen seines Chefs zu genügen, und die Taube rettete sich, so oft sie konnte und so weit sie zu fliegen vermochte, vor den Fängen des Habichts, um in einsamer Zurückgezogenheit oder unter Freunden vor der Verfolgung sicher zu sein.

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Ich war von Anfang an der erklärte Liebling des gestrengen Alten geworden. Meine ägyptischen Kenntnisse kamen seinen Sammlungen zu Gute. Ich las ihm die altägyptischen Inschriften, die auf den Denkmälern eingegraben standen, wir unterhielten uns stundenlang über antike Themata, machten Ausflüge nach den Ruinenstätten in der Umgebung der Stadt und sein Haus und sein Tisch stand mir jederzeit offen. Mit einem Worte, ich war ihm geradezu unentbehrlich geworden, so daß er mich nie anders als mit den Worten: »Mein junger, aber bester Freund und Kollege in antiquariis« seinen Besuchern vorstellte. Mit meinem eigenen besten Freunde und wirklichen Kollegen in antiquariis, dem Franzosen A. Mariette, der damals im Serapeum seine letzten Ausgrabungen leitete, stand Herr von Huber auf dem denkbar schlechtesten Fuße, während Mariette seinen Namen nur mit verächtlicher Miene erwähnte. Beide konnten sich nicht riechen, wie man zu sagen pflegt. Wie oft habe ich die Versicherung meines österreichischen Kollegen nicht mit anhören müssen:»Der Franzose in Sakkarah ist ein Dieb. Mein Agent, der spanische Jude Fernandez ist der eigentliche Entdecker des Serapeums.[157]  Sehen Sie diese Sphinxe, die er mir bereits vor vier Jahren ins Haus gebracht hat, doch war er so dumm, dem da drüben Mitteilungen zu machen. Da war das Geheimnis verraten und die Sache vollständig aus.« Somit war Mariette zu seinem Feinde in antiquariis geworden und ich in die wenig erbauliche Lage versetzt, der beste Freund von zwei erklärten Feinden zu sein, ohne jegliche Hoffnung, durch meine Vermittlung eine endliche Versöhnung zwischen beiden herbeiführen zu können.
Um so friedlicher war die Stimmung in dem Hause meines lieben Freundes Dr. Bilharz, eines jungen, aus den hohenzollernschen Fürstentümern gebürtigen Arztes, dessen l iebenswürdige Persönlichkeit, dessen herrliches Herz und dessen reiches Wissen mich noch heute bei der bloßen Erinnerung an ihn bezaubert. Er war ein Jahr vor meiner Ankunft in Ägypten als Arzt in den Dienst der ägyptischen Regierung getreten, in der Absicht, sich neben seinem Berufe rein wissenschaftlichen Studien zu widmen, für die Europa ihm nicht das gewünschte Material darbot. Die vergleichende Anatomie und zoologische Studien bildeten die Hauptgegenstände seiner gelehrten, überaus sorgfältigen Untersuchungen, die ihm einen ehrenvollen Namen in der Wissenschaft erworben haben. Er war der erste, der es gewagt hatte, wenn auch im geheimen, die Leichen verstorbener Mohammedaner zu sezieren und das Vorkommen eines bisher unbekannten Eingeweidewurmes festzustellen. Seine Arbeiten über die Elektrizität erzeugenden Organe des Zitteraales im Nil, dessen Schläge ich einmal beim Baden im heiligen Strome an meinem eigenen Körper empfunden habe, erfreuten sich bald eines Rufes, der weit über die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinausging. Seine anthropologischen Sammlungen von Menschenschädeln arabischer und koptischer Herkunft gaben den Gelehrten in der Heimat[158]  den Stoff zu wichtigen Forschungen, und endlich seine Arbeiten über die älteste Tierwelt auf Grund der Darstellungen auf altägyptischen Denkmälern boten mir selber eine unerschöpfliche Fülle von Material zur Bestimmung vorkommender Tiernamen in altägyptischer Schrift in meinem zwanzig Jahre später veröffentlichten hieroglyphisch-demotischen Wörterbuche. Im Umgang mit dem sanften und liebenswürdigen Landsmanne, in dem ich einen Lehrmeister ersten Ranges schätzen lernte, flossen die Stunden unserer gemeinsamen Zusammenkünfte wie Minuten dahin. Ich sah ihn später in Berlin wieder, beklagte aber bald darauf seinen frühen Tod auf fremder Erde. Von einem regierenden deutschen Herzog und dessen Gemahlin ersucht, sie als ärztlichen Beistand auf einer Vergnügungstour nach den Jagdrevieren der ostafrikanischen Küste, in der Nähe Abessiniens, zu begleiten, büßte er infolge eines Fieberanfalles sein anderen Zwecken so nützliches und wertvolles junges Leben ein, nachdem er die Herzogin von einer schweren Krankheit glücklich gerettet hatte. Ave pia anima! rufe ich ihm noch heute in dankbarster Verehrung nach.


Ich müßte eine ganze Liste wohlbekannter Namen aufzählen, um meinen ersten Bekanntschaften in Kairo gerecht zu werden, wenn ich nicht fürchtete, durch ein hohles Verzeichnis die Geduld des Lesers zu ermüden. Es waren nur flüchtige Augenblicke, in denen die Gestalten an mir vorüberzogen, ohne auf mein eigenes Leben einen bestimmenden Einfluß ausgeübt zu haben. Ich begnüge mich daher vorläufig nur drei, den Dr. Pruner Bey, einen deutschen Arzt, und die beiden Franzosen Dr. Clot Bey und Linant Bey vor allen übrigen hervorzuheben.
Der zuerst genannte bekleidete vor meiner Ankunft in Ägypten die im Morgenlande sehr einflußreiche Stelle eines Leibarztes des regierenden Vizekönigs und entwickelte in seinen[159]  freien Stunden eine sehr rege Thätigkeit auf dem Gebiete der Erforschung der menschlichen Rassen. Er war ein Anthropolog, der manches damals als gut anerkannte Buch geschrieben hatte, das heutigen Tages jedoch als abgethan gilt. Seine persönlichen Unterweisungen brachten mir wenig Nutzen und ich sah mich bald auf falscher Fährte wandeln, sobald ich den wissenschaftlichen Ratschlägen des vornehmen Bey gefolgt war, die meine eigenen Studien im Lande vollständig widerlegten.
Der Franzose Clot Bey, nach dem gegenwärtig ein ganzer Boulevard im neuen Kairo bezeichnet wird, soll, wie die Fama behauptet, ein ehemaliger Barbier gewesen sein, der sich zum Doktor ausbildete und dem alten Mehemmed Ali und seinem Nachfolger Ibrahim auf dem Stuhle Pharaos die nützlichsten Dienste leistete. Auf alle Fälle besaß er den Mut, in den schweren Zeiten der Heimsuchung Ägyptens durch die Pest zu den Kranken zu wandeln, ohne sich viel um die Folgen der Ansteckung zu kümmern. Auch er besaß ein kleines Museum mit auserlesenen Altertümern, das später in den Besitz seiner Vaterstadt Marseille überging und noch heutzutage von den gelehrten Ägyptologen in Frankreich gern besucht wird. Clot Bey, von kleiner, unansehnlicher Figur, besaß ein äußerst lebendiges Wesen und seinen Erzählungen aus den Zeiten des alten Mem und der ägyptischen Feldzüge in Syrien, Arabien und im Sudan lauschte ich stets mit besonderem Vergnügen. Er hat sogar ein Buch über Ägypten in französischer Sprache niedergeschrieben, das wohl gut gemeint, aber ziemlich schwach in der Ausführung war. Daß er beispielsweise in dem zoologischen Teile des Werkes, das er mir als eine im Druck vollendete Lebensaufgabe rühmte, die Fledermaus als eine besondere Vogelart aufführte, ist nicht die schlimmste unter allen darin begangenen Sünden. Ein Türke würde darin allerdings[160]  nichts Anstößiges entdeckt haben, aber sein Buch war nicht für Türken, sondern für Enropäer geschrieben.
Viel bedeutungsvoller war mir von Anfang an die Bekanntschaft eines Mannes, der für Ägypten als ein segensreicher Gewinn bezeichnet werden konnte, ich meine den Franzosen Linant mit dem Zusatze: de Bellefonds, wie er sich nach seinem Geburtsorte gern nennen hörte. Er starb als ein Achtziger erst vor wenigen Jahren in Kairo, nachdem er zum Range eines Pascha erhoben worden war. Als ich ihn zuerst kennen lernte, war er ein kräftiger Vierziger von militärischer Haltung, von großem, kräftigem Körperbau und mit sympathischen, stets freundlichen Zügen in seinem runden Gesichte mit dem rabenschwarzen und wohlgepflegten Schnurrbarte. Schon unter Mehemmed Ali war er als ingénieur des ponts et chaussées in den ägyptischen Dienst eingetreten, um Vorschläge für die Anlage von Kanälen, Eindämmungen des Niles, Schleusensystemen u.a. in sauber ausgeführten kartographischen Plänen der Regierung zu unterbreiten. Für die Ausführung des maritimen Kanales von Suez hatte er gleichfalls das Seinige dazu beigetragen, wenngleich er nicht diejenige Anerkennung davon trug, die seine scharfsinnigen Vorschläge vom praktischen Standpunkte aus in höchstem Maße verdient hätten. Er empfand eine besondere Befriedigung in geographischen Studien, die mit der Wasserverteilung im alten Ägypten in Verbindung standen und Altes mit Neuem verglichen. Seine Abhandlung über den ehemaligen Möris-See im Fajum hat sogar eine klassische Berühmtheit erreicht, nicht weniger seine gründlichen Untersuchungen über die älteste Verbindung des Niles mit dem Roten Meere, die er mit vollem Rechte bis auf die Zeit Ramses II., also bis zum Ende des 14. Jahrhunderts v. Chr. zurückführte. Mit klarem Blicke hatte er die Beweise zusammengestellt, welche die ältere Bucht[161]  des Roten Meeres nach dem jetzigen Krokodilsee, bis in die Mitte der Landenge von Suez vorschoben, und den Durchmarsch der Juden durch das Schilfmeer in richtiger Würdigung der topographischen Verhältnisse an dieselbe Stelle verlegt. Leider war es ihm nicht vergönnt, die Durchstechung der Landenge nach seinen Plänen vollzogen zu sehen, nachdem sein diplomatischer Landsmann, Herr von Lesseps, unter der Regierung des folgenden Vizekönigs in den Besitz des darauf bezüglichen Firmans gelangt war. Meinem verstorbenen Freunde und Gönner Linant gebührt außerdem der Ruhm, die von den Pharaonen-Zeiten an bis zur Kalifen-Epoche ausgebeuteten Goldgruben von Wadi Olaki auf dem Gebiete der Bischarin-Nomaden, in der Nähe der südlichen Grenze Ägyptens nach dem Roten Meere zu, zuerst wieder entdeckt und jene unbekannten Regionen kartographisch aufgenommen zu haben. Auf seinen Reisen in diesen wilden Gegenden war ihm das schnellläufige Dromedar zum bequemsten Reittier geworden, so daß man den wackeren Mann sogar in den Straßen von Kairo nur auf diesem Tiere als Reiter erblickte, wenn ihn Geschäfte oder Besuche das Haus zu verlassen nötigten. Nach seiner eigenen Erzählung hatte er einmal den Weg von Alexandrien nach Suez über Kairo am Rande der libyschen Wüste und mitten durch das Wadi der Mekkapilger in der ersta unlich schnellen Zeit von 24 Stunden ohne längere Aufenthalte auf demselben Dromedare zurückgelegt, eine Leistung, die kaum je überboten worden sein dürfte.

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In der damaligen Zeit war es allgemein Sitte bei den in den Hauptstädten des Landes, hauptsächlich in Alexandrien und Kairo, ansässigen Europäern geworden, altägyptische Sammlungen anzulegen, die mit den Jahren eine zunehmende Vermehrung erfuhren und nicht selten neben manchem Schund die kostbarsten Gegenstände der Vorzeit enthielten. Als Verkäufer[162]  der Antiken traten regelmäßig Beduinen auf, welche im Lande herumzogen, um von den Bauern zufällig bei ihrer Feldarbeit gemachte Funde zu billigen Preisen aufzukaufen oder selber heimliche Nachgrabungen, gewöhnlich an versteckt liegenden Plätzen und bei nächtlicher Zeit, auszuführen. Mein noch heutigen Tages lebender Freund, der Beduine Farag Ismail, gegenwärtig ein sehr reicher Mann, leistete Großartiges darin, denn seiner Spürnase entging beinahe nichts. In Alexandrien war es die Sammlung Dimitri, eines wohlhabenden Griechen, welche die seltensten Stücke aufzuweisen hatte. In Kairo hatte der sehr bekannte englische Missionar Dr. Lie ders ein Privatmuseum gestiftet, das sich sehen lassen konnte. Außer ihm befanden sich der Apotheker Jannowitsch, ein deutscher Konditor, dessen Name mir entfallen ist, der englische Dragoman Massara, ein eingeborener Kopte seiner Abstammung nach, mein alter Freund, der italienische Flüchtling und Maler L. Vassalli, der bei dem später gegründeten vizeköniglichen Museum in Bulak die Stellung eines Konservateurs bekleidete, und der spanische Jude Fernandez imBesitz einer reichen Zahl von Antiken, welche sie Liebhabern, meist Reisenden, zum Verkauf anboten. Auch der Italiener Lanzone, gegenwärtig einer der Konservatoren des ägyptischen Museums in Turin, besaß wahre Schätze in seinem mit großer Sorgfalt zusammengestellten Antikenkabinett. Aber niemand von den glücklichen Besitzern befand sich in der Lage, die hieroglyphischen, hieratischen und demotischen Texte, mit welchen die Denkmäler bedeckt waren, zu lesen. Nur wenn ein so genannter Königsring (die Cartouche, wie Champollion ihn nannte) eine Zahl von Zeichen umschloß, wußte man halbwegs Bescheid und suchte aus veröffentlichten Werken den Namen des Pharao zu entziffern.
Als man erfuhr, daß mir, dem jungen Ägyptologen, die[163]  Kenntnis der drei Schriftarten eigen war und daß ich mich den ägyptischen Studien mit Leib und Seele ergeben hatte, ward ich bald eine viel umworbene Person in Kairo und überall fand ich offene Thüren und offene Herzen bei meinem Eintritt. Dafür genoß ich das Vergnügen, in einem wahren Meere von Antiken zu schwimmen, wenngleich ich weidlich ausgebeutet wurde, um Erklärungen über die geheimnisvollen Erbschaften aus längst vergangenen Tagen zu geben. Man mißbrauchte bisweilen meine Zeit und meine Kenntnisse gründlich und Mariette, mein späterer Freund, hatte wirklich recht, mir Vorwürfe darüber zu machen, da ich nur dazu beitrüge, ohne es zu wissen noch zu wollen, die Preise in die Höhe zu schrauben und den Antikenmarkt zu verderben. Immerhin war es für mich eine köstliche Zeit, mitten unter dem alten Plunder stundenlang zu sitzen, jedes einzelne zu prüfen und den toten Inschriften den geschlossenen Mund zu öffnen. Später freilich hatte sich diese Lust in ihr Gegenteil umgewandelt und heutigen Tages bin ich soweit gekommen, daß mir der Besuch eines ägyptischen Museums geradezu als eine schwierige Aufgabe erscheint. Meine Neugierde hat in den vergangenen 50 Jahren vollauf Gelegenheit gehabt, in ausreichendstem Maße befriedigt zu werden, um so mehr, als ich durch eigene Arbeiten das gebotene Material für meine Ansprüche erschöpft habe und es gerne jüngeren und fähigeren Kräften überlasse, auf meinen Untersuchungen weiterzubauen, mit andern Worten, dieselben zu bestätigen oder zu berichtigen und zu vermehren. Alles hat eben seine Zeit und das menschliche Wissen und Können ist von diesem Gesetz nicht ausgeschlossen.[164] 



Im Serapeum von Memphis.










[165] Im Monat Februar sollte mir die Freude zu teil werden, Auguste Mariette in seiner Einsiedelei des Serapeums, in der Wüste zwischen den Araberdörfern Abusir und Sakkarah, von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen und damit das Band lebenslänglicher Freundschaft anzuknüpfen. Der herzliche Empfang, dessen ich mich von seiner Seite her erfreute, war dazu angethan, mich von seiner Persönlichkeit fesseln zu lassen, die bei manchem anderen das gerade Gegenteil bewirkte. Er war von großem Wuchse, starkem Körper, sein von einem blonden Barte umrahmtes Gesicht war rotbraun wie das eines ägyptischen Fellachen gebrannt, in seinen Zügen lagerte eine gewisse Melancholie, die wiederum von einer auffallenden Heiterkeit augenblicklich verdrängt werden konnte. Dabei war er schwer beweglich und zog das Reiten auf seinem arabischen Schimmel dem Gehen zu Fuß vor. Der Witz und mit Vorliebe der französische Calembour war sein angeborenes Erbteil. Daneben besaß er eine tiefe Lebensklugheit in allen seinen Plänen, die nur in einem Punkte scheiterte, der in dieser bösen Welt eine Hauptsache bildet, in allen Geldfragen, die an ihn herantraten. Er verstand es nicht, mit dem Gelde haushälterisch zu wirtschaften, weil es ihm vollständig gleichgiltig geworden war, nachdem er bei dem Eintritt in das Leben mit der ganzen Not des Daseins eines armen Mannes zu kämpfen gehabt hatte. Er konnte freigebig wie ein König sein und im nächsten Augenblick nicht wissen, mit welchen Mitteln er die kleinste Ausgabe decken sollte. Er besaß den ganzen Ehrgeiz des Mannes, der sich bewußt ist, daß die Augen der ganzen Welt infolge einer vom glücklichen Zufall begünstigten großartigen Entdeckung auf ihn gerichtet sind, dabei aber peinigte ihn das Gefühl eigener Unzulänglichkeit,[165]  die zahllose Menge der Denkmäler, die er zu Tage gefördert hatte, mit voller Erkenntnis ihrer Bedeutung nicht beherrschen zu können und andern die Ausbeute des Gewonnenen überlassen zu müssen. Mit seinem Wissen auf dem Gebiete der hieroglyphischen Entzifferungen war es im ganzen schwach bestellt und er fühlte sich in seinem Gewissen beengt durch die Unsicherheit seiner gelieferten Übertragungen. Er gestand es mir in unseren Zwiegesprächen nicht weniger wie in seinen brieflichen Mitteilungen offen und ehrlich, daß er durchaus keine Veranlagung für die philologische Seite unserer Wissenschaft besitze und dies tief beklage. Er sei, so erklärte er mir, vielmehr eine Künstlernatur, die an der Form ihre einzige Befriedigung empfände, wozu ihm die ägyptische Antike gerade nicht den geeignetsten Stoff liefere. Im besten Falle verstände er es zu organisieren, ein Museum einzurichten und die zusammengehörigen Stücke harmonisch aufzustellen und zu katalogisieren, darüber hinaus fehlte ihm zwar nicht der gute Wille, aber wohl die erforderliche Kraft zur wissenschaftlichen Ausbeute. Er beklage es, einen falschen Lebensweg eingeschlagen zu haben, denn sein Reich und sein Ideal sei die Welt des Schönen und er eigentlich berufen, sich als Schriftsteller, vielleicht sogar als Dichter, einen geachteten Namen zu erwerben. Jetzt müsse er sich mit dem Schicksal abfinden und als gepriesener Entdecker des Serapeums alles daran setzen, seinen so plötzlich eroberten Ruf zu behaupten und seine zukünftigen Arbeiten danach einrichten.
Er hatte mit seinem Geständnis den Nagel auf den Kopf getroffen, denn sein Gemüt war weich und den zartesten Empfindungen zugänglich. Erfinderisch schweifte seine Phantasie im unbegrenzten Reiche der dichterischen Schöpfungen umher und seine Gedanken kleideten sich in eine formvollendete Sprache, die selbst der starren ägyptischen Antike den Odem des Lebens[166]  einblies. Seine Beschreibungen von Altertümern verraten nach dieser Richtung hin den Mann der geistvollen Feder, die nur durch die Ode und Leere des Stoffes gebunden ist und vergeblich die einmal gezogenen Schranken zu durchbrechen versucht. Wo es ihm frei stand, eine Dichterausgabe zu lösen, da schwelgte er im Genuß der Gunst des Augenblickes und wie unser Georg Ebers fabulierte er mit der Lust des Poeten von Gottes Gnaden. Es wird nur sehr wenigen bekannt sein, daß die bekannte Oper Aïda den Stoff und die Erfindung ihrer Handlung Mariette allein verdankt. Er verfaßte das Libretto in französischer Sprache und Verdi erhielt den vizeköniglichen Auftrag, sie gegen ein Honorar von 150000 Francs in Musik zu setzen. Auch die Zeichnungen zu den ägyptischen und äthiopischen Kostümen der Personen, die in der Oper auftreten, rühren bis zu den Schmuckgegenständen und Waffen hin von Mariettes Hand her. Er war die eigentliche Seele des ganzen Stückes, das von seiner ersten Aufführung in Kairo sich eines so außerordentlichen Erfolges erfreute, ohne daß irgend jemand seines Namens gedacht hätte.

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Mariettes Schicksale ähnelten in vieler Beziehung den meinigen. Wir hatten beide von der Pike an gedient, uns frühzeitig für das alte Ägypten begeistert, standen berühmten Autoritäten gegenüber, die uns mehr oder weniger darum grollten und Hindernisse jeder Art bereiteten, hatten früh geheiratet und besaßen das Glück einer kinderreichen Familie, für die wir den Kampf um das Dasein zu führen hatten. Sogar nach einer andern Richtung hin gleichen sich unsere beiderseitigen Schicksale. Wie ich in König Fried rich Wilhelm IV. und in Alexander von Humboldt meine großmütigen Beschützer wie Heilige verehrte, so war für Mariette inder Person des damaligen Prinzen Louis Napoleon[167]  ein edler Schutzherr erstanden, der es nicht vergessen konnte, daß während seiner Gefangenschaft in Hamm der jugendliche Mariette ihm die Zeichnung für seine artilleristischen Arbeiten geliefert hatte. Ich habe diese merkwürdige Episode aus Mariettes eigenem Munde erfahren. Als Präsident der ersten französischen Republik und später als Kaiser bezeugte ihm Napoleon bei jeder Gelegenheit seine thatsächlichste Teilnahme. Als vermittelnde Person diente ihm außerdem die Milchschwester des Kaisers, Madame Cornu, bekannt durch ihre ausgezeichnete französische Übersetzung von Goethes »Faust«, eine Dame von großem Geiste, aber republikanisch gesinnt, die es Napoleon niemals verzeihen konnte, daß er gegen seinen einst geleisteten Eid es wagte, die Kaiserkrone auf sein Haupt zu drücken. Ich werde später Gelegenheit haben, auf diese merkwürdige Frau zurückzukommen, da sie mir ihre volle Freundschaft erwies und in mein eigenes späteres Leben mit ganzem Erfolge eingriff.
Mariettes Einladung, seine Wohnung im Serapeum zu teilen, nahm ich mit den dankbarsten Gefühlen an, und ich wurde bald nicht nur sein guter, sondern auch sein bester Kamerad. Die Wohnung, die ich im Sinne habe, steht noch heute an Ort und Stelle inmitten der Wüste, wenn auch in verschönertem und erweiterten Zustande. Sie bestand damals aus einem Rohbau, der mit Hilfe von dicken, an der Sonne getrockneten Erdziegeln aufgeführt war, die mehr als zweitausend Jahre alten Mauern im Serapeum selber angehört hatten. Drei sogenannte Zimmer waren nach vorn gelegen, die Küche und sonstige Räumlichkeiten befanden sich im Anschlusse daran im Hintergebäude, alles natürlich zur ebenen Erde auf dem Sandboden der Wüste errichtet. Auf dem flachen Dache wehte an einer langen Stange die französische Trikolore. Vor dem Gebäude befand sich eine umhegte Terrasse,[168]  in einem ummauerten kleinen Hofe davor weilte ein junges ägyptisches Wildschwein in Gesellschaft einer Gazelle. Wohl an dreißig Affen vom Meerkatzengeschlechte bildeten die Mitbewohnerschaft des Hauses. Sie tummelten sich frei in der Wüste herum oder besetzten das Dach, um ihre unbezahlten Künste vor unseren Augen auszuführen. Ägypter von reinstem Blute aus dem nahe gelegenen Dorfe Sakkarah waren als Wächter und Diener den Tag über beschäftigt, um in der Nacht von echten Söhnen der Wüste abgelöst zu werden. Sie waren sämtlich meinem Freunde Mariette auf Tod und Leben ergeben. Die Mädchen aus dem Dorfe wanderten täglich mit einem Kruge auf dem Kopfe auf dem Dorfe den fast einstündigen sandigen Weg zur Wüste hinauf, um der kleinen, von der großen Welt abgeschiedenen Kolonie das notwendige, aber zweifelhafte Trinkwasser aus den Überschwemmungsseen oder den Kanälen in der Nachbarschaft zu liefern. Daß es nämlich mit dem Getränk nicht recht geheuer war, gebe ich gern zu, denn trotz der Filtration, mit Hilfe eines Sir-Kruges, wimmelte es darin von sichtbaren Lebewesen, aber die sommerliche Hitze war groß, der Durst noch größer und ein Glas abscheulich schmeckenden Absynths wurde fast nach jedem Trunke als Gegengift in Anwendung gebracht.


Fast acht volle Monate, im ganzen gerechnet, währte mein Aufenthalt im Serapeum, d.h. in einem der kleinsten Zimmer, dessen Möbel: ein Tischchen, ein Stühlchen, ein Bettchen, aus roh zusammengezimmerten Holzbrettern, bestanden. In dem Gemache war es mir nie gut zu Mute. Schlangenleiber auf dem Boden, Taranteln und Skorpione an den alten Gemäuerwänden und fahnenartig von der Decke herabhängende Spinnengewebe mit dickleibigen Bewohnern im Zentrum teilten meine Wohnstätte. War die Nacht hereingebrochen, so huschten durch die über der Thür befindlichen Licht- und Luftlöcher[169]  Fledermäuse in meine Klause, um mit ihrem geisterhaften Geflatter mir das letzte Restchen von Ruhe zu rauben. Ich pflegte vor dem Einschlafen die Enden der Mustiquiore uuter die Matratze zu stecken und empfahl mich danach dem Schutze Gottes und aller Heiligen mitten in der Wüstenei, in welcher Schakale, Wölfe und Hyänen in der Umgebung des Hauses ihr nächtliches Geheul ertönen ließen.
Überdies noch der tägliche Kampf mit dem Affengesindel. Schrieb ich, und dies mußte aus Mangel eines Fensters bei offener Thüre geschehen, so sprang ein Teufelskerl plötzlich auf den Tisch und stürzte das Tintenfaß um; saßen wir bei Tische, so hockte auf jeder Schulter des Essers ein anderes Exemplar, um jeden Bissen von der zum Munde geführten Gabel an sich zu reißen. Drohte man oder schlug einmal fest zu, so hatte man das ganze Gelichter auf dem Halse nnd mußte sich selber vor den kecken Angriffen der bissigen Affen wehren.
Wie wohl war's mir in meinem sauberen reinlichen Zimmer im gastlichen Hause des Baron von Pentz zu Mute gewesen, und welchen Tausch war ich dagegen eingegangent Und dennoch hätte ich um alles in der Welt mein Leben in der Wildnis selbst für einen Palast nicht hingegeben, denn die beschriebenen Steine, welche unter dem Sande der Wüste und aus den unterirdischen Grüften der heiligen Apisstiere in unbeschreiblicher Fülle durch die Ausgräber zu Tage gefördert wurden, versüßten mein Dasein durch ihre hieroglyphischen und demotischen Überlieferungen und ich schrieb und schrieb vom Morgen bis zum Abend hin die zahllosen Texte ab, um meine Wißbegierde zu befriedigen und meine Berichte nach Berlin einsenden zu können. Das war eine Ernte, wie sie mir nie mehr im Leben zu teil geworden ist,[170]  eine köstliche Quelle, an der ich saß, um in langen Zügen meinen unersättlichen Wissensdurst zu stillen.
Für Mariette waren meine Arbeiten von ganz besonderem Werte, denn sie gestatteten ihm, seine eigenen Untersuchungen bestätigt oder berichtigt zu sehen und seine Studien über den Apis-Dienst der alten Ägypter, besonders auf Grund der demotischen Angaben, wesentlich zu erweitern. Ich gewann durch die Mitteilungen meines Freundes fast mehr, als ich zu geben vermochte. Hatte er doch bereits 30 lange Monate, fern von Familie und Heimat, in dieser Wüste gehaust, um dem Serapeum seine tausendjährigen, unter dem Sande verborgenen und meist wohlerhaltenen Schätze abzugewinnen, sie vorsichtig zu verpacken und in Hunderten von Kisten allmonatlich nach dem Pariser Louvre zu senden. Eine ganze Tischlerei befand sich zu diesem Zwecke in einer geräumigen Höhle, die früher als Massengrab für die Mumien heiliger Katzen und Ibise gedient hatte, und der französische Meister mit seinen Gesellen wurde nicht müde, von morgens früh bis abends spät mit Säge, Hammer und Meißel immer neue und neue Kisten zu zimmern.
Die ägyptische Regierung war schließlich aufmerksam geworden, daß so großartige antiquarische Sendungen auf dem Nil eingeschifft wurden, und sie fand sich erst darüber belehrt, daß es sich um die Entführung der wertvollsten Schätze des Altertums handele, nachdem fast alle in Europa erscheinenden Zeitungen die Nachrichten darüber nach der Ankunft einer jeden Sendung getreulich berichtet hatten.

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Abbas I. befand sich infolgedessen in höchst ungnädiger Stimmung und erließ flugs einen Firman, kraft dessen niemand das Recht habe, ohne seine Bewilligung Ausgrabungen zu leiten, noch gefundene Denkmäler außer Landes zu führen.
Mariette wurde zur rechten Zeit gewarnt. Er zog die[171]  Trikolore auf seinem Hause auf und erklärte kurzweg die Wüste beim Serapeum als französisches Terrain. Das bebaute Land sei Ägypten und da würde er sich hüten zu graben, die Wüste sei niemandes Eigentum. Der Vizekönig war außer sich vor Zorn und ein Trupp von Reitern, aus einer wilden Schar mazedonischer Arnauten bestehend, die in den damaligen Zeiten Polizeidienste in Ägypten leisteten, wurde nach der Wüste geschickt, um das Serapeum militärisch zu behaupten. Mariette setzte mit seinen Leuten, die von jeher übel auf die Türken zu sprechen waren, das Serapeum in Belagerungszustand und drohte jeden vom Pferde herunterzuschießen, der es wagen würde, französisches Gebiet zu betreten. Die Horde ließ sich einschüchtern und zog unverrichteter Sache ab.
Da schlug die ägyptische Regierung einen friedlichen Ausweg ein, denn eines schönen Morgens erschien ein alter, zahnloser türkischer Bimbaschi, Monsieur le major, wie ihn Mariette zu titulieren pflegte, um dem ungeberdigen Franzosen die amtliche Mitteilung zu machen, er sei erschienen, nicht um die Ausgrabungen in der französischen Wüste zu stören, wohl aber um die Entfernung der Denkmäler auf ägyptischem Gebiete zu überwachen und diese vielmehr als Eigentum der Regierung dankbarst in Empfang zu nehmen. Da war guter Rat teuer, denn eine neue ganze Ladung lag aufgespeichert in einer Höhle verborgen, um ihren Weg nach Alexandrien zu nehmen. Das alles geschah am Tage meiner Übersiedelung nach dem Serapeum.
Mariette ließ sich nicht einschüchtern. Er bewirtete den alten Herrn in der freigebigsten Weise, wobei er es nicht an häufigen Gaben von Raki-Branntwein fehlen ließ, und es entspann sich zwischen beiden ungefähr die folgende Unterhaltung, natürlich in arabischer Landessprache.
»Herr Major, Ihr seid ein braver Mann, dem ich das[172]  höchste Vertrauen schenke, und ich freue mich, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben.«
»Gott schenke Euch alles Heil und verlängere Euer Alter! Ihr habt meinen Bart weiß gemacht.«
»Ich muß Euch darum im Vertrauen mitteilen, daß ich gestern einen großen Goldfund gemacht habe« –
»Wo ist er, wo ist er? Gebt ihn schleunigst her!«
»Erlaubt, daß ich meine Rede zu Ende führe, – und diesen Goldfund in einem tiefen Brunnen versteckt halte.«
»Wo ist der Brunnen? Ich muß das Gold sehen.«
»Ich stehe zu Euern Diensten. Steigt selber hinab, um Euch davon zu überzeugen.«
»Bei Gott! das will ich, das muß ich.«
»Aber bedenkt, bei Eurem Alter? Ihr müßt Euch, auf einem Stricke sitzend, von zweien meiner Arbeiter an 30 Ellen in die Tiefe hinabsenken lassen.«
»Das soll geschehen und sofort.«
»Nach Eurem Belieben. Leute, ans Werk!«
Der Herr Major wurde thatsächlich in einen hohlen Schacht hinabgelassen, in dessen Tiefe sich eine leere Grabkammer befand, die einst einem alten vornehmen Ägypter als letzter Ruheplatz gedient hatte. Sobald er mit seinen Füßen den Boden berührte, ließ Mariette die Stricke hoch ziehen und der Herr Major blieb vierundzwanzig volle Stunden in unfreiwilliger Gefangenschaft.

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Er bat, schimpfte, fluchte, drohte, – es half ihm alles nichts. In einem Korbe wurden ihm die notwendigen Lebensmittel, vor allem auch starke Getränke verabreicht, ein paar warme Decken flogen in den Brunnen hinein und der arme Bimbaschi hatte volle Zeit darüber nachzudenken, welch einen Possen ihm Ma riette gespielt hatte.
Seine lange Wartezeit reichte vollkommen aus, um eine[173]  bereit stehende Kamel-Karawane mit der ganzen Sendung für Paris zu beladen. Sie schlug ihren Weg nach dem Nil ein, wo ein Schiff unter französischer Flagge die kostbaren Waren in Empfang nahm.
Mariette entschädigte den Gefoppten durch ein reiches Geschenk in barem französischen Golde, verständigte sich mit ihm und er gehörte fortan zu unseren werten Hausfreunden. War eine neue Sendung vorbereitet, so verschwand der gute Major und Türke stets zur rechten Zeit, um mit sehenden Augen nichts zu sehen.
So wurden die wertvollsten Denkmäler für Frankreich und die Wissenschaft gerettet und nur ein kleiner Teil, aus etwa 30 beschriebenen Steinen bestehend, wanderte der Schwere halber nach der Zitadelle von Kairo, um hier in einem besonderen Raume als Merkwürdigkeiten ersten Ranges aufbewahrt zu werden. Der türkische Nazir (Vorsteher) der Sammlung ließ die Inschriften sämtlicher Denkmäler fein abschleifen, um den Steinen ein hübscheres Aussehen zu geben. Also geschehen im Jahre 1854!



Besucher in Serapeum.










[174] Beinahe täglich trafen Besucher aus der Stadt ein und nur, wenn die heiße brennende Sonne des Sommers über unseren Häuptern stand, wurde es einsam in der ganzen Umgebung des Serapeums. Der Mehrzahl nach gehörten die Ankömmlinge zu den Reisenden, die begierig waren, Herrn Mariette und seine aufgedeckten Apisgräber in den unterirdischen Krypten der Wüste zu sehen. Waren es Bekannte oder besonders empfohlene Personen, so strahlten die gewaltigen Gänge, an deren beiden Seiten sich mehr als sechzig[174]  offene Grabkammern mit riesigen Sarkophagen aus Granit für das heilige Rindvieh befanden, im Lichtglanz von Hunderten von Kerzen wieder und niemals verfehlte der Anblick einen unbeschreiblichen Eindruck auf die Besucher auszuüben. In stummer Bewunderung durchschritt man die ausgedehnten Bogengänge, um zum Ausgang zurückgekehrt im blendenden Tageslichte der Sonne dem Entdecker in den schmeichelhaftesten Worten für den gebotenen Genuß zu danken.
Daß es vor allem seine französischen Landsleute waren, die nach dem Serapeum pilgerten (der Weg, damals nur auf Eselsrücken zurückzulegen, nahm von Alt Kairo aus vier volle Stunden in Anspruch) und sich der zuvorkommendsten Gastfreundschaft im Marietteschen Hause erfreuten, darf nicht in Verwunderung setzen, denn die Söhne Frankreichs waren auf ihren Bruder stolz, und die französische Presse hat alles dazu beigetragen, in Bild und Wort seine Entdeckungen zu verherrlichen. Den bekanntesten Journalisten und berühmten Schriftstellern seiner Nation, in erster Linie zähle ich Edmond About dazu, erwies deshalb Mariette die erdenklichsten Höflichkeiten, wobei ich regelmäßig die Beobachtung machte, daß sein eifersüchtiges Gefühl es nicht verwinden konnte, mich anders als mit den Worten: »Mon ami Monsieur Br. de Berlin« vorzustellen. Ich war klug genug, meine ägyptische Weisheit unter den Scheffel zu stellen und ihm die verdiente Ehre des Tages zu überlassen, denn ich wußte daß, im Grunde genommen, er mich von Herzen lieb hatte. Sagte man mir: Ah! Monsieur est Prussien, so antwortete er umgehend: Certainement! mais Prussien de mon cœur, wie er mich gleichfalls in seinen vielen an mich gerichteten Briefen zu bezeichnen pflegte.
An einem heißen Sommertage des Monats Mai, der in Ägypten nichts weniger als den Wonnemonat bedeutet, denn[175]  die glühend heißen Chamsin-Winde pflegen während seiner Dauer zu blasen, langte eine kleine Eselskarawane im Serapeum an, der vier Franzosen und ihre Begleiter angehörten. Der Vornehmste unter ihnen stellte sich als Herr de Lesseps vor, der später als Gründer des Suezkanals von aller Welt hoch gefeiert wurde und heute zu tage eine so beklagenswerte Rolle in der Panama-Tragödie zu spielen verdammt ist. Er war damals ein rüstiger Mann in den Vierzigern, von kleiner, aber gedrungener Gestalt, mit einem runden Vollgesichte und kurzem schwarzen Barte über den Lippen, aus dessen Augen und Zügen die vollendetste Gutmütigkeit herausstrahlte. Ohne ihn näher zu kennen, konnte man aus diesen Zügen herauslesen, daß ihr Träger nicht fähig war, jemand wissentlich zu täuschen, aber um so fähiger, getäuscht und ausgebeutet zu werden. Obgleich er später in einer für mich verhängnisvollen Angelegenheit die harte Äußerung niederschrieb: »Le dernier Français vaut mille fois mieux que le premier Allemand« so bin ich weit entfernt, ihm deshalb zu zürnen, da er im Übereifer seines französischen Nationalstolzes, zehn Jahre nach Sedan, die so bedenklichen Worte an einen morgenländischen Fürsten gerichtet hatte. Die Eigenschaften eines Mannes von hohem Geiste besaß er nicht, dagegen eine gewisse Schlagfertigkeit und den seinen französischen Witz, der die gesellige Unterhaltung mit seinem Salze würzt. Höflich und zuvorkommend in seinem Auftreten, bezauberte er außerdem durch seine liebenswürdigen Formen und verriet auch darin den Vorzug, der besonders Diplomaten durch Geburt, Erziehung und Stellung eigen zu sein pflegt.

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Ein wütender Chamsin-Sturm trat kurz nach der Ankunft der vier Herren ein, so daß der Aufenthalt im Hause geradezu unerträglich ward. Ungeheure Sandmassen bedeckten in einer Sekunde alles Lebende und Tote und die Sonnenscheibe[176]  zeigte eine vollständig rotbraune Farbe. Hitze und Staub steigerten sich von Minute zu Minute, aber Mariette ließ nicht die geringste Verlegenheit erkennen, im Gegenteil pries er den Zufall, die schönste Gelegenheit gewonnen zu haben, das bereitete Mittagsessen in den kühlen Räumen der unterirdischen Grabstätten der Apisstiere einzunehmen. Zwischen den glühenden Sandhügeln wanderten wir sämtlich nach den Gräbern in den unterirdischen Krypten. Zu unserem unglaublichsten Erstaunen wurden wir eingeladen, auf einer Holzleiter in einen der größten Sargkolosse eines heiligen Stieres hinabzusteigen, um an einem gedeckten und mit Speisen besetzten Tische auf sechs Stühlen unseren Platz einzunehmen. Niemand fand den Raum beengt und wir verlebten die angenehmsten Stunden in der steinernen Truhe. Wenn ich gelegentlich erzählt habe, gemeinschaftlich mit fünf Gästen in einem Sarge eine Mittagsmahlzeit eingenommen zu haben, so lächelte man darüber oder schüttelte ungläubig den Kopf. Und doch ist es thatsächlich geschehen.
Übrigens sollte mir das beschriebene Mittagsmahl recht schlecht bekommen. Ich hatte die Unbesonnenheit begangen, gegen Sonnenuntergang nach aufgehobener Tafel den Weg nach dem Dorfe Sakkarah in einer Entfernung von einer kleinen Stunde zu Fuß zurückzulegen. Mariette besaß mitten im Dorfe ein Haus, wie alle übrigen aus schwarzen Nilschlammziegeln aufgeführt, in welchem wir während der heißen Sommernächte zu schlafen pflegten, und dahin lenkte ich meine Schritte, um eine Arbeit, die mich fesselte, zu erledigen. Urplötzlich brach der Chamsin mit neuer Heftigkeit los und warf mir ganze Sandlagen in die Augen. Ich verirrte mich zuletzt in der Wüste und traf erst spät am Abend nach zweistündigem Marsche an Ort und Stelle ein. Zum Tode erschöpft warf ich mich auf das Bett, das ich während voller[177]  drei Wochen nicht zu verlassen vermochte. Ich war von den Windpocken erfaßt und erst Dr. Bilharz ärztlichem Beistande, der aus Kairo herbeigeeilt war, gelang es, mich wieder herzustellen. Während meines Krankenlagers hatte ich die Überraschung des Besuches eines deutschen Landsmannes, des Grafen Schlieffen von Schlieffenberg, der bereits seit mehreren Jahren Ägypten und Nubien bereiste, um von der in seiner Familie erblichen Schwindsucht befreit zu werden. Er war der letzte und jüngste von mehreren Brüdern, die der schrecklichen Krankheit auf europäischer Erde erlegen waren. Auf ärztlichen Rat trat er in Begleitung seiner betagten würdigen Mutter die Reise nach Ägypten noch vor Beginn der winterlichen Jahreszeit an, und beide schreckten nicht davor zurück, ihren Weg bis nach der Provinz Dongola, im Norden von Chartum, auszudehnen und monatelang wie verschollen in diesen unwirtsamen und von Europäern selten besuchten warmen Gegenden zu weilen. Den jungen Grafen, einen hochauf geschossenen Jüngling im Alter von zwanzig und einigen Jahren, hatte die herrliche Mutter dem Leben erhalten und damit einen neuen Beweis geliefert, daß einem Mutterherzen kein Opfer zu groß erscheint, wenn es sich um das Dasein eines geliebten Kindes handelt. Ich habe später die Ehre gehabt, ihr in Kairo vorgestellt zu werden und ihr frommes Gemüt und die Klugheit ihres Verstandes in vollstem Maße schätzen zu lernen. Bei dieser Gelegenheit bleibe es nicht unerwähnt, daß der junge Graf eine historisch wichtige und aus den Zeiten des Äthiopenreiches herrührende Steininschrift in Dongola zu entdecken das Glück hatte, die von gewaltigem Umfange ist und gegenwärtig einen der wichtigsten Schätze des Berliner Museums bildet. Ihr Transport nilabwärts durch die schlimmen Wasserfälle Nubiens gelang in der glücklichsten Weise.[178] 



Mein Leben unter den Arabern.










[179] Mein Leben unter den ägyptischen Arabern und Kopten lehrte mich zum erstenmale die Eigenschaften und die Sitten und Gewohnheiten eines Volksstammes genauer kennen, der trotz der Einwanderung fremder Elemente, trotz der Vermischung mit diesen und trotz der Verschiedenheiten auf dem religiösen Gebiete im Laufe von Jahrtausenden dennoch die Erbeigentümlichkeiten der altägyptischen Rasse im vollsten Umfange treu bewahrt hat. Ägypten läßt in seinen Bewohnern das Fremde eben nicht aufkommen; es wird erstickt oder geht in der Allgemeinheit in physischem und in moralischem Sinne auf. Unvermischt gebliebene europäische Familien dürften kaum drei oder vier Geschlechtsalter überdauern, denn ihr jüngstes und letztes krankt wie eine nordische Pflanze auf südlicher Erde dahin. Die Nachkommenschaft dagegen, die aus europäischen Mischehen mit Eingeborenen entsprungen ist, nimmt nach den beiden angedeuteten Richtungen hin alle Charaktere des echt Ägyptischen an und verliert damit die Eigentümlichkeiten des Europäertums. Die Kinder aus solchen Ehen sprechen, denken und handeln arabisch-ägyptisch und zeigen außerdem nicht die geringste Neigung zu europäischem Wesen. Ich kann diese Erfahrung an vielen mir bekannt gewordenen Mischehen aus eigener Prüfung bezeugen.
Der Ägypter läßt äußerst bemerkenswerte Unterschiede in seinen Anlagen je nach Jugend und Alter erkennen. Als Kind etwa bis zum vierzehnten Lebensjahre hin ist er wild, aufgeräumt, von lebendigster Heiterkeit, voller Witz und Verstand und fähig, durch angemessenen Unterricht den höchsten Bildungsgrad zu erreichen. Mit den zunehmenden Jahren treten die entgegengesetzten Eigenschaften ein, wie ich glaube, infolge seiner strengen religiösen Erziehung unter der Leitung fanatischer[179]  und nach unseren Begriffen ungebildeter Geistlichen. Es bedurfte erst einer weisen Vermahnung des verstorbenen frommen Khedive Mohammed Tewfik an die gegenwärtige Generation der Lehrer des Islam, um sie daran zu erinnern, daß die Strengglänbigseit keineswegs das Streben nach weltlichem Wissen ausschließe und daß im Gegenteil Gott dem Menschen den Verstand dazu verliehen habe, nicht bloß um an die göttlichen Lehren zu glauben, sondern um die himmlischen und irdischen Dinge von wissenschaftlichem Standpunkte aus zu prüfen und auch die Allmacht Allahs in der Herrlichkeit seiner Schöpfung bewundern und ihren unsichtbaren Urheber verehren zu lernen. Freilich muß zugegeben werden, daß das kritische Urteil des Ägypters nicht über das Mittelmäßige hinausgeht und die Liebe zur Wahrheit in der wissenschaftlichen Forschung wie im Leben bedenkliche Widersprüche erkennen läßt. Im ganzen sind und bleiben die Ägypter große Kinder, mit denen man gut auskommt, sobald man keine höheren Ausprüche an sie richtet, wie sie dem Europäer durch die Erziehung in Schule und Haus geworden sind.

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Meinen ersten Unterricht in der arabischen Sprache gen oß ich auf besondere Empfehlung eines hochstehenden Eingeborenen durch einen sogenannten Schech, der bei dem Volke im Rufe besonderer Heiligkeit stand, nachdem er sechzehn Glaslampen aufgefressen hatte, ohne an seinem Leibe Schaden genommen zu haben. Freilich gab diese außerordentliche Leistung den Grund ab, daß die Oberen eines Derwischordens, dem er als Mitglied angehörte, ihn wegen wiederholter Lampenvergeudung aus ihrem Bunde ausstießen. Schech Ahmed, wie er hieß, war ein Sechziger, auf dem einen Auge blind, auf dem andern nur halbsehend, geschwätzig wie eine Drossel, lächerlich in seiner ganzen Erscheinung und in seinem Gebahren, dabei ein Ausbund in der Schule des ehelichen Daseins, denn er hatte im[180]  Laufe der Zeit siebzig Frauen geheiratet, ohne mit einer gewünschten Nachkommenschaft beschenkt zu werden. Als ich ihn, den Weisen von Kairo, als Lehrer bei mir einziehen sah, stand der alte Schäker auf dem Punkte, eine 71. Ehe mit einer jungen 15jährigen Jungfrau einzugehen.
Ich konnte ihn nie ansehen, ohne daß mich die Lachlust gepackt hätte, denn er besaß die drolligste Methode, mich in die feinere arabische Konversation und den schriftlichen Stil einzuweihen. Kam er zu mir, so blieb er zunächst in der geöffneten Thür stehen und richtete mit feierlicher Stimme einen langen Gruß an mich. War er auf meine Aufforderung näher getreten, so entledigte er sich seiner gelben Pantoffeln und setzte sich gravitätisch mit untergeschlagenen Beinen neben mich auf den Divan. Nachdem ihm der Diener Kaffee und Pfeife gereicht hatte, entspann sich die sein arabisch geführte Unterhaltung, von der eine einzige Probe an dieser Stelle genügen mag.
»O Herr«, so fing er eines Tages an das Wort zu ergreifen, »bist Du im Besitz von Geld?«
»Nein«, entgegnete ich ihm.
»Sage ja!« versetzte er.
»Warum ja?«
»Es ist nur der sprachlichen Unterhaltung wegen, also sage: ja!«
»Gut dann. Ich besitze Geld.«
»Wieviel besitzst Du davon?«
»Ich habe ja kein Geld.«
»Sage: Ich besitze so und so viel, z.B. einen Thaler.«
»Meinetwegen. Ich besitze einen Thaler.«
»Wo hast Du ihn stecken?«
»Ich besitze ja überhaupt kein Geld.«[181]  »Gut. Hast Du kleines Geld bei Dir?«
»Ja.«
»Zeige es mir und zähle es ab.«
»Ja, aber weshalb denn?«
»Nur der arabischen Unterhaltung wegen.«


Ich zog zwei Fünfpiasterstücke aus meinem Geldbeutel.
»Lege sie in meine Hand.«
»Weshalb denn das wieder?«
»Nur des arabischen Stiles wegen.«
Ich legte die Geldstücke in seine rechte Hand mit den Worten:
»Hier sind sie.«
»Gut! So es Gott gefällt, setzen wir ein anderes Mal unsere Unterhaltung fort.« Damit steckte der sonderbare Heilige das Geld in seine Busentasche, erhob sich und ich habe meine zehn Piaster nie wieder gesehen. Schech Achmed benahm sich nach der Weise seiner Landsleute wie ein großes Kind, dem eine berechnete Schlauheit nicht abgeht.
Um mich zu einem arabischen Schriftgelehrten zu machen, diktierte er mir eines Tages einen Brief in die Feder. Er führte das von mir beschriebene Blatt dicht an sein halb sehendes Auge, las und fand auch nicht einen Fehler in meinem Scriptum. Und doch war ich mir dessen genau bewußt, ein paar Wörter nur nach dem Gehör und irrtümlich geschrieben zu haben. Ich neigte mich zu ihm hinüber, um auf sie im Texte seine Aufmerksamkeit zu lenken, als ich zu meinem Erstaunen die Entdeckung machte, daß er das Blatt verkehrt in der Hand unter das Auge hielt.
»Ich glaube, o Schech, Du kannst nicht einmal lesen?« bemerkte ich ihm.
»O mein Sohn«, rief er aus, »Du bist im Recht, denn ich weiß weder zu lesen noch zu schreiben. Aber Gott ist barmherzig und der Allerbarmer wird mir weiter helfen.«[182]  Ich kündigte ihm natürlich sofort die Lehrerstellung und er verschwand unter tiefen Bücklingen, um niemals später meine Schwelle zu überschreiten.
In den beiden Jahren 1853 und 1854 meines Aufenthaltes in Ägypten, wovon die größere Hälfte auf das oberägyptische Denkmälergebiet fiel, habe ich in stetem Verkehr mit den Söhnen des Landes gelebt, ihre wenigen Tugenden und ihre zahlreichen Schwächen fast täglich kosten gelernt und mich selber an die Hauptbedingung für den Umgang mit ihnen gewöhnt, nämlich selbst bei den schlimmsten Erfahrungen nie meine Ruhe aufzugeben und, wie die Mehrzahl der Europäer es zu thun pflegen, durch meine Äußerungen und mein Gebahren eine heftig erregte Stimmung zu zeigen. Das Gegenteil macht ihnen eine Art von Vergnügen und alt und jung eilt schreiend und jubelnd herbei, um den »Vater des Hutes« in seinem Zorn zu belachen. Wir Europäer erscheinen ihnen in solchen Fällen wie eine besondere Art von Hanswürsten.
Diejenigen, die in meinen Diensten standen, bewiesen sich als anhängliche Leute, wenn sie mich auch hier und da um einen halben oder ganzen Piaster bei ihren Einkäufen übervorteilten. Ich war mir vollkommen dessen bewußt und drückte lieber ein Auge zu, da selbst in Europa ähnliche Erscheinungen bei der dienenden Klasse nicht zu den Seltenheiten gehören sollen.



Unter würdigen Thebanern.










