
                                 Raabe, Wilhelm

                   Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte

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                                 Wilhelm Raabe

                                  Stopfkuchen

                          Eine See- und Mordgeschichte

                                                               Wieder an Bord! -

Es liegt mir daran, gleich in den ersten Zeilen dieser Niederschrift zu beweisen
oder darzutun, da ich noch zu den Gebildeten mich zhlen darf. Nmlich ich habe
es in Sdafrika zu einem Vermgen gebracht, und das bringen Leute ohne tote
Sprachen, Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie eigentlich am leichtesten
und besten zustande. Und so ist es im Grunde auch das Richtige und Dienlichste
zur Ausbreitung der Kultur; denn man kann doch nicht von jedem deutschen
Professor verlangen, da er auch nach Afrika gehe und sein Wissen an den Mann,
das heit an den Buschmann bringe oder es im Busche sitzenlasse, blo - um ein
Vermgen zu machen.
    Geben wir den Beweis aus der Verhngnisvollen Gabel, Eduard, da wir immer
noch unsere Literaturkunde am Bndchen haben! Eduard ist nmlich mein Taufname,
und Mopsus heit bei August von Platen der Schfer in Arkadien, welcher auf dem
Vorgebrg der guten Hoffnung mit der Zeit ein Rittergut zu kaufen wnscht und
alles diesem Zweck erspart.
    Wie kam er drauf? fragt Damon, der Schulthei von Arkadien, und dieselbe
Frage an mich zu stellen, ist die Welt vollauf berechtigt.
    Aber vielleicht wei grade sie das mir mitzuteilen! Wie kommen Menschen
dahin, wo sie sich, sich besinnend, zu eigener Verwunderung dann und wann
finden?
    Ich an dieser Stelle kann nur so viel sagen, da ich glaube, den
Landbrieftrger Strzer als dafr verantwortlich halten zu drfen. Meinen alten
Freund Strzer. Meinen alten guten Freund von der Landstrae der Kinderzeit in
der nchsten Umgebung meiner Heimatstadt in Arkadien, also - von allen
Landstraen und Seewegen der weitesten Welt.
    Nachdem man also seinen Berechtigungsgrund, im alten Vaterlande
mitzusprechen, wo gebildete Leute reden, auf den Tisch gelegt hat, kann man
hoffentlich weitergehen. Dieses tue ich jetzt mit der Zwischenbemerkung, da ich
absolut nicht sagen kann, ob ich fr das heutige Vaterland blo nur allein
orthographisch noch recht oder richtig schreiben kann. Es sind selbst in dieser
Richtung whrend meiner Abwesenheit zu groe kleine Leute am Werke gewesen und
knnen unter polizeilicher Beglaubigung das wundervolle ironische Wort des
franzsischen Erbfeindes gebrauchen: Nous avons chang tout cela. Das haben wir
am verkehrten Ende aufgenommen, sagt freilich leider der deutsche Mann nicht!
Der nimmt immer die Sache ernst, vorzglich wo sein Vorteil, sein Ehrgeiz oder
seine Eitelkeit mit im Spiel ist.
    Aber es ist doch hbsch im Vaterlande, und wenn dem nicht so wre, so wrde
ich dieses sicherlich nicht der Rckreise-Unterhaltung wegen an Bord des
Hagebucher auf den langen Wogen des Atlantischen Ozeans niederschreiben. Zum
wenigsten werde ich mir, wenn das Wetter gut bleibt, dreiig nicht ganz unntz
vertrumte Seefahrtstage - von Hamburg aus gerechnet - durch die ungewohnte
Federarbeit verschaffen. Wie aber wrden sich meine Nachbarn am Oranjeflu und
im Transvaalschen ber unsern gemeinsamen Vetter Stopfkuchen wundern und freuen,
wenn sie das Kajten-Gekritzel lesen knnten, so sie es in die Hnde kriegten!
Zu dem letztern ist aber sowenig eine Aussicht wie zu dem erstern, und unser
Prsident, mein guter Freund daheim im Burenlande, hat wirklich auch wenig Zeit
zu so was, sonst tte er mir wohl den Gefallen und sagte mir seine Meinung ber
mein Manuskript.

Es war eine sternenklare Nacht, und wir waren auf dem Heimwege. Nicht nach dem
Kap der Guten Hoffnung, sondern vom Brummersumm. Einer gottlob unter einem
ganzen, ja auch unter einem halben Dutzend deutscher Mnner hat immer Astronomie
ein wenig grndlicher getrieben als die brigen und wei Auskunft zu gehen,
Namen zu nennen und mit seinem Stabe zu deuten, wo die andern vorbergehend in
der schauerlichen Pracht des Weltalls verlorengehen und kopfschttelnd sagen: Es
ist groartig.
    Man kann in vielen Wissenschaften Bescheid wissen und sich doch bei
passender, stimmungsvoller Gelegenheit belehren lassen mssen, wo der Sirius zu
finden ist, wo die Beteigeuze und wo der Arktur und der Aldebaran. Die den Orion
kennen, sind den andern schon weit voraus; denn auch was die Sternbilder
anbetrifft, tappen die meisten im dunkeln. So allein und einfach wie mein
Sdliches Kreuz steht das nicht am Himmel, und wenn nrdliche Mnner den Groen
Bren zu finden wissen, ist das schon viel, doch verfallen auch hierbei nicht
ble Kenner manchmal in den Irrtum, da sie den Polarstern ihm zurechnen und
nicht dem Kleinen Bren.
    Wir sahen auf dem Heimwege vom Brummersumm nach den Sternen. So gegen
Mitternacht, wo sie dann und wann am schnsten zu sehen sind und einer am
wenigsten bei seiner Betrachtung gestrt wird. Zu den Stunden auf einem Feldwege
allein mit den noch brigen Genossen seiner Jugend zu sein - das ist etwas!
Wovon man reden mag, ob Politik, Brsengeschften, Fabrikangelegenheiten,
sthetik: jeder Mann und berufenste Mitredner in allem diesen darf ungehhnt
sein gescheitestes Wort abbrechen und aufblinzelnd bemerken: Da liegt doch auch
was drin! - Nachher darf er natrlich eine Prise nehmen, wenn er schnupft; ich
fr mein Teil rauche und znde mir gern beim Anblick des unendlichen Heeres der
himmlischen Lichter eine frische Zigarre an, denn das leuchtet doch auch, und
der Mensch auf Erden ist darauf angewiesen, gegen alles und also auch gegen das
berma der Sterne zu reagieren.
    Jaja, und wenn man auch noch ein Deutscher lterer Generation ist, so bleibt
man doch am liebsten bei dem Nchstliegenden, dem angenehmen Abend, der guten
Gesellschaft, und was sonst so dazu gehrt, wenn man sich auch, der Abwechselung
wegen, einmal auf Siriusweiten in das Glitzern und Flimmern berm Kopfe davon
entfernt. Und das ist unser gutes Erdenrecht. Es ist uns, wenigstens frs erste,
wichtiger, zu wissen, was fr Menschen hier mit uns leben und mit welchen von
ihnen man es zu tun gekriegt hat, eben kriegt und morgen kriegen wird, als
herauszukriegen, ob der Mond und der Mars bewohnt sind und von wem oder was. -
    Nun mute mir aber die Weggenossenschaft grade dieses Abends nherliegen als
alles, was auf dem Mars, dem Monde, dem Sirius und der Beteigeuze, der Venus und
dem Jupiter herumlaufen konnte. Es waren die Leute, mit denen man ging, die
einem in der Fremde im Wachen und im Trumen, vorzglich jedoch im Halbwachen
und im Halbtraume, pltzlich vorbergleiten oder sich in den Weg stellen! Die,
an welche man lange Jahre nicht gedacht und an die man dann um so intensiver zu
denken hat:
    I, der und der! Ob der gute alte Kerl wohl noch lebt und es ihm nach
Verdienst wohl ergeht? ... Und nun - da - guck den Stnker - den hmischen
Schulbankpetzer! Wie kommt mir der Bursche in seinen zu kurzen Hosen und
Rockrmeln grade jetzt, hier an dieser Straenecke am Hafen, in den Sinn, hier
unter den Palmen und Sykomoren und andern Mohren und bei der quatorialen Hitze?
Aber es freut einen doch, grade bei der Hitze und unter dem exotischen,
heidnischen Niggerpack, da man in khlerer Zeit mal mit dem heimatlndischen,
germanischen Christen zu tun gehabt hat und von ihm mit der Nase drauf gestoen
worden ist, wie treuherzig es in der Welt und unter den Leuten zugeht! ...
Herrgott, da kommt ja Meier! ... Meier! Aber wie von einer Teekistenbemalung,
mit dem seligen Porzellanturm von Nanking hinter sich! Wie kommt denn der liebe
alte Junge und Schafskopf zu dem wundervollen Zopf und dem Mandarinenknopf
vierter Rangklasse? ... Herrje, und Stopfkuchen? Wie komme ich denn grade hier
auf Stopfkuchen, auf meinen dicken Freund Stopfkuchen, den ersten auf unserer
Bank in der Tertia von unten auf gerechnet? Ei, Stopfkuchen! ... Stopfkuchen!
    Ich hatte weder in der Stadt noch im Brummersumm alle wieder beieinander
angetroffen. Den einen hatte der Tod, den andern das Leben daraus weggeholt. Und
was den Brummersumm im besondern anbetraf, so war der eine zu gut verheiratet
und der andere zu schlecht, als da sie noch die gehrige Stimmung fr die
abendliche, ja manchmal auch nchtliche Gesellschaft und Geselligkeit dort aus
ihrem Eheleben htten herausschlagen knnen. Einer aber von uns hatte auf den
Brummersumm Verzicht geleistet und blieb bei seinem Weibe aus ganz besonderm
Grunde, und sein Name oder vielmehr sein Spitzname war:

                                  Stopfkuchen.

Er wird sehr hufig auf diesen Blttern das Wort haben; es war aber auch eine
lngere Zeit in der alten Schenke die Rede von ihm gewesen und auf dem Heimwege
unter dem glitzernden Sternenhimmel und in der langen Pappelallee auch. Ich aber
war eine geraume Zeit hinter den andern gegangen, ohne an der Unterhaltung
teilzunehmen, und hatte nur wiederum alte Erinnerungen lebendig werden lassen
und hatte nur gedacht:
    Stopfkuchen! Und Stopfkuchen auf der Roten Schanze! Eduard, solltest du das
dir als den besten Bissen vom Kuchen bis zuletzt aufgehoben haben? Welch ein
Gott hat dir den wunderlichen Gesellen und guten Jungen hier bis jetzt aus dem
Wege geschoben? Also Stopfkuchen wirklich auf der Roten Schanze! Und wenn sich
Afrika und Europa dir morgen in den Weg stellt: du schiebst sie zur Seite und
bist morgen so frh als mglich auf dem Wege nach der Roten Schanze und zu
deinem dicksten Freunde Stopfkuchen. Also Stopfkuchen wirklich und wahrhaftig
auf der Roten Schanze!

Ich war, wie gesagt, nach Jahren der Abwesenheit einmal wieder ihr Gast, der
Gast der Heimatstadt, im Kruge zum Brummersumm gewesen oder hatte vielmehr
endlich einmal wieder daselbst einen Stuhl eingenommen.
    Natrlich knnte man hier Gedanken, Gefhle, Stimmungen und Anmerkungen aus
der Tiefe des deutschen Herzens, Busens und Gemtes heraus noch recht
erklecklich weiter, und zwar ins Behaglichste ausmalen; man tut es aber nicht,
sondern bemerkt nur das Notwendige.
    Nmlich als Kind schon begleitete ich meinen jetzt lngst verstorbenen Vater
dorthin. Er hatte seine Pfeife da stehen, doch dann und wann hatte ich ihm auch
eine neue hinauszutragen. Viele Leute werden nun sagen: Der selige alte Herr gab
da seinem Jungen ein recht sauberes Beispiel! Und sie haben recht und wissen gar
nicht, wie sehr sie recht haben. Er tat es auch und gab mir ein nettes Beispiel
- freilich nicht blo in dieser Hinsicht.
    Ich bin also Stammgast des Brummersumms von Kindsbeinen an gewesen und habe
schon um dessentwegen mit geheiratet, um gleich dem wackern alten Vater allerlei
von dorther an meine eigenen Jungen drunten im heien Afrika weitergeben zu
knnen. Die verwilderten, halbschlchtig deutsch-hollndischen Schlingel geben
gottlob unter den Buren, Kaffern und Hottentotten manch ein Kulturmoment weiter,
was aus dem Brummersumm stammt. Sie sagen dann gewhnlich dabei: Mein Vater
hat's gesagt, und der hat's schon von seinem Vater, unserm Grovater in
Deutschland.
    Ja, so ein richtiger deutscher Spiebrger in seiner Kneipe!
    Man zieht die Achseln nur deshalb ber ihn, weil man selbstverstndlich
stets den unrichtigen fr den richtigen nimmt. Wo in aller Welt als wie so im
Brummersumm lt sich denn der Spie leichter umdrehen, auf da man die
langweilige, die dumme, die abgeschmackte, die boshafte, die neidische Welt
drauflaufen lasse? Und wo kann man krftiger nachstoen, um das berleidige
Untier vllig zu Boden zu bringen?
    Wie sich freilich die Frau Spiebrgerin zu dem Brummersumm verhlt, das
steht auf einem ganz andern Blatte. Auf einem ganz besondern Blatte aber steht,
wie sich meine selige Mutter zu ihm verhielt. Erst in reifern Jahren natrlich
habe ich den Sachverhalt herausgekriegt durch wehmtig-frhliche Rckerinnerung,
und da ist der Gesamteindruck ein hchst erfreulicher. Das brave Weib hatte sich
nicht nur mit dem Brummersumm abgefunden, sondern es ermahnte dann und wann
meinen Vater: Du, es ist wohl Zeit fr deinen Abendweg! Und seltsamerweise
geschah dieses am hufigsten dann, wenn Sorge, Kummer und Verdru unser Haus in
der Stadt umkrochen und bser Lebensdunst sich darber und also zumeist ber
ihrem teuren Haupte zusammengezogen hatte. Es gibt wohl nichts, was mehr fr die
Frau und den Brummersumm spricht.
    Ich hatte auch an dem Abend, unter dessen Sternkonstellationen diese Bltter
sich auftaten, alle mglichen alten Erinnerungen von neuem aufgefrischt. Sie
hatten im Brummersumm gemeint, ich sei doch recht schweigsam aus dem
Kaffernlande auf Besuch nach Hause gekommen, und sie bedachten wie gewhnlich
nicht, da man den Mund halten und doch die lebendigste Unterhaltung mit einem,
mit mehreren, mit vielen fhren kann. Dazu hatte ich wirklich das meiste
vernommen, was an diesem Abend um mich her gesprochen worden war, und ein im
Vorbergehen rasch und leicht hingesprochenes Gesprchsthema hatte mich in der
Tat lnger und eingehender beschftigt und nachdenklicher bei sich festgehalten
als die andern um den alten Tisch herum.
    Es gehrt nmlich jetzt einer von uns der Kaiserlichen Reichspost als
Beamter an, und der erzhlte oder gab vielmehr beilufig in die Unterhaltung
hinein:
    Es wird vielleicht einige der Herren interessieren, da man uns heute
angezeigt hat, da Strzer tot ist. Unser ltester und weitgelaufenster
Landpostbote. Es sollte mich wundern, wenn einer hier unter uns wre, dem er
nicht ber den Weg gelaufen wre.
    I, natrlich! klang es im Kreise. Der alte Strzer! Also der hat endlich
auch seinen Pilgerstab in den Winkel gestellt.
    Mit allen Ehren. Volle einunddreiig Jahre ist er gelaufen, und wir haben
uns unter dem ersten Eindruck der Nachricht drangemacht und haben es ihm
postamtlich nachgerechnet, welchen Weg er in seinem Dienste treu und redlich,
ohne einen einzigen Urlaubstag zu verlangen, zurckgelegt hat. Wie viele Male
glauben die Herren, da er htte rund um die Erde herumgewesen sein knnen?
    Da bin ich doch neugierig! sagte der ganze Brummersumm.
    Fnfmal. Rund um den Erdball. Siebenundzwanzigtausend und zweiundachtzig
Meilen in vierundfnfzigtausendeinhundertvierundsechzig Berufs-Gehstunden! Und,
wie gesagt, keinen Tag hat der Glckspilz in seinen einunddreiig Dienstjahren
ausgesetzt - aussetzen mssen aus Gesundheitsrcksichten. Wie viele der Herren
wrden gegen seine Beine die ihrigen mit anhngendem Rheuma, mehr oder minder
ausgesprochener Ischias, und was sonst so zu den Beigaben einer sehaften
Lebensstellung gehrt, mit Vergngen ausgetauscht haben! Ach, und wenn er sie
htte vererben knnen!
    Das wei der liebe Gott! seufzten verschiedene der Herren, indem sie noch
einmal hinzufgten: Also der alte Strzer ist tot!
    Also der alte Strzer ist tot! hatte auch ich gemurmelt. Hat sich zur
Ruhe gesetzt, nachdem er fnfmal die Weglnge um den Erdball zurckgelegt hat.
Hm, hm, den httest du gern auch noch einmal gesehen und gesprochen vor seinem
allerletzten Wege, der nicht mehr zu seinen irdischen, amtlichen gehrte! - Und
ein unbehagliches Gefhl, eine Pflicht und Verpflichtung leichthin versumt zu
haben, berkam mich. Mute der Mann es denn diesmal so eilig haben? Konnte er
es keinen Augenblick ruhig abwarten, bis du dich auch seiner erinnern wrdest,
Eduard, um auch ihm seinen ihm zukommenden Freundschaftsbesuch bei diesem deinem
Besuch in der Heimat abzustatten?
    Du mut dich doch seiner vor uns allen gut erinnern, Eduard? hatte vorhin
einer am Lebenstisch mich gefragt.
    Jawohl, ich erinnere mich seiner sehr gut, hatte ich geantwortet; und nun
sind die folgenden Bltter seinetwegen, Strzers wegen, mit geschrieben worden.
    Jawohl, jawohl, wie gut ich mich seiner erinnere! wiederholte ich mir,
eine halbe Stunde oder eine Stunde spter, als ich im Wirtshause, in meinem
Absteigequartier in hiesiger Stadt, mit mir und den Heimatseindrcken des eben
abgelaufenen Tages allein war. Er, Strzer, gehrte freilich, zu meinen
allerbesten Jugendbekannten, und mein Vater war's gewesen, der mich mit ihm
bekannt gemacht und auf seinen Umgang hingewiesen hatte, indem er mir riet:
    Sieh einmal, mein Junge, an dem nimm dir ein Beispiel. Der macht sich weder
aus dem Wege noch aus dem Wetter was. Und was alles trgt er tglich den Leuten
in seiner Ledertasche zu und macht dabei an dem einen wie an dem andern Tage das
gleiche Gesicht.
    Der letztere Teil dieser Rede war mir damals wohl etwas dunkel geblieben;
heute wei ich, da mein seliger Papa vor dem Worte Gesicht wohl die
dazugehrigen Beiwrter dumm, gleichgltig, stillvergngt unterschlagen hatte.
Aber welch ein richtiger Junge achtet nicht einen Menschen, der ihm als ein
Muster aufgestellt wird, weil er sich weder aus dem Wetter noch aus dem Wege
etwas macht?
    Wo das Kind eigentlich wieder stecken mag? pflegte in jenen glcklichen
Tagen meine arme selige Mutter zu fragen.
    Das Kind steckte bei Strzern, seiner Kunst, smtlichen autochthonen und
auch einigen exotischen Vgeln nachzupfeifen, - flten, - zirpen und -
schnarren, bei seiner Kriegsbereitschaft Anno achtzehnhundertfnfzig und bei
seiner - Geographie. Die Sache war doch ganz klar, so dunkel sie auch einem den
Deckel vom Suppennapf abhebenden und vergeblich um sich schauenden Muttergemt
sein mochte. Beilufig: da wir ebenfalls zur Post (damals noch nicht
Kaiserlichen) gehrten und da mein Vater in seinen letzten Lebensjahren sogar
Herr Postrat genannt wurde, trug wohl auch das Seinige zu dem angenehmen und
innigen Verhltnis zwischen mir und Strzer bei. Wir rechneten uns einander, wie
man das ausdrckt, zueinander; und auf meinen Wegen nicht um, sondern durch die
Welt habe ich niemals ein selten Posthorn zu Ohr bekommen, ohne dabei an meinen
seligen Vater, meine selige Mutter und den Landbrieftrger Strzer zu denken.
brigens bekam Strzer auch jedesmal eine Zigarre mit auf den Weg, wenn er dem
Vater und mir drauen vor der Stadt begegnete. Da war's wohl kein Wunder, wenn
er jedesmal, wo er mich allein traf, zu fragen pflegte:
    Nu, Eduard, wie ist es? Willst du mit? Darfst du mit? -
    Ich htte ihm doch, wenn nicht zuerst, so doch unter den ersten meinen
Besuch machen sollen. Jetzt war es wieder einmal zu spt fr etwas. Auch die
Kaiserliche Reichspostverwaltung hatte ihr Recht an ihm verloren, holte ihn sich
nicht mehr zu neuem Marsch durch gutes und bses Wetter vor Tage aus den Federn
oder besser von seinem Strohsack; und ich - ich sa bei meinem Freunde Sichert,
dem Wirt zu den Drei Knigen, und gedachte seiner, wie man eines gedenkt, zu dem
man in seiner Kindheit aufgesehen hat und mit dem man Wege gegangen ist, aller
Phantasien, Wunder und Abenteuer der Welt voll.
    Man hat so Stunden, wo einem alles brige Leben und alle sonstige
Lebendigkeit zu einem fernen Gesumm wird und man nur eine einzelne Stimme ganz
in der Nhe und ganz laut und genau vernimmt.
    Damit ist es nun nichts, Eduard! hrte ich Strzer ganz deutlich seufzen.
Er hatte mir aber, das heit an dem Tage damals, ein Kuckucksei in einem
Grasmckenneste zeigen wollen, und es hatte sich gefunden, da schon andere
Naturforscher vor uns dagewesen waren und da der Kuckuck die ganze
naturhistorische Merkwrdigkeit aus dem Busch in dem alten Steinbruche, rechts
abseits der Landstrae und des Postdienstweges, geholt hatte.
    Und wieder, von einem andern Tage her, hre ich diese Stimme:
    Siehst du, Eduard, wenn ich heute deine Mutter gewesen wre, so htte ich
dich an diesem Morgen doch vielleicht nicht mit mir gehen lassen, und wenn es
auch hundertmal die groen Ferien sind. Noch hlt dies zwar jeder, der nichts
davon versteht, fr einen recht schnen Tag; aber, aber, ich sage nichts, wie
ich die Gegend hier herum und die Wetteraussichten kenne. Mir wlkt es sich
trotz allem gegenwrtigen Sonnenschein dahinten und von so ganz herum, aber
grade aus unserer Wetterecke hinter Maiholzen, doch ein bichen zu verdchtig
auf. Willst du lieber noch umkehren, Eduard, so tust du vielleicht deinen lieben
Eltern und deinem Anzug einen groen Gefallen. Ich will nichts sagen, aber es
knnte doch eine Stunde kommen, wo sie dich am liebsten zu Hause wten.
    Es ist nicht immer dieselbe Stimme. Es fllt noch eine andere ein, und das
ist die meinige, die sich aber noch lange nicht gesetzt hat und sich erst in
einigen Jahren setzen wird.
    In Sdamerika ist ein groes Erdbeben gewesen, Strzer. Mein Vater hat es
heute frh beim Kaffee aus der Zeitung vorgelesen. Das hat viele Ortschaften
bereinandergeschmissen und darunter eine Stadt so gro wie unsere.
Donnerwetter, wer da htte beisein knnen, Strzer!
    Hm, Eduard, das sagten Anno fnfzig auch viele von uns bei der groen
Mobilmachung, wenn alte Leute, die dabeigewesen waren, von der Schlacht bei
Leipzig oder der Schlacht bei Waterloo und den Drangsalen auf den Mrschen
erzhlten. Nachher war's uns allen aber doch recht lieb, da es diesmal zu
nichts Rechtem kam. Das grte Gromaul von uns hatte die Geschichte blo nur
auf dem Exerzierplatz bald satt. Und selbst Karl Drnemann, den sie zu einem
reitenden Postillion bei der Kriegspost gemacht hatten, meinte: zu Hause davon
nachher zu erzhlen, wiege es doch nicht auf, es vorher mit seinem eigenen
menschlichen Leben selber durchgemacht zu haben. Das ist wie mit den
Reisebeschreibungen. Nimm da nur unsern Levalljang, wie hbsch sich das liest,
weil er es so hbsch zu Hause beschrieben hat... Also in Sdamerika ist das
groe Erdbeben diesmal gewesen? Jaja, die Geographie ist doch die allerhchste
Wissenschaft fr uns alle von der Post! Wie viele sind wohl umgekommen, Eduard?
    Na, so an die Hunderttausend. Auf das genaueste kann man das wohl nicht
ausrechnen.
    Hm, ein paar tausend mehr oder weniger! Einer mehr oder weniger! Ja, einer
mehr oder weniger - weniger. Eduard, unser Herrgott mu es doch wohl
verantworten knnen. Ist das nicht auch deine Meinung?
    Das wei ich nicht; aber ihre dortige Brief- und Paketbestellung mu das
hllisch in Unordnung bringen, sagt mein Vater, und da kommt doch sicherlich
vieles als unbestellbar zurck. Meinst du nicht auch, Strzer?
    Einer mehr oder weniger in der Welt.
    Kaufmann Katerfeld, der da einen reichen Bruder hat, wie meine Mutter
sagte, ist auch schon heute beim Kaffee beim Vater gewesen und hat danach
angefragt.
    I, sieh mal, Eduard! Auch einer mehr oder weniger! Ja, diesen auswrtigen
Katerfeld, er heit mit Vornamen Sekkel, kenne ich noch ganz gut aus meinen
Jungensjahren. Das mu also in Chile gewesen sein, dein Erdbeben; denn dahin ist
der ausgewandert und hat's zum Millionr gebracht. Und das sollten wir alle tun.
Er ist unverheiratet geblieben, weil ihn hier eine gewisse nicht gewollt hat.
Das kannst du halten, wie du willst, Eduard, denn das ist doch die Nebensache.
Sieh, sieh, also der ist mit in das Erdbeben hineingeraten! Ja, da htte ich in
Herrn Samuel Katerfelds Stelle mich auch gleich bei deinem Herrn Vater, dem
Herrn Postmeister, nach dem Nhern erkundigt. Aber - das verstehst du noch
nicht, Eduard. Also du willst auf gut und schlecht Wetter heute morgen wieder
mit. Nun, denn nimm den Weg unter die Fe und la uns von dem Levalljang
sprechen. Das ist doch unser Buch! Und der Welt- und Reisebeschreiber treibt
einem die trben Grillen aus dem Kopf. Und so ein Leben wie der sollten wir alle
fhren unter den wilden und zahmen Hottentotten. Ich habe wieder die halbe Nacht
in dem Buche studiert.
    Du hast heute eine schwere Tasche.
    Eine schwere Tasche! ... Ja, was schreiben die Leute! Allein die Rote
Schanze, der Bauer von der Roten Schanze! Wer mir im Amte von der Roten Schanze
und ihren Poststcken hlfe, Eduard, dem wollte ich auf den Knien fr die
Erlsung danken. Es ist freilich heute blo nur die Zeitung. Die trgst du mir
wohl wieder einmal ber den Graben nach der Schanze hinber. Nicht wahr, du tust
mir den Gefallen? Ich sortiere mir derweilen die brigen Briefe und Gartenlauben
und Modenzeitungen an die Herren konomen und Pastre und Fabrikinspektoren ein
bichen handgerechter diesseits des Grabens.
    Was htte ich damals nicht dem Landpostboten Strzer zu Gefallen getan?
    Natrlich bringe ich deine Sachen zu Quakatz, Fritze, und wenn er auch noch
so sehr sein Sauerampfergesicht mir schneidet und seine wilde Katze mir am
liebsten in mein Gesicht springen mchte. Setze du dich dreist untern Baum vor
dem Graben und sortiere deine Geschichten. Ich springe schon hinber zur Roten
Schanze und nehme sie mit Sturm, wie Stopfkuchen sie nehmen will. Damit werden
wir noch fertig, ehe dein Gewitter heraufkommt, Strzer!
    Je, so rasch kommt's hoffentlich nicht, Eduard.
    Wir steigen nun, trotz aller schlimmen Wetterzeichen rundum am Horizont, in
der Morgensonne wacker zu.
    Eine schwere Tasche! hrte ich in meinem Absteigequartier zu den Heiligen
Drei Knigen meinen harmlosen Jugendbekannten Strzer noch einmal sthnen oder
vielmehr seufzen; aber wenn ich auch noch so sehr ein Herz und eine Seele mit
ihm war: was kmmerte mich die Korrespondenz der Bauern, der Gutsherrschaften,
der Fabrikleute, die er in der Tasche ber Land trug? Dafr kroch, flog, lief,
schwirrte, leuchtete, flimmerte und glnzte doch allzuviel Wichtigeres sowohl an
der Landstrae wie an den Beiwegen. Ja, wenn sich der Kuckuck, die Grasmcke,
der Igel, der Hase und diese brige Gesellschaft, eingeschlossen die Sonne, der
Schatten, der Wind, der Regen, der Blitz und der Donner, auch auf schriftlichen
Verkehr untereinander durch Strzers Vermittelung eingelassen haben wrden, dann
htte es vielleicht noch wundervoller sein knnen. Aber es war auch so ganz gut,
wo der Roggen und der Weizen, die Kornblume und die Klatschrose rundum ohne
Dinte, Feder und Papier auskamen und sich ohne fortgeschrittene Bildung
innerhalb ihrer Isotheren und Isothermen freundschaftlich und geschftlich
beieinanderzuhalten wuten.
    Isotheren! Isothermen! Wie diese gelehrten Worte zu den lieben Namen, den
Heimatsnamen von allem, was auf dem Felde (Sehet die Lilien und so weiter)
wchst, paten, so paten sie auch zu unserer - brigen Erdkunde (Geographie)
damals. Und doch, was fr wundervolle Geographen, Erdkundige, Erdbeschreiber wir
damals waren, Strzer und ich! Wir wren die rechten Leute damals fr den alten
freundlichen und gelehrten Karl Ritter gewesen, wenn er seine Landschaftsbilder
auf die groe schwarze Tafel hinter seinem Katheder in Berlin malte.
    Und wie weit man um diese Lebenszeit auf den paar Stunden Weges von einem
Dorf, Pastorhaus und Gutshof zum andern in die weite unermeliche Welt
hinauskam!
    Zu Hause, in Neuteutoburg, wei ich nur zu gut, da die Welt oder in diesem
Falle der Erdball durchaus nicht unabmelich ist, sondern da dieser im ther
schwimmende Klo gar nicht so dick ist, wie er sich einbildet. Aber wenn ich
wenigstens bis zu den Kaffern und Buren und zu einem anstndigen Vermgen
gekommen bin: wem anders verdanke ich das als dem Landbrieftrger Friedrich
Strzer und seinem Lieblingsbuch, Levaillants Reisen in das Innere von Afrika,
aus dem Franzsischen bersetzt und mit Anmerkungen von Johann Reinhold Forster?
    Wie deutlich ich in den Heiligen Drei Knigen die Stimme hre: Die
Geographie, die Geographie, Eduard! Und so ein Mann wie dieser Levalljang! Was
wre und wo bliebe unsereiner ohne die Geographie und solch ein Muster von
Menschen und Reisenden? Nimm nur mal an, so Tag fr Tag, jahrein, jahraus die
nmlichen Wege. Jedes Dorf wie deine Tasche. In jedem Hause, von der ltesten
Gromutter bis zum eben ausgebrochenen jngsten Wurm, alles wie deine eigenen
Leute in deinem eigenen Hause! Und aus jedwedem Hause der Ruf: Da kommt Strzer!
Und in jedem Hause: Strzer hat die Zeitung gebracht, Strzer bringt 'n Brief! -
Knntest du das auf Lebenszeit und immer auf denselben Wegen aushalten, Eduard,
ohne deine Gedanken und Einbildungskraft und Phantasien und Lektre, Eduard?
Mte dir das nicht auch auf die Lnge langweilig werden ohne die Geographie?
    Ne, Strzer! Denn wir haben sie auf dem Gymnasium, und da haben sie mich
gestern erst ihretwegen eine Stunde lnger in der Schule behalten. Bithynien,
Paphlagonien und Pontus wute ich: aber ich sollte alle alten Staaten von
Kleinasien wissen.
    Das tut mir deinetwegen ja sehr leid, Eduard, aber mir httest du doch
einen Gefallen getan, wenn du sie beim Nachsitzen noch auswendig gelernt
httest, wenn auch blo fr mich.
    Fr dich, Fritze? Nun denn: Mysia, Lydia, Karia, Lycia, Pisidia, Phrygia,
Galatia, Lykaonia, Cilicia, Kappadocia, Armenia minor, das sind sie alle; denn
Bithynien, Paphlagonien und Pontus habe ich dir schon genannt.
    Donnerwetter, Eduard, das ist ja grade, als ob du uns Deutsche in allen
unsern Unterabteilungen aufzhltest! Es klingt blo 'n bichen hbscher und
auslndischer. Nun sieh mal, was fr ein Vergngen mu das fr dich sein, da du
dieses alles so an der Schnur hersagen kannst und dir dabei was denken kannst,
hier auf der Landstrae mit der ganzen altbekannten Umgebung rundherum und da -
hier - der Roten Schanze vor der Nase.
    Campes Reisebeschreibungen sind mir lieber. Und du bist mir auch lieber,
Strzer. Mysien, Lydien, Karien, bringe du das da unten in dem dumpfigen
Schulstall mal in deinen Kopf und sehne dich mal nicht nach dem Levaillant
seinem Afrika und seinen Hottentotten, Giraffen, Lwen und Elefanten.
Stopfkuchen haben sie auch mit mir eine Stunde ber den Unsinn dabehalten. Der
frgt aber nichts nach Afrika. Dem seine tgliche Sehnsucht ist dort die Rote
Schanze; na, das weit du ja.
    Das wei ich freilich, und es ist nrrisch genug von dem Dicken - deinem
nrrischen Kameraden. Weit du, Eduard, wenn ich mir aus der Weltkunde ein
Faultier vorstelle, so mu ich mir dabei immer diesen deinen Freund und
Schulkameraden mit vorstellen. Der und die Rote Schanze!

