
                                Fontane, Theodor

                               Frau Jenny Treibel

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                                Theodor Fontane

                               Frau Jenny Treibel

                                      oder

                        Wo sich Herz zum Herzen findt

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

An einem der letzten Maitage, das Wetter war schon sommerlich, bog ein
zurckgeschlagener Landauer vom Spittelmarkt her in die Kur- und dann in die
Adlerstrae ein und hielt gleich danach vor einem, trotz seiner Front von nur
fnf Fenstern, ziemlich ansehnlichen, im brigen aber altmodischen Hause, dem
ein neuer, gelbbrauner lfarbenanstrich wohl etwas mehr Sauberkeit, aber keine
Spur von gesteigerter Schnheit gegeben hatte, beinahe das Gegenteil. Im Fond
des Wagens saen zwei Damen mit einem Bologneserhndchen, das sich der hell- und
warmscheinenden Sonne zu freuen schien. Die links sitzende Dame von etwa
dreiig, augenscheinlich eine Erzieherin oder Gesellschafterin, ffnete, von
ihrem Platz aus, zunchst den Wagenschlag und war dann der anderen, mit
Geschmack und Sorglichkeit gekleideten und trotz ihrer hohen Fnfzig noch sehr
gut aussehenden Dame beim Aussteigen behlflich. Gleich danach aber nahm die
Gesellschafterin ihren Platz wieder ein, whrend die ltere Dame auf eine
Vortreppe zuschritt und nach Passierung derselben in den Hausflur eintrat. Von
diesem aus stieg sie, so schnell ihre Korpulenz es zulie, eine Holzstiege mit
abgelaufenen Stufen hinauf, unten von sehr wenig Licht, weiter oben aber von
einer schweren Luft umgeben, die man fglich als eine Doppelluft bezeichnen
konnte. Gerade der Stelle gegenber, wo die Treppe mndete, befand sich eine
Entreetr mit Guckloch und neben diesem ein grnes, knittriges Blechschild,
darauf Professor Wilibald Schmidt ziemlich undeutlich zu lesen war. Die ein
wenig asthmatische Dame fhlte zunchst das Bedrfnis sich auszuruhen und
musterte bei der Gelegenheit den ihr brigens von langer Zeit her bekannten
Vorflur, der vier gelbgestrichene Wnde mit etlichen Haken und Riegeln und
dazwischen einen hlzernen Halbmond zum Brsten und Ausklopfen der Rcke zeigte.
Dazu wehte, der ganzen Atmosphre auch hier den Charakter gebend, von einem nach
hinten zu fhrenden Korridor her ein sonderbarer Kchengeruch heran, der, wenn
nicht alles tuschte, nur auf Rhrkartoffeln und Carbonade gedeutet werden
konnte, beides mit Seifenwrasen untermischt. Also kleine Wsche, sagte die von
dem allen wieder ganz eigentmlich berhrte stattliche Dame still vor sich hin,
whrend sie zugleich weit zurckliegender Tage gedachte, wo sie selbst hier, in
eben dieser Adlerstrae, gewohnt und in dem gerade gegenber gelegenen
Materialwarenladen ihres Vaters mit im Geschft geholfen und auf einem ber zwei
Kaffeescke gelegten Brett kleine und groe Dten geklebt hatte, was ihr
jedesmal mit zwei Pfennig frs Hundert gutgetan worden war. Eigentlich viel
zuviel, Jenny, pflegte dann der Alte zu sagen, aber du sollst mit Geld umgehen
lernen. Ach, waren das Zeiten gewesen! Mittags, Schlag zwlf, wenn man zu Tisch
ging, sa sie zwischen dem Commis Herrn Mielke und dem Lehrling Louis, die
beide, so verschieden sie sonst waren, dieselbe hochstehende Kammtolle und
dieselben erfrorenen Hnde hatten. Und Louis schielte bewundernd nach ihr
hinber, aber wurde jedesmal verlegen, wenn er sich auf seinen Blicken ertappt
sah. Denn er war zu niedrigen Standes, aus einem Obstkeller in der Spreegasse.
Ja, das alles stand jetzt wieder vor ihrer Seele, whrend sie sich auf dem Flur
umsah und endlich die Klingel neben der Tr zog. Der berall verbogene Draht
raschelte denn auch, aber kein Anschlag lie sich hren, und so fate sie
schlielich den Klingelgriff noch einmal und zog strker. Jetzt klang auch ein
Bimmelton von der Kche her bis auf den Flur herber, und ein paar Augenblicke
spter lie sich erkennen, da eine hinter dem Guckloch befindliche kleine
Holzklappe beiseite geschoben wurde. Sehr wahrscheinlich war es des Professors
Wirtschafterin, die jetzt, von ihrem Beobachtungsposten aus, nach Freund oder
Feind aussah, und als diese Beobachtung ergeben hatte, da es gut Freund sei,
wurde der Trriegel ziemlich geruschvoll zurckgeschoben, und eine ramassierte
Frau von ausgangs Vierzig, mit einem ansehnlichen Haubenbau auf ihrem vom
Herdfeuer gerteten Gesicht, stand vor ihr.
    Ach, Frau Treibel... Frau Kommerzienrtin... Welche Ehre...
    Guten Tag, liebe Frau Schmolke. Was macht der Professor? Und was macht
Frulein Corinna? Ist das Frulein zu Hause?
    Ja, Frau Kommerzienrtin. Eben wieder nach Hause gekommen aus der
Philharmonie. Wie wird sie sich freuen.
    Und dabei trat Frau Schmolke zur Seite, um den Weg nach dem einfenstrigen,
zwischen den zwei Vorderstuben gelegenen und mit einem schmalen Leinwandlufer
belegten Entree freizugeben. Aber ehe die Kommerzienrtin noch eintreten konnte,
kam ihr Frulein Corinna schon entgegen und fhrte die mtterliche Freundin,
wie sich die Rtin gern selber nannte, nach rechts hin, in das eine
Vorderzimmer.
    Dies war ein hbscher, hoher Raum, die Jalousien herabgelassen, die Fenster
nach innen auf, vor deren einem eine Blumenestrade mit Goldlack und Hyazinthen
stand. Auf dem Sofatische prsentierte sich gleichzeitig eine Glasschale mit
Apfelsinen, und die Portrts der Eltern des Professors, des Rechnungsrats
Schmidt aus der Heroldskammer und seiner Frau, geb. Schwerin, sahen auf die
Glasschale hernieder - der alte Rechnungsrat in Frack und Rotem Adlerorden, die
geborne Schwerin mit starken Backenknochen und Stubsnase, was, trotz einer
ausgesprochenen Brgerlichkeit, immer noch mehr auf die
pommersch-uckermrkischen Trger des berhmten Namens als auf die sptere oder,
wenn man will, auch viel frhere posensche Linie hindeutete.
    Liebe Corinna, wie nett du dies alles zu machen verstehst und wie hbsch es
doch bei euch ist, so khl und so frisch - und die schnen Hyazinthen. Mit den
Apfelsinen vertrgt es sich freilich nicht recht, aber das tut nichts, es sieht
so gut aus... Und nun legst du mir in deiner Sorglichkeit auch noch das
Sofakissen zurecht! Aber verzeih, ich sitze nicht gern auf dem Sofa; das ist
immer so weich, und man sinkt dabei so tief ein. Ich setze mich lieber hier in
den Lehnstuhl und sehe zu den alten, lieben Gesichtern da hinauf. Ach, war das
ein Mann; gerade wie dein Vater. Aber der alte Rechnungsrat war beinah noch
verbindlicher, und einige sagten auch immer, er sei so gut wie von der Kolonie.
Was auch stimmte. Denn seine Gromutter, wie du freilich besser weit als ich,
war ja eine Charpentier, Stralauer Strae.
    Unter diesen Worten hatte die Kommerzienrtin in einem hohen Lehnstuhle
Platz genommen und sah mit dem Lorgnon nach den lieben Gesichtern hinauf,
deren sie sich eben so huldvoll erinnert hatte, whrend Corinna fragte, ob sie
nicht etwas Mosel und Selterwasser bringen drfe, es sei so hei.
    Nein, Corinna, ich komme eben vom Lunch, und Selterwasser steigt mir immer
so zu Kopf. Sonderbar, ich kann Sherry vertragen und auch Port, wenn er lange
gelagert hat, aber Mosel und Selterwasser, das benimmt mich... Ja, sieh, Kind,
dies Zimmer hier, das kenne ich nun schon vierzig Jahre und darber, noch aus
Zeiten her, wo ich ein halbwachsen Ding war, mit kastanienbraunen Locken, die
meine Mutter, soviel sie sonst zu tun hatte, doch immer mit rhrender Sorgfalt
wickelte. Denn damals, meine liebe Corinna, war das Rotblonde noch nicht so Mode
wie jetzt, aber kastanienbraun galt schon, besonders wenn es Locken waren, und
die Leute sahen mich auch immer darauf an. Und dein Vater auch. Er war damals
noch ein Student und dichtete. Du wirst es kaum glauben, wie reizend und wie
rhrend das alles war, denn die Kinder wollen es immer nicht wahrhaben, da die
Eltern auch einmal jung waren und gut aussahen und ihre Talente hatten. Und ein
paar Gedichte waren an mich gerichtet, die hab ich mir aufgehoben bis diesen
Tag, und wenn mir schwer ums Herz ist, dann nehme ich das kleine Buch, das
ursprnglich einen blauen Deckel hatte (jetzt aber hab ich es in grnen Maroquin
binden lassen), und setze mich ans Fenster und sehe auf unsern Garten und weine
mich still aus, ganz still, da es niemand sieht, am wenigsten Treibel oder die
Kinder. Ach Jugend! Meine liebe Corinna, du weit gar nicht, welch ein Schatz
die Jugend ist und wie die reinen Gefhle, die noch kein rauher Hauch getrbt
hat, doch unser Bestes sind und bleiben.
    Ja, lachte Corinna, die Jugend ist gut. Aber Kommerzienrtin ist auch gut
und eigentlich noch besser. Ich bin fr einen Landauer und einen Garten um die
Villa herum. Und wenn Ostern ist und Gste kommen, natrlich recht viele, so
werden Ostereier in dem Garten versteckt, und jedes Ei ist eine Attrappe voll
Konfitren von Hvell oder Kranzler, oder auch ein kleines Necessaire ist drin.
Und wenn dann all die Gste die Eier gefunden haben, dann nimmt jeder Herr seine
Dame, und man geht zu Tisch. Ich bin durchaus fr Jugend, aber fr Jugend mit
Wohlleben und hbschen Gesellschaften.
    Das hre ich gern, Corinna, wenigstens gerade jetzt; denn ich bin hier, um
dich einzuladen, und zwar auf morgen schon; es hat sich so rasch gemacht. Ein
junger Mister Nelson ist nmlich bei Otto Treibels angekommen (das heit aber,
er wohnt nicht bei ihnen), ein Sohn von Nelson &amp; Co. aus Liverpool, mit
denen mein Sohn Otto seine Hauptgeschftsverbindung hat. Und Helene kennt ihn
auch. Das ist so hamburgisch, die kennen alle Englnder, und wenn sie sie nicht
kennen, so tun sie wenigstens so. Mir unbegreiflich. Also Mister Nelson, der
bermorgen schon wieder abreist, um den handelt es sich; ein lieber
Geschftsfreund, den Ottos durchaus einladen muten. Das verbot sich aber
leider, weil Helene mal wieder Plttag hat, was nach ihrer Meinung allem anderen
vorgeht, sogar im Geschft. Da haben wir's denn bernommen, offen gestanden
nicht allzu gern, aber doch auch nicht geradezu ungern. Otto war nmlich,
whrend seiner englischen Reise, wochenlang in dem Nelsonschen Hause zu Gast. Du
siehst daraus, wie's steht und wie sehr mir an deinem Kommen liegen mu; du
sprichst Englisch und hast alles gelesen und hast vorigen Winter auch Mister
Booth als Hamlet gesehen. Ich wei noch recht gut, wie du davon schwrmtest. Und
englische Politik und Geschichte wirst du natrlich auch wissen, dafr bist du
ja deines Vaters Tochter.
    Nicht viel wei ich davon, nur ein bichen. Ein bichen lernt man ja.
    Ja, jetzt, liebe Corinna. Du hast es gut gehabt, und alle haben es jetzt
gut. Aber zu meiner Zeit, da war es anders, und wenn mir nicht der Himmel, dem
ich dafr danke, das Herz fr das Poetische gegeben htte, was, wenn es mal in
einem lebt, nicht wieder auszurotten ist, so htte ich nichts gelernt und wte
nichts. Aber, Gott sei Dank, ich habe mich an Gedichten herangebildet, und wenn
man viele davon auswendig wei, so wei man doch manches. Und da es so ist,
sieh, das verdanke ich nchst Gott, der es in meine Seele pflanzte, deinem
Vater. Der hat das Blmlein grogezogen, das sonst drben in dem Ladengeschft
unter all den prosaischen Menschen - und du glaubst gar nicht, wie prosaische
Menschen es gibt - verkmmert wre... Wie geht es denn mit deinem Vater? Es mu
ein Vierteljahr sein oder lnger, da ich ihn nicht gesehen habe, den 14.
Februar, an Ottos Geburtstag. Aber er ging so frh, weil soviel gesungen wurde.
    Ja, das liebt er nicht. Wenigstens dann nicht, wenn er damit berrascht
wird. Es ist eine Schwche von ihm, und manche nennen es eine Unart.
    Oh, nicht doch, Corinna, das darfst du nicht sagen. Dein Vater ist blo ein
origineller Mann. Ich bin unglcklich, da man seiner so selten habhaft werden
kann. Ich htt ihn auch zu morgen gerne mit eingeladen, aber ich bezweifle, da
Mister Nelson ihn interessiert, und von den anderen ist nun schon gar nicht zu
sprechen; unser Freund Krola wird morgen wohl wieder singen und Assessor
Goldammer seine Polizeigeschichten erzhlen und sein Kunststck mit dem Hut und
den zwei Talern machen.
    Oh, da freu ich mich. Aber freilich, Papa tut sich nicht gerne Zwang an,
und seine Bequemlichkeit und seine Pfeife sind ihm lieber als ein junger
Englnder, der vielleicht dreimal um die Welt gefahren ist. Papa ist gut, aber
einseitig und eigensinnig.
    Das kann ich nicht zugeben, Corinna. Dein Papa ist ein Juwel, das wei ich
am besten.
    Er unterschtzt alles uerliche, Besitz und Geld, und berhaupt alles, was
schmckt und schn macht.
    Nein, Corinna, sage das nicht. Er sieht das Leben von der richtigen Seite
an; er wei, da Geld eine Last ist und da das Glck ganz woanders liegt. Sie
schwieg bei diesen Worten und seufzte nur leise. Dann aber fuhr sie fort: Ach,
meine liebe Corinna, glaube mir, kleine Verhltnisse, das ist das, was allein
glcklich macht.
    Corinna lchelte. Das sagen alle die, die drberstehen und die kleinen
Verhltnisse nicht kennen.
    Ich kenne sie, Corinna.
    Ja, von frher her. Aber das liegt nun zurck und ist vergessen oder wohl
gar verklrt. Eigentlich liegt es doch so: alles mchte reich sein, und ich
verdenke es keinem. Papa freilich, der schwrt noch auf die Geschichte von dem
Kamel und dem Nadelhr. Aber die junge Welt...
    ... ist leider anders. Nur zu wahr. Aber so gewi das ist, so ist es doch
nicht so schlimm damit, wie du dir's denkst. Es wre auch zu traurig, wenn der
Sinn fr das Ideale verlorenginge, vor allem in der Jugend. Und in der Jugend
lebt er auch noch. Da ist zum Beispiel dein Vetter Marcell, den du beilufig
morgen auch treffen wirst (er hat schon zugesagt) und an dem ich wirklich nichts
weiter zu tadeln wte, als da er Wedderkopp heit. Wie kann ein so feiner Mann
einen so strrischen Namen fhren! Aber wie dem auch sein mge, wenn ich ihn bei
Ottos treffe, so spreche ich immer so gern mit ihm. Und warum? Blo weil er die
Richtung hat, die man haben soll. Selbst unser guter Krola sagte mir erst
neulich, Marcell sei eine von Grund aus ethische Natur, was er noch hher stelle
als das Moralische; worin ich ihm, nach einigen Aufklrungen von seiner Seite,
beistimmen mute. Nein, Corinna, gib den Sinn, der sich nach oben richtet, nicht
auf, jenen Sinn, der von dorther allein das Heil erwartet. Ich habe nur meine
beiden Shne, Geschftsleute, die den Weg ihres Vaters gehen, und ich mu es
geschehen lassen; aber wenn mich Gott durch eine Tochter gesegnet htte, die
wre mein gewesen, auch im Geist, und wenn sich ihr Herz einem armen, aber edlen
Manne, sagen wir einem Manne wie Marcell Wedderkopp, zugeneigt htte...
    ... so wre das ein Paar geworden, lachte Corinna. Der arme Marcell! Da
htt er nun sein Glck machen knnen, und mu gerade die Tochter fehlen.
    Die Kommerzienrtin nickte.
    berhaupt ist es schade, da es so selten klappt und pat, fuhr Corinna
fort. Aber Gott sei Dank, gndigste Frau haben ja noch den Leopold, jung und
unverheiratet, und da Sie solche Macht ber ihn haben - so wenigstens sagt er
selbst, und sein Bruder Otto sagt es auch, und alle Welt sagt es -, so knnt er
Ihnen, da der ideale Schwiegersohn nun mal eine Unmglichkeit ist, wenigstens
eine ideale Schwiegertochter ins Haus fhren, eine reizende, junge Person,
vielleicht eine Schauspielerin...
    Ich bin nicht fr Schauspielerinnen...
    Oder eine Malerin oder eine Pastors- oder eine Professorentochter...
    Die Kommerzienrtin stutzte bei diesem letzten Worte und streifte Corinna
stark, wenn auch flchtig. Indessen wahrnehmend, da diese heiter und unbefangen
blieb, schwand ihre Furchtanwandlung ebenso schnell, wie sie gekommen war. Ja,
Leopold, sagte sie, den hab ich noch. Aber Leopold ist ein Kind. Und seine
Verheiratung steht jedenfalls noch in weiter Ferne. Wenn er aber kme... Und
die Kommerzienrtin schien sich allen Ernstes - vielleicht weil es sich um etwas
noch in so weiter Ferne Liegendes handelte - der Vision einer idealen
Schwiegertochter hingeben zu wollen, kam aber nicht dazu, weil in eben diesem
Augenblicke der aus seiner Obersekunda kommende Professor eintrat und seine
Freundin, die Rtin, mit vieler Artigkeit begrte.
    Str ich?
    In Ihrem eigenen Hause? Nein, lieber Professor; Sie knnen berhaupt nie
stren. Mit Ihnen kommt immer das Licht. Und wie Sie waren, so sind Sie
geblieben. Aber mit Corinna bin ich nicht zufrieden. Sie spricht so modern und
verleugnet ihren Vater, der immer nur in einer schnen Gedankenwelt lebte...
    Nun ja, ja, sagte der Professor. Man kann es so nennen. Aber ich denke,
sie wird sich noch wieder zurckfinden. Freilich, einen Stich ins Moderne wird
sie wohl behalten. Schade. Das war anders, als wir jung waren, da lebte man noch
in Phantasie und Dichtung...
    Er sagte das so hin, mit einem gewissen Pathos, als ob er seinen Sekundanern
eine besondere Schnheit aus dem Horaz oder aus dem Parzival (denn er war
Klassiker und Romantiker zugleich) zu demonstrieren htte. Sein Pathos war aber
doch etwas theatralisch gehalten und mit einer feinen Ironie gemischt, die die
Kommerzienrtin auch klug genug war herauszuhren. Sie hielt es indessen
trotzdem fr angezeigt, einen guten Glauben zu zeigen, nickte deshalb nur und
sagte: Ja, schne Tage, die nie wiederkehren.
    Nein, sagte der in seiner Rolle mit dem Ernst eines Groinquisitors
fortfahrende Wilibald. Es ist vorbei damit; aber man mu eben weiterleben.
    Eine halb verlegene Stille trat ein, whrend welcher man, von der Strae
her, einen scharfen Peitschenknips hrte.
    Das ist ein Mahnzeichen, warf jetzt die Kommerzienrtin ein, eigentlich
froh der Unterbrechung. Johann unten wird ungeduldig. Und wer htte den Mut, es
mit einem solchen Machthaber zu verderben.
    Niemand, erwiderte Schmidt. An der guten Laune unserer Umgebung hngt
unser Lebensglck; ein Minister bedeutet mir wenig, aber die Schmolke...
    Sie treffen es wie immer, lieber Freund.
    Und unter diesen Worten erhob sich die Kommerzienrtin und gab Corinna einen
Ku auf die Stirn, whrend sie Wilibald die Hand reichte. Mit uns, lieber
Professor, bleibt es beim alten, unentwegt. Und damit verlie sie das Zimmer,
von Corinna bis auf den Flur und die Strae begleitet.
    Unentwegt, wiederholte Wilibald, als er allein war. Herrliches Modewort,
und nun auch schon bis in die Villa Treibel gedrungen... Eigentlich ist meine
Freundin Jenny noch gerade so wie vor vierzig Jahren, wo sie die
kastanienbraunen Locken schttelte. Das Sentimentale liebte sie schon damals,
aber doch immer unter Bevorzugung von Courmachen und Schlagsahne. Jetzt ist sie
nun rundlich geworden und beinah gebildet, oder doch, was man so gebildet zu
nennen pflegt, und Adolar Krola trgt ihr Arien aus Lohengrin und Tannhuser
vor. Denn ich denke mir, da das ihre Lieblingsopern sind. Ach, ihre Mutter, die
gute Frau Brstenbinder, die das Pppchen drben im Apfelsinenladen immer so
hbsch herauszuputzen wute, sie hat in ihrer Weiberklugheit damals ganz richtig
gerechnet. Nun ist das Pppchen eine Kommerzienrtin und kann sich alles gnnen,
auch das Ideale, und sogar unentwegt. Ein Musterstck von einer Bourgeoise.
    Und dabei trat er ans Fenster, hob die Jalousien ein wenig und sah, wie
Corinna, nachdem die Kommerzienrtin ihren Sitz wieder eingenommen hatte, den
Wagenschlag ins Schlo warf. Noch ein gegenseitiger Gru, an dem die
Gesellschaftsdame mit sauerser Miene teilnahm, und die Pferde zogen an und
trabten langsam auf die nach der Spree hin gelegene Aus-fahrt zu, weil es schwer
war, in der engen Adlerstrae zu wenden.
    Als Corinna wieder oben war, sagte sie: Du hast doch nichts dagegen, Papa.
Ich bin morgen zu Treibels zu Tisch geladen. Marcell ist auch da und ein junger
Englnder, der sogar Nelson heit.
    Ich was dagegen? Gott bewahre. Wie knnt ich was dagegen haben, wenn ein
Mensch sich amsieren will. Ich nehme an, du amsierst dich.
    Gewi amsier ich mich. Es ist doch mal was anderes. Was Distelkamp sagt
und Rindfleisch und der kleine Friedeberg, das wei ich ja schon alles
auswendig. Aber was Nelson sagen wird, denk dir, Nelson, das wei ich nicht.
    Viel Gescheites wird es wohl nicht sein.
    Das tut nichts. Ich sehne mich manchmal nach Ungescheitheiten.
    Da hast du recht, Corinna.

                                Zweites Kapitel


Die Treibelsche Villa lag auf einem groen Grundstcke, das, in bedeutender
Tiefe, von der Kpnicker Strae bis an die Spree reichte. Frher hatten hier in
unmittelbarer Nhe des Flusses nur Fabrikgebude gestanden, in denen alljhrlich
ungezhlte Zentner von Blutlaugensalz und spter, als sich die Fabrik
erweiterte, kaum geringere Quantitten von Berliner Blau hergestellt worden
waren. Als aber nach dem siebziger Kriege die Milliarden ins Land kamen und die
Grnderanschauungen selbst die nchternsten Kpfe zu beherrschen anfingen, fand
auch Kommerzienrat Treibel sein bis dahin in der Alten Jakobstrae gelegenes
Wohnhaus, trotzdem es von Gontard, ja nach einigen sogar von Knobelsdorff
herrhren sollte, nicht mehr zeit- und standesgem und baute sich auf seinem
Fabrikgrundstck eine modische Villa mit kleinem Vorder- und parkartigem
Hintergarten. Diese Villa war ein Hochparterrebau mit aufgesetztem ersten Stock,
welcher letztere jedoch, um seiner niedrigen Fenster willen, eher den Eindruck
eines Mezzanin als einer Beletage machte. Hier wohnte Treibel seit sechzehn
Jahren und begriff nicht, da er es, einem noch dazu blo gemutmaten
friderizianischen Baumeister zuliebe, so lange Zeit hindurch in der unvornehmen
und aller frischen Luft entbehrenden Alten Jakobstrae ausgehalten habe;
Gefhle, die von seiner Frau Jenny mindestens geteilt wurden. Die Nhe der
Fabrik, wenn der Wind ungnstig stand, hatte freilich auch allerlei Miliches im
Geleite; Nordwind aber, der den Qualm herantrieb, war notorisch selten, und man
brauchte ja die Gesellschaften nicht gerade bei Nordwind zu geben. Auerdem lie
Treibel die Fabrikschornsteine mit jedem Jahre hher hinauffhren und beseitigte
damit den anfnglichen belstand immer mehr.

Das Diner war zu sechs Uhr festgesetzt; aber bereits eine Stunde vorher sah man
Hustersche Wagen mit runden und viereckigen Krben vor dem Gittereingange
halten. Die Kommerzienrtin, schon in voller Toilette, beobachtete von dem
Fenster ihres Boudoirs aus all diese Vorbereitungen und nahm auch heute wieder,
und zwar nicht ohne eine gewisse Berechtigung, Ansto daran. Da Treibel es
auch versumen mute, fr einen Nebeneingang Sorge zu tragen! Wenn er damals nur
ein vier Fu breites Terrain von dem Nachbargrundstck zukaufte, so htten wir
einen Eingang fr derart Leute gehabt. Jetzt marschiert jeder Kchenjunge durch
den Vorgarten, gerade auf unser Haus zu, wie wenn er mit eingeladen wre. Das
sieht lcherlich aus und auch anspruchsvoll, als ob die ganze Kpnicker Strae
wissen solle: Treibels geben heut ein Diner. Auerdem ist es unklug, dem Neid
der Menschen und dem sozialdemokratischen Gefhl so ganz nutzlos neue Nahrung zu
gehen.
    Sie sagte sich das ganz ernsthaft, gehrte jedoch zu den Glcklichen, die
sich nur weniges andauernd zu Herzen nehmen, und so kehrte sie denn vom Fenster
zu ihrem Toilettentisch zurck, um noch einiges zu ordnen und den Spiegel zu
befragen, ob sie sich neben ihrer Hamburger Schwiegertochter auch werde
behaupten knnen. Helene war freilich nur halb so alt, ja kaum das; aber die
Kommerzienrtin wute recht gut, da Jahre nichts bedeuten und da Konversation
und Augenausdruck und namentlich die Welt der Formen, im einen und im andern
Sinne, ja im andern Sinne noch mehr, den Ausschlag zu geben pflegen. Und
hierin war die schon stark an der Grenze des Embonpoint angelangte
Kommerzienrtin ihrer Schwiegertochter unbedingt berlegen.
    In dem mit dem Boudoir korrespondierenden, an der andern Seite des
Frontsaales gelegenen Zimmer sa Kommerzienrat Treibel und las das Berliner
Tageblatt. Es war gerade eine Nummer, der der Ulk beilag. Er weidete sich an
dem Schlubild und las dann einige von Nunnes philosophischen Betrachtungen.
Ausgezeichnet... Sehr gut... Aber ich werde das Blatt doch beiseite schieben
oder mindestens das Deutsche Tageblatt darberlegen mssen. Ich glaube,
Vogelsang gibt mich sonst auf. Und ich kann ihn, wie die Dinge mal liegen, nicht
mehr entbehren, so wenig, da ich ihn zu heute habe einladen mssen. berhaupt
eine sonderbare Gesellschaft! Erst dieser Mister Nelson, den sich Helene, weil
ihre Mdchen mal wieder am Plttbrett stehen, geflligst abgewlzt hat, und zu
diesem Nelson dieser Vogelsang, dieser Lieutenant a. D. und Agent provocateur in
Wahlsachen. Er versteht sein Metier, so sagt man mir allgemein, und ich mu es
glauben. Jedenfalls scheint mir das sicher: hat er mich erst in Teupitz-Zossen
und an den Ufern der Wendischen Spree durchgebracht, so bringt er mich auch hier
durch. Und das ist die Hauptsache. Denn schlielich luft doch alles darauf
hinaus, da ich in Berlin selbst, wenn die Zeit dazu gekommen ist, den Singer
oder irgendeinen andern von der Couleur beiseite schiebe. Nach der
Beredsamkeitsprobe neulich bei Buggenhagen ist ein Sieg sehr wohl mglich, und
so mu ich ihn mir warmhalten. Er hat einen Sprechanismus, um den ich ihn
beneiden knnte, trotzdem ich doch auch nicht in einem Trappistenkloster geboren
und grogezogen bin. Aber neben Vogelsang? Null. Und kann auch nicht anders
sein; denn bei Lichte besehen, hat der ganze Kerl nur drei Lieder auf seinem
Kasten und dreht eins nach dem andern von der Walze herunter, und wenn er damit
fertig ist, fngt er wieder an. So steht es mit ihm, und darin steckt seine
Macht, gutta cavat lapidem; der alte Wilibald Schmidt wrde sich freuen, wenn er
mich so zitieren hrte, vorausgesetzt, da es richtig ist. Oder vielleicht auch
umgekehrt; wenn drei Fehler drin sind, amsiert er sich noch mehr; Gelehrte sind
nun mal so... Vogelsang, das mu ich ihm lassen, hat freilich noch eines, was
wichtiger ist als das ewige Wiederholen, er hat den Glauben an sich und ist
berhaupt ein richtiger Fanatiker. Ob es wohl mit allem Fanatismus ebenso steht?
Mir sehr wahrscheinlich. Ein leidlich gescheites Individuum kann eigentlich gar
nicht fanatisch sein. Wer an einen Weg und eine Sache glaubt, ist allemal ein
Poveretto, und ist seine Glaubenssache zugleich er selbst, so ist er
gemeingefhrlich und eigentlich reif fr Dalldorf. Und von solcher
Beschaffenheit ist just der Mann, dem zu Ehren ich, wenn ich von Mister Nelson
absehe, heute mein Diner gebe und mir zwei adlige Fruleins eingeladen habe,
blaues Blut, das hier in der Kpnicker Strae so gut wie gar nicht vorkommt und
deshalb aus Berlin W von mir verschrieben werden mute, ja zur Hlfte sogar aus
Charlottenburg. O Vogelsang! Eigentlich ist mir der Kerl ein Greuel. Aber was
tut man nicht alles als Brger und Patriot.
    Und dabei sah Treibel auf das zwischen den Knopflchern ausgespannte
Kettchen mit drei Orden en miniature, unter denen ein rumnischer der
vollgltigste war, und seufzte, whrend er zugleich auch lachte. Rumnien,
frher Moldau und Walachei. Es ist mir wirklich zuwenig.

Das erste Coup, das vorfuhr, war das seines ltesten Sohnes Otto, der sich
selbstndig etabliert und ganz am Ausgange der Kpnicker Strae, zwischen dem
zur Pionierkaserne gehrigen Pontonhaus und dem Schlesischen Tor, einen Holzhof
errichtet hatte, freilich von der hheren Observanz, denn es waren Farbehlzer,
Fernambuk- und Campecheholz, mit denen er handelte. Seit etwa acht Jahren war er
auch verheiratet. Im selben Augenblicke, wo der Wagen hielt, zeigte er sich
seiner jungen Frau beim Aussteigen behlflich, bot ihr verbindlich den Arm und
schritt, nach Passierung des Vorgartens, auf die Freitreppe zu, die zunchst zu
einem verandaartigen Vorbau der vterlichen Villa hinauffhrte. Der alte
Kommerzienrat stand schon in der Glastr und empfing die Kinder mit der ihm
eigenen Jovialitt. Gleich darauf erschien auch die Kommerzienrtin aus dem
seitwrts angrenzenden und nur durch eine Portire von dem groen Empfangssaal
geschiedenen Zimmer und reichte der Schwiegertochter die Backe, whrend ihr Sohn
Otto ihr die Hand kte. Gut, da du kommst, Helene, sagte sie mit einer
glcklichen Mischung von Behaglichkeit und Ironie, worin sie, wenn sie wollte,
Meisterin war. Ich frchtete schon, du wrdest dich auch vielleicht behindert
sehen.
    Ach, Mama, verzeih... Es war nicht blo des Pltttags halber; unsere Kchin
hat zum 1. Juni gekndigt, und wenn sie kein Interesse mehr haben, so sind sie
so unzuverlssig; und auf Elisabeth ist nun schon gar kein Verla mehr. Sie ist
ungeschickt bis zur Unschicklichkeit und hlt die Schsseln immer so dicht ber
den Schultern, besonders der Herren, als ob sie sich ausruhen wollte...
    Die Kommerzienrtin lchelte halb vershnt, denn sie hrte gern dergleichen.
    ... Und aufschieben, fuhr Helene fort, verbot sich auch. Mister Nelson,
wie du weit, reist schon morgen abend wieder. brigens ein charmanter junger
Mann, der euch gefallen wird. Etwas kurz und einsilbig, vielleicht weil er nicht
recht wei, ob er sich deutsch oder englisch ausdrcken soll; aber was er sagt,
ist immer gut und hat ganz die Gesetztheit und Wohlerzogenheit, die die meisten
Englnder haben. Und dabei immer wie aus dem Ei gepellt. Ich habe nie solche
Manschetten gesehen, und es bedrckt mich geradezu, wenn ich dann sehe, womit
sich mein armer Otto behelfen mu, blo weil man die richtigen Krfte beim
besten Willen nicht haben kann. Und so sauber wie die Manschetten, so sauber ist
alles an ihm, ich meine an Mister Nelson, auch sein Kopf und sein Haar.
Wahrscheinlich, da er es mit Honey-water brstet, oder vielleicht ist es auch
blo mit Hlfe von Shampooing.
    Der so rhmlich Gekennzeichnete war der nchste, der am Gartengitter
erschien und schon im Herankommen die Kommerzienrtin einigermaen in Erstaunen
setzte. Diese hatte, nach der Schilderung ihrer Schwiegertochter, einen Ausbund
von Eleganz erwartet; statt dessen kam ein Menschenkind daher, an dem, mit
Ausnahme der von der jungen Frau Treibel gerhmten Manschettenspezialitt,
eigentlich alles die Kritik herausforderte. Den ungebrsteten Zylinder im Nacken
und reisemig in einem gelb- und braunquadrierten Anzuge steckend, stieg er,
von links nach rechts sich wiegend, die Freitreppe herauf und grte mit der
bekannten heimatlichen Mischung von Selbstbewutsein und Verlegenheit. Otto ging
ihm entgegen, um ihn seinen Eltern vorzustellen.
    Mister Nelson from Liverpool - derselbe, lieber Papa, mit dem ich...
    Ah, Mister Nelson. Sehr erfreut. Mein Sohn spricht noch oft von seinen
glcklichen Tagen in Liverpool und von dem Ausfluge, den er damals mit Ihnen
nach Dublin und, wenn ich nicht irre, auch nach Glasgow machte. Das geht jetzt
ins neunte Jahr; Sie mssen damals noch sehr jung gewesen sein.
    O nicht sehr jung, Mister Treibel... about sixteen...
    Nun, ich dchte doch, sechzehn...
    Oh, sechzehn, nicht sehr jung... nicht fr uns.
    Diese Versicherungen klangen um so komischer, als Mister Nelson, auch jetzt
noch, wie ein Junge wirkte. Zu weiteren Betrachtungen darber war aber keine
Zeit, weil eben jetzt eine Droschke zweiter Klasse vorfuhr, der ein langer,
hagerer Mann in Uniform entstieg. Er schien Auseinandersetzungen mit dem
Kutscher zu haben, whrend deren er brigens eine beneidenswert sichere Haltung
beobachtete, und nun rckte er sich zurecht und warf die Gittertr ins Schlo.
Er war in Helm und Degen; aber ehe man noch der Schilderhuser auf seiner
Achselklappe gewahr werden konnte, stand es fr jeden mit militrischem Blick
nur einigermaen Ausgersteten fest, da er seit wenigstens dreiig Jahren auer
Dienst sein msse. Denn die Grandezza, mit der er daherkam, war mehr die
Steifheit eines alten, irgendeiner ganz seltenen Sekte zugehrigen Torf- oder
Salzinspektors als die gute Haltung eines Offiziers. Alles gab sich mehr oder
weniger automatenhaft, und der in zwei gewirbelten Spitzen auslaufende schwarze
Schnurrbart wirkte nicht nur gefrbt, was er natrlich war, sondern zugleich
auch wie angeklebt. Desgleichen der Henriquatre. Dabei lag sein Untergesicht im
Schatten zweier vorspringender Backenknochen. Mit der Ruhe, die sein ganzes
Wesen auszeichnete, stieg er jetzt die Freitreppe hinauf und schritt auf die
Kommerzienrtin zu. Sie haben befohlen, meine Gndigste... - Hoch erfreut,
Herr Lieutenant... Inzwischen war auch der alte Treibel herangetreten und
sagte: Lieber Vogelsang, erlauben Sie mir, da ich Sie mit den Herrschaften
bekannt mache; meinen Sohn Otto kennen Sie, aber nicht seine Frau, meine liebe
Schwiegertochter - Hamburgerin, wie Sie leicht erkennen werden ... Und hier,
und dabei schritt er auf Mister Nelson zu, der sich mit dem inzwischen ebenfalls
erschienenen Leopold Treibel gemtlich und ohne jede Rcksicht auf den Rest der
Gesellschaft unterhielt, und hier ein junger lieber Freund unseres Hauses,
Mister Nelson from Liverpool.
    Vogelsang zuckte bei dem Wort Nelson zusammen und schien einen Augenblick
zu glauben - denn er konnte die Furcht des Gefopptwerdens nie ganz loswerden -,
da man sich einen Witz mit ihm erlaube. Die ruhigen Mienen aller aber belehrten
ihn bald eines Besseren, weshalb er sich artig verbeugte und zu dem jungen
Englnder sagte: Nelson. Ein groer Name. Sehr erfreut, Mister Nelson.
    Dieser lachte dem alt und aufgesteift vor ihm stehenden Lieutenant ziemlich
ungeniert ins Gesicht, denn solche komische Person war ihm noch gar nicht
vorgekommen. Da er in seiner Art ebenso komisch wirkte, dieser Grad der
Erkenntnis lag ihm fern. Vogelsang bi sich auf die Lippen und befestigte sich,
unter dem Eindruck dieser Begegnung, in der lang gehegten Vorstellung von der
Impertinenz englischer Nation. Im brigen war jetzt der Zeitpunkt da, wo das
Eintreffen immer neuer Ankmmlinge von jeder anderen Betrachtung abzog und die
Sonderbarkeiten eines Englnders rasch vergessen lie.
    Einige der befreundeten Fabrikbesitzer aus der Kpnicker Strae lsten in
ihren Chaisen mit niedergeschlagenem Verdeck die, wie es schien, noch immer sich
besinnende Vogelsangsche Droschke rasch und beinahe gewaltsam ab; dann kam
Corinna samt ihrem Vetter Marcell Wedderkopp (beide zu Fu), und schlielich
fuhr Johann, der Kommerzienrat Treibelsche Kutscher, vor, und dem mit blauem
Atlas ausgeschlagenen Landauer - derselbe, darin gestern die Kommerzienrtin
ihren Besuch bei Corinna gemacht hatte - entstiegen zwei alte Damen, die von
Johann mit ganz besonderem und beinahe berraschlichem Respekt behandelt wurden.
Es erklrte sich dies aber einfach daraus, da Treibel, gleich bei Beginn dieser
ihm wichtigen und jetzt etwa um dritthalb Jahre zurckliegenden Bekanntschaft,
zu seinem Kutscher gesagt hatte: Johann, ein fr allemal, diesen Damen
gegenber immer Hut in Hand. Das andere, du verstehst mich, ist meine Sache.
Dadurch waren die guten Manieren Johanns auer Frage gestellt. Beiden alten
Damen ging Treibel jetzt bis in die Mitte des Vorgartens entgegen, und nach
lebhaften Bekomplimentierungen, an denen auch die Kommerzienrtin teilnahm,
stieg man wieder die Gartentreppe hinauf und trat, von der Veranda her, in den
groen Empfangssalon ein, der bis dahin, weil das schne Wetter zum Verweilen im
Freien einlud, nur von wenigen betreten worden war. Fast alle kannten sich von
frheren Treibelschen Diners her; nur Vogelsang und Nelson waren Fremde, was den
partiellen Vorstellungsakt erneuerte. Darf ich Sie, wandte sich Treibel an die
zuletzt erschienenen alten Damen, mit zwei Herren bekannt machen, die mir heute
zum ersten Male die Ehre ihres Besuches geben: Lieutenant Vogelsang, Prsident
unseres Wahlkomitees, und Mister Nelson from Liverpool. Man verneigte sich
gegenseitig. Dann nahm Treibel Vogelsangs Arm und flsterte diesem, um ihn
einigermaen zu orientieren, zu: Zwei Damen vom Hofe; die korpulente: Frau
Majorin von Ziegenhals, die nicht korpulente (worin Sie mir zustimmen werden):
Frulein Edwine von Bomst.
    Merkwrdig, sagte Vogelsang. Ich wrde, die Wahrheit zu gestehen...
    Eine Vertauschung der Namen fr angezeigt gehalten haben. Da treffen Sie's,
Vogelsang. Und es freut mich, da Sie ein Auge fr solche Dinge haben. Da
bezeugt sich das alte Lieutenantsblut. Ja, diese Ziegenhals; einen Meter
Brustweite wird sie wohl haben, und es lassen sich allerhand Betrachtungen
darber anstellen, werden auch wohl seinerzeit angestellt worden sein. Im
brigen, es sind das so die scherzhaften Widerspiele, die das Leben erheitern.
Klopstock war Dichter, und ein anderer, den ich noch persnlich gekannt habe,
hie Griepenkerl... Es trifft sich, da uns beide Damen ersprieliche Dienste
leisten knnen.
    Wie das? wieso?
    Die Ziegenhals ist eine rechte Cousine von dem Zossener Landesltesten, und
ein Bruder der Bomst hat sich mit einer Pastorstochter aus der Storkower Gegend
ehelich vermhlt. Halbe Mesalliance, die wir ignorieren mssen, weil wir Vorteil
daraus ziehen. Man mu, wie Bismarck, immer ein Dutzend Eisen im Feuer haben...
Ah, Gott sei Dank. Johann hat den Rock gewechselt und gibt das Zeichen.
Allerhchste Zeit... Eine Viertelstunde warten geht; aber zehn Minuten darber
ist zuviel... Ohne mich ngstlich zu belauschen, ich hre, wie der Hirsch nach
Wasser schreit. Bitte, Vogelsang, fhren Sie meine Frau... Liebe Corinna,
bemchtigen Sie sich Nelsons... Victory and Westminster Abbey; das Entern ist
diesmal an Ihnen. Und nun meine Damen... darf ich um Ihren Arm bitten, Frau
Majorin...? und um den Ihren, mein gndigstes Frulein?
    Und die Ziegenhals am rechten, die Bomst am linken Arm, ging er auf die
Flgeltr zu, die sich, whrend dieser seiner letzten Worte, mit einer gewissen
langsamen Feierlichkeit geffnet hatte.

                                Drittes Kapitel


Das Ezimmer entsprach genau dem vorgelegenen Empfangszimmer und hatte den Blick
auf den groen, parkartigen Hintergarten mit pltscherndem Springbrunnen, ganz
in der Nhe des Hauses; eine kleine Kugel stieg auf dem Wasserstrahl auf und ab,
und auf dem Querholz einer zur Seite stehenden Stange sa ein Kakadu und sah,
mit dem bekannten Auge voll Tiefsinn, abwechselnd auf den Strahl mit der
balancierenden Kugel und dann wieder in den Esaal, dessen oberes
Schiebefenster, der Ventilation halber, etwas herabgelassen war. Der
Kronleuchter brannte schon, aber die niedriggeschraubten Flmmchen waren in der
Nachmittagssonne kaum sichtbar und fhrten ihr schwaches Vorleben nur deshalb,
weil der Kommerzienrat, um ihn selbst sprechen zu lassen, nicht liebte, durch
Manipulationen im Laternenansteckerstil in seiner Dinerstimmung gestrt zu
werden. Auch der bei der Gelegenheit hrbar werdende kleine Puff, den er gern
als moderierten Salutschu߫ bezeichnete, konnte seine Gesamtstellung zu der
Frage nicht ndern. Der Speisesaal selbst war von schner Einfachheit: gelber
Stuck, in den einige Reliefs eingelegt waren, reizende Arbeiten von Professor
Franz. Seitens der Kommerzienrtin war, als es sich um diese Ausschmckung
handelte, Reinhold Begas in Vorschlag gebracht, aber von Treibel, als seinen
Etat berschreitend, abgelehnt worden. Das ist fr die Zeit, wo wir
Generalkonsuls sein werden... - Eine Zeit, die nie kommt, hatte Jenny
geantwortet. Doch, doch, Jenny; Teupitz-Zossen ist die erste Staffel dazu. Er
wute, wie zweifelhaft seine Frau seiner Wahlagitation und allen sich daran
knpfenden Hoffnungen gegenberstand, weshalb er gern durchklingen lie, da er
von dem Baum seiner Politik auch fr die weibliche Eitelkeit noch goldene
Frchte zu heimsen gedenke.
    Drauen setzte der Wasserstrahl sein Spiel fort. Drinnen im Saal aber, in
der Mitte der Tafel, die, statt der blichen Riesenvase mit Flieder und
Goldregen, ein kleines Blumenparkett zeigte, sa der alte Treibel, neben sich
die beiden adligen Damen, ihm gegenber seine Frau zwischen Lieutenant Vogelsang
und dem ehemaligen Opernsnger Adolar Krola. Krola war seit fnfzehn Jahren
Hausfreund, worauf ihm dreierlei einen gleichmigen Anspruch gab: sein gutes
uere, seine gute Stimme und sein gutes Vermgen. Er hatte sich nmlich kurz
vor seinem Rcktritt von der Bhne mit einer Millionrstochter verheiratet.
Allgemein zugestanden, war er ein sehr liebenswrdiger Mann, was er vor manchem
seiner ehemaligen Kollegen ebensosehr voraushatte wie die mehr als gesicherte
Finanzlage.
    Frau Jenny prsentierte sich in vollem Glanz, und ihre Herkunft aus dem
kleinen Laden in der Adlerstrae war in ihrer Erscheinung bis auf den letzten
Rest getilgt. Alles wirkte reich und elegant; aber die Spitzen auf dem
veilchenfarbenen Brokatkleide, soviel mute gesagt werden, taten es nicht
allein, auch nicht die kleinen Brillantohrringe, die bei jeder Bewegung hin und
her blitzten; nein, was ihr mehr als alles andere eine gewisse Vornehmheit lieh,
war die sichere Ruhe, womit sie zwischen ihren Gsten thronte. Keine Spur von
Aufregung gab sich zu erkennen, zu der allerdings auch keine Veranlassung
vorlag. Sie wute, was in einem reichen und auf Reprsentation gestellten Hause
brauchbare Dienstleute bedeuten, und so wurde denn alles, was sich nach dieser
Seite hin nur irgendwie bewhrte, durch hohen Lohn und gute Behandlung
festgehalten. Alles ging in Folge davon wie am Schnrchen, auch heute wieder,
und ein Blick Jennys regierte das Ganze, wobei das untergeschobene Luftkissen,
das ihr eine dominierende Stellung gab, ihr nicht wenig zustatten kam. In ihrem
Sicherheitsgefhl war sie zugleich die Liebenswrdigkeit selbst. Ohne Furcht,
wirtschaftlich irgend etwas ins Stocken kommen zu sehen, konnte sie sich
selbstverstndlich auch den Pflichten einer geflligen Unterhaltung widmen, und
weil sie's strend empfinden mochte - den ersten Begrungsmoment abgerechnet -,
zu keinem einzigen intimeren Gesprchsworte mit den adligen Damen gekommen zu
sein, so wandte sie sich jetzt ber den Tisch hin an die Bomst und fragte voll
anscheinender oder vielleicht auch voll wirklicher Teilnahme: Haben Sie, mein
gndigstes Frulein, neuerdings etwas von Prinze Anisettchen gehrt? Ich habe
mich immer fr diese junge Prinzessin lebhaft interessiert, ja, fr die ganze
Linie des Hauses. Sie soll glcklich verheiratet sein. Ich hre so gern von
glcklichen Ehen, namentlich in der Obersphre der Gesellschaft, und ich mchte
dabei bemerken drfen, es scheint mir eine trichte Annahme, da auf den Hhen
der Menschheit das Eheglck ausgeschlossen sein solle.
    Gewi߫, unterbrach hier Treibel bermtig, ein solcher Verzicht auf das
denkbar Hchste...
    Lieber Treibel, fuhr die Rtin fort, ich richtete mich an das Frulein
von Bomst, das, bei jedem schuldigen Respekt vor deiner sonstigen
Allgemeinkenntnis, mir in allem, was Hof angeht, doch um ein erhebliches
kompetenter ist als du.
    Zweifellos, sagte Treibel. Und die Bomst, die dies eheliche Intermezzo mit
einem sichtlichen Behagen begleitet hatte, nahm nun ihrerseits das Wort und
erzhlte von der Prinzessin, die ganz die Gromutter sei, denselben Teint und
vor allem dieselbe gute Laune habe. Das wisse, soviel drfe sie wohl sagen,
niemand besser als sie, denn sie habe noch des Vorzugs genossen, unter den Augen
der Hochseligen, die eigentlich ein Engel gewesen, ihr Leben bei Hofe beginnen
zu drfen, bei welcher Gelegenheit sie so recht die Wahrheit begriffen habe, da
die Natrlichkeit nicht nur das Beste, sondern auch das Vornehmste sei.
    Ja, sagte Treibel, das Beste und das Vornehmste. Da hrst du's, Jenny,
von einer Seite her, die du, Pardon, mein gndigstes Frulein, eben selbst als
kompetenteste Seite bezeichnet hast.
    Auch die Ziegenhals mischte sich jetzt mit ein, und das Gesprchsinteresse
der Kommerzienrtin, die, wie jede geborene Berlinerin, fr Hof und
Prinzessinnen schwrmte, schien sich mehr und mehr ihren beiden Visavis zuwenden
zu wollen, als pltzlich ein leises Augenzwinkern Treibels ihr zu verstehen gab,
da auch noch andere Personen zu Tische sen und da es des Landes der Brauch
sei, sich, was Gesprch angehe, mehr mit seinem Nachbar zur Linken und Rechten
als mit seinem Gegenber zu beschftigen. Die Kommerzienrtin erschrak denn auch
nicht wenig, als sie wahrnahm, wie sehr Treibel mit seinem stillen, wenn auch
halb scherzhaften Vorwurf im Rechte sei. Sie hatte Versumtes nachholen wollen
und war dadurch in eine neue, schwerere Versumnis hineingeraten. Ihr linker
Nachbar, Krola - nun, das mochte gehen, der war Hausfreund und harmlos und
nachsichtig von Natur. Aber Vogelsang! Es kam ihr mit einem Male zum Bewutsein,
da sie whrend des Prinzessinnengesprchs von der rechten Seite her immer etwas
wie einen sich einbohrenden Blick empfunden hatte. Ja, das war Vogelsang
gewesen, Vogelsang, dieser furchtbare Mensch, dieser Mephisto mit Hahnenfeder
und Hinkefu, wenn auch beides nicht recht zu sehen war. Er war ihr widerwrtig,
und doch mute sie mit ihm sprechen; es war die hchste Zeit.
    Ich habe, Herr Lieutenant, von Ihren beabsichtigten Reisen in unsere liebe
Mark Brandenburg gehrt; Sie wollen bis an die Gestade der Wendischen Spree
vordringen, ja, noch darber hinaus. Eine hchst interessante Gegend, wie mir
Treibel sagt, mit allerlei Wendengttern, die sich, bis diesen Tag, in dem
finsteren Geiste der Bevlkerung aussprechen sollen.
    Nicht da ich wte, meine Gndigste.
    So zum Beispiel in dem Stdtchen Storkow, dessen Burgemeister, wenn ich
recht unterrichtet bin, der Burgemeister Tschech war, jener politische
Rechtsfanatiker, der auf Knig Friedrich Wilhelm IV. scho, ohne Rcksicht auf
die nebenstehende Knigin. Es ist eine lange Zeit, aber ich entsinne mich der
Einzelheiten, als ob es gestern gewesen wre, und entsinne mich auch noch des
eigentmlichen Liedes, das damals auf diesen Vorfall gedichtet wurde.
    Ja, sagte Vogelsang, ein erbrmlicher Gassenhauer, darin ganz der frivole
Geist spukte, der die Lyrik jener Tage beherrschte. Was sich anders in dieser
Lyrik gibt, ganz besonders auch in dem in Rede stehenden Gedicht, ist nur
Schein, Lug und Trug. Er erscho uns auf ein Haar unser teures Knigspaar. Da
haben Sie die ganze Perfidie. Das sollte loyal klingen und unter Umstnden
vielleicht auch den Rckzug decken, ist aber schnder und schndlicher als
alles, was jene verlogene Zeit sonst noch hervorgebracht hat, den groen
Hauptsnder auf diesem Gebiete nicht ausgenommen. Ich meine natrlich Herwegh,
George Herwegh.
    Ach, da treffen Sie mich, Herr Lieutenant, wenn auch ungewollt, an einer
sehr empfindlichen Stelle. Herwegh war nmlich in der Mitte der vierziger Jahre,
wo ich eingesegnet wurde, mein Lieblingsdichter. Es entzckte mich, weil ich
immer sehr protestantisch fhlte, wenn er seine Flche gegen Rom
herbeischleppte, worin Sie mir vielleicht beistimmen werden. Und ein anderes
Gedicht, worin er uns aufforderte, die Kreuze aus der Erde zu reien, las ich
beinah mit gleichem Vergngen. Ich mu freilich einrumen, da es keine Lektre
fr eine Konfirmandin war. Aber meine Mutter sagte: Lies es nur, Jenny; der
Knig hat es auch gelesen, und Herwegh war sogar bei ihm in Charlottenburg, und
die besseren Klassen lesen es alle. Meine Mutter, wofr ich ihr noch im Grabe
danke, war immer fr die besseren Klassen. Und das sollte jede Mutter, denn es
ist bestimmend fr unseren Lebensweg. Das Niedere kann dann nicht heran und
bleibt hinter uns zurck.
    Vogelsang zog die Augenbrauen zusammen, und jeder, den die Vorstellung von
seiner Mephistophelesschaft bis dahin nur gestreift hatte, htte bei diesem
Mienenspiel unwillkrlich nach dem Hinkefu suchen mssen. Die Kommerzienrtin
aber fuhr fort: Im brigen wird mir das Zugestndnis nicht schwer, da die
patriotischen Grundstze, die der groe Dichter predigte, vielleicht sehr
anfechtbar waren. Wiewohl auch das nicht immer das Richtige ist, was auf der
groen Strae liegt...
    Vogelsang, der stolz darauf war, durchaus eine Nebenstrae zu wandeln,
nickte jetzt zustimmend.
    ... Aber lassen wir die Politik, Herr Lieutenant. Ich gebe Ihnen Herwegh
als politischen Dichter preis, da das Politische nur ein Tropfen fremden Blutes
in seinen Adern war. Indessen gro ist er, wo er nur Dichter ist. Erinnern Sie
sich? Ich mchte hingehn wie das Abendrot und wie der Tag mit seinen letzten
Gluten...
    ... Mich in den Scho des Ewigen verbluten... Ja, das kenn ich, meine
Gndigste, das hab ich damals auch nachgebetet. Aber wer sich, als es galt,
durchaus nicht verbluten wollte, das war der Herr Dichter selbst. Und so wird es
immer sein. Das kommt von den hohlen, leeren Worten und der Reimsucherei.
Glauben Sie mir, Frau Rtin, das sind berwundene Standpunkte. Der Prosa gehrt
die Welt.
    Jeder nach seinem Geschmack, Herr Lieutenant Vogelsang, sagte die durch
diese Worte tief verletzte Jenny. Wenn Sie Prosa vorziehen, so kann ich Sie
daran nicht hindern. Aber mir gilt die poetische Welt, und vor allem gelten mir
auch die Formen, in denen das Poetische herkmmlich seinen Ausdruck findet. Ihm
allein verlohnt es sich zu leben. Alles ist nichtig; am nichtigsten aber ist
das, wonach alle Welt so begehrlich drngt: uerlicher Besitz, Vermgen, Gold.
Gold ist nur Chimre, da haben Sie den Ausspruch eines groen Mannes und
Knstlers, der, seinen Glcksgtern nach, ich spreche von Meyerbeer, wohl in der
Lage war, zwischen dem Ewigen und Vergnglichen unterscheiden zu knnen. Ich fr
meine Person verbleibe dem Ideal und werde nie darauf verzichten. Am reinsten
aber hab ich das Ideal im Liede, vor allem in dem Liede, das gesungen wird. Denn
die Musik hebt es noch in eine hhere Sphre. Habe ich recht, lieber Krola?
    Krola lchelte gutmtig verlegen vor sich hin, denn als Tenor und Millionr
sa er zwischen zwei Sthlen. Endlich aber nahm er seiner Freundin Hand und
sagte: Jenny, wann htten Sie je nicht recht gehabt?
    Der Kommerzienrat hatte sich mittlerweile ganz der Majorin von Ziegenhals
zugewandt, deren Hoftage noch etwas weiter zurcklagen als die der Bomst. Ihm,
Treibel, war dies natrlich gleichgltig; denn sosehr ihm ein gewisser Glanz
pate, den das Erscheinen der Hofdamen, trotz ihrer Auerdienststellung, seiner
Gesellschaft immer noch lieh, so stand er doch auch wieder vllig darber, ein
Standpunkt, den ihm die beiden Damen selbst eher zum Guten als zum Schlechten
anrechneten. Namentlich die den Freuden der Tafel beraus zugeneigte Ziegenhals
nahm ihrem kommerzienrtlichen Freunde nichts bel, am wenigsten aber verdro es
sie, wenn er, auer Adels- und Geburtsfragen, allerlei Sittlichkeitsprobleme
streifte, zu deren Lsung er sich, als geborener Berliner, besonders berufen
fhlte. Die Majorin gab ihm dann einen Tipp mit dem Finger und flsterte ihm
etwas zu, das vierzig Jahre frher bedenklich gewesen wre, jetzt aber - beide
renommierten bestndig mit ihrem Alter - nur Heiterkeit weckte. Meist waren es
harmlose Sentenzen aus Bchmann oder andere geflgelte Worte, denen erst der
Ton, aber dieser oft sehr entschieden, den erotischen Charakter aufdrckte.
    Sagen Sie, cher Treibel, hob die Ziegenhals an, wie kommen Sie zu dem
Gespenst da drben; er scheint noch ein Vorachtundvierziger; das war damals die
Epoche des sonderbaren Lieutenants, aber dieser bertreibt es. Karikatur durch
und durch. Entsinnen Sie sich noch eines Bildes aus jener Zeit, das den Don
Quixote mit einer langen Lanze darstellte, dicke Bcher rings um sich her. Das
ist er, wie er leibt und lebt.
    Treibel fuhr mit dem linken Zeigefinger am Innenrand seiner Krawatte hin und
her und sagte: Ja, wie ich zu ihm komme, meine Gndigste. Nun, jedenfalls mehr
der Not gehorchend als dem eigenen Triebe. Seine gesellschaftlichen Meriten sind
wohl eigentlich gering, und seine menschlichen werden dasselbe Niveau haben.
Aber er ist ein Politiker.
    Das ist unmglich. Er kann doch nur als Warnungsschatten vor den Prinzipien
stehen, die das Unglck haben, von ihm vertreten zu werden. berhaupt,
Kommerzienrat, warum verirren Sie sich in die Politik? Was ist die Folge? Sie
verderben sich Ihren guten Charakter, Ihre guten Sitten und Ihre gute
Gesellschaft. Ich hre, da Sie fr Teupitz-Zossen kandidieren wollen. Nun
meinetwegen. Aber wozu? Lassen Sie doch die Dinge gehen. Sie haben eine
charmante Frau, gefhlvoll und hochpoetisch, und haben eine Villa wie diese,
darin wir eben ein Ragout fin einnehmen, das seinesgleichen sucht, und haben
drauen im Garten einen Springbrunnen und einen Kakadu, um den ich Sie beneiden
knnte, denn meiner, ein grner, verliert gerade die Federn und sieht aus wie
die schlechte Zeit. Was wollen Sie mit Politik? was wollen Sie mit
Teupitz-Zossen? Ja mehr, um Ihnen einen Vollbeweis meiner Vorurteilslosigkeit zu
geben, was wollen Sie mit Konservatismus? Sie sind ein Industrieller und wohnen
in der Kpnicker Strae. Lassen Sie doch diese Gegend ruhig bei Singer oder
Ludwig Loewe, oder wer sonst hier gerade das Pr hat. Jeder Lebensstellung
entsprechen auch bestimmte politische Grundstze. Rittergutsbesitzer sind
agrarisch, Professoren sind nationale Mittelpartei, und Industrielle sind
fortschrittlich. Seien Sie doch Fortschrittler. Was wollen Sie mit dem
Kronenorden? Ich, wenn ich an Ihrer Stelle wre, lancierte mich ins Stdtische
hinein und rnge nach der Brgerkrone.
    Treibel, sonst unruhig, wenn einer lange sprach - was er nur sich selbst
ausgiebig gestattete -, war diesmal doch aufmerksam gefolgt und winkte zunchst
einen Diener heran, um der Majorin ein zweites Glas Chablis zu prsentieren. Sie
nahm auch, er mit, und nun stie er mit ihr an und sagte: Auf gute Freundschaft
und noch zehn Jahre so wie heut! Aber das mit dem Fortschrittlertum und der
Brgerkrone - was ist da zu sagen, meine Gndigste! Sie wissen, unsereins
rechnet und rechnet und kommt aus der Regula-de-tri gar nicht mehr heraus, aus
dem alten Ansatze: wenn das und das soviel bringt, wieviel bringt das und das.
Und sehen Sie, Freundin und Gnnerin, nach demselben Ansatz hab ich mir auch den
Fortschritt und den Konservatismus berechnet und bin dahintergekommen, da mir
der Konservatismus, ich will nicht sagen mehr abwirft, das wre vielleicht
falsch, aber besser zu mir pat, mir besser kleidet. Besonders seitdem ich
Kommerzienrat bin, ein Titel von fragmentarischem Charakter, der doch natrlich
seiner Vervollstndigung entgegensieht.
    Ah, ich verstehe.
    Nun sehen Sie, l'apptit vient en mangeant, und wer A sagt, will auch B
sagen. Auerdem aber, ich erkenne die Lebensaufgabe des Weisen vor allen Dingen
in Herstellung des sogenannten Harmonischen, und dies Harmonische, wie die Dinge
nun mal liegen, oder vielleicht kann ich auch sagen, wie die Zeichen nun mal
sprechen, schliet in meinem Spezialfalle die fortschrittliche Brgerkrone so
gut wie aus.
    Sagen Sie das im Ernste?
    Ja, meine Gndigste. Fabriken im allgemeinen neigen der Brgerkrone zu,
Fabriken im besonderen aber - und dahin gehrt ausgesprochenermaen die meine -
konstatieren den Ausnahmefall. Ihr Blick fordert Beweise. Nun denn, ich will es
versuchen. Ich frage Sie, knnen Sie sich einen Handelsgrtner denken, der,
sagen wir auf der Lichtenberger oder Rummelsburger Gemarkung, Kornblumen im
groen zieht, Kornblumen, dies Symbol kniglich preuischer Gesinnung, und der
zugleich Petroleur und Dynamitarde ist? Sie schtteln den Kopf und besttigen
dadurch mein Nein. Und nun frage ich Sie weiter, was sind alle Kornblumen der
Welt gegen eine Berliner-Blau-Fabrik? Im Berliner Blau haben Sie das symbolisch
Preuische sozusagen in hchster Potenz, und je sicherer und unanfechtbarer das
ist, desto unerllicher ist auch mein Verbleiben auf dem Boden des
Konservatismus. Der Ausbau des Kommerzienrtlichen bedeutet in meinem
Spezialfalle das natrlich Gegebene... jedenfalls mehr als die Brgerkrone.
    Die Ziegenhals schien berwunden und lachte, whrend Krola, der mit halbem
Ohr zugehrt hatte, zustimmend nickte.