[183] An meine beiden Führer in Theben, den alten Graubart Timsach (sein Name bezeichnet in der arabischen Sprache soviel als Krokodil) auf der östlichen Seite der gewaltigen Ruinenstätte und den ehrwürdigen 80jährigen Greis Anad auf der westlichen, denke ich noch heute mit dankbaren Gefühlen.
[183]  Timsach, damals etwa 65 Jahre alt, war in seinem Mannesalter der Führer Champollions des Jüngeren gewesen, als dieser in Theben weilte, und deshalb in der Lage, mir vieles von dem großen Meister zu erzählen, den er auf allen seinen Wegen begleitet hatte. Die französische Regierung hatte ihm als Belohnung für seine treu geleisteten Dienste das französische Bürgerrecht verliehen, so daß er von allen Abgaben und Steuern befreit war und mit sämtlichen Mitgliedern seiner eigenen Familie von den thebanischen Behörden in keiner Art belästigt werden durfte. Die Bevölkerung von Karnak, der er angehörte, verehrte ihn wie einen berühmten Schech und gab ihm in der Anrede den Titel »unseres Vaters«. Obgleich mein alter Timsach die Fellachentracht seiner Landsleute anlegte und sein Haupt ein achtungswerter Turban schmückte, so war er dennoch auf sein Franzosentum stolz und bemühte sich, soviel es anging, französischen Sitten und Anschauungen seinen vollen Beifall zu spenden.
Sein Kollege Anad, drüben auf der anderen Seite Thebens, die hauptsächlich die Totentempel und die Gräberregion aus dem Altertume umfaßte, war ein ebenso würdevoller Mann als das östliche »Krokodil«. Wie dieser in Champollion den eigenen Ruhm erblickte, so jener in Lepsius, dem er sich während dessen längeren Aufenthaltes in Theben zu Dienste gestellt hatte. Er empfand deshalb eine doppelte Genugthuung, in mir einen Landsmann des großen Gelehrten zu erkennen, und ich bin meinerseits in der glücklichen Lage gewesen, dem ehrwürdigen Greise für alle seine Bemühungen meine herzlichste Dankbarkeit zu beweisen. Er besaß hüben, wie Timsach drüben, eine ausgezeichnete Kenntnis der Denkmäler bis zu den Nummern der einzelnen Gräber und Katakomben hin, so daß ich mich unter seiner Führung niemals in der Irre befand.[184]  Während meines mehrmonatigen Aufenthaltes in Theben hatte ich auf der Ostseite der alten Stadt im kleinen Tempel der Ortsgöttin Ape meine Wohnstätte aufgeschlagen, und wenn ich des Morgens in aller Frühe erwachte, so empfand ich es stets mit großem Vergnügen, an den stummen Wänden gegenüber meinem Bett die großen und kleinen Götter des altägyptischen Olympes an meinen Augen vorüberziehen zu sehen. Ape stand an der Spitze aller, wenn auch in einer für eine hehre Göttin wenig anmutigen Gestalt. Sie zeigte sich unter dem Bilde eines scheußlichen schwarzen Nilpferdes mit aufgesperrtem Rachen und nur die Krone und Szepter und sonstige Attribute an ihrem Leibe ließen vergessen, daß sie nicht bloß einem mythologischen Tiergarten angehörte. Nie habe ich die Freude der Arbeit so empfunden, als gerade in dieser meiner thebanischen Wohnung, die an Dauer nichts zu wünschen übrig ließ, keiner Feuersgefahr ausgesetzt war und außerdem deu angenehmen Vorzug hatte, daß ich ihr von Miete und Steuer befreiter Insasse war. Ein von mir nicht bewohntes Gemach besaß eine merkwürdige Eigentümlichkeit, die ihm bei den Arabern die Bezeichnung »die Kammer der Totenuhr« verschafft hatte. Wurde die steinerne Außenwand von den Strahlen der Morgensonne beleuchtet, so ließ sich ein leise klingender Ton hören, der annähernd dem langgedehnten metallenen Klang einer schlagenden Uhr glich. Die berühmte Memnonssäule bot nach den übereinstimmenden Zeugnissen des Altertums zu derselben Beobachtung Veranlassung. Über die physikalischen Ursachen des klingenden Tones einer geborstenen und von der Sonne erwärmten Steinmasse ist man längst im reinen.
Daß die Araber aus diesen und ähnlichen Erscheinungen inmitten der großartigen Denkmälerwelt Thebens einen ganzen Legendenkreis bildeten, kann nicht in Erstaunen setzen. Ihre[185]  Erzählungen und Sagen stehen auf gleicher Stufe mit unserer Ahnfrau oder weißen Frau in verrufenen Gängen alter Schlösser und Burgen. Immerhin hatten ihre Geschichten für mich einen besonderen Wert, da sie nicht ohne Zusammenhang mit wirklichen, durch die Inschriften der Tempel verbürgten Überlieferungen standen, die sich Jahrtausende hindurch von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzten.
Meine Wohnung auf der gegenüberliegenden Seite Thebens bildete das ehemalige Grab eines vornehmen Ägypters, das in einiger Höhe in den Felsen von Abd-el-Kurnah gemeißelt und mit Bildern und Inschriften geschmückt war und mir den Vorteil einer kühlen und verhältnismäßig sauberen Aufenthaltsstätte verschaffte. Trat ich des Morgens aus meinem Grabe heraus, so entzückte mich die wundervolle Beleuchtung und das zu meinen Füßen ausgebreitete Panorama, wie es nicht herrlicher, nicht großartiger gedacht werden konnte. Die Ruinenstätte der einstigen »Königin der Städte« breitete sich in mächtiger Ausdehnung zu meinen Füßen aus, durchschnitten von den Wässern und Sandinseln des Nilstroms, der ihr Gebiet in zwei große Hälften trennte. Die massigen Überreste des Reichstempels von Kurnah und die vom blauen Lichtglanze des Himmels durchbrochenen Säulenhallen des großen Heiligtums von Luxor versetzten mich in eine wahre Zauberwelt.
Die Eindrücke, die ich in solchen Augenblicken in innerster Seele empfand, ließen mich die Not vergessen, in der ich mich in den letzten Monaten meiner Wanderschaft befand. Das Reisegeld war bis zum letzten Heller aufgezehrt und ich genötigt, wie der ärmste Thebaner mein Leben zu fristen. Linsen, Bohnen, Zwiebeln, Durrabrot und nur selten einmal ein mageres Huhn sind keine Speisen, die auf die Dauer einen Europäer zu kräftigen vermögen. Dazu eine trostlose Einsamkeit[186]  in weiter Ferne von der Familie, der Mangel aller Nachrichten »von draußen«, die Entbehrung aller geistig auffrischenden Genüsse, wie sie Europa dem gebildeten Manne in unerschöpflicher Fülle darbietet, und nicht am letzten die fehlende Sicherheit und schnelle Beförderung aller brieflichen Mitteilungen. Und doch war ich dem Schicksal dafür dankbar, als ich auf der Höhe meines trostlosen Zustandes in den Besitz eines Briefes gelangte, dessen Adresse mich die zitternde Handschrift meines Beschützers Alexander von Humboldt sofort erkennen ließ. Ich jubelte auf, als ich die folgenden Zeilen auf den beiden eng beschriebenen Seiten mit aller gebotenen Andacht las:
»Mein teurer Brugsch! Ich habe mir bittere Vorwürfe zu machen, daß ich Ihnen nicht öfter und früher Zeichen des Lebens, der innigsten Freundschaft und des Dankes für so überaus wichtige und liebevolle Briefe gegeben habe. Aber der Gedanke, daß Sie auch nur einen Augenblick an meiner innigen Anhänglichkeit, an meiner immer zunehmenden Achtung für Ihr schönes Talent und Ihre beispiellose und doch so geregelte Thätigkeit zweifeln könnten, kann mir nicht in den Sinn kommen. Fast jeder Ihrer Briefe, auch die an mich gerichteten, ist dem Könige vorgelegt und von Ihm mit dem Wohlwollen, das Er Ihnen so unabänderlich geschenkt, angehört worden.
Ob diese Zeilen sicher in Ihre Hände kommen, mein teurer Doktor, scheint mir sehr ungewiß. Ihr Hauptzweck ist der, Ihnen die frohe Nachricht zu geben, daß der Wunsch, den Sie mir in Ihrem Brief an Bord der Barke »Serapis« äußerten, vollkommen befriedigt worden ist. Sie meldeten, daß Sie vom November ab ohne Fonds sein würden und im Februar zurückkommen würden. Es ist mir leicht gewesen, vom König für Sie wieder auf ein ganzes Jahr[187]  fünfzehn Hundert Thaler

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zu erlangen; damit ist nicht gesagt, daß Sie noch ein volles Jahr bleiben müssen, es wird Ihnen nur die Möglichkeit eröffnet, bis zu Ihrer Ankunft in Berlin noch über 1500 Thlr., nämlich jeden Monat über 125 Thlr., zu disponieren. Vielleicht gehen Sie noch in das Sinaïland, wo so alte Inschriften sind, vielleicht machen Sie die Rückreise über Malta und London, wo Sie ganz auf Bunsens Freundlichkeit rechnen können. In London ist viel, sehr viel zu lesen, und ein Aufenthalt in London wäre vielleicht in die ägyptische Reise einzurechnen, wenn die 1500 Thlr. Sie über London nach Berlin zurückführten. London werden Sie doch besuchen müssen, um Ihre Arbeiten zu vervollständigen, und von Berlin aus, nach der ägyptischen Reise, wieder Geld zu einer Londoner Reise zu erlangen, möchte nicht so leicht sein. Es wäre besser, daß Ägypten und London eins würden und daß Sie mit den neuen letzt bewilligten 1500 Thalern bis August über Malta und London nach Berlin auskämen. Ich glaube gern an Frieden, aber auf die Zukunft ist in dieser Hinsicht doch nicht mit Sicherheit zu rechnen. Ich bin mit Geh. Kab. -Rat Illaire, der Ihnen sehr gewogen ist, übereingekommen, daß Ihnen bei Herrn Kammerherrn und General-Konsul in Kairo Baron von Pentz ein Kredit von 1500 Thalern auf die Legationskasse eröffnet werde. Des Königs und Illaires Abwesenheit in Warschau und die jetzige Anwesenheit des russischen Kaisers in Potsdam haben (der bewegten Zeit wegen) die Sache noch nicht in alle Förmlichkeit gebracht, aber die freundlichste Bewilligung des Königs ist ganz gewiß. Ich denke selbst noch vor Geh. Kab.-Rat Illaire deshalb an Herrn Baron von Pentz zu schreiben.
Für alles Detail der Reise, die ich vorher berührte, handeln Sie ja ganz frei, nach eigenem Willen. Lepsius fährt[188]  fort, sehr freundlich von Ihnen zu reden. Ihren Brief an Bunsen habe ich mit einem sehr warmen begleitet. Ich billige sehr, daß Sie sich nicht mit der Böckh in der Akademie versprochenen Arbeit übereilen. Auf einer Reise, wo es an allem Bücherapparat fehlt, ist nie etwas Vollendetes zu geben, auch nicht zu fordern, aber ehe Sie zurückkommen, ist eine Arbeit für die Akademie allerdings nötig, da ich Ihre schönen Berichte an den König, die andere Zwecke der Unterhaltung haben mußten, immer geradezu Ihrem vortrefflichen Vater wiedergegeben habe. Ihren sehr gelehrten und ausgezeichneten Freund G. Weiß, Verfasser eines sehr merkwürdigen Buches, hatte ich schon sehr ehrenvoll empfangen, da ich Ihren Brief erhielt.
Meine Gesundheit ist im ganzen dieselbe d.h. Arbeit geradezu nicht hindernd geblieben, nur in der letzten Zeit habe ich die gewöhnlichen Leiden: Verstopfung wie Schnupfen und Husten mehr gehabt.
Aragos Tod hat mich tief geschmerzt, so sehr er herbeizuwünschen war. Des armen Passalacquas Schuldenfache, durch die thörichte und verfehlte Gemäldespekulation herbeigeführt, beschäftigt mich noch immer. Ich hoffe ihm wird geholfen werden können, obgleich die Minister alle Vorschüsse verweigern. Hr. von Olfers hat gegen Vermutung sich sehr wohlwollend gezeigt. Die Seifertsche Familie grüßt Sie herzlich.
Empfangen Sie, teuerster Brugsch, die erneuerte Versicherung meiner unverbrüchlichsten Anhänglichkeit.
Herrn Dr. Pfundts Meteorologische Beobachtungen (doch Réaumursche Skala), dieser Zusatz kann nicht oft genug wieder holt werden!!, sind sehr rühmlich, aber die einzelnen Monate gehen verloren. Er sollte ja immer sechs Monate zusammen schicken, am sichersten an Professor Dove (wegen der geographischen Gesellschaft), adressiert. Suchen Sie selbst doch[189]  recht ernstlichst zu ergründen 1) was die größte Hitze des Sommers ist mit Angabe der Skala und 2) was die größte Lufttemperatur im Schatten, fern von Nähe der Felsen, frei in der Luft, nicht in Zelten, nicht in mit Staub gefüllter Luft, in der Höhe von sechs bis sieben Fuß über dem Boden im Schatten ist. Sie wissen doch, daß Physiker nicht an 36 bis 37 Grad Réaumur glauben. Beobachtungen in der Sonne helfen zu garnichts. Potsdam, den 9. Oktober 1853. Ihr A. v. Humboldt.«


Die Worte des vorstehenden Briefes, den der damals 84jährige Greis mit zitternder Hand niedergeschrieben hatte, klangen wie Sphärenmusik in meine Ohren. Ich war mit einem Schlage aus aller Not und Sorge erlöst worden und fand den beinahe ganz verlorenen Mut wieder, mich mit frischer Kraft meinen Forschungen auf dem Gebiete der thebanischen Totenstadt zu widmen. Doch ließ ich es mir nicht nehmen, nach dem Nile hin meinen Weg zu richten, mich über den Strom setzen zu lassen und in dem »französischen Schlosse« in Luxor einen wahren Festtag zu feiern. Ich kam gerade zur rechten Zeit an, um ein höchst wertvolles astronomisches Denkmal aus der Kaiserzeit vor seinem Untergange zu retten. Ein braunfarbiger Diener des Schlosses war gerade damit beschäftigt, das Beil zu erheben, einen alten buntbemalten Sargkasten mit Sternbildern in Kleinholz zum Brennen zu verwandeln, als ich eintrat und das Unglück verhinderte. Das »französische Schloß« bestand durchweg aus mehreren aus allen Nilziegeln aufgeführten Zimmern, die in lustiger Höhe auf den steinernen Tragebalken und Säulen der hintersten Kammern des Amonstempels von Luxor ruhten. Eine stufenreihige, ebenfalls aus Nilziegeln aufgeführte Treppe führte zu der halb europäisch, halb arabisch eingerichteten Wohnstätte, deren Besitzer, ein Franzose Namens Mannier,[190]  hier mit seiner Gattin, einer nicht mehr ganz jugendlichen Italienerin, ein einsames Dasein verlebte, lediglich um in geeigneter Weise ein kleines Vermögen zu erringen. Er stellte Photographien her, die er an reisende Europäer, meist Engländer und Franzosen, absetzte, oder er kaufte und verkaufte Altertümer, sogar beschriebene Steine der Tempelmauern waren nicht vor ihm sicher. Außerdem verlieh er Geld gegen hohen Zinsfuß, wobei er die besten Geschäfte mit arabischen Kaufleuten machte, die durch die Wüste ihre Karawane bis nach Dongola und Kordofan abgehen ließen. Herr Maunier war deshalb eine allen Thebanern wohlbekannte Erscheinung, denn sein jahrelanger Aufenthalt, seine rührige Geschäftigkeit und nicht am letzten seine ärztliche Hilfe hatte ihn mit aller Welt zusammengeführt, und kein Nilreisender landete in Theben, fast am Fuße seiner luftigen sonderbaren Tempelwohnung, ohne ihm und seiner schönen, nur etwas melancholischen Gattin einen Besuch abzustatten, freilich nur in den kurzen Wintermonaten, denn in der heißen Jahreszeit vermied man damals, wie noch heute, den Aufenthalt in der Hölle Ägyptens.
Ich verlebte manche fröhliche Stunde im französischen Schlosse, schon weil mir die Freude zu teil wurde, mit zwei europäischen Seelen verkehren zu können und von Zeit zu Zeit Nachrichten »von drüben«, d.h. Frängistan zu erhalten. Freilich brauchten damals die Zeitungen mindestens einen Monat, um von Paris und London aus das Schloß zu erreichen. Das letztere hatte übrigens ein trauriges Schicksal, vor dem nur ein glücklicher Zufall die zur Zeit abwesenden Insassen bewahrt hatte. In nächtlicher Zeit brach der Fußboden, d.h. die quer über die Tempelmauern gelegten Palmbaumstämme durch und ein großer Teil des Hauses mit seinen Möbeln stürzte in die Tiefe des darunter liegenden Heiligtums. Herr Mannier verließ bald darauf Luxor, um nach Kairo zurückzukehren[191]  und in den Dienst eines ägyptischen Prinzen als Güterverwalter zu treten. So viel ich später hörte, siedelte er als reicher Mann nach Frankreich über.
Meine Felsenwohnung auf der westlichen Seite Thebens hatte sich im Winter manches europäischen Besuches zu erfreuen, ja ich habe sie einmal mit einem landsmännischen Reisenden teilen müssen, der sich später als Forscher auf geographischem und ethnographischem Gebiete einen Namen errungen hat. Es war der Baron v. Maltzahn, den ich gleich nach seiner Ankunft in Theben aus den Kla uen seines maltesischen Dragoman befreite. Der letztere, der sich verpflichtet hatte, meinen La ndsmann auf einem Nilboote durch Oberägypten zu führen, mißhandelte den armen Baron in unerhörtester Weise, plünderte ihn aus und vergaß sich so sehr, ihn selbst mit Schlägen zu traktieren. Wie gesagt trat ich als rettender Engel ein, befreite den Unglücklichen aus seiner gefährlichen Lage und beherbergte ihn sechs Wochen hindurch in meinem bescheidenen Felsengrabe.

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Eine andere Begegnung ist mir gleichfalls im Gedächtnis geblieben, da sie mir ganz unvermutet die persönliche Bekanntschaft des katholischen Paters Ignatius Knoblecher, eines geborenen Österreichers, verschaffte, der durch sein Missionswerk am weißen Nil, 10 Grad nördl. Br., später zu einer gewissen Berühmtheit gelangte und als Bischof in Rom sein thatenreiches Leben abschloß. Abnna Soliman, »unser Vater Salomo«, wie die Araber ihn nannten, damals ein Dreißiger, kannte die oberen Nilgegenden wie seine eigene Heimat. Zur Zeit unserer ersten Begegnung befand er sich in Begleitung von zwölf Handwerkern österreichischer Abstammung, die sich dem praktischen Missionswerke zu widmen hatten, um die Neger in das europäische Handwerk einzuführen und ihren Sinn für die Segnungen unserer Kutur zu erwecken.[192]  Wie ich mehrere Jahre später aus dem Munde des Paters vernahm, ist keiner von ihnen mit dem Leben davon gekommen. Sie erlagen nach Jahresfrist dem Klima und dem Fieber, vielleicht infolge ihrer nüchternen Lebensweise und ihrer Enthaltung aller geistigen Getränke. In Begleitung der Expedition befand sich ein junger Bari-Neger, der erste, der überhaupt in Ägypten gesehen wurde und besonders durch eine eigentümliche Federkrone auf dem Kopfe die allgemeinste Aufmerksamkeit erregte. Der Pater vermochte sich nur teilweise mit ihm zu verständigen in seiner Landessprache, in welcher der s-Laut unbekannt sein soll. Der Bari wenigstens sprach das Wort Soliman nie anders als Toliman aus. Pater Ignatius erzählte mir von dem tragischen Ende des österreichischen Konsuls Dr. Reitz (eines der Teilnehmer der Müllerschen Expedition nach dem Innern des Sudan), von welchem er kurz zuvor briefliche Nachricht aus Chartum erhalten hatte. Der Konsul erlegte auf einem Jagdzuge außerhalb dieser Stadt und gegen die Warnungen der Eingeborenen eine Hyäne mit seiner Kugel. Kurz darauf verfiel er in Wahnsinn und starb elendiglich, wahrscheinlich durch Gift, das ihm seitens der Warner beigebracht worden war. Das Tier gilt dort als geheiligt und niemand wagt ihm etwas zu Leide zu thun. Knoblecher kannte diesen Glauben und erzählte mir von einem türkischen Beamten, der ihm die Versicherung gab, auch er habe einst auf eine Hyäne geschossen, sie an der Schulter getroffen und plötzlich, nachdem sich der Pulverdampf verzogen hatte, an Stelle des Tiers ein Mädchen vor sich gesehen, dem das rote Blut aus einer Wunde an der Schulter herausfloß. Wie man sich daraus überzeugt, fehlt es auch dem Sudan nicht an Dichtungen und Jägergeschichten.
Abenteuer, am allerwenigsten gefährliche, habe ich auf meiner ganze ersten Reise in Ägypten nicht erlebt und mich[193]  überall der besten Aufnahme bei den Eingeborenen, hohen und niedrigen, erfreut. La douceur de mon caractère, wie es Alex. von Humboldt in seiner liebenswürdigen Güte von mir behauptete, öffnete mir überall die Herzen und Thüren, und wenn bei manchen Gelegenheiten meine Linke nicht wußte, was die Rechte gab, so empfand ich doch mit einer gewissen Genugthuung die Ehre des Namens, der mir seitdem von den Ägyptern beigelegt wurde: Abulmaaruf, d.i. »Der Vater der Güte«.
Von den Segenswünschen meiner Diener und Freunde überschüttet, kehrte ich glücklich nach der Heimat zurück, um den Kampf ums Dasein mit den Waffen des Geistes zu wagen. Ägypten hatte mir den Stahl dazu geliefert, und es lag an mir, ihn zur Abwehr zu schärfen; denn für die Defensive hatte ich mich gründlich vorzubereiten, das war mir klar geworden.[194] 



Leid und Freud in der Heimat.










[197] Meine glückliche Heimkehr nach Berlin glich selbstverständlich einem Feste für mein Haus, in das ich den Fuß mit einem Gott sei's gedankt einsetzte. Mit den reichsten Schätzen meiner Arbeiten im historischen Nilthale beladen, sah ich voller Frohsinn in die nächste Zukunft, wenngleich es mir vorläufig noch verschlossen blieb, in welcher Weise ich den Lebensweg vor mir zu ebnen hatte. Von meinem großmütigen Könige in der huldvollsten Weise empfangen, von A. von Humboldt mit den ermutigendsten Lobsprüchen überschüttet, von meinen aufrichtigen Freunden in der herzlichsten Weise begrüßt, ließ ich die erste Zeit der Aufregung und Abspannung thatenlos verstreichen, bevor ich mich an den Arbeitstisch setzte, meine Abschriften und Zeichnungen ordnete und an meine wissenschaftlichen Untersuchungen mit alter Liebe und Freudigkeit heranging. An Stoff fehlte es mir wahrlich nicht, nur kam es darauf an, ihn in der nutzbringendsten Weise zu verwerten und keinen kostbaren Augenblick zu verlieren.[197]  Gerade diejenigen, die sich mit der Entzifferung unbekannter Schriften und Sprachen des Altertums beschäftigen, werden es am besten beurteilen können, in welcher ausgedehnten Weise ihre Zeit in Anspruch genommen wird. Tage, Wochen und Monate, ja selbst Jahre vergehen bisweilen, ehe es gelingt, einem einzigen dunklen Zeichen oder Worte bis zu den grammatischen Formen hin auf die richtige Spur zu kommen und seinen Lautwert und seine Bedeutung festzustellen. Die Züge in das Reich des Unbekannten spannen die Nerven an und ermüden, wenn auch jeder erfochtene neue Sieg den höchsten Lohn in sich trägt: die eigene Genugthuung an der harten Arbeit. Die gesammelten Blätter wachsen zu einem Baum an, den der Forscher mit schier unbegreiflicher Liebe pflegt, um die künftigen Geschlechter von seinen Früchten pflücken zu lassen. Mögen auch manche darunter vom Wurme des Irrtums angefressen sein, die guten Früchte bieten reichen Ersatz für die verdorbenen.
Meine demotischen Studien, für die ich in Ägypten einen reichen Schatz zu künftigen Arbeiten gesammelt hatte, lehrten mich, daß die Volkssprache und Volksschrift der alten Ägypter nur die jüngsten Formen der älteren Hieroglyphik darstellten. Um die Tochter zu verstehen, mußte die Urahne ihrem innersten Wesen nach erkannt werden. Aber noch am Anfang der fünfziger Jahre war es mit der alten Mutter ziemlich kläglich bestellt, denn ihr Mund war kaum erst geöffnet worden und ihre Sprache ließ nur abgerissene Spuren ihrer Gedanken erkennen. Man ahnte mehr, als man wußte, und dem schwachen Wissen stellte sich eine Welt von Zweifeln entgegen.
Schon in Ägypten war ich zu dem Entschlusse gelangt, der hieroglyphischen Schriftsprache ihre Geheimnisse abzugewinnen und ihren reichen Wortschatz in Gestalt eines alphabetisch geordneten Lexikons zusammenzustellen. Es war ein[198]  Wagstück meinerseits, diese Aufgabe lösen zu wollen, aber die bis dahin gelieferten Vorarbeiten gaben mir den festen Grund, auf dem ich den Bau aufzurichten gedachte. Ausgerüstet wie wenige mit dem in Ägypten eingeheimsten Wortstoff, dem eine übergroße Zahl geographischer Namen einen gleichfalls erst noch zu bearbeitenden Zuwachs verschaffte, ging ich tollkühn ans Werk, um eine Aufgabe zu bewältigen, für welche die ganze Kraft und das denkbar längste Leben eines einzelnen Menschen kaum auszureichen schien. Aber ich hatte einsehen gelernt, daß ohne das volle Verständnis der altägyptischen Inschriften und Texte die verschiedenen Gebiete meiner Wissenschaft, vor allem die ägyptische Geschichte, in der Luft schwebten und daß leere Königsnamen und chronologische Tabellen keinen Anspruch darauf erheben konnten, den Inhalt der Überlieferungen auf Stein und Papyrus zu ersetzen, mit einem Worte, ich war begierig zu lesen, nicht nur zu erraten, was die Hieroglyphen in sich bargen, und es ließ mich Tag und Nacht nicht ruhen, um meinem Ziele näher zu treten.

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Die Anfänge meiner Vorarbeiten fielen bereits in die ersten Monate nach meiner Heimkehr aus dem Nilthale. In meiner Begeisterung übersah ich die Sorge, die hinter mir auf dem Stuhle saß. Ich stand nicht allein in der Welt, denn meine fünfköpfige Familie verlangte nach der Notdurft und Nahrung des Leibes. Meine bescheidene Stellung als Privatdozent an der Universität unserer Residenzstadt verschaffte mir zwar die Freude, eine für die damalige Zeit verhältnismäßig große Anzahl von Zuhörern zu gewinnen, darunter Ausländer, die heute einen Namen in der Wissenschaft tragen, allein die gezahlten Honorare bildeten nur vereinzelte Tropfen in dem Wasserglase meiner Ausgaben. Dankbar muß ich es anerkennen, daß gelegentliche Remunerationen aus der Kasse des Unterrichtsministeriums manches Loch zustopfen[199]  halfen, aber in der Hauptsache war ich auf meine eigene Thätigkeit angewiesen, um die notwendigsten Mittel zur Erhaltung der Familie zu erwerben.
Da meine wissenschaftlichen Leistungen, die der Reihe nach im Buchdruck erschienen, nicht dazu angethan waren, um einen größeren Leserkreis zum Kauf anzulocken, so waren die daraus gewonnenen Einnahmen selbstverständlich bescheidenster Natur. Um das Fehlende zu ergänzen, fing ich an, trotz meiner zeitraubenden ernsten Studien zur Aufhellung der ägyptischen Finsternisse, eine ziemlich ausgedehnte litterarische Thätigkeit in Buchform sowie in Zeitschriften und Zeitungen zu entwickeln. Mein Leiborgan war die damalige Spenersche Zeitung, Onkel Spener, wie der Berliner sie nannte, für die selbst ein A. von Humboldt seine Feder in Bewegung setzte. Nebenbei erteilte ich Privatunterricht und trat auf Zureden meines ehemaligen Direktors August als Lehrer in die Prima von Kölln ein. Diese nene Thätigkeit bereitete, offen gesagt, mir die größte Freude und legte den Grund zu meiner späteren Befähigung, im Morgenlande als Direktor einer neu gestifteten Hochschule meines Amtes zu walten. In den Wintermonaten erschien ich nicht selten an den Vortragsabenden in der Singakademie als Redner und erntete, vielleicht in unverdienter Weise, das Lob meiner nachsichtigen Zuhörer ein. Das schöngeistige Berlin pflegte sich an den Sonnabenden in dem langen Vortragsgebäude am Kastanienwäldchen ein Stelldichein zu geben und selbst die Majestäten und die prinzlichen Mitglieder unseres Königshauses verschmähten es nicht, ihre Teilnahme durch ihr persönliches Erscheinen zu bekunden und dem von gelehrten Rednern behandelten wissenschaftlichen Gegenstande ihre vollste Aufmerksamkeit zu schenken. Die Vortragsabende, die sich unter der Leitung des Professors von Raumer eines außerordentlich zahlreichen Besuches erfreuten, gingen[200]  erst im Laufe der Zeiten ein, als die Tonkunst ihren ausschließlichen Sitz in der Singakademie aufgeschlagen hatte und an die Stelle der einsamen Rednerbühne ein wohlbesetztes Orchester getreten war.


Meine regelmäßige Thätigkeit erlitt manche Unterbrechung durch die häufigen, wenn auch angenehmen Besuche von Freunden und Gönnern, zu denen das Ausland, vor allem Paris, einen bedeutenden Beitrag lieferte. Eine besondere Genugthuung gewährte mir die plötzliche Ankunft meines Gastfreundes August Mariette, der eine Reise nach Frankreich benutzt hatte, um einen dreiwöchentlichen Abstecher nach Berlin zu unternehmen und mir sein volles Herz auszuschütten. Nach der Beendigung seiner in Ägypten vollzogenen Ausgrabungen, die ihm viel Ehre und Ruhm, aber wenig Geld und Hoffnungen für die Zukunft eingetragen hatten, fand er sich zuletzt dem Nichts gegenüber, so daß er ein gleiches Schicksal mit mir teilte und wir beide die erklärliche Veranlassung hatten, aus vollstem Herzen miteinander Trübsal zu blasen. Zum Glück rettete ihn sein guter Humor vor verzweifelten Schritten und er fing an, neue Pläne in Erwägung zu ziehen, um seine Rückkehr nach Ägypten und seinen Eintritt in den ägyptischen Staatsdienst zu ermöglichen. Er hielt sich in seiner eigenen Heimat für geächtet, nachdem seine Arbeit über den Kult des Apisstiers von der Kirche auf den Index gesetzt worden war und ihm manche stille Gegner in seiner französischen Heimat erworben hatte.
Dem König bot die Ankunft Mariettes in Berlin die erwünschte Gelegenheit dar, von dem Entdecker des Serapeums eine genauere Einsicht in die bloß gelegten unterirdischen Bauten mit ihrem überreichen antiquarischen Inhalt zu gewinnen. Mir selber waren durch sein Wohlwollen fünfzig blanke Friedrichsdor zugekommen, um mir die Kosten der gebotenen[201]  Gastfreundschaft zu erleichtern, mit dem ausdrücklichen Befehl, ja nichts darüber gegen Mariette verlauten zu lassen. In Charlottenburg wurden wir beide an einem Februarabend zur Tafel gezogen und Mariette hatte die Ehre, dem Könige auf Grund seiner vorgelegten Zeichnungen und Pläne die eingehendsten Erläuterungen über seine Ausgrabungen und Funde darzubieten. Mit der lebendigsten Teilnahme folgte der König dem Berichte des französischen Altertumsforschers, den er beim Abschiede durch die Verleihung des Roten Adlers 3. Klasse auszeichnete, um seinem königlichen Danke einen bleibenden Ausdruck zu verleihen. Auch meine Wenigkeit ging bei dieser Gelegenheit nicht leer aus. Im Begriff gemeinschaftlich mit meinem Freunde die Treppe des Palastes niederzusteigen, um unsern Heimweg anzutreten, drückte mir der damalige Geheime Kabinettsrat Illaire ein Päckchen in die Hand mit den Worten: »Dies auf Befehl Seiner Majestät für Sie, damit Sie nicht weinen.« Es enthielt den Roten Adlerorden 4. Klasse.
Mariette war von den gelehrten Kenntnissen und der Liebenswürdigkeit des hohen Herrn bezaubert und er konnte nicht Worte genug finden, um mir seine volle Bewunderung auszudrücken und mich zu versichern, daß er mich selber um mein Schicksal fast beneide, das ein für allemal in der nächsten Zukunft gesichert sei. Wie anders sei sein Empfang in Frankreich gewesen, wo selbst ein Napoleon nicht die Macht besitze, ihn gegen seine Gegner zu schützen und zu einer ehrenvollen und gesicherten Stellung zu verhelfen. Mehr als jemals sei er deshalb entschlossen, sein Vaterland zu verlassen, um in Ägypten eine zweite Heimat zu suchen und in der Person des nach der Ermordung Abbas I. Paschas zur Regierung gelangten Sajid Pascha einen hochherzigen Beschützer zu finden.

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Die nächsten Jahre flossen mir unter meinen wissenschaftlichen Arbeiten und Untersuchungen wie Monate dahin,[202]  aber mir war es, als sei meine erträumte Zukunft ein Kartenhaus, das jeden Augenblick vor dem leisesten Windstoße umzustürzen drohte. Die Absicht meines so gnädigen Königs, mich zum Mitdirektor des in seiner Aufstellung vollendeten ägyptischen Museums zu ernennen, wurde durch einen unseligen Irrtum vereitelt. In die ausgefertigte Kabinettsordre war durch ein unerklärt gebliebenes, für mich verhängnisvolles Versehen des damaligen Kabinettsrats Niebuhr der Name Lepsius an Stelle des meinigen eingetragen worden und der König hatte sie mit einer Zahl anderer Schriftstücke unterzeichnet, im vollen Glauben, daß es sich um meine Person handele. Am nächsten Tage war die Ernennung in allen Zeitungen zu lesen. A. von Humboldt war außer sich vor Erregung, allein der Schaden war nicht mehr gut zu machen und ich mußte dem Schicksal danken, daß mir wenigstens die Rolle eines Direktorialassistenten an dem ägyptischen Museum gesichert blieb mit einer Besoldung, die für die damalige Zeit ausreichte, um mich über Wasser zu halten.
Da traf, gegen Ende des Jahres 1857, eine Einladung Mariettes aus Ägypten an mich ein mit der fröhlichen Mitteilung, daß seine Stellung ein für allemal gefestigt sei, Sajid Pascha habe ihn zum Generaldirektor eines Museums in Bulak, einer Vorstadt Kairos, ernannt, ihm die Vollmacht über die weitest ausgedehnten Ausgrabungen erteilt und er erwarte meine schleunigste Ankunft, um gemeinschaftlich mit ihm eine Reise auf dem Nildampfer des Museums nach Oberägypten zu unternehmen. Er erwarte von meiner Freundschaft eine umgehende Zusage und fordere mich auf, mein Bündel augenblicklich zu schnüren und meinen Weg nach seiner Dienstwohnung an dem Ufer des Niles zu nehmen.
A. von Humboldt hielt zum Nutzen meiner wissenschaftlichen Ausbildung und mit Rücksicht auf neue bereits[203]  begonnene Ausgrabungen die Aufforderung für so wichtig, daß er mich drängte, unverzüglich die Abreise anzutreten, mit dem Versprechen, mir einen der kräftigsten Empfehlungsbriefe an den regierenden Vizekönig Ägyptens zu übergeben; »der werde Wunder thun«, wie mein greiser Gönner lächelnd hinzufügte. Der König ließ mich nach Sanssouci befehlen, um mir zu gestatten, mich persönlich verabschieden zu können. Trotz seines leidenden Zustandes hatte der König die Kraft, fast eine halbe Stunde die lebendigste Unterhaltung zu führen, über meine Reisepläne den näheren Bericht anzuhören, geschichtliche Fragen über die Ramessidenzeit zu berühren und mir das genaue Studium gewisser Denkmäler zu empfehlen. Tief gerührt empfing ich die Abschiedswünsche des gütigen Königs, ohne es damals zu ahnen, daß mir zum letztenmal das Glück beschieden war, in seine milden und freundlichen Züge schauen zu dürfen.

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Auf meinem Wege von Sanssouci aus nach dem Bahnhofe in Potsdam, um meine Rückkehr nach Berlin anzutreten, wurde mir eine ebenso plötzliche als unerwartete Überraschung zu teil. Ein Adjutant des Königs, es war ein Rittmeister von Rauch, sprengte mir zu Pferde nach und händigte mir »auf Befehl Seiner Majestät« ein versiegeltes Etui ein, in dem sich der Rote Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife befand. Wenngleich ich mir einbildete als dreißigjähriger junger Mann kein genügendes Anrecht auf eine so ungewöhnliche Auszeichnung zu besitzen, die nur durch Stellung und Verdienste hervorragenden Personen in einem höheren Lebensalter verliehen zu werden pflegt, so rührte mich dennoch dieser erneuerte Beweis des gnädigsten Wohlwollens des Königs bis in die tiefste Seele hinein, denn er sagte mir mehr, als es Worte vermögen, mit welch großer Teilnahme der König meine schwachen Leistungen verfolgte und wie sehr ihm daran[204]  gelegen war, mir noch vor dem Antritt meiner zweiten Reise nach Ägypten einen öffentlichen Beweis seiner Teilnahme zu schenken. A. von Humboldt versicherte mich wiederholt, wie sehr ihn die edelmütige Absicht des Königs überrascht habe, von der er selber nicht die geringste Ahnung besessen habe.



Mein zweiter Aufenthalt in Ägypten.










[205] In der Mitte des Monats Oktober befand ich mich bereits in Kairo. Die Residenz der modernen Pharaonen war seit meiner ersten Anwesenheit in Ägypten mit Alexandrien, der Hafenstadt, durch einen Schienenweg verbunden worden, wenn auch bei Kafr-Zeijad eine Brücke über den Rosette-Nilarm fehlte und die Verbindung zwischen den beiden Ufern des heiligen Stromes durch eine Dampffähre hergestellt wurde. In dem Bahnhofsgebäude von Kairo hatte ich die Freude, meinen lieben Freund Mariette zu umarmen und den preußischen Konsulatsverweser Bauernhorst nebst dem französischen Konsul Batissier zu begrüßen. Mariette war seelensvergnügt, drückte mir den Arm, daß ich hätte laut aufschreien mögen, nannte mich wiederholt seinen Prussien de mon cœur und erzählte mir auf dem Wege nach seiner Wohnstätte in Bulak die Hauptereignisse, welche die günstige Wendung seines Schicksales herbeigeführt hatte. Prinz Plonplon, der bekannte Vetter des Kaisers Napoleon, hatte den Wunsch geäußert, eine Reise nach Ägypten zu unternehmen und im oberen Lande die Wunder der Denkmälerwelt in Augenschein zu nehmen. Seinem kaum ausgesprochenen Wunsche folgte auf dem Fuße eine Einladung des Vizekönigs Sajid, der durch seine Erziehung und seine Neigungen und nebenher aus politischen Rücksichten ein halber Franzose war, und sich[205]  im eigenen Lande und mitten unter seinen Unterthanen durchaus keine Mühe gab, seine Vorliebe für die grande nation und ihren allmächtigen Empereur zu verbergen. Dem angemeldeten Prinzen sollten die höchsten nur denkbaren Ehrungen während seines Aufenthaltes in Ägypten erwiesen und seine antiquarischen Gelüste nach allen Richtungen hin befriedigt werden. An Mariette wurde die Bitte gerichtet, spornstreichs nach Ägypten zu eilen, um durch Ausgrabungen neue, unbekannte Denkmäler bloß zu legen, die vergrabenen, soweit die Zeit es gestattete, von dem sie umgebenden Schutte zu befreien und dem erwarteten Prinzen eine Auswahl wertvoller Antiken als Andenken an seinen ägyptischen Besuch zur Verfügung zu stellen. Mariette löste die ihm gestellte Aufgabe mit Aufgebot aller seiner Kräfte, aber Prinz Plonplon gab plötzlich seinen Reiseplan auf und dem Vizekönig blieb nichts übrig, als sich in das Unvermeidliche zu schicken und Seiner kaiserlichen Hoheit als Zeichen seiner Verehrung den größten Teil der für ihn gesammelten Denkmäler nach Paris befördern zu lassen. Sie blieben lange Zeit in dem Palais des Prinzen, bevor er sie als ewiges Eigentum dem Museum des Louvre übergab.
Mariette war eigentlich ein geborener Diplomat und vor allem verstand er es vortrefflich, die Abneigung der ägyptischen Vizekönige gegen die heidnischen Altertümer ihres Landes zu bekämpfen und ihre heilige Scheu vor dem alten Kram zu brechen. Wenngleich es ihm unsägliche Mühe und Zeit kostete, sein vorgestecktes Ziel zu erreichen, so gelang es ihm dennoch, allmählich den Vizekönig Sajid davon zu überzeugen, daß die Gründung eines altägyptischen Museums in Kairo nur dazu dienen würde, seinen vizeköniglichen Ruhm zu mehren und eine ungezählte Menge von Besuchern nach der Residenz zu locken. Er setzte es schließlich durch, daß sein Vorschlag gebilligt[206]  und ihm der notwendige Platz übergeben wurde, um für den beabsichtigten Museumsbau den erforderlichen Raum zu gewinnen.

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In den vizeköniglichen Ministerien, in welchen damals das türkische Beamtentum die einflußreichsten Stellen besetzt hielt, sah man den Marietteschen Plan mit scheelen Augen an und bereitete der Ausführung desselben selbstverständlich die allergrößten Schwierigkeiten. Mit Mühe und Not verstand man sich endlich, dem eben ernannten »Generaldirektor der Museen und sämtlicher Ausgrabungen« ein am Nil und in der Vorstadt Bulak gelegenes Grundstück anzuweisen, welches ehedem als Einschissungs- und Landungsplatz für die auf den Postdampfern zwischen Kairo und Alexandrien Reisenden gedient hatte. Auf der südlichen Seite befand sich ein verfallenes Gebäude, welches die Kanzleien für den Postdienst in sich schloß, auf der Nordseite stand ein alter, verfallener Kohlenschuppen, aus welchem die Dampfer den notwendigen Vorrat zur Heizung der Kessel emvsingen. Der in der Mitte zwischen beiden Baulichkeiten gelegene freie Platz sah im höchsten Maße verwahrlost aus und bedurfte zunächst einer gründlichen Reinigung und Nivellierung.
In der kurzen Zeit weniger Monate hatte Mariette das Unglaubliche geleistet. Der Kohlenschuppen war in ein Museum mit einem altägyptischen Vorderbau verwandelt worden und die Säle im Innern leuchteten im Glanze buntfarbiger, altägyptischer Ornamente, welche die geschickte Hand des italienischen Malers und Antikenhändlers Vassalli mit stilistischer Treue ausgeführt hatte. Die letzten Funde aus dem Serapeum, die käuflich erworbenen Antiken des österreichischen Generalkonsuls v. Huber und ein großer Teil der für den Prinzen Plonplon ausgegrabenen Denkmäler füllten die vorhandenen Räumlichkeiten des Museums, dessen Inhalt sich von[207]  Jahr zu Jahr durch die kostbarsten Überreste der Vorzeit mehrte. Die Postkanzlei hatte Mariette zu seiner Dienstwohnung umgestaltet und auf dem leeren Platze davor einen hübschen Garten angelegt. Zu allen diesen Schöpfungen waren die Geldmittel nur in kleinen Posten bewilligt worden, aber Mariettes Geduld und Ausdauer überwand auch diese Schwierigkeiten und mit gerechtem Stolze zeigte er mir sein Zauberwerk bei meinem ersten Eintritt in das Reich der geretteten Antiken.
Mein erster Besuch, welchen ich die Ehre hatte dem regierenden Vizekönig in seinem am Nil gelegenen Schlosse abzustatten, wird mir unvergeßlich bleiben. Der äußerst wohlbeleibte Fürst mit seinem von einem rötlichblonden Vollbart umrahmten starken Gesichte und den zwickernden Augen darin war die Heiterkeit selber, die bisweilen zum vollsten Lachausbruch gelangte und von seiner Umgebung, der Mehrzahl nach Franzosen, im reichsten Maße erwidert wurde. Die Unterhaltung wurde in französischer Sprache geführt, deren sich Sajid Pascha mit unglaublicher Fertigkeit bediente. Die Gegenstände derselben berührten alles Mögliche. Aus einzelnen Äußerungen durfte ich den Schluß ziehen, daß Monseigneur aus mir unbekannten Gründen damals einen gewissen Groll gegen die Engländer hegte. Er war durchaus nicht gut auf sie zu sprechen.


Seine Fragen nach meinem königlichen Herrn beantwortete ich in angemessener Weise und es schien ihn im höchsten Maße zu befriedigen, daß Seine Majestät eine so ungewöhnliche Teilnahme für das alte Ägypten an den Tag legte. Er sprach mir von dem großen Denkmälerwerke, das auf Veranlassung des Königs veröffentlicht würde und versicherte mich, daß auch er den Entschluß gefaßt habe, durch Gründung eines Museums der Wissenschaft seine schwachen Dienste zu leisten. Von A. von Humboldt sprach er wie von einem Heros[208]  und es schien ihm unbegreiflich, wie ein einziger Mann, wenn anch während eines langen Lebens, eine so außerordentliche Thätigkeit habe entwickeln können. Er vereinige in seiner Person eine ganze Akademie und sei der Stolz des preußischen Volkes, um welchen die übrigen Nationen es mit vollstem Rechte beneiden.
Der günstige Augenblick war gekommen, dem Vizekönig das an ihn gerichtete und in französischer Sprache abgefaßte Schreiben des großen Gelehrten zu überreichen. Da ich eine Abschrift desselben besitze, so bin ich in der Lage, es wortgetreu meinen Lesern vorlegen zu können.
Monseigneur, La haute protection que Votre Altesse daigne accorder gracieusement à la culture des sciences et des arts, la noble munificence avec laquelle Elle a encouragé, depuis les premiers jours heureux de Son règne les progrès de la civilisation sur les bords du Nil, m'inspirent le courage de Lui adresser une humble prière. Affectueusement lié avec le jeune, mais déjà très renommé savant qui ambitionne l'honneur insigne d'être admis à la présence de Son Altesse le Vice-Roi, j'implore la faveur d'un généreux et puissant appui pour les travaux d'antiquité dont il est chargé. Le docteur Brugsch, un des conservateurs au Musée d'archéologie égyptienne du Roi à Berlin, chevalier de l'ordre Royal de l'Aigle-rouge, s'est rendu dans les ouvrages qu'il a publiés comme fruit de son premier voyage en Égypte, l'interprête des merveilles qui attirent l'admiration de l'Europe et dont Votre Altesse daigne faciliter la libre investigation. Je me sens d'autant plus le courage de solliciter votre généreuse protection que le jeune voyageur, aussi distingué par sa vaste érudition que par ses qualités morales, jouit très personnellement de la [209]  bienveillance de Sa Majesté le Roi de Prusse. Ce Souverain à la cour duquel j'ai l'honneur d'appartenir, a reçu le docteur Brugsch au Château de Sanssouci, près de Potsdam, peu de jours avant son départ pour Alexandrie et l'a fait monter en grade dans ses ordres Royaux. Son nom est très avantageusement connu à l'étranger. Je suis avec le plus profond respect, Monseigneur, de votre Altesse le très humble, trés obéissant et très soumis serviteur Alexandre de Humboldt.
Eine so kräftige Empfehlung konnte nicht verfehlen ihre Wirkung auszuüben und thatsächlich übertraf der Erfolg meine höchsten Erwartungen. Wenige Tage waren seit meinem ersten Empfange vergangen, als mir auf vizeköniglichen Befehl zur Erleichterung meiner Forschungen auf meiner Reise nach Oberägypten die wahrlich nicht kleine Summe von 20000 Franes in blankem Golde ausgezahlt wurde. Ich kam mir wie ein Krösus vor, schwelgte im Vorgenuß meiner Arbeiten und befand mich zwei Wochen später auf dem wohl ausgerüsteten vizeköniglichen Dampfer, welcher Mariette und meine Wenigkeit in das denkmalreiche Oberland tragen sollte. Mein französischer Freund war mit den erforderlichen Papieren versehen worden, um nirgends Hindernissen von seiten der Behörden zu begegnen. Dazu gehörten in vorderster Reihe die Befehle an die damals türkischen Mudire oder Gouverneure der Provinzen, Leute zu den Ausgrabungen zu stellen und die zur Heizung des Dampfers erforderlichen Steinkohlen aus den Regierungs-Magazinen zu liefern. Ein braver türkischer Kawaß, welcher später als Unter-Inspektor in das Museum eintrat, diente als Polizei, einige Marinesoldaten der ägyptischen Flotte bildeten unsere Bedeckung und ein Korse, welcher seine Heimat aus dunklen Ursachen verlassen hatte – Mariette behauptete, er müsse seinen eigenen Vater vergiftet haben – leistete als[210]  Techniker ganz ausgezeichnete Dienste. Meister Floris, so hieß er, gehörte später zu den bekanntesten Personen in Ägypten, die durch ihre unfreiwillige Komik alle Welt ergötzte und für uns Reisende zu einer Quelle täglicher Erheiterung wurde. Er offenbarte die Eigenschaften eines Faktotums, denn wenn er auch allen Ernstes behauptete, seiner Anlage und seiner Neigung nach ein Dichter von Gottes Gnaden zu sein und nur seinen Beruf verfehlt zu haben, so leistete er in technischer Beziehung alles, was man von ihm verlangte. Würde man ihm den Auftrag gegeben haben, den Obelisken von Luxor nach Kairo zu transportieren, er würde sicherlich und ohne zu zögern mit glücklichem Erfolge diese schwierige Arbeit ausgeführt haben. Er war Bildhauer, Maler, Zimmermann, Tischler, Drechsler, Glaser, Uhrmacher, Schneider, Schuster u.s.w. in einer Person und seine geschickten Hände leisteten auf allen Gebieten der verschiedenartigsten Thätigkeit ganz Außerordentliches. Stolz ein Landsmann des großen Napoleon zu sein, besaß er den Ehrgeiz, die Welt dereinst durch eine großartige Erfindung in Staunen zu setzen, mit welcher er sich lange Jahre hindurch trug. Es handelt sich um die Herstellung eines Perpetuum mobile, das im stande sein sollte die Dampfkraft zu ersetzen. Wirklich hatte er später ein hölzernes Ungetüm mit einem verzwickten Räderwerk zu stande gebracht, das von 25 kg schweren Feldsteinen in Bewegung gesetzt werden sollte. Als aber bei der ersten Probe die Bewegung sich so unerwartet beschleunigte, daß ihm zwei Feldsteine gegen Brust und Kopf geschleudert wurden und ihn beinahe lebensgefährlich verwundeten, so gab er nach seiner endlichen Wiederherstellung seine wunderbare Erfindung auf und entschädigte sich dafür durch die Stiftung einer korsischen–Freimaurerloge in der Kalifenstadt Kairo. Er starb vor wenigen Jahren im Alter von beinahe achtzig[211]  Jahren, obgleich man der kleinen beweglichen Gestalt höchstens den Sechziger ansah. Meister Floris war ein Original wie es im Buche fleht, aber dennoch ein so nützliches Mitglied des Personals an dem soeben begründeten Museum, daß ich noch heute nicht anstehe zu behaupten, daß er geradezu als unent behrlich erschien. Mariette gab den Kopf, Floris die Hand zur Gründung der weltberühmten Sammlung her. Das wußte er selber sehr genau und ließ es seinen Generaldirektor deut lich merken, den er gelegentlich mit einem höchst vertraulichen Mon, cher ami anredete, im Grunde genommen aber von ganzer Seele haßte. Er konnte es nicht verschmerzen, daß ihn sein Chef auf unserer gemeinsamen Reise, infolge seiner hartnäckigen Weigerung, einen verlangten Dienst zu leisten, eine ganze Woche lang als »gefährlichen Tollhäusler« in einer leeren oberägyptischen Kaserne unter Schloß und Riegel gesetzt hatte.
Unsere Fahrt in Oberägypten war die denkbar günstigste und erfolgreichste von der Welt, und ich hatte die Freude, in den von ihrem tausendjährigen Schutte bloßgelegten Denkmälern, an ihrer Spitze in Abydos und Theben, neue mir bisher unbekannte Quellen für die Erweiterung meines hieroglyphischen Lexikons und für die Kenntnis geschichtlicher, geographischer, astro nomischer und mythologischer Überlieferungen geöffnet zu sehen. Das von Mariette und meiner Wenigkeit in französischer Sprache geführte Tagebuch, das ich bis auf den heutigen Tag als teures Andenken bewahrt habe, läßt an Genauigkeit und Reichtum des Inhalts wenig zu wünschen übrig, und wenn irgend etwas demselben einen besonderen Reiz spendet, so ist es der frohe Ton, mit welchem zwei glückliche, für ihre Studien begeisterte Menschen die Schilderung ihrer gemeinsamen Erlebnisse, Beobachtungen und Forschungen darin schriftlich niedergelegt hatten. Eine solche Zeit kehrt nich zweimal wieder und[212]  behält deshalb für das ganze spätere Leben ihren dauernden Wert. Mit reichen Mitteln ausgestattet, mit den nachdrücklichsten Befehlen an die Ortsbehörde versehen und Herren unserer Zeit, ward uns beiden der beneidenswerte Vorzug zu teil, unserer Freundschaft und unseren Studien einträchtig zu leben. Wir lernten beide von einander und ergänzten die Lücken unseres Wissens durch den Austausch unserer Gedanken auf dem Gebiete der ägyptischen Sprache und Altertumskunde. Die Insel Philä, ganz im Süden der ägyptischen Grenze, bildete das Ziel unserer Reise, für welche wir eine Zeit von nahezu vier Monaten aufgewendet hatten.



Ägypten im Jahre 1858.










[213] Im Oberlande fand ich die Zustände der Bevölkerung seit meiner ersten Reise im Nilthale wenig verändert. Eine gute Überschwemmung und ein gutes Jahr ohne Mißernte und ohne Viehsterben war alles, was die Fellachen verlangten, um ihre Steuern zahlen und nebenbei die unentbehrlichen Bachschisch an geelgueter Stelle verabreichen zu können. Anders sah es in Kairo aus, woselbst die Anwesenheit des Vizekönigs und des Hofes den Ton angiebt, in welchen pflichtschuldigst das Beamtentum einstößt, während die Bevölkerung es sich nicht nehmen läßt, Lob und Tadel in Kaffeehäusern und geselligen Zusammenkünften in den Bazaren oder im eigenen Hause nach landesüblicher Auffassung über die geschwätzige Zunge zu bringen.
Man fand es recht, daß der Vizekönig mit dem Engländer gebrochen hatte, aber verzieh es ihm nicht, daß er sich dem Franzosen überliefert hatte und drauf und dran war, einen ägyptischen Militärstaat zu gründen und an die Uniformen der Soldaten und Offiziere echte silberne Knöpfe und[213]  Abzeichen in Halbmonden von Diamanten heften zu lassen. In der That war Sajid ein begeisterter Soldatenfreund stets bereit, für seine Truppen die größten Opfer zu bringen. Sie bestanden damals aus eingeborenen Ägyptern, an ihrer Spitze die Söhne der Schech-el-Beleds oder Dorfschulzen, welche eine malerische, echt arabische Tracht zur Schau trugen, und aus türkischen Baschi-Bosuks aus der Heimat der Arnauten, welche ihr landesübliches Kostüm angezogen hatten, das besonders in den fast meterhohen Pelzmützen mit umgewundenem Turban unmittelbar am Kopfe ein Aufsehen erregendes Gepräge erhielt. Wie am Hofe und im Zivildienst waren es Franzosen, welche als Lehrmeister für die Armee nach Ägypten berufen wurden. Doch bleibe es nicht unerwähnt, daß damals eine Batterie der ägyptischen Artillerie unter der Leitung preußischer Instrukteure oder Talimbaschis stand, von denen noch der eine, der jetzt in Berlin ansässige Geheimrat Kanzki zu meinen lebenden Zeitgenossen zählt. Er sowoh; als sein inzwischen verstorbener Regimentskamerad Blümel, die beide der Artillerie in unserer Residenz angehört hatten, erfüllten ihre Aufgabe mit dem größten Erfolg und waren bei den Übungen den französisch-ägyptischen Batterien bei jeder Gelegenheit über. Der preußische Schneid war in die arabischen Artilleristen gefahren und sie blieben hinter ihren nordischen Vorbildern nach keiner Richtung hin zurück.
Sajid-Pascha lebte inmitten seiner ägyptischen Truppen, wo immer er auch weilen mochte, und eine Veränderung seines Aufenthaltsortes war jedes mal mit einer militärischen Völkerwanderung im kleinen verbunden. Aus meinen Tagebüchern ersehe ich, daß beispielsweise am 4. Februar 1859 nicht weniger als 13 Dampfer und 19 Schleppschiffe, sämtlich mit Mannschaften, Pferden, Maultieren, Kamelen, Kanonen u.s.w. belastet, von Kairo aus nilabwärts fuhren, um ihrem[214]  Herrn und Gebieter voranzugehen und in der Nähe der Bar rages, der Schleusenbrücken, am Fum-el-bapr ein Lager aufzuschlagen und an einer großartigen Feier teilzunehmen, die auf den Geburtstag des Vizekönigs am 8. Februar angesetzt ward. Böse Zungen behaupteten in jenen Tagen, daß die Regierung ihren sämtlichen Beamten auf sechs Monate hin die Besoldung vorzuenthalten beabsichtigte, um die Kosten der geplanten Festlichkeit zu bestreiten. Unmöglich war es nicht, wenn man in Erwägung zieht, daß unter Ismaels Herrschaft dem ganzen Offizierkorps drei Jahre lang keine Besoldung gezahlt ward, so daß ein Aufstand in Kairo losbrach, dessen Schilderung mich später beschäftigen wird.

