 Die Beruswahl.  [269] Bei meiner Rückkehr aus Italien, bei dem Wiederbeginne meiner Lehrthätigkeit war die Zeit nun nahe gerückt, da ich mich endlich wohl entscheiden mußte, in welcher Weise, durch welche Arbeiten, in welchen Richtungen ich lehrend oder schreibend dem stillen Ehrgeize, für Volk und Zeit etwas Nützliches zu leisten, genug thun wollte. Die dauernden Zerstreuungen meiner doppelten Lehrjahre mußten mir eine solche Entscheidung sehr schwierig machen. Die Trilogie der Dichtung, Philosophie und Geschichte hatte seit lange auf mich wechselnd ihre Reize geübt und fuhr noch immer fort sie zu üben. Ich hatte frühe empfunden, daß nach den drei Kronen[269] zugleich zu ringen eitel sei; gleichwohl ließen sie mich auch jetzt und selbst noch viel später, nicht völlig unversucht. Ich würd nur ein unvollständiges Abbild dessen entwerfen, was zuvor und nachher, mehr als je aber damals (um 1832?1836) in jener fruchtbarsten Jahren der ersten, frischesten Schafflust in mir gährte wenn ich nicht an Einiges erinnerte, was öffentlich von diese geistigen Gährung Zeugniß gab, und anderes dahin Bezügliche er wähnte, was mich innerlich beschäftigte ohne zu einer äußeren Be thätigung zu gelangen. Das Zeitalter, das mir berufen schien, nach einer Neugestaltun; des bürgerlichen Lebens zu trachten, fuhr fort zu dichten. De Ruhm unserer großen Poeten überstrahlte jeden andern. Die Nation schwamm in einem Meere von Poesie und Sprachgewandtheit, Vers- und Reimkunst flog die fähigen Knaben auf der Schule an. Die mühseligen Dornenwege des gewöhnlichen, prosaischer Lebens schienen in dem Dichterberufe mit Blumenpfaden zu vertauschen. Das riß Hunderte von Berufenen und Unberufener in diese verlockende Bahn. Zwar der unvergängliche Ruhm jene Meister unserer großen Dichtungszeit war nicht gleich zu erjagen aber der augenblickliche Ruf täuschte Viele über den Namen, der ihnen die Zukunft geben oder lassen würde; die äußeren Gewinne aber waren für Viele größer, als sie für jene Großen gewesen waren. Nichts war also begreiflicher, als daß sich jede junge strebende Seele in diese Wege stürzte und sich über ihre eigentliche Befähigung sie zu wandeln betrog. Seit meinen ersten kindische Versversuchen war auch mir dies immer und immer wieder geschehen, und geschah mir selbst dann noch, als ich mich über die Unzulänglichkeit meiner persönlichen Begabung nicht mehr täuschte ja als ich ganz im Allgemeinen in Bezug auf den Beruf der Zeit zur Poesie überhaupt der Ueberzeugung ward, daß die Epoche wahrhafter Größe der Dichtung in Deutschland vorüber sei. Als die Periode der klassischen Reise in unserer Poesie noch nicht[270] gekommen war, hatte sich der Mann, der dann diese Periode eröffnete, mit der drückenden Empfindung getragen, daß auf dem Beruf des Poeten wie eine levis notae macula haftete, während auf den Namen der großen Naturforscher jener Tage ein einziger Glanz lag: so war der Stand der Dinge jetzt wieder, da von einer klassischen Periode der Dichtung nicht mehr die Rede war. Das unersättliche Bedürfniß nach poetischer Nahrung war da, und man verschlang sie wahllos, wie sie geboten wurde, indem man doch der Ernährer spottete und sie bei jeder Aenderung des Geschmackes vergaß. Diese Einsicht, daß das Zeitalter der ächten Dichtung entwachsen sei, und die damit verwandte Ansicht, es würde besser sein, wenn man die Krankheit der schlechten Poeterei, wie schon Kant wünschte, durch ein drastisches Abführungsmittel aus der Natur des Volkes entfernen könnte, ? diese Meinung, gepaart mit dem Gefühle meines Mangels an Talent, wirkte dann zusammen, daß es bei mir von poetischen Entwürfen zu Leistungen kaum mehr kam. Gleichwohl ließen mir die Entwürfe ? ein Beweis, wie stark immerhin der Stachel blieb, den das fortdauernde dichterische Interesse im Volke behielt ? noch langehin keine Ruhe. Ich will deren eine Reihe nennen, die mir länger oder wiederholt im Kopfe lagen. Sie werden andeuten können, einmal daß mir der Sinn zum wenigsten nicht niedrig und auf vielerlei, mannichfaltige Dinge gerichtet stand, zugleich aber auch, daß ich ? der bloßen Natur meiner Entwürfe nach ? mit dem großen Strome der Zeit nach bloßer Unterhaltungspoesie in Roman, Novelle und Unterhaltungsspielen in vollem Zerwürfniß war. In meiner frühen Jugend schon, führte ich oben an, beschäftigte mich der Plan zu einem historischen Drama von Heinrich IV, dem Salier. Es ist ein Stoff, der unzählige Male unreife Geister in Bewegung setzte, welche die religiöse Leidenschaft jener vergangenen oder dieser gegenwärtigen Zeit in poetische Leidenschaft riß. Aus solch einem idiopathischen Interesse der Poeten würde[271] aber dem Gegenstande, der zu der nothwendigen Natur des menschlichen Geistes allzuwenig Beziehung hat, ein allgemeines dramatisches Interesse nur um so weniger erwachsen. Ich mag davon eine dunkle Empfindung gehabt haben, denn ich erinnere mich, daß ich zum Knotenpuncte des Stückes das Verhältniß Kaiser Heinrichs zu seinen aufrührerischen Söhnen genommen und so dem Einflusse rein menschlicher Sympathien die Wege offener gehalten hatte. Als ich später mit Shakespeare's Kunstpraxis bekannt wurde, durchschaute ich besser die Unfruchtbarkeit jener Materie und glitt auf den französischen vierten Heinrich über, in dessen Geschichte ich mich wiederholt vertiefte, um in einem Drama Shakespeare'schen Bau's dem scheinlos ächten englischen Heinrich V jenen glänzenden Gallier gegenüberzustellen. Für einen geschichts- und menschenkundigen Poeten wäre dies ein großer Vorwurf; weil die leichtfertigen Wechsel in religiösen Stellungen und das phantasievolle Spiel mit großen politischen Entwürfen, die uns in der öffentlichen Geschichte dieses Fürsten anziehen, sich mit der Natur seines persönlichen Wesens in seelischen, sittlichen und geistigen Beziehungen so einfach decken, daß von ihm ein höchst einheitliches dramatisches Gemälde in tiefen, doppelgesättigten Farben entworfen werden möchte. Außer einzelnen hingestreuten Stellen ist von dem Gedanken nichts zur Ausführung gekommen. Einige Frucht möchten mir diese Beschäftigungen gleichwohl eingetragen haben. Für den Historiker konnte es kaum eine verlorene Mühe gewesen sein, wenn er sich geschichtlichen Studien zu dem poetischen Zwecke hingab, in einer großen Persönlichkeit den einheitlichen Mittelpunct des Charakters zu finden, auf den sich seine gesammte private und öffentliche Existenz zurückbeziehen läßt. Ein epischer Entwurf lag diesem dramatischen zur Seite: er hing ? wenn man will ? mit meinen ältesten Kinderversuchen und mit meiner begeisterten Liebe für die Homerischen Dichtungen zusammen, die an klarer und geistfreier Beherrschung der Welt, an[272] phantasiereicher Abspiegelung des Wirklichen in naturtreuen Bildern, an harmonischer Aus- und Durchbildung der poetischen Form ihres Gleichen nicht haben. Die Beschäftigung mit der altdeutschen Dichtung hatte mich, je mehr sie mich als historischen Forscher zur Bewunderung unserer Nationalepen, der Nibelungen und der Gudrun, zwang, desto mehr als ästhetischen Beurtheiler das Unfertige und Bruchstückartige in eben diesen Dichtungen empfinden lassen. Ich konnte voraus wissen, daß dies Urtheil den kritiklosen Patriotismus verletzen würde; es reizte mich, durch die poetische Erneuerung eines jener Epen mit Händen greifbar zu machen, welch eine wahrhaft großartige künstlerische Anlage hier in dem poetischen Stoffe wäre, zugleich aber auch, wie vieles in formeller und psychischer Ausgestaltung hinzuzuthun blieb, wenn alle die kostbaren Keime und Sprossen zum vollen dichterischen Auswuchse gelangen sollten. Später hat W. Jordan an den Nibelungen dasselbe zu thun unternommen, indem er zu den Formen und Mythen der ältesten deutschen und nordischen Dichtung zurückgriff. Für mich hatten nur die alten klassischen Formen Reiz (in welchen sich ? schon in jenen Versuchen der St. Gallener Mönche des 10. Jahrhunderts, die volksmäßige Dichtung in das antike Gewand zu kleiden, ? die Reste der deutschen Sage weit am reizendsten ausnehmen); die Formen, ohne welche jene plane Klarheit und ruhige Größe so wie jene schlichte Natürlichkeit selbst in dem Wunderbaren der Sagenüberlieferung nicht zu erreichen ist, die das griechische Epos so außerordentlich auszeichnen. Ich hatte mir die Gudrun ausersehen, die ich ihrem ganzen Bau nach umgestaltet hätte. Im Eingang sollte die Heldin in ihrer leidenvollen Gefangenschaft bei dem werbenden Normannenfürsten Hartmut geschildert, die märchenhaften Anfänge des alten Gedichtes, die vorbedeutenden Schicksale der Eltern und Großeltern Gudrun's sollten von ihr und ihrer Gespielin Hildburg an die theilnehmende Schwester Hartmut's episodisch erzählt werden als lindernder Zeitvertreib bei den entehrenden Geschäften, die den[273] gefangenen Fürstentöchtern von der grausamen Mutter des Brautwerbers auferlegt waren. Ich wollte die Gesänge je nach Lust und Laune rhapsodisch entstehen lassen und veröffentlichte den fünfzehnten, der die Scene des Wiedersehens Gudrun's und ihres Verlobten Herwig behandelt, als eine Probe. (Leipzig bei Engelmann 1836.) Mündlich, gelegentlich auch in der Presse hörte ich von solchen, die den Verfasser kannten und nicht kannten, die in ihrem eigenen und in Anderer Namen sprachen, nichts als Lob, aber keine Ermunterung. Das Ganze war in sich selbst, und in dem vorausgeschickten Programm auch noch recht ausdrücklich, den »Fratzen der Tagespoesie« grell entgegengesetzt; um so fühlbarer machte sich mir, wie der Ton einer scheinlosen und verleugnungsvollen Dichtung in den Geschlechtern kein Echo mehr fand. Ich entziehe den Probegesang der Vergessenheit, indem ich ihn im Anhange (II) dieses Bandes beifüge mit den kleinen Aenderungen, die ich gelegentlich in den Druck eintrug. Er stehe als rin Beweis hier, daß es mir mit meinen dichterischen Entwürfen doch wirklich Ernst genug war, um einmal auch Hand an die Ausführung zu legen. Ich hätte das Gedicht, davon war ich durchdrungen, in Einem raschen Zuge vollenden können; aber ohne die poetische Luft der allgemeinen Theilnahmswärme, unter der die Dichtung des vorigen Jahrhunderts gedieh, wäre es eine danklos aufreibende Anstrengung gewesen. Der poetische Freund Hessemer hätte mich gerne bei der Arbeit aushalten sehen, wiewohl er mir abmerkte, daß es anders kommen werde. Gudrun? fragte er lakonisch in einem Briefe und gab sich selbst die Antwort: Gut ruhn! Zu diesen dramatischen und epischen Entwürfen hatte die reine Kunstmäßigkeit der Stoffe angeleitet; andere drängten sich vor, in welchen praktische Bezüge auf die Zeitverhältnisse die Seele gebildet hatten. Man erinnert sich, wie die Pariser Julirevolution plötzlich ein neues Geschlecht von Dichtern, Belletristen und Tagschreibern in aller Welt und so auch in Deutschland hervorrief,[274] die der Literatur wie der Sitte und Politik einen revolutionären Charakter aufzudrücken strebten; man erinnert sich auch, wie in ihren Reihen eine Anzahl lyrischer und anderer Poeten chervorstach, die in grader Satire über Personen und Dinge der literarischen, gesellschaftlichen, staatlichen und kirchlichen Welt in den kecksten Angriffen herfielen. Ein eigener Zweig dieser tumultuarischen Polemik war gegen die poetische Romantik der jüngsten Vergangenheit gerichtet; ich trug mich mit einem anderen Plane: die politische Romantik der allerjüngsten Gegenwart zum Ziele der Satire zu nehmen. Ich wollte die Geschichte eines Phalanstere's schreiben. Die Lehren Owen's, Fourier's und St. Simon's verwirrten damals so viele Sinne: das Leben St. Simon's, der Charakter Fourier's selbst gaben die schönsten Mittelpuncte ab, um die sich eine üppig reiche, lebenvolle Darstellung hätte anknüpfen lassen von den nothwendigen Verläufen der Dinge, wenn irgendwo die weltverbessernden Grillen und Träume, die Lehren und Sitten dieser Erleuchteten und aller ähnlichen Fanatiker des Materialismus, bis zur äußersten Folgerichtigkeit getrieben, aus den Gedanken in das Leben hätten übertreten sollen. Kaum ist ein psychologisch tieferer, ein an Gruppen der mannichfaltigst verschiedenen und doch durch einerlei inneren Verband zusammengehaltenen Thatsachen überfüllterer Stoff zu ersinnen als dieser; keiner, an dem die mikroskopische Beobachtung der menschlichen Natur, wie sie den englischen Humoristen des vorigen Jahrhunderts eigen war, weiter hätte getrieben werden können, um hinter der wirkungsvollsten drastischen Komik den furchtbaren Ernst der Wahrheit der menschlichen Natur zu offenbaren. Seit dem Don Quixote wäre ein solches Gemälde von Verkehrung und Verrenkung des Menschenwesens nicht entworfen worden; aber ein Cervantes wäre erforderlich gewesen, es auszuführen. Amazon.de Widgets Ein anderer Entwurf, der wesentlich in meiner persönlichen Geistesgeschichte wurzelte, war eine Behandlung der Sage von Ahasver; sie wäre zu einem mehr oder minder didaktischen Gedichte[275] geworden. Die Sage von dem wandernden Juden hat eine ganze Reihe von Zeitgenossen beschäftigt, die ihr von anderer und anderer Seite eine poetische Gestalt zu geben suchten. Mir, den das Nachdenken über die Gesetze der geschichtlichen Welt seit der Bekanntschaft mit Machiavelli so stark gepackt hatte, mir lag es nahe, diesen ewig lebendigen Zeugen der Weltgeschichte zum Ausleger ihres Geistes, zum Deuter ihrer Geheimnisse zu machen. Der Kern der Sage, vergeistigt oder rationalistisch aufgefaßt, war doch dies; daß Ahasver die Verkennung einer weltgeschichtlichen Erscheinung zu büßen hatte; die Buße ward ein Gewinn, wenn er an den stets neu zu erlebenden Katastrophen der Menschheitsgeschichte die Zeichen der jeweiligen Zeiten immer klarer erkennen lernte; das Tragische der Sage ward so, wie in Göthe's Umgestaltung der Faustsage, in Versöhnung gemildert. Die Aufgabe konnte dann nicht sein, wie sie die meisten der neueren Bearbeiter faßten, poetische Gemälde von einzelnen Geschichtsereignissen zu entwerfen, sondern den irrenden Juden zu einem in sich eingekehrten Weisen zu verwandlen und ihn als einen betrachtenden Chor die Wanderungen der Menschheit deuten, nicht ihn poetische Geschichten erzählen, sondern eine poetische Philosophie der Geschichte entwerfen zu lassen, in persönlicher Berührung mit dem dichterischen Geschichtslehrling, dem es hier gestattet gewesen wäre, auch seinen Träumen und Ahnungen über die innersten Mysterien des Geschichtsganges den freien Lauf zu lassen, den die strenge Wissenschaft versperrt. Der poetische Umriß des großen Geschichtsdramas hätte eine Art Seitenstück zur göttlichen Komödie werden mögen; aber ein Dante wäre erforderlich gewesen, diesen Umriß auszuzeichnen. Der Gegenstand des letzterwähnten Entwurfs führte mich von selbst von den poetischen Versuchen und Versuchungen, die ich zu bestehen hatte, zu den philosophischen über. Man wird es nur natürlich finden, daß jener Gedanke an eine poetische Gestaltung der Geschichtsphilosophie in mir wieder und wieder auftauchen konnte,[276] da ich in der Sucht, der Geschichte den Geist auszusaugen, von den deutschen Geschichtsschulen, welche von altklassischer oder mittelalterlicher Philologie aussetzten, von Anfang an abgebogen war. Die Versuchung, einer systematischen Philosophie der Geschichte die oder eine Hauptthätigkeit meines Lebens zu widmen, trat mich langehin und immer aufs neue, selbst noch in Zeiten an, da ich schon eine vieljährige Thätigkeit an andere Gegenstände gesetzt hatte. Ueber dieser eigentlich neu zu entdeckenden Wissenschaft brüteten die Zeiten, seit Newton für die Zukunft, wenn die empirische Methode die Naturwissenschaften gereinigt haben würde, die Anwendung derselben Methode auf die Wissenschaften des Geistes vorausgesagt hatte. Ich habe niemals die überschwenglichen Hoffnungen getheilt, die ein Bentham, der diese Weissagung Newton's zu erfüllen, der die Gesetze der menschlichen Geistesentwicklung so klar wie Newton die der Natur darzulegen den Ehrgeiz hatte, an die Erfolge der Anwendung jener Methode auf die Welt des Geistes knüpfte: daß in den moralischen Wissenschaften Gesetze mit eben solcher Unleugbarkeit könnten aufgestellt werden wie in den mathematischen. In diesen handelt es sich um unveränderliche Figuren und Zahlen, die unter ein ewiges Gesetz fallen, in der moralischen Welt um Thatsachen unter lebendigen Wesen, die, in der mannichfaltigsten Weise verschieden, ewig neu erscheinen und sich veränderlich umgestalten; wenn man wie die Spinoza, Bentham, Herbart die Natur des Menschen und ihre inneren Triebkräfte in starre mathemathische Formeln bringen will, so secirt man an einer Leiche, die nie Leben gehabt hat. In den, Regionen des geistigen Lebens gleich nothwendige Gesetze zu entdecken, wie in der dem Experimente offen stehenden physikalischen Welt, ist in sich unendlich schwer; und wären sie gefunden, so wäre es unmöglich, mit ihrer Darlegung die gleiche Ueberzeugungskraft zu üben, wie in den genauen Wissenschaften. Man müßte einmal mit einer unendlichen Fülle von Thatsachen operiren, die der Schüler eben so wissen müßte wie der[277] Lehrer, wenn er dessen Auslegungen folgen sollte; dann aber würde die Lehre überall straucheln an der Masse von Vorurtheilen, die von vornherein die Lernenden, welche in den. Stoff mit allen Interessen ihrer menschlichen Natur verwebt und verwachsen sind, in eine von Grund aus zweifelnde und verneinende Haltung stellen; aus jedem einzelnen Fache heraus würden die Theologen, die Rechtskundigen, die Staatsökonomen, die Philosophen, die Vultleute, je getrübter die Brille ist, aus der sie (jedes aus anderen Theilwahrnehmungen an anderen Theilen des Gegenstandes) die Dinge vom einseitigen Standpuncte ansehen, desto zahlreichere Widersprüche gegen die Folgerungen erheben, die der Geschichtsdeuter dem Ganzen der moralischen Welt entnahm, wenn er auch deren Spiegelbild in reinstem Auge empfangen, wenn er auch der Betrachtung derselben in dem höchsten geistigen Gleichmuth, ohne Vorliebe und Vorurtheil, ohne Einseitigkeiten des Verstandes oder des Gemüths obgelegen hätte. Trotz alle dem aber war mir immer unzweifelhaft gewesen, daß nur mit jener Methode eindringender Beobachtung, mit der man in den Naturwissenschaften die unergründlichst scheinenden Tiefen blos gelegt hat, auch in die Gebiete des Geistes ein helleres Licht zu tragen sei. Ich muß das Geständniß ablegen, daß ich von den Trugsystemen unserer neuen deutschen idealistischen Philosophie niemals etwas habe begreifen können. Die tüchtigen Kräfte alle, die in Deutschland die Philosophie nach Hegel, ohne sich auf neue Systeme zu erpichen, hauptsächlich in historische Pflege genommen haben, sind von Hegel fast alle auf Kant oder noch. weiter zurückgegangen; sie haben alle Positionen der Idealphilosophie aufgegeben und nur Einer oder der Andere ist mit Kant auf dem Einen Puncte stehen geblieben, wo die kritische Philosophie in Raum und Zeit ursprüngliche Veruunstanschauungen sah, die Vernunft deren Ursache nannte, obgleich das Wie unerklärlich sei. Mir war Alles unerklärlich auch in diesem Satze, dem letzten Refugium der Idealphilosophie. Selbst in ihm vermochte ich niemals frei zu athmen. Ich konnte nicht begreifen, wie[278] Raum und Zeit, oder welche andere primitivste Begriffe, etwas Anderes als Producte unseres Beobachtungs- und Abstractionsvermögens sein könnten, daß sie Formen sein sollten, die unsere Vernunft aus einem ursprünglichen, ihr eigenen Besitze den Dingen hinzugäbe, und nicht unsinnliche Bedingungen der sinnlichen Dinge und ihrer Bewegungen; daß Leibnitz Unrecht haben sollte, der in ihnen Verhältnisse sah, welche die Dinge ordnen, der Raum die coexistirenden, die Zeit die successiven Dinge. Messen wir doch in den Gesetzen des Falles die Zeit an dem Raume und den Raum an der Zeit und wissen wohl, daß diese Gesetze seit Ewigkeiten durch das Universum gehen ohne alle Benöthigung einer menschlichen Vernunft! Blickte ich auf das herüber, was die idealistischen Systeme, was Hegel und Krause auf dem Gebiete der Geschichtsphilosophie selbst geleistet hatten, so konnte mich das nicht günstiger für ihre Methode stimmen. Sie hatten einzelne frühere Ansätze wie Buchholz' Darstellung eines neuen Gravitationsgesetzes für die moralische Welt, Stutzmann's Philosophie der Geschichte der Menschheit (1808) u. A. verdrängt und vergessen gemacht, ohne etwas irgend Erschöpfendes an die Stelle zu setzen. Hegel hatte den Tact, der constructiven Methode auf diesem Gebiete so sehr zu entsagen, daß sich seine Geschichtsphilosophie stellenweise in der That nur wie die Arbeit eines geistreichen Geschichtschreibers ausnimmt; die Commentare über die asiatischen Völker, Chinesen und Inder, machen wesentlich denselben Eindruck, wie die Abschnitte über dieselben Gegenstände in Schlosser's Universalgeschichte. Hegel selber nannte sein Buch wohl philosophische Geschichte; was doch nicht dasselbe ist wie Philosophie der Geschichte; philosophische Geschichte ist Geschichte, und das Philosophische ist nur die Form der historischen Behandlung; Philosophie der Geschichte ist Philosophie, und die Geschichte ist der Gegenstand der philosophischen Behandlung. Die eigentliche Aufgabe, in der Fülle der geschichtlichen Thatsachen auf ihre wesentlichsten Factoren vorzudringen, ihnen ihre nothwendige Gestalt[279] abzusehen und ihre Gesetze abzulauschen, ist nur in gelegentlichen Apperçus berührt, ohne daß auch selbst in ihnen eine reine Lösung versucht wäre. So nahm Hegel den oft angestellten, leicht misbrauchbaren Vergleich der verschiedenen Lebensepochen der Individuen mit den Culturstufen der Völker auf, begnügte sich aber, ihn nur anzudeuten und in der Art anzuwenden, daß die Menschheit bereits seit dem Ausgang der römischen Welt im Greisenalter angelangt sein müßte: es gälte hier aber, das physiologische Moment (das Forster in einem Aufsatz über »Geschichte der Menschheit« angefaßt hat), d.h. die nicht weit reichende Vergleichung der stufenweisen Wirksamkeit der Organisationskräfte in Individuen und Nationen bald mit dem psychischen Momente zu tauschen und auf die natürliche Ordnung der Entwicklung, die zeitgemäße Stufenfolge der Ausbildung der Seelenkräfte im Völker- und im Einzelleben überzugehen, auf die Geschichte des Geistes, die schon Vico als den eigentlichen Gegenstand der Geschichtsphilosophie bezeichnete; sie ist bei Hegel so gut wie außer Frage geblieben. Hegel hatte bei seinem Werke kaum eine andere Vorarbeit vor sich als die »politische Philosophie« oder »neue Wissenschaft von der gemeinsamen Natur der Nationen« jenes Italieners, der zuerst die Methode, die Baco auf die natürlichen Dinge gelenkt, auf die bürgerlichen, menschlichen Dinge anzuwenden behauptete, um die gesetzlichen Formen der idealen, ewigen Geschichte zu gewinnen, die alle Völker durchlaufen. Er hatte die richtige Ahnung, daß zu solch einer Arbeit, wie Er es ausdrückt, Kritik und Metaphysik, Philologie und Philosophie, Forschung und Idee zusammenwirken müßten; aber in ihm lag der confuse Polyhistor mit dem christlich befangenen Theologen weit zu ungeschieden neben einander, als daß Forschung und Idee in der Weise in ihm hätten verschmelzen können, daß man die wesentlichen Thatsachen bei ihm hätte erfahren und durch ihre Hülle zugleich die geistigen, beseelenden Kräfte erkennen können; in seinen phantastischen wie noch in Hegel's nüchternen Werken müssen mythologische und symbolische[280] Bilder und Anschauungen die geschichtsphilosophische Einsicht ersetzen. Wie es denn ein ähnliches Kennzeichen aller der voreilig, ohne die volle Uebersicht und Durchsicht des Materials unternommenen Versuche dieser Wissenschaft ist, daß ihre Urheber nach gewissen einzelnen, einer Vorliebe oder einem vorherrschenden Gedankensysteme entflossenen Postulaten einzelne Ideen, Herder seine humanistische, Fr. Schlegel seine christliche, Hegel seine freiheitliche, aus einzelnen Seiten der Menschheitsgeschichte abziehen, statt auf einer umfassenden Erkenntniß des Ganzen ein Alles begreifendes System zu bauen. Für die Gesetze der Hauptseite, der staatlichen, politischen Seite der Geschichte, sind Aristoteles und Machiavelli, den Vieo wie Hegel nachzuschlagen versäumten, die einzigen brauchbaren Wegweiser geblieben; der Geistesgeschichte in ihrer umfassendsten Entwikklung auf die Spur zu kommen, dienen uns Deutschen fast nur die einzelnen Gedankenblitze bei Lessing, Kant, Herder, Forster, Schiller und W. v. Humboldt als sporadische Leuchten in einem noch tiefen Dunkel. Die Hegel'sche Idee, die Weltgeschichte sei »der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit«, ist dem Aristotelischen Gesetze der Staatenentwicklung abgesehen und mit dem Systeme des Philosophen geschickt in Zusammenhang gebracht, nicht aber in der Gesammtheit des Gegenstandes und allen seinen Phasen nachgewiesen; den Rivalen Krause, dessen Vorträge über Philosophie der Geschichte erst geraume Zeit nach seinem Tode, und bis jetzt nur theilweise, veröffentlicht wurden, hätte der Satz, wenn er ihn gekannt hätte, vielleicht aus einem ganz individuellen, eigenpersönlichen Gesichtspuncte interessirt. Er sah diese Wissenschaft aus einem großartigen Gesichtspuncte als eine Schule an, in der wir lernen sollten, uns im Ganzen der Geschichte und des Weltlebens zu fühlen, uns für Ideen zu begeistern und uns ihrer Darstellung und Gestaltung im geschichtlichen Leben mit bewußter Weisheit und sittlicher Freiheit, mit »wahrer Lebenskunst« zu weihen, den eignen Beruf nach dem[281] Plaue des ganzen Völker- und Menschheitslebens zu entwerfen. Er meinte, der erleuchtete Geschichtsphilosoph werde mit der bewußten Erkenntniß dessen, was Er und gerade Er allein der ganzen Menschheit zu werden vermöge, seinen Einfluß wohl auf Jahrhunderte und Jahrtausende erstrecken; wie er denn sich selbst, als einem solchen Erleuchteten, eine Wirksamkeit wie Christus schien zusprechen zu wollen. Einige Fundamentalsätze, womit Krause's Vorträge beginnen, könnten scheinen ein Werk von ganz realistischem Aufbau zu versprechen; so der Satz: daß die Zeit die Form sei der inneren Veränderungen der Wesen; daß nur, was in der Zeit ist, sich ändere; daß die Wesen, nur insofern sie sich ändern, zeitlich und nur insofern ein Gegenstand der Geschichte und der Geschichtsphilosophie sind. Damit, sollte man denken, wäre alles Transscendentale, alle Fragen über Woher und Wohin, über die Endpuncte der lebendigen in dieser menschlichen Welt waltenden Kräfte, alles Ewige, Unveränderliche, durch alle Zeiten Bleibende ausgeschlossen; wie auf der anderen Seite wieder durch die Bestimmung der eigentlichen Aufgabe der Geschichtsphilosophie als »die Erkenntniß der ewigen Gesetze der Entfaltung des Lebenden in der Zeit« das Geschehende als solches ausgeschieden wäre, das der reinen Geschichte angehörte. Diese Sätze aber werden in dem Fortgang des Werkes sofort wieder gänzlich aufgehoben. Der Philosoph theilt seine Aufgabe in eine reine, ideale und in eine angewandte Philosophie der Geschichte, welcher letztere Theil (nach meinen Gedanken die eigentliche, allein ausführbare Aufgabe) in seiner Ausführung noch nicht im Druck erschienen ist; der bekannt gewordene, auf rein metaphysischer Grundlage ausgeführte erste Theil schweift über den geschichtlichen und zeitlichen Boden in unerforschliche Höhen und Tiefen hinüber. In diesem Theile, in dem Krause zuerst, vor der Philosophie der Geschichte der Menschheit, eine allgemeine Philosophie der Geschichte aller Wesen entwickelt, die jedem endlichen Leben im Natur- und Geisterreiche, von dem Sonnensysteme bis zum Thautropfen herab,[282] von dem Einzelmenschen bis zu der Universalmenschheit im Weltall hinauf gemeinsam ist: in diesem Theile ist ihm die Zeit, die der gemeine Menschenverstand dem Ewigen entgegensetzt, an sich unendlich und ewig; er tritt hier also an die Geschichte aller lebenden Wesen, auch dieser irdischen Menschheit, mit den Voraussetzungen einer superspeculativen, durch höhere Ahnungen und Schauungen bereicherten Wissenschaft heran, welche die Beweise ihrer Behauptungen in keiner Weise auf historische Thatsachen stützt noch stützen soll; einer Wissenschaft von dem, was »die lebenden Wesen an sich ewig sind«; die daher, alle Vor-, Nun- und Nachzeit, in Einem Griffe umspannend, auseinandersetzt, daß jedes menschliche Wesen, als freier Geist ungeboren und unsterblich, schon unzähligemale in der unendlichen Vorzeit gelebt habe und in der unendlichen Tiefe der Zukunft sein Leben fortsetzen werde, in aufsteigenden Lebensperioden, von niederen Himmelskörpern auf höherstufige versetzt, ja nach dem Untergange aller jetzigen Sonnensysteme noch weiter, immer als dieses Individuum, in neugeschaffene, vollkommenere Sonnenbauten emporgerückt, wo die geistigen Wesen vielleicht in unmittelbarem Vereinleben mit den Geisterreichen, mit ben Menschheiten an derer Himmelskörper stehen werden: denn »wir wissen auf ewige Weise gewiß, daß die Menschheit dieser Erde organisch verbunden ist mit höheren Ganzen des Lebens in dem Geisterreiche, mit höheren Ganzen des Naturlebens im Gestirnreiche und mit Gottes Leben als waltender Vorsehung.« Der pankosmopolitische Philosoph, zurückblickend auf die ältesten Schulen der indischen. Weisen, die noch im Stande der Unschuld der Menschheit gelebt, wo die Menschen hellsehend waren und mit den Kräften der Natur, mit dem Geisterreiche und selbst mit der Gottheit in Wechselwirkung standen, sieht sich selbst in den Anfängen der Reifezeit der Menschheit stehen, die sich durch mancherlei versprechende Erscheinungen ankündigt, durch die Geheimvereine, die wie die Freimaurerei nach höheren Wahrheiten streben, durch Owen's Communismus, durch die allerdings noch zweifelhaften[283] Handreichungen des Magnetismus und der Hellseherei in die Geisterwelt hinüber, nicht am wenigsten durch die Entdeckung der Wissenschaft der Geschichtsphilosophie, durch die sich Krause als den prophetischen Verkünder der steigenden Zeitreise erkennt, wo die Menschheit, auf einer höheren Stufe zurückkehrend zu der Weisheit jenes Unschuldstandes, schon hier auf Erden höherer Offenbarungen Gottes gewürdigt werden könnte. Man sieht leicht, wie diese Idealistik die Aufgabe karrikirt, wie sie schon in den bloßen gelegentlichen Hinüberdeutungen auf das Gebiet der angewandten Geschichtsphilosophie sich in's Phantastische verirrt. Krause weiß wohl, daß alle die tiefsten Fragen, welche die Menschheit bewegen, von Freiheit, Wille und Naturzwang, von Zufall, Schicksal und Vorsehung, von Glück und Unglück, von Gut und Böse in den Kreis seiner Aufgabe fallen; aber wie er hier diese Dinge gelegentlich apriorisch anfaßt, wird er seinen Lesern keine beruhigende Belehrung bieten, während die sichtende Betrachtung der realen Geschichte der Sammelwesen, der Völker, in der sich jene Fragen in einer Weise lösen, zu welcher die Ethik und Psychologie über der Erforschung der Einzelwesen nicht leicht gelangt, reich an tröstenden Wahrheiten macht. Unser Geschichtsphilosoph weiß, daß der Kern seiner Wissenschaft in dem alten kleinen Satze liegt: Alles hat seine Zeit; der Inhalt der in der Zeit bedingten Veränderungen ist nicht willkürlich, sondern jede Zeit hat einen besonderen, ihr zukommenden Inhalt. Allein es wäre kaum abzusehen, wie er nun aus seinen metaphysischen Höhen, die ihm die Fülle der Thatsachen gleichgültig machen müssen, die weitere Aufgabe lösen würde: die Wahrheit jenes Satzes, der unbestritten ist in allem Naturleben, auf die Veränderungen in dem menschlichen Geistesleben zu übertragen und an diesem, wo sie höchst bestritten ist, durch eine ächte Phänomenologie des Geistes zu erweisen. Krause's Idealismus, indem er die Aeonen der Vergangenheit und Zukunft in ein Spiel verwegener Berechnungen zieht, gelangt[284] dahin, daß er am Ziele der Geschichte eine allgemeine Veredlung des Menschengeschlechtes, seine Reifung zur Gottähnlichkeit, liegen sieht; in der Betrachtung der wirklichen Geschichte aber, wie sehr sie von allen pessimistischen Ansichten ableitet, ist nirgends ein Anhalt für dergleichen eudämonistische Vorstellungen gelegen, von welchen sich selbst Kant (in seinen Träumen vom vollkommenen Staate und vom ewigen Frieden) nicht ganz frei zu halten wußte, der sonst der Aufgabe der Geschichtsphilosophie auf richtiger Spur nachtrachtete: in dem Kerne der wirren Thatsachenmasse der Weltgeschichte den ordnenden Weltgeist, in dem Knäuel ihrer Verwicklungen einen Kosmos aufzuzeigen wie in der mechanischen und organischen Natur. Im Alterthum und Mittelalter empfahlen die Weltweisen sehr verschiedener Schulen in dem unwandelbaren Leben der Thiere die Treue bei der Natur, die doch eine Fessel ist, als eine Unfehlbarkeit, die doch Unzurechnungsfähigkeit ist, vor dem Leben des Menschen, dem mit dem Geiste Wahl und Wille verliehen und mit einer bedingten Freiheit die Abweichung von der Natur gestattet, in dessen Dasein mit dieser Abweichung eine moralische Anarchie getragen ist, welche die oberflächlichen Betrachter der Geschichte leicht ganz von ihr wegschreckt. In dieser Anarchie, in der ein blinder Zufall zu herrschen, in der jener ordnende Faden, den die Natur in ihren übrigen Bereichen knüpfte, ganz abzureißen scheint, in diesem Chaos, das durch die egoistische Willkür und zügellose Leidenschaft aller handelnden Menschen und durch den sich kreuzenden Widersinn ihrer Svnderzwecke erzeugt wird, gleichwohl eine ähnliche Ordnung, in der freien Geisteswelt eine ähnliche Gesetzmäßigkeit, über der unvernünftigen Selbstsucht der Einzelnen einen unbeirrten instinctiven Naturzweck, dem die einzelnen Menschen und ihre freisten Thaten nur als Mittel dienen, in den beweglichen Theilen dieser ungeheuren Maschine den festen ewigen Bau nachzuweisen, durch Auflösung jenes Widersinns der einzelnen geschichtlichen Thatsachen in der Zusammenstimmung ches Ganzen die[285] Harmonie zu finden, die über die Misklänge hinweghebt, das ist das erhabene Ziel der philosophischen Betrachtung der Geschichte. In dem Naturgesetz, das in steten Wirkungen und Gegenwirkungen, in ewigen Widerständen und Kämpfen die Kräfte weckt und reibt und übt; das durch die Empfindung von Bedürfniß und Entbehrung stufenweise die Begierden, die Leidenschaften, die bewußteren Bestrebungen, die durch geläuterte Erkenntniß von den Bedingungen der Existenz der Menschheit zu besonnener Einsichtge hobene vernunftmäßige Handlungsweise zeitigt; in diesem Naturgesetze ist alles Wesen der Vervollkommnung, der Entwicklung aller menschlichen Natur und Geistesreife in dem Einzelnen. gelegen, wie in den Völkern, in deren Dasein der Busammenstoß der Kräfte,. Interessen und Begehrungen, welche sich in Absonderung aufreiben würden, durch die häusliche und bürgerliche Ordnung, Familie und Staat (jene Macht, die über aller sittlichen und geistigen Fortbildung waltet,) gebändigt und gemildert wird. Das Gemälde nun von diesem Kampfe, der sich in jedem einzelnen Menschen, in jedem neuen Menschenalter, in jedem Auf- und Niedergang der Völker ewig erneuert, von dieser steten Wiederholung des wesentlichen Inhalts unter dem steten Wechsel der Formen der menschlichen Dinge, worin der geschichtliche Betrachter die Bedingung des Bestandes derselben erkennt, ' von diesem Hin- und Herwogen von Wachsthum und Zerstörung, von Aufgang und Untergang, von Leben und Tod, in dem bis jetzt ein steter Fortschritt in stets erweiterten Räumen, Kreisläufe von stets weiter gezogenen Kreisen der menschheitlichen Vervollkommnung zu beobachten gewesen sind: dies Gemälde zu entwerfen war in jenen Werken der philosophischen Speculation nicht unternommen; und mir schien dies auch, wenngleich eine wesentlich philosophische Aufgabe, doch nicht sowohl das Geschäft des idealistischen Philosophen als des philosophisch angelegten Historikers zu sein, der die Masse der Erfahrungen in liebevoller Freude der Anschauung beobachtet und erfaßt, dem eine offene, leidende[286] Empfänglichkeit in Erforschung und Betrachtung der ungeklärten Erscheinungen eigen ist neben einer selbstthätigen Gabe der Vergleichung und Verbindung, um in dem Erforschten das Wesenhafte zu erkennen und Ungefähr und Zufall, Sprung und Willkür darin auszuscheiden. Denn in diesen Gebieten kann nur eine Methode fruchtbar sein, in der alle Geisteskräfte zugleich, lebendige Anschauung, Ahnungs- und Einbildungskraft, Verstandesschärfe und Combinationsgabe wirksam, analytisches und synthetisches Verfahren, Idealistik und Realistik auf Wegen und Stegen verbunden sind; die einseitigen Divinationen der Speculation wie auf der entgegengesetzten Seite die Zahlen der Statistik sind gleich unergiebig für diese Wissenschaft des Geistes, die von ganz realistischem Standpunct aussetzt, aber sich wesentlich mit den verborgensten geistigen Kräften beschäftigt, welche die Menschheit tragen. und daher von nichts entfernter bleiben wird als von den Ergebnissen des platten Materialismus. Die lebendige Mannichfaltigkeit der Geschichte darf in einer Geschichtsphilosophie nicht verloren gehn und nicht einfach vorausgesetzt werden; der Geist darf hier nicht ungeduldig die Vielfältigkeit der Erfahrungen und den vollen Inhalt der Dinge überspringen, gierig nach einem Ziele, um die Eigenheiten des Weges unbekümmert; er muß nicht mit Ideen und geistreichen Anticipationen überredend, sondern stets mit handgreiflichen Thatsachen überzeugend sprechen. Diese Aufgabe nun auf mich zu nehmen, hatte für mich einen großen Reiz, ohne daß ich doch je zu einer ernstlichen Anfassung derselben gelangt wäre. Hätte ich an einer Hochschule einen regelmäßigen Lehrgang verfolgt, so würde ich sicherlich niemals dazu gekommen sein, wie es später üblich wurde, ein historisches Seminar, ein Laboratorium zur äußerlichen Einschulung angehender Geschichtsforscher einzurichten; wohl aber möchte ich stufenweise versucht haben, von einzelnen Außenwerken aus langsam und stetig dem Mittelpuncte der geschichtsphilosophischen Aufgabe näher zu rücken.[287] Absichtslos war ich ganz auf diesem Wege. Schon als Docent hatte ich in Heidelberg über die »Grundzüge der Historik« gelesen, die ich später (1837) als eine Unterlage für öffentliche Vorträge drucken ließ, und im Anhang (III) zu diesem Bande in einer kaum veränderten Gestalt wieder abdrucken lasse, wie sie in einer zweiten Ausgabe erscheinen sollten, in der alle Jugendlichkeiten der ersten Auflage noch stehen geblieben sind, auch Sätze, denen ich in meinen Vorträgen bald selber widersprach. In Göttingen wiederholte ich diese Vorlesung und hatte vor, jedesmal in den öffentlichen Vorträgen, die dem Lehrer dort vorgeschrieben waren, verwandte Gegenstände zu behandeln; wie ich denn jenem Vortrag einen anderen über die Geschichtslehre des Machiavelli in steter Vergleichung mit der Aristotelischen folgen ließ, dem wohl eine Zusammenstellung Machiavelli's mit Montesquieu und Rousseau, die mir etwas später sogar in die Feder floß, nachgekommen wäre. Noch als ich ein Jahrzehnt später in Heidelberg den Katheder auf kurze Zeit wieder bestieg, las ich in der ganz gleichen Richtung über Politik auf geschichtlicher Grundlage, ein Thema, zu dem mich gleichfalls der Plan schon während meiner Docentenjahre in Heidelberg beschäftigte. So würde ich vielleicht von Vorarbeit zu Vorarbeit weiter vorgeschritten sein, wenn mich auf diesem Lehrerwege nicht die persönlichen Geschicke gekreuzt hätten. Möglicherweise freilich hätten mich auch ohne diese die öffentlichen Schicksale des Vaterlandes und die ganze Natur meiner Geistesanlagen davon abgebracht. Ich war doch sicherlich mehr dazu geschaffen, philosophische Geschichte als Philosophie der Geschichte zu schreiben. Die feinsten Thätigkeiten des Gehirns zu üben, wo es denkt, um zu denken, war mir so wenig gegeben, wie mir die einbildsamen Kräfte des Dichters von der Natur freigebig zugetheilt waren. Dazu kam, daß mir ihre besondere Pflege nicht grade in die erste Linie des für die Nation Nothwendigsten und Wünschenswerthesten, der Zeitlage nach, zu gehören schien. Die Darstellung der Geschichte selbst dünkte mir erst[288] weit mehr geläutert und übersichtlich geordnet werden zu müssen, ehe man den Schritt zur Geschichtsphilosophie vorwärts thun sollte oder könnte. Alle Wissenschaft ganz im Allgemeinen war überdies durch die Methode der Naturforschung auf die Wege eines Detailstudiums von nie zuvor gekannter Gründlichkeit und Genauigkeit gewiesen worden, das sich mit philosophischen Zusammenfassungen vorerst nicht vertrug, das aller speculativen Philosophie bei uns so gut wie ein Ende machte. Dies alles wäre indessen noch nicht für mich entscheidend gewesen. Die Hauptsache war, daß ich dem öffentlichen Leben in innerlicher Theilnahme viel zu nahe stand, als daß ich mich so leicht einer bezugstosen, absoluten Geschichtswissenschaft hätte hingeben können. Wie in meiner Jugend die Befreiungskriege die kindliche Phantasie schon mit den Bildern eines ruhmvollen Volkes gefüllt, wie die fünf in einem falsch gewählten Berufe verschmachteten Jahre den Blick des innerlich Unbeschäftigten auf die großen Freiheitsbewegungen der Wer Jahre in America, Spanien, Italien und Griechenland gefesselt gehalten hatten, so hatte wieder neuerlich die große Wendung in dem bürgerlichen Leben seit 1830 nun ihre Nöthigung auf mein inneres Leben geübt, wo sich in Deutschland zum erstenmale ein politisches Selbstgefühl, ein eigen wirkender nationaler Geist, selbstgetrieben, ungekünstelt, ohne Complotte und Verabredungen zu regen begonnen hatte, während früher in der teutonischen Zeit alles der Art gezwungen und gemacht war. Die Stunde schien mir geschlagen zu haben, wo es unfruchtbar wird, einer abgezogenen und rückgezogenen Wissenschaft zu leben, wo es Pflicht ward, in das unberathene Treiben des Tages auch mit einer geringen Einsicht und Begabung einzutreten, wo der Geschichtschreiber zumal den Selbstzweck seiner Wissenschaft klüglicher aufgebe und mehr für den gegenwärtigen Augenblick arbeite. Ich stand nun in dem Alter, wo Grundsätze reisen müssen, wenn ein Fruchtansatz dazu da ist, und wo eine Entscheidung nöthig wird sie zu bethätigen, wenn ein Beruf gefühlt wird, sie nutzbar zu machen.[289] Und diese Grundsätze wiesen mich im Einklang mit meinen Neigungen und meinen gewonnenen geschichtlichen Einsichten doch mehr auf diese praktischen Wege als auf die der Kunst und der abgezogenen Wissenschaft. Daher kam es, daß ich mich neben jenen poetischen und philosophischen Versuchungen, von welchen ich berichtete, früher und stärker noch von dieser dritten Seite her zu einem unmittelbaren Eingreifen in die gegenwärtigen Verhältnisse von Volk und Vaterland angelockt fühlte. Auch von der Thätigkeit nach dieser, wie die beiden anderen zwar auch nur vorübergehend verfolgten Richtung hin liegen öffentliche Zeugnisse vor. Ein üppiger, fast krankhaft überspannter, bis zum Muthwillen gesteigerter Schafftrieb zertheilte mich in jenen Jahren einer sprudelnden Arbeitskraft unnatürlich auf die verschiedensten Dinge. Ich schweige von een Heften und den Vorbereitungen zu meinen Vorlesungen, die begreiflich nicht den kleinsten Theil meiner Zeit ausfüllten; ich schweige auch von dem Brüten über mehreren Riesenplanen, die mein ganzes Leben anders und anders bestimmt haben würden, unter denen einer meiner damaligen Freunde den Gedanken an eine Weltgeschichte in einer philosophischeren Anlage als die Schlosser'sche »des Schweißes der Edlen« besonders werth fand. Ich rede nur von dem wirklich Begonnenen oder wirklich Ausgeführten. Neben dem Probegesang der Gudrun, neben der Historiographik, neben den Anfängen der Dichtungsgeschichte erschien damals eine Vorarbeit zu den letzten Theilen dieses Werkes, die Brochure über den Göthischen Briefwechsel (1836); in den Blättern für literarische Unterhaltung ließ ich gleichzeitig (1836) Entwurf und Probe zu einer Geschichte der Zechkunst veröffentlichen. Ihre Fortführung und Vollendung wurde von meinem Freund Verleger eifrig betrieben, mit welchem ich (was meinem Gedächtniß ganz entfallen war) nach vorliegenden Briefen zur selben Zeit auch schon über einen »satirischen Roman« unterhandelte; dem ich ferner Aussicht geben konnte auf eine Sammlung politischer Xenien, und[290] der zunächst, und dies schon im März 1834, noch vor Erscheinung des ersten Bandes der Dichtungsgeschichte, auf »meine Lieblingsidee« eingehen mußte, von einer anonymen Zeitschrift, die deutschen Jahrbücher, einige Probehefte zu drucken. Ich hatte mich über dies kecke Unternehmen, um durchaus nur mit einem kleinen Häuflein Gleichgesinnter zu beginnen, mit Niemandem benommen als mit meinem Collegen Dr. Baumstark, der später in Eldena-Greifswalde eine angesehene Stellung einnahm, und mit Bercht in Frankfurt, der sein Versprechen eifrig mitzuarbeiten nicht hielt, obwohl er mit Frende auf den Plan der »neuen Literaturbriefe« einging, die, wie er schrieb, den Philistern den Pelz waschen und sie recht ordentlich naß machen sollten. Die Zeitschrift sollte, wie die Ankündigung sagte, aus der Zahl der bestehenden Journale in Stoff und Form, aus ihrer herkömmlichen Charakterlosigkeit durch eine feste, grundsätzliche Haltung heraustreten. Sie sollte der strengen und ernsten Wissenschaft, dem unveräußerlichen Eigenthum der Deutschen, gewidmet, von aller speculativen Philosophie aber und zunftmäßigen Gelehrsamkeit abgekehrt sein; sie sollte lauschen auf die Mahnungen ces Vaterlandes, in dem ein neues, ungeduldiges Interesse an dem politischen Leben erwacht sei, auf die Bedürfnisse der Gegenwart, die aus Fremde, aus Alterthum, aus aller vagen Allgemeinheit in den Wissenschaften zurückrufe; sie sollte daher sich zuwenden allen Lesern, die das Leben nicht von dem Wissen, das Wissen nicht von dem Leben getrennt sehen wollten, und aller lebenvollen schriftstellerischen Wirksamkeit, welche die Einsicht in die Lage der Welt und das Verständniß der Zeit zu fördern geeignet sei und die Wissenschaft mit den dringenden Forderungen der Gegenwart in Einklang zu bringen verstehe. Es war eine gleichmäßige Kriegserklärung gegen das junge Geschlecht »mit der Welt unversöhnter, mit Idealen oder Phantomen ringender Leute«, die neuen Apostel der Freiheit, die gegen alles Bestehende negirend anfochten, wie gegen die Dunkelmänner der Gelehrtenwelt, die in altem Herkommen,[291] in sterilen Stoffsammlungen, in unfruchtbaren Theorien befangen blieben; gegen literarischen Jacobinismus wie gegen gelehrtes Kastenwesen und Schuldespotie; gegen die Romantik, die in Kunst und Wissenschaft die Schranken alles Volksthümlichen übersprang, wie gegen die reine, absolute Wissenschaftlichkeit, die einen Niebuhr dem Leben so entfremdete, daß ihn die Julirevolution völlig aus seinem inneren Gleichgewichte geworfen hatte, wie einst Göthe die Revolution von 1789. In einem vollen Gegensatze hierzu, in einem vollen Einverständnisse mit der Bewegung von 1830 war die politische Tendenz der Jahrbücher dahin bezeichnet, daß sie für die besonnene Wiederaufnahme der gesunden Ideen der französischen Umwälzung eintreten sollten, nachdem die Versuche sie alle, die heilsamen wie die verderblichen, abzudämmen gescheitert waren. Unter meinen Beiträgen ist in dem Aufsatze über Universitätsreform die praktische Tendenz am unmittelbarsten zu erkennen, in dem Gegenstande an sich wie in dem Grundgedanken, den ich noch heute festhalten würde. Als Kern der inneren Verbesserungen, auf die der allgemeine Ruf drang, ward gemeinhin die Forderung strengerer Wissenschaftlichkeit gestellt unter heftigem Aneifern gegen das einseitige, nüchterne Brodstudium; dem war hier Rechnung getragen in dem Antrag auf Gründung von Zwischenschulen zwischen Gymnasien und Universitäten, welche, die allgemeine Ausbildung fördernd, zugleich den Studirenden zur freien, bewußten Wahl seines Berufes anleiten sollten, wogegen dann auf den Hochschulen die gewählte Wissenschaft nur um so praktischer und fachmäßiger betrieben werden sollte. Noch sprechender für meinen persönlichen Rücktritt aus der reinen, sich selbst genügenden zu der praktischer bezogenen Wissenschaft ist meine Beurtheilung der Politik von Dahlmann (in den lit. Unterhaltungsblättern. 1836), in der ich im Eingang meine eigenen Gedanken von einer geschichtsphilosophisch begründeten Politik angab, aber mit dem ausgesprochenen Beifall, daß Dahlmann in seinem Werke, das schon auf dem Titel den strengen Bezug auf die[292] gegebenen Verhältnisse ankündigte, jenes Weges nicht gegangen war. Diese Recension war indessen erst druckfertig geworden, als die Jahrbücher bereits wieder aufgegeben waren. Das Unternehmen hatte keinen Fortgang. Ich selbst war in umfangreichen Arbeiten begriffen, die alle Zeit und Kraft in Anspruch nahmen; die Mitarbeiter aber blieben aus, und daran mag ein Aufsatz über Börne die Hauptschuld getragen haben, der ein Stoß in das Wespennest des jungen Deutschlands war und die ganze schreibende Jugend zurückschrecken mußte, die sich bald nachher um eine gleichbenannte Zeitschrift von tumultuarischerem Charakter versammelte, und aus der uns die geordneteren Köpfe zur Fortführung der Jahrbücher unentbehrlich gewesen wären. Für die doppelseitige Stellung der Blätter wäre jener Aufsatz (der im Alter von kaum 30 J. ganz in dem gleichen Sinne geschrieben war, in dem ich mit mehr als 60 J. in dem 8. Bande des 19. Jahrhunderts die Vorläufer der revolutionären Literatur der 30er Jahre beurtheilte) besonders charakteristisch geworden, wenn die nothwendigen Gegenstücke dazu erschienen wären. In dem Aufsatz über Universitätsreform war in einer längeren Auslassung über die Karlsbader Politik gegen den Obscurantismus der Regierungen entschiedenere Stellung genommen, als in dem Abdruck zu erkennen ist; denn die Stelle war größtentheils gestrichen worden. Eine beabsichtigte Sammlung politischer Xenien aber, die uns der jungen Literatur nahe genug gerückt hätte, kam während der kurzen Existenz der Zeitschrift nicht zu Stande und blieb nachher verzettelt liegen. Amazon.de Widgets Diese Xenien, ganz von dem Geiste der Julirevolution gezeugt und genährt, waren eine Collectivarbeit, für die mehrere junge Freunde die Beiträge steuerten, welche in jenen Jahren mit mir zusammen lebten und strebten. Ein junger Berner, v. Manuel, von patricischer Abstammung, aber von früh auf den aristokratischen Ordnungen abgeneigt und schon auf der Schule in poetischer Satire gegen ihre Misbräuche geübt, war der erste unter ihnen. Er war[293] zu einer solchen praktischen Poesie ganz wie geschaffen; denn er war dem thätigen Leben, dem staatlichen Treiben mit aller Theilnahme zugekehrt, aber ohne viel Eifer selbst mitzuthun; dagegen stets voll wohllaunigen Muthwillens, es mit scharfen Sinnen zu kritisiren. Fär die Gesundheit seiner Urtheile, für eine klassische Form ihrer Fassung ging er in die trefflichsten Schulen. Er war ein Leser von unersättlicher Begierde. aber dabei von ganz epikureischem Feingeschmack; ein Grieche mit Leib und Seele schwelgte er in allen Klassikern des hellenischen Alterthums und streifte von da aus weiter in alle Meisterwerke der Rechtskunde, Politik und Geschichte unter Deutschen, Italienern, Engländern und Franzosen vorwärts in die mittleren und neueren Zeiten; er war in der Ausschließlichkeit, in der er dem Besten aller Literaturen zum Besten seiner eignen Ausbildung nachstrebte, ein raffinirter Egoist, und doch lebte er ganz in den Schicksalen der Welt und im besonderen seines Vaterlandes. So war er ganz vorgeschult, in meine politischhistorischen Ansichten von den Zeitverhältnissen einzutreten und selbst auf meine versteckteren Grillen einzugehen; er las meinen Machiavelli mit heller Freudebezeugung und hing mir bis in die spätesten Jahre freundschaftlich an, noch oft in seinen Briefen der Heidelberger Punschabende gedenkend, wo ich ihm in angeregtem Austausche »welthistorische Parabeln und Cirkel zeichnete«. ? Nach ihm kam im Herbst 1834 Georg Beseler nach Heidelberg, damals wie sein Bruder Wilhelm ein begeisterter Anhänger Lornsen's und der Unabhängigkeitsbestrebungen der Schleswig-Holsteiner. Schon ein Jahr später verließ er Heidelberg wieder, einem Rufe nach Basel folgend: die kurze Zeit aber reiste die innigste Freundschaft zwischen uns zwei jungen Menschen, die sich seltsam überrascht bei ihren Unterredungen überall auf den gleichen sittlichen und politischen Gesinnungen, gelegentlich wohl mit den gleichen gleichzeitig ausgestoßenen Ausdrücken begegneten. Er war mir von Dahlmann's geschickt und wie auf die Seele gebunden, die mir von ihm in[294] Ausdrücken der wärmsten Liebe schrieben, denen Er wieder von mir als dem lange vergebens gesuchten Freunde schrieb, mit dem ihn eine seltene Uebereinstimmung der Neigungen und Gedanken rasch verknotet habe. Entschiedener Freisinn bei einer ausgesprochenen Richtung auf das Positive, die selbstlose Denkart, in der er nur den kleinsten Theil in uns unser eigen nannte, da er uns im Dienste eines mächtigen Gebieters, des Vaterlandes, stehen sah, das die ganze Kraft unserer Seele für seine Noth in Anspruch nahm, die frische, wohlgemuthe Naturart voll Zuversicht, das alles rückte ihn mir augenblick (ich, nicht am wenigsten in Beziehung auf das politische Sinnen und Trachten, ganz nahe und machte ihn auch gleich bereit, zu den Xenien seine Contingente zu stellen, die ich zum Theile noch in den Händen habe. Der Gedanke zu dem Werke, das »seine erste That« sein sollte, zu einer Kritik der deutschen Jurisprudenz, zu einer Hinweisung auf die Mittel und Wege, der Nation zu einem natürlichen Rechtszustande zu helfen (Volksrecht und Juristenrecht. Leipzig 1843), sprang schon damals während unseres Verkehres in Heidelberg in ihm auf. ? Zu uns beiden stieß dann noch Karl Hegel, an dem wir, nicht für die Xenien, auch nicht für unsere politischen, wohl aber für unsere historischen Tendenzen eine erwünschteste, werthvolle Eroberung machten. Er kam nach Heidelberg, Theologie zu studiren, in Wahrheit aber die Philosophie, in die er unter seines Vaters unmittelbarer Anleitung eingeweiht war. weiter zu pflegen. Am Mittagstische im Museum war ich eine Weile sein Nachbar; eine nähere Bekanntschaft entspann sich; er fand sich in unseren Unterhaltungen von dem Gegensätzlichen in meiner geschichtlichen, in seiner philosophischen Weise Welt und Wissenschaft zu fassen gestoßen, aber angezogen; bald konnte ich merken, wie er anfing Feuer zu fangen, wie hinter seinen Widersprüchen oft die Absicht erkennbar ward, sich seine herkömmlichen Ansichten vom Halse zu schaffen und mit den unsrigen zu tauschen; in meinem Rücken nahm er Partei für mich, wo er[295] mir ins Gesicht sie gegen mich hielt. Er lernte Schlosser kennen, dessen Universalgeschichte er mit Spannung las, dessen Vorträge er mit Bewunderung hörte, dessen starke, reiche Persönlichkeit, dessen gediegener, fester Charakter, dessen reines, edles Gemüth ihn im häuslichen Verkehre, in der privaten Lectüre des Dante immer inniger fesselten; seine Anerkennung dieses Mannes ward noch überzeugter, als er später in Berlin bei Ranke »alles mögliche Volk um die Geschichte wie um eine schlechte Dirne buhlen«, und von dem Lehrer »junge Fachhistoriker in die Kenntniß der Quellen mittelalterlicher Geschichte einweihen sah, mit der sie dann das Zeug zum Geschichtschreiber zu besitzen meinten«; denn Er hatte durch Schlosser und die antiken Historiker höhere Begriffe von Geschichte fassen gelernt, so hohe, daß er sogar, der Sohn dieses Vaters, trotz allem Widerstreben unserer Ueberzeugung ward, es sei die Philosophie für uns nicht an der Zeit, und daß er, sobald er diese Ueberzeugung gewonnen, sich dann ganz in das Studium der Menschheitsgeschichte warf, um, so schrieb er mir aus Berlin bald nach seinem Weggang aus Heidelberg, »um das für unsere Zeit Nothwendige und Thunliche einsehen zu lernen«. ? In einem so lebendig anregenden Umgange nun erklärt man sich leicht, wie wir auf den kecken Gedanken fielen, in die neue Stauung und Stockang des politischen Lebens mit unserer beulensammlung eine Leuchtkugel, vielleicht eine kleine Brandfackel zu werfen. Allein die Zerstreuung der Personen an verschiedene Orte, auf verschiedene andere, anstrengende Thätigkeiten vereitelte die Absicht. Aus den mir angehörigen benien haben zwei Gruppen, das Beste wohl, was sich darunter findet, den Weg in die Oeffentlichkeit gefunden (Gervinus und seine politischen Ueberzeugungen. Leipzig 1853. Seite 20 ff.). Ich lasse auch sie hier im Anhang (IV) dieses Bandes als eine Probe abdrucken; die ungesichtete Masse der übrigen, z. Th. nur roh hingeworfenen Epigramme verdient keine Erhaltung. Die Zweiseitigkeit und Zweischneidigkeit unserer Tendenzen ist auch in diesen Xenienproben[296] zu erkennen wie in meinen Aufsätzen in den deutschen Jahrbüchern und den Blättern für lit. Unterhaltung, die in meinen kleinen historischen Schriften (Leipzig 1838) gesammelt dem Publicum vorliegen. Bei einer so eifrigen Hingabe an die öffentlichen Dinge, sollte man nun denken, wäre mir nahe gelegen, ich hätte meine schriftstellerische und lehrende Thätigkeit irgendwie in voller und bewußter Ueberlegung auf die rein politische Bahn gelenkt. Aber das war in jenen Jahren doch schwerer, als man meint. Der Rücksturz aus dem kurzen Anfall von politischem Bestreben in Deutschland in die Lethargie war bereits wieder erfolgt; man schrieb und schrieb aufs neue; die revolutionäre Einwirkung der Juli-Bewegung von 1830 auf die deutsche Literatur war mit den Händen zu greifen und in voller Fortwirkung begriffen, ihr Einfluß aber auf das politische Leben wich seit 1833 wieder der Reaction; so war nichts natürlicher, als daß ich mit der zweifelnden Zeit selber zweifelhaft wurde. Die Folge war, daß ich bei der Entscheidung über die erste größere Arbeit, die ich unternahm, den Zufall walten ließ. Wie vielmal mögen unter Großen und Kleinen die Lebenswege auf solche Weise bestimmt worden sein! wenn doch selbst ein Göthe zu jenem Messerwurfe griff, als er sich zwischen den bildenden und redenden Künsten nicht zu entscheiden wußte! Wilhelm Engelmann, der als Geschäftsführer der Varrentrapp'schen Buchhandlung den Band über Machiavelli und die Aragonische Geschichte gedruckt hatte, hatte mir Mitte Juni 1833 schon den brieflichen Antrag gemacht, den er bald nachher persönlich in Heidelberg wiederholte, ihm meine nächste Arbeit in eignen Verlag zu geben, da er im Begriff war in Leipzig das elterliche Geschäft zu übernehmen. Ich war das zufrieden und gab ihm die Wahl unter drei Gegenständen, zwischen welchen ich schwankte. Der erste war eine kurzgefaßte Geschichte der europäischen Staaten nach dem oben erwähnten Plane, die ganz im Dienste der strengen historischen Wissenschaft wäre geschrieben gewesen. Der zweite war[297] die gleichfalls schon oben berührte Politik auf geschichtlicher Grundlage, deren Entwurf ich wenig später in der Anzeige von Dahlmann's Politik dahin angab: aus der ungeheueren Summe der flüchtigen geschichtlichen Erscheinungen das Gesetzliche und Allgemeine heraus zu greifen, aus den Staaten den Staat zu erklären, ein politisches System aufzustellen, das gleichbedeutend mit einer Geschichte des Staates und zu einer Philosophie der Geschichte der nöthigste Grundstein sein sollte. Der dritte Gegenstand, über den ich in Heidelberg mehrmals las, war eine Geschichte der deutschen Dichtung. Das letztere Werk warf mich vor den anderen in die unmittelbare Gegenwart hinein, die bereits ganz wieder von der Politik in die Literatur hinübergelenkt war; dies war es wohl, was den Verleger für dieses Erbieten am geneigtesten machte. Mich selbst zog der Gegenstand von allen möglichen Seiten an. Er warf mich mitten in die Welt der Poesie hinein, die immer so viel Anziehungskraft auf mich übte; die Aufgabe war die des Geschichtschreibers, der aber doch in Materie und Methode sich die Verbindung mit den beiden nachbarlichen Disciplinen offen halten konnte, die ihn nicht losließen; es war ein höchst nationaler Stoff, der in sich durch die Vollendung unserer klassischen Dichtungsperiode geschichtlich vollkommen abgeschlossen war; selbst die politischen Zwecke, die mir vorschwebten, waren mit dem scheinbar unverträglichen Gegenstande keineswegs unvereinbar. Ich schrieb das Werk von vorn herein in der Tendenz, den Deutschen zu zeigen, daß alle ächten Lorbeeren, die sie auf dem Felde der Dichtung zu pflücken hatten, vorläufig eingethan seien; ich schrieb die erste Zeile mit der Aussicht auf das letzte Blatt des Werkes; denn grade die gewaltsamen Zuckungen unserer Literatur in Folge der neuen politischen Reaction, die Zerrissenheit der Geister, die Untergrabung der alten guten Sitte und Wissenschaft überzeugten mich täglich mehr, daß auch die Zeit der guten alten Kunst vorüber war, wenn auch die Zeit der staatlichen Entwickmugen in Deutschland noch so weit[298] ausstehen sollte. Daß ich mich für die politisch-patriotischen Zwecke, die mich so stark bewegten, mit der Wahl dieses Stoffes auf einen weiten Umweg begab, das wußte ich sehr wohl; der Gang der öffentlichen Dinge bewies aber, in wie richtigem Takt ich voraussah, es werde damit nichts wesentliches versäumt sein; ich hatte das deutliche Gefühl, daß die negativen Richtungen, die unsere politische Existenz verzögerten, mit keinen zu umständlichen Anstalten bekämpft werden könnten. Ich wußte auch, daß ich mit einer so kolossalen Unternehmung den Plan meines Lebens schon in so jungen Jahren gleichsam abschlösse; und ? der Schüler jenes Schlosser, der selbst bei seinen trockenen historischen Werken wie ein Poet stets an eine Art Inspiration glaubte ? hatte ich sogar die Empfindung, daß es unnatürlich sein möchte, in solcher Jugend ein großes wissenschaftliches Werk aus so bewußter Absicht zu entwerfen und ein ganzes Leben im Voraus wie systematisch zu bestimmen. Aber was den ersten Punct betrifft, so hatte ich mir aus Machiavelli's Weise abstrahirt, daß, wenn zwar für den Dichter das Brechen vom Baume der Erkenntniß ein lebensgefährliches Wagniß, ein Narcissus-Tod sein möchte, der Ful doch anders ist bei dem Historiker, der den Verlust des Paradieses um diesen Preis ertragen muß. Und was den zweiten Punct angeht, so trifft es sich glücklich, daß ich ihn mit einer Stelle erörtern kann, die ich in jener Zeit in einem vorübergehend geführten Notizenbuch niedergeschrieben habe. »Ich selbst, so lautet sie, würde vor einem so schematisch angelegten Leben schaudern, wenn ich nicht aufs tiefste empfände, daß, wie sicher mich die Sterne leiten, wie fest mich der Compaß weist, wie stark ich das Steuer zu halten glaube, ich doch auf dem Meere der Dinge schwimme, allen Winden und Wellen preisgegeben. Ich werde mich gegen keine eigenwillig stemmen, ich hänge an keinem Porte mit Eigensinn, ich lasse mich dahin werfen, wohin der Zug des kosmischen Zwanges geht. Und wenn es der ewigen Vorsicht gefällt, das Fahrzeug früher zu brechen, ehe es zu der einen oder[299] der anderen Zielstätte gelangt ist, so schwinde ich mit der innigen Ueberzeugung, daß es so das Beste ist, wie sie will, nicht wie ich will.« 
 Meine liebe Victorie!  Ich komme in diesen späten Jahren denn doch noch dazu, ein altes Versprechen zu halten, das ich dir einst gegeben habe: dir die Geschichte ? nicht sowohl meines ganzen Lebens niederzuschreiben (das ja damals noch im Werden war), aber doch, was das Wesentliche und fast Genügende ist, dir die Geschichte meiner Ausbildung zu erzählen. Es war die Meinung Cellini's (denke ich), daß man zu diesem Geschäfte nicht vor dem vierzigsten Jahre schreiten sollte; ich erinnere mich damals des Sinnes gewesen zu sein, daß man es eigentlich nicht später thun dürfe, damit es in der vollen Kraft des Geistes, möglichst in dem Momente geschehe, wo der Entwurf des eigenen Lebens geschlossen ist. Mit Recht empfand Niebuhr immer Wehmuth dabei, wenn Jemand sein Leben beschrieb, da es gewöhnlich erst geschieht, wenn schon der Abend hereinbricht, da der bloße Entschluß, sich auf die eigne Vergangenheit zu kehren, der Beweis ist, daß man für Gegenwart und Zukunft verloren ist und »mit ganzer Wurzel nicht mehr lebt«. Ich selbst, indem ich Hand an diese Arbeit lege, bin von diesem wehmüthigen Gefühle ganz durchdrungen. Gleichwohl aber liegt die Abneigung, sich der Erinnerung des Vergangenen hinzugeben, so lange man noch das Künftige im größeren Umfang zu erleben hoffen darf, allzusehr in der Natur der Sache, als daß man sich[9] von jenem Gefühle und von dem Bedenken, das ihm zu Grunde liegt, sollte zurückhalten lassen, noch in den schlimmeren Jahren diese autobiographische Aufgabe nachzuhwlen, wenn sie denn in den besseren versäumt worden ist. Mir im Besonderen, in meinem historischen Amte, hat es immer scheinen wollen, daß mir diese Aufgabe nicht sowohl als eine willkürliche Wahl vor liege, als vielmehr wie eine Art Berufspflicht ob liege. Denn neben jener strengen Lessing'schen Ansicht, daß eigentlich nur der Geschichtschreiber seiner Zeit den Namen des Historikers ansprechen dürfe, dünkte mir von jeher die andere Forderung noch richtiger, daß der Geschichtschreiber seine Befähigung in der Erzählung seines eigenen Lebens bewähre. »Zu Geschichtforschern, sagt Hippel, zu Auslegern des menschlichen Geistes, zu Seelengelehrten, zu Sehern gehört Studium seiner selbst, und schon in dieser Rücksicht ist sich selbst zu kennen eine große Lehre. Nur der Geschichtschreiber, der diese Salbung empfing, weiß die Reihe der Dinge zu übersehen und Ursache und Wirkung unter Einen Hut zu bringen.« Denn wie sollte auch über Geschichte urtheilen können, der nicht selbst an sich selber Geschichte erlebt hat? Und wo wäre in der Geschichtschreibung eine größere Vollkommenheit denkbar, als in der Beschreibung des Eigenlebens, wo der, der die Dinge selber und in ihrem ganzen Umfange erlebt hat, sie selber erzählt? Man sagt zwar, es sei viel schwerer, sich selber als Andere zu beobachten und zu kennen. Davon ist nur wahr, daß man später und unwilliger und gemeinhin gar nicht zur Selbstbeobachtung gelangt, daß es wie für das physische Auge einer Veranstaltung, einer Vermittlung, eines Willens bedarf sich selber zu sehen, wo wir äußere, fremde Dinge ganz unwillkürlich beobachten. Aber hat man einmal den vermittelnden Spiegel ergriffen, und ist es der[10] ungetrübte, der hell geschliffene Spiegel der Wahrheit, in dem wir uns selbst zu erkennen bemühen, so ruht nun auch der Gegenstand ganz nach unserem Willen fest, weit anders als die vorüberfliegenden fremden Dinge, über die wir nicht gebieten können, und es ist uns die Möglichkeit einer weit vollkommeneren Untersuchung gegeben. Die Selbstverständniß müßte unter dieser Voraussetzung selbstverstanden das Leichteste sein, was ein denkender Mensch erreichen kann, die eigne Geschichte die treueste, die allein allverlässige, die ein Geschichtschreiber erzählen kann. Die Wechselbeziehungen der öffentlichen Geschichte im Großen zu irgend einem ihrer Theile darzustellen, wo könnte dies sicherer geschehen, als wo dieser Theil in des Darstellers Persönlichkeit liegt? Idee, Entwurf und Zweck irgend Eines Stückes der Geschichte, wie sollten sie fester und bestimmter zu ergreifen sein, als an dem eignen Stück Geschichte, das man durchlebt hat? Die Verkettung des Eigenwillens und Wirkens mit den unsichtbaren Mächten, die unser Leben überherrschen, die so besonders erkennbar in unserer Jugend bei dem Aufschreiten der Kräfte in wohlthätiger Vorsicht über uns wachen und selbst das Uebelste zum Besten kehren, wo wäre ihren verknoteten Fäden weiter zu folgen als in dem eignen Leben? Jene verborgene Göttin, das Kind der Nacht, die strafende Nemesis, die auf jede unserer Ausschreitungen lauert, wo sollten ihre dunklen Spuren besser erkannt werden können, als in dem eignen Schicksal? Jener Offenbarung, die aus aller Geschichte spricht, die sich zu der prophwilschen wie Gesetz zu Willkür, wie Regel zur Ausnahme verhält, wo wäre ihr besser zu lauschen als in den Prüfungen der eignen Geschicke? Zu den verschlungenen Räthseln irgend Eines Menschenlebens das gewisse Lösungswort zu finden, die Fackel des klaren Bewußtseins in das Dunkel Einer Seelen-, Geistes- und Charakterentwicklung zu tragen, wo[11] könnte es möglich sein, wenn es nicht an der eigensten Erfahrung an uns selber am möglichsten wäre? Amazon.de Widgets Ich kündige, siehst du, übermüthig die stärksten Karten an, und fordere so auf, desto stärker auf mein Spiel zu achten. Auch trage ich mich mit dem Selbstgefühl, daß wenige Menschen zu so genauer Selbsterkenntniß gelangt sind und so frühe auf dem Wege waren wie ich, in einem bewußten Lebenszwecke zu arbeiten. Ich habe wechselnd mit wißbegierigem Auge in die fremde Natur und in die eigne geblickt und so für Beides den Sinn zu schärfen gesucht: nur so ist es mir möglich geworden, in den fremden Geist, in einen so labyrinthischen selbst wie Shakespeare's mit sicherem Faden zuversichtlickh einzugehen wie in den eignen, den eignen aber mit der Unbefangenheit zu betrachten wie den fremdesten. Ist nun aber (diese selbstbelobenden Worte allein könnten es fürchten machen!) bei dieser Bildaufnahme aus dem Spiegel keine Gefahr der Selbstbespiegelung zu besorgen? Die Aufgabe jeder Biographie ist, den Menschen in seinem Verhältnisse zu der Zeitgeschichte darzustellen, in dem Einklang und Misklang, in dem er sich zu ihr fühlt, in den hemmenden und fördernden Momenten, die sie zu seiner Entwicklung steuerte. In der Betrachtung dieses Verhältnisses behält die Eigenliebe nur wenigen Raum: das Einzelwesen schrumpft gar so sehr zusammen, wenn es an Zeit. und Volk und Menschheit Alles abgegeben hat, was ihnen gehörte. Ein Autobiograph könnte aus Eitelkeit versucht sein, von dem großen Weltleben der Zeitgeschichte mehr, als gerechtfertigt ist, zu seinem Einzelleben heranzuziehwn, um ihm dadurch einen tieferen Hintergrund zu geben; da ich die Geschichte des 19. Jahrhunderts in abgetrennter Behandlung zu bearbeiten beschäftigt bin, so fällt auch diese Gefahr für mich weg. Meine Erzählung braucht auf keine Episoden abzuschweifen, als auf die[12] Schilderung einzelner Persönlichekeiten, die einen vorwiegenden Einfluß auf meine Bildung und Schicksale genabt haben, und auf einzelne Gegenstände, die für die Muße meines häuslichen Lebens von besonderer Bedeutung waren. Und wenn nun dies die Betrachtung wieder ausschließlicher auf meine Person zurückschränkte, so hoffe ich doch den Ton der Bescheidenheit schon durch den bloßen Ernst und den graden historischen Zweck der Erzänlung nicht zu verfehlen. Ich weiß an mir nichts so Schönes, das mich zum Selbstbeäugeln verlocken möchte, und nichts so Häßliches, das mich zu der Eitelkeit der Consessionenschreibwr verführen könnte, mit der Wahrhaftigkeit einer Beichte zu prunken. Meine Lebensbeschreibung wird keine Bekenntnißschrift und kein Roman, und nicht Dichtung und Wahrheit sein, sondern plane, einfache Geschichte. Der Biograph sei sicher gestellt vor den sittlichen Gefahren, die in seiner Selbstbeschäftigung gelegen sind: ist es dann aber, der äußeren Welt gegenüber, geratiwn, das Geheimste und Heiligste unseres Lebens, das nur Gott und wir zu kennen brauchen, hinaus und jedem Teuren Preis zu geben? Aber dem Menschen, der einmal in irgend einer Weise doch an die Oeffentlichkeit gezogen ward, geht die engherzige Sprödigkeit mit den Geheimnissen seiner Personalien nur allzubald verloren. Es ist verzeinlich, wenn er lieber ganz als halb gekannt sein möchte. Ein einziges Heiligtimm gibt es, meine Victorie, in dieser Lebensbeschreibung: die Geschichte unserer Verbindung, die Erzählung jener innersten Herzensgeheimnisse, die nur von Seele zu Seele gelebt sein sollten, was mir schwer wird, mit dem Anderen auf die Straße zu werfen, wo man nicht weiß, wer es aufhebt. Und doch gehört es so wesentlich zu dem Gemälde dieser seltsamen Persönlichkeit, die dem Einen als ein gelehrter Pedant und dem[13] Anderen als ein leidenschaftlicher, neuerungssüchtiger Mann des Umsturzes gilt, zu zeigen, daß er weit edlere Güter kannte als Bücher, daß ihm Friede lieber als Krieg war, und daß er einen Herd besaß, an dem er der Stürme des öffentlichen Lebens lachen konnte. Wenn ich übrigens bis dahin vorgedrungen bin, so wirst dn diese Handschrift, die dein gehört, wohl im stummen Verschlusse des Pultes halten, bis nus Beide der Verschluß der Erde birgt. Dann mag es mit dem Uebrigen Eines Weges wandern, und es wird da und dort vielleicht eine Stätte finden, wo es uns in guten Herzen ein freundliches Andenken gründet. Heidelberg. Zu Weihnachten 1860. Dein G.[14] 