So ging das Gesprch in der Mitte der Tafel, aber noch heiterer verlief es am
unteren Ende derselben, wo sich die junge Frau Treibel und Corinna
gegenbersaen, die junge Frau zwischen Marcell Wedderkopp und dem Referendar
Enghaus, Corinna zwischen Mister Nelson und Leopold Treibel, dem jngeren Sohne
des Hauses. An der Schmalseite des Tisches, mit dem Rcken gegen das breite
Gartenfenster, war das Gesellschaftsfrulein, Frulein Honig, placiert worden,
deren herbe Zge sich wie ein Protest gegen ihren Namen ausnahmen. Je mehr sie
zu lcheln suchte, je sichtbarer wurde der sie verzehrende Neid, der sich nach
rechts hin gegen die hbsche Hamburgerin, nach links hin, in fast noch
ausgesprochenerer Weise, gegen Corinna richtete, diese halbe Kollegin, die sich
trotzdem mit einer Sicherheit benahm, als ob sie die Majorin von Ziegenhals oder
doch mindestens das Frulein von Bomst gewesen wre.
    Die junge Frau Treibel sah sehr gut aus, blond, klar, ruhig. Beide Nachbarn
machten ihr den Hof, Marcell freilich nur mit erknsteltem Eifer, weil er
eigentlich Corinna beobachtete, die sich aus dem einen oder andern Grunde die
Eroberung des jungen Englnders vorgesetzt zu haben schien. Bei diesem Vorgehen
voll Koketterie sprach sie brigens so lebhaft, so laut, als ob ihr daran lge,
da jedes Wort auch von ihrer Umgebung und ganz besonders von ihrem Vetter
Marcell gehrt werde.
    Sie fhren einen so schnen Namen, wandte sie sich an Mister Nelson, so
schn und berhmt, da ich wohl fragen mchte, ob Ihnen nie das Verlangen
gekommen ist...?
    O yes, yes...
    ... Sich der Fernambuk- und Campecheholzbranche, darin Sie, soviel ich
wei, auch ttig sind, fr immer zu entschlagen? Ich fhle deutlich, da ich,
wenn ich Nelson hiee, keine ruhige Stunde mehr haben wrde, bis ich meine
Battle at the Nile ebenfalls geschlagen htte. Sie kennen natrlich die
Einzelheiten der Schlacht...
    Oh, to be sure.
    Nun, da wr ich denn endlich - denn hierlandes wei niemand etwas Rechtes
davon - an der richtigen Quelle. Sagen Sie, Mister Nelson, wie war das
eigentlich mit der Idee, der Anordnung zur Schlacht? Ich habe die Beschreibung
vor einiger Zeit im Walter Scott gelesen und war seitdem immer im Zweifel
darber, was eigentlich den Ausschlag gegeben habe, ob mehr eine geniale
Disposition oder ein heroischer Mut...
    I should rather think, a heroical courage... British oaks and British
hearts...
    Ich freue mich, diese Frage durch Sie beglichen zu sehen, und in einer
Weise, die meinen Sympathien entspricht. Denn ich bin fr das Heroische, weil es
so selten ist. Aber ich mchte doch auch annehmen, da das geniale Kommando...
    Certainly, Miss Corinna. No doubt... England expects that every man will do
his duty...
    Ja, das waren herrliche Worte, von denen ich brigens bis heute geglaubt
hatte, da sie bei Trafalgar gesprochen seien. Aber warum nicht auch bei Abukir?
Etwas Gutes kann immer zweimal gesagt werden. Und dann... eigentlich ist eine
Schlacht wie die andere, besonders Seeschlachten - ein Knall, eine Feuersule,
und alles geht in die Luft. Es mu brigens groartig sein und entzckend fr
alle die, die zusehen knnen; ein wundervoller Anblick.
    O splendid...
    Ja, Leopold, fuhr Corinna fort, indem sie sich pltzlich an ihren andern
Tischnachbar wandte, da sitzen Sie nun und lcheln. Und warum lcheln Sie? Weil
Sie hinter diesem Lcheln Ihre Verlegenheit verbergen wollen. Sie haben eben
nicht jene heroical courage, zu der sich dear Mister Nelson so bedingungslos
bekannt hat. Ganz im Gegenteil. Sie haben sich aus Ihres Vaters Fabrik, die doch
in gewissem Sinne, wenn auch freilich nur geschftlich, die Blut-und
Eisentheorie vertritt ja, es klang mir vorhin fast, als ob Ihr Papa der Frau
Majorin von Ziegenhals etwas von diesen Dingen erzhlt htte -, Sie haben sich,
sag ich, aus dem Blutlaugenhof, in dem Sie verbleiben muten, in den Holzhof
Ihres Bruders Otto zurckgezogen. Das war nicht gut, auch wenn es Fernambukholz
ist. Da sehen Sie meinen Vetter Marcell drben, der schwrt jeden Tag, wenn er
mit seinen Hanteln umherficht, da es auf das Reck und das Turnen ankomme, was
ihm ein fr allemal die Heldenschaft bedeutet, und da Vater Jahn doch
schlielich noch ber Nelson geht.
    Marcell drohte halb ernst-, halb scherzhaft mit dem Finger zu Corinna
hinber und sagte: Cousine, vergi nicht, da der Reprsentant einer andern
Nation dir zur Seite sitzt und da du die Pflicht hast, einigermaen fr
deutsche Weiblichkeit einzutreten.
    Oh, no, no, sagte Nelson. Nichts Weiblichkeit; always quick and clever...
das is, was wir lieben an deutsche Frauen. Nichts Weiblichkeit. Frulein Corinna
is quite in the right way.
    Da hast du's, Marcell. Mister Nelson, fr den du so sorglich eintrittst,
damit er nicht falsche Bilder mit in sein meerumgrtetes Albion hinbernimmt,
Mister Nelson lt dich im Stich, und Frau Treibel, denk ich, lt dich auch im
Stich und Herr Enghaus auch und mein Freund Leopold auch. Und so bin ich gutes
Muts, und bleibt nur noch Frulein Honig...
    Diese verneigte sich und sagte: Ich bin gewohnt, mit der Majoritt zu
gehen, und ihre ganze Verbittertheit lag in diesem Tone der Zustimmung.
    Ich will mir meines Vetters Mahnung aber doch gesagt sein lassen, fuhr
Corinna fort. Ich bin etwas bermtig, Mister Nelson, und auerdem aus einer
plauderhaften Familie...
    Just what I like, Miss Corinna. Plauderhafte Leute, gute Leute, so sagen
wir in England.
    Und das sag ich auch, Mister Nelson. Knnen Sie sich einen immer
plaudernden Verbrecher denken?
    Oh, no; certainly not...
    Und zum Zeichen, da ich, trotz ewigen Schwatzens, doch eine weibliche
Natur und eine richtige Deutsche bin, soll Mister Nelson von mir hren, da ich
auch noch nebenher kochen, nhen und pltten kann und da ich im Lette-Verein
die Kunststopferei gelernt habe. Ja, Mister Nelson, so steht es mit mir. Ich bin
ganz deutsch und ganz weiblich, und bleibt eigentlich nur noch die Frage: kennen
Sie den Lette-Verein und kennen Sie die Kunststopferei?
    No, Frulein Corinna, neither the one nor the other.
    Nun sehen Sie, dear Mister Nelson, der Lette-Verein ist ein Verein oder ein
Institut oder eine Schule fr weibliche Handarbeit. Ich glaube sogar nach
englischem Muster, was noch ein besonderer Vorzug wre.
    Not at all; German schools are always to be preferred.
    Wer wei, ich mchte das nicht so schroff hinstellen. Aber lassen wir das,
um uns mit dem weit Wichtigeren zu beschftigen, mit der Kunststopfereifrage.
Das ist wirklich was. Bitte, wollen Sie zunchst das Wort nachsprechen...
    Mister Nelson lchelte gutmtig vor sich hin.
    Nun, ich sehe, da es Ihnen Schwierigkeiten macht. Aber diese
Schwierigkeiten sind nichts gegen die der Kunststopferei selbst. Sehen Sie, hier
ist mein Freund Leopold Treibel und trgt, wie Sie sehen, einen untadeligen Rock
mit einer doppelten Knopfreihe, und auch wirklich zugeknpft, ganz wie es sich
fr einen Gentleman und einen Berliner Kommerzienratssohn geziemt. Und ich
taxiere den Rock auf wenigstens hundert Mark.
    berschtzung.
    Wer wei. Du vergit, Marcell, da es verschiedene Skalen auch auf diesem
Gebiete gibt, eine fr Oberlehrer und eine fr Kommerzienrte. Doch lassen wir
die Preisfrage. Jedenfalls ein feiner Rock, prima. Und nun, wenn wir aufstehen,
Mister Nelson, und die Zigarren herumgereicht werden - ich denke, Sie rauchen
doch -, werde ich Sie um Ihre Zigarre bitten und meinem Freunde Leopold Treibel
ein Loch in den Rock brennen, hier gerade, wo sein Herz sitzt, und dann werd ich
den Rock in einer Droschke mit nach Hause nehmen, und morgen um dieselbe Zeit
wollen wir uns hier im Garten wieder versammeln und um das Bassin herum Sthle
stellen, wie bei einer Auffhrung. Und der Kakadu kann auch dabeisein. Und dann
werd ich auftreten wie eine Knstlerin, die ich in der Tat auch bin, und werde
den Rock herumgehen lassen, und wenn Sie, dear Mister Nelson, dann noch imstande
sind, die Stelle zu finden, wo das Loch war, so will ich Ihnen einen Ku geben
und Ihnen als Sklavin nach Liverpool hin folgen. Aber es wird nicht dazu kommen.
Soll ich sagen leider? Ich habe zwei Medaillen als Kunststopferin gewonnen, und
Sie werden die Stelle sicherlich nicht finden...
    Oh, ich werde finden, no doubt, I will find it, entgegnete Mister Nelson
leuchtenden Auges, und weil er seiner immer wachsenden Bewunderung, passend oder
nicht, einen Ausdruck geben wollte, schlo er mit einem in kurzen Ausrufungen
gehaltenen Hymnus auf die Berlinerinnen und der sich daran anschlieenden und
mehrfach wiederholten Versicherung, da sie decidedly clever seien.
    Leopold und der Referendar vereinigten sich mit ihm in diesem Lob, und
selbst Frulein Honig lchelte, weil sie sich als Landsmnnin mitgeschmeichelt
fhlen mochte. Nur im Auge der jungen Frau Treibel sprach sich eine leise
Verstimmung darber aus, eine Berlinerin und kleine Professorstochter in dieser
Weise gefeiert zu sehen. Auch Vetter Marcell, sosehr er zustimmte, war nicht
recht zufrieden, weil er davon ausging, da seine Cousine ein solches Hasten und
Sich-in-Szene-Setzen nicht ntig habe; sie war ihm zu schade fr die Rolle, die
sie spielte. Corinna ihrerseits sah auch ganz deutlich, was in ihm vorging, und
wrde sich ein Vergngen daraus gemacht haben, ihn zu necken, wenn nicht in eben
diesem Momente - das Eis wurde schon herumgereicht - der Kommerzienrat an das
Glas geklopft und sich, um einen Toast auszubringen, von seinem Platz erhoben
htte: Meine Herren und Damen, Ladies and Gentlemen. ..
    Ah, das gilt Ihnen, flsterte Corinna Mister Nelson zu.
    ... Ich bin, fuhr Treibel fort, an dem Hammelrcken vorbergegangen und
habe diese verhltnismig spte Stunde fr einen meinerseits auszubringenden
Toast herankommen lassen - eine Neuerung, die mich in diesem Augenblicke
freilich vor die Frage stellt, ob der Schmelzezustand eines rot und weien
Panach nicht noch etwas Vermeidenswerteres ist als der Hammelrcken im Zustande
der Erstarrung...
    Oh, wonderfully good...
    ...Wie dem aber auch sein mge, jedenfalls gibt es zur Zeit nur ein Mittel,
ein vielleicht schon angerichtetes bel auf ein Mindestma herabzudrcken:
Krze. Genehmigen Sie denn, meine Herrschaften, in Ihrer Gesamtheit meinen Dank
fr Ihr Erscheinen, und gestatten Sie mir des ferneren und im besonderen
Hinblick auf zwei liebe Gste, die hier zu sehen ich heute zum ersten Male die
Ehre habe, meinen Toast in die britischerseits nahezu geheiligte Formel kleiden
zu drfen: on our army and navy, auf Heer und Flotte also, die wir das Glck
haben hier an dieser Tafel, einerseits (er verbeugte sich gegen Vogelsang)
durch Beruf und Lebensstellung, andererseits (Verbeugung gegen Nelson) durch
einen weltberhmten Heldennamen vertreten zu sehen. Noch einmal also: Our army
and navy! Es lebe Lieutenant Vogelsang, es lebe Mister Nelson.
    Der Toast fand allseitige Zustimmung, und der in eine nervse Unruhe
geratene Mister Nelson wollte sofort das Wort nehmen, um zu danken. Aber Corinna
hielt ihn ab, Vogelsang sei der ltere und wrde vielleicht den Dank fr ihn mit
aussprechen.
    Oh, no, no, Frulein Corinna, not he... not such an ugly old fellow...,
please, look at him, und der zapplige Heldennamensvetter machte wiederholte
Versuche, sich von seinem Platze zu erheben und zu sprechen. Aber Vogelsang kam
ihm wirklich zuvor, und nachdem er den Bart mit der Serviette geputzt und in
nervser Unruhe seinen Waffenrock erst auf- und dann wieder zugeknpft hatte,
begann er mit einer an Komik streifenden Wrde: Meine Herren. Unser
liebenswrdiger Wirt hat die Armee leben lassen und mit der Armee meinen Namen
verknpft. Ja, meine Herren, ich bin Soldat...
    Oh, for shame! brummte der ber das wiederholte meine Herren und das
gleichzeitige Unterschlagen aller anwesenden Damen aufrichtig emprte Mister
Nelson, oh, for shame, und ein Kichern lie sich allerseits hren, das auch
anhielt, bis des Redners immer finsterer werdendes Augenrollen eine wahre
Kirchenstille wiederhergestellt hatte. Dann erst fuhr dieser fort: Ja, meine
Herren, ich bin Soldat... Aber mehr als das, ich bin auch Streiter im Dienst
einer Idee. Zwei groe Mchte sind es, denen ich diene: Volkstum und Knigtum.
Alles andere strt, schdigt, verwirrt. Englands Aristokratie, die mir, von
meinem Prinzip ganz abgesehen, auch persnlich widerstreitet, veranschaulicht
eine solche Schdigung, eine solche Verwirrung; ich verabscheue Zwischenstufen
und berhaupt die feudale Pyramide. Das sind Mittelalterlichkeiten. Ich erkenne
mein Ideal in einem Plateau, mit einem einzigen, aber alles berragenden Pic.
    Die Ziegenhals wechselte hier Blicke mit Treibel.
    ... Alles sei von Volkesgnaden, bis zu der Stelle hinauf, wo die
Gottesgnadenschaft beginnt. Dabei streng geschiedene Machtbefugnisse. Das
Gewhnliche, das Massenhafte, werde bestimmt durch die Masse, das Ungewhnliche,
das Groe, werde bestimmt durch das Groe. Das ist Thron und Krone. Meiner
politischen Erkenntnis nach ruht alles Heil, alle Besserungsmglichkeit in der
Aufrichtung einer Royaldemokratie, zu der sich, soviel ich wei, auch unser
Kommerzienrat bekennt. Und in diesem Gefhle, darin wir uns eins wissen, erhebe
ich das Glas und bitte Sie, mit mir auf das Wohl unseres hochverehrten Wirtes zu
trinken, zugleich unseres Gonfaloniere, der uns die Fahne trgt. Unser
Kommerzienrat Treibel, er lebe hoch!
    Alles erhob sich, um mit Vogelsang anzustoen und ihn als Erfinder der
Royaldemokratie zu beglckwnschen. Einige konnten als aufrichtig entzckt
gelten, besonders das Wort Gonfaloniere schien gewirkt zu haben, andere
lachten still in sich hinein, und nur drei waren direkt unzufrieden: Treibel,
weil er sich von den eben entwickelten Vogelsangschen Prinzipien praktisch nicht
viel versprach, die Kommerzienrtin, weil ihr das Ganze nicht fein genug vorkam,
und drittens Mister Nelson, weil er sich aus dem gegen die englische
Aristokratie gerichteten Satze Vogelsangs einen neuen Ha gegen eben diesen
gesogen hatte. Stuff and nonsense! What does he know of our aristocracy? To be
sure, he does'nt belong to it; - that's all.
    Ich wei doch nicht, lachte Corinna. Hat er nicht was von einem Peer of
the realm?
    Nelson verga ber dieser Vorstellung beinahe all seinen Groll und bot
Corinna, whrend er eine Knackmandel von einem der Tafelaufstze nahm, eben ein
Vielliebchen an, als die Kommerzienrtin den Stuhl schob und dadurch das Zeichen
zur Aufhebung der Tafel gab. Die Flgeltren ffneten sich, und in derselben
Reihenfolge, wie man zu Tisch gegangen war, schritt man wieder auf den
mittlerweile gelfteten Frontsaal zu, wo die Herren, Treibel an der Spitze, den
lteren und auch einigen jngeren Damen respektvoll die Hand kten.
    Nur Mister Nelson verzichtete darauf, weil er die Kommerzienrtin a little
pompous und die beiden Hofdamen a little ridiculous fand, und begngte sich,
an Corinna herantretend, mit einem krftigen shaking hands.

                                Viertes Kapitel


Die groe Glastr, die zur Freitreppe fhrte, stand auf; dennoch war es schwl,
und so zog man es vor, den Kaffee drauen zu nehmen, die einen auf der Veranda,
die andern im Vorgarten selbst, wobei sich die Tischnachbarn in kleinen Gruppen
wieder zusammenfanden und weiterplauderten. Nur als sich die beiden adligen
Damen von der Gesellschaft verabschiedeten, unterbrach man sich in diesem mit
Medisance reichlich gewrzten Gesprch und sah eine kleine Weile dem Landauer
nach, der, die Kpnicker Strae hinauf, erst auf die Frau von Ziegenhalssche
Wohnung, in unmittelbarer Nhe der Marschallsbrcke, dann aber auf
Charlottenburg zufuhr, wo die seit fnfunddreiig Jahren in einem Seitenflgel
des Schlosses einquartierte Bomst ihr Lebensglck und zugleich ihren besten
Stolz aus der Betrachtung zog, in erster Zeit mit des hochseligen Knigs
Majestt, dann mit der Kniginwitwe und zuletzt mit den Meiningenschen
Herrschaften dieselbe Luft geatmet zu haben. Es gab ihr all das etwas
Verklrtes, was auch zu ihrer Figur pate.
    Treibel, der die Damen bis an den Wagenschlag begleitet, hatte mittlerweile,
vom Straendamm her, die Veranda wieder erreicht, wo Vogelsang, etwas verlassen,
aber mit uneingebter Wrde, seinen Platz behautete. Nun ein Wort unter uns,
Lieutenant, aber nicht hier; ich denke, wir absentieren uns einen Augenblick und
rauchen ein Blatt, das nicht alle Tage wchst, und namentlich nicht berall.
Dabei nahm er Vogelsang unter den Arm und fhrte den Gerngehorchenden in sein
neben dem Saale gelegenes Arbeitszimmer, wo der geschulte, diesen
Lieblingsmoment im Dinerleben seines Herrn von langher kennende Diener bereits
alles zurechtgestellt hatte: das Zigarrenkistchen, den Liqueurkasten und die
Karaffe mit Eiswasser. Die gute Schulung des Dieners beschrnkte sich aber nicht
auf diese Vorarrangements, vielmehr stand er im selben Augenblick, wo beide
Herren ihre Pltze genommen hatten, auch schon mit dem Tablett vor ihnen und
prsentierte den Kaffee.
    Das ist recht, Friedrich, auch der Aufbau hier, alles zu meiner
Zufriedenheit; aber gib doch lieber die andere Kiste her, die flache. Und dann
sage meinem Sohn Otto, ich liee ihn bitten... Ihnen doch recht, Vogelsang? Oder
wenn du Otto nicht triffst, so bitte den Polizeiassessor, ja, lieber den, er
wei doch besser Bescheid. Sonderbar, alles, was in der Molkenmarktluft
grogeworden, ist dem Rest der Menschheit um ein betrchtliches berlegen. Und
dieser Goldammer hat nun gar noch den Vorteil, ein richtiger Pastorssohn zu
sein, was all seinen Geschichten einen eigentmlich pikanten Beigeschmack gibt.
Und dabei klappte Treibel den Kasten auf und sagte: Cognac oder Allasch? Oder
das eine tun und das andere nicht lassen?
    Vogelsang lchelte, schob den Zigarrenabknipser ziemlich demonstrativ
beiseite und bi die Spitze mit seinen Raffzhnen ab. Dann griff er nach einem
Streichhlzchen. Im brigen schien er abwarten zu wollen, womit Treibel beginnen
wrde. Der lie denn auch nicht lange warten: Eh bien, Vogelsang, wie gefielen
Ihnen die beiden alten Damen? Etwas Feines, nicht wahr? Besonders die Bomst.
Meine Frau wrde sagen: therisch. Nun, durchsichtig genug ist sie. Aber offen
gestanden, die Ziegenhals ist mir lieber, drall und prall, kapitales Weib, und
mu ihrerzeit ein geradezu formidables Festungsviereck gewesen sein. Rasse,
Temperament, und wenn ich recht gehrt habe, so pendelt ihre Vergangenheit
zwischen verschiedenen kleinen Hfen hin und her. Lady Milford, aber weniger
sentimental. Alles natrlich alte Geschichten, alles beglichen, man knnte
beinahe sagen, schade. Den Sommer ber ist sie jetzt regelmig bei den
Kraczinskis, in der Zossener Gegend; wei der Teufel, wo seit kurzem all die
polnischen Namen herkommen. Aber schlielich ist es gleichgltig. Was meinen
Sie, wenn ich die Ziegenhals, in Anbetracht dieser Kraczinskischen
Bekanntschaft, unsern Zwecken dienstbar zu machen suchte?
    Kann zu nichts fhren.
    Warum nicht? Sie vertritt einen richtigen Standpunkt.
    Ich wrde mindestens sagen mssen, einen nicht richtigen.
    Wieso?
    Sie vertritt einen durchaus beschrnkten Standpunkt, und wenn ich das Wort
whle, so bin ich noch ritterlich. brigens wird mit diesem ritterlich ein
wachsender und geradezu horrender Mibrauch getrieben; ich glaube nmlich nicht,
da unsere Ritter sehr ritterlich, das heit ritterlich im Sinne von artig und
verbindlich, gewesen sind. Alles blo historische Flschungen. Und was diese
Ziegenhals angeht, die wir uns, wie Sie sagen, dienstbar machen sollen, so
vertritt sie natrlich den Standpunkt des Feudalismus, den der Pyramide. Da sie
zum Hofe steht, ist gut und ist das, was sie mit uns verbindet; aber das ist
nicht genug. Personen wie diese Majorin und selbstverstndlich auch ihr adliger
Anhang, gleichviel ob er polnischen oder deutschen Ursprungs ist - alle leben
mehr oder weniger in einem Wust von Einbildungen, will sagen von
mittelalterlichen Standesvorurteilen, und das schliet ein Zusammengehen aus,
trotzdem wir die Knigsfahne mit ihnen gemeinsam haben. Aber diese Gemeinsamkeit
frommt nicht, schadet uns nur. Wenn wir rufen: Es lebe der Knig, so geschieht
es, vollkommen selbstsuchtslos, um einem groen Prinzip die Herrschaft zu
sichern; fr mich brge ich, und ich hoffe, da ich es auch fr Sie kann...
    Gewi, Vogelsang, gewi.
    Aber diese Ziegenhals - von der ich beilufig frchte, da Sie nur zu sehr
recht haben mit der von Ihnen angedeuteten, wenn auch, Gott sei Dank, weit
zurckliegenden Auflehnung gegen Moral und gute Sitte -, diese Ziegenhals und
ihresgleichen, wenn die rufen: Es lebe der Knig, so heit das immer nur, es
lebe der, der fr uns sorgt, unser Nhrvater; sie kennen nichts als ihren
Vorteil. Es ist ihnen versagt, in einer Idee aufzugehen, und sich auf Personen
sttzen, die nur sich kennen, das heit unsre Sache verloren geben. Unsre Sache
besteht nicht blo darin, den fortschrittlichen Drachen zu bekmpfen, sie
besteht auch in der Bekmpfung des Vampir-Adels, der immer blo saugt und saugt.
Weg mit der ganzen Interessenpolitik. In dem Zeichen absoluter Selbstlosigkeit
mssen wir siegen, und dazu brauchen wir das Volk, nicht das Quitzowtum, das
seit dem gleichnamigen Stcke wieder obenauf ist und das Heft in die Hnde
nehmen mchte. Nein, Kommerzienrat, nichts von Pseudo-Konservatismus, kein
Knigtum auf falscher Grundlage; das Knigtum, wenn wir es konservieren wollen,
mu auf etwas Soliderem ruhen als auf einer Ziegenhals oder einer Bomst.
    Nun, hren Sie, Vogelsang, die Ziegenhals wenigstens ...
    Und Treibel schien ernstlich gewillt, diesen Faden, der ihm pate,
weiterzuspinnen. Aber ehe er dazu kommen konnte, trat der Polizeiassessor vom
Salon her ein, die kleine Meiner Tasse noch in der Hand, und nahm zwischen
Treibel und Vogelsang Platz. Gleich nach ihm erschien auch Otto, vielleicht von
Friedrich benachrichtigt, vielleicht auch aus eignem Antriebe, weil er von
langer Zeit her die der Erotik zugewendeten Wege kannte, die Goldammer, bei
Liqueur und Zigarren, regelmig und meist sehr rasch, so da jede Versumnis
sich strafte, zu wandeln pflegte.
    Der alte Treibel wute dies selbstverstndlich noch viel besser, hielt aber
ein auch seinerseits beschleunigtes Verfahren doch fr angezeigt und hob deshalb
ohne weiteres an: Und nun sagen Sie, Goldammer, was gibt es? Wie steht es mit
dem Ltzowplatz? Wird die Panke zugeschttet oder, was so ziemlich dasselbe
sagen will, wird die Friedrichsstrae sittlich gereinigt? Offen gestanden, ich
frchte, da unsre pikanteste Verkehrsader nicht allzuviel dabei gewinnen wird;
sie wird um ein geringes moralischer und um ein betrchtliches langweiliger
werden. Da das Ohr meiner Frau bis hierher nicht trgt, so lt sich dergleichen
allenfalls aufs Tapet bringen; im brigen soll Ihnen meine gesamte Fragerei
keine Grenzen ziehen. Je freier, je besser. Ich habe lange genug gelebt, um zu
wissen, da alles, was aus einem Polizeimunde kommt, immer Stoff ist, immer
frische Brise, freilich mitunter auch Scirocco, ja geradezu Samum. Sagen wir
Samum. Also was schwimmt obenauf?
    Eine neue Soubrette.
    Kapital. Sehen Sie, Goldammer, jede Kunstrichtung ist gut, weil jede das
Ideal im Auge hat. Und das Ideal ist die Hauptsache, soviel wei ich nachgerade
von meiner Frau. Aber das Idealste bleibt doch immer eine Soubrette. Name?
    Grabillon. Zierliche Figur, etwas groer Mund, Leberfleck.
    Um Gottes willen, Goldammer, das klingt ja wie ein Steckbrief. brigens
Leberfleck ist reizend; groer Mund Geschmackssache. Und Proteg von wem?
    Goldammer schwieg.
    Ah, ich verstehe. Obersphre. Je hher hinauf, je nher dem Ideal. brigens
da wir mal bei Obersphre sind, wie steht es denn mit der Grugeschichte? Hat er
wirklich nicht gegrt? Und ist es wahr, da er, natrlich der Nichtgrer,
einen Urlaub hat antreten mssen? Es wre eigentlich das Beste, weil es so
nebenher einer Absage gegen den ganzen Katholizismus gleichkme, sozusagen zwei
Fliegen mit einer Klappe.
    Goldammer, heimlicher Fortschrittler, aber offener Antikatholik, zuckte die
Achseln und sagte: So gut steht es leider nicht und kann auch nicht. Die Macht
der Gegenstrmung ist zu stark. Der, der den Gru verweigerte, wenn Sie wollen
der Wilhelm Tell der Situation, hat zu gute Rckendeckung. Wo? Nun, das bleibt
in der Schwebe; gewisse Dinge darf man nicht bei Namen nennen, und ehe wir nicht
der bekannten Hydra den Kopf zertreten oder, was dasselbe sagen will, dem
altenfritzischen crasez l'infme zum Siege verholfen haben...
    In diesem Augenblicke hrte man nebenan singen, eine bekannte Komposition,
und Treibel, der eben eine neue Zigarre nehmen wollte, warf sie wieder in das
Kistchen zurck und sagte: Meine Ruh ist hin... Und mit der Ihrigen, meine
Herren, steht es nicht viel besser. Ich glaube, wir mssen wieder bei den Damen
erscheinen, um an der ra Adolar Krola teilzunehmen. Denn die beginnt jetzt.
    Damit erhoben sich alle vier und kehrten unter Vortritt Treibels in den Saal
zurck, wo wirklich Krola am Flgel sa und seine drei Hauptstcke, mit denen er
rasch hintereinander aufzurumen pflegte, vollkommen virtuos, aber mit einer
gewissen, absichtlichen Klapprigkeit zum besten gab. Es waren: Der Erlknig,
Herr Heinrich sa am Vogelherd und Die Glocken von Speyer. Diese letztere
Nummer, mit dem geheimnisvoll einfallenden Glockenbimbam, machte jedesmal den
grten Eindruck und bestimmte selbst Treibel zu momentan ruhigem Zuhren. Er
sagte dann auch wohl mit einer gewissen hheren Miene: Von Loewe, ex ungue
Leonem; das heit von Karl Loewe, Ludwig komponiert nicht.
    Viele von denen, die den Kaffee im Garten oder auf der Veranda genommen
hatten, waren, gleich als Krola begann, ebenfalls in den Saal getreten, um
zuzuhren, andere dagegen, die die drei Balladen schon von zwanzig Treibelschen
Diners her kannten, hatten es doch vorgezogen, im Freien zu bleiben und ihre
Gartenpromenade fortzusetzen, unter ihnen auch Mister Nelson, der, als ein
richtiger Vollblut-Englnder, musikalisch auf schwchsten Fen stand und
rundheraus erklrte, das liebste sei ihm ein Nigger, mit einer Pauke zwischen
den Beinen: I can't see, what it means; music is nonsense. So ging er denn mit
Corinna auf und ab, Leopold an der anderen Seite, whrend Marcell mit der jungen
Frau Treibel in einiger Entfernung folgte, beide sich ber Nelson und Leopold
halb rgernd, halb erheiternd, die, wie schon bei Tische, von Corinna nicht los
konnten.
    Es war ein prchtiger Abend drauen, von der Schwle, die drinnen herrschte,
keine Spur, und schrg ber den hohen Pappeln, die den Hintergarten von den
Fabrikgebuden abschnitten, stand die Mondsichel; der Kakadu sa ernst und
verstimmt auf seiner Stange, weil es versumt worden war, ihn zu rechter Zeit in
seinen Kfig zurckzunehmen, und nur der Wasserstrahl stieg so lustig in die
Hhe wie zuvor.
    Setzen wir uns, sagte Corinna, wir promenieren schon, ich wei nicht wie
lange, und dabei lie sie sich ohne weiteres auf den Rand der Fontaine nieder.
Take a seat, Mister Nelson. Sehen Sie nur den Kakadu, wie bs er aussieht. Er
ist rgerlich, da sich keiner um ihn kmmert.
    To be sure, und sieht aus wie Lieutenant Sangevogel. Does'nt he?
    Wir nennen ihn fr gewhnlich Vogelsang. Aber ich habe nichts dagegen, ihn
umzutaufen. Helfen wird es freilich nicht viel.
    No, no, there's no help for him; Vogelsang, ah, ein hlicher Vogel, kein
Singevogel, no finch, no trussel.
    Nein, er ist blo ein Kakadu, ganz wie Sie sagen.
    Aber kaum da dies Wort gesprochen war, so folgte nicht nur ein lautes
Kreischen von der Stange her, wie wenn der Kakadu gegen den Vergleich
protestieren wolle, sondern auch Corinna schrie laut auf, freilich nur, um im
selben Augenblicke wieder in ein helles Lachen auszubrechen, in das gleich
danach auch Leopold und Mister Nelson einstimmten. Ein pltzlich sich
aufmachender Windsto hatte nmlich dem Wasserstrahl eine Richtung genau nach
der Stelle hin gegeben, wo sie saen, und bei der Gelegenheit allesamt, den
Vogel auf seiner Stange mit eingeschlossen, mit einer Flut von Spritzwasser
berschttet. Das gab nun ein Klopfen und Abschtteln, an dem auch der Kakadu
teilnahm, freilich ohne seinerseits seine Laune dabei zu verbessern.
    Drinnen hatte Krola mittlerweile sein Programm beendet und stand auf, um
andern Krften den Platz einzurumen. Es sei nichts milicher als ein solches
Kunstmonopol; auerdem drfe man nicht vergessen, der Jugend gehre die Welt.
Dabei verbeugte er sich huldigend gegen einige junge Damen, in deren Familien er
ebenso verkehrte wie bei den Treibels. Die Kommerzienrtin ihrerseits aber
bertrug diese ganz allgemein gehaltene Huldigung gegen die Jugend in ein
bestimmteres Deutsch und forderte die beiden Frulein Felgentreus auf, doch
einige der reizenden Sachen zu singen, die sie neulich, als Ministerialdirektor
Stoeckenius in ihrem Hause gewesen, so schn vorgetragen htten; Freund Krola
werde gewi die Gte haben, die Damen am Klavier zu begleiten. Krola, sehr
erfreut, einer gesanglichen Mehrforderung, die sonst die Regel war, entgangen zu
sein, drckte sofort seine Zustimmung aus und setzte sich an seinen eben erst
aufgegebenen Platz, ohne ein Ja oder Nein der beiden Felgentreus abzuwarten. Aus
seinem ganzen Wesen sprach eine Mischung von Wohlwollen und Ironie. Die Tage
seiner eignen Berhmtheit lagen weit zurck, aber je weiter sie zurcklagen,
desto hher waren seine Kunstansprche geworden, so da es ihm, bei dem totalen
Unerflltbleiben derselben, vollkommen gleichgltig erschien, was zum Vortrage
kam und wer das Wagnis wagte. Von Genu konnte keine Rede fr ihn sein, nur von
Amsement, und weil er einen angeborenen Sinn fr das Heitere hatte, durfte man
sagen, sein Vergngen stand jedesmal dann auf der Hhe, wenn seine Freundin
Jenny Treibel, wie sie das liebte, durch Vortrag einiger Lieder den Schlu der
musikalischen Soiree machte. Das war aber noch weit im Felde, vorlufig waren
noch die beiden Felgentreus da, von denen denn auch die ltere Schwester, oder,
wie es zu Krolas jedesmaligem Gaudium hie, die weitaus talentvollere, mit
Bchlein, la dein Rauschen sein ohne weiteres einsetzte. Daran reihte sich:
Ich schnitt es gern in alle Rinden ein, was, als allgemeines Lieblingsstck,
zu der Kommerzienrtin groem, wenn auch nicht geuerten Verdru von einigen
indiskreten Stimmen im Garten begleitet wurde. Dann folgte die Schlunummer, ein
Duett aus Figaros Hochzeit. Alles war hingerissen, und Treibel sagte zu
Vogelsang: er knne sich nicht erinnern, seit den Tagen der Milanollos, etwas
so Liebliches von Schwestern gesehen und gehrt zu haben, woran er die weitere,
allerdings unberlegte Frage knpfte, ob Vogelsang seinerseits sich noch der
Milanollos erinnern knne. Nein, sagte dieser barsch und peremptorisch. -
Nun, dann bitt ich um Entschuldigung.
    Eine Pause trat ein, und einige Wagen, darunter auch der Felgentreusche,
waren schon angefahren; trotzdem zgerte man noch mit dem Aufbruch, weil das
Fest immer noch seines Abschlusses entbehrte. Die Kommerzienrtin nmlich hatte
noch nicht gesungen, ja war unerhrterweise noch nicht einmal zum Vortrag eines
ihrer Lieder aufgefordert worden - ein Zustand der Dinge, der so rasch wie
mglich gendert werden mute. Dies erkannte niemand klarer als Adolar Krola,
der, den Polizeiassessor beiseite nehmend, ihm eindringlichst vorstellte, da
durchaus etwas geschehen und das hinsichtlich Jennys Versumte sofort nachgeholt
werden msse. Wird Jenny nicht aufgefordert, so seh ich die Treibelschen
Diners, oder wenigstens unsere Teilnahme daran, fr alle Zukunft in Frage
gestellt, was doch schlielich einen Verlust bedeuten wrde...
    Dem wir unter allen Umstnden vorzubeugen haben, verlassen Sie sich auf
mich. Und die beiden Felgentreus an der Hand nehmend, schritt Goldammer, rasch
entschlossen, auf die Kommerzienrtin zu, um, wie er sich ausdrckte, als
erwhlter Sprecher des Hauses, um ein Lied zu bitten. Die Kommerzienrtin, der
das Abgekartete der ganzen Sache nicht entgehen konnte, kam in ein Schwanken
zwischen rger und Wunsch: aber die Beredsamkeit des Antragstellers siegte doch
schlielich; Krola nahm wieder seinen Platz ein, und einige Augenblicke spter
erklang Jennys dnne, durchaus im Gegensatz zu ihrer sonstigen Flle stehende
Stimme durch den Saal hin, und man vernahm die in diesem Kreise wohlbekannten
Liedesworte:

Glck, von deinen tausend Losen
Eines nur erwhl ich mir,
Was soll Gold? Ich liebe Rosen
Und der Blumen schlichte Zier.

Und ich hre Waldesrauschen,
Und ich seh ein flatternd Band -
Aug in Auge Blicke tauschen,
Und ein Ku auf deine Hand.

Geben nehmen, nehmen geben,
Und dein Haar umspielt der Wind,
Ach, nur das, nur das ist Leben,
Wo sich Herz zum Herzen findt.

Es braucht nicht gesagt zu werden, da ein rauschender Beifall folgte, woran
sich, von des alten Felgentreu Seite, die Bemerkung schlo, die damaligen
Lieder (er vermied eine bestimmte Zeitangabe) wren doch schner gewesen,
namentlich inniger, eine Bemerkung, die von dem direkt zur Meinungsuerung
aufgeforderten Krola schmunzelnd besttigt wurde.
    Mister Nelson seinerseits hatte von der Veranda dem Vortrage zugehrt und
sagte jetzt zu Corinna: Wonderfully good. Oh, these Germans, they know
everything... even such an old lady.
    Corinna legte ihm den Finger auf den Mund.
    Kurze Zeit danach war alles fort, Haus und Park leer, und man hrte nur
noch, wie drinnen im Speisesaal geschftige Hnde den Ausziehtisch
zusammenschoben und wie drauen im Garten der Strahl des Springbrunnens
pltschernd ins Bassin fiel.

