
                               
                                Theodor Fontane

                               Unwiederbringlich

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

Eine Meile südlich von Glücksburg, auf einer dicht an die See herantretenden
Düne, lag das von der gräflich Holkschen Familie bewohnte Schloß Holkenäs, eine
Sehenswürdigkeit für die vereinzelten Fremden, die von Zeit zu Zeit in diese
wenigstens damals noch vom Weltverkehr abgelegene Gegend kamen. Es war ein nach
italienischen Mustern aufgeführter Bau, mit gerade so viel Anklängen ans
griechisch Klassische, daß der Schwager des gräflichen Hauses, der Baron Arne
auf Arnewiek, von einem nachgeborenen »Tempel zu Pastum« sprechen durfte.
Natürlich alles ironisch. Und doch auch wieder mit einer gewissen Berechtigung.
Denn was man von der See her sah, war wirklich ein aus Säulen zusammengestelltes
Oblong, hinter dem sich der Unterteil des eigentlichen Baues mit seinen Wohn-
und Repräsentationsräumen versteckte, während das anscheinend stark
zurücktretende Obergeschoß wenig über mannshoch über die nach allen vier Seiten
hin eine Vorhalle bildende Säuleneinfassung hinauswuchs. Diese Säuleneinfassung
war es denn auch, die dem Ganzen wirklich etwas Südliches gab; teppichbedeckte
Steinbänke standen überall die Halle entlang, unter der man beinahe tagaus,
tagein die Sommermonate zu verbringen pflegte, wenn man es nicht vorzog, auf das
Flachdach hinaufzusteigen, das freilich weniger ein eigentliches Dach als ein
ziemlich breiter, sich um das Obergeschoß herumziehender Gang war. Auf diesem
breiten, flachdachartigen Gange, den die Säulen des Erdgeschosses trugen,
standen Kaktus- und Aloekübel, und man genoß hier, auch an heißesten Tagen,
einer vergleichsweise frischen Luft. Kam dann gar vom Meer her eine Brise, so
setzte sie sich in das an einer Maststange schlaff herabhängende Flaggentuch,
das dann mit einem schweren Klappton hin- und herschlug und die schwache
Luftbewegung um ein geringes steigerte.
 
Schloß Holkenäs hatte nicht immer auf dieser Düne gestanden, und noch der
gegenwärtige Graf, als er sich, siebzehn Jahre zurück, mit der schönen Baronesse
Christine Arne, jüngsten Schwester seines Gutsnachbarn Arne, vermählte, war
damals in die bescheidenen Räume des alten und eigentlichen Schlosses Holkenäs
eingezogen, das mehr landeinwärts in dem großen Dorfe Holkeby lag, gerade der
Holkebyer Feldsteinkirche gegenüber, die weder Chor noch Turm hatte. Das alte
Schloß, ebenso wie die Kirche, ging bis ins vierzehnte Jahrhundert zurück, und
ein Neubau war schon unter des Grafen Großvater geplant worden. Aber erst der
gegenwärtige Graf, der, neben anderen kleinen Passionen, auch die Baupassion
hatte, hatte den Plan wieder aufgenommen und bald danach das viel beredete und
bespöttelte, aber freilich auch viel bewunderte Schloß auf der Düne entstehen
lassen, in dem sich's nicht bloß schöner, sondern vor allem auch bequemer
wohnte. Trotzdem war der Gräfin eine nicht zu bannende Vorliebe für das alte,
mittlerweile zum Inspektorhause degradierte Schloß geblieben, eine Vorliebe, so
groß, daß sie nie daran vorüberging, ohne der darin verbrachten Tage mit einem
Anfluge von Wehmut zu gedenken. Denn es war ihre glücklichste Zeit gewesen,
Jahre, während welcher man sich immer nur zur Liebe gelebt und noch keine
Meinungsverschiedenheiten gekannt hatte. Hier, in dem alten Schlosse, gegenüber
der Kirche, waren ihnen ihre drei Kinder geboren worden, und der Tod des
jüngsten Kindes, eines Knaben, den man Estrid getauft hatte, hatte das schöne
und jugendliche Paar einander nur noch nähergeführt und das Gefühl ihrer
Zusammengehörigkeit gesteigert.
    All das war seit der Übersiedelung in das neue Schloß nicht ganz so
geblieben, von welchem Wandel der Dinge die bei den Herrnhutern erzogene, zudem
von Natur schon gefühlvoll gestimmte Gräfin eine starke Vorahnung gehabt hatte,
so stark, daß ihr ein bloßer Um- und Ausbau des alten Schlosses und somit ein
Verbleiben an alter Stelle das weitaus Liebere gewesen wäre, der Graf aber trug
sich enthusiastisch und eigensinnig mit einem »Schloß am Meer« und deklamierte
gleich bei dem ersten Gespräch, das er mit der Gräfin in dieser Angelegenheit
hatte:
 
»Hast du das Schloß gesehen?
Das hohe Schloß am Meer?
Golden und rosig wehen
Die Wolken drüber her -«
 
ein Zitat, das freilich bei derjenigen, die dadurch günstig gestimmt und für den
Plan gewonnen werden sollte, nur den entgegengesetzten Eindruck und nebenher
eine halb spöttische Verwunderung hervorgerufen hatte. Denn Holk war ziemlich
unliterarisch, was niemand besser wußte als die Gräfin.
    »Wo hast du das her, Helmuth?«
    »Natürlich aus Arnewiek. Bei deinem Bruder drüben hängt ein Kupferstich, und
da stand es drunter. Und ich muß dir sagen, Christine, es gefiel mir ganz
ungemein. Ein Schloß am Meer! Ich denke es mir herrlich und ein Glück für dich
und mich.«
    »Wenn man glücklich ist, soll man nicht noch glücklicher sein wollen. Und
dann, Helmuth, daß du gerade das zitieren mußtest. Du kennst, wie ich glaube,
nur den Anfang dieses Uhlandschen Liedes... es ist nämlich von Uhland,
verzeih..., aber es verläuft nicht so, wie's beginnt, und am Schlusse kommt noch
viel Trauriges:
 
Die Winde, die Wogen alle
Lagen in tiefer Ruh,
Einem Klagelied aus der Halle
Hört ich mit Tränen zu...
 
Ja, Helmuth, so schließt es.«
    »Vorzüglich, Christine. Gefällt mir auch«, lachte Holk. »Und von Uhland,
sagst du. Allen Respekt davor. Aber du wirst doch nicht verlangen, daß ich mein
Schloß am Meer nicht bauen solle, bloß weil aus einem erdichteten Schloß am
Meer, auch wenn von Uhland erdichtet, ein Klagelied aus der Halle klang?«
    »Nein, Helmuth, das verlang ich nicht. Aber ich bekenne dir offen, ich
bliebe lieber hier unten in dem alten Steinhause mit seinen Unbequemlichkeiten
und seinem Spuk. Der Spuk bedeutet mir nichts, aber an Ahnungen glaub ich,
wiewohl die Herrnhuter auch davon nichts wissen wollen, und werden wohl auch
recht damit haben. Trotzdem, man steckt nun mal in seiner menschlichen
Schwachheit, und so bleibt einem manches im Gemüt, was man mit dem besten
Spruche nicht loswerden kann.«
 
So war damals das Gespräch gegangen, auf das man nicht wieder zurückkam, ein
einziges Mal ausgenommen, wo beide (die Sonne war schon unter) die Düne
hinaufstiegen, um nach dem Neubau, der inzwischen begonnen hatte, zu sehen. Und
als sie oben waren, lächelte Holk und wies auf die Wolken, die gerade »golden
und rosig« über ihnen standen.
    »Ich weiß, was du meinst«, sagte die Gräfin.
    »Und...«
    »Ich habe mich inzwischen meiner widerstreitenden Wünsche begeben. Damals,
als du zuerst von dem Neubau sprachst, war ich trüben Gemüts; du weißt weshalb.
Ich konnte das Kind nicht vergessen und wollte der Stelle nahe sein, wo es
liegt.«
    Er küßte ihr die Hand und gestand ihr dann, daß ihre Worte während ihres
damaligen Gesprächs doch einen Eindruck auf ihn gemacht hätten. »Und nun bist du
so gut. Und wie schön du dastehst in dem goldenen Abendrot. Ich denke,
Christine, wir wollen hier glücklich sein. Willst du?«
    Und sie hing sich zärtlich an seinen Arm. Aber sie schwieg.
 
Das war das Jahr vor Abschluß des Baues gewesen, und bald danach, weil's in dem
alten Schloß unten immer unwohnlicher wurde, war Holk mit seinem Schwager
übereingekommen, Christine und die Kinder nach Arnewiek zu schicken und sie
daselbst bis nächste Pfingsten, um welche Zeit alles fertig sein sollte, zu
belassen.
    Und das war denn auch geschehen.
    Und nun kam Pfingsten heran, und der Tag zur Beziehung des neuen Schlosses
war da. Der Garten am Rückabhange der Düne zeigte sich freilich nur halb
bepflanzt, und überhaupt war vieles erst im Werden. Aber eines war doch fertig
geworden: die schmale, säulenumstellte Front nach dem Meere zu. Hier waren schon
Bosquets und Blumenrondels, und weiter hin, wo sich die Düne nach vorn zu senken
begann, stieg eine Treppenterrasse zum Strande hinunter und setzte sich unten in
einer Stegbrücke fort, die, weit ins Meer hinaus gebaut, zugleich als
Anlegestelle für die zwischen Glücksburg und Kopenhagen fahrenden Dampfer dienen
sollte.
    Christine war voller Bewunderung und Freude, weit über ihr eigenes Erwarten
hinaus, und als sie, nach einem Umgang um das Haus, das Flachdach erstiegen
hatte, vergaß sie angesichts des sich vor ihr ausbreitenden herrlichen Panoramas
alles, was sich auch nach der vorjährigen Aussöhnung mit dem Neubau noch immer
wieder von Sorgen und Ahnungen in ihrer Seele geregt hatte; ja, sie rief die
Kinder, die noch unten an der Terrasse standen, herbei, daß sie mit teilnehmen
möchten an ihrer Freude. Holk sah ihre tiefe Bewegung und wollte sprechen und
ihr danken. Sie kam ihm aber zuvor und sagte:
    »Bald ist es ein Jahr nun, Helmuth, daß wir zuletzt hier auf der Düne
standen und du mich fragtest, ob ich hier glücklich sein wolle. Ich schwieg
damals...«
    »Und heute?«
    »Heute sag ich ja.«

                                Zweites Kapitel

 
So schloß der Tag, an dem die Gräfin in das neue Schloß einzog. Einige Wochen
später war auch eine Freundin aus den zurückliegenden Gnadenfreier Pensionstagen
her auf Holkenäs eingetroffen, Julie von Dobschütz, ein armes Fräulein, bei
deren Einladung zunächst nur an einen kurzen Sommerbesuch gedacht worden war.
Bald aber regte sich der Wunsch, das Fräulein als Gesellschafterin, Freundin und
Lehrerin im Hause verbleiben zu sehen, ein Wunsch, den Holk teilte, weil ihn
Christinens Einsamkeit mitunter bedrückte. So blieb denn die Dobschütz und
übernahm den Unterricht Astas und Axels, der beiden Kinder des Hauses. Asta ward
ihr auch weiterhin anvertraut. Axel aber wechselte mit dem Unterrichte, als
Kandidat Strehlke ins Haus kam.
    Das alles lag jetzt sieben Jahre zurück, Graf und Gräfin hatten sich
eingewöhnt, und die »glücklichen Tage«, die man dort oben leben wollte, man
hatte sie wirklich gelebt. Die herzlichste Neigung, die beide vor einer Reihe
von Jahren zusammengeführt hatte, bestand fort, und wenn es namentlich in
Erziehungs-und religiösen Fragen auch gelegentlich zu Differenzen kam, so waren
sie doch nicht angetan, den Frieden des Hauses ernstlich zu gefährden. An
solchen Differenzen war nun freilich neuerdings, seit die Kinder herangewachsen,
kein Mangel gewesen, was bei der Verschiedenheit der Charaktere von Graf und
Gräfin nicht wundernehmen konnte. Holk, so gut und vortrefflich er war, war doch
nur durchschnittsmäßig ausgestattet und stand hinter seiner Frau, die sich
höherer Eigenschaften erfreute, um ein beträchtliches zurück. Darüber konnte
kein Zweifel sein. Aber daß es so war, was niemand mehr einsah als Holk selber,
war doch auch wieder unbequem und bedrücklich für ihn, und es kamen Momente, wo
er unter den Tugenden Christinens geradezu litt und sich eine weniger
vorzügliche Frau wünschte. Früher war dies alles nur stiller Wunsch gewesen,
kaum zugestanden, seit einiger Zeit aber hatte der Wunsch doch auch sprechen
gelernt; es kam zu Auseinandersetzungen, und wenn Julie Dobschütz, die geschickt
zu diplomatisieren verstand, auch meist leichtes Spiel bei Begleichung
derartiger Streitigkeiten hatte, so blieb doch das eine nicht aus, daß
Christine, die das alles geahnt, mit einer Art Wehmut der Tage im alten Schloß
gedachte, wo dergleichen nicht vorgekommen war oder doch jedenfalls viel, viel
seltener.
 
Nun war Ende September 1859 und die Ernte längst herein. Die ringsherum unter
dem Säulengange nistenden Schwalben waren fort, eine Brise ging, und das
Flaggentuch oben auf dem Flachdache schlug träge hin und her. Man saß unter der
Fronthalle, den Blick aufs Meer, den großen Eßsaal, dessen hohe Glastür
aufstand, im Rücken, während die Dobschütz den Kaffee bereitete. Neben der
Dobschütz, an einem anderen Tisch, hatte die Gräfin Platz genommen im Gespräch
mit dem Seminardirektor Schwarzkoppen, der vor einer halben Stunde mit Baron
Arne von Arnewiek herübergekommen war, um des schönen Tages in dem gastlichen
Holkschen Hause zu genießen. Arne selbst schritt mit seinem Schwager Holk auf
den Steinfliesen auf und ab und blieb mitunter stehen, weil das Bild vor ihm ihn
fesselte: Fischerboote fuhren zum Fange hinaus, das Meer kräuselte sich leis,
und der Himmel hing blau darüber. Keine Wolke war sichtbar, und nichts sah man
als die schwarz am Horizont hinziehende Rauchfahne eines Dampfers.
    »Du hattest doch recht, Schwager«, sagte Arne, »als du hier hinaufzogst und
dir deinen Tempel an dieser Stelle bautest. Ich war damals dagegen, weil mir
Ausziehen und Wohnungswechsel als etwas Ungehöriges erschien, als etwas
Modernes, das sich...«
    »... das sich nur für Proletarier und Beamte schicke, so sagtest du damals.«
    »Ja, so was Ähnliches wird es wohl gewesen sein. Aber ich habe mich
inzwischen in manchem bekehrt und auch darin. Indessen es sei, wie's sei, soviel
steht mir fest, wenn ich auch politisch und kirchlich, und selbst
landwirtschaftlich, was für unsereinen doch eigentlich immer die Hauptsache
bleibt, derselbe geblieben wäre, das müßt ich doch einräumen, es ist entzückend
hier oben und so windfrisch und gesund. Ich glaube, Holk, als du hier einzogst,
hast du dir fünfzehn Jahre Leben zugelegt.«
    In diesem Augenblicke ward ihm von einem alten Diener in Gamaschen, der noch
vom Vater des Grafen her mit übernommen war, der Kaffee präsentiert, und beide
nahmen und tranken.
    »Deliziös«, sagte Arne. »Freilich etwas zu gut, besonders für dich, Holk;
solcher Kaffee wie der zieht wieder fünf Jahre von den fünfzehn ab, die ich dir
eben zugesprochen, und die philiströse, wenn auch höchst bemerkenswerte
Homöopathie, die, wie du weißt, von Mokka und Java nichts wissen will, würde
vielleicht noch stärker subtrahieren. Apropos Homöopathie. Hast du denn schon
von dem homöopathischen Veterinärarzt gehört, den wir seit ein paar Wochen in
Lille-Grimsby haben...?«
    Und langsam auf und ab schreitend, fuhren beide Schwäger in ihrem Gespräche
fort.
 
Ein sehr anderes Thema behandelte mittlerweile die Gräfin in ihrer Unterredung
mit Seminardirektor Schwarzkoppen, der vor Jahr und Tag erst aus seiner
Wernigeroder Pfarre hierher nach Schleswig-Holstein verschlagen und an das
Arnewieker Seminar berufen worden war. Er hatte den Ruf und das Ansehen einer
positiven kirchlichen Richtung, was der Gräfin aber fast mehr bedeutete, war
das, daß Schwarzkoppen zugleich Autorität in Schul- und Erziehungsfragen war, in
Fragen also, die sich seit kurzem zu brennenden Fragen für die Gräfin gestaltet
hatten. Denn Asta war sechzehn, Axel beinahe fünfzehn Jahre. Schwarzkoppen, auch
eben jetzt wieder in dieser diffizilen Frage zu Rate gezogen, antwortete sehr
vorsichtig, und als die Gräfin merkte, daß er, vielleicht mit Rücksicht auf
Holk, nicht unbedingt auf ihre Seite treten wollte, ließ sie das Gespräch wieder
fallen, wenn auch ungern, und wandte sich einem anderen schon öfter mit dem
Direktor verhandelten Lieblingsplane zu, der Errichtung einer Familiengruft.
    »Nun, wie steht es damit?« sagte Schwarzkoppen, der froh war, aus der
Erziehungsfrage heraus zu sein.
    »Ich habe«, sagte Christine, »die Sache noch immer nicht besprechen mögen,
weil ich mich vor einer Ablehnung von seiten Holks fürchte.«
    »Das ist nicht gut, gnädigste Gräfin. Solche Furcht ist immer vom Übel, sie
will dem Frieden dienen, aber eigentlich dient sie nur der Verstimmung und dem
Kriege. Und zu beidem ist kein Grund. Sie müssen, wenn bessere Beweggründe nicht
zu haben sind, auf seine Liebhabereien rechnen. Hat er doch, wie Sie mir selber
oft versichert, die Baupassion.«
    »Ja, die hat er«, bestätigte die Gräfin. »Dies Schloß ist dessen ein Zeugnis
und Beweis, denn es war eigentlich unnötig; ein Umbau hätte dasselbe getan. Aber
so gerne er baut, so bevorzugt er doch das eine vor dem anderen, und was ich
vorhabe, wird seinen Beifall kaum haben. Ich wette, daß er lieber eine Halle
bauen würde, darin man Federball spielen kann oder, wie das jetzt Mode ist, auf
Rollschuhen Schlittschuh laufen, jedenfalls alles lieber als irgendwas, was mit
Kirche zusammenhängt. Und nun gar eine Gruft bauen. Er denkt nicht gern an
Sterben und schiebt das, was man so schön und sinnig sein Haus bestellen heißt,
gerne hinaus.«
    »Ich weiß«, sagte Schwarzkoppen. »Aber Sie dürfen nicht vergessen, daß auch
all seine liebenswürdigen Eigenschaften mit dieser Schwäche zusammenhängen.«
    »Seine liebenswürdigen Eigenschaften«, wiederholte sie. »Ja, die hat er,
fast zuviel, wenn man von liebenswürdigen Eigenschaften je zuviel haben kann.
Und wirklich, er wäre das Ideal von einem Manne, wenn er überhaupt Ideale hätte.
Verzeihen Sie diese Wortspielerei, sie drängt sich mir aber auf, weil es so und
nicht anders liegt, und ich muß es noch einmal sagen, er denkt nur an den
Augenblick und nicht an das, was kommt. Jeglichem, was ihn daran erinnern
könnte, geht er aus dem Wege. Seit wir unseren Estrid begruben, ist er noch
nicht in der Gruft gewesen. So weiß er auch nicht, daß beinahe alles
einzustürzen droht. Und doch ist es so, und die neue Gruft muß gebaut werden.
Muß, sag ich, und wenn ich nicht alles Spitze und Verletzliche vermeiden möchte,
so würd ich ihm sagen, es handle sich gar nicht darum, den Reigen durch ihn
eröffnet zu sehen, ich wolle es...«
    Schwarzkoppen wollte unterbrechen, aber Christine achtete dessen nicht und
fuhr, ihre letzten Worte wiederholend, fort: »Ich wolle es; aber ich müsse
darauf bestehen, meinerseits in eine Wohnung einzuziehen, die mir gefiele, nicht
in eine, darin alles zerbröckelt und zerfallen sei... Doch lassen wir
Vermutungen über das, was ich sagen oder nicht sagen würde; mir liegt für den
Augenblick mehr daran, Ihnen eine auf meinen Bauplan bezügliche Aquarelle
vorzulegen, die mir die Dobschütz in den letzten Tagen angefertigt hat.
Natürlich auf meinen Wunsch; sie zeichnet so gut. Es ist eine offene Halle,
gotisch, und die Steine, die den Fußboden bilden, decken zugleich die Gruft.
Worauf ich aber das meiste Gewicht lege (die kleine Zeichnung läßt natürlich nur
wenig davon erkennen), das ist der Bilderschmuck an Wand und Decke. Die
Längswand mit einem Totentanz, vielleicht unter Anlehnung an den in Lübeck, und
in die Gewölbekappen Engel und Palmenzweige. Je schöner, desto besser. Und wenn
wir erste Künstler nicht haben können, weil unsere Mittel dafür nicht
ausreichen, so zweite und dritte; schließlich ist doch, der Gedanke die
Hauptsache. Liebe Julie, verzeih, daß ich dich bemühe. Aber bring uns das
Blatt...«
 
Holk und Arne hatten inzwischen ihren Gang unter der Säulenhalle fortgesetzt und
waren zuletzt auf einen Kiesweg zugeschritten, der in einer Schlängellinie bis
an die nächsten Stufen der zur See niedersteigenden Terrasse lief. An eben
dieser Stelle befand sich auch ein aus Zypressen und Lorbeer gebildetes Bosquet,
mit einer Marmorbank in Front, und hier setzten sich die beiden Schwäger, um
ungestört ihre Zigarre rauchen zu können, was die Gräfin, wenn man unter der
Halle saß, zwar nie verbot, aber auch nicht eigentlich gestattete. Das Gespräch
beider drehte sich sonderbarerweise noch immer um das Wunder von Tierarzt, was
ziemlich unerklärlich gewesen wäre, wenn nicht Holk, außer seiner
Bauleidenschaft, auch noch eine zweite Passion gehabt hätte: die für schönes
Vieh. Er war kein großer Landwirt wie sein Schwager Arne, ja, tat sich was
damit, es nicht zu sein; aber auf sein Vieh hielt er doch, fast nach Art eines
Sportsman, und freute sich, es bewundert zu sehen und dabei von mirakelhaften
Milcherträgen erzählen zu können. Aus diesem Grunde war ihm der neue
Veterinärarzt eine wirklich wichtige Persönlichkeit, und nur die homöopathische
Heilmethode desselben ließ immer wieder einige Bedenken in ihm aufsteigen. Aber
Arne schnitt diese Bedenken ab. Das sei ja gerade das Interessanteste an der
Sache, daß der neue Doktor nicht bloß gute Kuren mache, das könnten andere auch,
sondern wie er sie mache und wodurch. Die ganze Geschichte bedeute nicht mehr
und nicht weniger als den endlichen Triumph eines neuen Prinzips, erst von der
Viehpraxis her datiere der nicht mehr anzuzweifelnde Sieg der Homöopathie. Bis
dahin seien die Quacksalber alten Stils nicht müde geworden, von der Macht der
Einbildung zu sprechen, was natürlich heißen sollte, daß die Streukügelchen
nicht als solche heilten; eine schleswigsche Kuh aber sei, Gott sei Dank, frei
von Einbildungen, und wenn sie gesund würde, so würde sie gesund durch das
Mittel und nicht durch den Glauben. Arne verbreitete sich noch des weiteren
darüber, zugleich hervorhebend, daß es sich bei den Kuren des neuen, beiläufig
aus dem Sächsischen stammenden Doktors allerdings auch noch um andere Dinge
handele, die mit Allopathie oder Homöopathie nichts Direktes zu schaffen hätten.
Unter diesen Dingen stehe die durchgeführteste, schon den Luxus streifende
Reinlichkeit obenan, also immer neue Stallbauten und unter Umständen selbst ein
Operieren mit Marmorkrippen und vernickelten Raufen. Holk hörte das alles mit
Entzücken und empfand so große Lust, mit Christine darüber zu sprechen, daß er
die Zigarre wegtat und auf die Säulenhalle zurückschritt.
    »Ich höre da eben interessante Dinge, Christine. Dein Bruder erzählt mir von
homöopathischen Kuren eines neuen sächsischen Veterinärdoktors, der in Leipzig
seine Studien gemacht hat. Ich betone Leipzig, weil es Hochburg der Homöopathie
ist. Wahre Wunderkuren...! Sagen Sie, Schwarzkoppen, wie stehen Sie zu der
Sache? Die Homöopathie hat so etwas Geheimnisvolles, Mystisches. Interessant
genug, und in ihrer Mystik eigentlich ein Thema für Christine.«
    Schwarzkoppen lächelte. »Die Homöopathie verzichtet, soviel ich weiß, auf
alles Geheimnisvolle oder gar Wunderbare. Es ist einfach eine Frage von viel
oder wenig und ob man mit einem Gran so weit kommen kann wie mit einem halben
Zentner.«
    »Versteht sich«, sagte Holk. »Und dann gibt es noch einen Satz, Similia
similibus, worunter sich jeder denken kann, was er will. Und mancher denkt sich
gar nichts dabei, wohin wohl auch unser tierärztlicher Pfiffikus und Mann der
Aufklärung gehören wird. Er gibt seine Streukügelchen und ist im übrigen, als
Hauptsache, für Stallreinlichkeit und Marmorkrippen, und ich möchte sagen, die
Tröge müssen so blank sein wie ein Taufbecken.«
    »Ich glaube, Helmuth, daß du deine Vergleiche rücksichtsvoller wählen
könntest, schon um meinetwillen, namentlich aber in Schwarzkoppens Gegenwart.«
    »Zugestanden. Übrigens alles ipsissima verba des neuen Wunderdoktors, Worte,
die dein Bruder zitierte, wobei freilich nicht bestritten werden soll, daß es
sich auch für den Doktor empfehlen würde, solche Vergleiche lieber nicht zu
brauchen, zumal er Konvertit ist. Er heißt nämlich Lissauer.«
    Schwarzkoppen und Christine wechselten Blicke.
    »Wenn er übrigens auf den Hof kommt, so lad ich ihn unten in der
Inspektorwohnung zum Lunch. Hier oben...«
    »Ist er entbehrlich.«
    »Ich weiß, und du darfst unbesorgt sein. Aber ich rechne es ihm an, daß er
selbständige Gedanken hat und den Mut der Aussprache. Das mit den Marmorkrippen
ist natürlich mehr oder weniger Torheit und nichts als ein orientalischer
Vergleich, den man ihm zugute halten muß. Aber mit der Forderung der
Reinlichkeit so ganz im allgemeinen, damit hat er doch recht. Meine Ställe, die
noch sämtlich aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts sind, müssen fort, und ich
freue mich, endlich eine Veranlassung und einen Sporn zu haben, mit dem alten
Unwesen aufzuräumen.«
    
    Die Gräfin schwieg und suchte mit der Nadel in den Seidenfäden, die vor ihr
auf dem Tische lagen.
    Den Grafen verdroß dies Schweigen. »Ich dachte, du würdest mir deine
Zustimmung ausdrücken.«
    »Es sind Wirtschaftssachen, in denen ich, was auch beliebt wird, nicht
mitzusprechen habe. Hältst du Marmorkrippen oder ähnliches für nötig so werden
sie sich finden, und wenn es in Carrara wäre.«
    »Was läßt dich wieder so bitter sprechen, Christine?«
    »Verzeih, Helmuth, aber es trifft sich unglücklich. Eben hab ich mit
Schwarzkoppen über Dinge gesprochen, die mir mehr am Herzen liegen, übrigens
auch Bausachen, und im selben Augenblick willst du Ställe bauen, Ställe...«
    »Freilich will ich das. Du vergißt immer, Christine, wenn du auch nicht
mitsprechen willst, wie du eben sagtest, du vergißt immer, daß ich in erster
Reihe Landwirt bin, und für einen Landwirt ziemt sich eben das
Landwirtschaftliche. Das Landwirtschaftliche ist die Hauptsache.«
    »Nein, die Hauptsache ist es nicht.«
    »Nun, was denn?«
    »Es ist ein Unglück und ein Schmerz für mich, daß ich das
Selbstverständliche dir gegenüber noch immer wieder hervorheben muß.«
    »Ach, ich verstehe. Die Kirche soll ausgebaut werden oder ein Schwesternasyl
oder ein Waisenhaus. Und dann ein Campo santo, und dann wird der ganze Cornelius
aufgekauft und in Wasserfarben an die Wand gemalt...«
    Es war selten, daß der Graf zu solchen Worten seine Zuflucht nahm, aber es
gab ein paar Punkte, wo Verstimmung und Gereiztheit sofort über ihn kamen und
ihn die feinen Umgangsformen vergessen ließen, deren er sich sonst rühmen
durfte. Sein Schwager wußte das und schritt deshalb rasch ein, um das Gespräch
in andere Wege zu leiten, wozu sein guter Humor ihn jederzeit befähigte.
    »Schwester, Schwager, ich meinerseits denke, das eine tun und das andere
nicht lassen. Da habt ihr meine Weisheit und den Frieden dazu. Zudem, Holk, du
weißt noch nicht einmal, um was es sich handelt.«
    Holk lachte gutmütig.
    »Du weißt es nicht«, fuhr Arne fort, »und ich weiß es auch nicht, der ich
doch sonst in die Geheimnisse Christinens eingeweiht zu sein pflege. Freilich,
wenn mich nicht alles täuscht, so haben wir hier den Schlüssel...« Und dabei
nahm er das aquarellierte Blatt, das die Dobschütz inzwischen gebracht hatte.
»Charmant, von welcher Hand es auch herrühren möge. Gotik, Engel, Palmen. Soll
man selbst unter diesen nicht ungestraft wandeln dürfen? Und an allem ist dieser
unglückselige Veterinärarzt schuld, ein Mann in Stulpenstiefeln, an dem nichts
komischer ist als die Tatsache, daß er sächsisch spricht. Er müßte eigentlich
plattdeutsch sprechen, sogar mecklenburgisch. Wobei mir einfällt, wißt ihr denn
schon, daß sich in Kiel und Rostock eine plattdeutsche Dichterschule gebildet
hat, oder eigentlich zwei, denn die Deutschen, wenn sich irgendwas auftut,
zerfallen immer gleich wieder in zwei Teile. Kaum ist das Plattdeutsche da, so
haben wir auch schon wieder itio in partes, und die Mecklenburger marschieren
unter ihrem Fritz Reuter und die Holsteiner unter ihrem Klaus Groth. Aber Klaus
Groth hat einen Pas voraus, weil er Lyriker ist und komponiert werden kann, und
davon hängt eigentlich alles ab. Kein Jahr, vielleicht kein halbes, so kommt er
von keinem Klavier mehr herunter. Ich habe da schon was auf eurem Flügel liegen
sehen. Asta, du könntest was von ihm singen.«
    »Ich mag nichts Plattdeutsches.«
    »Nun, dann singe was Hochdeutsches, aber natürlich etwas recht Hübsches und
Lustiges.«
    »Ich mag nichts Lustiges.«
    »Nun, wenn es nichts Lustiges sein kann, dann singe was recht Trauriges.
Aber es muß dann auch ganz traurig sein, daß man auf seine Kosten kommt. Etwas
von einem Pagen, der für Comtesse Asta stirbt, oder von einem Ritter, der von
seinem Nebenbuhler erschlagen und am Wege begraben wird. Und daneben wacht der
Hund am Grabe des Ritters, und drei Raben sitzen in einer Pappelweide und
kreischen und sehen zu.«
    Asta, die mit dem Onkel auf einem Neckfuß stand, würde ihm auch diesmal eine
Antwort nicht schuldig geblieben sein, wenn nicht in eben diesem Augenblick ihre
Aufmerksamkeit nach einer anderen Seite hin in Anspruch genommen worden wäre.
    »Da kommt Elisabeth«, rief sie freudig erregt. »Und der alte Petersen mit
ihr und Schnuck auch.«
    Und als sie das sagte, traten alle von der Halle her in den Vorgarten und
grüßten mit ihr zugleich hinunter.

                                Drittes Kapitel

 
Pastor Petersen und seine Enkelin Elisabeth, vielleicht weil das Licht sie
blendete, bemerkten von dem ihnen geltenden Gruße nichts, aber um so deutlicher
sah man oben, von Terrasse und Vorhalle her, die unten am Strand immer näher
Kommenden. Der Alte, seinen Hut in der Hand (so daß der Wind mit seinem dünnen,
aber langen weißen Haare spielte), ging ein paar Schritte vorauf, während
Elisabeth sich nach den Holz- und Borkenstückchen bückte, die zwischen dem
Seetang umherlagen, und sie ins Meer warf, um Schnuck, einen wundervollen
schwarzen Pudel, danach apportieren zu lassen. Jetzt aber ließ sie davon ab und
begnügte sich, ein paar Blumen zu pflücken, die zwischen dem Strandhafer
standen. Und so schlendernd, kamen sie schließlich bis an den Pier, wo sie links
abbogen, um die Terrasse hinaufzusteigen.
    »Sie kommen«, brach Asta in erneutem Jubel aus. »Und Elisabeth bringt ihren
Großvater mit.«
    »Ja«, sagte Baron Arne. »Vielleicht könnte man auch sagen, der Großvater
bringt Elisabeth mit. Aber so seid ihr; die Jugend ist die Hauptsache; wenn man
alt wird, ist man nur noch Beigabe. Jung sein heißt selbstsüchtig sein. Aber
eigentlich ist es später auch nicht besser. Mein erster Gedanke war, als ich den
Alten sah, da kommt unsere Whistpartie. Schwarzkoppen ist freilich nicht für
Spiel, aber Gott sei Dank auch nicht dagegen, und würde, wenn er Katholik wäre,
wahrscheinlich von einer, läßlichen Sünde sprechen. Und das sind mir die
liebsten. Im übrigen bewundere ich diesen Pudel, wie heißt er doch?«
    »Schnuck«, sagte Asta.
    »Richtig, Schnuck: eigentlich mehr ein Name für eine Lustspielfigur. Er war
schon dreimal oben und immer wieder zurück. Offenbar freut er sich ganz
unbändig. Und nun sage, Asta, worauf freut er sich, auf dich oder auf die
Kunststücke, die er machen darf, oder auf den Zucker, den er dafür kriegt?«
 
Zwei Stunden später war es still unter der Säulenhalle; der Abend war
hereingebrochen, und nur am Horizont lag noch ein roter Widerschein. Alles hatte
sich in das Wohn- und Empfangszimmer zurückgezogen, das, in gleicher Größe wie
der Eßsaal, unmittelbar hinter diesem lag und den Blick zunächst auf einen
wohlgepflegten, mit Treibhäusern besetzten Vorgarten hatte, der weiter hin in
große, bergabsteigende Parkanlagen überging.
    Das Wohn- und Empfangszimmer war reich möbliert und hatte doch Raum genug zu
freier Bewegung. Neben dem Flügel, in der geschütztesten Ecke, stand ein großer
runder Tisch, mit einer Moderateurlampe darauf. Hier saßen die Gräfin und ihre
Freundin, die Dobschütz, die vorlesen sollte, während Asta und Elisabeth dicht
neben ihnen auf zwei Fußbänken Platz genommen hatten und abwechselnd leise
plauderten oder den Pudel zu dessen eigener sichtlicher Freude Kunststücke
machen ließen. Aber zuletzt wurde er müde von der Anstrengung und schlug, weil
er die Balance nicht mehr halten konnte, mit einer seiner Pfoten auf die Tasten
des offenstehenden Flügels.
    »Ach, nun spielt er auch noch«, lachte Asta. »Ich glaube, wenn er will,
spielt Schnuck besser als ich; er ist so geschickt, und Tante Julie wird es
nicht bestreiten. Vorhin sollt ich spielen und sogar singen, Onkel Arne bestand
darauf, aber ich hütete mich wohl. Ich habe bloß Lust und gar kein Talent. Hast
du was mitgebracht, Elisabeth? Ihr habt ja immer was Neues, und du hattest ja
auch eine Mappe am Arm, als du kamst. Laß uns sehen.«
    So plauderten die Mädchen weiter. In der schräg gegenüberliegenden
Zimmerecke aber saßen die vier Herren beim Whist, Arne wie gewöhnlich mit dem
alten Petersen scheltend, daß er noch so langsam spiele wie zur Zeit des Wiener
Kongresses.
    »Ja«, lachte Petersen, »wie zur Zeit, des Wiener Kongresses; da spielte man
langsam, das galt für vornehm, und muß ich Ihnen nachher eine Geschichte davon
erzählen, eine Geschichte, die wenig bekannt ist und die, soviel ich weiß, von
Thorwaldsen stammt, der sie von Wilhelm von Humboldt hörte...«
    »Von Alexander«, sagte Arne.
    »Nein, erlauben Sie, Arne, von Wilhelm von Humboldt. Wilhelm war
überhaupt...«
    »Aufpassen, Petersen...«
    Und das Spiel nahm, ohne weitere Zwischenrede, seinen Fortgang, und auch die
Mädchen dämpften ihre Stimme. Denn die Dobschütz hatte zu lesen begonnen, und
zwar aus einem großen Zeitungsblatt, das im Laufe des Nachmittags der Postbote
gebracht hatte. Freilich war es noch kein rechtes Vorlesen, sondern erst der
Versuch dazu, wobei sich's die Dobschütz - in den Zeitungen zitterte der
italienische Krieg noch nach - angelegen sein ließ, zunächst nur die Kopftitel
zu lesen, und zwar in einem anfragenden Tone. »Erzherzog Albrecht und Admiral
Tegetthoff...« Die Gräfin schüttelte den Kopf... »Auf dem Marsche nach
Magenta«... »Die Kürassierbrigade Bonnemain«... Neues Kopfschütteln... »Man
schreibt uns aus Charlottenburg über das Befinden König Friedrich Wilhelms des
Vierten...«
    »Ja«, unterbrach hier die Gräfin, »das lies, liebe Dobschütz. Das aus
Charlottenburg. Ich habe kein Interesse für Kriegsgeschichten, es sieht sich
alles so ähnlich, und immer bricht wer auf den Tod verwundet zusammen und läßt
sterbend irgendein Etwas leben, das abwechselnd Polen oder Frankreich oder
meinetwegen auch Schleswig-Holstein heißt. Aber es ist immer dasselbe. Dieser
moderne Götze der Nationalität ist nun mal nicht das Idol, vor dem ich bete. Die
rein menschlichen Dinge, zu denen, für mich wenigstens, auch das Religiöse
gehört, interessieren mich nun mal mehr. Dieser unglückliche König in seinem
Charlottenburger Schloß;... ein so heller Kopf, und nun umnachtet in seinem
Geiste. Ja, das interessiert mich. Ist es lang?«
    »Eine Spalte.«
    »Das ist viel. Aber fange nur an, wir können ja abbrechen.«
    Und nun las die Dobschütz:
    »... Alle Nachrichten stimmen dahin überein, daß es mit dem Befinden des
Königs schlechter geht; seine Teilnahme läßt nach, und die Stunden, in denen er
folgen kann, werden immer seltener. Selbstverständlich beginnt dieser Zustand
des Kranken auch das staatliche Leben zu beeinflussen, und gewisse Rücksichten,
die man bisher nahm, lassen sich nicht mehr durchführen. Es läßt sich nicht
verkennen, daß sich ein vollständiger Systemwechsel vorbereitet und daß sich
dieser Wechsel demnächst auch in der auswärtigen Politik zeigen wird. Das
Verhältnis zu Rußland und Österreich ist erschüttert, ein freundschaftliches
Verhältnis zu den Westmächten bahnt sich mehr und mehr an, zu England gewiß.
Alles, was geschieht, erinnert an die Zeit von 6 bis 13, die, nach
voraufgegangener Erniedrigung, eine Zeit der Vorbereitung und Wehrhaftmachung
war. Mit solcher Wehrhaftmachung beschäftigen sich unausgesetzt die Gedanken des
Prinzregenten, und ist Preußen militärisch erst das, was der Prinzregent aus ihm
zu machen trachtet, so werden wir sehen, was wird. Und in keiner Frage wird sich
das deutlicher zeigen als in der schleswig-holsteinschen.«
    »Es ist gut«, sagte die Gräfin. »Ich dachte, der Artikel würde Mitteilungen
vom Hofe bringen, anekdotische Züge, Kleinigkeiten, die meist die Hauptsache
sind, und nun bringt er politische Konjekturen. Ich glaube nicht an
Vorhersagungen, die meist von denen gemacht werden, die die geringste
Berechtigung dazu haben... Aber was ist das für ein Bild, das ich da auf der
Rückseite der Zeitung sehe, Schloß und Schloßtürme...«
    Die Dobschütz, die nichts davon wußte, wandte die Zeitung und sah nun, daß
es eine Annonce war, die, mit ihrem großen Holzschnitt in der Mitte, beinahe die
ganze Rückseite der Zeitung einnahm. Das Auge der Dobschütz glitt darüber hin.
Dann sagte sie: »Es ist eine Pensionsanzeige aus der Schweiz, natürlich vom
Genfersee: hier, das kleine Gebäude, ist das Pensionat, und das große Hotel im
Vordergrunde ist nur Zugabe.«
    »Lies. Ich interessiere mich für solche Annoncen.«
    »... Unsere Pension Beau-Rivage tritt nun in ihr fünfundzwanzigstes Jahr. Es
haben in dieser Zeit junge Damen aus allen Teilen der Erde Aufnahme bei uns
gefunden und bewahren uns, soviel wir erfahren, ein freundliches Gedenken. Wir
verdanken dies, neben dem Segen, der nicht fehlen darf, auch wohl den
Grundsätzen, nach denen wir unsere Pension unausgesetzt leiten. Es sind dies die
Grundsätze der Internationalität und konfessioneller Gleichberechtigung. Ein
kalvinistischer Geistlicher steht leitend an der Spitze des Ganzen, aber
durchaus von einem Geiste der Duldung erfüllt, überläßt er es den Eltern und
Vormündern, die Zöglinge, die man uns anvertraut, an diesem Religionsunterricht
teilnehmen zu lassen oder nicht...«
    Die Gräfin erheiterte sich sichtlich. Sie hatte den Zug der meisten Frommen
und Kirchlichen, die Kirchlichkeit anderer nicht bloß auzuzweifeln, sondern
meist auch von der komischen Seite zu nehmen, und so waren ihr denn Mitteilungen
aus dem Lager der Katholiken und beinah mehr noch der Genferischen immer eine
Quelle vergnüglicher Unterhaltung, auch wenn sich nicht, wie hier, eine das
Heitere so direkt herausfordernde Geschäftlichkeit mit einmischte. Sie nahm das
Blatt, um die Pensionsanzeige, die sich noch fortsetzte, weiterzulesen, aber der
Diener, der schon seit einer Viertelstunde den Whisttisch beobachtet und den
Schluß des Robbers abgewartet hatte, trat jetzt vor, um zu melden, daß der Tee
serviert sei.
    »Trifft sich vorzüglich«, sagte Baron Arne. »Wenn man gewonnen hat, zählt
ein Rebhuhn, worauf ich rechne, zu den gesundesten Gerichten; sonst freilich
nicht.«
    Und damit erhob er sich und reichte dem Fräulein von Dobschütz den Arm,
während Schwarzkoppen mit der Gräfin voranschritt.
    »Nun, Petersen«, sagte der Graf, »wir müssen miteinander fürlieb nehmen.«
Und an Asta und Elisabeth vorübergehend, rief er diesen zu: »Nun, meine
Damen...«
    Aber Asta streichelte nur zärtlich seine Hand und sagte: »Nein, Papa, wir
bleiben hier, Mama hat es schon erlaubt; wir haben uns noch allerlei zu
erzählen.«

                                Viertes Kapitel

 
In dem Eßsaale war gedeckt, die Flügeltüren standen auf, und ein heller
Lichterglanz empfing die Eintretenden. Die Gräfin nahm ihren Platz zwischen den
beiden Geistlichen, während Fräulein von Dobschütz mit Holk und Arne ihr
gegenübersaßen. Einen Augenblick später erschienen auch der Hauslehrer und Axel.
    »Ich habe mich eben sehr erheitert«, wandte sich die Gräfin an
Schwarzkoppen...
    »Ah«, warf Holk dazwischen, in einem Tone, der, wenn weniger spöttisch,
ergötzlich gewesen wäre, und Arne, der den Spott darin nur zu sehr herausfühlte
(denn Christine war eigentlich nie heiter), lachte herzlich vor sich hin.
    »Ich habe mich eben sehr erheitert«, wiederholte die Gräfin mit einem
Anfluge von Empfindlichkeit und fuhr dann fort: »Es ist doch ein eigen Ding um
diese Schweizerpensionen, in denen sich Geschäftlichkeit mit Kalvinismus so gut
verträgt. Es war immer die häßliche Seite des Kalvinismus, so lebensklug zu
sein...«
    Schwarzkoppen, an den sich auch diese zweite Bemerkung gerichtet hatte,
verneigte sich. Ihr Bruder aber sagte: »Das ist mir neu, Christine. Calvin,
soviel ich weiß, war unbequem und unerbittlich, Knox desgleichen, und Coligny
benahm sich jedenfalls nicht allzu lebensklug, sonst lebte er vielleicht noch.
Und dann La Rochelle. Und dann die zehntausend Ausgewanderten um Glaubens
willen. Es soll den Lutherschen schwer werden, Seitenstücke dazu zu finden oder
wohl gar Besseres. Ich beantrage Gerechtigkeit; Schwarzkoppen, Sie dürfen mich
nicht im Stich lassen gegen meine Schwester. Und Petersen, Sie auch nicht.«
    Holk, der seinen Schwager überhaupt sehr liebte, hatte seine herzliche
Freude, daß Arne so sprach. »Das ist recht, Alfred. Für die, die nicht da sind,
muß man eintreten.«
    »Und wenn es Preußen wären«, setzte Arne lachend hinzu. »Wobei mir der
Artikel einfällt, der vorher vorgelesen wurde. Was war es eigentlich damit? Ich
habe nämlich die Tugend, beim Whist gewinnen und doch so ziemlich allem folgen
zu können, was nebenher gelesen oder gesprochen wird. Ich hörte was vom
Charlottenburger Hof und von Wehrhaftmachung und Anno 13. Oder war es nicht so?
Anno 13 habe ich bestimmt gehört und Wehrhaftmachung auch...«
    »Ach, liebe Dobschütz, erzähle, was es war«, sagte die Gräfin.
    »Es war genauso, wie der Herr Baron annimmt, und alles in allem schien der
Artikel sagen zu wollen, daß es mit Dänemark vorbei sei, wenn es sich in der
Sprachenfrage nicht handeln lasse.«
    Holk lachte. »Mit Dänemark vorbei! Nein, Herr Preuß, soweit sind wir noch
nicht, und unter allen Umständen haben wir immer noch die Geschichte vom Storch
und Fuchs. Der Fuchs in der Fabel konnte nicht an das Wasser heran, weil es in
einer Flasche war, und der neueste Fuchs, der Preuße, kann nicht an Dänemark
heran, weil es Inseln sind. Ja, das Wasser! Gott sei Dank. Es ist immer dieselbe
Geschichte, was der eine kann, kann der andere nicht, und so gut die Preußen
ihren Parademarsch marschieren, über die Ostsee können sie nicht rüber, wenn es
auch bei Klaus Groth heißt: De Ostsee is man en Puhl.«
    Arne, der, bis spät in den Herbst hinein, seine Abendmahlzeit regelmäßig mit
einem Teller saurer Milch einleitete, streute eben Brot und Zucker auf die vor
ihm stehende Satte, nahm einen ersten Löffel voll und sagte dann, während er
seinen Bart putzte: »Schwager, da divergieren wir. Der einzige Punkt. Und ich
setze hinzu, glücklicherweise. Denn mit seiner Schwester darf man schon
allenfalls Krieg führen, aber mit seinem Schwager nicht. Ich berufe mich
übrigens auf Petersen, der hat am meisten vom Leben gesehen...«
    Petersen nickte.
    »Sieh, Holk«, fuhr sein Schwager fort, »du sprichst da von Fuchs und Storch.
Nun gut, ich habe nichts dagegen, daß wir in die tiergeschichtliche Fabel
hineingeraten, im Gegenteil. Denn es gibt auch eine Fabel vom Vogel Strauß.
Lieber Holk, du steckst den Kopf wie Vogel Strauß in den Busch und willst die
Gefahr nicht sehen.«
    Holk wiegte sich hin und her und sagte dann: »Ah bah, Alfred. Wer sieht
überhaupt in die Zukunft? Nicht du, nicht ich. Aber schließlich, alles ist
Wahrscheinlichkeitsrechnung, und zu dem Unwahrscheinlichsten von der Welt gehört
eine Gefahr von Berlin oder Potsdam her. Die Tage der Potsdamer Wachtparade sind
vorüber. Nichts über den Alten Fritzen, er hat keinen größeren Verehrer als
mich, aber alles, was er getan, hat, hat den Charakter einer Episode, die für
sein Land geradezu verhängnisvoll geworden.«
    »Also der Ruhm eines Landes, oder gar seine Größe, sein Verhängnis.«
    »Ja, das klingt sonderbar, und doch, lieber Arne...«
    Holk unterbrach sich, denn man hörte vom Nebenzimmer her, daß Asta sich
mühte, die Begleitung eines Liedes auf dem Flügel herauszutippen. Es wurde aber
gleich wieder still, und Holk seinerseits wiederholte: »Ja, Schwager, klingt
sonderbar, daß der Ruhm ein Verhängnis sein soll, und doch, dergleichen kommt
vor und entspricht dann immer der Natur der Dinge. Möglich, daß auf diesem
brandenburgischen Sumpf- und Sandland, auf dem ja die Semnonen und ähnliche
rothaarige Welteroberer gelebt haben sollen, ein neues Welteroberungsvolk hätte
gedeihen können, gut, zugegeben, aber da hätte dies Land einen langsamen
normalen Werdeprozeß durchmachen müssen. Den hat dieser große Friedrich gestört.
Als Kleinstaat legte sich Preußen zu Bett, und als Großstaat stand es wieder
auf. Das war unnormal und kam einfach daher, daß es die Nacht über, oder genauer
gerechnet etliche vierzig Jahre lang, in einem Reck- und Streckbett gelegen
hatte.«
    »Holk, das sind nicht deine Ideen«, sagte Christine.
    »Nein, und ist auch nicht nötig; es genügt, daß ich sie mir angeeignet. Und
so laß mich denn in meinen entlehnten Ideen fortfahren. Allen Respekt vor dem
großen König, er ist eine Sache für sich. Aber das sozusagen posthume Preußen,
das Preußen nach ihm, ist kein Gegenstand meiner Bewunderung, immer im
Schlepptau, heute von Rußland, morgen von Österreich. Alles, was ihm geglückt
ist, ist ihm unter irgendeinem Doppelaar geglückt, nicht unter dem eigenen
Adler, er sei schwarz oder rot. Es hat etwas für sich, wenn Spötter von einem
preußischen Kuckuck sprechen. Ein Staat, der sich halten und mehr als ein
Tagesereignis sein will, muß natürliche Grenzen haben und eine Nationalität
repräsentieren.«
    »Es gibt noch anderen Mörtel und Staatenkitt«, sagte Arne, und Schwarzkoppen
und Christine sahen zustimmend einander an.
    »Gewiß«, replizierte Holk. »Zum Beispiel Geld. Aber wer lacht da? Preußen
und Geld!«
    »Nein, nicht Geld; eine andere Kleinigkeit. Und diese Kleinigkeit ist nichts
weiter als eine Vorstellung, ein Glauben. In den Russen lebt die Vorstellung,
daß sie Konstantinopel besitzen müssen, und sie werden es besitzen. An solchen
Beispielen ist die Geschichte reich, und in den Preußen lebt auch so was. Es ist
nicht wohlgetan, darüber zu lachen. Solche Vorstellungen sind nun mal eine
Macht. In unserem Busen wohnen unsere Sterne, so heißt es irgendwo, und was die
innere Stimme spricht, das erfüllt sich. In Preußen, das du von Jugend an nicht
leiden kannst und von dem du klein denkst, ist seit anderthalb Jahrhunderten
alles Vorbereitung und Entwickelung auf ein großes Ziel hin; nicht der Alte
Fritz war Episode, sondern die Schwächlichkeitszeit, von der du gesprochen, die
war Interregnum. Und mit diesem Interregnum ist es jetzt vorbei. Was der
Zeitungsartikel da sagt, ist richtig. Die Werbetrommel geht still durchs Land,
und gamle Dänemark, wenn es zum Klappen kommt, wird schließlich die Zeche
bezahlen müssen. Petersen, sagen Sie ein Wort! In Ihren Jahren hat man das
Zweite Gesicht und weiß, was kommt.«
    Der Alte lächelte vor sich hin. »Ich will die Frage doch lieber weitergeben.
Denn was unsereinem erst kommt, wenn man achtzig Jahre hinter sich hat (und ich
stehe doch noch davor), das haben die Frauen von Natur, die Frauen sind geborene
Seher. Und unsere Gräfin gewiß.«
    »Und ich will auch antworten«, sagte Christine. »Was meine liebe Dobschütz
da gelesen - anfangs bin ich eigentlich nur mit halbem Ohre gefolgt, denn ich
wollte von dem mir teuren Königspaar hören und nicht von Wehrhaftmachung und
neuer Zeit. Aber was da gesagt wurde, das ist richtig...«
    Arne warf der Schwester eine Kußhand zu, während sich Holk, der sich schon
als Opfer einiger Anzüglichkeiten fühlte, mit einem Krammetsvogel zu schaffen
machte.
    »... Den Brief in der Hamburger Zeitung«, fuhr Christine fort, »hat offenbar
jemand geschrieben, der dem neuen Machthaber nahesteht und seine Pläne kennt.
Und wenn es noch nicht Pläne sind, so doch Wünsche. Ganz und gar aber muß ich
allem zustimmen, was Alfred eben über die Macht gewisser Vorstellungen gesagt
hat. Die Welt wird durch solche Dinge regiert, zum Guten und Schlechten, je
nachdem die Dinge sind. Und bei den Preußen wurzelt alles...«
    »In Pflicht«, warf Arne dazwischen.
    »Ja, in Pflicht und in Gottvertrauen. Und wenn das zuviel gesagt ist, so
doch wenigstens in dem alten Katechismus Lutheri. Den haben sie da noch. Du
sollst den Feiertag heiligen, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht
begehren deines Nächsten Knecht, Magd, Vieh oder alles, was sein ist - ja, das
alles gilt da noch...«
    »Und ist im übrigen aus der Welt verschwunden«, lachte Holk.
    »Nein, Helmuth, nicht aus der Welt, aber doch aus dem Zipfelchen Welt, das
unsere Welt ist. Ich meine nicht aus unserem teuren Schleswig-Holstein, das hat
Gott in seiner Gnade so tief nicht sinken lassen, ich meine, das Treiben drüben,
drüben, wo doch unsere Obrigkeit sitzt, der wir gehorchen sollen und der zu
gehorchen ich auch willens bin, solange Recht Recht bleibt. Aber daß ich mich an
dem Treiben drüben erfreuen sollte, das kannst du nicht fordern, das ist
unmöglich. In Kopenhagen...«
    »Dein alter Widerwille. Was hast du nur dagegen?«
    »In Kopenhagen ist alles von dieser Welt, alles Genuß und Sinnendienst und
Rausch, und das gibt keine Kraft. Die Kraft ist bei denen, die nüchtern sind und
sich bezwingen. Sage selbst, ist das noch ein Hof, ein Königtum da drüben? Das
Königtum, solang es das bleibt, was es sein soll, hat etwas Zwingendes, dem das
Herz freudig Folge leistet und dem zuliebe man Gut und Blut und Leib und Leben
daran gibt. Aber ein König, der nur groß ist in Ehescheidungen und sich um
Vorstadtspossen und Danziger Goldwasser mehr kümmert als um Land und Recht, der
hat keine Kraft und gibt keine Kraft und wird denen unterliegen, die diese Kraft
haben.«
    »Und wir werden preußisch werden, und eine Pickelhaube wird auf eine Stange
gesteckt werden wie Geßlers Hut, und wir werden davor niederknien und anbeten.«
    »Was Gott verhüte. Deutsch, aber nicht preußisch, so soll es sein. Ich bin
gut schleswig-holsteinisch allewege, worauf ich die Herren bitte mit mir
anzustoßen. Auch du, Helmuth, wenn dich dein Kopenhagener Kammerherrnschlüssel
nicht daran hindert. Und sehen Sie nur, Schwarzkoppen, wie da der Mond
heraufsteigt, als woll er alles in Frieden besiegeln. Ja, in Frieden; das ist
das Beste. Dieser Glaube hat mich von Kindheit an begleitet. Schon mein Vater
pflegte zu sagen: Man ist nicht bloß unter einem bestimmten Stern geboren,
sondern in dem Himmelsbuche, darin unsere Namen eingezeichnet stehen, steht auch
immer noch ein besonderes Zeichen neben unserem Namen, Efeu, Lorbeer, Palme...
Neben dem meinigen, hoff ich, steht die Palme.«
    Der alte Petersen nahm ihre Hand und küßte sie: »Ja, Christine. Selig sind
die Friedfertigen.«
    Es war das so ruhig hingesprochen, ohne jede Absicht, das Herz der Gräfin
tiefer berühren zu wollen. Und doch geschah es. Sie hatte sich ihres Friedens
beinah gerühmt oder doch wenigstens eine feste Hoffnung auf ihn ausgesprochen
und empfand im selben Augenblicke, wo der alte Petersen ihr diesen Frieden fast
wie zusicherte, daß sie desselben entbehre. Trotz des besten Mannes, der sie
liebte, den sie wiederliebte, stand sie nicht in dem Frieden, nach dem sie sich
sehnte. Trotz aller Liebe - seine leichtlebige Natur und ihre melancholische,
sie stimmten nicht recht mehr zueinander, was ihr diese letzte Zeit, trotz alles
Ankämpfens dagegen, mehr als einmal und leider in immer wachsendem Grade gezeigt
hatte. So fanden denn Petersens wohlgemeinte Worte bei niemandem ein rechtes
Echo, vielmehr blickte jeder schweigend vor sich hin, und nur Arne wandte sich
die Tafel hinunter und sah durch die offenstehende hohe Glastür auf das Meer
hinaus, das im Silberschimmer dalag.
    Und in diesem Augenblicke voll Bedrückung und Schwüle trat Asta aus dem
Nebenzimmer an den Tisch heran und flüsterte der Mutter zu: »Elisabeth will
etwas singen. Darf sie?«
    »Gewiß darf sie. Aber wer wird begleiten?«
    »Ich. Es ist sehr leicht, und wir haben es eben durchgenommen. Ich denke, es
wird gehen. Und wenn ich steckenbleibe, so ist es kein Unglück.«
    Und damit ging sie bis an den Flügel zurück, während die große Mitteltür
aufblieb. Das Notenblatt war schon aufgeschlagen, die Lichter brannten, und
beide begannen. Aber das Gefürchtete geschah, Begleitung und Stimme gingen nicht
recht zusammen, und nun lachten sie halb lustig und halb verlegen. Gleich danach
aber versuchten sie's zum zweiten Male, und nun klang Elisabeths noch halb
kindliche Stimme hell und klar durch beide Räume hin. Alles schwieg und
lauschte. Besonders die Gräfin schien ergriffen, und als die letzte Strophe
gesungen war, erhob sie sich und schritt auf den Flügel zu. Hier nahm sie das
noch aufgeschlagen auf dem Notenpult stehende Lied und zog sich ohne weitere
Verabschiedung aus der Gesellschaft zurück. Es fiel nicht allzusehr auf, da
jeder ihr sensitives Wesen kannte. Holk begnügte sich, Elisabeth zu fragen, von
wem der Text sei.
    »Von Waiblinger, einem Dichter, den ich bis dahin nicht kannte.«
    »Ich auch nicht«, sagte Holk. »Und die Überschrift?«
    »Der Kirchhof.«
    »Drum auch.«
 
Eine Viertelstunde später fuhr der Arnewieker Wagen vor, und Arne bestand
darauf, daß Petersen und Elisabeth bis vor das Holkebyer Pfarrhaus mitfahren
müßten, Schnuck werde sich nebenher schon durchschlagen. Nach einigem
Parlamentieren wurde das Anerbieten auch angenommen, Arne nahm den Rücksitz, und
Elisabeth, weil sie gerne mit dem Kutscher plauderte, kletterte auf den Bock
hinauf. Und wirklich, kaum oben, so ließ sie sich auch schon des breiteren von
seiner kranken Frau erzählen und von der »Sympathie«, die mal wieder besser
geholfen als der Doktor, der überhaupt bloß immer was verschreibe und gar nicht
ordentlich nachsähe, wo's eigentlich säße und wie's mit der Milz stände. Denn in
der Milz säß es.
    Natürlich war dies Gespräch nur von kurzer Dauer, denn keine zehn Minuten,
so hielt man auch schon vor der Pfarre. Schnuck gab seiner Freude, wieder daheim
zu sein, lebhaften Ausdruck, und Arne setzte sich zu Schwarzkoppen in den Fond.
Und nun fuhren beide, nachdem noch ein paar Dankes- und Abschiedsworte
gewechselt worden waren, auf Arnewiek zu.

                                Fünftes Kapitel

 
Die Fahrt ging zwischen hohlen Knicks hin, das Meer dicht zur Linken; aber man
hörte es nur, ein niedriger Dünenzug hinderte die Aussicht darauf. Arne wie
Schwarzkoppen hatten die Füße in Plaids und Decken geschlagen, denn es war nach
dem schönen warmen Tage herbstlich frisch geworden, frischer, als dem September
zukam. Aber das steigerte nur die Lebendigkeit ihres Gesprächs, das natürlich
dem Abend galt, den man eben verlebt hatte.
    »Die kleine Petersen hat eine reizende Stimme«, sagte Arne. »Trotzdem wollt
ich, sie hätte lieber den Jungfernkranz gesungen als das schwermütige Lied.«
    »Es war sehr schön.«
    »Gewiß war es das, und wir beide können es hören, ohne Schaden zu nehmen.
Aber meine Schwester! Sahen Sie wohl, wie sie das Notenblatt nahm und das Zimmer
verließ? Ich wette, sie hat es sofort auswendig gelernt oder Abschrift genommen
und in irgendein Album eingeklebt. Denn trotz ihrer siebenunddreißig Jahre, in
manchen Stücken ist sie noch ganz das Gnadenfreier Pensionsfräulein, besonders
auch darin, wie sie mit der Dobschütz lebt. Die Dobschütz ist eine vorzügliche
Person, vor deren Wissen und Charakter ich allen möglichen Respekt habe,
trotzdem ist sie für meinen armen Schwager ein Unglück. Sie sind überrascht,
aber es ist so. Die Dobschütz ist viel zu klug und auch viel zu guten Herzens,
um sich aus freien Stücken oder wohl gar aus Eitelkeit zwischen die Eheleute zu
stellen, aber die Stellung, die sie sich nie nehmen würde, wird ihr durch meine
Schwester aufgezwungen. Christine braucht immer jemanden, um sich auszuklagen,
ganz schöne Seele, nachgeborne Jean-Paulsche Figur, die sich, wenn ich mich so
ausdrücken darf, mit dem Ernste des Lebens den Kopf zerbricht. Es gibt
eigentlich nur eine Form, sie zu erheitern, und das sind kleine
Liebesgeschichten aus dem Kreise der Irrgläubigen. Und irrgläubig ist so
ziemlich alles, was nicht altlutherisch oder pietistisch oder herrnhutisch ist.
Ein Wunder, daß sie diese drei wenigstens nebeneinander duldet. Dabei so
eigensinnig, so unzugänglich. Ich versuche mitunter, zum Guten zu reden und ihr
klarzumachen, wie sie sich anpassen und ihrem Manne zuhören müsse, wenn er was
aus der Welt erzählt, einen Witz, ein Wortspiel, eine Anekdote.«
    Schwarzkoppen nickte zustimmend und sagte dann: »Ich habe ihr heut etwas
Ähnliches gesagt und auf des Grafen liebenswürdige Seiten hingewiesen.«
    »Ein Hinweis, den sie mit ziemlich hautainer Manier zurückgewiesen haben
wird. Ich kenne das. Immer Erziehungsfragen, immer Missionsberichte von Grönland
oder Ceylon her, immer Harmonium, immer Kirchenleuchter, immer Altardecke mit
Kreuz. Es ist nicht auszuhalten. Ich spreche darüber so freiweg und so
ausführlich zu Ihnen, weil Sie der einzige sind, der da helfen kann. Ich glaube,
so ganz genügen Sie ihr auch nicht, schon deshalb nicht, weil Sie, Gott sei
Dank, ohne das pietistische Kolorit von Blümelein und Engelein sind, aber Ihr
Standpunkt ist wenigstens der korrekte. Die Temperatur Ihres Bekenntnisses ist
ihr nicht hochgradig genug, indessen das Bekenntnis selbst läßt sie wenigstens
gelten, und weil sie das tut, hört sie nicht bloß Ihren Rat, sondern unterwirft
sich ihm auch. Was etwas sagen will.«
    Als Arne so plauderte, waren sie bis an eine Stelle gekommen, wo sich der
Dünenzug nach dem Meer hin öffnete. Die Brandung wurde jetzt sichtbar, und
weiter hinaus sah man Fischerboote, die mit eingerefftem Segel still in dem
hellen Mondlicht lagen. Am Horizont stieg eine Rakete auf, und Leuchtkugeln
fielen nieder.
    Arne hatte halten lassen. »Entzückend. Das ist der von Korsör kommende
Dampfer. Vielleicht ist der König an Bord und will noch ein paar Wochen in
Glücksburg zubringen. Ich habe schon gehört, daß sie wieder etwas im Moor
gefunden haben, bei Süderbrarup oder sonstwo, vielleicht ein Wikingschiff oder
eine Lustjacht von Kanut dem Großen. Hoffentlich geht dieser Kelch an uns
vorüber. Was mich persönlich angeht, ich lese lieber David Copperfield oder die
Drei Musketiere. Diese Moorfunde, Kämme und Nadeln oder wohl gar eine verfitzte
Masse, worüber Thomsen und Worsaae sich streiten und nicht feststellen können,
ob es ein Wurzelgefaser oder der Schopf eines Seekönigs ist, können mich nicht
interessieren, und die königlichen Frühstücke, bei denen der Liqueurkasten die
Hauptrolle spielt, wenn es nicht gar die Gräfin Danner putzmacherlichen
Angedenkens ist, sind mir eigentlich geradezu zuwider. Ich weiche sonst in allem
von meiner Schwester ab, auch noch da, wo sie recht hat und nur leider zuviel
Aufhebens von ihrem Rechte macht, aber in diesem Stücke kann ich ihr nur
zustimmen und begreife Holk nicht, daß er mit der Geschichte drüben nicht
aufräumt und ein Gefallen daran findet, sich in dem Prinzessinnen-Palais nach
wie vor in seiner Kammerherrn-Uniform herumzuzieren. Daß es ihm sein
schleswig-holsteinisches Herz nicht verbietet, will ich hingehen lassen, denn
solange der König lebt, ist er nun mal unser König und Herzog. Aber ich find es
nicht klug und weise. Das Leben mit der Danner konserviert nicht, ich meine den
König, und über Nacht kann es vorbei sein. Er ist ohnehin ein Apoplektikus. Und
was dann?«
    »Ich glaube nicht, daß sich Holk mit dieser Frage beschäftigt. Er ist ein
Augenblicksmensch und hält zu dem alten Troste: Nach uns die Sündflut.«
    »Sehr wahr. Augenblicksmensch. Und daß es so ist, das ist auch wieder einer
von den Punkten, die meine Schwester ihm nicht verzeihen kann und worin ich mich
abermals auf ihre Seite stellen muß. Aber lassen wir das; ich habe gerade heute
nicht Lust, die Tugenden meiner Schwester aufzuzählen, es kommt mir heute mehr
auf les défauts de ses vertus an, die wir, lieber Schwarzkoppen,
gemeinschaftlich bekämpfen müssen, sonst erleben wir etwas sehr Unliebsames. Das
ist mir sicher, und ungewiß ist mir nur, wer den ersten Schritt tun wird, den
ersten Schritt zum Unheil. Holk ist in fast zu weitgehender Anbetung und
Ritterlichkeit die Nachgiebigkeit und Bescheidenheit selbst; er hat sich
angewöhnt, sich seiner Frau gegenüber immer in die zweite Linie zu stellen.
Natürlich. Erst imponierte ihm ihre Schönheit (sie war wirklich sehr schön und
ist es eigentlich noch), und dann imponierte ihm ihre Klugheit oder doch das,
was er dafür hielt, und dann imponierte ihm, und vielleicht am meisten, ihre
Frömmigkeit. Aber seit einiger Zeit, und leider in zu rasch wachsendem Grade,
bereitet sich ein Umschwung in ihm vor; er ist ungeduldig, anzüglich, ironisch,
und erst heute nachmittag wieder fiel es mir auf, wie sehr er sich in seinem
Tone verändert hat. Entsinnen Sie sich noch, als von den Marmorkrippen die Rede
war. Nun, meine Schwester nahm die mehr oder weniger scherzhafte Sache wie
gewöhnlich wieder ganz ernsthaft und antwortete halb gereizt, halb sentimental.
Noch vor zwei, drei Jahren hätte Holk das hingehen lassen, aber heute gab er ihr
alles spitz zurück und spöttelte, daß ihr bloß wohl sei, wenn sie von Gruft und
Kapelle sprechen und einen aus bloßer Taille bestehenden Engel malen lassen
könne.«
    Schwarzkoppen hatte das alles mit einem gelegentlichen »Nur zu wahr«
begleitet, und an seiner Zustimmung war nicht zu zweifeln. Nun aber schwieg
Arne, weil ihm die bloße Zustimmung nicht genug war und er gern ein
ausführliches Wort von seiten Schwarzkoppens hören wollte. Dieser verriet
indessen wenig Lust, das Thema weiter fortzuspinnen: es war ihm ein zu heißes
Eisen, und nach Arnewiek hinüberweisend, das in eben diesem Augenblick jenseits
einer tief einbuchtenden Förde sichtbar wurde, sagte er: »Wie reizend die Stadt
im Mondlichte daliegt! Und wie der Damm drüben die Dächer ordentlich abschneidet
und dazu die Giebel zwischen den Pappeln und Weiden! Und nun Sankt Katharinen!
Hören Sie, wie's herüberklingt. Ich segne die Stunde, die mich hierher in Ihr
schönes Land geführt.«
    »Und dafür sollen Sie bedankt sein, Schwarzkoppen. Jeder hört es gern, wenn
man ihm seine Heimat preist. Aber Sie wollen mir bloß entschlüpfen. Ich fordere
Sie auf, mir beizustehen in dieser schwierigen Sache, die viel schwieriger
liegt, als Sie vermuten können, und Sie zeigen auf den Damm drüben und sagen
mir, daß er die Dächer abschneidet. Versteht sich, tut er das. Aber damit kommen
Sie mir nicht los. Sie müssen meiner Schwester, bei dem Einfluß, den Sie auf sie
haben, von der Bibelseite her beizukommen und ihr aus einem halben Dutzend
Stellen zu beweisen suchen, daß das nicht so ginge, daß das alles nur
Selbstgerechtigkeit sei, daß die rechte Liebe von diesem versteckten Hochmut,
der nur in Demutsallüren einhergeht, nichts wissen wolle, mit anderen Worten,
daß sie sich ändern und ihrem Manne zu Willen sein müsse, statt ihm das Haus zu
verleiden. Ja, Sie können hinzusetzen, und halb entspricht es auch der Wahrheit,
daß er die ganze Kopenhagener Stellung wahrscheinlich längst aufgegeben hätte,
wenn er nicht froh wäre, dann und wann aus dem Druck herauszukommen, den die
Tugenden seiner Frau, meiner geliebten und verehrten Frau Schwester, auf ihn
ausüben.«
    »Ach, lieber Baron«, nahm jetzt Schwarzkoppen das Wort, »ich will Ihnen
nicht eigentlich entschlüpfen, das ist es nicht, es fehlt mir nicht der gute
Wille, nach meiner Kraft mitzuwirken, denn ich sehe die Gefahr, wie Sie sie
sehen. Aber mit dem guten Willen ist wenig getan. Wenn Ihre Frau Schwester statt
eine protestantische Gräfin eine katholische Gräfin und wenn ich selber statt
ein Seminardirektor in Arnewiek ein Redemptoristen- oder wohl gar ein
Jesuitenpater wäre, so wäre die Sache sehr einfach. Aber so liegt sie nicht. Von
Autorität keine Rede. Alles rein gesellschaftlich, und wenn ich Miene machen
wollte, den Seelenarzt, den Beichtvater zu spielen, so wär ich ein Eindringling
und täte etwas, was mir nicht zukommt.«
    »Eindringling«, lachte Arne. »Ich kann doch nicht annehmen, Schwarzkoppen,
daß Ihnen Petersen Sorge macht, der mit seinen beinahe Achtzig nachgerade an
einem Punkt steht, wo das Rivalisieren und Übelnehmen aufhört.«
    »Nicht Petersen«, sagte Schwarzkoppen. »Der hat freilich die kleinen
Eitelkeiten, die sonst nirgends größer sind als bei meinen pastoralen
Amtsbrüdern, längst hinter sich geworfen und würde mir die Rolle des Bekehrers
und Wundertäters gönnen. Aber was einem der Zufall bietet, darf man nicht immer
ausnutzen. Es spricht hier so vieles dagegen, erschwert und mahnt zur Vorsicht.«
    »Also abgelehnt.«
    »Nein, nicht abgelehnt. Ich will tun, was in meinen Kräften steht, aber es
kann nur ein ganz Geringes sein. Schon aus äußerlichen Gründen. Ich bin im Amt,
und der Weg bis Holkenäs ist nicht allzu nah, so wird sich das bei Gelegenheit,
wovon Sie sprachen, nicht allzu oft einstellen können. Aber die
Hauptschwierigkeit ist doch immer die Gräfin selbst. Ich habe kaum eine Dame
kennengelernt, der ich eine größere Verehrung entgegenbrächte. Sie gesellt zu
den Vorzügen einer vornehmen Dame zugleich alle Tugenden einer christlichen
Frau. Sie will jeden Augenblick das Beste, das Pflichtmäßige, und diesen ihren
Anschauungen von Pflicht eine andere Richtung zu geben, das ist außerordentlich
schwer. Unsere Kirche, wie Sie wissen und wie ich zum Überfluß auch schon
andeutete, gestattet nichts als Rat, Zuspruch, Bitte. Mehr oder weniger ist
alles in Spruchauslegung gelegt, was dem Meinungskampfe Tür und Tor öffnet. Und
dazu kommt noch, die Gräfin ist nicht bloß sehr bibelfest, sie hat auch die
ganze Kraft derer, die nicht links und nicht rechts sehen, keine Konzessionen
machen und durch Starrheit und Unerbittlichkeit sich eine Rüstung anzulegen
wissen, die besser schließt als die Rüstung eines milden und liebevollen
Glaubens. Mit Widerspruch ist ihr nicht beizukommen und noch weniger mit
überlegener Miene.«
    »Gewiß. Auch kann ich nur wiederholen: es muß sich alles wie von ungefähr
ergeben.«
    »Alles, was ich tun kann, ist - wenn ich mich als halber Schulmeister, der
ich jetzt bin, auf ein etwas gelehrt klingendes Wort ausspielen darf - ein
prophylaktisches Verfahren. Verhütung, Vorbauung. Ich will mir Geschichten
zurechtlegen, Geschichten aus meinem früheren Pfarrleben - in welche
Verschlingungen und Verirrungen gewinnt man nicht Einblick! -, und will
versuchen, diese Geschichten still wirken zu lassen. Ihre Frau Schwester ist in
gleichem Maße phantasievoll und nachdenklich; das Phantasievolle wird ihr das
Gehörte verlebendigen, und ihre Nachdenklichkeit wird sie zwingen, sich mit dem
Kern der Geschichte zu beschäftigen, und sie so vielleicht zunächst zu einem
Wandel der Anschauung und weiterhin zur Selbstbekehrung führen. Das ist alles,
was ich versprechen kann. Ein sehr langsames Verfahren und vielleicht ein
Aufwand von Kraft, der in keinem Verhältnis steht zu dem, was dabei herauskommt.
Aber ich will mich meiner Aufgabe wenigstens nicht entziehen, weil ich ein
Einsehen habe, daß es nötig ist, innerhalb vorsichtig zu ziehender Grenzen
irgend etwas zu tun.«
    »Abgemacht, Schwarzkoppen; ich hab Ihr Wort. Und damit gut. Zudem, die Zeit
ist günstig für das, was wir vorhaben. Holk erwartet in etwa vier Wochen seine
Zitierung zur Prinzessin nach Kopenhagen, und dann ist er fort bis Weihnachten.
In der zwischenliegenden Zeit bin ich oft drüben, um, wie herkömmlich, wenn Holk
in Kopenhagen ist, in Wirtschaft und Buchführung nach dem Rechten zu sehen; ich
werde mich, wenn ich hinüberfahre, regelmäßig erst mit Ihnen benehmen und
anfragen, ob Sie mich begleiten können. Auch das möcht ich noch sagen dürfen,
allemal wenn er fort ist, ist sie in einer weichen und beinah zärtlichen
Stimmung, und die große Liebe, die sie früher für ihn hegte und die sie
gegenwärtig mehr haben will, als daß sie sie wirklich hat, diese Liebe wird dann
immer wieder lebendig. Kurzum, ihr Gemüt ist in seiner Abwesenheit ein Acker,
darin jedes gute Samenkorn aufgeht. Es kann nur darauf ankommen, ihr einmal
alles von einer anderen, einigermaßen mitberechtigten Seite zu zeigen. Glückt
uns das, so haben wir gewonnen Spiel. Bei dem Ernst und der Nachhaltigkeit,
womit sie alles austrägt, kommt sie, wenn ihrem Geiste nur erst die rechte
Richtung gewiesen ist, von selber ans rechte Ziel.«
    Man hatte jetzt den an der anderen Seite der Bucht sich hinziehenden Damm
erreicht, auf dem noch, auf eine kurze Strecke hin, die Fahrstraße lief. Unten
lag die Stadt, in ihrer Mitte von der Katharinenkirche, darin das Seminar
eingebaut war, und am Ausgange von einem alten hochgelegenen Schloßbau, »Schloß
Arne«, überragt. Als der Wagen die Dammschrägung nach der Stadt zu hinabfuhr,
sagte Schwarzkoppen: »Ein wunderliches Spiel; sind wir doch wie zwei
Verschwörer, die nächtlicherweile Pläne schmieden, Pläne, bei denen mir wohl die
Rolle zufällt, die eigentlich dem alten Petersen zufallen müßte. Und das um so
mehr, als die Gräfin ihn eigentlich schwärmerisch verehrt und nur über den
Rationalisten in ihm nicht gut fortkommen kann. Über den Rationalisten! Ein
bloßes Wort, und bei Lichte besehen ist es nicht mal so schlimm damit, am
wenigsten jetzt. Er ist nun nah an der Grenze der uns hienieden bewilligten Zeit
und hat hellere Augen als wir, vielleicht in all und jedem und in Dingen von
dieser Welt nun schon ganz gewiß.«

