
                                 Christen, Ada

                                 Jungfer Mutter

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                                  Ada Christen

                                 Jungfer Mutter

Die Geschichte, wie die Walter Hanni eine alte Jungfer geworden ist und warum
sie von den Leuten in der Blauen Gans Jungfer Mutter genannt wurde, ist nicht so
leicht und schnell zu erzhlen, als man meinen knnte, da sich ein armes
kleines Leben erzhlen lt. Sie wundert sich heute noch, wenn man ihr sagt, da
sie viel erlebte, denn so eigentlich wei sie nur, da sie immer fleiig
gearbeitet hat.
    Sie ist vor der Zeit schneewei und alt geworden und hat nie eine andere
Freude gehabt als ihr Kind.
    Ihr Kind war der eheliche Sohn ihrer Jugendfreundin, der Weis Leni, welche
sich lngst Madame Madeleine Weis nennt. Der kleine Ziehsohn der Hanni wurde
nach seinem Vater Leopold Weis getauft und wute seit seinem zehnten Jahre, da
sein Vater sich ein Taschenmesser in das Herz stie und zu Fen seines
wunderschnen Weibes starb. Sooft der kleine Polderl seine Frau Mutter sah,
ging ihm das, was er gehrt, durch den Kopf, mehr als einmal wollte er sie
fragen: Warum? - aber er getraute sich nicht, sie war so schn und sah so
vornehm aus und redete wenig mit ihm. Niemand konnte oder wollte ihm die ganze
Geschichte von dem Tode seines Vaters erzhlen.
    Wenn du gro bist und alt genug dazu, wirst schon alles hren, trstete
ihn seine Ziehmutter, die Hanni, wenn er ihr vorgreinte davon.
    Der kleine Weis Polderl wute auch nicht, da sein sterbender Vater ihn als
heiliges Vermchtnis der Hanni hinterlassen hatte und da die Leni, seine Frau
Mutter, ihn der Hanni nur zugeschickt hatte, weil der sterbende Mann dem Weibe
in der wilden, lustigen Art drohte, er werde aus seinem Grabe aufstehen und sie
allnchtlich als kohlschwarzer Mann schtteln und beuteln, bis ihr die Seel halb
aus ihrem wunderschnen heiligen Leib fliege, wenn sie den letzten Willen nicht
erfllen sollte.
    Die Leni war und ist immer eine ehrbare, tugendhafte, fromme Frau und so
felsenfest berzeugt von der dies- und jenseitigen Nichtsnutzigkeit ihres
Ehemannes, da sie an seinen nchtlichen Ausflgen nach dem Tode niemals
zweifelte. Sie lie auch darum gleich am nchsten Morgen das Kind zu ihrer
falschen Freundin tragen und dem Toten ein teures Begrbnis bereiten. Bald
stand auch auf seinem wohlgepflegten Grabe ein Kreuz von Stein, und jedes Jahr
lie sie an seinem Todestage eine Seelenmesse lesen. Gewissenhaft kleidete sie
sich ein Jahr in schwarze und ein zweites in graue Gewnder, und sie war in der
schlichten Trauertracht mit ihrem goldroten Haar schner als jemals.
    Der Sohn der Leni blieb also bei seiner Ziehmutter, die er, als er erst
reden konnte, Frau Mutter nannte, wie die anderen Kinder es zu ihren Mttern
sagten, obwohl es altmodisch war. Da gab es aber ein groes Entsetzen in der
Blauen Gans, aus Respekt vor der Leni wurde es ihm gelinde verwiesen und ihm
eindringlich erklrt, seine rechte Frau Mutter habe ihn nur dem Mdel - der
Hanni - zum Aufheben gegeben; denn die Hanni sei gar keine Frau und werde keinen
Mann nicht kriegen und eine alte Jungfer werden!
    Von der ganzen wohlmeinenden Auseinandersetzung behielt das Bblein das, was
er oft gehrt hatte: alte Jungfer, und Gott wei, wie er sich das in seinem
Kpfchen zurechtrckte, aber er nannte von da ab die Hanni Jungfer Mutter.
Erst wurde der Titel von den Nachbarn spottend wiederholt, als jedoch die Kinder
ihn stndlich lallten und schrien, brgerte er sich ein, und das alte Mdchen
heit nun schon seit fnfundzwanzig Jahren nicht mehr anders unter den Leuten,
die sie kennen.
    Gleich nach dem Tode ihres Mannes wollte die Leni den Unterhalt ihres Sohnes
bestreiten, aber da erwies sich die falsche Freundin zum erstenmal im Leben ihr
gegenber widerspenstig. Sie nahm keinen Kreuzer und lie die Frau Mutter des
Polderl nur um zwei Dinge bitten: Zuerst, da sie die alte Einrichtung der
Wohnung behalten drfe fr ihren Ziehsohn, als Erbschaft von seinen
Urgroeltern, Groeltern und Vater, und dann, da die Frau Mutter das Geld fr
den Polderl in die Sparkasse legen mchte bis zu der Zeit, in der er ein
Handwerk lernen mte. Dabei blieb es.
    Der Polderl wurde ein Poldl, ein Leopold endlich, als er die
Kunstschlosserei erlernt hatte, aber seine Jungfer Mutter hatte von seiner
Frau Mutter noch immer kein Geld genommen. Ich la mich derweil recht schn
bedanken, ich kann derweil gar nichts brauchen fr unsern Buben, war immer die
gleiche Antwort.
    Als der Poldl Soldat werden mute, kam wieder eine sauber geschriebene
Anfrage, ob denn der Sohn jetzt nichts brauche in dem neuen Stande. Da ging die
Hanni in das Stbchen des Advokatenschreibers, der auch ein heimlicher Maler und
Dichter war, Virgilius Stramirisko hie, der Krze wegen aber der einsame
Spatz genannt wurde. Nur in besonders wichtigen Dingen ging die Hanni zu dem
alten Herrn, dessen rosiges glattes Gesicht nicht zu seinen fnfundsechzig
Jahren und seinen schneeweien Locken passen wollte.
    Ich bitt, Herr ei ..., sie mute schnell den einsamen Spatzen schlucken,
so gewohnt war sie ihn, Virgilius, schreiben Sie mir an meinen Sohn seine
Mutter, aber gelten's, Wort fr Wort, wie ich's Ihnen vorsag?
    Ja, Jungfer Mutter, sagte er fein lchelnd und setzte sich zurecht.
    Die Hanne streifte mit beiden Hnden ber ihre Schrze, rusperte sich und
begann:

Frau Magdalena Weisin!
    Ich danke dir fr deinen guten Willen, aber derweil ist kein Geld nicht
notwendig, die selige Gromutter vom Poldl hat seinem gottseligen Vatern auch
nichts mitgeben knnen als ihren Segen, und um den tt ich dich fr unsern Sohn
recht schn bitten, den einen Segen von mir hat er eh' schon, kriegt er deinen
dazu, so hat er zweimal so viel als sein gottseliger Vater kriegt hat. Indem ich
dir die beste Gesundheit wnschen tue, schliee ich mein Schreiben und danke dir
mein Lebtag.
                                                    Mit Achtung Johanna Walter.

Die Frau Mutter legte den Brief hbsch zu manchen andern und wartete mit ihrem
Segen, bis der Leopold kam und ihn holte und damit versehen nach Bosnien
marschierte.
    Fr die Jungfer Mutter begann eine schwere Zeit, aber sie hielt sich
aufrecht und still wie allzeit. Sie sa am Fenster bei ihrer lngst neumodischen
Handmaschine und dachte an den fernen Sohn ...
    Ach, wie oft tauchte sein Vater, der tote Leopold, vor ihr auf ... der hatte
nur einen Arm mit heimgebracht von Italien; sie dankte Gott demtig, da ihr
Poldl noch mit zwei Armen Krieg fhrte in Bosnien.
    Jeden Abend fuhr sie mit leichter Hand ber die alte Wiege, die noch bei
ihrem Bett stand, genau wie vor fnfundzwanzig Jahren, als das Kind immer neben
ihr schlief.

Fnfundzwanzig Jahre!
    Heute ist sein Geburtstag, und heute soll er heimkommen aus Bosnien, das hat
er seiner Jungfer Mutter sogar von der vorletzten Station noch telegrafiert. Die
ganze Blaue Gans lief zusammen ber das Ereignis - ein Telegrafenbrief!
    Und nun sitzt sie am Fenster, wartet und murmelt vor sich hin: Ob er daran
denkt, da heut sein Geburtstag ist? Sie lt die Hand von der Maschine
gleiten, hlt den Atem ein und lauscht.
    Ein kleines, blondes, zerzaustes Mdel kommt zum Fenster gesprungen und
plappert hastig: La mich die schnen Blumen sehn, Jungfer Mutter, fr den
Leopold sein's, gelt? Sie steckt das Kpfchen ins Fenster, blht die
feingeschwungenen Nstern, schnuppert und guckt hastig um und um wie ein
Eichktzchen.
    Die Hanni lacht.
    Wart nur, bis mein Sohn wieder da ist, dann zeig ich dir alles.
    Ja - nein - aber, weit, die Laternenanznder-Godel erzhlt's schon allen
groen Leuten, da 's den Rosenbuschen von seiner Frau Mutter g'sehn hat, und
alle Kinder haben ihn unterm Haustor g'rochen, gleich wie ihn der Dienstmann
bracht hat, mit ein' seidernen Papier! Das seiderne Papier will ich aber auch
sehn! schreit sie herausfordernd und springt wieder davon.
    Die alte Jungfer streicht ihre Scheitel zurecht, glttet ihre frische
Schrze und schaut wieder auf den Torbogen. Er mt schon da sein, der
Eisenbahnzug ist gewi in Wien ... wenn er keine Versptung hat, fgt sie in
Gedanken bei.
    Sie soll ihm nicht auf dem Bahnhof entgegenkommen, hat er sie in seinem
letzten Briefe gebeten, nicht unter den vielen Leuten, die sie hin und her
stoen, weil sie sich nirgends auskennt, sie soll ihn nur zu Hause erwarten und
sich keine Sorgen machen, wenn er etwas spter kommt.
    Und sie wartet ... wartet ... wartet.
    Sie sucht die Zeit hinzubringen, wie es nur angeht. Sie hat viel gearbeitet,
gebetet, mit den Nachbarn geplaudert, die sich zu ihrem Fenster stellten, sie
hat sogar gesungen! Alle die lustigen und empfindsamen Wiener Lieder, die er als
Kind mit ihr zwitscherte, und so ist der Tag hingegangen, sie aber lauscht und
wartet.
    Drauen im Hof verklingen die schrillen Kindersrimmen, der Tageslrm
erstirbt, und der Herbstabend fllt ein, schnell, dster, wie von dem wimmernden
Wind heruntergedrckt, der noch in der Hhe saust. Jetzt fhrt er schon ber die
Dcher, mit einmal aber strzt er sich herab, springt durch den Hof und jagt
pfeifend alle Papierfetzen, Taubenfedern, Haarbschel und wirren Kram vor sich
her, erwischt die Brunnenstange und schttelt sie, da sie wie ein Uhrpendel hin
und her baumelt und angstvoll knarrt. Da schlurft ein Mensch ber den Hof -
hopp! - Der Wind wirft sich ber den greisen Laternenanznder, packt den langen
grnen Kittel, zerrt an ihm und blht ihn auf wie ein Segel. Der Alte stt
atemlos einen Dragonerfluch nach dem andern aus, und der Wind fliegt jhlings
davon, wieder hoch ber die dunklen Hausdcher hinweg.
    Seit langer Zeit brennt in dem groen Hof der Blauen Gans das Gaslicht, aber
es brennt in so kleinen Flmmchen, da es schwer zu unterscheiden ist, ob die
dnnen Lichter nicht doch verkappte llampen sind.
    Die junge Brut der Blauen Gans behauptet steif und fest: Der
Laternenanznder-Gd vernagelt die Gasbrenner, so da nur ein Viertellicht
heraus kann, und nachher schimpft er, da bei dem Luftlicht sich alle Leut die
F brechen mssen.
    Der alte Mann schleppt seinen Lampenstock bis zu dem Fenster der Hanni; als
er ihr blasses verfallenes Gesicht sieht, sagt er gutmtig: Mut nimmer warten,
Jungfer Mutter, heut kann er nimmer kommen, dein Bub!
    Aber schau, Gd, der Kaffee ist schon seit drei Stunden fertig. Dann zupft
sie an seinem grnen Kittel. Du, ein' Gugelhupf hat ihm dein Weib heimlich
g'backen, du darfst aber nichts wissen davon, hat's g'sagt, weil du so schmutzig
warst und ihm nur drei Packeln Tabak schenkst zum Geburtstag, flstert die
Hanni, und die beiden nicken sich zu und lachen lustig.
    Seine Frau Mutter hat ihm einen Rosenbuschen g'schickt mit einer seidernen
Einfassung! Fuffzig Rosen beieinander auf einmal, mir scheint, man riecht's bis
daher, gelt? Und eine Visitenkarte steckt mittendrin, da steht drauf, sagt der
einsame Spatz: Mei-nem Heim-gekehr-ten zum Geburtstage. Siehst, sie denkt halt
doch an ihn.
    Mei-nem?! Der Alte lacht kurz auf. Bin ich mein Weib, knurrt er dann,
da ich aus allem, was die Lenerl zu heiligen Zeiten tut, ein blaues Wunder
mach? Was hat er denn von die fuffzig Rosen? La anschaun!
    Sie schleppt das groe kostbare Bukett zum Fenster, und der Laternenanznder
vergrbt seine lange Nase in die Blumen. Ah! - ah! Schad', da man's nicht
essen kann! - Der Wind schlgt um, wirst sehn, Hannerl, das wird ein Regen.
    Gravittisch zndet er die Laternen vor dem Fenster der alten Jungfer an.
Dem Poldl zu Ehren hab ich's ganz aufgedreht, sagt er feierlich, aber du
wirst's sehen, er kommt heut nimmer. Denkst dran, wie sein Vater heimkommen ist
von Italien aus dem Feldzug mit ein' Arm? - Das ist doch recht was Sonderbares,
gelt? - Dem armen Kerl sein ganzes Leben hat der Krieg verpatzt, wr er kein
Krppel worden, so wr er ein lustiger glcklicher Mensch geblieben. - Jetzt
schau - der Lepold liegt am Whringer Gottesacker, und sein rechter Arm ist in
Italien am Schlachtfeld verscharrt - er wischt sich seinen groen weien
Schnurrbart ab, seufzt nachdenklich: Wie wird er den Arm nach Wien kriegen bei
der Auferstehung des Fleisches?!
    Hab heut viel an den Verstorbenen denkt und unsern Herrgott kniefllig
dankt, da er mir den Buben als ganzen Menschen z'Haus schickt, g'sund und
frisch, wie er fort ist.
    Hast du's seiner Frau Mutter sagen lassen, da er kommt? brummt der
Laternenanznder vorwurfsvoll.
    Die Hanni nickt nur freundlich.
    Na, hrst! Und sie? Sie kommt nicht g'rennt und hockt sich daher und wart't
auf ihn, gelt? - Da ist sie z'nobel, sie kann's kommoder z'Haus tun, schreit
der Alte entrstet. Weit, ich mag mit der Meinigen nimmer streiten, jetzt sein
wir schon zu alt dazu, aber den Magen dreht's mir um, wenn sie die Lenerl so in
Himmel hebt.
    Mut nicht ungerecht sein!
    La mich aus mit ihr, seit's das Geschft von der alten Blank, von der
Mode-Madam, bernommen hat, tut's ja, als ob's gar nicht mehr reden knnt mit
unsereiner. Warum's nimmer g'heirat't hat, sie ist doch allerweil noch eine sehr
saubere Person, und jung ausschaun tut's! Von auswendig knntst du ihre
Gromutter sein, und ihr seid's doch in ein' Alter?
    Nein, nein, sagt die Hanni eifrig, sie ist um sechs Monat jnger, und
nachher hat sie sich halt pflegen knnen, gut essen und trinken, hat keine
schwere Arbeit g'habt, keine Sorgen und keine Kinder!
    Er lacht und lacht, da seine hagern Glieder schlottern: Jetzt fehlt nur
noch, da du dir einbildst, du hast ihren Buben geboren, nachher bist ganz
verruckt! - Bist und bleibst halt eine alte dumme Urschel!
    Der Laternenanznder schlurft weiter durch den Hof, und als in dem breiten
niedern Torbogen ein dnnes Flmmchen aufblitzt, das er angezndet hat, hrt sie
noch immer sein vergngtes berlegenes Kichern.
    Die Hanni lehnt den Kopf an das Fensterkreuz und bleibt in dem finstern
Zimmer einsam sitzen. Drauen hebt der Wind wieder sachte an, darum zittern und
zucken die Gasflmmchen, ihr unsicheres Licht huscht in die groe Stube und
weckt die Schatten auf, die in allen Winkeln schlafen, sie hasten hervor,
fliegen ber die Zimmerdecke, rennen an den Wnden hinab, laufen ber den
Fuboden und flattern ber das sanfte Gesicht der alten Jungfer. Die
wurmstichigen Kasten krachen und sthnen, wenn ein Windsto durch den Ofen
hereinschnaubt, und das alte Ledersofa knistert, es steht mit seinen breit
ausgespreizten Beinen wie ein schwarzes Ungetm in der dunkelsten Ecke, und die
Lichter hpfen darber hin wie gelbe Frsche, sooft der Sturm an der knarrenden
Laterne vor dem Fenster rttelt.
    Ein weicher Duft zieht durch die Stube, so s und eindringlich, da er die
Einsame fast betubt, sie denkt nicht mehr daran, woher der Wohlgeruch kommt,
sie atmet nur tief, schaut zurck in die Vergangenheit ... und es schttelt sie
ein trumerischer Schreck.
    Vergangenheit!
    Weit, weit liegt sie dahinter mit ihrem unklaren Leid ... Sie sitzt ja schon
bald ein Vierteljahrhundert da an dem Fenster und arbeitet fr den Sohn des
toten Leopold und seiner schnen Frau. Bringt die stille Geburtstagsfeier das
holde Gesicht der Jugendfreundin so lebendig vor ihre Augen?... Die Leni kommt
ja niemals da herunter in die Dunkelheit ... die lebt oben im Licht, geehrt,
reich, schn, was soll sie da auf dem vergessenen armen Platz?
    Sie aber, die Einsame, hat sich diesen Platz schwer errungen durch harte
Arbeit, stumme Demut, tiefes Mitleid und grenzenlose Liebe. Ein verlorner Posten
sitzt da, dessen keiner gedenkt als er ... Die Vergangenheit versinkt ... Er ...
ihr Sohn, ist das Glck und die Zukunft.
    Die Rosen duften strker, die Gewitterluft hat sie erfrischt, und wie jetzt
drauen der Regen niederprasselt, tun sie ihre Kelche weit auf, und das Gemach
ist ganz erfllt von schwlem Geruch.
    Sie, das alte Mdchen, denkt jetzt nur daran, da die Blumen fr ihn da
sind, zu seinem Geburtstag auf ihn warten gleich ihr, und sie wei, da es ihn
zu ihr drngt, da er auch auf der ganzen weiten Welt keinen lieberen Platz hat
als ihr Herz und den Winkel, in dem seine Wiege steht.
    In der Kche auf dem Herd sprhen pltzlich die glhenden Kohlen - ein
Windsto tobt durch die aufgeschleuderte Tre, und aus der Finsternis jubelt
eine junge gute Stimme: Gr dich Gott, Jungfer Murter!
    Mein Bub!... mein Poldl!... mein ... mei!
    Der Ton bricht ab, sie kichert, lacht und lacht, da ihr die Trnen ber die
Wangen flieen.
    Die zwei blutfremden Menschen halten sich fest umschlungen, eins geworden
durch berwundene Leiden, unermeliche Liebe und eine Treue, die strker ist als
der Tod!
    Warum kommst du denn so spt, mein Kind? stammelt sie. Ich hab mir
denkt, und er blinzelt pfiffig nach dem Hof, ich mcht heut Ruh haben vor
unsern Nachbarn. Weit noch, was du mir oft erzhlt hast, wie's mein' Herrn
Vattern seckiert haben mit'n Erzhln, wie er heimkommen ist aus'n Feldzug. Ich
hab aber mit dir allein sein wollen, Jungfer Murter! Du, was riecht denn so gut
bei uns?
    Jesus ja! La den Vorhang runter und znd's Licht an, ich mcht dich ja
sehn als'r Ganzer!
    Er zieht rasch den Vorhang vor und zndet mit einem Griff die Lampe an, sie
aber rckt die geweihten Kerzen, die auf dem Schubladenkasten neben dem Christus
stehen, vorsichtig nher und steckt sie feierlich an, dann nimmt sie den jungen
Soldaten bei der Hand, fhrt ihn zu dem Kasten und fragt geheimnisvoll: Weit,
was heut fr ein Tag ist?
    Nein, Murterl, ich hab ja unter den Wilden g'lebt!
    Alsdann, sagt sie immer noch sehr feierlich, dein Geburtstag!
    Der - meiner Seel!
    Der noble Rosenbuschen da, der so gut riecht im Zimmer, ist von deiner Frau
Mutter, der Gugelhupf da ist von der Laternanznder-Godel!
    Hat's recht stark g'weint, wie's ihn g'macht hat, die Frau Patin?
unterbricht er die Hanne in klglichem Ton und geschraubtem Hochdeutsch, und
dann lachen beide gutmtig. Da sein drei Packeln Tabak vom
Laternanznder-Gden, und da ... zwlf Paar Zwirnsckeln, die hab ich dir
g'strickt bei der Nacht, im Bett, in der Finster, wann ich nicht schlafen hab
knnen und viel hundert Vatterunser fr dich bet't hab und fr die arme Seel im
Fegfeuer, fr dein Vattern. Kein Frscht hat schnere. Und jetzt, jetzt kommt
der Oberskaffee!

Sie sitzen lange beieinander und reden nur von der Zukunft, von dem glcklichen
Beisammenbleiben bis an ihr Lebensende.
    Ich bin dir so viel schuldig, Jungfer Murter, da ich es dir nicht zahlen
kann, wenn ich hunderttausend Jahr alt wrd, beteuert er treuherzig und
ttschelt die hagern Hnde der alten Jungfer in den seinen. Magerer bist
word'n.
    Ja. Aber akarat wie dein seliger Vatter schaust du aus, so ist er g'sessen
auf demselben Sessel, wie er heimkommen ist, und o du mein ... g'nauso hat er an
sein' blonden Schnauzbartel zupft ... und hat deine Frau Mutter und mich
angelacht.
    Und so md war er auch wie ich ... gelt, Murterl? Es ist ein tchtiger
Marsch von Bosnien bis nach Wien, unter Menschen, die wieder eine ordentliche
Sprach reden als wie wir jetzt miteinander.
    Sie rumt den Tisch ab und verlscht die Lichter, als sie aber den Vorhang
wieder aufzieht, schaut sie verwundert hinaus in die lautlose Nacht.
    Da schau, wie schn all's worden ist, das klare Mondlicht, die frische Luft
und die Stillheit, das tut so wohl ... so wohl ...
    Und nun bettet sie ihr groes Kind auf das breite alte Ledersofa, schttelt
ihm noch einmal die Polster recht hoch und macht ihm genau wie allzeit in seinen
Kindertagen das Zeichen des Kreuzes ber die Stirn. Nur wie der Schatten eines
Lchelns huscht es dabei ber seine hbschen Zge, und mehr zu sich selbst sagt
er halblaut: Bin halt noch allerweil fr dich der kleine Bub.
    Als sie das Fenster geschlossen hat, schiebt sie den Bettschirm vor ihr
Lager und liegt nun still dahinter mit gefalteten Hnden, bewegt die Lippen
wortlos und horcht auf die Atemzge ihres Kindes. Er mu ja heute gut schlafen,
zum erstenmal wieder daheim nach Jahren. Eine Weile lauscht die Hanni
vergeblich, dann hrt sie ihn leise reden, wie im Traum.
    Jungfer Murter!
    Sie horcht gespannt, jetzt wieder: Jungfer Murter!?
    Was denn, Poldl?
    Ich kann nicht schlafen, schau, da scheint mir der Mond mitten ins Gesicht
- der lt mich nie in Ruh - b'sonders in den letzten Jahren. Wenn ich auch die
Fenster mit Kotzen verhngt hab, ich g'spr ihn doch, und er findet mich. Wenn
ich aber doch einschlafen kann, so trum ich allerweil eine Menge durcheinander,
drum bin ich schon lieber munter, wenn ich auch schnurgrad ins Mondlicht schaun
mu.
    Die Hanni seufzt verzagt und murmelt befangen: Das hast schon als kleines
Kind g'habt, hast's von dein Vattern geerbt, der hat oft lange Reden g'halten im
Schlaf, wenn Vollmond war.
    So - so -? sagt der Soldat unvertraut aushorchend: Aber du, ich glaub,
die Rosen von der Frau Mutter riechen jetzt noch strker, oder sein wir das
nicht g'whnt?
    Wird schon so sein ... wir werden's halt erst g'whnen.
    Die Schwarzwlder Uhr neben dem Bett der alten Jungfer schlgt zwlf. Gute
Nacht, lispelt die Hanni.
    Das Gemach ist wie in bluliche Schleier gehllt, das unbewegliche Mondlicht
erfllt es ganz, und die beiden schauen hinaus in den feucht glitzernden Hof und
lauschen den heimlich wispernden Stimmen der trumenden Herbstnacht.
    Jungfer Murter, heut war ich fnfundzwanzig Jahr alt, schau, sei gut,
erzhl mir, weil du auch nicht schlafen kannst, die G'schicht von meinen Eltern.
Jetzt bin ich doch alt genug dazu, da ich alles wissen kann? - Morgen, wenn ich
ausgerast't bin, mu ich nachschauen, wie's der Frau Mutter geht.
    Eine Weile schweigt die Hanni, denn das Herz klopft bleischwer, sie setzt
sich in ihrem Bett sachte auf und sagt halblaut verlegen: Ja, das ist halt
schwer ... Wissen tu ich alles ganz genau, aber erzhlen kann ich's dir nicht so
wie es eigentlich war, so nacheinander. Der einsame Spatz hat sich die ganze
G'schicht aufgeschrieben, so, wie ich sie ihm einmal erklrt hab. Dann hat er
sie mir wieder vorg'lesen, und es war alles ganz recht, nur so, so halt, als ob
er besser gewut htt, was wir uns alle miteinander denkt haben. Les' das in
Gottes Namen, mein Kind, wenn du eh' nicht schlafen kannst. Im Schubladkasten,
in der ersten Lad auf der rechten Seiten liegt das geschriebene Bchel.
    Der junge Soldat zndet die Lampe wieder an, holt sich das Buch, atmet so
tief, als ob er den sen Rosenduft trinken wollte, und beginnt dann zu lesen.

  Aus der Chronik der Blauen Gans Niedergeschrieben von Virgilius Stramirisko

Die kleine Walter Hanni war vom Dach gestrzt, als sie dem eben Heimgekehrten,
dem Weis Leopold, seinen Kreuzschnabel holen wollte, der davongeflogen war und
neben dem hohen Rauchfang sa.
    Sie war damals noch ein halbes Kind und meinte, der junge Invalide, der nur
einen Arm aus Italien mitbrachte, sei pltzlich so traurig des entflohenen alten
Vogels wegen. Der Kreuzschnabel steckte noch unversehrt in ihrem Jckchen an
ihrer Brust, sie selbst aber hatte Arm und Bein gebrochen, und ich war der
erste, der das all den heulenden Weibern sagte und dem Arzte half die Glieder
einrichten. In der Blauen Gans, dem langgestreckten Vorstadthaus, war man
darber einig, da die Hanni nichts Besseres tun knne als rasch sterben, denn:
Nur kein krppelhaftes Kind, lieber ein totes, erklrte selbst ihre Mutter,
die eine bse Zunge und ein rohes Herz hatte.
    Die Lenerl ist die Schnste und der Hannerl ihre beste Freundin, die mu
schwarz verschleiert mit der abgebrochnen Kerzen hinter der Totentruhen gehn als
allererste, bestimmten die halbwchsigen Mdeln.
    Aber die Hanni ist nicht gestorben, das Kind hat sich langsam erholt,
nachdem die Glieder gut eingerichtet waren, und nach einem Jahr gemahnte nichts
mehr an das Unglck. Und nun kam die Zeit des Lachens wieder: La nur gehn, bis
d' heiratst ist alles gut, wurde ihr bei jedem Anla lustig zugerufen, und so
gewhnte sich das junge Mdchen daran, alles das, was ihr an Freude und Glck
fehlte, nur von der Ehe zu erwarten, Arbeit und Ungemach aber als das Notwendige
hinzunehmen wie die meisten Bewohner der Blauen Gans.
    Die Jahre gingen hin, und eines Tages stand die Hanni wirklich wohlgemut im
weien Kleide beim Traualtar, doch nur als Brautjungfer, neben der brutlich
geschmckten Lene. Das war eine Braut, an der sich keiner satt sehen konnte! Und
dann die Hochzeit! So etwas hatte dort unten, wo die letzten Huser stehen, seit
Menschengedenken niemand erlebt, und will ich ehrlich sein, so mu ich gestehen,
da auch mich das frische, gesunde, lustige Treiben angemutet und erfreut hat.
Es war ja eine Heiterkeit, eine jubelnde Lebenssucht unter den schlichten armen
Leuten, die mir selbst an ihnen, die das Leben nur in Ausnahmefllen schwerer
nahmen, fast fremd erschien.
    Ich sah und horchte wohl darum so genau hin.
    Die Blaue Gans stand wie ausgestorben da, als der Zug in die Kirche ging,
sogar der alte Trk und der Schuftl, die beiden Wchterhunde, rannten hinterher.
Wo die Menschen in ihren Feiertagskleidern vorberschritten, lief alles, was
Beine hatte, an die Fenster und Haustore, und jeder, der sich auf lngere Zeit
von der Arbeit losmachen konnte, schlo sich dem Zuge an.
    Das kleine Kirchlein konnte die Menge gar nicht aufnehmen, da wurden denn
wieder, wie bei allen besonderen Festen, wenn Mangel an Raum war, die Kinder,
die zu erwischen waren, hinausgejagt. Eine Weile heulten sie vor der
Kirchentre, dann kletterten sie auf das niedere Schindeldach, welches seitwrts
in Manneshhe von der Kirchenmauer abstand, weil unter diesem Schutze die
Feuerleitern und die roten Lscheimer der Gemeinde aufbewahrt hingen. Mit einer
langen eisernen Kette und einem groen Anhngeschlo daran waren sie fest
zusammengesperrt, das Wetter konnte diesem Gemeindestolz nicht bei, und ich
glaube, selbst freundnachbarliche Diebe hatten Ehrfurcht vor ihnen.
    Auf diesem Vordach ber den Feuerleitern und Eimern hockten die
Ausgewiesenen; die Rcke der Mdeln verfingen sich in den langen Schindelngeln,
die Sonntagshosen der Buben bekamen ausgebohrte Knie, alle saen elendiglich da
oben, aber halb aus Trotz ber ihre Verweisung, halb aus Behagen an der
Gefhrlichkeit ihres Vergngens fanden sie doch den Platz viel schner als die
heie, vollgestopfte Kirche.
    Es war ein wunderheller Frhlingstag, die Sonne schien so warm auf die weie
Kirchenmauer und auf das rohe Schindeldach, die Tauben flatterten hin und her,
denn sie nisteten in den Luken des Trmchens, die Spatzen schrien und zankten
sich in den Kirchenfenstern genauso keck wie unten auf der staubigen Strae. Die
Ausgewiesenen aber saen unbeweglich und lauschten, ob sie nichts erhaschen
knnten von der langen Rede, die drinnen der Priester dem Brautpaare hielt; als
sie jedoch nichts hrten, begannen sie sich erst zu hecheln und zu knuffen, und
endlich schwatzten sie ber das Ereignis des Tages, zuerst halblaut, dann mit
der schrillen Verbissenheit rgerlicher junger Stimmen, so da man sie bis in
die stille Kirche hinein streiten hrte.
    Dem Leopold wachst doch kein neuer Arm, wenn er auch heut heiraten tut!
keifte ein drres kleines Ding mit Sommersprossen und Blatternarben im Gesichte.
    Aber die Lene ist heut schn! sagte das lteste Mdchen und schaute mit
groen ahnungsvollen Augen hinauf in die goldflimmernde Luft, und als ein
duckmuserischer Knirps von einem Buben, der neben ihr sa, nicht gleich
beistimmte, gab sie ihm mit dem Ellenbogen einen Sto und sah ihn herausfordernd
an.
    Was willst denn?... Schaust am Stephansturm und redst dabei!... Auweh!...
Freilich ist sie schn!... Ich rck weg von dir! zeterte der Bursche, setzte
sich aber aus Furcht vor ihrem Ellenbogen ganz nahe zu ihr. Da kann's nicht
puffen, lachte er schlau.
    Freilich ist sie heute schn, aber rote Haare hat sie doch, sagte
nachdenklich ein blasses kleines Mdchen mit einer stark vorgebauten Stirne. Die
Kleine knpfte ihre dichten blonden Zpfe unter dem Kinn zu einer Schleife; sie
sa ganz vorne am Rand, schief, als ob sie davonreiten wollte, und so lie sie
auch die Beine in der Luft baumeln.
    Jetzt kann sie aber den ganzen Tag spielen, mu gar nichts arbeiten, kann
in der seligen Frau Weis ihrem Zimmer sitzen, mu nicht alleweil Handschuhknpfe
annhen wie wir, seufzte ein puppenhaft feinzartes Ding, die jngere Schwester
der Brautjungfer, und schaute dabei auf ihre zerstochenen Finger.
    Aus dem Bierhause neben der Kirche scholl jetzt Musik herber, zwei
kernfrische Mdchenstimmen sangen hellaut:

Ist wieder einmal Hochzeit,
Gibt's wieder ein neues Paar.
Das Mdel - war eine Gredel,
Und das Mannsbild ein Narr.
Na? - ist's etwa nicht wahr?