                                Fnftes Kapitel


Unter den letzten, die, den Vorgarten passierend, das kommerzienrtliche Haus
verlieen, waren Marcell und Corinna. Diese plauderte nach wie vor in
bermtiger Laune, was des Vetters mhsam zurckgehaltene Verstimmung nur noch
steigerte. Zuletzt schwiegen beide.
    So gingen sie schon fnf Minuten nebeneinander her, bis Corinna, die sehr
gut wute, was in Marcells Seele vorging, das Gesprch wieder aufnahm. Nun,
Freund, was gibt es?
    Nichts.
    Nichts?
    Oder, wozu soll ich es leugnen, ich bin verstimmt.
    Worber?
    ber dich. ber dich, weil du kein Herz hast.
    Ich? Erst recht hab ich...
    Weil du kein Herz hast, sag ich, keinen Sinn fr Familie, nicht einmal fr
deinen Vater...
    Und nicht einmal fr meinen Vetter Marcell...
    Nein, den la aus dem Spiel, von dem ist nicht die Rede. Mir gegenber
kannst du tun, was du willst. Aber dein Vater. Da lt du nun heute den alten
Mann einsam und allein und kmmerst dich sozusagen um gar nichts. Ich glaube, du
weit nicht einmal, ob er zu Haus ist oder nicht.
    Freilich ist er zu Haus. Er hat ja heut seinen Abend, und wenn auch nicht
alle kommen, etliche vom hohen Olymp werden wohl dasein.
    Und du gehst aus und berlssest alles der alten guten Schmolke?
    Weil ich es ihr berlassen kann. Du weit das ja so gut wie ich; es geht
alles wie am Schnrchen, und in diesem Augenblick essen sie wahrscheinlich
Oderkrebse und trinken Mosel. Nicht Treibelschen, aber doch Professor
Schmidtschen, einen edlen Trarbacher, von dem Papa behauptet, er sei der einzige
reine Wein in Berlin. Bist du nun zufrieden?
    Nein.
    Dann fahre fort.
    Ach, Corinna, du nimmst alles so leicht und denkst, wenn du's leicht
nimmst, so hast du's aus der Welt geschafft. Aber es glckt dir nicht. Die Dinge
bleiben doch schlielich, was und wie sie sind. Ich habe dich nun bei Tisch
beobachtet...
    Unmglich, du hast ja der jungen Frau Treibel ganz intensiv den Hof
gemacht, und ein paarmal wurde sie sogar rot...
    Ich habe dich beobachtet, sag ich, und mit einem wahren Schrecken das
berma von Koketterie gesehen, mit dem du nicht mde wirst, dem armen Jungen,
dem Leopold, den Kopf zu verdrehen...
    Sie hatten, als Marcell dies sagte, gerade die platzartige Verbreiterung
erreicht, mit der die Kpnicker Strae, nach der Inselbrcke hin, abschliet,
eine verkehrslose und beinahe menschenleere Stelle. Corinna zog ihren Arm aus
dem des Vetters und sagte, whrend sie nach der anderen Seite der Strae zeigte:
Sieh, Marcell, wenn da drben nicht der einsame Schutzmann stnde, so stellt
ich mich jetzt mit verschrnkten Armen vor dich hin und lachte dich fnf Minuten
lang aus. Was soll das heien, ich sei nicht mde geworden, dem armen Jungen,
dem Leopold, den Kopf zu verdrehen? Wenn du nicht ganz in Huldigung gegen
Helenen aufgegangen wrst, so httest du sehen mssen, da ich kaum zwei Worte
mit ihm gesprochen. Ich habe mich nur mit Mister Nelson unterhalten, und ein
paarmal hab ich mich ganz ausfhrlich an dich gewandt.
    Ach, das sagst du so, Corinna, und weit doch, wie falsch es ist. Sieh, du
bist sehr gescheit und weit es auch; aber du hast doch den Fehler, den viele
gescheite Leute haben, da sie die anderen fr ungescheiter halten, als sie
sind. Und so denkst du, du kannst mir ein X fr ein U machen und alles so drehen
und beweisen, wie du's drehen und beweisen willst. Aber man hat doch auch so
seine Augen und Ohren und ist also, mit deinem Verlaub, hinreichend ausgerstet,
um zu hren und zu sehen.
    Und was ist es denn nun, was der Herr Doktor gehrt und gesehen haben?
    Der Herr Doktor haben gehrt und gesehen, da Frulein Corinna mit ihrem
Redekatarakt ber den unglcklichen Mister Nelson hergefallen ist...
    Sehr schmeichelhaft...
    Und da sie - wenn ich das mit dem Redekatarakt aufgeben und ein anderes
Bild dafr einstellen will -, da sie, sag ich, zwei Stunden lang die
Pfauenfeder ihrer Eitelkeit auf dem Kinn oder auf der Lippe balanciert und
berhaupt in den feineren akrobatischen Knsten ein uerstes geleistet hat. Und
das alles vor wem? Etwa vor Mister Nelson? Mitnichten. Der gute Nelson, der war
nur das Trapez, daran meine Cousine herumturnte; der, um dessentwillen das alles
geschah, der zusehen und bewundern sollte, der hie Leopold Treibel, und ich
habe wohl bemerkt, wie mein Cousinchen auch ganz richtig gerechnet hatte; denn
ich kann mich nicht entsinnen, einen Menschen gesehen zu haben, der, verzeih den
Ausdruck, durch einen ganzen Abend hin so total weg gewesen wre wie dieser
Leopold.
    Meinst du?
    Ja, das mein ich.
    Nun, darber liee sich reden... Aber sieh nur...
    Und dabei blieb sie stehen und wies auf das entzckende Bild, das sich - sie
passierten eben die Fischerbrcke - drben vor ihnen ausbreitete. Dnne Nebel
lagen ber den Strom hin, sogen aber den Lichterglanz nicht ganz auf, der von
rechts und links her auf die breite Wasserflche fiel, whrend die Mondsichel
oben im Blauen stand, keine zwei Handbreit von dem etwas schwerflligen
Parochialkirchturm entfernt, dessen Schattenri am anderen Ufer in aller
Klarheit aufragte. Sieh nur, wiederholte Corinna, nie hab ich den Singuhrturm
in solcher Schrfe gesehen. Aber ihn schn finden, wie seit kurzem Mode
geworden, das kann ich doch nicht; er hat so etwas Halbes, Unfertiges, als ob
ihm auf dem Wege nach oben die Kraft ausgegangen wre. Da bin ich doch mehr fr
die zugespitzten, langweiligen Schindeltrme, die nichts wollen als hoch sein
und in den Himmel zeigen.
    Und in demselben Augenblicke, wo Corinna dies sagte, begannen die Glckchen
drben ihr Spiel.
    Ach, sagte Marcell, sprich doch nicht so von dem Turm und ob er schn ist
oder nicht. Mir ist es gleich, und dir auch; das mgen die Fachleute miteinander
ausmachen. Und du sagst das alles nur, weil du von dem eigentlichen Gesprch los
willst. Aber hre lieber zu, was die Glckchen drben spielen. Ich glaube, sie
spielen: b immer Treu und Redlichkeit.
    Kann sein, und ist nur schade, da sie nicht auch die berhmte Stelle von
dem Kanadier spielen knnen, der noch Europens bertnchte Hflichkeit nicht
kannte. So was Gutes bleibt leider immer unkomponiert, oder vielleicht geht es
auch nicht. Aber nun sage mir, Freund, was soll das alles heien? Treu und
Redlichkeit. Meinst du wirklich, da mir die fehlen? Gegen wen versnd'ge ich
mich denn durch Untreue? Gegen dich? Hab ich Gelbnisse gemacht? Hab ich dir
etwas versprochen und das Versprechen nicht gehalten?
    Marcell schwieg.
    Du schweigst, weil du nichts zu sagen hast. Ich will dir aber noch allerlei
mehr sagen, und dann magst du selber entscheiden, ob ich treu und redlich oder
doch wenigstens aufrichtig bin, was so ziemlich dasselbe bedeutet.
    Corinna...
    Nein, jetzt will ich sprechen, in aller Freundschaft, aber auch in allem
Ernst. Treu und redlich. Nun, ich wei wohl, da du treu und redlich bist, was
beilufig nicht viel sagen will; ich fr meine Person kann dir nur wiederholen,
ich bin es auch.
    Und spielst doch bestndig eine Komdie.
    Nein, das tu ich nicht. Und wenn ich es tue, so doch so, da jeder es
merken kann. Ich habe mir, nach reiflicher berlegung, ein bestimmtes Ziel
gesteckt, und wenn ich nicht mit drren Worten sage dies ist mein Ziel, so
unterbleibt das nur, weil es einem Mdchen nicht kleidet, mit solchen Plnen aus
sich herauszutreten. Ich erfreue mich, dank meiner Erziehung, eines guten Teils
von Freiheit, einige werden vielleicht sagen von Emanzipation, aber trotzdem bin
ich durchaus kein emanzipiertes Frauenzimmer. Im Gegenteil, ich habe gar keine
Lust, das alte Herkommen umzustoen, alte, gute Stze, zu denen auch der gehrt:
ein Mdchen wirbt nicht, um ein Mdchen wird geworben.
    Gut, gut; alles selbstverstndlich...
    ... Aber freilich, das ist unser altes Evarecht, die groen Wasser spielen
zu lassen und unsere Krfte zu gebrauchen, bis das geschieht, um dessentwillen
wir da sind, mit anderen Worten, bis man um uns wirbt. Alles gilt diesem Zweck.
Du nennst das, je nachdem dir der Sinn steht, Raketensteigenlassen oder Komdie,
mitunter auch Intrige, und immer Koketterie.
    Marcell schttelte den Kopf. Ach, Corinna, du darfst mir darber keine
Vorlesung halten wollen und zu mir sprechen, als ob ich erst gestern auf die
Welt gekommen wre. Natrlich hab ich oft von Komdie gesprochen und noch fter
von Koketterie. Wovon spricht man nicht alles. Und wenn man dergleichen
hinspricht, so widerspricht man sich auch wohl, und was man eben noch getadelt
hat, das lobt man im nchsten Augenblick. Um's rundheraus zu sagen, spiele
soviel Komdie, wie du willst, sei so kokett, wie du willst, ich werde doch
nicht so dumm sein, die Weiberwelt und die Welt berhaupt ndern zu wollen, ich
will sie wirklich nicht ndern, auch dann nicht, wenn ich's knnte; nur um eines
mu ich dich angehen, du mut, wie du dich vorhin ausdrcktest, die groen
Wasser an der rechten Stelle, das heit also vor den rechten Leuten springen
lassen, vor solchen, wo's pat, wo's hingehrt, wo sich's lohnt. Du gehst aber
mit deinen Knsten nicht an die richtige Adresse, denn du kannst doch nicht
ernsthaft daran denken, diesen Leopold Treibel heiraten zu wollen?
    Warum nicht? Ist er zu jung fr mich? Nein. Er stammt aus dem Januar und
ich aus dem September; er hat also noch einen Vorsprung von acht Monaten.
    Corinna, du weit ja recht gut, wie's liegt und da er einfach fr dich
nicht pat, weil er zu unbedeutend fr dich ist. Du bist eine aparte Person,
vielleicht ein bichen zu sehr, und er ist kaum Durchschnitt. Ein sehr guter
Mensch, das mu ich zugehen, hat ein gutes, weiches Herz, nichts von dem Kiesel,
den die Geldleute sonst hier links haben, hat auch leidlich weltmnnische
Manieren und kann vielleicht einen Drerschen Stich von einem Ruppiner
Bilderbogen unterscheiden, aber du wrdest dich doch totlangweilen an seiner
Seite. Du, deines Vaters Tochter, und eigentlich noch klger als der Alte, du
wirst doch nicht dein eigentliches Lebensglck wegwerfen wollen, blo um in
einer Villa zu wohnen und einen Landauer zu haben, der dann und wann ein paar
alte Hofdamen abholt, oder um Adolar Krolas ramponierten Tenor alle vierzehn
Tage den Erlknig singen zu hren. Es ist nicht mglich, Corinna; du wirst dich
doch, wegen solches Bettels von Mammon, nicht einem unbedeutenden Menschen an
den Hals werfen wollen.
    Nein, Marcell, das letztere gewi nicht; ich bin nicht fr
Zudringlichkeiten. Aber wenn Leopold morgen bei meinem Vater antritt - denn ich
frchte beinah, da er noch zu denen gehrt, die sich, statt der Hauptperson,
erst der Nebenpersonen versichern -, wenn er also morgen antritt und um diese
rechte Hand deiner Cousine Corinna anhlt, so nimmt ihn Corinna und fhlt sich
als Corinne au Capitole.
    Das ist nicht mglich; du tuschest dich, du spielst mit der Sache. Es ist
eine Phantasterei, der du nach deiner Art nachhngst.
    Nein, Marcell, du tuschest dich, nicht ich; es ist mein vollkommener
Ernst, so sehr, da ich ein ganz klein wenig davor erschrecke.
    Das ist dein Gewissen.
    Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber soviel will ich dir ohne weiteres
zugeben, das, wozu der liebe Gott mich so recht eigentlich schuf, das hat nichts
zu tun mit einem Treibelschen Fabrikgeschft oder mit einem Holzhof und
vielleicht am wenigsten mit einer Hamburger Schwgerin. Aber ein Hang nach
Wohlleben, der jetzt alle Welt beherrscht, hat mich auch in der Gewalt, ganz so
wie alle anderen, und so lcherlich und verchtlich es in deinem
Oberlehrers-Ohre klingen mag, ich halt es mehr mit Bonwitt und Littauer als mit
einer kleinen Schneiderin, die schon um acht Uhr frh kommt und eine merkwrdige
Hof- und Hinterstubenatmosphre mit ins Haus bringt und zum zweiten Frhstck
ein Brtchen mit Schlackwurst und vielleicht auch einen Gilka kriegt. Das alles
widersteht mir im hchsten Mae; je weniger ich davon sehe, desto besser. Ich
find es ungemein reizend, wenn so die kleinen Brillanten im Ohre blitzen, etwa
wie bei meiner Schwiegermama in spe... Sich einschrnken, ach, ich kenne das
Lied, das immer gesungen und immer gepredigt wird, aber wenn ich bei Papa die
dicken Bcher abstube, drin niemand hineinsieht, auch er selber nicht, und wenn
dann die Schmolke sich abends auf mein Bett setzt und mir von ihrem verstorbenen
Manne, dem Schutzmann, erzhlt, und da er, wenn er noch lebte, jetzt ein Revier
htte, denn Madai htte groe Stcke auf ihn gehalten, und wenn sie dann zuletzt
sagt: Aber, Corinnchen, ich habe ja noch gar nicht mal gefragt, was wir morgen
essen wollen...? Die Teltower sind jetzt so schlecht und eigentlich alle schon
madig, und ich mchte dir vorschlagen, Wellfleisch und Wruken, das a Schmolke
auch immer so gern - ja, Marcell, in solchem Augenblicke wird mir immer ganz
sonderbar zumut, und Leopold Treibel erscheint mir dann mit einem Mal als der
Rettungsanker meines Lebens oder, wenn du willst, wie das aufzusetzende groe
Marssegel, das bestimmt ist, mich bei gutem Wind an ferne, glckliche Ksten zu
fhren.
    Oder, wenn es strmt, dein Lebensglck zum Scheitern zu bringen.
    Warten wir's ab, Marcell.
    Und bei diesen Worten bogen sie, von der Alten Leipziger Strae her, in
Raules Hof ein, von dem aus ein kleiner Durchgang in die Adlerstrae fhrte.

                                Sechstes Kapitel


Um dieselbe Stunde, wo man sich bei Treibels vom Diner erhob, begann Professor
Schmidts Abend. Dieser Abend, auch wohl Krnzchen genannt, versammelte, wenn
man vollzhlig war, um einen runden Tisch und eine mit einem roten Schleier
versehene Moderateurlampe sieben Gymnasiallehrer, von denen die meisten den
Professortitel fhrten. Auer unserem Freunde Schmidt waren es noch folgende:
Friedrich Distelkamp, emeritierter Gymnasialdirektor, Senior des Kreises; nach
ihm die Professoren Rindfleisch und Hannibal Kuh, zu welchen beiden sich noch
Oberlehrer Immanuel Schultze gesellte, smtlich vom Groen-Kurfrsten-Gymnasium.
Den Schlu machte Doktor Charles Etienne, Freund und Studiengenosse Marcells,
zur Zeit franzsischer Lehrer an einem vornehmen Mdchenpensionat, und endlich
Zeichenlehrer Friedeberg, dem, vor ein paar Jahren erst - niemand wute recht
warum und woher -, der die Mehrheit des Kreises auszeichnende Professortitel
angeflogen war, brigens ohne sein Ansehen zu heben. Er wurde vielmehr, nach wie
vor, fr nicht ganz voll angesehen, und eine Zeitlang war aufs ernsthafteste die
Rede davon gewesen, ihn, wie sein Hauptgegner Immanuel Schultze vorgeschlagen,
aus ihrem Kreise herauszugraulen, was unser Wilibald Schmidt indessen mit der
Bemerkung bekmpft hatte, da Friedeberg, trotz seiner wissenschaftlichen
Nichtzugehrigkeit, eine nicht zu unterschtzende Bedeutung fr ihren Abend
habe. Seht, lieben Freunde, so etwa waren seine Worte gewesen, wenn wir unter
uns sind, so folgen wir unseren Auseinandersetzungen eigentlich immer nur aus
Rcksicht und Artigkeit und leben dabei mehr oder weniger der berzeugung,
alles, was seitens des anderen gesagt wurde, viel besser oder - wenn wir
bescheiden sind - wenigstens ebensogut sagen zu knnen. Und das lhmt immer. Ich
fr mein Teil wenigstens bekenne offen, da ich, wenn ich mit meinem Vortrage
gerade an der Reihe war, das Gefhl eines gewissen Unbehagens, ja zuzeiten einer
geradezu hochgradigen Beklemmung nie ganz losgeworden bin. Und in einem so
bedrngten Augenblicke seh ich dann unseren immer zu spt kommenden Friedeberg
eintreten, verlegen lchelnd natrlich, und empfinde sofort, wie meiner Seele
die Flgel wieder wachsen; ich spreche freier, intuitiver, klarer, denn ich habe
wieder ein Publikum, wenn auch nur ein ganz kleines. Ein andchtiger Zuhrer,
anscheinend so wenig, ist doch schon immer was und mitunter sogar sehr viel.
Auf diese warme Verteidigung Wilibald Schmidts hin war Friedeberg dem Kreise
verblieben. Schmidt durfte sich berhaupt als die Seele des Krnzchens
betrachten, dessen Namensgebung: Die sieben Waisen Griechenlands, ebenfalls
auf ihn zurckzufhren war. Immanuel Schultze, meist in der Opposition und
auerdem ein Gottfried-Keller-Schwrmer, hatte seinerseits Das Fhnlein der
sieben Aufrechten vorgeschlagen, war aber damit nicht durchgedrungen, weil, wie
Schmidt betonte, diese Bezeichnung einer Entlehnung gleichgekommen wre. Die
sieben Waisen klngen freilich ebenfalls entlehnt, aber das sei blo Ohr- und
Sinnestuschung; das a, worauf es recht eigentlich ankomme, verndere nicht
nur mit einem Schlage die ganze Situation, sondern erziele sogar den denkbar
hchsten Standpunkt, den der Selbstironie.
    Wie sich von selbst versteht, zerfiel die Gesellschaft, wie jede Vereinigung
der Art, in fast ebenso viele Parteien, wie sie Mitglieder zhlte, und nur dem
Umstande, da die drei vom Groen-Kurfrsten-Gymnasium, auer der
Zusammengehrigkeit, die diese gemeinschaftliche Stellung gab, auch noch
verwandt und verschwgert waren (Kuh war Schwager, Immanuel Schultze
Schwiegersohn von Rindfleisch), nur diesem Umstande war es zuzuschreiben, da
die vier anderen, und zwar aus einer Art Selbsterhaltungstrieb, ebenfalls eine
Gruppe bildeten und bei Beschlufassungen meist zusammengingen. Hinsichtlich
Schmidts und Distelkamps konnte dies nicht weiter berraschen, da sie von alter
Zeit her Freunde waren, zwischen Etienne und Friedeberg aber klaffte fr
gewhnlich ein tiefer Abgrund, der sich ebensosehr in ihrer voneinander
abweichenden Erscheinung wie in ihren verschiedenen Lebensgewohnheiten
aussprach. Etienne, sehr elegant, versumte nie, whrend der groen Ferien, mit
Nachurlaub nach Paris zu gehen, whrend sich Friedeberg, angeblich um seiner
Malstudien willen, auf die Woltersdorfer Schleuse (die landschaftlich unerreicht
dastnde) zurckzog. Natrlich war dies alles nur Vorgabe. Der wirkliche Grand
war der, da Friedeberg, bei ziemlich beschrnkter Finanzlage, nach dem
erreichbar Nchstliegenden griff und berhaupt Berlin nur verlie, um von seiner
Frau - mit der er seit Jahren immer dicht vor der Scheidung stand - auf einige
Wochen loszukommen. In einem sowohl die Handlungen wie die Worte seiner
Mitglieder kritischer prfenden Kreise htte diese Finte notwendig verdrieen
mssen, indessen Offenheit und Ehrlichkeit im Verkehr mit- und untereinander war
keineswegs ein hervorstechender Zug der sieben Waisen, eher das Gegenteil. So
versicherte beispielsweise jeder, ohne den Abend eigentlich nicht leben zu
knnen, was in Wahrheit nicht ausschlo, da immer nur die kamen, die nichts
Besseres vorhatten. Theater und Skat gingen weit vor und sorgten dafr, da
Unvollstndigkeit der Versammlung die Regel war und nicht mehr auffiel.
    Heute aber schien es sich schlimmer als gewhnlich gestalten zu wollen. Die
Schmidtsche Wanduhr, noch ein Erbstck vom Grovater her, schlug bereits halb,
halb neun, und noch war niemand da auer Etienne, der, wie Marcell, zu den
Intimen des Hauses zhlend, kaum als Gast und Besuch gerechnet wurde.
    Was sagst du, Etienne, wandte sich jetzt Schmidt an diesen, was sagst du
zu dieser Saumseligkeit? Wo bleibt Distelkamp? Wenn auch auf den kein Verla
mehr ist (die Douglas waren immer treu), so geht der Abend aus den Fugen, und
ich werde Pessimist und nehme fr den Rest meiner Tage Schopenhauer und Eduard
von Hartmann untern Arm.
    Whrend er noch so sprach, ging drauen die Klingel, und einen Augenblick
spter trat Distelkamp ein.
    Entschuldige, Schmidt, ich habe mich versptet. Die Details erspar ich dir
und unserem Freunde Etienne. Auseinandersetzungen, weshalb man zu spt kommt,
selbst wenn sie wahr, sind nicht viel besser als Krankengeschichten. Also lassen
wir's. Inzwischen bin ich berrascht, trotz meiner Versptung immer noch der
eigentlich erste zu sein. Denn Etienne gehrt ja so gut wie zur Familie. Die
Groen Kurfrstlichen aber! Wo sind sie? Nach Kuh und unserem Freunde Immanuel
frag ich nicht erst, die sind blo ihres Schwagers und Schwiegervaters Klientel.
Rindfleisch selbst aber - wo steckt er?
    Rindfleisch hat abgeschrieben; er sei heut in der Griechischen.
    Ach, das ist Torheit. Was will er in der Griechischen? Die sieben Waisen
gehen vor. Er findet hier wirklich mehr.
    Ja, das sagst du so, Distelkamp. Aber es liegt doch wohl anders.
Rindfleisch hat nmlich ein schlechtes Gewissen, ich knnte vielleicht sagen:
mal wieder ein schlechtes Gewissen.
    Dann gehrt er erst recht hierher; hier kann er beichten. Aber um was
handelt es sich denn eigentlich? was ist es?
    Er hat da mal wieder einen Schwupper gemacht, irgendwas verwechselt, ich
glaube Phrynichos den Tragiker mit Phrynichos dem Lustspieldichter. War es nicht
so, Etienne? (dieser nickte), und die Sekundaner haben nun mit lirum larum
einen Vers auf ihn gemacht...
    Und?
    Und da gilt es denn, die Scharte, so gut es geht, wieder auszuwetzen, wozu
die Griechische mit dem Lustre, das sie gibt, das immerhin beste Mittel ist.
    Distelkamp, der sich mittlerweile seinen Meerschaum angezndet und in die
Sofaecke gesetzt hatte, lchelte bei der ganzen Geschichte behaglich vor sich
hin und sagte dann: Alles Schnack. Glaubst du's? Ich nicht. Und wenn es
zutrfe, so bedeutet es nicht viel, eigentlich gar nichts. Solche Schnitzer
kommen immer vor, passieren jedem. Ich will dir mal was erzhlen, Schmidt, was,
als ich noch jung war und in Quarta brandenburgische Geschichte vortragen mute
- was damals, sag ich, einen groen Eindruck auf mich machte.
    Nun, la hren. Was war's?
    Ja, was war's. Offen gestanden, meine Wissenschaft, zum wenigsten was unser
gutes Kurbrandenburg anging, war nicht weit her, ist es auch jetzt noch nicht,
und als ich so zu Hause sa und mich notdrftig vorbereitete, da las ich - denn
wir waren gerade beim ersten Knig - allerhand Biographisches und darunter auch
was vom alten General Barfus, der, wie die meisten Damaligen, das Pulver nicht
erfunden hatte, sonst aber ein kreuzbraver Mann war. Und dieser Barfus
prsidierte, whrend der Belagerung von Bonn, einem Kriegsgericht, drin ber
einen jungen Offizier abgeurteilt werden sollte.
    So, so. Nun, was war es denn?
    Der Abzuurteilende hatte sich, das mindeste zu sagen, etwas unheldisch
benommen, und alle waren fr Schuldig und Totschieen. Nur der alte Barfus
wollte nichts davon wissen und sagte: Drcken wir ein Auge zu, meine Herren. Ich
habe dreiig Rencontres mitgemacht, und ich mu Ihnen sagen, ein Tag ist nicht
wie der andere, und der Mensch ist ungleich und das Herz auch und der Mut erst
recht. Ich habe mich manches Mal auch feige gefhlt. Solange es geht, mu man
Milde walten lassen, denn jeder kann sie brauchen.
    Hre, Distelkamp, sagte Schmidt, das ist eine gute Geschichte, dafr dank
ich dir, und so alt ich bin, die will ich mir doch hinter die Ohren schreiben.
Denn wei es Gott, ich habe mich auch schon blamiert, und wiewohl es die Jungens
nicht bemerkt haben, wenigstens ist mir nichts aufgefallen, so hab ich es doch
selber bemerkt und mich hinterher riesig gergert und geschmt. Nicht wahr,
Etienne, so was ist immer fatal; oder kommt es im Franzsischen nicht vor,
wenigstens dann nicht, wenn man alle Juli nach Paris reist und einen neuen Band
Maupassant mit heimbringt? Das ist ja wohl jetzt das Feinste? Verzeih die kleine
Malice. Rindfleisch ist berdies ein kreuzbraver Kerl, nomen et omen, und
eigentlich der Beste, besser als Kuh und namentlich besser als unser Freund
Immanuel Schultze. Der hat's hinter den Ohren und ist ein Schlieker. Er grient
immer und gibt sich das Ansehen, als ob er dem Bilde zu Sais irgendwie und -wo
unter den Schleier geguckt htte, wovon er weitab ist. Denn er lst nicht mal
das Rtsel von seiner eigenen Frau, an der manches verschleierter oder auch
nicht verschleierter sein soll, als ihm, dem Ehesponsen, lieb sein kann.
    Schmidt, du hast heute mal wieder deinen medisanten Tag. Eben hab ich den
armen Rindfleisch aus deinen Fngen gerettet, ja, du hast sogar Besserung
versprochen, und schon strzest du dich wieder auf den unglcklichen
Schwiegersohn. Im brigen, wenn ich an Immanuel etwas tadeln sollte, so lge es
nach einer ganz anderen Seite hin.
    Und das wre?
    Da er keine Autoritt hat. Wenn er sie zu Hause nicht hat, nun, traurig
genug. Indessen das geht uns nichts an. Aber da er sie, nach allem, was ich
hre, auch in der Klasse nicht hat, das ist schlimm. Sieh, Schmidt, das ist die
Krnkung und der Schmerz meiner letzten Lebensjahre, da ich den kategorischen
Imperativ immer mehr hinschwinden sehe. Wenn ich da an den alten Weber denke!
Von dem heit es, wenn er in die Klasse trat, so hrte man den Sand durch das
Stundenglas fallen, und kein Primaner wute mehr, da es berhaupt mglich sei,
zu flstern oder gar vorzusagen. Und auer seinem eigenen Sprechen, ich meine
Webers, war nichts hrbar als das Knistern, wenn die Horaz-Seiten umgeblttert
wurden. Ja, Schmidt, das waren Zeiten, da verlohnte sich's, ein Lehrer und ein
Direktor zu sein. Jetzt treten die Jungens in der Konditorei an einen heran und
sagen: Wenn Sie gelesen haben, Herr Direktor, dann bitt ich...
    Schmidt lachte. Ja, Distelkamp, so sind sie jetzt, das ist die neue Zeit,
das ist wahr. Aber ich kann mich nicht darber grieren. Wie waren denn, bei
Lichte besehen, die groen Wrdentrger mit ihrem Doppelkinn und ihren
Pontacnasen? Schlemmer waren es, die den Burgunder viel besser kannten als den
Homer. Da wird immer von alten, einfachen Zeiten geredet; dummes Zeug! sie
mssen ganz gehrig gepichelt haben, das sieht man noch an ihren Bildern in der
Aula. Nu ja, Selbstbewutsein und eine steifleinene Grandezza, das alles hatten
sie, das soll ihnen zugestanden sein. Aber wie sah es sonst aus?
    Besser als heute.
    Kann ich nicht finden, Distelkamp. Als ich noch unsere Schulbibliothek
unter Aufsicht hatte, Gott sei Dank, da ich nichts mehr damit zu tun habe, da
hab ich fter in die Schulprogramme hineingeguckt und in die Dissertationen und
Aktusse, wie sie vordem im Schwang waren. Nun, ich wei wohl, jede Zeit denkt,
sie sei was Besonderes, und die, die kommen, mgen meinetwegen auch ber uns
lachen; aber sieh, Distelkamp, vom gegenwrtigen Standpunkt unseres Wissens,
oder sag ich auch blo unseres Geschmacks aus, darf doch am Ende gesagt werden,
es war etwas Furchtbares mit dieser Perckengelehrsamkeit, und die stupende
Wichtigkeit, mit der sie sich gab, kann uns nur noch erheitern. Ich wei nicht,
unter wem es war, ich glaube unter Rodegast, da kam es in Mode - vielleicht weil
er persnlich einen Garten vorm Rosentaler hatte -, die Stoffe fr die
ffentlichen Reden und hnliches aus der Gartenkunde zu nehmen, und sieh, da hab
ich Dissertationen gelesen ber das Hortikulturliche des Paradieses, ber die
Beschaffenheit des Gartens zu Gethsemane und ber die mutmalichen Anlagen im
Garten des Joseph von Arimathia. Garten und immer wieder Garten. Nun, was sagst
du dazu?
    Ja, Schmidt, mit dir ist schlecht fechten. Du hast immer das Auge fr das
Komische gehabt. Das greifst du nun heraus, spieest es auf deine Nadel und
zeigst es der Welt. Aber was daneben lag und viel wichtiger war, das lssest du
liegen. Du hast schon sehr richtig hervorgehoben, da man ber unsere
Lcherlichkeiten auch lachen wird. Und wer brgt uns dafr, da wir nicht jeden
Tag in Untersuchungen eintreten, die noch viel toller sind als die
hortikulturlichen Untersuchungen ber das Paradies. Lieber Schmidt, das
Entscheidende bleibt doch immer der Charakter, nicht der eitle, wohl aber der
gute, ehrliche Glaube an uns selbst. Bona fide mssen wir vorgehen. Aber mit
unserer ewigen Kritik, eventuell auch Selbstkritik, geraten wir in eine mala
fides hinein und mitrauen uns selbst und dem, was wir zu sagen haben. Und ohne
Glauben an uns und unsere Sache keine rechte Lust und Freudigkeit und auch kein
Segen, am wenigsten Autoritt. Und das ist es, was ich beklage. Denn wie kein
Heerwesen ohne Disziplin, so kein Schulwesen ohne Autoritt. Es ist damit wie
mit dem Glauben. Es ist nicht ntig, da das Richtige geglaubt wird, aber da
berhaupt geglaubt wird, darauf kommt es an. In jedem Glauben stecken
geheimnisvolle Krfte und ebenso in der Autoritt.
    Schmidt lchelte. Distelkamp, ich kann da nicht mit. Ich kann's in der
Theorie gelten lassen, aber in der Praxis ist es bedeutungslos geworden. Gewi
kommt es auf das Ansehen vor den Schlern an. Wir gehen nur darin auseinander,
aus welcher Wurzel das Ansehen kommen soll. Du willst alles auf den Charakter
zurckfhren und denkst, wenn du es auch nicht aussprichst: Und wenn Ihr Euch
nur selbst vertraut, vertrauen Euch auch die anderen Seelen. Aber, teurer
Freund, das ist just das, was ich bestreite. Mit dem bloen Glauben an sich oder
gar, wenn du den Ausdruck gestattest, mit der geschwollenen Wichtigtuerei, mit
der Pompositt ist es heutzutage nicht mehr getan. An die Stelle dieser
veralteten Macht ist die reelle Macht des wirklichen Wissens und Knnens
getreten, und du brauchst nur Umschau zu halten, so wirst du jeden Tag sehen,
da Professor Hammerstein, der bei Spichern mit gestrmt und eine gewisse
Premierlieutenantshaltung von daher beibehalten hat, da Hammerstein, sag ich,
seine Klasse nicht regiert, whrend unser Agathon Knurzel, der aussieht wie
Mister Punch und einen Doppelpuckel, aber freilich auch einen Doppelgrips hat,
die Klasse mit seinem kleinen Raubvogelgesicht in der Furcht des Herrn hlt. Und
nun besonders unsere Berliner Jungens, die gleich weghaben, wie schwer einer
wiegt. Wenn einer von den Alten aus dem Grabe kme, mit Stolz und Hoheit
angetan, und eine hortikulturelle Beschreibung des Paradieses forderte, wie
wrde der fahren mit all seiner Wrde? Drei Tage spter wr er im
Kladderadatsch, und die Jungens selber htten das Gedicht gemacht.
    Und doch bleibt es dabei, Schmidt, mit den Traditionen der alten Schule
steht und fllt die hhere Wissenschaft.
    Ich glaub es nicht. Aber wenn es wre, wenn die hhere Weltanschauung, das
heit das, was wir so nennen, wenn das alles fallen mte, nun, so la es
fallen. Schon Attinghausen, der doch selber alt war, sagte: Das Alte strzt, es
ndert sich die Zeit. Und wir stehen sehr stark vor solchem Umwandlungsproze,
oder, richtiger, wir sind schon drin. Mu ich dich daran erinnern, es gab eine
Zeit, wo das Kirchliche Sache der Kirchenleute war. Ist es noch so? Nein. Hat
die Welt verloren? Nein. Es ist vorbei mit den alten Formen, und auch unsere
Wissenschaftlichkeit wird davon keine Ausnahme machen. Sieh hier..., und er
schleppte von einem kleinen Nebentisch ein groes Prachtwerk herbei, ... sieh
hier das. Heute mir zugeschickt, und ich werd es behalten, so teuer es ist.
Heinrich Schliemanns Ausgrabungen zu Myken. Ja, Distelkamp, wie stehst du
dazu?
    Zweifelhaft genug.
    Kann ich mir denken. Weil du von den alten Anschauungen nicht los willst.
Du kannst dir nicht vorstellen, da jemand, der Tten geklebt und Rosinen
verkauft hat, den alten Priamus ausbuddelt, und kommt er nun gar ins
Agamemnonsche hinein und sucht nach dem Schdelri, aegisthschen Angedenkens, so
gertst du in helle Emprung. Aber ich kann mir nicht helfen, du hast unrecht.
Freilich, man mu was leisten, hic Rhodus, hic salta; aber wer springen kann,
der springt, gleichviel ob er's aus der Georgia Augusta oder aus der Klippschule
hat. Im brigen will ich abbrechen; am wenigsten hab ich Lust, dich mit
Schliemann zu rgern, der von Anfang an deine Renonce war. Die Bcher liegen
hier blo wegen Friedeberg, den ich der beigegebenen Zeichnungen halber fragen
will. Ich begreife nicht, da er nicht kommt oder, richtiger, nicht schon da
ist. Denn da er kommt, ist unzweifelhaft, er htte sonst abgeschrieben, artiger
Mann, der er ist.
    Ja, das ist er, sagte Etienne, das hat er noch aus dem Semitismus mit
rbergenommen.
    Sehr wahr, fuhr Schmidt fort, aber wo er's herhat, ist am Ende
gleichgltig. Ich bedauere mitunter, Urgermane, der ich bin, da wir nicht auch
irgendwelche Bezugsquelle fr ein bichen Schliff und Politesse haben; es
braucht ja nicht gerade dieselbe zu sein. Diese schreckliche Verwandtschaft
zwischen Teutoburger Wald und Grobheit ist doch mitunter strend. Friedeberg ist
ein Mann, der, wie Max Piccolomini - sonst nicht gerade sein Vorbild, auch nicht
mal in der Liebe -, der Sitten Freundlichkeit allerzeit kultiviert hat, und es
bleibt eigentlich nur zu beklagen, da seine Schler nicht immer das richtige
Verstndnis dafr haben. Mit anderen Worten, sie spielen ihm auf der Nase...
    Das uralte Schicksal der Schreib- und Zeichenlehrer...
    Freilich. Und am Ende mu es auch so gehen und geht auch. Aber lassen wir
die heikle Frage. La mich lieber auf Myken zurckkommen und sage mir deine
Meinung ber die Goldmasken. Ich bin sicher, wir haben da ganz was Besonderes,
so das recht Eigentlichste. Jeder beliebige kann doch nicht bei seiner
Bestattung eine Goldmaske getragen haben, doch immer nur die Frsten, also mit
hchster Wahrscheinlichkeit Orests und Iphigeniens unmittelbare Vorfahren. Und
wenn ich mir dann vorstelle, da diese Goldmasken genau nach dem Gesicht geformt
wurden, gerade wie wir jetzt eine Gips- oder Wachsmaske formen, so hpft mir das
Herz bei der doch mindestens zulssigen Idee, da dies hier - und er wies auf
eine aufgeschlagene Bildseite -, da dies hier das Gesicht des Atreus ist oder
seines Vaters oder seines Onkels...
    Sagen wir seines Onkels.
    Ja, du spottest wieder, Distelkamp, trotzdem du mir doch selber den Spott
verboten hast. Und das alles blo, weil du der ganzen Sache mitraust und nicht
vergessen kannst, da er, ich meine natrlich Schliemann, in seinen Schuljahren
ber Strelitz und Frstenberg nicht rausgekommen ist. Aber lies nur, was Virchow
von ihm sagt. Und Virchow wirst du doch gelten lassen.
    In diesem Augenblicke hrte man drauen die Klingel gehen. Ah, lupus in
fabula. Das ist er. Ich wute, da er uns nicht im Stiche lassen wrde...
    Und kaum da Schmidt diese Worte gesprochen, trat Friedeberg auch schon
herein, und ein reizender schwarzer Pudel, dessen rote Zunge, wahrscheinlich von
angestrengtem Laufe, weit heraushing, sprang auf die beiden alten Herren zu und
umschmeichelte abwechselnd Schmidt und Distelkamp. An Etienne, der ihm zu
elegant war, wagte er sich nicht heran.
    Aber alle Wetter, Friedeberg, wo kommen Sie so spt her?
    Freilich, freilich, und sehr zu meinem Bedauern. Aber der Fips hier treibt
es zu arg oder geht in seiner Liebe zu mir zu weit, wenn ein Zuweitgehen in der
Liebe berhaupt mglich ist. Ich bildete mir ein, ihn eingeschlossen zu haben,
und mache mich zu rechter Zeit auf den Weg. Gut. Und nun denken Sie, was
geschieht? Als ich hier ankomme, wer ist da, wer wartet auf mich? Natrlich
Fips. Ich bring ihn wieder zurck bis in meine Wohnung und bergeb ihn dem
Portier, meinem guten Freunde - man mu in Berlin eigentlich sagen, meinem
Gnner. Aber, aber, was ist das Resultat all meiner Anstrengungen und guten
Worte? Kaum bin ich wieder hier, so ist auch Fips wieder da. Was sollt ich am
Ende machen? Ich hab ihn wohl oder bel mit hereingebracht und bitt um
Entschuldigung fr ihn und fr mich.
    Hat nichts auf sich, sagte Schmidt, whrend er sich zugleich freundlich
mit dem Hunde beschftigte. Reizendes Tier und so zutunlich und fidel. Sagen
Sie, Friedeberg, wie schreibt er sich eigentlich? f oder ph? Phips mit ph ist
englisch, also vornehmer. Im brigen ist er, wie seine Rechtschreibung auch sein
mge, fr heute abend mit eingeladen und ein durchaus willkommener Gast,
vorausgesetzt, da er nichts dagegen hat, in der Kche, sozusagen am
Trompetertisch, Platz zu nehmen. Fr meine gute Schmolke brge ich. Die hat eine
Vorliebe fr Pudel, und wenn sie nun gar von seiner Treue hrt...
    So wird sie, warf Distelkamp ein, ihm einen Extrazipfel schwerlich
versagen.
    Gewi nicht. Und darin stimme ich meiner guten Schmolke von Herzen bei.
Denn die Treue, von der heutzutage jeder redt, wird in Wahrheit immer rarer, und
Fips predigt in seiner Stadtgegend, soviel ich wei, umsonst.
    Diese von Schmidt anscheinend leicht und wie im Scherze hingesprochenen
Worte richteten sich doch ziemlich ernsthaft an den sonst gerade von ihm
protegierten Friedeberg, dessen stadtkundig unglckliche Ehe, neben anderem,
auch mit einem entschiedenen Mangel an Treue, besonders whrend seiner Mal- und
Landschaftsstudien auf der Woltersdorfer Schleuse, zusammenhing. Friedeberg
fhlte den Stich auch sehr wohl heraus und wollte sich durch eine
Verbindlichkeit gegen Schmidt aus der Affaire ziehen, kam aber nicht dazu, weil
in eben diesem Augenblicke die Schmolke eintrat und, unter einer Verbeugung
gegen die anderen Herren, ihrem Professor ins Ohr flsterte, da angerichtet
sei.
    Nun, lieben Freunde, dann bitt ich... Und Distelkamp an der Hand nehmend,
schritt er, unter Passierung des Entrees, auf das Gesellschaftszimmer zu, drin
die Abendtafel gedeckt war. Ein eigentliches Ezimmer hatte die Wohnung nicht.
Friedeberg und Etienne folgten.

                               Siebentes Kapitel


Das Zimmer war dasselbe, in welchem Corinna, am Tage zuvor, den Besuch der
Kommerzienrtin empfangen hatte. Der mit Lichtern und Weinflaschen gut besetzte
Tisch stand, zu vieren gedeckt, in der Mitte; darber hing eine Hngelampe.
Schmidt setzte sich mit dem Rcken gegen den Fensterpfeiler, seinem Freunde
Friedeberg gegenber, der seinerseits, von seinem Platz aus, zugleich den Blick
in den Spiegel hatte. Zwischen den blanken Messingleuchtern standen ein paar auf
einem Bazar gewonnene Porzellanvasen, aus deren halb gezahnter, halb
wellenfrmiger ffnung - dentatus et undulatus, sagte Schmidt - kleine
Marktstrue von Goldlack und Vergimeinnicht hervorwuchsen. Quer vor den
Weinglsern lagen lange Kmmelbrote, denen der Gastgeber, wie allem Kmmlichen,
eine ganz besondere Flle gesundheitlicher Gaben zuschrieb.
    Das eigentliche Gericht fehlte noch, und Schmidt, nachdem er sich von dem
statutarisch festgesetzten Trarbacher bereits zweimal eingeschenkt, auch beide
Knusperspitzen von seinem Kmmelbrtchen abgebrochen hatte, war ersichtlich auf
dem Punkte, starke Spuren von Mistimmung und Ungeduld zu zeigen, als sich
endlich die zum Entree fhrende Tr auftat und die Schmolke, rot von Erregung
und Herdfeuer, eintrat, eine mchtige Schssel mit Oderkrebsen vor sich her
tragend. Gott sei Dank, sagte Schmidt, ich dachte schon, alles wre den
Krebsgang gegangen, eine unvorsichtige Bemerkung, die die Kongestionen der
Schmolke nur noch steigerte, das Ma ihrer guten Laune aber ebensosehr sinken
lie. Schmidt, seinen Fehler rasch erkennend, war kluger Feldherr genug, durch
einige Verbindlichkeiten die Sache wieder auszugleichen. Freilich nur mit halbem
Erfolg.
    Als man wieder allein war, unterlie es Schmidt nicht, sofort den
verbindlichen Wirt zu machen. Natrlich auf seine Weise. Sieh, Distelkamp,
dieser hier ist fr dich. Er hat eine groe und eine kleine Schere, und das sind
immer die besten. Es gibt Spiele der Natur, die mehr sind als bloes Spiel und
dem Weisen als Wegweiser dienen; dahin gehren beispielsweise die
Pontacapfelsinen und die Borsdorfer mit einer Pocke. Denn es steht fest, je
pockenreicher, desto schner... Was wir hier vor uns haben, sind
Oderbruchkrebse; wenn ich recht berichtet bin, aus der Kstriner Gegend. Es
scheint, da durch die Vermhlung von Oder und Warthe besonders gute Resultate
vermittelt werden. brigens, Friedeberg, sind Sie nicht eigentlich da zu Haus?
Ein halber Neumrker oder Oderbrcher. Friedeberg besttigte. Wut es; mein
Gedchtnis tuscht mich selten. Und nun sagen Sie, Freund, ist dies, nach Ihren
persnlichen Erfahrungen, mutmalich als streng lokale Produktion anzusehen,
oder ist es mit den Oderbruchkrebsen wie mit den Werderschen Kirschen, deren
Gewinnungsgebiet sich nchstens ber die ganze Provinz Brandenburg erstrecken
wird?
    Ich glaube doch, sagte Friedeberg, whrend er durch eine geschickte,
durchaus den Virtuosen verratende Gabelwendung einen wei und rosa schimmernden
Krebsschwanz aus seiner Stachelschale hob, ich glaube doch, da hier ein Segeln
unter zustndiger Flagge stattfindet und da wir auf dieser Schssel wirkliche
Oderkrebse vor uns haben, echteste Ware, nicht blo dem Namen nach, sondern auch
de facto.
    De facto, wiederholte der in Friedebergs Latinitt eingeweihte Schmidt,
unter behaglichem Schmunzeln.
    Friedeberg aber fuhr fort: Es werden nmlich, um Kstrin herum, immer noch
Massen gewonnen, trotzdem es nicht mehr das ist, was es war. Ich habe selbst
noch Wunderdinge davon gesehen, aber freilich nichts in Vergleich zu dem, was
die Leute von alten Zeiten her erzhlten. Damals, vor hundert Jahren, oder
vielleicht auch noch lnger, gab es so viele Krebse, da sie durchs ganze Bruch
hin, wenn sich im Mai das berschwemmungswasser wieder verlief, von den Bumen
geschttelt wurden, zu vielen Hunderttausenden.
    Dabei kann einem ja ordentlich das Herz lachen, sagte Etienne, der ein
Feinschmecker war.
    Ja, hier an diesem Tisch; aber dort in der Gegend lachte man nicht darber.
Die Krebse waren wie eine Plage, natrlich ganz entwertet und bei der dienenden
Bevlkerung, die damit geatzt werden sollte, so verhat und dem Magen der Leute
so widerwrtig, da es verboten war, dem Gesinde mehr als dreimal wchentlich
Krebse vorzusetzen. Ein Schock Krebse kostete einen Pfennig.
    Ein Glck, da das die Schmolke nicht hrt, warf Schmidt ein, sonst wrd
ihr ihre Laune zum zweiten Male verdorben. Als richtige Berlinerin ist sie
nmlich fr ewiges Sparen, und ich glaube nicht, da sie die Tatsache ruhig
verwinden wrde, die Epoche von ein Pfennig pro Schock so total versumt zu
haben.
    Darber darfst du nicht spotten, Schmidt, sagte Distelkamp. Das ist eine
Tugend, die der modernen Welt, neben vielem anderen, immer mehr verlorengeht.
    Ja, da sollst du recht haben. Aber meine gute Schmolke hat doch auch in
diesem Punkte les defauts de ses vertus. So heit es ja wohl, Etienne?
    Gewi߫, sagte dieser. Von der George Sand. Und fast liee sich sagen les
dfauts de ses vertus und comprendre c'est pardonner - das sind so recht
eigentlich die Stze, wegen deren sie gelebt hat.
    Und dann vielleicht auch von wegen dem Alfred de Musset, ergnzte Schmidt,
der nicht gern eine Gelegenheit vorbergehen lie, sich, aller Klassizitt
unbeschadet, auch ein modern-literarisches Ansehen zu geben.
    Ja, wenn man will, auch von wegen dem Alfred de Musset. Aber das sind
Dinge, daran die Literaturgeschichte glcklicherweise vorbergeht.
    Sage das nicht, Etienne, nicht glcklicherweise, sage leider. Die
Geschichte geht fast immer an dem vorber, was sie vor allem festhalten sollte.
Da der Alte Fritz am Ende seiner Tage dem damaligen Kammergerichtsprsidenten,
Namen hab ich vergessen, den Krckstock an den Kopf warf und, was mir noch
wichtiger ist, da er durchaus bei seinen Hunden begraben sein wollte, weil er
die Menschen, diese mechante Rasse, so grndlich verachtete - sieh, Freund, das
ist mir mindestens ebensoviel wert wie Hohenfriedberg oder Leuthen. Und die
berhmte Torgauer Ansprache, Rackers, wollt ihr denn ewig leben, geht mir
eigentlich noch ber Torgau selbst.
    Distelkamp lchelte. Das sind so Schmidtiana. Du warst immer frs
Anekdotische, frs Genrehafte. Mir gilt in der Geschichte nur das Groe, nicht
das Kleine, das Nebenschliche.
    Ja und nein, Distelkamp. Das Nebenschliche, soviel ist richtig, gilt
nichts, wenn es blo nebenschlich ist, wenn nichts drinsteckt. Steckt aber was
drin, dann ist es die Hauptsache, denn es gibt einem dann immer das eigentlich
Menschliche.
    Poetisch magst du recht haben.
    Das Poetische - vorausgesetzt, da man etwas anderes darunter versteht als
meine Freundin Jenny Treibel -, das Poetische hat immer recht; es wchst weit
ber das Historische hinaus...
    Es war dies ein Schmidtsches Lieblingsthema, drin der alte Romantiker, der
er eigentlich mehr als alles andere war, jedesmal so recht zur Geltung kam; aber
heute sein Steckenpferd zu reiten verbot sich ihm doch, denn ehe er noch zu
wuchtiger Auseinandersetzung ausholen konnte, hrte man Stimmen vom Entree her,
und im nchsten Augenblicke traten Marcell und Corinna ein, Marcell befangen und
fast verstimmt, Corinna nach wie vor in bester Laune. Sie ging zur Begrung auf
Distelkamp zu, der ihr Pate war und ihr immer kleine Verbindlichkeiten sagte.
Dann gab sie Friedeberg und Etienne die Hand und machte den Schlu bei ihrem
Vater, dem sie, nachdem er sich auf ihre Ordre mit der breit vorgebundenen
Serviette den Mund abgeputzt hatte, einen herzhaften Ku gab.
    Nun, Kinder, was bringt ihr? Rckt hier ein. Platz die Hlle und Flle.
Rindfleisch hat abgeschrieben... Griechische Gesellschaft... und die beiden
anderen fehlen als Anhngsel natrlich von selbst. Aber kein anzgliches Wort
mehr, ich habe ja Besserung geschworen und will's halten. Also, Corinna, du
drben neben Distelkamp, Marcell hier zwischen Etienne und mir. Ein Besteck wird
die Schmolke wohl gleich bringen... So; so ist's recht... Und wie sich das
gleich anders ausnimmt! Wenn so Lcken klaffen, denk ich immer, Banquo steigt
auf. Nun, Gott sei Dank, Marcell, von Banquo hast du nicht viel, oder wenn doch
vielleicht, so verstehst du's, deine Wunden zu verbergen. Und nun erzhlt,
Kinder. Was macht Treibel? Was macht meine Freundin Jenny? Hat sie gesungen? Ich
wette, das ewige Lied, mein Lied, die berhmte Stelle Wo sich Herzen finden, und
Adolar Krola hat begleitet. Wenn ich dabei nur mal in Krolas Seele lesen knnte.
Vielleicht aber steht er doch milder und menschlicher dazu. Wer jeden Tag zu
zwei Diners geladen ist und mindestens anderthalb mitmacht... Aber bitte,
Corinna, klingle.
    Nein, ich gehe lieber selbst, Papa. Die Schmolke lt sich nicht gerne
klingeln; sie hat so ihre Vorstellungen von dem, was sie sich und ihrem
Verstorbenen schuldig ist. Und ob ich wiederkomme, die Herren wollen verzeihen,
wei ich auch nicht; ich glaube kaum. Wenn man solchen Treibelschen Tag hinter
sich hat, ist es das schnste, darber nachzudenken, wie das alles so kam und
was einem alles gesagt wurde. Marcell kann ja statt meiner berichten. Und nur
noch soviel, ein hchst interessanter Englnder war mein Tischnachbar, und wer
es von Ihnen vielleicht nicht glauben will, da er so sehr interessant gewesen,
dem brauche ich blo den Namen zu nennen, er hie nmlich Nelson. Und nun Gott
befohlen.
    Und damit verabschiedete sich Corinna.
    Das Besteck fr Marcell kam, und als dieser, nur um des Onkels gute Laune
nicht zu stren, um einen Kost- und Probekrebs gebeten hatte, sagte Schmidt:
Fange nur erst an. Artischocken und Krebse kann man immer essen, auch wenn man
von einem Treibelschen Diner kommt. Ob sich vom Hummer dasselbe sagen lt, mag
dahingestellt bleiben. Mir persnlich ist allerdings auch der Hummer immer gut
bekommen. Ein eigen Ding, da man aus Fragen der Art nie herauswchst, sie
wechseln blo ab im Leben. Ist man jung, so heit es hbsch oder hlich,
brnett oder blond, und liegt dergleichen hinter einem, so steht man vor der
vielleicht wichtigeren Frage Hummer oder Krebse. Wir knnten brigens darber
abstimmen. Andererseits, soviel mu ich zugeben, hat Abstimmung immer was Totes,
Schablonenhaftes und pat mir auerdem nicht recht; ich mchte nmlich Marcell
gern ins Gesprch ziehen, der eigentlich dasitzt, als sei ihm die Gerste
verhagelt. Also lieber Errterung der Frage, Debatte. Sage, Marcell, was ziehst
du vor?
    Versteht sich, Hummer.
    Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Auf den ersten Anlauf, mit ganz
wenig Ausnahmen, ist jeder fr Hummer, schon weil er sich auf Kaiser Wilhelm
berufen kann. Aber so schnell erledigt sich das nicht. Natrlich, wenn solch ein
Hummer aufgeschnitten vor einem liegt und der wundervolle rote Rogen, ein Bild
des Segens und der Fruchtbarkeit, einem zu allem anderen auch noch die Gewiheit
gibt, es wird immer Hummer geben, auch nach onen noch, geradeso wie heute...
    Distelkamp sah seinen Freund Schmidt von der Seite her an.
    ... Also einem die Gewiheit gibt, auch nach onen noch werden
Menschenkinder sich dieser Himmelsgabe freuen - ja, Freunde, wenn man sich mit
diesem Gefhl des Unendlichen durchdringt, so kommt das darin liegende
Humanitre dem Hummer und unserer Stellung zu ihm unzweifelhaft zugute. Denn
jede philanthropische Regung, weshalb man die Philanthropie schon aus
Selbstsucht kultivieren sollte, bedeutet die Mehrung eines gesunden und zugleich
verfeinerten Appetits. Alles Gute hat seinen Lohn in sich, soviel ist
unbestreitbar.
    Aber...
    Aber es ist trotzdem dafr gesorgt, auch hier, da die Bume nicht in den
Himmel wachsen, und neben dem Groen hat das Kleine nicht blo seine
Berechtigung, sondern auch seine Vorzge. Gewi, dem Krebse fehlt dies und das,
er hat sozusagen nicht das Ma, was, in einem Militrstaate wie Preuen,
immerhin etwas bedeutet, aber dem ohnerachtet, auch er darf sagen: ich habe
nicht umsonst gelebt. Und wenn er dann, er, der Krebs, in Petersilienbutter
geschwenkt, im allerappetitlichsten Reize vor uns hintritt, so hat er Momente
wirklicher berlegenheit, vor allem auch darin, da sein Bestes nicht eigentlich
gegessen, sondern geschlrft, gesogen wird. Und da gerade das, in der Welt des
Genusses, seine besonderen Meriten hat, wer wollte das bestreiten? Es ist,
sozusagen, das natrlich Gegebene. Wir haben da in erster Reihe den Sugling,
fr den saugen zugleich leben heit. Aber auch in den hheren Semestern...
    La es gut sein, Schmidt, unterbrach Distelkamp. Mir ist nur immer
merkwrdig, da du, neben Homer und sogar neben Schliemann, mit solcher Vorliebe
Kochbuchliches behandelst, reine Menufragen, als ob du zu den Bankiers und
Geldfrsten gehrtest, von denen ich bis auf weiteres annehme, da sie gut
essen...
    Mir ganz unzweifelhaft.
    Nun, sieh, Schmidt, diese Herren von der hohen Finanz, darauf mcht ich
mich verwetten, sprechen nicht mit halb soviel Lust und Eifer von einer
Schildkrtensuppe wie du.
    Das ist richtig, Distelkamp, und sehr natrlich. Sieh, ich habe die
Frische, die macht's; auf die Frische kommt es an, in allem. Die Frische gibt
einem die Lust, den Eifer, das Interesse, und wo die Frische nicht ist, da ist
gar nichts. Das rmste Leben, das ein Menschenkind fhren kann, ist das des
petit crev. Lauter Zappeleien; nichts dahinter. Hab ich recht, Etienne?
    Dieser, der in allem Parisischen regelmig als Autoritt angerufen wurde,
nickte zustimmend, und Distelkamp lie die Streitfrage fallen oder war geschickt
genug, ihr eine neue Richtung zu gehen, indem er aus dem allgemein Kulinarischen
auf einzelne berhmte kulinarische Persnlichkeiten berlenkte, zunchst auf den
Freiherrn von Rumohr und im raschen Anschlu an diesen auf den ihm persnlich
befreundet gewesenen Frsten Pckler-Muskau. Besonders dieser letztere war
Distelkamps Schwrmerei. Wenn man dermaleinst das Wesen des modernen
Aristokratismus an einer historischen Figur werde nachweisen wollen, so werde
man immer den Frsten Pckler als Musterbeispiel nehmen mssen. Dabei sei er
durchaus liebenswrdig gewesen, allerdings etwas launenhaft, eitel und
bermtig, aber immer grundgut. Es sei schade, da solche Figuren ausstrben.
Und nach diesen einleitenden Stzen begann er speziell von Muskau und Branitz zu
erzhlen, wo er vordem oft tagelang zu Besuch gewesen war und sich mit der
mrchenhaften, von Semilassos Weltfahrten mit heimgebrachten Abessinierin ber
Nahes und Fernes unterhalten hatte.
    Schmidt hrte nichts Lieberes als Erlebnisse der Art, und nun gar von
Distelkamp, vor dessen Wissen und Charakter er berhaupt einen ungeheuchelten
Respekt hatte.
    Marcell teilte ganz und gar diese Vorliebe fr den alten Direktor und
verstand auerdem - obwohl geborener Berliner - gut und mit Interesse zuzuhren;
trotzdem tat er heute Fragen ber Fragen, die seine volle Zerstreutheit
bewiesen. Er war eben mit anderem beschftigt.
    So kam elf heran, und mit dem Glockenschlage - ein Satz von Schmidt wurde
mitten durchgeschnitten - erhob man sich und trat aus dem Ezimmer in das
Entree, darin seitens der Schmolke die Sommerberzieher samt Hut und Stock schon
in Bereitschaft gelegt waren. Jeder griff nach dem Seinen, und nur Marcell nahm
den Oheim einen Augenblick beiseite und sagte: Onkel, ich sprche gerne noch
ein Wort mit dir, ein Ansinnen, zu dem dieser, jovial und herzlich wie immer,
seine volle Zustimmung ausdrckte. Dann, unter Vorantritt der Schmolke, die mit
der Linken den messingenen Leuchter ber den Kopf hielt, stiegen Distelkamp,
Friedeberg und Etienne zunchst treppab und traten gleich danach in die muffig
schwle Adlerstrae hinaus. Oben aber nahm Schmidt seines Neffen Arm und schritt
mit ihm auf seine Studierstube zu.