Die Rote Schanze! Ich hatte doch allmhlich ein wenig in all diese Erinnerungen,
in diesen Wechsel von Stimmen und Gestalten hineingeghnt und das Bedrfnis
gefhlt, nun auch Strzern seiner ewigen Ruhe zu berlassen und selber fr diese
Nacht zur Ruhe zu gehen, als mich dieser Name doch noch eine Weile wach und bei
meinem Jugendleben lebendigst festhielt. Die Rote Schanze!
    Es berkam mich ein lachendes Behagen ber die Rote Schanze in ihrer
Verbindung mit dem Dicksten, dem Faulsten, dem Gefrigsten unter uns von
damals.
    Im Bette habe ich sie am festesten am Wickel, Eduard, pflegte Stopfkuchen
zu sagen. Wenn ich mal trume, dann trume ich von ihr, und wer dann Herr auf
ihr ist und keinen Schulrat, Oberlehrer und Kollaborator ber den Graben lt,
das ist nicht der Bauer Quakatz, sondern das bin ich. Ich, sage ich dir,
Eduard.
    Und in den Traum nahm auch ich sie, die Rote Schanze, mit hinein in dieser
Nacht in den Heiligen Drei Knigen der Heimatstadt. In diesem Traume sah ich ihn
noch einmal in meinem Leben so traumhaft aller Wunder voll, wie ich ihn von der
Oberquarta und Untertertia aus gesehen hatte, diesen Bauerhof - diese Rote
Schanze, diesen alten, herrlichen Kriegs-und Belagerungs- Aufwurf des Prinzen
Xaverius von Sachsen, den Hof des Bauern Andreas Quakatz, aus welchem der
kurschsische Herr Prinz in den sechziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts
nicht nur die Stadt da unten, sondern auch die hohe Schule, unser Gymnasium,
darin so grndlich beschossen hatte, da sie beide sich ihm sofort bergeben
muten, obgleich er wahrlich nicht der erste und grte Held des Siebenjhrigen
Krieges war. Der Siebenjhrige Krieg war ein paar Jahre lnger vorber als meine
und Stopfkuchens Kindheit; aber die Rote Schanze war noch immer vorhanden in
diesem Traume, wie sie unser Jungensideal gewesen war.
    Da stieg sie auf im wohlerhaltenen Viereck. Nur durch einen Dammweg ber den
tiefen Graben mit der brigen Welt in Verbindung! Mit allem, was sie der
Knabenphantasie zu einem Entzcken und Geheimnis gemacht hatte: mit den Kanonen
und Mrsern des Prinzen Xaver und mit der undurchdringlichen Dornenhecke, die
der bse Bauer Andreas Quakatz auf ihrer Hhe um sich, sein Tinchen, sein Haus,
seine Stlle und Scheunen und alles, was sonst sein war, zum Abschlu gegen die
schlimme Welt gezogen hatte!
    Ich hre ein dumpfes Rollen und Krachen in meinen Traum von der Roten
Schanze hinein; aber es ist nicht der kurschsische Kanonendonner gegen den
Knig Fritz von Preuen: es ist das Gewitter, bei dem Strzer sagt:
    Es kommt doch noch rascher ber uns, als ich mir dachte. Da, Eduard, nun tu
mir den Gefallen und lauf zu dem Adressaten Quakatz mit seinen Sachen hinber.
Da, seine Zeitung; - hier auch ein, zwei, drei Briefe. Was der Mann eine
Schreiberei um sich hat! Ach, Eduard, und immer ein paar mit den
Gerichtssiegeln! Da - das Kind, sein Tinchen kuckt schon um den Torpfeiler! Gib
sie ihm ab, die Sachen; ich sortiere hier unter der Hainbuche derweil das
brige, ehe das Unwetter ganz da ist.
    Was willst du von uns, dummer Junge? hre ich nun ein feines Stimmchen,
das gar bse tut, und zwar inmitten des Geklffs von einem halben Dutzend vor
Wut und Gift auer sich geratener Haus- und Hofkter aller Sorten und Gattungen.
Und sie lassen es nicht bei dem Blaffen und Zhnegefletsch. Sie fahren mir nach
der Hose und springen mir gegen die Kehle: man htte das vollste Recht, dabei
aus jedem Traume selbst als lterer Herr und sdafrikanischer Buer mit einem
hellen Schrei zu erwachen.
    Ich bleibe aber doch darin, auf dem Damm, vor den beiden Torpfeilern vom
Quakatzenhof auf der Roten Schanze, und die Kinderstimme kreischt lachend und
hhnisch: Lat ihn! Wollt ihr herein! Das ganze Gerichte! Prsendent, Akzesser,
Reffrendar! Kusch alle, kusch Geschworener Vahldiek, kusch Meier, kusch
Braunsberg, kusch das ganze Geschworenengerichte!
    Da sind eure Postsachen, eure Schreibsachen und die Zeitung, du Giftkatze!
rufe ich, der rotkpfigen Krabbe des Bauern von der Roten Schanze die
Korrespondenz des Bauern in die aufgehaltene Schrze werfend und von dem
ungastlichen Anwesen ber den Fahrdamm auf das freie Feld und zu der Hainbuche
und zu Strzer zurckweichend.
    Komm, Eduard, sagt Strzer, wir wollen den Weg zwischen die Beine nehmen,
da wir wenigstens Maiholzen noch trocken abreichen. Da, sieh mal hin, wie es
dahinten schon giet. Das ist nun so 'n schner Sommertag. Na, gottlob, da wir
wenigstens die Rote Schanze und Quakatz hinter uns haben.

Nun war es seltsam, wie sich in dieser Nacht in den Heiligen Drei Knigen
Vergangenheit und Gegenwart im Bett, Schlaf, Traum und Halbtraum vermischten. Es
rauschte und rollte wie groer Platzregen und schwerer Donner: ich lag im Bett
in den Heiligen Drei Knigen als Gatte, Vater, Grundbesitzer und groer
Schafzchter am Oranjeflu und lief zu gleicher Zeit mit dem Landbrieftrger
Strzer als zwlfjhriger Schuljunge im strmenden Gewitterschauer, unter Blitz
und Donner ber das freie Feld, um Maiholzen, das gute Dorf hinter der Roten
Schanze, zu erreichen - wenn nicht mit trockenen Kleidern, so doch wenigstens
bei lebendigem Leibe.
    Erst als der Kellner mit dem Rasierwasser kam, erfuhr ich, da es wirklich
gegen Morgen noch ein heftiges Gewitter gegeben habe, und es war wirklich nichts
dagegen zu sagen, da der junge Mann den hflichen Wunsch uerte, ich mge die
Sache angenehm verschlafen haben.
    Das wirkliche Gewitter der Nacht hatte ich angenehm verschlafen, oder sein
Getse hatte sich doch so sehr mit dem Rollen und Rauschen der Vergangenheit
vermischt, da ein Unterscheiden von Traum und Wahrheit nicht mglich war. Nun
aber hatte ich, ehe der Kellner anklopfte, lngere Zeit auf etwas anderes
horchen mssen, was ebenfalls in Traumbeschreibungen hufig literarisch
vorkommt: die Turmglocken der Heimatstadt. Ich hatte es sechs schlagen hren und
halb sieben und sieben. Und dabei, grade bei diesem angenehmsten wachen Liegen
und Dehnen und Strecken im Bette und dem Glockenklang dieser Stunden, war mir
ein anderes von neuem lebendig in der Seele geworden - s und schauerig
lebendig! Die Stunde nmlich, in welcher man in der Schule zu sein hatte - im
Sommer um sieben, im Winter um acht und, von mir ganz abgesehen, Stopfkuchen
schndlicherweise auch! Stopfkuchen! Er, den der ganze Quark gar nichts anging,
wenigstens ein betrchtliches weniger als den ganzen brigen Ctus zusammen.
    Er fragte wahrhaftig gar nichts danach, was die Leute (er meinte die
Herren Lehrer) wuten und lcherlicherweise ihm mitzuteilen wnschten. Er war
ganz gut so, wie er war, und kurz und gut, es war eine Niedertrchtigkeit, im
Sommer um sieben und im Winter um acht dasein zu mssen, um sich doch nur mit
vlliger Verachtung strafen zu lassen, da alles andere doch nichts half.
    Stopfkuchen! Wahrlich nicht der Kirchenglocken wegen (obgleich er auch den
Versuch gemacht hatte, Theologie zu studieren), sondern einzig und allein der
Turmuhr halber stieg er mir nun so hell wie Strzer in der Seele empor, mein
Freund Stopfkuchen, mein anderer Kindheits-, Feld-, Wald- und Wiesenfreund
Stopfkuchen, den ich nur dann seinen Schritt etwas beschleunigen sah, wenn ihn
der alte Konrektor mit der Haselnugerte im Kreise nicht um die Welt, sondern um
die schwarze Schultafel und die ungelste mathematische Aufgabe jagte.
    Ja, zu unserer Zeit kriegte man noch die Prgel, die einem gebhrten... Gott
sei Dank! - Stopfkuchen nannten wir ihn auf der Schule. Eigentlich hie er
Heinrich Schaumann und war das einzige Kind so drrer, eingeschrumpfelter,
zaunknighaft-nervs-lebendiger Eltern, da die in der Stadt nicht unrecht zu
haben schienen, die da behaupteten, er habe in einem Kuckucksei gelegen und sei
schndlich doloser Weise dem Herrn Registrator und der Frau Registratorin
Schaumann ins Nest geschoben worden. Wie dem auch sein mochte: sie hatten ihn
herangefttert und ihm zu-und in den Schnabel getragen, was sie vermochten; und
es war ihm gediehen.
    Und wie ein Zaunknigspaar seine Freude und seinen Stolz an seinem dicken
Nestling hat, so hatten auch Vater und Mutter Schaumann ihren Stolz und ihre
Freude an ihrem Dicken und wollten selbstverstndlich auch noch nach einer
andern Dimension hin etwas aus ihm machen, nmlich etwas Groes. Natrlich einen
Pastor, Regierungsrat, Sanittsrat oder dergleichen.
    Die Sache knnte mir schon passen, Eduard, sagte Heinrich damals hufig zu
mir. Wenn nur nicht die verdammten Vorstrapazen wren, das schauderhafte Latein
und gar Griechisch und nachher, um einen verrckt zu machen, das Hebrische!
seufzte er dazu und rieb sich nicht selten die Schultern dabei.
    Und die Rote Schanze, Heinrich.
    Die auch, Eduard, obgleich das nur eine Dummheit von euch andern ist. Na,
mir ist's brigens eins, was ihr Esel von mir sagt und denkt! Und dann lt sich
das auch gar nicht in einem Atem nennen, das Gymnasium und Quakatzen seine Rote
Schanze. Herr du mein Gott, wenn mich einer zum Bauer auf der Roten Schanze
machen wollte, ich hinge jedes Pastorhaus in der Welt drum an den Nagel und
schlge Kienbaum mit Vergngen dreimal tot!
    Aber Stopfkuchen?
    Jawohl, Stopfkuchen! Nennt mich nur so; ich mache mir auch daraus nichts.
Wenn ich Kuchen kriege, so stopfe ich; darauf knnt ihr euch verlassen. Und
nochmals, was Quakatzen anbetrifft, so mache ich mir gar nichts draus, was die
ganze Welt ber ihn spricht. Meinswegen kann er Kienbaum sechsmal totgeschlagen
haben; darum bleibt er doch der Bauer auf der Roten Schanze und hat's am besten
in der ganzen Welt. Und brigens, bewiesen ist ihm ja von keinem Gerichte was,
und wenn jetzt die ganze Welt auf ihn hetzt, beweist das gar nichts gegen ihn.
Auf mich hetzt auch die ganze Welt, und wenn ihr morgen Blechhammern, euern
Herrn Oberlehrer Doktor Blechhammer, irgendwo am Wege abgegurgelt fndet, dann
knntet ihr dreist auch mir die Geschichte in die Schuh schieben und behaupten,
ich sei's gewesen und habe mir endlich das Vergngen gegnnt und meine Rache
ausgebt. Quakatz auf der Roten Schanze hat ganz recht, wenn er am liebsten
seinen Wall vom Prinzen Xaver her auch lieber mit Kanonen als blo mit seinen
Dornbschen bespicken mchte gegen die ganze Welt, die ganze Menschheit. Hu,
wenn ich mal von der Roten Schanze aus drunterpfeffern drfte - unter die ganze
Menschheit nmlich, und nachher noch die Hunde loslassen! Du weit es, Eduard,
und kannst es bezeugen, wie reif ich diesmal wenigstens war. Und sie haben mich
doch wieder sitzenlassen und nicht mitgenommen in die Obertertia! Da komme du
mal nach Hause und habe Freude an deinen Eltern und sonst am Leben. Ne, da soll
man wohl zum Eremiten werden und sich hinter seine Kanonen zurckziehen. Da
hilft mir nichts als wie die Rote Schanze und die Idee, da ich ihr Herr wre!
Du lufst mit Strzern, Eduard, und ich liege vor der Roten Schanze - jeder nach
seinem Geschmack -, und ich denke mich, mit der ganzen Welt und Schule hinter
mir, in sie hinein, und wie mir da das Rindvieh Blechhammer kommen knnte. Hier
- sieh mal her, Eduard! Da mich Tinchen Quakatz gestern hier in die Hand
gebissen hat, die bissige Katze, das pat mir ganz. Da soll wohl einer nicht
beien, wenn ihm keiner seine Ruhe lassen will? brigens hat die Krte die
Maulschelle, die ich ihr darauf versetzt habe, auch gesprt; und als der Alte
dazugekommen ist, hat er jedem von uns recht geben mssen. Spuckt euer Gift aus,
hat er gesagt. Es ist besser, als es in sich hineinzufressen, hat er gesagt. Und
wenn einer wei, wie recht er da gehabt hat, so bin ich das. Auf der untersten
Bank zu sitzen und zu all Blechhammers Redensarten keinen Muck sagen zu drfen,
das ist zehntausendmal schlimmer, als Kienbaum nicht totgeschlagen zu haben und
doch dafr angesehen zu werden. Ja, sieh mich nur so drauf an, Eduard. Du bist
auch so einer von denen, die sich stndlich gratulieren, da sie nicht der
Mrderbauer von der Roten Schanze oder Heinrich Schaumann sind.
    Da verkennst du mich aber riesig, Heinrich.
    Gar nicht, Eduard; ich kenne euch nur. - Alle kenne ich euch, in- und
auswendig.

Ich hatte mich rasiert. Nmlich ich rasiere mich selber: da drunten oder da
hinten im Kaffernlande knnte man lange auf den Barbier warten, und wenn er
einen Vogel Strau bestiege, um mit seinem Handwerkszeug eiligst von einem Kral
zum andern, von einem Bauernhof zum andern zu reiten und die Kundschaft zu
bedienen. Die Sonne stand hell am Himmel und schien mir auf den Kaffeetisch. Ich
durfte meinem Wirtshausbett in den Heiligen Drei Knigen das Kompliment machen,
da ich trotz allem einen ausgezeichnet guten Schlaf in ihm getan hatte,
einerlei, wie es zehntausend andern vor mir darin ergangen sein mochte.
    Es war ein schner Morgen heraufgekommen mit Hlfe des Nachtgewitters. So
frisch und licht und leicht in seinem Anfang, da man die Aussicht auf einen
neuen heien Tag wohl mit in den Kauf nehmen konnte.
    Also der alte Strzer ist tot? seufzte ich behaglich-wehmtig ber dem
Kaffeetisch und der neuesten Zeitung, die mir der Kellner mit den Worten
gebracht hatte: Unser Herr schickt sie dem Herrn zuerst, weil er meint, sie
interessiere ihn wohl zuerst im Hause, da - Sie so weit aus der Fremde nach
Hause kmen. Es htte diesmal Zeit damit, bis sie in das Gastzimmer zu den
brigen Herren herunterkme.
    In diesem Worte des jungen hflichen Menschen kam auch wieder ein Stck
Bekanntschaft aus alter Zeit zum Vorschein. Es war sehr freundlich von mine host
in den Heiligen Drei Knigen; aber diesmal verlangte mich nicht grade allzusehr
danach, das Neueste vom Weltgericht, nmlich von der Weltgeschichte vor die Nase
zu bekommen. Ich schob das Tageblatt sehr bald zurck und dachte nochmals:
    Der alte Strzer tot! Schade! Den hast du nun also schon durch eigene Schuld
versumt, Eduard. Also nun heute unter allen Umstnden nach der Roten Schanze zu
- Stopfkuchen! ... Wie dies alles doch so wieder aufwacht und auflebt, ohne da
man fr seine Person weiter etwas dazu tut, als da man hinhorcht und hinsieht!
Stopfkuchen! Was war mir vor vierzehn Tagen noch viel briggeblieben von
Stopfkuchen - meinem alten nrrischen Freunde Heinrich Schaumann, dem guten, dem
lieben, dem faulen, dem dicken, dem braven Freunde Heinrich Schaumann, genannt
Stopfkuchen?
    Und nun hatte ich ihn pltzlich wieder ganz! Gerade, wie ich den eben
gestorbenen Strzer wieder ganz hatte. Und es wre sehr unrecht von mir gewesen,
wenn ich dem erstern nicht sofort einen Besuch gemacht htte - jetzt, da es noch
Zeit war. Ich hatte es doch eben wieder an dem letztern erfahren, wie bald man
so einen letzten gnstigen Augenblick versumen kann.
    Ja freilich, als wir von Schulen liefen, htte er, Heinrich, zehntausendmal
leben und sterben knnen, ohne da ich, eigenen Lebens und Sterbens wegen, einen
krzesten Augenblick Zeit fr ihn brig gehabt htte.
    Wir kamen eben voneinander um die Zeit, wo man am allerwenigsten Zeit
freinander hat. Die heutige Leichtigkeit der Korrespondenz tut da gar nichts
zu; denn - wer schreibt heute in der Postkartenperiode noch Briefe?
    Ich sehe die ganze zweite Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts und ein gut
Drittel des neunzehnten den Kopf schtteln und denke an meinem Frhstckstische
im Gasthause der Heimatstadt. Wenigstens einmal httet ihr euch doch schreiben
knnen - du und dein Freund Heinrich.
    Na, alles in allem genommen und dazu ehrlich gesprochen: was man so nennt,
zrtlich hatten wir uns auch im persnlichen Verkehr gegeneinander nicht
gehalten. Aber was man, und vorzglich in jener Lebensepoche, gute
Schulkameraden nennt, das waren wir doch gewesen, Stopfkuchen und ich. Wer von
uns beiden dem andern dann und wann die meisten Haare ausgerauft, die blauesten
Beulen und dickgeschwollensten Augen beigebracht hatte, das mochte heute
dahingestellt bleiben. Es kam jetzt darauf an, was die Zeit aus dem dicken,
guten Jungen gemacht hatte, ob er sich sehr verndert hatte und ob er infolge
dieser Vernderung imstande war, jetzt ebenfalls wie seinerzeit der Bauer
Quakatz der ganzen Welt und also auch mir die Pforte der Roten Schanze vor der
Nase zuzuschlagen, oder ob er nach der gewhnlichen, verlegen-ratlosen Frage:
Mit wem habe ich die Ehre? mir beide Hnde entgegenstrecken und mit halbwegs
dem alten Schulton sagen werde: Hurrjeses, du bist's, Eduard? Nu, das ist aber
schn, da du dich meiner noch erinnerst!
    In Anbetracht, da er weit drauen im Felde wohnte, hielt ich es nicht fr
notwendig, die durch Sitte und Gewohnheit festgesetzten gro-, mittel- und
kleinstdtischen Besuchsstunden innezuhalten, und war gegen neun Uhr morgens auf
dem Wege zu ihm.