                                Sechstes Kapitel

 
Die schönen Herbsttage schienen andauern zu wollen. Auch am anderen Morgen war
es wieder hell und sonnig, und das gräfliche Paar nahm das Frühstück im Freien
unter der Fronthalle. Julie von Dobschütz mit ihnen. Asta übte nebenan, Axel und
der Hauslehrer waren in den Dünen auf Jagd, was die Michaelisferien gestatteten,
von denen die Gräfin, wie von Ferien überhaupt, als Regel nicht viel wissen
wollte; Ferien in der Stadt und auf Schulen, das habe Sinn, hier draußen aber,
wo man in Gottes freier Natur lebe, seien sie mindestens überflüssig. Hieran
hielt die Gräfin prinzipiell seit lange fest und lächelte überlegen, wenn der
Graf seinen entgegengesetzten Standpunkt verteidigte; gegen die diesjährigen
Michaelisferien aber hatte sie, trotz ihrer unveränderten Anschauungen,
ausnahmsweise nichts einzuwenden, weil sie den Plan, beide Kinder mit Beginn des
Winterkursus in Pension zu geben, noch immer nicht aufgegeben hatte. Da
bedeuteten denn die paar Tage nicht viel. Der Graf seinerseits zeigte
hinsichtlich der Schul- und Pensionsfrage nach wie vor die von der Gräfin immer
wieder beklagte Laschheit; er war nicht eigentlich dagegen, aber er war auch
nicht dafür. Jedenfalls bestritt er, daß es irgendwelche Eile damit habe, worauf
dann die Gräfin mit einer gewissen Gereiztheit antwortete: das gerade könne sie
nicht gelten lassen; es sei nicht bloß an der Zeit, es sei sogar höchste Zeit;
Asta sei sechzehn, Axel werde fünfzehn, das seien die Jahre, wo der Charakter
sich bilde, wo der Kreuzweg käme, wo sich's entscheide nach links oder rechts.
»Und ob schwarze oder weiße Schafe«, warf Holk spöttisch ein und griff nach der
Zeitung.
    Aber gerade diese spöttische Behandlung, die der Gräfin zeigen sollte, daß
sie das alles mal wieder viel zu wichtig nähme, steigerte nur ihren Ernst, und
so sagte sie denn, ohne auf die Gegenwart der Dobschütz, die ohnehin eine
Eingeweihte war, Rücksicht zu nehmen: »Ich bitte dich, Helmuth, verzichte doch
endlich darauf, eine ernsthafte Sache ins Scherzhafte zu ziehen. Ich erheitere
mich gern...«
    »Pardon, Christine, das scheint seit gestern deine Parole.«
    »Ich erheitere mich gern«, wiederholte sie, »aber alles zu seiner Zeit. Ich
verlange keine Zustimmung von dir, ich verlange nur eine feste Meinung, sie
braucht nicht einmal begründet zu sein. Sage, daß du Herrn Strehlke für
ausreichend hältst und daß dir Elisabeth Petersen lieber ist als ein ganzes
Pensionat junger Damen - ich werde beides nicht glauben, aber ich werde mich
unterwerfen und schweigen. Nur freilich nenne das nicht Erziehung...«
    »Ach, liebe Christine, das ist nun mal dein Steckenpferd oder eins aus der
Reihe davon, und wenn du nicht als Baronesse Arne geboren wärest, so wärest du
Basedow oder Pestalozzi geworden und könntest Schwarzkoppen als Seminardirektor
ablösen. Oder wohl gar sein Inspizient werden. Erziehung und immer wieder
Erziehung. Offen gestanden, ich für meine Person glaube nicht an die Wichtigkeit
all dieser Geschichten. Erziehung! Auch da ist das Beste Vorherbestimmung,
Gnade. In diesem Stück, so gut lutherisch ich sonst bin, stehe ich zu Calvin.
Und falls Calvin dich verdrießt, beiläufig auch eine von deinen höheren
Gesinnungskapricen, so laß mich dir einfach das alte Sprichwort sagen: Wie man
in die Wiege gelegt wird, so wird man auch in den Sarg gelegt. Erziehung tut
nicht viel. Und wenn dann schon von Erziehung die Rede sein soll, so ist es die,
die das Haus gibt.« Die Gräfin zuckte leis mit den Achseln, Holk aber sah
darüber hin und fuhr fort: »Haus ist Vorbild, und Vorbild ist das einzige, dem
ich so was wie erziehliche Kraft zuschreibe. Vorbild und natürlich Liebe. Und
ich liebe die Kinder, darin werd ich doch hoffentlich deinen Beifall finden, und
sie jeden Tag zu sehen ist mir Bedürfnis.«
    »Es handelt sich, Helmuth, nicht um das, wessen du bedarfst, sondern es
handelt sich um das, wessen die Kinder bedürfen. Du siehst die Kinder nur beim
Frühstück, wenn du Dagbladet, und beim Tee, wenn du die Hamburger Nachrichten
liest, und bist verstimmt, wenn sie sprechen oder wohl gar eine Frage an dich
richten. Es ist möglich, daß dir die Nähe der Kinder ein gewisses Wohlgefühl
gibt, aber es ist damit nicht viel anders als mit der Zuckerdose da, die
regelmäßig rechts von dir stehen muß, wenn es dir wohl sein soll. Du bedarfst
der Kinder, sagst du. Glaubst du, daß ich ihrer nicht bedarf, hier in dieser
Einsamkeit und Stille, darin ich nichts habe als meine gute Dobschütz? Aber das
Glück meiner Kinder gilt mir mehr als mein Behagen, und das, was die Pflicht
vorschreibt, frägt nicht nach Wohlbefinden.«
    Holk strich mit der Linken über das Tischtuch, während er mit der Rechten
die Zuckerdose drei-, viermal auf- und zuknipste, bis die Gräfin, die bei diesem
Tone jedesmal nervös wurde, die Dose beiseite schob, was er ruhig geschehen
ließ.
    Denn er begriff vollkommen, daß solche schlechte Angewohnheit schwer zu
ertragen sei. Mehr noch, der ganz geringfügige Zwischenfall gab ihm seine gute
Laune wieder. »Meinetwegen, Christine. Besprich es mit Schwarzkoppen und deinem
Bruder und natürlich mit unserer guten Dobschütz. Und dann tut nach eurem
Ermessen. Ist es doch überhaupt nutzlos, über all das eine Fehde zu führen, und
ich ärgere mich nachträglich über jedes Wort, das ich dir geantwortet habe. Denn
eigentlich«, und er nahm ihre Hand und küßte sie, »eigentlich ist es doch eine
kleine Komödie, die du spielst, eine liebenswürdige kleine Komödie. Du willst
mich, ich weiß freilich nicht recht warum, in dem Glauben erhalten, als ob ich
hier auf Holkenäs etwas zu sagen hätte. Nun, Christine, du bist nicht bloß viel
charaktervoller als ich, du bist auch viel klüger; aber so wenig klug bin ich
doch nicht, daß ich nicht wissen sollte, wer hier Herr ist und nach wem es geht.
Und wenn ich eines Morgens hier am Frühstückstisch erschiene und du sagtest mir:
Ich habe über Nacht zwei Pakete gemacht, und das eine habe ich nach
Schnepfenthal und das andere nach Gnadenfrei geschickt, und in dem einen Paket
war Axel und in dem anderen war Asta, so weißt du mit jeder erdenklichen
Gewißheit, daß ich vielleicht einen Augenblick stutzen, aber gewiß nicht
widersprechen oder mich wohl gar bis zu Vorwürfen steigern würde.«
    Die Gräfin lächelte halb befriedigt, halb wehmütig.
    »Nun sieh«, fuhr Holk fort, »du gibst mir recht, und wenn du noch einen
Augenblick damit zögern wolltest, so würde ich mich zur Entscheidung an unsere
Freundin Julie wenden. Nicht wahr, liebe Dobschütz, es ist eine Torheit und
eigentlich ein grausames Spiel, von den Widersprüchen oder Unentschlossenheiten
eines Mannes zu sprechen, dessen Unentschlossenheiten nie ein Hindernis sind,
weil sie durch die Bestimmtheiten seiner besseren Hälfte zu baren
Gleichgültigkeiten herabsinken. Aber da biegt ja die Dronning Maria grad um
Farö-Klint herum. Noch fünf Minuten, so ist sie heran. Ich schlage vor, daß wir
bis an die Landungsbrücke gehen und die Kopenhagener Briefschaften in Empfang
nehmen.«
    »Nein, ich«, rief Asta, die das Wort von dem Herankommen der Dronning Maria
nebenan gehört und den Flügel, auf dem sie übte, sofort zugeklappt hatte. »Nein,
ich; ich bin flinker.« Und ehe noch mit einem Ja oder Nein geantwortet werden
konnte, flog sie schon die Terrasse hinunter und auf den Pier zu, dessen
Endpunkt sie fast in demselben Augenblicke erreichte, wo das Schiff anlegte. Der
Kapitän, der die junge Comtesse sehr wohl kannte, grüßte militärisch und reichte
dann persönlich von der Kommandobrücke her die Zeitungen und Briefschaften.
Einen Augenblick später setzte sich das Schiff, auf Glücksburg zu, weiter in
Bewegung. Asta aber eilte zurück; auf die Terrasse zu, und als sie halb herauf
war, hielt sie schon einen Brief in die Höhe, an dessen Format und großem Siegel
Graf und Gräfin unschwer erkannten, daß es ein dienstliches Schreiben sei.
Gleich danach war die junge Comtesse wieder oben unter der Säulenhalle und legte
die Zeitungen auf den Tisch, während sie den Brief dem Papa überreichte.
    Dieser überflog die Adresse und las: »Sr. Hochgeboren dem Grafen Helmuth
Holk auf Holkenäs, stellvertretendem Propst des adligen Konvents zu St. Johannes
in Schleswig, Kammerherr I. K. H. der Prinzessin Maria Eleonore.«
    »So korrekt und so vollständig«, sagte die Gräfin, »schreibt nur einer. Der
Brief muß also von Pentz sein. Ich muß immer lachen, wenn ich an ihn denke,
etwas Polonius und etwas Hofmarschall Kalb. Asta, du solltest aber weiterüben;
die Dronning Maria, glaub ich, kam dir sehr zupaß.«
    Und Asta ging an den Flügel zurück.
    Holk hatte inzwischen den Brief geöffnet und begann ohne weiteres mit seiner
Verlesung, weil er wußte, daß er keine Staatsgeheimnisse verraten würde.
 
                                               »Kopenhagen, Prinzessinnen-Palais
                                                              28. September 1859
 
Lieber Holk. Unsren freiherrlichen Gruß zuvor! Und meinem Gruß auf der Ferse die
ganz ergebenste Bitte, mich's nicht entgelten lassen zu wollen, daß ich auf dem
Punkt stehe, das Familienleben auf Schloß Holkenäs zu stören. Unser Freund
Thureson Bille, der am 1. Oktober den Dienst bei der Prinzessin antreten und mit
Erichsen alternieren sollte, liegt seit drei Wochen an den Masern danieder, eine
Kinderkrankheit, von der man in diesem Falle sagen darf (ich zitiere hier unsre
Prinzessin, Königliche Hoheit), sie habe sich an den rechten Mann gewandt. Nun
hätten wir freilich noch Baron Steen, aber der ist gerade in Sizilien und wartet
schon seit fünf Wochen auf einen Ätna-Ausbruch. Seitdem Steen allerpersönlichst
sein eruptives Leben nicht mehr fortsetzen kann, hat er sich den Eruptionen der
feuerspeienden Berge zugekehrt. Wie seine eigne Vergangenheit ihm daneben
erscheinen mag! Ich kenne ihn nun seit dreißig Jahren. Er war, trotz aller
Anstrengungen, ein Don Juan zu sein, im wesentlichen immer nur ein Junker
Bleichenwang, also, gemessen an seinen Ansprüchen, so ziemlich das
Lächerlichste, was man sein kann. Aber lassen wir das und wenden wir uns der
Hauptsache zu; Steen und Bille versagen, und so bleiben nur Sie. Die Prinzessin
selbst läßt Ihnen und der liebenswürdigen Gräfin ihr Bedauern darüber
aussprechen und beauftragt mich, hinzuzufügen, sie würde sich mühen, Ihnen die
Tage so leicht und angenehm wie möglich zu machen. Und das wird ihr auch
gelingen. Der König hat vor, den Spätherbst in Glücksburg zuzubringen, die
Danner natürlich mit ihm, und so finden Sie denn unsere Serenissima, die, wie
Sie wissen, mit der Danner nicht gern dieselbe Luft atmet, bei bester Laune. Die
Stellung Halls, der in politicis nach wie vor der Liebling im
Prinzessinnen-Palais ist, ist erschüttert, aber auch das trägt dazu bei, die
Stimmung der Prinzessin selbst zu verbessern, denn dem Bauern-Ministerium, das
nah bevorsteht, verspricht alle Welt nur eine Dauer von vier Wochen, und wenn
Hall dann wieder eintritt (und man wird ihn beschwören, es zu tun), so steht er
fester denn je zuvor. Im übrigen, lieber Holk, und ich freue mich, dies
hinzusetzen zu dürfen, ist es nicht nötig, daß Sie sich hasten und eilen und
gleich den ersten Dampfer benutzen; die Prinzessin läßt Ihnen dies eigens sagen,
eine besondere Gunstbezeugung, da Pünktlichkeit im Dienst zu den Dingen gehört,
auf die sie sonst hält und bei denen sie unter Umständen empfindlich werden
kann. Ich breche hier ab und nehme nichts vorzeitig aus dem Sack voll
Neuigkeiten heraus, den ich für Sie habe. Die Prinzessin nimmt es außerdem übel,
wenn man vorweg ausplaudert, was sie selber gern erzählen möchte. Nur ein
Kosthäppchen. Adda Nielsen quittiert die Bühne und wird Gräfin Brede, nachdem
sie vierzehn Tage lang geschwankt, ob sie nicht lieber in ihrer freieren und
finanziell vorteilhafteren Stellung bei Grossierer Hoptrup verbleiben solle. Das
Legitime hat aber doch auch einen Reiz, und nun gar eine legitime Gräfin!
Hoptrup, selbst wenn er ein Witwer werden sollte (woran vorläufig noch gar nicht
zu denken), kann, trotz seiner Millionen, über den Etatsrat nie hinaus. Und das
ist für die Ansprüche einer ersten Tragödin zuwenig. De Meza ist Flügeladjutant
geworden, Thomsen und Worsaae haben sich mal wieder gezankt, natürlich über
einen ausgehöhlten versteinerten Baumstamm, den Worsaae bloß bis auf Ragnar
Lodbrock, Thomsen aber, dem das nicht genug ist, bis auf Noah zurückverlegen
will. Ich bin für Noah; er weckt mir angenehmere Vorstellungen: Arche, Taube,
Regenbogen und vor allem Weinstock. Lassen Sie mich in einer Zeile wissen oder
am besten in einem Telegramm, wann wir Sie erwarten dürfen. Tout à vous.
                                                            Ihr Ebenezer Pentz.«
 
Holk, als er den Brief gelesen, verfiel in eine herzliche Heiterkeit, in die die
Gräfin nicht einstimmen mochte.
    »Nun, was sagst du, Christine? Pentz from top to toe. Voll guter Laune, voll
Medisance, zum Glück auch voll Selbstironie. Das Hofleben bildet sich doch
wunderbare Gestalten aus.«
    »Gewiß. Und besonders drüben in unserem lieben Kopenhagen. Es kann auch in
seinem Hofleben von seiner ursprünglichen Natur nicht lassen.«
    »Und was ist diese Natur?«
    »Tanzsaal, Musik, Feuerwerk. Es ist eine Stadt für Schiffskapitäne, die
sechs Monate lang umhergeschwommen und nun beflissen sind, alles Ersparte zu
vertun und alles Versäumte nachzuholen. Alles in Kopenhagen ist Taverne,
Vergnügungslokal.«
    Holk lachte. »Thorwaldsen-Museum, nordische Altertümer und Olafkreuz und
dazu die Frauenkirche mit Christus und zwölf Aposteln... Auch das?«
    »Ach, Holk, welche Frage! Da ließe sich noch viel andres aufzählen, und ich
bin nicht blind für all das Schöne, was da drüben zu finden ist. Es ist
eigentlich ein feines Volk, sehr klug und sehr begabt und ausgerüstet mit vielen
Talenten. Aber so gewiß sie die Tugenden haben, die der Verkehr mit der Welt
gibt, so gewiß auch die Schattenseiten davon. Es sind lauter Lebeleute; sie
haben sich nie recht quälen und mühen müssen, und das Glück und der Reichtum
sind ihnen in den Schoß gefallen. Die Zuchtrute hat gefehlt, und das gibt ihnen
nun diesen Ton und diesen Hang zum Vergnügen, und der Hof schwimmt nicht nur
bloß mit, er schwimmt voran, anstatt ein Einsehen zu haben und sich zu sagen,
daß der, der herrschen will, mit der Beherrschung seiner selbst beginnen muß.
Aber das kennt man in Kopenhagen nicht, und das hat auch deine Prinzessin nicht,
und am wenigsten hat es dieser gute Baron Pentz, der, glaub ich, das
Tivoli-Theater für einen Eckpfeiler der Gesellschaft hält. Und in dem Sinne
schreibt er auch. Ich kann diesen Ton nicht recht leiden und muß dir sagen, es
ist der Ton, der nach meinem Gefühl und fast auch nach meiner Erfahrung immer
einer Katastrophe vorausgeht.«
    Holk war andrer Meinung. »Glaube mir, Christine, soviel königliche und nicht
königliche Gasterei drüben sein mag, das Gastmahl des seligen Belsazar ist noch
nicht da, und der Untergang wird meinen lieben Kopenhagnern noch lange nicht an
die Wand geschrieben... Aber was tue ich dieser Zitation meiner Prinzessin
gegenüber?«
    »Natürlich ihr gehorchen. Du bist im Dienst, und solange du's für richtig
hältst, darin zu verbleiben, so lange hast du bestimmte Pflichten und mußt sie
erfüllen. Und in dem vorliegenden Falle, je eher je lieber. Wenigstens nach
meinem Dafürhalten. Das mit dem Urlaub oder mit der Versicherung, es habe keine
Eile, das würd ich nicht glauben und jedenfalls nicht annehmen. Ich bin allem
Höfischen aus dem Wege gegangen und habe einen Horror vor alten und jungen
Prinzessinnen, aber soviel weiß ich doch auch vom Hofleben und seinen Gesetzen,
daß man an Huldigungen nicht leicht genug tun kann und daß die ruhige Hinnahme
bewilligter Freiheiten immer etwas Mißliches ist. Und dann, Holk, wenn du auch
noch bleiben wolltest, es wären doch unruhige Tage für dich und mich, für uns
alle. Kann ich dir also raten, so reise morgen.«
    »Du hast recht; es ist das beste so, nicht lange besinnen. Aber du solltest
mich begleiten, Christine. Die Hansen drüben hat das ganze Haus, also Überfluß
an Raum, und ist eine Wirtin, wie sie nicht besser gedacht werden kann. Und was
die Bekanntschaften angeht, so findest du die Schimmelmann und die Schwägerin
unserer guten Brockdorff und Helene Moltke. Ich nenne diese drei, weil ich weiß,
daß du sie magst. Und dann gibt es doch auch Kirchen in Kopenhagen, und Melbye
ist dein Lieblingsmaler, und vor dem alten Grundtvig hast du zeitlebens Respekt
gehabt.«
    Die Gräfin lächelte. Dann sagte sie: »Ja, Helmuth, da bist du nun wieder
ganz du. Noch keine Stunde, daß wir von den Kindern und ihrer Unterbringung
gesprochen haben, und schon hast du alles wieder vergessen. Einer muß doch hier
sein und das, was zu tun ist, in die rechten Wege leiten. Ich möchte wissen, was
dich eigentlich beschäftigt. Alle Körner fallen aus deinem Gedächtnis heraus,
und nur die Spreu bleibt zurück. Verzeih, aber ich kann dir diese bittren Worte
nicht ersparen. Ich glaube, wenn mein Bruder Alfred stirbt oder vielleicht auch
wer, der dir noch nähersteht, und du hast gerad eine Hühnerjagd angesagt, so
vergißt du, zum Begräbnis zu fahren.«
    Holk biß sich auf die Lippen. »Es glückt mir nicht, dich freundlich zu
stimmen und dich aus deinem ewigen Brüten und Ernstnehmen herauszureißen. Ich
frage mich, ist es meine Schuld oder ist es deine?«
    Diese Worte blieben doch nicht ohne Wirkung auf Christine. Sie nahm seine
Hand und sagte: »Schuld ist überall, und vielleicht ist meine die größere. Du
bist leichtlebig und schwankend und wandelbar, und ich habe den melancholischen
Zug und nehme das Leben schwer. Auch da, wo Leichtnehmen das Bessere wäre. Du
hast es nicht gut mit mir getroffen, und ich wünschte dir wohl eine Frau, die
mehr zu lachen verstände. Dann und wann versuch ich's, berühme mich auch wohl,
daß ich's versucht, aber es glückt nicht recht. Ernst bin ich gewiß und
vielleicht auch sentimental. Vergiß, was ich dir vorhin gesagt habe; es war hart
und unrecht, und ich habe mich hinreißen lassen. Gewiß, ich klage dich oft an
und will es nicht leugnen, aber ich darf auch sagen, ich verklage mich vor mir
selber.«
    In diesem Augenblicke trat Asta vom Salon her wieder unter die Halle, einen
Helgoländerhut über dem linken Arm.
    »Wo willst du hin?«
    »Zu Elisabeth. Ich will ihr die Notenmappe zurückbringen, die sie gestern
hiergelassen.«
    »Ah, das trifft sich gut«, sagte Holk, »da begleit ich dich ein Stück Wegs.«
Und Asta, die wohl sah, daß ein ernsthaftes Gespräch stattgefunden hatte, grüßte
zunächst die Dobschütz und küßte dann der Mutter die Stirn. Und gleich danach
nahm sie des Vaters Hand und ging mit ihm die Halle hinunter, auf die
Gartenfront des Hauses zu.
    Als sie fort waren, sagte die Dobschütz: »Ich möchte beinah glauben,
Christine, du hättest die Notenmappe noch gern ein paar Tage hierbehalten? Ich
sah gestern abend, welchen Eindruck das Lied auf dich machte.«
    »Nicht die Komposition, bloß der Text. Und den hab ich mir im ersten Eifer
gleich gestern abgeschrieben. Bitte, liebe Julie, hol ihn mir von meinem
Schreibtisch. Ich möchte wohl, du läsest mir das Ganze noch einmal vor oder doch
wenigstens die erste Strophe.«
    »Die gerade kann ich auswendig«, sagte die Dobschütz.
    »Ich vielleicht auch. Aber trotzdem möcht ich sie hören; sage sie mir, und
recht langsam.«
    Und nun sprach die Dobschütz langsam und leise vor sich hin:
 
»Die Ruh ist wohl das Beste
Von allem Glück der Welt,
Was bleibt vom Erdenfeste,
Was bleibt uns unvergällt?
Die Rose welkt in Schauern,
Die uns der Frühling gibt,
Wer haßt, ist zu bedauern,
Und mehr noch fast, wer liebt.«
 
Die Gräfin ließ von ihrer Arbeit ab, und eine Träne fiel auf ihre Hand. Dann
sagte sie: »Eine wunderbare Strophe. Und ich weiß nicht, was schöner ist, die
zwei Zeilen, womit sie beginnt, oder die zwei Zeilen, womit sie schließt.«
    »Ich glaube, sie gehören zusammen«, sagte die Freundin, »und jedes
Zeilenpaar wird schöner durch das andre. Wer haßt, ist zu bedauern, und mehr
noch fast, wer liebt. Ja, Christine, es ist so. Aber gerade, weil es so wahr
ist...«
    »Ist das andre, womit die Strophe beginnt, noch wahrer: Die Ruh ist wohl das
Beste.«

                               Siebentes Kapitel

 
Holk und Asta schritten, während Christine dies Gespräch mit der Dobschütz
führte, die Säulenhalle hinunter, und erst als sie hundert Schritte weiter
abwärts das mit Rasen überwachsene Rondel erreicht hatten, wo man, wenn Besuch
war, Kricket zu spielen pflegte, trennten sie sich, Holk, um sich einem vor
einem Treibhause beschäftigten Gärtner zuzuwenden, Asta, um ihren Weg auf der
wohlgepflegten Parkchaussee fortzusetzen. Diese senkte sich allmählich und bog
schließlich scharf links in eine breite, schon in der Ebene laufende
Kastanienallee ein, die sich bis Dorf Holkeby hinzog. Überall lagen Kastanien am
Boden oder platzten aus der Schale, wenn sie vor Asta niederfielen. Diese bückte
sich nach jeder einzelnen, als aber das Pfarrhaus, das in die Kirchhofsmauer
eingebaut war, in Sicht kam, warf sie alles wieder fort und ging in rascherem
Schritt auf das Haus zu. Die Tür hatte noch von alter Zeit her einen Klopfer, er
schien aber seinen Dienst versagen zu wollen, denn niemand kam. Erst als sie das
Klopfen mehrmals wiederholt hatte, wurde geöffnet, und zwar von Pastor Petersen
selbst, der augenscheinlich gestört worden war. Als er aber Asta erkannte,
verschwand rasch die Mißmutswolke von seiner Stirn, und er nahm ihre Hand und
zog sie mit sich in seine Studierstube, deren Tür er offengelassen hatte. Die
Fenster gingen auf den ein wenig ansteigenden Kirchhof hinaus, so daß die
Grabsteine einander wie über die Schulter sahen. Dazwischen standen Eschen und
Trauerweiden, und der Duft von Reseda, trotzdem es schon spät im Jahre war,
drang von außen her ein.
    »Nimm Platz, Asta«, sagte Petersen. »Ich war eben eingeschlafen. In meinen
Jahren geht der Schlaf nicht mehr nach der Uhr; in der Nacht will er nicht
kommen, und da kommt er denn bei Tag und überfällt einen. Elisabeth ist bei
Schünemanns drüben und bringt der armen Frau, die's, glaub ich, nicht lange mehr
machen wird, ein paar Weintrauben, die wir heute früh geschnitten haben. Aber
sie muß gleich wieder da sein; Hanna hilft mit draußen auf dem Feld. Und nun
trinkst du mit mir ein Glas Malvasier. Das ist Damenwein.«
    Und dabei schob er die aufgeschlagene Bibel nach rechts, einen Kasten mit
Altertümern aber (denn er war ein Altertümler wie die meisten schleswigschen
Pastoren) weit nach links hin und stellte zwei Weingläser auf seinen
Arbeitstisch.
    »Laß uns anstoßen. Ja, worauf? Nun, auf ein frohes Weihnachten.«
    »Ach, das ist noch so lange.«
    »Ja dir. Aber ich rechne anders... Und daß das Christkind dir alles erfüllt,
was du auf dem Herzen hast.«
    Ihre Gläser klangen zusammen, und im selben Augenblicke trat auch Elisabeth
ein und sagte: »Da muß ich doch mit anstoßen, wenn ich auch nicht weiß, wem es
gilt.«
    Und nun erst begrüßten sich die jungen Mädchen, und Asta gab an Elisabeth
die Notenmappe zurück und sprach ihr dabei den Dank ihrer Mutter für das schöne
Lied aus, das sie gestern abend gesungen.
    Dies wurde nur so hingesprochen, denn während Asta die Bestellung
ausrichtete, beschäftigte sich ihr Auge schon mit den zahlreichen numerierten
Dingen, kleinen und großen, die den archäologischen Kasten füllten. Das eine,
was sie sah, schien Golddraht zu sein, Golddraht in einer großen Spirale.
    »Warum ist es von Gold?« fragte Asta. »Es sieht ja aus wie eine
Sofa-Sprungfeder.«
    Der Alte vergnügte sich darüber und sagte ihr dann, es sei was Besseres, ein
Schmuckstück, eine Art Armband, das vor zweitausend Jahren eine damalige
Comtesse Asta getragen habe.
    Asta freute sich und nickte, und Elisabeth, die von diesen Dingen mehr
kannte, als ihr lieb war, denn sie war wie der Kustos der Sammlung, setzte
ihrerseits hinzu: »Und wenn nach wieder zweitausend Jahren deine kleine
Hufeisen-Broche gefunden wird, dann, das kann ich dir versichern, wird es auch
Vermutungen und Feststellungen geben... Aber nun komm, Asta, wir wollen den
Großpapa und seine Studierstube nicht länger stören.«
    Und damit nahm sie Astas Arm und ging mit ihr über den Flur auf eine Pforte
zu, die direkt nach dem Kirchhof hinausführte. Nur wenige Schritte noch, dann
kamen sie bis an einen breiten Querweg, der zwischen Gräbern hin auf die alte
Feldsteinkirche zulief, einen frühgotischen Bau ohne Turm, der für eine Scheune
hätte gelten können, wenn nicht die hohen Spitzbogenfenster gewesen wären mit
ihrem dichten kleinblättrigen Efeu, der sich bis unter das Dach hinaufrankte.
Die Glocke hing unter ein paar Schutzbrettern an der einen Giebelseite der
Kirche, während an der andern ein niedriges Backsteinhaus angebaut war, mit
kleinen Fenstern und jedes Fenster mit zwei Eisenstäben. Einige der Grabsteine,
die hier in Nähe der Kirche besonders zahlreich waren, reichten mit ihrem
Kopfende bis dicht an die Gruft heran, denn eine solche war der Anbau, und auf
einen dieser Grabsteine stieg nun Asta und sah neugierig durch die kleinen
eisenvergitterten Fenster. Dabei lehnte sie sich mit der Hand gegen einen losen
Mauerstein, der sich dadurch nach hinten schob und einen anderen Halbstein, der
auch schon lose war, zum Umkippen brachte, so daß er mit Gepolter in die Gruft
hinabstürzte.
    Asta fuhr zurück und sprang von dem Grabstein herab, auf dem sie gestanden.
Elisabeth war mit erschrocken, und erst als sie beide den unheimlichen Platz und
gleich darnach auch den Kirchhof selbst verlassen hatten, erholten sie sich und
fanden ihre Sprache wieder. Draußen, an der Kirchhofsmauer hin, lagen große
Massen geschnittener Bretter und Balken, was nicht wundernehmen konnte, denn
parallel mit der Kirchhofsmauer, und nur durch einen breiten Fahrweg von ihr
getrennt, zog sich ein langer, mit kurzem Gras überwachsener Holz- und
Zimmerplatz hin, auf dem beständig norwegische Hölzer geschnitten wurden. Auch
in diesem Augenblicke wieder lag ein roh mit der Axt behauener Baumstamm auf
zwei hohen Holzböcken, und ein paar Zimmerleute, von denen der eine oben, der
andre unten stand, sägten mit einer großen, in ihrer Arbeit immer blanker
werdenden Holzsäge den Stamm entlang. Beide Mädchen sahen emsig hinüber, und die
Nähe der Menschen, dazu der lebendige Ton der Arbeit, tat ihnen wohl nach dem
Grauen, von dem sie sich angesichts der zerbröckelnden Gruft soeben noch berührt
gefühlt hatten.
    Es war ein sehr anheimelnder Platz; die Brennesseln, die sonst hier
wucherten, waren niedergetreten, und so saßen die beiden Freundinnen bequem und
behaglich auf den hochaufgeschichteten Brettern und hatten die Balken als
Fußbank und die Kirchhofsmauer als Rücklehne.
    »Weißt du«, sagte Asta, »die Mama hat doch recht, daß sie von der Gruft
nichts wissen will und eine Scheu hat, sie zu betreten. Es ist ja, als wäre
jeder Stein lose und als warte alles nur darauf, daß es zusammenstürze. Und
zweimal im Jahre geht sie doch hin und legt ihren Kranz auf den Sarg, an seinem
Geburtstag und an seinem Sterbetage.«
    »Kannst du dich denn deines Bruders Estrid noch erinnern?«
    »Oh, gewiß kann ich. Ich war schon sieben Jahr.«
    »Und ist es wahr, daß er nicht bloß Estrid hieß, sondern auch noch Adam?«
    »Ja. Die Mama wollte freilich, daß er als zweiten Namen den Namen Helmuth
führen sollte wie der Vater, Estrid Helmuth - Tante Dobschütz hat es mir oft
erzählt; der Papa aber bestand auf Adam, weil er gehört hatte, daß Kinder, die
so heißen, nicht sterben, und da habe denn die Mama gesagt (ich weiß das alles
von Tante Julie), das sei Heidentum und Aberglauben und es werde sich strafen,
denn der liebe Gott lasse sich nichts vorschreiben, und es sei lästerlich und
verwerflich, ihm die Hände binden zu wollen.«
    »Ich kann mir denken, daß deine Mutter so gesprochen hat. Und es hat sich ja
auch gestraft. Aber ich finde doch, Asta, daß deine Mutter in all dem zu streng
ist, und der Großpapa, der sie doch so sehr liebt und sie getraut hat - was
übrigens der Arnewieker Pastor damals sehr übelgenommen haben soll - und der
nichts Besseres kennt als seine liebe Christine, wie er sie noch immer nennt,
und deinen Papa nennt er ja auch noch du von alten Zeiten her... der sagt doch
auch, sie sei zu sicher auf ihrem Wege und zu streng gegen andre...«
    »Ja, das sagen alle, dein Großpapa sagt es, und Direktor Schwarzkoppen sagt
es, und Onkel Arne sagt es. Und wenn Axel und ich es auch nicht hören sollen,
wir hören es doch und machen so unsre Betrachtungen drüber...«
    »Und wem kommen denn eure Betrachtungen zugute?«
    »Immer der Mama.«
    »Das wundert mich eigentlich. Ich dachte, du wärest deines Vaters Verzug und
Liebling. Und liebtest ihn am meisten.«
    »Oh, gewiß hab ich ihn lieb; er ist so gut und erfüllt uns jeden Wunsch.
Aber die Mama meint es doch viel besser mit uns, und deshalb ist sie strenger.
Alles bloß aus Liebe.«
    »Ich habe dich nicht immer so sprechen hören, Asta. Es ist noch keine Woche,
daß du voller Klagen und fast voll Bitterkeit warst und daß du sagtest, es sei
mit der Mama kaum noch zu leben und alles schlüge sie dir ab und alles sei so
wichtig, als ob Leben und Seligkeit daran hinge...«
    »Ja, das werd ich wohl gesagt haben. Aber wer klagte nicht mal! Und dann ist
es oft so still hier, und dabei wird man traurig und will es anders haben...
Sieh, ich denk es mir so, die Mama bedrückt uns oft, aber sie sorgt doch auch
für uns, und der Papa erfreut uns jeden Augenblick, aber im ganzen kümmert er
sich nicht recht um uns. Er ist mit seinen Gedanken immer woanders und die Mama
immer bei uns. Wenn es nach dem Papa ginge, so ginge alles so ruhig weiter, bis
jemand käme und mich haben wollte. Comtesse Holk, rotblond und gerade gewachsen
und etwas Vermögen - ich glaube, das ist alles, was ihm vorschwebt, und davon
verspricht er sich das Beste. Daß ich auch eine Seele habe, daran denkt er
nicht, vielleicht glaubt er nicht mal daran.«
    »Wie du nur sprichst. Er wird doch glauben, daß du eine Seele hast?«
    »Vielleicht. Ich weiß es nicht. Und das ist der Unterschied von der Mama.
Die glaubt bestimmt daran und will, daß ich etwas lernen und einen festen
Glauben gewinnen soll, einen Anker für die Stürme des Lebens, wie sie sagt, und
ich wäre glücklich darüber, wenn ich nicht von dir fortmüßte. Solche Freundin
wie du, die find ich in der Welt nicht wieder.«
    »Aber du wirst doch nicht fortwollen, Asta? Und um was denn? Ist denn nicht
die Dobschütz eine kluge Dame und lieb und gut dazu? Und du kannst ja
französisch parlieren, daß es eine Lust ist, und Strehlke hat ja zwei Preise
gewonnen, einen in Kopenhagen über die Strandvegetation in Nordschleswig und
einen in Kiel über Quallen und Seesterne. Und daß er Geographie weiß, das weiß
ich, er wußte ja neulich das Lustschloß vom König von Neapel, so daß ihm selbst
dein Onkel Arne gratulierte. Was willst du denn noch mehr lernen? Das nehm ich
dir übel, wenn du soviel mehr lernen willst als ich, und wenn du dann
wiederkommst, ist kein Verkehr mehr mit mir. Und ich will doch mit dir
verkehren, denn ich liebe dich ja so sehr. Und deine Mama, wenn sie dich
fortgibt, wird dich gewiß in eine große Schweizerpension geben wollen.«
    »Nein, in eine kleine Herrnhuterpension.«
    »Nun, darüber läßt sich reden, Asta. Herrnhuter kenn ich, das sind gute
Leute.«
    »Das mein ich. Die Mama war ja auch in einer Herrnhuterpension.«
    »Ist es denn schon gewiß?«
    »So gut wie gewiß. Der Papa hat nachgegeben. Und außerdem reist er morgen
nach Kopenhagen zur Prinzessin, worauf gar nicht gerechnet war, und das wird
Mama wohl benutzen, um alles schnell ins rechte Geleise zu bringen. Ich denke
mir, in vierzehn Tagen oder noch früher...«
    »Ach, Asta, wäre nicht der Großpapa, ich bäte deine Mama, daß sie mich
mitgäbe. Was soll ich hier anfangen, wenn du fort bist?«
    »Es muß schon so gehen, Elisabeth, und wird auch. Schwer wird es mir auch.
Und meine Mama wird auch allein sein und niemanden um sich haben als die
Dobschütz, und sie schickt uns doch fort. Denn Axel geht auch. Es ist doch
recht, was sie mir gestern abend sagte: Man lebt nicht um Vergnügen und Freude
willen, sondern man lebt, um seine Pflicht zu tun. Und sie beschwor mich, dessen
stets eingedenk zu sein, denn daran hinge Glück und Seligkeit.«
    »Das ist schon alles ganz wahr, aber es hilft mir nichts.« Und in Elisabeths
Auge war ein Flimmern, als sie das sagte. »Ich kann doch nicht immer am Strand
spazierengehen und Bernstein suchen und Kataloge machen und die Nummern
umschreiben. Und denke, Winterszeit, wenn alles in Schnee liegt und die Krähen
auf den Kreuzen sitzen, und dann um Mittag die zwölf Schläge...«
    Und in diesem Augenblicke schlug die Mittagsglocke, von der Elisabeth eben
gesprochen hatte. Beide Mädchen fuhren zusammen. Dann aber lachten sie wieder
und erhoben sich, denn es war hohe Zeit.
    »Wann kommst du wieder?«
    »Morgen.«
    Damit trennten sie sich, und als Asta gleich danach bei der Stelle
vorüberkam, wo die Glocke hing, tat diese gerade den zwölften Schlag, und der
Küstersjunge, der geläutet hatte, zog seine Kappe und verschwand dann hinter den
Gräbern.

                                 Achtes Kapitel

 
Holk, als er sich an dem Kricketplatz von Asta getrennt hatte, hatte sich nach
dem nächstgelegenen Treibhause begeben, in dessen Front er seinen Gärtner emsig
bei der Arbeit sah. Und hier, nach kurzer Begrüßung, riß er zwei Blätter aus
seinem Notizbuch und schrieb ein paar Telegrammzeilen an Pentz und die Witwe
Hansen, in denen er beiden sein Eintreffen in Kopenhagen für den andern Abend
anzeigte. »Diese Telegramme, lieber Ohlsen, müssen nach Glücksburg oder
meinetwegen auch nach Arnewiek; es gilt mir gleich, wo Sie's aufgeben wollen.
Nehmen Sie den Jagdwagen.«
    Der Gärtner, ein Muffel, wie die meisten seines Zeichens, war
augenscheinlich verdrießlich, weshalb Holk hinzusetzte: »Tut mir übrigens leid,
Ohlsen, Sie bei der Arbeit stören zu müssen; aber ich brauche Philipp beim
Packen, und Ihrer Frau Bruder, der sich ja gut anläßt, weiß noch nicht recht
Bescheid und ist mir auch nicht zuverlässig genug.«
    Der Gärtner fand sich nun wieder zurecht und sagte, daß er, wenn's dem
Grafen recht wäre, lieber nach Glücksburg wolle; seine Frau habe nämlich wieder
solch Jucken über den ganzen Körper, was gewiß von der Galle käme, sie ärgere
sich so leicht, und da möcht er denn wohl mit zu Doktor Eschke heran und ein
Rezept holen.
    »Mir recht«, sagte Holk. »Und wenn Sie mal da sind, so sorgen Sie auch
gleich dafür, daß das Schiff morgen früh mit Sicherheit hier anlegt; es ist
schon vorgekommen, daß es vorbeifährt, und fragen Sie auch, ob der König schon
da ist, ich meine in Glücksburg, und wie lange er wohl bleibt.«
    Damit ging der Graf wieder auf das Schloß zu, wo Philipp, im Ankleidezimmer
seines Herrn, nicht bloß die Koffer bereits zurechtgestellt, sondern auch schon
mit dem Packen begonnen hatte.
    »Das ist recht, Philipp; ich sehe, die Gräfin hat dir gesagt, daß ich
fortmuß. Nun, du weißt ja, was ich brauche; aber nicht zuviel, je mehr man
mitnimmt, je mehr fehlt einem. Nicht wahr? Ist der Koffer voll, so verlangt man
zuletzt alles, als wäre man zu Hause. Nur eines vergiß nicht, die Pelzstiefel
und die hohen Gummischuhe. Man tapst drin herum wie ein Elefant, aber das Herz
bleibt warm und gesund, und das ist doch immer die Hauptsache. Meinst du nicht
auch?«
    Philipp bestätigte den Ausspruch, worauf sich der Graf in sichtlichem
Behagen an seinen Schreibtisch setzte und einige Briefe schrieb, auch einen an
seinen Schwager Arne, während der alte Diener mit dem Packen der Koffer
fortfuhr.
    »Welche Bücher befehlen der Herr Graf?«
    »Keine. Was wir hier haben, paßt nicht nach Kopenhagen. Oder nimm ein paar
Bände Walter Scott mit; man kann nicht wissen, und der paßt immer.«
 
In der Mittagsstunde, Asta war noch unten im Dorf, kam Baron Arne von Arnewiek
herüber, und Holk, als man plaudernd mit den Damen unter der Halle saß, gab ihm
lachend den Brief, den er am Vormittag geschrieben hatte. »Da, Alfred; aber lies
ihn erst zu Haus, es eilt nicht damit, und eigentlich weißt du ja doch, was
darin steht. Es ist das alte Lied. Ich empfehle dir Schloß Holkenäs und die
Wirtschaft wie schon manch liebes Mal und setze dich für die Tage meiner
Abwesenheit zum Majordomus ein. Sei deiner Schwester ein Berater, besprich mit
ihr« (dies sprach er halb leise) »den Bau einer neuen Kapelle mit Gruft oder was
sie sonst will, und lasse Pläne machen wegen der Ställe. Mit dem für die
Shorthorns wird angefangen. Zieh den homöopathischen Doktor zu Rate, von dem du
mir neulich soviel Wunderdinge erzählt hast, und schicke dann die Zeichnungen
hinüber nach Kopenhagen. Pentz versteht auch was davon und Bille, der soviel
gereist ist, noch mehr, und seine Masern« (und damit wandt er sich wieder an die
Damen) »können doch am Ende nicht ewig dauern. Ist er erst abgeschülbert, ich
muß lachen, wenn ich ihn mir in der Mauserung denke, so such ich ihn auf und leg
ihm die Pläne vor. Kranke sind immer froh, wenn sie was andres hören als den
Medizinlöffel oder den Doktorstock.«
    Holk sprach noch weiter in diesem Tone, was keinen Zweifel darüber ließ, daß
er sich eigentlich freute, Holkenäs auf ein Vierteljahr verlassen zu können. Es
war fast verletzend für die Gräfin, und sie würde diesem Gefühl auch Ausdruck
gegeben haben, wenn sie sich nicht auf einer ganz ähnlichen Empfindung ertappt
hätte. Wie bei vielen Eheleuten, so stand es auch bei den Holkschen. Wenn sie
getrennt waren, waren sie sich innerlich am nächsten, denn es fielen dann nicht
bloß die Meinungsverschiedenheiten und Schraubereien fort, sondern sie fanden
sich auch wieder zu früherer Liebe zurück und schrieben sich zärtliche Briefe.
Das wußte keiner besser als der Schwager drüben in Arnewiek. Arne stellte denn
auch heute wieder seine Betrachtungen über dies Thema an und gab ihnen in ein
paar Scherzworten Ausdruck. Aber das war nicht wohlgetan; sosehr es zutraf, was
er sagte, sowenig lag es im Wunsche seiner Schwester, diese Dinge berührt zu
sehen. Vielleicht war es denn auch dieser Gang der Unterhaltung, was den die
leise Verstimmung seiner Frau beobachtenden Holk veranlaßte, die Dobschütz zu
einem Spaziergang in den Park aufzufordern, »er habe noch dies und das mit ihr
zu besprechen«.
    Als sie fort waren, sagte Christine zu ihrem Bruder, mit dem sie allein
geblieben: »Du mußtest das nicht sagen, Alfred, nicht in seiner Gegenwart. Er
hat, wie du weißt, ohnehin die Neigung, ernste Dinge leichtzunehmen, und wenn du
ihm darin mit gutem Beispiel vorangehst, so weiß er sich noch was damit und
gefällt sich darin, den Freigeist zu spielen.«
    Arne lächelte.
    »Du lächelst. Aber ganz mit Unrecht. Denn ich sage nicht, ein Freigeist zu
sein. Ein Freigeist sein, das kann er nicht, dazu reichen seine Gaben nicht aus,
auch nicht die seines Charakters. Und das ist eben das Schlimme. Mit einem
Atheisten könnte ich leben, wenigstens halte ich es für möglich, ja, mehr, es
könnte einen Reiz für mich haben, ernste Kämpfe mit ihm zu bestehen. Aber davon
ist Helmuth weit ab. Ernste Kämpfe! Das kennt er nicht. Mit allem, was du da
sagtest, zu mir kannst du so sprechen, verwirrst du ihn bloß und bestärkst ihn
nur in allem, was schwach und eitel an ihm ist.«
    Arne begnügte sich, etlichen Buchfinken, die während des Gesprächs bis unter
die Halle gekommen waren, ein paar kleine Krumen hinzuwerfen, schwieg aber.
    »Warum schweigst du? Bin ich dir wieder zu kirchlich? Ich habe kein Wort von
Kirche gesprochen. Oder bin ich dir wieder zu streng?«
    Arne nickte.
    »Zu streng. Sonderbar. Du findest dich nicht mehr in mir zurecht, Alfred,
und wenn das ein Vorwurf ist, und du meinst es so, so muß ich dir den Vorwurf
zurückgeben. Ich finde mich nicht mehr in dir zurecht. Du weißt, wie mein Herz
an dir hängt, wie ich, aus meiner Kindheit Tagen her, voller Dank gegen dich
bin, und dies Dankesgefühl habe ich noch. Aber ich kann dir das Wort nicht
ersparen, du bist ein anderer geworden in deinen Anschauungen und Prinzipien,
nicht ich. An dem einen Tage bin ich dir zu sittenstreng, am anderen Tage zu
starr in meinem Bekenntnis, am dritten Tage zu preußisch und am vierten zu wenig
dänisch. Ich treff es in nichts mehr. Und doch, Alfred, all das, was ich bin,
oder doch das meiste davon, bin ich durch dich. Du hast mir diese Richtung
gegeben. Du warst schon dreißig, als ich bei der Eltern Tode zurückblieb, und
nach deinen Anschauungen, nicht nach denen der Eltern, bin ich erzogen worden;
du hast die Herrnhuterpension für mich ausgesucht, du hast mich bei den Reckes
und den Reuß' und den frommen Familien eingeführt, und nun, wo ich das geworden
bin, wozu du mich damals bestimmtest, nun ist es nicht recht. Und warum nicht?
Weil du mittlerweile die Fahne gewechselt hast. Ich will es respektieren, daß
du, der du mit dreißig an der Grenze des äußersten Aristokratismus warst, jetzt,
wo du beinah sechzig bist, die Welt mit einem Male durch liberalgeschliffene
Gläser siehest; aber darfst du mir Vorwürfe machen, wenn ich da blieb, wo du
früher auch standest und wo du mich selber hingestellt?«
    Arne nahm zärtlich der Schwester Hand. »Ach, Christine, stehe, wo du willst.
Ich habe nicht den Mut mehr, Standpunkte zu verwerfen. Das ist eben das eine,
was ich in meinen zweiten dreißig Jahren gelernt habe. Der Standpunkt macht es
nicht, die Art macht es, wie man ihn vertritt. Und da muß ich dir sagen, du
überspannst den Bogen, du tust des Guten zuviel.«
    »Kann man des Guten zuviel tun?«
    »Gewiß kann man das. Jedes Zuviel ist vom Übel. Es hat mir, solang ich den
Satz kenne, den größten Eindruck gemacht, daß die Alten nichts so schätzten wie
das Maß der Dinge.«
    Holk und die Dobschütz kehrten in diesem Augenblicke von ihrem Spaziergange
zurück, und von der andern Seite her kam Asta die Strandterrasse herauf und
eilte sofort auf Arne zu, dessen Liebling sie war und an dem sie jederzeit den
besten Zuhörer hatte. Der Mama gegenüber zeigte sie sich meist zurückhaltend;
aber wenn Onkel Alfred da war, mußte alles herunter, was ihr auf der Seele lag.
    »Ich habe heute früh schon an Pastor Petersens Arbeitstisch gesessen, und
rechts lag die Bibel, und links stand der Kasten mit Altertümern, und war
eigentlich kein Zollbreit Platz mehr da, um mir zu zeigen, was in den
Pappschachteln alles lag. Meistens waren es Steine. Zuletzt aber, als er die
Bibel zurückgeschoben hatte...«
    »Da hattet ihr Platz«, lachte die Gräfin. »Mein alter, lieber Petersen, er
schiebt immer die Bibel zurück und ist immer bei seinen Steinen und hat auch
sonst eine Neigung, die Steine für Brot zu geben.«
    Arne wollte widersprechen, als er aber des eben gehabten Gesprächs gedachte,
besann er sich rasch wieder und war froh, als Asta fortfuhr: »Und dann hab ich
draußen auf dem Kirchhofe mit Elisabeth an dem Grab ihrer Mutter gestanden und
habe bei der Gelegenheit gesehen, daß Elisabeth eigentlich Elisabeth Kruse heißt
und daß bloß ihre Mutter eine Petersen war und daß wir sie eigentlich gar nicht
Elisabeth Petersen nennen dürfen. Aber, so sagte sie mir, sie habe ihren Vater
gar nicht mehr gekannt, und die Mutter, wenn man im Dorf von ihr gesprochen
hätte, sei für die Leute nur immer des alten Petersen Tochter gewesen, und so
heiße sie denn auch Elisabeth Petersen, und sei eigentlich recht gut so.
    Und dann«, fuhr Asta fort, »gingen wir den Kirchhofssteig weiter hinauf bis
an die Kirche und kletterten auf einen schräg daliegenden Grabstein und wollten
eben durch das Gitterfenster in unsere Gruft sehen, da fiel ein Stein hinein und
schlug auf und war mir, als hätt ich wen erschlagen. Ach, ich kann gar nicht
sagen, wie ich mich erschrocken habe. Da mag ich nicht hinein, und wenn ich
sterbe, das müßt ihr mir alle versprechen, will ich den Himmel über meinem Grabe
haben.«
    Der Gräfin Blick traf den Grafen, der sichtlich bewegt war und seiner Frau
freundlich zunickte. »Soll anders werden, Christine. Habe schon mit Alfred
gesprochen und auch eben mit der Dobschütz. Es wird eine offene gotische Halle
werden, die den Begräbnisplatz umschließt, und was sonst noch werden soll, das
wirst du selber angeben.«
    Arne, während Graf und Gräfin noch eine kleine Weile so weitersprachen,
unterhielt sich mit Asta und leitete dann, als das Gespräch wieder ein
allgemeines wurde, zu anderen Dingen über, was sich leicht machte, da Gärtner
Ohlsen eben von Glücksburg zurückkam und die Nachricht brachte, der König komme
morgen und die Gräfin Danner auch und er wolle vier Wochen bleiben und auf dem
Braruper Moor ein Hünengrab ausnehmen. Und das Billet habe er bei Reeder
Kirkegard gleich gelöst, und um zehn Uhr früh oder so herum werde das
Dampfschiff an dem Steg unten anlegen. Es sei das beste Schiff auf der Linie:
»König Christian«, Kapitän Brödstedt.
    Ehe Ohlsen noch seinen Rapport beendet, kam Axel mit dem Hauslehrer und
holte die von ihm geschossenen Rebhühner aus der Jagdtasche hervor.
    »Mir lieb, Axel«, sagte Holk, »das gibt ein Frühstück für unterwegs. Du
wirst doch noch ein richtiger Holkscher Jäger werden, und offen gestanden, das
wäre mir das liebste. Das Lernen ist für andere.«
    Und dabei streifte Holks Blick, ohne recht zu wollen, den armen Strehlke,
der sich, während sein Zögling die Rebhühner geschossen, damit begnügt hatte,
ein Dutzend Krammetsvögel aus den Dohnen zu nehmen.

                                Neuntes Kapitel

 
Der »König Christian« hielt Wort: pünktlich um zehn Uhr kam er in Sicht, und
zehn Minuten später legte er an der Landungsbrücke an. Der Graf stand schon da,
die Koffer neben ihm, auf denen Axel und Asta Platz genommen hatten, jener mit
seiner Jagdflinte über der Schulter. Und nun kam der Abschied von den Kindern,
und gleich danach stieg Holk an Bord, unter Vorantritt zweier Bootsleute, die
das Gepäck trugen. Einen Augenblick später, und Kapitän Brödstedt rief auch
schon seine Befehle zur Weiterfahrt in den Maschinenraum hinein, der Steuermann
aber ließ das Rad durch die Hand laufen, und unter ein paar schweren Schlägen
(es war noch ein Raddampfer) löste sich das Schiff von der Landungsbrücke los
und nahm seinen Kurs östlich in die offene See hinaus. Holk seinerseits war
mittlerweile zu dem Kapitän herangetreten und sah jetzt, von der Kommandobrücke
her, auf den Pier zurück, vor dem aus beide Kinder noch eifrig grüßten; ja, Axel
gab sogar einen Salutschuß aus seinem Gewehr. Oben aber, auf der letzten
Terrassenstufe, standen die Gräfin und das Fräulein, bis sie, nach kurzem
Verweilen an dieser Stelle, wieder unter die höher gelegene Säulenhalle
zurücktraten, um von hier aus dem Schiffe bequemer folgen zu können. Zugleich
sahen sie nach dem Pier hinunter, auf dem jetzt die Geschwister gemeinschaftlich
herankamen, anscheinend in lebhaftem Gespräch. Erst am Strande trennten sie sich
wieder, und während Axel auf Möwenjagd in die Dünen einbog, stieg Asta die
Terrasse hinauf.
    Als sie oben war, schob sie eine Fußbank neben den Platz der Mama, nahm die
Hand derselben und versuchte zu scherzen. »Es war Kapitän Brödstedt, der fuhr,
ein schöner Mann, und soll auch, wie mir Philipp erzählt hat, eine bildschöne
Frau haben, von der es heißt, er habe sie sich von dem Bornholmer Leuchtturm
heruntergeholt. Es ist doch eigentlich schade, daß man, um bloßer
Standesvorurteile willen, einen Mann wie Kapitän Brödstedt nicht heiraten kann.«
    »Aber, Asta, wie kommst du nur auf solche Dinge?«
    »Ganz natürlich, Mama. Man hat doch auch so seine zwei Augen und hört
allerlei und macht seine Vergleiche. Da nimm einmal den guten Seminardirektor,
der eine Adlige zur Frau hatte; nun ist er freilich Witwer. Ja, du wirst doch
zugeben, Mama, daß Schwarzkoppen noch lange kein Brödstedt ist. Und
Schwarzkoppen ginge noch, aber Herr Strehlke...«
    Beide Damen lachten, und als die Mama schwieg, sagte das Fräulein: »Asta, du
bist wie ein junges Füllen, und ich sehe zu meinem Schrecken, daß dir die
Schulstunden fehlen. Und was du da nur sprichst, als ob gesellschaftlich ein
Unterschied zwischen einem Manne wie Brödstedt und einem Manne wie Strehlke
wäre.«
    »Gewiß ist ein Unterschied. Das heißt nicht für mich, für mich ganz gewiß
nicht, das kann ich beteuern. Aber für andere ist ein Unterschied. Sieh dich
doch nur um. Ich für mein Teil habe noch nie von einer Heirat zwischen einem
Dampfschiffskapitän und einer Comtesse gehört; aber soll ich dir an meinen zehn
Fingern all die Hauslehrer und Kandidaten aufzählen, die hier herum...«
    »Es ist schon das beste, Asta, wir verzichten auf alle Vergleiche.«
    »Mir recht«, lachte diese. »Aber eine Leuchtturmstochter sein und von einem
Manne wie Kapitän Brödstedt von einem Leuchtturm heruntergeholt zu werden, das
ist doch hübsch und eigentlich ein leibhaftiges Märchen. Und alles, was Märchen
ist, ist meine Schwärmerei, meine Passion, und die Geschichte vom tapfern
Zinnsoldaten ist mir viel, viel lieber als der ganze Siebenjährige Krieg!« Und
bei diesen Worten erhob sie sich wieder von ihrer Fußbank und ließ die beiden
Damen allein, um sich nebenan an den Flügel zu setzen. Gleich danach hörte man
denn auch eine Chopinsche Etüde, freilich nicht recht flüssig und mit vielen
Fehlern.
    »Wie kam Asta nur zu solcher Bemerkung? Ist es bloß Übermut oder was sonst?
Was führt sie in ihrem Gemüt so sonderbare Wege?«
    »Nichts, was dich ängstigen könnte«, sagte die Dobschütz. »Wär es das, so
würde sie zu schweigen wissen. Ich lebe mehr mit ihr als du und bürge dir für
ihren guten Sinn. Asta hat einen lebhaften Geist und eine lebhafte Phantasie...«
    »Was immer eine Gefahr ist...«
    »Ja. Aber oft auch ein Segen. Eine lebhafte Phantasie schiebt auch Bilder
vor das Häßliche und ist dann wie ein Schutz und Schirm.«
    Die Gräfin schwieg und blickte vor sich hin, und als sie nach einiger Zeit
wieder auf das Meer hinaussah, sah sie von dem Dampfer nur noch den immer
blasser werdenden Rauch, der wie ein Strich am Horizonte hinzog. Sie schien
allerhand Gedanken nachzuhängen, und als die Dobschütz, von der Seite her, einen
flüchtigen Blick auf die Freundin richtete, sah sie, daß eine Träne in deren
Auge stand.
    »Was ist, Christine?« sagte sie.
    »Nichts.«
    »Und doch bist du so bewegt...«
    »Nichts«, wiederholte die Gräfin. »Oder wenigstens nichts Bestimmtes. Aber
es quält mich eine unbestimmte Angst, und wenn ich nicht das Wahrsagen und
Träumedeuten von Grund meiner Seele verabscheute, weil ich es für gottlos und
auch für eine Quelle der Trübsal halte, so müßt ich dir von einem Traum
erzählen, den ich diese letzte Nacht gehabt habe. Und war nicht einmal ein
schrecklicher Traum, bloß ein trüber und schwermütiger. Ein Trauerzug war es,
nur ich und du, und in der Ferne Holk. Und mit einem Male war es ein
Hochzeitszug, in dem ich ging, und dann war es wieder ein Trauerzug. Ich kann
das Bild nicht loswerden. Dabei das Sonderbare, solange der Traum dauerte, hab
ich mich nicht geängstigt, und erst als ich wach wurde, kam die Angst. Und
deshalb beunruhigte mich auch das, was Asta sagte. Noch gestern hätte mich's
bloß erheitert, denn ich kenne das Kind und weiß, daß sie ganz so ist, wie du
sagst... Und dann, offen gestanden, auch diese Reise ängstigt mich. Sieh, jetzt
ist die Rauchfahne verschwunden...«
    »Aber, Christine, das wirst du doch von dir abtun; das ist ja wie sich
fürchten, daß man vom Stuhl fällt oder daß die Decke einstürzt. Es stürzen
Decken ein und Häuser auch, und es scheitern auch Schiffe, die zwischen
Glücksburg und Kopenhagen fahren, aber, Gott sei Dank, doch bloß alle hundert
Jahr einmal...«
    »Und einen trifft es dann, und wer will sagen, wer dieser eine ist. Aber das
ist es nicht, Julie... Ich denke nicht an ein Unglück unterwegs... Es sind ganz
andere Dinge, die mich ängstigen. Ich freute mich, wie du weißt, auf diese
stillen Tage, die zugleich geschäftige Tage werden sollten, und seit heute früh
freue ich mich nicht mehr darauf.«
    »Bist du wegen der Kinder anderen Sinnes geworden?«
    »Nein. Es bleibt bei dem längst zwischen uns Besprochenen, und nur wegen
Axel schwankt es noch mit dem Wohin. Aber auch das wird sich unschwer regeln.
Nein, Julie, was mich in meinem Gemüte seit heute früh beschäftigt, ist einfach
das: ich durfte Holk nicht reisen lassen oder doch nicht allein. Ich habe diese
sonderbare Stellung immer mit Unbehagen und Mißtrauen angesehen, und wenn er
auch diesmal wieder hinüber mußte, weil sein Nichterscheinen eine Beleidigung
gewesen wäre, so mußte ich mit ihm gehen...«
    Die Dobschütz, überrascht, mühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken.
    »Eifersüchtig?« Und während sie so fragte, nahm sie die Hand der Gräfin und
fühlte, daß diese zitterte. »Du schweigst. Also getroffen, also wirklich
eifersüchtig, sonst würdest du sprechen und mich auslachen. Man lernt doch nie
aus, auch nicht in dem Herzen seiner besten Freundin.«
    Eine Pause trat ein, für beide peinlich, besonders für die Dobschütz, die
das alles so ganz wider Wunsch und Willen heraufbeschworen hatte. Ja,
Verlegenheit auf beiden Seiten, soviel war gewiß, und diese Verlegenheit wieder
aus dem Wege zu räumen, das war nur möglich, wenn das Gespräch, wie es begonnen,
mit allem Freimut fortgesetzt wurde.
    »Gönnst du mir noch ein Wort?«
    Die Gräfin nickte.
    »Nun denn, Christine, ich war in vielen Häusern und habe manches gesehen,
was ich lieber nicht gesehen hätte. Die Herrensitze lassen oft viel zu wünschen
übrig. Aber wenn ich je umgekehrt ein zuverlässiges Haus gefunden habe, so ist
es das euere. Du bist ein Engel, wie alle schönen Frauen, wenn sie nicht bloß
schön, sondern auch gut sind, ein Fall, der freilich selten eintritt, und ich
persönlich wenigstens habe nichts Besseres kennengelernt als dich. Aber gleich
nach dir kommt dein Mann. Er ist in dem, um das sich's hier handelt, ein Muster,
und wenn ich einem Fremden zeigen sollte, was ein deutsches Haus und deutsche
Sitte sei, so nähm ich ihn beim Schopf und brächt ihn einfach hierher nach
Holkenäs.«
    Der Gräfin Antlitz verklärte sich.
    »Ja, Christine, du bist alles in allem doch eine sehr bevorzugte Frau. Holk
ist aufrichtig und zuverlässig, und wenn drüben in Kopenhagen auch jede dritte
Frau die Frau Potiphar in Person wäre, du wärest seiner doch sicher. Und
schließlich, Christine, wenn dir trotz alledem immer noch ein Zweifel käme...«
    »Was dann?«
    »Dann müßtest du den Zweifel nicht aufkommen lassen und dir's klug und
liebevoll einreden, es sei anders. Ein schöner Glaube beglückt und bessert und
stellt wieder her, und ein schlimmer Argwohn verdirbt alles.«
    »Ach, meine liebe Julie, das sagst du so hin, weil du, soviel du von unserem
Haus und Leben kennst, doch nicht recht weißt (und du sagtest eben selbst so
was), wie's in meinem Herzen eigentlich aussieht. Du weißt alles und doch auch
wieder nicht. Ich glaube, wie Ehen sind, das wissen immer nur die Eheleute
selbst, und mitunter wissen's auch die nicht. Wer draußen steht, der sieht jeden
Mißmut und hört jeden Streit; denn, sonderbar zu sagen, von ihren Fehden und
Streitigkeiten verbergen die Eheleute meistens nicht viel vor der Welt, ja,
mitunter ist es fast, als sollten es andere hören und als würde das Heftigste
gerade für andere gesprochen. Aber das gibt doch ein falsches Bild, denn eine
Ehe, wenn nur noch etwas Liebe da ist, hat doch auch immer noch eine andere
Seite. Sieh, Julie, wenn ich Holk in irgendeiner Sache sprechen will und such
ihn in seinem Zimmer auf und sehe, daß er rechnet oder schreibt, so nehme ich
ein Buch und setze mich ihm gegenüber und sage: Laß dich nicht stören, Holk, ich
warte. Und dann, während ich lese oder auch nur so tue, seh ich oft über das
Buch fort und freue mich über sein gutes, liebes Gesicht und möchte auf ihn
zufliegen und ihm sagen: Bester Holk. Sieh, Julie, das kommt auch vor; aber
niemand sieht es und niemand hört es.«
    »Ach, Christine, daß ich das aus deinem Munde höre, das freut mich mehr, als
ich dir sagen kann. Ich habe mich manchmal um euch und euer Glück geängstigt.
Aber wenn es so ist...«
    »Es ist so, Julie, ganz so, mitunter mir selbst zum Trotz. Aber gerade weil
es so ist, deshalb hast du doch unrecht mit deinem Rate, daß man immer das Beste
glauben und mitunter sogar die Augen schließen müsse. Das geht nicht so, wenn
man wen liebt. Und dann, liebe Julie, hast du doch auch unrecht, oder wenigstens
ein halbes, mit dem, was du über Holk sagst. Er ist gut und treu, der beste Mann
von der Welt, das ist richtig, aber doch auch schwach und eitel, und Kopenhagen
ist nicht der Ort, einen schwachen Charakter fest zu machen. Sieh, Julie, du
machst seinen Advokaten und tust es mit aller Überzeugung, aber du sprichst doch
auch von Möglichkeiten, und die gerade lasten mir jetzt auf der Seele...«
    Die Dobschütz wollte weiter beruhigen, aber Philipp kam und übergab einen
Brief, den ein Bote von Arnewiek her eben überbracht hatte. Die Gräfin nahm an,
daß er von ihrem Bruder sei, als sie aber die Aufschrift überflog, sah sie, daß
er von Schwarzkoppen kam. Und nun las sie:
 
»Gnädigste Frau. Ich habe mich seit vorgestern eingehender mit der zwischen uns
verhandelten Frage beschäftigt und bin die Reihe der Erziehungsinstitute
durchgegangen, die für Axel in Betracht kommen können. Einige der besten sind zu
streng, nicht bloß in der Disziplin, sondern wohl auch kirchlich, und so möchte
ich denn annehmen, daß das Bunzlauer Pädagogium den zu stellenden Anforderungen
am meisten entspricht. Ich kenne den Vorstand und würde mir die Erlaubnis, in
dieser Angelegenheit ein paar einführende Worte an denselben schreiben zu
dürfen, zur Ehre schätzen. Außerdem ist Gnadenfrei verhältnismäßig nah, so daß
die Geschwister sich öfter sehen, auch die Sommerferienreise gemeinschaftlich
machen können. Gnädigste Gräfin, in vorzüglicher Ergebenheit
                                                              Ihr Schwarzkoppen«
 
»Nun, Julie, das trifft sich gut. Ich verlasse mich in dieser Frage ganz auf
unseren Freund drüben, und Holk hat mir ja freie Hand gegeben. Wie gut, daß wir
nun etwas vorhaben. Heute noch schreiben wir auf, was jedes der Kinder braucht,
es wird eine Welt von Sachen sein. Und dann kommt die Reise, und du mußt uns
natürlich begleiten. Ich freue mich von ganzem Herzen, und du wirst es auch,
mein geliebtes Gnadenfrei wiederzusehen. Und wenn ich dann daran denke, wie mein
Bruder, ach, lang ist's her, mich von dort abholte und Holk mit ihm... Fast war
es wie der Leuchtturm, von dem Kapitän Brödstedt seine Bornholmerin
herunterholte. Nun, ein Leuchtturm war es gewiß, für dich und mich, ein Licht
fürs Leben und hoffentlich bis in den Tod.«