Nun, Marcell, was gibt es? Rauchen wirst du nicht, du siehst mir viel zu
bewlkt aus; aber verzeih, ich mu mir erst eine Pfeife stopfen. Und dabei lie
er sich, den Tabakskasten vor sich herschiebend, in eine Sofaecke nieder. So!
Marcell... Und nun nimm einen Stuhl und setz dich und schiee los. Was gibt es?
    Das alte Lied.
    Corinna?
    Ja.
    Ja, Marcell, nimm mir's nicht bel, aber das ist ein schlechter Liebhaber,
der immer vterlichen Vorspann braucht, um von der Stelle zu kommen. Du weit,
ich bin dafr. Ihr seid wie geschaffen freinander. Sie bersieht dich und uns
alle; das Schmidtsche strebt in ihr nicht blo der Vollendung zu, sondern, ich
mu das sagen, trotzdem ich ihr Vater bin, kommt auch ganz nah ans Ziel. Nicht
jede Familie kann das ertragen. Aber das Schmidtsche setzt sich aus solchen
Ingredienzien zusammen, da die Vollendung, von der ich spreche, nie bedrcklich
wird. Und warum nicht? Weil die Selbstironie, in der wir, glaube ich, gro sind,
immer wieder ein Fragezeichen hinter der Vollendung macht. Das ist recht
eigentlich das, was ich das Schmidtsche nenne. Folgst du?
    Gewi, Onkel. Sprich nur weiter.
    Nun sieh, Marcell, ihr pat ganz vorzglich zusammen. Sie hat die genialere
Natur, hat so den letzten Knips von der Sache weg, aber das gibt keineswegs das
bergewicht im Leben. Fast im Gegenteil. Die Genialen bleiben immer halbe
Kinder, in Eitelkeit befangen, und verlassen sich immer auf Intuition und bon
sens und Sentiment, und wie all die franzsischen Worte heien mgen. Oder wir
knnen auch auf gut deutsch sagen, sie verlassen sich auf ihre guten Einflle.
Damit ist es nun aber soso; manchmal wetterleuchtet es freilich eine halbe
Stunde lang oder auch noch lnger, gewi, das kommt vor; aber mit einem Mal ist
das Elektrische wie verblitzt, und nun bleibt nicht blo der Esprit aus wie
Rhrwasser, sondern auch der gesunde Menschenverstand. Ja, der erst recht. Und
so ist es auch mit Corinna. Sie bedarf einer verstndigen Leitung, das heit sie
bedarf eines Mannes von Bildung und Charakter. Das bist du, das hast du. Du hast
also meinen Segen; alles andere mut du dir selber besorgen.
    Ja, Onkel, das sagst du immer. Aber wie soll ich das anfangen? Eine
lichterlohe Leidenschaft kann ich in ihr nicht entznden. Vielleicht ist sie
solcher Leidenschaft nicht einmal fhig; aber wenn auch, wie soll ein Vetter
seine Cousine zur Leidenschaft anstacheln? Das kommt gar nicht vor. Die
Leidenschaft ist etwas Pltzliches, und wenn man von seinem fnften Jahr an
immer zusammen gespielt und sich, sagen wir, hinter den Sauerkrauttonnen eines
Budikers oder in einem Torf- und Holzkeller unzhlige Male stundenlang versteckt
hat, immer gemeinschaftlich und immer glckselig, da Richard oder Arthur,
trotzdem sie dicht um einen herum waren, einen doch nicht finden konnten, ja,
Onkel, da ist von Pltzlichkeit, dieser Vorbedingung der Leidenschaft, keine
Rede mehr.
    Schmidt lachte. Das hast du gut gesagt, Marcell, eigentlich ber deine
Mittel. Aber es steigert nur meine Liebe zu dir. Das Schmidtsche steckt doch
auch in dir und ist nur unter dem steifen Wedderkoppschen etwas vergraben. Und
das kann ich dir sagen, wenn du diesen Ton Corinna gegenber festhltst, dann
bist du durch, dann hast du sie sicher.
    Ach, Onkel, glaube doch das nicht. Du verkennst Corinna. Nach der einen
Seite hin kennst du sie ganz genau, aber nach der anderen Seite hin kennst du
sie gar nicht. Alles, was klug und tchtig und, vor allem, was espritvoll an ihr
ist, das siehst du mit beiden Augen, aber was uerlich und modern an ihr ist,
das siehst du nicht. Ich kann nicht sagen, da sie jene niedrigstehende
Gefallsucht hat, die jeden erobern will, er sei wer er sei; von dieser
Koketterie hat sie nichts. Aber sie nimmt sich erbarmungslos einen aufs Korn,
einen, an dessen Spezialeroberung ihr gelegen ist, und du glaubst gar nicht, mit
welcher grausamen Konsequenz, mit welcher infernalen Virtuositt sie dies von
ihr erwhlte Opfer in ihre Fden einzuspinnen wei.
    Meinst du?
    Ja, Onkel. Heute bei Treibels hatten wir wieder ein Musterbeispiel davon.
Sie sa zwischen Leopold Treibel und einem Englnder, dessen Namen sie dir ja
schon genannt hat, einen Mister Nelson, der, wie die meisten Englnder aus guten
Husern, einen gewissen Naivitts-Charme hatte, sonst aber herzlich wenig
bedeutete. Nun httest du Corinna sehen sollen. Sie beschftigte sich
anscheinend mit niemand anderem als diesem Sohn Albions, und es gelang ihr auch,
ihn in Staunen zu setzen. Aber glaube nur ja nicht, da ihr an dem flachsblonden
Mister Nelson im geringsten gelegen gewesen wre; gelegen war ihr blo an
Leopold Treibel, an den sie kein einziges Wort, oder wenigstens nicht viele,
direkt richtete und dem zu Ehren sie doch eine Art von franzsischen Proverbe
auffhrte, kleine Komdie, dramatische Szene. Und wie ich dir versichern kann,
Onkel, mit vollstndigstem Erfolg. Dieser unglckliche Leopold hngt schon lange
an ihren Lippen und saugt das se Gift ein, aber so wie heute habe ich ihn doch
noch nicht gesehen. Er war von Kopf bis zu Fu die helle Bewunderung, und jede
Miene schien ausdrcken zu wollen: Ach, wie langweilig ist Helene (das ist, wie
du dich vielleicht erinnerst, die Frau seines Bruders), und wie wundervoll ist
diese Corinna.
    Nun gut, Marcell, aber das alles kann ich so schlimm nicht finden. Warum
soll sie nicht ihren Nachbar zur Rechten unterhalten, um auf ihren Nachbar zur
Linken einen Eindruck zu machen? Das kommt alle Tage vor, das sind so kleine
Capricen, an denen die Frauennatur reich ist.
    Du nennst es Capricen, Onkel. Ja, wenn die Dinge so lgen! Es liegt aber
anders. Alles ist Berechnung: sie will den Leopold heiraten.
    Unsinn, Leopold ist ein Junge.
    Nein, er ist fnfundzwanzig, gerade so alt wie Corinna selbst. Aber wenn er
auch noch ein bloer Junge wre, Corinna hat sich's in den Kopf gesetzt und wird
es durchfhren.
    Nicht mglich.
    Doch, doch. Und nicht blo mglich, sondern ganz gewi. Sie hat es mir, als
ich sie zur Rede stellte, selber gesagt. Sie will Leopold Treibels Frau werden,
und wenn der Alte das Zeitliche segnet, was doch, wie sie mir versicherte,
hchstens noch zehn Jahre dauern knne und, wenn er in seinem Zossener
Wahlkreise gewhlt wrde, keine fnfe mehr, so will sie die Villa beziehen, und
wenn ich sie recht taxiere, so wird sie zu dem grauen Kakadu noch einen Pfauhahn
anschaffen.
    Ach, Marcell, das sind Visionen.
    Vielleicht von ihr, wer will's sagen? aber sicherlich nicht von mir. Denn
all das waren ihre eigensten Worte. Du httest sie hren sollen, Onkel, mit
welcher Suffisance sie von kleinen Verhltnissen sprach und wie sie das drftige
Kleinleben ausmalte, fr das sie nun mal nicht geschaffen sei; sie sei nicht fr
Speck und Wruken und all dergleichen... und du httest nur hren sollen, wie sie
das sagte, nicht blo so drber hin, nein, es klang geradezu was von Bitterkeit
mit durch, und ich sah zu meinem Schmerz, wie veruerlicht sie ist und wie die
verdammte neue Zeit sie ganz in Banden hlt.
    Hm, sagte Schmidt, das gefllt mir nicht, namentlich das mit den Wruken.
Das ist blo ein dummes Vornehmtun und ist auch kulinarisch eine Torheit; denn
alle Gerichte, die Friedrich Wilhelm I. liebte, so zum Beispiel Weikohl mit
Hammelfleisch oder Schlei mit Dill - ja, lieber Marcell, was will dagegen
aufkommen? Und dagegen Front zu machen ist einfach Unverstand. Aber glaube mir,
Corinna macht auch nicht Front dagegen, dazu ist sie viel zu sehr ihres Vaters
Tochter, und wenn sie sich darin gefallen hat, dir von Modernitt zu sprechen
und dir vielleicht eine Pariser Hutnadel oder eine Sommerjacke, dran alles chic
und wieder chic ist, zu beschreiben und so zu tun, als ob es in der ganzen Welt
nichts gbe, was an Wert und Schnheit damit verglichen werden knnte, so ist
das alles blo Feuerwerk, Phantasiettigkeit, jeu d'esprit, und wenn es ihr
morgen pat, dir einen Pfarramtskandidaten in der Jasminlaube zu beschreiben,
der selig in Lottchens Armen ruht, so leistet sie das mit demselben Aplomb und
mit derselben Virtuositt. Das ist, was ich das Schmidtsche nenne. Nein,
Marcell, darber darfst du dir keine grauen Haare wachsen lassen; das ist alles
nicht ernstlich gemeint...
    Es ist ernstlich gemeint...
    Und wenn es ernstlich gemeint ist - was ich vorlufig noch nicht glaube,
denn Corinna ist eine sonderbare Person -, so nutzt ihr dieser Ernst nichts, gar
nichts, und es wird doch nichts draus. Darauf verla dich, Marcell. Denn zum
Heiraten gehren zwei.
    Gewi, Onkel. Aber Leopold will womglich noch mehr als Corinna...
    Was gar keine Bedeutung hat. Denn la dir sagen, und damit sprech ich ein
groes Wort gelassen aus: die Kommerzienrtin will nicht.
    Bist du dessen so sicher?
    Ganz sicher.
    Und hast auch Zeichen dafr?
    Zeichen und Beweise, Marcell. Und zwar Zeichen und Beweise, die du in
deinem alten Onkel Wilibald Schmidt hier leibhaftig vor dir siehst...
    Das wre.
    Ja, Freund, leibhaftig vor dir siehst. Denn ich habe das Glck gehabt, an
mir selbst, und zwar als Objekt und Opfer, das Wesen meiner Freundin Jenny
studieren zu knnen. Jenny Brstenbinder, das ist ihr Vatersname, wie du
vielleicht schon weit, ist der Typus einer Bourgeoise. Sie war talentiert
dafr, von Kindesbeinen an, und in jenen Zeiten, wo sie noch drben in ihres
Vaters Laden, wenn der Alte gerade nicht hinsah, von den Traubenrosinen naschte,
da war sie schon geradeso wie heut und deklamierte den Taucher und den Gang nach
dem Eisenhammer und auch allerlei kleine Lieder, und wenn es recht was Rhrendes
war, so war ihr Auge schon damals immer in Trnen, und als ich eines Tages mein
berhmtes Gedicht gedichtet hatte, du weit schon, das Unglcksding, das sie
seitdem immer singt und vielleicht auch heute wieder gesungen hat, da warf sie
sich mir an die Brust und sagte: Wilibald, Einziger, das kommt von Gott. Ich
sagte halb verlegen etwas von meinem Gefhl und meiner Liebe, sie blieb aber
dabei, es sei von Gott, und dabei schluchzte sie dermaen, da ich, so glcklich
ich einerseits in meiner Eitelkeit war, doch auch wieder einen Schreck kriegte
vor der Macht dieser Gefhle. Ja, Marcell, das war so unsere stille Verlobung,
ganz still, aber doch immerhin eine Verlobung; wenigstens nahm ich's dafr und
strengte mich riesig an, um so rasch wie mglich mit meinem Studium am Ende zu
sein und mein Examen zu machen. Und ging auch alles vortrefflich. Als ich nun
aber kam, um die Verlobung perfekt zu machen, da hielt sie mich hin, war
abwechselnd vertraulich und dann wieder fremd, und whrend sie nach wie vor das
Lied sang, mein Lied, liebugelte sie mit jedem, der ins Haus kam, bis endlich
Treibel erschien und dem Zauber ihrer kastanienbraunen Locken und mehr noch
ihrer Sentimentalitten erlag. Denn der Treibel von damals war noch nicht der
Treibel von heut, und am andern Tag kriegte ich die Verlobungskarten. Alles in
allem eine sonderbare Geschichte, daran, das glaub ich sagen zu drfen, andere
Freundschaften gescheitert wren; aber ich bin kein belnehmer und
Spielverderber, und in dem Liede, drin sich, wie du weit, die Herzen finden -
beilufig eine himmlische Trivialitt und ganz wie geschaffen fr Jenny Treibel
-, in dem Liede lebt unsre Freundschaft fort bis diesen Tag, ganz so, als sei
nichts vorgefallen. Und am Ende, warum auch nicht? Ich persnlich bin drber
weg, und Jenny Treibel hat ein Talent, alles zu vergessen, was sie vergessen
will. Es ist eine gefhrliche Person, und um so gefhrlicher, als sie's selbst
nicht recht wei und sich aufrichtig einbildet, ein gefhlvolles Herz und vor
allem ein Herz fr das Hhere zu haben. Aber sie hat nur ein Herz fr das
Ponderable, fr alles, was ins Gewicht fllt und Zins trgt, und fr viel
weniger als eine halbe Million gibt sie den Leopold nicht fort, die halbe
Million mag herkommen, woher sie will. Und dieser arme Leopold selbst. Soviel
weit du doch, der ist nicht der Mensch des Aufbumens oder der Eskapade nach
Gretna Green. Ich sage dir, Marcell, unter Brckner tun es Treibels nicht, und
Kgel ist ihnen noch lieber. Denn je mehr es nach Hof schmeckt, desto besser.
Sie liberalisieren und sentimentalisieren bestndig, aber das alles ist Farce;
wenn es gilt, Farbe zu bekennen, dann heit es: Gold ist Trumpf und weiter
nichts.
    Ich glaube, da du Leopold unterschtzest.
    Ich frchte, da ich ihn noch berschtze. Ich kenn ihn noch aus der
Untersekunda her. Weiter kam er nicht; wozu auch? Guter Mensch, Mittelgut, und
als Charakter noch unter Mittel.
    Wenn du mit Corinna sprechen knntest.
    Nicht ntig, Marcell. Durch Dreinreden strt man nur den natrlichen Gang
der Dinge. Mag brigens alles schwanken und unsicher sein, eines steht fest: der
Charakter meiner Freundin Jenny. Da ruhen die Wurzeln deiner Kraft. Und wenn
Corinna sich in Tollheiten berschlgt, la sie; den Ausgang der Sache kenn ich.
Du sollst sie haben, und du wirst sie haben, und vielleicht eher, als du
denkst.

                                 Achtes Kapitel


Treibel war ein Frhauf, wenigstens fr einen Kommerzienrat, und trat nie spter
als acht Uhr in sein Arbeitszimmer, immer gestiefelt und gespornt, immer in
sauberster Toilette. Er sah dann die Privatbriefe durch, tat einen Blick in die
Zeitungen und wartete, bis seine Frau kam, um mit dieser gemeinschaftlich das
erste Frhstck zu nehmen. In der Regel erschien die Rtin sehr bald nach ihm,
heut aber versptete sie sich, und weil der eingegangenen Briefe nur ein paar
waren, die Zeitungen aber, in denen schon der Sommer vorspukte, wenig Inhalt
hatten, so geriet Treibel in einen leisen Zustand von Ungeduld und durchma,
nachdem er sich rasch von seinem kleinen Ledersofa erhoben hatte, die beiden
groen nebenan gelegenen Rume, darin sich die Gesellschaft vom Tage vorher
abgespielt hatte. Das obere Schiebefenster des Garten- und Esaales war ganz
heruntergelassen, so da er, mit den Armen sich auflehnend, in bequemer Stellung
in den unter ihm gelegenen Garten hinabsehen konnte. Die Szenerie war wie
gestern, nur statt des Kakadu, der noch fehlte, sah man drauen die Honig, die,
den Bologneser der Kommerzienrtin an einer Strippe fhrend, um das Bassin
herumschritt. Dies geschah jeden Morgen und dauerte Mal fr Mal, bis der Kakadu
seinen Stangenplatz einnahm oder in seinem blanken Kfig ins Freie gestellt
wurde, worauf sich dann die Honig mit dem Bologneser zurckzog, um einen
Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den beiden gleichmig verwhnten
Lieblingen des Hauses zu vermeiden. Das alles indessen stand heute noch aus.
Treibel, immer artig, erkundigte sich, von seiner Fensterstellung aus, erst nach
dem Befinden des Fruleins - was die Kommerzienrtin, wenn sie's hrte, jedesmal
sehr berflssig fand - und fragte dann, als er beruhigende Versicherungen
darber entgegengenommen hatte, wie sie Mister Nelsons englische Aussprache
gefunden habe, dabei von der mehr oder weniger berzeugten Ansicht ausgehend,
da es jeder von einem Berliner Schulrat examinierten Erzieherin ein kleines
sein msse, dergleichen festzustellen. Die Honig, die diesen Glauben nicht gern
zerstren wollte, beschrnkte sich darauf, die Korrektheit von Mister Nelsons a
anzuzweifeln und diesem seinem a eine nicht ganz statthafte Mittelstellung
zwischen der englischen und schottischen Aussprache dieses Vokals zuzuerkennen,
eine Bemerkung, die Treibel ganz ernsthaft hinnahm und weiter ausgesponnen haben
wrde, wenn er nicht im selben Moment ein leises Insschlofallen einer der
Vordertren, also mutmalich das Eintreten der Kommerzienrtin, erlauscht htte.
Treibel hielt es auf diese Wahrnehmung hin fr angezeigt, sich von der Honig zu
verabschieden, und schritt wieder auf sein Arbeitszimmer zu, in das in der Tat
die Rtin eben eingetreten war. Das auf einem Tablett wohlarrangierte Frhstck
stand schon da.
    Guten Morgen, Jenny... Wie geruht?
    Doch nur passabel. Dieser furchtbare Vogelsang hat wie ein Alp auf mir
gelegen.
    Ich wrde gerade diese bildersprachliche Wendung doch zu vermeiden suchen.
Aber wie du darber denkst... Im brigen, wollen wir das Frhstck nicht lieber
drauen nehmen?
    Und der Diener, nachdem Jenny zugestimmt und ihrerseits auf den Knopf der
Klingel gedrckt hatte, erschien wieder, um das Tablett auf einen der kleinen,
in der Veranda stehenden Tische hinauszutragen. Es ist gut, Friedrich, sagte
Treibel und schob jetzt hchst eigenhndig eine Fubank heran, um es dadurch
zunchst seiner Frau, zugleich aber auch sich selber nach Mglichkeit bequem zu
machen. Denn Jenny bedurfte solcher Huldigungen, um bei guter Laune zu bleiben.
    Diese Wirkung blieb denn auch heute nicht aus. Sie lchelte, rckte die
Zuckerschale nher zu sich heran und sagte, whrend sie die gepflegte weie Hand
ber den groen Blockstcken hielt: Eins oder zwei?
    Zwei, Jenny, wenn ich bitten darf. Ich sehe nicht ein, warum ich, der ich
zur Runkelrbe, Gott sei Dank, keine Beziehungen unterhalte, die billigen
Zuckerzeiten nicht frhlich mitmachen soll.
    Jenny war einverstanden, tat den Zucker ein und schob gleich danach die
kleine, genau bis an den Goldstreifen gefllte Tasse dem Gemahl mit dem Bemerken
zu: Du hast die Zeitungen schon durchgesehen? Wie steht es mit Gladstone?
    Treibel lachte mit ganz ungewhnlicher Herzlichkeit. Wenn es dir recht ist,
Jenny, bleiben wir vorlufig noch diesseits des Kanals, sagen wir in Hamburg
oder doch in der Welt des Hamburgischen, und transponieren uns die Frage nach
Gladstones Befinden in eine Frage nach unserer Schwiegertochter Helene. Sie war
offenbar verstimmt, und ich schwanke nur noch, was in ihren Augen die Schuld
trug. War es, da sie selber nicht gut genug placiert war, oder war es, da wir
Mister Nelson, ihren uns gtigst berlassenen oder, um es berlinisch zu sagen,
ihren uns aufgepuckelten Ehrengast, so ganz einfach zwischen die Honig und
Corinna gesetzt hatten?
    Du hast eben gelacht, Treibel, weil ich nach Gladstone fragte, was du nicht
httest tun sollen, denn wir Frauen drfen so was fragen, wenn wir auch was ganz
anderes meinen; aber ihr Mnner drft uns das nicht nachmachen wollen. Schon
deshalb nicht, weil es euch nicht glckt oder doch jedenfalls noch weniger als
uns. Denn soviel ist doch gewi und kann dir nicht entgangen sein, ich habe
niemals einen entzckteren Menschen gesehen als den guten Nelson; also wird
Helene wohl nichts dagegen gehabt haben, da wir ihren Proteg grade so
placierten, wie geschehen. Und wenn das auch eine ewige Eifersucht ist zwischen
ihr und Corinna, die sich, ihrer Meinung nach, zuviel herausnimmt und...
    ... und unweiblich ist und unhamburgisch, was nach ihrer Meinung so
ziemlich zusammenfllt...
    ... so wird sie's ihr gestern, fuhr Jenny, der Unterbrechung nicht
achtend, fort, wohl zum ersten Male verziehen haben, weil es ihr selber zugute
kam oder ihrer Gastlichkeit, von der sie persnlich freilich so mangelhafte
Proben gegeben hat. Nein, Treibel, nichts von Verstimmung ber Mister Nelsons
Platz. Helene schmollt mit uns beiden, weil wir alle Anspielungen nicht
verstehen wollen und ihre Schwester Hildegard noch immer nicht eingeladen haben.
brigens ist Hildegard ein lcherlicher Name fr eine Hamburgerin. Hildegard
heit man in einem Schlosse mit Ahnenbildern oder wo eine Weie Frau spukt.
Helene schmollt mit uns, weil wir hinsichtlich Hildegards so sehr schwerhrig
sind.
    Worin sie recht hat.
    Und ich finde, da sie darin unrecht hat. Es ist eine Anmaung, die an
Insolenz grenzt. Was soll das heien? Sind wir in einem fort dazu da, dem
Holzhof und seinen Angehrigen Honneurs zu machen? Sind wir dazu da, Helenens
und ihrer Eltern Plne zu begnstigen? Wenn unsre Frau Schwiegertochter durchaus
die gastliche Schwester spielen will, so kann sie Hildegard ja jeden Tag von
Hamburg her verschreiben und das verwhnte Pppchen entscheiden lassen, ob die
Alster bei der Uhlenhorst oder die Spree bei Treptow schner ist. Aber was geht
uns das alles an. Otto hat seinen Holzhof so gut wie du deinen Fabrikhof, und
seine Villa finden viele Leute hbscher als die unsre, was auch zutrifft. Unsre
ist beinah altmodisch und jedenfalls viel zu klein, so da ich oft nicht aus
noch ein wei. Es bleibt dabei, mir fehlen wenigstens zwei Zimmer. Ich mag davon
nicht viel Worte machen, aber wie kommen wir dazu, Hildegard einzuladen, als ob
uns daran lge, die Beziehungen der beiden Huser aufs eifrigste zu pflegen, und
wie wenn wir nichts sehnlicher wnschten, als noch mehr Hamburger Blut in die
Familie zu bringen...
    Aber Jenny. ..
    Nichts von aber, Treibel. Von solchen Sachen versteht ihr nichts, weil ihr
kein Auge dafr habt. Ich sage dir, auf solche Plne luft es hinaus, und
deshalb sollen wir die Einladenden sein. Wenn Helene Hildegarden einldt, so
bedeutet das so wenig, da es nicht einmal die Trinkgelder wert ist und die
neuen Toiletten nun schon gewi nicht. Was hat es fr eine Bedeutung, wenn sich
zwei Schwestern wiedersehen? Gar keine, sie passen nicht mal zusammen und
schrauben sich bestndig; aber wenn wir Hildegard einladen, so heit das, die
Treibels sind unendlich entzckt ber ihre erste Hamburger Schwiegertochter und
wrden es fr ein Glck und eine Ehre ansehen, wenn sich das Glck erneuern und
verdoppeln und Frulein Hildegard Munk Frau Leopold Treibel werden wollte. Ja,
Freund, darauf luft es hinaus. Es ist eine abgekartete Sache. Leopold soll
Hildegard oder eigentlich Hildegard soll Leopold heiraten; denn Leopold ist blo
passiv und hat zu gehorchen. Das ist das, was die Munks wollen, was Helene will
und was unser armer Otto, der, Gott wei es, nicht viel sagen darf, schlielich
auch wird wollen mssen. Und weil wir zgern und mit der Einladung nicht recht
heraus wollen, deshalb schmollt und grollt Helene mit uns und spielt die
Zurckhaltende und Gekrnkte und gibt die Rolle nicht einmal auf an einem Tage,
wo ich ihr einen groen Gefallen getan und ihr den Mister Nelson hierher
eingeladen habe, blo damit ihr die Plttbolzen nicht kalt werden.
    Treibel lehnte sich weiter zurck in den Stuhl und blies kunstvoll einen
kleinen Ring in die Luft. Ich glaube nicht, da du recht hast. Aber wenn du
recht httest, was tte es? Otto lebt seit acht Jahren in einer glcklichen Ehe
mit Helenen, was auch nur natrlich ist; ich kann mich nicht entsinnen, da
irgendwer aus meiner Bekanntschaft mit einer Hamburgerin in einer unglcklichen
Ehe gelebt htte. Sie sind alle so zweifelsohne, haben innerlich und uerlich
so was ungewhnlich Gewaschenes und bezeugen in allem, was sie tun und nicht
tun, die Richtigkeit der Lehre vom Einflu der guten Kinderstube. Man hat sich
ihrer nie zu schmen, und ihrem zwar bestrittenen, aber im stillen immer
gehegten Herzenswunsche, fr eine Englnderin gehalten zu werden, diesem Ideale
kommen sie meistens sehr nah. Indessen das mag auf sich beruhen. Soviel steht
jedenfalls fest, und ich mu es wiederholen, Helene Munk hat unsern Otto
glcklich gemacht, und es ist mir hchst wahrscheinlich, da Hildegard Munk
unsren Leopold auch glcklich machen wrde, ja noch glcklicher. Und wr auch
keine Hexerei, denn einen besseren Menschen als unsren Leopold gibt es
eigentlich berhaupt nicht; er ist schon beinah eine Suse...
    Beinah? sagte Jenny. Du kannst ihn dreist fr voll nehmen. Ich wei
nicht, wo beide Jungen diese Milchsuppenschaft herhaben. Zwei geborene Berliner,
und sind eigentlich, wie wenn sie von Herrnhut oder Gnadenfrei kmen. Sie haben
doch beide was Schlfriges, und ich wei wirklich nicht, Treibel, auf wen ich es
schieben soll...
    Auf mich, Jenny, natrlich auf mich...
    Und wenn ich auch sehr wohl wei߫, fuhr Jenny fort, wie nutzlos es ist,
sich ber diese Dinge den Kopf zu zerbrechen, und leider auch wei, da sich
solche Charaktere nicht ndern lassen, so wei ich doch auch, da man die
Pflicht hat, da zu helfen, wo noch geholfen werden kann. Bei Otto haben wir's
versumt und haben zu seiner eignen Temperamentlosigkeit diese temperamentlose
Helene hinzugetan, und was dabei herauskommt, das siehst du nun an Lizzi, die
doch die grte Puppe ist, die man nur sehen kann. Ich glaube, Helene wird sie
noch, auf Vorderzhne-Zeigen hin, englisch abrichten. Nun, meinetwegen. Aber ich
bekenne dir, Treibel, da ich an einer solchen Schwiegertochter und einer
solchen Enkelin gerade genug habe und da ich den armen Jungen, den Leopold,
etwas passender als in der Familie Munk unterbringen mchte.
    Du mchtest einen forschen Menschen aus ihm machen, einen Kavalier, einen
sportsman...
    Nein, einen forschen Menschen nicht, aber einen Menschen berhaupt. Zum
Menschen gehrt Leidenschaft, und wenn er eine Leidenschaft fassen knnte, sieh,
das wre was, das wrd ihn rausreien, und sosehr ich allen Skandal hasse, ich
knnte mich beinah freuen, wenn's irgend so was gbe, natrlich nichts
Schlimmes, aber doch wenigstens was Apartes.
    Male den Teufel nicht an die Wand, Jenny. Da er sich aufs Entfhren
einlt, ist mir, ich wei nicht, soll ich sagen leider oder glcklicherweise,
nicht sehr wahrscheinlich; aber man hat Exempel von Beispielen, da Personen,
die zum Entfhren durchaus nicht das Zeug hatten, gleichsam, wie zur Strafe
dafr, entfhrt wurden. Es gibt ganz verflixte Weiber, und Leopold ist gerade
schwach genug, um vielleicht einmal in den Sattel einer armen und etwas
emanzipierten Edeldame, die natrlich auch Schmidt heien kann, hineingehoben
und ber die Grenze gefhrt zu werden...
    Ich glaub es nicht, sagte die Kommerzienrtin, er ist leider auch dafr
zu stumpf. Und sie war von der Ungefhrlichkeit der Gesamtlage so fest
berzeugt, da sie nicht einmal der vielleicht blo zufllig, aber vielleicht
auch absichtlich gesprochene Name Schmidt stutzig gemacht hatte. Schmidt,
das war nur so herkmmlich hingeworfen, weiter nichts, und in einem halb
bermtigen Jugendanfluge gefiel sich die Rtin sogar in stiller Ausmalung einer
Eskapade: Leopold, mit aufgesetztem Schnurrbart, auf dem Wege nach Italien und
mit ihm eine Freiin aus einer pommerschen oder schlesischen
Verwogenheitsfamilie, die Reiherfeder am Hut und den schottisch karierten Mantel
ber den etwas frstelnden Liebhaber ausgebreitet. All das stand vor ihr, und
beinah traurig sagte sie zu sich selbst: Der arme Junge. Ja, wenn er dazu das
Zeug htte!

Es war um die neunte Stunde, da die alten Treibels dies Gesprch fhrten, ohne
jede Vorstellung davon, da um eben diese Zeit auch die auf ihrer Veranda das
Frhstck nehmenden jungen Treibels der Gesellschaft vom Tage vorher gedachten.
Helene sah sehr hbsch aus, wozu nicht nur die kleidsame Morgentoilette, sondern
auch eine gewisse Belebtheit in ihren sonst matten und beinah
vergimeinnichtblauen Augen ein Erhebliches beitrug. Es war ganz ersichtlich,
da sie bis diese Minute mit ganz besonderem Eifer auf den halb verlegen vor
sich hin sehenden Otto eingepredigt haben mute; ja, wenn nicht alles tuschte,
wollte sie mit diesem Ansturm eben fortfahren, als das Erscheinen Lizzis und
ihrer Erzieherin, Frulein Wulsten, dies Vorhaben unterbrach.
    Lizzi, trotz frher Stunde, war schon in vollem Staate. Das etwas gewellte
blonde Haar des Kindes hing bis auf die Hften herab; im brigen aber war alles
wei, das Kleid, die hohen Strmpfe, der berfallkragen, und nur um die Taille
herum, wenn sich von einer solchen sprechen lie, zog sich eine breite rote
Schrpe, die von Helenen selbstverstndlich nie rote Schrpe, sondern immer
nur pinkcoloured scarf genannt wurde. Die Kleine, wie sie sich da
prsentierte, htte sofort als symbolische Figur auf den Wscheschrank ihrer
Mutter gestellt werden knnen, so sehr war sie der Ausdruck von Weizeug mit
einem roten Bndchen drum. Lizzi galt im ganzen Kreise der Bekannten als
Musterkind, was das Herz Helenens einerseits mit Dank gegen Gott, andrerseits
aber auch mit Dank gegen Hamburg erfllte, denn zu den Gaben der Natur, die der
Himmel hier so sichtlich verliehen, war auch noch eine Mustererziehung
hinzugekommen, wie sie eben nur die Hamburger Tradition geben konnte. Diese
Mustererziehung hatte gleich mit dem ersten Lebenstage des Kindes begonnen.
Helene, weil es unschn sei - was brigens von seiten des damals noch um
sieben Jahre jngeren Krola bestritten wurde -, war nicht zum Selbstnhren zu
bewegen gewesen, und da bei den nun folgenden Verhandlungen eine seitens des
alten Kommerzienrats in Vorschlag gebrachte Spreewlderamme mit dem Bemerken,
es gehe bekanntlich soviel davon auf das unschuldige Kind ber, abgelehnt
worden war, war man zu dem einzig verbleibenden Auskunftsmittel bergegangen.
Eine verheiratete, von dem Geistlichen der Thomasgemeinde warm empfohlene Frau
hatte das Aufpppeln mit groer Gewissenhaftigkeit und mit der Uhr in der Hand
bernommen, wobei Lizzi so gut gediehen war, da sich eine Zeitlang sogar kleine
Grbchen auf der Schulter gezeigt hatten. Alles normal und beinah ber das
Normale hinaus. Unser alter Kommerzienrat hatte denn auch der Sache nie so recht
getraut, und erst um ein erhebliches spter, als sich Lizzi mit einem
Trennmesser in den Finger geschnitten hatte (das Kindermdchen war dafr
entlassen worden), hatte Treibel beruhigt ausgerufen: Gott sei Dank, soviel ich
sehen kann, es ist wirkliches Blut.
    Ordnungsmig hatte Lizzis Leben begonnen, und ordnungsmig war es
fortgesetzt worden. Die Wsche, die sie trug, fhrte durch den Monat hin die
genau korrespondierende Tageszahl, so da man ihr, wie der Grovater sagte, das
jedesmalige Datum vom Strumpf lesen konnte. Heut ist der Siebzehnte. Der
Puppenkleiderschrank war an den Riegeln numeriert, und als es geschah (und
dieser schreckliche Tag lag noch nicht lange zurck), da Lizzi, die sonst die
Sorglichkeit selbst war, in ihrer mit allerlei Ksten ausstaffierten Puppenkche
Grie in den Kasten getan hatte, der doch ganz deutlich die Aufschrift Linsen
trug, hatte Helene Veranlassung genommen, ihrem Liebling die Tragweite solchen
Fehlgriffs auseinanderzusetzen. Das ist nichts Gleichgltiges, liebe Lizzi. Wer
Groes hten will, mu auch das Kleine zu hten verstehen. Bedenke, wenn du ein
Brderchen httest, und das Brderchen wre vielleicht schwach, und du willst es
mit Eau de Cologne bespritzen, und du bespritztest es mit Eau de Javelle, ja,
meine liebe Lizzi, so kann dein Brderchen blind werden, oder wenn es ins Blut
geht, kann es sterben. Und doch wre es noch eher zu entschuldigen, denn beides
ist wei und sieht aus wie Wasser; aber Grie und Linsen, meine liebe Lizzi, das
ist doch ein starkes Stck von Unaufmerksamkeit oder, was noch schlimmer wre,
von Gleichgltigkeit.
    So war Lizzi, die brigens zu weiterer Genugtuung der Mutter einen Herzmund
hatte. Freilich, die zwei blanken Vorderzhne waren immer noch nicht sichtbar
genug, um Helenen eine recht volle Herzensfreude gewhren zu knnen, und so
wandten sich ihre mtterlichen Sorgen auch in diesem Augenblicke wieder der ihr
so wichtigen Zahnfrage zu, weil sie davon ausging, da es hier dem von der Natur
so glcklich gegebenen Material bis dahin nur an der rechten erziehlichen
Aufmerksamkeit gefehlt habe. Du kneifst wieder die Lippen so zusammen, Lizzi;
das darf nicht sein. Es sieht besser aus, wenn der Mund sich halb ffnet, fast
so wie zum Sprechen. Frulein Wulsten, ich mchte Sie doch bitten, auf diese
Kleinigkeit, die keine Kleinigkeit ist, mehr achten zu wollen... Wie steht es
denn mit dem Geburtstagsgedicht?
    Lizzi gibt sich die grte Mhe.
    Nun, dann will ich dir deinen Wunsch auch erfllen, Lizzi. Lade dir die
kleine Felgentreu zu heute nachmittag ein. Aber natrlich erst die
Schularbeiten... Und jetzt kannst du, wenn Frulein Wulsten es erlaubt (diese
verbeugte sich), im Garten spazierengehen, berall, wo du willst, nur nicht
nach dem Hof zu, wo die Bretter ber der Kalkgrube liegen. Otto, du solltest das
ndern; die Bretter sind ohnehin so morsch.
    Lizzi war glcklich, eine Stunde frei zu haben, und nachdem sie der Mama die
Hand gekt und noch die Warnung, sich vor der Wassertonne zu hten, mit auf den
Weg gekriegt hatte, brachen das Frulein und Lizzi auf, und das Elternpaar
blickte dem Kinde nach, das sich noch ein paarmal umsah und dankbar der Mutter
zunickte.
    Eigentlich, sagte diese, htte ich Lizzi gern hierbehalten und eine Seite
Englisch mit ihr gelesen; die Wulsten versteht es nicht und hat eine erbrmliche
Aussprache, so low, so vulgar. Aber ich bin gezwungen, es bis morgen zu lassen,
denn wir mssen das Gesprch durchaus zu Ende bringen. Ich sage nicht gern etwas
gegen deine Eltern, denn ich wei, da es sich nicht schickt, und wei auch, da
es dich bei deinem eigentmlich starren Charakter (Otto lchelte) nur noch in
dieser deiner Starrheit bestrken wird; aber man darf die Schicklichkeitsfragen,
ebenso wie die Klugheitsfragen, nicht ber alles stellen. Und das tte ich, wenn
ich lnger schwiege. Die Haltung deiner Eltern ist in dieser Frage geradezu
krnkend fr mich und fast mehr noch fr meine Familie. Denn sei mir nicht bse,
Otto, aber wer sind am Ende die Treibels? Es ist milich, solche Dinge zu
berhren, und ich wrde mich hten, es zu tun, wenn du mich nicht geradezu
zwngest, zwischen unsren Familien abzuwgen.
    Otto schwieg und lie den Teelffel auf seinem Zeigefinger balancieren,
Helene aber fuhr fort: Die Munks sind ursprnglich dnisch, und ein Zweig, wie
du recht gut weit, ist unter Knig Christian gegraft worden. Als Hamburgerin
und Tochter einer Freien Stadt will ich nicht viel davon machen, aber es ist
doch immerhin was. Und nun gar von meiner Mutter Seite! Die Thompsons sind eine
Syndikatsfamilie. Du tust, als ob das nichts sei. Gut, es mag auf sich beruhen,
und nur soviel mcht ich dir noch sagen drfen, unsre Schiffe gingen schon nach
Messina, als deine Mutter noch in dem Apfelsinenladen spielte, draus dein Vater
sie hervorgeholt hat. Material- und Kolonialwaren. Ihr nennt das hier auch
Kaufmann... ich sage nicht du..., aber Kaufmann und Kaufmann ist ein
Unterschied.
    Otto lie alles ber sich ergehen und sah den Garten hinunter, wo Lizzi
Fangball spielte.
    Hast du noch berhaupt vor, Otto, auf das, was ich sagte, mir zu
antworten?
    Am liebsten nein, liebe Helene. Wozu auch? Du kannst doch nicht von mir
verlangen, da ich in dieser Sache deiner Meinung bin, und wenn ich es nicht bin
und das ausspreche, so reize ich dich nur noch mehr. Ich finde, da du doch mehr
forderst, als du fordern solltest. Meine Mutter ist von groer Aufmerksamkeit
gegen dich und hat dir noch gestern einen Beweis davon gegeben; denn ich
bezweifle sehr, da ihr das unsrem Gast zu Ehren gegebene Diner besonders zupa
kam. Du weit auerdem, da sie sparsam ist, wenn es nicht ihre Person gilt.
    Sparsam, lachte Helene.
    Nenn es Geiz; mir gleich. Sie lt es aber trotzdem nie an Aufmerksamkeiten
fehlen, und wenn die Geburtstage da sind, so sind auch ihre Geschenke da. Das
stimmt dich aber alles nicht um, im Gegenteil, du wchst in deiner bestndigen
Auflehnung gegen die Mama, und das alles nur, weil sie dir durch ihre Haltung zu
verstehen gibt, da das, was Papa die Hamburgerei nennt, nicht das Hchste in
der Welt ist und da der liebe Gott seine Welt nicht um der Munks willen
geschaffen hat...
    Sprichst du das deiner Mutter nach, oder tust du von deinem Eignen noch was
hinzu? Fast klingt es so; deine Stimme zittert ja beinah.
    Helene, wenn du willst, da wir die Sache ruhig durchsprechen und alles in
Billigkeit und mit Rcksicht fr hben und drben abwgen, so darfst du nicht
bestndig l ins Feuer gieen. Du bist so gereizt gegen die Mama, weil sie deine
Anspielungen nicht verstehen will und keine Miene macht, Hildegard einzuladen.
Darin hast du aber unrecht. Soll das Ganze blo etwas Geschwisterliches sein, so
mu die Schwester die Schwester einladen; das ist dann eine Sache, mit der meine
Mama herzlich wenig zu tun hat...
    Sehr schmeichelhaft fr Hildegard und auch fr mich...
    ... Soll aber ein andrer Plan damit verfolgt werden, und du hast mir
zugestanden, da dies der Fall ist, so mu das, so wnschenswert solche zweite
Familienverbindung ganz unzweifelhaft auch fr die Treibels sein wrde, so mu
das unter Verhltnissen geschehen, die den Charakter des Natrlichen und
Ungezwungenen haben. Ldst du Hildegard ein und fhrt das, sagen wir einen Monat
spter oder zwei, zur Verlobung mit Leopold, so haben wir genau das, was ich den
natrlichen und ungezwungenen Weg nenne; schreibt aber meine Mama den
Einladungsbrief an Hildegard und spricht sie darin aus, wie glcklich sie sein
wrde, die Schwester ihrer lieben Helene recht, recht lange bei sich zu sehen
und sich des Glcks der Geschwister mitfreuen zu knnen, so drckt sich darin
ziemlich unverblmt eine Huldigung und ein aufrichtiges Sichbemhen um deine
Schwester Hildegard aus, und das will die Firma Treibel vermeiden.
    Und das billigst du?
    Ja.
    Nun, das ist wenigstens deutlich. Aber weil es deutlich ist, darum ist es
noch nicht richtig. Alles, wenn ich dich recht verstehe, dreht sich also um die
Frage, wer den ersten Schritt zu tun habe.
    Otto nickte.
    Nun, wenn dem so ist, warum wollen die Treibels sich struben, diesen
ersten Schritt zu tun? Warum, frage ich. Solange die Welt steht, ist der
Brutigam oder der Liebhaber der, der wirbt...
    Gewi, liebe Helene. Aber bis zum Werben sind wir noch nicht. Vorlufig
handelt es sich noch um Einleitungen, um ein Brckenbauen, und dies Brckenbauen
ist an denen, die das grere Interesse daran haben.
    Ah, lachte Helene. Wir, die Munks... und das grere Interesse! Otto, das
httest du nicht sagen sollen, nicht weil es mich und meine Familie herabsetzt,
sondern weil es die ganze Treibelei und dich an der Spitze mit einem Ridikl
ausstattet, das dem Respekt, den die Mnner doch bestndig beanspruchen, nicht
allzu vorteilhaft ist. Ja, Freund, du forderst mich heraus, und so will ich dir
denn offen sagen, auf eurer Seite liegt Interesse, Gewinn, Ehre. Und da ihr das
empfindet, das mt ihr eben bezeugen, dem mt ihr einen nicht
mizuverstehenden Ausdruck geben. Das ist der erste Schritt, von dem ich
gesprochen. Und da ich mal bei Bekenntnissen bin, so la mich dir sagen, Otto,
da diese Dinge, neben ihrer ernsten und geschftlichen Seite, doch auch noch
eine persnliche Seite haben und da es dir, so nehm ich vorlufig an, nicht in
den Sinn kommen kann, unsre Geschwister in ihrer ueren Erscheinung miteinander
vergleichen zu wollen. Hildegard ist eine Schnheit und gleicht ganz ihrer
Gromutter Elisabeth Thompson (nach der wir ja auch unsere Lizzi getauft haben)
und hat den Chic einer Lady; du hast mir das selber frher zugestanden. Und nun
sieh deinen Bruder Leopold! Er ist ein guter Mensch, der sich ein Reitpferd
angeschafft hat, weil er's durchaus zwingen will, und schnallt sich nun jeden
Morgen die Steigbgel so hoch wie ein Englnder. Aber es nutzt ihm nichts. Er
ist und bleibt doch unter Durchschnitt, jedenfalls weitab vom Kavalier, und wenn
Hildegard ihn nhme (ich frchte, sie nimmt ihn nicht), so wre das wohl der
einzige Weg, noch etwas wie einen perfekten Gentleman aus ihm zu machen. Und das
kannst du deiner Mama sagen.
    Ich wrde vorziehen, du ttest es.
    Wenn man aus einem guten Hause stammt, vermeidet man Aussprachen und
Szenen...
    Und macht sie dafr dem Manne.
    Das ist etwas anderes.
    Ja, lachte Otto. Aber in seinem Lachen war etwas Melancholisches.

Leopold Treibel, der im Geschft seines lteren Bruders ttig war, whrend er im
elterlichen Hause wohnte, hatte sein Jahr bei den Gardedragonern abdienen
wollen, war aber, wegen zu flacher Brust, nicht angenommen worden, was die ganze
Familie schwer gekrnkt hatte. Treibel selbst kam schlielich drber weg,
weniger die Kommerzienrtin, am wenigsten Leopold selbst, der - wie Helene bei
jeder Gelegenheit und auch an diesem Morgen wieder zu betonen liebte - zur
Auswetzung der Scharte wenigstens Reitstunde genommen hatte. Jeden Tag war er
zwei Stunden im Sattel und machte dabei, weil er sich wirklich Mhe gab, eine
ganz leidliche Figur.
    Auch heute wieder, an demselben Morgen, an dem die alten und jungen Treibels
ihren Streit ber dasselbe gefhrliche Thema fhrten, hatte Leopold, ohne die
geringste Ahnung davon, sowohl Veranlassung wie Mittelpunkt derartiger heikler
Gesprche zu sein, seinen wie gewhnlich auf Treptow zu gerichteten
Morgenausflug angetreten und ritt, von der elterlichen Wohnung aus, die zu so
frher Stunde noch wenig belebte Kpnicker Strae hinunter, erst an seines
Bruders Villa, dann an der alten Pionierkaserne vorber. Die Kasernenuhr schlug
eben sieben, als er das Schlesische Tor passierte. Wenn ihn dies Imsattelsein
ohnehin schon an jedem Morgen erfreute, so besonders heut, wo die Vorgnge des
voraufgegangenen Abends, am meisten aber die zwischen Mister Nelson und Corinna
gefhrten Gesprche noch stark in ihm nachwirkten, so stark, da er mit dem ihm
sonst wenig verwandten Ritter Karl von Eichenhorst wohl den gemeinschaftlichen
Wunsch des Sich-Ruhe-Reitens in seinem Busen hegen durfte. Was ihm equestrisch
dabei zur Verfgung stand, war freilich nichts weniger als ein Dnenro voll
Kraft und Feuer, sondern nur ein schon lange Zeit in der Manege gehender
Graditzer, dem etwas Extravagantes nicht mehr zugemutet werden konnte. Leopold
ritt denn auch Schritt, sosehr er sich wnschte, davonstrmen zu knnen. Erst
ganz allmhlich fiel er in einen leichten Trab und blieb darin, bis er den
Schafgraben und gleich danach den in geringer Entfernung gelegenen Schlesischen
Busch erreicht hatte, drin am Abend vorher, wie ihm Johann noch im Momente des
Abreitens erzhlt hatte, wieder zwei Frauenzimmer und ein Uhrmacher beraubt
worden waren. Da dieser Unfug auch gar kein Ende nehmen will! Schwche,
Polizeiversumnis. Indessen bei hellem Tageslichte bedeutete das alles nicht
allzuviel, weshalb Leopold in der angenehmen Lage war, sich der ringsumher
schlagenden Amseln und Finken unbehindert freuen zu knnen. Und kaum minder
geno er, als er aus dem Schlesischen Busche wieder heraus war, der freien
Strae, zu deren Rechten sich Saat- und Kornfelder dehnten, whrend zur Linken
die Spree mit ihren nebenherlaufenden Parkanlagen den Weg begrenzte. Das alles
war so schn, so morgenfrisch, da er das Pferd wieder in Schritt fallen lie.
Aber freilich, so langsam er ritt, bald war er trotzdem an der Stelle, wo, vom
andern Ufer her, das kleine Fhrboot herberkam, und als er anhielt, um dem
Schauspiele besser zusehen zu knnen, trabten von der Stadt her auch schon
einige Reiter auf der Chaussee heran, und ein Pferdebahnwagen glitt vorber,
drin, soviel er sehen konnte, keine Morgengste fr Treptow saen. Das war so
recht, was ihm pate, denn sein Frhstck im Freien, was ihn dort regelmig
erquickte, war nur noch die halbe Freude, wenn ein halb Dutzend echte Berliner
um ihn herumsaen und ihren mitgebrachten Affenpinscher ber die Sthle springen
oder vom Steg aus apportieren lieen. Das alles, wenn dieser leere Wagen nicht
schon einen vollbesetzten Vorlufer gehabt hatte, war fr heute nicht zu
befrchten.
    Gegen halb acht war er drauen, und einen halbwachsenen Jungen mit nur einem
Arm und dem entsprechenden losen rmel (den er bestndig in der Luft schwenkte)
heranwinkend, stieg er jetzt ab und sagte, whrend er dem Einarmigen die Zgel
gab: Fhr es unter die Linde, Fritz. Die Morgensonne sticht hier so. Der Junge
tat auch, wie ihm geheien, und Leopold seinerseits ging nun an einem von
Liguster berwachsenen Staketenzaun auf den Eingang des Treptower Etablissements
zu. Gott sei Dank, hier war alles wie gewnscht, smtliche Tische leer, die
Sthle umgekippt und auch von Kellnern niemand da als sein Freund Mtzell, ein
auf sich haltender Mann von Mitte der Vierzig, der schon in den
Vormittagsstunden einen beinahe fleckenlosen Frack trug und die Trinkgelderfrage
mit einer erstaunlichen, brigens von Leopold (der immer sehr splendid war) nie
herausgeforderten Gentilezza behandelte. Sehen Sie, Herr Treibel, so waren,
als das Gesprch einmal in dieser Richtung lief, seine Worte gewesen, die
meisten wollen nicht recht und streiten einem auch noch was ab, besonders die
Damens, aber viele sind auch wieder gut und manche sogar sehr gut und wissen,
da man von einer Zigarre nicht leben kann und die Frau zu Hause mit ihren drei
Kindern erst recht nicht. Und sehen Sie, Herr Treibel, die geben, und besonders
die kleinen Leute. Da war erst gestern wieder einer hier, der schob mir aus
Versehen ein Fnfzigpfennigstck zu, weil er's fr einen Zehner hielt, und als
ich's ihm sagte, nahm er's nicht wieder und sagte blo: Das hat so sein sollen,
Freund und Kupferstecher; mitunter fllt Ostern und Pfingsten auf einen Dag.
    Das war vor Wochen gewesen, da Mtzell so zu Leopold Treibel gesprochen
hatte. Beide standen berhaupt auf einem Plauderfu, was aber fr Leopold noch
angenehmer als diese Plauderei war, war, da er ber Dinge, die sich von selbst
verstanden, gar nicht erst zu sprechen brauchte. Mtzell, wenn er den jungen
Treibel in das Lokal eintreten und ber den frischgeharkten Kies hin auf seinen
Platz in unmittelbarer Nhe des Wassers zuschreiten sah, salutierte blo von
fern und zog sich dann ohne weiteres in die Kche zurck, von der aus er nach
drei Minuten mit einem Tablett, auf dem eine Tasse Kaffee mit ein paar
englischen Biskuits und ein groes Glas Milch stand, wieder unter den
Frontbumen erschien. Das groe Glas Milch war Hauptsache, denn Sanittsrat
Lohmeyer hatte noch nach der letzten Auskultation zur Kommerzienrtin gesagt:
Meine gndigste Frau, noch hat es nichts zu bedeuten, aber man mu vorbeugen,
dazu sind wir da; im brigen ist unser Wissen Stckwerk. Also wenn ich bitten
darf, sowenig Kaffee wie mglich und jeden Morgen ein Liter Milch.
    Auch heute hatte bei Leopolds Erscheinen die sich tglich wiederholende
Begegnungsszene gespielt: Mtzell war auf die Kche zu verschwunden und tauchte
jetzt in Front des Hauses wieder auf, das Tablett auf den fnf Fingerspitzen
seiner linken Hand mit beinahe zirkushafter Virtuositt balancierend.
    Guten Morgen, Herr Treibel. Schner Morgen heute morgen.
    Ja, lieber Mtzell. Sehr schn. Aber ein bichen frisch. Besonders hier am
Wasser. Mich schuddert ordentlich, und ich bin schon auf und ab gegangen. Lassen
Sie sehen, Mtzell, ob der Kaffee warm ist.
    Und ehe der so freundlich Angesprochene das Tablett auf den Tisch setzen
konnte, hatte Leopold die kleine Tasse schon herabgenommen und sie mit einem
Zuge geleert.
    Ah, brillant. Das tut einem alten Menschen wohl. Und nun will ich die Milch
trinken, Mtzell; aber mit Andacht. Und wenn ich damit fertig bin - die Milch
ist immer ein bichen labbrig, was aber kein Tadel sein soll, gute Milch mu
eigentlich immer ein bichen labbrig sein -, wenn ich damit fertig bin, bitt ich
noch um eine...
    Kaffee?
    Freilich, Mtzell.
    Ja, Herr Treibel...
    Nun, was ist? Sie machen ja ein ganz verlegenes Gesicht, Mtzell, als ob
ich was ganz Besonderes gesagt htte.
    Ja, Herr Treibel...
    Nun, zum Donnerwetter, was ist denn los?
    Ja, Herr Treibel, als die Frau Mama vorgestern hier waren und der Herr
Kommerzienrat auch, und auch das Gesellschaftsfrulein, und Sie, Herr Leopold,
eben nach dem Sperl und dem Carrousel gegangen waren, da hat mir die Frau Mama
gesagt: Hren Sie, Mtzell, ich wei, er kommt beinahe jeden Morgen, und ich
mache Sie verantwortlich... eine Tasse; nie mehr..., Sanittsrat Lohmeyer, der
ja auch mal Ihre Frau behandelt hat, hat es mir im Vertrauen, aber doch mit
allem Ernste gesagt: zwei sind Gift...
    So... Und hat meine Mama vielleicht noch mehr gesagt?
    Die Frau Kommerzienrtin sagten auch noch: Ihr Schade soll es nicht sein,
Mtzell... Ich kann nicht sagen, da mein Sohn ein passionierter Mensch ist, er
ist ein guter Mensch, ein lieber Mensch..., Sie verzeihen, Herr Treibel, da ich
Ihnen das alles, was Ihre Frau Mama gesagt hat, hier so ganz simplement
wiederhole, ... aber er hat die Kaffeepassion. Und das ist immer das Schlimme,
da die Menschen grade die Passion haben, die sie nicht haben sollen. Also,
Mtzell, eine Tasse mag gehen, aber nicht zwei.
    Leopold hatte mit sehr geteilten Empfindungen zugehrt und nicht gewut, ob
er lachen oder verdrielich werden solle. Nun, Mtzell, dann also lassen wir's;
keine zweite. Und damit nahm er seinen Platz wieder ein, whrend sich Mtzell
in seine Wartestellung an der Hausecke zurckzog.
    Da hab ich nun mein Leben auf einen Schlag, sagte Leopold, als er wieder
allein war. Ich habe mal von einem gehrt, der bei Josty, weil er so gewettet
hatte, zwlf Tassen Kaffee hintereinander trank und dann tot umfiel. Aber was
beweist das? Wenn ich zwlf Ksestullen esse, fall ich auch tot um; alles
Verzwlffachte ttet einen Menschen. Aber welcher vernnftige Mensch
verzwlffacht auch sein Speis und Trank. Von jedem vernnftigen Menschen mu man
annehmen, da er Unsinnigkeiten unterlassen und seine Gesundheit befragen und
seinen Krper nicht zerstren wird. Wenigstens fr mich kann ich einstehen. Und
die gute Mama sollte wissen, da ich dieser Kontrolle nicht bedarf, und sollte
mir diesen meinen Freund Mtzell nicht so naiv zum Hter bestellen. Aber sie mu
immer die Fden in der Hand haben, sie mu alles bestimmen, alles anordnen, und
wenn ich eine baumwollene Jacke will, so mu es eine wollene sein.
    Er machte sich nun an die Milch und mute lcheln, als er die lange Stange
mit dem schon niedergesunkenen Milchschaum in die Hand nahm. Mein eigentliches
Getrnk. Milch der frommen Denkungsart wrde Papa sagen. Ach, es ist zum rgern,
alles zum rgern. Bevormundung, wohin ich sehe, schlimmer als ob ich gestern
meinen Einsegnungstag gehabt htte. Helene wei alles besser, Otto wei alles
besser, und nun gar erst die Mama. Sie mchte mir am liebsten vorschreiben, ob
ich einen blauen oder grnen Schlips und einen graden oder schrgen Scheitel
tragen soll. Aber ich will mich nicht rgern. Die Hollnder haben ein
Sprichwort: rgere dich nicht, wundere dich blo. Und auch das werd ich mir
schlielich noch abgewhnen.
    Er sprach noch so weiter in sich hinein, abwechselnd die Menschen und die
Verhltnisse verklagend, bis er mit einem Mal all seinen Unmut gegen sich selber
richtete: Torheit. Die Menschen, die Verhltnisse, das alles ist es nicht;
nein, nein. Andere haben auch eine auf ihr Hausregiment eiferschtige Mama und
tun doch, was sie wollen; es liegt an mir. Pluck, dear Leopold, that's it, das
hat mir der gute Nelson noch gestern abend zum Abschied gesagt, und er hat ganz
recht. Da liegt es; nirgend anders. Mir fehlt es an Energie und Mut, und das
Aufbumen hab ich nun schon gewi nicht gelernt.
    Er blickte, whrend er so sprach, vor sich hin, knipste mit seiner Reitgerte
kleine Kiesstcke fort und malte Buchstaben in den frischgestreuten Sand. Und
als er nach einer Weile wieder aufblickte, sah er zahlreiche Boote, die vom
Stralauer Ufer her herberkamen, und dazwischen einen mit groem Segel
fluabwrts fahrenden Spreekahn. Wie sehnschtig richtete sich sein Blick
darauf.
    Ach, ich mu aus diesem elenden Zustande heraus, und wenn es wahr ist, da
einem die Liebe Mut und Entschlossenheit gibt, so mu noch alles gut werden. Und
nicht blo gut, es mu mir auch leicht werden und mich gradezu zwingen und
drngen, den Kampf aufzunehmen und ihnen allen zu zeigen, und der Mama voran,
da sie mich denn doch verkannt und unterschtzt haben. Und wenn ich in
Unentschlossenheit zurckfalle, was Gott verhte, so wird sie mir die ntige
Kraft geben. Denn sie hat all das, was mir fehlt, und wei alles und kann alles.
Aber bin ich ihrer sicher? Da steh ich wieder vor der Hauptfrage. Mitunter ist
es mir freilich, als kmmere sie sich um mich und als sprche sie eigentlich nur
zu mir, wenn sie zu anderen spricht. So war es noch gestern abend wieder, und
ich sah auch, wie Marcell sich verfrbte, weil er eiferschtig war. Etwas
anderes konnte es nicht sein. Und das alles...
    Er unterbrach sich, weil eben jetzt die sich um ihn her sammelnden Sperlinge
mit jedem Augenblicke zudringlicher wurden. Einige kamen bis auf den Tisch und
mahnten ihn durch Picken und dreistes Ansehen, da er ihnen noch immer ihr
Frhstck schulde. Lchelnd zerbrach er ein Biskuit und warf ihnen die Stcke
hin, mit denen zunchst die Sieger und, alsbald auch ihnen folgend, die anderen
in die Lindenbume zurckflogen. Aber kaum da die Strenfriede fort waren, so
waren fr ihn auch die alten Betrachtungen wieder da. Ja, das mit Marcell, das
darf ich mir zum Guten deuten und manches andere noch. Aber es kann auch alles
blo Spiel und Laune gewesen sein. Corinna nimmt nichts ernsthaft und will
eigentlich immer nur glnzen und die Bewunderung oder das Verwundertsein ihrer
Zuhrer auf sich ziehen. Und wenn ich mir diesen ihren Charakter berlege, so
mu ich an die Mglichkeit denken, da ich schlielich auch noch heimgeschickt
und ausgelacht werde. Das ist hart. Und doch mu ich es wagen... Wenn ich nur
wen htte, dem ich mich anvertrauen knnte, der mir riete. Leider hab ich
niemanden, keinen Freund; dafr hat Mama auch gesorgt, und so mu ich mir, ohne
Rat und Beistand, allerpersnlichst ein doppeltes Ja holen. Erst bei Corinna.
Und wenn ich dies erste Ja habe, so hab ich noch lange nicht das zweite. Das seh
ich nur zu klar. Aber das zweite kann ich mir wenigstens erkmpfen und will es
auch... Es gibt ihrer genug, fr die das alles eine Kleinigkeit wre, fr mich
aber ist es schwer; ich wei, ich bin kein Held, und das Heldische lt sich
nicht lernen. Jeder nach seinen Krften, sagte Direktor Hilgenhahn immer. Ach,
ich finde doch beinahe, da mir mehr aufgelegt wird, als meine Schultern tragen
knnen.
    Ein mit Personen besetzter Dampfer kam in diesem Augenblicke den Flu herauf
und fuhr, ohne an dem Wassersteg anzulegen, auf den Neuen Krug und Sadowa
zu; Musik war an Bord, und dazwischen wurden allerlei Lieder gesungen. Als das
Schiff erst den Steg und bald auch die Liebesinsel passiert hatte, fuhr auch
Leopold aus seinen Trumereien auf und sah, nach der Uhr blickend, da es
hchste Zeit sei, wenn er noch pnktlich auf dem Kontor eintreffen und sich eine
Reprimande oder, was schlimmer, eine spttische Bemerkung von seiten seines
Bruders Otto ersparen wollte. So schritt er denn unter freundlichem Gru an dem
immer noch an seiner Ecke stehenden Mtzell vorber und auf die Stelle zu, wo
der Einarmige sein Pferd hielt. Da, Fritz! Und nun hob er sich in den Sattel,
machte den Rckweg in einem guten Trab und bog, als er das Tor und gleich danach
die Pionierkaserne wieder passiert hatte, nach rechts hin in einen neben dem
Otto Treibelschen Holzhofe sich hinziehenden, schmalen Gang ein, ber dessen
Heckenzaun fort man auf den Vorgarten und die zwischen den Bumen gelegene Villa
sah. Bruder und Schwgerin saen noch beim Frhstck. Leopold grte hinber:
Guten Morgen, Otto; guten Morgen, Helene! Beide erwiderten den Gru, lchelten
aber, weil sie diese tgliche Reiterei ziemlich lcherlich fanden. Und gerade
Leopold! Was er sich eigentlich dabei denken mochte!
    Leopold selbst war inzwischen abgestiegen und gab das Pferd einem an der
Hintertreppe der Villa schon wartenden Diener, der es, die Kpnicker Strae
hinauf, nach dem elterlichen Fabrikhof und dem dazugehrigen Stallgebude fhrte
- stableyard, sagte Helene.