Ein wirklich feiner Morgen. In der Stadt hatte die Polizei sich lblichst dafr
an die Laden gelegt, da die Gassen sauber gekehrt worden waren, und drauen im
Freien, im Felde, hatte Mutter Natur dafr gesorgt, da sich alles hbsch
gewaschen hatte. Ja sie hatte es selber besorgt mit Seife und Schwamm, mit
Donner und Blitz; und wie frischgewaschenen Kindern hingen Baum, Busch, Gras und
Blume noch die Trnen ob der Operation an den Wimpern, und manchem sah man es
auch recht gut an, wie es sich mit Strampeln und Zappeln gewehrt hatte. Aber
einerlei, berstanden war's noch mal, und hbsch war's doch jetzt so. Die Welt
glnzte, und da ein frisch wohlig Wehen darber hinfuhr, machte den Morgen auch
nicht verdrielicher; - drunten im jungfrulichen Kaffernlande bei den
Betschuanen und Buren konnte nach einem Nachtgewitter die Landschaft nicht
jugendlicher aussehen als wie hier im alten, durch das Bedrfnis ungezhlter
Jahrtausende abgebrauchten, ausgenutzten Europa.
    Und alles noch ganz so wie zu deiner Zeit, Eduard! seufzte ich mit
wehmtiger Befriedigung. - Dem war aber doch nicht vollstndig so.
    Da war zum Beispiel bei nherer Betrachtung frher rechts vom Wege, der nach
der Roten Schanze fhrt, ein ungefhr vier bis fnf Ar groer Teich oder
eigentlich Sumpf; - der war nicht mehr da.
    Frher aller geheimnisvoll wimmelnden Wunder voll, hatte man ihn jetzt zu
einem Stcke mehr oder weniger fruchtbaren Kartoffellandes gemacht, und so
ntzlich das auch sein mochte, schner war's doch frher gewesen und
erziehlicher auch. Der Lurkenteich hatte das volle Recht dazu, zu verlangen,
da ich mich mit Verwunderung nach ihm umsehe und nachher schmerzlich ihn
vermisse. Solch ein guter Bekannter, ja vertrauter Freund, so voll von Kalmus,
Schilfrohr, Kolben, Frschen, Schnecken, Wasserkfern, so berschwirrt von
Wasserjungfern, so berflattert von Schmetterlingen, so weidenumkrnzt und so -
wohlriechend. Ja, wohlriechend, ja s anheimelnd belduftend, vorzglich an
heien Sommertagen und wenn man uns in der nachmittglichen
Naturgeschichtsstunde gesagt hatte:
    Im Lurkenteich findet man alles, was zur heutigen Lektion gehrt, in
seltener Vollstndigkeit.
    Wei Gott, sie htten ihn lassen knnen, wo er war. Sie htten ihn lassen
sollen, wie er war, murrte ich auf meinem diesmaligen Wege zur Roten Schanze.
Auf die paar Scke voll Feldfrchte fr ihr Vieh oder sich selber brauchte es
ihnen doch nicht anzukommen!
    Es war ihnen aber doch darauf angekommen, und so war heute denn nichts mehr
dagegen zu machen, und ich hatte mich einfach in den Verlust zu fgen. Da ich es
nicht wute, was ging es mich an, da die Melioration einen langjhrigen,
durch alle Instanzen ausgefochtenen Proze bedeutete und das irdische Behagen
von drei oder vier stdtischen Gemsegrtnerfamilien gekostet hatte?
    Da war ein anderer Proze, der schon von meinen frhern Jugenderinnerungen
her eine ganz andere Bedeutung hatte: der bse Fall Quakatz in Sachen Kienbaum.
    Je weiter ich auf dem engen, hbschen Feldwege zwischen den wogenden,
morgensonnebeglnzten, feuchtfrischen, der Ernte zureifenden Kornfeldern der
Roten Schanze zu wanderte, desto deutlicher kam mir die jetzt so vllig
verhallte Aufregung von Stadt und Land meiner Jugendzeit ber den Mord an
Kienbaum in das Gedchtnis zurck. Mit immer neuen Einzelheiten eine immer
interessanter als die andere!
    Dreimal hatten sie den damaligen Herrn der Roten Schanze, den Bauer Andreas
Quakatz, gefnglich eingezogen, weil sich neue Indizien in Sachen Kienbaum
ergehen hatten. Und dreimal hatten sie ihn wieder ungekpft loslassen mssen,
den Bauer Quakatz, weil diese neuen Anzeichen und Vermutungsgrnde sich doch
abermals als das auswiesen, was sie waren, nmlich mehr oder weniger
leichtfertige und einige Male auch heimtckisch und boshaft aufgebrachte
Verdachtserregungen.
    Ja, Eduard, wer erschlug den Hahn Gockel? fragte Heinrich Schaumann,
genannt Stopfkuchen, trbselig, kopfschttelnd und sich hinter den etwas sehr
abstehenden Ohren kratzend, als ich mit ihm zum letztenmal nach unserm Abgang
von der Schule auf der Hhe des Weges stand, von wo aus man das Kriegswerk des
Comte de Lusace, des Prinzen Xaver von Sachsen zuerst - auch heute noch -
vollstndig in seiner ganzen Wohlerhaltenheit vor Augen hat. Es ist dieselbe
Hhe, auf welcher ich im nchtlichen Halb-und Ganztraum anhielt zum
Briefsortieren unter der alten Hainbuche gegenber dem Dammwege, der - heute
auch noch - ber den Graben zu dem Eingangstore von Quakatzenhof fhrt.
    Die Hainbuche hatte ich nun zu vermissen. Auch sie war wie der Lurkenteich
der Melioration, der Feldverbesserung, zum Opfer gefallen. Sie hatte
wahrscheinlich fr das Bedrfnis der hungerigen Gegenwart zuviel Schatten ber
das Ackerland geworfen oder zu sehr ihre Wurzeln im Grund und Boden
ausgebreitet. Doch, gottlob, die Rote Schanze war noch vorhanden wie sie,
freilich wahrhaftig damals nicht zur Melioration der Gegend, im Jahre
siebenzehnhunderteinundsechzig aus dem Grund und Boden vom alten grimmigen
Maulwurf Krieg aufgeworfen worden war. Und ich stand ihr nun wieder gegenber
und dachte zurck an uns zwei: Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, und
mich, und an das, was Stopfkuchen damals aus dem frischesten Miterleben heraus
ber den Fall Kienbaum contra Quakatz oder Quakatz contra Kienbaum und, was mehr
oder weniger damit zusammenhing, ber Tinchen Quakatz zu bemerken hatte.
    Wie ein angehender Beflissener der Gottesgelahrtheit sah er nicht aus; denn
bei den jungen Herren pflegt die Wohlbeleibtheit, die er, Stopfkuchen, schon
damals aufzuweisen hatte, erst spter zu kommen, wenn sie auf nahrhafter Pfarre
am eigenen Tische nachholen, was sie am Freitische seinerzeit versumt haben.
Aber er war gut, herzensgut. Er versuchte es wenigstens, seinen Eltern zuliebe
sich in das gedeihlichste Amt der Erde hineinzu-hungern. Was tut man nicht
einer nicht nur verbohrten, sondern auch verweinten Mama und einem wahrhaft
wtend auf das nchstliegende beste Brotstudium fr den Herrn Sohn erpichten
Alten gegenber? Man will doch dem Greisenpaar nicht die schnsten Hoffnungen
knicken. Und etwas wnschen die beiden guten Leute doch auch dafr zu haben, da
sie einen in diese Welt voll abgenagter Knochen, trockner Brotrinden und hchst
gesunden, klaren, erquickenden und vor allem billigen Brunnenwassers
hineingesetzt haben, Eduard!
    Eben von mir niedergeschriebene und von einem treuen, herzlichen, kindlichen
Gemte zeugende Eruerungen sind selbstverstndlich auch eine Erinnerung. Er
trstete sich nur Von der Sekunda bis zum Abiturientenexamen recht hufig damit.
Aber damals - an jenem Tage des Abschiednehmens, wenn nicht von der Jugendzeit,
so doch von der Kinderzeit, an jenem Tage, wo wir beiden, ich und er, fr lange,
lange Zeit zum letzten Male unter Strzers Hainbuche vor der Roten Schanze
standen, sagte er ganz was anderes; er sagte:
    Da ist sie! Mitten unter ihrem Kriegsvolk. Nun hre und sieh nur die Hunde,
wie sie hier herberblaffen und uns die Zhne zeigen! Famose Kter! Wenn ich an
irgend etwas im Leben meine Freude habe, so sind sie es. Nu guck nur, wie gut
sie die Parole gefat haben und wie sie es verstehen, alles unntige Pack vom
Tinchen Quakatz und von der Roten Schanze abzuwehren. Sag selber: htte der
lcherliche Musjeh in franzsischen Diensten, der Herr Graf von der Lausitz, der
Herr Prinz Xaver von Kursachsen, den Wall da drben besser spicken knnen als
der Bauer Quakatz?
    Nu ja, Heinrich, es pat eins zum andern: Haus, Hof und Graben - Vater,
Tochter und Wachtmannschaft.
    Das tut's. Gottlob! Und nun will ich dir noch etwas sagen, Eduard, wenn du
es mir nicht belnehmen willst. Nmlich jetzt wr's mir doch lieber, wenn du
dich auf dem Wege hierher mir nicht aufgehngt httest. Den Damon und Pythias,
den David und Jonathan, und wie die Musterfreunde sonst noch heien mgen,
htten wir bei anderer Gelegenheit, auf einem andern Spazierpfade in
entgegengesetzter Richtung von der Stadt und der Roten Schanze vor unserer
demnchstigen Trennung spielen knnen. Aber da du ein guter Kerl und wirklich
mein Freund bist, so bleib meinswegen, da ich es nicht ndern kann. Aber die
Liebe tust du mir und lsest dich mglichst in Luft und unverbrchliches
Schweigen auf, und nachher, drunten in der Stadt, machst du mich in der brigen
Bekanntschaft nicht lcherlicher, als es unbedingt ntig ist. Die Rote Schanze
hat es mir nun einmal angetan, und das arme Mdchen darber unter seiner
Hundebande kann auch nichts dafr, wenn es mich gleichfalls zu einem Narren
gemacht hat. Es ist eben so geschrieben, und ich habe einfach das Schicksal in
mich hineinzufressen. Guten Tag, Frulein Valentine!
    Guten Tag, Herr Schaumann.
    Sie sah, wie sie mit untergeschlagenen Armen am Torpfeiler lehnte, nicht
danach aus, als ob es in Wahrheit ihr Ernst damit sei, jemandem in der Welt
einen guten Tag zu bieten. Man blickte unwillkrlich danach um, ob nicht eine
geladene Bchsflinte neben ihr am Eingang der Schanze lehne oder ob sie nicht
ein scharfes spitzes Messer in der rechten Faust unter der linken Achsel
verborgen und zum schnellen Gebrauch bereithalte. Auch so was wie von einer
wilden Katze hatte sie an sich, die im Notfall keiner knstlichen Waffe
bedurfte, sondern nur jedem mit den echtgewachsenen Krallen ins Gesicht zu
fahren brauchte und sich mit den Zhnen festzubeien, um in jedem Kampfe fr
sich und um ihres Vaters Haus, Hof und Herd die Oberhand zu behalten.
    Nicht gro und nicht klein, nicht mager und nicht fett, nicht hbsch und
nicht hlich, nicht stdtisch und nicht drfisch, nicht Kind und nicht Jungfrau
stand sie, Valentine Quakatz, des Mordbauern Andreas Quakatzen einzige Tochter,
und bewachte ihres blutig berchtigten Vaters Anwesen, die Rote Schanze, in der
friedlichen, sonnebeglnzten, laubgrnen und hrenblonden Landschaft.
    Ich rufe nicht mehr: Da sind eure Postsachen, eure Schreibsachen, eure
Zeitung, du rote Giftkatze, Strzers Amtsgeschfte am Eingangstor der Roten
Schanze ausrichtend. Sie aber, Frulein Quakatz, duckt die Hunde wie damals und
fast mit den nmlichen wunderlichen Zurufen wie damals. Die Kter beruhigen sich
langsam und widerwillig und behalten uns, leise fortknurrend, fest und
mitrauisch im Auge.
    Der Vater ist nicht zu Hause, sagte Valentine. Und die Leute sind im
Felde, fgt sie hinzu.
    Schn! sagt Stopfkuchen. Da sind wir ja wieder einmal unter uns beiden,
Tinchen; denn dem da habe ich es eben schon klar genug auseinandergesetzt, da
er sich gegenwrtig vollstndig als Luft zu betrachten habe. Natrlich, wenn er
nicht mein bester Freund wre, wrde ich ihm meine Meinung in Hinsicht auf seine
heutige vllige berflssigkeit hier noch deutlicher zum Bewutsein gebracht
haben. Aber er ist mein Freund und also auch, natrlich soweit das mir pat, der
deinige, Tinchen; und so dumm bist du nicht, Mdchen, da du nicht Bescheid
wtest, da er ber euch, die Rote Schanze, so gut Bescheid wei wie die brige
edle, christliche Menschheit auf fnf Meilen im Umkreis. Herrgott, darum allein
knnte man schon mit Wonne Theologie studieren, um einmal so recht von der
Kanzel aus unter sie fahren zu drfen, die edle Menschheit nmlich! Und nun
kommt endlich ins Haus. Die letzte Nase voll des beln Geruches der Roten
Schanze zum Mitnehmen in die reinere, die bessere Luft da drauen, jenseits der
eben erwhnten fnf Meilen!
    Zum Sich uern - zum Worte machen - zum Reden halten, kurz zum
Predigen war er immer sofort da, der dicke Heinrich. Wenn es darauf angekommen
wre, mte er unbedingt heute, wenn nicht cismontaner Papst, so doch Kardinal
oder zum mindesten Archiepiscopus, aber wahrhaftig nicht der jetzige Bauer auf
der Roten Schanze sein.
    Wo ist denn der alte Mann? fragt er frs erste noch.
    Wieder vorm Gericht in der Stadt, spricht grimmig die Tochter und Erbin
der Roten Schanze. Er hat's ja wieder mit dem Schulzen von Maiholzen da gehabt
und ihm die Faust vors dumme Gesicht gehalten und ihn in der alten Sache wegen
Kienbaum von neuem einen Verleumder geheien. Da ist er denn von neuem verklagt
worden.
    Und Stopfkuchen zeigt, da er ungemein melodisch zu flten versteht. Er lt
seine Gefhle in einer langgezogenen Kadenz verklingen und nimmt sie ttlich
wieder auf, indem er den Arm dem Mdchen um die Hften legt und, zu mir gewandt,
sagt:
    Schner konnten wir's ja wieder mal nicht treffen.
    Da aber begibt sich etwas, was vor allem diesen lngst vergangenen Jugendtag
mir wieder in vollster Lebendigkeit vor die Seele stellt: Valentine Quakatz gibt
ihre Wacht am Eingangstor der Roten Schanze auf - vollstndig! Der
bsverkniffene Mund wird zu einem weinerlichen verzogen - das Mdchen kmpft,
kmpft mit seinen Trnen, aber sie sind mchtiger als es. Tinchen schluchzt,
weint laut hinaus und springt Stopfkuchen nicht mit den Fingerngeln ins
Gesicht, sondern legt sich ihm um den Hals, hngt ihm am Halse und jammert:
    Heinrich, du bist zu schlecht!
    Na, na!
    Du bist so schlecht wie die ganze andere Welt.
    Na, so hetze mir doch deine Kter an den Hals, verrcktes Frauenzimmer! Was
sagst du dazu, Eduard? Ich so schlecht wie die ganze brige Welt?
    Ich sage gar nichts. Ich stehe nur wie ein dummer Junge mit offenem Munde
und sehe, wie der dicke Freund das Mdchen ein Mdchen, wie als was ganz
Selbstverstndliches, ebenfalls im Arme hlt, ihm auf den Rcken klopft, ihm
ber die Haare streichelt, ihm das Kinn aufhebt und ihm einen Ku gibt. Ich
sehe, wie er mhsam hinten in der Rocktasche nach seinem Taschentuch angelt, wie
es ihm gelingt, dasselbe hervorzuholen, und wie er mit demselben dem Mdchen -
einem Mdchen, einem fremden, erwachsenen Mdchen die Trnen aus den Augen
wischt, und ich sehe Stopfkuchen mit einem Male mit ganz andern Augen an, als
mit welchen ich ihn bis zu dieser verblffenden Stunde gesehen habe.
Blutbergossen wnsche ich mich bis in die fernsten Fernen weg und mchte
zugleich den mal sehen, dem ich folgte, wenn er mich beim Ellbogen nhme und
sagte: Komm, Eduard, du hast doch hier gar nichts zu suchen!
    Glcklicherweise hat Stopfkuchen aber viel zuviel mit dem Mdchen zu tun und
widmet mir nur dann und wann beilufig eine hfliche Bemerkung.
    Herze von 'ner Gans, kann ich denn was dafr? Gehe ich etwa aus freien
Stcken? Mu ich nicht? Habe ich nicht die Verpflichtung, wenigstens einmal
durchs Examen zu fallen meinen guten Eltern zuliebe? Wie gerne ich dir zuliebe
hierbliebe, Tinchen, das weit du, also sei ein gutes Mdchen und la das dumme
Gewimmer. Guck nur, wie der Taps, der Eduard, guckt und sich berlegt, was er zu
Hause alles erzhlen kann! Da - hast du noch mal mein Taschentuch, und nun
blamiere uns nicht lnger in freier Luft. Glaubst du, da darum der Herr Graf
von der Lausitz diesen Wall aufgeworfen habe, da Heinrich Schaumann, genannt
Stopfkuchen, von ihm herab sich dem Nest drunten von seiner weichsten Seite
zeige? Bilde dir das nicht ein. Bombardieren werde ich noch mal von ihm aus das
Philistertum da unten, da der kurschsische Staberl-Xaverl sich heute noch als
balsamiertes Leder- und Knochenbndel in seiner Frstengruft darber freuen
soll. Komm mit, Eduard, da du da bist. Wir wollen endlich hinein ins Haus; denn
nmlich, Eduard, nicht immer holt man drauen in der freien Luft am freiesten
Atem, welche Erfahrung ich dir, mein Junge, zu mglichem Gebrauche gerne gratis
berlasse. Dumme Witze verbitte ich mir natrlich, jetzt hier und nachher
drunten in der Stadt im Kreise deiner lieben Verwandten und nhern und weitern
Bekannten. Wir drei sind also ganz allein auf der Roten Schanze? Wundervoll!
Sag's deinen Ktern so eindringlich als mglich, was sie zu tun haben, Tinchen.
Frulein Valentine wendet sich zu ihrer vierbeinigen Wachtmannschaft, das heit,
sie hebt die Faust gegen sie und schttelt dieselbe dann gegen die lachende,
freundliche Sommerlandschaft jenseits des Grabens. Das bedeutet, da das Vieh
noch weniger als sonst jemandem ungestraft den Eintritt in das Bollwerk des
Grafen von der Lausitz gewhren soll. Und es versteht das und antwortet mit
einem dumpfen, giftigen Gewinsel und Geknurr: wir drei aber haben jetzt
wahrhaftig wundervoll den Nachmittag allein auf der Roten Schanze. -
    Erfreulich war der Anblick grade nicht, wenn man die Hunde und das Tor
hinter sich hatte. Verwildert und verwahrlost erschien alles umher, jede Arbeit
nur halb und nachlssig und widerwillig getan. Es war keine rechte Ordnung im
Garten, im Hofe, im Hause, und in der Scheune wahrscheinlich auch nicht. Alles
Gerte lag und stand umher, wie man es eben aus der Hand hatte fallen lassen
oder beiseite gestellt hatte. Das Gebsch und Unkraut wuchs ungehindert. Die
Jauche konnte sich keine bessern Tage wnschen als wie auf der Roten Schanze,
und sie suchte sich denn auch ihre Rinnsale, wo es ihr beliebte. Die Hhner
scharrten, wo sie wollten im Garten. Enten und Gnse watschelten ebenso, wo sie
wollten im Hofe und im Hause. Dem Stallvieh sah man es an, da der Herr hufig
nicht zu Hause war und auch dann nicht sein Auge, wie es sein sollte, bei ihm
hatte. Da das Kind vom Hause nicht alles allein besorgen konnte und da das
Gesinde es deshalb sehr sachte angehen lie߫, das war nur zu augenscheinlich.
Was aber den letztern Punkt, das Gesinde, anbetraf, so hatte das mit dessen
Nichtsntzigkeit seine besten Grnde. Der Bauer auf der Roten Schanze hatte
sich, was Knechte, Mgde und Jungen anging, eben mit dem zu begngen, was
niemand sonst mochte - mit dem Abhub und dem Bodensatz der Gegend.
    Es tat fr einen rechtlichen Menschen, fr ein ordentlich Mdchen nicht gut,
auf der Roten Schanze zu dienen und da ehrlich nach der Ordnung zu sehen. Hoher
Lohn und gute Behandlung kamen da gar nicht in Betracht. Jeder Groschen, den der
Bauer Quakatz hergab, hatte ja einen Blutgeruch an sich. Wer von der Roten
Schanze kam und einen andern Dienst suchte, der brachte denselben Geruch in den
Kleidern mit, und man lie es mit verzogner Nase ihm merken und schickte ihn um
ein Haus weiter. Bis der Bauer Andreas Quakatz endlich eingestand, da er
Kienbaum totgeschlagen habe, oder bis der Hof auf der Roten Schanze im ganzen
unter den Hammer gebracht oder noch besser fr Maiholzen im einzelnen
ausgeschlachtet worden war, konnte sich hieran nichts, gar nichts ndern. Und
die Erbtochter der Roten Schanze, Valentine Quakatz, nderte auch nichts, gar
nichts daran; sie hatte nur ihr bitter Teil an der bsen Verfemung mitzutragen.
Es ist Stopfkuchen, der, wie die langen Wogen des Weltmeeres mich wieder auf dem
Hagebucher der neuen Heimat zutragen, fragt:
    Was meinst du, Eduard? Sieht das hier nicht niedlich aus?
    Knecht und Magd haben, da der Herr wieder mal in Beleidigungs- und
Ehrensachen-Krnkungsgeschften von Hause ist, sich ihre Arbeit nach Gutdnken
drauen gesucht, liegen vielleicht auch irgendwo unter einem Busch und lassen
unsern Herrgott den besten Meister sein. Kein Laut ringsumher als das Schrillen
der Grillen und das Gekreisch zankender Spatzen auf den Dchern oder in den
Hecken! Auch Tinchen schluchzt nicht mehr zornig aus sich heraus oder
erbittert-giftig in sich hinein. Sie ist uns voran in die Stube gegangen, ohne
sich danach umgesehen zu haben, ob wir ihr auch gefolgt sind. Wir sind ihr, doch
ein wenig scheu und befangen, gefolgt, und nun sitzt sie am Tische, mit dem
Rcken an der Wand, und hat beide Arme, die Hnde flach ausgebreitet, auf die
altersschwarze Eichenplatte gelegt, und Stopfkuchen und ich stehen vor ihr und
sehen, in der dunkeln, niedern Bauernstube vom Lichte da drauen geblendet, auf
sie hin; - man kann eine Meile weit jede Fliege summen hren. Ja, die Fliegen
der Roten Schanze! Sie haben das Schanzwerk des Prinzen Xaver von Sachsen auch
nicht aufgegeben. Sie sind noch vorhanden in der Stube des Bauern Quakatz,
einerlei, ob er Kienbaum totgeschlagen hat oder nicht. Es gibt nichts innerhalb
der vier Wnde, was sie nicht beschmitzt haben, vor allem die Bilder an den
Wnden: die Zehn Gebote, des Jgers Begrbnis, den unter die Ruber gefallenen
Mann im Evangelio. An des Jgers Begrbnis haben sie mit allen brigen Tieren
sehr teilgenommen und dem Sarge alle Ehren erwiesen. Ebenso dem Wort: Du sollst
nicht tten. Es hngt brigens kein neues Bild zu ihrer Begutachtung an der
Wand. An der Schanze des Siebenjhrigen Krieges ist selbst die neueste
Weltgeschichte vorbeigezogen, ohne ein Zeichen hinterlassen zu haben. Kein
Schlachtenbild aus Neu-Ruppin vom Dppelsturm, keins von Sechsundsechzig, keins
von Siebenzig! Nicht Kaiser Wilhelm, Frst Bismarck und Graf Moltke! Was ging
die Weltgeschichte den Bauer von der Roten Schanze an? Er hatte seinen Kienbaum;
er hatte viel zu schwer an seinem eigenen Dasein auf dieser Erde zu tragen, um
sich viel um das anderer Leute kmmern zu knnen, und wenn es die Ersten dieser
Welt waren! Ihm hatte diese Welt berall in seinem Hause, wo er auf eine Wand
sah, Kienbaumen drangehngt, und er brauchte dazu nicht Malerkunst und Glas und
Rahmen: er sah den Mann jederzeit, und selbst bei geschlossenen Augen, so genau
und deutlich vor sich, wie kein Maler, und wenn es der allerbeste gewesen wre,
ihn ihm htte malen knnen.
    Ich gaffe von dem bunten Bilderbogen der Zehn Gebote verlegen und unruhig
auf das uns anstarrende Mdchen, da sagt Heinrich:
    Nun, Tinchen, la das dumme Zeug und stiere nicht die beiden besten
Lateiner und firmsten Griechen des diesmaligen Oster- Abgangs-Schwindels -
grinse nicht, Eduard! - aus ihrer guten Meinung von sich selber heraus. Ja,
armes Wurm, die se Kinderzeit liegt nun unwiderruflich hinter uns, der Ernst
des Lebens - weine nicht, Eduard! - beginnt, und lebten wir noch in
vernnftigeren Zeiten, so wrde ich dir vorschlagen, Herze: steig hinter deinem
Ritter auf den Gaul, fasse mich um die Taille und halte dich feste. Komm kurz
und gut mit mir. Aber es geht nicht, Eduard. Was knnen wir dafr, da wir
wenigstens dies eine Mal nicht von den Eseln aufs Pferd kommen? Da wir einfach
morgen mit der Eisenbahn fortmssen? Tinchen, mein Herzenstinchen, sich mich
nicht so dumm an; was ich meinen Herren Eltern aus dem ersten Semester
mitbringen werde, wei ich nicht; aber dir bringe ich den alten Stopfkuchen
wieder. So wahr jetzt der Himmel blau ber uns ist und die Erde grn wird und
immer grner: ich will nicht umsonst meine tglichen Prgel der Roten Schanze
wegen gekriegt haben! Ich will nicht umsonst meine einzigen guten Stunden in
diesem Jammertal auf dem Anstand dem alten Quakatz und seinem kleinen Tinchen
gegenber verlebt haben. Wenn Sie es verlangen, Frulein Valentine, so
hinterlasse ich Ihnen das auch schriftlich!
    Es fuhr wie ein Schauder durch den ganzen Krper der Tochter des alten
Quakatz; dann aber sagt Valentine:
    Ich will nichts Schriftliches. Was von Schriftlichem hierher kommt, das
nimmt auch mein Vater am liebsten nur, wenn es ihm auf die Mistgabel gelegt und
zugereicht wird. Nachher fat er es an wie eine glhe Kohle. Und du, du - noch
besser wr's, wenn gar kein Mensch eine Zunge htte zum Sprechen, zum Lgen, zum
Sticheln - du auch!
    Ich auch? fragt Stopfkuchen, aber ohne jeden Ausdruck der berraschung,
des Gekrnktseins oder gar der Entrstung. Indem er sich halb zu mir wendet,
sagt er:
    Ein bichen mehr knntest du selbst bei den heutigen tragischen Umstnden
bei dir selber bleiben, Tinchen; und du, Eduard, jetzt kannst du wirklich mal
fr die Lebenspraxis was lernen. Du auch! Dies Wort ist groartig, und dann sieh
dir mal das Gesicht an, was sie mir zu der Sottise schneidet. Das hat man nun
davon, da man einem Frauenzimmer von Kindesbeinen an seine schnsten freien
Sommer- und Winternachmittage und die Ferien ganz gewidmet hat. Hat die Person
wohl eine Ahnung davon, wie viele Prgel et cetera man ihretwegen von Erzeugern
und Lehrern hingenommen hat, ohne einen Muck zu sagen? - Du auch! Mdchen,
Mdchen, wenn das Schaf, dieser Eduard hier, nicht bei uns stnde, ich wrde dir
und deinem verrckten Alten und der Roten Schanze meine Zuneigung noch einmal in
einer Weise deutlich machen, die sich wahrhaftig nicht gewaschen haben sollte.
    Nun luft wieder ein Zucken ber die Schultern unter dem buntbuerlichen
Brusttuch. Die Erbtochter der Roten Schanze schielt wie ein nur halb gebndigtes
und zum Bessern berredetes oder vielmehr verschchtertes Tier zu dem angehenden
Kandidaten aller denkbaren Brotstudien, Schaumann, auf; sie will mit beiden
Fusten auf den Tisch schlagen, aber es geht nicht. Sie lt die Arme schlaff am
Leibe heruntersinken und schluchzt:
    Ich habe keinen gerufen, um sich um mich zu bekmmern!
    Ne, sagt Stopfkuchen. Ja, da hat sie recht, Eduard! Ich bin ganz von
selber gekommen und habe mich ihrer angenommen. Du weit es ja, Eduard.
    Ganz so genau, wie der Freund zu meinen schien, wute ich es doch nicht. Nur
das wute ich, da es whrend unserer ganzen Jungenszeit in dieser Hinsicht
und nach der Anschauung sowohl des Hauses wie der Schule keinen verrcktern
Bengel gegeben hatte als Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen. Wie ich mit
dem Landpostboten Friedrich Strzern gelaufen war, so hatte er sich vor der
Roten Schanze festgelegt - wie die Katze vor dem Mauseloch, wie er sich selber
ausdrckte. Um mit einem zu gehen oder gar zu laufen, dazu war der gemtliche
Knabe viel zu faul; aber sich durch einen Reisbreiwall ins Schlaraffenland
hineinzufressen, dazu war er imstande, und dieses war bis jetzt die Meinung der
Welt und also auch die meinige ber ihn gewesen. Das war es einzig und allein,
was ich damals an jenem Abschiedstage ber sein Verhltnis zu - dem Mdchen, zu
Tinchen - Valentine Quakatz wute. Meine Dumme-Jungens-Seele dachte nicht daran,
da die verschchterte, verwilderte, rothaarige Krabbe des Bauern Quakatz etwas
anderes als eine sehr beilufige Rolle bei seiner Verliebtheit in die Rote
Schanze des Prinzen Xaver von Sachsen spielen knne. Ich und die Welt von damals
konnten es doch wahrhaftig nicht wissen, da Stopfkuchen auch nach solcher
Richtung hin romantischer Gefhle fhig sei.
    Es war eine Luft in der niedern, schwarzen Bauernstube, die keinem gefallen
konnte. Und der Bauer Andreas hatte einen deutlichen Gang auf ihrem schwarzen
Fuboden ausgetreten vom Fenster bis nach dem Ofen.
    Da geht er, solange ich wei߫, sagt seine Tochter, und ich sitze hier und
hre ihn mit sich selber sprechen, die halbe Nacht durch, bis er mich zu Bette
jagt. Du mut es wissen, Heinrich, weshalb du zu mir gekommen bist und dich an
die Rote Schanze herangemacht hast; aber dein Herr Freund, der Herr Eduard, kann
nichts davon wissen, wie es jetzt mir hier bei deinem Abschiede zu Sinnen sein
mu. Aber wenn er so freundlich sein will, kann er spter vielleicht einmal
Zeuge sein, da ich dir nach meinem Tode die Rote Schanze vermacht habe mit
allem, was dazu gehrt; denn mein Vater hat doch keinen andern, dem er sie in
sein Testament setzen kann, als nur mich, auer den Hunden drauen am Torweg.
Wollen Sie so gut sein, Herr Eduard, da Sie heute mitgekommen sind, da Sie es
spter einmal vor dem Gerichte mit bezeugen, da die Rote Schanze, wenn mein
Vater und ich nichts mehr von der Welt brauchen, einzig und allein Herrn
Schaumann gehrt?
    Wie es fr den Menschen, einen krperlich so angelegten Menschen, so rasch
mglich zu machen gewesen war, wei ich nicht; aber das Faktum war vorhanden:
er, Stopfkuchen, sitzt hinter dem alten Etisch des Quakatzenhofes neben der
Erbtochter desselben und hat seinen Arm ihr um die Schulter gelegt und ruft:
    Jetzt hrt es aber auf! Dummheit lt man sich wohl gefallen, aber doch nur
bis zu einem gewissen Grade, sagt Kollege Blechhammer da unten, Eduard. Sieh dir
noch einmal die Quakatzenburg von inwendig an, alter Junge. Wer wei, ob du sie
so in deinem Leben wieder zu sehen kriegst? Hier mein Ideal meine Burg, mein
Haus! Da drauen die holde Flur, wo wir als Knaben spielten. Morgen also die
Universitas litterarum und das hohe Meer des Lebens! Verflucht poetisch und
verlockend fr zwei abgehende Pennler. Wisch dir die Augen, du liebste,
nrrische Bauerngans, und tu mir den Gefallen und komm wieder mit ins Freie.
Sowie man den ersten Atemzug hier innen tut, hat man genug davon und schnappt
nach der Luft da drauen. Vivant omnes virgines - komm, virgo - kratze und
spucke nicht, virago! Ja wehre dich nur, Frulein! Sie sollen mich nicht umsonst
da unten Stopfkuchen benamset haben, ich werde ihnen zeigen, was dem Herz und
dem Magen bekommt.
    Er hatte das Mdchen um den Leib gefat, er hob es hinter dem Bauernetisch
hervor, er trug es weg, trug es aus dem Hause und setzte es wieder hin auf den
Wall des Prinzen Xaver von Sachsen. Valentine lie es sich ruhig gefallen, und
ich - ich folgte verblfft, betubt, zweifelnd - kurz, Stopfkuchen htte gesagt:
wie ein Schaf! Wenn aber Stopfkuchen jetzt auch noch Flgel entfaltet htte
und mit der Erbtochter von der Roten Schanze, mit dem Kinde von Kienbaums Mrder
langsam, aber immer hher, hher, hher in den blauen Frhlingshimmel
aufgestiegen wre, so htte ich willenlos mir auch das gefallen lassen mssen
und htte hchstens fragen drfen: Ist es denn die Mglichkeit? -
    Wir standen wieder auf der grngrasigen Waldhhe des alten Kriegskunststcks
des Herrn Grafen von der Lausitz - wir beiden angehenden Studenten und Valentine
Quakatz, Heinrich und Tinchen Arm in Arm.
    Pltzlich stie der nrrische Mensch, Stopfkuchen, einen jauchzenden Ruf
aus, schlug mich auf die Schulter, da ich in die Knie scho, und sagte wie aus
tiefstem Magen heraus:
    Und es ist, eines ins andere gerechnet, doch so ungemtlich nicht, da der
Sachse und der Franzos Anno siebenzehnhunderteinundsechzig das Nest da unten
nicht gnzlich ausgerottet und also auch uns unmglich gemacht haben. Wie nett
es eigentlich, so im ganzen, da doch liegt und durch die Gte des Herrn dem
Siebenjhrigen Kriege zum Trotz liegengeblieben ist! Ja, Flur, wo wir als Knaben
spielten - Eduard! Sieh sie dir noch mal an, alter Junge, und gehe hin und lerne
was, auf da du ihr einmal ebenfalls Ehre machst und ihren guten Ruf bei den
Leuten aufrechterhltst. Du aber, Tinchen, kmmere dich gar nicht um sie. Was
ich und du und dein Papa von ihr zu halten haben, das wissen wir, und von dem -
unserm Standpunkt mach ich es vielleicht doch mglich, Prediger oder
Staatsanwalt in ihr zu werden. Eine standfeste, haltbare Kanzel wrde freilich
zum erstern Lehr- und Straffach wohl gehren, seufzte er, seine derbe, biedere
Rechte erst betrachtend und sie dann zur Faust geballt der Heimatstadt drunten
im Tal ebenfalls wie zu vorsichtiger, genauer Betrachtung hinhaltend.
    Da sitzen sie nun auf ihren Bocksthlen, dein und mein Alter, Eduard, und
haben keine Ahnung davon, von welcher Hhe aus Stopfkuchen sie betrachtet oder,
nach eurer Ausdrucksweise, auf sie runterkuckt.
    Goldne Abendsonne, wie bist du so schn! summte ich, wie um die Rede auf
was anderes zu bringen; aber Stopfkuchen lie selten von einem einmal begonnenen
Gedankengange leicht ab.
    Natrlich ist sie schn - vorzglich, wie wir hier an des Herrn Prinzen von
Sachsen Wallbschung der endlich gewonnenen Freiheit, wirklich Mensch sein zu
drfen, uns erfreuen. Sieh mal, da flammt sie grade in den Fenstern des
Schulkarzers sowie in denen unseres Provinzialgefangenhauses. Der reine
Mrchenzauber! Httest du wirklich nie das Bedrfnis gefhlt, Freund meiner
Kindheit, o du mein Eduard, deinen greulichen Alten so wie ich den meinigen, und
vorzglich um die Zeit der Versetzung in eine hhere Klasse edelster deutscher
Menschenbildung, dort hinter einem jener Gitter unschdlich gemacht, in
Sicherheit sitzend zu wissen?
    Und diesen Menschen hatten wir nicht nur fr den Dicksten, Faulsten und
Gefrigsten unter uns, sondern auch nicht nur fr den Dummsten unter uns,
sondern auch berhaupt fr einen Dummkopf gehalten, o wir Esel!
    Und wer ihn auch jetzt wieder, nicht etwa von seinem Gedankengange
abbrachte, sondern ihm darin im bedachtsamen, ruhigen Schritt bestrkte, das war
nicht der feine, wohlgesittete, mit dem besten Schul-Abgangszeugnis versehene
Eduard aus dem Posthause, sondern das war Tinchen Quakatz von der Roten Schanze,
deren Vater man es leider nur nicht hatte beweisen knnen, da er Kienbaum
totgeschlagen habe, und der darum im Bann, wenn nicht der Welt, so doch seiner
nchsten Umgebung, was dasselbe ist, ging und sein Kind natrlich mit.
    Valentine Quakatz hatte auch von der Schanze des Prinzen Xaver, von ihrem
verfemten Wall aus, auf die Stadt und die in der Sonne blitzenden Fenster
derselben hinabgesehen; nun wendete sie sich ab und wischte sich mit der Hand
und dem Schrzenzipfel die Augen.
    Mir ist ein Tier hineingekommen, oder der Glanz beit mich, da sie trnen;
und ihr - du denkst wieder, ich heule.
    Und jetzt ballte sie die Hand und schttelte sie gegen die glitzernden
Fenster des Provinzialgefangenhauses:
    Aber ich heule nicht. Ich will nicht. Heinrich hat ganz recht, es ist dumm,
nur zu weinen. Es beit mich der Glanz auch nur in die Augen, weil ich so lange
und so oft hier habe stehen mssen, wenn er dahinter sa, da unten hinter den
Fenstern, in seinem Gefngnis, mein Vater, mein lieber, liebster Vater. Und weil
ich keinen hatte -
    Und weil sie keinen weiter hatte als mich, Eduard. Und weil ich auch nun
wieder gehe, in Abwesenheit ihres Alten. Na ja, da siehst du mal wieder, lieber
Eduard, was das Leben ist und wie das Vergngen dran immer blo als bloer
Schaum drobenauf schwimmt. Jetzt bitte ich dich, setze dich mal in meine Stelle
und suche mit, euch dummen Jungen, seinen lieben Eltern und was sonst dazu
gehrt zum Trotz, aus so 'ner verschchterten, zur Feldkatze verwilderten
Dorfmieze wieder ein niedliches, nettes, reinliches, schnurrendes, gurrendes,
liebes, liebstes kleines Mdchen zu machen. Na, nun tu noch mal die Schrze von
den Augen und sich mich mit ihnen an; sonst beit es mich in meinen Augen auch,
und das mchte ich doch hier des klugen, gebildeten Eduards wegen lieber
vermeiden. So ist's recht, und nun la uns die Zhne aufeinanderbeien. Ich kann
wahrhaftig nichts dafr, da andere Leute das Recht zu haben behaupten, etwas
anderes aus mir zu machen, als was in mir steckt. Da hast du meine Hand darauf,
Jungfer Quakatz: ich komme wieder und behalte mir bis dahin alle meine Rechte
hier an dieser Erdstelle vor, und den seligen Kienbaum soll doch noch mal der
Teufel holen. Sage es deinem Vater, wenn er nach Hause kommt, da ich es gesagt
habe, Tinchen! Und du, feiner Eduard, bitte, sieh gtigst noch mal hinein in die
schne Landschaft und auf die liebe Vaterstadt - schade, da jetzt grade nicht
die Glocken dazu luten. So ist's recht, verlegener Jngling - - - -
    Ich sehe mich wirklich um - verschchtert, verstrt, verlegen. Ich sehe
hinaus in die Landschaft und auf die Stadt drunten im Tale - kurz - ich sehe weg
und vernehme im klingenden, summenden Ohre, hinter meinem Rcken, auf der alten
Wallhhe des Siebenjhrigen Krieges, rasch hintereinanderfolgende Tne, die ich
nur mit dem Namen Stopfkuchen ganz und gar in Einklang zu bringen wei.
Dazwischen ein unterdrcktes Geschluchz und Gekicher und dazu die Worte: Ach
Heinrich, Heinrich!

 - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Als ich wieder aufsehe, ist weiter nichts vorgefallen, als da die Jahre
hingegangen sind und da die langen Wogen des groen Meeres unter dem Schiffe
weiterrollen und es gegenwrtig gutmtig, ohne zu arges Rollen, Schtteln und
Schttern weitertragen, dem Kap der Guten Hoffnung zu.