 Die Lehrjahre in der Wissenschaft.  [104] Es ist die wesentliche Aufgabe jeder Lebensbeschreibung irgend eines mit der Oeffentlichkeit in Berührung gekommenen Menschen, die wechselnden Einwirkungen darzulegen, durch welche Geburt und Anlage, Oertlichkeit und Familie auf der einen Seite, auf der anderen das Allgemeine, Zeitgeist und Volksleben, seinen Charakter und seine Bildung gestalten. In meiner Lebensgeschichte, für meinen endlich ergriffenen Beruf und meine gesammten Schicksale erscheint es von besonderer Bedeutung, daß, je weniger mir das Haus und die Schule von Jugend auf darbieten konnte, desto bestimmender die öffentlichen Verhältnisse in Cultur und Staatsleben für mich[104] werden sollten. Es ist nicht wohl verkennbar, wie starke Einflüsse die romantische Periode unserer Literatur auf mein frühestes Geistesleben geübt hat; wie diese Einflüsse schon in der Knabenzeit beitrugen, mich aus der Schule und dem einfach ebenen Wege der Jugendbildung herauszuwerfen; wie die poetischen Erzeugnisse dieser Zeit, die mir in ganzer Fälle zu Gebote standen, während meiner kaufmännischen Jahre sich in meinen eingetrockneten Geist in Masse einsogen wie in einen unersättlichen Schwamm. Diese Literaturepoche war nicht in jeder Hinsicht grade eine verderbliche Schule, weder für das Volksleben noch für das Einzelleben. Bot mir meine prosaische Alltagsexistenz die Mittel zur Beobachtung der menschlichen Individuen dar, so war die Einführung in die fremden Literaturen aller Welt ein vortreffliches Mittel zum Erwerbe jener Kenntniß von Völkern und Zeiten im Großen, die unsere deutsche Bildung so eigenthümlich auszeichnet, und die als Vorschule für einen Historiker so unerläßlich wie unschätzbar ist. Es kam nur darauf an, daß Volk und Individuum sich nicht selber über diesem Abschweifen in alle Fernen verlor, über der Vertiefung in anderer Nationen Art der eignen Natur nicht abtrünnig ward, über dem Versenken in unmündiger Zeiten phantastischen Geist nicht in den Vorstellungen von Bildung und Beruf, von Recht und Anforderung des heutigen Tages irre ging. In dem großen Verlauf der Zeitgeschichte ist es weiterhin das andrängende Bedürfniß des materiellen und politischen Lebens gewesen, was uns in Deutschland der Romantik wieder entzog; zuvor und zuerst war es die Wissenschaft, die uns nach allen Richtungen hin, in Philosophie, Geschichte, Alterthums- und Sprachkunde aus dem Chaos der romantischen Belletristik herausrang. Und auch in meinem kleinen Sonderleben sollte es so kommen; die Wissenschaft zuerst und hernach der Ernst der politischen Zeitverhältnisse waren es, die mich den vielfältigen und gefährlichen Verirrungen entzogen, in die mich der romantische Cultus gestürzt hatte.[105] So überraschend mir die Erlösung aus meinem Joche gekommen war, so war sie doch weit entfernt, sofort eine Lösung der Räthsel zu sein, die über meiner Zukunft lagen. Ueber all dem Wettlesen, dem Poetenspielen, dem Kunstgeländet, das mir während meines Geschäftslebens einen Theil des Tages, das mir jeden und jeden Abend kurzweilig vertrieben hatte, war mir eine ernste Beschäftigung mit dem Gedanken, was denn nach Ablauf meiner Verpflichtungen bei meinem Prinzipale aus mir werden sollte, in der Ferne geblieben. Mit Hessemer war die Frage langeher erörtert; er war ganz sicher, was da geschehen müsse, ich voller Schwanken, was da geschehen könne. Noch wenige Tage vor der Katastrophe hatte er mir (16. Oct.) aus Gießen geschrieben, er solle nun sicher mit fl. 800 Besoldung dort angestellt werden; da die Poesie nichts abwerfe, da man den Lorbeer nicht essen könne, so müsse er diese Stelle begreiflich annehmen: ob ich ihren Ertrag mit ihm theilen, in Gießen mit ihm zusammenlebend studiren wolle? »Um Gottes willen, sage gleich Ja, sonst werd ich ein Narr!« Und als nun gleich darauf der unvermuthete Riß in mein Leben gemacht ward, schrieb er (27. Oct.) im hellen Jubel: »Hurrah! Hurrah! und noch einmal Hurrah! endlich ists geschehen, und die Mine, an der wir so lange gegraben, ist gesprungen. Herzensjunge, wie soll ich dir meine Freude ausdrücken? könnte ich dich nur gleich an mein Herz! Also ist es gerissen, Waare und Alles? O vor Freude zittert mir Herz und Feder.« In demselben Feuer schrieb mir an demselben Tage Wilhelm Sell: So sei der Knoten denn zerrissen; ich solle gleich nach Heidelberg zu ihm kommen, da ich in Gießen als Landesangehöriger nicht sogleich ohne Prüfung könne aufgenommen werden. »Komm, ja komm! ich biete dir Platz in meiner Stube an; wir waren schon früher (als ich ihn zu Pfingsten besucht hatte) darin vergnügt und können es jetzt einen langen Winter hindurch von Herzen sein!« Die treuen Seelen! wer durfte sich solcher Freunde rühmen? Aber ich konnte ihren gutgemeinten Rathschlägen so rasch[106] nicht nachgeben; ich sprach ihnen von meinen Zweifeln an meinem Talente und ward dafür ein Kind gescholten. Ja so unvorbereitet hatte mich der Bruch überfallen, daß ich im ersten Augenblick meine Dienste einem Elberfelder Fabrikhaus anbot, von dessen Solidität ich mir durch die Briefe, die Waaren, die Reisenden, die dorther in unser Detailgeschäft gekommen waren, einen großen Begriff gebildet hatte. War dabei ein kleiner Trotz gegen meinen Prinzipal im Spiel? war es der Wunsch, mit meinem Vater Erörterungen zu ersparen? Am gewissesten war es meine innere Unsicherheit, die mich zu dem Schritte trieb: es war eine neue Orakelfrage wie die früheren, deren Beantwortung meiner Entschlußlosigkeit zu Hülfe kommen sollte. Während die Antwort auf sich warten ließ, trat mein Bruder, der sich mir von dieser Zeit an wie ein ächtester aufopfernder Freund zur Seite stellte, in Ueberlegung über meine Zukunft mit mir. Er forderte mich alles Ernstes auf. mich noch zum Studiren zu entschließen; mit dem Vater hatte er gesprochen; seinetwegen, hatte er erklärt, könne ich thun, was ich wolle. Die Mutter lebte auf in der Hoffnung, mich hinfort glücklicher zu sehen: fanden doch Alle gleich in den ersten Tagen mein Wesen freudig gehoben, meine Seele in einer wohlthuenden Ruhe; ein neugebornes Menschenkind nannte mich Karl Sell in seinen Briefen, nicht anders voraussetzend, als daß ich »den holden Musen wieder gegeben sei.« Zugleich drang Hessemer, der nun mehr als zuvor wie ein guter Genius neben mir stand, in größtem Ungestüm auf mich ein. »Höre, schrieb er (30. Oct), du darfst, kannst, willst, sollst, ich leids nicht daß du Kaufmann bleibst. Wenn du nicht kommst, drückst du mir ein Messer ins Herz. Und nun mit ruhigem Blute und mit kalten Ueberlegung gesprochen: der Teufel soll mich holen, wenn ich leide, daß du Kaufmann bleibst. Gerwin, wenn dir meine Freundschaft und Liebe auch nur das kleinste Werthchen gehabt hat, so bleibst du nicht Kauf mann.« Durch solche fortdauernde Anfälle wäre nun wohl selbst ein Entschlußloserer endlich bestimmt[107] worden. Auch schrieb ich ihm, entschlossen, dem Rufe zum Studium zu folgen, in dankerfülltem Briefe voll des besten Muthes: »Getragen was kommt, gethan was frommt.« Aber was denn nun eigentlich fromme zu thun, das war doch noch immer das schwerste zu sagen. Mich in diese neuen Lebensplane mit derselben leichtfüßigen Phantasterei wie in meine poetischen und histrionischen Grillen hineinzuwerfen, die zu einem Theile nur Spiele der Einbildung gewesen waren, dazu war ich nun doch zu reif geworden; ich war mir über alle Mängel meiner Bildung, alle Lücken meines Wissens viel zu klar, um mir nicht einzugestehen, daß ich zu keinem Studienzweig vorbereitet war. Für das Alles aber wußte Hessemer Rath. Auf den Weg des Fachs und Schlendrians, meinte er, wäre ich doch nie gekommen; ich solle mich auf Aesthetik und Kunstphilosophie werfen und mich zum Lehrer der Literatur und Literaturgeschichte bilden, wozu ich vorbereitet sei wie Niemand. Dies hieß nun wirklich eine Brücke schlagen von meinem bisherigen Leben in der Einbildung und der bloßen geistigen Empfängniß zu verständiger Thätigkeit, von Kunstspielerei zu ernster Wissenschaft. Und einmal in diese Richtung verständiger Planmäßigkeit gewiesen sollte ich dann allmälig, bedächtig, schrittweise, nicht sprungweise, in Achtsamkeit auf mich selbst, durch langsame Selbsterfahrung die Wege heraustasten lernen zu dem Berufe, für den ich mich endlich geschaffen fand. Gleich über das Nebelhafte, was noch immer in der ersten Bestimmung lag, wie sie mir Hessemer angab, half mir die bloße Vorbereitung zur Universität hinweg, so kurz und oberflächlich sie war. Die Schlußmonate des Jahres 1824 waren mir über meiner Unschlüssigkeit auch in ziemlicher Unthätigkeit vergangen. Nun aber sollte auf Ostern die Universität bezogen und eine Reifeprüfung bestanden werden; dazu sollte ich in 3?4 Monaten gerüstet stehen. Und obzwar mir nun Ehrgeiz und Pflichtgefühl hätten gebieten sollen, mich ganz in diese nächste Aufgabe zu versenken, so konnte ich doch mit allem Willen selbst in diesen Zeiten nicht von meinen[108] alten Gewohnheiten, meinen Lesereien hinweg. Ich finde in Briefen aus jenen Tagen, daß ich in diesen Monaten bis zum Abgang nach Gießen vier Werke von Jean Paul, Göthe's Leben und Iphigenie und Tasso, Arndt's Briefe, den Messias und die Hermannschlacht, daß ich im Maler Müller und Heinse, im Pfeffel und im Lucian, im Dante und Boccaz, im Ariost und Tasso gelesen habe! Es war eine Mischung von Leichtsinn und Fleiß, die mir gleichwohl durch meine Prüfung hindurchhalf. In Geschichte und Geographie wollte ich es auf meine Erinnerungen ankommen lassen; in der Arithmetik dachte ich auf meine kaufmännische Praxis zu pochen, für Geometrie mich zu entschuldigen. Im Latein meinte ich ebenso mich auf meine Schulkenntnisse verlassen zu können und las nur einiges im Cicero für mich und nahm mit Geilfus in den Weihnacht- und Osterferien den Horaz vor. Im Griechischen nahm ich bei Dr. Wagner, dem Schwager meines Wilhelm Sell, Privatunterricht. Die alte Last an der Sprache erwachte im Augenblick. In höchstens dreimal 16 Stunden las ich an der Hand der Grammatik einige Abschnitte im Jacobs, ein Buch im Thukydides und eins oder zwei Stücke von Svphokles mit ihm. So ausgerüstet gürtete ich mich zu der Fahrt nach Gießen. Bei Beckers nahm ich am Abend vor der Abreise bitter-süßen Abschied: es war die Trennung von guten Freunden und einem anziehenden Verkehre; es war mehr: es war die Trennung von meiner Vergangenheit, von den Gaukelspielen meiner liebsten Jugendträume. Zu Hause wartete meiner dann noch ein unvermutheter Abschied von ungemischter Bitterkeit: er war wie eine Mahnung an den Ernst der kommenden Zeit. Mein Vater hatte mich alle die Zeit schweigend gewähren lassen, und ich ihn Ich hätte ihm billig einmal ein Wort über die Veränderung in meinem Leben gönnen sollen; es mochte ihn geärgert haben, daß es nicht geschah. Er bereitete mir noch Abends spät eine der früher nicht selten erlebten Scenen, wo er einen verhaltenen Groll zu ergießen hatte; es war aber die letzte. Er sprach in herber und[109] heftiger Weise seine Zweifel an meinen Befähigungen, seine Befürchtungen aus, daß es auf dem neuen Wege nicht anders als auf dem alten gehen, daß mir Ernst und Ausdauer versagen würden. Ich fiel aus der Widerrede bald in einen stummen Grimm über diesen bösen Vatersegen zu meinen neuen Bahnen. Der Wagen nach Gießen sollte Morgens sehr frühe abgehen. Ich blieb in trotziger Verstimmung aufsitzen, die Stunde zu erwarten. Da machte der Alte nach seiner Weise den begangenen Fehler gut. Auch Er blieb außer Bette und saß mit mir die Nachtstunden hin; Beide wechselten wir kein Wort. Beim Aufbruch drückte er mir stark und innig die Hand und sagte: »Adieu. Mache, daß ich Unrecht habe.« Der erste Anlauf gab ihm Unrecht. In Gießen bestand ich mein Maturitätsexamen ohne Schwierigkeit und trug den Namen eines guten Philologen davon. Es hatte dieser Aufmunterung nicht bedurft, um mir alle Freude an dem wieder aufgenommenen Studium des Alterthums zu beleben. Sie war schon unter meinen Stunden bei Wagner so groß geworden, daß ich den Schwindel mit Aesthetik u. dergl. bereits aufgegeben hatte und mich als Studiosen der Philologie einreihen ließ. Es war wunderbar, wie in dem Momente, wo ich mit festerem Fuße in mein neues Leben eintrat, die gesunde Seite meiner Natur empor schnellte, wie rasch ich der Krankhaftigkeit meiner bisherigen Zustände inne ward, wie eifrig ich sie abzuschütteln suchte. So heftig war eine Weile diese Reaction, daß man hätte finden können, es sei all das phantastische Traumleben bisher nur eine Antäuschung, eine unwillkürliche Schauspielerei gewesen: wenn nur nicht doch bald wieder, und auf lange hinaus, die alten, wunderlichen Hänge immer noch neue Keime getrieben, die alten Unarten auf neue Abwege zurückgeführt hätten. Gleichwohl in dem Ausgangspunkte zu meiner neuen Existenz war die Aenderung gleich so entschieden, daß sie doch trotz aller Rückfälle einen völligen Bruch mit meinem früheren Treiben, wie mit dem meines Freundes Hessemer,[110] ankündigte, an den ich jetzt zwar inniger gekettet, dem ich dankbarer verpflichtet war als je. Es war noch während meiner Kaufmannszeit gewesen, daß er mir aus Gießen Andeutungen über ein Mädchen aus seinen dortigen Kreisen schrieb, die ihm nicht gleichgültig schien, der Er nicht gleichgültig war; er lag mit sich selber im Streite, er schrieb leidend und gedrückt: er wolle dieser Liebe nicht nachhängen, weil er seine erste der Muse gewidmet habe, die er durch jene gefährdet finde. Auf dieses Halbdunkel antwortete ich in den ersten Tagen meiner Erlösung in nicht viel helleren Worten zwar, die aber doch den klaren Sinn ausdrückten, wie mir die alte Weise misfalle, in der wir unter unseren poetischen Phantasmagorien um jedes ernste Ergreifen des frischen Lebens gekommen seien. Mich peinige, schrieb ich, der schleichende Geist des Misbehagens in seinen Briefen; er zerquäle sich über dem Passivum amor, er möge um aller Grammatik willen zuerst das Activum conjugiren lernen; ich rief ihn von Idealen und Träumen überhaupt zu realen Entschlüssen zurück; ich sprach ein Pfui über die läppische Tändelei einer Poesie, deren belebendes Prinzip nur die Liebe sei, da die wahre Dichtung »ein höherer Beruf an die gesammte Menschheit binde«; ich schmähte über die Petrarken, die in ihren Nationen eine entnervende Gefühlsweise lieber geweckt als erstickt, im besten Falle eine Krankheit der Zeit in ihrer eigenen geschildert hätten. Zu Weihnachten 1821 schrieb mir Hessemer, die Freunde hätten in Gießen »das Wohl J. Paul's, Herder's und Jacobi's getrunken, in deren Reihe ich einst gehören möge«, zu einer Zeit, wo die ersten Regungen schon in mir erwachten, mich dieser Reihe grade zu entziehen. Als ich nachher in Gießen mit dem Freunde zusammen traf und mit ihm Stube an Stube wohnte, war uns mehr als je die Gelegenheit gegeben, unseren schwärmerischen Umgang fortzusetzen, unsere alten poetischen Rollen Vult und Walt noch weiter zu spielen. Auch thaten wir es; auch pflegten wir den Cultus J. Paul's immer fort und betrauerten noch den Dichter, als er im Spätherbste[111] 1825 starb, wie einen verlorenen Vater. Und dennoch, als ich im Sammer zuvor, in meinem ersten Studiensemester, den Titan gelesen, hatte ich mich schon da abwechselnd von Lebensmuth und Unmuth höchst unbehaglich bewegt gefühlt, ich hatte mich wirr und gedankenlos über dem Buche gefunden, hatte es mit getheiltem Urtheile hinweg gelegt. Bald konnte ich an Hessemer sagen, daß ich einer seiner Tanten Recht geben müßte, die, »unsre J. Paul'schen Schnörkel« nicht leiden könne. Ich fühlte die Neigung zu der profusen Hingabe an diesen Einen Führer aus mir schwinden und ich war es wohl zufrieden. Ich erkannte das Versenken in das innere, gefühlige Leben als eine schädliche Einseitigkeit und nannte es jetzt ein Verdienst, das äußere, volle Leben wie es ist zu achten, zu begreifen, zu erfassen, das man nicht bei Seite werfe, ohne aufzuhören ein Mensch zu sein. Ich wünschte, daß wir die belletristische Näscherei mit ernster Wissenschaft vertauschten; daß unsere Freundschaft ein stoischeres Prinzip an der Stelle des bisherigen weichlich epikureischen durchdringe; es wurde mir von Stunde zu Stunde unzweifelhafter, daß uns unser Liebling unter den Autoren in eine wüste Irre geleitet habe, und daß wir eines derberen, materielleren Wegweisers bedürften. Es sieht sich höchst wunderlich an, wie ich mich von dieser fest im Herzen hängenden Klette loszumachen, wie ich von dem Manne mich abzuthun rang, der mir zwischendurch noch immer als der Heiland erschien, dem ich in der trübseligen Kaufmannszeit allein zu danken hatte, ein Mensch geblieben zu sein. In diesem lange hinzögernden Kampfe bildete es eine Weile eine Art Vorbereitung zu dem völligen Bruch, daß ich mich mehr von J. Paul's ironisch-satirischer als seiner sentimentalen Ader fesseln ließ; es war die Seite seiner Romane, mit der er scheinbar wenigstens dem realistischen Leben näher stand, das ich misachtet hatte, als ich, in jugendlicher Schwärmerei befangen, mitten darin stand; das bei mir zu Ehren kam, als ich es zugleich mit dieser Schwärmerei verlassen hatte. Wenn jetzt Hessemer auf seinen Geschäftsreisen[112] entfernt war, schrieb ich ihm in unleidlich geschraubter Weise, den Scherzton der J. Paul'schen Humoristen affectirend, die närrischsten Briefe, die oft wie absichtlicher Unsinn oder wie eine rohe und ungeschickte Satire auf diese Manier anklangen. Er schrieb mir ganz treffend zurück, mein Humor kleide mich wie den Affen der Seiltanz; gleichwohl zog er selbst diesen Briefen gegenüber seine scherzende Schreibweise unwillkürlich ein, die dann zurückkehrte, wenn meine Briefe wieder vernünftiger klangen. »Mit wahrer Eitelkeit, schrieb ich ihm, bemerke ich, daß wenn mein Bart nicht mehr von Humor träuft, Dir der Kamm steigt. während Du zu anderer Zeit ganz verdutzt hinter den Schanzkörben des Ernstes stecktest.« Indessen tröstete ich ihn, daß er auf die Länge von diesen Bocksprüngen eines krampfig gezwungenen Witzes nicht zu leiden haben solle; denn der phantastische Humor jener Humoristen, der ungesunde Realismus jener Realisten J. Pauls verleidete mir in kürzester Frist. »Wenn ich wüßte, schrieb ich, wovon J. Pauls Schoppe seine Schoppen bezahlte, so wollte ich wohl in seine Art eingehen lustig zu sein.« Denn auf dieser Saite des realen Lebensprinzipes harften nun fortwährend alle meine Finger, und ich ward nicht müde, dem Freunde in diesem Tone aufzuspielen. In der seltsamsten Weise begann ich mit dem lebensgewandten Gesellen jetzt die Rollen zu tauschen, den ich vor Jahren in meine innere Vergrabung gezogen hatte, den ich jetzt wieder an das Tageslicht mitzureißen bemüht war. Ich gefiel mir, ihm einen anderen Ausspruch jener seinen Frau, seiner Tante, unter die Nase zu reiben, die, ihn mit (dem Göthischen) Tasso vergleichend, sagte: leider Gottes sei er kein Antonio. Und von meinem Vetter Georg Zöppritz, den ich noch vor kurzem seiner durchaus praktischen Natur wegen unserem idealen Verkehre nicht anpassend gefunden hatte, schrieb ich ihm jetzt: den wolle ich nun jedem Philosophen zeigen und sagen ecce homo! und ich bekannte mich für ihn von einer anstaunenden Achtung erfüllt. Auf eine briefliche Klage über seine schwindende Jugend[113] und Begeisterung predigte ich (25. Aug.) dem Freunde sehr altklug, daß er sich bald gewöhnen solle, die ruhige Mannesbegeisterung in sich aufzunehmen, sich auf den kühlen, fruchtbaren Herbst zu rüsten. der der Sommerhitze den Werth noch streitig mache; dort solle der Mensch die guten Werke aus den schönen Werken seiner Jugend reisen sehen; die Tugend sei ewiger als die Schönheit; der Herakles, der im Tempel des Zeus mit dem Gotte gerungen, sei herrlicher als der Schöpfer seiner herrlichsten Statue. Amazon.de Widgets Man sieht wohl aus allen diesen gelegentlichen Ergüssen, wie lebhaft ich von dem deutlichen Gefühle ergriffen war, daß ich ein jugendliches Phantasieleben, das dem Knabenalter natürlich ist und dort an der expansiven Natur aller Frühjugend sein natürliches Gegengewicht hat, überspannend und übertreibend in eine Zeit fortgeführt hatte, in der es entkräftigend auf Geist und Körper hatte einwirken müssen; ich sah die Stunde gekommen, aus dieser halb. träumenden Existenz herauszutreten, den Führer zu verlassen, der uns in ihr festgebannt hatte. Aus der Art, wie ich mich an Hessemer anklammerte, um ihn bei dieser Aenderung der Reiseroute mit mir zu ziehen, lese ich heraus, wie sehr ich das Bedürfniß nach einer neuen Stütze, nach einem anderen Lehrer, einem sicheren Wegweiser hatte. In Gießen fand ich keinen. Ein Lehrer der Geschichte, der mich wohl am leichtesten gefesselt hätte, war gar nicht da. Der tüchtigste Mann, den ich dort hörte, war der Physiker Schmidt; aber sein Fach, für das ich ohne jede Vorkenntniß war, lag allzu weit von mir ab. Unter den übrigen Professoren war Hillebrand der anziehendste, dessen philosophische Vorlesungen ich sämmtlich besuchte. Wie bei mir nichts verloren war, was eine anregende Kraft bewährte, so hatten diese Vorträge die Wirkung, daß ich neben ihnen auf eigene Hand Geschichte der Philosophie betrieb, daß ich nach alter Gewohnheit vom Aufnehmen rasch zum Produciren vorschritt, daß ich begann, mich mit einzelnen ethischen oder speculativen Aufgaben, sogar mit dem Umriß ganzer[114] Systeme abzuplagen, ja daß ich vorübergehend auf den Gedanken kam, mich ganz der Philosophie zu widmen. Zweier solcher Aufgaben erinnere ich mich, die mir in dem Jahre meines Gießener Aufenthaltes viel zu thun und zu denken gaben: sie waren beide von den Erfahrungen des eigenen inneren Lebens unmittelbar angeregt. Seit meinen neueren Zerwürfnissen mit dem Freunde Hessemer trieb es mich an, über das Wesen, den Grund und die Grenzen der Freundschaft nachzudenken. Ich las kopfschüttelnd Cicero de amicitia, ich las Jacobi's angepriesenen Woldemar und Allwill; ich ahnte, ich wußte, daß statt dieser Redensarten dieser mir theure Gegenstand eine stärker fundirte psychische und historische Behandlung verdiene und erlaube; ich schwankte zwischen einer Abhandlung und einem kleinen Drama »die Freunde«, in dem ich meine Gedanken zu einer Handlung verkörpern wollte, die in unseren inneren Erlebnissen ihre Wurzel ansetzen sollte. Tiefer aber als diese Materie bewegte mich gleichzeitig ein zweites Problem. Ich hatte in dem Umgang mit reiferen Freunden den naiven Religionsglauben meiner Frühjugend ohne jeden schweren Kampf mit den geläuterten Ansichten vertauscht, zu denen in unserem rationellen Confirmationsunterricht selber der Grund gelegt worden war. Geheimnisse und Wunder, Legende und Agende waren mir, nach Lessings Bild, das Gerüste für den Bau gewesen, das ich in heiterer Befriedigung abbrach, als das fertige Gebäude wohnlich stand. Denn daß mir der Kern des religiösen Sinnes (das Gefühl, daß Menschheit und Geschichte nicht ein bloßes Werk des Zufalls sind, sondern daß eine große, gesetzliche Ordnung das geistig-sittliche Reich zusammenbinde wie die Natur) nicht mit ienen Aeußerlichkeiten und Symbolen abhanden gekommen war, das sollte sich gleich nach meiner Uebersiedlung nach Gießen bei einem Erlebniß erprüfen, in dem ich mit Freund Hessemer in einen neuen Conflict gerieth. Ich war in Gießen auf einen alten, etwas ferneren Schulfreund gestoßen, einen selten begabten Menschen, der mich immer wie ein Nachwuchs aus den Hamann-Claudius'schen Zeiten[115] gemahnte; er hatte von Jugend auf mit harten Schicksalen zu ringen gehabt und war eben jetzt von einem neuen Ereigniß niedergeworfen, das ihn an Gott und Ewigkeit, an allem Hohen und Edlen verzweifeln ließ. Darüber hatte ich mit Hessemer, der aus dieser Gemüthsstimmung des gemeinsamen Bekannten weiter nichts machte, sehr ernste Auslassungen; ich glaubte da Abweichungen in unserer Denkart zu gewahren, mit denen mir eine wahrhaft fruchtbare Freundschaft kaum zu vereinigen schien. Ich sträubte mich heftig dagegen, daß mit dem oberflächlichen Bezweifeln aller ungreiflichen Dinge auch der große Zusammenhang der Menschheit geleugnet werden sollte; ich hielt ein ernstes menschliches Bestreben ohne den Glauben an einen Weltzweck nicht für möglich, weil der, der in den Erscheinungen der Welt nichts als ein Spiel des Zufalls sieht, in dem Ganzen fortschreitend zu leben und zu wirken als eine eitle Arbeit bald verschmähen wird. Man wird es begreiflich finden, daß ich, in dem Stande meiner ganz besonderen Lebenserfahrungen, in denen ich in so jungen und wenigen Jahren so seltsame Verwicklungen, so schwere Leiden erlebt hatte, die sich nun so natürlich, so glücklich zu lösen begannen, man wird es begreiflich finden, daß ich, in dem Stande meiner Jugend und meiner lebhaften Empfindung, in diesem Gedankensystem weiter sprang: daß ich in Sokrates' Spuren auch in dem Einzelleben der Menschen ein Walten individueller Vorsehung gewahrte; daß ich von ihr, die dem Weltganzen seinen Zweck anweise, auch annahm, sie weise ebenso dem einzelnen Menschen seine »Bestimmung« in diesem Ganzen an, die es ihm zukomme auszufinden; daß ich des Menschen Sein und Beruf angelegt dachte wie die Charaktere in dem Schauspiele eines Dichters. Diese Ansicht entstammte bei mir einer natürlichen Anlage, die menschlichen Dinge aus einem historischen Gesichtspunkte zu betrachten: denn aus ihm wird man immer geneigt sein, den Menschen als ein bloßes Werkzeug in der Hand der Vorsehung anzusehn und ihm die Aufgabe anzuweisen, diese untergeordnete Stellung[116] zugleich zu erkennen und zu erhöhen durch die Achtsamkeit auf das große Werk des Werkmeisters und seinen inneren Plan und Zusammenhang, damit die Nothwendigkeit in den Dingen für uns aufhöre Nothwendigkeit zu sein, wenn wir uns ihr in Freiheit fügen; damit die Gewalt aufhöre Gewalt zu sein, wenn wir sie als Gesetz erkennen. Man wird leicht sehen, daß mit diesem Glaubensbekenntnisse aufs innigste jene auffallende Neigung in mir zusammenhing, Orakelsprüche über meine Schritte entscheiden zu lassen, mein Schicksal lieber zu erleiden als selbstwirkend zu bilden. Ueber diesen meinen Bestimmungsglauben nun pflog ich mit Hessemer jene praktischen, mit W. Sell aber raisonnirende, mit mir selber systematisirende Erörterungen. Ich kann nur aus einem Briefe W. Sell's errathen, wie weit uns unsere Gedanken ungefähr leiteten. Er sah richtig durch, daß in der Annahme einer göttlichen Präscienz nothwendig eine Beschränkung der menschlichen Freiheit gelegen sei; aber er tröstete seinen Verstand mit dem Gefühle: daß wir in unserem Sein zwar einer höheren Leitung unterworfen, deßwegen aber in unserem Denken und Handlen noch nicht gebunden seien; daß der Mensch seine Naturanlage nicht austilgen, nicht in eine andere Natur verändern, wohl aber die gegebene veredeln; nicht die ihm gezogene Grenze aufheben, wohl aber erweitern könne. Und so mag auch ich damals auf dem Standpunkte haften geblieben sein, mich bei der Unbegreiflichkeit des Verhältnisses zwischen dem freien menschlichen Willen und der göttlichen Vorbestimmung mit dem Buffon'schen Satze zu trösten, daß eben alles absolut Unvergleichbare absolut unbegreiflich sei. Indessen war es eben diese Frage, die mich über meinen philosophischen Studien lebhaft beschäftigte, und über die ich gern schreibend mit meinen Gedanken ins Reine gekommen wäre. Ich kann nur sagen, daß es mir damals nicht gelang. Denn ich weiß, daß ich erst im folgenden Jahre in Heidelberg mit meinem Bestimmungsglauben als mit einer Schwäche brach, die mit meinem passiven, unfertigen Wesen jener Zeit[117] zusammenhing, in der ich (nach dem alten naiven Ausdrucke) Gott nur zu leiden gewohnt war, bis ich dann allmälig erst inne ward, daß dies doch nur ein einseitiger Theil der Lebensweisheit ist, daß ium in derselben naiven Vorstellungsweise des Mittelalters weiter zu reden; Gott doch nicht Alles für uns thun wolle, daß er nur Thier und Pflanze bis zum Ziel ihrer Bestimmung führe, dem Menschen aber die Erfüllung und Vollendung der seinigen selber anvertraue. Ich weiß auch, daß es noch viel längerer Zeit gebrauchte, bis ich mich von der Unmöglichkeit überzeugte, die Frage von der Vereinbarkeit der menschlichen Freiheit mit der göttlichen Allwissenheit und Allweisheit auf dem herkömmlichen theologischen Wege zu lösen, auf dem man in der Einen menschlichen Handlung zwei verschiedene Persönlichkeiten und Willen ins Spiel bringt; und daß man in der Frage der geistigen Weltordnung nicht das Einzelne mit dem Ganzen, das Individuum mit der Welt in Eine Linie stellen kann, weil sich an dem verschwindenden Einzelnen das Gesetz und die Nothwendigkeit unmöglich beobachten läßt, die uns noch in dem ungeheuren Ganzen so schwer wird zu deduciren. Von meinen damaligen Betrachtungen ist nichts übrig geblieben, Beweis genug, daß sie mir nicht Genüge thaten. Sie gingen wohl bald in Rauch auf und mit ihnen auch der Gedanke, mich der Philosophie zu widmen. Es war nur eine kurze Anwandlung, die wie die früheren künstlerischen Gelüste vorüberging, weil meine Natur und Begabung mich wenig in diese Wege wiesen. Ich fand mich also auf meine Philologie zurückgeworfen. Sie aber war in Gießen in einem Zustande arger Verwahrlosung. Der alte Pfannekuche leitete das Seminarium. Ich hörte ihn Plautus und Isokrates behandeln; aber diese trockae Schulweise konnte keinen Reiz haben für einen Kopf, der an der Literatur aller Welt ideensüchtig geworden war, der in der Wissenschaft eine Wegweisung zur Kenntniß der Welt und der Menschheit, ein Material zum Aufbau des Charakters und des Lebens suchte. Man erwartete für[118] den Winter einen neuen Direktor des Seminariums, Osann. Neben den Interpretationen, die er da anleitete, las er Plato. Mit welcher Lust ging ich, gereizt durch meine philosophische Vorkost, an dieses Gastmahl! Mit welcher Ertödtung und Sättigung ging ich alsbald davon weg! Ohne ein einleitendes Wort wurde der Text vorgenommen und nicht gelesen noch übersetzt, sondern nur die Stellen herausgesucht, wo eine Verschiedenheit der Lesart zu erörtern war. Ich blieb aus und ließ mich geduldig aus der Zahl der Seminaristen streichen. So war ich an der Universität wieder in derselben Lage wie in der Schule. Von den Lehrern abgestoßen fiel ich auf den Privatfleiß zurück. Ich fand noch einzelne meiner Schulfreunde in Gießen vor; ich las mit Kriegk in der Ilias, begann mit Röth arabisch zu treiben, die meiste Zeit verbrachte ich mit Lanz. Wir lasen den ganzen Herodot zusammen, den ganzen Aristophanes mit alten und neuen Scholien, auch von Sophokles, wenn ich nicht irre, sämmtliche Stücke, den Terenz und von Cicero eine Anzahl Briefe, Reden und Abhandlungen. Diese Stunden allein waren es, die meiner Lust am Alterthum frische Nahrung gaben. Sie waren mir zum Theil außerordentlich anstrengend. Besonders im ersten Semester hatte ich die größte Mühe, den fünf Jahre brach gelegenen Kopf fruchtbar zu machen. Ich brachte oft Stunden am Tag schlafend hin, um mir Erholung zu gönnen; oft kamen Zeiten, wo ich an meiner Fähigkeit ganz zu verzagen begann; ich brauchte alle Geduld und Selbstermuthigung, um meiner erlahmten Denkkraft und meinem ungeübten Gedächtnisse aufzuhelfen; und wäre nicht die sittliche Erhebung, die Erstarkung des Gemüths Hand in Hand mit diesen Anstrengungen der Studien gegangen, so wäre ich leicht in diesem Kampfe voreilig verzweifelnd erlegen. Es war eine neue wohlthätige Fägung, daß ich dieses erste Jahr in Gießen ohne jede starke Anregung blieb: wären mir größere Anforderungen gestellt worden, so wäre eine furchtbare Entmuthigung unausbleiblich gewesen. War ich doch so schon peinlich genug von[119] dem stillen Ehrgeize gestachelt, den elterlichen Erwartungen über Erwarten genug thun zu müssen. Meine inneren Seelenleiden drohten sich daher in Gießen nur in veränderter Weise fortzusetzen, und da war es ein weiterer Segen, daß ich in der Umgebung alter und neuer Freunde so mancherlei Aufrichtung fand. Ungemein freundliche Aufnahme war mir bei Hofkammerrath Hofmann zu Theil geworden, Hessemer's Chef, einem Beamten sehr ungewöhnlichen Schlags, einem Lebemann voll natürlichen Humors und humaner Weise, in dessen schönem Familenkreise wir manche anregenden Abende verbrachten. Dann war es trotz allen den neueren Zusammenstößen doch ein stärkster Halt für mich, daß ich mit Hessemer fortwährend zusammen wohnte, lebte, studirte, auch noch zwischendurch schwärmte; das Poetisiren wurde immer nicht ganz unterlassen, die Vorstudien zu Heinrich IV lagen um mich herum; das Gedankenspiel mit Abentheuern und Luftschlössern wurde auch noch unterhalten, und selig träumte ich mit den Freunden in dem Gedanken, demnächst einmal Spanien und Italien zu sehen, »wo jeder Stein zu Begeisterung rufe«. In den unvergeßlichen Ferien zu Herbst 1825 und Ostern 1826 lebte ich zu Hause, der verdienten Erholung froh, zum frischesten Leben auf. Ich las jetzt Freude und Vertrauen in den Augen meiner Mutter, die der alte Hessemer in seiner Ueberschwenglichkeit bei seinen nicht seltenen Besuchen als die glücklichste der Mütter pries. An meinem Paul fand ich immer mehr einen ächten, braven Bruder. Durch ihn kam ich jetzt erst in die Kreise unserer entfernteren Verwandten, bei denen ich überall die herzlichste Theilnahme an der lachenden Veränderung in meinem Wesen erkannte; jetzt erst genoß ich recht den Umgang mit meinen beiden Oppenheimer Freundinnen, oder vielmehr, da sich eben die Abberufung Beckers nach Dresden entschied, den der zurückbleibenden Schwester in erhöhtem Maße, in einem wie geschwisterlichen Verhältnisse; der Verkehr mit Sell und den älteren Schulgenossen füllte sich jetzt erst mit einem reicheren Inhalt. Mit mir selber ernstlichen[120] Rath zu pflegen, dienten mir diese Zeiten der abwechselnden Zerstreuung und Sammlung in den Ferien besonders gut. Ich hatte den Abzug aus Gießen beschlossen und rüstete mich nach Heidelberg. Ich suchte dort die Leitung zu finden, schrieb ich an Hessemer, »die mir Noth thue«, ich hoffte von Voß und Schlosser zu lernen, »was ich denn eigentlich wollte und sollte«. Kriegk hatte zu Beiden näher gestanden und hatte alle meine Erwartungen besonders auf Voß gespannt, »den Mann, den er in allen Richtungen, die sein Geist genommen, immer als einen der achtungswürdigsten der Zeit gefunden, und von dem er in zwei Stunden Unterhaltung Belehrungen erhalten habe, die ihm Creutzer nicht in einem ganzen Semester zu geben vermocht.« Hillebrand gab mir eine Empfehlung an den alten Herrn, der wenn Einer der Mann gewesen wäre, mich der Philologie zu erhalten. Die patriarchalische Väterlichkeit, mit der er junge Empfohlene zu berathen pflegte, der Zauber, den seine Uebersetzungen auf mich geübt hatten, seine fruchtbare Richtung in der philologischen Wissenschaft, sein poetischer Sinn, sein häuslicher Charakter, Alles zusammen hätte mich ganz an ihn fesseln mögen. Aber das Schicksal griff hier noch einmal in der unerforschlichen Weise ein, die ich in meiner ersten Lebenshälfte so oft erfahren sollte. Voß starb während der Osterferien, und ich sandte trauernd meinen Empfehlbrief an Hillebrand zurück. Dies Ereigniß wies mich dann ganz auf Schlosser an und legte in Heidelberg die Geschichte gegen die Philologie in die Wagschale. Das Sommersemester 1826 in Heidelberg, wo ich auf selige Tage gehofft hatte, war voll qualvoller Erfahrung für mich, die ich ganz im Verborgenen meiner Seele durchzuringen hatte, da ich innigere Freundesbeziehungen hier anfangs nicht hatte und in äußern Zerstreuungen nicht lebte. Das Studentenleben mitzumachen, dazu war ich zu alt, zu verbindungslos, zu sehr zum Fleiße verpflichtet auf die Universität gekommen. Auch hätte es mir widerstanden, wie mir früher die Turngemeinde, wie mir alle gespreizte[121] Unnatur widerstand; und auch unter allen andern Umständen wäre ich sicherlich nie hineingetreten, ohne mich polemisch und womöglich reformatorisch dagegen zu versuchen. Ich wohnte bei Maler Fohr; mit ihm und seinem Freunde Roßmann (dessen Leben später der Schule in Worms gewidmet war) verbrachte ich die meiste Zeit. In ihrem Kreise, bei den freundlichen Gängen nach einem frugalen Abendbrod im Freien war ich heiter und guter Dinge; mir selbst überlassen, über meinen Arbeitsversuchen, fühlte ich mich in einem tiefern Elende, das in diesem bedeutungsvollen Cursus die vor einem Jahre begonnene Katastrophe meines innern Lebens reisen und mich zu einer förmlichen Revolution gegen mein eigenes Wesen führen sollte. Ich fand es mit der Philologie in Heidelberg fast eben so schlimm bestellt wie in Gießen; ich warf mich daher ganz in die Geschichte. Mit Ausnahme des Arabischen, das ich bei Unbreit betrieb, hörte ich nichts als Schlosser, bei ihm aber auch Alles. Er stand damals auf der Höhe seiner Katheder-Wirksamkeit; der Eindruck, den er mir machte, war gleich anfangs voller Entscheidung für mich. Das war endlich, was ich so lange vergebens gesucht hatte; das sprach zu Herz und Kopf mit gleicher Gewalt; das öffnete Blicke in das kleine eigne Leben wie in das große Leben der Welt. Wie alle seine verstehenden Zuhörer gleich auf der Schwelle von seinen Einleitungen pflegten ergriffen zu werden, wenn er z.B. die Culturgeschichte eröffnend seine ideenreichen Uebersichten gab, wenn er über Napoleon lesend ihn in Parallele mit den Männern der ähnlichen geschichtlichen Verhältnisse stellte, so hielt auch ich lange das Staunen fest über einen seiner ersten Vorträge, wo er in verwirrt gesetzten Worten einen charakterisirenden Ueberblick über das ältere Mittelalter entwarf; es waren dies großartige Orientirungen voll scharfer Bestimmtheit, und die grade durch die ungehobelte Form des Vortrags nur um so drastischer anregten. Unter seinen Entwicklungen solcher Art sprangen vor dem jungen Geiste die Pforten der Geschichte wie knarrend auf; von stilleren, aber nicht minder tiefen Wirkungen[122] waren die eingestreuten einzelnen Bemerkungen einer treffenden Welt- und Menschenkenntniß, die seine Darstellungen würzten, wo er in so mancherlei Fragepuncten, die das jugendliche Alter bewegen, das Ei des Columbus so einfach aufzustellen pflegte, daß ich wie oft einen sinnigen Nachbar, wie Roßmann, in unwillkürlicher Ueberraschung leise anstieß, ob er auch gleich achtsam horchte und faßte wie ich. Bei weiterem Verfolge dieser Vorlesungen nun und bei der persönlichen Bekanntschaft mit dem Historiker, die mir zu Theil ward, als er mir seine Hefte zum Nachsehen lieh und mich in die wöchentlichen Theeabende lud, zu denen er eine Anzahl seiner Zuhörer versammelte, fand ich mich bald in meiner bisherigen Denk- und Lebensweise, auch nach den ersten Stößen, die sie bereits erlitten hatte, furchtbar erschüttert. Das Reich des Wissens, dessen Durchwanderung sein Beispiel stillschweigend wie zur Aufgabe setzte, erhielt vor meinen Augen eine unermeßliche Ausdehnung; des Mannes allgemein bestaunte Gelehrsamkeit und mehr noch die sichere Beherrschung seines Wissens warf mich in ein neues Verzagen, wenn ich den Umfang dieser Aufgabe mit dem Umfang meiner Vermögen und meiner Erwerbe verglich. Ich fühlte meinen Kopf auch jetzt noch schwach, schwer von Gedächtniß, leicht zu zerstreuen, den Körper früh ermüdet, schläfrig und schlaff; ich konnte es nicht vergessen, daß man nach meinen ungewöhnlichen Gängen ungewöhnliche Anforderungen an mich stellte. Und ich fand mich selbst für das Gewöhnliche nicht stark; ich quälte mich in der Besorgniß, ich werde nach jahrelangem, vergeblichem Abmühen zuletzt noch einmal rückumsatteln müssen; meine Eltern dauerten mich bei jedem Gedanken an sie in innerster Seele. Bang und stutzig, wie mich die Wirkungen von Schlossers Lehre vor meiner Zukunft machten, mit meiner Vergangenheit drängten sie mich unter schmerzhaften Kämpfen und Krämpfen zum völligen Bruch. Noch trieb ich es anfangs in Heidelberg wie immer zuvor; ich kostete an den ästhetischen Näschereien fort und fort; ich ließ mir von Freund Fischer pikante[123] Theaterberichte schreiben; ich konnte nicht leben ohne zu lesen, viel und immer zu lesen; die poetische Productionslust trieb mich jetzt zu meinem Heinrich IV zurück, dann wieder zu Neuem und Anderem vorwärts, was Alles noch weniger fördern wollte als die laufende Arbeit des Tages. Aus allen diesen Neigungen aber schreckte mich die gesunde, verständige Natur des neuen Lehrers heraus. Er kannte meinen regelwidrigen Lebenslauf; er war mistrauisch gegen alle Autodidaxis; er wußte aus Erfahrung, wie oft solche Berufswechsel aus einem geistigen Schwindel entstehen; er wollte daher all meinen idealistischen Hängen keinerlei Nahrung geben; bei all seinem freundlichen Entgegenkommen war er doch nicht wenig zurückhaltend gegen mich; zu seinen privaten Erklärungen des Dante oder des Aeschylus, die er regelmäßig mit dem oder jenem seiner Zuhörer betrieb, forderte er mich niemals auf; die Freude an den romantischen Ausgeburten unserer Literatur, an allen Halb- und Tags- und Gewerbdichtern verleideten mir seine Vorlesungen ganz im Großen und seine gelegentlichen Bemerkungen ganz im Einzelnen. Wäre diese realistische Tendenz irgend einseitiger Natur gewesen, so würde sie mich wahrscheinlich mehr zum Widerspruche gereizt als zur Einsicht geführt haben; aber die warmen, ja glühenden Farben, in denen Schlosser die glänzenderen Parthien der Cultur- und Literaturgeschichte behandeln konnte, zeigten mir die Welt der Dichtung, Beruf und Größe des Poeten in weit höherem Lichte, als ich sie je gesehen; und grade diese Verbindung von Realismus und Idealismus, von Verstandeskälte und Begeisterung war es, was so gewaltig zu meiner Natur sprach. In dem innern Kampfe nun, den mir diese neuen Anschauungen bereiteten, sank ich eine Weile zu tiefem Kleinmuth herab. Ich schrieb an Hessemer wie ein Versinkender, wie um an ihm einen stärkeren, festeren Halt zu gewinnen: er solle das Leben ertragen lernen und in die Welt so eintreten, daß auch sie ihn tragen könne; denn es möchte eine Zeit kommen, wo sein vernichteter Freund um Trost auf ihn blicke und wo, wenn er ihn dann selber trostlos und[124] verarmt fände wie sich, beider Untergang gewiß wäre. Ich suchte mich in eine gezwungene Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit hinein zu wühlen; in so vielen Eitelkeiten und Vorsätzen getäuscht und betrogen wollte ich mir nichts mehr einbilden, nichts mehr vornehmen. Da fand Freund Hessemer nicht den Ton mich aufzurichten. Er suchte mich über meinen neuen Gram in der alten Weise hinweg zu tändeln; er hielt ihn für ein »Ruinenfieber«, für ein moralisches Alpdrücken, das sich verziehen werde; er schlug mir (Juni 1826) vor, ein gemeinsames Werk, einen Roman in Briefen auszuhecken, da ich doch zum Schriftsteller einmal gebacken und geboren sei; und wenn ich ihm in Anwandlungen der Verzweiflung schrieb, wie ich, von Schlafsucht und Kopfschwäche befallen, gezwungen sei, alle meine hochspringenden Ideen fahren zu lassen und meine Sache auf Nichts zu stellen, antwortete er mir in der alten J. Paul'schen Scherzweise: den Ideen sei grade in Schlaf und Traum der größte Spielraum gegeben; Gott habe aus Nichts die Welt gemacht, und ich scheine die Gottähnlichkeit darin zu suchen, mir aus Nichts etwas zu machen. Das warf mich mit allen meinen Qualen auf mich selber zurück; und ich war so weit herabgebracht, daß ich auf frühen, auf baldigen Tod hoffte, daß ich ihn wünschte. Bei diesem Puncte angelangt fiel ich auf den Gedanken, nur in mir selber die Hülfe gegen meine Seelenkrankheit zu suchen. Ich wollte, um mit mir zur Klarheit zu kommen, eine Geschichte meines inneren Entwicklungsganges entwerfen, Confessionen niederschreiben, meiner kurzen Vergangenheit eine ernste und schonungslose Betrachtung widmen. Ich hatte schon früher zuweilen Tagebücher zu schreiben begonnen, aber ich hatte an dieser Selbstbespiegelung niemals Freude gefunden. Auch jetzt kam ich in meinen Selbstbekenntnissen nicht weit, aber weit genug, um den Anfangspunct meiner Rettung zu erreichen. Ich schrieb in schonungsloser Wahrheit; ich suchte mir nicht das Geringste zu verhehlen, mich über das Kleinste nicht zu täuschen. Ich fiel in eine tiefe Scham[125] vor mir selber; und dies, schrieb ich später, »brachte die Revolution in mir zu Stande, die an Schnelligkeit und Festigkeit so zu sagen eine unerlebte war«, das Werk des einen Augenblicks, der die Selbstkenntniß in mir zeitigte. Ich fühlte mich wie im Mittelpuncte der Seele ergriffen von der Sehnsucht nach einem ganz neuen Leben und Sein. Ich setzte aus von dem Puncte der tiefsten Versunkenheit, wo ich Alles aufgegeben, auf alles Größere verzichtet hatte. Ich warf mich mit einem bitteren Grimme gegen mich selbst und meine ganze bisherige Umgebung auf. Ich verwünschte die gutmüthigen Freunde, Männer und Weiber, die mich in einem eitlen Traum von glänzenden Begabungen, in ein grundloses Gefühl von frühreifer Selbständigkeit, in ein Gaukelspiel der Phantasie gewiegt hatten, das von Selbsttäuschungen wimmelte. Ich schämte mich tief der früheren Selbstüberhebung in jener läppischen Weltverachtung, die ich nun einen »Panzer der Schwäche« nannte, ? in jenem »schmelzenden Weltverzweiflen«, das mir nun »eine lauernde Eitelkeit schien«; ? »stehe ich nun über oder unter der Welt, schrieb ich an Hessemer voll Hohn über mich selber, der Welt, die ich so oft in stolzen Predigten zum Alltagsrock für Andere zuschnitt, ohne einen Lappen von ihr zur Blößenbedeckung für mich selber gut finden zu wollen?« Ich nahm jetzt »andere Höhen in Aussicht als die der hohen Menschen Jean Pauls« und rief den Freund von ihm zurück zu den Alten, dort seinen Geschmack und seine sittlichen Begriffe mit mir umzubilden. Ich wies von Schiller hinweg, dessen Reinheit mir seine unwahre Idealität nicht aufwiege, zu Shakespeare, ja von aller Poesie hinweg zur Geschichte, der ich mich ganz zu widmen beschloß. Ich wandte mich ab von dem schlingsüchtigen Lesen belletristischer Werke: es habe uns nichts geholfen, schrieb ich an Hessemer, es habe uns nur verrückt und in eine Art Bildung geschoben, die keinen Pfennig tauge. Die Poesie, schrieb ich weiter an ihn (10. Juni) sei quittirt, Flunkerei und Dichterei hinweggeworfen; ich habe die Nothwendigkeit längst schon[126] empfunden, heute sei der Entschluß gereist, und es sei ganz still dabei hergegangen. Voll herber Verachtung höhnte ich der albernen Liebeständeleien und erklärte, das Kind mit dem Bade verschüttend, daß meine Liebe zu Therese nichts als die kindische Vorspiegelung einer durch Jugend, Theater und Bücher verderbten Phantasie gewesen. Ich brach jetzt mit meinen dämmrigen Vorstellungen von der allzu bestimmten Bestimmung, zu der uns eine allzu vertrauliche Vorsehung hinleiten sollte, die mir nur passend dünkte für ein System des Quietismus und des träumerischen Brütens. Ich brach mit der ganzen phantastischen Schule meiner Vergangenheit und rief ein dreimaliges Unselig über das »baare Nichts dieser ganz und gar verlorenen Zeit!« Hatte ich so zum Zwecke der Heilung meines krankhaften Idealismus mir klar gemacht, was meine Diät zu meiden hatte, so folgte daraus von selber, was sie anzuwenden hatte. Wahrheit, Bescheidenheit, Maß, Fleiß, das waren die Grundlagen, auf die ich mein neues Leben auferbauen wollte. Ich schrieb mir rüstige Thätigkeit vor für kleine, mäßige Ziele, an denen ich nicht zu verzagen brauchte; »ist das nächste dieser Ziele erreicht, so ist das Ziel ja kein Ende, und der Weg wird sich weiter öffnen.« Ich fand ein neues Glück und einen neuen Frieden, als ich seit den Herbstferien 1826 in Darmstadt die Feldzüge meines neuen Fh'ißes eröffnete und zu handeln anfing nach meinen neuen Ueberzeugungen, »daß man mit Geist und Genie niemals ersetzt, was nur Fleiß, Geduld und Sinn fürs Leben geben kann.« Da erfuhr ich die tiefe Wahrheit jenes Schiller'schen Satzes, daß für geschwundene Ideale der sicherste Trost in nie ermattender Beschäftigung gefunden wird. Ich las in Darmstadt eifrig am Abulfeda, im Herodot und Aristophanes; mit Roßmann war bereits verabredet, im Winter meine ganze Zeit mit ihm auf griechische und lateinische Lectüre zu verwenden. Wir lasen den ganzen Aeschylus und Thukydides, die Hellenica, den Pindar, Aristoteles' Politik, und wohl zwei Drittheile des Livius; daneben trieb ich das Arabische[127] fort und hörte Schlosser mit dem alten Fleiße. In seiner verständigen Leitung sah ich allein alles Heil für mich gelegen; ich pries den glücklichen Stern, der mich nach Heidelberg geleitet; Roßmann bestärkte mich in aller Weise, diesen knorrigen Stamm »als die Eiche für uns Epheu« anzusehen; »es ist beschlossen, schrieb ich, mich an den Schlosser zu schließen.« Ich arbeitete nun von früh bis spät mit einer ganz neuen Elasticität; immer auf Roßmann's Stube, um mich durch nichts zerstreuen zu lassen; die Anstrengung schien mir Erholung; nie hatte ich so solide, so selige Genüsse. Ich lerne, schrieb ich an Hessemer, von Morgens bis Abends und träume des Nachts noch lernend; ich bin »Gott sei Dank daran und darin, und denke nicht ans Rasten, eher ans Fasten; wenn du wüßtest wie mir leicht ist und froh und selig! Jene Kämpfe mußten so kommen; jetzt ists Friede auf ewig!« Ich fühlte mich aufleben in einer sittlichen Erneurung des ganzen Menschen. Ich meinte lebendig zu erfahren, was Schiller mit den Worten meinte: daß, wie ein verjüngter Geist das gewisse Loos eines sittlich guten Menschen, so die sittliche Vortrefflichkeit gern die Begleiterin eines verjüngten Gemüthes ist. Mein gereinigtes Selbstgefühl schien mir ganz auf diesen beiden Gewinnsten zu ruhen. Es war dies die Zeit, wo die einst im Knabenalter gelegte Saat meiner homerischen Begeisterung aufschoß in einem fröhlichen Wachsthum, wo mir die Herrlichkeit der althellenischen Bildung in ganzer Fülle aufging. Ich war einstimmig mit meinem wackeren philologischen Freunde, daß unserer in Denk- und Lebensweise zerrütteten, aus einem kriegrisch-politischen Kraftaufschwung in die Weichlichkeit einer erschlaffenden Literatur rasch zurückgesunkenen Zeit nur durch die antike Bildung, die Schule der gesunden Geistesrichtung unserer Schreiber des 18. Jhs., nur durch die Aneignung des edlen Thatensinnes der Alten aufzuhelfen sei. Ich lernte einsehen, welch ein tiefsinnig naturgemäßer Entwicklungsgang es ist, wenn uns die Schule an der Hand der Geschichte aufzieht, uns am alten Testamente[128] die ersten Begriffe von Religion und Historie beibringt, dann uns durch die Welt der Griechen und Römer herüberleitet zu den Bildungsmitteln der neueren Zeiten; und nie ward ich seitdem müde, der Jugend mit aller Wärme begreiflich zu machen, welches Glück es sei, dieses natürlichen Weges der Schule geführt zu werden: denn ich übersah nun nur zu genau den ganzen Schaden, den es mir gebracht hatte, daß ich die umgekehrte Richtung eingeschlagen und nun auf weiten Umwegen mit großer Mühsal in das rechte Geleise zurücklenken mußte. Die kleinen Rückfälle fehlten wohl nicht, wo ich mich wie in der J. Paul'schen Periode noch mit selbstschmeichelnden Trostgründen über meine Verkehrtheiten beruhigte; ich weiß, daß mir der Spruch vorübergehend schmeichelte: der Vorzug des Weisen vor dem Schwärmer sei nicht, daß er nicht Schwärmer geworden, sondern daß er nicht Schwärmer geblieben sei; ich war aus jener Zeit so gewöhnt, mich mit der Nutzanwendung solcher geistreich schielenden Einfälle zu verwöhnen. Gleichwohl bestanden sie jetzt vor meiner unerbittlichen Selbstkritik nicht lange, sie hafteten nicht vor meiner angestrengten Thätigkeit. Als ich am Ende des Winters zurücksah auf das, was ich äußerlich und innerlich voran gebracht hatte, nannte ich dies Jahr 1826 ein fruchtbares, ergiebiges, aus der fetten ägyptischen Siebenzahl, »an dem ich zu zehren hoffte für mein ganzes Leben.« Und so kam es. Denn der entscheidende Rückweg zu der nüchternen Erfassung des Lebens war durch diese antike Schule gefunden. Es war nun das ideale Ziel meiner Bestrebung, mit den Alten denkend und fühlend in der Gegenwart zu leben und nach Vermögen zu wirken. »Mir gäbe, schrieb ich, mein siecher Körper und mein unverschuldetes Schicksal, das mir fünf Lebensjahre raubte, ein gewisses Recht, mich in die Resignation vom Leben zurückzuziehen, aber ich will mich mitten in seine Wellen werfen.« Bei diesem Bestreben mich nicht noch einmal selbst zu betrügen und zu täuschen, war mein innerlichstes Anliegen. Ich sah um mich her eine ganze Schaar[129] von landsmännischen Jugendgenossen, die mit schönen, ja mit glänzenden Anlagen und Ansprüchen in das Leben eintraten, bald aber nach einem kurzen Schusse stehen blieben, zurückgingen, verknorpelten oder verknöcherten, in Sonderlichkeiten oder selbstgeschaffenen Misgeschicken verkamen; ich hatte wie ein dunkles Gefühl, daß in dem Darmstädter Sandboden etwas Austrocknendes liege, das mit der Treibhauswärme der damaligen Bildungsperiode der Stadt zusammenwirke zu verderblichen Einflüssen, denen man nur durch gewaltsames Ausreißen und Verpflanzen entginge. Viele dieser alten Freunde, die mit sich selbst und ihrem Leben beständig zu Rathe gingen, litten an einer Originalitätssucht, der ich meinerseits in der Einen großen Bilanz, in der ich mich jetzt mit mir selber abfand, grade zu entgehen suchte, indem ich auf die planste, schlichteste Seite meiner Natur, gewarnt durch die leidige Erfahrung, zurück wich. »Es lautet arm, schrieb ich einem jener Genossen etwas später, sich es zum Vorzug zu rechnen, daß man menschlich und natürlich geblieben ist; und doch, je öfter ich darüber denke, um so mehr überzeuge ich mich, daß ich fast keinen andern Vorzug habe, als das richtige Maß für den Menschen zu besitzen und mit Menschen ein Mensch zu sein.« Wie ich in diese Rückwendung zu einfacher Geistesgesundheit auf einen Besitz meiner Knabenzeit gleichsam zurückging, so that ich auch in der Rückkehr zu meiner frühesten Bescheidenheit. Es gab unter jenen Freunden solche, die, aus so vielen Wechseln in der Vergangenheit auf meine Zukunft schließend, die Dauer meiner neuen Richtung bezweifelten: dies trieb mich bald dahin, mich in die Hülle der alten Bescheidung zu bergen, mich meiner neuen Erwerbe ohne jedes Gepränge in stillem Selbstvergnügen zu freuen, meiner Wege einsam weiter zu gehen und auf jede Anerkennung selbst in dem Kreise meiner nächsten Freunde zu verzichten. Nur freilich in der ersten Freude meiner geistigen Erneuung war es mir eine dringende Gewissenssache, diese näheren Freunde,[130] und vor Allen den Einen, der alle die Thorheiten der früheren Strebungen mitgemacht hatte, zu der gleichen geistigen Umwälzung gegen sich selber mitzureißen, für meine eigenen Reformen heftige und tumultuarische Propaganda zu machen. Der Ernst dieses großen inneren Umschlags konnte sich kaum wohl anders erprüfen: war es mir in Wahrheit um die Wahrheit zu thun, die ich nun zu meinem Loosruf genommen, so mußte ich den Freund in meine Verwandlung mitherüberziehen. Und auf lange hinaus war es mir nun, als müsse ich mit Paulus' Zunge und Beispiel nur dies Eine zu ihm reden: Als ich noch ein Kind war, redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge: da ich aber ein Mann ward, that ich ab, was kindisch war. Ich war gewiß, daß er auf dem bisherigen Wege, in seinem bisherigen Wesen, mit seinem bisherigen Umgange seine großen Talente nicht nach ihrem Gehalte verwerthen würde, und ich rief ihn von Allem zugleich, erst scherzend, dann ernst, zuletzt voll harter Bitterkeit zurück: ich glaubte den Freund nicht sanfter anfassen zu müssen, als ich mich selber behandelt hatte. Ich begann zuerst mit der Rüge unserer einzelnen Unarten und Abwege. Ich suchte ihm (schon im Juni 1826) unsere belletristische Vielleserei zu verleiden; »laß uns bescheiden werden, schrieb ich ihm, und klar in uns selbst ruhen und alle Lectüre hinwegwerfen.« Ich suchte ihm eben so, der Schwäche schonend, noch in dem alten Ton J. Paul'scher Witzelei das Poetisiren zu verleiden, insofern es weiter als zur gelegentlichen Lebenswürze geübt werde. »Ich merke, schrieb ich, daß wir auf dem Musenroß ganz leidlich kleppern, wenn wir ohne Sporn und Sattel darauf sitzen, aber mit diesen wirst es uns ab; ich will sagen: wenn wir aus der Hippokrene mit der Hand schöpfen, so ists gut, aber wenn mit Gefäßen, so läuft es durch; ich meine: wenn wir uns nach dem arabischen Sprichwort blos mit Beten in den poetischen Himmel verzücken wollen, so kommen wir halbwegs hinauf; wenn wir uns aber mit Fasten und Almosen[131] durch die Thür zwingen wollen, so werden wir heimgeschickt; ich verstehe darunter: wenn wir einzelne Zähne humoristischen Gebisses zu haben meinen, so haben wir vielleicht Recht; wenn wir aber wie Abdulsamad eine Kinnlade aus Einem Stück zu besitzen wähnen, so ists dumm, weils nicht wahr ist. Was soll ich von uns halten, die wir aus mittelmäßiger Sanderde geformt sind und mit Darmstädter Sand unsere poetische Dinte bestreuen? Laß die Muse schlafen, wie die musa, die hundert Jahre wächst ohne zu blühen.« Als er mir hierauf einen »Schwanengesang« schickte, aus dem die Ueberworfenheit mit der Welt aus jeder Zeile glotzte, in dem er sich, wie er selber schrieb, »wie ein verzogenes Kind an dem Leben rieb«, rüttelte ich ihn wie mich selbst aus diesen Träumereien einer unklaren Weltverachtung schon in viel stärkerem Tone auf. Aber ich gewahrte mit Schmerz, daß er nicht begriff, weder was in mir selber vorging, noch was ich von ihm verlangte. Wohl schrieb er mir (Juli), ihm sei um seine verflossenen wie um seine künftigen Jahre bange; er sehe so sehr, wie es nichts mit ihm sei; er habe alle Stände, den ganzen Bilderbogen, wo die Kinder von den verschiedenen Lebensbeschäftigungen unterrichtet werden, durchmachen wollen, und überall sei er durchgefallen; er habe seinem Herzen mit der Härte eines Edelsteines auch dessen Werth geben wollen, aber es sei nur immer weicher und weiter und dürstender geworden, »so daß es jetzt an die Rippen schlägt und sich zerstören will, da ihm nichts mehr genügt, da ihm das ganze Leben schaal, leer oder zertrümmert daliegt.« Mit der größten Mühe sinne er jetzt allen höchsten Reizungen des Lebens nach und steige durch manchen Himmel, aber er finde keine höchste Idee, die er nicht auch zugleich für schlecht und elend halten müßte. Das grade waren die Wortparaden, an denen ich jetzt so übersättigt war, die meine Ungeduld aufs höchste steigerten. Ich trug also noch grellere Farben auf. Ich kämpfte an gegen die ganze »schiefe Stellung, die wir zur Welt genommen hatten, die uns nicht zugekommen[132] und nicht zu gute gekommen sei.« Ich sagte ihm schonungslos, daß unser ganzes Wesen, wie meines so das seine, »ein einziger Fehler« sei, daß es gelte, das ganze Sein zu ändern auf Einen Schlag, nicht einzelne Entschlüsse und Werke nur, sondern die ganze Ueberzeugung von dem ganzen Werthe des ganzen bisherigen Treibens, »anders ändere sich nichts an ihm«. Möge des Menschen Charakter sich erst allmälig bessern, bei uns handle es sich um einen Stand- und Gesichtspunkt; nicht um Schlechtigkeiten, sondern um Irrthümer; es gelte um den Einen Moment des Erwachens. Ich mahnte ihn also ebenso hart wie mich selber, mit seiner ganzen Vergangenheit unwiderruflich zu brechen in der gleichen Auflehnung, mit der ich selbst mich gegen mich selber gekehrt; ich rief ihm (21. Aug.) wie mir selbst mein Dreimal Unseligzu über die kindische Vergeudung unseres Jugendlebens. Auch dies war umsonst. Er verstand mich nicht; er widerstand mir, so weit er mich verstand. Ich solle ihm, antwortete er mir (28. Aug.), um Gotteswillen sagen, was denn so plötzlich anders werden, warum auf einmal kein gutes Schnitzelchen an uns sein solle, welchen rechten Weg wir so entsetzlich verfehlt hätten, welch eine ungeheure Idee mich so unerwartet auf den »Wendepunct des Lebens« gestellt habe; ich höbe mich in kalte Höhen hinauf, wo der Mensch nicht hingehöre, wo Leben und Alles um ihn aussterbe! Er nahm die herbe Verdammniß unserer schönen Jugendjahre höchlich übel; zart, schonend, edel in seinen Wendungen und Einwendungen »verbat er sich die Ausfälle, die ich gegen mich selber richtete«; wenn ich über eine verlorene Lebenszeit jammerte, so behauptete er: nur durch diese Schule seien wir zu etwas geworden; er fand tiefliegende Motive bei den Thorheiten, die wir begangen; wenn ihn auch »mancher unserer Streiche schamroth mache vor aller Welt, vor sich selber habe er sich deren nicht zu schämen.« Da, schrieb ich zurück, da stecke der Fehler! Was uns getrieben habe, möge gut gewesen sein oder nicht; was wir gethan,[133] sei kindisch gewesen, und nicht vor Anderen, nur vor mir selber schämte ich mich darüber. Ich zerpflückte ihm die vertheidigten Ideale Stück für Stück und pries ihm die nüchterne Wirklichkeit an; »ich stehe jetzt frisch und wacker darin und lasse mich Pedant von dir schelten: wir wollen künftig Rechnung halten!« Ich war untröstlich, daß er unsere leidige Schule zu loben nicht aufhören wollte; ich sah, daß unsere Wege weit auseinander gingen, daß eine tiefe Kluft zwischen uns aufgähne. Er war eben ein Künstler, der die Wege des kalten Historikers nicht gehen konnte. Ihm war alles laufende Leben, Zeit und Zeitung, und was mit der Prosa des Tages zusammenhing, langweilig und wie nicht da; er behandelte seine ganze Existenz gern wie ein heiteres Spiel; sein stehender Redeton war allem einfachen Ernste fremd; aus seinen Mundwinkeln kam das ironische Lächeln, aus seiner Rede der ironische Accent nur selten weg; er spielte in seinen Formen den Sonderling und liebte überall einen geschraubten oder schraubenden Ton des Verkehrs anzuschlagen; sich in ein Wesen anderer Art zu versetzen, mit einem Menschen von gemeinpraktischer Bildung natürlich zu verhandeln, ward ihm schwer. Ich rückte ihm diese Wunderlichkeiten einzeln auf, ich bezeichnete sie ihm an Anderen seines vertrauteren Umgangs, um ihm am Kleinen klar zu werden; von diesen »krummen Linien«, sagte ich ihm, wünsche ich ihn zu dem »graden Sinne« zurütkzusühren, den Er und Jean Paul und die Poesie mir ehrlich verdreht hätten, von dem ich aber unter allen Verirrungen einen Grundstock mir erhalten habe. Ich wies ihn auf Ernst und trocknen Fleiß in seinem Berufe und wie mich selbst auf bescheidene Ziele. Er wiegte sich in Ideen über eine Geschichte der Baukunst, ich mahnte ihn, vor Allem ein Baumeister zu werden. Er rüstete sich zu einer großen Kunstreise nach Italien, ich wünschte, daß er sie hinausschieben möchte. Aber vergebens blieb jede Bemühung eines innerlichen Verständnisses. Noch nach diesen Ueberdeutlichkeiten konnte er mir schreiben, ich müsse deutlicher und ausführlicher sein,[134] wenn ich gegen unser Nebeln und Schwebeln so moralisch wüthend tobe und nichts als strenge, kalte, scharfe Wahrheit wolle gelten lassen. Er schien für nichts empfindlich als gegen die Härte meiner Scheltworte, er klagte über meinen heftig zänkischen Ton, über die Leidenschaftlichkeit meiner Ermahnungen, über das Befehlshaberische in meinen Vorschriften, über das Eis und den Schnee, den ich auf unsere Freundschaft fallen lasse. Ich bestand darauf, daß Er, kein Kind mehr, Zank und selbst Spott ertrage, und verwünschte jede Unwahrheit, die sich zwischen uns lagern wolle. »Traust du mir absichtliche Kränkung und Spott zu, schrieb ich ihm, wo du ihn nicht verdient hast? Das Faserchen, das dich dazu fähig macht, betrügt dich und mich. Als ich mich gegen mich selbst empörte, faßte ich alle meine Sündenschuld auf einmal und warf mich zu Boden und hob mich wieder; und wenn mich nun je wieder eine neue stürzt, dann sollst du mir diesen Brief in den Rachen stoßen, daß ich daran berste. Soll ein Mensch nicht so viel Kraft haben, sich selbst zu erkennen ohne alle Schonung und Rückhalt, um das goldene Reich der Wahrheit zu erobern?« Er gab antwortend zu, daß »wir uns früher zu sehr verwöhnt und uns durch Kitzeln des Herzens zu reizbar gemacht«; aber diese Mauser unserer Freundschaft durchdauere er nur mit Frösteln; wenn auch sein Leben mitunter in einem »seltsamen Rausche hingegangen sei«, die Selbstgeißelung, die ich verlange, könne er nicht leisten und nicht billigen. Wir hatten uns seit unserer Trennung gegenseitig Tagebücher geschrieben: Er einen Faden seines äußeren Lebens mit mannichfachen Ergüssen von Gefühlen und Gedanken, Ich nur kahle, magere Briefe, da ich, im Schreiben wie im Reden wortkarg, niemals das Selbstverständliche zu sagen liebte; als ich nun auf Verwandlung des Tagebuchs in Wochenbriefe antrug, argwöhnte der Freund, ich sei nicht unseres Briefwechsels nur, sondern seiner selber müde geworden; er sah damit die Flitterwochen unserer Freundschaft zu Ende; er wisse sich durchaus nicht zu erklären, schrieb er, was ich wolle;[135] ich solle ihm sagen, was ich gegen ihn hätte, da ich so wenig sehen wolle, was ich an ihm habe. So rührende Worte hätten mich zu jeder andern Zeit erschüttert und stumm geschlagen, jetzt war ich unbarmherzig. Ihm war unsere Freundschaft »das Höchste, was er im ganzen Leben fand«; ich aber setzte sie, wenn nicht der Werth unseres Lebens sie adeln und heben sollte, in dem schroffsten Eigensinn meiner neuen Grundsätze gradezu auf das Spiel. »In der That, schrieb ich ihm (17. Sept.) zurück, was habe ich denn an dir? und du an mir? Wären wir nicht mit Liebeln und Tändeln durch jene Jahre getappt, was hätten wir uns sein können! Laß uns den köstlichen Namen Freundschaft nicht an einer Verbindung entweihen, die nur ein eingebildetes poetisches Gebäude war. Da ich die ganze Bürde alles Phantastischen jüngst von mir warf, flog auch jene Art Freundschaft mit in die Luft, und eine andere, höhere, geläutertere steht mir nun vor Augen. Wir sind in jener Zeit jene Freunde gewesen und müssen in dieser anderen Zeit diese anderen Freunde sein. Gott sei Dank dafür, daß wir jene früheren nicht mehr werden können. In mir ist Alles im Kreißen, und leider stehen wir so zu einander, daß wir uns in dieser Gebärperiode nicht mehr als gegenseitige Hebammen dienen können.« Die Dinge schienen sich mehr und mehr zu einem förmlichen Bruche anzuschicken. »Es sind an dir Radicalkuren versucht worden, schrieb ich ihm bald darauf in entschlossener Resignation, wie an keinem Menschenkinde sonst, und sie haben nichts verschlagen. Sv erschlag's denn der Donner. Gott weiß, wie sehr ich dich liebte, als ich ein Kind war; da ich ein Mann zu werden begann, wollte ich dich mit mir ziehen, und ich will es als mein Probe- und Meisterstück in meinem neuen Leben ansehen, daß ich dich entweder zu mir stelle oder dich fahren und sinken lasse!« Diese schneidende Unerbittlichkeit konnte herzlos, unbegreiflich, unverantwortlich scheinen. Sie konnte es um so mehr, da mir der Freund oft angedeutet hatte, daß ihn mehr die Weise als der Zweck meiner Vorwürfe befremde, da er sogar mehr[136] und mehr einlenkte und nachgab. Sein Vater hatte mich oft bedeutet, daß ihn zu bestürmen kein guter Weg sei auf ihn zu wirken. Er selber schrieb mir, daß er mit mir leichter übereinstimmen werde, wenn ich an das Verfechten der Wahrheit nur nicht gar so viel Leidenschaftlichkeit setzte. Er deutete mir an, auf dem Wege der Reflexion über sich zur Klarheit zu kommen, sei ihm nicht gegeben: sobald er philosophire, sei er Null und Nichts, ein durchgefallenes Lotterieloos, ein Herbarium der seltsamsten Seifenblasen. Da geschah es, daß ihm ein Brief von mir an W. Sell zu Gesicht kam. der ihn mehr im Zusammenhang zu verständigen schien über das, was ich wollte, der ihm jedenfalls bewies, daß ich nicht blos ihm gegenüber, nicht aus Laune, nicht aus Sättigung an unserer Freundschaft, sondern aus einem unüberwindlichen inneren Drang so geworden, wie ich nun war. Schon früher hatte er, eingehend auf einzelne meiner Wünsche, die Vielleserei verschworen, das Poetisiren in der alten Weise abgelegt, das »ruhige prosaische Leben« in seinem Werth herzustellen Noth gefunden; er hatte sich freudig gerühmt, erwacht zu sein, sich mit schlichtem, praktischem Sinn auf die italienische Reise zu rüsten, die Welt und sich von all dem Flitter der Idealwuth zu entschälen, zufrieden mit einer nüchternen Gegenwart, die er sorgsam nütze und wahrhaft liebe. Aber jetzt erst, nach Kenntnißnahme jenes Briefes, schrieb er mir ungleich eingänglicher als je zuvor (19. Jan. 1827): »Ich kann nun nicht nur sagen, ich verstehe dich, sondern auch: ich verstehe dich ganz, und die Folge mag dir zeigen, wie ich deine Ideen mir zu eigen zu machen weiß.« Er schien jetzt nur die plötzliche Umwandlung, auf die ich drang, seiner Natur nicht angemessen zu finden und wünschte nur seines Weges gehen zu dürfen. »Gott, schrieb er einen Monat später (23. Febr.), welch eine Masse von Thorheit liegt hinter mir! welch ein Krüppel habe ich mit Teufelsgewalt werden und bleiben wollen! Wenn ich dagegen mein jetziges Wesen betrachte, ich kann den Unterschied nicht kürzer und bündiger bezeichnen, als durch die[137] einfachen Worte: Genießen und Wirken, oder auch Haben und Sein. Mit wie viel Muth erfüllt mich der Gedanke ein Mann zu sein und so zu handeln! mit welcher Beharrlichkeit stehe ich jetzt auf mir selbst gegründet da, gegen das frühere Schwanken auf fremden Stützen. Ich stehe sicher in meinem Berufe und sehe mich ihm gewachsen, und statt der früheren Luftschlösser baue ich jetzt bequeme, solide Häuser. Was ich dir bei dieser Veränderung danke, glaube mir, erkenne ich wohl und wie ich soll!« Noch drei Monate weiter und er schrieb mir (14. Mai) wie im Tone der Erfüllung aller meiner stärksten Anforderungen: »Ich habe eine große Revolution über mich erlebt, und über eine gewisse Gemüthsschwäche endlich den Sieg davon getragen, daß ich nun sicher bin vor poetitischer Träumerei und süßen Sentiments.« Er schien nun durchaus und ganz mit mir einig, nur daß ich etwa noch die Lichter heller, die Schatten dunkler als Er zu sehen liebe. War es demnach nicht eine widerliche und verstockte Herzenshärtigkeit, daß ich selbst jetzt noch nicht zufrieden gestellt war? daß ich selbst jetzt noch kurz vor dem Antritt seiner Reise eine kurze Summe seines Lebens zog, die dahin auslief, daß der rechte ordnende Verstand die bisherige Meisterin seines Lebens, die Phantasie, noch immer nicht ersetzt habe? daß er noch jetzt sich zu beklagen hatte, ich scheine ihn kaum mehr meiner werth zu achten? ja daß ich dann während seiner dreijährigen Reise, ohne mit ihm irgend gebrochen zu haben, den Briefwechsel mit ihm aussetzte und nur durch seinen Vater in mittelbarem Verkehr mit ihm blieb? Er reiste ab in dem sichern Vertrauen, daß bei seiner Heimkehr unser altes, inneres Verständniß gleichfalls wiederkehren werde; auch die Freunde, die um unsere Zwiste wußten, waren derselben Ueberzeugung. Nach drei Jahren aber ward unser Briefwechsel genau an demselben Puncte und genau in demselben Tone aufgenommen, wo er jetzt abgebrochen war. Könnte es stärkere Zeugnisse geben als diese gegen meine Tadelsucht, meine Mürrischkeit, meine eigensinnige Meisterei und Ueberhebung, die einem[138] so offenen Einlenken, einem so genauen Fügen des Freundes nicht Rechnung zu tragen wußte? Möchte aber das Härteste wahr und möchte es gerecht sein, was man über meine Härte sagen möchte: leider, der Erfolg sollte sie rechtfertigen. Trotz all der scharfen Einprägung bewies sich der Eindruck der neuen Wahrheiten nicht stark genug, um zu dauern. Ich hatte das immer gefühlt. Alle Versicherungen des Freundes hatten für mich allezeit zu wenig Resonanzboden; ich hörte den Klang der ächten Ueberzeugung nicht heraus; oft lagen die richtigsten Einsichten und Vorsätze ganz nah und dicht bei den gegentheiligsten. Ich wußte, daß er einen selbst übertriebenen Fleiß ans Zeichnen, Malen, Aufnehmen setzte, daß er mit einer heißhungrigen Gier seine Sonntage zur Vorbereitung für seine Reise benutzte, nachdem er in der Woche seine anstrengenden Amtsgeschäfte zur höchsten Befriedigung seines Chefs gefördert hatte. Dennoch gewahrte ich bei dem Allen mehr die künstlerische Freude an seinen Sachen, die ehrgeizige Freude an seinem Fleiße als die hingegebene Lernbegier zu den praktischen Zwecken seiner Kunst. Er pries sich, daß all sein Bestreben nun auf den Einen Punkt gerichtet sei, ein Baumeister zu sein und zu werden; eben das war das Eine, wohin ich ihn wollte: aber ich vertraute ihm nicht. Sein Oheim Moller hatte eben dieses Unvertrauen oft und immer geäußert, selbst wo er zur Bewunderung seiner einzelnen Leistungen sich gezwungen sah. Wir hatten früher beide hochmüthig darüber gelacht, mit der Zeit war ich über diese Zweifel dem Weinen näher gekommen, denn ich mußte dem Manne jetzt Recht geben. Ich hatte tief durchschaut, daß keine Ader zu einem praktischen Manne in dem Freunde gelegen war, daß er trotz seinem ungemeinen Talente, trotz seinem großen Fleiße und selbst seiner geschäftlichen Anstelligkeit nie ein Mensch für das Leben werden würde. »Er wird kein Baumeister!« das war selbst nach allen Lobliedern, die er ihm sang, der ewige Refrain des Onkel Moller. Die poetische Phantasie, die Ornamentik seines Lebens, und mehr noch das weiche, gute Herz, der wahre Adel seines Wesens,[139] hat diese höchst unwahrscheinliche Wahrsagung wahr gemacht. »Du weißt, schrieb er mir damals, wie ich das schwache Bedürfniß in mir habe, an einem Wesen liebend festzuhängen ohne nachzulassen, mich ganz hingebend, ganz aufopfernd.« So war er; gegen Niemand war er bis dahin mehr so als gegen mich. Durch meine kühlere Entfernung gab ich ihn sich selber zurück; er gab sich später einem liebenden, trefflichen Weibe und bewährte an diesem die Wahrheit jenes Ausspruches durch ein ganzes Leben des ungetrübtesten ehelichen Glücks, das jedem eine Erbauung sein konnte, und in dem auch der alte Freund noch immer sein Ehrenplätzchen behielt. Aber ? ein Baumeister ist er nicht geworden. Amazon.de Widgets Ich hatte in meiner neuen Laufbahn zum erstenmale Gelegenheit, in diesem engsten Freundschaftsverhältnisse meine Menschenkenntniß und die Unbefangenheit meines Urtheils zu prüfen. In früheren Jahren, wo alles Geistesleben in mir schlummerte oder höchstens von Träumen bewegt war, war ich in allen meinen freundschaftlichen Beziehungen nur auf die sittliche Seite der Charaktere gerichtet, jetzt schloß meine Schätzung der Menschen unwillkürlich ihre intellectuelle Seite mit ein. Dies allein mußte meinen früheren, viel harmloseren Beurtheilungen den Schein einer größeren Härte und Unverträglichkeit geben. Und die letztere war nicht überall bloßer Schein. Gegen das, was mir in der geistigen Natur eines Anderen völlig abweichender Art erschien, verhehlte ich meine Unverträglichkeit kaum. Darin lag doch weder Hochmuth noch Schroffheit noch Feindseligkeit. Wer lernte nicht zeitig in dieser Welt, falls er sich nicht ganz aus ihr hinausbegeben will, so viel Biegsamkeit, um auch mit anders Denkenden doch friedlich zu verkehren, um bei ganz verschieden Gerichteten den Fleck, der uns krank erscheint, schonend unberührt zu lassen? Mir war Grade reden lieber als Schweigen, aber ich verstand mich auch ganz gut darauf, lieber zu schweigen, als krumm zu reden. Wo ich den alten Freunden ganz ehrlich, offen, rückhaltlos, grade und wohlgevieret[140] gegenüber stand, da hing ich mit Herz oder Kopf oder Beidem fest; wo ich weniger Einvernehmen fand, sagte ich am liebsten scherzend die Wahrheit; wo ich gar kein Verständniß möglich sah, da zog ich zurück, ohne Groll, aber in der vollen Ueberzeugung, daß, wo Annäherung doch undenkbar ist, Trennung besser sei als fruchtloser Hader. So habe ich mich in jenen Jahren meiner Wiedergeburt von Lange, von Röth, von Flegler laut oder stille geschieden. Diese Schritte aber, zu meinen Verhandlungen mit Hessemer gehalten, stellten mich damals auch bei andern Freunden leicht in das Licht einer übermüthigen Abgeschlossenheit und dünkelhaften Ueberhebung. So war es eine Weile bei Kriegk. Er hatte in seiner Knabenzeit ein innerlich sehr tief bewegtes Leben durchgemacht; Er war es, der in der Schule ganz im Stillen gestrebt hatte unserm Tugendbunde anzugehören, und zu dem Ende, eigentlich mit Widerwillen und nur, um mir zu Gefallen zu sein, jene geographischen Studien mit mir betrieb, die er im Alter mit Geist und seinem Sinn fortgepflegt hat. Er war damals sehr religiös gewesen; nach seiner Mutter Tode war er dagegen in eine Periode der Zweifel und des Verzweifelns gefallen, wo sich sein Verstand, alle andern Geisteskräfte unterdrückend, gewöhnte, Alles zu anatomiren und zu analysiren, die lebendigen, bindenden, geistigen Mittelpuncte in Betrachtung der Dinge ganz aus den Augen zu verlieren. Dann war er, unter Voß' und Schlosser's Leitung innerlich erstarkt, in ein Stadium strengeren Religionsglaubens zurückgekehrt, nicht ohne die Zuwirkung eines hypochondrischen Leidens, das ihn lange mit Todeserwartung, Lebensüberdruß und Menschenhaß peinigte und seinen Höhepunct eben in der Zeit erreicht hatte, wo meine Metamorphose vorgegangen war. Wir hatten in Briefen eine Unterhaltung über Philologie, die bald in einen thörichten, gereizten Streit ausartete. Die Sterilität, durch die mir geschmacklose Lehrer diese fruchtbarste aller Wissenschaften verleidet hatten, ihre gänzliche Lostrennung auf der Hochschule von den pädagogischen[141] Zwecken, die geistlose Kritzelei der Conjecturisten und Variantensammler fanden in mir den heftigsten Bekämpfer. Dem würde sich Kriegk zu andrer Zeit nicht widersetzt haben; jetzt aber war er, wie gegen Alles, auch gegen mich in einer bitter feindseligen Stimmung. Er hatte Hessemers früheren Verkehr mit mir allezeit für schädlich gehalten; er hatte gewünscht, daß ich in Heidelberg eine Arznei dafür finde; er hatte nachher meine inneren Verwandlungen beobachten können; hatte dann, wie Hessemer anfangs in schweigendem Kummer gethan haben mochte, einen teuflischen Geist des Uebermuths und der wegwerfenden Ueberhebung in mir aufkommen sehen; zuletzt setzte er sich in den Kopf, ich wolle auch ihn wie Hessemer von mir stoßen, ich hätte mich mit Roßmann in stolzer Verachtung von ihm gekehrt und verschmähe ihn als einen philologischen Grübler und Wortklauber. Eine Zeit lang büßte er seinen Groll in unserem philologischen Streite, in dem er mir mit vornehmer Abweisung den verletzenden Ton aufrückte, in dem ich Neuling, die Mängel der Lehrmethode mit dem Werthe des Lehrgegenstandes verwechselnd, ohne Erfahrung in unreifen Behauptungen über so große Fragen absprechen wollte. Dann aber ward seine persönliche Verstimmung so unverholen, daß er mir nahezu Verkehr und Briefwechsel gar aufkündigte. Wäre ich nun so kalt, so dünkelhaft, so abstoßend gewesen, wie ich scheinen konnte, so hätte ich es dabei gelassen. Statt dessen schrieb ich ihm (März 1827) offen, treu und versöhnlich, die Grobheit und Derbheit seiner Ausfälle mehr achtend als verbittend. Darauf schrieb er begütigt (3. April) zurück, bekennend, daß er sich für den Verstoßnen nicht den Verstoßenden gehalten, geständig, daß er »sein Unrecht schmerzlich und lebhaft fühle und die biedere Art und Weise meines Verfahrens ganz zu schätzen wisse.« So trat eine aufrichtige Aussöhnung ein, die in Kriegk den finstern Argwohn »einem Gefühle des Danks und der Freude« weichen machte, das selbst auf sein körperliches Befinden wohlthätig überwirkte. Ich hatte die Genugthuung,[142] die Bewegungen, die mich selber erschütterten, auf dieses Freundes Seele weiter wirken zu sehen; bald erhielt ich von ihm die Versicherungen, er gelange durch strenge Selbstgewöhnung mehr und mehr zu Frohsinn und Ruhe; die Gewißheit des Siegs und das Gefühl einer durchgreifenden Reform seines Wesens schwebe ihm deutlich vor Augen. Der unter meinen Freunden am genauesten meine Wandlungen beobachtet und mit dem Auge eines reiferen Alters und scharfen Verstandes beurtheilt hatte, war Wilhelm Sell. Er hatte langeher wie in der Rolle eines jungen Mentor neben mir gestanden. Er gehörte einer höchst ehrenwerthen Familie an, deren Name die beste Währung im Lande hatte; der Gedanke ihr ein würdiges Mitglied zu werden war ihm heilig und gab ihm einen edlen Stolz und eine größere Zuversicht für das Leben. Seine Gemüthsrichtung war durch Natur und Schicksal zum Ernste geneigt; er hatte frühe seinen Vater auf eine tragische Weise verloren; seine älteste Schwester, ein Wesen, das wie von einer heiligen Würde umfangen, von Anmuth und Herzensgüte beseelt, Jedermann Ehrfurcht und unbedingtes Vertrauen einflößte, hatte großen Einfluß auf ihn geübt; die Verhältnisse, die ihn demnächst zu der männlichen Stütze der Familie beriefen, hatten ihn frühe gereist. Das empfindlichste Sittlichkeitsprincip beherrschte diese Familie, nach dem auch mein Freund Wilhelm alle Erscheinungen in Welt und Menschheit auf höhere Gesichtspuncte zurückzuführen liebte. Eine keusche, fast jungfräuliche Natur war er aller laxen Moralität ein unerbittlicher Feind; sein Abscheu vor aller Gemeinheit konnte sich bis zum Ausdruck der bittersten Entrüstung steigern. Viele seiner Freunde, die ihn fast alle mehr verehrten als liebten, rügten an ihm die schneidende Schärfe seiner Urtheile über Anderer Werth und Unwerth; er selbst sprach sich von einer gewissen Ueberhebung über Andere nicht frei; er gab sich Eigenliebe und in dem Sinne eines edlen Selbstgefühles selbst Eitelkeit Schuld; in seinem Charakter, schrieb er mir einmal,[143] liege viel Liebe zu den Menschen, aber es fehle ihm oft eine gewisse Wärme, die er mit seinem Wesen nicht zu vereinigen wisse. An mich aber, gestand er mir, knüpfe ihn dies Gefühl einer gewissen Zärtlichkeit, das ihm sonst in der Freundschaft nicht eigen sei. Der Gesinnungsbund, der sich zwischen uns in unserem Abendverkehre geschlungen, hatte sich brieflich weiter entwickelt. In dem Kreise meiner Freunde war Er immer der, dem die gesunde, nüchterne Seite meines Wesens vorzugsweise zugekehrt war. Er war ganz darauf gestellt, sich selbst in jeder Lage von allen seinen Handlungen strenge Rechenschaft zu geben, und er rief auch Andere, auch mich überallwazu auf, der ich gewohnt war, drauf los zu leben und mir nur in Fällen besonderer Wichtigkeit den Rückweg zur Überlegung offen zu halten; in der Meinung, man müsse das wohl verstehen, die Probe der verständigen Rechtfertigung jedes im gewöhnlichen Lebenstaete gefaßten Entschlusses oder jeder begangenen Handlung zu machen, man müsse sie aber selten zu machen versucht oder veranlaßt sein. Ein Mann des kalten Verstandes war Sell einer der Wenigen unter meinen Genossen, der sich von der poetischen Wuth der Zeit nicht hinreißen ließ, der sich selbst das manum de tabula zurief, wo er sich nicht berufen fühlte. Er war es immer gewesen, der mich in meinen Kaufmannsjahren auf einen festen Punct, einen anderen Beruf hinwies, da er allen freien Aufschwung in mir absterben sah. Dabei hatte er alle meine Schwächen immer mit einer Schonung behandelt, die mir in allen Briefen meiner Freunde aus jenen Zeiten auffällt, wo sie mich in meiner beklagenswerthen Lage noch reizbarer dachten, als ich war. Er hatte meiner Verliebtheit, meinen Schauspielerhängen, selbst jener seltsamsten meiner Neigungen nachgesehen, »die mich wegtrieb aus diesem Leben, in dem mir so viel widerstrebe, nach einer einsamen Stätte, wo ich entweder in dem innigen Seelenverkehre mit wenigen Freunden die Wunden des Herzens heilen wollte, oder mit ihnen der Gründer eines schuldlosen, einfachen Völkchens werden möchte.« Dabei aber rief er[144] mich doch aus allen diesen Verirrungen mahnend zurück zu den ernsten Zwecken des wirklichen Lebens. Er verkannte in meinem dunklen Ringen nicht eine gewisse Erhebung über die gemeinen Niederungen der Welt, glaubte aber in meiner heitern, selbst der kindischen Ausgelassenheit fähigen Naturanlage einen Mangel an Lebensernst zu entdecken, der mich bestimme, wie ein Schmetterling unstet nur das Schöne dieser Welt zu umgaukeln. Er nannte mein Leben (Jan. 1824) »gleich dem farbigen Sammer, voll bunter Blüten, ein beständiges Schwärmen im Gebiete der Kunst und Saugen der süßen Säfte aus dem Kelche geistiger Schönheit«. ? Als nun die große Krise in Heidelberg mich befiel, wo ich wie zu seiner Fahne herübertrat, wo ich den Verstand zum Meister meines geistigen Berufes bestellte, wo ich nach seinen steten Ermahnungen den Anforderungen von Welt und Zeit, von Volk und Vaterland gerecht zu werden sann, mochte ich wohl erwartet haben, ihm noch um vieles näher zu rücken als zuvor; fast aber schien es nun, als sei ihm das Ungleichartige in mir das Anziehendere gewesen. Die neuen Richtungen, die ich einschlug, führten zu Erörterungen mit ihm, wie sie mit Hessemer und Kriegk dazu geführt hatten; von dem Wechsel in Studien und Gesinnungen spielten sich diese Beredungen auf die veränderten Personen herüber und leiteten zu einem mannichfaltigen Austausch von unumwundenen Erklärungen. Es ist von dem größten Interesse, wie Sell während der großen revolutionären Gährungen in mir als ein ächter Freund, voll Theilnahme an meinen labyrinthischen Gängen, diese Krise sich und mir selber aus- und zurechtlegte. Als ich ihm die ersten bestimmteren Mittheilungen machte, war ihm Vieles dunkel, befremdend, beunruhigend. Er sah mich (Ende 1826) in einem großen inneren Kampfe begriffen, sah mich mit forschenderem, fast zu Mistrauen geschärftem Blicke jetzt Alles betrachten, was ich früher für groß gehalten; »ich fühle mich klein, bemerkte er, aber gestärkt durch den Gedanken an meine Kraft, den Stolz der Selbständigkeit, den[145] Stolz, das Große zu wollen.« Die neue Zuversicht meiner Urtheile mochte ihm wie meinen anderen Freunden oft Eigensinn, oft überhobener Dünkel er scheinen. Mein Zustand schien ihm wie Jenen exaltirt, nicht ein Zustand der Ruhe, im besten Falle »eine hohe Stufe auf dem Weg des Kampfes, der dahin führen solle.« Wie ich von Vielem, was mich früher gefesselt, jetzt kalt und feindlich mich abwandte, das machte ihm einen Eindruck der Unbeständigkeit, einer flatterhaften Natur, einer Neigung zu Extremen. Wie ich jetzt dem kalten, prüfenden Verstand über alle anderen Regungen des geistigen Lebens die Obhand zu geben strebte, schien ihm dies nur das Gegenstück zu meiner bisherigen Ueberspannung des Phantasielebens. Ich sei kein Verstandesmensch, schrieb er mir, und werde es auch niemals werden; mein »heller Geist habe ein eben so tiefes Gefühl zur Seite«; beide Kräfte müßten in ein gehöriges Gleichgewicht gesetzt werden. Er recapitulirte sich mein Leben, meinen verfehlten Beruf, den Rücksturz in die Welt der Ideale, durch Poesie, Theater, Freundschaft und Liebe gesteigert, meine wechselnden Studien in Aesthetik, Philosophie, Philologie und Geschichte. Die Aesthetik als Alleinzweck des künftigen Berufs habe mir keinen Halt geboten; die Philologie sei mir als unfruchtbare Gelehrsamkeit verleidet worden; in der Philosophie habe mir das praktische Interesse gefehlt; zuletzt hätte ich mich zu einem Fache gewandt, »welches aus dem Leben der Menschen unmittelbar seinen Stoff ziehe und wiederum für das Leben wirken solle«. So weit war Alles vortrefflich. Aber nun verkannte er die Bedeutung dieses letzten Ports, in dem ich angelangt war zur Niedersiedelung, wo er mich immer nur im Wandern begriffen sah. »Dieser Entwicklungsgang ist natürlich, schrieb er, aber darum noch immer ein Gang zur endlichen Entwicklung. Historiker wie Schlosser wirst du wohl nimmer werden. Dazu fehlt dir, wie ich glaube, nicht die Kraft des Geistes, wohl aber die Ruhe und Kälte des forschenden Verstandes. Dein tiefes Gefühl ist zu innig mit deinem ganzen geistigen Leben[146] verflochten, als daß der kalte, nüchterne Verstand die unbedingte Herrschaft darüber gewinnen könnte. Du und Hessemer, ihr habt früher zu lange im Reich der Ideale geschwärmt, plötzlich seht ihr euch ohne haltbaren Boden und springt zum Gegentheil über. Wohl fordert das Leben gesunden und praktischen Weltverstand, aber es verliert die Blüte, wenn wir die Ideale ganz daraus verbannen.« ? So ward mir nun von diesem Freunde genau vergolten, was ich an den Andern zu sündigen schien. Er glaubte nicht an den Ernst und an die Frucht meiner Veränderung, wie ich bei Hessemer, selbst als er die Veränderung in sich vollbracht behauptete, daran gezweifelt hatte. Er wird kein Baumeister, war meine trübe Besorgniß dem Freunde Hessemer gegenüber; du wirst kein Historiker, sagte nun mir Freund Sell ins Gesicht. Kein Dünkel, kein falsches Selbstgefühl verführte mich, einen rechthaberischen Zwist darüber weiter zu spinnen. Ich zog mich schweigend in mich selbst zurück, wohl fühlend, daß diese Zweifel mit Thaten mußten beantwortet werden. Unser Briefwechsel lenkte dann auf andere Gegenstände über. Ein Rollentausch trat auch hier zwischen uns Beiden ein: in nicht wenigen Controversen rückte der prosaische Freund auf die Seite der Enthusiasten, der frühere Enthusiast auf die Seite der Prosaiker. Die gegenseitige Achtung erhielt einen männlicheren Ausdruck, keine Verminderung. Die Personen wurden später durch Lebensschicksale auseinandergerückt, aber nicht die Herzen. Unsere alte Freundschaft würde in jeder Zeit eine jede Probe bestanden haben. Die Summe, die mir die große Umwälzung jenes Jahres auswarf, war eine Dotation für das ganze Leben. Es ist der Sinn für Wahrheit, der damals rein und voll aus einer Knospe aufbrach, die zuvor sehr bedenklich versehrt erschien. Die empfangende Seite dieses Wahrheitssinnes, jene Unbefangenheit in der Aufnahme aller Dinge in ihrer ächten Gestalt, war mir mit glücklichen äußeren Sinnen angeboren, eine Eigenschaft ohne Verdienst;[147] aber sie war durch die Masse der ungesunden und schiefen Gegenstände in Literatur und Leben, auf die mein Auge in jener romantischen Periode so sehr ausschließlich gerichtet war, nothwendig getrübt und gefährdet worden. Die ausgebende Seite jenes Wahrheitssinnes aber war unter dem Wildfangleben mit meinen Schulgenossen durch die Künste der Verheimlichung und Verleugnung in sehr üble Gewohnheiten gerathen; und der weichliche Poetenschwindel, der darauf folgte, taugte wenig, die stoische Kraft in mir zu erzeugen, diese Gewohnheiten mit Gewalt zu unterdrücken. Jetzt hatte ich den Anlauf zu solch einer Kraftentwicklung genommen, und sie stellte mein natürliches Wesen durch den Einen Schlag meiner Verwandlung dergestalt her, daß mir die reine Empfängniß und die reine Wiedergabe aller höheren Wahrheit in Kritik und Buch, in historischer Forschung und Darstellung, im Leben und Handeln, im ersten Eifer zu einer Art Sucht, nachher zur stillen Lebens- oder Berufsgewohnheit ward. Ich brauche den Ausdruck: aller höheren Wahrheit. Denn mit jeder größeren Summe dieses kostbaren Schatzes glaube ich, in jedem ernsten Anlaß und Verhältnisse, in Einnahme und Ausgabe nach Kräften gewissenhaft und treu gewirthschaftet zu haben; mit der kleinen Scheidemünze nahm ich es nicht immer so genau. In den Bagatellen des geselligen Verkehrs und der flachen Unterhaltung leicht wegzugehen über falsche Auffassungen, gleichgültige Dinge zu bejahen, die zu verneinen waren, ein diplomatisches Stillschweigen zu beobachten, vor lästigen Besuchen mich mit Verleugnungen zu schützen, und dergleichen Noth- und Faulheitsingen habe ich mir ohne Scrupel nachgesehen, die mit dem leidigen Weltleben kaum vermeidlich verbunden sind, die das vierte Evangelium (Joh. 7, 8?10) selbst dem hohen Stifter unserer Religion beizulegen kein Bedenken trug. Wer in dem großen Zwecke und Berufe seines Lebens sich bewußt ist, den graden Weg der Wahrheit unausweichlich zu schreiten, der wird diese fahrlässigen Aussetzungen des Grundsatzes zu bekennen so wenig Bedenken haben,[148] wie der wahrhaft Tapfere in gegebenen Fällen der Erschlaffung der Anwandlungen natürlicher Furcht geständig sein wird. Ich selbst darf mich der Einhaltung dieser graden Richtung kaum rühmen, weil sie so sehr Naturtrieb in mir war, daß sie in meinen schriftstellerischen wie in meinen Lebensverhältnissen bis zur unvorsichtigsten und unklugsten Rücksichtslosigkeit ging, daß ich seit jener innern Katastrophe in mir selber überall damit angestoßen bin und in meinem Lebenslaufe mir manchen Wandel und manchen Schaden damit gestiftet habe. Der erste Stoß des neuen Prinzips war gegen mich selber gegangen; der zweite ging gegen meine Freunde; diese Vorgänge fuhren fort, was schon in meiner Knabenzeit beginnen sollte, das Leben meiner reiferen Jahre vorzubilden, jetzt schon bestimmter, deutlicher, schon den Weg anbahnend zu meinem spätern Wirken. Den Kampf gegen die Poetenmanie, gegen den romantischen Lebensekel, gegen das epikureische Untersinken in geistigem Luxus, den ich gegen mich und meinen Freund gefochten, hatte ich später gegen das junge Deutschland, gegen die Literatur der Verzweiflung, gegen die belletristischen Epigonen, die Deutschland in dem ausgelebten Zustande einer erschöpften Literatur für die Ewigkeit festbannen wollten, grade nur fortzukämpfen. Ich führte diesen Kampf wider die Zeit und das Vaterland, das mir theurer als die theuersten Freunde war, ebenso unermüdlich und unerbittlich wie gegen mich und meine Jugendgefährten. Ich konnte mir mit geringen duldsamen Zugeständnissen die schreibende Jugend Jungdeutschlands (ich könnte es, wenn es Noth wäre, gedruckt zeigen) zu einer posaunenden Coterie gewinnen; aber ich zog es vor, hier, wo in den größten Angelegenheiten die schonungsloseste Wahrheit Pflicht und Wohlthat war, als ein Feind befehdet, als ein Schwarzseher verlacht, als ein mürrischer Lästerer verkannt und verbannt, als ein Verstoßender verstoßen zu werden. Der Ernst der ächten Wissenschaft war es zuerst, was mich, in dem dritten Jahrzehnt, einer Glanzperiode deutscher Wissenschaft wie wenige andere Zeiträume,[149] gegen diese dilettantische Schreiberzunft gewaffnet hatte; der Ernst der politischen Grundsätze war es, der mich in dem vierten Jahrzehnt, einer Epoche des politischen Aufschwungs, wie er seit einem Menschenalter nicht da war, gegen dieselbe Zunft noch stärker rüstete, als sie auch politisch zu dilettiren begann. Wo und wie ich das Rüstzeug wissenschaftlicher Grundsätze fand, ist angedeutet worden; wo und wie ich das Waffenwerk der politischen Grundsätze aufgriff, das bleibt demnächst zu erzählen. Vorher aber wird es nöthig sein, den Leser noch mit jenem wissenschaftlichen Waffenmeister genauer bekannt zu machen, dem ich das große Erlebniß meiner Revolution allein zu danken hatte. 