                                Neuntes Kapitel


Eine Woche war vergangen, und ber dem Schmidtschen Hause lag eine starke
Verstimmung; Corinna grollte mit Marcell, weil er mit ihr grollte (so wenigstens
mute sie sein Ausbleiben deuten), und die gute Schmolke wiederum grollte mit
Corinna wegen ihres Grollens auf Marcell. Das tut nicht gut, Corinna, so sein
Glck von sich zu stoen. Glaube mir, das Glck wird rgerlich, wenn man es
wegjagt, und kommt dann nicht wieder. Marcell ist, was man einen Schatz nennt
oder auch ein Juwel, Marcell ist ganz so, wie Schmolke war. So hie es jeden
Abend. Nur Schmidt selbst merkte nichts von der ber seinem Hause lagernden
Wolke, studierte sich vielmehr immer tiefer in die Goldmasken hinein und
entschied sich, in einem mit Distelkamp immer heftiger gefhrten Streite, auf
das bestimmteste hinsichtlich der einen fr Aegisth. Aegisth sei doch immerhin
sieben Jahre lang Klytmnestras Gemahl gewesen, auerdem naher Anverwandter des
Hauses, und wenn er, Schmidt, auch seinerseits zugeben msse, da der Mord
Agamemnons einigermaen gegen seine Aegisth-Hypothese spreche, so sei doch
andererseits nicht zu vergessen, da die ganze Mordaffaire mehr oder weniger
etwas Internes, sozusagen eine reine Familienangelegenheit gewesen sei, wodurch
die nach auen hin auf Volk und Staat berechnete Beisetzungs-und Zeremonialfrage
nicht eigentlich berhrt werden knne. Distelkamp schwieg und zog sich unter
Lcheln aus der Debatte zurck.
    Auch bei den alten und jungen Treibels herrschte eine gewisse schlechte
Laune vor: Helene war unzufrieden mit Otto, Otto mit Helenen, und die Mama
wiederum mit beiden. Am unzufriedensten, wenn auch nur mit sich selber, war
Leopold, und nur der alte Treibel merkte von der ihn umgebenden Verstimmung
herzlich wenig oder wollte nichts davon merken, erfreute sich vielmehr einer
ungewhnlich guten Laune. Da dem so war, hatte, wie bei Wilibald Schmidt, darin
seinen Grund, da er all die Zeit ber sein Steckenpferd tummeln und sich
einiger schon erzielter Triumphe rhmen durfte. Vogelsang war nmlich,
unmittelbar nach dem zu seinen und Mister Nelsons Ehren stattgehabten Diner, in
den fr Treibel zu erobernden Wahlkreis abgegangen, und zwar um hier in einer
Art Vorkampagne die Herzen und Nieren der Teupitz-Zossener und ihre mutmaliche
Haltung in der entscheidenden Stunde zu prfen. Es mu gesagt werden, da er,
bei Durchfhrung dieser seiner Aufgabe, nicht blo eine bemerkenswerte Ttigkeit
entfaltet, sondern auch beinahe tglich etliche Telegramme geschickt hatte,
darin er ber die Resultate seines Wahlfeldzuges, je nach der Bedeutung der
Aktion, lnger oder krzer berichtete. Da diese Telegramme mit denen des
ehemaligen Bernauer Kriegskorrespondenten eine verzweifelte hnlichkeit hatten,
war Treibel nicht entgangen, aber von diesem, weil er schlielich nur auf das
achtete, was ihm persnlich gefiel, ohne sonderliche Beanstandung hingenommen
worden. In einem dieser Telegramme hie es: Alles geht gut. Bitte,
Geldanweisung nach Teupitz hin. Ihr V. Und dann: Die Drfer am Schermtzelsee
sind unser. Gott sei Dank. berall dieselbe Gesinnung wie am Teupitzsee.
Anweisung noch nicht eingetroffen. Bitte dringend. Ihr V. ... Morgen nach
Storkow! Dort mu es sich entscheiden. Anweisung inzwischen empfangen. Aber
deckt nur gerade das schon Verausgabte. Montecuculis Wort ber Kriegfhrung gilt
auch fr Wahlfeldzge. Bitte weiteres nach Gro-Rietz hin. Ihr V. Treibel, in
geschmeichelter Eitelkeit, betrachtete hiernach den Wahlkreis als fr ihn
gesichert, und in den Becher seiner Freude fiel eigentlich nur ein
Wermutstropfen: er wute, wie kritisch ablehnend Jenny zu dieser Sache stand,
und sah sich dadurch gezwungen, sein Glck allein zu genieen. Friedrich,
berhaupt sein Vertrauter, war ihm auch jetzt wieder unter Larven die einzig
fhlende Brust, ein Zitat, das er nicht mde wurde sich zu wiederholen. Aber
eine gewisse Leere blieb doch. Auffallend war ihm auerdem, da die Berliner
Zeitungen gar nichts brachten, und zwar war ihm dies um so auffallender, als von
scharfer Gegnerschaft, allen Vogelsangschen Berichten nach, eigentlich keine
Rede sein konnte. Die Konservativen und Nationalliberalen, und vielleicht auch
ein paar Parlamentarier von Fach, mochten gegen ihn sein, aber was bedeutete
das? Nach einer ohngefhren Schtzung, die Vogelsang angestellt und in einem
eingeschriebenen Briefe nach Villa Treibel hin adressiert hatte, besa der ganze
Kreis nur sieben Nationalliberale: drei Oberlehrer, einen Kreisrichter, einen
rationalistischen Superintendenten und zwei studierte Bauergutsbesitzer, whrend
die Zahl der Orthodox-Konservativen noch hinter diesem bescheidenen Huflein
zurckblieb. Ernst zu nehmende Gegnerschaft, vacat. So schlo Vogelsangs
Brief, und vacat war unterstrichen. Das klang hoffnungsreich genug, lie aber,
inmitten aufrichtiger Freude, doch einen Rest von Unruhe fortbestehen, und als
eine runde Woche seit Vogelsangs Abreise vergangen war, brach denn auch wirklich
der groe Tag an, der die Berechtigung der instinktiv immer wieder sich
einstellenden ngstlichkeit und Sorge dartun sollte. Nicht unmittelbar, nicht
gleich im ersten Moment, aber die Frist war nur eine nach Minuten ganz kurz
bemessene.
    Treibel sa in seinem Zimmer und frhstckte. Jenny hatte sich mit Kopfweh
und einem schweren Traum entschuldigen lassen. Sollte sie wieder von Vogelsang
getrumt haben? Er ahnte nicht, da dieser Spott sich in derselben Stunde noch
an ihm rchen wrde. Friedrich brachte die Postsachen, unter denen diesmal wenig
Karten und Briefe, dafr aber desto mehr Zeitungen unter Kreuzband waren,
einige, soviel sich uerlich erkennen lie, mit merkwrdigen Emblemen und
Stadtwappen ausgerstet.
    All dies (zunchst nur Vermutung) sollte sich, bei schrferem Zusehen, rasch
besttigen, und als Treibel die Kreuzbnder entfernt und das weiche Lschpapier
ber den Tisch hin ausgebreitet hatte, las er mit einer gewissen heiteren
Andacht: Der Wchter an der Wendischen Spree, Wehrlos, ehrlos, Alltied
vorupp und Der Storkower Bote - zwei davon waren zis-, zwei
transspreeanischen Ursprunges. Treibel, sonst ein Feind alles berstrzten
Lesens, weil er von jedem blinden Eifer nur Unheil erwartete, machte sich
diesmal mit bemerkenswerter Raschheit ber die Bltter und berflog die blau
angestrichenen Stellen. Lieutenant Vogelsang (so hie es in jedem in wrtlicher
Wiederholung), ein Mann, der schon Anno 48 gegen die Revolution gestanden und
der Hydra das Haupt zertreten, htte sich an drei hintereinander folgenden Tagen
dem Kreise vorgestellt, nicht um seiner selbst, sondern um seines politischen
Freundes, des Kommerzienrats Treibel willen, der spter den Kreis besuchen und
bei der Gelegenheit die von Lieutenant Vogelsang ausgesprochenen Grundstze
wiederholen werde, was, soviel lasse sich schon heute sagen, als die wrmste
Empfehlung des eigentlichen Kandidaten anzusehen sei. Denn das Vogelsangsche
Programm laufe darauf hinaus, da zuviel und namentlich unter zu starker
Wahrnehmung persnlicher Interessen regiert werde, da also demgem alle
kostspieligen Zwischenstufen fallen mten (was wiederum gleichbedeutend sei
mit Herabsetzung der Steuern) und da von den gegenwrtigen, zum Teil
unverstndlichen Kompliziertheiten nichts brigbleiben drfe als ein freier
Frst und ein freies Volk. Damit seien freilich zwei Dreh- oder Mittelpunkte
gegeben, aber nicht zum Schaden der Sache. Denn wer die Tiefe des Lebens
ergrndet oder ihr auch nur nachgesprt habe, der wisse, da die Sache mit dem
einfachen Mittelpunkt - er vermeide mit Vorbedacht das Wort Zentrum - falsch sei
und da sich das Leben nicht im Kreise, wohl aber in der Ellipse bewege. Weshalb
zwei Drehpunkte das natrlich Gegebene seien.
    Nicht bel, sagte Treibel, als er gelesen, nicht bel. Es hat so was
Logisches; ein bichen verrckt, aber doch logisch. Das einzige, was mich
stutzig macht, ist, da es alles klingt, als ob es Vogelsang selber geschrieben
htte. Die zertretene Hydra, die herabgesetzten Steuern, das grliche Wortspiel
mit dem Zentrum und zuletzt der Unsinn mit dem Kreis und der Ellipse, das alles
ist Vogelsang. Und der Einsender an die vier Spreebltter ist natrlich wiederum
Vogelsang. Ich kenne meinen Pappenheimer. Und dabei schob Treibel den Wchter
an der Wendischen Spree samt dem ganzen Rest vom Tisch auf das Sofa hinunter
und nahm eine halbe Nationalzeitung zur Hand, die gleichfalls mit den anderen
Blttern unter Kreuzband eingegangen war, aber, der Handschrift und ganzen
Adresse nach, von jemand anderem als Vogelsang aufgegeben sein mute. Frher war
der Kommerzienrat Abonnent und eifriger Leser der Nationalzeitung gewesen, und
es kamen ihm auch jetzt noch tagtglich Viertelstunden, in denen er den Wechsel
in seiner Lektre bedauerte.
    Nun la sehn, sagte er schlielich und ging, das Blatt aufschlagend, mit
lesegewandtem Auge die drei Spalten hinunter, und richtig, da war es:
Parlamentarische Nachrichten. Aus dem Kreise Teupitz-Zossen. Als er den
Kopftitel gelesen, unterbrach er sich. Ich wei nicht, es klingt so sonderbar.
Und doch auch wieder, wie soll es am Ende anders klingen? Es ist der
natrlichste Anfang von der Welt; also nur vorwrts.
    Und so las er denn weiter: Seit drei Tagen haben in unserem stillen und
durch politische Kmpfe sonst wenig gestrten Kreise die Wahlvorbereitungen
begonnen, und zwar seitens einer Partei, die sich augenscheinlich vorgesetzt
hat, das, was ihr an historischer Kenntnis und politischer Erfahrung, ja, man
darf fglich sagen, an gesundem Menschenverstande fehlt, durch Fixigkeit zu
ersetzen. Eben diese Partei, die sonst nichts wei und kennt, kennt
augenscheinlich das Mrchen vom Swinegel und siner Fru und scheint gewillt, an
dem Tage, wo der Wettbewerb mit den wirklichen Parteien zu beginnen hat, eine
jede derselben mit dem aus jenem Mrchen wohlbekannten Swinegelzurufe: Ick bin
all hier empfangen zu wollen. Nur so vermgen wir uns dies berfrhe
Zurstellesein zu erklren. Alle Pltze scheinen, wie bei Theaterpremieren, von
Lieutenant Vogelsang und den Seinen im voraus belegt werden zu sollen. Aber man
wird sich tuschen. Es fehlt dieser Partei nicht an Stirn, wohl aber an dem, was
noch mit dazu gehrt; der Kasten ist da, nicht der Inhalt...
    Alle Wetter, sagte Treibel, der setzt scharf ein... Was davon auf mein
Teil kommt, ist mir nicht eben angenehm, aber dem Vogelsang gnn ich es. Etwas
ist in seinem Programm, das blendet, und damit hat er mich eingefangen.
Indessen, je mehr ich mir's ansehe, desto fraglicher erscheint es mir. Unter
diesen Knickstiebeln, die sich einbilden, schon vor vierzig Jahren die Hydra
zertreten zu haben, sind immer etliche Zirkelquadratur- und
Perpetuum-mobile-Sucher, immer solche, die das Unmgliche, das sich in sich
Widersprechende zustande bringen wollen. Vogelsang gehrt dazu. Vielleicht ist
es auch blo Geschft; wenn ich mir zusammenrechne, was ich in diesen acht
Tagen... Aber ich bin erst bis an den ersten Absatz der Korrespondenz gekommen;
die zweite Hlfte wird ihm wohl noch schrfer zu Leibe gehen oder vielleicht
auch mir. Und Treibel las weiter:
    Es ist kaum mglich, den Herrn, der uns gestern und vorgestern - seiner in
unserem Kreise voraufgegangenen Taten zu geschweigen - zunchst in
Markgraf-Pieske, dann aber in Storkow und Gro-Rietz beglckt hat, ernsthaft zu
nehmen, und zwar um so weniger, je ernsthafter das Gesicht ist, das er macht. Er
gehrt in die Klasse der Malvoglios, der feierlichen Narren, deren Zahl leider
grer ist, als man gewhnlich annimmt. Wenn sein Galimathias noch keinen Namen
hat, so knnte man ihn das Lied vom dreigestrichenen C nennen, denn Cabinet,
Churbrandenburg und Cantonale-Freiheit, das sind die drei groen C, womit dieser
Kurpfuscher die Welt oder doch wenigstens den preuischen Staat retten will.
Eine gewisse Methode lt sich darin nicht verkennen, indessen Methode hat auch
der Wahnsinn. Lieutenant Vogelsangs Sang hat uns aufs uerste mifallen. Alles
in seinem Programm ist gemeingefhrlich. Aber was wir am meisten beklagen, ist
das, da er nicht fr sich und in seinem Namen sprach, sondern im Namen eines
unserer geachtetsten Berliner Industriellen, des Kommerzienrats Treibel
(Berliner-Blau-Fabrik, Kpnicker Strae), von dem wir uns eines Besseren
versehen htten. Ein neuer Beweis dafr, da man ein guter Mensch und doch ein
schlechter Musikant sein kann, und desgleichen ein Beweis, wohin der politische
Dilettantismus fhrt.
    Treibel klappte das Blatt wieder zusammen, schlug mit der Hand darauf und
sagte: Nun, soviel ist gewi, in Teupitz-Zossen ist das nicht geschrieben. Das
ist Tells Gescho. Das kommt aus nchster Nhe. Das ist von dem
nationalliberalen Oberlehrer, der uns neulich bei Buggenhagen nicht blo
Opposition machte, sondern uns zu verhhnen suchte. Drang aber nicht durch.
Alles in allem, ich mag ihm nicht Unrecht geben, und jedenfalls gefllt er mir
besser als Vogelsang. Auerdem sind sie jetzt bei der Nationalzeitung halbe
Hofpartei, gehen mit den Freikonservativen zusammen. Es war eine Dummheit von
mir, mindestens eine bereilung, da ich abschwenkte. Wenn ich gewartet htte,
knnt ich jetzt, in viel besserer Gesellschaft, auf seiten der Regierung stehen.
Statt dessen bin ich auf den dummen Kerl und Prinzipienreiter eingeschworen. Ich
werde mich aber aus der ganzen Geschichte herausziehen, und zwar fr immer; der
Gebrannte scheut das Feuer... Eigentlich knnt ich mich noch beglckwnschen, so
mit tausend Mark, oder doch nicht viel mehr, davongekommen zu sein, wenn nur
nicht mein Name genannt wre. Mein Name. Das ist fatal... Und dabei schlug er
das Blatt wieder auf. Ich will die Stelle noch einmal lesen: einer unserer
geachtetsten Berliner Industriellen, der Kommerzienrat Treibel - ja, das la ich
mir gefallen, das klingt gut. Und nun lcherliche Figur von Vogelsangs Gnaden.
    Und unter diesen Worten stand er auf, um sich drauen im Garten zu ergehen
und in der frischen Luft seinen rger nach Mglichkeit loszuwerden.
    Es schien aber nicht recht glcken zu sollen, denn im selben Augenblick, wo
er, um den Giebel des Hauses herum, in den Hintergarten einbog, sah er die
Honig, die, wie jeden Morgen, so auch heute wieder das Bologneser Hndchen um
das Bassin fhrte. Treibel prallte zurck, denn nach einer Unterhaltung mit dem
aufgesteiften Frulein stand ihm durchaus nicht der Sinn. Er war aber schon
gesehen und begrt worden, und da groe Hflichkeit und mehr noch groe
Herzensgte zu seinen Tugenden zhlte, so gab er sich einen Ruck und ging guten
Muts auf die Honig zu, zu deren Kenntnissen und Urteilen er brigens ein
aufrichtiges Vertrauen hegte.
    Sehr erfreut, mein liebes Frulein, Sie mal allein und zu so guter Stunde
zu treffen... Ich habe seit lange so dies und das auf dem Herzen, mit dem ich
gern herunter mchte...
    Die Honig errtete, weil sie, trotz des guten Rufes, dessen sich Treibel
erfreute, doch von einem ngstlich sen Gefhl berrieselt wurde, dessen
uerste Nichtberechtigung ihr freilich im nchsten Momente schon in beinah
grausamer Weise klar werden sollte.
    ... Mich beschftigt nmlich meiner lieben kleinen Enkelin Erziehung, an
der ich denn doch das Hamburgische sich in einem Grade vollstrecken sehe - ich
whle diesen Schafottausdruck absichtlich -, der mich von meinem einfacheren
Berliner Standpunkt aus mit einiger Sorge erfllt.
    Das Bologneser Hndchen, das Czicka hie, zog in diesem Augenblick an der
Schnur und schien einem Perlhuhn nachlaufen zu wollen, das sich, vom Hof her, in
den Garten verirrt hatte; die Honig verstand aber keinen Spa und gab dem
Hndchen einen Klaps. Czicka seinerseits tat einen Blaff und warf den Kopf hin
und her, so da die seinem Rckchen (eigentlich blo eine Leibbinde) dicht
aufgenhten Glckchen in ein Klingen kamen. Dann aber beruhigte sich das
Tierchen wieder, und die Promenade um das Bassin herum begann aufs neue.
    Sehen Sie, Frulein Honig, so wird auch das Lizzichen erzogen. Immer an
einer Strippe, die die Mutter in Hnden hlt, und wenn mal ein Perlhuhn kommt
und das Lizzichen fort will, dann gibt es auch einen Klaps, aber einen ganz,
ganz kleinen, und der Unterschied ist blo, da Lizzi keinen Blaff tut und nicht
den Kopf wirft und natrlich auch kein Schellengelut hat, das ins Klingen
kommen kann.
    Lizzichen ist ein Engel, sagte die Honig, die whrend einer
sechzehnjhrigen Erzieherinnenlaufbahn Vorsicht im Ausdruck gelernt hatte.
    Glauben Sie das wirklich?
    Ich glaub es wirklich, Herr Kommerzienrat, vorausgesetzt, da wir uns ber
Engel einigen.
    Sehr gut, Frulein Honig, das kommt mir zupa. Ich wollte nur ber Lizzi
mit Ihnen sprechen und hre nun auch noch was ber Engel. Im ganzen genommen ist
die Gelegenheit, sich ber Engel ein festes Urteil zu bilden, nicht gro. Nun
sagen Sie, was verstehen Sie unter Engel? Aber kommen Sie mir nicht mit Flgel.
    Die Honig lchelte. Nein, Herr Kommerzienrat, nichts von Flgel, aber ich
mchte doch sagen drfen Unberhrtheit vom Irdischen, das ist ein Engel.
    Das lt sich hren. Unberhrtheit vom Irdischen - nicht bel. Ja, noch
mehr, ich will es ohne weiteres gelten lassen und will es schn finden, und wenn
Otto und meine Schwiegertochter Helene sich klar und zielbewut vorsetzen
wrden, eine richtige kleine Genoveva auszubilden oder eine kleine keusche
Susanna, Pardon, ich kann im Augenblicke kein besseres Beispiel finden, oder
wenn alles ganz ernsthaft darauf hinausliefe, sagen wir fr irgendeinen
Thringer Landgrafen oder meinetwegen auch fr ein geringeres Geschpf Gottes
einen Abklatsch der heiligen Elisabeth herzustellen, so htte ich nichts
dagegen. Ich halte die Lsung solcher Aufgabe fr sehr schwierig, aber nicht fr
unmglich, und wie so schn gesagt worden ist und immer noch gesagt wird, solche
Dinge auch blo gewollt zu haben ist schon etwas Groes.
    Die Honig nickte, weil sie der eigenen, nach dieser Seite hin liegenden
Anstrengungen gedenken mochte.
    Sie stimmen mir zu, fuhr Treibel fort. Nun, das freut mich. Und ich
denke, wir sollen auch in dem zweiten einig bleiben. Sehen Sie, liebes Frulein,
ich begreife vollkommen, trotzdem es meinem persnlichen Geschmack widerspricht,
da eine Mutter ihr Kind auf einen richtigen Engel hin erzieht; man kann nie
ganz genau wissen, wie diese Dinge liegen, und wenn es zum letzten kommt, so
ganz zweifelsohne vor seinem Richter zu stehen, wer sollte sich das nicht
wnschen? Ich mchte beinah sagen, ich wnsch es mir selber. Aber, mein liebes
Frulein, Engel und Engel ist ein Unterschied, und wenn der Engel weiter nichts
ist als ein Waschengel und die Fleckenlosigkeit der Seele nach dem Seifenkonsum
berechnet und die ganze Reinheit des werdenden Menschen auf die Weiheit seiner
Strmpfe gestellt wird, so erfllt mich dies mit einem leisen Grauen. Und wenn
es nun gar das eigene Enkelkind ist, dessen flachsene Haare, Sie werden es auch
bemerkt haben, vor lauter Pflege schon halb ins Kakerlakige fallen, so wird
einem alten Grovater himmelangst dabei. Knnten Sie sich nicht hinter die
Wulsten stecken? Die Wulsten ist eine verstndige Person und bumt, glaub ich,
innerlich gegen diese Hamburgereien auf. Ich wrde mich freuen, wenn Sie
Gelegenheit nhmen...
    In diesem Augenblicke wurde Czicka wieder unruhig und blaffte lauter als
zuvor. Treibel, der sich in Auseinandersetzungen der Art nicht gern unterbrochen
sah, wollte verdrielich werden, aber ehe er noch recht dazu kommen konnte,
wurden drei junge Damen von der Villa her sichtbar, zwei von ihnen ganz
gleichartig in bastfarbene Sommerstoffe gekleidet. Es waren die beiden
Felgentreus, denen Helene folgte.
    Gott sei Dank, Helene, sagte Treibel, der sich - vielleicht weil er ein
schlechtes Gewissen hatte - zunchst an die Schwiegertochter wandte, Gott sei
Dank, da ich dich einmal wiedersehe. Du warst eben der Gegenstand unseres
Gesprchs, oder mehr noch dein liebes Lizzichen, und Frulein Honig stellte
fest, da Lizzichen ein Engel sei. Du kannst dir denken, da ich nicht
widersprochen habe. Wer ist nicht gern der Grovater eines Engels? Aber, meine
Damen, was verschafft mir so frh diese Ehre? Oder gilt es meiner Frau? Sie hat
ihre Migrne. Soll ich sie rufen lassen...?
    O nein, Papa, sagte Helene mit einer Freundlichkeit, die nicht immer ihre
Sache war. Wir kommen zu dir. Felgentreus haben nmlich vor, heute nachmittag
eine Partie nach Halensee zu machen, aber nur wenn alle Treibels, von Otto und
mir ganz abgesehen, daran teilnehmen. Die Felgentreuschen Schwestern
besttigten dies alles durch Schwenken ihrer Sonnenschirme, whrend Helene
fortfuhr: Und nicht spter als drei. Wir mssen also versuchen, unserem Lunch
einen kleinen Dinner-Charakter zu geben oder aber unser Dinner bis auf acht Uhr
abends hinausschieben. Elfriede und Blanca wollen noch in die Adlerstrae, um
auch Schmidts aufzufordern, zum mindesten Corinna; der Professor kommt dann
vielleicht nach. Krola hat schon zugesagt und will ein Quartett mitbringen,
darunter zwei Referendare von der Potsdamer Regierung...
    Und Reserveoffiziere, ergnzte Blanca, die jngere Felgentreu...
    Reserveoffiziere, wiederholte Treibel ernsthaft. Ja, meine Damen, das
gibt den Ausschlag. Ich glaube nicht, da ein hierlandes lebender Familienvater,
auch wenn ihm ein grausames Schicksal eigene Tchter versagte, den Mut haben
wird, eine Landpartie mit zwei Reservelieutenants auszuschlagen. Also bestens
akzeptiert. Und drei Uhr. Meine Frau wird zwar verstimmt sein, da, ber ihr
Haupt hinweg, endgltige Beschlsse gefat worden sind, und ich frchte beinah
ein momentanes Wachsen des tic douloureux. Trotzdem bin ich ihrer sicher.
Landpartie mit Quartett und von solcher gesellschaftlichen Zusammensetzung - die
Freude darber bleibt prdominierendes Gefhl. Dem ist keine Migrne gewachsen.
Darf ich Ihnen brigens meine Melonenbeete zeigen? Oder nehmen wir lieber einen
leichten Imbi, ganz leicht, ohne jede ernste Gefhrdung des Lunch?
    Alle drei dankten, die Felgentreus, weil sie sich direkt zu Corinna begeben
wollten, Helene, weil sie Lizzis halber wieder nach Hause msse. Die Wulsten sei
nicht achtsam genug und lasse Dinge durchgehen, von denen sie nur sagen knne,
da sie shocking seien. Zum Glck sei Lizzichen ein so gutes Kind, sonst wrde
sie sich ernstlicher Sorge darber hingeben mssen.
    Lizzichen ist ein Engel, die ganze Mutter, sagte Treibel und wechselte,
whrend er das sagte, Blicke mit der Honig, welche die ganze Zeit ber in einer
gewissen reservierten Haltung seitab gestanden hatte.

                                Zehntes Kapitel


Auch Schmidts hatten zugesagt, Corinna mit besonderer Freudigkeit, weil sie sich
seit dem Dinertage bei Treibels in ihrer huslichen Einsamkeit herzlich
gelangweilt hatte; die groen Stze des Alten kannte sie lngst auswendig, und
von den Erzhlungen der guten Schmolke galt dasselbe. So klang denn ein
Nachmittag in Halensee fast so poetisch wie vier Wochen auf Capri, und
Corinna beschlo daraufhin, ihr Bestes zu tun, um sich bei dieser Gelegenheit
auch uerlich neben den Felgentreus behaupten zu knnen. Denn in ihrer Seele
dmmerte eine unklare Vorstellung davon, da diese Landpartie nicht gewhnlich
verlaufen, sondern etwas Groes bringen werde. Marcell war zur Teilnahme nicht
aufgefordert worden, womit seine Cousine, nach der eine ganze Woche lang von ihm
beobachteten Haltung, durchaus einverstanden war. Alles versprach einen frohen
Tag, besonders auch mit Rcksicht auf die Zusammensetzung der Gesellschaft.
Unter dem, was man im voraus vereinbart hatte, war, nach Verwerfung eines von
Treibel in Vorschlag gebrachten Kremsers, der immer das Eigentliche sei, das
die Hauptsache gewesen, da man auf gemeinschaftliche Fahrt verzichten, dafr
aber mnniglich sich verpflichten wolle, Punkt vier Uhr und jedenfalls nicht mit
berschreitung des akademischen Viertels in Halensee zu sein.
    Und wirklich um vier Uhr war alles versammelt oder doch fast alles. Alte und
junge Treibels, desgleichen die Felgentreus, hatten sich in eigenen Equipagen
eingefunden, whrend Krola, von seinem Quartett begleitet, aus nicht
aufgeklrten Grnden die neue Dampfbahn, Corinna aber mutterwindallein - der
Alte wollte nachkommen - die Stadtbahn benutzt hatte. Von den Treibels fehlte
nur Leopold, der sich, weil er durchaus an Mister Nelson zu schreiben habe,
wegen einer halben Stunde Versptung im voraus entschuldigen lie. Corinna war
momentan verstimmt darber, bis ihr der Gedanke kam, es sei wohl eigentlich
besser so; kurze Begegnungen seien inhaltreicher als lange.
    Nun, lieben Freunde, nahm Treibel das Wort, alles nach der Ordnung. Erste
Frage, wo bringen wir uns unter? Wir haben verschiedenes zur Wahl. Bleiben wir
hier Parterre, zwischen diesen formidablen Tischreihen, oder rcken wir auf die
benachbarte Veranda hinauf, die Sie, wenn Sie Gewicht darauf legen, auch als
Altan oder als Sller bezeichnen knnen? Oder bevorzugen Sie vielleicht die
Verschwiegenheit der inneren Gemcher, irgendeiner Kemenate von Halensee? Oder
endlich, viertens und letztens, sind Sie fr Turmbesteigung und treibt es Sie,
diese Wunderwelt, in der keines Menschen Auge bisher einen frischen Grashalm
entdecken konnte, treibt es Sie, sag ich, dieses von Spargelbeeten und
Eisenbahndmmen durchsetzte Wstenpanorama zu Ihren Fen ausgebreitet zu
sehen?
    Ich denke, sagte Frau Felgentreu, die, trotzdem sie kaum ausgangs Vierzig
war, schon das Embonpoint und das Asthma einer Sechzigerin hatte, ich denke,
lieber Treibel, wir bleiben, wo wir sind. Ich bin nicht fr Steigen, und dann
mein ich auch immer, man mu mit dem zufrieden sein, was man gerade hat.
    Eine merkwrdig bescheidene Frau, sagte Corinna zu Krola, der seinerseits
mit einfacher Zahlennennung antwortete, leise hinzusetzend, aber Taler.
    Gut denn, fuhr Treibel fort, wir bleiben also in der Tiefe. Wozu dem
Hheren zustreben? Man mu zufrieden sein mit dem durch Schicksalsbeschlu
Gegebenen, wie meine Freundin Felgentreu soeben versichert hat. Mit anderen
Worten: Geniee frhlich, was du hast. Aber, liebe Festgenossen, was tun wir, um
unsere Frhlichkeit zu beleben oder, richtiger und artiger, um ihr Dauer zu
geben? Denn von Belebung unserer Frhlichkeit sprechen hiee das augenblickliche
Vorhandensein derselben in Zweifel ziehen - eine Blasphemie, deren ich mich
nicht schuldig machen werde. Landpartien sind immer frhlich. Nicht wahr.
Krola?
    Krola besttigte mit einem verschmitzten Lcheln, das fr den Eingeweihten
eine stille Sehnsucht nach Siechen oder dem schweren Wagner ausdrcken sollte.
    Treibel verstand es auch so. Landpartien also sind immer frhlich, und dann
haben wir das Quartett in Bereitschaft und haben Professor Schmidt in Sicht und
Leopold auch. Ich finde, da dies allein schon ein Programm ausdrckt. Und nach
diesen Einleitungsworten einen in der Nhe stehenden mittelalterlichen Kellner
heranwinkend, fuhr er in einer anscheinend an diesen, in Wahrheit aber an seine
Freunde gerichteten Rede fort: Ich denke, Kellner, wir rcken zunchst einige
Tische zusammen, hier zwischen Brunnen und Fliederbosquet; da haben wir frische
Luft und etwas Schatten. Und dann, Freund, sobald die Lokalfrage geregelt und
das Aktionsfeld abgesteckt ist, dann etwelche Portionen Kaffee, sagen wir
vorlufig fnf, Zucker doppelt, und etwas Kuchiges, gleichviel was, mit Ausnahme
von altdeutschem Napfkuchen, der mir immer eine Mahnung ist, es mit dem neuen
Deutschland ernst und ehrlich zu versuchen. Die Bierfrage knnen wir spter
regeln, wenn unser Zuzug eingetroffen ist.
    Dieser Zuzug war nun in der Tat nher, als die ganze Gesellschaft zu hoffen
gewagt hatte. Schmidt, in einer ihn begleitenden Wolke herankommend, war
mllergrau von Chausseestaub und mute es sich gefallen lassen, von den jungen,
dabei nicht wenig kokettierenden Damen abgeklopft zu werden, und kaum da er in
Stand gesetzt und in den Kreis der brigen eingereiht war, so ward auch schon
Leopold in einer langsam herantrottenden Droschke sichtbar, und beide
Felgentreus (Corinna hielt sich zurck) liefen auch ihm bis auf die Chaussee
hinaus entgegen und schwenkten dieselben kleinen Batisttcher zu seiner
Begrung, mit denen sie eben den alten Schmidt restituiert und wieder leidlich
gesellschaftsfhig gemacht hatten.
    Auch Treibel hatte sich erhoben und sah der Anfahrt seines Jngsten zu.
Sonderbar, sagte er zu Schmidt und Felgentreu, zwischen denen er sa,
sonderbar; es heit immer, der Apfel fllt nicht weit vom Stamm. Aber mitunter
tut er's doch. Alle Naturgesetze schwanken heutzutage. Die Wissenschaft setzt
ihnen zu arg zu. Sehen Sie, Schmidt, wenn ich Leopold Treibel wre (mit meinem
Vater war das etwas anderes, der war noch aus der alten Zeit), so htte mich
doch kein Deubel davon abgehalten, hier heute hoch zu Ro vorzureiten, und htte
mich grazis - denn, Schmidt, wir haben doch auch unsere Zeit gehabt -, htte
mich grazis, sag ich, aus dem Sattel geschwungen und mir mit der Badine die
Stiefel und die Unaussprechlichen abgeklopft und wre hier, schlecht gerechnet,
wie ein junger Gott erschienen, mit einer roten Nelke im Knopfloch, ganz wie
Ehrenlegion oder ein hnlicher Unsinn. Und nun sehen Sie sich den Jungen an.
Kommt er nicht an, als ob er hingerichtet werden sollte? Denn das ist ja gar
keine Droschke, das ist ein Karren, eine Schleife. Wei der Himmel, wo's nicht
drin steckt, da kommt es auch nicht.
    Unter diesen Worten war Leopold herangekommen, untergefat von den beiden
Felgentreus, die sich vorgesetzt zu haben schienen,  tout prix fr das
Landpartieliche zu sorgen. Corinna, wie sich denken lt, gefiel sich in
Mibilligung dieser Vertraulichkeit und sagte vor sich hin: Dumme Dinger! Dann
aber erhob auch sie sich, um Leopold gemeinschaftlich mit den andern zu
begren.
    Die Droschke drauen hielt noch immer, was dem alten Treibel schlielich
auffiel. Sage, Leopold, warum hlt er noch? Rechnet er auf Rckfahrt?
    Ich glaube, Papa, da er futtern will.
    Wohl und weise. Freilich mit seinem Hckselsack wird er nicht weit kommen.
Hier mssen energischere Belebungsmittel angewandt werden, sonst passiert was.
Bitte, Kellner, geben Sie dem Schimmel ein Seidel. Aber Lwenbru. Dessen ist er
am bedrftigsten.
    Ich wette, sagte Krola, der Kranke wird von Ihrer Arznei nichts wissen
wollen.
    Ich verbrge mich fr das Gegenteil. In dem Schimmel steckt was; blo
heruntergekommen.
    Und whrend das Gesprch noch andauerte, folgte man dem Vorgange drauen und
sah, wie das arme verschmachtete Tier mit Gier das Seidel austrank und in ein
schwaches Freudengewieher ausbrach.
    Da haben wir's, triumphierte Treibel. Ich bin ein Menschenkenner; der hat
bessere Tage gesehen, und mit diesem Seidel zogen alte Zeiten in ihm herauf. Und
Erinnerungen sind immer das Beste. Nicht wahr, Jenny?
    Die Kommerzienrtin antwortete mit einem langgedehnten ja, Treibel und
deutete durch den Ton an, da er besser tte, sie mit solchen Betrachtungen zu
verschonen.

Eine Stunde verging unter allerhand Plaudereien, und wer gerade schwieg, der
versumte nicht, das Bild auf sich wirken zu lassen, das sich um ihn her
ausbreitete. Da stieg zunchst eine Terrasse nach dem See hinunter, von dessen
anderm Ufer her man den schwachen Knall einiger Teschins hrte, mit denen in
einer dort etablierten Schiebude nach der Scheibe geschossen wurde, whrend man
aus verhltnismiger Nhe das Kugelrollen einer am diesseitigen Ufer sich
hinziehenden Doppelkegelbahn und dazwischen die Rufe des Kegeljungen vernahm.
Den See selbst aber sah man nicht recht, was die Felgentreuschen Mdchen zuletzt
ungeduldig machte. Wir mssen doch den See sehen. Wir knnen doch nicht in
Halensee gewesen sein, ohne den Halensee gesehen zu haben! Und dabei schoben
sie zwei Sthle mit den Lehnen zusammen und kletterten hinauf, um so den
Wasserspiegel vielleicht entdecken zu knnen. Ach, da ist er. Etwas klein.
    Das Auge der Landschaft mu klein sein, sagte Treibel. Ein Ozean ist kein
Auge mehr.
    Und wo nur die Schwne sind? fragte die ltere Felgentreu neugierig. Ich
sehe doch zwei Schwanenhuser.
    Ja, liebe Elfriede, sagte Treibel. Sie verlangen zuviel. Das ist immer
so; wo Schwne sind, sind keine Schwanenhuser, und wo Schwanenhuser sind, sind
keine Schwne. Der eine hat den Beutel, der andre hat das Geld. Diese
Wahrnehmung, meine junge Freundin, werden Sie noch verschiedentlich im Leben
machen. Lassen Sie mich annehmen, nicht zu sehr zu Ihrem Schaden.
    Elfriede sah ihn gro an. Worauf bezog sich das und auf wen? Auf Leopold?
oder auf den frheren Hauslehrer, mit dem sie sich noch schrieb, aber doch nur
so, da es nicht vllig einschlief. Oder auf den Pionierlieutenant? Es konnte
sich auf alle drei beziehen. Leopold hatte das Geld... Hm.
    Im brigen, fuhr Treibel an die Gesamtheit gewendet fort, ich habe mal wo
gelesen, da es immer das Geratenste sei, das Schnste nicht auszukosten,
sondern mitten im Genusse dem Genu Valet zu sagen. Und dieser Gedanke kommt mir
auch jetzt wieder. Es ist kein Zweifel, da dieser Fleck Erde mit zu dem
Schnsten zhlt, was die norddeutsche Tiefebene besitzt, durchaus angetan, durch
Sang und Bild verherrlicht zu werden, wenn es nicht schon geschehen ist - denn
wir haben jetzt eine mrkische Schule, vor der nichts sicher ist,
Beleuchtungsknstler ersten Ranges, wobei Wort oder Farbe keinen Unterschied
macht. Aber eben weil es so schn ist, gedenken wir jenes vorzitierten Satzes,
der von einem letzten Auskosten nichts wissen will, mit andern Worten,
beschftigen wir uns mit dem Gedanken an Aufbruch. Ich sage wohlberlegt
Aufbruch, nicht Rckfahrt, nicht vorzeitige Rckkehr in die alten Geleise, das
sei ferne von mir; dieser Tag hat sein letztes Wort noch nicht gesprochen. Nur
ein Scheiden speziell aus diesem Idyll, eh es uns ganz umstrickt! Ich proponiere
Waldpromenade bis Paulsborn oder, wenn dies zu khn erscheinen sollte, bis
Hundekehle. Die Prosa des Namens wird ausgeglichen durch die Poesie der greren
Nhe. Vielleicht, da ich mir den besonderen Dank meiner Freundin Felgentreu
durch diese Modifikation verdiene.
    Frau Felgentreu, der nichts rgerlicher war als Anspielungen auf ihre
Wohlbeleibtheit und Kurzatmigkeit, begngte sich, ihrem Freunde Treibel den
Rcken zu kehren.
    Dank vom Hause sterreich. Aber es ist immer so, der Gerechte mu viel
leiden. Ich werde mich auf einem verschwiegenen Waldwege bemhen, Ihrem schnen
Unmut die Spitze abzubrechen. Darf ich um Ihren Arm bitten, liebe Freundin?
    Und alles erhob sich, um in Gruppen zu zweien und dreien die Terrasse
hinabzusteigen und, zu beiden Seiten des Sees, auf den schon im halben Dmmer
liegenden Grunewald zuzuschreiten.

Die Hauptkolonne hielt sich links. Sie bestand, unter Vorantritt des
Felgentreuschen Ehepaares (Treibel hatte sich von seiner Freundin wieder frei
gemacht), aus dem Krolaschen Quartett, in das sich Elfriede und Blanca
Felgentreu derart eingereiht hatten, da sie zwischen den beiden Referendarien
und zwei jungen Kaufleuten gingen. Einer der jungen Kaufleute war ein berhmter
Jodler und trug auch den entsprechenden Hut. Dann kamen Otto und Helene, whrend
Treibel und Krola abschlossen.
    Es geht doch nichts ber eine richtige Ehe, sagte Krola zu Treibel und
wies auf das junge Paar vor ihnen. Sie mssen sich doch aufrichtig freuen,
Kommerzienrat, wenn Sie Ihren ltesten so glcklich und so zrtlich neben dieser
hbschen und immer blink und blanken Frau einherschreiten sehen. Schon oben
saen sie dicht beisammen, und nun gehen sie Arm in Arm. Ich glaube beinah, sie
drcken sich leise.
    Mir ein sichrer Beweis, da sie sich vormittags gezankt haben. Otto, der
arme Kerl, mu nun Reugeld zahlen.
    Ach, Treibel, Sie sind ewig ein Sptter. Ihnen kann es keiner recht machen
und am wenigsten die Kinder. Glcklicherweise sagen Sie das so hin, ohne recht
dran zu glauben. Mit einer Dame, die so gut erzogen wurde, kann man sich
berhaupt nicht zanken.
    In diesem Augenblicke hrte man den Jodler einige Juchzer ausstoen, so
tirolerhaft echt, da sich das Echo der Pichelsberge nicht veranlat sah, darauf
zu antworten.
    Krola lachte. Das ist der junge Metzner. Er hat eine merkwrdig gute
Stimme, wenigstens fr einen Dilettanten, und hlt eigentlich das Quartett
zusammen. Aber sowie er eine Prise frische Luft wittert, ist es mit ihm vorbei.
Dann fat ihn das Schicksal mit rasender Gewalt, und er mu jodeln. .. Aber wir
wollen von den Kindern nicht abkommen. Sie werden mir doch nicht weismachen
wollen - Krola war neugierig und hrte gern Intimitten -, Sie werden mir doch
nicht weismachen wollen, da die beiden da vor uns in einer unglcklichen Ehe
leben. Und was das Zanken angeht, so kann ich nur wiederholen, Hamburgerinnen
stehen auf einer Bildungsstufe, die den Zank ausschliet.
    Treibel wiegte den Kopf. Ja, sehen Sie, Krola, Sie sind nun ein so
gescheiter Kerl und kennen die Weiber, ja, wie soll ich sagen, Sie kennen sie,
wie sie nur ein Tenor kennen kann. Denn ein Tenor geht noch weit bern
Lieutenant. Und doch offenbaren Sie hier in dem speziell Ehelichen, was noch
wieder ein Gebiet fr sich ist, ein furchtbares Manquement. Und warum? Weil
Sie's in Ihrer eigenen Ehe, gleichviel nun, ob durch Ihr oder Ihrer Frau
Verdienst, ausnahmsweise gut getroffen haben. Natrlich, wie Ihr Fall beweist,
kommt auch das vor. Aber die Folge davon ist einfach die, da Sie - auch das
Beste hat seine Kehrseite -, da Sie, sag ich, kein richtiger Ehemann sind, da
Sie keine volle Kenntnis von der Sache haben; Sie kennen den Ausnahmefall, aber
nicht die Regel. ber Ehe kann nur sprechen, wer sie durchgefochten hat, nur der
Veteran, der auf Wundenmale zeigt... Wie heit es doch? Nach Frankreich zogen
zwei Grenadier, die lieen die Kpfe hangen... Da haben Sie's.
    Ach, das sind Redensarten, Treibel...
    ... Und die schlimmsten Ehen sind die, lieber Krola, wo furchtbar gebildet
gestritten wird, wo, wenn Sie mir den Ausdruck gestatten wollen, eine
Kriegsfhrung mit Sammethandschuhen stattfindet oder, richtiger noch, wo man
sich, wie beim rmischen Karneval, Konfetti ins Gesicht wirft. Es sieht hbsch
aus, aber verwundet doch. Und in dieser Kunst anscheinend geflligen
Konfettiwerfens ist meine Schwiegertochter eine Meisterin. Ich wette, da mein
armer Otto schon oft bei sich gedacht hat, wenn sie dich doch kratzte, wenn sie
doch mal auer sich wre, wenn sie doch mal sagte: Scheusal oder Lgner oder
elender Verfhrer...
    Aber, Treibel, das kann sie doch nicht sagen. Das wre ja Unsinn. Otto ist
ja doch kein Verfhrer, also auch kein Scheusal... 
    Ach, Krola, darauf kommt es ja gar nicht an. Worauf es ankommt, ist, sie
mu sich dergleichen wenigstens denken knnen, sie mu eine eiferschtige Regung
haben, und in solchem Momente mu es afrikanisch aus ihr losbrechen. Aber alles,
was Helene hat, hat hchstens die Temperatur der Uhlenhorst. Sie hat nichts als
einen unerschtterlichen Glauben an Tugend und Windsor-soap.
    Nun meinetwegen. Aber wenn es so ist, wo kommt dann der Zank her?
    Der kommt doch. Er tritt nur anders auf, anders, aber nicht besser. Kein
Donnerwetter, nur kleine Worte mit dem Giftgehalt eines halben Mckenstichs,
oder aber Schweigen, Stummheit, Muffeln, das innere Dppel der Ehe, whrend nach
auen hin das Gesicht keine Falte schlgt. Das sind so die Formen. Und ich
frchte, die ganze Zrtlichkeit, die wir da vor uns wandeln sehen und die sich
augenscheinlich sehr einseitig gibt, ist nichts als ein Buetun - Otto Treibel
im Schlohof zu Canossa und mit Schnee unter den Fen. Sehen Sie nun den armen
Kerl; er biegt den Kopf in einem fort nach rechts, und Helene rhrt sich nicht
und kommt aus der graden Hamburger Linie nicht heraus... Aber jetzt mssen wir
schweigen. Ihr Quartett hebt eben an. Was ist es denn?
    Es ist das bekannte: Ich wei nicht, was soll es bedeuten?
    Ah, das ist recht. Eine jederzeit wohl aufzuwerfende Frage, besonders auf
Landpartien.