Zuerst sah das Ding noch gradeso aus, wie es vor Jahren ausgesehen hatte. Nur
da es heute in anderer Beleuchtung als an jenem Abschiedstage vor mir lag,
nmlich im frischen, hellen Tagesschein, so um zehn Uhr morgens.
    Noch immer derselbe alte Wall und Graben, wie er sich aus dem achtzehnten
Jahrhundert in die zweite Hlfte des neunzehnten wohl erhalten hatte. Die alten
Hecken im Viereck um das jetzige buerliche Anwesen, die alten Baumwipfel
darber. Nur das Ziegeldach des Haupthauses, das man sonst ber das Gezweig weg
und durch es hindurch noch von der Feldmark von Maiholzen aus gesehen hatte,
erblickte man heute nicht mehr. Dieses brachte mich denn darauf, da die Hecken
doch wohl gewachsen und die Baumkronen noch mehr ber der Quakatzenburg sich
verdichtet haben mten. Es mute unbedingt im Sommer noch schattiger als sonst
auf der Roten Schanze geworden sein, und um dieses wrdigen zu knnen, mute man
eben wie ich die Linie gekreuzt haben, um noch einmal nach Hause zu kommen, und
sonst auch berhaupt jetzt dort zu Hause sein, wo es durchschnittlich im Jahre
recht hei ist und wo der Schatten manchmal ganz bedenklich mangelt.
    Ich sah hin, die Hnde vor dem Leib bereinandergelegt; und ich sah mir
alles, da ich ja Zeit hatte und niemand auf der weiten Flur mich strte und die
Lerchen in den Lften nicht strten, sehr genau an, ehe ich den Graben des
Grafen von der Lausitz berschritt.
    Da fiel mir denn bald noch ein anderes auf. Wie es innerhalb der Roten
Schanze aussehen mochte - auerhalb derselben, so weit ihr Reich ging, erschien
mir das Ding verwahrloster denn je.
    Sonst sah man es doch, trotz aller Verfemung, dem Dammweg sehr an, da der
kriegerische Aufwurf im fetten Ackerboden dieser Landschaft zu der Umwallung
eines friedlichen Bauernhofes geworden war, da Mensch und Vieh darberhin ein
und aus gingen, da Mist- und Erntewagen darber hinfuhren, da der Mensch,
trotzdem da Kienbaum von hier aus totgeschlagen worden war, auch hier noch
seiner Nahrung und seinem Behagen nachging.
    Dem schien jetzt nicht mehr so zu sein. Eine Rmerstrae, auf der vor,
whrend und nach der Vlkerwanderung Tausende totgeschlagen worden waren, konnte
im laufenden Saeculo nicht mehr berwachsen und von Grasnarbe berzogen sein wie
die alten Radgleise und Fuspuren, die ber den Graben des Prinzen Xaverius von
Sachsen auf dem Dammwege des Bauern zu der Roten Schanze fhrten. Es leitete
jetzt nur noch ein ganz schmaler, schmaler Fupfad, ohne Radgleisen, Huf- und
Klauenspuren daneben, durch das hohe Gras. Quendel, blaue Glockenblume,
Lwenzahn, Thymian, und was sonst im Grunde das meiste Recht hier hatte,
brauchte sich nicht mehr scheu wegzuducken oder sich von Huf, Klaue und
Schuhsohle alles gefallen zu lassen.
    Nun soll es mich doch wundern, dachte ich. Es ist doch wirklich, als ob das
Gras auch hinter ihm wieder aufgestanden sei! Und damit setzte ich den Fu auf
den Damm und in den engen Pfad, der zu Stopfkuchen hinberfhrte, wie er vordem
zum Bauer Andreas Quakatz hinbergefhrt hatte, und - hielt noch einmal an. Es
war noch ein Drittes jetzt hier am Eingange anders geworden als sonst: wo
steckten die Hunde?
    Ja, wo waren die Hunde der Roten Schanze? Die Wchter der Quakatzenburg? Wo
war die durch stille Winter- und Sommernchte, vorzglich wenn in ihnen der
Vollmond am Himmel stand, weithin ins Land ob ihrer guten, aber lauten Wacht
bekannte und berchtigte Wachtmannschaft?
    Wir haben im Kaffernlande auf unsern Gehften ihrer auch und haben sie
ntig; aber nun war es mir wieder ganz deutlich: ich war nie in der Welt auf
bsere Hunde getroffen als die der Roten Schanze, und ich hatte nie ein Gebell
bser Hunde - selbst wo ich wieder an es zurckdachte - so vermit als wie hier
am Eingangstor dieses deutschen Bauernhofes.
    Die nchsten Schritte gegen die Quakatzenburg belehrten mich, da die Wache
abgelst, aber keineswegs aufgegeben worden sei. Eine andere Mannschaft hatte
sie bezogen, und der Empfang durch dieselbe sprach wahrlich fr friedlichere
Zustnde als die von vergangenen Zeiten.
    Wir kennen alle die alten hbschen, behaglichen Bilder, auf welchen am Tor
mittelalterlicher Stdte der Stadtsoldat auf der Bank unter dem letzten Edikt
seines Senatus populusque, die Brille auf der Nase, den Bierkrug zur Rechten,
die feuer-, schlo- und steinlose Flinte zur Linken, in idyllischer Ruhe und
Beschaulichkeit an seinem Strumpf strickt. Ich habe selber solch ein Bild,
Spitzweg gezeichnet, drauen zu Hause, drunten in Afrika, an der Wand ber dem
Sofa und Sofatisch meiner Frau (es mutet mich dann und wann um so mehr an, weil
unter dem letztern, dem Sofatisch meiner Frau nmlich, ein Lwenfell zum
Futeppich dient), und ich fand es nicht ohne Behagen wieder, hier zu Hause, am
Tor der Roten Schanze. Nur wurde von dem jetzigen Wachtinhaber des weiland
Prinzen Xaverius von Sachsen und Kienbaums Mrder, des Bauern Quakatz, nicht
gestrickt.
    Es wurde gesponnen.
    Er sa nicht an, sondern auf dem rechten Torpfeiler, der jetzige Wachtmann
der Roten Schanze. Er sa mit Wrde da in der Morgensonne und sah ruhig,
gelassen, zu mir hinber - und er spann dabei. Sein Spinnen hinderte ihn aber
nicht, auch den Schnurrbart zu streichen, ja er fuhr sich mit der wehrhaften
Faust sogar ber die Ohren (was beilufig in seiner Kompanie bedeutet, da
Besuch kommt) und strich sich die Nase und nieste dabei. Ich war ganz dicht bei
ihm, als er einen Satz tat und langsam, stattlich und ber die Schulter
gleichmtig nach mir zurcksehend, mir voranging, hinein in Quakatzenhof: der
Kapitn Hinze, der weie Mann, der wirklich fleckenlos weie Kater - der
Hauskater der Schanze des Comte de Lusace.
    Er blieb noch einmal stehen und schlenkerte erst die rechte, dann die linke
Pfote ab; denn es hing da immer noch etwelcher Tau am Grase, wo der
Lindenschatten noch auf letzterm lag. Er sah mich noch einmal an und ging
langsam wieder weiter, als wolle er mir den Weg zeigen: er betrachtete mich
unbedingt nicht als Feind und ging auch wahrlich nicht mehr, um die Hunde zu
holen und Tinchen Quakatz mit einem Feldstein in der Kinderfaust und den Vater
Quakatz mit dem ersten besten Prgel oder gar der Mistgabel oder der Holzaxt! Es
gab wohl nichts Einladenderes als ihn, den Hauptmann Hinze; und das, wozu der
neue Wachtkommandant der Roten Schanze einlud, winkte ebenfalls nicht ab und
riet zu schleuniger Umkehr und eiligem Rckzug.
    Ganz Stopfkuchen!
    Stopfkuchen, wie er sich selber wohl tausendmal in seinen schnsten,
elegischsten Jugendtrumen als Ideal gesehen hatte.
    O welch ein Frhstckstisch vor dem Binsenhttchen, das heit dem
behaglichen, auch auf Winterschnee und Regensturm behaglich zugerichteten
deutschen Bauernhause - vor dem Hause, am deutschen Sommermorgen, zwischen
hochstmmigen Rosen, unter Holunderbschen, im Baumschatten, mit der Sonne
drber und der Frau, der Katze, dem Hunde (jetzt ein ruhiger, verstndiger,
alter Spitz), den Hhnern, den Gnsen, Enten, Spatzen und so weiter und so
weiter rundum! Und solch ein grauer, der Jahreszeit angemessener, jedem Recken
und Dehnen gewachsener Schlaf- oder vielmehr Hausrock! Und solch eine offene
Weste und solch eine wrdige, lange Pastorenpfeife mit dem dazugehrigen
angenehmen Pastorenknaster in blauen Ringeln in der stillen Luft!
    Stopfkuchen!
    Es gab nur ein Wort, und dieses war es, was ich murmeln konnte, wie ich
jetzt stand und, wie der Marquis von Carabas, dem Kapitn Hinze meine weitere
Einfhrung in die Behaglichkeit berlie.
    Stopfkuchen! murmelte ich, whrend ich stand und darauf wartete, da man,
just aus seinem Wohlsein heraus, noch einmal in meinem Leben Notiz von mir nehme
auf der Roten Schanze.
    Selbstverstndlich war's die Frau, welche die Strung zuerst bemerkte, zu
dem Fremden hastig aufsah und ihren Mann anstie:
    Aber Heinrich! Ein Herr! Da ist ja wer!
    Ich habe es nicht gehrt, aber ich bin nicht nur fest berzeugt, sondern ich
wei es gewi, da ihr Heinrich nichts weiter als Na?! gesagt hat, als er,
wenig erfreut, die Zeitung sinken lie und die Nase erst seinem Wachtkapitn zu,
sodann nach seinem Toreingang hin und zuletzt dem Eindringling in seinen
Morgenfrieden entgegenhob.
    Entschuldige den Strenfried, lieber Alter. Eduard nanntest du, freilich
vor langen Jahren, einen Freund, wenn er auch kein junger Baron war, sondern nur
aus dem Posthause da unten stammte, Schaumann, sagte ich, wie vollstndig aus
dem heien Afrika in seine wonnige Khle hinein ihm nher tretend. Die Frau
legte das Strickzeug auf den Kaffeetisch, der Mann legte beide fleischigen Hnde
auf beide Lehnen seines Gartenarmstuhls, wand sich langsam in die Hhe, in
seiner gediegenen Breite nun noch mehr zur Erscheinung kommend, und - sprang
vor. Er tat einen Sprung! Es war der Sprung eines berfetten Frosches, aber ein
Sprung war es!
    Das Wort nahm ihm jedoch noch einmal die kleine, zarte Frau vom Munde weg.
    Jesus, Heinrich, rief Valentine Schaumann, geborene Quakatz, es ist
wirklich und wahrhaftig dein Freund Eduard!
    Halte doch mal meine Pfeife, Tinchen, sagte Stopfkuchen, und dann nahm er
mich, wenn auch nicht in seine Arme, so doch an meinen beiden Oberarmen hielt
mich so eine Weile fest, aber doch von sich, besah mich ganz genau und - fragte:
    Bist du es? Bist du es wirklich doch noch einmal? Die Mglichkeit ist es
ja! setzte er hinzu.
    Es ist die Wirklichkeit, alter Heinz; und ich freue mich, dich - die Rote
Schanze - nein, dich und deine Frau so wohl zu sehen! Du hast -
    Dich gar nicht verndert. Bleibe mir, an jedem warmen Tage im Jahre
wenigstens, mit der verruchten Redensart vom Wanste. Der andere Hohn: Mensch,
aber wie dick bist du geworden! kommt ja doch gleich hinterdrein. In der
Beziehung knnt ihr alle -
    Schaumann, ich freue mich so sehr, dich so, grade so, wiederzufinden!
    Na, na, im Schatten geht es ja wohl noch an. Da zerfliet man seinem besten
Jugendfreund nicht sofort als ein Schemen in den Armen. Er ist es wirklich,
Tinchen! Er hat wahrhaftig die Freundlichkeit gehabt, sich auch unserer noch zu
erinnern.
    Stopfkuchen?!
    Das Wort schmeckt wenigstens noch ein bichen nach andern, jngern Tagen
und lebendigeren Gefhlen; aber die Tatsache bleibt dessenungeachtet bestehen:
Geehrter, weshalb kommst du jetzt erst auch zu uns? Soweit lesen wir die
Zeitungen hier oben auf Quakatzenburg noch, da wir aus der Gasthofsliste
wissen, wie lange du dich da unten bereits aufgehalten und natrlich einer Menge
anderer das Vergngen, dich wiederzusehen, geschenkt hast. Nu denn, das ist denn
ja sehr freundlich von dir.
    Wie jeder, der mit Recht wegen einer Versumnis am Ohr genommen wird, suchte
ich nach einer Ausrede und fand diesmal folgende:
    Das Beste erspart sich der verstndige Erdenbewohner stets bis zuletzt.
Dieses war, wie ich mich ungemein deutlich erinnere, auch dein Grundsatz in den
Tagen unserer Kindheit und Jugend, lieber Heinrich.
    Davon bin ich vllig abgekommen, erwiderte Stopfkuchen. Seit einigen
Jahren schon nehme ich das Beste zuerst, lieber Eduard, und verlasse mich nicht
mehr darauf, da man ja Zeit habe und das Butterbrot sicher und fest in beiden
Fusten halte. Na, lassen wir die Komplimente! Das Glck ist dir diesmal
wenigstens noch gnstig gewesen: einen fetten Happen hast du dir an mir
aufgehoben, was?
    Nun, nun, bester Schaumann -
    Und du - wie stehst du denn so dumm da, Mieze? Quaktzchen? Da der Mann
sich als Mensch, Bruder und Freund wenigstens annherungsweise legitimiert hat
nach Menschenbrauch, so biete ihm wenigstens einen Stuhl und noch eine Tasse
Kaffee an, wenn der noch warm ist. Setze dich wenigstens einen Augenblick,
Eduard, wenn du Zeit hast; und dann - du, sieh sie dir einmal an! - Das ist sie!
Tinchen; Tinchen Quakatz. Na, was meinst du, Eduard? ber mich hast du deine
Meinung, dir unbewut, durch Blick, Mundaufsperren, Hand- und Fumimik bereits
geuert. Jetzt sage es mir dreist aufrichtig, wie du sie im Fleisch findest?
    Die Handbewegung, der Blick, und was sonst zu dieser Vorstellung der Frau
Valentine Schaumann gehrte - nichts ist davon zu beschreiben. Auch von dem Ton
nicht, mit dem das Wort Mieze gesprochen wurde.
    Und Quaktzchen?!
    Eine geborene Quakatz, die Tochter von Kienbaums Mrder, Andreas Quakatz,
die sich bei ihrem Eheherrn zu einer Mieze, ja, wie ich nachher merkte, sogar
zu einem Mschen, mit lngster, zrtlichster Dehnung auf dem  ausgewachsen
hatte und jetzt mir Platz im Sommermorgen und am Frhstckstisch auf der Roten
Schanze machte, die mu doch beschrieben werden!
    Ich hatte sie als Kind nur hager gekannt - klapperig nannte es
Stopfkuchen; aber sie hatte es nicht so wie Stopfkuchen gemacht, sie hatte nicht
ihre Krperveranlagung im Laufe der Jahre zur hchsten Potenz ausgebildet. Sie
war nicht in dem Grade drr geworden, wie er dick; geworden war. Sie war nicht
eingehutzelt unter seinem Regimente in dem Schatten, dem betrchtlichen
Schatten, den er warf.
    Sie war ein wohlgebautes, behagliches Persnchen geworden, mit einigem Grau
im Haar, wie man es so gegen das vierzigste Jahr wohl gelten lassen mu. Ich sah
sie mir natrlich zuerst darauf an, ob sie wohl noch die Hunde ber den Dammweg
auf uns Jungens und die brige Welt hetzen knne; ich sah sie mir sehr genau
darauf an, und ich freute mich. Vollstndig hatte sie den wilden, manchmal halb
irren Blick ihrer Kindheit und Jugendblte, der aus ihrer trostlosen Verfemung
damals stammte, verloren. Und als sie lchelnd die ersten Worte auch an mich
gerichtet hatte, wute ich nach diesen ersten Worten, da sie seit lange nicht
mehr das verschchterte, mit bsen Worten, Steinen und Erdklen beworfene
Bauernmdchen vom Quakatzenhof war. Es war durchaus nicht ntig, da mein Freund
Schaumann es fr notwendig zu halten schien, meine Aufmerksamkeit noch reger zu
machen, und zwar mit den abgeschmackten Worten:
    Jaja, Eduard, Bildung steckt an, und ich bin immer ein sehr gebildeter
Mensch gewesen, wenn ihr da unten es auch nicht immer Wort haben wolltet. Und
dann, Eduard, studiert man manchmal auch nicht ganz ohne Nutzen fr die oder den
Nebenmenschen - das Kochbuch.
    Wer es nicht wte, da wir seit lange recht gute, gute Bekannte sind, der
mte das hieraus doch sofort merken, sagte freundlich zierlich Frau Valentine
Schaumann, und weder im Salon der Madame Rcamier noch dem der Madame de Stal
noch dem der Frau Varnhagen von Ense, die ihrerzeit Rahel genannt wurde, konnte
etwas Feineres und Besseres mit einem bessern und feinern Lcheln bemerkt
werden.
    Ich hatte es damit vollstndig heraus, da ich hier am Ort in der Heimat den
Fu zuerst auf einen verzauberten Boden gesetzt hatte, auf welchem die
Enttuschungen der Heimkehr doch vielleicht noch einem rechten, echten,
wahrhaftigen, wirklichen Heimatsbehagen Raum geben konnten. Nach zehn Minuten
einer Unterhaltung, die sich nur auf unser Wieder-aneinander-Herantreten bezog
und gar nichts Bemerkenswertes an sich hatte, wollte uns die Frau verlassen und
ins Haus gehen, dem Gatten verstndnisvoll zunickend, nachdem Stopfkuchen gesagt
hatte:
    Du, Mieze, natrlich rastet der Fremdling heute im gelobten Lande. In der
Abendkhle knnen wir ihn dann ja ein bichen auf seinem Wege nach der Stadt und
Afrika zurckbegleiten.
    Ich war wohl nicht mit der Absicht gekommen, so lange zu verweilen: aber ich
bin doch wirklich gern den Tag ber auf der Roten Schanze geblieben, nachdem ich
meinerseits gerufen hatte:
    O Frau Valentine, wohin wollen Sie? Bleiben Sie sitzen. Man mu aus
Sdkaffraria und ber die Tropen auf Besuch nach Hause gekommen sein, um
wirklich zu erproben, wie wohlig es sich zu Hause an einem Morgen wie der
heutige vor einem solchen Hause sitzen lt!
    Nicht wahr? sagte Stopfkuchen. Da hrst du's mal wieder, Tinchen Quakatz!
brigens geh du nur ruhig hin; der fremde Herr erzhlt uns nachher wohl das
Genauere von seinem Hauswesen da unten, da hinten. Das macht man wahrhaftig am
besten und gemtlichsten bei Tische ab. La du dich nicht von ihm jetzt
abhalten; geh du ruhig an dein Geschft, Mschen. Dieser abenteuernde Afrikaner
wird seine richtige Desdemona wohl auch schon anderswo gefunden haben, und du
kriegst doch nur die schnen Reste seiner Schnarren und Seelenstimmungen. Geh du
ruhig in deine Kche - doch die Hauptsache. Auch ihm!
    Und der Gatte warf der Gattin einen schmunzelnd verstndnisinnigen Blick zu
und zog sich mit der Handkante vor der Gurgel her, den Gestus des
Halsabschneidens aufs vollkommenste zur Darstellung bringend.
    Heinz hat wahrhaftig recht, Herr Eduard. Die Herren mssen mich wirklich
fr einige Augenblicke entschuldigen. Sei nur ruhig, Schaumann, ich wei schon!
    Sie entschlpfte, und ein Weib, das von einem alten Mrder, von Kienbaums
Mrder abstammte und eben ebenfalls mit Mordgedanken umging, konnte wahrlich
dabei nicht lieber und gutmtiger und behaglicher mir zunicken und mir ihre
Freude darob zu erkennen geben, da sie mich heute mittag bei Tisch haben werde.
Aber es lag auch eine Welt voll Vertrauen in der Rauchwolke, die ihr der Gatte
aus seiner Pfeife nachblies mit den Worten: Alte - Achtung! Das Afrika verwhnt
seine Leute. Ein in der Asche gebratener Elefantenfu soll keine Kleinigkeit
sein. Tinchen, das wre doch endlich ein wahrer guter Ruf, wenn dieser fremde
Herr daheim, zu Hause, bei sich von uns beiden mit Vergngen erzhlen - mte!
    Welch eine wirklich liebe Frau, sagte ich.
    Nicht wahr? fragte Stopfkuchen und fgte hinzu: Was und wie gut
konserviert?
    Und dann saen wir einige Zeit in Nachdenken und die Behaglichkeit der
Stunde versunken und bemerkten es whrenddem erst allmhlich, da nach und nach
um uns her eine Bewegung entstand. Es kam nmlich ein Aufhorchen, ein
Umhersehen, ein Schnabelzusammenstecken in das Federviehvolk um den
Frhstckstisch der Roten Schanze - alles infolge eines heftigen Gegackers und
Gekreisches aus dem Hofraum hinter dem Hause. Und nicht ohne Grund, denn von
dorther ber das niedrige Gatter um den obbemeldeten Hof war ein einzeln Huhn
mit gestrubten Flgeln und mit einigen Federn im Schwanze weniger gelaufen
gekommen und hatte bse Mr gebracht.
    Was hat denn das Vieh? Wer hat denn jetzt wieder Kienbaum totgeschlagen?
fragte Stopfkuchen, seinen Tauben nachstarrend, die pltzlich von ihrem Schlage
sich erhoben und in angstvollen Kreisen ber unsern Huptern und ber den grnen
Lindenwipfeln der Roten Schanze, allmhlich zu silbernen Pnktchen im Himmelblau
werdend, sich entsetzt umschwangen.
    
    Das Zeugs ist ja wie rein toll! sagte er; ich aber tat natrlich, als ob
ich nicht die geringste Ahnung davon habe, da der ganze Aufruhr und Schrecken
der Natur sich von mir herleite, da meinetwegen Frau Valentine Stopfkuchen auf
der Roten Schanze in der Kche gerufen habe: Stine, wir haben heute einen Gast,
und wenn mich nicht alles tuscht, einen aus fremden Lndern her sehr
verwhnten. Was fangen wir an? Mein Mann hat ihn zu Tische gebeten, und wir
haben fr so einen, der von so weit herkommt, eigentlich gar nichts Ordentliches
im Hause.
    Na ja, so mu es uns immer zur unrechten Zeit ber den Hals kommen, hatte
dann wahrscheinlich Stopfkuchens guter, zweitbester Kchengenius gerufen und -
sicherlich hinzugesetzt: Na, ganz so schlimm ist es wohl noch nicht mit ihm,
dem fremden Herrn, und uns hier auf der Roten Schanze. Die Hhner und den
Taubenschlag haben wir ja immer gottlob noch bei der Hand.
    Ich wute es auch noch von meiner seligen Mutter her, was die Antwort und
der Trost war. Fr eine gute Bouillon wollen wir jedenfalls sorgen, Stine. Die
lassen sich auch die Verwhntesten gefallen.
    Frau Tinchen Schaumann hat an dem Tage aber noch aus ihrer eigenen
Speisekammer und, was noch besser, aus ihrer eigenen guten Seele mit einem
Stein vom Herzen hinzugesetzt: Und dann haben wir ja auch, Gott sei Dank, den
Schinken in Burgunder liegen. Also denn, Stine, rasch in den Hhnerhof und auf
den Taubenschlag! Der fremde Herr bleibt bis zum Abend, und es ist ein alter
Freund von meinem Mann, und es ist auch mir eine groe Freude, da er nach so
langen Jahren und von so weit her hier noch einmal auf der Schanze zu Besuch
ist!

Es mchten vielleicht manche auf dem Schiffe gern wissen, womit sich eigentlich
der Herr aus der Burenrepublik so eifrig literarisch beschftige, was er
schreibe, worber er jetzt knurre, jetzt seufze und jetzt lache. Es ist aber
keiner unter der ganzen Reisegesellschaft, dem ich es vollstndig klarmachen
knnte, wie sich ein vernnftiger Mensch auf einer solchen Fahrt so mit einem
lngst gegessenen und verdaueten Schinken, und wenn auch in Burgunder, so
eingehend noch einmal beschftigen knne. Wir haben Deutsche, Niederlnder,
Englnder, Norweger, Dnen und Schweden, die ganze germanische Vetternschaft, an
Bord des Leonhard Hagebucher; aber sie wrden mich alle mehr fr einen Narren
als einen mit ein wenig Weltverschnerungssinn begabten Teutonen nehmen, wenn
ich heute abend im Rauchsalon ihnen einige Seiten aus meinem diesmaligen Logbuch
und Reisemanuskript, aus der Kriminalgeschichte Stopfkuchen vorlesen wrde.
Ich lasse das wohl bleiben; aber ich bleibe auch bei meinem Manuskript, wenn das
Wetter und der Wogengang es erlauben. Ich bin eben oft genug im Leben zu Schiffe
gewesen, um zu wissen, was das Behaglichere ist auf einer lngern Fahrt. Es ist
eine groe Tuschung, zu meinen, da auf den groen Wassern alle Augenblicke
etwas Merkwrdiges vorkomme und da eine germanische Reiseverwandtschaft immer
ungemein humoristisch, gemtvoll, feinfhlig und interessant sei...
    Nmlich den frischen Schinken in Burgunder und die gute Hhnersuppe fanden
wir auf dem Mittagstisch; aber so weit sind wir ja wohl noch nicht. Wir sitzen
noch hinter Stopfkuchens zweitem Frhstck unter den alten Linden vor der
Quakatzenburg auf der Roten Schanze, Freund Heinrich Schaumann und ich, und der
Etisch drinnen im Hause wird eben erst in die Mitte der Stube gezogen, um von
Frau Tinchen und einer zweiten Magd derselben fr das Haupttreffen, die
Hauptbefriedigung des tglichen Nahrungsbedrfnisses, gedeckt zu werden.
    Endlich doch einmal ein Mensch, der ein vorgesetztes Ziel erreicht hat,
ohne da es ihn nach dem Anlangen enttuscht hat! sagte und seufzte ich, in die
nochmals dargereichte Zigarrenkiste greifend.
    Ein bichen viel bergewicht, brummte Stopfkuchen. An heien Tagen etwas
beschwerlich, lieber Eduard. Vorzglich bei den doch immer notwendigen
Geschftsgngen.
    Ja, hast du denn wirklich noch solche notwendige Gnge zu machen, lieber
Heinrich? Hast du wahrhaftig noch nicht mit allem, was fr unsereinen so drauen
herumliegt und besorgt werden mu, abgeschlossen? Liegt nicht alles das drauen
vor deinen wundervollen Wllen des Prinzen Xaver von Sachsen?
    Was wohl soviel heien soll als: bist du nur dazu da, auf der Roten Schanze
nach dem Lebensunbehagen des Vaters Quakatz die Behaglichkeit des Daseins in
deiner feisten Person zur Darstellung zu bringen? Jetzt leihe mir mal gtigst
deinen Arm, Eduard. Eine Weile dauert es wohl, ehe wir zu Tisch gerufen werden;
also kann ich dir, wenn es dir gefllig ist, vorher noch Festung, Haus und Hof -
my house and my castle -, wie das alles unter meiner und Tinchens Herrschaft
geworden ist, etwas genauer zeigen. Uf - langsam! Nur nicht zu hastig. Weshalb
sollen wir uns nicht Zeit nehmen? Was knnte ich Hinhocker einem Weltwanderer
gleich dir Merkwrdiges zu weisen haben, was solche ein rasendes Drauflosstrzen
erforderte? Nur mit aller Bequemlichkeit, Freund! Wandeln wir langsam, langsam,
und zwar zuerst noch einmal um den Wall des Herrn Grafen von der Lausitz,
segensreichen, wenn auch nicht gloriosen Angedenkens.
    Segensreichen Angedenkens? Das sagte die Stadt da unten, sowie die
Umgegend, im Jahre Christi siebenzehnhunderteinundsechzig grade nicht.
    Aber ich sage es heute. Was geht mich die hiesige Gegend und Umgegend an?
Die schne Aussicht darauf von Quakatzenburg aus natrlich abgerechnet.
    Ich war jetzt so gespannt auf das, was er mir zu zeigen hatte, da ich
wirklich mit einiger Mhe meinen Schritt aus den Goldfeldern von Kaffraria nach
seinem Schritt von der Roten Schanze migte. Und zum erstenmal nun in meinem
Leben umging ich auf dem Walle selbst das Schanzenviereck des Prinzen Xaver; als
Junge und als junger Mensch hatte ich es mir ja nur von jenseits des Grabens,
vom Felde, von dem Glacis dann und wann ansehen knnen. Und die Jahre zhlten!
Es ging freilich heute etwas langsam damit; denn der Jugendfreund hatte in
Wahrheit meinen Arm nicht blo der Zierde und Zrtlichkeit wegen genommen. Seine
Pfeife nahm er natrlich auch mit, hielt sie im Brande und deutete mit ihrer
Spitze hierhin und dorthin, wo er meine nach seiner Meinung durch allerlei
Weltumsegelungen zerstreute Aufmerksamkeit hinzuwenden wnschte.
    Wir wandelten oder watschelten wieder durch seinen Gartenweg, zwischen
seinen Johannis- und Stachelbeerbschen, seiner Brennenden Liebe, seinen Rosen
und Lilien, seinem Rittersporn und Venuswagen empor zu der Brstung seiner
Festung. Als Geschichtsforscher und als Philosoph der Roten Schanze erwies er
sich von Augenblick zu Augenblick grer - bedeutender. Und dabei hatte er sich
in seiner wohlgeftterten Einsamkeit und in den Armen seiner kleinen herzigen
Frau zu einem Selbstredner sondergleichen ausgebildet. Er fragte, und er gab
gewhnlich die Antwort selber, was fr den Gefragten stets seine groe
Bequemlichkeit hat.
    Woher stammen im Grunde des Menschen Schicksale, Eduard? fragte er zuerst,
und ehe ich antworten konnte (was htte ich antworten knnen?), meinte er:
Gewhnlich, wenn nicht immer, aus einem Punkte. Von meinem Kinderwagen her - du
weit, Eduard, ich war seit frhester Jugend etwas schwach auf den Beinen -
erinnere ich mich noch ganz gut jener Sonntagsnachmittagsspazierfahrtstunde, wo
mein Dmon mich zum erstenmal hierauf anwies, in welcher mein Vater sagte:
Hinter der Roten Schanze, Frau, kommen wir gottlob bald in den Schatten. Der
Bengel da knnte brigens auch bald zu Fue laufen! Meinst du nicht? - Er ist so
schwach auf den Fen, seufzte meine selige Mutter, und dieses Wort vergesse ich
ihr nimmer. Ja, Eduard, ich bin immer etwas schwach, nicht nur von Begriffen,
sondern auch auf den Fen gewesen, und das ist der besagte Punkt! Ich habe mich
wahrhaftig nicht weiter in der Welt bringen knnen als bis in den Schatten der
Roten Schanze. Ich kann wirklich nichts dafr. Hier war mein schwacher oder,
wenn du willst, starker Punkt. Hier fate mich das Schicksal. Ich habe mich
gewehrt, aber ich habe mich fgen mssen, und ich habe mich seufzend gefgt.
Dich, lieber Eduard, haben Strzer und M. Levaillant nach dem heien Afrika
gebracht, und mich haben meine schwachen Verstandeskrfte und noch schwchern
Fe im khlen Schatten von Quakatzenhof festgehalten. Eduard, das Schicksal
benutzt meistens doch unsere schwachen Punkte, um uns auf das uns Dienliche
aufmerksam zu machen.
    Dieser Mensch war so frech-undankbar, hier wahrhaftig einen Seufzer aus der
Tiefe seines Wanstes hervorzuholen. Natrlich nur, um mir sein Behagen noch
beneidenswerter vorzurcken. Ich ging aber nicht darauf ein. Den Gefallen,
meinerseits jetzt noch tiefer und mit besserer Berechtigung zu seufzen, tat ich
ihm nicht.
    Ruhig, Eduard! sagte ich mir. Sollst doch zu erfahren suchen, was er noch
weiter mehr wei als du.
    Ich lie ihn also am Worte, still von einer Ecke des alten, jetzt so
friedlichen Kriegsbollwerkes aus dem Schatten heraus in die sonnige, weite
Landschaft mit meiner Heimatstadt, ihren Drfern, Wldern, nahen Hgeln und
fernem Gebirge hinausschauend.
    Ja, da hast du den ganzen Kriegsschauplatz von Schaumann contra Quakatz vor
dir, sprach Stopfkuchen. Sieh dir die Landschaft ja noch einmal an, ehe du
dich wieder nach deinem herrlichen Afrika verziehst. Es ist und bleibt doch eine
nette Gegend, was?
    Freilich, freilich! Man braucht grade nicht aus Libyen zu kommen oder
wieder dorthin abreisen zu mssen, um das dreist behaupten zu knnen.
    Und dann, was alles in ihr passiert ist, Eduard, sagte Stopfkuchen, mich
leicht mit dem Ellbogen in die Seite stoend. Von alten Historien will ich gar
nicht anfangen; aber nimm nur blo diesen himmlischen Siebenjhrigen Krieg an!
    Bester Freund -
    Fr diesen gttlichen Siebenjhrigen Krieg und den wundervollen alten
Streithahnen, den Alten Fritz, habe ich immer meine stillste, aber innigste
Zuneigung gehabt.
    Liebster Heinrich -
    Jawohl, etwas von dieser herzlichen Neigung in mir dmmert dir vielleicht
heute auch noch wohl aus unschuldigen Kinder- und nichtsnutzigsten Flegeljahren
auf. Eduard, wre ich heute nicht Stopfkuchen, so mchte ich nur Friedrich der
Andere in Preuen - in der ganzen Weltgeschichte nur Fritz der Zweite gewesen
sein. Ich wei nicht, wie es mit deiner Bibliothek im Kaffernlande bestellt ist,
aber, bitte, nenne mir einen andern aus der Welt Haupt und Staatsaktionen, der
fr unsereinen etwas Sympathischeres als der an sich haben kann! So drr -
ausgetrocknet, mit seinem vom Rheinwein seines Herrn Vaters her angeerbten
Podagra etwas schwach auf den Fen, aber immer in den Stiefeln! Immer munter
bei sich selber im Hallo, Geheul und Gebrll der Furien und der Kanonen. Mit
seinem Krckstock, seiner Nase voll Schnupftabak, seiner mit Siegellack
eigenhndigst reparierten Degenscheide - scharfklingig, frech und spitzig, was
man jetzt schnodderig nennt, gegen die allerhchsten Damen, Frau Marie Therese,
Frau Elisabeth, Frau Jeanne-Antoinette, was ich freilich meiner allerhchsten
Dame, meines Tinchens wegen, nicht ganz und gar billigen kann. Aber dagegen sein
Appetit! Tadellos! Gut in seiner Kindheit, in seiner Jugend, aber ber alles Lob
erhaben bei zunehmendem Alter. Htte ich wo ein Wort zu verlieren, so wre es
bei dieser Betrachtung, so wre es hier. Der Mann verdaute alles! Verdru,
Provinzen, eigenes und fremdes Pech und vor allem seine jeden Tag eigenhndig
geschriebene Speisekarte. Eduard, dieser Mensch wre auch Herr der Roten Schanze
geworden, wenn er ich gewesen wre. Eduard, wenn ein Mensch was dazu getan hat,
mich zum Herrn, Eigentmer und Besitzer von der Roten Schanze und somit auch von
Tinchen Quakatz zu machen, so ist das immer der Alte Fritz von Preuen,
selbstverstndlich immer in Verbindung mit seinem herzigen, mir so unendlich
wertvollen Gegner auf dieser Erdstelle, dem Prinzen Xaverius von Sachsen,
Kurfrstlicher Hoheit.
    Der Mensch, Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, redete einen solchen
Haufen von Gegenstzen zusammen, da ich gar nicht mehr imstande war, zu
seufzen: Nun, das soll mich doch weiter wundern, worauf dieses hinauslaufen
kann.
    Setzen wir uns doch lieber, meinte Heinrich. Ich sehe es dir an, da ich
dir noch ein wenig konfus erscheine. Vielleicht kommt das noch besser; aber ich
kann es nicht ndern. Diese Bank hier habe ich brigens nur aufstellen lassen,
um dann und wann nicht selber meinen historischen Boden unter den Fen weg zu
verlieren. Wenn ich dir aber langweilig werde, hre ich auf der Stelle auf,
interessantester aller Afrikaner und bester aller alten Freunde.
    Ich bitte dich, Stopf- bester Freund!
    Sage dreist Stopfkuchen, Eduard. Ich hre gern auch heute noch auf das alte
liebe Wort; und von den alten Freunden, die es mir in schnern Jahren so sehr
scherzhaft aufhingen, mu ich dir doch zuerst reden, um meinem seligen
Schwiegerpapa von Kienbaums Angedenken allmhlich nherzukommen. Also dieses war
der Anfang der Historie von Heinrich und Valentine, von Kienbaum, vom Meister
Andreas Quakatz und von der Roten Schanze. Du sitzest doch gemtlich, Eduard?
    Ich habe selten in meinem Leben gemtlicher gesessen. Aber unterbrich dich
doch nicht immer selbst, alter, wunderlicher Freund! Mir scheint es jetzt
wahrlich, ich sei nur deshalb einzig und allein in die alte Heimat auf Besuch
gekommen, um dich zu hren!
    Sehr schmeichelhaft! Also auch deshalb zuerst von den alten Freunden, von
euch nichtsnutzigen, boshaftigen, unverschmten Schlingeln, die ihr, solange ich
euch zu denken vermag, euer Bestes getan habt, mir die Tage meiner Kindheit und
Jugend zu verekeln!
    Stopfkuchen, ich bitte dich -
    Jawohl, Stopfkuchen! Was konnte ich denn dafr, da ich schwach von Beinen
und stark von Magen und Verdauung war? Hatte ich mir die Kraft und Macht meiner
peristaltischen Bewegungen und die Hinflligkeit meiner Extremitten und
berhaupt meine Veranlagung zum Idiotentum anerschaffen? Htte ich die Wahl
gehabt, so wre ich ja zehntausendmal lieber als Qualle in der bittern Salzflut
denn als Schaumanns Junge, der dicke, dumme Heinrich Schaumann, in die
Erscheinung getreten. Sauber seid ihr mit mir umgegangen und habt euer
schndliches Menschenrecht genommen. Leugne es nicht, Eduard!
    Du gibst keine Ausnahme zu, Heinrich?
    Keine! Soll ich etwa dich ausnehmen, du mein bester, liebster Freund? Bilde
dir das nicht ein! Frage nachher nur Tinchen bei Tische, was sie darber denkt.
Sie hat dich ja auch damals mit den andern vor ihres Vaters Burgwall gehabt.
Hast du nicht mit den Wlfen geheult, so hast du mit den Eseln geiahet, und
jedenfalls bist auch du mit den andern gelaufen und hast Stopfkuchen mit seiner
unverstandenen Seele gleichwie mit einem auf die gute Seite gefallenen
Butterbrot auf der Haustrtreppe, auf der faulen Bank in der Schule und am
Feldrain vor der Roten Schanze sitzenlassen. Jawohl hast du dich schn nach mir
umgesehen, wenn du nicht etwa etwas Besseres, sondern wenn du etwas
Vergnglicheres wutest.
    Heinrich, das kannst du doch wirklich nicht sagen!
    Eduard, se ich sonst so hier? Und dann - brigens, mache ich dir einen
Vorwurf daraus? Habe ich euch - dich nicht laufen lassen, und habe ich nicht
etwa mein Butterbrot aus dem Erdenstaube aufgehoben und es gefressen - mit einem
Viertel Wehmut und drei Vierteln Hochgenu in meiner - Einsamkeit? Habe ich euch
- habe ich dich etwa nicht ruhig laufen lassen? Habe ich mich je euch durch
Gewinsel hinter euren leichter beschwingten Seelen und bewegungslustigern
Krpern her noch lcherlicher, als ich schon war, gemacht?
    Wahrhaftig nicht! Und um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich - wir haben
dich einfach sitzenlassen, wie und wo du dich hingesetzt hattest!
    Seht ihr! Siehst du! Und ich hoffe es dir im Laufe des Tages doch noch zu
beweisen, da auch die einsame Haustrtreppe, der unterste Platz in jeder
Schulklasse, der trnenreiche Sitz am Wiesenrain den Menschen doch noch zu einem
gewissen Weltberblick und einem Zweck und Ziel im Erdendasein gelangen lassen
knnen. Zum Laufen hilft eben nicht immer schnell sein, lieber Eduard.
    Das wei der liebe Gott! seufzte ich aus voller Seele, aus allen
Lebenserrungenschaften und vom untern Ende Afrikas her.
    Ein Indianer am Pfahl konnte es unter dem Kriegsgeheul und Hohngebrll
seiner Feinde nicht schner haben als Stopfkuchen in euerm muntern Kreise. Nette
Siegestnze eurer berlegenheit habt ihr um mich armen maulfaulen, feisten,
schwitzenden Tropf aufgefhrt. Und so helle Kpfe waret ihr allesamt! Jawohl
habe ich mein Brot mit Trnen gegessen in eurer lieben Kameradschaft. Was blieb
mir da anders brig, als mich an meinen Appetit zu halten und mich auf mich
selber zu beschrnken und euch mit meinen herzlichsten Segenswnschen die
Rckseite zuzudrehen.
    Heinrich -
    Na, na, la das nur sein. Es liegt jetzt hinter uns beiden, und Tinchen ist
in ihrer Kche fr dein und mein Wohl heute beschftigt, wie es sich gehrt. Das
Herzblatt! La uns jetzt dem nherzukommen suchen, und also - vivat der Prinz
Xaver von Sachsen, und nochmals und zum dritten Male hoch der Comte de Lusace,
Prinz Xaverius von Sachsen!

Er lebe! Aber was er mit deiner - meiner - unserer und deiner Frau Geschichte
zu tun hat, das bleibt mir augenblicklich noch ein Rtsel, Schaumann! Du hast
eben wohlberechtigte Worte zu mir gesprochen; aber deinen Grafen von der
Lausitz, deinen mir vllig unbekannten Prinzen von Sachsen, brauche ich mir doch
nicht so ohne weiteres gefallen zu lassen, Heinrich! Jetzt, ehe deine Frau zum
Essen ruft, was hat dieser sonderbare Prinz Xaver, Xaverius, mit ihr, mit dir,
mit mir noch zu tun an diesem wundervollen, windstillen, himmelblauen,
blttergrnen, sonnigen Sommermorgen?
    Das Schiff stt heute ein wenig mehr als gestern.