Schallendes Gelchter war die Antwort der Bierhausgste. Die Tre flog auf, und
im Tanzschritt sprangen zwei junge ganz gleich gekleidete Mdchen heraus. Sie
hatten ihre nachtschwarzen Haare sorgfltig geordnet, als gingen auch sie zu
einem Feste, ihre knappen blaugestreiften und gesteiften Kleider, die
bltenweien Schrzen, die buntseidenen Halstcher waren der echte
Wschermdchenstaat. Jede der im ueren so gleichen und eigentlich doch
ungleichen Gestalten trug einen schmalen Korb am Arme, der war sauber und
zierlich, als ob er gerade aus dem Kaufladen kme, trotzdem man die beiden nie
ohne Deckelkrbe sah. Hinter ihnen gab es eine bunte Gesellschaft, die
nachzottelte mit den Hnden in den Taschen. Da waren drei oder vier
Hausherrenshne der Vorstadt, ein paar Soldaten, Gesellen, die bis Mitte der
Woche blauen Montag machten, ein bekannter alter Fabrikant, der die groe ppige
Klara ins Herz geschlossen hatte, aber von einer Heirat nichts wissen wollte.
Als die bermtigen Leute an der Kirche vorbeizogen, lachten sie laut auf, und
mit heiserer Stimme sang einer der Soldaten: Ist wieder einmal Hochzeit.
    Mchtest mich nicht heiraten, Marie? Schau, es ginge jetzt gleich in
einem, rief mit ironischer Zutunlichkeit das jngste Hausherrnshnlein der
zierlicheren von den beiden zu.
    Dich?... Lieber den alten Mesner, der drei Nasen bereinander hat. Zu
ebener Erde die natrliche, im ersten Stock die Wein- und im zweiten Stock die
Schnapsnase.
    Das weie zarte Gesicht, das sich ansah wie ein Heiligenbild, wenn das
Mdchen schwieg, wurde zur widerlichen Fratze, wenn sie im derben Volkston ihre
Spitzfindigkeiten hinwarf. Nein, das ist zu arg, sagte das jngste Mdchen
oben auf dem Schindeldach entrstet, das mu ich meiner Frau Mutter erzhlen,
die hat alle zwei zur Firmung gefhrt.
    Was denn? was denn? fragten die Kleineren neugierig und schauten hinab auf
die lrmende Schar.
    Da die Strohschneidermdeln schon vor der Kirche singen und schreien,
gelt? fragte das grte Kind, die tun mehr, was unserm Herrgott nicht recht
ist, betonte sie dann mit halbem Verstndnis.
    Das spielte sich drauen auf der Strae ab, whrend drinnen in der Kirche
der Leopold und die Lene das bindende Ja sprachen und alle Weiber wie bei
einem Begrbnis einige Minuten lang in die weien Taschentcher weinten.
    Na ja! Sind halt doch ein paar arme Waisen. Wie schnell dem Leopold seine
Mutter gestorben ist, gleich nach ihrem Alten. Und der Lene ihre Leut erst, was
die fr eine Freud gehabt htten an ihren Kindern, wenn sie das erlebt htten!
schluchzte die Laternenanznderin.
    Aber Nachbarin, flsterte ein hochbusiges, lebensfrohes Weib, heut haben
wir ja keine Leiche, sondern eine Hochzeit!
    Freilich, wahr ist's, seufzte die Frau und weinte weiter, da sie einmal
begonnen.
    Sie, Jungfer Braut, Sie mssen mehr denn je Ihrer Pflichten eingedenk sein,
Sie mssen Ihrem Manne mehr sein als jedes andere Weib dem Manne ist, Sie mssen
seine rechte Hand sein, und Ihr werdet wahrhaftig den Weg des Herrn in Frieden
wandeln und in Ehren. - So schlo der Pfarrer seine Rede, noch ein tiefes
Amen, und die zwei waren eines. -
    Und da soll ein Mensch nicht weinen, wenn einer so schn redet wie der Herr
Pfarrer? wimmerte die Laternenanznderin.
    Auch der Leopold fuhr bei dem Schlu der Rede mit der Faust ber die Augen,
dann blickte er auf seinen leeren rmel und dann mit glckleuchtenden Augen auf
sein junges blhendes Weib. Er hatte whrend der Trauung ihre Hand nur auf die
eine Sekunde losgelassen, es war ihm auf dem Herzensgrunde so
gruselnd-ngstlich, als knnte ihm das Mdchen da an seiner Seite noch im
letzten Augenblicke genommen werden, und was hatte er dann auf der Welt?

Seit er heimgekehrt war, hatte er an dem Kinde seine Freude, die Schnheit des
jungen Geschpfes machte ihn weich, wenn er grollen wollte, und lustig, wenn ihn
sein Schicksal traurig dnkte, und stark, wenn er sich schwach und gedrckt
fhlte gegenber der alten frhlichen Zeit. Je lnger das whrte, desto nher
rckte der Wunsch heran, sie zu seinem Weibe zu machen. Und er htschelte sie
heimlich und offen und sagte ihr oft, wie drauen in der Welt, gleich in
Italien, da, wo er war, die Mnner ihre Weiber gut hielten, und ihre Kinder,
setzte er meist hinzu, denn sie war ja noch ein halbes Kind damals. Und als die
Alten dann eines nach dem andern starben, seine groe Elternstube leer wurde,
als er Brot genug erwarb fr zwei, er war Straenaufseher geworden, da fragte
er: Lene, mchtest du nicht die Meinige werden? Ei, wie ihm bei der Frage
etwas im Hals zitterte und wie er eine Faust machte aus purer Verliebtheit, weil
er sich nicht zu helfen wute.
    Sie schaute ihn an, schmiegte sich ein wenig an ihn, lchelte und lief
davon, ohne ein Wort zu sagen. Acht Tage spter aber fragte sie in ihrer faulen,
zurckhaltenden, kindischen Weise unauffllig, so wenn es sich schickte nur,
alle alten Leute in der Blauen Gans: ob der Leopold hbsch sei, ob er eine Frau
erhalten knne, ob er nie trinken wrde so wie die andern paar leichtsinnigen
Mnner, die im Hause lebten, und ob er nicht sein Weib schlagen wrde, so wie es
im Zorn oder im Rausch fast jeder einmal wenigstens getan htte.
    Die Leute antworteten erst lachend, dann ernst dem Mdel, das kaum aus den
Kinderschuhen gesprungen war, kein rechtes Anschicken zur Arbeit hatte und
eigentlich von dem ganzen Hause verzogen und erhalten wurde.
    Weil sie ein armes Waiserl ist und so viel schn, meinten die Weiber, und
die Mnner dachten sich dasselbe.
    Sollst den Leopold heiraten, Lene! sagte der Laternenanznder, der ihr
Vormund war seit ihres Vaters Tod, bist ein Waisenkind jetzt, und der Leopold
hat ein gutes Einkommen, kann sich schon so eine Prinzessin nehmen, und der
Leopold ist ein ehrlicher Kerl und hat eine Manier gelernt in der Welt, und der
Leopold schaut am Sonntag aus wie ein gndiger Herr, und er hat dich gern und
verzieht dich von klein auf. Soll ich mit ihm reden?
    Nein, nein! La der Herr Laternanznder-Gd das nur sein, sagte sie
leichthin und schlenderte davon. Noch am selben Abend aber, als sie am Brunnen
stand, fragte sie den Leopold:
    Wirst du nie viel Wein und Bier trinken?
    Hab ich nie getan, du Kindskopf, lachte er.
    Wirst du dein Weib niemals schlagen?
    Schm dich, Mdel, da du um so etwas fragst, erwiderte er ernst.
    Wirst's nicht? fragte sie ruhig, mit Beharrlichkeit.
    Die Weiber in unserem Stand sind geschlagen genug mit Sorge, Arbeit und
kleinen Kindern, sprach er mitleidig vor sich hin.
    Kleine Kinder? fragte sie erschreckt aufhorchend.
    Na ja, glaubst, sie kommen schon so gro auf die Welt und so schn wie du?
Bis sie so werden, denk nur zurck, kosten sie viel Sorg und Pflege.
    Ich mag aber keine kleinen Kinder, flsterte sie trotzig. Auch recht!
schrie der Leopold bermtig und lachte wie toll in das junge blhende Gesicht.
    Wenn du mir das alles versprichst, dann heirate ich dich, sagte sie ernst
und setzte sich wie vor Jahren auf seinen Scho und lehnte ihren Kopf an seine
Schultern.
    Goldfuchs! Wer wrde nicht der bravste Mann, wenn er so ein schnes Mdel
zum Weib kriegt; gut sollst du es haben bei mir wie keine in der Blauen Gans!

Vier Wochen spter war die Hochzeit, und Leopold dachte schmunzelnd zurck an
die drollige Verlobung am Brunnen, und darum hielt er seine Lene so fest an der
Hand, damit der Kindskopf nicht fortlaufe, damit sie ihm keiner mehr nehmen
knne ... Ah, bah! Jetzt waren sie ja wirklich Mann und Frau, jetzt gehrte sie
ihm an, er schlug seinen Arm um ihren Leib und drckte sie fest an sich, sie
aber blinzelte hinauf zu ihm und wisperte: Aber Leopold! Du tust mir weh! Und
sie kicherte schon in dem Augenblicke, als sich der Pfarrer umwendete und
hinausschritt.
    O du!... du meine! Ich mcht dir dein Lebtag nicht weh tun, sagte der
junge Ehemann fast zu laut und kte sie schallend auf die roten, vollen Lippen.
    Zerzaus mich nicht, Leopold, lispelte sie geziert und zog den Schleier
ber das feingefrbte Gesicht, ordnete ihre Locken und das dnne lange Kleid,
dann erst horchte sie selbstgefllig zu den Nachbarn hin, die ihre Glckwnsche
darbrachten.
    Jetzt geht die ganze Hochzeit in die Sakristei, dort wird die ganze
Hochzeit eingeschrieben, und nachher wird gegessen, getrunken und getanzt! rief
der Laternenanznder und streckte sich in seiner vollen Lnge. Der alte Dragoner
fhrte heute das groe Wort, er war ja Brautvater, war Vormund und Beistand, er
hatte zu dieser Feier sogar seine alte Uniform herausgesucht. Wie eine
Prinzessin schaut das Mdel aus! brummte er vor sich hin.
    Gelt, Laternanznder, ich hab's erraten mit dem Goldfuchs?
    Ob es aber so gegangen wre ohne mein Dreinreden? fragte der
Laternenanznder. Der Leopold nickte dankbar, zog den Arm der Lene in seinen und
fhrte sie aus der Kirche. Drauen stand der Nachbar Krippelmacher mit seinem
Sohne, sie hatten ihre Geigen mit, und noch ein dritter Musikant war dabei, der
blies die Klarinette, da es jedem durch Mark und Bein ging; alle drei empfingen
die Hochzeiter mit einem lustigen Marsch, dann stellten sie sich an die Spitze
und gingen musizierend dem Zuge voran in die Blaue Gans.
    War das eine Herrlichkeit! Die groe Waschkche war zum Speisesaal und
Tanzsaal mit bunten llmpchen, Tannenreisig und weiem Zeug hergerichtet, der
glitzernde blanke Sand auf der Diele knirschte, und als sie nach der groen
Esserei die Tische beiseite rckten und zu tanzen begannen, da liefen alle
Nachbarn aus den nchsten Husern herbei zu den Fenstern, machten lange Hlse
und guckten hinein zu den lustigen Hochzeitsleuten.
    Der junge Hausherrnsohn, der fast immer mit den Strohschneidermdeln
herumzog, und noch ein zweiter leichtsinniger Mann, der geschieden von seiner
Frau lebte und seines Vaters Geld vertat, die beiden gingen frischweg hinein,
schttelten dem Leopold die Hand, fragten nach seiner Braut und schauten sich
alle die anderen hbschen Mdchen an. Der junge Ehemann holte sein Weib, und wie
sich das Paar fast ganz allein bei dem Ehrentanz drehte, die mdchenhafte Frau
sich so biegsam und lssig bewegte und mit halbgeschlossenen Augen auf den Arm
ihres Mannes sttzte, da kam es den neuen Gsten vor, als htten sie die Lene
noch nie gesehen.
    Du, wie ist denn die so in die Hhe geschossen, ohne da wir sie bemerkt
haben? lallte der Jngere.
    Ward uns weggeschnappt! erwiderte sein Begleiter.
    Gleich nachdem der Walzer vorbei war, bot der Leopold seiner Frau einen
Stuhl, er trocknete sich die Stirn, kte die Lene auf die Schultern und lief zu
den Musikanten hinber, die zwei Nachtschwrmer aber drngten sich hinter die
Braut. Das schnste Mdel, das ich mein Lebtag gesehen hab! flsterte der
bartlose Bursche, jedoch so laut, da es die Lene hren mute.
    Aber Franz, Frau! Frau, mut du sagen. Die htte einen Ganzen kriegen
knnen, nicht so einen Dreiviertelmann, der sich anschaut wie ein Vogelschrecker
im Saatfeld, an dem die leeren rmel herumfliegen, wenn der Wind geht, spottete
der andere.
    Die Lene blickte zu ihrem Manne hin und schrak zusammen, dann wandte sie
sich nach den beiden um, lie einen langen Blick ber die Eindringlinge gleiten
und zuckte die Achseln bedauernd und aburteilend. Als der Leopold kam, hngte
sie sich an seinen Arm und sagte so laut, da es die beiden als Antwort nehmen
konnten: Fhr mich bald heim, es sind Leut da, die nicht hergehren.
    Das junge Ehepaar ging auch davon, ohne Abschied zu nehmen, sie liefen
hinber in die stille groe Stube. Die blendend weien Vorhnge waren
niedergelassen, der Tisch war wei gedeckt, und ein bunter Strau stand neben
dem Nachtlicht. Die hochaufgebauschten Betten glnzten, so wei und fein war das
Leinenzeug, das die Waschfrauen der Lene zur Aussteuer geschenkt hatten. Mit
einem leichten Seufzer schaute sich das junge Weib in dem friedlichen Gemache
um. - Auch der Leopold blickte in alle Winkel, berall nickten ihm Erinnerungen
entgegen. Es ist doch etwas wert, so ein altes, liebes Heim zu haben, dachte er,
setzte sich nieder, zog seine schne brutliche Frau auf den Scho und sagte:
Weit, Lene, so sind wir gesessen, wie ich heimkommen bin.
    Bis in den hellichten Tag hinein tanzten die Nachbarn, und noch in den
Schlummer des jungen Paares schlichen sich die schmeichelnden Tne des Walzers,
den sie zuletzt miteinander getanzt hatten.
    Am Himmel stand die blasse Mondsichel.
    Ein bses Wort verfolgte die junge Frau bis in ihre Trume, scheuchte sie
auf, und mit Grauen sah sie beim blassen Schein des Nachtlichtes, da der Traum
Wirklichkeit wurde.