                                Zehntes Kapitel

 
Die Dampfschiffahrt ging gut, und es war noch nicht neun Uhr abends heran, als
der »König Christian« zwischen Nyholm und Tolboden in den Kopenhagener Hafen
einbog. Holk stand auf Deck und genoß eines herrlichen Anblickes; über ihm
funkelten die Sterne in fast schon winterlicher Klarheit, und mit ihnen zugleich
spiegelten sich die Uferlichter in der schimmernden Wasserfläche. Schiffsvolk
und Kommissionäre drängten sich heran, die Kutscher hoben ihre Peitschen und
warteten eines zustimmenden Winkes, Holk aber, der es vorzog, die wenigen
hundert Schritte bis zur Dronningens-Tvergade zu Fuß zu machen, lehnte alle
Dienste ab und gab dem Schiffssteward nur Weisung, ihm sein Gepäck so bald wie
möglich bis in die Wohnung der Witwe Hansen zu schicken. Dann ging er, nach
einem freundlichen Abschiede vom Kapitän, das Bollwerk entlang, erst auf den
Sankt-Annen-Platz und von hier aus in kurzer Biegung auf die
Dronningens-Tvergade zu, wo gleich links das zweistöckige Haus der Witwe Hansen
gelegen war. Als er hier, nach wenigen Minuten, von der anderen Seite der Straße
her seiner Wohnung ansichtig wurde, sah er musternd hinüber und freute sich des
sauberen und anheimelnden Eindrucks, den das Ganze machte. Der erste Stock, in
dem sich seine zwei Zimmer befanden, war schon erleuchtet, und die
Schiebefenster, um frische Luft einzulassen, waren ein wenig geöffnet. »Ich
wette, es brennt auch ein Feuer im Kamin. Ein Ideal von einer Wirtin.« Unter
diesen Betrachtungen schritt er über den Damm auf das Haus zu und tat mit dem
Klopfer einen guten Schlag, nicht zu laut und nicht zu leise. Gleich danach
wurde denn auch geöffnet, und Witwe Hansen in Person, eine noch hübsche Frau von
beinah fünfzig, begrüßte den Grafen mit einer Art Herzlichkeit und sprach ihm
ihre Freude aus, ihn noch in diesem Jahre wiederzusehen, während sie doch
frühestens von Neujahr an darauf gerechnet habe. »Daß Baron Bille, der doch kein
Kind mehr, auch gerade die Masern kriegen mußte! Aber so ist es im Leben, dem
einen sein Schad ist dem anderen sein Nutz.«
    Unter diesen Worten war die Wirtin in den Flur zurückgetreten, um,
vorangehend, dem Grafen hinaufzuleuchten. Dieser folgte denn auch. Unten an der
Treppe aber blieb er einen Augenblick stehen, was, nach dem Anblick, der sich
ihm bot, kaum ausbleiben konnte. Die zweite Hälfte des nur schmalen Hausflures
lag nach hinten zu wie in Nacht, ganz zuletzt aber, da, wo mutmaßlich eine zur
Küche führende Tür aufstand, fiel ein Lichtschein in den dunklen Flur hinein,
und in diesem Lichtscheine stand eine junge Frau, vielleicht, um zu sehen, noch
wahrscheinlicher, um gesehen zu werden. Holk war betroffen und sagte: »Wohl Ihre
Frau Tochter? Ich habe schon davon gehört, und daß sie diesmal ihren Ehemann
nicht begleitet hat.« Die Witwe Hansen bestätigte Holks Frage nur ganz kurz,
mutmaßlich, weil sie durch eine längere Mitteilung ihrerseits die Wirkung des
Bildes nicht abschwächen wollte.
    Oben in den Zimmern, die mit schweren Teppichen ausgelegt und mit Vasen und
anderen chinesisch-japanischen Porzellansachen reich, aber nicht überladen
geschmückt waren, zeigte sich alles so, wie's Holk vermutet hatte: die Lichter
brannten, das Feuer im Kamin war da, und auf dem Sofatische standen Früchte,
mehr wohl, um den anheimelnden Eindruck eines Stillebens zu steigern, als um
gegessen zu werden. Neben der Fruchtschale lagen die Karten von Baron Pentz und
Baron Erichsen, die beide vor einer Stunde bereits dagewesen waren und nach dem
Grafen gefragt hatten. »Sie würden wiederkommen.«
    In diesem Augenblick hörte man unten auf dem Hausflur sprechen. »Es werden
meine Sachen sein«, sagte Holk und erwartete, die junge Frau, deren Bild ihn
noch beschäftigte, samt ein paar koffertragenden Schiffsleuten eintreten zu
sehen. Aber die junge Frau kam nicht, auch nicht das Gepäck, wohl aber
erschienen beide Freiherren, mit denen sich nun Holk begrüßte, mit Pentz
herzlich und jovial, mit Erichsen artig und etwas zurückhaltend. Frau Hansen
machte Miene, sich zurückzuziehen, und fragte nur noch, was der Herr Graf für
den Abend befehle. Holk wollte auch darauf antworten, Pentz aber ließ es nicht
dazu kommen und sagte: »Liebe Frau Hansen, Graf Holk hat für heute gar keine
Wünsche mehr, ausgenommen den, uns zu Vincents zu begleiten. Sie müssen sich's
gefallen lassen, daß wir ihn Ihnen gleich im ersten Moment wieder entführen,
Ihnen und der Frau Tochter. Wobei mir einfällt, sind denn Nachrichten von
Kapitän Hansen da, diesem glücklichsten und beneidenswertesten und zugleich
leichtsinnigsten aller Ehemänner? Wenn ich solche Frau hätte, hätt ich mich für
ein Metier entschieden, das mich jeden Tag runde vierundzwanzig Stunden ans Haus
fesselte; Schiffskapitän wäre jedenfalls das letzte gewesen.«
    Witwe Hansen war sichtlich erheitert, rückte sich aber doch einigermaßen
ernsthaft zurecht und sagte mit einer gewissen Matronenwürde: »Ach, Herr Baron,
wer immer auf seinen Mann wartet, der denkt nicht an andere. Mein Seliger war ja
auch Kapitän. Und ich habe immer bloß an ihn gedacht...«
    Pentz lachte. »Nun, Frau Hansen, was einem die Frauen sagen, das muß man
glauben, das geht nicht anders. Und ich will's auch versuchen.«
    Und dabei nahm er Holk am Arm, um ihn zu gemeinschaftlichem Abendessen und
obligater Plauderei zu Vincents Restaurant zu führen. Baron Erichsen folgte mit
einem Gesichtsausdruck, der die voraufgegangenen Kordialitäten mit der Wirtin zu
mißbilligen schien, trotzdem er sie als Pentzsche Verkehrsform genugsam kannte.
    Die Witwe Hansen ihrerseits aber hatte bereits die Glocke von einer der
beiden Lampen genommen und leuchtete hinab, bis die drei Herren das Haus
verlassen hatten.
    Pentz und Erichsen waren Gegensätze, was nicht ausschloß, daß sie sich
ziemlich gut standen. Mit Pentz stand sich übrigens jeder gut, weil er nicht
bloß zu dem holländischen Sprichworte: »Wundere dich allenfalls, aber ärgere
dich nicht«, von ganzem Herzen hielt, sondern diesen Weisheitssatz auch noch
überbot. Er hatte nämlich auch das »sich wundern« schon hinter sich; auch das
war ihm schon um einen Grad zuviel. Er bekannte sich vielmehr zu »ride si sapis«
und nahm alles von der heiteren Seite. Dem alten Pilatusworte »Was ist
Wahrheit?« gab er in Leben, Politik und Kirche die weiteste Ausdehnung, und sich
über Moralfragen zu erhitzen - bei deren Erörterung er regelmäßig die Griechen,
Ägypter, Inder und Tscherkessen als Vertreter jeder Richtung in Leben und Liebe
zitierte - war ihm einfach ein Beweis tiefer Nichtbildung und äußerster
Unvertrautheit mit den »wechselnden Formen menschlicher Vergesellschaftung«, wie
er sich, unter Lüftung seiner kleinen Goldbrille, gern ausdrückte. Man sah dann
jedesmal, wie die kleinen Augen pfiffig und überlegen lächelten. Er war ein
Sechziger, unverheiratet und natürlich Gourmand; die Prinzessin hielt auf ihn,
weil er sie nie gelangweilt und sein nicht leichtes Amt anscheinend spielend und
doch immer mit großer Akkuratesse verwaltet hatte. Das ließ manches andere
vergessen, vor allem auch das, daß er, all seiner Meriten unerachtet, doch
eigentlich in allem, was Erscheinung anging, eine komische Figur war. Solange er
bei Tische saß, ging es; wenn er dann aber aufstand, zeigte sich's, was die
Natur einerseits zuviel und andererseits zuwenig für ihn getan hatte. Seine
Sockelpartie nämlich ließ viel zu wünschen übrig, was die Prinzessin dahin
ausdrückte, »sie habe nie einen Menschen gesehen, der sowenig auf Stelzen ginge
wie Baron Pentz«. Da sie dies Wort immer nur zitierte, wenn in seinem Sprechen
etwas moralisch sehr »Ungestelztes« vorausgegangen war, so genoß sie dabei die
Doppelfreude, ihn mit ein und demselben Worte ridikülisiert und beglückt zu
haben. Er war von großer Beweglichkeit und hätte danach ein ewiges Leben
versprochen, wenn nicht sein Embonpoint, sein kurzer Hals und sein geröteter
Teint gewesen wären, drei Dinge, die den Apoplektitus verrieten.
    Als Pentz' Gegenstück konnte Erichsen gelten; wie jener ein Apoplektikus, so
war dieser ein geborener Hektikus. Er stammte aus einer Schwindsuchtsfamilie,
die, weil sie sehr reich war, die Kirchhöfe sämtlicher klimatischer Kurorte mit
Denkmälern aus Marmor, Syenit und Bronze versorgt hatte. Die Zeichen der
Unsterblichkeit auf eben diesen Denkmälern waren aber überall dieselben, und in
Nizza, San Remo, Funchal und Kairo, ja prosaischerweise auch in Görbersdorf,
schwebte der Schmetterling, als wenn er das Wappen der Erichsen gewesen wäre,
himmelan. Auch unser gegenwärtiger Kammerherr Erichsen, seit etwa zehn Jahren im
Dienste der Prinzessin, hatte den ganzen Kursus »durchschmarutzt«, ihn aber
glücklicher absolviert als andere seines Namens. Von seinem vierzigsten Jahre an
war er seßhaft geworden und konnte sich die ruhigen Tage gönnen, was er so weit
trieb, daß er kaum noch Kopenhagen verließ. Er hatte das Reisen satt bekommen,
zugleich aber aus seinen ärztlich verordneten Entsagungstagen auch eine
Abneigung gegen alle Extravaganzen in sein derzeitiges Hofleben mit
herübergenommen. Daran gewöhnt, von Milch, Hühnerbrust und Emser Krähnchen zu
leben, fiel ihm, wie Pentz sagte, bei Festmahlen und Freudenfeiern immer nur die
Aufgabe zu, durch seine lange, einem Ausrufungszeichen gleichende Gestalt, vor
allem, was an Bacchuskultus erinnern konnte, zu warnen. »Erichsen das Gewissen«
war einer der vielen Beinamen, die Pentz ihm gegeben hatte.
    Von dem Hause der Witwe Hansen in der Dronningens-Tvergade bis zu Vincents
Restaurant am Kongens Nytorv war nur ein Weg von fünf Minuten. Erichsen mußte,
nach Pentz' Weisung, rekognoszierend vorangehen, »weil ihm seine sechs Fuß einen
besseren Überblick über die Vincentschen Platzzustände gestatten würden«. Und zu
dieser vorsichtigen Weisung, so scherzhaft sie gegeben war, war nur zu guter
Grund vorhanden; denn als eine Minute nach Erichsen auch Pentz und Holk in das
Lokal eintraten, schien es unmöglich, einen noch unbesetzten Tisch zu finden.
Aber schließlich entdeckte man doch eine gute Ecke, die nicht nur ein paar
bequeme Plätze, sondern auch ein behagliches Beobachten versprach.
    »Ich denke, wir beginnen mit einem mittleren Rüdesheimer. Doktor Grämig,
beiläufig der lustigste Mensch von der Welt, sagte mir neulich, es sei
merkwürdig, daß ich noch ohne Podagra sei, worauf ich nicht bloß meiner
Lebensweise, sondern ganz besonders auch meiner Lebensstellung nach einen
sozusagen historisch verbrieften Anspruch hätte. Je mehr er aber damit recht
haben mochte, je mehr gilt es für mich, die noch freie Spanne Zeit zu nutzen.
Erichsen, was darf ich für Sie bestellen? Biliner oder Selters oder
phosphorsaures Eisen...«
    Ein Kellner kam, und eine kleine Weile danach, so stießen alle drei mit
ihren prächtig geschliffenen Römern an, denn auch Erichsen hatte von dem
Rüdesheimer genommen, nachdem er sich vorher einer Wasserkaraffe versichert
hatte.
    »Gamle Danmark«, sagte Pentz, worauf Holk, ein zweites Mal anstoßend,
erwiderte: »Gewiß, Pentz, gamle Danmark. Und je gamler, desto mehr. Denn was uns
je trennen könnte - gebe Gott, daß der Tag fern sei -, das ist das neue
Dänemark. Das alte, da bin ich mit dabei, dem trink ich zu. Friedrich VII. und
unsere Prinzessin... Aber sagen Sie, Pentz, was ist nur in meine guten
Kopenhagener gefahren und vor allem in diese gemütliche Weinstube? Sehen Sie
doch nur da drüben, wie das alles aufgeregt ist und sich die Blätter aus den
Händen reißt. Und Oberstlieutenant Faaborg, ja es ist Faaborg, den muß ich
nachher begrüßen, sehen Sie doch nur, der glüht ja wie ein Puter und fuchtelt
mit dem Zeitungsstock in der Luft umher, als ob es ein Dragonersäbel wäre. Auf
wen redet er denn eigentlich ein?«
    »Auf den armen Thott.«
    »Arm? Warum?«
    »Weil man, soviel ich weiß, Thott im Verdacht hat, daß er auch mit im
Komplott sei.«
    »In welchem Komplott?«
    »Aber Holk, Sie sind ja wenigstens um ein Menschenalter zurück. Freilich, da
Sie gestern gepackt haben und heute gereist sind, so sind Sie halb entschuldigt.
Wir haben hier allerdings so was wie ein Komplott: Hall soll über die Klinge
springen.«
    »Und das nennen Sie Komplott. Ich entsinne mich übrigens, Sie schrieben mir
schon davon... Ich bitte Sie, lassen Sie den guten Hall doch springen. Er wird
sich selber nicht viel daraus machen, das aus den Fugen gehende Dänemark, woran
ich übrigens noch lange nicht glaube, wieder einzurenken. Schon Hamlet wollte
nicht. Und nun gar Hall.«
    »Nun, der will auch nicht, darin haben Sie recht. Aber unsere Prinzessin
will es, und das gibt den Ausschlag. Sowenig Vertrauen sie zu dem König hat, was
mit ihrer Abneigung gegen die Danner zusammenhängt, soviel Vertrauen hat sie nun
mal zu Hall; nur Hall kann retten, und deshalb muß er im Amte bleiben. Und wie
die Prinzessin denkt - ich bitte Sie, sich mit Ihrer entgegengesetzten Meinung
ihr gegenüber nicht etwa decouvrieren zu wollen -, so denken viele. Hall soll
bleiben. Und deshalb sehen Sie auch Faaborg mit seinem Zeitungsstock wie einen
Gladiator fechten.«
    Erichsen war der erregten Szene drüben ebenfalls gefolgt. »Ein Glück, daß de
Meza am Nachbartische sitzt«, sagte er, »der wird es wieder in Ordnung bringen.«
    
    »Ach, gehen Sie mir, Erichsen, mit wieder in Ordnung bringen. Als ob
Faaborg, dieser Stockdäne, der Mann wäre, sich beruhigen zu lassen, wenn er mal
in Unruhe ist. Und nun gar von de Meza.«
    »De Meza ist sein Vorgesetzter.«
    »Ja, was heißt Vorgesetzter? Er ist sein Vorgesetzter, wenn er die Brigade
inspiziert, aber nicht sein Vorgesetzter hier bei Vincent oder irgendsonstwo,
geschweige wenn es sich um Politik handelt, um dänische Politik, von der de Meza
nichts versteht, wenigstens nicht in Faaborgs Augen. De Meza ist ihm ein
Fremder, und es hat auch was für sich. De Mezas Vater war ein portugiesischer
Jude, alle Portugiesen sind eigentlich Juden, und kam, was Holk vielleicht nicht
weiß, vor soundso viel Jahren als ein Schiffsdoktor hier nach Kopenhagen
herüber. Und wenn es auch nicht sicher verbürgt wäre - Sie können es übrigens in
jedem Buche nachschlagen, und de Meza selbst macht auch gar kein Hehl daraus -,
so könnten Sie ihm die Abstammung von der Stirne lesen. Und dazu dieser
Portugiesenteint.«
    Erichsen hatte seine Freude daran und nickte zustimmend.
    »Und wenn er bloß den südlichen Teint hätte«, fuhr Pentz fort, »er ist aber
überhaupt auf den Süden, um nicht zu sagen auf den Orient eingerichtet, und
Wetterglas und Windfahne sind so ziemlich die größten Unentbehrlichkeiten für
ihn. Er friert immer, und was andere frische Luft nennen, das nennt er Zug oder
Wind oder Orkan. Ich möchte wohl wissen, wie sich unser König Waldemar der
Sieger, der alle Jahre wenigstens dreiundfünfzig Wochen auf See war, zu de Meza
gestellt hätte.«
    Bis dahin war Erichsen unter Zustimmung gefolgt, aber all dies letzte war
doch wieder sehr unvorsichtig gesprochen und traf den angekränkelten langen
Kammerherrn viel, viel mehr noch, als es de Meza traf.
    »Ich begreife Sie nicht, Pentz«, nahm er, der sonst nie sprach, jetzt
empfindlich das Wort. »Sie werden schließlich noch beweisen wollen, daß man
absolut ohne Wolle leben muß, um überhaupt als Soldat zu gelten. Ich weiß, de
Meza steckt in Flanell, weil er immer friert, aber sein fröstelnder Zustand hat
ihn nicht abgehalten, bei Fridericia Anno 49 sehr viel und bei Idstedt, das Jahr
darauf, eigentlich alles zu tun. Ich für meine Person bezweifle nicht, daß
Napoleon geradesogut nach dem Thermometer gesehen hat wie andere Menschen; in
Rußland war es freilich unnötig. Übrigens seh ich, daß man drüben in der
Offiziersecke wieder beim Zeitungslesen ist und das Streiten uns überläßt. Ob
wir hinübergehen und de Meza begrüßen?«
    »Ich denke, wir lassen es«, sagte Holk. »Er könnte nach diesem und jenem
fragen, worauf ich gerade heute nicht antworten möchte. Nicht de Mezas wegen bin
ich ängstlich, der jede Meinung respektiert, aber der andern Herrn halber, unter
denen, nach meiner freilich schwachen Personalkenntnis, einige Durchgänger sind.
So, wenn ich recht sehe, Oberstlieutenant Tersling, da links am Fenster. Und
dann denk ich auch an unsre Prinzessin, der als einer politischen Dame alles
gleich zugetragen wird. Ich bange ohnehin vor dem Kreuzverhör, dem ich morgen
oder in den nächsten Tagen ausgesetzt sein werde.«
    Pentz lachte. »Lieber Holk, Sie kennen doch hoffentlich die Frauen...«
    Erichsen machte schelmische Augen, weil er wußte, daß Pentz, trotz seines
Glaubens, er kenne sie, sie sicherlich nicht kannte.
    »... Die Frauen, sag ich. Und wenn nicht die Frauen, so doch die
Prinzessinnen, und wenn nicht die Prinzessinnen, so doch unsre Prinzessin. Sie
haben ganz recht, es ist eine politische Dame, und mit einem
schleswig-holsteinschen Programm dürfen Sie ihr nicht kommen. Darin ist nichts
geändert, aber auch nichts verschlimmert, weil sie, trotz aller Politikmacherei,
nach wie vor ganz ancien régime ist.«
    »Zugegeben. Aber was soll ich für meine Person daraus gewinnen?«
    »Alles. Und ich wundre mich, daß ich Sie darüber erst aufklären muß. Was
heißt ancien régime? Die Leute des ancien régime waren auch politisch, aber sie
machten alles aus dem Sentiment heraus, die Frauen gewiß, und vielleicht war es
das Richtige. Jedenfalls war es das Amüsantere. Da haben Sie das Wort, auf das
es ankommt. Denn das Amüsante, was in der Politik wenigstens immer
gleichbedeutend ist mit Chronique scandaleuse, spielte damals die Hauptrolle,
wie's bei unsrer Prinzessin noch heute der Fall, und wenn Sie sich vor einem
politischen Kreuzverhör fürchten, so brauchen Sie nur von Berling oder der
Danner oder von Blixen-Finecke zu sprechen und nur anzudeuten, was in Skodsborg
oder in der Villa der guten Frau Rasmussen an Schäfer- und Satyrspielen gespielt
worden ist, so fällt jedes politische Gespräch sofort zu Boden, und Sie sind aus
der Zwickmühle heraus. Hab ich recht, Erichsen?«
    Erichsen bestätigte.
    »Ja, meine Herren«, lachte Holk, »ich will das alles gelten lassen, aber ich
kann leider nicht zugeben, daß meine Situation dadurch sonderlich gebessert
wird. Die Schwierigkeiten lösen sich bloß ab. Was mich vor dem politischen
Gespräch bewahren soll, ist fast noch schwieriger als das politische Gespräch
selber. Wenigstens für mich. Sie vergessen, daß ich kein Eingeweihter bin und
daß ich Ihr Kopenhagener Leben, trotz gelegentlicher Aufenthalte, doch
eigentlich nur ganz oberflächlich aus Dagbladet oder Flyveposten kennenlerne.
Die Danner und Berling oder die Danner und Blixen-Finecke - davon soll ich mit
einem Male sprechen; aber was weiß ich davon? Nichts, gar nichts; nichts, als
was ich dem neusten Witzblatt entnommen, und das weiß die Prinzessin auch, denn
sie liest ja Witzblätter und Zeitungen bis in die Nacht hinein. Ich habe nichts
als die Witwe Hansen, die mir doch als Bezugsquelle nicht ausreicht.«
    »Ganz mit Unrecht, Holk. Da haben Sie keine richtige Vorstellung von der
Witwe Hansen und ihrer Tochter. Die sind ein Nachschlagebuch für alle
Kopenhagner Geschichten. Wo sie's hernehmen, ist ein süßes Geheimnis. Einige
sprechen von Dionysosohren, andere von einem unterirdischen Gange, noch andere
von einem Hansenschen Teleskop, das alles, was sich gewöhnlichen Sterblichen
verbirgt, aus seiner Verborgenheit herauszuholen weiß. Und endlich noch andere
sprechen von einem Polizeichef. Mir die verständlichste der Annahmen. Aber ob es
nun das eine sei oder das andere, soviel ist gewiß, beide Frauen, oder auch
Damen, wenn Sie wollen, denn ihr Rang ist schwer festzustellen, wissen alles,
und wenn Sie jeden Morgen mit einer Frau Hansenschen Ausrüstung zum Dienst
erscheinen, so verbürg ich mich, daß Sie gefeit sind gegen intrikate politische
Gespräche. Die Hansens, und speziell die junge, wissen mehr von der Gräfin
Danner als die Danner selbst. Denn Polizeibeamte haben auf diesem interessanten
Gebiete sozusagen etwas Divinatorisches oder Dichterisches, und wenn nichts
vorliegt, so wird was erfunden.«
    »Aber da lerne ich ja meine gute Frau Hansen von einer ganz neuen Seite
kennen. Ich vermutete höchste Respektabilität...«
    »Ist auch da in gewissem Sinne... Wo kein Kläger ist, ist kein Richter...«
    »Und ich werde mich, unter diesen Umständen, zu besondrer Vorsicht bequemen
müssen...«
    »Wovon ich Ihnen durchaus abreden möchte. Die Nachteile davon liegen
obenauf, und die Vorteile sind mehr als fraglich. Sie können in diesem Hause
nichts verbergen, selbst wenn Ihr Charakter das zuließe; die Hansens lesen Ihnen
doch alles aus der Seele heraus, und das Beste, was ich Ihnen raten kann, heißt
Freiheit und Unbefangenheit und viel sprechen. Viel sprechen ist überhaupt ein
Glück und unter Umständen die wahre diplomatische Klugheit; es ist dann das
einzelne nicht mehr recht festzustellen, oder noch besser, das eine hebt das
andere wieder auf.«
    Erichsen lächelte.
    »Sie lächeln, Erichsen, und es kleidet Ihnen. Außerdem aber mahnt es mich -
denn ein Lächeln, weil es in seinen Zielen meist unbestimmt bleibt, kritisiert
immer nach vielen Seiten hin -, daß es Zeit ist, unsren Holk freizugeben; es ist
schon ein Viertel nach elf, und die Hansens sind reputierliche Leute, die die
Mitternacht nicht gern heranwachen, wenigstens nicht nach vorn heraus und mit
Flurlampe. Drüben am Tisch ist übrigens auch schon alles aufgebrochen. Ich werde
inzwischen die Berechnung machen; erwarten Sie mich draußen an der Hauptwache.«
    Holk und Erichsen schlenderten denn auch draußen auf und ab. Als sich ihnen
Pentz wieder zugesellt hatte, gingen sie auf die Dronningens-Tvergade zu, wo man
sich, gegenüber dem Hause der Frau Hansen, verabschiedete. Das Haus lag im
Dunkel, und nur das Mondlicht blickte, wenn die Wolken es freigaben, in die
Scheiben der oberen Etage. Holk hob den Klopfer, aber eh er ihn fallen lassen
konnte, tat sich auch schon die Tür auf, und die junge Frau Hansen empfing ihn.
Sie trug Rock und Jacke von ein und demselben einfachen und leichten Stoff, aber
alles, auf Wirkung hin, klug berechnet. In der Hand hielt sie eine Lampe von
ampelartiger Form, wie man ihnen auf Bildern der Antike begegnet. Alles in allem
eine merkwürdige Mischung von Froufrou und Lady Macbeth. Holk, einigermaßen in
Verwirrung, suchte nach einer Anrede, die junge Frau Hansen kam ihm aber zuvor
und sagte, während ihr die Augen vor anscheinender Übermüdung halb zufielen,
ihre Mutter lasse sich entschuldigen; so rüstig sie sei, so brauche sie doch den
Schlaf vor Mitternacht. Holk gab nun seinem Bedauern Ausdruck, daß er sich
verplaudert habe, zugleich die dringende Bitte hinzufügend, ihn, wenn es wieder
vorkäme, nicht erwarten zu wollen. Aber die junge Frau, ohne direkt es
auszusprechen, deutete wenigstens an, daß man sich ein jedesmaliges Erwarten
ihres Hausgastes nicht nehmen lassen werde. Zugleich ging sie mit ihrer Ampel
langsamen Schritts vorauf, blieb aber, als sie bis unten an die Treppe gekommen
war, neben derselben stehen und leuchtete, die Linke auf das Geländer stützend,
mit ihrer hocherhobenen Rechten dem Grafen hinauf. Dabei fiel der weite Ärmel
zurück und zeigte den schönen Arm. Holk, als er oben war, grüßte noch einmal und
sah, als sich gleich danach auch die junge Frau langsam und leise zurückzog, wie
das Spiel der Lichter und Schatten auf Flur und Treppe geringer wurde. Horchend
stand er noch ein paar Augenblicke bei halb geöffneter Tür, und erst als es
unten dunkel geworden war, ließ er auch seinerseits die Tür ins Schloß fallen.
    »Eine schöne Person. Aber unheimlich. Ich darf ihrer in meinem Brief an
Christine gar nicht erwähnen, sonst schreibt sie mir einen Schreckbrief und läßt
alle fraglichen Frauengestalten des Alten und Neuen Testaments an mir
vorüberziehen.«

                                 Elftes Kapitel

 
Holk hatte sich vorm Einschlafen, trotz aller Ermüdung von der Reise, mit dem
Bilde der jungen Frau Hansen beschäftigt, jedenfalls mehr als mit Politik und
Prinzessin. Am anderen Morgen aber war alles verflogen, und wenn er der
Erscheinung mit der Ampel auch jetzt noch gedachte, so war es unter Lächeln. Er
sann dabei nach, welche Göttin oder Liebende, mit der Ampel umhersuchend, auf
antiken Wandbildern abgebildet zu werden pflege, konnt es aber nicht finden und
gab schließlich alles Suchen danach auf. Dann zog er die Klingel und öffnete das
Fenster, um noch vor dem Erscheinen des Frühstücks einen Zug frische Luft nehmen
und einen Blick auf die Straße tun zu können. Es waren nur wenige, die zu so
verhältnismäßig früher Stunde die Dronningens-Tvergade passierten, aber jedes
einzelnen Haltung war gut, alles blühend und frisch, und er begriff den Stolz
der Dänen, die sich als die Pariser des Nordens fühlen und nur den Unterschied
gelten lassen, ihrem Vorbild noch überlegen zu sein. In diesem Augenblicke
bauschten die Gardinen am Fenster, und als er sich umsah, sah er, daß Witwe
Hansen mit dem Frühstückstablett eingetreten war. Man begrüßte sich, und nach
der selbstverständlichen Frage, wie der Herr Graf geschlafen und was er geträumt
habe, »denn der erste Traum gehe immer in Erfüllung«, legte die Hansen das Tuch
und baute dann alles, was eben noch auf dem Tablett gestanden hatte, auf dem
Frühstückstisch auf. Holk musterte die ganze Herrlichkeit und sagte dann: »Man
ist doch nirgends besser aufgehoben als bei Witwe Hansen; es lacht einen alles
an, alles so blink und blank und am meisten Witwe Hansen selbst. Und das
chinesische Geschirr zu dem Tee! Man merkt an allem, daß Ihr Seliger ein
Chinafahrer war, und Ihr Schwiegersohn, wie mir Baron Pentz gestern abend
erzählt hat, ist es auch und heißt auch Hansen; derselbe Name, derselbe Titel,
so daß es einem passieren kann, Mutter und Tochter zu verwechseln.«
    »Ach, Herr Graf«, sagte die Hansen, »wer soll uns verwechseln? Ich, eine
alte Frau, mit einem langen und schwerer Leben...«
    »Nun, nun.«
    »... Und Brigitte, die morgen erst dreißig wird! Aber Sie dürfen mich nicht
verraten, Herr Graf, daß ich es gesagt habe und daß morgen Brigittens Geburtstag
ist.«
    »Verraten? Ich? Ich bitte Sie, Frau Hansen... Aber Sie stehen so auf dem
Sprunge; das nimmt mir die Ruhe. Wissen Sie was, Sie müssen sich zu mir setzen
und mir etwas erzählen, vorausgesetzt, daß ich Sie mit dieser Bitte nicht in
Ihrer Wirtschaft oder in noch Wichtigerem störe.«
    Die Hansen tat, als ob sie zögere.
    »Wirklich, lassen Sie dies Ihren ersten Besuch sein, den Sie mir in Ihrer
Güte ja regelmäßig machen; ich habe ohnehin so viele Fragen auf dem Herzen.
Bitte, hier, hier auf diesen Stuhl, da seh ich Sie am besten, und gut sehen ist
das halbe Hören. Ich hörte sonst so gut, aber seit kurzem versagt es dann und
wann; das sind so die ersten Alterszeichen.«
    »Wer's Ihnen glaubt, Herr Graf. Ich glaube, Sie hören alles, was Sie hören
wollen, und sehen alles, was Sie sehen wollen.«
    »Ich seh und höre nichts, Frau Hansen, und wenn ich etwas gesehen habe, so
vergeß ich es wieder. Freilich nicht alles. Da hab ich gestern abend Ihre Frau
Tochter gesehen, Brigitte nannten Sie sie; zum Überfluß auch noch ein
wundervoller Name. Nun, die vergißt man nicht wieder. Sie können stolz sein,
eine so schöne Tochter zu haben, und nur den Ehemann begreif ich nicht, daß er
seine Frau hier in aller Ruhe zurückläßt und zwischen Singapor und Shanghai
hin-und herfährt. So nehm ich wenigstens an, denn da fahren sie so ziemlich
alle. Ja, Frau Hansen, solche schöne Frau, mein ich, die nimmt man mit vom
Nordpol bis an den Südpol, und wenn man's nicht aus Liebe tut, so tut man's aus
Angst und Eifersucht. Und ich für mein Teil, soviel weiß ich, ich würde mir
immer sagen, man muß auch von der Jugend nicht mehr verlangen, als sie leisten
kann. Nicht wahr? In diesem Punkte, denk ich, sind wir einig; Sie denken auch
so. Also warum nimmt er sie nicht mit? Warum bringt er sie in Gefahr? Und
natürlich sich erst recht.«
    »Ach, das ist eine lange Geschichte, Herr Graf...«
    »Desto besser. Eine Liebesgeschichte dauert nie zu lang, und eine
Liebesgeschichte wird es doch wohl sein.«
    »Ich weiß nicht recht, Herr Graf, ob ich es so nennen kann; es ist wohl so
was dabei, aber eigentlich ist es doch keine rechte Liebesgeschichte... bloß daß
es eine werden konnte.«
    »Sie machen mich immer neugieriger... Übrigens ein kapitaler Tee; man merkt
auch daran den Chinafahrer, und wenn Sie mir eine besondere Freude machen
wollen, so gestatten Sie mir, Ihnen von Ihrem eigenen Tee einzuschenken.«
    Damit stand er auf und nahm aus einer in der Nähe des Fensters stehenden
Etagère eine Tasse heraus, darauf in Goldbuchstaben stand: Dem glücklichen
Brautpaare. »Dem glücklichen Brautpaare«, wiederholte Holk. »Wem gilt das?
Vielleicht Ihnen, liebe Frau Hansen; Sie lachen... Aber man ist nie zu alt, um
einen vernünftigen Schritt zu tun, und das Vernünftigste, was eine Witwe tun
kann, ist immer...«
    »Eine Witwe bleiben.«
    »Nun meinetwegen, Sie sollen recht haben. Aber die Geschichte, die
Geschichte. Kapitän Hansen, Ihr Schwiegersohn, wird doch wohl ein hübscher Mann
sein, alle Kapitäne sind hübsch, und Frau Brigitte wird ihn doch wohl aus Liebe
genommen haben.«
    »Das hat sie, wenigstens hat sie mir nie was anderes gesagt, außer ein
einziges Mal. Aber das war erst später, und ich spreche jetzt von damals, von
der ersten Zeit, als sie sich eben geheiratet hatten. Da war wirklich eine große
Zärtlichkeit, und wohin es ging, und wenn es eine gelbe Fiebergegend war, immer
war sie mit ihm an Bord, und wenn sie wieder hier in Kopenhagen zurück war...
sie hatte aber damals eine selbständige Wohnung, denn mein alter Hansen, dessen
sich der Herr Graf ja wohl noch von Glücksburg her erinnern werden, lebte damals
noch..., ja, was ich sagen wollte, immer wenn sie nach einer langen, langen
Reise wieder hier war, wollte sie gleich wieder fort, weil sie jedesmal meinte:
die Menschen hier gefielen ihr nicht und draußen in der Welt sei's am
schönsten.«
    »Das ist aber doch wunderbar. War sie denn so wenig eitel? Hatte sie denn
gar kein Verlangen, sich umschmeichelt und umworben zu sehen, woran es doch
nicht gefehlt haben wird? Ich wette, die Kopenhagener werden es ihr wohl schon
an ihrem Konfirmationstage gezeigt haben.«
    »Das haben sie freilich. Aber Brigitte war immer gleichgültig dagegen und
blieb es auch in ihrer Ehe. Nur mitunter war sie so rabiat. Und so ging es bis
Anno 54, was ich so genau weiß, weil es gerade das Jahr war, wo die englische
Flotte, die nach Rußland ging, hier vorüberkam. Und in demselben Sommer hatten
wir hier in Kopenhagen einen blutjungen Offizier von der Leibgarde, der bei der
Rasmussen - ich meine die Gräfin Danner, aber wir nennen sie noch immer so - aus
und ein ging, und steckte so tief in Schulden, daß er nicht mehr zu halten war,
und mußte den Abschied nehmen. Aber weil er so klug war und alles wußte, denn er
kannte jedes reiche Haus und besonders die Frauen, so sagte Baron Scheele, der
damals Minister war: er wolle den Lieutenant in den inneren Dienst
herübernehmen. Und er nahm ihn auch wirklich in den inneren Dienst herüber, und
in diesem Dienst ist er noch und auch schon sehr vornehm geworden. Damals aber
war er noch ein halber Schlingel und bloß sehr hübsch, und als Brigitte den sah,
es war gerade an dem Tage, als die Nachricht von dem Bombardement da oben hier
ankam, den Namen hab ich leider vergessen, da gestand sie mir, der gefiele ihr.
Und sie zeigte es auch gleich. Und als Hansen in demselben Herbste wieder nach
China mußte, da sagte sie ihm gradheraus: sie wolle nicht mit, und sagte ihm
auch, warum sie nicht wolle. Oder vielleicht haben es ihm auch andere gesagt.
Kurz und gut, als der Tag kam, wo das Schiff fort sollte, da wurde Hansen doch
ganz ernsthaft und verstand keinen Spaß mehr und sagte: Brigitte, du mußt nun
mit. Und wenn er sie vorher aus Liebe mitgenommen hatte, so nahm er sie jetzt,
gerade wie der Herr Graf gesagt haben, aus Vorsicht mit oder aus Eifersucht.«
    »Und half es? Und wurde sie durch diese Reise von ihrer Liebe geheilt? Ich
meine von der Liebe zu dem im inneren Dienst?«
    »Ja, das wurde sie, wiewohl man's bei Brigitte nie so ganz sicher wissen
kann. Denn sie spricht wohl mancherlei, aber sie schweigt auch viel. Und ist
auch insoweit ganz gleich, als wir die Hauptsache ja doch gehabt haben.«
    »Und was war die Hauptsache?«
    »Daß mein Schwiegersohn seinen Glauben wiederhat, ganz und gar. Hansen ist
nämlich ein sehr guter Mensch und ist wieder ruhig und vernünftig und fährt auch
wieder auf seiner alten Chinatour.«
    »Ich freue mich aufrichtig, das zu hören. Aber wir dürfen in dieser Sache
doch nichts auslassen oder vergessen. Ich glaube nämlich, liebe Frau Hansen, Sie
wollten mir eigentlich erzählen, wie's kam, daß sich Ihr Schwiegersohn von
seiner Eifersucht wieder erholte...«
    »Ja, das wollt ich, und ich sage immer, der Mensch denkt und Gott lenkt, und
wenn die Not am größten ist, dann ist die Hülfe am nächsten. Denn das darf ich
wohl sagen, ich ängstigte mich; eine Mutter ängstigt sich immer um ihr Kind und
macht keinen Unterschied, ob verheiratet oder nicht: ja, ich ängstigte mich um
Brigitten, weil ich dachte, das gibt eine Scheidung, denn sie hat einen sehr
festen Willen, man könnte beinah schon sagen eigensinnig, und ist sehr erregbar,
so still und so schläfrig sie auch mitunter aussieht...«
    »Ja, ja«, lachte Holk, »das ist immer so, stille Wasser sind tief.«
    »Also ich ängstigte mich. Aber es kam alles ganz anders, und das war gerade
damals, als Brigitte sozusagen zwangsweise mitgemußt hatte. Und das machte sich
so. Hansen kriegte damals auf seiner Reise Rückfracht nach Bangkok, einer großen
Stadt in Siam, in der ich selber vor vielen Jahren mit meinem Manne gewesen bin.
Und als Hansen da ankam und ein oder zwei Tage schon vor dem kaiserlichen
Palaste gelegen hatte, denn die Siamschen haben einen Kaiser, kam ein Minister
an Bord und lud Hansen und seine Frau zu einer großen Hoftafel ein. Der Kaiser
mußte sie wohl gesehen haben. Und Brigitte saß neben ihm und sprach englisch mit
ihm, und der Kaiser sah sie immer an. Und als die Tafel aufgehoben war, war er
wieder sehr huldvoll und gnädig und ließ kein Auge von ihr, und als man sich
verabschieden wollte, sagte er zu Hansen: Es läge ihm sehr daran, daß die Frau
Kapitänin am anderen Tage noch einmal in den Palast käme, damit seine Getreuen
im Volke, und vor allem seine Frauen (wovon er sehr viele hatte), die schöne
German lady noch einmal von Angesicht zu Angesicht sehen könnten. Einen
Augenblick erschrak Hansen über die fortgesetzte Ehre, die ja Verrat sein
konnte, denn rund um den ganzen Palast herum waren Köpfe aufgesteckt, ganz so
wie wir Ananas aufstecken; aber Brigitte, die das Gespräch gehört hatte,
verneigte sich vor dem Kaiser und sagte mit der richtigen Miene, denn sie hat so
was Sicheres und Vornehmes, daß sie zu der festgesetzten Stunde kommen werde.«
    »Gewagt, sehr gewagt.«
    »Und sie kam auch wirklich und nahm einen erhöhten Platz ein, der vor dem
Portal des Schlosses und gerade so, daß das Portal ihr Schatten gab, eigens für
sie errichtet worden war, und auf diesem Throne saß sie mit einem Pfauenwedel,
nachdem sie vorher der Kaiser mit einer Perlenkette geschmückt hatte. Die Kette
soll wunderschön gewesen sein. Und nun zogen alle feinen Leute von Bangkok und
dann das Volk an ihr vorüber und verneigten sich, und zum Schluß kamen die
Frauen, und als die letzte vorüber war, erhob sich Brigitte und schritt auf den
Kaiser zu, um den Pfauenwedel und die Perlenkette, womit sie sich bloß für die
Zeremonie geschmückt glaubte, vor ihm niederzulegen. Und der Kaiser nahm auch
beides wieder an, gab ihr aber die Kette zurück, zum Zeichen, daß sie dieselbe
zum ewigen Gedächtnis tragen solle. Und gleich danach kehrte sie, während die
Minister sie führten und die Leibgarde Spalier bildete, bis an die
Landungsbrücke zurück, von der aus Hansen Zeuge des Ganzen gewesen war.«
    »Und nun?«
    »Und von dem Tage an war eine große Sinnesänderung an ihr wahrzunehmen, und
als sie den nächsten Winter wieder hier war und der, um dessentwillen sie
beinahe unglücklich geworden wäre, seine Werbungen erneuern wollte, wies sie
diese Werbungen, soviel ich sehen konnte, kalt und gleichgültig zurück. Und als
Hansen ein halbes Jahr später wieder an Bord ging und Brigitte ihm erklärte, daß
sie, vorausgesetzt, daß er nichts dawider habe, doch lieber zu Hause bleiben
wollte, weil es ihr, nach solcher kaiserlichen Auszeichnung, etwas sonderbar
vorkäme, noch wieder unter Matrosen leben und vielleicht in einem
Hafenwirtshause schlafen zu sollen, wo man nur Negermusik höre und alles nach
Gin rieche, da war Hansen nicht bloß einverstanden damit, sondern auch ganz
entzückt darüber, daß sie die Reise nicht mehr mitmachen wollte, diese nicht und
alle folgenden nicht. Denn von Eifersucht war keine Spur mehr an ihm
wahrzunehmen. Er sah ja, was aus Brigitten geworden war, und äußerte nur noch
Furcht, daß es doch wohl zuviel gewesen und ihr der siamesische Kaiser zu sehr
zu Kopfe gestiegen sei.«
    Holk war in Zweifel, ob er die Geschichte glauben oder als eine kühne
Phantasieleistung und zugleich als dreistes Spiel mit seiner Leichtgläubigkeit
ansehen solle. Nach allem, was Pentz gestern angedeutet, war das letztere das
Wahrscheinlichere. Schließlich konnt es aber auch wahr sein. Was kommt nicht
alles vor? Und so frug er denn, um sich durch etwas Ironie wenigstens vor sich
selber zu rechtfertigen: »wo denn die weißen Elefanten gewesen seien?«
    »Die waren wohl in ihrem Stall«, sagte die Hansen und lachte schalkhaft.
    »Und dann die Perlenschnur, liebe Frau Hansen, die müssen Sie mir zeigen.«
    »Ja, wenn das ginge...«
    »Wenn das ginge? Warum nicht?«
    »Weil, als Brigitte wieder an Bord war, die Schnur mit einem Male fehlte;
sie mußte sie verloren oder in der Aufregung im Palast vergessen haben.«
    »Aber da hätt ich doch sofort nachgefragt.«
    »Ich auch. Aber Brigitte hat so was Sonderbares, und als Hansen, wie ich
nachher gehört habe, darauf bestehen wollte, sagte sie nur: das sei so
gewöhnlich und gegen den Anstand bei Hofe.«
    »Ja«, sagte Holk, der jetzt klarer zu sehen anfing, »das ist richtig. Und
solche Gefühle muß man respektieren.«

                                Zwölftes Kapitel

 
Gleich nach dieser Erzählung, die schließlich, als sich's von der verlorenen
Perlenschnur handelte, selbst dem leichtgläubigen Holk etwas märchenhaft
vorgekommen war, erhob sich Frau Hansen, »um nicht länger zu stören«, und sah
sich auch nicht weiter zurückgehalten. Nicht als ob Holks Geduld erschöpft
gewesen wäre, ganz im Gegenteil, er ließ sich gern dergleichen vorplaudern, und
das süspekte Halbdunkel, in dem alles ruhte, steigerte eigentlich nur sein
Interesse. Nein, es war einfach ein Blick auf die Konsoluhr, was ihn von
unbedingter weiterer Hingebung an die Erzählungskunst der Witwe Hansen Abstand
nehmen ließ; um elf Uhr war er bei der Prinzessin erwartet, keine volle Stunde
mehr, und vorher mußte noch ein kurzer Brief mit der Meldung seiner glücklichen
Ankunft an seine Frau geschrieben werden. Es hieß also sich eilen, was er unter
Umständen verstand, und fünf Minuten vor elf stieg er in den Wagen, der ihn nach
dem nur zwei Minuten entfernten Prinzessinnen-Palais hinüberführte.
    Die Zimmer der Prinzessin lagen im ersten Stock. Holk, in
Kammerherrnuniform, in der er sich selbst nicht ungern sah, stieg die Treppe
hinauf und trat in ein Vorgemach und gleich danach in ein behagliches, mit
Boiserien und Teppichen reich ausgestattetes, im übrigen aber, den Schreibtisch
abgerechnet, mit nur wenig Gegenständen ausgestattetes Wohnzimmer, darin die
Prinzessin Besuche zu empfangen oder Audienz zu erteilen pflegte. Der
Kammerdiener versprach sogleich zu melden. Holk trat an eins der Fenster, das
der Tür, durch welche die Prinzessin eintreten mußte, gerade gegenüberlag, und
sah auf Platz und Straße hinunter. Der Platz unten war wie ausgestorben,
vornehm, aber langweilig, und nichts ließ sich beobachten als abgefallene
Blätter, die der mäßige Wind, der ging, über die Steine hinwirbelte. Ein Gefühl
von Einöde und Verlassenheit überkam Holk, und er wandte sich wieder in das
Zimmer zurück, um seinen Blick auf die beiden einzigen Porträtbilder zu richten,
die die glatten Stuckwände schmückten. Das eine, über dem Polstersofa, war ein
Bildnis des Oheims der Prinzessin, des hochseligen Königs Christians VII., das
andere, über dem Schreibtisch, das Porträt eines anderen nahen Verwandten, eines
ebenfalls schon verstorbenen thüringischen Landgrafen. Der Goldrahmen, der es
einfaßte, war mit einem verstaubten Flor überzogen, und der Staub machte, daß
der Flor nicht wie Flor, sondern fast wie ein Spinnweb wirkte. Des Landgrafen
Gesicht war gut und tapfer, aber durchschnittsmäßig, und Holk stellte sich
unwillkürlich die Frage, welche volksbeglückenden Regierungsgedanken der
Verstorbene wohl gehabt haben möge. Das einzige, was sich mit einer Art
Sicherheit herauslesen ließ, war Ausschau nach den Töchtern des Landes.
    Ehe Holks Betrachtungen hierüber noch abgeschlossen hatten, öffnete sich
eine ziemlich kleine Tür in der rechten Ecke der Hinterwand, und die Prinzessin
trat ein, ganz so, wie man sie nach Einrichtung dieses ihres Zimmers erwarten
mußte: bequem und beinahe unsorglich gekleidet und jedenfalls mit einer völligen
Gleichgültigkeit gegen Eleganz. Holk ging seiner Herrin entgegen, um ihr die bis
zu den Fingern in einem seidenen Handschuh steckende Hand zu küssen, und führte
sie dann, ihrem Auge folgend, bis zu dem dunkelfarbigen, etwas eingesessenen
Sofa.
    »Nehmen Sie Platz, lieber Holk. Dieser Fauteuil wird wohl keine Gnade vor
Ihnen finden, aber der hohe Lehnstuhl da...«
    Holk schob den Stuhl heran, und die Prinzessin, die sich am Anblick des
schönen Mannes sichtlich erfreute, fuhr, als er sich gesetzt hatte, mit vieler
Bonhomie und wie eine gute alte Freundin fort: »Welche frische Farbe Sie
mitbringen, lieber Holk. Was ich hier um mich habe, sind immer Stadtgesichter;
können Sie sich Pentz als einen Gentlemanfarmer oder gar Erichsen als einen
Hopfenzüchter vorstellen? Sie lachen, und ich weiß, was Sie denken... woran der
Hopfen rankt..., ja, lang genug ist er dazu. Stadtgesichter, sagt ich. Da freut
mich Ihre gute schleswigsche Farbe, rot und weiß, wie die Landesfarben. Und was
macht Ihre liebe Frau, die Gräfin? Ich weiß, sie liebt uns nicht sonderlich,
aber wir lieben sie desto mehr, und das muß sie sich gefallen lassen.«
    Holk verneigte sich.
    »Und was sagen Sie zu dem Lärm, den Sie hier vorfinden? Ein wahres
Sturmlaufen gegen den armen Hall, der doch schließlich der Klügste und auch
eigentlich der Beste ist und dem ich es fast verzeihe, daß er zu der
putzmacherlichen Gräfin hält, der ich, beiläufig, wenn ich jemals darüber zu
bestimmen gehabt hätte, ein entsprechendes gräfliches Wappen aus einem
Haubenstock und einer Krinoline zusammengestellt hätte, vielleicht mit der
Devise: Je weiter, je leerer. Ich werde mich in dieser Geschmacksverirrung
meines Neffen, wenn ich auch nur seine Halbtante bin, nie zurechtfinden können;
um die Gräfin archäologisch oder, was dasselbe sagen will, als ausgegrabenes
vaterländisches Altertum anzusehen, ein Standpunkt, von dem aus mein Neffe so
ziemlich alles betrachtet, dazu ist sie, trotz ihrer Vierzig, doch schließlich
noch nicht alt genug. Aber was wundere ich mich noch? Georg II., von dem mir
mein Großvater in meinen jungen Tagen oft erzählte, hielt auch zu dem Satze:
Fair, fat and forty. Warum nicht auch mein Neffe, der König? Übrigens, haben Sie
den gestrigen Sitzungsbericht schon gelesen? Eine wahre Skandalszene voller
Gehässigkeiten. An der Spitze natürlich immer dieser Thompsen-Oldensworth, Ihr
halber Landsmann, ein mir unerträglicher Schreier und Schwätzer in seiner
Mischung von Advokatenpfiffigkeit und biedermännischem Holsteinismus...«
    Holk war verlegen, das Gespräch mit der Prinzessin so von vornherein einen
politischen Charakter annehmen zu sehen, und in seinem Gesichte mochte sich
etwas von dieser Verlegenheit spiegeln, weshalb die Prinzessin fortfuhr: »Aber
lassen wir die leidige Politik. Ich will Ihnen keine Verlegenheiten machen, noch
dazu gleich in dieser ersten Stunde, weiß ich doch, daß Sie ein ketzerischer
Schleswig-Holsteiner sind, einer von denen, mit denen man nie fertig wird und
von denen man immer dann am weitesten ab ist, wenn man eben glaubt, mit ihnen
Frieden geschlossen zu haben. Antworten Sie nichts, sagen Sie nichts von Ihrer
Loyalität; ich weiß, Sie haben so viel davon, wie Sie haben können, aber wenn es
zum Letzten kommt, ist doch der alte Stein des Anstoßes immer wieder da, und
jenes furchtbare sallen blewen ungedeelt, dieses Zitat ohne Ende, dieser
Gemeinplatz ohnegleichen, zieht wieder die Scheidelinie.«
    Holk lächelte.
    »Freilich ist dies des Pudels Kern. Wohin gehört Schleswig? Ihr Schleswig,
lieber Holk. Das ist die ganze Frage. Hall hat den Mut gehabt, die Frage zu
beantworten, wie's einem Dänen zukommt, und weil er es mit Klugheit tun und
nicht gleich das Schwert in die Waage werfen will, deshalb dieser Sturm auf ihn,
an dem Freund und Feind gleichmäßig teilnehmen. Und das ist das schlimmste. Daß
Ihr Thompsen Sturm läuft, kann mich weder wundern noch erschrecken; aber daß
gute treue Dänen, die mit Hall, mit dem Könige, mit mir selber einer Meinung
sind und nur leider den durchgängerischen Zug haben, daß, sag ich, gute treue
Dänen, wie Studenten und Professoren, immer nur ihr Programm wollen und drauf
und dran sind, den besten Mann zu stürzen, den einzigen, der eine Idee von
Politik hat und zu warten versteht, was das erste Gesetz aller Politik ist - das
bringt mich in Erregung.«
    Ehe sie den Satz endete, wurde Baron Pentz gemeldet... »sehr willkommen«,
rief die Prinzessin..., und im selben Augenblicke, wo Pentz unter die Portière
der Flügeltür trat, erschien von der anderen Seite her, ganz in Nähe der kleinen
Tür, durch die die Prinzessin eingetreten war, eine junge blonde Dame, von
schöner Figur und schönem Teint, aber sonst wenig regelmäßigen Zügen, und
schritt auf die Prinzessin zu, während Pentz noch auf halbem Wege stehenblieb
und seine Verbeugung wiederholte.
    »Soyez le bienvenu«, sagte die Prinzessin unter leichtem Handgruße. »Sie
kommen zu guter Stunde, Pentz, denn Sie machen einem politischen Vortrag ein
Ende, eine Mission, zu der niemand berufener ist als Sie. Denn sobald ich Ihrer
ansichtig werde, verklärt sich mir die Welt in eine Welt des Friedens, und wenn
ich eben von Heinrich IV. und Ravaillac gesprochen hätte, so spräch ich, nach
Ihrem Eintreten, nur noch von Heinrich IV. und dem Huhn im Topf. Ein sehr
wesentlicher Unterschied.«
    »Und ein sehr angenehmer dazu, gnädigste Prinzessin. Ich bin glücklich,
mich, ohne mein Dazutun, als ein Träger und Bringer alles Idyllischen
installiert zu sehen. Aber« ... und sein Auge bewegte sich zwischen Holk und der
jungen Blondine hin und her... »auch in Arkadien soll die Sitte der Vorstellung
zu Hause gewesen sein. Ich weiß nicht, ob ich von meiner Pflicht als
Introducteur Gebrauch machen...«
    »Oder beides an Königliche Hoheit abtreten soll«, lachte die Prinzessin.
»Ich glaube, lieber Pentz, daß Recht und Pflicht auf Ihrer Seite sind, aber ich
will mir die Freude nicht versagen, zwei mir so werte Personen allerpersönlichst
miteinander bekannt gemacht zu haben: Graf Holk... Fräulein Ebba von Rosenberg.«
    Beide verneigten sich gegeneinander, Holk etwas steif und mit
widerstreitenden Empfindungen, das Fräulein leicht und mit einem Ausdruck
humoristisch angeflogener Suffisance. Die Prinzessin aber, die diesem
Vorstellungsakte geringe Teilnahme schenkte, wandte sich sofort wieder an Pentz
und sagte: »Dies wäre nun also aus der Welt geschafft und dem Zeremoniell,
worüber Sie zu wachen haben, Genüge getan. Aber Sie werden mich doch nicht
glauben machen wollen, Pentz, daß Sie hier erschienen sind, um dem stattgehabten
Vorstellungsakte feierlichst beizuwohnen oder ihn selbst zu vollziehen. Sie
haben was anderes auf dem Herzen, und zum Vortrag Ihrer eigentlichen
Angelegenheit haben Sie nunmehr das Wort. Wenn man soviel Parlamentsberichte
liest, wird man schließlich selber virtuos in parlamentarischen Wendungen.«
    »Ich komme, gnädigste Prinzessin, um gehorsamst zu vermelden, daß heute
nachmittag ein großes militärisches Festessen in Klampenborg ist...«
    »Und zu welchem Zweck? Oder wem zu Ehren?«
    »General de Meza zu Ehren, der gestern früh aus Jütland hier eingetroffen
ist.«
    »De Meza. Nun gut, sehr gut. Aber, lieber Pentz, offen gestanden, was sollen
wir damit? Ich kann doch nicht einem Kasinofeste präsidieren und de Meza leben
lassen.«
    »Es fragte sich, ob es nicht doch vielleicht ginge. Königliche Hoheit haben
Überraschlicheres getan. Und daß Sie's getan, das ist es grade, was Sie dem
Volke verbindet.«
    »Ach, dem Volke. Das ist ein eigen Kapitel. Sie wissen, was ich von der
sogenannten Popularität halte. Mein Neffe, der König, ist populär; aber ich
sehne mich nicht danach, das Ideal unserer Blaujacken oder gar unserer Damen aus
der Halle zu sein. Nein, Pentz, nichts von Popularität! Aber, da Sie Klampenborg
genannt haben, die Sonne lacht und der Nachmittag ist frei, vielleicht, daß wir
hinausfahren, nicht um des Festessens willen, sondern trotz ihm; es ist ohnehin
eine ganze Woche, daß wir eingesessen und nicht recht frische Luft gehabt haben,
und meine liebe Rosenberg wäre bleichsüchtig, wenn sie nicht soviel Eisen im
Blut hätte.«
    Das Gesicht des Fräuleins erheiterte sich sichtlich bei der Aussicht, dem
öden Einerlei des Prinzessinnen-Palais auf einen ganzen Nachmittag entfliehen zu
können, und Pentz, der als angehender Asthmatikus ohnehin immer für frische Luft
war, trotzdem ihm Autoritäten versichert hatten, Seewind verschlimmere den
Zustand, griff ebenfalls mit Begierde zu und fragte, zu welcher Stunde
Königliche Hoheit die Wagen beföhle.
    »Sagen wir zwei und ein halb, aber nicht später. Wir fahren fünfviertel
Stunden, und schon um fünf beginnt es zu dunkeln. Und wenn wir erst in
Klampenborg sind, müssen wir doch natürlich auch einen Spaziergang bis zur
Eremitage machen, wär es auch nur, um meiner lieben Ebba meine Lieblinge selbst
vorzustellen. Wer diese Lieblinge sind, das wird vorläufig nicht verraten. Ich
hoffe, Graf Holk ist mit von der Partie, trotzdem morgen erst sein Dienst
beginnt, und bringt seiner alten Freundin dies Opfer an Zeit.«
    »Und befehlen Königliche Hoheit noch andere Begleitung?«
    »Nur Gräfin Schimmelmann und Erichsen. Zwei Wagen. Und die Verteilung der
Plätze behalte ich mir vor. Au revoir, lieber Holk. Und wenn Sie, wie
gewöhnlich, eine starke Korrespondenz pflegen...«
    Er lächelte.
    »Ah, ich sehe, Sie haben schon geschrieben. Da komme ich mit meinen
Empfehlungen an die Gräfin zu spät. Liebe Rosenberg, Ihren Arm.«
    Und während sie langsam auf die kleine Tür zuschritt, die zu ihrem
eigentlichen Wohnzimmer führte, blieben die beiden Kammerherren in respektvoller
Verbeugung.

                              Dreizehntes Kapitel

 
Punkt zwei und ein halb fuhren die Wagen vor, offen, das Verdeck
zurückgeschlagen; neben der Prinzessin nahm die Gräfin Schimmelmann Platz,
beiden Damen gegenüber Holk. Im Fond des zweiten Wagens saß das Fräulein von
Rosenberg, auf dem Rücksitze Pentz und Erichsen.
    Die Schimmelmann, eine Dame von vierzig, erinnerte einigermaßen an Erichsen;
sie war hager und groß wie dieser und von einem ähnlichen Ernste; während
Erichsens Ernst aber einfach ins Feierliche spielte, spielte der der
Schimmelmann stark ins Verdrießliche. Sie war früher Hofschönheit gewesen, und
die dann und wann aufblitzenden schwarzen Augen erinnerten noch daran, alles
andere aber war in Migräne und gelbem Teint untergegangen. Man sprach von einer
unglücklichen Liebe. Gesamthaltung: Hof Philipps von Spanien, so daß man
unwillkürlich nach der Halskrause suchte. Sonst war die Gräfin gut und
charaktervoll und unterschied sich von anderen bei Hofe dadurch sehr
vorteilhaft, daß sie gegen alles Klatschen und Medisieren war. Sie sagte den
Leuten die Wahrheit ins Gesicht, und wenn sie das nicht konnte, so schwieg sie.
Sie war nicht geliebt, aber sehr geachtet und verdiente es auch.
    Im ersten Wagen wurde, solange man innerhalb der Stadt war, kein Wort
gesprochen; Holk und die Schimmelmann saßen aufrecht einander gegenüber, während
sich die Prinzessin in den Fond zurückgelehnt hatte. So ging es durch die Bred-
und Ny Öster-Gade zunächst auf die Osterbroer Vorstadt, und als man diese
passiert, auf den am Sunde hinlaufenden Strandweg zu. Holk war entzückt von dem
Bilde, das sich ihm darbot; unmittelbar links die Reihe schmucker Landhäuser mit
ihren jetzt herbstlichen, aber noch immer in Blumen stehenden Gärten und nach
rechts hin die breite, wenig bewegte Wasserfläche mit der schwedischen Küste
drüben und dazwischen Segel-und Dampfboote, die nach Klampenborg und Skodsborg
und bis hinauf nach Helsingör fuhren.
    Holk würde sich diesem Anblick noch voller hingegeben haben, wenn nicht das
Leben auf der Chaussee, drauf sie hinfuhren, ihn von dem Landschaftlichen immer
wieder abgezogen hätte. Fuhrwerke mannigfachster Art kamen ihnen nicht bloß
entgegen, sondern überholten auch die Prinzessin, die, wenn sie Spazierfahrten
machte, kein allzu rasches Tempo liebte. Da gab es dann in einem fort
Begegnungen und Erkennungsmomente. »Das war ja Marstrand«, sagte die Prinzessin.
»Und wenn ich recht gesehen habe, neben ihm Worsaae. Der fehlt auch nie. Was
will er nur bei dem de-Meza-Fest? De Meza soll gefeiert, aber nicht ausgegraben
werden. Er lebt noch und hat auch nicht einmal das Maß für Hünengräber.« Es
schien, daß die Prinzessin dies Thema noch weiter ausspinnen wolle; sie kam aber
nicht dazu, weil im selben Augenblicke mehrere Offiziere bis ganz in die Nähe
des Wagens gekommen waren und die Prinzessin von links und rechts her zu
cotoyieren begannen. Unter diesen war auch Oberstlieutenant Tersling, unser
Bekannter von Vincents Restaurant her, ein schöner großer Mann von ausgesprochen
militärischen Allüren. Er sah sich mit besonderer Freundlichkeit seitens der
Prinzessin begrüßt und erkundigte sich seinerseits nach dem Befinden derselben.
    »Es geht mir gut, doppelt gut an einem Tage wie heute. Denn ich höre, daß
Sie und die anderen Herren de Meza ein Fest geben wollen. Das hat mich
herausgelockt; ich will mit dabeisein.«
    Tersling lächelte verlegen, und die Prinzessin, die sich dessen freute, fuhr
erst nach einer Weile fort: »Ja, mit dabeisein; aber erschrecken Sie nicht,
lieber Tersling, nur an der Peripherie. Wenn Sie den Toast auf den König oder
den zu Feiernden ausbringen, werd ich mich mit meiner lieben Gräfin hier und mit
Ebba Rosenberg, die Sie wohl schon in dem zweiten Wagen gesehen haben werden, in
unserem Klampenborger Tiergarten ergehen und mich freuen, wenn das Hoch gut
dänischer Kehlen zu mir herüberklingt. Übrigens bitte ich Sie, de Meza meine
Grüße bringen und ihm sagen zu wollen, daß ich immer noch an alter Stelle wohne.
Generäle sind freilich nie leicht zu Hofe zu bringen, und wenn sie gar noch
Beethoven Konkurrenz machen und Symphonien komponieren, so ist es vollends
vorbei damit; indessen, wenn er von Ihnen hört, daß ich Idstedt immer noch in
gutem Gedächtnis habe, so hält er es vielleicht für der Mühe wert, sich meiner
zu erinnern. Und nun will ich Sie nicht länger an diesen Wagenschlag fesseln.«
    Tersling küßte der Prinzessin die Hand und eilte, die versäumte Zeit wieder
einzubringen; die Prinzessin aber, während sie sich zu Holk wandte, fuhr fort:
»Dieser Tersling, schöner Mann; er war einmal Prinzessinnentänzer und Kavalier
comme il faut, die spitzeste Zunge, der spitzeste Degen, und Sie werden sich
vielleicht noch des Duells erinnern, das er schon vor 48 mit Kapitän Dahlberg
hatte? Dahlberg kam damals mit einem Streifschuß am Hals davon, aber nun liegt
er lange schon vor Fridericia. Pardon, liebe Schimmelmann, daß ich dies alles in
Ihrer Gegenwart berühre; mir fällt eben ein, Sie waren selbst die Veranlassung
zu dem Duell. Offen gestanden, ich wüßte gern mehr davon. Aber nicht heute, das
ist Frauensache.«
    Holk wollte seine Diskretion versichern, und daß er Dinge, die nicht direkt
für ihn gesprochen würden, überhaupt gar nicht höre; die Prinzessin blieb aber
bei ihrem Satz und sagte: »Nein, nichts heute davon, verschieben wir's! Und dann
Diskretion, lieber Holk, das ist ein langes und schweres Kapitel. Ich beobachte
diese Dinge nun seit fünfundfünfzig Jahren, denn mit fünfzehn wurd ich schon
eingeführt.«
    »Aber Königliche Hoheit werden sich doch der Diskretion Ihrer Umgebung
versichert halten.«
    »Gott sei Dank, nein« erwiderte die Prinzessin. »Und Sie können sich gar
nicht vorstellen, mit wieviel Ernst ich das sage. Diskretion à tout prix kommt
freilich vor, aber gerade wenn sie so bedingungslos vorkommt, ist sie furchtbar;
sie darf eben nicht bedingungslos auftreten. Die Menschen, und vor allem die
Menschen bei Hofe, müssen durchaus ein Unterscheidungsvermögen ausbilden, was
gesagt werden darf und was nicht; wer aber dies Unterscheidungsvermögen nicht
hat und immer nur schweigt, der ist nicht bloß langweilig, der ist auch
gefährlich. Es liegt etwas Unmenschliches darin, denn das Menschlichste, was wir
haben, ist doch die Sprache, und wir haben sie, um zu sprechen... Ich weiß, daß
ich meinerseits einen ausgiebigen Gebrauch davon mache, aber ich schäme mich
dessen nicht, im Gegenteil, ich freue mich darüber.«
    In dem zweiten Wagen hatte man ähnliche Begegnungen und Begrüßungen gehabt;
aber das Hauptgespräch drehte sich doch um Holk, bei welcher Gelegenheit Pentz
von dem Fräulein von Rosenberg erfahren wollte, wie der Graf ihr bei
Vormittagsaudienz eigentlich gefallen habe. Erichsen mischte sich in diese
Fragen und Antworten nicht mit ein, hörte doch aufmerksam zu, weil er solche
Schraubereien sehr liebte, vielleicht um so mehr, je mehr er seine persönliche
Unfähigkeit dazu empfand.
    »Er ist ein Schleswig-Holsteiner«, sagte Ebba. »Die Deutschen sind keine
Hofleute...«
    Pentz lachte. »Da merkt man nun aber wirklich, meine Gnädigste, daß Dänemark
nicht des Vorzugs genießt, Sie geboren zu haben. Die Schleswig-Holsteiner keine
Hofleute! Die Rantzaus, die Bernstorffs, die Moltkes...«
    »Waren Minister, aber keine Hofleute.«
    »Das ist aber doch nahezu dasselbe.«
    »Mitnichten, mein lieber Baron. Ich lese viel Geschichte, wenn auch nur aus
französischen Romanen, aber für eine Hofdame muß das ausreichen, und ich wage
die Behauptung, ein Gegensatz existiert zwischen einem Minister und einem
Hofmann. Wenigstens dann, wenn jeder seinen Namen ehrlich verdienen soll. Die
Deutschen haben ein gewisses brutales Talent zum Regieren - gönnen Sie mir das
harte Beiwort, denn ich kann die Deutschen nicht leiden -, aber gerade weil sie
zu regieren verstehen, sind sie schlechte Hofleute. Das Regieren ist ein grobes
Geschäft. Fragen Sie Erichsen, ob ich recht habe...«
    Dieser nickte gravitätisch, und das Fräulein, das lachend darauf hinwies,
fuhr fort: »Und das alles paßt mehr oder weniger auch auf den Grafen. Es ließe
sich vielleicht ein Minister aus ihm machen...«
    »Um Gottes willen...«
    »... Aber der Kavalier einer Prinzessin zu sein, dazu fehlt ihm nicht mehr
als alles. Er steht da mit der Feierlichkeit eines Oberpriesters und weiß nie,
wann er lachen soll. Und dies ist etwas sehr Wichtiges. Unsere gnädigste
Prinzessin, ich denke, daß wir einig darüber sind, hat einige kleine Schwächen,
darunter auch die, sich auf die geistreiche Frau des vorigen Jahrhunderts hin
auszuspielen. Sie hat in Folge davon eine Vorliebe für ältere Anekdoten und
Zitate und verlangt, daß man beide nicht bloß versteht, sondern sie auch
zustimmend belächelt. Aber von diesem Abc der Sache hat der Graf keine
Vorstellung.«
    »Und das haben Sie während einer Audienz von kaum zehn Minuten dem armen
Grafen alles von der Stirn gelesen?«
    »Ich weiß nicht, ob ich diesen Ausdruck gelten lassen darf, denn das
Wesentliche lag darin, daß ihm, all die Zeit über, überhaupt nichts von der
Stirne zu lesen war. Und das ist das schlimmste. Da sprach beispielsweise die
Prinzessin von König Heinrich dem Vierten und kam auf das Huhn im Topf, von dem
man füglich nicht mehr sprechen sollte. Aber gerade weil es so schwach mit
diesem Huhn steht, hat ein Hofmann doppelt die Verpflichtung, zu lächeln und
nicht leblos dabeizustehen und eine sich nach Beifall umsehende Prinzessin im
Stich zu lassen.«
    Über Erichsens ernstes Gesicht glitt ein stilles Behagen.
    »Und dann sprach die Prinzessin huldvoll von meiner Bleichsucht, oder daß
ich sie beinahe haben müßte. Nun, ich bitte Sie, Baron, bei Bleichsucht muß
immer gelächelt werden, das ist einmal so herkömmlich, und wenn eine Prinzessin
die Gnade hat, noch etwas von Eisen im Blut hinzuzusetzen und dadurch
anzudeuten, daß sie Darwin oder irgendeinen anderen großen Forscher gelesen hat,
so muß sich zu dem Heiterkeitslächeln auch noch ein Bewunderungslächeln
gesellen, und wenn das alles ausbleibt und ein Kammerherr so nüchtern dasteht,
als würde bloß zehn Uhr ausgerufen, so muß ich solchem Kammerherrn allen
hofmännischen Beruf absprechen.«
 
Es war gegen vier, als man in Klampenborg hielt. Holk war der Prinzessin
behülflich, und nachdem man die Frage, wo der Kaffee zu nehmen sei, zugunsten
der »Eremitage« entschieden hatte, brach man rasch nach dem unmittelbar
angrenzenden Tiergarten auf, an dessen nördlichem Rande die Eremitage gelegen
war. Der Weg dahin führte zunächst an einem großen Klampenborger Hotel vorüber,
in dessen Front, auf einem zwischen Weg und Strand gelegenen Wiesenstreifen, ein
wohl hundert Schritt langes, nach drei Seiten hin geschlossenes Leinwandzelt
errichtet war. Die offene Seite lag gerade dem Wege zu, darauf die Prinzessin
jetzt herankam. Das Festmahl selbst hatte noch nicht begonnen, aber zahlreiche,
den verschiedensten Truppenteilen der Kopenhagener Garnison angehörige Offiziere
waren bereits beisammen; überall sah man die glänzenden Uniformen sowohl der
Leibgarde zu Pferde wie der Gardehusaren, und noch bunter als das Bunt der
Uniformen waren die Flaggen und Wimpel, die zu Häupten des Zeltes wehten. Als
die Prinzessin bis auf hundert Schritte heran war, bog sie scharf links in einen
Kiesweg ein, weil sie die sichtlich unmittelbar vor der Eröffnung stehende
Festlichkeit nicht stören wollte; sie war aber bereits erkannt worden, und de
Meza, den man auf ihr Erscheinen aufmerksam gemacht hatte, säumte nicht, über
den Lawn heranzukommen und die Prinzessin respektvollst zu begrüßen.
    »Lieber General«, sagte diese, »so war es nicht gemeint. Eben schlägt es
vier, und ich sehe bereits, wie sich die Suppenkolonne vom Hotel her in Bewegung
setzt. Und eine kalt gewordene Suppe, das mag ich nicht verantworten. Am
wenigsten an einem Oktobertage mit frischer Brise. Das liebt General de Meza nur
ausnahmsweise, nur wenn er zu Felde zieht und mit seinen Leuten im Biwak liegt.«
    Sie sagte das alles mit einer gewissen prinzeßlichen Grazie, worauf sie den
General, der nicht unempfindlich dagegen war, unter erneuten Huldbeweisen
entließ. Vom Zelt her aber klangen bereits allerlei Hochs, und die Musik
intonierte das nationale »König Christian stand am hohen Mast«, bis es in den
»dappren Landsoldaten« überging.
 
Und nun hatte die Prinzessin samt Gefolge den Tiergarten erreicht, der gleich
hinter Klampenborg mit seiner Südspitze die Chaussee berührte. Hier gab sie
Erichsen ihren Arm. Dann folgte die Schimmelmann mit Pentz, weiter zurück Holk
mit Ebba, Holk in sichtlicher Verlegenheit, wie das Gespräch einzuleiten sei.
Denn ihm war nicht entgangen, daß er am Vormittage, während der Audienz bei der
Prinzessin, von seiten Ebbas mit einem leisen Anfluge von Spott und
Überlegenheit beobachtet worden war, während der Nachmittagsfahrt aber hatte
sich die Gelegenheit zu irgendwelcher Anknüpfung noch nicht finden lassen
wollen.
    Endlich begann er: »Wir werden einen wundervollen Sonnenuntergang haben. Und
kein schönerer Platz dazu als dieser. Diese prächtige Plaine! Es sind jetzt
sieben Jahr, daß ich in Klampenborg war, und in der Eremitage nie.«
    »Schreckte Sie der Name?«
    »Nein. Denn ich bin meiner Neigung und Lebensweise nach mehr oder weniger
Eremit, und wäre nicht die Prinzessin, die mich dann und wann in die Welt ruft,
ich könnte mich den Eremiten von Holkenäs nennen. Himmel und Meer und ein
einsames Schloß auf der Düne.«
    »Auf der Düne«, wiederholte das Fräulein. »Und ein einsames Schloß.
Beneidenswert und romantisch. Es liegt so was Balladenhaftes darin, so was vom
König von Thule. Freilich der König von Thule, wenn mir recht ist, war
unverheiratet.«
    »Ich weiß doch nicht«, sagte Holk, den der Ton des Fräuleins sofort aus
aller Verlegenheit riß. »Ich weiß doch nicht. Wirklich eine Doktorfrage. War er
unverheiratet? Wenn mir recht ist, heißt es, er gönnte alles seinen Erben, was
doch auf Familie zu deuten scheint. Freilich, es kann eine Nebenlinie gewesen
sein. Trotzdem möchte ich vermuten, er war verheiratet und im Besitz einer
klugen Frau, die dem Alten, über den sie vielleicht, oder sagen wir sehr
wahrscheinlich, lächelte, seine Jugendschwärmerei mit dem Becher gönnte.«
    »Das läßt sich hören«, sagte das Fräulein, während ihr der Übermut aus den
Augen lachte. »Sonderbar. Bisher erschien mir die Ballade so rund und
abgeschlossen wie nur möglich: der König tot, der Becher getrunken und gesunken
und das Reich (vom Balladenstandpunkte aus immer das Gleichgültigste) jedem
gegönnt und an alle verteilt. Aber wenn wir an das Vorhandensein einer Königin
glauben, und ich stehe darin nachträglich ganz auf Ihrer Seite, so fängt die
Sache mit dem Tode des Alten erst recht eigentlich an, und der König von Thule,
das Geringste zu sagen, ist unfertig und fortsetzungsbedürftig. Und warum auch
nicht? Ein Page wird sich am Ende doch wohl finden lassen, der sich bis dahin
verzehrt hat und nun wieder Farbe kriegt oder Eisen im Blut, um mit einem Zitat
unserer gnädigsten Prinzessin zu schließen.«
    »Ach, meine Gnädigste«, sagte Holk, »Sie spotten über Romantik und vergessen
dabei, daß Ihr eigener Name mit einem sehr romantischen Hergange, der wohl eine
Ballade verdient hätte, verflochten ist.«
    »Mein Name?« lachte das Fräulein. »Und mit einem romantischen Hergange
verflochten? Bezieht es sich auf Ebba? Nun, das würde sich hören lassen, das
ginge; denn schließlich laufen alle Balladen auf etwas Ebba hinaus. Ebba ist
Eva, wie Sie wissen, und bekanntlich gibt es nichts Romantisches ohne den Apfel.
Aber ich sehe, Sie schütteln den Kopf und meinen also nicht Ebba und nicht Eva,
sondern Rosenberg.«
    
    »Gewiß, mein gnädigstes Fräulein, ich meine Rosenberg. Genealogisches zählt
nämlich zu meinen kleinen Liebhabereien, und die zweite Frau meines Großonkels
war eine Rosenberg; so bin ich denn in Ihre Geschlechtssagen einigermaßen
eingeweiht. Alle Rosenbergs, wenigstens alle die, die sich
Rosenberg-Gruszczynski nennen, bei den Lipinskis steht es aber etwas anders,
stammen von einem Bruder des Erzbischofs Adalbert von Prag, der, an der
sogenannten Bernsteinküste, von der Kanzel herabgerissen und von den heidnischen
Preußen erschlagen wurde. Diese Kanzel, wenn auch zerstückelt und zermürbt,
existiert noch und ist das Palladium der Familie...«
    »Wovon ich leider nie gehört habe«, sagte das Fräulein in anscheinendem oder
vielleicht auch wirklichem Ernste.
    »Woraus mir nur hervorgehen würde, daß Sie, statt dem Gruszczynskischen,
wahrscheinlich dem Lipinskischen Zweige der Familie zugehören.«
    »Zu meinem Bedauern auch das nicht. Freilich, wenn ich Lipinski mit Lipesohn
übersetzen darf, ein Unterfangen, das mir die berühmte Familie verzeihen wolle,
so würde sich, von dem in dieser Form auftretenden Namen aus, vielleicht eine
Brücke zu mir und meiner Familie herüber schlagen lassen. Ich bin nämlich eine
Rosenberg-Meyer oder richtiger eine Meyer- Enkeltochter des in der schwedischen
Geschichte wohlbekannten Meyer-Rosenberg, Lieblings-und Leibjuden König Gustavs
III.«
    Holk schrak ein wenig zusammen, das Fräulein aber fuhr in einem affektiert
ruhigen Tone fort: »Enkeltochter Meyer-Rosenbergs, den König Gustav später unter
dem Namen eines Baron Rosenberg nobilitierte, Baron Rosenberg von Filehne,
welchem preußisch-polnischen Ort wir entstammen. Es war der Sitz unserer Familie
durch mehrere Jahrhunderte hin. Und nun lassen Sie mich, da Sie sich für
genealogisch Anekdotisches interessieren, noch in Kürze hinzusetzen, daß es mit
diesem Nobilitierungsakte allerdings eilte, denn drei Tage später wurde der
ritterliche und für unser Haus so unvergeßliche König von Lieutenant Anckarström
erschossen. Ein ebenso balladenhafter Hergang wie der ermordete Bischof, aber
freilich nur im allerlosesten Zusammenhang mit meiner Familie. Sie dürfen mich
aber darum nicht aufgeben. Über all das ist Gras gewachsen, und mein Vater
verheiratete sich bereits mit einer Wrangel, noch dazu in Paris, wo ich auch
geboren bin, und zwar am Tage der Juli-Revolution. Einige sagen, man merke mir's
an. Unter allen Umständen aber können Sie mein Alter danach berechnen.«
    Holk war krasser Aristokrat, der nie zögerte, den Fortbestand seiner Familie
mit dem Fortbestand der göttlichen Weltordnung in den innigsten Zusammenhang zu
bringen, und der im gewöhnlichen Verkehr über diese Dinge nur schwieg, weil es
ihm eine zu heilige Sache war. Er war in diesem Punkte für Wiedereinführung
aller nur möglichen Mittelalterlichkeiten, und einer je strengeren Ahnenprobe
man ihn und die Seinen unterworfen hätte, je lieber wäre es ihm gewesen, denn um
so glänzender wäre sein Name daraus hervorgegangen. Seine leichten und
angenehmen, auch die bürgerliche Welt befriedigenden Umgangsformen waren nichts
als ein Resultat seines sich Sicherfühlens in dieser hochwichtigen
Angelegenheit. Aber so sicher er über seinen eignen Stammbaum war, so
zweifelvoll verhielt er sich gegen alle andern, die fürstlichen Häuser nicht
ausgeschlossen, was denn auch Grund war, daß man über all derlei Dinge sehr frei
mit ihm sprechen konnte, wenn nur die Holks außer Frage blieben. Und so
geschah's denn auch heute, daß er sich von dem ersten Schreck, den ihm der
schwedische Rosenberg mit seinem unheimlichen Epitheton ornans eingejagt hatte,
nicht nur rasch erholte, sondern es sogar höchst pikant fand, diese doch in der
Mehrzahl der Fälle nicht leicht genug zu nehmende Frage von einer
augenscheinlich so klugen Person auch wirklich leicht behandelt zu sehen.