Und wenn du auch die halbe neue Weltgeschichte miterlebt und in Afrika selber
mitgemacht hast, Eduard, das mut du doch auch noch wissen, da in meines Vaters
Hausgiebel eine Kanonenkugel stak und heute noch steckt, die er - der Xaverl -
damals im Siebenjhrigen Kriege zu uns in die Stadt hineingeschossen hat! Sei
nur ganz still und unterbrich mich nicht; wir kommen dem Tinchen an ihrem
Kchenherde auf der Roten Schanze nher und immer nher. Nmlich sie war meines
Vaters Stolz, nicht das Tinchen, sondern die Kanonenkugel. Sie war ja eine
Merkwrdigkeit der Stadt, und mein erstes Denken haftet an ihr. Die ist von der
Roten Schanze gekommen, Junge, sagte mein Vater, und nun sage mir, Eduard, hast
du da hinten in Pretoria, oder wie ihr es und euch nennt, etwas Besseres als
eine Kugel im Geblk oder in der Hauswand, um deinem Jungen oder deinen Jungen
den Verstand fr irgend etwas aufzuknpfen? So ein Wort schlgt ein und haftet
im Gehirn und in der Phantasie wie die Kugel selber in der Mauer. Sie kommt noch
aus dem Kriege des Alten Fritz her, Heinrich, sagte mein Vater. Pa in der
Schule ordentlich auf, denn da knnen sie dir das Genauere darber erzhlen! -
Na, ich habe um alles andere in der Schule Prgel gekriegt, nur um den
Siebenjhrigen Krieg nicht; und daran ist die Geschtzkugel des Prinzen Xaver an
unserer Hauswand, die Kugel, die von der Roten Schanze hergekommen war, schuld
gewesen, und sie hat mir denn auch so im Laufe der Zeiten zum Tinchen Quakatz
und zu der Roten Schanze verholfen. Nachher bei Tische, hoffe ich, sollst du es
mir ganz aufrichtig sagen mssen, da du es doch recht behaglich bei uns
findest.
    Habe ich denn das nicht schon verschiedene Male gesagt?
    Nein. Wenigstens noch lange nicht nach Wrden. Denn was weit du denn
eigentlich bis jetzt Genauestes von uns? Aber Menschenkind, mut du denn immer
unterbrechen? Menschenkind, begreifst du denn gar nicht, wie viele verhaltene
Reden, wieviel verhaltener Wortschwall in einem nicht zum Zweck und auf die
Kanzel gekommenen Kandidaten der Theologie stecken knnen? Da, sitze still und
gucke in die schne Gegend und auf die Heimatsgefilde und la mich mir endlich
mal Luft machen, einem Menschen gegenber Luft machen, der nicht da unten in das
alte Nest hineingehrt, sondern der morgen schon wieder auf dem Wege nach dem
untersten Ende vom alleruntersten Sdafrika ist, also nicht die Geschichte vom
Stopfkuchen und seiner Roten Schanze in sein nachbarliches Ehebett und in seine
Stammkneipe weitertrgt.
    Ich sage gar nichts mehr, bis du selber mich dazu aufforderst oder bis
deine liebe Frau es wnscht.
    Schn, lieber Junge! Damit tust du mir eine wahre Wohltat an. Also kommen
wir zurck zu der Schicksalskugel an Rendanten Schaumanns Hause. Allein tat sie
es natrlich nicht. Es hatte sich im Hause auch ein alter Schmker erhalten.
Meine Mutter hatte ihn jahrelang benutzt, um einem wackelnden Schrank den
mangelnden vierten Fu unterzuschieben. Der half mir weiter. Nicht der Schrank,
sondern der Schmker! Es war ein Lokalprodukt, das die Geschichte der Belagerung
unserer sen Kindheitswiege durch den Prinzen Xaver von Sachsen, wenn nicht
wahr, so doch fr ein Kindergemt um ein bedeutendes deutlicher ausmalte. Den
Klassiker zog ich unter dem Schranke vor, den las ich lieber als den Cornelius
Nepos, und von dem aus kam ich, Eduard - sei ruhig, wir kommen Tinchen immer
nher! -, zu dem lebendigen alten Schmker Schwartner. Selbstverstndlich
erinnerst du dich noch an den alten Schwartner, den Registrator Schwartner?
    Ich erinnerte mich selbstverstndlich, aber schttelte natrlich ebenso
selbstverstndlich das Haupt.
    Ja so: er soll ja nicht dreinreden! brummte der Herr der Roten Schanze und
fuhr fort in seiner Seelenerleichterung, ohne da er durch mich aufgehalten
worden war. Der alte Schwartner in seinem alten schwarzen Hause unter den
dunkeln Kastanien der Kirche gegenber. Es spukte in ihm, weit du noch, Eduard?
In dem Hause natrlich, aber - in dem alten Herrn auch. In dem alten Herrn haben
nach seinem Tode oder vielmehr endlichen vlligen Austrocknen die Doktoren nicht
einen Tropfen Flssigkeit mehr gefunden, obgleich er aller Humore voller steckte
als die ganze brige Stadt. Und beim Abbruch seines Familienhauses, nachdem man
vorher die Kastanienbume niedergeschlagen hatte, haben die Arbeiter mehr als
einmal am hellen Mittage die xte, Schaufeln und Spitzhacken hingeworfen und
haben sich unter den Schutz der Hauptkirche gegenber geflchtet, weil pltzlich
ein Schrecken ber sie kam. Ihr Gelehrten schiebt das ja wohl auf den alten
Bockfler Pan; die stdtische Arbeiterbummlerschaft aber schob's auf den alten
Bockfler Schwartner. Na, mit dem letztern Alten habe ich denn so ganz hinter
euerm Rcken, ihr lieben, hellen Schulkameraden, Kameradschaft gemacht, und zwar
mit Nutzen in vielen Dingen, von denen ihr Feldhasen nicht die geringste Ahnung
haben konntet. Sitze nur ruhig, Eduard; ich fhre dich nicht zu weit ab: wir
bleiben einfach bei der Roten Schanze und kommen meinem Tinchen immer nher.
brigens wird sie hoffentlich nun auch bald uns zu Tische rufen.
    Ich htte hier wirklich etwas sagen knnen; aber ich bezwang mich und tat es
nicht. Stopfkuchen fuhr, seine Pfeife besser in Brand ziehend, fort:
    Also die Kugel an meines Vaters Hause hatte zuerst auf meine kindliche
Phantasie gewirkt; der alte Schwartner wirkte zuerst auf meinen historischen
Sinn. Und den historischen Sinn im Menschen erklren heutzutage ja viele
Gelehrte fr das Vorzglichste, was es berhaupt im Menschen gibt. Ich bin nicht
dieser Ansicht. Ja, wenn man sich immer nur an was Angenehmes erinnerte! ...
Aber einerlei, der alte Schwartner hatte historischen Sinn und erweckte
denselben auch, soweit es mglich war, in mir. Da ich mich mit ihm, immer dem
historischen Sinn. Einzig und allein auf die Rote Schanze zu beschrnken wute,
spricht meines Erachtens zuletzt denn doch dafr, da noch etwas in mir lag, was
selbst ber den historischen Sinn hinausging. Wie ich eigentlich zuerst in sein
Haus gekommen bin, wei ich nicht recht. Er hat mich wahrscheinlich die
Kanonenkugel an unserm Hausgiebel oder die Rote Schanze angaffend gefunden, eine
verwandte Seele in mir gewittert und mich mal mit sich genommen. Wir kamen
jedenfalls bald auf den kameradschaftlichsten Fu. Wer mich brauchte und in
meines Vaters Hause nicht vorfand, der hatte mich nur beim alten Registrator
Schwartner zu suchen, da fand er mich ziemlich sicher. Schulkenntnisse,
Heinrich, sagte der alte Schwartner, erwirb dir ja Schulkenntnisse und
vorzglich Geschichte. Ohne Geschichtskenntnis bleibt der Gescheuteste ein
dummer Esel, mit ihr steckt er als berlegener Mensch eine ganze Stadt, ein ganz
Gemeinwesen wissenschaftlich in die Tasche. Brauchst da blo mich anzusehen, den
bloen Subalternenbeamten, der ihnen allen doch allein sagen kann, wie es mit
ihnen eigentlich steht. Viele allgemeine Geschichtskenntnis habe ich nun
freilich doch nicht aus der Freundschaft des alten Herrn gezogen; aber die
Geschichte des Siebenjhrigen Krieges und der Roten Schanze, die wei ich von
ihm, mag es meinetwegen mit dem brigen bestellt sein und bleiben, wie es ist.
Jaja, Eduard, sein - des alten Schwartners - Groonkel oder Urgroonkel hatte
als damaliger Stadtsyndikus den Prinzen Xaverius persnlich gesprochen. Der
Prinz hatte ihm seine Dose geboten, aber ihm seinen Beitrag zur Kontribution und
Brandschatzung nach gewonnener Stadt leider nicht erlassen. Er, der Herr
Registrator, bewahrte auch noch viele andere Sachen in seinem gespenstischen
Familienhause zum Angedenken an jene unruhige Zeit auf: ein Sponton in der Ecke
hinter seinem Schreibtische, Plne und Kupferstiche an den Wnden, Sthle, auf
welchen die Urgromutter und die Gromutter mit dem preuischen
Stadtkommandanten gesessen hatten, einen Tisch, von welchem die Einquartierung
eine Ecke abgeschlagen hatte, und vor allen Dingen Rechnungen, Rechnungsbcher,
Abrechnungen! Na, sie hatten blechen mssen, das sage ich dir, Eduard! Der liebe
Gott beschirme deine Urenkel in Afrika vor derartigen lieben Angedenken oder
gebe ihnen wenigstens den behaglichen historischen Sinn des alten Schwartner,
der durchaus keinen Groll darber mehr in sich trug, der nur noch sein Vergngen
aus der Sache zog und dem nichts als sein Interesse an dem Dinge geblieben war.
Er hatte einen ziemlich groen Plan der Stadt aus dem Ende des vorigen
Jahrhunderts an der Wand neben seinem Sofa hngen, und wenn er nicht drauen im
Felde diese nrrische verjhrte Belagerung mit mir traktierte, so dozierte er
sie mir von diesem Sofa aus, und ich mute auf der Karte mit dem Finger
nachfahren, meistens natrlich zwischen der Stadt und der Roten Schanze hin und
her. Und nun steh mal auf und komm mal her, Eduard.
    Und nun, wie als ob ich aus meinem Leben und aus Afrika nicht das geringste
Neue und fr ihn vielleicht auch Merkwrdige zu erzhlen gehabt htte, zog er
mich an den Rand seines Burgwalls und deutete mir mit dem Finger dieses so
grenzenlos unbedeutende Stck Welthistorie, Kanonenlrm, Brgerangst, Weiber-
und Kindergekreisch, Brand und Blutvergieen: da und da stand der und der. Das
corps combin du Royal Franois et des Saxons war zwanzigtausend Mann stark.
Soundso viel Franzosen und soundso viel Sachsen. In der Stadt lag eine
Besatzung von sieben-bis achthundert Mann Invaliden und Landmiliz unterm alten
Platzmajor von Stummel, sein Nachkomme lebt noch in der Stadt als quieszierter
Gerichtsassessor, und man sieht es ihm wahrhaftig nicht an, da er einen Heros
zum Ahnherrn gehabt hat; nach dem Brummersumm geht er, wie ich hre, jeden
Nachmittag, und auch du hast ihn da vielleicht noch wieder angetroffen, Eduard,
und auch um seinetwillen deinen Freund Stopfkuchen und dessen Rote Schanze bis
heute verabsumt. Es war doch eigentlich nicht hbsch von dir.
    Letzteres mochte sein; aber wenn mir natrlich jetzt alles an Stopfkuchen
und der Roten Schanze von neuem sehr interessant und sympathisch war, so war ich
doch eigentlich nicht um das, was er mir bis jetzt von sich und allem Seinigen
vorgetragen hatte, nach seiner Festung, seiner Xavers-, Quakatzen- und
Valentinenburg, hinausgegangen. Ich hatte wenigstens nach Mglichkeit
nachgeholt, was ich unfreundlicherweise verabsumt haben mochte an dem
frchterlichen Langweiler, dem feistesten meiner Jugendfreunde.
    Dem mochte nun sein, wie ihm wollte: in einer Beziehung hatte ich etwas ganz
Wunderbares ganz sicher noch vor mir Stopfkuchens Mittagsessen. Nachdem die
Dfte vom Hause her immer nahrhafter und delikater geworden waren, schaute Frau
Valentine Schaumann, gekorene Quakatz, um den Busch hinter unserer Bank und
fragte mit dem liebsten, einladendsten Lcheln auf dem guten Gesicht, ob es den
Herren gefllig sei. -

Es war den Herren gefllig.
    Heute, unter der Linie, habe ich zwar die Glocke des Schiffskochs nicht
berhrt, aber ich habe ihr doch auch nicht Folge geleistet. Ich bin von Tische
fort - und bei meinem Manuskript geblieben. Mit dem Appetit des Nordlnders ist
es zwischen den Wendekreisen des Krebses und des Steinbocks leider nur zu hufig
soso, und die sind schon gut dran, die in jenen schnen Gegenden sich wenigstens
noch mit Behagen oder doch ohne Mibehagen an frhern Tafelgenu und bessere
Verdauung erinnern drfen.
    Na, Tinchen, da hast du denn endlich einmal wieder einen andern, der dir
seinen Arm bietet, sagte Heinrich, seine Pfeife an die Gartenbank lehnend und
seinen Schlafrock um sich zusammenziehend, was die einzige Verbesserung und
Verschnerung seiner Dinertoilette blieb, whrend seine Frau im hbschen und
geschmackvollen, im tadellosen, feiertglichen Hauskleide zu uns gekommen war.
Nmlich, fgte er hinzu, Stopfkuchen nmlich, so habe ich sie gewhnt,
Eduard, da ich mich in dieser Hinsicht allmhlich auf sie verlassen kann. Sie
reicht mir stets unaufgefordert den Arm, und ich habe ihn ntig. Aber wie
gesagt, Weib, reiche ihn heute ihm. Eines so werten und seltenen Gastes wegen
verzichte ich auch mal darauf. Also geht nur voran, ihr beiden, ich folge
langsam in eurer lieben Spur.
    Das tat er wirklich, und da es jetzt in Wahrheit zu Tische ging, auch ohne
sich nochmals unterwegs niederzulassen oder gar in den Siebenjhrigen Krieg, auf
den Prinzen Xaver von Sachsen und die Belagerung unserer Heimatstadt zu fallen.
Dicht hinter uns her erreichte er das Haus, welchem auch ich jetzt
sonderbarerweise zuerst am heutigen Tage in nchste Nhe trat. Bis jetzt war es
aber zu gemtlich unter den Linden vor ihm - dem Hause - gewesen. Und was aus
einer blutigen Kriegesschanze und aus dem verfemten, verrufenen Unterschlupf von
Kienbaums Mrder zu machen gewesen war, das hatte Stopfkuchen daraus gemacht.
Solches konnte ich ihm zugehen, und darauf konnte er unbedingt stolz sein. Er
hatte es verstanden, hier die bsen Geister auszutreiben, das bemerkte man auf
den ersten Blick, wenn man Quakatzens Heimwesen noch gekannt hatte. Er aber
sagte, ohne sich auf der Schwelle etwas zugute zu tun:
    Komm denn herein, lieber Junge. Wenn der Mensch mit seinen hheren Zwecken,
nach dem Dichterwort, in die Hhe wachsen soll, so sollte er von Rechts wegen
mit seinem zwecklosen guten Gewissen sich unangegrinst in ebendem Verhltnis
ruhig in die Breite ausdehnen drfen. Aber komme der schlechten Welt mit diesem
bescheidenen Anspruch! Na, die Haustr des alten Quakatz habe ich brigens
meinetwegen noch nicht breiter machen lassen mssen. Eduard, es freut mich
ungemein, Arm in Arm mit dir diese Schwelle berschreiten zu knnen.
    Damit schob er seine Frau von mir ab und sie vor uns ins Haus. Er watschelte
richtig Arm in Arm mit mir hinterdrein, nicht ohne vorher noch einen Augenblick
stehengeblieben zu sein und mich auf die berschrift seiner Tr aufmerksam
gemacht zu haben. Ich traute meinen Augen nicht; aber es stand wahrhaftig da, in
groen, weien Lettern auf schwarzem Grunde angemalt, zu lesen:

                      Da redete Gott mit Noah und sprach:
                              Gehe aus dem Kasten.

Und als ich den Dicken darob wirklich nicht ganz ohne Verwunderung ansah,
lchelte dieser behaglichste aller Lehnstuhlmenschen berlegen und sprach:
    Weil ihr ein bichen weiter als ich in die Welt hinein euch die Fe
vertreten habt, meint ihr selbstverstndlich, da ich ganz und gar im Kasten
sitzen geblieben sei. Ne, ne, lieber Eduard, es ist wirklich mein Lebensmotto:
Gehe heraus aus dem Kasten!
    Ich wrde einiges zu erwidern gehabt haben, aber er lie mich wahrlich
wiederum nicht zum Worte, sondern fuhr fort:
    Was sagst du aber schon hier drauen zu den kleinen Verschnerungen, die
ich an Tinchen Quakatzens Erbsitz vorgenommen habe? Hier auswendig am Hause,
meine ich. Nicht wahr, hell und freundlich - alles, was Pinsel und Farbentopf in
dieser Hinsicht ins Erheiternde zu tun vermochten!
    Er hatte gewi nicht ntig, mich noch besonders aufmerksam zu machen. Die
Verschnerungen muten jedem, der die Mrdergrube auf der Roten Schanze ehedem
in ihrer rgsten Verwahrlosung gekannt hatte, auffallen.
    Sieh mal, sagte Stopfkuchen, auf den Noahkasten habe ich dich bereits
aufmerksam gemacht; jetzt schttele einmal in der Phantasie eine andere deiner
Weihnachtsschachteln aus. Dorf oder Stadt - steht auf dem Deckel derjenigen, die
ich meine. Kippe dreist um auf den Tisch und suche mir mein Weihnachtsmusterhaus
heraus! Was? Hast du's? Schn himmelblau die Mauern, schn zinnoberrot das Dach,
Fenster und Tr kohlenpechrabenschwarz, nur der Schornstein schn wei. Es gibt
auch nette Palste, Huser und Htten in anderen Farben in der Schachtel, aber
ich habe Tinchens wegen ein helles Himmelblau gewhlt. Dem sieht hoffentlich
niemand mehr Kienbaums Blut ab, sondern es sagt hchstens dann und wann jemand:
Dieser alte Schaumann auf der Roten Schanze ist doch ein ganz verrckter Hahn,
und es ist nur zu hoffen, da ihn seine brave Frau fest unter ihrer Kuratel
hlt.
    Die brave Frau auf dem Hausflur wendete sich auf dieses letzte Wort um und
sagte lchelnd:
    Heinrich, ich bitte dich, vor diesem deinem Freunde brauchst du dich doch
nicht ganz so nrrisch wie vor den anderen anzustellen.
    Aber immer doch ein bichen darf ich - was, alter Schatz?
    Was kann ich dagegen machen? Sagen Sie selber aus ltester Bekanntschaft
mit ihm, Herr Eduard! lachte Frau Valentine, und dabei stand auch ich an
Stopfkuchens Arm auf seinem Hausflur und fiel in ein neues Erstaunen.
    Ja, aber, was ist denn das? entrang sich, um im gehobenen Ton zu bleiben,
das Wort meinen Lippen.
    Ein Bruchteil meines geologischen Museums. Die Pice de rsistance, die
Krone, mein Mammut, werde ich dir nach Tische zeigen, sagte Schaumann.
    Ich stand starr.
    Es ist die Liebhaberei meiner alten Tage, fuhr der dicke Freund fort.
Etwas mu der Mensch doch immer haben, woran er sich hlt, wenn er dem Gebote
des Herrn nachkommt und aus dem Kasten geht. Was wunderst du dich? Fr alle
Ewigkeit reicht doch selbst der Prinz Xaver von Sachsen nicht aus, um einem
Einsiedler oder vielmehr Zweisiedler durch die Stunden, Tage, Wochen und Jahre
ein Liebhabereibedrfnis behaglich zu stillen. Aber sei nur ruhig, Eduard; dies
ist meine Sache, dieses sind meine Knochen! Du kriegst die Suppe von ihnen
nicht, Tinchen hlt sich mehr an was Frischeres mit mehr Fleisch darauf. Ich
hoffe, du wirst ihre Kochkunst, meinem osteologischen Museum zum Trotz, loben
und drauen im Skulum gleichfalls besttigen, da man auf der Roten Schanze
nicht blo an den Knochen nagt. brigens sehe ich zu meinem Erstaunen, da du
derartigen Dilettantenwahnsinn bei mir am wenigsten gesucht hast.
    Das mu ich sagen!
    Der Zauber des Gegensatzes, Eduard. Einfach der Zauber des Gegensatzes!
Werde du mal so fett wie ich und suche du nicht deinen Gegensatz - also hier
diese Knochen! Dein Hausarzt wird sicherlich nichts dagegen einzuwenden haben.
Der meinige hlt zum Beispiel mein Herumkriechen, - keuchen und - klettern in
den umliegenden Kiesgruben und Steinbrchen der Feldmark um die Rote Schanze fr
sehr wohlttig fr meine Konstitution. Seinen Redensarten nach sollte es mir
manchmal vorkommen, als sei die Sintflut nur meinetwegen eingetreten, nmlich
blo damit ich mir unter ihren Ruderibus, ihren schnen Resten, die mir so
notwendige Bewegung mache. Und mit ganz hnlichen Redensarten legt auch Tinchen,
wie sie sich ausdrckt, meiner Narrheit nichts in den Weg. Das kommt davon, fgt
sie hchstens hinzu, wenn der dicke Bauer der Roten Schanze sein ganzes
Ackerland der Zuckerfabrik Maiholzen als Rbenboden hingibt.
    Mensch! rief ich. Jetzt la uns endlich zu Tisch! Deine Frau wartet, und
ich habe es unbedingt ntig, auch mit deiner Frau ber dich zu reden!
    Aber erst nach Tische! grinste Stopfkuchen. Er bat darum, wie man das in
solchen Fllen sittiger zu bezeichnen pflegt, fgte auch noch hinzu Da ich
mich auf dem Wege zum Essen und beim Essen ungern aufhalten und nur sehr ungern
stren lasse, weit du ja wohl noch aus alter lieber Jugenderinnerung!
    Ich warf noch einen Blick auf die an den Wnden der alten Bauerndehle auf
Brten und in offenen Schrnken aufgestapelten Versteinerungen aus der Umgegend
der Roten Schanze und trat noch einmal in meinem Leben in die Wohnstube des
Bauern Andreas Quakatz zur linken Seite des Hausflurs und an den Tisch, den auch
Stopfkuchen zu einem Etisch gemacht hatte und auf welchem Tinchen Quakatz vor
so vielen Jahren in meiner Gegenwart in Trotz, Grimm, Angst und Verzweiflung mit
den Armen und mit dem Kopfe lag.

Wie freue ich mich, Sie wieder hier zu sehen, Herr Eduard, sagte Frau
Valentine Schaumann. - - -
    Ich reichte ihr in Wahrheit bewegt die Hand ber Stopfkuchens in Wahrheit
wunderbar gedeckten E-und Lebenstisch. Aber Stopfkuchen drngte: ich hatte die
Serviette zu entfalten und zu Lffel, Messer und Gabel zu greifen. So konnte er,
Heinrich, doch nicht drngen, da ich mich nicht auch hier schnell noch
umgesehen htte. Es hatte sich auch hier manches verndert.
    Ja, guck nur, sagte er. Hier kannst du es richtig sehen, wie sie mich
gegen den Strich zu kmmen pflegt. Nichts als meinen Koprolithenschrank habe ich
hier hereinschmuggeln knnen. Da steht er in der Ecke, und da sitzt sie dir
gegenber und erwartet, da du ihr deine Komplimente ber ihren guten Geschmack
machst. Sie hat den Raum von ihren Jugenderinnerungen grndlich gereinigt haben
wollen, und der Schatz hat das Recht dazu gehabt. Erfreuliches hing nicht an den
Wnden, stand nicht umher - diesen Etisch ausgenommen - und verkroch sich noch
weniger in den Winkeln. Wir haben aber den vterlichen und urvterlichen Hausrat
vom Quakatzenhof nicht verauktioniert. Wir haben ihn den Flammen bergeben,
teilweise auf dem Kchenherde, zum grten Teil aber da drauen unter den
Lindenbumen. Da haben wir ein Feuer angezndet, am schnen Sommertage im
Sonnenschein zwischen zehn und elf Uhr morgens. Da haben wir den alten wsten
Wust in die reinen blauen Lfte geschickt. O wie haben wir alle sen,
heimlichen, sentimentalen Gemtsstimmungen auf den Kopf gestellt! Ei ja, wie
haben wir die Rote Schanze durch Feuer von ihrer Krankheit geheilt! Sieh,
Eduard, wie das Kind sich heute noch ihrer, wie die Leute umher sagten,
unzurechnungsfhigen, grenzenlosen Herzlosigkeit freut - diese Mordbrennerin.
Sieht sie aus, als ob sie sich durch das Aufwrmen ihrer eigensten Tat jetzt
noch den Appetit verderben lassen wrde?
    So sah sie wahrlich nicht aus! Frau Valentine Schaumann lchelte ber unsern
Suppennapf mich an und sagte:
    Merken Sie es wohl, wie grndlich Heinrich mich erzogen hat? Ich habe auch
gar nichts dagegen, wenn er es Ihnen nach Tisch noch grndlicher erzhlt, wie er
das angefangen hat und wie er mich auch heute noch auf der Schulbank sitzen hat.
Das heit, Alter, dein Nachmittagsschlfchen hltst du erst wie gewhnlich, denn
Herr Eduard wird aus seinem heien Afrika wohl auch ein wenig dran gewhnt
sein.
    Wenn Eduard zu schlummern wnscht, schlummre ich gewi auch ein wenig ihm
zuliebe. Mit den gewhnlichen Gewissensbissen der rztlichen Ratschlge wegen.
Und hat dir Gott 'nen Wanst beschert, so halte ihn - und so weiter. Na, der Herr
beschere uns allen einen sanften Sofatod.
    Du gehst mir heute und von heute an jeden Tag auf der Stelle nach dem Essen
mit deinem Freunde oder mit mir in den Garten und auf den Wall! rief Frau
Valentine. Heinrich, ich bin imstande und blase noch einmal ein Feuer unter den
Linden an und verbrenne dir alle unsere Sofas unterm Leibe.
    O du se, umgekehrte indische Witwe in spe! grinste Stopfkuchen, und dann
war er eine geraume Zeit wieder einmal ganz bei der Sache, nmlich nur bei
Tische, ganz und gar, einzig und allein, nur, nur bei Tische! Wir speisten
vorzglich, und eine Viertelstunde lang sagte er einmal kein Wort. Der
Behaglichkeit und der Khle wegen blieben wir auch mit dem Kaffee und bei der
Zigarre frs erste im Hause, und Tinchen Quakatz sa bei uns und ging ab und zu,
freute sich ihres Mannes und, wie es gottlob schien, auch seines Jugendfreundes,
und wir verzichteten alle drei auf den Nachmittagsschlummer zur Feier meines
Besuchs.
    Im behaglichsten Moment des Verdauungsprozesses legte sich dann Stopfkuchen
in seinem Sessel zurck, schlang ber dem weitaufgeknpften Busen die Hnde
ineinander, drehte die Daumen umeinander, seufzte wohllstig und - fragte:
    Und nun, Eduard, machen wir dir noch den Eindruck einer Mrderhhle?
Wrdest du dich vor dem seligen Kienbaum und der Mitternacht frchten und
dankend ablehnen, wenn wir dir ein Bett im Hause anbten? Sag es ganz offen
heraus, wenn es dir im geringsten noch nach Blut und Moder auf der Roten Schanze
riecht.
    Hoffentlich erwartete er, da ich nun aufspringe, mit Hnden und Fen
abwehrend, donnernd dreimal Nein! brlle. Aber den Gefallen tat ich dem fast
unheimlich behaglichen, feisten Geschpf doch nicht. Ich sagte ihm ganz ruhig:
    Auch deine antediluvianischen versteinerten Gebeine drauen riechen mir
nach nichts mehr. Selbst deine Koprolithen da im Schrank kann die feinste Dame
dreist als Briefbeschwerer gebrauchen, wenn niemand sie fragt und sie keinem
mitteilt, was das eigentlich ist. In die Gespensterkammer von Quakatzenhof wrde
ich mit Vergngen ziehen, wenn meine Zeitumstnde es erlaubten. Da deine liebe
Frau mir im Schlafe den Hals abschneiden knne, glaube ich nicht; aber - was
dich selber freilich anbetrifft, so mchte ich dich wirklich jetzt noch am
freundlichen Nachmittage ausfragen, ehe die spukhafte Nacht kommt. Wundervolle
Menschenkinder - unbegreiflicher Mensch - wie habt ihr - wie hast du es
angefangen, den bsen Geist und Gast der Roten Schanze zu bndigen?
    Ich habe Kienbaum vllig totgeschlagen, sagte Stopfkuchen. Weiter
brauchte es ja nichts. Der Schlingel - will sagen, der arme Teufel hatte
freilich ein zhes Leben; aber - ich - ich habe ihn untergekriegt. Wenn ein
Mensch Kienbaum totgeschlagen hat, so bin ich der Mensch und Mrder.
    Du? Heinrich, mir -
    Willst du dabeisein, wenn ich's ihm ins genauere auseinandersetze,
Tinchen? wendete sich Heinrich an seine Frau, und sie meinte lchelnd:
    Du weit es ja, da du mich nicht dabei ntig hast, Alter. Wenn dein Herr
Freund es gestattet, so horche ich lieber wie bisher von Zeit zu Zeit ein wenig
hin, da du mir nicht allzusehr ins Phantastische und Breite fllst.
    Ich ins Breite und Phantastische, Eduard?!
    Aber ich wrde den Herren vorschlagen, sich doch lieber mit dem alten Elend
wieder drauen unter die grauen Bume zu setzen. Sie, Herr Eduard, hren gewi
lieber drauen im Freien davon. Ich rume derweilen hier auf und komme nachher
-
    Mit meinem Strickzeug, schlo Heinrich Schaumann den herzigen Rat und
Vorschlag ab.