 Die Schuljahre.  Wenn man durch die Kirchstraße in Darmstadt von dem Marktplatze aus nach der Stadtkirche geht, so hat man am Schlusse der Häuserreihe rechts ein unansehnliches Eckhaus, das ehemals die Amtswohnung des geistlichen Superintendenten war. Daneben steht ein Häuschen von nur drei Fenstern Breite, dessen Hintergebäude, Hof und Garten sich in etwas erweitertem Raume ziemlich tief bis an die alte Stadtmauer zurückschieben. In diesem kleinen Besitzthume meiner Eltern bin ich am 20. Mai 1805 geboren. Die weitere Familie, die Verwandtschaft meiner Eltern, war in nächster Nähe angesiedelt. Zwei Brüder meines Vaters wohnten der Eine zur Miethe bei uns selbst, der Andere schräg gegenüber in einem noch bescheideneren Hausbesitze. Meiner Mutter Bruder (Schwartz) und Schwester, in deren Kinderkreisen mein frühester Jugendverkehr war, hatten ihre Wohnung auf dem nahen Markte; die letztere Familie führte damals wie noch jetzt die angesehenste kaufmännische Firma (Zöppritz) in Darmstadt. Ihrem Kaufladen gegenüber lag das Familienhaus der Merck; das Haus grade gegen uns über in der Kirchstraße gehörte dem Sohne des Geschichtschreibers Wenck; in der Superintendentur neben uns zeigte man mir frühe von unserem Hofe aus das Fenster einer Stube, in der Lichtenberg gewohnt hatte, als er das Darmstädter Gymnasium besuchte, wo sich seine Knabenwitze in lebendiger Ueberlieferung fortpflanzten. So war ich von früh auf von allen den Namen nahe[1] umgeben, die meiner aufstrebenden Vaterstadt damals in der Geschichte des deutschen Geistes mehr als Einen Ehrenplatz gewannen. Meine Eltern waren einfache Bürgersleute, die zu Zeiten, wenn die Ungunst der öffentlichen Verhältnisse auf das Gewerbsleben drückte, der Armuth näher als dem Wohlstande lebten. Mein Vater war der derbe Sohn eines derberen Erzeugers, von dem harten Schlage einer in den strengsten bürgerlichen Ueberlieferungen lebenden Familie. Ich erinnere mich noch dunkel des Großvaters, wie er im Hause des Onkels am Fenster zu sitzen pflegte in dem stummen Ernste eines hohen, unbeweglichen Alters. Seine drei Söhne waren Naturen von einer Stärke der Charakterprägung, und zugleich von einer Gegensätzlichkeit, die nicht größer und schroffer erdacht werden könnten. Der jüngste, Joseph, der in unserm Hause eine kleine Langwaarenhandlung betrieb, war ein tadelsüchtiger, saurer Sonderling, den seine ungehobelten Formen und eine rauhe Ehrlichkeit zu seinem Geschäfte so untauglich wie möglich machten. Durch Erfolglosigkeit zuerst, und dann auch durch unverschuldetes häusliches Unglück ward er in ein finsteres Mistrauen, in Menschenfeindschaft und Weltverachtung gestürzt und verkam zuletzt, allem Geschäftsleben entsagend, in mürrischer Einsamkeit in so nöthigem wie natürlichem Geize. Der mittlere Bruder, Paul, in dem Häuschen gegenüber, war dagegen unter einem heitersten Sterne geboren, eine grundfröhliche, aufs glücklichste begabte Natur. Der Betrieb eines harten, und nicht des reinlichsten Handwerks hatte ihm die zierlichste Geschicklichkeit im Schönschreiben, im Zeichnen, in Handarbeiten aller Art nicht beeinträchtigen können; er war von gewinnendem Wesen, von großer Wohlredenheit, von stets gleicher Wohllaune und Wohlmeinung gegen alle Menschen; dabei von so verschwenderisch offener Hand, daß er an dem entgegengesetzten Uebermaße, an unbedachtsamer Freigebigkeit, an unvorsichtigem Vertrauen und sorgloser Geschäftswaltung noch im hohen Alter zu Grunde ging, ohne selbst dann in die Timonie seines jüngern[2] Bruders verfallen zu können. Der älteste der drei Brüder, Georg Gottfried, mein Vater, war aus diesen beiden Elementen aufs seltsamste wie zu gleicher Hälfte gemischt. Die Natur hatte sie in ihm niedergelegt, die Schicksale hatten sie wechselnd zu verstärken nachgeholfen. Beide älteren Brüder hatten gemeinsam eine Gerberei von ihrem Vater überkommen, die in den Kriegszeiten, selbst wenn die Lasten am drückendsten waren, ihre Betreiber wohl versorgt erhielt; als aber nach dem Kriege dies Gewerk unter den plötzlich veränderten Sitten und Trachten der neuen Zeit zu stocken begann, kamen schwere magere Jahre, bis sich beide Brüder in weit vorgerücktem Alter noch entschlossen umzusatteln und, auf ihre seinen Weinzungen vertrauend, Wirthe zu werden. Der jüngere that diesen Schritt zuerst und wohlgemuth, der ältere trotz Jahre langen Vorbereitungen später und schwer, und selbst die entschiedensten Erfolge des neuen Geschäftes konnten nicht den dunkeln Schatten scheuchen, den diese Nöthigung auf sein Leben warf; auch gab er, wenn gleich die Lederfabrikation, doch den Lederhandel nie gänzlich auf. Denn seinen bürgerlichen Ehrgeiz peinigte der Gedanke, auch nur den Schein einer Schuld an dem Rückgange seines Gewerbes zu tragen; er konnte jeden Zweifel erdulden, nur nicht den an seiner geschäftlichen Kenntniß, Gewissenhaftigkeit und Redlichkeit, die auch in der That jede Probe bestanden. Diese Wandlungen der äußeren Lage nun nährten begreiflich den Wechsel der verschiedenartigen Launen, Stimmungen und Hänge, die dem Manne natürlich waren. Er wurde durch üble Erfahrungen mistrauisch gemacht wie sein jüngster Bruder; aber zu wem er einmal eine Neigung gefaßt, dem that er, gab er, lieh er Alles wie sein nächslattriger Bruder in nur zu großem Vertrauen; er konnte hart, heftig, jähzornig im höchsten Grade werden, doch rühmte er sich nicht mit Unrecht im Grunde seines Herzens ein »guter Kerl« zu sein, der, wenn er lärmend ein Unrecht gethan, es schweigend wieder zu vergüten suchte; im Hause war er von der Plage des Tages leicht[3] verstimmt, außerhalb immer guter Dinge; jetzt wortfeind, mürrisch und kurrig wie der eine Bruder, dann wie der andere der beliebteste, launigste Gesellschafter, zu allen Späßen, Quertreibereien und selbst Kindereien aufgelegt; er konnte einmal, wenn die Noth es gebot, wie jener knickerig festhalten, ein andermal ließ er wie dieser, wenn der Stand der Dinge es gestattete, fröhlich etwas draufgehen. Mit der reizbaren und heftigen Seite seines Wesens hat er seinen Söhnen, als sie in das Alter des Eigenwillens, der eignen Wünsche und Bestrebungen kamen, viele trübe, peinvolle Tage gemacht; für die Zeit ihrer ersten, harmlosen Kindheit war er, wie es die Art solcher Charaktere ist, der beneidenswertheste Vater. Wenn er des Morgens, in guter Laune erwacht, das Dehnstündchen aus dem Bette mit uns zu vertändeln geneigt war, weckte er uns wohl und trieb uns aufzustehen mit einem neckischen Gesang, mit einem soldatischen Reveillevers, mit Reminiscenzen aus seiner Lectüre, auch mit humoristischen Reimsprüchen eigner Fabrik; wenn er an Winterabenden zu Hause blieb und sich beim Ofen niederließ, und wir konnten schäkernd seine Kniee hinaufklettern, wie wohlig war uns da, wenn er unsere Backen wechselnd liebkoste oder mit seinem borstigen Barte bedrohte; dann erzählte er uns wohl die landläufigen Mährchen, die mir später in Grimm's Sammlung zum Theile alte vertraute Bekannte waren, in dem geschicktesten Vortrage: launig, spannend, lauschend, ob wir den Sinn oder Unsinn faßten, innerlichst ergötzt über unsern Glauben oder Unglauben, unsere Furcht über die Verwicklungen oder unsere Freude über den Ausgang der Geschichten. Ost hatte er Geschäfte auf umliegenden Dörfern oder auf der Frankfurter Messe; welcher Jubel, wenn wir in diese fremden Welten mit durften, wenn wir ihm bei längerer Abwesenheit entgegen kommen, ihn abholen durften, wenn es zur Herbstzeit in die Bergstraße ging, wo er mit Scherzen zu belustigen, mit Erzählungen und Belehrungen zu fesseln unerschöpflich war. Das frohe Kinderfest der Weihnacht anzukündigen, vorzubereiten, mit[4] kleinen Gaben reich und nachhaltig zu machen, das verstehen heute Wenige mehr so gut wie der Vater und der Onkel Paul. Beide Brüder nahmen sich zwischen all ihren Geschäften die Zeit, uns Spielzeuge aller Art zu wählen und selbst zu verfertigen; lange Jahre wurde eine Darstellung der neuen Stadttheile aufgehoben, die uns der Onkel in Pappe gefertigt hatte; das gruppirte sich um das alte Mainthor; der Schlagbaum war an der Kette herabzulassen; in dem ganz ausgeführten Wachthause lag der Zöllner am Fenster, die hereinfahrenden Frachtwagen anzuhalten; die Soldatenwache war vollzählig aufgestellt, die Gewehrständer bis zu der kleinen Trommel nicht vergessen, die man dem Tambour umhängen konnte; daneben war der langen, bis auf Stock und Fenster genau aufgenommenen Louisenstraße gegenüber der neue Marstall im Bau mit Gruppen von arbeitenden Zimmerleuten und Maurern. Mit diesen zierlichst vollendeten Sachen war dann immer rohes Material, Unfertiges, begonnenes Hinzugehörige verbunden, um den Fleiß und Nacheifer zu wecken, um möglichst dauernde Nachfreuden an das Fest zu knüpfen. Unter den Geschenken fehlte es selten an anregenden Büchern; darunter war mir für viele Jahre ein geschichtliches Werkchen mit biographischen Skizzen von Griechen und Römern vorzugsweise lieb geworden, das mir so starke Eindrücke hinterließ, daß ich mich noch heute aller Bilder und einzelner Stellen bis auf einzelne Worte und Wendungen erinnere. Die geschickte Wahl dieser Bücher war nicht Zufall, sondern Verdienst des Vaters, der ein sehr belesener Mann war. Er hatte in seiner Jugend das Gymnasium unter dem trefflichen Wenck besucht, den er im ehrenvollsten Andenken hielt; er hatte auf Reisen mancherlei Anregungen und Interessen erhalten; an Tagen der Erholung oder der Geschäftslosigkeit füllte er seine ganze Zeit mit Lectüre aus. In den Jahren seiner unfreiwilligen Müßigkeit begann er einmal mit den Werken von Walther Scott sich selbst eine Büchersammlung anzulegen; schon zuvor aber hatte er eine kleine Leihbibliothek fast ganz ausgelesen;[5] davon waren die stets lebendigen Zeugen die vielen neckischen Benennungen und Anspielungen, Reimstellen und Citate, die er bei redseliger Laune im Munde führte, und zu denen ich später nicht selten bei unsern Klassikern, besonders oft meinte ich bei Wieland, die Quellen entdeckte. Die Wirkung dieser Art Bildung sah man dem sonst ganz praktischen und immer in seiner Sphäre beharrenden Gewerbsmanne nicht leicht ab, obwohl sie gelegentlich sehr in die Augen fallen konnte. Einmal traf er auf einer Geschäftsreise mit dem Pfarrer Dittenberger aus Heidelberg zusammen, mit dem er sich lange unterhielt; in Mannheim bei Tisch stieß der geistliche Herr mit ihm an auf das Wohl des »Herrn Amtsbruders«, der ihn lachend bedeutete, daß er doch wesentlich nur mit dem leiblichen Wohl seiner Heerde beschäftigt sei. Ein seiner Kaufherr, der ihn in dem Kreise seiner Mitbürger hatte kannegießern hören, sagte mir einst: »Unter diesen Leuten ist Ihr Vater wie ein Professor«. In diesem Fach war er aber auch vor Andern wohlbewandert. Er war ein regelmäßiger und ein wählerischer Zeitungsleser und politisirte mit einer Lebendigkeit der Theil nahme, die der damaligen Spießbürgerwelt im Ganzen außerordentlich fremd war. Auch in diesen Beziehungen kam seine zweiseitige Natur oft in der auffallendsten Weise zu Tage. Er war wie sein grämlicher Bruder ein großer Lobredner der alten Zeit patriarchalischer Sitte, dabei aber doch wie sein lustiger Bruder ein großer Freigeist, ein erklärter Verschmäher des Kirchengehens und der stereotypen Predigtsalbung; er hing voll conservativer Zähigkeit an altbürgerlicher Tracht und Einrichtung, und doch hatte auch eine zweckmäßige Mode großen Reiz für ihn; es kostete ihm Mühe, bis er die alten, steifen Sessel im Wohnzimmer abzuschaffen sich entschloß; als aber der grüne Tuchüberzug gar nicht mehr halten wollte, machte er einen weiten Sprung in die leichten, gefälligen Stuhlformen des Tages herüber; er rühmte sich, der letzte in der Stadt gewesen zu sein, der den Zopf abgeschnitten habe; aber er that das nicht ohne Humor,[6] und wie wenn doch der erleichterte Kopf auch sein Herz erleichtert hätte. In Bezug auf sein politisches Glaubensbekenntniß habe ich in Göthe's Ab-und Zuneigungen die stärkste Erinnerung an seine Eigenheiten gefunden. Er war, schon aus einem angeborenen militärischen Hange, ein großer, ausdauernder Bewunderer Napoleon's; dabei blieb er doch nicht ohne Herz für die Sache der Befreiung, denn er reihte sich mit willigem Selbstgefühle 1813 in den Landsturm ein, der ihn zwar seinen Zopf gekostet hatte; nur aber mit den russischen Bundesgenossen wollte er sich niemals befreunden. Der folgerichtige Haß, den er dieser Nation trug, riß ihn in die wunderlichsten Folgewidrigkeiten. Er eiferte schnöde über den griechischen Aufstand, den er Secundanerstreiche schalt, und trug in dem russisch-türkischen Kriege 1828 das Bild des Sultans Mahmud auffällig und selbstgefällig auf seinem Pfeifenkopfe; hernach aber hing er in der stärksten Spannung an den Erfolgen der polnischen Kämpfe und wird dann wohl Skrzyneeky auf der Pfeife geführt haben. Von ähnlicher Mehrseitigkeit waren seine Grundsätze in Bezug auf innere, bürgerliche Verhältnisse. Er war ein nüchterner Vertheidiger des Alten, den ausschweifenden Neuerungen der begeisterten Turnerjugend der Befreiungsjahre tödtlich feind; ein strenger Monarchist und loyaler Unterthan, aber der Opposition städtischer und ständischer Körperschaften immer zugethan, ein steter Kritiker und Bekritteler der Regierungsmaßregeln, ein bitterer Spötter über Hofdienst und Hofgunst, über Regierungsdienst und Regierungssold. Auf den Gang meines Jugendlebens war es von dem größten Einflusse, daß dieser Bürgersmann nie müde wurde, seinen Söhnen den Stolz der bürgerlichen Unabhängigkeit, die Verachtung gegen das Leben vom Staate und gegen das Schmarotzen um Anstellung und Beförderung einzuprägen. Wenn sich aus dieser eigenthümlichen Charaktermischung auf die Nachkommenschaft dieses Mannes die widerstrebenden Elemente seines Wesens vererben konnten, so sollte dagegen die Mutter Alles[7] hinzugeben, was nur auszugleichen, zu binden und zu versöhnen geeignet war. Auch in ihrer Natur lagen manche schwer vereinbare und nicht oft vereinte Eigenschaften nebeneinander, aber sie waren in ein Ganzes voll innerer Harmonie verschmolzen. Sie war eine von den sinnigen, still waltenden Hausfrauen, die einer der kostbarsten Eigenbesitze der deutschen Volksfamilie sind, deren Leben, ganz in der Sphäre des Gemüthes beschlossen, aufgeht in der opferfrohen Sorge, in der uneigennützigen, pflichttreuen Hingabe für Haus und Kind, in der ruhigen Ergebung in die unvermeidlichen Fügungen noch so schwerer Geschicke. Ihr, vor vielen Anderen, waren diese Schicksale nicht leicht gemacht worden. Die Tochter einer angesehneren, senatorischen Bürgerfamilie hatte sie eine gute Schule durchgemacht und hatte schöne Zeugnisse ihres jugendlichen Fleißes und ihrer zierlichen Geschicklichkeit aufzuweisen. Sie mußte schön und bei aller Demuth nicht ohne ein gewisses Selbstgefühl gewesen sein; sie trat in ihre Ehe weniger aus Neigung als aus Fügsamkeit in die Wünsche ihrer Eltern: das gestand sie mir selbst einmal in späten Jahren, bei einer ernsten Gelegenheit, und in einer Weise, die mir eine Seele voll Duldung und sanfter Kraft erschloß. In dieser Ehe war sie nicht glücklich. Die heitren Hoffnungen, mit denen sie in das Leben getreten sein mochte, wurden ihr eine um die andere zerpflückt. Ihre Milde, ihre Stille, ihre wohlgestimmte, einklangvolle Natur fand sich von der Härte und aufbrausenden Leidenschaft, von den Verstimmungen und Ungleichheiten ihres Gatten oft und immer wieder abgestoßen. Sie war nicht ohne einen Stachel des Widerspruchs und des Widerstandes gegen seine Schroffheiten und Launen, mit dem sie ihn auch zuweilen zur Besinnung zwang; aber in solchen seltenen Scenen legte sie wie mit innerem Widerstreben die eigene Natur gleichsam ab; und wo sie ihm ihre schweigende Geduld entgegensetzte, ward ihre Nachgiebigkeit selten gewürdigt, oft übel verstanden und übel gelohnt. In den Nothjahren ward ihre Lage trauriger[8] noch durch die Sorge um den äußeren Unterhalt. Sie sparte und darbte mit dem zufriedensten Sinne; aber was wollte diese Bewachung des Kreuzers verfangen, als die furchtbare Theuerung von 1817, die den Gulden zum Kreuzer machte, zu dem Stillstand aller Geschäfte hinzuschlug und in den unteren Volksklassen Familien auf Familien, Vermögen auf Vermögen zerrüttete! So lernte die Mutter frühe auf jede äußere Freude des Lebens zu verzichten. In der Art, wie sie das that, wie sie ihr mühselig eintöniges Leben ertrug, wie sie ? nicht stumpf für das Leid, nicht stumpf für die Luft des Tages ? den seltenen Lichtblicken sich in heitrer Vergnüglichkeit hingab, die gewöhnlichen Bürden in klagloser Thätigkeit hinnahm: mit dieser gefaßten, gleichmüthigen Seele erschien sie wie eine Heilige. Sie zog diese Kraft ihrer stummen Entsagung aus der ächtesten Frömmigkeit, die aber von allem Köhlerglauben, von aller Empfindsamkeit und Herzensschwäche gänzlich ledig war. Es war ihr eine ernste Angelegenheit der Seele, am Sonntag Nachmittag ihren Kirchengang zu machen; aber wenn die Pflichten des Hauses abhielten, unterließ sie ihn Monate lang, ohne den geringsten Zweifel, daß sie ihrem Gotte wirkend noch besser diene als betend. Sie gab ein köstlich, wiewohl gänzlich verborgenes Beispiel, wie man sich rührig in den schwersten Lasten des äußeren Daseins bewegen und dabei den ganzen Himmel eines heiligen inneren Lebens im Herzen tragen kann. Wie sie war, hätte sie für ihre vielen Entbehrungen in ihren Kindern allein einen reichen Ersatz gefunden; aber grade in diesem Punkte sollte ihr frommes Gemüth am härtesten geprüft werden. Von neun Kindern starben ihr sieben in frühen Jahren hinweg, darunter ein Mädchen, das ihr besonders theuer gewesen war, dessen Kleider sie bis in späte Jahre bewahrte, um sich über ihnen mit feuchten Augen ihres verlorenen Lieblings zu erinnern. Von zwei übrig gebliebenen Söhnen hatte sie den Kummer, den Einen noch zu begraben, als er ihr schon zwei Enkel gegeben hatte. Es ist ein Volksaberglaube,[9] daß die Kinder frühem Tode geweiht seien, denen die Eltern selber Pathe gestanden; dies schlug in unserem Hause grade umgekehrt aus. Als ich zur Welt kam, war in der Familie nur noch der Onkel Schwartz übrig, der mir hätte Pathe stehen können; die Mutter aber hatte die kleine Eitelkeit, mir nicht seinen Vornamen Adam aufbürden zu wollen; so hob mich der Vater aus der Taufe, und gerade ich sollte von den neun Kindern die Eltern allein überleben. Auf mich nun hatte die Mutter vielleicht etwas von ihrer Vorliebe für die Lieblingstochter übertragen, als ich in frühester Kinderzeit, ihrem gesegneten Einflusse ausschließlich überlassen, ihr Kummer zu bereiten noch nicht fähig war. Aus diesen frühen Jahren, wo sie, der zärtlichen Mutterliebe ganz nachgebend, die Erziehungsmaximen noch ausgesetzt hielt, weiß ich mich einzelner Aeußerungen ihres mütterlichen Wohlgefallens noch in solcher Lebendigkeit zu erinnern, daß ich mir gleichsam die ganze mütterliche Atmosphäre ins Gedächtniß zurückrufen kann. Wenn die sinnige Frau am Sonntag Nachmittag, wie abgeschieden von der Welt, recht wie der Volksausdruck sagt, mutterseelenallein war, das Gesangbuch vor sich, und ich blätterte darin und besah die ausgeschnittenen Bilder und ließ mir sie erklären, den Kopf auf ihrem Schoß, still und sinnend geworden wie sie selbst, dann sah sie mir mit dem ganzen Himmel ihres freundlichen, kinderliebenden Gesichtes in die Augen und freute sich selig des Knaben entgegenkommender Art. Später, in den kummervollen Theurungsjahren, wenn ihr Junge, lebhaft getroffen vielleicht von einer eindringlichen Klage über die Noth im Hause, beim Kaffee schweigend das Stück Zucker liegen ließ, das sie uns zur Tasse zu legen pflegte, so sah sie ihn mit einem von Schmerz und Lust getheilten Blicke an und suchte dem Auge des Vaters zu begegnen, ihn aufmerksam zu machen. Wenn ich ihr in Haus und Hof einen Dienst leisten konnte, that ich es gern, und sie freute sich dessen doppelt; denn im ganzen sträubte ich mich, aus Blödigkeit oder aus einem gewissen[10] ehrgeizigen Tick, gegen alle handlangenden Mägdedienste, Ausläufe und Bestellungen mit dem größten Widerwillen. Diese erste Freude aber an ihrem Jungen sollte der Mutter nicht lange unverkümmert bleiben. Wie viele schwere Stunden bereiteten ihr die Verhältnisse der beiden aufwachsenden Knaben zu dem Vater, der in Uebellaune so oft die natürlichsten Jugendfehler strenger als nöthig nahm und in Ungerechtigkeit sie gerne unzeitiger Nachsicht der Mutter Schuld zu geben pflegte: die diesen Vorwurf wahrlich am wenigsten verdiente. Denn wie eifrig sie auch gegen die Unbilden des Vaters ihre Kinder in Schutz nahm, sie lieferte sie auch eben so streng seinen Rügen und Strafen aus, wo sie sie wirklich verdient sah. Alle Schwäche der Verziehung war ihr ganz fremd. Früh hörte die mütterliche Liebkosung gegen uns auf, wenn sie die Zeit gekommen glaubte, die Zärtlichkeit ? nicht vorenthalten, aber verhalten zu müssen. Bezeugungen der Zufriedenheit bekamen wir selten oder nie zu hören von der zucht- und sittenstrengen Frau, deren tiefster Charakterzug Bescheidung und Bescheidenheit war, der die Pflichterfüllung für eine selbstverständliche, des Lobes nicht werthe Sache galt; mir hat daher in all meiner Jugend bei dem ungewohnten Lobe aus Anderer Munde die ?????? ????? immer die Wange geröthet, und bis in mein Alter ist mir eigen geblieben, daß es mir die Augen niederschlägt und daß eitle Schmeichelei mich verstimmt macht. Wenn wir eine Schulbelohnung nach Hause brachten, sie trug uns keine Belobung ein, wohl eher eine schmollende Bemerkung: »Das weiß ich auch nicht, wie du das verdientest«, in einem Tone halben Tadels, den freilich die zufriedenen Blicke Lügen straften. Es mußte in dem Eifer einer gerechten Vertheidigung und in der Gereiztheit des mütterlichen Selbstgefühls gewesen sein, daß sie einmal in Gegenwart des unschuldig verklagten Sohnes in einem von Rührung gebrochenen Tone sagte: »Er ist gut und wohlgelitten«; Worte, die mir nur im Gedächtniß blieben, weil sie meinen Ohren ganz[11] ungewohnte Laute waren. Noch später aber, als ich bei meinem Austritt aus dem Knabenalter aus dem Geleise der gewöhnlichen Lebenswege vielfach ausbog, hatte die brave Frau den Kummer, daß sie wohl langehin in diesem ihrem guten Glauben an meine »Güte« irre wurde, irre an meinem Charakter, schmerzlich besorgt um mein inneres Heil und schwer bekümmert um meine äußere Zukunft. Diese Eine Freude aber sollte ihr doch zu Theil werden, daß sie all dieser Bekümmernisse ganz getröstet ward, daß sie erlebte, den Sohn versorgt und glücklich und seinen Namen selbst im Lande in einigen Ehren zu sehen. Ich weiß, daß ihr das eine Schadloshaltung war für viele Leiden, und daß es ihr Sterbebett sanft gemacht hat. Sie starb, wie sie gelebt hatte. Sie hatte sich Jahrzehnte lang an jedem Geburtstage mit dem Gedanken an ihren Sterbetag vertraut gemacht; sie ging in den Tod wie ein Held, ohne Freude und ohne Furcht, wie immer in stillem Gleichmuthe gefaßt. Sie konnte, wenn sie nicht zu bescheiden dazu gewesen wäre, in dem glüiklichen Gefühle die Augen schließen, daß sie dem nachlebenden Sohne einen fruchtbringenden, lebendigen, dauernden Segen hinterlassen hatte. Was an mir klug sein möchte, hat mir mein Vater vererbt; was an mir gut ist, hab ich der Mutter zu danken. Amazon.de Widgets Aus meiner frühesten Kinderzeit weiß ich mich vereinzelter unbedeutender Dinge zu erinnern, die der Natur der Sache nach zum Theil in die ersten Lebensjahre zurückfallen müssen. So sehe ich mich in dem Zimmer der Tante Zöppritz auf ihrem Schoß, wie sie mir einen Apfel schabt und auf der Messerspitze in den Mund gibt. So meine ich mich des Fallhuts, den ich trug, und meines Sitzes im Kindersessel mit dem einsperrenden Spielbrette noch deutlich zu erinnern. Die Schauplätze meiner ersten Spiele, meinen Schemel in der Wohnstube, alle Ecken und Winkel im Haus und Hof, von den Holzställen bis zu den Speichern, wo ich mit kleinen Geschwistern oder mit den Kindern der Miethbewohner in[12] dem Hinterhause mich umtrieb, der Garten mit der leicht zu erkletternden Stadtmauer, die Spielstätten bei Bruder und Schwester der Mutter auf dem Markte, der Kaufladen besonders, der bei abendlichen Besuchen bei der Tante Zöppritz ein Haupttummelplatz der vetterlichen Jugend war, diese Orte alle sind mir durch einzelne Scenen mit einzelnen Spielgenossen vielfältig belebt im Gedächtnisse. Denn ich weiß es von der Mutter und könnte es aus diesen Erinnerungen wissen, ich könnte auch aus meiner Weise in den späteren Knabenjahren zurückschließen, daß es nicht eine gewöhnliche Spiellust war, die von ganz früh auf mich quecksilbernen Jungen beständig in Athem hielt. Mit dem nahaltrigen Schwesterchen, dem Herzblatt der Mutter, war das Umtollen besonders arg: noch klingt mir aus den Spielen mit ihr der Warnungsruf der Mutter in den Ohren, wie gefährlich man auf dem ebenen Stubenboden fallen könne. Wohl erinnere ich mich auch noch des Krankenbettchens, in dem gleichzeitig mit mir selber dieses Kind an den Rötheln niederlag, an denen es starb. Den Vorbereitungen seiner Bestattung hat man mich Kranken damals natürlich entzogen; aus anderen Beerdigungsfällen, die ja leider so häufig waren, erinnere ich mich wohl noch der schwarzen Männer und der Citronen, die ihnen vertheilt wurden; so sehe ich auch noch die Todtenlade eines anderen, ganz jung verstorbenen Schwesterchens, an dessen Tod sich wieder eine Spielgeschichte knüpft. Während es krank lag, war einem der Vettern Zöppritz, mit dem ich das Haus zu durchtoben pflegte, die Schwelle verboten; als ich ihn nach der Beerdigung zum erstenmal wieder sah, kündigte ich ihm in hellem Jubel an, daß er nun wieder kommen könne, da das Schwesterchen todt sei. Einer andern Mutter hätte solch ein Zug vielleicht Kummer gemacht um die Fühllosigkeit ihres Kindes; die unsere, die von solcher Empfindsamkeit nichts in sich hatte und wohl wußte, daß der Egoismus der verstandlosen Kinderjahre ganz harmloser Art ist, erzählte die Aeußerung nur als ein sprechendstes Zeugniß für die[13] charakteristische Seite meiner Frühjugend, für den ausgelassenen Eifer meines Spiellebens. Diesem Triebe gab ohnehin die Methode der elterlichen Erziehung, auch bis in die spätesten Knabenjahre, absichtlich den weitesten Spielraum. Als der Vater einmal wußte, daß seine Jungen beide, die das Schulalter erreichten, in der Schule ihre Pflicht thaten, kümmerte er sich nicht weiter um ihre Arbeiten, forderte ihnen keine Rechenschaft über ihre Zeitverwendung ab, ließ ihnen zu ihren Zeitvertreiben alle Muße und allen Willen, öffnete ihnen alle Räume im Hause, gab ihnen sehr weite Lauffreiheit außer dem Hause und unterstützte bereitwillig Alles, was sie in Beschäftigung, was sie bei eigenem Schaffen und Erfinden halten konnte. Von den Jahreszeitspielen der Jugend vom Frühling bis zum Herbst, vom Kreisel bis zum Drachen, entging uns nichts, am wenigsten das rohe Material für die selbstzufertigenden Spielzeuge. Die Soldaten, mit denen wir im Zimmer Schlachten lieferten, die Rüstungen und Waffen, mit denen wir uns selber zu Soldaten ausstaffirten, die Bogen und Pfeile oder Wurfstangen, in deren Gebrauch wir uns übten, wohl selbst die größeren Gesellschaftsschlitten eines rohen Baues, mit denen wir an Winterabenden die Straßen durchknallten und durchrasselten, mußten so viel möglich eigener Mache sein. In dem Garten war uns ein Stückchen Land überlassen, das wir mit Blumen, mit bunten Bohnen, mit Kresse und Radischen bepflanzt hielten; bei der Bestellung des übrigen Gartens, die der Vater oft selbst zu besorgen pflegte, waren wir immer zur Hand. Es gab keine Sammlung von naturhistorischen oder anderen Gegenständen, von Steinen, Pflanzen, Schmetterlingen, Eiern, Siegeln, bei der man uns nicht gerne gefördert hätte. Wir schleppten lebende Thiere aller Art zusammen, ohne daß man uns Schwierigkeiten gemacht hätte; wir hatten abwechselnd oder zu Hauf Singvögel in der Stube, Katzen und Hunde im Hause, Tauben auf dem Speicher, im Holzstall bald einen geschenkten Weih, bald einen auf der Stadtmauer gefangenen Marder;[14] im Garten eine große Kaninchenhecke, mit denen wir zu Zeit selbst Handel trieben. Denkt man, daß ein so vielfältig ausgreifender Spielhang schon in den frühesten Jahren so reichliche Nahrung erhielt, so begreift man leicht, daß diese große Freiheit und eigenwillige Bewegung mir einen innerlichen Widerwillen gegen die Schule einflößte, die mir die freie Regung beengen sollte. Meine Mutter pflegte mich zu rühmen, daß es ihr mit mir allein gelungen sei, mich ohne fremde Hülfe das Lesen zu lehren, und mir denkt noch wohl des Klapptischchens am Fenster, wo diese ersten Lernversuche anfangs von ihr begonnen und dann von einem säbelbeinigen Lesemeister fortgesetzt wurden. Meine Lerngeschick lichkeit verschob mir den Schulgang bis gegen mein achtes Jahr; selbst dann noch sträubte ich mich mit so eigensinnigen Thränen dagegen, daß Drohworte und Schläge nöthig wurden, mich den sauren Weg antreten zu machen. Einmal eingerückt lernte ich nun die Schule von gar keiner schreckenden Seite kennen. Ich durchlief zwei Klassen der Stadtschule jede in einem halben Jahre und brachte aus jeder ein Prämium und die Zeugnisse guter Zucht und gewissenhaften Fleißes heim. Ich machte in einem anderen halben Jahre eine Vorbereitungsschule zum Gymnasium durch und trat im 9. Jahre in die unterste Klasse, in Quarta, ein. Auch hier ward mir in allen Zweigen allezeit das beste Lob, wohl selbst in solchen, in denen ich allezeit ein Stümper war und blieb. In den Anfängen der mathematischen Wissenschaften, mit Ausnahme der Arithmetik, blieb ich, vermuthlich mit sehr vielen Anderen, stecken, weil die Lehrer, die sie uns beibringen sollten, selbst nichts davon verstanden; wenn ich es dagegen im Schönschreiben nie zu etwas brachte, so lag dies in meiner eigensten Natur: ich hätte es eben so wenig im Zeichnen, im Malen, im Musikspielen je zu einer großen Fertigkeit gebracht, weil ich zu Allem, was lange technische, mechanische Uebung erforderte, immer untauglich war. Sehe ich von diesen Künsten ab, so war mir das übrige Lernen eine willkommene,[15] zeitfüllende Beschäftigung, eine andere Art von Spiel. Ich war in meinen Ordnungen gewöhnlich der Erste. Ich erinnere mich aus allen meinen Schuljahren kaum einiger Fälle, wo mir Aufgaben und Lernpflichten einige Sorge gemacht hätten; ich besinne mich überhaupt nur auf sehr weniges aus dem Gewohnheits- und Ordnungsmäßigen im Schul-wie im Hausleben; das Treiben mit der Sippschaft meiner Spielgenossen, das mich selbst meinem drei Jahre älteren Bruder in der Schulzeit ganz entfremdete, steht mit einer Fülle von Thatsachen in dem lebhaften Vordergrunde meiner Erinnerungen, das Leben in der Schule wie ein gleichgültiges Nebenwerk im verblaßten Hintergrunde meines Gedächtnisses. Dort waren alle Freuden meines Knabenalters gelegen; vor dem Zwang der Schule habe ich immer, wie wenig sie mich beengte oder bedrängte, einen gewissen Schauder empfunden, wie man ihn wohl in späteren Jahren in Träumen zu haben pflegt, in denen man sich erwachsen in die Schule zurückversetzt fühlt. Das lag nun zum guten Theile an dem großen Unter- und Hintergrunde, den unser selbstthätiges Jugendleben grade in meinen ersten Schuljahren durch die gewaltigen Zeitereignisse der Befreiungskriege erhielt. Ich war nur erst sieben Jahre alt, als der furchtbare Wendepunkt des Napoleonischen Glückes in Rußland eintrat. Solch ein Schlag fühlte sich in den kleinen Residenzen des Rheinbundes, wie Darmstadt, mit einer entsetzlichen Schwere; die geerndteten Kriegsehren der hessischen Contingente dienten nur, die Schmerzen der Niederlage und der ungeheuren Menschenverluste zu schärfen. Ich erinnere mich genau, wie ich einem vetterlichen Spielkameraden, vor dem Paradeplatz mit ihm hinschreitend, die Neuigkeit von dem Brande Moskaus in wichtigem Tone mittheilte, wie ich sie, aus dem Munde des kundigen Vaters ohne Zweifel, aufgeschnappt hatte. Bald rückten uns die Ereignisse in der Art nahe, daß selbst wir Kinder in einem Alter, aus dem die Meisten nur mäßige, bedeutungslose Erinnerungen haben, gleichsam in die[16] Mitleiden und Mitthätlichkeiten der Erwachsenen hineingezogen wurden. Kurz vor der Schlacht von Hanau wich der Großherzog, in dem Glauben an Napoleons Allmacht befangen wie die Fürsten von Baden und Würtemberg, vor den andringenden verbündeten Heeren nach Mannheim aus: man kann sich denken, welche Bestürzung dies unter den Menschen der entgegengesetztesten Gesinnungen hervorrief, und wie nachdrücklich sich die bürgerliche Kritik darüber ausließ. Grade während der Schlachttage (30. u. 31. Octbr. 1813) war der Onkel Joseph in Hanau gewesen, der sich dort mit einem liebenswürdigen Mädchen (das nachher nach wenigen Jahren ihrer Ehe in Wahnsinn verfiel) verlobt hatte; sobald nur durchzukommen war, war er herüber geeilt, und wie hing da das ganze Haus an seinen schreckhaften Erzählungen von der Beschießung und Bestürmung der Stadt. Ueber die Schlacht selber kam ein frischer, lebendiger Bericht noch von anderer Seite. Ein Theil des Wrede'schen Heeres schob sich nach der Schlacht über Darmstadt, das mit Truppen überfüllt war wie nie. In des Vaters Häuschen, das bei einer gewöhnlichen Quartierbelastung mit zwei Mann abkam, stellten acht Oesterreicher ab, zu denen noch spät Abends vier Baiern hinzukamen. Jedes Eckchen der Wohnung war ausgeleert, die Magd hatte schon ihre Kammer räumen müssen, es war für diese Nachzügler kein anderer Raum übrig als die Wohnstube. Man hatte ihnen noch spät ein Nachtessen rüsten müssen; ein Sergeant war darunter, der geschickt und beredt von den Hergängen der Schlacht, denen er beigewohnt, eine Erzählung gab; den kriegssinnigen Vater erfaßte das; er setzte den Leuten Wein, um sie noch etwas länger wach und redelustig zu erhalten, bis sie dann müde auf ihre Streu sich streckten. Die kleine Familie lag in der anstoßenden Schlafkammer beisammen, die Magd aufsitzend und arbeitend, da taumelt plötzlich der Sergeant von seinem Lager auf, ruft schlaf- und weintrunken, wer ihn einen Hundsfott geschimpft habe, und stürzt mit gezogenem Säbel in die Kammer, wo ihm das Bett der Knaben[17] zunächst stand; wir er wachen von dem Lärm, das Mädchen birgt sich schreiend unter den Tisch, der aufspringende Vater aber und die nachstürzenden Kameraden, die ihres Fährers Art schon kannten, entwaffneten den Mann und brachten ihn wieder zur Ruhe. Dergleichen Erfahrungen machten unseren bonapartischen Vater nicht eben besser auf die Verbündeten zu sprechen. Am wenigsten wollte es ihm mit den russischen Befreiern glücken. Für uns Knaben war es ein Jubel, die ersten Kosaken zu begrüßen; für den Alten waren die unsauberen Gäste beim Durchmarsch und vollends im Hause ein steter Gegenstand des Spottes und des Aergers. Der menschenkundige und soldatenfreundliche Mann hielt sonst darauf, mit seinen Quartiergästen sich gut zu stehen, nur mit den russischen gelang es ihm nicht. Gab seine Abneigung den Grund dazu, oder stammte seine Abneigung erst aus diesen Erfahrungen, ich weiß es nicht. Einmal, erinnere ich mich, kam ein russischer Officier mit einem Dollmetscher ins Haus, um ein entstandenes Zerwürfniß zu schlichten. Alles sollte in der Berührung mit diesen Bundesgenossen übel ausschlagen. Eines Tages schickte man uns acht Kosaken auf einmal ins Quartier, in ein Haus, das nicht Stall noch kaum einen Eingang für Pferde hatte, die nur in dem langgestreckten Hofe unter freiem Himmel unterzubringen waren: das gab denn Anlaß zu den heftigsten Beschwerden bei der Stadtbehörde; beim Abzug der vierbeinigen Gäste hoffte der Hausherr wenigstens von den hinterlassenen Streu- und Dunghaufen einen kleinen Vortheil für seinen Garten zu ziehen; im Sommer aber schoß ihm auf allen Feldern der Hafer zwischen seinem Gemüse auf. Es traf sich seltsam, daß auch in der Oeffentlichkeit die widrigsten Zwischenfälle mit den russischen Freunden unser Haus immer nahe berührten. Einst marschirte ein russisches Regiment durch die Straße; plötzlich hält es an; ein armer Delinquent wird nahe bei unserm Fenster bei der Kirche auf eine Bank gestreckt und jämmerlich geknutet, daß er wie leblos davon gefahren wurde. Ein andermal erhob sich zwischen[18] russischen Einlagerern und hessischen Truppen, die mit dem kaum erst bekämpften Feinde auch nicht gleich auf bundesgenössischen Fuß kommen wollten, ein Zwist, ein Auflauf erfolgte und ein Handgemenge, das wieder in unserer Straße unter einem wilden Gedränge zu blutigen Köpfen führte, bis die Schloßwache einschritt. Wieder einmal waren wir Knaben in einer privaten Rechenstunde in der Nähe des Rheinthors beschäftigt, als Hornsignale auf der Straße erklangen. In jener kriegerischen Zeit waren in allen Schulen die Lehrer immer bereit, wenn eine Militärschau war, wenn fremde Truppen durchzogen, so oft unvermuthet die Trommel auf der Straße rasselte, den Schülern freien Laufpaß zu geben; in den Privatstunden wartete man nicht erst auf diese Erlaubniß; wir stürzen also hinaus, wo uns denn vor dem Thore schon verwundete Russen bluttriefend entgegengeführt wurden. Ein schmutziger Vortrab eines Artillerietrains war beim Hinauszug aus dem Thore angehalten worden, der betrunkene Officier konnte oder wollte die verlangten Papiere nicht aufzeigen, der wachhabende Lieutenant winkte den Schlagbaum zu schließen; als die Schildwache die Kette abhängte, sprengte der Russe auf den Mann zu und hieb ihn über die Stirne, setzte dann über den Schlagbaum hinüber, ein Theil seiner Leute ihm nach, die übrigen wurden mit Waffengewalt festgehalten und verhaftet; die draußen schienen sich indessen zu besinnen und verhandelten, während die versammelte Jugend und Volksmasse sich erlustigte, sie mit Steinen zu beschießen. Solche Scenen wie diese aus dem Jahre der großen Märsche von 1813, die sich mir aus unzähligen Erinnerungen an durchziehende fremde Truppen, an ausziehende hessische Contingente, an die rückkehrenden Trümmer aus Spanien und Rußland in besonderer Lebhaftigkeit herausheben, zusammen mit den Erzählungen der spannenden entfernteren Ereignisse der schwungvollen drei Befreiungsjahre wirkten begreiflich mit einer außerordentlichen Gewalt auf die Jugend meines Alters. Kaum gab es da andere als soldatische Spiele. In dem[19] Kaufhaus auf dem Markte pflegten unter den sieben Vettern immer die älteren den jüngeren zu Weihnacht papierne Armeen und pappene Festungen mit Wallgräben und Citadellen anzufertigen; dies wurde dort in einer gewissen Fülle und mit großer Kunstfertigkeit getrieben, von der ich, wenn ich mitzuthun wünschte, viel zu lernen hatte. Die Schlachten und Belagerungen unter diesen papiernen Heeren mit Erbsenschüssen aus Holzkanonen gingen in den Zimmerräumen dieses Hauses vor sich; das persönliche Soldatenspiel mit Schild und Spieß, mit abenteuerlichen Panzern und Helmen oder Grenadiermützen hatte mehr in dem geräumigen Hofe und Garten bei uns Statt. Dergleichen Spiele einzurichten und Rotten von Jungen dazu zu versammeln, war ich immer rüstig und rührig voran; auch in die große Schulgenossenschaft trug ich mit Eifer diese Spielorganisation hinüber. Ich war ein Tertianer, als von unserem Conrector (Weber) ein umlaufendes Blatt confiscirt wurde; er sah es erst schmunzelnd, dann sich schüttelnd vor Lachen durch; es war ein Plan und Aufruf zu einem Soldatenspiele im größten Maßstab, an dem die ganze Schulmannschaft Theil nehmen sollte. Wer ist denn der gewaltige Legislator, sagte der strenge und heftige, aber seiner kräftigen Art und Weise wegen doch beliebte Lehrer; und alle Blicke zielten auf mich. Das Blatt ward zurückgestellt mit der bloßen Warnung, daß es nur nicht lächerlich werde. Das Lächerliche mochte sich nun freilich mit dem feierlichen Ernste, mit dem dies Alles betrieben wurde, vielfach gemischt haben. Wir zogen an jedem Sonnabend Nachmittags, von dem Thore ab in geschlossenen Gliedern, mit Schild und Stock in den Tannenwald vor dem Rheinthore, nach den Schanzwerken für die Artillerieübungen, oder nach dem Haine des Hergottsbergs, übten uns regelrecht im Marschiren, theilten uns in zwei Lager und tummelten uns die Höhen auf und nieder. Es war dies die Zeit, wo der teutonische Schwindel von der Universität aus auch in die Schulen eindrang, und dies nicht am wenigsten grade in Darmstadt, das eine Hauptburg des bürgerlichen[20] und studentischen Freisinns, der Verfassungsfreunde und der Burschenschaft war. Die Knaben partheiten sich wie die Gießener Akademiker in Schwarze und Weiße, und es gab Zweikämpfe wenn nicht mit Rapieren, so doch mit Ziegenhaynern. Vorübergehend wurde das Turnen bei dem Gymnasium eingeführt. Da es kein verbindender Unterrichtszweig war, so entspannen sich zwistige Meinungen darüber. Ich war auf der Seite der Gegner. Die wichtigthuende Befehlshaberei und die affectirte Gespreiztheit der Vorturner stieß mich schon damals ab, besonders aber war mir für meine überfreien Neigungen der Zwang, die Methodik, das Handwerk auch in dieser Kunst zuwider, die der Knabe doch eben nur als ein Spiel ansah; und ich habe bis auf den heutigen Tag die Ansicht nicht abgelegt, daß das Barspiel, das Ballschlagen, das Boxen, die Laufparthien und ähnliche Spielweisen der englischen Jugend neben der körperlichen Kraft die moralische Freiheit, Selbstthätigkeit und Selbständigkeit ganz anders herausbilden als der systematische Mechanismus unserer Turnübungen. Mein Hang stand daher damals mit der größten Entschiedenheit zu unseren selbstgeschaffenen freien Spielen in Wald und Berg. Uebrigens waren jene Spiele in Massen nur eine Weile nur Eine Seite meines Lebens außer dem Hause. In einem engeren Kreise genauerer Freunde genoß ich wieder die ganz entgegengesetzten Freuden einsamerer Zurückgezogenheit. In welchem Knabenkopfe hätte, vollends in so aufgeregter und aufregender Zeit, die Robinsonade nicht neben der Iliade einen Platz gehabt? Da suchte ich mir denn in unseren Freistunden oder Vacanzen irgend einen Freund Freitag aus, durchstrich mit ihm einsam nach allen Richtungen die schönen Wälder und Höhen um Darmstadt her oder zog ihn ? und dies besonders gern ? zu einer Gruppe sporadischer Granitblöcke zur Seite des Herrgottsberges, wo wir uns mit Reisig- und Laubdächern eine schattige Grotte zwischen den Felsstücken zurecht machten, Moos- und Rasenbänke darin anlegten und dann gelagert ein frugales Mittagbrod[21] mit kindischen Phantasien würzten. So sammelte sich allmälig eine kleine Colonie von Robinsonen an, denen dann abenteuerliche Reisebeschreibungen wie Le Vaillant die träumerischen Köpfe noch mehr verwirrten. Wir zettelten eine Verschwörung an, uns aus Haus und Heimat wegzustehlen, auszuwandern, über See zu gehen, in überströmender Luft in dem ausschweifendsten Gedankenverkehre mit einem Leben in der Wildniß, mit Fahrten auf allen Meeren nach allen Ländern der fernsten Ferne. Es war nur ein eitles Spiel der brennenden Köpfe, die sich in kecken, trotzigen Entwürfen großthuerisch gefielen; es brauchte nichts, als daß mir träumte, wir wären ausgezogen mit einem Fäßchen Pulver auf einem Schiebkarren, das sich, wie wir den Darmbach entlang gingen, entzündet und uns Alle unter einer großen Explosion in Feuer und Wasser begraben habe, so ward dies von den einbildungssrohen Auswanderern als eine vorbedeutende Abmahnung gedeutet, um die gottlosen, elternvergessenen Plane aufzugeben oder mit anderen, minder gefährlichen zu vertauschen. Die Seefahrer verwandelten sich in Jäger. Einer von uns hatte ich weiß nicht welche Verbindungen, durch die er uns Zulaß schaffte, einem großen Treibjagen beiwohnen zu dürfen, als man in den stattlichen Forsten des Hofes ein Paar weiße Hirsche einfing, die zu einem Geschenke bestimmt waren: dies große Ereigniß in unserem jungen Leben gab zu dieser Wendung den Anlaß. Wir wollten sofort über den Stand von Treibjungen hinaus, wir wollten selber jagen und schießen, nur daß wir weder Jagdbekanntschaften noch Flinten hatten, noch auch nur hätten haben dürfen, wenn wir selbst die Mittel besessen hätten, sie anzuschaffen. Einer aber der Gesellschaft war im Besitze von ein Paar langen Pistolen; die dachten wir anschäften zu lassen, um kleine Stutzen daraus zu machen. Aber auch das verlangte ein Capital, zu dem unsere ganzen zusammengeschossenen Wochen-Einkünfte auf lange Zeiten hinaus nicht reichten; wir ließen also die hergestellten Gewehre dem Büchsenmacher zum Pfand, holten sie alle Sonnabende, das[22] dürftige Wochengeld daran abzahlend, bei ihm ab, um sie am Sonntag Abend gewissenhaft zurückzustellen. Wir rafften nun Blei zusammen, gossen Kugeln, schafften Schrot und Pulver an, schossen auf unseren Robinson'schen Inseln nach Scheiben, versuchten uns an Vögeln und Eichhörnern und kamen nicht nur Einmal mit den Feldschützen in Conflicte, aus denen die flinken Beine retten mußten. Zuweilen wurden größere Ausflüge gemacht, auf denen uns das Schießzeug begleiten mußte; da kamen Gefahren von den Forsthütern dazu. Zu all dem Jagd-, Soldaten-, Turner- und Studentenwesen spukte selbst in den älteren Köpfen jener romantischen Zeit auch noch das Ritterthum; das fand bei uns Knaben nicht minder üppigen Boden. Die sechs Stunden der Bergstraße hessischen Gebietes entlang bis Heppenheim zählte man von Frankenstein bis Starkenburg so viele Burgruinen als Wegstunden: wie ließ sich da auf den Sonntagswanderungen schwelgen in riesigen Einbildungen! Einmal wurde ein größerer Zug unternommen, die reizende Bergreihe entlang und von da querüber zu der Ruhmesstätte Luther's, dessen Cultus damals in höchsten Ehren stand, nach Worms; von da den Rhein entlang bis zu der Stätte, wo zwischen Oppenheim und Erfelden eine hölzerne Denksäule den Rheinübergang Gustav Adolphs verewigt: solche Tage eines völlig unbewachten, freien, selbstüberlassenen Lebens hinterließen uns unauslöschliche Eindrücke und einen unvergänglichen Stoff von schönen Erinnerungen und wachsenden Entwürfen zu neuen Unternehmungen, zu neuer Belebung unseres mannichfaltigen, vielseitigen Verkehres. Dieses rührige Treiben voll anregsamer Einflüsse, unter großer Selbständigkeit und Ungestörtheit der Bewegung, gewöhnte uns frühe, all unseren Hängen und Neigungen den freiesten Lauf zu lassen, eigne Zwecke und Ziele zu wählen und zu verfolgen, die Kräfte des Entwerfens und Ausführens zu üben, Natur und Charakter zeitig in ihre wahre Gestalt zu prägen, ohne irgend eine[23] übermäßige Einwirkung der Convenienz aus Haus oder Schule. Es warf die abenteuerlichsten, überspanntesten Schwärmereien in die Köpfe, aber es pflanzte auch in einem frühzeitigen Alter vaterländische und freisinnige Ideen in die Gemüther, es machte unsere Geister für die allerverschiedensten Eindrücke empfänglich, es schlug in unsere Seelen den Funken eines strebsamen Ehrgeizes, der über das gewöhnliche Geleise hinausrang. Aber es führte freilich auch in Bezug auf Zucht und gute Sitte, in dem flachen gesellschaftlichen Verstande wie in dem tiefen Sinne der ethischen Ausbildung, außerordentliche Gefahren und große Schäden mit sich. Die Schule kümmerte sich um das Leben außerhalb nicht weiter, als es durch Klagen zur Kenntniß des Lehrers kam; die Hauszucht war wohl nicht allein in dem Kreise unserer besonderen Familien, sondern ganz allgemein unter dem mächtigen Einwirken des öffentlichen Lebens auf die Jugend sehr viel lockerer damals als in anderen Zeiten; und der tiefere Stand der öffentlichen Moral, den die Statistik der Verbrechen in den Zeiten der Kriege und ihrer Nachwehen auszuweisen pflegt, spiegelte sich unvermeidlich in dem Jugendleben jener Jahre in etwas wieder. Die Entfremdung von den Eltern, die Entfernung aus dem geordneten Gange des Familienlebens, das unhäusliche Streifen und Schweifen, der Abscheu vor Zwang und strenger Zucht, die Verachtung der nüchternen Alltäglichkeit, die Verwilderung in ausschweifenden Entwürfen eines ganz eigenwilligen Lebens, der spröde Unmuth gegen jede Zumuthung einer gewöhnlichen Dienstleistung im Hause, die Gleichgültigkeit gegen das gewöhnliche Geschäft der Schule, all das diente nicht, weder die eine noch die andere, die äußere und innere Seite der Sittsamkeit zu entfalten. Gewandtheit im Menschenverkehre, Anstand, Gefälligkeit, Rücksicht, das waren die letzten Tugenden, die man in jenen Zeiten lernte, in denen Derbheit und Grobheit als die äußere Bewähr aufrichtiger Gradheit und Offenheit galten; Maß und Schranke und Selbstbezwingung war in den ausgelassenen[24] Genossenschaften dieser Tage nicht zu lernen, bei deren unbewachtem Wandel auch grade die Ehrlichkeit und Unverstecktheit, die sie unter ihres Gleichen verlangten und übten, gegen Lehrer und Eltern am wenigsten beobachtet wurden. Die kriegerische Natur der Zeit spiegelte sich vor Allem in einer rohen Streit- und Händelsucht der Knaben der verschiedenen Stände ab; die Schüler der Bürgerschulen und des Gymnasiums lagen in fortwährendem Hader, wobei die letzteren am häufigsten zu kurz kommen mußten, da ihre Gegner an jedem Lehrjungen und Gesellen einen natürlichen und überlegenen Bundesgenossen hatten. Ich erinnere mich von einem Falle gehört zu haben, wo ein Junge unter der Halle des Rathhauses halb todt geschlagen wurde; bei einem anderen, harten Sonntagstreffen in der Nähe eines Weingartens war ich selber anwesend, das zeitig gestört wurde; ein anderesmal trug ich, in einer Seitenstraße allein überfallen, eine nicht zu bemäntelnde Niederlage davon; bei einem Scharmützel in der Nähe der Wohnung unseres tapferen Conrectors schickte dieser den Scholaren seinen Bedienten zu Hülfe, verkündete uns aber in der nächsten Stunde, daß er ihn das nächstemal aussenden werde, auf uns, nicht für uns zu schlagen. Diese öffentlichen Ausschreitungen fanden natürlich ihre Schranken an der Polizei, die Kriegsspiele unter der gesammten Spieljugend an der Allgemeinheit der eigenen Ueberwachung; was unter den Spielgenossen unseres engeren Kreises vorging, war viel bedenklicher. Die vielerlei verpönten Streiche und Beschäftigungen, denen wir oblagen, machten uns Heimlichkeiten aller Art, Nothlügen und Zwecklügen, Entwendungen, Verleugnungen und Ausflüchte zu einer Nothwendigkeit und übten uns alle diese Untugenden bis zu einer merkwürdigen Keckheit und Geschick lichkeit ein. Unsere Auswanderungsplane, unsere Reiseausflüge, unsere Jagdvergnügen erforderten Mittel, die über unsere rechtlichen Besitze weit hinausgingen; da wurde nun zu Geld gemacht, was nicht schloß- und riegelfest verwahrt war; fand sich[25] in einem Winkel ein Buch, das nicht im Gebrauch war, fand sich in einer Schublade unter altem Krame ein verborgenes silbernes Pfeifenbeschläge, das mußte zum Antiquar, das mußte zum Silberschmied wandern; in der Rumpelkammer bei uns hing ein wackerer Büchsenranzen, der als eine brauchbare Lieferung in Natur erkannt ward; er wurde sofort als ein Darlehen auf unbestimmte Zeit zu unserem Gebrauche in Anspruch genommen. Bei unseren Robinsonaden durfte kein civilisirtes Mittagbrod erscheinen; gebratene Kartoffeln waren da unser Gericht, die auf allen Aeckern wild für uns wuchsen; im Walde war keine schlanke junge Birke und Tanne vor uns sicher, zum Bogen oder zur Lanze gekappt zu werden. Es gränzt ans Unbegreifliche, daß all dieser Unfug, den wir zu Hause, den wir in der Oeffentlichkeit trieben, niemals zu Tage kam. Unseren Robinsonaden, unseren Jagdzügen zu Liebe die Schule zu schwänzen, gehörte einmal in sechs Tagen wohl zur gewöhnlichen Wochenordnung; nie sind wir darüber weder von Lehrern noch Eltern ertappt worden, was freilich weniger an unserer List als an der allgemeinen Sorglosigkeit gelegen war. Die kecksten Schwänke dieser Art wurden weniger in überlegender Verschlagenheit als in bedachtlosem Leichtsinn ausgeführt. Meine Eltern, die besorgte Mutter wollte niemals dulden, daß ich ohne Aufsicht bei irgend einem Ausfluge über Nacht außer Hause sei. Als es sich nun um jene mehrtägige Fahrt nach Worms und Erfelden handelte, wußte ich der Begierde mitzuwandern nicht zu widerstehen. Ich erbat daher Urlaub zu einem Tagausflug nach Erfelden. Um Mittag wird zu Hause ein Brief überbracht, worin der Sohn schreibt, der Verwandte eines der Reisegenossen, Rheinbauinspector in Erfelden, habe uns aufgefordert, ein paar Tage zu bleiben, was ja kein Bedenken haben werde. Diesen Brief hatte ich zwischen Eberstadt und Bickenbach einem begegnenden Soldaten, der nach Darmstadt ging, zur Besorgung übergeben. Er war zum Glücke ehrlich genug, ihn in das Haus zu tragen, wo er ihn in die Hände der Mutter[26] gab, die ihn etwas später dem Vater, der grade sein Mittagschläfchen hielt, unerbrochen behändigte. Wer brachte den Brief? fragte er, nachdem er gelesen. Ein Soldat; ein Junge hätte ihn ihm bei Eberstadt gegeben. Bei Eberstadt? Bei Erfelden wohl? Oder bei Erfelden, sagte die gute Mutter. An solchen Fädchen hing wie oft das Gelingen unserer Schelmstreiche. Welche Sorgen würde es meiner Mutter gemacht haben, wenn sie einer solchen Geschichte auf den Grund gekommen wäre! Sie war über das Umschweifen außer Hause, über die zügellose Spielsucht, über die Freundschaften mit so vielen ihr unbekannten Knaben ohnehin untröstlich genug; sie empfand über die Entfremdung, über die Verwilderung ihres sonst so stillen Jungen einen tiefen Kummer, eine bange Besorgniß, die einmal in einen ungerechten Verdacht ausbrach, der mir immer in schmerzlichster Erinnerung blieb. Es war eine Zeit, wo wir uns mit besonderer Leidenschaft in den Sommerferien auf dem Hofe eines meiner genauesten Spielfreunde mit Wurfspeeren bekämpften. Halbe Tage genügten noch nicht zur Sättigung an diesem homerischen Spiele; gewöhnlich rannte ich, wenn der Vater aus war, nach dem Abendessen noch einmal fort und blieb oft, nie ungescholten von der Mutter, über die Schlafstunde aus. Einmal, da ich ungewöhnlich spät zurückkam, empfing sie mich, heftig erbittert über die hartnäckige Wiederholung der verbotenen Unart, mit Ohrfeigen. Ich weiß nicht, welche abwehrende Bewegung ich dabei gemacht haben mochte: plötzlich ließ sie die Hände sinken und rief in thränenerstickter Stimme: Wie, du willst gegen deine Mutter schlagen? Gott weiß es, wie ausgeartet ich damals sein mochte, von solch einer Roheit war nicht ein Schatten in mir. Die starre Verwirrung aber, in die der erschütternde Vorwurf mich stürzte, mochte die arme Frau noch mehr in ihrem Wahne bestärken, den sie auch dem Vater schonungslos mittheilte. Der heftige Mann fuhr entsetzlich auf, und nie schien eine der furchtbaren Scenen, die er uns bereiten konnte, gerechtfertigter zu sein;[27] ich hatte aber kaum in meiner verzweifelten Lähmung eine Entschuldigung zu stammeln begonnen, so mußte er in meinem Innersten gelesen haben; er ward sogleich still und ruhig, ließ mich straflos ausgehen und heftete nur den nächsten Tag zuweilen forschende Blicke auf mich, ob er mich auch recht durchschaut und gedeutet habe. Gewiß, da war Grund genug, bei einem solchen Wildfangleben um die Bildung des Herzens wie um die Bildung des Geistes besorgt zu werden; auch fehlten, wie die Thatsachen ausweisen, bei den Eltern die Anwandlungen zu dieser Besorgniß nicht. Aber sie schienen dann doch von sittlicher Seite auch immer wieder auf einen guten Kern zu vertrauen: und wenn Einmal die Mutter diese gesunden Keime gegen die Unzufriedenheit des Vaters geltend machte, so war es diesmal der Vater, der mich gegen einen ungegründeten Verdacht der Mutter schützte. Die Mutter mochte in dieser Beziehung auf die sinnige Natur des Sohnes bauen, die ihrem eignen Wesen entsprach. Sie hatte in meinem Knabenalter einen frommen Jungen an mir; es war ihr eine stille Freude, wenn ich in sehr frühen Jahren schon mit ihr zur Kirche ging, voll Ernst und Andacht dem Gottesdienste folgte, zu Hause dann mich zum Geistlichen ausstaffirte und auf einen Stuhl gestellt zu predigen und zu segnen anfing, meine ersten Berufsgedanken auch dahin lenkte, ein Pfarrer werden zu wollen. Es war schon in vorgerück teren Jahren, daß ich, obwohl immer gelangweilt von den vorgelesenen Predigten in dem obligatorischen Gymnasialgottesdienst, doch an Landbeilagen oder Freisonntagen, wo uns Niemand zum Gottesdienst an hielt, still und für mich, und wo möglich ohne irgend Jemanden davon zu sagen, die Kirche besuchte; und als ich zur Confirmation ging, war schwerlich ein Andrer in der Zahl der jungen Vermehrer der Gemeinde, der diesen Act mit so tief bewegtem Gemüthe, mit so reiner Empfänglichkeit und von Zweifeln ungestörter Hingebung erlebte. Der Vater, gleichgültiger gegen diese kirchlichen Eigenschaften[28] seines Knaben, mochte mehr dem Pflichtgefühle vertrauen, mit dem ich den Schularbeiten oblag. Eine Wachsamkeit über die Moral der Jugend außer der Schule gab es eigentlich nicht; ängstliche Sittenbücher und Wochenzeugnisse, klägliche Mechanismen, an deren Nützlichkeit und Unerläßlichkeit heute kein Pädagoge zu zweifeln wagt, waren damals noch nicht Mode; wir hatten nur eine mündliche Monatcensur, wo die Klassenlehrer dem ehrwürdigen Rector Zimmermann eine Charakteristik der einzelnen Schüler gaben, die aber nicht über die Schwelle des Schulzimmers kam und durch nichts als die Erweckung von Scham oder Ehrgeiz wirken konnte. Da unsere Schelmenstücke nie herauskamen, so gelangte denn auch keine Klage an die Eltern; Sitzenbleiben, Strafarbeiten u. dergl. kam nie vor; aus jeder der drei Klassen, die ich im Gymnasium durchlief, brachte ich ein Prämium heim; das letztemal sogar, in Secunda, ein halbes Jahr früher als ordnungsmäßig war; all das wurde zu Hause ohne Aufsehen aufgenommen, von mir ganz unbeflissen und ohne jede Ueberhebung hingenommen. In der letzten Klasse ward ich bei dem Schlußacte noch mit einem Singprämium verlesen, das man bei dem Rector abzuholen pflegte: ich aber war zu Hause so sehr gewöhnt, das Lob nicht zu suchen, so wenig gewöhnt, das Lob an mich kommen zu sehen, daß mich weder der Ehrgeiz noch die Freude an Büchern, in denen die Prämien bestanden, bewegen konnte, diesen Gang zu machen. So mußte das, was sie von meinem Schulleben erfuhren, meinen Eltern durchaus und allezeit befriedigend erscheinen, obwohl es in der That sich damit nicht ganz so preiswürdig verhielt. Das Lernen wurde uns bei der damaligen Schulmethode im Ganzen sehr leicht gemacht. Wir hatten in jeder Klasse durch vier Ordnungen zwei Jahre zu durchlaufen; die beiden untern Bänke konnten entweder als bloße Vorbereitungsordnungen für den Unterricht der höheren, oder diese höheren als eine Stätte zur Wiederholung des auf den unteren Erlernten angesehen werden. Diese Einrichtung erzielte einen[29] langsamen aber sicheren Fortschritt der vielen in solch eine zweijährige Klasse zusammengedrängten Schüler, deren Masse wieder viel schriftliche Hausarbeiten ausschloß, weil (von den Nebenlehrern abgesehen) nur zwei Klassenlehrer den ganzen Unterricht unter sich theilten. Es mag sein, daß sich bei der jetzt eingeführten größeren Klassen-, Unterrichts- und Schülertheilung, den vervielfältigten Stunden und Lehrgegenständen, der geschärften Aufsicht auf Fleiß und Zucht, wo so viel mehr censirt, gelehrt und gelernt wird, mehrere Schulfrüchte ansetzen; die unbestreitbare Erfahrung aber liegt vor, daß stärkere Früchte bei dieser roheren Methode gezeitigt wurden, die dem Geiste der Knaben freiere Entwicklung in dem gesünder gehaltenen Körper gestattete. Dem unbegabten Schüler wurde nicht mit entmuthigenden Forderungen zugesetzt; auf diese Weise konnten sich Specialitäten mehr neben als in der Schule bilden; wenn auf der anderen Seite den Fähigen zu wenig Nahrung geboten ward, so war dies ein Schaden, den eine Schule nicht füglich zu beachten braucht. Bei uns war dies allerdings, besonders in den untern Klassen, allzuweit getrieben. Ich weiß nicht, daß mir in der Quarta irgend ein Gegenstand Last gemacht hätte, aber ich weiß auch keinen, der mir Freude und Anregung gewährt hätte, außer dem Griechischen, in das ein Sohn des Rectors eine Schaar von Freiwilligen einführte, denen er seine eigne eifrige Vorliebe für die alte Sprache mit Leichtigkeit einpflanzte. Dieselben Lehrer, die wir in der Quarta hatten, rückten zufällig mit uns in die Tertia vor. Das Latein schleppte sich in einem Ueberfluß von zwölf Stunden langweilig hin; einige neue Lehrgegenstände theilten mich zwischen Luft und Misbehagen. Dem geographischen und geschichtlichen Unterricht unseres Subconrectors Buxmann, eines pflichtgetreuen, gutmüthigen Männchens, folgte ich mit gespanntem Interesse, alle Ränder meines Fabri und Bredow mit Glossen überfüllend; die Geometrie- und Religionsstunden unseres Conrectors, der nie übellaunischer war, als wo ihm selber[30] die Lehrfächer Beschwerde machten, waren mir äußerst zuwider. In jenen pflegte unser Euklid einen auswendig gelernten Lehrsatz zur Zeichnung auf der Tafel herzusagen. Hierauf ward ein bestimmter Vormann, der in dem Fache ausgezeichnet war, aufgefordert den Satz nachzubeweisen, und dann sollte das Jeder bei Prügelstrafe begriffen haben. In der Religionsstunde wurde heute ein eintöniger, vollständig gemüth- und verstand- und bildloser Vortrag über einen schwer faßlichen Gegenstand gehalten, das nächstemal sollte ein Aufsatz eingebracht werden über das, was aus hohlem Munde durch stumpfe Ohren gegangen war. Dem zu entrinnen, ward dann Stunde auf Stunde umgangen und manch ein Schelmenhusten erfunden, um größere Schelmstreiche zu verstecken, die in den geschwänzten Halbtagen ausgeführt wurden. Mir im Besondern ward das Alles vor Andern leicht gemacht. Bei meinem gewöhnlichen Fwiß und geordneten Wesen sah man über mein Ausbleiben arglos weg. Und daß ich so mit der Hülle musterhafter Pflichttreue die Untugenden der Nachlässigkeit, der Bequemlichkeit und der Verlogenheit verhängen konnte, das hätte die gefährlichste Klippe meiner damaligen Irrgänge werden können, wenn diese Versteckungskunst irgend eine studirte Heuchelei und nicht vielmehr ein bloßer Leichtsinn gewesen wäre, der in so kecke Höhe grade nur durch die Nachsicht der Lehrer aufschoß, die ich in keiner Weise durch irgend eine Wohldienerei oder Scheinheiligkeit zu verdienen strebte. Trieb ich es doch in den Stunden, die ich besuchte, kaum anders als in denen, die ich umging. Auch da war ich, wo ich meiner Aufgabe oder meines Wissens sicher war, innerlich immer so gut wie abwesend. Was gab es da für Spiele unter den Tischen, was für Mittheilungen durch Zettel oder Zeichensprache und Zuflüsterungen zu machen! Ich war vor Allen als ein Plauderer bekannt und vor Vielen als ein solcher geduldet. Unser Collaborator Zimmermann hatte an mir einen dankbaren Hellenisten; dafür ließ er mir denn mancherlei durchgehen. Mußt du in einem[31] fort schwatzen, du Waschmaul! hör ich ihn rufen, aber in einem Tone, der mehr aufforderte fortzufahren als aufzuhören. In der Secunda war es nicht anders. Da war ein wohlbeleibter, plumpgebauter und plumpgebildeter Subrector, der jeden Muthwillen auf den Gesichtern in rohen Ausbrüchen zu strafen pflegte; was lachst du, du Flauschler? konnte er einen schmunzelnden Zerstreuten mit Faustschlägen anfahren; war ich es aber, den er so ertappte, so hieß es ganz freundlich: was lächelst du denn, Lieber? Neben ihm lehrte ein wohlunterrichteter Prorector, ein seelenguter, etwas sonderlicher alter Herr, die realen Fächer; wenn er Unruhe merkte, streckte er den langen Hals mit aufgehobenen Augenlidern und gespitztem Munde nach der Stelle: Wer plaudert? Ach es ist der Gerwin! (So war auch bei allen Jugendfreunden mein Name gedeutscht.) Und wenn ich in unschuldig fragender Miene auf meinen Namen aufstand: Setz dich! (Du bist ein) garstiger Bub! Aber das in so gutherzigem Humor, daß es mir freilich keine scharfe Warnung sein konnte. Es lag wesentlich an dieser Fahrlässigkeit des Schulbetriebs, an dem Mechanismus der Methode, an der Theilnahmlosigkeit der Lehrer, an dem ungeweckten Interesse der Schüler, an dem für einen durstigen Geist allzu spärlich zugetröpfelten Quell des Unterrichts, daß zu meiner eingewurzelten Abneigung vor der Schule auch noch die Gleichgültigkeit gegen allen Schulunterricht hinzukam, und daß meine frühere Lust zum Studiren, die in der Schule so wenig Aufmunterung fand wie zu Hause bei dem Vater, in mir abstarb. An meinen eigentlichen Neigungen und Richtungen war dies nicht gelegen. Denn wie groß auch die Anlockungen eines mehr äußerlichen, werk- oder spielthätigen Lebens für mich waren, meine bloße körperliche Ausstattung wies mich doch noch entschiedener auf ein inneres, geistiges Leben zurück. Bei all jenen gymnastischen Spielen konnte ich wohl angebend aber nicht anführend auftreten, als Nomothet aber nicht als Hegemon thätig sein. Unter so vielen[32] robustern Gefährten befähigte mich mein schwächerer Arm nicht zu einem Vorstreiter, meine schwächeren Sprachorgane nicht einmal zu einem Rufer im Streite. Ein Flügelmann auf den Schulbänken rückte ich an körperlichen Kräften und Gaben unter der Schulgenossenschaft weit hinunter. Es läßt sich aus dem Tode so vieler Geschwister schon schließen, daß wir alle nicht mit den stärksten Naturen ausgerüstet zur Welt kamen; ich dazu war eines der spät geborenen Kinder einer in ihren Kräften schon absinkenden Frau. In meinen früheren Kinderjahren rühmte man zwar mein rundes, üppiges Aussehen, aber das hielt nicht lange vor. Die Dürftigkeit des Unterhalts in den knappen Jahren der Noth, die Enge des Wohnungsraumes, der Mangel an Licht und Luft in den nach Norden gelegenen Stuben, dazu ein starker Rest altväterischer Aengstlichkeit in der Erziehung stand einer kraftvollen körperlichen Ausbildung hemmend entgegen, und meine physische Existenz artete genau wie die der Mutter: Beide von einer vielleicht sehr seltenen normalen Körperbeschaffenheit waren wir nach den Entwicklungsleiden der Kinderzeit niemals von einer eigentlichen Krankheit befallen, aber auch nie des tiesathmigen Gefühles voller und ganzer Gesundheit und Kraftfülle theilhaftig. Es war mein Glück und vielleicht der Grund meines alleinigen Uberlebens aus einer so großen Kinderzahl, daß ich der Lauf- und Spielfreiheit in einem so großen Maße genoß und in einem nicht zu sättigenden Ubermaße gebrauchte. Gleichwohl waren mir von den Eltern doch mancherlei Schranken gezogen. Die durch den Verlust so vieler Kinder geängstete Mutter sah alles Klettern und Turnen, alles Schwimmen und Schlittschuh laufen für lebensgefährliche Dinge an, die uns aufsichtslosen Herumschwärmern streng untersagt waren. Diese Verbote wurden nun freilich nicht eingehalten; aber sie hinderten mich doch, in allen diesen Leibesübungen zu irgend einer Fertigkeit zu gelangen, und verkürzten mich so um die Kräftigung, die sie meinem Körperwesen gebracht, und um die Ehren, die sie mir im Kreise der Freunde[33] verliehen hätten. Ich war nicht ehrgeizig genug, um mich durch die Entbehrung dieser Ehren von dem Außenleben meiner Mitschüler abhalten zu lassen; auch der entgegenliegende Ehrgeiz, mit meinem Kopfe glänzen zu wollen, war mir lebenslustigen, ohne Grübeln dahin lebenden Jungen eben so fremd; doch aber wird man begreifen, daß mich jenes äußere Spieltreiben, daß mich die gymnastischen Dinge nicht so ganz dahin reißen konnten, um daneben das Geistesleben aufzugeben, in dem ich mich ohne jede Anstrengung voraus fühlen durfte. Unbefriedigt in der Schule warf ich mich daher bald in eine geistige Thätigkeit außer der Schule und begann mitten in dem geregelten Lehrcurs des Gymnasiums ein Autodidakt zu werden. Nichts war da, was mich nicht zur Bereicherung meiner Kenntnisse gelockt hätte, wenn mir irgendwo irgend welche Gelegenheit geboten ward. An der sogenannten großen Singstunde Theil zu nehmen, war in den freien Willen gestellt; ich besuchte sie gewissenhaft, obwohl ich von dem theoretischen Unterricht unseres würdigen Cantors Rinck nicht das geringste begriff. Der Vater, zu allem die Hand bietend, was seinen Söhnen die geistigen Schätze verschaffen konnte, »an denen man nicht schwer trägt«, ließ mich auf meinen Wunsch Privatstunden im Zeichnen und Malen besuchen. Mehr sein als mein Wunsch war es, daß ich auch besonderen Unterricht in der Arithmetik nahm; und unter einer rationellen Methode machte ich da rasch die Fortschritte, die sich in dem Gymnasium nicht einstellen wollten; ich erinnere mich, daß ich selbst der verhaßten Geometrie auf eignem Wege auf die Spur zu kommen suchte und mit einem der Vettern Zöppritz zu diesem Zwecke eine Wandtafel zurecht zimmerte. Auch im Französischen half eine Privatstunde nach. Ich machte mit meinem Bruder und einem Vetter Schwartz bei dem Emigranten Simon den Mozin durch, bis uns der Lehrer gestand, daß er uns nun nichts weiter lehren könne; wir hatten den Gil Blas in breiten Auszügen aus dem Deutschen ins Französische zurückübersetzt; noch[34] neben dieser Nebenstunde las ich mit den Freunden eifrig den Telemach, und nach der Verabschiedung bei Simon übersetzte ich mit meinen Mitschülern aus Kohlrauschs deutscher Geschichte. Einen höchst anregenden geistigen Verkehr hatte ich mit einem frühreifen, etwas älteren Freunde, Aug. Nodnagel, dem Sohne armer Eltern, der seiner ungemeinen Begabung wegen aus der Stadtschule von liberalen Forderern in die gelehrte Schule versetzt ward und dort Mitschüler und ganze Ordnungen in reißenden Fortschritten übersprang. Ich las mit ihm, um mir die Langeweile des lateinischen Unterrichts in der Schule zu versüßen, Terenz, Sallust und Curtius, und ich fing nur ihm zu Liebe, der sich zum Theologen bestimmte, eine Weile sogar das Hebräische an zu treiben. Zufällig fiel mir eine italienische Grammatik in die Hände; ich studirte nun eifrig auch diese Sprache, und da der Vater, der dies für ein Uebermaß hielt, dem er durch Anschaffung von Büchern (zunächst eines Wörterbuchs, das ich wünschte) nicht Vorschub leisten wollte, so schrieb ich mir den Wortvorrath meiner Grammatik alphabetisch aus und suchte mich nun mit Hülfe dieses Nothdictionärs durch italienische Bücher zu schlagen. Einer meiner Kameraden lernte englisch, ich freute mich gelegentlich aufzuschnappen, was ich konnte; ein anderer hatte Anlaß sich mit dem Holländischen zu beschäftigen, auch da machte ich eine Weile mit; bei einem dritten, der sich frühe zur Landwirthschaft bestimmte, kam ich nie vor, ohne mich mit ihm in die Bücher des Faches zu vertiefen. Wieder ein anderer Schulnachbar schien meine eifrige Vorliebe für die Erdkunde zu theilen; es war G. Kriegk, der in diesem Jache später fortgearbeitet hat; wir saßen, so oft es die Zeit erlaubte, in den Räumen der Hofbibliothek und zogen die größten Werke aus, beklagend, daß den Schülern nicht gestattet war, von dort Bücher nach Hause zu entlehnen; ich wußte mir sie aus dritter Hand dennoch zu verschaffen und erinnere mich den Colquhoun excerpirt zu haben, indem ich mich mühselig durch die unbekannte Sprache hindurchrieth;[35] nichts war uns zu breit in dieser Materie, der dickleibige Cannabich genügte unserer statistischen Wißbegierde noch nicht. Reisebeschreibungen waren daneben für die Lesewuth der auswanderungslustigen Bursche begreiflich die lockendsten Gegenstände; wir fanden aus dem pikanten Campe bald den Weg zu Lord Anson und noch trockneren Weltreisen, ohne uns abgestoßen zu fühlen. Wo ich mich aber neben der geographischen Lectüre am meisten ausbreitete, war in der geschichtlichen. Gottfrieds Chronik mit den Merian'schen Bildern, was war dies für ein willkommenes Meer für uns unermüdlichen Entdeckangsreisenden! Den siebenjährigen Krieg von Archenholz, den dreißigjährigen von Schiller lieferten uns die Prämien in die Hand; den Kohlrausch, den deutschen Plutarch und alle die zahllosen teutonisirenden Geschichtswerke gelesen zu haben, gehörte damals durchaus zu einem wackern deutschen Jungen; Gottschalks Ritterburgen, den Fouqué und alle Rittergeschichten und Ritterromane zu kennen, stachelten alle Impulse jener Blüthezeit unserer romantischen Literatur; zu andern Geschichtswerken wies die Besonderheit meiner Lage hin; in Wencks trockner Landesgeschichte half der hessische Patriotismus nach, das Passende aufzustöbern; in Feßlers ungarische Geschichtswerke trieb mich die ganz persönliche Sympathie mit dem namensähnlichen Helden Corvinus. Einmal so weit in die Lesewuth gerathen, gab es bald nichts mehr von Büchern, was ich nicht mit gleicher Gierde verschlungen hätte. Und ich würde in dem unberathensten Lebensalter in eine rathlose Verirrung der Viel- und Allesleserei gestürzt worden sein, hätte es sich nicht glücklich gefügt, daß ich eingeschifft in diesen Ocean unserer Literatur wenigstens Einen festen Punkt und Port, und den sichersten, den es geben konnte, bewahrte, zu dem ich aus allen ziellosen Irrfahrten die Rückkehr allezeit offen hielt. Es war für meine ganze spätere Entwikklung ein bedeutsamer Zufall, daß uns unser Gräcist Zimmermann frühzeitig in den Homer einzulesen unternahm und, um uns Muth zu machen, uns zuweilen in fesselndem Vortrage[36] Stücke der Vossischen Uebersetzung vorlas. Ich wußte aus Beckers Erzählungen in der Materie Bescheid, hier packte mich die alte, ächte Form, und seitdem konnte ich von dem Dichter nicht mehr lassen. An jedem Sonntag, in jeder Freistunde, bei schlechtem Wetter, wenn die Ausflüge pausirten, fand mich der Vater zu seinem humoristischen Verdrusse »immer wieder an meinem Odysseus!« Ich griff vom Homer zu den verwandten Stoffen aus; Fenelon wie Virgil sollten mir den Kreis dieser liebgewonnenen Welt erweitern; aber die Freude daran hielt nicht aus. Das ästhetische Gefühl, der poetische Instinct begann sich frühe in mir an diesen Gegensätzen zu läutern, obwohl meine Vorliebe für den alten Dichter in ihren Anfängen, nach Knabenart, ganz realistischer Natur war. Die Abneigung gegen Virgil betraf begreiflich früher seine troische Partheifarbe als seine Schreib- und Darstellungsweise; die Abneigung gegen Fenelon eher seine lehrhafte Weisheit als seine Modernität. Wie in dem kindlichen Alterthum selbst griff aber dieses materialistische Interesse an Homer nach allen Seiten aus: meine Spiele mit Speer und Bogen zogen aus ihm ihre liebste Anregung; meine kindischen Zeichenversuche drehten sich um die Gestalten des troischen Krieges; Landkarten zu entwerfen übte ich an nichts so oft als an dem kephallenischen und troischen Reiche; der Grund der altgriechischen Geographie und Geschichte lag mir in dem Schiffskatalog und in den Episoden von mehr historischem Charakter; Helden- und Göttersagen geschichtlich oder rationell zu deuten, war mir, nach Anleitung des alten Damm, dessen Besitz mir ein unschätzbares Kleinod war, ein stets angelegenes Geschäft; meine ersten Versuche in den Antiquitäten galten der Erklärung des Homerischen Kriegs- und Schlachtwesens. Mein ganzes Sein und Denken war mit diesen Gedichten ausgefüllt, und so glück liche Stunden eines schwelgerischen geistigen Genusses sind mir kaum jemals wieder zu Theil geworden; und doch war noch ungleich köstlicher als diese gekannten und empfundenen Freuden das, was damals durch das stete[37] Verweilen auf diesen kostbarsten Resten des Jugendlebens der Menschheit meinem Innern ganz unbewußter Weise angebildet wurde. Die gläubige, empfängliche Hingabe, mit der ich diese Dichtungen las und wieder las und gleichsam auswendig lernte, hat den Sinn für schlichte Sitte und einfältige Natur, für reine Form und ächte Schönheit, für gesunde Frische in den geistigen Schöpfungen der Menschheit in mir eingepflanzt, ehe ich irgend darum Bescheid wußte. Die Homerischen Werke wurden mir wie ein Compaß, der mich in dem Nebel späterer Verirrungen sicher steuerte. Wechselnd verschlagen an die entgegengesetzten Pole einer herabziehenden Prosa und einer wüsten Schwärmerei fand ich mich selber wie in einer Rettungsstätte wieder in der Rückkehr zu dem Sänger meiner Jugend. Diese Verirrungen begannen schon in der Zeit meiner ersten Beschäftigungen mit Homer selber, wo ich bereits in die ausschweifendste Lesewuth verfallen war, die jugendliche Phantasie aufs üppigste ausarten ließ und alle geistige Kraft in profuser Verschwendung an die lähmendsten, erschlaffendsten Dinge setzte. Uebermächtige Einflüsse wirkten auch zu dieser Wendung in meinem Leben ein. Das ganze Zeitalter sprang von der Anstrengung der äußeren Thaten in ein ganz inneres, phantastisches Geistesleben über. Meine Vaterstadt, in einem frischen Aufstreben begriffen, ward mehr als andere Orte von diesem neuen Leben gefaßt. Das Lesen, die Bekanntschaft mit der deutschen Literatur in den weiteren Bürgerkreisen begann dort eben erst mit der ganzen Kraft, die in der Jugend und in den Anfängen solch einer neuen Richtung gelegen ist. Die Schätze der Hofbibliothek wurden erst in jenen Jahren dem Publikum geöffnet. Ein unternehmender Mann, Buchbinder Ollweiler, errichtete 1817 zum erstenmale eine Leihbibliothek auf größerem Fuße und mit solchem Erfolge, daß sie in drei Jahren zu 10000 Bänden und weiterhin bis zum Dreifachen dieser Zahl anwuchs: ganz Darmstadt dankte dieser Anstalt seine intimere Einführung in die Breite der literarischen Welt. Diese Anstalt aber[38] entstand, nachdem Onkel Joseph seit seiner Verheirathung den untern Stock geräumt hatte, in unserem Hause: das hieß einem lechzenden Tantalus die lockenden Früchte doch gar zu tief hängen, als daß er sie nicht trotz manchen elterlichen Versagungen hätte erhaschen und benaschen sollen. Ich erinnere mich, mit lauter Lesekreuzern mich einmal so tief in Schulden verwickelt zu haben, daß alle Freunde die Taschen leeren mußten, um mir herauszuhelfen. Die Verführung in dem Kreise meiner Freunde trieb zu dieser Lesesucht aus allen Kräften nach. Unter ihnen stand mir jener A. Nodnagel immer am nächsten, der mir an Alter, Reise, Anlagen, Kenntnissen und Belesenheit weit voraus war. Strebsamkeit und Lerneifer stachelte mich unaufhörlich, ihm nah zu kommen. Nicht allein unsere Klassiker wurden nun verschlungen, die ganze Breite der belletristischen Literatur wurde durchzogen. Nicht allein die geschichtlichen, die Ritter- und Räuberromane von Fouque und Vulpius bis zu Cramer, Spieß und Schlenkert galt es sammt und sonders zu kennen, sondern auch die eleganteren Werke der Scott, v. d. Velden, Hoffmann, Clauren und welche nicht sonst; selbst eine Reihe von Taschenbüchern und Zeitschriften wurden regelmäßig verfolgt. Die dramatische Literatur des Tages beherrschten wir bald in einem weiten Umfange. Ich war vielleicht eilf Jahre, als mich die Eltern zum erstenmal mit ins Theater nahmen, in den Tancred. Die Musik existirte nicht für mich, aber die Gestalten der Handlung war die flackere Einbildungskraft gleich geschäftig zu Hause mit Wachspuppen nachzuspielen. Etwas später sah ich die Jungfrau von Orleans, schon mit einigem Begriffe von dem Dichter und der nationalen Bedeutung des Stücks: seitdem ward das Theaterspiel ein Theil unserer lebhaftesten Belustigungen. In den Räumen der öffentlichen Gärten bei Darmstadt und Bessungen spielten wir extemporirte Stücke, in denen noch die Prügel die gewöhnliche Katastrophe bildeten. Dann aber lernten wir auch Stücke ohne Frauenrollen auswendig oder übten einzelne Scenen gesehener Stücke[39] ein, und dabei sanken wir von Lessing zu Körner, von dem Zanke zwischen Cassius und Brutus zu einer Scene aus den Räubern auf Maria Kulm unbekümmert herab. Es konnte nicht fehlen, daß wir von einem so üppigen Aufnehmen und Empfangen bald zum Produciren übergingen. Ich erinnere mich genau des Ausgangspunktes meiner poetischen Laufbahn. Ein geschichtlicher Aufsatz ward in der Secunda aufgegeben über Gustav Adolphs Tod. Nodnagel besang ihn in Octaven; ich wollte bei zwar weit geringerem Reimtalente nicht zurückbleiben. Wir lasen bei unserm Subrector den Virgil; einmal und vielleicht ein zweitesmal lieferte ich eine Uebersetzung in Hexametern; später gab ich vor so fortzufahren, machte mir dann aber weder in Prosa noch in Versen mehr Mühe damit, weil man sich doch nicht jedesmal bei meinen Hexametern aufhalten konnte. Denn schon lockte mich die Sthasslust auf weitere, freiere Gebiete. Ich wollte in meiner kindischen Einbildung gern mit Homer selber wetteifern und schrieb eine Theseide in einigen tausend Versen nieder, wozu ich jede freie Stunde außer der Schule und jede unbewachte in der Schule verwandte. In die Lyrik, in die Uebersetzung, in das Epos eingeschossen ging ich dann auch zum Drama weiter. Eine Anzahl Tragödien (ich erinnere mich eines Gustav Adolph, eines Mathias Corvinus, eines Ziska) wurden nach den bequemen Vorbildern der Körner, Klingemann, Gehe u.a. hingeschrieben, sündliche Schmierereien natürlich, die ich sehr bald nach ihrer Vollendung in Selbstbeschämung vernichtete. Bis wohin dieser eitle Schreibübermuth von uns getrieben ward, bis wohin sie in jenem Zeitalter der allgemeinen Sudelei in Deutschland getrieben werden konnte, davon zeuge eine einzige lächerliche Thatsache. Wir beiden Schreibwüthigen, Nodnagel und ich, ein Junge von 14 Jahren, kamen auf den Gedanken, einem Frankfurter Verleger, Julius Körner meine ich, eine belletristische Zeitschrift Euterpe zum Drucke anzubieten. Es wurden Verhandlungen gepflogen, Probebogen eingeschickt, und wer sollte es glauben! Nicht zur Schmach der kindischen[40] Autoren, aber zur Schmach unserer kindischen Literaturzustände sei es gesagt: es war nicht die Nichtswürdigkeit dieser knäbischen Versuche, nicht die Unmündigkeit ihrer Verfasser, was die Unterhandlungen abbrach; sondern die Karlsbader Beschlüsse, die 1819 alle Zeitschriften der Censur unterwarfen, verstimmten den Verleger so sehr, daß er uns in einem hypochondren Zornausbruch über diese Maßregeln absagte, die es gerathner machten, schrieb er, sich mit Straßburger Pasteten als mit Schriftverlag zu befassen. Amazon.de Widgets Die beiderlei, innerlichen und äußerlichen Lebensweisen, die mich theilten, gipfelten zuletzt in einem engern Verkehr mit sieben Nächstbefreundeten unter den Schulgenossen der Secunda, unter denen ich den Abschluß eines förmlichen Bundes veranlaßte. Das Verbindungswesen war in jenen Jahren ein Angelpunkt selbst der öffentlichen Geschichte. Die patriotischen Ueberlieferungen von dem Tugendbunde fanden ihren Weg unter die Jugend; von politischen Geheimbünden drang so manches Unbegriffene in die jungen Köpfe und reizte durch das Dunkel, mit dem es umhüllt war; die Studentenverbindungen in Gießen und ihre heftigen Gegensätze waren uns ganz nahe gerückt; die Freimaurer bauten sich grade in jener Zeit eine Loge in Darmstadt. So erscheint denn auch unser Schülerbund als ein natürliches Abbild oder Zerrbild der Zeit in dem kleinen Hohlspiegel des Jugendlebens, obgleich der eigentliche Beweggrund nicht äußerliche Nachahmerei irgend einer Verbindung war, sondern der dunklere, instinctive Trieb der Strebsamkeit in einer Anzahl scharf gezeichneter Naturen, die gern etwas mehr als die Anderen bedeuten, vor der großen Masse als etwas Besseres heraustreten wollten. So ward die Sache selbst von solchen angesehen, die, mir nahestehend ohne der Verbindung anzugehören, dem Treiben der Bundesgenossen von außen und ferne zusahen, Einer davon (wie er mir später erzählte) mit dem eifersüchtigen Ehrgeize, sich mir nahe und näher zu stellen, um zu dem Kreise dieser Auserwählten zugelassen zu werden. Einer der Letztaufgenommenen[41] bezeichnete als den Zweck der Gesellschaft: »die Seele vom Schlafe zu wecken, damit sie dem gemeinen Dahinleben entsage und ihrer würdigeren Bestimmung lebe«; »von dem politischen Bunde der Schwarzen, der seine Liebe nicht weiter als über das Vaterland auszudehnen scheine«, sollte sie sich nach der Auffassung dieses Genossen grade durch ihren weltbürgerlichen und sittlichen Charakter unterscheiden. In mir persönlich wirkte dazu in erster Linie der allgemeine, lebhafte Freundschaftstrieb mit, der Drang, mit den trautesten Genossen ein vertrauteres Leben im engst geschlossenen Kreise ganz auszuleben. Der Bund wurde am 8. Febr. 1819 gestiftet. Die acht Mitglieder sind in die verschiedensten Lebenswege auseinander, zur Hälfte bereits ? und zum Theil in sehr jungen Jahren ? aus dem Leben gegangen. Einer (Karl Noack; ist ein geschikkter Kunstgärtner geworden, ein anderer (Wilh. Niebergall) ein wackerer Kammermusikus; J. Kaup, von originellem Gepräge schon in jenen Jahren, ist als Zoologe in weiteren Kreisen bekannt geworden; gestorben sind der Mediciner P. Martenstein, der Theologe G. Geilfus, die Philologen Lange und Nodnagel, die beide in verschiedenen Richtungen literarisch thätig gewesen sind. Wir nannten uns Philareten, trugen als Bundeszeichen ein stählernes oder silbernes Kreuz an himmelblauem Bande und einen Dolch, auf den wir einen kleinen Codex höchst einfacher Gesetze beschwuren, die in kurzen, trivialen Sätzen zu sittlichem Leben anhielten. An jedem zweiten Sonntage tagten wir unter dem Vorsitze des auf drei Monate gewählten Oberhauptes; im Sommer in einer Höhle, oder vielmehr in einer offenen Vertiefung im dichten Gebüsch des Herrgottsberges. Auf dieser Stätte und dieser ganzen Höhe lag seitdem für mich eine heilige Weihe; an keiner Lebenserinnerung hing ich lange hinaus mit wärmerer Rücksehnsucht als an den dort verbrachten Stunden. Südlich stößt an Darmstadt als eine Art Vorstadt das Dorf Bessungen, das wir Poeten besungen zu betonen pflegten; die zwei öffentlichen Gärten bei dem Orte waren[42] von je Haupttummelplätze unsrer Spiele gewesen. Von diesen Räumen führt ein Weg südöstlich an einem Weiher vorüber nach dem Herrgottsberg, der ersten Erhebung der Bergstraße. Man gelangte beim Betreten des Hügelabhangs, der damals noch wild lag und selten betreten war, durch einen schattigen Waldgang ebenen Fußes zu einer Brunnenstube, einem kleinen stehenden Wasser und einer offen liegenden Trinkquelle; links dabei Felsgruppen, auf denen wir viel gelagert waren; rechts eine kleine Erhöhung, in deren Gebüsch versteckt wir wohl unsere theatralischen Aufführungen hielten; links führt dann der Weg in einem Bogen aufsteigend erst zu einer Höhle, von der wir uns abenteuerliche Schauergeschichten erzählten; dann zu einem Granitblock, die »Teufelsklaue« im Volksmunde genannt, zu dessen Namen wir uns deutende Mythen zu erfinden übten; von da leitete ein ebener Weg auf dem Höhenrücken hin zu dem Vorsprung, von wo man die Stadt und das Rheinthal übersah; man kam damals an einem halbverfallenen Holztempel vorüber, von dem man links abbiegend mit wenig Schritten zu unserer dichtbeschatteten Bundeshöhle gelangte. Hier wurden denn die Sitzungen unter den Bundesgliedern gehalten, in deren Kreise meine früherhin vielfach getheilten, bald mit den Massen der Schule, bald mit nur Einzelnen verfolgten Freuden äußerlicher oder innerlicher Natur wie in einer erlesenen Gemeinschaft geeinigt und verdichtet waren. Die kindischen Bestrebungen suchten sich hier zuerst, wie dunkel und unklar auch, mit einem Gedanken zu durchdringen; und obwohl es an den nüchternen Naturen unter uns nicht fehlte, die selbst damals schon grade diesen Bund als einen Ausbund unserer Phantasmen heimlich kritisirten, so waren doch selbst sie von dem sittlich idealen Anfluge der Freundesverbindung übernommen und fühlten, daß diese Schwärmerei doch nicht ganz ohne alle soliden Erträge war. Das Leben im Freien, in jenen heimlichen Thälern und Hügeln weckte in uns frühe den Sinn für die Schönheit der Natur, und unser gehobenes Treiben beseelte unsere[43] Gänge ganz anders als zuvor, da sie nur der Boden für unsere Balgereien waren. In unserem genauen Umgange lernten wir die verschiedensten Köpfe und Charaktere mit nicht gemeiner Schärfe und Theilnahme zu beobachten und zu besprechen; die Mittheilung der gemachten Beobachtungen, zu deren offenem Austausch uns die Gesetze verpflichteten, waren ein früher Anlauf, zu einer ernsten Menschen- und Seelenkenntniß zu gelangen; in sittenstrenger Rüge wurden die bemerkten Fehler und Blößen der einzelnen Bundesglieder beredet; die Selbstbeobachtung, die physische und sittliche Selbstrechenschaft, zu der uns die Schriften des Fries und ähnlicher Jugendlehrer anleiteten, drang früh in unsere jungen Gemüther ein. Jeder einzelne unter uns hatte die mannichfaltigste Gelegenheit, ganz anders als es heute in dem von den Eltern organisirten Umgang zusammengeladener Schulfreunde möglich ist, zu jedem Einzelnen in die engsten Beziehungen zu treten, ihn und sein Familienleben ganz zu durchdringen und in die Zukunft seines Berufes vorauszusehen. So war ich in jeder Familie jedes der verschiedenen Freunde in einer anderen Weise heimisch; der häufigste Verkehr aber blieb der mit Nodnagel. Zu ihm waren die Beziehungen nicht des Herzens, aber des Kopfes am innigsten. Weit voraus wie er mir war, konnte er mir in aller Weise ein Führer sein, und er war mir in aller Weise ein Sporn. Ich zog jeden Nutzen von seinem überlegenen Wissen und seinem reiferen Urtheile, und ich stand dabei in einer um so neidloseren Unterordnung neben ihm, als ich mich in gewissen Beziehungen über ihm fühlen mochte und durfte. In dem persönlichen Verkehre der Bundesgenossen war und blieb ich immer das anfeuernde, das nachschürende Element; es war mir ein heiliger Ernst um die Zwecke dieses Vereines, als ihn einer oder der Andere schon mäkelnd belächelte; und so war es auch mit dem Geistesleben, das mich mit Nodnagel zusammenband. Er, eine kalt bedachte, verständige, ruhige Natur, trieb seine poetischen Versuche im Wohlgefühle seines leichtern Talentes und im[44] Genusse der wohlverdienten, augenblicklichen Anerkennung seiner Leistungen. Ich dagegen, von meinen unbeholfenen Tirocinien immer unbefriedigt, schwärmte in kommende Zeiten voraus, faßte das, was Jenem ein Geistesspiel und eine Schulübung war, als die Vorbereitung für eine reifere Zukunft auf, malte mir den Ruhm eines Dichterlebens aus und fand es nicht zu kühn, von Stund an auf diesen Ruhm zu steuern wie auf das Ziel meines Daseins. Das ganze Zeitalter stürzte damals, ermattet über den kriegerischen Anstrengungen der nächsten Vergangenheit, in einen üppigen Geistesluxus zurück. Der Cultus unserer Dichter erreichte jetzt eben seine höchste Höhe. Die kleinen traten fast in gleichen Rang mit den Großen. Wenn wir von den Lorbeeren hörten, die damals die Clauren, die Ernst Schulze, die Müllner, die Houwald sammelten, wer sollte da verzagen, mit Zeit, mit Uebung und Erfahrung aus gleich kleinen Einsätzen die gleichen großen Loose zu ziehen? Wie fremd mir solch eine Ueberlegung oder Berechnung gewesen wäre, doch waren mir diese Arbeiten des Tages und ihre Erfolge wohl bekannt; und die unklare Sucht nach einem Namen und einer Wirksamkeit in dem großen Ganzen, in dem wir uns bewegten, hatte mich frühe befallen. Auf dieses geschäftige Knabengehirn drückte frühe ein schwerer Nebel von strebsamen Träumen, die den hellen und klaren Lichtkern des Geistes jetzt völlig zu überdecken begannen. Das Sinnloseste hatte in diesem Kopfe Raum, weil kein Vater, kein Lehrer, kein älterer Freund mir nahe stand, der diese aufsteigenden Dünste gewahrt und die Theilnahme und Fähigkeit bewiesen hätte, sie durch verständige Einwirkung niederzuschlagen. Wie mir frühe bei den Thaten der Welteroberer und Weltenentdecker die Adern geschwollen waren, so brütete jetzt mein Gemüth in stillerer Versenkung über die Verdienste der Religionsstifter und Reformatoren, erglühte mein Kopf über dem Glanze des Lebens und Wirkens der Poeten, die die Zeit noch erschuf und mit jedem Lohne und Ruhme verzog. Unendliche Gefühle einer unbestimmten Sehnsucht[45] knüpften sich in dieser in sich gekehrten Seele, die selbst der Freund Nodnagel mit seinem listig kritischen Blicke nicht aus allen ihren Höhlen herauslocken konnte, an diese weltumspannenden Entwürfe. Sie lebte die goldene Idylle des jugendlichen Phantasielebens, nachdem sie sie brausend mit den Vielen und schwärmend mit den wenigen Erkorenen durchgemacht hatte, jetzt oft stillversunken nur mit sich selber aus, die wunderbare Zeit, wo dem selbstgläubigen Selbstgefühle jede Höhe erreichbar, jedes Hinderniß leicht überwindlich dünkt; wo wir das Leben, seiner Schatten nicht kundig, im ungetrübtesten Lichte vor uns sehen, nicht ahnend, wie demüthigend klein das Ergebniß unserer Existenz sich einst ausnehmen werde gegen die unendliche Summe, die der Anschlag der ersten aufstrebenden Jugendkraft ist. In dieser Jugendgeschichte liegt mein ganzes späteres Leben, Charakter, Talente und Schicksale, in einer vielleicht nicht gemeinen, starkausgeprägten Vorbildung wie im Keime beschlossen. In frühem Alter entwickelten sich in mir die mehrseitigen Anlagen des Charakters, des Geistes, des Gemüthes, wie sie mir von der mehrseitigen Natur höchst verschieden gearteter Eltern angeboren waren; in frühem Alter, bei dem ersten Erwachen des Bewußtseins, begannen die Ereignisse einer mächtig bewegten Zeit an mich heranzutreten und mich in das große Leben der nationalen Gesammtheit einzuweisen. Jene Anlagen lenkten mich wechselnd nach außen zu einem mehr thätigen Leben und drängten nach innen zu einer mehr geistigen Existenz zurück: das große Weltleben gab diesen grell getheilten Richtungen die mächtigsten Antriebe und die weitesten Spielräume. Während der ersten zehn Jahre meiner Jugend rang das Zeitalter in den ungeheuersten Wettkämpfen um Herrschaft und Unabhängigkeit; in dem zweiten Jahrzehnt fiel es, und am ausgesprochensten in unserem deutschen Lande, plötzlich umschlagend in ein geistiges Leben zurück, dem nur einzelne schwache Bemühungen um innere politische Freiheit ein kleines Gegengewicht hielten. Beides,[46] neu erwachende Geistesleben und die freisinnigen politischen Bestrebungen hatten in meiner jugendlich gedeihenden, äußerlich und innerlich emporringenden Vaterstadt stärkere Brennpuncte als an vielen anderen Orten. Dies vermittelte noch besser die Ueberwirkungen aus dem Leben des Volkswesens in das des Individuums. Es bannte das große Nationalleben, zu fern für das Auge eines Knaben, gleichsam in das Objectivglas eines Sehrohres, das für die noch blöde Gesichtskraft richtig zu stellen war. So warf denn das Zeit- und Volksleben von früh auf seine Bilder in meine Seele, wie in einen unverhängten, wohlgeschliffenen Spiegel: und wenn einmal in deutscher Culturgeschichte die Rede sein wird von dem Ringen der Zeit, in der das deutsche Volk den schweren Uebergang vom geistigen zum praktischen Leben suchte, so wird mein Name nicht ungenannt bleiben. Denn schwerlich hat sich dieser Kampf der Nation in einem anderen Einzelwesen stärker und treuer abgespiegelt. Das Uebergewicht blieb auf der Seite des inneren Lebens, obgleich der Hang und Drang mehr in die entgegengesetzte Richtung wies. Auch dies war so in dem Gesammtleben des Volkes: das seine Geschicke, das die erreichte Bildungsstufe aus sich heraus zu den Werken der Oekonomie und des Staates riefen, die alte Gewöhnung aber stets in sein Geistesleben zurückwarf. Wenn in meiner privaten Existenz die Beschaffenheit meiner körperlichen Natur zu diesem Uebergewichte einen wesentlichen Ausschlag gab, so wird sich auch in diesem Puncte die Parallele mit dem Leben der Nation festhalten lassen, die in ihren oberen Schichten eben erst anfing, das altväterische, den Körper verkümmernde Erziehungswesen mit einer kräftigeren Sorge für die physischen Kräfte zu vertauschen, ohne die dem Geschlechte die Musculatur und die Nervenstärke für die staatlichen Geschäfte ewig abgehen wird. Die Unnatur, die in diesem zwiespältigen Wesen der Neigungen und Thätigkeiten des Volkes gelegen war, sprach sich in der krankhaften Entartung des geistigen Lebens aus, das unter der krampfigen[47] Ueberspannung des phantastisch-poetischen und des hypermetaphysischen Triebes die gesunde Verfassung der deutschen Volksnatur ganz zu verleugnen schien. Und in keinem Puncte sollte mein kleines Sonderleben dem großen öffentlichen Weltleben ähnlicher arten als in diesem. 