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Die Festlichkeit, welche ich augenblicklich im Sinne habe, galt nicht nur der Feier des Geburtstages Sajids, sondern zugleich der Einweihung einer auf Befehl des Fürsten angelegten und aus fünf Bastionen bestehenden Festung, der sogenannten Sajidieh, an der vorher erwähnten Stelle. Da wo der Nil unterhalb Kairos sich in seine beiden Hauptarme, den östlichen von Rosette und den westlichen von Damiette spaltet, führt die Gabelungsstelle die seltsame Bezeichnung des »Kuhbauches« oder die andere des »Flußmundes« (Fum-el-Bapr). Eine Landzunge streckt sich hier in das Stromgebiet hinein, welches von links mit den gegenüberliegenden Flußufern durch die mächtigen beiden Schleusenbrücken oder die sogenannten Barrages verbunden ist. Napoleon I. war der erste, der die Anlagen ins Auge gefaßt hatte, um die Nilüberschwemmungen an dieser Stelle abzudämmen und ihren fruchtbaren Segen für Bewässerung der Felder in der Nähe Kairos zu erhalten. Man baute später die beiden Riesenbrücken, hatte es aber vergessen, vorher zu beiden Seiten des Stromes Seitenkanäle zu ziehen, um die gewaltigen Wassermassen abzuleiten und den Druck derselben auf die Schleusenthore zu[215]  vermindern. Infolge dieser Nachlässigkeit trat das Unvermeidliche ein, d.h. die Schiffe wurden mit aller Gewalt gegen die Schleusen getrieben und zerschellten alljährlich zu Hunderten mitsamt ihren Ladungen. Erst in unseren Tagen blieb es den Engländern vorbehalten, dem Übelstande abzuhelfen und die andrängenden Fluten in die angelegten Seitenkanäle abzulenken.
Durch eine Einladung zu der Festlichkeit beehrt, hatte ich mich in Begleitung mehrerer europäischer Offiziere, Preußen und Österreicher, rechtzeitig in einer Nilbarke eingeschifft, um am Morgen des Haupttages Zeuge der in Aussicht gestellten »Phantasia« zu sein. Ein dichtes Menschengewühl erfüllte die Landzunge, dazwischen stand eine zahllose Menge spanischer Maultiere und französischer Pferde, welche zur Bespannung der Geschütze gehörten und zu der großen Truppenschau verwendet werden sollten. Ägyptische Offiziere und Soldaten hockten in ihren kleidsamen, aber fast überreichen Trachten vor den aufgeschlagenen Zelten, die Paschas und Beys liefen durcheinander, um ihre Befehle zu erteilen und die Kawassen des Vizekönigs schlugen mit Stöcken darein, wenn ihren Anordnungen nicht sofort Folge geleistet wurde. Die Festungswälle waren mit pyramidenförmigen Holzgerüsten bespickt, welche als Träger für Tausende von Glaslampen zur abendlichen Beleuchtung dienen sollten, auch die Hauptthore der Bastionen, buntfarbig à la Turca bemalt, waren mit Lampen und Lampions behängt, mit einem Worte, alles erschien dazu geeignet, um eine »Phantasia« ersten Ranges zu versprechen. Zur Erhöhung des Vergnügens war ein offener Zirkus aufgeschlagen worden, dicht vor dem improvisierten Bretterhause des Vizekönigs, um den eingeladenen Gästen und dem versammelten Kriegsvolke die Gelegenheit zu bieten, die Leistungen einer französischen Kunstreitergesellschaft und[216]  moghrebinischer Akrobaten aus Fez und Marokko zu bewundern. Für die Pferde war ein ungeheueres Zelt aufgeschlagen worden, während die Künstlerbande auf dem Deck eines Nildampfers am Ufer vorläufig ihre Plätze eingenommen hatte. In riesigen Feldküchen hantierten die vizeköniglichen Köche vor ganzen Batterien von Kesseln und Pfannen, um für die Gäste die Zubereitung der Speisen in Angriff zu nehmen, obgleich der Anblick wenig den Appetit reizen konnte. Denn »die Väter der Küche« sahen äußerst schmutzig aus und die zweifelhaftesten Gerüche dampften in die blaue Luft hinein. Da ertönten plötzlich 21 Kanonenschläge. Soeben ist der vizekönigliche Harem auf seiner Dampferflottille gelandet. Ihr entsteigt zuerst der damals vierjährige Prinz Tussun-Pascha, der Sohn des Landesfürsten, in großer Generalsuniform und an der Hand seiner französischen Erzieherin nach dem Hause des Vizekönigs geleitet. Ihm folgt der gesamte Harem nach, aber unsichtbar für die Menge, denn die zu beiden Seiten des Weges aufgespannten Teppiche verhindern jeden Einblick in den abgesperrten Raum, der außerdem von zwanzig bis zu den Zähnen bewaffneten schwarzhäutigen Eunuchen verteidigt ward. Neue Dampfer trugen »die Väter des Glaubens«, die ganze Schar der gelehrten Ulama aus Kairo nach dem »Kuhbauch« herbei. Die muslimischen Geistlichen erschienen sämtlich in seidenen, hellfarbigen Kaftans und hoch aufgestülpten Turbanen, über die Schultern hingen ihnen kostbare Kaschmirshawls und wehende Fahnen mit eingestickten Koranversen trennten die einzelnen Abteilungen von einander. Die Trompeterkorps der ägyptischen Reiterei bliesen arabische Weisen, die Infanteriemusik ertönte wild dazwischen und damit alles vollkommen war, auch die Baschi-Bosuks ließen es an ihrem Gepfeife und Getrommel auf kleinen Pauken nicht fehlen, so daß ein wahrer Höllenlärm entstand, der seinesgleichen suchen durfte.[217] 

 Die Illumination vom eingebrochenen Abend an war in der That feenhaft, selbst die beiden Nilbrücken erglänzten im Lichterschimmer, deren Widerschein sich in den Fluten des Nils in wundersamem Abglanz abspiegelte. Auch das Innere der vornehmen Zelte strahlte im vollsten Kerzenscheine riesiger Glaskandelaber, die auf kostbaren Teppichen ihre Aufstellung gefunden hatten. In einem der größten hockten 30 Ulama auf dem Boden, sangen mit näselnder Stimme ganze Stücke des Koran ab und erwarteten die Ankunft des Vizekönigs, um Gottes Segen auf sein Haupt zu erflehen.
Ein fürchterlicher Kanonendonner weckte die Schläfer am nächsten Morgen aus ihrer Ruhe, um den Beginn der großen Parade anzukünden. Um 9 Uhr fand die Aufstellung vor dem seidenen Zelte des Vizekönigs statt. Die Truppen bestanden aus drei Bataillonen Schützen und Infanterie, darunter ein Bataillon Schwarzer, einer Schwadron Ulanen mit blanken Helmen und gelbrotem Federstutz daran, die Fähnchen aus echter Seide in den gleichen Farben an den Lanzen. Daran schlossen sich eine Schwadron Husaren mit Bärenfellmützen, eine andere von Kürassieren in gelben Kürassen mit einem großen silbernen Stern darauf und gelben Helmen mit rotem Haarkamm. Eine neue Schwadron gehörte Husaren an, die schwarze Kalpaks mit roten Haarbüscheln führten und deren Pferde mit dunkelblau seidenem Zaumzeug und silbernen Abzeichen geschmückt waren. Die Artillerie war durch zwölf Geschütze vertreten, während die Baschi-Bosuks in zwei Schwadronen erschienen waren. Für den Europäer war der Anblick der wilden Reiter vor allen übrigen fesselnd. Die Leute der ersten Schwadron trugen weiße Turbane, rote Röcke und Schärpen darüber, blaue Hosen in Wasserstiefeln und Flinten mit kurzem Bajonett. Der zweite Hause präsentierte sich in grünseidenen Kaftans, orangefarbigen Dolmans und[218]  meterhohen Hüten aus roter Seide. Ihre Hände hielten Lanzen von ungeheurer Länge. Die Musikanten, in grüne Seide gehüllt, bearbeiteten ihre kleinen Pauken und Pfeifen in unmenschlicher Weise, wobei es mir auffiel, daß die grimmen Paukenschläger die Zügel ihrer Rosse zwischen den Zähnen festhielten.
Beim Abholen der grünseidenen mit Gold gestickten Standarten und Fahnen präsentierten die versammelten Truppen mit einem lauten türkischen »Effendimiz tschok jascha,« »unser Herr lebe hoch!« Darauf schulterten sie, um von neuem zu präsentieren, denn die Ulama, die frommen Väter der himmlischen Weisheit, erschienen, um in das seidene Empfangszelt des Vizekönigs einzutreten und im Namen Allahs ihre Gratulationen darzubringen. Ihnen folgten die Generalität und die eingeladenen Größen, d.h. ein »rien du tout«, wie mir Nubar Bey scherzend bemerkte.
Ungemein erheiternd wirkte es auf mich, als nach Beendigung der ermüdenden Scene des Empfangs die Investitur eines altersgrauen Pascha als Kommandeur der Baschi-Bosuks in aller Förmlichkeit auf dem offenen Platze vor dem vizeköniglichen Zelte vollzogen wurde. Man entkleidete ihn seiner kurzen arabischen Jacke und ersetzte dieselbe durch einen langen blutroten Kaftan, dessen Bruststücke sechs schwergoldene Agraffen mit sechs großen Smaragden schmückten. Die mächtig hohe Pelzmütze der Baschi-Bosuks wurde auf seinen kahlgeschorenen Schädel gesetzt, wonach er unter lautem Zuruf des versammelten Kriegsvolkes auf einen kostbar gesattelten und gezäumten arabischen Renner von edelster Abstammung gehoben wurde.

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Der Vizekönig erschien während der ganzen Zeit dieser Zeremonie in schneeweißem arabischen Kostüm, nur die glänzenden Lackstiefel an seinen Füßen erinnerten an europäische[219]  Sitte. Er schien sich gründlich zu langweilen, wenn auch für einen Augenblick ein witziges Wort seinem Munde entschlüpfte und ein kurzes Lächeln über seine Züge flog.
An der großen, um acht Uhr abends angesetzten Hoftafel, die unter einem Riesenzelte für etwa 100 Gäste in Halbmondform aufgeschlagen stand, nahmen unterschiedslos Eingeborene und Europäer teil. Ich selber hatte es dem Zufall zu danken, in meinem Nachbar einen jüngeren ägyptischen Pascha zu begrüßen, er nannte sich Ismael, der unbeachtet und einsam blieb. Es war der spätere Vizekönig von Ägypten, mein stets mir so wohlwollend gesinnter Gönner, der wohl kaum eine Ahnung besaß, welch eine hohe Würde ihm dereinst zufallen würde. Der regierende Vizekönig nahm in der Mitte der Tafel seinen Platz ein, um von seinem Liebling, dem damaligen Eisenbahn-Direktor und späteren all mächtigen Minister Nubar, einem christlichen Armenier, bedient zu werden. Die Schüsseln vor dem Vizekönig erschienen versiegelt, wurden von dem hohen Herrn genau geprüft, von Nubar entsiegelt, der gleichzeitig genötigt war, vorher von dem Inhalt der Speisen zu kosten. Das Service bestand aus echt goldenen und silbernen Schüsseln, auf der langen Tafel befanden sich gegen 60 Kandelaber aus denselben Edelmetallen, mit einem Worte, der vizekönigliche Luxus, welcher sich unter dem Zelte entfaltete, erinnerte an die märchenhaften Zeiten von Tausend und einer Nacht. Man war eben beim dritten Gange angelangt, als sich der Vizekönig plötzlich zum Gehen erhob, mit einer zwar sehr natürlichen, aber in ungeschminktester Sprache geäußerten Entschuldigung. Die Tafel war damit aufgehoben und alles wandte sich nach den Ausgängen des Zeltes, um den Genuß des für den Abend gebotenen Feuerwerkes nicht zu versäumen. Zwei europäische Feuerwerker, ein Franzose und ein Österreicher, hatten drei volle[220]  Wochen zu arbeiten gehabt, um in ihren pyrotechnischen Leistungen miteinander zu wetteifern und jeder hatte sich bemüht, sein Programm in der kunstgerechtesten und vollendetsten Weise auszuführen. Kam es doch darauf an, die gespanntesten Erwartungen des Vizekönigs womöglich zu überbieten und seinen nie fehlenden Dank in barer Münze einzuheimsen. Kaum waren die üblichen Kanonenschläge in das Dunkel der Nacht verhallt, als die ersten Leuchtkugeln himmelwärts knatterten und das Schauspiel seinen Anfang nahm. Aber zum Erstaunen aller entwickelte sich plötzlich ein solches Durcheinander von Feuererscheinungen, daß niemand mehr im stande war, auch nur eine einzige Figur zu verfolgen. An allen Ecken und Enden zischten, sprühten, knatterten, krachten und knallten die Feuerwerkskörper um die Wette, so daß in einer kurzen Viertelstunde der auf eine halbe Nachtlänge berechnete Genuß vollständig abgethan war. Wie es sich später herausstellte, war dem hohen Herrn und Gastgeber die Geduld ausgegangen und er erteilte den Befehl, alles zum schleunigen Aufbruch vorzubereiten, nachdem das riesige Feuerwerk im beschleunigten Tempo in die Luft aufgeflogen war. Die Dampfer wurden geheizt, die Vorkehrungen zur Einschiffung getroffen, die Trommeln und Trompeten gaben die Signale zum Ausrücken der Truppen und gegen 10 Uhr abends bereits sah man den Vizekönig in seinem Dampfer heimwärts ziehen, zunächst gefolgt von den Schiffen, in welchen die Jäger ihren Platz eingenommen hatten, um die Rückreise nach Kairo einzuschlagen. Die übrigen Truppen schifften sich später ein und ihnen schlossen sich die würdigen Ulama an, deren Gesang, ein fortdauerndes »La illah il'aIlah!« »es giebt keinen Gott außer Gott«, über die Wasser des Niles noch lange in die stille Nacht hineintönte.

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Die Lampen wurden ausgelöscht, das Fest hatte sein[221]  jähes Ende erreicht und ich verschlief den übrigen Rest der angebrochenen Nacht in meinem Nilschiffe. Das war die große Einweihung der neu gegründeten Festung Sajidieh von der heutzutage niemand mehr spricht. Aber die Erinnerung daran ist mir bis zur Stunde im Gedächtnis lebendig geblieben, denn es war alles aufgeboten worden, um der geplanten Feier eineil recht morgenländischen Anstrich zu verleihen.



Die Heimkehr des reichen Mannes.










[222] Die Pfirsichbäume standen in Ägypten in schönster Blüte und der Rosenflor erfüllte die Luft mit seinem Dufte, als ich gegen Ende des Monats Februar meine Rückkehr nach der Heimat beschloß. Von meinem Schatze, in dessen Besitz ich durch die ganz unerwartete Freigebigkeit eines orientalischen Fürsten gekommen war, hatte ich nur wenig angegriffen, und ich überlegte im stillen, in welcher Weise ich ihn nutzbringend am besten verwerten könnte. Ich dachte sogar daran, mir ein Haus in Berlin zu kaufen, um selber einmal den Wirt zu spielen und mir ein festes Heim zu schaffen. Die Reisen wollte ich an den Nagel hängen und in meinen vier Pfählen einzig und allein meiner Wissenschaft und meiner Familie leben. Doch der Mensch denkt und Gott lenkt, wie es der Leser getreulich später erfahren soll, denn ich kaufte zwar ein Haus, aber mein kleines Vermögen, das an dem Hause haftete, verlor ich bis zum letzten Heller während meines dritten Aufenthaltes in Ägypten.
Auch meinen morgenländischen Gönner, Sajid Pascha, sah ich zu meinem höchsten Bedauern dem Verfall seiner Finanzen entgegeneilen. Als er am Anfang des Jahres 1863 das Zeitliche segnete, hinterließ er dem Lande eine Schuldenlast[222]  von 600 Millionen Mark, nachdem er es schuldenfrei nach dem Tode seines Vorgängers, des grausamen, aber sparsamen Abbas I. übernommen hatte. Er hatte am Schlusse seiner Regierung viele Enttäuschungen erleben müssen, als seine Lage sich von Tage zu Tage bedenklicher gestaltete, und nicht die letzte war es, daß die silbernen Knöpfe an den Uniformen seiner Soldaten und die diamantenen Abzeichen seiner Offiziere, die auf seinen Befehl in Gold umgesetzt werden sollten, sich als völlig wertlos erwiesen. Die Knöpfe entpuppten sich bei näherer Prüfung als versilbertes Messing, das ein französischer Fabrikant an Stelle echten Silbers geliefert hatte, und die Diamanten waren von ihren Trägern in Glas umgewandelt worden, nachdem sie die echten Steine gegen hohe Preise verkauft hatten. Selbst die kostbaren Stoffe, meist Stickereien auf Seide, die den Kriegern und Pferden zum Schmucke dienten, wurden hergenommen, um in bare Münze umgesetzt zu werden, aber niemand zahlte angemessene Preise, da die vorhandene Masse ihren Wert von vornherein herunterdrückte. Der Ruin war einmal da und Anleihen, es waren die ersten ägyptischen, die auf den Markt kamen, mußten aufgenommen werden, um die großen Löcher zustopfen zu helfen.
Die letzten Nachrichten aus der Heimat waren nicht dazu angethan, mich trotz meines eingebildeten Reichtums fröhlich zu stimmen. König Fried rich Wilhelm IV. litt unter den Folgen einer heimtückischen Krankheit, die sich allmählich bei ihm entwickelt hatte und von der ich zu meinem Schrecken durch eine Mitteilung A. von Humboldts die erste Kunde erhielt. Sie waren an einen konsularischen Freund gerichtet, dem der greise Gelehrte die folgenden Worte geschrieben hatte:
»Ich verdanke Ihrer zuvorkommenden Güte angenehme Nachrichten von der Abreise unseres teuren gemeinschaftlichen Freundes Dr. Br. nach Oberägypten, so wie einen überaus[223]  liebenswürdigen geistreichen Brief des Pascha Mahommed Said. Dieser Fürst weiß seine Sekretäre gut auszusuchen. In keiner europäischen Kanzlei weiß man seiner und geschmackvoller zu loben. Den Brief des Pascha habe ich teilweise dem Monarchen vorlesen können. Es ist derselbe Seiner Majestät um so angenehmer gewesen, als der König, aus großer Vorliebe für Br., auch während des ernsteren Stadiums der Krankheit, mich oft über ihn befragt hatte. Ich darf diesen Ausdruck meines Dankes nicht schließen, ohne Ew. Wohlgeb. die fröhliche Nachricht der auffallend fortschreitenden, wenngleich langsamen Genesung des Königs, die wir seit der Übersiedlung nach Charlottenburg, genauer seit 10 bis 12 Tagen (im Physischen und auch im Gemütlichen, die Deutlichkeit der Rede betreffend) verspüren. Schonung von allen Geschäften wird aber gewiß noch 6–8 Monate lang notwendig bleiben.«
Meine im Anfang des Monats März 1858 erfolgte Rückkehr nach Berlin hatte mich mit einem neuen Schreck erfüllt. In aller Frühe des Morgens erwartete mich mein Vater auf dem Schlesischen Bahnhofe, aber wie schnürte es mir das Herz zusammen, als ich an Stelle des kräftigen schönen Mannes, wie ich ihn wenige Monate vorher verlassen hatte, eine kranke, elende Gestalt vor mir sah. die mich mit thränendem Auge begrüßte. Auf meine hastige Frage, was vorgefallen sei, gab er nur die eine Antwort: »Mein Sohn, entsetze Dich nicht! Dir darf ich es sagen, daß ich nach drei Monaten diese Welt verlassen muß.« Er hat leider allzu pünktlich Wort gehalten, denn genau drei Monate nach meiner Heimkehr drückte ich ihm die müden Augen zu. Er starb ein Opfer seines militärischen Berufes, den er, ohne jede Schonung seines leidenden Zustandes, fast bis zum letzten Atemzuge in getreuester Pflichterfüllung ausübte. Meine eigene Familie bestand damals außer meiner Frau aus drei Kindern:[224]  zwei Söhnen und einer Tochter; durch den Tod meines Vaters fiel mir die Sorge für die Erhaltung meiner verwitweten Mutter und meines um 15 Jahre jüngeren Bruders zu, des einzigen, den ich besaß und der heute, mit dem Range eines Bey bekleidet, eine ehrenvolle Stellung als Konservator am vizeköniglichen Museum in Giseh bekleidet.

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Tiefe Bekümmernisse erfüllten mein Inneres, besonders bei dem Gedanken an die nächste Zukunft und an die Pflichten, die das Schicksal mir, dem jungen Ernährer einer sechsköpfigen Familie, auferlegt hatte. Sie zu betäuben, nahm ich zu dem besten Mittel meine Zuflucht, indem ich mich der Fortsetzung meiner ägyptischen Arbeiten überließ und in den täglichen Funden und Entdeckungen mit Hilfe des von mir auf meinen beiden Reisen in Ägypten gesammelten Materials die wahre Freude meines Daseins empfand. Mein Umgang beschränkte sich auf wenige gleichgesinnte Altersgenossen, die den verschiedensten Berufen angehörten und sich nach vollbrachter Tagesarbeit regelmäßig einmal in der Woche zu einem munteren Abendkränzchen vereinigten. Floß auch in den Adern der meisten kein Berliner Blut, so gelangte dennoch der Berliner Witz zur vollsten Geltung. Da nicht bloß »studierte Leute«, sondern auch Künstler, namentlich Afinger, Blaeser, Hildebrandt, Meyerheim u.a., und nicht zu vergessen der damalige Sodawassererzeuger Marsch zu unserem Kreise gehörten, so durfte er sich mit Recht einer gewissen Vielseitigkeit rühmen, der es niemals an Stoff zu fesselnden oder munteren Unterhaltungen gebrach.
Außerhalb dieses abgeschlossenen Zirkels waren es besonders drei Persönlichkeiten, mit denen das Schicksal mich in Berührung brachte und von denen die beiden ersten eine fühlbare Wirkung auf mein späteres Schicksal ausübten. Ihre Namen: Fürst Pückler-Muskau, Baron Jul. von Minutoli[225]  und Lassalle habe ich nur anzuführen, um meine Zeit genossen an die Bedeutung eines jeden einzelnen zu erinnern.
Der Fürst gehörte zu den bekanntesten Persönlichkeiten am Hofe und in der vornehmen Berliner Gesellschaft, in der er sich trotz seiner 73 Jahre mit beinahe jugendlicher Leichtig keit bewegte und eine unwiderstehliche Anziehung ausübte. Sein ganzes Wesen bis zum Ausdruck der Sprache hin ließ den hochgebildeten Weltmann erraten, der Länder und Völker gesehen und mit den Großen dieser Erde in vielfache Berührung gekommen sein mußte. Und so war es in der That, denn seine Reise in Ägypten und im Sudan zur Zeit des Vizekönigs Mehemmed Ali und seine Wanderungen in Vorderasien, um nur an seine exotischen Pilgerfahrten zu erinnern, verschafften ihm einen weit über die Grenzen des Vaterlandes verbreiteten Ruf, nachdem er in seinem fünfbändigen Werke:»Semilasso in Afrika« und in ähnlichen Veröffentlichungen in der Mitte der dreißiger Jahre sich als hervorragender Schriftsteller offenbart hatte. Die Angriffe, welche die formgewandte Feder Fallmerayers in der ersten Hälfte der vierziger Jahre gegen »Semilasso« und »den Verstorbenen« richtete, berührten niemals den litterarischen Wert der Schriften des, Fürsten; sie verurteilten nur seine darin ausgesprochenen Ansichten über Mehemmed Ali und das ägyptische Fellachentum, sowie seine Vorschläge, deutsche Kolonien nach dem Nilthale zu senden. In letzterer Beziehung stand der Fürst nicht allein da. Noch im Jahre 1868 war es einem deutschen Schriftsteller, Hans Wachenhusen, vorbehalten, den Vizekönig Ismael und seinen Minister Nubar für denselben Vorschlag zu erwärmen, freilich ohne Erfolg, nachdem eine Hauptbedingung dafür sich als unerfüllbar herausgestellt hatte.
Der »alte Fürst«, wie er in Berlin genannt wurde, war[226]  eine heitere, lebensfrohe Natur, die sich selbst durch die natürlichen Einwirkungen des zunehmenden Alters nicht beirren ließ. Berühmt durch seine erfolgreiche Thätigkeit auf dem Gebiete der Gartenkunst, hatte er doch seine öde Standesherrschaft Muskau in der Lausitz in einen herrlichen Park umgewandelt, und allbekannt durch seine Küche und seinen Feingeschmack, verlebte der Fürst die Wintermonate in Berlin, die er regelmäßig im ersten Stockwerk des damals bestehenden Hotels de Russie (hinter dem Kommandanturgebäude, in der Nähe der Schloßbrücke) zu verbringen pflegte. Für den Sommer liebte er es, seinen Aufenthalt im Schlosse Branitz bei Kottbus zu nehmen, nachdem er Muskau an den Prinzen Friedrich der Niederlande verkauft hatte. Schon am Anfang des Jahres 1857 war ich dem Fürsten durch ein Schreiben Alexander v. Humboldts empfohlen worden. Der betreffende Brief, von dessen Inhalt ich keine Kenntnis besaß, ist mir ganz vor kurzem und zu meiner eigenen Überraschung durch seinen gegenwärtigen Besitzer, Herrn Dr. Karpeles, abschriftlich mitgeteilt worden. Die auf mich bezügliche Stelle in demselben: »Angenehm von Sitten, in Frankreich und England geachtet, besitzt er ein seltenes Talent »Deutsch« zu schreiben. Ihnen, Meister in dieser Kunst, darf er von dieser Seite empfohlen werden,« lehrt aufs neue, wie ein A. v. Humboldt zu loben verstand.


Nachdem ich die Ehre gehabt hatte, ihm vorgestellt worden zu sein, erwachte seinerseits eine Zuneigung für meine Person, die vielleicht mit unserer gemeinschaftlichen Sehnsucht nach dem gelobten Lande Ägypten in Zusammenhang stand. Ich hatte das Glück, sein ständiger Hausfreund zu sein, seine Besuche in meinem bescheidenen Heim zu empfangen und an seinen Ausfahrten teilzunehmen, bei denen er selber die Pferde mit sicherer Hand zu führen pflegte. Seine Mittagsmahle im[227]  Hotel bestanden regelmäßig aus einer Auswahl erlesenster Gerichte, wozu die Besitzung Branitz das Geflügel, die Eier und die Butter lieferte, und niemals ließ er sich es nehmen, die Salate von anderen Händen bereiten zu lassen. Er führte dies Kunststück selber aus und jedesmal, wenn ich auf einer Speisenkarte in Berlin oder im Auslande »Salate du Prince Pueckler« las, ward ich im Geiste nach dem Hotel de Russie versetzt.
Dem ehemaligen Reisenden im Orient war es angenehm, von seinen Erinnerungen an Mehemmed Ali zu reden und sich seiner Erfindungen während seiner Wanderungen zu rühmen. Dazu gehören die sinnreiche Zusammenstellung eines kleinen Kochapparates für flüssige und feste Speisen, den man thatsächlich bequem in die Tasche stecken konnte und der allen Anforderungen genügte. Eine zweite Erfindung bestand in einer Vorrichtung, um bei einem Aufenthalte in der Wüste während der Nacht Löwen und – Mücken von sich abzuwehren. Zu Nutz und Frommen aller Afrikareisenden will ich das Geheimnis verraten. Es besteht aus einem einfachen Sacke aus weißem Kattun, in den der Reisende hineinkriecht. Er endet nach dem Kopfe zu in eine Art von Haube aus Gazestoff, die am Scheitel durch eine Schnur verschließbar ist. Man befestigt sie an einem in einen Baum oder in die hölzernen Zeltstangen eingetriebenen Nagel. Den Löwen verscheucht das Unheimliche des Anblickes, – man denke, ein weißer Sack, der sich stellenweise bewegt, – und der Mückenstachel ist unvermögend, durch den Stoff hindurch den lebendigen Inhalt zu erreichen.
Die Gesellschaft beim Fürsten war stets auch in geistiger Beziehung eine auserlesene und die Gegenstände der Unterhaltung blieben allem Gewöhnlichen oder Unbedeutenden fern. Das Salz der historischen Anekdote würzte sie und gab ihr häufig einen pikanten Beigeschmack.[228]  Nicht selten ereignete es sich, daß mein Pate, Fürst Heinrich von Carolath, und sein Freund, der Dichter Geibel, außer ihnen der bissig aufgeregte Zwerg meines Paten, sich im Hotel zusammenfanden, um eine Partie Whist miteinander zu spielen, wobei Gespräche über Tagesfragen die Pausen auszufüllen pflegten. Vor allem war es der verschlimmerte Gesundheitszustand unseres Königs, der den Stoff dazu lieferte und Befürchtungen hervorrief, die man so gern als unnötig bezeichnet hätte. Am 7. Oktober 1858 war Prinz Wilhelm von Preußen zum Regenten ernannt und damit eine neue Ära der Geschicke unseres Vaterlandes eingeleitet worden.
Mir selber wurde es klar, daß für mich selber eine neue Zeit hereingebrochen war und daß ich alles aufzubieten hatte, um auf eigenen Füßen stehen zu lernen. Auch die Tage A. von Humboldts waren bereits gezählt. Wennschon der angehende Neunziger seine alte Schaffenskraft sich erhielt und bis in die späte Nacht hinein an der Vollendung seines Kosmos arbeitete, so hatte sein vorgerücktes Alter, aber in gleichem Maße die Leiden des königlichen Dulders auf Körper und Geist des Urgreises ihre störenden Wirkungen ausgeübt. Dazu kam, daß liebgewordene Gewohnheiten, die ihn täglich in die Nähe und die Gesellschaft seines königlichen Freundes an den Hof in Berlin, Sanssouci oder Charlottenburg geführt hatten, mit einem Schlage abgebrochen waren, so daß seine früheren Einflüsse ihre segensreichen Erfolge verloren. Es ist wahr, daß der berühmte Gelehrte und Nestor der Wissenschaft von dem Prinzen von Preußen und von seiner erlauchten Gemahlin, der späteren Kaiserin Augusta, durch Auszeichnungen und Aufmerksamkeiten voller Zartgefühl geehrt wurde, aber es wurde ihm schwer, sich in die neuen Verhältnisse zu schicken und warmen Anteil an Ereignissen zu nehmen, die früher seinen Geist so lebhaft beschäftigt hatten. Seine Widersacher,[229]  und er halte deren in schwerer Menge, triumphierten freilich über das Erbleichen und Versinken des leuchtenden Sternes, sie entblödeten sich nicht, gelegentlich von »dem bekannten Touristen Humboldt« zu sprechen und seine hohen wissenschaftlichen Verdienste in den Hintergrund zu drängen, aber sie vergaßen, daß vor dem Ruhme seines Namens und seiner Arbeiten die ganze Welt sich verehrungsvoll beugte.

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Dankbar muß ich es bekennen, daß Fürst Pück ler aus freiem Antriebe sich bewogen fühlte, mich von diesen Zeitläuften an unter seinen persönlichen Schutz zu stellen. Ihm allein schuldete ich die Auszeichnung, im Jahre 1863 zum Konsul Preußens in Kairo ernannt zu werden, wie es der Leser später ausführlicher erfahren soll.
Die zweite Persönlichkeit, mit der ich im Jahre 1858 in nähere Berührung trat, war Dr. Ferd. Lassalle, dessen Namen ich nur zu nennen brauche. um eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten in das Gedächtnis zurückzurufen. Zu meiner Überraschung erschien er eines Tages in meiner Wohnung, um mir sein eben vollendetes Werk »Die Philosophie Herakleitos des Dunkeln von Ephesos« als Angebinde seiner Hochachtung zu überreichen und daran die Bitte zu knüpfen, ihn in Zukunft als seinen Schüler betrachten zu wollen. Er sei entschlossen, seine Zeit auf eine Reihe von Jahren ausschließlich wissenschaftlichen Untersuchungen zu widmen, nachdem auf Böckhs, des berühmten Hellenisten, und A. v. Humboldts Empfehlung und Vermittlung seine bereits beschlossene polizeiliche Ausweisung aus Berlin rückgängig gemacht worden sei. Er wolle sich allen Ernstes mit altägyptischen Studien beschäftigen und ersuche mich inständigst, ihn als Schüler nicht zurückzuweisen. Er sei zu alt, um mitten unter jungen Studenten im Kolleg zu meinen Füßen zu sitzen und zöge deshalb die Form eines regelrechten Privatissimum vor. Auf meine[230]  Frage, welchen besonderen Zweck er mit seinen zu erwerbenden ägyptischen Kenntnissen verbinden wolle, erwiderte er mir, er habe es sich in den Kopf gesetzt, das altägyptische »Totenbuch« von Anfang bis zu Ende zu übertragen und zu erklären. Lächelnd bemerkte ich ihm, daß dies eine Aufgabe sei, die kaum in hundert Jahren gelöst werden könne, aber sein Entschluß stand einmal fest, und er entgegnete mir einfach: »Was ich will, das kann ich, ich werde die Aufgabe lösen, denn gerade die Schwierigkeiten sind es, die einen besonderen Reiz auf mich ausüben.«
Lassalle war damals 33 Jahre alt. Unser L. Pietsch hat in seinem reizenden Buche »Wie ich Schriftsteller geworden bin« die äußere Erscheinung des sozialdemokratischen Agitators mit überraschender Treue und Wahrheit geschildert und die Eigenheiten seines Charakters mit richtigen Strichen gezeichnet. Einen Grundzug seines Charakters bildete das Leidenschaftliche und Aufbrausende, mit dem die Sucht nach Rechthaberei verbunden war. Es hat mich in der Folge viel Mühe gekostet, in den verabredeten Stunden den Eigensinn des Schülers zu zähmen. Häufig kam es vor, daß ich in einer gewissen Erbitterung die Stunden aufgab, worauf regelmäßig Lassalle in erregtester Stimmung Briefe an mich vom Stapel ließ, die meist mit den Worten »Zum Teufel auch« begannen.
Als ich ihn zum erstenmal kennen gelernt hatte, wohnte er, wie der Berliner zu sagen pflegt, Chambre garnie in einem Eckhause, das an der Behren- und Mauerstraße gelegen war. Später gründete er sein eigenes Haus in der Bellevuestraße, dicht neben der Wohnung von Fräulein Ludmilla Assing. Sein Heim war für damalige Verhältnisse vornehm eingerichtet, eine prachtvolle Bibliothek befand sich in dem Saale, der sein Arbeitszimmer bildete und von welchem aus eine[231]  Glasthür nach einem Treibhause mit exotischen Pflanzen führte. Selbst ein Diener fehlte nicht, um der Befehle des Herrn gewärtig zu sein und der gnädige Herr war bisweilen sackgrob. Lassalle führte ein Dasein im vornehmen Stile und nur in seinen Unterhaltungen entwickelte er sozialdemokratische Ideen, die im vollsten Gegensatze zu seinem wirklichen Leben standen.
Es ist bekannt, daß die Gesellschaften, die sich auf besondere Einladungen in seinem Hause vereinigten, zu den gewähltesten gehörten, sei es mit Rücksicht auf die Stellung und den Namen der eingeladenen Gäste, sei es mit Bezug auf ihre geistigen Vorzüge. Fürst Pückler-Muskau, General von Pfuel, Hans von Bülow, um nur einige Namen zu nennen, folgten gern den Einladungen des geistreichen und gelehrten Wirtes, wobei die Gräfin von Hatzfeld so gütig war, die Honneurs des Hauses zu machen. Die Bewirtung ließ an Auswahl und Feinheit der aufgetragenen Gerichte und der kredenzten Weine nichts zu wünschen übrig, und Lassalle schien seelenvergnügt zu sein, wenn das Lob seiner Tafel aus dem Munde der Gäste erschallte. Die Unterhaltung bewegte sich natürlich in den gewähltesten Formen; sie war stets anregend geistvoll, und jeder der Teilnehmer konnte behaupten, einen Gewinn für sich aus ihr davongetragen zu haben.

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Unsere Bekanntschaft, durch meine späteren Reisen nach Persien und Ägypten jeweilig unterbrochen, dauerte bis zu seinem Tode. Meine Vorstellung, daß Lassalle auf dem altägyptischen Gebiete nichts Besonderes leisten würde, hat sich vollauf bestätigt, denn es ist die Eigentümlichkeit dieser Studien, daß sie die ganze Zeit und Arbeitskraft eines Mannes verlangen und somit keine Gelegenheit bieten, sich mit andern Dingen eingehend beschäftigen zu können. Daß Lassalle ein ebenso gescheiter als hochgebildeter und wissenschaftlich unterrichteter Mann war, steht unzweifelhaft fest. Sein Scharfsinn[232]  schreckte vor keinen Schwierigkeiten zurück, aber dem Ägyptischen gegenüber fehlte es ihm, wie ich vorher bemerkt hatte, an der nötigen Zeit und Ruhe, um die Rätsel der Vorzeit zu lösen und seinen Namen durch seine Leistungen auch auf diesem Felde zur Berühmtheit zu bringen. Immerhin gedenke ich der Berührungen mit Lassalle nicht ohne einiges Vergnügen und rufe mir häufig die angenehmen Stunden in das Gedächtnis zurück, die ich in seiner Häuslichkeit verbracht habe.
Die dritte Persönlichkeit, mit der ich zu verkehren die Ehre hatte, war, wie die beiden vorangehenden, allen damaligen Berlinern wohlbekannt. Der Freiherr Julius v. Minutoli bekleidete längere Zeit die Stellung eines Polizeipräsidenten von Berlin, der die Märztage des Jahres 1848 ein jähes Ende bereiteten. Ich habe schon oben der Teilnahme gedacht, die er dem jungen Gymnasiasten in vollstem Maße entgegentrug, wohl zunächst aus dem besonderen Grunde, daß Ägypten und das ägyptische Altertum einen besonderen Reiz auf ihn ausübte.
Sein Vater, der General H. C. Menu von Minutoli, gehörte in die Zahl der älteren Reisenden, die Ägypten und Nubien in den Jahren 1820 und 1821 unter der Herrschaft Mehemmed Alis besucht und ihren Weg sogar bis zu der Oase des Jupiter Ammon ausgedehnt hatten. Seine Bemerkungen über das alte und neue Ägypten verrieten den Kenner, der mit offenem Auge die Vergangenheit und Gegenwart des Orients betrachtete und seinen Vorstellungen darüber einen anziehenden litterarischen Ausdruck verlieh.
Das ägyptische Museum in Berlin verdankt ihm wertvolle Beiträge antiker Schätze, die der General aus dem alten Pharaonenlande nach der Heimat geführt hatte, während ein anderer Teil im Besitze der Familie verblieb. Dieser letztere war es, der meine häufige Verbindung mit dem ehemaligen[233]  Polizeipräsidenten Berlins herbeiführte, die später, seltsam genug, die Veranlassung zu meiner Reise nach Persien darbot.
Nach den Märztagen war Herr J. von Minutoli genötigt worden, sich zeitweilig aus dem Staatsdienst zurückzuziehen. Er benutzte die freie Zeit, Vorlesungen an der Universität zu Berlin zu hören, und ich erinnere mich, häufig an seiner Seite gesessen zn haben, um den geographischen Vorträgen unseres großen Ritter zu lauschen. Später trat er von neuem in den Staatsdienst ein, um in seiner Eigenschaft als Generalkonsul die Interessen unseres preußischen Vaterlandes in Spanien und Portugal zu vertreten. Der liebenswürdige Mann hatte die Güte, von seinem Aufenthaltsorte Barcelona aus in den regsten brieflichen Verkehr mit mir zu treten, mich von den Nachgrabungen und Funden in Spanien in Kenntnis zu setzen und seine Teilnahme soweit auszudehnen, meine Mitgliedschaft von zwei spanischen Akademien an Ort und Stelle zu beantragen und zu erreichen. Wie ich nachträglich bemerken will, erfreute er sich während seines ganzen Aufenthaltes in Spanien der besonderen Huld der damaligen Königin Isabella.



Alexander von Humboldts Abscheiden.










[234] Kaum ein Jahr nach dem Tode meines eigenen Vaters sollte ich den großen Schmerz erleben, Alexander v. Humboldt am 6. Mai 1859, zweieinhalb Uhr nachmittags, aus dem Leben scheiden zu sehen und somit einen väterlichen Beschützer ein für allemal zu verlieren. Schon einige Monate vor diesem traurigen Tage fühlte der unvergleichliche Gelehrte und Menschenfreund die zunehmende Abnahme seiner Kräfte. Der sogenannte Pruritus senilis quälte ihn bei Tag und bei[234]  Nacht und nach seinem eigenen Ausdruck war es ihm öfters, als müsse er aus der Haut fahren. Nichtsdestoweniger setzte er seine Arbeiten an dem Kosmos mit ununterbrochenem Eifer fort, um noch vor seinem Tode sein Lebenswerk, die ganze Summe seiner Studien umfassend, der Nachwelt als ein Erbe seines Geistes zu hinterlassen. Nebenbei ordnete er seine Papiere und bereitete sich männlich für sein nahes Ende vor. So oft ich die Gelegenheit hatte, A. von Humboldt während dieser Zeit zu sehen, konnte ich nur mit tiefster Rührung sein Zimmer verlassen, denn er klagte, wie viel ihm noch zu thun übrig bleibe, um sein Werk zu vollenden, und wie er selber daran zweifeln müsse, sein Ziel zu erreichen.
Bei einem meiner Besuche erhielt ich zu meiner größten Überraschung aus seinen Händen die ungeordneten Sammlungen zu einer von ihm begonnenen, aber unvollendet gebliebenen Arbeit über die Entstehung der Ziffern und den Ursprung der Rechenmethoden bei den verschiedenen Völkern der Erde. Die Sammlung, die zum größten Teil von ihm eigenhändig auf Blättern und Zetteln niedergeschrieben ist, enthält außerdem wertvolle Beiträge in den brieflichen Mitteilungen von berühmten zeitgenössischen Gelehrten, die auf die an sie gerichteten Fragen im Bezug auf den Gegenstand seiner Untersuchungen ausführliche Antworten erteilt hatten.»Ich übergebe Ihnen diese Handschrift«, so redete er mich an, »um sie nach meinem Tode zu veröffentlichen. Es sind wilde Materialien, an welchen ich vierzig Jahre lang gesammelt habe, um sie dereinst in aller Muße zu verarbeiten. Meine Tage sind gezählt, und so übergebe ich Ihnen, der über die Zahlzeichen und das Rechnungswesen der alten Ägypter sich so eingehenden Forschungen hingegeben hat, dies Manuskript mit der Bitte, die Aufgabe in meinem Sinne zu lösen. Die Aufschrift, welche sich von meiner Hand niedergeschrieben auf dem Umschlage[235]  befindet, soll dazu dienen, Ihr Eigentumsrecht vor aller Welt zu bestätigen.«
Ein Schlaganfall, welcher mitten bei der nächtlichen Arbeit den hochberühmten Nestor der Wissen schaft getroffen hatte, nötigte ihn, die Feder für immer niederzulegen, um seinen Tod in dem Bette seines Alkovens mit philosophischer Ruhe zu erwarten. Ganz Berlin nahm den innigsten Anteil an seinem Leiden, und selbst die Prinzessinnen des königlichen Hauses fühlten sich bewogen, bei seinem Heim vorzufahren, sich nach seinem Ergehen zu erkundigen und Blumenspenden zu hinterlassen. Auf seinen besonderen Wunsch wurde ich wenige Tage vor seinem Abscheiden zu ihm gerufen, um Abschied von ihm zu nehmen und seinen letzten Händedruck zu empfangen. Ich war überrascht, aus seinen Zügen keineswegs die Vorboten des nahen Todes herauszulesen und in seinem Gespräch die frühere Lebendigkeit und die Teilnahme an wissenschaft lichen Dingen wiederzufinden. Als er Thränen in meinem Auge sah, bemerkte er mit Lächeln in seinen Zügen, »meine Zeit ist gekommen, und ich sterbe ruhig, denn Sie wissen, was ich davon denke.« Dann sprang er plötzlich und mit einer gewissen Bitterkeit zu einem Gespräche über, das den Charlatanismus in der Wissenschaft berührte. Herr Dr. R...., »der so wichtige Entdeckungen auf dem Gebiete des tierischen Galvanismus gemacht hat, scheut sich nicht, dieselben in marktschreierischer Weise auszubeuten, um ein Geld einbringendes Geschäft damit zu verbinden. Er gehört freilich zu denen, die durch das Rote Meer gezogen sind, allein seine wissenschaftliche Bedeutung hätte ihn abhalten sollen, aus seinen Entdeckungen ein gewinnreiches Geschäft zu machen.« Mit diesen Worten drückte er seinen Unwillen über das Gebahren eines damals sehr bekannten gelehrten Arztes aus.

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Im Verlauf der weiteren Unterhaltung befragte er mich[236]  über den neuesten Stand meiner Studien und gab mir Lehren für meinen späteren Lebensweg, wie sie der Vater auf seinem Sterbebette einem geliebten Sohne an das Herz zu legen pflegt. Tief erschüttert verließ ich das enge Gemach, in dem bald darauf der größte Geist unseres Jahrhunderts vom Leben Abschied nehmen sollte.
Für die Beisetzung A. von Humboldts im Dome zu Berlin war die achte Morgenstunde bestimmt. Eine unglaubliche Menschenmenge hatte sich lange vor der angesetzten Zeit in der Nähe des Sterbehauses eingefunden, um durch ihre Anwesenheit ihre Teilnahme zu bekunden. Zu den ersten, die sich dem Trauergeleit anschlossen, gehörten die Vertreter der Stadt Berlin, die ihrem Ehrenbürger diese letzte Huldigung auf Erden bezeugten. Selbstverständlich bildete die gelehrte Welt den Hauptteil der Leidtragenden. Der Leichenzug, der nicht enden zu wollen schien, schlug den Weg nach der Friedrichstraße ein und bog bei seiner Ankunft Unter den Linden in der Richtung nach dem Dom ein. Meine Wenigkeit als Privatdozent an der Berliner Universität befand sich unter den letzten im Zuge, aber tiefer konnte niemand den Schmerz empfinden, der meine Brust bei dem Gedanken an den Verlust des Unvergeßlichen erfüllte, der mit so mächtiger Hand in mein Leben eingegriffen hatte, nachdem er das Soldatenkind aus dem Staube zu sich emporgehoben hatte.
Ich stand jetzt ganz allein ohne Ratgeber in der Welt da und bedurfte aller Energie, um mich aufrecht zu erhalten und aus reinster Liebe zur Wissenschaft den schweren Kampf um das Dasein zu bestehen. Ich hatte Freunde, die mich stützten und meinen gesunkenen Mut zu heben versuchten, aber die stille Klage um den Verlorenen wollte nicht schweigen, denn niemand in der Welt schien mir im stande zu sein, einen Alexander von Humboldt zu ersetzen. Die Zeit der Trauer[237]  ging allmählich vorüber, ich fing an mich in das Unvermeidliche zu schicken und meine Zukunft Gottes Güte anheimzustellen. Ich war verwegen genug, selbst an das islamische Kismet zu glauben und in die Zukunft mit weniger trüben Blicken hineinzusehen.[238] 



Meine erste persische Reise.










[241] Es war nach seiner Rückkehr aus Spanien, daß mich eines Tages der Baron von Minutoli durch seinen Besuch überraschte, um mir den Antrag zu stellen, mit ihm gemeinschaftlich eine mehrjährige Reise nach Persien anzutreten. Er erklärte mir, daß man ihn zum Ministerresidenten ernannt und ihm die Wahl eines Postens in drei exotischen Ländern freigelassen habe. Darunter befände sich Persien. Er wolle die Reise antreten, wenn ich mich entschließen könnte, ihn auf derselben zu begleiten, natürlich in einer amtlichen Eigenschaft und mit dem Titel eines königl. preußischen Vizekonsuls. Er machte geltend, daß das moderne Persien ein wenig bekanntes Land sei, dem aber ein poetischer Beigeschmack nicht fehle, so daß die Reise neben der Erfüllung der patriotischen Zwecke der Mission auch einen gewissen Genuß darbieten dürfe.
Was hatte ich in Berlin zu verlieren oder zu gewinnen? Ich nahm ohne lange Überlegung den Antrag an, überzeugt in der Anwesenheit eines liebenswürdigen und menschenfreundlichen Chefs einen Ersatz für die Trennung von Heimat und[241]  Familie zu finden. Freilich empfand ich es wie einen Stich ins Herz, daß ich auf lange Zeit gezwungen sein würde, meinen ägyptischen Studien ein Valet zu sagen, aber es tröstete mich der Gedanke, in eine neue Welt im Osten einzuziehen und dort manche Kränkung zu vergessen, die mir besonders in der letzten Zeit den Aufenthalt in meiner eigenen Heimat verbittert hatte. War es doch soweit gekommen, daß der geschickte Zeichner Weidenbach, der an dem großen ägyptischen Denkmälerwerke arbeitete, die Weisung erhielt, für mich selber keinen Strich zu zeichnen, und daß die hieroglyphischen Typen der hiesigen akademischen Buchdruckerei zum Drucke meiner eigenen Bücher keine Verwendung finden durften.
In ungefähr einem Monat erlernte ich die persische Sprache, wobei mir der 65 Jahre alte Lektor an der hiesigen Universität Pietrazewski die ersten Anweisungen gab. Es ist derselbe, der unserer Mission als Dragoman im Lande der Sonne leuchtete. Auch er ist längst in das Reich der Schatten hinabgestiegen, aber ich darf mich noch heute rühmen, sein braver Schüler gewesen zu sein, der gleich nach unserer Ankunft in Persien die Arbeit übernahm, die Mühe des Dolmetschens mit dem Lehrer zu teilen.
Die Vorbereitungen zur Abreise waren bald erledigt, obgleich es in Berlin ein wenig schwer hielt, die Reisebedürfnisse eines Europäers für die Residenzstadt Teheran mitten im Herzen von Asien zu beurteilen. Meine Freunde, an deren Spitze sich die Bildhauer Bläser und Affinger und der Maler W. A. Meyerheim befanden, gaben mir ein Abschiedsfest, das an Fröhlichkeit seinesgleichen suchen soll. Es bestand in einem abendlichen Festessen, verbunden mit inhaltreichen Wandbildern, die mit Hilfe einer Laterna magica, deren Gläser Meister Meyerheim buntfarbig bemalt hatte, höchst kunstgerecht zur Darstellung gelangten.[242]  Am 5. Februar 1860 abends 7 Uhr verließ ich Berlin, um mit den übrigen Mitgliedern der Mission in Wien am nächsten Tage zusammenzukommen. Zu den Mitreisenden gehörte ein Galizier, der auf seine Regierung mit ihren papiernen Guldennoten schlecht zu sprechen war und mir unaufhörlich die Frage vorlegte:»Kann ein Diener glücklich sein, wenn sein Herr kein Geld hat?« worauf ich ihm einfach erwiderte: »Ja, wenn der Diener selber Geld hat.«
In Triest besuchte ich meinen alten Freund, den Hofmaler Fiedler, einen geborenen Preußen, der sein großes und herrliches Bild, die Wüste bei Assuan, damals gerade vollendet hatte. Mit dem Lloydschiffe setzten wir nach Stambul über, nichts weniger als erfreut durch die gewaltigen Kotberge und die schmutzigen Gießbäche, welche das Straßennetz erfüllten. Die Besichtigung der Stadt, die ich zum erstenmal in meinem Leben besuchte, nahm ein paar Tage in Anspruch, und als Mitglied der ersten preußischen Mission nach Persien hatte ich die Ehre, den berühmtesten Personen der östlichen diplomatischen Welt vorgestellt zu werden. Ich rechne dazu den türkischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten Fuad-Pascha, den Präsidenten des Tansimats und den eigentlichen Reformer der Türkei Ali-Pascha, den Präsidenten des Staatsrats Kiamil-Pascha, den inngen Fürsten Alexis Labanoff, welcher als russischer Gesandter in Stambul residierte, Muchlis-Pascha, einen preußischen, in türkischen Diensten stehen den Militär, dessen eigentlicher Name Kuzkowski lautete, und viele andere Versonlichkeiten von Rang und Stellung inner halb oder außerhalb der Türkei.

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Der 26. Februar war der große Tag, an welchem die Mitglieder nuserer Mission durch den preußischen Gesandten Grafen von der Goltz und durch Fuad-Pascha nach dem türkischen Hofzeremoniell dem Großsultan Abdul-[243]  Medschid-Chan vorgestellt wurden. Der Beherrscher aller Gläubigen stand damals im 37. Lebensjahre, machte aber bereits den Eindruck eines durch Krankheit gealterten Mannes.
Auf einem österreichischen Lloydschiffe verließen wir am 2. März Konstantinopel, um die eigentliche Reise nach Persien auf der asiatischen Seite unseres Erdballes anzutreten. Wir erreichten Trapezunt, wo selbst damals der gelehrte Orientalist Dr. Blau seines Amtes als preußischer Konsul waltete. Er hatte vor unserer eigenen Mission eine Dienstreise nach der türkisch-persischen Grenze unternommen, seinen Weg bis nach der großen persischen Handelsstadt Täbris ausgedehnt und in einem handelspolitischen Berichte, der im Druck erschien, seine Beobachtungen und Erfahrungen niedergelegt. Von Trapezunt aus führt noch heute eine Karawanenstraße nach der eben erwähnten Stadt. Schlechte Witterungsverhältnisse, die um diese Zeit in dem rauhen Gebirgslande herrschen, sowie die Langsamkeit der Bewegung der Karawane hatten unsern Chef bewogen, diese Straßen aufzugeben und den Weg nach Persien durch das russische Kaukasien einzuschlagen. Zur See traten wir die Weiterreise an, landeten bei Batum, damals einer armseligen, aus wenigen Hütten und Häusern bestehenden türkischen Ansiedelung, die heutzutage in den Besitz Rußlands übergegangen ist und sich gegenwärtig zu einer ansehnlichen russischen Handelsstadt, am Ausgangspunkt einer Eisenbahn nach dem Kaspischen Meere, entwickelt hat. Nach einer Weiterfahrt von wenigen Stunden liefen wir in den Rion-Fluß ein, den Phasis der Alten, verbrachten die Nacht in der fieberreichen Militärstation von Poti, um später auf einem Flußdampfer und schließlich in russischen Kibitken die letzte Strecke nach Tiflis zurückzulegen. Fußhoher Schnee erfüllte die Gebirgs. pässe, eine grimmige Kälte durchzitterte unsere Glieder, aber glücklich erreichten wir die Hauptstadt des Kaukasus, in welcher[244]  die russische Armee, kurz nach Eroberung des Tscherkessengebietes, ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte.
Es kann nicht meine Aufgabe sein, die einzelnen Persönlichkeiten zu schildern, von dem Generalgouverneur des Kaukasus Fürst Bariatinsky an, mit denen wir in Berührung kamen. Es genüge zu wissen, daß wir uns allenthalben einer zuvorkommenden Aufnahme erfreuten und daß dem Fürsten selber mein Name wohlbekannt war, da er sich durch Ankauf der großen Bibliothek eines russischen Ägyptologen in den Besitz einer ägyptischen Bücherei gesetzt hatte, die an Vollständigkeit kaum übertroffen werden konnte. Unsere Reise zu Lande von Tiflis aus durch das gebirgsreiche armenische Gebiet bis zur russisch-persischen Grenze am Araxes ging ebensowohl ohne Unfall von statten, als sie uns täglich die reichste Gelegen heit darbot, Land und Leute in allen Einzelheiten auf das genaueste kennen zu lernen. Jenseits des Araxes berührten wir das eigentliche Gebiet Persiens. Wir hatten das Glück, von einem persischen Reisemarschall empfangen und den drei Wochen langen Weg über Täbris nach der Haupt- und Residenzstadt des Schah von Persien geleitet zu werden. Ich habe in einem zweibändigen Werke, das unter dem Titel »Reise der ersten preußischen Gesandtschaft nach Persien« gleich nach meiner Rückkehr in die Heimat erschien, den Versuch gewagt, die Erlebnisse, die Beobachtungen und die Erfahrungen unserer Mission in möglichster Vollständigkeit zusammenzustellen, um dem deutschen Leser ein Bild Persiens zu geben, wie es uns heutzutage mit allen seinen Eigentümlichkeiten und Sonderbarkeiten entgegentritt.
Der Beherrscher dieses großen Landes, das an Umfang Deutschland dreimal übertrifft, aber höchstens sieben Millionen Einwohner zählt, war der damals dreißigjährige Schah Nasred-Din, der noch gegenwärtig das Szepter über seine »gesegneten[245]  Königreiche« führt und durch seine wiederholten Reisen nach Europa die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Meinerseits kann ich dem Vergnügen nicht entsagen, meine offene Meinung über diesen Fürsten auszusprechen, der in Frängistan die härtesten und ungerechtesten Urteile erfahren hat. Man hat es vergessen, daß der Schah ein Asiat und kein Europäer ist, daß Gebräuche und Sitten der Perser auf asiatisch-mohammedanischen Anschauungen beruhen, aber man weiß es nicht, daß gerade der Schah als der beste Perser bezeichnet werden muß, dessen wiederholte Reisen nach Europa lediglich den Zweck verfolgten, europäische Kulturzustände und die Fortschritte unserer Industrie durch Augenschein näher kennen zu lernen und, wenn möglich, auf persische Verhältnisse zu übertragen. In dem königlichen Schloßgarten zu Teheran habe ich öfters Gelegenheit gehabt, nach meiner zweiten vor wenigen Jahren amtlich unternommenen Reise nach Teheran, die Äußerungen des Schah über Kultur und Zivilisation näher kennen zu lernen und mich jedesmal gefreut, darin den gesundesten Anschauungen zu begegnen. Nicht weniger mußte ich erstaunt sein, aus seinem eigenen Munde zu vernehmen, wie sehr es ihn geschmerzt habe, in deutschen, englischen, französischen Zeitungen die ungerechtesten und spöttischsten Beurteilungen seiner Handlungen und seiner Gewohnheiten gelesen zu haben und dem Vorwurfe begegnet zu sein, als ob er allein die Schuld daran trage, daß seine Unterthanen sich im Zustande von Halbbarbaren befänden. Er habe zwei Aufgaben zu erfüllen, einerseits in seinem Volke das echte Persertum in Sprachreinheit, in edlen Sitten und guten Gewohnheiten zu bewahren, andererseits aber nichts unversucht zu lassen, um der Kultur nach europäischen Begriffen den Eingang in sein Land zu verschaffen. Er habe, damals bereits als ein Dreißiger, die französische Sprache erlernt, um sich aus französischen[246]  Büchern zu belehren und zu unterrichten, er habe selber ein französisch-persisches Wörterbuch abgefaßt und in Druck gegeben, um den Persern die Kenntnis dieser Sprache zu erleichtern; er schreibe und er dichte, um auch in der eigenen Sprache seinem Volke Muster zu bieten, allein er müsse es der Zeit überlassen, seine Bemühungen von bleibenden, sichtbaren Erfolgen gekrönt zu sehen. Diese und ähnliche Äußerungen der iranischen Majestät waren nicht bloß darauf berechnet, mich zu bestechen und ein günstiges Urteil über ihren Urheber zu erzeugen, sondern sie entsprangen seiner aufrichtigen Meinung, wie ich mich selber später durch die Thatsachen zu überzeugen Gelegenheit hatte.


Dreißig Jahre später, nach der Rückkehr von meiner zweiten Reise nach Persien, ward mir die Ehre zu teil, aus dem Munde unseres großen Kaisers Wilhelm I. ein Urteil über den Schah von Persien zu hören, das sich mit dem meinigen vollständig deckte. Auch in diesem Falle offenbarte mein kaiserlicher Herr die tiefe Menschenkenntnis, welche ihn auszeichnete, und die seltene Eigenschaft, gleichsam mit einem Blicke den äußeren Schein von dem inneren Werte scharf zu unterscheiden. Auf dem Paradediner, zu dem ich kurz nach meiner Rückkehr aus Teheran eine Einladung zu erhalten die Ehre hatte, äußerte sich der Kaiser wörtlich: »Ich habe den Schah von Persien als einen Mann von seinem Taktgefühl kennen gelernt, das sich bei seinen mehrmaligen Besuchen in Berlin nie verleugnet hat. Mußte es mich nicht tief bewegen, daß der Schah an jenem Tage, an welchem mich das Geschoß eines Wahnsinnigen verwundete, sofort seine Abreise befahl, in der Meinung, seine Ankunft an selbem Tage habe mir UUnglück gebracht?«
Kurz nach unserer Ankunft in Teheran wurde die preußische Mission durch ein neues Mitglied vermehrt, zu dem ich[247]  während seines ganzen Lebens die größte Zuneigung fühlte, trotzdem die Wege unseres Berufes auseinandergingen und ein Wiedersehen nach der Rückkehr in die Heimat nur selten verwirklicht wurde. Es war der Neffe des Ministerresidenten, Herr von Grolmann, der damals als Premierlieutenant dem ersten Garderegiment in Potsdam angehörte und der Gesandtschaft in Teheran als Militärattaché überwiesen ward. Dienstliche Pflichten halten ihn verhindert, gleichzeitig mit uns von Berlin abzureisen, und so war er genötigt, von Ort zu Ort in fliegender Eile unsern Wegspuren zu folgen, um sich erst in Teheran, wenige Tage nach unserer eigenen Ankunft, mit uns zu verbinden. Ohne Kenntnis der türkischen, russischen und persischen Sprache war dem kaltblütigen und klugen Offizier das Kunststück gelungen, sich überall Bahn zu brechen und zuletzt in sechs Tagen einen Kurierritt von der russisch-persischen Grenze an bis nach der Residenzstadt Teheran bei glühendster Hitze mitten in den asiatischen Steppen zurückzulegen. Die Leistung war eine außerordentliche, wenn auch auf dem Schnellritte zwei Pferde auf der Straße liegen blieben.
Der diplomatische Verkehr in Teheran lehrte mich zum erstenmale das internationale gesandtschaftliche Leben kennen, fern von der europäischen Heimat und unter einer halbbarbarischen Bevölkerung. Die nationalen Unterschiede verschwanden, das Gefühl der europäischen Landsmannschaft trat in den Vordergrund. Wenn auch die französische Sprache zur Vermittlung der gegenseitigen Unterhaltung und amtlichen internationalen Korrespondenz diente, so dehnte sich der Einfluß Frankreichs auf die europäischen Landsleute in keiner weiteren fühlbaren Weise aus. Zu den Bekanntschaften, die ich damals zu machen Gelegenheit hatte, gehörte in erster Linie der berühmte Keilschriftenforscher Colonel Sir Henry Rawlinson, der als bevollmächtigter Gesandte Englands in[248]  Teheran seine Residenz aufgeschlagen hatte, der russische Legationssekretär Jessen, uns Deutschen wohlbekannt als liederreicher Dichter, der bisherige Leibarzt des Schah Dr. Pollack, ein geborener Österreicher, sowie sein Nachfolger, der französische Doktor Tholozan, eine der liebenswürdigsten und deutschfreundlichsten Persönlichkeiten. Zuletzt will ich den jungen Melnikoff nicht vergessen, welcher damals der russischen Gesandtschaft attachiert war, weil ich das Glück hatte, ihn bei meiner zweiten Anwesenheit in Persien, nach Verlauf von beinahe dreißig Jahren, als Minister und Gesandten seiner Regierung in Teheran wieder zu begrüßen.
Die Leiden und Freuden des Aufenthaltes in Teheran in der sommerlichen Jahreszeit am Fuße des schneebedeckten El-Burs übergehe ich gern, denn die Leiden, meist hervorgerufen durch die schädlichen Einflüsse des iranischen Klimas, überwogen bei weitem die Freuden. Doch verbrachten wir den ganzen Sommer über in den sogenannten kühlen Gründen am El-Burs, um am Schlusse desselben in der herbstlichen Jahreszeit die vom Baron von Minutoli geplante Reise über Hamadan (das alte Ekbatana), Isfahan und Schiras nach dem persischen Golf anzutreten, gegen alles Widerraten unterrichteter Personen, welche die Reise in herbstlicher Jahreszeit nach dem Süden geradezu als ein gefährliches Unternehmen bezeichneten. Der Baron war der entgegengesetzten Meinung, da er in dem Glauben stand, daß ein nach dem Laarthale unternommener Ausflug zur Besteigung des 18000 Fuß hohen Berges Demawend uns vollkommen zu dem weiteren Wege nach dem persischen Golfe vorbereitet und reisefest gemacht haben dürfte.