                              Vierzehntes Kapitel

 
Der Weg, den man einzuschlagen hatte, lief am Ostrande des Tiergartens hin,
meist unter hochstämmigen Platanen, deren herabhängende, vielfach noch mit
gelbem Laub geschmückten Zweige die Aussicht derart hinderten, daß man der
inmitten einer lichten Waldwiese stehenden »Eremitage« erst ansichtig wurde, als
man aus der Platanenallee heraus war. Für die beiden vorderen Paare, die diese
Szenerie längst kannten, bedeutete das wenig, Holk und das Fräulein aber, die
des Anblicks zum ersten Male genossen, blieben unwillkürlich stehen und sahen
fast betroffen auf das in einiger Entfernung in den klaren Herbsthimmel
aufragende, von allem Zauber der Einsamkeit umgebene Schloß. Kein Rauch stieg
auf, und nur die Sonne lag auf der weiten, mit einem dichten, immer noch
frischen Gras überdeckten »Plaine«, während oben, am stahlblauen Himmel,
Hunderte von Möwen schwebten und in langem Zuge, vom Sunde her, nach dem ihnen
wohlbekannten, weiter landeinwärts gelegenen Fure-See hinüberflogen.
    »Ihr Schloß auf der Düne kann nicht einsamer sein«, sagte das Fräulein, als
man jetzt einen schmalen Pfad einschlug, der, quer über die Wiese hin, beinahe
gradlinig auf die Eremitage zuführte.
    »Nein, nicht einsamer und nicht schöner. Aber so schön dies ist, ich möchte
dennoch nicht tauschen. Diese Stelle hier bedrückt mich in ihrer Stille. In
Holkenäs ist immer eine leichte Brandung, und eine Brise kommt von der See her
und bewegt die Spitzen meiner Parkbäume. Hier aber zittert kein Grashalm, und
jedes Wort, das wir sprechen, klingt, als wenn es die Welt belauschen könne.«
    »Ein Glück, daß wir nicht Schaden dabei nehmen«, lachte das Fräulein, »denn
eine mehr für die Öffentlichkeit geeignete Unterhaltung als die unsere kann ich
mir nicht denken.«
    Holk war nicht angenehm berührt von dieser Entgegnung und stand auf dem
Punkt, seiner kleinen Verstimmung Ausdruck zu geben; aber ehe er antworten
konnte, hatte man die breiten Stufen der Freitreppe erreicht, die zu dem
Jagdschlosse hinaufführte. Vor derselben stand ein zugleich als Kastellan
installierter alter Waldhüter, und an diesen, der respektvoll seine Kappe
gezogen hatte, trat jetzt die Prinzessin heran, um ihm Ordres zu geben. Diese
gingen zunächst dahin, oben, im großen Mittelsaale, den Kaffee servieren zu
lassen. Das sprach sie mit lauter Stimme, so daß jeder es hören konnte. Dann
aber nahm sie den Waldhüter noch einen Augenblick beiseite, um eine weitere
Verabredung mit ihm zu treffen. »Und nicht später als fünf«, so schloß sie das
geheim geführte Gespräch. »Der Abend ist da, man weiß nicht wie, und wir
brauchen gute Beleuchtung.«
    Der Alte verneigte sich, und die Prinzessin trat gleich danach in das Schloß
ein und stieg, auf die Schimmelmann sich stützend, in den oberen Stock hinauf.
    Hier, im Mittelsaale, hatten dienstbeflissene Hände bereits hohe Lehnstühle
um einen langen eichenen Tisch gerückt und die nach Ost und West hin einander
gegenüberliegenden Balkonfenster geöffnet, so daß die ganze landschaftliche
Herrlichkeit wie durch zwei große Bilderrahmen bewundert werden konnte. Freilich
die das Schloß unmittelbar und nach allen Seiten hin umgebende Wiesenplaine war,
weil zu nahe, wie in der Tiefe verschwunden, dafür aber zeigte sich alles
Fernergelegene klar und deutlich, und während, nach links hinüber, die Wipfel
eines weiten Waldzuges in der niedergehenden Sonne blinkten, sah man nach rechts
hin die blauflimmernde Fläche des Meeres. Holk und Ebba wollten aufstehen, um
erst von dem einen und dann vom andern Fenster aus das Bild voller genießen zu
können, die Prinzessin aber litt es nicht; sie verstände sich auch auf
Landschaft und könne versichern, daß gerade so, wie's jetzt sei, das Bild am
schönsten wäre. Zudem habe der Kaffee (die Kastellanin erschien eben mit einem
mit dem schönsten Meißner Service besetzten Tablett) auch sein Recht, und was
die Pracht der momentan allerdings unsichtbar gewordenen Plaine betreffe, so
würde diese schon wieder zutage treten, wenn auch erst später. Alles zu seiner
Zeit. »Und nun, liebe Schimmelmann, bitte machen Sie die Honneurs. Offen
gestanden, ich sehne mich nach einer Erfrischung; so nah der Weg war, so war er
doch gerade weit genug. Wenigstens für mich.«
    Die Prinzessin schien bei bester Laune, was sich neben anderem auch in ihrer
noch gesteigerten Gesprächigkeit zeigte. Sie scherzte denn auch darüber und
suchte bei Pentz, der heute gar nicht zu Worte komme, Indemnität nach.
»Indemnität«, fuhr sie dann fort, »auch solch Wort aus dem ewig
Parlamentarischen. Aber, parlamentarisch oder nicht, auf die Sache selbst, auf
Straferlaß, hab ich insoweit einen wirklichen Anspruch, als es keinen Platz
gibt, selbst mein geliebtes Frederiksborg nicht ausgenommen, wo mir so
plauderhaft zumut sein dürfte wie gerade an dieser Stelle. Es gab Zeiten, wo ich
beinah täglich hier war und mich stundenlang dieser Meer- und Waldherrlichkeit
freute. Freilich, wenn ich sagen sollte, daß diese Freude das gewesen wäre, was
man so landläufig Glück nennt, so würd ich's damit nicht treffen. Ich habe nur
immer erquickliche Ruhe hier gefunden, Ruhe, die weniger ist als Glück, aber
auch mehr. Die Ruh ist wohl das Beste.«
    Holk horchte auf. Ihm war, als ob er dieselben Worte ganz vor kurzem erst
gehört habe. Aber wo? Und suchend und sinnend fand er's auch wirklich, und der
Abend auf Holkenäs und das Bild Elisabeth Petersens traten mit einem Male vor
ihn hin, und er hörte wieder das Lied und die klare Stimme. Das war noch keine
Woche, und schon klang es ihm wie aus weiter, weiter Ferne.
    Die Prinzessin mußte bemerkt haben, daß Holks Aufmerksamkeit abirrte. Sie
ließ deshalb das Allgemeine fallen und fuhr fort: »Sie werden kaum erraten,
lieber Holk, welcher Küstensaum es ist, der da, von drüben her, uns ins Fenster
sieht.«
    »Ich dachte Schweden.«
    »Doch nicht eigentlich das. Es ist Hveen, das Inselchen, darauf unser Tycho
de Brahe seinen astronomischen Turm baute, sein Sternenschloß, wie's die Welt
nannte... Ja, die Brahes, auch um meiner eigenen Person willen muß ich ihrer
immer in Anhänglichkeit und Liebe gedenken. Es sind nun gerade fünfundvierzig
Jahre, daß Ebba Brahe, die damals bewunderte Schönheit bei Hofe, mein
Hoffräulein war und meine Freundin dazu, was mir mehr bedeutete. Denn wir
bedürfen einer Freundin, immer und allezeit« (die Prinzessin reichte der
Schimmelmann die Hand), »und nun gar, wenn wir jung sind und im ersten Jahr
unserer Ehe. Pentz lächelt natürlich; er kennt nicht das erste Jahr einer Ehe.«
    Der Baron verneigte sich und schien nicht bloß seine Zustimmung, sondern
auch eine gewisse humoristische Befriedigung über diesen Tatbestand ausdrücken
zu wollen, die Prinzessin ließ es aber nicht dazu kommen und sagte: »Doch ich
wollte von Ebba Brahe sprechen. Auf manchem Namen liegt ein Segen, und mit den
Ebbas habe ich immer Glück gehabt. Wie wenn es gestern gewesen wäre, steht der
Tag vor mir, an dem ich, von eben dieser Stelle aus, nach Hveen hinüberwies und
zu Ebba Brahe sagte: Nun, Ebba, möchtest du nicht tauschen? Hast du keine
Sehnsucht nach dem Schloß deiner Ahnen da drüben? Aber sie wollte von keinem
Tausche wissen, und ich höre noch, wie sie mit ihrer bezaubernden Stimme sagte:
Der Blick von der Eremitage nach Hveen ist mir doch lieber als der von Hveen
nach der Eremitage. Und dann begann sie zu scherzen und zu behaupten, daß sie
ganz irdisch sei, viel zu sehr, um sich für das Sternenschloß begeistern zu
können. Unter allen Sternen interessiere sie nur die Erde, zu deren nächtlicher
Beleuchtung die andern bloß da seien... Oh, sie war charmant, einschmeichelnd,
Liebling aller, und ich möchte beinahe sagen, sie war mehr noch eine Ebba als
eine Brahe, während unsere neue Ebba...«
    Die Prinzessin stockte...
    »... Mehr eine Rosenberg ist als eine Ebba«, warf das Fräulein ein und
verneigte sich unbefangen gegen die Prinzessin.
    Herzliche Heiterkeit, an der selbst die beiden Pagoden der Gesellschaft,
Erichsen und die Schimmelmann, teilnahmen, belohnte diese Selbstpersiflierung,
denn jeder kannte nur zu gut den Stammbaum des Fräuleins und verstand durchaus
den Sinn ihrer Worte. Nicht zum wenigsten die Prinzessin selbst, die denn auch
eben darauf aus war, sich mit einer besonderen Freundlichkeit an Ebba zu wenden,
als der alte Waldhüter in der Tür erschien und durch sein Erscheinen das mit der
Prinzessin verabredete Zeichen gab. Und eine kleine Weile, so traten alle, vom
Saal her, auf einen vorgebauten Balkon hinaus, von dem aus man einen prächtigen
Fernblick auf die große, das Gesamtbild nach Westen hin abschließende Waldmasse
hatte. Der zwischenliegende Wiesengrund war von einer beträchtlichen Ausdehnung,
an ein paar Stellen aber schoben sich Waldvorsprünge bis weit in die Wiese vor,
und aus eben diesen Vorsprüngen traten jetzt Rudel Hirsche, zu zehn und zwanzig,
auf die Plaine hinaus und setzten sich in einem spielenden Tempo, nicht rasch
und nicht langsam, auf die Eremitage zu in Bewegung. Ebba war entzückt, aber ehe
sie's noch aussprechen konnte, sah sie schon, daß sich, im Hintergrunde, der
ganze weite Waldbogen wie zu beleben begann, und in gleicher Weise, wie bis
dahin nur vereinzelte Rudel aus den vorgeschobenen Stellen herausgetreten waren,
traten jetzt viele Hunderte von Hirschen aus der zurückgelegenen Waldestiefe
hervor und setzten sich, weil sie bei der unmittelbar bevorstehenden
Defiliercour nicht fehlen wollten, in einen lebhaften Trab, anfänglich wirr und
beinahe wild durcheinander, bis sie sich, im Näherkommen, ordnungsmäßig
gruppierten und nun sektionsweise an der Eremitage vorüberzogen. Endlich, als
auch die letzten vorbei waren, zerstreuten sie sich wieder über die Wiese hin,
und nun erst ermöglichte sich ein vollkommener Überblick über die Gesamtheit.
Alle Größen und Farben waren vertreten, und wenn schon die schwarzen Hirsche von
Ebba bewundert worden waren, soviel mehr noch die weißen, die sich in
verhältnismäßig großer Zahl in dem Wildbestande vorfanden. Aber diese Stimmung
Ebbas verflog, wie gewöhnlich, sehr rasch wieder, und alsbald zur Zitierung von
allerlei Strophen aus dänischen und deutschen Volksliedern übergehend,
versicherte sie, daß der weiße Hirsch, in allem, was Ballade betreffe, nach wie
vor die Hauptrolle spiele, natürlich mit Ausnahme der weißen Hinde, die noch
höher stünde. Pentz seinerseits wollte dies nicht wahrhaben und versicherte mit
vieler Emphase, daß die Prinzessin und der Page den Vortritt hätten und ihn auch
ewig behaupten würden, eine Bemerkung, der die Prinzessin zustimmte, freilich
mit einem Anfluge von Wehmut. »Ich akzeptiere das, was Pentz sagt, und möchte
nicht, daß ihm widersprochen würde. Wir armen Prinzessinnen, wir haben schon
nicht viel, und aus der Welt der Wirklichkeiten sind wir so gut wie verdrängt;
nimmt man uns auch noch die Märchen- und Balladenstelle, so weiß ich nicht, was
wir überhaupt noch wollen.« Alle schwiegen, weil sie zu sehr empfanden, wie
richtig es war, und nur Ebba küßte die Hand ihrer Wohltäterin und sagte:
»Gnädigste Prinzessin, es bleibt Gott sei Dank noch vieles übrig; es bleibt noch
Zufluchtsstätte sein und andere beglücken und über Vorurteile lachen.« Es war
ersichtlich, daß der Prinzessin diese Worte wohltaten, vielleicht weil sie
heraushörte, daß es, trotzdem sie von Ebba kamen, mehr als bloße Worte waren;
aber sie schüttelte doch den Kopf und sagte: »Liebe Ebba, auch das wird bald
Märchen sein.«
    Während sie so sprachen, waren die Wagen, denen man eigentlich entgegengehen
wollte, bis dicht an die Freitreppe herangefahren, und als die Prinzessin
gleichzeitig wahrnahm, daß die Dämmerung und mit ihr die Abendkühle mehr und
mehr hereinbrach, erklärte sie, von einem weiteren Spaziergang Abstand nehmen
und die Rückfahrt unmittelbar antreten zu wollen. »Aber wir arrangieren uns
anders, und ich verzichte auf die Begleitung meiner Kavaliere.«
    Das kam allen erwünscht. Die Prinzessin nahm ihren Platz, die Schimmelmann
ihr zur Seite, das Fräulein gegenüber; Pentz und Holk und Erichsen folgten im
zweiten Wagen. Als man Klampenborg passierte, war das Offizierszelt auch in
seiner Front mit Segeltüchern geschlossen, und nur aus einem schmalen Spalt
ergoß sich ein Lichtstreifen auf den dunklen Vordergrund. Einzelnes aus einer
Rede, die gerade gehalten wurde, trug der Wind herüber, und nun schwieg auch
das, und nur zustimmende Rufe klangen noch in den Abend hinaus.

                              Fünfzehntes Kapitel

 
Die Rückfahrt war ohne weitere Zwischenfälle verlaufen, aber natürlich nicht
ohne Medisance, darin sich Ebba nicht leicht zuviel tun konnte. Die Geschichte
mit den »Rosenbergs« und den verschiedenen Verzweigungen der Familie war ihr
dabei das denkbar glücklichste Thema. »Der arme Graf«, sagte sie, »das muß wahr
sein, er geht allem so gründlich auf den Grund. Natürlich, dafür ist er ein
Deutscher, und nun gar bei genealogischen Fragen, da kommt er aus dem Bohren und
Untersuchen gar nicht mehr heraus. An jeden Namen knüpft er an, und wenn ich zum
Unglück auf den Namen Cordelia getauft worden wäre, so biet ich jede Wette, daß
er sich ohne weiteres nach dem alten Lear bei mir erkundigt haben würde.« Die
Prinzessin gab Ebba einen Zärtlichkeitsschlag auf die Hand, der mehr ermutigte
als ablehnte, und so fuhr diese denn fort: »Er hat etwas von einem
Museumskatalog mit historischen Anmerkungen, und ich sehe noch sein Gesicht, als
Königliche Hoheit von Tycho de Brahe sprachen und nach der Insel Hveen
hinüberzeigten; er war ganz benommen davon, und seine Seele drängte sichtlich
nach einem Gespräch über Weltsysteme. Das wäre so was für ihn gewesen, zurück
bis Ptolomäus. Gott sei Dank kam etwas dazwischen, denn, offen gestanden,
Astronomie geht mir noch über Genealogie.«
 
Auch der folgende Tag verlief unter ähnlichem Geplauder, was übrigens nicht
hinderte, daß Holk, von seiten der Damen, einem allerfreundlichsten
Entgegenkommen begegnete, so freundlich, daß es ihm nicht bloß schmeichelte,
sondern ihn auch in die denkbar beste Stimmung versetzte.
    Diese Stimmung nahm er dann mit nach Haus, in seine behagliche Hansensche
Wohnung, und als er tags darauf bei seinem Frühstücke saß, kam ihm das prickelnd
Anregende des Kopenhagener Hoflebens so recht aufs neue zum Bewußtsein. Wie öde
waren daneben die Tage daheim, und wenn er sich dann vergegenwärtigte, daß er
sich innerhalb zehn Minuten an den Schreibtisch zu setzen und über die gehabten
Eindrücke nach Holkenäs hin zu berichten habe, so erschrak er fast, weil er
fühlte, wie schwer es sein würde, den rechten Ton dafür zu finden. Und doch war
dieser Ton noch wichtiger als der Inhalt, da Christine zwischen den Zeilen zu
lesen verstand.
    Er überlegte noch, als es klopfte. »Herein.« Und Frau Kapitän Hansen trat
ein, diesmal nicht die Mutter, sondern Brigitte, die Tochter. Er hatte sie seit
dem Abend seiner Ankunft kaum wiedergesehen, aber ihr Bild war er nicht
losgeworden, selbst nicht in den Gesprächen mit Ebba. Brigittens Erscheinung in
diesem Augenblicke verriet eine gewisse herabgestimmte Grandezza, darin das auf
Hochgefühl Gestellte dem Gefühl ihrer Macht und Schönheit, das Herabgestimmte
der Einsicht ihrer bescheidenen Lebensstellung entstammte, bescheiden
wenigstens, solange der Graf der Mieter ihres Hauses war. Ohne mehr als einen
kurzen Morgengruß zu bieten, schritt sie gerade und aufrecht und beinahe
statuarisch bis an den Tisch heran und begann hier das Frühstücksservice
zusammenzuschieben, während sie das mitgebrachte große Tablett, die Brust damit
bedeckend, noch immer in ihrer Linken hielt. Holk seinerseits hatte sich
inzwischen von seinem Fensterplatz erhoben und ging ihr entgegen, um ihr
freundlich die Hand zu reichen.
    »Seien Sie mir willkommen, liebe Frau Hansen, und wenn Ihre Zeit es
zuläßt...«, und dabei wies er mit verbindlicher Handbewegung auf einen Stuhl,
während er selbst an seinen Fensterplatz zurückkehrte. Die junge Frau blieb
aber, das japanische Tablett nach wie vor schildartig vorhaltend, an ihrer
Stelle stehen und sah ruhig und ohne jeden Ausdruck von Verlegenheit nach dem
Grafen hinüber, von dem sie sichtlich ein weiteres Wort erwartete. Diesem konnte
nicht entgehen, wie berechnet alles in ihrer Haltung war, vor allem auch in
ihrer Kleidung. Sie trug dasselbe Hauskostüm, das sie schon am ersten Abend
getragen hatte, weit und bequem, nicht Manschetten, nicht Halskragen, aber nur
deshalb nicht, weil all dergleichen die Wirkung ihrer selbst nur gemindert
hätte. Denn gerade ihr Hals war von besonderer Schönheit und hatte, sozusagen,
einen Teint für sich. Dieselbe Berechnung zeigte sich in all und jedem. Ihre
weite Schoßjacke mit losem Gürtel von gleichem Stoff schien ohne Schnitt und
Form, aber auch nur, um ihre eigenen Formen desto deutlicher zu zeigen. In ihrer
Gesamterscheinung war sie das Bild einer schönen Holländerin, und unwillkürlich
sah Holk nach ihren Schläfen, ob er nicht die herkömmlichen Goldplatten daran
entdecke.
    »Sie ziehen vor«, nahm er, als sie seinem Blick unausgesetzt begegnete,
wieder das Wort, »Sie ziehen vor, sich nicht zu setzen und in ganzer Figur zu
bleiben, und Sie wissen sehr wohl, meine schöne Frau Brigitte, was Sie dabei
tun. Wirklich, wenn ich bei Gelegenheit der Reise von Shanghai nach Bangkok -
von der mir Ihre Frau Mutter gestern erzählte - der Kaiser von Siam gewesen
wäre, so wäre das mit dem Thronsessel vor dem Palast alles sehr anders
angeordnet worden, und Sie hätten, statt zu sitzen, was nie kleidet, neben dem
Thronsessel gestanden und nur Ihren Arm auf die weiße Elfenbeinlehne gelehnt.
Und da hätte sich's dann zeigen müssen, wer Sieger bliebe, das Elfenbein oder
der Arm der schönen Frau Hansen.«
    
    »Ach«, sagte Brigitte mit gut aufgesetzter Verlegenheit, »die Mutter spricht
immer davon, als ob es etwas Besonderes gewesen wäre. Und es war doch bloß
Spielerei.«
    »Ja, Spielerei, Frau Brigitte, weil es in Siam war. Aber wir sind nicht
immer in Siam. Und nur das haben wir in unserem guten Kopenhagen auch, daß wir
ein Auge haben für die Schönheit. Und wer es am meisten und in seiner hoben
Stellung auch wohl am eindringlichsten hat... Aber es ist nicht nötig, Namen zu
nennen, liebe Frau Kapitän Hansen, und ich bewundere nur Ihren teueren Gatten,
von dem ich soviel Rühmliches gehört habe...«
    »Von Hansen. Ja. Nun, der kennt seine Brigitte«, sagte sie, während sie das
Auge schamhaft niederschlug.
    »Er kennt Sie, liebe Frau Hansen, und weiß, welches unbedingte Vertrauen er
Ihnen entgegenbringen darf. Und ich möchte sagen, ich weiß es auch. Denn wenn
Schönheit einerseits eine Gefahr ist, so ist sie doch kaum weniger auch ein
Schild«, und dabei glitt sein Auge nach dem Tablett hinüber. »Es genügt ein
Blick auf Ihre weiße Stirn, um zu wissen, daß Sie den Schwächen Ihres
Geschlechts nicht unterworfen sind...«
    Frau Brigitte schwankte, wie sie sich zu diesen Auslassungen stellen solle;
plötzlich aber wahrnehmend, daß Holks Auge leise hin und her zwinkerte, war es
ihr klar, daß Pentz oder Erichsen oder vielleicht auch beide gesprochen haben
müßten, und so ließ sie denn die Komödie der Würdigkeit fallen und begegnete
seinem Lächeln mit einem Lächeln des Einverständnisses, während sie, wie gleich
am ersten Abend, den linken Ellbogen, so daß der weite Ärmel zurückfiel, auf den
hohen Kaminsims stützte.
    Das wäre nun sicher der geeignete Moment gewesen, dem Gespräch eine Wendung
zur Intimität zu geben; Holk zog es aber vor, wenn auch scherzhaft und ironisch,
sich vorläufig noch auf den Sittenvormund hin aufzuspielen, und sagte: »Ja,
liebe Frau Hansen, daß ich es noch einmal sage, nicht unterworfen den Schwächen
Ihres Geschlechts. Dabei bleibt es. Und doch möcht ich die Stimme des Warners
erheben dürfen. Es ist, wie ich mir schon anzudeuten erlaubte, immer gefährlich,
in einer Stadt zu leben, wo die Könige den ausgesprochenen Sinn für die
Schönheit haben. Der Liebe dieser Mächtigen der Erde läßt sich vielleicht
widerstehen, aber nicht ihrer Macht... Und was die Gräfin Danner angeht, mit der
vorläufig freilich noch zu rechnen ist, nun, sie wird doch am Ende nicht ewig
leben...«
    »O doch.«
    »Nun, so stirbt vielleicht die Neigung ihres königlichen Anbeters...«
    »Auch das nicht, Herr Graf. Denn die Danner hat einen Zauber, und man hört
darüber so dies und das.«
    »Kann man es nicht erfahren?«
    »Nein. Meine Mutter sagt zwar immer: Höre, Brigitte, du sagst auch alles;
aber das mit der Danner, das ist doch zuviel.«
    »Nun, dann werd ich Baron Pentz fragen.«
    »Ja, der kann es sagen, der weiß es... Einige sagen, sie habe den
Schönheitsapfel, ich meine die Danner; aber das ist nicht der große Zauber, den
sie hat, das ist höchstens der kleine...«
    »Glaub ich unbedingt. Und überhaupt, offen gestanden, ich weiß nicht, was
immer der Apfel soll. Er ist mir immer halb unverständlich erschienen. Unter
Kirschen kann ich mir etwas denken, aber Apfel...«
    »Ich weiß doch nicht, Herr Graf«, sagte Brigitte, während sie die Schoßjacke
glatt zog, um ihrer Figur die rechte Linie zu gehen. »Ich weiß doch nicht, ob
Sie darin recht haben...« Und einmal angelangt auf dieser abschüssigen Ebene,
schien sie durchaus geneigt, das Thema weiter fortzuführen. Aber ehe sie dazu
kommen konnte, hörte sie, von der Treppe her, den halblauten Ruf: »Brigitte«.
    »Das ist die Mutter«, sagte sie verdrossen und stellte das Geschirr auf das
Tablett. Dann aber, sich würdevoll verneigend, als ob Staats- und Kirchenfragen
zwischen ihnen verhandelt worden wären, verließ sie das Zimmer.
 
Holk, als Brigitte die Tür ins Schloß gedrückt hatte, schritt auf und ab, sehr
verschiedenen Gefühlen hingegeben. Er war nicht unempfindlich gegen die
Schönheit und Koketterie dieser berückenden Person, die wie geschaffen schien,
allerlei Verwirrungen anzurichten; aber daß sie den Willen dazu so deutlich
zeigte, das minderte doch auch wieder die Gefahr. Allerlei Widersprechendes
bekämpfte sich in ihm, bis endlich seine gute Natur den Sieg gewann und ihm die
Kraft gab, das während dieser Tage Erlebte mit einem gewissen darüberstehenden
Humor zu betrachten. Und damit war denn auch die Stimmung gewonnen, nach
Holkenäs hin zu schreiben und seinen ersten Zeilen, in denen er nur seine
Ankunft angezeigt hatte, einen längeren Brief folgen zu lassen. Einen Augenblick
erschrak er freilich wieder vor der Menge dessen, was zu berichten war, denn
unter dem, was ihm fehlte, war auch die Briefschreibepassion. Endlich aber nahm
er seinen Platz an dem Zylinderbureau, schob die Bogen zurecht und schrieb.
 
                                                    »Kopenhagen, 3. Oktober 1859
                                                          Dronningens Tvergade 4
 
Meine liebe Christine. Die wenigen Zeilen, in denen ich Dir meine glückliche
Ankunft meldete, wirst Du erhalten haben; es ist Zeit, daß ich nun ein weiteres
Lebenszeichen gebe, und wie ich glücklicherweise gleich hinzusetzen darf, ein
Zeichen meines Wohlergehens. Laß mich mit dem Nächstliegenden, mit meiner
Wohnung bei der Witwe Hansen, beginnen. Es ist alles, wie's früher war, nur
eleganter, so daß man deutlich sieht, wie sich ihre Verhältnisse gehoben haben.
Vielleicht ist alles dem Umstande zuzuschreiben, daß sie jetzt mit ihrer
Tochter, ebenfalls einer Frau Kapitän Hansen (die früher ihren Mann auf seinen
Chinafahrten begleitete), zusammenwohnt. Es stehen dadurch wohl größere Mittel
zur Verfügung. Frau Kapitän Hansen ist eine schöne Frau, so schön, daß sie dem
Kaiser von Siam vorgestellt wurde, bei welcher Gelegenheit sie zugleich der
Gegenstand einer siamesischen Hofovation wurde. Sie hat eine statuarische Ruhe,
rotblondes Haar (etwas wenig, aber sehr geschickt arrangiert) und natürlich den
Teint, der solch rotblondes Haar zu begleiten pflegt. Ich würde sie Rubensch
nennen, wenn nicht alles Rubensche doch aus gröberem Stoffe geschaffen wäre.
Doch lassen wir Frau Kapitän Hansen. Du wirst lachen, und darfst es auch, über
das Interesse, das aus dem Vergleich mit Rubens zu sprechen scheint. Und Rubens
noch übertroffen! Ich war gleich am ersten Abend bei Vincents auf dem Kongens
Nytorv, wohin ich durch Pentz und Erichsen abgeholt wurde. Viele Bekannte
gesehen - auch de Meza, der von Jütland herübergekommen war -, aber niemanden
gesprochen, was in einer großen politischen Aufregung, die ich hier vorgefunden,
seinen Grund hat. Hall soll gestürzt und Rottwig an seine Stelle gesetzt werden.
Natürlich nur Übergangsministerium, wenn es überhaupt glückt, was auch noch die
Frage. Lies die Berichte, die Dagbladet bringt, sie sind ausführlicher und
minder parteiisch als die von Flyveposten. Am andern Vormittage war ich bei der
Prinzessin, um mich ihr vorzustellen. Ihr Benehmen gegen mich genau dasselbe wie
früher; sie kennt meinen abweichenden politischen Standpunkt, aber sie verzeiht
es mir, daß ich mehr für das alte Dänemark bin als für das neue. Meiner
Loyalität ist sie sicher und meiner Anhänglichkeit an ihre Person doppelt und
dreifach. Das läßt sie vieles übersehen, wenigstens solange der König lebt und
von einer ernsten politischen Krise keine Rede sein kann. So sind wir in der
angenehmen Lage, auf einem völligen Friedensfuße miteinander verkehren zu
können.
    In der Umgebung der Prinzessin hat sich nichts geändert, fast zuwenig. Alles
ist bequem und behaglich, aber doch zugleich auch ergraut und verstaubt; die
Prinzessin hat kein Auge dafür, und Pentz, der vielleicht Wandel schaffen
könnte, hält es für klug, die Dinge ruhig weitergehen zu lassen. Die
Schimmelmann ist nach wie vor würdig und wohlwollend, an Charakter ein Schatz,
aber ein wenig bedrückend. An Stelle der Gräfin Frijs, die, während der letzten
zehn Jahre, der Liebling der Prinzessin war, ist ein Fräulein von Rosenberg
getreten. Ihre Mutter war eine Wrangel. Diese Rosenbergs stammen aus dem
westpreußischen Städtchen Filehne, wurden erst unter Gustav III. baronisiert und
haben keine Verwandtschaft weder mit den böhmischen noch mit den schlesischen
Rosenbergs. Das Fräulein selbst - nur immer der älteste Sohn führt den
Baronstitel - ist klug und espritvoll und beherrscht die Prinzessin, soweit sich
Prinzessinnen beherrschen lassen. Unzweifelhaft, und dafür haben wir ihr alle zu
danken, hat sie dem kleinen Nebenhof im Prinzessinnen-Palais den Charakter der
Langenweile genommen, der früher der vorherrschende war. Ich konnte mich
gestern, wo ich Dienst hatte, von diesem Wandel der Dinge überzeugen, mehr noch
vorgestern, wo wir eine Wagenpartie nach Klampenborg und der Eremitage machten.
Es war ein wundervoller Tag, und als bei Sonnenuntergang an die zweitausend
Hirsche geschwaderweise bei uns vorbeidefilierten - ein Schauspiel, von dem ich
oft gehört, aber das ich nie gesehen habe -, schlug mir das Herz vor Entzücken,
und ich wünschte Dich und die Kinder herbei, um Zeuge davon sein zu können. Es
verlangt mich übrigens lebhaft, von Euch zu hören. Was hast Du hinsichtlich der
Pensionen beschlossen? Ich habe Dir gern und voll Vertrauen freie Hand gelassen,
aber ich hoffe, Du wirst nichts übereilen. Das Hinaussenden der Kinder in die
Welt hat seine Vorzüge, das soll unbestritten bleiben, aber das Beste bleibt
doch das, was die Familie bietet, das elterliche Haus. Und wenn eine Hand wie
die Deine das Haus bestellt, so verdoppelt sich nur die Wahrheit dieses Satzes.
Grüße die Dobschütz und Alfred, wenn er von Arnewiek herüberkommt, was
hoffentlich recht oft geschieht; denn ich weiß, Du liebst ihn, und ebenso weiß
ich, wie sehr er diese Liebe verdient. Wenn Asta bei Petersens vorspricht, laß
sie dem Alten meine Grüße bringen und ihm wie der Enkelin alles mögliche
Freundliche sagen. Strehlke soll Axel nicht mit Mathematik und Algebra quälen,
aber den Charakter soll er bilden. Leider hat er selber keinen, ein so guter
Kerl er im übrigen ist. Freilich, wer hat Charakter? Es ist nicht jedem so gut
geworden wie Dir, Du hast das, was den meisten fehlt; aber wenn mich nicht alles
täuscht, erfüllt Dich selber mitunter der leise Wunsch, etwas weniger von dem zu
haben, was Dich auszeichnet. Irr ich darin? Laß bald von Dir und den Kindern
hören und, wenn es sein kann, Erfreuliches.
                                                                Dein Helmuth H.«
 
Und nun legte er die Feder aus der Hand und überflog das Geschriebene noch
einmal. Einiges mit Zufriedenheit. Als er aber gegen das Ende hin die Worte las:
»das Beste bleibt doch immer das elterliche Haus«... und dann: »wenn eine Hand
wie die Deine dies Haus bestellt«..., da überkam ihn eine leise Rührung, von der
er sich kaum Ursach und Rechenschaft zu gehen vermochte. Hätt er es gekonnt, so
hätt er gewußt, daß ihn sein guter Engel warne.

                              Sechzehntes Kapitel

 
Holk gab den Brief selbst zur Post, dann ging er zu Pentz, der ihn in seine
Wohnung zum Frühstück geladen hatte. Von den Ministern war niemand da, auch Hall
nicht, trotzdem er zugesagt hatte, wohl aber Reichstagsmitglieder und Militärs:
General Bülow, Oberst du Plat, Oberstlieutenant Tersling, Kapitän Lundbye,
selbstverständlich Worsaae, der als Esprit fort und Anekdotenerzähler nicht
fehlen durfte. Tersling hatte seinen guten Tag, Worsaae auch, was bei den
Schraubereien, in denen man sich gefiel, am besten zutage trat; aber so
vergnüglich diese Kämpfe waren, so sah sich doch gerade Holk nur mäßig dadurch
unterhalten, teils weil ihm, als einem Nicht-Kopenhagener, manches von den
Pointen entging, teils weil er Fragen auf dem Herzen hatte, die zu stellen sich
bei dem beständigen Wortgefecht der beiden humoristischen Gegner keine rechte
Gelegenheit für ihn bieten wollte. Denn Pentz war ganz Ohr und hörte nur auf die
gegenseitigen Sticheleien. Das Frühstück, wie jedes gute Frühstück, dauerte bis
Abend. Als es beendet war, gingen etliche von den Jüngeren noch nach Tivoli
hinaus, um einem letzten Operettenakt beizuwohnen; Holk aber, an großstädtisches
Leben nicht gewöhnt und immer beflissen, sich in beinah philiströser Weise bei
guter Gesundheit zu halten, begleitete Bülow und du Plat bis an das
Kriegsministerium und ging dann auf seine Wohnung zu. Die ältere Frau Hansen
empfing ihn aufmerksam und artig wie immer, fragte nach seinen Befehlen und
brachte den Tee. Das Gespräch, das sie dabei führte, war nur kurz, und alles,
was sie sagte, lag heute nach der gefühlvollen Seite hin: ihrer Tochter Brigitte
sei nicht recht wohl, und wenn sie dann bedenke, daß die arme junge Frau, denn
sie sei doch eigentlich noch jung und der Mann schon im siebenten Monat fort und
käm auch noch lange nicht wieder zurück, ja, wenn sie das alles so bedenke, und
daß Brigitte doch ernstlich krank werden und aus dieser Zeitlichkeit scheiden
könne, da wolle sie doch lieber gleich selber sterben. »Und was ist es denn auch
am Ende? Wenn man fünfzig ist und Witwe dazu, ja, Herr Graf« (und sie trocknete
sich eine Träne), »was hat man da noch vom Leben? Je früher es kommt, desto
besser. Armut ist nicht das schlimmste, schlimmer ist Einsamkeit, immer einsam
und ohne Liebe...« Holk, den diese Sentimentalität amüsierte, bestätigte
selbstverständlich alles. »Jawohl, liebe Frau Hansen, es ist ganz so, wie Sie
sagen. Aber Sie dürfen es nicht so schwernehmen. Ein bißchen Liebe findet sich
immer noch.«
    Sie sah ihn von der Seite her an und freute sich seines Verständnisses.
    Am anderen Tage war Holk wieder in Dienst, was am Hofe der Prinzessin nicht
viel besagen wollte. Die fast Siebzigjährige, die - darin noch ganz das Kind des
vorigen Jahrhunderts - immer spät zur Ruhe ging und noch später aufstand,
erschien nie vor Mittag in ihren Empfangsräumen; die Kammerherren vom Dienst
hatten also bis dahin nichts anderes zu tun, als im Vorzimmer zu warten. Da
wurden denn Zeitungen gelesen, auch wohl Briefe geschrieben, und wenn, lange vor
Sichtbarwerden der Prinzessin, der Kammerdiener ein gut arrangiertes Frühstück
brachte, so rückte Pentz in die tiefe, mit einem kleinen Diwan in Hufeisenform
halb ausgefüllte Fensternische, wo sich dann Holk oder Erichsen ihm gesellte. So
war es auch heute, und als man von dem Sherry genippt und Pentz ein sehr
anerkennendes Wort über die Sardinen geäußert hatte, sagte Holk: »Ja,
vorzüglich. Und doch, lieber Pentz, ich möchte heute, wenn es geht, etwas
anderes von Ihnen hören als Kulinarisches oder Frühstückliches. Ich hatte mir
schon gestern ein paar Fragen an Sie vorgenommen, aber die beiden Kampfhähne
nahmen Sie ja ganz in Anspruch. Worsaae war übrigens wirklich sehr amüsant. Und
dann mußt ich mir auch sagen, wer so glänzender Wirt ist wie Sie, der ist eben
Wirt und nichts weiter und hat nicht Zeit zu Privatgesprächen in einer
verschwiegenen Ecke.«
    »Sehr liebenswürdig, lieber Holk. Ich habe mich nicht recht um Sie
gekümmert, und anstatt mir einen Vorwurf daraus zu machen, machen Sie mir Elogen
über meine Wirklichkeit. Übrigens muß ich Ihnen bekennen, wenn ich gestern um
ein Privatgespräch mit Ihnen, und noch dazu, wenn ich recht gehört, um ein
Privatgespräch in einer verschwiegenen Ecke gekommen bin, so verwünsche ich alle
Repräsentationstugenden, die Sie mir gütigst zudiktieren. In einer
verschwiegenen Ecke - da darf man etwas erwarten, was jenseits des Gewöhnlichen
liegt.«
    »Ich bin darüber doch selbst im Zweifel. Auf den ersten Blick ist es
jedenfalls was sehr Gewöhnliches und betrifft ein Thema, das schon gleich am
ersten Abend zwischen uns verhandelt wurde. Hab ich dann aber wieder
gegenwärtig, wie sich alles in der Sache so mysteriös verschleiert, so hört es
doch auch wieder auf, was Alltägliches und Triviales zu sein. Kurzum, ich weiß
selber nicht recht, wie's steht, ausgenommen, daß ich neugierig bin, und nun
sagen Sie mir, was ist es mit den zwei Frauen, Mutter und Tochter?«
    Pentz verstand entweder wirklich nicht oder gab sich doch das Ansehen davon,
weshalb Holk fortfuhr: »Ich meine natürlich die beiden Hansens. Eigentlich, auch
ganz abgesehen von dem, was Sie mir schon erzählt haben, sollt ich darüber so
gut unterrichtet sein wie Sie selbst; denn beide Frauen sind schleswigsches
Gewächs, ich glaub aus Husum gebürtig und dann später in Glücksburg, und bei der
Mutter, wie Sie ja wissen, hab ich auch schon gewohnt, als ich das letzte Mal
hier war und meinen Dienst tat. Aber ich muß damals schlecht beobachtet haben,
oder die Tochter, die jetzt da ist, hat dem Hausstand ein anderes Wesen gegeben.
Soviel bleibt, ich schwanke nach wie vor hin und her, was ich eigentlich daraus
machen soll. Manchmal glaub ich in meiner Annahme raffiniertester Komödianterei
ganz sicher zu sein; dann aber seh ich wieder hohe Mienen, vollkommene Airs, und
wenn ich auch sehr wohl weiß, daß man hohe Mienen aufsetzen kann, so bringen sie
mich doch immer wieder ins Unsichere. Da gibt es beispielsweise eine wundervolle
Geschichte von dem Kaiser von Siam, mit märchenhaften Huldigungen und Geschenken
und sogar einer prachtvollen Perlenschnur. Ist das nun Wahrheit oder Lüge?
Vielleicht ist es Größenwahn. Die Tochter ist sicherlich eine sehr schöne
Person, und wer um seiner Schönheit willen, wie ich nicht zweifle, gelegentlich
große Triumphe feiert und dann doch auch wieder stillsitzen und brüten und
abwarten muß, der spinnt sich in seiner Einsamkeit seine Triumphe leicht weiter
aus, und da haben wir denn einen Kaiser von Siam mit Perlenschnur und Elefanten,
wir wissen nicht wie.«
    Pentz lächelte vor sich hin, aber schwieg weiter, weil er wohl sah, daß
Holk, mit dem, was er sagen wollte, noch nicht voll am Ende war. Dieser fuhr
denn auch weiter fort: »So kann denn alles Halluzination sein, Ausgeburt einer
erhitzten Phantasie. Wenn ich dann aber an das Augenaufleuchten und Kichern, was
beides gelegentlich vorkommt, und zugleich an die Worte denke, die Sie gleich
den ersten Abend bei Vincent gegen mich äußerten, Bemerkungen, in denen so was
von Sicherheitsbehörde vorkam, so kommt mir, ehrlich gestanden, ein leiser
Märchengrusel. Und wenn es bloß Märchengrusel wäre, nein, eine richtige Angst
und Sorge. Denn, lieber Pentz, was heißt Sicherheitsbehörde? Sicherheitsbehörde
heißt doch einfach Polizei, deren geschickteste und dienstbeflissenste
Mitglieder mitunter Mitglieder einer unsichtbaren politischen Loge sind. Und das
macht mir einigermaßen Herzensbeklemmungen. Ist da wirklich was von Beziehungen
zwischen einem Sicherheitsassessor und der Tochter oder gar zwischen dem
Polizeichef selbst und der Mutter - denn auch das kommt vor, und Polizeichefs
sind unberechenbar in ihrem Geschmack -, so bin ich da bei dieser Hansensippe
nicht viel anders untergebracht als in einer Spelunke. Daß Goldleisten und
türkische Teppiche da sind und Mutter und Tochter einen Tee zubereiten, der,
weit über Siam hinaus, direkt aus dem himmlischen Reich kommen könnte, kann mich
für die Dauer nicht trösten. Es schien mir auch, als ob die Prinzessin, wie sie
den Namen der Frau Hansen hörte, nicht gerade erbaulich dreinblickte. Kurzum,
was ist es damit? Und nun heraus mit der Sprache.«
    Pentz, mit seinem Sherryglase leise anklingend, lachte herzlich und sagte
dann: »Ich will Ihnen was sagen, Holk, Sie sind bis über die Ohren in diese
schöne Person verliebt, und weil Sie sich vor ihr fürchten oder, was dasselbe
ist, sich persönlich nicht recht trauen, so wünschen Sie, daß ich Ihnen eine
furchtbare Geschichte zum besten gebe, die Sie jederzeit als
Sicherheitsvademekum aus der Tasche holen und wie einen Schirm zwischen sich und
der schönen Frau Hansen aufrichten können. Mit solch furchtbarer Geschichte kann
ich Ihnen aber beim besten Willen nicht dienen. Und bedenken Sie, wie würd ich
es, als Sie vor zwei Jahren das erste Mal, auf meine Empfehlung hin, bei der
Frau Hansen Wohnung nahmen, wie würd ich es gewagt haben, Sie, den Grafen Holk
und Kammerherrn unserer Prinzessin, in einer Chambre garnie unterzubringen, für
die Sie, frisch, fromm und frei, das Wort Spelunke dem Sprachschatz deutscher
Nation entnommen haben...«
    »Sie dürfen nicht empfindlich werden, Pentz. Um so weniger, als Sie mit
Ihren Anspielungen eigentlich schuld an meinem Argwohn sind. Warum sprachen Sie
von Sicherheitsbehörde?«
    »Weil es sich so verhält. Warum soll ich nicht von Sicherheitsbehörde
sprechen? Warum soll ein Mitglied dieser Behörde die schöne Frau Brigitte nicht
ebenso schön finden, wie Sie sie finden? Er ist vielleicht ein Vetter von ihr
oder auch von der Alten, der ich beiläufig noch weniger traue als der
Jüngeren...«
    Holk nickte zustimmend.
    »Im übrigen dürfen Sie sich über dies und vieles andere nicht den Kopf
zerbrechen. Das ist so Kopenhagensch, das war hier immer so; schon vor
dreihundert Jahren hatten wir die Düveke-Geschichte, Mutter und Tochter, und ob
nun Hansen oder Düveke, macht keinen rechten Unterschied. Beiläufig, daß Düveke
nicht Name, sondern bloß Epitheton ornans war, werden Sie wissen. Und war klug
genug gewählt. Täubchen, Täubchen von Amsterdam - kann man sich etwas
Unschuldigeres denken?«
    Holk konnte nur bestätigen; Pentz aber, der nicht bloß ein lebendiges
Nachschlagebuch für die hauptstädtische Chronique scandaleuse, sondern ganz
besonders auch für die Liebesgeschichten alter und neuer Könige war, war nicht
unfroh, ein Thema, das er ausgiebig beherrschte, weiter ausspinnen zu können.
»Es ist was ganz Eigenes mit dieser Düveke-Geschichte. Sie wissen, daß sie durch
rote Kirschen vergiftet sein soll. Aber so oder so, die Geschichte war schon so
gut wie halb vergessen, und man zerbrach sich nicht sonderlich den Kopf mehr
über die Düveke, hielt es vielmehr mit anderen, nicht ganz so weit abliegenden
Vorbildern, als mit einem Male unsere gute Putzmacherin Rasmussen in eine
dänische Gräfin umgebacken wurde. Und wollen Sie mir's glauben, Holk, von dem
Tage an ist all das alte Zeug wieder lebendig geworden, und alles, was in
Dänemark ein paar rote Backen hat oder gar so hübsch ist wie diese Frau Brigitte
mit dem ewig müden Augenaufschlag, das will nun wieder Düveke werden und sich
adeln lassen und eine Strandvilla haben und legt die Hände in den Schoß und
putzt sich und wartet. Und dabei denken alle, wenn nicht der König kommt, unser
allergnädigster Matrosenkönig Friedrich der Siebente - denn soviel sehen sie
wohl, die Danner weiß ihn zu halten und muß einen Charme haben, den der Rest der
Menschheit noch nicht entdecken konnte -, wenn, sag ich, der König nicht kommt,
so kommt ein anderer, so kommt Holk oder Pentz, wobei Sie mir verzeihen müssen,
daß ich mich so ohne weiteres an Ihre Seite dränge. Nein, Holk, nichts von
Spelunke. Diese schöne Capitana, deren Mann ich übrigens nicht beneide,
beiläufig soll er immer unter Rum stehen, ist nicht schlimmer als andere, nur
ein bißchen gefährlicher ist sie, weil sie schöner ist, mit ihrem Rotblond und
der Welljacke, die nirgends schließt. Ihrer Ritterlichkeit, lieber Holk, brauch
ich es übrigens nicht erst anzuempfehlen, daß Sie darauf verzichten, diese
Ärmste...«
    
    »Spotten Sie nur, Pentz. Aber Sie gehen durchaus in die Irre und vergessen,
daß ich fünfundvierzig bin.«
    »Und ich, lieber Holk, bin fünfundsechzig. Und wenn ich danach die
Berechnung mache, so kann es um Sie, beziehungsweise um die schöne Brigitte,
gerade noch schlecht genug stehen.«
    Er wollte sichtlich in diesem Tone noch weitersprechen, aber im selben
Augenblicke trat ein Kammerdiener aus den Gemächern der Prinzessin und meldete,
daß Königliche Hoheit die Herren zu sprechen wünsche.
 
Pentz und Holk traten ein. Die Prinzessin hielt ein Zeitungsblatt in der Hand
und war augenscheinlich nicht bloß in Erregung, sondern in geradezu schlechter
Laune. Sie warf das Blatt beiseite, und statt der sonst üblichen gnädigen
Begrüßung erfolgte nur die Frage: »Haben Sie schon gelesen, meine Herren?«
    Holk, dem als einem halben Fremden keine besondere Leseverpflichtung oblag,
blieb ruhig; Pentz aber kam in Verlegenheit, um so mehr, als er neuerdings
öfters auf solchen Unterlassungssünden ertappt worden war. Diese sehr sichtbare
Verlegenheit stellte aber die gute Stimmung der Prinzessin sofort wieder her.
»Nun, lieber Pentz, erschrecken Sie nicht zu sehr und lassen Sie mich zu Ihrer
Beruhigung sagen, daß mir, im langen Laufe der Jahre - und nach solchen müssen
wir doch nachgerade rechnen -, ein Mann der Trüffel-und Wildbretpastete wie Sie
viel, viel lieber ist als ein Mann der Politik und des Zeitungsklatsches oder
gar der Zeitungsmalice. Denn mit einer solchen haben wir's hier zu tun. Es wird
zwar ein Handelshaus vorgeschoben, noch dazu ein Handelshaus in Kokkegarde, aber
es bedarf nicht vieler Einsicht und Vertrautheit, um die Personen zu erraten,
die diesen Skandal in Szene gesetzt haben.«
    In Pentz' Gesicht verschwand der Ausdruck der Verlegenheit, und der der
Neugierde trat an seine Stelle. »Mutmaßlich Unpassendheiten über die Gräfin...«
    »O nein«, lachte die Prinzessin herzlich. »Unpassendheiten über die Gräfin
gibt es erstlich überhaupt nicht, und wenn Sie das Muster eines Kammerherrn
wären, Gott sei Dank sind Sie's nicht, so würden Sie meinen Ihnen wohlbekannten
Gefühlen für die Gräfin etwas ausgiebiger Rechnung tragen. Aber so sind Sie,
Baron, und vergessen im Hinblick auf das Frühstück, wenn Sie's nicht schon
genommen, daß ein Pasquill über die Danner meine gute, nicht aber meine
schlechte Laune geweckt haben könnte. Ja, lieber Pentz, da haben Sie sich
verfahren oder vielleicht selbst verraten, und lebten wir in anderen Zeiten, so
begäb ich mich recte zum König und ging' ihn an, Ihnen einen Struensee-Prozeß zu
machen und Sie der unerlaubten Beziehungen zur Gräfin-Putzmacherin zu zeihen.
Denken Sie, wenn dann Ihr Haupt fiele! Doch ich will Sie so weit nicht bedrohen
und verurteile Sie nur, den Artikel zu lesen, hier den: Ebba hat jede Zeile rot
unterstrichen, sie liebt dergleichen, und dann mögen Sie sich wundern, wie weit
wir in Dänemark mit unserem Regiment der Gasse bereits gekommen sind. Regiment
der Gasse, leider; - vor Holk sollten wir uns freilich sträuben, es
zuzugestehen, denn es stellt uns bloß und ist nur Wasser auf seine
schleswig-holsteinsche Mühle. Doch was hilft es, der Artikel ist nun mal da, und
wenn er ihn hier nicht liest, so liest er ihn in seiner Wohnung, oder die Frau
Kapitän Hansen liest ihn ihm wohl gar vor. Leute, die selber Anspruch auf einen
Artikel oder ähnliches haben, sind immer am durstigsten nach allem, was
Sensation macht.«
    Holk fühlte sich unangenehm berührt, weil er aus dieser Schlußbemerkung aufs
neue heraushörte, daß der gute Leumund der Hansens ein großes Fragezeichen habe;
es war aber nicht Zeit, sich diesem Gefühle hinzugehen, denn Pentz hatte das
Blatt bereits in die Hand genommen und begann, während er sein Pincenez hin und
her schob: »Erbprinzlich Ferdinandsche Wechsel zu verkaufen!«
    »Nun, Pentz, Sie stocken ja schon und ziehen Ihr Taschentuch, mutmaßlich um
Ihre Gläser zu putzen und sich zu vergewissern, daß Sie recht gelesen haben.
Aber Sie haben recht gelesen. Fahren Sie nur fort.«
    »... Verschiedene vom Prinzen Ferdinand, Königliche Hoheit, und zwar unter
dem Zusatze: bei meiner königlichen Ehre, ausgestellte Wechsel, indossiert von
seinem Kammerassessor Plöther, sind zu verkaufen, und zwar für den Wert, den
eventuelle Liebhaber, beziehungsweise Sammel- und Kuriositätenamateurs, Papieren
von solcher Bedeutung beimessen wollen, doch nicht unter fünfzig Prozent. Man
beliebe sich an das Comptoir Kokkegarde 143 zu wenden...«
    Pentz legte das Blatt nieder; der Artikel war zu Ende.
    »Nun, meine Herren, was sagen Sie zu diesem Vorkommnis, von dem ich
behaupten darf, ähnliches in meinen siebzig Jahren noch nicht erlebt zu haben.
Sie schweigen, und Holk ist mutmaßlich der Meinung: wie man sich bettet, so
liegt man; wer Wechsel ausstellt, und noch dazu bei seiner königlichen Ehre, hat
die Wechsel einzulösen, und unterläßt er's, so muß er sich's gefallen lassen,
wie's hier geschieht, von Kokkegarde 143 aus an den Pranger gestellt zu werden.
So denkt mutmaßlich Holk, und er hat recht; gewiß, es liegt so. Der Prinz ist
mir auch durchaus gleichgültig, und je mehr er sich ruiniert, je mehr kommt es
dem zustatten, der bestimmt ist, an dieses sogenannten Erbprinzen Stelle,
wirklich der Erbe dieses Landes zu sein. Aber ich kann mich der egoistischen
Freude darüber, meine politischen Pläne gefördert zu sehen, doch nicht ganz
hingehen, wenn soviel anderes und schließlich Wichtigeres dabei verlorengeht...
Kein Vogel beschmutzt das eigene Nest, und es gibt eine Solidarität der
Interessen, die das Königtum als solches anerkennen muß, sonst ist es um das
Königtum geschehen. Ich könnte mich über Dagbladet aigrieren, und ich gestehe,
mein erster Unmut ging nach dieser Seite hin. Aber was ist eine Zeitung? Nichts.
Aigriert bin ich über den König, dem dies Gefühl der Solidarität abhanden
gekommen ist. Er denkt an nichts als an die Danner und an das Ausgraben von
Riesenbetten, an und für sich sehr verschiedene Dinge, die sich freilich
vielleicht auch wieder in der Vorstellung der Zukunft zu einer seltsamen Einheit
zusammentun werden. Vor allem denkt er: après nous le déluge. Und das ist ein
Unglück. Ich hasse Moralpredigten und Tugendsimpeleien, aber andererseits bleibt
doch auch bestehen: es ist nichts mit den laxen Grundsätzen - Grundsätze sind
wichtiger als das Tatsächliche. Das sag ich Ihnen, lieber Pentz. Mit Holk liegt
es anders, er ist ein Deutscher, und wenn er auch vielleicht ins Schwanken kommt
(die Rosenberg hat mir wahre Wunderdinge von der Frau Brigitte Hansen erzählt),
so hat er eben seine Frau Christine daheim. Und ich müßte mich sehr in ihr
irren, wenn sie nicht mit ihrer Macht von Holkenäs bis Kopenhagen reichen
sollte. Und nun au revoir, meine Herren.«

                              Siebzehntes Kapitel

 
Holk hatte nicht Zeit, sich Betrachtungen über das eben Gehörte hinzugeben, denn
es war ein besuchreicher und überhaupt ein ziemlich unruhiger Tag. Um zwölf
erschienen zwei bildschöne »petit-nièces« der Prinzessin, noch halbe Kinder, um
die Großtante zum Besuch einer historischen Ausstellung abzuholen, die die
Professoren Marstrand und Melbye seit dem 1. Oktober in einigen Nebensälen des
Museums eröffnet hatten. Die ganze Stadt sprach von dieser Ausstellung, und wie
gewöhnlich trat das Politische daneben zurück, trotzdem es gerade Tage waren, in
denen nicht nur ein Ministerium, sondern fast auch die Monarchie in Frage stand.
Aber was bedeutete das neben großstädtischer und nun gar Kopenhagener
Vergnügungssucht, die sich diesmal außerdem noch hinter einem großen Worte
verstecken und als Patriotismus ausgeben konnte. Denn was es da zu sehen gab,
war etwas nie Dagewesenes, eine dänische Nationalausstellung, zu der man alles,
was an historischen Porträts in Stadt und Land existierte, sorglich
zusammengetragen hatte. Mit Kniestücken Christians II. und seiner Gemahlin
Isabella fing es an und schloß mit drei lebensgroßen Porträts Friedrichs VII.,
des jetzt regierenden Königs Majestät, ab. In einiger Entfernung war auch das
Bildnis der Danner. Dazwischen endlose Schlachten zu Land und zu See, Kämpfe mit
den Lübischen, Erstürmung von Wisby, Bombardement von Kopenhagen, überall
rotröckige Generäle, noch mehr aber Seehelden aus mindestens drei Jahrhunderten
und natürlich auch Thorwaldsen und Oehlenschläger und der häßliche alte
Grundtvig. Die Prinzessin zeigte nur ein mäßiges Interesse, weil das meiste, was
sie sah, den zahlreichen über Seeland hin zerstreuten königlichen Schlössern
entnommen, ihr also seit lange bekannt war; die jungen Großnichten aber waren
Feuer und Flamme, fragten hierhin und dorthin und konnten einen Augenblick
wirklich die Vorstellung wecken, als ob sie jedem alten Admiral, von denen einer
der berühmtesten ein Pflaster über dem einen Auge hatte, die vollste Bewunderung
entgegenbrächten. Aber auf die Dauer entging es doch niemandem, weder der
Prinzessin noch ihrer Umgebung, daß das ganze Interesse für Admiräle nur Schein
und Komödie war und daß die jungen Prinzessinnen immer nur andächtig vor den
Bildnissen solcher Personen verweilten, die, gleichviel ob Männer oder Frauen,
mit irgendeiner romantisch-mysteriösen Liebesgeschichte verknüpft waren.
    »Sonderbar«, sagte Pentz zu Ebba und wies auf die ältere der beiden
Prinzessinnen, die, wie's schien, von dem Struensee-Porträt gar nicht loskonnte.
    »Nein«, lachte Ebba. »Nicht sonderbar. Durchaus nicht. Oder verlangen Sie,
daß sich junge Prinzessinnen für den alten Grundtvig oder gar für den Bischof
Monrad interessieren sollen? Das Bischöfliche wiegt nicht schwer, wenn man
vierzehn ist.«
    »Aber das Struenseesche?«
    »Sans doute.«
 
Am Nachmittage machte die Prinzessin, was nicht oft vorkam, einen Ausflug in die
Umgegend, und am Abend, etwas noch Selteneres, erschien sie sogar in ihrer
Theaterloge, hinter ihr die Schimmelmann und Ebba, hinter diesen Pentz und Holk.
    Es wurde der zweite Teil von Shakespeares »Heinrich IV.« gegeben, und nach
dem dritten Akte, dem eine längere Pause folgte, nahm man den Tee, wobei wie
gewöhnlich fleißig kritisiert wurde, denn die Prinzessin hatte noch die
literarischen Allüren des vorigen Jahrhunderts. Es erheiterte sie, daß man nicht
bloß zu keinem einheitlichen Urteil kommen konnte, sondern daß jeder seinen
Liebling und seine Renonce hatte, nicht bloß hinsichtlich der Schauspieler,
sondern auch in Rücksicht auf die Shakespeareschen Figuren. Die Prinzessin
selbst, die immer was Besonderes haben mußte, war am meisten für die beiden
Friedensrichter eingenommen und erklärte, diesen Geschmack schon in ihren jungen
Jahren gehabt zu haben; eine vollendete Darstellung des Philisteriums habe sie
von jeher mehr entzückt als alles andere, und nicht bloß auf der Bühne. Solche
Friedensrichter liefen auch in der hohen Politik umher, und in jedem Ministerium
- ja, sie könne selbst ihren Freund Hall nicht ganz ausnehmen -, zumal aber in
jeder Synode säße mindestens ein halbes Dutzend Figuren wie Schaal und Stille.
Von Falstaff wollte niemand etwas wissen, vielleicht weil er nicht ganz gut
gegeben wurde, wogegen Holk für Fähnrich Pistol und Pentz für Dorchen
Lakenreißer schwärmte. Doch unterließ er es, den vollen Namen zu nennen, und
sprach immer nur von »Dorchen«. Die Prinzessin ließ ihm, wie sie sagte, diese
Geschmacksverirrung ruhig hingehen, ja, hatte Worte halber Anerkennung für ihn,
weil er wenigstens ehrlich und konsequent bleibe; zudem sei es das klügste; jede
andere Versicherung seinerseits würde doch nur ihrem Mißtrauen begegnet sein.
Ebba mühte sich, auf diesen scherzhaften Ton der Prinzessin einzugehen,
scheiterte aber völlig damit und verfiel schließlich in ein sich immer
steigerndes nervöses Zucken und Zittern. Holk, der es sah, versuchte dem
Gespräch eine andere Wendung zu geben, kam aber nicht weit damit und war
herzensfroh, als das Spiel auf der Bühne wieder seinen Anfang nahm. Man blieb
indessen nicht lange mehr, kaum noch bis zum Schlusse des nächsten Aktes, dann
wurde der Wagen befohlen, und Pentz und Holk, nachdem sie seitens der Prinzessin
gnädig entlassen waren, schlenderten, auf einem Umweg, auf Vincents Restaurant
zu, wo sie, bei schwedischem Punsch, eine Plauderstunde zu haben wünschten.
    Unterwegs sagte Holk: »Sagen Sie, Pentz, was war das mit der Rosenberg? Sie
war dicht vor einem hysterischen Anfall. Peinlich und noch mehr verwunderlich.«
    »Ja, peinlich. Aber verwunderlich gar nicht.«
    »Wie das?«
    Pentz lachte. »Lieber Holk, ich sehe, daß Sie die Weiber doch herzlich
schlecht kennen.«
    »Ich mag nicht das Gegenteil behaupten, denn ich hasse Renommistereien, und
am meisten auf diesem Gebiete. Aber über die Rosenberg glaubte ich im klaren zu
sein und glaub es noch. Ich halte das Fräulein für freigeistig und übermütig und
behaupte ganz ernsthaft, wer mit Glaubens- und Moralfragen so zu spielen weiß,
der ist auch sozusagen verpflichtet, an Falstaffs Dorchen eine helle Freude zu
haben oder doch mindestens keinen Anstoß daran zu nehmen.«
    »Ja, das denken Sie, Holk. Aber das ist es ja eben, weshalb ich Ihnen die
Weiberkenntnis abspreche. Wenn Sie die hätten, so würden Sie wissen, daß gerade
die, die dies und das auf dem Kerbholz haben, sich durch nichts so sehr verletzt
fühlen wie durch ein grobes und unter Umständen selbst durch ein leises Zerrbild
ihrer selbst. Mit ihrem richtigen Spiegelbilde leben sie sich ein, auch wenn
ihnen gelegentlich ein Zweifel an der besonderen Berechtigung ihrer moralischen
Physiognomie kommen mag; taucht aber neben diesem Bilde noch ein zweites auf,
das die schon zweifelhaften Stellen auch noch mit einem Agio wiedergibt, so hat
es mit der Selbstgefälligkeit ein Ende. Mit anderen Worten, das Stücklein Eva,
das solche süspekte Damen repräsentieren, sind sie geneigt noch gerade passieren
zu lassen, aber nun auch kein Deutchen mehr davon, ein Mehr ist schlechterdings
unzulässig, und tritt es ihnen trotzdem entgegen, so schrecken sie zusammen und
kriegen den Weinkrampf.«
    Holk blieb stehen und sagte dann: »Liegt es so? Sagen Sie da nicht mehr,
Pentz, als Sie verantworten können? Ich kann doch, um nur eins zu nennen, nicht
wohl annehmen, daß die Prinzessin, als sie das Fräulein an den Hof zog, eine
Wahl getroffen hat, die sich, anderer Bedenken zu geschweigen, schon mit
Rücksicht auf die Danner, diesen Gegenstand ihrer beständigen moralischen
Angriffe, verboten haben würde.«
    »Und doch ist es so. Zurückzunehmen ist meinerseits nichts. Ebba wünscht
sich eine Zukunft, das ist gewiß, und nur eins ist noch gewisser - sie hat eine
Vergangenheit.«
    »Können Sie darüber sprechen?«
    »Ja. Ich bin in der angenehmen Lage, vor nichts haltmachen zu müssen und am
wenigsten vor Fräulein Ebba. Wer selbst sowenig Schonung übt, hat Schonung
verwirkt, und der beständige Spötter über Diskretion, was hab ich nicht alles
aus dem Munde dieses Sprühteufels hören müssen, darf seinerseits keinen Anspruch
auf Diskretion erheben.«
    »Und was war es?« unterbrach Holk, der immer neugieriger wurde.
    »Wenn Sie wollen, nichts oder doch jedenfalls nicht viel. Alles
Durchschnittsgeschichte. Sie war Hofdame bei der Königin Josephina drüben in
Stockholm. Die Leuchtenbergs, wie Sie wissen, sind alle sehr liebenswürdig. Nun,
es ist ein Jahr jetzt oder etwas länger, daß man sich über die Zärtlichkeiten
und Aufmerksamkeiten zu wundern anfing, die mit einem Male der jüngste Sohn der
Königin...«
    »Der Herzog von Jämtland...«
    »Eben der..., die mit einem Male der jüngste Sohn der Königin für seine
Mutter an den Tag legte. Die Verwunderung indes währte nicht allzu lange. Sie
kennen die kleinen Boote, die zwischen den Liebesinseln des Mälarsees hin- und
herfahren, und da man die Stockholmer Gondolieri so gut bestechen kann wie die
venezianischen, so lagen die Motive für des Prinzen Aufmerksamkeiten sehr bald
offen zutage; sie hießen einfach: Fräulein Ebba. Da gab es denn
selbstverständlich eine Szene. Trotz alledem wollte die Königin, die geradeso
vernarrt in das Fräulein war wie unsere Prinzessin, von Entlassung oder gar
Ungnade nichts wissen und gab nur ungern und sehr wiederstrebend einer Pression
von seiten des Hofes nach. Am meisten gegen sie war der König, der in allem
klarsah...«
    »Also daher so leidenschaftlich antibernadottisch«, sagte Holk, der sich
plötzlich einiger Bemerkungen erinnerte, die das Fräulein auf dem Wege zur
Eremitage gemacht hatte. »Daher die glühende Begeisterung für Haus Wasa.«
    »Haus Wasa«, lachte Pentz. »Ja, das ist jetzt ihre Lieblingswendung. Und
doch, glauben Sie mir, hat es Stunden und Tage gegeben, wo die Rosenberg das
ganze Haus Wasa, den großen Gustav Adolf mit eingerechnet, für den Ringfinger
eines jüngsten Bernadotte hingegeben hätte. Vielleicht ist es noch so,
vielleicht sind die Brücken nach Schweden hinüber noch immer nicht ganz
abgebrochen, wenigstens bis ganz vor kurzem ging noch eine Korrespondenz. Erst
seit diesem Herbst schweigt alles und treffen, soviel ich weiß, keine Briefe
mehr ein. Mutmaßlich ist was anderes im Werke. Ebba hat nämlich immer mehrere
Eisen im Feuer.«
    »Und weiß die Prinzessin davon?«
    »Was diese schwedische Vergangenheit betrifft, gewiß alles, ja vielleicht
noch mehr als alles. Denn mitunter empfiehlt es sich auch, aus purer Erfindung
noch was hinzuzutun. Das steigert dann das Pikante. Liebesgeschichten dürfen
nicht halb sein, und wenn es sich so trifft, daß die mitleidslose Wirklichkeit
den Faden vor der Zeit abschnitt, so muß er künstlich weitergesponnen werden.
Das verlangt jeder Leser im Roman, und das verlangt auch unsere Prinzessin.«
    An dieser Stelle brach das Geplauder ab, denn man hatte Vincent erreicht,
und als man, eine Stunde später, das Restaurant wieder verließ, geschah es in
Gesellschaft anderer, so daß das Gespräch nicht wiederaufgenommen werden konnte.
 
Witwe Hansen zeigte sich ziemlich einsilbig, als Holk in den Hausflur eintrat,
und beschränkte sich auf Behändigung eines Telegramms, das im Laufe des
Nachmittags eingetroffen war. Es bestand aus wenig Worten, in denen Christine
mit einer Kürze, die jedem Geschäftsmanne zur Zierde gereicht haben würde, nur
drei Dinge an Holk vermeldete: Dank für seine Zeilen, Genugtuung über sein
Wohlergehen und Inaussichtstellung eines längeren Briefes ihrerseits. Holk hatte
das Telegramm noch unten im Flur überflogen, bot gleich danach, unter Ablehnung
ihrer Begleitung, der Frau Hansen eine gute Nacht und stieg dann in seine Zimmer
hinauf, wo die Lampe schon brannte. Daß ihn Christinens Worte besonders
beschäftigt hätten, ließ sich nicht sagen, er dachte mehr an Pentz als an das
Telegramm und sah weiteren Mitteilungen über Ebba mit mehr Neugierde entgegen
als dem in Aussicht gestellten Briefe. Vor dem Einschlafen schwanden aber auch
diese Gedanken wieder, denn mit einem Male war ihm, als ob er ganz deutlich ein
Gekicher und dazwischen einen feinen durchdringenden Ton wie vom Anstoßen
geschliffener Gläser höre. War es im Hause nebenan oder war es direkt unter ihm?
Es berührte ihn wenig angenehm und um so weniger, als er sich nicht verhehlen
konnte, daß etwas von Eifersucht mit im Spiele war, Eifersucht auf die
»Sicherheitsbehörde«. Dies Wort indessen barg auch wieder die Heilung in sich,
und als er es vor sich hin gesprochen, kam ihm seine gute Laune wieder und bald
danach auch der Schlaf.
 