Seit jenem frhlichen Hochzeitsfeste waren nun wieder zwei Jahre um. Die Lene
sa in der groen Stube auf dem Fensterbrett und musterte aufmerksam die kostbar
gestickten Sommerkleider und Rcke, die drauen im Hof an der Waschleine hingen.
    Ein Kind lag in ihrem Arme, das sog und sog und schmatzte mit den Lippen.
Die Lene strich sich die Scheitel glatt, zog die schweren Flechten tiefer ins
Genick, betrachtete aufmerksam ihre schlanke Hand, schaute auf die atlasweie
Haut ihres Busens, hob dann das Kind ein wenig und knpfte ihr Kleid bis an den
Hals hinauf zu. Gleichmig wie eine Maschine schaukelte sie den Kleinen hin und
her und sang leise.
    Gr dich Gott, Lene, wie geht's mit dem Buben jetzt?
    Na, es geht halt wie immer.
    Du lieber kleiner Kerl, du! sagte die Hanne lachend und beugte ihren
schmalen Krper zum Fenster hinein, kte das Kind und setzte sich von auen der
Lene gegenber auf das Fensterbrett.
    Kommst aus der Stadt?
    Ja, ich war die Handschuhe abliefern. Ich bin alleweil froh, wenn ich
wieder daherauen bin, die vielen Leut, die Wagen, der Lrm! Ganz dumm komm ich
mir vor, wenn ich auer unserem Haus bin.
    Die Lene nickte und schaute nachsinnend auf das dunkle Kleid der Hanne. Es
war auch ein gar schlichtes Gewand, zugeschnitten wie fr eine Nonne, ohne jeden
Aufputz, und als die Augen des schnen Weibes hinaufrckten bis zu dem Kopf der
andern, da lchelte sie bedauernd.
    Wer wird sich die Haare so glatt hinter die Ohren streichen; wie das Mdel
aussieht! dachte die Lene.
    Eigentlich war die Hanne nur grer geworden und sah geordneter aus, sonst
war alles gleichgeblieben an ihr, dasselbe still-freundliche Kindergesicht, die
anspruchslose schmale Gestalt, das verschchterte Gebaren, die weiche, sich
gleichsam in sich selbst verbergende Art.
    Dein Mann ist mir auch begegnet, hub die Hanne mit unsicherer Stimme an,
hast du Verdru mit ihm gehabt? Warum? fragte die Frau ghnend.
    Weit, weil er halt so wild dreingeschaut hat. Seine Straenkehrer hat er
auch zusammengeschimpft; so ist er meistens, wenn es zu Hause ... wenn du ...
    Ich?
    Ja weit, du sollst halt freundlicher mit ihm sein, er tut ja alles, was er
dir von den Augen absieht, erwiderte das Mdchen kleinlaut.
    Jetzt ist der Bub fast sechs Monat alt, und die ganze Zeit hat er Tag und
Nacht geschrien, soll ich da vielleicht alleweil lachen?
    Aber dafr kann doch dein Mann nichts! So ist es deiner Mutter und meiner
und allen Weibern gegangen. Kleine Kinder machen halt Verdru und Sorgen,
klagte sie kleinlaut und frauenhaft. Die Hanne hatte ja ihre jngeren
Geschwister aufziehen helfen, sie wute ein Lied davon zu singen. Verdru und
Sorgen genug! greinte die Lene. Der Bub nimmt mir die schnste Zeit weg, immer
mu ich da hocken, er macht mich um zehn Jahre frher alt und vor der Zeit
hlich, das wei ich.
    Aber Lene, das ist ja eine schwarze Snd, so zu reden ... Tag und Nacht
plagt sich dein Mann fr dich! Er kann doch nicht auch Kinder warten? Denk doch
nur nach darber. Du httest keinen besseren Mann kriegen knnen.
    Die Hanne hatte sich atemlos geredet, sie schwieg pltzlich erschrocken, das
Kind weinte auch wieder, und die Lene, die keine Antwort zu geben wute, brtete
vor sich hin. Sie schttelte das Kind mehr, als sie es wiegte, mit einmal aber
fragte sie hochfahrend: Bin ich vielleicht nicht mehr wert als die andern
Weiber? Bin ich nicht schner?
    Das war nun freilich fr alle Bewohner der Blauen Gans ein berzeugender
Grund. Die Schnheit des jungen Weibes wurde wie etwas Kostbares, Wertvolles
anerkannt und von ihr selbst als solches hingestellt. Fremde konnten ber dieses
naive Selbstgefhl lcheln, die Nachbarn aber nickten beifllig, wenn die Lene
von ihrer eigenen Schnheit sprach. Sie war nie auf Widerspruch oder Neid in
ihrem Kreise gestoen, sie hatte nie die bswilligen Nrgeleien zu ertragen
gehabt gleich anderen hbschen Mdchen, sie war anerkannt worden und blieb es
auch, seit sie dem Leopold sein Weib war. Auch jetzt schien die Hanne verblfft
ber die Frage, sie blickte mit scheuer Bewunderung in das reizvolle Gesicht der
Freundin und beteuerte ehrlich: Natrlich! so schn, wie du bist, hat es ja
noch keine gegeben. Heute habe ich an dich gedacht, hab gedacht, wenn ich so
schn wre wie du und gewachsen wie du, knnt ich jetzt mein Glck machen.
    So, wie denn? fragte die Frau und lchelte befriedigt.
    Denk nur, dreiig Gulden jeden Monat zahlt, unserem Herrn' seine Schwester,
die Franzsin, dem Blank seine geschiedene Frau, einem schnen jungen Mdel.
Weit, sie hat das Handschuhgeschft aufgegeben, sie hat jetzt einen Salon, wo
sie Kleider machen lt fr die nobelsten Leut. Die Kleider mu eine schne,
schlanke Person anziehen, hin und her gehen, niedersetzen damit, weit, da es
halt die noblen Damen sehen, wie das pat. Dreiig Gulden! Das wre mein meistes
Geld, das ich je in der Hand gehabt htte. Und dann noch -, die Hanne hielt
inne, so rasch hatte sie gesprochen. Und dann noch? wiederholte die Lene
gespannt.
    Noch zwei schwarze Kleider im Jahre und ein Christgeschenk und Neujahrsgeld
und Trinkgelder von den Damen.
    Den ganzen Tag schne Kleider anprobieren, bei lauter noblen Leuten sein,
kein Kindergeschrei hren, sagte die Lene mehr zu sich selbst und schaute
nachsinnend auf das Mdchen, und nach einer Weile sprach sie laut, als ob sie
eine lange Gedankenreihe abschlieen wrde: Htt sollen dich heiraten, der
Leopold.
    Zwei-, dreimal flogen dunkelrote Schatten ber das blasse Gesicht der Hanne,
sie zog die Ellenbogen an die Hften und schob die Schultern hinauf, so, als ob
sie ihren drftigen Leib noch schmaler machen wollte, und als sie endlich
zaghaft zu der jungen Frau aufblickte, da waren ihre groen klugen Augen voll
Wasser. Behutsam griff sie nach den zarten Hndchen des Kindes, schlug sich
damit sachte auf die Stirn und murmelte, nur so die Worte zusammenraffend:
Hrst, Polderl - was deine - Frau Mutter - fr spaige Sachen redet! Das
Kindchen lchelte mit jenem zerflossenen Lcheln, das sich nirgends regt, das
nirgends haftet, die ausdruckslosen Augen stierten in das blasse Gesicht, und da
verzogen sich pltzlich die vollen roten Lippen wirklich, und nun sah der Kleine
seiner schnen Mutter hnlich.
    Und dein Bub wird genau wie du, rief die Hanne und schaute in die Augen
des Mnnleins, nur die Augen, die Augen, die hat er von seinem Vater.
    Der kleine Bursche krabbelte mit allen zehn Fingern ber das Gesicht des
Mdchens, endlich erwischte er auf ihrer Stirn ein Bschel Haare, daran
klammerte er sich nun. Die Lene duselte wieder so mit halbgeschlossenen Lidern,
sie blinzelte nur manchmal seitwrts hinber auf die wehenden gestickten Falbeln
der Kleider und Unterrcke. Wer solches Zeug an sich tragen kann! Das gibt doch
gleich eine andere Form als so ein Kattunkittel da. Den ganzen Tag solche und
noch weit schnere Kleider anprobieren!... Der Kleine schrie gellend mitten in
diese rosigen Trume.
    Gr dich Gott, Lenerl! Servus, Kronprinz! rief es vom Haustor her, und
der Leopold, der eben heimkam, schwenkte seinen Hut frhlich, pfiff laut und
rein den Anfang eines Volksliedes, und als er den halben Weg zurckgelegt hatte,
sprang er mit groen Stzen heran. Bist auch da, Hanne? So schn! Mein Bub
reit dir alle Haare aus; wirst das bleibenlassen, kleiner Racker?
    Er lste die Hand des Bbleins los, blickte aber dabei immer auf sein Weib,
das sich nicht regte noch rhrte, nur jetzt ein klein wenig den Kopf rckte, als
er sie schallend kte. Ist's dir schon wieder nicht recht? fragte er und nahm
sie am Kinn, soll ich dir nicht Gr Gott sagen in meiner Weis?
    Vor alle Leut?
    Und was weiter? Seit wann ist die Blaue Gans so nobel worden, da sie es
nicht sehen kann, wenn sich Eheleut kssen? rief er, lachte gezwungen und kte
sie wieder.
    Die Lene drckte das Kind fester an sich, stand auf und ging langsam in der
Stube auf und nieder, die Hanne schttelte dem Leopold die Hand und schritt
durch den Hof hinber in ihre Kammer.
    Sag mir nur, Weib, was du willst? fragte der Mann durch das Fenster
hinein, als aber die Lene keine Antwort gab und nur rascher auf und nieder ging,
schwang er sich ber die Brstung und stand jhlings mitten in der Stube. Er
schleuderte seinen Hut in eine Ecke und setzte sich an den Tisch.
    Es war nichts verndert in dem Gemache, nur die beiden Ehebetten waren in
das dunkle hintere Ende geschoben und auseinandergerckt, weil das
Wiegenbettchen des Kindes dazwischen stand. Und noch etwas fiel auf, gegenber
dem Fenster, soviel als mglich im Lichte, stand eine rohe Kiste, die mit weiem
billigem Vorhangzeug berkleidet war. Auf diesem sonderbaren Putztisch lagen
grellfarbige Neujahrskarten und bel aussehende Tanzorden, es standen auch ein
paar schreiend bemalte Gipsfigrchen dort, und das Bild der jungen Hausfrau
schaute durch ein grnliches Glas geziert und steif zugleich auf die Schtze,
die es umgaben. ber dem Tisch hing der alte Spiegel, der die Menschengesichter
im vollen Licht noch mehr verzerrte.
    Der Leopold sa da und pfiff leise durch die Zhne, er wartete eine geraume
Zeit, dann sagte er: Lene, ich mcht essen.
    Hab nicht gekocht.
    Der Mann schaute berrascht auf, dann lchelte er vergngt, sie hatte ja
seit langer Zeit kein einziges Mal gescherzt, und jetzt machte sie ein ganz
ernsthaftes Gesicht zu dem Spa; er wartete wieder, die Lene aber ging wie ein
Pendel so gleichmig auf und nieder und wiegte das Kind, sonst aber rhrte sie
keinen Finger.
    Du, das wird doch nicht dein Ernst sein? sagte er pltzlich und wurde
blutrot.
    Schau.
    Er stand auf, sah ber die Achsel nach dem Weibe und ging rasch in die
Kche. Dort fand er den Herd kalt, alles blank und sauber geputzt, sie hatte
richtig nichts gekocht. Er bi sich in die Unterlippe und kehrte zurck in die
Stube.
    Was hast du denn gar so Notwendiges zu tun gehabt, da du nicht die Stund
fr mich gehabt hast? warf er nur leicht hin, als ginge es ihm nicht zu nahe.
    Schlafen.
    Schlafen! fuhr er auf, beim hellichten Tag, bist verrckt? Nein. Aber
die ganze Nacht hab ich den Schreihals da herumgeschleppt.
    Na und?
    Und da mu ich mich am Tag ausschlafen, erwiderte sie bestimmt.
    Was tun die Weiber, die den ganzen Tag arbeiten mssen? Sie schaute ihn
berrascht an und klagte dann weinerlich:
    Soll ich auch so geschwind alt und hlich werden wie die anderen und das
alles wegen dem Kind? Sie warf im Vorbergehen einen Blick in den Spiegel, trat
dann auf ihn zu und sagte: Da schau mich nur an.
    Ich seh nichts Besonderes, sagte er und bemhte sich, gleichgltig
hinzusehen auf das schne Weib, das vor ihm stand und ihn mit den
feuchtschimmernden Augen anstarrte. Schau meine Augen an, die schwarzen Rnder.
Und da, da und da, sie schob die runde weie Achsel aus dem Kleide und streifte
den rmel ber Gelenk und Ellenbogen, da berall sieht man schon die Knochen.
    Aber Lene! flsterte der Mann begtigend und legte seinen Arm um ihre
Schultern, du bist viel schner, als du warst!
    Und seine Lippen suchten ihren Mund, sie aber entwand sich ihm.
    Es ist nicht wahr! Seit dem Kind bin ich ganz anders. Was soll ich
anfangen?
    Freundlich sein.
    Sie antwortete nicht, nur ihre Oberlippe hob sich. Endlich schlief das Kind,
sie legte es vorsichtig in die Wiege, lie die Arme sinken und jammerte: Kein
Glied kann ich rhren. Und was hat denn die gndige Frau zu Mittag gespeist?
fragte er spottend, um seine Frsorge zu verbergen.
    Die Hanne hat drben bei ihr mitgekocht in der Rastzeit. Schmst du dich
nicht vor dem armen, fleiigen Mdel? brauste er auf.
    Nein!
    Ich geh ins Wirtshaus.
    Recht hast, sagte sie nachlssig. Bring mir etwas heim, ich geh bald
schlafen.
    Sie kauerte sich wieder in die Fensternische und sah aufmerksam zu, wie eine
Nachbarin die gestickten Unterrcke von der Leine nahm. Ihr Mann ging ohne Gru
davon, nur zufllig schaute sie ihm nach, der Hof war so lang, und durch den
groen Torbogen flog der feine Straenstaub herein, so da sich die dunkle
Gestalt des Leopold genau abhob. Der Abendwind bewegte den losen rmel seines
Rockes, und sie mute immer das flatternde Stck an der Figur des Mannes im Auge
behalten ... da waren der Traum und die Wirklichkeit der Hochzeitsnacht wieder.
    Der ganze Mensch war verndert, wenn er einmal den leeren rmel nicht in die
Tasche steckte, als ob er auseinanderfliegen knnte, so schaute sich dieses
unruhige Flattern aus der Ferne an. Dazu ging er auch nicht so stramm wie sonst,
er lie die Schultern vorhngen und hieb mit einer aufgelesenen Gerte vor sich
und hinter sich, als wolle er ein mdes Pferd, das ihn schlecht weitertrug,
antreiben. So schlenderte er zum Tore hinaus, und die Lene starrte ihm nach,
allmhlich war sie befriedigt, weil der Kleine schlief und ihr Mann nicht
sprach.
    Auf dem Hofe drauen wurde es lebendig, Feierabend war, die Weiber kamen aus
ihren Kchen und riefen laut nach ihren Kindern, die Mnner kehrten von ihrer
Arbeit heim, und so sa den groen Hof entlang vor jeder Tre ein Huflein
beisammen, alle aen und plauderten, schrien einander zu und waren so frhlich,
als sen sie mitten im berflu. Die Lene hockte in ihrem Fenster, lauschte mit
halbem Ohr und schaute mit halbem Blick nach ihnen, nur wenn ein Kind aufschrie,
zuckte sie zusammen und horchte in die dunkle Ecke. Als die Hanne und noch ein
paar Jngere dem Fenster nahe kamen, winkte sie ihnen nicht, sondern legte einen
Finger an die Lippen und deutete in die Stube. Sie wollte allein sein. Ich wei
ja, wovon die alle reden, dachte sie, whrend sie hinberschielte zu den
Nachbarn.
    Und sie wute auch wirklich, wovon die andern sprachen, von Kindesbeinen an
hatte sie das eintnige, lustige oder schwermtige Gesumme mit angehrt: Arbeit,
Liebschaften, Neuverheiratete, kleine Kinder, Tote, das war alles. Zuweilen
sprachen sie von jenen, die aus der alten Tretmhle hinausgekommen waren, die
ihr Glck gemacht hatten in der Welt, so wie die Gretel, die unter die
Theaterleute gegangen war und erst vor kurzer Zeit sich wieder um die Blaue Gans
geschlichen hatte, ein seidenes Kleid am Leibe, so erzhlte der Hausherr. Das
ging ber die Begriffe des schnen Weibes. Wie kann man wieder dahergehen, wenn
man ein seidenes Kleid trgt, daher, in diesen Winkel voll Waschdunst, Lrm und
kleinen Kindern?
    Sie blickte wieder flchtig zu den Nachbarn hin. Jetzt steckten sie die
Kpfe zusammen und wisperten, warum? wovon? - Von ihr selbst natrlich! Sie
erzhlten einander, da sie heute nicht gekocht habe und da ihr Mann ins
Wirtshaus gegangen, das war ja etwas Neues fr die Blaue Gans. Sie schlug das
Fenster zu, lie die Vorhnge nieder und zndete die Lampe an.
    Ei, sollen reden, murrte sie vor sich hin. Sie richtete mimutig die
Betten fr die Nacht zurecht, und als das Kind halb im Schlafe leise aufweinte,
gab sie im Vorbergehen der Wiege einen sachten Sto, da sie sanft
weiterschaukelte. Immer vor sich hin brtend, lste sie ihr prchtiges rotes
Haar, schttelte es ber die marmorweien Schultern und liebugelte mit ihrem
Bilde, das selbst in diesem Spiegel noch schn blieb. Mit einmal nahm sie ein
Kstchen von dem Putztische, kramte unter den Seidenbndern, die drin lagen, und
zog endlich ein Pckchen Spielkarten hervor. Trge setzte sie sich an den Tisch,
rckte die Lampe heran, mengte die Karten langsam und legte dann die Bltter in
vier Reihen, eine unter die andere, vor sich hin. Da sa sie nun, und das feine
kindliche Antlitz ruhte mit dem Kinn in der hohlen Hand, und die graugrnen
Augen rckten sphend von einem Blatt auf das andere.
    Eins ... zwei ... drei ... vier ... fnf ... sechs ... sieben! Verdru!
Sie seufzte leise und zhlte weiter bis zur nchsten Sieben. Vernderung?!...
Richtig, drei A nebeneinander! Kummer! Unglck!... Und da wieder ein kleines
Kind!
    Das junge Weib wurde kreidebleich, sie streifte entsetzt die Karten
zusammen, verbarg sie wieder und ging niedergeschlagen zu ihrem Lager. Noch aus
dem Bette schaute sie nachdenkend auf den kleinen Buben hinab, der unruhig in
seiner Wiege schlief, dann drehte sich die Lene unmutig gegen die Wand, als aber
das Kind schluchzend seufzte, wandte sie sich um und sphte in das rosige
Gesichtchen, bis ihr die Augen zufielen. Bald bewegten ihre Atemzge gleichmig
die Flamme des Nachtlmpchens, das neben ihr stand.
    Sie machte groe Augen, als sie aufwachte und ihren Mann vor dem Spiegel
stehen sah. Er brstete sich die Haare zurecht.
    Gehst du fort? fragte sie schlaftrunken, ohne Erinnerung an den letzten
Abend.
    Nein, Schatz! stie er heraus und kicherte wie ein Weib, ich komm heim.
    Jetzt?
    Ja, es ist erst fnf Uhr.
    Ah!... das ist arg, sagte die Lene und setzte sich jh im Bette auf, wo
warst du?
    Alleweil im Wirtshaus. Hab aufs Heimgehen vergessen, weil es dort so lustig
war und weil die Leut alle so freundlich mit mir waren. Die Allerhand-Mdeln
haben gesungen, ein paar alte Kameraden waren da, getanzt ist worden und da ha
...
    Sei still!
    Oho!
    Sei still. Ich bitt dich. Geh bald wieder fort, sagte sie tonlos.
    Und warum?
    Ich kann dich in einem solchen Zustand nicht anschaun.
    Der Leopold stand jetzt neben dem Lager seines Weibes, er hatte die Hand in
der Hosentasche stecken, und eine erloschene Zigarre hing aus dem Mundwinkel
nieder, er spreizte die Beine weit auseinander und lie sich immer von den
Fersen auf die Zehen und von den Zehen wieder auf die Fersen sinken, dabei
musterte er die Lene mit seinen rotunterlaufenen Augen und lachte ihr manchmal
kurzweg ins Gesicht.
    Geh, sag ich dir! rief sie eindringlich.
    Und wenn ich nicht gehen will? Wenn ich mich jetzt niederlegen will und
schlafen, wer knnte mir das verbieten? Wer? Wer ist der Herr im Hause?
    Du hast zu tief ins Glas geschaut.
    Da ich nicht zu tief in die Teller schaue, dafr sorgst du! Kochst nichts,
legst dich am hellichten Tage schlafen. Was wirst du tun, wenn wir erst fnf,
sechs Kinder haben? Da bleibt die ganze Familie alleweil im Bett liegen, gelt?
schrie der Leopold und lachte verbissen. Die Frau schaute ihm pltzlich voll ins
Gesicht, ein Schauer lief durch ihre Glieder, sie zog ihr Nachtleibchen hher
hinauf, warf einen Rock ber, sprang aus dem Bette und huschte an ihm vorbei in
die Kche hinaus. Der Leopold lie die Zigarre aus dem Munde fallen und warf
sich auf sein Bett, er schleuderte die Stiefel polternd von den Fen, streckte
und reckte sich und ghnte mit aufgesperrtem Mund, dann rief er nach seinem
Weibe, schnarchte aber schon, ehe sie ihm htte Antwort geben knnen.
    Die Lene ffnete leise die Tre und blickte vorsichtig nach ihrem Manne; als
er ungestrt weiterschlief, schlich sie geruschlos in die Stube, kleidete sich
allmhlich an, nahm das Kind aus der Wiege und schob sich dann geduckt und
lauernd hinaus; sie verschlo die Kchentre und glitt, ohne sich umzuwenden,
dahin ber den stillen Hof. Bei dem Kammerfenster der Hanne blieb sie stehen und
atmete zum ersten Male aus voller Brust, dann pochte sie hastig an die Scheiben.
Das junge Mdchen hob den Kopf, lie die Arbeit erschreckt in den Scho fallen
und machte ein Zeichen gegen die Tre; sie stand mhsam auf und ffnete. Die
Lene schlpfte hinein, lie das Kind in die Arme der Hanne gleiten und kauerte
sich auf den einzigen Lehnstuhl, der in der Kammer stand.
    Ist dem Leopold etwas geschehen? fragte das Mdchen zitternd.
    Ah! Jetzt ist er heimgekommen! Die ganze Nacht im Wirtshaus, hat gesungen
und getrunken und getanzt mit den verrufenen Weibsbildern, mit den
Allerhand-Mdeln!
    Aber was ist ihm da nur eingefallen? klagte die Hanne hilflos, und warum
laufst du so verstrt herber?
    Weil mich ein Grausen anpackt, wenn ich einen betrunkenen Menschen seh. Und
mein Mann? Ob ich ihn noch einmal anschauen kann, seit ich ihn so gesehen hab,
wei ich nicht. Brr ... Es schttelte die Lene, als ob sie aus einem
Schneegestber kme.
    Aber denk nur, da mten Sonntag und Montag fast alle Weiber von ihren
Mnnern davonlaufen. So was kommt manchmal vor, und jede ertragt es.
    Ich bin nicht wie eine jede. Ich hab ihm das gesagt, eh' ich ihn genommen
hab. Ich trag es nicht. Sie sagte das ruhig und bestimmt, lehnte den Kopf
zurck und schaute an die Zimmerdecke, dann setzte sie halblaut hinzu: Der hat
doch recht gehabt. Wo hab ich nur hingeschaut?
    Der Leopold erwachte erst gegen Mittag, und als er die Tre verschlossen
fand, stieg er durch das Fenster in den Hof hinaus. Er schaute sich nach allen
Seiten um, da er aber sein Weib nirgends sah, ging er weiter und pfiff recht
laut und auffallend. Die Nachbarn sollten nichts merken davon, da es etwas
gegeben hatte in der Wirtschaft, er eilte vorwrts, und so wie am Abend frher
flatterte sein rmel in der Luft herum. Der Leopold dachte nicht daran, da sein
Weib aufpate und hinter dem Fensterkreuz, solange sie ihn sehen konnte, auf den
leeren rmel stierte. Als sie ihren Mann weit genug entfernt wute, lief sie mit
ihrem Kinde hinber in ihre eigene Stube. Sie ordnete langsam, was da herumlag,
aber es ging ihr nichts von der Hand. Es war auch, als ob der Kleine die
ngstliche Verdrossenheit seiner Mutter eingesogen htte, so bswillig greinte
und quiekte er und wollte nicht in seiner Wiege bleiben; wenn sie ihn aufnahm,
schwieg er; wie aber konnte sie das Kind in den Armen halten, sie hatte doch
ber und ber zu schaffen?
    Mit beschmutzten Stiefeln war der Leopold in der Stube herumgetrottet, die
Betten standen zerwhlt da, Mitte der Woche war bereits, und sie mute daran
denken, das Bndel Wsche rein zu machen, das unter dem Putztisch seit der
vergangenen Woche versteckt lag, kochen sollte sie und den Schreihals warten.
Sie dachte dabei fortwhrend an ihren Mann, seit einigen Stunden wute sie, da
sie das alles tun msse. Das Kind hielt sie lssig in den Armen und reihte sich
so aneinander, was geschehen wrde, wenn sie nicht so wie die anderen Weiber
zugreifen und sich abplacken wollte. Dieses innerliche Zurechtlegen und
Nachdenken ber eine Menge Dinge, die ihr, ohne da sie sich frher klar darber
wurde, zuwider waren, erschien ihr jetzt noch unertrglicher als die gewohnten,
tglich wiederholten Handgriffe. Eines hing aber mit dem andern zusammen; wenn
sie nicht arbeiten, nicht alt und hlich werden wollte vor der Zeit, wenn sie
nicht jedes Stck, das da stand und lag, Tag um Tag reiben, fegen, waschen
wollte, wenn die Suppe nicht auf ihn wartete, wenn sie das Kind nicht
herumschleppte, so durfte ihr Mann sie ausschelten und die Nchte hindurch im
Wirtshaus bleiben, er brauchte ihr kein Geld zu geben fr sie und sein Kind, er
konnte sie am Ende sogar noch schlagen, wenn er volltrunken heimkam ... Das
durfte er, weil sie sein Weib war. Sie mute also wie er das tgliche Brot
erwerben, sie mute arbeiten fr ihn und fr die Kinder, die sie noch mit
tausend Schmerzen so wie das eine schreiende da zur Welt bringen sollte; sie
kroch in sich zusammen vor Angst und Zorn. Und niemals soll das anders werden,
bis an das Ende immer derselbe mhseliglangweilige Weg? Jetzt erinnerte sie sich
an die unscheinbare, unschne Mutter ihres Mannes, die sich immer abgeqult und
abgemht hatte, die so arm und klein war neben ihrem rechthaberischen Eheherrn,
dem Vater des Leopold. Wenn der seinem Vater nachschlagen wrde, dann mte sie
unausbleiblich solch ein verkmmertes, zusammengerackertes Geschpf werden, wie
die alte Frau Weis gewesen. Und warum mu das sein?
    Zum ersten Male, seit sie die Frau des Leopold war, kamen ihr die Worte des
Pfarrers in den Sinn, es war ihr, als hrte sie die Trauungsrede mit einer
Deutlichkeit, da sie nach der Ecke hinhorchte, denn von dort her sprach die
eintnig pathetische Stimme zu ihr: Freud und Leid miteinander tragen. Treu
bleiben bis in den Tod. Streng jede Pflicht erfllen. Stets der Pflicht
eingedenk sein. In Wahrheit seine rechte Hand werden. In Frieden wandeln ...
    Sie schttelte sich bei dieser Erinnerung. Ja, ja! Das hat er alles gesagt,
und jetzt wute sie auch, was das Wort Pflicht heit. Warum hat ihr damals kein
Mensch ihre Pflichten haarklein vorgesagt, vor dem Altare hrte sich die
Geschichte wie eine lange schne Rede an, sie hatte hingehorcht mit halbem Ohr
und mit lachendem Herzen, es war ja so lustig, von allen Leuten angeschaut zu
werden, schn aufgeputzt zu sein und Hochzeit zu halten. Und was der Leopold
alles versprochen hatte, als er beim Altar stand und ihre Hand so fest drckte!
- Was ist aus dem Versprechen geworden? - Ja, er ist treu geblieben, er hat fr
sie gesorgt, aber was er zu geben hatte, war wenig genug. Sie mute es doch
besser haben knnen auf der Welt, sie ist ja schner als alle Mdchen und Weiber
der Vorstadt.
    Mochte sie es anstellen, wie sie wollte, sie kam immer zu diesem Schlusse.
Sie hatte schon ein schmerzhaftes Pochen und Zerren im Genicke, hinter den
Schlfen fhlte sie ab und zu ein Krachen, als ob eine Stecknadel hineingestoen
wrde, ihre Arme zitterten, so sehr erregte sie das Nachgrbeln ber die
Vergangenheit und Zukunft, dabei wurde die Arbeit in ihren Hnden immer mehr, so
widerwillig packte die Lene sie an.
    Von jenem Tage ab war kein Stubchen in der Stube zu sehen, kein Knopf
fehlte an den Hemden des Leopold, kein Fleck war in der Wsche, und kam er heim,
so dampfte die Suppe schon auf dem Tische. Das junge Weib hatte sich mit
schwerflliger Genauigkeit eingeprgt, was sie zu tun habe, um den Frieden zu
erhalten, und von jenem Tage ab durfte der Mann nimmer ber sein Hauswesen
klagen. Was konnte ihm das helfen, nach kurzer Zeit schon htte er ber jede
Nachlssigkeit geschwiegen, wenn ihn ihre roten Lippen mit einem Ku begrt
htten, und selbst wenn er sie halb im Zorn, halb in auflodernder Zrtlichkeit
an seine Brust ri, konnte er doch kein liebevolles Wort aus ihr herauspressen.
Und das ging Woche um Woche so fort.
    Was soll ich denn anfangen mit ihr? sagte der Leopold zu dem
Laternanznder, sie ist jetzt fr das Haus ein ganz tchtiges Weib, sie ist
nicht trotzig und keift auch nicht wie die andern, aber man kommt halt zu keiner
rechten Freud neben ihr, sie geht um und um, hin und her bei einem, als ob sie
ganz allein auf der Welt wr. Kauf ihr ein neues Kleid, sagte der
Laternanznder, nachdem er sich schweigend besonnen hatte; mit behaglicher
Pfiffigkeit setzte er hinzu: Und wenn sie sich am nchsten Sonntag damit
aufdonnert, so fhr sie am Arm durch die ganze Vorstadt, das wird sie schon
wieder lebendig machen, sie ist halt ein verzogenes Ding, die Rote!
    Ja freilich! seufzte der junge Ehemann, wir alle miteinander haben sie
verzogen, sie hat es viel zu oft gehrt, da sie schn ist, er kaute an den
Schnurrbartenden und wurde rot bis hinter die Ohren.
    Hm! - ja - schon mglich, knurrte der Laternanznder, die Meinige war
kein so schnes Frauenzimmer, und es hat aber doch so seine drei-, viermal
gentzt, wenn sie sttzig worden ist, das neue Kleid hat sie gebogen, und in
solchen Sachen sind die Weibsleut alleweil gleichgesinnt.
    Der Leopold hrte den erfahrenen Ehemann aufmerksam an, er prete den Kopf
in die Hand und schaute mit traurigen Blicken auf die verwitterte Gestalt mit
dem verschmierten grnen Kittel. Der hatte sein maulendes Weib zu Paaren
getrieben, aber die beiden waren nun alt. Doch er und sein Weib waren jung,
hatten das ganze Leben vor sich, konnten noch so glcklich sein, warum all die
Reibereien, die Kleinlichkeiten, warum das armselige Bestechen des Weibes,
dieses Spekulieren auf ihre Eitelkeit, was half das alles, wenn ihr Herz kalt
war?
    Jetzt ist die Meinige alt, knurrte der Laternanznder in die schwermtigen
Gedanken des Leopold, jetzt ist sie alleweil gerhrt ber alles, ich glaub, das
hat sie sich von der Christl ihrer Mutter angelernt, jetzt heult sie ber jeden
Knopf, wenn sie vergessen hat, einen anzunhen. Wenn es aber manchmal, so zum
Quartal, einen tchtigen Sturm im Haus gibt, dann kriegt sie keinen Atem, weil
sie halt dick ist - dann schtt ich ihr einen Krug Wasser ins Genick, dann
schnappt sie eine Weile wie ein Fisch, hockt sich in einen Winkel und jammert
den ganzen Tag, als wenn ich ihr wei Gott was tt. Neues Kleid aber kriegt sie
doch keines! Er schleuderte die Arme mit einer groartig verneinenden Bewegung
auseinander.
    Der Leopold war ganz still und weich geworden, er rieb den lackierten Schirm
seiner Mtze auf dem Knie und sagte dann recht gedrckt: Ich dank dir,
Laternanznder, fr deinen guten Rat, du bist ja doch ihr Vormund und hast
mitzureden.
    Ja! erwiderte der alte Dragoner und streckte die Brust wrdevoll heraus.
    Jetzt kaufe ich gleich das Kleid, sagte der Leopold entschlossen, als ob
es sich um etwas ganz Besonderes handelte, und noch als er an der Tre stand,
rief er zurck: Gleich, gr Gott!
    Beht Gott! schrie ihm der Laternanznder nach. Hast doch keine Courage,
bist wie ein Waschlappen wegen dem Rotschdel! brummte er fr sich, als der
junge Ehemann die Tre hinter sich geschlossen hatte.
    Er schttelte seine Truhe mit den llmpchen sehr energisch, hielt noch eine
liebevolle Anrede, als ob er zu lebenden Wesen sprche, und ging dann seine
dunklen Wege, um den Menschen Licht zu bringen. Er ging sehr tiefsinnig dahin.
    Peter Michl hatte zwei Schwchen, welche seinem stets gerhrten Weibe das
Leben schwer machten. Die erste war, da er sich gern auf den Unwiderstehlichen
hinausspielte - trotzdem es keinen treueren und besseren Ehemann in der Blauen
Gans gab -, aber das war eine Gewohnheit aus seiner lustigen Soldatenzeit her.
Die zweite Schwche war gefhrlicher, und sein Weib stand ihr vollstndig
hilflos gegenber. Michl hatte sich nmlich aus den sonderbarsten Scharteken
eine Art entsetzlicher Bildung und aus allerlei Erlebnissen und Erfahrungen, die
sich in seinem Gehirn als Besonderes widerspiegelten, einen philosophischen
Standpunkt aufgebaut. Die runde Frau wagte nicht zu atmen, wenn er ihr von
dieser Hhe herab ihre Fehler vorhielt, sie verstand sein Kunterbunt beinahe
ebensowenig wie er. War er aber einmal im Zuge, so mute er sehr viel reden, das
gab ihm Respekt vor sich selbst, und zum Schlusse erklrte er immer, da die
Blaue Gans ohne ihn und den einsamen Spatzen weder Licht noch Bildung htte.
    Er hatte das Bedrfnis, vielen Leuten klarzumachen, da er ein
unentbehrlicher Mensch sei, und diese vielen fand er nur in der Schenke; aber je
eindringlicher er redete, desto mehr wurde ihm zugetrunken, und je fter er
Bescheid tat, desto unklarer wurde ihm selbst dabei zumut. Der wrdige Mann
hatte das Unglck, gerade jetzt in lustige Gesellschaft zu kommen, als er ein
Glas Wein trinken wollte. Wirtshausbrder setzten sich zu ihm, und die
Strohschneidermdeln standen aneinandergelehnt, hrten lachend seine lange Rede
ber das neue Licht und liebugelten mit ihm.
    Jetzt mu ich zum Geschft schauen, schlo er, aber wie sie alle brennen,
komm ich wieder, und dann werd ich euch beweisen, da es auf einmal finster sein
wird. Keine Luft! - Alsdann spter.
    Der Laternanznder ging kerzengrade, aber seine Lmpchen klirrten, und wenn
er um die Ecke bog, so zog es ihn immer um ein paar Schritte ber die Laternen
hinaus. Er bohrte dann die Abstze ein, beugte den Oberkrper zurck und
blinzelte mit zusammengezogenen Augen hinauf zu den Laternen, ging ein paar
Schritte rcklings, und sowohl er als die llmpchen schwankten bedenklich, wenn
sie nach langem Zielen am rechten Platz waren. An diesem Abend war es da drauen
recht bel beleuchtet, und als das letzte Lmpchen festsa, beeilte sich der
Laternanznder, wieder seine Zuhrerschaft im Wirtshaus aufzusuchen. Oben auf
der Hauptstrae lief der Leopold von Laden zu Laden und suchte lange, bis er ein
Kleid kaufte, das den Farben nach Aufsehen machen mute in der Blauen Gans. Als
Feierabend war, rannte er mit dem Zeuge heim, je nher er dem Hause kam, desto
mehr freute er sich ber die groen Augen seiner Lene.
    Die wird dreinschauen! Das Herz schlug ihm, als er in die Stube trat, und
er htte gern aufgejauchzt vor Freude, anstatt da er mit prahlerischer
Gleichgltigkeit das Umschlagpapier abwickelte und sein Geschenk auf den Tisch
legte. Er lie den Stoff im Lichte glnzen, bauschte ihn so auf in Falten, wie
er es in den Schaufenstern gesehen hatte, und sagte endlich schmeichelnd, weil
er wute, da sie das am liebsten hrte: Du, Frau, la dir dein neues Kleid da
bald machen.
    Es verlegte ihm die Stimme, er schwieg; wenn sie nur aufstehen und herkommen
wrde; er steckte rasch seine Hand in die Tasche, damit er nicht den Arm nach
ihr ausstrecken konnte. Von der Seite hatte sie sein Tun beobachtet, aus dem
Bettwinkel hervor, in dem sie mit der Wiege verschanzt hockte und ihr Kind
einschlferte. Sie rhrte sich nicht und sagte nur halblaut: Ich dank dir
schn.
    Was, sonst sagst du nichts? fragte er enttuscht.
    Was sonst?
    Er bi die Zhne bereinander, da sie es bis in ihren Winkel hin krachen
hrte, denn der Leopold hatte weie, breite Zhne, die stark wie von Eisen
waren.
    Meinen Namen mut vergessen haben, denn ich hr ihn nimmer von dir, und
lachen, scheint mir, gehst auf den Dachboden, denn ich schau immer nur in dein
mrrisches Gesicht. Sei gut, Lene! Gib mir freundlich die Hand, und denk doch
daran, da wir fr alle Lebenszeit beieinander bleiben mssen. Was soll denn
unser Herr Sohn fr eine Meinung von uns kriegen? Er lchelte ihr treuherzig zu
und versuchte wieder, das Kleid aufzubauschen.
    Das Weib hob die Augen nicht zu ihm auf, aber pltzlich schttelte ihren
schlanken Leib ein verhaltenes Schluchzen. Das war es ja, beieinander bleiben
fr alle Lebenszeit, immer freundlich sein und ein heiteres Gesicht machen, wenn
einem auch gar nicht so zumute ist; immer arbeiten, Tag um Tag das nmliche,
Freude haben, wenn der Mann solches Zeug daherbringt. Das grellfarbige Ding
sollte ihr Freude machen! Ein Falbel von den Rcken, die im Trockenhofe hingen,
war mehr wert als das ganze neue Kleid. Und wie der Leopold nur so dastehen
konnte vor ihr? Mit jeder Woche sah er nachlssiger aus, sie hatte aufgemerkt,
sogar sein Schnurrbart war zerwirbelt und zerzaust, und immer baumelte der leere
rmel herum. Ehemals war der Mann viel hbscher, und wenn sie ihn auch nicht so
liebhaben konnte wie er sie, so gefielen ihr doch seine Gestalt und sein Wesen
besser. Aber schon an ihrem Hochzeitsabend mute sie anhren, da er ein Krppel
war. - Sie hatte es verwinden wollen; wo hab ich nur hing'schaut? - sann sie
doch wieder. Sie wute nicht, warum ihr jetzt der Mann und die andern Leut, die
Wirtschaft, ja sogar die Blaue Gans zuwider waren. Da sie alles das, wie es
war, fr die ganze Lebenszeit ansehen und aushalten msse, das ging ihr immer
durch den Sinn, und darauf pochte er noch und stand vor ihr und wartete auf eine
freundliche Antwort. Woher nehmen?
    Ich will gar nicht davon reden, wie lang du mir nicht ein einziges Bussel
geben hast ... Schau, Lene, ich bin halt anders wie die anderen Mnner, die du
kennst da bei uns herunten. Ich hab die Welt gesehen, hab ein wenig etwas
gelernt drauen und gelesen ... Du bist so schn, und ich hab dich gern gehabt,
wie du noch ein kleinwinziges Ding warst, und ich hab dich immer lieber kriegt
und gar nichts sonst gedacht, als da ich dich heiraten und dich recht glcklich
machen will. Wenn du dir nur berlegen knntest, wie weh du mir tust.
    Ich kann nicht anders sein, als ich bin, antwortete sie leise.
    Kannst nicht anders sein?... Warst doch vor der Hochzeit zutraulicher.
Sitze doch nicht so dort, komm hervor, und schau dir wenigstens das neue Kleid
in der Nhe an.
    Sie knpfte sich das Tuch fester auf dem Rcken, lie die Schultern
einsinken und schob sich langsam zwischen dem Bett und der Wiege hervor. Wie ein
gescholtenes Schulmdchen stand sie neben dem Tische und zog die Ellenbogen an
die Hften.
    Du tust ja, als ob du alle Tage eine Tracht Prgel kriegen ttst! rief er
und hob ihren Kopf am Kinn auf. Geh, Frau, sei nicht trotzig, es pat nicht zu
deinem schnen Gesichtl, sei gut. Als sie nichts erwiderte, glaubte er auf den
roten Lippen ein leichtes Lcheln zu sehen, er nahm sie um die Mitte und wollte
sie an die Brust ziehen, aber als sie mit ihrer Wange seine Schulter berhrte,
taumelte sie zurck wie fortgestoen und schaute mit dem Ausdruck des Grausens
nach dem leeren rmel.
    Was hast du? frug der Leopold erstaunt.
    Ich - du - weil, stotterte sie zagend und deutete auf seinen Arm.
    Mein Arm? Er griff mit der Hand an den Stumpf, und es blitzte etwas in
seinen Augen, das sie noch ngstlicher machte.
    Dein Armstumpf, freilich - ich hab mich angestoen, da - sie zeigte auf
ihre Wange und schttelte sich.
    Na und?
    Stopf was hinein, la dir einen hlzernen Arm machen, nur la den leeren
rmel nicht so herumfliegen. Warum?
    Ich - ich frcht mich, und die Leut lachen, weil ...
    Sie konnte nicht weiterreden, der Leopold hatte sie rckwrts am Halse
gepackt und sie auf einen Sessel niedergedrckt, er schaute ihr ganz nahe in die
Augen und sagte mit trockenen Lippen und drrer Zunge wie ein Kranker: Red nur
fort, ber was lachen die Leut?
    Lene bog sich ein wenig beiseite und blickte mit zuckenden Wimpern zu ihm
hinauf, als ob sie sein Gesicht sehen wollte, wenn sie ihm einen Hieb gab dafr,
da er sie, die Prinzessin, rauh angefat hatte; ihre graugrnen Augen
flimmerten fast gehssig, als sie weitersprach: Die Leut lachen mich aus, weil
- weil ich einen Dreiviertelmann geheiratet hab! Einen ..., keuchte er.
    Einen Krppel!
    Weib! schrie der Leopold auf und stand mit erhobenem Arm vor ihr, hat dir
das Gesindel nicht gesagt, da ich dich und mein Kind mit dem einen Arm besser
erhalte als die andern Mnner die ihrigen mit zwei Hnden?
    Die Frau duckte sich zusammen, hielt sich die Ohren zu und schlo die Augen.
    Und du denkst auch so von deinem Mann? Ich soll mir einen Arm machen
lassen? Jhlings wurde er dunkelrot und schrie heiser: Es graust dir also vor
mir, weil ich ein Krppel bin?
    Ja! stie sie rcksichtslos trotzig heraus, gleich dahinter aber rief sie
bittend: Schlag nicht!
    Es war zu spt, seine wuchtige Faust fiel auf ihren Nacken nieder ... Der
Leopold wankte und torkelte, als ob er den Schlag bekommen htte, das
wutverzerrte Gesicht wurde nach und nach schlaff und fahl, er schleppte sich an
das Fenster, ohne sein Weib anzusehen, er horchte und wute nicht auf welchen
Laut; als sich aber minutenlang nichts regte in der Stube, sthnte er: So weit
kann ein Weib einen Mann bringen, und ohne da er den Kopf erhob, tappte er aus
der Stube.
    Ohne Mtze, mit weitoffenem Rock und flatterndem rmel schritt er
schwerfllig durch den Hof, ber die Strae und hinaus auf die Trockenwiese.
Dort stand er jetzt still, sah sich um und holte tief Atem, dann ging er langsam
weiter ber das Feld, querdurch, wie ihn seine unsicheren Fe trugen, und so
kam er zu dem Feldrain, auf dem er damals ausrastete, als er heimkehrte. -
Schier auf demselben Platz setzte er sich nieder, er hatte ja damals hier
Frieden gefunden.
    Damals.
    Der Menschenlrm, der Schreck ber den Sturz der kleinen Hanne, das Herzleid
und die Krperschwche, die ihn angefallen hatten, alles war hier
zurckgewichen, und er sa damals still da mit der Lene, mit demselben Kinde,
das heute sein Weib war - und dasselbe Geschpf hatte ihn auch diesmal
hierhergetrieben, heute sa er aber allein, verlassen, von ihr beschimpft mit
dem schlimmsten Schmhwort, das es fr ihn gab.
    Von jetzt ab erst war er ein Krppel, er wute, da seinem Weibe vor ihm
grauste und da ihn die Leute verlachten, weil er den Mut gehabt hatte, das
schnste Mdchen zu heiraten, er, der Einarmige, der Dreiviertelmann. - Ach! -
die Schmerzen, die Schmerzen! Er litt alles wieder durch, was er auf dem
Schlachtfelde und im Spital ertragen hatte, und der Armstumpf zuckte und
zitterte an seinem Leibe. - Da pltzlich sprte er seine verlorene Hand wieder;
als er mit der lebendigen Hand verzweifelt an die linke Schlfe fuhr und die
Faust fest andrckte, da war ihm, als ob die rechte entgegenprete, und als er
die linke mutlos zwischen die Knie sinken lie, da fhlte er, wie die Finger,
die lngst vermodert waren, sich rhrten und zwischen die lebendigen schlpften,
wie die beiden Hnde sich ineinanderkrallten und flehend hinaufreckten zu dem
dmmergrauen, stummen, mitleidlosen Herbsthimmel. - Der Rest seines Armes
bewegte sich fort und fort, alle Muskeln dehnten sich, er sprte sein begrabenes
Stck Krper wirklich wieder, das Herzleid hatte es lebendig gemacht, die Seele
schrie nach diesem Glied, als knnte sich dann der gequlte Mensch wehren, als
mte sie nicht hilflos erdulden, was sie schdigte fr alle Zeit.
    Das war ein ganz anderer, der jetzt da auf dem Feldrain hockte, das war der
Leopold, den man nie uerlich sah, das war der Mensch, der jetzt sich selbst
genau anschaute, als ob sein heimliches verborgenes Ich wie ein Zwillingsbruder,
den er versteckte, da ihm gegenbersitzen wrde. Es jammerte ihn, was sie alles
gemacht haben aus dem blonden, lustigen Burschen: Die Zeit ... und die Leut ...
und das Weib!... Er hatte so redlich gesorgt fr sie, er liebte sie so dumm, so
unsinnig, da er sich schmte, es ihr zu sagen; die sonderbarsten Dinge
flsterte er vor sich hin, wenn er sie umarmte, so schne Worte, wie er sie
sprach, standen ja nur in den Bchern oder sagten die Leute auf dem Theater, das
durfte sie nie hren, beileibe nicht, sie htte ihn ja doch nicht verstanden -
wenn es gut gegangen wre, hchstens gelacht. Dafr aber konnte sie nichts, das
war nicht ihre Schuld. Alle knnen ja nicht so sein wie der, welcher ihm
gegenbersitzt und mit traurigen Augen auf die fahlen Grashalme schaut.
    Sie ist so schn! - Wie liebte er sie, und sie konnte es dahin bringen, da
er seinen mnnlichen Arm entehrte und den anderen noch im Grabe zuschanden
machte dadurch, da er ein Weib schlug - sein Weib, dieselbe Lene, die er doch
bis zur Stunde noch mit allen Qualen des Gekrnkten liebte. So weit kann nur
ein Weib einen Mann bringen! schrie er jhlings, so da die Hunde aufbellten,
die noch unten in den Feldern herumtollten.
    Was soll nun daraus werden? - Wie wird das Leben jetzt weitergehen? - Was
soll er ihr sagen, wenn er heimkommt? - Der Blick, mit dem sie ihn ansah, als
sie die Abscheulichkeit aussprach, brannte ihm noch auf der Stirne und in der
Brust; das war ein gehssiger Blick, so schaut jemand, der nicht in der
Zornwtigkeit hinschlgt, wie er es getan hat. Die kann nicht vergessen und
verzeihen, sthnte der Mann.
    Dieweil war geruschlos ein groer Hund herangezottelt, legte sich auf ein
paar Schritte entfernt nieder, streckte alle vier Pfoten von sich und klffte,
als ob er den Leopold rufen wollte. Es war ein junges Tier mit ungelenken
Gliedern und einem dummen Gesicht. Langsam schob und kollerte er sich nher,
sprang spielend rund um den Mann, bis er endlich mit einem plumpen Satz hinter
ihm war. Jetzt richtete er sich auf, legte die Vorderpfoten auf die Schultern
des Leopold, streckte den groen Schdel hervor und begann seine Ohren und Wange
abzulecken.
    Ah, du bist's, Schuftl! Du suchst mich auf?
    Das Tier kroch hervor, machte wieder ein paar Sprnge, hielt pltzlich inne,
horchte auf und stellte sich dann leise knurrend neben den Mann.
    Was gibt's?
    Der Hund schnupperte dem Trockenplatz zu.
    Pa auf, Schuftl!
    Jetzt schlug das Tier dreimal nacheinander laut an, wie immer, wenn jemand
dem Trockenplatze nahe kam.
    Es ist ja keine Wsche im Freien mehr?! Warum er nur bellt?
    Wieder klffte der Wachhund und winselte, als ob jemand die groen leeren
Stangen forttragen wollte, denn sonst war nichts unten auf den Trockensttten.
Jetzt aber hrte der Leopold gedmpfte Stimmen, die immer nher und nher
heraufkamen.
    Was das Tier fr ein feines Gehr hat, dachte er verwundert und streichelte
das weiche Fell des Schuftl. Nun lachten und plauderten die Leute unten lauter,
und ein heiserer Mensch jauchzte pltzlich so schrill, da der Lauscher
zusammenschrak.
    Singen! singen! grlte einer, dessen kurzer raspelnder Ton dem Leopold
bekannt war, aber er dachte nicht darber nach, denn das Jauchzen und Schreien
wurde immer wilder.
    Na ja. Aber jetzt kusch! berschrie das Gelrme eine krftige
Mdchenstimme, und es wurde auch jhlings still.
    Leise hub nun eine sanfte Stimme zu singen an, wie fr sich allein, so sacht
und weich. - Es waren schier schwermtige Laute, die aus einer jungen Kehle
emporstiegen und wie Wellen dahinschwammen, die ganze Luft schien erfllt von
dem flsternden sen Gesang.
    Aha, die Marie! murmelte der Lauscher.
    Die unsichtbaren Begleiter der Sngerin schrien und klatschten in die Hnde,
bis wieder der krftige Ton dareinfuhr: Still! Weit, Marie, wir singen jetzt
miteinander das Mariahilfer G'lut.
    Nun begannen die zwei Mdchen gleichzeitig und sangen eines jener wortlosen
Lieder, die nur die kleinen Leute, die an den uersten Enden der groen Stadt
wohnen, erfinden, aus der Luft holen und ein paar Wochen lang in die Luft
hinaussingen und pfeifen.
    Richtig, die Strohschneidermdeln, dachte der Leopold, hielt dem Hund die
Schnauze zu, damit er nicht knurren oder bellen konnte, grub sein Gesicht in das
wollige Fell des Schuftl und horchte.
    Der Gesang hub wieder an, ernst, fast melancholisch, die beiden Stimmen
erklangen wirklich wie abgetnte Glocken, abwechselnd schwang sich jetzt eine
ber die andere, immer reiner, immer hher, immer frhlicher, und nun einigten
sie sich in einem letzten kecken Hinaufwirbeln und schlossen mit einem hellen
Jauchzen jh ab.
    Hei ich singen, sagte beistimmend der Grlende, und der Leopold erkannte
jetzt, da die Schar schon nher herankam, den Laternenanznder.
    Was fallt nur dem ein, da er mit der Gesellschaft herumzieht?
    Er wute nicht, da auch der alte Dragoner heute sein Teil zu tragen hatte
und da die lustige Bande eine Geflligkeit fr die andere begehrte. Sie hatten
geduldig seine Auseinandersetzung ber das neue Licht angehrt, ihm beigestimmt
und zugetrunken, ihn aber dafr durch alle Straen geschleppt, hinter den
anrchigen Strohschneidermdeln her, sie hatten Staat gemacht mit dem wrdigen
Laternenanznder und fhrten ihn, den der Gesang verlockte, in dieselbe Schenke,
in welcher vor Wochen der Leopold die ganze Nacht gelumpt und gezecht hatte.
    Die frhlichen Menschen zogen an dem einsamen Mann vorber, er drckte sich
enger an das Tier, damit sie ihn nicht sehen mgen, und als er nach einer Weile
den Kopf erhob, gingen sie schon seitwrts die Strae entlang und jauchzten, da
die leichtbewegte Luft das Echo wiedergab. Das eine der beiden Mdchen lachte
und kicherte herausfordernd, die Stimme der anderen tnte mild, schier
beruhigend hinber zu dem Lauschenden.
    Mitten dahinein in den Trubel, das wre vielleicht das beste! - - Ganz den
Herrn zeigen, vielleicht hilft die Grobheit mehr als die dumme Lieb. Sie hat
Respekt gekriegt vor dem einen Arm und kriegt vielleicht mehr Respekt vor dem
Mann, der jetzt nicht heimkriecht und um Verzeihung bittet, so grbelte der
Leopold, whrend er noch den lustigen Menschen nachhorchte. Ich knnt ihr heut
nicht in die falschen Augen schauen, ob sie mich wieder so anblitzen tten oder
verweint wren ... Verweint?... Es ist doch eine schmutzige Sache, so auf ein
wehrloses Frauenzimmer hinschlagen wie auf einen Lumpen, der einen bei der Nacht
anfallen will ... Es ist eine Schand! Ja ... es ist eine Schand!
    Jetzt war es totenstill um ihn, ein khler, schwerer, trauriger Herbstabend
brach an; weit drben lag ein leichtgerteter Nebel, unter dem die Stadt
steckte, und die tausend und tausend Lichter gossen das feine Rot auf die
schwere Nebelhlle. Lange starrte der einsame Mann dahin, wo seine
Arbeitsstrecke war, dahin sollte er morgen wieder mit einem ruhigen Gesichte
gehen, die Lene mute wenigstens nicht unter die Leute, wenn sie nicht wollte,
aber er. - Zwischen der Nebelmauer und dem Platze, wo er jetzt sa, wurde es
immer schwrzer, die llmpchen der Vorstadt verschwanden ganz, nur in der Nhe,
unten vor der Blauen Gans, da glitzerten ein paar Lampen rtlich, wie verkommene
Sternlein ohne Rand und Strahlen. - - - Wie traurig erschienen ihm die karg
erleuchteten Fenster des Hauses.
    Was soll jetzt draus werden?... So etwas geschieht da unten alle Tage, und
die Leute leben vergngt weiter. Der Laternanznder hat der Seinigen auch den
Kopf zurechtgesetzt ... Aber die Seinige ist halt anders als die Meinige, das
zarte junge Weib. Und bin ich so einer wie er? Der Leopold wies mit dem Daumen
hinter sich, der Schenke zu. Ei, hol's der Teufel, das Nachdenken macht's nur
noch schlimmer.
    Er sprang auf, schttelte die Erdklmpchen von seinen Kleidern, strich sich
die Haare zurecht und ging langsam den Weg, der hinauf in die Schenke fhrte. -
Der Mond guckte mit halbem Gesicht ber die Berge hervor, und sein mattes Licht
rann ber den Nebel, der sich jetzt ansah, als ob er beweglich wre, als ob sich
da unten ein geruschloses Wasser ganz sachte heben und senken tte. Der Hund
spreizte alle vier Beine steif von sich, zog den Schweif ein und heulte hinauf
zu der gelbblassen Halbscheibe, und als ihn der Leopold am Ohre nachziehen
wollte, winselte er jmmerlich und schmiegte sich eng an die Fe des Mannes.
Der Mond kam immer hher herauf, und der Leopold ertappte sich dabei, da er
wohl eine Viertelstunde dagestanden war und so wie der Schuftl hinaufgestarrt
hatte, jetzt aber schritt er rascher aus, und der Hund lief leise klagend neben
ihm her.
    Da waren sie endlich; der Leopold stie die feuchte Wirtshaustr weit auf,
Tabakrauch, Wein- und Bierdunst qualmte ihm entgegen, so da er wie betubt in
das Gewhl glotzte und wieder umkehren wollte, aber da johlten sie ihm schon zu:
Du bist da?
    Servus!
    Gr Gott!
    Wo kommst her?
    Setz dich nieder.
    Daher! grlte der Laternanznder und wies auf einen klebrigen Stuhl.
    Wie schaust aber aus?
    Seid's ja ganz na, du und der Schuftl.
    Schufterl, hupf, da herauf! rief die Marie. Das ist gescheit, da du
endlich da bist! sagte sie seitwrts zu dem Manne.
    Trink, Leopold!
    Da auch.
    Zu uns setz dich!
    Daher! daher! daher!
    Etwa zwanzig drngten sich mit jener angeheiterten Zrtlichkeit an ihn, die
bei dem nchsten Glas Wein schon so derb wird, da sie jedem kurz die Wahl lt:
weiter und weiter trinken oder tchtig geprgelt werden. Wenn so ein hbscher
junger Ehemann zu uns kommt, mssen wir ihm was Besonderes vorsingen, da er das
Wiederkommen nicht vergit, flsterte ihm die Marie zu und sah mit zwinkernden
Augen zu ihm auf.
    Probier's, warf der Leopold leicht hin.
    Hat das neue Kleid geholfen? frug der Laternanznder und kam mit
verglasten Augen, aber mit militrisch strammer Haltung kerzengerade auf ihn zu.
    Und wie es geholfen hat, erwiderte der Leopold, er lachte dabei und lie
sich von der Marie an einen Tisch ziehen, der in einer Ecke stand.
    Das Mdchen sang ihm zuerst ganz laut eines ihrer vierzeiligen Lieder vor,
einen Gassenhauer, doch als er vor sich hin stierte und sich um ihren Gesang
nicht kmmerte, prete sie ihre Schulter an seinen Arm, nahm seine Finger
spielend in die ihren und summte mit gedmpfter, weicher Stimme:

Geh, sei nicht so traurig,
Schau nicht so trb drein.
Tust mir bitterlich weh,
Denn mein Herz g'hrt noch dein.