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Unsere Karawane bestand aus sieben Europäern, ungefähr zwanzig persischen Soldaten, Dienern und Karawanenknechten, sowie aus neun Reitpferden und 22 Maultieren zum Transport[249]  der Reisigen und des Gepäcks. Die ausgesprochenen Befürchtungen trafen leider in vollstem Maße ein. Die Hitze, der Genuß von Früchten, dann besonders das schlechte und meist salzige Wasser, wie es den persischen Bächen der Mehrzahl nach eigen ist, und der Mangel jeder ärztlichen Hilfe brachten ihre Einwirkungen auf unsere europäischen Körper zur Geltung. Wir erkrankten der Reihe nach und gingen mit Bangigkeit dem letzten Teile der Reise im Süden entgegen, woselbst Pest und Cholera, mit dem Mittelpunkt Schiras, nach den Berichten aller Reisenden zahlreiche Opfer forderten. Im Angesicht der Ruinen von Persepolis hielt ich mein letztes Stündlein für gekommen., Ueber und Dysenterie durchwühlten meinen Leib und nur mit Mühe und Not vermochte ich mein Pferd zu besteigen, um den letzten Marterweg nach Schiras zurückzulegen.
Bei unserem Einzug in die Stadt der Dichter und des Wissens, in welcher du Cholera mit aller Gründlichkeit hauste, hatten wir die Überraschung, einem bleichen Perser zu Pferde zu begegnen, vor dem alle Welt auf der Straße mit lautem Geschrei sich in die Nebengassen rettete und den man mir auf Befragen sonderbarerweise als den »Choleramann« bezeichnet hatte. Sobald er in irgend einem Teile Persiens erscheint, so soll nach den Erzählungen darüber die Cholera in demselben ausbrechen und nicht eher weichen, als bis der Choleramann wieder den Rücken gewendet hat. Ich werde auf diese merkwürdige Person noch einmal zurückkommen, da ich während meines späteren konsularischen Amtes in Kairo die Überraschung hatte, ihr an dem Krankenbette eines von der Cholera gepackten Preußen zu begegnen.
Die Zunahme meiner Leiden hinderte mich an dem Ritte des Barons von Minutoli und seines Neffen von Grolmann nach Benderbuschir am persischen Golfe teilzunehmen.[250]  Mein unglücklicher Chef büßte auf dem Wege sein Leben ein, nachdem ihn das Fieber mit voller Macht ergriffen hatte, ohne daß man selbst auf den englischen Schiffen im Hafen des persischen Golfes im stande gewesen war, dem schwer Erkrankten Heilung und Rettung zu bringen. Der ehemalige Polizeipräsident von Berlin, Baron von Minutoli, liegt in einem Felsengrabe des christlich-armenischen Kirchhofes außerhalb der Stadt Schiras bestattet, fern von Familie und Heimat auf asiatischer Erde, in der Nähe der Dichterfürsten Hafis und Saadi.
Die Rückkehr nach Teheran war unter solchen Umständen eine Trauerreise und unsere Ankunft in der Residenz nichts weniger als ein fröhliches Wiedersehen von Bekannten und Freunden. Hierzu kam, daß die Cholera ihren Weg hinter unserem Rücken nach der Hauptstadt genommen hatte und gleichzeitig eine Hungersnot ausgebrochen war, die für die darin anwesenden Europäer – der Zahl nach etwa sechzig – das Ärgste befürchten ließ. Das Volk erstürmte die Bäckerläden, durchlief die Straßen mit drohendem Geheul, pflanzte sich vor der Burg des Schah auf und Tausende von Weibern rissen sich auf offener Straße die Schleier von dem Angesicht, um in die Rufe nach Brot mit gellender Stimme und drohend erhobenen Händen auszubrechen.
Das Personal der Gesandtschaften hatte sich in seinen Häusern in Verteidigungszustand gesetzt und mit Bangen erwartete man den Ausgang der Dinge. Aber auch das ging vorüber, und man fing an allmählich wieder aufzuatmen, nachdem der Schah und seine Minister die Getreidespeicher geöffnet und das Korn unter die hungernde Menge verteilt hatten.[251] 



Auf der Heimreise.










[252] Das Hinscheiden König Friedrich Wilhelms IV. und die am 2. Januar 1861 erfolgte Thronbesteigung des Prinzregenten von Preußen als König Wilhelm I. hatte ich die Ehre dem Schah von Persien mitzuteilen und damit die Anzeige von der Auflösung der Mission in Persien zu verbinden. Die Abreise wurde möglichst beschleunigt und auf verschiedenen Wegen tra ten die übriggebliebenen Mitglieder derselben ihre Rückkehr nach der Heimat an. Der hochbejahrte Dragoman Pietrazewski wählte die weite, aber des langsameren Tempos wegen bequemere Straße durch Kleinasien; Herr v. Grolmann und meine Wenigkeit zauderten nicht, einen schnellen Kurierritt von Teheran nach dem Araxes zurückzulegen, durchschnittlich zwanzig deutsche Meilen an einem Tage, dann auf Kibitken und Tarantas Armenien zu durcheilen und im Herzen Kaukasiens Halt zu machen. Von Tiflis aus zogen wir gemeinschaftlich über die schneebedeckten Höhen des Kaukasus und trennten uns am Fuße desselben auf Wiedersehen in der Heimat. Mein militärischer Freund hatte die Absicht, an den letzten Kämpfen gegen die Tscherkessen teilzunehmen und sich das russische Kaukasus-Kreuz für bewiesene Tapferkeit zu verdienen. Ich bemerke nachträglich, daß mein liebenswürdiger Reisegefährte derselbe v. Grolmann ist, der im deutsch-französischen Kriege sich durch seine militärischen Eigenschaften auszeichnete und später als kommandierender General in Erfurt dem Staate seine hervorragenden Dienste leistete. Leider habe ich den Schmerz erlebt, in diesem laufenden Jahre von seinem Abscheiden aus dieser Welt in Kenntnis gesetzt zu werden.
Es war eine Art von Wasserscheu vor dem Schwarzen Meere, die mich selber veranlaßt hatte, die Rückkehr nach Berlin auf dem Landwege zu vollziehen. Vom Kaukasus an[252]  bis Moskau hin durchraste mein Wagen das ganze südliche Rußland, bis mir erst von Moskau aus die Gelegenheit zu teil wurde, auf den Flügeln des Dampfrosses Petersburg zu erreichen, und mich unserm damaligen Gesandten Herrn v. Bismarck-Schönhausen als abgedankten Vizekonsul gehorsamst vorzustellen. Die Stunde ist mir unvergeßlich geblieben. in der mir der Vorzug zu teil wurde, dem Vertreter Preußens am russischen Hofe zum erstenmale meine Aufwartung machen zu dürfen. Der heutige Fürst stand damals in seiner vollsten Manneskraft, und seine ernsten Züge, die auf mir ruhten, machten auf mich den Eindruck einer Prüfung, die ich zu bestehen hatte. Die amtliche Kälte, mit der er zu mir sprach, durchfröstelten mich einigermaßen, aber seine Einladung, mich in seiner Häuslichkeit einzufinden und mich seiner Familie vorzustellen, ließ sofort den ersten Eindruck vergessen. Meine Wenigkeit erfreute sich auch hier einer unverdient liebenswürdigen Aufnahme. Die Gemahlin des Gesandten empfing mich mit aufrichtigster Teilnahme für das Wanderleben eines preußischen Gelehrten, beklagte meine Familie, von der das Schicksal mich so unbarmherzig trennte, und ihre Worte trafen um so tiefer die Gefühle meines eigenen Herzens als ihre beiden, damals im Anfang des zweiten Dezenniums ihres Lebensalters stehenden Söhne Herbert und Wilhelm das Gedächtnis an meine eigenen Kinder wachriefen. Während der wenigen Tage meines Aufenthaltes in Petersburg hatte ich das Glück, wie ein Hausgenosse der Familie betrachtet zu werden, mich regelmäßig zu Tisch einfinden zu dürfen, und das fast einfach bürgerliche Leben im Hause des gestrengen Herrn Gesandten aufrichtig zu bewundern. Die Unterhaltung des Ministers mit den Tischgenossen besaß den Reiz der Urteile eines Weltmannes und wurde durch den seinen Witz, der stets den Nagel auf den Kopf traf, des Sprechenden gewürzt.[253]  Hätte ich damals eine Ahnung besessen, welch eine große Rolle dem Gesandten für die Geschicke Preußens und Deutschlands in der Zukunft beschieden war, ich würde mich selbst beneidet, die Stunden meines Aufenthaltes in dem Bismarckschen Hanse als die weihevollsten meines Lebens betrachtet und über jede Minute ein genaues Tagebuch geführt haben.

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Neben dem Legationssekretär von Holstein, dem es kein besonderes Vergnügen bereitete, nach der Aussprache des russischen H durch G in der Petersburger Gesellschaft als »von Golstein« bezeichnet zu werden, lernte ich in der Person des Predigtamtskandidaten Braun, des vortrefflichen Lehrers und Gouverneurs der beiden Söhne Bismarcks – er bekleidete später eine Stelle als Gefängnisprediger in Görlitz – einen lieben Freund kennen, mit dem ich in den folgenden Jahren im herzlichsten Verkehr stand.
Meine Abreise von Petersburg, das damals mit der preußischen Ostgrenze noch in keiner direkten Verbindung durch einen Schienenweg stand, ging unter den günstigsten Umständen vor sich nnd ich mußte bei meinem Überschreiten der Grenze billig überrascht sein, als ich erfuhr, daß die preußischen Zollbeamten bereits von meiner Ankunft unterrichtet waren. Über Danzig erreichte ich endlich mein liebes Berlin und alle persischen Erinnerungen erschienen mir bei dem Wiedersehen der Meinigen wie ein langer düsterer Traum, den die Wirklichkeit mich nur allmählich vergessen ließ.
Meine Freunde empfingen mich mit aufrichtigster Herzlichkeit und die Straßen von Berlin, die ich fast täglich durchwanderte, schienen mich wie einen Bekannten zu begrüßen und mir von alten Geschichten immer wieder und wieder zu erzählen. Mein seßhaftes Leben nahm von neuem seinen Anfang. Ich arbeitete an einem Werke über die Reise der ersten preußischen[254]  Mission nach Persien, das, wie schon gesagt, später in zwei Bänden im Druck erschien, und fand meine Erholung von der aufreibenden Thätigkeit in den Nebenstudien altägyptischer Inschriften oder in der Erledigung brieflicher Korrespondenz, die bereits einen gewaltigen Umfang angenommen hatte. Ich bin noch heute stolz darauf, durch Mitteilungen von der Hand des Gesandten von Bismarck und seiner Gemahlin beehrt worden zu sein, die mir die dauernde Teilnahme beider bewiesen und bis zur Stunde einen leuchtenden Schatz in der Sammlung meiner Briefe bilden.
Fürst Pückler-Muskau war aufrichtig erfreut, mich nach meiner glücklichen Heimkehr während seines Berliner Aufenthaltes wieder in seiner Nähe zu wissen, und in jeder Woche empfing ich seine Besuche, mit welchen eine Ausfahrt zu seinen Freunden und Bekannten verbunden zu sein pflegte. Auch seine reizenden Gastmahle in dem damaligen Hotel de Russie nahmen wieder ihren Anfang, und seine geistvolle Unterhaltung übte ihre volle anregende Wirkung, besonders nach meinem wilden Leben unter den Persern, wie ehedem wieder auf mich aus. Die Teilnahme des Fürsten für mein Schicksal war die alte geblieben. Sie drückte sich vor allem in dem Wunsche aus, mich in gesicherter Stellung und im Dienste des Staates dort zu wissen, wo ich den ägyptischen Studien am nächsten stand und gleichsam an der Quelle das Wasser der Belehrung schöpfen könnte. Ohne mein Zuthun arbeitete mein edler Gönner im stillen für mich, um meine Versetzung nach Ägypten in konsularischer Eigenschaft zur Ausführung zu bringen. Seine Bemühungen trugen einen glänzenden Erfolg davon, als im September des Jahres 1862 Herr von Bismarck seinen Posten als Botschafter in Paris verließ, um als Minister der Auswärtigen Angelegenheiten an die Spitze eines neugebildeten Kabinetts zu treten. Der Fürst[255]  war mit dem Minister und dessen Familie befreundet und noch gegenwärtig erinnere ich mich mit Vergnügen der trauten Abendgesellschaften, an denen ich die Ehre hatte in der Amtswohnung oder in dem Garten dahinter in so auserlesener Gesellschaft als bescheidenes Anhängsel meines fürstlichen Gönners teilzunehmen.



Meine konsularische Thätigkeit.










[256] Wirklich erfolgte meine Ernennung zum preußischen Konsul in Kairo mit dem Auftrage, die Geschäfte des Vizekonsuls in der Kalifenstadt zu übernehmen. Mit den freudigsten Hoff unngen im Herzen trat ich mit Kind und Kegel meine dritte Wanderung nach dem Nilthale an, um mich im Monat September des Jahres 1864 in meiner neuen Residenz niederzulassen. Leider hatte ich, wie man zu sagen pflegt, die Rech nung ohne den Wirt gemacht und mich fast leichtsinnig in eine Lage gebracht, die mir während meines ganzen Aufenthaltes, bis zum Jahre 1866 hin, beinahe unerschwingliche Opfer auferlegte.
Man wird sich des Krieges erinnern, den am Anfang der sechziger Jahre die Nord- und Südstaaten in den United-States von Nordamerika wegen der Sklavenfrage gegen einander führten. Dem Handel und der Industrie waren infolge der blutigen Ereignisse, die sich in Amerika abspielten, der Lebensnerv unterbunden und die Ausfuhr der wichtigsten Bodenerzeugnisse nach Europa auf Jahre hindurch vollständig abgeschnitten. Zu den Artikeln von höchster Bedeutung gehörte vor allem die Baumwolle, deren Preise aus Mangel an Zufuhr zur Deckung der Bedürfnisse von Monat zu Monat in unglaublichem Maße anwuchsen. Es war natürlich, daß die Käufer und die Fabriken ihr Augenmerk auf Ägypten[256]  richteten, in welchem Lande unter der Regierung Mehemmed Alis bereits die Baumwollenkultur in seiner unteren und oberen Hälfte eingeführt war. Hatte sie bisher dem produktiven Lande den größten Geldgewinn verschafft, so wurde der Krieg in den Staaten Nordamerikas die Veranlassung für die Ägypter, der Baumwollenpflege ihre ganze Aufmerksamkeit zuzuwenden, wobei die früheren Preise für den Zentner um das fünf- und sechsfache erhöht wurden. Der schwarze Boden Ägyptens wurde mit Baumwollenpflanzungen von einem Ende bis zum andern bedeckt, eine unglaubliche Einwanderung europäischer Spekulanten überschwemmte das Land, und jeder, der nur einen Groschen übrig hatte, »machte«, wie man es nennt, in Baumwolle. Nebenbei wuchsen die Banken wie Pilze aus der Erde und das Geld lag gleichsam auf der Straße. Hatte man früher in der Gesellschaft von Groschen und Thalern gesprochen, so war in der Baumwollenzeit der Napoleonsdor oder das englische Pfund der Maßstab für den einfachsten Geldwert.
Aber der hinkende Bote blieb nicht aus. Die notwendigsten Lebensbedürfnisse erreichten im Preise eine außerordentliche Höhe und die Wohnungsmieten blieben selbstverständlich nicht dahinter zurück. Es war überhaupt für einen neuen Ankömmling eine Unmöglichkeit, sich ein häusliches Unterkommen zu verschaffen, sobald er sich nicht dazu verstand, nicht dem Wirte, sondern dem Mieter für seinen freiwilligen Auszug die sogenannte Buona sortita zu zahlen, d.h. ein Abstandsgeld, dessen Höhe zu bestimmen in das Belieben des Wohnungsinsassen gestellt war.
Ich war nach Ägypten gekommen, nicht, um in Baumwolle zu spekulieren und mir ein Vermögen zu erwerben, sondern im Auftrage meiner Regierung und schlecht und recht meines Amtes zu walten, und da ich mit meiner sechsköpfigen[257]  Familie nicht auf der Straße kampieren, noch in Höhlen oder unter Zelten hausen konnte, so blieb mir nichts übrig, als für eine sehr bescheidene Wohnung, aus fünf Zimmern bestehend, von denen das größte für die Kanzlei des Konsulates bestimmt war, genau berechnet 3370 Thaler 20 Groschen als Buona sortita zu zahlen, mit anderen Worten mehr als das Doppelte meiner jährlichen Besoldung. Da der Lebensbedarf bei den nüchternsten Ansprüchen einschließlich der Ausgaben für Diener sich für das Jahr auf eine Ausgabe von 3000 Thalern belief, so wird man es begreifen, daß Sajid Paschas großmütiger Beitrag von 20000 Francs zu meinen ägyptischen Forschungen so vollständig daraufging, daß mir nicht nur kein Heller übrig blieb, sondern sich mit der Zeit noch ein bedenkliches Minus herausgestellt hatte.

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Es ist erträglich mit dem Notleidenden zu leiden, wenn es sich um seinesgleichen handelt, aber es wird zu einer unerträglichen Qual, in eigener Not sich von dem Überflusse anderer umgeben zu sehen, die ihrer Stellung nach nur als Abenteurer und Glücksritter bezeichnet werden können.
Die Baumwollenkönige schwelgten im Golde; Wohlleben und Luxus fand kaum mehr eine Grenze, während mir und den Meinigen nur der zweifelhafte Genuß beschieden war, als Zeugen des Protzentums im tiefsten Hintergrunde eines bescheidenen Daseins zu stehen.
Die Prüfungen, die mir während meiner konsularischen Thätigkeit in Ägypten beschieden waren, hatten damit noch lange nicht ihr Ende erreicht. Die Cholera hielt plötzlich ihren Einzug in Ägypten und acht Monate lang wütete die Krankheit unter den Eingeborenen nicht weniger als unter den Europäern in erschreckendem Umfange. Die Särge bei den Tischlern reichten nicht mehr aus, um die Leichen nach ihrer letzten Ruhestätte zu tragen, und gewöhnliche Kisten aus[258]  den kaufmännischen Magazinen mußten schließlich herhalten, die Gestorbenen darin zu betten. In den wenigen Krankenhäusern, die damals in Kairo bestanden und meist von opferfreudigen französischen Schwestern geleitet waren, mangelte es zuletzt an Betten, um die Kranken darin aufzunehmen, und bei einem Gange an den Friedhöfen vorüber, christlichen sowohl als mohammedanischen, bereitete die von den massenhaft und nur oberflächlich Begrabenen herrührende verpestete Luft für die Lebenden einen Schauer und eine Gefahr sondergleichen. Ärztliche Hilfe war beinahe durchweg vergebens, denn in kurzen Stunden raffte der Tod den Erkrankten hinweg und die allgemeine Panik ergriff selbst einen beträchtlichen Teil der weniger mutigen Heilkünstler, welche das teure Leben durch eiligste Flucht zu retten suchten. Die Plätze auf den europäischen Postdampfern in dem Hafen von Alexandrien wurden mit Gold aufgewogen, und selbst die dritte Klasse auf den Schiffen war mit Reisenden besetzt, welche zu der vornehmsten europäischen Gesellschaft gehörten. Ich muß meinem verstorbenen Freunde Dr. H. Sachs, einem früheren preußischen Militärärzte, welcher sich einige Jahre zuvor in Kairo angesiedelt und durch seine glücklichen Kuren und Opferfreudigkeit einen wohlverdienten Ruf erworben hatte, es noch nach seinem Tode nachrühmen, daß er auf seinem Posten ausharrte und Armen und Reichen unterschiedslos bei Tag und bei Nacht seine Hilfe angedeihen ließ.
In dem preußischen Vizekonsulate zu Kairo sah es trübe genug aus. Die Cholera hatte den Sekretär, einen deutschen jungen Juristen, in kurzer Zeit dahin gerafft, ein türkischer Kawaß war mitten im Dienst derselben Krankheit erlegen, der feige levantinische Dragoman hatte pflichtvergessen die Flucht ergriffen, und so war ich der einzig übrig gebliebene amtliche Vertreter, welcher als Konsul, Sekretär und Dragoman auf[259]  seinem Posten auszuharren hatte. Fast täglich wurde ich an das Bett sterbender Preußen und Deutschen gerufen, um ihren letzten Willen in Empfang zu nehmen, sei es in eigenem Hause, das ich meist von allen Bewohnern verlassen fand, sei es in den Krankenhäusern, die im europäischen Viertel, wenn auch nur in geringer Zahl, vorhanden waren.
In einem derselben hatte ich die große Überraschung den persischen »Choleramann«, der mir bei dem Einzug unserer Mission in Schiras begegnet war, an dem Bette eines erkrankten preußischen Unterthanen sitzen zu sehen. Er glich trotz unserer ersten flüchtigen Begegnung dem Bilde, das mir im Gedächtnis zurückgeblieben war. Er befühlte den Puls des Sterbenden, der seine Seele bald darauf aushauchte. Schon bei dem Einzug der Krankheit in Kairo hatte mir der damalige türkische Polizeipräfekt mit besorgter Miene die Mitteilung gemacht, die Cholera sei im Anrücken, da der Choleramann bereits in der Stadt sichtbar geworden sei. Auf meine weiteren neugierigen Fragen konnte er mir keine andere Antwort geben, als daß die ganze Bevölkerung ihn seit Jahren kenne und als einen Vorboten der Krankheit ansehe, aber daß jedermann bei seinem Anblick schleunigst die Flucht ergreife, um seinem bösen Blicke zu entgehen. Von der französischen Schwester des Hospitals erhielt ich die Auskunft, daß die unheimliche Person ein persischer Arzt sei, der seit vielen Jahren den Orient bereise, um an allen größeren Plätzen, woselbst sich der Herd der Krankheit entwickele, sie näher zu studieren.


Gleich in den ersten Tagen ihres Ausbruchs wurden von der kleinen Kolonie, die zum Konsulate gehörte, nicht weniger als dreißig Personen hingerafft, von denen ich jeden einzelnen auf seinem letzten Wege nach dem Friedhofe beförderte. Ich saß im Grunde einer kairenser Droschke, der Sarg oder die Kaufmannskiste mit der Leiche lag in der[260]  Quere des Wagens der Länge nach über dem Rücksitz, und so geleitete ich sie nach dem katholischen oder evangelischen Kirchhofe, um sie der Erde zu übergeben. Selbst an Leichenwagen gebrach es und die offene Droschke mußte dazu herhalten, die Stelle desselben zu ersetzen.
Unter den Toten, die ich zu beklagen hatte, befand sich auch die liebenswürdige Gemahlin meines Freundes August Mariette. Als die Krankheit bereits im Erlöschen war, stattete ich beiden einen Besuch ab und fand sie in einer Laube ihres Gartens vor dem Museum sitzen. Ich gesellte mich zu ihnen, und bald war eine muntere Unterhaltung im Gange. Es war gegen Abend, die Sonne sank bereits im Westen und die Dämmerung kam hereingezogen, als plötzlich eine Eule, welche sich auf einem Vorsprunge des Gesimses über der Museumsthür niedergelassen hatte, ihre heiseren Rufe wiederholt ertönen ließ. Madame Mariette schien erschreckt und richtete mit fast angstvoller Stimme die wenigen Worte an mich: »Sollte sie einen von uns rufen wollen?« Drei Stunden später erkrankte sie; ich wurde mitten in der Nacht durch einen Boten nach dem Museum gerufen und fand die Ärmste bereits in ihren letzten Zügen. Die Cholera hatte sie dahingerafft.
Man wird es begreifen, daß unter solchen Verhältnissen mein Aufenthalt in Kairo nicht zu den Annehmlichkeiten dieser Welt gehörte und daß ich am allerwenigsten weder die Zeit hatte, noch die Luft in mir verspürte, mich mit altägyptischen Studien zu beschäftigen. Dennoch muß ich es als einen kleinen Triumph bezeichnen, daß ich die Gelegenheit fand, in einem langen demotischen Papyrus einen altägyptischen Toten-Roman zu entdecken, der heutzutage in meiner Wissenschaft durch seine Sprache und durch seinen Inhalt als antike Spukgeschichte eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.
Zugleich versäumte ich es nicht, meiner im Jahre 1863[261]  gegründeten und gegenwärtig 30 Jahre bestehenden Zeitschrift regelmäßige Beiträge zu liefern, nachdem Professor Lepsius die Güte gehabt hatte, gleich nach meiner Übersiedelung auf afrikanischen Boden, die Redaktion derselben zu übernehmen. Einen reichen Stoff dazu boten mir vor allem die Mitteilungen meines ehemaligen Schülers und späteren Freundes Johannes Dümichen, des jetzigen Professors der Ägyptologie zu Straßburg im Elsaß, der im Jahre 1862, mit nur geringen Mitteln ausgestattet, eine Studienreise nach Ägypten, Nubien und dem Sudan unternommen hatte und im Herbste des Jahres 1864 mit reichen Schätzen beladen nach Kairo zurückgekehrt war. Zu den wichtigsten Funden, die er auf seiner Wanderung, beinahe ohne es zu wissen, gemacht hatte, gehörte die große Königsliste von Abydos, die in der Wissenschaft das ungeheuerste Aufsehen erregte. Ihre Abschrift wurde sofort in der Zeitschrift veröffentlicht, um gleich darauf bittere Auseinandersetzungen in Bezug auf die Priorität der Entdeckung des Denkmales zwischen Lepsius und Mariette hervorzurufen.
Eine erfreuliche Unterbrechung während meiner Berufsthätigkeit in Kairo bildete die Ankunft des jugendlichen Prinzen Anton von Hohenzollern in Kairo, der in Begleitung des damaligen Hauptmannes Mischke (des jetzigen in den Adel stand erhobenen Generals) eine Reise nach Ägypten unternommen hatte. Mir ward das Glück zu teil, aus seinen Händen ein Schreiben des Kronprinzen Friedrich Wilhelm zu empfangen, in welchem mir der hohe Herr den auf das wärmste empfohlenen Prinzen ganz besonders an das Herz legte. Die Rückerinnerungen an die mit ihm gemeinsam verlebten Tage während seines etwa sechswöchentlichen Aufenthaltes in Kairo und Umgegend erfüllen mich noch heute mit innigem Vergnügen, aber leider ist ihnen die Wehmut des[262]  Schmerzes beigemischt, denn wenige Monate später meldeten die Zeitungen die Trauerbotschaft, daß Prinz Anton von Hohenzollern den Heldentod in der Schlacht von König grätz starb. Es war ein herrlicher Jüngling, der allzu früh für die Seinigen und für das Vaterland seine reine Seele auf dem Felde der Ehre aushauchte.

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Nicht ohne herzlichstes Bedauern muß ich eines zweiten deutschen Fürsten gedenken, der kurz darauf Ägypten besuchte und in Kairo zur Heilung eines schweren Brustleidens eingetroffen war. Er nannte sich scherzhaft den Klingelprinzen, nach der Bezeichnung seiner Bauern, welche den seltsamen Namen von dem Schellengeläute seiner Wagenpferde ableiteten. Er hatte sein eigenes jugendliches Dasein vergiftet und wünschte nichts sehnlicher als den Tod herbei, der ihn von allen Leiden befreien sollte. Sein Wunsch ging allzu bald in Erfüllung und ich hatte den Schmerz, von ihm auf ewig Abschied nehmen zu müssen. Die Geständnisse seines zerknirschten und zerrissenen Herzens werden mit mir selber begraben werden. Es genüge zu wissen, daß er sich grundunglücklich fühlte und eine Erleichterung darin empfand, in den vielen Stunden unseres Zusammenseins seine bitteren Klagen um ein verlorenes Erdendasein einer mitfühlenden Seele anzuvertrauen. Seine einbalsamierte Leiche ward nach seinem Hinscheiden dem regierenden Bruder übersandt, um auf deutscher Heimatserde ihre letzte Ruhestätte zu finden.
Im Jahre 1866 kehrte ich nach Berlin zurück, um in der Heimat mich eines kurzen Urlaubs zu erfreuen und der Frage meines Verbleibens in Kairo näher zu treten. Ich erlebte den Auszug der Truppen aus Berlin, die gegen Österreich in den Krieg zogen, um die Geschicke Preußens unter der Führung seines Ministerpräsidenten von Bismarck in eine neue Bahn zu lenken. Noch vor beendigtem Kampfe trat[263]  ich die Rückreise nach Kairo an, gezwungen diesmal meinen Weg nach Ägypten durch Frankreich über Paris und Marseille zu nehmen, da mir Österreich als Feindesland damals verschlossen blieb.
Noch vor meiner Abreise aus Berlin hatte mir die Fürstin Pleß die Bitte ausgedrückt, die letzten Versuche anzustellen, um sich volle Gewißheit über das Schicksal ihres Sohnes, des Afrikareisenden Barons von der Decken, zu verschaffen. Es wird manchem Leser bekannt sein, daß der liebenswürdige Forscher, mit welchem ich früher in Berlin verkehrt hatte, im Oktober des Jahres 1864 die Heimat verließ, um sich nach Sansibar zu begeben und von hier aus auf ostafrikanischem Gebiete den Dschuba-Fluß aufwärts zu ziehen.
Im Frühjahr 1865 führte er auf kleinen Dampfbooten seinen Plan aus und erreichte die Stadt Bardera, wurde jedoch am 25. September mit der Mehrzahl der Mitglieder seines Zuges von Somali überfallen und in heimtückischer Weise ermordet. Obgleich sein Tod kaum zweifelhaft sein konnte, so wollte dennoch die tiefgebeugte Mutter kein Mittel unversucht lassen, um, wenn vielleicht nicht den lebenden Sohn wiederzufinden, so doch seine letzten sterblichen Reste in ihren Besitz zu bringen.
Im Dienste des preußischen Vizekonsulates befand sich damals ein Württemberger Namens Kinzelbach, welcher sich durch seine Reisen in Abessinien gemeinschaftlich mit Werner Munzinger und in den südwärts davon gelegenen Ländern auf dem Gebiete der geographischen Entdeckungen einen geachteten Namen erworben hatte. Sein Aufenthalt in Kairo, woselbst er zuletzt ein kaufmännisches Geschäft betrieb, war ihm durch Querschläge des Schicksals verleidet worden und er hegte den dringenden Wunsch, von neuem seine Wanderungen in den Gebieten der ostafrikanischen Küstenländer anzutreten,[264]  welche sich damals noch einer näheren Kenntnis entzogen hatten. Freudig ging er auf meinen Vorschlag ein, über Sansibar den gefährlichen Weg nach Bardera zurückzulegen, um über das Schicksal des unglücklichen Barons nähere Erkundigungen einzuziehen. Im Auftrage der Fürstin und mit reichen Mitteln ausgerüstet, trat er mutig seinen Weg an, und seine Briefe und Berichte, die er mir von Sansibar und von der ostafrikanischen Küste zukommen ließ, sprachen die vollste Hoffnung aus, in friedlichster Weise seinen Reisezweck zu erreichen. Plötzlich hörten seine schriftlichen Sendungen auf, denn auch er war ein Opfer der blutdürstigen Somali geworden. Meinerseits hatte ich nichts außer Acht gelassen, um ihn an den Hauptpunkten seiner Reise mit den wärmsten Empfehlungen zu versehen. Mir war es sogar gelungen, von dem Groß-Scherif von Mekka ein kräftiges Geleitschreiben für den christlichen Reisenden an die strengen mohammedanischen Häuptlinge der Somali von Bardera zu erlangen, allein sein Schicksal war besiegelt, und er endete unter den Pfeilen und Lanzen der Somali.



Warum ich Professor in Göttingen wurde.










[265] Meine konsularische Thätigkeit erreichte ihr Ende, nachdem ich einsehen gelernt hatte, daß ich durchaus nicht dazu geschaffen war und, nebenbei bemerkt, auch meine materiellen Mittel ihr Ende erreicht hatten. Das konsularische Amt ist eines der ehrenvollsten, das ich kenne, denn es muß seinen Träger mit Stolz erfüllen, der Vertreter einer großen und mächtigen Regierung zu sein. Seine Unverletzlichkeit auf fremdem[265]  Gebiete umgiebt ihn mit einem Nimbus, welcher den Ehrgeiz anstachelt und ihm die Pflicht auferlegt, mit aller Strenge und Sorgfalt die mit seinem Amte verbundene Thätigkeit auszuüben. Hinter ihm steht ein Schützer und Rächer, der stärker nicht gedacht werden kann, und das Senken seiner Landesfahne ist gleichbedeutend mit einer kriegerischen Drohung. Ich habe mich bemüht, meine Obliegenheiten in einer so ehrenvollen Stellung nach Maßgabe meiner schwachen Kräfte zu erfüllen, aber ich hätte nur Konsul und nicht Ägyptologe sein müssen, um meine Thätigkeit ausschließlich meinem Berufe zu widmen.
Ich verließ Ägypten nach kurzer Zeit, um meinen Weg diesmal über Berlin nach Paris einzuschlagen. Mariette, der mit meiner Lage vollkommen vertraut war, denn ich hatte ihm mein ganzes schweres Herz ausgeschüttet, war um guten Rat nicht verlegen und lud mich ein, meinen Weg nach Paris zu richten, mit ihm dort zusammenzutreffen und im stillen an den Arbeiten für die geplante Weltausstellung im Jahre 1867 teilzunehmen. Er hatte in Passy eine Villa inmitten eines hübschen Gartens gemietet, ich war sein Gast und Mitbewohner seines Hauses und so lebten wir im täglichen und freundschaftlichen Verkehr neben einander, mit den Vorarbeiten für die Weltausstellung beschäftigt. Ich hatte dabei vollauf Gelegenheit und Zeit, mit den mir von meiner ersten Reise her befreundeten französischen Gelehrten aufs neue in Verbindung zu treten und vor allem in dem Grafen Emmanuel de Rougé, der damals bereits den Rang eines Staatsrats bekleidete, einen ebenso warmen als großmütigen Beschützer zu finden. Der Graf hatte nämlich die Stellung eines Professors am Colloge de France inne, mit welcher eine Besoldung von 12000 Franken verbunden war. Er machte mir den Vorschlag, an demselben Collège Vorträge über die ägyptisch-demotische[266]  Schrift und Litteratur zu halten, wogegen er mir freiwillig seine Besoldung als Professor abtrat, doch sei, wie er hinzufügte, die Genehmigung des Kaisers Napoleon erforderlich, um meine Stellung in eine dauernd feste zu verwandeln.
Was die kaiserliche Genehmigung anbetraf, so machte sich Mariette anheischig, dieselbe in kürzester Zeit durch eine bejahrte Freundin zu erreichen, welche ihm selber die ausgezeichnetsten Dienste geleistet hatte und mit dem Kaiser auf du und du stand. Es war die Milchschwester desselben Madame Cornu, deren Namen ich bereits oben Gelegenheit hatte zu erwähnen. Die Dame, an einen Maler von mittelmäßigem Talente verheiratet, hatte früher lange Zeit am Rhein gelebt und war der deutschen Sprache vollkommen mächtig Sie bewohnte mit ihrem Gatten ein bescheidenes Haus in Versailles, in welchem ich die Sechzigerin zu sehen und zu sprechen häufig Gelegenheit hatte. Sie war mit der Geschichte der Napoleoniden vollkommen vertraut und erzählte mir Einzelheiten, wie man sie nur unter vier Augen einem guten Freunde anzuvertrauen pflegt. Auf Madame Eugénie war sie überaus schlecht zu sprechen, da sie derselben die Schuld beimaß, ihren Milchbruder zu einem Eidbruch veranlaßt zu haben. Madame Cornu, wie man dazu wissen muß, war Erzrepublikanerin, und seine Erhebung auf den Kaiserthron ging ihr wider den Strich. Sie hatte deshalb abgelehnt, jede ihr angebotene Unterstützung aus seinen Händen zu empfangen, und es vorgezogen, gemeinschaftlich mit ihrem Manne ihren Unterhalt durch eigene Arbeit zu gewinnen. Sie durfte sich jedoch jederzeit dem kaiserlichen Milchbruder nahen und an dem Abendthee teilnehmen, ja selbst ihm Ratschläge geben, wenn es sich um nicht staatliche Angelegenheiten handelte. Ihre Erinnerungen an die Familie der Napoleoniden reichten bis in die[267]  Zeit von Madame Laetitia zurück, der Mutter Napoleon Bonapartes. Noch klingt mir ihre Erzählung in die Ohren, wie sie als vierjähriges Kind von ihrer Mutter nach dem Hause geführt wurde, in welchem Madame Laetitia in Rom ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Die Gemächer waren sämtlich von dem Treppenhause an mit Trauerkrep ausgeschlagen, und alle dekorativen Teile in Schwarz ausgeführt. Wie Kinder zu thun pflegen, lachte sie mit lauter Stimme, als die Gestalt einer ehrwürdigen, in tiefste Trauer gekleideten, hochbejahrten Dame erschien, welche dem Kinde die Worte zurief: »Meine Tochter, du bist im Hause der Mutter des großen Kaisers, darin ist das Lachen unbekannt.« Sprach's und verschwand, wie sie gekommen war.

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Madame Cornu, die mich mit den schmeichelhaftesten Beweisen ihres Zutrauens überschüttete, übernahm mit Vergnügen die Aufgabe, dem Kaiser von dem beabsichtigten Eintritt eines demotischen Deutschen in französische Dienste Kenntnis zu geben und um seine Genehmigung für die vorläufig getroffene Vereinbarung zu bitten. Eine Folge dieser Vermittlung war meine gleich darauf folgende Vorstellung, in welcher ich Gelegenheit hatte, mit dem damals allgewaltigen Herrscher Frankreichs eine längere Unterhaltung zu führen. Sie betraf mein Leben, meine Schicksale und vor allem meine wissenschaftlichen Arbeiten, von denen er eine allgemeine Kenntnis besaß, worauf er sein Lieblingsthema, Julius Cäsar und die Eroberung Alexandriens durch diesen römischen Feldherrn, berührte. Er stand in einer Fensterecke, redete mich in deutscher Sprache an, legte mir Fragen vor, die ich, ohne von ihm unterbrochen zu werden, in einem Flusse beantwortete. Der Kaiser löste darauf sein gewohnheitsmäßiges langes Schweigen und verständigte mich darüber, auf meine zukünftige Stellung in Frankreich übergehend, daß mir auf seinen Befehl die[268]  Naturalisation als Franzose nicht erst nach zehnjährigem Aufenthalte in Frankreich, wie es das Gesetz erheischt, sondern nach einjährigem bewilligt werden sollte.
Ich muß sagen, daß die Eile, mit welcher meine Naturalisation vor sich zu gehen drohte, mich ein wenig erschreckte. Ich erinnerte mich zwar sehr wohl, daß mir von hochstehender Seite in Berlin kurz vor meiner Abreise nach Paris der billige Rat gegeben wurde, mich nach einer Stellung im Auslande umzusehen, da man in Berlin weder die Luft, noch die Mittel besitze, Ägyptologen zu züchten. Ich sagte mir ferner zu eigenem Troste, daß eine Anzahl deutscher Gelehrter von bestem Namen im Auslande lebten, – ich brauche nur an die Namen des Hellenisten Hase, des Iraniers Julius Mohl, des Keilschriftenentzifferers Julius Oppert in Frankreich, des Sprachforschers Max Müller in England u.s.w. zu erinnern, – die sämtlich von deutschen Müttern geboren wurden, ohne daß ihnen jemals der Übertritt in eine fremdländische Unterthanenschaft zum Vorwurf oder gar zum Verbrechen angerechnet worden wäre. Dennoch tauscht man nicht ohne schwere Gründe sein Heimatsrecht gegen ein anderes aus, wie man etwa ein neues Kleid anlegt und das alte in den Winkel wirft. War ich auch als Berliner Kind einer der reiselustigsten Bewohner meiner lieben Vaterstadt, so war mir dennoch niemals der Gedanke gekommen, als Ausländer im Elend zu sterben.
Das letzte, so nahm ich mir vor, sollte nicht unversucht bleiben, um mir und meinen Kindern das preußische Bürgerrecht zu erhalten. Nachdem ich an die zuständige Stelle in Paris die Bitte gerichtet, mir meine Entscheidung bis nach Verlauf von vierzehn Tagen vorbehalten zu dürfen, reiste ich als Professor in spe am Collège de France nach Berlin, um meine Entscheidung in die Hände des Unterrichtsministeriums[269]  zu legen und mir den Vorwurf zu ersparen, als habe ich leichtsinnig mit dem eigenen Vaterlande gebrochen. Ich danke es vorzüglich der Vermittlung des Professor Lepsius, der mit meiner Übersiedelung nach Frankreich wenig einverstanden war, daß mir vom Ministerium des Unterrichtes eine gesicherte Stellung als ordentlicher Professor an der Georgia-Augusta-Universität in Göttingen übertragen wurde. Es ist eine eigentümliche Erscheinung in unserm Vaterlande, daß der Prophet in demselben so lange nichts gilt, als bis das Ausland seiner begehrt. Die alte Erfahrung bewahrheitete sich an mir selber und ich kam mir als ein. »Etwas« vor, wie die Perser sagen, seitdem ich fühlte, daß ich den Wert eines begehrten Artikels erreicht hatte. Ich danke es noch heute der höchsten Unterrichtsbehörde meines Vaterlandes, mir durch meine Versetzung nach Göttingen die Gelegenheit geboten zu haben, mir und meiner Familie das preußische Unterthanenrecht zu erhalten.


Meine Übersiedelung nach Göttingen und mein Aufenthalt in dieser Stadt war mit einzelnen sonderbaren Zwischenfällen verbunden, an die ich noch manchmal später mit Vergnügen zurückgedacht habe. Man erinnere sich, daß Göttingen eine Universitätsstadt des Königreichs Hannover bildete und daß nach der Annexion desselben die ehrwürdige alma mater genötigt war, von Berlin aus ihre Gelder und Weisungen zu empfangen. Kaum drei Jahre waren seit der Einverleibung Hannovers in Preußen vergangen. Es konnte daher nicht in Erstaunen setzen, daß die Gesinnungen der Bewohner Göttingens und an ihrer Spitze die der hannoverschen Träger der Weisheit gegen Preußen und seinen Herrscher nichts weniger als freundlicher Natur waren. Bei meiner ersten Orientierungsfahrt nach den Ufern der Leine erprobte ich an mir selber die Widerhaarigkeit der angestammten Einwohner der Stadt,[270]  denn nirgends war man geneigt, mir eine Wohnung zu einem angemessenen Preise zu vermieten. Der Zufall hatte es gefügt, daß wenige Monate vor meiner Ankunft ein Rechtslehrer an der Universität von preußischer Herkunft, Herr von der Knesebeck, das Zeitliche gesegnet hatte und daß die Witwe nach seinem Tode ein ihr hinterlassenes unbewegliches Besitztum in Gestalt eines soliden zweistöckigen Hauses in der Unteren Maschstraße zu veräußern wünschte. Die Hinterseite ging nach dem sogenannten »Wall« hinaus, der damals die gute Stadt Göttingen umgürtete, heutzutage jedoch an verschiedenen Orten durchbrochen ist. An einer Stelle desselben befand sich. wenigstens noch zur Zeit meines Aufenthaltes in Göttingen, ein Häuschen, zu dessen Thür man über eine kleine Holzbrücke gelangte. Es wurde mir als die festungsartige Wohnung mit Zugbrücke des Fürsten Bismarck während seiner Studienzeit in Göttingen bezeichnet.
Bei der Abneigung gegen den eingewanderten preußischen Professor, dem die Wohnungsnot hellen Kummer zu bereiten anfing, blieb mir nichts weiter übrig als das oben erwähnte Haus käuflich zu erwerben, wozu eine Anzahlung von mehreren tausend Thalern das erste Erfordernis war. Das fehlende Geld war indes meine geringste Sorge, denn schon nach wenigen Tagen war ich in der Lage, die verlangte Summe der Besitzerin bar und richtig auszuzahlen. Mein großes hieroglyphisches Lexikon lag handschriftlich vollendet vor mir, ich übergab es der J. C. Hinrichsschen Buchhandlung in Leipzig zum Verlag und diese letztere fand sich gern bereit, einen Teil des verlangten Honorars mir vorweg einzuhändigen. Allerdings traten harte Monate und Jahre der Arbeit an mich heran. Ich war genötigt, das ganze Werk mit meiner eigenen Hand niederzuschreiben im steten Kampfe mit spröder Feder und zäher Fetttinte, um dasselbe zum Umdruck vorzubereiten.[271]  Vom Jahre 1867 an bis zum 19. März 1882 habe ich das siebenbändige Werk zu vollenden vermocht. Auf 3146 Seiten finden sich ungefähr 8400 Wörter in hieroglyphischen und demotischen Schriftzügen ausgeführt, besprochen und zum größten Teile erklärt. Ich darf mir nicht das Selbstlob spenden, damit eine gewaltige Arbeit ausgeführt zu haben, doch wohl es offen gestehen, daß von den Gelehrten des In- und Auslandes dem Werke bereits bei dem Erscheinen der ersten Lieferungen die größte Anerkennung gezollt worden ist. Es liegt in der Natur der schwierigen Aufgabe, daß Irrtümer und Fehler darin unvermeidlich waren, aber diese Mängel haben den Wert des Wörterbuchs bis zur Stunde nicht auf heben können. Mit Vergnügen machte ich die Wahrnehmung, daß seit der Veröffentlichung der umfangreichen Arbeit die Entzifferungen altägyptischer Inschriften und Texte die Thätigkeit der Gelehrten in stets wachsendem Maßstabe beschäftigte. Selbst ein Lepsius schrieb mir darüber am 22. April 1882 »Es ist dies ein Lebenswerk, dem kein ähnliches gegenübergestellt werden kann in der Ägyptologie«.

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So saß ich denn im eigenen Hause und hatte vollauf Zeit, mich in das Göttinger Bürgertum einzuleben, ohne den geringsten Ärger darüber zu empfinden, daß meine lieben Nachbarn hüben und drüben gelben und weißen Sand zu streuen nicht müde wurden oder mit Blumen ihre Fenster schmückten, welche dieselben Farben zur Schau trugen. Mehr ärgerte es meine liebe Frau, daß die Händler mit Lebensmitteln an unserem Hause vorübergingen, ohne es zu betreten, und daß der hannoverschen Köchin beim eingewanderten Preußen auf dem Markte doppelte und dreifache Preise abgefordert wurden.
Die Aufnahme, deren ich mich von seiten meiner nunmehrigen Herren Kollegen zu erfreuen hatte, war nichts weniger[272]  als hannoverisch, sondern offenbarte einen echt deutschen Charakter. Selbst ein Ewald, der in der Politik wie in der Wissenschaft verbissene und allgemein gefürchtete große Hebräer, ließ mich seine antipreußischen Gesinnungen in keiner Weise fühlen und trat sogar in einen näheren wissenschaftlichen Verkehr mit mir, welcher der Mehrung meines Wissens sicherlich nicht zum Schaden gereichte. Zu meinen aufrichtigen Freunden und Gönnern zählte ich damals Professor Curtius, den ehemaligen Lehrer Kaiser Friedrichs, den Sanskritforscher Benfey, die Physiker Wöhler, Weber und Listing, um anderer nicht zu gedenken, die mir im geselligen Verkehr näher standen. In meinem verehrten Kollegen Dr. Klinkerfues lernte ich schon damals einen Witzbold sondergleichen bewundern.
Die Vorlesungen, die ich in dem größten Saale der Universität öffentlich hielt, erfreuten sich eines ungeheuren Zuspruchs, denn ich befand mich nicht selten mehr als 500 aufmerksamen Hörern gegenüber. Kleine Seelen, welche der Neid zu plagen schien, konnten deshalb den Scherz nicht unterdrücken, meine Vorlesungen als das Sommertheater der alma mater in Göttingen zu bezeichnen.
Auf eine jüngere lebenslustige Kraft, welche die Welt und ihre größten Städte gesehen hat und auf den Reisen mit Menschen der verschiedensten Nationen in Berührung gekommen war, übt Göttingen mit der Zeit einen abspannenden Eindruck aus. Es liegt nicht an der Natur, an den Bergen und Wäldern in der Umgebung der Stadt, nicht an ihrer Kleinheit und dem beengenden Halsring in Gestalt des Walles, sondern wohl eher in dem Charakter ihrer Einwohner, der sich seit Heines Zeit wenig geändert zu haben scheint. Allerdings sind ihre Wünsche für ein glückliches Dasein bescheiden, denn sie beschränken sich auf den begehrten Besitz eines zahlungsfähigen Bruder Studio in einem Zimmer des Vorderhauses[273]  und auf ein greulich stinkendes Schwein im Hinter hause. So war es wenigstens zu meiner Zeit. Meine Geruchsnerven konnten es täglich und stündlich bezeugen, welch eine widrige, grunzende Gesellschaft unmittelbar neben meinem Gärtchen ihr Ulnwesen trieb. Es war, besonders in sommerlicher Jahreszeit, kaum mehr zu ertragen, ganz zu schweigen von dem zahllosen Fliegengeschmeiß, welches die Nähe des Borstenviehes anzog. Die Fenster meines Hauses blieben Tag und Nacht geschlossen. Wie sehnte ich mich nach den reinen Lüften unter dem blauen Himmel des Nilthales![274] 



Meine Berufung nach Kairo.










[277] Kaum war ich in Göttingen warm geworden und hatte mich in die neuen Verhältnisse eingelebt, als mir ganz unerwartet von Ägypten aus eine briefliche Mitteilung zukam, die offiziellster Natur war und einer eingehenden Überlegung wert schien. Sie rührte weder von Mariette noch von einem anderen Europäer im Nilthale her, sondern trug die Unterschrift und den Titel Ali-Pacha Mubarek, Ministre de l'Instruction Publique.
Auf Befehl seines vizeköniglichen Herrn Ismaïl Pascha beehrte mich der »Wesir des Wissens« durch den Antrag, zunächst auf fünf Jahre nach Ägypten zu kommen, um in Kairo eine europäisch-orientalische Schule zu gründen, in welcher auserlesene Jünglinge von ägyptischem Stamme in die Gegenstände des höheren Unterrichts und in die Kenntnis der Hieroglyphenentzifferung eingeweiht werden sollten. Bei einer sehr anständigen Besoldung wurde mir eine Dienstwohnung inmitten eines schönen Gartens zu Gebote gestellt und mir sonst jede Art von Annehmlichkeit gewährt, wie ich sie mir icht besser wünschen konnte. Da es sich in dem gegebenen[277]  Falle nicht um meine Person allein, sondern um den Ruf des preußischen Unterrichtswesens handelte, den im Morgenlande zu vertreten mir die Aussicht eröffnet war, so teilte ich den Inhalt des Briefes der mir vorgesetzten Behörde mit, es derselben anheimstellend, ihre Entscheidung zu treffen. Es wurde mir auf Befehl des Königs ein fünfjähriger Urlaub bewilligt, den ich jedoch selber später in der Weise verkürzte, daß ich in der heißen Jahreszeit nach Göttingen zurückkehrte, um im »Sommertheater« meine öffentlichen Vorlesungen »Über Sitten und Gewohnheiten der Völker des Morgenlandes« in regelmäßiger Stunde fortzusetzen.
Bei meiner Ankunft in Ägypten wurden mir von allen Seiten die, Zeichen des größten Wohlwollens zu teil. Der Vizekönig dankte mir persönlich für meine Bereitwilligkeit, seinen Wünschen entsprochen zu haben, und der »Wesir des Wissens« bewillkommnete mich im geläufigsten Franz ösisch, wie man etwa einen alten lieben Freund empfängt. Er war damals ein angehender Vierziger, hager und hoch aufgeschossen, braun wie ein Fellach und von einer außerordentlichen Lebendigkeit im Gespräch, wobei er sich bemühte, die Klarheit eines Gedankens meist auf dem Umwege des arabischen Gleichnisses zum Ausdruck zu bringen. Sohn eines Fellachen aus Oberägypten und später den Regierungsschulen in Kairo über geben, hatte er durch seinen Fleiß und seine Leichtigkeit der Auffassung die Aufmerksamkeit seiner Lehrer auf sich gelenkt, so daß er schließlich einer Schülermission nach Paris zugeteilt wurde. Er trieb in dem großen modernen Babel die Wissenschaften nach ihrer französischen Form, erlangte in jedem Gegenstande das beste Zeugnis und wurde später als Artillerieoffizier der militärischen Schule in Metz überwiesen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat erklomm er in schnellster Folge die Stufenleiter der ägyptischen Beamtenhierarchie, um[278]  zuletzt als strahlende Sonne am Himmel des Unterrichts in Kairo zu glänzen.