Am andern Morgen erschien die jüngere Hansen mit dem Frühstück, und als Holk sie
musterte, war er fast beschämt über die Gedanken, mit denen er gestern
eingeschlafen war. Brigitte sah aus wie der helle Tag, Teint und Auge klar, und
eine ruhige frauenhafte Schönheit, fast wie Unschuld, war über sie ausgegossen.
Dabei war sie schweigsam wie gewöhnlich, und nur als sie gehen wollte, wandte
sie sich noch einmal und sagte: »Der Herr Graf sind hoffentlich nicht gestört
worden. Mutter und ich haben bis nach zwölf kein Auge zugetan. Es sind so
sonderbare Leute nebenan, unruhig bis in die Nacht hinein, und man hört jedes
Wort an der Wand hin. Und wenn es dabei bliebe...« Der Graf versicherte, nichts
gehört zu haben, und als Brigitte fort war, war er wieder ganz unter ihrem
Eindruck. »Ich trau ihr nicht, fast sowenig wie der Alten, aber eigentlich weiß
ich doch nichts weiter, als daß sie sehr hübsch ist. Das Gespräch, das ich
gestern oder vorgestern mit ihr hatte, ja, was bedeutet das am Ende? Solch
Gespräch kann man mit jeder jungen Frau führen oder doch mit sehr vielen.
Eigentlich hat sie nichts gesagt, was andere nicht auch sagen könnten; Blicke
sind immer unsicher, und mitunter ist mir's, als ob alles, was Pentz da so hin
gesprochen, bloß Klatsch und Unsinn sei. Das mit der Ebba wird wohl auch noch
anders liegen.«
    Eine Stunde später kam der Postbote, der den telegraphisch angekündigten
Brief brachte. Holk freute sich, weil ihm aufrichtig daran lag, all den
unliebsamen Betrachtungen, wie sie diese Weiber, Ebba mit eingerechnet, in ihm
angeregt hatten, entrissen zu werden. Und dazu war nichts geeigneter als ein
Brief von Christine. Der kam aus einem zuverlässigen Herzen, und er atmete auf,
als er das Couvert geöffnet und den Brief herausgenommen hatte. Aber er ging
einer Täuschung entgegen, der Brief war von einer solchen Nüchternheit, daß er
nur imstande war, ein Mißbehagen an die Stelle des anderen zu setzen.
    »Ich hatte vor, lieber Holk«, so vermeldete Christine, »Dir einen längeren
Brief zu schreiben, aber Alfred, den Du für die Wochen Deiner Abwesenheit als
Dein alter ego eingesetzt hast, ist eben von Arnewiek herübergekommen, und so
gilt es denn, Deinem Stellvertreter Rapport abzustatten. Natürlich ist auch
Schwarzkoppen mit da, was mir sehr lieb, aber doch auch wieder zeitraubend ist,
und so muß ich mich denn kurz fassen und Dich hinsichtlich eingehenderer
Mitteilungen bis auf weiteres vertrösten. Allzu groß wird Dein Verlangen danach
nicht sein, denn ich weiß, daß Du Dich allemal von dem einnehmen läßt, was Dich
unmittelbar umgibt. Und wenn das, was Dich umgibt, so schön ist wie die Frau
Kapitän Hansen und so pikant wie das Fräulein Ebba, das nur leider Deinen
Abstammungserwartungen nicht ganz entsprochen hat, so wirst Du nach Mitteilungen
aus unserem stillen Holkenäs, wo's schon ein Ereignis ist, wenn die schwarze
Henne sieben Küchlein ausbrütet, nicht sonderlich begierig sein. Mit
Schwarzkoppen hoffe ich das Thema, das Du kennst, endgültig erledigen zu können.
Ich schreibe Dir darüber erst, wenn ganz bestimmte Festsetzungen getroffen sind,
zu denen ich ja Deine Ermächtigung habe. Gesundheitlich geht alles gut. Der alte
Petersen hatte vorgestern eine schlimme Ohnmacht, und wir dachten schon, es
ginge zu Ende; er hat sich aber vollkommen wieder erholt und besuchte mich heute
früh heiterer und aufgeräumter denn je. Hinter dem Wirtschaftshofe, zwischen dem
kleinen Teich und der alten Pappelweide mit den vielen Krähennestern, will er
graben lassen und ist sicher, etwas zu finden, Urnen oder Steingräber oder
beides. Ich habe ihm ohne weiteres die Erlaubnis dazu erteilt, und Alfred, der
Regente, wird, denk ich, zustimmen und Du auch. Meine gute Dobschütz hat wieder
viel gehustet, aber Emser Brunnen und Molke haben wie gewöhnlich wahre Wunder
getan. Axel ist frisch und munter, was wohl daran liegt, daß Strehlke mehr an
Jagd als an Grammatik denkt. Ich laß es vorläufig gehen, aber es muß anders
werden. Asta ist halbe Tage lang unten bei Elisabeth. Beide Kinder lieben sich
zärtlich, was mich unendlich glücklich macht. Denn von Jugend auf gepflegte
Herzensbeziehungen sind doch das Schönste, was das Leben hat. Gott sei Dank, daß
ich mich darin einig mit Dir weiß. Wie immer Deine Christine.«
 
Holk legte den Brief aus der Hand. »Was soll das? Ich erwarte Zärtlichkeiten und
finde Sticheleien. Daß sie sich verklausulieren, macht die Sache nur noch
schlimmer. Alfred, der Regente und vorher so schön wie Frau Kapitän Hansen oder
so pikant wie Fräulein Ebba, das wäre gerade genug. Aber die Schlußbetrachtung
ist doch die Hauptsache, daß von Jugend auf gepflegte Herzensbeziehungen das
Schönste sind. Alles wie Honig, der bitter schmeckt. Und dazu die Pensions- und
Erziehungsfragen en vue. Vielleicht ist das der Punkt, der alles erklärt, und
sie schlägt einen spöttisch herben Ton an, um mich einzuschüchtern und mehr
freie Hand zu haben. Aber wahrhaftig, sie hätte nicht nötig, nach diesem Mittel
zu greifen. Es geschieht doch, was sie will. Am liebsten freilich behielt' ich
die Kinder um mich; sind sie fort, so hab ich nichts als eine furchtbar
vorzügliche Frau, die mich bedrückt. Sie weiß das auch, und mitunter, glaub ich,
wird ihr selber vor ihrer Vorzüglichkeit bange. Sollen die Kinder aber fort, und
ich habe mich darin ergeben, so macht es mir keinen Deut, ob sie nach Gnadau
oder nach Gnadenberg oder nach Gnadenfrei kommen, ein bißchen Gnade wird wohl
immer dabeisein. Für Asta mag's ohnehin passieren; warum nicht? Und Axel? Nun,
meinetwegen auch der; der ist ein Holk, und wenn er vorläufig auch ganz
verherrnhutert und Missionar wird und in Grönland vielleicht ein Triennium
durchmacht, er wird sich schon wieder erholen.«

                              Achtzehntes Kapitel

 
Das Wetter schlug um, und es folgten mehrere Regentage. Die Prinzessin hielt
sich zurückgezogen, und flüchtige Begegnungen abgerechnet, sah sie Holk nur
abends, wo man, nach einer Partie Whist, den Tee gemeinschaftlich einnahm. In
dem Verkehr änderte sich nichts, am wenigsten zwischen Holk und Ebba. Diese
wurde vielmehr mit jedem Tage kecker und übermütiger, und als ihr klar war, daß
Pentz über die Stockholmer Vorgänge geplaudert haben müsse, machte sie selber
Andeutungen nach dieser Seite hin und sprach über Liebesverhältnisse, besonders
aber über Liebesverhältnisse bei Hofe, wie wenn das nicht bloß statthafte,
sondern geradezu pflichtmäßige Dinge wären. »Es gibt soviel Formen des Lebens«,
sagte sie, »man kann Gräfin Aurora Schimmelmann und man kann Ebba Rosenberg
sein; ein jedes hat seine Berechtigung, aber man darf nicht beides zugleich sein
wollen.« Holk, einigermaßen frappiert, sah sie halb erheitert und halb
erschreckt an, Ebba aber fuhr fort: »Es gibt viele Maßstäbe für die Menschen,
und einer der besten und sichersten ist, wie sie sich zu Liebesverhältnissen
stellen. Da gibt es Personen, die, wenn sie von einem Rendezvous oder einem
Billetdoux hören, sofort eine Gänsehaut verspüren; was mich persönlich angeht,
so fühl ich mich frei von dieser Schwäche. Was wäre das Leben ohne
Liebesverhältnisse? Versumpft, öde, langweilig. Aber verständnis- und liebevoll
beobachten, wie sich aus den flüchtigsten Begegnungen und Blicken etwas aufbaut,
das dann stärker ist als der Tod - oh, es gibt nur eines, das noch schöner ist,
als es zu beobachten, und das ist, es zu durchleben. Ich bedauere jeden, dem der
Sinn dafür fehlt oder der, wenn er ihn besitzt, sich nicht offen und freudig
dazu bekennt. Wer den Mut einer Meinung hat, wird auch immer ein paar
zustimmende Herzen finden, und schließlich genügt es, wenn es eines ist.« Es
verging kein Abend, wo nicht derlei Worte fielen, gegen die sich Holk, mit
freilich immer schlechterem Erfolg, eine Weile zu wehren suchte. Mit jedem Tage
wurd ihm klarer, wie richtig und zutreffend Pentz über die Macht sogenannter
pikanter Verhältnisse gesprochen hatte, Verhältnisse, denen etwas hinzuzutun den
Weibern oft geratener erscheine, als Abzüge davon zu machen. Ja, Pentz hatte
recht, und mit einem ganz eigenen Mischgefühl von Behagen, Ärger und Bangen nahm
er mehr und mehr wahr, wie das Fräulein mit ihm spielte. Das sah aber freilich
auch die Prinzessin und beschloß, mit Ebba darüber zu sprechen.
    »Ebba«, sagte sie, »Holk ist nun vierzehn Tage lang um uns, und ich möchte
wohl hören, wie du über ihn denkst. Ich habe Vertrauen zu deinen guten Augen...«
    »In Politik?«
    »Ach, Schelmin, du weißt, daß mir seine Politik gleichgültig ist, sonst wär
er überhaupt nicht in meinem Dienst. Ich meine seinen Charakter, und ich möchte
fast hinzusetzen sein Herz.«
    »Ich glaube, er hat ein gutes schwaches Herz.«
    Die Prinzessin lachte. »Gewiß, das hat er. Aber damit kommen wir nicht
weiter. Also sage mir etwas über seinen Charakter. Der Charakter ist wichtiger
als das Herz. Es kann jemand ein schwaches Herz haben, aber doch zugleich einen
starken Charakter, weil er Grundsätze hat. Und dieser starke Charakter kann ihn
dann retten.«
    »Dann ist Holk verloren«, lachte Ebba. »Denn ich glaube, sein Charakter ist
noch viel schwächer als sein Herz; sein Charakter ist das recht eigentlich
Schwache an ihm. Und was das schlimmste ist, er weiß es nicht einmal. Weil er
wie ein Mann aussieht, so hält er sich auch dafür. Aber er ist bloß ein schöner
Mann, was meist soviel bedeutet wie gar keiner. Alles in allem, er hat nicht die
rechte Schule gehabt und seine bescheidenen Talente nicht nach der ihm
entsprechenden Seite hin entwickeln können. Er mußte Sammler werden oder
Altertumsforscher oder Vorstand eines Asyls für gefallene Mädchen oder auch bloß
Pomologe.«
    »Nun, nun«, sagte die Prinzessin, »das ist viel auf einmal. Aber sprich nur
weiter.«
    »Er ist unklar und halb, und diese Halbheit wird ihn noch in Ungelegenheiten
bringen. Er geriert sich als Schleswig-Holsteiner und steht doch als Kammerherr
im Dienst einer ausgesprochen dänischen Prinzessin; er ist der leibhafte
genealogische Kalender, der alle Rosenberge, den Filehner Zweig abgerechnet, am
Schnürchen herzuzählen weiß, und spielt sich trotzdem auf Liberalismus und
Aufklärung aus. Ich kenn ihn noch nicht lange genug, um ihn auf all seinen
Halbheiten ertappt zu haben, aber ich bin ganz sicher, daß sie sich auf jedem
Gebiete finden. Ich bezweifle zum Beispiel keinen Augenblick, daß er jeden
Sonntag in seiner Dorfkirche sitzt und jedesmal aus seinem Halbschlummer
auffährt, wenn die Glaubensartikel verlesen werden, aber ich bezweifle, daß er
weiß, was drinsteht, und wenn er's weiß, so glaubt er's nicht. Trotzdem aber
schnellt er in die Höh oder vielleicht auch gerade deshalb.«
    »Ebba, du gehst zu weit.«
    »O durchaus nicht. Ich will vielmehr eine noch viel gewichtigere Halbheit
nennen. Er ist moralisch, ja beinah tugendhaft und schielt doch begehrlich nach
der Lebemannschaft hinüber. Und diese Halbheit ist die schlimmste, schlimmer als
die Halbheit in den sogenannten großen Fragen, die meistens keine sind.«
    »Nur zu wahr. Aber hier, liebe Ebba, hab ich dich just da, wo ich dich haben
und halten will. Er schielt begehrlich nach der Lebemannschaft hinüber, sagst
du. Leider hast du's damit getroffen; ich seh es mit jedem Tage mehr. Aber weil
er diese Schwäche hat, müssen wir ihm goldene Brücken bauen, nicht zum Angriff,
wohl aber zum Rückzug. Du darfst ihm nicht, wie du jetzt tust, unausgesetzt
etwas irrlichterlich vorflackern. Er ist schon geblendet genug. Solange er hier
ist, mußt du dein Licht unter den Scheffel stellen. Ich weiß wohl, daß das viel
gefordert ist, denn wer ein Licht hat, der will es auch leuchten lassen; aber du
mußt mir das Opfer bringen, und wenn es dir schwerfällt, so behalte zu deinem
Trost im Auge, daß seines Bleibens hier nicht ewig sein wird. Um Neujahr geht er
zurück, und haben wir erst wieder, wohl oder übel, unsere alte Trias um uns her,
so tu, was du willst, heirate Pentz oder mache mit Erichsen oder gar mit Bille,
dessen Masern doch mal ein Ende nehmen müssen, eine Eskapade, mir soll es recht
sein. Vielleicht verdrängst du auch noch die Gräfin, ich meine nicht die Holk,
sondern die Danner, und das wäre vielleicht das Beste.«
    Ebba schüttelte den Kopf. »Das darf nicht sein, die Danner verdrängen, da
wär ich nicht mehr die dankbar ergebene Dienerin meiner gnädigsten Prinzessin.«
    »Ach Ebba, sprich nicht so, du täuschst mich dadurch nicht. Ich habe soviel
Dank von dir, wie dir gerade paßt. Ich tu auch nichts um Dankes willen. Das
Undankbarste, weil Unklügste, was es gibt, ist Dank erwarten. Aber das mit Holk,
das überlege.«
    »Verzeihung, gnädigste Prinzessin. Aber was soll ich überlegen? Solang ich
denken kann, heißt es: ein Mädchen soll sich selber schützen und ist auch recht
so; man muß es können. Und wer es nicht kann, nun, der will es nicht. Also gut,
wir sollen uns schützen. Aber was ist ein junges Mädchen gegen einen
ausgewachsenen Grafen von fünfundvierzig, der jeden Tag ein Enkelkind über die
Taufe halten kann. Wenn sich wer selber schützen muß, so ist es ein Graf, der,
glaub ich, siebzehn Jahre verheiratet ist und eine tüchtige und ausgezeichnete
Frau hat und eine sehr hübsche dazu, wie mir Pentz erst heute noch versicherte.«
    »Gerade dieser Frau halber ist es, daß ich in dich dringe...«
    »Nun, wenn gnädigste Prinzessin befehlen, so werd ich zu gehorchen suchen.
Aber bin ich die richtige Adresse? Nun und nimmermehr. Holk ist es. Er ist
seiner Frau Treue schuldig, nicht ich, und wenn er diese nicht hält, so kommt es
auf ihn und nicht auf mich. Soll ich meines Bruders Hüter sein?«
    »Ach, daß du recht hast«, sagte die Prinzessin und fuhr mit der Hand über
das blonde Wellenhaar Ebbas. »Aber wie's auch sei, du weißt, man beobachtet uns,
weil wir unsrerseits auch alles beobachten, und ich möchte nicht gern, daß wir
uns vor dem König und seiner Gräfin eine Blöße gäben.«
 
An dem dienstfreien Tage, der diesem Gespräche folgte, hatte Holk vor, allerlei
Briefschulden abzutragen.
    Vor ihm lag die ganze Korrespondenz der letzten vierzehn Tage, darunter auch
Briefe der Gräfin. Er überflog sie, was nicht viel Zeit in Anspruch nahm, da
ihrer nur wenige waren, und dann, als letztes, ein neues Telegramm, darin sie
sich entschuldigte, seit vier Tagen nicht geschrieben zu haben. Das war alles,
und so wenig es dem Umfange nach war, so wenig war es inhaltlich. Es verdroß
ihn, weil er der Frage, wer eigentlich die Schuld trage, klüglich aus dem Wege
ging. Er sagte sich nur, und dazu war er freilich berechtigt, daß es früher sehr
anders gewesen sei. Früher, ja noch bei seiner letzten Anwesenheit in
Kopenhagen, waren die zwischen ihnen gewechselten Briefe wahre Liebesbriefe
gewesen, in denen, aller Meinungsverschiedenheiten unerachtet, die große
Neigung, die sie bei jungen Jahren füreinander gehegt hatten, immer wieder zum
Ausdruck gekommen war. Aber diesmal fehlte jede Zärtlichkeit, alles war frostig,
und wenn ein Scherz versucht wurde, so war ihm etwas Herbes oder Spöttisches
beigemischt, das ihm alles Erquickliche nahm. Ja, so war es leider, und doch
mußte geschrieben werden. Aber was? Er sann noch hin und her, als die Hansen
eintrat und ihm Briefe behändigte, die der Postbote eben gebracht hatte. Zwei
davon waren Kopenhagener Stadtbriefe, der dritte, von Christinens Handschrift,
hatte nicht das gewöhnliche Format und statt des Poststempels Glücksburg den
Poststempel Hamburg. Holk war einen Augenblick überrascht, erriet aber den
Zusammenhang der Dinge, noch eh er geöffnet hatte. »Natürlich, Christine macht
ihre Pensionsreise.« So war es denn auch wirklich, und was sie schrieb, war das
Folgende.
 
                                     »Hamburg, Streits Hotel, den 14. Oktober 59
 
Lieber Holk. Mein Telegramm, in dem ich mich wegen meines mehrtägigen Schweigens
entschuldigte, wirst Du erhalten haben. Nun siehst Du schon aus dem Poststempel,
was die Veranlassung zu diesem Schweigen war: ich war in Reisevorbereitungen,
die, trotz der Hülfe meiner guten Dobschütz und trotzdem ich alles auf das bloß
Nötigste beschränkte, meine ganze Kraft in Anspruch nahmen. Wir fuhren bis
Schleswig zu Wagen, von da per Bahn, und seit heute mittag sind wir hier in
Streits Hotel, an das uns so viele freundliche Erinnerungen knüpfen. Wenn Dir an
solchen Erinnerungen noch liegt! Ich habe Zimmer im zweiten Stock genommen,
Blick auf das Bassin, seinen Pavillon und seine Brücken, und habe mich, als die
Dämmerung kam, in das Fenster gelegt und das schöne Bild, wie früher, auf mich
wirken lassen. Nur Asta war bei mir, Axel in die Stadt gegangen; er wollte mit
Strehlke, der uns bis hierher begleitet hat, erst nach der Uhlenhorst und dann
zu Rainvilles. Von da dann nach Ottensen, um sich Meta Klopstocks Grab
anzusehen. Ich habe gern zugestimmt, weil ich weiß, daß solche Momente bleiben
und das Leben vertiefen. Und das wäre nun wohl der Zeitpunkt, Dich wissen zu
lassen, welche Beschlüsse, nach nochmaliger eingehender Beratung, hinsichtlich
der Kinder von mir gefaßt wurden. Auch Alfred stimmte bei, wenn er auch die
Bedeutung der Frage bestreitet. Asta natürlich nach Gnadenfrei. Daß es füglich
nicht anders kommen konnte, damit wirst auch Du Dich vertraut gemacht haben. Ich
habe glückliche Jahre dort verbracht, ich sage nicht, die glücklichsten (Du
weißt, welche Jahre mir die glücklichsten waren), und ich wünsche meinem Kinde
das gleich beneidenswerte Los, die gleich harmonische Jugend. Was Axel angeht,
so hab ich mich, auf Schwarzkoppens Rat, für das Bunzlauer Pädagogium
entschieden. Es hat den besten Ruf und bleibt in der Strenge der Grundsätze
hinter den thüringischen Lehranstalten nicht zurück, läßt aber diese Strenge da
fallen, wo nicht Prinzipien in Frage kommen. Strehlke, der erst nach Malchin
wollte, wird nun bei seinem Bruder in Mölln vikarieren; in den großen Ferien hat
er mir versprechen müssen unser Gast zu sein und sich um Axel zu kümmern. Er ist
ein guter Mensch und wäre vorzüglich, wenn er, eh er seine Studien in Berlin
abschloß, die vorhergehenden Jahre, statt in Jena, lieber in Halle verbracht
hätte. Das Jenasche, mit seinen Einflüssen, ist nie ganz wieder zu tilgen. Ich
wüßte nicht, was ich hinsichtlich der Kinder diesen Zeilen noch hinzuzusetzen
hätte. Vielleicht das eine, daß mich eine gewisse Freudigkeit an ihnen
schmerzlich überraschte, als es feststand, daß sie das elterliche Haus verlassen
sollten. Der aller Jugend angeborne Hang nach dem Neuen, nach einem Wechsel der
Dinge, scheint mir dabei nicht mitzusprechen oder wenigstens nicht allein. Aber
wenn es das nicht ist, was dann? Haben wir es doch vielleicht an etwas in
unserer Liebe fehlen lassen? Oder sehnten sich die Kinder danach, aus dem
Widerstreit der Meinungen, davon sie nur allzuoft Zeuge waren, herauszukommen?
Ach, lieber Holk, ich hätte diesen Widerstreit gern vermieden, aber es wollte
mir nicht gelingen, und so wählte ich das, was ich für das kleinere Übel hielt.
Ich mag dadurch manches verscherzt haben, aber ich habe getan, was mir mein
Gewissen vorschrieb, und lebe der Überzeugung, daß Du bereit bist, mir dies
Zugeständnis zu machen. Meine Reise wird mich nicht länger als fünf oder sechs
Tage von Haus fernhalten, und etwa am 20. hoffe ich in Holkenäs zurück zu sein,
wo unterdessen meine gute Dobschütz das Regiment führt. Sprich der Prinzessin,
die sich meiner so gnädig erinnert, meine Devotion aus, und empfiehl mich Pentz
und dem Fräulein v. Rosenberg, wennschon ich Dir bekenne, daß sie meine
Sympathien nicht hat. Ich liebe nicht diese freigeistigen Allüren. Ich sehne das
neue Jahr herbei, wo ich Dich, vielleicht schon am Silvesterabend, wiederzusehen
hoffe. Laß die diesmaligen Kopenhagener Tage Deine letzten in der Hauptstadt
sein, wenigstens in der Stellung, die Du jetzt darin einnimmst. Wozu diese
Dienstlichkeiten, wenn man frei sein kann? In aller Liebe
                                                                Deine Christine«
 
Holk fühlte sich, als er gelesen, einer gewissen Rührseligkeit hingegeben. Es
war so viel Liebes in dem Briefe, daß er alte Zeiten und altes Glück wieder
heraufsteigen fühlte. Sie war doch die Beste. Was bedeutete daneben die schöne
Brigitte? Ja, was bedeutete daneben selbst Ebba? Ebba war eine Rakete, die man,
solange sie stieg, mit einem staunenden »Ah« begleitete, dann aber war's wieder
vorbei, schließlich doch alles nur Feuerwerk, alles künstlich; Christine dagegen
war wie das einfache Licht des Tages. Und diesem Gefühle hingegeben, überflog er
den Brief noch einmal. Aber da schwand es wieder, alle freundlichen Eindrücke
waren wieder hin, und was er heraushörte, war nur noch, oder doch sehr
vorwiegend, der Ton der Rechthaberei. Und so kamen ihm denn auch die hundertmal
gemachten Betrachtungen wieder. »Oh, diese tugendhaften Frauen; immer erhaben
und immer im Dienste der Wahrhaftigkeit. Es mag ihnen auch so ums Herze sein.
Aber ohne betrügen zu wollen, betrügen sie sich selbst, und nur eines ist gewiß:
das Schrecknis ihrer Vorzüglichkeit.«

                              Neunzehntes Kapitel

 
Vier Wochen waren seitdem vergangen, und Mitte November war heran. Holk hatte
sich kopenhagensch eingelebt, nahm teil an dem kleinen und großen Klatsch der
Stadt und dachte mitunter nicht ohne Bangen daran, daß in abermals sechs Wochen
das eintönige Leben auf Holkenäs wieder in Aussicht stehe. Die Briefe, die von
dorther eintrafen, waren nicht geeignet, ihn andren Sinnes zu machen; Christine,
seit sie von der Pensionsreise zurück war, schrieb zwar regelmäßiger und
unterließ sogar alle verdrießlichen Betrachtungen; aber eine gewisse
Nüchternheit blieb und vor allem der doktrinäre Ton, der ihr nun einmal eigen
war. Und gerade dieser Ton, mit seiner Beigabe von Unfehlbarkeit, war es,
wogegen Holk sich innerlich immer wieder auflehnte. Christine war in allem so
sicher; was stand denn aber fest? Nichts, gar nichts, und jedes Gespräch mit der
Prinzessin oder gar mit Ebba war nur zu sehr dazu angetan, ihn in dieser
Anschauung zu bestärken. Alles war Abkommen auf Zeit, alles jeweiliger
Majoritätsbeschluß; Moral, Dogma, Geschmack, alles schwankte, und nur für
Christine waren alle Fragen gelöst, nur Christine wußte ganz genau, daß die
Prädestinationslehre falsch und zu verwerfen und die kalvinistische
Abendmahlsform ein »Affront« sei; sie wußte mit gleicher Bestimmtheit, welche
Bücher gelesen und nicht gelesen, welche Menschen und Grundsätze gesucht und
nicht gesucht werden müßten, und vor allem wußte sie, wie man Erziehungsfragen
zu behandeln habe. Gott, wie klug die Frau war! Und wenn sie dann wirklich
einmal zugab, eine Sache nicht zu wissen, so begleitete sie dies Zugeständnis
mit einer Miene, die nur zu deutlich ausdrückte: solche Dinge braucht man auch
nicht zu wissen.
    In dieser Richtung gingen Holks Betrachtungen, wenn er des Morgens von
seinem Fenster aus auf die stille Dronningens-Tvergade herniedersah, die, so
still sie war, doch immer noch einen lebhaften Verkehr hatte, verglichen mit der
einsamen Fahrstraße, die von Schloß Holkenäs nach Dorf Holkeby hinunterführte.
Und wenn er so sann und dachte, dann klopfte es, und die Witwe Hansen oder auch
wohl die schöne Brigitte trat ein, um den Frühstückstisch abzuräumen, und war es
die gesprächige Witwe, so war er ganz Ohr bei allem, was sie sagte, und war es
die schweigsame Brigitte, so war er ganz Auge und ihrem Bilde hingegeben. Es lag
etwas in diesem Verkehr, das, trotzdem beide Frauen, und besonders Brigitte,
keineswegs interessant waren, unsren Holk doch immer wieder anregte, wenngleich
er in der Hansenfrage längst klarsah und von Geheimnisvollem keine Rede mehr
sein konnte. Der Kaiser von Siam war immer unsichrer, der »Sicherheitsbeamte«
dagegen immer sichrer geworden; alles war genauso, wie's Pentz erzählt, indessen
die Dehors blieben gewahrt und ebenso die kleinen Aufmerksamkeiten, die beide
dem Holkschen Geschmack geschickt anzupassen wußten, und so kam es denn, daß
dieser den allmorgendlichen Begegnungen mit Mutter und Tochter mit einer Art
Behagen entgegensah, besonders seit er fühlte, daß diese Begegnungen aufgehört
hatten, irgendwie gefährlich für ihn zu sein. Ob er sich bewußt war, worin dies
Aufhören aller Gefahr eigentlich wurzelte? Vielleicht sah er persönlich nicht
klar darin, aber andre sahen nur zu deutlich, daß es Ebba war.
    In der Politik ging inzwischen alles ruhig seinen Gang. Erst für Anfang
Dezember war ein neuer Ansturm geplant, hinsichtlich dessen die Meinung der
Prinzessin dahin lautete, daß für diesmal, und zwar aus Klugheit, dem Ansturme
nachzugeben sei; im selben Augenblicke, wo Hall gehe, werde das Land auch schon
einsehen, was es an ihm gehabt habe. Dieser Ansicht schloß sich der prinzliche
Hof natürlich an, und Holk war eben im Begriff, in eben diesem Sinne an
Christine zu schreiben und ihr die staatsmännische Bedeutung Halls
auseinanderzusetzen, als Pentz eintrat.
    »Nun, Pentz, was gibt mir so früh schon die Ehre...«
    »Große Neuigkeit.«
    »Louis Napoleon tot?«
    »Wichtiger.«
    »Nun, dann muß das Tivoli abgebrannt oder die Nielsen katarrhalisch
affiziert sein.«
    »Es hält sich zwischen beiden: wir gehen morgen nach Frederiksborg.«
    »Wir? wer sind wir?«
    »Nun, die Prinzessin und alles, was ihr zugehört.«
    »Und morgen schon?«
    »Ja. Die Prinzessin ist nicht für Halbheiten, und wenn sie etwas vorhat, so
müssen Plan und Ausführung wo möglich zusammenfallen. Ich bekenne, daß ich
lieber hiergeblieben wäre. Sie kennen Frederiksborg noch nicht, weil Sie sich
als dänischer Kammerherr der Aufgabe, dänische Schlösser nicht kennenzulernen,
mit einer merkwürdigen Nachhaltigkeit unterzogen haben. Und weil Sie
Frederiksborg noch nicht kennen, so können Sie's drei Tage lang dort aushalten
oder im Studium von allerlei Krimskrams, von Perückenbildern und Runensteinen,
auch wohl drei Wochen lang. Denn es gibt manches derartige da zu sehen: einen
Elfenbeinkamm von Thyra Danebod, einen Haarbüschel à la Chinoise von Gorm dem
Alten und einen eigentümlich geformten Backzahn, in betreff dessen die Gelehrten
sich streiten, ob er von König Harald Blauzahn oder von einem Eber der
Alluvialperiode herstammt. Ich persönlich bin für das erstere. Denn was heißt
Eber? Eber ist eigentlich gar nichts, schon deshalb nicht, weil die historische
Notiz im Katalog immer die Hauptsache bleibt und über einen Eber meistens nur
sehr wenig, über einen halb sagenhaften Seekönig aber sehr viel zu sagen ist.
Ich bin Ihres Interesses für derlei Dinge ziemlich sicher, und als Genealoge
werden Sie die Haraldblauzahnschen Verwandtschaftsgrade zu Ragnar Lodbrock oder
vielleicht sogar zu Rolf Krake feststellen können. Also für Sie, Holk, ist am
Ende gesorgt. Aber was mich angeht, ich bin nun mal mehr für Lucile Grahn und
für Vincent und, wenn es nicht anders sein kann, selbst für eine ganz
alltägliche Harlekin-Pantomime.«
    »Glaub's«, lachte Holk.
    »Ja, Sie lachen, Holk. Aber wir sprechen uns wieder. Ich redete da vorhin
was von drei Wochen; nun ja, drei Wochen mögen gehen, aber sechs und richtig
gerechnet beinah sieben - denn die Prinzessin schenkt einem keine Stunde und hat
kein Fiduzit zum neuen Jahr, wenn sie das alte nicht in Frederiksborg zu Grabe
geläutet hat -, sieben Wochen, sag ich, das ist mutmaßlich auch für Sie zuviel,
trotzdem Pastor Schleppegrell ein Charakter und sein Schwager Doktor Bie eine
komische Figur ist. Mißverstehen Sie mich übrigens nicht, ich weiß recht gut,
was ein Charakter, und noch mehr, was eine komische Figur unter Umständen wert
ist; aber für sieben Wochen ist das alles zuwenig. Und wenn es nicht schneit, so
regnet es, und wenn Regen und Schnee versagen, so stürmt es. Ich habe schon
viele Windfahnen quietschen und viele Dachrinnen und Blitzableiter klappern
hören, aber solch Geklapper wie in Frederiksborg gibt es nirgends mehr in der
Welt. Und hat man Glück, so spukt es auch noch, und ist es keine tote
Prinzessin, so ist es eine lebendige Kammerfrau oder eine Hofdame mit
wasserblauen Stechaugen...«
    »Ach, Pentz, daß Sie nichts sprechen können, ohne dem armen Fräulein einen
Tort anzutun. Denn die Hofdame mit den Stechaugen, das soll doch natürlich die
Rosenberg sein. Wären Sie nicht fünfundsechzig und wüßt ich nicht, daß Sie zu
andern Göttern schwören, ich glaubte wahrhaftig, Sie wären in Ebba verliebt.«
    »Das überlasse ich andern.«
    »Erichsen?«
    »Versteht sich, Erichsen.« Und er lachte herzlich.
 
Tags darauf, gerad um die Mittagsstunde, hielten zwei Wagen vor dem Palais der
Prinzessin, deren Dienerschaft mitsamt dem Gepäck schon eine Stunde vorher, und
zwar unter Benutzung der nach Helsingör führenden Eisenbahn, aufgebrochen war.
Man verteilte sich in den zwei Wagen wie damals auf der Rückfahrt von der
Eremitage her, im ersten Wagen saß die Prinzessin mit der Schimmelmann und Ebba,
im zweiten die drei Herren. Es war ein sonnenloser Tag, und graue mächtige
Wolkenmassen zogen am Himmel hin. Aber der Ton, den diese Wolkenmassen der
Landschaft gaben, ließ den Reiz derselben nur um so größer erscheinen, und als
man den Fure-See, der etwa halber Weg war, an seinem Ufer hin passierte, hob
sich Ebba von ihrem Sitz und konnte sich nicht satt sehen an der stahlfarbenen
leisgekräuselten Fläche, die die drüberhin fliegenden Möwen mit ihren Flügeln
fast berührten. Das Ufer stand in dichtem und weit in den See hineinwachsendem
Schilf, und nur dann und wann kamen Weiden, deren blätterlose Zweige bis tief
herab hingen. An der andern Seite des Sees aber zog sich ein dunkler Waldstrich,
drüber ein Kirchturm aufragte. Dazu tiefe Stille, nur unterbrochen, wenn aus dem
Walde ein vereinzelter Schuß fiel oder das Gerassel des auf tausend Schritt
Entfernung vorüberfahrenden Eisenbahnzuges hörbar wurde.
    Ebba machte diese Fahrt zum ersten Mal. »Ich kenne den Süden nicht«, sagte
sie, »aber er kann nicht schöner sein als das hier. Alles wirkt so
geheimnisvoll, als berge jeder Fußbreit Erde eine Geschichte oder ein Geheimnis.
Alles ist wie Opferstätte, gewesene oder vielleicht auch noch gegenwärtige, und
die Wolken, die so grotesk drüber hinziehn - es ist, als wüßten sie von dem
allen.«
    Die Prinzessin lachte. »Daß ich ein so romantisches Fräulein um mich habe!
Wer hätte das gedacht; meine gute Rosenberg mit ossianischen Anwandlungen! Oder,
um ein Wortspiel zu wagen, meine Ebba auf Edda-Wegen.«
    Ebba lächelte, weil sie sich in ihrer romantischen Rolle selber ein wenig
fremd vorkommen mochte; die Prinzessin aber fuhr fort: »Und das alles schon
angesichts dieses Fure-Sees, der doch eigentlich nur ein See ist wie hundert
andre; was steht uns da noch bevor, wenn wir erst in Frederiksborg an unserem
Reiseziel sein werden, den Esrom-See zur Rechten und den Arre-See zur Linken,
den großen Arre-See, der schon Verbindung hat miß dem Kattegat und dem Meer. Und
er friert auch nie zu, die Schmalungen und die Buchten abgerechnet. Aber was
spreche ich von den Seen, die Hauptsache bleibt doch immer das Schloß selbst,
mein liebes, altes Frederiksborg, mit seinen Giebeln und Türmen und seinen
hundert Wunderlichkeiten an jedem Tragstein und Kapitell. Und wo sich andre
Schlösser mit einem einfachen Abzugsrohr begnügen, da springt in Frederiksborg
die Dachrinne zehn Fuß weit vor, und an ihrem Ausgange sitzt ein Basilisk mit
drei Eisenstäben im weitgeöffneten Rachen, und an den Stäben vorbei schießt das
Wasser auf den Schloßhof. Und wenn dann das Wetter wechselt und der Vollmond
blank und grell darübersteht und alles so unheimlich still ist und das ganze
höllische Getier aus allen Ecken und Vorsprüngen einen anstarrt, als ob es bloß
auf seine Zeit warte, da kann einem schon ein Grusel kommen. Aber dieser Grusel
ist es gerade, der mir das Schloß so lieb macht.«
    »Ich dachte, Frederiksborg wäre eins von den guten Schlössern, ein Schloß
ohne Spuk und Gespenster, weil ohne Blut und Mord und vielleicht überhaupt ohne
große Schuld und Sünde.«
    »Nein, da hoffst du mehr, als dir mein schönes Frederiksborg erfüllen kann.
Ohne Blut und Mord, das möchte sein. Aber ohne Schuld und Sünde! Meine liebe
Ebba, was lebt zweihundert Jahr ohne Schuld und Sünde! Mir schwebt gerade nichts
vor, nichts, wo man schaudert und klagt, aber an Schuld und Sünde wird's nicht
gefehlt haben.«
    »Ich möchte doch beinah widersprechen dürfen, gnädigste Prinzeß«, sagte hier
die Schimmelmann. »Ebba, denk ich, hat recht, wenn sie von einem guten Schlosse
spricht. Unser liebes Frederiksborg ist doch eigentlich nur ein Museum, und ein
Museum, denk ich, ist immer das Allerunschuldigste ...«
    »... was es gibt«, lachte die Prinzessin. »Ja, das sagt man und ist auch
wohl die Regel. Aber es gibt auch Ausnahmen. Altar, Sakristei, Grab und
natürlich auch Museum - alles kann entheiligt werden, alles hat seine
Sakrilegien erlebt. Und dann bleibt auch immer noch die Frage, was ein Museum
alles beherbergt und aufweist. Da gibt es oft wunderliche Dinge, von denen ich
nicht sagen möchte, sie seien unschuldig. Oder zum mindesten sind sie trüb und
traurig genug. Als ich noch eine junge Prinzessin war, war ich einmal in London
und habe da das Beil gesehen, womit Anna Bulen hingerichtet wurde. Das war auch
in einem Museum, freilich im Tower, aber das ändert nicht viel; Museum ist
Museum. Im übrigen, wir wollen unserer lieben Ebba nicht unser schönstes Schloß
verleiden, unser schönstes und mein Lieblingsschloß dazu, denn ich habe, durch
viele Jahre hin, immer gute Tage darin verlebt. Und wie's auch sein mag,
gruselig und gespenstig oder nicht, du, liebe Ebba, sollst es wenigstens sicher
darin haben, denn ich habe mich für deine Unterbringung im Turm entschieden.«
    »Im Turm?«
    »Allerdings im Turm, aber nicht in einem Turm mit Schlangen. Denn unter dir
wird dein schwedisches Mädchen wohnen und über dir Holk. Ich denke, das wird
dich beruhigen. Und jeden Morgen, wenn du ans Turmfenster trittst, hast du den
schönsten Blick auf See und Stadt und auf den Schloßhof und alles, was ihn
umgibt, und wenn sich meine Wünsche erfüllen, so sollst du glückliche Stunden in
deinem Turmverlies verleben... Ich weiß auch schon, was ich dir als Julklapp
beschere.«
 
Während sie noch so sprachen, waren sie bereits bis weit über die Nordostecke
des Fure-Sees hinaus und näherten sich auf der fast gradlinigen Chaussee, deren
Ebereschenbäume hier und da noch in roten Fruchtbüscheln standen, mehr und mehr
dem Ziel ihrer Reise: Schloß Frederiksborg. Was zunächst sichtbar wurde, war
freilich nicht das Schloß selbst, sondern das dem Schlosse vorgelegene Städtchen
Hilleröd, und als sie bis dicht heran waren und schon zwischen den Mühlen und
Scheunen des Städtchens hinfuhren, begann ein schwaches Schneetreiben. Aber eine
Brise, die sich plötzlich aufmachte, vertrieb die Schneeflocken wieder, und als
der Wagen der Prinzessin auf den Hilleröder Marktplatz hinauffuhr, klärte sich's
mit einem Mal auf, und ein Stück blauer Himmel wurde sichtbar, darunter ein
verblassendes Abendrot. Inmitten dieses Abendrots aber stand das hohe,
turmreiche Schloß Frederiksborg und spiegelte sich still und märchenhaft in
einem kleinen vorgelegenen See, der den schmalen Raum zwischen dem Städtchen und
dem Schloß ausfüllte. Hinter dem Schlosse lag der Park, der mit einigen
vorgeschobenen Bäumen von links und rechts her bis an den See herantrat,
herrliche Platanen, deren vom Herbstwind abgeschüttelte Blätter zahlreich auf
der stillen Seefläche trieben. Inzwischen war auch der zweite Wagen
herangekommen, und Holk, der sich, weil auf Landfahrten alles erlaubt sei,
wohlweislich den Platz neben dem Kutschersitz gewählt hatte, sprang jetzt herab,
um an den Wagenschlag der Prinzessin zu treten und ihr auszusprechen, wie
ländlich idyllisch dieser Marktplatz und wie schön der Anblick des Schlosses
sei, Worte, die der Prinzessin sichtlich wohltaten und einer gnädigen Antwort
gewiß gewesen wären, wenn nicht im selben Augenblicke, von einem dem Platz
zunächstgelegenen Hause her, ein andrer Herr ebenfalls an den Wagenschlag der
Prinzessin herangetreten wäre. Dieser andre war Pastor Schleppegrell von
Hilleröd, ein stattlicher Funfziger, der seine Stattlichkeit durch seinen langen
Predigerrock noch um ein erhebliches gesteigert sah. Er küßte der Prinzessin die
Hand, aber mit mehr Ritterlichkeit als Devotion, und betonte dann seine Freude,
seine Gönnerin wiederzusehen.
    »Sie wissen, daß es ohne Sie nicht geht«, sagte die Prinzessin, »und ich
habe hier auf Ihrem immer noch entsetzlich zugigen Marktplatz (denn es weht
wieder von allen vier Seiten her) bloß halten lassen, um mich Ihres Besuches,
und zwar für heut abend noch, zu versichern... Aber ich vergesse, die Herren
miteinander bekannt zu machen, Pastor Schleppegrell, Graf Holk...«
    Beide verneigten sich.
    »Und seien Sie, lieber Pastor, bei Geduld und guter Laune. Graf Holk ist
übrigens Genealog, also Bruchstück eines Historikers, und wird Ihnen als
solcher, und als ein vorzüglicher Frager, der er ist, Gelegenheit zu gelehrter
Unterhaltung bieten. Denn man unterhält sich am besten, wenn man gefragt wird
und antworten kann. Daß ich selber neugierig bin, wissen Sie; für etwas Beßres
mag ich meine Fragelust nicht ausgeben. Und bringen Sie die liebe Frau mit. In
Hilleröd und Frederiksborg schmeckt mir der Tee nur, wenn ihn mir meine liebe
Freundin aus dem Pastorhause präsentiert. Ja, Ebba, das ist nun mal so, darin
mußt du dich finden und darfst nicht eifersüchtig sein. Aber ich ertappe mich
wieder auf einer zweiten Unterlassungssünde: Pastor Schleppegrell, Fräulein Ebba
von Rosenberg.«
    Der Pastor begrüßte das Fräulein und versprach nicht nur zu kommen, sondern
auch seine Frau mitzubringen, und gleich danach setzte sich die Fahrt vom
Marktplatz aus nach dem Schlosse hin fort, nachdem Holk, der Aufforderung der
Prinzessin gehorchend, für die verbleibende kurze Strecke den Rücksitz des
Wagens eingenommen hatte. Hier saß er neben Ebba, der Schimmelmann gegenüber,
und fühlte sich angeregt genug, um noch den Versuch einer Konversation zu
machen.
    »Pastor Schleppegrell hat etwas Imponierendes in seiner Erscheinung und
dabei doch eine Gemütlichkeit, die das Imponierende wieder dämpft. Ich habe
wenig Menschen so ruhig und so sicher mit einer Prinzessin sprechen sehen. Ist
er ein Demokrat? Oder ein Dissenter-General?«
    »Nein«, lachte die Prinzessin. »Schleppegrell ist kein Dissenter-General,
aber er ist freilich der Bruder eines wirklichen Generals, der Bruder von
General Schleppegrell, der bei Idstedt fiel. Vielleicht zu rechter Zeit. Denn de
Meza übernahm das Kommando.«
    »Ah«, sagte Holk. »Also daher.«
    »Nein, lieber Holk, auch nicht daher; ich muß leider noch einmal
widersprechen. Das, was Sie seine Sicherheit nennen, hat einen ganz andern
Grund. Er kam mit zwanzig Jahren an den Hof, als Lehrer, sogar als
Religionslehrer, verschiedener junger Prinzessinnen, und das andre können Sie
sich denken. Er hat zu viel junge Prinzessinnen gesehen, um sich durch alte noch
imponieren zu lassen. Übrigens sind wir ihm und seiner klugen Zurückhaltung zu
großem Danke verpflichtet, denn es lag dreimal so, daß er, wenn er gewollt
hätte, jetzt mit zur Familie zählen würde. Schleppegrell war immer sehr
verständig. Nebenher habe ich nicht den Mut, den Prinzessinnen von damals einen
besondern Vorwurf zu machen. Er war wirklich ein sehr schöner Mann und dabei
christlich und ablehnend zugleich. Da widerstehe, wer mag.«
    Holk erheiterte sich, Ebba mit ihm, und selbst über die Züge der
Schimmelmann ging ein Lächeln. Man sah, die Prinzessin war in bester Stimmung,
und nahm es als ein gutes Zeichen für die Tage, die bevorstanden. Und während
man noch so plauderte, fuhr der Wagen über ein paar schmale Brücken in den
Schloßhof ein und hielt gleich danach vor dem Portale von Frederiksborg.

                              Zwanzigstes Kapitel

 
Dienerschaften mit Windlichtern warteten schon und schritten voran, als die
Prinzessin die breite, vom ersten Podest an doppelarmige Treppe hinaufstieg, um
oben ihre nicht allzu zahlreichen Gemächer in dem von zwei Türmen flankierten
Mittelteile des Schlosses zu beziehen. Diese Türme standen in zwei scharfen
Ecken, die durch die vorspringenden Seitenflügel gebildet wurden, zwischen denen
wiederum eine die Verbindung herstellende Kolonnade lief.
    Auf dem ersten Podest, und zwar auf einem daselbst aufgestellten kleinen
Rokoko-Kanapee, nahm die Prinzessin, asthmatisch wie sie war, einen Augenblick
Platz und entließ dann die Herren und Damen ihres Gefolges mit der Aufforderung,
sich's in ihren Turmzimmern nach Möglichkeit bequem zu machen. Um sieben, so
setzte sie zu Holk gewandt hinzu, sei wie gewöhnlich die Teestunde; Pastor
Schleppegrell und Frau kämen allerdings etwas früher, um ihr die Hilleröder
Neuigkeiten mitzuteilen, worauf sie sich aufrichtig freue; kleinstädtische
Vorgänge seien eigentlich immer das Interessanteste, man müsse so herzlich
darüber lachen, und wenn man alt geworden, sei das Lachen über seine lieben
Mitmenschen so ziemlich das Vergnüglichste, was man haben könne. Nach diesen
gnädigen Worten trennte man sich, und eine halbe Stunde später konnte jeder, der
über den Schloßhof ging, deutlich erkennen, welche Zimmer von den
Neuangekommenen bezogen worden waren. In dem von der Prinzessin selbst bewohnten
ersten Stockwerke des Corps de logis sah man nur zwei hohe gotische Fenster
schwach erleuchtet, während die beiden flankierenden Türme bis hoch hinauf in
hellem Lichterglanze standen. Im wesentlichen war alles bei den ersten, von der
Prinzessin gegebenen Anordnungen geblieben: unten wohnten die Dienerinnen, in
der ersten Etage die beiden Hofdamen, über der Schimmelmann Pentz und Erichsen
und über Ebba Holk.
    Sieben Uhr rückte heran; die Schloßuhr schlug halb, als das
Schleppegrellsche Ehepaar, eine Magd mit einer Laterne vorauf, von Hilleröd her
über den Schloßhof kam. Bald danach rüstete sich auch Holk. Unten im Flur des
von ihm bewohnten Rechtsturmes traf er Ebbas Jungfer und beinah Freundin, Karin,
eine Stockholmerin, von der er erfuhr, daß das Fräulein schon bei der Prinzessin
sei. Der noch zurückzulegende Weg an der halben Front des Hauptgebäudes hin war
nur kurz, und als Holk eine Minute später die Treppe hinauf war, trat er in eine
hohe Halle, die, solange sich die Prinzessin in Frederiksborg aufhielt, als
Empfangs- und Gesellschaftszimmer diente. Nach dem Schloßhof, wie rückseitig
nach dem Park hin, hatte diese Halle nur eine schmale Front, trotzdem war es ein
großer Raum, weil er an Tiefe ersetzte, was ihm an Breite abging. In der Mitte
der einen Längswand befand sich ein hoher Renaissancekamin und über demselben
ein überlebensgroßes Bildnis König Christians IV., der Schloß Frederiksborg
seinerzeit sehr geliebt und diese Halle, ganz wie jetzt die Prinzessin, allen
anderen Räumen im Schlosse vorgezogen hatte. Links neben dem Kamine standen
Körbe, teils mit großen Holzscheiten, teils mit Tannäpfeln und Wacholderzweigen
gefüllt, während zur Rechten, außer einem mächtigen Schüreisen, ein paar
Kienfackeln lagen, die den Zweck hatten, spät abends, beim Aufbruch über die
dunklen Korridore hin, den Gästen zu leuchten. Alles in der Ausschmückung der
Halle war noch halb mittelalterlich wie die Halle selbst, über deren Paneelen,
des König-Christians-Porträts über dem Kamine zu geschweigen, große, stark
nachgedunkelte Bilder sichtbar wurden. Weit zurück stand ein Schenktisch; die
sonst üblichen hohen Stühle fehlten, und statt ihrer war eine Anzahl moderner
Fauteuils um die Feuerstelle herum gruppiert.
    Holk schritt auf die Prinzessin zu, verbeugte sich und sprach ihr aus, wie
schön er die Halle fände, darin müsse sich ein wunderbares Julfest feiern
lassen, alles sei da, nicht bloß große Kienfackeln, sondern auch Tannäpfel und
Wacholder. Die Prinzessin antwortete, daß sie solche Feier auch vorhabe;
Weihnachten in Frederiksborg sei ihr der beste Tag im Jahr, und nachdem sie noch
ein paar weitere Worte gesprochen und schon für den nächsten Tag eine Art
Julvorfeier angekündigt hatte, forderte sie die Frau Pastorin Schleppegrell auf,
an ihrer Seite Platz zu nehmen. Die Pastorin war eine kleine dicke Frau mit
aufgesetztem schwarzen Scheitel und roten Backen, überhaupt von großer
Unscheinbarkeit, aber nie darunter leidend, weil sie zu den Glücklichen gehörte,
die sich gar nicht mit sich selbst und am wenigsten mit ihrer äußeren
Erscheinung beschäftigen. Ebba hatte dies gleich herausgefühlt und eine Vorliebe
für sie gefaßt.
    »Wird es Ihnen nicht schwer, liebe Frau Pastorin«, so wandte sie sich an
diese, »sich einen ganzen Abend lang von Ihren Kindern zu trennen?«
    »Ich habe keine«, sagte diese und lachte dabei so herzlich, daß die
Prinzessin fragte, was es eigentlich sei. Da gab es denn eine allgemeine
Heiterkeit, in die schließlich auch Schleppegrell mit einstimmen mußte, trotzdem
er sich, weil ihn die Komik in erster Reihe mittraf, ein wenig unbehaglich dabei
fühlte. Holk, dies wahrnehmend, hielt es für seine Pflicht, dem Gespräch eine
andere Wendung zu geben, und fragte leicht und wie von ungefähr nach dem Porträt
über dem Kamin. »Ich sehe, daß es König Christian ist (wo begegnete man ihm
nicht), und so kann von einem besonderen Interesse kaum die Rede sein. Aber
desto mehr interessiert mich die Frage, von wem es herrührt. Ich würde einen
Spanier vermuten, wenn ich nur wüßte, daß wir jemals einen spanischen Maler in
Kopenhagen gehabt hätten.«
    Schleppegrell wollte Rede stehen, aber Ebba schnitt ihm das Wort ab und
sagte: »Das geht nicht, daß wir, wenn nun mal über Kunst und Bilder gesprochen
werden soll, mit einem Bilde König Christians beginnen, auch wenn es wirklich
von einem Spanier herrühren sollte, was ich bezweifeln möchte, genauso wie Graf
Holk, mit dem ich mich wenigstens in Kunstsachen öfters zusammenfinde. Lassen
wir also den unvermeidlichen König. Ich meinerseits erführe lieber« (und dabei
zeigte sie nach der Wand gegenüber), »wer die beiden da sind, der Alte mit dem
Spitzbart und die vornehme Dame mit der weißen Kapuze.«
    »Der mit dem Spitzbart ist Admiral Herluf Trolle, derselbe, von dem unser
König Frederik der Zweite dies Schloß hier in Kauf oder Tausch nahm und es dann
Frederiksborg taufte, nach seinem eigenen Namen. Von dem alten Schloß blieb kein
Stein auf dem andern, und nichts wurde mit herübergenommen als diese
Schildereien hier rechts und links, die den großen Seesieg bei Öland unter
Admiral Herluf Trolle verherrlichen, und mit den Schildereien zugleich die
dazwischen hängenden Bildnisse von Herluf Trolle selbst und von Brigitte Goje,
seiner Eheliebsten, die wegen ihrer protestantischen Frömmigkeit fast noch
gefeierter war als ihr Gemahl.«
    »Was, wenn sie wirklich so fromm war, niemanden überraschen darf«, sagte
Pentz mit Emphase. »Denn so gewiß es mir ist, daß Schauspielerinnen und
Fürstengeliebte die populärsten Erscheinungen sind, gleich nach ihnen kommen die
Frommen, und mitunter sind sie sogar um einen Schritt voraus.«
    »Ja, mitunter«, lachte Ebba. »Mitunter, aber selten. Und nun, Pastor
Schleppegrell, was ist es mit dieser Herluf Trolleschen Seeschlacht? Ich fürchte
zwar, daß sie gegen meine lieben Landsleute, die Schweden, geschlagen wurde,
jedenfalls aber, den Kostümen nach zu schließen, in einer vor-rosenbergschen
Zeit, und so seh ich denn meinen Patriotismus nicht allzu direkt
herausgefordert. Überdies Seeschlachten! Seeschlachten sind immer etwas, wo
Freund und Feind gleichmäßig ertrinken und ein wohltätiger Pulverdampf über
allem derart ausgebreitet liegt, daß ein Plus oder Minus an Toten, was man dann
Sieg oder Niederlage nennt, nie festgestellt werden kann. Und nun gar hier, wo
wir zu dem Pulverdampf auch noch die dreihundertjährige Nachdunkelung haben.«
    »Und doch«, sagte Holk, »scheint mir noch alles leidlich erkennbar, und wenn
wir nachhelfen... Aber freilich, wo das nötige Licht dazu hernehmen?«
    »Oh, hier«, sagte die Prinzessin und wies auf die Stelle, wo die Kienfackeln
lagen. »Es wird etwas Blak geben, aber das steigert nur die Illusion, und wenn
ich mir dann sage, daß unser Pastor und Cicerone vielleicht seinen guten Tag
hat, so werden wir die Seeschlacht noch mal wie miterleben. Also, Schleppegrell,
ans Werk, und tun Sie Ihr Bestes, das sind wir einem Historiker vom Range Holks
schuldig. Und vielleicht bekehren wir ihn auch noch aus dem
Schleswig-Holsteinismus in den Danismus hinüber.«
    Alles stimmte zu, während Pentz mit zwei Fingern einen leisen Beifall
klatschte, Schleppegrell aber, der Bilderkustode von Passion war, nahm eine der
großen Kienfackeln und fuhr damit, nachdem er sie angezündet, über die linke
Bildhälfte hin, auf der man nun, in düsterer und doch greller Beleuchtung, die
Segel zahlloser Schiffe, Flaggen und Wimpel und vergoldete Galions, dazu die
weißen Wogenkämme, nichts aber von Schlacht und Pulverdampf erkennen konnte.
    »Das ist aber doch sicher keine Schlacht«, sagte Ebba.
    »Nein, aber die Vorbereitung dazu. Die Schlacht kommt erst; die Schlacht ist
an der anderen Seite, gleich rechts neben der Brigitte Goje.«
    »Ah«, sagte Ebba. »Ich versteh; ein Doppel-Schlachtbild, Anfang und Ende.
Nun, ich bin Aug und Ohr. Und immer wenn Ihr Kienspan an dem Schiffe
vorbeifährt, darauf Herluf Trolle kommandiert, dann muß ich bitten, ihm (oder
auch mir) eine Viertelminute zu gönnen, damit ich ihm Reverenz machen und mir
sein Bild, auch inmitten der Schlacht, einprägen kann.«
    »Das wird dir nicht glücken, Ebba«, sagte die Prinzessin. »Herluf Trolle
steckt viel zu sehr im Pulverqualm oder ist in der Nachdunkelung untergegangen,
und du mußt dir an seinem regelrechten Porträt da genug sein lassen... Aber nun
beginnen Sie, Schleppegrell, und treffen Sie's im Maß, nicht so kurz, daß es
nichts ist, und nicht so lang, daß wir uns ängstlich ansehen. Holk ist ein
Kenner, Gott sei Dank einer von denen, die den Erzähler nicht befangen machen; -
er weiß, Kunst ist schwer.«
    Unter diesen gnädigen Worten war Schleppegrell wieder an den Kreis der um
den Kamin Versammelten herangetreten und sagte: »Gnädigste Prinzessin befehlen,
und ich gehorche. Was wir da sehen oder vielleicht auch nicht sehen«, und er
wies auf die zweite, nicht einmal vom Widerschein des Feuers getroffene Hälfte
des großen Wandbildes, »was wir da sehen, ist der entscheidende Moment, wo der
Makellos in die Luft fliegt.«
    »Der Makellos?«
    »Ja, der Makellos. Das war nämlich das Admiralschiff der Schweden, die
gerade damals, trotz ihres irrsinnigen Königs (denn es waren die Tage von König
Erich XIV.), auf der Höhe ihrer Macht standen. Und gegen die Schweden und ihre
Flotte, die sehr stark und überlegen war und neben dem Makellos auch noch andere
große Schiffe hatte, gegen diese schwedische Flotte, sag ich, gingen die
Unsrigen unter Segel, und der, der sie kommandierte, war unser großer Herluf
Trolle. Und als sie aus der Kjöge-Bucht heraus und auf hoher See waren, segelten
sie scharf östlich auf Bornholm zu, wo Herluf Trolle die schwedische Flotte
vermutete. Die lag aber nicht mehr bei Bornholm, sondern vor Stralsund unter
Admiral Jacob Bagge. Und kaum, daß Jacob Bagge vernommen, daß die Dänen ihn
suchten, so gab er auch schon seinen Ankergrund vor Stralsund auf und fuhr
nordöstlich, um sich dem Feinde zu stellen. Und kurz vor Öland trafen beide
Flotten aufeinander, und eine dreitägige Schlacht, wie sie die Ostsee noch nicht
gesehen hatte, nahm ihren Anfang. Und am dritten Tage war es, als ob der Sieg
den Schwedischen zufallen solle. Da rief Herluf Trolle, dessen eigenes Schiff
übel zugerichtet war, seinen Unteradmiral Otto Rud heran und gab ihm Befehl, es
koste, was es wolle, den Makellos zu entern. Und Otto Rud war's auch zufrieden
und fuhr an den Feind. Aber kaum, daß sein Schiff, das nur klein war, die
Enterhaken geworfen hatte, so ließ Admiral Jacob Bagge das ganze Segelwerk des
Makellos beisetzen, um so mit fliegenden Segeln das kleine dänische Schiff, das
sich an ihn gehängt hatte, mit in die schwedische Flotte hineinzureißen. Das war
ein schwerer Augenblick für Otto Rud. Aber er ließ von dem Sturm auf die
Enterbrücke nicht ab, und als etliche von den Unseren drüben waren, schoß einer
eine Feuerkugel in die Rüstkammer, und als das Feuer, das ausbrach, auch die
Pulverkammer ergriff, ging der Makellos mit Freund und Feind in die Luft, und
Claus Flemming übernahm das Kommando der Schwedischen und führte den Rest der
Flotte nach Stockholm hin zurück.«
    Eine kurze Pause folgte, dann sagte Holk: »Der eigentliche Held der
Geschichte scheint mir aber Otto Rud zu sein. Indessen, ich will darüber nicht
streiten, Herluf Trolle wird wohl auch sein Teil getan haben, und ich möchte nur
noch fragen, was wurd aus ihm, und wie war sein Ende?«
    »Wie sich's ziemt. Er starb das Jahr darauf an einer in einer Seeschlacht,
hart an der Küste von Pommern, erhaltenen Wunde. Die Wunde war an sich nicht
tödlich. Aber es war jener merkwürdige Krieg, wo jeder, der eine Wunde
davontrug, schwer oder leicht, an dieser Wunde sterben mußte. So wenigstens
steht in den Büchern.«
    Pentz sprach von »vergifteten Kugeln«, aber Ebba wies das zurück (Schweden
sei kein Giftland) und wollte, nach soviel Heldischem, lieber etwas von Brigitte
Goje hören, von der Pastor Schleppegrell ja ohnehin schon gesagt habe, daß sie
fast gefeierter gewesen sei als ihr Seeheld und Gemahl. »Ich sehe nicht ein,
warum wir uns immer um die Männer oder gar um ihre Seeschlachten kümmern sollen;
die Geschichte der Frauen ist meist viel interessanter. Und vielleicht auch in
diesem Falle. Was war es mit dieser Brigitte?«
    »Sie war sehr schön...«
    »Das scheint im Namen zu liegen«, sagte Ebba und sah zu Holk hinüber. »Aber
Schönheit bedeutet nicht viel, wenn man tot ist...«
    »Und wurde durch eben ihre Schönheit«, fuhr Schleppegrell unerschüttert
fort, »die Stütze der neuen Lehre, so daß einige sagen, ohne Brigitte Goje wäre
Dänemark in der papistischen Finsternis geblieben.«
    »Schrecklich... Und wie kam es anders?«
    »Es war die Zeit der Befehdungen um Glaubens willen, und unserem um diese
Zeit schon in der neuen Lehre stehenden Volke standen der dänische Adel und die
dänische hohe Geistlichkeit gegenüber, vor allem Joachim Rönnow, Bischof von
Roeskilde, der den Brand austreten und die kleineren und ärmeren lutherischen
Geistlichen, so viel ihrer auch schon waren, aus dem Lande jagen wollte. Da trat
Brigitte Goje vor den Bischof hin und bat für die bedrängten Lutherschen und daß
sie bleiben dürften, und weil ihre Schönheit den Bischof rührte, so nahm er den
Befehl zurück, und sein Herz und seine Seele waren so getroffen, daß er bei
Mogen Goje, dem Vater Brigittens, um ihre Hand warb und sie zu seinem Weibe
machen wollte.«
    »Nicht möglich«, sagte die Prinzessin. »Ein katholischer Bischof!«
    Schleppegrell lächelte. »Vielleicht, daß er aus der neuen Lehre dies eine
wenigstens mit herübernehmen wollte. Just so wie drüben in England. Jedenfalls
aber haben wir Berichte, die von der Werbung um das schöne Fräulein mit einer
Ausführlichkeit sprechen, als ob es schon die Hochzeitsfeierlichkeiten gewesen
wären.«
    »Und kam es nicht dazu?«
    »Nein. Es zerschlug sich, und sie nahm schließlich den Herluf Trolle.«
    »Da tat sie recht. Nicht wahr, Ebba?«
    »Vielleicht, gnädigste Prinzessin, vielleicht auch nicht. Ich bin eigentlich
nicht für Bischöfe, wenn es aber Ausnahmebischöfe sind wie dieser von Roeskilde,
so weiß ich nicht, ob sie nicht im Range noch über die Seehelden gehen. Ein
Bischof, der heiraten will, hat neben dem Imponierenden, das darin liegt, auch
etwas Versöhnliches und scheint mir fast die ganze Beilegung des Kirchenstreites
zu bedeuten.«
    Die kleine Pastorsfrau war entzückt und näherte sich Ebba, um dieser eine
kleine Liebeserklärung ins Ohr zu flüstern. Aber eh sie dazu kommen konnte,
veränderte sich die Szene, gedeckte Tische wurden durch eine niedrige, ganz im
Hintergrunde befindliche Seitentür herzugetragen, und als gleich danach auch
doppelarmige, mit Lichtern reichbesetzte Leuchter aufgestellt wurden, erhellte
sich die bis dahin ganz im Dunkel gelegene zweite Hälfte der Halle, was nicht
bloß dem gesamten Raume, sondern vor allem auch dem großen Wandbilde samt den
dazwischen eingelassenen Porträtbildnissen erheblich zustatten kam.
    Pentz war es, der zuerst diese Wahrnehmung machte. »Sehen Sie, Holk, wie
Brigitte Goje lächelt. Alle Brigitten haben so was Sonderbares, auch wenn sie
fromm sind.«
    Holk lachte. Die Tage, wo solche Bemerkung ihn hätte verlegen machen können,
lagen zurück.

                           Einundzwanzigstes Kapitel

 
Man war bis nach elf beisammen, trotzdem bestand Holk darauf, das
Schleppegrellsche Paar eine Strecke Wegs begleiten zu dürfen. Natürlich wurde
dies dankbarst angenommen, und erst als man die Stelle, wo der Weg um die
Seespitze bog, erreicht hatte, verabschiedete sich Holk wieder, der vorher die
Begleitung Ebbas, sehr zur Verwunderung dieser, an Erichsen abgetreten hatte.
    Von der Seespitze bis zurück auf den Schloßhof war nicht weit, aber doch
weit genug, um Holks Verwunderung gerechtfertigt erscheinen zu lassen, als er,
beim Hinaufsteigen in seinen Turm, Erichsen und Ebba, vor dem Zimmer dieser, in
noch lebhaftem Gespräche fand. Aber freilich seine Verwunderung konnte nicht
lange dauern, denn es war ganz ersichtlich, daß das Fräulein den armen Baron nur
festgehalten hatte, um Holk bei seiner Rückkehr in der einen oder anderen Weise
bemerkbar zu machen, daß sie nicht daran gewöhnt sei, sich irgendwem zuliebe
vernachlässigt zu sehen, am wenigsten aber um dieser kleinstädtischen
Schleppegrells willen. »Ach, daß ich Sie noch sehe«, wandte sie sich an den
Grafen, als dieser unter verbindlichem, aber lächelndem Gruß an ihr und Erichsen
vorüberwollte. »Ja, diese Schleppegrells... Und nun gar er! In seiner Jugend,
wie mir die Prinzessin versicherte, war es sein Apostelkopf, womit er siegte,
jetzt, in seinem Alter, ist es Herluf Trolle. Daß sich ein Fortschritt darin
ausspräche, kann ich nicht zugeben.«
    Und damit verneigte sie sich und zog sich in ihr Zimmer zurück, wo Karin
ihrer Herrin bereits wartete.
 
Nun war Morgen; - er schien so hell ins Fenster, wie ein Novembermorgen nur
irgendwie scheinen kann, aber die Nacht, die zurücklag, war stundenlang eine
sehr stürmische gewesen. Ein Südoster hatte den am Turme hinlaufenden und hier
und da locker gewordenen Blitzableiter unter wütendem Gerassel gepackt und hin
und her geschüttelt, was aber für Holk am störendsten gewesen war, das war, daß
der Mond, alles Sturmes unerachtet, bis in seinen zurückgelegenen und tief in
die Wand eingebauten Alkoven geschienen hatte. Holk hätte sich durch Zuziehen
der Gardine vor diesem unheimlichen Blicke schützen können, aber das widerstand
ihm noch mehr; er wollte den wenigstens sehen, der da draußen stand und ihm den
Schlaf raubte. Gegen Morgen erst schlief er ein, und da noch unruhig und unter
allerlei ängstlichen Träumen. Er war mit dem »Makellos«, darauf sich Admiral
Jacob Bagge befand, in die Luft geflogen, und als er ein Stück Mast gepackt
hatte, um sich daran zu retten, war Ebba von der anderen Seite her, ganz wie ein
Meerweib, aufgetaucht und hatte ihn von dem Mast fort- und in die Flut
zurückgerissen. Darüber war er erwacht. Er überlegte sich jetzt den Traum und
sagte: »Sie wär es imstande.«
    Diesem Gedanken nachzuhängen, war er durchaus in der Laune; doch verbot sich
ein Verweilen dabei, denn ein alter Gärtner, der jedesmal, wenn die Prinzessin
im Schloß war, die Morgenbedienung in den beiden Türmen zu machen hatte, kam
gerade mit dem Frühstück und entschuldigte sich, während er den Tisch ordnete,
daß es so spät geworden sei. Das Fräulein von Rosenberg habe denn auch schon
gescholten und mit gutem Recht. Aber es werde schon anders werden; nur vorläufig
sei noch nichts in der rechten Ordnung. Dabei übergab er zugleich die Zeitungen,
die für Holk eingetroffen waren, und einen Brief.
    Holk nahm den Brief und sah, daß der Poststempel fehlte. »Ja, der fehlt«,
bestätigte der Gärtner. »Es ist kein Postbrief; Pastor Schleppegrell hat ihn
abgeben lassen. Und einen anderen für das Fräulein.« Und damit ging der Alte
wieder.
    »Ah, von Pastor Schleppegrell«, sagte Holk, als er wieder allein war. »Das
freut mich, da bin ich doch neugierig, was er schreibt.«
    Aber diese Neugierde konnte nicht übergroß sein, denn er legte den Brief
eine gute Weile beiseite, und erst als er sein Frühstück, das ihm sichtlich
mundete, beendet hatte, nahm er den Brief wieder zur Hand und setzte sich in
einen in der Nähe seines Schreibtisches stehenden Schaukelstuhl, der zu der
übrigen Einrichtung des Turmzimmers nicht recht passen wollte. Hier erst erbrach
er den Brief. Und nun las er:
 
»Hochgeehrter Herr Graf. Ihr Interesse, das Sie gestern so freundlich für meinen
Freund Herluf Trolle zeigten, gibt mir den Mut, Ihnen ein sich mit eben diesem
Freunde beschäftigendes Balladenbruchstück zu schicken, das ich vor Jahr und Tag
gefunden und aus dem Altdänischen übertragen habe. Kaum ist es nötig, Ihr
Wohlwollen dafür anzurufen, denn wo wir mit Liebe lesen, lesen wir auch mit
Milde. - Gegen elf haben wir vor, meine Frau und ich, Sie und das Fräulein von
Rosenberg, das ich gleichzeitig davon benachrichtige, zu einem
gemeinschaftlichen Gange durch den Park abzuholen. Vielleicht auf Fredensborg
zu. Wir werden freilich kaum das erste Drittel des Weges bezwingen, aber gerade
dies erste Drittel ist von besonderer Schönheit und vielleicht um diese
Jahreszeit schöner als zu jeder anderen. Um zwölf sind wir zurück, um pünktlich
bei der Prinzessin, unserer gnädigen Herrin, erscheinen und an ihrem festlichen
Lunch teilnehmen zu können. Denn ein kleines Fest wird es wohl sein.
                                            Ihr ergebenster Arvid Schleppegrell«
 
Eingelegt in den Brief war ein rosafarbenes Blatt, darauf von Frauenhand
geschriebene Verse standen. »Ach, mutmaßlich die Handschrift meiner kleinen
Freundin, der Frau Pastorin. Sie scheint zu den Liebenswürdigen zu gehören, die
sich überall durch kleine Dienste nützlich zu machen wissen, denn daß sie
persönlich eine Passion für Herluf Trolle haben sollte, will mir nicht recht
einleuchten. Aber wie dem auch sein möge, zunächst bin ich neugierig, in
Erfahrung zu bringen, wie Pastor Schleppegrell sein Balladenbruchstück getauft
hat.« Und dabei nahm Holk das rosafarbene Blatt wieder in die Hand und überflog
den Titel. Der lautete: »Wie Herr Herluf Trolle begraben wurde.« »Das ist gut,
da weiß man doch, was kommt.« Und nun schob er den Schaukelstuhl bis dicht ans
Fenster und las:
 
»Ein Bote mit Meldung ritt ihnen voraus.
Und als in den Schloßhof sie schritten,
Brigitte stand vor dem Trauerhaus
In ihrer Frauen Mitten.
 
Ah, das ist Brigitte Goje, sein fromm Gemahl, von der wir gestern schon gehört
haben; fromm und schön und eine Klippe für den Roeskilder Bischof. Aber sehen
wir, was Schleppegrell und sein Balladenbruchstück weiter von ihr zu berichten
haben.
 
Am Eingange stand sie, grüßte den Zug,
Aufrecht und ungebrochen,
Und der erste (der das Bahrtuch trug)
Trat vor und hat gesprochen:
 
Was geschehen, wir sandten die Meldung dir,
Eh den Weg wir selber gingen,
Seine Seel ist frei, seine Hüll ist hier,
Du weißt, wen wir dir bringen.
 
An der pommerschen Küste vor Pudagla-Golm,
Um den schwankenden Sieg uns zu retten,
So fiel er. Nun, Herrin von Herlufsholm,
Sage, wohin wir ihn betten.
 
Betten wir ihn in die Kryptkapelln
Von Thorslund oder Olafskirke?
Betten wir ihn in Gjeddesdal
Unter der Trauerbirke?
 
Betten wir ihn in die Kryptkapelln
In Roeskilde, Leire, Ringstede?
Sage, Herrin, wohin wir ihn stelln,
Eine Ruhstätt für ihn hat jede.
 
Jeder Kirche gab er, um was sie bat,
Altäre, Türme, Glocken,
Und jede, wenn sie hört, er naht,
Wird in Leide frohlocken.
 
Eine jede ladet ihn zu sich ein
In ihrer Pfeiler Schatten...
Da sprach Brigitte: Hier soll es sein,
Hier wollen wir ihn bestatten.
 
Wohl hat er hier keine Kirche gebaut -
Die stand schon viel hundert Jahre -,
Hier aber, als Herluf Trolles Braut,
Stand ich mit ihm am Altare.
 
Vor demselben Altar, auf selbem Stein,
Steh er wieder in aller Stille,
Nichts soll dabei gesprochen sein
Als, Herr, es geschehe dein Wille.
 
Morgen aber, eh noch der Tag erstand,
In seinen Kirchen allen,
Weit über die See, weit über das Land,
Solln alle Glocken erschallen.
 