Wem? frug der Leopold spitz, rckte ganz in die Ecke und go ein groes Glas
Wein hinab.

Rck nicht von mir weg,
Rck nher noch her,
Hast bis jetzt noch kein' Fleck,
So war's Bravsein nicht schwer,

sang die Marie mit fieberhaftem Flsterton, und der Mann schaute halb neugierig,
halb verachtungsvoll in das blasse Gesicht des Mdchens.
    Eh, Faxen! Ich wei schon, da du dir deine Liedeln selbst zusammendichtst,
bist flink mit deinem Kopf, darum singst auch einem jeden, was er gern hrt,
spottete der Leopold; bei mir aber kommst nicht gut an, berleg es dir, so ein
Dreiviertelmann, der um einen Flgel zu wenig hat, der will anders betrogen
werden als die ganzen Mnner.
    Die Marie ffnete den Mund, sprach aber kein Wort, sie zeigte nur ihre
blanken Zhne, warf einen flchtigen Blick auf den leeren rmel, und dann
schaute sie stumm vor sich hin auf die Tischplatte. ber den Augenbrauenenden,
gegen die Nase herab, traten zwei scharfe Buckeln hervor, und ihr feiner, weier
Hals wurde allmhlich rosig gefrbt, rasch schlang sie ihren Arm um den Hals des
Leopold, legte ihre Lippen an sein Ohr und sang, als ob sie ihn kte:

Red nicht von Betrug,
Hast zwei Augen wie Stern,
Hast zwei schnurg'rade F,
Und ich hab dich halt gern!
Hast ein butterweich's Herz
Und zum Kssen ein' Mund
Und zum Halsen ein' Arm,
Das ist g'nug fr ein' Stund.

Aus dir knnt auch was Besseres werden als so ein ausgeschrienes
Bierhuselgewchs, sagte der Besungene nachdenklich und schttelte ihren Arm
von seinem Halse.
    Meinst? - Na so such halt einen, der mich jetzt auf den rechten Weg bringt.
Aber von denen dort, sie schlenkerte die Finger gegen die Nachtschwrmer, darf
er nicht sein.
    Brauchst denn just ein Mannsbild auf den rechten Weg? Ich kenn einen, der
sich vor Jahren sogar auf mein' unrechten Weg g'stellt hat, so lang, bis ich
wirklich g'stolpert bin - und g'falln. Hat er mich aufgehoben? - Frag ihn! - Und
der wei es doch ganz genau, wie er mich gefunden hat.
    Der Leopold zog rechts und links an seinem Schnurrbart und murmelte
befangen: Nicht reden - du warst damals lieber alle Tag unter dem G'sindel als
woanders.
    Eine gute Ausred ist einen Taler wert, spottete die Sngerin, der Gewisse
hat aber damals gar keine Ausred braucht, er hat mich nur nimmer g'sehn, wenn er
mir zufllig begegnet ist. War recht lustig die Zeit, besonders wenn man
muserlstill sein mu, da einen die Leut nicht noch auslachen - und wenn man
mutterseelenallein seine Schand und sein Leid hinunterwrgen mu. Kannst du dich
vielleicht zufllig an die Zeit erinnern?
    Ein harter Blick glitt ber das Mdchen. Nein. - Besser wirst du's nicht
verdient haben. Red von was anderem, wenn ich dich anhren soll.
    Nur anschaffen, das bist ja jetzt g'whnt als Eh'mann, spttelte Marie,
zog aber dann ein abgegriffenes Bchlein aus ihrer Schrzentasche und kritzelte
ernsthaft, nachsinnend eine Seite voll.
    Leopold schaute auf den gesenkten kleinen Kopf der Sngerin, ihre schwarzen
Haare waren so gelt und glatt, da sie glnzten, und ihre Stirne war wei und
rein; sogar der kecke Zug verlor sich allmhlich aus ihrem Antlitz, whrend sie
schrieb und leise vor sich hin sang. Schreibst dir die neuen Liedeln auf, da
du sie morgen wieder einem andern vorsingen kannst? fragte er lachend.
    Mt ich da bis morgen warten? Meinst, die horchten nicht gleich alle? Und
gibt's so mir und dir nichts geschwind einen, auf den meine Liedeln passen? Das
ist mein Dank von dir, schmollte sie.
    Rundum kicherten und brllten lachend die Wirtshausgste, wenn sie in die
Ecke blinzelten, denn sie hielten sich fern von den beiden.
    Hat ihn schon erwischt, die Feine, bis in den grauen Tag halten wir ihn
fest, die Lene wird sich giften, eiferte ein alter Kamerad des jungen
Ehemannes.
    Na, und wer soll denn nachher singen? schrie die Klara, ich hab heut
schon den ganzen Tag krht - soll ich allein weitertun, was? - Wird der
vielleicht, sie wendete nur die Augen, ohne den Kopf zu bewegen, gegen Leopold,
den ganzen Abend zahlen heut?
    Mu er, betonte der Laternanznder.
    Der Leopold konnte nichts hren und sehen von dem, was da vorging, er war in
einer mitleidsvollen Stimmung und schaute sich darum die Strohschneider-Marie
zum ersten Male genauer an. Alles war so fein und zart an dem Mdchen, das klare
Heiligenbilder-Gesicht. Aber die blauen Rnder um die Augen und die kecken Reden
und das leichtsinnige Lachen manchmal, rechnete der Mann zusammen.
    Warum singst du denn in allen Kneipen und unter der Sippschaft herum,
wenn's dir keine Freud macht? Er nahm mit trotzigen Mienen das Gesprch von
frher wieder auf.
    Frag meine Frau Mutter. Umsonst sing ich nicht, da schau, am Fenster stehen
unsere Krberln, gerade frher war mein kleiner Bruder, der Xanderl, da und hat
sie ausgeleert, jeder Wirt fllt sie uns voll, morgen in aller Frh schleppen
wir das heim, was wir da kriegen. Meinst, es ist ein Spa, die Mutter und die
acht jngeren Geschwister zu erhalten? Wie die Wilden fallen sie ber die Krb
her, wenn wir hundsmd heimkommen.
    Deswegen brauchst aber nicht alle Tag einen andern Schatz?
    Ich? - Die Leut sagen das! Ist es darum wahr? Eh! Ich wollt, ich wr
weiter, als mich meine F tragen.
    Das Mdchen schmiegte sich an den Leopold und schlo die Augen.
    Da schau hin, Klara! zischelte einer.
    Auch nicht bel! brummte die ltere Schwester und ging zgernd in die
Ecke, sie stemmte die Hnde auf die Tischplatte, neigte sich vornber und
musterte das schweigende Paar mit einem wegwerfenden Lachen.
    He! Marie! Schlafst ein bei dem fidelen G'spann da? - Die Herren wollen ein
neues Lied von dir hren. Pack zusamm' und la den allein sitzen. Sie schlug
dem Mdchen leicht auf die Schulter und zog sie fort. Es kann angehen rief sie
den Musikanten zu.
    Gleich quiekte die Klarinette, die schlecht behandelte Gitarre trommelte
einen Wirbel, und der Lrm verstummte, als die beiden Mdchen Hand in Hand
mitten unter das Mnnervolk traten. Der Leopold wartete, bis sich alle den
Sngerinnen zugewendet hatten, dann stand er auf und schaute ber die Kpfe der
anderen hinber zu den Schwestern. Dicht aneinandergedrngt hielten sie sich
umschlungen, der Kopf der Jngeren lag halb auf der Schulter der lteren, und so
zwitscherten und jodelten die zwei Mdchen, da dem Leopold schier der Atem
verging vom Anhren und Ansehen. Er trat zurck, strzte zwei Glser Wein
schnell nacheinander hinab, warf noch einen Seitenblick auf die Marie und ging
davon, ohne da ihn jemand beachtet hatte.
    Drauen fiel ihn die kalte Nachtluft an wie ein nasses Tuch, der Nebel war
dnner und heller geworden und das Mondlicht ganz klar. Er sah seinen Weg
deutlich vor sich, feuchtglnzend zog sich die ausgetretene Spur durch die
kahlen Felder. Er taumelte. Der jhe Umschlag aus der Hitze in die Nachtklte
machte ihn ganz wirr, und sein weinheier Kopf, sein ganzes fieberhaftes Wesen
trieben ihn mehr, als da er bewut ging. Wenn nur der heutige Tag nicht gewesen
wre, wenn ich nur wt, da sie die Augen aufmacht und sagt: Gr dich Gott,
Leopold!

Tust mir bitterlich weh,
Denn mein Herz g'hrt noch dein ...

Das kam ihm so ber die Lippen, ohne da er recht wute wie, es war ihm doch gar
nicht darnach zumut, an eine andere zu denken, aber das traurige bleiche Gesicht
des leichtfertigen Mdels stieg doch vor ihm auf, als er die Verse vor sich hin
summte.
    Glaub fast, die tt keinen Mann, der es ehrlich mit ihr meint, so
beschimpfen, und sie ist doch ... Der Leopold redete laut mit sich selbst und
stolperte weiter. Je nher er der Blauen Gans kam, desto langsamer ging er.
    Tust mir bitterlich weh!
    Ja, ja, Weib! Tust mir so bitterlich weh, wie mir noch kein Mensch getan
hat.
    Jetzt stand er vor dem Haustor, er seufzte schwer, prete die Stirn an den
eiskalten Steinpfeiler, dann zog er pltzlich so scharf an der Klingel, da er
es bis heraus auf die Strae luten hrte.

Die Lene ist, nachdem er davongelaufen war, noch eine Weile still sitzen
geblieben, freilich mit gebeugtem Rcken und zusammengekrallten Fingern. Sie
weinte nicht, sie sprach nichts, nur der Nacken tat ihr weh, und langsam, als ob
sie sich berzeugen wollte, da ihr der Kopf nicht von den Schultern falle,
bewegte sie ihn nach rechts und links, dann erhob sie den Oberkrper, zog aber
rasch das Genick ein und langte nach der schmerzenden Stelle. Ihr weies Gesicht
wurde blutrot, die graugrnen Augen liefen hastig durch die ganze Stube, sie
nagte an der Unterlippe und fuhr mit dem Fue, als ob sie etwas wegstoen
wollte, ber die Diele. Aus ist's, sagte sie kurz.
    Jetzt aber begann ein seltsames Treiben; sie probierte eines ihrer Kleider
nach dem anderen und sphte aufmerksam, welches davon ihrem Leib die schnste
Form geben konnte. Sie hatte nicht viel Auswahl, darum behielt sie ein schwarzes
Kleid, das glatt anpate, sie erkannte auch, da ihr weies Gesicht und ihre
roten Haare sich noch schrfer abhoben. Nun wand sie ein schwarzes
Schleiertchelchen um den Kopf, nahm ein warmes dunkles Tuch ber die Schultern,
und sie war fertig hergerichtet wie zu einem Abendspaziergang mit ihrem Manne.
Sie holte ihren Handkorb und packte einen Kamm, ein Paar Schuhe und ihr
Gebetbuch ein, dann fllte sie den brigen leeren Raum mit Wsche. Sorgfltig
versperrte sie die Schubladen und den groen Kleiderkasten und legte alle
Schlssel mitten auf den Tisch, dann richtete sie das Nachtlmpchen zurecht,
stellte die Milch fr den Kleinen daneben, legte Kandiszucker und Zwieback dazu,
und nun, da alles besorgt war, wollte sie gehen. - Als sie die Trklinke in der
Hand hatte, blieb sie stehen und schaute durch die dmmrige Stube hinber auf
die Wiege, die zwischen den beiden Betten stand; sie tauchte die Finger in den
Weihwasserkessel, der neben der Tre hing, und ging zurck zu dem Kinde. - Etwas
Ernstes, Feierliches umflo die schlanke Gestalt, und ihr ausdrucksloses schnes
Gesicht wurde traurig. Sie kniete vor der Wiege nieder und kte leicht und
sanft die roten Lippen des kleinen Leopold, und damit sie ihn nicht wecke,
machte sie mit dem Daumen in der Luft das Kreuzzeichen ber seine Stirne, seinen
Mund und seine Brust. - Sie hockte lange dort und horchte, sie dachte, jetzt und
jetzt msse das Kind die Augen ffnen und - und was dann? Erschreckt stand sie
auf, fuhr mit zitternden Hnden ber das Gesicht, bekreuzte sich selbst und ging
mit festen, sicheren Schritten aus der Stube.
    Die Lene versperrte die Kchentr, rttelte an der Klinke, um zu prfen, ob
auch gut zugeschlossen sei, und eilte hinber zu der Hanne.
    Gelt, du schaust spter hinber zu meinem Buben, in einer Stund bin ich
wieder da, ich mu allerhand abmachen heut, sagte sie ruhig zu dem Mdchen.
Versteht sich, solang du willst, bleib ich drben, ich kann gleich hinbergehen
und drben arbeiten, meinte die Hanne.
    Wie du willst. Beht dich Gott.
    Lssig wie immer ging die Lene durch den Hof; sie warf noch einen scheuen
Blick auf ihr verhngtes Stubenfenster und schlenkerte leicht mit dem Korbe hin
und her, als ob er leer wre.
    Die Hanne packte ihre Arbeit zusammen, nahm das alte Handwerkszeug, die
Einspannmaschine, unter den Arm und ging hinber in das Zimmer ihrer
Jugendfreundin. Sie zog den Vorhang zurck, breitete feines Seidenpapier auf das
Fensterbrett, legte die ungenhten Handschuhe zurecht und sah nach dem Kinde,
ehe sie sich an ihre Arbeit setzte. Bald jedoch trieb der blanke Fingerhut an
ihrer schlanken Hand die winzige Nadel durch die feingefeilten Zhne der zwei
Messingplatten, welche den Handschuh eingeklemmt hielten. Gleichmig wie die
alte Uhr, nur rascher, pochte der Fingerhut an die Platten, und nach jedem
Stiche lag der Seidenfaden, der die Lederteile zusammennhte, wie eine Perle
gleich und glatt ber den glitzernden Zhnen der Maschine. Die Hanne war auch
nach der Kthe die flinkste Nherin in der Blauen Gans, und sie hatte ihre
Freude an der eigenen Arbeit. Wenn ein Handschuh fertig war, blies sie mit
vollen Backen hinein, damit sie sah, ob sich kein Finger daran verdrehte, zog
ihn ber dem Knie glatt und richtete ihn so zurecht, da der alte Herr Fuchs oft
gesagt hatte: ber meiner Kthe und der Walter Hanne ihre Handschuhe braucht
man nur ein einziges Mal mit dem Zurichtholz zu fahren. He! Mit fnfundsiebzig
Jahren hatte der alte Handschuhzurichter das noch gesagt, und es fiel ihr jetzt
wieder ein, als sie einen fertigen bltenweien Ballhandschuh auf das
Seidenpapier legte.
    Bald sah sie nichts mehr, die Dunkelheit war so jh hereingebrochen, da die
Hanne die Hnde in den Scho sinken lie und in den grauen Nebel hinaustrumte.
Es war so friedlich, so heimlich da, von ihren Kindertagen ab zogen alle ihre
Wnsche, ihre Hoffnungen, ihre Freuden und Leiden hinber in die Stube der Frau
Weis. An diesen Fenstern sa vor langen Jahren, als die Hanne noch ein kleines
Mdel war, die Schwester des Leopold, die so schne knstliche Blumen machte;
einen Tag, bevor sie starb, sa sie noch da; und als der Leopold heimkam aus dem
Kriege, sa er tagelang auf dem Fensterbrett, mutlos und traurig; spter
richtete sich die Lene da ein mit seinem Kinde. Die Hanne seufzte heimlich, sie
hatte ausgetrumt. Rasch lie sie die Vorhnge nieder, zndete die grne
Studierlampe an und setzte sich mit ihrer Arbeit an den Tisch.
    Ein Glck, da der Bub so still bleibt, sagte sie leise und ging zur
Wiege. Der Kleine hatte sich glhendrote Backen erschlafen, Schweiperlen
standen auf seiner Stirne, und der Atem ging so schnell, da sich sein Brstchen
hob, und manchmal kam ein leises Pfeifen aus der Kehle. Hanne legte ihr Ohr an
die keuchende Brust des Kindes und trocknete sein heies Gesichtlein, dann
setzte sie sich wieder an die Maschine, blickte aber immer besorgt hinber nach
der Wiege.
    Je spter es wurde, desto mehr schlich die Zeit fr sie hin. Drauen auf dem
Hofe war es still geworden, das Geplauder der Nachbarn, die lrmenden
Kinderstimmen waren mhlich verklungen, hie und da rief einer der Mnner im
Vorbeigehen Gute Nacht!, und bald regte sich gar nichts mehr, denn in der
Blauen Gans gingen die Leute frh zu Bette wie die Hhner und krochen schier
noch frher aus den Federn.
    Neun Uhr! So lange war die Lene noch nie fortgeblieben, und sie selbst, die
Hanne, sie war zu jeder Nachtstunde bis in den grauenden Morgen oft vor ihrem
Holzrlein mit den Messingplatten gesessen, doch ber die Sperrstunde war sie
ihr Lebtag nicht auer dem Hause.
    Sie kannte die Stimmen der Nacht genau, das seufzende Weinen des Windes, der
zuweilen durch den kleinen Blechofen hereinwimmerte, den geheimnisvollen,
duftschweren Ton der Sommernchte, der gleichsam von der durchhitzten Erde
aufstieg und in die khle Luft schwamm. - Es beirrte sie auch nichts in ihrer
Arbeit; das chzende Knarren der hochgepackten Frachtwagen, die in langen Reihen
der Stadt zukrochen, hatte sie oft in den Schlaf gewiegt, und wenn sie wach
bleiben wollte, so horchte sie auf das dumpfe stoweise Pfeifen, das aus einem
langen dunklen Schlot kam, der eine eiserne Netzkappe auf dem Kopf hatte. Bei
jedem Pfiff warf der Fabrikschlot Funken aus, und oft meinte sie, jetzt und
jetzt mten die Flammen emporschlagen, so feuerrot frbte sich der Rauch.
Manchmal jammerte ein Nachbarkind, zuweilen erschreckten Streit und Geznke das
junge Mdchen, es endete aber zumeist mit Schluchzen und Weinen des Weibes, der
Mann schnarchte oft schon, wenn die Frau noch unterdrckt weiterjammerte. - Dem
alten Uhrwerk gab es einen Ruck, der Hammer hob aus und schlug die zehnte
Stunde. Der Hausmeister trabte durch den Hof und lschte die Lampe aus, dann
polterte er in der Einfahrt herum, verschimpfte die Katzen, die lrmende
Zusammenknfte in einem Hofwinkel hatten, dann warf er das Haustor zu, da es
wie ein Kanonenschu krachte, drehte den groen Schlssel knarrend um und trabte
wieder zurck. Zehn Uhr vorbei und die Lene hinausgesperrt!
    Vielleicht ist sie ihrem Manne begegnet, und er hat sie ins Wirtshaus
gefhrt oder gar ins Theater, simulierte die Hanne, aber da sie nicht an das
Kind denkt.
    Sooft die Torglocke lutete, stand das Mdchen von ihrer Arbeit auf, doch
die Ankmmlinge klopften an alle Fenster, nur nicht an das der Lene. Elf Uhr! -
Zwlf Uhr! - Jetzt fehlte niemand mehr in der Blauen Gans auer dem Leopold und
seinem Weibe. Der Fingerhut klopfte gleichmig an die Metallplatten, die Hanne
arbeitete immer rascher, um ihre Unruhe zu verscheuchen, sie wollte nicht denken
und trumen, dort lag ja das Kind im Fieber und fingerte mit den kleinen Hnden
in der Luft oder prete die Fustchen an die glhenden Wangen. Langsam und
widerwillig sog es die Milch ein, die sie ihm gab, und wenn es auf eine
Pulsschlaglnge die Lider hob, so waren die Augen glanzlos. Pltzlich wurde so
scharf an der Glocke gezogen, da sie noch eine Weile bimmelte, als der
Hausmeister schon das Tor aufgeschlossen hatte und wieder polternd zufallen
lie.
    Unsichere, schnelle Schritte kamen nher und nher; die Hanne rckte ihr
Arbeitszeug beiseite und harrte, sie wute, da es der Leopold sei, aber allein
- und die Lene? Sie faltete die Hnde und horchte. Jetzt stand er am Fenster und
sphte hinein, sie fhlte beinahe seinen Blick. Was ist mit der Lene geschehen?
Was wird er sagen, wenn er sein Weib jetzt nicht daheim findet? fragte sie
lautlos.
    Der Leopold sah nur den Schatten der Frauengestalt, die nach vorne gebeugt
wie eingeschlummert neben dem Tisch sa. Sie hat also auf mich gewartet, zum
ersten Mal, seit wir verheiratet sind, und gerad heut, nach dem Tag, das packte
ihn an, er frug sich, was er getan hatte zum Austragen der Schuld.
    Tust mir bitterlich weh ...
    Scham und Mitleid machten ihn mutlos, er prete seine Zhne in die Hand, die
nach seinem Weibe geschlagen hatte. Lange stand er da und wagte nicht zu
klopfen. Der Schatten verschwamm zuletzt vor seinen Augen, obgleich das Weib
drinnen unbeweglich sa. Er mhte sich ab, die rechten Worte zu finden, die er
der Lene sagen knne, aber sein bervolles gepeinigtes Herz hmmerte, da er es
am Halse und in den Schlfen sprte.
    Und wenn ich auf die Knie fallen mte, da auf der Schwelle, und sie bitten,
da sie mir verzeihen soll, wie ich ihr verzeih, ich tat es jetzt, ging ihm
verworren durch den Kopf; er klopfte leise an die Scheiben und schritt rasch zu
der Tre ... Die Hanne ging hinaus, schob den Riegel zurck und trat dann weg,
um ihm Raum zu lassen, damit er an ihr vorbei in die Stube konnte; aber der Mann
drehte hastig den Schlssel um und langte in der Finsternis nach der
Frauengestalt, zitternd ergriff er das Kleid, das er in seiner Nhe knistern
hrte, klammerte sich daran und stotterte: Ich ... ich hab einen brennenden
Schdel ... der Schlag ... und der Wein ... und der Zorn, den ich so lang
verschluckt hab ... und die Lieb zu dir. Weib! Weib, ich bitte dich ... ich will
alles vergessen ... so wr es ja ein elendes Leben!
    Die Hanne wollte sich losmachen, sie wollte reden, aber der Schreck und ein
anderes beklemmend-erstarrendes Gefhl, das ihr die Kehle zuschnrte, lie sie
zu keinem Wort kommen.
    Du hast mir heut so weh getan ... schau, vergessen ist der Schmerz ...
verziehen. Ich hab ja auch gefehlt an dir!... Red, ich bitt dich, red!
    Ein unterdrcktes, bitterliches Weinen war die einzige Erwiderung.
    Wein nicht, stammelte der Mann ermutigt, ich bitt dich, er lie das
Kleid los, legte jhlings seinen Arm um ihren Nacken, ri sie an seine Brust,
und als ob ihm jemand einen Sto in die Kniebeuge gegeben htte, so brach er mit
einem Male zusammen und lag vor ihr auf beiden Knien. Er reckte den Arm hinauf
und erfate eine niederhngende Hand, fest drckte er sein heies Gesicht an
ihre Hfte, und er fhlte, wie die Hand zitterte, wie die ganze Gestalt bebte
und schwankte. Er hrte ihren Herzschlag, und es berkam ihn, da jetzt die
entscheidende Stunde da sei fr alle Zeit. Wie ein Sturm flog die Anklage, der
Schmerz, die heie Liebessehnsucht von seinen Lippen zu ihr hinauf, da in der
Finsternis, in der Erregtheit, in der Verzweiflung und Furcht vor der Zukunft
sprach der Mann, wie er sonst nur in seinen Gedanken zu ihr redete. Sie sah ihn
ja nicht, er brauchte sich nicht zu schmen, einmal, ein einziges Mal mute er
doch die Last von seinem Herzen werfen. Er dachte nicht daran, ob sie ihn
verstehen knne, ob sie seine leidenschaftlichen Worte nicht ngstigten, er
wute kaum, da er ihr Kleid, ihre Hfte, ihre Hand kte und wieder kte, als
aber Tropfen um Tropfen aus ihren Augen auf seine Stirn fiel und das stumme
Weinen des Weibes in ein krampfhaftes Schluchzen berging, da richtete er sich
an dem Leib der Fiebernden mhsam auf, kte gewaltsam zwei bebende Lippen, die
seinen Ku nicht erwiderten, und zog die Gestalt in das erleuchtete Zimmer ...
Die Hanne entwand sich seinem Arm und wankte mit einer abwehrenden Handbewegung
an den Tisch, sie setzte sich vor ihr Arbeitszeug und verhllte das Gesicht mit
dem Tuche, das sie um den Nacken geschlungen trug.
    Zuerst rieb sich der Leopold die Augen, nachher sperrte er sie weit auf und
glotzte die Hanne an, dann griff er nach der Lampe, schleuderte die Tre mit dem
Ellenbogen zurck und leuchtete hinaus in die Kche; als er sah, da nur sie
allein, die dort hinter ihm am Tische sa, da sei, stellte er die Lampe wieder
hin und frug erstaunt: Du hast mir die Tr aufgemacht?
    Die Hanne nickte, ohne aufzublicken. Jetzt wird er um sein Weib fragen,
schwebte ihr undeutlich vor, was soll ich sagen? Aus dem, was er gesprochen
hatte vor ein paar Minuten, hatte sie herausgefunden, da Schlimmes zwischen den
Eheleuten vorgefallen war. Wo aber mag die Lene hingelaufen sein, und was wird
er sagen - was wird er tun?
    Das Mdchen wute nicht, wie das erstaunte Gesicht des Leopold sich
allmhlich verwandelte, wie er an dem Schnurrbart zupfte und zweifelnd auf die
drftige Gestalt blickte, wie endlich ein ingrimmiger, hlicher Zug sein
Antlitz entstellte. Erst als er brutal auflachte, schrak sie zusammen, lie die
Hnde niederfallen und wandte sich ihm zu.
    Ist ein dummer Spa gewesen, und er zuckte geringschtzend die Achseln.
    Was?
    Na, da sie dich da hinausgeschickt hat und kommod weiterschlaft, er
dehnte die Worte und sprach laut, als ob er jemand wachrufen wollte.
    Lepold!
    War dir vielleicht um das Bussel z'tun, scheinheiliges Ding? Komm, ich geb
dir noch eins, mein Weib ist nicht eiferschtig, das siehst du!
    Alles das war fr die Lene geredet, er whnte, da sie dort in ihren Kissen
verborgen trotzig hinhorchen tte auf jedes Wort und da die Hanne nur da sei,
um neuen Zank unmglich zu machen. Jetzt regten sich Zorn und Scham wieder in
ihm, das dumme Mdel da hatte seinen Jammer gehrt, hatte ihn auf den Knien
gesehen, und sein Weib hat geschlafen oder ihn neuerdings verspottet. Da
krampfte sich schon wieder die Hand zusammen. Auseinander mit den Fingern!
Herrgott! Was macht das Weib mit ihrer Unsinnigkeit aus mir!
    Hast du dein Weib nicht gesehen, Lepold?
    Das fuhr in seine peinvollen Gedanken, er setzte sich matt nieder und frug:
Was hast du gesagt?
    Die Lene ist in der Abendzeit fortgegangen und ist - erschrick nicht, ich
bitt dich - ist noch nicht heimgekommen, sagte das Mdchen leise.
    Nicht daheim! Jetzt? Mein Weib? stammelte der Leopold, er stie die Hanne
beiseite, rannte zu dem Bette seiner Frau, schttelte die Kissen und Decken,
whlte alles durcheinander, er meinte, da sie versteckt sein knnte. Nichts da
... wo ... wo ist ... sie hin? gurgelte er, als ob er aus einem Wasser
herausriefe, das ihm ber den Kopf ging.
    Jesus, Maria! Schau nicht so drein, komm zu dir! Es kann ihr ja etwas
geschehen sein - in der Frh wird sie schon kommen, trstete entsetzt und
zaghaft die Hanne.
    Was geschehen ... freilich, das knnt mglich sein, lallte er, aber ...
Hanne, es gibt auch Weiber, die ihren Mnnern davonlaufen.
    Davonlaufen? sagte die Hanne erschreckt. Durchgehen!... Wo ist mein Bub?
schrie der Mann jhlings und tappte nach der Wiege.
    Sei nur still, ich bitt dich, das Kind ist da, ich bin ja darum
herbergekommen.
    Armes Ding du, murmelte der Leopold, du bist immer gut und ehrlich ... du
hast den Hieb parieren mssen, den sie mir zurckgegeben hat ... Hanne, sag mir
alles von ihr.
    Er zog einen Stuhl herbei und stie ihn derb zu Boden, der Kleine schrie im
Schlafe auf und hustete gleich danach kurz und schrill, da es wie ein heiseres
Bellen klang. Die Hanne horchte ngstlich und wollte zu dem Kinde, doch der Mann
setzte sich ihr gegenber, hielt sie am Arme fest und sagte wie ein
Stumpfsinniger: Alles sag mir ... alles!
    Was sie zu erzhlen wute, erzhlte sie ihm, es war wenig genug. Er lie
sich die letzten Worte seines Weibes immer wiederholen, er sagte selbst jede
Silbe nach, aber er konnte nichts herausfinden, als da sie mit einer Lge ihn
und das Kind verlassen hatte.
    Lepold, sei doch ein wenig gefat, bat die Hanne, la mich aus, ich mu
zu dem Buben, der Husten ist so - dein Kind ist krank, hrst?
    Auch das noch ...
    Er nahm die Lampe und leuchtete dem Mdchen, das frsorglich wie eine Mutter
das Kind aufhob.
    Da schau, Lepold, wie der Kleine fiebert. Mit dem Stiele eines Lffels
drckte sie die Zunge des Knaben nieder und schaute in sein Mndchen. Ich
mein, sagte sie erregt und suchte die Trnen zu verschlucken, ich mein, du
sollst schnell einen Doktor holen, das wre das beste.
    Warum? fragte der Mann gedankenlos, denn das Bild seines Weibes flimmerte
dort auf dem Putztische, und er konnte an nichts mehr sonst denken als an sie.
Wo, wo, wo ist sie?... Bei wem?... Bei wem? Herrgott!... Er konnte nicht weiter
fort mit seinen Gedanken, eiskalt rieselte und rann es ihm ber den Rcken, er
nahm das Bild und stierte es an, als ob er es sein Lebtag nicht gesehen htte.
Bei wem? murmelte er, und als er sich reden hrte, da hub auch sein Gehirn
wieder mhselig zu arbeiten an. Vielleicht jetzt schon ein nichtsnutziges
Weib, summte es in seinem Kopfe.
    Das Bild glitt aus seiner Hand und fiel vor ihm nieder, er blickte auf den
Fuboden, und als er hinter dem grnlichen Glas ihr Gesicht heraufschillern sah,
trat er mit dem Absatz darauf, da die Scherben knirschten.
    Aber Lepold! Hab doch Erbarmen mit deinem Kind, ich kann den Buben nicht
auslassen, das ist die Brune! Hol den Doktor, das Kind knnte die Nacht
ersticken.
    Mit stumpfsinniger Neugierde bog sich der Mann nieder und schaute in das
kleine Gesicht. Das Mndchen war halboffen, und es wehte den Leopold hei an,
als er mit seinem Finger die trockenen Lippen berhrte; die Augenlider hoben
sich langsam, nur die halben Sterne waren zu sehen, der weie Augapfel aber
hatte den blulichen Glanz verloren, und darum hatte der Kleine das Ansehen
einer Leiche trotz der Fieberrte.
    Schau nur, Lepold, schau! klagte die Hanne bittend und legte ihre Hand auf
seinen Arm.
    Der Mann aber blickte ber die Achsel auf die zitternde hagere Mdchenhand
nieder. Das fremde Geschpf da ngstigte sich um seinen Buben, dasselbe
unbeachtete stille Mdchen hatte schon als Kind den ganzen Reichtum der Armen,
die geraden Glieder, hinaufgetragen auf das Hausdach und sie zerbrochen und
zerschellt heruntergebracht, und das um seinetwillen, um ihm eine Freude zu
machen ... Und nun steht sie wieder da neben ihm und zittert fr sein Kind und
verteidigt die nichtsnutzige Mutter ... sein Weib.
    Ein nichtsnutziges Weib, murmelte er ingrimmig, und die Hanne schlang
angstvoll die Finger ineinander und drckte ihre Wange an das heie Gesicht des
Kleinen.
    Lepold, ich bitt dich! - Oder da, bleib bei ihm, ich hol den Doktor! Sie
legte ihm das Kind in den Arm und lief aus der Stube, ehe er etwas erwidern
konnte.
    Die Lampe zuckte, flackerte und malte unruhige Schatten an die Wnde; eine
groe Fliege surrte immer um das Kpfchen des Kranken, und der Vater konnte sie
nicht haschen, nicht verjagen, er blies nach ihr, doch sie lie sich nicht
vertreiben. Das Summen und Kreisen des Tieres erbitterte ihn, denn es machte
seinen weinschweren Kopf wieder wirbliger, und das Kind lag wie ein Stck Blei
in seinem Arm, der kleine Krper strmte eine fhlbare Hitze aus. Jetzt zuckte
und knisterte die Lampe, sie mute bald erlschen, ein brenzlicher Geruch zog
durch die Stube und verlegte ihm schier den Atem, langsam schleppte er sich auf
und nieder und wiegte seinen Buben, der recht jammervoll sthnte. Niemals war
dem Leopold das altbekannte liebe Gemach so leer und fremd gewesen, selbst als
seine Eltern tot waren und er allein da hauste, war es freundlicher; aber
heute!... Es sah aus, als ob sich die Decke gesenkt htte, ja als ob sie sogar
jetzt noch Zoll um Zoll herabrckte, und dabei war es zum Ersticken schwl,
dumpf und bengstigend ... Das ersterbende Licht warf nur mehr einen
fingerbreiten Streifen ber den Tisch, das ganze Gemach lag in schwarzer
Dunkelheit. Die Finsternis verwirrte den erregten Mann noch mehr, er wollte das
Fenster ffnen, darum legte er den Knaben auf sein Bett ... Oh!... Das ist ja
nicht das seine, er hatte sich nur so hingetastet in der Finsternis, das ist ihr
Lager ... sie hatte die weichsten Kissen, und da, wo ihr schner Kopf ruhte, da
roch es immer so frisch von ihren Haaren, als ob man den zarten Flaumduft eines
jungen Huhnes einatmen wrde. Wie liebte er dieses rote, gesunde, duftende Haar
... und da, freilich, da lag ihr Nachthubchen und geriet ihm zwischen die
Finger, und er lie sein glhendes Gesicht darauf fallen.
    Kam wirklich die Zimmerdecke langsam herunter, herabgedreht durch eine
unsichtbare Kurbel, die aber scharf kreischte?... Schrie sein Kind so heiser und
hustete so bellend?... Wahrhaftig! Da hatte er mit einmal seinen zweiten Arm
wieder ... Drben in der groen Waschkche spielten die Musikanten den Walzer,
den er mit seinem jungen Weibe soeben getanzt hatte; Hochzeitsnacht?... Oho! Das
ist mehr Lrm, als er heute ertragen kann ... Noch ein Glas Wein?
    La den Spa sein mit der Marie, grollte der Leopold, und dann seufzte er:
Tust mir bitterlich weh ... Jetzt raffte er sich auf und schttelte suchend
die Kissen durcheinander; freilich, so ist es ... das ist ihr Bett und leer, nur
sein Bub ist da bei ihm, sie ist fort, ist ein nichtsnutziges Weib!
    Die Lampe knisterte, warf ein paar kleine Fnkchen ab, flammte auf und
erlosch.
    Zwischen den beiden Betten am Boden lag der Leopold lang ausgestreckt, ohne
Atem, wie ein Erstickter, und sein Shnlein wimmerte, als es nimmer schreien
konnte. Der Mann hrte nichts, seine letzte krampfhafte Bewegung war, mit
ausgespreizten Fingern die Decke zu halten, denn er sah, wie sie tiefer und
tiefer herabsank ... sah, da sie nur mehr handbreit von seinem Kopf entfernt
ist und ihm jetzt das Hirn zusammendrcken werde.