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Ich darf mich rühmen seine Freundschaft in ausgedehntestem Maße genossen zu haben, die ihn seinerseits zu der Bitte bewog, für ihn in französischer Sprache während meiner Mußestunden einen Überblick der Geschichte Ägyptens in den Zeiten der Ptolemäer und Römer, ferner die Numismatik des Nilthales in denselben Epochen, die alte Geographie des Landes u.s.w. in möglichst kurzer Zeit ausarbeiten zu wollen. Er beabsichtigte, so versicherte er mich, zum Nutzen der eingeborenen Jugend, – auch den Erwachsenen würde dies nicht schaden können, – ein encyklopädisches Werk in arabischer Sprache niederzuschreiben, das Ägyptens Stellung in der Weltgeschichte, seine Weisheit, seine Künste, seine Erfindungen, seine Sitten und Gewohnheiten, mit einem Worte alles und alles, wie es sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende entwickelt habe, dem Leser in verständlicher Sprache vorführe. Mein Wesir war ein hochgebildeter Mann, aber er litt an einem Fehler, welcher nicht ihm, sondern seinem ganzen Volksstamme angehört, nämlich in der mündlichen und schriftlichen Darstellung die Dinge kunterbunt und heillos untereinander zu werfen. Selbst Ismaïl Pascha kannte diesen Erbfehler seines Volkes sehr genau, und mit Bezug auf seinen Wesir bemerkte er mir einst: »Sehen Sie, ich und er, wir waren beide zusammen auf der Schule in Paris und wurden in denselben Lehrgegenständen unterrichtet, nur mit dem Unterschiede des Erfolges, daß er die besten und ich die schlechtesten Nummern in den Zeugnissen erhielt. Aber trotz seiner erlangten Kenntnisse verhinderte ihn seine Konfusion, wirklich Gutes zu leisten, während ich selber, der schlechtere Schüler, zwar weniger Kenntnisse besitze als er, mir aber[279]  wenigstens meinen gesunden Verstand bewahrt habe. Ich sehe klar und beurteile die Dinge nicht schief.«
Die Hochschule, für die ich als Generaldirektor ausersehen war, befand sich außerhalb der Stadt Kairo und in der Nähe der Vorstadt Bulak. Das dazu gehörige Gebäude mit den Anbauten und einem Vorgarten, alles von einer hohen weißen Mauer umgeben, zeigte alttürkischen Baustil, wobei selbst die Haremsfenster mit ihrem Gitterwerke nicht fehlten. Das Haus rührte offenbar noch aus der Mamelukenzeit her. Regellos angelegt, hatte jedes der Zimmer eine verschiedene Höhe, und eine Menge von Treppen und Gängen vermittelte die Verbindung der einzelnen mit einander. Für meinen Einzug war alles geweißt und gestrichen worden, wobei man es nicht vermied, unter der Tünche den alten Schmutz liegen zu lassen. Fledermäuse in den Zimmern, Mäuse und Ratten in den Kellern und Küchen gehörten zu den Mitbewohnern des türkischen Palastes, von dessen Dache aus, mit seinen chinesischen schirmartigen Vorsprüngen, ich täglicher Zeuge der herrlichsten Sonnenuntergänge war. Der Vorgarten reizte durch seinen tropischen Anblick: fruchttragende hohe Dattelpalmen und blütenreiche Maulbeerbäume bildeten durchsichtige kleine Gruppen, die Wege zeigten sich von riesig hohen dunklen Cypressen eingefaßt, auf den Beeten wurden buntfarbige Zierpflanzen oder häusliches Gemüse gezogen, und ein Regierungsbüffel, wie immer mit verbundenen Augen, drehte von früher Morgenstunde an bis zum Scheiden der Sonne das knarrende Wasserrad in der Ecke. Meine Frau war ganz entzückt von dem echt morgenländischen Gartenidyll unter dem stets blauen Himmel des Ostens; als sie jedoch an einem schönen Morgen den Kampf unseres ägyptischen Hauskaters mit einer anderthalb Meter langen Schlange vom Balkon aus mit eigenen Augen zu verfolgen die Gelegenheit hatte,[280]  da war es aus bei ihr mit aller Gartenpoesie, sie gab ihre täglichen Spaziergänge zwischen den Beeten auf und begnügte sich damit, hinter den Haremsgittern des breiten Empfangssaales stehend, einen Blick auf das verlorene Paradies in der Tiefe zu werfen. »Es ist wirklich wahr,« äußerte sie zu mir, »daß niemand unter Palmen ungestraft wandelt.«


Meine Zöglinge bestanden wie die Apostel aus einer Zwölfzahl, sämtlich Eingeborene, die sich in der Farbe nur dadurch von einander unterschieden, daß die Söhne von türkischen Müttern eine hellere, die von ägyptischen eine dunklere Haut erkennen ließen. Man hatte mir angeblich eine Auslese der fähigsten Schüler zu Gebote gestellt, allein eine nähere Prüfung ihrer Kenntnisse verschaffte mir bald die Überzeugung, daß es eigentlich nur die Lahmen und die Blinden in der Erkenntnis waren, die »der hohe Diwan« mir aus der Stadt des Wissens nach dem Schech-Golali gesendet hatte. So hieß nämlich amtlich und im Volksmunde mein Haus, in dessen Nähe sich das Grabmal eines Heiligen dieses Namens befand, an welchem die vorüberziehenden Söhne des Landes ein kurzes Stoßgebet zu verrichten pflegten. Zu spät erfuhr ich, daß die Lehrer der Regierungsschule sich weislich gehütet hatten, von den Besten ihres lernenden Volkes sich zu trennen und mir dagegen nur den schalen Abhub ihrer lebendigen Ware in das Haus befördert hatten.
Ich kann es leicht verstehen, daß der Unterricht morgenländischer Schüler, den sie von europäischen Lehrern empfangen, immer nur zu mäßigen Erfolgen führt, da den Lehrern das Mittel meist vollständig abgeht, sich den Schülern so verständlich zu machen, um von ihnen begriffen zu werden. Die meisten Europäer, die nicht einmal in ihrem Lande eine Schulprüfung bestanden haben, sind darauf angewiesen, sich beim Unterricht der Dolmetscher zu bedienen, denen selber[281]  wiederum die Fähigkeit abgeht, die technischen Ausdrücke in den verschiedenen Unterrichtszweigen ihrer Bedeutung nach zu verstehen und für die arabische Sprache eine Wortbildung eintreten zu lassen, die sich begrifflich einigermaßen mit dem fremden Ausdruck deckt. Die französische Sprache, welche damals den Schülern gelehrt wurde, kannten sie auch nur halbwegs, so daß auch nach dieser Richtung hin sich dem Unterricht Schwierigkeiten aller Art entgegenstellten.
Meine Aufgabe, die ich zu lösen hatte, war unter so be wandten Umständen keine leichte, und ich weiß bis zur Stunde noch nicht, wie es mir gelungen ist, mit Hilfe deutscher Lehrer und eines abessinischen Lektors, meinen Schülern die deutsche, französische, englische und abessinische Sprache beizubringen, sie in das Verständnis der Hieroglyphen einzuführen und sie die Elemente der Hilfswissenschaften zu lehren. Der Vizekönig schien von meiner Kunst im höchsten Maße befriedigt, der »Wesir des Wissens« entzückt, und die Direktoren der Regierungsschulen wollten vor Neid beinahe bersten. Um es nicht zu vergessen, sogar mein alter Freund Mariette fing an sich mit dem Gedanken zu qnälen, als führe der Vizekönig den Plan im Schilde, in seinem Museum eingeborene, mit den Hieroglyphenstudien vertraute Beamte anzustellen. So viel ich ihn darüber zu beruhigen bemüht war, so mißtrauisch blieb er in seinem Gemüte, so daß er selbst den Museumsdienern den Befehl erteilen ließ, keinem Eingeborenen das Abschreiben hieroglyphischer Inschriften zu gestatten. Die Betreffenden wurden einfach aus dem Tempel hinausgedrängt.

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Bevor ich von meinen späteren Schulerfolgen den Schluß erzählen werde, muß ich eines Ereignisses gedenken, das in der damaligen Zeit ganz Europa auf das lebhafteste beschäftigte und die Zeitungen wie mit Engelszungen von sich reden ließ. Ich meine die feierliche Eröffnung des Kanales von[282]  Sues, an der ich selber im dienstlichen Auftrage als ägyptischer Kommissar teilgenommen hatte. Seitdem ich meine Stellung als Direktor einer morgenländischen Hochschule in Kairo angetreten hatte, galt ich nun einmal als ein »Diener« der Regierung und ich mußte mich deshalb dazu bequemen, den schwarzen »Stambulin«-Rock anzulegen und den roten Tarbusch auf mein Haupt zu setzen. Da ich schon damals der arabischen Sprache insoweit mächtig war, um bei meinem hieroglyphischen Unterricht mich ihrer zu bedienen und sogar öffentlich arabische Vorträge zu halten, so sahen mich die meisten Ägypter als einen Beamten an, der schon lange Jahre seines Lebens an den Ufern des Nils zugebracht hatte.



Die Eröffnung des Kanales von Sues.










[283] Am 17. November 1869 war die Feier angesetzt worden, an welcher die Eröffnung des Kanales von Sues in pomphafter Weise vor sich gehen sollte. Es lag die Absicht vor, ein Fürsten- und Völkerfest herzuzaubern, wie seinesgleichen auf der Welt nie dagewesen war. Rechtzeitig waren die Einladungen an die regierenden Fürsten Europas erlassen worden, nicht weniger an eine Reihe hervorragender Personen der europäischen Gesellschaft, und ebenso hatte man es nicht vergessen, die Herren der Großmacht »Presse« durch eine besondere Einladung auszuzeichnen. Kosten wurden den Reisenden unter keinen Umständen auferlegt, denn Eisenbahnen, Dampfschiffe, Wagen, Hotels, mit einem Worte, alles stand zu ihrer Verfügung, wobei die Verpflegung bis zu den feinsten Weinen hin als wahrhaft königlich bezeichnet werden konnte. Die verfallenen Bauten aus alter und junger Zeit in Alexandrien, Kairo und an sonstigen von den Reisenden gewöhnlich besuchten Punkten im Lande waren auf Befehl des Vizekönigs[283]  neu auflackiert worden, um den Ankömmlingen einen ergötzlichen Anblick zu bieten, und mein »Wesir des Wissens«, der sich als großer Kenner arabischer Architektur aufspielte, war wochenlang damit beschäftigt gewesen, die wundervollen Moscheen und baulichen Anlagen aus der älteren arabischen Zeit Ägyptens iu fürchterlichster Weise zu verhunzen. Die Flächen der herrlichen Denkmäler wurden nämlich mit weißen, roten, blauen, grünen und schwarzen Streifen wie mit farbigen Notenlinien bedeckt, deren Anblick, wie es nicht anders sein konnte, einen abscheulichen Eindruck hervorrief. Bei der Ankunft der eingeladenen Gäste in Kairo entrang sich ein Schrei der Entrüstung dem Munde der Wanderer, und man wollte es nicht glauben, daß ein Wesir der Aufklärung eine Ehre darin setzen konnte, das monumentale Kairo von oben bis nuten mit Hilfe eines Mauerpinsels anstreichen zu lassen.
In den Hotels war kein Plätzchen mehr zu haben, denn die Regierung hatte jeden verfügbaren Raum zu hohen Preisen gemietet, um die ankommenden Gäste in würdigster Weise aufzunehmen. Zahllose Dampfer lagen geheizt auf dem Flusse oder in den Häfen von Alexandrien und Pork-Sajid, gewärtig des Augenblicks, die eingeladenen Gäste zu empfangen. Alles, was sich nur bewegen konnte, war auf den Beinen, um dem großen Feste von Sues entgegen zueilen oder sich unter falscher Flagge mitten unter die große Schar der Festgenossen einzudrängen.
Je näher der große Tag kam, je mehr wuchs die Aufregung, besonders als die ersten Fremden wie Wandervögel angeflogen kamen. Diejenigen, die ihren Weg nach Alexandrien genommen hatten, wurden von hier aus nach Osten hin weiter geschafft, und mir selber ward bei solchem Geschäft der Auftrag, die deutschen und österreichischen Gäste auf einem ägyptischen Kriegsschiffe nach Port-Sajid zu geleiten und sie den Kanal seiner ganzen Länge nach durchziehen zu lassen. Es[284]  war in der Nacht vom 15. zum 16. November, als das mit der kostbaren lebendigen Ware beladene Schiff längs der ägyptischen Meeresküste auf sehr bewegter Wasserstraße dahinzog, denn die See war unruhig und das Wetter ließ sich ziemlich trübe an.
In dem Hafen von Port-Sajid ankerten Kriegsschiffe aller Nationen, die Fürstlichkeiten ersten Ranges von ihren Heimatsländern nach Ägyptens Küste getragen hatten, und an den Tauen und Raen flatterten Hunderte und Aberhunderte bunter Flaggen zum seemännischen Ausdruck des Grußes und der höchsten festlichen Stimmung. Die Kaiserin Eugenie der Franzosen und der Kaiser Franz Josef von Österreich-Ungarn standen an der Spitze der gekrönten Gäste, während es meinem preußischen Herzen wohl that, in dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, unserem späteren Kaiser Friedrich III., den Vertreter meiner deutschen Heimat begrüßen zu dürfen. Er war nach Ägypten gekommen, nicht bloß um durch seine Gegenwart. die geplante Feier der Kanaleröffnung verherrlichen zu helfen, sondern zugleich in der Absicht, trotz der kurz zugemessenen Zeit die Kalifenstadt Kairo und das Wunderland Oberägypten durch Augenschein kennen zu lernen. Als Begleiter und Führer durch das monumentale Oberland hatten sich dem fürstlichen Helden die Professoren Lepsius und Dümichen angeschlossen, die indes auf der gewöhnlichen Reisestraße ihren Weg nach Kairo eingeschlagen hatten. Dem Kronprinzen, dem ich aus früheren Zeiten her hinlänglich bekannt war, machte es sichtlich Vergnügen, durch einen preußischägyptischen Beamten die ersten Grüße des Vizekönigs zu empfangen und sich mit mir über die in den nächsten Tagen kommenden Dinge unterhalten zu können.
Es kann mir nicht einfallen, die Leser durch eine Darstellung der Feierlichkeiten in der Stadt Ismaïlia und an[285]  anderen Punkten des Sues-Kanales zu ermüden. Durch einen mohammedanischen, katholischen, evangelischen und jüdischen Geistlichen wurde der Kanal eingesegnet, die Kanonen donnerten, die eingeladenen Gäste stießen ihre Freudenrufe aus, mit einem Worte, die Feier wurde in der glanzvollsten Weise programmmäßig ausgeführt. Nächst dem Vizekönig erregte der alte Lesseps, wie er schon damals genannt wurde, allseitig die höchste Aufmerksamkeit. Man drängte sich um ihn, schüttelte ihm die Hände und beglückwünschte ihn zu dem großen Erfolge seines gelungenen Werkes. Ich hielt ihn damals für den gefeiertsten Friedenshelden unserer Zeit und dachte nicht an das Solonische Wort, daß niemand vor seinem Tode glücklich zu preisen sei. Die Panama-Skandale haben auch seinen Namen befleckt, wenn auch angenommen werden muß, daß er ohne nähere Prüfung der Geldlage in das Blaue hinein wirtschaftete, nur um Zeit zu gewinnen, die Kanalangelegenheit in die Länge zu ziehen. Er machte es wie der Vogel Strauß, der nach der Sage den Kopf in den Sand steckt, um eine drohende Gefahr zu übersehen.

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Die Fürstlichkeiten und die sonstigen eingeladenen Gäste wurden in die Schlösser, Privatgebäude oder in Zelte einquartiert, auf das köstlichste bewirtet und durch Vergnügungen aller Art, als Ball, Feuerwerk, öffentliche Tänze bis in die späte Nacht hinein unterhalten. Ich sah bei dieser Gelegenheit die Kaiserin Eugenie in Begleitung der österreichischen Fürstin Metternich vor einem geöffneten Zelte stehen, in welchem arabische Tänzerinnen den sogenannten Bienentanz aufführten, ohne an dem nichts weniger als für Damen geeigneten Anblick den geringsten Anstoß zu nehmen.
Im übrigen bestand die ganze vielköpfige Gesellschaft, insofern es sich um die Europäer handelte, aus zwei beinahe gleichstarken Hälften. Die eine davon wurde bedient, die[286]  andere übernahm das Geschäft des Bedienens. Die Angestellten des vizeköniglichen Hofes hatten bei weitem nicht ausgereicht, für den Fremdendienst die erforderlichen Kräfte zu bieten, man hatte deshalb zu dem Hilfsmittel gegriffen, alle nur einigermaßen tauglichen Europäer in Alexandrien und Kairo in Uniformen oder in schwarze Fracks und weiße Binden zu stecken. Ich entdeckte eine Menge deutscher Handwerker darunter, wie beispielsweise einen Schuster aus Potsdam, der in größter Würdigkeit aus einer Champagnerflasche den Gästen die Gläser füllte, während eine Zweite mit dem Silberkopfe aus seiner Fracktasche verräterisch hervorlugte. Ich habe dem Manne die stille Champagnerlust gar nicht übel genommen, denn selbst mancher geehrte Gast folgte demselben Beispiel, und ich freute mich nicht wenig darüber, wenn ich sah, wie dies und jenes Mitglied der eingeladenen Gesellschaft sich in den Hintergrund eines Büffettzeltes begab, um den Inhalt einer Kiste echter Havannazigarren in seine Taschen verschwinden zu lassen. Der Mensch ist eben in gewissen Fällen ein gieriges Raubtier, selbst wenn es keine Jungen zu nähren hat.
Es kann nicht Wunder nehmen, daß die Kosten des Festes sich später als recht erhebliche herausstellten. Wenn ich die Zahl von hundert Millionen Mark an führe, so bin ich noch weit hinter der Wahrheit geblieben, aber natürlich kann auch etwa nur ein Drittel dieser Summe als wirkliche Ausgabe betrachtet werden. Das andere, wie man zu sagen pflegt, ging nebenher darauf, wobei ohne Unterschied der Religion und der Abstammung der Diebstahl in seiner vollsten Blüte stand.
Meine Fahrt auf dem Sues-Kanal, auf welcher ich meinen Wohnsitz und meine Schlafstelle unterhalb des Geschützrohrs eines ägyptischen Kanonenbootes aufgeschlagen hatte – denn mein Fremdenschiff war stecken geblieben –, meine Ankunft in Sues und meine Rückkehr nach Kairo ging glücklich von[287]  statten. Die Glanzpunkte während dieser schnellen Wanderungen war das Wiedersehen von lieben Bekannten und Freunden aus der Heimat. Dazu gehörte L. Pietsch, der damals in die Wasser des Roten Meeres gefallen und glücklich wieder herausgezogen war, der schneidige Dragonerrittmeister Baron von Korff und der heutige Unterstaatssekretär Excellenz von Stephan, der nach seiner Rückkehr in die Heimat ein ganz vortreffliches und viel gelesenes Buch über Ägypten geschrieben hat.
Schon in Port-Sajid hatte mich ein Freund, der österreichische Generalkonsul von Schreiner, in allen Ecken und Winkeln aufgesucht, um mir eine wichtige Mitteilung zu machen. Als er meiner habhaft wurde, rief er mir schon von weitem zu: »Der Kaiser will dich haben, er wünscht dich als Begleiter während seines Aufenthaltes in Ägypten.« Auf meine telegraphische Anfrage beim Vizekönig ward mir die Genehmigung zu diesem Ehrendienste erteilt, und so ward mir die unerwartete Auszeichnung, zu den täglichen Begleitern des Beherrschers Österreich-Ungarns zu gehören, so lange er auf ägyptischen Boden weilte. Ich hatte Gelegenheit, die liebenswürdige Einfachheit seines Wesens zu bewundern, und durch seine Arbeitskraft – er erhob sich regelmäßig des Morgens um 4 Uhr – geradezu beschämt zu werden. Seine Unterhaltungen mit meiner Wenigkeit waren von echt österreichischer Gemütlichkeit, oft durch witzige Bemerkungen gewürzt, die das Berliner Kind dem mächtigen Kaiser, wenn auch in aller Bescheidenheit, nie schuldig blieb. Besonders war es das von mir erfundene kurze Wort »lackiert!« welches den Kaiser höchlichst amüsierte.
In seiner Umgebung befanden sich Männer, deren geschichtliche Bedeutung mir eine gewisse Ehrfurcht einflößte, wenn es mir auch gestattet war, mit ihnen gemeinschaftlich im engsten[288]  Kreise zu verkehren. Es waren besonders drei Persönlichkeiten, die mich anzogen und deren Namen ich nur auszusprechen brauche, um ihre Bedeutung erkennen zu lassen. Der Minister Andrassy, ein vorzüglicher Reiter und ungarischer Kavalier, wie er im Buche steht, der sächsische, damals in österreichischen Diensten befindliche Minister von Beust, der eigentlich den Eindruck eines alten Schulmeisters auf mich machte und sich, in einen blauseidenen mit Gold gestickten arabischen Burnus gehüllt, auf einem ägyptischen Eselein über Land befördern ließ, und drittens der Admiral von Tegetthoff ruhmreichen Angedenkens als Sieger in der Seeschlacht von Lissa, der auf allen Ausflügen sich des Dromedares als Reittier zu bedienen pflegte. Ich habe selten einen afrikanischen Beduinen gesehen, der wie der österreichische Admiral mit gleicher Leichtigkeit und Eleganz auf dem Schiffe der Wüste oft mit Windesschnelle seine Straße dahinzog, so daß er das allgemeine Erstaunen selbst bei den Eingeborenen erregte.


Der Kaiser hatte es abgelehnt, aus Rücksicht auf seine beschränkte Zeit, eine Reise nach Oberägypten zu unternehmen, umsomehr als man nicht sicher war, ob die stürmische Jahreszeit der schnellen Bewegung seiner Kriegsdampfer während der bevorstehenden Rückreise nach Triest kein Hindernis entgegenstellen würde. Schon auf der Hinreise nach Ägypten hatten rasende Stürme auf der See getobt, so daß Herr von Beust, welcher sich auf dem zweiten Kriegsschiffe befand, auf die Frage des Kaisers nach seinem Wohlbefinden durch Flaggensignale die Antwort gab: »Morituri te salutant, Caesar«. Umgehend erfolgte die Rückantwort des Cäsar: »Requiescant in pace«.
Zu den Ausflügen, die mir in der Erinnerung lebendig vorschweben, gehörte ein Abstecher nach Sakkara und die Besteigung der größten Pyramide von Giseh.[289]  Der Kaiser bewohnte während seines ägyptischen Aufenthaltes das reizende Palais von Gcsireh, am westlichen Nilufer und dem alten Museum von Bulak gegenüber inmitten eines wunderhübschen Gartens gelegen. An einem Morgen um sechs Uhr bestieg er mit allen seinen Begleitern einen der schönsten vizeköniglichen Nildampfer, der am Gartenkai ankerte, um den hohen Reisenden zu empfangen. Der Nil wogte in schwerer Fülle der Überschwemmungswasser, die Morgenluft war kalt und windig, aber man blieb auf dem Deck des Schiffes um linker Hand die Wasserseite Kairos, die Bauten Alt-Kairos mit der Zitadelle im Hintergrunde und den Höhenzug des Mokkatam mit seinen schon im Altertum ausgehöhlten Steinbrüchen in Augenschein zu nehmen und auf der rechten Seite die ganze Reihe der Pyramiden, über dem gelben Wüstenstreifen im Hintergrunde, und die grünen Getreidefelder, Kleewiesen und Palmenwälder im Vordergrunde mit den Blicken zu verfolgen. Trotzdem der Dampfer zu den Schnellläufern des Vizekönigs gehörte, so waren drei Stunden vollauf notwendig, um die Fluten der Nilschwelle bis zum Zeitpunkt unserer Ankunft an der Landungsstelle bei dem Dorfe Bedrescheïn zu durchschneiden. Pferde, Dromedare und Esel standen schön geschirrt und gesattelt in der Nähe der Hafenstelle, und ein weißes Zelt war aufgeschlagen, um dem hohen Reisenden und seinem Gefolge noch vor dem Ritte einen Morgenimbiß zu bieten. Aber die darin aufgestellten Tische zeigten nur ihre blanken Holzflächen, denn der Dampfer mit dem Frühstück hatte sich verspätet, und da selbst ein halbstündiges Warten seine Ankunft nicht herbeiführte, so befahl der Kaiser die Pferde zu besteigen, um den zweistündigen Weg nach Sakkara zunächst auf den Dämmen, welche das Gebiet der Ruinen von Memphis durchziehen, in schnellem Tempo zurückzulegen.
Noch zeigten sich die Reste der letzten Überschwemmung[290]  in Gestalt größerer und kleinerer Seen, an deren Rändern sich ein zahlloses Vogelvolk niedergelassen hatte. Den Kaiser wandelte sofort die Luft zur Jagd an, er ließ sich ein Gewehr reichen und Schuß auf Schuß wurde in die Luft gefeuert, aus welcher die getroffenen Körper des Geflügels herniederfielen. Die Jagd mochte eine Stunde gedauert haben, als der Kaiser mir klagte, wie er vom unglaublichsten Hunger heimgesucht sei, da er noch keinen Bissen genossen habe. Lächelnd griff ich in die Tasche meines Überrocks, zog das Kantenstück eines schwarzen Brotes hervor, das mir der Vorsicht halber meine Frau in die Tasche gesteckt hatte. Dankend griff er nach dem Brotstück und brach es in zwei gleiche Hälften durch, von denen er mir die eine zurückreichte. Nachdem er seinen Anteil aufgezehrt hatte, beteuerte er mir aufrichtig, daß ihm niemals ein Stückchen Brot im Leben so gut geschmeckt habe. Meine eigene Hälfte Brotes wurde gleich darauf in weitere drei Stücke geteilt, von denen Graf Andrassy das eine, Admiral Tegetthoff das andere und ich selber das dritte mit wahrem Wolfshunger verspeisten.
Für unsere Ankunft im Serapeum von Memphis, auf welchem jetzt die ägyptische Flagge aufgezogen war, – denn die französische Trikolore hatte ihren Abschied erhalten seit Mariettes Eintritt in vizekönigliche Dienste – war natürlich alles in würdigster Weise vorbereitet worden, um dem Kaiser die unterirdischen Wunder der Wüste in ihrer magischen Beleuchtung vor Augen zu führen. Ein opulentes Frühstück wurde inzwischen aufgetragen, nachdem die französischen Lakaien des Vizekönigs ihre Verspätung wieder dadurch gut gemacht hatten, daß sie mit Kisten und Kästen bereitstehende Dromedare bestiegen und im schnellsten Trabe ihren Weg nach der Wüste nahmen. Auf meinen Vorschlag, noch eine halbe Stunde nach eingenom menem Essen zu warten, bevor der Ritt fortgesetzt[291]  werden sollte, da eine Wanderung in glühender Sonne bei vollem Magen in Ägypten häufig Veranlassung zu Sonnenstichen gäbe, trat eine Reisepause ein, nach deren Verlauf von neuem die Pferde bestiegen wurden.
Der Ritt von den Pyramiden von Sakkara zu denen von Giseh im Norden nimmt gewöhnlich eine Zelt von drei Stunden in Anspruch. Er führt mitten durch uralte Gräberanlagen in Gestalt offener oder zugeschütteter Brunnen durch das wellige Gelände der Wüste, um sich später am Rande derselben, nach dem bebauten Lande zu, auf weniger sandigem Boden fortzusetzen. Trotz meiner Warnung führte der Kaiser sein Pferd im schnellsten Trabe und Galopp durch das gefährliche Gebiet der Brunnen hindurch, nicht selten die gähnenden Öffnungen mit einem Satze überspringend. Mir standen, offen gesagt, die Haare zu Berge, doch nahm ich alle Kraft zusammen, um ihm zur Seite zu bleiben und die Spuren der Fußpfade von Beduinen im Sande zu verfolgen. Gegen 5 Uhr, nach kaum einstündigem Ritt, langte die Gesellschaft vor den Pyramiden von Giseh an, woselbst auf der Höhe des Plateaus und unmittelbar am Fuße der größten Pyramide die für den Kaiser bestimmte Anzahl vizeköniglicher Wagen sowie eine schaulustige Menge aus der Stadt sich aufgestellt hatte.

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Die Besteigung des mächtigen Stufenbaues, den König Cheops über seiner Grabkammer hatte auftürmen lassen, ist weder leicht noch besonders angenehm. Zwei Beduinen pflegen den Hinaufkletternden von Stufe zu Stufe an den Händen emporzuziehen, während ein dritter den Körper des Steigers von hinten nachschiebt, so daß man eigentlich gehoben und geschoben wird, ohne selber die Thätigkeit des Ersteigens nach eigenem Willen auszuführen. Der österreichische Kaiser verweigerte es hartnäckig, die beduinische Unterstützung anzunehmen,[292]  da er, wie er mir es versicherte, ein guter Bergsteiger sei und in Tirol auf der Gemsjagd als einer der besten Kletterer bekannt sei. Thatsächlich gelangte der kaiserliche Herr bis etwa zur Hälfte der Höhe, ohne auch nur die geringste Hilfe angenommen zu haben, erklärte mir aber dann, er habe jetzt genug und wolle die Rückkehr antreten. Ich machte den Kaiser darauf aufmerksam, daß von der Spitze der Pyramide aus sich eine herrliche Umschau über die Wüste und das bebaute Land darstelle und daß es geraten sei, um schneller zum Ziele zu kommen, die Hilfe der Beduinen nicht zurückzuweisen. Fast zu gleicher Zeit gelangten wir beide bis zur Spitze, worauf sich bald hernach der Minister Andrassy und der Admiral Tegetthoff zu uns gesellten. Beim Anblick der vielen Wagen am Fuße der Pyramiden wandte sich Andrassy an den Kaiser mit der scherzhaften Bemerkung in französischer Sprache »Sire, quarante voitures vous regardent d'en bas de cette pyramide,« eine Anspielung auf die bekannten Worte des Generals Napoleon Bonaparte, die er seinen Soldaten bei dem Angriff der Mameluken bei Embabe am Fuße der Pyramiden mit lauter Stimme zurief: »Soldats, quarante siècles vous regardent du haut de cette pyramide.« Allgemeine Heiterkeit folgte der launigen Äußerung des Ministers.
Wenige Jahre später stand ich an derselben Stelle neben einem zweiten Kaiser, der trotz seines Alters die Mühe nicht.gescheut hatte, die Stufen des Grabberges zu ersteigen, um von der Höhe aus einen Blick in die Tiefe und nach der Umgegend zu werfen. Kaum hatte er damit angefangen sein Auge nach dem östlichen Horizont zu richten, als eine wahre Seeschlange amerikanischer Damen sich bis zur Spitze emporwand, – es waren mindestens ihrer zwanzig, – von denen eine jede ein Album aus der Reisetasche zog und dem[293]  Kaiser die Bitte ausdrückte, sich gütigst einschreiben zu wollen. Lächelnd nahm er seinen Bleistift und schrieb auf ein Bla tt eines jeden Albums die Worte ein: »Dom Pedro d'Alcantara«. Es war niemand anders als der Kaiser von Brasilien.
Nach der Abreise des Kaisers Franz Josef aus Ägypten traf unser Kronprinz Friedrich Wilhelm in Kairo ein, nachdem er auf einem Dampfer des Vizekönigs seine oberägyptische Reise glücklich und zu seiner höchsten Befriedigung zurückgelegt hatte. Der Kronprinz konnte nur wenige Tage in der Kalifenstadt verweilen, aber die zugemessene Zeit reichte vollständig aus, um ihre Sehenswürdigkeiten und die Merkwürdigkeiten ihrer Umgebung in Augenschein zu nehmen und durch seine Gegenwart der Grundsteinlegung der evangelischen Kirche in Kairo eine patriotische Weihe zu verleihen. Der deutsche Verein, damals aus Handwerkern und Kaufleuten bestehend, ließ es sich nicht nehmen, den Kronprinzen durch einen Fackelzug zu ehren und Worte der ehrfurchtvollsten Begrüßung an den gefeierten Helden zu richten. Die Unterhaltung des Kronprinzen mit einzelnen Handwerkern entbehrte nicht eines humoristischen Anstrichs. Ich erinnere mich, daß die damals sehr bekannte Gestalt »des Schusters« auf die Frage nach seiner Geburtsstätte dem Fürsten die Antwort gab: »Wir sind Landsleute«. – Inwiefern? – »Wir sind ja beide Potsdamer«. – Na ich danke Ihnen! der Kronprinz lachte hell auf.
War es ein Wunder, daß bei den Masseneinladungen zur Eröffnungsfeier des Kanals von Sues diese oder jene litterarische Größe sich verletzt fühlte, übergangen worden zu sein und keine Freikarte erhalten zu haben? Selbst den Vizekönig ließen einzelne Gönner von Übersehenen später diese Nachlässigkeit merken mit einer leisen Andeutung, sie wieder nachträglich gut zu machen, d.h. die betreffende Persönlichkeit[294]  durch eine Extraeinladung zu beehren. Die Mittel und Wege, welche die Vergessenen einschlugen, um ihre Klagen und ihre Wünsche bis an die letzte Adresse gelangen zu lassen, gehen mich nichts an und ich habe kein Recht, selbst heute noch über das Gerade oder Krumme derselben ein Urteil zu fällen. Nur ein besonderer Fall schwebt mir in der Erinnerung vor.
Eines Tages, als ich in einer Audienz vom Vizekönig empfangen wurde, legte er mir die Frage vor, ob mir die Deutsche George Sand bekannt wäre, ei ne berühmte Schriftstellerin, die man bei den Einladungen vergessen zu haben scheine und die ihm besonders empfohlen worden sei, um die begangene Sünde wieder gut zu machen. Ich gestand offen meine Unkenntnis in Bezug auf eine George Sand in Deutschland ein, bis der Vizekönig endlich ihren Namen hervorstotterte mit der Äußerung: »Jl s'agit d'une Madame Mulbaque.«
Nun wußte ich mit einem Male, woran ich war. »Die Person des Schreibers steht so hoch,« bemerkte mir der Vizekönig, »daß ich thatsächlich die gewünschte Einladung habe ergehen lassen müssen. Die Dame wird in den nächsten Tagen eintreffen und ihren Winteraufenthalt hier nehmen.«

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Und sie traf richtig ein mit Sack und Pack und in Begleitung ihrer »rehängigen« Tochter und der zugehörigen Dienerschaft, um auf vizekönigliche Kosten in dem ersten Hotel Kairos ihren sechsmonatlichen Aufenthalt zu nehmen, wobei ihr die schönsten Wagen des Vizekönigs und sonstige den vornehmen Reisenden erwiesene Ehrungen zur Verfügung gestellt wurden.
Ich erhielt zu meiner Überraschung den ersten Besuch von meiner berühmten schriftstellernden Landsmännin, einer wohlbeleibten Dame, die etwa in der Mitte der Fünfziger stand und an ihren Armbändern mehrere große goldne Medaillen[295]  für Kunst und Wissenschaft zur Schau trug. In leutseligster Weise entwickelte sie mir ihre Pläne, einen langen, natürlich »historischen« Roman niederzuschreiben, welcher die Familie Mehemmed Alis zu seinem Gegenstande haben würde und der ihre ägyptische Reise überhaupt ins Leben gerufen habe. Da sie wenig bekannt mit den Sitten und Gewohnheiten der Morgenländer aber auch der arabischen Sprache nicht mächtig sei, so ersuchte sie mich ihr die notwendigen Notizeil darüber zu geben, um sie vor möglichen Irrungen zu schützen. Ich bedauerte aufrichtig, mich nicht vollständig zu ihrer Verfügung stellen zu können, da mein Amt meine ganze Zeit in Anspruch nehme und ich des Abends meiner Familie angehöre.
Nach einem Aufenthalte von sechs Monaten verließ die Deutsche George Sand Ägypten, überhäuft von Liebenswürdigkeiten des Khedive, dem sie nebenbei eine Rechnung überreichte, um für den Verlust ihrer kostbaren Zeit bei dem Niederschreiben ihres historisch-ägyptischen Romanes einigermaßen entschädigt zu werden. Der Vizekönig ließ die Summe durch den französischen Bankier Oppenheim auszahlen und Madame M. kehrte im folgenden Jahre wieder, ihre Hofhaltung durch einen deutschen Stenographen vermehrt, um die Gastfreundschaft des Vizekönigs aufs neue in Anspruch zu nehmen und ihren Roman handschriftlich zu vollenden. Die Abreise war mit einer nenen Forderung verbunden, der wiederum der klingende Betrag zu teil wurde. Als im dritten Jahre Madame von neuem einen Brief an den Vizekönig richtete, um ihr zu gestatten nach Ägypten zurückzukehren, war der in seiner Güte so mißbrauchte Fürst klug genug, ihr die kurze Drahtantwort zukommen zu lassen, daß der Vizekönig niemand verwehre, eine Reise nach seinem Lande zu unternehmen.
Ich habe nichts von ihrem ägyptischen historischen Werke weder gesehen noch gelesen, nur aus ihren »Reisebriefen aus[296]  Ägypten«, die zu Jena im Jahre 1871 erschienen sind, erwuchs mir in den Stunden der Ruhe manche Belehrung und manches Vergnügen. Wie wahr ist beispielsweise ihre Behauptung in Betreff Ägyptens: »Das Geld liegt wirklich auf der Straße, wer es nur zu suchen versteht, der findet es auch,« und dann drei Zeilen darauf: »das Geld liegt außerdem auch in der Erde vergraben von uralten Zeiten her. Die wandernden Stämme, welche einst vor den Tagen der Pyramiden und der Pharaonen noch das Land durchzogen, pflegten, um sich gegen die räuberischen Nachbarn und Gefährten zu sichern, ihr Gold und Silber zu vergraben. Sie meinten es wieder zu finden, wenn sie von irgend einer Wanderung heimkehrten; aber dann war der Wind der Wüste über sie hingezogen oder das Wasser des Nils hatte mit seinem Schlamm die Stätte bedeckt, oder, da die ungeheuren Steppen sich hier so ganz ähnlich sind und durch nichts unterscheiden, konnten sie selber die Stätte nicht wieder finden, wo sie ihren Schatz gelassen.« Nun weiß man doch, wo das viele liebe Geld des Vizekönigs herkommt, aber damit noch lange nicht, wohin es wandert. um vor dem Wiederfinden gesichert zu sein.
Die Reisebriefe der Deutschen George Sand haben, aufrichtig gesagt, eine so untergeordnete litterarische Bedeutung, daß kein Mensch davon spricht, ja zur Zeit ihres Erscheinens hatten sie außerdem für die Verfasserin die unangenehme Folge, daß sie genötigt wurde gewisse ehrenrührige Behauptungen öffentlich zu widerrufen, um einer Anklage wegen Verleumdung zu entgehen.
Es fehlte auch sonst nicht an einzelnen deutschen Nachzüglern, die fast nur mit einem Regenschirm in der Hand in Ägypten landeten, um mit schriftlichen Empfehlungen versehen, sich der ausgebreitetsten Gastfreundschaft des Vizekönigs in die Arme zu werfen. Bei ihren bescheidenen Ansprüchen ward es[297]  mir ein Leichtes den Vizekönig zu bewegen, ihre Hotelrechnung und die Kosten ihrer Hin- und Herreise zu begleichen, wofür ich von seiten der Einwanderer, auch ein Dichter war darunter, als wirklicher Retter gepriesen wurde.



Vizekönigliches Hofleben.










[298] Der Aufenthalt der Fremden in Kairo nach ihrer Rückkehr aus dem Oberlande gab schließlich dem täglichen, der Arbeit gewidmeten Leben der in Kairo angesessenen Europäer den Beigeschmack des Ungemütlichen. Verlängerte festliche Stimmungen, besonders in schweren Abendsitzungen in den Bierkneipen ausgedrückt, nehmen schnell, bei soliden Leuten wenigstens, den Charakter des Unerträglichen und Ermüdenden an und man ist froh, wenn die wandernde Landplage heimwärts zieht. Mir selber war es stets ein Genuß, liebe Landsleute in meinem eigenen Heim zu empfangen und am Familientische mit Ihnen »von drüben« und von allem, was unser Herz bewegt und erquickt, reden zu können. Mein Freund und Zeitgenosse L. Pietsch wird es nicht vergessen haben, in welcher Weise, echt deutsch, echt sinnig und heimatswehmütig, wir den Weihnachtsabend des Jahres 1869 verlebt haben und wie der Christbaum einzig in seiner Art dastand. Es war ein einfacher Besenstiel, der aufrecht in einem Fußgestell steckte, aber bespickt mit blühenden Myrtenzweigen aus meinem Garten, zwischen welchen arabische Lichtkerzen ihren schimmernden Glanz ausbreiteten. Das Fest der seligen, fröhlichen Kinderzeit feierten wir auf der afrikanischen Erde sicherlich mit größerer Wärme, als wir es in derselben Stunde in der eigenen Heimat gethan haben würden.
Meine alte Thätigkeit an der Schule wurde nach den aufregenden Festtagen von mir selber wieder aufgenommen,[298]  und das war notwendig, denn auch die einheimische Jugend war von dem Wasserspektakel festlich angesteckt worden. Die Schüler machten je nach ihrer Leistungsfähigkeit die besten Fortschritte, und ich kann erfahrungsmäßig bezeugen, daß sie in der Leichtigkeit, auswendig zu lernen, den Durchschnittsschüler in Deutschland bei weitem überboten. Eine besondere Schwierigkeit bereitete es mir, sie in die Geheimnisse einzuweihen, die von dem altägyptischen Götterwesen unzertrennlich sind. »Es giebt keinen Gott außer Gott« ist bekanntlich die Losung des Islam und jede Erinnerung an Götter eine Sünde wider den Koran und den Propheten Mohammed. Im alten Ägypten wimmelte es von Gottheiten, alten und jungen bis zu den Kinderjahren hin, männlichen und weiblichen, die sich verheiraten, Kinder erzeugen und ein gemeinsames Familienleben führen. Wie sollte ich es meinen Schülern zur Klarheit bringen, daß ihre Vorfahren sich in den religiösen Dingen im vollsten Widerspruch zu ihnen befanden, und wie ihrer Vorstellung das besondere Wesen jeder einzelnen Gottheit näher führen? Wie oft, so mußte ich auch hier zu einem Kunstgriff meine Zuflucht nehmen, der mir gestattete, meinen Studenten von einer Vielheit ägyptischer Gottheiten zu reden, aber ihr islamisches La illah il' Allah nicht gar zu sehr ins Gedränge kommen zu lassen und ihren Glauben zu belasten. Da bekanntlich die Araber ihrem Allah neunundneunzig große Eigenschaften unter ebensoviel Namen zuschreiben, so lehrte ich meine Schüler in den Götterbezeichnungen der alten Ägypter nur Eigenschaftsnamen dieses einen unteilbaren Gottes erkennen, von dem sogar die heidnischen Inschriften aussagen: »Er ist einzig und allein und kein anderer Gott ist außer ihm da.« Götternamen wie Amon d.h. der »Verborgene« in Theben, Ptah d.h. der »Schöpfer« in Memphis u.a.m. fingen an auf meine Schüler sogar[299]  eine gewisse Anziehungskraft auszuüben, und im Grunde genommen stand meine Erklärung und Auffassung der Wahrheit nicht allzu fern.

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Es war eine Art von idyllischer Ruhe, die ich in meinem Hause, in welchem sich zugleich meine Schiller befanden, in mitten des Palmengartens verlebte. Der blaue Himmel, das Nicken der Palmenzweige in der leise bewegten Luft, das Knarren des Wasserrades, aber außer diesen die heilige Stille der ganzen Umgebung verfehlten nicht auf mich ihren Zauber auszuüben, und in der Ecke meines Diwans auf dem breiten Balkon sitzend, der eigentlich ein Zimmer mit durchbrochener Vorderwand darstellte, empfand ich häufig jenes wonnige, unbeschrewliche Gefühl, welches die morgenländischen Sprachen mit dem Worte »Kef« zu bezeichnen pflegen. Man träumt mit offenen Augen und der Schlafgott klopft leise an unsere Stirn, um uns mit seinen Armen zu umfangen. Freilich erzeugt der »Kef« keine Dichter, aber ich kann mir denken, daß er ehemals auf die Propheten seinen vollen Einfluß ansgeübt hat.
Wer im Morgenlande lebt und vor allem genötigt ist, mit den Großen des Landes im Verkehr zu leben, darf die Erfüllung einer Pflicht niemals außer Acht lassen, die für uns Europäer unerklärlich erscheinen dürfte. Sie besteht darin, dem regierenden Fürsten und seinen Wesiren mindestens einmal in der Woche einen Höflichkeitsbesuch abzustatten, der fünf oder mehr Stunden in Anspruch nimmt. Man wird im Vorzimmer von einem Sekretär empfangen und ersucht, seinen Namen in ein anfliegendes Buch einzutragen, Kaffee wird von uniformierten Unterbeamten oder Kawassen in kleinen Täßchen den Gästen angeboten, der Zeremonienmeister erscheint, um die Anwesenden zu begrüßen und ihre Namen zu notieren. Er verschwindet wieder, um sich zu seinem Herrn zu begeben[300]  und ihm die Namen der Besucher mitzuteilen und seine weiteren Befehle einzuholen. Er kehrt nach dem Wartezimmer zurück, ersucht diesen oder jenen oder auch wohl eine ganze Gruppe von Anwesenden ihm zu folgen, um seinem hohen Gebieter vorgestellt zu werden. Die Wartezeit kann sich bisweilen von neun Uhr vormittags bis neun Uhr abends ausdehnen, und wer eine empfindliche Natur hat, wie meine eigene Wenigkeit, der kann geradezu erbost werden, wenn er die Wahrnehmung macht, daß viel später Gekommene sofort vorgelassen werden, während er selber auf seinem Warteplatz stundenlang ausharren muß. Die Mißstimmung wächst in dem Maße, als die kommenden und gehenden Besucher mit vergnügten oder hämischen Mienen den Diwanhöcker wie einen in Ungnade gefallenen armen Sünder betrachten.
Immerhin findet der Europäer mannigfache Gelegenheit, sich in dem Wartezimmer zu zerstreuen, was besonders der Fall ist, wenn Große des Reiches von ägyptischem oder türkischem Stamme in die Wartehalle einziehen und sich durch ihre sonderbaren Handlungen und Fragen dem Europäer gegenüber auszeichnen. Hat es nicht beispielsweise etwas Urkomisches, wenn ein dicker Pascha plötzlich seine Weste aufknöpft, um nach einer – lebendigen Laus zu suchen, die glücklich erhaschte Beute auf den Nagel seines linken Daumens zu legen und sie mit Hilfe eines Vergrößerungsglases zu betrachten, das er vorher irgendwo gekauft oder zum Geschenk erhalten hat? »Schuf, agaib!« d.h. »sieh nur, wie wunderbar!«, ruft er aus, und wendet den Daumen mit der Laus darauf seinem nächsten Nachbar zu. Ich könnte die köstlichsten Geschichten erzählen, die mir aus meinen Wartestunden in der Erinnerung zurückgeblieben sind, muß aber aus Mangel an Raum es bei dem einen Beispiel bewenden lassen. Jedenfalls war es das Schlimmste noch nicht.[301] 

 So mußte ich denn ein- oder zweimal wöchentlich vor allem dem damals regierenden Vizekönig Ismaïl Pascha meinen schuldigen Besuch abstalten, wobei ich zu Wagen im Winter den Weg nach dem Stadtschlosse Abdin und im Sommer nach den Lustschlössern von Gesireh oder Giseh, auf der anderen Seite des Niles und der Stadt Kairo gegenüber, zurückzulegen hatte. Der Vizekönig, ein vollkommen europäisch gebildeter Mann, dem es nicht an Klugheit und Scharfsinn gebrach, wenn auch die besonders schlauen französischen Bankiers in Kairo seiner eingebildeten Schlauheit bei weitem über waren, ein Verehrer der europäischen Damenwelt, wenn sie sich nicht bloß durch Schönheit, sondern auch durch Bildung und Anmut in der Unterhaltung auszeichnete, ein Gönner der Kunst und Wissenschaft, soweit sie seinen Zwecken diente, und alles in allem ein Herr, mit dem es sich gut auskommen ließ, sobald man ihm nicht widersprach oder seinen Plänen gar Tadel entgegensetzte. Es ist mir eine angenehme Erinnerung, von ihm fast jedesmal nach meinem Erscheinen sofort empfangen und in seiner Nähe zurückgehalten worden zu sein.
Seine Gespräche mit mir, die er vorsichtig als »akademische« bezeichnete, betrafen alles Mögliche in der Welt, berührten aber mit besonderer Vorliebe unsern großen Kaiser WilhelmI. und seine Paladine, unter welchen ihm Fürst Bismarck und Graf von Moltke als die leuchtendsten Sterne erschienen. »Seine Majestät Ihr Kaiser,« so wiederholte er mir des öfteren, »ist einer der größten Männer der Zeit und sein Name wird in der Geschichte am Himmel des Ruhmes in Ewigkeit hin glänzen, aber wissen Sie, worin seine wahre Größe besteht? In der glücklichen Anlage, aus der Mitte seiner Diener das Talent und das Geschick des einzelnen zur Lösung der staatlichen Aufgaben herauserkannt[302]  und den Mann seiner Wahl an die richtige Stelle gesetzt zu haben. Wie viel Fürsten mächtiger und großer Reiche hat es nicht gegeben, die, an sich begabt, voller großer Pläne waren, aber dennoch nicht den richtigen Blick besaßen, um sich ihre Werkzeuge aus der Menge herauszuwählen und dadurch die gesteckten Ziele zu erreichen.«
Ich muß es hervorheben, daß der deutsch-französische Krieg in den Jahren 1870/71 nicht verfehlt hatte, dem Vizekönig die größten Enttäuschungen zu bereiten. Bis dahin stand er, wie so manch anderer Fürst, in dem Glauben, daß die französische Nation nicht bloß an der Spitze der übrigen Völker marschiere und geradezu unüberwindlich sei, sondern auch daß der Kaiser der Franzosen Napoleon III. alle übrigen Regenten in der Welt, wie man zu sagen pflegt, in der Tasche habe. Eine solche Ansicht hatte ihn und schon seinen Vorgänger Sajid dazu verleitet, sich ganz dem Franzosentum zu überlassen in dem festen Glauben an das Prestige und die Unfehlbarkeit der französischen Nation. Die ägyptische Armee war nach französischem Muster organisirt und von französischen Offizieren kommandiert; in den Ministerien bestand der größere Teil der höheren Beamten aus Franzosen; die Hofämter waren gleichfalls von Franzosen besetzt, unter denen der Kabinettssekretär Barrot, ein Neffe des berühmten französischen Staatsmannes Odilon Barrot, die hervorragendste Stellung bekleidete. Er war der eigentliche Ratgeber des Vizekönigs, wie seine schöne Gemahlin die Ratgeberin der Damenwelt, auch bei ihren Bestellungen in Paris für den vizeköniglichen Harem. Selbst das Hofleben bis zur Bedienung hin war nach französischem Zuschnitt gestaltet, wobei das gute Herz des Vizekönigs zum Ausdruck kam, als er nach dem für Frankreich unglücklichen Kriege fast die ganze Bedienung Napoleons in seine eigenen Dienste nahm. Die[303]  französische Dankbarkeit hat sich nach meinem Dafürhalten nicht besonders bewährt. Als die Geldnot den Vizekönig in die Enge getrieben hatte und der Goldfluß anfing zu versiegen, verließen die gemästeten französischen Ratten das sinkende Schiff Ismaïls. Von Barrot und dem französischen Leibarzt des Khedive an begaben sie sich auf die Dampfer im Hafen von Alexandrien, um sich nach Frankreich einzuschiffen und in Paris den Schweiß der Fellachen in Wohlleben zu verzehren. Daß es auch ehrliche Leute unter den Franzosen gab, das hat mein damaliger Freund, der Architekt Rousseau, bewiesen, welcher zuletzt eine Stellung als Unterstaatssekretär im Ministerium der öffentlichen Arbeiten einnahm und erst unter dem Nachfolger des Vizekönigs Ägypten als armer Mann verließ. Ich glaube, er ist derselbe, der bei dem Panamaskandale fast als der einzige Gerechte unter den vielen Sündern hervorging.

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Es war natürlich, daß meine Berührungen mit dem Hofe mich häufig, oft täglich mit der französischen Gesellschaft da oben zusammenführten, allein man hütete sich weislich, selbst nach dem Jahre 1871, mich irgendwie die eigene Mißstimmung fühlen zu lassen. In dem einzigen Falle, in welchem es geschah, verschaffte ich mir beim Vizekönig die glänzendste Genugthuung. Im übrigen war er von seiner Vorliebe für die Franzosen durch die letzten Ereignisse ein wenig geheilt worden und er zog es vor, die französischen Offiziere seiner Armee zu entlassen und sie durch Stellvertreter aus sogenannten neutralen Staaten zu ersetzen. Ismaïl zählte dazu Schweden, Norwegen, Dänemark, vor allem aber Nordamerika, woher er sich eine Reihe von Offizieren verschrieb, die sich im Kriege der Nordstaaten gegen die südlichen durch ihre militärischen Eigenschaften besonders hervorgethan hatten. An ihrer Spitze stand der amerikanische General Stone, zu dem ich in den[304]  freundschaftlichsten Beziehungen stand, und von den Offizieren gedenke ich mit Vergnügen des Colonel Long, der den Mut hatte, in Begleitung weniger Negersoldaten, die Reise von Kairo nach Uganda zu unternehmen und dem König Mtesa die Grüße und Geschenke des ägyptischen Khedive zu überbringen und ein freundschaftliches Bündnis mit ihm abzuschließen. Unter den Gegengeschenken des Königs Mtesa an seinen Bruder den Khedive befand sich eine baumwollene Mütze, welche der König allerhöchst eigenhändig mit Nadel und Zwirn gesteppt hatte. Sie bildete meiner Meinung nach ein Glanzstück in der Weltausstellung zu Wien, nachdem sie mir vom Vizekönig übergeben worden war, zog aber niemandes Beachtung auf sich, wenn nicht jemand vorher von ihrer Geschichte unterrichtet war.



Der Khedive als Eroberer.










[305] Die Vermehrung der Truppen und der eingestellten europäischen und amerikanischen »neutralen« Offiziere entsproß nicht bloß einer Laune des Vizekönigs, sondern hatte ihren guten Grund in den von ihm geplanten Absichten, sich in den Besitz der Länder des ganzen Nilgebietes bis zum Äquator hin zu bringen und ein großes ägyptisches Reich zu gründen, das unabhängig von der hohen Pforte dastehen sollte. Es war der wunde Punkt in dem Ehrgeiz des Khedive, sich unabhängig zu wissen an der Spitze eines mächtigen Reiches, dessen Umfang nach seinen Absichten dem des europäischen Rußland beinah gleichkam. Nach allen Richtungen der Nilländer des Südens wurden militärische Expeditionen geschickt, um sie dem ägyptischen Reiche einzuverleiben und mit Befestigungen und mit telegraphischen Leitungen zu versehen.[305]  Die Kriegszüge hatten wenig Menschenblut erfordert. Selbst die großen Reiche von Kordofan und Darfur, auf der westlichen Seite Chartums, gingen in ägyptischen Besitz über. Im Osten, an der Westküste des Roten Meeres waren die beiden Seeplätze Suakin und Insel Massaua von der Türkei, natürlich gegen eine hohe Barzahlung, käuflich erworben worden und die afrikanische Schweiz oder das Hochland von Abessinien sollte durch ägyptische Truppenmacht demnächst in die Reihe der eroberten und unterworfenen Länder eintreten, seitdem im Jahre 1872 Werner Munzinger die nördlichen Gebiete, Bogos und Mensa, für Ägypten erworben hatte.
Die Seele der zahlreichen Expeditionen war selbstverständlich der Khedive, während der ägyptische Generalstab unter der Leitung des amerikanischen Generals Stone die Pläne seines Herrn und Gebieters ausführte und die einge gangenen Berichte nebst Karten in seinen Gewahrsam nahm.
Es schien mir damals die Gelegenheit gekommen zu sein, den Khedive für einen Gegenstand zu erwärmen, der wohl geeignet war seine Aufmerksamkeit zu verdienen, da er mit den neuerschlossenen Gebieten des inneren Afrika und einer Reihe wichtiger geographischer Entdeckungen im engen Zusammenhange stand. Ich meine die Stiftung einer geographischen Gesellschaft in Kairo. Auf meinen Antrag genehmigte der Khedive die Ernennung des damals in Ägypten anwesenden Dr. Schweinfurth, des berühmten Afrikareisenden, zum besoldeten Leiter derselben und gewährte außerdem die Mittel zur Stiftung einer geographischen Bibliothek. Ein frisches Leben trat hiermit in die bessere Gesellschaft Kairos ein, denn ein Mittelpunkt der Vereinigung war gefunden, um aus dem Munde Schweinfurths, des Generals Stone oder der eben von ihren Expeditionen heimgekehrten Offiziere gleichsam brühwarm von den letzten und neuesten Entdeckungen[306]  Kunde zu erhalten. Leider, wie das in Ägypten unter Europäern unvermeidlich zu sein scheint, trat bald eine Mißstimmung und damit eine Spaltung in der Gesellschaft ein, nachdem General Stone die Erklärung abgegeben hatte, gewisse Berichte und kartographische Aufnahmen seien als Generalsstabsgeheimnisse zu betrachten und nimmermehr der Öffentlichkeit preiszugeben. Schweinfurth legte deshalb sein Amt nieder und die absterbende Gesellschaft behalf sich, so gut es eben gehen wollte, mit seinen Nachfolgern. Mir selber machte es Freude, auf Einladung und in Gegenwart des Vizekönigs die Typen gefangener Männer und Weiber aus dem Herzen des dunklen Erdteils, die ihm als Proben seiner neuesten Unterthanen übersandt worden waren, in Augenschein zu nehmen. Gewöhnlich führten die Männer wilde Kriegstänze aus, während die Weiber in einer Ecke des Platzes vor dem vizeköniglichen Palais hockten und in die ihnen fremde Welt regungslos mit glotzenden Augen hineinstarrten.

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Die ungeheuren Summen, die für die Ausrüstung der militärischen Expedition nach dem Sudan geopfert wurden, und die in Abessinien erlittene Niederlage, verbunden mit einer Zahlung der Kriegskosten, vermehrten von Monat zu Monat das Schuldkonto der ägyptischen Regierung, während auf der anderen Seite der Plan des Vizekönigs, die Stadt Kairo zu einem afrikanischen Paris umzuwandeln und durch Palastbauten, Theater, Gartenanlagen, Baumpflanzungen und dergleichen kostspielige Unternehmungen zu verschönern, die bestehenden Schulden bis in das Unermeßliche anwachsen ließ. Es ist wahr, daß die neuen Schöpfungen, wie beispielsweise das europäische Stadtviertel der Ismaïlijeh, das sich wie durch Zauber auf ehemaligem Schilfgrund erhob, zur Verschönerung der Residenz des Khedive wesentlich beitrugen, allein jedem[307]  Besonnenen wurde es klar, daß Ägypten sich in einem Zustande unbeschreiblicher Erschöpfung befand und daß die vorhandenen Hilfsquellen nicht mehr ausreichten, selbst für die notwendigsten Ausgaben Deckung zu gewähren. Die spekulierenden Bankhäuser, an ihrer Spitze Oppenheim, ließen sich zu der Gefälligkeit herbei, gegen Unterpfänder Anleihe auf Anleihe zu übernehmen, und Ägypten trat in die Reihe derjenigen Länder ein, welche der waghalsigsten Spekulation Thor und Thür öffnen.
Ein Verderben für das Land war es, daß der sogenannte Mufettisch Ismaïl, ein Milchbruder des Vizekönigs, die Ordnung des Finanzwesens auf sich genommen hatte, wobei die Einwohner, vor allem die Fellachen, mit dem äußersten Steuerdruck belastet wurden, ja selbst auf mehrere Jahre hinaus ihre Quoten im voraus zu zahlen hatten. Der überaus schlaue Ismaïl, selber der Sohn eines gewöhnlichen Fellachen, verstand es durch seine geriebene Geschäftsführung und seine Helfershelfer den größten Teil der Einnahmen an sich selber abzuführen, um Schätze zu sammeln und den wahrhaft fürstlichen Aufwand seines Hauswesens von Monat zu Monat bestreiten zu können. Er hatte täglich nicht weniger als tausend Personen zu ernähren, und den rechtmäßigen Frauen sowie den Kebsweibern seines Harems erstrahlten sogar die Schuhe von blitzenden Brillanten und Edelsteinen, mit denen sie von der Hacke bis zur Fußspitze besetzt waren. Niemand wagte es, dem Vizekönig die Augen über seinen ungetreuen Minister zu öffnen, bis er ihn selber auf frischer That ertappte und unbarmherzig dem Tode überlieferte. Die Begebenheit, schaurig wie nur irgend eine morgenländische Geschichte es sein kann, wird mich weiter unten noch einmal beschäftigen.[308] 



Mein Amt als wissenschaftlicher Reisemarschall.