Er nahm seine Zigarrenkiste unter den Arm, ich bot ihm wieder den meinen; die
Frau trug uns ein brennend Licht in die stille Sommerluft hinaus, und so saen
wir noch einmal unter den Linden, und ich wehrte eine letzte Tasse Kaffee ab,
und jetzt knnte ich jeden fragen, ob's nicht merkwrdig sei, auf einem Schiffe,
auf dem sogenannten hohen Meer, auf der Rckreise in das deste,
langgedehnteste, wenn auch nahrhafteste Fremdenleben so von dem sogenannten
heimischen, vaterlndischen Philisterleben zu schreiben...
    Jaja, Eduard, sagte Stopfkuchen, gehe heraus aus dem Kasten! Einige
werden in die Welt hinausgeschickt, um ein Knig oder Kaiserreich zu stiften,
andere, um ein Rittergut am Kap der Guten Hoffnung zu erobern, und wieder andere
blo, um ein kleines Bauernmdchen mit unterdrckten Anlagen zur Behaglichkeit
und einem armen Teufel von geplagtem, halb verrckt gemachtem Papa einzufangen
und es mit Henriette Davidis' Kochbuche und mit Heinrich Schaumanns ebenfalls
schndlich unterdrckten Anlagen zur Gemtlichkeit und Menschenwrde etwas
bekannter zu machen.
    Gehe heraus aus dem Kasten, Heinrich!
    Ihr andern, als ihr hier noch auf Schulen ginget, glaubtet vielleicht, eure
Ideale zu haben. Ich hatte das meinige fest.
    Das wei ich zur Genge; du hast es mir heute schon fter gesagt: die Rote
Schanze.
    Nein, durchaus nicht.
    Nun, dann soll es mich doch wundern, was denn!
    Mich! sprach Stopfkuchen mit unerschtterlicher Gelassenheit. Dann aber
sah er sich ber die Schulter nach seinem Hause um, ob auch niemand von dort
komme und horche. Er hielt die Hand an den Mund und flsterte mir hinter ihr zu:
    Ich kann dir sagen, Eduard, sie ist ein Prachtmdchen und bedurfte zur
richtigen Zeit nur eines verstndigen Mannes, also eines Idealmenschen, um das
zu werden, was ich aus ihr gemacht habe. Das siehst du doch wohl ein, Eduard,
obgleich es freilich die reine Zwickmhle ist: damit ich ihr Ideal werde, mute
ich doch unbedingt vorher erst meines sein?
    Aus dem Kasten, nur immer weiter heraus aus dem Kasten! murmelte ich. Was
htte ich sonst murmeln sollen?
    Ihr hattet mich mal wieder allein unter der Hecke sitzen lassen, ihr
andern, und waret eurem Vergngen an der Welt ohne mich nachgelaufen. Und am
Morgen in der Schule hatte mich Blechhammer mal wieder wissenschaftlich zum
abschreckenden Beispiel verwendet als Bradypus. Ich kann ihn heute noch nicht
nur zitieren, sondern lebendig auf die Bhne bringen, mit seinem: Seht ihn euch
an, ihr andern, den Schaumann, das Faultier. Da sitzt er wieder auf der faulen
Bank, der Schaumann, wie der Bradypus, das Faultier. Hat fahle Haare wie welkes
Laub, vier Backenzhne. Klettert langsam in eine andere Klasse - wollt ich
sagen: klettert auf einen Baum, auf dem es bleibt, bis es das letzte Blatt
abgefressen hat. Schuberts Lehrbuch der Naturgeschichte, Seite
dreihundertachtundfnfzig: kriecht auf einen andern Baum, aber so langsam, da
es ein Jger, der es am Morgen an einem Fleck gesehen hat, auch am Abend noch
ganz in der Nhe findet. Und dem soll man klassische Bildung und Geschmack an
den Wissenschaften und Verstndnis fr die Alten beibringen! - Na, Eduard, du
bist auch mit einer von meinen Jgern gewesen, wenn auch keiner von den
allerschlimmsten: wie findest du mich, nachdem du mich am Morgen an einem Flecke
gefunden hast und mich jetzt am Abend noch ganz in der Nhe desselben
wiederfindest?
    Was sollte ich anders sagen als:
    Du wolltest von den grnen, den lebendigen Hecken unserer Jugend reden,
alter Heinrich, alter lieber Freund! Erzhle weiter. Erzhle, wie du erzhlst.
    Meinetwegen. Jawohl, ihr habt sie ja wohl noch in voller, grner Flle und
mglichst unbeschnitten um eure Felder und Grten in Afrika? Hier reuten sie sie
allmhlich berall aus, die Hecken. Da drunten um das Nest herum, in welchem wir
jung geworden sind und grne Jungen waren, haben sie sie glcklich alle durch
ihre Gartenmauern, Eisengitter und Hausmauern ersetzt. Es ist wirklich, als
knnten sie nichts Grnes mehr sehen! Selbst hier drauen fangen sie schon an,
ein Ende damit zu machen. Na, la sie, ich habe fr mein Teil noch die Wonne
genossen, mich drunterzulegen, heute in die Sonne, morgen lieber in den
Schatten. Unter der Hecke htte ich berhaupt geboren werden sollen und nicht in
so einer muffigen Stadtkammer nach dem Hofe hinaus. ber die Hecken htten meine
Windeln gehngt werden sollen und nicht um den berheizten Ofen herum. Heinrich
von der Hecke oder vom Hagen! Nicht wahr, das wre etwas fr mich, den Eroberer
der Roten Schanze und der dazugehrigen Tine Quakatz gewesen, lieber Eduard?
Herr Heinrich von der Hecke, wieviel wrdiger, edler, bedeutungsvoller das doch
klnge als Kandidat Schaumann, ehelicher Sohn weiland Oberundunterrevisors
Schaumann und dessen Ehefrau und so weiter mit allen brgerlichen
Ehrenhaftigkeiten. Und noch dazu, da ich im Grunde doch auch es, mein Tinchen,
unter ihr, der Hecke, der grnen, sonnigen, wonnigen, der ganz und gar
lebendigen Hecke gefunden habe, da ich unter ihr mein Frulein, die mir
bestimmte Jungfer, meinen scheuen Heckenspatz, fr diese diesmalige, sauerse
Zeitlichkeit eingefangen habe. Geh da weg, Junge, sprach die junge Dame, mir die
Zunge zeigend. Die Hecke gehrt meinem Vater, und da hat keiner ein Recht daran
als wir. - Bauergans! Dumme Trine! sagte ich, und damit war die erste
Bekanntschaft gemacht. Sehr mit eurem Zutun, lieber Eduard; denn was lieet ihr
mich so allein im Grase unterm Haselnubusch in Vater Quakatzens Reich? - Ich
bin keine Bauerngans, und ich bin keine Trine, rief die Krabbe. Ich bin Tine
Quakatz. Geh weg von unserm Brinke, Stadtjunge! Das sind meine Nsse, dies ist
unsere Hecke und unser Brink; und weil es unser Brink und unsere Hecke ist, so
werfen sie auch gleich mit Dreck. Sie haben's mir wieder in der
Nachmittagsschule verabredet und es sich versprochen. Ob das eine Warnung sein
sollte, kann ich nicht sagen; jedenfalls kam die Benachrichtigung zu spt. Denn
im selbigen Augenblick schon hatte ich die Pastete ber den Kopf, an die Nase,
in die Augen und teilweise auch ins weitoffene Auslator der Rede, war jedoch,
trotz meiner weichen Fe, wieder im nchsten Augenblick ber die Hecke und
hatte den lndlich-sittlichen Attentter mit seiner Faust voll frisch
aufgegriffener Ackerkrume am Kragen und zu Boden. Im allernchsten Augenblick
die ganze junge Dorfsbande, Jungen und Mdchen und Kter, ber mich her und
Tinchen mit den Ngeln in den Gesichtern und den Fusten in den Haaren der
Gespielen und Gespielinnen und smtliche Hundewachtmannschaft von der Roten
Schanze ber den Dammweg uns zu Hlfe! Reizend! Ich fhle die Pffe heute noch
und greife heute noch nach hinten und vorn mir am Leibe herum! Dann mit einem
Male der Graben des Prinzen Xaver und die Wallhecke des Bauern Quakatz zwischen
uns und dem Feinde! Herrgott, wie lief mir das Blut aus der Nase, und wie
wischten sie drben mit den Jackenrmeln das ihrige von den Mulern und
kreischten und schimpften und warfen mit Steinen herber: Kopfab, kopfab!
Kienbaum! Kienbaum! Tine Quakatz, kopfab, kopfab! Herrgott, und dann der
wirkliche Schrecken bis ins Mark, sowohl bei mir wie bei der
Menschheits-Entrstungs-Kundgebung von drben, jenseit des Grabens. Da stand er
- die drben rissen aus wie die Spatzen vor dem Steinwurf -, da stand er hinter
mir, zum erstenmal in meinem Leben dicht neben mir: der Mordbauer von der Roten
Schanze, der verfemte Mann von der Roten Schanze, der Bauer Andreas Quakatz -
Kienbaums Mrder! Im Grunde war es doch eigentlich nur eure Schuld, Eduard, da
ich seine Bekanntschaft so zuerst machte und nachher sie mehr und mehr suchte.
Ein Mensch, den seine Zeitgenossen unter der Hecke liegenlassen, der sucht sich
eben einsam sein eigenes Vergngen und lt den andern das ihrige. Ja, mein
seliger Schwiegervater an jenem Tage! Mich schien er gar nicht zu sehen; er sah
nur auch ber die Hecke nach dem kreischenden, immer noch mit allem mglichen
Wurfmaterial schleudernden Schwarm unserer und seiner Gegner. Und statt etwas
dazu zu bemerken, wendete er sich wieder und ging gegen das Haus zu - Kienbaums
Mrder. Er konnte hier nichts auch fr sein Kind tun, und er mute uns allein
mit der Sache fertig werden lassen. Doch die einzige Bewegung, die er gemacht
hatte, hatte freilich schon gengt, das junge Dorfvolk; im panischen Schrecken
aus dem Felde zu scheuchen. Komm, Junge, an den Brunnen! sagte Tinchen. Wie
siehst du aus! Deine Mutter, wenn du noch eine hast, schlgt dich tot, wenn sie
dich so sieht. Siehst du, Eduard, da steht er noch. Es ist derselbe alte
Ziehbrunnen und liefert ein braves Wasser. Der Schacht geht ziemlich tief durch
das Schanzenwerk des Herrn Grafen von der Lausitz, bis in den Grund der Erde. In
Afrika habt ihr kein besseres Wasser, meine ich, und wenn du einen Trunk daraus
wnschest, so wende dich nachher nur an Tinchen. Sie windet den Eimer heute noch
so wie damals auf. Damals aber sagte sie: Wenn wir und unser Vieh nicht daraus
trinken mten, so htte ich schon lngst ein paar von ihnen drunten liegen! Und
dabei drohte sie mit der Faust nach dem Dorfe zu, und alle Kter der Roten
Schanze bellten nach derselben Richtung hin. - Nun wusch ich mir das Blut ab,
und dann tranken wir beide aus dem Eimer, indem wir daneben knieten und die
Kpfe nebeneinander in ihn hineinversenkten. Es war auch eine Art Blutsbruder
oder - schwesterschaft, die da auf solche Weise gemacht wurde. Als wir uns aber
die Muler getrocknet hatten, meinte das Burgfrulein von Quakatzenburg: Wenn du
dich frchtest, jetzt bei hellem allein nach Hause zu gehen, so kannst du
hierbleiben, bis es dunkel geworden ist, Stadtjunge. Sie lauern dir sicher am
Dorfe auf; da kenne ich sie.
    Sie prgeln dich durch, und so ist es dir vielleicht lieber, du lt dich
abends wegen Ausbleiben von deinem Vater oder deiner Mutter durchprgeln. - Ihr
habt mich nie in der Schar eurer Helden mitgezhlt, Eduard. Von euch
hellumschienten Achaiern htte ich nimmer das beste und also auch ehrenvollste
Stck vom Schweinebraten in die Hnde gelegt bekommen. Wieviel mehr Heroentum
unter Umstnden in mir als wie in euch steckte, davon hattet ihr natrlich keine
Ahnung. Wenn ich mein Rckenstck vom Spie mit gebruntem Mehl bestreut haben
wollte, so hatte ich es mir hinter eurem Rcken selber anzurenommieren: Ich
frchte mich vor nichts in der Welt und vor dem Pack aus Maiholzen gar nicht.
Derentwegen gehe ich schon bei Tage zu jeder Zeit: aber weil du dies gesagt
hast, bleibe ich doch jetzt hier - jetzt grade! Der Herr Registrator Schwartner
und der Prinz Xaver von Sachsen hatten in diesem Augenblick nichts mit dem
gruselndsen Gefhl, endlich innerhalb der verrufenen, geheimnisvollen Roten
Schanze zu stehen, zu tun. - Der Vater ist wieder im Haus, und wir sind vor ihm
sicher, sagte meine jetzige Frau. Du bist gut gegen mich gewesen, Stadtjunge, du
brauchst dich diesmal also nicht vor mir zu frchten. Ich werfe dich nicht in
den Brunnen. Sollen wir zuerst in den Birnbaum steigen oder willst du lieber
erst meine Kaninchen sehen und meine Ziegen? Wir haben auch kleine Hunde. Von
denen lt der Vater aber diesmal nur einen bei der Alten liegen; wir haben noch
genug auf dem Wall. Wenn es der Vater mir nicht verboten htte und ich sie mit
nach drauen, da nach der Hecke im Felde drauen, nehmen drfte und wenn ich sie
hetzen drfte, so sollte mir keiner aus Maiholzen noch mit gesunden Beinen und
heilen Schrzen, Rcken und Hosen herumlaufen. Guck nur, wie sie auch dich drauf
ansehen, da ich sagen soll: Pack an! Fa, fa, fa an! Dem war gewi so. Sie
hielten mich alle giftig genug im Auge und umknurrten mich bse. Na, ich bin
ihnen allmhlich doch nhergekommen, Eduard. Da, du da, komm du mal her, Prinz!
Siehst du, das ist noch einer von der alten Garde oder stammt wenigstens noch
von ihr her. Auch er htte eigentlich schon lngst den neun Gewehrlufen oder
der Blausure verfallen mssen, wenn ich das Herz dazu aufbrchte. Meine Frau
will natrlich auch nichts von so einer wohlttigen Gewalttat hren, und selbst
meinem guten Kater da wrde die Sache gewi leid tun. Nun, ich hoffe, eines
Morgens finden wir ihn mal in einem Winkel heimgegangen zu seinen Vtern und aus
dieser bissigen Welt heraus im Hafen als angelangt verzeichnet.
    Sollte ich seine Bekanntschaft vielleicht schon gemacht haben, als wir vor
unserm Abgang zur Universitt hier Abschied voneinander nahmen, Heinrich?
    Kaum mglich. So alt wird kein verstndiger Hund, hchstens ein
vernnftiger Mensch.
    Entschuldige, da ich dich unterbrochen habe. Erzhle weiter, Stopfkuchen.
    Nicht wahr, fr den Schwiegersohn von Kienbaums Mrder erzhle ich hbsch
gemtlich? Jaja, es war im vollsten Sinne des Wortes eine Mordwirtschaft, in
welcher ich mich zum einzigen Haus- und Familienfreunde auswuchs! Die
Versicherung kann ich dir geben, Freund, da nur sehr selten ein Schwiegervater
sich seinen Schwiegersohn in so kurioser Weise gro und allgemach ans Herz
gezogen hat wie Vater Quakatz mich, seinen dicken, braven Heinrich. Und dann der
Heckenspatz, dem ich im Getmmel des Kampfes Salz auf den Schwanz gestreut
hatte, oder - vielmehr der Schmetterling, auf den ich mit blutender Nase und
blauem Buckel die Schlermtze gedeckt hatte. Jaja, so einen saubern fngt sich
nicht jeder ein, der auf diese Jagd ausgeht! Herrje, wie das Frauenzimmer in
jenen Tagen aussah! Solch ein Bndel, wie meine selige Mutter gesagt haben
wrde, solch ein vom Regen gewaschenes, von der Sonne getrocknetes, vom Winde
zerzaustes, hlfloses, mutterloses, sich selber die Kleider flickendes, sich
nach dem Modejournal der Roten Schanze selber zusammenkostmierendes Bndel und
mit diesem Hautgout von Blut, Moder und ungeshntem Totschlag, diesem
Kienbaums-Geruch, an sich! Weit du, was sie, Frau Schaumann, sagte, als sie mir
unten im Grase von oben aus den Zweigen des Birnbaums ihre Birnen zuwarf? Sie
meinte: Er ist jetzt im Hause, mein Vater, und wenn er dich nicht sieht, ist es
mir doch lieb und das beste. Ich wei es von allen im Dorfe und auch unten in
der Stadt, da er Kienbaum totgeschlagen hat, und ich glaube es nicht. Darauf
lasse ich mich totschlagen von euch allen, da er es nicht getan hat: aber das
wei ich auch, da er die ganze Welt und dich auch, Stadtjunge, vergiften
knnte. Das glaube ich fest! Er sagt es, da er alle unsere Hausmuse und unsere
Feldmuse und die Hamuse auch gern frei laufen und Schaden tun lt, weil er
euch nicht an den Hals kann. Was konnte ich darauf anderes sagen als: Tinchen
Quakatz, dann sich nur zu, da er mich in der Naturgeschichte als Haus-, Feld-
und Hamaus mitzhlt; denn morgen komme ich noch einmal wieder nach der Roten
Schanze, wenn ich nicht nachsitzen mu. - Mein Vater hat auch sitzen mssen;
aber sie haben ihn doch immer wieder freigeben mssen. Sie knnen ihm mit aller
Gewalt nichts anhaben. Es kann ihm keiner beweisen, da er Kienbaum
totgeschlagen hat.

In diesem Augenblick trat Frau Valentine wieder einmal aus dem Hause, kam aber
diesmal mit ihrem Arbeitskrbchen und setzte sich zu uns, indem sie ihren Stuhl
dicht an den ihres Mannes rckte.
    Nicht so nahe auf den Leib, Kind! seufzte Stopfkuchen. Ist das ein
gedeihlicher Sommer! Guter Gott, die Leute drauen auf dem Felde, die keinen
Schatten haben oder sich doch nicht in ihn hineinlegen drfen! Wir sind nmlich
eben im Schatten der Roten Schanze angelangt, Eduard und ich, und ich erzhle
ihm grade, wie du mir zum erstenmal den Kopf, das heit dasmal die blutende Nase
gewaschen hast und wie ich ein Held war und wie gern unser seliger Papa die
Muse htte laufen lassen und die ganze Menschheit vergiftet htte.
    Lassen Sie sich nur nicht zu argen Unsinn von ihm aufreden, sagte Frau
Schaumann freundlich, indem sie ihre Nhnadel ruhig einfdelte. Manchmal ist er
auch heute noch ganz in der Stille zu allem fhig, grade wie als dummer, kleiner
Junge. Nun, Sie kennen ihn ja, Herr Eduard!
    Sowie das Weib kommt, geht die Kritik und der Zank los! sprach Heinrich,
mit ausgebreitetstem Bauch und Behagen seinem Weibe die Hand auf den Kopf
legend. Das arme Wurm! Wenn es mich mit meinen Dummheiten nicht gefunden htte!
Nun, wo waren wir denn stehengeblieben, Herr Eduard?
    Unter dem Birnbaum. Wahrscheinlich unter jenem dort.
    Wir sahen alle drei nach der Richtung hin, und Frau Valentine nickte
nachdrcklich.
    Richtig, sagte ihr Mann. Sie sa drin, und ich sa drunter. Sie pflckte,
und ich fra. Eduard, ihr habt meiner krperlichen Anlagen wegen meine geistigen
stets verkannt. Ihr Schlaumichel, Schnellfe, gymnastische Affenrepublik hattet
keine Ahnung davon, was in einem Bradypus bohren und treiben kann. Mit der
Krabbe, dem Mdchen da, war ich im reinen. Die war nunmehr meine Freundin und
meine Schutzbefohlene und ich ihr Schutzpatron, ihr Sankt Heinrich von der
Hecke; das war ja selbstverstndlich -
    Lieber Mann -
    Liebe Frau, und ebenso selbstverstndlich, ich will lieber sagen
folgerecht, kam jetzt - unterbricht mich nicht immer, Alte -, kam jetzt der Alte
dran. Und da machte sich die Sache denn natrlich auch. Ihr, Eduard, hieltet
mich fr dumm und gefrig; er hielt mich wohl auch fr gefrig, jedoch aber
auch, meine allgemeine Unschdlichkeit dazugerechnet, fr ein Licht in einem
gewissen Teile des Dunkels, das sein Leben umgab, sein armes Leben, Tine!
    Die letzten paar Worte waren so gesprochen, da sein Weib doch den Stuhl
wieder dicht an ihn heranrckte. Sie legte auch ihre Hand auf die seine, und er
schlug den Arm um sie und sagte noch einmal: Tine, meine alte Tine Quakatz!
    Dann wendete er sich wieder zu mir, und ich wute jetzt schon den Wechsel im
Ton zurechtzulegen.
    Nmlich am nchsten Tage nach der Heckenschlacht fand ich mich natrlich
zum zweitenmal in Registrator Schwartners Zauberreich, und diesmal sa ich im
Baum, einem niedern Apfelbaum - dem dort. Und diesmal stand Tinchen drunter mit
aufgehaltener Schrze, und wieder stand der Alte pltzlich da und sah nun stumm
zu mir hinauf, und das Wetterglas schien auf Sturm zu weisen. - Vater, er will
nur unsere Befestigung verstudieren, sagte Tinchen, vielleicht doch auch etwas
zaghaft. Er kommt mit den Geschichtsbchern von der Belagerung her, und sie
haben sein Haus von hier aus beschossen. - Komm lieber doch erst mal da
herunter, sagte Vater Quakatz. Und wie rasch selbst ein Bradypus, ein Faultier,
von einem Baum herabsteigen kann, das bewies ich jetzt. Da stand ich vor
Kienbaums Mrder, und wenn ich nicht erwartete, nun gleichfalls totgeschlagen zu
werden, so war doch auch Tinchen der Meinung, der alte Herr werde wenigstens
ber den Graben ins freie Feld deuten und mit Nachdruck sagen: Jetzt scher dich.
- Es kam aber anders, er sagte nur: Meinetwegen, was sich doch nur auf mein
Verstudieren seines Anwesens beziehen konnte. Nachher dachten wir, er werde sich
nun wieder nach seiner Art umdrehen und weggehen; aber auch das kam anders. Er
blieb und fragte: Du gehst auf die Lateinschule? - J, j, j ja, Herr Quakatz! -
Kannst du es lesen? Das Lateinische meine ich. - J, j, ja, stotterte ich und
dachte an nichts Bses. - Dann teilt euch die pfel, und nachher kommt mal in
die Stube. Du sollst mir was aus dem Latein bersetzen. - Da sa ich denn
freilich fest drin. So hatte ich das Wort vom Lateinlesen nicht verstanden. Da
rufe ich den gelehrten Afrikaner, den Eduard, zum Zeugnis auf, wie grndlich ich
von Papa miverstanden worden war, Frau! Wer aber in der Falle sitzt, der sitzt
drin; und nach einer unheimlichen, zgernden, apfelkauenden Viertelstunde noch
drauen sa ich noch mehr drinnen, sa ich mit dem verfemten Mann von der Roten
Schanze in seiner Stube, unserer heutigen Estube, Eduard, der Stube da, die du
in ihrer damaligen dumpfigen Ungemtlichkeit bei unserm Jnglingsabschied
kennengelernt hast, Eduard. Da mein Zgern dem alten Herrn zu lange gedauert
hatte, war er noch mal in den Garten gekommen, hatte mich am Oberarm gepackt, in
seine Mrderhhle gefhrt und mich am Tische unter dem Groschenbild von Kain und
Abel auf die Bank gedrckt, und zwar mit den Worten: Was schlotterst du, Junge?
Ich schneide dir den Hals nicht ab. - Nachher ging er zu einem Schrank, ich habe
ihn heute durch meinen Koprolithenbehlter ersetzt, nahm ein dickes Buch in
Schweinsleder hervor, legte es vor mich hin auf den Tisch, nachdem er eine Weile
darin geblttert hatte, setzte sich zu mir wie zu einem erwachsenen Mann und
Rechtsanwalt, setzte den harten, knochigen Zeigefinger auf eine Stelle und
sagte: Hier, Lateiner! Mache du das mir mal auf deine Art deutsch klar - ein
Wort nach dem andern. Es ist das Korpusjuris, das Korpusjuris, das Korpusjuris,
und ich will es mal von einem auf deutsch vernehmen, der noch nichts von dem
Korpusjuris, von dem Korpusjuris wei! Die Stelle war mit Rotkreide krftig
unterstrichen, und ein Ohr war ins Blatt eingeschlagen, und alles deutete darauf
hin, da hier fters ein vor Aufregung zitternder Daumen und Zeigefinger
gestanden hatten. Ich aber sa vor dem Buch und rieb mir weinerlich mit den
Handkncheln die Augen: so weit waren wir noch nicht in der Schule, da wir dem
Bauer Andreas Quakatz das Buch aller juristischen Bcher htten auslegen knnen.
Und wie in der Schule mich duckend, stotterte ich endlich: Herr Quakatz, blo
wenn ich die Worte wissen sollte, mte ich mein Wrterbuch hier haben, und das
habe ich unten in der Stadt. - Dann hole es und bringe es morgen mit heraus. Ich
bin ein Narr, da ich so mit dir rede; aber die Welt hat mich ja so gewollt, und
du bist mir gradesogut als wie ein anderer, wenn ich zu einem ber meine Sache
reden will. Es ist aus, ich will keine Gelehrten, keine Afkaten, keine
Grogewachsenen mehr bei mir und meiner Sache. Du sollst mir klug genug sein,
da ich auf dich hereinreden kann wie zu einem Vernunftmenschen. Die Alten,
unsere Vorfahren, haben es auch so gemacht, da sie sich an die Dummen und
Unmndigen gehalten haben. Junge, Junge, meine Tine sagt, da du herausgekommen
bist, um die Rote Schanze zu verstudieren. Verstudiere sie und kriege es mir
heraus, wer recht hat, die Welt oder der Bauer auf der Roten Schanze! Du hast
dich meiner Krabbe aus Gerechtigkeitsgefhl angenommen - ich habe es hinter der
Hecke vom Wall mit angesehen -, nun will ich's mal daraufhin probieren, ob es
wahr ist, wie es geschrieben steht "In den Mulern der Unmndigen will ich der
Wahrheit eine Sttte bereiten." Kriegst du es mir heraus, wer Kienbaum
totgeschlagen hat, so schenke ich dir und dem Herrn Registrator Schwartner die
Rote Schanze mit allen Historien vom Siebenjhrigen und Dreiigjhrigen Kriege
und ziehe ab von ihr mit meinem Kinde und dem weien Stabe in der Hand. Das
Mdchen erzhlt mir, sie lassen dich auch allein sitzen: so probiere es, kriege
heraus, wer Kienbaum totgeschlagen hat, und ich verschreibe die Rote Schanze dir
und allen deinen Rechtsnachfolgern. - Jaja, Frau Valentine Schaumann, geborenes
Quaktzlein, so ging er mit allen deinen Rechtsansprchen an die Welt um; aber
wenn ein unzurechnungsfhiger, gefriger, weichfiger Bradypus imstande war,
dir zu dem Deinigen in ihr zu verhelfen, so bin ich das gewesen, Heinrich
Schaumann, genannt Stopfkuchen. Zuerst aber winselte ich den Bauer von der Roten
Schanze noch einmal an: Herr Quakatz, ich wei doch gar nicht, ob ich es kann.
Ich bin bei der letzten Versetzung wieder nicht mit nach der Obertertia
gekommen. - Probier's! sagte der zuknftige Schwiegervater, und sein Tchterlein
stie mir den Ellbogen in die Seite, als wolle sie sagen: Tu auch mir den
Gefallen: und als wir wieder drauen im Garten standen, flsterte sie mir zu:
Sei doch nicht so dumm, er wei ja selbst vor dem schlimmen Buch nicht, was er
will. Es ist ja auch nur, weil er keinen, keinen, keinen hat, auer den Afkaten,
die er nicht mehr will, mit dem er reden kann. Und morgen redet er dich wohl gar
nicht mehr drauf an: es ist ihm jetzt eben nur so in den Sinn gekommen, weil du
ihm als Gelehrter in den Weg gekommen bist. Bring du dein dickstes Buch mit
heraus. Er kann dich ja jetzt hier auf unserm Hofe sehen, und du kannst zusehen
und es probieren, was du fr uns herauskriegst.
    Na ja, Frau, du kannst es dem Eduard eigentlich viel besser berichten, wie
ich denn so von Zeit zu Zeit herausgekommen bin nach der Roten Schanze, um
endlich ganz dazubleiben. Da ich dem Mordbauern auf der Roten Schanze nicht das
Corpus juris ins Deutsche bertragen habe, das steht fest. Aber das steht auch
fest, mein Herz, mein Kind, du altes, gutes Weib, und du, afrikanischer Freund,
da ich es beilufig und fast ohne mein Zutun herausgekriegt habe: wer Kienbaums
Mrder gewesen ist - wer Kienbaum totgeschlagen hat.

Ohne Sturm oder gar Wirbelsturm sind wir bis jetzt glcklich durchgekommen. Aber
gestern mittag ging pltzlich ber den Hagebucher der Ruf: Feuer auf dem
Schiff! Und es blieb nur der Schiffskoch ruhig; denn der wute es ja anfangs
allein, woher der Brandgeruch stammte. Er wute allein von dem alten wollenen
Strumpf, welcher ihm unter seine Steinkohlen und auf seinen Kchenherd geraten
war. Der nichtsnutzige Nigger hatte ihn im nordischen Hamburg noch am eigenen
Fue gehabt; aber unterm quator hatte er die schnen Reste davon eben
entbehrlich gefunden.
    Wie als wenn eben vom Hause her auch der Ruf: Feuer!
    Feuer auf der Roten Schanze! erschollen wre, war ich aufgesprungen und
stand Frau Valentine aufrecht am Tische und hatte ihr Strickzeug weit von sich
geschleudert.
    Ist es die Mglichkeit? stammelte ich. Frau Valentine -
    Die Frau stand nur bleich und wortlos und starrte aus weit offenen Augen auf
ihren Mann.
    Es ist die Mglichkeit gewesen, sagte dieser. Es ist eine altbekannte
Sache, auch der Dummste kann einen Zweck erreichen, wenn er nur seinen Dickkopf
fest dran- und draufsetzt. Ja, Kinder, ich wei es heute, wer Kienbaum
totgeschlagen hat.
    Aber deine Frau! So sieh doch nur deine Frau an! Mensch, Mensch, hat denn
deine Frau ebenfalls bis heute wie alle andern -
    Meine Frau erfhrt von meinem Wissen in diesem Augenblicke gleichfalls das
erste Wort. Das kannst du ihr doch ansehen, Eduard. Aber so setze dich doch
wieder, Tinchen! Liebes Herz, Alte, liebe, gute Alte, bleib doch ruhig! Erinnere
dich, was wir ausgemacht haben. Erst wenn mir die Pfeife ber einer Sache
ausgeht, kommt an dich die Reihe, Jodute! zu rufen, mit den Beinen zu strampeln,
die Arme aufzuwerfen und der Welt mit Trnen oder Grobheiten aufzuwarten.
Kinder, tut mir den Gefallen und sitzt still!
    Wie es mit seiner Tabakspfeifenverabredung beschaffen sein mochte: dem
Ausgehen war seine Pfeife eben doch nahe. Aber er brachte sie durch einiges
Saugen dran richtig wieder zum hellen Brande, blies eine blaue Wolke in die
liebe Sommerluft und - ja, kurz, war eben nicht ohne Grund von uns Stopfkuchen
genannt worden! Da sein Weib sich wirklich wieder hinsetzte, blieb mir nichts
anderes brig, als dasselbe zu tun.
    Heinrich! murmelte angstvoll, flehend die Frau. Ich brummte unwillkrlich:
So gehe doch heraus aus dem Kasten, Ungeheuer! Aber Stopfkuchen sagte,
stoweise, immer noch an seinem Weichselrohr saugend: Aber - Kinder - so - lat
mich doch - die Geschichte von der vlligen Eroberung von Quakatzenburg in Ruhe
erzhlen, wenn ihr sie wissen wollt. Unterbrecht mich doch nicht immer! Diese
ewige Aufgeregtheit in der jedesmaligen, eben vorhandenen Menschheit, bis sie
sich hinlegt und tot ist! Fallt mir doch nicht bei jedem dritten Worte ins Wort,
wenn wir bis zum Abendessen mit der Sache fertig sein sollen.
    Der Mensch sprach wahrhaftig vom Abendessen wie von der Hauptsache bei der
Sache. Es blieb nichts brig, als ihn faultierhaft in seinen Baum hinaufsteigen
zu lassen; aber selbst fr jemand, der auf allerlei Kreuz- und Querzgen rund um
den Erdball auch das Seinige ruhig erlebt zu haben glaubte, wurde diese
Kaltbltigkeit allgemach zu unheimlich.
    Herze, schenk mir noch eine Tasse Kaffee ein und gib Eduard auch eine. Du
regst dich doch nicht auf, Kind? Welch ein wundervoller Tag hier in der Khle
mit der heien Welt da drauen! So - noch ein Stck Zucker.
    Das arme Weib kam dem Wunsche nach, aber wie eine Traumwandlerin, wie eine
Hypnotisierte. Auf den Topf und die Tassen blickte sie nicht - nur immerfort auf
den Mann, und zwar wie auf einen, von dem man nicht wei ob man ihn ferner
liebbehalten oder sich vor ihm zu Tode frchten soll.
    Ich bitte dich, Heinrich -
    Tu das nicht. Du weit doch, Kind, da du das nicht ntig hast! Kenne ich
nicht alle deine Wnsche im Voraus? Ich sage dir, Eduard, nicht einmal an den
Augen brauche ich sie ihr abzusehen wie andere, gewhnlichere gute Ehemnner. Du
erfhrst alles, Tinchen. Es tut ja nun niemand mehr Schaden und hilft keinem zu
Schadenfreude, den alten, verjhrten, muffigen Schrecken mit der Zange
anzufassen, ans Licht zu ziehen und in der Sonne vorsichtig mit der Fuspitze
umzuwenden. brigens steht es bei euch: soll ich fortfahren, wie ich angefangen
habe, oder wnscht ihr einen kurzen Aufschlu in drei Worten?
    Fahre fort, Menschenkind! mute ich nun doch rufen, und die Frau sagte,
mehr denn je wie im Banne gehend: Ich kann nichts dagegen machen; es wird ja
auch wohl das beste sein, wie du es verstehst.
    Dann bleiben wir noch ein Weilchen in der Idylle und lassen Kienbaum
Kienbaum sein, so lange als mglich, sagte Stopfkuchen. Was sollen auch die
versteinerten Gesichter? Ziehe ich euch eines? Ne, dafr hat man sich eben das
schlechte Beispiel des Bauern auf der Roten Schanze zur Warnung dienen lassen.
An seinem Elend konnte man wohl lernen, ruhig, gleichmtig den Weltlauf an sich
herankommen zu lassen. Natrlich mit einer Anlage hierzu mu einer auch in die
Welt hineingesetzt worden sein: es braucht nicht jeder die Forsche zu haben, das
neue Deutsche Reich aufzurichten, hinzustellen und zu sagen: Nun knnt ihr und
so weiter... Jawohl, lieber Eduard, la nur jeden auf seine Weise heraus aus dem
Herdenkasten gehen. Da war zum Exempel der Heinrich Schaumann, den ihr
Stopfkuchen nanntet. Er hat wenigstens mal ganz und gar nach seiner Natur
gelebt, hat getan und hat gelassen, was er tun oder was er lassen mute; - ist
es dann am Ende nachher seine Schuld, wenn in irgendeiner Weise doch etwas
Vernnftiges dabei herauskommt? Gar nicht. Fr diese Verantwortlichkeit danke
ich ganz und gar. Da ich nicht in einer netten, saubern, durchaus behaglichen
Welt leben kann: was kmmert's mich, ob ich in einer verstndigen und
vernnftigen lebe? Plato, Aristoteles, der selige Kant -
    Mensch, Mensch, Mensch, mach mich nicht ganz verrckt! rief ich, mit
beiden Hnden nach beiden Ohren fassend, und Stopfkuchen sprach lachend:
    Siehst du, Eduard, so zahlt der berlegene Mensch nach Jahren ruhigen
Wartens geduldig ertragene Verspottung und Zurcksetzung heim. Darauf, auf diese
Genugtuung, habe ich hier in der Khle gewartet, whrend du mit deinem
Levaillant im heien Afrika auf die Elefanten-, Nashorn- und Giraffenjagd
gingest oder dich auf andere unntige Weise ab- und ausschwitztest. Also bleiben
wir noch ein wenig in der Idylle, ehe wir von Kienbaum, und wie er zu Tode kam,
weiterreden. Nachher magst du ja selber beurteilen, ob du deine, seine oder
meine Geschichte fr die wichtigere hltst. Sei nur ruhig, Tinchen, und verla
dich auch heute noch einmal auf deinen Mann! Du bist Partei, aber du weit es
ja: dein Mann nimmt immer deine Partei!

Wir lieen also, da wir muten, Kienbaum frs erste noch ungercht weitermodern
und blieben in der Idylle.
    Ich glaube, ich habe dich schon einige Male aufgefordert, Eduard, meine
Frau dir anzusehen; aber jetzt bitte ich dich von neuem: guck sie dir noch
einmal an. Wie sie da so niedlich sitzt! Kannst du es heute noch fr mglich
halten, da sie einmal wie eine in eine Wildkatze verzauberte Jungfer, die auf
ihren Erlsungsritter wartet, dagesessen hat? Mich brauchst du wohl ja nicht
weiter drauf anzusehen: mein Rittertum fiel euch und also auch dir von frher
Jugend an umfnglich imponierend in die Augen, und ihr habt's mich genug
entgelten lassen. Aber die Narren haben mich doch unterschtzt. Sage du es ihm,
Alte, wie viele Schock Leihbibliothekspaladine ich eigentlich in mir hatte und
sie offenbarte, als du mir zum erstenmal gesagt hattest. Du, mein Vater mag
dich, also besuche uns nur. Nein, sage es dem guten Eduard lieber nicht, er
benutzt sonst sofort die Gelegenheit, sich mir als blo verleumdeten Pylades
aufzuspielen und zu behaupten, er habe mich nie verkannt. Bleiben wir bei deinem
Alten, Weib. Natrlich komme ich morgen wieder und nicht blo eurer Birnen
wegen. Dein Alter ist ein ganz famoser Kerl, und wenn der wen totgeschlagen hat,
so hat der's dreidoppelt verdient gehabt. Mit seinem dicken Gesetzbuche und mit
meinem Latein ist das natrlich nur dummes Zeug, aber mit der Kugel, die von der
Roten Schanze bis an unser Haus geflogen ist, nicht. Und wenn ich dem alten
Schwartner erzhle, da dein Vater mich in die Rote Schanze hineingelassen hat,
so schenkt er mir vier Groschen, und dann pa auf, dann gibt's hier auch Kuchen
und nicht blo pfel und Birnen. Morgen bin ich wieder da.
    Da am folgenden Tage weder Vater und Mutter noch der Klassenlehrer den
Riegel vorschob, war ich wieder da. Na, Tinchen, und wer durfte grndlicher
Triumph krhen: der Prinz Xaverius von Sachsen von der Roten Schanze aus ber
die Stadt oder Schaumanns dicker, dummer Junge von der Stadt aus ber die Rote
Schanze?
    Du! sagte Frau Valentine, und zu mir sich wendend, fgte sie hinzu: Es
hilft uns nichts; wir mssen ihm seinen Willen und Weg lassen.
    Wir lieen ihm seinen Willen und Weg, und er watschelte auf dem letztern
weiter, mit dem sichern Bewutsein, uns in seiner Hand zu haben.