  [2] ???????? ??? ??????????. Aristoteles.[2] 
 Friedrich Christoph Schlosser.  [150] Mein historischer Lehrer in Heidelberg hat auf meinen Lebenslauf einen so entscheidenden Einfluß geübt, und meine spätere schriftstellerische Wirksamkeit ist mit so bewußter Absicht seinen Fußstapfen gefolgt, daß es mir nicht genügend scheint, nur den augenblicklichen Eindruck anzugeben, den seine Persönlichkeit, seine Vorträge und sein Umgang auf mich machten; ich möchte versuchen, im Ueberblick seiner ganzen Schreib- und Lehrthätigkeit auszuführen, was er in der Geschichte unserer historischen Wissenschaft für das deutsche Land und Volk überhaupt bedeutet, um aus diesem Gesammtbilde zu erklären, was die Begegnung mit diesem Manne mir gleich anfangs sein mußte, wo ich seinen unschätzbaren Werth noch in keiner Weise begriff, sondern nur ahnte und daran glaubte. Wenn ich heute, nachdem der Mann zu seinen Vätern versammelt ist, offen und öffentlich gestehe, daß ich diesen Glauben an die große[150] Bedeutung dieses Mannes nie, und auch heute noch nicht abgelegt habe, so werde ich jetzt vielleicht Manchem befangen erscheinen in der Stärke des Dankes oder in der Schwäche des Urtheils des gewesenen Schülers, der Schüler geblieben ist. Denn die Meinung über Schlosser ist heute in Deutschland nicht ganz mehr die ungetheilte, die sie ehedem war. In einer Zeit, die ihre Evolutionen in einer nie zuvor gekannten Bewegungsschnelle macht, ist es nur zu natürlich, daß ein einzelner gelehrter Forscher durch die zusammengeschossene Thätigkeit eines rührigen Geschlechtes von Mitbewerbern in kürzester Frist überholt wird; daß Geschmack und Bedürfniß des Tages sich bald in weitem Abstand von einem Schriftsteller findet, der eine ungewöhnlich lange Lebensbahn durchlaufen hat; daß man die Beziehung seiner Werke zu der Periode ihrer Entstehung vergißt und den Werth übersieht, der vielleicht vorzugsweise in diesem Verhältnisse gelegen war. Unter dem allgemeinen Gedeihen der ausgreifenden, weitreichenden Gelehrsamkeit in Deutschland mußte die Schlossersche nothwendig in der Meinung von ihrem Vorzuge und Alleinruhme verlieren. Unter dem üppigen Aufschießen einer kunstfertigen, formgewandten schöngeistigen Literatur wurde Schlosser's so kunstals schmucklose Schreibweise unausbleiblich in Schatten gerückt. Unter der Verwöhnung der schlaffen Lesewelt durch eine Flut einschmeichelnder Toilettenlectüre wandte sich Geschmack und Gefühl von der bitteren Strenge des altväterlichen Sittenrichters unwillkürlich ab. In der schreibenden Welt dann sammelte sich mit der Zeit eine Gruppe von systematischen Gegnern, die für die Angriffe, die Härten, die Verletzungen, wohl selbst unverdiente Verletzungen, die sie durch Schlosser in seiner langjährigen kritischen Thätigkeit persönlich und unmittelbar erlitten hatten, feindselige Vergeltung übten. Gab es Männer des Fachs unter diesen, so ward der Widerstreit grundsätzlicher durch Urtheilsberechtigung, durch Sachkenntniß und Kennergefühl. War unter diesen ein Jünger entgegengesetzter[151] Richtung, so schärfte der ätzende Geist des Schuleifers den Gegensatz, der nun, die Meister der Schule auf den Thron erhebend, das deutsche Volk in einem blöden und bereits überwundenen Irrthum befangen nannte, als es Schlosser für einen großen Historiker hielt und seine Werke begieriger las als die der meisten, wenn nicht aller zeitgenössischen Rivalen. Und wie nun jede neue Meinung einen Schwarm von urtheilslosen Nachsprechern im Gefolge hat, so bildete sich allerdings eine ziemlich verbreitete Ansicht in Deutschland, die über Schlosser nicht mehr wie früher in tiefer Hochachtung spricht, sondern in flacher Geringschätzung abspricht. Formlosigkeit und Mangel an aller Methode sollte seine Darstellungsweise als eine schwer oder nicht mehr genießbare verleiden. ? In seiner wissenschaftlichen Kritik wollte man nichts mehr erkennen als eine reizbare Schmähsucht gegen alle andere Schriftstellerei außer der seinigen. ? In seiner ethischen Kritik fand man sich abgestoßen von dem einseitigen Maßstabe einer grämlichen Hausmoral, vor der jede historische Größe zusammenschrumpfen sollte. ? In seiner politischen Kritik sah man sich rathlos hin und her getrieben durch die Verwerfung einer jeden Regierungsweise, einer jeden Verfassungsform, eines jeden Nationalcharakters und Volkszustandes, die alle gleich untauglich erschienen. ? In seiner Darstellung des Geschichtslaufs ganz im Großen endlich fühlte man sich umirrend in einem so planlosen wie trostlosen Chaos, in dem zu keinem Ziele und zu keiner Befriedigung zu gelangen sei. Diesen Ausstellungen läßt sich in der That ein Anschein zutreffender Richtigkeit und in gewissem Maße selbst ein Grund der Wahrheit nicht füglich absprechen. Und dennoch könnten sie das erste instinctive Urtheil, das sich in Deutschland über Schlosser gebildet hatte, nicht beeinträchtigen; nie konnten sie in mir meine ältesten Ueberzeugungen von dem Werthe dieses außerordentlichen Mannes erschüttern. Es kommt nur darauf an, daß seine Beurtheiler die in ihm getadelte Grämlichkeit nicht darin selbst verschulden[152] wollen, daß sie seine Vorzüge über seinen Mängeln geflissentlich übersehen. Es kommt nur darauf an, sich der Oberflächlichkeit zu entschlagen, die den gerügten Fehlern nicht bis zu dem Grunde nachspüren mag, wo sie in dem Ganzen des Charakters ihre Wurzel schlagen. Es ist in dem Wesen alles menschlichen Geistes gelegen und wird sich selbst in den schwächsten Naturen beobachten lassen, daß eines Jeden eigenste Fehler und Tugenden in einer solidarischen Verknüpfung stehen: es ist aber nicht selten das Vorrecht grade der Vorragenden in der Menschheit, daß je totaler, je stärker, je größer in ihnen Geist und Charakter gewachsen sind, desto unscheidbarer und ununterscheidbarer die Wurzeln in Eins zusammenlaufen, aus denen ihre guten und üblen Eigenschaften zugleich entsprossen sind. Es kommt nur auf Stellung oder Willen an, ob man allein die Schatten sehen will oder zugleich das Licht, von dem sie geworfen sind. Indem ich versuche, zu einer berichtigten und bereinigten Beurtheilung Schlosser's den kleinen Beitrag zu steuern, den ich aus meiner Kenntniß und Erfahrung zu geben vermag, wäre es gewiß nicht wohlgethan, all diesen scharfen und sehr bestimmten Ausstellungen an ihm, nachdem sie einmal aufgestellt wurden, mit flachen Redensarten und vagen Gemeinplätzen begegnen oder ausbeugen zu wollen. Man kann jeder einzelnen desto befriedigender Rede stehen, je grader, je eingehender, je genauer es geschieht. So könnte man zunächst den Tadlern der nachlässigen Formlosigkeit in Schlosser's Werken zu ihren gewöhnlichen Waffen noch neue in die Hände geben, ohne darum sich und ihn der Vertheidigung zu berauben. Es ist wahr: es giebt vielleicht keine Schriftstellerei eines anderen Autors, die so launisch und ungeordnet, so unvollständig und unvollkommen aussähe, wie die Geschichtswerke Schlosser's. Die verschiedensten Motive, äußerliche und innerliche, haben eingeständlich nicht nur ihre Entstehung, je nach augenblicklicher Laune und Liebe, je nach fremdem Anlaß und Anstoß[153] zufällig angeregt, sondern auch ihre Behandlung zufällig verändert, ihre Fortführung und ihren Umfang zufällig so und anders gestaltet. In seiner Jugend herumschwankend (so schrieb er selber) zwischen Philosophie und Theologie, zwischen Kirchengeschichte und klassischen Studien verfaßte er verschiedene Biographien und Monographien in anscheinend gleichgültiger Wahl aus Mittelalter und Neuzeit, aus Orient und Occident. Um eine Unterlage für seine Frankfurter Vorlesungen über Geschichtsphilosophie zu haben, begann er seit 1811 die alte Geschichte, den ersten Band seiner Weltgeschichte (1815), auszuarbeiten. Als dieser Anlaß späterhin wegfiel, setzte er das Werk im zweiten Theile hauptsächlich (schien es) zu seiner eigenen Belehrung wie ein Heft zum Eigengebrauche fort; und im dritten Theile änderte er noch einmal den Ton, um es etwas lesbarer und mundgerechter zu machen. Beim vierten Theile ließ er es plötzlich liegen, obgleich er sich gegen die zweifelnden Rühs und Luden vermessen hatte, an der Behandlung des ganzen Mittelalters mit dem gleichen Fleiße ausdauern zu wollen. Er sprang nun zu dem 18. Jahrhundert (1823) über, das er ursprünglich zu einem enge gezogenen Leitfaden für seine Vorlesungen bestimmt hatte, dann auf Alex. v. Humboldt's Rath etwas erweiterte, auch in dieser Gestalt aber nach seinem eignen Geständnisse hastig hinwarf, unvollständig und ohne seine mündlichen Erläuterungen nicht völlig verständlich. Dann folgte die universalhistorische Uebersicht der Geschichte der alten Welt (1826), anfangs in einer gemesseneren Darstellung, weiterhin formloser, zuletzt auslaufend in einen Schlußtheil, der ungehörig nur zugefügt schien, um mit dem Register noch einen Band zu füllen. Nach dessen Beendigung erschien die Umarbeitung des 18. Jahrhunderts mit ausführlicheren literarischen Abschnitten, die allzu sichtlich aus dem Collegienhefte erwuchsen, das zum Druck nicht eigentlich vorbereitet war. Kaum war dies begierig aufgenommene Werk recht im Zuge, so sprang der Verfasser wieder ab, um seiner Geschichte des Mittelalters zwei Bände über das[154] 14. Jahrhundert, wieder in einer verschieden gearteten Behandlung, anzuschieben, nur weil er es dem Verleger so versprochen hatte. Zwischen allem durch gab er dem Freunde Bercht zu gefallen das Historische Archiv heraus und schrieb dem Collegen Bähr zu gefallen zahllose kritische Anzeigen in die Heidelberger Jahrbücher Als er dann zum 18. Jahrhundert zurückgekehrt war, ließ er sich erst von den Herren Gfrörer und Franck überraschen, seine Einwilligung zu einer volksthümlichen Bearbeitung seiner verschiedenen Werke zu einer allgemeinen Weltgeschichte zu geben, die nachher in befreundetere Hände überging und ihn noch zu einer Ausfüllung der großen Lücken des 15.?17. Jahrhunderts aus seinen Heften nöthigte, die begreiflich viel leichter gearbeitet sein mußte als irgend eines seiner früheren Werke. Gewiß, eine größere Verwirrung der Antriebe und Zwecke in einer rastlosen und ausgedehnten schriftstellerischen Thätigkeit und eine ihr entsprechende Verschiedenartigkeit, Ungleichheit und Sorglosigkeit der Darstellung würde sehr schwer in irgend einem andern Schreiber nachzuweisen sein. Gleichwohl läßt sich in diesem Wirrsal der Arbeitsmotive des Historikers ein einziger Gesichtspunct, ein einziges Grundziel erkennen und festhalten, das zwar auch recht den Anschein des Launischen und Formlosen an sich trägt, aber mit Schlosser's eigenthümlichster Natur und seinen besondersten Vorzügen aufs engste zusammenhängt, und das zugleich über die wesentlichsten Abzeichen seiner schriftstellerischen Methode oder Unmethode allen nöthigen Aufschluß giebt. Schlosser war auf einen äußeren Anstoß zum Geschichtslehrer geworden, ehe er noch des historischen Wissens in weiterem Umfange mächtig war. Er bedurfte gedruckter Unterlagen, die in der deutschen Literatur nicht vorhanden waren; er mußte schreiben, als er noch um seiner eigenen Ausbildung willen im Quellenstudium ganz verloren war. So für seine eigene Belehrung sammelnd und für die seiner Schüler schreibend gewöhnte er sich, das Publicum in geöffneter Werkstätte zum Zeugen seiner Studien[155] zu machen. Dies erklärt vollkommen die Manier, die er, nach seiner starken Natur, gleich in den Anfängen sich in solchem Maße angewöhnte, daß er sie auch bei besseren Vorsätzen nie ganz abzulegen vermochte. Die Nothwendigkeit einer Ergänzung seiner Schriften aus anderen verwandten Darstellungen war von ihm oft und immer wieder laut und deutlich eingestanden und endlich selbstverstanden. In allen seinen Werken ließ er, was Andere genügend behandelt hatten, am liebsten bei Seite liegen. Seine Bilderstürmenden Kaiser wollte er anfänglich gradezu so anlegen, daß man Gibbon immer zur Seite haben müsse. Selbst in der formgerechteren Universalgeschichte wollte er sich über bekanntere Dinge »mit Andeutungen« begnügen; in der römischen Geschichte setzte er Niebuhr, in der Geschichte der Kreuzzüge Wilken, um nicht bereits aufgetragene Gerichte noch einmal anzurichten, überall voraus. Für Leser, die keine Bücher zur Hand hätten, sollten die seinigen ein für alle mal nicht geschrieben sein. Bei diesen Absichten sah er mit aller Klarheit die Form für gänzliche Nebensache an. Er schrieb in sein »vorsätzlich und der Natur nach trocknes Buch« über das Mittelalter die kahlen, nackten Thatsachen nieder, mehr um Haltung als um Färbung, mehr um Sichtung der Quellen als um malerische Darstellung besorgt; er fand es treffend, daß ein geistreicher Mann oft mehr die Noten als Text, den Text aber als Noten betrachtete. Seine Geschichtschreibung ward auf diese Weise früh und spät mehr eine Art fortlaufender Kritik der Quellen und Quellenbenutzung; und wo er einmal diesen Standpunct gradezu und ausschließlich einnahm, wie in dem Aufsatze über Napoleon's Tadler und Lobredner im Historischen Archive von Bercht, dort ist er wohl Jedem und offenbar sich selber am behaglichsten, weil er dort, im zwanglosen Hauskleide, am meisten sich selber gleich ist. Mit dieser Eigenheit hängt dann alle Vernachlässigung der Methodik, alle Sorglosigkeit des Stils, alle Flüchtigkeit der Darstellung, hängen selbst viele Mängel in dem, was ihm sonst das Heiligste in seiner Thätigkeit[156] war, in der Beschaffung der Materialien, der Zusammenstellung der Thatsachen zusammen. Mehr einer glücklichen Eingebung als einer philologisch genauen Wägung und Prüfung folgend schrieb er in raschem Zuge dahin, wobei einzelne Verwirrungen und Uebereilungen unvermeidlich waren. Man braucht sie nicht erst aufzuspüren; er hat ihrer genug ganz aufrichtig eingestanden. Es schlüpft ihm ein Anachronismus von 100 Jahren aus der Feder; er läßt Schlachten gewinnen, die verloren wurden, und klassische Werke verlieren, die erhalten sind; das Vertrauen auf sein starkes Gedächtniß täuschte ihn in solchen Fällen. Gleichgültig gegen die Hülfs- und Nebenfächer der Geschichte hatte er für einzelne genealogische, chronologische, geographische Notizen und Einzelfragen, »die die Kinder und Anfänger für die Hauptsache in der Geschichte halten«, keinen Sinn; wie er sich seinen Stil von Bercht und Kriegk gleichgültig zustutzen ließ, so ließ er sich bei gelegentlichen Begegnungen von Niebuhr und Müller in solchen Dingen geduldig das Concept corrigiren. Schon die Lebhaftigkeit der eigenen Lernbegierde ließ ihn nicht zu lange auf dem einzelnen Unwesentlichen verweilen. Es ist dann eben diese Lebhaftigkeit, in der er seinem gelehrten Streben von frühe auf einen so ungeheuren Umfang vorschrieb, der immer staunenswerth bleiben wird, wenn er auch zuweilen auf Kosten der Gründlichkeit erlangt ist. Wo ist der andere Geschichtschreiber, der so das ganze Gebiet der Geschichte autoptisch an der ganzen Breite der Quellen durchwandert hätte? Er hatte schon 1823 den Plan gefaßt, der Geschichte des Mittelalters, wenn vollendet, die neuere Geschichte anzufügen; er weilte noch 1830 auf diesem Gedanken, die neuere Geschichte in der Art seiner universalhistorischen Uebersicht zu bearbeiten; und als er inne ward, daß dazu Leben und Kräfte doch schwerlich ausreichen würden, so hing seine Einwilligung zu der volksthümlichen Weltgeschichte wesentlich mit dem Ehrgeize zusammen, wenigstens auf diese Weise die noch ausstehende Geschichte des 14.?17. Jahrhunderts nachzuholen: »um doch das[157] Ganze« ?, sagte er wohl in einer naiven Freude, ohne (nach seiner Weise) den verständlichen Satz ganz auszusprechen. Mit dieser Ausbreitung, mit jener Sorglosigkeit und Unvollständigkeit seiner Arbeiten gab Schlosser der Kritik sehr starke Blößen, die sie geschäftig ausbeutete. Die angemessenen Würdigungen und Besprechungen seiner Leistungen, die dann noch so streng hätten sein mögen, ließen auf sich warten, da die kritischen Anstalten für Alle, die außerhalb der literarischen Coterien stehen, bei uns keinen Raum zu haben pflegen; wohl aber wurden ihm überall her einzelne Rügen und Ausstellungen durch anonyme Briefe, durch Verleger und Trätscher, durch ehrliche und unehrliche Freunde zugetragen, mitsammt den gegentheiligen Artikeln, worin die Clienten der in Preußen lange so auffällig beschützten historischen und philosophischen Schulen ihre Meister auf den Schild erhoben. Diesen Dingen gegenüber wäre die einzige Schlosser's würdige Haltung gewesen, daß er, der vom Lob nichts zu hoffen, vom Tadel nichts zu fürchten hatte, sich gegen die »bellenden Hunde« der Literatur durchaus schweigend verhalten hätte. Wen hätte in der wissenschaftlichen Welt die Erfahrung nicht verdrossen, daß der tiefsinnigste Philosoph, der erhabenste Poet, der weitsichtigste Geschichtsforscher die Richterwage von den fadesten Schwätzern muß über sich halten sehen, die die literarische Censur als ein Brodgewerbe betreiben? Darüber verbergen die meisten der Betroffenen ihren Unmuth aus Klugheit und Anständigkeit; ein Mann wie Schlosser hätte ihn aus Selbstgefühl nicht einmal empfinden sollen. Ihn aber ärgerten die Vorwürfe Anderer über seine selbst eingestandenen Mängel, und er begann frühe (1817) in seinen Vorreden und Noten und später in den Heidelberger Jahrbüchern, in den Auslassungen seiner wissenschaftlichen Kritik, Repressalien zu üben. In unbekümmerter Offenheit plauderte er dann Alles heraus, was Andere am tiefsten verstecken, die kleinsten Empfindlichkeiten und die größten Verdrüsse, die Eifersucht auf jede Anerkennung, die[158] ihn vorbeiging, die Herbheiten gegen fremde Belehrungen, die bitteren, verletzenden Aburtheilungen über jede abweichende Richtung; lauter Züge, die einen Mangel an Selbstbeherrschung, an Duldung und Unbefangenheit zu verrathen, einen Staub auf den hellen Charakter des Mannes zu werfen schienen, den man in Widerspruchsgeist und Schmähsucht ganz sich verlieren sah. Und unleugbar waren dies Auswüchse, die Schlosser's eigensten Grundsätzen gradaus zuwider waren. Auch war er dessen wohl selber geständig. Er bat in der Vorrede zum zweiten Theile seines Mittelalters (1821) seinen zu lauten Tadel über die Flachheiten mancher sonst verdienter Männer ab, inne geworden, daß dies zänkische Herabsetzen und Verachten leicht Anmaßung im Charakter erzeuge. Gleichwohl waren die großen und starken Züge seiner graden und ganzen Natur in ihm mächtiger als die Gebote der am Ende doch nur conventionellen Pflichten, Denn sicher zählen diese Eigenheiten Schlosser's unter jene Sünden, die von seinen besten Tugenden unzertrennlich sind. Der Homerische Spruch, den er als Motto seinen Bilderstürmenden Kaisern vorsetzte: '?????? ??? ??? ?????? ???? ????? ??????, ?? ?' ?????? ??? ????? ??? ??????, ???? ?? ????, war seinem ächtesten Wesen entschöpft. Seiner Gradheit und Wahrheit einen Zwang aufzulegen, war ihm im Leben unmöglich, viel weniger in dem wissenschaftlichen Verkehre. Er hatte der Herzogin von St. Leu die private Mittheilung ihrer Denkwürdigkeiten zu danken; mitten in der Bezauberung von ihrer Persönlichkeit aber sagte er ihr öffentlich, daß er mit diesen geistreichen Sachen für seine Zwecke nichts anzufangen wisse. Er war mit Grégoire befreundet und nahm sich des verfolgten Mannes offen an, aber über seine seltsamen Verblendungen erging er sich darum doch in seinem 18. Jahrhundert in naivster Aufrichtigkeit. Ja selbst seinen Dante, dem er die unpartheiische Strenge, die auch jener gegen seine eigenen Partheigenossen übte, ablernte, selbst diesen[159] enthusiastisch bewunderten Meister hat er über die Schulgrillen seiner spitzfindigen Deuteleien der eigenen Werke sehr unsanft angelassen: wie sollte man von solch einem Diener der Wahrheit Rücksichten verlangen gegen die Kathederweisen seiner Zeit oder gar gegen literarische Gegner von unversöhnlicher Feindschaft? Man würde sich übrigens selbst nur einer Oberflächlichkeit und ungerechten Schmähsucht schuldig machen, wenn man annehmen wollte, daß vor Schlosser's Tadelsucht gar nichts hätte bestehen können, oder daß sie überall und immer nur der Ausfluß von Uebellaune und Galle gewesen wäre. Von ganzen Reihen zeit- und landsgenössischer Geschichtschreiber, die er auf dem Wege ernster, selbstvergessener, wahrheitgetreuer Forschung und ehrlicher, wahrhaftiger Bestrebung sah, urtheilte er, weit entfernt von jeder kleinlichen Eifersucht, in stets gleicher Achtung und Ehrfurcht. Dahin gehören die Maskov, Möser, Planck, Wilken, Rehm, vor Allen Spittler, sein Lehrer in Göttingen, von dem man ihn mußte mündlich sprechen hören, um zu erfahren, von wie tiefer Pietät er gegen einen wahrhaft bedeutenden Mann erfüllt sein konnte und in unabänderlicher Gesinnung auch immer erfüllt blieb. Nur wo er sich in inneren Puncten, die ihm heilig im Leben und das Wesentliche in der Wissenschaft waren, abweichend erkannte, da war seine Abneigung von einer Stärke, die ihm jede Verhehlung und Vertuschung ganz unmöglich machte. Aber man wird in allen größeren Fällen und Beziehungen nicht finden, daß er dabei verurtheilte und vorurtheilte ohne genaue Kenntniß der Sachen. Er achtete in Gibbon lange Zeit, in Joh. Müller immer den genauen Quellenforscher; sein Misfallen an dem ersteren ist nach und nach geworden, als er seine Ungenauigkeiten, und mehr noch, als er ihre Quelle entdeckte: den falschen rhetorischen Prunk, der ihm auch an Müller lästig ward, und an beiden lästiger, seit er sich über Müller's politischen Charakter enttäuschen mußte und in Gibbon die Freude an dem Wüstlingswesen lüderlicher Roués gewahrte.[160] Der Mismuth, der dann gegen diese Zeitgenossen zu Tage kommt, ist aber eben so wenig persönlicher Art oder in den Motiven einer zufälligen Leidenschaftlichkeit begründet wie sein Gegensatz gegen die Diodor, die benophon oder Sallust, die Schreiber längst untergegangener Zeiten; Eine und dieselbe Abneigung setzte ihn aller sittlichen Verderbtheit, aller Grundsatzlosigkeit im Leben, allem Flitter in der Wissenschaft, allem oratorischen Schmuck, aller poetisirenden Schreibart, allen pragmatisirenden Charakteristiken und Seelengemälden, aller malerischen, romantischen Manier, aller affectirten Alterthümlichkeit und Zeitfärbung in historischen Darstellungen entgegen. Und wie in diesen Fällen, so schieden ihn überall die bestimmtesten Grundsätze, die mit der Totalität seiner ganzen Natur aufs innigste zusammenhängen, von allen historischen Koryphäen unter den vaterländischen Zeitgenossen ab, von denen er einen und den anderen stets mit Achtung genannt hat, obgleich man aus seinen gelegentlichen Ausfällen oder Stichen gegen Andere, die er nicht genannt hat, schließen könnte, es sei nur Krittel und kleinliche Laune, die ihn bewege. So war es z.B. das Bestreben von Dahlmann, dessen fester, persönlich und wissenschaftlich zuverlässiger Charakter bei Schlosser allezeit in den höchsten Ehren stand, das Theoretische und Praktische zu verbinden, den Geschichtschreiber zum Staatsmanne zu steigern; Schlosser aber, wie sehr er von dem Buchstaben der Wissenschaftzu dem Geiste, aus dem Buch in das Leben vordrang, erklärte sich frühe in dem ganz entgegengesetzten Sinne, dem er zu allen Zeiten unverbrüchlich treu geblieben ist: daß er die Wissenschaft als solche ganz vom Leben trenne, die nur für das Leben vorbilde, das »sich selbst regieren« solle; wie denn nur der wahre Geschäftsmann, der nur wirke, was aus den allgemeinen lebendigen Bedürfnissen entspringt, fest stehe, wo der Halbwisser schwanke. Das konnte nun im Extreme einseitig klingen; aber man durfte es auch nach dem Worte nicht nehmen. Oder man mußte[161] es in aller Strenge nach den Worten nehmen, wo (wie so oft in Schlosser's Aeußerungen) unter dem doppelseitigen Widerspruche in seiner Rede die Einseitigkeit verschwindet. Sein Gegensatz galt der Vereinigung des Theoretikers und Praktikers in Einer Person, einer Rolle, in der ihn schon die Theilung der Kräfte besorgt gemacht hätte, zu der Er persönlich auf alle Fälle nicht wäre geschaffen gewesen. Dagegen die Wissenschaft ganz vom Leben zu trennen, ist nicht möglich, wenn sie »für das Leben vorbilden soll«: auf diesem Theil seines Satzes aber würde sein Ton gelegen haben. Auch durfte er sich nur nach dem entgegengesetzten Extreme gezogen fühlen, um sich sogleich in einem umgekehrten Gegensatze zu erkennen. Als Stein die Sammlung der deutschen Geschichtschreiber entwarf, lehnte Schlosser die Aufforderung ab, an diesem Nationalwerke Theil zu nehmen. Er ließ nur Nebengründe angeben; der eigentliche Grund war doch nur der, daß er von allem Anfang an ganz unwillkürlich den intimeren Bezug der Wissenschaft zu dem Leben grade suchte, von dem ihn diese Arbeit historischer Philologie hinweggezogen hätte, die bei ihm gewiß in aller Achtung stand, für die er aber persönlich noch weniger geschaffen war als zu der Praxis des staatlichen Beamten. Mit dieser Richtung Schlosser's auf das Leben hing auch die Entschiedenheit zusammen, mit der er in der reinen Geschichtschreibung alle Ostentation mit Neben- und Hülfswissenschaften, vor Allem aber mit aller abgelegenen antiquarischen, archäologischen und mythologischen Weisheit verpönte. Ihm wie einem Thukydides und Machiavelli und allen Historikern, die vor der universellen Bildungsschule der neuesten Zeit lagen, galt für Geschichte nur der Fluß der Begebenheiten, nicht die Schilderung ruhender Zustände und die Erläuterung stehender Verhältnisse, »nicht das Ausmessen der Räume, wie er es nannte, sondern das Aufzählen der Momente«. Es war nicht Grille und Eigensinn, sondern wohlerwogenes Prinzip, daß er die Erforschung der Ur- und Vor- und Mythen- und Göttergeschichte[162] aus der strengen Historie in die Vorschule schob. Ihm war das nicht die Aufgabe des Historikers, sich in dem Chaos der Vorwelt, den Sümpfen der Barbaren und den Wäldern der Brahminen umzutreiben, sondern in den angebauten, sonnigen Gegenden der Geschichte das Licht zu suchen, wo es ist. Er konnte daher die folgenreiche historische Kritik eines Niebuhr, die philologische Mosaik eines Otfried Müller an ihrem Orte ehren und achten; aber es ward ihm zu viel, als er zu erleben glaubte, daß die Divination zweifelhafter Ergebnisse aus Mythen, Alterthümern und Inschriften die klare, helle Geschichte verdrängte, als sich die kritische Mikrologie so breit machte, daß die Historie wie zu einem Beiwerke der Philologie herabzusinken schien. Und ähnlich verneinend verhielt sich Schlosser der diplomatischen und archivalischen Geschichtschreibung der Ranke'schen Schule gegenüber. Es giebt für die Vielseitigkeit des deutschen Geistes weniges Charakteristischere, als wie diese beiden gegensätzlichen Auffassungsweisen von Beruf und Behandlung der Geschichte dicht neben einander entstanden und ausgebildet sind, sich schroff einander ausschließen und doch gleichsam ergänzend decken, weil jeder das fehlt, was die andere hat, und jede das hat, was der anderen fehlt. Beide Methoden sind wesentlich kritischer Natur und ähnlich fragmentarischer Art. Das Voraussetzen der Vergleichung anderer Bücher ist ihnen beiden eigen, die beide nicht wiederholen mögen, was unzählige male erzählt ward. Die Eine, die die historische Materie in aller umfänglichen Breite ergreift und in einer trockenen annalistischen Darstellung, aber von allen Seiten beleuchtend vorführt, zerstückelt doch das Ganze der Geschichte durch ungleiche, form- und kunstlose Behandlung leicht wieder wie in Bruchstücke; die andere, die mehr nur einzelne Momente auswählend aus einzelnen Gesichtspuncten darstellt und in formgefälliger Memoirenmanier pragmatisch ausfeilt, sucht umgekehrt aus Bruchstücken zusammenhängende Ganze zu bilden; die Eine ergänzt die vorhandenen[163] Geschichtswerke gleichsam aus übersehenen Stellen bekannter Quellen, die andere aus noch nicht gesehenen Urkunden. In diesem Geschäfte das Unbekannte aus unentdeckten Regionen aus Licht zu fördern, sieht die letztere Methode den Hauptreiz der Geschichtforschung und glaubt damit Nützliches und Nothwendiges zu leisten, selbst wenn das Gefundene »an und für sich nicht von unbedingter Wichtigkeit wäre.« Dieser im Grunde kleinlichen Ansicht hat der Verfechter der anderen, der die nicht zu bewältigende Unermeßlichkeit des bereits vorliegenden Stoffes überdenkt, die große und ernste Erwägung entgegenzusetzen: wie es die ausschließliche Eigenschaft der Geschichtswissenschaft ist, daß sie täglich, mit den fortschreitenden Bildungen der Völker, stets neue in ganz ungeheuren Verhältnissen anwachsende Massen des Stoffes immer unübersehbarer empor thürmt, ohne wie alle anderen Wissenschaften eine gleiche Masse als antiquirt bei Seite legen zu können; ihn bewegt daher peinlich vor vielen anderen Gedanken der Eine, wie man in dieser Ueberfülle die Materie auf das unbedingt Wichtigste einschränken solle. Zu diesem Zwecke muß man auf dieser Seite, die zwar wie die geistlosere aussieht, in Geist und Kern der Geschichte vorzudringen suchen; auf der anderen, als die geistreichere gerühmten, besteht man auf der gründlichen Erforschung des Einzelnen und läßt »das Andere Gott befohlen« sein. Dieser Methode gehen dann leicht nach umfassendsten neuen Ergründungen die einfachsten Gesichtspuncte in den größeren geschichtlichen Verhältnissen verloren, die die gemeine Betrachtung aus den platten Thatsachen längst ganz sicher abgezogen hatte. Denn ihr liegt immer die Gefahr nahe, daß sie ihre ungedruckten Quellen überschätzt, nur weil sie neu sind, und ihre diplomatischen Gewährsleute, nur weil sie als amtliche Eingeweihte über die geschehenden Dinge zu raisonniren wissen: da doch die Stellung des Diplomaten seinem Zeugnisse keinen besonderen Werth ertheilt, wenn ihn der Mann nicht erst seiner Stellung gegeben; da doch an und für sich der Bericht eines Diplomaten keine[164] größere Bedeutung hat als die Mittheilung jedes anderen fähigen zeitgenössischen Beobachters, der in dem eigentlich factischen Theile der Geschichte den Täuschungen leicht weniger als jener ausgesetzt ist. Nach dieser Ansicht gewinnt es der Wochenbericht eines Diplomaten wohl über die großen Combinationen eines Machiavelli, aus dem nichts gründliches Einzelne, nichts Neues zu excerpiren und zu registriren ist; und nichts könnte frappanter sein, als die Weise der Beurtheilung dieses größten historischen Genies aus beiden Standpuncten einander gegenüber zu stellen. Der Vertreter der Einen Seite würde in diesem Manne den Diplomaten vielleicht beargwohnen, aber den hohen staatsmännischen Geist in ihm nicht verkennen und dem Meister in der historischen Kunst die größte Bewunderung zollen; dem der anderen würde sein Geschichtswerk als eine bloße mittelbare Nacherzählung nach ursprünglicheren Quellen gleichgültig sein, desto schätzbarer aber seine diplomatischen Berichte, die Arbeit des Handlangers der Florentiner Regierung; vor den bösen Worten seiner politischen Prinzipien, trotz denen er sich (nach den Urtheilen des ersteren) im öffentlichen Wirken als ein großer Bürger bewährt hätte, würde sich der andere entsetzt hinwegwenden und würde dagegen von Herzen lieber einen Schönredner wie Guicciardini rühmen, der sich im öffentlichen Leben handelnd aufs schlechteste bewährte. Und von diesen ersten Unterscheidungen aus dränge man in dieser Betrachtung mit Leichtigkeit in die innerste Verschiedenheit des Verhältnisses beiderlei Geschichtsbetrachtung zu einander und zu ihren großen Objecten, zu der Geschichte der Vergangenheit, zu dem staatlichen Leben in der Gegenwart vor. Denn Gesinnung, ethischer Ernst und politisches Urtheil können unmöglich gleich arten da, wo man vorzugsweise auf die Thaten, und dort, wo man vorzugsweise auf die Worte in der Geschichte achtet, wo es dem Manne dieser Methode am heimlichsten, und dem der Anderen am unheimlichsten ist, in den Urkunden der Leute, deren Schrift und Wort so oft nur zur Verstellung der Wahrheit dienen muß, für die die[165] Geschichte erst ein Geschehendes, nicht ein Geschehenes ist, die in der Befangenheit von Dienern und Schreibern, mit verengtem Blicke, in Rücksichten auf die Herren schreiben, für die sie beobachten, und auf die Beobachteten, über die sie berichten. Schlosser glaubte daher frühe, nicht vorsichtig genug aus dieser Welt der schleichenden Kabale erzählen zu können, wenn die Geschichte nicht Klatscherei werden solle. Er verschmähte es, in unbegangenen Kohlenschachten zu graben, wo in dem grünen Walde der offen liegenden Geschichte so viel frisches Holz noch ungeschlagen steht. Dieser Methode, die die größere Freude voraus hat am Leben, an Handlungen und Thatsachen an sich, wird es dann ohne jede Absicht leicht, die Natur und den Geist der Personen, der Völker und Zeiten in einer treuen Unbefangenheit abzuspiegeln, die die andere mit aller Kunst sehr viel schwerer erreicht. Denn dazu fördert weit mehr als die Eröffnung aller Archive die Beleuchtung der ideellen Antriebe in der Geschichte, die Heranziehung des offenst liegenden Theiles aller Geschichte, der Literatur. In dem Gebrauche, den Schlosser von ihr zur Erhellung des Geistes der politischen Geschichte machte, hat er sein eigenstes, bahnbrechendes Verdienst. Er hat dadurch nicht allein die Methode der Geschichtschreibung fruchtbar erweitert, sondern er ist auch wesentlich dadurch ein wahrer Volkshistoriker im besten Sinne des Wortes geworden: nicht durch populare Form und Darstellung, sondern durch seine Hinkehr auf den idealen Theil der Geschichte, auf die geistigen Strebungen im Volke, die von den Veranstaltungen und Einwirkungen willkürlich lenkender Regierungen am unabhängigsten sind, in denen die freiest wirkenden Antriebe der Thatengeschichte gesucht werden müssen. Amazon.de Widgets Auf diesem Gebiete der Literaturgeschichte wieder wich Schlosser aller eigentlichen Fachwissenschaft, wie aller ästhetischen Betrachtung aus, in einem Maße, das ihn mit seinem getreuen Schüler, mit mir, und mich mit ihm in öffentliche und private Collision brachte. Auch dabei leiteten ihn ganz bestimmte, stets behauptete Prinzipien,[166] obwohl man nach einzelnen Strudeln seiner Laune hätte schließen können und in meiner Umgebung oft geschlossen hat, daß doch einige absprechende Verwerfung und Rechthaberei gegen den Jünger dabei obwalten werde. Wer ihn aber gesehen hätte, wie er nach Durchlesung des letzten Bandes der Geschichte der deutschen Dichtung, vom ersten Eindruck ergriffen, früh Morgens auf meinen damaligen Landsitz kam, mir mit strahlenden Augen und übersprudelndem Munde in innigster Freude dankte, daß ich in meiner Beurtheilung so vieler Gegenstände und Menschen überall seinen eigenen Gedanken zuvorgeeilt wäre, und mit dem frohesten Ausdruck der Erwartung schloß: es müsse doch seltsam zugehen, wenn bei solch einer Continuität gesunder Ansichten nicht zuletzt ein guter Zweck erreicht werden sollte, ? der hätte ihn in seiner ächten und wahren Natur gesehen, die, wo sie nur ernst angefaßt wurde, jeder Kleinlichkeit gänzlich fremd war. Wie Sthlosser's wissenschaftlicher Kritik, so liegen in gleicher Weise ganz innerliche, mit seinem Charakter tief zusammenhängende Motive auch seiner sittlichen Kritik zu Grunde, wie häufig auch sie, wie jene, von zufälliger Laune bestimmt scheinen kann. Hört man freilich die schalen Leser, die ihre Bildung und Menschenkenntniß im Romane und im Salon, ihre Politik und Geschichtskenntniß aus der Zeitung schöpfen, über diese Seite in Schlosser's Wesen urtheilen, so stellen sie sich den Mann persönlich als einen mürrischen Sauertopf von kleinmeisterlicher Grämlichkeit vor, so erkennen sie in seinen Schriften nichts als einen moralischen Splitterrichter, der für die politische Größe der Menschen keinen Sinn hat, der über die ausgezeichnetsten Männer der Geschichte in schnöder Verächtlichkeit abspricht, engherzig und einseitig alle Gattungen von Verdiensten miskennt, die nicht in die Linie seiner eigenen Befähigung oder Neigung fallen. Stünde es so mit der Menschheit, daß alle Motive der Bestgepriesenen so schlecht, alle Größe der geschichtlichen Heroen nur falscher Schein, alle bewunderten Großthaten[167] so sehr von häßlichen Kehrseiten entstellt seien, dann wollten Viele nicht begreifen, warum man an irgend einer Geschichte irgend einen Antheil nehme, an dem Leben irgend ein Interesse behielte und nicht verzagend das Buch lieber schlösse? Auf dergleichen könnte Schlosser antworten, daß ihn, der schon mit 15 Jahren mündig für sich selber sorgen mußte, das Leben nicht sanft angefaßt habe, daß er es von seiner rosigen Seite nicht habe kennen gelernt, daß man ihm nach seinen Erfahrungen Ernst und Eifer zu gut halten müsse. Aber er würde dies nicht antworten; eine so persönlich gefaßte Entschuldigung stünde auch seinem ganzen Wesen, seiner persönlichen Art zu sein, in keiner Weise an. Denn wie wenig jene so Urtheilenden überhaupt von Menschenbeurtheilung besitzen, das würden sie selber eingestehen, wenn sie sich aus eigener Bekanntschaft über ihre Misgriffe in Bezug auf die Persönlichkeit des Getadelten enttäuscht hätten: der ein durchaus heiterer, glück licher Mensch war, wechselnd zwar wie jeder Vernünftige zwischen Ernst und Stherz, zwischen Würde und Lässigkeit, je nachdem sich die Anlässe boten, im Grunde des Wesens aber eine körperlich und geistig zu kerngesunde Natur, um nicht von allen dauernden Launen und Verstimmungen, von einer vorherrschenden Trübe des Temperaments, von Spleen und Säure frei zu sein. Was Schlosser gegen jene Vorwürfe sagen könnte und sagen würde, wäre dies: daß man in dem Leben im Großen, in der Geschichte, anders als in Roman und Novelle, eine oberflächliche Freude am Leben bei aller Heiterkeit der Sinne und des Geistes nicht lerne; daß man aus ihrer Betrachtung zwar nicht menschenfeindliche Verachtung, wohl aber eine strenge Ansicht von der Welt und ernste Grundsätze über das Leben einsauge; daß wenigstens auf die größten aller Beurtheiler von Welt und Menschen, die an einem eigenen inneren Leben das äußere zu messen verstanden, auf einen Shakespeare, Dante, Machiavelli das Weltwesen stets einen[168] solchen zu Ernst und Strenge bildenden Eindruck gemacht habe. Wer durch eine scharfe Erziehung von Jugend auf gewöhnt wird, das Gute und Rechte als das selbstverstanden Ordnungsmäßige ohne Lob und Ruhm hingehen zu sehen, nur von dem Sträflichen und Falschen ein Aufheben gemacht zu hören, ihm wird zu keiner Zeit die Schlosser'sche Strenge zu streng erscheinen; und nur zu solchen sinnenden Lesern, die gute Natur, gesunden Sinn und einfachen Verstand mitbringen und ernster Zucht nicht unzugänglich sind, hat Schlosser in seinen Schriften reden wollen. Was Schlosser gegen jene Vorwürfe wirklich gesagt hat, das ist gegen die anders Erzogenen gerichtet, die in der Geschichte wie in der Moral eine Methode wollen, die waschen soll, ohne naß zu machen, »die das Leben sanft, mild, umsichtig in allen seinen Beziehungen faßt und billigt, wenn es nur nicht ganz schlecht ist«; dieser Methode zog er allezeit seine rauhe Manier vor, die nicht Furcht hatte, es mit den Menschen zu verderben. Er begriff, daß der ernsten Wahrheit nnd Selbsttreue die Schonung gegen Welt und Menschen und Verhältnisse nur eine untergeordnete Rücksicht sein könne. Er wußte, daß die »verwaschenen Seelen« jene Eigenheit, überall das Schlimme zu sehen, für »teuflisch« verrufen; aber seine Gewissenhaftigkeit schrieb ihm vor, diesen Vorwurf nicht zu scheuen, wo die Wahrheit nicht gestattete Gutes zu sehen. Er urtheilte »nicht darum scharf, weil er Freude an der Schärfe hatte, sondern weil er es für Pflicht hielt.« Seine Catonische Seele wollte »lieber sich selber opfern, als ihrer Ueberzeugung untreu werden.« Diese natürliche, grundsätzliche Strenge des Mannes noch zu schärfen, hatte dann allerdings das beigetragen, daß seine Hauptschriften in der Zeit der schmachvollsten aller Reactionen erschienen, deren ganze Tendenz seinen feurigen Geist zum hellen Gegensatze entflammte, in der die Rücksichtslosigkeit der Herrschenden und die Lauheit und Flauheit der Beherrschten den unabhängigen Charakter zu einer ähnlichen Rücksichtslosigkeit des Widerstandes in einem Tone[169] tieferer Entrüstung spannten. Diesen Zug aber, sich einer einseitig herrschenden Strömung, einer überspannten Richtung der Zeit entgegenzustemmen, dem großen Haufen (den er sich bald gläubig bald ungläubig, bald frech bald sclavisch nach Ton und Mode entscheiden sah) grundsätzlich die moderirende Meinung in die andere Wagschale entgegenzuwerfen, muß man ganz im Großen zur Würdigung von Schlosser's Menschen- und Geschichtsbeurtheilung im Auge haben, man muß in jedem einzelnen Falle wissen, welche herrschende Meinung oder welches öffentlich gefällte Urtheil über diesen oder jenen Gegenstand er grade mielleicht ganz stillschweigend) auf das Korn gefaßt hat, um Grund und Recht seiner Urtheile völlig zu durchschauen; dann findet man überall, daß sein sittlicher Rigorismus, den man als den vollgültigsten Beweis einer engherzigen Einseitigkeit nahm, der vollgültigste Beweis einer weitsichtigen Vielseitigkeit ist, die Gabe seiner Natur, die Schlosser vielleicht am meisten zum Geschichtschreiber berief. Er sah den menschlichen Geist »ewig zum Irren verdammt von einem Aeußersten zum anderen überspringen«, ohne je den Weg zu erkennen, der durch die Mitte zur Wahrheit führt; er warf sich dann leicht in der Lebhaftigkeit seines Geistes, als ob es seine Aufgabe gewesen wäre, in allzu starken Schwankungen der Meinungen stets den Berichtiger abzugeben, extrem einem herrschenden Extreme entgegen, der maßvollen Mitte scheinbar selber verlustig, die gleichwohl der ganze Standpunct seiner Bildung und die Frucht seiner Lebenserfahrung war. Er wußte, daß in jeder Wahrheit (bei Beurtheilung der verschlungenen menschlichen Dinge) gemeinhin eine halbe Irrung, in jedem Irrthum eine halbe Wahrheit verborgen liege; und aus demselben Grunde, aus dem er Einmal einer Meinung schroff widersprach, widersprach er ein andermal ganz sicherlich nie aus bloßer Laune, ganz sicherlich nur aus einem objectiven Anlasse in den äußerlichen Erlebnissen dem Gegentheile. Man hat ihn in seinen häuslichen Kreisen des Köhlerglaubens spotten hören können, der sich an das Glaubensbekenntniß hing; als aber[170] die deutsch-katholische Bewegung durch das Land ging, setzte er derselben Umgebung den verborgenen Sinn in dem scheinbaren Unsinne desselben Bekenntnisses eifrig auseinander. Zu anderen Zeiten legte er wieder, und immer aus demselben Grunde seiner Vielseitigkeit, die ganz entgegengesetzte Eigenschaft aus, zweideutigen Ansichten selbst aus misliebigem Munde nachzugeben, weil man ja bis zu einem gewissen Puncte ihre Richtigkeit zugeben und »mitgehen« könne. So war ihm die allseitige, unbefangene Erwägung in seinen historischen Richtersprüchen in einem selbst zu weit gehenden Maße eigen, das aber alles einseitige Absprechen, worüber man ihn gemeinhin anklagt, gradezu ausschließt. In seinen Bilderstürmenden Kaisern kann man finden, daß er sich Einmal (p. 214) für die Bilderfreunde entscheidet: weil unter jenem Geschlechte, »das die Wahrheit geblendet hätte, mit dem Sinnlichen bald auch das Uebersinnliche weggetilgt worden wäre«; ein andermal aber (p. 405) stellt er sich auf die Seite der Bilderfeinde: weil der Misbrauch mit den Bildern alle wahre Religion zerstört und den Verfall des Staates herbeigeführt habe, da der Hause sich gewöhnte, überall Wunder zu sehen und zu hoffen, und deshalb alle menschlichen Mittel zur Erhaltung des Staates vernachlässigte. Niemand hat ausdrücklicher als Schlosser die Einseitigkeit Derer getadelt, die in der »unendlichen Mannichfaltigkeit menschlicher Charaktere nur gute oder schlechte Menschen, und gar nur an dem eigenen Maßstabe gemessen, erblicken«; niemand heftiger als er die Einseitigkeit eben der moralisirenden Beurtheiler gescholten, die, da sie doch wissen, daß die Tugend Aller mangelhaft ist, jede gute Eigenschaft wegleugneten, wo sie ein Laster erblickten. Und wer hätte unter den Geschichtschreibern unbefangener, weniger rigoristisch als Er die schrecklichen Charaktere gewürdigt, »deren Größe (in der Meinung verachtet) eine Geißel der Gottheit für das gesunkene Geschlecht wird«? Oder prüfe man doch seine Beurtheilung all solcher dämonischen Größen in der Geschichte im Vergleiche zu ähnlichen Beurtheilungen der[171] mitlebenden Fachgenossen: ob er nicht jedesmal dort seine Unbefangenheit am stärksten bewähren wird, ob er nicht immer an solchen Stellen grade an dem Großen am größten emporwächst, wo die Anderen vielleicht am krüppelhaftesten zusammenschrumpfen? Er hat den edlen Charakter eines Alexander gegen Plutarch's unbegründeten moralischen Tadel geschützt; er hat einem Alkibiades von Plutarch's leichtfertigem Lobe abgezogen; er hat die Größe Gregor's VII und Friedrich's II gleich unparteiisch zu würdigen gewußt; er hat die Bestimmung Bonaparte's zu einem Reformator der Zeit in demselben Momente anerkannt, als er den papiernen Heros, den Las Cases aus ihm machte, verspottete. Es war dem religionssinnigen Manne nicht schwer, von den Himmelstürmern der französischen Literatur, die das Christenthum als ein scheußliches System systematisch auszutilgen strebten, mit der Achtung zu reden, die man mächtigen Hebeln der Geschichte schuldig ist; nicht schwer, den Girondisten Recht zu geben, wenn sie in den Lastern einer so ungeheueren Zeit, wie die ihrige war, einen Unterschied von denen der kleinen Seelen kleiner Zeiten sahen; nicht schwer, in dem schreck lichen Danton das tiefe Gefühl, in dem neidischen Robespierre die Rechtlichkeit, in dem lasterhaften Mirabeau die Geistesgröße anzuerkennen. Nur daß man nicht verlange, er solle die verschiedenen Eigenschaften solch eines Mannes nur mit Einem Namen belegen! Nur daß man nicht wolle, er solle den tiefen sittlichen Ernst, den er in seiner persönlichen Haltung im Leben nicht verleugnete, im Gericht der Geschichte verleugnen! In seinen mündlichen Vorträgen unterschied er in einem sehr bestimmten Gegensatze z.B. gegen Dahlmann, in sehr betonter Uebereinstimmung mit Machiavelli (was man ihm grade absprechen will) zwischen öffentlicher und privater Moral; aber grade deshalb fand er es um so nöthiger, im Geiste seines Dante das Virgilische discite justitiam moniti zur Seele all seiner Darstellungen zu machen; um so nöthiger, die Standarte des ewigen Sittengesetzes hoch empor zu tragen, damit[172] den Kämpfern des handelnden Lebens, die sich im Thateneiser und im Zwange der Nothwendigkeit von ihr verlieren, das Zeichen doch immer im Auge bleibe, damit der Gefahr einer so leicht zu misdeutenden und misbrauchenden Lehre vorgebeugt werde. Wer möchte demnach die sittliche Empfindlichkeit und Schärfe dieses Mannes aus Einem Stücke aus seinen Schriften hinwegwünschen! Es sei, daß sie da und dort die Spuren einer zufälligen Uebellaune trage: dann muß man immer noch wissen, sein eigenes Urtheil, wo es allzu unbillig aussieht, aus ihm selbst zu ergänzen. Er hat beharrlich in seinen Werken verschmäht, die erprobten Leistungen anderer Geschichtschreiber auszuschreiben; viel weniger mochte er sich selbst und seine eigenen Urtheile wiederholen. Ihm stand in seinem starken Gedächtnisse stets vor, was er bereits über diesen oder jenen Gegenstand vorgetragen; er setzte dasselbe Gedächtniß bei seinen Lesern voraus; er hatte seine ganz guten Gründe, wenn er denen, die an seinen Büchern strauchelten, zumuthete, sie noch einmal zu lesen. An seiner Beurtheilung des letztgenannten Heroen der französischen Revolution läßt sich dies vielleicht am besten als an Einem Beispiele für Alle deutlich machen. Wer seine Schätzung Mirabeau's blos aus dem Texte der späteren Ausgaben des 18. Jahrhunderts kennen lernen wollte, der würde allerdings nur ein Zerrbild sehen. Nehme man in Schlosser's Sinne eine Einzige Note in der zweiten Ausgabe des Werkes hinzu und erläutere sie sich aus den allbekannten Thatsachen, die er nicht wiederkäuen mag, so ist die Gestalt auf der Stelle der einseitigen Charakteristik entrissen. Gehe man aber auf die erste Ausgabe zurück, so wird man die Ausdrücke der unzweideutigsten Bewunderung des Mirabeau'schen Genius sicherlich nicht verkennen mögen. Und wenn man nun vollends aus Schlosser's persönlichem Umgange weiß, mit welchem Accente diese Aeußerungen gelesen sein wollen (mit dem allein er alles Aechte und wahrhaft Große in einen Glanz kleiden konnte, der zu Begeisterung und Nacheiferung hinriß), gar wenn man aus seinen[173] Vorlesungen weitere Erläuterungen hinzunähme, dann wird man kein Moment zu der vollständigsten und richtigsten Würdigung des genialen Mannes entbehren. Leitet uns Schlosser's sittliche wie seine wissenschaftliche Kritik überall auf große Grundsätze und edle Motive zurück, so ist es ebenso mit seiner politischen und nationalen Kritik. In keinem Puncte ist die Meinung sicherer als in diesem: daß Schlosser ohne alles politische Prinzip sei, daß vor seiner Tadel- und Schmähsucht jedes Volk und jede Verfassungsform, Republik und Monarchie, Hierarchie und Aristokratie gleich wenig bestehe. Und doch, in keinem Puncte ist die Meinung so entschieden irrig wie grade in diesem. Schlosser gehört, dies ist wahr, keiner Partei und keinem Verfassungsdogma an; kein wahrer Historiker kann es und thut es; dieser hielt es für Pflicht, selbst den bloßen Schein eines Parteimannes zu meiden. Ihm war alle Systematik überhaupt verhaßt, in ihrer Anwendung auf den Staat besonders thöricht. Er mochte das Künsteln, das theoretische Verfassungsmachen und Organisiren, die Freude des Jahrhunderts, nicht leiden, weil er lieber wollte werden sehen, was die Leute machen wollten. Er hielt nicht dafür, daß der beste Staat da sei, wo die besten Gesetze geschrieben und in mächtiger Faust gehandhabt werden, sondern da, wo die besten Sitten sind, wo Zutrauen der Verwalteten und Tugend der Verwaltenden die Zucht und die Befehle am wenigsten nöthig machen. Wer in Schlosser's Werken keinen politischen Grundgedanken hat finden können, der lese sie noch einmal von dem Gesichtspuncte aus, daß ihm überall um das Wohl der Vielen zu thun ist, und daß er jede Verfassung, jeden Stand und jeden Staatsmann haßt, der diesem Staatszwecke entgegenwirkt, und jedem Dank weiß, der ihn zum Zielpunct seines Bestrebens macht. Schlosser war durch und durch ein in der Wolle gefärbter Demokrat. Nur daß man hinter diesem politischen Bekenntnisse bei ihm nicht den Blödsinn suche, den die Meinung des Tags mit dem[174] Namen verbindet. Er urtheilte von den Massen, wie jeder davon urtheilt, der sie kennen gelernt hat; er sah wie Goethe den großen Haufen nur zum Zuschlagen gut, zum Urtheilen schlecht, dem Irrthum hingegeben, von einer Thorheit in die andere sinkend. Aber dies war ihm nicht ein Grund, daß sich Staat und Regiment von ihm abwende, sondern daß er seine Sorgfalt desto mehr ihm zukehre. Er schärfte mit seinem Dante ein, daß das Volk nicht um des Königs willen, sondern der König um des Volkes willen da ist; ihm wie Lessing bedeutete die Glückseligkeit aller Staatsglieder das Glück des Staates, jede andere, bei der einzelne Glieder und Klassen leiden, war ihm »Bemäntelung der Tyrannei«. Aristokrat in seiner Bildungsweise war er doch mit allen Fasern seiner Natur in die Gesammtheit des Volkes verwachsen und von einem natürlichen Widerwillen gegen alle Hofcarricatur und Adelsüberhebung und Junkerthum durchdrungen; sein College Pastor Scheer in Jever hatte das schon in seiner Jugend von ihm mit platten Worten gesagt: »Sein Wesen zwar ist aristokratisch, aber seine Lehre ist friesisch-frei.« Monarchist in der Ueberzeugung, daß für die großen Staaten der neuen Welt ein Einheitspunct nöthig sei und eine höhere Stätte, die dem scheeläugigen Laster der Demokratie, dem Neide, ein mächtiges Gegengewicht halte, war er im Uebrigen, nach seiner Gesinnung noch mehr als nach dem ausdrücklichen Bekenntniß, ein ganzer Demokrat. Er war es in dem Maße, daß, wer ihn im häuslichen Gehenlassen zu hören Gelegenheit hatte, manchmal glauben konnte, er wolle sogar in den Ton der vulgaren Tagesdemokratie ganz mit einstimmen. Wer aber dergleichen Aufwallungen in dem welterfahrenen Manne auf einen frivolen oder unklaren Hang hätte zurückführen wollen, der müßte von der Tiefe dieser seltenen Natur nicht die geringste Ahnung gehabt haben. Seine demokratische Gesinnung ruhte vielmehr auf den edelsten menschlichen Grundlagen, auf denen sie überhaupt gedacht werden kann. Die gesunde Menschennatur und Unverdorbenheit sah Schlosser[175] immer vorzugsweise in den ärmeren, bedürfnißlosen Schichten des mittleren und unteren Volkes gelegen. Der Mann des inneren Lebens, der überall die äußeren Güter zu verachten und den Werth des Daseins auf den Wegen zu suchen mahnt, die Arme wie Reiche gleich zum Glücke führen, giebt dem Theile der Menschheit, der von den Verderbnissen dieser äußeren Güter entfernter ist, den erhabenen Trost, daß die größten und beglückendsten Wirkungen in der Weltgeschichte von seinen Kreisen aus gemacht worden sind, daß es Söhne von Hirten und Zimmerleuten, von Bildhauern und Bergmännern, arme Fischer und verfolgte Missionäre waren, die die Menschheit »von den Wunden geheilt, die ihr Stolz und Ueppigkeit und Barbarei geschlagen.« Die demokratische Gesinnung Schlosser's ruhte ferner auf den stärksten und natürlichsten nationalen Grundlagen, die gedacht werden können. Er war ein Friese; als ein ächter Sohn des Stammes stolz auf seine Landsleute, die ohne Adel, gastfrei, offen, in alter Art sich kleidend und lebend, abgelegen von der Landstraße, ohne bedeutenden Handel, ihre Treue, Einfalt und Derbheit bewahrt. Wo er über die eitlen monarchischen Versuche der Griechen die Betrachtung anstellt, daß die Idee der wahren Monarchie nur den Germanen eigenthümlich sei, vergißt er nicht den friesischen Stamm auszunehmen, der mehr zur Demokratie geneigt sei; es ist bekannt, mit welcher Ungenirtheit er in jüngeren Jahren Stein gegenüber den glücklichen Zustand seines Vaterländchens pries; weil sie dort vom Adel nichts wüßten. Mit Wohlgefallen kann man ihn auf die einstigen Zeiten zurückblicken sehen, wo unter der demokratischen Regierung der Dithmarsen »eine Belebung des Volkslebens und eine Mannichfaltigkeit des Wesens eigenthümlicher Verfassungen bestand, die man heute, wo der Mensch sich nach den gemachten Formen und nicht die Formen nach den Menschen richten sollen, vergeblich suchen würde.« Aus diesem selben Gesichtspuncte ist die ganze Geschichte der griechischen Staatswelt bei Schlosser dem[176] gesunkenen Geschlechte des Tages vorgehalten; aus diesem Gesichtspuncte lesend wird man seine Betonung der demokratischen Staatsschriften aus der Blüthezeit der amerikanischen und französischen Revolutionen ganz anders an das Ohr schlagen hören, ganz anders sein Urtheil über die große Staatsveränderung schätzen lernen (über die er sonst so viel Böses gesagt), die dem französischen Volke unter der Einbuße der »Schranzenseelen« bei Hof und Adel die seit Jahrhunderten verlorenen Rechte, Güter und Vorzüge ? bis auf Moral und Religion ? zurückverschaffte. Mit Bewunderung, wie Machiavelli, sprach Schlosser stets von dem einfachen bürgerlichen Leben ohne Luxus in den demokratisch verwalteten Städten der mittleren Zeiten in Deutschland, der Schweiz' und den Niederlanden. In seiner Darstellung Alfreds aber und der demokratisch-monarchischen angelsächsischen Verfassung zu seiner Zeit kann man den festen Punct finden, wo Schlosser auf einem Fürsten und einer Staatsordnung wie auf einem Ideale ruht: auf dem Manne, der in seltenem Vereine Gelehrsamkeit, Ordnungssinn, Schlauheit, Frömmigkeit und Tapferkeit verband, und auf der »freien Nation, die sich selbst bewachte und regierte, selbst Ordnung und Zucht unter sich erhielt, nicht aber von oben gegängelt ward.« Solch eine Stelle über eine Periode der englischen Geschichte würden die kaum in Schlosser gesucht haben, die sich an seiner Einseitigkeit geärgert haben, in der er später zuweilen, scheinbar ohne jeden Sinn für die Größe des Inselvolkes, die Engländer mishandelte. Aber sie ist so wenig zufällig, daß man vielmehr überall, wo Schlosser eingänglicher mit englischer Geschichte beschäftigt ist, eine streng consequente, von allem einseitigen Eigensinne freie Ansicht zu Grunde liegen findet, die zugleich weiter dazu dient, die Consequenz auch seiner demokratischen Sinnesart zu erhärten. Seit Wilhelm dem Eroberer ist ihm die englische Geschichte doppelt anziehend, weil von da an die Gewalt der Könige und der Grundsatz der Feudalregierung stets mit den bestehenden Einrichtungen[177] der alten demokratisch-monarchischen Form in einem schreienden Widerspruche erscheint. In seinem 18. Jahrhundert (erste Ausgabe) trennt er die Geschichte Englands von der übrigen europäischen ganz ab, weil dies Land allein einem von dem allgemeinen Absolutismus abweichenden Gange gefolgt sei, weil die Monarchie dort im Laufe des 18. Jahrhunderts immer mehr von der Demokratie angenommen habe, weil das Volk infolge davon in eben dem Maße aufgeblüht sei, in dem Egoismus, Genußsucht und Ueppigkeit das übrige Europa in schwerere Ketten legte als Hierarchie, Despotismus und Ritterschaft zuvor. Dann aber sah er seit der Eroberung Indiens die Militärmacht auch in England aufkommen, sah, daß von da an Stolz, Unterdrückungssucht, Gold und Geistesluxus die englische Sitteneinfalt untergruben, die Quellen des edleren Lebens vergifteten, den alten Sinn der freien Landbesitzer veränderten, die bis dahin den Kern der Nation gebildet. Als dann seit der französischen Revolution die Reaction dem monarchischen undAdelsprincip ein gefährliches Uebergewicht verschaffte, sieht man Schlosser auf dem stärksten Whigstandpuncte der ganzen Politik des großen Pitt und seinem geklügelten Toryismus sich in dem stärksten und folgerichtigsten Widerspruche entgegen werfen. Ueber diese bestrittene Politik eines großen Staatsmannes in einer gefahrvollen Zeit ist es immer die größte Weisheit aller Historiker und Politiker, ja selbst so vieler Parteimänner in England selbst gewesen, achselzuckend im Zweifel zu bleiben: wer sollte sich nicht an der köstlichen Entschiedenheit und Schärfe des Urtheils des deutschen Geschichtschreibers freuen, das durch Englands innere Entwickelungen seitdem so gänzlich gerechtfertigt wurde, gerechtfertigt durch die Verläufe aller Revolutionen, die man ihrem eigenen Schicksal ruhig überlassen hat! Es giebt daher kein besseres Beispiel, als grade Schlosser's Beurtheilungsweise der Geschichte Englands in ihrem ganzen Verlaufe, um daran die völlige Falschheit der Meinung darzulegen, daß er keine bestimmte politische Farbe und daß er für[178] keinerlei Nationalität einen Sinn gehabt habe. Denn eben gegen die englische schien er immer Allen (aber er schien auch nur) am stärksten eingenommen, wenn er es etwa nicht stärker noch gegen die deutsche war. Zielte doch scheinbar Alles in seinen Schriften darauf ab, die Deutschen herabzuziehen vom Anfang bis zu Ende ihrer Geschichte. Schon Tacitus sollte sie in ihrer ersten Jugend des Contrastes wegen zu sehr erhoben haben. Er verabscheute sie in den Zeiten, wo er byzantinische Hofverderbniß, Prunk, Pedanterie und Tücke, all seinen Abscheu, bei ihnen einschleichen sah; er schüttete seinen Zorn darüber aus, wie sie in den Jahrhunderten der starken Kaiser den Fremden mitspielten und in der Zeit der schwachen sich von ihnen mitspielen ließen. Deutschlands Verworfenheit und Untergang um die letzte Scheide der Jahrhunderte zu schildern, verschmähte er aus Rücksichten auf Klugheit und Anstand, aber eben so sehr aus Scham, aus der Scham über eine schandbare Zeit, über deren genauer Erforschung er jene tiefe Entrüstung einsog, die ihn in den starken Gegensatz gegen sein Zeitalter überhaupt warf. Für die glänzende Zeit der deutschen Literatur schien er allen richtigen Sinn ganz zu verleugnen, wenn man seine Wärme für manche Größen des dritten Ranges, seine Kälte für die des ersten in Erwägung zog. Ja selbst für die Befreiungskriege schien ihm, wenn man blos aus seinen Büchern urtheilen sollte, alle natürliche Wärme eines Patrioten zu entgehen. Allein auch in diesen beiden Fällen muß man nicht vergessen, daß der Mann es einmal nicht über sich bringen konnte, das nachzusprechen, mas von Anderen im Ueberflusse gesagt war; man muß nicht vergessen, daß enthusiastische Darstellung die Sache eines so formlosen Schreibers überhaupt nicht war, selbst da nicht, wo er jene aus Tugend stammende Begeisterung wirkend erkannte, die seine Bewunderung war, ohne die er die Menschengeschlechter in Kälte und Selbstsucht versinken sah. Man muß auch nicht vergessen, daß jeder Geschichtschreiber die großen Erscheinungen des Augenblickes unwillkürlich[179] mit ihren Folgen und Wirkungen im Flusse des Jahrhunderts übersieht, wo sie von der erreichten Höhe so bald wieder in die Tiefen herabgleiten. Wenn Goethe in ähnlicher Schwergläubigkeit an die Deutschen bei dem Gedeihen der Dinge von 1813 Alle aufrief, ihr Amen drein zu sagen, daß es nicht das letztemal möge gewesen sein, hätte sich Schlosser gewiß bedacht, es mitzusprechen, voraussehend, daß es für lange Zeit das letztemal gewesen war. Die ihn in jenen Zeiten persönlich kannten, wissen es sehr genau, mit welcher Schärfe er die Ereignisse und die handelnden Personen verfolgte, mit welcher Bestimmtheit er den Gang der kommenden Dinge voraussah und sagte und seiner Umgebung frühzeitig die Augen darüber öffnete; wie ihn der Kummer über die Erlebnisse der Restauration zu seinem Plato und Dante zurücktrieb, die Herzenswärme aber für seines Volkes Geschicke den Blick ihm immer wieder gewaltsam auf die Gegenwart lenkte. Ihm, der die Last und Schmach des Napoleonischen Systems auf deutschem Boden ganz ausgekostet hatte, konnte es füglich an Sinn für die Thaten nicht fehlen, die Deutschland davon befreiten; aber was er gleich nach diesen Großthaten wieder an Kleinthaten und Schandthaten erleben mußte, das steigerte begreiflich seine Misstimmung über sein Volk um so mehr, je mehr er es liebte. Er rühmte sich (1844), seine Zeitgeschichte einzig für die Deutschen bestimmt zu haben, deren Beifall ihn um so mehr verpflichte, je weniger er (dem Beispiel Dante's gegen seine Vaterstadt folgend) »grade aus Liebe zum Vaterlande der Landsleute Schlaffheit, Grübelei, öde Gelehrsamkeit, Ueberfluß an Rednern und Schreibern und Mangel an Männern der That, oder ihre Faselei und akademische Rohheit geschont habe.« Und es mag der Nation auch zum steten Ruhme dienen, daß sie in der That des strengen Lehrers heftige Strafsermone ertragen hat, ohne aufzuhören ihn zu achten und zu lieben. Sie hat auch unter ihren Schriftstellern nur selten wieder so ächt deutsche Naturen wie ihn besessen. Das müssen nicht wenige seiner persönlichen[180] Freunde erkannt haben, wenn sie ihn hörten, wie er über die Natur der Völker redend von Engländern und Franzosen zurückkam und mit dem festen Munde und der gestemmten Brust in seinen nachdrucksvollen Kehltönen den Vorzug deutscher Art mit dem stolzen Gefühle erprobter Erfahrung betonte. Selbst die unpraktische Natur der Deutschen fand dann ihre Ehren, die sonst seine Geißel so sehr zu empfinden hatte. In seinen Studien von früh auf ganz universalistisch ausgebreitet war er in letzter Zeit fast ausschließlich mit Frankreich beschäftigt; den Gang der gegenwärtigen Zeit studirte er an englischen Zeitungen und Zeitschriften; in seinem häuslichen, gemüthlichen, geistigen Leben war er mit Leib und Seele ein ganzer, voller Deutscher und nichts als ein Deutscher; den schon der Versuch, eine andere Rolle selbst nur zu spielen, aufs lächerlichste gekleidet hätte. Es sind nicht eben die gleichgültigsten Leser, es sind aber doch oberflächliche oder voreingenommene Leser, die, durch Schlosser's Herbheit in seinen ethischen Urtheilen über Menschen und Zeiten, durch die Schärfe seiner politischen Urtheile über Volks- und Lebenszustände abgestoßen, aus seiner Darstellung der Geschichte im großen Ganzen die traurigen Eindrücke empfangen, daß die Menschheit nur ein großer ungejäteter Garten, die Geschichte nur ein planloser Hause von Begebenheiten sei ohne vernünftige Zwecke und Ziele. Es ist wahr: Schlosser's Geschichtschreibung trägt nirgends auch nur von ferne einen teleologischen Charakter. Sein Nachdenken wies ihn, seine Lehre weist uns nirgends auf das Ziel einer bestimmten Vollendung, auf einen einstigen Heilszustand dieser irdischen Menschheit hin. Aber darüber wird man ihn, den Geschichtschreiber, nicht vertheidigen sollen? Er hat als solcher mit der Vergangenheit zu thun, die man weiß; wem es um die Zukunft zu thun ist, die man ahnen oder glauben utuß, der begiebt sich richtiger in die Theologie zurück. Wahr ist auch dies; Schlosser in seiner tiefen Abneigung gegen alles Philosophiren und Spintisiren[181] ist nirgends anders als in seltenen Andeutungen und Winken, nirgends in methodischer Besprechung auf die letzten geschichtsphilosophischen Fragen eingetreten, wiewohl er seine Universalgeschichte als eine Art Philosophie der Geschichte wollte angesehen wissen. Er gewahrte in dem Flusse der Geschichte nichts als Bewegung, stete Veränderung, steten Wechsel, eine Welle die andere überschlagend, keinen Anfang, kein Ende in diesem ewigen Strome der Dinge; aus der Betrachtung aber dieser unermeßlichen Bewegung entnahm er als das Endergebniß aller Erfahrungen, das er doch so deutlich als möglich am Anfang seiner Universalgeschichte aussprach, als den »ersten und letzten Satz aller Geschichte« dieses: daß das menschliche Geschlecht unter allen diesen Revolutionen sich stets weiter entwickelt, daß »stets aus dem Tode das Leben, aus dem Verblühen des einen Theils das Aufblühen eines anderen, aus jeder Verwesung eine Auferstehung hervorging.« Man kann nun kaum errathen, was die frömmsten und gutmüthigsten, ja was selbst die allerschwächsten der Sterblichen für ein tröstlicheres Ergebniß aus der Geschichte gezogen haben möchten? welche Ansicht eine stärkere Beruhigung grade über die traurigsten und niederschlagendsten Erscheinungen in der Geschichte, über die tragischsten Perioden des Rückschritts, des Verfalls und der Entartung zu gewähren vermöchte? Und diese Ansicht hat Schlosser noch dazu den Frömmsten grade unter der eingänglichsten Form entgegen geboten. Schlosser war in seiner Jugend zum Theologen bestimmt, und das nicht ohne eigenen inneren Trieb und Beruf. Den positiven Glauben zwar behauptete er schon in der Schule nie gehabt zu haben, wo er die Religionsstunden durch sein Ankämpfen gegen die vorgetragenen Lehren beständig gestört habe; auch als ihn in Göttingen in Planck's Vorlesungen die Consequenz des alten Systems anzog, wollte er doch seine Gründe niemals zugeben; und er sprach in seinen jungen Jahren, so lange er dem Berufe nicht gänzlich entsagt hatte, viel und oft von der Nothwendigkeit einer gänzlichen[182] Umgestaltung der Theologie. Wozu ihn aber der Glaubensdrang nicht trieb, dazu trieb ihn der Hang zur Beschaulichkeit, trieb ihn die warme Phantasie, die die bildlichen Volksanschauungen in geistige Formen zu übersetzen verstand, trieb ihn später (in Frankfurt) im Amte des Lehrers, dem nach seiner Ueberzeugung den bestehenden Glauben in Ehren zu halten oblag, der Gegensatz gegen die frivole, religionsverächterische Mode des Tages, den er mit Stein, mit Fichte, mit Schleiermacher, mit allen Ehrenmännern jener Epoche des inneren Aufschwungs in Deutschland theilte. Schlosser's ganze Natur war eine tief innerlich religiös erregte, obwohl seine Religiosität von allem positiven Bekenntnißwesen und äußerem Bezeigen entfernt war. Er besuchte die Kirche nicht, aber er sann im ernstesten Nachdenken über die Geheimnisse des Jenseits nach, über die die Geschichte keinen Aufschluß gibt; er las die Evangelien, die prophetischen Schriften der Bibel und Luther's Predigten und Bibelerklärungen aus einem inneren Bedürfnisse; er las freilich mit der gleich erbauten Andacht und erklärte mit der gleich erbauenden Wärme auch die Dichtungen des Aeschylus und Dante. Denn ihm waren die großen Lehrer jedes Glaubens in jedem Volke heilig; er freute sich mit seinem Abälard der christlichen Denkart in Plato und Sokrates, er sah in dem Hirten-Chalifen Omar, der in der höchsten Stellung der Welt die irdischen Güter verachtete, einen würdigeren Philosophen als in vielen christlichen Theologen. Der frivole Voltairismus war ihm ein Greuel; und wenn er schon frühe die Aufklärung jenes Abälard mit begeisterter Wärme pries, der, eine Philosophie lehrend, die das 18. Jahrhundert noch nicht ertrug, die Religion von dem sittlichen Wesen des Menschen, den Glauben Lon der gesunden Vernunft nicht scheiden wollte, so freute er sich ihrer wesentlich darum in so reiner Freude, weil Abälard das theologische System seiner Zeit unangefochten stehen ließ und ihm nur eine Seite abzugewinnen wußte, von der es auch den Denkenden befriedigen konnte. Er sah[183] die Freigeisterei in stumpfen Geistern nicht besser wirken als die Mönchslehre; er beklagte die Zeiten, in denen die religiösen Grundsätze schädliche Folgen im Leben hatten, aber doppelt doch die anderen, wo sie gar keine mehr haben. Er scheute nicht, die Freidenkerei in Frankreich auf ihre guten Seiten anzusehen in ihrer Zeit, wo es nicht möglich war, »den ganzen blinden Glauben oder betrügenden Aberglauben wieder aufzudringen«; aber er blickte dann doch mit mehr Freude auf Rousseau, der »dem blinden Unglauben eben so entgegen war wie dem blinden Aberglauben«; mit größerer noch auf einen Möser, der dem Despotismus in Sachen des Glaubens wie im Staate nicht mehr abgeneigt war, als der gesetzlosen irreligiösen Freiheit; und auf Lessing, der mitten im Kampfe gegen den Zelotismus sich als einen Philosophen bewährte, »dem eine starre Religion immer noch lieber als gar keine war«. Die Scheinfrommen, die im Handeln ihren Grundsätzen Schande machen, waren sein größter Abscheu; aber der aufrichtigen Pietisten nahm er sich gern an gegen den neuen, strohernen Scholasticismus der Stocklutheraner: ihm galt es vor Allem darum, daß durch die Religion den Menschen stets das Bewußtsein wach erhalten werde, daß sie einer höheren Ordnung der Dinge angehören. Von diesen religiösen Empfindungen und Anschauungen nun sind Schlosser's Schriften besonders in ihren Anfängen ganz getränkt. Er knüpfte daher den Weltlauf ganz unmittelbar an eine jenseitige Ordnung an. Er sah Lohn und Strafe der menschlichen Thaten von dem Gerichte der Gottheit in ein Jenseits verlegt; und er hielt mehr als auf viele schlechte Rechtfertigungen der Vorsehung durch christliche Theologen auf die einfache Weisheit jenes selben Omar, der die Belohnung der Tugend nur in einer anderen Welt erwartete. Diese Ansicht nun von einer ultramundanen Vergeltung müßte doch selbst den Religiösesten selbst über die trostloseste Gestalt der Geschichte trösten, die sie unter Schlosser's gallgetränktester Feder annehmen möchte. Dem psychologischen Kenner der Menschen[184] ist sie, grade an dem Geschichtsforscher, eher anstößig: der in dem Geiste der Alten auf jene verborgene Nemesis zu lauschen berufen ist, die in dem Menschenleben die Wage zwischen Thun und Leiden hält viel gesetzmäßiger unstreitig, viel durchgreifender, als wir es in dem Leben der Mitmenschen ergreifen und erforschen können und in unserm eignen uns vielleicht gestehen wollen. Auch hat Schlosser selber diese Ansicht später fallen lassen. Es kam eine Zeit, wo ihn die Rücksicht auf den Stand der Religiosität und Sitte im Volke nicht mehr abhielt, in den großen Fragen, wo die Geschichte an die Mysterien der Einwirkung übermenschlicher Gewalten anstößt, einen ganz rationellen Weg zu gehen; wo er versucht war, in der Lehre der Naturforscher seine Ruhe zu suchen, die, fälschlich Materialisten und Pantheisten gescholten, »in dem innigen Zusammenhang aller Naturerscheinungen Gott schauten«. Da er aber zu wenig Kenner des Zusammenhangs dieser Erscheinungen war, und ihm überdies immer die Thatsache im Wege stand, »daß, wie sich der Apostel ausdrücke, der Geist in ihm streite gegen das Fleisch außer ihm«, so fuhr er fort an eine doppelte Welt, eine äußere und innere zu glauben; und in diesem Glauben hielt er auch dann allezeit fest an der Ansicht, daß kein Ding auf Erden aus dem Zufall stamme, daß ein nothwendiges Gesetz und ewige Ordnung das Große und Kleine verbinde, daß eine leitende Vorsehung alle Geschichte durchdringe, wie abgebrochen die Töne sind, die wir von dieser »Melodie des Schicksals« erhaschen. An diesem Glauben irrte ihn selbst seine starke Ueberzeugung von dem freien Willen des Menschen nicht, die er mit allen klaren Erforschern der menschlichen Natur, mit Machiavelli, mit Shakespeare, mit seinem Dante (par V. 16.) in gleich schlichter Einfachheit verfocht, die er in lebhafter Animosität gegen die physiologischen Ansichten jüngerer Historiker und gegen die Nationalöconomen vertrat, die von den Menschen »wie von Gänse- und Schafheerden sprächen«. In welches Verhältniß er die menschliche Freiheit zu der eingreifenden[185] Lenkung der Gottheit setze, wie er sie mit der göttlichen Vor- und Allwissenheit in Einklang bringe, darüber hat sich Schlosser freilich nie ausgelassen, und es wäre ihm bei seiner durch und durch historischen Denkweise schwer geworden es zu thun. Er sah in der geschichtlichen Welt einen Gott walten, »der sein Gesetz in sich hat und in dem Gesetze sein Wesen nach und nach dem menschlichen Geiste offenbart«; aber wenn er darin von den theistischen Vorstellungen der Theologen abzuweichen sich bewußt war, so verleugnete er doch auch, in die pantheistischen verfallen zu wollen. Man erkennt überall, daß er eine Mitte zwischen dem Pragmatismus, der Alles in der Geschichte aus menschlichen Kräften erklärt, und dem Determinismus halten will, der ein unmittelbares Eingreifen der vorherbestimmenden Gottheit statuirt: aber der Gedanke des Lesers bleibt überall frei, wie er sich in dieser Mitte einrichten will; denn Schlosser selbst hat sich ihn freigehalten, begnügt bei dem Instincte und Gefühle, das ihn von den Extremen entfernt hielt, denen er wechselnd verfallen scheinen kann. Wenn er sich gegen die Abhängigkeit der Menschen von örtlichen, zeitlichen und physischen Gewalten setzt, kann es scheinen, daß er die menschliche Freiheit bis zu einem unstatthaften Maße behauptet; doch mußte man ihn bei den Fortschritten der Naturforschung, bei dem ersten Erscheinen z.B. von Ritter's Erdkunde reden hören über ihre Tendenz, zwischen den inneren und äußeren Dingen die seinen Zusammenhänge zu erforschen, oder man muß seine Beurtheilung jener geschichtlichen Verhältnisse lesen, in denen kühne Menschen sich eigenwillig sträubend gegen eine zwingende Macht der Zeit ihren Untergang finden, um sich von dem Gegentheile zu überzeugen. Wieder an anderen Stellen könnte man glauben, daß er den Begriff der Weltregierung zu strict in dem Sinne einer persönlichen Leitung Gottes und seiner besonderen Rathschlüsse fasse, wenn man sich nicht jeden Augenblick von seiner Behauptung der freien menschlichen Selbstbestimmung zurückgerufen fände. Wäre man ihn um[186] eine Rechenschaft angegangen, so hätte er die Frage den Philosophen zugeschoben. In seiner Geschichtslehre kam esihm nur darauf an, praktischen Geist zur Erfassung des Lebens, graden Sinn für Beurtheilung von Welt und Menschen zu wecken, historische Beobachtungsgabe zu entwickeln. Bei seinem großen Geschicke, durch vergleichende Blicke auf analoge Perioden in der Völkergeschichte die eine durch die andere zu erläutern, hätte es ihm nahe gelegen, auf die zwingenden Naturgesetze in der Geschichte vorzudringen, aber er sah dies mit Recht als anderen Disciplinen zuständig an. Er hätte es für unhistorisch gehalten, in der Geschichtserzählung, die ein Gewühl scheinbar zufälliger Erscheinungen darstellt, das Gesetzliche, das selbst dem Auge des Kenners tief versteckt ruht, in allzu grelles Licht zu rücken. Aber daß er überall in den menschlichen Dingen den Durchblick auf solch eine innere Gesetzmäßigkeit der Entwicklling, auf eine Regel und Ordnung in der Bewegung, auf eine Stetigkeit in dem Wechsel offen hielt, daß er eine sittliche Weltordnung in der Geschichte walten sah, diesen Eindruck muß ein uneingenommener Leser aus Schlosser's Werken, wenn er sie ganz und Alle kennt, aufs unzweideutigste empfangen. Ich will zusammenfassend in die Summe ziehn, was als Ergebniß dieser getheilten Betrachtungen erscheint. Es ist umsonst, die äußere Systemlosigkeit und Formlosigkeit der Schlosser'schen Werke zu leugnen; man muß sie von dieser Seite dem Tadel derer, die über Außenseite und Oberfläche nicht hinwegsehen können, Preis geben. Diese Mängel aber leiten überall auf entschiedene Vorzüge zurück, denen sie gleichsam entsprossen sind. In Bezug auf seinen kunstlosen Vortrag hat der eigenthümliche Mann, der so unaufgelegt und so unfähig zu Reflexion schien und gleichwohl jeden Augenblick von dem Momente überrascht erscheint, wo er im hellsten Bewußtsein über allen seinen eigensten Eigenschaften stand, oft selbst gesagt, daß sein Stil zu sehr mit seiner Denk-und Bildungsweise zusammenhänge, als daß er nicht lieber dessen Fehler beibehalten[187] wolle, um nur sein eigen zu bleiben. Er beharrte dabei, weil ihm aller Geistesglanz überhaupt verdächtig war, weil er frühe den traurigen Einfluß gekünstelter Rede auf Bildung und Geschmack eines Volkes aus der byzantinischen Geschichte, an dem größt denkbaren Beispiele, erkannt hatte. An der eleganten französischen und englischen Geschichtschreibung konnte Schlosser die Gewandtheit der Anordnung, Darstellung und Schreibweise bewundern, ohne sich zu verhehlen, daß selbst in den geschichtsinnigsten Schreibern dieser Nationen der Sinn für schlichte Einfalt, Wahrheit und Unbefangenheit unter dem formellen Aufputz verloren geht, in dem oft durch eine einzige Phrase, ein einziges Wort, das um des Wohlklangs und der Wirkung willen gesetzt ist, ein ganzer Gegenstand in schiefe Stellung gerückt wird. Nicht minder geht mit dieser Bevorzugung der äußeren Form die Gabe verloren, sich in fremde Zeit und Volksnatur zu versetzen, die das Fähigkeitszeugniß des Historikers in erster Linie bezeugen muß. Schlosser gefiel sich darin, halbe Seiten seiner Weltgeschichte mit Stellen aus alten Sprachen zu füllen, weil er dies als den kürzesten Weg erkannte, das Bild der Zeiten unverdeckt von allem rhetorischen Firniß wieder zu geben. Er hat in seinen Herzensergießungen oft sehr verächtlich auf alle Objectivität verzichtet, in der That aber war er von früh auf ganz durchdrungen davon, daß der Geschichtschreiber, der »die Größe der menschlichen Seele in den Ereignissen aller Zeiten würdigen will, zuerst verstehen müsse, sich mit der Denkungsart jeder Zeit vertraut zu machen«. Aus dieser Ansicht ergab sich der Erfolg, daß uns seine Schriften unabsichtlich und ungesucht trotz allem Mangel an ästhetischer Kunst, trotz aller ungelenken Schreibart, vielleicht grade wegen dieser Eigenheiten unmittelbarer als sehr viele kunstreichere Geschichtswerke in die Fremde und Ferne der Völker und Jahrhunderte versetzen, daß trotz der vortretenden starken Persönlichkeit eine Gegenständlichkeit erreicht ist, die dem ästhetischen Darsteller nicht gelingt, und die um so belehrender scheint, je stärker[188] die Farbe der Persönlichkeit beigemischt ist: da uns alle Objectivität ganz werthlos dünkt, die um den Preis einer nichtigen Subjectivität erkauft ist. Die Unmittelbarkeit seiner Quellenkenntniß und seiner Beurtheilung der Zeiten stellte Schlosser von Anfang an in Gegensatz gegen die deutschen Geschichtschreiber, die von Voltaire's Beispiel bestimmt waren und damals noch im höchsten Ansehn standen: die Schiller, Woltmann, Joh. Müller in seiner allgemeinen Geschichte, später Rotteck u. A., in deren Schriften des Schreibers Geist den Geist der Zeiten zudeckt. Dies gab seiner scharfen Kritik, die gegen diese geistreiche Art Geschichtsmacherei niemals zu scharf sein konnte, zunächst den Ursprung. Den Irrwegen dieser Schule gegenüber war in Deutschland der Trieb rege geworden, die Historiographie ganz am anderen Ende anzufassen, an der genauen Erforschung und Zusamenstellung der nackten Materie: in diesem Bestreben lag Keim und Entstehung unserer vaterländischen Geschichtswissenschaft. Als Wilken 1810 seine Kreuzzüge, Niebuhr 1811 seine römische Geschichte herausgab, Schlosser in eben diesem Jahre seine Weltgeschichte begann, schien dies ganz eigentlich das Geburtsjahr unserer selbständigen Historiographie zu sein, eben zu der Zeit, als die Nation, von Fremdherrschaft und Auflösung bedroht, ihrer politischen Ehre und Pflicht zum erstenmal anfing inne zu werden. Seit dieser Zeit begann, mitten in der romantischen Entartung unserer Dichtung, die historische Kunst an innerem Werthe und an Bedeutung für Kultur und Leben des deutschen Volkes an die Stelle der poetischen Kunst zu rücken; und es ist wohl unbestreitbar, daß Schlosser unter jenem Triumvirat der war, der dazu den stärksten und nachhaltigsten Anstoß gegeben. Wilken schritt zuerst zu einer erschöpfenden quellenmäßigen Darstellung einer großen Geschichtsperiode, Niebuhr gab in Wolf's Fußtapfen tretend der historischen Kritik einen weitwirkenden Anstoß, Schlosser bewies den Verfassern der allgemeinen Weltgeschichte, den Schröckh, Mascov, Ritter, Engel u. A. gegenüber, daß mit ihren Materialsammlungen nicht[189] Alles gethan war: er begann den Geist in diesen Körper zu flößen selbst in seinen ganz stoffartigen Anfangswerken. Denn man muß nicht vergessen, daß, als er sein Mittelalter schrieb, in Deutschland nichts über den Gegenstand existirte als ein schwaches Buch von Rühs (1816); daß noch, als er seine alte Geschichte umarbeitete, er sich in Deutschland nichts gegenüber sah, als einer lateinischen Compilation von Eichhorn, und im Auslande einem Parteihistoriker wie Mitford und einem urtheilslosen Ausschreiber wie Gillies: man muß nur den Abstand messen, der ihn von diesen Vorgängern trennt, und diesen Abstand mit dem Vorsprung vergleichen, den Schlosser's Nachfolger in mittlerer und alter Geschichte wieder vor ihm voraus haben, um zu ermessen, was hier geleistet war. Welch ein Schritt in Deutschland durch das Beispiel jener drei Männer damals gethan war, erkannte man gleich an den unmittelbaren Folgen: in Niebuhr's Spuren trat eine kritische Schule, die in der alten Geschichte ganz neuen Boden bereitete; auf Wilken und Schlosser folgten die zahlreichen Werke über das Mittelalter und einzelne seiner Theile von Rehm, Raumer, Manso, Stenzel, Aschbach u. f., deren Werke z. Th. nachweislich auf die Fingerzeige und Winke von Schlosser unternommen sind. Was gab aber Schlosser's ungefügem Buche trotz aller seiner Schwerfälligkeit diesen großen belebenden Einfluß? Nichts als die geistige Gesundheit der Anschauung, die das Genie des Historikers am eigentlichsten kennzeichnen wird; nichts als die verständige Kritik und das unbefangene Urtheil, das sich dort selbst greiflich macht, wo des Geschichtschreibers Arbeit nur ein Mosaik aus entlehnten Steinen und Farben zu sein scheint; und auf das jeder Forscher auch künftig nie ohne Frucht zurückgehen wird. War Niebuhr's Kritik auf die Richtigstellung der objectiven Thatsachen gestellt, so Schlosser's auf die Richtigstellung des historischen Urtheils. Der eingestandene Zweck all seiner Schriften war der Eine: durch Takt und sicheres Urtheil seine Leser zu eigenem Denken anzuleiten, in der Sichtung, Ordnung und[190] Feststellung der Thatsachen »alle Elemente zum Selbsturtheilen zu geben«. Und an welchem größeren Gegenstande war die Probe des »sichern« geschichtlichen Urtheils damals zugleich heilsamer und schwieriger zu geben als eben an der Geschichte des Mittelalters? Wo die größte Unbefangenheit nöthig ist, um in den Quellen den richtigen Weg zu finden durch die Stimmen der stumpfen Köpfe wüthender Parteischreiber, die sich in den vagsten und grellsten Darstellungen aufs gradeste widersprechen? wo die größte Unbefangenheit damals nöthig war, den richtigen Weg zu finden auch durch die zeitgenössischen ebenso grell entgegengesetzten Urtheile der Rationalisten, die in Hierarchie und Feudalismus ein einziges System schlauer Herrsch- und Unterdrückangssucht verdammten, und den Romantikern, die für das Zeitalter des Faustrechts und der Verdunkelung schwärmten? Was war da nicht eine so neidwürdige Selbständigkeit wie die Schlosser'sche werth, jene bloße, unbekümmerte Sicherheit, die frisch, keck, kräftig, ohne viele Worte das Urtheil des Lesers überall des gradesten Weges wies, auf dem jetzt jeder unter uns sicher und wohlgemuth wandert, aber nicht wanderte, ehe dieser Wegweiser gekommen war. War es also Verirrung, daß man damals eine historische That in dem scheinlosen Werke des Mannes erkannte, dem es eine gleich große Grimasse war, das Mittelalter aus Voltaire's Augen anzusehen, wie sich zu zwingen, »aus unserer Zeit der Kultur oder der Schwäche heraus« die schauderhaften Greuel der Gewalt in den mittleren Zeiten zu bewundern? Es war eine größere historische Shat, die dieser ersten folgte, als Schlosser sein 18. Jahrhundert herausgab, in dem er von der bloßen wissenschaftlichen Kritik zu der sittlich politischen Kritik der dargestellten Zeiten und Handlungen überging. Hat Niebuhr den Anstoß zu einer rücksichtslosen Freiheit der Kritik gegeben, die eine neue Aera geschichtlicher Forschung begründete, so hat Schlosser, als Spittler's ächter Schüler, den von diesem zuerst eingenommenen Standpunct weiter angebaut: der Geschichtschreibung einen praktischen[191] Bezug auf die Zeitverhältnisse zu geben, die Gegenstände der Behandlung zu wählen nach einem Bedürfnisse des Moments, sie zu bearbeiten aus einem Augenpuncte, der von diesem Bedürfnisse bestimmt ist. Diesen ächtesten Standpunct des wahren Historikers nahm Spittler mehr in Folge einer kalten, verständigen Erwägung, Schlosser nahm ihn in dem Drange seiner ganzen Natur ein, die selbstlos nach dem Allgemeinen strebend in und mit der Zeit und Menschheit lebte; und diese Tendenz ist dann wieder in grader Erbfolge auf beider Meister Schüler und Enkelschüler übergegangen, die ihr historisches Vermögen noch unmittelbarer zum Gemeinnutzen der vaterländischen Dinge anzulegen strebten. Schon in Schlosser's biographischen Anfangswerken und in seinem Mittelalter, wo er noch diese Stellung ganz verleugnete, hielt er sie gleichwohl ganz entschieden ein. Er sah damals mit allen Gebildetsten und Edelsten der Nation das Bedürfniß der Zeit in einem religiösen Gegensatz gegen die übermäßigen Antriebe des äußeren Ehrgeizes gelegen. Wie zufällig er uns, bei dem ersten Anlaufe der Betrachtung, zu der Behandlung seines Abälard und Dulcin, seines Beza und Peter Martyr gekommen scheinen konnte, er schrieb das erste dieser beiden Bücher in einem ganz tendentiären Geiste: um den Schwärmern für weltlichen Heldenruhm die Thaten eines Religionsschwärmers und das innere Leben eines Philosophen entgegenzuhalten, die ganz von inneren Beweggründen getrieben waren; in dem zweiten entwarf er in dem gleichen Zwecke das Bild zweier Männer, die das Ziel des Strebens dieser Zeit, den sinnlichen Genuß, verschmähend dem Gedanken, Gottes Sache zu führen, alle irdischen Rücksichten und ihr Leben selber zu opfern bereit waren, in denen der Wunsch einer inneren Seligkeit den Gedanken weltlicher Vortheile überwog. Er wollte diese Männer ins Andenken zurückrufen, die »aus Eifer für die Wahrheit mit Begeisterung und Aufopferung kämpften, eben so wie die Helden, die mit anderen Waffen für irdische Dinge gefochten«, damit über den Helden des Kriegs die Glaubenshelden[192] nicht vergessen würden. Er wollte Zeiten vorführen, »wo die süße Hoffnung künftiger Seligkeit kräftig und stark machte, gegenwärtige Leiden zu ertragen und ungeheure Arbeit zu übernehmen«; und er hoffte davon einen Nutzen, obgleich er sich bescheiden nicht zutraute, den anders gerichteten »Strom der Zeit zu dämmen und ein Werkzeug der Vorsehung abgeben« zu können. Man erkennt in diesen Worten den deutlichen Ehrgeiz, auf die Zeit in einer heilsamen Weise, aus ganz innerlichen religiösen Gesichtspuncten einzuwirken. Die Ansicht von der Nothwendigkeit einer solchen innern Erhebung des lebenden Geschlechtes beherrschte ihn so sehr, daß er in der ersten Ausgabe seiner alten Geschichte von seinem Freunde von Meyer, »der wohl verstand, was es heiße, ewige Güter zu schaffen«, die jüdische Geschichte bearbeiten ließ, die er sich nicht aus dem Gesichtspuncte zu fassen getraute, den er zu jenem Zwecke nöthig erachtete; ja daß er in seinem Beza sogar die blutige Weise verfocht, in der dieser Mann das Princip der Duldung »für seine Zeit« bestritt, da die Erfahrung zu wohl belehrt habe, wie gefährlich es für die Sittlichkeit sei, wenn Völker vom gröbsten Aberglauben und dem härtesten Glaubenszwang auf einmal zu Unglauben und völliger Ungebundenheit, von Despotismus zu zügelloser Freiheit übergehen. Die Geschichte des revolutionären Frankreich's stand ihm damals vor Augen. Als ihm die des restaurirten Frankreich's vor Augen trat, änderte er seine Stellung und trat dabei in seine eigentlichere Natur zurück; aus dieser geänderten Stellung schrieb er daher seine bedeutenderen Werke. Es kam die Zeit der Erniedrigung, die Zeit der Karlsbader Beschlüsse, der großen Fürstenvereine, der Legitimistik und Reaction, der Wiederkehr von Bourbonismus, Pfaffenthum und Junkerthum; die alte Wahrheit bestätigte sich dem Beobachter, wie »unvernünftig es sei zu hoffen, daß eine ganze Klasse von Menschen je freiwillig Vorrechte aufgeben werde, um der Zeit zu huldigen«; wie sich leider, schrieb er[193] (1823), jetzt wieder gezeigt. Er ergrimmte über die Rückkehr der »Narrheit«, des Eigensinns, der Unverbesserlichkeit von Hierarchie, Aristokratie und Absolutie; er sah in England, daß durch die Byron die Wüstlingscharaktere in Literatur und Leben einrissen wie in Fraukreich im 18. Jahrhundert; er sah überall die Anlässe wiederkehren, die den schrecklichen Ausbruch der französischen Katastrophe von 1789 hervorgerufen. Als diese Veränderungen eintraten, stand Schlosser bereits in einer freieren Stellung in Heidelberg, im Umgang mit geistig bedeutenden Männern, in dem beneidenswerthen Orte, der so sehr zu seiner Doppelnatur paßte, der auf der einen Seite durch seine reizende Lage seinem Hang zu Landleben und Beschaulichkeit zusagte, auf der anderen, im Mittelpuncte aller Weltstraßen gelegen, wie eine Großstadt immer in Verbindung mit allen Weltgegenden hält. Im Jahre 1822 verbrachte er sechs Monate in Paris im Umgang mit den verschiedenartigsten Menschen; sein Gesichtskreis hatte sich erweitert, und die Ansprüche an ihn erhöhten sich; er gestand es selbst (1823), daß er jetzt eine andere Arbeit als die über das Mittelalter für Bedürfniß halte; er sah ein anderes Ziel und einen anderen Weg zum Ziele; er bekannte, jetzt erst auf den Standpunct gekommen zu sein, »das Bedürfniß der Zeit zu ergründen.