Einmal mu aber die Geschichte doch ein End nehmen, meinst nicht? zischelte
die alte Frau Walter. Sie stand in der Kche des Leopold und schielte nach
seiner Zimmertr.
    Sobald er wieder hinaus kann, komm ich heim, erwiderte die Hanne
kleinlaut.
    Die Alte rang die Hnde und schttelte dann alle zehn Finger knapp vor den
Augen ihrer Tochter.
    Weit du, da es jetzt volle sechs Wochen sind? - Tag und Nacht bist du da
herumgehockt. Ich will nichts von der versumten Arbeitszeit sagen, aber schau,
wie du zugerichtet bist, belferte halblaut die Frau.
    Ah, und wie denn? - berleg sich doch die Frau Mutter alles. Das Kind war
zum Auslschen, der Leopold ein schlaghafter Mensch, und die Lene ...
    War eine gescheite Person, die auf und davon ist, wie sie ihr versoffener
Mann zum erstenmal geprgelt hat. Wenn wir es alle so gemacht htten, so wren
unsere Mnner auch anders worden.
    Eine gescheite Person? wiederholte das Mdchen erstaunt.
    Ja. Und du? Eine dumme Gans, die ihre Zeit versumt, weil sie wildfremde
Leute pflegen mu.
    Wildfremde Leut? Der Weis Leopold und sein Bub?
    Na, Nachbarn halt. Wer hat sich denn sonst im Haus so geschftig gemacht
auer dir? frug die Mutter boshaft und stemmte herausfordernd beide Arme in die
Hften. Ist denn das ganze Haus verndert, sind alle Leute anders worden in
sechs Wochen? sagte die Hanne kleinmtig. Vor sechs Wochen war ja der Leopold
fr alle ein braver, ehrlicher Mensch und die Lene fr die meisten eine schne,
aber faule Gredel, und jetzt ...
    Das verstehst du nicht; eine Frau, die so schn ist, verdient eine schnere
Behandlung, alle Leut sagen das, die nobelsten Leut, und das G'richt gibt ihr
recht, nicht ihm.
    Der Wisperton, in dem die beiden sprachen, erregte die zrnende Frau immer
mehr, sie keifte ihrem Kinde beinahe in die Ohren, verzog spttisch den Mund,
rieb die Handballen ineinander, da es knarrte, und freute sich fast, als sie
das graubleiche Gesicht der Hanne so verstrt und furchtsam sah.
    Aber Frau Mutter, flsterte sie besnftigend.
    Gered't ist gered't. Schau, da du bald heimkommst, sonst hol ich dich,
aber anders!
    Frau Walter streifte die rmel so weit hinauf, als sie sich schieben lieen,
und ging breitspurig durch die Kchentre hinaus in den Hof. Drauen lauerten
schon die Nachbarinnen, neugierig, ob die resolute Mutter das dumme Mdel
mitbrachte oder ob die Wirtschaft so weitergehen wrde. Sie zuckten nur
mitleidig die Achseln, als die Alte allein kam, und steckten die Kpfe zusammen,
als sie, ohne ihnen lange Rede zu stehen, davonging.
    Sechs Wochen hatten wirklich gengt, um die Menschen in der Blauen Gans zu
ndern, ihre Stimmung zu festigen und ihre Meinungen abzuklren. Die Weiber
redeten ja Tag und Nacht ber die Geschichte mit der Lene, und so hatten sie
gerade genug Zeit gehabt, um die meisten Mnner windelweich zu schwatzen. Da
die Weiber recht hatten, besttigte das Gericht, weil es die junge Frau nicht
dazu verhielt, zu ihrem Manne zurckzukehren.
    Die Weisen der Blauen Gans und vor allem der Laternanznder hatten
vorhergesagt, da die Ausreierin mit Schande und Spott heimgebracht werde, und
nun nahm sie das Gericht in Schutz. Sie mute nicht in die groe Stube der
seligen Frau Weis, das wollte etwas sagen in jenem Winkel, wo sich die armen
kleinen Leute von der Gewalt des Gerichtes auch den Begriff der Unfehlbarkeit
machten und davor eine gruselnde Scheu wie die Kinder vor Gespenstern hatten.
Darum war und blieb der Leopold jetzt fr sie im Unrecht, und die Lene hatte den
Weg eingeschlagen, den ein junges schnes Weib geht, wenn sie ihr Mann schlecht
behandelt.
    Die junge schne Frau hatte auch wirklich schnell Freunde gefunden, die ihr
bald ihr Recht begreiflich machten.
    Da war zuerst die Schwester des Herrn, des groen Handschuhmachers, wie
sie den Fabrikanten bezeichneten, fr den die Hlfte der Leute in der Blauen
Gans arbeitete. Die zierliche kleine Frau, eine unternehmende Franzsin, hatte
sich von ihrem Bruder getrennt und auf eigene Faust einen Salon fr
Damenbekleidung erffnet; das wollte sagen, da sie von den ungewhnlichsten
Htchen angefangen bis zu den geschmackvollsten Stiefeletten herab alles feil
hatte, was zu dem Putz einer eleganten Frau gehrt. Sie hatte diese neue und
vornehme Idee von ihrer Vaterstadt, von Paris, hergebracht und sie klug zu
verwerten begonnen. Alle lteren Geschftsleute sperrten Maul und Augen auf,
denn mit einigen wandhohen Spiegeln, Samtsofas und einer Menge knstlicher
Blumen, kurz, mit allerhand solchem Firlefanz, an den ein aufrechter Kaufmann
gar nicht denkt, schnappte sie ihnen doch die allerschnsten Kunden vor der Nase
weg.
    In dem Salon der Madame Margot gab es auch keine bedienenden jungen
Herren, die regelrecht frisiert in den elegantesten Modezeitungstellungen
herumlehnten oder mit krebsroten, aber zierlich gebogenen Fingern die Stoffe in
genial hingehauchte Wogen zu bauschen wissen. Einfache, schwarzgekleidete Frauen
sprachen sachkundig mit der Modedamenwelt, sie prften Gesichtszge, Haarfarbe
und Gestalt genau, unterzogen die Abstufungen der Farben einem ernsten Studium
und whlten dann erst Form und Stoffe.
    Diesen sorgfltig zu Werke gehenden Frauen waren zwei schne junge Mdchen
beigegeben, eine ppige Brnette und eine schlanke Blondine; die beiden muten
die gewhlten Gegenstnde versuchsweise in Gebrauch nehmen und in diesem meist
kostbaren Putz auf und nieder gehen, sitzen, sich drehen und wenden, so da die
Kuferinnen die Wirkung an einer lebendigen Gestalt erproben konnten.
    Seit fnf Wochen war anstelle der allzu schlanken Blondine ein Rotkopf
getreten, der die Damen durch seine Schnheit entzckte, es war die Lene, die
Mademoiselle Madeleine hie.
    Als sie ihrem Manne davonlief, ging sie geradenwegs zu Madame Margot und
erzhlte ihr den ganzen Jammer. Die kleine Frau hrte aus der Geschichte mehr
und anderes, als darin lag, dafr aber sah sie die schne Gestalt des jungen
Weibes ganz genau. Madame Margot war seit Jahren von ihrem Gatten getrennt, und
das traurige Ereignis, das sie da hrte, war nach ihrer Auffassung nur ein neuer
Beweis fr die Niedertrchtigkeit von die Mann. Es gab demnach mehr als einen
Grund, da sie diesen emprenden Fall in die winzigen Hnde nahm, nachdem er von
ihr zurechtgelegt war, einem geschickten Advokaten bergab und das mihandelte
schne Weib frischweg in ihr Geschft nahm.
    Ehe die Lene sich noch ganz mit sich zurechtgefunden hatte, waren schon ein
Bndel Federn zerschrieben an einer langen Anklageschrift. Darin stand, da der
Leopold ein Wstling sei, ein Sufer, da er sein Weib fast erschlagen und da
die Lene einen solchen Widerwillen gegen ihn habe, da sie in ehelicher
Gemeinschaft nicht mehr mit ihm weiterleben knne.
    Der Leopold lag aber schon drei Wochen todkrank da, als ihm die Schrift in
sein Haus flog, er konnte sie nur mhsam lesen und verstand sie kaum, er wute
auch nicht viel zu erwidern, als acht Tage darauf der Advokat kam und ihm das
alles mndlich sagte. Der Mann mute zugeben, da er sein entlaufenes Weib
geschlagen habe, da sie ihm treu gewesen, da sie nichts verschwendet und seine
Wirtschaft in gutem Stand erhalten.
    Gegen die Abneigung Ihrer geschtzten Frau gibt es kein Mittel, Zwang wrde
nichts ntzen, meinte der Advokat, und, verzeihen Sie, lieber Mann, Sie drfen
sich bei alldem, was Sie getan haben, gar nicht wundern, wenn sich eine schne
ehrbare Frau von Ihnen lossagt, schlo der Geschickte mit einem Hinblinzeln
ber die hilflose, krppelhafte Gestalt des Kranken und mit einer wrdevollen
Handbewegung, die sich wie eine Verurteilung ansah.
    Der Leopold glotzte den Advokaten an, er wunderte sich gar nicht ber das
Gebaren seiner Frau, er besann sich nur, da alles, was ihm dieser
abgeschliffene und gemessene Herr da sagte, schon in der langen Schrift zu lesen
war, und dann - ja - das gute Gedchtnis seiner Lene brachte ihn ein wenig aus
dem Geleise; jede Kleinigkeit, die vorgekommen war, whrend sie noch im Frieden
miteinander gelebt hatten, wute sie und hatte sie den fremden Leuten erzhlt,
nur um ihn zu verkleinern ... Wie lange mu sie da in einem Atem geredet haben,
und immer nur Bses von mir, dachte er, und da wute er auch mit einem Male, da
sie ihm niemals auch nur gut gewesen sei und da ihr kein Fnklein von der
Liebe, die er allzeit fr sie gefhlt hatte, im Sinn geblieben war.
    Der Advokat stand geruschlos auf und frug noch einmal:
    Ist nicht alles so? Hat Ihre geschtzte Frau eine Unwahrheit gesagt?
    Ach Gott! Nein ... Es ist so ... meine geschtzte Frau hat nicht gelogen.
Ja, ja, ja!
    Seine Wangen glhten vor Fieberhitze und Scham, weil er sein Unglck so
ruhig anhren mute, als ob ihm einer die Geschichte zweier anderer ihm
fernstehender Menschen erzhlen wrde, aber rechtfertigen wollte er sich vor dem
eiskalten Manne da nicht. Er verschwieg, wie tief ihn die Lene gekrnkt und
beschimpft hatte, und jede Leichtfertigkeit, der sie ihn beschuldigte, empfand
er weniger beschmend als die Miachtung, die Abneigung, die sie fr den Krppel
hatte. Als aber der Advokat noch an der Tre umkehrte und sich wieder an das
Krankenbett setzte und ber die Scheidungsfrage deutlich zu unterhandeln anfing,
da wurde der Leopold wild, denn ganz im Hintergrunde aller seiner Gedanken stand
doch die Hoffnung, da sie bald wieder heimkehren werde; jetzt aber wurde der
Gedanke durch untilgbare Furcht verdrngt, sie knne einem anderen angehren,
wenn er sich fr immer von ihr lossagte.
    Er bi die Zhne bereinander und konnte das Bild nicht loswerden. - Der
schne, weie, khle Leib in den Armen eines anderen Mannes, die roten Lippen
gekt von anderen, fremden Lippen, die schne Statue vielleicht lebendig.
    Jetzt ist es genug, jetzt gehen Sie, das ist mein Zimmer, Herr, und wenn
ich ein Flegel bin, so sollen Sie sehen, was ein Flegel tut, wrgte Leopold
heraus und zeigte nach der Tre.
    Ein hfliches Schwingen der feinen Gestalt, und der Advokat war
verschwunden. Dem Kranken aber war der Kopf wieder recht schwer.
    Weit, Hanne, mir tut alles weh, der Kopf und ... Der Leopold redete nicht
aus, er griff nur nach dem Herzen. Sie ist eine ehrbare Frau, hatte der Advokat
gesagt, und da sie dreiig Gulden Monatsgehalt bei der Madame Margot hat, da
sie dort nur mit Damen verkehren mu, gar keinen Mann zu sehen bekomme, da sie
sehr sparsam und allein lebe und sonst keinen Wunsch habe, als von ihrem Manne
loszukommen.
    Bin ich ein miserabler Lump! sagte er ingrimmig, hab ich das arme Weib so
unglcklich gemacht, so beschimpft und geschlagen.
    Er lie seine Augen langsam von einem Gegenstand zum andern gehen; das
alles, was fr ihn so groen Wert hatte, das alte Hausgerte von Grovaterszeit
her, das sie Stck um Stck so oft berhrt hatte, das stand da auf demselben
Flecke, sie aber war auf und davon, nichts hatte sie zurckhalten knnen, nicht
die Gewohnheit, die alle Leute festhielt da in dem Winkel, nicht das kranke
Kind, das ihrem eigenen Leib entsprossen, nicht er, der alles fr sie tat und
lie, seit sie zueinander gehrten, nichts, gar nichts hatte Macht gehabt ber
das wortkarge, gedankenscheue Weib. Und sie sei in ihrem Rechte, hatte der
studierte Herr gesagt?... Wenn dem Advokaten, der jetzt da bei ihm sa,
inzwischen daheim sein eigenes Weib davonliefe, wrde er auch diesem das Recht
zusprechen? Gewi nicht, weil ... weil er zwei Arme hat ... mit dem Krppel
durften sie alle umspringen, wie sie wollten.
    Mit solchen Gedanken schlug sich der Leopold herum, und wahrlich nicht zu
seinem Heil. Manchmal schlief er die langen Tage vor Erschpfung, und die Nchte
schrie und jammerte er im Fieber. Wie die Zeit hinrann, wute er sich nicht zu
sagen, nur ab und zu frug er einen Kameraden, der nachsehen kam: Was ist heut
fr ein Tag? Und dennoch rechnete er, sobald er zeitweilig heller denken
konnte.
    Jetzt aber wute er bestimmt, da er sechs Wochen schon da auf ein und
derselben Stelle lag, er hatte gehrt, wie drauen die alte Walter ihre Tochter
abkanzelte, er hatte sich angestrengt, ihre Worte zu vernehmen, aber von dem
langen derben Gerede war nichts in seinem Kopfe haftengeblieben als die sechs
Wochen.
    So lang! seufzte er, sechs Wochen hab ich sie nicht gesehen. Wei sie
denn nicht, wie elend es mir geht? Sie wute es wohl, da er krank dalag; ein
leichter Schlaganfall, das sei vom Trinken gekommen, sagte der Arzt, bei dem
Madame Margot anfragen lie.
    Die Weiber in der Blauen Gans fanden auch diese Krankheit natrlich und
stellten sie ihren Mnnern als abschreckendes Beispiel hin. Der Leopold war eben
an jenem Unglckstage bis nach Mitternacht droben in der verschrienen Kneipe
gewesen, hatte getrunken, und die Strohschneider-Marie hatte ihn um den Hals
gehabt; das hat die Laternenanznderin, die nach ihrem Mann auf die Suche ging,
durch das Wirtshausfenster alles erspht. Der Einarmige hat auch meinen armen
Mann unter das Gesindel geschleppt, schluchzte sie, sobald auf dieses Ereignis
hingewiesen wurde.
    Na ja, da einen da unser Herrgott straft, da einen wenigstens der Schlag
trifft, ist doch ganz natrlich, sagte gewichtig die Frau Walter.
    Somit war das Unglck des Weis Leopold zurechtgelegt und der Lene ein Stein
in das Brett geschoben.
    Am Anfang der Krankheit hatte noch hie und da eine der Frauen die Hanne auf
einige Stunden vom Nachtwachen abgelst, als aber das Kind ganz auer Gefahr
war, hatten sie die Pflege des Vaters dem jungen Mdchen allein berlassen, und
je mehr sich die gute Stimmung der Lene zuwandte, desto weniger kmmerten sich
die Nachbarinnen um die Krankenstube, an welcher sie tagsber doch so oft
vorbeigehen muten. Alles das whrte nun gerade sechs Wochen.
    Also sechs Wochen! sagte der Leopold sehr laut, als die Hanne in die Stube
trat, das ist recht lang ... Hast du die ganze Zeit nichts von ... von meinem
Weib gehrt? Gar nichts, erwiderte das Mdchen und setzte sich verstrt an
das Fenster.
    Bist md? Ich glaub es dir. In dem Gesichte des Kranken begannen die
Muskeln zu zucken. Du, Lene!... ah! Hanne wollt ich sagen, deine Alte kann wild
sein ... morgen steh ich auf ... morgen.
    Die Hanne wendete sich erschrocken um und murmelte etwas, dann erhob sie
sich und sagte langsam: Das mu dir erst der Herr Doktor erlauben.
    Ich halte es aber so nimmermehr aus, ich mu schauen, da ich wieder zu
meinem Straendienst komme ... sechs Wochen!... Du, da wird bald Schmalhans der
Kuchelmeister.
    Es reicht schon noch eine Weile mit deinem Ersparten, sagte das Mdchen
verlegen.
    Freilich, das Geld hat sie uns ja im Haus gelassen. So viel Ehre hat sie
doch gehabt.
    Lepold! Kannst du sie denn keinen Augenblick vergessen, denkst du denn
alleweil und alleweil nur an die Davongelaufene? frug die Hanne mit zitternder
Stimme.
    Aufgeschaut!... sie ist eine ehrbare Frau, hat der Herr Advokat gesagt.
Mut niemals so eine ehrbare Frau werden, Mdel!
    Ich! - Dummes Zeug! Die Hanne drehte sich jh um und nahm wieder ihre
Arbeit auf; nach einer Weile pochte der blanke Fingerhut gleichmig und flink
an die flimmernde Metallplatte.
    Seit kurzer Zeit konnte es der Leopold schon ertragen, da sie in der Stube
nhte, frher war sie drauen in der Kche gesessen, recht nahe an der Tre, die
nach dem Hofe fhrte, so da ein schwacher Lichtschein durch das Guckloch gerade
auf ihre Maschine fiel. Das war ein mhseliges Arbeiten gewesen, und mit
geschwchten Augen schaute sie jetzt auf das scharfglnzende Arbeitszeug.
    Es hilft alles nichts, ich mu morgen aufstehen. Mut mich halt auf die
Strecke fhren, wenn ich nicht allein gehen kann, begann der Kranke und lie
seine abgemagerten Fe ber den Bettrand hngen. Langsam versuchte er alsdann,
den Krper nachzuschieben, und dazwischen lachte er und machte sich lustig ber
seine Schwche.
    Die Hanne schaute nicht nach ihm um, die Spe, die er machte, taten ihr
weh; sie verstand die Bitterkeit dieser Selbstbespttelei nicht, sie dachte nur,
wie kann so ein kranker unglcklicher Mensch lustig sein? Manchmal schon wre
sie selbst gerne aus seiner Stube gelaufen, hinber in ihre stille Kammer. Es
war ihr oft, als ob sie da ersticken mte in der Nhe des fieberhaften Mannes,
aber was sollte dann aus dem Kinde und aus ihm werden? Auch jetzt war wieder die
schmerzliche, qulende Ungeduld ber sie gekommen, zum ersten Male im Leben
hatte sie das Gefhl, als msse sie sich mit einem starken Handgriff selbst
herausreien und etwas, was auf ihren Schultern, auf ihrer Brust lag,
abschtteln. - Und doch, hatte sich andererseits nicht ein Lebenswunsch erfllt,
hatte sie nicht alle die Jahre hindurch gewartet und gewartet, da eine Stunde
komme, wo sie fr den Leopold etwas tun knne, was ihm Freude machte? Waren
nicht alle ihre Gedanken, Trume und Hoffnungen von Kinderzeit her immer und
immer herbergeflogen und wie verscheuchte Schwalben um das Fenster geirrt, an
dem sie jetzt sa, da er niemand auf der Welt hatte als sie?
    Drauen im Hofe zischelten und keiften die Leute miteinander und schielten
von der Seite nach ihr hin. Wo anpacken? fragte sie sich. Wenn sie es auch
versuchen wollte, die Lene umzustimmen, und wenn es ihr auch gelingen wrde, die
bermtige heimzufhren, knnen die Eheleute jemals wieder miteinander in
Frieden leben? Wo aber sonst anpacken, um dem Gebrochenen wieder auf- und
weiterzuhelfen? Wenn er nur nicht so kichern und wispern wrde hinter ihr;
glaubt er, sie knne lachen, wei er denn gar nicht, wie traurig sie ist?
Whrend die Hanne so grbelte und hastig nhte, hatte sich der Leopold in die
Decke gewickelt und war bis zu ihrem Stuhl hingeschlichen.
    Da schau her! Da bin ich!
    Das Mdchen sprang auf und breitete ihre Arme aus, um den Schwankenden zu
halten, wenn er wieder zusammenfallen sollte wie vor sechs Wochen, als sie ihn
am Boden fand. Der Leopold schlang aber seinen Arm um ihren Hals, sttzte sich
fest auf ihre schmalen Schultern und wankte zurck zu seinem Bette.
    Schau, schau, wie schwach ich bin, und du, Mdel, wie ... stark! Er setzte
sich auf das Lager und lehnte seinen schweren Kopf an ihre Brust. Ich kann
morgen doch nicht auf die Strecke, ich kann dich auch noch nicht entbehren ...
Hanne ... deine Frau Mutter ... freilich, freilich ... bist ein blutjunges Mdel
... aber schau ... dem Weis Leopold ist nichts geblieben als dein gutes Herz und
sein kleiner Bub.
    Wo waren jetzt die dunklen, ungeduldigen Gedanken von frher? Daher gehrte
sie, mgen die Nachbarn den Leopold schimpfen oder loben.
    Sei nicht so kleinmtig, wirst bald wieder stark werden. Ich bleibe da bei
dir, solange du mich dahaben willst, und gehe halt, wenn du mich nimmer
brauchst, sagte die Hanne fest.
    Da wirst du lange bleiben mssen, Mdel ...
    So lang, bis ...
    Bis?
    Sie verschluckte einen Seufzer und setzte sich schweigend an ihre Arbeit.
    Wieder war ber eine Woche um, und der Leopold sa nun schon neben der Hanne
am Fenster, und sein schwacher Arm zitterte, als er den kleinen Buben vor sich
auf dem Scho halten wollte.
    Mein Herr Sohn ist strker, als ich bin, witzelte er und zog mit den
Lippen seinen Schnurrbart zwischen die Zhne.
    Es war Feierabend, und paarweise gingen die Nachbarn an dem Fenster vorber,
nur manchmal winkte einer flchtig hinein zu den drei Menschen, aus den Mienen
der meisten aber las man den Unwillen.
    Sitzen beisammen wie verheiratete Leut, brummte der Hausmeister, bin
neugierig, wann die Walterin Ordnung macht; was zuviel ist, ist zuviel!
    Jetzt ist er schon auf, Walterin, jetzt kann die barmherzige Schwester,
dein Mdel, doch schon wieder zu dir kommen, ein verheirateter Mann ist und
bleibt er halt doch, raunte die Laternenanznderin der Frau Walter zu und zog
die Augenbrauen so bedeutsam in die Hhe, da die Alte kirschrot im Gesichte
wurde und ohne jede Antwort geradenwegs in die Stube des Leopold rannte.
    Heimgehen! schrie sie kurz der Hanne zu, die, ohne den Kopf zu heben, in
die Tasche griff und aus einem gestrickten Beutelchen zusammengelegtes
Papiergeld nahm; sie hielt es ihrer Mutter hin, sah ihr aber nicht in die Augen.
    Mein Arbeitsgeld von dieser Woche, Frau Mutter, sagte sie bittend, es ist
so viel wie alleweil, ich habe nichts versumt.
    Die Alte ri das Geld an sich, warf dem Leopold einen verachtenden Blick zu
und schrie dann wieder: Aufpacken und heimgehen!
    Mutter! Der Bub gibt die ganzen Nchte keine Ruh, der Leopold kann ihn doch
nicht ganz allein pflegen, und ... Was geht das mich an? Wer hat meine Kinder
gepflegt? Ich!
    Mutter, ich bitt ...
    Schmst dich nicht? Sitzt da bei einem verheirateten Mann! Weit, was die
Leut sagen im Haus, und nicht nur die nchsten Nachbarn, nein, berall, weit
was? zeterte die Frau.
    Na also, was denn in Dreiteufelsnamen? brummte der Leopold verbissen.
    Da sie eine Liebschaft mit dir hat, kreischte das Weib und spuckte vor
ihm auf den Boden.
    Der Leopold war kreidebleich, und der kleine Bube wackelte bedenklich auf
seinen Knien, die erstaunten Augen wendeten sich mit Widerwillen von der Alten
und suchten das Gesicht der Hanne.
    Siehst, Mdel, das ist der Dank fr dein gutes Herz. Sei nicht bse; da
die Leut so schlecht sein knnen, habe ich nicht gewut. Pack zusammen und geh
mit deiner Frau Mutter ... Ich dank dir tausendmal ... ich kann nichts dafr ...
Geh, es ist die hchste Zeit ...
    Er stand auf, legte das Kind in sein Bett, knpfte sich den Rock mit einem
scharfen Rcken der rechten und der linken Achsel fest zu, als ob er hinaus
mte in eine frostige Wetternacht, und dann sagte er laut:
    Den Leuten, die so niedertrchtig ber die Walter Hanne und den Weis
Leopold geredet haben, sagen Sie, da sie ein Gesindel sind, mit dem ein
ehrlicher Kerl nichts mehr zu schaffen haben will.
    Gesindel? Unsere Nachbarn? stotterte die Frau.
    Ja, das seid ihr alle miteinander. Hanne, geh!
    Du willst es, Leopold, du kannst mich also nimmer brauchen? fragte das
Mdchen mit ersterbender Stimme.
    Hrst du denn nicht, was sie reden ...
    Darum?
    Ich meine, das Darum ist genug, sagte er verwundert. Und der Bub? Du?
    Wir zwei?... Frage nicht nach uns ..., erwiderte der Mann traurig.
    Na wird es? drngte die Alte.
    Leopold! Frau Mutter! Ich bitt euch.
    Willst etwa dableiben bei dem verheirateten Mann, na so tu es nur, hhnte
die Frau; gleichsam um ihr Kind zu erschrecken, setzte sie hinzu: Es gibt genug
wilde Ehen, bist nicht die erste und nicht die letzte.
    Das Mdchen stand auf, wickelte ihre Arbeit zusammen, wischte mit einem
Lederlappen die Maschine sorgfltig ab und wollte sie eben vom Boden aufheben,
als sie sah, da der Fenstervorhang, der neben ihrer Maschine niederhing, sich
bewegte, als ob er geschttelt wrde, sie wollte nach den Vorhangstangen
schauen, ob etwas losgemacht sei, und da begegnete sie pltzlich der Hand des
Leopold, der verstohlen das weie Zeug gepackt hatte und dastand, als ob er sich
daran aufrecht hielte. Die zuckende Hand, sein bleiches, verzerrtes Gesicht, die
zusammengekniffenen Lippen, die halb ohnmchtige Haltung erschtterten das junge
Mdchen, sie streckte beide Hnde nach dem Manne aus, als wollte sie ihn sttzen
und trsten, er aber schaute unverwandt auf das graue Steinpflaster des Hofes
nieder.
    Leopold!
    Der Vorhang schttelte sich heftiger, und als sie fragend zu dem Manne trat,
da sah sie, wie an den blonden Wimpern zwei schwere Tropfen hingen ... Sie
schluckte und schluckte und wollte reden und fand kein einziges Wort. Sie hrte
das ungeduldige Seufzen ihrer Mutter nicht mehr. Angst und Mitleid schnrten ihr
das Herz zusammen. Sie, die Hanne, die zu ihm hielt, seit sie denken konnte, sie
verlor jetzt, wo ihn alle verlieen, den Mut und ging auch von dem Manne, der
krank, hilflos und wehrlos dastand ... Ist es recht, was sie tut, darf sie so
handeln wie die anderen? Was frchtet sie noch, das Schlimmste haben sie ja
schon gesagt von ihr, verurteilt ist sie ohne Schuld.
    Noch immer steht sie vor ihm und sinnt und kriecht in sich zusammen und
schmt sich, da die alte Frau neben ihr wartet und ihr vom Gesichte ablesen
kann, wie schwer ihr der Schritt ber diese Trschwelle hinaus wird. Der Leopold
kann es nicht sehen, denn er hat die Augen geschlossen und seinen Kopf an die
Mauer gelehnt.
    Du armer Mann, sagte die Hanne leise, und langsam rckte sie ihre Maschine
wieder an den alten Platz, rollte das Papier auseinander, legte ihr Arbeitszeug
auf dem Fensterbrette zurecht und flsterte, weil sie nicht laut reden konnte
vor Zaghaftigkeit: Behalt mich, Leopold, bis die Lene kommt. Die Leut sollen
reden.
    ber meinen Trstaffel kommst du nimmer - nimmer - wenn du jetzt nicht
mitgehst! stammelte die Frau Walter, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.
    Der Mann sprach nicht, er schttelte der Hanne die Hand wie einem treuen
Kameraden, und dann ging er hinter der Alten bis unter die Dachtraufe, dort
schwenkte er um, lie die Tr ins Schlo fallen, drehte den Schlssel um und
schob den Riegel vor, als ob er alles Leid dieser Stunde hinaussperren knne
samt jener, die es gebracht hatte.
    Sie blieben also beisammen, der Leopold und die Hanne. In den ersten Wochen
nach dieser Entscheidung stand die ganze Blaue Gans wie ein Mann da und erklrte
dem Mdchen offenen Krieg; von dem friedfertigsten ltesten Greis bis herab zu
den Kindern, die noch nicht laufen konnten, schmhten sie alle und geiferten
gegen das stille Geschpf.
    Zuerst meinte der Leopold, das sei nicht zu ertragen, und er frug sich nur,
ob er dreinschlagen solle oder mit seinem Buben und der Hanne aus dem Hause
gehen und sich in einer anderen Gasse einmieten. Zum Raufen war er zu schwach,
und davongehen? Anderswo mochten sie wirklich fr zusammengelaufenes Gesindel
gelten, da in der Blauen Gans wuten die Leute doch wenigstens, wer sie seien,
und allmhlich werden sie doch begreifen, da die Hanne nur ein seelengutes
Mdel ist und nicht sein Schatz ... Nach der Lene! Als ob irgendeine mit seinem
Weibe einen Vergleich aushalten knnte, und endlich, die Lene wird ja doch
wiederkommen, es ist ja nicht menschenmglich, da eine Frau Mann und Kind bei
klarer Besinnung fr immer im Stiche lt.
    So beruhigte sich der Leopold, wenn er die Nachbarn schmhen hrte und die
boshaften Gesichter sah, die ihm und der Hanne nachglotzten, wenn sie ihn durch
den langen Hof auf die Trockenwiese fhrte, wo er mit seinem Buben die Hlfte
des Tages hinbrachte. Luft und Sonnenschein taten dem schwachen Menschenleib so
wohl, denn nur langsam kam seine Kraft wieder; die stete Unruhe, der Schmerz um
seines Weibes willen, die Sehnsucht nach ihr und endlich die Sorge, die jetzt,
da er wieder denken konnte, breit vor ihm stand und sich nicht verjagen lie,
das war mehr als zuviel fr den kranken Krper und fr das weiche Herz des
Mannes.
    Bis nun hatte er auch im guten Glauben dahingelebt, da er von seinen
eigenen Ersparnissen esse und trinke, aber ganz zufllig kam er darauf, da die
Hanne ihren Arbeitslohn in seine Wirtschaft schmuggelte; das war auch so ein
Spornsto fr ihn, da er sich aufraffte, einmal von der Trockenwiese
davonschlich und auf das Gemeindeamt ging.
    Dieser erste Weg, den er machte, ohne da er auf den Arm der Hanne gesttzt
war, wurde ihm recht sauer; aber je weiter er ging, desto mehr fhlte er wieder
seinen Mut und seine Kraft wachsen. Freilich, da in der dumpfen Stube neben
einem greinenden Kind und einem stillen traurigen Mdchengesicht, auf dem
Krankenbett oder auf dem Pranger am Fenster, dem Gesptte und Geschimpfe
preisgegeben, wer kann sich da erholen, und selbst die Trockenwiese, wo die Welt
mit Leintchern verhngt ist, ein wahres Versimpeln das, murrte der Leopold
vor sich hin und trat immer fester auf, und ehe er es versah, war er auch schon
oben in der Gemeindekanzlei. Er kam sich aber wie ein Bettler vor, als er mit
dem Hute in der Hand neben der Tre stand und auf seinen Bescheid wartete. Er
hatte schon soundso oft schriftlich angefragt, wann er wieder seinen Dienst
antreten knne, er hatte die Hanne hergeschickt und anfragen lassen, aber sie
sagten ihr, er msse selbst kommen.
    Nun also, jetzt war er da! Warum lieen sie ihn aber so dastehen, als ob er
gekommen wre, sich eine Gnade auszubitten?
    Er wute ja nicht, da seine Entlassung schon vor Monaten beschlossen war,
da sie in einem Brief mit groem Siegel in die Blaue Gans geschickt wurde und
da sie hinter der Uhr verborgen steckte von der Hanne, um vorlufig wenigstens
eine Sorge von ihm zu nehmen. Die Hanne war auch nie auf das Amt gegangen, sie
bog alleweil nur um die nchste Ecke und lief dann auf einem andern Wege nach
der Trockenwiese, wo sie sitzen blieb und das Kinderzeug zurechtflickte, das sie
sonst beiseite schieben mute. Ihre Stelle ist lngst vergeben, mein lieber
Weis, reichen Sie neu ein, wenn - wenn Sie sich ganz erholt haben, sagte der
Vorsteher und musterte den Leopold vom Wirbel bis zur Zehe. - Aber ...
    Ist Ihre Frau schon wieder heimgekehrt, oder leben Sie noch immer so -,
nselte der Beamte.
    Gehrt das auch zu meiner Entlassung, oder ist es genug, da ich krank war
und darum meinen Dienst nicht hab versehen knnen? meinte der Mann und bi die
Zhne bereinander.
    Warum wurden Sie krank? meinte der Beamte hochmtig und lchelte so, als
ob er die Menge Dinge wte, ber welche er nicht reden mchte.
    Weil ... Ei so! murmelte der Leopold, warf seinen Hut auf den Kopf, zerrte
an der Krempe und drehte sich auf den Abstzen um, ohne noch einmal in das
rotgetupfte Gesicht des Menschen zu sehen, der ihn halb wie einen Narren und
halb wie einen Taugenichts abgefertigt hatte.
    Nicht das, was er zu ihm sagte, war es, sondern wie der Kerl, der allezeit
hinter dem Schreibtisch hockte, es sagte, das war es. Ob das wohl frher einer
riskiert htte, he?
    ... Als er noch im Regiment stand und sich da unten mit zwei heilen Armen
herumraufen konnte, und auch noch spter, vor Monaten, als er rechtschaffen mit
Weib und Kind neben seinen Nachbarn lebte, der Angesehenste fast.
    Wenn ich nur wte warum? brummte der Leopold und stolperte durch die
engen Gassen.
    Da er niemand hatte, dem er sein Migeschick erzhlen konnte, so wurmte ihn
der Gedanke, da er jetzt vor dem unleidigen Patron da oben eine alberne Rolle
gespielt habe, zu der ihm die Hanne verholfen. Obwohl er recht gut erkannte,
warum sie ihm die ble Kunde verborgen hatte, konnte er doch den rger nicht