[309] Während ich mitten in der besten Arbeit war, um meinen Schülern die Pforten der Wissenschaft zu öffnen und sie in den Tempel derselben eintreten zu lassen, traten fast wöchentlich Hindernisse ein, die mich mehr, als mir lieb war, von der Schule entfernten und mich in das Hofleben hineinwarfen. Ich erhielt Aufträge aller Art, die mit der Schule nicht das Geringste zu schaffen hatten, und in erster Reihe zählten dazu die Pflichten, die ich als offizieller Begleiter fürstlicher Personen auf ihren Reisen nach Oberägypten und Nubien und nicht selten auch der Sinaihalbinsel zu erfüllen hatte. Drei und mehr Wochen, ja selbst Monate lang blieb ich von Kairo entfernt und mußte mich damit begnügen, das Schicksal meiner Schule erprobten deutschen Lehrern anzuvertrauen. Meine Reisen in das Oberland auf vizeköniglichen Dampfern boten mir freilich die Gelegenheit dar, die Denkmälerwelt aufzusuchen und wie alte Bekannte wieder begrüßen zu können, allein die hohen und höchsten Herrschaften, denen ich als wissenschaftlicher Wegweiser diente, konnten nicht mir zu Liebe Stunden und Tage an einem und demselben Orte weilen, und so mußte ich mich schon damit zufrieden geben, in stiller Nacht oft bis über die Geisterstunde hinaus den Überresten der Vorzeit meine Besuche abzustatten, um die mit Hilfe von Kerzen erleuchteten Inschriften in meine Kopierbücher einzutragen. Trotzdem war es mir vergönnt, in dieser Verborgenheit manch schönen Fund zu machen und mein bereits im Druck befindliches Wörterbuch seinem Umfange und seinem Inhalte nach wesentlich zu vermehren.
Die fürstlichen Personen, die ich die Ehre hatte zu begleiten, gehörten fast durchweg dem deutschen Stamme an, so daß ich niemals in die Lage kam, in der Unterhaltung mich[309]  einer anderen als meiner Muttersprache zu bedienen. Die Expeditionen, welche ich Gelegenheit hatte zu führen, waren im Laufe der Jahre folgenden fürstlichen Personen zur Verfügung gestellt worden: Dem österreichischen Erzherzog Rainer und seiner Gemahlin Marie, außerdem dem Bruder des ersteren. dem Erzherzog Ernst; dem regierenden Großherzog von Mecklenburg Schwerin Franz Friedrich und seiner erlauchten jugendlichen Gemahlin Marie (unter den Begleitern der Herrschaften befand sich damals Baron von Schack, dessen persönliche Bekanntschaft ich hier zu machen das Glück hatte); den Erbgroßherzögen von Mecklenburg-Schwerin und von Oldenburg; dem österreichischen Erzherzog Johann Salvator, dem Kaiser von Brasilien Dom Pedro d'Alcantara und seiner Gemahlin, dem Kronprinzen Rudolf von Österreich u.s.w. Man wird es erklärlich finden, daß der bescheidene Gelehrte im Umgange mit so hohen Persönlichkeiten und ihren vornehmen Begleitern einen Einblick in die große Welt erhielt, wie es nur wenig Sterblichen gestattet ist. Ich habe aus den täglichen Berührungen mit ihnen die Erfahrung gewonnen, daß selbst in den obersten Kreisen der menschlichen Gesellschaft, in denen Stellung und Etikette eine so einflußreiche Rolle spielen und das äußere Auftreten dem Gesetze eines strengen Zeremoniels unterworfen ist, das Herz sich an dem stillen Glück weidet, auf einem fernen schönen Stück Erde menschlich mit allen übrigen zu fühlen und die Gedanken in ungeschminkter Sprache auszusprechen. Ernst und Scherz treten in ihr volles Recht und äußern sich ungezwungen, ohne Rücksicht auf höfische Formen. Wie glücklich fühlten sich die Großen dieser Welt, dem Parkettboden der Paläste entronnen zu sein und an den schwarzen Ufern des Nilstromes sich frei von allem lästigen Zwange zu wissen!

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Eine ebenso große Ehre als Überraschung ward mir zu[310]  teil, als eines schönen Tages mein brauner Diener einen Besuch ankündigte, den zwei arabische Droschken nach der Hochschule geführt hatten. Die Namen der Besucher vermochte er mir nicht zu nennen. Indem ich ihm auftrug, dieselben in mein Empfangszimmer zu führen, warf ich den Blick nach dem Garten hinunter, in dessen Mitte sich ältere und jüngere Herren und Damen in einfach bürgerlicher Tracht langsam bewegten. An ihrer Spitze befand sich ein Herr im Vollbart von ungefähr fünfzig Jahren, der einer älteren Dame in einfacher Reisetoilette den Arm gereicht hatte. Wie mußte ich nicht staunen, als in dem Empfangszimmer das würdige Paar mir mit den Worten entgegentrat: »Der Kaiser und die Kaiserin von Brasilien sind hierher gekommen, um Ihre Bekanntschaft zu machen.« Sie stellten mir ihre Begleitung vor, Minister und Hofdamen, deren Namen ich später in den Zeitungen zu lesen häufig Gelegenheit hatte. Der Kaiser bat mich, während seines dreiwöchigen Aufenthaltes in Ägypten ihm als Begleiter zu dienen, er sei im New-Hotel in Kairo abgestiegen und würde mir dankbar sein, wenn ich von morgens früh 4 Uhr an bis abends 10 Uhr mich an seiner Seite befände. Er sei gekommen, um die Sklavenfrage in Ägypten zu studieren und nebenbei Land und Leute und die Denkmäler der Vergangenheit kennen zu lernen. Ich fühlte mich gezwungen, dem Kaiser die Bitte auszudrücken den Vizekönig zu bewegen, mir den Befehl übermitteln zu lassen, mich als offizieller Begleiter ihnen anzuschließen. Zugleich ließ ich es durchblicken, daß ich aus mir unbekannten Gründen in Ungnade gefallen sei und nicht wünschen könne, der Mißstimmung des Khedive eine neue Nahrung zu bieten. »Das überlassen Sie mir«, sagte lächelnd Dom Pedro, »ich ersuche Sie nur, sich morgen gegen neun bei mir einzufinden; alles Weitere wird sich von selbst ergeben.«[311]  Am nächsten Morgen fand ich mich rechtzeitig ein. Der Kaiser stieg mit mir die Treppe abwärts, indem er mich rechts gehen ließ und mit seinem rechten Arm meinen linken umfaßte. In dem vor der Freitreppe stehenden Wagen mußte ich auf seinen weiteren ausdrücklichen Befehl die rechte Seite des Sitzes einnehmen, während sich es der Kaiser mit der linken genügen ließ. »Es ist meine Absicht«, so sprach er lächelnd, »dem Khedive und dem Hofgesinde zu zeigen, in welcher Weise der Kaiser einen König der Wissenschaft zu ehren wünscht«. Und fort ging es durch die Straßen Kairos nach dem Palaste Abdin. Ich war tief beschämt und gerührt und mußte mich in mein Schicksal ergeben.
Noch an demselben Abend erschien der vizekönigliche Zeremonienmeister in meinem Hause, um mich im Auftrage seines Herrn zu ersuchen, den Kaiser von Brasilien zu begleiten, mit der Bitte, mich in meinen Äußerungen über die ägyptische Sklaverei mit Vorsicht zu bewegen und über die ägyptischen Verhältnisse, insofern sie zum Tadel Anlaß gäben, reinen Mund hatten zu wollen. Der Vizekönig, so fügte er hinzu, würde es als einen ihm geleisteten besonderen Dienst betrachten, wenn ich mich dazu verpflichte, und es mir und meinen Kindern zu lohnen wissen.


Ich konnte nur darauf erwidern, daß ich augenblicklich im Dienste des Vizekönigs stände und als sein Beamter von selber die Verpflichtung in mir fühlte, die rücksichtsvollste Achtung gegen meinen Herrn unter allen Umständen zu wahren. Ich sei ein Preuße und meine Nation betrachte die Treue als ihr Ehrenschild. Der Vizekönig möge sich unter allen Umständen auf mich verlassen.
Der Verkehr mit dem Kaiser von Brasilien von morgens früh bis abends spät gab mir Veranlassung, seine Eigenschaften auf das genaueste kennen zu lernen und seinen wissenschaftlichen[312]  Eifer auf allen Gebieten der menschlichen Erkenntnis zu bewundern. Einfach und natürlich in seinem ganzen Auftreten und beinahe in nichts unterschieden von einem bescheidenen Privatmanne, liebte er es, sich über alles, was ihn interessierte, zu unterrichten und sehr genaue Aufzeichnungen von dem Gehörten in sein Buch niederzuschreiben. Es war eine Eigentümlichkeit, die mich anfangs erschreckte, aber später durchaus nicht mehr auffiel, daß der Kaiser mitten in seiner Rede in einen 5–10 Minuten langen tiefen Schlaf verfiel, plötzlich daraus erwachte und die letzte Hälfte eines unterbrochenen Satzes mit vollständiger grammatischer Genauigkeit zu Ende führte. Der Kaiser war nicht das, was man einen gelehrten Mann nennen könnte, aber dagegen ein Amateur, der auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaften wohl Bescheid wußte, mit den berühmtesten Gelehrten im Verkehr stand und ein gesundes Urteil über Menschen und Dinge besaß. Sein Ideal schien das Stillleben eines für alles Schöne und Gute begeisterten Mannes zu sein, den des Daseins Plage und Sorge nicht allzu sehr drückt, und er versicherte mich, daß er den Kaiser Napoleon fast beneide, nicht um seine fürchterliche Niederlage, nicht um seinen schmählichen Sturz, sondern um die Annehmlichkeit seines Privatlebens in stiller Zurückgezogenheit. »Ginge es an«, so bemerkte er mir, »so legte ich gern meine Krone nieder, um als erster Bürger selbst in einer Republik mein Dasein zu führen und meine ganze Zeit den Wissenschaften und schönen Künsten zu leben.« Bei unserer Trennung machte mir der Kaiser das rührende Geständnis, daß er mir keinen Orden verleihe, da man die Dienste eines aufrichtigen Freundes nicht mit einem Orden ablohnen könne.
Kurz vor seiner Abreise teilte er mir auf dem Bahnhofe noch mit, daß der Vizekönig ihm bei seinem Abschiedsbesuche die Frage vorgelegt habe, was er, ein großer und weiser[313]  Kaiser, ihm anrate, um sein ägyptisches Volk glücklich zu machen. »Ich antwortete ihm«, sprach der Kaiser, »leben und handeln Sie nach den Worten des Koran und Sie werden Ihr Volk unstreitig glücklich machen.« An demselben Tage meldete ich mich beim Khedive. Er erzählte mir dieselbe Geschichte, bestätigte seine Frage, aber nach seiner Erzählung habe ihm der Kaiser geantwortet: »Wollen Sie Ihr Volk glücklich machen, so werden Sie samt ihren Unterthanen katholisch.«

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Nach der Abreise des Kaisers hatte ich die Ehre im Laufe der Jahre briefliche Mitteilungen von seiner Hand zu erhalten, die sich auf neueste wissenschaftliche Arbeiten und Entdeckungen bezogen und die volle Teilnahme eines Kenners auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft durch ihren Inhalt bezeugten. 
Dom Pedro d'Alcantara stellte den Typus eines edlen Menschen dar, der, wie ich es bereits bemerkte, durch seine Einfachheit im Auftreten und durch sein leutseliges Wesen die Herzen für sich gewinnen mußte. Ich habe ihn später nur noch ein einziges Mal wiedergesehen zur Zeit, als ich mich als ägyptischer Generalkommissar zur Weltausstellung nach Philadelphia begeben hatte (1876). Wenige Tage vor Eröffnung derselben teilte mir der Kaiser durch den Draht seine Ankunft in New-York mit, wohin ich mich begab, um ihn und seine hohe Gemahlin zu begrüßen und in seiner Begleitung die Rückreise nach Philadelphia anzutreten. Bei der feierlichen Eröffnung der »CentenniaI Exhibition« bildete die stattliche Figur des Kaisers in einfachem Gesellschaftsanzug einen Anziehungspunkt der Aufmerksamkeit aller und die amerikanische Republik schien stolz darauf zu sein, den Kaiser als Vertreter des mächtigsten Reiches auf der südlichen Hälfte des amerikanischen Weltteils in ihrer Mitte erscheinen zu sehen. Was mir in seinem Charakter vor allem auffiel, war die unbeschreibliche Ruhe und Geduld, mit welcher er gleichsam alles über[314]  sich ergehen ließ. Sein feierlicher Durchgang durch die weitläufigen Galerien des Ausstellungsgebäudes unter Führung des amerikanischen Generalkommissars Mr. Goshorn, verbunden mit der Vorstellung von Hunderten von Personen, an ihrer Spitze die Generalkommissäre der Regierungen, durfte billigerweise als eine außerordentliche Leistung betrachtet werden.
Die Tage und Wochen, die ich als Begleiter des brasilianischen Kaiserpaares in seiner unmittelbaren Nähe in Ägypten verlebte, haben für mich den Wert lieber Erinnerungen. Ich habe es bitter beklagt, als die Tagesblätter seiner Zeit die Abdankung des Kaisers meldeten, denn entsprach sie auch seinen eigenen Wünschen, so verstieß sie in ihrer Form gegen das Gefühl der Dankbarkeit, welche das brasilianische Volk seinem Kaiser schuldete, der nur der erste Bürger in seinem Staate sein wollte. Sanft ruhe die Asche des Unvergeßlichen!



Die Weltausstellung in Wien.










[315] In den ersten siebziger Jahren nahm meine Schule trotz meiner häufigen Abwesenheit dennoch einen ersprießlichen Fortgang und meine Schüler beeiferten sich, die ihnen gebotenen Mittel zur Erweiterung ihrer Kenntnisse und zur Bildung ihres Geistes nach europäischer Methode auf das beste auszunützen. Da trat wider Erwarten eine Auflösung der ganzen Schule ein und zwar infolge einer Aufgabe, mit welcher mich der Vizekönig urplötzlich betraut hatte. Im Jahre 1873 sollte eine große Weltausstellung in Wien ins Leben gerufen werden. An die ägyptische Regierung war die Einladung ergangen, an derselben teilnehmen und sie in möglichst glänzender Weise beschicken zu wollen. Nubar-Pascha, der damals allmächtige Wesir der Wesire im modernen Reich der Pharaonen, wurde[315]  zum Präsidenten der Ausstellungskommission ernannt und mir zu meinem eigenen Erstaunen die Stellung eines Generalkommissars übertragen. Mir wurde einigermaßen äugsitich dabei zu Mute, denu wenn auch das alte Wort, wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand, einen gewissen Trost gewährte, so erforderte dennoch die neue Würde eine Menge von Kenntnissen praktischer und technischer Art, die mir meiner Überzeugung nach vollständig abgingen. Ich verhehlte dem Vizekönig meine Besorgnisse in keiner Weise, aber lächelnd machte er mir den Vorwurf, nur ein halber Morgenländer geworden zu sein; ich müßte sonst wissen, daß ein Mann von Verstand und Kenntnissen in einem Fache sich auch für alle Berufe eigne, da er bald die nötige Einsicht gewinnen würde, um ihm aufgetragene Pläne auszuführen und beispielsweise eine Ausstellung zu organisieren.
Das hatte ich freilich schon längst gewußt, aber ich erinnerte mich dabei der bedenklichen Folgen eines Generalverstandes und seiner Verwertung. Ein alter Freund von mir, Kassim-Pascha (Katzenpascha nannten ihn alles Ernstes unsere deutschen Arbeiter in Kairo), bekleidete zu derselben Zeit das Amt eines Kriegsministers. Der Vizekönig beauftragte ihn eines schönen Tages mit der Anlage und dem Aufbau eines vizeköniglichen Palastes mitten in der Wüste. Der alte Pascha zog mit einem Bleistift auf einem großen Blatt Papier Linien in die Kreuz und in die Quer, ließ durch seine Soldaten den Bau nach diesem Grundplane ausführen, und
»als das Schloß nun fertig war«
und vom Vizekönig besichtigt werden sollte, da ging es zufälligerweise in hellem Brand auf. Bei der Rückkehr von der Brandstätte rief mir der Vizekönig auf der Straße aus seinem Wagen die Worte entgegen: »Denken Sie sich, er hat mich ausgeräuchert.«[316]  Auf Zureden des Vizekönigs lebte ich mich in meine neue Aufgabe ein, schlug für die einzelnen Abteilungen der ägyptischen Ausstellung Kommissare vor, die ich aus deutschen, französischen und arabischen Beamten der Regierung wählte, und faßte den mir vom Vizekönig gegebenen Auftrag näher ins Auge, Musterbauten im arabischen Stile auf der Arena der Weltausstellung in Wien ausführen zu lassen. Es war sein Wunsch, daß keine Kosten gescheut werden sollten, um durch dieselben eine außerordentliche Wirkung zu erzielen. Monseigneur wünschte sich die österreichische Regierung dadurch verbindlich zu machen, um ihre damals noch fehlende Zustimmung zur Stiftung des internationalen Tribunals in Ägypten zu erlangen. Ein Kredit von einer Million Franken wurde mir dazu in Aussicht gestellt.

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Dem Vizekönig war daran gelegen, Aufrisse der geplanten Bauten in wenigen Tagen zur Ansicht zu erhalten. Es war guter Rat teuer. Ich wandte mich in meiner Not an einen von Frau Mühlbach verherrlichten Deutschen, der sich vom Hauslehrer zu einem Privatbaumeister emporgeschwungen hatte und in der Meinung lebte, die ganze arabische Baukunst im Sack zu haben. Der Vizekönig, welchem ich die Leistung vorlegte, würdigte sie kaum eines Blickes und er fertigte mich kurz mit der Bemerkung ab, daß sie eine Stümperei und keine arabische Baukunst sei.
Wenn die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten, und ein geborener Böhme war mein Retter. Schmoranz, so hieß der Treffliche, ein österreichischer Architekt, befand sich seit mehreren Jahren in Kairo, um von Grund aus an den noch erhaltenen Moscheen die altarabische Baukunst zu studieren. Er entwickelte in der glücklichen Auffassung des uns fremdartigen arabischen Baustiles mit ihrer erdrückenden Fülle dekorativer Einzelheiten ein so feines Gefühl und ein so tiefes[317]  Verständnis, daß ich nicht anstehe, ihn als den größten Meister auf diesem Gebiete zu bezeichnen. Seine Kopien arabischer Denkmäler vom Konstruktiven an bis zum buntfarbigen Ornamente waren von einer Vollendung, die alle bisherigen Leistungen in den tiefsten Schatten stellten. Mein armer Freund, der später zum Direktor der Gewerbeschule in Prag ernannt wurde, hat sein Leben vor wenigen Jahren eingebüßt. Ich weiß es nicht, wohin die architektonischen Schätze gekommen sind, die seine fleißige und geschickte Hand auf das Papier gezaubert hatte.
Die Pläne, welche Schmoranz entworfen hatte: zwei Moscheen, ein ägyptisches vornehmes Wohnhaus mit einem Hof im Innern und ein arabisches Fellachendorf, fanden die vollste Anerkennung des Vizekönigs, und so begaben wir uns beide bereits im Jahre 1872 nach Wien, um die Vorarbeiten zu beginnen, und für die Ausführung der geplanten Bauten die nötigen Kräfte zu gewinnen und Kontrakte abzuschließen. Den Kommissaren in Ägypten hatte ich gleichzeitig die Weisung erteilt, für die einzelnen Abteilungen der Ausstellung selber die nötigen Gegenstände, teils Bodenprodukte, teils Leistungen der einheimischen Kunst und Industrie zu einem lehrreichen Ganzen zu vereinigen. Jeder hatte vollauf zu thun, und die Monate flossen wie Wochen da hin, bis im Mai des Jahres 1873 die ägyptische Ausstellung in alter Pracht und Herrlichkeit nach dem eigenen Wunsche des Vizekönigs ihre Vollendung erreicht hatte. Was der eigentlichen Ausstellung ein besonderes Gepräge verlieh, das waren die Gegenstände des häuslichen Lebens von den Trachten an bis zu dem unscheinbarsten Topfe hin, welche die Pioniere des Khedive aus den Ländern des oberen Niles nach Kairo gesendet hatten, und die in ihrer Vollständigkeit kaum etwas zu wünschen übrig ließen. Zu den Kuriosa gehörte[318]  außerdem eine Kartoffel, welche sich am sandigen Ufer des Kanals von Suez zu einer Größe von einem halben Meter im Durchmesser entwickelt hatte. Das Monstrum erregte die allseitigste Aufmerksamkeit und bildete damals den Gegenstand wissenschaftlicher Besprechungen.


Der Erfolg der ägyptischen Ausstellung war durchschlagend. Der kaiserliche Hof in Wien war geradezu entzückt von ihrer Schönheit, und die Vertreter der Baukunst vor allem fanden in den Bauten des Architekten Schmoranz einen Stoff für Studien, wie er niemals bisher in Europa in so plastischer Form dem Kennerauge geboten war. Mir wurde bei dieser Gelegenheit die unverdiente Ehre zu teil, die gekrönten Häupter und fürstlichen Personen, welche der kaiserlichen Einladung gefolgt waren, die Ausstellung durch ihren Besuch auszuzeichnen, in die Räume des vizeköniglichen Hauses zu geleiten und als Führer und Erklärer zu dienen. Es war mein ganzer Stolz, die Kaiserin Augusta von Deutschland geleiten und in dem großen morgenländischen Saale zu einem einstündigen Aufenthalte im Hause des Khedives einladen zu dürfen. Mit innigster Befriedigung vernahm ich das höchste Lob der seinen Kennerin in allem, was Kunst und Wissenschaft betraf, und wenn ich es besonders erwähnte, daß unter den der Kaiserin vorgestellten Kommissaren der ägyptischen Abteilung mein französischer Freund Mariette sich eines besonders huldvollen Empfanges erfreute, so weiß ich, daß die Kaiserin an der Vorstellung des berühmten Entdeckers des Serapeums eine besondere Freude empfand.
Nicht minder wert ist mir die Erinnerung an den gemeinschaftlichen Besuch zweier damals noch jungen Prinzen, unseres jetzigen Kaisers Wilhelm II. und des inzwischen[319]  verstorbenen Kronprinzen Rudolf von Österreich, die beide in heiterster Stimmung im Hofe vor dem Fellachendorfe die ägyptische Tierwelt in Augenschein nahmen, aus Kamelen, Dromedaren, Büffeln, Eseln, Schafen und Ziegen bestehend, und in herzlichster Freundschaft gegenseitig ihre Meinungen austauschten. In gleicher Weise hatte ich das Glück, der Kaiserin von Österreich Elisabeth meine bescheidenen Dienste als Führer anzubieten und ihrem Wunsche entsprechen zu können, ihr meinen eigenen Diener, einen bronzefarbenen echten Nubier, als den ihrigen abzutreten. Nicht minder lebt in meiner Erinnerung die Begegnung mit der Exkönigin von Spanien Isabella, die mir die Versicherung gab, daß sie die Ähnlichkeit des Geschmackes der arabischen Industrie mit dem »ihrer Unterthanen,« nämlich der Spanier, ganz auffallend fände, und ebenso macht es mir Vergnügen, an die gemeinsamen Mittagsmahle zu denken, welche ich mit dem damaligen etwa achtzehnjährigen Fürsten Milan von Serbien unter dem Zeltdache des Pariser Restaurants »des trois frères Provençaux« einzunehmen den Vorzug hatte. Auch des Schah von Persien darf ich nicht vergessen, der gleichfalls die ägyptische Ausstellung durch seinen Besuch beehrte und von besonderer Freude erfüllt zu sein schien, in mir einen alten Bekannten von den Jahren 1860 und 1861 her wiederzufinden.

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War es eine Zeit der Aufregung für mich, so hohen Besuchen gegenüber meine Pflicht ihrem ganzen Umfange nach zu erfüllen, so hatte ich andererseits die Genugthunug, aus den brieflichen Mitteilungen des Khedive, der sich zu derselben Zeit als Gast des Sultans in Konstantinopel befand die höchste Anerkennung für meine ihm geleisteten Dienst herauszulesen, nachdem er durch Berichte und aus den Zeitungen von dem glänzenden Erfolge der ägyptischen Ausstellung[320]  unterrichtet worden war. Ich habe nachträglich es bedauern müssen, daß seine beabsichtigte Ankunft in Wien durch zwingende Umstände vereitelt wurde, trotzdem ich den Auftrag erhalten hatte, für einige Monate ein wohleingerichtetes Haus mit Garten in der Praterstraße zu mieten, für das ich die Kleinigkeit von 40000 Gulden zahlen mußte. Das Haus blieb unbenutzt und unbewohnt und nur in den letzten Tagen der Ausstellung bezog ich es, um meinem alten Freunde L. Pietsch eine leider nur kurz dauernde Gastfreundschaft in einem Palaste zu bieten.
Es war aufrichtig zu beklagen, daß der große Krach, der noch vor der Eröffnung der Ausstellung in Wien hereingebrochen war, und das Erscheinen der Cholera mitten in der Ausstellungszeit einen großen Teil der Besucher abhielt, ihre beabsichtigte Schaulust zu befriedigen und die Reise nach Wien zu unter nehmen. In Wien selber war infolgedessen die Stimmung gedrückt und man verhehlte es sich nicht, daß ein Teil der Presse das meiste dazu beigetragen hatte, durch unnötiges Aufbauschen der Choleragefahr die ausstellungslustigen Wanderer abzuschrecken. Hierzu kam, daß das ungewöhnliche Steigen der Kosten für Wohnungsmiete und der notwendigsten Lebensmittel eine Teuerungslage herbeiführte, die selbst nach dem Schlusse der Ausstellung sich keines Niederganges erfreute. Die Spekulation auf einen ungewöhnlichen Besuch war vereitelt und den Einwohnern ein unheilbarer Schaden am eigenen Fleische zugefügt worden.
Die Auflösung der Ausstellung und die Regulierung der letzten Geschäfte verzögerte meine Rückkehr nach Ägypten bis in den Januar 1874 hinein. In diese Epoche fällt gleichzeitig mein Besuch in Pest, für den die ungarischen Ausstellungskommissare eine besondere Einladung an mich hatten ergehen lassen. Die Besichtigung der Stadt und ihrer Fabriken[321]  nahm beinahe eine volle Woche in Anspruch, wobei ich es nicht verschweigen darf, daß ich aus dem täglichen Jammer beinahe nie herauskam, denn die Bewältigung von vier bis sechs Mittagsmahlzeiten, zu denen die stärksten ungarischen Weine kredenzt wurden, erforderten einen mehr als ägyptischen Magen, so daß ich von Herzen froh war, als ich auf der Rückfahrt von meinem Coupé aus die Spitze des St. Stephan in der Ferne erblickte.



Meine Rückkehr von der Wiener Weltaustellung.










[322] Mit Ehren überhäuft, traf ich in Kairo am Anfang des Jahres 1874 wieder ein und mein erster Gang galt der Person des Khedive, der durch meine Ernennung zum Generalkommissar das höchste Vertrauen in mich gesetzt hatte. Ich konnte mir das Zeugnis geben, nach besten Kräften gearbeitet zu haben, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen, und mit frohem Herzen betrat ich das Palais von Abdin, um mich meinem hohen morgenländischen Beschützer vorzustellen und zunächst mündlich meinen Generalbericht abzustatten. Der Zeremonienmeister, mein alter Freund Tonino Salomone, allen Reisenden aus jener Zeit durch sein liebenswürdiges Wesen wohlbekannt, teilte mir mit, daß der Vizekönig mich sofort empfangen wolle. Bei meinem Aufstieg zur Treppenhöhe hatte ich die Überraschung, die Stimme des Vizekönigs mit aller Deutlichkeit aus nächster Nähe zu hören. Gegen alle morgenländische Hofsitte war mir der Khedive bis zum Balkongeländer entgegengekommen, streckte an der obersten Stufe seine beiden Hände nach mir aus und rief mir die Worte zu: »Seien Sie willkommen, mein teurer Bey, und empfangen Sie meinen herzlichsten Dank. Sie haben mir[322]  und meinem Lande einen großen Dienst geleistet, denn die Goldminen sind trotz meines Unglaubens wahrhaftig aufgefunden worden.«
Ich war verblüfft, wie es nur einer sein kann, weil mir der Zusammenhang zwischen dem Erfolg der ägyptischen Ausstellung in Wien und der Auffindung von Goldminen in keiner Weise verständlich war. Bei dem Eingang in das Empfangsgemach erhielt ich durch das weitere Gespräch des Khedive die mir bis dahin fehlende Aufklärung. Um sie auch meinen Lesern nicht vorzuenthalten, muß ich etwa anderthalb Jahre zurückgreifen.
Vor meiner Abreise nach Wien, wie auch später nach meiner Rückkehr nach Ägypten, wurde ich nicht selten für mein vier- und fünfstündiges Warten im Audienzzimmer durch die Ciuladung belohnt, an dem Frühstück des Vizekönigs teilnehmen zu wollen. Gewöhnlich waren außer ihm selber fünf Personen anwesend, die sich sämtlich seines fürstlichen Wohlwollens erfreuten, darunter sein ägyptischer Adjutant, sein französischer Leibarzt, der türkische Pascha und Artillerie-General a. D. Sefer-Pascha, ein ehemaliger preußischer Offizier aus der Provinz Posen, der quasi die Stelle eines Maitre-de-plaisir bei Hofe einnahm, oder sonstige Gäste, wie es dem hohen Herrn eben beliebte. Die Tischgespräche pflegten äußerst munter zu sein, der steife Hofton war durchaus verbannt und Tagesgespräche oder Urteile über Persönlichkeiten und Dinge gaben den Stoff für die Unterhaltung her. Der Khedive konnte sehr ernst, aber bisweilen auch ausgelassen heiter sein, wobei es ihm nicht an feinen witzigen Einfällen und kleinen Nadelstichen fehlte.

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An einem Tage kurz vor meiner Abreise nach Wien befand ich mich an der Frühstückstafel und der Vizekönig legte mir die bedenkliche Frage vor, welchen Nutzen eigentlich meine[323]  hieroglyphische Wissenschaft der Welt darbiete; er begreife es, daß die ägyptische Geschichte, die Götterlehre und sonstige theoretische Dinge diesem und jenem ein besonderes Vergnügen bereiten, aber für die Praxis sei mein ganzes Wissen etwas Totes. »Ja, so fügte er wörtlich hinzu, wenn man dadurch erfahren könnte, an welchen Stellen sich vergrabene Goldschätze befänden oder woher die alten Ägypter ihr vieles Gold hergeholt hätten, das wäre freilich etwas anderes.« Lächelnd erwiderte ich ihm, daß ich seinem Verlangen nach der Kenntnis der ehemaligen Goldminen im Ägyptenlande Genüge leisten würde, wenn er sich entschließen könnte, eine Expedition, an der auch wirkliche Bergleute teilnehmen müßten, nach der näher von mir zu bezeichnenden Gegend zu senden. Der Khedive schien ungläubig zu sein, gab aber seine Zusage, und so schilderte ich ihm mit aller Genauigkeit die von mir selber in früheren Jahren besuchte goldhaltige Region des sogenannten Thales von Hammamat, zwischen dem Nile und den Küsten des Roten Meeres gelegen, aus welchen nach Aussage hieroglyphischer Inschriften von den ältesten Zeiten her die Ägypter Gold herausgezogen hatten. Ich fügte hinzu, daß auf dem langen Wege bis zum Meere sich eine Reihe artesischer Brunnen mit klarem Trinkwasser befinden müßten, die freilich heutzutage zugeschüttlet seien, so daß sich die Karawanen fast sieben Tage lang auf einem beinahe wasserlosen Wege bewegen. Der Khedive schien meinen Worten durchaus keinen Glauben zu schenken, denn, wie er bemerkte, ich könnte mich ja bei dem Lesen der Texte geirrt haben und er zweifele überhaupt daran, daß solche Dinge von den Alten überliefert worden seien.»Indessen«, so meinte er, »übergeben Sie dem General Stone eine kurze Denkschrift, die alle Daten enthält, um einer Expedition als Führer und Leiter zu dienen.«[324]  Während meiner Abwesenheit in Wien wurde thatsächlich die Erforschung des Wüstenthales in Angriff genommen. Man entdeckte die verlassenen Goldminen und fand die Brunnen auf, die damals noch vom Sande der Wüste ausgefüllt waren, aber sofort gereinigt wurden und helles trinkbares Wasser auf ihrem Boden zeigten. Dem Khedive schien die gelöste Wasserfrage so bedeutungsvoll, daß er den Befehl gab, die Stadt Koffer an der Mündung des Goldthales nach der Küste des Roten Meeres hin zu befestigen und mit Geschützen zu armieren, um eine mögliche Landung der Engländer von Indien her zu verhindern, nachdem der frühere wasserleere Wüstenweg seine Ungastlichkeit für ein größeres Heer verloren hatte.
Das war es, wofür sich der Khedive bei meinem ersten Empfang bedankt hatte. Wenn ihm auch später im Drange der Geschäfte und des anstürmenden Unheils der Gedanke entfallen war, den Versuch einer Ausbeute der Minen zu wagen, so hatte er dennoch die Überzeugung gewonnen, daß die Entzifferung der hieroglyphischen Texte auf einer richtigen Grundlage beruhte. Im übrigen zeichnete mich der Vizekönig für die guten Dienste in Wien durch Rangerhöhungen und Ordensverleihungen aus, indem er sich selber höchlichst wunderte, nicht schon früher daran gedacht zu haben. Ich blieb in der Folge im Hause Pharaos ein gern gesehener Gast, der bei jeder Gelegenheit an seinen Tisch gezogen wurde und häufig »akademische« Gespräche mit ihm austauschte.


Der Khedive hatte einen scharfen Verstand und besaß eine nicht gewöhnliche Bildung nach europäischen Anschauungen. Er selber behauptete, ein großer Menschenkenner zu sein, gab aber, und gewöhnlich zu seinem größten Schaden, stets dem letzten Sprecher in einer Unterhaltung Recht.
Wie sehr er es – leider zu spät – bereute, auf[325]  Kosten seiner Ägypter die Europäer und insonderheit die Franzosen an seinem Hofe und an den Regierungsstellen bevorzugt zu haben, dafür liefert die bittere Klage den Beweis, welche er mir an der Neige seiner Herrschaft während eines meiner Besuche auszudrücken sich gedrungen fühlte.
Ich fand ihn zur Zeit desselben in der Ecke eines kleinen europäischen Sofa sitzen, in trübe Stimmung versenkt und die Augen auf ein Bündel Spargel gerichtet, das er in seiner rechten Hand krampfhaft festhielt. Nach minutenlangem Stillschweigen wandte er sich an mich mit den Worten: »Sehen Sie, dieses Bündel Spargel macht mich auf einen Fehler aufmerksam, den ich meinen Ägyptern gegenüber begangen habe und der kaum wieder gut zu machen ist. Es ist eben zu spät! Meinem französischen Hofgärtner hatte ich mein Befremden darüber bezeugt, trotz der hohen Ausgaben für meine Gärten noch nicht einmal am Ende des Monats Februar daraus frischen Spargel beziehen zu können, während die Enropäer denselben schon lange vorher aus Europa erhalten hätten. Der Hofgärtner gab mir zur Antwort, die Sache sei leicht zu machen, nur müsse erst ein Treibhaus für die Spargelzucht erbaut werden, um meinen Wunsch zu erfüllen. Das Glas hans wurde im vergangenen Jahre mit einem Aufwand von 80000 Franken erbaut, natürlich zu dem Zwecke, um mir die Spargel am Ende des Monats Februar zu liefern. Wir stehen erst am Anfang desselben und schon bringt nicht mein französischer Hofgärtner, sondern ein armer arabischer Gärtnergehilfe mir heute dieses Spargelbund, da er gehört habe, daß ich ihn in dieser Jahreszeit zu essen wünsche. Ich befragte ihn. wie er es angefangen habe, so ausgezeichnete Stücke zu ziehen. Effendina, antwortete er mir, ich habe Spargel eingesteckt ganz heimlich in einer Ecke des Gartens, sie mit Palmzweigen bedeckt, sobald rauher Wind eintrat und Kälte herrschte,[326]  aber die Zweige jedesmal gelüftet, wenn die helle warme Sonne schien. Diese Spargel sind das Erzeugnis meiner Pflege.« – »Sie begreifen«, so wandte sich der Vizekönig an mich, »daß diese Thatsache mir zu denken giebt, denn ich habe die guten Eigenschaften meiner Unterthanen verkannt, ihre Kraft unterschätzt und nur dem Europäer Vertrauen geschenkt. Jener liefert mir kostenlos im Anfang des Monats Februar den besten Spargel, dieser hat ein kostspieliges Treibhaus erbauen lassen mit dem Versprechen, mir den Spargel am Ende des Monats zu übergeben. Das ist das Bild meines Schicksals, dem ich verfallen bin.«

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Im Morgenlande hält es nicht leicht, auf dem Wege der Presse sich gegen den regierenden Herrscher abfällig zu äußern, denn es handelt sich dabei um Kopf und Kragen für den Urheber. Wenn auch in Ägypten nach dem Wunsche des ersten Khedive ein Parlament geschaffen wurde, in dem die Schech-el-Beled oder Dorfschulzen die Mehrzahl der Abgeordneten bildeten, so kam es dem hohen Hause niemals in den Sinn, der Regierung gegenüber sich in Opposition zu setzen. Die Vertreter des Volkes fanden es ungeziemend, die Weisheit der Leiter der Staatsgeschäfte auch nur in den kleinsten Stücken anzuzweifeln. Außerhalb der Kammer fehlte es freilich nicht an räudigen Schafen, die auf dem Umwege über Paris sich gedrungen fühlten, rebellische Ansichten sogar dem Drucke zu überliefern. Dazu gehörte ein von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit angekränkelter Ägypter, der von Kairo aus regelmäßige Korrespondenzen anonym und in arabischer Sprache dem Oppositionsblatte an der Seine einsandte und auf die Handlungen des Khedive die trübsten Schatten fallen ließ.
Eines Tages befand ich mich bei Monseigneur, als die in Rede stehende Person, ein junger Ägypter, von einem[327]  Kawassen vorgeführt wurde, nachdem man ihm auf die Spur gekommen war. Bleichen Angesichtes und zitternd am ganzen Körper stand er seinem Fürsten gegenüber, der ihm die Frage vorlegte, ob er sich zur Urheberschaft der gehässigen Artikel bekenne. »Ich habe Brugsch-Bey ersucht,« so fiel er ein, »Zeuge unserer Unterredung zu sein. Antworte deshalb ohne Scheu auf meine Fragen. Ich versichere dich meines Schutzes«. Der Unglückliche stammelte einige Entschuldigungen, die jedoch seine Schuld nur vergrößerten.
»Du hast meine Regierung schlecht gemacht und meine Maßregeln als tyrannisch bezeichnet. Sind deine Behauptungen wahr, so hast du nur deine Pflicht gethan. Doch den Beweis bist du mir schuldig geblieben. Ich fordere dich deshalb auf, mir anzugeben, was ich als Regent Ägyptens zu thun und zu lassen habe, um nach deiner Meinung den Namen eines gerechten und weisen Fürsten zu verdienen. Überzeugst du mich von der Richtigkeit deiner Ratschläge, so verspreche ich dir in Gegenwart des Bey, sie zu befolgen. Ich bestrafe dich nicht für deine Kühnheit. Verlaß mich jetzt und erinnere dich stets daran, daß es leichter ist, vom Hinterhalte aus einen andern zu bemäkeln und zu tadeln, als selber eine schwere Aufgabe zu lösen und es dabei jedem recht zu machen.«
Wie von einem Alp befreit, verbeugte sich der ägyptische Kritiker in tiefster Demut vor seinem Herrn und ich habe später niemals etwas von seinen Angriffen vernommen.



Meine Reise nach Nord-Amerika.










[328] Kaum waren seit der Wiener Weltausstellung zwei Jahre ins Land hineingegangen, als in dem Staate Pennsylvanien der United-States der Gedanke auftauchte und sich verwirklichte,[328]  zur hundertjährigen Feier ihres Bestehens eine Weltausstellung in der Quäkerstadt Philadelphia ins Leben zu rufen. Auch an den Khedive Ägyptens erging die Einladung, sie in umfangreichster Weise zu beschicken, um neue Lorbeern im Wettkampfe der Weltindustrie einzuernten. Um meine eigene Meinung befragt, bemühte ich mich dem Vizekönig davon abzuraten, Ägypten in diesen Wettkampf eintreten zu lassen, indem ich meine Ansicht dadurch begründete, daß sein Land keine Industrie besitzt, die im stande wäre, an der Konkurrenz der Völker teilzunehmen, daß die früheren Sammlungen aus den Ländern des Sudan als Geschenk an Österreich übergeben worden seien, und daß die Zeit nicht mehr ausreiche, um eine zweite anzulegen, die höchstens als Kuriosität bestehen würde, daß es ferner nicht ratsam sei, auserwählte Denkmäler des Museums die weite Reise nach Amerika antreten zu lassen, und daß schließlich bei der augenblicklichen schwierigen Finanzlage der erforderliche Kostenaufwand zu berücksichtigen sei. Meine Gründe scheiterten an dem Drängen des amerikanischen Generalkonsuls und ich wurde aufs neue mit der Aufgabe betraut, eine ägyptische Ausstellung, wenn auch in kleinerem Maßstabe, zu organisieren. Ein Kredit von zehntausend Pfund Sterling wurde mir bei einem Bankhause in New-York eröffnet.
Die Vorarbeiten und die Zusammenstellung der für die Ausstellung bestimmten Gegenstände nahmen wieder meine ganze Zeit und Thätigkeit in Anspruch. Außerdem trat ein Zwischenfall ein, der drohte, die Ausstellung überhaupt unmöglich zu machen. Als die Kisten bereit standen, um nach Amerika versendet zu werden, präsentierte mir ein Huissier des internationalen Tribunals einen gerichtlichen Befehl, wonach ihm die Versiegelung und Pfändung der Ausstellungskisten aufgetragen worden sei. Im Weigerungsfalle werde nach dem[329]  Gesetze militärische Hilfe herbeigezogen werden, um seinem Auftrage Nachdruck zu verleihen. Ich bat um eine Stunde Bedenkzeit, eilte zum Vizekönig, der in hellem Zorn aufbrauste, um so mehr, als das Gericht an seinem Palais denselben Versuch gemacht habe mit Androhung militärischen Beistandes. »Meine eigenen Soldaten«, rief er aus, »sollen gegen mich feindlich vorgehen? Das ist unmöglich! Ein Khedive steht über dem internationalen Tribunal.«
Glücklicherweise fühlte man sich bewogen, in Rücksicht auf die internationalen Interessen einer Ausstellung, mir die Kisten auszuliefern, mit deren Versendung ich keinen Augenblick zögerte. Ich selber nahm meinen Weg nach Göttingen, um von meiner dort befindlichen Familie Abschied zu nehmen und ohne längeren Aufenthalt die Weiterreise auf einem Bremer Dampfer anzutreten. Im Begriff, nach dem nahgelegenen Bahnhofe zu gehen, um den nach Bremen abgehenden Frühzug zu benutzen, erhielt ich auf dem Wege eine Drahtmeldung, die ich sofort öffnete, um ihren Inhalt noch vor der Abreise kennen zu lernen. Sie lautete kurz und bündig: »Der Khedive ersucht Sie, augenblicklich nach Kairo zurückzukehren«. Mit dem nächsten Eilzuge schlug ich die Richtung nach Triest ein, um mit dem fälligen Lloyddampfer mich nach Ägypten zurückzubegeben. Ich hatte seit meiner Abreise keine Zeitung gelesen und mußte nicht wenig überrascht sein, als mir von dem Kommandanten des Schiffes die Nachricht mitgeteilt wurde, daß auf dem letzten Bremer Dampfer, demselben, mit welchem ich die Reise antreten wollte, eine von einem Amerikaner Namens Thomas konstruierte Höllenmaschine vorzeitig explodiert sei und mehrere Reisende und sonstige Personen getötet und verwundet habe. Ich dankte Gott im stillen, einer möglichen Gefahr für Leib und Leben durch meine Rückberufung entgangen zu sein, und stellte mich bei meiner Ankunft in Kairo[330]  sofort dem Vizekönig vor. In der Meinung, von ihm nachträglich besondere Aufträge zu erhalten, die er mir nur mündlich mitteilen könne, war ich nicht wenig erstaunt, aus seinem Munde die Versicherung zu erhalten, er sei hoch erfreut, mich heil und gesund zu sehen, habe mir aber durchaus nichts zu sagen. Er habe sich bewogen gefühlt mich sofort durch den Draht zurückzurufen, da in der Nacht ein Traumbild ihm angeraten habe, mich sofort kommen zu lassen, widrigenfalls mir ein großes Unglück bevorstände.

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Mit dem nächsten Dampfer trat ich meine Rückreise nach Europa an, erreichte von neuem Göttingen und zog es vor diesmal nicht über Bremen, sondern über Liverpool auf einem Schiffe der Cunard-Line meinen Weg auf dem Atlantischen Ozean nach dem Westen zu nehmen.
Es war eine Seereise, an die ich mein Lebtag denken werde. Die Wellen wälzten sich haushoch über das starke Schiff, dem ein straffer Westwind auf der ganzen zwölftägigen Fahrt die ruhige Fortbewegung erschwerte. Niemand war im stande seine Kabine zu verlassen, ohne sich an ausgespannten Stricken festzuhalten. Schon am zweiten Tage hatten die Wasserberge die Küche vom Decke weggespült, so daß unsere Nahrung während der ganzen Überfahrtszeit nur aus Brot und gebratenen Fischen bestand. Gegen Ende des Monats Dezember 1875 zogen wir endlich in den Hafen von New-York ein und wenige Stunden später erreichte ich mein Reiseziel, die Stadt Philadelphia.
Die Ausstellungsarbeiten nahmen sofort ihren Anfang. Ich entwarf mit Hilfe meines Bruders, der mir als Kommissar beigegeben war, die erforderlichen Pläne und unterzeichnete Kontrakte, um mir die pünktliche Lieferung der Arbeiten zu sichern, gleichzeitig mit der Verpflichtung, sie am Tage der Ablieferung zu zahlen.[331]  Wer beschreibt meinen Schrecken, als ich bei einer Reise nach New York von dem Bankier, an den mein Wechsel gerichtet war, an Stelle der zu erhebenden Geldsumme ein Telegramm vorgelegt erhielt mit den verhängnisvollen kurzen französischen Worten: »Crédit suspendu«. Ich kehrte in einer unbeschreiblich trüben Stimmung nach Philadelphia zurück, ließ den teuren Draht nach dem fernen Kairo spielen, sandte Briefe auf Briefe an die ägyptische Regierung, ohne auch nur eine einzige Zeile als Rückantwort zu erhalten. Ich war Verpflichtungen eingegangen, sah mich von fünf Beamten umgeben, für die ich zu sorgen hatte, war zum Schlusse genötigt, auf Wechsel größere Geldsummen zu erheben und nach siebenmonatlichem Aufenthalte Philadelphia wieder zu verlassen, um von New-York aus über Bremen nach Ägypten zu eilen und meinen Klageruf an Ort und Stelle persönlich laut werden zu lassen.
Die Reise war von dem schönsten Wetter begünstigt, so daß ich nach einer fünfzehntägigen Wanderung gegen Ende des Monats September wohlbehalten in Kairo eintraf. Es war natürlich, daß meine unvermutete Ankunft dem Finanzminister keine besondere Freude bereitete, denn er hatte Wechsel zu zahlen und mir gegenüber alle Verpflichtungen zu erfüllen, die ihm die Regierung vor meiner Abreise auferlegt hatte. Ich verstand es wohl, daß der Herr Mufettisch und Wesir der Finanzen mir jede Audienz verweigerte, und ich begriff die Verlegenheit des Khedive, wenn ich klagte und meine eigene Not zu schildern nicht müde wurde. Die Verfallzeit drohte demnächst abzulaufen, so daß mir nichts weiter übrig blieb, als die Hilfe und Vermittlung des Vertreters Deutschlands anzurufen, um meine gerechten Forderungen anerkennen und die Schuldfrage aus der Welt schaffen zu lassen.[332] 



Der Tod des Mufettisch und der Anfang der Finanznot.










[333] Es trat eine schwere Zeit für Ägypten und noch mehr für den Khedive ein, nachdem die Kassen entleert waren und die Coupons den Gläubigern nicht mehr gezahlt werden konnten. Die Schuldenlast hatte sich mit der Zeit bis auf zwei Milliarden Mark aufgetürmt. Die Gläubiger verlangten Berichtigung ihrer Forderungen und riefen schließlich das internationale Tribunal zu ihrem Schutze an. Sie klagten die Forderungen ein, und es mußte auf Mittel und Wege gesonnen werden, um eine Deckung dafür zu finden. Über die Ausgaben selber, die zu einer so ungeheuren Schuldenlast geführt hatten, waren gar keine oder wenig zuverlässige Bücher geführt worden, und am allerwenigsten war der Mufettisch im stande, oder wollte es vielleicht nicht sein, eine Auskunft über Verwendung oder Zahlung der einzelnen Posten zu geben.
Schon oben hatte ich es angedeutet, welch eine zweifelhafte Rolle der Mufettisch, ein Milchbruder des Vizekönigs, in allen Geldangelegenheiten gespielt und welche Summen er ungerechterweise den vizeköniglichen Kassen entzogen hatte, um sie zu seinem eigenen Vorteile zu verwenden. Er fühlte es selber, daß ihn der Lohn für seine Thaten in kurzem er reichen würde, und so griff er zu dem letzten Mittel, sich dem drohenden Strafgericht zu entziehen. Er fing an, nach echt morgenländischer Weise, in den Moscheen an die versammelte Menge der Gläubigen aufreizende Hetzreden zu richten und den Vizekönig anzuklagen, durch seine Begünstigung der Europäer dem Lande den unsäglichsten Schaden zugefügt und es an Europa geradezu verkauft zu haben. Er konspirierte in niederträchtigster Weise gegen den Khedive, dessen Abdankung oder Sturz er als eine bereits ausgemachte Sache ansah. Sein ungerechtes Gebahren gegen seinen Wohlthäter, den Vizekönig, blieb dem[333]  letzteren nicht verborgen, aber er legte ihm eine Falle, in welche der Mufettisch hineinging, um den Lohn für seine Habgier mit dem Tode zu büßen.
Bei einem Besuche, den ich in diesen Zeitläuften dem Khedive in seinem Schlosse zu Abdin abstattete, legte er mir mitten im Gespräch die seltsame Frage vor: »Glauben Sie, mein Bey, daß ein Mensch an einer Flasche Cognak sterben kann?« Ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr er mit den Worten fort: »Es hat sich eine für mich schmerzliche Begebenheit ereignet, die ich Ihnen mitteile, um, wenn es sein muß, von ihrem Inhalte öffentlich Gebrauch zu machen und jeder falschen Auslegung von vornherein die Spitze abzubrechen. Der Mufettisch Ismail Pascha hatte den Plan gefaßt, gegen mich eine Verschwörung anzuzetteln, nachdem er die Regierung um Millionen betrogen und hinter meinem Rücken sein Amt als Finanzminister in betrügerischster Weise gemißbraucht hat, nur um die Fellachen durch ungerechte Steuerauflagen, die er sogar im voraus eingezogen hat, bis auf das Blut auszusaugen. Erst in den vergangenen Wochen ist mir sein Treiben zur Kenntnis gekommen. Er war so unklug, anstatt sich persönlich zn stellen, an die versammelte Menge in den Moscheen aufrührerische Reden zu richten, die auf meine Person abzielten. Mit flammenden Worten schilderte er den Notstand des Landes, der lediglich durch mich veranlaßt sei, weil ich nur die Europäer begünstige, um denselben Ägypten in die Hände zu liefern. Vor wenigen Tagen sandte er mir durch seinen Neffen einen Brief, in dem er dieselben Vorwürfe zu wiederholen so schamlos war, zugleich mich auffordernd, von meinem Irrwege abzulenken und der Bevölkerung das Vertrauen zu mir zurückzugeben.«

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»Weißt du, was in diesem Briefe geschrieben steht?« fragte ich den Überbringer. Auf seine Antwort, die er mir[334]  zitternd gab, »Effendina, ich weiß es nicht,« befahl ich ihm, seinen Onkel augenblicklich zu mir zu rufen, um mit ihm in meinem Wagen gemeinschaftlich eine Spazierfahrt durch die belebtesten Straßen Kairos zu unternehmen. Der Mufettisch stellte sich pünktlich ein, bleich und am ganzen Körper zitternd. Er nahm mit mir in dem Wagen Platz, und ich befahl dem Kutscher, den Weg nach meinem Schlosse in Gesireh zu nehmen. Ich sprach keine Silbe mit ihm, bis er wie ein Kind angstvoll an mich die Worte richtete, »Effendina schweigt, ist Effendina erzürnt gegen mich?« »Das wirst du am besten wissen, warum,« entgegnete ich ihm kurz und bündig.
Der Wagen fuhr vor dem Eingang des Gartenschlosses vor, auf dessen Stufen mein Sohn Hassan-Pascha uns bereits erwartete. Er ersuchte den Mufettisch allein auszusteigen und geleitete ihn in das Innere der Vorhalle. Mein zweiter Sohn Hussein-Pascha packte den Sünder nach seinem Eintritt in dieselbe, ließ ihn durch mehrere Kawassen binden und nach dem geheizten Dampfer an der Landungsstelle des Gartens befördern. Im Salon des Dampfers wurde ihm sein Aufenthalt angewiesen und ihm bedeutet, daß er nach Oberägypten transportiert werden würde, um in Edfu auf ein Kamel geladen und nach Dongola in die Verbannung geschickt zu werden.
Nach den Meldungen, die mir aus Oberägypten und den Hauptstationen des Dampfers zugekommen sind, verweigert er jede Nahrung zu sich zu nehmen und begnügt sich allein damit Cognak zu trinken. Bei seiner Ausschiffung in Edfu bestieg er sein Kamel, verlangte nach einer Flasche Cognak, trank sie mit einem Zuge aus und fiel, sich krampfhaft rückwärts beugend, vom Kamele tot auf den Sandboden herab.«
Die Erzählung des Vizekönigs hatte mich tief erschüttert.
Ich kannte den Mufettisch persönlich, der aus einem[335]  Fellachen zu der Stellung eines Finanzministers emporgestiegen war und sich durch nichts weniger als ein liebenswürdiges Benehmen auszeichnete. Er war roh und ungebildet, liebte den Trunk und verstand sich meisterhaft auf die Kunst, trotz der Finanzverlegenheiten seines Landes, sein eigenes Schäfchen ins Trockene zu bringen. Sein Tod befreite allerdings den Khedive von einem ungetreuen Beamten, dem er sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte, allein die Geldverlegenheit der Regierung war damit nicht beseitigt.
Auf meine Bemerkung, daß dem Vizekönig die Einziehung des Vermögens des Mufettisch wenigstens einen Teil der unterschlagenen Geldsumme zurückerstatten würde, erwiderte er: »Selbstverständlich habe ich das gethan, allein kein Piaster ist zum Vorschein gekommen, obgleich ich sogar die Marmorplatten der Fußböden seines Palastes habe aufreißen lassen, um nach etwa verstecktem Gelde zu suchen. Ich vermute, er hat sein ganzes gestohlenes Vermögen auf der Bank von England niedergelegt und unter einem falschen Namen in die Bücher eintragen lassen.«


Ich konnte aufrichtig den Vizekönig nur beklagen. Welches Urteil man auch über ihn fällen mochte, das eine bleibt mir fest stehen, daß er niemals die Absicht gehabt hat, als ein Betrüger dazustehen, sondern daß seine angeborene Leichtgläubigkeit, Gutmütigkeit, Ehrgeiz und seine Großmut neben der unzweifelhaften Schärfe und Schlauheit seines Verstandes den Grund zu allem späteren finanziellen Elend gelegt haben. Spekulierende Bankhäuser, von Spionen und Unterhändlern aus den Hofkreisen wohlbedient, fade Schmeichler, Glücksritter mit glänzenden Namen und sonstige Kreaturen der europäischen Gesellschaft wußten die schwachen Seiten seines Charakters und seine Freigebigkeit in unbeschreiblicher Weise auszubeuten oder ihn zu Unternehmungen zu verleiten, deren Erfolge für[336]  den Eingeweihten von vornherein zweifelhaft sein mußten. Ein jeder dachte daran, sich die eigenen Taschen zu füllen, unbekümmert um die Zukunft, die nur ein Ende voller Finanzschrecken sein konnte. In die Enge getrieben durch das Heer seiner Gläubiger, dabei zu stolz, eine Kontrolle des ägyptischen Finanzwesens durch europäische Kommissare zu gestatten, und nicht davon zu überzeugen, daß selbst ein Khedive den gerichtlichen Urteilen des von ihm berufenen und von den europäischen Großmächten genehmigten internationalen Tribunals sich fügen müsse, hatte Ismail Pascha die Folgen seiner eigenen Hartnäckigkeit zu tragen. Es mochte ihm schwer fallen seine Selbständigkeit aufzugeben und in allen Finanzangelegenheiten sich der europäischen Kontrolle zu unterwerfen, immerhin gebot es die Klugheit, ein kleineres Übel vorzuziehen, um nicht ein bei weitem größeres zu erdulden. Lief doch die leidige Frage nur auf die Absicht der Großmächte hinaus, – und in erster Reihe waren England und Frankreich dabei beteiligt, – den Gläubigern des ägyptischen Staates und den Besitzern ägyptischer Anleihen eine unzweifelhafte Garantie für die regelmäßige Zahlung der Coupons zu bieten.
In den beiden letzten Jahren der Herrschaft des abgesetzten Khedive hatten die Geldverlegenheiten, in denen sich fortdauernd die Regierung befand, ihren Höhepunkt erreicht. Seit Monaten, ja selbst seit Jahren warteten die Beamten und Offiziere auf die Zahlung ihrer Besoldungen, und es konnte nicht Wunder nehmen, daß die Unzufriedenheit revolutionäre Gelüste hervorrief, die sich beispielsweise bei den Offizieren der Garnisonen in Kairo durch einen Angriff mit bewaffneter Hand auf das Finanzministerium und durch thätliche Beleidigungen der Minister am 18. Februar 1879 Luft machten. Selbst der englische Oberkontrolleur, ein Herr Wilson, bisher ein Angestellter des britischen Finanzamtes in London,[337]  konnte sich trotz seiner Eigenschaft als englischer Unterthan und Delegierter vor den Insulten nicht schützen, und nur das plötzliche Erscheinen des Vizekönigs verhinderte den Ausbruch weiterer Roheiten. Eingeweihte behaupteten sogar, der Khedive sei der eigentliche Anstifter der ganzen Komödie gewesen, in der Absicht, das Odium von sich selber auf die britische Untersuchungs-Kommission abzulenken.