Und zittert himmelan die Luft,
Als ob Schlachtendonner rolle,
Dann in die Herlufsholmer Gruft
Senken wir Herluf Trolle.«
 
Holk schob das Blatt wieder in den Brief und den Brief wieder in das Couvert und
wiederholte dabei leise vor sich hin: »Und in die Herlufsholmer Gruft senken wir
Herluf Trolle... Hm, gefällt mir, gefällt mir gut. Es hat eigentlich keinen
rechten Inhalt und ist bloß eine Situation und kein Gedicht, aber das tut
nichts. Es hat den Ton, und wie das Kolorit das Bild macht, so wenigstens hat
mir Schwager Arne mehr als einmal versichert, so macht der Ton das Gedicht. Und
Alfred wird wohl recht haben, wie gewöhnlich. Ich will's heute noch abschreiben
und an Christine schicken. Oder noch besser, ich schick ihr gleich das rote
Blatt. Daß es aus einem Pastorhause kommt, wird ihr das Gedicht noch besonders
empfehlen. Aber freilich, ich werde die kleine Frau vorher doch noch bitten
müssen, ihren Namen und vor allem auch ihren Stand mit darunter zu schreiben,
sonst mißglückt am Ende das Ganze. Das Rosapapier ist ohnehin suspekt genug, und
die steife Waschzettelhandschrift, ja wer will sagen, wo sie herstammt; Hofdamen
haben auch merkwürdige Handschriften.«
    Er unterbrach sich in diesen Betrachtungen, weil er nach der Uhr sah und
wahrnahm, daß es bereits auf elf ging. Er hatte sich also zu beeilen, wenn er
bis zum Eintreffen des Schleppegrellschen Ehepaares angekleidet und marschfähig
sein wollte. Wie mochten übrigens draußen die Wege sein? Kurz vor Mitternacht
war Regen gefallen, und wenn der Südost ein gut Teil davon auch wieder
aufgetrocknet hatte, so wußte er doch von Holkenäs her, daß Parkwege nach
Regenwetter meist schwer passierbar sind. Er wählte denn auch die Kleidung
danach, und kaum, daß er mit seiner Toilette fertig war, so kamen beide
Schleppegrells auch schon über den Schloßhof. Er rief hinunter, daß sie sich
nicht hinaufbemühen sollten, er werde das Fräulein abholen und gleich bei ihnen
sein. Und so geschah es denn auch, und ehe fünf Minuten um waren, durchschritt
man, vom großen Frontportal her, die ganze Tiefe des Schlosses und trat, an
dessen Rückseite, durch ein gleich großes Portal in den Park ein. Hier traf man
auch Erichsen, der eben von einem anderthalbstündigen Gesundheitsspaziergange
zurückkehrte, sofort aber Bereitwilligkeit zeigte, sich an dem neuen
Spaziergange zu beteiligen. Das wurde begrüßt und bewundert. Erichsen bot Ebba
seinen Arm, und Holk folgte mit der kleinen Pastorsfrau, während Schleppegrell
die Führung nahm. Er trug, wie bei der ersten Begrüßung auf dem Hilleröder
Marktplatze, einen mantelartigen Rock, der, ohne Taille, von den Schultern bis
auf die Füße ging, dazu Schlapphut und Eichenstock, mit welch letztrem er
allerhand große Schwingbewegungen machte, wenn er es nicht vorzog, ihn in die
Luft zu werfen und wieder aufzufangen.
    Holk, soviel lieber er an Ebbas Seite gewesen wäre, war doch sehr
verbindlich gegen die Pastorin und bat sie, für den Fall, daß er persönlich
nicht dazu kommen sollte, ihrem Manne sagen zu wollen, wie sehr er sich über die
Zusendung gefreut habe; kaum minder freilich hab er ihr selber zu danken, denn
daß die Abschrift von ihrer Hand sei, das sei doch wohl sicher.
    »Ja«, sagte sie. »Man muß sich untereinander helfen, das ist eigentlich das
Beste von der Ehe. Sich helfen und unterstützen und vor allem nachsichtig sein
und sich in das Recht des andern einleben. Denn was ist Recht? Es schwankt
eigentlich immer. Aber Nachgiebigkeit, einem guten Menschen gegenüber, ist immer
recht.«
    Holk schwieg. Die kleine Frau sprach noch so weiter, ohne jede Ahnung davon,
welche Bilder sie heraufbeschwor und welche Betrachtungen sie in ihm angeregt
hatte. Die Sonne, die frühmorgens so hell geschienen, war wieder fort, der Wind
hatte sich abermals gedreht, und ein feines Grau bedeckte den Himmel; aber
gerade diese Beleuchtung ließ die Baumgruppen, die sich über die große Parkwiese
hin verteilten, in um so wundervollerer Klarheit erscheinen. Die Luft war weich
und erfrischend zugleich, und am Abhang einer windgeschützten Terrasse gewahrte
man allerlei Beete mit Spätastern; überall aber, wo die Parkwiese tiefere
Stellen hatte, zeigten sich große und kleine Teiche, mit Kiosks und Pavillons am
Ufer, von deren phantastischen Dächern allerlei blattloses Gezweige
herniederhing. Überhaupt alles kahl. Nur die Platanen hielten ihr Laub noch
fest, aber jeder stärkere Windstoß, der kam, löste etliche von den großen gelben
Blättern und streute sie weit über Weg und Wiese hin. In nicht allzu großer
Entfernung vom Schloß lief ein breiter Graben, über den verschiedene
Birkenbrücken führten; gerade an dem Punkt aber, wo Schleppegrell, an der Spitze
der andern, den Grabenrand erreichte, fehlte jeder Brückensteg, und statt dessen
war eine Fähre da, mit einem zwischen hüben und drüben ausgespannten Seil, an
dem entlang man das Flachboot mühelos hinüberzog. Als man drüben war, war es nur
noch eine kleine Strecke bis an einen aufgeschütteten Hügel, von dem aus man,
nach Schleppegrells Versicherung, einen gleich freien Blick nach Norden hin auf
Schloß Fredensborg und nach Süden hin auf Schloß Frederiksborg habe. Und diesen
Punkt wollte man erreichen. Aber mit Rücksicht auf die knapp zugemessene Zeit
mußte dieses Ziel sehr bald aufgegeben und sogar ein näherer Rückweg
eingeschlagen werden.
    Holk war bis dahin keinen Augenblick von der Seite der Frau Pastorin
gewichen, als man aber die Fähre zum zweiten Mal passiert und das andre Ufer
wiedergewonnen hatte, wechselte man mit den Damen, und während Erichsen der
Pastorin den Arm bot, folgten Holk und Ebba, die bis dahin kaum noch Gelegenheit
zu einem Begrüßungsworte gefunden hatten, in immer größer werdender Entfernung.
    »Ich glaubte schon ganz ein Opfer Ihrer neuesten Neigung zu sein«, sagte
Ebba. »Ein gefährliches Paar, diese Schleppegrells; gestern er, heute sie.«
    »Ach, meine Gnädigste, nichts Schmeichelhafteres für mich, als mir eine
derartige Don-Juan-Rolle zugewiesen zu sehen.«
    »Und um welcher Zerline willen! Eigentlich Zerlinens Großtante. Wovon hat
sie mit Ihnen gesprochen? Es ging ja, soviel ich sehen konnte, wie eine
Mühle...«
    »Nun, von allerlei; von Hilleröd und seinem winterlichen Leben, und daß sich
die Stadt in eine Ressourcen- und eine Kasino-Hälfte teile. Man konnte beinah
glauben, in Deutschland zu sein. Übrigens eine charmante kleine Frau, voller bon
sens, aber doch auch wieder von einer großen Einfachheit und Enge, so daß ich
nicht recht weiß, wie der Pastor mit ihr auskommt, und noch weniger, wie die
Prinzessin ihre Stunden so mit ihr hinplaudert.«
    Ebba lachte. »Wie wenig Sie doch Bescheid wissen. Man merkt an allem, daß
Sie nur alle Jubeljahr einmal eine Fühlung mit Prinzessinnen haben. Glauben Sie
mir, es ist nichts so nichtig, daß es nicht eine Prinzessin interessieren
könnte. Je mehr Klatsch, desto besser. Tom Jensen war in Indien und hat eine
Schwarze geheiratet, und die Töchter sind alle schwarz, und die Söhne sind alle
weiß; oder Apotheker Brodersen hat seine Frau vergiftet, es heißt mit Nikotin;
oder Forstgehülfe Holmsen, als er gestern abend aus Liebchens Fenster stieg, ist
in eine Kalkgrube gefallen - ich kann Ihnen versichern, dergleichen interessiert
unsre Prinzessin mehr als die ganze schleswig-holsteinsche Frage, trotzdem
einige behaupten, sie sei die Seele davon.«
    »Ach, Ebba, Sie sagen das so hin, weil Sie moquant sind und sich darin
gefallen, alles auf die Spitze zu treiben.«
    »Ich will das hinnehmen, weil es mir lieber ist, ich bin so, als das
Gegenteil davon. Gut also, ich bin moquant und medisant und was Sie sonst noch
wollen; aber von dem, was ich da eben über die Prinzessinnen gesagt habe, davon
geht kein Tüttelchen ab. Und je klüger und witziger die Hochgestellten sind und
je mehr Sinn und Auge sie für das Lächerliche haben, desto sichrer und rascher
kommen sie dazu, die langweiligen Menschen geradeso nett und unterhaltlich zu
finden wie die interessanten.«
    »Und das sagen Sie! Sind Sie nicht selbst die Widerlegung davon? Was hat
Ihnen denn Ihren Platz im Herzen der Prinzessin erobert? Doch nur das, daß Sie
klug und gescheit sind, Einfälle haben und zu sprechen verstehen und mit einem
Wort interessanter sind als die Schimmelmann.«
    »Nein, einfach weil ich anders bin als die Schimmelmann, die der Prinzessin
geradeso nötig ist wie ich oder wie Erichsen oder wie Pentz oder vielleicht
auch...«
    »... wie Holk.«
    »Ich will es nicht gesagt haben. Aber brechen wir ab und rasten wir,
trotzdem wir ohnehin schon zurückgeblieben sind, einen kleinen Augenblick an
dieser entzückenden Stelle, von der aus wir einen guten Blick auf die Rückseite
des Schlosses haben. Sehen Sie nur, alles hebt sich so wundervoll voneinander
ab, das Hauptdach und die spitzen Turmdächer links und rechts, trotzdem alles
dieselbe graue Farbe hat.«
    »Ja«, sagte Holk. »Es hebt sich alles trefflich voneinander ab. Aber das tut
die Beleuchtung, und auf solche besondre Beleuchtung hin dürfen Schlösser nicht
gebaut werden. Ich meine, die zwei Backsteintürme, drin wir wohnen, die hätten
mit ihrem prächtigen Rot etwas höher hinaufgeführt werden müssen, und dann erst
die Schiefer- oder Schindelspitze. Jetzt sieht es aus, als solle man aus der
untersten Turmluke gleich auf das große Schrägdach hinaustreten, um draußen, an
der Dachrinne hin, eine Promenade zu machen.«
    Ebba nickte, vielleicht weil ihr das Endergebnis dieser Bau- und
Beleuchtungsfrage gleichgültig war, und gleich danach eilten beide rasch weiter,
weil sie wahrzunehmen glaubten, daß der Pastor anhielt, um auf sie zu warten. Im
Herankommen aber sahen sie, daß es etwas anderes war und daß Schleppegrell,
sosehr die Zeit drängte, doch noch auf eine besondere Sehenswürdigkeit
aufmerksam machen wollte. Diese Sehenswürdigkeit war nicht mehr und nicht
weniger als ein am Wege liegender, etwas ausgehöhlter Riesenstein, in dessen
flache Mulde die Worte gemeißelt waren: »Christian IV. 1628.« Holk sprach im
Herantreten die Meinung aus, »daß es mutmaßlich ein bevorzugter Sitz- und
Ruheplatz des Königs gewesen sei«, wozu Schleppegrell bemerkte: »Ja, so war es;
es war ein Ruheplatz. Aber nicht ein regelmäßiger, sondern nur ein einmaliger.
Und es knüpft sich auch eine kleine Geschichte daran...«
    »Erzählen!« riefen alle dem Pastor zu. Dieser aber zog seine silberne
Gehäuseuhr, daran, an einer etwas abgetragenen grünen Schnur, ein großer
Uhrschlüssel hing, und wies auf das Zifferblatt, das bereits auf zehn Minuten
vor zwölf zeigte. »Wir müssen uns eilen, oder wir kommen zu spät. Ich will es
beim Lunch erzählen, vorausgesetzt, daß es sich erzählen läßt, worüber ich in
Zweifel bin.«
    »Ein Pastor kann alles erzählen«, sagte Ebba, »zumal in Gegenwart einer
Prinzessin. Denn Prinzessinnen sind sich selber Gesetz, und was sie gutheißen,
das geht und das gilt. Und nun gar die unsre! Daß sie nicht nein sagen wird,
dafür will ich mich verbürgen.«
    Und in gesteigert raschem Tempo schritt man auf das Schloß zu.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel

 
Kurz vor zwölf war man im Schlosse zurück, gerade noch früh genug, um
rechtzeitig bei der Prinzessin erscheinen zu können. Pentz und die Schimmelmann,
die den Dienst hatten, empfingen die Geladenen, und nachdem die bald danach
eintretende Prinzessin an jeden einzelnen ein Wort der Begrüßung gerichtet
hatte, verließ man die Wohn- und Empfangszimmer, um sich über einen mit
Karyatiden reich geschmückten und augenscheinlich einer späteren Zeit
angehörigen Korridor hin in die große Herluf-Trolle-Halle zu begeben, dieselbe
Halle, darin man, am Abend vorher, bei Kaminfeuer und Kienfackeln erst die
großen Bilder, so gut es ging, betrachtet und dann dem erklärenden
Schleppegrellschen Vortrage zugehört hatte. Ja, die Halle war dieselbe; trotzdem
zeigte sich seit gestern insoweit eine Veränderung, als jetzt helles Tageslicht
einfiel (die Mittagsstunde hatte wieder Sonnenschein gebracht) und allem etwas
Heitres lieh, ein Eindruck, der durch eine mit Blumen und altnordischen
Trinkgefäßen beinah phantastisch geschmückte Prunktafel noch gesteigert wurde.
Schmuck überall, geschmückt auch die Wände. Da, wo sich die hohen Paneele mit
den breiten Barockrahmen der Wandbilder berührten, hingen Mistel- und
Ebereschenbündel an Girlanden von Eichenlaub, während eine quer durch die Halle
gezogene Wand von Zypressen und jungen Tannenbäumen den dunklen Hinterraum von
dem festlich hergerichteten Vorderraum abtrennte. Das Ganze, soviel war
augenscheinlich, sollte den Weihnachtscharakter tragen oder, wie die Prinzessin
sich ausgedrückt hatte, wenigstens ein Vorspiel zum Julfeste sein. Orangen, in
fast überreicher Zahl, waren überall in das Tannengezweige gehängt, und kleine
wächserne Christengel schwenkten ihre Fahne, während über das blitzende weiße
Tischtuch hin Stechpalmenzweige lagen mit roten Beeren daran.
 
Und nun forderte die Prinzessin die Geladenen durch eine gnädige Handbewegung
auf, ihre Plätze zu nehmen. Minutenlang verblieben alle schweigend oder kamen
über ein Flüstern nicht hinaus; als aber das erste Glas Cyper geleert war, war
auch die fröhliche Laune wieder da, die diesen kleinen Kreis auszeichnete.
Jeder, nach voraufgegangener Aufforderung der Prinzessin, ließ sich's zunächst
angelegen sein, über seine Schicksale während der letzten Sturmnacht zu
berichten, und alle waren einig darin, daß das schöne Schloß, darin nur leider
alle Fenster klapperten und in dem man in jedem Augenblicke fürchten müsse, von
einem Nordwester gepackt und weggeweht zu werden, doch mehr ein Sommer- als ein
Winterschloß sei. »Ja«, sagte die Prinzessin, »das ist leider so, davon kann ich
mein liebes Frederiksborg nicht freisprechen; und was fast noch schlimmer ist,
ich kann auch nichts dagegen tun und muß eben alles lassen, wie's ist.« Und nun
erzählte sie mit der ihr eigenen Jovialität, wie sie, vor Jahr und Tag schon,
einen feierlichen Antrag auf »schließende Türen und Fenster« gestellt habe, was
ihr aber von der betreffenden Verwaltungs-oder Baukommission rund abgeschlagen
worden sei, weil die Bewohnbarkeit des Schlosses oder doch wenigstens die
Brauchbarkeit der Kamine mit dem Fortbestand undichter Fenster im nächsten
Zusammenhange stehe; schließende Fenster würden gleichbedeutend sein mit
Kaminen, die nicht brennen. »Und seitdem ich das weiß, hab ich mich in mein
Schicksal ergeben; ja nach allem, was ich bei der Gelegenheit gehört habe, will
ich noch froh sein, wenn wir durch einen fortgesetzten guten Tür- und Fensterzug
vor verstopften Feueressen und allen sich daraus ergebenden Fährlichkeiten
bewahrt bleiben. Offen gestanden, mitunter steh ich unter der Furcht, es könne
mal so was kommen. In den Schornsteinen hierherum wird es schlimm genug
aussehen, und speziell in dem unsrigen vermut ich eine Rußkruste womöglich noch
aus König Christians Zeiten her.«
    Es war nach Nennung des Namens »König Christian« so gut wie
selbstverständlich, daß sich das Gespräch den Frederiksborger Tagen dieses
dänischen Lieblingskönigs zuwenden mußte, von dem Schleppegrell, fast noch
selbstverständlicher, eine Fülle von Lokalanekdoten sofort zur Stelle hatte.
Nach einiger Zeit aber unterbrach Holk und sagte: »Da stecken wir nun schon eine
Viertelstunde lang in König-Christian-Anekdoten und haben immer noch nicht die
Geschichte von dem Stein draußen gehört mit seiner Namensinschrift und seiner
Jahreszahl 1628. Was ist es damit? Sie haben uns draußen im Park versprochen...«
    Schleppegrell wiegte den Kopf zweifelnd hin und her. »Allerdings«, nahm er
das Wort, »hab ich davon erzählen wollen. Aber es ist nicht viel damit und wird
Sie mutmaßlich enttäuschen. Man erzählt sich nämlich, es sei der Stein, wo
Christian IV., als er, nach seinem Regierungsantritt, den großen Umbau des
Schlosses zu leiten begann, gleich am ersten Samstage die Arbeiter um sich
versammelt und ihnen allerpersönlichst den Wochenlohn ausgezahlt habe.«
    »Das ist alles?«
    »Ja«, sagte Schleppegrell.
    Ebba aber wollte davon nichts wissen. »Nein, Pastor Schleppegrell, so
leichten Kaufs kommen Sie nicht los; was Sie da sagen, das kann einfach nicht
sein. Sie vergessen, daß jeder, der sich herauswinden oder andere hinters Licht
führen will, vor allem ein gutes Gedächtnis haben muß. Es ist noch keine zwei
Stunden, daß wir aus Ihrem Munde gehört, Sie würden von dem Stein erzählen, wenn
die Prinzessin ihre Zustimmung dazu gäbe. Nun, Sie werden doch nicht geglaubt
haben, die Prinzessin könne vorhaben, Ihren Bericht über eine samstägliche
Lohnauszahlung verbieten zu wollen.«
    Die Prinzessin weidete sich an Schleppegrells Verlegenheit, und Ebba, nicht
willens, ihren Vorteil aus der Hand zu geben, fuhr fort: »Sie sehen, Sie können
aus Ihrer schrecklichen Lage nur heraus, wenn Sie sich rundweg entschließen,
Farbe zu bekennen, und uns die Geschichte so gehen, wie sie wirklich gewesen.«
    Schleppegrell, der sich altmodischerweise die Serviette quer über die Brust
gebunden hatte, löste mechanisch den Knoten, legte die Serviette neben sich und
sagte: »Nun gut, wenn Sie befehlen; es gibt noch eine zweite Lesart, von der es
allerdings heißt, daß sie die richtigere sei. Der König ging mit Christine Munk,
die seine Gemahlin war und auch wieder nicht war, etwas, das in unsrer
Geschichte leider mehrfach vorkommt, im Schloßgarten spazieren, und mit den
beiden war Prinz Ulrich und Prinzessin Fritz-Anna, und als sie bis an diesen
Stein gekommen waren, setzten sie sich, um eine Plauderei zu haben.
    Und der König war so gnädig und liebenswürdig wie nie zuvor. Aber Christine
Munk, aus Gründen, die bis diesen Augenblick niemand weiß oder auch nur ahnen
kann (oder vielleicht auch hatte sie keine), schwieg in einem fort und sah so
sauertöpfisch und griesgrämig drein, daß es eine große Verlegenheit gab. Und was
das Schlimmste von der Sache war, diese Verstimmung Christinens hatte Dauer und
war noch nicht vorüber, als der Abend herankam und der König in das Schlafgemach
wollte. Da fand er die Tür verriegelt und verschlossen und mußte seine Ruh an
einer andern Stelle nehmen. Und da solches dem Könige vordem nie widerfahren
war, weil Christine nicht nur zu den bestgelaunten, sondern auch zu den
allerzärtlichsten Frauen gehörte, so beschloß der König diesen merkwürdigen
Ausnahmetag zu verewigen und ließ Namen und Jahreszahl in den Stein einmeißeln,
wo der rätselvolle eheliche Zwist seinen Anfang genommen hatte.«
    »Nun«, sagte die Prinzessin, »das ist freilich um einen Grad intrikater,
aber doch auch noch lange nicht dazu angetan, mich als Schreckgespenst der
Prüderie heraufzubeschwören, wie mein lieber Schleppegrell heute vormittag getan
zu haben scheint. Übrigens apropos Prüderie! Da habe ich gestern in einem
französischen Buche gefunden, Prüderie, wenn man nicht mehr jung und schön sei,
sei nichts als eine bis nach der Ernte noch stehengebliebene Vogelscheuche.
Nicht übel; die Franzosen verstehen sich auf dergleichen. Was aber, um unser
Thema nicht zu vergessen, die Geschichte vom König Christian und seinem
Ausgeschlossensein angeht, so wünschte ich wohl, all unsere Königs- und
Prinzengeschichten, die jetzt nur das Gegenteil davon kennen, wiesen eine
ähnliche Harmlosigkeit auf, ein Wunsch, in dem mir Graf Holk sicherlich
zustimmen wird. Sagen Sie, Graf, wie finden Sie die Geschichte?«
    »Die Wahrheit zu gestehen, gnädigste Prinzessin, ich finde die Geschichte zu
kleinen Stils und überhaupt etwas zu wenig.«
    »Zu wenig«, wiederholte Ebba. »Da möcht ich doch widersprechen dürfen. Das
mit der samstäglichen Lohnauszahlung, das war zu wenig, aber nicht dies. Eine
Frau, die griesgrämig und sauertöpfisch dreinsieht, ist nie wenig, und wenn ihre
schlechte Laune so weit geht, ihren Eheherrn von ihrer Kammer auszuschließen
(ich bedaure, diesen Punkt berühren zu müssen, aber die Historie verlangt
Wahrheit und nicht Verschleierungen), so ist das vollends nicht wenig. Ich rufe
meine gnädigste Prinzessin zum Zeugen auf und flüchte mich unter ihren Schutz.
Aber so sind die Herren von heutzutage; König Christian läßt das Ereignis in
Stein eingraben, als eine merkwürdige Sache, die zu den fernsten Zeiten sprechen
soll, und Graf Holk findet es wenig und zu kleinen Stils.«
    Holk sah sich in die Enge getrieben, und zugleich wahrnehmend, daß die
Prinzessin augenscheinlich in der Laune war, auf Ebbas Seite zu treten, fuhr er
unsicher hin und her und versicherte, während er abwechselnd einen ernsthaften
und dann wieder ironischen Ton anzuschlagen versuchte, daß man in solcher
Angelegenheit einen privaten und einen historischen Standpunkt durchaus
unterscheiden müsse; vom privaten Standpunkt aus sei solch »Ausgeschlossensein«
etwas tief Betrübliches und beinah Tragisches, ein ausgeschlossener König aber
sei ganz unstatthaft, ja dürfe gar nicht vorkommen, und wenn die Geschichte
dennoch dergleichen berichte, so begäbe sie sich eben ihrer Hoheit und Würde und
gerate in das hinein, was er wohl oder übel »kleinen Stil« genannt habe.
    »Er zieht sich gut heraus«, sagte die Prinzessin. »Nun, Ebba, führe deine
Sache weiter.«
    »Ja, gnädigste Prinzessin, das will ich auch, und wenn ich es als ein
deutsches Fräulein vielleicht nicht könnte, so kann ich es doch als eine reine
Skandinavin.«
    Alles erheiterte sich.
    »Als eine reine Skandinavin«, wiederholte Ebba, »natürlich
mütterlicherseits, was immer das Entscheidende ist; der Vater bedeutet nie viel.
Und nun also unsere These. Ja, was Graf Holk da sagt... nun ja, von seinem
schleswig-holsteinschen Standpunkt aus mag er recht haben mit seiner Vorliebe
für das Große. Denn sein Protest gegen den kleinen Stil bedeutet doch natürlich,
daß er den großen will. Aber was heißt großer Stil? Großer Stil heißt soviel wie
vorbeigehen an allem, was die Menschen eigentlich interessiert. Christine Munk
interessiert uns, und ihre Verstimmung interessiert uns, und was dieser
Verstimmung an jenem denkwürdigen Abend folgte, das interessiert uns noch viel
mehr...«
    »Und am meisten interessiert uns Fräulein Ebba in ihrer übermütigen
Laune...«
    »Von der ich in diesem Augenblicke vielleicht weniger habe als sonst. Soweit
ich ernsthaft sein kann, soweit bin ich es. Jedenfalls aber behaupte ich mit
jedem erdenklichen Grade von Ernst und Aufrichtigkeit und will in jeder
Mädchenpension darüber abstimmen lassen, daß König Heinrich VIII. mit seinen
sechs Frauen alle Konkurrenz großen Stils aus dem Felde schlägt, und nicht wegen
der paar Enthauptungen, die finden sich auch anderswo, sondern wegen der
intrikaten Kleinigkeiten, die diesen Enthauptungen vorausgingen. Und nach
Heinrich VIII. kommt Maria Stuart, und nach ihr kommt Frankreich mit seiner
Fülle der Gesichte, von Agnes Sorel an bis auf die Pompadour und Dubarry, und
dann kommt Deutschland noch lange nicht. Und als allerletztes kommt Preußen,
Preußen mit seinem großen Manko auf diesem Gebiet, mit dem es auch
zusammenhängt, daß einige Schriftstellerinnen von Genie dem großen Friedrich ein
halbes Dutzend Liebesabenteuer angedichtet haben, alles nur, weil sie ganz
richtig fühlten, daß es ohne dergleichen eigentlich nicht geht.«
    Pentz nickte zustimmend, während Holk den Kopf hin und her wiegte.
    »Sie drücken Zweifel aus, Graf, vor allem vielleicht einen Zweifel an meiner
Überzeugung. Aber es ist, wie ich sage. Großer Stil! Bah, ich weiß wohl, die
Menschen sollen tugendhaft sein, aber sie sind es nicht, und da, wo man sich
drin ergibt, sieht es im ganzen genommen besser aus als da, wo man die Moral
bloß zur Schau stellt. Leichtes Leben verdirbt die Sitten, aber die
Tugendkomödie verdirbt den ganzen Menschen.«
    Und als sie so sprach, fiel aus einem der die Tafel umstehenden
Tannenbäumchen ein Wachsengel nieder, just da, wo Pentz saß. Der nahm ihn auf
und sagte: »Ein gefallener Engel; es geschehen Zeichen und Wunder. Wer es wohl
sein mag?«
    »Ich nicht«, lachte Ebba.
    »Nein«, bestätigte Pentz, und der Ton, in dem es geschah, machte, daß sich
Ebba verfärbte. Aber ehe sie den Übeltäter dafür abstrafen konnte, ward es
hinter der Tannen- und Zypressenwand wie von trippelnden Füßen lebendig.
Zugleich wurden Anordnungen laut, wenn auch nur mit leiser Stimme gegeben, und
alsbald intonierten Kinderstimmen ein Lied, und ein paar von Schleppegrell zu
dieser Weihnachtsvorfeier gedichtete Strophen klangen durch die Halle.
 
»Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.
 
Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.
 
Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.«
 

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel

Die kleine Weihnachtsvorfeier, die mit einem Geplauder am Kamin (Grundtvig war
das Hauptthema gewesen) abgeschlossen hatte, hatte sich bis Dunkelwerden
hingezogen, und die sechste Stunde war schon vorüber, als man aufbrach, nachdem
sich die Prinzessin kurz vorher in ihre Gemächer zurückgezogen. Holk begleitete
wieder das Schleppegrellsche Paar, diesmal aber bis in die Stadt selbst hinein,
und kehrte erst, nachdem er zugesagt hatte, bei nächster freier Zeit einen
Besuch im Pfarrhause machen und daselbst Schleppegrells Sammlungen besichtigen
zu wollen, in sein Turmzimmer zurück, um hier, im Laufe des Abends, verschiedene
Briefe zu schreiben, an Asta, an Axel, an die Dobschütz. Von dieser letzteren
waren am voraufgegangenen Tage, fast unmittelbar vor Aufbruch des prinzeßlichen
Hofes nach Frederiksborg, einige Zeilen eingetroffen, in denen ihm mitgeteilt
wurde, daß Christine nicht schreiben könne, weil sie krank sei. Daß diese
Mitteilung einen großen Eindruck auf ihn gemacht hätte, konnte nicht behauptet
werden. Er kannte seiner Frau Wahrheitsliebe, trotzdem sagte er: »Sie wird
verstimmt sein, und das heißt dann Krankheit. Wenn man will, ist man immer krank
und erfreut sich des Vorzugs, jede Laune rechtfertigen zu können.«
 
Der andere Morgen führte wieder einen klaren und wolkenlosen Tag herauf; kein
Wind ging, und Holk, der sich in der Mittagsstunde zum Dienst zu melden hatte,
saß in Nähe des Fensters und sah nach dem Hilleröder Kirchturm hinüber, dessen
Wetterhahn in der Sonne blitzte; still lagen die Häuser da, die Dächer blink und
blank, und wäre nicht der Rauch gewesen, der aus den hohen Topfschornsteinen
aufstieg, so hätte man glauben können, es sei eine verwunschene Stadt. Nirgends
Menschen. »In solcher Stille zu leben«, sprach er vor sich hin, »welch Glück!«
Und als er sich dann vergegenwärtigte, daß Holkenäs dieselbe Stille habe, setzte
er hinzu: »Ja, dieselbe Stille, aber nicht denselben Frieden. Wie beneidenswert
dieser Pastor! Er hat seine Gemeinde, seine Steingräber und seine Moorfunde, den
Herluf Trolle ganz ungerechnet, und läßt die Welt draußen ihren Gang gehen.
Hilleröd ist seine Welt. Freilich, wer will sagen, was in ihm vorgeht? Er
scheint so ruhig und abgeklärt, so ganz in Frieden, aber ist er's? Wenn es wahr
ist, daß drei Prinzessinnen hintereinanderweg, oder vielleicht auch a tempo,
sich in ihn verliebten, so will mir solch Idyll, als Ausgang von dem allem, doch
als ein fragliches Glück erscheinen. Eine Prinzessin zu heiraten ist freilich
ein noch viel fraglicheres, aber wenn man's klug unterläßt und als einzigen Lohn
seiner Klugheit nichts hat als solche Hilleröder Kleinstädterei, so muß einem
doch immer so was wie Sehnsucht bleiben. Eine prächtige Frau, diese kleine dicke
Kugel von Pastorin, aber ganz unangetan, einen Mann wie Schleppegrell seine
Vergangenheit vergessen zu machen. Zuletzt hat doch jeder seine Eitelkeit, und
Pastoren sollen in diesem Punkte nicht gerade die letzten sein.«
    Er phantasierte noch eine Weile so weiter und ging bei der Gelegenheit noch
einmal alles durch, was ihm der gestrige Tag, abgesehen von der kleinen
Festlichkeit bei der Prinzessin, an Bildern und Erlebnissen gebracht hatte: den
Spaziergang auf Fredensborg zu, das flache Fährboot mit seinem ausgespannten
Seil, daran man sich über den Parkgraben ans andere Ufer zog, den wundervollen
Blick auf die Rückseite des Schlosses mit seinem Steildach und seinen Türmen und
endlich den Muldenstein und das Gespräch mit Ebba. »Ebba spricht doch nicht
liebevoll genug von der Prinzessin und ist mir darin wieder ein rechter Beweis,
wie schlecht sich Esprit und Dankbarkeit vertragen. Ist ihr etwas Pikantes auf
der Zunge, so muß es heraus, und die Pietät wird zu Grabe geläutet. Die
Stockholmer Geschichte... nun, von der will ich nicht reden, die mag auf sich
beruhen, wiewohl auch da viel Grund zur Dankbarkeit vorliegen mag; aber auch
jetzt noch, alles, was die Prinzessin sagt oder tut, ist eine Verwöhnung, und
Ebba nimmt es hin, nicht bloß als selbstverständlich, sondern als wäre sie der
Prinzessin überlegen. Und das ist sie nicht, die Prinzessin ist nur von einer
schlichteren Ausdrucksweise. Wie gut war das alles wieder, was sie gestern, aus
der Fülle der Erfahrung, über den alten Grundtvig sagte, wobei mir einfällt, daß
ich daraus eine gute Nachschrift für meinen Brief an die Dobschütz machen
könnte. Der Brief ist ohnehin etwas mager ausgefallen.«
    Und während er das sagte, nahm er seinen Platz an dem rechts neben dem
Fenster stehenden Schreibtisch und schrieb auf die noch leer gebliebene Seite:
»Noch eine kleine Nachschrift, meine liebe Dobschütz. Unter unseren gestrigen
Gesprächen bei der Prinzessin war auch eins über Grundtvig. Schleppegrell hatte
nicht übel Lust, einen halben Heiligen aus ihm zu machen, worin ihn, natürlich
ironisch, Pentz und die Rosenberg unterstützten. Die Prinzessin aber nahm die
Sache ganz ernsthaft, fast so ernsthaft wie Schleppegrell, und sagte: Grundtvig
ist ein bedeutender Mann und so recht angetan, ein Dänenstolz zu sein. Aber
einen Fehler hat er doch, er muß immer etwas Apartes haben und sich von dem Rest
der Menschheit, auch selbst der dänischen, unterscheiden, und wiewohl ihm
nachgesagt wird, er stelle Dänemark so hoch, daß er ganz ernsthaft glaube, der
liebe Gott spräche dänisch, so bin ich doch sicher, daß er von dem Tag an, wo
dies ganz allgemein feststände, mit allem Nachdruck behaupten und beweisen
würde: der liebe Gott spräche preußisch. Grundtvig kann nicht ertragen, mit
irgend jemandem in Übereinstimmung zu sein. Hieraus, liebe Dobschütz, spricht
ganz und gar der Ton unserer Tisch- und Abendunterhaltungen, und ich füge diese
kleine Geschichte meinem Briefe mit allem Vorbedacht hinzu, weil ich weiß, wie
sich Christine für Pastoralanekdoten und theologische Streitigkeiten
interessiert. Und die Frage nach der Intimsprache Gottes kann vielleicht dafür
gelten. Nochmals die herzlichsten Grüße. An Christine schreibe ich morgen, wenn
auch nur einige Zeilen.«
    Er couvertierte nun diesen Brief an die Dobschütz, zugleich die beiden
andern an Asta und Axel und war eben damit fertig, als es klopfte. »Herein.«
Aber das Klopfen wiederholte sich nur, so daß Holk aufstand, um zu sehen, was es
sei. Draußen stand Karin, die verlegen vor sich hin sah, trotzdem Verlegenheit
zu den letzten ihrer Eigenschaften zählte. Sie behändigte Holk einige Zeitungen
und Briefe, die der Postbote, der sehr eilig gewesen, um Zeitersparnisses willen
unten beim gnädigen Fräulein mit abgegeben habe. Das gnädige Fräulein lasse sich
dem Herrn Grafen empfehlen und habe vor, mit Baron Pentz einen Spaziergang zu
dem »Stein« im Park zu machen - der Herr Graf wüßten schon, bis zu welchem
Stein. Holk lächelte, ließ sich entschuldigen und nahm dann seinen Platz wieder
ein, um zu sehen, was die neueste Post gebracht habe. Die Zeitungen, die bei der
momentan herrschenden politischen Windstille wenig versprachen, schob er
beiseite und musterte dabei schon die Handschriften der eingetroffenen Briefe.
Sie ließen sich alle leicht erkennen; das war die des alten Petersen, das die
seines Gärtners und diese hier die Handschrift Arnes, seines Schwagers. Der
Poststempel »Arnewiek« bestätigte nur.
    »Von Alfred? Was will er? Er faßt doch sonst die Machtvollkommenheiten
seiner Majordomusschaft weitgehend genug auf, um mich durch Anfragen nicht groß
zu stören. Und ein wahres Glück, daß er so verfährt und überhaupt so ist, wie er
ist. Ich habe nicht Lust, mich hier um Wollpreise zu kümmern oder um die Frage,
wieviel Fetthämmel nach England verladen werden sollen. Das ist seine Sache
beziehungsweise Christinens, und beide verstehen es außerdem viel besser als
ich; die Arnes waren immer Agrikulturgrößen, was ich von den Holks eigentlich
nicht sagen kann; ich meinerseits habe immer nur den Anlauf dazu genommen. Also
was will er? Aber wozu mir den Kopf mit Vermutungen zerbrechen.« Und dabei nahm
er den Brief und schnitt ihn mit einem kleinen Elfenbeinmesser auf, aber
langsam, denn er stand unter einem Vorgefühl, daß ihm der Brief nicht viel
Erfreuliches bringen werde.
    Und nun las er:
 
»Lieber Holk! Ich unterlasse es, wie Du weißt, grundsätzlich, Dir, in Deinen
Kopenhagener Tagen, mit wirtschaftlichen Angelegenheiten aus Holkenäs
beschwerlich zu fallen. Es war auch bisher nie nötig, da Dein liebenswürdiger
Charakter es leicht macht, an Deiner Stelle zu regieren; Du hast nicht bloß die
glückliche Gabe, mit dem, was andre tun, einverstanden zu sein, sondern die noch
glücklichere, wenn der Ausnahmefall mal eintritt, fünf gerade sein zu lassen.
Und um es gleich vorweg zu sagen, ich schreibe Dir auch heute nicht um
pressanter wirtschaftlicher Dinge willen und habe noch weniger vor, ganz
allgemein auf meine Lieblingspläne zurückzukommen, die, wie Du weißt, dahin
gehen: lieber Shorthorns als Oldenburger (die Milchwirtschaft hat sich überlebt)
und lieber Southdowns als Rambouillet. Was soll uns noch die Wollproduktion? Ein
längst überwundener Standpunkt, der für die Lüneburger Heide passen mag, aber
nicht für uns. Der Londoner Cattle-Market, der allein ist es, der für Güter wie
die unsrigen in Betracht kommt. Meat, meat! Aber nichts mehr davon. Ich schreibe
Dir wegen wichtigerer Dinge, wegen Christine. Christine, wie Dir die Dobschütz
schon mitgeteilt haben wird, ist leidend, ernst und nicht ernst, wie Du's nehmen
willst. Sie braucht weder nach Karlsbad noch nach Nizza geschickt zu werden,
aber doch ist sie krank, krank im Gemüt. Und daran, lieber Holk, bist Du schuld.
Was sind das für Briefe, die Du nun schon seit sechs Wochen schreibst oder, fast
ließe sich sagen, auch nicht schreibst. Ich verstehe Dich nicht, und wenn ich
Dir, von Anbeginn unserer Freundschaft an, immer vorgeworfen habe: Du kenntest
die Frauen nicht, so muß ich jetzt alles Scherzhafte, was sich früher bei dieser
Bemerkung mit einmischte, daraus streichen und Dir im bittersten Ernste sagen:
Du verstehst die Frauen wirklich nicht, am wenigsten aber Deine eigene, meine
teure Christine. Unsere teure Christine wage ich, bei der Haltung, die Du
zeigst, kaum noch zu sagen. Ich sehe nun freilich deutlich, wie Du hier
ungeduldig wirst und nicht übel Lust hast, gerade mich als den Anstifter und
Begründer all der Behandlungssonderbarkeiten zu verklagen, in denen Du Dich seit
Deiner Abreise von Holkenäs mit ebensoviel Virtuosität wie Konsequenz ergehst.
Und wenn Du Dich mir und meinen früheren Ratschlägen gegenüber durchaus auf
Deinen Schein stellen willst, so kann ich Dir ein bestimmtes Recht dazu nicht
absprechen. Ja, es ist richtig, ich habe Dir mehr als einmal zu dem Wege
geraten, den Du nun eingeschlagen hast. Aber, mein lieber Schwager, muß ich Dir
zurufen: est modus in rebus? Muß ich Dich darauf aufmerksam machen, daß in all
unserem Tun das Maß entscheidet und daß der klügste Rat, Pardon, daß ich den
meinigen darunter zu verstehen scheine, sicherlich in sein Gegenteil verkehrt
wird, wenn der, der ihn befolgt, das richtige Maß nicht hält und den Bogen
einfach überspannt? Und das hast Du getan und tust es noch. Ich habe Dich
beschworen, Christinens Eigenwillen gegenüber auf der Hut zu sein und ihrem
Herrschergelüste, das sich hinter ihrer Kirchlichkeit verbirgt und zugleich
immer neue Kraft daraus saugt, energisch entgegenzutreten, und ich habe Dir, so
ganz nebenher, auch wohl den Rat gegeben, es mit Eifersucht zu versuchen und in
Deiner Frau, meiner geliebten Schwester, die Vorstellung zu wecken: auch der
sicherste Besitz sei nicht unerschütterlich sicher und auch der beste Mann könne
seine schwache Stunde haben. Ja, lieber Holk, in diesem Sinne habe ich zu Dir
gesprochen, nicht leichtfertig, sondern, wenn mir der Ausdruck gestattet ist,
aus einer gewissen pädagogischen Erwägung, und ich bedaure nichts davon und habe
auch nicht nötig, irgendwas davon zurückzunehmen. Aber was hast Du nun in
Anwendung dieser, glaub ich, richtigen Sätze tatsächlich daraus gemacht? Aus
Prickeleien, die vielleicht gut gewesen wären, sind Verletzungen, aus
Nadelstichen sind giftige Pfeile geworden, und, was schlimmer ist als alles, an
die Stelle einer gewissen Zurückhaltung, der man den Kampf und die Mühe der
Durchführung hätte ansehen müssen, an die Stelle solcher Zurückhaltung ist
Nüchternheit getreten und ein nicht immer glückliches, weil forciertes
Bestreben, diese Nüchternheit hinter Stadtklatsch- und Hofklatschgeschichten zu
verbergen. Ich habe Deine Briefe gelesen - es waren ihrer nicht allzuviel, und
keinen einzigen traf der Vorwurf, zu lang gewesen zu sein -, aber die Hälfte
dieser wenigen beschäftigt sich mit der märchenhaften Schönheit der doch
mindestens etwas sonderbaren Frau Brigitte Hansen und die zweite Hälfte mit den
Geistreichigkeiten des ebenfalls etwas sonderbaren Fräulein Ebba von Rosenberg.
Für Deine Frau, Deine Kinder hast Du während dieser langen Zeit keine zwanzig
Zeilen gehabt, immer nur Fragen, denen man abfühlte, daß sie nach Antwort nicht
sonderlich begierig waren. Ich glaube, lieber Holk, daß es genügt, Dich auf all
das einfach aufmerksam gemacht zu haben. Du bist zu gerecht, um Dich gegen das
Recht der hier vorgebrachten Klage zu verschließen, und bist zu gütigen und
edlen Herzens, um, wenn Du das Recht dieser Klage zugestanden hast, nicht auf
der Stelle für Abhülfe zu sorgen. Die Stunde, wo solcher Brief auf Holkenäs
eintrifft, wird zugleich die Stunde von Christinens Genesung sein; laß mich
hoffen, daß sie nahe liegt. Wie immer Dein Dir treu und herzlich ergebener
Schwager
                                                                    Alfred Arne«
 
Holk war so getroffen von dem Inhalt dieses Briefes, daß er darauf verzichtete,
die beiden andern zu lesen. Petersen schrieb vielleicht ähnliches. Zudem war die
Stunde da, wo er bei der Prinzessin erscheinen mußte, vor der er ohnehin
fürchtete seine Erregung nicht recht verbergen zu können. Und er wäre auch
wirklich damit gescheitert, wenn bei seinem Erscheinen alles wie sonst und die
Prinzessin bei freiem Blick gewesen wäre. Dies war aber nicht der Fall, weil der
Prinzessin selber inzwischen ein Brief zugegangen war, der ihr Gemüt
gefangennahm und ihr die Fähigkeit raubte, sich um Holks Benommenheit zu
kümmern.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel

 
Der bei der Prinzessin eingetroffene Brief war ein Brief des Kammerherrn Baron
Blixen-Finecke und lautete:
 
    »Eurer Königl. Hoheit in aller Eile die gehorsamste Mitteilung, daß Se.
Majestät der König, der heute noch von Glücksburg nach Kopenhagen zurückkehrt,
mit der Absicht umgeht, die nächsten Wochen in Schloß Frederiksborg zu
verbringen, wahrscheinlich bis Neujahr; jedenfalls gedenkt er das Weihnachtsfest
daselbst zu feiern. Es werden ihn nur wenige Personen aus seiner nächsten
Umgebung begleiten: Oberst du Plat vielleicht, Kapitän Westergaard und Kapitän
Lundbye gewiß. Ich hielt es für angezeigt, Eure Königl. Hoheit von diesem
Entschlusse Sr. Majestät in Kenntnis zu setzen.
                                             Eurer Königl. Hoheit untertänigster
                                                                 Blixen-Finecke«
 
Der erste Gedanke nach Lesung dieser Zeilen war gewesen, das Feld zu räumen und
noch vor Eintreffen des Königs, also womöglich noch vor Ablauf der nächsten
vierundzwanzig Stunden, nach Kopenhagen zurückzukehren. War der König erst da,
so war solcher Rückzug, wenn nicht unmöglich, so doch sehr erschwert, weil, bei
den persönlich guten Beziehungen zwischen Neffen und Tante, zu klar zutage
getreten wäre, daß die Prinzessin nur vermeiden wolle, mit der von ihr gehaßten
Gräfin Danner unter einem Dache zu sein. Also rasches Entschließen war
unerläßlich und »Abreise oder nicht« die Frage, die den um die Prinzessin
versammelten Kreis beschäftigte, vor allem Ebba, die mehr Hoffnungen als
Befürchtungen an die Möglichkeit einer raschen Rückkehr knüpfte. Denn einen so
fein ausgebildeten Natursinn sie hatte und so gut ihr Schleppegrell, trotz
gelegentlicher Auflehnung gegen ihn und seine ewige Altertümlerei, gefiel, so
war ihr alles in allem die Hauptstadt, wo man die Neuigkeiten sechs Stunden
früher und außerdem abends eine Theaterloge hatte, doch um ein erhebliches
lieber. Die große Frederiksborger Halle war in ihrer Art ein Prachtstück, gewiß,
und wenn die Lichter und Schatten an Wand und Decke hinliefen, so hatte das
seine Romantik und seinen kleinen Schauer; aber man konnte doch nicht sechs
Stunden lang, von Dunkelwerden bis Schlafenszeit, mit immer gleichem Interesse
nach Herluf Trolle hinüberblicken und noch weniger auf die große Seeschlacht und
den in die Luft fliegenden »Makellos«.
    Ja, die Rückkehr, wenn die Entscheidung bei Ebba gelegen hätte, wäre rasch
beschlossen worden; die Prinzessin aber, die schon aus Aberglauben von einem
Platze nicht gern fort wollte, den sie sich durch Jahrzehnte hin als ihren
Weihnachtsplatz anzusehen gewöhnt hatte, verharrte, ganz gegen ihren sonstigen
Charakter, in einer gewissen Unschlüssigkeit und war froh, als Holk bemerkte:
»Verzeihung, Königliche Hoheit, aber steht es denn überhaupt fest, daß die
Gräfin den König begleiten wird? Seine Majestät, soviel ich weiß, ist voll
Rücksicht gegen Eure Königliche Hoheit und kennt nicht nur Dero Gefühle, sondern
respektiert sie auch. Er läßt sich dadurch in seiner Neigung nicht beirren und
kann auch nicht, wenn das Volk recht hat, das an eine Art Hexenzauber glaubt,
worin ihn die Danner eingesponnen; aber er kann in seiner Neigung durchaus
beharren und die Gräfin doch drüben in Skodsborg belassen. Er besucht sie dann
jeden Tag, was ihm vielleicht noch besser behagt, als sie von Morgen bis Abend
um sich zu haben. Denn jede Stunde sie mit Liebesaugen anzusehen, wenn es solche
Zeiten überhaupt für ihn gegeben hat - das sind doch wohl Tempi passati.«
    »Wer weiß«, lachte die Prinzessin. »Sie sehen, lieber Holk, in dem
Behextsein etwas wie etwa das intermittierende Fieber und glauben an freie Tage.
Das leuchtet mir aber nicht ein. Ein richtiger Zauber pausiert nicht und setzt
nicht aus. Gib mir übrigens, liebe Ebba, noch einmal Blixen-Fineckes Brief
herüber; ich will genau lesen, was er schreibt. Er ist der Mann des vorsichtigen
Ausdrucks.«
    Ebba brachte den Brief, und die Prinzessin las: »... es werden ihn nur
wenige Personen aus seiner nächsten Umgebung begleiten, Oberst du Plat
vielleicht, Kapitän Westergaard und Kapitän Lundbye gewiß... Holk hat recht;
Blixen-Finecke weiß zu gut, wie wir stehen, als daß er nicht wenigstens eine
Andeutung gemacht haben sollte. Die Gräfin kommt nicht, und mit meinem Neffen
weiß ich mich gut zu stellen. Er ist eine Seele, gütig, der beste Mensch von der
Welt. Jedenfalls brauchen wir nicht heute schon an Abreise zu denken. Aller
Wahrscheinlichkeit nach wird auch Berling noch schreiben, und der wird sich
weniger diplomatisch ausdrücken als Finecke.«
 
Wirklich, am andern Tage kam ein Billet vom Kammerherrn Berling, das zunächst
die Bestätigung von dem noch bevorstehenden Eintreffen des Königs, zugleich
aber, hinsichtlich der Danner, vollkommene Beruhigung brachte. Die Gräfin werde
wieder, nach eigenem Wunsch, in Skodsborg Wohnung nehmen und daselbst die
Besuche des Königs empfangen. Damit war der Schwankezustand, in dem man sich
einen Tag lang befunden hatte, völlig beseitigt, und es stand fest, man blieb.
Aber auch wenn das Entgegengesetzte beschlossen worden wäre, so würde sich doch
der Ausführung dieses Beschlusses ein unübersteigliches Hindernis
entgegengestellt haben: die Prinzessin erkrankte. Der Charakter der Krankheit
blieb freilich unaufgeklärt, was es aber auch sein mochte (man hatte zuletzt von
einem versteckten, aber gutartigen Nervenfieber gesprochen), Doktor Bie von
Hilleröd sprach dreimal des Tages vor und nahm regelmäßig an dem für die
Personen des Hofstaates servierten Lunch und meist auch an den anderen
Tagesmahlzeiten teil. Doktor Bie war der Bruder der Frau Pastorin Schleppegrell,
mit der er die kleine Figur, das Embonpoint und die klugen, freundlichen Augen
gemein hatte, zugleich die Wohlgelittenheit bei der Prinzessin. Er trug einen
Bambus mit Goldknopf und eine goldene Brille, die er regelmäßig abnahm, wenn er
etwas sehen wollte, zählte den Puls laut, wie ein Klavierlehrer die Takte, und
plauderte gern von Island und Grönland, wo er vierzehn Jahre lang Schiffsarzt
gewesen war. Gegen die Residenzler war er im allgemeinen sehr eingenommen. »Es
ist in Kopenhagen Sitte geworden, über die Isländer zu lachen; aber ich nenne da
nur den Are Marson, der Amerika fünfhundert Jahr vor Kolumbus entdeckte, und
Erik den Roten und Ulf den Schieler und seine ganze Sippe, lauter Helden und
weise Männer - das alles waren Isländer, und ich beklage, daß Königliche Hoheit
die Insel nie besucht haben. Es ist ein ganz eigen Gefühl, ein Ei zu essen, das
im Geiser gekocht wurde, vielleicht in einem Augenblicke, wo die beiden
Feuerspeier dazu leuchteten. Daß die Isländer unsere Zeitungen um zwölf Monate
zu spät lesen, immer gerade die Nummern vom Jahre vorher, das ist alles eine
hochmütige Kopenhagener Einbildung; die Isländer schreiben sich ihre Zeitungen
selbst, können auch, denn jeden dritten Tag kommt ein englisches oder
amerikanisches Schiff, und wenn in Reykjavik ein Stiftsamtmann oder auch bloß
ein Sysselmann gewählt wird, so ist das geradeso interessant, wie wenn sich die
Kopenhagner einen neuen Burgemeister wählen. Ach, Königliche Hoheit, ich möchte
beinah sagen, es ist überhaupt kein Unterschied zwischen einem Dorf und einer
Residenz; überall wohnen Menschen und hassen und lieben sich, und ob eine
Sängerin eine Minute lang einen Triller schlägt oder ob ein Fiedler den dappren
Landsoldaten spielt, das macht keinen großen Unterschied, wenigstens mir nicht.«
Bei solchen Betrachtungen war er der heitersten Zustimmung der Prinzessin
allemal sicher, und wenn Pentz und Ebba fragten: »ob Königliche Hoheit nicht
doch vielleicht Ihren Leibarzt, Doktor Wilkins, beföhlen, der ohnehin nichts zu
tun habe und dann und wann daran erinnert werden müsse, daß er sein Gehalt
eigentlich doch bloß für eine Sinekure bezöge«, so lehnte die Prinzessin dies ab
und sagte: »Nein, am Sterben bin ich noch nicht. Und wenn ich am Sterben wäre,
so würde mich Doktor Wilkins, der alles liest, aber nicht viel weiß, auch nicht
zurückhalten können. Was irgend ein Mensch für mich tun kann, das tut Bie für
mich, und wenn ich ihm eine halbe Stunde zugehört und während seiner Erzählungen
im Rentierschlitten mit ihm gesessen oder wohl gar bei Missionar Dahlström eine
rote Grütze mit ihm gegessen habe, so habe ich bei solcher Gelegenheit allemal
das gehabt, was man die heilsame Gegenwart des Arztes nennt; medico praesente,
so heißt es ja wohl, da ruht die Krankheit. Nein, Bie muß bleiben. Und was würde
seine Schwester zu solcher Kränkung sagen, die gute kleine Pastorin, die ihn für
so berühmt hält wie Boerhaave und ganz aufrichtig denkt, daß man die alte
Geschichte wiederbeleben und mit voller Sicherheit des Eintreffens vom Nord-
oder Südpol aus an ihn schreiben könnte: An Dr. Bie in Europa.«
 
Die Krankheit der Prinzessin, so wenig gefährlich sie war, zog sich hin. Der
König, inzwischen eingetroffen, hatte mit den Personen seiner nächsten Umgebung
den linken Flügel bezogen und beschränkte sich, was die Prinzessin anging,
darauf, sich jeden Tag nach dem Befinden derselben erkundigen zu lassen. Sonst
wurde man seiner kaum gewahr, was teils mit seiner häufigen Anwesenheit drüben
in Skodsborg, teils mit seiner Lebensweise zusammenhing. Er liebte nun mal die
Vergnügungen im Freien. War nicht Hetzjagd, so war Pirschjagd, und war nicht
Dachsgraben, so war Graben nach Steinbetten und Moorfunden, ja mitunter war er
bis Vinderöd und Arreseedal hinüber, um von dort aus, wo seine Boote lagen, auf
dem großen Arre-See zu segeln.
    Holk, der die Kapitäne Westergaard und Lundbye noch von Schleswig und
Flensburg her, wo sie vorübergehend in Garnison gestanden hatten, gut kannte,
suchte den Verkehr mit ihnen zu erneuern, was auch gelang und ihm dann und wann
ein paar vergnügliche Plauderstunden eintrug; aber wenn er dann wieder allein
war und nach Holkenäs hinüberdachte, kam ihm ein Gefühl schwerer Verlegenheit
und Sorge. Das ging nicht so weiter. Die Korrespondenz zwischen ihm und
Christine stockte völlig; aber auch die Briefe von Petersen und Arne waren noch
unerledigt. Dieser letztere wenigstens mußte beantwortet werden (schon eine
Woche war seit seinem Empfange vergangen), wenn er's nicht auch mit dem noch
verderben wollte, der allezeit sein bester Freund und Berater und vielleicht nur
zu oft sein Anwalt in seinen früheren kleinen Kämpfen mit Christine gewesen war.
    Es war ein dienstfreier Tag, hell und klar, und Doktor Bie, von der
Prinzessin kommend, hatte bei ihm vorgesprochen und ihn durch Hilleröder
Stadtklatsch und kleine Doktorgeschichten in eine behagliche Stimmung versetzt.
Diese Stimmung wollte er nicht ungenutzt vorübergehen lassen; Stimmung war schon
der halbe Brief. Und was war es denn auch am Ende? Christine war eine Frau mit
weniger Vergnüglichkeit als wünschenswert und mit mehr Grundsätzen als nötig;
das war eine alte Geschichte, die von niemandem bestritten wurde, kaum von
Christine selbst. In diesem Sinne sprach er noch eine Weile vor sich hin, und
als er sich mehr und mehr in die Vorstellung hineingeredet hatte, daß alles,
genau betrachtet, eine bloß aufgebauschte Geschichte sei, weil ja doch
eigentlich nichts vorläge, nahm er schließlich seinen Platz am Schreibtisch und
schrieb:
 
»Lieber Arne! Sei herzlich bedankt für Deinen lieben Brief vom 23. v. M., um so
herzlicher, als ich, nach so vielen Beweisen Deiner freundschaftlichen Gefühle
für mich, sehr wohl weiß, daß Du, bei starker Hervorhebung Deiner Bedenken über
mein Tun und Lassen, nur der Vorstellung einer Pflicht gehorchtest. Aber, lieber
Arne, laß mich Dich fragen, lag eine solche Pflicht wirklich vor? Hast Du nicht,
um diesmal als Christinens Anwalt (sonst warst Du der meine) das Recht Deiner
Klientin gegen mich zu wahren, mich in ein Unrecht gesetzt, das gar nicht
existiert? Alles Anklagematerial gegen mich ist meinen eigenen Briefen
entnommen. Nun, diese Briefe liegen jetzt drüben in Holkenäs und sind mir nicht
mehr in jedem Einzelpunkt gegenwärtig, aber wenn ich ihren Inhalt aus dem
Gedächtnis rekapituliere, so kann ich nichts finden, was eine Beschuldigung
rechtfertigte. Da sind die Hansens, und da ist das Fräulein von Rosenberg, bei
deren Schilderung ich, wie ein englisches Sprüchwort sagt, mehr Petersilie an
das Hühnchen gelegt haben mag, als unbedingt nötig war; aber ein solches Zuviel
hätte mir entweder auf Unbefangenheit gedeutet werden müssen oder auf einen
Hang, das Ridiküle durch sich selber wirken zu lassen. Ich entsinne mich, in
einem meiner Briefe von einer halb märchenhaften Audienz der schönen Capitana
beim Kaiser von Siam und in einem andern von dem pikanten und allerdings etwas
freisinnigen Fräulein von Rosenberg als von einem David Straußschen Amanuensis
gesprochen zu haben, und nun frag ich Dich, lieber Arne, ob das Auslassungen
sind, die Christinens Empfindlichkeiten und im weitern Verlauf Deine brieflichen
Vorwürfe rechtfertigen. Ich sprach eben von meiner Unbefangenheit, die mir zum
Guten gedeutet werden müsse, will aber im Gegensatze dazu einräumen - und das
ist das einzige Zugeständnis, das ich machen kann -, daß mir in meiner
Korrespondenz mit Christine der richtige Ton schließlich verlorengegangen ist.
Von dem Augenblick an, wo man sich beargwohnt sieht, ist es schwer, in Ton und
Haltung korrekt zu bleiben, und um so schwerer, als es den Unschuldsgrad gar
nicht gibt, der einen, wenn erst mal Zweifel angeregt wurden, gegen Bedenken und
kleine Vorwürfe seiner selbst ein für allemal sicherstellte. Was wandelt uns
nicht alles an, was beschleicht uns nicht alles? Vieles, alles. Aber schon
Martin Luther, dies weiß ich aus der Traktätchenliteratur, die immer nur zu
fleißig in unser Haus kam, hat einmal ausgesprochen: Wir können nicht hindern,
daß die bösen Vögel über uns hinfliegen, wir können nur hindern, daß sie Nester
auf unserm Haupte bauen. Ja, Schwager, es bleibt dabei, Christine, so vieler
Tugenden sie sich rühmen darf, eine hat sie nicht, sie hat nicht die der Demut,
und genährt und großgezogen in der Vorstellung einer besonderen
Rechtgläubigkeit, von der sie beständig Heilswirkungen und Erleuchtungen
erwartet, kommt sie natürlich nicht auf den Gedanken, daß sie, gleich anderen,
auch irren könnte. Sie hat Asta nach Gnadenfrei gebracht und Axel nach Bunzlau,
das sind Taten, die Schwächen und Irrtümer ausschließen, Irrtümer, denen andere,
die statt nach Herrnhut nach Kopenhagen reisen, ein für allemal unterworfen
sind. Und nachdem ich so meine Verteidigung geführt und gegen den Schluß hin,
mehr, als mir lieb ist, die Rolle des Angeklagten mit der des Anklägers
vertauscht habe, verabschiede ich mich und lege meine Sache in Deine Hand,
vollkommen sicher darin, daß Deine Klugheit und vor allem auch die Liebe, die Du
gleichmäßig für mich wie für Christine hegst, alles zum Guten hinausführen wird.
Und damit Gott befohlen. Wie immer
                                               Dein Dir herzlich ergebener Holk«
 
Als er die Feder aus der Hand gelegt hatte, nahm er den Bogen und stellte sich
ans Fenster, um alles, Zeile für Zeile, noch einmal durchzusehen. Er fand
manches auszusetzen und murmelte, wenn ihm dies und das nicht zusagte, »fast so
doktrinär wie Christine«; der Schluß aber von der »besonderen Rechtgläubigkeit«
gefiel ihm und mehr noch die Stelle von der »eingebüßten Unbefangenheit«,
eingebüßt, »weil es, sobald man erst unter Anklage stehe, keinen Unschuldsgrad
gäbe, da einen gegen Zweifel und gelegentliche Selbstvorwürfe sicherstelle«.
    Sein Auge weilte wie gebannt darauf, bis zuletzt die Befriedigung darüber
hinschwand und ihn nichts mehr daraus ansah als das Bekenntnis seiner Schuld.

                           Fünfundzwanzigstes Kapitel

 
Die schönen Tage, die, seinem Ruf zum Trotz, fast den ganzen November über
angedauert hatten, schlossen mit dem Monatswechsel ab, und heftige
Nordweststürme setzten ein, nur dann und wann von Regenschauern unterbrochen,
die freilich oft schon nach wenig Stunden einem neuen Nordwester Platz machten.
Dieser Wetterumschlag änderte natürlich auch das Leben im Schloß; alle
Spaziergänge, die sich nicht selten bis Fredensborg und südlich bis Lilleröd
ausgedehnt hatten, hörten auf, und an die Stelle der halb dienstlichen
Vereinigungen in der großen Herluf-Trolle-Halle traten jetzt kleine Reunions,
die sich zwischen »hüben und drüben« oder, was dasselbe sagen wollte, zwischen
den beiden Türmen teilten und an einem Abend bei der einen, am andern bei der
anderen der beiden Hofdamen stattfanden. Die Prinzessin hatte dies eigens so
gewünscht, und die Schimmelmann, so steif und zeremoniell sie sonst sein mochte,
war als Wirtin von großer Liebenswürdigkeit, so daß ihre »Abende« mit denen
Ebbas wetteifern durften. Die Zusammensetzung der Gesellschaft war immer
dieselbe: voran der Hofhalt der Prinzessin, dazu das Schleppegrellsche Paar und
die beiden Adjutanten des Königs, von denen Lundbye sich auf den Hof- und
Lebemann, Westergaard auf den Freisinnigen hin ausspielte, kleine
gesellschaftliche Nuancen, die den Reiz des Verkehrs mit ihnen nur noch
steigerten. Ja, man sah sich täglich, immer nur zwischen dem Links- und
Rechtsturm wechselnd, und wie die Zusammensetzung der Gesellschaft dieselbe war,
so war es auch die Form der Unterhaltung, die sich auf Lustspiele lesen und
Deklamation und, wenn es hoch kam, auf ein Stellen von Bildern beschränkte. Dann
und wann, schon um Pentz und der Schimmelmann willen, wurde auch eine
Whistpartie beliebt, die dann, nach dem Abendbrot, in ein kleines, sehr
harmloses Hazard überging. Ebba gewann immer, »weil sie«, wie sie sagte,
»Unglück in der Liebe habe«. Man war heiter bis zur Ausgelassenheit, und während
selbstverständlich über das ewige Sturm- und Regenwetter und mehr noch über die
nicht enden wollende Krankheit der Prinzessin geklagt wurde, gestand man sich
doch gleichzeitig, daß man diesem angeblichen Unglück all das Glück verdanke,
dessen man sich erfreute.
    So ging es bis den zweiten Advent; da schlug das Wetter abermals um, und mit
dem scharfen Nordost, der jetzt einsetzte, kam sofort auch bittre Kälte, die,
gleich in der ersten Nacht, alle Tümpel und Regenlachen und schon den Tag darauf
auch den kleinen Schloßsee mit Eis bedeckte. Dem Schloßsee folgte dann der
breite, nach Ost und West hin mit dem Esrom- und Arre-See Verbindung haltende
Parkgraben, und als abermals eine Woche später die Nachricht kam, daß auch die
großen Seen selbst, an ihren Ufern wenigstens, mit starkem Eise belegt seien,
wurde - nachdem Doktor Bie beschworen hatte, daß ein Ausflug bei blankem Wetter
genau das sei, was die von »Schloß-Malaria«, so war sein Ausdruck, herrührenden
Zustände der Prinzessin am ehesten beseitigen werde der nächste Tag schon für
eine Schlitten-beziehungsweise Schlittschuhpartie nach dem Arre-See hin
festgesetzt.
    Und nun war dieser Tag da, sonniger und frischer als alle voraufgegangenen,
und kurz vor zwei traf man sich an der uns wohlbekannten Stelle, wo jetzt die
Strickfähre eingefroren im Eise lag. Die, die sich daselbst zusammenfanden,
waren zunächst die Prinzessin selbst mit Holk und Ebba, dann Schleppegrell und
die beiden Adjutanten. Pentz fehlte, weil er zu alt, die Pastorin, weil sie zu
korpulent war, während sich Erichsen und die Schimmelmann dem ziemlich scharfen
Nordost, der ging, nicht aussetzen mochten. Aber auch diese vier hatten auf ein
bestimmtes Maß von Teilnahme nicht verzichten wollen und waren in eine
geschlossene Kutsche gestiegen, um, vorausfahrend, die wetterfestere Hälfte der
Gesellschaft in einem kleinen, dicht an der Einmündung des Parkgrabens in den
Arre-See gelegenen Gasthause zu erwarten.
    Neben der Fähre, die durch voraufgeschickte Dienerschaften in ein Empfangs-
und Unterkunftszelt verwandelt worden war, stand ein eleganter Stuhlschlitten,
und als die Prinzessin darin untergebracht und mit Hülfe von allerhand Pelzwerk
vor Erkältung geschützt worden war, handelte sich's für die begleitenden
Schlittschuhläufer nur noch um die Frage, wer die Führung übernehmen, und
zweitens, wer mit der Ehre, den Schlitten der Prinzessin über das Eis
hinzusteuern, betraut werden sollte. Rasch entschied man sich, daß
Schleppegrell, als Ortskundigster, den Zug zu führen, Holk aber den Schlitten
der Prinzessin zu steuern habe, während, dicht aufschließend, das Fräulein an
der Hand der beiden Offiziere folgen sollte. Nach dieser Anordnung wurde denn
auch wirklich aufgebrochen, und weil alle sehr geschickte Läufer, außerdem auch
die Kostüme gut und kleidsam gewählt waren, so war es eine Freude, den Zug über
die glatte Eisfläche hinschießen zu sehen. Am imponierendsten wirkte
Schleppegrell, der heute mehr einem heidnischen Wotan als einem christlichen
Apostel glich; sein Mantelkragen bauschte sich über dem Krempenhut hoch im
Winde, während er den Pikenstock, um die Schnelligkeit zu steigern, immer
kraftvoller ins Eis stieß. Die Prinzessin war erfreut und sprach es zu Holk auch
aus, ihren »Pfadfinder« so phantastisch vor sich herfahren zu sehen, aber ihr
Schönheitssinn, der ihr, trotz des ihr fehlenden Sinnes für Ordnung und Eleganz,
in hohem Maße zu eigen war, würde doch noch erfreuter gewesen sein, wenn sie,
gelegentlich rückwärts blickend, auch das Bild der ihr folgenden drei hätte vor
Augen haben können. Ebba, das Kleid geschürzt und in hohen Schlittschuhstiefeln,
trug eine schottische Mütze, deren Bänder im Winde flatterten, und jetzt rechts
dem einen und dann wieder links dem andern ihrer Partner die Hand reichend,
glich ihr Eislauf einer Tanztour, darin sie sich, trotz weitausholender
Seitenbewegungen, in wachsender Raschheit vorwärts bewegte. Der zurückzulegende
Weg war nicht viel kürzer als eine Meile, aber ehe noch eine halbe Stunde um
war, wurde man schon des hochgelegenen Gasthauses, daraus ein heller Rauch
aufstieg, ansichtig und dahinter der weiten Fläche des Arre-Sees, blinkend und
blitzend, soweit das Eis ging, und dann bläulich zitternd, wo der See, noch
eisfrei, dem Meere sich zudehnte.
    Schleppegrell, als er das Ziel vor Augen hatte, schwenkte triumphierend den
Pikenstock, und das ohnehin schon rasche Tempo womöglich noch beschleunigend,
war er in kürzester Frist bis an das Gasthaus heran, auf dessen vorgebauter
Treppe Pentz und die Schimmelmann und mit ihnen auch die kleine Pastorsfrau
schon standen und die Herankommenden mit Tücherwehen begrüßten. Nur Erichsen,
eine Schachtel Cachou in Händen, war, wie sich später ergab, in der Gaststube
zurückgeblieben. Holk, die eine Hand auf die Rücklehne des Schlittens gelegt,
lüpfte mit der andern den Hut, und im nächsten Augenblicke schon hielt er an
einem kleinen Wassersteg, dessen Bretterlage bis zu dem Gasthause hinauf sich
fortsetzte. Pentz, mittlerweile herangekommen, bot der Prinzessin seinen Arm, um
sie, während Schleppegrell und die beiden Kapitäne folgten, die Düne
hinaufzuführen, und nur Holk und Ebba standen noch an dem Wassersteg und sahen
erst den Voraufgehenden nach und dann einander an. In Holks Blick lag etwas wie
von Eifersucht, und als Ebbas Auge mit einem halb spöttischen »Ein jeder ist
seines Glückes Schmied« darauf zu antworten schien, ergriff er ungestüm ihre
Hand und wies nach Westen zu, weit hinaus, wo die Sonne sich neigte. Sie nickte
zustimmend und beinah übermütig, und nun flogen sie, wie wenn die Verwunderung
der Zurückbleibenden ihnen nur noch ein Sporn mehr sei, der Stelle zu, wo sich
der eisblinkende, mit seinen Ufern immer mehr zurücktretende Wasserarm in der
weiten Fläche des Arre-Sees verlor. Immer näher rückten sie der Gefahr, und
jetzt schien es in der Tat, als ob beide, quer über den nur noch wenig hundert
Schritte breiten Eisgürtel hinweg, in den offnen See hinauswollten; ihre Blicke
suchten einander und schienen zu fragen: »Soll es so sein?« Und die Antwort war
zum mindesten keine Verneinung. Aber im selben Augenblicke, wo sie die durch
eine Reihe kleiner Kiefern als letzte Sicherheitsgrenze bezeichnete Linie
passieren wollten, bog Holk mit rascher Wendung rechts und riß auch Ebba mit
sich herum.
    »Hier ist die Grenze, Ebba. Wollen wir drüber hinaus?« Ebba stieß den
Schlittschuh ins Eis und sagte: »Wer an zurück denkt, der will zurück. Und ich
bin's zufrieden. Erichsen und die Schimmelmann werden uns ohnehin erwarten - die
Prinzessin vielleicht nicht.«

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel

 
Eine Stunde nach Sonnenuntergang, als, um Pentz zu zitieren, Holk und Ebba von
ihrer »Eismeer-Expedition wieder in gesicherte Verhältnisse zurückgekehrt
waren«, trat man in einem geschützten und mit Decken wohlversehenen Char-à-banc,
der Platz für alle hatte, den Heimweg nach Frederiksborg an. Unterwegs wurde der
»romantischen Eskapade«, trotz der Gegenwart der beiden Flüchtlinge, mit
sichtlicher Vorliebe gedacht, und der Ton, in dem es geschah, ließ keinen
Zweifel darüber, daß man alles als etwas vergleichsweise Harmloses, als einen
bloßen Übermutsstreich ansah, zu dem Ebba den armen Holk gedrängt habe, der nun,
wohl oder übel, habe nachgeben müssen. In diesem Sinne sprachen die meisten, und
nur die Prinzessin konnte sich, ganz gegen ihre Gewohnheit, nicht entschließen,
in den heitren Ton mit einzustimmen, schwieg vielmehr, was, wenn auch sonst
niemandem, so doch den beiden Adjutanten auffiel, die sich bei diesem Schweigen
einiger schon vorher von seiten der Prinzessin gemachter, halb ängstlicher, halb
mißbilligender Bemerkungen erinnern mochten. »Ebba liebt mit der Gefahr zu
spielen«, so hatte das Gespräch drinnen im Gasthause begonnen, »und sie darf es
auch, weil sie ein Talent hat, ihren Kopf klug aus der Schlinge zu ziehen. Sie
wird wohl für alle Fälle einen Rettungsgürtel unter der Pelzjacke tragen. Aber
nicht jeder ist so klug und so vorsichtig und am wenigsten unser guter Holk.«
Dies alles war am Kaffeetische so halb scherzhaft hingesagt worden, während Holk
und Ebba noch draußen waren; aber hinter dem Scherze hatte sich offenbar ein
Ernst versteckt.
 