verwinden; er eilte heim und begehrte den Brief von ihr.
    Verschchtert kramte das Mdchen die Unheilsschrift hervor, und als er das
Ding in Hnden hielt, kam auch die Verbittertheit rckhaltlos hervor.
    Das war ein ganz regelrechter Verweis, den die Hanne bekam, etwa so, wie ihn
ein Mann seinem Weibe gibt. Alles das, was er in den bittersten Stunden der Lene
nicht zu sagen gewagt htte, alle starrsinnige Rechthaberei, aller
niedergehaltene Grimm brach los. Da war ja ein Geschpf, das widerstandslos
schwieg, weil es eine Tat begangen hatte, die ihn schdigte. Beilufig so
stellte sich ihm die Sache dar, und darum schrie er jetzt so und klagte ber
sein Unglck. Er schrak zusammen, als ihn die Hanne mit gefalteten Hnden bat:
Leopold, besinn dich, die Leut.
    Die Leut, alleweil die Leut! sagte er grollend, als er aber sah, da die
Hanne leise vor sich hin schluchzte, nahm er mimutig seinen Hut und ging.
    Gestritten, die wilden Eh'leut, kicherte eine Nachbarin, die gehorcht
hatte.
    Jetzt wird sie bald Schlg kriegen, erwiderte die Laternenanznderin
weinerlich, und beide trugen das Ereignis brhwarm zu der alten Frau Walter.
    Der Leopold ging, so rasch er konnte, immer weiter und weiter, als knnte er
allen Wirrnissen, in die er geraten, davonlaufen, als knnte er sich von jedem
Ungemach befreien, wenn er das langgestreckte Haus, die groe halbdunkle Stube,
das hagere, blasse, geduldige Mdchen hinter sich liee ... Was war aus seinem
Leben geworden? Abwehr und Schimpf hatten die fr ihn, unter denen er
aufgewachsen, das Brot hatten sie ihm boshaft vom Munde genommen, schwach war
er, untchtig an Leib und Seele, und niemand hielt zu ihm als ein armes
Geschpf, das er in einer hilflosen Stunde nicht von sich lie und das nun
berall auf seinem Wege stand und ihn erinnerte, ohne da sie es wute und
wollte, da er gestorben und verdorben wre, wenn sie die Hnde in den Scho
gelegt htte - und alles das hatte er seinem Weibe zu danken. Da er so
erbrmlich, so kraftlos weitertaumelte, hatte sie zuwege gebracht, sie hatte ihm
sogar die Hanne hingesetzt - sie - alles sie. - Ach, wo ist sie - wie lange soll
er noch leben ohne sie?
    Da war ihm pltzlich sein Ziel gesteckt, zu ihr drngte es ihn, er mute sie
wiedersehen, ei, er wute sie ja zu finden, er durfte sie ja doch suchen, noch
war sie sein Weib und eine ehrbare Frau. Oho! Das sollte ihm keiner wehren und
leugnen. Fr den Halbgenesenen war es aber ein weiter, langer Weg, er schleppte
sich dahin wie einer, dessen Wunden aufgebrochen sind und der Rettung sucht vor
dem Verbluten. Ach ja, das war es, was ihn gepeinigt hatte, was ihn unwirsch und
ruhelos machte, mehr als Krankheit und Sorge; das rastlose, durstende Sehnen
nach seinem Weibe, nach ihrem Anblick, ihren Lippen. Monate und Monate waren
jetzt hingegangen, und alle die Zeit war ihm zwischen halber Bewutlosigkeit,
Schwche, Kindergeschrei, Geschimpfe und leisen Seufzern verflossen. Kein heller
Tag in dieser bleischweren Traurigkeit, kein lachender Frauenblick, nichts als
die rohen Gesichter der Weiber und die ernsten Zge der drftigen
Mdchengestalt. Die Schnheit war mit der Lene aus seinem Leben geschwunden, und
darum wohl zerrte unbewut alles in ihm nach ihr.
    Es dmmerte schon, als er mhsam durch die Straen der Stadt ging, und wie
er endlich bei dem Hause der Madame Margot ankam, war es unten auf der Erde
dunkel geworden, und nur oben zwischen den Husern lag wie ein ausgespanntes
lichtes Tuch der graublasse Abendhimmel. - Der Leopold schlich quer ber die
Strae und lehnte sich gegenber dem Haustore an die Mauer, so da er
hinaufsehen konnte zu den hellerleuchteten Fenstern des Salons. Er war so mde,
so zerschlagen, da er es nicht fhlte, wieviel Vorbergehende an seine Schulter
rannten, nur ab und zu griff er an die kalten Steine, denn seine Hand glhte vor
Hitze, und gegen den Kopf wallte es auf so kochend hei, da er die Augen
schlieen mute, denn das Haus gegenber bewegte sich und erschien ihm blutrot.
- Als er wieder aufblicken konnte, sah er die Lene oben am Fenster stehen, ihre
schlanke dunkle Gestalt hob sich von dem hellen Hintergrunde rein ab.
    Lene!
    Mit zwei Stzen stand der Mann in dem Straengeleise, er rief, winkte und
nickte hinauf und wre wohl schnurgerade zu ihr gerannt, doch da rollten rechts
und links die Menge Wagen vorbei, er konnte nicht hinberkommen zu ihrem
Haustore. - Aber er sah sie! - Das war ihr ses Gesicht, so bewegte sie die
Hand oft, wenn sie am Fenster sa daheim. - Jeder andere Gedanke als an sie,
jedes Gefhl von Schmerz war ausgelscht, sie war da, er sah sie wieder, nur zu
ihr - zu ihr.
    Sie wendete nicht einmal den Kopf nach jener Richtung, wo er stand, jetzt
ging sie sogar von dem Fenster fort, und nur hie und da sah er ihren Schatten
auftauchen. Erst als sie ganz verschwunden war, sagte er sich deutlich vor, was
er jetzt wollte. Mit ihr reden, sie fragen: Was soll nun aus uns werden? - Aus
uns dreien? Er wollte das von keinem geschickten Advokaten mehr hren, sie
sollte es ihm sagen, sein Weib, das sein Kind geboren hatte und das doch zu ihm
gehrte, wenn sie auch da oben sa und nimmer daheim in der groen Stube. -
Vielleicht ginge sie gerne wieder zurck in die Blaue Gans, nachdem sie unter
den fremden vornehmen Menschen gelebt hatte und einsehen mute, da nicht viel
dahinter ist bei ihnen. Vielleicht schmt sie sich nur, so ohne weiteres
heimzulaufen, und wartet, da er komme und sie bittet - und endlich, ja, er
hatte sie ja vertrieben, Weibergerede soll ein Mann nie so schwernehmen, im
schlimmsten Fall hatten sie beide gefehlt, und es war jetzt, da sie sich so
lange ferne gewesen, leichter gutzumachen und zu vergessen als damals. Wenn sie
erst wieder daheim ist, dann macht ihm das tgliche Brot keine Sorge mehr, dann
findet er gewi rasch wieder eine Stelle, ah, fr sie wrde er eifrig suchen,
laufen und schaffen, wre sie da, so wte er ja, wofr er sich plagte, fr sie
gbe er ja seinen letzten Blutstropfen hin.
    Der Leopold stand jetzt neben dem Haustore der Madame Margot, da heraus
mute die Lene kommen, da gab es kein Ausweichen, kein Davonlaufen, sie mute an
ihm vorbei und mute ihm also Rede stehen.
    Stunden waren hingegangen, und er wute es nicht. Seine Gedanken waren auf
die Zukunft gerichtet, und er suchte sich die Schmerzen der Vergangenheit zu
verringern. Jetzt sah er, wie gegenber an der dunklen Mauer die hellen
Fenstervierecke eines nach dem andern verschwanden, nun wute er, da herben
bei der Franzsin die Lichter ausgelscht wurden und da die Lene nun bald
herabkommen msse. Er reckte sich stramm auf und steckte die Hand fest in die
Tasche. Jetzt kamen frhlich lachende Stimmen nher, ach nein, so lachte sie
niemals, ein junges Mdchen kichert und plaudert mit der lteren Frau, die neben
ihr geht und nicht ernst bleiben kann bei der Geschichte, welche das lustige
Ding atemlos herplappert, die Frau pret das Tuch vor den Mund und krmmt sich
zusammen vor Lachen.
    Warten wir auf Madeleine? fragte die ltere, als sie durch das Tor gingen
und an Leopold vorbeikamen, das mssen Sie ihr auch erzhlen, es ist zu
komisch.
    Nein, gehen wir nur, Madeleine wurde im letzten Augenblick noch zu Madame
gerufen, und dann - vielleicht schadet das Lachen auch ihrer Schnheit wie das
Weinen, denn sie weint nicht, damit sie ihr Gesicht ...
    Mehr konnte der Mann nicht hren. Freilich, das war sein Weib, das weder
lachte noch weinte, damit ihr Gesicht kein Fltchen bekommt. Das schne Fleisch
galt ihr mehr als Freude oder Leid, ihre Schnheit kam immer zuerst, sie war
also geblieben, wie sie ehemals gewesen - das schlug wie der Blitz in seine
Zukunftsgedanken, mit ihrer Schnheit, die ihm doch stets vor Augen schwebte,
hatte er nicht gerechnet, da oben gedeiht sie leichter als daheim bei Mann und
Kind. Seine Hand fuhr aus der Tasche, er rckte sich den Hut tiefer in die
Stirne, denn ein Windsto kam um die Ecke gerast, flog pfeifend durch die
Hauseinfahrt und wirbelte seine langen Haare ber die Hutkrempe. Der leere
Rockrmel baumelte hin und her, und der schlottrig-weite Rock bauschte sich auf
oder legte sich eng an seine abgemagerten Glieder, je nachdem sich der Wind
drehte.
    Wie er nun so dastand, gegen den Sturm ankmpfte und mit seinem einen Arm
Hut und Stock zu halten suchte, da wehte es ihn mit einmal hei an, er tappte
dorthin, wo er ihre Stimme vernahm, er wischte sich den Staub aus den Augen und
suchte sie zu sehen, die ihn halblaut bat: Geh aus dem Wege, Leopold!
    Der ... wird ... ich hab ... mein Jesus!... Lene ... Mache kein
Aufsehen.
    Weib, komm, ich bitte dich! stammelte der Mann.
    Was willst du?
    Sie gingen aus dem Tor, bogen hinaus auf die Strae, der Sturm war ihnen
jetzt im Rcken und trieb sie vorwrts, immer noch wehrte sich der Leopold gegen
seine Haare, die ihm in die Augen flogen, gegen seinen Rock, der sich ber die
Brust bis unter das Kinn hinauf blhte, und gegen den leeren flatternden rmel,
den der Wind sogar in das weie Gesicht des jungen Weibes schlug.
    Die Lene hatte sich eng in ihr langes Umschlagetuch gehllt, der kleine
festanschlieende Hut und der straffgespannte Schleier lieen an keinem Hrchen
ihres glatten Scheitels rhren, die schlanke Gestalt war selbst mitten im Sturm
ebenmig zusammengehalten, unbewegt.
    Was willst du? frug sie, leicht Atem holend, whrend er mit weitgeffnetem
Munde neben ihr her schwankte. Dich ... sehen ... fragen ... wann ... du
heimkommst. Sie blieb stehen, lie ihre Augen ber den zerfahrenen Mann laufen
und sagte dann verlegen: Zu dir?
    Zu deinem Buben, zu mir ... zu uns allen, keuchte er. Sie besann sich,
drckte die Wange sacht an die Achsel, ihre weien Zhne funkelten, da er sie
deutlich sah, und dann zischelte sie: Zu der Hanne?
    Was meinst?... Ich bitte dich ... bleib stehen ... ich kann nimmer weiter
... Was meinst? bat der Leopold dringend.
    Ob Platz war fr mich neben der andern, sagte sie und schlug die Augen
nieder.
    Lene!... Haben sie die sndhafte Lg zu dir auch g'tragen ... und kannst du
das glauben, du?
    Lebst du nicht mit ihr?
    Ich lebe mit ihr, ja, aber nicht so, wie die Leute meinen, dazu knnt ich
doch eine Schlechtere finden! schrie der Leopold.
    Freilich.
    Das Mdel ist ehrlich und brav, das weit du doch genau von jeher.
    Ja, ja, beschwichtigte die Lene, braver wie ein Weib, das ihrem Manne
durchgeht, gelt? frug sie forschend. Ach la ... hre mich an ... die Hanne
...
    Pat besser fr dich! unterbrach ihn die Lene und schaute lauernd zu ihm
auf.
    Fr mich ... der arme Narr!... Hast sie mir darum hingesetzt? Meinst, der
Weis Leopold ist billig worden, weil der Markt aus ist? Also darum hab ich sie
statt dir gefunden?
    Hast sie aber doch behalten.
    Lene ... zuerst ... Aber wie soll ich dir da im Wind das erzhlen. Weit
du, wie schlecht bei uns unten oft das Gerede ist? Sag, Weib, wer knnt an eine
andere denken, wenn er dich hat?
    Gehabt hat, murmelte sie.
    Frag die Hanne, was ich damals gesagt hab, wie ich bei der Nacht heimkommen
bin und gemeint hab, du machst mir die Kucheltr selber auf ... frag ...
    Mit dem Weibsbild habe ich nichts zu reden, unterbrach sie ihn.
    Ah!... Das mut du doch nicht sagen. Du sollst ihr danken dafr, da sie
dein Kind gepflegt hat in seiner Todeskrankheit ... was sie fr die Wirtschaft
und mich getan hat, das dank ich ihr schon selbst. Schn ist sie freilich nicht,
aber gut ist sie, wie es schier keine sonst gibt auf der Welt, sagte der
Leopold weich und glaubte sein Weib zu beruhigen, wenn er wiederholte: Nein,
nein, schn ist sie gar nicht.
    Die Lene fate den flatternden Rockrmel, rttelte ein wenig daran, schaute
ihrem Manne mit vorgestrecktem Kinn von unten auf in die Augen, bi die Zhne
bereinander und sagte dann atemlos: Wahr ist es, du hast keine Ehr!
    Ich?
    Ja, die Leut haben recht.
    So. Und warum? frug der Leopold und ergriff ihre Hand, whrend er leise
lachte.
    Lache nicht so. Warum? Weil du dich mit einer ehrlichen Frau von deiner
Dirn zu reden getraust! schrie ihm die Lene zu, entrang ihm ihre Hand, nahm die
Rcke zusammen und rannte jhlings an ihm vorbei wie ein verfolgtes Kind; sie
bog, ohne sich umzuwenden, rennend um die nchste Ecke, und ehe ihr der Leopold
folgen konnte, war sie in dem Gewhle der Menschen und Wagen verschwunden.
    Was heit das jetzt? fragte sich der Mann, und auf einige Pulsschlgelnge
schaute sich sein Gesicht an, als ob ein Schimmer von befriedigter Eitelkeit,
von pltzlicher Hoffnung darber hinleuchtete, aber bald erlosch der fremde
Schein, und der alte schmerzliche Ausdruck kam wieder. Eine Weile wankte er noch
den Weg, den sie gelaufen war, und dachte an das, was sie gesagt und getan
hatte; dann, als er die Stadttore hinter sich wute, kletterte er auf einen
jener Wagen, die bis ber die letzten Huser hinausfahren und darum stets
vollgestopft sind mit armen mden Menschen, die ihre groen Bndel schwer
schleppen knnen und so, mehr ihre Last als sich selbst, bequemer heimbringen.
    Der Wagen rollte schwerfllig den langen Weg hinaus, und der Leopold, der
hoch oben neben dem Kutscher sa, schwankte bei jedem Sto wie ein Betrunkener,
er grbelte und trumte und achtete nicht darauf, da unten im Wagen ein paar
Nachbarn von Zeit zu Zeit fast frsorglich hinaufsphten, ob er noch fest auf
seinem Platze se.
    Fr die Besoffenen hat unser Herrgott eigene Schutzengeln, sagte der eine
berzeugungsvoll.
    Auf eine schnelle Art loskriegen hat sie mich wollen, das ist alles,
schlo der Leopold seine Gedankenkette, als der Wagen einen derben Ruck bekam
und ihn aufrttelte aus seinem trbseligen Brten. Da waren sie schon in der
Nhe der Blauen Gans und hielten an, und der Mann kletterte von dem Kutschbock
herab. Jetzt sah er, wie einer um den andern herauskrabbelte, lauter
Nachbarsleute, so - und nun huschte da bei der knarrenden Laterne auch noch die
Strohschneider-Marie vorbei, blieb stehen und nickte ihm zu. Der Leopold wollte
gren und ihr ein heiteres Gesicht zeigen, aber das Mdchen schlug die Hnde
zusammen und fuhr dann mit allen zehn Fingern ber ihre Wangen, um ihm zu
bedeuten, da sie sein Aussehen erschreckt habe; er gedachte sie zu trsten und
versuchte zu lachen, aber es wurde nur ein grinsendes Verzerren der Muskeln. Die
Marie lief weiter, und der Mann schleppte sich heim in seine Stube.
    Die nchsten Tage vermied er es, mit der Hanne viel zu reden, jedoch seine
Augen suchten sie fort und fort.
    Wenn die Lene doch daran glaubte? sagte er sich und begann abzuwgen,
wieviel an Frauenreiz in dieser berschlanken Gestalt sei und ob die Lene
wirklich da eine Nebenbuhlerin finden knne, ob - ja - wenn sie ihn so pltzlich
mit den groen, ernsten, liebevollen Augen ansah, da wute er, da er ein junges
Mdchen vor sich hatte, sonst - was kmmerte er sich um ihr stilles Gehaben. -
Jetzt merkte er es auch, da ihr Kopf manchmal viel hbscher war, wenn sie mit
ihm sprach, ganz anders, als wenn sie, ber ihre Maschine gebeugt, dort am
Fenster sa oder mit kurzen Worten irgendwem Rede und Antwort geben mute.
    Das Mdel da soll seine Geliebte sein, sagen die Leute, sagt sein eigenes
Weib. - Ob wohl eine andere so viel Schimpf und Leid auf sich nhme wie die
Hanne? simulierte er, keine, nicht einmal die leichtsinnige
Strohschneider-Marie, die nicht so viel zu verwetten hat wie das arme Ding ...
Warum tut sie es?... Warum ist mir das frher nie eingefallen?
    Der Mann konnte mit einem Male keine Ruhe finden, er dachte zurck, weit
zurck bis in ihre Kindertage, immer schauten die ernsten wehmtigen Augen zu
ihm herber, berall tauchte der dunkle Kopf auf neben dem andern leuchtenden,
herrlichen. Immer stand sie im Hintergrunde, nur jetzt, jetzt sa sie da an der
ersten Stelle in seinem Hause, zuvrderst in seinem Leben, sie sa geduldig da
und wartete ... worauf? Da die Lene heimkommt!
    Aber die kann ja nicht heimkommen, solange die Hanne dasitzt und fr ... fr
mein zweites Weib gilt ... Ah, eine Ausrede von ihr, wehrte er zum Schlusse
ab, die will nicht heim, und der arme Teufel kann in alle Ewigkeit da hocken,
kann alt werden bei mir ohne Mann und ich ohne Weib ... Warum bleibt sie aber
da? frug er sich hartnckig und rief pltzlich laut: Hanne!
    Was, Leopold?
    Schau mich an!
    Sie blickte verwundert zu ihm hin, wurde aber mit einem Male verwirrt,
bewegte ngstlich den Kopf und fragte schchtern: Warum?
    Ei, weil du schne Augen hast, langes Mdel, sagte er lachend, und sie
lachte auch und wurde dunkelrot dabei. Schau, wenn du nur ganz kleine rote
Rserln im Gesichte httest, knntest bald mitreden, scherzte der Mann und
lste mit seinen erfahrenen Augen den dichten Haarknoten, zog das belpassende
Kleid fester um den schlanken Leib, da trat die Bste feiner heraus, und der
eckige Krper bekam geflligere Formen.
    Na, vielleicht haben die anderen besser gesehen als ich? dachte er und
schaute dem Mdchen nach, das den Buben aufgenommen hatte und mit leichten
Schritten hinausging.
    Seitwrts der Trockenwiese lag ein kleiner abgegrenzter Garten. Die Planke,
die ihn von der Wiese trennte, war altersgrau und morsch, und es bedurfte nur
zweier tchtiger Fuste, um sie zum Falle zu bringen, und dennoch wagten selbst
die schlimmsten Buben nicht daran zu rtteln. Woher die Kinder die Sage hatten,
da da drinnen ein Jude begraben liege, das wute niemand, aber gro und klein
sprach mit verstndnisvollem Augenzwinkern im Flstertone davon, sobald die Rede
darauf kam. Der abgeplankte Raum hie auch der Judengarten. Wenn auf der
Trockenwiese kein Grashalm mehr grn war, wenn oben auf den Feldern das Korn
schon schwer und goldgelb stand, wenn die hohen Fliederbsche wie krachdrre
versengte Baumgerippe im Winde knarrten und klapperten, wenn der Herbst rundum
Herr wurde, so sah es in dem kleinen Garten wie mitten in der Sommerszeit aus.
Vielleicht kam das von der geschtzten Lage und von der Feuchtigkeit, die jene
Menge von Steinen gleichsam ausschwitzte, denn immer war es in der Nhe des
hohen Mauerteiles, an dem das Grtchen lehnte, khl, und wenn die Sonne
unterging oder wenn Regenwetter in der Luft lag, liefen an den Steinen groe
Tropfen herab.
    Der abgeplankte Raum war nicht grer als die groe Waschkche in der Blauen
Gans, aber die Kinder wuten sich genau die Stelle auszusuchen, wo sie durch ein
passendes Astloch hineingucken konnten, ohne in das niedere dichte Bltterdach
der Bume oder in das hohe Gras zu sehen. Kaum zwei Hnde breit war Raum
zwischen dem federartigen langen Gras und den tief niederhngenden sten. Wenn
es Obstbume gewesen wren, so htte wohl die Naschsucht oder der Hunger ber
die Furcht gesiegt, und die Buben wren doch ber die fast doppelt mannshohe
Planke geklettert oder htten sich sonst Eingang verschafft, aber da standen nur
Linden und Buchen und breitbltterige fremdlndische Bume, einer knapp neben
dem anderen, es gab nichts zu holen, nicht einmal die Blumen reizten sie, die
drinnen wuchsen; oben auf den Feldern gab es ja Korn- und Mohnblumen und
Kamillen, so gro, wie sie nirgends sonst zu sehen waren.
    Die rckwrtige Seite des Judengartens lehnte an der hohen Steinmauer, die
sich rechts neben der Trockenwiese und neben den Feldern hinzog, den Berg
hinanlief, aber immer niederer und niederer wurde, bis sie oben die Gleiche mit
einem geraden Wege bekam. Dieser Weg fhrte dann noch weiter hinaus durch die
Felder in ein Dorf, nach Whring, und dann ging es fort bis in den Wald. Ein
paar armselige Htten, die Wscherburg, standen auf dem Hgelgrunde, den die
Mauer wie ein Damm abschlo und schtzte; aus der Ferne sahen sich die niederen
Huser wie Kinderspielzeug an, und die Mauer, die aus groen ungleichen
Bruchsteinen war, wie ein Felsen.
    An dem hchsten Teile der Mauer, etwa drei Stockwerke hoch ber der
Trockenwiese, genau ber dem abgeteilten Garten, hing ein Korbbalkon. Das Haus,
zu dem er gehrte, hatte keinen Vorplatz, der Eingang hing in der Luft, wer in
den Flur wollte, mute ber eine Treppengasse, die Bleicherstiege hie, auf
diesen schwebenden Vorplatz, der mit einem hohen, seltsam verschnrkelten
Eisengitter umgeben war. Von diesem Balkon herab mochte vorzeiten irgendeine
Verbindung nach dem Judengarten gegangen sein, nur wie, darber waren die Weisen
der Vorstadt uneinig. Frevler sagten, es seien Dachrinnen hinabgezogen gewesen.
Deutlich sah man rechts und links von dem groen Eisenkorbe handtiefe Furchen,
die gerade und gleichmig von oben bis unten in die Steine gerissen waren.
    Als die Hanne den Kleinen davontrug, ging sie wie immer hinber auf die
Trockenwiese, setzte sich dort nieder und begann ihre Flickarbeit auszukramen,
als sie aber sah, da die Weiber, die eben dort beschftigt waren, heimgingen
und der Wchter sich umwandte und die Runde um die ganze Wiese machte, da lief
sie hastig an die Mauer, schob und hob das letzte Brett der Gartenplanke fort,
legte den Kleinen hinber in das hohe Gras und drckte sich dann selbst durch
den schmalen Spalt. Sorgfltig schob sie von innen das Brett wieder vor, nahm
das Kind auf und watete zusammengebeugt durch das Gras, bis sie sich auf einen
grnen Hgel setzte, der wohl ehemals eine Rasenbank war, der aber bei jenen,
welche ihn vor Jahren gesehen hatten, fr das Judengrab galt.
    Durch Zufall hatte die Hanne vor Monaten das bewegliche Brett entdeckt,
vielleicht war es eine Tre, die sich irgendein Strolch zurechtgemacht hatte,
der in dieser grnen Wildnis ein geschtztes Nachtlager fand.
    Fr die Hanne war dieses einsame Versteck ein Ort des Friedens, der Rast und
Freude geworden. Da lehnte sie zuweilen mit zitternden Armen und pochenden
Schlfen und horchte in das Gesumme und Gezirpe all der fliegenden und laufenden
Tiere hinein und war so zufrieden, da kein boshaftes oder neugieriges
Menschenauge sie bis hierher verfolgen konnte. Die Zweige boten ja ein dichtes,
schtzendes Dach, und wenn der Wind durch die Bltter lief, so klang es oft wie
eine Melodie, die sie als ganz kleines Kind da oben auf dem Balkon singen gehrt
hatte. - Ob der Jude da begraben liegt, dem das Haus und der Balkon einst gehrt
hatte, und ob er gesungen, als sie noch da drauen im Grase lag, ob er die
Melodie von dem Wind und den klingenden rauschenden Blttern gelernt haben mag,
oder ob das nur so forttnt aus einer verwehten Zeit herber -?
    Zum Anfang, als sie da hineinkroch, fragte sie sich, ob sie nicht etwas
bles tue, die Furcht, welche sie und alle Kinder einst vor dem Judengarten
hatten, wirkte bis zu dem Tage nach und war strker als das Behagen; aber
allmhlich gewhnte sie sich an die wilde erfrischende Schnheit des einsamen
Stckchens Erde, und sie konnte sich nicht satt sehen an den fremdartigen
Blumen, die hie und da noch hher waren als das lange Federgras.
    Und erst droben in den schwarzen, wirr verschlungenen sten, die sich wie
ein dunkles Netz von unten ansahen, weil alle Bltter dem Licht zudrngten und
kaum einen Sonnenstrahl durchlieen, welch ein Leben war da oben! - Die Vgel
kannten sie alle und pfiffen ihre schnsten Lieder beinahe an den Ohren des
Mdchens. Manchmal schwangen sie sich auch herab und hpften neugierig um das
schlummernde Kind und pickten wie nach Kirschen sachte nach den vollen Lippen
des Kleinen.
    Das waren geheiligte Stunden, in denen sie dasitzen und trumen konnte, sie
hatte da auf dem Judengrab ihre Kindheit gefunden, denn ganz im Kern ihres
Wesens war das lange, ernste, allzeit auf die Arbeit bedachte Mdchen ein Kind
geblieben.
    Sie hatte nicht so viel Zeit gehabt, so wie die anderen zu spielen und das
Stcklein Kindheit auszuleben; die Aufsicht und die Pflege der Kleineren hatte
sie in Atem gehalten, ihr Spiel bestand in lrmenden Narreteien und war
berechnet fr die schreienden Jngeren, die dann, anstatt zu weinen, schreiend
lachten. Mit gleichalten Nachbarkindern kam sie meist nur im Flug zusammen, da
hatte sie nicht Zeit, mitzutun bei jenem kstlichen, atemlosen Ringelreihetanz,
dem Verstecken und Fangen. Spter schlo sie sich an die Lene, aber spielen
mochte die nicht, sie schlief nur oder lie sich kmmen und putzen von der Hanne
oder Mrchen erzhlen, die niemand so gut wute wie die Hanne.
    Jetzt aber spielte das groe Mdchen zuweilen da fr sich selbst ganz allein
in dem abgeplankten Garten. Die Mrchen, die im verstmmelten Gewnde auf weiten
Umwegen in die Htten der Armen kommen, die pochten einst mit weichen Fingern an
ihr kleines Herz und schlichen sich lachend und weinend ein. Jetzt waren sie
wieder da und breiteten ihre geheimnisvollen Schleier ber den verwilderten
Garten, schauten sie an mit groen, vertrauten, liebevollen Kinderaugen, und
alles, was um sie lebte und webte, wurde pltzlich ihr Spielgenosse.
    Die groen Heuschrecken, die ber die hchsten Halme schnellten und an ihr
vorbeihpften, konnten ja vielleicht verwunschene Pferde sein, und die groen
Kfer mit breiten Hrnern und festem Rckenschild, waren die etwa nicht
gepanzerte Ritter? - Die Libellen, die um einen engen grnlichen Wassertmpel
schwebten, waren sie nicht schillernde Damen und die Laubfrsche lrmende
Bauern? - Das war ein verzauberter Garten, und sie sa nur da und wartete, bis
sie das Wort aussprechen drfe, das allen wieder die wahre Gestalt gibt. Und
wenn sie das Wort ausspricht, dann wachsen mit einmal die Bume beinahe in den
Himmel, und die Wege werden breit, und leuchtende Blumen schieen aus dem hohen
Gras, und hinten ffnet sich die Mauer bis hinauf zu dem Korbbalkon, der aber
aus purem Gold und glnzenden Edelsteinen ist. Durch das groe offene Mauertor
geht sie hinein, durch silberne und goldene Zimmer, und berall stehen die
Ritter, die Damen, die Bauern und viel andere Leute, und alle warten auf den
kleinen Prinzen, den seine Pflegemutter, die Hanne, aus der Blauen Gans
herberbringt in die verzauberte Burg. Oben auf dem goldenen Balkon da steht dem
Prinzen sein Vater, dem alles gehrt und der ganz mit Samt und Seide hergeputzt
ist und voll Freude nach dem Kinde und derjenigen ausschaut, die sein Kind auf
den Armen trgt. -
    Mit leuchtenden Augen und erhobenem Kopf geht das junge Mdchen durch den
kleinen Garten dahin, sie hlt den Knaben vor sich, als ob sie ihn jetzt und
jetzt in zugreifende Hnde legen wollte, und als sie knapp vor der Mauer steht
und in einer Ritze ein graues Vglein zu singen und zu schmettern anhebt, da
macht sie einen Knicks. - Das ist der Torwart, der mit seinem Horn die Ankunft
des Prinzen ankndigt. - Jetzt kann sie aber nimmer weiter, sie steht da vor der
festen Mauer. - Alles ist wie im Mrchen, nichts fehlt als das Zauberwort,
welches die Tore ffnet und alle Dinge verwandelt. - Die Hanne sinnt und sinnt,
sie hat es doch einmal gewut, als sie noch ein Kind war - alle erwachsenen
Menschen vergessen es -, sie kann es nimmer finden. Aber der kleine Bub auf
ihren Armen, der wei es, denn er lchelt und greift mit beiden Hndchen nach
dem grauen Vglein in der Mauerritze. - Die Hanne fragt ihn leise-geheimnisvoll,
er schliet lchelnd die Augen, als ob auch er darber nachdchte. - Doch er hat
noch nicht reden gelernt, er kann das Wort noch nicht sagen.
    Hab mir's denkt, da du dich daher verkriechst, lachte es schrill hinter
der Hanne, und als sie sich umwandte, blitzten sie die dunklen Augen der
Strohschneider-Marie an.
    Es htte nicht viel gefehlt, so wre der kleine Bursche mitten ins Gras
gepurzelt, so erschreckt stand das Mdchen vor der Marie.
    Ich spionier schon die lngste Zeit nach, wo ich dich einmal allein
erwischen kann, aber es hat halt niemals klappen wollen, sonst sagen die Blauen
Gns, ich renn deinem Leopold nach, spttelte sie.
    Die Hanne berhrte den Scherz und frug wie aus dem Schlaf:
    Warum suchst mich denn?
    Ich hab dir sagen wollen, da ich einen Herrn Vetter hab, der einen
ehrlichen Mann zum Geldeinkassieren braucht und einen sucht. Der Leopold wird
bei uns herunten an viele Tren klopfen mssen, bis sie irgendwo eine aufmachen.
Das hat ihm sein Weib eingebrockt. Ich mein aber, auf die Lnge wirst du die
Rackerei fr euch drei und noch was drber nicht aushalten.
    Wer sagt dir's, da- i-ch ...
    Halt 's Maul! Glaubst, alle Leut sind aufs Hirn gefalln? Oder meinst, wir
sind blind? Wir sind unser zwei, die Klara und ich, und wir verdienen das Geld
noch leichter und geschwinder als du mit deinem zaundrren Rssel, und doch wird
mir die Plag oft zu dumm. Aber die Frau Mutter ist immer mieselschtig, und die
Kinder wachsen so langsam und sind allerweil hungrig.
    Ja, ja, das kenn ich, sagte die Hanne frauenhaft.
    Ob du es kennst! lachte die Marie mitleidig, zuerst hast deine
Geschwister aufgepppelt und hast das Futter verdienen helfen, und jetzt -
hrst, Mdel, du bist schon die Allerdmmste - jetzt hockst du mit dem
hochmtigen Weibsbild ihrem Balg auf dem Hals und rackerst dich zusammen fr
einen krppelhaften Mann, der dich nimmt, weil du ihm halt bei der Hand bist.
Recht haben die Leut. Schm dich!
    Die Hanne drckte das Kind fest an sich, nickte grend mit dem Kopfe und
wollte davon.
    Halt aus! - Meinst du, ich kenn das G'sicht nicht? Das hast von der Lene
gelernt, die hat so heruntergeschaut auf unsereins. - Na, die ist ja schn genug
- und niemand hat ihr was nachsagen knnen, darauf hat sie sich g'steift. - Aber
du und - ich, wir drfen keine solchen Gesichter aufstecken.
    Auf eine Antwort wartete die Strohschneider-Marie freilich vergebens, die
Hanne blieb mit gesenktem Kopfe stehen und beschwichtigte das Kind, das wieder
unruhig wurde.
    Vielleicht bist doch so g'scheit und nimmst das Zettel da, sie griff in
die Schrzentasche und gab ein zusammengelegtes Papier der Hanne, da steht die
Hausnummer und der Name von meinem Herrn Vetter drauf. - Gib's dem Poldl. Sag
nicht, da es von mir ist, es knnt ihm sonst die gute Suppe versalzen. Also,
Kameradin, g'scheit sein. Was ich da Zeit verplausch! Wann dich aber der Lepold
einmal - ah! was geht das mich an! - Beht dich Gott! Sie wollte der Hanne die
Hand reichen, besann sich aber wieder, lachte ihr laut ins Gesicht und drehte
sich jh um.
    Rasch sprang sie durch das Gras, das ihr bis an die Hften reichte, duckte
sich, um den niedersten sten auszuweichen, sphte erst durch ein Astloch
hinaus, ob niemand in der Nhe sei, dann rckte sie gewandt die Plankenbretter
auseinander, prete sich durch den Spalt, lief einige Schritte die Trockenwiese
entlang, blieb jhlings stehen und hub an zu singen:

Beht Gott und bleib g'sund,
Und vergi nicht mein Wort,
Nie wie Katz und wie Hund,
Wie die Tuberln lebt's fort.

Die Marie jodelte lustig, lief wieder einige Schritte weiter, hielt inne und
schaute zurck auf den Judengarten. Die Stirne wurde wieder so kantig, wie das
immer geschah, wenn in dem hellen Kopfe ein Gedanke arbeitete, fr den sie keine
rechten Worte fand. Eine Weile blieb sie stehen und hielt die Planke im Auge,
dann stand sie neuerdings still und sang:

Sei nicht z'wider, sei lustig,
Es kost' allerweil ein Geld,
Lern singen - lern lachen! -
ber die bucklete Welt!

Nach dieser frisch gejodelten Lebensweisheit schlenderte die Marie weiter, und
wie eine heitere Mahnung klang ihr Gesang zurck in den verzauberten Garten.
    Die Hanne hielt den Zettel fest in der Hand, und als sie die Stimme der
Sngerin nimmer hrte, stolperte sie verschchtert und verschreckt den bekannten
Weg, schlpfte durch die Planke und lief heim.
    Da bring ich dir vielleicht eine gute Stell, Lepold, gelt, du gehst hin und
schaust's an?
    Ohne viel danach zu fragen, woher die Hanne den Zettel brachte, nahm ihn der
Leopold an sich und ging zu dem Manne, der die Stelle zu vergeben hatte. Die
Strohschneider-Marie mochte wohl schon frher mit ihrem Vetter gesprochen haben,
denn als er sich nach Name und Wohnort des Leopold erkundigte und ihn schonend
frug, wo sein zweiter Arm geblieben sei, und ber alles genaue Antwort bekam,
machte er seinen neuen Diener mit dem Notwendigsten bekannt, gab ihm Handgeld,
und der Leopold hatte wieder Arbeit und Brot.
    Das war viel, aber wie wenig fr den, der mit seiner einen starken Hand noch
vor einem Jahre das Glck festhalten wollte fr immer. Wo war sein Glck? Wenn
er sich den Tag ber mde gelaufen hatte, so sa er am Abend schweigend und
verdrossen in seiner Stube, er mochte in kein Wirtshaus gehen, es dnkte ihm,
als htten die Leute dort gar nichts zu tun, als nach ihm zu gaffen und von ihm
zu reden, und darum ging er nun auch so frh in sein Nest wie alle andern in der
Blauen Gans.
    Lngst stand sein Bett vorne neben der Tre, wo es seinerzeit gestanden, als
noch der alte Weis drinnen schlief; der Lene ihr Bett hatte jetzt die Hanne, und
das war auf dem alten Platze in der dunklen Ecke geblieben und daneben das Lager
des Buben. Das Mdchen hatte auch den Bilderschirm vom Dachboden herabgekramt
und sich damit eine Wand fr ihren Winkel gemacht, sie htte im Nachbarhause
schlafen knnen, der Leopold htte nicht weniger gesehen und gehrt von ihr.
    Diese Ruhe war ihm unertrglich, sie bengstigte ihn, er konnte Nacht um
Nacht erst spt einschlafen und erwachte, wenn es noch dunkel war, und in all
den schlaflosen Stunden lag das Gefhl der Vereinsamung wie ein schweres Gewicht
auf seiner Brust, und ob er sich auch rechts und links wlzte, er konnte es
nicht abschtteln.
    Manchmal schrie das Kind auf oder lallte im Traum, dann horchte er, aber er
hrte keine Bewegung der Hanne, obgleich er wute, da sie es war, die den
Kleinen so rasch beruhigt hatte. Mit spitzfindiger Grbelei setzte er sich
auseinander, da ihm sein Kind so gleichgltig sei wie die Pflegerin, aber die
zwei hatten sich so aneinander gewhnt, da er froh sein konnte darber, er sei
ja berflssig da. Und von Tag zu Tag wurde der Kleine ihm hnlicher ... wenn er
wenigstens das Gesicht seiner schnen Mutter htte, sagte sich der Leopold.
    Der Mann fhlte sich ganz frei, vogelfrei und doch an allen Enden gebunden.
Mit vorwurfsvoller Neugierde sah er zu und wartete, wie lange das junge Mdchen
stillschweigend dieses freudlose Zusammenleben mit ihm ertragen werde. Manchmal
lauerte er auf einen Blick, auf ein Wort, das ihm eine Handhabe geben knne zu
dem letzten und innersten Grund ihrer Opferfhigkeit, oft stand er nahe daran,
sie zu fragen: Warum bist du da? Was ihm ehemals so natrlich erschienen war,
ihre Herzensgte, ihre Neigung zu dem Kinde und ihm, hatte ein anderes Gesicht
bekommen, seit die Lene davon gesprochen hatte, und wenn in den schlaflosen
Nachtstunden das Blut rascher durch die Adern trieb, wenn die Liebe, die
Sehnsucht, die Gier nach seinem Weibe ihn bermannten, dann war es, als
flsterte ihm jemand in die Ohren:
    Weib ist Weib, horche nur, da unten schlft eine, die dir gehrt mit Leib
und Seele, wenn du sie nehmen willst. Das mu anders werden! rief sich der
Leopold selbst zu, wenn er heimkehrte und die Hanne still auf ihrem Platze am
Fenster fand, denn oft beschlich es ihn leise auf dem Weg:
    Vielleicht ist sie nicht mehr da ...
    Was aber beginnen, wenn sie einmal nicht mehr da war? Macht das die
Einsamkeit ertrglicher?
    Den Buben in Pflege geben zu ihr, zu dem Mdel, meinetwegen, sie sind so
aneinander gewhnt ... und dann allein aus der Blauen Gans wandern! Dann knnte
man wieder frei Atem holen ... Ja aber ... aber die alte Frau Walter! Die ist
des Teufels, die nimmt ihre Tochter nimmer heim, das hat sie verschworen, und
dumme, bse Weiber halten alles, was sie schwren. Allein leben kann die Hanne
doch auch nicht, jeder Lump knnte keck nach ihr langen, seit sie im Verruf ist
mit einem verheirateten Mann ... Rechts und links zugesperrt, flieg nur, Vogel
mit den gestutzten Flgeln! Alles so verquickt und so verworren, kein Ausweg ...
    Seit die Brotsorge weggefallen war, trug der Leopold den Kopf wieder ein
wenig hher, und wenn er dem Mdchen das Haushaltsgeld am Samstag hinlegte, so
tat er dies viel bedachtsamer als frher bei seinem Weibe, er schaute sich auch
ihr Rechenbuch genau an, und mehr als einmal sagte er ihr: Es ist schon gut,
da du so Ordnung hltst in allem, du wirst einmal deinem Mann viel ersparen,
denn du weit selbst, wie schwer sich das Geld verdient.
    Wenn sie ihn bei solchen Worten mit hellen Augen ansah oder vor sich hin
lchelte, wandte er sich ab und grbelte, ob sie ihm niemals eine Antwort geben
werde, die ihn hineinsehen liee in das stille Geschpf.
    Entweder hat sie nicht ein Fnkerl Galle oder nicht ein Fnkerl
Weiberverstand, grollte er nach einem solchen Versuche.
    Bald aber ging ihm auch die Neugierde verloren, er wollte das Mdchen nicht
mehr versteckt warnen vor der Zukunft, sie wute ja, was geschehen wrde, wenn
die Lene wiederkam ... Die Lene!... Mit starrsinniger Hartnckigkeit begehrte er
nur nach ihr, und dieses stumme, trotzige, nagende Begehren erstickte allmhlich
jeden anderen Gedanken.
    Nun war er schon wieder so von der Sehnsucht nach ihr befangen, da er
seinem Weibe auflauerte an allen Ecken und Enden, wenn sie auch an ihm
vorbeiging wie an einem Fremden und nicht grte noch dankte. Sie anzureden
hatte er nicht mehr den Mut, aber er schlich ihr nach mit der
zusammen-gekrampften Hand in der Tasche, und da er nun wute, wo sie daheim war,
so lief er die halben Nchte unter ihrem Fenster hin und her. Sie war wirklich
ein ehrbares Weib geblieben, warum also wollte sie nicht mehr zu ihm
zurckkommen? Die ganze Gasse, in der sie wohnte, kannte ihn schon, die Leute
wuten jetzt, da jenes schne, rothaarige Mdchen eigentlich eine Frau sei und
der einarmige Vagabund, der immer da herumlungerte, ihr Mann, ein Nichtsnutz,
den sie davongejagt hatte.
    Das erzhlten sich die Mgde in den Kauflden und die Leute, die an den
Fenstern standen und ihn hin und her wandern sahen, wenn die Lene daheim war.
Die Zeit, wo er sich darum gekmmert hatte, wie er selbst aussehe, war auch
vorbei; wenn ihn irgendeiner ansah, fiel es ihm ein, er dachte aber nur an die
Lene und zupfte dann an seinen Kleidern und Haaren herum, wenn es auch nicht
viel nderte. Er empfand einen Widerwillen gegen alle die wohlgekleideten feinen
Herren, die zuweilen vorberstrichen und manchmal der Lene in die Augen
schauten. Wr ich so ein Aff, wer wei, ob sie nicht gut getan htt? knirschte
er und schlo die Faust ... Wre es nicht ein Modeherr gewesen, der eines Abends
an die Lene anrannte, nur um dann ein paar Worte zu sagen und neben ihr
herzulaufen, so htte sich der Leopold noch berwinden knnen, als er aber sah,
da der geschniegelte Bursche seinem Weibe ganz fremd war und ihr nur seine
hergeputzte Figur aufdrngte, da wurde es ihm zuviel. Wie nun die Lene, ohne ein
Wort mit dem Zudringlichen zu reden, durch ihr Haustor schritt, strzte ihr Mann
auf das Herrlein los, ri ihm das Stckchen, mit dem er spielend herumfuchtelte,
aus der Hand und trat es mitten entzwei, schlug ihm den Hut vom Kopfe, warf ihm
die rgsten Schimpfnamen zu und kmmerte sich nicht darum, da allerorts die
Fenster aufgerissen wurden und neugierige Gesichter den Betrunkenen, wie sie
meinten, anstarrten.
    Am nchsten Morgen, als er wieder an der Ecke lehnte und auf sein Weib
wartete, kam die Lene gerade auf ihn zu und fragte: Kannst du ruhig mit mir
reden?
    Ich kann ... ich kann alles ... was du willst, stotterte er.
    Glaubst du mir, was ich dir sage?
    Alles, alles glaub ich dir.
    So hre mich an. Ich will dich nicht mehr sehen, verstehst du mich? Du
bringst nur Schande ber mich.
    Lene!
    Wenn du mir noch ein einziges Mal in den Weg kommst, so schiebe ich dir
einen Riegel vor. - Ich reise fort. Jhlings packte sie der Leopold am Arme,
zog sie heran und fragte tonlos: Fort?... Wohin?!
    Ich gehe nach Paris. Die Madame Margot hat mir schon neulich gesagt, ich
soll mich nicht so martern lassen von dir. Sie wird mich in einem Salon dort
empfehlen. Schlechtes Weib! fluchte der Leopold.
    Schimpfe, wie du willst, die Leute wissen doch, was ich bin.
    Geh nicht fort, flehte zitternd der Mann, da ich doch wei, wo du bist,
da ich dich wenigstens manchmal sehen kann ... da ich nicht ...
    La die Redereien. Bleib ruhig unten bei deinem Buben und bei - ihr. Ich
mach dir keine Schand. - Mir brauchst du nicht nachzugehen und nachzufragen. Ich
will nichts von dir als Ruhe.
    Ich habe dich ja nur fragen wollen, ob dir gar nichts mehr an unserm
Polderl liegt?... Weib! Ich bin ja ein lebendiger Mensch, ein Mann!... Ich hab
mehr Geduld gehabt als zwanzig andere Mnner, ich habe gelebt wie ein Pfaff,
Lene, hab kein Frauenzimmer angeschaut und mir gedacht, ich will mein Weib nicht
verunehren ... sie kommt ja wieder!... Alles mu ein Ende haben, so geht es
nicht weiter mit uns.
    Du schreist schon wieder, sagte sie ngstlich und schaute nach allen
Seiten. Ich hab ja ein End gemacht, und geht es so nicht, so gehe ich nach
Paris.
    Ist das dein letztes Wort? bat der Mann.
    Ja, mein allerletztes, bei der ewigen Ruhe von meinen alten Leuten, bei
meiner eigenen Seel schwr ich dir, ich geh nimmer zu dir, ich will Ruhe haben.
    Die Lene zitterte am ganzen Leibe, sie war bleich vor Erregung, und schwere
Tropfen rannen ber ihre Wangen.
    Freilich, jetzt sehe ich, da es dir ernst ist ... Du vergit sogar, da
das Weinen Falten macht ... vergit auf deine Schnheit sogar ..., murmelte der
Leopold und schaute sein Weib verwundert an. Ich hab immer noch gemeint, es
knnt einen Weg geben, der uns zusammenfhrt. Keinen mehr!... Sollst Ruh haben,
ich geb dir mein Soldatenwort.
    Stumm gingen die beiden noch eine Weile nebeneinanderher, mit einem Male
aber schlang der Leopold seinen Arm um ihren Hals, kte sie hastig auf die
Wangen, die Augen, den Mund und taumelte fort.
    Am kommenden Tage blieb er bis Mittag in seinem Bette liegen, und als ihn
die Hanne frug, ob er krank sei, sagte er zu ihr: Nein, faul! Dann drehte er
sich um und schlief weiter.
    Nachmittags stand er auf, legte seine besten Kleider an, steckte Geld zu
sich und ging davon, ohne da er auch nur nach seinem Buben gefragt htte. Frh,
als es schon zu grauen begann, kam er heim, er pfiff und sang, da ihn die Hanne
schon drauen auf der Strae hrte, und als sie ihm die Tre ffnete, sang er
noch immer.
    Vergeblich wartete das Mdchen von einem Tag zum anderen, da er wieder
seine Arbeit aufnehmen werde, es war vorbei damit; sie konnte nicht den Mut
aufbringen, ein Wort davon zu sagen, und schlenderte herum und wich sogar jeder
Frage aus, die er sonst zuweilen an sie richten mute.
    Nach Wochen, als er im Fortgehen sagte: Du, der alte Davidl, der Tandler
von der unteren Gasse, holt heute den alten Schubladkasten, rum ihn aus,
schrak sie zusammen.
    Langsam ging der Leopold der Tre zu, da hrte er die schchterne, zagende
Stimme des Mdchens seinen Namen rufen.
    Ah so, du kannst reden, kicherte der Mann, wandte sich um und setzte sich
ihr gegenber an den Tisch, er legte ein Bein ber das andere und frug: Also,
Mdel?
    Du wirst wieder krank werden, begann sie traurig. Frcht dich nicht, ich
kann jetzt schon wieder einen Puff aushalten ... Ist das alles?
    Ich hab dich bitten wollen, weit, wegen dem Polderl, geh doch wieder in
dein Geschft.
    Sie zitterte, da sie nicht weiterreden konnte, endlich aber bermannte es
sie, und wie ein verzweifelter Schrei klang es, als sie fragte: Was mu ich
denn tun oder sagen, da du mir zulieb auch einmal etwas tust?
    Das gab dem Mann einen Ruck, er lie den einen Fu von dem andern gleiten,
beugte den Oberkrper vor, sttzte seine Hand aufs Knie und schaute die Hanne
prfend an.
    Dir zuliebe ... armes Mdel, mir selber zuliebe, willst sagen, gelt? frug
er ernst und mit einem warmen, weichen Ton, so wie er fter zu ihr gesprochen
hatte einst, als sie mit gebrochenen Gliedern dalag ... als sie noch ein Kind
war ... Dir zuliebe, Hanne, htte ich viel tun und lassen mssen ... Ich habe
alleweil das Verkehrte getan auf der Welt ... Jetzt bin ich dabei, das Rechte zu
tun, und das wird auch dir ntzen, langes Mdel.
    Mir?
    Ich habe dich freilich nicht mitgerechnet gehabt, das ist mir auch erst
eingefallen, wie du geredet hast ... Schau, Hanne, warum hast du nie frher
gesagt, ich soll dir zuliebe was tun?... Du warst immer so muserlstill, und ein
schweigsames Frauenzimmer ist, darauf bin ich durch sie ... und dich gekommen,
was Seltenes und vielleicht darum nicht anheimelnd, nicht warm. Plausch, Mdel,
plausch alleweil ...
    Ja, was htt ich denn sagen sollen? fragte sie beklommen.
    Vielleicht httest du mir die andere aus dem Herzen plaudern knnen ...
jetzt ist alles zu spt!
    Was redest du so - so ...
    Es ist wirklich aus, Hanne, sie kommt nimmer ... nimmer zu mir ...,
schluchzte er pltzlich, lie seinen Arm auf den Tisch fallen, legte den Kopf
darauf und weinte ... weinte ... weinte.

Allmhlich erzhlte er ihr alles, die ganze Leidensgeschichte, die sein Herz
durchempfunden, jede Qual, die er lautlos getragen, jede Hoffnung, die er
begraben hatte ... Er sprach, als ob sie gar nicht so leichenhaft dort im
Halbdunkel se, als ob er allein wre und eine verweinte Beichte seiner Schuld
und seiner Pein hinsagte vor einem unsichtbaren, gleichfalls wehrlosen Wesen,
das nichts mehr gutmachen kann, nicht mehr aufhelfen kann, das nur hineinschauen
soll in ein zermalmtes, verblutendes Menschenherz.
    In dem groen Gemache erwachten klagende Stimmen allerorts ... wie erweckt
von dem haltlosen Schluchzen des Mannes, so wurden alle Erinnerungen aus alten
Tagen lebendig, und ein leises Weinen zitterte in allen Ecken, in allen Gerten,
in allen Wnden. Der gewaltige, freigewordene Schmerz strte die Geister aller
an dieser Stelle stumm getragener Leiden auf, und wie aus einer fernen
unbekannten Welt klangen die Tne herber, schwermtig, geisterhaft, klagend,
gleich dem Echo zerrissener Saiten, gleich dem Nachklang gramvoller
Sterbeseufzer.
    Aus ist es, Hanne, ob mich heute oder morgen oder bermorgen die Kugel
niederwirft ... ich wei es nicht, aber ich kann nimmer leben ohne mein Weib,
das siehst du doch jetzt ein, Mdel, gelt? fragte der Leopold am Ende.
    Ja - freilich - das sehe ich jetzt ein -, erwiderte die Hanne mit fester
Stimme.
    Sie redeten so zueinander, aber keines konnte das andere sehen. Das Mdchen
hatte den Vorhang niedergelassen und sich in die dunkle Ecke gesetzt neben den
Kleinen, als der Mann zu erzhlen anhub, und dort war sie unbeweglich sitzen
geblieben und hatte nur hingehorcht zu ihm, er aber hatte die Augen geschlossen,
whrend er sprach, als ob sie ihm der Schmerz zugedrckt htte.
    Jetzt stand die Hanne auf, zndete die Lampe an, nahm ihr Tuch von dem Nagel
an der Zimmertre und sagte bittend: Jetzt kannst du mir etwas zulieb tun, und
ich will es dir mein Lebtag danken.
    Was denn? fragte der Leopold und schaute wie ein todmder Mensch zu ihr
hin.
    Bleib bei dem Kind, bis ich wiederkomme. Ich komm bald. Warte nur auf
mich.
    Kindisches Ding ... dir zuliebe ... ich bin froh, da ich dir noch was
zulieb tun kann ... Ich wart schon. Alsdann in Gottes Namen, flsterte die
Hanne, drckte ihm die Hand und eilte davon.

Wie ein Putztisch sah sich das kleine Zimmer an, in dem die Lene sa und eifrig
nhte. Alles Ersparte hatte sie an die Einrichtung gewendet, und nun endlich
hing und stand alles genauso da, wie sie es getrumt hatte.
    Auf dem Boden lag ein grauweier Teppich mit blauen Blmchen, an den
Fenstern und ber dem Bette hingen weie Zitzvorhnge mit blauen Blmchen, die
Sthle und das kleine Sofa waren berzogen von demselben Stoff mit blauen
Blmchen, und mitten in der Stube schwebte eine blaue Glasampel mit hellblauen
Blmchen. Die zierlichen Schrnke, der Tisch, das Bettgestell waren wei
lackiert und mit blauen Streifen gerndert, und die Tapete war weigrau mit
blauen Blmchen.
    Mitten in diesem verwirklichten Traum sa die glckselige Lene, sogar der
weie Schlafrock mit den gestickten Falbeln und den blauen Schleifen gehrte
dazu. Wenn sie die Nadel rasten lie und aufblickte, da wurde das schne Gesicht
noch reizender durch den Ausdruck des innerlichsten, zufriedensten Behagens,
aber sie lie sich nie viel Zeit, ihre Herrlichkeiten zu genieen, sie nhte
wieder emsig weiter.
    Seit sie einmal als Kind das Schlafzimmer einer jungen Dame gesehen hatte,
seit sie die Kammerfrau, fr die der Lene ihre Mutter die Wsche wusch, in das
Stbchen gucken lie, wollte ihr das Wei mit den blauen Blmchen nimmer aus dem
Sinn. War das bei ihrer Mutter oder in der groen Stube der Frau Weis mglich?
    Nun war sie lngst kein Mdchen mehr und endlich ihre eigene Frau, jetzt
konnte sie ihren Traum verwirklichen Stck um Stck; und sie, die sonst nichts
entbehren wollte, sie kargte mit dem Bissen Brot, sie legte Kreuzer zu Kreuzer,
um nach und nach noch eine Elle Zitz zu kaufen, damit die Falbeln an den
Vorhngen reicher wurden. Mit ehrlicher Pnktlichkeit bezahlte sie dem Tischler
jeden Monat einige Gulden, um rascher ihrer Schuld ledig zu sein, vom grauenden
Morgen arbeitete sie daheim, bis sie zu Madame Margot gehen mute, und wenn sie
heimkam, betrachtete sie mit andachtsvollem Entzcken ihre Stube, dann setzte
sie sich an die Arbeit und nhte, bis ihr fast die Augen zufielen.
    Jetzt waren ja alle Wnsche ihres Lebens erfllt, dieses Gemach, keinen
Mann, kein Kindergeschrei, von allen gehtschelt, bewundert und begehrt, aber
doch allein, ganz allein, eine zufriedene, ehrbare Frau.
    Die Leni war freilich nie so schn gewesen als nun in dieser lichten,
duftigen Umrahmung. Friede, Stille und Schnheit umflo sie, und kein Gedanke
verirrte sich zurck in den Winkel, aus welchem ihr Liebreiz emporgeblht war
wie eine reine, stolze Lilie unter drftigen blassen Veilchen, schwerflligen
Distelblumen und allerlei farbenschreiendem, niederem Unkraut.
    Die Lene las nmlich auch jetzt an Sonn- und Feiertagen manchmal Romane, und
wenn sie dann darber nachzudenken versuchte, so machte sie zwischen sich und
der Heldin und dem Leben in der Blauen Gans Vergleiche und schwang sich zu
groen Empfindungen auf, die darin zusammenflossen, da sie ehemals sehr
mihandelt war. Jetzt war sie schon auf einem Standpunkt, wo sie das weie
Lilienbewutsein ohne jeden rckdenkenden Vergleich trug, der weigestickte
Mullschlafrock machte sie zu einer Dame, und ihre Tugend war ber alle Zweifel,
das sagten alle Leute, sie sa in dem weien Zimmer mit den blauen Blmchen, in
aller Zukunft konnte jetzt nichts mehr kommen, was sie aus ihrem Geleise bringen
mochte.
    Aber das Alter, die Schnheit vergeht -!
    Das Alter. Ich werde eine sehr schne alte Frau werden, hat neulich ein
Bildermaler bei der Madame Margot gesagt, antwortete sie sich selbst und dachte
an die weiteste Zukunft, an sehr schne weie Haare.
    Nun tat ihr eben diese Denkerei schon wieder weh, das war kein Geschft fr
sie, lieber lustig darauflosgenht, jeder Stich ist ja Geld.
    Mit einem Male war es dunkel geworden, die Lene zndete die Hngeampel an,
und der blulich-weie Lichtschein ergo sich ber das Gemach. Wie jeden Abend,
so staunte sie auch jetzt wieder das Wunder an, da die blaue Glaslampe einen
weien Schimmer geben konnte, denn eigentlich war jetzt sie und jedes Stcklein
ganz wundersam wei. Gerade war sie wieder daran, nachdenken zu mssen, als es
leise an ihre Tre pocht.
    Wer kann das sein? Die Lene streckte das Kpfchen vor und horchte. Die
Hauswirtin, der Brieftrger? Sie setzte sich aber doch in ihrem Lehnstuhl hbsch
zurecht, so vornehm wie die noblen Damen bei der Madame Margot, sie lehnte den
Kopf zurck, breitete seitwrts die Schleppe ihres Schlafrockes aus und lie
ihren kleinen Fu mit dem blauen Pantoffel sehen.
    Da klopfte es zum zweiten Male, lauter, dringlicher. Herein!
    Langsam geht die Tre auf, nur ein Stckchen - und durch den engen Spalt
schiebt sich mit gesenktem Kopfe eine schmale zaghafte Gestalt. Sie drckt mit
den Ellenbogen die Tre wieder hinter sich zu, ohne da sie sich umwendet, dafr
aber lehnt sie sich mit den Schulterblttern rasch an.
    Die Lene reit die Augen weit auf, als ob das leichenhafte Geschpf mit den
dunklen Haarstrhnen, die an ihrer Stirne kleben, ein Gespenst wre, dann zieht
sie die Augen klein zusammen, macht ihre vornehmste Miene und will reden, als
aber die andere nur die Lippen bewegt, schttelt sie den Schreck und die
Vornehmheit pltzlich ab, springt auf, stemmt die Hnde in die Hften und sagt
mit einem langsamen Blick, der von unten bis oben ber die gebeugte Gestalt
gleitet:
    Das ist zu keck!
    Ich wei es, erwidert die Hanne mit gebrochener Stimme, aber ich bitte
dich, hre mich an.
    Schau zu, da du aus meinem Zimmer kommst! ruft die Lene drohend.
    Dein Kind!
    Ich hab kein Kind, seit es in solche Hnd ist - Pfui!
    Dein Mann! Hr mich an ...
    Red nicht von ihm.
    Gnad und Erbarmen, Lene! Das junge Mdchen fiel auf die Knie, erhob den
Kopf und streckte die gefalteten Hnde weit von sich.
    Wr ich gekommen? Htte ich mich getraut? sagte sie erschpft, wenn nicht
dein - der Leopold - Lene! - er stirbt!
    Die schmale Gestalt brach zusammen und fiel vornber, so da sie mit der
Stirne auf den weien Teppich mit den blauen Blmlein schlug.
    Wer stirbt? frug die Lene halblaut, und es schttelte sie am ganzen Leibe,
als sie auf das Wesen vor sich niedersah.
    Stirbt, das Wort erweckte alle Sinne der Halbohnmchtigen, sie raffte sich
zusammen, kroch auf den Knien der Frau nher und lallte mhsam: Dein Mann -
stirbt - kann nimmer leben - ohne dich - erbarm dich - komm heim.
    Sonst nichts? - Ich heim? frug die Lene spttisch. Sie blickte sich in dem
kostbaren wei-blauen Zimmer um. In das Loch dort zurck? - Ich hab es ihm
gesagt, und er mu nrrisch sein, wenn er glaubt, ich komme.
    Er glaubt es nicht - er wei, da du dein Wort hltst, beteuerte die Hanne
und richtete sich an einem Stuhl wieder auf, und darum will er sich erschieen
- heut - morgen - bermorgen - wer wei es? - Komm, um Gottes Barmherzigkeit,
komm, eh' es zu spt ist.
    Hat er dich hergeschickt - und hast dich getraut, zu der Frau von deinem
Schatz zu kommen? fragte die Lene mitrauisch.
    Red, was du willst - in allem hast du recht - aber nur glaub, da er mich
nicht - geschickt hat. - Davongerennt bin ich in meiner Todesangst um ihn. -
Schlag und schimpfe mich - sag, was du willst zu mir - aber erbarm dich - denk
an den Buben, der ein Waiserl wre, erwiderte die Hanne demtig.
    Mcht mich nicht beschmutzen - du, meine beste Freundin, hast so ehrlos
sein knnen? klagte die Frau und wendete sich ab.
    Ja, recht hast du. Nimmer wirst mich sehen, und nichts wirst von mir hren
- aber geh, geh, sonst knntest du zu spt kommen.
    Wer es sagt, der tut es nicht, murrte die Frau abwehrend.
    Nimm es auf dich! rief die Hanne erschttert, du kennst den Leopold, der
tut's! - Mehr als dich bitten kann ich nicht. Soll ich noch was tun? Weit du
was, ich will dir Hnd und F kssen ... Erbarm dich.
    Schmen sollst dich, da du dich so abwinselst um einen Mann - um meinen
Mann! - Mut ja vernarrt sein in ihn ber alles. - Schmst du dich denn gar
nicht? sagte die Frau langsam, wie von Ekel erfllt.
    Ich schme mich, da ich da bin, flsterte die Hanne ergebungsvoll.
    Mu dir keine Freude machen, wenn dein Schatz sterben will, weil er nicht
ohne sein Weib leben kann.
    Glaubst du es doch endlich? schrie die Hanne schluchzend auf.
    Ja, ich glaub's, weil ich sehe, da du fast zugrunde gehst daran, sagte
sie kalt und streng, das ist die Strafe fr deine Liederlichkeit.
    Ja - ja - so ist's - kommst du aber heim? - zu ihm - jetzt - gute, schne,
heilige Lene! - kommst?! flehte das Mdchen, und die Zhne schlugen ihr
aneinander, und sie zog und zerrte an ihren Fingern.
    In die Blaue Gans? Mein Lebtag nimmer in den Mistwinkel, wo er in wilder
Ehe gelebt hat. Nein. - Das ist mein Haus, da bin ich Frau - und will er ein
ehrliches Leben fhren, so soll er mit dem Kinde daherkommen. War es ein
Freudenschrei, war es ein Klagelaut, den die Hanne zurckhielt, als sie sich
aufbumte und mit beiden Hnden an den Mund fuhr? Rasch sank aber die Gestalt
wieder in sich zusammen, und sie nickte nur dankbar: Ja - ja!
    Da nebenan ist eine Kammer frei, sagte die Lene matt wie ein Mensch, der
sich einen Finger abschneiden lt von seiner krftigen gesunden Hand, dort soll
er mit dem Buben bleiben. Ich bleibe da. Sein Weib will ich nimmer sein. Htt
ich gewut, was heiraten heit, wr ich es nie worden. Und jetzt erst nach dir!
    Recht hast du - du bist so gut! - Darf ich ihm sagen, da du -, flehte das
Mdchen.
    Eine Stelle will ich ihm auch verschaffen bei uns im Geschft, betonte die
Frau hochmtig und doch geschmeichelt von der Wichtigkeit, die jetzt jedes Wort
von ihr hatte.
    Ich - dann -, die Hanne unterbrach sich ngstlich und bat dringend, darf
ich ihm das sagen?
    Er soll kommen ...
    Ja! - Noch eins. - Ich bitte dich - er knnt mir nicht glauben. Weit, ich
hab ihn einmal angelogen wegen dem Brief vom Gericht.
    Wirst fter gelogen haben. Solche Weibsbilder lernen das, warf die Frau
verachtungsvoll hin.
    Freilich - freilich - fter, ja - und darum glaubt er mir nichts mehr. Hast
recht. Weit, und darum wird er sich nicht hertrauen zu dir. - Schreib auf ein
Stckerl Papier: Komm, Leopold! und deinen Namen darunter, dann wird er mir
glauben.
    Die Lene rckte langsam den Lehnstuhl an den kleinen Schreibtisch, setzte
sich sehr vornehm nieder und kritzelte:

Ich nehme dich in meine Wohnung, du kannst kommen.
                                                                     Madeleine.