Erst stopfte er seine Pfeife von neuem, dann seufzte er: Da die Welt von ihm,
dem Schanzenbauer, nichts mehr wissen wollte, weil sie nicht genug von ihm
herausgekriegt hatte, so suchte er nach seinem angeborenen Menschenrecht ohne
sie auszukommen, so gut es ging. Eigentlich ging es schlecht, denn er steckte zu
der Aufgabe weder in meiner Haut noch in meinem Gemte. Er war viel zu drr und
viel zu lebendig und viel zu gesellig dafr angelegt. Die Rtsel und die harten
Nsse kommen nur zu hufig an die Unrechten. Was htte es mir Feistling gemacht,
unter dem Verdachte, Kienbaum totgeschlagen zu haben, durch die Welt zu
vegetieren? Gar nichts! Oder die Sache wrde sogar einen gewissen Glanz auf mich
geworfen haben; denn die Welt wrde sicherlich gesagt haben: I, sieh mal!
Eigentlich sollte man es dem faulen Strick gar nicht zutrauen, und zu dumm ist
der Bengel im Grunde auch dazu. Aber der Vater Quakatz? Was blieb ihm brig, um
nicht ganz verrckt zu werden, als seinen Sinn und seine Gedanken auf allerlei
Dinge zu richten, auf die vor ihm noch kein Bauer auf der Roten Schanze gekommen
war? Da ich, Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, ihm dabei zu Hlfe kommen
konnte, mochte Zufall sein, war aber unbedingt Schicksal. - Da war zuerst die
Geschichte seiner Burg; und ich sagte ihm: Herr Quakatz, von hier aus hat der
Prinz von Sachsen eine ganze Menge Menschen drunten in der Stadt ums Leben
gebracht.
    Ja, Junge, in der Schwedenzeit.
    Nein, Herr Quakatz. So lange ist's noch gar nicht her. Im Siebenjhrigen
Kriege ist's gewesen.
    Kannst du mir welche mit Namen nennen, Junge?
    Nein, aber ich kann den Herrn Registrator Schwartner nach ihnen fragen und
sie Ihnen bei ihm aufschreiben. Er hat sie alle schriftlich.
    Dann bring mir mal das Register mit heraus, Dicker. Aber sag nicht, da ich
es habe haben wollen. Sie mchten sich sonst wieder was denken.
    Und an einem der nchsten Tage schon steckten wir statt ber dem Corpus
juris die Kpfe ber meiner Abschrift aus der Sammlung des alten Schwartner
zusammen, und der Bauer auf der Roten Schanze suchte herauszubringen, welche
Leute heute die Rechtsnachfolger der Totgeschlagenen von
Siebenzehnhunderteinundsechzig waren und mglicherweise die Rechtsnachfolger des
Grafen von der Lausitz darob verklagen konnten. Was fr ein Trost damals fr den
Papa hierin lag, Tinchen, war mir zu jener Zeit dunkel. Heute glaube ich es zu
wissen. Von den Knochen der jngern Vergangenheit gingen wir sodann zu denen der
wirklichen Vorwelt ber: und gro und bedeutend fr mich war der Tag, lieber
Eduard, an welchem mich der Bauer Quakatz zum erstenmal in einen verschlossenen
Stall fhrte und, auf einen sonderbaren Haufen zeigend, fragte: Was ist das,
Junge? Ja, was war es? Ein ziemlich vollstndiges Mammutsgerippe war's und - ich
bin beim Kiesgraben hinterm Hofe drauf gestoen, sagte der Bauer, es liegt wohl
noch mehr da; denn diese Schanze ist wohl so eine Anschwemmung von der Sndflut
her. Junge, Junge, von der Sndflut her! Du weit es nicht, wie es dem Bauer auf
der Roten Schanze zumute ist, wenn er in der Bibel von der Sndflut liest; aber
wenn du in deinen Bchern ber das Knochenzeug was hast, so bringe es auch mit
heraus; aber sage keinem Menschen davon, welch einen versteinerten Drachen
Kienbaums Mrder zu seinem Troste in seiner Kiesgrube gefunden hat. - Ich habe
keinem Menschen damals davon gesagt, welch interessanten Fund Tinchens Vater
gemacht hat; aber wenn heute der Brieftrger - nicht mehr Freund Strzer - nach
der Roten Schanze herauskommt, so hat er, auer der Zeitung, gewhnlich irgend
etwas von irgendeiner geologischen oder sonst in das Fach schlagenden
Gesellschaft fr Herrn Schaumann. Die Vorstellung, in einer sptern Schicht auch
mal unter den merkwrdigen Versteinerungen gefunden zu werden, hat fr den
gemtlich angelegten, denkenden Menschen so viel Anregendes, da sie ihn, und
noch dazu, wenn er Zeit dafr hat, unbedingt in die Petrefaktenkunde, in die
Palontologie, fhrt. Und du brauchst blo noch einmal die paar Schritte an die
Brstung unserer Schanze zu tun, Eduard, und dir die Umgegend noch einmal in
Beziehung hierauf zu betrachten, um sie pltzlich auch noch nach einer ganz
neuen Richtung hin hchst interessant zu finden. Zwischen der Trias und der
Kreide nichts als Wasser, und die erste nchste Insel dort der blaue Berg im
Sden! Wenn das Feuchte sich in der Eoznzeit etwas zurckzog, in der Mioznzeit
es, was man jetzt nennt, trocken wurde und wenn es in der Plioznzeit sogar dann
und wann hier ber der Roten Schanze schon staubte, so war das dem Bauer auf
derselben ganz einerlei: der fragte nur danach, wer in der Welt etwas von seinem
Verhltnis zu Kienbaum wute oder gewut haben konnte. Aber mir, dem heutigen
Bauer auf der Roten Schanze, ist es im Laufe der Jahre nicht einerlei geblieben.
Der Doktor hatte Tinchen nmlich gesagt: Bei der Krperbeschaffenheit Ihres
Herrn Gemahls gibt es gar nichts Vernnftigeres fr ihn als diese Liebhaberei
und sein Herumkriechen in Steinbrchen und Kies- und Mergelgruben; - je mehr er
bei seinem Knochensuchen schwitzt, desto besser ist's fr ihn und Sie. Und,
lieber Eduard, wenn je ein Weib eine nrrische Liebhaberei ihres Gatten
befrdert hat, so ist es Valentine Quakatz auf diesen rztlichen Ausspruch hin
gewesen. O Eduard, in der Tertirzeit soll es hier noch so hei gewesen sein wie
heute bei dir zu Hause im heiesten Afrika, und wre ich damals hierhergekommen,
so wollte und knnte ich ja gar nichts dagegen sagen. Aber ich bitte dich, erst
in der Eiszeit - in der Eiszeit! - ist unter den ersten Sugetieren auch der
Mensch hier auf der Roten Schanze aus Asien eingewandert - und da soll ein
Nachkmmling von ihm heute im Sommer nicht schwitzen, wenn er piettvoll und
wissenschaftlich nach den ersten Spuren seiner Vorfahren hier um den Aufwurf des
Prinzen Xaver von Sachsen herum nachsucht!

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Keine Mglichkeit, heute weiterzuschreiben. Das Schiff stt allzusehr. Hohle
See. Kapitn unnahbar. Matrosen sehr beschftigt und vernnftigerweise ungemein
grob. Niggersteward besoffen. Passagiere - hol der Henker das Heulen! Sie
berschreien das Ungewitter und unsere Verrichtungen! Heigh, my hearts! cheerly,
cheerly, my hearts! yare, yare! - Siehe den Sturm, ein Zaubermrchen von
William Shakespeare, aber sieh ihn - wenn es dir irgend mglich ist - ja nur von
einem sichern Sperrsitz oder sonst behaglichen Theaterplatz aus mit an.

Zwei Tage und zwei Nchte durch hat das Unwetter gedauert. Die Riesen ngsteten
sich unter den Wassern und die bei ihnen wohnen auch. Wer wre da nicht gern
herausgegangen aus dem Kasten, wenn er's nur gekonnt htte?! Wahrlich, der Herr
hat mir wieder einmal groe Wunder auf dem groen Meere gewiesen, und wie
gemtlich ist's nun um so mehr jetzt, immer noch mit seinen kleinen und groen
Heimatserinnerungen und - erfahrungen auf Quakatzenburg bei Heinrich Schaumann,
genannt Stopfkuchen, zu Gast zu sein und den dicken Freund zu seiner Frau sagen
zu hren:
    Aber, Kind, was geht dich und Eduard eigentlich deines Vaters und meine
Spezialliebhaberei und die Petrefaktenkunde berhaupt an? Was geht es euch an,
wie lange der Ozean ber der Roten Schanze gestanden hat, ehe die Mglichkeit
vorhanden war, da Kienbaum in ihrer Umgebung totgeschlagen werden konnte?
Wieviel ergtzlicher ist es doch, davon zu reden, da der Herr nach der Sintflut
wieder aufgehen lie Gras, Busch und Baum, und da er Blten gleich
Weihnachtslichtern dransteckte und allerlei Frchte daranhing, lieblich dem Auge
und angenehm dem Gaumen! Eduard, wie oft soll ich es dir sagen, da man den
edlen Namen Stopfkuchen nicht ohne die dazugehrigen Leistungen trgt? Welch ein
Leben und Futter in dieser Hinsicht hier auf der Schanze! O Tinchen, o
Valen-ti-ne, und so mit dir unterm Busch, kauend und schmatzend, und der andern
lcherliche, mhesame Papierdrachen ber dem Herbstfelde im Blau!
    O Heinrich, unterbrach hier noch einmal die arme Frau, bester Heinrich,
ich bitte dich himmelhoch, mach dich nicht schlechter -
    Gefriger willst du sagen -
    Meinetwegen auch! Aber bitte, bitte, mach dich doch in diesem schrecklichen
Augenblick, wo mir alle Glieder beben von deinem Worte ber Kienbaum, mach dich
jetzt wenigstens nicht grlicher, als du bist. Bist du denn allein der
Obstbume und der Stachelbeeren wegen zu - mir - uns herausgekommen aus der
Stadt?
    Ganz gewi nicht, Schatz. Die Speisekammer und die Milchkammer hatten auch
ihre Reize. Nimm nur mal die frische Butter und das Bauernbrot an! Und euren
Kse! Fr mich hatte die ganze klassische und moderne Welt nur deshalb
geschrieben und drucken lassen, um das ntige Einwickelpapier herzustellen.
Nmlich, Eduard, ich stopfte mir nicht nur den Hals, sondern auch die Taschen
voll.
    Er ist unverbesserlich! seufzte die Frau, sich zu mir wendend. Ich habe
es eigentlich auch schon von unserer ersten Bekanntschaft an aufgegeben, ihn zu
bessern, und versuche es nur manchmal noch blo des Anstands wegen vor fremden
Leuten und liebem Besuch. Aber jetzt im Ernst, o Gott ja, im herzbebenden Ernst,
ich rede nun wohl selber zu deinem Freunde ein Wort von unserm damaligen
Verhltnis, wenn - wenn du uns nicht doch vorher sagen willst -
    Nein, das will ich nicht. Wenn etwas heute gottlob Zeit hat, so ist es das!
Du hngst und kpfst ihn nicht mehr, Schatz. Es ist zu spt. Es geht heute
keiner mehr Kienbaums Mrder an den Kragen als der Totenrichter: und freilich,
wer wei, ob nicht grade der uns drei heute hierherbestellt hat zu seinen
Schffen und Beisitzern?
    Heinrich, meines armen Vaters Tag- und Nachtgespenst -
    La es noch einen Augenblick, Kind. Sich in das wonnige Blau ber uns,
blicke in Eduards drres, aber wohlwollendes, wenngleich auch etwas verlegen
gespanntes Kafferngesicht und bleib noch ein klein bichen in unserm Idyll.
Erzhle ihm meinetwegen auf deine Weise unsere Liebesgeschichte. Ich gehe dir
mein Wort darauf: was das andere anbetrifft, so kommt es wahrhaftig nicht darauf
an, ob du das Genauere ein paar Minuten frher oder spter erfhrst. Dein Vater,
unser Vater ist mit unserer Hlfe in Frieden beruhigt hinbergegangen, und
Kienbaums Mrder wird die Mitwelt und die Nachwelt auch nichts mehr anhaben
knnen als mit dem ungewaschenen Maul. Und letzteres auch dann vielleicht nur,
wenn ihr - du und Eduard - morgen den Mund darber wrdet nicht halten knnen.
    Die Frau schttelte noch einmal ber das bessere Wissen und Verstehen ihres
Mannes den Kopf, dann legte sie die gefalteten Hnde auf den Tisch und blieb
ebenfalls noch bei ihrem und seinem Lebensidyll, und es kam freilich, trotz
aller Melancholie und der Aufregung und Spannung der Stunde, herzig und lieblich
heraus, wie sie - erzhlte, ehe Stopfkuchen das Geheimnis der Roten Schanze
offenbarte.
    Ich kann es gar nicht sagen, wie lieb es mir war, da der Junge zu uns
kam, sagte sie. So wie mich wei ich doch keinen in meiner Bekanntschaft, dem
es als Kind so ergangen wre als wie mir. Armes Volk in der Stadt und auf dem
Lande mu auch wohl das Seinige ausstehen; aber wir hier auf der Schanze
gehrten ja gar nicht zu dem armen Volk, und doch - wenn ich unter der Hecke
geboren wre und meiner Mutter aus der Kiepe in das ffentliche Mitleid gefallen
wre, htte ich es besser gehabt wie als des Bauern von der Roten Schanze
einziges wohlhabendes Kind und seine Tochter! Da ich bei meinen Erlebnissen und
Erfahrungen im Dorfe, in der Schule, auf dem Felde, auf der Wiese nicht
hundertmal mehr als mein armer seliger Vater ein wirklicher Mrder geworden bin,
das ist nichts weiter als ein unendliches groes Wunder. Was ich habe sehen,
hren und fhlen mssen, seit ich mich zuerst in die Welt finden mute, das geht
in gar kein Buch zu schreiben.
    Hm, murrte Stopfkuchen, vielleicht lohnte es sich grade gegenwrtig mehr
als manches andere.
    Nein, Heinrich, es war doch zu hlich.
    Grade darum, brummte Heinrich Schaumann, doch seine Frau rief jetzt:
    Ich habe dich reden lassen, nun la auch mir das Wort, da du mich doch
einmal dazu aufgefordert hast. Und Herr - Herr -
    Eduard -
    Ja denn, wenn unser lieber Freund, Herr Eduard, so gut sein will, mit
unsern kleinen Erlebnissen hier in der Einsamkeit heute vorliebzunehmen.
    Einsamkeit?! grinste Stopfkuchen Na ja, dem da wird es in seiner
afrikanischen Wste freilich wohl manchmal zu lebendig um ihn her. Wenn ich mir
wo eine ewige Sabbatstille hindenke, so ist's grade die Gegend, die er sich
ausgesucht hat, unser lieber Freund - Herr - Eduard.
    Ich bezwang mich und schlug den Dicken mit seinem lchelnden Verstndnis fr
mein Dasein und meine exotischen Errungenschaften nicht hinter die Ohren, ich
nahm die Hand seiner Frau und sagte: Lassen Sie alles, liebe Freundin, liebe
Frau Valentine, und erzhlen Sie mir fr meine Einsamkeit von sich und dem Vater
und der Roten Schanze.
    Ja von uns dreien alleine wei ich auch nur was. Ich bin niemals auf einer
Insel im Meere gewesen, aber wie ich das mir vorstelle, so waren wir drei
zusammen wie eine Insel im Meere.
    Aber ein sauberer Brei, dickflssig, graugelb, mit grnen Schimmelflecken
qualmte statt der blauen karaibischen See drum herum und roch nach Pech,
Schwefel und noch viel Schlimmern! brummte der Unverbesserliche.
    Knnen Sie sich, Herr Eduard, wenn Sie sich als ein gehetztes Tier und
alleingelassenes Kind in der Welt finden, einen bessern Aufenthaltsort fr sich
denken als wie diese unsere alte, vergessene Kriegesburg?
    Ganz gewi nicht, Frau Valentine.
    War es nicht schlimm, da ich selber als so junges Kind die Hunde habe mit
bsartig gegen die armen Menschen machen mssen? Aber war es nicht gut, nach der
Schule in Sicherheit da auf dem Walle zu sitzen und das Dorf und die Stadt und
die bsen Blicke und bsen Worte und das Geflster und Gucken auch der Besten
und Vernnftigsten unter sich zu haben? O Gott, man sollte sich heute noch
schmen, weil man so oft, eigentlich tagtglich aus seiner letzten Schanze
heraus die Zunge hat ausstrecken und mit Steinen werfen und die armen treuen
Tiere hat hetzen mssen! Heinrich hat's eben erzhlt, wie mein seliger Vater
auch hinter ihm stand und kein Wort sagte. Groer Gott, so hat er ja immer
hinter mir gestanden, seit ich ins Denken und Nachdenken hineingekommen bin! Es
konnte mir ja auch nur ganz langsam ins klare wachsen, weshalb er so wild auf
die Menschen war und keinem gut als dann und wann einem Advokaten, der ihm nach
dem Munde gesprochen hatte. Es ist schlimm, es als Kind von Kindern erfahren zu
mssen, da man allein sein soll in der schnen Gotteswelt! Und wenn ich auch
tausendmal sagte und weinte und schrie: Lgner!, sie machten mir doch hinterm
Rcken des Schullehrers immer dieselben Zeichen, wie als wenn man einem einen
Strick um den Hals legt oder nach einem Schlachtochsen mit dem Beile ausholt.
Wenn der Vater mir dann und wann ber die Haare fuhr, wenn wir den Winterabend
ohne ein Wort gesessen hatten, ich im Winkel und er im Winkel, und wenn er gar
sagte: Ich kann nicht helfen, du Wurm, geh zu Bett und schlafe du, ich komme und
sehe nach, ob du nichts mehr von dir weit!, ja, dann hatte ich einen Trost, der
mir das Herz in die Kehle trieb. Manchmal bin ich wieder in spter Nacht aus dem
Bette gekrochen und bin an die Stubentr auf nackten Fen geschlichen und habe
ihn dann noch ohne Schlaf sitzen sehen. Ach, Herr Eduard, es haben wohl wenige
Leute so wenig geschlafen wie mein armer seliger Vater! Und dann die Dienstboten
- die Knechte und Mgde: o wie hat es da an einem Haar gehangen, da ich
wirklich schlecht, wirklich vielleicht zu einer Mrderin oder Totschlgerin
wurde! Sie brachten mir jedes Orgellied und alles, was sich sonst in der Art auf
dem Jahrmarkte kaufen lt, und sangen es mir und pfiffen mir es, und wenn sie
zueinander davon redeten und blo nach mir dabei hinbersahen, so war's noch
schlimmer. Auf jede grne Wiese, wo andere Kinder Blumen pflcken und
Ringelkrnze von Kuhblumenstielen machen durften, wurde mir ein Galgen
hingebaut; und mitten unter die Erdbeeren, die Heidelbeeren und Himbeeren im
Wald ein Schafott. Der Hirte und der Pflugknecht im Felde, die Weiber und
Mdchen beim Rbenjten und Kartoffelroden hatten alle ihre Geschichten fr mich
und gaben sie mir mit nach Hause, auf den Wall von meines Vaters Schanze und
nachts mit unter das Deckbett, das ich im heiesten Sommer oft ber mich zog,
auf die Gefahr hin, darunter vor Herzbeben und Grauen zu ersticken. O wie manche
Nacht habe ich mich in den Kleidern ins Bett gesteckt, weil es mir, und nicht
blo beim Wintersturm, sondern auch im Sommermondschein davor zu arg graute, die
Schuhe und die Rcke auszuziehen.
    Du armes Kind, murmelte ich unwillkrlich.
    Jawohl, du armes Kind, Eduard, brummte Stopfkuchen. Ich armes Kind habe
mich natrlich in meiner Jugend so klglich anstellen knnen, wie's mir
beliebte: das machte auf niemanden einen bemerkenswerten Eindruck. Der Bengel
wird von Tag zu Tag muffiger! Das war das einzige, was ich zu hren kriegte.
    Dabei fingen aber des Dicken uglein an, sonderbar zu leuchten, und er
klopfte mich aufs Knie und fragte:
    War es nicht Zeit, da ich mich der Sache annahm? War es nicht das Beste,
was wir tun konnten, als unser Elend zusammenzuwerfen und unsern Jammer in einem
Topfe ans Feuer zu rcken? Und ist nicht das Resultat erquicklich? Habe ich die
hagere Wildkatze von Quakatzenburg nicht recht hbsch und rund und nett und fett
herausgefttert und sie behaglich mit dem gewhnlichen und deshalb um so
komfortabelern Weiberstrickzeug in die behagliche Sofaecke niedergedrckt? Na,
du solltest Mieze jetzt einmal beim Wintersturm und Sommermondschein drin
spinnen - schnurren und purren hren!
    Ich habe das Wort, Heinrich! meinte lchelnd die liebe Frau.
    Das hast du. Hast es immer. Und immer das letzte. Behalt es auch
meinetwegen; ich wollte nichts weiter bemerken, als da wir heute nicht mehr des
Abends weder das groe noch das kleine Malefizbuch lesen, Tinchen. Nmlich,
Eduard, hchstens strt sie mir jetzt mit der Frau Davidis in der Hand das
Nachdenken und palontologische Studium, indem sie kommt und, mit dem Znglein
um die Lippen neue Triumphe vorkostend, die Frage stellt: Du, Alter, sollen wir
uns mal an dieses Rezept wagen? Ich, lieber Eduard, habe selbstverstndlich auch
fr diesen Verdru nur die eine Antwort: Dem Mutigen gehrt die Welt. Heraus aus
dem Kasten!
    Frau Valentine behandelte vernnftigerweise ihren Feinschmecker mit seinem
berhmten Kochbuch als Luft und fuhr, gegen mich gewendet, in ihrem Recht, jetzt
einmal selber zu erzhlen, fort. Gottlob, wirklich wie aus der Sofaecke heraus,
wenn auch mit einem feuchten Leuchten in den Augen und einem verschluckten
Aufsteigen in der Kehle, gleich einem Kinde, das aus erlittenem, aber
vergangenem Kummer in das Lachen der Gegenwart bergeht.
    Ja, es war schlimm. Und es war die hchste Zeit, sowohl fr meinen Vater
wie fr mich, da wir endlich einen Kameraden kriegten - einen, den unsere Hunde
ber unsern Graben und Dammweg passieren lieen, ohne da sie ihm an die Kehle
fuhren und ihm unser huslich Glck und Behagen entgegenklfften und - heulten.
Anfangs konnte ich es doch nicht wissen, da der Junge aus der Stadt auch fr
meinen Vater brauchbar war. Zuerst war er ja nur fr mich gegen die Dorfkinder
eingetreten und hatte sich die Nase blutig schlagen lassen. Da nahm ich ihn auch
nur meinetwegen zwischen den Hunden durch mit auf die Schanze und brachte ihn an
den Brunnen, da er sich wenigstens ein bichen wieder waschen konnte. Aber es
wies sich zum Segen fr Vater und Kind, fr die Rote Schanze aus, da es doch
mehr mit ihm an sich hatte durch Gottes Gte. Nicht wahr, Heinrich?
    Das letzte Wort war ein Fehler von der Frau. Damit hatte sie ihrem dicken
Haupt und Herrn vollstndig wieder das Heft in die Hand gegeben.
Glcklicherweise hatte er aber eben etwas zerstreut den Wolken seiner Pfeife in
die Baumwipfel nachgesehen und brummte nur: Hast immer recht, Alte! Was war es
denn eigentlich - wo warst du stehengeblieben? Ja so! Na, Eduard, gewinnst du
bald die berzeugung, da wir drei, Vater Quakatz, sein Tinchen und der faule
Schaumann aus der Stadt, hier - hier keinen Vierten zwischen uns gebrauchen
konnten?
    Nein, den brauchten wir damals nicht! rief Frau Valentine Schaumann, ohne
meine Meinung ber die Sache abzuwarten. Wenn meinem Vater und mir der liebe
Gott nur einen gab, so war das vllig genug! Aber dem mute ebenfalls alles
andere gleichgltig oder zuwider sein: nur wir und die Rote Schanze nicht! Der
mute alles mgen, was der Bauer Quakatz und sein kleines Mdchen gehen konnten,
ohne sich vor dem Mord- und Schinderkuhlengeruch, der dranhing, zu ekeln und zu
frchten. Und, Herr Eduard, dazu, dazu hatte der Stadtjunge, der mich vor den
Dorfjungen und -mdchen in seinen Schutz genommen hatte, unter der Hecke da
drben auf der stdtischen Feldmark gelegen! Und dazu hatte er auch genug
Latein, da er es meinem Vater in seinem dicken Wrterbuch nachschlug und
bersetzte fr seine Schriften und Akten, wo der selbst seinem Advokaten nicht
mehr traute. Herr Eduard, bitte, achten Sie jetzt gar nicht auf meinen Mann! Er
mag nachher, bis er mit Ihnen als angehender Student hier stand und von uns
Abschied nahm, in seinen Schulzeiten noch etwas mehr gelernt haben - das kann
ich nicht beurteilen, aber fr die Rote Schanze war er damals gengend mit allen
Kenntnissen ausgestattet. Er brachte nicht blo die Hunde zur Ruhe, er brachte
auch meinem seligen Vater ruhigere Stunden.
    Nu hre sie, Eduard! Jaja; aber sie hat recht: die Klugen haben wahrhaftig
lange nicht soviel Behaglichkeit in die Welt gebracht und so viele Glckliche
drin gemacht wie die Einfltigen.
    Ganz sicher, Heinrich! Mein seliger Vater meinte das wenigstens auch. Er
drckte sich nur etwas anders aus: Tinchen, sagte er, ich will nichts dagegen
sagen, da dieser dicke, stille Junge sich an uns herangemacht hat. Wenn du mit
ihm auskommen kannst, soll es mir recht sein. Mich strt er nicht, und man hat
doch einen in der Stube, der nicht zu den anderen gehrt.
    Das war ein groes Wort von deinem verstorbenen Herrn Vater, Frau Valentine
Stopfkuchen! grinste Heinrich Schaumann unverbesserlich drein.
    Es war nur das Wort von einem Manne, der seinen Kopf und sein Herz seit
Jahren, Jahren, Jahren mit beiden Hnden hatte zusammenhalten mssen, auf da
ihm beides nicht in Wut und Angst und Grimm und Scham zerspringe. Wenn einer
damals nicht zu den andern gehrte, Herr Eduard, so war das mein Mann. Nicht
etwa, weil er grade so was Besonderes an sich gehabt htte, sondern grade
vielleicht, weil er das nicht hatte und auch an uns in unserer Verscheuchung und
Verschchterung nichts Besonderes fand und mit uns wie mit ganz gewhnlichen
sonstigen Menschen in Verkehr und Umgang kam! -
    Frau Valentine hatte natrlich nicht im geringsten eine Ahnung davon, welch
ein wunderbar Zeugnis und Lob sie jetzt meinem Freunde ausstellte und wie sehr
sie mich zu den ganz Gewhnlichen, den ganz Gemeinen, an jedem Wege Wachsenden
warf: zu denen, die nur dreist in die Welt hinaus und nach Afrika laufen
mochten, um ihre trivialen Abenteurerhistorien zu erleben. Mein dickster Freund
grinste wieder nur, war sich aber sicherlich klar ber alles.
    Die Frau fuhr fort:
    Er sa mit meinem Vater in der Stube, und er lag mit mir auf unserm Wall
gegen die Menschheit unterm Busch. Ja, gegen die Menschheit, Herr Eduard: denn
jetzt warfen sie mit ihren Steinen auch nach ihm ber den Graben, aber nicht
lange. Ihre jungen Herren Kollegen und Schulkameraden haben doch nicht ganz
genau gewut, was mein Mann damals war -
    Alte! lachte Stopfkuchen.
    Ach ja, ich drcke mich wohl wieder falsch aus. Nun denn: sie wuten nicht
ganz vollkommen, was du alles in dir hattest, Heinrich, und was du alles tun und
sagen konntest, wenn dir ein Erdklo, der eigentlich doch nur fr Kienbaums
Mrder bestimmt war, an deinen Kopf flog. O Herr Eduard, Ihr damaliger Freund
konnte sich damals schon in den ersten groen Sommerferien als den Herrn der
Roten Schanze betrachten. Er hatte sie, und zwar fr mich mit, einem schlimmen
Feinde abgewonnen; und nun, da ich mich nun nicht mehr nachts so arg vor anderen
zu frchten brauchte, lag ich manchmal ganz wtend und fragte mich, weshalb ich
es eben von ihm litte! Denn, Herr Eduard, er behandelte mich eigentlich gar
nicht gut bei seinem Ritteramt! Dumme Gans war noch der mildeste Ehrentitel, den
er mir zukommen lie. Und wehe mir, wenn ich es merken lie, da auch ich meinen
Vorrat von Kosenamen zur Hand hatte aus meinem Verkehr und Krieg mit den andern
Kindern! Und wenn ich mich durch Trnen wehren wollte, da war's noch schlimmer.
Da hie es hchstens: Sie hat den besten Platz in ganz Deutschland, und sie
mault! Mdchen, sitze du mal auf meinem -
    Podex, riet Freund Heinrich.
    Platz in der Schule, fuhr Frau Tine fort, doch lieber einen zarten
Ausdruck fr das Ding whlend. Freilich, es mochte ihm, was den anbetraf,
manchmal zu Hause und in der Schule auch nicht zum besten gehen. Nun, auf der
Roten Schanze sa er dann mit seinen Snden ebenso sicher als wie ich. Beim
Mordbauern Quakatz tat ihm keiner noch mehr was drum zuleide, sondern im
Gegenteil! Er war mir vielleicht auch darum grade recht und zu meinem und meines
seligen Vaters Umgang passend, weil auch er recht hufig was auf dem Gewissen
hatte und noch mit den Trnenspuren auf den Backen zu uns herauskam und dort von
der Wallbrstung auf die ganze Stadt und die ganze Schule ungestrt
hinunterbrummeln und -grummeln und -schimpfen konnte. Schrecklich faul mu er
damals gewesen sein, Herr Eduard.
    Meine jetzigen sen Daseinsbedingungen in dieser Hinsicht lt sie gelten,
Eduard. Aber ich imponiere ihr doch auch ein wenig durch meine Petrefakten und
die gelehrte Korrespondenz, die sich dranknpft. Man kann schon seinem Weibe was
unter die Nase halten, wenn man Mitglied von einem halben Dutzend
palontologischer Gesellschaften ist. Und eines blht ihr noch. Meine Abhandlung
ber das Mammut und seine Beziehungen zu der Roten Schanze, dem Prinzen Xaver
von Sachsen und dem Bauer Andreas Quakatz nebst angehngtem Exkurs ber das
Megatherium wird ihr unbedingt gewidmet. Wer wei, ob das Riesenfaultier ihr
nicht noch den Kranz der Unsterblichkeit auf die Haube - wollt ich sagen die
Locken druckt?
    Gott soll mich bewahren! lachte Frau Valentine, fgte aber hinzu: O Gott,
wohin bringt er mich und uns durch seine Art und Weise, Herr Eduard! Er wei es,
wer Kienbaum totgeschlagen hat, und hier sitze ich und rede alles dumme Zeug
durcheinander, blo weil er's so haben will. O mein armer, armer Vater! Und wenn
er, meinen Mann meine ich, mit dem rmel um die Augen Staub und Feuchtigkeit
durcheinandergerieben hatte -
    Dreck und Trnen willst du sagen, Herze.
    Jawohl, und mit dem Jackenrmel! Und wenn er dann zuweilen noch nach dem -
Rcken griff und sich zwischen den Schulterblttern rieb, dann sagte mein
seliger Vater -
    Geh hin und schneid ihm erst ein ordentliches Butterbrot und gib ihm ein
ordentlich Stck Wurst dazu. Der hat auch das Seinige ausgestanden und wei in
seinen jungen Jahren schon, was an der Welt ist.
    Nun, das tat ich denn auch, und dann gingen wir zu den Ksen, den
Stachelbeeren, den Birnen, pfeln und Pflaumen, und was sonst so die Jahreszeit
zu seinem und meinem Troste gab. Ja, Herr Eduard, in dieser Hinsicht war die
Rote Schanze vom schsischen Prinzen ganz fr ihn geschaffen. Oh, was er aber
auch durch seinen Herrn Schwartner von ihr alles wute! O Gott, wie ich sie noch
sitzen sehe, ihn und meinen armen Vater, wie sie die Geschichte vom
Siebenjhrigen Kriege traktierten, und wie es so schade sei, da die arme Stadt
drunten damals nicht ganz in 'n Klump geschossen worden sei!
    Das Wort traktieren hat sie von mir, Eduard, schmunzelte Stopfkuchen: doch
Frau Valentine lchelte und seufzte weiter:
    Ich hielt ihn schon damals fr den gelehrtesten und weisesten aller
Menschen. Da ich ihm das aber damals schon auf die Nase band, konnte doch
keiner von mir verlangen; denn dazu war er doch noch zu dumm und ich zu sehr in
der Wildheit und Wut gegen alles aufgewachsen. Er brachte mir, ohne da ich es
ihm merken lie, von so vielen Dingen ein Verstndnis und an so manchen Sachen
Geschmack bei -
    Das Wort Geschmack hat sie von mir, Eduard.
    Und da kam er mit meinem Vater zu der berzeugung, da kein Hahn mehr nach
dem hochberhmten Herrn Prinzen von Sachsen und seinem Mordkriege krhe und da
auch einmal nach dem Herrn Oberlehrer Blechhammer und uns andern und - und - und
Kienbaum auch kein Hahn mehr krhen, kein Hund mehr bellen und kein Mensch mehr
die Nase verziehen werde und da es bei allem auf der Erde nur ankomme auf ein
gutes Gewissen und Gengsamkeit -
    Gengsamkeit hat sie von mir.
    Natrlich! Alles habe ich von dir! rief Frau Valentine jetzt wirklich
etwas zitterig, aufgeregt, rgerlich. Nun, da ist es ja noch ein Trost, da du
mir wenigstens das gute Gewissen als mein eigenstes Eigentum lt! Und wenn ich
denn einmal die Gengsamkeit auch von dir haben soll, so hat doch gewi
wenigstens etwas davon auch schon in mir gelegen, und du hast mir nur -
    Das Verstndnis aufgeknpft. Da hat sie recht, Eduard. Ich sage dir,
Eduard, du hast in der Hinsicht gar keinen Begriff davon, was und wieviel alles
in ihr verstpselt lag und darauf wartete, da ich komme und den Korkzieher
mitbringe. O Alte, Alte, liebe beste, alte Alte: wie htten wir zwei auch sonst
so gut zueinander gepat. O Tine, Tine - du und ich, des Gottes schne Trmmer -
na, haben wir denn nicht von Anfang an zueinander gehrt und halten wir nicht
beieinander bis zum allerletzten? Du vom alleruersten Ende von Afrika, du,
Eduard, was ist deine Meinung?
    Vor Jahren hatte ich weggeguckt; diesmal sah ich genau hin, wie sich die
zwei den Arm um die Schulter legten und sich aneinanderdrckten und sich einen
lauten Ku gaben. Sie zierten sich diesmal gar nicht mehr vor mir; aber Heinrich
hatte freilich heute auch eine glnzende Glatze, und in Valentinens Haar mischte
sich hier und da ein vorzeitig silbernes Fdchen; aber hbsch war's doch, und es
tat der Sache durchaus auch keinen Abbruch, da Stopfkuchen ein bichen fett war
und seine kleine, gute, tapfere Frau der Aphrodite von Melos gar nicht glich.
    Ich sage Ihnen, lieber Herr Eduard, sagte Valentine, ihre Haube unbefangen
wieder zurechtrckend, wenn ich mich jetzt als erwachsene, alte Frau in meinen
Zustand als Quakatzens Mdchen von der Roten Schanze zurckdenke und es mir
berlege, wie es gekommen ist und wie es die Vorsehung angefangen hat, da ich
durch Heinrichs Bekanntschaft aus einem verwilderten Tier zur Ruhe und ins
Menschliche hineinkam, so soll mir keiner meinen Glauben an den lieben Gott aus
der Bibel und dem Gesangbuche streichen: auch selbst der, mein Alter, nicht mit
seinen Knochen und Versteinerungen und seinen Briefen und Drucksachen von seinen
gelehrten Gesellschaften.
    Und wenn er tausendmal nicht mehr an ein Wunder glaubt und eine hhere
Regierung: zu einem halben Wunder mu er sich mit seinem wissenschaftlichen
Besserwissen doch bequemen. Denn da so ein Junge so einen segensreichen Einflu
auf so ein Frauenzimmer ausbt, von meinem armen seligen Vater dabei gar nicht
zu reden, das ist doch nicht blo ein halbes Wunder, das ist ein ganzes, ein
doppeltes, ein dreidoppeltes! Sie haben es wohl gelesen, was er ber unsere
Haustr geschrieben hat: Gehe heraus aus dem Kasten. Das ist eigentlich dummes
Zeug; denn das hat auf uns hier gar keine Beziehung. Ich habe darber die Bcher
Moses nachgelesen; es betrifft blo die Arche Noah und den Vater Noah und
mglicherweise noch seine Familie und seinen Tierbestand. Die Redensart hatte
damals mein Heinrich auch noch nicht an sich. Vielleicht erinnern Sie sich noch
an seinen damaligen ewigen Trost, Herr Eduard?
    Leider erinnerte ich mich nicht mehr, und Stopfkuchen sah mich nur
erwartend, grinsend an und half mir nicht ein. Wenn ich ihm in unsern Schultagen
einhelfen sollte, dann grinste er nicht; dann sah er anders aus als wie heute.
    Na, Eduard? Das war das einzige, auf was er sich heute einlie.
    Fri es aus und fri dich durch! lautete seine damalige Redensart, sagte
Frau Valentine und lie es in Ton und Ausdruck zweifelhaft, ob sie heute noch
vllig ihre Billigung habe. Doch jetzt ergriff Schaumann, genannt Stopfkuchen,
wieder das Wort und seufzte zwar weich und elegisch, aber voll Behagen:
    Und meinetwegen knnt ihr sie mir auch mal in Goldschrift auf meinen
Grabstein setzen lassen. Natrlich ohne irgendwem die Mglichkeit zu nehmen,
eine noch bessere zu finden.
    O Gott, seufzte seine Frau, damals setzte er gewhnlich noch hinzu: Es
gibt keine andere, um durchs Leben zu kommen, Tinchen!
    Meinst du nicht auch, da alle anderen mehr oder weniger auf Schwindel
beruhen, Eduard? Oder hast du in dieser Beziehung wirklich einige neue
Erfahrungen vom alten nobeln Onkel Ketschwayo mitgebracht? Na, mal raus damit:
was habt ihr dem Mann auf sein Heldengrab gesetzt, nachdem der brave Kaffer sein
stolzes Knigsleben aus- und sich durch euch Englishmen, Dutchmen und Deutsche
Burengesellschaft durchgefressen hatte? Aber entschuldige, Schatz, ich meine
dich, Madam Stopfkuchen, wir sind immer noch bei deiner Idylle und nicht der
unseres teuern afrikanischen Gastfreundes.
    Die Frau Valentine warf mir einen Blick zu, der wieder nur bedeuten konnte:
wer kann wider Gott und Gro-Nowgorod? Es war gegen den Menschen nicht
anzuerzhlen. Sie gab es auf, nahm dafr ihr Strickzeug wieder und berlie
ihren Dicken seiner Rednergabe und, wie sie sich ausdrckte, seinem doch bessern
Verstndnis. Da sie wohl hoffte, auf diese Art am Ende doch noch etwas frher
zu erfahren, wer Kienbaum totgeschlagen und das Lebenselend ihres Vaters dazu
auf dem Gewissen gehabt hatte, trug wohl dazu bei, da sie sich den Anschein
gab, von jetzt an ruhig weiterzustricken.
    Ich sagte ihr also ganz einfach, wenn mal die Welt wieder ein wenig mehr
als gewhnlich die Katze gegen sie gespielt hatte oder, was auch vorkam, sie die
Katze gegen die Welt zu spielen wnschte und mit ausgespreizten Krallen fauchend
gegen sie anfuhr - bemerke beilufig die sich hier ganz von selber gebende,
weich hinflieende Alliteration, Eduard -, ich sagte ihr also: Schatz, fri mich
nicht; aber, Mdchen, fri es aus und fri dich durch, und, bei Gott, ich helfe
dir dabei! Mit dem herzigen Wort und Rat nahm ich sie am Wickel, holte sie so
peu  peu aus sich heraus und mir allgemach die ganze Rote Schanze, den Papa
Quakatz eingeschlossen. Wir fraen es zusammen aus und fraen uns durch, wir
armen Wrmer. Fr alles, mit welchem ich meinerseits da unten in der Stadt und
in eurer Schule nicht aus mir herauskommen durfte, hatte ich hier oben freiesten
Spielraum. Da entwickelte sich, was ich an Lyrischem und Epischem in dem hatte,
was ihr da unten als mein gemtliches Fett zu bezeichnen pflegtet. Was ich an
Dramatischem in mir hatte, lie ich natrlich ruhig in dem, was ihr meinen Wanst
benamsetet, latent bleiben. Das erfordert zuviel Kapriolen, Fratzen und Phrasen,
und es ist, Gott sei Dank, immer noch hie und da einem gestattet, ore rotundo
seine Serviette oder, wie man itzo im teutschen Vaterlande sagt, sein Tellertuch
unterm Kinn festzustecken und ber seinen Sesquipedalien die Hnde
ineinanderzulegen und die Daumen umeinanderzudrehen. Wrde ich hier heute bei
dem Tinchen, diesem Quaktzchen hier, so sitzen, wie ich sitze, wenn ich der
Roten Schanze damals ebenfalls dramatisch gekommen wre? Gewi nicht, lieber
Eduard! Diesem Kriegsaufwurf des Herrn Grafen von der Lausitz, diesem Punktum
auf hiesiger Feldmark hinter dem Wort: Kindlein, liebet euch untereinander, war
nur durch die Lyrik und Epik beizukommen, und das habe ich denn auch besorgt!
Was, Tinchen Quakatz? Ich kann es nur immer von neuem wiederholen, Eduard: ihr
habt mich verkannt, die Schtze in meinem Busen lagen euch, offen gesagt, dummen
Jungen viel zu tief. Dazu gehrte eben ein schlaues kleines Mdchen, um die
heraufzuangeln. Du persnlich, Eduard, liefest hchstens mit deinem Freunde
Strzer und bereitetest dich durch des alten Levaillants Geschichte von wilden
Eseln, Giraffen, Elefanten, Nashrnern, saubern Namaquamdchen und aus der
Historie vom Bravsten der Braven aller Hottentotten Swanepoel auf dein
Kaffern-Eldorado vor. Den biedern Buren Klaas Baster wirst du wahrscheinlich
allmhlich auch gefunden haben und ihn in sentimentalen afrikanischen Stimmungen
an den Busen schlieen: aber den biedern Heinrich Schaumann hast du jenerzeit
auch nicht gefunden, sondern ihn nur mit den brigen von uns als Stopfkuchen
unter der Hecke belassen. Verzeihe die Abschweifung: bei dem Bauer Quakatz und
seinem verwilderten, zerzausten Ktzchen, da erklang die Zauberharfe, da griffen
die Geister der Roten Schanze hinein und entlockten ihr die Tne, welche euch
europischen gezhmten Eseln, Affen und Rhinozerossen, so das Frstliche
Gymnasium alle Nachmittage um vier aus dem Kulturpferch herauslie, auf, wie ihr
euch freundlich ausdrcktet, auf kompletten Bldsinn hinzudeuten schienen. O
Eduard, wenn ich heute, jetzt, endlich doch einmal zu dem Genu kme, ein
theatralisches Interesse an meiner eigenen Person zu nehmen! Aber damit ist es
selbst heute, heute, wo du wieder da bist, nichts! Ich kriege es nicht fertig,
und so bleibe ich ohne Arm- und Beinschlenkern sitzen, wo ich mich hingesetzt
habe: auf der Roten Schanze. Mach nur keine Gesichter, Tinchen; ich bleibe bei
der Sache. Du weit es ja: wie nrrisch ich reden mag, ich bin immer bei dir. Da
sei nur ganz ruhig; kein Kind hlt sich so krampfhaft fest am Rocke seiner
Mutter, wie ich mich an deiner Schrze und - Eduard hat ja heute bei uns
gegessen und wird mir also einmal in seinem Leben beistimmen - vor allem an
deiner Kchenschrze! Ja, lieber Eduard, kein Winkel im Hause, kein Fleckchen im
Garten, kein Mauerwerk, keine Bank, kein Busch und Baum und, wieder vor allem,
kein Viehzeug auf der Roten Schanze, die nicht allgemach ein lieber Schein und
Schimmer berlief aus dem Robinson, aus dem Ferdinand Freiligrath, aus den
Gebrdern Grimm, dem Hans Christian Andersen und dem alten Musus! Ich war feist
und faul, aber doch nun grade, euch allen zum Trotz, noch vor meiner
Kenntnisnahme des Weisen von Frankfurts bester Table d'hte ein Poet ersten
Ranges: der Begriff war mir gar nichts; ich nahm alles unter der Hecke weg, mit
dem Sonnenschein des Daseins warm auf dem Bauche, aus der Anschauung! Es zog
einer den andern in seine Kreise oder vielmehr in seinen Kreis: Tinchen mich,
ich Tinchen. Aber an dem Tage, an welchem auch der Papa Quakatz hinter mir zum
erstenmal fragte: Wie war die Geschichte. Junge?, da hatte ich ihn ebenfalls
beim Wickel. Erinnerst du dich noch, Valentine? Es war die Geschichte von den
beiden unberwindlichen, kugelrunden Mllern, die sein Interesse erweckte. Ja,
dahin hatte es die Welt mit ihm und Kienbaums Morde gebracht, da er auch so
einer htte sein und so sich wappnen mgen. Ein Wams mit Kalk und Sand und zur
Verbindung mit geschmolzenem Pech gefttert, hinten und vorn beblecht mit alten
Reibeisen und Topfdeckeln, darunter drei bis vier Hemden, darber neun lodene
Rcke; zur Abwehr und zum Angriff zwei Spiee, eine Armbrust, ein Zweihander
eine Manneslnge lang und auf die Wirkung in die Ferne ein Bogen mit
Pfeilkcher!
    Jaja, seufzte Frau Valentine, und endlich eine Wohnung in einer Wste
hinten an der Welt! Ach ja, und wenn auch er nicht gestorben wre, so lebte auch
er heute noch, wie die Mrchen endigen. Der arme, arme, liebe Vater! Und er, er
htte es sicherlich nicht ertragen, da du uns so lange darauf warten lt, wer
an seiner Statt Kienbaum totgeschlagen hat, fr wen er, er, der Arme, Arme,
durch sein ganzes Leben hat unschuldig ben mssen!
    In diesem Augenblick wurde die arme Frau abgerufen, und Stopfkuchen benutzte
die Gelegenheit, um mir zuzuflstern:
    Hoffentlich bleibt sie uns jetzt fnf Minuten vom Halse. Vom Papa spreche
ich, jetzt im Vertrauen ganz offen gesagt, am liebsten hinter ihrem Rcken, wenn
ich einmal davon sprechen mu. Und sie hat es auch eigentlich nicht gern, wenn
ich in ihrer Gehrweite wirklich mal aufrichtig an meine innerste Meinung ber
ihn anstreife.