« Noch fand er auch jetzt in sich selbst kein Vergnügen an der Schriftstellerei über die Tagesinteressen, aber er »hielt es jetzt für Pflicht jedes Unbefangenen, seine Stimme neben dem Gebelle der Einen und dem Geheul der andern Partei zu erheben.« Und er warf nun, nicht in blühendem Stile, aber in glühendem Geiste sein 18. Jahrhundert hin, um sich dem unnatürlichen Rückströmen des Zeitgeistes mit aller Entschlossenheit entgegenzuwerfen. Er schrieb in der kurzen, aphoristischen, kraftstrotzenden Darstellung der scheußlichen Hof- und Fürstenwirthschaft des 18. Jahrhunderts die Vindication der Revolution in dem freimüthigsten Geiste; er zeichnete nachsichtslos den Moment der Fäulniß, bei dem der Monarchismus angelangt war durch die Ueberspannung der Finanzsysteme,[194] der Militärmacht und der Absolutie; und im Gegensatz dazu den Einfluß der neuen Geistesfreiheit, deren Stoß auf die alten verrotteten Ordnungen zu den demokratischen Prinzipien führte, die nur durch offenen Kampf und Gewalt, nur im völligen Umsturz über Privilegien und Eigensinn zu siegen vermochten. Dies Alles ist geschrieben, als in England die Toryreviews noch den Ton des größten politischen Obscurantismus angaben, als in Deutschland und Italien jede freie Regung erstickt war, die französische Regierung Spanien überzog, um die alte Zeit dort und bei sich wieder herzustellen, als noch weder Thiers noch Mignet über die französische Revolution geschrieben hatten, als die unverschämtesten Vertheidiger der verrotteten alten Ordnungen überall ohne Widerspruch waren, das tückische System der Gentz und Metternich alle Staaten des Festlandes überherrschte. In solch einem Momente wahrlich wares eine That in Deutschland, mit solch einer historischen Naivetät die Begeisterung und Größe selbst der gemeineren Seelen, die der Revolution zu Werkzeugen gedient, laut anzuerkennen; mit den Mirabeau's die Nothwendigkeit der Zerstörung, die dem Aufbau vorhergehen müsse, zu verfechten; die Wohlthätigkeit jener ersten freien Verfassung zu betonen, »der Frankreich die Gleichheit und die meisten der Wohlthaten danke, um derentwillen die Enkel die Revolution einst segnen würden«; die Unerläßlichkeit zu bekennen, »daß die Flammen der Revolution die Nation wie in einem Feuerbade durchglühen und den alten Stamm von der Wurzel bis zum Gipfel durchdringen mußten.« War es nun eine Verirrung des öffentlichen Urtheils, daß dies Buch so ungeheueres Aufsehen machte, in Paris rasch ins Französische übersetzt ward, in Deutschland aus dumpfer Stummheit und politischer Schlafsucht dadurch aufweckte, daß jene bitteren Wahrheiten alle gesagt waren in jenem schallenden Tone der Derbheit, der sich nicht scheute, mit namhaften historischen Figuren als mit Schuften und Schurken und Schafsköpfen umzuspringen? Wie wenig sich gleichwohl Schlosser in diesem Tone[195] gefiel, wie wahr seine Versicherung war, daß er an Bearbeitung unmittelbarer Zeitgegenstände an sich keine Freude habe, bewies er, als er (1826) seine alte Geschichte unternahm. Er ließ auch nach der Geschichte des 18. Jahrhunderts seine Geschichte des Mittelalters liegen, als man das Mittelalter in Leben, Staat und Kirche zurückführen wollte, und schrieb die Geschichte des Alterthums durchaus in dem gleichen Zwecke und Geiste, aber in einem weit gehalteneren Stile, wie das 18. Jahrhundert, in derselben Ansicht von dem, »was das Bedürfniß der Zeit sein möchte.« Er wollte mit der griechischen Literatur und Staatsbildung das kranke Siechthum der Zeit zu heilen helfen; und aus diesem Gesichtspuncte, nicht mit schulgelehrten Ansprüchen, muß man das als bloßen Versuch bescheiden dargebotene Buch lesen, um es auch nach den neueren Leistungen, die es nach so vielen Einzelforschungen und neuen Entdeckungen an Umfang, Durchdringung und Beherrschung der Materie weit überholt haben, immer wieder lesenswerth zu finden. Er wollte die Verfassungen, die Staaten, die Zeiten, »wo jeder sich fühlte«, wo Religion die Menschen und die Gesetze durchdrang und die Leidenschaften im Zaume hielt, ansdrücklich dem heutigen Verderbniß entgegenhalten, wo man »das fließende Wasser in einen faulen Sumpf verwandelt, indem man die Leidenschaften ersticken und durch Polizei eine Todtenstille herbeiführen will.« Und mit aller Energie wies er auf die Schriften der alten, ächten Hellenen hin, aus denen alle großen Griechen der späteren Zeit, alle edlen Römer und in den neueren Zeiten zuerst wieder die italischen Humanisten den Abscheu gegen alle willkürliche Regierung und gesetzlose Gewalt, die Begeisterung für wahre Freiheit, zugleich die Scheu vor dem Gesetze eingesogen und vor Allem, was recht und gut und heilig ist. War es nun eine Verirrung der Beurtheilung, daß Goethe aus diesem Buche den Schreiber als einen Mann erkannte, der »aus dem Dunkeln ins Helle strebe«, aus dem Geschlecht, zu dem auch Er sich bekannte? Und war es eine Verirrung der[196] Beurtheilung in der öffentlichen Meinung, als nachher seine Umarbeitung des 18. Jahrhunderts rasch nacheinander vier Auflagen erlebte und trotz der Unterbrechung, trotz ihrem großen Umfange, trotz der verbitterten Stimmung des Verfassers mit Begierde verschlungen ward? Oder erklärt es sich nicht vielmehr überflüssig aus diesem Verhältnisse Schlosser's zu seiner Zeit und aus dem gesunden Kerne aller seiner Schriften, daß der Welt- und Staatsmann, der den Lauf der menschlichen Dinge unverschleiert will kennen lernen, zu Schlosser als einem matter-of-fact Mann wie wenige andere Deutsche immer noch lieber greifen wird als zu sehr vielen anderen geleckteren Schreibern? Daß der Geschichtsphilosoph, der den Weltlauf auf sein Gesetz ansieht, wenn er sich den Weg durch die Quellen abkürzen will, gewiß von wenigen andern sich lieber als von ihm die Fackel der geschichtlichen Betrachtung wird vortragen lassen, weil sein Genius durch und durch und nur historisch war, nicht im Stande, irgend ein Ding anders als aus dem Gesichtspunct der Zeit, der Veränderung, der Entwickelung zu betrachten! Daß der Mann des Volkes endlich, der in dem Autor zuerst nach dem Menschen sucht, der in seinem Federzuge seinen Herzschlag erkennen will, lieber als zu dem Schul- und Hofhistoriographen zu ihm greifen wird, bei dem er die volle Theilnahme für seine Angelegenheiten findet? Und das deutsche Volk hat mehr als blos dies sympathische Herz in diesem Geschichtschreiber zu schätzen gefunden. Es hat in dem makellosen Charakter, in dem Feuer der Wahrheitsliebe, in der sittlichen Begeisterung, in dem klassischen Verstande, in dem klaren Einblick dieses Mannes in den Lauf der Welt die wesentlichen Gaben des Historikers erkannt, die es über die unwesentlichen Mängel der äußeren Formen haben hinwegsehen machen; es hat in dem Gelehrten vom ächtesten nationalen Typus seinen Lehrer der Geschichte gefunden und verehrt, der wie kein anderer zu seiner eigensten Natur zu sprechen verstand. So daß es trotz aller Spaltung der Schulen und der Schulmeinungen, der Parteien und des Parteieneifers[197] wahr bleiben wird, was Schlosser's Freund und Schüler Eilers von ihm gesagt hat: daß er »von allen Schriftstellern des Jahrhunderts den ausgebreitetsten und nachhaltigsten Einfluß auf die moralische Weltbetrachtung und das politische Urtheil des deutschen Volkes ausgeübt hat«; daß er in der Selbstoffenbarung durch seine Schriften »dauernder als Erz vor diesem Volke stehe.« Der eigentliche Mittelpunct von Schlosser's ganzer Bildungsweise war dies, daß er stets den Gelehrten den Rücken kehrte, denen nach Lichtenbergs Witz vieles gelehrt ist, die aber nichts gelernt haben, die nur einen Schulgebrauch des Wissens kennen, die die Wissenschaft nicht für das eigene, nicht für das öffentliche Leben zu befruchten wissen, die ihr Leben nicht nach den Forderungen ihrer eigenen Lehre gestalten, die ihre Wissenschaft nur für einen eitlen, akademischen Prunk, nicht für ein Gesetz des Lebens achten, die das eigentliche Ziel aller Bildung aus dem Auge verlieren und sich den edelsten inneren Beschäftigungen widmen um der unedelsten äußeren Zwecke willen. Schlosser wollte sein Wesen und Gemüth als Schriftsteller nicht verleugnen, wollte und konnte es nicht. Er war in Haus und Schule derselbe. der er in seinen Schriften war; ja es ist ganz eigentlich die Kenntniß seiner Persönlichkeit, aus der man den wahren Werth des Mannes erkennen, die Würdigung seiner Schriftstellerei ergänzen, den eröffnenden Schlüssel zu ihr und seiner Wirksamkeit in dem geistigen Leben der Deutschen suchen muß. Wer die Kenntniß von Schlosser's Schriften nicht aus seinen Vorlesungen, seine Vorlesungen nicht aus seinen Gesprächen, seine Gespräche nicht aus der Einsicht in sein volles menschliches Wesen zu vervollständigen Gelegenheit hatte, der konnte nur ein sehr unvollkommenes Urtheil über ihn haben. In Folge einer merkwürdigen Doppelseitigkeit des Wesens wird der Mann, dessen Werke nur durch ihre Beziehung zu der weitesten Oeffentlichkeit recht verständlich werden, auf der anderen Seite wieder nur durch die Erkenntniß seiner Persönlichkeit in ihrer äußersten Rückgezogenheit begreiflich.[198] Ganz auf das Eingreifen in die nationalen Bildungszustände gestellt begehrte doch Schlosser des äußeren Namens und Ruhmes einer solchen Wirksamkeit nicht. Er lebte der festen Ueberzeugung, daß man am sichersten auf die Welt wirke, wenn man auf sich selber wirkt, sich selbst zu etwas bildet; man sei nur etwas, so würden sich finden, die es nutzen und weiter und weiter breiten. Er glaubte daher durch mündliche Lehre mehr zu wirken als durch seine Schriften; obgleich er auch in dieser Sphäre jeden äußeren Ehrgeiz verleugnete, den Eifer des Schulstiftens frühe als eine »alberne Eitelkeit« verlachte. »Die Wissenschaft, schrieb er schon 1817, gibt Seligkeit in sich, sie nutzt durch mündliche Lehre.« Und wirklich war Schlosser mehr zum Lehrer uls zum Schreiber geboren, wiewohl seine Rede an Ordnung und Schärfe noch zurückblieb hinter seiner Schrift. Auch kam der Werth seines lehrenden Verkehrs immer mehr zu Tage, je mehr man ihn isolirt hatte; seine Rede wurde desto gehaltener und gehaltvoller, je mehr aller äußere Zwang wegfiel, je mehr man in jenes Asyl der Seligkeit vordrang, die er in seiner Wissenschaft suchte. Seine Vorlesungen waren noch ungleich formloser als seine Schriften. Die Kenntniß der Thatsachen war vorausgesetzt, die Besprechung der einzelnen herausgehobenen Momente war unvollständig und abspringend, der Vortrag unzusammenhängend, ganz aus dem Stegreife, die Redesätze kaum jemals regelrecht gebildet, glatt vorgebracht und unabgebrochen zu Ende geführt. Aber die belehrenden Blicke auf Welt und Geschichte, auf Menschen und Völker, auf Vergangenheit und Gegenwart, die lichtvollen Vergleichungen, die praktischen Bemerkungen über tausend auf dem Wege liegende Fragen und Gegenstände, das war in der besten Zeit seiner größten geistigen Rüstigkeit von ganz unvergleichlicher Anregung. Dies machte, daß Schlosser bis in sein hohes Alter, wo die Gebrechen seines Vortrags sich noch außerordentlich steigerten, ganz stetig eine zahlreiche und aufmerksame Zuhörerschaft an sich fesselte. Lehrreicher noch und noch anregender[199] konnte man ihn an den Abenden sehen, an denen er durch lange Jahre hin eine Anzahl seiner Zuhörer Einmal wöchentlich zum Thee um sich versammelte, wo er, auf gewöhnlicher Unterhaltung wenig verweilend, sich über Gegenstände seiner Vorlesungen oder über Tagesereignisse fragen ließ und fragte, dann gewöhnlich eine der beregten Fragen aufgriff und sich in längerer Besprechung darüber ausließ. Hatte man Zugang zu seinem Hause, so steigerte sich noch der Nutzen, den er gewährte, dadurch, daß man unmittelbar die Belehrung erfragen konnte, die man grade suchte; nur durch diese Art von Berührung geschah es, daß der schulfeindliche Lehrer dennoch eine Reihe von treuen Schülern wider Willen und Absicht sich erzogen hat. In seinem eigentlichsten Wesen aber sah ihn doch erst der, den er heranzog, um mit ihm in einem ganz esoterischen Verkehre irgend einen griechischen Dichter, vornehmlich aber seinen Dante zu lesen. Dort vergaß er im Entzücken über den Dichter seine ganze Umgebung und überließ sich in seinem Vortrage, seiner Uebersetzung, seinen Erläuterungen der großen Stellen der göttlichen Komödie wie in einer Verzütkung einer gleichsam inspirirten Auslegung: in und mit dem Dichter schloß er dann unwillkürlich sein eigenstes, innerstes Wesen auf; die rauhe Rinde sprang ab und der Kern lag blos; man erkannte eine Sokratische Natur in ihm. Zwar in seiner Flucht vor Schülern und in der höchst undialektischen Methode seiner Rede konnte Niemand dem Sokrates unähnlicher sein als Schlosser. Aber was er selber von dem Philosophen rühmte: er sei der lügenden und belogenen Zeit rein und wahrhaftig entgegengetreten, er habe keine Schule errichten, sondern selber weise werden wollen, um die Gründe des Guten und Wahren zu erforschen, und, durch den Schein der Lüge und des Falschen nicht geblendet, um das Leben nicht betrogen zu werden, das ist ganz wie auf ihn selber gesagt. Wie in Sokrates ein verborgeneres Moment seiner Lehre der Begriff der Menschengleichheit war, wie er den gleich gewogenen Sinn für[200] inneres und äußeres Leben in sich trug, wie er selbst dem Staate und dem banausischen Leben den Rücken kehrte, aber seine Schüler aufs Beste dafür zu unterrichten strebte, wie er in seiner Richtung auf ein ganz geistiges Leben doch die Grübeleien über die jenseitigen Dinge verachtete und sich auf das warf, was für die Menschen hier Werth hat und förderlich ist, wie er Weisheit und Sittlichkeit nicht trennte, nur das Wissen gelten ließ, das zu klarer Besonnenheit und sittlichem Gebrauche des Lebens führt, wie er eine allwaltende Vorsehung und eine Gegenwart der Gottheit in allen menschlichen Dingen glaubte, das Alles sind Züge, die gradaus an Schlosser's Charakter, Stellung und Wirksamkeit erinnern. Wesentlich gehört zur Vervollständigung der Vergleichung die seltsame Außenseite des kostbaren inneren Wesens hinzu, die so oft die Genien kennzeichnet, die in einer neuen geistigen Richtung der Zeiten bahnbrechend vorausgehen. Wer Schlosser nur in seinem Hauskleide, in seinem Familienkreise, in seiner unbekümmerten Laune sah oder nur aus seinem schriftstellerischen Negligée, seinen Recensionen und Vorreden kennt, dem kann er leicht in dem Lichte eines bloßen Sonderlings, und eines drolligen Sonderlings erscheinen; wer in das Allerheiligste vordrang, dem schloß sich das Silenenbild auf, dem zeigten sich die Götterbilder, deren bloßer Schrein das sonderbare Aeußere war. Ganz in diesem Sinne schrieb ein befreundeter Engländer die treffenden Worte über ihn: »Schlosser ist ein Mann, dessen Aeußeres ungeschickt mit seinem Inneren telegraphirt; ein herrliches, aber nicht selten verstimmtes Instrument, eine Uhr, deren Minutenzeiger zuweilen falsch, deren Stundenzeiger immer richtig geht; er ist wie ein Heilmittel von großer Wirkung, aber bitterem Geschmack, das man zuerst verwünscht, zuletzt aber segnet.« Wunderlich übertriebene Gerüchte über diese Rauhheit und Sprödigkeit der Schale von Schlosser's Wesen waren vielfach in Deutschland verbreitet, die offenbar mehr aus dem herben und groben Ton seiner schriftlichen Ausfälle abstrahirt, als in Erfahrungen[201] an der Persönlichkeit des Mannes erlebt waren. Wie viele Fremde kamen nicht nach Heidelberg, die sich nach der Bekanntschaft des von der Fama so seltsam gezeichneten Mannes sehnten, vorher aber sorglich glaubten sich erkundigen zu müssen, ob sie dem mürrischen Gelehrten nicht mit dem Bücherstaube die Laune unangenehm stören würden, ob sie nicht zu befahren hätten, »zur Thür hinaus geworfen zu werden!« Wie erstaunt aber kamen sie zurück, von der ersten Begegnung eines ganz anderen belehrt! Wie verändert erst war ihre Vorstellung, wenn sie Gelegenheit hatten, die Persönlichkeit in ihrem häuslichen Leben und Weben genauer kennen zu lernen! Wohl war Schlosser ein ächter deutscher Stubengelehrter, aber doch eines ganz besonderen Schlages. Er hatte bis zum fünfzigsten Jahre im Junggesellenstande seiner Wissenschaft allein gelebt und von einer anderen Braut nichts wissen wollen. Von früh sechs Uhr bis Abends spät lag er mit Ausnahme der Eß- und Spazierstunden unablässig über seinen Studien; unmittelbar selbst nach Tisch war die Zeit der Zeitungslectüre gewidmet. Eine eiserne Gesundheit erlaubte ihm diese beneidenswerthe Ausdauer und gab seinem Einen Auge, dessen Gefährte ihm früh von den Blattern geraubt worden war, die Stärke zu so unermeßlicher Anstrengung. Wenn man auf den ersten Blick den nach Einer Seite geneigten Körper auf etwas schwankendem Gestelle in unsicherer Bewegung sah, hätte man eine solche physische Kraft kaum vermuthet; aber wenn man dann im lebhaften Gespräche die energischen Bewegungen der Arme und des Oberkörpers betrachtete und die glockenstarke Stimme vernahm, die schon dem Knaben bei seinem Conrector den Namen Schnaubhahn eintrug, so fühlte man sich einer strotzenden Kraft gegenüber, die, von der Natur gegeben, durch Regel und Mäßigkeit erhalten war. Selten erkrankt pflegte Schlosser, ehe er in sein hohes Alter eintrat, seine Unpäßlichkeiten ohne ärztliche Hülfe in einem wohl Tage und Nächte anhaltenden ununterbrochenen Schlafe zu verwinden; sein Tod war ein reines Erlöschen der Kräfte, von[202] keinerlei Krankheit begleitet. Seine Diät war immer die regelmäßigste gewesen; er liebte kräftige und gewählte Kost; er trank nur Bier, nie Wein; er hielt auf regelmäßigen Spaziergang oder Gartenaufenthalt; er ließ sich von Jedermann in seiner Arbeit stören, und Niemand wurde je vor ihm gemeldet, Er vor Niemandem je verleugnet. Die Eintretenden fanden an ihm und um ihn nichts von der Art der sonstigen deutschen Bücherwürmer, nichts von dem Staub und Schmutz einer Gelehrtenstube. Seine Halsbinde und Hemdkragen konnten unter der breiten Faust etwas zerknittert sein, sonst war sein Anzug rein und geordnet, die Zeuge sein und gewählt. Seine werthvolle Bibliothek stand in der zierlichsten Ordnung aufgestellt, sein Arbeitszimmer aufs eleganteste hergerichtet, auf dem geschmackvollen Palisandertische nichts als der nöthigste Apparat. Beim ersten Anblick konnte er wohl eckig erscheinen, aber er war darum nicht steif und hölzern. Selbst in äußerlichen, häuslichen Dingen und Geschäften, in denen man praktische Gewandtheit von einem Manne nicht einmal fordert, nahm er sich in natürlicher Ungezwungenheit. Bei jenen Theeabenden, wo er noch als Junggeselle eine kleine Schülerschaar um sich sah, bereitete und schenkte er selber den Thee und gab die Beikost um, geschickt und achtsam, ohne Werth auf das Geschäft zu legen, aber auch ohne jede Nachlässigkeit. Als er sich noch spät mit einer liebenswürdigen Lebensgefährtin von den feinsten geselligen Formen vermählte, mußte er sich in Handschuhe bequemen, einen Stock tragen, Gesellschaften und Whistkränzchen besuchen, Vergnügungsreisen machen; aber er schickte sich in das Alles weit leichter, als ihm die Collegen zugetraut hätten, unter welchen es weltberühmte Männer gab, neben denen er selbst sich bei Begegnungen in der Fremde wie ein anstelliger Tourist und gewürfelter Weltmann fühlte. Nach seiner Verheirathung überließ er der geschick ten Hausfrau die Einzelheiten des Haushalts, dessen große Geschäfte er indessen mit der Pünctlichkeit fortführte, die ihm immer eigen war. Seine[203] Vermögensverhältnisse waren stets in der genauesten Ordnung. Er lebte im sichersten Tacte, ohne peinliche Regel, aber grundsatzmäßig in der genauesten Mitte zwischen Aufwand und Kärglichkeit. Er liebte nicht Beschränkung und nicht nutzlose Ausgabe, auch nicht zweideutige Wohlthaten; bei Anforderungen unzweifelhafter Art, wenn es galt mittellose Kranke zu unterstützen, ein Waisenhaus zu fundiren u. dergl., gab er ohne Prunk mit freigebiger, ja verschwenderischer Hand. Bei diesem strengen Ordnungssinn konnte es eine unpraktische Grille scheinen, daß er seine Geldschublade stets offen stehen ließ und selbst verreifend nie leiden wollte, daß man sie verschlösse. Er verlangte, daß nur treue Leute in dem Hause Aufnahme fänden. Ein natürlicher Menschenkenner, der im hohen Grade die Gabe besaß, den verschiedenartigsten Menschen im ersten Augenblick der Begegnung ihr Horoskop zu stellen, zeigte er selbst sich in der Wahl seiner Dienerschaft, seiner Rathgeber, seiner Advocaten stets geschickt und richtig geleitet von diesem Instincte. So war es in der Wahl seines geselligen Umgangs. Es gab gelegentlich eine Ausnahme; er konnte zeitweilig aus Gutmüthigkeit, aus Lässigkeit, aus Bequemlichkeit einen unpassenden Verkehr unterhalten mit Menschen, über deren Werth er vielleicht weniger als jeder Andere im Unklaren war; der Anstoß aber, den dergleichen unter allen Freunden erregte, bewies dann, daß diese Ausnahme grade die Regel bestätigte, nach der man in seiner Umgebung immer nur die geachtetste, unbescholtenste Gesellschaft sah. Dieselbe Sittenstrenge, die sich in seinen Schriften aussprach, waltete in dieser Beziehung in seinen Lebensverhältnissen. Mit zwei berühmten Collegen brach er allen Verkehr ab, als er den Einen über einer filzigen Gemeinheit ertappte, »so schmutzig (wie er ihm ins Gesicht sagte), daß ihn Niemand mit der Kluft anfassen möchte«; als der Andere ihm die Zumuthung machte, einen jungen wegen politischer Verhältnisse angefochtenen Freund zu verleugnen. Es geschah aus moralischem Widerwillen, daß er sich frühe von allen Universitätsgeschäften[204] zurückzog. Man schob es gewöhnlich auf seine unpraktische Natur. Er jedoch meinte sich rühmen zu dürfen, daß er als Vorstand der Bibliothek bewiesen habe, auch geschäftliche Aufgaben lösen zu können; aber die Senatsconnivenzen gegen studentische Ungebühren, die körperschaftswidrige Eigensucht der Facultätsglieder, die vielfache Gesinnungsgemeinheit in der Gesellschaft, die durch Bildung und Wissen die gewählteste sein sollte, widerte ihn so sehr an, daß er sich aller Gemeinschaft mit dem Universitätskörper, so weit es immer zulässig war, entzog. Die Hausfreunde aus der Zahl der jüngeren, lebensmuthigeren, für den Gemeinnutzen schwärmenden Collegen tadelten diesen Rinkzug, der ihnen nur für eine andere Art Eigennutz galt; aber sie hatten dann auch die Erfahrungen zu machen, die ihnen unterweilen Abbitte empfahl. Die Feindseligkeit der Collegen, die sich Schlosser bei solchen ernsten Collisionen durch seine schroffe Rücksichtslosigkeit zuzog, trug nicht das wenigste dazu bei, ihn in jenen Ruf abstoßender Unnahbarkeit zu bringen, der die Reisenden bei ihren Besuchen nicht selten ein wenig beklommen machte, bis sie sich auch in dieser Hinsicht enttäuscht fanden. Der erste Eindruck, den der Fremde von Schlosser's innerm Wesen empfing, war der einer geschlossenen Natur, einer robusten Seele, eines fest in sich ruhenden Charakters, den schon die ersten Jugendschicksale zu früher Selbständigkeit gereist hatten. Von zwölf Kindern das jüngste war er frühe von Vaters Seite verwaist, in dürftigen Umständen rauh und streng erzogen von der Mutter, nach deren Tod er mit dem fünfzehnten Jahre sein eigner Herr war. Dies frühe Gefühl der Unabhängigkeit von jedem äußeren Verhältnisse und künstlichen Bedürfnisse gab seiner Jugend schon die Sicherheit des Tons, den Stolz und Trotz, das vollsaftige Selbstgefühl, das der ????????? ???? ???? bis in sein spätestes Alter nicht verleugnete, in dem er unter sein Bildniß mit seiner schweren Feder die schweren Dantischen Worte schrieb:[205] Amazon.de Widgets Sta come torre fermo, che non crolla Giammai le cima per soffiar di venti. Die formlose Weise, der Mangel conventionellen Anstandes war dann der zweite, mit seinem Selbstgefühle engst verschwisterte Zug, der in Schlosser's Erscheinung unmittelbar auffiel. Er hatte die Rüstring'sche Derbheit, die er aus dem Haus in die Schule, aus der Schule durch alle Lagen des Lebens trug, nie ablegen können, nie auch, sagte er, ablegen wollen. Er kam in seiner Jugend von den Bauern zu den Gelehrten, von den Gelehrten, 21 Jahre alt, in einen Schwarm vornehmer Holländer in Varel und in die Familie des (in Holland gefangenen) Grafen Bentinc k-Rhoone als Hauslehrer; von da (1798?1800) trat er in Hamburg in das Haus eines kleinen Kaufmanns, wo er wieder mit einem Menschenschlage ganz anderer Art, mit Schauspielern und liederlichen Genies zu thun hatte; dann in der Zeit der merkwürdigsten öffentlichen Ereignisse kam er in die weltmännische Umgebung Frankfurter Kaufleute, mit denen ihn die innigsten Beziehungen verknüpften, in die er auch bald aus einer kurzen Lehrthätigkeit in Jever (1808 bis 1810) wieder zurückkehrte, und denen er sich dann durch sein ganzes Leben als ein anhänglich treuer, in mislichen Zeiten als ein dankbarer, opferbereiter Freund bewährte. Nacheinander wirkte er dann als Lehrer an dem Gymnasium und Lyceum in Frankfurt und an der Universität in Heidelberg. Aus allen diesen Kreisen ging er »eckig und vierschrötig«, so nannte er es selber, hervor; und noch später in der Berührung mit höfischer Gesellschaft, in dem intimen Verkehr mit der Großherzogin Stephanie, gab er sich nie die Mühe, sich anderen Formen zu bequemen, als die ihm von Jugend auf die geläufigen waren. Unerzogen, hart, unbändig fiel er leicht auf durch den männischen Egoismus, der unser Aller Erbtheil ist, und der bei ihm begreiflich stärker geprägt war als bei vielen Anderen. Eine leidenschaftliche Aufwallung mäßigend zu beherrschen ward ihm schwer, die Gutmüthigteit aber, mit der er[206] solche Härten im Kreise der Seinen dann zu vergüten suchte, kleidete ihn aufs liebenswürdigste. Tadel und Unmuth zu verhalten, den Stolz des Selbstgefühls und die Zuversicht des eigenen Urtheils zu dämpfen, war ihm wenig gegeben, und er hätte sich darum auh nicht viel bemüht. Man hätte mit Fug die Vorwürfe Worcester's gegen Percy auf ihn anwenden können: Ihr seid zu tadelsüchtig! Zeigt es schon manchmal Größe, Muth und Blut, so offenbart es doch auch rauhen Zorn, an Sitten Mangel und an Mäßigung, Stolz, Hochmuth, Meinung von sich selbst und Hohn, wovon das Kleinste uns der Menschen Herz verliert und einen Fleck an aller Gaben Schönheit zurückläßt, sie betrügend um ihr Lob. Er aber würde wie jener Held der Gradheit geantwortet haben: »Gut, meistert mich! Gott segn' euch gute Sitten!« Er hätte die knorrigen Auswüchse, die die mit fränkischem Feuer verschmolzene friesische Rauhheit an dem Stamme seines humanen Wesens ansetzte, zu den eigensten und unabtrennlichen Zugaben seines Charakters gerechnet. Weiter aber als ein Ansatz an eine durchaus humane Natur waren sie gleichwohl nichts. Der Fremde konnte beim ersten Empfange Schlosser'n vielleicht trocken, kalt und unförmlich finden, nicht aber verlegen oder unhöflich; sobald er orientirt war, war seine Unterhaltung lebhaft und ununterbrochen und konnte gelegentlich in der schmiegsamsten Rücksicht auf die besondere Persönlichkeit und Verhältnisse des Unterredners eingehen. Er war kein Lobredner der Gutmüthigen, kein Freund der Sentimentalen; und doch konnte er, wo ihm diese Naturen nur ungekünstelt entgegentraten, sie aufs mildeste schonen. Ein naiver Schüler hatte die Arglosigkeit ihn aufzusuchen, ausdrücklich um sich bei ihm Trost über den schmerzlichen Verlust eines Freundes zu holen; er hatte es nicht zu bereuen, er schied von ihm mit gerührter und gekräftigter Seele. Kam man über die Oberflächlichkeit der[207] flüchtigen Besuche hinweg, sah man Schlosser häufiger im Kreise der Familie und vertrauter Freude, bei denen ihm das Herz aufging, so stieß man bald noch auf eine ganz andere Außenseite seines originellen Wesens, die ihn gradezu in dem fernsten Gegensatze von der befürchteten Rauhigkeit zeigte, auf seinen drolligen Humor. Der geglaubte Murrkopf erwies sich nun als ein Mann von der wohligsten und behaglichsten Laune, dessen grundherzliches, kräftiges Gelächter die innerste Heiterkeit erweckte, dessen gutmüthig neckische Satire wider die Freunde und Frauen seiner Umgebung am liebsten zugleich ihn selber blosstellte, wie um die Geneckten zum Wiedernecken herauszufordern. In solchen Momenten kam der Kraftübermuth, die Offenheit, die Lebendigkeit, die Gefühlswärme in seiner Natur in der ergötzlichsten Weise zu Tage; das Innerste sprudelte sich in einem fast kindlichen Unbedacht aus. Man fühlte dann erst, in welchem ganz ungemeinen Maße diesem Manne Gradheit und Wahrheit zur innersten Natur geworden war. Niemandem wäre es gefährlicher gewesen als ihm ein Geheimniß anzuvertrauen; die Unfähigkeit der Verstellung hätte ihn wider Willen jeden Augenblick zum Verräther gemacht. Von demselben lebhaften Gefühlsstande wie die Luther, die Dante, die Abälard, die seine Bewunderung waren, erkannte er in den kleinsten Gegenständen der Unterhaltung wie in den größten Objecten seiner geschichtlichen Werke im Momente ihre verschiedensten Seiten, gab er den verschiedensten Eindrücken bei einerlei Gelegenheit in Einem Nu in vollkommenster Naivetät der Empfindung nach und äußerte in Einem Athem die widersprechendsten Gefühle oder Urtheile, die gleichwohl höchst natürlich zusammenlagen, wenn man sich nur die Bindeglieder ergänzte. Als ich in den Anfängen meiner Docentenlaufbahn zu ihm kam, ihm die Neuigkeit meiner Berufung nach Göttingen mitzutheilen, die mich aus seiner Nähe wegführte, rief er im Ausdruck der freudigsten Ueberraschung aus: »So? nun das freut mich!« und sogleich mit abfallender Stimme: »Ja, mir thut es sehr leid.« Dahlmann[208] fragte ihn nach einem Individuum seiner Bekanntschaft, was das für ein Mann sei? Seine wörtliche Antwort war: »Das ist ein ganz schlechter Kerl, übrigens mein guter Freund, ich sehe ihn nie« [in Gesellschaft bei mir]. Man erzählt von ihm ein unbedeutendes Geschichtchen, das, wie ein Haar dem andern, der Anekdote von jenem Richter gleicht, der dem Kläger und Vertheidiger Recht gab, und Recht auch dem Dritten, der ihm einwarf, daß doch nur Einer Recht haben könne. Zu diesem burlesken Grade gedankenloser Allerwägung, über den Niemand erschütterter als er selbst gelacht haben würde, wenn er zur Besinnung geschüttelt wurde, hätte er freilich nur in Verhältnissen gehen können, die ihm ganz gleichgültig und geringfügig waren, gewiß nicht dann, wenn er wie jener Richter in seinem Berufe stehend eine pflichtvolle Entscheidung zu geben gehabt hätte. Eine ganz ähnliche Bewandtniß hatte es mit den Ausbrüchen seines kritischen Uebermuthes, denen er sich in den Stimmungen seiner schnurrigen Wohllaune besonders gern überließ: dergleichen mußte man nur erlebt haben, um die ähnlichen Ausfälle in seinen Schriften in einem ganz anderen Lichte zu sehen, als man gemeinhin thut. Wenn er so im Gespräche ganze Reihen von literarischen Helden und Heldenthaten mit Einem Hiebe abthat: »Das ist Alles nix«, so konnte nur ein Grämler Arg haben bei dieser Art Schmähsucht, denn sie war nur Uebertreibung, die überall die Waffe des Scherzes ist. Wäre sie selbst nach Ton und Ausdruck, was wohl vorkam, über den Spaß gegangen, so hätte es nur ein Antüpfen seines Ernstes bedurft, um ihn zur Besonnenheit zurückzurufen. Einmal in der Zeit der industriellen Wuth in Deutschland, die der ideellen Natur des Mannes mit all der gierigen Gewinnsucht des Handels tief innerlich zuwider war, rief er bei einer Unterhaltung über die Vortheile und Nachtheile der gewerblichen Fortschritte in zahlreicher Gesellschaft einem Anwesenden zwischen Scherz und Ernst, aber mehr doch in einem gereizten, zürnenden Tone zu: »in diesem Puncte sind Sie leider nicht meiner[209] Meinung!« Der Angefahrene sagte in aller Ruhe: »Ueber die sittlichen und gesellschaftlichen Folgen bin ich es wohl doch; nur möchte ich wissen, ob Sie es für möglich halten, diese Fortschritte und ihre Folgen aufzuhalten?« Unmöglich! sagte er feurig. Und nun wäre die Frage nach allen Seiten ruhig mit ihm zu erörtern gewesen. Wenn seine demokratischen Ab- und Zuneigungen in diesen Stunden der Scherzlaune angeregt wurden, dann konnten seine Herzensergießungen am maßlosesten scheinen. Ein neues Erlebniß des Tages sollte von der Unverbesserlichkeit der privilegirten Klassen Zeugniß gegeben haben, so hörte man ihn wohl zwischen Bitterkeit und Muthwillen die schärfsten Schlagworte wiederholen, die je über die Radicalkur dieses Uebels gesprochen worden sind; dann hätte ein Fernstehender meinen können, der Mann suche Effect zu machen mit diesen Kraftausdrücken des Kneipendemokratismus, aber nichts lag seiner sauberen und keuschen Natur entfernter. Als in der gährenden Zeit vor 1848 der Bürgermeister Winter in Heidelberg bei Anlaß eines Zerwürfnisses mit der Regierung von dem Rathhause in einer Art Ovation von den versammelten Massen nach Hause begleitet ward, erzählte Schlosser, obwohl kein Freund des Gefeierten, mit hellem Wohlgefallen die gesehene Scene; das sei das Rechte, so müsse es kommen! Dann konnte es scheinen, als habe er an Pöbelscenen und Straßenlärm das gemeine Gefallen der Massen; ernsthaft angegangen würde er doch nur ernsthaft verfochten haben, daß der Antheil des Volks und seine Bewegung um die öffentlichen Dinge, wie sie sich seit der Restauration in England zuweilen kund gibt, unerläßlich sei, wenn die Staatsmaschine unter der Faulheit und dem Eigennutz der lenkenden Stände nicht einrosten solle. Ernste und bedeutende Gegenstände in Ernst und Nachdruck behandelt, dies war der stehende und gewöhnliche Inhalt und Ton von Schlosser's Unterhaltung. Der Einen Abweichung in dem lauten, lärmenden und polternden Ausbruche seiner Lustigkeit in[210] weiterem Kreise lag dann in anderen Lagen, im Gespräche unter vier Augen, ein anderes Extrem entge gen, seine beschauliche Stimmung. Er hatte in frühen Jahren, die er im Hause einer Tante verlebte, schon als Knabe eine warme Freude an der Natur eingesogen, einen Zug zum Idyllischen, einen Hang nach Einsamkeit und Versenkung in sich selbst. In dem Fragmente seiner Selbstbiographie (Zeitgenossen 44.) sagt er, er habe ursprünglich nur ein contemplatives Leben im Auge gehabt und sei in die akademische und schriftstellerische Laufbahn nur unfreiwillig hineingedrängt worden. Die Wahl der Gegenstände seiner ersten Schriften und alle seine vorschlagendsten Neigungen, die er von früh auf verrieth, bewiesen die Wahrheit dieser Versicherung. Ihm waren die religiösen Schwärmer tief erregter religiöser Zeiten, ihm jene christlichen Missionäre, jene irischen Mönche, »die die Gedanken über die vorübereilende Gegenwart hinausrichteten und Arbeit, Mühe und Leben verachteten wegen eines Gutes, das sie im Geiste schauten,« große, anbetungswürdige Gestalten. Er verehrte in Jakob Böhme einen großen Geist, als »dessen pythische Laute noch keinen Dollmetscher gefunden.« Er begeisterte sich frühe an Dante's großem Gedichte und seinem unendlichen Reiz für eine Seele, die den Himmel nicht erkaufen oder durch Wunder erlangen, sondern ihn in sich, in dem Frieden und der Erkenntniß ihrer selber, finden will. Mehr als 20 mal erklärte, mehr als 30mal las er dieses Gedicht; erklärend folgte er lieber den symbolischen als den historischen Deutern desselben; lesend verweilte er mit größerer Vorliebe auf den unsinnlichen Theilen des Purgatoriums und Paradieses, auf der beschaulichen Schwärmerei, in der der Dichter im Anschauen der Seligkeit eines rein inneren Lebens, eines Daseins, das im Genuß des Schauens der Gottheit besteht, der Welt abzusterben lehrt. Mit diesem Hang zur Einkehr in sich selbst wollte aber Schlosser, den an Dante nichts so sehr erbaute, als daß seine Schwärmerei dem Verstande nirgends Hohn sprach, weder den zeitverirrten Mysticismus und Scholasticismus[211] der Gegenwart fördern, noch wollte er selbst der äußeren Welt in dem Sinne absterben, daß er von ihr keine Kenntniß nehme. Er hätte der noch tieferen Contemplation der Minoriten in Dante's Zeit, die die reale Welt völlig in ein geistiges Gas verdunsteten, auf die Dauer schwerlich Geschmack abgewonnen. Ihm war sein Dante, der im convito die menschliche Natur durch zwei verschiedene Sonnen zu zwei Seligkeiten, dem thätigen und beschaulichen Leben, angeleitet nennt, eben nur dadurch groß, daß er beide Leben umschloß, daß er in seiner Einen Seele ? je nachdem sie nach außen oder innen gekehrt war ? die beiden entgegengesetzten Ansichten von den menschlichen Dingen in gleicher Meisterschaft faßte, daß er zu einer Zeit ebenso tief und kräftig in die Staatshändel seines Zeitalters eingriff, als er zu anderer sich in die platonische Schwärmerei über die göttliche Liebe versenkte, daß er auf der einen Seite ebenso praktisch und historisch kritisch war, als er sich auf der anderen in ein Ideal von göttlicher und menschlicher Weisheit verlor. Dante war, in seiner Jugend an einer idealen Gedankenliebe gescheitert, mitten in den Strom der politischen Welt hineingestoßen worden, um dann (auch von ihr enttäuscht und abgestoßen) zu dem geistigen Leben zurückzukehren in dem Gedichte, das in seinem Schlusse in die Vereinigung des Menschengeistes mit dem göttlichen Wesen ausläuft; Schlosser ward umgekehrt von den Zeitschicksalen aus seinem innerlichen Leben herausgerissen und auf den Verlauf des äußeren gerichtet, von dem er sich nicht mehr zurückwandte. Er setzte in seiner. Jugend mit der Weisheit eines Alten von dem Dantischen Puncte der Erkenntniß aus, daß »der Weltlärm nur ein Windhauch ist«; wie Schlosser es ausdrückt: daß »im Leben ein Schatten stets dem andern weicht, um endlich dem Nichts Platz zu machen«; aber er setzte von diesem Standpuncte aus mit dem Entschlusse, unermüdlich der Erforschung eben dieser vergänglichen Dinge nachzugehen, ohne zu verzweifeln wie der, »der von vornherein aus Gedichten und Romanen und halber Philosophie Verzagtheit einsaugt[212] und an der Schwelle der Vorhalle niedersinkt.« Ein Hinderniß der Erkenntniß der äußeren Dinge schien ihm in dieser Abkehr nach dem Inneren so wenig gelegen, daß er vielmehr grade die Bürgschaft der reineren Auffassung derselben in ihr zu finden schien, die sich von der Bewunderung schillernder Eigenschaften weniger blenden lasse. »Das Licht der göttlichen Vernunft, schrieb er 1817, dringt nur schwer durch die Nebel des Verstandes; wenn einfaches Leben, stille Ruhe der Seele und häuslicher Friede rauschender Zerstreuung und unruhig bewegender Geselligkeit weicht, wenn wahre Freiheit und Unabhängigkeit der Einzelnen durch die Menge der Bedürfnisse und die Sucht nach Vergnügungen verloren sind, wie sollte die Vergangenheit rein und ungetrübt in dem getrübten Spiegel der Seele erscheinen?« So ward durch die seltene Vereinigung contemplativer und thatsinniger Geisteskräfte diese nie dagewesene und wohl nie wiederkehrende Erscheinung möglich, daß ein solcher Mann, der so ganz durchdrungen war »von dem Nichts der Dinge und der Eitelkeit der menschlichen Bemühungen«, um eben diese Bemühungen von Grund aus zu erforschen, den ganzen Umfang der weiten Menschengeschichte durchwanderte; Deutschland erhielt, was wie ein Widerspruch in sich selber klingt, einen reinen Idealisten zum Historiker, der rein zum Ergründen der realen Dinge berufen ist. In dem Kernpuncte seiner geistigen Existenz wie in so vielen einzelnen Beziehungen findet man Schlosser von der gleichen Zweiseitigkeit, im scheinbaren Wechsel zwischen den äußersten Gegensätzen. Es wäre schwer zu sagen, welche von beiden Seiten man im persönlichen Verkehre bei ihm mehr hätte vorschlagen sehen. Legte man ihm eine Frage über weltliche Dinge vor, die er nicht hoffte im Sinne des Fragers zu beantworten, so entschuldigte er sich, still vor sich hinsehend, aber nicht ohne einen gewissen Ton der Schelmerei: Sie wissen, ich bin ein Schwärmer! Lobte man ihm einen Frommen nach der Tagesmode, der die Bibel auf dem Toilettentische liegen hatte, oder legte ihm eine Frage abstruser Theologie[213] vor, so nannte er sich mit verschmähendem Ausdruck ein Weltkind, um seine misliebige Antwort einzuleiten. Es war eben die innige Verschmelzung und zugleich die Gesundheit seiner praktischen und beschaulichen Natur, was das eigenste Kennzeichen seines Wesens ausmachte. Und dort schlugen seine Sympathien immer am stärksten, wo er die beiden Eigenschaften in stärkeren Zügen neben einander zu finden glaubte. Sv lag ein Theil seiner Achtung für England darin begründet, daß sich dort »Begierde des Nachruhms mit dem Gedanken der Nichtigkeit alles Irdischen von jeher vereinigt hätten.«. So konnte er für die Helden Ossian's schwärmen um ihres Vereins von Tapferkeit und Lebensverachtung willen. Und so wurzelte seine Begeisterung für Dante ganz in der Bewunderung jener Verknüpfung von Weltkenntniß mit der Fähigkeit der Weltentbehrung. Man könnte sagen, daß sich Schlosser aus Dante Beruf und Bestimmung entnommen habe, und die sittliche Strenge in seinen Geschichtswerken würde dadurch ihre innerste Aufklärung erhalten. »Wie die fromme Seele, schrieb er, einmal, eines Wortes bedarf, das vom Himmel stammt, so bedarf die ernste und strenge Seele einer Ansicht des Weltlaufs und der menschlichen Thaten, welche die Nichtigkeit dieser Dinge, das Eitle des Stolzes auf ein Thun und Wissen zeige, das ein Nichtthun und Nichtwissen ist, so bedarf sie eines treuen und festen Begleiters, der zu solcher Ansicht führe.« Solch ein Begleiter war ihm Dante geworden, solch ein Begleiter der ernsten und strengen Seele suchte er selbst in seiner Wirksamkeit zu werden. Diese Aehnlichkeiten der beiden Männer aus so entfernten Zeiten in Richtung, Geist und Charakter sind so auffallend und stark, daß sie wohl selbst auf Uebereinstimmungen der physischen Naturen beruhen möchten. Man könnte in einzelnen Bildnissen von Beiden selbst in den äußerlichen Gesichtszügen Aehnlichkeiten herausfinden in dem mildscharfen Auge, in der geschwungenen, starken Nase, in dem vortretenden Kinn, in den scharf geschnittenen, fest und ernst geschlossenen Lippen. Die Charakteristiken Dante's von[214] Boccaccio und Villani lassen sich in den wesentlichsten Beziehungen auf Schlosser gradezu übertragen. Was namentlich die landläufige Meinung über Schlosser bei uns ist, hat der Spießbürger Villani ungefähr ebenso (IX, 134) über Dante ausgesprochen: »er sei durch sein Wissen etwas anmaßend, tadelsüchtig und stolz gewesen, und habe in der Weise eines eckigen Gelehrten nicht wohl mit Laien zu verkehren gewußt; aber denkwürdig sei er durch seine sonstigen Tugenden, Wissenschaft und Tüchtigkeit, da er durch seine edlen Schriftwerke dem Vaterland Ruhm und Ehre gebracht.« Möge das deutsche Vaterland für die Ehre und den Ruhm, den dieser geistverwandte Doppelgänger Dante's ihm gebracht hat, dem Manne das ehrende Andenken erhalten, das Italien diesem seinem Dichter, dem strengsten aller Sittengeißler, bewahrt hat. In Einer Seele wenigstens ist es ihm gewiß; und das wäre dem Edlen, der auf alle äußeren Ehren bereiten Verzicht that, genug gewesen. Als er seine Grabrede für Johann Heinrich Voß schrieb, schloß er mit dem Gebete, daß einst auch an seiner Gruft ein Freund ihm nachtrauern möge, wie Er dem geschiedenen Meister. Dieses Gebet ist erhört worden. Ich habe das Gefühl, daß wenn Jemand nichts gethan hätte, als Einem Menschen das zu sein, was Schlosser mir geworden ist, dies allein ausreiche, einem Menschenleben den vollwichtigsten Werth zu verleihen. 
 Vorbemerkung des Herausgebers.  [3] Es war ursprünglich nicht beabsichtigt, daß der Herausgeber dieser von Gervinus hinterlassenen Autobiographie von sich aus auch nur ein Wort beifüge, und es schien auch nicht erforderlich. Das Manuskript samt allen früher schon gedruckten Beilagen lag länger als ein Jahrzehnt vor dem Hinscheiden seines Verfassers zum Druck bereit. Der Zeitpunkt zur Drucklegung des Buches sollte mit dem Tode der Witwe des Entschlafenen gekommen sein. In der langen Zwischenzeit von Gervinus im Jahr 1871 erfolgtem Tod bis zum Ableben seiner Witwe, das in diesem Jahre eintrat, waren Verleger und Herausgeber bestimmt und die Art des Druckes bis in alle Einzelheiten des Formats, des Papiers und der Schrift vertragsmäßig festgelegt worden. Die Aufgabe des Herausgebers schien eine sehr einfache zu sein. Er hatte voraussichtlich nur darüber zu wachen, daß die Herstellung des Buches genau nach den Vertragsbestimmungen erfolge, die letzte Durchsicht der Druckbogen zu besorgen und allenfalls ein Register anzulegen. Und auch diese Aufgabe schien ihm noch besonders leicht gemacht durch eine saubere Abschrift des Manuskripts, nach der Satz und Durchsicht vorgenommen werden sollten. Gervinus eigenhändige Niederschrift sollte möglichst unberührt der Heidelberger Universitätsbibliothek zur Aufbewahrung übergeben werden.[3] Selbstverständlich wurden diese Bestimmungen genau eingehalten. Die Testamentsvollstrecker ließen die Abschrift samt den Beilagen an den Verleger abgehen, und der Druck wurde sofort in Angriff genommen. Aber schon bei der Durchsicht der ersten Druckbogen war es dem Herausgeber zur Gewißheit geworden, daß die Abschrift unmöglich in allen Einzelheiten mit dem Original in Übereinstimmung stehen könne. Nicht nur die großen Inkonsequenzen der Schreibung und Zeichensetzung schienen darauf schließen zu lassen, sondern mehr noch mancherlei offenbare Mißverständnisse und Unbegreiflichkeiten der seltsamsten Art. So mußte das Original selbst zu Rate gezogen werden. Dem Herausgeber wurde dies in allerdings schmal bemessenen Stunden auf der hiesigen Landesbibliothek ermöglicht, und so konnte er in allen irgendwie zweifelhaften Fällen das Original vergleichen und fast immer die ursprüngliche Form des Textes feststellen. Aber auch dabei ergaben sich wieder eigenartige Schwierigkeiten. Gervinus eigenhändige Niederschrift erwies sich, abgesehen von nachträglichen Korrekturen seiner Hand, als vielfach überschrieben und mehr noch durchschrieben von anderer Hand und Tinte, offenbar nm dem Abschreiber die Arbeit zu erleichtern. So konnte es schließlichl zweifelhaft bleiben, ob Gervinus S. 105, Z. 15 v. u. vom Abschweifen des literarischen Deutschlands in alle Formen oder in alle Fernen schreiben wollte; und S. 280, Z. 10 v. o. scheint das Wort Verglühung, das der Abschreiber gelesen hat, im Original aus ursprünglichem Vergleichung abgeändert zu sein. Möglich wäre auch, daß S. 90, wo die bedeutenderen Gelehrten aufgezählt sind, die ans Darmstadt hervorgingen, der Name Lang (Z. 18 v. u.) durch den sonst mehrfach erwähnten Lanz ersetzt werden müßte. Amazon.de Widgets Die Inkonsequenzen in rein formalen Dingen konnten freilich durch Vergleichung des Originals nicht gehoben werden. In dieser Hinsicht macht das Original den Eindruck, als ob der[4] Verfasser sehr rasch gearbeitet habe und gewohnt gewesen sei, die endgültige Gestaltung des Textes in rein formalen Dingen der Durchsicht der Korrekturbogen vorzubehalten. Eine volle Einheitlichkeit in diesen Außerlichkeiten wäre woul nicht einmal im Sinne des Verfassers gewesen; dem Herausgeber war sie unmöglich gemacht. Die geschäftliche Lage der Druckerei verlangte rasche Erledigung der Durchsicht und baldige Fertigstellung der einzelnen Druckbogen in der ganzen Auflage; einzelne Teile des Buches aber, wie der Abschnitt über Schlosser, die Historik, das Fragment aus Gudrun und die Epigramme, wurden nach älteren Drucken aus verschiedenen, zum Teil sehr frühen Lebensabschnitten des Verfassers abgedruckt, und diese Vorlagen kamen dem Herausgeber je nach inrer Stellung im Vuche erst zu Gesicht, als ein großer oder der größte Teil des Manuskripts bereits im Druck längst fertiggestellt war. Nun waren in diesen älteren Sachen zum Zweck des erneuten Erscheinens neben sachlichen Verbesserungen und einigen Zusätzen vereinzelte orthographische Intentionen in Bleistiftkorrekturen zur Geltung gebracht, die teilweise mit dem Manuskript nicht im Einklang standen, und die deshalb auch nicht mehr alle berücksichtigt werden konnten. Es handelt sich dabei aber fast nur um die Worte Mut- und Flutin dem Probegesang aus Gudrun und um das Wort Blüte, die sich sonst durchweg mit h geschrieben finden. ? Die Interpunktion ist in der Historik melw als sonst neben den üblichen grammatischen von Motiven des sinngemäßen Vortrags beeinflußt, und der Herausgeber glaubte daran nicht zu Gunsten einer unwesentlichen Einheitlichkeit wesentlich ändern zu sollen. Uber diese besonderen Schwierigkeiten, unter denen die Drucklegung des vorliegenden Buches sich vollzog, glaubte der Herausgeber sich selbst und den Lesern diese Andeutungen schuldig zu sein. Mit dem Register der vorkommenden Namen hofft er manchem, der Gervinus persönlich nahestand, und manchem, der sich für die[5] literarischen und historischen Auffassungen des großen Mannes interessiert, einen Gefallen erwiesen zu haben. Vollzähligkeit der Verweisungen wurde im allgemeinen nur bei Namen erstrebt, deren Erwähnung nicht ausschließlich durch ihre persönlichen Beziehungen zum Verfasser veranlaßt schien. Noch soll hier bemerkt werden, daß der Titel des Buches, wie Gervinus selbst ihn niederschrieb, lautet: G.G. Gerwin's Leben. Rücksichten nahliegender Art bewogen den Verleger, die latinisierte Form des Namens, unter der allein der Verfasser in weiteren Kreisen bekannt ist und erkannt wird, an die Stelle der alten deutschen Form treten zu lassen. Karlsruhe im Oktober 1893. J.K.[6] 
 Die Wanderjahre.  [215] Es begreift sich, welch einen mächtigen Eindruck solch eine Persönlichkeit ausüben mußte auf ein schwankes, unbefestigtes Wesen, wie das meine bis zu der Bekanntschaft mit ihm gewesen war; es fragt sich, wie ich der Unterdrückung des Uebermächtigen[215] entging und zum eigenständigen Besitze meiner selber kam. Auf diese Frage soll der folgende Abschnitt Antwort geben. Meine große Seelenrevolution war noch kaum vollendet, ich war im Sommer 1827 mit der Fortsetzung meiner klassischen Studien, mit Dio Cassius, mit Quintilian u. A. beschäftigt, als ich unerwartet frühzeitig dem Studentenleben entzogen ward und Gelegenheit erhielt, die neu erfaßten Grundsätze gleich praktisch zu erproben. Es war in den ersten Tagen des August, als der Director einer Erziehungsanstalt in Frankfurt, Fr. Gutermann, durch Schlosser gewiesen, mich besuchte und mir eine Lehrstelle anbot. Ich eilte zu Schlosser, der mir die Blüthe des Institutes rühmte, zugleich mir rührende Züge von Gutermann's Aufopferung für seine Eltern und Familie erzählte, deren ganze Existenz von dem Gedeihen seiner Anstalt abhing. Willkommen, wie mir der Anlaß war, um meinen Eltern nicht länger zur Last fallen zu müssen, war mir doch Gutermann's Eile verdrießlich, der mich schon nach vier Tagen wünschte eintreten zu sehen. Später erst erfuhr ich die Ursache dieses Dringens: er hatte sich mit seinem angesehensten Unterlehrer überworfen, und die Stelle mußte rasch besetzt werden, damit bei dem nahen Herbstexamen keine Lücke, kein Stillstand bemerkbar werde. Ich versprach also zu kommen und hielt mein Versprechen. Ich trat in eine neue Welt selbständiger Wirksamkeit, die den außerordentlichsten Reiz auf mich übte; ich stürzte mich in den neuen Beruf mit einem enthusiastischen Eifer und Fleiße. Die Arbeiten zu meiner eignen Ausbildung wollte ich nicht versäumen; ich trieb arabisch und englisch und beschäftigte mich mit meinen Klassikern weiter; um dann in meinen Vorbereitungen für die Schule nicht zurück zu bleiben, gab es Zeiten, wo ich selbst im tiefsten Winter Morgens um drei Uhr schon aufstand. Der ausgebreitete frühere Briefwechsel ward fast ganz unterbrochen; Hessemer trat seine Reise nach Italien und Aegypten an; ich nahm Kenntniß von dem ausführlichen Tagebuch an seinen[216] Vater, directe Briefe wechselten wir nur gelegentlich; mit allen übrigen Freunden schrieb ich wenig. Ihre seltenen Briefe aber be, zeugen, daß die meinigen damals »Jubel sprudelten«; daß ich mein Treiben gedeihlich nach außen, für mich selber förderlich fand; daß sich zu meiner neuen Geistesfreiheit mein alter jovialer Sinn wieder zugesellte, der in dem bittern Ernste der letzten Kämpfe verloren zu gehen drohte. An Schlosser schrieb ich dankend für seine Empfehlung, mit der er mich ungemein glücklich gemacht hätte. Alles war auch darnach angethan, mich in meiner neuen Lage ganz zufrieden zu stellen. Die äußeren Bedingungen der Stelle, gleich anfangs sehr anständig, wurden schon nach einigen Wochen zum Doppelten gesteigert. Der Vorsteher der Anstalt war ein junger Mann von Geist und Bildung, von gewandtem, gewinnendem Wesen, der mich anfangs blendete durch freigebigen Glanz nach außen, durch eine Ueberschwenglichkeit innerlichen, freundschaftlichen Entgegenkommens. Er war unablässig bedacht, mir Vergnügen zu machen; er führte mich in mehrere angesehene Familien ein, wo er hinter meinem Rücken alles Lobes über mich voll war. Ich kam seinen Beweisen von freundschaftlicher Neigung offen entgegen; wir tauschten Erzählungen über unser früheres Leben und trafen uns auf mancherlei ähnlichen Gängen und Irrgängen. Auch von geistiger Seite suchte er mir, bei zwar großen Abweichungen, nahe zu rücken. Er war ein Schellingianer, in Wesen und Weben ein voller Romantiker und Jungdeutscher, der am liebsten in den Genüssen toll aufregender Poesie und Musik umwühlte; trotzdem aber nahm er allen Antheil an meiner antiken Richtung, förderte, unterstützte sie durch passende Büchergeschenke und nahm mich für vorausbestimmt, die Geschichte von Griechenland zu schreiben. Voll Anregung wie dieser Umgang mit dem Director war auch der Verkehr mit den Lehrern. Sie standen, wenn nicht freundschaftlich, so doch freundlich zusammen; die Lehrerversammlungen, wo sich ein reger, einträchtiger Eifer aussprach, der manchmal bis zu warmer Begeisterung[217] gesteigert war, machten mir die besten Eindrücke. So war auch das Verhältniß zu den Schülern von der versprechendsten Art. Die freimüthige, mehr familiäre Weise, wie sich die Lehrer zu ihnen, sie sich zu den Lehrern stellten, war mir neu und befremdend, nicht aber unangenehm. Die Anlagen, die Fähigkeiten der Schüler, deren es in fünf Klassen von 7?18 Jahren gab, schienen mir im Ganzen vorzüglich. Eine reiche Stadt wie Frankfurt hat das eigene, daß sie Kinder körperlich gut, ja üppig aufernährt; dies hat auf die frühere Entwicklung der Geister einen sichtlichen Einfluß, aber auch darauf, daß frühe eine Freude an äußeren Genüssen und mit der vorzeitigen Einweihung in die Prosa des Lebens eine Sättigung an allen höheren Dingen eintritt. Dies hatten wir Alle an den Schülern der obersten Klasse mit Verdruß und Widerwillen zu bemerken, auf die es schwer war irgend eine Einwirkung zu erhalten; nichts aber war dankbarer, als den elastischen Geistern der 2. und 3. Klasse, den Schülern von 12?15 Jahren Unterricht zu ertheilen. Was mir die Luft des neuen Berufes noch erhöhte, waren die Unterrichtsgegenstände, die mir zugetheilt wurden. Anfangs mit Latein und Geographie beschäftigt erhielt ich bald den Geschichtsunterricht durch alle Klassen und das Griechische zum größeren Theile, die Fächer, die mir die erwünschtesten waren. Fehlte noch etwas mich ganz zu beglücken, so war es der Erfolg meines Unterrichts. Er ward mir nicht leicht gemacht. Der große Eifer, den ich anfangs in Direction und Lehrerversammlung fand, nahm sehr bedeutend ab, als sich die Krise, in der ich in die Anstalt eingetreten war, verzogen hatte; der Director ward träge, Lehrer und Schüler ließen nach, bei den zuletzt eingetretenen Lehrern, die von der ersten Wärme noch erfüllt geblieben, stellte sich Mismuth und Befremdung ein. Bei mir nun hielt das Bemühen, das, was ich zu thun übernommen, ganz und nach Kräften zu thun, ausdauernd an. Meine Methode in Unterricht und Zucht war bei aller Freundlichkeit gehaltener und ernster als die der älteren Lehrer; sie sollte die Knaben in etwas[218] ehrerbietigere Ferne stellen und vor Allem Achtung, Gehorsam und Ordnung gründen; in dem Unterricht der Geschichte sollte der Anekdotenkram eine ernstere Behandlung, in der Grammatik die tändelnde Manier einer stricten Methode weichen: das wollte sich im Anfang lange nicht machen. Die Trockenheit meiner Geschichtserzählung, die Stärke meiner Anforderungen machte mich bei den Schülern verrufen, die Strenge meiner Zucht trug mir den Spitznamen des Polizeimeisters ein. Aber die Gewöhnung verschaffte mir doch bald Boden; nach hergestellter Ordnung war meine Natur ja ganz auf Milde und gemüthliche Behandlung gestellt. Bald gewann ich mir die solideren Herzen unter den Schülern, und sie zogen die anderen langsamer nach. Mein Geschichtsunterricht fesselte die Knaben ganz anders, als sie in größeren Ueberblicken erst den Gesammteindruck einer behandelten Periode erhielten. Im Griechischen glaube ich bei Anfängern, mit nur drei Stunden in der Woche, in neun Monaten einen solchen Grund gelegt zu haben, wie er nur da möglich ist, wo man den Unterricht in dieser Weise auf wenige Stunden beschränkt, der Selbstthätigkeit breiten Raum gibt und nutzlose Erschwerung so vorsichtig meidet wie schädliche Erleichterung. Diese Schüler sahen mit Selbstgefühl auf die Fortschritte in einer so kleinen Zeit zurück, in der sie in Homer und Xenophon eingedrungen waren, und ich hätte sie bei fortgesetztem Unterricht unzweifelhaft zu stolzen und sichern Gräcisten gemacht, ganz abgesehen von dem, was ihnen diese Stunden für Geist und Seele sonst noch eingetragen hätten. Denn das lernte ich recht im Gegensatze zu meinem eignen Gymnasialunterricht damals gründlich erkennen, welche unschätzbare Mittel der geistigen Reifung in diesen alten Sprachen liegen, und mit wie tiefem Rechte der ganze Unterricht der gebildeten Jugend in ihnen wurzelt, die an unendlichen Anregungen des Geistes unerschöpflich sind, wo die exacten Wissenschaften, wie Voltaire sagte, den Geist da lassen, wo sie ihn finden.[219] Ich nahm es ernst mit meiner Pflicht, ich hatte Freude an meinem Berufe, dies war das Geheimniß meiner Erfolge. Unter diesen Erfolgen war Einer: daß ich vor Allem selber in meinem Lehrerberufe lernte, daß ich in ihm nicht nur neue Kenntnisse, sondern mehr noch neue Lebenserfahrungen sammelte. Meine Ansichten und Begriffe von Schule und Schulwesen bildeten sich hier rasch zu großer Bestimmtheit aus. In meinen gesammelten kleinen Schriften stehen zwei Aufsätze von 1834?.1835 über französisches Unterrichtswesen und über Universitätsreform, deren Inhalt als ein Ergebniß der Erfahrungen angesehen werden kann, die ich als Student und Docent an der Universität und damals als Lehrer an der Schule in Frankfurt gemacht habe. Die Spuren der Begeisterung, mit der ich damals an dem Schulsache hing, wird man noch aus den so viel spätern Schriften herauslesen. Sie athmen nichts als Abscheu gegen die pedantische Gelehrsamkeit und die herkömmliche Methode der Philologen, die nicht Pädagogen sind. Sie predigen die Abwendung von aller nutzlosen Quälerei und aller leichtfertigen Gängelei der Jugend. Sie empfehlen den gesunden Weg der Natur zu gehen, die eigenthümliche Kraft des jugendlichen Geistes, die Einbildungskraft, zu fesseln und dem Anbau des einseitigen Verstandes und der Altklugheit auszuweichen. Sie verrathen den streng wissenschaftlichen Geist, der sich von allen Realschulprojecten in voller Entschiedenheit abwandte, aber den Gymnasien bei der Fortdauer ihrer scholastischen Sprachmethode den Anwachs ihrer realistischen Gegner voraussagte, die durch die verkehrte Behandlung der Sache ein Recht erhielten. Der Kern der beiden Aufsätze aber ist die Hinweisung auf eine geschichtliche Methodik für den Unterricht und das Schulwesen, auf die geschichtlichen Gesetze, die der Ordnung des deutschen Erziehungswesens unwissentlich zu Grunde liegen, und das Hindringen auf die Abwerfung der Auswüchse in unserer Methode, wo die Praxis zu einzelnen Abweichungen von jenen Gesetzen geführt hat. Man sieht, es war[220] mir ein Ernst mit einer ganz innerlichen Durchdringung der philologischen und historischen Studien, zu deren äußerer Verbindung mir Schlosser dringend gerathen hatte, als ich ihm meinen Uebertritt zu seiner Fahne meldete. Diesem Entschlusse, mich ganz der Geschichte zu widmen, drohte übrigens hier in Frankfurt noch einmal ein Rückfall. Bei dem fröhlichen Gedeihen meiner pädagogischen Wirksamkeit war ich damals dem Lehrerberufe so innigst ergeben, daß ich bei einer Fortdauer meiner damaligen Verhältnisse kaum an einen Rücktritt in das Gelehrtenleben an der Universität oder in eine blos schriftstellerische Laufbahn gedacht hätte. Aber das Schicksal schnitt diesen ablenkenden Faden entzwei, als ob es mich auf die Bahnen der freien Wissenschaft mit Gewalt hinüberdrängen wolle. Ein geringfügiger Zufall gab den Anlaß zu meiner Trennung (Anf. 1829) von der Anstalt; was mich bei einem oder dem anderen meiner Freunde wieder in das Licht eines unruhigen Geistes stellte, der nirgends gut thun wollte. Es gehörte zu meinen Eigenheiten, daß ich diesen Schein im Bewußtsein seiner Grundlosigkeit schweigend über mich nahm, ja daß ich nicht allein damals, sondern sogar bis heute den eigentlichen Grund der Zerwürfnisse, die mich aus der Anstalt nöthigten, keiner Seele gesagt habe. Das gute Verhältniß zu Gutermann hatte in seiner ersten Blüthe nicht lange bestanden. Das Nachlassen jenes anfänglichen Eifers, die Schlaffheit des ganzen Ganges der Verwaltung und des Unterrichts hatte mich bald verdrossen. Die Wärme, in der ich selber anhielt, die Anerkennung, die ich in vielen Familien fand, erregte noch bälder Gutermann's Eifersucht gegen mich; er gab mir Schuld (ob es nun seine Ueberzeugung war, oder ob er einen Vorwand gegen mich suchte), eine Würde und Stellung über ihm er strebt zu haben. Eine Neigung, ohne viel zu frageneigenmächtig meines Weges zu gehn, muß ich mir selber wohl Schuld geben; sie war aber bei der Erschlaffung der ganzen Direction geradezu geboten; Gutermann's eigner Bruder setzte mir oft und beständig zu, ihn[221] mit allen Mitteln auf andere Wege zu bringen. Einmal als ich bei einer Unpäßlichkeit meine griechischen Stunden aus eigner Machtvollkommenheit an meinen Freund Kriegk übertrug, der in Frankfurt eine Hauslehrerstelle versah, ward dies ungnädig vermerkt und setzte eine starke Spannung. Eine Weile glich sich dies wieder freundschaftlich aus. Ich hatte Gelegenheit, Gutermann aus einer Geldverlegenheit zu helfen durch eine Anleihe, die ich ihm bei meinen Darmstädter Vettern eröffnete. Dies hielt aber nicht vor. Die Verlegenheit kam wieder, aber die Abhülfe versagte sich diesesmal. Es kam eine Zeit, wo der Anstalt Bankrut drohte und dem Vorsteher der Untergang; da »stürmte er dann in seine Gesundheit« und betäubte sich in Wein und Gesellschaft; im Sommer 1828 stand er am Rande der Verzweiflung. Eine Sommerreise sollte gemacht, Haushalt sollte bestritten werden, alle Mittel fehlten. Er entdeckte sich mir; ich ging nach Darmstadt, dort noch einmal Alles zu versuchen, ihm wieder eine Anleihe zu schaffen, aber es war vergebens. Der Sturm verzog sich nun zwar, aber das Misgefühl blieb in Gutermann zurück, mir, schließlich ohne Noth, seine Lage eröffnet zu haben. Die Reise mit den Knaben wurde gemacht. Als wir zurückkehrten, war Gutermann weg in Ems; er hatte einen Blutsturz gehabt. Einer der Lehrer hielt sich mit mir verpflichtet, dem Arzte Mittheilungen über seine Lebensweise zu machen, die ihm ganz unbekannt war, ihm ganz unglaublich erschien. Er setzte den Kranken bei seiner Rückkehr darüber zur Rede; unsere Eröffnungen wurden mir als ein neuer Verrath ausgelegt und mit Trotz erwidert. Gutermann hatte das Gefühl gegen uns, wie jener ertrinkende Knabe der Fabel, der dem Retter, der ihn aus der Flut zog, übel nahm und übel lohnte, daß er ihm wehe gethan. Allein auch diese Vorgänge hätten an sich wohl kaum zu einem Bruche geführt. Indessen aber hatte sich die Mutter Gutermann in den Kopf gesetzt, mich mit ihrer ältesten Tochter verheirathen zu wollen. Sie that mir alle möglichen Schritte entgegen, der[222] Bruder selber spielte gelegentlich nur allzu deutlich auf unsere Schwägerschaft an. Mir, bei meiner Jugend, in meinem enthusiastischen Berufseifer, nach meinen weitsichtigen Bildungsplanen, lag der Gedanke an Heirathen, ich kann nicht sagen wie weitab, an dieses Heirathen nun gar. Sobald mein Kopf, zum Erbarmen langsam von Begriff in solchen kleinen Ränken, diese Absicht durchsah, ward mir klar, daß ich eine Gelegenheit zur Scheidung eher suchen als meiden müsse. Der Anlaß ließ nicht auf sich warten. Ich hieß einige Knaben, die zu spät kamen, durch die Ordinarien ihrer Klassen in die Censurbücher eintragen; einer der Lehrer nahm dies in seiner Klasse, in der er schon gegenwärtig war, übel, und es kam zu Auslassungen, die den Austritt eines von uns Beiden nöthig zu machen schienen. Unter anderen Verhältnissen hätte sich ein Ausgleich augenblicklich gefunden, denn ich selber fühlte sogleich, daß ich in einer der Anwandlungen meiner Eigenmächtigkeit etwas Ungehöriges gethan hatte; Gutermann aber ergriff den Anlaß begierig, meine Aufsage anzunehmen. Für mich selber war ich froh, aus diesen trüben Verhältnissen heraus zu kommen, meinen Schülern gegenüber blutete mir das Herz. Ich werde die letzten Geschichtsstunden nie vergessen, in denen ich von ihnen Abschied nahm. Ich fand mich bewogen, einige Wochen in Frankfurt zu verweilen, um Entstellungen und Verleumdungen über die Gründe meines Abgangs vorzubeugen. Dann ging ich nach Darmstadt, wo mich zunächst eine weitaussehende Arbeit beschäftigte, die ein weiteres Zeugniß abgibt, wie eng eine Zeit lang meine philologischen und historischen Studienprojecte Hand in Hand zusammen gingen. Der Buchhändler Schmerber in Frankfurt hatte den Plan, eine Reihe älterer Commentare klassischer Autoren wieder zu drucken, und forderte mich auf, den Duker'schen Apparat zum Thukydides zu übernehmen. Die Aussicht, mit dem größten der alten Historiker auf diese Weise gründlich vertraut zu werden, lockte mich sehr; doch war ich mir meiner Unfähigkeit zu solch einer Arbeit[223] völlig bewußt. Ich spielte eine Weile mit dem Gedanken, dann wollte ich zurück und ergriff dazu einen falschen, unentschiedenen Weg; ich erklärte dem Verleger, ohne ein gewisses wie mir schien hochgegriffenes Honorar wäre die Aufgabe doch nicht zu übernehmen; er faßte mich bei dem Wort und sagte mir das Honorar sogleich zu; so gerieth ich in die Falle. Mein College Morstadt, der noch eine Weile mit mir zusammen bei Gutermann arbeitete, erklärte sich bereit den Text zu bearbeiten und unterwarf den Pfälzer Codex einer neuen, gewissenhaften Durchsicht. Für mich war das Ueble, daß der Verleger den Duker'schen Apparat mit ausgezogenen »Noten, Citaten und Nachweisungen der neueren« Commentatoren, wie der Vertrag besagte, wollte vervollständigt haben, um den zweifelhaften Absatz zu sichern; dadurch ward das Ganze ein Hause ungleichartiger Materialien, der mir verleidete, so daß ich mich bald in einer gütlichen Weise von der ganzen Unternehmung los zu machen suchte. Vorerst in Darmstadt und nachher in Heidelberg arbeitete ich aber unausgesetzt an dieser Aufgabe fort. Daneben aber begann ich mich zugleich in das Quellenstudium der mittelaltrigen Geschichte, zunächst von Spanien und England, hinein zu wühlen. Um in diesem Studium, um in dem Gange meiner eigenen Ausbildung nicht gestört zu sein, hatte ich nach meinem Austritt von Gutermann eine Hauslehrerstelle, die mir der Graf Langenau anbot, ausgeschlagen und schlug jetzt eine zweite in einer englischen Familie aus, die mir ein neuerworbener englischer Freund, Dr. Wyß in Heidelberg, antrug. Bald nachher wiederholte mir Wyß seinen Wunsch und bestach mich damit, daß meine Schüler die Sthule besuchen und so nur unter meiner Oberleitung stehn würden. In dieser Form bot mir der Antrag einen erwünschten Anlaß dar, nach meinem geliebten Heidelberg zurückzusiedeln und an Ort und Stelle die günstige Gelegenheit abzupassen, mich zu habilitiren. Ich kam also im Juli 1829 dahin, um mich als Hauslehrer zu versuchen. Das bekam mir schlecht. Die[224] Eltern waren untadlige Leute; der alte Hunter, ein gedienter Capitän der k. Marine, eine ächte Matrosennatur, ganz Offenheit und Biederkeit; die Frau sein und edel in Haltung und Weise. Bei meinen Zöglingen aber fand ich einen weiten Abstand von meinen Frankfurter Schülern. Dazu ward die Verabredung nicht eingehalten, indem der Vater wünschte, seinen Aeltesten aus der Schule zu halten und meiner Leitung ganz zu übergeben. Ich ließ mich bewegen nachzugeben, verführt von dem anfänglichen guten Willen des jungen Herrn, der aber bald in eine unbesiegbare Schlaffheit zurückschlug. Ich erkannte sogleich, daß hier meines Bleibens nicht sein könne; gleich nach dem Eintritt schrieb ich Aeußerungen in diesem Sinne nieder. Der Zwang vor Allem quälte mich: dieser Punct allein, schrieb ich, werde mich wegtreiben. Dann war mir der Zeitmangel für meine eigene Weiterbildung empfindlich, wie auf der andern Seite mein Zeitkargen der wackern Familie empfindlich sein mußte, deren aufrichtig gute Wünsche ich gern hätte erfüllen mögen. Die Unfähigkeit der Knaben war vor Allem doch das schlimmste. Der Verkehr mit ihnen versetzte meiner Gesundheit einen furchtbaren Stoß: denn nichts ist nervenverwüstender als die Unterrichtung weniger gleich unbegabter Schüler, vor deren Dummheit man sich nicht, wie in dem größeren Kreise einer Schule, bei den fähigeren ausruhen kann. Ich beeilte also meine Habilitationsarbeiten, schrieb rasch meine Auszüge über angelsächsische Geschichte in eine quasi Dissertation zusammen, bekam (28. Aug. 1830) die Erlaubniß zu lesen, hielt mit dem Aufgebot all meines Lateinredens meine Disputation und eine Probevorlesung (über Theoderich) und meldete mich im Herbste 1830, nachdem ich ein anständiges Jahr meine Qual getragen hatte, als Docenten der Geschichte. Ich trat in diese neue Laufbahn in den schlechtesten Körper- und Gemüthszuständen ein. Waren es nur die Nervenreize meiner letzten Beschäftigung, oder hatte ich mich all die Jahre her über Vermögen angestrengt, meine Kräfte waren plötzlich wie erschöpft.[225] Ich war im Herbste 1830 in einem Zustande, der mich ganz stutzig machte. Ich brachte 14 Tage in Darmstadt zu, wo mein Arzt den Ausbruch eines Nervenfiebers fürchtete. Nachher reiste ich auf einem Umwege nach Heidelberg zurück und dachte hergestellt einzutreffen, kam aber kränker an, als ich gegangen war. Ich fand mich in eine peinvolle Schläfrigkeit zurückgeworfen und war vor übergroßem Blutandrang nach dem Kopfe unfähig zu arbeiten. Freund Kriegk triumphirte Anfangs ein wenig, daß auch ich etwas von dem Wermuth zu trinken habe, an dem er sich Jahre lang verbittern mußte; bald rief er und die andern Freunde, besorgt vor einem gefährlichen Krankheitsausbruch, mich von meiner »unbändigen Thätigkeit« zu anhaltender Erholung zurück. Für meine Thukydidesarbeit mußte ich mir eine Pause erbitten, die nachher zum völligen Rückzug überleitete. Grade nach dem Ausgang aus meiner Hofmeisterei kamen auch innere Leiden der verschiedensten Art hinzu, mich noch stärker zu erregen. Für mein körperliches Befinden war es vielleicht ein Glück, für meine Stimmung ein Unglück, daß sich im ersten Semester nur wenig Zuhörer fanden, und daß ich nur ein Privatissimum lesen konnte. Dann fehlte es mir Verwöhnten an einem vertrauten, freundschaftlichen Umgang. Ich schrieb damals an Flegler in einer Charakteristik meiner selbst: noch sei ich wie sonst; Historicus mit Leib und Seele; voll abenteuerlicher Entwürfe, zu denen mich nichts berechtige, leicht zum Urtheil, langsam im Lernen, noch immer der alte Kindskopf, der für seine (Flegler's) gemüthlich-humoristische Art die Menschen zu belachen so vielen Sinn hätte; dabei derb prosaisch, wenigstens mit ihm verglichen; denn in meiner Umgebung kam ich mir vor wie ein Phantast. ? Ich lebte gleichwohl in einem Kreise anregender, geistreicher Collegen, mit Hermann, Hitzig, Hepp, v. Löw, Mittler; aber nur mit Hitzig stand ich auf einem traulichen Fuße; die gesellschaftliche Welt zu besuchen mußte ich mich zwingen. Noch ein häusliches Leid, noch ein freundschaftlicher Kummer wirkten zu[226] meinen physischen und psychischen Verstimmungen hinzu. Mein guter Bruder hatte sich verlobt. Es war ein Sonnenblick, der auf den Herd der Familie fiel. Dann aber zerschlug sich diese Aussicht plötzlich, das Mädchen (eine Frankenthalerin) zog zurück, eingeschreckt von dem katholischen Beichtiger über die Ehe mit einem Ketzer. Der Fall traf meinen Bruder sehr hart, dem es an hartem Geschicke ohnehin nicht fehlte. Er hatte seinen ganzen Beruf verfehlt; er war eine tapfere Natur, die durchaus für den Soldatenstand geschaffen war; nun kränkelte er bereits an einem Brustleiden, für das seine geschäftliche Thätigkeit reines Gift war. Im selben Herbste ferner war Hessemer von seiner Reise zurückgekommen. Er trat zu eben der Zeit, wo ich das Haus Hunter verließ, als Professor der Architectur an das Städelsche Institut in Frankfurt ein. Schon aus Siena hatte er mir (August 1830) sich anmeldend wie in einer Befürchtung geschrieben, daß der alte Zwiespalt zwischen uns wieder ausbrechen könnte: Gelehrsamkeit und Kunst stünden sich wie Hund und Katze einander gegenäber. Doch theilten wir die Begeisterung für alles Schöne und Gute, und das müsse ein tüchtiger Ankerplatz der Freundschaft sein. Aber als er nun zurück war, misfiel mir aufs neue an ihm, wie wenig er gleich anfangs die beneidenswerthe Lage, in die er gestellt war, auszubeuten wußte. Er war wenn Einer dazu geschaffen, unserer ringenden Baukunst eine Richtung zu geben. Ich stritt darüber mit ihm schon früher, jetzt wieder: in Deutschland sei nach dem Ausgang der kirchlichen Baukunst, wie es in allen Völkern der Fall ist, die große Periode der weltlichen, bürgerlichen, nationalen Kunst gekommen: die gelte es mit gründlichster Vorbildung an dem Besten der alten Welt zu schaffen. Der Kern all meines neuen Mismuths über ihn war dies, daß er dafür durch seine ägyptischen und maurischen Liebhabereien allen Sinn verloren hatte. Er war dort in Frankfurt an so trefflicher Stelle für solch eine bahnzeigende Richtung. Er hatte eine Schule zu gründen und war auf den Weg der Theorie[227] gewiesen; er hatte einen großen Seitenbau in seinem Institute auszuführen und war so zugleich, in einer reichen, sich weit ausbreitenden Stadt, auf den Weg der Praxis geführt. Hätte er sich auf diese ersten Aufgaben mit aller seiner Kraft und Kenntniß, zugleich auch mit der nöthigen praktischen Umsicht geworfen, ihm hätte Alles glücken müssen. Statt dessen zerstreute er sich in einer kaum glaublichen Weise. Er hatte für den Engländer, auf dessen Kosten er seine ägyptische Reise gemacht, eine Reihe Zeichnungen zu liefern; daneben wollte er seine Reisebriefe herausgeben, eine Eitelkeit, von der ich ihn nur mit Mühe abbringen konnte; dann arbeitete er an einem großen Ornamentenwerk, das später herauskam und seinen Namen ehrenvoll bekannt gemacht hat; und außer dem Allen trug er sich fortwährend mit dem Gedanken an eine Geschichte der Baukunst, wo mir klar war, daß er die eigentliche Aufgabe mit einer ästhetischen Beurtheilung der Werke dieser Kunst verwechselte. Immerhin aber war dies doch eine ganze Welt voll reizender Vorwürfe und Beschäftigungen: er aber klagte, daß seinem Leben in Frankfurt »alle Freude und freudige Anregung von außen fehle«; der Boden unter ihm schien ihm nicht mehr der alte zu sein; er hatte wie ein Heimweh in die Fremde, nun da er daheim war; er kam zurück »als ein für die Alltagswelt ganz verlorener Gast«; er fand Alles um sich herum trivial bis ins Mark; er füllte sich den Kopf mit neuen Reiseplänen nach Spanien, nach Persien gar! Die Reise war ihm offenbar nicht gut gewesen. In Italien hatte er rüstig und fleißig gearbeitet wie immer; aber die allzulange Ausspannung aus aller geschäftlichen Thätigkeit hatte seine ganze Künstlernatur wieder aufs einseitigste hervorgerufen. Die Reise nach Aegypten hatte das schlimmer gemacht; er wußte sich was mit der Fahrt, die damals noch nicht etwas so gewöhnliches war wie heute; er hatte dort Rollen zu spielen, im Türkeneostüm zu reisen gehabt; als das unter den Stößen von Mappen aus dem Reisekoffer ausgepackt war, seufzte der Onkel Moller aufs neue nach gesteigerter[228] Bewunderung des Fleißes seines Neffen: Er wird kein Baumeister! Mich verstimmte das Alles entsetzlich; ich begann meinen alten Hader mit ihm. Kriegk beobachtete ihn in nächster Umgebung; er fand ihn geistig förmlich krank; er billigte alle meine Ausstellungen, aber er bemerkte, daß sie Hessemer nicht verstand. Wir entfremdeten uns und fühlten es; wir ordneten Zusammenkünfte an, das schlug einmal gegen alle Hoffnungen aus. Ich arbeitete an dem Freunde, als ob es mir mehr um seinen Namen und Existenz gelte als um die meinige, aber vergebens. Ich wollte in ihm noch jetzt die Umwälzung nachwirken, die ich selber erlebt hatte; er schrieb mir jetzt mit trocknen Worten: »Ich kann keine Revolution meines Wesens vornehmen.