Hinter ihr stand das blasse Mdchen mit gefalteten Hnden, sie betete und betete
und dankte mit tiefster Demut, mit dem inbrnstigsten Glcksgefhle allen den
Heiligen, die sie angerufen hatte, jetzt in den Stunden der bittersten
Herzensnot, sie dankte der schmerzensreichen Mutter Maria und dem Jesuskindlein,
weil sie dem kleinen Buben den Vater erhalten haben und die Mutter wiedergegeben
... sie dankte der Frau Magdalena Weis wie einer Heiligen, da sie dem Leopold
alles verziehen hatte.
    Die sonderbare Heilige wendete sich um und gab der Hanne den Brief, in dem
Augenblicke wre ihr das Mdchen mit den groen starren Augen am liebsten um den
Hals gefallen, aber sie hatte nicht den Mut dazu.
    So, da hast du - la dich nimmer vor mir sehen. Nimmer - nimmer!
    Und werde ein ehrliches Mdel, wenn es noch mglich ist.
    Vergelt dir Gott alles Gute, was du in der Stund getan hast, erwiderte die
Hanne, und ihre Augen leuchteten, ihr Gesicht glhte, als sie den Brief in ihr
Tuch einschlug, an die Brust drckte wie einen Schatz und forteilte, ohne auch
nur das kstliche weiblaue Zimmer anzusehen. Die Lene aber setzte sich jetzt
ganz gewhnlich auf den nchsten Stuhl und schluchzte, als ob ihr das Herz
brechen sollte. Da war ein Ri mitten durch den lebendig gewordenen Traum, das
Kind, der Mann kamen wieder, nur nebenan, nur nebenan, das weiblaue Zimmer war
ihr Heim, ber die Schwelle soll niemand mehr von der nichtsnutzigen Sippschaft.
    Was jetzt aus dem liederlichen Mdel werden wird? frug sie sich nach einer
Weile. Wie hlich sie ist -, das junge Weib wusch sich die Augen und schaute
dann lange in den Spiegel.

Da bin ich wieder, Leopold! rief die Hanne schon in der Tre, und das mit
einer so frischen, mutigen Stimme, da sich der Angesprochene berrascht
umwendete.
    Ich war nicht lange fort, gelt? Aber ich hab doch viel ausgerichtet. Sie
hngte ihr Tuch wieder an den Trnagel, lief zu dem Bette des Kindes und redete
dazwischen immer hastig und laut: Gute Nachrichten hab ich gebracht fr dich,
fr den Buben, fr - nein, was es da fr eine Hitze hat! Sie trocknete sich,
unschlssig, ob sie weiterreden sollte, die Stirne, holte tief Atem und sagte
dann eindringlich: Fr dich die allerbesten Nachrichten, Leopold.
    Machst dir einen Spa?... Bist halt doch nur ein Frauenzimmer und kannst
nicht begreifen ... ah!..., sagte er dann mit einer wegwerfenden Gebrde und
stand auf.
    Meinst? erwiderte sie und lchelte verstrt, willst etwas Neues von der
Lene hren? frug sie vorsichtig. Ein jhzorniges Aufblitzen seiner Augen war
die Antwort. Ich hab sie gesehen, sagte das Mdchen zgernd, und ich meine,
du hast die ganze Sache doch ein wenig zu scharf angepackt. Sie stockte wieder
und streckte, ohne es zu wollen, die Hnde nach ihm aus, so als ob sie ihn
zurckhalten mte, aber schnell lie sie die Arme sinken, als sie in sein
starres, wie von einem Krampf verzogenes Gesicht schaute.
    Red nicht mehr von ihr, ich bin fertig.
    Er sagte das ganz leise und schlicht, aber die Hanne fhlte es dennoch
eiskalt durch ihre Adern rinnen, so ein Ton lag in den Worten.
    Jetzt wirst du aber doch recht erschrecken, aber - nachher wirst anders
denken ber allerhand. - Es knnt halt doch noch besser werden, als du meinst. -
Bleib nur sitzen, sei nicht ungeduldig, hr mich an.
    Erschpft lehnte sich der Mann wieder in den Stuhl zurck und blickte auf
den Reifen, welcher in die blankgescheuerte Tischplatte gebrannt war. Da stand,
als seine Mutter noch lebte, immer der groe Kaffeetopf, nur bei besonderen
Festlichkeiten legte sie ein Tischtuch auf, sonst mute ein Stck Wachsleinwand
den Dienst versehen, und trotz dieses Schtzers bekam der Tisch doch einen
gelbbraunen Reifen, weil der Topf frher immer genau an derselben Stelle stand.
- Seltsam, wie der Leopold jetzt auf den eingebrannten Ring starrte, sah er die
kncherne, runzlige Hand der alten Frau, die vor ihm da putzte und putzte - mde
Finger mit kurzen, abgestoenen Ngeln kratzten da, als mte der Fleck
hinwegzuscharren sein.
    Die armen, alten, fleiigen Hnde, dachte er und griff danach; aber jetzt
erhob sich der Zeigefinger und drohte, wie er oft dem wilden Buben gedroht
hatte, und der Mann hrte die klagenden Worte, die seine Mutter oft so warnend,
so vorherrschend gesagt hatte: Bub, Bub, dein Kopf fhrt dich auf keinen guten
Weg! Anderes konnte sie seinem Eigenwillen nicht entgegensetzen.
    Hat sein Kopf ihn auf einen guten Weg gefhrt?... Ei, da stand er ja schon
am Ende ... Der Finger warnte und drohte nun vergebens. Alt's Weib, du hast
recht gehabt; nicht alleweil hat dein drrer Finger den guten Weg weisen knnen
... und warum hat denn dein Kind wirklich den eigenwilligen Kopf von seinem
Vater und das weiche, liebereiche Herz von dir?
    Studier nicht alleweil so viel nach, Leopold. Die Lene ... Aber Mdel,
bleibst denn dein Lebtag bei all deiner Gutheit voll Unverstand? unterbrach sie
der Mann mit einem flehenden Blick.
    Kurz und gut - mach dich gefat - ich - ich war bei der Lene! stie die
Hanne hervor und lie ihn dabei nicht aus den Augen.
    Du! schrie er auffahrend, und hast ihr gesagt?... Als er jedoch in das
zaghafte Gesicht des Mdchens schaute, sagte er mitleidsvoll: Ja, ja!... Hast
dir eine schne Freud dort geholt, gelt?
    Vielleicht doch, Leopold, vielleicht! - Ich hab sie gebeten, deine Frau,
da sie zu dir heimkommen soll! erzhlte die Hanne fieberhaft, und sie - sie
hat ...
    Dich hinausgeworfen, die noble Frau, und nichts hren wollen von ihren
Leuten ... dummes Ding, hast glaubt, was ich nicht zuwege bringe, kannst du?...
Den Einfall! Er betrachtete sie kopfschttelnd, bedauernd, dann setzte er
lebhaft hinzu: Was wird nun aus dir, wenn du allein bleibst?... Am Kraut
fressen dich die da herunten, die G'scheiten, die das Gras wachsen hren und
alle so ganz gewi wissen, da du ein leichtfertiges Mdel bist ... Was wird bei
deiner Verdrehtheit aus dir und dem Buben, wenn ... wenn ..., brtete er und
schaute sie noch immer teilnahmsvoll an.
    Was aus mir wird, wenn du fortgehst, Leopold? sagte sie unterwrfig. Ich
werd dein Zeug da alles verkaufen und dir das Geld nachschicken. - Dann werd ich
meine Frau Mutter bitten, da sie mich wieder heimnimmt - tut sie es nicht, so,
so schau ich mich um eine zweite Ledige um und mach, da wir so alle zwei die
Stuben b'halten knnen - fr zwei kommt's billiger ... Fleiig sein mu ich
halt, und nach und nach, wenn die Nachbarn erfahrn, da du wieder ein
glcklicher Mensch bist, werden sie auch mich in Ruh lassen. - So mein ich, werd
ich halt langsam alt werden und recht froh sein, da du und der Bub am rechten
Ort seid's und da du zufrieden bist.
    Was heit denn das alles? frug der Leopold erstaunt, soviel hatte er das
Mdchen noch nie reden gehrt. Das ist ja schon helle Narrheit! Was redst du
immer nur von mir?
    Erschreck nicht, Freud kann auch schaden, hat deine Frau Mutter allerweil
g'sagt.
    Na, ihr hat sie nicht geschadet ... sie hat nie zuviel gehabt ... und
mir!... Mach's kurz, was steckt dahinter? drngte er unruhig.
    Jetzt aber wurde sie pltzlich leichenfahl, das verstrte, fremdartige
Lcheln war wieder da, und ohne da sie es wute, ging sie ein paar Schritte
rcklings von ihm hinweg, lie den Kopf sinken, da ihr Kinn bis auf die Brust
fiel, und fingerte mit der rechten Hand in der Tasche.
    Da hast - siehst - sie ist besser - viel besser, als du g'meint hast! -
Jetzt hielt sie ihm aus der Ferne einen Brief hin, und als er danach langte und
ihn packte, da zitterte sie, da ihre Zhne zusammenschlugen, sie schlang die
Finger ineinander und rhrte sich nicht von dem Flecke, an dem sie stand.
    Der Leopold zerfetzte den Umschlag mit seinen Zhnen, und als er das Blatt
herausgeschlt hatte, breitete er es unter die Lampe, legte sich zur Hlfte ber
den Tisch und las mit verschwimmenden Augen. Oh!... oh!... oh!...
    Er legte seine Wange auf den Brief, denn sein Arm konnte das raschelnde
Blatt nicht mehr halten, und an den Knien bogen sich seine Beine verdchtig. So
lehnte er schweratmend minutenlang, und nur zuweilen drang der wonnewimmernde
Laut, dieses Aufsthnen, als ob allgemach Last um Last von ihm genommen wrde,
aus seiner Kehle ... Ach, von tiefer her stieg es auf, aus einer glckseligen
Betubung rang es sich heraus, aus dem dumpfen Lustgefhl der jhen
Ausgespanntheit, aus dem gedankenlosen Genu des Lebendigwerdens, des
Gerettetseins kam der kurze weh nachklingende Jubelruf: Oh!... oh!... oh!...
    Das erfate sie nicht. Fr sie war es ein Jammerruf, sie stand dort und
horchte wie mit gebundenen Hnden und Fen. Warum seufzt und jammert er,
anstatt zu lachen und zu springen - was soll ich jetzt noch tun? fragte sie sich
gengstigt, und sie frchtete sich, da ihn vielleicht seine Krankheit wieder
angepackt hat, seine Schwche. Lepold!
    Er rhrte sich, richtete sich auf und streckte ihr die Hand entgegen.
    Komm her, du!... du! - - - Meiner Seel, Mdel!... Du brauchst nur zwei
weie Flgel noch ... Er legte seinen Arm um ihren Nacken, drckte sie fest an
seine Brust und kte sie genau auf den blankweien Strich, der ihre dunklen
Haare teilte, dann lie er sie los und lief in der Stube auf und nieder.
    Jetzt erzhl mir ... erzhl mir alles! sagte er nach einer Weile.
    Und sie erzhlte den ganzen Hergang. Hatte sie so viel vergessen in dem
Stundenraum? Hatte sie so wenig gehrt, gedacht, empfunden? - Das Bild, welches
sie dem Manne darstellte, war dasselbe und doch ein anderes; alle scharfen Tne,
alle grellen Farben fehlten, ihr eigenes, weies, gepeinigtes Gesicht war
verwischt und verschwommen, und das der Lene trat leuchtend, schn und gtig
hervor. - Nur Mitleid, Gekrnktheit, Irrtum schien zwischen Mann und Frau
gelegen zu sein, und jetzt, so sagte die Hanne, hat sie halt in ihrer strengen
Art verziehen.
    In solchem Lichte sah der Leopold nun die Lene und die Zukunft, er horchte,
nickte und lchelte, sprang auf, klopfte der Hanne dankbar auf die Schulter und
setzte sich wieder ihr gegenber.
    Das Mdchen hatte sich ganz frei geredet, die Beklommenheit war fort, ihre
Wangen hatten sich wieder leicht gertet, sanft und geduldig, mit dem verklrten
Ausdruck eines Wesens, das mit schwachen Krften in der entscheidenden Stunde
Schweres vollbringen konnte, sa sie da und schilderte die Lene, wie sie
trumte, da sie sein sollte, vielleicht noch werden wrde - eigentlich aber wie
sie, die Hanne, unbewut es selbst war.
    In aller Frh morgen pack ich meinen Buben auf und geh zu ihr, gelt? Damit
ich sie noch daheim finde, ehe sie in den Salon geht.
    Ja freilich, sagte die Hanne ebenso eifrig, ich richte dir dein' Koffer
und dem Kind - sie schrak zusammen, blickte nach dem Kleinen, richtete sich
aber wieder auf und plauderte weiter, dem Polderl seine Sach auch dazu, und das
soll euch der Hausmeister nachbringen - dann wissen wenigstens gleich alle Leut
im Haus, da du wieder bei deinem Weibe bist.
    Das ist ein gescheiter Gedanke, meinte der Leopold beistimmend.
    Und eure Einrichtung, die ...
    Die behaltest du und wirtschaftest weiter bis ..., unterbrach sie der
Mann.
    Ah, beileib nicht! Was dir einfallt? Den Tisch da und dein kleines Kasterl,
wo du als Bub deine Schulsachen drinnen gehabt hast und spter deinen
Soldatenrock und die Medaille, den schenk mir, der Kasten ist gar so ein liebes
Ding, deine Frau Mutter hat mir erzhlt, da du als Bub ...
    Sonst willst du gar nichts? redete der Mann kleinlaut in ihr hastiges
Geplauder.
    Gar nichts. Oder wenn du willst, so verkauf mir alles, mir ist's ein liebes
Andenken an deine alten Leut, flsterte sie zaghaft. - Denn in dein neues
Zimmer brauchst nichts, deine Frau hat alles viel schner.
    Hast recht, es wre doch schad um das alte Germpel da ... Aber man lernt
leichter vergessen, wenn man nichts mehr sieht von dem alten.
    Ja, seufzte die Hanne leise und begann, Wsche und Kleider aus den Kasten
zu rumen und in Ste auf die Sthle zu ordnen. Dann machte sie sich auf,
richtete dem Leopold das Abendbrot zurecht, sie htte fast darauf vergessen, und
holte, obgleich das Haustor schon geschlossen war, noch einen Schluck aus dem
Wirtshaus fr den Mann. Als sie mit der gefllten Flasche zurckkam, frug der
Hausmeister: Na, ist heut Kirchtag bei euch, Hannerl?
    Das nicht, aber - Abschied. Morgen mt Ihr so gut sein und dem Lepold sein
Koffer und Kisten zu der Lene fhren, er geht wieder zu seinem Weibe, erwiderte
die Hanne ernsthaft.
    Was du nicht sagst! Und sie nimmt ihn? fragte er zweifelnd.
    Sie hat ihm ja selber geschrieben, da er kommen soll. So? - Und das Kind
nimmt er mit? Und dich? schrie der Mann und lachte roh.
    Das Kind nimmt er mit, und ich bleib da, wo ich war, sagte sie einfach und
lie den Hausmeister mit offenem Munde stehen.
    Der Leopold a und trank und half der Hanne die Bndel zurechtrichten, er
durchstberte alle Winkel, nahm jedes Stcklein, welches seinem Weibe gehrte,
liebkosend in die Hand, sprach fort und fort von den knftigen Tagen, so da die
Nacht hinflo und die Sterne erblichen, ehe er daran dachte. Mit einem Male
fhlte er aber, da er kein Glied mehr rhren konnte vor Mattigkeit, und da warf
er sich so, wie er war, mit den Kleidern auf sein Lager.
    Als ihn das Mdchen schlafen hrte, lie sie die Arme niedergleiten, sie war
ja tausendmal mder als er - aber es jagte und hmmerte doch in ihr, und sie
getraute sich nicht eher zu ruhen, als bis alles geschehen war. - Nun schleppte
sie noch eine Kiste herbei, packte sie fest und sauber, endlich war sie mit
allem fertig. Als die Sonne ein rosiges Wlkchen voranschickte und dann eine
ganze Flut von rtlichem Licht, sah der lange Hof aus, als ob er schamrot wrde
anstatt der Leute, die in seinen Mauern schliefen und sich nur im Traum noch
nicht die Steine zurechtlegen konnten, die sie bald auf die Wehrloseste unter
ihnen warfen.
    Als die Sonne immer weiter heraufkam und ihr strahlendes Gesicht in den
Scheiben spiegelte und mit heiem Blick in alle Fenster lugte, da setzte sich
die Hanne still nieder und nahm Abschied von dem Kinde und von dem Vater. - Es
war ein stummer, trnenloser Abschied, sie betrachtete die beiden gleich einem
hilflosen Tier, dem eine rohe Hand die ganze Brut genommen und das Nest zerstrt
hat - dort liegt das Letzte, und die Hand greift noch einmal - und es bleibt gar
nichts mehr zurck als Schmerz. - Was wird die kleine, weie Hand, von der sie
sein Leben erbettelt hat, mit den beiden beginnen? - Da fllt ein Sonnenstrahl
ber das schlafheie Gesicht des Leopold. Nimmer, nimmer sehen! - Er geht fort
fr immer.
    Die Sonne liegt hei auf seiner Stirne, darum fhrt der Leopold auf, fhrt
mit der Hand ber den Kopf, sinnt eine Weile nach, erblickt den vollgestopften
Koffer, die Kiste, und er lacht dann hell auf, denn er meinte schon, er htte
die schne Geschichte von der Lene nur getrumt. Und nun beginnt er sich zu
waschen, zu kmmen, zu brsten, und die Hanne macht sich an das Kind und putzt
es her, als ob Feiertag wre. Der kleine Bursche ist so frhlich wie lange
nicht, fter als einmal will er von dem Arm der Hanne hinber zu seinem Vater,
der manchmal ruft und lacht, vielleicht ist es das heitere Gesicht des Leopold,
das dem Buben so gefllt.
    Je spter es wird, desto ruheloser treibt sich der Mann in der Stube herum,
sein Herz, seine Seele sind ihm ja vorangeeilt, da tappt und hastet nur der Leib
und mchte so rasch als mglich der Seele nachlaufen. - Sooft er in die Nhe der
Uhr kommt, bleibt er stehen und lauert auf das unmerkliche Weiterrcken des
Zeigers.
    Die Leute gehen auch langsamer durch den Hof als sonst, sie schauen
auffllig nach der Tre und dem Fenster des Leopold, sie wissen bereits, da er
fortgeht; der Hausmeister hat es schon weitergetragen. Wie sich der Mann auf
seinen alten Platz am Fenster setzt, da grt ihn sogar eines der Weiber, er
merkt es aber nicht, er schaut nur ber den Hof hinweg auf die Strae, die von
hellem Sonnenschein vergoldet vor ihm liegt. Der Hausmeister kommt
herangeschlurft und sagt mit einem Blick ber die Achsel: Die - hat mir heut
nacht gesagt, da du gehst - ich soll dir die Kisten nachbringen, ist es wahr?
    Wahr ist es, erwiderte der Leopold kurz.
    Wann?
    Gegen Mittag.
    Zu deinem Weib?
    Ja.
    Gut, da die Wirtschaft da ein End hat. War eine Schand fr unser Haus,
brummte vergngt der Mann.
    Darum hat dich niemand gefragt, sagte der Leopold, stand auf und ging
zurck in die Stube.
    Es ist Zeit, mahnte die Hanne und knpfte dem Kinde noch ein seidenes
Tchlein um den Hals. Wenn der Bub nur ein wenig hustet, so gebt ihm gleich
einen kalten Umschlag um den Hals - merke dir das -, seit der Brune ist er
empfindlich, und einschlafen tut er jetzt nur auf der rechten Seite - sonst
kriegt er Herzklopfen - und Griesuppe darf er keine essen, die vertragt er
nicht - und jetzt - jetzt geht, geh in Gottes Namen - jetzt - geh - Lepold.
    So, da standen nun die Nachbarn alle in der Nhe der Tre und warteten und
steckten die Kpfe zusammen. Richtig, jetzt geht die Tre auf, und der Leopold
kommt heraus. Zwischen Tr und Angel schttelt ihm die Hanne noch einmal die
Hand, und dann legt sie ihm das Kind in den Arm, und jetzt geht er.
    Lepold, wart! ruft die Hanne bei dem ersten Schritt, den er macht. Sie
legt ihm die Hand auf die Schulter und flstert, damit es die Umstehenden nicht
hren knnen: Ich hab noch vergessen, dir zu sagen, da du still sein sollst. -
Sag der Lene niemals die Wahrheit wegen uns zwei. - Sie tt es dir doch nicht
glauben und htt dann - die Hanne konnte das Wort nicht finden fr das, was sie
doch deutlich empfand. Ich mein halt, sie htt dir weniger zu verzeihen, wenn
sie die Wahrheit wt, und sie verzeiht dir halt jetzt gern recht viel. - Das
Mdchen stammelte und verdeckte ihre gramerfllten Augen mit der Hand, um sie
vor den Sonnenstrahlen zu schtzen.
    Ich werd schon in der rechten Stunde das Rechte sagen, erwiderte der
Leopold ernsthaft und ging langsam weiter.
    Renn ihm nach, deinem Schatz!
    Er lat sich nimmer halten, gelt?
    Hast dir eingebildet, du bist schner als die Lene?
    Aus der Tanz.
    So schwirrte es rechts und links um sie, und sie hrte es doch gleichsam aus
weiter, weiter Ferne - sie lief in die Stube und eilte wie suchend zu dem Platz
am Fenster, wo er noch vor Minuten sa, dort kauerte sie sich hin und blickte
ihm nach, der mit festen Schritten weiter und weiter ging. - Jetzt hielt ihn
nichts mehr zurck - er hatte den Hof hinter sich - die Einfahrt jetzt - nun
ging er durch den Torbogen - und jetzt schritt er schon die sonnenhelle Strae
hinab - immer weiter fort - immer kleiner und kleiner wird der Mensch - da
wirbelt eine Staubwolke - sie verschwindet - und der Leopold ist nimmer zu
sehen.
    Niemand sprach ein freundliches Wort zu ihr, sie glotzten sie nur stumm an
oder schmhten sie halblaut, dann kicherten sie und zuckten die Achseln. Als sie
aber bewegungslos in der Sonnenhitze sitzen blieb, begannen sie allmhlich, an
ihr Tagwerk zu gehen, nur die Hanni rhrte sich nicht, sie schaute noch immer -
immer hinaus auf die Strae. Erst als der Hausmeister kam und all das Zeug fr
den Leopold holte, da regte sie sich, half ihm heben und schieben, und wie alles
auf dem Karren war und der Mann davonfuhr, schlo sie das Fenster, kam heraus,
sperrte die Tre ab und eilte hinber auf den Trockenplatz.
    Vorsichtig sphte sie dort um und um und erhaschte die Minute, wo sie
ungesehen ihr Versteck erreichen konnte, sie schob die Bretter beiseite und
kroch in den Judengarten.
    O mein Gott ... mein Gott! wimmerte sie, watete durch das hohe Gras,
schwankte und taumelte mit leichenfahlem Antlitz dem Hgel zu - aber da stierte
ihr zwischen den Zweigen ein Gesicht entgegen, so bleich und verstrt wie ihr
eigenes.
    Hab lang da auf dich g'wart'! Ich hab g'wut, du wirst daherkommen, dich
ausheulen, weil dein Schatz ein Kalfakter ist und ...
    Doch die Strohschneider-Marie konnte nicht ausreden, sie sprang auf und
breitete die Arme aus, denn das lange Mdchen fiel gerade, wie es stand, auf den
Hgel und regte sich nicht.
    So, da hab ich die Bescherung, seufzte die Kneipensngerin und ffnete
behutsam das Kleid der Hanni, setzte sich zu ihren Hupten und nahm den Kopf der
Ohnmchtigen in ihren Scho. Fast zrtlich strich sie ihr das Haar aus der
Stirne, und als die Hanne wieder zu atmen begann, sagte sie trstend: Leg ein
Stein drauf. - Wirst nicht dran sterben, halt dich nur zusammen. berleben kann
man jede traurige Dummheit, freilich, vergessen wirst's dein Lebtag nicht, was
die Blauen Gns fr G'sichter g'macht haben, wie dein Schatz von dir fortgangen
ist.
    Er war nicht -, schluchzte die Hanni, prete aber schnell die gefalteten
Hnde an den Mund.
    Halt dich zusamm', vielleicht wirft ihn seine tugendhafte Frau mitsamt
seinem Buben bald hinaus, dann kommt er g'schwind wieder zu dir, denn eine
dmmere als dich find't er gar nirgends, und Charakter hat er schon lang keinen
mehr, davon knnt ich dir eine G'schicht erzhln von lang her ... Damals hatte
er noch alle zwei Arm g'habt - und ich war ein blutjunges Mdel. Wie er
heimkommen ist, hat er mich kaum mehr kennen wollen und mich ber die Achsel
ang'schaut, und er hat doch recht gut g'wut, er ganz allein, wie er mich
g'funden hat drei Jahr frher. Jetzt weit's. Wart schn ruhig, er kommt bald
wieder ...
    Er kam aber nie wieder.

Zur selben Stunde, als die Hanni verstrt und zerbrochen auf dem Hgel des
Judengartens kauerte, lag in dem Zimmer der Leni auf dem grauweien Teppich mit
den blauen Blmchen ein stiller Mann. Er hatte die Augen weit offen und starrte
mit einem klagenden Blick ins Leere. Um seinen Mund stand ein des Lcheln, wie
von einem Bildhauer mit dem Daumen in weichen Lehm gedrckt, unfertig und halb
verwischt.
    Aus der schmalen Brustwunde sickerte noch das Blut, als die Menschen in das
blau-weie Zimmer strzten und ihn tot fanden. Sein Taschenmesser lag neben ihm,
er hatte sich gut getroffen damit.
    Warum? fragten die Leute seine junge schne Witwe. Die Leni wurde bleich
und rot, zitterte und stammelte zchtig: Weil ich ihm hab sagen mssen, da ich
nimmer sein Weib sein kann, nachdem er meiner falschen Freundin ihr Schatz war.
Ich hab ihm und ihr alles verziehen, aber vergessen kann ich es nicht.
    Am nchsten Morgen schickte sie den kleinen Polderl zu der falschen
Freundin, um den letzten Willen des Sterbenden zu erfllen, damit er nur gewi
rasch Ruhe fnde in seinem Grabe.

Der junge Soldat hat die Geschichte seiner Eltern zu Ende gelesen, er dreht die
Lampe aus und schaut hinauf zu der bleichen Mondscheibe, die in dem grauen
Morgenhimmel verschwimmt.
    Jungfer Murter! sagt er leise und weich, bist schon munter?
    Ich hab nicht g'schlafen, Kind.
    Und ganz g'nau hast du dem einsamen Spatz die G'schicht erzhlt?
    Freilich. So wie's halt war. - G'hrt und g'sehn hat er ja selber auch
viel, dein Herr Vater hat oft die lngste Zeit mit ihm g'redt, besonders nach
seiner schweren Krankheit. Alle Leut im Haus hat er auch allerweil ausgefragt
und hat ber unser ganzes Haus ein groes Buch zusammeng'dicht, mir hat er extra
das davon abg'schrieb'n, weil's dich angeht, aber ich kann's halt nicht lesen,
seufzt sie beschmt.
    Er richtet sich auf, sitzt eine Weile nachdenklich auf dem Rand seines
Lagers, schlenkert mit den Beinen langsam hin und her, wie er es als Brschlein
getan, wenn er ber seinen Aufgaben brten mute, nagt an dem kleinen Finger,
und dann sagt er langsam mit der sanft klingenden Stimme seiner schnen Mutter:
Sie riechen noch allerweil, die Rosen von - ihr, aber - nimmermehr gut.
    So mach's Fenster auf. Weit, sie verwelken halt g'schwind, weil's auf
lauter Draht g'bunden sein.
    So wie die falschen Rosen, gelt? Er nickt ernsthaft und ffnet das
Fenster, aber so, als ob er etwas sehr Wichtiges tte, dann setzt er sich wieder
bedchtig auf sein Lager und betrachtet aufmerksam die Spitze von seinem kleinen
Finger.
    Ein dnner Nebel schwebt drauen ber dem Hof; in dem mageren Akazienbaum
zirpen die Spatzen, sonst ist es still. Die feuchtkalte Morgenluft strmt in das
Zimmer und verdrngt langsam den herben Rosenduft.
    Murterl! Heut schicken wir der Frau Mutter ihren Buschen zurck!
    Warum, mein Kind?
    Weil ich nicht selbst damit hingehn mag - und weil ich mein Lebtag nimmer
zu ihr geh!
    Aber Bub! Warum? stammelt die Hanni erschreckt. Weil sie gelogen hat,
weil sie gesagt hat, da du der Schatz von meinem Vater warst, Jungfer Mutter!
    Es ist mit einmal, als sei jeder Laut erstorben in der Natur und in den vier
Wnden da. Und jetzt ein verschmtes, schwaches, bitterliches Weinen - und
gleich danach das atemlose Schweigen wieder - und nun, jhlings, ungestm,
unaufhaltsam, ein widerstandsloses, befreiendes Schluchzen.
    O mein Herr und Gott! - - Lepold!... Kind!... Wer hat dir die Wahrheit
gesagt?... Du bist der erste, der das wei und glaubt!... Wer hat dir's g'sagt
... wer!?
    Ach geh! - Wer? - Mein kleiner Finger - und der Vollmond -, scherzt der
Leopold, und dabei schaut er immer auf das Bchlein, lchelt zufrieden und
zwirbelt beide Enden seines Schnurrbrtchens recht selbstbewut auf.
    Die alte Jungfer bewegt lautlos die Lippen und weint noch immer vor sich
hin.
    Da fliegt ein Schatten ber sein frisches Gesicht. Mut nicht weinen, er
deutet lssig hinauf zu der weien Mondscheibe, die noch am Morgenhimmel steht,
und seine Stimme zittert leicht. Schau nur den Mond an, wie schneewei der
worden ist, siehst's, der schmt sich, da die Leut auf der Welt manchmal keine
Augen und kein Hirn im Kopf haben und's Herz nur am Sonntag einhngen, wenn's
ausgehn, weil wo was Besonders passieren knnt, wo sie's herzeigen mssen. - Mit
den G'schichten, die sie alle Tag sehn und mit denen sie alt werden, strengen
sie sich nimmer an.
    Poldl, zum Erschrecken ist dir das, du redst wie dein seliger Vater
manchmal! - Aber glaub mir, mein Kind, es gibt auch viel gute, gute Leut - ich
hab's kenneng'lernt! Du!? - Kann schon sein! - Wenn's g'nug g'schimpft haben
und wenn man nichts braucht hat von ihnen, nachher sein's die allerbesten. - Wer
hat denn dir geholfen? Der Leopold lt seine zehn Finger rasch nacheinander
knacken und horcht gespannt, dem Bettschirm zugewendet.
    Na, erwidert die Hanni, breit herzhlend, die Laternanznderin hat dir
ein Gugelhupf g'macht, und der einsame Spatz hat mir deine Brief vorg'lesen und
dir genau so g'schrieben, wie ich's ihm angesagt hab, und nachher, sagt sie
sinnend.
    Nachher?
    Unser Herrgott! Der hat mich allerweil g'sund sein lassen, mir Arbeit geben
und dich wieder heimg'schickt. Das andere hat halt so sein mssen.
    Alte! Du redst wie die trkischen Bosniaken!
    Ich red von meinem Herrgott! sagt die Hanni erstaunt und als ob sie etwas
Unheiliges abwehren mte.
    Ja, ja, freilich, der ist wer!
    Poldl, ich bitt dich um was, klingt es leise herber zu ihm durch das
graue Dmmerlicht und den letzten faden Hauch der welken Rosen.
    So? - Mich? - Du? - Na, was denn? fragt er und starrt auf den alten
Bettschirm.
    Da du deine Frau Mutter nicht verstoen tust, weil's gelogen hat. Es knnt
dir Unglck bringen.
    Der Soldat springt auf, packt sich mit beiden Handflchen an den Schlfen
und schttelt so zwei-, dreimal seinen eigenen Kopf gewaltttig nach rechts und
links.
    Schau, sie ist halt doch deine rechte Mutter! bittet es eindringlich aus
dem dunklen Winkel zu ihm.
    Sie soll meinen Vater wieder lebendig machen!