Rechts um den See hin gingen nur zwei Paare, vorauf der alte Schmidt und seine
Jugendfreundin Jenny und in einiger Entfernung hinter ihnen Leopold und Corinna.
    Schmidt hatte seiner Dame den Arm gereicht und zugleich gebeten, ihr die
Mantille tragen zu drfen, denn es war etwas schwl unter den Bumen. Jenny
hatte das Anerbieten auch dankbar angenommen; als sie aber wahrnahm, da der
gute Professor den Spitzenbesatz immer nachschleppen und sich abwechselnd in
Wacholder und Heidekraut verfangen lie, bat sie sich die Mantille wieder aus.
Sie sind noch geradeso wie vor vierzig Jahren, lieber Schmidt. Galant, aber mit
keinem rechten Erfolge.
    Ja, gndigste Frau, diese Schuld kann ich nicht von mir abwlzen, und sie
war zugleich mein Schicksal. Wenn ich mit meinen Huldigungen erfolgreicher
gewesen wre, denken Sie, wie ganz anders sich mein Leben und auch das Ihrige
gestaltet htte...
    Jenny seufzte leise.
    Ja, gndigste Frau, dann htten Sie das Mrchen Ihres Lebens nie begonnen.
Denn alles groe Glck ist ein Mrchen.
    Alles groe Glck ist ein Mrchen, wiederholte Jenny langsam und
gefhlvoll. Wie wahr, wie schn! Und sehen Sie, Wilibald, da das beneidete
Leben, das ich jetzt fhre, meinem Ohr und meinem Herzen solche Worte versagt,
da lange Zeiten vergehen, ehe Aussprche von solcher poetischen Tiefe zu mir
sprechen, das ist fr eine Natur, wie sie mir nun mal geworden, ein ewig
zehrender Schmerz. Und Sie sprechen dabei von Glck, Wilibald, sogar von groem
Glck! Glauben Sie mir, mir, die ich dies alles durchlebt habe, diese soviel
begehrten Dinge sind wertlos fr den, der sie hat. Oft, wenn ich nicht schlafen
kann und mein Leben berdenke, wird es mir klar, da das Glck, das anscheinend
soviel fr mich tat, mich nicht die Wege gefhrt hat, die fr mich paten, und
da ich in einfacheren Verhltnissen und als Gattin eines in der Welt der Ideen
und vor allem auch des Idealen stehenden Mannes wahrscheinlich glcklicher
geworden wre. Sie wissen, wie gut Treibel ist und da ich ein dankbares Gefhl
fr seine Gte habe. Trotzdem mu ich es leider aussprechen, es fehlt mir,
meinem Manne gegenber, jene hohe Freude der Unterordnung, die doch unser
schnstes Glck ausmacht und so recht gleichbedeutend ist mit echter Liebe.
Niemandem darf ich dergleichen sagen; aber vor Ihnen, Wilibald, mein Herz
auszuschtten ist, glaub ich, mein schn menschliches Recht und vielleicht sogar
meine Pflicht...
    Schmidt nickte zustimmend und sprach dann ein einfaches: Ach, Jenny... mit
einem Tone, drin er den ganzen Schmerz eines verfehlten Lebens zum Ausdruck zu
bringen trachtete. Was ihm auch gelang. Er lauschte selber dem Klang und
beglckwnschte sich im stillen, da er sein Spiel so gut gespielt habe. Jenny,
trotz aller Klugheit, war doch eitel genug, an das Ach ihres ehemaligen
Anbeters zu glauben.
    So gingen sie, schweigend und anscheinend ihren Gefhlen hingegeben,
nebeneinander her, bis Schmidt die Notwendigkeit fhlte, mit irgendeiner Frage
das Schweigen zu brechen. Er entschied sich dabei fr das alte Rettungsmittel
und lenkte das Gesprch auf die Kinder. Ja, Jenny, hob er mit immer noch
verschleierter Stimme an, was versumt ist, ist versumt. Und wer fhlte das
tiefer als ich selbst. Aber eine Frau wie Sie, die das Leben begreift, findet
auch im Leben selbst ihren Trost, vor allem in der Freude tglicher
Pflichterfllung. Da sind in erster Reihe die Kinder, ja, schon ein Enkelkind
ist da, wie Milch und Blut, das liebe Lizzichen, und das sind dann, mein ich,
die Hlfen, daran Frauenherzen sich aufrichten mssen. Und wenn ich auch Ihnen
gegenber, teure Freundin, von einem eigentlichen Eheglcke nicht sprechen will,
denn wir sind wohl einig in dem, was Treibel ist und nicht ist, so darf ich doch
sagen, Sie sind eine glckliche Mutter. Zwei Shne sind Ihnen herangewachsen,
gesund, oder doch was man so gesund zu nennen pflegt, von guter Bildung und
guten Sitten. Und bedenken Sie, was allein dies letzte heutzutage bedeuten will.
Otto hat sich nach Neigung verheiratet und sein Herz einer schnen und reichen
Dame geschenkt, die, soviel ich wei, der Gegenstand allgemeiner Verehrung ist,
und wenn ich recht berichtet bin, so bereitet sich im Hause Treibel ein zweites
Verlbnis vor, und Helenens Schwester steht auf dem Punkte, Leopolds Braut zu
werden...
    Wer sagt das? fuhr jetzt Jenny heraus, pltzlich aus dem sentimental
Schwrmerischen in den Ton ausgesprochenster Wirklichkeit verfallend. Wer sagt
das?
    Schmidt geriet, diesem erregten Tone gegenber, in eine kleine Verlegenheit.
Er hatte sich das so gedacht oder vielleicht auch mal etwas hnliches gehrt und
stand nun ziemlich ratlos vor der Frage wer sagt das? Zum Glck war es damit
nicht sonderlich ernsthaft gemeint, so wenig, da Jenny, ohne eine Antwort
abgewartet zu haben, mit groer Lebhaftigkeit fortfuhr: Sie knnen gar nicht
ahnen, Freund, wie mich das alles reizt. Das ist so die seitens des Holzhofs
beliebte Art, mir die Dinge ber den Kopf wegzunehmen. Sie, lieber Schmidt,
sprechen nach, was Sie hren, aber die, die solche Dinge wie von ungefhr unter
die Leute bringen, mit denen hab ich ernstlich ein Hhnchen zu pflcken. Es ist
eine Insolenz. Und Helene mag sich vorsehen.
    Aber, Jenny, liebe Freundin, Sie drfen sich nicht so erregen. Ich habe das
so hingesagt, weil ich es als selbstverstndlich annahm.
    Als selbstverstndlich, wiederholte Jenny spttisch, die, whrend sie das
sagte, die Mantille wieder abri und dem Professor ber den Arm warf. Als
selbstverstndlich. So weit also hat es der Holzhof schon gebracht, da die
nchsten Freunde solche Verlobung als eine Selbstverstndlichkeit ansehen. Es
ist aber keine Selbstverstndlichkeit, ganz im Gegenteil, und wenn ich mir
vergegenwrtige, da Ottos alles besser wissende Frau neben ihrer Schwester
Hildegard ein bloer Schatten sein soll - und ich glaub es gern, denn sie war
schon als Backfisch von einer geradezu ridiklen berheblichkeit -, so mu ich
sagen, ich habe an einer Hamburger Schwiegertochter aus dem Hause Munk gerade
genug.
    Aber, teuerste Freundin, ich begreife Sie nicht. Sie setzen mich in das
aufrichtigste Erstaunen. Es ist doch kein Zweifel, da Helene eine schne Frau
ist und von einer, wenn ich mich so ausdrcken darf, ganz aparten
Appetitlichkeit...
    Jenny lachte.
    ... Zum Anbeien, wenn Sie mir das Wort gestatten, fuhr Schmidt fort, und
von jenem eigentmlichen Charme, den schon, von alters her, alles besitzt, was
mit dem flssigen Element in eine konstante Berhrung kommt. Vor allem aber ist
mir kein Zweifel darber, da Otto seine Frau liebt, um nicht zu sagen, in sie
verliebt ist. Und sie, Freundin, Ottos leibliche Mutter, fechten gegen dies
Glck an und sind emprt, dies Glck in Ihrem Hause vielleicht verdoppelt zu
sehen. Alle Mnner sind abhngig von weiblicher Schnheit; ich war es auch, und
ich mchte beinah sagen drfen, ich bin es noch, und wenn nun diese Hildegard,
wie mir durchaus wahrscheinlich - denn die Nestkcken sehen immer am besten aus
-, wenn diese Hildegard noch ber Helenen hinauswchst, so wei ich nicht, was
Sie gegen sie haben knnen. Leopold ist ein guter Junge, von vielleicht nicht
allzu feurigem Temperament; aber ich denke mir, da er doch nichts dagegen haben
kann, eine sehr hbsche Frau zu heiraten. Sehr hbsch und reich dazu.
    Leopold ist ein Kind und darf sich berhaupt nicht nach eigenem Willen
verheiraten, am wenigsten aber nach dem Willen seiner Schwgerin Helene. Das
fehlte noch, das hiee denn doch abdanken und mich ins Altenteil setzen. Und
wenn es sich noch um eine junge Dame handelte, der gegenber einen allenfalls
die Lust anwandeln knnte, sich unterzuordnen, also eine Freiin oder eine
wirkliche, ich meine eine richtige Geheimeratstochter oder die Tochter eines
Oberhofpredigers... Aber ein unbedeutendes Ding, das nichts kennt als mit Ponies
nach Blankenese fahren und sich einbildet, mit einem Goldfaden in der
Plattstichnadel eine Wirtschaft fhren oder wohl gar Kinder erziehen zu knnen,
und ganz ernsthaft glaubt, da wir hierzulande nicht einmal eine Seezunge von
einem Steinbutt unterscheiden knnen, und immer von Lobster spricht, wo wir
Hummer sagen, und Curry-Powder und Soja wie hhere Geheimnisse behandelt - ein
solcher eingebildeter Quack, lieber Wilibald, das ist nichts fr meinen Leopold.
Leopold, trotz allem, was ihm fehlt, soll hher hinaus. Er ist nur einfach, aber
er ist gut, was doch auch einen Anspruch gibt. Und deshalb soll er eine kluge
Frau haben, eine wirklich kluge; Wissen und Klugheit und berhaupt das Hhere -
darauf kommt es an. Alles andere wiegt keinen Pfifferling. Es ist ein Elend mit
den uerlichkeiten. Glck, Glck! Ach Wilibald, da ich es in solcher Stunde
gerade vor Ihnen bekennen mu, das Glck, es ruht hier allein.
    Und dabei legte sie die Hand aufs Herz.

Leopold und Corinna waren in einer Entfernung von etwa fnfzig Schritt gefolgt
und hatten ihr Gesprch in herkmmlicher Art gefhrt, das heit, Corinna hatte
gesprochen. Leopold war aber fest entschlossen, auch zu Worte zu kommen, wohl
oder bel. Der qulende Druck der letzten Tage machte, da er vor dem, was er
vorhatte, nicht mehr so gengstigt stand wie frher; - er mute sich eben Ruhe
schaffen. Ein paarmal schon war er nahe daran gewesen, eine wenigstens auf sein
Ziel berleitende Frage zu tun; wenn er dann aber der Gestalt seiner stattlich
vor ihm dahinschreitenden Mutter ansichtig wurde, gab er's wieder auf, so da er
schlielich den Vorschlag machte, eine gerade vor ihnen liegende Waldlichtung in
schrger Linie zu passieren, damit sie, statt immer zu folgen, auch mal an die
Tete kmen. Er wute zwar, da er, in Folge dieses Manvers, den Blick der Mama
vom Rcken oder von der Seite her haben wrde, aber etwas auf den Vogel Strau
hin angelegt, fand er doch eine Beruhigung in dem Gefhl, die seinen Mut
bestndig lhmende Mama nicht immer gerade vor Augen haben zu mssen. Er konnte
sich ber diesen eigentmlichen Nervenzustand keine rechte Rechenschaft geben
und entschied sich einfach fr das, was ihm von zwei beln als das kleinere
erschien.
    Die Benutzung der Schrglinie war geglckt, sie waren jetzt um ebensoviel
voraus, als sie vorher zurck gewesen waren, und ein Gleichgltigkeitsgesprch
fallenlassend, das sich, ziemlich gezwungen, um die Spargelbeete von Halensee
samt ihrer Kultur und ihrer sanitren Bedeutung gedreht hatte, nahm Leopold
einen pltzlichen Anlauf und sagte: Wissen Sie, Corinna, da ich Gre fr Sie
habe?
    Von wem?
    Raten Sie.
    Nun, sagen wir von Mister Nelson.
    Aber das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, das ist ja wie Hellseherei;
nun knnen Sie auch noch Briefe lesen, von denen Sie nicht einmal wissen, da
sie geschrieben wurden.
    Ja, Leopold, dabei knnt ich Sie nun belassen und mich vor Ihnen als
Seherin etablieren. Aber ich werde mich hten. Denn vor allem, was so mystisch
und hypnotisch und geisterseherig ist, haben gesunde Menschen blo ein Grauen.
Und ein Grauen einzuflen ist nicht das, was ich liebe. Mir ist es lieber, da
mir die Herzen guter Menschen zufallen.
    Ach, Corinna, das brauchen Sie sich doch nicht erst zu wnschen. Ich kann
mir keinen Menschen denken, dessen Herz Ihnen nicht zufiele. Sie sollten nur
lesen, was Mister Nelson ber Sie geschrieben hat; mit amusing fngt er an, und
dann kommt charming und high-spirited, und mit fascinating schliet er ab. Und
dann erst kommen die Gre, die sich, nach allem, was voraufgegangen, beinahe
nchtern und alltglich ausnehmen. Aber wie wuten Sie, da die Gre von Mister
Nelson kmen?
    Ein leichteres Rtsel ist mir nicht bald vorgekommen. Ihr Papa teilte mit,
Sie kmen erst spter, weil Sie nach Liverpool zu schreiben htten. Nun,
Liverpool heit Mister Nelson. Und hat man erst Mister Nelson, so gibt sich das
andere von selbst. Ich glaube, da es mit aller Hellseherei ganz hnlich liegt.
Und sehen Sie, Leopold, mit derselben Leichtigkeit, mit der ich in Mister
Nelsons Brief gelesen habe, mit derselben Sicherheit lese ich zum Beispiel Ihre
Zukunft.
    Ein tiefes Aufatmen Leopolds war die Antwort, und sein Herz htte jubeln
mgen, in einem Gefhl von Glck und Erlsung. Denn wenn Corinna richtig las,
und sie mute richtig lesen, so war er allem Anfragen und allen damit
verknpften ngsten berhoben, und sie sprach dann aus, was er zu sagen noch
immer nicht den Mut finden konnte. Wie beseligt nahm er ihre Hand und sagte:
Das knnen Sie nicht.
    Ist es so schwer?
    Nein. Es ist eigentlich leicht. Aber leicht oder schwer, Corinna, lassen
Sie mich's hren. Und ich will auch ehrlich sagen, ob Sie's getroffen haben oder
nicht. Nur keine ferne Zukunft, blo die nchste, allernchste.
    Nun denn, hob Corinna schelmisch und hier und da mit besonderer Betonung
an, was ich sehe, ist das: zunchst ein schner Septembertag, und vor einem
schnen Hause halten viele schne Kutschen, und die vorderste, mit einem
Perckenkutscher auf dem Bock und zwei Bedienten hinten, das ist eine
Brautkutsche. Der Straendamm aber steht voller Menschen, die die Braut sehen
wollen, und nun kommt die Braut, und neben ihr schreitet ihr Brutigam, und
dieser Brutigam ist mein Freund Leopold Treibel. Und nun fhrt die
Brautkutsche, whrend die anderen Wagen folgen, an einem breiten, breiten Wasser
hin ...
    Aber Corinna, Sie werden doch unsere Spree zwischen Schleuse und
Jungfernbrcke nicht ein breites Wasser nennen wollen...
    ... An einem breiten Wasser hin und hlt endlich vor einer gotischen
Kirche.
    Zwlf Apostel...
    Und der Brutigam steigt aus und bietet der Braut seinen Arm, und so
schreitet das junge Paar der Kirche zu, drin schon die Orgel spielt und die
Lichter brennen.
    Und nun...
    Und nun stehen sie vor dem Altar, und nach dem Ringewechsel wird der Segen
gesprochen und ein Lied gesungen oder doch der letzte Vers. Und nun geht es
wieder zurck, an demselben breiten Wasser entlang, aber nicht dem Stadthause
zu, von dem sie ausgefahren waren, sondern immer weiter ins Freie, bis sie vor
einer Cottage-Villa halten...
    Ja, Corinna, so soll es sein...
    Bis sie vor einer Cottagevilla halten und vor einem Triumphbogen, an dessen
oberster Wlbung ein Riesenkranz hngt, und in dem Kranze leuchten die beiden
Anfangsbuchstaben: L und H.
    L und H?
    Ja, Leopold, L und H. Und wie knnte es auch anders sein? Denn die
Brautkutsche kam ja von der Uhlenhorst her und fuhr die Alster entlang und
nachher die Elbe hinunter, und nun halten sie vor der Munkschen Villa drauen in
Blankenese, und L heit Leopold und H heit Hildegard.
    Einen Augenblick berkam es Leopold wie wirkliche Verstimmung. Aber sich
rasch besinnend, gab er der vorgeblichen Seherin einen kleinen Liebesklaps und
sagte: Sie sind immer dieselbe, Corinna. Und wenn der gute Nelson, der der
beste Mensch und mein einziger Vertrauter ist, wenn er dies alles gehrt htte,
so wrd er begeistert sein und von capital fun sprechen, weil Sie mir so gndig
die Schwester meiner Schwgerin zuwenden wollen.
    Ich bin eben eine Prophetin, sagte Corinna.
    Prophetin, wiederholte Leopold. Aber diesmal eine falsche. Hildegard ist
ein schnes Mdchen, und Hunderte wrden sich glcklich schtzen. Aber Sie
wissen, wie meine Mama zu dieser Frage steht; sie leidet unter dem bestndigen
Sichbesserdnken der dortigen Anverwandten und hat es wohl hundertmal
geschworen, da ihr eine Hamburger Schwiegertochter, eine Reprsentantin aus dem
groen Hause Thompson-Munk, gerade genug sei. Sie hat ganz ehrlich einen halben
Ha gegen die Munks, und wenn ich mit Hildegard so vor sie hintrte, so wei ich
nicht, was geschhe; sie wrde nein sagen, und wir htten eine furchtbare
Szene.
    Wer wei߫, sagte Corinna, die jetzt das entscheidende Wort ganz nahe wute.
    ... Sie wrde nein sagen und immer wieder nein, das ist so sicher wie Amen
in der Kirche, fuhr Leopold mit gehobener Stimme fort. Aber dieser Fall kann
sich gar nicht ereignen. Ich werde nicht mit Hildegard vor sie hintreten und
werde statt dessen nher und besser whlen... Ich wei, und Sie wissen es auch,
das Bild, das Sie da gemalt haben, es war nur Scherz und bermut, und vor allem
wissen Sie, wenn mir Armen berhaupt noch eine Triumphpforte gebaut werden soll,
da der Kranz, der dann zu Hupten hngt, einen ganz anderen Buchstaben als das
Hildegard-H in hundert und tausend Blumen tragen mte. Brauch ich zu sagen,
welchen? Ach, Corinna, ich kann ohne Sie nicht leben, und diese Stunde mu ber
mich entscheiden. Und nun sagen Sie ja oder nein. Und unter diesen Worten nahm
er ihre Hand und bedeckte sie mit Kssen. Denn sie gingen im Schutz einer
Haselnuhecke.
    Corinna - nach Confessions, wie diese, die Verlobung mit gutem Recht als ein
fait accompli betrachtend - nahm klugerweise von jeder weiteren
Auseinandersetzung Abstand und sagte nur kurzerhand: Aber eines, Leopold,
drfen wir uns nicht verhehlen, uns stehen noch schwere Kmpfe bevor. Deine Mama
hat an einer Munk genug, das leuchtet mir ein; aber ob ihr eine Schmidt recht
ist, ist noch sehr die Frage. Sie hat zwar mitunter Andeutungen gemacht, als ob
ich ein Ideal in ihren Augen wre, vielleicht weil ich das habe, was dir fehlt,
und vielleicht auch, was Hildegard fehlt. Ich sage vielleicht und kann dies
einschrnkende Wort nicht genug betonen. Denn die Liebe, das seh ich klar, ist
demtig, und ich fhle, wie meine Fehler von mir abfallen. Es soll dies ja ein
Kennzeichen sein. Ja, Leopold, ein Leben voll Glck und Liebe liegt vor uns,
aber es hat deinen Mut und deine Festigkeit zur Voraussetzung, und hier unter
diesem Waldesdom, drin es geheimnisvoll rauscht und dmmert, hier, Leopold, mut
du mir schwren, ausharren zu wollen in deiner Liebe.
    Leopold beteuerte, da er nicht blo wolle, da er es auch werde. Denn wenn
die Liebe demtig und bescheiden mache, was gewi richtig sei, so mache sie
sicherlich auch stark. Wenn Corinna sich gendert habe, er fhle sich auch ein
anderer. Und, so schlo er, das eine darf ich sagen, ich habe nie groe Worte
gemacht, und Prahlereien werden mir auch meine Feinde nicht nachsagen; aber
glaube mir, mir schlgt das Herz so hoch, so glcklich, da ich mir
Schwierigkeiten und Kmpfe beinah herbeiwnsche. Mich drngt es, dir zu zeigen,
da ich deiner wert bin...
    In diesem Augenblicke wurde die Mondsichel zwischen den Baumkronen sichtbar,
und von Schlo Grunewald her, vor dem das Quartett eben angekommen war, klang es
ber den See herber:

Wenn nach dir ich oft vergebens
In die Nacht gesehn,
Scheint der dunkle Strom des Lebens
Trauernd stillzustehn...

Und nun schwieg es, oder der Abendwind, der sich aufmachte, trug die Tne nach
der anderen Seite hin.

Eine Viertelstunde spter hielt alles vor Paulsborn, und nachdem man sich
daselbst wieder begrt und bei herumgereichtem Crme de Cacao (Treibel selbst
machte die Honneurs) eine kurze Rast genommen hatte, brach man - die Wagen waren
von Halensee her gefolgt - nach einigen Minuten endgltig auf, um die Rckfahrt
anzutreten. Die Felgentreus nahmen bewegten Abschied von dem Quartett, jetzt
lebhaft beklagend, den von Treibel vorgeschlagenen Kremser abgelehnt zu haben.
    Auch Leopold und Corinna trennten sich, aber doch nicht eher, als bis sie
sich, im Schatten des hochstehenden Schilfes, noch einmal fest und verschwiegen
die Hnde gedrckt hatten.

                                 Elftes Kapitel


Leopold, als man zur Abfahrt sich anschickte, mute sich mit einem Platz vorn
auf dem Bock des elterlichen Landauers begngen, was ihm, alles in allem, immer
noch lieber war, als innerhalb des Wagens selbst, en vue seiner Mutter zu
sitzen, die doch vielleicht, sei's im Wald, sei's bei der kurzen Rast in
Paulsborn, etwas bemerkt haben mochte; Schmidt benutzte wieder den Vorortszug,
whrend Corinna bei den Felgentreus mit einstieg. Man placierte sie, so gut es
ging, zwischen das den Fond des Wagens redlich ausfllende Ehepaar, und weil sie
nach all dem Voraufgegangenen eine geringere Neigung zum Plaudern als sonst wohl
hatte, so kam es ihr auerordentlich zupa, sowohl Elfriede wie Blanca doppelt
redelustig und noch ganz voll und beglckt von dem Quartett zu finden. Der
Jodler, eine sehr gute Partie, schien ber die freilich nur in Zivil
erschienenen Sommerlieutenants einen entschiedenen Sieg davongetragen zu haben.
Im brigen lieen es sich die Felgentreus nicht nehmen, in der Adlerstrae
vorzufahren und ihren Gast daselbst abzusetzen. Corinna bedankte sich herzlich
und stieg, noch einmal grend, erst die drei Steinstufen und gleich danach vom
Flur aus die alte Holztreppe hinauf.
    Sie hatte den Drcker zum Entree nicht mitgenommen, und so blieb ihr nichts
anderes brig, als zu klingeln, was sie nicht gerne tat. Alsbald erschien denn
auch die Schmolke, die die Abwesenheit der Herrschaft, wie sie mitunter mit
Betonung sagte, dazu benutzt hatte, sich ein bichen sonntglich herauszuputzen.
Das Auffallendste war wieder die Haube, deren Rschen eben aus dem Tolleisen zu
kommen schienen.
    Aber liebe Schmolke, sagte Corinna, whrend sie die Tr wieder ins Schlo
zog, was ist denn los? Ist Geburtstag? Aber nein, den kenn ich ja. Oder
seiner?
    Nein, sagte die Schmolke, seiner is auch nich. Und da werd ich auch nicht
solchen Schlips umbinden und solch Band.
    Aber wenn kein Geburtstag ist, was ist dann?
    Nichts, Corinna. Mu denn immer was sein, wenn man sich mal ordentlich
macht? Sieh, du hast gut reden; du sitzt jeden Tag, den Gott werden lt, eine
halbe Stunde vorm Spiegel, und mitunter auch noch lnger, und brennst dir dein
Wuschelhaar...
    Aber, liebe Schmolke...
    Ja, Corinna, du denkst, ich seh es nicht. Aber ich sehe alles und seh noch
viel mehr... Und ich kann dir auch sagen, Schmolke sagte mal, er fnd es
eigentlich hbsch, solch Wuschelhaar...
    Aber war denn Schmolke so?
    Nein, Corinna, Schmolke war nich so. Schmolke war ein sehr anstndiger
Mann, und wenn man so was Sonderbares und eigentlich Unrechtes sagen darf, er
war beinah zu anstndig. Aber nun gib erst deinen Hut und deine Mantille. Gott,
Kind, wie sieht denn das alles aus? Is denn solch furchtbarer Staub? Un noch ein
Glck, da es nich gedrippelt hat, denn is der Samt hin. Un soviel hat ein
Professor auch nich, un wenn er auch nich geradezu klagt, Seide spinnen kann er
nich.
    Nein, nein, lachte Corinna.
    Nu hre, Corinna, da lachst du nu wieder. Das ist aber gar nicht zum
Lachen. Der Alte qult sich genug, und wenn er so die Bndel ins Haus kriegt und
die Strippe mitunter nich ausreicht, so viele sind es, denn tut es mir mitunter
ordentlich weh hier. Denn Papa is ein sehr guter Mann, und seine Sechzig drcken
ihn nu doch auch schon ein bichen. Er will es freilich nich wahrhaben und tut
immer noch so, wie wenn er zwanzig wre. Ja, hat sich was. Un neulich ist er von
der Pferdebahn runtergesprungen, un ich mu auch gerade dazukommen; na, ich
dachte doch gleich, der Schlag soll mich rhren... Aber nu sage, Corinna, was
soll ich dir bringen? Oder hast du schon gegessen und bist froh, wenn du nichts
siehst...
    Nein, ich habe nichts gegessen. Oder doch so gut wie nichts; die Zwiebacke,
die man kriegt, sind immer so alt. Und dann in Paulsborn einen kleinen sen
Likr. Das kann man doch nicht rechnen. Aber ich habe auch keinen rechten
Appetit, und der Kopf ist mir so benommen; ich werde am Ende krank...
    Ach, dummes Zeug, Corinna. Das ist auch eine von deinen Ncken; wenn du mal
Ohrensausen hast oder ein bichen heie Stirn, dann redest du immer gleich von
Nervenfieber. Un das is eigentlich gottlos, denn man mu den Teufel nich an die
Wand malen. Es wird wohl ein bichen feucht gewesen sein, ein bichen neblig und
Abenddunst.
    Ja, neblig war es gerade, wie wir neben dem Schilf standen, und der See war
eigentlich gar nicht mehr zu sehen. Davon wird es wohl sein. Aber der Kopf ist
mir wirklich benommen, und ich mchte zu Bett gehen und mich einmummeln. Und
dann mag ich auch nicht mehr sprechen, wenn Papa nach Hause kommt. Und wer wei,
wann, und ob es nicht zu spt wird.
    Warum ist er denn nich gleich mitgekommen?
    Er wollte nicht und hat ja auch seinen Abend heut. Ich glaube bei Kuhs. Und
da sitzen sie meist lange, weil sich die Klber mit einmischen. Aber mit Ihnen,
liebe, gute Schmolke, mchte ich wohl noch eine halbe Stunde plaudern. Sie haben
ja immer so was Herzliches...
    Ach, rede doch nich, Corinna. Wovon soll ich denn was Herzliches haben?
Oder eigentlich, wovon soll ich denn was Herzliches nich haben. Du warst ja noch
so, als ich ins Haus kam.
    Nun, also was Herzliches oder auch nicht was Herzliches, sagte Corinna,
gefallen wird es mir schon. Und wenn ich liege, liebe Schmolke, dann bringen
Sie mir meinen Tee ans Bett, die kleine Meiner Kanne, und die andere kleine
Kanne, die nehmen Sie sich; und blo ein paar Teebrtchen, recht dnn
geschnitten und nicht zuviel Butter. Denn ich mu mich mit meinem Magen in acht
nehmen, sonst wird es gastrisch, und man liegt sechs Wochen.
    Is schon gut, lachte die Schmolke und ging in die Kche, um den Kessel
noch wieder in die Glut zu setzen. Denn heies Wasser war immer da, und es
bullerte nur noch nicht.
    Eine Viertelstunde spter trat die Schmolke wieder ein und fand ihren
Liebling schon im Bette. Corinna sa mehr auf, als sie lag, und empfing die
Schmolke mit der trostreichen Versicherung, es sei ihr schon viel besser; was
man so immer zum Lobe der Bettwrme sage, das sei doch wahr, und sie glaube
jetzt beinahe, da sie noch mal durchkommen und alles glcklich berstehen
werde.
    Glaub ich auch, sagte die Schmolke, whrend sie das Tablett auf den
kleinen, am Kopfende stehenden Tisch setzte. Nun, Corinna, von welchem soll ich
dir einschenken? Der hier, mit der abgebrochenen Tlle, hat lnger gezogen, und
ich wei, du hast ihn gern stark und bitterlich, so da er schon ein bichen
nach Tinte schmeckt...
    Versteht sich, ich will von dem starken. Und dann ordentlich Zucker; aber
ganz wenig Milch, Milch macht immer gastrisch.
    Gott, Corinna, la doch das Gastrische. Du liegst da wie ein Borsdorfer
Apfel und redst immer, als ob dir der Tod schon um die Nase se. Nein,
Corinnchen, so schnell geht es nich. Un nu nimm dir ein Teebrtchen. Ich habe
sie so dnn geschnitten, wie's nur gehen wollte...
    Das ist recht. Aber da haben Sie ja eine Schinkenstulle mit reingebracht.
    Fr mich, Corinnchen. Ich will doch auch was essen.
    Ach, liebe Schmolke, da mcht ich mich aber doch zu Gaste laden. Die
Teebrtchen sehen ja nach gar nichts aus, und die Schinkenstulle lacht einen
ordentlich an. Und alles schon so appetitlich durchgeschnitten. Nun merk ich
erst, da ich eigentlich hungrig bin. Geben Sie mir ein Schnittchen ab, wenn es
Ihnen nicht sauer wird.
    Wie du nur redest, Corinna. Wie kann es mir denn sauer werden. Ich fhre ja
blo die Wirtschaft und bin blo eine Dienerin.
    Ein Glck, da Papa das nicht hrt. Sie wissen doch, das kann er nicht
leiden, da Sie so von Dienerin reden, und er nennt es eine falsche
Bescheidenheit...
    Ja, ja, so sagt er. Aber Schmolke, der auch ein ganz kluger Mann war, wenn
er auch nicht studiert hatte, der sagte immer, hre, Rosalie, Bescheidenheit ist
gut, und eine falsche Bescheidenheit (denn die Bescheidenheit ist eigentlich
immer falsch) ist immer noch besser als gar keine.
    Hm, sagte Corinna, die sich etwas getroffen fhlte, das lt sich hren.
berhaupt, liebe Schmolke, Ihr Schmolke mu eigentlich ein ausgezeichneter Mann
gewesen sein. Und Sie sagten ja auch vorhin schon, er habe so etwas Anstndiges
gehabt und beinah zu anstndig. Sehen Sie, so was hre ich gern, und ich mchte
mir wohl etwas dabei denken knnen. Worin war er denn nun eigentlich so sehr
anstndig... Und dann, er war ja doch bei der Polizei. Nun, offen gestanden, ich
bin zwar froh, da wir eine Polizei haben, und freue mich immer ber jeden
Schutzmann, an den ich herantreten und den ich nach dem Weg fragen und um
Auskunft bitten kann, und das mu wahr sein, alle sind artig und manierlich,
wenigstens hab ich es immer so gefunden. Aber das von der Anstndigkeit und von
zu anstndig...
    Ja, liebe Corinna, das is schon richtig. Aber da sind ja
Unterschiedlichkeiten, und was sie Abteilungen nennen. Und Schmolke war bei
solcher Abteilung.
    Natrlich. Er kann doch nicht berall gewesen sein.
    Nein, nicht berall. Und er war gerade bei der allerschwersten, die fr den
Anstand und die gute Sitte zu sorgen hat.
    Und so was gibt es?
    Ja, Corinna, so was gibt es und mu es auch geben. Und wenn nu - was ja
doch vorkommt, und auch bei Frauen und Mdchen vorkommt, wie du ja wohl gesehen
und gehrt haben wirst, denn Berliner Kinder sehen und hren alles -, wenn nu
solch armes und unglckliches Geschpf (denn manche sind wirklich blo arm und
unglcklich) etwas gegen den Anstand und die gute Sitte tut, dann wird sie
vernommen und bestraft. Und da, wo die Vernehmung is, da gerade sa Schmolke...
    Merkwrdig. Aber davon haben Sie mir ja noch nie was erzhlt. Und Schmolke,
sagen Sie, war mit dabei? Wirklich, sehr sonderbar. Und Sie meinen, da er
gerade deshalb so sehr anstndig und so solide war?
    Ja, Corinna, das mein ich.
    Nun, wenn Sie's sagen, liebe Schmolke, so will ich es glauben. Aber ist es
nicht eigentlich zum Verwundern? Denn Ihr Schmolke war ja damals noch jung oder
so ein Mann in seinen besten Jahren. Und viele von unserem Geschlecht, und
gerade solche, sind ja doch oft bildhbsch. Und da sitzt nun einer, wie Schmolke
da gesessen, und mu immer streng und ehrbar aussehen, blo weil er da zufllig
sitzt. Ich kann mir nicht helfen, ich finde das schwer. Denn das ist ja gerade
so wie der Versucher in der Wste: Dies alles schenke ich dir.
    Die Schmolke seufzte. Ja, Corinna, da ich es dir offen gestehe, ich habe
auch manchmal geweint, und mein furchtbares Reien, hier gerad im Nacken, das is
noch von der Zeit her. Und zwischen das zweite und dritte Jahr, da wir
verheiratet waren, da hab ich beinah elf Pfund abgenommen, und wenn wir damals
schon die vielen Wiegewaagen gehabt htten, da wr es wohl eigentlich noch mehr
gewesen, denn als ich zu 's Wiegen kam, da setzte ich schon wieder an.
    Arme Frau, sagte Corinna. Ja, das mssen schwere Tage gewesen sein. Aber
wie kamen Sie denn darber hin? Und wenn Sie wieder ansetzten, so mu doch so
was von Trost und Beruhigung gewesen sein.
    War auch, Corinnchen. Und weil du ja nu alles weit, will ich dir auch
erzhlen, wie's kam un wie ich meine Ruhe wieder kriegte. Denn ich kann dir
sagen, es war schlimm, und ich habe mitunter viele Wochen lang kein Auge
zugetan. Na, zuletzt schlft man doch ein bichen; die Natur will es und is auch
zuletzt noch strker als die Eifersucht. Aber Eifersucht ist sehr stark, viel
strker als Liebe. Mit Liebe is es nich so schlimm. Aber was ich sagen wollte,
wie ich nu so ganz runter war und man blo noch so hing un blo noch so viel
Kraft hatte, da ich ihm doch sein Hammelfleisch un seine Bohnen vorsetzen
konnte, das heit, geschnitzelte mocht er nich, un sagte immer, sie schmeckten
nach Messer, da sah er doch wohl, da er mal mit mir reden msse. Denn ich redte
nich, dazu war ich viel zu stolz. Also er wollte reden mit mir, und als es nu
soweit war und er die Gelegenheit auch ganz gut abgepat hatte, nahm er einen
kleinen vierbeinigen Schemel, der sonst immer in der Kche stand, un is mir, als
ob es gestern gewesen wre, un rckte den Schemel zu mir ran und sagte: Rosalie,
nu sage mal, was hast du denn eigentlich.
    Um Corinnas Mund verlor sich jeder Ausdruck von Spott; sie schob das Tablett
etwas beiseite, sttzte sich, whrend sie sich aufrichtete, mit dem rechten Arm
auf den Tisch und sagte: Nun weiter, liebe Schmolke.
    Also, was hast du eigentlich? sagte er zu mir. Na, da strzten mir denn die
Trnen man so pimperlings raus, und ich sagte: Schmolke, Schmolke, und dabei sah
ich ihn an, als ob ich ihn ergrnden wollte. Un ich kann wohl sagen, es war ein
scharfer Blick, aber doch immer noch freundlich. Denn ich liebte ihn. Und da sah
ich, da er ganz ruhig blieb un sich gar nicht verfrbte. Un dann nahm er meine
Hand, streichelte sie ganz zrtlich un sagte: Rosalie, das is alles Unsinn.
Davon verstehst du nichts. Davon verstehst du nichts, weil du nicht in der Sitte
bist. Denn ich sage dir, wer da so tagaus, tagein in der Sitte sitzen mu, dem
vergeht es, dem stehen die Haare zu Berge ber all das Elend und all den Jammer,
und wenn dann welche kommen, die nebenher auch noch ganz verhungert sind, was
auch vorkommt, und wo wir ganz genau wissen, da sitzen nu die Eltern zu Hause un
grmen sich Tag und Nacht ber die Schande, weil sie das arme Wurm, das mitunter
sehr merkwrdig dazu gekommen ist, immer noch liebhaben und helfen und retten
mchten, wenn zu helfen und zu retten noch menschenmglich wre - ich sage dir,
Rosalie, wenn man das jeden Tag sehen mu, un man hat ein Herz im Leibe un hat
bei 's erste Garderegiment gedient un is fr Proppertt und Strammheit und
Gesundheit, na, ich sage dir, denn is es mit Verfhrung un all so was vorbei, un
man mchte rausgehn und weinen, un ein paarmal hab ich's auch, alter Kerl, der
ich bin, und von Karessieren und Fruleinchen steht nichts mehr drin, un man
geht nach Hause und is froh, wenn man sein Hammelfleisch kriegt un eine
ordentliche Frau hat, die Rosalie heit. Bist du nu zufrieden, Rosalie? Un dabei
gab er mir einen Ku...
    Die Schmolke, der bei der Erzhlung wieder ganz weh ums Herz geworden war,
ging an Corinnas Schrank, um sich ein Taschentuch zu holen. Und als sie sich nun
wieder zurechtgemacht hatte, so da ihr die Worte nicht mehr in der Kehle
blieben, nahm sie Corinnas Hand und sagte: Sieh, so war Schmolke. Was sagst du
dazu?
    Ein sehr anstndiger Mann.
    Na ob.

In diesem Augenblicke hrte man die Klingel. Der Papa, sagte Corinna, und die
Schmolke stand auf, um dem Herrn Professor zu ffnen. Sie war auch bald wieder
zurck und erzhlte, da sich der Papa nur gewundert habe, Corinnchen nicht mehr
zu finden; was denn passiert sei? Wegen ein bichen Kopfweh gehe man doch nicht
gleich zu Bett. Und dann habe er sich seine Pfeife angesteckt und die Zeitung in
die Hand genommen und habe dabei gesagt: Gott sei Dank, liebe Schmolke, da ich
wieder da bin; alle Gesellschaften sind Unsinn; diesen Satz vermache ich Ihnen
auf Lebenszeit. Er habe aber ganz fidel dabei ausgesehen, und sie sei
berzeugt, da er sich eigentlich sehr gut amsiert habe. Denn er habe den
Fehler, den so viele htten, und die Schmidts voran: sie redten ber alles und
wten alles besser. Ja, Corinnchen, in diesem Belange bist du auch ganz
Schmidtsch.
    Corinna gab der guten Alten die Hand und sagte: Sie werden wohl recht
haben, liebe Schmolke, und es ist ganz gut, da Sie mir's sagen. Wenn Sie nicht
gewesen wren, wer htte mir denn berhaupt was gesagt? Keiner. Ich bin ja wie
wild aufgewachsen, und ist eigentlich zu verwundern, da ich nicht noch
schlimmer geworden bin, als ich bin. Papa ist ein guter Professor, aber kein
guter Erzieher, und dann war er immer zu sehr von mir eingenommen und sagte: das
Schmidtsche hilft sich selbst oder es wird schon zum Durchbruch kommen.
    Ja, so was sagt er immer. Aber mitunter ist eine Maulschelle besser.
    Um Gottes willen, liebe Schmolke, sagen Sie doch so was nicht. Das ngstigt
mich.
    Ach, du bist nrrisch, Corinna. Was soll dich denn ngstigen? Du bist ja
nun eine groe, forsche Person und hast die Kinderschuhe lngst ausgetreten und
knntest schon sechs Jahre verheiratet sein.
    Ja, sagte Corinna, das knnt ich, wenn mich wer gewollt htte. Aber
dummerweise hat mich noch keiner gewollt. Und da habe ich denn fr mich selber
sorgen mssen...
    Die Schmolke glaubte nicht recht gehrt zu haben und sagte: Du hast fr
dich selber sorgen mssen? Was meinst du damit, was soll das heien?
    Es soll heien, liebe Schmolke, da ich mich heut abend verlobt habe.
    Himmlischer Vater, is es mglich. Aber sei nich bse, da ich mich so
verfiere... Denn es is ja doch eigentlich was Gutes. Na, mit wem denn?
    Rate.
    Mit Marcell.
    Nein, mit Marcell nicht.
    Mit Marcell nich? Ja, Corinna, dann wei ich es nich und will es auch nich
wissen. Blo wissen mu ich es am Ende doch. Wer is es denn?
    Leopold Treibel.
    Herr, du meine Gte...
    Findest du's so schlimm? Hast du was dagegen?
    I bewahre, wie werd ich denn. Un wrde sich auch gar nich vor mir passen.
Un denn die Treibels, die sind alle gut un sehr proppre Leute, der alte
Kommerzienrat voran, der immer so spaig is und immer sagt: Je spter der Abend,
je schner die Leute un noch fufzig Jahre so wie heut und so was. Und der
lteste Sohn is auch sehr gut und Leopold auch. Ein bichen spitzer, das is
wahr, aber heiraten is ja nich bei Renz in 'n Zirkus. Und Schmolke sagte oft:
Hre, Rosalie, das la gut sein, so was tuscht, da kann man sich irren; die
Dnnen un die so schwach aussehn, die sind oft gar nich so schwach. Ja, Corinna,
die Treibels sind gut, un blo die Mama, die Kommerzienrtin, ja hre, da kann
ich mir nich helfen, die Rtin, die hat so was, was mir nich recht pat, un
ziert sich immer un tut so, un wenn was Weinerliches erzhlt wird von einem
Pudel, der ein Kind aus dem Kanal gezogen, oder wenn der Professor was
vorpredigt un mit seiner Bastimme so vor sich hin brummelt: Wie der
Unsterbliche sagt... un dann kommt immer ein Name, den kein Christenmensch
kennt, un die Kommerzienrtin woll auch nich - dann hat sie gleich immer ihre
Trne un sind immer wie Stehtrnen, die gar nich runter wolln.
    Da sie so weinen kann, ist aber doch eigentlich was Gutes, liebe
Schmolke.
    Ja, bei manchem is es was Gutes un zeigt ein weiches Herz. Un ich will auch
weiter nichts sagen un lieber an meine eigne Brust schlagen, un mu auch, denn
mir sitzen sie auch man lose... Gott, wenn ich daran denke, wie Schmolke noch
lebte, na, da war vieles anders, un Billetter fr den dritten Rang hatte
Schmolke jeden Tag un mitunter auch fr den zweiten. Un da machte ich mich denn
fein, Corinna, denn ich war damals noch keine dreiig un noch ganz gut im
Stande. Gott, Kind, wenn ich daran denke! Da war damals eine, die hie die
Erhartten, die nachher einen Grafen geheiratet. Ach, Corinnchen, da hab ich auch
manche schne Trne vergossen. Ich sage schne Trne, denn es erleichtert einen.
Un in Maria Stuart war es am meisten. Da war denn doch eine Schnauberei, da man
gar nichts mehr verstehn konnte, das heit aber blo ganz zuletzt, wie sie von
all ihre Dienerinnen und von ihrer alten Amme Abschied nimmt, alle ganz schwarz,
un sie selber immer mit 's Kreuz, ganz wie 'ne Katholsche. Aber die Erhartten
war keine. Un wenn ich mir das alles wieder so denke un wie ich da aus der Trne
gar nich rausgekommen bin, da kann ich auch gegen die Kommerzienrtin eigentlich
nichts sagen.
    Corinna seufzte, halb im Scherz und halb im Ernst.
    Warum seufzt du, Corinna?
    Ja, warum seufze ich, liebe Schmolke? Ich seufze, weil ich glaube, da Sie
recht haben und da sich gegen die Rtin eigentlich nichts sagen lt, blo weil
sie so leicht weint oder immer einen Flimmer im Auge hat. Gott, den hat mancher.
Aber die Rtin ist freilich eine ganz eigene Frau, und ich trau ihr nicht, und
der arme Leopold hat eigentlich eine groe Furcht vor ihr und wei auch noch
nicht, wie er da heraus will. Es wird eben noch allerlei harte Kmpfe geben.
Aber ich la es darauf ankommen und halt ihn fest, und wenn meine
Schwiegermutter gegen mich ist, so schadt es am Ende nicht allzuviel. Die
Schwiegermtter sind eigentlich immer dagegen, und jede denkt, ihr Pppchen ist
zu schade. Na, wir werden ja sehn, ich habe sein Wort, und das andere mu sich
finden.
    Das ist recht, Corinna, halt ihn fest. Eigentlich hab ich ja einen Schreck
gekriegt, und glaube mir, Marcell wre besser gewesen, denn ihr pat zusammen.
Aber das sag ich so blo zu dir. Un da du nu mal den Treibelschen hast, na, so
hast du 'n, un da hilft kein Prtzelbacken, un er mu stillhalten und die Alte
auch. Ja, die Alte erst recht. Der gnn ich's.
    Corinna nickte.
    Un nu schlafe, Kind. Ausschlafen is immer gut, denn man kann nie wissen,
wie's kommt un wie man den andern Tag seine Krfte braucht.

                                Zwlftes Kapitel


Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Felgentreusche Wagen in der Adlerstrae hielt,
um Corinna daselbst abzusetzen, hielt auch der Treibelsche Wagen vor der
kommerzienrtlichen Wohnung, und die Rtin samt ihrem Sohne Leopold stiegen aus,
whrend der alte Treibel auf seinem Platze blieb und das junge Paar - das wieder
die Pferde geschont hatte - die Kpnicker Strae hinunter bis an den Holzhof
begleitete. Von dort aus, nach einem herzhaften Schmatz (denn er spielte gern
den zrtlichen Schwiegervater), lie er sich zu Buggenhagens fahren, wo
Parteiversammlung war. Er wollte doch mal wieder sehen, wie's stnde, und, wenn
ntig, auch zeigen, da ihn die Korrespondenz in der Nationalzeitung nicht
niedergeschmettert habe.
    Die Kommerzienrtin, die fr gewhnlich die politischen Gnge Treibels
belchelte, wenn nicht beargwohnte - was auch vorkam -, heute segnete sie
Buggenhagen und war froh, ein paar Stunden allein sein zu knnen. Der Gang mit
Wilibald hatte so vieles wieder in ihr angeregt. Die Gewiheit, sich verstanden
zu sehen - es war doch eigentlich das Hhere. Viele beneiden mich, aber was hab
ich am Ende? Stuck und Goldleisten und die Honig mit ihrem sauersen Gesicht.
Treibel ist gut, besonders auch gegen mich; aber die Prosa lastet bleischwer auf
ihm, und wenn er es nicht empfindet, ich empfinde es... Und dabei
Kommerzienrtin und immer wieder Kommerzienrtin. Es geht nun schon in das
zehnte Jahr, und er rckt nicht hher hinauf, trotz aller Anstrengungen. Und
wenn es so bleibt, und es wird so bleiben, so wei ich wirklich nicht, ob nicht
das andere, das auf Kunst und Wissenschaft deutet, doch einen feineren Klang
hat. Ja, den hat es... Und mit den ewigen guten Verhltnissen! Ich kann doch
auch nur eine Tasse Kaffee trinken, und wenn ich mich zu Bett lege, so kommt es
darauf an, da ich schlafe. Birkenmaser oder Nubaum macht keinen Unterschied,
aber Schlaf oder Nichtschlaf, das macht einen, und mitunter flieht mich der
Schlaf, der des Lebens Bestes ist, weil er uns das Leben vergessen lt... Und
auch die Kinder wren anders. Wenn ich die Corinna ansehe, das sprht alles von
Lust und Leben, und wenn sie blo so macht, so steckt sie meine beiden Jungen in
die Tasche. Mit Otto ist nicht viel, und mit Leopold ist gar nichts.
    Jenny, whrend sie sich in se Selbsttuschungen wie diese versenkte, trat
ans Fenster und sah abwechselnd auf den Vorgarten und die Strae. Drben, im
Hause gegenber, hoch oben in der offenen Mansarde, stand, wie ein Schattenri
in hellem Licht, eine Pltterin, die mit sicherer Hand ber das Plttbrett
hinfuhr - ja, es war ihr, als hre sie das Mdchen singen. Der Kommerzienrtin
Auge mochte von dem anmutigen Bilde nicht lassen, und etwas wie wirklicher Neid
berkam sie.
    Sie sah erst fort, als sie bemerkte, da hinter ihr die Tr ging. Es war
Friedrich, der den Tee brachte. Setzen Sie hin, Friedrich, und sagen Sie
Frulein Honig, es wre nicht ntig.
    Sehr wohl, Frau Kommerzienrtin. Aber hier ist ein Brief.
    Ein Brief? fuhr die Rtin heraus. Von wem?
    Vom jungen Herrn.
    Von Leopold?
    Ja, Frau Kommerzienrtin... Und es wre Antwort...
    Brief... Antwort... Er ist nicht recht gescheit, und die Kommerzienrtin
ri das Couvert auf und berflog den Inhalt. Liebe Mama! Wenn es Dir irgend
pat, ich mchte heute noch eine kurze Unterredung mit Dir haben. La mich durch
Friedrich wissen, ja oder nein. Dein Leopold.
    Jenny war derart betroffen, da ihre sentimentalen Anwandlungen auf der
Stelle hinschwanden. So viel stand fest, da das alles nur etwas sehr Fatales
bedeuten konnte. Sie raffte sich aber zusammen und sagte: Sagen Sie Leopold,
da ich ihn erwarte.
    Das Zimmer Leopolds lag ber dem ihrigen; sie hrte deutlich, da er rasch
hin und her ging und ein paar Schubksten, mit einer ihm sonst nicht eigenen
Lautheit, zuschob. Und gleich danach, wenn nicht alles tuschte, vernahm sie
seinen Schritt auf der Treppe.
    Sie hatte recht gehrt, und nun trat er ein und wollte (sie stand noch in
der Nhe des Fensters) durch die ganze Lnge des Zimmers auf sie zuschreiten, um
ihr die Hand zu kssen; der Blick aber, mit dem sie ihm begegnete, hatte etwas
so Abwehrendes, da er stehenblieb und sich verbeugte.
    Was bedeutet das, Leopold? Es ist jetzt zehn, also nachtschlafende Zeit,
und da schreibst du mir ein Billet und willst mich sprechen. Es ist mir neu, da
du was auf der Seele hast, was keinen Aufschub bis morgen frh duldet. Was hast
du vor? Was willst du?
    Mich verheiraten, Mutter. Ich habe mich verlobt.
    Die Kommerzienrtin fuhr zurck, und ein Glck war es, da das Fenster, an
dem sie stand, ihr eine Lehne gab. Auf viel Gutes hatte sie nicht gerechnet,
aber eine Verlobung ber ihren Kopf weg, das war doch mehr, als sie gefrchtet.
War es eine der Felgentreus? Sie hielt beide fr dumme Dinger und die ganze
Felgentreuerei fr erheblich unterm Stand; er, der Alte, war Lageraufseher in
einem groen Ledergeschft gewesen und hatte schlielich die hbsche
Wirtschaftsmamsell des Prinzipals, eines mit seiner weiblichen Umgebung oft
wechselnden Witwers, geheiratet. So hatte die Sache begonnen und lie in ihren
Augen viel zu wnschen brig. Aber verglichen mit den Munks, war es noch lange
das Schlimmste nicht, und so sagte sie denn: Elfriede oder Blanca?
    Keine von beiden.
    Also...
    Corinna.
    Das war zuviel. Jenny kam in ein halb ohnmchtiges Schwanken, und sie wre,
angesichts ihres Sohnes, zu Boden gefallen, wenn sie der schnell Herzuspringende
nicht aufgefangen htte. Sie war nicht leicht zu halten und noch weniger leicht
zu tragen; aber der arme Leopold, den die ganze Situation ber sich selbst
hinaushob, bewhrte sich auch physisch und trug die Mama bis ans Sofa. Danach
wollte er auf den Knopf der elektrischen Klingel drcken, Jenny war aber, wie
die meisten ohnmchtigen Frauen, doch nicht ohnmchtig genug, um nicht genau zu
wissen, was um sie her vorging, und so fate sie denn seine Hand, zum Zeichen,
da das Klingeln zu unterbleiben habe.
    Sie erholte sich auch rasch wieder, griff nach dem vor ihr stehenden Flakon
mit Klnischem Wasser und sagte, nachdem sie sich die Stirn damit betupft hatte:
Also mit Corinna.
    Ja, Mutter.
    Und alles nicht blo zum Spa. Sondern um euch wirklich zu heiraten.
    Ja, Mutter.
    Und hier in Berlin und in der Luisenstdtschen Kirche, darin dein guter,
braver Vater und ich getraut wurden?
    Ja, Mutter.
    Ja, Mutter, und immer wieder ja, Mutter. Es klingt, als ob du nach Kommando
sprchst und als ob dir Corinna gesagt htte, sage nur immer: Ja, Mutter. Nun,
Leopold, wenn es so ist, so knnen wir beide unsere Rollen rasch auswendig
lernen. Du sagst in einem fort ja, Mutter, und ich sage in einem fort nein,
Leopold. Und dann wollen wir sehen, was lnger vorhlt, dein Ja oder mein Nein.
    Ich finde, da du es dir etwas leicht machst, Mama.
    Nicht, da ich wte. Wenn es aber so sein sollte, so bin ich blo deine
gelehrige Schlerin. Jedenfalls ist es ein Operieren ohne Umschweife, wenn ein
Sohn vor seine Mutter hintritt und ihr kurzweg erklrt: Ich habe mich verlobt.
So geht das nicht in guten Husern. Das mag beim Theater so sein oder vielleicht
auch bei Kunst und Wissenschaft, worin die kluge Corinna ja grogezogen ist, und
einige sagen sogar, da sie dem Alten die Hefte korrigiert. Aber wie dem auch
sein mge, bei Kunst und Wissenschaft mag das gehen, meinetwegen, und wenn sie
den alten Professor, ihren Vater (brigens ein Ehrenmann), auch ihrerseits mit
einem ich habe mich verlobt berrascht haben sollte, nun, so mag der sich
freuen; er hat auch Grund dazu, denn die Treibels wachsen nicht auf den Bumen
und knnen nicht von jedem, der vorbeigeht, heruntergeschttelt werden. Aber
ich, ich freue mich nicht und verbiete dir diese Verlobung. Du hast wieder
gezeigt, wie ganz unreif du bist, ja, da ich es ausspreche, Leopold, wie
knabenhaft.
    Liebe Mama, wenn du mich etwas mehr schonen knntest...
    Schonen? Hast du mich geschont, als du dich auf diesen Unsinn einlieest?
Du hast dich verlobt, sagst du. Wem willst du das weismachen? Sie hat sich
verlobt, und du bist blo verlobt worden. Sie spielt mit dir, und anstatt dir
das zu verbitten, kssest du ihr die Hand und lssest dich einfangen wie die
Gimpel. Nun, ich hab es nicht hindern knnen, aber das Weitere, das kann ich
hindern und werde es hindern. Verlobt euch, soviel ihr wollt, aber wenn ich
bitten darf, im Verschwiegenen und Verborgenen; an ein Heraustreten damit ist
nicht zu denken. Anzeigen erfolgen nicht, und wenn du deinerseits Anzeigen
machen willst, so magst du die Gratulationen in einem Htel garni in Empfang
nehmen. In meinem Hause nicht. In meinem Hause existiert keine Verlobung und
keine Corinna. Damit ist es vorbei. Das alte Lied vom Undank erfahr ich nun an
mir selbst und mu erkennen, da man unklug daran tut. Personen zu verwhnen und
gesellschaftlich zu sich heraufzuziehen. Und mit dir steht es nicht besser. Auch
du httest mir diesen Gram ersparen knnen und diesen Skandal. Da du verfhrt
bist, entschuldigt dich nur halb. Und nun kennst du meinen Willen und, ich darf
wohl sagen, auch deines Vaters Willen, denn soviel Torheiten er begeht, in den
Fragen, wo die Ehre seines Hauses auf dem Spiele steht, ist Verla auf ihn. Und
nun geh, Leopold, und schlafe, wenn du schlafen kannst. Ein gut Gewissen ist ein
gutes Ruhekissen...
    Leopold bi sich auf die Lippen und lchelte verbittert vor sich hin.
    ... Und bei dem, was du vielleicht vorhast - denn du lchelst und stehst so
trotzig da, wie ich dich noch gar nicht gesehen habe, was auch blo der fremde
Geist und Einflu ist -, bei dem, was du vielleicht vorhast, Leopold, vergi
nicht, da der Segen der Eltern den Kindern Huser baut. Wenn ich dir raten
kann, sei klug und bringe dich nicht um einer gefhrlichen Person und einer
flchtigen Laune willen um die Fundamente, die das Leben tragen und ohne die es
kein rechtes Glck gibt.