« Ihm zürnen, persönlich von ihm zurückziehen, konnte man gleichwohl bei seinen sonstigen Trefflichkeiten, bei der Liebenswürdigkeit seiner Freundschaft nicht. Klagte ich wie ehemals über seine persönlichen Seltsamkeiten, so schrieb er entwaffnend zurück: Das Seltsamste in mir »ist gewiß die Innigkeit meiner Freundschaft für Dich; an die lege mir keinen Zaum!« Ich beruhigte ihn über dieses Freundesverhältniß, nichts solle uns trennen. »Wenn aber, schrieb ich (15. Jan. 1831), unter so vielen sogenannten Freunden Ein wirklicher ältester, auf den man rechnete und baute, solche Sprünge zu machen droht, die einen um den letzten Trost bringen möchten, so soll man nicht grimmig werden? Gott helfe mir. Denn das ist wahr, bissig bin ich geworden und resolut wie der Teufel. Du darfst deines Lebens vorerst nicht froh bei mir werden. Habe ich mich geplagt, so magst auch du dich plagen. Und vor den Ruhm haben die Götter den Schweiß gestellt.« Amazon.de Widgets Es ist sehr wahrscheinlich, daß mich damals die Nachwirkungen einer unausgebrochenen Krankheit, die häuslichen Bekümmernisse, die freundschaftlichen Zerwürfnisse, der Umgangsmangel, die geringen Docentenerfolge viel bedeutender niedergebeugt hätten, wenn mir nicht meine wissenschaftlichen Beschäftigungen eine Quelle steten Trostes gewesen wären, und wenn nicht eben zu dieser Zeit die[229] öffentlichen Dinge in Europa einen so ungeheuren Umschwung genommen hätten, der mich über diese kleinen, persönlichen Angelegenheiten bald hinüberheben mußte. Es läßt sich denken, daß ich meine volle Muße und Freiheit, das Ziel meiner ersten und letzten Wünsche, kaum angetreten hatte, als auch die alte schriftstellerische Ader wieder in mir aufsprang. Ich war nun meiner historischen Wissenschaft ganz überlassen und fühlte meine Brust freier und freier. Ich war ganz Fleiß; ich fuhr fort, meinen Briefwechsel immer mehr abzukürzen, und schrieb den Freunden ganz offen, daß ich »die unfruchtbaren Gänsekielsermone« über Noth nicht unterhalten würde. Schon während meiner Hofmeisterei hatte ich neben meiner angelsächsischen Skizze kleine Anzeigen für die Heidelberger Jahrbücher zu übernehmen begonnen; zugleich reizte es meinen Ehrgeiz, in dem Histor. Archiv von Schlosser und Bercht, das eben in Unternehmung war, einen tauglichen Mitarbeiter abzugeben. Ich hatte alle die Zeit über an meinen Quellenstudien fortgearbeitet. Neben der englischen Geschichte hatte mich die spanische beschäftigt. Meine alte Vorliebe für das Land, die gute Versorgung der Darmstädter Bibliothek im Fache der spanischen Literatur, der Verkehr mit dem dortigen Bibliothekar Schäfer, dem gründlichsten Kenner iberischer Geschichte in Deutschland, hatten mich auf dies Gebiet herübergeleitet; daneben sah ich auch schon auf die italienische Geschichte hin, in der ich weiterhin ähnliche Quellenexcerpte zunächst aus florentinischen Schreibern anhäufte. Ich arbeitete nun für das Archiv ein Stück aragonischer Geschichte aus, über die damals in Deutschland nichts als ein Buch von Schmid existirte, neben dem ich mich getraute, über die innere Entwicklung des aragonischen Staats ein ebenso starkes Werk zu stellen, von dessen Inhalt kaum etwas in jenem enthalten sein sollte. Daneben schrieb ich den Aufsatz »Ueber historische Größe«, dem später ein Parallelstück hätte folgen sollen über die Emporkömmlinge, die Cäsarisch-Alkibiadischen Charaktere, die in den revolutionären, tragischen Perioden der Staatengeschichten[230] die Gegenstücke zu jenen epischen Helden bildeten, mit ihren Bestrebungen an dem Willen der selbständig gewordenen Völker scheitern und im Kampfe mit dem Schicksal untergehn. Als dann durch den Muthwillen Dr. Bercht's ein Streit zwischen Heeren und Schlosser veranlaßt ward, hielt ich es für die Pflicht eines ordentlichen Schülers, sich seines angefochtenen Lehrers anzunehmen: ich wollte erst eine ins Einzelne eingängliche Kritik der alten Geschichte Schlosser's schreiben, was sich dann allmälig in die »Historischen Briefe« umänderte, die es mich kitzelte grade in dem Archive niederzulegen. Ich schrieb an Bercht von dieser Arbeit und ihrem Zweck und wünschte mir in jugendlichem Dünkel einige huldreiche Blicke der Nymphe ????????, mit der er so anständig zu liebkosen wisse; ja »wenn es vergönnt sei mit den Wünschen nach dem Ideale zu greifen, einige Lessingische Geschwätzigkeit, Zierlichkeit und anlockende Gemeinverständlichkeit, sammt einiger Voßischer Derbheit, die Briefe so herzurichten, wie sie zum Ruin Heeren'scher Anmaßung und Seichtigkeit am besten taugten.« Aber Bercht hatte nicht den Muth, den eingefädelten Handel durchzukämpfen noch durchkämpfen zu lassen. Da die Arbeit gemacht war, ließ ich sie anonym bei Lanz in Hadamar erscheinen. Hingeschüttelt wie sie sind, können die Briefe noch heute neben den andern genannten Arbeiten bezeugen, wie ich mich nach allen möglichen Seiten der unendlichen historischen Gebiete auszubreiten suchte, während zugleich mein eigentlicher Hang mehr in die Tiefe der historischen Betrachtung, nach der geistigen Erfassung des geschichtlichen Materials drängte. Wer den Schluß der Aragonischen Geschichte mit dem Aufsatz über historische Größe vergleicht, der wird leicht den Zug erkennen, aus der Vielheit der Erscheinungen zu dem einheitlichen Puncte des Zusammenhangs zu gelangen, durch geschichtliche Vergleichungen geschichtliches Urtheil zu bilden. Er wird gewahren, wie mich in Schlosser's Schriften vorzugsweise die geschichtsphilosophische Ader anzog, wie ich ihm seine Analogien abzulernen versuchte, wie ich mit ihm den Staub der Archive verschmähte[231] gegen den Geist und den idealen Gehalt in den Dingen. Damit hing es zusammen, daß mich schon damals bei meinen Studien in den einzelnen Völkergeschichten der Gedanke beschäftigte, die europäische Staatengeschichte einmal in einem kleinen Umfange darzustellen, nicht in den politisch-pragmatischen Zwecken Spittler's, sondern um in ganz historisch-philosophischer Vergleichung die Gegensätze der staatlichen Entwicklungen hervorzuheben. Aus allem ersieht man, wie ganz ich in dieser Zeit der ersten freien Selbstbestimmung und der wissenschaftlichen Schriftstellerei in das historische Studium versenkt war. Aus Schlosser's Anleitungen, wie vielseitiger Natur sie auch waren, hatte in mir doch keine fester gehaftet als die Hinweisung auf die Wissenschaft an sich und das Glück, das sie ihren Jüngern gewähre; sie schien mir selbstverständlich das Ding, das meiner Natur am angemessensten war. Die ganze Zeitlage gab dieser Richtung in jenen für mich so entscheidenden Jahren fast alleinigen Nachdruck. Bei dem Tode aller öffentlichen Interessen war die deutsche Wissenschaft in den Wer Jahren der größte Gegenstand, der das Auge auf sich zog. Die Hegel'sche Philosophie beherrschte das Geschlecht der Gebildeten in dem Maße, daß sich fast Niemand ihr entziehen konnte. Geschichte, Alterthumskunde, Linguistik, deutsche Literatur, die Naturwissenschaften in allen Zweigen, Geographie, Alles trat auf eine ganz neue Stufe der Erkenntniß und der Methode der Erforschung hinüber. Mein englischer Freund Wyß, der eingeweiht in die ganze Bewegung des geistigen Lebens in Deutschland war, schärfte mir, als ein Fremder, den Blick auf viele der mannichfaltigen Richtungen dieses Lebens, die mir Heimischen in der Gewöhnung an das, womit ich aufgewachsen war, weniger auffällig geblieben wären; und er ward nicht müde, mich mit Stolz zu füllen auf das Imposante dieser Erscheinung, auf die Allseitigkeit und Allfertigkeit, auf die Breite und auf die Tiefe der deutschen Wissenschaften. In Heidelberg war in dem neu entstandenen Museum eine umfassende Sammlung politischer[232] und mehr noch wissenschaftlicher Zeitschriften; ich folgte in weiter Allgemeinheit den verschiedensten Canälen dieser großen Flut; meine alte Lesewuth lenkte jetzt von Poesie und Literatur in diese wissenschaftlichen Bahnen ein. Und so gänzlich war ich in das Element der Wissenschaft vertieft, daß mich selbst die große politische Bewegung von 1830 nicht aus dem strengen Verfolge jener verschiedenen Arbeiten herauswerfen konnte, die meist alle im Laufe der Jahre 1830 und 1831 erst Gestalt und Abschluß erhielten. Gleichwohl erwartet man nicht anders, als daß die Julirevolution die gewaltigsten Eindrücke in meinem Geiste zurücklassen mußte. Ich erlebte sie noch in dem Hunter'schen Hause, aber eben als ich mich zum Austritt anschickte: die Einflüsse, die das ungeheure Ereigniß auf die ganze Gesellschaft ausübte, konnte so in aller Fülle auf mich herüberwirken. Bei der Nähe der Centralstätte der großen Bewegung, bei der Lebhaftigkeit des süddeutschen Temperamentes nahm in meiner Umgebung die Erregung einen tumultuarischeren Charakter an und prägte sich um so schärfer in die Seele. In der Pfalz war es, wo die deutsche Bewegung zuerst zu einer stärkeren Explosion führen sollte; in Baden, in Darmstadt, meinem Wohn- und Geburtslande, war der politischen Bewegung durch den Tod der beiden Großherzoge Ludwig ein freierer Spielraum gegeben; ich stand also mitten in dem Herde einer großen Gährung; ich genoß in aller Jugendlichkeit die Freude an der großartigen Erschütterung ganz aus, die den Welttheil durchzuckte, die ein Leben in viele gelähmte Glieder schlug, die die Gesellschaft von dem unheimlichen Alp österreichischer Vormundschaft und Weltpolizei befreite. Die Vernichtung der 15jährigen sauren Arbeit der Reaction in den wenigen Julitagen weckte dem jungen Gemüthe den wohlthuenden Glauben an die vaterländischen Geschicke, daß der Tag der politischen Entwicklung auch für Deutschland angebrochen sei. Seltsam aber: bei dieser warmen, durchaus innigen und selbstlosen Hingebung an das Vaterland und seine Hoffnungen, an die Zeit[233] und ihre Forderungen, war ich schon damals fast mit allen Ständen und Theilen der Gesellschaft, mit denen ich in Berührung kam, in Widerspruch, wie ich es später in weiteren Kreisen, in viel lebendigerer Berührung, aus viel gereifterer Erfahrung und Kenntniß in den Bewegungen des Jahres 1848 war. Ein ganz rückgezogener, unscheinbarer und unbeachteter Mensch von nur 25 Jahren wagte ich mich doch schon damals in sehr verschiedenen Kreisen in sehr lebhafter Weise mit Ansichten hervor, die überall die Strömung der Tagesmeinungen und der Parteileidenschaften gegen sich hatten, die Erfolge aber für sich; die daher dem gelbschnäbligen Kannegießer schon jetzt zuweilen eine kleine Aufmerksamkeit eintrugen auf seinen politischen Instinct oder seine historische Witterung. Wie noch im Jahre 1848, so war ich in weit höherem Grade damals 1830 von dem dunkeln, aber darum nur um so drückenderen und überzeugungsvolleren Gefühle erfaßt, daß in Deutschland die Dinge für irgend eine dauernde politische Umgestaltung nicht reif waren. Es gehörte unter meine frühesten historischen Abstractionen, daß Deutschland Ursache habe, sich vor allen politischen Uebereilungen und verfrühten Revolutionen zu scheuen. Die Geschichte der europäischen Völker im Fluge überschauend schrieb ich damals vergleichend die Sätze nieder: Italien und Spanien hätten keine Reformation, keine moderne Literatur, keine Revolution gehabt; England nach seinen gemischten Ordnungen eine monarchische Reformation, eine demokratische Literatur, eine aristokratische Revolution; in Frankreich sei trotz allen erobernden Anfängen Reform, Literatur und Revolution ohne Erfolg und dauernden Ertrag geblieben; Deutschland habe in Böhmen eine verfrühte Reformation, in Schlesien eine verfrühte Literatur, im ulljährigen Kriege eine verfrühte Revolution zu büßen gehabt. Sah ich mich nun der Literatur des »jungen Deutschland« gegenüber, die mit der Julirevolution aus allen Winkeln aufquellend ein seichtes Gewässer revolutionärer Tendenzen über ein dürres aufsaugendes Gelände ergoß, so war mir im Innersten bange vor einer zweiten[234] Verfrühung und Verpfuschung des politischen Lebens. Ich war einig mit den jungen Schreiern und Schreibern über das Ziel, aber nicht über die Wege; damit, daß wir zu der Einsicht, der Schätzung, der Forderung der politischen Freiheiten und Rechte gelangt waren, sah ich noch nicht, daß wir auch des lebendigen Triebes, des festen Entschlusses, der bewegenden Kraft theilhaftig geworden seien, die diese Güter zu erwerben fähig ist. Und diese Trägheit der Seelen, diese Herzensfeigheit, diesen Charaktermangel zu heilen, schien mir die flaue Poesie und Belletristik am wenigsten geeignet, die wir nachgerade gewöhnt waren mehr als ein Schlafmittel einzunehmen. Blickte ich vollends auf die Motive des oppositionellen Schwindels in diesen Klassen und entdeckte in den bewunderten Vorfechtern dieses neuen Schriftthums die gemeinste Eitelkeit, die persönlichste Leidenschaft, die furchtbarste Selbstsucht als die häufigsten Quellen der ganz vagen und unklaren Anfechtung aller bestehenden Dinge bis in die letzten Heiligthümer der Gesellschaft, so wandte ich mich von diesem Geschlechte, das die Zukunft dieses großen Volkes tragen sollte, mit jenem unwiderstehlichen Ekel ab, der etwas später in einem Aufsatz »Ueber Börne's Briefe aus Paris« einen öffentlichen Ausdruck gefunden hat, durch den ich mich für alle Zeit mit dem ganzen Troß dieser Coterien zerwarf. Diese neue Generation in ihrem grundsätzlichen Egoismus und Epicurismus war der schroffe Gegensatz der früheren Teutonischen Jugend eines rein vaterländischen, bürgerlichen, ausopserungssrohen Charakters, die noch auf den Universitäten ihre Nachzügler hatte und in der politischen Bewegung jener Tage noch einmal wie 1815?19 eine große Rolle spielte. In meiner nächsten Umgebung war damals ein studirender Bruder meines Freundes Wilhelm Sell (Karl), durch den ich unmittelbar in das Treiben der Burschenschaft hineinsehen konnte, die zum Schlusse unseres damaligen politischen Intermezzos in dem Attentate von Frankfurt 1833 ihre letzte Aufregung austobte. Die jungen Männer complotlirten schon damals mit und ohne und wider Willen wenigstens[235] in Gedanken, durch und durch von einem leichten, flachen, flüchtigen Enthusiasmus getrieben. Ich warnte den einzelnen jungen Freund vor dieser Vergeudung der Leidenschaft ohne die Kraft der Selbstbeherrschung, vor dieser Vergeudung der Thatensucht ohne den Besitz der Einsicht; und ich las im Sommer 1831 öffentlich über Geschichte der constitutionellen Ordnungen in Europa, um auf die Schranken der geschichtlichen Gesetze in der Staatenentwitklung zu verweisen, von denen diese brausenden Köpfe keine Ahnung hatten. Durch die Geschäftsverbindungen meines Bruders über dem Rheine hatte ich Gelegenheit, dort jenseits des Flusses wie diesseits in die Kreise der mittleren Volksklassen hineinzublicken. Betrachtete ich da, wie bereitwillig die eigentlichen Bürger in der Bewegung des Tages dem Studenten den Vortritt ließen, wie sie zugleich in allem ihrem Eifer für den Constitutionalismus, das ideale Ziel des damaligen Liberalismus, immer auf alles Regiment wie auf eine Art Providenz blickten, so fehlte mir die erste Bedingung eines politischen Lebens, Sinn und Begriff der Selbstregierung, und ich schrieb bedenklich in ein Notizbuch, das ich in jenen Tagen führte, die Worte nieder; »Mit dem Uebel der Verfassungen, ihrer Abstellung und Verbesserung muß sich der Bürger selbst nach seiner Einsicht, Tapferkeit und Aufopferungslust befassen; von oben, von selbst, von Anderen kann es nicht kommen.« Waren diese selben zaghaften Leute, durchschossen von Wühlern, in Massen zusammen, so überstürzten sie sich in Vermessenheit und überflogen sich in prahlerischen Voraussagen einer großen süddeutschen Revolution; dies Flackerfeuer meiner näheren Landsleute war mir in jenen meinen jungen Jahren schon so verdächtig, daß ich mit der größten Bestimmtheit die Worte in jenes Buch eintrug: »Wenn in dem südlichen Deutschland eine Revolution ausbricht, so schlägt sie ohne weiteres fehl; aus Mittel- und Norddeutschland muß uns das Heil kommen, so sehr man über Preußen schimpft; denn dort ist Nachdruck, Ordnung und militärische Kraft.« Fixirte ich dann die eigentlichen Führer[236] und Leiter bes Liberalismus, die Schürer dieses flüchtigen Feuers, und sah sie sich freuen auf eine Propaganda französischer Staatsideen und nach Frankreich das Auge richten als auf das Vorbild für alles Staatsleben, so war ich auch da ganz anderen Sinnes und finde in dieselben Notizen die Bemerkung eingetragen: »Frankreich wird wohl nie auf constitutionellem Wege sein höchstes Ziel erreichen.« Diese Puncte meines Gegensatzes bezogen sich mehr auf grundsätzliche Fragen und Verhältnisse eines allgemeineren Charakters; aber auch im Verfolge der ganz einzelnen Thatsachen des Tages war mein Widerspruch mit der gewöhnlichen Meinung nicht minder häufig noch minder entschieden. In unserem Docentenkreise erwarteten die Hermann und Mittler nicht anders, als daß sich 1830 ein neues 1789 fortspinnen werde zu furchtbaren und endlosen Excessen; ich behauptete, daß mit der Lieutenantschaft Louis Philipps Alles zu Ende sei, und mußte mich dafür aushöhnen lassen. Die polnische Erhebung hatte mir im ersten Momente Kummer und Angst gemacht, und ich war längst über den Ausgang der Erhebung resignirt, als Freund Hitzig noch mit großem Scharfsinn die Siege der Polen aus den Zeitungen ihrer Niederlagen heraus interpretirte. Ja selbst meinem Meister Schlosser wagte ich bei Beredung der laufenden Politik zu widersprechen, als er mir aus der Verwirrung aller Verhältnisse darzuthun suchte, daß ein europäischer Krieg unvermeidlich erfolgen werde; und ich hatte auch ihm gegenüber Recht gehabt, dies nicht begreifen zu wollen. Zu all diesem gegensätzlichen Wesen, diesen abweichenden Meinungen, diesem treffenderen Witterungssinne scheint mir deutlich erkennbar Schlüssel und Grund nicht sowohl in den einzelnen geschichtlichen Kenntnissen zu liegen, die mir über den oder jenen Gegner vielleicht eine Vorhand gaben, als vielmehr in der bereits erlangten Gewöhnung an historische Anschauung überhaupt, in der Geduld und Ruhe, die sie zur Beurtheilung der öffentlichen Dinge mitbringt, in der leidenschaftlosen Kälte wissenschaftlicher Betrachtung, die nicht wie die Parteisucht[237] aus Wünschen sofort Ueberzeugungen macht. Denn durchaus stand ich dieser großen Bewegung, voll von der ersten Begeisterung für die reine Wissenschaft, die mir so viel Heil und Rettung gebracht, als ein Mann des geistigen Lebens, als ein Außenstehender gegenüber; ganz durchdrungen zwar von der ungemeinen Bedeutung dieser Ereignisse für den ganzen Charakter der Gegenwart und Zukunft und von ihrer nothwendigen Rückwirkung auf den Charakter auch der Wissenschaft, auf deren Gebiete aber ich mich streng als ein reiner Beobachter der Welt der äußeren Thaten zu halten entschlossen schien. Eine Briefstelle, die ich Ende 1830 an Hessemer schrieb, spricht diesen Standpunct in aller Schärfe aus. »Die Welt, so lautet sie, liegt geöffnet vor uns, der Blick hat Raum nach allen Seiten, jeder Tag bringt neue Erfahrungen; die langsam aber sicher gereifte Bildung in Europa trägt ihre Früchte; das geistige Streben drängt sich gewaltsam in die Begebenheiten und durchdringt sie, und allmälig geschult an dem Handbuche der Geschichte und Erfahrung beugen Despotismus und Obscurantismus die Häupter und ehren den Geist der Menschlichkeit, der gewaltig die verschiedensten, entferntesten, vergessensten Länder ergreift und aus dem Schlafe schüttelt. Diese Tage müssen Jeden mit Achtung für die Menschheit erfüllen, der auch noch so überzeugt wäre von der Nichtigkeit der menschlichen Dinge; wem der Spott über das geistige Leben, über das äußere Wirken jetzt nicht versagt, der mag sich denn an der eignen Schalheit freuen. Die Zeit ruft zum Wirken, es ziemt nach Vermögen zu handlen. Ich halte das thätliche Eingreifen in die äußern Dinge nicht für das Höchste grade: im Innern zu werden, was man werden kann, ist Aller Zweck, das Andere kommt von selbst. Darum nehme ich doch auch das geistige oder gar das gelehrte Wesen nicht für das Reizendste von Allem. Möchte ich auch nicht mit jenem Griechen wünschen, lieber Achill als Homer zu sein, so begreife ich doch wohl, daß es solche Wünsche und solche Wünscher giebt, und daß die großen[238] Naturen auf diesem und jenem Wege um den Vorrang streiten. Begebnisse wie die unserer Tage müssen nothwendig jene Klasse emporheben in Werth und Bedeutung. Doch bleibe jeder in seiner Sphäre.« Indessen wühlten unmerklich, mir selbst noch unbewußt, die Einwirkungen der politischen Feuersbrunst um mich her doch weit tiefer in mein ganzes Wesen ein, als diese Sätze bei aller Wärme, die sie athmen, errathen lassen. Einer der entscheidungsvollsten Entschlüsse in meinem Leben wurzelte wesentlich in den allgemeinen Aufregungen dieser Zeit, die dem Trieb nach geistiger Fortbildung in mir eine neue Nahrung gaben. Noch hatten bis jetzt alle die äußeren großen Weltbegebenheiten, die ich erlebte, immer zur Folge gehabt, daß ich Wanderpläne schmiedete. So kam es jetzt wieder; ich nahm diese Gedanken von neuem auf, die sich nie verloren, die sich mit der Zeit nur verengt und beschränkt hatten auf das Nützliche und Mögliche. Dieser dunkle Untergrund meiner erwachenden Reiselust war mir damals nicht bewußt: aber er ward es, als ich, einmal auf der Reise begriffen, der Bücher, Arbeiten, Vorlesungen und täglichen Einflüsse ledig, die Natur der Zeit ohne jede Vermittlung in mich aufnehmen konnte. Die nächsten und greiflichen Beweggründe, die mich zu einer Reise nach dem Süden drängten, waren anderer und verschiedener Art. Daß eine Verpflanzung von dem Stamme, von dem er ausschoß, jedem strebenden Menschen zu wünschen sei, dies war eine frühe Lehre, die ich mir aus dem Leben merkwürdiger Männer entnahm: ich trug das dunkle Gefühl mit mir, daß eine eigentliche Abrundung, Vollendung und Selbständigkeit meiner Natur erst noch zu erringen war. Dann merkte ich bald über meinen aragonischen Studien, wie wünschenswerth mir die Augenzeugenschaft, die nähere Kenntniß der südlichen Welt und Natur wäre. Auch ein gelehrter Ehrgeiz, die italienische Geschichte an handschriftlichen Quellen zu studiren, lag mir im Sinne. Was aber schließlich doch den Hauptanstoß gab, war der Zustand meiner Gesundheit;[239] er schien mir einer Radicalcur bedürftig, um den Stoß zu verwinden, den meine Nerven erlitten hatten. Allein mir fehlten die Mittel; das machte alle die schönen Pläne wieder zurücktreten und hielt mich durch das ganze Jahr 1831 an meinen Arbeiten fest. Indessen sollte auch da Rath geschafft werden. Das Schicksal, das mich zwar in keiner Weise verwöhnt hatte, war doch zur Entwicklung aller meiner Fähigkeiten in einer merkwürdigen Weise günstig gegen mich gesinnt. Es that nichts mich zu verziehen, mich zu erziehen that es alles Mögliche. Wäre in dem diesmaligen Glücksfall irgend ein Verdienst von meiner Seite im Spiele gewesen, so lag es in meiner Freundschaftstreue, die mir jetzt eine unerwartete Frucht eintragen sollte. Mein vetterlicher Freund Georg Zöppritz war aus seinen Lehr- und Wanderjahren in seine Familie zurückgekehrt und hatte 1828 mit seinem Bruder Jacob ein Fabrikgeschäft in weißwollenen Waaren aus der Nähe von Darmstadt nach Würtemberg, in die Nachbarschaft von Heidenheim, übergesiedelt. Dies Geschäft war in einer raschen Aufblüthe begriffen, in der es seitdem geblieben ist, obgleich die beiden Brüder in aller dieser Zeit in persönlicher Zwietracht gelebt haben. Der ältere hatte von der Mutter eine Ader ängstlicher Sparsamkeit geerbt und war von den fernsten mislichen Conjuncturen wie krankhaft aufgeregt; der andere, mein Freund, war ganz das Gegentheil; sorglos gleichgültig gegen das Geld, unternehmungssüchtig, weitsehend, ehrgeizig, ein wenig von kaufmännischer Großmannsucht angesteckt. Wo der Eine immer im alten Geleise bleiben wollte, grübelte der Andere, zwar ganz Autodidact in diesen Dingen, über steten Verbesserungen von Maschinen und Arbeitsmethoden. Der ältere war von seinen Ansichten und Einsichten höchst eingenommen, der andere wurde es mit der Zeit, rechthaberisch waren beide, obwohl beide die besten Menschen der Welt; so konnten sie nicht zusammen gebaren und sich nicht von einander trennen; auf zahllose Zwiste gab es zahllose Versöhnungen und auf die neuesten Versöhnungen wieder die alten[240] Zwiste. Diese leidigen Verhältnisse hatten den jüngeren Bruder immer näher zu mir hingedrängt. Er gab mir all sein Vertrauen, und ich ihm allen möglichen Trost. Er wieder sah in meine eignen Verhältnisse hinein, die des Trostes oft ebenso bedürftig waren. Vielfache verwandtschaftliche Aehnlichkeiten, das gleiche Gemüthswesen, der gleiche grundheitere Sinn knüpfte uns innerlichst an einander. Als ich von Gutermann wegging, las mein Vetter einen Aufsatz von mir, den ich für alle Fälle zurecht gehalten hatte, wenn über mein Verhältniß zu jener Anstalt falsche Darstellungen sollten verbreitet werden; er war aus der ganzen Wärme meines Wesens geschrieben und ergriff diesen Leser so lebhaft, daß er in der größten Bewegung darüber war. »Deine Freundschaft beschämt mich, schrieb er, wenn ich bedenke, wie wenig ich Dir sein kann und Dir bin. Angetrieben von dem Guten lebst Du, Guter, nur dem Guten, und nur darum kannst Du auch mir gewogen sein, weil Du mich von einer falschen Seite nicht kennst. Habe Dank dafür und mich ferner lieb wie ich Dich.« So schloß sich das Band zwischen uns fester und fester. Er hatte in seinen freudlosen geschäftlichen Verhältnissen das Bedürfniß, sich bald ein häusliches Leben zu schaffen, um für sein weiches Gemüth eine Zuflucht zu haben. Lange suchte er vergebens nach einer Gefährtin; ich war dabei der Vertraute aller seiner Schritte; oft kam er persönlich, mit mir das Innerste seiner Lage zu besprechen. Als er mich unwohl, einer großen, gründlichen Erholung bedürftig wußte, lud er mich wiederholt zu sich ein, bei ihm zu leben; er wollte dann in unserem Freundesverkehr die Erholung suchen, die im Ehestande zu finden nicht gleich glücken wollte; ich solle das Dociren aufgeben und ganz der Schrifstellerei leben. In den letzten Tagen 1830 mußte ich ihm ein verlorenes Wort über meine italienischen Wünsche geschrieben haben; Anfangs Januar 1831 antwortete er mir, das sei das rechte Mittel, meine Gesundheit zu befestigen. »Es betrübt mich, fuhr er fort, daß Du über die Mittel zur Bestreitung der Reise so sorgst, da Du weißt, daß[241] ich sie habe und sie Dir von Herzen darbiete, da ich keine Freundschaft zwischen Leuten gewahre, die Hab und Gut nicht als gemeinschaftliche Dinge betrachten und behandeln; auf fl. 12?1500 und, wenn es sein muß, auf mehr kannst Du jedes Jahr rechnen, und höre ich, daß Du Dich zu sehr einschränkst, so sollst Du es büßen. Schließe also auf Ostern Deine Collegien und tritt mit dem Frühjahr die Reise auf meine, d.h. auf unsere Kosten an.« Das war mir nun doch eine zu communistische Ansicht von Freundschaft; ich drängte also lieber meine Wünsche ganz zurück. Später kam mir wieder ein anderer Ausweg zu Sinn. Seit Jahren hatte ich all das Wenige, was ich erübrigen konnte, in eine kleine Bibliothek gesteckt. Nun hatte ich aber von frühe auf den Tick, auf den Besitz von Büchern wenig Werth zu legen. Da ein Historiker ohnehin nicht ohne eine größere Bibliothek in seiner Nähe bestehen kann, so kam mir auf ein mehr oder weniger des Eigenbesitzes nichts an. Meine Sammlung, durch ewige Tausche in ewigem Wechsel begriffen, war mir daher sehr wenig ans Herz gewachsen; das brachte mich auf den Gedanken, sie zu verkaufen und mir dadurch einen Theil der Reisemittel zu verschaffen; einen andern sollte und wollte mir mein Bruder vorstrecken, der sich im Herbste 1831 verlobte und bald darauf verheirathete und so eine freiere, selbständigere Hand in dem väterlichen Geschäft bekam. Die Freunde alle freuten sich um die Wette über meine Entschlüsse, im Frühling 1832 aufzubrechen; nur meine Gewaltmittel zur Beschaffung der Reisekosten wollten ihnen nicht zu Sinn; am wenigsten dem Vetter in Heidenheim. Er hatte inzwischen nie aufgehört, mich einzuladen bei ihm zu wohnen, von dort aus zu reisen. Wie er nun das Neueste von meinen Projecten hörte, kam er gegen Ende 1831 zu mir nach Heidelberg, um den Unsinn des Bücherverkaufs zu hindern; und er wiederholte mir trocken sein früheres Anerbieten, und das um so nachdrücklicher, da ich die ganze Zeit meiner Reise auf höchstens Ein Jahr bestimmt hatte. Wie das Verhältniß unter uns war,[242] ein ganz reeller Lebensbund, der schon in seinem Ursprung das grade Gegentheil der enthusiastischen Verbindung mit Hessemer war, ganz ohne jede Empfindsamkeit und jeden Wortreichthum, so hätte ich um meinet- und seinetwillen kein Bedenken bei der Annahme gehabt. Ich wußte, er gab von Herzen und konnte nach seinen Verhältnissen gerne geben; ich meinerseits durfte auch von ihm annehmen, da zu leichtsinniger Schuldenmacherei keinerlei Anlage in mir war; ich hatte in und nach meinen Studienjahren so spärlich gedarbt, wie gewiß sehr wenige Musensöhne, die es nöthiger gehabt hätten als ich. Nur das Eine machte mich immer wieder stutzen, wenn ich bedachte, daß mein guter Georg ohnehin in seiner Familie wegen seiner offenen Hand so übel angeschrieben war; ich wollte nicht dazu beitragen, ihn noch übler angesehen zu machen. So blieb ich trotz all seinem persönlichen Zureden auf meinem Sinne. Er aber auch auf dem seinen. »Diesen Stein, sagte er mir im trockensten Tone beim Abschiede, werfe ich Dir in Deinen Garten; und wenn Du mir ihn zurückwirfst, so sind wir geschiedene Leute.« Und bald darauf schrieb er mir, daß er nun auch zu meiner Beruhigung mit seinem Bruder gesprochen habe, der ganz einverstanden sei; ich würde also nun rechtzeitig die nöthigen Creditbriefe erhalten. »Nimm nicht übel, schrieb er, daß mich die Einseitigkeit meiner Ansicht zu einer gewissen Halsstarrigkeit bringt, die Dir und Jedermann Trotz bieten wird.« Dagegen war nun nicht mehr aufzukommen. Ich machte mich auf den Mai hin reisefertig und schwamm in seligen Vorgefühlen und schwärmerischen Hoffnungen von den Erträgen dieser Reise: es erfüllte sich mir ein glücklicher Traum meiner frühesten Knabenjahre. Es könnte nicht meine Absicht sein, eine Reisebeschreibung zu entwerfen, die über ein allbekanntes Land die vielmal gesagten Dinge noch einmal sagte. Auch habe ich kein Reisetagebuch geführt und kann daher nur aus dem Gedächtnisse in flüchtigster Skizze die Hauptmomente aufzeichnen, von denen mir lebhafte Erinnerungen[243] geblieben sind. Ich reiste aus Heidelberg am 2. Mai 1832 ab in Begleitung des ältesten der Hunter'schen Söhne, dessen Gesellschaft ich nicht wohl hätte ausschlagen können, obwohl ich mir die Hände in jeder Weise frei zu halten bedacht war. Gleich anfangs gestaltete sich die Reise so, als sollte mir die ganze Fülle der neuen Eindrücke auf Italien, und zwar das ächte, mittlere und südliche Italien aufgespart werden. Die Absicht war, durch die Schweiz eine Fußreise zu machen und dies schöne Stück Natur erst kennen zu lernen, bevor wir das gelobte Land der Kunst, den reichsten geschichtlichen Boden Europa's, beträten. Die Alpenwelt würde also einen großen Theil meines Reiseinteresses verschlungen haben, wenn Geschick und Wetter es günstig gefügt hätten. Dies konnte ich wohl an den unvergessenen Eindrücken merken, die mir gleich auf dem Wege von Freiburg nach Schaffhausen am Ende des Höllenthals der erste Anblick der Alpenlinie und weiterhin die Stromstürze des Rheins unter Schloß Laufen, der Züricher See und der Weg über den Albis (9. Mai) nach Zug hinterließen. Hier aber trat dauernd trübes Wetter, Kälte und dichter Nebel ein, der uns selbst den Fuß der Berge am Zuger See verhüllte. So schienen mich die ersten Abenteuer der Reise auf die Menschen statt in die Natur zu weisen; auf der Fahrt nach Freiburg hatte ich zufällig Kortüm zum Begleiter erhalten; in Zürich führte mich Orelli in den Kreis seiner Freunde ein; in Zug hatte ich mit meinem bewanderten Wirthe, dem Sohn des ehrwürdigen Sydler, weitläufige Beredungen über die Schweizer Zustände, wo die Verhältnisse von Basel Stadt und Land und der Bund der sieben Cantone zum Schutze ihrer Verfassungen an der Tagesordnung waren: zufällig kamen mehrere Abgeordnete zur Tagsatzung durch Zug, wo dann Gelegenheit war, die auseinandergehenden Meinungen zu belauschen, der Jüngeren, die an Spaltung und Bürgerkrieg dachten, und der Alten, die fremde Einmischung besorgten. So fügte es sich späterhin bei meinen ersten längeren Aufenthalten in Mailand[244] und Florenz, daß mich der Verkehr mit wenigen einzelnen Italienern und Franzosen gleich tief in die Politik stürzte, daß ich mich in die neueste revolutionäre Literatur und Poesie der Italiener einführen ließ, daß ich den Betrachtungen der Kunst und Natur nicht ungestört überlassen blieb, daß ich, im Gegensatze zu den meisten Reisenden, das Land ebenso sehr auf seine gegenwärtigen Zustände und die Menschen, wie auf seine Vergangenheit und seine Alterthümer ansah. Zu diesen Städten, in diese Gegenden des nördlichen und mittleren Italiens sollten uns unsere Witterungsgeschicke baldigst vorantreiben. Wir hatten in Zug die Geduld, drei Tage auf einen Wetterwechsel zu warten; dann entschlossen wir uns rasch nach Mailand zu gehen, wohin wir aus Schaffhausen unsere Koffer vorausgeschickt hatten. Wir kamen am 15. Mai im Gewitter dort an, nachdem wir auf der Südseite der Alpen im Fluge aus Schnee und Winter in Frühling und Sommer übergegangen waren. Wir mußten uns bequemen, schon unserer Koffer wegen, hier einige Wochen auszuhalten, die ich zu benutzen dachte, mich ins Italienische besser einzuschießen. Es war ein Opfer; denn Italiens ward man in dieser austriasirten Stadt nicht froh. Wie prächtig der Dom, wie neu mir eine Gemäldesammlung wie die der Brera war, wie tief sich mir das damals noch leidlich erkennbare Abendmahl von Leonardo da Vinci einprägte, dennoch athmet man hier nicht eigentlich italienische Atmosphäre. Nichts ist mir aus Mailand in so lebhaftem Gedächtniß geblieben wie die Plackereien der Douane: wo wir bei Ankunft unsrer Koffer angewiesen wurden, erst den Thorschein zu holen, dann auf der Polizei die Anwesenheit des Passes bescheinigen zu lassen, worauf wir in einer ersten Amtsstube der Douane abzuwarten hatten, bis man in den Registern die Effecten aufgefunden, die wir begehrten, um dann mit einer Note in eine zweite Stube geschickt zu werden, wo nach einem neuen Eintrage eine neue Zeichnung der Papiere erfolgte, auf die in einem dritten Bureau ein Beamter Vollmacht erhielt, die Reisestücke[245] aus dem Verschlusse zu geben, die dann in einem weiteren Locale in endloser Arbeit gewogen und visitirt wurden, worauf wir mit einer neuen Anweisung in eine fünfte Stube gelangten, in der wir gegen Erlegung einer Gebühr den Schein erhielten, mit dem wir die Douane wieder verlassen konnten, nicht aber ohne Rücklassung unserer Bücher, die erst auf die Censur zu wandern hatten. Wir verließen Mailand am 17. Juni und traten in eine lachendere Natur ein, als wir hinter Pavia die Lombardei verließen, das Gebirg betraten und uns Genua näherten. Alle die Herrlichkeiten, die nun nacheinander vor mir aufgingen, schlürfte ich in vollen Zügen ein, wiewohl mir auch in diesen Genüssen gelassene Ruhe mehr eigen war als aufregender Rausch. Die antiantike Vorschrift Göthe's, Alles und immer zu bewundern, war an mir verloren; ich glaubte vielmehr die Erfahrung zu machen, die einem Historiker grade von der tröstendsten Bedeutung ist, daß man mit einiger Einbildungskraft und treuer Receptionsgabe aus Büchern, Bildern und Schilderungen von nie gesehenen Dingen sich doch ächte und genaue Vorstellungen machen kann; mich überraschten daher viele sehr köstliche Dinge nur wenig, so stark sie mich faßten: das Auge blieb dann um so heller zur Beobachtung. So war es, als uns eine halbe Stunde vor Genua ein mitreisender Genuese zur Linken des Wagens mit einigen Landhäusern und den äußersten Festungswerken auf den Höhen beschäftigte, dann plötzlich rechtshin zeigte, wo wir die weite ruhige Fläche des Meeres vor uns hatten, gesäumt von einem weißen, sonnengelichteten Streifen, hinter dem sich in äußerster Grenze ein zweiter dunklerer Rand wie das mächtige Ufer eines jenseitigen Landes erhob. So war es auch, als wir bald nachher an dem Leuchtthurme vorbei nach zurückgelegtem Thorhause den amphitheatralischen Halbkreis der majestätischen Stadt, den schiffreichen Hafen, gegenüber die Kuppel der Carignanokirche von so prachtvoller Aussicht in schönster Abendbeleuchtung[246] vor uns sahen mit all der Masse der Forts, der Paläste, der Häuser mit den freundlichen weißen Schieferplatten auf flachen Dächern. So war es auch, als wir später von Genua weg dem reizenden Ostufer entlang die Fahrt über Chiavari und Sestri, über Carrara und Lucca nach Florenz machten. Dort zuerst trat mir das Unerwartete entgegen, was man sich so leicht aus Büchern nicht vorzustellen vermag: die räumliche Zurückversetzung in eine andere Zeit. Wie stehen Gent, Lübeck, Nürnberg gegen Florenz in dieser Beziehung zurück! Der alte Dom mit Giotto's wunderbarem Glockenthurme, das Baptisterium mit Ghiberti's Thüren, das Rathhaus mit dem Platz, den die Bildwerke der toscanischen Meister zieren, die festungsartigen schwarzen Paläste der Nobili, der in bunten Marmorbändern wechselnde Aufbau der Kirchen altväterischen Ansehens, all das so wenig gestört von modernem Baustile, in dieser großen Naturumgebung, in diesem weiten Gürtel alter Städte ? Fiesole, Arezzo, Siena, Pisa, Pistoja, Prato ? gelegen, umgibt uns ganz mit mittelaltriger Atmosphäre, wie das römische Forum, Pompeji und Pästum uns in die alte Welt entrücken. Diese Eindrücke bereichern sich hier dann und steigern sich durch die Welt der Kunst, die sich den nordischen Reisenden hier erst erschließt. Die Gemäldesammlungen in Mailand und in den Adelspalästen in Genua lassen uns kalt; die drei öffentlichen Bildergallerien in Florenz aber führen wie mit einem magischen Schlage in die ganze Breite der italienischen Malerkunst ein, wie die berühmte Rotonde und der Niobesaal den würdigsten Vorschmack der antiken Bilderkunst geben. Es wäre mir nach so langer Zeit schwer zu schildern, wenn ich es wahr und treu und frei von jeder Novellenmanier thun sollte, die der Geschichte nicht ziemt; mit wie gehobener Brust, mit welchem stillen Entzücken ich mich in diesen Herrlichkeiten umhertrieb, mit welcher Andacht ich die Meisterwerke der Murillo und Raphael, die Niobiden, die Ringer, die Mediceische Venus sah. Es wird[247] nicht Vielen zu Theil, in diese uns Hyperboreern so neue alte Welt nicht nur mit dem ersten Feuer der Jugend einzutreten, sondern zugleich, wie ich damals, mit dem gehobenen Gefühle der Zufriedenheit mit mir selbst und den geistigen Beschäftigungen, denen ich in Florenz oblag, und mit der vollen Empfindung der körperlichen Genesung. Mit dem Arzneiglase war ich aus Heidelberg abgereist, die Bewegung in der Schweizer Bergluft hatte mich bald gestärkt, dann kochte die italienische Sonne mich aus, und hier in dem behaglichen Leben und Klima des Arnothales gelangte ich ganz wieder zu blühendem Aussehen, zu natürlicher Eßlust und vollerem Kraftgefühle. Anregende Gesellschaft würzte abwechselnd mit den künstlerischen Genüssen und den wissenschaftlichen Arbeiten das Tagewerk. Mit einem jungen Florentiner trieb ich mich in der italienischen Literatur des Tages um; mit dem Archäologen Gerhard sah ich Livorno, Pisa und Lucca; mit meinem Landsmann Felsing hatte ich einen regelmäßigen Verkehr, der damals seinen Andrea del Sarto stach. Wenn des Morgens der Kaffee genommen, bei Viesseux die Zeitungen gelesen waren, lag ich von 9?2 Uhr meinen historischen Arbeiten in der Magliabecchiana ob; dann wurde eine Sammlung, ein Palast, eine Kirche besucht; worauf ich und mein Reisegenosse uns mit Felsing und sei nen Kunstfreunden um 5 Uhr bei Tische trafen, um dann mit einem Spaziergang und mit dem süßen Nichtsthun und Plaudern beim Sorbet den Abend zu verbringen. Seit meinen griechischen Studien in Heidelberg hatte ich keine Zeit so großer innerer Befriedigung und Heiterkeit. Hatte ich damals von großen Abwegen in die richtigen Geleise der eigenen Natur wieder eingelenkt, so trat ich jetzt auf den Höhepunct der Orientirung hinan und kam über mich selbst und mein Leben zu der ersehnten Klarheit, nach der ich schon so frühen Alters in dem dunklen Tasten nach einer Lebensbestimmung gerungen hatte. Darauf muß ich zurückkommen. Wir verließen Florenz am 18. August und reisten über Arezzo,[248] durch die öden Berge und gealterte Natur von Perugia, über das neuerlich vom Erdbeben verwüstete Foligno, über Terni und den köstlichen Wasserfall des Velino nach Rom. Nur wenige Tage trieben wir uns hier um, um einige Ortskunde zu sammeln und im Fluge die Hauptpuncte der Weltstadt, die gesunkene und zerstäubte Größe des alten, die pomphafte und morsche des neuen Rom zu betrachten. Dann gingen wir gleich weiter über Terracina und Capua nach Neapel (4. September). Was man sich im Norden gemeinhin unter dem Süden vorstellt, beginnt eigentlich erst hier an den Orten, bis zu denen der Grieche im Alterthum seinen Fuß gesetzt hat Man kann in Florenz und Rom viel tiefere Freuden genossen haben, aber jede Freude an Anderem, was man gesehen, verschwindet vor den Reizen dieser Natur. Wer mit unübersättigtem Lebenssinne, mit unverdorbenem Blute, mit frohem Jugendmuth das Glück hat diesen Boden zu betreten und diese Luft zu athmen, fühlt sich in einem seligen Rausche, wie mit leichten Schwingen begabt, sich über die Lasten der Alltäglichkeit wegzusetzen. Schon in Genua hatte mich etwas von diesem Gefühle überfallen, wo ich mich gleich versucht fand, die offensten Zimmer des schönst gelegenen Gasthofes zu miethen. In viel erhöhterem Maße stach mich häuslich Sparsamen diese verschwenderische Ader in Neapel, als ob einer so üppig reichen und vornehmen Natur gegenüber die dürftige Existenz eine Sünde wäre. Schon das bloße mannichfaltig bewegte Leben der Straße übt hier eine zerstreuende, anregende, mit Luft füllende Wirkung: wo in anderen großen Städten nördlicher Lage die kalte Geschäftigkeit der stumm Vorüberrennenden durchweg etwas betäubend-abstumpfendes hat, so reißt hier dies Gewoge der drängenden Menschen zu Fuß und zu Wagen, der stolzen Reiter und stolzen Eseltreiber, der Lastträger, Wasser-, Schnee- und Obstverkäufer, der Bettler und Krüppel, der militärischen und geistlichen Aufzüge, der vor den Thüren geschäftigen Handwerker und der Müßigsitzer vor den Cafés in einen[249] ewigen Strudel lebhaft wechselnder Betrachtung. Hat man dies Menschengewühl an dem geistlichen Feste des h. Januarius und an dem militärischen von Piedigrotta auf seiner Höhe gesehen, so rettet man sich doch gern davon in die Gegend, auf die Höhen, die Inseln und Halbinseln der Umgebung. Ich holte mir erst (9. September) auf Camaldoli den reizenden, großartigen Ueberblick über die Stadt, die Höhen, die Villen, die Dörfer, die weiten Ufer des Golfes, die Vorgebirge und Inseln, die Seeküste bis hinauf in die römischen Gebiete; ich werde die Augenblicke nie vergessen, wo ich von der friedlichen Ruhe dieser wunderbar paradiesischen Höhe in feierliche Stille versenkt stand in dem Anblick des im Glanz der Sonne lachenden Meeres und des Vesuv's, um dessen Krater eine blendend weiße Wolke gelagert war, aus der sich eine schwarze Rauchsäule dunkel abgehoben emporschwang. Wir fuhren dann nach Capri über und nach dem reizenden Sorrent, das mir nach wiederholten Besuchen stets als das Eldorado eines Strandaufenthaltes erschien; wir wanderten von da über die Höhe von Scarricatojo und schifften uns nach Amalfi ein, stiegen das frische Mühlenthal von Ravello hinauf und setzten zu See nach Pästum über, dem Ziele der Ausfahrt. Ich war voll wie eines wehmüthigen Heimwehs, als ich mir sagte, daß nun jeder Schritt mich aus diesem Wunderlande wieder hinausführte. Wir ruderten zu Kahne nach Salerno zurück, hatten eine reizvolle Fahrt nach Cava und einen eben so köstlichen Gang nach dem herrlich gelegenen Kloster der Dreieinigkeit, wo man sich einmal in dem üppigen Waldgrün der Höhen wie auf deutschem Boden fühlt. Von Castellamare aus bestiegen wir den Monte St. Angelo, um das großartige Panorama von dem höchsten Puncte aus zu beschauen; dann wieder löschte mir der Besuch von Herculanum und Pompeji die mächtigsten Eindrücke alles bisher Gesehenen wieder aus. Die Besteigung des Vesuv selbst schloß die diesmalige Rundfahrt (17.?18. September). Nach einigen Tagen des Ausruhens in[250] den überreichen Räumen des bourbonischen Museums begaben wir uns nach Puzzuoli, suchten die dürftigen Trümmer von Cumä auf, gingen nach Bajä und dem Vorgebirge Misenum, schifften nach Procida und Ischia über und bestiegen den Epomeo. Den Gedanken auch die Abruzzen zu bereisen, gaben wir auf, ruhten dafür noch eine Woche in Neapel aus und gingen dann nach Rom zurück. Auch dort benutzten wir noch die guten Octobertage, um das Gebirge zu besuchen; dann lebten wir die nächsten Monate ganz den Sammlungen und Alterthümern der Stadt. Die anstrengenden Beschauungen des Vaticans und Capitols, der Villen Borghese, Pamphili, Albani und Ludovisi, der Sammlungen der Paläste Sciarra, Doria, Borghese u.s.w. wurden nie ausgesetzt, denn sie übertrafen die höchst gespannten Erwartungen. Von den Statuensälen des Vaticans und Capitols war ich so sehr überwältigt, daß ich lange und sehnsüchtig über dem poetischen Gedanken einer Fahrt nach Griechenland brütete, den die Prosa der ökonomischen Solidität überwinden mußte. Ideellere Gründe trieben mich ohnehin von dem Beginne des neuen Jahres an, selbst früher, als ich anfangs gedacht, nach Hause zurückmkehren: ich wollte die Frucht der Reise auf meinem eigenen Gebiete, in meinem eigentlichen Berufe einheimsen, eine Frucht, an der mir werthvoller als sie selbst der Same war, den ich für weitere Saat aus ihr zu nehmen dachte. Mitten im Winter reisten wir über Siena nach Florenz zurück, wo es mich Mühe kostete, die liebgewonnenen Räume nur so im Fluge sehen zu sollen. Dann überstiegen wir in eisiger Kälte die Apenninen, sahen in Eile die Sammlungen in Bologna, das damals in halb anarchischem Zustande war, machten in Padua und Venedig nur Streifbesuch und gingen über den Brenner nach München. Auf dem Rückwege kehrte ich noch bei dem Stifter und Urheber meiner segensreichen Ausfahrt, dem Vetter Zöppritz in Heidenheim ein, den ich als jungen Ehemann wieder sah, wie sich auch Freund Hessemer in der Zwischenzeit mit einer liebenswürdigen[251] Verwandten verlobt hatte, die das Glück seines Lebens wurde. Nach einem schließlichen Aufenthalte in meinem Familienkreise war ich zu Anfang des Sommersemesters 1833 wieder in Heidelberg. Noch mehrmals ist mir später das Glück zu Theil geworden, auf längere Zeit nach Italien zurückkehren zu können, und jedesmal wanderte ich mit neuer Sehnsucht nach dem schönen Lande, dessen Natur und geschichtliche Erbschaften jeden empfänglichen Menschen verwöhnen mit den ungewöhnlichsten inneren und äußeren Genüssen. Man glaubt sich dort. in Wahrheit in den glücklichen Bedingungen zu fühlen, die jeder Mensch eigentlich sollte als seine eignen ansprechen dürfen. Niemand hat darüber schöner geredet als Goethe, dessen einfache, ungekünstelte, treue Aufnahme aller beobachteten Dinge vielleicht nie normaler gewesen ist als in seinen Briefen über Italien. Wo in meiner Geschichte der deutschen Dichtung von seiner italienischen Reise und ihren Wirkungen auf ihn und seine Bildung die Rede ist, wird man vielleicht aus der bloßen Färbung der trockenen historischen Darstellung heraus merken, wie innig ich glaubte aus den eigenen Erfahrungen die des Fremden begriffen zu haben. Was er über Neapel schrieb: daß, wenn er versuche die Herrlichkeiten dort zu schildern, ihm Alles vor den Augen schwimme, ohne daß er Worte dafür fände; wenn er das stolze Wort: sieh Neapel und stirb! umschrieb; es könne jemand nie ganz unglücklich werden, der eine Erinnerung an jenen Erdstrich behalten: nichts wird dem, der das miterlebend mitempfunden hat, zu stark erscheinen. Nirgends aber wird er dem Reisenden von offenem Geist und Herzen mehr aus der Seele gesprochen haben als da, wo er von dem Anflug der vaterländischen Gefühle spricht, die ihn in dem fremden Lande stärker als zu Hause übernahmen und von seinem Rückzug auf den Verkehr mit wenigen eingestimmten Freunden. Wie nützlich mir für das Verständniß der politischen und socialen Verhältnisse oder für die Erschließung der verborgenen artistischen Schätze die Bekanntschaft unserer deutschen Diplomaten wie Kölle[252] oder Kestner war, wie bald beklagte ich doch die Verbindlichkeiten, die mir die Einführungen und Empfehlungsbriefe auferlegten! wie peinigte mich mein englischer Begleiter, wenn er mich bald zu diesem Landsmann, bald zu jenen Verwandten in einen steifen Theecirkel pressen wollte! Weder zu den freudigen Stimmungen, die Himmel und Luft dort hervorlocken, paßt diese Convenienz des Gesellschaftslebens, noch zu den elegischen, in die die melancholische Stille und die geschichtlichen Vermächtnisse der römischen Gegenden versenken, noch zu den ernsten Anregungen, die man von dem ungeheueren Inhalt der Kunstsammlungen empfängt. Ich lebte und webte in diesen Dingen in cholliger Hingebung, ganz aufnehmend, in der Weise eines müßigen Künstlers, fast ohne alle begleitenden Studien. Wohl sah ich mich auch im Lanzi und Vasari um und blätterte in den Schriften der archäologischen Gesellschaft und in hochgelehrten Chorographien herum, im Ganzen folgte ich doch nur meiner eigensten Witterung und suchte mich lieber im Gespräche mit Künstlern zu orientiren. So ward es mir ein erster Ertrag der Reise, daß die Seite meiner ästhetischen, künstlerischen Bildung zu größerer Eigenständigkeit gedieh. Dieser Zweig war in meiner ersten Jugend aufgeschossen in zuchtloser Ueppigkeit; dann hatte Schlosser, der den Grundsatz bekannte, daß man ohne technische Ausbildung über Künste nicht urtheilen könne, der Lehrer, auf dessen Worte ich damals, an mirselber irre geworden, immer blind zu schwören geneigt war, dieses ganze Triebwerk in mir nicht sowohl zu schneiteln als auszuschneiden gedroht; hier aber lernte ich doch bald, daß man um eine ganze Welt zu kurz komme, wenn man, in die Kunsträume der großen italienischen Städte gestellt, verschmähen sollte, in diesem weiten Meere seine Schwimmkraft zu versuchen, wie ungeübt sie auch sein möchte. Unter den drei großen Zweigen der bildenden Künste, die dort drei Nationalitäten der alten und neuen Welt repräsentiren, den plastischen Schöpfungen der Griechen, den architektonischen Zeugnissen der römischen Größe und den christlichen Malereien des neuen[253] Italiens hatten die Reste der römischen Welt den geringsten Reiz für mich, deren ganze Geschichte, Ueberlieferung und selbst Sprache mich von jeher, wie die französische, zu wenig menschlich natürlich berührte. Unter den plastischen Denkmalen der griechischen Cultur dagegen trieb ich mich, immer die alten Dichter zur Hand, am liebsten und eifrigsten um; aus diesen mir zwar so fremden Gegenständen reizte es mich Unberufenen sogar damals, ein Thema (das Mosaikbild der Alexanderschlacht im Hause des Faunen in Pompeji) aufzugreifen, um öffentlich eine Stimme darüber abzugeben. Und wie es später nie seinen Reiz für mich verloren hat, den Fortbildungen der Wissenschaft und Geschichte der griechischen Kunst zu folgen, so hat mich auch die Geschichte und neuere Entwicklung der Malerei nie ganz wieder losgelassen. Dabei hat sich die Richtung meines Geschmacks gleich damals, auf jener ersten Reise, völlig entschieden. Ich hatte von Anfang an vollaus den Eindruck, daß die enge Begrenzung der italienischen Kunst auf die Gegenstände der heiligen Schrift dem bewundernswerthen Talente der italienischen Meister nicht die hinlänglich reiche Materie geboten habe, und daß einer neuen Kunstperiode durch die Erschließung des ganzen Gebietes der Geschichte eine Fülle von Stoff vorbehalten sei, um den sie ebenso zu beneiden sein müsse, wie die ältere Kunst um die geistige Vertiefung, die sie an ihre umgrenzteren Gegenstände gesetzt hat. Unter spärlichen Aphorismen aus meiner Reisezeit finde ich den Satz geschrieben: daß mir in jeder Beziehung da Vinci mehr als Raphael und Michel Angelo der Mann zu sein scheine, dessen Leben, Charakter, Schriften und Kunstwerke sich die deutsche Kunst vorzugsweise zum Muster nehmen sollte, weil in den psychischen Aufgaben der Seelenmalerei den Nordländern das entschiedene Uebergewicht gesichert sei, das im rein formalen die Südländer stets behaupten würden. Dies ist schon aus demselben Sinne geschrieben, der mich nachher ein so scharf vorstehendes Gefallen an Titian, an Shakespeare, an Händel finden ließ. Es ist im Aesthetischen ganz der nationale[254] Standpunct, zu dem ich, rein im Gegensatze zu dem fremden Lande und Volke, damals die ersten Impulse erhielt. Amazon.de Widgets Denn dies war eine wesentlichere, eine zweite Frucht dieser Reise, daß ich, in diese fremde Volksnatur so nahe hineinschauend, den Werth und die Natur der eigenen Nation erst recht erkennen lernte, daß ich, ausgezogen als ein Cosmopolit, als ein ganzer Deutscher nach Hause kehrte. Nicht daß ich die Italiener, wie so Viele thun, aus einigen oberflächlichen Reiseeindrücken leichthin verachtet hätte. Ich habe mich zu dem Leichtsinn so vieler Künstler nicht herablassen, zu der philosophischen Kälte der Göthe und Humboldt nicht erheben können, das italienische Volk nur als eine Staffage zu der Landschaft anzusehen, in der das Todte werthvoller sei als das Lebendige. Ich mußte mit zahllosen, erfahrenen Reisenden die Meinung theilen, daß in diesem Volke trotz Alter, Geschichte, Unterdrückung, Mishandlung und Misverwaltung eine treffliche Naturanlage noch immer erhalten war. Ich habe die Oberflächlichkeit der Gefühle dieser (wie aller) Südländer beobachtet, in der sie im Nu von Ernst zu Scherz, von Trauer zu Luft, von Mitleid zu Spott hinüberspringen, aber ich habe gleichwohl die naive Aufrichtigkeit und Wahrheit dieser Gefühle nicht verkennen können. Ich habe den alten Krebsschaden des Volks, Indolenz und Faulheit, nicht übersehen, aber auch nicht die Elasticität, die seine völlige Lähmung gleichwohl verhindert hat. Ich habe bemerken müssen, wie unglaublich weitseine Unbildung und Unwissenheit reicht, aber auch wie weit sein Mutterwitz und seine gesunde Natur. Ich habe mit tiefem Unwillen beobachtet, wie man es mit Aberglauben sättigt, aber auch wie übersättigt die bessern Volkstheile davon waren. In italienischen Prozessionen die Musterkarten der Stupidität studirt, die Pfaffen und Mönche, die Taglöhner und Tagdiebe Gottes gesehen zu haben mit ihren Marienpuppen Götzendienst treiben, dies allein muß jeden mit Ekel und Entrüstung füllen, der überrechnen kann, wie hier des Menschen heiligste Gaben und Güter in der gottlosesten[255] Weise, aber im Namen Gottes begraben und verschüttet werden; aber diese geistige Herabwürdigung unter papistischer Wirthschaft, wie die politische unter der österreichischen Herrschaft, setzte in mir nicht einen Widerwillen gegen das Volk, wohl setzte sie eine tiefe politische Empörung gegen diese Art von Regiment an, die die ganze Aufregung von 1830 und 1831 in meiner deutschen Umgebung mir nicht hatte einflößen können; und sie kehrte sich schon damals, was mir im ganzen Leben bleiben sollte, gegen Oesterreich, den gewaltsamen Unterdrücker der italienischen, den tückischen Unterdrücker der deutschen Volkskraft. Trotz allem Mitleiden aber mit diesen traurigen Volkszuständen, trotz aller Unbefangenheit, mit der ich den italienischen Nationalcharakter betrachtete, trotz aller Beflissenheit, mit der ich seine bessere Seite zu erkennen und zu würdigen suchte, trotz allem, oder grade vielmehr in Folge dieser Beflissenheit und jener Unbefangenheit rückten sich mir die Mängel und Vorzüge der eigenen Nation unwillkürlich in ein gleiches Licht unbefangener Vergleichung, und dies trieb alle vaterländischen Gefühle in mir zu einer plötzlichen Blüthe. Als ich auf dem Rückweg an der Tirolischen Grenze im Todten und Lebenden die Uebergänge von der hellen zu der dunklen Färbung der Berge auf der Nordseite, von der dunklen zu der hellen Farbe der zwei- und vierfüßigen Thiere verfolgte, als ich in Salurn des Abends einfahrend zuerst die Stimme einer deutschen Kellnerin wieder hörte, die freundliche Sorgfalt für den Fremden gewahrte, die kräftigen Bauerngestalten wieder sah, das wohlgestimmte Glockengeläute wieder hörte, so heimelte mich das Alles in einer Wärme der Empfindung an, die mir zuvor ganz fremd gewesen wäre; und diese vorübergehenden Gemüths-Eindrücke waren nur die Vorläufer zu ernsteren Erwägungen, in denen ich mit Emphase vorauf nach Hause schrieb, wie tief durchdrungen ich sei, daß die Erde keinen Volksstamm trage, der Alles zu Allem gehalten mit dem deutschen zu vergleichen wäre. Es war dies eine neue Phase meiner[256] Gesinnungen, Anschauungen und Richtungen, es war zugleich ein neuer Act zur Emancipation von meinem Lehrer. Alle meine jugendlichen Ideale, Alles was ich aus unserer Literatur davontragen konnte, was die Herder und Jean Paul, die Göthe und Schiller uns gepredigt hatten, meine Studien im Alterthum und in der Geschichte, zuletzt Schlosser's Vielseitigkeit, der bei all seiner grob- und kerndeutschen Natur in all seinen Arbeiten und selbst in seinen politischen Bekümmernissen durchaus universell war und gegen die teutonischen Ueberspannungen im besonderen einen Abscheu hatte, den ich aus frühesten Erfahrungen in großem Maße theilte, all diese mächtigsten Einflüsse hatten nur weltbürgerliche Hänge in mir erzeugen und nähren können. Sie sind auch wie die humanistische Schule an dem Alterthum die nothwendige Bedingung eines reisen politischen Lebens; ohne sie, wie hätte ich in den versunkenen ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts den Sinn für reine vaterländische Zustände fassen sollen, wenn ich ihn nicht aus den Alten, ihn nicht aus der weltbürgerlichen Theilnahme an den Bewegungen in Italien, Spanien, America und Griechenland schöpfte? Seit dem Aufenthalte in Italien aber gehörte ich mit Herz und Kopf, und mit vollem Bewußtsein, ganz unserem deutschen Leben an. Und wo sich in Schlosser's Werken Alles, selbst wo er von deutschen Dingen redet, dem Allgemeinen zukehrt, war in den meinigen fortan Alles, selbst wo ich von Fremdem handelte, auf des Vaterlandes gegenwärtige und kommende Verhältnisse bezogen. Denn »ich wollte, so schrieb ich in jener Zeit, mein Vaterland lieber glücklich sehen als meine Familie und meine Freunde.« Der deutscheste Deutsche, Jacob Grimm, hat mir zu meinem Stolze dies Zeugniß ausgestellt, das mehr wiegt, als die Stimmen »der Million«: daß meine ? von jeher politische ? Richtung selbst in meinen unpolitischsten Arbeiten stets »für die Herrlichkeit des lebendigen Vaterlandes gestritten habe.« Es war eine Zeit in meiner Jugend, wo freiwillige Auswanderung ein heißer Wunsch und eine brennende[257] Sehnsucht in mir war; es kamen andere Zeiten, wo mir gezwungene Auswanderung drohte: da aber wäre mir die Fremde ein Elend gewesen, in dem ich in kürzester Zeit verkommen wäre. Ich muß zuletzt auf die wissenschaftlichen Früchte der Reise zu reden kommen, den wichtigsten Theil ihrer Erträge. Für diese Zwecke war es anfänglich auf eine ganz reale Ausbeute abgesehen, die aber in eine ganz ideale umschlug. Ich hatte es darauf angelegt, mir den Eintritt in die Quellen der italienischen Staatengeschichte zu öffnen, und hatte zu dem Ende in Florenz begonnen, die toscanischen Geschichtschreiber durchzuarbeiten. Wäre ich auf diesem Wege geblieben, so hätte ich mich längere Zeit in Italien aufgehalten, in der Hoffnung, Zeit und Auslagen durch meine Sammlungen einzubringen. Sobald ich aber über diesen Studien auf das handschriftliche Werk Cavalcanti's gestoßen war, die Hauptquelle der neueren Partien in Machiavelli's florentinischer Geschichte, und von da aus näher auf Machiavelli selber gewiesen ward, fühlte ich mich bewogen, die Werke dieses Mannes in Verbindung mit seiner Zeit- und Lebensgeschichte eindringlich zu studiren, und fand mich in kürzester Zeit von den Ergebnissen so gewaltig bewegt, daß ich meine anfänglichen materiellen Zwecke ganz fallen ließ, alle freie Zeit auf diese Eine Untersuchung wandte und, als ich Herr über den Gegenstand war, mich innerlich so bereichert fühlte, daß ich auf alle anderweitigen Forschungen und auf jede nutzlose Ausdehnung der Reise zu verzichten beschloß. Von den geistigen Schätzen, die in der italienischen Literatur zu heben sein möchten, hatte ich aus eigner Lectüre wie aus Schlosser's Vorlesungen die höchsten Vorstellungen mitgebracht. Dante's Gedicht trug ich beständig mit mir in der Tasche. Aber es war eigenthümlich, daß ich mich von nichts so sehr darin angeregt fühlte, wie von den weitsichtigen historischen Gesichtspuncten, von den halbdunkeln Perceptionen geschichtlicher Gesetze, über die mir dann Machiavelli in klareren Begriffen Belehrung gab. Meine Wißbegierde hatte sich[258] eben von aller Kunst und Philologie und übrigen Wissenschaft weg auf die Geschichte gerichtet; und ungleich durstiger wie ich war nach Aufklärung als nach Aufhäufung der historischen Materie, hätte ich daher jetzt auf keinen Autor der Welt rechtzeitiger fallen können als auf Machiavelli. Ueber dem Studium seiner Schriften ging mir nicht allein die Einsicht über den vielgedeuteten Geschichtschreiber selber auf, es warf mir auch ein Licht auf die ganze Geschichte der Wendeperiode von dem Mittelalter auf die Neuzeit; es erhellte mir auf die mir einzig verständliche, Weise das Gebiet der praktischen Politik, indem es mir den großen Hauptschlüssel der Geschichte dazu gab; es erleuchtete mir die unermeßlichen Räume der Geschichte überhaupt, indem es mir ihren geistigen, ideenhaften Hintergrund weiter und weiter erschloß. Man hat es ja oft gepriesen, daß man in Italien die geschichtliche Welt wie von einer Hochwarte ganz anders übersehe als überall sonst, daß man in Rom, der ewigen Stadt einer zwiefachen Riesenexistenz, wie in einem Mittelpuncte steht, auf den alle Strahlen der alten Geschichte convergiren, um von da nach allen Räumen der neueren Geschichte wieder auszustrahlen. Und wer könnte sich auch auf diesem Boden noch so kurze Zeit bewegt haben, wo er sich gleichzeitig und gleich lebendig unter die großen Werke der vereinigten Kräfte des neuern Europa und die des ältesten Culturvolkes, der Griechen, gestellt sieht, ohne sich zu besinnen: daß kein anderer Ort der Welt so wie dieser die Herrlichkeit des griechischen Schöpfergeistes bewähren kann, der in jugendlicher Knospe die Bildungen aller Folgezeiten in sich beschlossen hielt; daß er nach Italien, in das welterobernde Rom einströmend sich hier gleichsam einen Körper schuf, der seinen Bildungen Bestand und Ausbreitung gab; daß diese Stadt als das Hauptdepot der Geistesbildung, der politischen Weisheit und aller großen Traditionen der alten Welt, dann der natürliche Träger des Christenthums, der Brennpunct der Bildung der mittleren Zeiten ward; daß dies italienische Land den christfanatischen Denker[259] geboren hat, der eine unbekannte Erdhälfte erschloß; daß hier nicht Kunst, Philosophie und Sprachkunde allein, daß auch alle politischen, industriellen, commerciellen, physikalischen Entwicklungen der neueren Jahrhunderte ihre ersten Sprossen trieben! So kann es nicht Wunder nehmen, daß in diesem Lande schon Dante dort, wo er in poetischem Bilde den Flug des Adlers von Troja nach Rom verfolgt, die Weltgeschichte in Ein einziges Ganze zu verknüpfen sucht; viel weniger, daß ein Kopf wie Machiavelli, mit Aristoteles' gesetzspähendem Auge sehend, den treibenden Kräften nachforschte, die die verworrene Masse der Thatsachen gestalten; daß er jenes kleine, an Kunst unerreichte Geschichtswerk schrieb, wo in dem Gewebe der geschichtlichen Thaten Gesetz und Idee so fadenscheinig hervorblicken; daß er den Genius der Zeiten belauschend als ein politischer Prophet an den Scheidepuncten der mittleren und neueren Zeiten steht, die Gestaltung der kommenden Dinge voraussah und voraussehend lehrte und mit dem geschichtlichen Gedanken, mit der Erkenntniß des Nothwendigen in der Geschichte der Willkür der politischen Kunst eine sichere Richtschnur zu geben suchte. Was ich hier kennen lernte, erfüllte mich mit dem tief aufquellenden Gefühl der Befriedigung, daß mir der Weg durch mein Leben und meine Wissenschaft nun sicher gewiesen war: plötzlich reisten in mir ganz neue Entschlüsse zu einer neuen Thätigkeit in neuen Richtungen. Ich finde unter Notizen aus meiner Reisezeit die Stelle niedergeschrieben: es koste den Historiker gleich viele oder wenige Mühe, in seinen Schriften die Ruhe des rückgezogenen Weisen oder die Bewegung des praktischen Lebemannes auszudrücken, je nachdem er seinen Gegenstand in Beziehung zu der bloßen Wissenschaft oder in Bezug auf das Leben setze; ich schien zu der letzteren Methode zu neigen, nur weil ich jung war; denn »die Verschmähung der nichtigen, irdischen Dinge, heißt es weiter in der Stelle, ist so leicht, dem Alter so natürlich; aus diesem Gesichtspuncte klammert man sich an das Gesetz, in dem frischen Leben an die Kraft.« Und[260] wer Beides gleich verstehe, so schließt die Stelle, der sei ein Historiker. Wie mußte mir nun Machiavelli imponiren, der die philosophisch-ruhige, wissenschaftliche, gesetzlehrende Geschichte so vortrefflich verstand zugleich praktisch nutzbar zu schreiben! Denn wie Machiavelli Geschichte und Politik erfaßte, dies hieß nicht allein die Thatsachen lebendig machen und den Geist in den Buchstaben der Geschichte tragen, es hieß zugleich das praktische Leben mit der Wissenschaft tief durchdringen und aus dem Pflaster der gemeinen Wirklichkeit die Funken der Ideen herausschlagen. Diese Doppelseitigkeit des Mannes aber, der die Helden der That für die ersten, die der Wissenschaft für die nächsten im Werth ansah, der nach dem Preise der Einen rang und den der Anderen davontrug, der sich für Beide nach den Umständen für gleich befähigt fühlte und es war: das war ganz eigentlich, wovon meine Natur von frühester Jugend auf wie im Schlummer unaufhörlich geträumt hatte. Nichts war daher natürlicher als mein rasch gefaßter Entschluß, mir schreibend diese mir so auffallend merkwürdige Erscheinung völlig ins Klare zu stellen. Ich durchschaute bald, daß die politischen Grundsätze und Lehren Machiavelli's wie die fast aller bahnbrechenden Männer überspannt waren; aber ich ließ mich von dem Verrufe des Namens nicht schrecken, den alle schwachen Köpfe und alle Heuchler von Gentillet an bis auf den noch unreifen Friedrich von Preußen mit allen höllischen Fluchwörtern belegten, dem es die größten Geister aber, die Baco und Spinoza, dankten, daß er in antiker Wahrheitsliebe gradaus sagte, was die christlichen Zeiten in Gleisnerei zu verstecken pflegten; ich kehrte Bewunderern und Tadlern den Rücken und suchte mir den Menschen und seine Lehren ganz aus sich selbst zu entwickeln, unbeirrt von seinen harten Paradoxien, die in dem Unmuth des verständigen Betrachters über die utopischen Staatssysteme gutmüthiger Moralisten gewurzelt waren. Wie mir grade in der angefochtensten der Machiavellischen Schriften Alles gleich in einem himmelweit verschiedenen Lichte[261] erscheinen mußte, als nach dem (damals) neuesten Beurtheiler Ranke, der in gleichem Alter wie ich seine Stimme über Machiavelli abgegeben hatte; wie ich historische Gesetze erkannte, wo Andere nur politische Grillen sahen, das ist aufs leichteste klar zu machen. Ich hatte jenen Aufsatz über die historische Größe geschrieben, den eine Parallele über die Emporkömmlinge hatte ergänzen sollen: ich erkannte nun mit Einem Blick, daß Machiavelli's »neuer Fürst« nichts als ein solcher Emporkömmling war, zu dem ihm für den praktischen Fall ein Mediceer oder ein Borgia gut genug war, für den er aber, wenn es auf Wünsche und Ideale ankam, das Vorbild bei jenen (in einer ganz entgegengesetzten Reihe liegenden) Männern, den »Großen« Fürsten der Neuzeit, den Gesetzgebern der alten Welt aufsuchte; ich erkannte mit Einem Blick den großartigen geschichtlichen Standpunct, der an der Schwelle des neueren Absolutismus, die Gestalten der Ferdinand und Heinrichs VII im Auge, für sein Italien nach einem ähnlichen Organisator aussah. Der in meinem Aufsatz gewonnene Gesichtspunct erhellte mir dies nach allen Seiten, so daß ich die Arbeit sogar von Bercht zurückerbat, ohne sie wieder erhalten zu können; ich hätte nun der Schrift mit dem entsprechenden Gegenstücke eine ganz andere Ausarbeitung geben können. So kam ich gleich mit dem schwierigsten Puncte auf den festesten Boden, und die Einsicht ward mir nun nicht schwer, (die zwar die meisten Beurtheiler meiner Charakteristik Machiavelli's nicht einmal ergriffen, geschweige begriffen haben,) daß es seine geschichtliche Weisheit war, mit der man sich sein Geschichtswerk, seine politischen Lehren, seine Paradoxien und selbst seine persönlichen Stellungen und Strebungen erklären muß. Mit diesen wissenschaftlichen Anregungen aber, die ich von des Mannes Schriften empfing, gingen die vaterländischen augenblicklich Hand in Hand. Ich begriff, daß aus seiner ganz auf Ort und Gegenwart angewandten Lehre nicht ein unmittelbarer Rath für irgend eine andere Zeit oder Oertlichkeit zu entnehmen, sondern[262] nur die einfache Methode zu erlernen wäre. Machiavelli schrieb, den Untergang Italien's ahnend, verstimmt und finster wie Tacitus, mit Neid ausblickend nach den geordneten großen Monarchien Europa's und den kleinen Republiken Deutschland's und der Schweiz, Er konnte für die verderbten Zustände seines Vaterlandes einen religiösen Reformator in dem Lande des Papstthums nicht erwarten, auf den kaiserlichen Retter des Dante nicht mehr hoffen, so suchte er im griechischen Sinne nach einem Tyrannen, nach einem neuen Fürsten, einem Pisistratus, der mit der Faust Ordnung halte bis das Gesetz sie erhalten könne, einem Dictator, der in der Noth kein Gebot achte. Und daran knüpften sich dann seine despotischen Paradoxien, in denen er es nur darin versah, daß er nicht den Unterschied zwischen Worten und Thaten, zwischen Lehre und Beispiel erwog. Der Mann der verzweifelten Heilmittel, die er vorschreibt, würde die grausamen Thaten vollführen unter tausend Gefahren, nur Einmal, und der gute Erfolg müßte ihn rechtfertigen: die geschriebene Lehre dagegen scheint für alle Zeiten aufgestellt, und was in dem Einen Falle in den Händen eines großen Arztes Arznei gewesen, wird in tausend Folgefällen in der Hand der Marktschreier zu Gift. Es wird so leicht übersehen, daß die von Machiavelli empfohlene Gewalt nur eine vorübergehende Ausnahmsgewalt sein sollte; wie es sich geschichtlich artete, ist der Absolutismus, den er predigte, auch nur eine ephemere Gewalt, ein Durchgangsmoment der Freiheit gewesen; aber freilich war es ein weltgeschichtliches Vorübergehen, das Jahrhunderte währte; erst wo es sich zu seinem Ende neigte, konnte man die tiefsinnige Weisheit in dem Büchlein von den Fürstenthümern erkennen. Zur Zeit wo Alfieri schrieb, hätte Machiavelli das Gegentheil von dessen Inhalte gelehrt, aber er hätte darum nicht gegen sich selbst gelehrt und wäre nicht im Widerspruche mit sich gewesen. So suchte ich mir nun die nationalen und zeitlichen Unterschiede festzustellen, die den heutigen, deutschen Staatslehrer von ihm trennen müßten, in dieser Epoche,[263] wo die Uhr der Tyrannis der neuen Zeit abgelaufen war, wo es zu Freiheit und Volksregierung zurütkzugelangen galt. Ich glaubte in Deutschland nicht in einem entarteten und absinkenden, sondern unter einem zukunftreichen Volke zu stehen; ich gehörte von Jugend auf nicht zu den Schwarzsichtigen und Verzweifelten. Ich meinte die Entwicklung Deutschlands habe einen wunderbar naturgemäßen Verlauf in den letzten Jahrhunderten genommen von religiöser zu geistiger, von ihr zu politischer Neubildung. Auf diesem Gange sah ich das deutsche Volk am spätesten hinter den westlichen Nationen langsam, aber sicher vorwärts schreiten. Die Ungeduld zu zähmen in denen, die diesen gesetzmäßigen Gang überstürzen, den Schlendrian zu stacheln in jenen, die noch hinter ihm zurückbleiben wollten, schien mir daher eine eigenthümliche Pflicht in dieser von Machiavelli's Lage so verschiedenen Stellung eines deutschen Schreibers. Ich fand mich aufgeklärter und zugleich bestärkter in meinem schroffen Doppelgegensatz gegen die jungdeutsche Literatur, die zu staatlicher Freiheit mit einem rastlosen revolutionären Eifer voraustrieb, der durch den Stand der politischen Bildungen und Bedürfnisse nicht gerechtfertigt war, zu gleicher Zeit aber in einem wunderlichen Widerspruche mit sich selber die Nation auf dem Gebiete der schöngeistigen Literatur festzubannen suchte, auf dessen erschöpftem Boden nichts gesundes mehr zu gewinnen war, dessen Producte eine geistige Genußsucht nährten, die jedem kräftigen Erfassen des praktischen, politischen Lebens gefährlicher und verderblicher als irgend ein Anderes entgegenwirkte. Den Fortgang zu diesem praktischen Leben schienen mir alle Zeichen des Zeitgeistes anzudeuten; ich selber fühlte mich bald mit neuen Gewalten in diese Bahnen gezogen. Noch schrieb ich meine Schrift über Machiavelli selber in dem Sinne jener (oben angeführten) Briefstelle, in der sich mehr Zug zu Homer als zu Achill aussprach; kaum nach dem Drucke hätte ich sie vielleicht nicht mehr so geschrieben. Noch neigte ich jetzt mehr als zu Machiavelli zu Aristoteles, der dem theoretischen Leben in dem Maße den Vorzug[264] gab, wie jener dem praktischen; bald sollte die entgegengesetzte Schale tiefer sinken. Seit der Wiederaufnahme meiner Vorlesungen nach meiner Rückkehr machte ich meinen Schülern den stärksten Eindruck durch die Schärfe, mit der ich vom Wissen zum Handeln trieb; einer darunter, zum Freunde geworden, schrieb mir einmal das Homerische: ??? ?? ???? ??? ???????? ?' ???????, anspielend und wissend, wie ich mir jetzt im Scherze in meinem ächt alten longobardischen Namen Speerfreund gefiel. Trotz dem Allen beharrte ich damals und immer fest und fester auf meinem mittleren Standpunct zwischen Wissenschaft und Leben. Die Pallas, die Göttin des Krieges und Friedens, der Kunst und der That, war halbbewußt eine Art Cultus in mir gewesen von frühester Jugend auf. Ich wollte nur alle Kunst und alles Wissen jetzt gerne, in dem großen Wendepuncte des nationalen Lebens, der Politik dienstbar gemacht sehen; und bei dem voraussichtlich langsamen Gange des Volkes wollte ich den zur Wissenschaft Berufenen, in ihre Wege einmal Verschlagenen in dem geistigen Reiche eine sichere Zufluchtstätte offen gehalten wissen. Ehe ich Machiavelli in seiner ganzen politischen Einseitigkeit kannte, neigte ich über der Lectüre der divina comedia von dem beschaulichen zu dem politischen Dante, von Dante überhaupt zu Machiavelli hinüber; dann aber stellte ich diesem doch wieder den Dante gegenüber, der mit dem gleichen Herzen für sein Vaterland, mit dem gleichen Schmerze über seine Geschicke, mit der gleichen Strafgeißel in der Hand für seine Seele ein Refugium bereit hielt, wo er der menschlichen Verzweiflung entgehe, wenn er politisch an dem Vaterlande verzweifeln mußte. Wie zufrieden ich es jetzt war, daß die Wissenschaft verlieren, wenn das Leben gewinnen sollte, so hatte ich doch das deutliche Gefühl, wie leicht sich in der schwerfälligen Bewegung bes Nationallebens der Einzelne, der Ungeduld überlassen, nutzlos verliert oder verzehrt. Wo meine jungdeutschen Freunde die Blicke nur immer auf die nächste Zeitspanne richteten, dünkte mir keine Aussaat und Bestellung[265] so sicher, wie die, die von der Zeit der Erndte ganz absehe. Sie wollten gleich ein Ziel erspringen, das unseren Kräften zu weit noch entfernt lag; mir schien, es komme mehr darauf an, des richtigen Wegs zu führen und vor allem die Gehkraft zu üben. Ich hatte an so vielen teutonischen Enthusiasten erlebt, wie bald sie nach den ersten erfahrenen Hemmnissen erlahmten; mir aber galt es darum, in dem Wirken für Freiheit und Volksglück lieber langsamer und auf sicheren Umwegen zu gehen und auszudauern, als rasch eilend zu ermüden; ich glaubte in Schiller's Geiste, daß der Umweg durch Kunst und Wissenschaft für des Vaterlandes staatliche Geschicke keineswegs verloren sei, wenn ihr Inhalt nur gesund und tauglich war. Ich gefiel mir in dem schmeichlerischen Gedanken, der »redliche Finder« sein zu können, den sich Schiller in seinen Briefen über den Don Carlos prophezeite: der auf dem Wege der Wissenschaft die Vorbereitung für das politische Leben fortsetze, die Er auf dem Wege der Kunst erzielte; ich hatte das Gefühl, daß der langsame Verlauf der Volksgeschichte in dem getheilten Lande auch künftig noch neue »Finder« nöthig machen werde, die, ganz und nur in dem Boden der Praxis gewurzelt, mit den Händen das ausführen müßten, was die Köpfe zuvor nur ausgedacht. In dieser Stellung habe ich mein ganzes Leben ausgehalten, und ich hatte mich des Gleichmuths meiner Seele zu freuen in den Katastrophen, in welchen die Hoffnungen für die vaterländischen Dinge zeitweilig versanken, zeitweilig enthusiastisch überspannt wurden; da bog ich gelassen in die Wege der Kunst wieder ein, aber auf zwei Heroen, über deren Erkenntniß man neue Kraft einsaugen konnte für die kräftigste Ergreifung der äußeren Welt. Amazon.de Widgets Es ist nichts leichter als Selbsttäuschung in der Auffassung und Darstellung eines eignen Erlebnisses von so subtiler Natur, eines Seelen- und Geisteszustandes von so eigenthümlich zwischen Gegensätzen schaukelnder Art, einer inneren Katastrophe von so eingreifender Bedeutung wie die geschilderte; man verwirrt so leicht[266] das Spätere mit dem Damaligen, die Folgen mit den Anfängen, die Wirkungen mit den Ursachen; man trägt so leicht aus dem Gewordenen in das Werdende zurück. Es trifft sich aber glücklich, daß man in diesem Falle die Probe einer doppelten fremden Controlle machen kann, die nach gegenseitiger Ausgleichung meine selbstgezogne Rechnung, scheint mir, richtig zeigen wird. Ein Auswärtiger, ein mir persönlich ganz unbekannter Franzose, Taillandier (Revue des deux Mondes. 1856. Mars.), und ein Inländer, ein freundlich gesinnter Deutscher (H. Baumgarten, Gervinus und seine politischen Ueberzeugungen. 1853.), haben aus einer genauen Wägung meiner Machiavellischrift über meinen damaligen Standpunct sehr klar betonte Stimmen abgegeben. Der Franzose hat mit scharfem Auge die Bedeutung dieser Schrift für meine ganze Zukunft durchschaut: er nannte sie mein »Programm und das Bekenntniß der geheimen Antriebe, die mich bewegen«; er fand ihre Eigenthümlichkeit »in der Anwendung, die ich von dem Gegenstand auf das gegenwärtige Deutschland mache, und auf die Rolle, die ich mir selber dabei angewiesen habe«. Er sah mich in der Mitte des ungeduldigen und durch Ungeduld leicht bis zur Erschlaffung aufgeriebenen jungen Geschlechtes stehen, das Deutschland verleiten wollte, seinen alten Ueberlieferungen Gewalt anzuthun durch den Uebergang vom geistigen zum thätigen Leben; ich schien ihm vielleicht noch ungeduldiger als die Anderen, wenigstens zäher und unerschrockener als die Meisten und von der Niederlage in diesem schwierigen Kampfe weniger entmuthigt. Niedergeschlagen wie Machiavelli über die Zertheilung und und politische Nichtigkeit Deutschland's, fand er, lange ich doch nicht wie jener bei der Verzweiflung an meinem Volke an, dem ich eine große politische Zukunft vorbehalten glaube, durch und durch getrieben von den Eingebungen einer eifersüchtigen und reizbaren Vaterlandsliebe. Der ganze Entwurf meines Lebens schien dem französischen Beurtheiler, wenn auch nicht mit bestimmten Worten, doch klar in jenem[267] Aufsatze niedergelegt: die Geschichtschreibung praktischer zu machen und von den flauen Systemen, die Alles rechtfertigen, zu einer strengeren Würdigung von Menschen und Dingen überzuführen; die Poesie. ihren entnervenden Träumereien entsagen zu machen; Deutschland in eine thätigere Rolle in den menschlichen Geschäften einzuüben und an der Spitze der liberalen Partei »der Richter und Führer des germanischen Genius« zu werden. Er wollte das Geheimniß meines Herzens durchdrungen haben und empfand Mitleid mit dem Zorn und den inneren Qualen einer leidenden Seele voll gereizter Schmähungen und stolzer Anmaßungen, die in dem bittren Schmerze über die deutsche Apathie, nichts lobend als Kraft und Männlichkeit, selbst das verweichlichende Christenthum verwerfe, wenn auch nur in der Machiavelli'schen Taktik eines Publicisten, den die Verzweiflung (von der ich zuvor doch frei sein sollte?; beseele. Der Deutsche lehnte sich in allen Puncten auf die andere Seite. Er fand mich zu Machiavelli weniger durch die Vorneigung zum praktischen Leben als durch die Größe seiner historischen Kunst gezogen. Er sah mich der ungeduldigen Hast, dem blinden Ueberstürzen, dem revolutionären Leichtsinn der leidenschaftlichen Weltverbesserer Jungdeutschlands nicht verfallen, sondern schroff entgegengesetzt. Meine Vaterlandsliebe schien ihm so wenig reizbarer, krankhafter Natur, daß er mich vielmehr noch von einem wissenschaftlichen Kosmopolitismus angesteckt fand, in dem ich nur suchte, durch die Wissenschaft zur Erkenntniß der Zeit zu gelangen, mit ihr der politischen Entwikklung zu Hülfe zu kommen. Auch meine politische Ader dünkte ihm so wenig fiebrisch erregt, daß er vielmehr aufmerksam machte, wie ich von dem Eintritt der politischen Bildung das menschlich innere Glück, die Sittlichkeit, Einfachheit und Frugalität des deutschen Lebens gefährdet glaube. Er sah mich so wenig an der Spitze der liberalen Partei, daß er mich vielmehr keiner Partei angehörig nannte, und dies aus ganz bewußten, in meinen historischen Ansichten wurzelnden Grundsätzen. Er fand mich so wenig blos auf die Seite des[268] thätigen Lebens geneigt, daß er vielmehr mit Befremden in dem Büchlein über Machiavelli die Aussprüche des Bedauerns las, daß dieser Mann seiner Zeit nicht die bessere Seite abgewonnen und sich der Wissenschaft ganz hingegeben, daß er nicht noch würdigere Zwecke, noch höhere Sphären gekannt habe als das Leben für das Vaterland, wie Dante, der sich das Profane abgethan. Fähiger als der Franzose, ein vielgesaitetes Instrument zu spielen, verweilte der Deutsche bei dem Ergebniß einer eigenthümlichen Mischung theoretischer und praktischer Neigungen, zweifelnd gleichwohl, ob ich in jener Zeit nicht doch geneigter gewesen sei, »den denkenden und dichtenden Menschen weit über den handelnden hinwegzusetzen«. Der Muse, würde dies heißen, sei meine Thätigkeit geweiht gewesen; die Thatkraft, sagte im graden Gegensatz der Franzose, sei meine Muse. Die Pallas sei damals und immer meine Göttin gewesen, war mein eigener Spruch. 