Das Ende vom Liede.










[338] Die Dinge nahmen indes ihren weiteren Gang, und es wurden zunächst Maßregeln getroffen, um ein Sparsamkeitssystem zu schaffen, durch das eine große Zahl angestellter Europäer auf das härteste getroffen wurde. Gegen eine kleine Entschädigung gab man ihnen den Abschied. Man verminderte zugleich das Heer der ägyptischen Beamten oder strich von dem bisher gezahlten Solde einen erklecklichen Teil ab.
Auch meine Person blieb von den neuen Maßregeln nicht verschont. Ich muß die Bemerkung voranschicken, daß nach meinen in Wien zu Gunsten der ägyptischen Regierung erreichten großen Erfolgen der Khedive mich auf das dringendste aufgefordert hatte, in seinen Diensten zu bleiben. Mein fünfjähriger kaiserlicher Urlaub war abgelaufen und mein Entschluß stand fest, nach Göttingen zurückzukehren und meine Vorlesungen von neuem wieder aufzunehmen. Der Vizekönig war so wenig mit meinem Entschlusse einverstanden, daß er mich ersuchte, sofort und auf seine Kosten nach der Heimat zu eilen, um dem Kaiser Wilhelm I. mein Gesuch um Verlängerung des Urlaubes auf unbestimmte Zeit zu Füßen zu legen.
Bei meiner Ankunft im Vaterlande befanden sich beide Majestäten, der Kaiser und die Kaiserin, in Koblenz. Ich[338]  nahm meinen Weg nach dem Rhein, hatte die Auszeichnung, empfangen und zur Tafel gezogen zu werden, und ergriff die Gelegenheit, meinem kaiserlichen Herren die Wünsche des Khedive in Bezug auf meine bescheidene Person zum Ausdruck zu bringen. »Ich wünsche es selber,« so lautete die Antwort aus seinem Munde, »daß meine Unterthanen auch im Morgenlande und im Dienste orientalischer Fürsten den deutschen Namen zur Geltung bringen. Bleiben Sie beim Khedive, so lange es die Verhältnisse gestatten.« Im weiteren Verlaufe des Gesprächs mußte ich mich tief beschämt fühlen, als mein Kaiser und Herr in seiner bekannten Herzensgüte mit lächelndem Munde die Bemerkung fallen ließ: »Ich habe beinahe Angst, mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich bin nur Soldat und Sie ein grundgelehrter Mann.« Ich glaube, daß ich blutrot geworden bin. Mir, dem Sohne eines einfachen Soldaten, war, als sollte ich dem Heldenkaiser zu Füßen fallen und iu tiefster Rührung und Dankbarkeit seine Hände küssen. Hatte ich, der Geringsten einer, eine solche Anerkennung des großmütigen Herrschers verdient, zu dem die ganze Welt mit Bewunderung aufschaute?
Ich kehrte nach Ägypten zurück, nachdem ich in Göttingen meine Wirtschaft aufgelöst und meine feste Hausburg aus freier Hand verkauft hatte. Zum Sommeraufenthalte meiner kinderreichen Familie hatte ich mir Graz, die Hauptstadt der an landschaftlichen Schönheiten so reichen österreichischen Provinz Steiermark ausersehen, aus dem besonderen Grunde, weil der Reiseweg von und nach Ägypten um ein bedeutendes verkürzt ward. Ich bezog das sogenannte Hallerschlößl am Ruckerlberge außerhalb der Stadt, da der geforderte Mietspreis mäßig war und die Rundschau von den Altanen des weitläufigen Gebäudes über die Gebirgswelt geradezu entzückte.

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Die Nachteile meiner europäischen Wohnstätte sollte meine[339]  Familie im Laufe der nächsten Zeit mit aller Gründlichkeit kennen lernen. Im Sommer wechselten die stärksten Gewitter und abkühlende Regengüsse mit der sengendsten Hitze im Handumdrehen ab. Im Winter trat die bitterste Kälte ein und meterhoch lag der gefallene Schnee im Schloßgarten und auf der Landstraße daneben. Die Lebensmittel, die aus der Stadt bezogen wurden, mußten an der»Mauth«, dicht vor dem Grundstücke, versteuert werden, und was der Übel mehr waren. Dafür bot mir Graz, das österreichische Pensionopolis, nicht die geringsten geistigen Genüsse dar; aber der »Tratsch« stand in vollster Blüte und niemand fühlte sich vor der Zunge seines nächsten Nachbarn sicher. Dem Berliner kam es außerdem hart an, nirgends auf einen Landsmann zu stoßen und heimatliche Laute zu hören. Der steierische Dialekt konnte mir trotz seiner Urwüchsigkeit keine Entschädigung bieten und kam ich mit dem Landvolk ins Gedränge, so konnte ich ihren Worten nicht das geringste Verständnis abgewinnen. Mir war's als hörte ich eine unbekannte Negersprache.
Dem Faß wurde vollends der Boden ausgestoßen, als ich in einer Grazer Gesellschaft besten Stiles als Br. Bey aus Ägypten einem Professor der Geschichte vorgestellt wurde, aus dessen Feder manches gelehrte Buch historischen Inhalts geflossen ist. Beim Tischgespräch brachte er die Rede zufällig auf den ägyptischen König Ramses II. mit dem Beinamen des Großen. Als ich mir die Freiheit nahm, einige seiner kühnsten Aussagen zu berichtigen, war er augenscheinlich betroffen und sah mich groß an. Bei meinem Hinweis auf eigene geschichtliche Untersuchungen auf altägyptischem Gebiete und auf Grund meiner hieroglyphischen Erfahrungen schien er ganz aus dem Häuschen zu sein. »Was! Sie haben sich damit beschäftigt und wohl gar darüber geschrieben?« – »Ihnen zu dienen, Herr Professor, da ich selber Universitäts-Professor bin.« – Sein[340]  Staunen war so außerordentlich, daß er mich um meine nähere Bekanntschaft bat, um von meinen Arbeiten Genaueres zu hören.
Als ich das gastliche Haus verließ und kaum aus dem Hausthor herausgetreten war, richtete ich an meine Frau die ernsthafte Frage: »Ist es dir recht, wenn wir Pensionopolis verlassen?« – Aber warum, lieber Mann? – »Darum!« – Und wohin? – »Nach der Stadt der Intelligenz, nach Berlin! In Graz bin ich bei lebendigem Leibe ein toter Mann.«
Nach meiner Ankunft in Kairo, um den Faden meiner Erzählung an rechter Stelle wieder anzuknüpfen, fand ich den Vizekönig in bester Laune vor, und er versprach es mir feierlich, dem Kaiser von Deutschland seinen Dank für die huldvolle Bewilligung meines unbeschränkten Urlaubs schriftlich zu bezeugen. Ich selber gehörte fortan dem Hofe des Khedive an, wenn auch meine Besoldungen aus der Kasse des Unterrichtsministeriums flossen.


Die nächsten paar Jahre verstrichen in ruhiger, wissenschaftlicher Thätigkeit, bis die Stunde gekommen war, in der auch mein Name dem britischen Prüfungskommissar in die Augen fiel und über meine zukünftige Verwendung ein Beschluß gefaßt wurde. Ich erhielt die höfliche Aufforderung, mich dem Ministerium der Finanzen als zukünftiger Beamter zur Verfügung zu stellen. Herr Wilson schien von meinen geäußerten Bedenken über meine Befähigung zu einem Finanzbeamten wenig erbaut zu sein. Nachdem ich ihm das ehrliche Bekenntnis abgelegt hatte, daß ich so gut wie nichts davon verstände, entspann sich zwischen uns ein Dialog, der für mich kein erbauliches Ende nahm. Aus der Erinnerung zitiere ich seine Kraftstellen.
»Was sind Sie eigentlich?«
– Ein getreuer Unterthan Seiner Majestät des Kaisers von Deutschland.[341]  »Nein, ich meine, was Sie gelernt haben, wozu Sie im Dienste der Regierung tauglich sind?«
– Ich bin ein Gelehrter und in meiner Heimat Universitäts-Professor.
– »Können wir hier nicht brauchen, Leute von Ihren Kenntnissen giebt es zu Hunderten in England.«
Ich empfand diese Äußerung wie einen Stich in das Herz, denn ihr Urheber offenbarte so wenig die Höflichkeit eines englischen Gentleman, wie sie mir überall auf meinen Reisen von seinen Landsleuten erwiesen war, daß ich fast daran zweifelte, in ihm einen echten Sohn Albions zu erkennen. Mir blieb nichts weiter übrig als mich zu empfehlen, nach Hause zu eilen, sofort meinen Abschied aus ägyptischen Diensten schriftlich einzureichen und die Vorbereitungen für meine Übersiedlung aus Ägypten nach Europa zu treffen. Meine Wirtschaft ließ ich in sicherem Gewahrsam zurück, nahm mir auf dem nächsten Lloyddampfer meinen Platz und verließ mit den bittersten Gefühlen Ägypten, das mir in den Tagen Ismails zur zweiten Heimat geworden war.
Nach meiner Abreise brach das Unglück über den Khedive herein. Sein ältester Sohn Mohammed Tewfik wurde nach dem veränderten Erbrecht zu seinem Nachfolger ernannt und eine neue, wenn auch schwere Zeit sollte bald darauf über das Land einbrechen.
Ich eilte nach Graz zu meiner Familie und führte unverzüglich meinen vorher gefaßten Entschluß aus, meinen festen Wohnsitz nach Berlin zu verlegen, um inmitten meiner Landsleute die Unbill zu vergessen, die mir durch einen englischen Kommissar in Kairo widerfahren war. Mit meinem ganzen Volke zog ich nach Norden und atmete erst freier auf, als der Zug von Wien aus in den Anhaltischen Bahnhof einbog und die ersten heimatlichen Laute an mein Ohr schlugen. Rührten[342]  sie auch von Gepäckträgern her, immerhin empfand ich das Gefühl, unter den Meinen zu sein, und mit wahrer Wonne schüttelte ich den Staub von meinen Füßen.

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Aber welch' ein verändertes Bild bot mir mein liebes Berlin dar! Aus meiner alten Vaterstadt mit ihren beschränkten und beengten Verhältnissen, mit ihrem holprigen Steinpflaster und duftenden Rinnsteinen, mit ihren bescheidenen glattwändigen Häusern und schmucklosen Marktplätzen, mit ihren mir so wohl bekannten Straßenzeilen samt ihren steifen altväterischen Thoren, welche die halb verfallene Ringmauer durchbrachen, mit ihren Steuerhäusern und Thorwachen, und nicht zum letzten mit ihren alten Berlinern, unter denen mir so manches bekannte Gesicht auf meinen Gängen in den Wurf kam mit all' jenen Erinnerungen, wie sie von der Jugendzeit her unauslöschlich in meinem Gedächtnis haften geblieben waren, – aus dieser meiner Vaterstadt war nicht nur die Hauptstadt des Deutschen Reiches und die Residenz eines deutschen Kaisers geworden, sondern eine wahrhafte Weltstadt entstanden, die angefangen hatte mit Paris und London um den Ruf der Größe und Schönheit in den Wettkampf einzutreten. Alles fand ich verändert im zielbewußten Sturmlauf nach dem Vollkommenen und in riesig steigender Zunahme einer Bevölkerung, der die stetige Einwanderung von außen von Monat zu Monat eine fast unglaubliche Mehrung zuführte. Die Ringmauer war gefallen, Berlin wurde es zu eng im alten Bereiche, neue Straßen wuchsen wie durch Zauber auf dem Boden der ehemaligen Vorörter hervor, wobei dem Westen der Löwenanteil gebührte, mit einem Worte, Berlin war dem Phönix gleich aus der Asche des alten hervorgewachsen, nur größer, schöner als der Vater gewesen war. Schienenwege, mitten durch die Stadt und rings um dieselbe gezogen, und ein vielverzweigtes Netz von Straßenbahnen und Omnibuslinien war gleichsam[343]  über Nacht geschaffen worden, um den Verkehr in der jüngsten Weltstadt zu erleichtern und ihre Bewohner in kürzester Zeit an die entlegensten Punkte zu versetzen. Eine Millionenstadt voller Reichtum, Wohlleben und Luxus hatte eben ihre Auferstehung gefeiert, und wenn auch der echte Berliner bis zum witzigen Schusterjungen hin in der Bevölkerung nur noch der Minderheit angehörte, den Zugezogenen war das Berlinertum in das Fleisch und Blut übergegangen und der Berliner Geist vererbte sich selbst auf die Fremden.
Man frage nicht, ob ich mich wohl in meiner Vaterstadt fühlte. Ich hatte, im Auslande lange Jahre lebend, ihren Wert in seinem ganzen Umfange zu schätzen gelernt, und ich empfand es wie einen Lohn, nach den Kämpfen in drei Weltteilen wieder unter meinen Landsleuten als eiuer der ihrigen weilen zu dürfen. Freilich waren von meinen älteren Freunden viele in den Hafen eingezogen, der keine Rückkehr gestaltet, auch meine eigene liebe Mutter hatte gleich nach meiner Übersiedlung diese Zeitlichkeit gesegnet, glücklich, im Vaterlande ihre letzte Ruhestätte zu finden, aber mir ward es nicht mehr bange ums Herz, nachdem ich mein Heim an den Ufern der Spree aufs neue gegründet hatte. Ich siedelte mich in Charlottenburg an, besaß mein eigenes Haus mit einem Gärtchen dahinter und in ungestörter Ruhe pflanzte ich meinen Kohl, d.h. ich öffnete meine Kisten, um meine altägyptischen papiernen Schätze hervorzuholen und meine Studien mit jugendlicher Begeisterung wieder aufzunehmen und vor allem mein großes Wörterbuch zu Ende zu führen. Da erreichte mich ein Brief aus Frankreich, von der Hand meines Freundes Mariette geschrieben. Er fühlte sich dem Tode nahe und flehte mich an, nach Paris oder Ägypten zu kommen, um mit ihm wichtige Dinge zu besprechen.[344] 



Mein Freund Mariette stirbt.










[347] Weine ägyptischen Ersparnisse und eine kleine mir von der Regierung in Kairo gezahlte Entschädigung erlaubten mir damals die Reise nach dem Nilthale auf eigene Kosten zurückzulegen. Sie bot mir zugleich die beste Gelegenheit dar meine zurückgelassene Wirtschaft zu veräußern, nachdem ich in einem bescheidenen gemieteten Hause in der Nähe des Süßwasserkanals, der von Kairo aus über Heliopolis nach Sues geleitet ist, mich auf kürzere Zeit häuslich eingerichtet hatte.
Bei meiner Ankunft war Mariette noch nicht eingetroffen, aber die letzten Nachrichten meldeten seine baldige Ankunft, enthielten aber zugleich die traurige Botschaft, daß seine Tage gezählt seien und sein Ableben bevorstände.
Bei seiner endlichen Landung raubte ihm ein heftiger Blutsturz seine letzten Kräfte. In Kairo saß ich täglich an seinem Krankenbette, um seine Hand zu fassen und durch tröstende Worte seinen vollständig gesunkenen Lebensmut zu heben. Noch beschäftigten ihn Pläne für die nächste Zukunft und für die wissenschaftliche Ausbeute der letzten Nachgrabungen.
Zwei arabische Schechs, alte Leute, die uns beiden noch von den Ausgrabungen im Serapeum her bekannt waren,[347]  hatten sich der Aufgabe unterzogen, eine Reihe kleinerer Pyramiden in der Nähe der früher freigelegten Ausgrabungen zu öffnen, um in den Grabkammern nach Särgen alter Könige zu suchen. Von drei Pyramiden wurde der Zugang mit größter Gefahr für die Arbeiter bloßgelegt, aber ihre Mühen wurden reichlich belohnt, denn die Seiten der langen Gänge und die Wandflächen der eigentlichen Grabkammern fanden sich von oben bis unten mit hieroglyphischen Inschriften in ältestem Stil bedeckt und die aufgefundenen Särge aus nubischem Granit waren mit eingegrabenen königlichen Texten versehen. Freilich überzeugte man sich daneben, daß bereits im Mittelalter die Pyramiden von beutegierigen Arabern, Bewohnern der nahe gelegenen Dörfer, geöffnet worden waren, aber dennoch war der wissenschaftliche Gewinn ein ungeheurer. Beschriebene Pyramiden hatte man vorher nicht gekannt und Mariette ihr Dasein stets geleugnet.
Die Abdrücke der Inschriften aus der ersten erschlossenen Pyramide waren Mariette bereits in Paris zugekommen. Er hielt den darin häufig auftretenden Königsnamen Piopi (Phiops) für den eines Privatmannes. Die Texte der beiden übrig bleibenden Pyramiden kannte er noch nicht. Sie waren erst bei seiner Landung in Ägypten von den Schechs geöffnet worden und die Inschriften mußten die wichtige Frage entscheiden, ob auch Privatpersonen oder nur wirkliche Könige in Pyramiden bestattet worden waren. Mit schwacher Stimme bat mich mein kranker Freund um den Dienst, mich in Begleitung meines Bruders Emil, der als Konservator im Museum seit etwa fünfzehn Jahren angestellt war, an Ort und Stelle zu begeben, um die geöffneten Pyramiden zu untersuchen und ihm darüber Bericht zu erstatten.

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Auf der Eisenbahn, die auf der linken Nilseite in einstündiger Entfernung bis zu der Ruinenstätte des alten[348]  Memphis führt, schlugen wir am nächsten Morgen den Weg nach Süden ein, bestiegen an der Eisenbahnstation Bedrescheïn bereitstehende Esel und gelangten nach einem Ritte von zwei Stunden nach dem Pyramidenfelde im Westen des Dorfes Sakkarah.
Gemeinschaftlich mit den ägyptischen Schechs der Ausgrabungen gingen wir mühsam in den geöffneten Gang der westlichen Pyramide, in steter Gefahr, von den über unsern Leibern schwebenden Steinblöcken bei der leisesten Berührung erdrückt und zermalmt zu werden. Endlich erhielten wir Luft in der innersten Grabkammer, deren Wände mit den reichsten Inschriften in vertikalen Kolumnen bedeckt waren. Ich erkannte an vielen Stellen der Texte den Namen und die Titel Pharaos Methesuphis aus der sechsten Dynastie altmemphitischer Könige.
An der Westseite der Kammer stand ein wohl erhaltener Sarkophag in Kastenform aus einem dunklen rotgesprenkelten Granit. Die Inschriften auf dem zurückgeschobenen Deckel und am oberen Rande der steinernen Truhe trugen denselben Namen des erwähnten Königs in Begleitung seiner Titel und Nebenbezeichnungen. Es war kein Zweifel mehr übrig, daß die beschriebene Pyramide, wie ihre übrigen Schwestern mit Inschriften, thatsächlich einem Könige der ältesten Dynastie angehörte.
Neben dem Steinsarge lag auf dem Fußboden der Grabkammer die wohl erhaltene Mumie Pharaos Methesuphis, wie er in den Königslisten Manethos heißt, eine ziemlich genaue Umschrift seines echt ägyptischen Namens Mehtemsuf. Nach ihrer äußeren Erscheinung und Körperbildung konnte die Leiche nur einer im Jünglingsalter gestorbenen Person angehört haben.
Die sehr feinen Byssusbinden, mit welchen sie einst umwickelt war, hatten die arabischen Schatzgräber vom Leibe[349]  heruntergerissen, so daß die Fetzen des fast durchsichtigen und spinngewebartigen Leinewandstoffes allenthalben zerstreut umherlagen.
Nachdem ich die beiden übrigen geöffneten Pyramiden durchsucht und in ihren Inschriften die Namen ihrer Erbauer entdeckt hatte, trat ich mit meinem Bruder den Rückweg an, um Mariette noch an dem Abend desselben Tages die Ergebnisse meiner Untersuchungen an Ort und Stelle mitzuteilen. Vielleicht, so sagte ich mir, wird es dem sterbenden Freunde eine letzte Freude bereiten, die Mumie eines der ältesten Könige Ägyptens und der Welt überhaupt noch mit eigenen Augen sehen zu können.
Ich ließ sie in einen schmalen hölzernen Sarg legen, welchen die Nachgrabungen im Boden der Wüste an einer Stelle der memphitischen Totenstadt neben Dutzenden anderer zu Tage gefördert hatten. Mein Bruder legte die seltsame Last quer vor sich auf seinen von ihm bestiegenen Esel, und so erreichten wir nach zweistündigem Ritte, wenige Minuten vor Abgang des Zuges nach Kairo, die Eisenbahnstation in der Nähe des Niles.


Großes Erstaunen der Bahnbeamten über unseren toten Begleiter, den wir als einen uralten einbalsamierten Schulzen (Schech el-beled) des Dorfes Sakkarah bezeichneten. Da wir uns von unserem Mitreisenden nicht zu trennen vermochten, so fuhren wir nicht erster Klasse, sondern bestiegen mit ihm den Gepäckwagen.
Der Zug setzte sich in Bewegung, hielt aber lange vor der eigentlichen Endstation Dakrur im Angesicht der Kalifenstadt Kairo an. Irgend ein Schaden an den eisernen Schienen verhinderte jede Weiterbewegung nach dem Bahnhofe zu. Männiglich war genötigt auszusteigen, um den weiten halbstündigen Weg bis zum Halteplatz der Wagen zurückzulegen.[350]  Wir Brüder packten den Holzsarg an seinen beiden Enden, um ihn bis zur Station zu tragen. Die Sonne ging unter, der Schweiß lief uns von der Stirn, der tote Pharao schien von Minute zu Minute schwerer zu werden. Um die Last zu erleichtern, ließen wir den Sarg in Stich und faßten seine tote Majestät am Kopfende und an den Füßen. Da brach Pharao in der Mitte durch und jeder von uns beiden nahm seine Hälfte unter den Arm.
Nach halbstündiger Fußwanderung bestiegen wir zwei Berliner mit dem halbierten Pharao eine Droschke. Ein neues Hindernis trat uns am Mautgebäude unmittelbar vor der großen eisernen Brücke von Kasr en-Nil entgegen.
»Nichts Steuerbares im Wagen?« fragte der Steuerbeamte in arabischer Zunge.
Nein, gar nichts, mafisch!
»Aber was ist dies da?« Di-e-di und bei diesen Worten zeigte er auf die beiden Hälften der königlichen Leiche.
– Eingepökeltes Fleisch, entgegnete ich und drückte ihm heimlich ein Geldstück in die Hand.
»Jallah ab!« rief der Beamte dem Kutscher zu, und unser Wagen rollte mit uns dreien über die Brücke.
Mariette schien meine Erzählung zu unterhalten, doch machte der Anblick der Leiche des zweigeteilten Königs einen widerlichen Eindruck auf ihn, während ihn früher eine Mumie vollkommen gleichgiltig ließ.
»Also giebt es doch beschriebene Königs-Pyramiden! rief er mit heiserer Stimme aus, ich hatte nie daran glauben wollen.«
Wenige Tage nach dem beschriebenen Ereignis trat der fürchterlichste Todeskampf bei meinem armen Freunde ein, bis er endlich am 17. Januar 1880 von dieser Welt für immer Abschied nahm.
Geboren am 12. Februar 1821 in Boulogne-sur-mer,[351]  starb er in seinem sechzigsten Lebensjahre infolge der Zuckerkrankheit, welche ihn die ganze zweite Hälfte seiner irdischen Wanderschaft unsäglich gequält hatte. Sein starker Körper leistete bis zum letzten Augenblick den kräftigsten Widerstand, aber die seelischen Leiden in den letzten Jahren seines Lebens hatten sein Nervensystem erschüttert, dadurch die Entwickelung der heimtückischen Krankheit beschleunigt und seine Auflösung herbeigeführt. Von elf Kindern waren ihm sieben in der Blüte ihres Daseins durch den Tod entrissen worden, zuletzt noch, ein Jahr vor seinem Abscheiden, ein geliebter hoffnungsreicher Sohn, der eben im Begriff stand, sich einem ehrenvollen Berufe zu widmen.

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Der Tod Mariettes war für die in Kairo anwesenden Franzosen das Zeichen, sein am nächsten Tage stattfindendes Begräbnis in auffälligster Weise auf das feierlichste zu begehen. Die gesamte Bevölkerung der Stadt, Einheimische und Fremde, sollten es erfahren, daß Frankreich entschlossen sei, die altägyptische Erbschaft des Museums anzutreten und den leer gewordenen Platz des Leiters der Museen und der Ausgrabungen keinem Ausländer einzuräumen. Schon am Todestage Mariettes war sein Nachfolger, Prof. Maspero, französischer Unterthan, jedoch von italienischer Abkunft, in Ägypten eingetroffen, um sich an die Spitze der Verwaltung der »Antika« zu stellen.
Die ägyptische Regierung und der Khedive ließen sich einschüchtern, und meine eigene Person, welche nach der Meinung und dem Ausspruche des Vizekönigs selber allein die Anwartschaft auf die Nachfolge besaß, wurde aus dem einzigen Grunde zurückgedrängt, weil ich die Ehre hatte ein Deutscher zu sein und der großen Nation nur als solcher zu mißfallen. Lesseps Meinung darüber habe ich bereits oben in ihrer wörtlichen Fassung mitgeteilt.[352]  Ich nahm an dem Begräbnis teil, begleitete abseits gehend die Leiche Mariettes vom Museum aus nach der katholischen Kirche, von allen Franzosen mit scheelen Augen angesehen, selbst von denen, die in den Zeiten der Ausstellungen zu meinen Beamten gehörten und von mir mit Wohlthaten überschüttet worden waren. Ich gönnte ihnen den kleinen nationalen Triumph und gedachte mit Wehmut der dreißigjährigen treuen Freundschaft, welche mich mit dem Verstorbenen verbunden hatte. In mehr als tausend seiner Briefe, die er an mich gerichtet hatte, spiegelte sich sein Herz ab, das voll und ganz für mich schlug und das er in rührendster Weise so oft vor mir ausgeschüttet hatte, um seine Seelenqualen zu schildern und seine Hilferufe an mich zu richten. Und ich hatte ihn niemals in seinen Hoffnungen betrogen, denn ich blieb allzeit le Prussien de son coeur, wie er mich mündlich und schriftlich am liebsten zu bezeichnen pflegte. Friede seiner Asche!



Meine Reise mit dem Kronprinzen Rudolf von Österreich.










[353] Wenige Monate waren seit dem Tode Mariettes verflossen, als auf telegraphischem Wege Kronprinz Rudolf von Österreich die Anfrage nach Kairo an mich richtete, ob ich zusagen wolle, ihn auf seiner bevorstehenden Nilreise nach Oberägypten zu begleiten. Eine solche Ehre auszuschlagen konnte mir um so weniger beifallen, als mir die Erinnerung an den Aufenthalt seines Vaters in Ägypten und an meine schwachen Dienste während desselben die schuldige Pflicht wärmster Dankbarkeit auferlegte. Der Ruf der hohen geistigen Begabung und der Liebe für die Wissenschaft, der sich an die Person des Kronprinzen knüpfte, konnte nur meine eigenen Wünsche steigern, dem jungen Fürsten näher zu treten, dessen[353]  erste Bekanntschaft ich das Glück hatte bereits in der Zeit der Wiener Weltausstellung zu machen. Unvergeßlich war mir die letzte Stunde geblieben, in welcher Kronprinz Rudolf und der junge Prinz Wilhelm, mein jetziger kaiserlicher Herr und Gebieter, auf dem Hofe meiner ägyptischen Bauten mit den Worten herzlichster Freundschaft von einander Abschied nahmen mit dem gegenseitigen Versprechen eines häufigen Briefwechsels in Zukunft.
Die ägyptische Reise des Kronprinzen ist von ihm eigenhändig niedergeschrieben und im Druck veröffentlicht worden. Sie bildet den ersten Band seines lebendig und in edler Sprache abgefaßten Werkes »Eine Orientreise«, das in Wien im Jahre 1881 veröffentlicht wurde. Die Worte, die der Kronprinz auf das erste Blatt des für mich bestimmten Exemplars eigenhändig niederschrieb: »Dem treuen Wegweiser und Lehrer im Lande der Pharaonen, dem hilfreichen Mitarbeiter in dankbarer Freundschaft! Rudolf« liefern den sprechendsten Beweis, mit welcher Güte und Nachsicht der liebenswürdige Fürst meine geringen Dienste anzuerkennen verstand. Eine Reihe von Briefen, welche er später an mich richtete und die ich, besonders nach seinem Abscheiden von dieser Erde, nicht ohne die tiefste Rührung lese und immer wieder lese, bestätigen den bescheidenen Sinn und die nüchterne Weltanschauung ihres fürstlichen Urhebers, der nur in dem rein Menschlichen seine höchste Befriedigung und in der geistigen Arbeit den reichsten Genuß fand.
Für die Reise nach Oberägypten bis zu ihrem Endpunkte, der Insel Philä, an der südlichen Grenze hin, war dem kaiserlichen Prinzen ein vizeköniglicher Dampfer zur Verfügung gestellt worden. Zu den Begleitern des hohen Herrn gehörten sein Oheim, der Großherzog von Toskana, der General Graf Wald burg, einem württembergischen Geschlecht angehörend, der Burgpfarrer Abt Mayer, der Major von Eschenbach,[354]  ein bildschöner Kavalier, ferner der ungarische Graf Josef Hoyos und der Maler Pausinger aus Salzburg. Sämtliche Mitglieder der Expedition, nur meine Wenigkeit davon ausgeschlossen, waren vorzügliche Jäger, und der Kronprinz selber erfreute sich des Rufes, als einer der glücklichsten Schützen zu gelten.

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Die Jagd auf Raubzeug allein schien ihm eines wirklichen Jägers würdig, da sie dazu beitrage, schädliche Tiere auszurotten und vor allen Dingen die bebauten Felder des Landmannes und seine Viehherden zu schützen. Er versicherte mich, auch nicht das geringste Vergnügen bei den Jagden auf Rotwild und Gemsen zu empfinden, da ihm das Töten, am allermeisten aber ein Massenmord unschuldiger Tiere geradezu einen Widerwillen bereite. Seine Neigung für das Studium der Tierwelt, besonders der geflügelten Bewohner der Lüfte, hatte eine reiche Nahrung durch seine Bekanntschaft mit dem Tier-Brehm gewonnen. Der rühmlichst bekannte Gelehrte dieses Namens, dessen zoologische Arbeiten und Bücher sich noch heutzutage eines Weltrufes erfreuen, war bereits seit mehreren Jahren der Person des Kronprinzen Rudolf näher getreten. Er hatte dazu beigetragen, in dem jungen Fürsten eine kaum glaubliche Neigung für seine eigenen Untersuchungen zu erwecken, und ich selber kann es bezeugen, mit welchem Eifer der gelehrige Schüler es sich angelegen sein ließ, nach einem vollendeten Jagdzuge die heimgebrachte Beute nach Dr. Brehms Tafeln wissenschaftlich zu untersuchen. Weder Müdigkeit noch Hunger und Durst konnten für ihn einen Grund abgeben, seine Beute auch nur auf einen Augenblick liegen zu lassen. Er maß die Körper- und Flügellängen der geschossenen Geier, Adler und Falken, er trug die Zahlen in sein Jagdbuch ein, fügte sonstige Eigentümlichkeiten in dem Körperbau oder in der Färbung des Geflügels bei und hielt ein so genaues[355]  Register, als ob der Kronprinz von Österreich das Muster eines grundgelehrten Zoologen abgäbe.
Auf der anderen Seite offenbarte sich sein Sinn für die Wissenschaft in dem Eifer, mit dem er meinen täglichen Vorträgen über altägyptische Geschichte, Geographie, Mythologie, Baukunst u.s.w. lauschte. Seine Bemerkungen, die er hier und da einstreute, hatten, wie man zu sagen pflegt, Hand und Fuß, und Vergleichungen mit anderen Gebieten der Geschichte der Völker des Altertums oder der Neuzeit zeigten den Kenner, der seines Gegenstandes sicher war. Ein besonderer Zug, den ich mit wahrer Freude in dem Charakter des Kronprinzen entdeckte und täglich bestätigt fand, war die Einfachheit seiner Sitten und eine wahre Bedürfnislosigkeit, die nur selten eine Eigenschaft der Großen dieser Erde bildet. Fern von dem Hofparkett des Palastes bot ihm der Aufenthalt in Ägypten einen unglaublichen Genuß dar, da ihm auf Schritt und Tritt in den Landesbewohnern die einfachsten Menschen gegenübertraten, mit denen er sich durch meine Vermittlung in der gemütvollsten Weise unterhielt und stets freundliche Antworten und Auskünfte auf ihre Fragen gab. Sein schlanker Körper war gestählt und die größten Anstrengungen vermochte er mit Leichtigkeit zu ertragen. Stundenlange Jagdzüge im Sande der Wüste oder auf den vegetationsleeren, mit Geröll bedeckten, steilen Wegen der Felsgebirge, meist in der brennendsten Sonne, bereiteten ihm nicht die geringste Mühe, während mir selber der Atem ausging, so daß ich ihm häufig die Bitte ausdrückte, ein langsameres Tempo einschlagen zu wollen.


In der mündlichen Unterhaltung offenbarte der Kronprinz Verstand, Scharfsinn und Witz. Dabei behauptete er eine Ruhe, die selbst dem älteren Manne imponieren mußte. Befand er sich in offizieller Gesellschaft, so wandelte sich sein Wesen wie durch Zauber plötzlich um, seine ganze Haltung[356]  zeigte eine steife Förmlichkeit, die ihm sonst durchaus nicht eigentümlich war. Vom Scheitel bis zur Sohle verriet er den Kronprinzen, den künftigen Kaiser, und seine Unterhaltungen waren gemessen und kurz in ihren Wendungen.
Als er Ägypten verließ, mußte ich ihm das Versprechen geben, bei meiner Anwesenheit in Europa ihm jedesmal einen Besuch abzustatten und längere Zeit als Gast bei ihm zu verweilen. Die erste Gelegenheit dazu bot sich dar, als ich im Jahre 1881 in der Frühjahrszeit nach meiner Heimat zurückgekehrt war und in meinen Briefen ihm die Mitteilung machte, daß ich bereit sei, ihm bei der Veröffentlichung seines Reisewerkes von ihm gewünschte Beiträge zu liefern. Auch die kleinsten Mitteilungen wissenschaftlichen Inhaltes, die auf unsere gemeinschaftliche Wanderung Bezug hatten, wurden vom Kronprinzen wörtlich und mit Anführung ihres Urhebers abgedruckt, und er fand dies so selbstverständlich, daß auch nicht eine Stelle in seinem Werke anzufinden wäre, in der er stillschweigend meine eigenen Kenntnisse ausgenutzt hätte.
Wie man weiß, fand unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Ägypten in die Heimat seine Vermählung mit der Prinzessin Stephanie, der Tochter des Königs der Belgier, statt. Das kronprinzliche Paar siedelte bald nach der Hochzeit nach Prag, der Hauptstadt des Königreichs Böhmen über, um hier in dem alten Schlosse des Hradschin für einige Zeit seine bleibende Residenz aufzuschlagen. Einer eigenhändigen Einladung meines fürstlichen Gönners folgend, nahm ich auf ein paar Wochen meinen Aufenthalt in dem Prager Schlosse, wobei ich die Ehre hatte, täglich mit dem hohen Fürstenpaare zu verkehren. Ich hatte dadurch die Gelegenheit gewonnen, beide in ihrer Häuslichkeit kennen zu lernen und die Herzlichkeit ihres gegenseitigen Verkehres zu bewundern. Die damals erst siebzehnjährige kronprinzliche Gemahlin entzückte nicht nur[357]  durch die Anmut ihrer vornehmen jugendlichen Erscheinung, sondern noch vielmehr durch die Bescheidenheit, fast Schüchternheit ihres Wesens, eine Folge ihrer klösterlichen Erziehung im elterlichen Hause, fern von dem rauschenden Vergnügen der großen Welt. In den gemeinschaftlich zu Wagen oder auf der Eisenbahn zurückgelegten Ausflügen war es weder Dorf noch Stadt, weder Wald noch Berg, die meine Aufmerksamkeit fesselten, als vielmehr der traute Umgang des jungen kronprinzlichen Paares, dem ich beizuwohnen das Glück hatte.
Im Prager Schlosse wurden die Stunden der Arbeit und der geselligen Zusammenkünste streng von einander geschieden. Jede freie Zeit benutzte der Kronprinz, sich seinen wissenschaftlichen Studien und seiner schriftstellerischen Thätigkeit mit ganzem Eifer hinzugeben. Es ist allgemein bekannt, daß seine Leistungen ebenso fruchtbar ihrem Inhalte nach als in ihrer Form geschmackvoll und gefällig gewesen sind. Das großartig angelegte Werk über die Völker Österreichs ist unter seiner Ägide entstanden und manche Beiträge aus seiner Feder haben demselben einen hervorragenden Schmuck verliehen.

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Nicht selten geschah es, daß der Kronprinz noch gegen Mitternacht in meinem Zimmer erschien und oft an meinem Bette niedersaß, um bei dem Genusse einer guten Zigarre – er rauchte nämlich viel und gern – stundenlang von den ernstesten Dingen zu reden und meine eigene Meinung über die schwierigsten Fragen einzuholen. Wissenschaft und Kunst, Politik und Religion gaben den Stoff dazu her und ich war erstaunt, bei dem unter strengster Obhut aufgewachsenen Prinzen den freisinnigsten Ansichten zu begegnen, die er in seinen »akademischen« Zwiegesprächen mit aller Wärme vertrat.
Die Erinnerungen an die Tage unseres Zusammenseins rufen mir manche unvergeßlichen Stunden zurück, von denen ich keine als eine verlorene bezeichnen könnte. Selbst das[358]  gewöhnliche Leben und Treiben der Menschen und ihre soziale Lage entlockte dem Kronprinzen Urteile, die den scharfen und guten Beobachter erkennen ließen und seinen Blick in die Weite bezeugten.
Während meines Prager Aufenthaltes fällt meine erste Bekanntschaft mit dem Maler Canon, einem Künstler von großem Talente und Rufe, der dem Kronprinzen nahe stand (er hatte ihn aus seiner freiwilligen Einsamkeit herausgezogen) und damals von ihm den Auftrag erhalten hatte, das lebensgroße Bild der Frau Kronprinzessin im Hradschin in Ölfarben auszuführen. Es war nicht nur wohl getroffen, sondern auch in Auffassung und Ausführung von musterhafter Vollendung. Als ich die Bekanntschaft des inzwischen verstorbenen Künstlers machte, befand er sich in leidendem Zustande. Infolge eines Sturzes während einer Jagd, die der Kronprinz unternommen hatte, war er genötigt das Bett zu hüten. Ich sah ihn von einer ganzen Bibliothek umgeben, die nicht etwa der unterhaltenden Litteratur angehörte, sondern nur aus philosophischen Werken und Abhandlungen bestand. Canon war mit allen Systemen der älteren und modernen Philosophen wohl vertraut, und ich war geradezu erstaunt, in dem Maler meinen Meister auf diesem Gebiete zu erkennen. »Was wollen Sie?« rief er mir bei dem Ausdruck meiner Überraschung zu, »mein Leben und mein ganzes Dasein hat mich der Philosophie in die Arme geworfen. Hören Sie mein trauriges Schicksal an und Sie werden begreifen, daß ich ein Philosoph werden mußte.«
Und ich hörte seine Geschichte an, die einem Schriftsteller den Stoff zu einem mehrbändigen Roman liefern könnte. Drei Frauen spielen nach einander eine entscheidende Rolle darin, und jedesmal um den Maler in die bitterste Verzweiflung zu stürzen. Er schüttete mir zwei Stunden lang sein übervolles[359]  Herz aus, glücklich, wie er mich versicherte, seine Seele erleichtert und in mir einen verständnisvollen Zuhörer gefunden zu haben. Der Kronprinz, dem ich später die erleichterte Gemütsstimmung Canons mitteilte, konnte sich einer beinahe ausgelassenen Heiterkeit nicht erwehren. Auch er war in die Seelennot des philosophischen Malers eingeweiht worden, betrachtete jedoch die Hauptereignisse in dem Schicksale Canons von einem weniger philosophischen Standpunkte aus. »Er ist stets ein guter Kerl gewesen, so meinte er, dem die Weibsleute abscheulich mitgespielt haben.« Daß Canon auf die weibliche Welt ohne seinen Willen eine gewisse Anziehungskraft auszuüben im stande war, das lehrte mich das Aussehen des etwa fünfzigjährigen Mannes. Von stattlicher Größe, zeigten seine Züge immer noch die Spuren einer ehemaligen männlichen Schönheit, der ein ellenlanger Bart als besonderer Schmuck diente.

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Meine späteren Beziehungen zum Kronprinzen Rudolf erloschen bei meiner Versetzung nach Persien. Als ich, wieder der Heimat zurückgegeben, den im Jahre 1889 erfolgten Tod des unglücklichen Fürsten aus den Zeitungen erfuhr, fühlte ich es wie einen Stich ins Herz hinein. Welches auch immer die Ursachen seines tragischen Endes gewesen sein mochten, er starb jedenfalls als Opfer eines unseligen Verhängnisses, dessen Geheimnis niemals gelüstet werden wird. Es erfüllt mich bis zur Stunde mit tiefster Trauer, in dem Kronprinzen einen aufrichtigen Gönner und Freund verloren zu haben, trotzdem die Unterschiede der Stellung und des Lebensalters eine unüberbrückbare Kluft zwischen uns geschaffen zu haben schienen.[360] 



Beim Prinzen Friedrich Karl von Preußen.










[361] Ich hatte meine Übersiedelung nach Charlottenburg ausgeführt und in einem einstöckigen Hause der Leibnizstraße meinen ständigen Wohnsitz eingerichtet in der Hoffnung, den Rest meiner Tage in dem Schoße meiner Familie und an der Seite meiner zweiten Frau, der Tochter eines österreichischen Gendarmerie-Majors, zu verleben. In Ägypten war ich genötigt gewesen, acht Monate des Jahres hindurch ein Haus machen zu müssen, da es schon damals von fremden Besuchern im schwarzen Lande wimmelte und besonders die Stadt Kairo ein Stelldichein der vornehmsten europäischen Welt geworden war. Meine Wohnung in der Fagala- oder »Radieschenstraße« schien eine Art von Taubenschlag zu sein, denn die ausländischen Vögel flogen die beste Zeit des Tages über bei mir aus und ein und meine Frau hatte außerdem ihre liebe Not und Mühe, bei ergangenen Einladungen den vorausgesetzten Ansprüchen Genüge zu leisten und Küche und Keller zu überwachen. Handelte es sich gar um fürstliche Personen und deren Begleitung, so trat die oft recht schwierige Aufgabe hinzu, in der Tafelrangordnung keine Verstöße zu begehen. Das alles fand mit einem Male sein Ende und nur die Erinnerung an die große Welt entschädigte uns für die fehlenden Gäste im stillen eigenen Heim. Auch das Reisen, so hatte ich es mir vorgenommen, sollte ein für allemal an den Nagel gehängt werden und meine Wanderungen nur auf den Weg zwischen Charlottenburg und der nahe gelegenen jungen Weltstadt Berlin beschränkt bleiben. Das Schicksal fügte es wiederum anders, denn ich mußte kurz nach meiner vollzogenen Ansiedelung noch einmal zum Wanderstab greifen und meine Bekanntschaft mit ägyptischen Afrikanern und persischen Asiaten erneuern.[361]  In die erste Zeit meiner Ruhe fällt der Anfang jener frohen Tage, an welchen es mir vergönnt war, durch die volle Freundschaft des Prinzen Friedrich Karl von Preußen geehrt und als sein häufiger Gast in Dreilinden und Babelsberg oder im alten königlichen Schlosse zu Berlin empfangen zu werden.
Mein erster Einzug in seine Waldklause von Dreilinden, an deren Gebälk über dem Eingang dem Eintretenden die paar Worte: »Klein aber mein« das Empfinden einer großen Seele entgegenrufen, fand im Jahre 1881 auf eine vorangehende Einladung des Prinzen statt. Die übrigen anwesenden Gäste gehörten der Mehrzahl nach dem Soldatenstande an. Als Kriegskameraden oder als tüchtige Offiziere waren sie dem Prinzen lieb und wert geworden, der mit ihnen alle gemeinschaftlichen Campagne-Erinnerungen ins Gedächtnis zurückrief und seine Gedanken über modernes Kriegswesen austauschte oder Personen und Dinge der Vergangenheit und der Gegenwart in das Gespräch einflocht.
Die Unterhaltung an der fürstlichen Tafel, an der zwölf Personen ihre Plätze le nach ihrer Rangstufe einnahmen, wurde von dem prinzlichen Wirte geleitet, der dem Ernste und dem Scherze seine gebührende Stelle anwies und durch sein einfach schlichtes Wesen auf die Anwesenden geradezu einen berückenden Zauber ansübte. Zu den Gästen, die der Kriegerkaste ferner standen, gehörten Gelehrte, Schulmänner, Künstler, Schriftsteller und Dichter, die von Zeit zu Zeit eine Einladung erhielten und durch ihre lehrreichen Mitteilungen den Reiz der Abwechselung in die Gespräche hineintrugen.
Wer zum erstenmale das Jagdschloß von Dreilinden betrat, um an der Tafel seinen Platz einzunehmen, der mußte seinen Namen in ein aufliegendes Gedenkbuch einschreiben und der alten Sitte gerecht werden, seinen ersten Champagner aus[362]  dem dazu auserlesenen Hirschgeweih zu trinken. Das Innere des mächtigen Horns war zu diesem Zwecke ausgehöhlt und an verschiedenen Stellen zwischen den Zacken Öffnungen angebracht, die von dem Trinkenden dem Munde genähert werden mußten, um den flüssigen Inhalt über die Zunge zu spülen. Das war je nach der Stellung der Zinken nicht leicht. Die militärische Rangordnung entschied über die Wahl des Saugloches. Mir wurde der Vorzug zu teil, meine Lippen dem Generalspunde nähern zu dürfen. Ich setzte an und trank nach meiner Meinung etwa eine halbe Flasche Champagner, während sich thatsächlich nur ein volles Glas in dem Hirschhorn befand. Mit diesem Willkomm war ich als ebenbürtiger Gast der Tafelrunde in Dreilinden beigesellt, um mich der Gegenwart des prinzlichen Helden und seiner Paladine durch eine Reihe von Jahren zu erfreuen.
Mein unvergeßlicher Beschützer führte in den beschränkten Räumen seines Jagdschlosses ein beschauliches Stillleben, das höchstens zweimal in der Woche durch die Anwesenheit der Eingeladenen unterbrochen ward. Unter den nichtmilitärischen Gästen zähle ich in vorderster Reihe Meister Anton von Werner, die Doktoren Güßfeldt und Schottmüller, die Dichter und Schriftsteller von Bodenstedt, Fontane und Möllhausen auf, um nur an die hervorragendsten Geister zu erinnern. Unter den Offizieren gab es nicht wenige, welche sich nicht nur in ihrem Berufe, sondern in gleicher Weise durch ihre schriftstellerischen Leistungen auszeichneten. Ich erinnere nur an den General von Spitz, den dichterisch hochbegabten Verfasser von »Udo mit dem Tüchlein.«

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Die Unterhaltung bewegte sich, wie gesagt, auf allen Gebieten des menschlichen Wissens und Könnens, und es war mir stets ein wahrer Genuß, die scharfen und zutreffenden Urteile des hohen Wirtes zu bewundern. So manche feine[363]  Bemerkung ist mir in der Erinnerung lebendig geblieben. Obgleich ein Kriegsmann erster Größe, haßte er den Krieg und sah ihn nur als ein notwendiges Übel an. Seine Bescheidenheit verleitete ihn sogar zu dem Geständnis, daß er eigentlich seinen Beruf verfehlt habe, er sei nämlich nur zu einem Seemann geboren. Als solcher würde er wirklich Bedeutendes geleistet haben. Man muß dazu wissen, daß er die Marine über alles liebte und im Seewesen bis zu den technischen Ausdrücken hin ganz außerordentliche Kenntnisse besaß. In dieser Beziehung fand der Prinz alles an mir auszusetzen, und das einzige, was er gelegentlich einer späteren gemeinschaftlichen Seereise zu loben wußte, betraf meine vollständige Gleichgiltigkeit gegen das Gespenst der Seekrankheit.
Nach aufgehobener Tafel empfand der Prinz einen unglaublichen Genuß in dem Vortrage von Volksliedern, die aus dem gesangesreichen Munde von Offizieren – Baron von Dincklage war ein Meister darin – mit Klavierbegleitung die Halle von Dreilinden durchtönten. Die Macht des Gesanges übte bisweilen eine so tiefe Wirkung auf den Feldmarschall-Prinzen aus, daß ich eine stille Thräne in seinem umflorten Auge hängen sah. Im übrigen ließen ihn Konzerte und Theater vollständig gleichgiltig, so daß mancher an dem musikalischen Sinn des großen Feldherrn zweifelte.
Alle diejenigen, die ihm, wie meine Wenigkeit, näher standen, wissen von seiner Seelengüte, seinem kindlich-goldenen Herzen und seiner Anspruchslosigkeit zu erzählen, die zu dem gestrengen Herrn Feldmarschall in einem merkwürdigen Gegensatze stand. In seinem Innern hatte die Barmherzigkeit ihren Thron aufgeschlagen, und die vielen Wohlthaten und stillen Unterstützungen, welche er den Bedrängten und Hilfsbedürftigen zukommen ließ, sind nur denen bekannt, die den Auftrag erhielten,[364]  sie zu übermitteln. Er verbat es sich ernstlich, davon überhaupt zu reden.
Im Sommer pflegte der Prinz auf einige Wochen seinen Aufenthalt in Saßnitz auf der Insel Rügen zu nehmen und seine bevorzugten Freunde auf einen längeren und kürzeren Aufenthalt in seiner Nähe einzuladen. Die Wohngebäude bestanden aus drei schwedischen Holzhäusern, die im grünen Haag am steilen Rande des Meeresufers aufgerichtet waren und die weiteste Aussicht über die Bucht von Saßnitz gewährten. Deutsche Kriegsschiffe pflegten inmitten der Bucht vor Anker zu liegen. In der Frühe des Morgens empfingen sie selbst trotz Sturm und Wetter den Besuch des Prinzen und seiner Gäste. Seemanöver und militärische Besichtigungen nahmen den ganzen Vormittag in Anspruch, wonach gegen ein Uhr die Rückfahrt ans Land stattfand. Das idyllische Leben am Strande bereitete dem hohen Herrn einen Genuß sonder gleichen, doch vermied er es ängstlich, sich außerhalb des umhegten Raumes seiner Ansiedlung zu begeben, um von den Badegästen begrüßt und durch Ovationen gefeiert zu werden. In welcher Weise der Fürst es vermied, die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, davon werde ich später einen schlagenden Beweis anführen.
Meine Einladungen nach Saßnitz wiederholten sich mehrere Jahre hindurch und ich brauche es nicht zu versichern, mit welcher Freude ich ihnen Folge leistete. Die stillen Stunden, die ich an der Seite des Prinzen, der unter dem Vorbau seines schwedischen Hauses zu sitzen pflegte, in ernsten Gesprächen verlebte, sind mir unvergeßlich geblieben. Er schüttete mir häufig im Angesicht des bewegten Meeres sein ganzes Herz aus und machte mich nicht selten zum Mitwisser eines geheimen Kummers, der augenblicklich seine Seele bedrückte. Mich selber überkam jedesmal dabei das Gefühl tiefster Wehmut,[365]  da meine eigenen Trostgründe nicht ausreichten, die Bitterkeit seiner schmerzlichen Empfindungen zu versüßen. In den niemals leeren Unterhaltungen liebte es Prinz Friedrich Karl, der durch seine Großthaten selber Geschichte gemacht hat, sich durch mich über die älteste Geschichte des Morgenlandes, besonders Ägyptens, unterrichten zu lassen, und ich durfte mit Recht stolz darauf sein, dem unbesiegten Feldmarschall meine schwache Weisheit auf dem Boden des Altertums enthüllen zu dürfen. Es ist nur wenigen bekannt, daß der Prinz sich mit sehr ernsten numismatischen Studien beschäftigte und eine auserlesene Sammlung von Münzen und Medaillen aus den Zeiten des Altertums besaß. Aus der römischen Kaiserzeit befanden sich Unica in Gold darunter, die ihm vom König Victor Emmanuel von Italien verehrt waren und die für sich allein einen kleinen Schatz bildeten. Der Prinz betrachtete die Münzkunde als einen besonders wichtigen Teil der Geschichte und sammelte eifrig, sobald sich ihm die Gelegenheit zu neuen Erwerbungen darbot.
Es fiel allgemein auf, daß der General-Feldmarschall eine seltsame Scheu vor dem ewig Weiblichen besaß, und als ich mir eines schönen Tages im Angesicht des ruhigen Meeresspiegels in der Bucht von Saßnitz die Freiheit nahm, auf seine Abneigung eine leise Anspielung zu äußern, gab er sie lächelnd zu, dann aber nahmen seine Züge den Ausdruck eines tiefen Ernstes an und er gestand mir es offen ein, daß seine strenge Erziehung im väterlichen Hause die einzige Schuld daran trage. Und doch war es allen denjenigen, welche ihm näher standen, wohlbekannt, welche Freude ihm die meist unerwarteten Besuche der jungen anmutigen Prinzessinnen des damaligen kronprinzlichen Paares in Dreilinden bereiteten und mit welcher Zärtlichkeit er seine eigenen Töchter liebte. Seine Augen leuchteten, wenn er von ihnen sprach, und er[366]  empfand es mit Stolz, der Vater so herrlicher Kinder zu sein.


Gegen das Ende des Jahres 1882 – sein »Herr Vater« fing bereits damals an zu kränkeln – entschloß er sich zu einer Reise nach dem Morgenlande, wenn ich, »der Basse«, wie er mich scherzweise zu titulieren pflegte, mich entschließen könnte, zu seinen Begleitern zu zählen. Ich ging freudig auf den Antrag ein, und bereits gegen den Schluß desselben Jahres (vom 27. Dezember an) befand sich der Prinz nebst seinen Mitreisenden – dem Obersten von Natzmer, dem Major von Garnier, dem Rittmeister von Kalckstein und meiner eigenen Wenigkeit – auf dem Wege nach der Hafenstadt Triest.
Der Prinz legte die Reise im strengsten Incognito zurück und niemand ahnte, weder beim Einsteigen noch beim Aussteigen der Orientfahrer, welch hoher Herr sich darunter im Zuge auf der Eisenbahn befand. Selbst bei der Ankunft in Triest war jeder Empfang verbeten worden, und zu Fuß begab sich der Prinz in meiner Begleitung am frühen Morgen des 29. Dezember 1882 vom Bahnhofe nach dem Lloydschiffe Ettore, das im Hafen dampfte, um in der Stunde der kommenden Mitternacht seine Fahrt nach Alexandria anzutreten. In der Nähe von Ithaka odysseischen Angedenkens wurde um Mitternacht Schlag 12 Uhr das anbrechende neue Jahr bei Bowle und »Krapfen« gefeiert, und Herr von Garnier wetteiferte mit dem Lloyd-Kapitän Goll, einem geborenen Steirer, um der Zither stimmungsvolle Lieder zu entlocken.
Ich kann es nicht als meine Aufgabe betrachten, dem Leser die Schilderung der Reise des Prinzen, wenn auch nur nach den Hauptereignissen und Hauptstationen, an dieser Stelle zum Abdruck zu bringen. Das später veröffentlichte Reisewerk, das ich unter dem Titel: »Prinz Friedrich Karl im Morgenlande«[367]  niederschrieb und dem die Zeichnungen unseres Reisegefährten, des Majors von Garnier, den höchsten Wert durch die reichen, an Ort und Stelle aufgenommenen künstlerischen Beiträge verliehen, erzählt mit möglichster Treue und Ausführlichkeit alle Erlebnisse. Die Nilreise in Ägypten endigte am ersten Wasserfall zwischen der Stadt Assuan und der Isisinsel Philä. Kaum war diese südlichste Grenze am 23. Januar 1883 erreicht worden, als die telegraphisch gemeldete Trauerbotschaft von dem in Berlin erfolgten Ableben des Prinzen Karl die Reisestimmung schwer trübte und vor allem seinen prinzlichen Sohn in einen stillen, schweigsamen Mann verwandelte. Unter diesen Umständen würde die sofortige Rückkehr nach der Heimat angetreten worden sein, hätte nicht des Kaisers Wille ihre Fortsetzung angeraten.
Während einer achttägigen Ruhepause, die ich in Kairo verlebte, hatte der Prinz und die Mitglieder seiner Begleitung den Weg zn Wasser und zn Lande nach dem Sinai-Gebirge angetreten, wobei der damals eben von seiner Durchquerung Afrikas glücklich in Kairo eingetroffene Lieutenant Wißmann die durch meine Abwesenheit entstandene Lücke ausfüllte. Es ist dabei nicht nötig es noch besonders zu versichern, daß die Bekanntschaft des kühnen Reisenden dem Prinzen das höchste Vergnügen bereitete, und daß wir alle, noch während unseres gemeinsamen Aufenthaltes in der Khalifenstadt, die mündlichen Berichte Wißmanns, für welche mein Freund Schweinfurth eine besondere Karte angefertigt hatte, mit erklärlicher Begierde gleichsam verschlangen.
Nach der Abfahrt des Prinzen zum Sinai verbreiteten die französischen Blätter, die in Alexandrien und Kairo erschienen und nicht bloß antienglische, sondern auch antideutsche Tendenzen verfolgten, die falsche Nachricht, daß der deutsche Feldherr von den Arabern der Wüste samt seinen Begleitern[368]  getötet worden sei. Natürlich war kein wahres Wort an der Sache, und es lag nahe, den Wunsch als den Vater der Nachricht ansehen zu dürfen. Gott sei Dank erfreute sich der Prinz des besten Wohlseins. Er hatte in dem Fremdenbuche des Sinaiklosters seinen Namen unter den des ermordeten Engländers Palmer eingezeichnet und war auf dem deutschen Kanonenboote »Cyclop« rechtzeitig auf dem blauen Krokodilsee bei der Station Ismaïlijeh des Sueskanales erschienen, um mich und den eben in Ägypten gelandeten Major Baron von Maltzahn bei sich aufzunehmen – es war am 18. Februar gegen 1/2 10 Uhr abends – und in der Frühe des nächsten Tages beim schönsten Wetter die Reise nach Jaffa über Port-Sajid fortzusetzen. Um 4 Uhr am Nachmittag des folgenden Tages fand die Landung auf der felsigen Rhede der alten Stadt Joppe statt, und die Reise durch Palästina nahm damit ihren Anfang, freilich unter den nässesten Temperaturverhältnissen. Der Monat Februar und die Zeit bis in den März hinein gehören nun einmal in Palästina der Herrschaft des Jupiter Pluvius an, und der Götterkönig ließ es nicht daran fehlen, uns seine schlechteste Laune beinahe 30 Tage lang empfinden zu lassen.