Leopold, der sich, zu seinem eigenen Erstaunen, all die Zeit ber durchaus nicht
niedergeschmettert gefhlt hatte, schien einen Augenblick antworten zu wollen;
ein Blick auf die Mutter aber, deren Erregung, whrend sie sprach, nur immer
noch gewachsen war, lie ihn erkennen, da jedes Wort die Schwierigkeit der Lage
blo steigern wrde; so verbeugte er sich denn ruhig und verlie das Zimmer.
    Er war kaum hinaus, als sich die Kommerzienrtin von ihrem Sofaplatz erhob
und ber den Teppich hin auf und ab zu gehen begann. Jedesmal, wenn sie wieder
in die Nhe des Fensters kam, blieb sie stehen und sah nach der Mansarde und der
immer noch in vollem Lichte dastehenden Pltterin hinber, bis ihr Blick sich
wieder senkte und dem bunten Treiben der vor ihr liegenden Strae zuwandte.
Hier, in ihrem Vorgarten, den linken Arm von innen her auf die Gitterstbe
gesttzt, stand ihr Hausmdchen, eine hbsche Blondine, die mit Rcksicht auf
Leopolds mores beinahe nicht engagiert worden wre, und sprach lebhaft und
unter Lachen mit einem drauen auf dem Trottoir stehenden Cousin, zog sich
aber zurck, als der eben von Buggenhagen kommende Kommerzienrat in einer
Droschke vorfuhr und auf seine Villa zuschritt. Treibel, einen Blick auf die
Fensterreihe werfend, sah sofort, da nur noch in seiner Frau Zimmer Licht war,
was ihn mitbestimmte, gleich bei ihr einzutreten, um noch ber den Abend und
seine mannigfachen Erlebnisse berichten zu knnen. Die flaue Stimmung, der er
anfnglich in Folge der Nationalzeitungs-Korrespondenz bei Buggenhagens
begegnet war, war unter dem Einflu seiner Liebenswrdigkeit rasch gewichen, und
das um so mehr, als er den auch hier wenig gelittenen Vogelsang schmunzelnd
preisgegeben hatte.
    Von diesem Siege zu erzhlen, trieb es ihn, trotzdem er wute, wie Jenny zu
diesen Dingen stand; als er aber eintrat und die Aufregung gewahr wurde, darin
sich seine Frau ganz ersichtlich befand, erstarb ihm das joviale guten Abend,
Jenny auf der Zunge, und ihr die Hand reichend, sagte er nur: Was ist
vorgefallen, Jenny? Du siehst ja aus wie das Leiden... nein, keine Blasphemie...
Du siehst ja aus, als wre dir die Gerste verhagelt.
    Ich glaube, Treibel, sagte sie, whrend sie ihr Auf und Ab im Zimmer
fortsetzte, du knntest dich mit deinen Vergleichen etwas hher
hinaufschrauben; verhagelte Gerste hat einen beraus lndlichen, um nicht zu
sagen buerlichen Beigeschmack. Ich sehe, das Teupitz-Zossensche trgt bereits
seine Frchte...
    Liebe Jenny, die Schuld liegt, glaube ich, weniger an mir als an dem
Sprach- und Bilderschatze deutscher Nation. Alle Wendungen, die wir als Ausdruck
fr Verstimmungen und Betrbnisse haben, haben einen ausgesprochenen
Unterschichtscharakter, und ich finde da zunchst nur noch den Lohgerber, dem
die Felle weggeschwommen.
    Er stockte, denn es traf ihn ein so bser Blick, da er es doch fr
angezeigt hielt, auf das Suchen nach weiteren Vergleichen zu verzichten. Auch
nahm Jenny selbst das Wort und sagte: Deine Rcksichten gegen mich halten sich
immer auf derselben Hhe. Du siehst, da ich eine Alteration gehabt habe, und
die Form, in die du deine Teilnahme kleidest, ist die geschmackloser Vergleiche.
Was meiner Erregung zugrunde liegt, scheint deine Neugier nicht sonderlich zu
wecken.
    Doch, doch, Jenny... Du darfst das nicht belnehmen; du kennst mich und
weit, wie das alles gemeint ist. Alteration! Das ist ein Wort, das ich nicht
gern hre. Gewi wieder was mit Anna, Kndigung oder Liebesgeschichte. Wenn ich
nicht irre, stand sie...
    Nein, Treibel, das ist es nicht, Anna mag tun, was sie will, und
meinetwegen ihr Leben als Spreewlderin beschlieen. Ihr Vater, der alte
Schulmeister, kann dann an seinem Enkel erziehen, was er an seiner Tochter
versumt hat. Wenn mich Liebesgeschichten alterieren sollen, mssen sie von
anderer Seite kommen...
    Also doch Liebesgeschichten. Nun sage, wer?
    Leopold.
    Alle Wetter... Und man konnte nicht heraushren, ob Treibel bei dieser
Namensnennung mehr in Schreck oder Freude geraten war. Leopold? Ist es
mglich?
    Es ist mehr als mglich, es ist gewi; denn vor einer Viertelstunde war er
selber hier, um mich diese Liebesgeschichte wissen zu lassen...
    Merkwrdiger Junge...
    Er hat sich mit Corinna verlobt.
    Es war ganz unverkennbar, da die Kommerzienrtin eine groe Wirkung von
dieser Mitteilung erwartete, welche Wirkung aber durchaus ausblieb. Treibels
erstes Gefhl war das einer heiter angeflogenen Enttuschung. Er hatte was von
kleiner Soubrette, vielleicht auch von Jungfrau aus dem Volk erwartet und
stand nun vor einer Ankndigung, die, nach seinen unbefangeneren Anschauungen,
alles andere als Schreck und Entsetzen hervorrufen konnte. Corinna, sagte er.
Und schlankweg verlobt und ohne Mama zu fragen. Teufelsjunge. Man unterschtzt
doch immer die Menschen und am meisten seine eigenen Kinder.
    Treibel, was soll das? Dies ist keine Stunde, wo sich's fr dich schickt,
in einer noch nach Buggenhagen schmeckenden Stimmung ernste Fragen zu behandeln.
Du kommst nach Haus und findest mich in einer groen Erregung, und im
Augenblicke, wo ich dir den Grund dieser Erregung mitteile, findest du's
angemessen, allerlei sonderbare Scherze zu machen. Du mut doch fhlen, da das
einer Lcherlichmachung meiner Person und meiner Gefhle ziemlich gleichkommt,
und wenn ich deine ganze Haltung recht verstehe, so bist du weitab davon, in
dieser sogenannten Verlobung einen Skandal zu sehen. Und darber mchte ich
Gewiheit haben, eh wir weitersprechen. Ist es ein Skandal oder nicht?
    Nein.
    Und du wirst Leopold nicht darber zur Rede stellen?
    Nein.
    Und bist nicht emprt ber diese Person?
    Nicht im geringsten.
    ber diese Person, die deiner und meiner Freundlichkeit sich absolut unwert
macht und nun ihre Bettlade - denn um viel was anderes wird es sich nicht
handeln - in das Treibelsche Haus tragen will.
    Treibel lachte. Sieh, Jenny, diese Redewendung ist dir gelungen, und wenn
ich mir mit meiner Phantasie, die mein Unglck ist, die hbsche Corinna
vorstelle, wie sie, sozusagen zwischen die Lngsbretter eingeschirrt, ihre
Bettlade hierher ins Treibelsche Haus trgt, so knnte ich eine Viertelstunde
lang lachen. Aber ich will doch lieber nicht lachen und dir, da du so sehr frs
Ernste bist, nun auch ein ernsthaftes Wort sagen. Alles, was du da so
hinschmetterst, ist erstens unsinnig und zweitens emprend. Und was es auerdem
noch alles ist, blind, vergelich, berheblich, davon will ich gar nicht
reden...
    Jenny war ganz bla geworden und zitterte, weil sie wohl wute, worauf das
blind und vergelich abzielte. Treibel aber, der ein guter und auch ganz
kluger Kerl war und sich aufrichtig gegen all den Hochmut aufrichtete, fuhr
jetzt fort: Du sprichst da von Undank und Skandal und Blamage, und fehlt
eigentlich blo noch das Wort Unehre, dann hast du den Gipfel der Herrlichkeit
erklommen. Undank. Willst du der klugen, immer heitren, immer unterhaltlichen
Person, die wenigstens sieben Felgentreus in die Tasche steckt - nchststehender
Anverwandten ganz zu geschweigen -, willst du der die Datteln und Apfelsinen
nachrechnen, die sie von unserer Majolikaschssel, mit einer Venus und einem
Cupido darauf, beilufig eine lcherliche Pinselei, mit ihrer zierlichen Hand
heruntergenommen hat? Und waren wir nicht bei dem guten alten Professor
unsererseits auch zu Gast, bei Wilibald, der doch sonst dein Herzblatt ist, und
haben wir uns seinen Brauneberger, der ebenso gut war wie meiner, oder doch
nicht viel schlechter, nicht schmecken lassen? Und warst du nicht ganz
ausgelassen und hast du nicht an dem Klimperkasten, der da in der Putzstube
steht, deine alten Lieder runtergesungen? Nein, Jenny, komme mir nicht mit
solchen Geschichten. Da kann ich auch mal rgerlich werden...
    Jenny nahm seine Hand und wollte ihn hindern weiterzusprechen.
    Nein, Jenny, noch nicht, noch bin ich nicht fertig. Ich bin nun mal im
Zuge. Skandal sagst du und Blamage. Nun, ich sage dir, nimm dich in acht, da
aus der blo eingebildeten Blamage nicht eine wirkliche wird und da - ich sage
das, weil du solche Bilder liebst - der Pfeil nicht auf den Schtzen
zurckfliegt. Du bist auf dem besten Wege, mich und dich in eine unsterbliche
Lcherlichkeit hineinzubugsieren. Wer sind wir denn? Wir sind weder die
Montmorencys noch die Lusignans - von denen, nebenher bemerkt, die schne
Melusine herstammen soll, was dich vielleicht interessiert -, wir sind auch
nicht die Bismarcks oder die Arnims oder sonst was Mrkisches von Adel, wir sind
die Treibels, Blutlaugensalz und Eisenvitriol, und du bist eine geborne
Brstenbinder aus der Adlerstrae. Brstenbinder ist ganz gut, aber der erste
Brstenbinder kann unmglich hher gestanden haben als der erste Schmidt. Und so
bitt ich dich denn, Jenny, keine bertreibungen. Und wenn es sein kann, la den
ganzen Kriegsplan fallen und nimm Corinna mit soviel Fassung hin, wie du Helene
hingenommen hast. Es ist ja nicht ntig, da sich Schwiegermutter und
Schwiegertochter furchtbar lieben, sie heiraten sich ja nicht; es kommt auf die
an, die den Mut haben, sich dieser ernsten und schwierigen Aufgabe
allerpersnlichst unterziehen zu wollen...
    Jenny war whrend dieser zweiten Hlfte von Treibels Philippika merkwrdig
ruhig geworden, was in einer guten Kenntnis des Charakters ihres Mannes seinen
Grund hatte. Sie wute, da er in einem berhohen Grade das Bedrfnis und die
Gewohnheit des Sichaussprechens hatte und da sich mit ihm erst wieder reden
lie, wenn gewisse Gefhle von seiner Seele heruntergeredet waren. Es war ihr
schlielich ganz recht, da dieser Akt innerlicher Selbstbefreiung so rasch und
so grndlich begonnen hatte; was jetzt gesagt worden war, brauchte morgen nicht
mehr gesagt zu werden, war abgetan und gestattete den Ausblick auf friedlichere
Verhandlungen. Treibel war sehr der Mann der Betrachtung aller Dinge von zwei
Seiten her, und so war Jenny denn vllig berzeugt davon, da er ber Nacht
dahin gelangen wrde, die ganze Leopoldsche Verlobung auch mal von der Kehrseite
her anzusehen. Sie nahm deshalb seine Hand und sagte: Treibel, la uns das
Gesprch morgen frh fortsetzen. Ich glaube, da du, bei ruhigerem Blute, die
Berechtigung meiner Anschauungen nicht verkennen wirst. Jedenfalls rechne nicht
darauf, mich anderen Sinnes zu machen. Ich wollte dir, als dem Manne, der zu
handeln hat, selbstverstndlich auch in dieser Angelegenheit nicht vorgreifen;
lehnst du jedoch jedes Handeln ab, so handle ich. Selbst auf die Gefahr deiner
Nichtzustimmung.
    Tu, was du willst.
    Und damit warf Treibel die Tr ins Schlo und ging in sein Zimmer hinber.
Als er sich in den Fauteuil warf, brummte er vor sich hin: Wenn sie am Ende
doch recht htte!
    Und konnte es anders sein? Der gute Treibel, er war doch auch seinerseits
das Produkt dreier, im Fabrikbetrieb immer reicher gewordenen Generationen, und
aller guten Geistes- und Herzensanlagen unerachtet und trotz seines politischen
Gastspiels auf der Bhne Teupitz-Zossen - der Bourgeois steckte ihm wie seiner
sentimentalen Frau tief im Geblt.

                              Dreizehntes Kapitel


Am anderen Morgen war die Kommerzienrtin frher auf als gewhnlich und lie von
ihrem Zimmer aus zu Treibel hinber sagen, da sie das Frhstck allein nehmen
wolle. Treibel schob es auf die Verstimmung vom Abend vorher, ging aber darin
fehl, da Jenny ganz aufrichtig vorhatte, die durch Verbleib auf ihrem Zimmer
frei gewordene halbe Stunde zu einem Briefe an Hildegard zu benutzen. Es galt
eben Wichtigeres heute, als den Kaffee muevoll und friedlich oder vielleicht
auch unter fortgesetzter Kriegfhrung einzunehmen, und wirklich, kaum da sie
die kleine Tasse geleert und auf das Tablett zurckgeschoben hatte, so
vertauschte sie auch schon den Sofaplatz mit ihrem Platz am Schreibtisch und
lie die Feder mit rasender Schnelligkeit ber verschiedene kleine Bogen
hingleiten, von denen jeder nur die Gre einer Handflche, Gott sei Dank aber
die herkmmlichen vier Seiten hatte. Briefe, wenn ihr die Stimmung nicht fehlte,
gingen ihr immer leicht von der Hand, aber nie so wie heute, und ehe noch die
kleine Konsoluhr die neunte Stunde schlug, schob sie schon die Bogen zusammen,
klopfte sie auf der Tischplatte wie ein Spiel Karten zurecht und berlas noch
einmal mit halblauter Stimme das Geschriebene.

Liebe Hildegard! Seit Wochen tragen wir uns damit, unsren seit lange gehegten
Wunsch erfllt und Dich mal wieder unter unsrem Dache zu sehen. Bis in den Mai
hinein hatten wir schlechtes Wetter, und von einem Lenz, der mir die schnste
Jahreszeit bedeutet, konnte kaum die Rede sein. Aber seit beinah vierzehn Tagen
ist es anders, in unsrem Garten schlagen die Nachtigallen, was Du, wie ich mich
sehr wohl erinnere, so sehr liebst, und so bitten wir Dich herzlich, Dein
schnes Hamburg auf ein paar Wochen verlassen und uns Deine Gegenwart schenken
zu wollen. Treibel vereinigt seine Wnsche mit den meinigen, und Leopold
schliet sich an. Von Deiner Schwester Helene bei dieser Gelegenheit und in
diesem Sinne zu sprechen ist berflssig, denn ihre herzlichen Gefhle fr Dich
kennst Du so gut, wie wir sie kennen, Gefhle, die, wenn ich recht beobachtet
habe, gerade neuerdings wieder in einem bestndigen Wachsen begriffen sind. Es
liegt so, da ich, soweit das in einem Briefe mglich, ausfhrlicher darber zu
Dir sprechen mchte. Mitunter, wenn ich sie so bla sehe, so gut ihr gerade
diese Blsse kleidet, tut mir doch das innerste Herz weh, und ich habe nicht den
Mut, nach der Ursache zu fragen. Otto ist es nicht, dessen bin ich sicher, denn
er ist nicht nur gut, sondern auch rcksichtsvoll, und ich empfinde dann allen
Mglichkeiten gegenber ganz deutlich, da es nichts anderes sein kann als
Heimweh. Ach, mir nur zu begreiflich, und ich mchte dann immer sagen, reise,
Helene, reise heute, reise morgen, und sei versichert, da ich mich, wie des
Wirtschaftlichen berhaupt, so auch namentlich der Weizeugpltterei nach besten
Krften annehmen werde, gerade so, ja mehr noch, als wenn es fr Treibel wre,
der in diesen Stcken auch so diffizil ist, diffiziler als viele andere
Berliner. Aber ich sage das alles nicht, weil ich ja wei, da Helene lieber auf
jedes andere Glck verzichtet als auf das Glck, das in dem Bewutsein erfllter
Pflicht liegt. Vor allem dem Kinde gegenber. Lizzi mit auf die Reise zu nehmen,
wo dann doch die Schulstunden unterbrochen werden mten, ist fast ebenso
undenkbar, wie Lizzi zurckzulassen. Das se Kind! Wie wirst Du Dich freuen,
sie wiederzusehen, immer vorausgesetzt, da ich mit meiner Bitte keine Fehlbitte
tue. Denn Photographien geben doch nur ein sehr ungengendes Bild, namentlich
bei Kindern, deren ganzer Zauber in einer durchsichtigen Hautfarbe liegt; der
Teint nanciert nicht nur den Ausdruck, er ist der Ausdruck selbst. Denn wie
Krola, dessen Du Dich vielleicht noch erinnerst, erst neulich wieder behauptete,
der Zusammenhang zwischen Teint und Seele sei geradezu merkwrdig. Was wir Dir
bieten knnen, meine se Hildegard? Wenig; eigentlich nichts. Die
Beschrnktheit unsrer Rume kennst du; Treibel hat auerdem eine neue Passion
ausgebildet und will sich whlen lassen, und zwar in einem Landkreise, dessen
sonderbaren, etwas wendisch klingenden Namen ich Deiner Geographiekenntnis nicht
zumute, trotzdem ich wohl wei, da auch Eure Schulen - wie mir Felgentreu
(freilich keine Autoritt auf diesem Gebiete) erst ganz vor kurzem wieder
versicherte - den unsrigen berlegen sind. Wir haben zur Zeit eigentlich nichts
als die Jubilumsausstellung, in der die Firma Dreher aus Wien die Bewirtung
bernommen hat und hart angegriffen wird. Aber was griffe der Berliner nicht an
- da die Seidel zu klein sind, kann einer Dame wenig bedeuten -, und ich wte
wirklich kaum etwas, was vor der Eingebildetheit unserer Bevlkerung sicher
wre. Nicht einmal Euer Hamburg, an das ich nicht denken kann, ohne da mir das
Herz lacht. Ach, Eure herrliche Buten-Alster! Und wenn dann abends die Lichter
und die Sterne darin flimmern - ein Anblick, der den, der sich seiner freuen
darf, jedesmal dem Irdischen wie entrckt. Aber vergi es, liebe Hildegard,
sonst haben wir wenig Aussicht, Dich hier zu sehen, was doch ein aufrichtiges
Bedauern bei allen Treibels hervorrufen wrde, am meisten bei Deiner Dich innig
liebenden Freundin und Tante
                                                                  Jenny Treibel.

Nachschrift. Leopold reitet jetzt viel, jeden Morgen nach Treptow und auch nach
dem Eierhuschen. Er klagt, da er keine Begleitung dabei habe. Hast Du noch
Deine alte Passion? Ich sehe Dich noch so hinfliegen, Du Wildfang. Wenn ich ein
Mann wre, Dich einzufangen wrde mir das Leben bedeuten. brigens bin ich
sicher, da andere ebenso denken, und wir wrden lngst den Beweis davon in
Hnden haben, wenn Du weniger whlerisch wrst. Sei es nicht frder und vergi
die Ansprche, die Du machen darfst.
                                                                    Deine J. T.

Jenny faltete jetzt die kleinen Bogen und tat sie in ein Couvert, das,
vielleicht um auch schon uerlich ihren Friedenswunsch anzudeuten, eine weie
Taube mit einem lzweig zeigte. Dies war um so angebrachter, als Hildegard mit
Helenen in lebhafter Korrespondenz stand und recht gut wute, wie, bisher
wenigstens, die wahren Gefhle der Treibels und besonders die der Frau Jenny
gewesen waren.
    Die Rtin hatte sich eben erhoben, um nach der am Abend vorher etwas
angezweifelten Anna zu klingeln, als sie, wie von ungefhr, ihren Blick auf den
Vorgarten richtend, ihrer Schwiegertochter ansichtig wurde, die rasch vom Gitter
her auf das Haus zuschritt. Drauen hielt eine Droschke zweiter Klasse,
geschlossen und das Fenster in die Hhe gezogen, trotzdem es sehr warm war.
    Einen Augenblick danach trat Helene bei der Schwiegermutter ein und umarmte
sie strmisch. Dann warf sie Sommermantel und Gartenhut beiseite und sagte,
whrend sie ihre Umarmung wiederholte: Ist es denn wahr? Ist es mglich?
    Jenny nickte stumm und sah nun erst, da Helene noch im Morgenkleide und ihr
Scheitel noch eingeflochten war. Sie hatte sich also, wie sie da ging und stand,
im selben Moment, wo die groe Nachricht auf dem Holzhofe bekannt geworden war,
sofort auf den Weg gemacht, und zwar in der ersten besten Droschke. Das war
etwas, und angesichts dieser Tatsache fhlte Jenny das Eis hinschmelzen, das
acht Jahre lang ihr Schwiegermutterherz umgrtet hatte. Zugleich traten ihr
Trnen in die Augen. Helene, sagte sie, was zwischen uns gestanden hat, ist
fort. Du bist ein gutes Kind, du fhlst mit uns. Ich war mitunter gegen dies und
das, untersuchen wir nicht, ob mit Recht oder Unrecht; aber in solchen, Stcken
ist Verla auf euch, und ihr wit Sinn von Unsinn zu unterscheiden. Von deinem
Schwiegervater kann ich dies leider nicht sagen. Indessen ich denke, das ist nur
bergang, und er wird sich gehen. Unter allen Umstnden la uns zusammenhalten.
Mit Leopold persnlich, das hat nichts zu bedeuten. Aber diese gefhrliche
Person, die vor nichts erschrickt und dabei ein Selbstbewutsein hat, da man
drei Prinzessinnen damit ausstaffieren knnte, gegen die mssen wir uns rsten.
Glaube nicht, da sie's uns leicht machen wird. Sie hat ganz den
Professorentochterdnkel und ist imstande, sich einzubilden, da sie dem Hause
Treibel noch eine Ehre antut.
    Eine schreckliche Person, sagte Helene. Wenn ich an den Tag denke mit
dear Mister Nelson. Wir hatten eine Todesangst, da Nelson seine Reise
verschieben und um sie anhalten wrde. Was daraus geworden wre, wei ich nicht;
bei den Beziehungen Ottos zu der Liverpooler Firma vielleicht verhngnisvoll fr
uns.
    Nun, Gott sei Dank, da es vorbergegangen. Vielleicht immer noch besser
so, so knnen wir's en famille austragen. Und den alten Professor frcht ich
nicht, den habe ich von alter Zeit her am Bndel. Er mu mit in unser Lager
hinber. Und nun mu ich fort, Kind, um Toilette zu machen... Aber noch ein
Hauptpunkt. Eben habe ich an deine Schwester Hildegard geschrieben und sie
herzlich gebeten, uns mit nchstem ihren Besuch zu schenken. Bitte, Helene, fge
ein paar Worte an deine Mama hinzu und tue beides in das Couvert und
adressiere.
    Damit ging die Rtin, und Helene setzte sich an den Schreibtisch. Sie war so
bei der Sache, da nicht einmal ein triumphierendes Gefhl darber, mit ihren
Wnschen fr Hildegard nun endlich am Ziele zu sein, in ihr aufdmmerte; nein,
sie hatte angesichts der gemeinsamen Gefahr nur Teilnahme fr ihre
Schwiegermutter, als der Trgerin des Hauses, und nur Ha fr Corinna. Was sie
zu schreiben hatte, war rasch geschrieben. Und nun adressierte sie mit schner
englischer Handschrift in normalen Schwung- und Rundlinien: Frau Konsul Thora
Munk, geb. Thompson. Hamburg. Uhlenhorst.
    Als die Aufschrift getrocknet und der ziemlich ansehnliche Brief mit zwei
Marken frankiert war, brach Helene auf, klopfte nur noch leise an Frau Jennys
Toilettenzimmer und rief hinein: Ich gehe jetzt, liebe Mama. Den Brief nehme
ich mit. Und gleich danach passierte sie wieder den Vorgarten, weckte den
Droschkenkutscher und stieg ein.

Zwischen neun und zehn waren zwei Rohrpostbriefe bei Schmidts eingetroffen, ein
Fall, der, in dieser seiner Gedoppeltheit, noch nicht dagewesen war. Der eine
dieser Briefe richtete sich an den Professor und hatte folgenden kurzen Inhalt:
Lieber Freund! Darf ich darauf rechnen, Sie heute zwischen zwlf und eins in
Ihrer Wohnung zu treffen? Keine Antwort, gute Antwort. Ihre ganz ergebene Jenny
Treibel. Der andere, nicht viel lngere Brief war an Corinna adressiert und
lautete: Liebe Corinna! Gestern abend noch hatte ich ein Gesprch mit der Mama.
Da ich auf Widerstand stie, brauche ich Dir nicht erst zu sagen, und es ist
mir gewisser denn je, da wir schweren Kmpfen entgegengehen. Aber nichts soll
uns trennen. In meiner Seele lebt eine hohe Freudigkeit und gibt mir Mut zu
allem. Das ist das Geheimnis und zugleich die Macht der Liebe. Diese Macht soll
mich auch weiter fhren und festigen. Trotz aller Sorge Dein berglcklicher
Leopold. Corinna legte den Brief aus der Hand. Armer Junge! Was er da
schreibt, ist ehrlich gemeint, selbst das mit dem Mut. Aber ein Hasenohr guckt
doch durch. Nun, wir mssen sehen. Halte, was du hast. Ich gebe nicht nach.

Corinna verbrachte den Vormittag unter fortgesetzten Selbstgesprchen. Mitunter
kam die Schmolke, sagte aber nichts und beschrnkte sich auf kleine
wirtschaftliche Fragen. Der Professor seinerseits hatte zwei Stunden zu geben,
eine griechische: Pindar, und eine deutsche: romantische Schule (Novalis), und
war bald nach zwlf wieder zurck. Er schritt in seinem Zimmer auf und ab,
abwechselnd mit einem ihm in seiner Schluwendung absolut unverstndlich
gebliebenen Novalis-Gedicht und dann wieder mit dem so feierlich angekndigten
Besuche seiner Freundin Jenny beschftigt. Es war kurz vor eins, als ein
Wagengerumpel auf dem schlechten Steinpflaster unten ihn annehmen lie, sie
werde es sein. Und sie war es, diesmal allein, ohne Frulein Honig und ohne den
Bologneser. Sie ffnete selbst den Schlag und stieg dann langsam und bedchtig,
als ob sie sich ihre Rolle noch einmal berhre, die Steinstufen der Auentreppe
hinauf. Eine Minute spter hrte Schmidt die Klingel gehen, und gleich danach
meldete die Schmolke: Frau Kommerzienrtin Treibel.
    Schmidt ging ihr entgegen, etwas weniger unbefangen als sonst, kte ihr die
Hand und bat sie, auf seinem Sofa, dessen tiefste Kesselstelle durch ein groes
Lederkissen einigermaen applaniert war, Platz zu nehmen. Er selber nahm einen
Stuhl, setzte sich ihr gegenber und sagte: Was verschafft mir die Ehre, liebe
Freundin? Ich nehme an, da etwas Besonderes vorgefallen ist.
    Das ist es, lieber Freund. Und Ihre Worte lassen mir keinen Zweifel
darber, da Frulein Corinna noch nicht fr gut befunden hat, Sie mit dem
Vorgefallenen bekannt zu machen. Frulein Corinna hat sich nmlich gestern abend
mit meinem Sohne Leopold verlobt.
    Ah, sagte Schmidt in einem Tone, der ebensogut Freude wie Schreck
ausdrcken konnte.
    Frulein Corinna hat sich gestern auf unsrer Grunewald-Partie, die
vielleicht besser unterblieben wre, mit meinem Sohne Leopold verlobt, nicht
umgekehrt. Leopold tut keinen Schritt ohne mein Wissen und Willen, am wenigsten
einen so wichtigen Schritt wie eine Verlobung, und so mu ich denn, zu meinem
lebhaften Bedauern, von etwas Abgekartetem oder einer gestellten Falle, ja,
Verzeihung, lieber Freund, von einem wohlberlegten berfall sprechen.
    Dies starke Wort gab dem alten Schmidt nicht nur seine Seelenruhe, sondern
auch seine gewhnliche Heiterkeit wieder. Er sah, da er sich in seiner alten
Freundin nicht getuscht hatte, da sie, vllig unverndert, die, trotz Lyrik
und Hochgefhle, ganz ausschlielich auf uerlichkeiten gestellte Jenny
Brstenbinder von ehedem war und da seinerseits, unter selbstverstndlicher
Wahrung artigster Formen und anscheinend vollen Entgegenkommens, ein Ton
superioren bermutes angeschlagen und in die sich nun hchstwahrscheinlich
entspinnende Debatte hineingetragen werden msse. Das war er sich, das war er
Corinna schuldig.
    Ein berfall, meine gndigste Frau. Sie haben vielleicht nicht ganz
unrecht, es so zu nennen. Und da es gerade auf diesem Terrain sein mute.
Sonderbar genug, da Dinge der Art ganz bestimmten Lokalitten unveruerlich
anzuhaften scheinen. Alle Bemhungen, durch Schwanenhuser und Kegelbahnen im
stillen zu reformieren, der Sache friedlich beizukommen, erweisen sich als
nutzlos, und der frhere Charakter dieser Gegenden, insonderheit unseres alten
belbeleumdeten Grunewalds, bricht immer wieder durch. Immer wieder aus dem
Stegreif. Erlauben Sie mir, gndigste Frau, da ich den derzeitigen Junker
generis feminini herbeirufe, damit er seiner Schuld gestndig werde.
    Jenny bi sich auf die Lippen und bedauerte das unvorsichtige Wort, das sie
nun dem Spotte preisgab. Es war aber zu spt zur Umkehr, und so sagte sie nur:
Ja, lieber Professor, es wird das beste sein, Corinna selbst zu hren. Und ich
denke, sie wird sich mit einem gewissen Stolz dazu bekennen, dem armen Jungen
das Spiel ber den Kopf weggenommen zu haben.
    Wohl mglich, sagte Schmidt und stand auf und rief in das Entree hinein:
Corinna.
    Kaum da er seinen Platz wieder eingenommen hatte, so stand die von ihm
Gerufene auch schon in der Tr, verbeugte sich artig gegen die Kommerzienrtin
und sagte: Du hast gerufen, Papa?
    Ja, Corinna, das hab ich. Eh wir aber weitergehen, nimm einen Stuhl und
setze dich in einiger Entfernung von uns. Denn ich mchte es auch uerlich
markieren, da du vorlufig eine Angeklagte bist. Rcke in die Fensternische, da
sehen wir dich am besten. Und nun sage mir, hat es seine Richtigkeit damit, da
du gestern abend im Grunewald, in dem ganzen Junkerbermut einer geborenen
Schmidt, einen friedlich und unbewaffnet seines Weges ziehenden Brgerssohn,
namens Leopold Treibel, seiner besten Barschaft beraubt hast?
    Corinna lchelte. Dann trat sie vom Fenster her an den Tisch heran und
sagte: Nein, Papa, das ist grundfalsch. Es hat alles den landesblichen Verlauf
genommen, und wir sind so regelrecht verlobt, wie man nur verlobt sein kann.
    Ich bezweifle das nicht, Frulein Corinna, sagte Jenny. Leopold selbst
betrachtet sich als Ihren Verlobten. Ich sage nur das eine, da Sie das
berlegenheitsgefhl, das Ihnen Ihre Jahre...
    Nicht meine Jahre. Ich bin jnger...
    ... Das Ihnen Ihre Klugheit und Ihr Charakter gegeben, da Sie diese
berlegenheit dazu benutzt haben, den armen Jungen willenlos zu machen und ihn
fr sich zu gewinnen.
    Nein, meine gndigste Frau, das ist ebenfalls nicht ganz richtig,
wenigstens zunchst nicht. Da es schlielich doch vielleicht richtig sein wird,
darauf mssen Sie mir erlauben, weiterhin zurckzukommen.
    Gut, Corinna, gut, sagte der Alte. Fahre nur fort. Also zunchst...
    Also zunchst unrichtig, meine gndigste Frau. Denn wie kam es? Ich sprach
mit Leopold von seiner nchsten Zukunft und beschrieb ihm einen Hochzeitszug,
absichtlich in unbestimmten Umrissen und ohne Namen zu nennen. Und als ich
zuletzt Namen nennen mute, da war es Blankenese, wo die Gste zum
Hochzeitsmahle sich sammelten, und war es die schne Hildegard Munk, die, wie
eine Knigin gekleidet, als Braut neben ihrem Brutigam sa. Und dieser
Brutigam war Ihr Leopold, meine gndigste Frau. Selbiger Leopold aber wollte
von dem allen nichts wissen und ergriff meine Hand und machte mir einen Antrag
in aller Form. Und nachdem ich ihn an seine Mutter erinnert und mit dieser
Erinnerung kein Glck gehabt hatte, da haben wir uns verlobt...
    Ich glaube das, Frulein Corinna, sagte die Rtin. Ich glaube das ganz
aufrichtig. Aber schlielich ist das alles doch nur eine Komdie. Sie wuten
ganz gut, da er Ihnen vor Hildegard den Vorzug gab, und Sie wuten nur zu gut,
da Sie, je mehr Sie das arme Kind, die Hildegard, in den Vordergrund stellten,
desto gewisser - um nicht zu sagen desto leidenschaftlicher, denn er ist nicht
eigentlich der Mann der Leidenschaften -, desto gewisser, sag ich, wrd er sich
auf Ihre Seite stellen und sich zu Ihnen bekennen.
    Ja, gndigste Frau, das wut ich oder wut es doch beinah. Es war noch kein
Wort in diesem Sinne zwischen uns gesprochen worden, aber ich glaubte trotzdem,
und seit lngerer Zeit schon, da er glcklich sein wrde, mich seine Braut zu
nennen.
    Und durch die klug und berechnend ausgesuchte Geschichte mit dem Hamburger
Hochzeitszuge haben Sie eine Erklrung herbeizufhren gewut...
    Ja, meine gndigste Frau, das hab ich, und ich meine, das alles war mein
gutes Recht. Und wenn Sie nun dagegen, und wie mir's scheint ganz ernsthaft,
Ihren Protest erheben wollen, erschrecken Sie da nicht vor ihrer eignen
Forderung, vor der Zumutung, ich htte mich jedes Einflusses auf Ihren Sohn
enthalten sollen? Ich bin keine Schnheit, habe nur eben das Durchschnittsma.
Aber nehmen Sie, so schwer es Ihnen werden mag, fr einen Augenblick einmal an,
ich wre wirklich so was wie eine Schnheit, eine Beaut, der Ihr Herr Sohn
nicht htte widerstehen knnen, wrden Sie von mir verlangt haben, mir das
Gesicht mit tzlauge zu zerstren, blo damit Ihr Sohn, mein Verlobter, nicht in
eine durch mich gestellte Schnheitsfalle fiele?
    Corinna, lchelte der Alte, nicht zu scharf. Die Rtin ist unter unserm
Dache.
    Sie wrden das nicht von mir verlangt haben, so wenigstens nehme ich
vorlufig an, vielleicht in berschtzung Ihrer freundlichen Gefhle fr mich,
und doch verlangen Sie von mir, da ich mich dessen begebe, was die Natur mir
gegeben hat. Ich habe meinen guten Verstand und bin offen und frei und be damit
eine gewisse Wirkung auf die Mnner aus, mitunter auch gerade auf solche, denen
das fehlt, was ich habe - soll ich mich dessen entkleiden? soll ich mein Pfund
vergraben? soll ich das bichen Licht, das mir geworden, unter den Scheffel
stellen? Verlangen Sie, da ich bei Begegnungen mit Ihrem Sohne wie eine Nonne
dasitze, blo damit das Haus Treibel vor einer Verlobung mit mir bewahrt bleibe?
Erlauben Sie mir, gndigste Frau, und Sie mssen meine Worte meinem erregten
Gefhle, das Sie herausgefordert, zugute halten, erlauben Sie mir, Ihnen zu
sagen, da ich das nicht blo hochmtig und hchst verwerflich, da ich es vor
allem auch ridikl finde. Denn wer sind die Treibels? Berliner-Blau-Fabrikanten
mit einem Ratstitel, und ich, ich bin eine Schmidt.
    Eine Schmidt, wiederholte der alte Wilibald freudig, gleich danach
hinzufgend: Und nun sagen Sie, liebe Freundin, wollen wir nicht lieber
abbrechen und alles den Kindern und einer gewissen ruhigen historischen
Entwicklung berlassen?
    Nein, mein lieber Freund, das wollen wir nicht. Wir wollen nichts der
historischen Entwicklung und noch weniger der Entscheidung der Kinder
berlassen, was gleichbedeutend wre mit Entscheidung durch Frulein Corinna.
Dies zu hindern, deshalb eben bin ich hier. Ich hoffte bei den Erinnerungen, die
zwischen uns leben, Ihrer Zustimmung und Untersttzung sicher zu sein, sehe mich
aber getuscht und werde meinen Einflu, der hier gescheitert, auf meinen Sohn
Leopold beschrnken mssen.
    Ich frchte, sagte Corinna, da er auch da versagt ...
    Was lediglich davon abhngen wird, ob er Sie sieht oder nicht.
    Er wird mich sehen!
    Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
    Und darauf erhob sich die Kommerzienrtin und ging, ohne dem Professor die
Hand gereicht zu haben, auf die Tr zu. Hier wandte sie sich noch einmal und
sagte zu Corinna: Corinna, lassen Sie uns vernnftig reden. Ich will alles
vergessen. Lassen Sie den Jungen wieder los. Er pat nicht einmal fr Sie. Und
was das Haus Treibel angeht, so haben Sie's eben in einer Weise charakterisiert,
da es Ihnen kein Opfer kosten kann, darauf zu verzichten...
    Aber meine Gefhle, gndigste Frau...
    Bah, lachte Jenny, da Sie so sprechen knnen, zeigt mir deutlich, da
Sie keine haben und da alles bloer bermut oder vielleicht auch Eigensinn ist.
Da Sie sich dieses Eigensinns begeben mgen, wnsche ich Ihnen und uns. Denn es
kann zu nichts fhren. Eine Mutter hat auch Einflu auf einen schwachen
Menschen, und ob Leopold Lust hat, seine Flitterwochen in einem Ahlbecker
Fischerhause zu verbringen, ist mir doch zweifelhaft. Und da das Haus Treibel
Ihnen keine Villa in Capri bewilligen wird, dessen drfen Sie gewi sein.
    Und dabei verneigte sie sich und trat in das Entree hinaus. Corinna blieb
zurck. Schmidt aber gab seiner Freundin das Geleit bis an die Treppe.
    Adieu, sagte hier die Rtin. Ich bedaure, lieber Freund, da dies
zwischen uns treten und die herzlichen Beziehungen so vieler, vieler Jahre
stren mute. Meine Schuld ist es nicht. Sie haben Corinna verwhnt, und das
Tchterchen schlgt nun einen spttischen und berheblichen Ton an und
ignoriert, wenn nichts andres, so doch die Jahre, die mich von ihr trennen.
Impiett ist der Charakter unsrer Zeit.
    Schmidt, ein Schelm, gefiel sich darin, bei dem Wort Impiett ein
betrbtes Gesicht aufzusetzen. Ach, liebe Freundin, sagte er, Sie mgen wohl
recht haben, aber nun ist es zu spt. Ich bedaure, da es unserm Hause
vorbehalten war, Ihnen einen Kummer wie diesen, um nicht zu sagen eine Krnkung,
anzutun. Freilich, wie Sie schon sehr richtig bemerkt haben, die Zeit... Alles
will ber sich hinaus und strebt hheren Staffeln zu, die die Vorsehung
sichtbarlich nicht wollte.
    Jenny nickte. Gott bere es.
    Lassen Sie uns das hoffen.
    Und damit trennten sie sich.
    In das Zimmer zurckgekehrt, umarmte Schmidt seine Tochter, gab ihr einen
Ku auf die Stirn und sagte: Corinna, wenn ich nicht Professor wre, so wrd
ich am Ende Sozialdemokrat.
    Im selben Augenblick erschien auch die Schmolke. Sie hatte nur das letzte
Wort gehrt, und erratend, um was es sich handle, sagte sie: Ja, das hat
Schmolke auch immer gesagt.

                              Vierzehntes Kapitel


Der nchste Tag war ein Sonntag, und die Stimmung, in der sich das Treibelsche
Haus befand, konnte nur noch dazu beitragen, dem Tage zu seiner herkmmlichen
dheit ein Betrchtliches zuzulegen. Jeder mied den andern. Die Kommerzienrtin
beschftigte sich damit, Briefe, Karten und Photographien zu ordnen, Leopold sa
auf seinem Zimmer und las Goethe (was, ist nicht ntig zu verraten), und Treibel
selbst ging im Garten um das Bassin herum und unterhielt sich, wie meist in
solchen Fllen, mit der Honig. Er ging dabei so weit, sie ganz ernsthaft nach
Krieg und Frieden zu fragen, allerdings mit der Vorsicht, sich eine Art
Prliminarantwort gleich selbst zu geben. In erster Reihe stehe fest, da es
niemand wisse, selbst der leitende Staatsmann nicht (er hatte sich diese
Phrase bei seinen ffentlichen Reden angewhnt), aber eben weil es niemand
wisse, sei man auf Sentiments angewiesen, und darin sei niemand grer und
zuverlssiger als die Frauen. Es sei nicht zu leugnen, das weibliche Geschlecht
habe was Pythisches, ganz abgesehen von jenem Orakelhaften niederer Observanz,
das noch so nebenherlaufe. Die Honig, als sie schlielich zu Worte kam, fate
ihre politische Diagnose dahin zusammen: sie she nach Westen hin einen klaren
Himmel, whrend es im Osten finster braue, ganz entschieden, und zwar oben
sowohl wie unten. Oben wie unten, wiederholte Treibel. Oh, wie wahr. Und das
Oben bestimmt das Unten und das Unten das Oben. Ja, Frulein Honig, damit haben
wir's getroffen. Und Czicka, das Hndchen, das natrlich auch nicht fehlte,
blaffte dazu. So ging das Gesprch zu gegenseitiger Zufriedenheit. Treibel aber
schien doch abgeneigt, aus diesem Weisheitsquell andauernd zu schpfen, und zog
sich nach einiger Zeit auf sein Zimmer und seine Zigarre zurck, ganz Halensee
verwnschend, das mit seiner Kaffeeklappe diese husliche Mistimmung und diese
Sonntags-Extralangeweile heraufbeschworen habe. Gegen Mittag traf ein an ihn
adressiertes Telegramm ein: Dank fr Brief. Ich komme morgen mit dem
Nachmittagszug. Eure Hildegard. Er schickte das Telegramm, aus dem er berhaupt
erst von der erfolgten Einladung erfuhr, an seine Frau hinber und war, trotzdem
er das selbstndige Vorgehen derselben etwas sonderbar fand, doch auch wieder
aufrichtig froh, nunmehr einen Gegenstand zu haben, mit dem er sich in seiner
Phantasie beschftigen konnte. Hildegard war sehr hbsch, und die Vorstellung,
innerhalb der nchsten Wochen ein anderes Gesicht als das der Honig auf seinen
Gartenspaziergngen um sich zu haben, tat ihm wohl. Er hatte nun auch einen
Gesprchsstoff, und whrend ohne diese Depesche die Mittagsunterhaltung
wahrscheinlich sehr kmmerlich verlaufen oder vielleicht ganz ausgefallen wre,
war es jetzt wenigstens mglich, ein paar Fragen zu stellen. Er stellte diese
Fragen auch wirklich, und alles machte sich ganz leidlich; nur Leopold sprach
kein Wort und war froh, als er sich vom Tisch erheben und zu seiner Lektre
zurckkehren konnte.
    Leopolds ganze Haltung gab berhaupt zu verstehen, da er ber sich
bestimmen zu lassen frder nicht mehr willens sei; trotzdem war ihm klar, da er
sich den Reprsentationspflichten des Hauses nicht entziehen und also nicht
unterlassen drfe, Hildegard am anderen Nachmittag auf dem Bahnhofe zu
empfangen. Er war pnktlich da, begrte die schne Schwgerin und absolvierte
die landesbliche Fragenreihe nach dem Befinden und den Sommerplnen der
Familie, whrend einer der von ihm engagierten Gepcktrger erst die Droschke,
dann das Gepck besorgte. Dasselbe bestand nur aus einem einzigen Koffer mit
Messingbeschlag, dieser aber war von solcher Gre, da er, als er
hinaufgewuchtet war, der dahinrollenden Droschke den Charakter eines Baus von
zwei Etagen gab.
    Unterwegs wurde das Gesprch von seiten Leopolds wieder aufgenommen,
erreichte seinen Zweck aber nur unvollkommen, weil seine stark hervortretende
Befangenheit seiner Schwgerin nur Grund zur Heiterkeit gab. Und nun hielten sie
vor der Villa. Die ganze Treibelei stand am Gitter, und als die herzlichsten
Begrungen ausgetauscht und die ntigsten Toiletten-Arrangements in fliegender
Eile, das heit ziemlich muevoll, gemacht worden waren, erschien Hildegard auf
der Veranda, wo man inzwischen den Kaffee serviert hatte. Sie fand alles
himmlisch, was auf Empfang strenger Instruktionen von seiten der Frau Konsul
Thora Munk hindeutete, die sehr wahrscheinlich Unterdrckung alles Hamburgischen
und Achtung vor Berliner Empfindlichkeiten als erste Regel empfohlen hatte.
Keine Parallelen wurden gezogen und beispielsweise gleich das Kaffeeservice
rundweg bewundert. Eure Berliner Muster schlagen jetzt alles aus dem Felde,
selbst Svres. Wie reizend diese Grecborte. Leopold stand in einiger Entfernung
und hrte zu, bis Hildegard pltzlich abbrach und allem, was sie gesagt, nur
noch hinzusetzte: Scheltet mich brigens nicht, da ich in einem fort von
Dingen spreche, fr die sich ja morgen auch noch die Zeit finden wrde:
Grecborte und Svres und Meien und Zwiebelmuster. Aber Leopold ist schuld; er
hat unsere Konversation in der Droschke so streng wissenschaftlich gefhrt, da
ich beinahe in Verlegenheit kam; ich wollte gern von Lizzi hren, und denkt
euch, er sprach nur von Anschlu und Radialsystem, und ich genierte mich zu
fragen, was es sei.
    Der alte Treibel lachte; die Kommerzienrtin aber verzog keine Miene,
whrend ber Leopolds blasses Gesicht eine leichte Rte flog.
    So verging der erste Tag, und Hildegards Unbefangenheit, die man sich zu
stren wohl htete, schien auch noch weiter leidliche Tage bringen zu sollen,
alles um so mehr, als es die Kommerzienrtin an Aufmerksamkeiten jeder Art nicht
fehlen lie. Ja, sie verstieg sich zu hchst wertvollen Geschenken, was sonst
ihre Sache nicht war. Ungeachtet all dieser Anstrengungen aber und trotzdem
dieselben, wenn man nicht tiefer nachforschte, von wenigstens halben Erfolgen
begleitet waren, wollte sich ein recht eigentliches Behagen nicht einstellen,
selbst bei Treibel nicht, auf dessen rasch wiederkehrende gute Laune bei seinem
glcklichen Naturell mit einer Art Sicherheit gerechnet war. Ja, diese gute
Laune, sie blieb aus mancherlei Grnden aus, unter denen gerade jetzt auch der
war, da die Zossen-Teupitzer Wahlkampagne mit einer totalen Niederlage
Vogelsangs geendigt hatte. Dabei mehrten sich die persnlichen Angriffe gegen
Treibel. Anfangs hatte man diesen, wegen seiner groen Beliebtheit,
rcksichtsvoll auer Spiel gelassen, bis die Taktlosigkeiten seines Agenten ein
weiteres Schonen unmglich machten. Es ist zweifellos ein Unglck, so hie es
in den Organen der Gegenpartei, so beschrnkt zu sein wie Lieutenant Vogelsang,
aber eine solche Beschrnktheit in seinen Dienst zu nehmen ist eine Miachtung
gegen den gesunden Menschenverstand unseres Kreises. Die Kandidatur Treibel
scheitert einfach an diesem Affront.