Gegen sechs war man im Schlosse zurück, und als man sich gleich darauf von der
Prinzessin, die noch immer die Abende allein zuzubringen liebte, getrennt hatte,
nahm man auch untereinander Abschied, aber allerdings unter dem gleichzeitigen
Zuruf: »Auf Wiedersehen heut abend.«
    »Und in welchem Turm?« fragten die beiden Kapitäne, die, Dienstes halber,
während der letzten Abende in dem kleinen Kreise gefehlt hatten.
    »Nun, im Ebba-Turm. Und nicht später als acht. Wer später kommt, zahlt
Strafe.«
    »Welche?«
    »Das findet sich.«
    Und danach ging jeder auf sein Zimmer, nachdem noch Schleppegrell
versprochen hatte, seinen Schwager, Doktor Bie, mitzubringen.
    Die beiden Schleppegrells und Bie, die den weitesten Weg hatten, waren
natürlich die Pünktlichsten und ersten und trafen, weil es inzwischen leise zu
schneien begonnen hatte, von kleinen Flocken überstäubt auf dem untern Turmflur
ein, von dem aus eine Wendeltreppe zunächst in Ebbas und dann höher hinauf in
Holks Zimmer führte. Was dann im dritten und vierten Stocke noch folgte, darum
hatte sich von allen Turmbewohnern bis dahin niemand gekümmert, nicht einmal
Karin, die sich's, seitdem es kalt geworden, nur noch angelegen sein ließ,
möglichst warm zu sitzen, erst um ihret- und zum zweiten um eines jungen
Gärtnerburschen willen, mit dem sie, gleich während der ersten vierundzwanzig
Stunden ihres Frederiksborger Aufenthalts, ein intimes Verhältnis angeknüpft
hatte. Sie war darin überaus erfahren, und Wärme, wie sie wußte, kam der Liebe
zustatten. Auch heute wieder hatte sie für eine rechte Behaglichkeit gesorgt,
und als sich die Hilleröder Gäste von der auf dem Flur herrschenden Temperatur
angeheimelt fühlten, sagte Doktor Bie, während er Karin die Hand patschelte:
»Das ist recht, Karin. Ihr schwedischen Mädel, ihr versteht es. Aber wie fängst
du's nur an, es hier auf dem Flur so warm zu haben? Es ist ja, daß man sich
gleich hier auf die Treppe setzen und den Abend bei dir zubringen möchte.«
    Schleppegrell, der die schiffsärztlichen Verkehrsformen seines Schwagers nur
zu gut kannte, warf diesem einen zu minderer Vertraulichkeit auffordernden Blick
zu, Karin aber, die sich mit jedem und nicht zum wenigsten mit alten
Schiffschirurgen auf einen guten Fuß zu stellen liebte, wies auf eine hinter dem
Treppenaufgang gelegene Wandstelle, die gerad in der Mitte zu glühen schien. Und
im Nähertreten sah unser Freund Bie denn auch, daß sich hier ein in die Wand
hineingebauter mächtiger Ofen befand, dessen Front natürlich in Karins Zimmer
ging, während die schmucklose, nur aus Backsteinen und einer großen Eisenplatte
hergestellte Hinterwand den ganzen Unterflur und mit ihm zugleich das halbe
Treppenhaus heizte. »Vorzüglich«, sagte Bie, »vorzüglich. Das werd ich bei der
Schloßverwaltung anregen und zur Nacheiferung empfehlen. Eiserner Ofen mit
sozusagen Doppelheizung, Flur und Stube zugleich. Drüben bei der Schimmelmann,
die freilich keine Karin zur Aushülfe hat, herrscht immer eine grimmige Kälte;
man friert Stein und Bein und die Schimmelmann natürlich mit. Und da soll man
dann helfen bei den ewigen Katarrhen, von erfrornen Händen und roter Nase gar
nicht zu sprechen. Ein Glück, daß die Danner nicht hier ist. Die hat freilich
ihren Leibarzt und, nicht zu vergessen, auch mehr natürliche Wärme. Sonst wäre
sie nicht die, die sie ist.«
    Schleppegrell war mit dem, was sein Schwager an baulichen
Verbesserungsvorschlägen vorbrachte, sichtlich uneinverstanden und sagte,
während alle drei jetzt die Treppe hinaufstiegen: »Ich bin ganz dagegen, Bie.
Laß die Türme genauso, wie sie sind.«
    »Ach«, lachte Bie. »Du hast wieder historische Bedenken. Ein Turm, in dem
man zweihundert Jahre lang gefroren hat, in dem muß weitergefroren werden. Das
nennt ihr dann Pietät, und die Pastoren haben vielleicht noch ein größeres Wort
dafür. Ich für meine Person, ich bin für warm sitzen.«
    »Ja«, sagte Schleppegrell, »das ist das Vorrecht aller Nordpolfahrer. Je
näher dem Nordpol, je mehr Ofenhocker. Und Schloßverwaltung, sagst du, da willst
du hingehen und die Neuerung anempfehlen. Nun, ich werde mitgehen, wenn du
gehst, und während du den Doppelofen, der noch dazu halb ein eiserner ist,
beantragst, werde ich beantragen, diesen einen aus der Wand herauszureißen. Es
ist der größte Leichtsinn. Und überall Tannäpfel und kienen Holz und die Dielen
und Verschläge so wurmstichig wie Pfeifenzunder.«
    Unter diesen Worten waren sie die Treppe hinauf und traten bei Ebba ein, wo
schon alles in festlicher Vorbereitung war: die Lampen und Lichter brannten, und
der bereits gedeckte Tisch war, so weit es ging, in die tiefe Fensternische
geschoben. Alles geräumig und übersichtlich. Aber ehe zehn Minuten um waren,
herrschte durch den ganzen Raum hin ein summendes Durcheinander, und ein
Überblick ermöglichte sich erst wieder, als die Mehrzahl an zwei rasch
zurechtgemachten Spieltischen Platz genommen hatte, links die Schimmelmann mit
Pentz und Lundbye, rechts die Pastorin mit Erichsen und Westergaard. Holk und
Bie, die gern mitgespielt und das Whist mit dem Strohmann zu einem richtigen
Whist erhoben hätten, mußten auf Mitspiel verzichten, weil Schleppegrell, den
man doch nicht allein lassen konnte, grundsätzlich keine Karte nahm. Nun war
freilich noch Ebba da; diese hatte sich aber, als Wirtin, jedem einzelnen auf
wenigstens Augenblicke zu widmen, und trotzdem der Tisch vorsorglich im voraus
gedeckt war, gab es doch noch vielerlei zu tun, und die Weisungen an Karin und
den zur Aushülfe mit herangezogenen Gärtner nahmen kein Ende.
    Holk und Bie, nachdem sie sich in den Verzicht gefunden, hatten sich
schließlich in eine Ecke zurückgezogen, die dicht neben der Alkovennische durch
einen vorspringenden Mauerpfeiler gebildet wurde. Hier war man denn auch bald in
einer intimen Unterhaltung, die der allzeit wißbegierige Holk natürlich nach
Island hinüberzuspielen wußte.
    »Wissen Sie, Doktor Bie, daß ich Sie wegen Ihres schiffsärztlichen
Aufenthalts da oben geradezu beneide, nicht wegen Skorbut und der Amputationen,
die ja dabei vorkommen sollen, aber doch wegen des Ethnographischen...«
    Bie, nur höherer Feldscher, der das Wort »ethnographisch« vielleicht noch
nie gehört, jedenfalls aber über seine Bedeutung nie nachgedacht hatte, schrak
etwas zusammen und hätte so ohne weitres nicht Red und Antwort stehen können;
der ganz in Fragelust aufgehende Holk aber sah nichts davon und fuhr fort: »Und
wenn uns Island bloß ein beliebiges Etwas wäre, das uns so eigentlich nichts
anginge, nun, so könnte man mit seinem Interesse zurückhalten; aber die Isländer
sind doch unsre halben Brüder und beten jeden Sonntag für König Friedrich
geradeso gut wie wir und vielleicht noch besser. Denn es sind ernste und fromme
Männer. Und wenn ich dann denke, daß man so in den Tag hineinlebt und gerade von
dem nichts weiß, von dem man recht eigentlich was wissen müßte, dann schäme ich
mich und mache mir beinah Vorwürfe. Was wäre, wie mir mein alter Pastor Petersen
drüben wohl hundert Male versichert hat, was wäre beispielsweise die ganze
germanischskandinavische Literatur, wenn wir den Snorre Sturleson, diesen Stolz
der Isländer, nicht gehabt hätten? Was wäre es mit der Edda und vielem andren?
Nichts wär es damit. Und nun frag ich Sie, Doktor Bie, sind Sie während Ihrer
isländischen Tage diesen Dingen als einem Etwas begegnet, das noch jeder kennt
und liebt und singt und sagt, die Frauen und Mädchen in den Spinnstuben und die
Männer, wenn sie auf den Robbenfang ziehen?«
    Schleppegrell, der all diese Fragen mit angehört hatte, wurde verlegen in
die Seele seines Schwagers hinein, Bie selbst aber hatte sich inzwischen erholt
und sagte mit gutem Humor: »Ja, das weiß eigentlich alles mein Schwager
Schleppegrell viel besser, der nicht da war; Personen, die nicht da waren,
wissen immer alles am besten. Ich weiß von den Isländern bloß, daß ihre Betten
besser sein könnten, trotzdem sie die Eidergans sozusagen vor der Tür haben. Und
die Federn sind auch wirklich gut, und man liegt auch warm darin, was da oben,
um recht und billig zu sein, doch immer die Hauptsache bleibt. Aber das Linnen,
das ist die schwache Seite. Daß die Fäden mitunter wie Bindfaden nebeneinander
liegen, nun, das möchte gehen; aber was die Engländer die cleanliness nennen,
damit hapert es. Man merkt zu sehr, daß es da mehr Eis als Wasser gibt und daß
die Wäscherinnen froh sind, wenn sie die Hände wieder in ihren Pelzhandschuhen
haben. Es ist kein Land der Reinlichkeiten, soviel ist zuzugeben. Aber einen
Lachs gibt es comme il faut. Und dann was das Getränk angeht! Einige denken bloß
immer an Isländisch Moos; nun, das gibt es auch, aber ich kann Ihnen versichern,
Herr Graf, einen besseren Whisky hab ich nirgends in der Welt gefunden, nicht in
Kopenhagen und nicht in London, und nicht einmal in Glasgow, wo doch das Feinste
davon zu Hause ist.«
    Das isländische Gespräch setzte sich noch eine Weile fort, und der anfangs
immer nur verlegen dreinschauende Schleppegrell hatte schließlich seine Freude
daran, Holks unausgesetzt auf das »Höhere« gerichtete Fragen von Bie geschickt
umgangen zu sehen. Ebba, von Zeit zu Zeit hinzutretend, lachte, wenn sie das
Gespräch immer noch auf dem alten Flecke fand, und wandte sich dann rasch wieder
den Spieltischen zu, wo sie mal zu Nutz und Frommen der Frau Pastorin und dann
wieder für die Schimmelmann die Strohmannkarten aufnahm und auf den Tisch legte,
bis der beständig in Verlust stehende Pentz dagegen protestierte. Nichts war
Ebba willkommner, und ihre Spieltisch-Gastrolle wieder aufgebend, machte sie
sich bei dem Kamin zu schaffen und schüttete Kohlen und Wacholdergezweig auf das
verlöschende Feuer, freilich immer nur wenig, weil die vielen Lichter, die
brannten, ohnehin dafür sorgten, daß von der draußen herrschenden Kälte nichts
fühlbar wurde. Zudem hatte der den Tag über herrschende Frost, seit den ersten
Flocken, die fielen, erheblich nachgelassen, und nur der Wind war stärker
geworden, was man wahrnehmen konnte, wenn die lächelnd und gewandt die Bedienung
machende Karin mit dem einen oder andern Tablett in die Tür trat.
    Nun aber war es zehn, das Spiel beendet, und während man, um Platz zu
schaffen, die Spieltische beiseite schob, wurde der nur an drei Seiten gedeckte
Eßtisch, weil niemand das Kaminfeuer im Rücken haben wollte, quer durch das
Zimmer gestellt. Die Schimmelmann hatte den Ehrenplatz in der Mitte der Tafel,
Holk und Pentz neben ihr; dann kamen, nach rechts und links hin, die vier andern
Herren, während die Pastorin und Ebba an den zwei Schmalseiten saßen, um von
hier aus den Tisch am besten überblicken und, wenn's not tat, wirtschaftlich
eingreifen zu können. Und war schon vorher die Stimmung eine gute gewesen, so
wuchs sie jetzt noch, wozu Doktor Bie durch seine nach den verschiedensten
Seiten hin gelegenen Tafelvorzüge das meiste beitrug. Er war nämlich nicht bloß
Geschichtenerzähler und Toast-Ausbringer, sondern vor allem auch ausgesprochener
Lachvirtuose, was ihn in den Stand setzte, nicht bloß seine eignen, sondern auch
andrer Leute Anekdoten mit wahren Lachsalven unkritischen Beifalls zu begleiten
und dadurch alle mit fortzureißen, auch solche, die gar nicht wußten, um was
sich's eigentlich handelte. Selbst die Schimmelmann hatte, zur Genugtuung aller,
ihre ganz unverkennbare Freude daran, was übrigens nicht ausschloß, daß nach
ihrem Rückzuge, der jedesmal um elf Uhr erfolgte, die Heiterkeit der Tafel eine
noch erhebliche Steigerung erfuhr. Zu dieser Steigerung wirkte freilich auch
noch ein andres mit, und dies andre war der schwedische Punsch, der nicht
regelmäßig, aber heute wenigstens in einer großen silbernen Bowle aufgetragen
wurde. Jeder war seines Lobes voll, am meisten Bie, der denn auch beim fünften
Glase, bei dem er verhältnismäßig rasch angelangt war, sich erhob, um unter
gnädiger Erlaubnis der Damen einen Toast auszubringen. »Ja, einen Toast, meine
Damen. Aber wem soll er gelten? Natürlich unsrer liebenswürdigen Wirtin, in der
unser schwedisches Brudervolk - wie wir ein Meervolk, ein Volk der See -
sozusagen seinen höchsten Ausdruck findet. Aus dem Meere, wie wir alle wissen,
ist die Schönheit geboren, aber aus dem Nordmeer auch der nordische Mut, der
schwedische Mut. Ich war nicht Zeuge von dem, was dieser Nachmittag von einem
solchen echten Nordlandsmut gesehen hat, aber ich habe davon gehört. Und am
Rande des Todes hinzuschweben, ein Fehltritt, und die Tiefe hat uns für immer,
das ist des Lebens höchster Reiz. Und dies Leben ist ein Nordlandsleben. Wo das
Eis beginnt, da hat das Herz seine höchste Flamme. Hoch Nordland und hoch seine
schöne, seine mutige Tochter!«
    Alle Gläser klangen zusammen, und die »Eskapade nach dem Arre-See«, wie sie
schon mehrfach an diesem Tage der Gegenstand scherzhafter Bemerkungen gewesen
war, wurd es aufs neue. Pentz, der weder Holk noch Ebba traute, gefiel sich in
Fortsetzung seiner Spöttereien und malte mit Behagen aus, was aus beiden
geworden wäre, wenn sich eine Eisscholle, mit einem Tannenbaum darauf, unter
ihnen losgelöst und sie aufs hohe Meer hinausgetragen hätte. Vielleicht wären
sie dann in Thule gelandet. Oder vielleicht auch nicht und hätten auf ihrer
Scholle nichts gehabt als den kleinen Weihnachtsbaum ohne Nuß und Marzipan. Und
Holk hätte sich dann getötet und sein Herzblut angeboten, unter Anklängen an den
unvermeidlichen Pelikan. In alten Zeiten wären solche Dinge vorgekommen.
    »In alten Zeiten«, lachte Ebba. »Ja, was ist in alten Zeiten nicht alles
vorgekommen! Ich habe nicht die Prätension, mich auf Geschichte hin
auszuspielen, das überlaß ich andern, und auf alte Geschichte nun schon gewiß
nicht; aber man braucht nur ein bißchen Trojanischen Krieg zu kennen, um vor den
alten Zeiten und ihrem Mut einen sehr bedeutenden Respekt zu haben, einen noch
bedeutenderen als vor dem skandinavischen Mut, von dem Doktor Bie so schön und
in für mich persönlich so schmeichelhafter Weise gesprochen hat.«
    Westergaard und Lundbye versicherten a tempo, daß sich die Zeiten in dem
wichtigsten Punkte, nämlich in dem Heldenmute der Leidenschaft, immer
gleichblieben und daß sie sich für ihre Person dafür verbürgen wollten, die
Liebe schaffe noch dieselben Wunder wie früher.
    Alles teilte sich sofort in zwei Lager, in solche, die derselben Meinung
waren (unter diesen, strahlenden Gesichts, die kleine Frau Pastorin), und in
solche, die rundheraus verneinten. An der Spitze dieser stand natürlich Ebba.
»Dieselben Wunder«, wiederholte sie. »Das ist unmöglich, denn diese Wunder sind
Produkte dessen, was der Welt verlorengegangen ist, Produkte großer erhabner
Rücksichtslosigkeiten. Ich wähle dies Wort, weil ich das Wort Leidenschaft, das
freilich von andrer Seite schon gefallen ist, gern vermeiden möchte, von
Rücksichtslosigkeiten aber läßt sich sprechen, ja, man braucht nicht einmal rot
dabei zu werden. Und nun frage ich Sie, und den Herren Capitanos an der Spitze,
wer unter Ihnen hat Lust, um Helenas willen einen Trojanischen Krieg
anzuzetteln? Wer tötet um Klytämnestras willen Agamemnon?«
    »Wir, wir.« Und Pentz, eine vierzinkige Gabel zückend, setzte sogar hinzu:
»Ich bin Ägisth.«
    Alles lachte, Ebba ihrerseits aber fuhr in immer wachsendem Übermute fort:
»Nein, meine Herren, es bleibt dabei, die Rücksichtslosigkeiten sind aus der
Welt gegangen. Allerdings, soviel ist einzuräumen (und es steht bei Ihnen, dies
gegen mich auszunutzen), allerdings finden sich auch im Altertum vereinzelte
Anfälle von Schwäche. So entsinn ich mich, vor grauen Jahren, denn ich war noch
im Flügelkleide, die Racinesche Phädra gesehen zu haben, mit der berühmten
Rachel in der Titelrolle; - sie kam von Petersburg und nahm unser armes
Stockholm nur so nebenher mit. Nun denn, besagte Phädra liebt ihren Stiefsohn,
also sozusagen einen ganz fremden Menschen, der gar kein Recht hat, die
Blutsfrage zu betonen, und dieser Stiefsohn verweigert sein Ja, lehnt die Liebe
einer schönen Königin ab. Vielleicht der erste Décadence-Fall, erstes Vorspuken
des schwächlich Modernen.«
    »Oh, nicht doch«, versicherte Lundbye. »Nicht des Modernen. Das Moderne
verurteilt solche Schwäche von Grund aus«, und Pentz seinerseits setzte hinzu:
»Schade, daß wir keine Phädra zur Hand haben, um die Streitfrage sofort zum
Austrag zu bringen; man müßte denn vielleicht von Skodsborg her...« Aber hier
unterbrach er sich, weil er inmitten seiner Rede wahrnahm, daß ihn die beiden
Offiziere scharf fixierten, um ihn wissen zu lassen, daß er in ihrer Gegenwart
den Namen der Danner, der ihm schon auf der Zunge schwebte, nicht spöttisch ins
Gespräch ziehen dürfe.
    Gleich danach wurde die Tafel aufgehoben, und alles rüstete sich zum
Aufbruch, wobei sich Holk, als einziger Mitbewohner des Ebba-Turmes, wie halb
verpflichtet fühlte, die Gäste bis in das als Garderobe dienende Flurzimmer
Karins zu begleiten. Hier blieb er auch, bis alle sich entfernt hatten. Dann
aber gab er Karin die Hand, schlug vor, Fenster und Tür zu öffnen, da sie's mit
dem Ofen zu gut gemeint habe, und stieg rasch wieder die Treppe hinauf.
    Oben in der offnen Tür stand Ebba, die Lichter brannten noch auf dem Tisch,
und es mochte Holk, als er sie so sah, zweifelhaft sein, ob sie, vom
Treppengeländer her, nur auf das Abschiednehmen unten oder aber auf seine
Rückkehr gewartet hatte. »Gute Nacht«, sagte sie und schien sich, unter einer
scherzhaft feierlichen Verbeugung, von der Schwelle her in ihr Zimmer
zurückziehen zu wollen. Aber Holk ergriff ihre Hand und sagte: »Nein, Ebba,
nicht so; Sie müssen mich hören.« Und mit eintretend sah er sie verwirrt und
leidenschaftlich an.
    Sie aber entwand sich ihm leicht, und anknüpfend an das vor wenig Minuten
erst geführte Gespräch, sagte sie: »Nun, Holk, in welcher Rolle? Paris oder
Ägisth? Sie haben gehört, daß sich Pentz dazu gemeldet.«
    Und dabei lachte sie.
    Diese Heiterkeit aber steigerte nur seine Verwirrung, an der sie sich eine
Weile weidete, bis sie zuletzt halb mitleidig bemerkte: »Holk, Sie sind doch
beinah deutscher als deutsch... Es dauerte zehn Jahre vor Troja. Das scheint Ihr
Ideal.«

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel

 
Eine Stunde war vergangen, als es klopfte. Holk fuhr zusammen. Ebba aber, ihrer
ganzen Natur nach vor dem Lächerlichen eines ängstlichen Versteckspiels mehr als
vor einer Entdeckung erschreckend, schritt rasch auf die Tür zu und öffnete.
    Karin stand da.
    »Was bringst du, Karin?«
    »Nichts Gutes. In meiner Stube qualmt es, und ein wahres Glück, daß ein
Stück Ruß den Rauchfang herunterkam und mich geweckt hat. Ich habe Tür und
Fenster aufgerissen und Zug gemacht; aber es hilft nicht, es ist, als ob es aus
Wand und Dielen käme.«
    »Was wird es sein?« sagte Ebba, die zunächst nur annahm, es sei Neugier, was
Karin heraufgeführt habe. »Der Wind drückt auf den Schornstein. Ich werde
nachsehen, will aber erst ein Tuch umnehmen und Licht machen; du hast dich ja so
im Dunkeln heraufgetappt.« Und damit trat sie wieder zurück und ließ die Tür ins
Schloß fallen. Aber keine halbe Minute, so war sie wieder da, ein Licht in der
Hand, und leuchtete vorauf, während Karin folgte. Diese hatte nicht zuviel
gesagt, Qualm und Rauch erfüllten schon das Treppenhaus, und ehe beide noch halb
hinab waren, ward ihnen das Atmen schon fast unmöglich. »Rasch durch«, sagte
Karin und stürzte sich über den Flur fort, aus dessen Dielen schon kleine
Flammen aufschlugen, auf den glücklicherweise nicht verschlossenen Türeingang
zu. Und gleich danach klang es »Feuer« über den Schloßhof hin. Ebba wollte nach
und wie Karin ihr Heil in der Flucht suchen. Aber im nächsten Augenblicke
gedachte sie Holks, und schnell entschlossen, ihn nicht im Stiche zu lassen,
eilte sie wieder treppauf und in ihr Zimmer zurück. Umsonst, er war nicht mehr
da. »Der Tor, er will meinen Ruf retten, oder vielleicht auch seinen, und bringt
sich um und mich mit.« Und während sie so sprach, stieg sie raschen Trittes die
zweite Treppe hinauf, um ihn in seinem eigenen Zimmer aufzusuchen. Da stand er
an der Türschwelle. Vom Hof her hörte man fortgesetzt Karins Feuerruf, in den
jetzt auch andere Stimmen einstimmten. »Rasch, Holk, oder wir sind des Todes.
Karin hat sich gerettet. Versuchen wir's auch.« Und ohne ein Ja oder Nein
abzuwarten, faßte sie seinen Arm und riß ihn mit sich fort, die beiden Treppen
wieder hinunter. Aber so schnell dies alles ging, das Unheil unten war noch
schneller gegangen, und was vor einer Minute oder zwei noch möglich gewesen
wäre, war es jetzt nicht mehr. »Wir sind verloren«, und Ebba schien auf der
Treppe zusammenbrechen zu wollen. Aber Holk umfaßte die halb bewußtlos
Gewordene, und mit all der Kraft, wie sie die Verzweiflung gibt, trug er sie
jetzt die Wendeltreppe wieder hinauf, von Stockwerk zu Stockwerk, bis er zu
letzt mit ihr unter dem von Balken und Latten durchzogenen Turmdache stand. Eine
offene Luke gab gerade Licht genug, um sich in dem wirren Durcheinander mühsam
zurechtzufinden, und zwischen dem Gebälk hin auf die Lichtöffnung zusteuernd,
trat er jetzt, Ebba nach sich ziehend, ins Freie hinaus. Hier waren sie für den
Augenblick gerettet, und hätte das beinahe senkrecht ansteigende Schloßdach eine
nur etwas stärkere Schrägung gehabt, so hätte diese vorläufige Rettung die
Rettung überhaupt bedeutet; aber bei der Steile des Schloßdaches, die keine
rechte Bewegung an ihm entlang gestattete, war mit dem allen doch nur wenig
gewonnen, etwa den Blitzableiter abgerechnet, an dem man sich halten, und eine
starke Dachrinne, gegen die sie die Füße stemmen konnten. Auch das war ein
Glück, daß der Wind, der ging, den Qualm nach der entgegengesetzten Seite trieb.
    Ja, das alles war ein Glück, aber doch immer nur eine Frist. Was half es
ihnen, wenn sie von unten her nicht bemerkt wurden oder wenn der Wind herumging
und das Dach, an das sie sich jetzt lehnten, in Flammen setzte.
    »Willst du's wagen«, sagte Holk und wies auf den Blitzableiter, an dem es
bei der nötigen Entschlossenheit immer noch möglich gewesen wäre sich
herabzulassen. Aber Ebba, deren Kraft hin war, schüttelte nur den Kopf. »Dann
laß uns sehen, daß wir das Dach entlang bis an die nächste Mansarde kommen, da
wollen wir einsteigen«, und sich vorsichtig zurücklehnend, schoben sie sich, an
der steilen Schrägung hin, langsam vorwärts, die Füße gegen die Dachrinne
gestemmt. Es waren keine zehn Schritte, und alles ließ sich gut an; aber ehe sie
noch den halben Weg bis an die Mansarde gemacht hatten, sagte Ebba: »Es geht
nicht, ich bin gelähmt.« Holk wollte rufen und mit einem Tuche wehen, nahm aber
bald wahr, daß es nutzlos sein werde, weil er um Sicherheits willen in einer
zurückgelehnten Stellung, die jedes Gesehenwerden vom Schloßhof ausschloß,
verbleiben mußte. So stand denn alle Hoffnung bei Karin, von der sich annehmen
ließ, daß sie nicht bloß persönlich nach ihnen aussehen, sondern auch anderer
Blicke nach dem Turmdach hinauflenken würde. Und wirklich, so geschah es, und so
kam ihnen zuletzt auch die Rettung aus ihrer furchtbaren Lage. Schon eine
Viertelstunde mochte vergangen sein, als sie wahrnahmen, daß etliche Personen um
die Seespitze herumgegangen waren, und fast im selben Augenblicke hörten sie
auch schon Zurufe von der einen besseren Überblick gewährenden Hilleröder
Uferseite her, Zurufe, deren Worte sie freilich nicht verstanden, deren
freudiger Ton aber keinen Zweifel ließ, daß man nun sicher sei, sie aus der
Gefahr befreien zu können. Und nicht lange mehr, so hörten sie hinter sich auch
schon ein Schlagen wie von Hämmern und Äxten, und gleich danach wurden allerlei
Köpfe sichtbar, die durch die gewonnene Dachöffnung hindurch nach ihnen
ausschauten. Freilich man hatte die rechte Stelle verfehlt, aber das war leicht
ausgeglichen, und nur eine kleine Weile noch, so streckten sich ihnen starke
Arme von innen her entgegen und zogen erst Ebba und dann Holk auf den
Schloßboden hinauf, von wo aus man beide wie im Triumph erst die Treppen
hinunter und dann auf den Schloßhof trug. Der erste, der ihnen hier
entgegentrat, war der König.
    Erst um Mitternacht, eine Stunde vor Ausbruch des Feuers, von Skodsborg nach
Frederiksborg zurückgekehrt, war er doch der gewesen, der, allen anderen vorauf,
die Rettungsarbeiten geleitet und sich an Bergung seiner geliebten
Altertumsschätze glücklicher und erfolgreicher als irgend sonst wer beteiligt
hatte. Was gerettet worden, war persönlich sein Werk. Die beiden Adjutanten
waren ihm zur Seite.
    »Sieh da, Holk«, sagte der König, als er des Grafen gewahr wurde. »Und als
Ritter seiner Dame. Ich werde drüben in Skodsborg ein Rühmens davon machen.« Und
in die leicht hingeworfenen Worte mischte sich, trotz des Ernstes der Situation,
ein Anflug von Spott.
    Westergaard und Lundbye mühten sich um Ebba. »Wo ist die Prinzessin?« fragte
diese.
    »Auf dem Bahnhofe«, war die Antwort; »man will einen Extrazug für sie
einstellen. Der Boden brennt ihr hier unter den Füßen.«
    Es war ein ganz unbeabsichtigtes Wortspiel, und niemand nahm es als solches.
Nur Ebba, die selbst in diesem Augenblicke noch auf zugespitzte Worte gestellt
blieb, hörte heraus, was gar nicht hineingelegt war, und sagte: »Ja, der Boden
unter den Füßen! Die Prinzessin darf es kaum sagen... aber Holk und ich.«

                           Achtundzwanzigstes Kapitel

 
Ebba, voll Verlangen, den Extrazug mit zu benutzen, wollte nach dem Bahnhof;
aber ihr Schwächezustand war doch so groß, daß sowohl Holk wie die beiden jungen
Adjutanten in sie drangen, davon Abstand zu nehmen. Sie willigte denn auch ein
und ließ sich nach dem vom Feuer verschont gebliebenen linken Flügel des
Schlosses hinüberführen. In diesem befand sich die vorläufig als
Unterkunftsstätte dienende Schloßkirche, deren Altarlichter brannten, während um
den Altar selbst herum die Frauen und Kinder der Beamten und
Schloßdienerschaften saßen oder lagerten, die Kinder mit allerlei Gewändern
zugedeckt, darunter auch Meßgewänder noch aus der katholischen Zeit her, die man
aus der Sakristei herbeigeholt hatte. Für Ebba war nichts mehr da; nur ein paar
Kissen fanden sich, um sie wenigstens gegen die bittere Kälte des Fußbodens zu
schützen. Aber es war zuwenig, und als Holk in dem kleinen angrenzenden
Kastellanshause vergeblich nach etwas Besserem gesucht hatte, schlug er der
immer heftiger fröstelnden Ebba vor, den Weg nach dem Bahnhofe hin, von dem man
vorher ihrer Erschöpfung halber Abstand genommen hatte, doch lieber wagen zu
wollen. Ein alter Schloßdiener war auch bereit, den nächsten Weg zu zeigen, und
so brach man denn auf und hörte die Bahnhofsuhr eben sechs schlagen, als man
ankam. Die Prinzessin war schon seit länger als einer Stunde fort, und der
nächste von Helsingör her erwartete Zug kam erst in dreißig Minuten. Auf dem
Bahnhofe selbst lief alles durcheinander, und das kleine Wartezimmer bot keinen
Platz mehr, war vielmehr überfüllt von Hillerödern, alten und jungen, die
sämtlich nach Kopenhagen hinein wollten, um über alle vorgekommene Schrecknisse,
deren sensationellste glücklicherweise meist erfunden waren, so schnell wie
möglich berichten zu können. In dem einen Turme, so hieß es mit aller
Bestimmtheit, seien alle verbrannt, drei Personen vom Hofstaat und außerdem ein
Gärtner. Ebba, die sich nur mühsam aufrecht hielt, hörte das alles, und ihre
Lage wäre kaum besser gewesen als vorher in der kalten Kirche, wenn nicht einer
der Stationsbeamten ein Einsehen gehabt und das für den königlichen Hof
bestimmte Separatzimmer für Holk und Ebba geöffnet hätte. Hier war es nicht bloß
warm und geräumig, hier fand man auch Pentz und Erichsen, die zurückgeblieben
waren, um über die Schicksale der Verlorengeglaubten an die Prinzessin berichten
zu können. So war es von dieser ganz zuletzt noch angeordnet worden, als sie mit
der Schimmelmann schon das Coupé bestiegen hatte. Die Begrüßung Holks und Ebbas
von seiten der beiden Kammerherren war, da man nicht ohne Sorge gewesen,
aufrichtig herzlich; aber diese Herzlichkeit wurde doch sehr übertroffen, als
gleich danach Karin hereinstürzte, die bis dahin zusammengekauert in einer Ecke
des daneben befindlichen Wartezimmers gesessen hatte. »Laß doch, Kind«,
versuchte Ebba zu scherzen. »Was war es denn groß? Erst etwas zu heiß und dann
etwas zu kalt.« Aber Karin, so gerne sie sonst lachte, wollte diesmal von einem
Eingehen auf Ebbas scherzhaften Ton nichts wissen und hörte nicht auf, unter
Schluchzen und Weinen ihrer Herrin die Hände zu küssen. Von Pentz' Seite, wie
sich denken läßt, wurden allerlei Fragen gestellt, aber ehe Holk, an den sie
sich vorzugsweise richteten, darauf antworten konnte, hörte man aus der Ferne
schon den Pfiff der Lokomotive, ein Zeichen, daß der erwartete Helsingörer Zug
herankäme. Noch eine Minute, so hielt er, und trotzdem Wagenmangel war, gelang
es doch, für Ebba ein besonderes Coupé zu finden, worein sie gebettet und mit
Plaids und Mänteln zugedeckt wurde. Karin setzte sich zu ihr, während die drei
Herren in ein Nachbarcoupé stiegen.
 
Um acht hielt man auf dem Kopenhagener Bahnhofe, Wagen wurden heranbeordert, und
als diese da waren, fuhr Pentz mit Ebba und Karin ins Palais der Prinzessin,
während sich Erichsen und Holk in ihre Privatwohnungen begaben. Holk klopfte.
Die schöne Frau Brigitte stand vor ihm und sagte: »Gott sei Dank, Herr Graf, daß
Sie wieder da sind.« Aber etwas von Enttäuschung mischte sich doch sichtlich mit
ein, was auch kaum anders sein konnte, denn gerüchtweise war gleich nach
Eintreffen des Extrazuges von dem schrecklichen Ende des Grafen Holk und des
Fräuleins von Rosenberg gesprochen worden, eine Sensationsgeschichte, wie sie
sich Mutter und Tochter nicht schöner wünschen konnten. Und nun war der Graf
doch am Leben und das Fräulein vielleicht auch oder wohl eigentlich ganz gewiß.
Es war doch auf nichts Verlaß mehr, und gerade immer das Interessanteste
versagte. Brigitte bezwang sich aber und wiederholte: »Gott sei Dank, Herr Graf.
Wie wir in Angst um Sie gewesen sind... Und um das schöne schwedische
Fräulein...«
    Und bei diesen Worten ließ sie kein Auge von Holk, denn ihr nach einer
bestimmten Seite hin geradezu phänomenal ausgebildetes Ahnungsvermögen ließ sie
das gesamte Geschehnis, besonders aber das Intime darin, mit einer Deutlichkeit
erkennen, als ob sie dabeigewesen wäre.
    »Ja, meine schöne Frau Brigitte«, sagte Holk, der entweder wirklich nur
heraushörte, was wie Teilnahme klang, oder es heraushören wollte, »ja, meine
schöne Frau Hansen, das waren böse Stunden, wie man sie seinem Todfeinde nicht
gönnen mag, am wenigsten aber sich selber und...«
    »... einer so schönen Dame.«
    »Nun ja, wenn Sie wollen. Das Fräulein ist aber nicht so schön, wie Sie
immer annehmen, und jedenfalls lange nicht so schön wie andere, die ich nicht
nennen will. Aber davon sprechen wir ein andermal und entscheiden dann die
Frage. Jetzt bin ich todmüde, liebe Frau Hansen, und will den Schlaf nachholen,
den ich versäumt habe. Bitte, weisen Sie jeden ab, auch Baron Pentz, wenn er
nachfrägt. Aber um zwölf bitt ich zu klopfen. Und dann bald das Frühstück.«
 
Holk schlief fest, und erst als er das Klopfen hörte, stand er auf, um in aller
Eile seine Morgentoilette zu machen. Er war noch wie unter einem Druck, so daß
alles Geschehene halb schemenhaft an ihm vorüberzog, und erst als er an das
Fenster trat und auf die Straße hinunterblickte, kam ihm das Zurückliegende
wieder zu klarem Bewußtsein. Und jetzt erschien auch Brigitte mit dem Frühstück
und wartete, daß Holk ein Gespräch beginnen solle, zu welchem Zwecke sie das
Teegeschirr nicht nur sehr langsam aufbaute, sondern sich, was sie sonst nicht
leicht tat, sogar zu direkten Fragen bequemte. Holk aber blieb diesmal
unzugänglich, antwortete nur ganz kurz und gab überhaupt durch seine ganze
Haltung zu verstehen, daß er es vorziehen würde, allein zu sein, was alles die
schöne Frau Hansen nicht nur aufs äußerste verwunderte, sondern ihre Gefühle für
das schwedische Fräulein, das natürlich daran schuld sein mußte, noch tiefer
herabstimmte. Nichts davon entging Holk; weil er aber schon aus Klugheit die
schöne Brigitte nicht in schlechte Laune bringen mochte, so bat er sie, seine
Zerstreutheit entschuldigen zu wollen und zu bedenken, daß er noch ganz unter
dem Eindrucke all des Schrecklichen sei, was er erlebt habe.
    »Ja«, sagte die Hansen, »schrecklich; es muß wirklich schrecklich gewesen
sein, und dazu die Verantwortung und helfen sollen und nicht können. Und so vor
aller Augen und vielleicht in einem ganz leichten Kleide... wenn es ein Kleid
war.«
    Sie sagte das alles mit dem ernstesten Gesichtsausdruck und in einem so
glücklichen Rührtone, daß Holk, als sie das Zimmer verließ, doch wieder in
Zweifel war, ob er es durchaus für Bosheit und perfide Komödie halten müsse.
Vielleicht mischte sich doch auch was von wirklicher Teilnahme mit ein; es heißt
ja, Personen der Art seien immer gutmütig. Gleichviel indes, er war nicht in der
Lage, dem nachzuhängen, und kaum daß er wieder allein war, so war er auch schon
wieder unter dem Ansturm all der Bilder und Vorstellungen, die das Erscheinen
Brigittens nur unterbrochen hatte. Noch war kein voller Tag um, daß man die
Partie nach dem kleinen Gasthaus am Arre-See hin unternommen, und was war
seitdem alles geschehen! Erst die Schlittschuhfahrt mit Ebba ganz dicht an dem
abgebröckelten und durchlöcherten Eise hin und danach die Heimfahrt und die
kleinen Neckereien und dann Ebbas Übermut bei Tisch... und dann, wie Karin kam
und die Flammen aus Wand und Diele schlugen und wie sie zuletzt hinaustraten auf
das Schloßdach, unter sich Tod und Verderben, und wie dieses Hinaustreten ihnen
doch die Rettung bedeutet hatte.
    »Ja, die Rettung«, sprach er vor sich hin. »Alles hängt an einem Haar; so
war es diesmal, und so ist es immer. Was hat uns gerettet? Daß wir gleich am
ersten Tage, an den Teichen und Pavillons vorüber, einen Spaziergang bis an die
Parkfähre machten und daß an demselben Tage die Sonne schien und daß mein Blick
auf das hellerleuchtete Schloß fiel und daß ich, weil alles so hell und klar
dalag, in aller Deutlichkeit sehen konnte, wie das Fußende des Turmdaches mit
dem Fußende des Schloßdaches zusammenlief. Ja, das hat uns gerettet. Ein Zufall,
wenn es einen Zufall gibt. Aber es gibt keinen Zufall, es hat so sein sollen,
eine höhere Hand hat es so gefügt. Und daran muß ich mich aufrichten, und daran
hab ich auch eine Anlehne für das, was ich noch vorhabe. Wenn wir in Not und
Zweifel gestellt werden, da warten wir auf ein Zeichen, um ihm zu entnehmen, was
das Rechte sei. Und solch Zeichen habe ich nun darin, daß eine höhere Hand uns
aus der Gefahr hinausführte. Wäre der Weg, den mein Herz all diese Zeit ging,
ein falscher gewesen, so hätte mich die Strafe getroffen, mich und Ebba, und wir
wären ohnmächtig zusammengesunken und erstickt und hätten uns nicht in die Luft
und Freiheit hinaus gerettet. Und Christine selbst, wenn ich ihre letzten Zeilen
richtig verstanden habe, Christine selbst hat ein Gefühl davon, daß es so das
beste sei. Die guten Tage sollen nicht vergessen sein, nein, nein, und eine
dankbare Erinnerung soll der Trennung alles Bittere nehmen; aber die Trennung
selbst ist nötig, und ich darf wohl hinzusetzen, ist Pflicht, weil wir uns
innerlich fremd geworden sind. Ach, all diese Herbheiten. Ich sehne mich nach
einem anderen Leben, nach Tagen, die nicht mit Traktätchen anfangen und ebenso
aufhören; ich will kein Harmonium im Hause, sondern Harmonie, heitere
Übereinstimmung der Seelen, Luft, Licht, Freiheit. Das alles will ich und hab es
gewollt vom ersten Tage an, daß ich hier bin. Und ich habe nun ein Zeichen, daß
ich es darf.«
    Er brach ab, aber nur auf Augenblicke, dann war er wieder am alten Fleck. In
einem Kreise drehten sich all seine Vorstellungen, und das Ziel blieb dasselbe:
Beschwichtigung einer inneren Stimme, die nicht schweigen wollte. Denn während
er sich alles bewiesen zu haben glaubte, war er doch im letzten Winkel seines
Herzens von der Nichtstichhaltigkeit seiner Beweise durchdrungen, und wenn er
sich außerhalb seiner selbst hätte stellen und seinem eigenen Gespräche zuhören
können, so würde er bemerkt haben, daß er in allem, was er sich vorredete, zwei
Worte geflissentlich vermied: Gott und Himmel. Er rief beide nicht an, weil er
unklar, aber doch ganz bestimmt herausfühlte, daß er im Dienst einer schlechten
Sache focht und nicht wagen dürfe, den Namen seines Gottes mißbräuchlich ins
Spiel zu ziehen. Ja, das alles würde er gesehen haben, wenn er sich wie ein
Draußenstehender hätte beobachten können; aber das war ihm nicht gegeben, und so
schwamm er denn im Strome falscher Beweisführungen dahin, Träumen nachhängend
und sein Gewissen einlullend, und schrieb sich ein gutes Zeugnis nach dem
anderen. Warum auch nicht? Es ließ sich ja, das durft er sich sagen, so gut mit
ihm leben, man mußt es nur verstehen; aber Christine verstand es nicht und wollt
es auch nicht verstehen, ja, er war ein Opfer ihrer christlichen Redensarten,
das stand ihm fest oder sollt ihm wenigstens feststehen, und immer mehr von dem
Verlangen erfüllt, seine gute, seine gerechte Sache so rasch wie möglich zum
Schluß zu bringen, verlor er zuletzt alles Urteil und jede ruhige Überlegung. Er
wollte zu Ebba, diese Stunde noch, und dann wollt er mit ihr vor die Prinzessin
treten und alles bekennen und erst ihre Verzeihung und dann ihre Zustimmung
anrufen. Und ihr auch sagen, daß Christine selbst bereits in diesem Sinne
geschrieben oder wenigstens Andeutungen gemacht habe. Von einem Widerstande
drüben in Holkenäs könne keine Rede sein, die Trennung sei so gut wie da, nur
noch eine Formalität, und er bäte sie, den Schritt, den er vorhabe, gutheißen
und sein Verhältnis zu Ebba als eine vorläufige Verlobung ansehen zu wollen.
    Er fühlte sich wie erleichtert, als dieser Plan in ihm feststand; Ebba
sollte diese Stunde noch davon hören; er sah kein Hindernis oder übersprang
jedes in seinen Gedanken.
    Es schlug zwei vom Rathausturm, als er sich nach dem Palais auf den Weg
machte. Zwei-, dreimal sah er sich aufgehalten, weil ihm Bekannte begegneten,
die von der Gefahr, der er wie durch ein Wunder entronnen sei, gehört hatten;
Holk stand ihnen auch Rede, brach aber jedesmal rasch ab, sich mit »Dienst« bei
der Prinzessin entschuldigend.
    Ebba wohnte im Palais selbst, über den Zimmern der Prinzessin. Holk zog die
Glocke; niemand kam. Endlich erschien Karin. Aber was sie sagte, konnte Holk in
seiner gegenwärtigen Stimmung, in der alles nach raschem Abschluß drängte, wenig
befriedigen. Er hörte nur, daß das Fräulein, nach mehrstündigem Fieber, eben
eingeschlafen sei und nicht geweckt werden dürfe. »So werd ich wieder anfragen.
Und vergessen Sie nicht, Karin, dem Fräulein zu sagen, daß ich da war und
nachfragen wollte.« Karin versprach alles und lächelte. Sie hatte keine
Vorstellung von dem, was in Holks Seele vorging, und sah nichts anderes in ihm
als den stürmischen Liebhaber, der nach neuen Zärtlichkeiten dürstete.
    Holk stieg die Treppe langsam hinab, und erst als er den langen Gang
passierte, daran die Zimmer der Prinzessin gelegen waren, entsann er sich,
alles, was das pflichtmäßig Nächstliegende für ihn gewesen wäre, versäumt zu
haben. Aber war es das Nächstliegende? Für ihn gewiß nicht. Für ihn war der
Gesundheitszustand der Prinzessin in seiner gegenwärtigen Stimmung so gut wie
gleichgültig, für ihn war sie nur noch dazu da, den Segen zu spenden und ihn und
Ebba glücklich zu machen. Und mit einem Male (denn daß Ebba dieselben Gedanken
habe, stand ihm fest) kam ihm das Verlangen, sich schon heute Gewißheit über das
»Ja« der Prinzessin verschaffen zu wollen. Und so trat er in eins der Vorzimmer
und erfuhr hier von der diensthabenden Kammerfrau, daß Königliche Hoheit das
Bett hüte. Neue Verstimmung. Wenn die Prinzessin das Bett hütete, so konnte von
Entscheidung, was ihm gleichbedeutend mit Gutheißung war, natürlich keine Rede
sein. Wie lästig; nichts ging nach Wunsch. Pentz und Erichsen waren im
Nebenzimmer, aber er mochte sie nicht sehen und brach rasch auf, um erst einen
Spaziergang nach der Zitadelle zu machen und schließlich eine Stunde lang in der
Ostergaade zu flanieren. Um fünf war er wieder im Palais oben und fragte zum
zweiten Male nach Ebba. »Der Doktor sei dagewesen«, hieß es, »und habe zweierlei
verordnet: eine Medizin und eine Pflegerin für die Nacht. Denn das Fräulein
fiebere wieder stark, und sei nicht zu verwundern nach solcher Gefahr und nach
allem...« Die letzten Worte setzte Karin nur halblaut und wie von ungefähr
hinzu, weil sie sich nicht versagen mochte, Holk ihre Gedanken erraten zu
lassen.
 
Holk sah seine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Er hatte gehofft, in einer
einzigen Stunde sein Schicksal entschieden zu sehen, und nun Hindernis über
Hindernis. Ebba krank, die Prinzessin krank. Ebbas war er in seinem Gemüte
sicher, Ebba also - das mochte gehen; aber die Prinzessin! Er wußte nicht, wie
die Stunden, Stunden, aus denen Tage werden konnten, hinzubringen seien, und
wenn er dann im Fluge durchnahm, was in dem lebenslustigen und
zerstreuungsreichen Kopenhagen als Zeitvertreib zu gelten pflegte, so erschrak
er, wie sehr ihm alle diese Dinge widerstanden. Alhambra und Tivoli, Harlekin
und Colombine, Thorwaldsen-Museum und Klampenborg, alles, die schöne Frau
Brigitte mit eingerechnet, hatte gleichmäßig seinen Reiz für ihn verloren, und
wenn er gar an Pentz dachte, befiel ihn ein Grauen. Das war das letzte, was er
aushalten konnte; lieber wollte er die Nichtigkeiten Erichsens und die
Steifheiten der Schimmelmann ertragen als die Pentzschen Bonmots und Wortspiele.
    Die Nacht verging ihm unter Kopfdruck und wenig Schlaf, woran Erkältung und
Aufregung gleichen Anteil haben mochten, und er war froh, als die Morgensonne
drüben die Dächer rötete. Das Frühstück kam und die Zeitungen und mit den
Zeitungen ausführliche Schilderungen über den Frederiksborger Schloßbrand. Er
las alles, erheiterte sich und vergaß beinahe, was ihn quälte, wenigstens
solange die Lektüre dauerte. Die wirklichen Hergänge waren sehr zu seinen
Gunsten ausgeschmückt; er habe sich, so hieß es in zwei fast gleichlautenden
Berichten, an dem Blitzableiter herablassen wollen, um dann, unten angekommen,
Hülfe für das unglückliche Fräulein herbeizuschaffen; als er aber in die
Feuerregion des brennenden Turmes gekommen sei, habe sich ein weiteres
Hinabgleiten an der nach unten zu schon halb glühend gewordenen Eisenstange
verboten, und er sei wieder mit ebensoviel Mut und Kraft wie Geschicklichkeit
hinaufgeklettert. Er las dies und sagte sich, daß er nach dem allen notwendig
der Held des Tages sein müsse. Der Held! Und wie wenig heldisch war ihm zumute.
Er fühlte, daß seine Nerven zu versagen drohten und daß er in Krankheit oder
geistige Störung fallen würde, wenn es ihm nicht gelänge, das, was er gestern
vergeblich in die rechten Wege zu leiten gesucht hatte, noch heute zum Abschluß
zu bringen. Daß Ebba wieder gesund sein werde, war nicht anzunehmen; aber doch
die Prinzessin, was auch eigentlich wichtiger war. Alles, was sie seit
vorgestern durchzumachen gehabt hatte, war doch nur etwas vergleichsweise
Geringes gewesen, und wenn sie, wie sehr wahrscheinlich, wieder außer Bett war,
so mußte sie ihn hören und über ihn entscheiden. »Und über mich entscheiden, das
heißt mein Glück besiegeln, denn sie ist gütig und in ihren Anschauungen
unbeengt.«
    Ja, so sollte es sein, und um zehn Uhr war er auch schon wieder im Palais,
wo er zu seiner unendlichen Freude vernahm, daß die Prinzessin eine leidlich
gute Nacht gehabt habe. Durch eben dieselbe Kammerfrau, mit der er schon gestern
gesprochen, ließ er anfragen, ob Königliche Hoheit seine Gegenwart zu befehlen
geruhe. Und gleich danach trat er bei ihr ein, denn sie hatte ihn wissen lassen,
sie wünsche dringend, ihn zu sprechen.
    Das Zimmer war dasselbe, darin er, gleich am Tage nach seiner Ankunft, seine
erste Audienz bei der Prinzessin gehabt hatte. Da hing noch das große Bild König
Christians VIII. und gerade gegenüber das des verstorbenen Landgrafen, der Flor
um den Rahmen noch grauer und verstaubter als damals. Auf dem Sofa, unter dem
Bilde des Königs, saß die alte Dame, verfallen und zusammengeduckt, von
Prinzessin nicht viel und von Esprit fort keine Spur. Es war ersichtlich, daß
sie - wenn auch von ihrer eigentlichen Krankheit so gut wie genesen - den
Schreck und die Aufregung der letzten Frederiksborger Stunden noch keineswegs
überwunden hatte. Jede Spannkraft fehlte, das Auge war matt und müde.
    »Das war eine schlimme Nacht, lieber Holk. Sie sehen mich noch unter der
Nachwirkung von dem allen. Und doch, was bedeutet es neben dem, was Sie
durchzumachen hatten. Und Ebba mit Ihnen. Ein Wunder, daß Sie gerettet wurden,
wie man mir übrigens erzählt hat, durch Ihre Geistesgegenwart. Ich habe Sie
sehen und Ihnen bei der Gelegenheit aussprechen wollen, wie groß meine
Dankbarkeit ist. Solche Dinge bleiben unvergessen. Und nun gar erst von seiten
Ebbas selbst. Sie kann Ihnen dies nie vergessen und wird sich Ihnen, dessen bin
ich sicher, durchs Leben hin verbunden fühlen.«
    Es waren dies Worte, die, nach ihrem Inhalte, für Holk und alles das, was
schon auf seiner Lippe zitterte, nicht glücklicher gewählt sein konnten, und
einen Augenblick stand er auch wirklich auf dem Punkte, an die Prinzessin
heranzutreten und unter Wiederholung und Ausdeutung ihrer eigenen Worte sein
Herz vor ihr auszuschütten und seine Pläne sie wissen zu lassen. Aber sosehr der
Inhalt der Worte dazu auffordern mochte, nicht die Haltung der Prinzessin, nicht
der Ton, in dem ihre Worte gesprochen waren. Alles klang beinahe leblos, und
Holk, so stark seine Seele nach Gewißheit und Abschluß drängte, fühlte doch
deutlich, daß dies nicht der denkbar beste, sondern umgekehrt eher der denkbar
schlechteste Moment für sein Geständnis sein würde. Von der freigeistigen
Prinzessin, die sonst ein Herz oder doch mindestens ein Interesse für Eskapaden
und Mesalliancen, für Ehescheidungen und Ehekämpfe hatte, war in der alten Dame,
die da vollkommen greisenhaft unter dem feierlichen Königsbilde saß, auch nicht
das geringste mehr wahrzunehmen, und was statt dessen aus ihrem eingefallenen
Gesicht herauszulesen war, das predigte nur das eine, daß bei Lebenskühnheiten
und Extravaganzen in der Regel nicht viel herauskomme und daß Worthalten und
Gesetzerfüllen das allein Empfehlenswerte, vor allem aber eine richtige Ehe
(nicht eine gewaltsame) der einzig sichere Hafen sei. Holk hätte die Schrift
gern anders entziffert, es war aber nicht möglich und verbot sich in so hohem
Grade, daß er, statt irgendwelche Confessions zu machen, sich darauf
beschränkte, die Prinzessin um einen mehrtägigen Urlaub anzugehen. Ein klarer
Plan stand ihm dabei keineswegs vor der Seele, so wenig, daß er auf eine
diesbezügliche Frage nicht Antwort gewußt hätte; die Prinzessin aber, von Anfang
an nur von dem Verlangen erfüllt, sich baldmöglichst wieder in ihr Cabinet
zurückziehen zu können, verzichtete gern auf neugierige Fragen und gewährte
huldvoll, um was sie gebeten war.
    Und nun noch ein gnädiges Kopfnicken, und die Audienz, wenn man ihr diesen
Namen geben durfte, war zu Ende.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel

 
Als Holk um Urlaub gebeten, hatte nur das eine für ihn festgestanden, daß etwas
geschehen müsse. Nun war er beurlaubt, und im selben Augenblicke war auch die
Frage da: was soll nun geschehen? Aussprache mit Ebba, sosehr er ihrer
Übereinstimmung sicher war, Verabredungen mit ihr für die Zukunft - das wäre das
Natürlichste gewesen; aber Ebba war krank, und was Karin, wenn er vorsprach,
antwortete, blieb dasselbe: das Fräulein dürfe niemanden sprechen. So ging er
denn einer wahren Prüfungszeit entgegen, Tagen, in denen er nichts zu tun als zu
warten hatte. Und das war ihm in seiner Seelenstimmung das Schwerste. Zuletzt
ergab er sich darin und beschloß, sich einzuschließen, niemanden zu sehen,
Zeitungen zu lesen, Briefe zu schreiben. Aber an wen? Er sah bald, daß er an
niemanden schreiben könne. Petersen, Arne, die Kinder - alles verbot sich. Noch
mehr die Dobschütz. Blieb nur noch Christine selbst. Er stand von dem
Schreibtisch auf, an dem er eine Weile grübelnd gesessen, und schritt auf und
ab. »Christine. Ja, das wäre das beste. Sie muß es schließlich doch wissen und
lieber heut als morgen... Aber ihr schreiben? Muß durchaus geschrieben sein, als
ob ich nicht den Mut hätte, ihr unter die Augen zu treten? Ich habe den Mut,
denn was ich will, ist mein gutes Recht. Man lebt nicht zusammen, um immer
zweierlei Meinung zu haben und zweierlei Wege zu gehen. Christine hat mich von
sich weg erkältet. Ja, das ist das rechte Wort, und solche sich mehrende Kälte,
das ist schlimmer als Streiten und Heftigsein. Eine Frau soll eine Temperatur
haben, ein Temperament und Leben und Sinne. Aber was soll ich mit einem Eisberg?
Und wenn er das klarste Eis hat, das klarste ist gerade das kälteste, und ich
will nicht erfrieren. Ja, das paßt, das ist ein gutes Einleitungsthema, damit
werd ich ihr kommen, aber von Mund zu Mund; ich will es ihr nicht schreiben, ich
will es ihr sagen. Ihr eigener Brief hat mir goldne Brücken gebaut. Und wenn ich
dann frei bin und wieder hier... Ach, wie sehne ich mich nach Leben, Wärme,
Freude. Meine Tage sind mir vergangen, als ob Unterweltsschatten neben mir her
schwebten. Die gute Dobschütz war auch solch Schatten. Ich bin noch nicht alt
genug, um auf Fleisch und Blut zu verzichten.«
    Und er klingelte. Die Witwe Hansen kam.
    »Liebe Frau Hansen, ich will auf einen Tag hinüber nach Holkenäs...«
    »Ah, zur Christbescherung. Da wird sich die gnädigste Frau Gräfin freuen,
die jetzt so allein ist, seit auch die Kinder fort sind, wie mir der Herr Graf
erzählt haben.«
    »Ja, nach Holkenäs«, sagte Holk. »Wissen Sie, wie die Dampfschiffe gehen?
Ich meine die nach Glücksburg und Flensburg. Am liebsten wäre es mir, ich könnte
noch heute mittag fort oder doch gegen Abend. Dann bin ich morgen zu guter
Stunde da. Vielleicht, liebe Frau Hansen, können Sie jemand nach dem Hafen
schicken und anfragen lassen. Aber es muß ein Bote sein, auf den Verlaß ist,
denn mir liegt daran, sicherzugehen.«
    Frau Hansen sagte, sie würde sich selber auf den Weg machen, und nach
weniger als einer Stunde war sie von ihrem Gange wieder zurück und brachte die
Nachricht, heute gehe kein Schiff mehr, aber morgen gegen Abend gehe der »Holger
Danske« und sei zehn Uhr vormittags vor Holkenäs.
    »Das ist übermorgen. Welchen Tag haben wir heute?«
    »Den einundzwanzigsten, gerade den kürzesten...«
    Holk dankte für ihre Bemühung und war in seinem Herzen froh, daß es nicht
Heiligenabend war, an dem das Schiff an dem Wasserstege von Holkenäs anlegen
würde.
 
Den 23. kam die Küste von Angeln in Sicht, und als zehn Uhr heran war, sah man,
von Deck aus, Schloß Holkenäs auf seiner Düne. Die Linien waren verschwommen,
denn ein leiser Nebel zog, und einen Augenblick begann es sogar zu schneien.
Aber der Flockentanz hörte bald wieder auf, und auch der Nebel war so gut wie
verschwunden, als die Schiffsglocke zu läuten anhob und der stattliche Dampfer
anlegte. Holk überschritt die kleine Geländerbrücke, die man vom Deck her nach
dem Wassersteg hinübergeschoben hatte, dann schaffte der Steward sein Gepäck
nach, und ehe fünf Minuten um waren, dampfte der »Holger Danske« weiter auf
Glücksburg zu. Holk sah dem Schiff eine Weile nach, dann warf er seinen Mantel,
der ihn, beim Ersteigen der Terrasse, nur behindert haben würde, zwischen die
beiden Koffer und schickte sich an, den Steg entlangzugehen. Dann und wann blieb
er stehen und sah nach Holkenäs hinauf. Es lag jetzt, wo der Nebel sich momentan
verzogen hatte, klar vor ihm, aber öd und einsam, und der dünne Rauch, der
aufstieg, wirkte, wie wenn nur noch ein halbes Leben da oben zu finden sei. Die
ziemlich zahlreichen Sträucher in Front der Vorhalle waren, ein paar kleine
Zypressen abgerechnet, alle kahl und entblättert, und die Vorhalle selbst zeigte
sich mit Brettern verkleidet und mit Matten verhängt, um die dahintergelegenen
Räume nach Möglichkeit gegen den Nordost zu schützen. Alles still und
schwermütig, aber ein Friede, wie der Nachglanz eines früheren Glücks, war doch
darüber ausgebreitet, und diesen kam er jetzt zu stören. Eine Furcht befiel ihn
plötzlich vor dem, was er vorhatte; Zweifel kamen, und sein Gewissen, so gut
er's einzulullen wußte, wollte nicht ganz schweigen. Aber so oder so, jedenfalls
war es zu spät, und er konnte nicht mehr zurück. Es mußte sein. Wie würde Ebba
ihn ausgelacht und ihm den Rücken gekehrt haben, wenn er, bei seinem
Wiedereintreffen in Kopenhagen, ihr gesagt hätte: »Ich wollt es tun, aber ich
konnt es nicht.« Und so nahm er denn seinen Weg wieder auf und stieg endlich
langsam die Terrasse hinauf. Als er oben war, rief er einen alten, zufällig des
Weges kommenden Diener an, der in einem Nebenhause seit Jahr und Tag schon das
Gnadenbrot aß, und fragte ihn, »ob die Gräfin im Schloß sei«. - »Gewiß, Herr
Graf«, sagte der Alte fast erschrocken, »in ihrem Schlafzimmer oben. Ich will
voraus und der Frau Gräfin melden, daß der Herr Graf angekommen sind.« - »Nein,
laß«, sagte Holk, »ich will selber gehen.« Und nun ging er, sich zunächst
seitwärts haltend, auf die Rückfront des Schlosses zu, die den Blick
landeinwärts auf die bergabsteigenden Park-und Gartenanlagen hatte.
    Hier angekommen, nahm sich alles wärmer und wohnlicher aus, und Holk, als er
einen Augenblick Umschau gehalten hatte, stieg die drei Marmorstufen hinauf,
die, zwischen zwei Säulen hindurch, auf die Tür des Gartensalons zuführten. Und
nun trat er in den Salon selbst ein, in dem sich alles, trotzdem die Kinder
nicht da waren, in weihnachtlicher Vorbereitung zu befinden schien. Auf dem
Ecktisch mit der türkischen Decke, daran vordem Christine mit der Dobschütz und
Asta zu sitzen und Handarbeiten zu machen pflegte, stand eine figurenreiche,
schon durch Jahre hin gebrauchte, aber immer noch sehr wohlerhaltene
Weihnachtskrippe, während in der Ecke schräg gegenüber ein Christbaum aufragte,
noch ganz schmucklos, aber sehr hoch, so daß seine Spitze fast bis an die Decke
reichte. Nach allem mußte hier irgendwer eben noch tätig gewesen sein, nur daß
sich niemand zeigte. War man vor ihm geflohen? Aber eh er sich selbst darauf
antworten konnte, sah er, daß er sich geirrt hatte, wenigstens in dem, was das
Fliehen vor ihm anging; denn aus der dunklen Hintergrunds-Ecke, die der
vorgestellte Christbaum bildete, trat jetzt eine schwarzgekleidete Dame hervor.
Es war die Dobschütz, eine Schale mit vergoldeten und versilberten Nüssen in der
Hand, mit denen sie den Baum zu schmücken eben begonnen haben mochte. Sie fuhr
zusammen, als sie den Grafen erkannte. »Was ist geschehen? Soll ich Christine
rufen?«
    »Nein, liebe Dobschütz«, sagte Holk. »Lassen wir Christine noch eine Weile.
Was sie hören muß, hört sie früh genug. Ich bin früher hier als erwartet und
hätte gern einen andern Tag gewählt als diesen. Aber ich bleibe nicht lange.«
    Die Dobschütz wußte, wie's stand und welche sich immer steigernden
Ernüchterungen und Kränkungen diese letzten Wochen gebracht hatten; aber das,
was sie da eben von Holk selbst hörte, war doch noch mehr, ging darüber hinaus.
Was sollten diese Worte, die nichts und alles bedeuteten? Und dabei stand er vor
ihr mit einem halb trotzigen und doch zugleich verlegenen Gesichtsausdruck, wie
wenn er als Ankläger andrer und zugleich seiner selbst käme.
    »Ich will doch lieber gehen und Christine sagen, daß Sie da sind.«
    Er nickte, als ob er andeuten wollte: nun gut, auch das; es ist
gleichgültig, jetzt oder nach einer Viertelstunde.
    Dabei schritt er auf die Krippe zu, nahm etliche von den Figuren in die Hand
und sah sich um, ob die Dobschütz mittlerweile das Zimmer verlassen habe oder
nicht.
    Ja, sie war fort. Und nun erst ließ er sein Auge umhergleiten, Großes und
Kleines halb gleichgültig musternd, und sah bei der Gelegenheit auch auf die
Parkgänge hinaus, darin ein paar Hühner spazierengingen, weil niemand da war,
der's ihnen wehrte. Dann erst trat er wieder zurück und an den offenstehenden
Flügel, denselben, daran Elisabeth Petersen und Asta so oft gesessen und
vierhändig gespielt oder auch ihre Lieder gesungen hatten, eins am letzten oder
vorletzten Tage vor seiner Abreise. Und mit einem Male war es ihm, als hör er's
noch, aber aus weiter, weiter Ferne.
    So stand er und träumte vor sich hin, in halbem Vergessen dessen, um was er
eigentlich hierher gekommen, als er zu bemerken glaubte, daß die Tür ging. Und
nun wandte er sich und sah, daß Christine eingetreten war. Sie blieb stehen und
hatte die Hand der Dobschütz genommen, wie um sich zu halten. Holk ging auf sie
zu. »Guten Tag, Christine. Du siehst mich früher wieder, als ich erwartete.«
    »Ja«, sagte sie, »früher.« Und sie gab ihm die Hand und wartete, was er tun
würde. Das sollte ihr dann ein Zeichen sein, wie's stünde, denn sie wußte, daß
er, trotz aller seiner Schwächen, ehrlich war und sich nicht gut verstellen
konnte.
    Holk hielt ihre Hand in der seinen und wollte sie fest ansehen. Aber er
konnte den ruhigen Blick, der dem seinen begegnete, nicht ertragen, und so wandt
er sein Auge wieder beiseite, um es nicht niederschlagen zu müssen, und sagte,
während sie in ihrem Schweigen verharrte: »Wollen wir uns nicht setzen,
Christine?«
    Dabei schritten beide auf den Ecktisch zu. Die Dobschütz folgte, blieb aber
stehen, während sich die Gräfin setzte, Holk ihr gegenüber, nachdem er einen
Lehnstuhl herangeschoben hatte. Die Weihnachtskrippe stand zwischen ihnen, und
über die Krippe fort fragten sich ihre Blicke.
    »Geh, liebe Julie«, sagte die Gräfin nach einer Pause. »Wir sind wohl besser
allein. Ich glaube, daß mir Holk etwas sagen will.«
    Die Dobschütz zögerte, nicht weil sie Zeuge des Peinlichen zu sein wünschte,
was sich sichtlich vorbereitete, sondern aus Liebe zu Christine, hinsichtlich
deren sie fürchtete, daß sie ihres Beistandes bedürftig sein würde. Zuletzt aber
ging sie.
    Holk seinerseits schien die letzten Worte seiner Frau, »daß er ihr
mutmaßlich etwas zu sagen habe«, zunächst wenigstens widerlegen zu wollen; er
schwieg und spielte dabei mit dem Christkind, das er, ohne recht zu wissen, was
er tat, der Jungfrau Maria vom Schoß genommen hatte.
    Christine sah ihn an und fühlte beinah Mitleid mit ihm. »Ich will es dir
leicht machen, Holk«, sagte sie. »Was du nicht sagen magst, ich will es sagen.
Am Silvester oder am Neujahrstage haben wir dich erwartet, nun kommst du zu
Weihnacht. Ich glaube nicht, daß du der Krippe wegen gekommen bist, auch nicht
des Christkindes wegen, mit dem du spielst. Es liegt dir etwas sehr andres am
Herzen als das Christkind, und es kann nur noch die Frage sein, wie dein Glück
heißt, ob Brigitte oder Ebba. Eigentlich ist es gleich. Du bist gekommen, um auf
das, was ich dir als Letztes und Äußerstes vorschlug, einzugehen und mir dabei
zu sagen: ich hätt es ja so gewollt. Und wenn du das sagen willst, so sag es; du
darfst es. Ja, ich hab es so gewollt, denn ich bin nicht für halbe Verhältnisse.
Zu den vielen Selbstsüchtigkeiten, die mich auszeichnen, gehört auch die, nicht
teilen zu wollen, ich will einen ganzen Mann und ein ganzes Herz und mag nicht
eines Mannes Sommerfrau sein, während andere die Winterfrau spielen und sich
untereinander ablösen. Also sprich es aus, daß du gekommen bist, um mit mir von
Trennung zu sprechen.«
    Es war nicht gut, daß die Gräfin ihr Herz nicht bezwingen konnte.
Vielleicht, daß sie, bei milderer Sprache, den so Bestimmbaren doch umgestimmt
und ihn zur Erkenntnis seines Irrtums geführt hätte. Denn die Stimme von Recht
und Gewissen sprach ohnehin beständig in ihm, und es gebrach ihm nur an Kraft,
dieser Stimme zum Siege zu verhelfen. Gelang es Christinen, diese Kraft zu
stärken, so war Umkehr immer noch möglich, auch jetzt noch; aber sie versah es
im Ton und rief dadurch all das wieder wach, was ihn, ach so lange schon,
gereizt und, seit er Ebba kannte, so willfährig gemacht hatte, sich selber
Absolution zu erteilen.
    Und so warf er denn, als Christine jetzt schwieg, das Christkind wieder in
die Krippe, gleichgültig, wo die Puppe hinfiel, und sagte: »Du willst es mir
leicht machen, so, glaub ich, waren deine Worte. Nun, ich bin dir das
Anerkenntnis schuldig, daß du hinter deinem guten Willen nicht zurückgeblieben
bist. Immer derselbe Ton der Überhebung. Daß ich dir's offen bekenne, ich war
erschüttert, als ich dich da vorhin eintreten und, auf die gute Dobschütz
gestützt, auf mich zukommen sah. Aber ich bin es nicht mehr. Du hast nichts von
dem, was wohltut und tröstet und einem eine Last von den Schultern nimmt oder
wohl gar Blumen auf unsren Weg streut. Du hast nichts von Licht und Sonne. Dir
fehlt alles Weibliche, du bist herb und moros...«
    »Und selbstgerecht...«
    »Und selbstgerecht. Und vor allem so glaubenssicher in allem, was du sagst
und tust, daß man es eine Weile selber zu glauben anfängt und glaubt und glaubt,
bis es einem eines Tages wie Schuppen von den Augen fällt und man außer sich
über sich selbst gerät und vor allem darüber, daß man den Ausblick auf einen
engen, auf kaum zehn Schritt errichteten Plankenzaun mit einem Grabtuch darüber
für den Blick in die schöne Gotteswelt halten konnte. Ja, Christine, es gibt
eine schöne Gotteswelt, hell und weit, und in dieser Welt will ich leben, in
einer Welt, die nicht das Paradies ist, aber doch ein Abglanz davon, und in
dieser hellen und heitern Welt will ich die Nachtigallen schlagen hören, statt
einen Steinadler oder meinetwegen auch einen Kondor ewig feierlich in den Himmel
steigen zu sehen.«
    »Nun, Holk, laß es genug davon sein, ich will dir dein Paradies nicht länger
verschließen, denn das mit dem bloßen Abglanz davon, das redest du nur so hin;
du willst dein richtiges irdisches Paradies haben und willst, wie du dich
eigentümlich genug ausdrückst, die Nachtigallen darin schlagen hören. Aber sie
werden über kurz oder lang verstummen, und du wirst dann nur noch eine
Vogelstimme hören und nicht zu deiner Freude, leise und immer schmerzlicher, und
du wirst dann auf ein unglückliches Leben zurückblicken. Von den Kindern spreche
ich dir nicht, ich mag sie nicht in ein Gespräch wie dieses hineinziehen; ein
Mann, der der Stimme seiner Frau kein Ohr leiht, einer Frau, die den Anspruch
auf seine Liebe hatte, weil sie in Liebe für ihn aufging - der hört auch nicht
auf das, was ihm die bloßen Namen seiner Kinder zurufen. Ich gehe. Mein Bruder
wird von Arnewiek aus meine Sache führen, aber nicht etwa in dem Sinn eines
Widerstandes oder Protestes gegen das, was du vorhast, davor sei Gott, nur zur
Regelung dessen, was geregelt werden muß und wo obenan steht, ob die Kinder
deine sein sollen oder meine. Du wirst« (und sie lächelte bitter), »soweit ich
dich kenne, keine Schwierigkeiten nach dieser Seite hin machen; es gab wohl
Zeiten, wo dir die Kinder etwas bedeuteten, aber das liegt zurück. Die Zeiten
ändern sich, und was dir eine Freude war, ist dir eine Last geworden. Ich will
deine künftige Hausführung nach Möglichkeit aller Mühewaltungen überheben, auch
der Mühewaltung der Stiefmutterschaft. Und nun lebe wohl, und werde nicht zu
hart gestraft für diese Stunde.«
    Dabei hatte sie sich von ihrem Platz erhoben und ging, sie wollte ihm nicht
ausweichen, scharf an ihm vorüber auf die Tür zu. Von der Schwäche, die sie bei
ihrem Eintreten gezeigt hatte, war in ihrer ganzen Haltung nichts mehr; die
Empörung, die ihr Herz füllte, gab ihr Kraft zu allem.
    Auch Holk erhob sich. Eine Welt widerstreitender Empfindungen regte sich in
seiner Seele, was aber nach allem, was er eben wieder gehört hatte, doch vorwog,
war ein Gefühl bitterer Verdrossenheit. Eine ganze Weile schritt er auf und ab,
und dann erst trat er an die Balkontür heran und sah wieder auf den Parkgang
hinaus, der, mit Blättern und Tannäpfeln überstreut, in leiser Schrägung bergab
und zuletzt links einbiegend nach Holkeby führte. Der Himmel hatte sich wieder
bezogen, und eh eine Minute um war, begann ein heftiges Schneetreiben, ein
Tanzen und Wirbeln, bis der Windzug plötzlich nachließ und die Flocken schwer
und dicht herniederfielen.
    Holk konnte nur wenig Schritte weit sehen, aber so dicht die Flocken fielen,
sie ließen ihn doch zwei Frauengestalten erkennen, die jetzt, von der rechten
Seite des Schlosses her, in den Parkweg einbogen und auf Holkeby zu
hinunterschritten.
    Es waren die Gräfin und die Dobschütz.
    Niemand begleitete sie.

                              Dreißigstes Kapitel

 
Holk, als er Christine so den Parkweg hinabschreiten und gleich danach in dem
Flockentanze verschwinden sah, war erschüttert, aber doch nur in seinem Herzen,
nicht in seinen Entschlüssen, nicht in dem, was er vorhatte. Das Glück
vergangener Jahre lag hinter ihm, das war gewiß, und er setzte hinzu: »durch
meine Schuld vielleicht, aber sicher auch durch ihre. Sie hat es so gewollt, sie
hat mich gereizt und gepeinigt, erst durch Überheblichkeit und dann durch
Eifersucht, und zuletzt hat sie mir zugerufen: Geh. Und hat auch nicht einlenken
wollen; im Gegenteil, sie hat sich selber noch übertrumpft und statt der
üblichen Hochfahrenheitsmiene zuletzt auch noch die Mitleidsmiene aufgesetzt,
und dann ist sie gegangen... Ich mag gegen sie gefehlt haben, in diesen letzten
Wochen gewiß, aber der Anfang lag bei ihr, sie hat sich mir entfremdet, immer
mehr und mehr, und das ist nun das Ende. Ja, das Ende vom Lied, aber nicht vom
Leben. Nein, es soll umgekehrt der Anfang von etwas anderem, etwas Besserem und
Freudigerem werden, und wenn ich aus allem, was zurückliegt, eine Bitterkeit mit
in das Neue hinübernehme, so soll mir doch dies Bittere die Freude nicht für
immer vergällen. Wie verlangt's mich nach einem lachenden Gesicht! Ach, diese
ewige Schmerzensmutter mit dem Schwert im Herzen, während es doch bloß
Nadelstiche waren. Wirklich, es war schwer zu tragen, und jedenfalls ich war es
müde.«
    Der alte Diener, der mittlerweile das Gepäck von der Landungsstelle
heraufgeschafft hatte, trat jetzt ein und fragte den Grafen, ob er ein Frühstück
befehle. »Nein, Dooren, jetzt nicht; ich werde klingeln.« Und als er wieder
allein war, überkam ihn die Frage, was er nun eigentlich solle. »Soll ich hier
bleiben und einen Wachsstock zerschneiden und den Christbaum da, bei dessen
Ausputz ich die gute Dobschütz gestört habe, mit einem Dutzend Freudenlichter
besetzen und dann morgen abend die Lichter anzünden und mir mein Glück
bescheren? Es geht nicht. Und ich kann auch nicht hierbleiben, bloß um hier oben
und im Dorf unten den leutseligen und schenkefrohen Gutsherrn zu spielen und
dabei den Mägden einen Speziestaler in den Apfel zu stecken und den Michel nach
seiner Annemarie oder die Annemarie nach ihrem Michel zu fragen und ob die
Hochzeit zu Ostern oder zu Pfingsten sein werde. Und wenn ich so was selbst
wollte, darüber verginge ja noch ein ganzer Tag oder eigentlich zwei, denn sie
bescheren hier erst in der Frühe. Zwei Tage, das geht nicht, womit soll ich die
zubringen? Das ist eine kleine Ewigkeit, und ich bin nicht in der Stimmung,
inzwischen Wirtschaftsbücher zu revidieren und über Raps und Rübsen zu sprechen.
Und zu Petersen? Er würde mir ins Gewissen reden und doch nichts zustande
bringen. Und dann ist auch mutmaßlich Christine noch da; sie wird unten Station
gemacht und einen Boten nach Arnewiek geschickt haben, und Alfred wird kommen
und sie abholen. Ich habe nicht Lust, dabei zugegen zu sein oder auch nur in der
Nähe. Nein, ich will lieber nach Flensburg hinüber, vielleicht geht heute noch
ein Kopenhagener Schiff. Und wenn auch nicht, hier kann ich nicht bleiben; ich
muß fort.«
    Und er zog die Klingel. »Sage, daß Johann anspannt. Den kleinen Wagen und
die Ponies. Ich will nach Flensburg.«
    Es schlug drei, als Holk in Flensburg einfuhr, und bald danach hielt er vor
dem Hillmannschen Gasthause, darin er, bei seinen häufigen Anwesenheiten in der
Stadt, regelmäßig Wohnung zu nehmen pflegte. Der Wirt war einigermaßen
überrascht, ihn zu sehen, bis er erfuhr, daß der Graf, dessen Stellung am Hofe
der Prinzessin er kannte, nur auf kurzen Urlaub in Holkenäs gewesen sei.
    »Wann geht das nächste Kopenhagner Schiff, lieber Hillmann?«
    Hillmann holte die Tabelle herbei, darauf Abfahrt und Ankunft der Dampfer
genau verzeichnet waren, und glitt mit dem Finger über die Rubriken hin:
»Richtig, Iversens Schiff ist an der Reihe und müßte morgen fahren. Aber der 24.
fällt aus; das ist altes Herkommen, und Iversen, der bei seiner Tochter wohnt
und schon Enkel hat, wird an dem Herkommen nichts ändern; er steht am
Christabend auch lieber unterm Weihnachtsbaum als auf Deck. Ist aber sonst ein
guter Kapitän, noch einer von den alten, die von der Pike an gedient haben. Er
fährt also den 25., ersten Feiertag, sieben Uhr abends.«
    »Und kommt an?«
    »Und kommt an in Kopenhagen zweiten Feiertag früh. Das heißt um neun oder
vielleicht auch eine Stunde später.«
    Holk zeigte sich wenig erbaut von dem allen, und nur wenn er an Holkenäs
zurückdachte, war er doch herzlich froh, die lange Zeit von mehr als zwei Tagen
in Flensburg verbringen zu können. Er bezog ein Zimmer im zweiten Stock, das auf
den Rathausplatz hinaussah, und nachdem er mit leidlichem Appetit - denn er
hatte seit dem Abend vorher so gut wie nichts genossen - eine verspätete
Mittagsmahlzeit eingenommen, verließ er das Gasthaus, um an der Flensburger
Bucht hin einen langen Spaziergang zu machen. Erst herrschte Dämmerung; aber
nicht lange, so zogen im winterlichen Glanze die Sterne herauf und spiegelten
sich auf der weiten Wasserfläche. Holk fühlte, wie der auf ihm lastende Druck
von Minute zu Minute geringer ward, und wenn er sich auch nach wie vor
keineswegs in einem Zustand von Seelenruhe befand, so galt das, was ihm von
Unruhe verblieb, doch mehr der Zukunft als der Vergangenheit und hatte
vorwiegend den Charakter einer gewissen erwartungsvollen Erregung. Er malte sich
allerlei anheimelnde Bilder aus, wie sie spätestens der nächste Mai heraufführen
sollte. Bis dahin mußte alles geordnet sein; die Hochzeit war festgesetzt, und
er sah sich in der von Menschen überfüllten Hilleröder Kirche. Schleppegrell
hielt die Traurede; die gute Pastorsfrau war ergriffen von der Beredsamkeit
ihres Gatten, und Doktor Bie freute sich, daß mit Hülfe einer schönen Schwedin
ein schleswig-holsteinisches Herz für Dänemark erobert worden sei. In der
kleinen Hofloge aber paradierte die Prinzessin, neben ihr die Schimmelmann und
hinter beiden Pentz und Erichsen. Und dann verabschiedeten sie sich von Hilleröd
und der Gesamtheit der Brautzeugen und fuhren in einem Extrazuge nach Kopenhagen
und am selben Abend noch nach Korsör und Kiel, und in Hamburg war erste Rast.
Und dann kam Dresden und München und dann der Gardasee mit einem Ausfluge nach
Mantua, wo sie sonderbarerweise den Wallgraben, in dem Hofer erschossen wurde,
besuchen wollten, und dann ging es immer südlicher bis nach Neapel und Sorrent.
Da sollte die Fahrt abschließen, und den Blick rechts nach dem Vesuv und links
nach Capri hinüber, wollt er die quälerische Welt vergessen und sich selbst und
seiner Liebe leben. Ja, in Sorrent! Da war auch eine so prächtige Bucht wie die
Flensburger hier, und da schienen auch die Sterne hernieder, aber sie hatten
einen helleren Glanz, und wenn dann die Sonne den neuen Tag heraufführte, da war
es eine wirkliche Sonne und ein wirklicher Tag.
    So kamen ihm die Bilder, und während er sie greifbar vor sich sah, flutete
das Wasser der Bucht dicht neben ihm, ernst und dunkel, trotz der Lichtstreifen,
die darauf fielen.
    Erst zu später Stunde war er wieder in seinem Gasthaus, und unter Lesen und
gelegentlichem Geplauder mit Hillmann verging ihm der andere Tag. Als aber der
Abend hereinbrach, trieb es ihn doch hinaus, durch die Straßen und Gassen der
Stadt, und überall, wo die Fensterläden noch offen oder nicht dicht geschlossen
waren, tat er einen Blick hinein, und vor mehr als einem Hause, wenn er das
Glück da drinnen und das Kind auf dem Arm der Mutter sah, und wie der Vater
seiner Frau die Hand entgegenstreckte, wandelte ihn doch plötzlich eine Furcht
vor dem Kommenden an, und auf Augenblicke stand nur all das vor ihm, was er
verloren hatte, nicht das, was er gewinnen wollte.
    Welch Heiligabend! Aber er verging, und nun war erster Feiertag, und so
langsam sich seine Stunden auch hinschleppten, endlich war doch sieben Uhr
heran, und die Schiffsglocke läutete. Holk stand neben dem alten Kapitän, und
als man eine Stunde später in freies Fahrwasser kam, ließ sich schon ungefährdet
ein Faden spinnen, und Iversen erzählte von Altem und Neuem. Es war eine schöne
Fahrt, dazu eine milde Luft, und bis über Mitternacht hinaus stand man unter dem
Sternenhimmel und berechnete, daß man mutmaßlich eine halbe Stunde vor der Zeit
in Kopenhagen eintreffen werde. Dazu beglückwünschte man sich, und gleich danach
zogen sich die wenigen Passagiere, die die Fahrt überhaupt mitmachten, in ihre
Schlafkojen zurück. Aber bald änderte sich das Wetter draußen, und als man um
fünf Uhr in Höhe von Möen war oder doch zu sein vermeinte, da war der Seenebel
so dicht geworden, daß man das Feuer unter dem Dampfkessel ausgehen und die
Anker fallen lassen mußte. Die Stille, wie gewöhnlich, weckte die Schläfer, und
als man eine Viertelstunde später auf Deck kam und nach der Küste von Seeland
hinüberschauen wollte, hörte man von dem Mann am Steuer, daß das Schiff
festliege.
    »Wie lange?«
    »Nun, Mittag wird wohl herankommen.«
    Und Mittag war auch wirklich vorüber, als der Nebel endlich wich und die
Fahrt wieder aufgenommen werden konnte. Verlorener Tag und von einem Vorsprechen
im Palais der Prinzessin keine Rede mehr. Die Laternen brannten schon überall am
Hafen, als man bald nach fünf an der Dampfschiffsbrücke anlegte.
 