 Die Hausgründung.  [300] Es ist aus der Erzählung des vorigen Abschnittes klar, daß ich auch dann, als ich mich bereits zu der Geschichte der deutschen Dichtung entschlossen hatte, nicht sogleich alle jene Zerstreuungen auf andere Arbeiten unterließ, deren ein guter Theil noch den Anfängen des großen Werkes zur Seite lief, das indessen von dem Augenblick an, da ich in die Masse der in Heidelberg angehäuften alten Quellen eindrang, alle meine Muße und Kraft mehr und mehr auf sich allein versammelte. Eben in der Zeit nun, da ich mit der erwerbgierigen Manier eines Schatzgräbers mich in diese Schachte vergrub, da Kopf und Geist in einer so verdichteten und doch auch wieder so zersplitterten Thätigkeit, in einer aufreibenden Hast so vielfach angestrengt war, eben in der Zeit war auch Herz und Gemüth in mir von den stärksten, den an- und aufregendsten, den liebsten und leidesten Bewegungen erschüttert. Es war, als ob mein ganzes Dasein damals aus voller Knospe völlig und plötzlich und fröhlich sich entfalten, wiewohl nicht ungedrückt bleiben sollte von den Frostreifen, die allen Frühling so häufig begleiten. Um Weihnachten 1834 schrieb ich ein Sonett nieder, das mit den stolzen Worten begann: »Mein Leben steht in voller Pracht der Blüthen und für den Herbst verheißt es reiche Gaben«, das aber wie mit einem bang ahnenden Gebete schloß daß mein Glück neid- und harmlos dauern und mir, »die Schöpferin meines Glücks« erhalten bleiben möge. Wer diese Schöpferin war, davon wäre nun zu erzählen.[300] Als ich von der italienischen Reise zurückkam, bot mir eine befreundete Familie, die Hofräthin Dapping und ihre Tochter, eine Wohnung in ihrem Hause an, die ich Ostern 1833 bezog. Die Mutter, eine ältere Dame von würdiger Haltung und strengem Anstande, war am Petersburger Hofe an einem Frauenstifte angestellt gewesen und erst neuerdings dorther zurückgekommen; die Tochter, nicht mehr jung, etwas verwachsen, reich an mancherlei Bildung, kannte ich länger her und genauer. Sie hatte früher einer Erziehungsanstalt vorgestanden, die nun eingegangen war; nur daß neben einer Nichte noch vier fremde Mädchen in einem mehr häuslichen Familienverhältnisse zurückgeblieben waren. Darunter befanden sich zwei verwaiste Schwestern aus Heidelberg von 13 und 16 Jahren, deren Eltern ich früher in dem Dapping'schen Hause mehrfach gesehen hatte, Töchter des Botanikers Schelver, der in den naturphilosophischen Kreisen eine Weile ein Mann von großem Ansehen gewesen war, auch mit Göthe während dessen botanischen Beschäftigungen in einem (leider verlorenen) Briefwechsel gestanden hatte. Später war er in mystischen Speculationen und magnetistischen Grübeleien traurig untergegangen und vor Kurzem mit gestörtem Geiste gestorben, nachdem ihm seine Gattin, eine Frau von ungewöhnlichen Gaben, unter welchen eine lis zur Selbstvergessenheit getriebene Menschenliebe und Wohlthätigkeit vorstach, wenige Zeit zuvor vorausgegangen war. Ueber den hinterbliebenen Waisen. den beiden Mädchen im Dapping'schen Institute und einer älteren Halbschwester, lagen diese jungen Schicksale wie schwere Schatten, die ihre Zukunft in ein ungewisses Dunkel hüllten, und auf die zwei älteren warfen sich dauernde Unglücksgeschicke wie eine Erbschaft aus dem verfrühten Verluste schützender Eltern und Pfleger. Die Halbschwester Alwine war höchst unglücklich an einen Pfarrer Lebeau verheirathet, der, selbst ein Mann von recht weltlichen Eigenschaften und Neigungen, sie mit pietistischen Nörgeleien dermaßen quälte, daß sie auf eine Scheidung sann, welcher dann nach[301] wenigen Jahren der Tod durch eine Scheidung vom Leben zuvorkam. Sie hinterließ drei Kinder, die, verwahrlost an Geist und Seele, mit dem bald wieder vermählten Vater in stetem Zerwürfniß lagen und alle drei nach America auswanderten, wo die Tochter früh wegstarb, die Söhne als Opfer, wahrscheinlich des großen Krieges, verschollen. Von den beiden jüngeren Halbschwestern Alwinens hatte die ältere, Margrete, schon da ich sie zuerst im Alter von 16 Jahren kennen lernte, wiederholte Blutstürze überstanden; man glaubte sie der Schwindsucht verfallen, obwohl in dem Aussehen des kurzen, runden Mädchens voll Lebenslust von einem Lungenleiden keine Anzeige lag; einmal war sie nach einem besonders heftigen Blutverluste von den Aerzten förmlich aufgegeben, wenige Tage nachher aber spazierte sie wohlgemuth zu einer befreundeten Familie über die Brücke. Die Sorge um ihre Gesundheit kam Allen, die an ihr Antheil nahmen, nicht aus dem Sinn, am leichtesten ward sie wohl von ihr selber verwunden. Zu der körperlich stärkeren, aber geistig gedrückten ältesten Schwester stand die immer heitere, zu Muthwillen und Ausgelassenheit geneigte, durch Schicksale früh gereifte krankende Margrete, deren ganze Naturanlage der Mutter schon früher Kummer gemacht hatte, in einem stärksten Gegensatze. Wer jene, die junge Matrone, die gesunde Frühverstorbene, von Grund aus gekannt hätte, würde in ihr ein Wesen verehrt haben, das ganz zu einem harmonischsten inneren und äußeren Leben vorangelegt war; wer die andere, stets lebensgefährdete Langlebende nach ihrer körperlichen und geistigen Natur völlig durchschaute, was sicherlich nur ein hellsichtiger, mit mehr als menschlichen Augen begabter Seelen- und Leibesarzt vermöchte, würde die Welt mit einem der befremdlichsten Frauencharaktere bekannt machen können, den kein Novellenschreiber so leicht erdenken würde. Ein unberechenbares dämonisches Wesen bewegte sie sich in den widersprechendsten Vermögen und Hängen, wechselnd aus den entgegengesetztesten Launen in die entgegengesetztesten, immer excentrischen Bahnen getrieben; zu[302] Einer Zeit glücklich in der resignirtesten Willenlosigkeit und Ergebung in fremde Führung. zu anderen häufigeren Zeiten gegeißelt von der Furie eigenwilligster Herrschsucht; eine Weile zum Erstaunen praktisch auf verständige Zwecke gestellt und dann in die unglaublichsten phantastischen Grillen verloren; bald ganz Selbstlosigkeit, bald ganz Egoismus; ein treuer aufopfernder Freund, aber gereizt und verletzt ein schroffer, schwer versöhnlicher Feind; zeitweilig berückend durch gewinnende Sanftmuth und dann wieder abstoßend durch maßlose Heftigkeit. Zweimal verheirathet, das einemal verwittwet, das anderemal von dem Manne getrennt hat sie anfangs über ihren ersten Kindern in ächt mütterlicher Obhut gewacht, später aber spätere in verliebter Vergötterung zu Tode gezärtelt; die Kinder von dem ersten Manne hat sie zu Zeiten gepeinigt mit den launischsten Zumuthungen, aber sie blind an sich und ihren Willen gefesselt mit einem wunderhaften Zauber; die aus der zweiten hat sie nach ihrer Trennung von deren Vater ihrem Schicksale stumpf überlassen. Allbeweglich, nie rastend, immer verändert zu den verschiedenartigsten Rollen hat sie zuweilen ganz dem Hause, dem Gatten, den Kindern gelebt; häufiger hat sie ihr eigenes Leben neben und jenseits der Ehe und immer neue Leben und Lebensweisen geführt. Ein weiblicher Gil Blas, zu allem anstellig, bei nichts ausdauernd hat sie, neben oder ohne den Gatten, zuerst in Europa und dann in America bald die richtige Hausfrau, bald die Weltstreicherin, nun die ganz hülfsbedürftige Kranke und dann den rührigen Krankenhelfer, einmal als Magnetiseur, ein andermal als promovirter Doctor gespielt; bald stand sie einer Schreibmaterialienhandlung, bald einer Puppenfabrication vor, bald pfuschte sie in ein Buchdruckereigeschäft; jetzt war sie ein Musiklehrer, jetzt ein Landbauer; früher einmal erpicht, ihre zwei ältesten Kinder zu Sängern, ja, wenn es für die Bühne nicht reichen wollte, zu Bänkelsängern zu machen, führte sie beide nachher mit sich nach Brasilien als Colonisten, sorglich damals ihren Sohn zu verheirathen, den sie später wieder dienlicher fand von[303] seiner Frau zu trennen; in Allem einem augenblicklichen übermächtigen Triebe folgend, entweder (so muß man unaufhörlich zweifeln) ohne alles Besinnen und Gewissen oder ohne alle Zurechnungsfähigkeit. ? Die jüngste der Schelver'schen Töchter, Victorie, war in ihrem Naturell der Halbschwester ähnlich. Beide Mädchen in dem Dapping'schen Hause sah ich täglich und lernte sie beobachtend kennen ohne einen näheren Verkehr mit ihnen. Ich war des Abends oft, eine Weile fast täglich mit der Familie zu Thee; eine Zeit lang gab ich allen fünf Zöglingen historischen Unterricht, der nur bei dem Geschwisterpaare etwas verfing. Sie wurden unvermerkt der Hauptgegenstand meines Interesses und meiner Zuneigungen in dem Hause; die ältere durch ihren geweckten Geist, durch ihr höchst einnehmendes, freies, ungezwungenes, zur Zeit noch von keinem Eigenwillen und keiner Leidenschaft gestörtes Wesen; die jüngere, mehr in sich gezogene durch ihre ernste Sinnigkeit. Sie war in kindlicher Bescheidenheit, nicht in Schüchternheit, stille; bei den Abendgesprächen nach dem Thee saß sie über ihrer Arbeit oder in drolliger Aufmerksamkeit mit verschränkten Armen ruhig zuhörend und sprach nur selten ein Wörtchen dazwischen, das einen verständigen, früh reisenden Sinn zuweilen mit einem fernen Anflug von naiver Altklugheit aussprach; sie war zum Ausgeben wenig bereit, zur Aufnahme desto bereiter; Ton und Sprache, Haltung und Anstand, Gesichtszüge und Mienenspiel, Alles drückte un ihr die reine Natürlichkeit einer gesunden Seele in gesundem Körper aus. Sie zu sehen war mir innerlich wohlthuend, und dies Gefühl einer ersten Anziehung ward dann durch die Theilnahme an den Schicksalen der Schwestern, wie sie mir näher bekannt wurden, nicht wenig vertieft; im übrigen war ich langehin frei von jederlei bestimmteren Gemüthsregung. Sie war wenn auch ein vorgeschrittenes Kind, doch ein Kind, und ein völlig harmloses, über ihre Jahre nicht hinwegstrebendes Kind; und ich war nicht versucht, sie anders anzusehen. Die Schwester Margrete war ihrer ganzen Art und schon ihrem[304] Alter nach ungleich mehr geeignet, genauer forschende Blicke oder Gefühle oder Gedanken anzuregen, ja herauszufordern; aber sie glitten dann immer unbefriedigt und wie beunruhigt von dem krankhaften Wesen zurück auf die ganz harmonische Natur der Schwester, wo sie sich beruhigten und behagten, aber auch vor der kindlichen Erscheinung unwillkürlich sich beschwichtigten. Im gesprächlichen Verkehre war ich, wenn die Jugend Theil nahm, ganz gewöhnlich nur der lebhafteren, älteren Schwester zugekehrt, die in ihrer heitern, anmuthigen Unterhaltungsweise meiner Wohllaune unaufhörlich Nahrung gab. Das Wohlgefallen, das ich bei dergleichen Unterredungen verrathen mochte, ging so weit, daß die Hauswirthinnen sogar von einer Abendgesellschaft her, da sie bei einer Aufführung von Charaden eine besondere Traulichkeit zwischen mir und Margreten bemerkt haben wollten, eine intimere Annäherung fürchteten, die zu begünstigen oder auch nur zu dulden ihnen als Erzieherinnen hätte verargt werden können. Das gaben sie wenigstens später als die Ursache an, warum sie dem Vormunde des Schwesternpaares riethen, Margreten aus ihrem Hause zu nehmen und in die Pflege einer bürgerlichen Familie, des Buchhändlers Winter, zu geben, womit zugleich die Einstellung meiner Geschichtsstunden verbunden war, die mehr für die ältesten als für die jüngeren Zöglinge bemessen waren. Von den eigentlichen Gründen, warum das Alles geschah, hatte ich in meiner völligen Unschuld und Arglosigkeit nicht die allergeringste Ahnung, bis eines Tages (es war im Frühling 1834) Sophie Dapping mir durch eine Anspielung auf meine geglaubte Vorliebe oder Verliebtheit die Augen öffnete. Ich erstaunte sie offenbar durch mein ungekünsteltes Erstaunen über ihr Durchschauen von Neigungen meines Herzens, von denen ich selbst nichts wußte: sie befragte mich nun gradaus; sie war gradezu ganz sicher, daß ich ihr, wenn ich aufrichtig als Freund zur Freundin reden wolle, doch nicht abstreiten werde, daß mich Margrete ungewöhnlich angezogen und gefesselt habe. Ich stellte ihr überzeugend vor, wie[305] sie mir außer meinen Allen bekannten Unterhaltungen mit Margrete, deren größere Lebendigkeit durchaus keinen anderen Charakter getragen, als wie ihn die elastische Natur des Mädchens einer jeden Unterhaltung, mit wem es immer sei, aufdrückte, doch auch nicht den kleinsten Anlaß zu ihrer vorgefaßten Meinung werde anführen können. Ich warf sie zuletzt aus ihren falschen Voraussetzungen vollständig heraus durch die gelassene, offene, vertrauensvolle Erklärung von Freund zu Freund: daß, wenn ich in den Tiefen meiner Seele recht lesen und ihr ein kaum mir selbst gestandenes Bekenntniß machen sollte, ich sie vielmehr bitten würde, mir Victorie zu erziehen. Victorie? sagte sie im Tone der Befriedigung, über den bisherigen Argwohn getröstet zu sein, aber nicht in einem Tone der Zufriedenheit oder des Beifalls überhaupt, und ohne auf die Aeußerung irgend weiter einzugehen. Das war nun ein verhängnißvolles Gespräch. Ich hatte ein Gefühl zu hellem Erwachen gerufen, das bis dahin nur in mir geschlummert hatte; das Geständniß von einer kaum geträumten Beziehung zu dem Mädchen war abgelegt, und dieser Traum war dadurch auf einmal eine feste Wirklichkeit geworden; halbdunkle Vorstellungen, die ich nie zuvor beeilt war in mir zu beleuchten, waren zu klaren Gedanken und damit zugleich zu bestimmten Entschlüssen geworden; ein Seelenzustand, der bisher in seiner aufregungslosen Ruhe das wohligste Behagen gefunden, wurde nun zu einer hastenden Bewegung aufgestürmt; das 14jährige Geschöpf, vor dessen Kindheit bislang sich alle inneren Regungen in Scham und Scheu zurückgehalten hatten, sah ich nun auf einmal im Scheine der gereiften Jungfräulichkeit; was mir noch heute eine kühle Frage der Zukunft gewesen war, ward schon am nächsten Tage eine brennende Frage der Gegenwart; was gestern die ruhige Bitte an eine Freundin war, ein werdendes Verhältniß in ihre gemächlich pflegende Hand zu nehmen, ward heute zu einem ungestümen Begehren, ein gewordenes Verhältniß rasch fördernd mit eigenen Händen anzufassen.[306] Das war die plötzliche Folge davon, daß ein eben erst aufwachendes Gefühl gleich auf eine Hemmung stoßen sollte; denn jedes Hinderniß, in den Weg einer ächten Empfindung geworfen, kann nur sie zu beschleunigen dienen. Hätte mich die Freundin nur die geringste Handreichung selbst in weiter Ferne hoffen lassen, ich hätte mir jede Schranke der Geduld, der Mäßigung, des ruhigen Zuwartens von ihr ziehen lassen; sie war aber meiner Zumuthung ausgewichen; so fiel, was nun geschehen sollte und wann und wie, mir selbst anheim. Sie würde keine hilfreiche Hand bieten, das war mir sogleich klar; bald sollte mir noch klarer werden, daß sie abzuleiten, daß sie zu hindern und zu vereiteln suchen werde. Vor Jahren hielt sich in ihrem Hause eine junge Neuenburgerin von großer Anmuth und Geistesgewandtheit auf, die mir,der ich ? so weit eine flüchtigere Bekanntschaft das gestattete ? einen augenblicklichen Eindruck machte, den ich der Freundin nicht verhehlt hatte; sie entwarf mir damals aus ihrer näheren Kenntniß ein Bild des Mäechens, das mich entschieden zur Zurückhaltung bestimmte; jetzt sandte sie mir einen Brief von der längst Heimgekehrten zur Einsicht, in welchem ihr in einem wie schmerzlich resignirten Tone Grüße an mich aufgetragen waren. Die Absicht, von dem Gegenwärtigen auf Vergangenes, von dem Lebendigen auf Untergegangenes abzuleiten, war deutlich genug; bald sollte Deutlicheres folgen, was mich auf eine andere Zukunft, als die mir nun vorschwebte, hinlenken sollte. Die Freundin lud mich in den Herbstferien ein, mit ihr und einer anderen älteren Dame einen Ausflug in die Hardt zu machen. Die dreitägige Vergnügungsfahrt wurde gemacht; eine junge, hübsche Nichte aus Frankenthal war die Vierte im Wagen, an sich kein übler Köder. Ich blieb unbefangen, ohne mich arglos stellen zu müssen. Denn ich hatte damals bereits die Würfel über mein Schicksal geworfen, und das ließ mich der kleinen Familienintrigue in innerem Muthwillen zusehen. Sehr ähnliche eigensüchtige Ränke waren schon früher einmal von einem meiner Bekannten in[307] diesem Hause erlebt worden; die Erinnerung daran hatte mir gleich von dem Momente an, da mein Vertrauen unerwidert geblieben war, schwer auf der Seele gelegen. Der Vorfall mit Margrete schob an die Stelle meiner ehrlichen Offenheit eine mistrauische Besorgniß. Wenn man auf eine irrige Vermuthung hin Margrete aus dem Hause geschafft hatte, würde man nicht viel gewisser auf mein grades Geständniß hin Victorie entfernen? Man hatte den Vormund zu jener Maßregel bestimmt; man hatte ihm die Gründe dafür angegeben; Beides konnte sich wiederholen, und das letztere mehr als das erstere würde mir den ferneren Zugang zu dem Mädchen verlegen. Das alles waren peinigende Vorstellungen, die mich nicht sehr lange nach jener Unterredung von dem ebenen, geordneten Wege abgedrängt hatten: ich wollte mich, wenn diese äußeren Hindernisse ja eintreten sollten, innerlich wenigstens sicher gestellt haben. Das ward mir nachher von den Störern meines Glückes zu schwerem Verbrechen gemacht; und auch von Victoriens mütterlichen Verwandten, ihren Oheimen in Osnabrück und Hamburg, die auf ihr Bestes in fester Verwandtenpflicht bedacht, auch gegen mich nicht übelwollend, aber über meine Schritte falsch berichtet waren, wurde es mir verargt: daß ich ein junges Mädchen, zu unerfahren und unbekannt mit den Ansprüchen, die sie einmal an das Leben und das Leben an sie machen werde, so früh gebunden hatte. An einem Sonntag Nachmittag, da Victorie regelmäßig ihre Schwester besuchen durfte, hatte ich sie auf ihrem Gange dahin begleitet und die Frage an sie gerichtet, die allerdings eine Entscheidung über ihr Leben von dem Kinde forderte, das sich besonnener bewies als der reife, 15 Jahre ältere Mann. »Warum fragen Sie mich das«, sagte sie ohne den Ton eines eigentlichen Vorwurfs, aber auch ohne den Ton eines offenen oder geheimen Wohlgefallens, »ich bin noch ein Kind.« Ich war beschämt und bestürzt und verbrachte einige Zeit in Unmuth, Zweifel und Pein; aber es waren nur wenige Tage. Die Schwester, als sie den[308] Vorfall durch Victorie erfuhr, lieh ihr die praktischeren Erwägungen ihrer gewitzigteren Erfahrung; sie wußte, daß sie beide an dem Vormunde nicht den selbstlosesten, wohlgesinntesten, pflichtvollsten Pfleger hatten; sie sah ein freundliches Licht in ihre unfreundliche Gegenwart, in ihre ungewisse Zukunft fallen; sie rieth dem Kinde, im Wiederholungsfalle nicht wieder das Kind zu spielen, und Victorie setzte in sie all ihr Vertrauen, weil sie all ihre Liebe besaß. Im Hausgarten mit einem englischen Bekannten spazierend, der nicht Deutsch verstand, richtete ich bald darauf an das dort beschäftigte Mädchen, den ersten Bescheid ablehnend, eine andere bestimmtere Frage und erhielt von der Vorbeischlüpfenden ein fröhliches Ja Es war im Sommer. Durch den Rest der Jahreszeit, im Herbst, im Winter bis zu Weihnachten folgte nun eine selige Zeit. Ich konnte nur bei seltenen Begegnungen im Hause, im Garten, auf ihren Sonntagsgängen verlorene Worte mit ihr tauschen, aber die wenigen waren unverloren. Wir bauten auf uns ohne die Bürgschaften langer genauer Vertrautheit, ohne Mahnungen und ohne Schwüre. Es war ein Bund von eben so seltener Stille als Treue; in Worten konnte er nicht, er mußte sich in Werken bewähren. Ich führte keinen geheimen Briefwechsel weder mit ihr, noch mit Margreten; höchstens schickte ich ihr durch deren Vermittlung von Zeit zu Zeit ein Gedicht, eine Elegie, ein Liedchen zu; eine lyrische Ader sprang in mir auf, durchaus nur angeregt durch diese hochzeitliche Stimmung und mit ihr versiegend; zu keiner anderen Zeit überwand ich so leicht und wohlgemuth die sonstige Scheu oder Unlust, meinen Gesang zur Guitarre hören zu lassen. Beseler, dessen Ankunft in diese Zeit fiel, ward der Vertraute meiner Liebe; er sah sie im noch stillen Keime, sah sie später im vollen Erfolge und feierte sie treulich, selbst nicht ohne Rütkwirkung auf sein eigenes Gefühlsleben, mit; er sah sie in einer Zwischenzeit schwerer Bekümmerniß, wo mir, der ich so manches entbehrte, was Andere im Strome des Lebens oben hält, auch dieser Besitz bedroht zu[309] werden schien. Zu jener raschen Zeitigung dieser Freundschaft trug das gehobene Selbstgefühl in mir das beste bei, wie alle anderen Dinge dadurch gefördert wurden. Meine Arbeiten, an Abenden und in die Nächte fortgesetzt, beflügelten sich wie nie zuvor; die Kräfte zu mancherlei jener so weit auseinander liegenden Entwürfe, die mir damals durch den Kopf fuhren, wuchsen unter dieser Befeuerung aller Lebensgeister. Männer können ein großes Glück nur schwer verbergen; so drängte es mich, noch Andere in das Geheimniß meines Herzens zu ziehen. Das Gefühl des heimlichen Spiels im Rücken meiner Hauswirthinnen drückte mich doch. Seit der Herbstfahrt in die Hardt sann ich darauf, die Wünsche, die sich dort verrathen hatten, abzuschneiden, nur daß ich sie eine Weile noch durch mein völlig passives Verhalten ruhig einschläfern wollte; dann trieb es mich, durch grades Vorgehen auf den offenen, freundschaftlichen Weg zurückzulenken. Es war zwischen Weihnachten und Neujahr, als ich der Freundin ein Sonett zuschickte, dasselbe, dessen Anfang und Ende ich oben anführte, mit der Bitte um eine Unterredung unter vier Augen. Von da an begann eine qualvolle Zeit von 3/4 Jahren für mich, da ich in reichem Maße, was der Liebe Leid ist, an mir selbst erfahren sollte. Sophie schrieb mir zurück, sie errathe, was ich ihr zu sagen habe; sie könne mich nicht hören; sie trage sich seit Jahren selbst mit einer unbezwinglichen Leidenschaft für mich; wie sie denn aus meinem Munde hören solle, daß ich eine Wahl für mein Leben getroffen habe! Hätte ich nun den Untröstlichen gespielt, einige Empfindungsscenen aufgeführt, ihr Gelegenheit gegeben, ihr die Forderung gestellt, mir ein doppeltes Opfer zu bringen, Entsagung auf ihre, Gewährung für meine Liebe, so hätte sich leicht Alles im Guten geordnet. Aber das konnte ich nicht. Mich verdroß die Komödie, die sie früher ganz ähnlich schon einmal mit jenem Bekannten von mir, einem Maler, der in ihrem Institute Zeichenlehrer gewesen war, in Scene gesetzt hatte; die sie, wenn meine Wahl auf die Nichte gefallen wäre, sicherlich nicht[310] angezettelt hätte. Ich schrieb ihr einige wohl recht kühle, bedauernde Worte und dachte nun, erwartend was da kommen werde, der Sache stille zuzusehen, die sich nun ärger und ärger verwickeln sollte. Eine meiner Abendbegegnungen mit Victorien wurde durch lauschende Nachbarn verrathen, und das kam an die Mutter Dapping; ich hatte einen Wink davon. Sie kam eines Tages zu mir und erzählte mir eine lange Liebesgeschichte von ihrem Sohne in Frankenthal, in der offenbaren Absicht, mich zu einem Geständnisse herauszufordern. Ich aber mußte verschlossen bleiben, wie peinlich mir es war, denn sie sprach liebevoll und mütterlich. Auf ein Bekenntniß hätte ich ? wenn auch noch so freundschaftlich ? Vorwürfe über meine Heimlichkeit erhalten; sollte ich, konnte ich der Mutter, die ohnehin in einem steten Zerwürfnisse mit der Tochter lebte, mittheilen, daß ich zweimal vergeblich den Versuch gemacht, gegen Sophien ganz offen zu sein? Ich schwieg. Die Tochter rechnete mir das nicht an. Die verletzte Mutter lag ihr nun in den Ohren, gegen mich mit der Sprache herauszugehen. Sie schrieb mir einen ungeschickten Brief, worin mir das Verhältniß zu Victorien in einer unzarten Weise vorgerückt war. Ich sagte ihr darüber mündlich eine gereizte Antwort, die einen Bruch bedeutete. Nun wurden Anstalten getroffen, Victorien auf Ostern in das Haus des Vormunds, Pfarrer Kleinschmidt's, zu geben. Ich sagte für dieselbe Zeit meine Wohnung auf. Amazon.de Widgets Eine ruhelose, peinigende Leidenschaft machte nun das jugendliche Blut in mir aufkochen. Ich malte mir in schwarzsichtiger Einbildung die verzweifelten Stunden aus, die mein Mädchen nun noch in dem Hause der misstimmten Erzieherinnen durchzuleiden hätte, von welchen sie in der That, bis auf eine tadelnde oder mahnende Vorstellung, nichts zu dulden hatte. So malte ich mir auch in eigener Beängstigung die Unruhe aus, in der die Kleine unsere Liebe bedroht und gefährdet sehen möchte, bis ich gelegentlich erfuhr, daß sie zufrieden und ungehärmt dahin lebe, da ich dann[311] ein enttäuschtes, »O weh« sang, »daß Kindheit ist der Liebe fremd«; der Selbstquälerei, meinte ich, ohne die sich das starke Geschlecht keine starke Liebe denken zu können scheint. Bis gegen Ostern hielt das Zusammenleben in demselben Hause, die Möglichkeit, das liebe Kind vorübergehend zu sehen und zu sprechen, die gramvolle Ungeduld noch in einigen Schranken; um die Zeit der Trennung verdüsterte sich mein Gemüth nun trüber und trüber. Der Zufall fügte es, daß am Abend vor dem Ueberzuge zu dem Vormunde Fräulein Dapping mit der übrigen Jugend zum Balle ging, während Victorie ihre Siebensachen zusammen packen sollte; die Mutter pflegte früh zu Bett zu gehen; eine langjährige Dienerin, die den Freundschaftsbruch im Hause gewahrt, seine Ursache errathen hatte und, wie das gewöhnlich ist, mit der Jugend im Bunde war, ließ es schweigend geschehen, daß die junge Braut zu mir herauf kam, wo wir zum erstenmal einige ungestörte Stunden in ernster Ruhe und stillem Glück verbrachten: ein vorüberziehender Moment der Wonne, aber in der Erinnerung eine Ewigkeit werth. Am anderen Tage sah ich in stummem Jammer das Kind die Straße dahin ziehen; die Dienerin kam mit Thränen mir zu sagen, daß sie fort sei; in dem wie ausgestorbenen Hause trat mich eine junge Elberfelderin an, der letzte übrig gebliebene Zögling, die von Niemanden eigentlich in unser Geheimniß eingeweiht war, und wünschte und prophezeite mir Glück zu meiner Wahl und zu meinem Lebenswege; Beseler kam, ich fiel ihm weinend um den Hals. In seiner Freundschaft hatte ich meinen nächsten Trost; im Sammer zogen wir in eine gemeinsame Wohnung zusammen. Victorie fand ihren Ersatz in dem ungehemmteren Umgang mit ihrer Schwester, die nun die Beschützerin unserer Liebe ward; Austausche von Bildnissen, von Mittheilungen, von Weisungen gingen nun durch sie, zu der ich im Nothfall im Hause Winter Zugang finden konnte. Zu dem Vormund und zu Victorien fand ich ihn nicht. Ich besuchte ihn; ich legte ihm in möglichst schonender Weise die Geschichte meines[312] Verhältnisses zu seiner Mündel vor; er schien menschenkennend den Zusammenhang auch da, wo ich ihn mehr zu errathen gab, zu begreifen; kein Entgegenstehen in seinen Worten, eher ein wohlwollendes Entgegenkommen; in seinen Thaten aber das Gegentheil. Die böse Welt sagte ihm nach, er habe auf meine Braut für seinen Sohn, einen Studiosen der Medicin, speculirt; ich habe keine ausreichenden Gründe, das bestätigen oder ihm widersprechen zu können. Aus spätereren Briefen von Victoriens Oheimen weiß ich nur dies, daß er bei diesen Verwandten eine ungünstige Schilderung von mir machte, den er durchaus nicht kannte, und daß er gegen unsere Verbindung Schwierigkeiten erhob. Wenn das nichts weiter als die Folge von Einflüsterungen der Erzieherinnen war, so hätte es dem geistlichen Herren wohl angestanden, meiner Offenheit gegenüber sie zur Erörterung zu bringen. Daß sie ihm achselzuckend zu verstehen gegeben hatten, an meinen Artigkeiten gegen die Schelverschen Töchter möge der Umstand nicht wenige Schuld tragen, daß sie einiges mütterliche Vermögen hätten, ist mir bekannt geworden und hat mich mit Verachtung gegen die einstigen Freundinnen erfüllt, die mich in der That von anderen Seiten kennen konnten. Auch daß ich mit Margreten in einem unschicklichen Verhältnisse gestanden habe, gehört zu den Verleumdungen, denen der Vormund Ohr und Zunge lieh; Verleumdungen, die er später auf mein Angehen und auf eine drohende Injurienklage von Seiten des Bräutigams Margretens, Philippi aus Usingen, vor diesem wie vor mir (in einem Briefe vom 30. Mai 1836) in aller Form abzuleugnen hatte. Diese Erfahrungen vergifteten meine unglücklichen Stimmungen entsetzlich. Befleckungen des Namens, Kränkungen der Ehre, Verdächtigungen des Charakters füllen Kopf und Gehirn mit schwer verlöschlichen Qualen und ertragen sich unendlich schwerer als bloße Erschütterungen des Gefühlslebens; und dies um so mehr, je weniger uns Macht bleibt ihnen wirksam zu begegnen. Es gab für mich nur noch eine Instanz, bei der sich mein verletzter Ruf und mein[313] bedrohtes Glück herstellen mußte, die Oheime in Osnabrück und Hamburg, zu welchen Victorie im Herbste gebracht werden sollte. Ihnen schreiben, bevor sie selber da angelangt war und das Wort für sich und mich selber führen konnte, mochte ich nicht; ich wollte meine Sache persönlich bei ihnen führen; das war im besten Falle vor Herbst nicht zu machen. Ob es dann fruchten würde, mußte ich zweifeln: wenn die Entstellungen der Erzieherinnen den Vormund beirrten, der mich kennen lernen konnte, was mußten die Verleumdungen Beider bei den fernen Verwandten bewirken, die von mir nichts wußten und von ihrer Nichte eben so wenig? Ich mußte Alles von der Einwirkung der Persönlichkeiten erwarten; und ich durfte hoffen, daß die bloße stumme Erscheinung der eigenmächtigen Braut, von der den Oheimen ein ebenso verzerrtes Bild entworfen worden war, allein genügen würde, die unheilvollen Nebel augenblicklich zu zerstreuen, die man auf unsere Beziehungen geworfen. Aber bis dahin waren es noch Monate, die mir unendlich schienen. Sorgliche Vorstellungen von dem, was das Kind in der Gefangenschaft bei dem Vormunde zu dulden haben möchte, ohne daß ich es erführe, nagten an mir gleich unnöthig, wie früher die ähnlichen Bekümmernisse nach dem Bruch in dem Dapping'schen Hause; man arbeitete nur im Rücken gegen uns. Zum Glück beherrschte ich meine friedlosen Einbildungen doch so weit, daß ich sie in dichterische Gestaltungen ableiten konnte. Noch in den Tagen der Trennung hatte ich meinen frischesten Schmerz in einer Reihe empfindungswarmer Gedichte entladen; diese lyrischen Ergüsse stockten nachher in der Oede unserer Entfernung von einander; dagegen belebten sich mir die Züge jener alten epischen Dichtung, der Gudrun, die ich damals auf eine Bearbeitung ansah, durch die zarten Beziehungen, die mir unsere unfreiwillige Scheidung an die Hand gab; die beiden Schwestern waren trefflich geeignet, mir die vollen Umrisse zu den Charakteren Gudrun's und ihrer schirmenden Trösterin Hildburg zu leihen. Neben dem lebendigen Verkehre mit den Freunden Beseler[314] und Hegel, der in dem gleichen Hause mit uns wohnte, waren diese dichterischen Träume und die angestrengten Arbeiten zu dem zweiten Bande der Dichtungsgeschichte die Hauptquellen der Erleichterung für mich in den tiefen Verstimmungen, in denen ich damals jedem anderen Menschenverkehre auswich. Zum Müßiggang ließ ich mich nicht entnerven; im Gegentheil, die Entäußerung meiner selbst an das Allgemeine, an die Wissenschaft, konnte mich allein die Qualen des persönlichen Gefühlslebens vergessen machen. Aber freilich, wann stähle sich nicht auch so eine leere Stunde ein, um dem Grübeln und Sehnen Raum zu gewähren? Und was man in solchen Lagen dem Tage abzwingt, das bringt eine müde, schlaflose Nacht überwältigend zurück. Als der Herbst kam, da nun Victorie zuerst auf einen kurzen Besuch zu dem Osnabrücker Onkel, dem würdigen Kaufherrn Rudolf Schwartze, und dann für längere Zeit in die große mit 8 Töchtern und 3 Söhnen gesegnete Familie des Hamburger Oheims Gabriel Schwartze gebracht werden sollte, befiel mich begreiflich eine neue, heftigere Spannung. Ist man doch nie übler dran, als wenn man nicht weiß, wie man dran ist. Dör Gedanke an die Launen des Ungefährs und der Ungewißheit, denen ich mich in den innersten, heiligsten Regungen meiner Seele Preis gegeben sah, erfüllte mich mit all der Pein, die in dem unaufhörlichen Wechsel der glück (ichsten und unglücklichsten Empfindungen liegt, der auch das stärkste Gemüth erschüttern muß. Welcherlei Menschen würde sie in jenen lange entfremdeten, ihr meist ganz unbekannten Verwandten finden? Wie würde das unerfahrene, unberedte, arglose Kind sich bei ihnen gebaren, wenn sie sie ? gewiß mit Vorurtheilen, wahrscheinlich mit Vorwürfen empfingen? wie gar, wenn sie ihr vielleicht mit liebevollen Vorstellungen über ihre vorzeitige Selbstverfügung, gegen ihre übereilte, vor Prüfung anderer Männer getroffene Wahl zusetzten? Es war ein Weg voller Klippen und Dornen, der mich, wer konnte wissen wie ferne von meinem Glücke zurückschob, wie lange von ihm abschied![315] Da nun sollte das in langer, leidiger Ebbe aufsitzende Fahrzeug meiner Liebe durch eine rasch andrängende Fluth auf fast wunderbare Weise flott gemacht werden. Die Dunkel, die vor mir lagen, begannen sich unerwartet durch eine Reihe von unberechenbaren Ereignissen zu lichten, die jenen rauh und lang gedachten Weg über all mein Erwarten ebnen und über alle meine ungeduldigsten Wünsche hinaus abkürzen sollten. Früh im Herbste kam Dahlmann, den ich schon um Ostern kennen gelernt hatte, mit Frau und Tochter nach Heidelberg und weilte da einige Tage. Beseler und ich waren ihre steten Begleiter. Nach der Art, wie Beseler bei ihnen eingeführt war und mich bei ihnen eingeführt hatte, lebten wir mit ihnen wie zur Familie gehörig. Sie gewannen mich im ersten Anlaufe lieb, sagte mir Beseler, und dann, fügte er zu, dann halten sie treu an einem. Die Frau war durch Beseler von meiner Herzensgeschichte unterrichtet und nahm den wohlwollendsten, wärmsten Antheil daran. Beseler rüstete sich grade, seinem Rufe nach Basel zu folgen; Dahlmann's setzten ihre Reise nach dem Süden fort; auf dem Rückwege schloß ich mich ihnen in Mannheim an und begleitete sie eine Strecke rheinabwärts. Es war eben zu der Zeit, da der Vormund Victorien zunächst zu einer Verwandten in Bonn, der Professorin Böcking, schitkte und sie selbst bis Mannheim begleitete, wo ich sogar ? mir höchst unwillkommen ? im Gasthaus mit ihm zusammenstieß, ohne ihn anzureden. Auf der Rheinfahrt äußerte Dahlmann einmal, wie wohl man in Göttingen bei Heeren's Hinaltern eine zweite historische Kraft gebrauchen könne, und daß er gerne mich dort neben sich wirken sähe. Ich dachte das gesagt, wie man so was sagt, und hörte es, wie man so was hört, wenn man keinen ungerechtfertigten Ehrgeiz und Anspruch hegt. Es ist wahr, meine Schreibereien hatten mir bei manchen guten Männern einen guten Namen gemacht. Ueber meinen Machiavelli hatte mir Schlosser öffentlich, Wangenheim, Rehberg, Dahlmann auf privaten Wegen schmeichelhafte Dinge gesagt; der erste[316] Band der Dichtungsgeschichte hatte mir von Jacob Grimm eine beneidenswerthe Anerkennung verschafft; selbst die badische Regierung hatte mich »ausnahmsweise« wegen dieser wissenschaftlichen Leistungen (April 1835) zum außerordentlichen Professor ernannt; so lag die Möglichkeit eines Rufes nicht völlig aus dem Wege; ihr aber nachzugehen und nur entgegen zu kommen, war mir durchaus nicht gegeben; daher denn auch verschiedene Aussichten, die man mir von meiner Vaterstadt aus, die mir Zell (schon seit Frühling 1834) von Freiburg aus eröffnet hatte, gewonnen waren oder verschoben blieben, ohne daß ich mich darum kümmerte. Und so schien mir denn auch die Stelle in Göttingen, für die man sich zwar in Hannover schon umgethan, Stenzel, Huber, Leo in Erwägung gezogen hatte, im besten Falle in sehr ungewisser Ferne zu liegen. Schon kurze Wochen aber nach Dahlmann's Heimkehr richtete er (Ende October) im Namen des Curatoriums die Frage an mich, ob ich kommen wolle. Sein Einfluß in Hannover war allvermögend; man wußte, daß er frei von Ränken und Eigensucht war, daß es ihm ehrlicher Ernst war um Alles, was er angriff; in den gefährlichen Zeiten nach 1830 hatte er die Regierung aufrichtig unterstützt. Als er dem ehrwürdigen Arnswaldt, dem allbewanderten Curator, der um meine literarische Thätigkeit vollständigen Bescheid wußte, meinen Namen nannte, war dieser sogleich entschieden, und so folgte der freundschaftlichen Anfrage die amtliche und dieser nach meiner Zusage das Anstellungsdecret (19. Dec. 1835) in ungewöhnlicher Schnelligkeit. Es war nun, als ob sich die freundlichen Geschicke verschworen hätten, mir in meiner gequälten Lage alle denkbare Genugthuung zu geben. Meine Gegner oder Neider, schon durch das Extraordinariat in Heidelberg betroffen, wurden durch das Ordinariat in Göttingen bestürzt. Es versetzte mich in die Heimat von Victoriens Eltern und Verwandten, es rückte mich wieder in die Nähe der absichtlich von mir Entfernten. Ich schrieb es ihr sogleich und sandte den Brief an den Oheim in Osnabrück, den Anlaß ergreifend, ihm[317] ernst und grade unseren ganzen Handel vorzulegen und ihm für eine nächste Zeit meinen persönlichen Besuch anzusagen. Es war gekommen, wie ich gedacht hatte. Der bloße Anblick, die kürzeste Bekanntschaft mit dem schlicht natürlichen, bestgearteten, ruhig verständigen Kinde, das man als ein verirrtes, verdrehtes Wesen dargestellt hatte, war genug gewesen, die Verwandten zu beruhigen und aufzuklären. Auch in Bezug auf mich schrieb mir der Onkel Rudolf, den Briefwechsel mit Victorie gestattend, zurück; er sei, wo es sich um das Glück zweier Menschen handle, von Anfang an weit entfernt gewesen, sich auf das alleinige Urtheil des Vormundes hin gegen mich einnehmen zu lassen. Aus dem Kreise der Verwandten hatte sich Blume, der wohlbekannte Bonner Rechtslehrer, damals in Lübeck, Schwager des Onkel Gabriel, an Dahlmann's gewandt, sich um meine vermuthbaren eheständlichen Eigenschaften zu erkundigen. Und das war denn die Stelle, die ein Complott zu meinen Gunsten nicht besser hätte ausdenken können. Ihr Bericht mußte zu dem des Vormunds nothwendig den befremdendsten Gegensatz bilden. Auch erfolgte nun sofort von den Oheimen der bestimmte Antrag bei dem Vormund, mit triftigen Gründen gegen unsere Verbindung hervorzutreten oder seinen Widerstand aufzugeben. Das letztere geschah: Frau Dahlmann konnte sich rühmen, mich zum ordentlichen Bräutigam gemacht zu haben (nachdem sie mich, wie man sie in Göttingen bezichtigte, auch zum ordentlichen Professor gemacht), mir die Braut und zur Braut das Amt gegeben zu haben; sie machte in selbstgefälligem Humore Beides bei mir geltend und ich trug ihr tiefinnigen Dank bis an ihr Ende. Ich war nun voll Hoffnung und guten Muths auf die berufliche Zukunft in dem Hauptquartier der deutschen Gelehrsamkeit, die mir die neue Freundin zwar nicht sehr rosig ausmalen wollte; desto sicherer war ich, in den Häusern von Rehberg, Grimm, Dahlmann die gastlichste Aufnahme, in dem letzteren namentlich ein wahres Elternhaus, in Frau Dahlmann demnächst für die junge Frau eine ächt mütterliche Stütze zu finden.[318] Mitten in diesen Rausch der Erfolge fiel ein unversehenes Leid, als ob mich das Schicksal vor allem Uebermuth des Glückes bewahren wollte. Mein einziger Bruder starb um Neujahr unter meinen Augen. Den alten Eltern wurde die Freude über die Aussicht auf die Hausgründung des jüngeren Sohnes durch die Verwaisung und Verwiltwung der Familie des älteren vergällt. Eine bedenkliche Erschütterung meiner eigenen Gesundheit gesellte sich hinzu. Auf einem Gange im eiskalten Januar (1836) ward ich von heftigen rheumatischen Seiten- und Rückenschmerzen befallen, die durch Verschuldung meiner eigenen Ungeduld, der ich mir in Hamburg in den Armen der Braut den nächstliegenden Trost zu holen eilte, nicht ganz gehoben wurden, deren Grund auch wohl nicht richtig erkannt worden war, da später mein Göttinger Arzt aus den andauernden Resten des Uebels eine Rippenfellentzündung aussand. Ich kam leidend nach einem kurzen Aufenthalte in Frankfurt bei Hessemer's nach Hamburg, wo ich den März verbrachte, um dann über Osnabrück und Hannover nach Göttingen zu gehen. In Hamburg war Victorie die Freude der Familie geworden. Die Tante, krank und nur wenigemal zugänglich für mich, war eine Frau von ernstem, strengem Charakter; die eigenen Kinder rühmten sie, daß sie am liebsten in der Sorge für Anderer Glück lebe; die Nichte war ihr eine liebe Tochter geworden. Eine Unterredung mit ihr. wie nachher in Osnabrück ein Besuch bei der Tante Corsica, war genug, die scharfen Frauenaugen bei dem Anblick »dieses ruhigen Mannes« über jeden Zweifel an der glücklichen Zukunft der kleinen Braut hinwegzusetzen. Neue Zwischenfälle, deren Ursachen ich z. Th. nur errathen kann, beschleunigten dann noch den nun ungehemmten Fmg zu dem festen Ziele meiner Wünsche in nicht erwarteter Weise. Die Cousine Emilie, durch die ich Victorien zu ihrem 16. Geburtstage am 11. Mai in einem Korb unter bräutlichen Myrthen und Rosen einen Schmuck auf den Morgentisch stellen ließ, überraschte mich in ihren Antworten mit dem Vorschlag, das junge Ding schon[319] im kommenden Herbste heimzuführen. Ich wäre es gerne zufrieden gewesen, dem Mädchen das unbefangene Glück einer freieren Jugend noch zu gönnen und ihr Inneres durch eine ruhige Entwicklung ohne Uebereilung reisen zu lassen. Da man sie von einem ehelichen Vormunde wollte auserziehen lassen, sollte ich nicht überglück lich einschlagen? Selbst die Schwester Margrete fand, daß auch sie jetzt Freude auf Freude in einen Taumel von Seligkeit versetze. Am 3. Sept. wurde ich mit dem theueren Geschöpf durch den Hauptpastor Alt in Hamburg getraut. »Nun haben Sie sie,« sagte bei der Durchreise durch Minden die Cousine Pagenstecher mit Augen, die von Theilnahme und von Zufriedenheit mit der Familienpolitik strahlten. Einer der drei Vettern in Hamburg hatte sich nicht enthalten können, der Jungvermählten eine Liebeserklärung nachzusenden; man deutete mir gelegentlich an, daß noch ein zweiter, der sich enthielt, die gleichen Gefühle für sie hegte; lag hier der Grund der Beeilung unserer Vermählung, so hatte die Familie Recht, auf ihre Ehrenhaftigkeit stolz zu sein. Wie in Minden, so besuchten wir alle die mütterlichen Verwandten Victoriens in Bremen und Osnabrück, dann ihre Halbschwester Alwine, bei der wir Margreten zu Gast fanden, deren eigene Verbindung mit Philippi ich nun mit meinem neu gewonnenen Einfluß (ein kleiner Dank für ihre an uns bewiesene Güte und Treue) bei dem Vormund betreiben und durchsetzen konnte. Mit Hessemer's waren wir zuvor in Wetzlar zusammen getroffen, die in fröhlichem Herzen an unserer kurzen Hochzeitreise rheinaufwärts Theil nahmen, deren kleine Begebenheiten und große Freuden dann Hessemer in einem Gedächtnißbüchlein besang. Zuletzt statteten wir den Besuch bei meinen Eltern ab. Die gute Mutter war, so oft ich sie einsam ertappte, in Freudenthränen. In ihrer Umgebung hatte sie, ehe wir kamen, tausend dankende Worte ausgerufen, daß sie dies Glück erlebt habe. Die ehrlichen Freunde, die mein vielgekreuztes Glück in allen seinen Phasen miterlebt hatten, wünschten mir in rührenden Briefen: daß[320] mir die Seligkeit, die ich nun besitze, ungetrübt bleiben, und daß ich dem eigenthümlichen, doppelsinnigen Geschicke, der Nemesis, die mir Freud mit Leid und Leid mit Freude so seltsam auszugleichen pflegte, meinen Tribut nun für immer gezahlt haben möge. Es schien mir immer, daß aus eines Mannes Munde der Ruhm seiner Frau zur guten Hälfte wie Selbstruhm klänge. Das wird aber doch die Erwartung des Lesers nicht abschneiden, in dieser Lebensgeschichte ein ungefähres Bild des Weibes zu finden, das ich, schon da sie noch in der Knospe beschlossen lag, mit solcher Sicherheit an die Schicksale meines Lebens zu ketten entschlossen war. Ich will daher versuchen, nicht ein solches Bild im Novellenstile so auszumalen, daß auch kein Seelenfältchen unaufgerollt bliebe, sondern nur in gröberen, möglichst thatsächlichen Zügen den Umriß einer Zeichnung zu entwerfen, die in keinem Striche die volle Wahrheit verhehlen oder verfehlen soll. Ich habe angedeutet, daß die ersten Eindrücke, die ich von Victorie Schelver empfing, die der einfachen Natürlichkeit im äußeren Gebaren, in seelischen, sittlichen und geistigen Beziehungen aber die der sanften Gemüthsruhe, der reinen Unschuld, der naiven Sinnigkeit waren. Sie gehörte ganz dem Frauenschlage an, der in jener instinctiven Fühlung, welche aus einem ungetrübt reinen Empfindungswesen stammt, das Leben in seinen meisten Verhältnissen sicherer zu bemeistern pflegt, als das stärkere Geschlecht in all seiner Weisheit. Ein Weib von anderer Art wäre nie in meine Wahl gefallen. Ohne Arg und Falsch, wie ihre Naturanlage war, war sie unter herzensguten Eltern, von einer frommen Mutter zu Demuth und Milde erzogen worden und ohne strengen oder harten Tadel aufgewachsen, gewohnter, wie es bei dem Dichter heißt »mit einem Kusse tausend Meilen als mit dem Sporne zehn Schritte« getrieben zu werden. Die frühe Entbehrung dieser liebevollen Pflege und Zucht, deren Werth und Wohlthat sie vollaus zu schätzen wußte, hatte ihr die Verwaisung fühlbarer gemacht, als sie vielleicht Anderen in so[321] jungem Alter gefallen wäre. Von dieser Seite war sie das volle Widerspiel zu mir, der ich, minder harmlos geartet, von höchst unempfindsamen Eltern in einer herberen Zucht gehalten worden war; bei dem man, um aus demselben Dichter den Gegensatz zu entlehnen, Schelte nöthig fand, um das Unkraut auszuiäten. Dies Widerspiel warf zu Zeiten wohl einige scharfe Würze in unsere sonstige Herzens- und Geisteseintracht, die ohne das vielleicht schal abgestanden wäre. Die junge Frau ertrug sehr lange Zeit selbst meine gutmüthigste Neckerei nicht, zu der mir Hang und Versuchung an geboren war, zu der ein Weib, und vollends ein Kind von ihrem Schlage (wie sie schon in Hamburg unter den 8 Muhmen zur Genüge hatte erfahren müssen) alle Welt herauszufordern pflegt. Wenn sie diese meine Art oder Unart mit den Jahren zu dulden, zu verstehen, zu erwidern lernte: die andere, in der ich nach meinen Gewöhnungen irgend ein Misfallen über irgend welche Misstände nicht zurückmhalten pflegte, hat sie, ungeduldig gegen jede ernste Rüge, die sie gern allzu ausnahmslos für unverdient oder unbegründet ansah, eigentlich nie zu ertragen gelernt. Und daß sie sich gegen ungerechte Härten oder vermeinte Unbilden in der Seelengüte, die sonst der Grundzug ihres Wesens war, nur leidend verhalten hätte, daran fehlte viel; dawider hatte ihr die Natur einen scharfen Stachel verliehen; ja sie konnte unterweilen in jene Hänge verfallen, welche empfindlichen, nervengereizten Frauen von Zeit zu Zeit eine Aufwallung, eine Emotion unentbehrlich machen. Dergleichen war fast das Einzige, was in den ebenen Strom unseres Lebensglückes zuweilen eine Hemmung warf, die ihn aufstrudeln machte, wie in einer wunderlichen Verkehrung unserer Naturen: die sanfte, gefühlige Frauenseele konnte dann in ihrer ungewöhnlichen Aufregung den so viel härter temperirten Mann, der in seiner häuslichen Klause ein tiefinnerliches Bedürfniß nach Ruhe und Frieden empfand, schärfer verletzen, als Er sie in der Wahrheitsmanie seiner Ausstellungen, die sich kaum je auf einen wesentlich[322] bedeutenden Anlaß bezogen; nur daß sie freilich in dem Augenblicke, da sie die schmerzlichen Eindrücke des Friedensbruchs gewahrte, zurückschlug in eine mitleidende oder reuige Weichheit und nun die Wunden leichter heilte, als sie sie geschlagen hatte. ? Von einer ähnlichen, von einer edleren Zweiseitigkeit wie ihr Temperament war ihre sittliche Natur. Sie war ein Bild vollendeter Unschuld und Sittsamkeit. Zweifler an Tugend und unverdorbener Seelenreinheit zu bekehren, hätte es nichts bedurft als die Bekanntheit mit diesem Wesen. Ehe ich sie nach Göttingen brachte, sagte mir einmal Frau Dahlmann, die in der Freude vorausschwärmte, welche sie sich von dem Zusammenleben mit Victorie versprach, man mache sie aufmerksam, wie leicht sie doch in ihren excentrischen Erwartungen ganz irre gehen könne; ich tröstete sie: wenn ihr makellose Unschuld und der ungetrübte Spiegel eines klaren Geistes hinlänglich erschienen, ihre Erwartungen zu berechtigen, so solle sie ihren nüchternen Tadlern kühnlich trotzen. Und dies Vorurtheil des geblendeten Bräutigams ward als ein ächtes Urtheil der Unbefangenheit bewährt gefunden. Freund Hegel schenkte mir Desnoyers' Kupferstich von Raphael's h. Margarethe als ein Zeugniß der Idee, die ihm die Schilderungen »meines Engels« gemacht hatten: das Sinnbild hoher Unschuld, die mit dem bescheiden getragenen Siegeszeichen in der Hand, mit dem vollen, klaren, offenen Auge durch den Rachen des Ungethüms des Bösen und der Sünde in unwissender Unangefochtenheit dahin schreitet; es war eine Gabe, die nicht sinnvoller gewählt und zutreffender gedeutet werden konnte. Denn an Niemanden ging das Böse, das Niedere und Gemeine dieser Welt so machtlos vorüber wie an ihr; für Niemand wäre sittenvergiftende Lectüre schadloser gewesen; Niemands Ohr war für lose Reden tauber als das ihre; im Schlechten entschuldigende Gründe zu vermuthen, im Schlechten das Gute zu suchen, ja das Schlechte nicht zu glauben, war ihrer Güte natürlich; wenn sie selbst in der Geschichte ihre entstellten Blätter, wenn sie die Greuel[323] der französischen Umwälzung las, so legte sie das Buch aus der Hand mit dem Eindruck, als könne das nicht in Wahrheit und Wirklichkeit geschehen sein. Wollte man sie aber als ein Geschöpf ansehen, das für die Welt, wie sie ist, nicht geschaffen war, für eine reizbare Sinnpflanze, die bei jeder rauhen Berührung Blätter und Stiele herabsinken ließ, so würde man gänzlich fehlurtheilen. Wie ihrer Güte und Sanftmuth, so waren auch ihrer sittlichen Harmlosigkeit die Waffen gegen irgend eine Ungebühr nicht versagt. Wenn auch mehr geschaffen, den unsanften Anfassungen der Welt aus dem Wege zu gehen, wäre sie jeder Nöthigung ihr zu stehen gewachsen gewesen. Mehr angelegt, den Kummer über ein drohendes Leid sich auszureden, war sie stark genug, wenn das Leid unausweichlich schien, ihr Vorausleiden mit Willenskraft zu überwinden, wenn ihr diese Ueberwindung einen Nutzen zu bringen und eine Pflicht zu werden schien. Wie es der Frauen Art ist, gegen alles Unsympathische unduldsam zu sein, und gegen Fehler, die sonst Liebe und Güte gerne begrub, unversöhnlich zu werden, wenn sie sich gegen sie selber kehren, so war auch sie sehr leicht gestimmt, eine an ihr begangene Sünde mit zürnender Abkehr zu erwidern, doch war sie auch kräftig genug zu liebender Vergebung, wenn ihr der Sünder werth und nicht hoffnungslos aufgegeben war. Einmal kam zwischen uns zur Frage, welchem der Shakespeare'schen Frauencharaktere sie sich wohl am verwandtesten fühle; sie war trotz der lauernden Bosheit meiner Necksucht nicht zu blöde, Imogen zu nennen: ich meine mich zu erinnern, daß mir das Necken versagte, weil die Wahrheit der Zusammenstellung mich traf. In die Prosa eines gewöhnlichen Lebens gewöhnlicher Zeiten versetzt würde jenes Wesen einer hochpoetischen Welt kaum anders erscheinen. Wenn Posthumus von einem Körperleiden wäre befallen gewesen, das ihm und seiner Umgebung das Leben verfrüht zu kürzen gedroht hätte, so würde Imogen, wenn sie sich selbst dem unseligen Gedanken nicht mehr entziehen konnte, nicht mit[324] größerer Geistesmacht ihre Sorge dem Leidenden verhehlt haben, um seine Sorge nicht noch zu steigern, als Victorie noch in unmündigen Jahren dem Kaumvermählten gegenüber zu thun veranlaßt und vermögend war. Wenn Gerwin einer Versündigung an seiner Geliebten glaubhaft wäre geziehen worden wie Posthumus, so würde Victorie nicht anders als Imogen von dem Gedanken und Streben ganz erfaßt worden sein, den Verlorenen wieder zu gewinnen. Es wird sich später zeigen, daß dies nicht ein bloßer Vermuthungsfall ist. Dieser glückliche Ehebund sollte kinderlos bleiben. Das ist ein dunkler Punct, ich sollte sagen der einzige dunkle Punct in meinem Leben geblieben. Zu vielen räthselhaften Verschlingungen in diesem Leben habe ich später immer die Lösungen, zu vielen Schäden immer die Entschädigungen, für viele Entbehrungen immer einen Ersatz gefunden; warum mich dieses Schicksal traf, habe ich nie begreifen lernen. Wenn das einsam gebliebene Weib, vom Schmerz des Gatten gebeugt, nach einem Segen in dem Unsegen grübelte und mir einmal mit thränenden Augen die kinderlosen Befreier der neuen Welt in Nord und Süden vorhielt und mich der Volksfamilie angehörig nannte wie sie, so befiel den that- und machtlos Gealterten nur ein so bittrerer Unmuth bei der übernaiven Ueberhebung. Ich hatte im Anfang unserer Ehe bei der großen Jugend der kleinen Frau die Verschiebung der Elternfreude leichten Sinns getragen und sogar gerne gesehen; im Alter, wo uns die herben antiken Ansichten von dem geringen Werthe des Lebens und dem Glücke des Nichtgeborenseins eingänglicher werden, lernte ich ihre Versagung mit williger Resignation ertragen; in der Lebensmitte trug ich sie schwer, und selbst nicht ohne sittliche Schädigung. In einer Zeit, wo mir meine uneigennützigsten Wünsche abwelkten, wo sich mir die Zukunft der vaterländischen Dinge in ein undurchdringliches Dunkel hüllte, wirkte das Versinken dieser selbstlosen Ideale mit der Entbehrung jenes ganz persönlichen Glücks unheilvoll in mir zu einer Verwirrung und[325] Verirrung zusammen, die dem treuen Weibe die traurige Eröffnung machte, daß das Metall der Männersitte nicht von so reinem Schliffe wie bei den Frauen ist. Wenn ich später die Geschichte dieser vorübergezogenen Katastrophe in ganzer Offenheit erzähle, so wird aus den Schriftzeugnissen jener Tage der ganze Seelenadel des seltenen Weibes aufleuchten und bezeugen, daß sie in diesem Paare weit die schönere und bessere Hälfte war. Unsere Ehe ist durch den Mangel an Nachkommenschaft wesentlich eine Seelen- und Geistesehe geworden, über deren Recht und Geltung und Würde Milton so schön geredet hat. Sie ist als eine solche selbst den Nachlebenden bekannt geworden, weil sie eben als solche eine geistige Nachkommenschaft hinterlassen hat. Nicht daß die Frau des Gelehrten zu dessen Büchern eigene Bücher hinzugeschrieben hätte. Ihr Sinn war zwar auf äußere Dinge nicht gestellt; sie hat das beste englische Kochbuch, das ich ihr einmal schenkte, kaum jemals angesehen, und ein Modejournal ist nie in das Haus gekommen; allein die unmodische Tracht, die Herr Stillingfleet den gelehrten Weibern vererbt haben soll, hat sie nie getragen. Sie konnte vielleicht einmal, im Eifer gegen die Ausschließlichkeit der Männerherrschaft, das Wort für eine gewisse Emancipation des Weibes ergreifen, und doch war Niemand zu irgend welchen Uebergriffen in die Sphäre der männlichen Berufe weniger geschaffen als sie. Das Scharfkantige des einseitigen Verstandes war ihr überhaupt nicht eigen; Witz und Satire berührte sie nicht sympathisch; zum Räthseldeuten oder Erfinden wäre Niemand lässiger gewesen; in einen dialektischen Kampf gezogen wäre sie wohl im Stande gewesen, die Gründe, die Shakespeare Weibergründe nennt, als volle Trümpfe auszuspielen und Grashalme gegen Lanzenspitzen einzulegen. Dagegen besaß sie eine beneidenswerthe passive Empfängniß und Empfanglust für alles, was ihr irgend wissenswürdig erschien. Ihre bloßen Augen konnten ein Bild natürlicher Wißbegierde heißen; Jemand nannte sie vortrefflich bezeichnend[326] zwei lebendige Fragezeichen. Ob sie in den weiten Fabrikräumen von Seraing an der Hand eines kundigen Führers herumwanderte, oder mit einem jungen reformsüchtigen Himmelstürmer in philosophische Erörterungen über seine Weltverbesserungsplane einging, so konnte sie, wenn sie ganz bei der Sache war, von einigen gegebenen Thatsachen und Prämissen ausgehend die verständigsten Fragen stellen und die zusammenhängendsten Folgerungen ziehen selbst in Fächern, die ihr sonst ganz fremd waren. Für alle lebenvollen mündlichen Mittheilungen und Eintausche wäre sie stets in allen Gegenständen aufnahmebereit gewesen, für das Lernen aus dem Buch, für das Wissen, das im Gehirn bleibt, war sie gleichgültiger. Daher drängte es sie nie, in irgend ein Bereich der Wissenschaften in strenger Weiterforschung vorzugehen. Es wird sie ärgern und ihren lauten Widerspruch erregen, wenn sie hier liest, wie ich der Welt verrathe, daß sie eigentlich keines nur meiner eigenen Bücher in straffer Ausdauer, zusammenhängend und gründlich erschöpfend gelesen habe, selbst wenn sie mir eines darunter in Wahrheit hätte machen helfen; sie war über einer wissenschaftlichen Lectüre leicht von dem Einzelnen zu sehr festgehalten und zerstreut; sie hätte gern bei jeder Behauptung jeden möglichen Scrupel gleich gehoben, im Anfang gleich das Ende gefunden. Wenn sie so in allem Verstandeswerke einen Hang, sich über dem Einzelnen zu vergrübeln, verrieth: in den Regionen, die mit dem bloßen Verstande, die ohne ein gesundes Gefühl nicht zu durchmessen sind, war sie, je größer und ernster die Probleme, von aller Grübelei und Klügelei in ihrem hellen Geiste völlig frei. Sie war von religiösen Zweifeln und Beklemmungen, von Frömmelei und Kopfhängerei, wiewohl dergleichen Anwandlungen in ihrer Familie nicht fremd waren, von früh auf unbelästigt; sie wußte oder begriff nichts von dem Wahne des Confessionalismus und Positivismus in der Religion, der »den Dienst größer macht als den Gott«; und sie ist in diesen Richtungen von mir nicht verbessert und nicht verschlimmert[327] worden. Darum waren ihr doch religiöse Bedürfnisse durchaus nicht abgelegen, und wenn sie nach einer Befriedigung derselben suchte, so griff sie nach Parker, den sie wegen der höchst seltenen Vereinigung von tief religiöser Empfindung mit der absolutesten Freiheit des Kopfes, in der er alle Tiefen der Wissenschaften ausbeutete zur Begründung einer von dogmatischem Ballast gereinigten Geistesreligion, in höchster Verehrung hielt, für dessen Schriften sie liebte unter Freundinnen und Fremden, unter Freidenkenden und Gemüthbeladenen förmliche Propaganda zu machen. Es war ihr ein Herzleid zu hören, daß sie diesen bewunderten Mann gesehen und gekannt hatte, ohne es zu wissen; wir erfuhren einst, was wir beide vergessen hatten, daß er uns, noch ehe er seinen großen Namen und Wirkungskreis in Boston gefunden, auf unserem kleinen Landsitz in Heidelberg vordem besucht und wiederholt gesehen hatte. Die bisher angedeuteten Seelen- und Geisteszüge werden es an sich erklären, wenn ich sage, daß diese Frauennatur wie geschaffen war, in einer andächtigen Pflege ernster, edler Tonkunst jene innerste Befriedigung zu finden, die überall eine Frucht ist der Versammlung aller seelischen Kräfte auf Einen würdigen Gegenstand. In dieser Neigung traf ich mit ihr, und zwar von sehr verschiedenen Ausgängen aus, und doch in einerlei, von dem betretenen Heerweg der Oeffentlichkeit ganz abgewandter Richtung, wie durch eine merkwürdige Vorbestimmung zusammen. Wenn ein Ebenmaß war und eine Harmonie in unseren Gemüths- und Geistesanlagen, so flossen sie hier am innigsten zusammen; daher in unserem gemeinsamen inneren Leben Musik der unerschöpfliche Quell unersetzlicher und vielersetzender Genüsse ward: das war unsere Kirche und Kinderstube. Victorie hatte verschiedenen musikalischen Unterricht genossen; die gemeinsame Freude an Volksliedern war im Dapping'schen Hause vielleicht der erste nähere Berührungspunct unter uns gewesen; im Klavierspiel hatte sie es bis zu Beethoven'schen[328] Sonaten gebracht; eine Befriedigung hatte sie in ihrem musikalischen Treiben nicht gefunden. So war es mir durch eine doppelt so lange Zeit meiner Jugend gegangen. Ich hatte in meiner Vaterstadt die Oper, und nur die klassischsten Werke der Oper, in einer Vollkommenheit gehört, die nicht leicht wieder vorkommen mag; Instrumentalwerke und Concertgesang waren mir so bekannt wie Jedem, der die Tagesunterhaltungen dieser Art mitmacht; von dem Allem hatte mich mit Ausnahme der wenigen Opern ersten Ranges von Mozart und Gluck nichts eigentlich fassen und innerlich beschäftigen können. Ich kam in den Kern der Musik ganz stufenweise, erst durch das Interesse am ächten Volksliede, dem ich von meinen wissenschaftlichen Lehrjahren an in ernster Forschung nachging, das ich wie Shakespeare herzbewegender fand Amazon.de Widgets »mehr als gesuchte Wort' und lustge Weisen aus dieser raschen wirbelsüß'gen Zeit.« In Heidelberg studirend wohnte ich dicht neben Thibaut und konnte den musikalischen Aufführungen in seinem Hause unbeobachtet lauschen; von seinen mitwirkenden Sängern lernte ich als Docent den Dr. Baumstark persönlich kennen, der eine treffliche Gabe nicht nur der fertigsten Technik, sondern auch des charakteristischen Gesanges besaß; als Thibaut (um 1834 wird es gewesen sein) in einer Laune der Unzufriedenheit seinen Singverein aufgab, trat Baum stark mit drei Freunden zu einem Quartett zusammen, um an Einem Wochenabende ihren gewohnten Freuden, wie unvollkommen es sei, auf eigne Hand weiter fortzuleben; zu diesen Abenden erhielt ich Zugang. Ich durfte nicht allein hören, sondern auch fragen und wünschen; das führte mich zuerst auf die Wege zu dem Allerheiligsten der Musik; da lernte ich den Werth der begeisterten, alten, heiligen Kunst zu schätzen, da den unermeßlichen Abstand der Händel'schen Geistestiefe von dem neueren Klingwerk zu ermessen. Als ich Victorien heimführte, nahm sie in Göttingen wieder Klavierunterricht, ich hielt sie aber an, sich wesentlich[329] nur in die Begleitung Händel'scher Sangwerke einzustudiren; sie nahm erst den Messias, dann das Alexanderfest in dieser Weise durch; im ersteren lernte sie noch mehr mechanisch und technisch, bei dem zweiten begann ihr über dem ganz verschiedenen inneren Charakter des Werkes das erste Licht über die seelische Bedeutung und das geistige Vermögen der Tonkunst aufzugehen. Im zweiten Jahre unsres Zusammenseins hörte sie in Rom zu Weihnacht und Ostern die gottesdienstliche Feier in der päpstlichen Kapelle, damals noch unter der Leitung von Baini; im dritten trat sie in Thibaut's wieder erstandenen Verein in Heidelberg; sie lernte die geistvolle Auffassung und Ausführung eines Mannes kennen von dem subtilsten Geschmacke, der von aller fachmännischen Beschränktheit frei und für die alte »reine Tonkunst« von der feurigsten Begeisterung ergriffen war, die das nicht achtete, was der Strom der Zeit zufällig oben aufwarf, die aus dem Schacht der Vergangenheit das gediegene Gold ausgrub und den vergoldeten Tand der Gegenwart nach seinem wahren Werthe schätzte. Es war eine merkwürdige Fägung, daß sie noch diesen Anstoß erhalten konnte kurz vor Thibauts (1840 erfolgtem) Tode. Noch aber fehlte etwas, ihrer musikalischen Thätigkeit das eigentliche Leben einzuhauchen. Sie war bisher immer an der Hand von Führern gegangen; sie hatte einen rechten technischen Lehrer nie gefunden; ihren eigenen Drang und Trieb hatte sie immer beengt gefühlt. Als ich zum erstenmal längere Zeit von ihr (1845 in England) abwesend war, warf sie sich auf eigne Hand, aus eignem Eifer in das Studium Händel's; von doppelter Seite stellte sie sich plötzlich, und wie durch innere Erleuchtung, auf eigene Füße: der geistige Hauch in Händel's Gesängen ging ihr auf, daß sie, in ahnendem Verständniß auf den Kern vordringend, seinen feinsten psychischen Intentionen zu folgen lernte; und technisch bildete sich zugleich ihr Spiel, zu dem sie eine virtuose Begabung nicht mitbrachte, und das sie sich mühsam erwerben mußte, zu einer Reinheit und Fertigkeit grade in Begleitung[330] Händel'scher Sangwerke aus, der ich kaum wieder begegnet bin. Sie stand von da an in und über dieser Kunstrichtung in einer Art Meisterschaft, die nach außen eine Bethätigung suchte. Sie sammelte in späteren Jahren eine Anzahl Schülerinnen um sich. die sie auf einem von der gewöhnlichen Praxis abweichenden Weg, Gesang und Spiel stets Hand in Hand geschlungen, selbst Kinder schon auf den geistigen Gehalt der Musikstücke hinweisend, in die Tonkunst einführte. Schon früher aber war es wesentlich ihr Betrieb und Werk gewesen, daß wir fast durch ein ganzes Jahrzehnt einen kleinen Singverein um uns versammelt hielten, mit dem wir sehr mangelhaft im Beginne, zuletzt mit den schönsten Erfolgen fast alle, auch die größesten Händel'schen Oratorien neben gelegentlichen Abbeugungen zu Bach und Mozart, zu Marcello und Allegri, aufführten und so den großen Kunstbau in dem Ganzen der ächten, unverstümmelten Werke jenes Meisters anschauen lernten, wozu selbst Thibaut, der nur das Schönste auszupflücken liebte, keine Anleitung gegeben hatte. In dieser langen Kunstübung nun gestalteten sich mir, durchaus selbstgewachsen auf dem Grunde fester Erfahrung, meine eigenen und besonderen Gedanken über Kern und Wesen der Musik, die mir keine andere Praxis als die Händel'sche, die mir keine musikalische Theorie und Aesthetik, wie sie auch heiße, an die Hand hatte geben, hätte geben können. Und unwillkürlich und ungesucht bildete sich allmählich der Entwurf zu dem Buch über »Händel und Shakespeare«, worin ich, als meiner Lebensflamme schon das Oel zu vertrocknen begann, jene Gedanken, noch erhellt von frischem Jugendlichte, niederlegen konnte. Selten sind Bücher in der Weise gekeimt, gewachsen und ausgereift wie dieses. Ohne die dauernde Aushülfe der Frau, die, von ihren gesunden Nerven und ihrem rüstigen Eifer unterstützt, fast alle die anstrengenden Proben und Aufführungen unserer Oratorien, zu welchen wir zuletzt eine stattliche Zuhörerschaft heranzuziehen pflegten, selber mit ungebrochenen Kräften stets geleitet und begleitet hatte, hätte[331] dies Buch niemals entstehen können. Das wissenschaftliche Verstandeswerk darin ist meine eigene Arbeit; die breiten Materialien, die technischen Hülfsmittel, die übersichtliche Einführung in das Ganze der in sicherer psychischer Beherrschung angefaßten Kunstwerke, das, und was Alles daran hängt, ist der Zuschuß der Frau zu dem Werke, in dem ihr Name und ihr Angedenken mit dem meinigen, wenn es fortleben sollte, fortleben muß.[332] Fußnoten 1 Eines von diesen sentimentalen Prosaepigrammen habe ich seiner Kürze wegen im Gedächtniß behalten. Es charakterisierte die beiden Helden der Flegeljahre und lautete so: »Sieh, wie dort Blumen Blumen brechen, sagte Walt und deutete auf eine Mädchenschaar. Die Cannibalen! Sagte Vult.« 
 Die Lehrjahre in der Kaufmannschaft.  [48] Ich stand zur Confirmation bereit, als eines Tages in unserer Klasse verkündet wurde, daß in einer Buchhandlung in Bonn ein Lehrling gesucht werde: ob etwa einer der Confirmanden Lust zu der Stelle trüge. Ein rascher Entschluß trieb mich an, mich dafür zu melden; ein noch rascherer Entschluß trieb mich nachher aus der kaum angetretenen Stelle wieder heraus: beide Schritte waren meinen Nächsten in Schule und Haus ein vollkommenes Räthsel, weil sie mit dem Verborgensten meines Phantasielebens zusammenhingen, das Niemand mit mir theilte. Nur aus ihm läßt sich dies Unerklärliche, aus ihm aber zu vollständiger Genüge erklären. Der Zwang der Schule war mir allezeit zuwider geblieben, und ich sehnte mich nun schon langeher nach der ersten Gelegenheit der Erlösung, nach der Zeit der Confirmation. Aus dem mit wahrer Liebe ertheilten griechischen Unterrichte konnte ich merken, wie leicht ich bei den Studien wäre zu fesseln gewesen; aber der Schlendrian alles übrigen Unterrichtes langweilte mich; der Gedanke des Studirens war in mir erloschen. Wie gerne mich wohl die Mutter im Pfarrerbeffchen gesehen hätte, bei dem Vater stießen die Gelehrtenpläne mehr auf Entmuthigung, und ihr hielt von Seiten der Lehrer keine Ermuthigung das Gegengewicht. Auch dies kann seltsam scheinen, obwohl es zu begreifen ist. Wohl geschah es, daß[48] bei einer der letzten Monatcensuren, als die Klassenlehrer der Secunda über mein schamroth gesenktes Haupt ihr Lob ergossen, der alte Rector die Worte sprach: »Nun, das ist schön! Ja, solche Leute muß man zum Studiren ermuntern!« Aber jede weitere Ermunterung blieb doch aus; und als ich später dem Subrector meinen Austritt anzeigte, billigte er gradezu meinen Entschluß, weil mir doch für den Beruf des Geistlichen schon mein Organ, meine verdrückte Stimme, ein Hemmniß sein werde. Es schien, als ob die Gleichgültigkeit, die ich immer gegen Lehrer und Schule bezeigt, mir nun mit Gleichgültigkeit vergolten werden solle. Vorzudrängen hatte ich mich nie verstanden; bei aller Strebsamkeit war ich ohne jeden Ehrgeiz, bei allem Fleiße ohne jede Beflissenheit, bei aller Auszeichnung ohne jede Eitelkeit: in dieser Eigenschaft fürchte ich, oder hoffe ich ein ächter Sohn meines Volkes zu sein. Die ordnungsmäßige Pflichterfüllung war ich ja stets gewöhnt zu üben, ohne ein Lob damit verdienen zu wollen; ich lebte in eine Be, scheidenheit, ja in eine Blödigkeit zurückgetreten, die auf meine Fähigkeiten eher einen Schatten als ein Licht warf, die mir wohl selbst als Geistesblödigkeit gedeutet wurde: denn ich weiß es von Jugendgenossen, die mir in der Schule ferne standen, nachher aber meine vertrautesten Freunde wurden, daß auch sie mich damals für trocken, nüchtern und nichtsversprechend angesehen hätten. Auf solch ein Naturell nun konnte die gleichgültige Nichtbeachtung von Seiten der Lehrer begreiflich nicht spornend zum Verbleiben in der Schule wirken, obwohl es auch nicht zum Gegentheil wirkte; fern von aller Grübelei, Empfindlichkeit und kranker Reflexion, wie ich war und allezeit blieb, habe ich diese Nichtbeachtung selbst nicht einmal beachtet; sie erregte mir weder Verstimmung noch Mangel an Selbstvertrauen; sie trug nicht unmittelbar zu dem Entschlusse meines Austritts bei, aber sie half den Weg dazu ebnen. Mich einem praktischen Lebensberufe zu widmen, mich zum Kaufmann zu machen, war mir durch die Grundsätze meines Vaters von jeher[49] nahe gelegt, näher noch durch die Verwandtschaft mit dem Kaufhause auf dem Markt, wo sieben Söhne, von denen zwei in intimerem Verkehr mit mir waren, fast alle ausgezeichnete Begabung und ausgesprochenen Hang zu diesem Berufe hatten. Hart neben diesen Hinneigungen operirte dann in mir das ganz Entgegengesetzte: meine poetischen Phantasien, die mich am stärksten an den Schranken der Schule rütteln machten, die dunkel nach einer neuen Anreizung und Beschästjgung meiner Kräfte drängten. So war die unbestimmte, schwankende Lage meiner Seele, als die Verkündigung jener Buchhändlerstelle Statt hatte. Plötzlich schien mir der rechte Beruf gefunden, der zwischen den beiden Richtungen meines Wesens, der praktischen und der geistigen, eine Art von Brücke schlug. In dieser bestimmten Form zwar stellte ich diese Betrachtung damals nicht an, wohl aber bot sich mir der Gedanke in einer anderen, noch viel bestimmteren, obwohl völlig phantastischen Gestalt entgegen. Was lockte doch da im Hintergrunde für eine reizende Aussicht, wenn ich reisend und fortschreitend neben meinem Büchergeschäft, wie bis dahin neben der Schule, meine Geistesarbeiten fortsetzte! wenn ich einmal meine künftigen Werke, deren Reihe in meinem Kopfe unübersehbar lag, meinem Principale (warum nicht eben so gut wie Herrn Julius Körner?) zum Verlag anbot! wenn ich dereinst die vollendetsten für meinen eignen Verlag vollendete?! Diese Gedanken gegen irgend jemanden als meinem vertrautesten Mitautor verlauten zu lassen, ließ ich mir freilich ? so klug und nüchtern war ich immer ? nicht beikommen: so hatte denn mein Vater keinen Grund, dem ihm willkommenen Wunsch ein Hinderniß in den Weg zu legen. Er selber begleitete mich im Sommer 1819 über Mainz den Rhein hinab zu Yacht nach Bonn und lieferte mich in die Buchhandlung Marcus ab. Aber ein eisigeres Sturzbad der Prosa und Wirklichkeit ist wohl niemals auf die Fieberhitze schwärmender Einbildutg gefallen. Die Universität Bonn war durch eine Stiftungsurkunde vom Herbst[50] des vorigen Jahres eben erst erneuert; die Buchhandlung war in Erwartung der Aufblüthe der neuen Schule neu gegründet worden. Von diesen Verhältnissen aber wußte ich nichts. Ich fand das Geschäft in einer Anfangs-und Ausnahmslage, die ich aber für den normalen Stand ansehen mußte, da mich Niemand darüber belehrte. Da war nun ein Laden und ein Comptoir, aber nichts von einem Geschäfte; kaum daß Jemand je die Thüre öffnete: so daß ich mich der wenigen Personen noch sämmtlich zu erinnern glaube, die während meiner kurzen Versuchszeit über die Schwelle kamen. Die junge Familie bestand aus dem arbeitsamen und schweigsamen Kaufherrn, der für seinen Lehrling irgend ein ungeschäftliches Wort nicht hatte; aus seiner Frau, die mit einer alten Mutter und einem jungen Kinde genug zu thun hatte, um sich mit mir nicht weiter als etwa bei Tische abzugeben; im Geschäfte Niemand sonst als ein Ausläufer, der sich mir mit seiner unebenbürtigen Gesellschaft unwillkommen nahe drängte. Da war denn der junge Feuerkopf, der aus einem so poetisch gewürzten Leben mit so vielen theuren Schulgenossen herkam, in eine qualvolle Einsamkeit versetzt, die ihm, wenn er nur Beschäftigung gefunden hätte, sehr leicht geworden wäre, in diesem eintönigen, mechanischen mehr Nichtsthun als Beschäftigtsein aber peinlich zu ertragen war. Die sonst so reichlich ausgefüllte Zeit des Tages war mir durch keine Zerstreuung und Veränderung gekürzt. Die Thätigkeit, die mir auferlegt wurde, stieß mich ehrenrührig ab. Da war eine kleine Leihbibliothek aufgestellt, wie zu Hause im Erdgeschoß bei Meister Ollweiler; hier aber waren es wirklich Tantalusfrüchte, die ich ein seltenes mal an Andere zu überreichen hatte, an die ich selbst nicht denken durfte zu rühren. Zuweilen sollte ich mich mit dem Ausläufer in die Arbeit theilen Bücherpackete auszutragen: zu den gelehrten Herren, denen ich mich selber einmal so nahe zu reihen dachte! Auf dem Comptoir erhielt ich Bücher vorgelegt, die ich mit rother Dinte zu liniiren hatte; das war durch die langen Tage hindurch meine ganze[51] Beschäftigung, die all den wühlenden Gedanken und Misstimmungen breiten Spielraum ließ! Ich war nach den ersten drei Tagen bereits entschlossen, nicht zu bleiben, und ich schrieb es nach Hause, um nicht ungemeldet zu kommen, sicher wie ich war, daß ich auch verbeten kommen würde. Der Gedanke, daß man mich des Heimwehs zeihen und verlachen würde, machte mich nicht irre. Diese Schwäche in dem Charakter, in dem sie wohl gewöhnlich auftritt, als eine Rückiehnsucht nach den familiären Gewöhnungen und Verwöhnungen, wäre mir wohl ganz fremd gewesen; uns war unter der väterlichen Zucht nicht so behaglich gebettet, daß uns die größere Freiheit in der Fremde nicht vielmehr angelockt hätte, die uns ja so früh schon selbst zum Ausreißen verlockt hatte! Wohl aber hatte in der letzten Zeit mein heimisches Leben so viel von äußerer Ausbreitung und innerer Vertiefung gewonnen, daß mir der schreckliche Abstich der leeren Gegenwart von der jüngsten, reichen Vergangenheit mit einer Gewalt auf die Seele fiel, der nicht zu widerstehen war. Der geistige Verkehr mit Nodnagel war zuletzt zu immer größeren Genüssen gestiegen; das sollte nun mit allen den schwindelnden Hoffnungen, die sich daran geknüpft, um solche Preise verloren sein! Der Umgang mit den andern Freunden hatte seinen höchsten Flor in dem Bunde gehabt, den ich sie beschworen hatte nicht aufzugeben; aber für mich in der Ferne wäre er so gut wie verloren gewesen! Zu diesen Verlusten meines Gemüthes waren dann in der letzten Zeit meines Aufenthaltes zu Hause noch andere Erschütterungen gekommen, die mich mit einer ganz neuen Weichheit durchdrungen hatten, von der bisher in meinen ausgelassenen Tölpeljahren auch nicht eine Spur zu finden war. Die letzten Wochen meiner Confirmation hatten mir mit einer großen Macht in die Seele gegriffen. Nach längerer Vorbereitung in dem Gymnasium erhielten damals die Confirmanden in Darmstadt in den letzten Wochen eine Anzahl Stunden von allen drei Geistlichen der Stadtkirchen, was in jener rationellen Zeit so möglich und fruchtbar war,[52] als es heute undankbar oder furchtbar zu denken wäre. Die größere Zahl dieser Stunden gab uns Knaben der Pfarrer Ludwig. Die Vorbereitungen in der Klasse hatten mich gänzlich kalt gelassen; die Vorträge dieses salbungslosen Geistlichen von etwas schwerer Zunge hatten mich dagegen sogleich aufs stärkste gepackt. In einer gewissen Mitte zwischen geistlicher Würde und einem heitren Humore, der aber dem Ernste der Sache nirgends Eintrag that, sprach er in einer schlichten, schmuck losen, gesunden Weise, die auf die Natur der Knabengemüther zu wirken vortrefflich geeignet war. In der Beichtwoche ließ er dann den Anstrich von Wohllaune in seinen Vorträgen vor der Weihe der Zeit und des Gegenstandes ganz zurücktreten, und nun schwellte mir der weich-ernste Ton, in dem der sonst ganz unempfindsame Mann in diesen Abschiedstunden zu den Herzen der Knaben sprach, die Brust mit einer Flut von unbekannten und neuen Empfindungen; es war, als ob seine ernste Milde wie unmittelbar in meine Seele übertreten wollte, die sich allen Eindrücken mit so verschwenderischer Hingebung überließ, Eine neue Region des inneren Lebens war mir plötzlich aufgegangen, die Welt der Gefühle, die dem Knaben in seinen Tobjahren verschlossen ist. Wohl hatte sich mir ihr Dasein schon früher bei meinen einsamen Kirchengängen in Gesang und Orgelspiel in einem unbegriffenen Dunkel offenbart; die Vorträge dieses Geistlichen schlugen das Licht in dieses Chaos und zeigten, praktisch, seelenkundig und ganz ethischer Natur wie sie waren, der neu geweckten Seelenkraft zugleich faßliche, bestimmte Gegenstände. Im Augenblick des Abschieds aus dem elterlichen Hause hatte dann diese veränderte Seelenstimmung noch eine unerwartete Anregung erfahren. Als ich von der Mutter Abschied nahm, drückte sie mir einen Kuß auf die Wange und sagte mir weinend mit ihrer rührenden Stimme die wenigen Worte: Adieu, Georg, bleibe brav und gut! In dem trocknen Stile unseres Familienlebens war mir eine ähnliche Scene nie vorgekommen; das Liebeszeichen eines Kusses hatte ich, so weit meine Erinnerung[53] reichte, niemals erhalten; daß mich die Mutter für brav und gut hielt, hatte ich nicht gewußt und füglich nicht wissen und kaum erwarten können. Diese Worte warfen wie eine Schranke zwischen mir und den Eltern nieder und zündeten Gefühle einer kindlichen Pietät, von denen ich früher wenigstens kein Bewußtsein hatte. Alle diese frischen, wonnigen Erinnerungen nun umgaukelten mich die ausgelängten Tage über meinem erschlaffenden Liniirgeschäste. Des Nachts sogar sollte mir keine Ruhe vor ihnen gegönnt sein. Ich hatte meine Comptoirgeschäfte stehend zu verrichten; ungewöhnt wie ich dessen war, wurde ich nach einigen Tagen allnächtlich von einem schmerzhaften Wadenkrampfe befallen, der mich nicht schlafen ließ. Das zu bekennen und einen Sitz zu verlangen gestattete der Knabentrotz nicht; ich hatte also alle die vielerlei Rückerinnerungen an dies warme, volle Leben, dessen Verlust mich peinigte, noch durch die durchwachten Nächte zu schleppen, um sie des Morgens wieder mit wüstem Kopfe an den Liniirpult zu tragen. Und daneben war Umgebung und Gegenwart so vollständig kalt und öde und leer, daß ich nicht zu bestehen vermochte. Aus diesen qualvollen Zuständen erklärt sich mein rascher und fester Entschluß, diese Stellung sofort aufzugeben, ehe ich mich nach überstandener Probezeit für Jahre band. Ich erhielt Briefe von Haus, die mir die Rückkehr auszureden suchten, ohne sie mir zu untersagen. Mein Vater gab einen neuen Beweis seiner genauen Kenntniß des Sohnes. Verdrießlich wie ihm mein Rücktritt war, mußte er doch aus dem Inhalt meines Briefes gemerkt haben, daß es sich hier nicht um eine flache und kindische Anwandlung handle. Ich schnallte also mein Bündel, ging zu Fuße nach Coblenz, schiffte mich dort wieder auf die Yacht ein, die stromaufwärts nach Mainz zwei Tage brauchte und in Caub Nachtlager hielt. Von Mainz ab machte ich den Weg wieder zu Fuß und ward, nach Hause kommend, mit Nachsicht empfangen und mit Ruhe gehört. Was aber nun? Ich stürmte zu meinen Freunden, überglücklich,[54] dem Bunde wieder anzugehören; ich suchte die Verwandten auf dem Markte auf, mit denen ich den gewohnten Verkehr wieder anknüpfte, und neben dem Umgang mit den alten Genossen begannen sich von jetzt an noch neue Verbindungen mit Karl und Wilhelm Sell, Vettern aus zwei hochachtbaren gebildeten Familien, und mit Karl Lanz zu knüpfen, Freundschaften, die weiterhin selbst meine früheren Verbindungen in den Hintergrund drängten. Hatte aber der übertriebene Verkehr mit meiner zahlreichen Kameradschaft schon immer zuvor, wo ich wenigstens meinen regelmäßigen Pflichten daneben oblag, zu Hause mishagt, so misfiel er noch weit mehr nun, wo ich eine Weile unthätig herumlotterte. Der Vater hatte daher bald alles Ernstes die Frage an mich gerichtet: Was nun? Die Mutter mochte ihm im Ohre gelegen haben, daß er mich an meiner ersten Absicht zu studiren nie hätte beirren sollen: er bot mir an, ob ich nicht das Gymnasium wieder besuchen wolle. Aber das zu thun hätte mich vielleicht schon falsche Scham zurückgehalten, wenn ich auch nicht noch jetzt die Abneigung gegen die Schule festgehalten hätte. Traurig gescheitert an dem Traume, einmal Schriftsteller und Verleger in Einer Person zu werden, oder gescheitert zunächst an dem ersten Versuche, einen Buchhändler aus mir zu machen, fiel ich, immer am selben phantastischen Gewebe fortspinnend, ganz folgerecht auf den Gedanken, das entgegengesetzte Ende anzufassen und mich stracks zum Autor aufzuwerfen, um nach der Art der jungen deutschen Schreiberwelt gleich zu lehren ohne gelernt zu haben. In meiner geheimnißvollen Verschämtheit sagte ich dem Vater, er solle mir einige Zeit gönnen, bis ich ihm die Antwort auf einen Brief vorlegen könne, den ich im Begriff sei abzusenden, und der über meine Zukunft entscheiden solle. Er ließ den wunderlichen Jungen auch jetzt gewähren, dessen Seltsamkeiten er schon oftmals langmüthig ausgewichen war. Was war nun das für ein Orakel, das ich in Aussicht stellte? Nun, ich wandte mich an einen der Heroen unserer Literatur mit der kindischen Zumuthung, einen[55] Schicksalsspruch über mich auszusprechen; ein Thorenstreich, für den ich einst in gerechtester Vergeltung reichlich büßen sollte, als mir selber, nachdem ich eine Art literarischer Autorität geworden war, von jungen Dichterlingen dieselbe Zumuthung bis zur Verzweiflung oft und unaufhörlich wieder gestellt ward. Ich schrieb an Joh. Heinr. Voß, ob ich ihm nicht meine Theseide, das Epos, das allein bis dahin meiner vernichtenden Selbstkritik widerstanden, zur Ansicht schicken dürfe: nach der er entscheiden möchte, ob ich mich dem Poetenberufe hingeben solle oder nicht. Der Mann that, was ich ihm später in der gleichen Lage häufig nach gethan habe: er antwortete nicht. So verwehte denn auch die zweite Hälfte meines Luftschlosses in eitles Nichts. Ich fühlte mich von einer tiefen Beschämung ergriffen. Auch meine theuren Hexameter wanderten nun ins Feuer. Und selbst mein Homer ward mir nun für eine Weile verleidet oder entfremdet. Mein Vater, als ob er alle Vorgänge meiner Seele belauschte, ergriff geschickt den Moment dieser Stimmung, nun einmal wieder die Sprache auf meine Zukunft zu bringen. Er that es im besten Humor. Er fragte mich scherzend, aber ohne jede Bitterkeit und Spott: ob er rathen solle, worüber ich brüte? ob ich ein Poet werden wolle? Das müßte ich wohl wissen, daß sich das nicht erlernen lasse, und wenn sich das Talent versagen sollte, so führe das in Dachstuben und zu trocknem Brode. Hätte er zu mir in anderer Zeit, in anderer, herberer Weise so gesprochen, so hätte er nur Trotz in mir aufgeregt; in diesem richtig erfaßten Momente sprach er zu meinem gesunden, nüchternen Verstande, der all meinen Verrücktheiten zwischendurch immer einmal die Wage halten mußte. Ich sah, daß ich bei dem einmal ergriffenen Stande aushalten müsse; ich erklärte mich bereit, in eine andere kaufmännische Lehrstelle zu treten. Der Eine meiner neuen Freunde, Karl Sell, der gleich mir selbst nicht ohne höhere sittlich-geistige Bedürfnisse war, gleich mir sich nur mit Widerstreben für den kaufmännischen Stand bestimmen ließ, ging eben nach Regensburg, wohin ich durch eine Reihe von Jahren[56] fleißig mit ihm Briefe wechselte; innigere Beziehungen, die das ganze Leben durchdauern, knüpften sich damals auch mit meinem Vetter Georg Zöppritz, der nun gleichfalls in diesen Beruf eintrat; das erleichterte mir den gleichen Schritt. Nur wollte sich sogleich nicht wieder eine Stelle finden. Ueber dem langen Hinwarten war es mir selbst nicht behaglich, wie dem Vater. Wir ergriffen also das erste beste, was sich bot. Ein Bekannter meines Vaters, der Inhaber einer ansehnlichen Langwaarenhandlung in Darmstadt selbst, Ludwig Schwab, erbot sich, mich in sein Geschäft zu nehmen. Noch nicht 15 Jahre alt trat ich mit dem Jahre 1820 in dasselbe ein. Es war nicht zu befürchten, daß sich die Bonner Dinge hier wiederholten. Nach den feineren Empfindungen und Rücksichten, die ich seit jenem Abschiede zu meiner Mutter trug, war es mir jetzt eine Freude, ihr durch die dauernde Zufriedenstellung des Vaters eine Sorge vom Herzen nehmen zu können. Mit den alten Freunden blieb ich eine Weile noch auf dem alten Fuße; als sich aber nach einiger Zeit der Bund zu meiner größten Betrübniß auflöste, konnte ich mich, unbehinderter nun von inneren Abziehungen, der neuen Thätigkeit um so hingegebener widmen. Dem Umgang mit den neu gewonnenen Freunden hatte ich Abends nach geschlossenem Geschäfte Muße obzuliegen. In dem Kaufhause selbst war das Tagewerk weit anders als in Bonn, von vielzerstreuender Natur. Der Prinzipal war ein gebildeter, verständiger, durchaus honetter Geschäftsmann, der seine heftigen Launen haben konnte, im gewöhnlichen Gang der Dinge aber heiter und mittheilend war; der mit seinen Lehrburschen ein Gespräch über seine eigenen Angelegenheiten oder über das Neueste der Zeitungen zu führen nicht verschmähte; der mich wohl schon um seiner persönlichen Bekanntschaft mit meinem Vater willen mit nicht gewöhnlicher Rücksicht behandelte. Daneben eine vortreffliche, stets gleichmüthige milde Hausfrau, der man gut sein mußte, mit einer Anzahl verschiedenaltriger Kinder; in Laden und Schreibstube noch andere männliche und weibliche Gehülfen;[57] ein lebhaftes Geschäft, das den ganzen Tag in Rührigkeit hielt; eine Menge neuer Verhältnisse, die meine Wißbegierde reizten; die Unmasse nie gesehener Verkaufsgegenstände, mit denen ich mich bekannt zu machen, die Unmasse Menschen, mit denen man zu verkehren hatte; die Verbindungen nach innen und außen, die Quellen des Kaufs, die Kanäle des Verkaufs, diese ganze Welt von neuen Dingen, in denen ich mich zurecht zu finden hatte, ließ allen Grillenfängereien, die durch die letzten Erfahrungen ohnehin so gedämpft in mir waren, nicht Raum noch Nahrung. Von diesen nächsten Verhältnissen ganz abgesehen aber gab es in meinem persönlichen Wesen wie in der Natur des angetretenen Berufes genug ganz allgemeiner Gründe, die mich bei ihm festzuhalten im Stande waren. Mein Prinzipal, bei dem ich fast fünf Jahre verbrachte, pflegte lange Jahre nachher, als ich in die gelehrte Laufbahn längst eingeschossen war, in stets gleicher und fester Ueberzeugung von mir auszusagen, daß ich eben so wohl ein rechter Kaufmann als ein Gelehrter geworden wäre. Und er hatte ganz Recht. Es war von der praktischen Natur meines Vaters ein so gutes Erbtheil auf mich übergegangen, daß ich, ganz mir selbst überlassen, ohne jede Nachhülfe und ohne jede Reflexion dem Getriebe des kaufmännischen Lebens eine Seite abgewonnen hätte. Nun aber waren von meinen neuesten Freunden jene beiden Sell ganz reflectirende, von allem Rechenschaft gebende und fordernde Naturen; der Vetter Georg auf der anderen Seite war einer jener sieben Brüder, die aus vollem Instincte, mit der ganzen Kraft der Neigung Kaufleute waren und stolz waren es zu sein, und Er im Besonderen war es von Jugend auf in einem weitsinnigen, über die Enge des Standes hoch wegsehenden Geiste. Es wäre daher unmöglich gewesen, daß unter uns gelbschnäbeligen Philosophen, die langeher über alles, was ihren Gesichtskreis traf, zu denken und zu reden gewohnt waren, nicht auch der Berufsfrage, der wichtigsten, die uns betreffen konnte, eingängliche Erwägungen wären gewidmet worden. Ich hätte damals schwerlich viel tiefsinnige[58] Weisheit über den Stand und Beruf des Kaufmanns auslegen können; gleichwohl gab es frühe eine Ansicht, oder sage ich ein Gefühl, eine Witterung in Bezug auf diesen Stand in mir, die mich zu einer der ältesten Reflexionen geführt hat, welche ich mich überhaupt erinnere angestellt zu haben. Ich habe diesen Stand immer als den Repräsentanten einer gewissen menschlichen Durchschnittsbildung angesehen, die die Eigenschaft der Gesundheit und einfachen Natürlichkeit vor allen anderen Standes-und Berufsbildungen voraus habe. Im äußeren, geselligen Benehmen ist der Kaufmann angewiesen, eine gewisse Feinheit und Vornehmheit zu behaupten, die ohne Unbeholfenheit wie ohne höfische oder junkerhafte Geziertheit ist. In sittlicher Hinsicht ist ihm zu einem soliden Gedeihen eine unverbrüchliche Verlässigkeit und Ehrlichkeit vorgeschrieben, die aus dem festen Bunde guter Grundsätze mit wohlverstandenen Interessen fließt. In politischer Beziehung hat er, nicht für die höchsten Staatsberufe, aber für den Staatshaushalt das ähnlichste Abbild, die passendste Vorschule, den besten Maßstab der Beurtheilung in seinem eignen Haus- und Tagewerke. Und was seine geistige Bildung angeht, so dulden mannichfaltige Berechnungen und Bedenkungen ausgedehnter Geschäfte weder das Beharren in mechanischen Ueberlieferungen, dem der Handwerksbetrieb so ausgesetzt ist, noch die Ausschweifungen der geistigen Speculation. Der Stand, in dem mehr wie in jedem andern der gesunde Menschenverstand und Mutterwitz zu Hause ist, gelangt zu diesem köstlichen Vorrechte eben durch diese mittlere Stellung zwischen zu gemeinem Realismus und zu flüchtigem Spiritualismus; er ist dem Herabziehen in das Banausische des Bauern- und Handwerkerstandes nicht ausgesetzt und nicht dem Versteigen einseitiger Geistesthätigkeit des gelehrten Standes. Der Geist ermattet nicht über zu großer körperlicher, der Körper nicht über zu großer geistiger Anstrengung. Der Großhändler, der Lage, Bedürfniß, Besitz und Mangel aller Welttheile überschaut und überrechnend auszugleichen sucht, hat einen[59] stolzen, großartigen Beruf. Was die furchtsame Götterschen des Alterthums, was der bigotte Aberglaube der spanischen Hierarchie, was der Ritterneid im Mittelalter für Verbrechen erklärte: das Meistern an der Schöpfung, den Eingriff und die Nachhülfe an den Werken und Einrichtungen der Natur, das hat der Unternehmungsgeist weitumblickender Kaufleute in der neueren Zeit zu einer der größten Aufgaben der Menschheit erhoben; und mit Recht mögen sie sich daher auf der Höhe der menschlichen Gesellschaft und ihrer Berufsleistungen fühlen. Davon hatte ich im Beginne meiner kaufmännischen Laufbahn die bestimmte Einsicht, die ich hier ausspreche, allerdings nicht; eine dunkle Ahnung hatte ich wohl davon. Und es ist meine eigene