Es sah nicht allzu heiter aus bei den alten Treibels, was Hildegard allmhlich
so sehr zu fhlen begann, da sie halbe Tage bei den Geschwistern zubrachte. Der
Holzhof war berhaupt hbscher als die Fabrik und Lizzi geradezu reizend mit
ihren langen weien Strmpfen. Einmal waren sie auch rot. Wenn sie so herankam
und die Tante Hildegard mit einem Knicks begrte, flsterte diese der Schwester
zu: Quite English, Helen, und man lchelte sich dann glcklich an. Ja, es
waren Lichtblicke. Wenn Lizzi dann aber wieder fort war, war auch zwischen den
Schwestern von unbefangener Unterhaltung keine Rede mehr, weil das Gesprch die
zwei wichtigsten Punkte nicht berhren durfte: die Verlobung Leopolds und den
Wunsch, aus dieser Verlobung mit guter Manier herauszukommen.
    Ja, es sah nicht heiter aus bei den Treibels, aber bei den Schmidts auch
nicht. Der alte Professor war eigentlich weder in Sorge noch in Verstimmung,
lebte vielmehr umgekehrt der berzeugung, da sich nun alles bald zum Besseren
wenden werde; diesen Proze aber sich still vollziehen zu lassen schien ihm ganz
unerllich, und so verurteilte er sich, was ihm nicht leicht wurde, zu
unbedingtem Schweigen. Die Schmolke war natrlich ganz entgegengesetzter Ansicht
und hielt, wie die meisten alten Berlinerinnen, auerordentlich viel von sich
aussprechen, je mehr und je fter, desto besser. Ihre nach dieser Seite hin
abzielenden Versuche verliefen aber resultatlos, und Corinna war nicht zum
Sprechen zu bewegen, wenn die Schmolke begann: Ja, Corinna, was soll denn nun
eigentlich werden? Was denkst du dir denn eigentlich?
    Auf all das gab es keine rechte Antwort, vielmehr stand Corinna wie am
Roulett und wartete mit verschrnkten Armen, wohin die Kugel fallen wrde. Sie
war nicht unglcklich, aber uerst unruhig und unmutig, vor allem, wenn sie der
heftigen Streitszene gedachte, bei der sie doch vielleicht zuviel gesagt hatte.
Sie fhlte ganz deutlich, da alles anders gekommen wre, wenn die Rtin etwas
weniger Herbheit, sie selber aber etwas mehr Entgegenkommen gezeigt htte. Ja,
da htte sich dann ohne sonderliche Mhe Frieden schlieen und das Bekenntnis
einer gewissen Schuld, weil alles blo Berechnung gewesen, allenfalls ablegen
lassen. Aber freilich im selben Augenblicke, wo sie, neben dem Bedauern ber die
hochmtige Haltung der Rtin, vor allem und in erster Reihe sich selber der
Schuld zieh, in eben diesem Augenblicke mute sie sich doch auch wieder sagen,
da ein Wegfall alles dessen, was ihr vor ihrem eigenen Gewissen in dieser
Angelegenheit als fragwrdig erschien, in den Augen der Rtin nichts gebessert
haben wrde. Diese schreckliche Frau, trotzdem sie bestndig so tat und sprach,
war ja weitab davon, ihr wegen ihres Spiels mit Gefhlen einen ernsthaften
Vorwurf zu machen. Das war ja Nebensache, da lag es nicht. Und wenn sie diesen
lieben und guten Menschen, wie's ja doch mglich war, aufrichtig und von Herzen
geliebt htte, so wre das Verbrechen genau dasselbe gewesen. Diese Rtin, mit
ihrem berheblichen Nein, hat mich nicht da getroffen, wo sie mich treffen
konnte, sie weist diese Verlobung nicht zurck, weil mir's an Herz und Liebe
gebricht, nein, sie weist sie nur zurck, weil ich arm oder wenigstens nicht
dazu angetan bin, das Treibelsche Vermgen zu verdoppeln, um nichts, nichts
weiter; und wenn sie vor anderen versichert oder vielleicht auch sich selber
einredet, ich sei ihr zu selbstbewut und zu professorlich, so sagt sie das nur,
weil's ihr gerade pat. Unter andern Verhltnissen wrde meine Professorlichkeit
mir nicht nur nicht schaden, sondern ihr umgekehrt die Hhe der Bewunderung
bedeuten.
    So gingen Corinnas Reden und Gedanken, und um sich ihnen nach Mglichkeit zu
entziehen, tat sie, was sie seit lange nicht mehr getan, und machte Besuche bei
den alten und jungen Professorenfrauen. Am besten gefiel ihr wieder die gute,
ganz von Wirtschaftlichkeit in Anspruch genommene Frau Rindfleisch, die jeden
Tag, ihrer vielen Pensionre halber, in die groe Markthalle ging und immer die
besten Quellen und die billigsten Preise wute, Preise, die dann, spter der
Schmolke mitgeteilt, in erster Linie den rger derselben, zuletzt aber ihre
Bewunderung vor einer hheren wirtschaftlichen Potenz weckten. Auch bei Frau
Immanuel Schultze sprach Corinna vor und fand dieselbe, vielleicht weil
Friedebergs nahe bevorstehende Ehescheidung ein sehr dankbares Thema bildete,
auffallend nett und gesprchig, Immanuel selbst aber war wieder so
grosprecherisch und zynisch, da sie doch fhlte, den Besuch nicht wiederholen
zu knnen. Und weil die Woche so viele Tage hatte, so mute sie sich zuletzt zu
Museum und Nationalgalerie bequemen. Aber sie hatte keine rechte Stimmung dafr.
Im Cornelius-Saal interessierte sie, vor dem einen groen Wandbilde, nur die
ganz kleine Predelle, wo Mann und Frau den Kopf aus der Bettdecke strecken, und
im gyptischen Museum fand sie eine merkwrdige hnlichkeit zwischen Ramses und
Vogelsang.
    Wenn sie dann nach Hause kam, fragte sie jedesmal, ob wer dagewesen sei, was
heien sollte: War Leopold da?, worauf die Schmolke regelmig antwortete:
Nein, Corinna, keine Menschenseele. Wirklich, Leopold hatte nicht den Mut zu
kommen und beschrnkte sich darauf, jeden Abend einen kleinen Brief zu
schreiben, der dann am andern Morgen auf ihrem Frhstckstische lag. Schmidt sah
lchelnd drber hin, und Corinna stand dann wie von ungefhr auf, um das
Briefchen in ihrem Zimmer zu lesen. Liebe Corinna. Der heutige Tag verlief wie
alle. Die Mama scheint in ihrer Gegnerschaft verharren zu wollen. Nun, wir
wollen sehen, wer siegt. Hildegard ist viel bei Helene, weil niemand hier ist,
der sich recht um sie kmmert. Sie kann mir leid tun, ein so junges und hbsches
Mdchen. Alles das Resultat solcher Anzettelungen. Meine Seele verlangt, Dich zu
sehen, und in der nchsten Woche werden Entschlsse von mir gefat werden, die
volle Klarheit schaffen. Mama wird sich wundern. Nur soviel, ich erschrecke vor
nichts, auch vor dem uersten nicht. Das mit dem vierten Gebot ist recht gut,
aber es hat seine Grenzen. Wir haben auch Pflichten gegen uns selbst und gegen
die, die wir ber alles lieben, die Leben und Tod in unseren Augen bedeuten. Ich
schwanke noch, wohin, denke aber England; da haben wir Liverpool und Mister
Nelson, und in zwei Stunden sind wir an der schottischen Grenze. Schlielich ist
es gleich, wer uns uerlich vereinigt, sind wir es doch lngst in uns. Wie mir
das Herz dabei schlgt. Ewig der Deine. Leopold.
    Corinna zerri den Brief in kleine Streifen und warf sie drauen ins
Kochloch. Es ist am besten so; dann verge ich wieder, was er heute
geschrieben, und kann morgen nicht mehr vergleichen. Denn mir ist, als schriebe
er jeden Tag dasselbe. Sonderbare Verlobung. Aber soll ich ihm einen Vorwurf
machen, da er kein Held ist? Und mit meiner Einbildung, ihn zum Helden
umschaffen zu knnen, ist es auch vorbei. Die Niederlagen und Demtigungen
werden nun wohl ihren Anfang nehmen. Verdient? Ich frchte.

Anderthalb Wochen waren um, und noch hatte sich im Schmidtschen Hause nichts
verndert; der Alte schwieg nach wie vor, Marcell kam nicht und Leopold noch
weniger, und nur seine Morgenbriefe stellten sich mit groer Pnktlichkeit ein;
Corinna las sie schon lngst nicht mehr, berflog sie nur und schob sie dann
lchelnd in ihre Morgenrocktasche, wo sie zersessen und zerknittert wurden. Sie
hatte zum Troste nichts als die Schmolke, deren gesunde Gegenwart ihr wirklich
wohltat, wenn sie's auch immer noch vermied, mit ihr zu sprechen.
    Aber auch das hatte seine Zeit.
    Der Professor war eben nach Hause gekommen, schon um elf, denn es war
Mittwoch, wo die Klasse, fr ihn wenigstens, um eine Stunde frher schlo.
Corinna sowohl wie die Schmolke hatten ihn kommen und die Drckertr
geruschvoll ins Schlo fallen hren, nahmen aber beide keine Veranlassung, sich
weiter um ihn zu kmmern, sondern blieben in der Kche, drin der helle
Julisonnenschein lag und alle Fensterflgel geffnet waren. An einem der Fenster
stand auch der Kchentisch. Drauen, an zwei Haken, hing ein kastenartiges
Blumenbrett, eine jener merkwrdigen Schpfungen der Holzschneidekunst, wie sie
Berlin eigentmlich sind: kleine Lcher zu Sternblumen zusammengestellt;
Anstrich dunkelgrn. In diesem Kasten standen mehrere Geranium- und
Goldlacktpfe, zwischen denen hindurch die Sperlinge huschten und sich in
grostdtischer Dreistigkeit auf den am Fenster stehenden Kchentisch setzten.
Hier pickten sie vergngt an allem herum, und niemand dachte daran, sie zu
stren. Corinna, den Mrser zwischen den Knien, war mit Zimmetstoen
beschftigt, whrend die Schmolke grne Kochbirnen der Lnge nach durchschnitt
und beide gleiche Hlften in eine groe braune Schssel, eine sogenannte
Reibesatte, fallen lie. Freilich zwei ganz gleiche Hlften waren es nicht,
konnten es nicht sein, weil natrlich nur eine Hlfte den Stengel hatte, welcher
Stengel denn auch Veranlassung zu Beginn einer Unterhaltung wurde, wonach sich
die Schmolke schon seit lange sehnte.
    Sieh, Corinna, sagte die Schmolke, dieser hier, dieser lange, das ist so
recht ein Stengel nach dem Herzen deines Vaters...
    Corinna nickte.
    ... Den kann er anfassen wie 'ne Makkaroni und hochhalten und alles von
unten her aufessen... Es ist doch ein merkwrdiger Mann...
    Ja, das ist er!
    Ein merkwrdiger Mann und voller Schrullen, und man mu ihn erst
ausstudieren. Aber das Merkwrdigste, das ist doch das mit den langen Stengeln,
un da wir sie, wenn es Semmelpudding un Birnen gibt, nicht schlen drfen un
da der ganze Kriepsch mit Kerne und alles drinbleiben mu. Er is doch ein
Professor un ein sehr kluger Mann, aber das mu ich dir sagen, Corinna, wenn ich
meinem guten Schmolke, der doch nur ein einfacher Mann war, mit so lange Stengel
un ungeschlt un den ganzen Kriepsch drin gekommen wr, ja, da htt es was
gegeben. Denn so gut er war, wenn er dachte, sie denkt woll, das is gut genug,
dann wurd er falsch un machte sein Dienstgesicht un sah aus, als ob er mich
arretieren wollte...
    Ja, liebe Schmolke, sagte Corinna, das ist eben einfach die alte
Geschichte vom Geschmack und da sich ber Geschmcker nicht streiten lt. Und
dann ist es auch wohl die Gewohnheit und vielleicht auch von Gesundheits wegen.
    Von Gesundheits wegen, lachte die Schmolke. Na, hre, Kind, wenn einem so
die Hacheln in die Kehle kommen un man sich verschluckert un man mitunter zu
'nem ganz fremden Menschen sagen mu: Bitte, kloppen Sie mir mal en bichen,
aber hier ordentlich ins Kreuz - nein, Corinna, da bin ich doch mehr fr eine
ausgekernte Malvasier, die runtergeht wie Butter. Gesundheit ...! Stengel un
Schale, was da von Gesundheit is, das wei ich nich...
    Doch, liebe Schmolke. Manche knnen Obst nicht vertragen und fhlen sich
geniert, namentlich wenn sie, wie Papa, hinterher auch noch die Sauce lffeln.
Und da gibt es nur ein Mittel dagegen: alles mu dran bleiben, der Stengel und
die grne Schale. Die beiden, die haben das Adstringens...
    Was?
    Das Adstringens, das heit das, was zusammenzieht, erst blo die Lippen und
den Mund, aber dieser Proze des Zusammenziehens setzt sich dann durch den
ganzen inneren Menschen hin fort, und das ist dann das, was alles wieder in
Ordnung bringt und vor Schaden bewahrt.
    Ein Sperling hatte zugehrt, und wie durchdrungen von der Richtigkeit von
Corinnas Auseinandersetzungen, nahm er einen Stengel, der zufllig abgebrochen
war, in den Schnabel und flog damit auf das andere Dach hinber. Die beiden
Frauen aber verfielen in Schweigen und nahmen erst nach einer Viertelstunde das
Gesprch wieder auf.
    Das Gesamtbild war nicht mehr ganz dasselbe, denn Corinna hatte mittlerweile
den Tisch abgerumt und einen blauen Zuckerbogen darber ausgebreitet, auf
welchem zahlreiche alte Semmeln lagen und daneben ein groes Reibeisen. Dies
letztere nahm sie jetzt in die Hand, stemmte sich mit der linken Schulter
dagegen und begann nun ihre Reibettigkeit mit solcher Vehemenz, da die
geriebene Semmel ber den ganzen blauen Bogen hinstubte. Dann und wann
unterbrach sie sich und schttete die Brckchen nach der Mitte hin zu einem Berg
zusammen, aber gleich danach begann sie von neuem, und es hrte sich wirklich
an, als ob sie bei dieser Arbeit allerlei mrderische Gedanken habe.
    Die Schmolke sah ihr von der Seite her zu. Dann sagte sie: Corinna, wen
zerreibst du denn eigentlich?
    Die ganze Welt.
    Das is viel... un dich mit?
    Mich zuerst.
    Das is recht. Denn wenn du nur erst recht zerrieben un recht mrbe bist,
dann wirst du wohl wieder zu Verstande kommen.
    Nie.
    Man mu nie nie sagen, Corinna. Das war ein Hauptsatz von Schmolke. Un das
mu wahr sein, ich habe noch jedesmal gefunden, wenn einer nie sagte, dann is es
immer dicht vorm Umkippen. Un ich wollte, da es mit dir auch so wre.
    Corinna seufzte.
    Sieh, Corinna, du weit, da ich immer dagegen war. Denn es is ja doch ganz
klar, da du deinen Vetter Marcell heiraten mut.
    Liebe Schmolke, nur kein Wort von dem.
    Ja, das kennt man, das is das Unrechtsgefhl. Aber ich will nichts weiter
sagen un will nur sagen, was ich schon gesagt habe, da ich immer dagegen war,
ich meine gegen Leopold, un da ich einen Schreck kriegte, als du mir's sagtest.
Aber als du mir dann sagtest, da die Kommerzienrtin sich rgern wrde, da
gnnt ich's ihr un dachte, warum nich? warum soll es nich gehn? Un wenn der
Leopold auch blo ein Wickelkind is, Corinnchen wird ihn schon aufpppeln und
ihn zu Krften bringen. Ja, Corinna, so dacht ich un hab es dir auch gesagt.
Aber es war ein schlechter Gedanke, denn man soll seinen Mitmenschen nich
rgern, auch wenn man ihn nich leiden kann, un was mir zuerst kam, der Schreck
ber deine Verlobung, das war doch das Richtige. Du mut einen klugen Mann
haben, einen, der eigentlich klger ist als du - du bist brigens gar nich mal
so klug - un der was Mnnliches hat, so wie Schmolke, un vor dem du Respekt
hast. Un vor Leopold kannst du keinen Respekt haben. Liebst du 'n denn noch
immer?
    Ach, ich denke ja gar nicht dran, liebe Schmolke.
    Na, Corinna, denn is es Zeit, un denn mut du nu Schicht damit machen. Du
kannst doch nich die ganze Welt auf den Kopp stellen un dein un andrer Leute
Glck, worunter auch dein Vater un deine alte Schmolke is, verschtten un
verderben wollen, blo um der alten Kommerzienrtin mit ihrem Puffscheitel und
ihren Brillantbommeln einen Tort anzutun. Es is eine geldstolze Frau, die den
Apfelsinenladen vergessen hat un immer blo tepotte tut un den alten Professor
anschmachtet un ihn auch Wilibald nennt, als ob sie noch auf 'n Hausboden
Versteck miteinander spielten un hinterm Torf stnden, denn damals hatte man
noch Torf auf 'm Boden, un wenn man runterkam, sah man immer aus wie 'n
Schornsteinfeger - ja, sieh, Corinna, das hat alles seine Richtigkeit, un ich
htt ihr so was gegnnt, un rger genug wird sie woll auch gehabt haben. Aber
wie der alte Pastor Thomas zu Schmolke un mir in unsrer Traurede gesagt hat:
Liebet euch untereinander, denn der Mensch soll sein Leben nich auf den Ha,
sondern auf die Liebe stellen (dessen Schmolke un ich auch immer eingedenk
gewesen sind) - so, meine liebe Corinna, sag ich es auch zu dir, man soll sein
Leben nich auf den Ha stellen. Hast du denn wirklich einen solchen Ha auf die
Rtin, das heit einen richtigen?
    Ach, ich denke ja gar nicht dran, liebe Schmolke.
    Ja, Corinna, da kann ich dir blo noch mal sagen, dann is es wirklich die
hchste Zeit, da was geschieht. Denn wenn du ihn nicht liebst und ihr nich
hat, denn wei ich nich, was die ganze Geschichte berhaupt noch soll.
    Ich auch nicht.
    Und damit umarmte Corinna die gute Schmolke, und diese sah denn auch gleich
an einem Flimmer in Corinnas Augen, da nun alles vorber und da der Sturm
gebrochen sei.
    Na, Corinna, denn wollen wir's schon kriegen, un es kann noch alles gut
werden. Aber nu gib die Form her, da wir ihn eintun, denn eine Stunde mu er
doch wenigstens kochen. Un vor Tisch sag ich deinem Vater kein Wort, weil er
sonst vor Freude nich essen kann...
    Ach, der e doch.
    Aber nach Tisch sag ich's ihm, wenn er auch um seinen Schlaf kommt. Und
getrumt hab ich's auch schon un habe dir nur nichts davon sagen wollen. Aber
nun kann ich es ja. Sieben Kutschen, und die beiden Klber von Professor Kuh
waren Brautjungfern. Natrlich, Brautjungfern mchten sie immer alle sein, denn
auf die kuckt alles, beinah mehr noch als auf die Braut, weil die ja schon weg
ist; un meistens kommen sie auch bald ran. Un blo den Pastor konnt ich nich
recht erkennen. Thomas war es nich. Aber vielleicht war es Souchon, blo da er
ein bichen zu dicklich war.

                              Fnfzehntes Kapitel


Der Pudding erschien Punkt zwei, und Schmidt hatte sich denselben munden lassen.
In seiner behaglichen Stimmung entging es ihm durchaus, da Corinna fr alles,
was er sagte, nur ein stummes Lcheln hatte; denn er war ein liebenswrdiger
Egoist, wie die meisten seines Zeichens, und kmmerte sich nicht sonderlich um
die Stimmung seiner Umgebung, solange nichts passierte, was dazu angetan war,
ihm die Laune direkt zu stren.
    Und nun la abdecken, Corinna; ich will, eh ich mich ein bichen
ausstrecke, noch einen Brief an Marcell schreiben oder doch wenigstens ein paar
Zeilen. Er hat nmlich die Stelle. Distelkamp, der immer noch alte Beziehungen
unterhlt, hat mich's heute vormittag wissen lassen. Und whrend der Alte das
sagte, sah er zu Corinna hinber, weil er wahrnehmen wollte, wie diese wichtige
Nachricht auf seiner Tochter Gemt wirke. Er sah aber nichts, vielleicht weil
nichts zu sehen war, vielleicht auch, weil er kein scharfer Beobachter war,
selbst dann nicht, wenn er's ausnahmsweise mal sein wollte.
    Corinna, whrend der Alte sich erhob, stand ebenfalls auf und ging hinaus,
um drauen die ntigen Ordres zum Abrumen an die Schmolke zu geben. Als diese
bald danach eintrat, setzte sie mit jenem absichtlichen und ganz unntigen
Lrmen, durch den alte Dienerinnen ihre dominierende Hausstellung auszudrcken
lieben, die herumstehenden Teller und Bestecke zusammen, derart, da die Messer-
und Gabelspitzen nach allen Seiten hin herausstarrten, und drckte diesen
Stachelturm im selben Augenblicke, wo sie sich zum Hinausgehen anschickte, fest
an sich.
    Pieken Sie sich nicht, liebe Schmolke, sagte Schmidt, der sich gern einmal
eine kleine Vertraulichkeit erlaubte.
    Nein, Herr Professor, von pieken is keine Rede nich mehr, schon lange nich.
Un mit der Verlobung is es auch vorbei.
    Vorbei. Wirklich? Hat sie was gesagt?
    Ja, wie sie die Semmel zu den Pudding rieb, ist es mit eins rausgekommen.
Es stie ihr schon lange das Herz ab, und sie wollte blo nichts sagen. Aber nu
is es ihr zu langweilig geworden, das mit Leopolden. Immer blo kleine Billetter
mit 'n Vergimeinnicht drauen un 'n Veilchen drin; da sieht sie nu doch wohl,
da er keine rechte Courage hat un da seine Furcht vor der Mama noch grer is
als seine Liebe zu ihr.
    Nun, das freut mich. Und ich hab es auch nicht anders erwartet. Und Sie
wohl auch nicht, liebe Schmolke. Der Marcell ist doch ein andres Kraut. Und was
heit gute Partie? Marcell ist Archologe.
    Versteht sich, sagte die Schmolke, die sich dem Professor gegenber
grundstzlich nie zur Unvertrautheit mit Fremdwrtern bekannte.
    Marcell, sag ich, ist Archologe. Vorlufig rckt er an Hedrichs Stelle.
Gut angeschrieben ist er schon lange, seit Jahr und Tag. Und dann geht er mit
Urlaub und Stipendium nach Myken ...
    Die Schmolke drckte auch jetzt wieder ihr volles Verstndnis und zugleich
ihre Zustimmung aus.
    Und vielleicht, fuhr Schmidt fort, auch nach Tiryns oder wo Schliemann
grade steckt. Und wenn er von da zurck ist und mir einen Zeus fr diese meine
Stube mitgebracht hat ..., und er wies dabei unwillkrlich nach dem Ofen oben,
als dem einzigen fr Zeus noch leeren Fleck, ... wenn er von da zurck ist, sag
ich, so ist ihm eine Professur gewi. Die Alten knnen nicht ewig leben. Und
sehen Sie, liebe Schmolke, das ist das, was ich eine gute Partie nenne.
    Versteht sich, Herr Professor. Wovor sind denn auch die Examens un all das?
Un Schmolke, wenn er auch kein Studierter war, sagte auch immer...
    Und nun will ich an Marcell schreiben und mich dann ein Viertelstndchen
hinlegen. Und um halb vier den Kaffee. Aber nicht spter.

Um halb vier kam der Kaffee. Der Brief an Marcell, ein Rohrpostbrief, zu dem
sich Schmidt nach einigem Zgern entschlossen hatte, war seit wenigstens einer
halben Stunde fort, und wenn alles gut ging und Marcell zu Hause war, so las er
vielleicht in diesem Augenblicke schon die drei lapidaren Zeilen, aus denen er
seinen Sieg entnehmen konnte. Gymnasial-Oberlehrer! Bis heute war er nur
deutscher Literaturlehrer an einer hheren Mdchenschule gewesen und hatte
manchmal grimmig in sich hineingelacht, wenn er ber den Codex argenteus, bei
welchem Worte die jungen Dinger immer kicherten, oder ber den Heliand und
Beowulf hatte sprechen mssen. Auch hinsichtlich Corinnas waren ein paar dunkle
Wendungen in den Brief eingeflochten worden, und alles in allem lie sich
annehmen, da Marcell binnen krzester Frist erscheinen wrde, seinen Dank
auszusprechen.
    Und wirklich, fnf Uhr war noch nicht heran, als die Klingel ging und
Marcell eintrat. Er dankte dem Onkel herzlich fr seine Protektion, und als
dieser das alles mit der Bemerkung ablehnte, da, wenn von solchen Dingen
berhaupt die Rede sein knne, jeder Dankesanspruch auf Distelkamp falle, sagte
Marcell: Nun, dann also Distelkamp. Aber da du mir's gleich geschrieben, dafr
werd ich mich doch auch bei dir bedanken drfen. Und noch dazu mit Rohrpost!
    Ja, Marcell, das mit Rohrpost, das hat vielleicht Anspruch; denn eh wir
Alten uns zu was Neuem bequemen, das dreiig Pfennig kostet, da kann mitunter
viel Wasser die Spree runterflieen. Aber was sagst du zu Corinna?
    Lieber Onkel, du hast da so eine dunkle Wendung gebraucht... ich habe sie
nicht recht verstanden. Du schriebst: Kenneth von Leoparden sei auf dem Rckzug.
Ist Leopold gemeint? Und mu es Corinna jetzt als Strafe hinnehmen, da sich
Leopold, den sie so sicher zu haben glaubte, von ihr abwendet?
    Es wre so schlimm nicht, wenn es so lge. Denn in diesem Falle wre die
Demtigung, von der man doch wohl sprechen mu, noch um einen Grad grer. Und
sosehr ich Corinna liebe, so mu ich doch zugeben, da ihr ein Denkzettel wohl
not tte.
    Marcell wollte zum Guten reden...
    Nein, verteidige sie nicht, sie htte so was verdient. Aber die Gtter
haben es doch milder mit ihr vor und diktieren ihr statt der ganzen Niederlage,
die sich in Leopolds selbstgewolltem Rckzuge aussprechen wrde, nur die halbe
Niederlage zu, nur die, da die Mutter nicht will und da meine gute Jenny,
trotz Lyrik und obligater Trne, sich ihrem Jungen gegenber doch mchtiger
erweist als Corinna.
    Vielleicht nur, weil Corinna sich noch rechtzeitig besann und nicht alle
Minen springen lassen wollte.
    Vielleicht ist es so. Aber wie es auch liegen mag, Marcell, wir mssen uns
nun darber schlssig machen, wie du zu dieser ganzen Tragikomdie dich stellen
willst, so oder so. Ist dir Corinna, die du vorhin so gromtig verteidigen
wolltest, verleidet oder nicht? Findest du, da sie wirklich eine gefhrliche
Person ist, voll Oberflchlichkeit und Eitelkeit, oder meinst du, da alles
nicht so schlimm und ernsthaft war, eigentlich nur bloe Marotte, die verziehen
werden kann? Darauf kommt es an.
    Ja, lieber Onkel, ich wei wohl, wie ich dazu stehe. Aber ich bekenne dir
offen, ich hrte gern erst deine Meinung. Du hast es immer gut mit mir gemeint
und wirst Corinna nicht mehr loben, als sie verdient. Auch schon aus Selbstsucht
nicht, weil du sie gern im Hause behieltest. Und ein bichen Egoist bist du ja
wohl. Verzeih, ich meine nur so dann und wann und in einzelnen Stcken...
    Sage dreist, in allen. Ich wei das auch und getrste mich damit, da es in
der Welt fters vorkommt. Aber das sind Abschweifungen. Von Corinna soll ich
sprechen und will auch. Ja, Marcell, was ist da zu sagen? Ich glaube, sie war
ganz ernsthaft dabei, hat dir's ja auch damals ganz frank und frei erklrt, und
du hast es auch geglaubt, mehr noch als ich. Das war die Sachlage, so stand es
vor ein paar Wochen. Aber jetzt, darauf mcht ich mich verwetten, jetzt ist sie
gnzlich umgewandelt, und wenn die Treibels ihren Leopold zwischen lauter
Juwelen und Goldbarren setzen wollten, ich glaube, sie nhm ihn nicht mehr. Sie
hat eigentlich ein gesundes und ehrliches und aufrichtiges Herz, auch einen
feinen Ehrenpunkt, und nach einer kurzen Abirrung ist ihr mit einem Male
klargeworden, was es eigentlich heit, wenn man mit zwei Familienportrts und
einer vterlichen Bibliothek in eine reiche Familie hineinheiraten will. Sie hat
den Fehler gemacht, sich einzubilden, das ginge so, weil man ihrer Eitelkeit
bestndig Zuckerbrot gab und so tat, als bewerbe man sich um sie. Aber bewerben
und bewerben ist ein Unterschied. Gesellschaftlich, das geht eine Weile; nur
nicht frs Leben. In eine Herzogsfamilie kann man allenfalls hineinkommen, in
eine Bourgeoisfamilie nicht. Und wenn er, der Bourgeois, es auch wirklich bers
Herz brchte - seine Bourgeoise gewi nicht, am wenigsten wenn sie Jenny
Treibel, ne Brstenbinder heit. Rundheraus, Corinnas Stolz ist endlich
wachgerufen, la mich hinzusetzen: Gott sei Dank, und gleichviel nun, ob sie's
noch htte durchsetzen knnen oder nicht, sie mag es und will es nicht mehr, sie
hat es satt. Was vordem halb Berechnung, halb bermut war, das sieht sie jetzt
in einem andern Licht und ist ihr Gesinnungssache geworden. Da hast du meine
Weisheit. Und nun la mich noch einmal fragen, wie gedenkst du dich zu stellen?
Hast du Lust und Kraft, ihr die Torheit zu verzeihen?
    Ja, lieber Onkel, das hab ich. Natrlich, soviel ist richtig, es wre mir
ein gut Teil lieber, die Geschichte htte nicht gespielt; aber da sie nun einmal
gespielt hat, nehm ich mir das Gute daraus. Corinna hat nun wohl fr immer mit
der Modernitt und dem krankhaften Gewichtlegen aufs uerliche gebrochen und
hat statt dessen die von ihr verspotteten Lebensformen wieder anerkennen
gelernt, in denen sie grogeworden ist.
    Der Alte nickte.
    Mancher, fuhr Marcell fort, wrde sich anders dazu stellen, das ist mir
vllig klar; die Menschen sind eben verschieden, das sieht man alle Tage. Da hab
ich beispielsweise, ganz vor kurzem erst, eine kleine reizende Geschichte von
Heyse gelesen, in der ein junger Gelehrter, ja, wenn mir recht ist, sogar ein
archologisch Angekrnkelter, also eine Art Spezialkollege von mir, eine junge
Baronesse liebt und auch herzlich und aufrichtig wiedergeliebt wird; er wei es
nur noch nicht recht, ist ihrer noch nicht ganz sicher. Und in diesem
Unsicherheitszustande hrt er in der zuflligen Verborgenheit einer Taxushecke,
wie die mit einer Freundin im Park lustwandelnde Baronesse eben dieser ihrer
Freundin allerhand Confessions macht, von ihrem Glck und ihrer Liebe plaudert
und sich's nur leider nicht versagt, ein paar scherzhaft bermtige Bemerkungen
ber ihre Liebe mit einzuflechten. Und dies hren und sein Rnzel schnren und
sofort das Weite suchen ist fr den Liebhaber und Archologen eins. Mir ganz
unverstndlich. Ich, lieber Onkel, htt es anders gemacht, ich htte nur die
Liebe herausgehrt und nicht den Scherz und nicht den Spott und wre, statt
abzureisen, meiner geliebten Baronesse wahnsinnig glcklich zu Fen gestrzt,
von nichts sprechend als von meinem unendlichen Glck. Da hast du meine
Situation, lieber Onkel. Natrlich kann man's auch anders machen; ich bin fr
mein Teil indessen herzlich froh, da ich nicht zu den Feierlichen gehre.
Respekt vor dem Ehrenpunkt, gewi; aber zuviel davon ist vielleicht berall vom
bel und in der Liebe nun schon ganz gewi.
    Bravo, Marcell. Hab es brigens nicht anders erwartet und seh auch darin
wieder, da du meiner leiblichen Schwester Sohn bist. Sieh, das ist das
Schmidtsche in dir, da du so sprechen kannst; keine Kleinlichkeit, keine
Eitelkeit, immer aufs Rechte und immer aufs Ganze. Komm her, Junge, gib mir
einen Ku. Einer ist eigentlich zuwenig, denn wenn ich bedenke, da du mein
Neffe und Kollege und nun bald auch mein Schwiegersohn bist, denn Corinna wird
doch wohl nicht nein sagen, dann sind auch zwei Backenksse kaum noch genug. Und
die Genugtuung sollst du haben, Marcell, Corinna mu an dich schreiben und
sozusagen beichten und Vergebung der Snden bei dir anrufen.
    Um Gottes willen, Onkel, mache nur nicht so was. Zunchst wird sie's nicht
tun, und wenn sie's tun wollte, so wrd ich doch das nicht mit ansehn knnen.
Die Juden, so hat mir Friedeberg erst ganz vor kurzem erzhlt, haben ein Gesetz
oder einen Spruch, wonach es als ganz besonders strafwrdig gilt, einen
Mitmenschen zu beschmen, und ich finde, das ist ein kolossal feines Gesetz und
beinah schon christlich. Und wenn man niemanden beschmen soll, nicht einmal
seine Feinde, ja, lieber Onkel, wie km ich dann dazu, meine liebe Cousine
Corinna beschmen zu wollen, die vielleicht schon nicht wei, wo sie vor
Verlegenheit hinsehen soll. Denn wenn die Nichtverlegenen mal verlegen werden,
dann werden sie's auch ordentlich, und ist einer in solch peinlicher Lage wie
Corinna, da hat man die Pflicht, ihm goldne Brcken zu baun. Ich werde
schreiben, lieber Onkel.
    Bist ein guter Kerl, Marcell; komm her, noch einen. Aber sei nicht zu gut,
das knnen die Weiber nicht vertragen, nicht einmal die Schmolke.

                              Sechzehntes Kapitel


Und Marcell schrieb wirklich, und am andern Morgen lagen zwei an Corinna
adressierte Briefe auf dem Frhstckstisch, einer in kleinem Format mit einem
Landschaftsbildchen in der linken Ecke, Teich und Trauerweide, worin Leopold,
zum ach, wievielsten Male, von seinem unerschtterlichen Entschlusse sprach,
der andere, ohne malerische Zutat, von Marcell. Dieser lautete:

Liebe Corinna! Der Papa hat gestern mit mir gesprochen und mich zu meiner
innigsten Freude wissen lassen, da, verzeih, es sind seine eignen Worte,
Vernunft wieder an zu sprechen fange. Und, so setzte er hinzu, die rechte
Vernunft kme aus dem Herzen. Darf ich es glauben? ist ein Wandel eingetreten,
die Bekehrung, auf die ich gehofft? Der Papa wenigstens hat mich dessen
versichert. Er war auch der Meinung, da Du bereit sein wrdest, dies gegen mich
auszusprechen, aber ich habe feierlichst dagegen protestiert, denn mir liegt gar
nicht daran, Unrechts- oder Schuldgestndnisse zu hren; - das, was ich jetzt
wei, wenn auch noch nicht aus Deinem Munde, gengt mir vllig, macht mich
unendlich glcklich und lscht alle Bitterkeit aus meiner Seele. Manch einer
wrde mir in diesem Gefhl nicht folgen knnen, aber ich habe da, wo mein Herz
spricht, nicht das Bedrfnis, zu einem Engel zu sprechen, im Gegenteil, mich
bedrcken Vollkommenheiten, vielleicht weil ich nicht an sie glaube; Mngel, die
ich menschlich begreife, sind mir sympathisch, auch dann noch, wenn ich unter
ihnen leide. Was Du mir damals sagtest, als ich Dich an dem Mr.-Nelson-Abend von
Treibels nach Hause begleitete, das wei ich freilich noch alles, aber es lebt
nur in meinem Ohr, nicht in meinem Herzen. In meinem Herzen steht nur das eine,
das immer darin stand, von Anfang an, von Jugend auf.
    Ich hoffe Dich heute noch zu sehen. Wie immer Dein Marcell.

Corinna reichte den Brief ihrem Vater. Der las nun auch und blies dabei doppelte
Dampfwolken; als er aber fertig war, stand er auf und gab seinem Liebling einen
Ku auf die Stirn: Du bist ein Glckskind. Sieh, das ist das, was man das
Hhere nennt, das wirklich Ideale, nicht das von meiner Freundin Jenny. Glaube
mir, das Klassische, was sie jetzt verspotten, das ist das, was die Seele frei
macht, das Kleinliche nicht kennt und das Christliche vorahnt und vergeben und
vergessen lehrt, weil wir alle des Ruhmes mangeln. Ja, Corinna, das Klassische,
das hat Sprche wie Bibelsprche. Mitunter beinah noch etwas drber. Da haben
wir zum Beispiel den Spruch: Werde, der du bist, ein Wort, das nur ein Grieche
sprechen konnte. Freilich, dieser Werdeproze, der hier gefordert wird, mu sich
verlohnen, aber wenn mich meine vterliche Befangenheit nicht tuscht, bei dir
verlohnt es sich. Diese Treibelei war ein Irrtum, ein Schritt vom Wege, wie
jetzt, wie du wissen wirst, auch ein Lustspiel heit, noch dazu von einem
Kammergerichtsrat. Das Kammergericht, Gott sei Dank, war immer literarisch. Das
Literarische macht frei... Jetzt hast du das Richtige wiedergefunden und dich
selbst dazu... Werde, der du bist, sagt der groe Pindar, und deshalb mu auch
Marcell, um der zu werden, der er ist, in die Welt hinaus, an die groen
Sttten, und besonders an die ganz alten. Die ganz alten, das ist immer wie das
Heilige Grab; dahin gehen die Kreuzzge der Wissenschaft, und seid ihr erst von
Myken wieder zurck - ich sage ihr, denn du wirst ihn begleiten, die Schliemann
ist auch immer dabei -, so mte keine Gerechtigkeit sein, wenn ihr nicht bers
Jahr Privatdozent wrt oder Extraordinarius.
    Corinna dankte ihm, da er sie gleich mit ernenne, vorlufig indes sei sie
mehr fr Haus und Kinderstube. Dann verabschiedete sie sich und ging in die
Kche, setzte sich auf einen Schemel und lie die Schmolke den Brief lesen.
Nun, was sagen Sie, liebe Schmolke?
    Ja, Corinna, was soll ich sagen? Ich sage blo, was Schmolke immer sagte:
Manchen gibt es der liebe Gott im Schlaf. Du hast ganz unverantwortlich un
beinahe schauderse gehandelt un kriegst ihn nu doch. Du bist ein Glckskind.
    Das hat mir Papa auch gesagt.
    Na, denn mu es wahr sein, Corinna. Denn was ein Professor sagt, is immer
wahr. Aber nu keine Flausen mehr und keine Witzchen, davon haben wir nu genug
gehabt mit dem armen Leopold, der mir doch eigentlich leid tun kann, denn er hat
sich ja nich selber gemacht, un der Mensch is am Ende, wie er is. Nein, Corinna,
nu wollen wir ernsthaft werden. Und wenn meinst du denn, da es losgeht oder in
die Zeitung kommt? Morgen?
    Nein, liebe Schmolke, so schnell geht es nicht. Ich mu ihn doch erst sehn
und ihm einen Ku geben...
    Versteht sich, versteht sich. Eher geht es nich ...
    Und dann mu ich doch auch dem armen Leopold erst abschreiben. Er hat mir
ja erst heute wieder versichert, da er fr mich leben und sterben will...
    Ach Jott, der arme Mensch.
    Am Ende ist er auch ganz froh...
    Mglich is es.

Noch am selben Abend, wie sein Brief es angezeigt, kam Marcell und begrte
zunchst den in seine Zeitungslektre vertieften Onkel, der ihm denn auch -
vielleicht weil er die Verlobungsfrage fr erledigt hielt - etwas zerstreut und
das Zeitungsblatt in der Hand mit den Worten entgegentrat: Und nun sage,
Marcell, was sagst du dazu? Summus episcopus... Der Kaiser, unser alter Wilhelm,
entkleidet sich davon und will es nicht mehr, und Kgel wird es. Oder vielleicht
Stoecker ...
    Ach, lieber Onkel, erstlich glaub ich es nicht. Und dann, ich werde ja doch
schwerlich im Dom getraut werden...
    Hast recht. Ich habe den Fehler aller Nicht-Politiker, ber einer
Sensationsnachricht, die natrlich hinterher immer falsch ist, alles Wichtigere
zu vergessen. Corinna sitzt drben in ihrem Zimmer und wartet auf dich, und ich
denke mir, es wird wohl das beste sein, ihr macht es untereinander ab; ich bin
auch mit der Zeitung noch nicht ganz fertig, und ein dritter geniert blo, auch
wenn es der Vater ist.
    Corinna, als Marcell eintrat, kam ihm herzlich und freundlich entgegen,
etwas verlegen, aber doch zugleich sichtlich gewillt, die Sache nach ihrer Art
zu behandeln, also sowenig tragisch wie mglich. Von drben her fiel der
Abendschein ins Fenster, und als sie sich gesetzt hatten, nahm sie seine Hand
und sagte: Du bist so gut, und ich hoffe, da ich dessen immer eingedenk sein
werde. Was ich wollte, war nur Torheit.
    Wolltest du's denn wirklich?
    Sie nickte.
    Und liebtest ihn ganz ernsthaft?
    Nein. Aber ich wollte ihn ganz ernsthaft heiraten. Und mehr noch, Marcell,
ich glaube auch nicht, da ich sehr unglcklich geworden wre, das liegt nicht
in mir, freilich auch wohl nicht sehr glcklich. Aber wer ist glcklich? Kennst
du wen? Ich nicht. Ich htte Malstunden genommen und vielleicht auch
Reitunterricht und htte mich an der Riviera mit ein paar englischen Familien
angefreundet, natrlich solche mit einer Pleasure-Yacht, und wre mit ihnen nach
Korsika oder nach Sizilien gefahren, immer der Blutrache nach. Denn ein
Bedrfnis nach Aufregung wrd ich doch wohl zeitlebens gehabt haben; Leopold ist
etwas schlfrig. Ja, so htt ich gelebt.
    Du bleibst immer dieselbe und malst dich schlimmer, als du bist.
    Kaum; aber freilich auch nicht besser. Und deshalb glaubst du mir wohl
auch, wenn ich dir jetzt versichre, da ich froh bin, aus dem allen heraus zu
sein. Ich habe von frh an den Sinn fr uerlichkeiten gehabt und hab ihn
vielleicht noch, aber seine Befriedigung kann doch zu teuer erkauft werden, das
hab ich jetzt einsehen gelernt.
    Marcell wollte noch einmal unterbrechen, aber sie litt es nicht.
    Nein, Marcell, ich mu noch ein paar Worte sagen. Sieh, das mit dem
Leopold, das wre vielleicht gegangen, warum am Ende nicht? Einen schwachen,
guten, unbedeutenden Menschen zur Seite zu haben kann sogar angenehm sein, kann
einen Vorzug bedeuten. Aber diese Mama, diese furchtbare Frau! Gewi, Besitz und
Geld haben einen Zauber, wr es nicht so, so wre mir meine Verirrung erspart
geblieben; aber wenn Geld alles ist und Herz und Sinn verengt und zum berflu
Hand in Hand geht mit Sentimentalitt und Trnen - dann emprt sich's hier, und
das hinzunehmen wre mir hart angekommen, wenn ich's auch vielleicht ertragen
htte. Denn ich gehe davon aus, der Mensch in einem guten Bett und in guter
Pflege kann eigentlich viel ertragen.
    Den zweiten Tag danach stand es in den Zeitungen, und zugleich mit den
ffentlichen Anzeigen trafen Karten ein. Auch bei Kommerzienrats. Treibel, der,
nach vorgngigem Einblick in das Couvert, ein starkes Gefhl von der Wichtigkeit
dieser Nachricht und ihrem Einflu auf die Wiederherstellung huslichen Friedens
und passabler Laune hatte, sumte nicht, in das Damenzimmer hinberzugehen, wo
Jenny mit Hildegard frhstckte. Schon beim Eintreten hielt er den Brief in die
Hhe und sagte: Was kriege ich, wenn ich euch den Inhalt dieses Briefes
mitteile?
    Fordere, sagte Jenny, in der vielleicht eine Hoffnung dmmerte.
    Einen Ku.
    Keine Albernheiten, Treibel.
    Nun, wenn es von dir nicht sein kann, dann wenigstens von Hildegard.
    Zugestanden, sagte diese. Aber nun lies.
    Und Treibel las: Die am heutigen Tage stattgehabte Verlobung meiner
Tochter..., ja, meine Damen, welcher Tochter? Es gibt viele Tchter. Noch einmal
also, ratet. Ich verdoppele den von mir gestellten Preis. .. also meiner Tochter
Corinna mit dem Doktor Marcell Wedderkopp, Oberlehrer und Lieutenant der Reserve
im brandenburgischen Fsilierregiment Nr. 35, habe ich die Ehre hiermit ganz
ergebenst anzuzeigen. Doktor Wilibald Schmidt, Professor und Oberlehrer am
Gymnasium zum Heiligen Geist.
    Jenny, durch Hildegards Gegenwart behindert, begngte sich, ihrem Gatten
einen triumphierenden Blick zuzuwerfen, Hildegard selbst aber, die sofort wieder
auf Suche nach einem Formfehler war, sagte nur: Ist das alles? Soviel ich wei,
pflegt es Sache der Verlobten zu sein, auch ihrerseits noch ein Wort zu sagen.
Aber die Schmidt-Wedderkopps haben am Ende darauf verzichtet.
    Doch nicht, teure Hildegard. Auf dem zweiten Blatt, das ich unterschlagen
habe, haben auch die Brautleute gesprochen. Ich berlasse dir das Schriftstck
als Andenken an deinen Berliner Aufenthalt und als Beweis fr den allmhlichen
Fortschritt hiesiger Kulturformen. Natrlich stehen wir noch eine gute Strecke
zurck, aber es macht sich allmhlich. Und nun bitt ich um meinen Ku.
    Hildegard gab ihm zwei, und so strmisch, da ihre Bedeutung klar war.
Dieser Tag bedeutete zwei Verlobungen.

Der letzte Sonnabend im Juli war als Marcells und Corinnas Hochzeitstag
angesetzt worden; nur keine langen Verlobungen, betonte Wilibald Schmidt, und
die Brautleute hatten begreiflicherweise gegen ein beschleunigtes Verfahren
nichts einzuwenden. Einzig und allein die Schmolke, die's mit der Verlobung so
eilig gehabt hatte, wollte von solcher Beschleunigung nicht viel wissen und
meinte, bis dahin sei ja blo noch drei Wochen, also nur gerade noch Zeit genug,
um dreimal von der Kanzel zu fallen, und das ginge nicht, das sei zu kurz,
darber redeten die Leute; schlielich aber gab sie sich zufrieden oder trstete
sich wenigstens mit dem Satze: geredet wird doch.
    Am siebenundzwanzigsten war kleiner Polterabend in der Schmidtschen Wohnung,
den Tag darauf Hochzeit im Englischen Hause. Prediger Thomas traute. Drei Uhr
fuhren die Wagen vor der Nikolaikirche vor, sechs Brautjungfern, unter denen die
beiden Kuhschen Klber und die zwei Felgentreus waren. Letztere, wie schon hier
verraten werden mag, verlobten sich in einer Tanzpause mit den zwei
Referendarien vom Quartett, denselben jungen Herren, die die Halenseepartie
mitgemacht hatten. Der natrlich auch geladene Jodler wurde von den Kuhs heftig
in Angriff genommen, widerstand aber, weil er, als Eckhaussohn, an solche
Sturmangriffe gewhnt war. Die Kuhschen Tchter selbst fanden sich ziemlich
leicht in diesen Echec - er war der erste nicht, er wird der letzte nicht
sein, sagte Schmidt -, und nur die Mutter zeigte bis zuletzt eine starke
Verstimmung.
    Sonst war es eine durchaus heitere Hochzeit, was zum Teil damit
zusammenhing, da man von Anfang an alles auf die leichte Schulter genommen
hatte. Man wollte vergeben und vergessen, hben und drben, und so kam es denn
auch, da, um die Hauptsache vorwegzunehmen, alle Treibels nicht nur geladen,
sondern mit alleiniger Ausnahme von Leopold, der an demselben Nachmittage nach
dem Eierhuschen ritt, auch vollzhlig erschienen waren. Allerdings hatte die
Kommerzienrtin anfnglich stark geschwankt, ja, sogar von Taktlosigkeit und
Affront gesprochen, aber ihr zweiter Gedanke war doch der gewesen, den ganzen
Vorfall als eine Kinderei zu nehmen und dadurch das schon hier und da laut
gewordene Gerede der Menschen auf die leichteste Weise totzumachen. Bei diesem
zweiten Gedanken blieb es denn auch; die Rtin, freundlich-lchelnd wie immer,
trat in pontificalibus auf und bildete ganz unbestritten das Glanz-und
Reprsentationsstck der Hochzeitstafel. Selbst die Honig und die Wulsten waren
auf Corinnas dringenden Wunsch eingeladen worden; erstere kam auch, die Wulsten
dagegen entschuldigte sich brieflich, weil sie Lizzi, das se Kind, doch nicht
allein lassen knne. Dicht unter der Stelle das se Kind war ein Fleck, und
Marcell sagte zu Corinna: Eine Trne, und ich glaube, eine echte. Von den
Professoren waren, auer den schon genannten Kuhs, nur Distelkamp und
Rindfleisch zugegen, da sich die mit jngerem Nachwuchs Gesegneten smtlich in
Ksen, Ahlbeck und Stolpemnde befanden. Trotz dieser Personal-Einbue war an
Toasten kein Mangel; der Distelkampsche war der beste, der Felgentreusche der
logisch ungeheuerlichste, weshalb ihm ein hervorragender, vom Ausbringer
allerdings unbeabsichtigter Lacherfolg zuteil wurde.
    Mit dem Herumreichen des Konfekts war begonnen, und Schmidt ging eben von
Platz zu Platz, um den lteren und auch einigen jngeren Damen allerlei
Liebenswrdiges zu sagen, als der schon vielfach erschienene Telegraphenbote
noch einmal in den Saal und gleich danach an den alten Schmidt herantrat.
Dieser, von dem Verlangen erfllt, den berbringer so vieler Herzenswnsche
schlielich wie den Goetheschen Snger kniglich zu belohnen, fllte ein neben
ihm stehendes Becherglas mit Champagner und kredenzte es dem Boten, der es,
unter vorgngiger Verbeugung gegen das Brautpaar, mit einem gewissen Avec
leerte. Groer Beifall. Dann ffnete Schmidt das Telegramm, berflog es und
sagte: Vom stammverwandten Volk der Briten.
    Lesen, lesen.
    ... To Doctor Marcell Wedderkopp.
    Lauter.
    England expects that every man will do his duty... Unterzeichnet John
Nelson.
    Im Kreise der sachlich und sprachlich Eingeweihten brach ein Jubel aus, und
Treibel sagte zu Schmidt: Ich denke mir, Marcell ist Brge dafr.
    Corinna selbst war ungemein erfreut und erheitert ber das Telegramm, aber
es gebrach ihr bereits an Zeit, ihrer glcklichen Stimmung Ausdruck zu geben,
denn es war acht Uhr, und um neuneinhalb Uhr ging der Zug, der sie zunchst bis
Mnchen und von da nach Verona oder, wie Schmidt mit Vorliebe sich ausdrckte,
bis an das Grab der Julia fhren sollte. Schmidt nannte das brigens alles nur
Kleinkram und Vorschmack, sprach berhaupt ziemlich hochmtig und orakelte,
zum rger Kuhs, von Messenien und dem Taygetos, darin sich gewi noch ein paar
Grabkammern finden wrden, wenn nicht von Aristomenes selbst, so doch von seinem
Vater. Und als er endlich schwieg und Distelkamp ein vergngtes Lcheln ber
seinen mal wieder sein Steckenpferd tummelnden Freund Schmidt zeigte, nahm man
wahr, da Marcell und Corinna den Saal inzwischen verlassen hatten.

Die Gste blieben noch. Aber gegen zehn Uhr hatten sich die Reihen doch stark
gelichtet; Jenny, die Honig, Helene waren aufgebrochen, und mit Helene natrlich
auch Otto, trotzdem er gern noch eine Stunde zugegeben htte. Nur der alte
Kommerzienrat hatte sich emanzipiert und sa neben seinem Bruder Schmidt, eine
Anekdote nach der andern aus dem Schatzkstlein deutscher Nation hervorholend,
lauter blutrote Karfunkelsteine, von deren reinem Glanze zu sprechen
Vermessenheit gewesen wre. Treibel, trotzdem Goldammer fehlte, sah sich dabei
von verschiedenen Seiten her untersttzt, am ausgiebigsten von Adolar Krola, dem
denn auch Fachmnner wahrscheinlich den Preis zuerkannt haben wrden.
    Lngst brannten die Lichter, Zigarrenwlkchen kruselten sich in groen und
kleinen Ringen, und junge Paare zogen sich mehr und mehr in ein paar Saalecken
zurck, in denen ziemlich unmotiviert vier, fnf Lorbeerbume zusammenstanden
und eine gegen Profanblicke schtzende Hecke bildeten. Hier wurden auch die
Kuhschen gesehen, die noch einmal, vielleicht auf Rat der Mutter, einen
energischen Vorsto auf den Jodler unternahmen, aber auch diesmal umsonst. Zu
gleicher Zeit klimperte man bereits auf dem Flgel, und es war sichtlich der
Zeitpunkt nahe, wo die Jugend ihr gutes Recht beim Tanze behaupten wrde.
    Diesen gefahrdrohenden Moment ergriff der schon vielfach mit du und
Bruder operierende Schmidt mit einer gewissen Feldherrngeschicklichkeit und
sagte, whrend er Krola eine neue Zigarrenkiste zuschob: Hren Sie, Snger und
Bruder, carpe diem. Wir Lateiner legen den Akzent auf die letzte Silbe. Nutze
den Tag. ber ein kleines, und irgendein Klavierpauker wird die Gesamtsituation
beherrschen und uns unsere berflssigkeit fhlen lassen. Also noch einmal, was
du tun willst, tue bald. Der Augenblick ist da; Krola, du mut mir einen
Gefallen tun und Jennys Lied singen. Du hast es hundertmal begleitet und wirst
es wohl auch singen knnen. Ich glaube, Wagnersche Schwierigkeiten sind nicht
drin. Und unser Treibel wird es nicht belnehmen, da wir das Herzenslied seiner
Eheliebsten in gewissem Sinne profanieren. Denn jedes Schaustellen eines
Heiligsten ist das, was ich Profanierung nenne. Hab ich recht, Treibel, oder
tusch ich mich in dir? Ich kann mich in dir nicht tuschen. In einem Manne wie
du kann man sich nicht tuschen, du hast ein klares und offnes Gesicht. Und nun
komm, Krola. Mehr Licht - das war damals ein groes Wort unseres Olympiers; aber
wir bedrfen seiner nicht mehr, wenigstens hier nicht, hier sind Lichter die
Hlle und Flle. Komm. Ich mchte diesen Tag als ein Ehrenmann beschlieen und
in Freundschaft mit aller Welt und nicht zum wenigsten mit dir, mit Adolar
Krola.
    Dieser, der an hundert Tafeln wetterfest geworden und im Vergleich zu
Schmidt noch ganz leidlich im Stande war, schritt, ohne langes Struben, auf den
Flgel zu, whrend ihm Schmidt und Treibel Arm in Arm folgten, und ehe der Rest
der Gesellschaft noch eine Ahnung haben konnte, da der Vortrag eines Liedes
geplant war, legte Krola die Zigarre beiseite und hob an:

Glck, von allen deinen Losen
Eines nur erwhl ich mir,
Was soll Gold? Ich liebe Rosen
Und der Blumen schlichte Zier.

Und ich hre Waldesrauschen,
Und ich seh ein flatternd Band -
Aug in Auge Blicke tauschen,
Und ein Ku auf deine Hand.

Geben, nehmen, nehmen, geben,
Und dein Haar umspielt der Wind.
Ach, nur das, nur das ist Leben,
Wo sich Herz zum Herzen findt.

Alles war heller Jubel, denn Krolas Stimme war immer noch voll Kraft und Klang,
wenigstens verglichen mit dem, was man sonst in diesem Kreise hrte. Schmidt
weinte vor sich hin. Aber mit einem Male war er wieder da. Bruder, sagte er,
das hat mir wohlgetan. Bravissimo. Treibel, unsere Jenny hat doch recht. Es ist
was damit, es ist was drin; ich wei nicht genau, was, aber das ist es eben - es
ist ein wirkliches Lied. Alle echte Lyrik hat was Geheimnisvolles. Ich htte
doch am Ende dabei bleiben sollen...
    Treibel und Krola sahen sich an und nickten dann zustimmend.
    ... Und die arme Corinna! Jetzt ist sie bei Trebbin, erste Etappe zu Julias
Grab... Julia Capulet, wie das klingt. Es soll brigens eine gyptische
Sargkiste sein, was eigentlich noch interessanter ist... Und dann alles in
allem, ich wei nicht, ob es recht ist, die Nacht so durchzufahren; frher war
das nicht Brauch, frher war man natrlicher, ich mchte sagen sittlicher.
Schade, da meine Freundin Jenny fort ist, die sollte darber entscheiden. Fr
mich persnlich steht es fest, Natur ist Sittlichkeit und berhaupt die
Hauptsache. Geld ist Unsinn, Wissenschaft ist Unsinn, alles ist Unsinn.
Professor auch. Wer es bestreitet, ist ein pecus. Nicht wahr, Kuh...? Kommen
Sie, meine Herren, komm, Krola... Wir wollen nach Hause gehen.