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Der Prinz reiste als Gast des Sultans und ein Adjutant-Pascha erwies ihm im Namen seines Gebieters die höchsten Ehrungen: Eine Schar von türkischen Gendarmen und Tscherkessen dienten auf dem langen Wege durch Berg und Thal als Schutzgeleit und der imposante Zug von Reitern mit dem Prinzen an der Spitze trabte trotz Regen und Unwetter im flotten Tempo durch das heilige Land, vom Toten Meere an bis nach Beirut im Norden. Am Tabor wurde der Weg geradezu in einen Morast verwandelt; über Nazareth mußte deshalb die Richtung nach der phönizischen Küste eingeschlagen werden, auf deren sandigen Ufern von Akka an über Tyrus[369]  und Sidon wir endlich den wellenumspülten Fuß des schneebedeckten Libanon erreichten. Nach einer eintägigen Rast wurde auf der französischen Poststraße Damaskus erreicht, woselbst die Pferde unserer harrten, um uns durch die syrische Steppe nach der Stadtruine von Palmyra zu tragen. In Damaskus bildete der Besuch des Prinzen beim Emir Abdel-Kader den Glanzpunkt seines Aufenthaltes in der fanatischen Stadt. Die Rückkehr über den Antilibanon, zunächst nach Baalbek, mitten durch Schnee und Eis, wird mir lebelang unvergeßlich bleiben.
Die ganze Reise bis zu der Hauptstätte der Verehrung des alten Sonnen-Baals glich, für mich wenigstens, einem Feldzuge. Dennoch hielt ich tapfer aus und ich war schließlich selber erstaunt, daß meine Kräfte Widerstand geleistet und unter den täglichen Strapazen nur wenig gelitten hatten. Für einen Gelehrten, dessen Hauptthätigkeit dem Studierzimmer angehört, war es in der That keine leichte Aufgabe, in Wind und Wetter und hoch zu Roß auf den unwegsamsten Straßen gleichsam im Fluge dahinzustürmen, aber ein Blick auf den Prinzen stählte von neuem den wankenden Mut und verjagte schnell meine übelste Laune.
Ein Festtag für uns alle war der 20. März, der in Baalbek am Schlusse unseres Reiterlebens in gehobenster Stimmung gefeiert wurde. Galt es doch, dem gefeierten Prinzen einen Ausdruck der Freude über die Wiederkehr seines Geburtstages im Angesicht des Baal-Tempels zu geben. Aus seinen Mitteilungen erfuhren wir, daß er um 11 Uhr »während der Wachtparade« geboren ward, wobei er hinzufügte: »Frau Bellona richtet es manchmal sonderbar ein.«
Auf französischen Postwagen erreichten wir von Baalbek aus über Schtora die Stadt Beirut gerade am Geburtstage unseres Kaisers und Königs, der in gehobenster Stimmung[370]  und mit gebührender Feierlichkeit im Hause der deutschen Diakonissinnen begangen wurde. Das Meer ging hoch und ein straffer Wind blies von der Landseite her. Auf der Rhede schaukelte sich eine deutsche Korvette, S. M. Schiff »Nymphe«, welche den Befehl erhalten hatte, den Prinzen über Rhodus und Athen nach Genua zu führen. Die Überfahrt nach der Insel Rhodus war die denkbar schlechteste. Das Kriegsschiff tanzte auf den Wellen und kam bisweilen nur eine Seemeile in der Stunde vorwärts. Trotzdem wurden auf der Korvette aon der Bemannung die üblichen Manöver ausgeführt und selbst Schießübungen angestellt. Mir dröhnte dabei jedesmal mein armes Gehirn, aber ich tröstete mich mit der Ehre, zu den Gästen der»Nymphe« gezählt zu werden. Am 25. März, einem der schlimmsten Tage, konnte nicht einmal die Feier des Ostersonntags begangen werden, und erst am folgenden zweiten Feiertage fand der Gottesdienst auf Deck in erhebender Weise statt. Die Insel Rhodus trat bald darauf in Sicht, das Wetter schlug zum Bessern um und gegen 3 Uhr nachmittags zog die »Nymphe« in den einen der beiden Häfen der malerisch gelegenen Stadt ein.
Am 27. März flog die Korvette auf den ruhig gewordenen Wassern dahin. Ein strammer Südostwind blähte das aufgesetzte Segelwerk, und zwischen den Inseln des griechischen Archipels sauste die »Nymphe« pfeilschnell dahin, denn bis zu 16 Seemeilen legte sie in einer Stunde zurück. In 26 Stunden wurde Athen erreicht und 260 Seemeilen von Rhodus an lagen hinter uns.
In Athen wurde die Ankunft des prinzlichen Feldmarschalls von der königlichen Familie in herzlichster Weise gefeiert und der Begleitung die Ehre zu teil, dem König der Hellenen, der Königin und den übrigen Mitgliedern des königlichen Hauses vorgestellt zu werden. Auch der überaus heitere[371]  und witzige russische Großfürst Konstantin von Rußland befand sich darunter. Als ein ehemaliger Schüler der Orientalischen Akademie von Petersburg war er mit morgenländischen Sprachen und Studien auf das innigste vertraut, und ich hatte die Gelegenheit, mit ihm lange und eingehende Unterhaltungen über den Orient und dessen Zukunft zu führen.
Zu den sonstigen Persönlichkeiten, mit denen der Prinz und seine Begleiter in nähere Berührung traten, gehörte Dr. Lüders und der Ehrenbürger der Berolina Dr. Schliemann. Selbstverständlich dienten beide als Führer durch das alte Athen mit seinen wertvollen Sammlungen in den neuerbauten Museen. Auch Schliemanns Haus erfreute sich des Besuches unseres Prinzen, der mit Interesse die darin aufgestellten Antiken aus den Schliemannschen Funden in Troja in Augenschein nahm. Mir selber bereitete das Wiedersehen Schliemanns in seiner zweiten Heimat eine große Freude. Schon in den ersten Jahren meiner Ansiedlung in Charlottenburg war mir die Gelegenheit seiner näheren Bekanntschaft geworden und es hatte sich zwischen uns eine herzliche Freundschaft entsponnen, die erst kurz vor seinem Abscheiden aus mir unbekannten Ursachen eine Abschwächung erlitt. Der gefeierte Mann, dessen Entdeckungen mit Recht ein so ungewöhnliches Aufsehen erregt haben, besaß die naiven Anschauungen und das kindliche Gemüt eines Odysseus, die ihm allein zu seinem späteren Ruhme verhalfen, wenn auch das strenge Philologentum, wenigstens das klassische, anfänglich seinen Funden diejenige Bedeutung absprach, die der glückliche Finder selber ihnen zuschrieb. Sein fester Glaube wurde dadurch kaum erschüttert und er übernahm mit Freudigkeit den Kampf, um seine Ansichten und Meinungen gegen die Schar der Ungläubigen zu verteidigen.

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Seit der Abreise von Rhodus hatte sich das Wetter und[372]  der Seegang zum Bessern gewendet, und in fünf Tagen legte die »Nymphe« von Athen aus den Weg nach Neapel zurück. Ein kaum zweitägiger Aufenthalt im Angesicht des rauchenden Vesuvs mußte genügen, die Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt, vor allem die Antiken des National-Museums, in Augenschein zu nehmen. Auch nach Pompeji ward ein Ausflug zu Wagen unternommen. Dem Prinzen war die Neugierde der neapolitanischen Bevölkerung, den immer siegreichen Feldherrn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, äußerst zuwider, und er erteilte mir den Befehl, während des Besuches in Pompeji an seiner rechten Seite zu bleiben, um dadurch die Meinung zu erwecken, als sei ich selber Prinz Friedrich Karl von Preußen. Ich durfte mich nicht sträuben oder gar Gegenvorstellungen machen, und so geschah das Unglaubliche, daß meine Wenigkeit von den militärischen Posten und bürgerlichen Beamten in Pompeji an Stelle des gefeierten Prinzen respektvollst begrüßt wurde.
Über Livorno und Genua erreichten wir am 11. April 1883 Berlin wieder, voll von unvergeßlichen Eindrücken und Erinnerungen an alles, was in dem kurzen Zeitraume von viertehalb Monaten auf dem Gebiete des Morgenlandes an unseren Augen vorübergezogen war. Aber im Mittelpunkte aller Erlebnisse auf der räumlich ausgedehnten Wanderschaft stand das Bild des Prinzen Friedrich Karl, dem nach Gottes unerforschlichen Ratschlusse es leider nicht beschieden sein sollte, noch lange Jahre unter den Lebenden zu weilen, im Vollbesitz einer Gesundheit, die selbst den stärksten Anstrengungen gewachsen zu sein schien. Trotz seiner Mäßigkeit im Genusse von Speisen und Getränken litt der Prinz an einer Vollblütigkeit, die ihm sichtlich mit der Zeit Beschwerden bereitete. Es war wie eine Vorahnung seines nahe bevorstehenden Abschiedes aus dieser Welt, wenn er mir die häufig[373]  wiederholte Frage vorlegte: »Nicht wahr, mein Alter, wir werden beide noch lange zusammen leben?« Ich erwiderte darauf stets ein morgenländisches Inschallah oder »Will's Gott!« und befriedigt legte er mit lächelnder Miene die Hand auf meine Schulter. Seine freundlichen Züge vermochten eine hinreißende Wirkung auf mich auszuüben und ich empfand es wie die höchste Gunst des Schicksals, in seine treuen Augen blicken zu dürfen.
Die Orientreise bildete noch lange den Gegenstand der Gespräche an der Tafelrunde von Dreilinden oder wo sonst der Prinz zu weilen pflegte, und seine gewohnheitsmäßig geführten Tagebücher in Miniaturformat wurden von ihm häufig eingesehen und befragt. Das Eintreffen der Ankäufe in Berlin, die er in den von ihm bereisten Ländern des Morgenlandes erworben hatte, und ihre Verteilung an seine zahlreichen Freunde gehörte zu den glücklichsten Augenblicken seines Lebens. Auch nicht ein einziger von ihnen war dabei vergessen worden.



Meine zweite Reise nach dem Lande der Sonne.










[374] Im August des Jahres 1885 befand ich mich in dem böhmischen Städtchen Marienbad, um von den Wässern dieses hochberühmten Kurortes Heilung von einem beginnenden Leberleiden zu finden. Es ist die leidige Folge eines längeren Aufenthaltes unter dem Himmel des Morgenlandes, daß Leber und Niere der europäischen Ansiedler nicht selten durch Schmerzen schwer heimgesucht werden. In einem solchen Falle bietet neben Karlsbad der erwähnte Kurort die fast sichere Aussicht auf Befreiung von dem Leiden dar.
Ich hatte kaum die ersten Becher aus dem Kreuzbrunnen getrunken, als von Berlin aus eine amtliche Anfrage an mich[374]  eintraf, ob ich gewillt sei, für Kaiser und Reich meine persischen Kenntnisse und Erfahrungen dem Auswärtigen Amte zu Gebote zu stellen und mich als Mitglied der ersten außerordentlichen Gesandtschaft an den Hof des Schahynschah im Lande Iran anzuschließen.
Ich muß es offen gestehen, daß mich der ehrenvolle Antrag anfänglich in eine gewisse Verlegenheit stürzte. Auf meinem Lebensstrome hatte ich bereits die 58. Jahresstation hinter mir gelassen, die traurigen Erinnerungen an meine erste persische Reise waren außerdem nicht dazu angethan, besondere Begeisterung für die weite Wanderung nach dem Herzen Asiens in mir zu wecken, auch die voraussichtlich lange Trennung von meiner Familie stimmten mich ein wenig trübe, und dennoch, der Appell an Kaiser und Reich gab den entscheidenden Ausschlag bei allen meinen Erwägungen. Ich sang mit dem französischen Grenadier: »Was schiert mich Weib, was schiert mich Kind«, klappte meine altägyptischen Schriften zu, packte meine sieben Sachen zusammen und rüstete mich zu der bevorstehenden Abfahrt nach dem fernen Lande Iran.
Fast empfand ich Reue über meinen Entschluß, als unmittelbar vor meiner Abreise eine Begebenheit eintrat, die ich kaum hätte voraussehen können. Der Altmeister der Ägyptologie, Professor Lepsius, hatte seine Pilgerfahrt auf Erden beendigt, nachdem er zuletzt noch sich des Glücks erfreut hatte, neben seiner Würde als Mitglied der königlichen Akademie in seinen letzten Lebensjahren die Stellungen eines Oberbibliothekars der königlichen Bibliothek, eines Direktors des ägyptischen Museums und eines ordentlichen Professors der Ägyptologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität neben einander zu bekleiden. War es vermessen von mir, zu hoffen, daß eines von den zuletzt erwähnten beiden Ämtern mir, dem korrespondierenden[375]  Mitgliede der Akademie, übertragen werden würde.? Durch meine zahlreichen Arbeiten auf dem altägyptischen Gebiete glaubte ich einer Berücksichtigung wert gewesen zu sein, allein meine Hoffnungen betrogen mich auch dieses Mal auf das gründlichste und zu allen früheren Niederlagen, die ich erduldet hatte, wurde mir im eigenen Vaterlande eine neue hinzugefügt, von der ich nicht zu sagen wußte: war sie verdient oder nicht? Ich weiß nur, sie schuf mir schweres Herzeleid, weil sie mir die Überzeugung aufdrängte, daß ich den Wert meiner beinahe fünfzigjährigen Arbeiten vollständig überschätzt hatte. Ich beklagte es damals bitter, meine ganze Kraft eigentlich an nutzlosen Dingen vergeudet und bis zum Abend meines Lebens einem leeren Phantom nachgejagt zu haben.
Mein hoher Gönner Prinz Friedrich Karl war geradezu bestürzt, als ich ihm meine Absicht, nach Persien zu wandern, mitteilte, aber die staatlichen Rücksichten standen ihm höher als die Gefühle persönlicher Freundschaft und so gab er mir seinen Segen mit auf den Weg, in der Hoffnung auf ein glückliches Wiedersehen.»Wer weiß, mein lieber Basse«, so lauteten seine letzten Abschiedsworte, die er in seinen Gemächern im königlichen Schlosse zu Berlin an mich richtete, »ob Sie mich lebendig wiederfinden werden. Hier (und er legte seine rechte Hand auf die linke Brustseite), hier ist es nicht richtig bestellt, seitdem, – Sie wissen es ja. – Ich bitte Sie indes, mich häufig durch briefliche Nachrichten zu erfreuen und meiner Antworten sicher zu sein.« Er drückte mir die Hand zum Abschiede, ohne daß ich eine Ahnung davon besaß, dem hochherzigen Fürsten zum letztenmale in die treuen Augen geschaut zu haben. Mir selber war's beim Heraustreten aus dem Schlosse recht weh zu Mute, denn die Erinnerung an die letzte Vergangenheit rief mir die ganze[376]  Fülle des Wohlwollens zurück, mit der mich der Feldmarschall überschüttet hatte, und ich bereute fast die Stunde, in der ich mich verpflichtet hatte, die mir übertragene Mission nach Persien zu übernehmen.

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Die außerordentliche Gesandtschaft, außer ihrem Herrn Chef aus drei Mitgliedern, einem ersten Legationssekretär, einem Militär-Attaché und meiner eigenen Person bestehend, brach im September des Jahres 1885 auf, um über Breslau den Weg nach Odessa zu nehmen und auf einem der russischen Dampfer, welche die russische Küste des Schwarzen Meeres befahren, die Seestadt Batum an der Ostseite desselben zu erreichen. Ich war nicht wenig erstaunt, an derselben Stelle, die ich vor 25 Jahren als einen traurigen, nur mit wenigen Häusern und Hütten bedeckten türkischen Ort kennen gelernt hatte, eine blühende russische Handelsstadt wiederzufinden, in der, nach den Geschäftsschildern zu urteilen, das französische Element in vorderster Reihe vertreten war. Von der Meeresküste und dem Landungsplatze der Dampfschiffe aus führte ein Schienenweg in der Richtung nach Osten. Er verbindet das Schwarze Meer über Tiflis mit dem Kaspischen Meere, an dem er bei der Petroleumstadt Baku endet. Die Reise von hier aus nach dem Lande Iran wird auf kleinen Dampfern zurückgelegt, deren Kessel mit brennendem Petroleum geheizt werden. Das der Nähe von Baku halber so billige Brennmaterial bewährt sich ganz vorzüglich, leidet jedoch an dem Nachteil, daß dem ganzen Schiffe bis zu den Speisen und Getränken hin ein nnausstehlicher Geruch anhaftet.
Alles war mir neu auf diesem Teile der Reise und überraschte mich bis zum gerechtesten Erstaunen hin. Ich konnte es mir nicht verhehlen, daß Rußland seit meiner letzten Anwesenheit auf kaukasischem Gebiete außerordentliche Anstrengungen gemacht hatte, die frühere öde Steppe am Kur-Flusse[377]  bis nach Baku hin dem Verkehr zu erschließen und an einzelnen Stellen geradezu Wunder zu schaffen. Auch die russischen Küstengebiete an dem westlichen Ufer des Kaspischen Meeres, in deren Hinterwäldern der persische Tiger seine nördlichsten Sitze aufgeschlagen hat, zeigten wohlgebaute Ansiedlungen im landesüblichen Stile, deren schmuckes leuchtendes Aussehen den fremden Wanderer zu einem Besuche verlocken muß.
Von der persischen Hafenstadt Enseli an, in der südwestlichen Ecke des Kaspischen Meeres, glich die Reise der ersten deutschen Gesandtschaft einem wahren Triumphzuge und mit Stolz durften es ihre Mitglieder empfinden, Sendboten des ersten deutschen Kaisers und Angehörige eines mächtigen Reiches zu sein. Die Namen des Imperator Wilhelm und Schahsadeh (eigentlich Königssohn, dann so viel als Prinz bedeutend) Bismarck waren in aller Munde und ich hatte vollauf zu thun, um den zahllosen Fragen nach dem Wohlbefinden des großen Kaisers und seines mannlichen Kanzlers in persischer Zunge Rede zu stehen. Ich muß dabei eines besonderen Umstandes gedenken, der mich selber betraf und anfangs mich in Verlegenheit setzte. Viele Perser, die den Fürsten nur aus Abbildungen kannten, wie sie in den persischen Städten und Dörfern zahlreich verbreitet sind, hielten mich gar für einen Bruder oder für einen Sohn des großen Kanzlers. Selbst dem Schah von Persien fiel die Ähnlichkeit meiner Züge mit denen des Kanzlers auf und er kam in seinen Gesprächen mit mir immer wieder darauf zurück. Auch meine Bekannte und Freunde in Europa geben mir noch heute dieselbe Versicherung, der ich hinzufügen will, daß mir erst vor wenigen Jahren der erlauchte Beherrscher zweier großen Reiche im Norden Europas bei einer Unterredung bemerkte, ich sei durchaus einem – nur »vermilderten – Bismarck« ähnlich.[378]  Von der Stadt Kaswinan, jenseits des El-Burs-Gebirges, war mir das persische Gebiet bis zur Hauptstadt Teheran hin von meiner ersten Reise her wohl bekannt, doch überraschte es mich, daß in dieser früheren Residenz einstiger Großkönige auf kaiserlichen Befehl und auf Staatskosten ein vornehmes Hotel im europäischen Stil gebaut, sowie ein regelrechter Postdienst bis Teheran mit Hilfe vierrädriger Wagen auf einer ziemlich gut unterhaltenen Landstraße eingerichtet war. Der Schah hatte nach der Rückkehr von seiner zweiten Reise nach Frängistan den Befehl zu dieser Erleichterung des öffentlichen Verkehrs gegeben und auch sonst in der heutigen Residenzstadt Teheran selber manche Neuerungen geschaffen, zu denen ihm sein Besuch in den Hauptstädten Europas die Veranlassung geboten hatte. Die Pflasterung der Straßen mit behauenen Steinen und ihre Erleuchtung durch Gas und, stellenweise wenigstens, auch elektrisches Licht reichte allein schon aus, mich in Erstaunen zu versetzen und die Willenskraft des Schahynschah aufrichtig bewundern zu lassen. Daß nicht alles so ging wie es gehen sollte, noch so klappte, wie es klappen sollte, darf sein Verdienst nicht verringern, noch weniger Grund zu spöttischer Lachlust für den europäischen Kritiker abgeben. Es genüge zu wissen, daß mir Persien in einem entschieden neuen Lichte er schien bis zu der vorgeschrittenen Bildungsstufe hin, in welcher mir die Mehrzahl der Träger höherer Ämter in der vorteilhaftesten Beleuchtung gegenübertraten. Sie hatten eine Menge landesüblicher alter Vorurteile abgeschüttelt, sich in europäische Anschauungen vollkommen eingelebt und eine Fertigkeit in der Kenntnis und im mündlichen Ausdruck europäischer Sprachen gewonnen, die mein Staunen von Tage zu Tage nur vermehrte. Ich lernte sogar jüngere Perser kennen, es waren die beiden Söhne des persischen Unterrichtsministers, die unsere deutsche Muttersprache in ihrem[379]  vollsten Umfange beherrschten und in Berlin und Charlottenburg besser Bescheid wußten als in Teheran und in der nächsten Umgebung. In der Familie meines alten Freundes Prof. Dr. Dieterici in Charlottenburg hatten beide Kinder Irans ihr wundervolles Deutschtum gewonnen.


Aber auch von anderen Eindrücken war seit der Ankunft der ersten deutschen Gesandtschaft in Persien meine Seele gefesselt. Sie verschafften mir die Freude, mich selbst im Herzen von Asien mit Stolz als Deutscher fühlen zu können. Unter der Regierung und Führung Kaiser Wilhelms I., dem seine Paladine Fürst Bismarck und Graf Moltke als treue Hüter und Schützer des geeinigten Deutschen Reiches zur Seite standen, hatte das Vaterland über den ganzen Erdball hin eine Bedeutung erreicht, die bei sei nen vielen redlichen Freunden das Gefühl der Bewunderung und Achtung, bei seinen wenigen Feinden Neid und Furcht hervorriefen. Der Name Aleman war in dem fernsten persischen Dorfe bekannt und zu einem Ehrenworte für alle Größe und jede Tugend geworden. Alemania saß an der Spitze im Rate der Völker und Iran mußte es in tiefster Seele empfinden, daß die deutsche Freundschaft nicht bloß ein leerer Wahn sei. Darum die aufrichtige Herzlichkeit und die höchsten Ehrungen, mit denen die erste deutsche Gesandtschaft in Teheran vom Schah und der gesamten Bevölkerung empfangen wurde. Daß jedes Mitglied der Gesandtschaft seinen Teil von der aufrichtigen Begeisterung des Perservolkes davontrug, braucht nicht erst gesagt zu werden. Selbst unsere persischen Diener empfingen ihr Teilchen davon, sobald sie sich mit dem eingestickten deutschen Reichsadler am Dienstrock auf der Gasse sehen ließen.
Meine kurze diplomatische Laufbahn entbehrte nicht eines poetischen Beigeschmackes, wenigstens suchte ich das nüchterne Alltagsleben mit den Blumen der persischen Dichtkunst zu[380]  schmücken. Die Wiege meines Buches »Die Muse in Teheran« stand in der modernen Residenz des Schahynschahs. Ich vergaß darüber beinahe meine altägyptischen Forschungen. Kein einziges mit Hieroglyphen bedecktes Blatt war mit mir nach Persien gewandert. Erst die Perser und an ihrer Spitze »der Mittelpunkt des Weltalls« Schah Nasr-ed-din, und mit ihnen das gesamte gebildete Europäertum, – nur ein Einziger schloß sich zu meinem Leidwesen davon aus, – erinnerten mich daran, daß der Name des deutschen Musteschar, wie man mich persisch betitelte, von der ägyptischen Antike unzertrennlich dastand.
Zu meinen nächsten Freunden in Teheran gehörten der russische Gesandte Melnikoff und der französische Leibarzt des Schah Dr. Tholozan. Unsere Freundschaft schrieb sich von den Jahren 1860 und 1861 her. Sie war alt und ein jeder von uns dreien mit ihr alt und grau geworden, aber sie verjüngte uns wieder und die Herzen schlossen sich aneinander. Wir fühlten uns glücklich in den Erinnerungen an die längst entschwundene Vergangenheit, an unsere Jugend.
Ein schweres Fieber packte mich und warf mich wochenlang auf das Krankenlager. Mein Leben hing an einem Faden. Von allen Seiten wurden mir die Beweise der größten Teilnahme geliefert; der Schah, die Wesire und »die Säulen der Regierung«, selbst die Prinzessinnen des Hofes ließen täglich Nachricht über mein Befinden einziehen. Inzwischen lag ich in Fieberträumen auf meinem Schmerzenslager und sehnte mich selber nach dem Ende meiner Leiden. Die Fürsorge des Dr. Tholozan und des deutschen Arztes Dr. Albu, der sich damals als Lehrer an der medizinischen Schule in Teheran befand, und die aufopfernde Pflege eines treuen deutschen Dieners retteten mich aus den Klauen des Todes. Mit der seltsamen Sehnsucht nach einer Berliner – Kartoffelsuppe[381]  begann meine Genesung. Frau Dr. Albu befriedigte Tag auf Tag meine kulinarischen Gelüste und ich gesundete, freilich um später wochenlang, von zwei Dienern gestützt, schwache Gehversuche zu wagen, bevor ich die alte Kraft wieder gewann.

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Der Winter über gehörte dem gesandtschaftlichen Leben an. Arbeit im eigenen Hause, Audienzen, Besuche, Gastmähler, Bälle und große und kleine Gesellschaften bildeten die Hauptaufgaben der internationalen Welt, die in Summa aus etwa 60 Personen beiderlei Geschlechtes bestand. Auch das Militär lieferte seine Beiträge zu den offiziellen Einladungen; deutsche, österreichische, italienische, russische und französische Offiziere neben ihren persischen Kollegen halfen die Feste verherrlichen.
Nach einem Aufenthalte von sieben Monaten zog ich es vor, mich meiner Familie und der altägyptischen Weisheit in der Heimat zurückzugeben. Die Hauptaufgabe, die mit meiner Mission verbunden war, hatte ich nach besten Kräften gelöst und gegen Kaiser und Reich meine Pflichten erfüllt. Ich feierte noch zuguterletzt das glanzvolle Frühlingsfest der Perser, ich hörte noch die Nachtigall im dichten Gebüsch schlagen, sog den Rosenduft in paradiesischen Gärten ein, beklagte es, von teuren Freunden scheiden zu müssen, aber ließ mich durchaus nicht bewegen, meinen Aufenthalt weiter zu verlängern.
Einen Hauptgrund zu der Eile, mit der ich meine Abreise traf, gab eine Postkarte ab, die mit eng geschriebenen Zeilen von der Hand des Prinzen Friedrich Karl bedeckt war. Sie gaben mir Kunde von seiner Kur in Marienbad und forderten mich auf, mit möglichster Schnelligkeit nach der Heimat zurückzukehren. Ich las zwischen den Zeilen und stürmte nach Deutschland zurück.
Auf demselben Wege, den ich gekommen war, erreichte ich zuletzt Breslau. Ausrufer auf dem Bahnhofe boten schwarz[382]  umränderte bedruckte Blätter aus. Ich traute meinen Ohren kaum, als ihre Stimme den Tod des Prinzen verkündigte. Die gedruckten Worte der Zettel bestätigten ihre Worte.
Ich war zu spät eingetroffen, um den Prinzen noch lebend zu finden und konnte nur noch an der kirchlichen Einsegnung der Leiche in Potsdam und an seinem feierlichen Begräbnisse teilnehmen. Tief erschüttert folgte ich im Zuge und suchte meine Thränen, so gut es angehen wollte, zu ersticken. Warum mußte auch er mir entrissen werden? Die großen Lichter, welche meinen Lebensweg mit ihrem Glanze erhellten, erloschen eines nach dem andern und es wurde immer dunkler um mich.
Drei Jahre nach meiner Abreise aus Persien und nach meiner Rückkehr in die Heimat kündigten die Zeitungen die Ankunft des Schah in Berlin an. Es war das dritte Mal, daß sich die iranische Majestät entschlossen hatte, der Residenz seinen Besuch abzustatten. Das Schloß von Bellevue, am kühlen Strand der Spree, war ihm und seiner zahlreichen Begleitung während seines Aufenthaltes als Absteigequartier hergerichtet worden. Ich hielt es nicht für angemessen, als Legationsrat a. D. dem König der Könige meine Aufwartung zu machen und blieb in bescheidenem Hintergrunde. Daß ich damit ein Unrecht begangen hatte, sah ich leider zu spät ein.
Bereits am zweiten Tage seines Berliner Aufenthaltes erschienen zu meiner Überraschung zwei königliche Wagen vor meinem Hause. Dem einen entstieg mein alter Freund, der Leibarzt des Schah Dr. Tholozan, dem andern der hochgebildete persische Unterstaatssekretär Mohammed-Chan. Beide erfüllten einen Auftrag des Schah, indem sie mich ersuchten, Seiner Majestät meine ganze Familie, Frau und Kinder, vorzustellen.
Meine Verlegenheit war ebenso groß als meine Überraschung,[383]  doch mußte dem Befehl Folge geleistet werden. Im Schlosse von Bellevue erschien die achtköpfige Familie, aus sechs männlichen und zwei weiblichen Mitgliedern bestehend, um vom Schah, in der Umgebung seiner vornehmsten Begleiter vom Stamme der Perser, in der huldvollsten Weise empfangen und während einer halben Stunde durch Anreden und Fragen ausgezeichnet zu werden.

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Mein Harem und unsere Kinder hatten märchenhafte Vorstellungen von einem persischen Schah und zitterten wie Espenlaub, als sein schwarzes Feuerauge auf ihnen der Reihe nach ruhte. Allmählich verlor sich ihre Angst, denn sie sahen in das heitere und lächelnde Angesicht des Königs der Könige, der fern von jeder persischen Etikette sich auf das eingehendste mit ihnen unterhielt und den gelehrten Vater als Muster für seine Kinder aufstellte.
Es versteht sich von selbst, daß in meinem Hause noch wochenlang von dem Besuche beim Schahynschah die Rede war, wobei wir alle zu der Überzeugung gelangten, daß dem gefürchteten Beherrscher Irans ein menschliches Herz im Busen schlug. Wie wäre es ihm sonst in den Sinn gekommen, uns alle zu sich zu rufen, um freundliche und liebenswürdige Worte an den deutschen Musteschar und sein ganzes Volk zu richten?



Nach meiner Auswanderung aus Charlottenburg.










[384] Acht Jahre hindurch hatte ich mein Heim in Charlottenburg aufgeschlagen und während dieser Zeit die kleinen Leiden und Freuden eines ruhigen angesessenen Bürgers erfüllt. Schließlich wurde es mir zu eng in den bewohnten Räumen. Es stellten sich mit der Zeit Übelstände heraus, an die ich[384]  erst zu denken begann, als ich bei meinen Freunden in der Residenz die Vorzüge eines Berliner Hauswesens näher kennen gelernt hatte. Nicht einmal eine Wasserleitung stand der Familie zu Gebote. Außerdem singen später Neubauten an die Freiheit meiner Aussicht zu beschränken, täglich rasselten stauberregende mit Steinen und Baumaterial erfüllte Wagen und Karren an meiner sonst so stillen Klause vorüber, und selbst das Gärtchen hinter dem Hause, mit meinem Lieblingsplätzchen in der blätterumrankten Laube meiner Familie, blieb nicht von dem Anbau eines Nachbars verschont, der den Bäumen und Beetpflanzen das notwendige Lebenslicht raubte. Ich verkaufte meine Besitzung, sogar mit Verlust, und siedelte nach dem Westen Berlins über, wenn auch nach demjenigen Teile, der immer noch auf Charlottenburger Gebiet gelegen war. Ich habe somit bis zur Stunde die Ehre, in Berlin ein Charlottenburger geblieben zu sein.
Als Privatgelehrter und Privatdozent an der Alma mater zu Berlin suchte ich meine altägyptischen Studien durch schriftliche und mündliche Lehre zu verbreiten. Ich schreckte nicht davor zurück als Reiseprediger durch die Gaue des deutschen Vaterlandes zu ziehen und die hervorragendsten Ergebnisse der geistigen Arbeit auf den verschiedenen Gebieten meiner Wissenschaft oder die Eindrücke meiner Wanderfahrten und meines Aufenthaltes unter den Völkern des heutigen Morgenlandes in einer verständlichen und abgerundeten Darstellung einer lernbegierigen und gebildeten Zuhörerschaft als Redner vorzutragen. Die Sprechabende auf meinen Rundreisen fielen durchgehends in die winterliche Jahreszeit, allein weder Kälte noch böses Wetter konnten mich abhalten meine freiwillig übernommenen Verpflichtungen aufzugeben, selbst auf die Gefahr hin, gelegentlich mehrere Tage hintereinander meine Stimme erschallen zu lassen.[385]  Ich weiß sehr wohl, daß manches gelehrte Haus den Kopf zu meinem Entschlusse schüttelte, die altägyptischen Geheimnisse vor profanen Augen zu enthüllen, und daß wohlbesoldete Priester der Weisheit, welche in ihrer warmen Stube in der Wolle saßen, sich über die bezahlten Wanderungen des Familienvaters mit bitteren Redensarten ergingen, allein ich selber war entgegengesetzter Meinung, da mir keine Wahrheit irgend einer wissenschaftlichen Erkenntnis zu hoch steht, um nicht in ihrer einfachen Gestalt, ohne gelehrte Verbrämung, auch von den Uneingeweihten meines Volkes verstanden zu werden.
Aus demselben Grunde hörte ich nicht auf, dieselben Gegenstände, die ich in meinen öffentlichen Vorträgen zu behandeln pflegte, in den gelesensten Zeitschriften zum Abdruck zu bringen, oft in Begleitung bildlicher Darstellungen, die photographischen Aufnahmen und Zeichnungen in den von mir bereisten Gegenden entlehnt waren. Es bedurfte vor allem keiner besonderen Überredungskunst meinerseits, um dem Chef-Redakteur der viel gelesenen und alle Gebiete der Kunst und Wissenschaft berührenden »Vossischen Zeitung«, meinem alten Studiengenossen und Freunde Friedrich Stephany, die Überzeugung aufzudrängen, daß die Hinterlassenschaft des ältesten Kulturvolkes der Erde ein Recht darauf besitze, von den jüngsten Epigonen der Menschengeschichte verstanden und begriffen zu werden, und so öffneten mir bereits seit einem Jahrzehnt die Vossischen »Sonntagsbeilagen« ihre Spalten, um meine regelmäßig einlaufenden Beiträge dem Drucke zu überliefern. Mündliche und briefliche Mitteilungen oder Anfragen einer großen Anzahl von Lesern gaben mir das Zeugnis, daß meine Aussaat auf guten Boden gefallen war. Soll ich es nebenbei verschweigen, welche Freude es mir bereitete, mich in allen meinen Arbeiten meiner reichen und kernigen Muttersprache[386]  zu bedienen und mich zu bestreben, soweit es eben statthaft war, die ausländischen Wortformen über Bord zu werfen? Im deutschen Schriftentum nehme ich keine Stelle in vorderster Reihe ein, doch bin ich der Überzeugung, daß mir niemand das Lob versagen wird, meine Gedanken in möglichster Klarheit und Sprachreinheit niedergeschrieben zu haben.

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Es kann nicht Wunder nehmen, daß mir im Inlande wie im Auslande zahlreiche Beweise der vollsten Anerkennung meiner rein wissenschaftlichen Leistungen im Laufe einer mehr als fünfzigjährigen Thätigkeit zu teil geworden sind. Aus drei Weltteilen erhielt ich Ehrungen, wie sie sonst verdienten Pflegern der Wissenschaft durch ihre Ernennung zum Mitgliede von Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften gespendet zu werden pflegen. Die Auszeichnungen, ich gestehe es gern ein, bereiteten mir große Freude, denn sie entschädigten mich für die bitteren Enttäuschungen, die mir im Leben begegneten, beruhigten die eigenen stillen Zweifel über den Wert meiner wissenschaftlichen Bestrebungen und schenkten mir den Mut, der Fahne, der ich zugeschworen, treu zu bleiben.
Die vergangenen Jahre 1891 und 1892 gewährten mir eine Überraschung, für welche ich ihren Urhebern im Namen der von mir »privatim« vertretenen Wissenschaft zum höchsten Danke verpflichtet bin. Erleuchtete Geister und Lenker des Unterrichtsministeriums, an ihrer Spitze die drei letzten Minister, erprobten meine ägyptische Weisheit und meine Kenntnis des antiken Pharaonenlandes, um mich zweimal durch eine besondere Unterstützung in die Lage zu setzen, die königlichen Museen durch Ankäufe wertvoller Papyrus und durch selbständige Nachgrabungen zur Auffindung von Denkmälern (ein hochherziger Berliner Bürger hatte die Geldmittel dazu gewährt) in angemessener Weise zu bereichern. Ich habe mich dieser Aufgabe mit allem Eifer unterzogen, und die im vergangenen[387]  Jahre im Lichthofe des ägyptischen Museums in Berlin ausgestellt gewesenen Bildermumien, Malereien, Skulpturwerke, Bronzen und sonstige Überreste des Altertums, meist der griechisch-römischen Zeit angehörend, haben den zahlreichen Besuchern die Gelegenheit geboten, sich ein Urteil über die einzelnen Funde meiner Gräberarbeit zu bilden. Daß der Kaiser die von mir heimgebrachte Sammlung in Augenschein nahm und einzelne hervorragende Stücke darin von künstlerischem Standpnutte durch das Urteil des wirklichen Kenners auszeichnete, gab ihr für alle Zeit für mich eine Weihe.
Die beiden Jahre, in denen ich das Glück hatte zum letztenmale in Ägypten zu weilen, boten mir die günstige Gelegenheit dar, nicht nur auf das Gebiet der antiken Erde mein Augenmerk zu richten, sondern auch den gegenwärtigen Zuständen in dem modernen Pharaonenlande meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Ich war bereits zur Zeit der Reise des Prinzen Friedrich Karl im geschichtlichen Nilthale auf Schritt und Tritt zu der Überzeugung gelangt, daß seit der Besetzung des Landes durch die britischen Truppen die Zustände gegen frühere Zeiten eine durchgreifende Veränderung erfahren hatten. Ich sah mein zweites Heimatsland, in welchem ich im ganzen beinahe ein Vierteljahrhundert unter den verschiedensten Lebenslagen geweilt und gewirkt hatte, unter der englischen Verwaltung im Zeichen des wirklichen Fortschrittes stehen. Die französische Tünche war bereits so gut wie vollständig verblaßt und britische Thatkraft, verbunden mit der notwendigen Strenge, hatte kaum glaubhafte Wunder bewirkt.
Aus einer Unterhaltung, welche ich die Ehre hatte im Januar des Jahres 1883 mit Lord Dufferin zu führen, konnte ich bereits mit aller Deutlichkeit die Richtung der politischen Bahn herauslesen, welche England entschlossen war[388]  in Bezug auf die innere Verwaltung des arg verschuldeten Landes einzuschlagen.


Bei meiner späteren Reise nach Ägypten, im Jahre 1891, hatte ich die Freude, sofort nach meiner An kunft in Kairo an den Frühstückstisch des leider bald darauf verstorbenen Khedive Mohammed Tewfik gezogen zu werden. Ich kannte ihn von seinem zehnten Lebensjahre an, verweilte häufig in seiner Gesellschaft in dem kronprinzlichen Schlosse der Kubbeh, in der Nähe der einst hoch berühmten Sonnenstadt On, und hatte somit die Gelegenheit gehabt, seine ehrliche Gesinnung und seine Liebe zu dem ägyptischen Volke hoch schätzen zu lernen. Es fehlte ihm freilich die Lebhaftigkeit des Geistes und die Willenskraft seines klugen Vaters, dagegen zeichnete ihn die Ruhe und Besonnenheit aus, mit welcher er gleich am Anfang seiner Regierung sich in die geänderte Lage der Dinge nach der Landung der englischen Truppen in Alexandrien und nach der Schlacht von Tell el-Kebir zu schicken wußte. Er gestand es mir offen, daß die Rettung des Landes nur der britischen Dazwischenkunft zu danken sei, und daß er die Verpflichtung in sich fühle, den Vermittlern bis zur Wiederherstellung geregelter Verhältnisse seine ehrliche Unterstützung zu leisten. Daß die bisherige Verwaltung seines Landes durchgreifende Verbesserungen zu erleiden habe, leuchtete ihm vollkommen ein, wenngleich ihm die Schwierigkeiten nicht entgingen, es auf der einen Seite den Briten, auf der andern den Eingeborenen überall recht zu machen.
Welchen wohlthätigen Einfluß die britische Macht auf die ägyptische Bevölkerung im Laufe von kaum zehn Jahren ausgeübt hatte, das konnte mir um so weniger entgehen, als ich die frühere Lotterwirtschaft in der französischen Zeit zur Genüge kennen gelernt hatte. Wenn es auch bis zur Stunde dem jungen Ägyptertum nicht einzuleuchten scheint, daß unter[389]  dem britischen Einflusse der Wohlstand und die Wohlfahrt des Landes sich in kaum glaublichem Maße gehoben hat, so ist diese Thatsache in keiner Weise mehr abzuleugnen. Handel und Wandel ist in zunehmendem Gedeihen begriffen, die Verwaltung, befreit von dem ehemaligen Schlendrian der Zeitvergendung und des Bachschischunwesens, geht ihren geregelten Gang, durchgreifende Verbesserungen der Kanalisationsverhältnisse werden von Jahr zu Jahr zur Hebung der Bodenkultur ins Leben gerufen, mit einem Worte der europäische Maßstab nach britischem Zuschnitt ist an die ägyptischen Zustände angelegt worden, wie ich behaupten darf, zum wirklichen Segen des Landes. Mein Urteil hierüber darf als um so unbefangener angesehen werden, je weniger ich persönlich Grund gehabt hatte, mich über meine eigene Behandlung seitens eines britischen Beamten besonders zu beglückwünschen.
Die Residenz des Khedive, die Stadt Kairo, lehrt vor allem jedem Ankömmling mit welchem Erfolge der britische Einfluß in den vergangenen zehn Jahren gearbeitet hat. Die alte Kalifenstadt ist wie über Nacht zu einer afrikanischen Weltstadt geworden, Neubauten und Straßenanlagen nach europäischem Muster erweitern von Jahr zu Jahr ihren Umfang, und den Fremden heimelt es an, nach keiner Richtung hin die Wohlthaten seines Daheims im eigenen Vaterlande zu vermissen. Die öffentliche Sicherheit läßt nichts zu wünschen übrig, und wenn die unerbittliche Strenge der britischen Behörden, an ihrer Spitze der allmächtige Lord Cromer, von den Ägyptern schwer empfunden wird, so mag daran erinnert werden, daß bereits unter Griechen und Römern ein gleiches Verfahren eingeschlagen werden mußte, um das stets zu Aufruhr und Empörung geneigte Volk nur einigermaßen im Zaume zu halten. Man versteht es leicht, daß die heutigen Söhne Mizraims, mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden,[390]  einen bitteren Groll gegen alles Europäertum im Herzen tragen und daß sie ihre thatsächlich nirgends und niemals verletzten, religiösen Gefühle im Streite um die unbeschränkte Herrschaft des Landes in das Feld gegen die christlichen Gegner rücken lassen möchten, um den Fanatismus als Bundesgenossen anzurufen, aber sie verstehen es nicht, daß der europäische Geist des Fortschritts es ist, der seine Wirkungen auf den neuägyptischen Agathodaimon mit unwiderstehlicher Macht ausübt.

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Von meinen ägyptischen islamischen Bekannten sah ich nur wenige wieder. Allenthalben begegnete mir eine neue junge Welt, die ebenso höflich als verschlossen mir gegenüberstand. Meine ehemaligen Schüler waren nach überall hin zerstreut, und nur einen hatte ich die Freude als einen der Konservatoren des Museums wieder zu begrüßen.
Auch das Museum war nicht auf seiner alten Stelle in der Vorstadt Bulak geblieben. Die erdrückende Fülle von Denkmälern, welche sich nach dem Tode Mariettes aufgehäuft hatten, geboten ihre Übersiedelung nach großen und weitläufigen Räumen. Das frühere Schloß, welches der ehemalige Khedive Ismaïl in der Nähe des Dorfes Giseh mit einem Kostenaufwand von mehr als hundert Millionen Mark hatte aufführen lassen, wurde für die Bergung der Denkmäler bestimmt. Die große Feuergefährlichkeit des meist aus Holzwerk bestehenden umfangreichen Baues, vor dessen Haupteingang ein Granit-Sarkophag die Leiche Mariettes umschließt, hat neuerdings die Frage nach dem feuerfesten monumentalen Bau eines Museums nahe gelegt. Es ist allerdings ein Schicksal, daß die Mumien der berühmtesten Könige des ägyptischen Altertums mitten im Schlosse von Giseh in einem Holzsaale ruhen, in welchem schöne Haremsdamen ihr vergoldetes Dasein führten, unbekümmert um die[391]  grenzenlose Gefahr, im Zeitraume weniger Minuten bei lebendigem Leibe vom Feuer verzehrt zu werden.
Im Jahre 1891 waltete der französische gelehrte Ägyptolog Mr. Grébaut seines Amtes als Generaldirektor des Museums und der Ausgrabungen in Ägypten. Im folgenden Jahre 1292 löste ihn sein Landsmann Mons. de Morgan ab, welchem jede Kenntnis der altägyptischen Sprache und Litteratur fehlt. »Je weniger ich von den Hieroglyphen verstehe, um so mehr werde ich mich um die eigentliche Verwaltung des Museums kümmern können«, bemerkte mir Herr de Morgan, vielleicht nicht mit Unrecht, da die Verwaltung in einem bedenklichen Sumpfe steckte. Beiden Herren fühle ich mich durch die erteilte Erlaubnis verpflichtet, Ausgrabungen in Unterägypten und im Faijum zu leiten und die gefundenen Denkmäler ohne jede Belästigung nach meiner Heimat auszuführen. On ne refuse rien à notre cher maître bemerkten sie mir mit echt französischer Liebenswürdigkeit.
Ägypten ist in der winterlichen Jahreszeit ein Stelldichein der reiselustigen Welt geworden. In erster Reihe und in überwiegender Zahl erscheinen Engländer und Amerikaner, sobald die sogenannte Saison beginnt, ihnen schließen sich die Zugvögel aus den Staaten Europas an, von denen Deutschland einen jährlich wachsenden Beitrag liefert. Stangens weltbekanntes Reisebüreau wetteifert auch in Ägypten seit einer langen Reihe von Jahren auf das glücklichste mit der englischen Reisefirma Cook. Ich fand auf meiner letzten Fahrt in Kairo eine nicht geringe Zahl von Berliner Freunden und Bekannten wieder, deren Begegnung mir die größte Überraschuug bereitete. Ich fühlte es heraus, daß auch Deutschland angefangen hat die Wanderlust der übrigen Völker Europas zu teilen und seine Söhne, wie weiland Griechen und Römer, in Ägypten und auf den übrigen Gebieten des[392]  historischen Morgenlandes nach der Schule der Vorzeit ziehen zu lassen. Aber ein Wiedersehen bleibt mir unvergeßlich. Ein gütiges Schicksal hatte mir die herzlichste Freude vorbehalten, nach 53jähriger Trennung Hermann Gruson in der Kalifenstadt zu begegnen. Ihm sei das Schlußkapitel in dankbarer Freundschaft gewidmet.

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Wem des Himmels Fügung es beschieden hat, zwei Menschenalter und darüber hinaus zu erreichen, dem bleibt die bittere Erfahrung nicht erspart, daß Jahr aus Jahr ein sich die Reihen der alten Garde lichten. Die Bekannten und Freunde aus unserer Jugendzeit verlassen einer nach dem anderen den Schauplatz ihres Lebens und Wirkens. Wir begleiten sie auf ihrem letzten Wege. Es fängt an immer einsamer um uns zu werden. Die jungen Geschlechter vermögen es nicht, die entstandenen Lücken auszufüllen; unsere Erinnerung bleibt an den Genossen unserer Jugend haften und die Vergangenheit tritt uns mit ihren bunten und bewegten Bildern in lebendigen Zügen vor die Seele.
Wo sie sich wiederfinden, die Alten vom Berge, sei es in Berlin, sei es da draußen in der großen Welt, sie rücken näher zusammen und ihre Gespräche schöpfen am liebsten aus dem Born gemeinsamer Erinnerungen von damals.



Am Brocken.










[393] Und es will Abend werden.
Ich sitze an einem schönen Herbsttage im Jahre des Heils 1893 vor dem offenen Fenster im westlichen Flügel eines stattlichen langgedehnten Holzbaues. Balsamische Lüfte strömen in mein Zimmer hinein. Das melodische Geläute zurückkehrenden Viehes unterbricht allein die heilige Stille, die in[393]  der ganzen Umgebung des Gebäudes herrscht. Die Sonne neigt sich zu Rüste und vergoldet mit ihren flammenden Strahlen die Kronen dunkelgrüner Fichten und Tannen, die hinter dem Hause, vom Rande einer Wiese aus, wie ein Wald über dem Walde bis zu dem Gipfel des »Wurmberges« emporsteigen. Linker Hand thronen über dem Waldgebirge die Felskegel der beiden »Schnarcher«, Goetheschen Angedenkens, während ihnen gegenüber, nach Norden zu, die Bergstraße am Fuße der steinigen Lichtung hinter dem Dorfe Schierke, an der kleinen Kirche vorüber, ihre Schlangenlinie bis zum Brocken hinauf windet.
Das Brockenhaus und der neue Aussichtsturm zeigen sich von hier aus in vollster Klarheit den Blicken des vorüberziehenden Wanderers, während zu seinen Füßen, am Anfang der Thalmulde, das hölzerne Bauwerk im einfachen aber geschmackvollen Stile und in anmutiger Gestalt sich von dem grünen Hintergrunde abhebt. Das ist die Villa Hermann Grusons, die mir ihre Pforten, mit der sinnvollen Überschrift: »Grüß Gott, tritt ein, bring' Glück herein!« auf immer gastlich geöffnet hat.
Mein edler Freund, dessen Namen ich eben erwähnt habe, entbehrt leicht der Ruhmesmeldung aus meiner Feder. In der Heimat wie im Auslande wird der Erfinder des Hartstahlgusses, der zum Schutz und Trutz des deutschen Vaterlandes das starre Eisen seinem Willen unterthan gemacht hat, in verdientem Maße gefeiert. Zurückgezogen von dem lärmenden Treiben der großen Welt und an der Seite einer geliebten Frau, – beide großmütige Wohlthäter der duldenden und leidenden Menschheit da draußen, – sucht Gruson in der idyllischen Waldeinsamkeit die erforderliche Zeit zur stillen Arbeit des Gedankens zu gewinnen. Begeistert für die bunten Kinder der mütterlichen Erde, denen er in Buckau neben der[394]  arbeitsamen Stätte des Grusonwerkes eine Reihe stolzer Glashäuser errichtet hat, durchstreift er sein grünes Revier am Fuße des Brockens mit der Lust und Freude des pflanzenkundigen Jägersmannes, das Auge gleichzeitig nach dem Himmel gerichtet, dessen Lichtwunder zu enträtseln schon lange eine Hauptaufgabe seines Daseins geworden ist. Die glühend flüssigen Eisenmassen in den Pfannen seiner Werkstätten hoben ihn wie mit Zaubermacht zur Sonne empor, dem Urquell aller Wärme und alles Lichtes.
Im Februar des Jahres 1892 begegneten wir uns beide auf ägyptischer Erde wieder, als habe das Schicksal es also beschlossen gehabt, nach 53jähriger Trennungszeit. Längst Vergangenes und beinahe schon Vergessenes gewann frische Gestalt und neues Leben. Der Jüngling Gruson – ich habe ihn in den Anfangskapiteln geschildert – sah den Knaben Heinrich wieder vor sich stehen, und wie der Dichter singt, so geschah es in Wirklichkeit:


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»In den Armen lagen sich beide
Und weinten vor Lust und vor Freude.«

Hatte auch Neigung und Beruf unsere Lebenswege nach entgegengesetzten Richtungen hin getrennt, unser Streben war auf dasselbe Ziel gerichtet: auf Wahrheit und Klarheit, auf das Gute in seiner vollkommensten Gestalt, trotz Typhon und seiner Gesellen.
Als Zweiundsiebziger voller Jugendkraft und Jugendfeuer hatte Gruson die Reise nach Ägypten unternommen, um die wunderbaren Erscheinungen der Dreiecksform des Tierkreislichtes an dem reinen Himmel über dem Nilthale einer näheren Prüfung zu unterziehen. Nach seiner mehr als nur wahrscheinlichen Auffassung entsteht das merkwürdige Lichtgebilde durch die Spiegelung der ersten Strahlen der Morgensonne im Osten und im Westen durch die letzten Strahlen der Abendsonne[395]  auf der irdischen Atmosphäre je nach ihrem von der Anziehung der Sonne und des Mondes abhängigen Höhenstande. Seine Vermutung von dem abbildlichen Vorkommen dieses Lichtdreiecks auf den altägyptischen Denkmälern ward vollinhaltlich durch meine eigenen Untersuchungen bestätigt, nachdem ich denselben das vergangene letzte Jahr meiner Lebenszeit gewidmet hatte. Grusons jüngst erschienenes Werk: »Im Reiche des Lichtes«, in einer klaren, edlen, jedem Laien verständlichen Sprache niedergeschrieben, enthält zugleich meine ersten bescheidenen Beiträge darüber und damit den Dank des einstigen Schülers an seinen großen Meister.
Die Gemeinsamkeit der Untersuchungen über das rätselhafte Lichtgebilde, die Uraltes mit dem Neuesten verknüpften und auf verschiedene Wege zu denselben Ergebnissen führten, wurde zum festen Kitt eines unauflöslichen Bundes.
Ich ward fortan zu einem lieben Mitgliede seines Hauses, über dessen Pforte mein Auge die unsichtbaren Worte liest: »Hier wohnt das Glück!«
Ja, es will Abend werden, aber die dunkelen Wolken im Westen vergoldet das glühende Rot einer Freundschaft, die beim Morgenschimmer der Jugend ihre ersten Wurzeln schlug.
Der Glanz der Abendsonne am Harz versöhnt mich mit allem, was ich Schweres im Leben erduldet habe. Sie giebt mir den verlorenen Mut zurück, die fast gebrochene Kraft aufs neue für Licht und Wahrheit einzusetzen, so lange es eben Gott gefällt.[396] 



Heinrich Brugsch
Mein Leben und mein Wandern













[Widmung]


Vorwort


1. Meine Kindheit und meine Schuljahre

Meine Geburt und meine ersten Kinderjahre
Auf der Schule
Wie ich zu den alten Ägyptern gekommen bin
Ich trete in Kölln ein
Alexander von Humboldt wird mein Beschützer
Eine Abiturientenprüfung mit Hindernissen



2. Meine Studentenjahre

Meine Studienzeit
Alexander von Humboldt
Paris
In Holland
Mein Zug über die Alpen
Ich werde ein Doctor philosophiae



3. Meine erste Reise nach Ägypten

Meine erste Reise nach Ägypten
Erlebnisse in Alexandrien
In Kairo
Baron von Pentz
Neue Freunde in Kairo
Im Serapeum von Memphis
Besucher in Serapeum
Mein Leben unter den Arabern
Unter würdigen Thebanern



4. Kampf um das Dasein

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Leid und Freud in der Heimat
Mein zweiter Aufenthalt in Ägypten
Ägypten im Jahre 1858
Die Heimkehr des reichen Mannes
Alexander von Humboldts Abscheiden



5. Mein preußisches Beamtentum

Meine erste persische Reise
Auf der Heimreise
Meine konsularische Thätigkeit
Warum ich Professor in Göttingen wurde



6. Meine Thaten als ägyptischer Beamter

Meine Berufung nach Kairo
Die Eröffnung des Kanales von Sues
Vizekönigliches Hofleben
Der Khedive als Eroberer
Mein Amt als wissenschaftlicher Reisemarschall
Die Weltausstellung in Wien
Meine Rückkehr von der Wiener Weltaustellung
Meine Reise nach Nord-Amerika
Der Tod des Mufettisch und der Anfang der Finanznot
Das Ende vom Liede



7. Vogelfrei



Mein Freund Mariette stirbt
Meine Reise mit dem Kronprinzen Rudolf von Österreich
Beim Prinzen Friedrich Karl von Preußen
Meine zweite Reise nach dem Lande der Sonne
Nach meiner Auswanderung aus Charlottenburg
Am Brocken