Ueberzeugung, daß ich dem ergriffenen Berufe würde treu geblieben sein, wenn ich in ein Geschäft von solch einem größeren Zuschnitte gekommen wäre, das mich auf die Länge in Athem gehalten, das mir größere Gegenstände zur Beschäftigung gegeben, weitere Gesichtskreise geöffnet, das mir durch den Umfang der Geschäftsbeziehungen imponirt hätte. Amazon.de Widgets Das fand sich nun freilich in der Ausschnittshandlung, in die ich gerathen war, nicht. Auf irgend welche abliegenden Zweige, Bankgeschäfte u. dergl., ließ sich der Chef nicht ein; die Buchhaltung, im einfachsten zeitsparendsten Stile geführt, ging über Strazze, Fremdenbuch und Hauptbuch nicht hinaus; die Hauptthätigkeit war dem Verkaufe gewidmet. Auch dieser Kleinhandel übrigens hat seine anziehenden und nützlichen Seiten, ja er hat, in dem besonderen Zweige des Langwaarengeschästes grade, Eine bildungsreichste Seite selbst vor allem Großhandel voraus. Ich glaube nicht, daß es für den Erwerb allseitiger Menschenkenntniß, für die Erkennung der Charaktertypen, für die Beurtheilung der verschiedenartigsten menschlichen Natur in Individuen, Klassen und Ständen eine so belehrende und zugleich für den Beobachter so unschädliche und gefahrlose Schule gibt, wie den Kaufladen, wo der Käufer seinen Bedarf nicht holen läßt, sondern selber holt, wo er ihn selber wählen und nach dem[60] alten, dawalo üblichen Kramerstile darum handeln und markten muß. Eine solche Schule der Menschenkenntniß ist überall geöffnet, wo sich Menschen zusammendrängen, aber sie ist dann meist weder vielseitig, noch ist sie gefahrlos. Die Universität, die Studentenverbindung, die Caserne sind solche Sammelplätze; aber man dreht sich in ihnen nur unter Gleichaltrigen und Gleichartigen herum und ist den Gefahren der eignen Entartung und Entsittlichung, dem Verkommen in Formen, dem Geiste unbilliger Aburtheilung und Ausschließlichkeit ausgesetzt. In den Sälen der sogenannten guten Gesellschaft erscheint der Mensch nur in dem Firniß der Convenienz, unter dem die wahre Natur herauszufinden, wenn es anders eine unter ihm gibt, schon einen Meister, nicht einen Schüler der Menschenkunde verlangt. Die Kneipe auf der andern Seite gilt für einen Lehrsaal der Menschenkenntniß, wo sich die Leute um so natürlicher geben sollen, wenn der Spruch anders wahr ist von der Wahrheit im Weine; allein auch dort bewegt man sich gemeinhin nur unter Menschen der gleichen Klasse und Bildung, und wenn der Wein erst, die Hülle des Anstands abstreifend, die Temperamente und Leidenschaften aufdeckt, so ist der Beobachter vielleicht selbst nicht mehr in der Lage klar zu sehen. Wie unermeßlich groß und und günstig der Abstand des Kaufladens von allen diesen und ähnlichen Unterrichtsplätzen ist, überdenkt man nicht leicht. Denn es ist wohl wahr, und es ist auch gewiß sehr gut: weit die meisten Verkäufer und Verkäuferinnen werden in gedankenloser Gewöhnung um diese Schule, um diese Gelegenheit, sich einen beneidenswerthen Vorzug anzueignen, betrogen. Ist einem aber erst dieser Staar der Unachtsamkeit gestochen, ward einmal durch eigne Erfahrung oder durch einen Wink von außen die Aufmerksamkeit auf diesen Punct gelenkt, dann ist ein Feld für endlose Beobachtung geöffnet, auf dem das Interesse für die Menschen sich an der Einsicht in ihr Wesen, und diese Einsicht sich an jenem Interesse gegenseitig zu steigern vermag zu einer außerordentlichen Umfänglichkeit und[61] virtuosen Sthärse. Denn die Menschen jedes Ranges und jeder Stufe, jedes Geschlechtes und jedes Alters, jeder Begabung und jedes Charakters begegnen sich an dieser Stätte, an der sie sich, ohne Wissen und Willen, vielleicht in größerer Wahrheit offen legen als bei irgend einer anderen Gelegenheit. Die Fürstin und Gräfin, die ihrem eignen Bedarfe nachzugehen zu stolz wäre, läßt sich doch herab, für die Zwecke irgend einer wohlthätigen Anstalt einen ostentiösen Gang dahin zu thun; das Marktweib löst sie ab, das für den Ertrag der Nahrungsstücke ihres Korbs sich ein Kleidungsstück anschafft. Die vornehmsten Staatsdiener und ihre Frauen erscheinen und wählen aus und lassen ihre Meßrechnungen anwachsen, die ihre Mägde und Bedienten kommen zu bezahlen. Der freiherrliche Theaterintendant kündigt gnädig eine große Bestellung für die neue Oper an, der Garderobemeister trifft in cordialerem Stile die Auswahl, der Theaterschneider läßt in der jovialsten Weise für die Statisten abmessen und sieht, wohl wissend warum, über Schäden und Basel hinweg, während die Prima Donna, wenn sie kommt den geeigneten Staat für sich auszuwählen, nichts glänzend und kostbar genug kann finden. Die Militärcommission sucht ein Tuch für die Leibgarde aus, dann schicken die Oberofficiere ihre Schneider, der hochnasige Lieutenant aber kommt selbst und hat an allem auszusetzen. In der Meßwoche drängt sich Alles vom Lande zu, von der ärmsten Frau, die sich ihre Bedürfnisse halb erbetteln möchte, bis zu der reichen Landwirthfamilie, die großthuerisch die Aussteuer für die Tochter wählt. In den Adventswochen drängt sich Alles aus der Stadt zusammen, um Winterbedarf und Weihnachtsgeschenke anzuschaffen: es gibt keine Menschengattung, die dann nicht die Revue passirte. Sie thun das aber nicht stumm und leidend; sie thun es, ist man einmal auf die Zuschauerrolle gerüstet, wie irgend in einem reichsten Stegreifspiel auf der Weltbühne. Das innerste Wesen der Menschen kommt hier unwillkürlich und nach allen möglichen Richtungen hin zu Tage. Man lernt den Käufer kennen[62] nach Temperament und Bildung von Seiten seiner geselligen Natur: wie er den Verkäufer unter oder über oder neben sich sieht, wie er ihm grob oder artig, steif oder traulich, hochmüthig oder menschlich begegnet. Man lernt ihn bei der Auswahl, die er trifft, von seiner ästhetischen Seite kennen: wie er sich zu den wechselnden Moden verhält, ob er seinen Geschmack von ihnen bestimmen läßt oder nach seinem Geschmacke sie beurtheilt, selbständig, oder nach Anderer Anleitung; Conservatismus und Neuerung, Putzsucht und Solidität, angeborener Schönheitsinn und zweifelnde Wählerischkeit, das kreuzt sich alles in der seltsamsten Weise; und die Naivetät und Unbefangenheit, in denen sich die Geschmacksrichtung der Naturkinder vom Lande äußert, die ein gemeinheitliches Wohlgefallen auf ein Zeugmuster für eine Weste oder eine Haube werfen, kann nicht größer sein als die der feinsten Dame, die sich aus einem Blick in die Pariser Modejournale ihrer Sache vollkommen sicher weiß. Wo aber die Unwillkürlichkeit des Selbstverraths der Charaktere am größten und zugleich weit am aufschlußreichsten ist, das ist der Geldpunkt. Ich habe den Geizigen gesehen, der sich nicht scheut, in seiner schmutzigsten Gestalt zu erscheinen, wie er kommt und geht, in jedem Worte beleidigendes Mistrauen zeigt, Schandgebote thut und sich fast hinauswerfen läßt, um zuletzt doch wieder zu kommen; ich habe een Verschwender gesehen, der dagegen mit blindem Vertrauen, mit überraschter Zufriedenheit über Waaren und Preise, mit einer unverwüstlichen Börse prahlt; ich habe den Vertreter einer dritten Klasse gesehen, die diese beiden widersprechendsten Züge gleichsam vereinigt: den bedrängten Staatssöldner, einen schlechten, späten, wenn auch ehrlichen Zahler, den die Noth knickerig und mistrauisch machen sollte, den die Noth aber vertrauend und verschwenderisch macht, wenn er sich fügsam die größten Preise muß auferlegen lassen, auf die die Zinsen für die langausstehenden Schuldenposten im Voraus geschlagen sind. Dies sind Carricaturen: in dem gewöhnlichen Schlage der Menschen aber kehren die Farben,[63] die sie tragen, in feineren und feinsten Mischungsverhältnissen unaufhörlich wieder. Nichts achtbareres als jene stehenden Kunden, die den Kern der Abnehmer eines solchen Geschäftes bilden, zumeist gebildete Beamten-Familien, die sich zu dem Kaufherrn in ein Verhältniß freundschaftlichen Vertrauens setzen und ihm vielleicht ans Herz legen, die Pflicht der Sparsamkeit, die ihnen obliegt, bei Auswahl, Empfehlung und Notirung der Waaren an ihrer Statt zu erfüllen; und nichts ekleres dagegen, als wenn der Mann der höheren Stände, seine Bildung und Stellung verleugnend, seine guten oder schlechten ökonomischen Verhältnisse bergend, von dem Einem Hause zum andern wandert, wechselnd bei dem Einen und Andern borgt und zahlt und die Aussicht einer guten Kundschaft geben möchte und den Verdacht einer schlechten erweckt. Nichts anständigeres als der zwischen dem Bezieher und Verkäufer oft vermittelnde Handwerksmann, wenn er sich dieses Mäklergeschäftes ohne Makel, uneigennützig, klar und ehrlich annimmt; nichts niedrigeres, als wenn er es mit jedem kleinsten und gemeinsten Mittel zu seinem Vortheile auszubeuten sucht. Nichts rührenderes als das arme Bäuerchen, das sich aus einem ersparten Pfennig ein neues Wamms kauft und aus schmutzigem Lederbeutel die einzelnen Kreuzer mit harter Hand, aber mit heiterer, billiger Miene für den langersehnten Erwerb dahinzählt. Nichts widerwärtiger auf der andern Seite als der hartherzige reiche Müller, der mit dem Geld in der Tasche klappert und in zähem Feilschen die filzige Natur hinter übermüthiges Anstellen und schlechte Späße versteckt. Und so schichten sich die Erfahrungen in unzähligen Abstufungen und Spielarten auf-und durcheinander bei dieser Art von Beobachtung, bei der man in die innersten Falten der verschiedenst gearteten Menschenwesen hineinzublicken Gelegen heit hat, bei der man nicht nur intellectuell bereichert, sondern selbst sittlich aufs mächtigste angeregt wird durch die abschreckenden und anziehenden Charakterbilder, die sich abwechselnd in ihrer ächtesten Gestalt, ohne[64] Gesellschaftsschminke und ohne leidenschaftliche Ueberspannung, vor uns vorüberbewegen. Ich habe später meine Kaufmannsjahre langehin als eine verlorene Zeit betrachtet und oft bitter beklagt. In Wahrheit aber sind sie für mich, wie meine Natur nun einmal beschaffen war, und für die Richtung, die meinen Studien durch eben diese Natur gegeben wurde, von einem ganz unschätzbaren Werthe gewesen. Sie haben mir Eigenschaften gegeben oder entwickelt, die mir kaum auf einem anderen Wege zu Theil geworden wären. Natürliches Benehmen, Unverschrobenheit der Denkweise, gesunde Sinne, einfache von aller Kleinmeisterei entfernte Betrachtung der Dinge, praktischen Blick für die Vorfälle im öffentlichen und privaten Leben, Einweihung in die Formen und Weisen der verschiedensten Menschenkreise, ihre Sitten und Eigenheiten, Vorzüge und Schattenseiten, Interesse an allen ihren verschiedenen Interessen, kurz eben diese Menschenkenntniß, die sich hier spielend erlernt und ungesucht ergibt und sich mehr dem Instinct und Divinationsvermögen einnistet, als daß sie aus bewußter Beobachtung stamme, hätte mir die Schule und Universität nicht angeeignet; ja die Bildungsweise der ganzen Zeitepoche war nicht darauf gestellt, sie mir oder irgend Jemanden leicht aneignen zu können. In der Geschichte der deutschen Cultur war in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts eine Zeit gewesen, wo die Menschenkenntniß eine Art Gemeinstudium und Gemeinbesitz wenigstens in dem gebildeten Theile des Volkes war. In jenen Jahren, wo man Sterne und die englischen Humoristen bei uns einbürgerte, wo die Hippel und Thümmel von diesen Vorbildern den Hang zur mikroskopischen Untersuchung der menschlichen Natur überkamen, wo ein Lichtenberg und Lessing ihr Auge auf die unverkünstelte Gestalt des Menschen gerichtet hielten, wo Lavater seine Physiognomik darauf anlegte, die Menschen aus dem Aeußeren in das Innere blicken zu lehren, wo man die unverfälschte Darstellung des ächtesten Menschenwesens bei Homer[65] und Shakespeare aufsuchte und der Nation zugänglich machte, wo die großen Schauspieler vor und nach Schröder die naturalistische Schauspielkunst aufs höchste trieben, wo Göthe's grade gerichteter Geist eine nationale Dichtung heraufzauberte, die eine gesunde Lebensschule eröffnete, da war es jedem leicht gemacht, in dem Geistesauge, dem eine gute Anlage gegeben war, den Blick in das verwickeltste Triebwerk des menschlichen Wesens zu schärfen. Allein dies glückliche Verhältniß kehrte sich ganz in das Gegentheil um, seitdem die Naturphilosophen anfingen die Wissenschaft, die Teutonen den Volks- und Vaterlandssinn, die Romantiker die Dichtung zu karrikiren, indem sie in Roman und Drama die menschliche Natur verzerrten und fremder Zeiten und Völker fremdartige Dichtungen übertrugen, die keine Beziehung zu uns hatten; während im großen Gegensatze hierzu die Masse der schöngeistigen Literatur, zum Handwerk geworden, das Land mit einer Flut von seichten Darstellungen aus der platten und verbildeten Gesellschaftswelt überschwemmte. Unter der Alleinherrschaft dieser wuchernden Belletristik ward nun jeder junge Mann von Geist unwillkürlich versucht, all seine Bildungsmittel aus diesem unter faule stehende Wasser gesetzten Gebiete zu entnehmen, alle seine Geisteskräfte ihm wieder zu widmen, den Inhalt der vorhandenen Dichtung wiederzukauen und nur die ausgesogenen Nahrungsstoffe mit widernatürlichen Reizmitteln zu würzen, das Leben in der Dichtung vorwegzunehmen, den Quell der Poesie in den Poesien selber zu suchen, nicht in den Tiefen der eignen Erfahrung oder in der Breite des äußern Weltlebens, das ein halbes Jahrhundert nach den französischen Kriegen in träger Ruhe stagnirte. Die natürliche Folge dieser unnatürlichen Verhältnisse war, daß die Philosophie dieser Folgezeit den Bezug auf das praktische Menschenleben aufgab, die Theologie und Philologie ihren seelsorgerischen und pädagogischen Beruf aus den Augen verlor, die Rechtswissenschaft ihren Verband mit dem öffentlichen Staatsleben lockerte, die Geschichtschreibung sich zum großen Theile in[66] Arbeiten und Methoden hielt, für die der psychische Theil ihrer Aufgabe Nebensache war, daß das Zeitalter in keiner Gattung von Wissenschaft größer geworden ist als in den Naturwissenschaften, die von des Menschen sittlich-geistiger Seite ganz abgekehrt sind, In dieser Einen Beziehung nun, von der ich rede, die für meinen schließlichen Beruf unstreitig eine der wesentlichsten und wichtigsten sein mußte, ist der Gang meiner Bildung, der sonst in so strengem Einklange mit den allgemeinen Richtungen der Zeitperiode war, ein ganz besonderer und eigenthümlicher geworden; und wenn und wo ich mich später im Gegensatze zu der Zeit befunden habe, wird es sich vielfach auf diese Abweichung in dem Verlaufe meiner geistigen Entwicklung zurückführen lassen. Gewiß aber hatte ich die stärksten Gründe, für diese eigne Fügung meiner Schicksale dankbar zu sein. Denn das Zeitalter wirkte wie mit seinen normalen Tendenzen, so auch mit seinen beirrenden Mächten, mit seiner ungesunden Literatur, mit seinem krankhaften Geschmacke, mit seiner überreizten Geistesthätigkeit nur zu gewaltig auf meine junge Seele ein; auf eine Seele, die zum Widerstand nichts gehabt hätte, als die noch schwache Unterlage hellenischer Schule, wenn nicht nun in den Vordergrund meiner Beschäftigungen dieser praktische Menschenverkehr getreten wäre, das einzige Element in meinem neuen Leben, das der Geistesgesundheit (wenn mir deren etwas angeboren war) eine kräftige, stärkende Nahrung geben konnte; jener köstlichsten aller Gaben, aus der nach dem alten Dichter »der Allen theure, allersehnte Segen« fließt. So lange das Leben, in das ich nun versetzt war, meiner Neu- und Wißbegierde Stoff bot, so lange ich mich mit neuen Verhältnissen und Erfahrungen zurecht zu setzen hatte, so lange mit meiner äußeren auch meine innere Arbeitsamkeit in Anspruch genommen war, so fesselte mich die neue Thätigkeit; ich gab mich meinen Beschäftigungen willig und eifrig hin; es währte nicht lange, so gingen sie mir flink von der Hand; ich leistete wirkliche[67] Dienste und fand dafür billige Anerkennung. In einzelne Theile der Buchführung kam durch meine Hülfe eine Ordnung, die früher glaube ich nicht darin war; eine oder die andere Einrichtung, die ich in dem Hause des Onkels Zöppritz abgesehen hatte, ward von mir angegeben; bald war ich in gewissen Zweigen, wenn der Prinzipal auf der Messe oder im Bade abwesend war, fast mehr der Herr im Geschäfte als der Lehrling. Es ging hier genau wie in der Schule; bis auf die üble Handschrift nach allen Seiten hin die besten Zeugnisse; nach allen Seiten hin auch wahrer Eifer und ersprießliche Leistungen: nur als der enge Kreis der Erfahrungen durchlaufen war, als nun Alles ein tägliches Einerlei, ein gedankenloser Mechanismus, ein hinschleppender Schlendrian für mich ward, als ich nichts mehr fand, wo ich fördernd eingreifen konnte, was meinen Ehrgeiz stachelte und spornte, da sank meine Theilnahme allmälig herab, und bald war die frische Luft zur Sache ganz dahin. Mitten in der geräuschvollen Beschäftigung des Tages fühlte ich mich in einer peinvollen, tiefen Vereinsamung. Noch entschädigten mich eine Weile die abendlichen Unterhaltungen bei meinen neuen Freunden. Als aber die Zeit kam (Ostern 1822), wo Wilhelm Sell und die Jugendgenossen nach einander zur Universität abzogen, wurde meine Lage um vieles schlimmer. Wo ich sie auswandern sah zur hohen Schule der Geistesreifung, da fühlte ich mich zurückbleibend in einer Armuth und Dürftigkeit des inneren Lebens, die mir so drückend ward, daß ich wie von dem Gefühle eines schweren Unglücks erfaßt war. Noch ehe Wilhelm Sell die Universität bezogen hatte, bekümmerte ich ihn, der wie alle meine Freunde in mir immer zuvor nur einen heitren Gesellen von unverwüstlichem Frohsinn gekannt hatte, durch das trockne Geständniß, daß meine Gemüthslage die bedauernswertheste sei, daß mein Geist sich krank fühle in dem Widerwillen gegen meinen Beruf. Und an Karl Sell in Regensburg schrieb ich um diese Zeit: wenn ich mein Leben mit dem Kaufmannstande verhunzen sollte, so müßten erst keine Kugeln mehr[68] gegossen werden. In dem dauernden Briefwechsel mit diesem Freunde fand ich all diese Zeit einigen sympathischen Trost, aber keine Beruhigung. Er war in sehr ähnlicher Lage wie ich; auch in ihm entwickelte sich, vielleicht mehr aus dem Unbehagen, das er unter dem Patronate seines heftigen Oheims und Kaufherrn einsog, eine Abneigung gegen den Kaufmannstand, gegen »Mercurs saubere Zunft«, die er nicht von der besten Seite kennen lernte. Er fand, daß er gefehlt, daß er zu bereuen habe, nicht ein Theologe geworden zu sein; er meinte, es sei ein Volkslehrer an ihm verloren worden; er rühmte damals an seinen Briefen mit Recht, daß seine Geister Stoffe und Auswege nach allen Richtungen fänden, wo in mir alles öde war. Auf die wenigen, einsilbigen, stumpfen Worte meiner Briefe antwortete er mir in Strömen mannichfaltiger Mittheilungen, auf seltene Ausbrüche meiner guten Laune und Neckerei mit den eingänglichsten, ernstesten Beredungen, auf spärliche Freundschaftsbezeugungen mit rührenden Ergüssen einer innigen Anhänglichkeit. Er, dem es ein »wonniger, felstragender Gedanke war«, ein warmes, mitfühlendes Herz in mir zu besitzen, war ein Schwärmer grade nur in diesem Freundschaftsverhältnisse, in dem ich es ohne persönliche Berührung weniger zu sein vermochte; in allem übrigen verfocht er mir gegenüber mehr die kalte Betrachtung der wirklichen Dinge, redete zu dem nüchternen Sinne in mir, uns ritterlich durch die Welt zu schlagen wie sie ist, und durch die Lage, in die wir nun einmal gesetzt waren, dabei aber von nützlichen Künsten und Wissenschaften zu erhaschen soviel wir vermöchten. Nur dieser Rath verfing bei mir. Ich fiel in verstärkter, in einer krampfhaften Leidenschaft in die alte Lesemanie zurück. Alle freien Abende und Sonntage wühlte ich mich in die Biicher. Wenn nach Weihnachten und Pfingsten, nach beschafftem Winter- und Sommervorrath, die Geschäftsflut in Ebbe zurücksank, stand ich oder saß ich bei oder auf dem Ladentische, versenkt in meine Lectüre, die ich bei jeder geschäftlichen Anforderung unverdrossen bei Seite legte und nach[69] ihrer Erledigung wieder unverdrossen zur Hand nahm. Ich fuhr mit den leidigsten Gegenständen fort, bei denen ich mit Freund Nodnagel stehen geblieben war, mit den Zeitschriften, Romanen und Dramen des Tages, und verbreitete mich von da rückwärtsschreitend in die ältere Literatur des 18. Jahrhunderts. Was die Masse der deutschen Literatur angeht, der klassischen wie der banausischen, Prosa wie Dichtung, so gelangte ich in diesen Jahren zu der ausgebreiteten Belesenheit und Uebersicht, die mir später bei der Ausarbeitung meiner Geschichte der deutschen Dichtung außerordentlich zu Statten kam. Es wäre eitle Mühe, wenn ich alle die Werke und Autoren aufzählen wollte, die ich in meiner neu geweckten Schlingsucht durchraste; das meiste hatte für mich langehin keine innere Bedeutung und auch keinen eigentlichen Reiz; ich las, um zu lesen, um meine innere Leere auszufüllen, um meine Misstimmung zu betäuben, um der Prosa um mich her ein Gegengewicht zu halten. Indessen konnte es nicht wohl fehlen, daß ich, unter so vielem umschweifend, bald auf irgend etwas fallen mußte, was zu der leidenden, gedrückten, schwermüthigen Seelenstimmung, in der ich war, in einen lebendigen Bezug zu treten geeignet war. Und plötzlich sah ich mich an einen Pol getrieben, der jenem anderen, welcher in meinen kräftigen Knabenjahren mein Augenziel geblieben war, vollständig entgegen lag: ich ward von Homer zu dem erklärten Gegner des klassischen Alterthums, zu Jean Paul, verschlagen. Und es war wohl erklärlich, daß ich mich in dies andre Extrem jetzt in derselben verschwenderischen Hingebung vertiefte, wie einst in das entgegengesetzte. Die Frische jener ersten Kinderexistenz war mir zergangen, der Schmelz der vollen, zukunftfrohen Bestimmbarkeit war durch die Prosa des ergriffenen Berufes abgestreift; das harmonische Gleichgewicht der körperlichen und geistigen Kräfte war zerstört; die Gesundheit begann zu wanken, seitdem ich mich dem sonst so gewohnten Leben in der freien Natur entwöhnte; ich stand in einer neuen Lebenssphäre, die ich nicht mehr instinctiv durchlebte,[70] die ich zu überdenken begann, und wo ich mit der Frucht der Erkenntniß den ersten Seelenschmerz zu erndten hatte; das selige Paradies der ersten Jugend war verloren. Auf alle diese Güter blickte ich in schmerzlicher Trauer, in empfindsamer Sehnsucht zurück; neben mir sah ich keinen Ersatz für so viele Verluste und vor mir in der Zukunft keinerlei Aussicht. Diese sentimentale Stimmung war Jean Paul ganz geschaffen mit einem mächtigen Griffe zu fassen und zu einer krankhaft phantastischen Höhe in mir zu steigern. Niemand hat die Contraste zwischen Prosa und Schwärmerei, zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Enthusiasmus und Nüchternheit, zwischen der niederen, gemeinen Außenwelt und der überschwenglichen inneren Welt der Einbildungen, wie sie der Schuljugend eigen sind, schärfer und greller dargestellt, als Jean Paul: eben dies aber traf den eigentlichen wunden Fleck meiner ganzen damaligen Existenz. Jean Paul, mit einer riesigen Phantasie ausgestattet, aber in einer leeren Umgebung aufgewachsen, hatte wie kein Anderer gelernt, das innere Stillleben der menschlichen Seele zu belauschen, die träumerischen Empfindungen dieser räthselhaften Zeit aus ihrem Nebel zu entschälen: das fügte sich meinen Zuständen so enge an und zeigte mich mir selber so oft in dem schärfsten Spiegel. Poetische Schilderungen voll epischer Thatenfülle wie Homer's würden mich jetzt erdrückt haben; in Jean Paul's Romanen dagegen, in denen die Thatsachen, die »frische Historie« arm und gering, die Welt des innern Gedankenlebens in breiter Behaglichkeit geschildert ist, konnte ein Leser, der selbst nichts anderes besaß, als solch ein Gedankenleben, wenn nicht kräftigen Muth, doch verzärtelnden Trost sich suchen. Ein solcher Leser fühlt sich hier wechselnd beschwichtigt durch den verachtenden Stolz, mit dem auf alles Erdenleben überhaupt als auf eine leere Eitelkeit herabgeblickt wird; fühlt sich gehoben durch den Nachweis des Glückes in den Beschränkungen des heimlichen, inneren Lebens; fühlt sich aufgerichtet durch die Wichtigkeit, die dem gesteigerten Seelenleben, dem gespannten Empfindungszustande,[71] dem sublimsten sittlichen Gefühle, der überreizten Menschenliebe geliehen wird, auch wo sie sich nicht bethätigen, sich in nichts als in der bloßen Gesinnung bewähren. Wie viele seine Anlässe, sich selbst zu gefallen, mußte nicht ein unmündiger Mensch in meiner Lage in jener Verehrung der Geistmüden und Gedrütkten finden, »die das Leben kleiner finden als sich«, die aus der geträumten Nichtigkeit des äußeren Lebens eine geträumte Wichtigkeit des inneren folgern! Wie viele subtile Schmeicheleien konnte ich mir aus einzelnen halbwahren, halb schiefen Bemerkungen ziehen, an denen Jean Paul so reich ist! Ich weiß, wie es sich mir ins Gedächtniß nistete, wenn Jean Paul einmal im Hesperus sagt: es sei ein Zeichen des Genies, wenn ein Mensch in der Jugend warm an der Religion festhalte; und ein andermal im Quintus Fixlein: das Genie studire wohl ohne Plan und Kummer und ohne Facultät! Auf diese Weise konnte sich der Bettler im Reichthum fühlen! Der Realismus, mit dem dieses ideale Kleinleben bei Jean Paul geschildert ist, die unschonende Wahrheit, mit der oft beschämend, oft erhebend, immer treffend und immer mild das Lächerliche, das Närrische und Thörichte der Jugendschwärmerei zugleich mit ihrem Rührenden, Reinen und Edlen aufgedeckt wird, hielt zwischen allen Ueberspanntheiten doch wieder auf einigem natürlichen Boden fest und war für den unsicher tastenden, nur halb verstehenden jungen Leser die stärkste Gewähr der Wahrheit dieser Poesie, der Aechtheit dieser Lebensweisheit des seltsamen jugendlichen Alten, des greisen Jünglings, des ungereiften Autors und seiner ungereiften Werke. Das von Grund aus Erschlaffende und Ermattende dieser verschwommenen Lectüre ward das kränkelnde Gemüth nicht gewahr, dem es wohl that, in den eigenen Leiden zu schwelgen, da ihm alles Andere mangelte, an dem es sich hätte aufrichten mögen. Im Titan steht ein inhaltschwerer Satz, den ich später als die selbstausgesprochene Verdammniß der ganzen Lebens- und Schriftstellerrichtung J. Paul's habe bezeichnen müssen: »Nur Thaten[72] geben dem Leben Stärke, nur Maß ihm Reiz.« Dieser Satz ist mir in meinen späteren Jahren (als ich das deutsche Volk sich abmühen und abmüden sah, in trägen Schritten und in thörichten Wagesprüngen wechselnd, zu einem staatlichen und nationalen Leben zu gelangen) als der weiseste Wahlspruch erschienen, den ein strebsamer Mensch sich bei seiner Lebensarbeit vorschreiben könnte. Es hat mich noch in einem Alter, wo man über abergläubische Anwandlungen hinweg ist, seltsam berührt, als ich einmal zum Erinnerungsbuch eine »Chronik« (Frankfurt, Neumann's Buchdr.) mit einer trefflichen, aus gesundem, kräftigem Geiste gewählten Spruchsammlung zum Geschenke erhielt, in der eben jener Spruch auf meinen Geburtstag eingetragen war; allein auch damals schon, in jener abgesunkensten Periode meines jungen Lebens, enthielt dieser Satz einen Stachel für mich, in einer Lage, die mich am unempfindlichsten für seinen Inhalt hätte machen sollen. Man würde es mehr als begreiflich finden, wenn ich damals, in mein Schneckenhaus eingeengt, die Fühlhörner so eingezogen gehalten hätte, daß mich die Vorgänge der großen äußeren Welt gar nicht berührt hätten, wenn die Seite meiner Natur, mit der ich den Einwirkungen des Zeitgetriebes offen stand, jetzt wäre verknöchert gewesen, so empfindlich und reizbar sie angelegt war. Und doch, so war es nicht; und darin lag gegen die erschlaffenden Einflüsse meiner schöngeistigen Lectüre ein kleines, wenn auch wenig energisches Gegengift. Mit meinem Eintritt in den Kaufmannstand hatte natürlich doch die alte Mehrseitigkeit meiner Neigungen nicht plötzlich verwischt werden können; die Flamme des abenteuernden Knabensinnes war doch nicht mit einem Male ganz in Asche versunken und verkühlt. Der Bund hatte ja noch eine Weile in meine kaufmännische Zeit hinein bestanden; die Auswanderungsideen hatten in einzelnen Köpfen immer fortgewuchert; wir hatten etwas von der Colonie der Harmoniten in Indiana aufgeschnappt; in mir vor den Anderen hatte die Robinsonische Ader wieder stärker geschlagen über der Lectüre[73] von Stolberg's Insel; ich half mir über die Gegenwart weg mit den Ausmalungen einer paradiesischen Zukunft in fernen Welttheilen; ich verhandelte darüber mit dem bedächtigeren Karl Sell in Regensburg, den ich noch kurz vor Schluß in den Bund hatte aufnehmen lassen; und meine Schwärmerei riß ihn in der ersten Unzufriedenheit mit seiner Lage und seinem Berufe hin, in diese Träumereien einzugehen, Ihn, der in der glücklichsten Familie der edelsten Eltern, der besten Geschwister und Verwandten stand, »deren innigste Liebe an sein Pflichtgefühl pochte«. Sich aus solch einem seltenen Kreise gewaltsam loszureißen, war ein Gedanke, der nur in jenen Zeiten der inneren Verstimmungen in Deutschland, der äußeren Revolutionen in der übrigen Welt, der allgemeinen Unsicherheit aller Zustände entstehen konnte. Sell folgte diesen politischen Bewegungen in Europa stetig nach und hielt, wenn es dessen bedurft hätte, meine Aufmerksamkeit darauf in seinen Briefen wach. Ich selbst aber war seit meiner neuen Berufsthätigkeit ein regelmäßiger Leser der Zeitungen geworden, die mir in dem Geschäfte offen lagen, die im Anfang meiner ersten Emsigkeit sogar meine ausschließliche Lectüre gewesen waren. Die Zeitereignisse, die mit dem Tage meines Eintritts in meinen neuen Stand von Cadiz aus über den Süden Europa's hereingebrochen waren, die Revolutionen in Spanien, Portugal und Neapel hatten die Bundesglieder aufs lebhafteste beschäftigt; von den traurigen politischen Zuständen der Heimath hatten wir die peinliche Witterung; wir nannten sie türkisch und fanden die Luft im Vaterlande verpestet; schon im Jahre 1820 war unter uns Cosmopoliten die Rede darauf gefallen, daß, wenn uns nicht in Amerika oder Australien Ruhe zu finden bestimmt sei, wir sie in dem Kampfe für eines der nach Freiheit ringenden Völker sinden möchten. Die Erhebung Griechenlands (1821), die auch ältere, ruhigere Gemüther durch den ganzen Welttheil aufregte, rüttelte dann diese fortsprudelnden Blasen des knäbischen Ehrgeizes zu stärkeren Wallungen auf. Es war noch ganz im Anfange dieser[74] Bewegung gewesen, als ich an Karl Sell auf Anlaß einer der häufigen Beregungen der Berufsfrage unter uns die Getheiltheit und Vielseitigkeit meiner Hänge noch in der naiveren Schärfe aussprach, daß ich ihm die Worte schrieb: »Ich kann Alles werden. Wollen wir uns associren? wir könnten glücklich leben. Wollen wir nach Amerika gehen? Du weißt, daß ich dabei bin. Wollen wir Rebellion abwarten, nach Griechenland, nach Spanien gehen, so werden wir Soldaten. Ist nichts anderes übrig, so werden wir Schauspieler!« Bald aber sondirte ich ihn genauer auf die griechischen Dinge hin, die mich quälend beschäftigten. Ich hätte früher wonnige Entwürfe über die Bahn meiner Jugend gesponnen, sie seien zerronnen; ich sähe mich als den Letzten, mit dem Wahne unter den Ersten sein zu können. Ehe ich mich aber durch ein ödes, wüstes Dasein durchschleppen sollte, auf einer Bahn, auf der ich doch nichts leisten würde, wolle ich lieber für das Volk, dem wir alle Bildung zu danken hätten, das Leben aufopfern. Ja, den kaltblütigen Freund fing noch einmal das Feuer des Schwärmers; er erklärte sich bereit: »die Sache ist so sehr Angelegenheit der ganzen Erde«, schrieb er, »daß es Schimpf und Schande dem bringe, der halbwegs fort kann und thät's nicht«. Aeltere Schulgenossen von mir, die sich mit dem Plane trugen, sich den philhellenischen Schaaren einzureihen, die sich 1821 in der Schweiz, in Deutschland und Frankreich zu sammeln begannen, theilten mir ihre Absichten mit; ich wälzte den Gedanken an diese Erlösung lange im Kopfe herum. Aber ohne einen Genie- und Gewaltstreich war da nichts zu machen; bei dem Vater war ja an eine Einwilligung zu solch einem vagabundischen Kreuzmg gegen seinen verehrten Großtürken nicht zu denken. Dennoch wollte ich es in meinen Zweifeln wieder auf ein Orakel ankommen lassen. Freiherr F.L. v. Dalberg, gewesener Landwehrhauptmann in den Befreiungskriegen, ließ aus Aschaffenburg (5. Aug. 1821) eine Erklärung ergehen, daß er sich den Philhellenen anzuschließen bereit sei, die sich nach Griechenland[75] einschiffen wollten; er wünschte, Gagern möchte sich dafür interessiren, daß Offenbach zu einem Sammelplatz der angemeldeten Freischärler geöffnet werde. Schon am 12. Aug. schrieb ich an Dalberg im Auftrage einiger meiner willigen Freunde um gewisse Aufklärungen, theilte ihm zugleich meine persönliche Lage mit und bat ihn um Entscheidung. Seine Antwort auf diesen persönlichen Theil meiner Fragen war diese: »Ihre Zuschrift hat mich aufs Neue von der Wahrheit überzeugt, daß unsere hochherzige deutsche Jugend zum Ruhme geboren ist. Allein gegen den Willen der Eltern zu handeln, bringt kein Gedeihen. Unsere Sache ist rein und offen. Zudem muß jeder Freiwillige mit einem Passe seiner Regierung nach Triest versehen sein, und dessen Name öffentlich in den Zeitungen aufgerufen werden. Inzwischen Ihre Offenherzigkeit und warmer Eifer hat mich recht gerührt. Vielleicht gelingt es Ihnen, Ihre guten Eltern, in deren Adern ja deutsches Blut wallt, zu bestimmen. Ihr aufrichtiger Freund Dalberg. Aschaffenburg, 14. Aug. 1821.« Aus diesen Zweifeln nun erlösten bald die Verhältnisse, über die wir keine Macht hatten. Die deutschen Regierungen sperrten die bewaffnete Unterstützung, zu der selbst Dalberg nur in der Vermuthung des Ausbruchs eines Krieges der Mächte gegen die Pforte aufgerufen hatte. Bald verstummten die philhellenischen Sympathien in den deutschen Blättern, und mein Interesse fiel nun auf Spanien zurück. Und da es sich hier, wo die neue Ordnung drei Jahre friedlich bestand, nicht um thätliche Beihülfe handelte, so drängte mich dies Interesse auf das Studium der Geschichte und Literatur dieses Volkes. Ich erlernte mit allem Eifer die spanische Sprache, erst an den Abenden mit Wilh. Sell, dann für mich allein; ich umgab mich mit Cancionero's, mit Don Quixote und der Araucana, mit Calderon und Lope, und beschleunigte meine Uebersicht der spanischen Literatur durch das Lesen laller mögichen übersetzten Werke; ich lernte Cervantes bis in seinen Persiles und Calderon bis in seine Autos sacramentales kennen.[76] Ich umgab mich mit den Portraits der Ercilla, Quevedo, Garcilaso, Argensola, Lope, Mendoza, Cervantes, die mir Freund Lucas, der Maler, in sauberen Bleistiftzeichnungen copirte; ich übersetzte eine Reihe lyrischer Gedichte aus den Blumenlesen und begann auch größere Stücke zu übertragen, die Gatomachie, die Araucana, ohne damit zu Ende zu kommen; wie ich auch Ehre, Macht und Liebe von Calderon in Prosa übersetzte, ohne ans Versisiciren zu gelangen. Ein besonderes Lieblingsstudium machte ich aus den Romanzencyklen und versuchte mich in freien Nachbildungen dieser Form über den Gegenständen von Ines de Castro und Robert Guiscard, wie ich mich über dem Studium Homers in Hexametern versucht hatte. Es war eine ernstere, solidere, gründlichere Thätigkeit, die meiner übrigen Schnellleserei ein heilsames Gegengewicht hielt; denn ich trieb die Sache mit dem ganzen Aufgebot meiner Kraft, so daß ich eine Weile bei meinen Freunden ganz berüchtigt war mit meiner Hispanomanie. Bis nach Südamerika schweifte meine Freude an den spanischen Dingen hinüber. Ich folgte den dortigen Kämpfen mit einer partheilosen, ungetheilten Theilnahme. Und da ich über die dortigen Vorgänge keine ausführlichen Werke austreiben konnte, so machte sich mein Interesse in anderer Weise Luft: ich begann einzelne Scenen der Freiheitskriege zu dramatisiren; untergegangene Versuche, aus denen mir nichts mehr erinnerlich ist, als daß in einem derselben der spanische General Le Torre eine Rolle zu spielen hatte. So kam ich unter dem sichtlichen Einfluß der Gestaltung der öffentlichen Verhältnisse, die seit der Unterdrückung der politischen Bewegungen in Südeuropa ganz auf die innere Existenz anwies, allmälig wieder zum Schreiben und Poetisiren zurück, obgleich ich durch die längere Pause in meinem geistigen Leben stoffloser als je geworden war. Das entfremdete mich denn meinem kaufmännischen Berufe immer mehr. Nur daß diese Entfremdung zur Zeit noch eines sehr langsamen Schrittes ging, da ich jetzt (1822?23),[77] abgetrennt von den meisten Schulgenossen, mir allein überlassen und ohne jeden äußeren Antrieb war. In dieser Lage aber sollte in kurzem eine Veränderung eintreten, die für die nächsten Wendungen meiner Schicksale von entscheidendem Einflusse wurde. Ich denke es war Nodnagel, der mich um die Zeit seines Abganges zur Universität bei einem jungen Manne einführte, der von meiner Verehrung Jean Paul's und ich weiß nicht welchen sonstigen pikanten Thorheiten meiner Laufbahn gehört hatte und mich kennen zu lernen wünschte. Die Bekanntschaft wurde gemacht und steigerte und vertiefte sich in kurzer Zeit zu einer Freundschaft, die uns durch das ganze Leben verbunden hielt. Friedr. Max Hessemer, so hieß der neue Freund, war der Sohn eines Baumeisters in Darmstadt. Fünf Jahre älter als ich war er mir in der Schule weit aus den Augen vorausgewesen; sein erster Jugendlauf hatte den meinigen an genialer Romantik weit überflügelt. Er war misleitet im Knabenalter gewesen, wo man ihn für träge und talentlos hielt, weil er auf der Schule nicht grade zu den musterfleißigen Schülern gehört hatte. Er war dann in das Soldatenleben gestoßen worden, wo es ihn doch bei der gemeinen und eitlen Umgebung nicht duldete; dann widmete er sich der Kunst seines Vaters und machte seine Studien in Gießen in der höchsten Blütezeit der Burschenschaft, wo er den demagogisch-teutonischen Idealismus und Freiheitsschwindel mit den Follen und Aehnlichen voll austobte, mit deren Liedern die seinigen in den studentischen Sangbüchern jener Tage neben denen der Arndt und Körner zu lesen sind. Jetzt machte er in Darmstadt seine praktische architektonische Schule bei seinem Oheim Moller, der, zwischen Liebe und Aerger, zwischen Lob und Tadel getheilt, gerne einen tüchtigen Baumeister aus seinem Neffen gemacht hätte, dessen glänzende Anlagen ihm alle Hoffnung gaben, dessen Zerstreuung auf tausend Nebendinge aber ihn voller Befürchtungen ließ. Er war ein Künstler durch und durch, und diese Ganzheit seiner Natur war es, die mir sein Wesen, das zu dem meinigen in keinem größer[78] denkbaren Gegensatz hätte stehen können, von Anfang an so anziehend machte, wie es mir fremd war. Er beherrschte die schöne Literatur in einem großen Umfange, er war eingeweiht in sämmtliche Künste: in die Baukunst durch seinen Beruf; in die Malerei und Bildhauerkunst durch seinen Umgang mit Schilbach, Lucas, App, Sandhaas, Scholl, den jungen Darmstädter Künstlern dieser Zweige; in das Theater durch fleißigen Besuch und gelegentliche dilettantische Uebung; in die Poesie durch lange Praxis, in der er ganze Bände voll Gedichte niedergeschrieben hatte, die er reimgewandt und formgefällig nur so aus den Aermeln schüttelte; er spielte die Flöte und war der zierlichste Tänzer in der Stadt; in seiner geselligen Weise war er rasch, beweglich, beredtsam, leicht, geistreich witzig, zwanglos frei, für mein schüchternes, eckiges Wesen ein anzustaunendes Wunder. Eine Gesellschaft zu würzen durch Geistesspiele oder Taschenspiele, durch alle die anmuthigen Gaben, die bildenden Künstlern so häufig eigen sind, war er im höchsten Grade geschickt. So gewann er sich leicht das Wohlwollen der Menschen und ließ sich das seinige leicht abgewinnen; nicht wenigen Frauen und Mädchen gelang es (ehe es der Rechten gelang, ihn dauernd zu fesseln), plötzliche und lebhafte Eindrücke auf ihn zu machen. Die jungen Männer in seiner Umgebung bestach er nicht ganz so ausnahmslos. Manchem meiner Freunde war eine gewisse gespreizte Ziererei an ihm auffällig, eine selbstgefällige Eitelkeit misfällig; ich sah darüber hinweg, weil von gröberer Selbstsucht in keinem Menschen weniger war als in ihm, weil ich kaum Jemandem wieder begegnet bin, der so gänzlich ohne alles Falsch war. In seiner nächsten Umgebung und Verwandtschaft gab es erfahrene Männer, die ihn strenger beurtheilten; die ihm abmerkten, daß ihn die künstlerische, die poetische Spielerei an einer verständigen Regelung seines Lebens hinderte; denen es nicht Bewunderung, sondern Bedenken erregte, daß die Tonleiter seines ganzen Wesens um eine gute Octave höher gestimmt war als bei anderen Menschen. Es ist mir wahrscheinlich, daß er von früh[79] auf an einem organischen Herzleiden krankte, das die Eigenheiten dieses Wesens zum großen Theile wird erklären müssen. Dies Leiden ward zwar erst in späten Jahren bei ihm erkannt, als es sich in lebenbedrohendem Grade entwickelte; nicht ohne Bewegung aber lese ich in einem Briefe aus seinem 24. Jahre eine Stelle, die mir deutlich zu sagen scheint, daß sich schon damals die Erkennzeichen des Uebels kund gegeben haben. »Meine Adern, schrieb er, schlagen, als sollten sie Mühlräder treiben, oder als hätte ich einen Eisenhammer in Pacht, oder als arbeiteten die Kyklopen oder der Satan in mir. Sie sind so dick und voll; ich muß Blut lassen. Ich bin nicht gesund; es steckt ein arger Quälteufel in mir, der sich bald als brennendes Kopfweh, bald als beklemmendes Herz- und Seitenstechen meldet, eine dumpfe Schlaflosigkeit behaftet mich, die mich mitunter so krittelig uud sentimental stimmt, daß gar nicht mit mir auszukommen ist.« Diese psychischen Wirkungen waren in der That im täglichen Leben an ihm zu bemerken; mir waren sie nicht auffällig oder nicht lästig; seine Empfindsamkeit war von einem neckischen Humore ganz überdeckt; seine Reizbarkeit war mir ganz neu, als ich nach Jahren des Verkehres zum erstenmale davon zu leiden hatte. Im Anfange unseres Zusammenlebens, das in erhöhtem Maße auf- und angeregt war wie meine früheren Freundschaften, konnte ich davon nichts gewahr werden. Wir hießen bald im Kreise der Familienbekannten die Unzertrennlichen. Er riß mich schnell in die Theilnahme mit all seinem Thun und Treiben hin, er ging ebenso rasch in meine Schnurrpfeifereien alle ein. Sein Flötenspiel trieb mich an, Guitarre und Gesang zu erlernen, was auf mein aufgelockertes Gemüth ungemein wohlthuend, aber noch mehr verweichlichend wirkte; er seinerseits trieb mir zu Gefallen das Spanische mit und begann mit mir das Englische; ein einbändiger, zierlicher Shakespeare, den ich mir noch aufbewahre, gehörte in jener Zeit zu den ersten Grundlagen meiner kleinen eignen Bibliothek. Unsere poetische Production steigerte sich in gegenseitigem[80] Wetteifer. Mich beschäftigten vor Allem die Uebersetzungen aus den beiden betriebenen Sprachen. Es war dies das einzige, wo der erfahrungslose Poet, da ihm hier der Stoff gegeben war, möglicherweise etwas leisten konnte. Auch war dies die einzige unter meinen poetischen Uebungen, die den Spruch bestätigte, daß kein ernstes Bestreben ganz verloren gehe; sie sollte mir noch im Alter eine ganz unverhoffte Frucht tragen. Meine Uebersetzungen der Händel'schen Oratorientexte, die durch die gebotene Anschmiegung an die Melodie, die nothwendige Beachtung gehäufter Cäsuren, die unerläßliche Nachbildung vorschlagend betonter Worte und Sätze in Rhythmus und Silbenzahl der Uebersetzungskunst weit die schwierigste aller Aufgaben stellen, hätten ohne die Vorschule jener Jahre nie entstehen können. Daß ich in Voß, in Schlegel und Gries so wohl bewandert war, sollte mir auf diesem Gebiete zu Gute kommen. Ich hatte später Gelegenheit, mich ohne Willen mit den Meistern in dieser Kunst zu messen, und glaubte mich einigermaßen mit ihnen messen zu dürfen. Ich hatte Milton's Allegro nach Händel's Tonsätzen musikalisch zu übertragen, und meine Arbeit schien mir trotz dieser ungemeinen Erschwerung an poetischer Färbung, an formaler Glätte und selbst an Treue der Voß'schen Uebersetzung vorzuziehen; sehr bald nach meinen damaligen Versuchen nach spanischen Originalen gab ich, in Heidelberg arabisch treibend, einer Reihe von Gedichten aus der Hamasa, von denen ich im Anhang I zu diesem Bande einige erhaltene Stücke mittheile, poetisches Gewand; und auch diese scheinen mir, als die Jugendarbeit eines Neulings in der orientalischen Sprache, selbst mit Rückerts später erschienenen Meisterübersetzungen verglichen, nicht verwerflich. So mögen auch manche der verzettelten Uebersetzungen spanischer Gedichte nicht ohne Colorit gewesen sein, wenn auch, wie ich glaube, ohne Gewandtheit und Feile. Alles Andere, was der neue Geistesverkehr von eigener Production anregte, mußte nothwendig kläglich hohler Unsinn gewesen sein, und gewiß war es von Hessemer eine schädliche und überfreundschaftliche[81] Nachsicht, daß er mich in diesen eitlen Spielereien bestärkte, statt zu entmuthigen. Vers und Prosa, Lyrik, Roman und Drama sollten wieder aufgegriffen werden; eine Johanna von Neapel, besonders ein Heinrich IV beschäftigten mich lange Zeit, und bei dieser Gelegenheit kam ich zum erstenmal zu einem vergleichenden Studium geschichtlicher Quellen, indem ich die Chronisten der fränkischen Kaiserzeit durchstöberte und dabei mein verblaßtes Latein etwas auffrischte. Die Baustücke zu diesen Dramen sind frühe vernichtet worden; die Selbstkritik war wenigstens so erstarkt, daß ich bei diesen verfrühten Unternehmungen nicht mehr wie sonst bis zur Vollendung aushielt. Die ganze Lage meines Innern rang auch in der That weit mehr nach einem poetischen Leben als grade nach poetischer Production. Und so gestaltete sich denn ein neuer schwärmerischer Freundesverkehr, dessen Ueberspannungen der so viel ältere Genosse fröhlich theilte. Wir waren uns in der gleichen Verehrung Jean Pauls zuerst entgegen gekommen; wir lasen uns dann so in seine Werke und seine Weise hinein, daß wir ihn gleichsam nachlebten, so ganz realistisch, wie ich früher mit meinen Schulfreunden die homerischen Gedichte nachgelebt hatte. Unsere Umgebung rubricirte sich in die stehenden Charaktere der J. Paul'schen Romane. Hessemers Vater, ein Podagrist von einer unzerstörbaren Scherzlaune, war einer der J. Paul'schen Humoristen; meine Mutter, die der alte Herr in gesunden Tagen zuweilen besuchte, um sich mit ihr im Gespräche über mich zu ergehen, den er ganz wie einen Sohn behandelte, war eine der eingezogenen Frauen seiner stilllebigen Idyllen; uns selbst fanden wir in Vult und Walt, den Helden der Flegeljahre, aufs sprechendste abkonterfeit: den gewandten, geriebenen, leichtfüßigen Flötenspieler, der den Bruder für die rauhe Welt zuschleift, den träumerisch-schüchternen Gesellen mit dem Kopfe voller Hirngespinste, dessen plattes Wochenleben nur wie eine leidige Vorbereitung war für die seligen Freuden der gemeinsamen Sonntagsfreiheit. Gerne hätte Hessemer gewollt, daß wir uns auch wie ein[82] anderes Freundpaar bei J. Paul, wie Leibgeber und Siebenkäs, einander ähnlich gesehen hätten. Wie Vult und Walt zusammen einen Roman schreiben wollten, so dachten wir einmal die Flegeljahre zusammen fortzusetzen; aber es wollte nichts werden. Vult-Hessemer stellte sich wie die Hebamme zu den schriftstellerischen Geburten des guten Walt, die sich nur schwer aus Tageslicht rangen; höchstens gelang einmal eine verrückte Vision in J. Paul'scher Manier oder eine Reihe Streckverse, der Gattung Walt'scher Erfindung.1 Wir erlebten eine Fälle von Scenen, kleinen Thorheiten und Wunderlichkeiten, die in die halb empfindsame, halb komische Welt der J. Paul'schen Romane zwanglos könnten eingetragen werden. So hatten wir uns nach des Autors Anleitung angewöhnt, in zusammengesetzten Wörtern das Bindungs- s ausfallen zu lassen. Einmal nun, da Hessemer in Gießen beschäftigt stand, lud er mich ein, mit ihm in Frankfurt zusammenzutreffen; der anberaumte Sam(s)tag nahm sich nun in der Schrift vollkommen wie Sonntag aus; und wie ich mich voll inneren Jubels einstelle, habe ich den ganzen peinlichen Tag vergebens auf den Freund zu warten, wie er Tags zuvor auf mich. Zu unseren größten Wonnen gehörte das Schwelgen in der freien Natur. Der Herrgottsberg war auch unter uns Beiden das häufigste Ziel der Wanderungen. Wir saßen da bei dem Quell, auf den Felsen, in den alten Bäumen auf der Höhe plaudernd, träumend, lesend, dichtend, wie es kam. Wir sahen die Stätte ganz wie unser Eigenthum an und dachten durch eine Inschrift gleichsam Besitz davon zu ergreifen. Der junge Bildhauer Scholl sollte die Anfangsbuchstaben unserer Namen in einen Granitfels links bei dem Weiher einhauen, auf dem wir besonders gern gelagert waren; über der Arbeit gingen ihm aber so[83] viele Meißel an dem harten Steine zu Grunde, daß es bei dem G. verblieb, das wohl noch heute als ein Zeuge unserer damaligen Besuche zu lesen steht. Die wenigen freien Sonntage genügten uns nicht zu unseren Wallfahrten; die Sommernächte wurden hinzugenommen. Einmal zogen wir Abends mit dem talentvollen (nachher ganz verkommenen) Maler Sandhaas aus; wir saßen im Mondscheine auf jenem Felsblocke zusammen; um Mitternacht verlangte es Hessemer nach der Bettruhe; wir Beiden andern ließen ihn gehen, streckten uns auf das harte Lager zum Schlafe aus und hörten aus der Ferne das Flötenspiel des abziehenden Freundes, den wir am Morgen zu neuem Ausfluge abholten. Wie ungemein waren mir diese theuren Naturgenüsse jetzt vertieft durch die schwermüthige Seelenstimmung, durch den herben Kummer, der mich langeher heimlich drückte, der sich jetzt in der reiferen Freundschaft mit dem neuen Gefährten Luft machen durfte, in dessen anschmiegsamem Gemüthe und Geiste er die vollste Verständniß und Theilnahme fand. Die Seltenheit dieser Freuden erhöhte mir ihren Werth nochum Vieles. Es waren Ausnahmsfälle von unvergeßlichen Eindrücken, als ich einmal mit meinem Bruder, ein anderesmal mit Hessemer einen festtäglichen Ausflug nach Heidelberg machte. Die Freiheit, die ich dann für die Weile genoß, jenes schmerzlich zurückersehnte, theuerste meiner ersten Jugendgüter, das mir jetzt so kärglich zugemessen war, die Freiheit war es, was mir in solchen Tagen den Genuß der Natur und Freundschaft zum Rausche steigerte, was mir Heidelberg im ersten Momente mit dem großen Zauber umkleidete, den es nie für mich verlieren sollte. Amazon.de Widgets Das neue träumerische Hinleben in wunderlichen Phantasmen gipfelte damals in einem Verhältnisse, das mich in seinen Entwicklungen ernüchternd aus meinem prosaischen Berufe und aus meinem poetischen Schwindel zugleich erlösen sollte. Ich fand mich unmerklich in eine seltsame Leidenschaft verirrt, von der ich schwer zu sagen wüßte, wo in ihr die Grenze von Wahn und Wahrheit, von[84] ächter und angetäuschter Empfindung gewesen wäre; denn gemischt war sie aus Beiden. Ich hätte nicht jung und nicht von Fleisch und Blut sein müssen, wenn ich in jener Zeit, bei der ersten Reise des Körpers, in der Blüte der Einbildungskräfte, in dem täglichen Verkehre mit Frauen aller Art nicht von dem natürlichen Zuge zu dem schönen Geschlechte hätte erfaßt werden sollen. In der neuen Jean Paul'schen Epoche aber sollte dieser Hang nun in eine ganz besondere, visionäre Richtung einlenken, wie sie den Eindrücken entsprach, die ich aus den Werken unseres Lieblingsautors empfing. Ich war immer ein fleißiger Besucher des Theaters geblieben. Unter dem Personale fesselte mich schon seit 1820 eine Therese Grüner, deren Spiel ohne eigentliche künstlerische Bedeutung, aber von einer großen naiven Anmuth und schuldloser Lieblichkeit war: nicht auf mich allein, selbst auf einen so kaltblütigen, verständigen Menschen, wie mein Wilhelm Sell war, machte ihre Erscheinung auf dem Theater die gleichen starken und wohlthuenden Eindrücke. Bald setzte sich die Neigung zu der Künstlerin so fest, daß ich nun das Schauspiel fast immer besuchte, wenn sie mitwirkte; bald auch trug sich das Wohlgefallen von der Künstlerin auf des Mädchens persönliches Wesen und Wohlgestalt über, und nun verließ mich ihr Bild des Nachts und Tags nicht mehr. Das Gefühl für sie, die mir nach unsern beiderseitigen Lagen in einer ganz unnahbaren Ferne stand, verdichtete sich in eine Gedankenliebe von mehr sinniger als sinnlicher Art; wie in dem Träumer Walt spann sich ein ganz einseitiger Roman in meiner Phantasie an, zu einer Zeit wohl schon, da ich die Flegeljahre noch nicht gelesen hatte. Die Geschichte dieser Neigung in allen den nichtig-wichtigen Einzelheiten zu erzählen, die solch einer Leidenschaft eigen sind, würde mir heute, bei dem großen Abstand der Jahre und der Sinnesweise, bei einem Gegenstande, der einer faßlichen Darstellung in sich so sehr widerstrebt, kaum möglich sein, Die vita nuova zu schreiben, die diese Liebe nun neben dem alten Prosa (eben in mir entwickelte, das[85] verlangte eines Dante Erfahrungstiefe und hohe Naivetät und dazu das jugendliche Zeitalter, in dem er lebte. Denn diese heutige, praktisch gewordene Zeit, die das Phantasieleben in der Jugend als eine sinnlose Verirrung lieber ganz unterbände, als zu so üppigem Schusse treiben möchte, deren Beruf auch in der That auf ganz anderen Wegen liegt, als wo ihn jene Periode der romantischen Verzerrungen in Deutschland suchte, diese Zeit würde sich mismuthig abwenden von solch einer inneren Aushölung, von solch einer eitlen Verdunstung der geistigen, gefühligen und psychischen Kräfte. Ich begnüge mich mit den Andeutungen, daß all mein Denken und Sinnen auf das halbverschwommene Bild des Mädchens gerichtet war, das mir das weibliche Geschlecht wie in ein Licht der Verklärung rückte. Eine Begegnung mit ihr außer dem Theater war ein Ereigniß, das mich auf Tage beleben und erheben konnte; der Moment, wo ich zum erstenmal in unserem Geschäfte mit ihr in Gespräch und Berührung kam, ward wie eine heilige Zeit in meiner Seele lange gefeiert. Ich fand in diesem Herzensleben voll räthselhafter Regungen die Quelle eines inneren, wenn auch schmerzlichen Glücks; es galt mir für eine Reinigung und Läuterung meines ganzen menschlichen Wesens. Es war in allen Theilen die Kehrseite jener Zeit meiner Flegeljahre, wo ich die knäbische Tobsucht ausgelebt hatte; ein Zug von gemüthlicher Versenkung, von stiller Wehmuth legte sich über mein Wesen; ich gefiel mir in diesem Schwelgen in einer heilig geglaubten Empfindung, in dieser aussaugenden Selbstquälerei mit einer dunkeln, halb gegenstandlosen Sehnsucht, die mich elend machte, wenn irgend woher auf meine Träume ein geträumter Schatten fiel. Hatte einst meiner Mutter mein fahrendes und ausfahrendes Knabenwesen Sorge gemacht, so härmte sie jetzt der verborgene Kummer, den sie mir ablauschte. Eines Abends überraschte sie mich, wie ich einsam auf meiner Stube weinend saß, und fragte mich um die Ursache meiner Thränen. Ich konnte ihr nur mit heftigerem Weinen antworten. Sie wußte, daß ich mit[86] meinem Berufe zerfallen war; was in mir sonst vorging, konnte sie schwer ahnen. Aber sie forschte auf Umwegen so nahe, als ob sie auf ein Geheimniß meines Herzens riethe. Das schlug mich nur mit so größerer Stummheit. Sie nahm die Thürklinke in die Hand und sagte in dem Tone der rührendsten Bekümmerniß: »Gott, wer könnte gegen eine Mutter so verschlossen sein!« Und langsam und leise ging sie hinaus. Mir hätte das Herz brechen mögen. Ich knirschte vor Schmerz, daß wir Kinder nie zu den Eltern in so traulich offener Berührung gestanden, die mir eine Aussprache meiner freilich so schwer aussprechlichen Leiden möglich gemacht hätte; in mir selber drängte Alles, ihr um den Hals zu fallen und Alles zu sagen, was mich drückte; aber in der Starrheit der Gewöhnung an einen einsilbigen Hausverkehr fand das Herz nicht den Weg auf die Zunge, und ich blieb verlassen mit meinem Harme allein. Ganz verschließen ließ sich indessen dies stille Feuer, wenn es nicht ganz nur eingebildete Glut war, doch nicht. Dem Freunde Hessemer gegenüber fand ich in passender Stunde die Worte zu der Herzensergießung, die mir vor der Mutter versagten. Da erfuhr ich denn, daß auch Er unter die Bezauberten gehört hatte, obwohl er jetzt in resignirter Kälte, wenn auch mit Schmerz von seiner Neigung sprechen konnte. Das stachelte mich vielleicht nur mehr, meinerseits nicht so leicht zu entsagen. Ich setzte mich in meinem Gefühle so fest, daß ich nun selbst den beiden Sell Eröffnungen darüber machte. Den Regensburger verwunderte diese Innenkehr des ausstrebenden Auswanderers, diese gegensätzliche Laune des Freundes, »der sich jüngst erst um einer ziemlich verschiedenen Idee willen von Vater, Mutter und Bruder absagte«; Er wie der ernstere Wilhelm mahnten mich, mein Gemüth nicht ganz an dies Eine Gefühl zu hängen, nicht in ein kraft- und thatenloses Phantasieleben zu versinken: es gebe noch höhere Interessen als die der Liebe. Auch dies mochte mich nur mehr in den wahnwitzigen Gedanken treiben, aus dem Platonismus dieser Liebe hinauszustreben, Theresen[87] kennen zu lernen, ja sie besitzen zu wollen. Dazu gab es nur Einen denkbaren Weg: selbst Schauspieler zu werden. Daß ich vor diesem Einfalle nicht erschrack, das lag doch nicht allein an dieser Liebe zu der Schauspielerin. Der Gedanke lag freilich nahe genug, und meine Freunde sahen es alle so an, daß nur sie allein der Beweggrund sei, der mich bestimmen konnte, über die Ergreifung des Schauspielerstandes in ganzem Ernste nachzusinnen; und Wilhelm Sell, mein allzeit strenger Censor, tadelte es gradaus, daß ich mir durch meine Liebe den Lebensberuf wolle vorzeichnen lassen, eine zu wichtige Sache, um die Wahl in solcher Weise abhängig zu machen. Indessen hing dieser Einfall vielleicht mit den eigensten Eigenschaften meines ganzen Wesens zusammen; auch bewegte er mich, wie eine vorhin mitgetheilte Briefstelle beweist, schon zu einer Zeit, da die Neigung zu Therese Grüner noch ganz stille geborgen in meinem Innern lag. Die nach außen gerichteten Triebe meiner Natur waren in dieser Zeit bis ins Unkennbare zusammengeschwunden, aber sie waren doch nicht erstorben; da mir jede andere Aussicht ihnen nachzuleben abgeschnitten war, sollte es nicht durchaus natürlich gewesen sein, daß der dunkle Drang, der nicht zum Handeln gelangen sollte, sich anfing an dem Schein des Handelns, an der theatralischen Action zu erfreuen? Und von einer ganz entgegengesetzten Seite: meine poetischen Erzeugnisse ließen mich, und es war nur zu begreiflich, nach allen Seiten unbefriedigt bei all dem Drange zur geistigen Production, der eben so wenig in mir absterben wollte; war es nicht eben so natürlich, daß es mich trieb, die poetischen Werke Anderer wenigstens ins Leben einführen zu helfen? Wenn ich so, in der Sehnsucht aus meiner Prosa erlöst zu werden, aus ganz inneren Antrieben in diese neuen Entwürfe gedrängt wurde, so kam dann allerdings der weitere Impuls hinzu, der in der Leidenschaft zu dem Künstlermädchen gelegen war; zu diesem aber wieder die mächtigsten äußeren Anregungen, die in den öffentlichen Verhältnissen meiner Vaterstadt[88] gelegen waren. Darmstadt war in jenen Jahren in einer frischen Aufblüte begriffen, die dem jungen, emporwachsenden Geschlechte von außerordentlicher Forderung war. Der alte Großherzog Ludwig I war ein Mann, an dem die Zeit der geistigen Erhebung Deutschlands nicht eitel vorübergegangen, und dem es genehm war, seinem kleinen Lande und seiner Residenz an dem Aufschwung des Gesammtvaterlandes nach mannichfaltigen Richtungen hin seinen guten, selbständigen Antheil zu gönnen. Er hatte die leidige Zeit des Rheinbundes, neben dem badischen Karl Friedrich am wenigsten vordringlich unter den deutschen Fürsten, benutzt, seine arme Landgrafschaft in ein stattlicheres Großherzogthum auszudehnen. Das neue Land, das sich in seinen neuen Bestandtheilen zum großen Theile selber fremd war, kam gleichwohl bald in eine lebendige politische Strömung. Darmstadt und Gießen waren seit der Restauration bekannte Herde des vaterländischen Freisinns und der constitutionellen Gesinnung. Die Agitation um die Ausführung des § 13 der Bundesacte, deren Seele der Advocat H.C. Hoffmann war, zwang den alten, in diesen politischen Beziehungen halb willigen, halb eigenwilligen, läßigen und schlecht bedienten Regenten zur Gewährung einer Verfassung. Ein Tribun wie der Commerzienrath E.E. Hoffmann gab dem ständischen Institute hier gleich anfangs Würze und Schmack. Das Großherzogthum erfreute sich in seiner innern Organisation frühe einer Reihe verständiger Einrichtungen, die in manchem Nachbarlande erst in den 30 er Jahren errungen wurden. Die erste entgegenkommende Hand zu dem Projecte des Zollvereins ward Preußen von Darmstadt geboten. Die Hauptstadt selbst nahm erst seit jenen Jahren der Befreiung Deutschlands ihre jetzige Gestalt und Umfang an; die geldarme Stadt wurde damals ihrer Baulust wegen als die steinreiche bespöttelt; was der fremde Reisende jetzt gemeinhin allein als Darmstadt sieht und kennen lernt, ist fast Alles erst seit meiner Gedenkzeit entstanden. In allen Richtungen des geistigen Lebens konnte man sich hier[89] frisch angeregt fühlen. Die Eintracht des religiösen Lebens unter der Vorherrschaft eines Geistes rationeller Billigkeit trug ihre humanen Früchte in der Vereinigung der evangelischen Bekenntnisse und in den willigen Beisteuern der protestantischen Bevölkerung für den Bau einer katholischen Kirche. Die Oeffnung der Bücher-Kunst- und Naturaliensammlungen im Schlosse war von einer großen Bedeutung für die Stadt. Auch ohne besondere Pflege des Schulwesens war doch ein Bildungstrieb nach allen Seiten in allen Ständen rege. Ich darf nur die Namen der in dem wissenschaftlichen Leben Deutschlands öffentlich bekannt gewordenen Männer nennen, die alle meine Zeit-, Stadt- und Schulgenossen, ja persönlichen Freunde waren, um dem Leser den Begriff von dem Geistesflore in dem damaligen Jugendgeschlecht Darmstadts zu geben. Außer den früh gestorbenen und daher weniger bekannten Nodnagel und Lange war der Zoolog Kaup einer unserer Bundesgenossen gewesen; Lang, Röth, Kriegk, Flegler sind in sehr verschiedenen Richtungen in Geschichte, Ethnologie, Geographie u.s.f. thätig gewesen; die Namen der Brüder Wilhelm und Karl Sell, Nöllner, Röder, der die juristischen Ergebnisse der Krause'schen Philosophie dem Ausland vermitteln half, sind den Rechtskundigen nicht fremd. In den schönen Künsten erweckten die jungen Männer, die ich neben Hessemer genannt habe, die schönsten Erwartungen; die Brüder Felsing, der Kupferstecher und Kupferdrucker, sind über Europa hin bekannt; der Name Liebig's allein würde für Darmstadts damalige Bedeutung zeugen. Des Großherzogs persönliches Interesse aber ging vorzugsweise auf Musik und Theater. Er übte selber dem Orchester und den Sängern die Opern ein; der fürstliche Capellmeister setzte die Geduld seiner Geiger wohl mit hundert Proben auf die Probe und die seines abonnirten Adels mit zehn Wiederholungen derselben Oper; aber diese Sorgfalt gab dann den Vorstellungen, die sich auch den Gegenständen nach in stets würdiger Höhe hielten, jenen anerkannten Werth, der allsonntäglich Massen von[90] Frankfurter Gästen in Darmstadt versammelte. Das Schauspiel hielt er in seinen Mitteln beschränkter; verhältnißmäßig war es gleichwohl eine Weile bedeutender als die Oper. Dies war das Verdienst des Regisseurs Franz Grüner, des Vaters meiner Angebeteten. Er war neben Aug. Wolf der specielle Schüler Göthe's in Weimar gewesen, und er hatte sich so in Weise und Wesen seines verehrten Meisters eingelebt, daß wer Göthen persönlich nicht kannte, sich in vielen Beziehungen an seinem Schüler eine Vorstellung von dem Dichter bilden konnte. Grüner's ganze Persönlichkeit war von einer imponirenden, überlegenen Art; der Ausdruck seines Gesichtes (von dem ich einen vortrefflichen Umriß (b) von Sandhaas diesen Blättern beilege, weil er werth ist nicht verloren zu gehen,) war von einer martialischen Kraft, Festigkeit und Sicherheit; und so war sein Urtheil überallhin bestimmt, klar und scharf umrissen, seine Menschenkenntniß so tief wie weit, seine Natur für eindringlichen Ernst so wohl gestimmt wie für den heitersten Humor. Von dem verschwenderischen häuslichen Leben des verschuldeten Mannes gingen in der Stadt viele mythische Erzählungen um, die ihm die sittliche Gunst des Publikums entzogen; seine ästhetische Gunst erzwang der geniale Künstler gleichwohl, so oft er auftrat. Sein Spiel war ganz Kraft und gesunde Natur; ihn lesen zu hören, einfach und ohne jede theatralische Manier, war ein Genuß ohne Gleichen. Sein Galotti und Paul Werner, sein Wallenstein und Tell, sein Götz und Alba, sein Brutus, sein König in Leben ein Traum, sein Doge im Fiesco u.a. waren Meisterstücke der Bühnenkunst; und so selbst viele Rollen aus Dramen geringen Werthes: sein Friedrich II in Töpfer's Tagesbefehl sollte den Großherzog, der den alten Fritz gesehen hatte, so lebendig an den großen Todten erinnert haben, daß er erschüttert das Theater verließ. Diese Kunstleistungen des Vaters nun hatten mich allezeit ganz anders gefesselt als die der Tochter; und noch waren sie vielleicht die kleinere Seite seiner Verdienste. Er hatte mit kleinen Mitteln hauszuhalten, um[91] nur eine Truppe im Durchschnitt mittelmäßiger Spieler um sich zu sammlen; es waren ihm manche unbedeutende Persönlichkeiten auferlegt, die er sich schulen und bilden mußte, weil von ihm Vieles und Alles zu lernen war, weil aus seiner Heftigkeit ein trefflicher Ernst um die Sache sprach, der zur Nacheiferung erwärmen nmßte. Seine Leseproben waren die eigentliche Schule seiner Truppe, in deren Mitte sich Mitglieder fanden, die literarisch und gesellig sein gebildet, fern von den leidigen Eitelkeiten des Standes, in ihren häuslichen Verhältnissen geordnet, in ihrem Berufe von ächtem Kunstsinne beseelt, fleißig, eifrig, eifersuchtslos genug waren, dialogische und trilogische Scenenproben für sich zu halten: auf diesen Wegen gelangte man zu einem Zusammenspiel, das ich nur auf einer englischen Bühne später wieder gesehen habe. Ich habe, mit Hessemer um die Wette schwelgend, die meisten Stücke von Lessing und Schiller, Göthes Egmont, Götz und Clavigo, Shakespeare's Romeo und Cäsar, Calderon's Leben ein Traum, das laute Geheimniß, den Arzt seiner Ehre, die Dame Kobold, dann die Brüder von Terenz und Holberg's Erasmus Montanus und Viel Geschrei und wenig Wolle (denn zu solchen Wagnissen ging Grüner mit besonderer Vorliebe voran) in einer Vollendung und Abrundung aufführen sehen, die mir später fast allen Theaterbesuch verleidet hat. So gab es denn unter allen geistigen Anregungen, die mir in meiner Umgebung erreichbar waren, keine mächtigere als die des Schauspiels; und es war daher keineswegs zu verwundern, daß ich zu der Zeit, wo ich, noch in dickem Dunkel tastend, einen Ausgang aus meinem Gefängniß suchte, zuerst auf diesen Ausweg zum Theater fiel. Von den Freunden war es nur Hessemer, der mich in dieser Neigung bestärkte. Der gesund gerichtete Lanz beobachtete ein wie es schien absichtliches Schweigen darüber. Karl Sell fühlte sich wie irre geworden an mir und brauchte alle Mittel, mich von dem Irrwahne abzubringen. Er schmeichelte meinen Talenten, die mich zu etwas Besserem hinwiesen, er rief mir ein [92] Sei deiner werth! zu mit einer Ansprache an mein Sittengefühl und einer Schilderung aller verführerischen Mächte der Bühne. Am höchsten griff Wilhelm Sell die Frage. Er schrieb mir darüber (3. Juni 1822) in ausführlicher Weise, und so daß er den kranken Freund zu schonen, aber doch zu heilen versuchte. »Eine reiche selbstbildende Phantasie, waren seine Worte, Lesen der Schriften großer Geister, Vereinigung der in ihnen gefundenen Gedanken und Gefühle mit Deinem Wesen und das, was die feurige Phantasie am meisten ergreift: bildliche Darstellung dessen, was Dich in todten Buchstaben schon angezogen, mögen wohl Deinen Hang zur Schauspielkunst erweckt, genährt und gestärkt haben. Was soll das Theater sein? Eine öffentliche, für das gesammte Volk bestimmte Anstalt, durch welche das, was im Leben Schönes, Edles und Großes gefunden wird, als eine Stimme des Besseren, was im Volke lebt, in ausdrücklichen Worten zum Herzen gesprochen und, was noch wirksamer ist, durch Beschäftigung, Spannung und Anziehung aller in dem Menschen sich bewegenden Thätigkeiten tiefer in das Innere des Menschen eingeprägt wird. Es hat also den großen Zweck ?den Menschen zum Menschen zu bilden.? So trug bei den Griechen das Theater zur Entwicklung der großen Volksideen der Freiheit, des Vaterlands, des Gemeingeistes, der Religiosität bei, so könnte auch bei uns das Theater eine sittliche Anstalt werden. Aber steht es noch in dieser seiner eigentlichen Würde?« Diese Frage glaubte er verneinen zu müssen, und auch die andere, ob es in unserer Macht stehe, das Schauspielhaus aus seiner Versunkenheit zum gemeinen Belustigungshause wieder emporzuheben zu jener ächten Bestimmung. Er sei überzeugt, schrieb er, daß die Schaubühne mir keinen angemessenen Wirkungskreis für meine Kräfte biete. Die Zeit, in der wir lebten, sei zu ernst; sie ziehe unsere Blicke auf den großen Schauplatz des politischen Lebens, wo die höchsten Interessen der Menschheit im Kampfe begriffen seien. ? Diese Vorstellungen waren mir in keiner Weise fremd, sie waren oft mündlich[93] unter uns zur Rede gekommen. Der Mahnruf, auf den sie ausliefen, griff in eine der vollsten Saiten meiner Natur mit Absicht ein, aber sie hing nun schlaff und gab keinen Klang. Das öffentliche Leben in Deutschland gab jetzt keinen Resonanzboden ab, der Lust gemacht hätte, eben diese Saite zu stimmen und auf ihr zu harfen. Jeder Hebel hätte mir gefehlt, um auf diesem Gebiete eine Kraft anzusetzen. So blieb ich, den Warnungen der Freunde horchend, aber nicht gehorchend, auf dem alten Wege, mich von den Geschicken tragen und treiben zu lassen, ohne sie gewaltsam erzwingen, ohne ihnen gewaltsam widerstehen zu wollen. Ich hatte (um Herbst 1822) die Bekanntschaft mit Schauspieler Fischer, einem der eingebürgertsten Günstlinge des Darmstädter Publicums, gesucht, dem ich zuerst von meinem Wunsche sprach, zu seiner Fahne zu treten. Auch Hessemer lernte ihn hernach kennen. Er war ein liebenswürdiger Gesellschafter, ein vielbelesener Mann, der Besitzer einer auserlesenen Bibliothek; auf der Bühne spielte er vorzugsweise den Humoristen und schulte sich dazu an Jean Paul, der sein Lieblingsschriftsteller war, was denn ein Band mehr zwischen uns knüpfen mußte. Im Frühling des nächsten Jahres war es, daß ich meinen Freunden von dem Entschlusse sprach, die Bekanntschaft mit Grüner zu suchen, um zu einem Entschlusse über meinen Berufswechsel, ja zu einer Erklärung gegen Therese zu drängen. Wilhelm Sell rieth mir (Mai 1823) zu; nichts sei ermattender für Geist und Gefühl, nichts quälender als dieses Schwanken zwischen Hoffnung und Furcht, dem Steigen bis zum höchsten Grad der Entzückung und dem Niedersinken in melancholischen Schmerz. Aber er bereitete mich zugleich vor, mich durch keinen Ausgang meiner Wagnisse niederschmettern zu lassen! er sah kalt die Erfolge voraus, mochte aber eine Katastrophe für wünschenswerth halten, die mich erprüfe und bestimme. Im Sommer ging Grüner mit der Tochter zur Kur nach Schlangenbad. Ich wollte mit Hessemer dahin, dort die Bekanntschaft einzuleiten. Wir ließen uns von[94] Fischer eine Einführung geben und reisten an einem Sonnabend (5. Juli 1823) ab. Es war einer der seltenen Ausflüge auf mehrere Tage, wo ich der Ungebundenheit, der Natur, der Freundschaft, dem geistigen Verkehre ganz leben durfte; und er war diesmal gewürzt durch die Aussicht auf die zukunstvolle Bekanntschaft, wie ich sie dachte, mit der Königin meines Herzens. Wir gingen über Wiesbaden und Schwalbach nach unserem Bestimmungsort und machten Montags früh unseren Besuch bei dem stattlichen Herrn, der uns in der kräftig vornehmen Haltung, die ihm eigen war, aber mit gewinnender Herzlichkeit aufnahm und unterhielt. Wir waren schon im Begriff zu gehen und auf den Haupttheil der gehofften Wonnen zu verzichten, als Therese noch im Bademantel erschien und überrascht den jungen Besuchern freundliche Begrüßung gab. Wir sahen dann Beide noch über Tisch und erbaten und erhielten beim Aufbruch die Erlaubniß von Grüner, ihn auch in Darmstadt zu besuchen. Man denkt sich, mit wie gehobener Brust wir dann die Hügel und Wälder dort durchstreiften, wie wohlig uns zu Muthe war, als wir am andern Morgen, ehe wir die Gegend verließen, auf der Terrasse in Schlangenbad, den Fenstern der Verehrten gegenüber, eine Flasche Champagner auf ihr Wohl tranken und bei der Gelegenheit dem alten Herrn noch einmal begegneten. Sobald die Familie aus dem Bade zurückgekehrt war, besuchten wir sie. Freund Wilhelm schrieb mir im Tone der Verwunderung, als diese Eroberung gemacht war; er hatte wohl weder meinem Kunsttriebe noch meiner idealen Liebe so vielen Realismus zugetraut. Es knüpfte sich nun ein behaglicher Umgang an, den ich weit mehr hätte ausbeuten können, wenn ich nicht stets, besonders so oft Therese anwesend war, in einer namenlosen Befangenheit und Verlegenheit gewesen wäre. Indessen theilte ich Grüner meinen histrionischen Plan mit, zugleich mit all den Schwierigkeiten, die in meinen häuslichen Verhältnissen gelegen waren. Er hörte mich theilnehmend an; er zeigte alle menschenkennende Rücksicht auf[95] diese Hindernisse; er sah mich auf den Entschluß an sich selber ernstlich an; er ließ sich durch meine Eckigkeit und Blödigkeit nicht irren; er äußerte in aller Bestimmtheit, der Bühne sei ein Nachwuchs unerläßlich, dem es mit Kunst und Bildung ein heiliger Ernst sei. Er erkannte durch alle Phantasterei hindurch, daß es an diesem Hauptpuncte bei mir nicht fehle, der ich von Läuterung der Kunst und Veredlung der Bühne schwärmte und von dem Gedanken bewegt war, schon jetzt für die Darmstädter Bühne ein Dramaturg und kritischer Lenker zu werden. Grüner erbot sich also in bereitwilligem Eifer, sobald mir meine Lage freie Bewegung gestatte, mit dem alten Freunde und Factotum des Großherzogs, dem Geh. Cabinetsrath Schleiermacher, zu sprechen und mir den Zutritt zur Bühne zu öffnen. Inzwischen wollte er doch prüfen. Er sprach wiederholt mit Hessemer und mir, er hoffe uns einmal ein paar klassische Scenen aufführen zu sehen. Eines Abends (Nov. 1823) ordnete er die Lectüre von Hermann und Dorothea an; er las den ersten, sein College Steck den zweiten, Hessemer den dritten, ich den vierten, Therese den fünften Gesang; es war für mich ein gespannter, aber ein seliger Abend. Nicht lange nachher war Grüners Geburtstag; wir kamen auf den Gedanken, ihm zu dem Abend (20. Jan. 1824) etwas vorzuspielen; wir wählten eine elende Kotzebue'sche Posse (der schelmische Freier), die mir Gelegenheit bot, mich in vier verschiedenen Rollen zu zeigen. Steck studirte uns ein, Hessemer karrikirte die alte Tante im Stücke, eine jüngere Schwester Theresens spielte das Kammermädchen. Kaum weiß ich, wo ich den Muth hernahm, vor dem strengen Richter und seiner verzaubernden Tochter in so naher Nähe zu spielen, aber es geschah. Bei jenem Vorlesen, bei diesem Spiele enthielt sich Grüner alles Lobes und Tadels; er persiflirte uns nur: er hätte im geringsten Falle gehofft, eine Scene aus Faust, eine Scene aus Calderon in spanischer Sprache zu hören, und nun diese Misere! Aber er begütigte zugleich, er wisse ja wohl, warum es geschehen sei. Indessen mußte die Prüfung[96] doch bestanden worden sein. Grüner sprach zu seinen Kunstgenossen davon. Nicht lange, so suchte ein neu angestellter, talentvoller Künstler, Becker, unserer Beider Bekanntschaft, die mit der Zeit sehr vertraut und im besten Sinne des Wortes eine Künstlerfreundschaft wurde. So ernst, so gewissenhaft, so sinnig ist wohl selten über die Schauspielkunst in ganz praktischen Zwecken verhandelt worden wie in diesem kleinen Kreise. Wir lasen zusammen, wir studirten mit aller Genauigkeit und Kenntniß, die wir austreiben konnten, die Rollen zusammen ein, in denen Becker auftrat; sein Romeo, sein Clavigo, sein Roderich (in Leben ein Traum), der Arzt seiner Ehre u.a. sind solche Rollen, die in dieser Esse geschmiedet wurden; und das Publicum hatte Ursache, sich des Zusammenschusses von so viel Fleiß und Eifer zu erfreuen. Grüner selber zog uns immer beachtungsvoller heran. Er gab sich dazu her, uns einzelne Stücke oder Charaktere, die uns grade interessirten, zu analysiren; er ließ von Hessemer zur Einführung des Erasmus Montanus einen Prolog schreiben; er ließ uns veraltete Bühnen arbeiten stylistisch feilen, um sie wieder zu beleben; er ließ sich meine Uebersetzung von Ehre, Macht und Liebe vorlesen, um das Stück auf seine Aufführbarkeit anzusehen. In Bezug auf meine Bühnenabsichten wiederholte er mir seine Anerbietungen mit der Aufforderung, zum Schlusse zu kommen: wenn die Mutter ihren Sohn erst geputzt und beklatscht auf der Bühne sehe, so werde sie sich zufrieden geben, der Vater freilich ?! Der weltkundige Mann täuschte sich in der Mutter, die sich höchstens mit meiner Zufriedenheit zufrieden gegeben hätte; in Bezug auf den Vater errieth er den Stand der Dinge vollkommen. Ich sollte das alsbald erfahren, was ich voraus wissen konnte. Der Ruf von unserm Verkehr mit der ganzen Gruppe der bedeutenderen Schauspieler fand seinen Weg sehr bald in die Gaststuben, zu dem Vater. Von der Mutter aufmerksam gemacht auf meine trüben Stimmungen, wohl gewahr, daß ich mit der ersten Hingebung längst nicht mehr an dem[97] kaufmännischen Berufe hinge, brachte er einmal die Rede auf mein Unbehagen, auf meine Sonderbarkeiten, mein zerstreutes Leben, meinen neuen Verkehr und Umgang. Willst du etwa Schauspieler werden? fragte er mich; das hoffe ich nicht, daß du das deiner Familie zu Leide thust! Zu diesem Ausspruch war der Ton und besonders der Zeitpunct nicht so gut getroffen wie damals bei der Unterredung über den Poeten, wo das Orakel bereits gesprochen hatte. Ich setzte keinen Trotz gegen die väterliche Meinung, aber ich drängte nun auch in dieser Berufsfrage zu einem Götterspruch, und die Göttin meines Herzens sollte ihn sprechen. Das sah ich wohl, daß ich ohne ein bitteres Zerwürfniß mit meinen Eltern die Laufbahn der Bühne nicht betreten könnte: für dieses schwere Opfer verlangte es mich wenigstens, wenn ich mich denn entschließen sollte, nach einem Ersatze. Grüner reiste mit Theresen im Sommer auf Gastrollen aus. Er dachte unter Anderem in Regensburg zu spielen. Ich schickte ihm dorthin einen Brief mit einer Einlage an Therese, den mein dortiger Freund Karl Sell (8. Juni) übergab. Es war die Krone, aber auch so ziemlich das Ende all meiner jugendlichen Ueberspannungen: in Jean Paul'schem Nebel und Schwulst eine Erklärung meiner Gefühle für sie, von deren Aufnahme die Entscheidung über mein künftiges Loos abhängen solle. Es war zu viel seiner Rücksicht, daß ihr der Alte gestattete, mir zu antworten, mir mit milder Zurechtweisung eine Ablehnung zu schicken. Amazon.de Widgets So war nun auch dieses Luftschloß zerflossen, wie das poetische früher. Die Katastrophe würde schlimmer gewesen sein, als sie war, wenn nicht auch jetzt der Grundstock guter und verständiger Natur bei mir vorgehalten hätte, die mir bei allen meinen Verirrungen den Blick in mich selbst und in meine Umgebung gesund erhielt. Ich hätte den poetischen Lebensplan früher so leichtfertig nicht verlassen, wenn ich nicht das Gefühl tief in mir getragen hätte, daß auf diesem Gebiete meine Talente nicht lagen. Ich hätte die schauspielerischen Entwürfe nicht so ruhig aufgegeben, hätte ich[98] nicht erkannt, daß auch in diese Richtung meine Fähigkeiten nicht deuteten. Ich hätte, selbst hoffnungslos, die Neigung zu Theresen nicht so bald verloren, wenn ich nicht bei der persönlichen Annäherung schon etwas wäre erkältet gewesen, Von einem sittlichen Makel war während der ganzen Dauer unseres Zutritts in der Familie an dem liebenswürdigen Wesen keine Spur zu entdecken, das auch im Hause denselben Eindruck einer schuldlosen Unverdorbenheit wie auf der Bühne machte; nur ihre geistige Begabung schien uns sehr gering; das kam bei Anlässen, wie sie jener Leseabend bot, auch für uns Schwärmer unverkennbar zu Tage. Darum freilich war der Verlust nicht schmerzlos. Ich erinnere mich, daß ich das Theater eine Weile vermied, daß ich mich in der ersten Verbitterung so sehr selber verlor, einen augenblicklichen Haß auf Grüner zu werfen, mit einer Art Grimm auf die Bosheiten zu hören, die man im Publikum über ihn ausstreute. Das ging vorüber und wich schnell den besseren, würdigeren Gefühlen. Ich trieb Hessemer, die Bekanntschaft fortzupflegen; ich machte wieder Grüner's Vertheidiger gegen ungerechte Verleumdungen; die alte Liebe zu dem Theater ließ sich nicht ersticken; der künstlerische Verkehr mit Becker ward näher und traulicher fortgesetzt als zuvor. Was die eigentlich schwere, nicht verwindliche Seite der Katastrophe war, das war der hoffnungslose Rücksturz in die Prosa des Geschäftes, wo ich für das Jahr noch gebunden war; es war die neue Aussichtslosigkeit selbst für die Zeit, wo diese Verbindlichkeit aufhörte. Je länger das Leben mit Hessemer und mit all der Kunstwelt, die er mir aufschloß, nun schon dauerte, desto ausgemachter, desto selbstverstandener galt es bei ihm und bei allen meinen Freunden, daß ich nicht bei dem Kaufmannstande aushalten könne und dürfe. Schon um Pfingsten 1824 hatte mir Wilhelm Sell, bange um die damals noch ausstehende Entscheidung aus Regensburg, aus seinem Studienaufenthalte Heidelberg geschrieben, mich dringend eingeladen zum Besuche in der reizenden Gegend, »wo der Glück liche Steigerung[99] seines Glückes fände, der Traurige Linderung seines Grams, der Unruhige Ruhe aus der allbelebenden Natur trinken könne, an den Ort, wo auch Du, so hoffe ich, künftig länger sein wirst.« Sobald dann der Schlag gefallen war, schrieb er mir wieder und traf vortrefflich den Ton mich aufzurichten. Er sprach mir (23. Juni 1824) von Schlossers Darstellung Dante's, der aus ungestillter Liebessehnsucht Dichter geworden und für den Verlust der Geliebten Ersatz in seinem reichen Busen gesucht habe; dann schloß er: »Mein ganzes Innere wurde tief angeregt; ich dachte über mich und meine Bestimmung nach; der Wunsch ward in mir rege, ich möchte die Kraft besitzen, mein Leben dem Berufe zu weihen, der auf dem Gebiete der Dichtung und Geschichte das Wahre und Schöne im Menschen sucht. Jetzt denke ich mir das Bild Deines Geistes: und der Gedanke wird lebhaft in mir, daß Du nur in einem solchen oder ähnlichen Berufe Deinen Lebenszweck erfüllen, für das Verlorene einigen Ersatz finden kannst. Das Leben hat auch seine Rechte, und wir müssen leben und wirken. Wohl dem, der das äußere Wirken mit seinem inneren Leben zu verbinden weiß. Das wirst Du am leichtesten durch die Wahl eines solchen Berufes. Als Lehrer der Geschichte und Aesthetik wirst Du mehr wie in jedem anderen Fache Dich selber wiederfinden und Trost für das, was Dir zu finden nicht beschieden war. Kaufmann kannst Du nicht bleiben!« Er bat mich, darüber in Offenheit mit meinen Eltern zu sprechen; die Wege Gottes, wenn sie mir jetzt auch räthselhaft erschienen, werde ich erkennen lernen. Indeß auch jetzt ? da mir die Frist meiner Verpflichtung in dem Geschäfte noch gegeben war ? wollte ich nichts übereilen. Zu den Studien zurütkzukehren stand mir als eine große Sache vor Augen. Ich fürchtete, bei dem Heidelberger Freunde über meinen Kleinmuth verkannt und verachtet zu werden; er aber, meinen Schmerz achtend, fand es (August 1824) natürlich, daß ich in meiner Spannung und Aufregung zu einem umfassenden Entschluß noch nicht zu kommen[100] vermöge. Zu Hause selber schien man übrigens auf diesen Entschluß zu warten. Meinem Bruder war es längst klar, daß ich die Kaufmannschaft aufgeben müsse. Der Vater war nicht unvorbereitet. Wenn mich seine Freunde auf der Straße sahen, die Mütze in der Hand, wie ich mich in den Knabenjahren gewöhnt hatte, barhaupt im langen, lockigen Haar, so sagten sie ihm im absprechendsten Tone: der wird sein Lebtag kein Kaufmann! Die Mutter hätte mich aus meinem still geborgenen Kummer gern um jeden Preis erlöst gesehen. Alle meine Freunde schoben mein leidendes Aussehen auf das Beharren in dem verhaßten Berufe. Es war kaum Einer, der mich damals nicht für schwindsüchtig angesehen hätte. Vater Hessemer consultirte, eigenmächtig über mich verfügend, seinen alten Verwandten, den berühmten Wedekind, über meinen Gesundheitsstand. Auf meinem Gesichte (c), wie es Freund Sandhaas damals hinwarf (ich zweifle, ob so glücklich wie das Bild von Grüner), ruhte, wie man sich aus dem Blatte überzeugen kann, ein schmerzlicher Zug, der mehr von innern als äußern Leiden zu zeugen scheint. Meine Lage drohte schlimmer zu werden, als Hessemer im Herbste auf die Dauer nach Gießen versetzt ward. Da traf es sich glück lich, daß ich in dem gesteigerten Umgange mit der Familie Beckers einen anregenden, lebendigen Ersatz erhielt. Beckers Frau war aus einer ehrbaren, bürgerlichen Familie aus Oppenheim; sie hatte in Darmstadt noch eine jüngere an einen Beamten (Franck) verheirathete Schwester, in deren Hause ich gleichfalls eingeführt ward. Beide rheinländische Schwestern, besonders die jüngere, waren gewandte, wohl und gern redende, heitere, lebensfrohe Frauen, von leichten geselligen Formen, dabei aber einfache Naturkinder von gesundem Mutterwitze und neckischem Humore, im höchsten Grade geeignet, einen jungen Mann wie mich, an dessen Bildung und Schicksalen sie durch meine Beziehungen zu Becker einmal Antheil zu nehmen begannen, was man sagt ins Leben einzuführen, mich gesellschaftlich zuzustutzen und mir so eine Seite der Welt zu erschließen, die mir weder der[101] entfernte, oberflächliche Verkehr mit den Käuferinnen in dem Geschäfte, noch der gespannte Verkehr mit den Töchtern im Hause Grüner hatte eröffnen können. Trotz meinem jahrelangen Menschenverkehr hatte ich doch weder meine Schüchternheit ablegen, noch gewandte Umgangsformen annehmen gelernt. In dem Geschäfte war der Stil der Kaufverhandlungen nichts weniger als beflissen oder gar kriechend, er war kaum zuvorkommend gewesen. Der Prinzipal, in der Regel wohl höflich, konnte peinlichen Käufern gegenüber bis zur Grobheit unartig werden, und das war für die Fremden und Jungen kein Beispiel grade, um sein, geschweige servil zu machen. So fehlte mir zu der inneren Freundlichkeit, mit der ich mich in dem neuen, mir äußerst reizenden Verhältnisse zu den beiden verschwägerten Familien bewegte, die äußere Glätte und Manierlichkeit ganz: die beiden Schwestern fanden einen, »neuen Frauenlob« in mir aus, der aber erst zugerichtet werden müsse. Diese Schule erhielt dann etwas ungemein Pikantes durch die wechselnd offensive und defensive Haltung, die die Schwestern bei ihren Operationen gegen den ungehobelten jungen Hausfreund einnahmen. Sie waren Kunden unseres Geschäftes gewesen, und ihren guten Augen war schon vor unserer näheren Bekanntschaft nicht entgangen, wie ich bei meiner Verkaufsthätigkeit auch sonst noch innerlich beschäftigt mit meinen Käufern war; sie mochten dann aus meinen gemeinschaftlichen Rollenstudien mit Becker gehört haben, daß ich in Fragen der Menschenbeurtheilung zuweilen nicht ganz unebene Bemerkungen vorbringe; sie waren daher von Einer Seite her auf ihrer Hut vor mir und lagen beobachtend auf der Lauer, während sie auf der anderen Seite gegen meine Linkischkeit, Einsilbigkeit und ungeselligen Formlosigkeiten im höchsten Vortheile standen, aus dem sie denn auch nicht versäumten, wie zum Zweck der Austilgung aller meiner Unarten, ihre Ausfälle und Angriffe bei jeder Gelegenheit zu machen. Ehe man sich gegenseitig ganz auskannte, führten diese Kämpfe oft zu ungemein drolligen Scenen. Meine Verlegenheit[102] spielte nie stärker, als wenn fremde Welt mit zur Gesellschaft war; meine stockige Stummheit konnte dann ins Weiteste gehen. Wo man mich so waffenlos hatte und in der mir so furchtbaren Umgebung mich hätte angreifen können, litt es natürlich die Großmuth und Schick lichkeit nicht; verzog sich aber der fremde Schwarm. so erfolgte ein unbarmherziger Ueberfall und Ausfall auf meine steife Ungezogenheit, aber das freilich erst in dem Augenblicke, wo ich Verscheuchter aus allen meinen Verstecken wieder vorbrechen konnte. In solchen Augenblicken grade war es mir gegeben, aus der thörichtesten Blödigkeit in den wohligsten Muthwillen überzuspringen; und nichts war komischer, als wenn die beiden Freundinnen nun, in ihren übermüthigen Attaquen durch meine Gegenangriffe verblüfft, sich anfingen stutzig in ihre beobachtenden Stellungen zurückzuziehen. Wären übrigens diese neckischen Begegnungen die einzige Würze dieses Umgangs gewesen, so würde er mein wundes Gemüth bald abgestoßen haben. Aber die Seele der neuen Verbindung war doch ein natürliches, gegenseitiges Interesse der würdigsten Art: mit Becker die gemeinsamen künstlerischen Studien, bei den Frauen die herzliche Theilnahme an meiner inneren und äußeren Lage, deren Druck und Unnatur sie, wenn nicht durch mich, durch die Männer im ganzen Umfange kannten und begriffen. Dadurch wurde mir dieser Frauenverkehr, der mir in dieser Weise so neu und ungewohnt war, von doppeltem Reize und Werthe. Allabendlich fast, wenn Becker nicht zu spielen hatte, kam ich nach erledigten Geschäften wenigstens auf einen Sprung in das Haus, wohin ich seit Hessemers Entfernung allein meine Leiden und Freuden tragen konnte Mit meinen Leiden war ich gegen Niemanden freigebig, mit mei nen Freuden desto williger. Eines Tages (25. Oct.) kam ich zu dem Ehepaare zu ungewohnter Morgenstunde hin. Sie fragen mich erstaunt um den Grund des unvermutheten Besuches. »Sehen Sie mir keine große Veränderung an?« fragte ich mit ruhigen aber strahlenden Blicken. Was ist geschehen? »Ich bin[103] aus meinem Kerker erlöst! Ich habe lauter Freitage, und keine Dienstage mehr!« Man forschte nach Vorfall und Anlaß. Der reine Zufall hatte ihn verhängt. Es war über ein kleines Versehen eines zweiten Commis, der beim Abreißen einiger Ellen Zeugs in das Stück hineinriß, zu einem heftigen Auftritt gekommen, der den reizbaren Prinzipal im Eifer zu einer Aufkündigung trieb. Die ärgerliche Ungerechtigkeit verleitete mich, mich zu Gunsten des Collegen in den Zwist zu mischen, worauf ich den zornigen Bescheid erhielt, auch ich könne gehen, wenn ich wolle. Diesen Ton hatte ich nie gehört. Er war mir genug, die Mütze zu nehmen und davon zu gehen. Und nun hätte mich auch keine Gewalt der Erde wieder zurückgeführt. Das freudige Wortspiel, in dem ich das Geschehene bei Beckers verkündigte, kam durchaus charakteristisch aus der befreiten Brust des lange Gefesselten, dessen Freiheitssucht langeher die Freunde gerührt und gehärmt hatte, die mich von jetzt eine Weile nur den »Freiherrn« nannten. 