In seiner Wohnung wurde Holk, statt wie gewöhnlich von Brigitte, diesmal von der
alten Frau Hansen empfangen; sie ging ihm voran die Treppe hinauf und zündete
die Lampen an, ohne nach etwas anderem als nach dem Wetter zu fragen, und ob er
eine gute Fahrt gehabt habe. Davon, ob die Frau Gräfin bei guter Gesundheit
gewesen und ob das Christfest froh und glücklich verlaufen sei, davon war mit
keinem Worte die Rede, und als Holk seinerseits erst nach dem Befinden der
beiden Hansenschen Frauen und dann nach dem der Prinzessin frug, antwortete die
alte Hansen in jenem eigentümlichen Unschuldston, worin sie der Tochter
womöglich noch überlegen war: »Das Fräulein ist wieder außer Bett.« Es kam so
heraus, daß es selbst Holk auffiel, er war aber in diesem Augenblick von viel
zuviel andern Dingen in Anspruch genommen, um seinerseits einen Gegenzug zu tun,
und so ließ er's denn gehen und bat nur um die Zeitungen und einen guten Tee.
»Denn ihn fröstle von dem langen Stehen auf Deck.« Die Hansen brachte beides.
Der Zeitungen waren der Festtage halber nur wenige; Holk flog sie durch und ging
dann früh zu Bett. Er schlief auch gleich ein, denn die letzten Tage hatten
seine Nerven erschöpft.
    Bei guter Zeit war er wieder auf. Frau Hansen (Brigitte ließ sich auch heute
nicht sehen) brachte das Frühstück, und weil sie fühlen mochte, den Abend vorher
zu weit gegangen zu sein, befleißigte sie sich der größten Unbefangenheit und
trug ihren Stadtklatsch harmlos und mit so viel glücklicher Laune vor, daß sich
Holk nicht bloß seinem Mißmut über die voraufgegangene Perfidie der Alten,
sondern zu seiner eigenen Überraschung auch seiner trüben Stimmung zu gutem Teil
entrissen sah. Alles, auch das Heikelste, gewann in der Erzählung der guten
Hansen etwas durchaus Heitres und durchaus Selbstverständliches, und als sie
wieder fort war, war es ihm, als ob er eine freilich nicht sehr moralische,
dafür aber desto lebensweisere Predigt über das, was Leben sei, vernommen habe.
Wenn er das eben Gehörte zusammenfaßte, so hieß es etwa: ja, Graf Holk, so war
es immer und so wird es immer sein. Es läßt sich alles schwernehmen, aber es
läßt sich auch alles leichtnehmen. Und wer die Kunst des Leichtnehmens versteht,
der lebt, und wer alles schwernimmt, der lebt nicht und ängstigt sich vor
Gespenstern, die gar nicht da sind. »Ja, die gute Frau Hansen hat recht«, so
schloß Holk seine Betrachtungen über das, was er eben vernommen hatte.
»Leichtnehmen, alles leichtnehmen, dabei fährt man am besten, das haben auch die
Menschen am liebsten, und ein lachendes Gesicht ist der erste Schritt zum
Siege.«
    Zwölf hatte noch nicht ausgeschlagen, als er aus seiner Wohnung in die
Dronningens-Tvergade hinaustrat und auf das Palais zuschritt. Es war dritter
Feiertag, das Wetter hatte sich geklärt, und die Wintersonne lag auf Platz und
Straße. »Das Fräulein ist wieder außer Bett« - so waren gestern abend die Worte
der Frau Hansen gewesen, und an der Richtigkeit dieser Mitteilung ließ sich
nicht wohl zweifeln; daß aber das Fräulein nach einem so heftigen Fieberanfall
auch schon wieder im Dienst sein sollte, das war freilich sehr unwahrscheinlich,
und so stieg er denn, ohne vorgängiges Anfragen in den Gemächern der Prinzessin,
in das von Ebba bewohnte zweite Stockwerk hinauf. Karin öffnete. »Das Fräulein
zu sprechen?« - »Ja.« - Und Karin ging vorauf, während Holk folgte.
    Das Fräulein saß in einem Lehnstuhl am Fenster und sah auf den Platz, auf
dem keine Spur von Leben war, nicht einmal die Herbstblätter tanzten mehr
darüber hin. Als Holk eingetreten, erhob sich Ebba von ihrem Lehnstuhl und
schritt auf ihn zu, freundlich, aber matt und nüchtern. Sie gab ihm die Hand,
nahm dann, abseits vom Fenster, auf einem weiter zurück stehenden Sofa Platz und
wies auf einen Stuhl, ihn auffordernd, damit in ihre Nähe zu rücken.
    »Ich erwarte den Arzt«, begann sie leise, mit mehr erkünstelter als
wirklicher Anstrengung. »Aber der gute Doktor, er kommt immer noch früh genug,
und so freu ich mich denn aufrichtig, Sie zu sehen. Es läßt sich doch mal von
etwas andrem sprechen. Immer über sein Befinden rapportieren zu müssen - es ist
so langweilig, für den Doktor gewiß, aber auch für den Kranken... Sie haben das
Fest drüben zugebracht. Ich hoffe, daß Sie die Gräfin bei wünschenswerter
Gesundheit fanden und daß Sie gute Festtage hatten.«
    »Ich hatte sie nicht«, sagte Holk.
    »Dann kann ich nur wünschen, daß Sie nicht die Schuld daran trugen. Ich
hörte soviel Gutes von der Gräfin; die Prinzessin, die mich gestern besuchte,
war voll ihres Lobes. Eine charaktervolle Frau, sagte sie.«
    Holk zwang sich zu lächeln. »Eine charaktervolle Frau - ja, die Prinzessin
liebt diese Wendung, ich weiß, und will damit andeuten, daß nicht jeder
charaktervoll sei. Darin mag sie recht haben. Aber Prinzessinnen haben es
leicht, für Charakter zu schwärmen, weil sie selten in die Lage kommen,
Charaktere kennenzulernen. Charaktervolle Leute mögen hundert Vorzüge haben,
haben sie gewiß, aber sie sind unbequem, und das ist das letzte, was
Prinzessinnen zu lieben pflegen.«
    »Alle Welt rühmt Ihre Galanterie, lieber Holk, und ich bin, weil ich keinen
Grund dazu habe, die letzte, dem zu widersprechen; aber Sie sind ungalant gegen
Ihre eigene Frau. Warum wollen Sie das Lob verkürzen, das die Prinzessin ihr
spendet? Prinzessinnen loben in der Regel nicht viel, und man darf ihrem Lobe
wohl zulegen, aber nichts abziehen. Ich empfinde ganz wie die Prinzessin und bin
voll Sympathie für die Gräfin und, wenn dies das rechte Wort nicht sein sollte,
voll Teilnahme.«
    Holk riß die Geduld. »Die Gräfin wird Ihnen dankbar dafür sein. Aber, das
darf ich sagen, ihre Dankbarkeit wird von ihrer Verwunderung noch übertroffen
werden. Ebba, was soll diese Komödie? Gräfin und wieder Gräfin und dann
charaktervoll und dann sympathisch und zuletzt Gegenstand Ihrer Teilnahme.
Wollen Sie, daß ich das alles glaube? Was ist vorgefallen? Aus welcher
Veranlassung hat sich der Wind gedreht? Warum plötzlich diese Förmlichkeit,
diese Nüchternheit? Eh ich abreiste, hab ich Sie sprechen wollen, nicht um eine
Gewißheit meines Glückes zu haben, diese Gewißheit hatte ich oder glaubte
wenigstens, sie haben zu dürfen, nein, es trieb mich einfach, Sie zu sehen und
mich, eh ich hinüberging, über Ihr Ergehen zu beruhigen, und so bin ich
abgereist und habe drüben einen Tag erlebt und einen Kampf gekämpft und Worte
gesprochen, Worte, nun, rundheraus, die Sie kennen müssen, als ob Sie Zeuge der
ganzen Szene gewesen wären.«
    Ebba warf den Kopf zurück. Holk aber fuhr fort: »Sie werfen hochmütig den
Kopf zurück, Ebba, wie wenn Sie mir sagen wollten: ich weiß, was da gesprochen
worden ist, aber ich will es nicht wissen, und ich mißbillige jedes dieser
Worte.«
    Sie nickte.
    »Nun, wenn ich es damit getroffen, so frag ich Sie noch einmal, was soll
das? Sie wissen, wie's mit mir steht; wissen, daß ich vom ersten Tag an in Ihrem
Netze war, daß ich alles, und vielleicht mehr, als ich durfte, darangesetzt
habe, Sie zu besitzen. Und daß ich das alles tat und hier vor Ihnen stehe, wie
ich stehe, schuldig oder nicht, dazu haben Sie mir den Weg gezeigt - leugnen
Sie's, wenn Sie's können. Jedes Ihrer Worte hat sich mir in die Seele
eingeschrieben, und Ihre Blicke sprachen es mit, und beide, Worte und Blicke,
sagten es mir, daß Sie's durch alle Tage hin beklagen würden, auf der
abgebröckelten Eisscholle nicht ins Meer und in den Tod hinausgetrieben zu sein,
wenn ich Sie verließe. Leugnen Sie's, Ebba - das waren Ihre Worte.«
    Ebba hatte, während Holk so sprach, sich zurückgelehnt und die Augen
geschlossen. Als er jetzt schwieg, richtete sie sich wieder auf, nahm seine Hand
und sagte: »Freund, Sie sind unverbesserlich. Ich entsinne mich, Ihnen gleich am
Anfang unserer Bekanntschaft, und dann auch später noch, jedenfalls mehr als
einmal gesagt zu haben, Sie stünden nicht am richtigen Fleck. Und davon kann ich
nichts zurücknehmen; im Gegenteil. Alles, was ich damals in übermütiger Laune
nur so hinsprach, bloß um Sie zu necken und ein wenig zu reizen, das muß ich
Ihnen in vollem Ernst und in mindestens halber Anklage wiederholen. Sie wollen
Hofmann und Lebemann sein und sind weder das eine noch das andre. Sie sind ein
Halber und versündigen sich nach beiden Seiten hin gegen das Einmaleins, das nun
mal jede Sache hat und nun gar die Sache, die uns hier beschäftigt. Wie kann man
sich einer Dame gegenüber auf Worte berufen, die die Dame töricht oder
vielleicht auch liebenswürdig genug war, in einer unbewachten Stunde zu
sprechen? Es fehlt nur noch, daß Sie sich auch auf Geschehnisse berufen, und der
Kavalier ist fertig. Unterbrechen Sie mich nicht, Sie müssen noch Schlimmeres
hören. Allmutter Natur hat Ihnen, wenn man von der Beständigkeit absieht, das
Material zu einem guten Ehemanne gegeben, und dabei mußten Sie bleiben. Auf dem
Nachbargebiete sind Sie fremd und verfallen aus Fehler in Fehler. In der Liebe
regiert der Augenblick, und man durchlebt ihn und freut sich seiner, aber wer
den Augenblick verewigen oder gar Rechte daraus herleiten will, Rechte, die,
wenn anerkannt, alle besseren, alle wirklichen Rechte, mit einem Wort, die
eigentlichen Legitimitäten auf den Kopf stellen würden, wer das tut und im
selben Augenblicke, wo sein Partner klug genug ist, sich zu besinnen, feierlich
auf seinem Scheine besteht, als ob es ein Trauschein wäre, der ist kein Held der
Liebe, der ist bloß ihr Don Quixote.«
    Holk sprang auf. »Ich weiß nun genug; also alles nur Spiel, alles nur
Farce.«
    »Nein, lieber Holk, nur dann, wenn Ihre deplacierte Feierlichkeit das, was
leicht war, schwergenommen haben sollte, was Gott verhüten wolle.«
    Holk sah schweigend vor sich hin und bestätigte dadurch aufs neue, daß sie's
getroffen. »Nun gut dann«, fuhr Ebba fort. »Also das Törichtste ist schon
geschehen! Ich lehne jede Verantwortung dafür ab. Ich habe mich nie besser
gemacht, als ich bin, und niemand wird mir nachsagen, daß ich mich ernsthaft auf
etwas Falsches hin ausgespielt hätte. Worte waren Worte; soviel mußten selbst
Sie wissen. Ja, Holk, Hofleben ist öd und langweilig, hier wie überall, und weil
es langweilig ist, ist man entweder so fromm wie die Schimmelmann oder... nun,
wie sag ich... so nicht-fromm wie Ebba. Und nun, statt alle Treibhäuser des
Landes zu plündern und mir Blumen auf den Weg zu streuen oder wie ein Troubadour
das Lob seiner Dame zu singen und dann weiterzuziehen und weiter sein Glück zu
versuchen, statt dessen wollen Sie mich einschwören auf ein einzig Wort oder
doch auf nicht viel mehr und wollen aus einem bloßen Spiel einen bittern Ernst
machen, alles auf Kosten einer Frau, die besser ist als Sie und ich und die Sie
tödlich kränken, bloß weil Sie sich in einer Rolle gefallen, zu der Sie nicht
berufen sind. Noch einmal, ich lehne jede Verantwortung ab. Ich bin jung, und
Sie sind es nicht mehr, und so war es nicht an mir, Ihnen Moral zu predigen und
Sie, während ich mich hier langweilte, mit ängstlicher Sorgfalt auf dem
Tugendpfade zu halten; - das war nicht meine Sache, das war Ihre. Meine Schuld
bestreit ich, und wenn es doch so was war (und es mag darum sein), nun, so hab
ich nicht Lust, diese Schuld zu verzehn- und zu verhundertfachen und aus einem
bloßen Schuldchen eine wirkliche Schuld zu machen, eine, die ich selber dafür
halte.«
    In Holk drehte sich alles im Kreise. Das also war sein erträumtes Glück! Als
er sich zu diesem Gang anschickte, war er wohl von einem unsicheren und
quälenden Gefühl erfüllt gewesen, von der Frage, was die Welt, die Kinder, die
sich notwendig ihm entfremden mußten, und über kurz oder lang vielleicht auch
sein eigenes Herz dazu sagen würde. Das hatte vor seiner Seele gestanden, aber
auch das nur allein. Und nun ein Korb, der rundesten einer, sein Antrag
abgelehnt und seine Liebe zurückgewiesen, und das alles mit einer
Entschiedenheit, die jeden Versuch einer weiteren Werbung ausschloß. Und wenn er
wenigstens in einer plötzlich erwachten Empörung etwas wie ein Gegengewicht in
sich hätte finden können; aber auch das blieb ihm versagt, so völlig, daß er
sie, während sie so dastand und ihn durch ihren überheblichen Ton vernichtete,
bezaubernder fand denn je.
    »So schließt denn alles«, nahm er nach einer kurzen Pause das Wort, »mit
einer Demütigung für mich ab, mit einer Demütigung, die zum Überfluß auch noch
den Fluch der Lächerlichkeit trägt; - alles nur pour passer le temps. Alles nur
ein Triumph Ihrer Eitelkeit. Ich muß es hinnehmen und mich Ihrem neuen Willen
unterwerfen. Aber in einem, Ebba, kann ich Ihnen nicht zu Diensten sein; ich
kann nicht erkennen, daß mir eine Pflicht vorlag, den Ernst Ihrer Gefühle zu
bezweifeln; im Gegenteil, ich glaubte den Glauben daran haben zu dürfen, und ich
glaub es noch. Sie sind einfach andern Sinnes geworden und haben sich - ich habe
nicht nach den Gründen zu forschen - inzwischen entschlossen, es lieber ein
Spiel sein zu lassen. Nun denn, wenn es ein solches war und nur ein solches, und
Sie sagen es ja, so haben Sie gut gespielt.«
    Und sich gegen Ebba verbeugend, verließ er das Zimmer. Draußen stand Karin,
die gehorcht hatte. Sie sprach kein Wort, ganz gegen ihre Gewohnheit, aber ihre
Haltung, während sie Holk durch den langen Korridor hin begleitete, zeigte
deutlich, daß sie das Tun ihrer Herrin mißbilligte. Sie hielt eben zu dem
Grafen, auf dessen Gütigkeit und wohl auch Schwäche sie manchen Zukunftsplan
aufgebaut haben mochte.

                           Einunddreißigstes Kapitel

 
Nahezu anderthalb Jahre waren seitdem vergangen, Ende Mai war, und die Londoner
Squares boten das hübsche Bild, das sie zur Pfingstzeit immer zu bieten pflegen.
Das galt im besonderen auch von Tavistock-Square; der eingegitterte, sorglich
bewässerte Rasen zeigte das frischeste Frühlingsgrün, die Fliederbüsche standen
in Blütenpracht, und die gelben Rispen des Goldregens hingen über das Gitter
fort in die breite, dicht daran vorüberführende Straße hinein.
    Es war ein reizendes Bild, und dieses Bildes freute sich auch Holk, der in
einem alten, übrigens sehr wohlerhaltenen und in seiner doppelten Front von
einem Balkon umgebenen Eckhause die Zimmer des ersten Stocks innehatte. Er
liebte diese Gegend noch aus der nun zwanzig Jahre zurückliegenden Zeit her, wo
er, als junger Attaché der dänischen Gesandtschaft, in eben diesem Stadtteile
gewohnt hatte, und nahm es, als er im Laufe des letzten Novembers in London
eintraf, als ein gutes Zeichen, daß es ihm gelungen war, gerade hier eine ihm
zusagende Wohnung zu finden.
    Ja, seit November war Holk in London, nachdem er bis dahin in der Welt
umhergefahren und an all den berühmten Schönheitsplätzen gewesen war, an denen
jahraus, jahrein viele Tausende Zerstreuung suchen, um schließlich die
Wahrnehmung zu machen, daß auch das ödeste Daheim immer noch besser ist als das
wechselvolle Draußen. Er hatte sich nach schriftlicher Verabschiedung von der
Prinzessin und nach einem ausführlichen und herzlichen Briefe an Arne, den er
anrief, ihn in diesen schweren Tagen nicht verlassen zu wollen, erst nach
Brüssel und dann nach Paris begeben, aber so wenig zu seiner Zufriedenheit, daß
er um Ostern bereits in Rom und einige Wochen später auch schon in Sorrent
eingetroffen war, in demselben Sorrent, in dem er gehofft hatte mit Ebba
glückliche Tage verleben zu können. Diese glücklichen Tage waren nun freilich
ausgeblieben; aber der all die Zeit über auf ihm lastende Druck war im Verkehr
mit einer liebenswürdigen englischen Familie, mit der er gemeinschaftlich eine
Dependance des Tramontana-Hotels bewohnte, doch schließlich von ihm abgefallen,
und er hatte wieder leben und, was noch wichtiger, sich um das Leben anderer
kümmern gelernt. So waren Wochen vergangen, unter Wagenfahrten nach Amalfi und
unter Bootfahrten nach Capri hinüber, wobei die Schiffer ihre Lieder sangen;
aber die heiße Jahreszeit, die bald einsetzte, vertrieb ihn, früher, als ihm
lieb war, aus dem ihm zusagenden Idyll bis in die Schweiz hinauf, die es ihm
diesmal freilich, sosehr er sie sonst liebte, nirgends ganz recht machen konnte:
der Genfer See blendete zu sehr, der Rigi war zu sehr Karawanserei und Pfäfers
zu sehr Hospital. So beschloß er denn, weil's ihn, wenn nicht in die Heimat, so
doch wenigstens weiter nordwärts in die germanische Welt überhaupt zurückzog, es
mit London zu versuchen, an das ihn freundliche Jugenderinnerungen knüpften und
wohin ihn die mit ihm zugleich von Sorrent aus abgereisten englischen Freunde
mit einer Art Dringlichkeit geladen hatten. Nach London also! Und da war er nun
seit einem halben Jahr und empfand unter Verhältnissen und Lebensformen, die den
schleswig-holsteinischen einigermaßen verwandt waren, soviel von Heimatlichkeit,
wie sie der Heimatlose gewärtigen konnte. Ja, die gesellschaftlichen
Verhältnisse konnten ihn befriedigen, und manches andere kam hinzu, das wohl
angetan war, ihn von dem immer wachsenden Gefühl seiner Einsamkeit auf
wenigstens Stunden und Tage frei zu machen. Eine kleine Theaterpassion, die
schon in zurückliegender Zeit die Tage seiner Londoner Attachéschaft so angenehm
gemacht hatte, wurde wieder lebendig, und das ganz in der Nähe von
Tavistock-Square gelegene Prinzeß-Theater sah ihn regelmäßig auf einem seiner
Parkettplätze, wenn der gerade damals mit seinen Shakespeare-Revivals
epochemachende Charles Kean heute den »Sommernachtstraum« oder das
»Wintermärchen« und morgen den »Sturm« oder »König Heinrich VIII.« in bis dahin
unerhörter Pracht auf die Bühne brachte. Zu diesem Charles Kean trat er denn
auch im Laufe des Winters in persönliche Beziehungen, und als er schließlich in
dem von Künstlern und Schriftstellern vielbesuchten Hause des berühmten Tragöden
auch noch die Bekanntschaft von Charles Dickens gemacht hatte, sah er sich,
übrigens ohne deshalb seine dem Landadel angehörigen Freunde Sorrentiner
Angedenkens vernachlässigen zu müssen, in allerlei Theater- und Literaturkreise
hineingezogen, deren lebhaftes und von heiterster Laune getragenes Treiben ihn
ungemein sympathisch berührte. Namentlich Dickens selbst war seine Schwärmerei
geworden, und bei Gelegenheit eines Whitebait-Dinners in Greenwich ließ er
seinen neugewonnenen Freund leben, den großen Erzähler, von dem er zwar nur den
»David Copperfield« kenne, der aber als Verfasser dieses Buches auch der
Sanspareil aller lebenden Schriftsteller sei. Mehr von ihm zu lesen, wozu er von
den übrigen Anwesenden am Schluß seines Toastes unter Lachen aufgefordert wurde,
behauptete er ablehnen zu müssen, da »Copperfield« auch von Dickens selbst
schwerlich übertroffen worden sei, weshalb ein weiteres Lesen eigentlich nur zur
Herabminderung seiner Begeisterung führen könne.
    Reunions wie diese, daran auch gefeierte Damen aus der Künstlerwelt,
namentlich die schöne und vielumworbene Miss Heath und vor allem die geniale
Lady-Macbeth-Spielerin Miss Atkinson beinahe regelmäßig teilnahmen, waren mehr
als eine bloße Zerstreuung für Holk, und er hätte sich durch diesen Verkehr
nicht bloß seiner Einsamkeit entrissen, sondern auch geradezu gehoben und
erquickt fühlen können, wenn er sich einigermaßen frei gefühlt hätte. Dies war
aber genau das, was ihm fehlte; denn gerade der Fleck Erde, daran er mit ganzer
Seele hing, auf dem er geboren und durch Jahrzehnte hin glücklich gewesen war,
gerade der Fleck Erde war ihm verschlossen und blieb es auch mutmaßlich, wenn es
ihm nicht glückte, seinen Frieden mit der Gesellschaft zu machen, einen Frieden,
der wiederum eine Versöhnung mit Christine zur Voraussetzung hatte. Daran war
aber nach allem, was er aus der Heimat hörte, nicht wohl zu denken: denn sosehr
die Gräfin darauf hielt, daß seitens der Kinder an schuldiger Rücksicht nichts
versäumt und beispielsweise jeder Brief des Vaters (er schrieb oft, weil ihn ein
Gefühl der Verlassenheit dazu drängte) respektvoll erwidert wurde, so vergeblich
waren doch andererseits alle bisher unternommenen Schritte zur Herbeiführung
eines Ausgleichs gewesen. Mit der ihr eigenen Offenheit hatte sich Christine,
dem Bruder gegenüber, über diese Frage verbreitet, und zwar diesmal unter
Beiseitehaltung alles moralischen Hochmuts. »Ihr alle«, so schrieb sie, »habt
Euch daran gewöhnt, mich als abstrakt und doktrinär anzusehen, und ich mag davon
in zurückliegenden Jahren mehr gehabt haben, als recht war, jedenfalls mehr, als
die Männer lieben. Aber das darf ich Dir versichern, in erster Reihe bin ich
doch immer eine Frau. Und weil ich das bin, verbleibt mir in all dem
Zurückliegenden ein Etwas, das mich in meiner Eitelkeit oder meinem Selbstgefühl
bedrückt. Ich mag es für nichts Besseres ausgeben. Holk, um es rundheraus zu
sagen, ist nicht recht geheilt. Wenn er das Fräulein drüben geheiratet und über
kurz oder lang eingesehen hätte, daß er sich geirrt, so fände ich mich
vielleicht zurecht. Aber so verlief es nicht. Sie hat ihn einfach nicht gewollt,
und so besteht denn für mich, um das mindeste zu sagen, die schmerzliche
Möglichkeit fort, daß das Stück, wenn sie ihn gewollt, einen ganz anderen
Verlauf genommen hätte. Die Reihe wäre dann mutmaßlich nie wieder an mich
gekommen. Ich spiele in dieser Tragikomödie ein bißchen die
faute-de-mieux-Rolle, und das ist nicht angenehm.« Von diesem Briefe Christinens
hatte Holk die Hauptsache wiedererfahren, und was sich darin aussprach, das
stand beständig vor seiner Seele, trotzdem der alte Petersen und Arne
gemeinschaftlich bemüht waren, seine Hoffnung auf einen guten Ausgang wieder zu
beleben. »Du darfst Dich diesem Gefühle von Hoffnungslosigkeit nicht hingeben«,
schrieb Petersen an Holk. »Ich kenne Christine besser als ihr alle, selbst
besser als ihr Bruder, und ich muß Dir sagen, daß sie, neben ihrer christlichen
Liebe, die ja Verzeihung für den Schuldigen lehrt, auch noch eine rechte und
echte Frauenliebe hegt, so sehr, daß sie Dir gegenüber in einer gewissen
liebenswürdigen Schwäche befangen ist. Ich sehe das aus den Briefen, die von
Zeit zu Zeit aus Gnadenfrei bei mir eintreffen. Es liegt alles günstiger für
Dich, als Du's glaubst und als Du's verdienst, und es würde mir meine letzte
Stunde verderben, wenn's anders wäre. Mit achtzig weiß man übrigens, wie's
kommt, und dafür verbürge ich mich, Helmuth, daß ich Eure Hände noch einmal
wieder ineinanderlege, wie ich's vordem getan, und das soll meine letzte heilige
Handlung sein, und dann will ich aus meinem Amt treten und abwarten, bis Gott
mich ruft.«
 
Das war Anfang April gewesen, daß Petersen so geschrieben, und wenn Holk der
mehr als halben Sicherheit, die sich darin aussprach, für seine Person auch
mißtraute, so kamen ihm doch immer wieder Stunden, in denen er sich daran
aufrichtete. So war es auch heute wieder, und von heiteren Bildern erfüllt, saß
er auf dem Vorderbalkon seines Hauses, unter dem Gezweig einer schönen alten
Platane, die hier schon gestanden haben mochte, als, vor nun gerade hundert
Jahren, dieser ganze Stadtteil erst errichtet wurde. Die hohen, bis auf die
Diele niedergehenden und nach unten zu halb geöffneten Schiebefenster
gestatteten einen freien Verkehr zwischen Zimmer und Balkon, und das Feuer in
seinem Drawing-Room, das mehr des Anblicks als der Wärme halber brannte, dazu
die Morgenzigarre, steigerte das Behagen, das er momentan empfand. Neben ihm,
auf einem leichten Rohrstuhl, lag die »Times«, die, weil das anmutige
Frühlingsbild vor ihm ihn bis dahin abgezogen hatte, heute, sehr ausnahmsweise,
beiseite geschoben war. Nun aber nahm er sie zur Hand und begann seine Lektüre
wie gewöhnlich in der linken Ecke der großen Anzeigebeilage, wo, durch schärfste
Diamantschrift ausgezeichnet, die Familiennachrichten aus dem Londoner High Life
verzeichnet standen: geboren, gestorben, verheiratet. Auch heute lösten sich die
drei Rubriken untereinander ab, und als Holk bis zu den Eheschließungen gekommen
war, las er: »Miss Ebba Rosenberg, Lady of the Bedchamber to Princess Mary
Ellinor of Denmark, married to Lord Randolph Ashingham formerly 2d. Secretary of
the British Legation at Copenhague.«
    »Also doch«, sagte Holk, sich verfärbend, im übrigen aber nicht sonderlich
bewegt, und legte das Blatt aus der Hand. Vielleicht, daß es ihn tiefer
getroffen hätte, wenn's plötzlich und als ein ganz Unerwartetes an ihn
herangetreten wäre. Dies war aber nicht der Fall. Schon Ausgang des Winters
hatte der ihn in seinen Briefen »au courant« erhaltende Pentz diese Vermählung
als etwas über kurz oder lang Bevorstehendes angemeldet, und zwar in folgenden
Schlußzeilen eines längeren Anschreibens: »Und nun, lieber Holk, eine kurze
Mitteilung, die Sie mehr interessieren wird als alle diese Geschichten aus dem
Hause Hansen - Ebba Rosenberg hat gestern der Prinzessin Anzeige von ihrer
Verlobung gemacht, die jedoch, zu leichterer Beseitigung entgegenstehender
Schwierigkeiten, vorläufig noch geheim bleiben müsse. Der, den sie durch ihre
Hand zu beglücken gedenkt, ist niemand Geringeres als Lord Randolph Ashingham,
dessen Sie sich, wenn nicht von Vincent, so doch vielleicht von einer
Abendgesellschaft bei der Prinzessin her erinnern werden. Es war gleich zu
Beginn der Saison von neunundfünfzig auf sechzig. Lord Randolph, von dem es
heißt, daß er den Grund und Boden eines ganzen Londoner Stadtteils (vielleicht
gerade des Stadtteils, den Sie zurzeit bewohnen) und außerdem einen Waldbestand
von fünfzehn Millionen Tannen in Fifeshire besitze - Lord Randolph, sag ich, hat
sich ein Jahr lang in dieser Angelegenheit besonnen oder wohl richtiger besinnen
müssen, weil von seiten eines noch viel reicheren Erbonkels allerlei Bedenken
erhoben wurden. Und diese Bedenken existieren in der Tat noch. Aber Ebba müßte
nicht Ebba sein, wenn es ihr nicht glücken sollte, dem stark exzentrischen
Erbonkel den Beweis ihrer Tugenden auf dem Gebiete des Chic und High Life zu
geben, und so wird denn die Verlobung ehestens proklamiert werden. Alles nur
Frage der Zeit. Übrigens haben sich beide, der Lord und Ebba, nichts
vorzuwerfen; er, wie so viele seinesgleichen, soll schon mit vierzehn ein
ausgebrannter Krater gewesen sein und heiratet Ebba nur, um sich etwas
vorplaudern zu lassen, und von diesem Standpunkt aus angesehen, hat er eine gute
Wahl getroffen. Sie wird jeden Tag Dinge sagen und später auch wohl Dinge tun,
die Seine Lordschaft frappieren, und vielleicht zündet sie mal die fünfzehn
Millionen Tannen an und stellt bei der Gelegenheit sich und den Eheliebsten in
die rechte Beleuchtung. Und nun tout à vous, beau Tristan. Ihr Pentz.«
    So hatte damals der Brief gelautet, und die zwei Zeilen in der »Times« waren
nichts als die Bestätigung. »Es ist gut so«, sagte Holk nach einer Weile. »Das
gibt reinen Tisch. Ihr Gespenst ging immer noch in mir um und war nicht ganz zu
bannen. Nun ist es geschehen durch sie selbst; alles fort, alles verflogen, und
ob Christine mir auch verloren bleibt, vielleicht verloren bleiben muß, ihr Bild
soll wenigstens in meinem Herzen wieder den ihm gebührenden Platz haben.«
    Unter diesem Selbstgespräche nahm er die beiseite gelegte Zeitung wieder in
die Hand und wollte sich ernsthaft in eine Berliner Korrespondenz vertiefen, die
ziemlich ausführlich, so schien es, von einer Heeresverdoppelung und einer sich
dagegen bildenden Oppositionspartei sprach. Aber er hatte heut keinen Sinn dafür
und sah bald über das Blatt fort. Von der nahen Sankt-Pancras-Kirche, deren Turm
er dicht vor Augen hatte, schlug's eben neun, und durch die Southamptonstraße,
die den Square an der ihm zugekehrten Seite begrenzte, rollten Cabs und wieder
Cabs, die von der Euston-Square-Station herkamen und dem Mittelpunkt der Stadt
zufuhren. Er brach, um damit zu spielen, ein dicht herabhängendes Platanenblatt
ab, und erst als er die Spatzen über sich immer lauter quirilieren hörte, nahm
er etliche Krumen und streute sie vor sich hin auf den Balkon. Sofort fuhren die
Spatzen aus dem Gezweig hernieder, pickend und kriegführend untereinander, aber
schon im nächsten Augenblicke huschten sie wieder auf, denn von der Haustür her
klang ein rasch wiederholtes Klopfen, das Zeichen, daß der »Postman« an der Tür
sei; Holk, der am folgenden Tage Geburtstag hatte, horchte neugierig hinunter,
und gleich darauf trat Jane ein und überreichte ihm vier Briefe.
    Schon die vier Poststempel Gnadenfrei, Bunzlau, Glücksburg, Arnewiek ließen
Holk keinen Augenblick in Zweifel, von wem die Briefe kamen, und auch ihr Inhalt
schien ihm nicht viel Neues bringen zu sollen. Asta und Axel sprachen steif und
förmlich und jedenfalls ziemlich kurz ihre Gratulationen aus, und auch Petersen,
der sonst ausführlich zu schreiben pflegte, beschränkte sich heut auf eine
Darbringung seiner Glückwünsche. Holk war nicht angenehm davon berührt und fand
seine gute Stimmung erst wieder, als er auch Arnes Brief geöffnet und gleich den
ersten Zeilen allerlei Liebes und Freundliches entnommen hatte. »Ja«, sagte
Holk, »der hält aus. Unverändert derselbe. Und wäre doch eigentlich der, der am
ehesten mit mir zürnen dürfte. Der Bruder seiner geliebten Schwester. Aber
freilich, da liegt auch wieder Grund und Erklärung. Er liebt die Schwester und
vergöttert sie fast. Aber er hat lange genug gelebt, um, trotz aller
Junggesellenschaft, sehr wohl zu wissen, was es heißt, an eine heilige Elisabeth
verheiratet zu sein. Und wenn sie noch die heilige Elisabeth wäre! Die war sanft
und nachgiebig... Aber nichts mehr davon«, unterbrach er sich, »ich verbittere
mich bloß wieder, statt mich ruhig und versöhnlich zu stimmen. Es ist besser,
ich lese, was er schreibt.«
 
                                                           »Arnewiek, 27. Mai 61
 
Lieber Holk!
    Dein Geburtstag ist vor der Tür, und meine Glückwünsche sollen Dir nicht
fehlen. Kommen sie einen Tag zu früh, wie ich fast vermute, so nimm es als ein
Zeichen, wie dringlich ich es habe, Dir alles Beste zu wünschen. Ist es nötig,
Dir die Wünsche herzuzählen, die mich für Dich erfüllen? Sie gipfeln auch heute
wieder in dem einen, daß der Moment Eurer Aussöhnung nahe sein möge. Wohl weiß
ich, daß Du dieser Möglichkeit mißtraust und Dein Mißtrauen aus dem Charakter
Christinens zu begründen suchst. Und eine innere Stimme, die Dir zuflüstert, daß
ihre Haltung ihr gutes Recht sei, kann Dich in Deinem Mangel an Vertrauen
allerdings nur bestärken. Aber es liegt doch günstiger. Du hast unter Deiner
Frau Dogmenstrenge gelitten, und ich habe Christine, als an ernste Konflikte
noch nicht zu denken war, liebevoll gewarnt, Dich nicht in ein auf Leineweber
berechnetes Konventikeltum oder wohl gar in eine Deiner Natur total
widerstrebende Askese hineinzwingen zu wollen. Was darin von Anklage gegen
Christine lag, das war berechtigt, und ich habe, um oft Gesagtes noch einmal zu
sagen, weder Willen noch Veranlassung, etwas davon zurückzunehmen. Aber gerade
in dieser ihrer Bekenntnisstrenge, darunter wir alle gelitten, haben wir auch
das Heilmittel. Ob ihre noch immer lebendige Liebe zu Dir, wie sie sich in ihren
Briefen, oft wohl gegen ihren Willen, zu erkennen gibt, die Kraft zu Verzeihung
und Versöhnung besitzen würde, laß ich dahingestellt sein, ich sage nicht ja und
nicht nein; aber was ihre Liebe vielleicht nicht vermöchte, dazu wird sie sich,
wenn alles erst in die rechten Hände gelegt ist, durch ihre Vorstellung von
Pflicht gedrängt fühlen. In die rechten Hände, sag ich. Noch kämpft es in ihr,
und die brieflichen Vorstellungen unseres guten alten Petersen, der übrigens
persönlich in seiner Zuversicht verharrt, haben bis zur Stunde wenig Erfolg
gehabt, jedenfalls keinen Sieg errungen. Aber was dem alten rationalistischen
Freunde, den sie so sehr liebt und den sie nur kirchlich nicht für voll ansieht,
was unserem alten Petersen nicht gelingen wollte, das, denk ich, soll im rechten
Augenblick unserem seit vier Wochen zum Generalsuperintendenten ernannten
Schwarzkoppen ein leichtes oder doch wenigstens ein nicht allzuschweres sein. An
Schwarzkoppen, den ich in der letzten Woche beinahe täglich gesehen, hab ich
mich mit der dringenden Bitte gewandt, die Sache, bevor er uns und unsere Gegend
verläßt, seinerseits in die Hand nehmen zu wollen, und da sich seine kirchlichen
Überzeugungen mit seinen persönlichen Wünschen für Dich und Christine decken, so
bezweifle ich keinen Augenblick, daß er da reüssieren wird, wo Petersen bisher
scheiterte. Wenn Schwarzkoppen schon immer entscheidende Instanz für Christine
war, wie jetzt erst, wo der Arnewieker Seminardirektor ein wirkliches
Kirchenlicht geworden ist. Er ist nach Stettin, in seine heimatliche Provinz
Pommern, berufen worden und wird uns Ende September verlassen, um am 1. Oktober
sein neues Amt daselbst anzutreten. Ich mag diesen Brief nicht weiter ausdehnen,
am wenigsten aber Wirtschaftliches berühren. Davon ein andermal. Gräfin
Brockdorff seh ich jetzt häufig, teils in ihrem Hause, teils bei Rantzaus, aber
auch gelegentlich hier in Arnewiek, wenn wir die Missionssitzungen haben, deren
einer ich, freilich als ein sehr Unwürdiger, neulich präsidieren mußte.
Christine hat meine Pfingsteinladung abgelehnt, angeblich weil die Dobschütz
seit Frühjahr kränkle und der Pflege bedürfe. Der wahre Grund ist aber wohl der,
daß sie nicht an Örtlichkeiten und in Kreise zurückkehren mag, die nur
schmerzliche Erinnerungen in ihr wachrufen. In ihren Augen hat Gnadenfrei so
viele Vorzüge und nicht zum wenigsten den, sich vor der Welt verbergen zu
können. Aber ich geströste mich, daß das Bedürfnis nach dieser
Weltabgeschiedenheit in ihr hinschwinden soll und daß wir sie recht bald in die
Welt und in ein neues altes Glück zurückkehren sehen, in ein Glück, das nur ein
Wahn unterbrach. Ein Wahn, aus dem zuletzt eine Schuld wurde. Was gäb ich darum,
wenn dieses Pfingstfest schon Euern Einzug gesehen und die ganze Säulenhalle von
Holkenäs in grünen Maien gestanden hätte, das alte Wappen über dem Eingang in
einem wieder von Rosen durchflochtenen Kranz. Daß die Zukunft es so bringen
möge, die nächste schon, mit diesem Wunsche laß mich schließen.
                                                                      Dein Arne«
 
Holk legte den Brief aus der Hand und sah freudig aufatmend nach dem Square
hinüber, wo alles grünte und blühte. Der Eindruck, unter dem er stand, war der
der reinsten Freude; Möglichkeiten, an deren Verwirklichung er kaum noch
geglaubt hatte, nahmen Gestalt an, begrabene Hoffnungen standen wieder auf und
wollten Gewißheit werden, und die durch Jahre hin äußerlich und innerlich
Getrennten zogen wieder ein in das »Schloß am Meere«, und das alte Glück war
wieder da.

                           Zweiunddreißigstes Kapitel

 
Und was Holk geträumt, es erfüllte sich oder schien sich doch erfüllen zu
wollen.
    Johannistag war, und ein sonniger blauer Himmel stand über ganz Angeln, am
sonnigsten aber über Schloß Holkenäs. Wagen in langer Reihe hielten an den
Treib- und Gartenhäusern hin, und das Holksche Wappen über dem Portale trug
einen Efeukranz, in den weiße und rote Rosen eingeflochten waren. Arne hatte
Myrte gewollt, aber Christine war dabei geblieben, daß es Efeu sein solle.
    Und nun schlug es zwölf von Holkeby her, und kaum daß die zwölf
Hammerschläge verklungen waren, so kam auch schon ein allmähliches Schwingen in
die mächtige, jetzt von zwei Männern gezogene Glocke, die nun weit ins Land
hinein verkündete, daß die Feier, zu der sich alle befreundeten Familien von nah
und fern her versammelt hatten, ihren Anfang nehme. So war es denn auch, und
nicht lange mehr, so öffnete sich die hohe, nach dem Park hinausführende
Glastür, und wer von Neugierigen, und ihrer waren viele, draußen zwischen den
Gartenbeeten einen guten Stand genommen hatte, der sah jetzt, wie sich drinnen
im Saal alles zu einem Zuge ordnete, an dessen Spitze zunächst Holk und
Christine erschienen, die Gräfin in weißem Atlas und einem Orangeblütenkranz im
Haar, von dem ein Schleier niederhing. Hinter dem Paare, das nun wie zu neuem
Ehebunde den Segen der Kirche empfangen sollte, schritten Asta und Axel, dann
Arne, der die ältere Gräfin Brockdorff, und dann Schwarzkoppen, der die
Dobschütz führte, viel andere mit ihnen, und zuletzt alle die, die gebeten
hatten, der Feier im Festzuge beiwohnen zu dürfen, und deren Teilnahme, weil es
Fernerstehende waren, die Herzen der wieder zu Trauenden besonders beglückt
hatte. Dienerschaften schlossen sich an, und als der Zug, der sich auf Holkeby
zu in Bewegung setzte, den zwischen den Tannen des Parkes hinlaufenden Kiesweg
passiert hatte, trat man in ein Spalier ein, das die Holkebyer Bauerntöchter
samt den Mädchen aus den Nachbardörfern gebildet hatten. Alle hielten Körbe in
Händen und streuten Blumen über den Weg, einige aber, die dem Ansturm ihrer
Gefühle nicht wehren konnten, warfen die Körbe beiseite und drängten sich an
Christine heran, um ihr die Hand oder auch nur den Saum des Kleides zu küssen.
»Sie machen eine Heilige aus mir«, sagte die Gräfin und suchte zu lächeln; aber
Holk, dem sie die Worte zugeflüstert hatte, sah wohl, daß ihr dies alles mehr
Pein als Freude schuf und daß sie, wie das in ihrer Natur lag, ängstlich
schmerzliche Betrachtungen oder vielleicht selbst trübe Zukunftsgedanken an dies
Übermaß von Huldigung knüpfte. Das volle Leben um sie her indes entriß sie dem
wieder, und als sie jetzt deutlich hörte, daß der Glocken immer mehr wurden und
daß es klang, als ob alle Kirchen im Angliter Lande das seltene Versöhnungsfest
mitfeiern wollten, da fiel, auf Augenblicke wenigstens, alles Trübe von ihr ab,
und ihr Herz ging auf in dem Klange, der gen Himmel stieg.
    Und nun waren sie bis an die niedrige Kirchhofsmauer gekommen, an der
entlang, wie damals, wo Asta und Elisabeth hier gesessen hatten, wieder hohe
Nesseln standen und zerschnittene Stämme hochaufgeschichtet lagen, und als die
vordersten daran vorüber waren, bog der Zug in das Portal ein und bewegte sich,
zwischen Gräbern hin, auf die Kirche zu, die weit aufstand und einen freien
Blick auf den erleuchteten Altar am Ende des Mittelganges gestattete.
    Da stand Petersen.
    Er war hinfällig gewesen all die Zeit über, und zu der Last seiner Jahre war
schließlich auch noch die Last schwerer Krankheit gekommen. Als er aber
vernommen hatte, daß »Schwarzkoppen, wenn Petersen bis Johannistag nicht wieder
genesen sei, die Traurede halten solle«, da war er wieder gesund geworden und
hatte denen, die zu Vorsicht und Schonung mahnen wollten, beteuert, daß er, und
wenn's vom Sterbebett aus wäre, seine geliebte Christine wieder zum Glücke
führen müsse. Das hatte alle Welt gerührt, ihm aber die Kraft seiner besten
Jahre wiedergegeben, und da stand er nun so grad und aufrecht wie vor neunzehn
Jahren, als er, auch an einem Johannistage, die Hände beider ineinandergelegt
hatte.
    Gesang hatte begonnen im selben Augenblicke, wo der Zug in den Mittelgang
eintrat, und als das Singen nun schwieg, nahm Petersen zu kurzer Rede das Wort,
alles Persönliche vermeidend, am meisten aber jeden Hinweis auf den
»Ungerechten, über den mehr Freude sei im Himmel als über hundert Gerechte«.
Statt dessen rief er in einem schlichten, aber gerade dadurch alle Versammelten
tief ergreifenden Gebet die Gnade des Himmels auf die Wiedervereinten herab und
sprach dann den Segen.
    Und nun fiel die Orgel ein, und die Glocke draußen hob wieder an, und der
lange Zug der Trauzeugen nahm jetzt den Rückweg dicht am Strande hin und stieg,
als man den zur Dampfschiff-Anlegestelle führenden Brettersteg erreicht hatte,
links einbiegend die Terrasse nach Schloß Holkenäs hinauf.
    Da war die hochzeitliche Tafel unter der vorderen Halle gedeckt, derart, daß
alle Gäste den Blick auf das Meer hin frei hatten, und als der Augenblick nun
gekommen war, wo, wenn nicht ein Toast, so doch ein kurzes Festeswort gesprochen
werden mußte, erhob sich Arne von seinem Platz und sagte, während er sich gegen
Schwester und Schwager verneigte: »Auf das Glück von Holkenäs.«
    Alle waren eigentümlich von den beinah schwermütig klingenden Worten
berührt, und die, die dem Bräutigam zunächst saßen, stießen leise mit ihm an.
    Aber eine rechte Freude wollte nicht laut werden, und jedem Anwesenden kam
ein banges Gefühl davon, daß man das »Glück von Holkenäs«, wenn es überhaupt da
war, nur heute noch in Händen hielt, um es vielleicht morgen schon zu begraben.

                           Dreiunddreißigstes Kapitel

 
Das Gefühl der Trauer, das bei der schönen Feier vorgeherrscht hatte, schien
sich aber als ungerechtfertigt erweisen und »das Glück von Holkenäs« sich
wirklich erneuern zu wollen. Diesen Eindruck empfingen wenigstens alle
Fernerstehenden. Man lebte sich zu Liebe, sah viel Gesellschaft (mehr als sonst)
und machte Nachbarbesuche, bei denen es von seiten Holks an Unbefangenheit und
guter Laune nie gebrach, und nur wer schärfer zusah, sah deutlich, daß diesem
allen doch das rechte Leben fehlte. Friede herrschte, nicht Glück, und ehe der
Herbst da war, war namentlich für die Dobschütz und Arne kein Zweifel mehr, daß,
was Christine anging, nichts da war als der gute Wille zum Glück. Ja, der gute
Wille! Von Meinungsverschiedenheiten war keine Rede mehr, und wenn sich Holk,
was gelegentlich noch geschah, in genealogischen Exkursen oder in
Musterwirtschaftsplänen erging, so zeigte die Gräfin nichts von jenem Lächeln
der Überlegenheit, das für Holk so viele Male der Grund zu Verstimmung und
Gereiztheit gewesen war; aber dies ängstliche Vermeiden alles dessen, was den
Frieden hätte stören können, das Abbrechen im Gespräch, wenn doch einmal ein
Zufall ein heikles Thema heraufbeschworen hatte, gerade die beständige Vorsicht
und Kontrolle brachte so viel Bedrückendes mit sich, daß selbst die letzten
Jahre vor der Katastrophe, wo das eigentliche Glück ihrer Ehe schon zurücklag,
als vergleichsweise glückliche Zeiten daneben erscheinen konnten.
    Holk, bei seinem frischen, sanguinischen Naturell, wehrte sich eine Zeitlang
gegen diese Wahrnehmung und ließ sich's angelegen sein, über die Zurückhaltung
und beinahe Scheu hinwegzusehen, womit Christine seinem Entgegenkommen
begegnete. Schließlich aber ward er ungeduldig, und als Ende September heran
war, beschloß er in einem Gemütszustande, darin Mißmut und tiefe Teilnahme sich
ablösten, mit der Dobschütz zu sprechen und ihre Meinung und wenn tunlich auch
ihren Rat einzuholen.
    Über Schloß und Park lag ein klarer frischer Herbstmorgen, und die
Sommerfäden hingen ihr Gespinst an das hier und da schon blattlose Gesträuch.
Asta war den Abend vorher aus der Pension eingetroffen und brannte darauf,
gleich nach beendigtem Frühstück, zu dem man sich eben gesetzt hatte, nach
Holkeby hinunterzusteigen und der Freundin unten im Dorf ihren Besuch zu machen.
»Ich komme mit«, sagte Holk, und da die Dobschütz schon vorher zugesagt hatte,
Asta begleiten zu wollen, so stiegen nun alle drei die Terrasse hinunter, um, am
Strande hin, den etwas näheren und schöneren Weg zu nehmen. Die breite
Wasserfläche lag beinahe unbewegt, und nur dann und wann schob eine schwache
Brandung ihren Schaum bis dicht an die Düne heran. Asta war glücklich, das Meer
wiederzusehen, und brach oft ab in Erzählung ihrer Pensionserlebnisse, wenn dann
und wann ein wunderbarer Lichtschimmer gerade über die stille Flut hinglitt oder
die Möwen ihre Flügel darin eintauchten; aber mit einem Male war ihr Interesse
für Meer und Lichtreflexe hin, und Elisabeth Petersens ansichtig werdend, die,
von der Düne her, auf den Strand hinaustrat, eilte sie der Freundin entgegen und
umarmte und küßte sie. Holk und die Dobschütz waren in diesem Augenblicke
zurückgeblieben, was den beiden vor ihnen herschreitenden Freundinnen, die sich
natürlich eine Welt von Dingen zu sagen hatten, sehr zupaß kam, aber auch Holk
war es zufrieden, weil ihm der sich rasch erweiternde Zwischenraum eine lang
herbeigewünschte gute Gelegenheit bot, mit der Dobschütz ungezwungen über
Christine zu sprechen.
    »Es ist mir lieb, liebe Dobschütz«, begann er, »daß wir einen Augenblick
allein sind. Ich habe schon längst mit Ihnen sprechen wollen. Was ist das mit
Christine? Sie wissen, daß ich nicht aus Neugier frage, noch weniger, um zu
klagen, und am allerwenigsten, um anzuklagen. Es hat Zeiten gegeben, wo Sie
dergleichen mit anhören mußten, wo Sie schlichten sollten; aber wie Sie wissen,
liebe Freundin, diese Zeiten liegen zurück und kehren nicht wieder. Aller Streit
ist aus der Welt, und wenn ich mit Christine durch den Park gehe, wie's noch
heute vor dem Frühstück der Fall war, und das Eichhörnchen läuft über den Weg
und der Schwan fährt über den Teich und Rustan, der uns begleitet, rührt sich
nicht, vielleicht auch dann nicht, wenn ein Volk Hühner auffliegen sollte - so
fällt mir immer ein Bild ein, auf dem ich mal das Paradies abgebildet gesehen
habe; alles auf dem Bilde schritt in Frieden einher, der Löwe neben dem Lamm,
und der liebe Gott kam des Weges und sprach mit Adam und Eva. Ja, liebe
Dobschütz, daran erinnert mich jetzt mein Leben, und ich könnte zufrieden sein
und sollt es vielleicht. Aber ich bin es nicht, ich bin umgekehrt bedrückt und
geängstigt. Handelte sich's dabei nur um mich, so würd ich kein Wort verlieren
und in dem, was mir, trotz des vorhandenen Friedens, an Behagen und Freude
fehlt, einfach eine mir auferlegte Buße sehen und nicht murren, ja vielleicht im
Gegenteil etwas wie Genugtuung empfinden. Denn ein Unrecht fordert nicht bloß
seine Sühne, sondern diese Sühne befriedigt uns auch, weil sie unserem
Rechtsgefühl entspricht. Also noch einmal, wenn ich jetzt spreche, so sprech ich
nicht um meinet-, sondern um Christinens willen und weil jeder Tag mir zeigt,
daß sie wohl vergessen möchte, aber nicht vergessen kann. Und nun sagen Sie mir
Ihre Meinung.«
    »Ich glaube, lieber Holk, daß Sie's mit Ihrem Wort getroffen haben -
Christine will vergessen, aber sie kann es nicht.«
    »Und hat sie sich in diesem Sinne gegen Sie geäußert? Hat sie zu verstehen
gegeben, daß alles doch umsonst sei?«
    »Das nicht.«
    »Und doch leben Sie dieser Überzeugung?«
    »Ja, lieber Holk, leider. Aber Sie dürfen aus diesem mich allerdings
beherrschenden Gefühle nichts Schmerzlicheres und namentlich auch nichts
Gewisseres ableiten wollen, als nötig, als zulässig ist. Ich weiß nichts
Gewisses. Denn wenn ich auch nach wie vor der Gegenstand von Christinens
Freundschaft bin - und wie könnt es auch anders sein, zeigt ihr doch jede
Stunde, wie sehr ich sie liebe -, so bin ich doch nicht mehr der Gegenstand
ihrer Mitteilsamkeit. Wie sie gegen alle schweigt, so auch gegen mich. Das ist
freilich etwas tief Trauriges. Sie war daran gewöhnt, ihr Herz gegen mich
auszuschütten, und als wir damals, ein unvergeßlich schmerzlicher Tag, aus dem
Hause gingen und erst im Dorfe unten und dann in Arnewiek und zuletzt in
Gnadenfrei die schwere Zeit gemeinschaftlich durchlebten, da hat sie nichts
gedacht und nichts gefühlt, was ich nicht gewußt hätte. Wir waren zwei Menschen,
aber wir führten nur ein Leben, so ganz verstanden wir uns. Aber das war von dem
Tage an vorbei, wo Christine wieder hier einzog. In ihrem feinen Sinn sagte sie
sich, daß nun wieder eine neue Glücks- und Freudenzeit angebrochen sei oder
wenigstens anbrechen müsse, und weil ihr - Verzeihung, lieber Holk, wenn ich
dies ausspreche -, weil ihr die rechte Freude doch wohl ausblieb und ihr
andererseits ein weiteres Klagen unschicklich oder wohl gar undankbar gegen Gott
erscheinen mochte, so gewöhnte sie sich daran, zu schweigen, und bis diesen Tag
muß ich erraten, was in ihrer Seele vorgeht.«
    Holk blieb stehen und sah vor sich hin. Dann sagte er: »Liebe Dobschütz, ich
kam, um Trost und Rat bei Ihnen zu suchen, aber ich sehe wohl, ich finde davon
nichts. Ist es so, wie Sie sagen, so weiß ich nicht, wie Hülfe kommen soll.«
    »Die Zeit, die Zeit, lieber Holk. Des Menschen guter Engel ist die Zeit.«
    »Ach, daß Sie recht hätten. Aber ich glaub es nicht; die Zeit wird nicht
Zeit dazu haben. Ich bin nicht Arzt, und vor allem verzicht ich darauf, in Herz
und Seele lesen zu wollen. Trotzdem, soviel seh ich klar, wir treiben einer
Katastrophe zu. Man kann glücklich leben, und man kann unglücklich leben, und
Glück und Unglück können zu hohen Jahren kommen. Aber diese Resignation und
dieses Lächeln - das alles dauert nicht lange. Das Licht unseres Lebens heißt
die Freude, und lischt es aus, so ist die Nacht da, und wenn diese Nacht der Tod
ist, ist es noch am besten.«
 
Eine Woche später war eine kleine Festlichkeit auf Holkenäs, nur der nächste
Freundeskreis war geladen, unter ihnen Arne und Schwarzkoppen, auch Petersen und
Elisabeth. Man saß bis Dunkelwerden im Freien, denn es war trotz vorgerückter
Jahreszeit eine milde Luft, und erst als drinnen die Lichter angezündet wurden,
verließ man den Platz unter der Halle draußen, um in dem großen Gartensalon
zunächst den Tee zu nehmen und dann ein wenig zu musizieren. Denn Asta hatte
sich während ihrer Pensionstage zu einer kleinen Virtuosin auf dem Klavier
ausgebildet, was, seit sie zurück war, zu fast täglichen Begegnungen und
Übungsstunden mit Elisabeth geführt hatte. Heute nun sollte dem innerhalb der
nächsten Tage aus seiner Arnewieker Stellung scheidenden Schwarzkoppen zu Ehren
mancherlei Neues zum Vortrag kommen, und als das Hin- und Herlaufen der
Dienerschaften und das Geklapper des Teegeschirrs endlich ein Ende genommen
hatte, begannen beide Freundinnen ziemlich hastig in der Musikmappe zu suchen,
bis sie, was sie brauchten, gefunden hatten, nur zwei, drei Sachen, weil Holk
alles Musizieren als eine gesellschaftliche Störung ansah. Das erste, was zum
Vortrag kam, war ein Lied aus Flotows »Martha«, woran sich das Robert Burnssche
»Und säh ich auf der Heide dort« unmittelbar anschloß, und als die letzten
Zeilen auch dieses Liedes unter allseitigem Beifall verklungen waren, kündete
Asta der immer aufmerksamer gewordenen Zuhörerschaft an, daß nun ein wirkliches
Volkslied folgen solle; denn Robert Burns sei doch eigentlich auch nur ein
Kunstdichter.
    Schwarzkoppen bestritt dies entschieden und sah sich dabei von seiten Arnes
unterstützt, der, in seiner Eigenschaft als Oheim, hinzusetzen durfte: »das sei
so moderner Pensionsgeschmack«, und einmal im Zuge, wär er sicher noch weiter
gegangen und hätte der derartig herausfordernden Bemerkungen noch mehrere
gemacht, wenn nicht Holk im selben Augenblicke mit der wiederholten Frage, wie
das vorzutragende Volkslied denn eigentlich heiße, dazwischengefahren wäre.
    »Das Lied heißt gar nicht«, antwortete Asta.
    »Unsinn. Jedes Lied muß doch einen Namen haben.«
    »Das war früher so. Jetzt nimmt man die erste Zeile als Überschrift und
macht Gänsefüßchen.«
    »Jawohl«, lachte Holk. »Gänsefüßchen; das glaub ich.«
    Und nun schwieg der Streit, und nach einem kurzen Vorspiel Astas begann
Elisabeth mit ihrer schönen, dem Text wie der Komposition gleich angepaßten
Stimme:
 
»Denkst du verschwundener Tage, Marie,
Wenn du starrst ins Feuer bei Nacht?
Wünschst du die Stunden und Tage zurück,
Wo du froh und glücklich gelacht?
 
Ich denke verschwundener Tage, John,
Und sie sind allezeit mein Glück,
Doch die mir die liebsten gewesen sind,
Ich wünsche sie nicht zurück...«
 
Als dies Lied schwieg und gleich danach auch die Begleitung, eilten alle, sogar
Holk, auf den Flügel zu, um Elisabeth, die verlegen die Huldigungen in Empfang
nahm, ein freundliches Wort zu sagen. »Ja«, sagte Asta, die sich des Triumphes
der Freundin freute, »so schön hast du's noch nie gesungen.« Alle wünschten denn
auch die Strophe noch einmal zu hören, und nur eine war da, die sich dem Wunsche
nicht anschloß, weil ihr inmitten des allgemeinen Aufstandes nicht entgangen
war, daß Christine, ganz so wie vor zwei Jahren bei Vortrag des schwermütigen
Waiblingerschen Liedes, den Salon in aller Stille verlassen hatte.
    Die, die dies wahrnahm, war natürlich die Dobschütz, der zugleich ein
Zweifel kam, ob sie der Freundin folgen solle oder nicht. Zuletzt entschied sie
sich dafür und stieg die Treppe hinauf, um Christine in ihrem Schlafzimmer
aufzusuchen. Da saß sie denn auch, die Hände gefaltet, die Augen starr zu Boden
gerichtet.
    »Was ist dir, Christine? was hast du?«
    Und die Dobschütz kniete vor ihr nieder und nahm ihre Hand und bedeckte sie
mit Küssen und Tränen.
    »Was hast du?« wiederholte sie ihre Frage und sah zu ihr auf. Christine
aber, während sie die Hand aus der Hand der Freundin löste, sagte leise vor sich
hin:
 
»Und die mir die liebsten gewesen sind,
Ich wünsche sie nicht zurück.«
 

                           Vierunddreißigstes Kapitel

Eine Woche war vorüber seitdem.
    Es war eine milde Luft, und wäre nicht der wilde Wein gewesen, der sich mit
seinen schon herbstlich roten Blättern um einzelne Säulen von Schloß Holkenäs
emporrankte, so hätte man glauben können, es sei wieder Johannistag und das
schöne Fest, das ein Vierteljahr vorher ganz Angeln mit begangen hatte, werde
noch einmal gefeiert. Denn nicht nur lag es hell und beinahe sommerlich, wie
damals bei der Wiedertrauung des gräflichen Paares, über Schloß und Park, auch
die lange festliche Wagenreihe, die heute, genau wie am Tage der erneuten
Trauung, zahlreiche Gäste gebracht hatte, war wieder da. Dazu klangen auch die
Glocken wieder weit ins Land hinein, und die Mädchen von Holkeby standen, wie
damals beim Erscheinen des hochzeitlichen Zuges, das Dorf entlang und streuten
ihre Blumen. Aber heute waren es weiße Astern, die sie streuten, und die, die
vom Schlosse her des Weges kam, war eine Tote; vorauf Musik, hinter dem Sarge
Holk und die Kinder und dann in langem Zuge die Verwandten und Freunde. Petersen
stand am Kirchhofseingang, und dem Zuge vorauf schritt er jetzt auf das Grab zu,
das neben der baufälligen alten Gruft bereitet war. Hier angekommen, schwieg der
Choral, alle Häupter entblößten sich, und dann senkten sie den Sarg hernieder,
und die Erde schloß sich über Christine Holk. Ein Herz, das sich nach Ruhe
sehnte, hatte Ruhe gefunden.
 
                              Julie von Dobschütz
                     an Generalsuperintendent Schwarzkoppen
 
                                          »Schloß Holkenäs, den 14. Oktober 1861
 
Ew. Hochwürden wollen von unserer Freundin hören, deren Tod das erste war, was
Sie, nach Ihrem Amtsantritt in Ihrer alten Heimat, von hier aus erfuhren. Ich
komme Ihrem Wunsche freudig nach, denn neben allem Schmerzlichen ist es mir
immer wieder ein Trost und eine Erhebung, von der teuren Toten sprechen zu
dürfen.
    An dem Tage, wo Sie sie zuletzt sahen, reifte wohl ein Gedanke in ihr, den
sie lange mit sich umhertragen mochte. Vielleicht entsinnen Sie sich des
elegischen, beinahe schwermütigen Volksliedes, das Elisabeth Petersen an jenem
Abende vortrug - Christine verließ gleich danach das Zimmer, und ich glaube, daß
es von dem Augenblicke an in ihr feststand. Ich fand sie tief erschüttert und
bekenne, daß bange Ahnungen sofort mein Herz erfüllten, Ahnungen, die
niederzukämpfen mir nur dadurch gelang, daß ich mir den christlichen Sinn und
die ganze Glaubensfestigkeit der teuren Entschlafenen vergegenwärtigte, den
christlichen Sinn, der das Leben trägt, solange Gott es will.
    Der nächste Tag schien mir auch ein Recht zu diesem meinem Vertrauen geben
zu sollen. Christine hatte sich, wie sie mir sagte, spät erst zur Ruhe begeben,
aber ihr Aussehen zeigte nichts von Überwachtsein, im Gegenteil, eine Frische
gab sich zu erkennen, wie ich sie, seit dem Tage ihrer Wiedervereinigung, nicht
mehr an ihr wahrgenommen hatte. Sie war, als sie zum Frühstück kam,
entgegenkommender und freundlicher als gewöhnlich, schlug einen beinah
herzlichen Ton an und redete Holk zu, sich an einer für den zweitnächsten Tag
festgesetzten Jagdpartie zu beteiligen, zu der er eben eine Einladung von Graf
Baudissin erhalten hatte. Dann besprachen sie sonderbarerweise
Toilettenangelegenheiten, sogar ganz ausführlich, aber freilich nur mit
Rücksicht auf Asta, die nun über siebzehn sei und in die Gesellschaft eingeführt
werden müsse, bei welchem Worte sich ihr Auge mit Tränen füllte.
    So verging der Tag, und die Sonne stand schon tief, als sie mich
aufforderte, mit ihr an den Strand zu gehen. Aber, setzte sie hinzu, wir müssen
uns eilen und unten sein, eh es dunkel wird.
    Und gleich danach stiegen wir die Terrasse hinab. Unten angekommen, war ihr
der Weg am Strande hin nicht recht, der Sand sei so feucht und ihr Schuhzeug so
leicht, und so gingen wir denn auf den Steg hinauf, in einem Gespräch, in dem
die Gräfin absichtlich jedes ernstere Thema zu vermeiden schien. Als wir endlich
bis an die Plattform und die kleine Treppe gekommen waren, an der die
Dampfschiffe anlegen, setzten wir uns auf eine Holzbank, die Holk seit kurzem
erst an dieser Stelle hat aufstellen lassen, und sahen in die Sonne, deren
Widerschein auf dem nur wenig bewegten Meere fast noch schöner war als ihre
Farbenpracht in dem Gewölk darüber. Wie schön, sagte Christine. Laß uns den
Untergang hier abwarten. Freilich, es wird schon kalt, und du könntest uns wohl
unsere Mäntel holen. Aber, bitte, spare dir die Stufen und ruf es bloß die
Terrasse hinauf. Asta wird es schon hören.
    Sie sprach das alles mit einem Anflug von Verlegenheit, denn etwas Unwahres
sagen widerstrebte ihrer Natur; aber wenn diese Verlegenheit auch gefehlt hätte,
so wäre mir das Ganze doch aufgefallen, weil ihre fast zu weit gehende Zartheit
und Güte gegen mich es immer ängstlich vermied, irgendeinen Dienst von mir zu
fordern. Sie sah auch, welche Richtung meine Gedanken nahmen, aber ich durfte
sie's doch nicht klar und unumwunden wissen lassen, was an Besorgnis in meiner
Seele vorging, und so ging ich denn den Steg wieder zurück und die Terrasse
hinauf, denn das mit dem Hinaufrufen, bis Asta es höre, war nur so hingesagt
worden.
    Als ich wieder am Ausgang des Steges ankam, fand ich die Gräfin nicht mehr
und wußte nun, was geschehen. Ich eilte zurück, um Hülfe zu holen, trotzdem ich
sicher war, daß alles nutzlos sein würde. Holk war wie betäubt und wußte sich
nicht Rat. Endlich aber wurde das Dorf alarmiert, und bis in die Nacht hinein
suchte man an Steg und Strand. Auch Boote wurden abgelassen und fuhren ins Meer
hinein, auf eine nur von wenig Wasser überspülte Sandbank zu, die dem Stege quer
vorliegt. Aber durch Stunden hin ohne jeden Erfolg, und erst am andern Morgen
kamen Holkebyer Fischer aufs Schloß und meldeten, daß sie die Gräfin gefunden
hätten. Wir gingen nun alle hinunter. Der Ausdruck stillen Leidens, den ihr
Gesicht so lange getragen hatte, war dem einer beinah heiteren Verklärung
gewichen, so sehr bedürftig war ihr Herz der Ruhe gewesen. Und auf einer Bahre,
die man aus der Kirche herbeigeschafft hatte, trug man sie nun, weil man die
Steigung der Terrasse vermeiden wollte, durch die Düne bis ins Dorf und dann den
mäßig ansteigenden Parkweg hinauf. Alles drängte herzu, und die armen Leute, für
die sie gesorgt, wehklagten, und bittere Worte wurden laut, die der Graf, so
hoffe ich, nicht hörte.
    Wie das Begräbnis war und wie Petersen sprach, der an diesem Tage, das muß
ich bezeugen, auch das rechtgläubigste Herz zufriedenstellen konnte, das haben
Sie gelesen in dem Arnewieker Boten, den Ihnen Baron Arne geschickt hat, und
vielleicht auch in den Flensburger Nachrichten.
    Ich habe nur noch hinzuzufügen, was vielleicht angetan ist, uns über den
Seelenzustand der Gräfin und über das, was sie den letzten Schritt tun ließ, ins
klare zu bringen. In derselben Stunde noch, als wir sie vom Strand
heraufgebracht hatten, gingen wir auf ihr Zimmer und suchten, ob sich nicht ein
Abschiedswort fände. Wir fanden auch wirklich mehrere Briefbogen, deren
Anredeworte zeigten, daß sie den Willen gehabt hatte, von den ihr
Zunächststehenden, von Holk, von Arne und auch von mir, Abschied zu nehmen. Den
Überschriften an Arne und mich waren ein paar Worte wie Habe Dank und Wenn Du
diese Zeilen liest hinzugefügt, aber alles war wieder durchstrichen, und dem
Bogen mit der Anrede Lieber Holk fehlte auch das. Dafür war dem für Holk
bestimmten Bogen ein zerknittertes und dann wieder sorgsam glattgestrichenes
Blatt eingelegt, darauf das Lied stand, das Elisabeth Petersen, unmittelbar vor
Holks Abreise nach Kopenhagen, gesungen und dessen Vortrag damals, ähnlich wie
jetzt das vorerwähnte Volkslied aus dem Englischen, einen so tiefen Eindruck auf
Christine gemacht hatte. Dieses jüngst gehörten Volksliedes werden sich Ew.
Hochwürden sicherlich noch erinnern, aber das früher gehörte wird Ihrem
Gedächtnis entschwunden sein, weshalb es mir gestattet sein mag, der ersten
Strophe desselben hier eine Stelle zu geben. Diese Strophe lautete:
 
Die Ruh ist wohl das Beste
Von allem Glück der Welt;
Was bleibt vom Erdenfeste,
Was bleibt uns unvergällt?
Die Rose welkt in Schauern,
Die uns der Frühling gibt;
Wer haßt, ist zu bedauern,
Und mehr noch fast, wer liebt.
 
Die letzte Zeile war leis und kaum sichtbar unterstrichen. Eine ganze Geschichte
lag in diesen verschämten Strichelchen.
    Ihnen wird Ihr Amt und Ihr Glaube die Kraft geben, den Tod der Freundin zu
verwinden, aus meinem Leben aber ist das Liebste dahin, und was mir bleibt, ist
arm und schal. Asta bittet, sich Ihnen empfehlen zu dürfen, ebenso Elisabeth
Petersen.
                                  Ew. Hochwürden ergebenste Julie von Dobschütz«