Schn Wetter auf See! Wie htte ich mein Garn aber auch so fortspinnen drfen,
wie es eben geschehen ist, wenn dem nicht so gewesen wre? Halkyonische Tage
haben uns die letzte Woche durch das Geleit ber das groe Meer gegeben. Infolge
davon angenehme Stimmung auf dem Schiff und wenig Strung des sonderbaren Herrn
im Rauchzimmer, der von Hamburg an ununterbrochen ber seinem Geschftskonto
brtet und wahrscheinlich erst am Jngsten Tage damit zu Rande kommen wird.
    Die Herrschaften und die Leute haben aber recht mit ihrer Verwunderung,
ihrem Lcheln und Kopfschtteln, Kopfzusammenstecken und Flstern. Da sitzt ein
sonderbarer Herr auf dem guten Schiff Hagebucher, und sonderbar von ihm ist's
im hohen Grade, grade auf dem hohen Meer den Versuch zu wiederholen, das Leben
mit einem Fingerhut ausschpfen zu wollen! ...
    Was aber wrden die Herren und Damen, die einige Male sogar den Versuch
gemacht haben, mir beim freundschaftlichen Auf-die-Schulter-Klopfen ber die
Schulter auf die absonderliche Schreiberei zu sehen, sagen, wenn ihnen der
Versuch gelungen wre?
    Wahrscheinlich nichts weiter als:
    Nun, das htte er zu Hause auch bequemer haben knnen.
    Darin werden sie sich aber doch auch irren. Ich htte das nicht zu Hause
bequemer haben knnen, und deshalb eben schrieb ich's auf dem Schiffe mir auf,
um es spterhin zu Hause im Wirrsal der Tage fr einen mglichen stillern
Augenblick bequem zur Hand zu haben. - - -
    Seinen Stuhl mir nher rckend, sagte Stopfkuchen, noch einmal einen
vorsichtigen Blick nach dem Hause sendend: Evasit - sie trippelte ab. Jawohl,
Eduard, wenn die Welt irgendwo und - wann das Recht hatte, einem ducknackigen,
mrrischen, widerwrtigen Patron, kurz einem unangenehmen Menschen mit dicker,
die Oberlippe einsaugender Unterlippe und malaiischen Wlsten hinter den Ohren -
einen Mord als sein kleinstes Verbrechen zuzutrauen, so war das bei meinem
seligen Schwiegervater - Gott hab ihn selig! - der Fall. Im Grunde war er ein
greulicher Kerl, dem keiner deiner bsartigsten, schlimmsten Kaffern das Wasser
reichte. Eine mitrauische, stnkerhafte, auf Kisten und Kasten hockende
Bauernseele vom faulsten Wasser! Ob er Kienbaum totgeschlagen hat, der alte
Quakatz, wirst du ja wohl nachher noch erfahren; aber da ich ihn nicht drei
oder drei Dutzend Male totgeschlagen habe, das war keine Kleinigkeit, das sage
ich dir jetzt schon. Es gehrte eben eine Natur oder, wenn du lieber willst, ein
Gemt wie das meinige dazu, um so einem miglckten Ebenbilde Gottes an den Kern
zu kommen! Nun, weit du, Eduard, Apfel, Reis und Mandelkern frit der kleine
Affe gern; aber auch Nsse mag er und knackt sie ihres sen Inhalts wegen:
seines sen Inhalts wegen habe ich denn auch den Bauer Andreas Quakatz auf der
Roten Schanze mit der Roten Schanze geknackt. Freilich nicht ohne die harte Nu
eine erkleckliche Weile aus einer Backentasche in die andere gewlzt zu haben
und mit allen Backenzhnen und aller Kinnbackenkraft drangewesen zu sein. Ob er
Kienbaums wegen gehngt zu werden verdient htte, wollen wir immer noch auf sich
beruhen lassen. Aber aus manchem andern Grunde htte er sicherlich Verdient,
wenn nicht gehngt, so doch geprgelt zu werden. Vor allen Dingen seines
Tinchens wegen. Sie lt sich immer abrufen, wenn darauf die Rede kommt. Diesen
nrrischen Frauenzimmern ist eben die Piett auf keine Weise auszutreiben; und,
beilufig, man mag sich manchmal darber rgern, wie man will, man stellt sich
und andern doch nur sehr selten die Frage, wozu dieses gut sei. Gut - das heit,
groer Gott, die Welt war schlecht gegen das Kind von der Roten Schanze; aber so
schlimm wie der Papa, der Bauer auf der Roten Schanze, war sie doch nicht gegen
es. Da hielt sie ihm noch lange nicht die Stange! Die Schule war arg, und meine
Herren Eltern waren grade auch nicht von der liebenswrdigsten Sorte; aber so
verschchterten sie mich doch nicht, wie der alte Quakatz seine Krabbe zu
verschchtern verstand. Aus der alleruntersten Schublade seiner verstockten
Seele holte er sein Wesen gegen sie; und tausendmal mochte er meinetwegen
Kienbaum totgeschlagen haben und der Menschheit, ihr Jngstes Gericht
eingeschlossen, es ableugnen: so - in solcher Weise brauchte er seinen Verdru
nicht auf sein eigen Fleisch und Blut abzuladen! Eduard, leugne es nicht: ihr
habt mich dann und wann nicht blo fr einen faulen, sondern auch fr einen
feigen Burschen taxiert, doch wirklich mit Unrecht. Ihr armen Hasen, deren
ganzes Heldentum auf dann und wann eine zerrissene Hose, einen Buckel voll
Schlge oder ein paar Stunden Karzer hinauslief! Die Rote Schanze httet ihr mal
erobern sollen! Das wre etwas gewesen, was einen neuen Plutarch auch fr euch
wnschenswert gemacht haben wrde. Und dann der Oberlehrer Blechhammer, wenn der
mal wieder in meinem Kopfe mit der Stange gestrt, nach der Eule der Minerva
geforscht hatte und von neuem zu der berzeugung gekommen war, da da vielleicht
eben noch eine Eule, aber freilich nicht die der Pallas Athene gesessen hatte!
War der brave Mann - Gott erflle alle seine Verheiungen an ihm und rangiere
ihn unter seine beflgeltsten Engel! -, war der alte ciceronianische
Kochinchinaknarrhahn einer Wrdigung meiner Lebensaufgabe fhig? Wahrlich nicht,
im hchsten Pathos dieses aus der Erinnerung heraus gesprochen. Doch ich
schweife ab - der warme Tag ffnet einem so angenehm alle Poren des Leibes und
der Seele! Wo war ich denn eigentlich, was die Hauptsache anbetrifft? Jawohl,
natrlich, immer noch beim Vater Quakatz. Du groer Gott, wo in aller Welt haben
wir, ich und Tinchen, uns vor dem verkrochen? Wie und wo haben wir hier unter
dem Schutze Sancti Xaverii, comitis Lusatiae, vor seiner Unvernunft Unterschlupf
suchen mssen, nachdem ich schon lngst Vernunft zu ihm geredet hatte und
stellenweise auch damit durchgedrungen war? Im Taubenschlag, im Schweinestall,
auf dem Heuboden, im Wandschrank, hinter und unter dem Bett. Wo suchte er nicht
sein Kind mit dem Prgel und der Peitsche in der Hand? Ihr Helden fhrtet
derweilen eure Indianergeschichten, euren Fenimore Cooper drauen im Felde dumm
und phantasielos genug auf: ich schtzte Cora und versteckte Alice im Leben und
in der Wirklichkeit, wenn nicht in der Felshhle, so doch hinter dem
Kchenschrank und lie den verrckten, wtenden alten Mingo mit geheimstem,
wollstigstem Grausen suchen und hrte ihn schnffeln und sein Kriegsgeheul
erheben. Wenn dann Tinchen flsterte: Ich habe ihm die Schnapsflasche auf den
Kchentisch gestellt!, so wei ich es heute ganz genau zu taxieren, wieviel mehr
sie auf Miss Cora als auf Miss Alice zugeschnitten war. Damals wute ich es noch
nicht so und hielt mich mehr, als mir zukam, fr den edlen, urwalderfahrenen
Lederstrumpf. Aber die Hauptsache war natrlich, da der Alte die Flasche fand.
Sowie wir sein Hugh vor ihr hrten, waren wir einmal noch gerettet, und die Welt
und die Rote Schanze gehrten uns wieder allein! Aus Piett steht sein
Sorgenstuhl, wie du bei Tische bemerkt haben wirst, noch immer hinter dem Ofen,
und wenn ich jetzt darin sitze und mir berlege, wie ich damals schon den Fall
Kienbaum gegen Quakatz frhreif ansah und sagamorenhaft dem aus seinem
Feuerwasserdusel erwachenden armen Kerl sagte: Herr Quakatz - - - du liebster
Himmel, da ist sie schon wieder!
    Keinen Augenblick hat man doch Ruhe vor ihr. Na, Eduard, dann das Weitere
vielleicht bei Sonnenuntergang.
    
    
Da war sie wieder, und wenn ich sie wieder ansah, wie sie vom Hause her nher
kam und wieder zu uns trat und ihrem Mann die Hand auf die Schulter legte, htte
ich mir dreist alles Weitere von ihm schenken lassen drfen. Die Hauptsache
wute ich jedenfalls.
    Der schne Nachmittag aber war, ohne da ich es gemerkt hatte, was freilich
selbstverstndlich war, ruhig immer mehr gegen den Abend hin vorgeschritten. Es
war selbst fr unsern Dicken allgemach angenehm khl unterm Lindenbaume
geworden, und er bezeigte nun Lust, sich ein wenig die Fe zu vertreten. Er
bot seiner Frau den Arm, und bei sinkender Sonne umschritten wir jetzt das
Viereck des alten Kriegswalles auf seinem uersten Rande, Stopfkuchen
natrlich, ohne die lange Pfeife dabei aufzugehen. Du bemerkst, ich habe mir
hier wie ein anderer Gefangener von Chillon einen Pfad ausgetreten, aber dazu
auch einige Bnke hingesetzt. Seine Aussicht in die Weite wnscht der
Gengsamste in dieser Beziehung zu haben; behlt er seine Bequemlichkeit sich
dabei vor, so verdenke ich es ihm nicht, sondern lobe ihn. Wie du gleichfalls
bemerkst, Eduard, bin ich auch hier immer unter der Hecke geblieben.
    Dem war so. Die vier Bnke auf den vier Ecken der Roten Schanze hatten alle
ein schattig Gebsch hinter sich, und man konnte sich wohl auf ihnen in die Lust
der Jugend, unter der Hecke zu liegen - zurcktrumen. Der Pfad war wohl
betreten, aber auch wohl gepflegt: Ich pflege hier auch im Winter meine Welt
und die der brigen ins Auge zu fassen, sagte Stopfkuchen. - Die Aussicht nach
Norden und Sden, nach Osten und Westen war so ziemlich geblieben, wie sie in
unserer Kinderzeit war. Da war in der Tiefe die Stadt, da zur Seite Dorf
Maiholzen, da der Wald, da das freie Feld und da die fernen blauen Berge liegen
geblieben. Behaglich schliefen darunter und darin Heinrich Schaumanns Floren und
Faunen smtlicher wissenschaftlichen Erdballsperioden, Formationen und
bergangsperioden, das Riesenfaultier eingeschlossen und mit eingeschlafen.
Darber der Sommersptnachmittagssonnenschein. Nur eine oder zwei neue
Eisenbahnlinien durchschnitten jetzt die Ebene. Und der Zug, der eben auf der
einen die Stadt verlassen hatte und mit langgezogener weier Lokomotivenwolke
der Ferne zuglitt, erinnerte mich in diesem Augenblick wieder daran, wie wenig
Halt und Anhalt ich jetzt noch in der Geburtsstadt, in den Heimatsgefilden,
habe.
    Statt mir aber mit einem Hinweis auf die neuen Verkehrsmittel aufzuwarten,
zog Heinrich Schaumann sonderbarerweise sein Tinchen nur noch ein bichen
zrtlicher an sich und sagte:
    Ja, Alte, nicht wahr, auch der Winter ist hbsch hier, es lt sich leben
auf Quakatzenburg, und man sehnt sich so leicht nicht fort? Das kann man aber im
Grunde berall haben, lieber Eduard, den ich doch wohl auch einen Baron, und
noch dazu einen sdafrikanischen nennen darf. Man mu nur von jedem Ort den von
Rechts und Ewigkeits wegen dranhaftenden Spuk auszutreiben verstehen, und man
sitzt immer gut. Eine gute Frau ist freilich nicht von berflu dabei. Sitze du
selbst hier mal mit einer bsen, Eduard!
    Ein vernnftiger, wenn auch halb nrrischer Mann gehrt doch aber auch
dazu, meinte Frau Valentine, zugleich seufzend und lchelnd, und Stopfkuchen
sprach mit allem Nachdruck:
    Selbstverstndlich!
    Wir saen ebenso selbstverstndlich bereits wieder. Auf einer der Bnke, von
denen aus man die Stadt und Dorf Maiholzen vor sich hatte.
    Ein halbvernnftiger, wenn auch ganz und gar nicht nrrischer Mann und
Mensch kann einem berall den weichsten Sitz und die schnste Aussicht und
Gegend verleiden, fuhr Heinrich fort. Jaja, unser guter seliger Vater! Weit
du wohl noch, Tine, wie der mich hier mal um den Wall jagte wie der
unzurechnungsfhige, alberne wtende Achill den einzigen anstndigen,
ordentlichen Charakter in der ganzen Ilias? Und weit du wohl noch wie damals
die Sache ganz anders ausging als wie vor Troja und in der Iliade? Damals
stellte ich dem unberechtigten Verfolger das Bein, und so kam er kopfber,
kopfunter hinunter in den Graben des Prinzen Xaver von Sachsen, und du, Tinchen,
konntest wieder aus deinem Versteck im Keller zum Vorschein kommen und mir
behlflich sein, den armen Teufel fernerweit zu Bette und zu besserer Besinnung
zu bringen.
    Der Vater, der arme Vater! O Gott jaja! Aber, Heinrich, so haben wir ja
noch niemals hiervon vor andern Leuten gesprochen!
    Ich glaube, ich habe es dir schon bemerkt, Schatz, da wir heute eben auch
nicht mit anderen Leuten, sondern mit einem von uns zu tun haben. Dieser hier
zeigte doch schon in seiner Kindheit Mitgefhl und ging als der letzte, wenn die
anderen mich unter der Hecke liegenlieen. Und als Jngling - na, Eduard, nicht
wahr, du nimmst in diskreter Weise teil an der letzten Entwickelung dessen, was
dir vor Jahren, als wir nicht mehr unschuldige Kinder, sondern mehr und weniger
schuldenbehaftete Jnglinge waren, hier - da drben jenseits des Grabens aus dem
Gesichte kam?
    Ich nickte, nicht zu dem Dicken, sondern zu seiner Frau hinber, wie man
nickt, wenn man innigstes Mitgefhl nicht durch Worte kundgeben kann.
    Valentine sagte:
    Als mein Mann, das heit damals Heinrich, auf die Universitt abgehen
wollte und Sie, Herr Eduard, mitbrachte am letzten Tage, da drben hin auf den
Feldrain zum Abschiednehmen, da hatte sich schon vieles hier verndert, und wo
es zum Bessern war, da war er, mein Mann - Heinrich wirklich sehr beteiligt. Wie
er das auf seine nrrische Weise Ihnen ja auch bereits schon mitgeteilt hat. In
dieser Hinsicht braucht er freilich vor keinem Menschen was zu verschweigen von
uns, der Roten Schanze und meinem armen seligen Vater.
    Ja, es ist eine reizende Gegend heute im Sommergewande, Eduard, seufzte
Stopfkuchen, mit der Pfeifenspitze um den Horizont herum deutend, als ob er mir
da etwas ganz Neues zeige. Aber schn war doch auch die Winternacht, in der ich
hier auf Quakatzenburg bei der verlorenen Tochter als verlorener Sohn im Ernst
an den Fensterladen klopfte! Was, Tinchen Quakatz? Wie, kleine Mieze?
    Heinrich, Heinrich, es ist ja dein Busenfreund, der dich jetzt so
ausfhrlich hierber sprechen lt, und so will ich ihm zuliebe auf deine
sonstigen Dummheiten nicht eingehen, sondern es auch ihm sagen: wenn ich tausend
Jahre alt wrde, so knnte ich doch die Nacht nicht vergessen. Ja, Herr Eduard,
es ist so, wie er sagt. Und er ist ein viel klgerer und gelehrterer Mensch, als
wie er sich stellt, und mir gegenber stellt er sich auch nur so an, weil er
wei, da wir von Anfang an zueinander gehren und nicht ohne einander leben
knnen. Glauben Sie ihm ja nur nicht alles, was er an Dummheiten vorbringt: er
hat es selbst in den schlimmsten und besten Augenblicken, die der Mensch auf
dieser Erde erleben mu, zu dick hinter den Ohren. Ja, ja, ja, er kam damals zur
rechten Zeit! Meinen Vater hatte zum erstenmal der Schlag gerhrt, und ich war
einundzwanzig Jahre alt geworden und die Herrin auf der Roten Schanze. O du
grundgtige Barmherzigkeit, was fr eine Herrin! Mit was fr einer Welt auf dem
Hofe und rund umher! Seine Witze konnte Heinrich ja natrlich auch dabei nicht
lassen. Ich habe es aber in seinem Konversationslexikon nachgeschlagen, weshalb
er mich mitten in meinen Trnen Kaiserliche Majestt nannte. Die Frau Kaiserin
Maria Theresia meinte er mit mir und hatte wohl nicht unrecht.
    Moriamur pro rege nostro Maria Theresia, brummte Stopfkuchen. Sie will
die Schmeichelei blo wieder hren in deiner Gegenwart, Eduard.
    Der Doktor hatte mich wohl getrstet, da es fr diesmal noch nichts auf
sich habe, und der Vater war auch schon wieder aus dem Bett und ging an meinem
Arm und an einem Stocke herum, aber da er sein gesundes Menschenverstndnis
ganz und vllig wiedererhalte, das wollte der Doktor mir nicht versprechen. Auf
alles mute ich mich fr ihn besinnen, fr alles, was er sagen wollte, die Worte
finden. Und er wollte immer reden und mir so vieles sagen und hatte doch fr
nichts mehr das richtige Wort. Und von keinem Menschen, und wenn er noch so gut
wute, wie er hie, konnte er den richtigen Namen finden. Da erfand er auch
neue, o was fr schlimme fr alle seine Bekannten!
    Hre sie nur, Eduard! rief Stopfkuchen.
    Nein, hren Sie sie nicht, Herr Eduard, sondern lassen Sie mich so schnell
als mglich hierber wegkommen. Ach ja, und der Knecht hatte mir an dem ganz
besondern Nachmittage wieder mal die Faust unter die Nase gehalten und die Magd
mir den Kochlffel vor die Fe geworfen. Einen von den Hunden wenigstens hatte
ich ja immer bei mir, um mich mit ihm im letzten Notfall zu wehren; aber an dem
Sonntage hatten sie mir auch gedroht, sie mir alle zu vergiften. Ei freilich,
wenn sie dieses ausgefhrt htten, ehe Heinrich kam, so wre ich freilich bis
dahin ganz verraten und verkauft und in ihren Hnden gewesen.
    Es lt sich nicht schildern, wie ruhig die Frau alles dieses jetzt
erzhlte: man mute sie dabei sehen, ansehen. Stopfkuchen stopfte seine Pfeife
aus einer Schweinsblase, die er mhsam, chzend aus seiner Schlafrocktasche
emporwand. Frau Valentine erzhlte weiter:
    Es war Sonntag und in Maiholzen Durchtanz, Knecht und Magd mir gegen meinen
Willen durchgegangen und im Dorf und auf dem Tanzboden. Es war ein wster
Wintertag gewesen, und am Abend wurde es noch wster, und es kam ein Schneewehen
-

Eine Mauer um uns baue,
Sang das fromme Mtterlein,

summte Stopfkuchen; aber sein Weib rief:
    O nein, das tat damals das fromme Mtterlein gar nicht. Sie redete nur auf
ihren Vater im Lehnstuhl hinein, denn der war unruhiger als wie je und immer
verwirrter aus seinen eigenen und anderer Mordgeschichten und Jurisprudenzen und
Scharfrichtersachen. Den Namen Kienbaum, ja, den konnte er immer finden und
sagen an diesem Abend; immer hatte er ihn auf der Zunge. Jawohl, singen - an dem
Abend, Heinrich? In jedem Schneeanwehen gegen die Fenster und das Haus und in
die Grben der Roten Schanze: Kienbaum! Kienbaum! Kienbaum! Singen? Nicht mal
vor Angst! Aber tot wre ich gerne gewesen, Herr Eduard! Und da kam es mir fast
wie eine Erlsung: ja, wenn jetzt so eine Bande bei euch einbrche, deinen
armen, hlflosen Vater und dich unntzes Geschpf totschlge und alles nhme,
was ich ihnen gerne gnnte, alles, alles, und ber euch das Haus in Brand setzte
und so dem Jammer, der Verlassenheit, dem Schimpf und der Schande auf einmal ein
Ende machte! Singen? Jawohl, nach dem Fenster hinhorchen und zwischen den
Sturmsten darauf passen, ob es nicht endlich, endlich als eine Gnade von Gott
so komme, ob sich nicht endlich in dieser Hinsicht drauen was rhre! Aber es
rhrte sich nichts als, wie gesagt, der Wind und die Fensterlden und dann und
wann eine Stalltr, die der Knecht offengelassen hatte und die hin und her
schlug. Dazu im Hause allerlei Spuktne und ein Eulenschrei vom Scheunengiebel.
Oh, so dazusitzen und mit den krampfigen Hnden zwischen den Knien den Vater von
Kienbaum, Galgen und Rad murmeln zu hren, bis die Hunde allesamt mit einem Male
anschlugen, als ob auch noch der ganze Siebenjhrige Krieg auf der Roten Schanze
von neuem angehe!
    Philosophie der Geschichte, Eduard! brummte Heinrich. Auch der Alte
Fritze hatte keine Ahnung davon, wie nahe er dem Hubertusburger Frieden war, als
die Kaiserin Katharine ihm seinen guten Freund Peter abgurgelte und ihre Russen
ihm wieder aus den Hnden, unter der Nase und aus seiner ordre de bataille
wegnahm. Es kam nur der Hubertusburger Frieden fr die Rote Schanze, Eduard.
    Nmlich selbst der Vater, den sonst so etwas damals gar nicht mehr
aufregte, fuhr aus dem Stuhl und zitterte und wimmerte leise: Jetzt kommen sie!
Und ich, die ich mir alles schon lngst fr solche Flle zurechtphantasiert
hatte: was tust du, wenn es mal mitten in der Nacht so kommt? - ich griff nach
dem Hackemesser, das ich mir immer unter die Kommode geschoben hielt, und fate
es hiebgerecht und sagte so gelassen wie mglich: Einer wenigstens geht mit,
wenn es endlich so sein soll! Es kam aber gottlob anders.
    Selbstverstndlich! brummte Heinrich.
    Die Hunde, die sich eben noch die Seele aus dem Leibe gebellt hatten, gaben
mit einem Male keinen Laut mehr; und ich dachte auch da schon wieder an Gift,
ohne zu bedenken, da das doch recht schnell gewirkt haben mte. Ich hatte das
Ohr am Fensterladen und das Hackmesser mit der Schrfe auf der Fensterbank zum
Schlag bereit; da - da - na, Herr Eduard, wie fuhr ich zurck!

Jawohl, wie fuhr auch ich, der Herr Eduard, der Gastfreund der Roten Schanze,
zurck, als mein Freund Heinrich trotz seines Fetts mit jugendlich-frischestem
Nachdruck anstimmte:

Was kommt dort von der Hh?
Was kommt dort von der Hh?
Was kommt dort von der ledern Hh?
Si, sa, ledern Hh!
Was kommt dort von der Hh?

Stopfkuchen?!
    Jawohl, Stopfkuchen, Herr Eduard! sagte Frau Valentine lchelnd. Sollten
Sie es fr mglich halten, Herr Eduard, da dieses nrrische Menschenkind sich
in dieser Nacht vor unsern Fensterladen wirklich und wahrhaftig mit dem dummen
Liede bemerklich machte, und natrlich umwinselt und umschmeichelt von allem
Hundevolk der Roten Schanze? Nach dem ersten Blaff alles so still und stumm vor
Verwunderung wie ich nach seinem ersten albernen Verse! Aber es dauerte doch
eine geraume Weile, ehe ich mich so weit gefat hatte auf den Schrecken, da ich
dem Narren die Haustr aufschlieen konnte; ich -
    Da hrst du eben wieder einmal, wie sie, seit wir uns kennen, von ihrem ihr
von Gott vor- und aufgesetzten Herrn und Haupte redet. Tinchen, nimm Rat an und
blamiere euer Geschlecht hier in Europa nicht unntigerweise. Bedenke, der Mann,
dieser Eduard, kommt als Gatte aus Afrika: da sind die Weiber uerlich wohl
etwas schwrzer als ihr; aber inwendig -
    Natrlich viel weier. Ich wei das ja, oder wenn ich es nicht wei, so
gestehe ich es gern zu: aber la mich dafr auch ausreden, bester Heinrich. Ich
ffnete ihm also, Herr Eduard, und er kam herein. Ja, Herr Eduard, und wie von
der Vorsehung geschickt zur richtigen Stunde: denn gleich nach ihm kam der
Knecht betrunken und wollte mich erst kssen und mir dann die Kehle
zusammendrcken. Und die Magd, die ein Sonntagstuch von mir trug, nannte in
meiner Gegenwart meinen Vater noch einmal einen alten Mrder und riet ihm, sich
doch selber an den Nagel an der Tr aufzuhngen, da er dem ffentlichen Galgen
entgangen sei. Sie waren beide sehr lustig und spahaft und hatten beide keine
Ahnung davon, wer da jetzt hinter dem Schrank stand und sich die Szene mit
anhrte und mit ansah. Ja, er trat zur rechten Zeit hinter dem Schranke vor und
seinerseits auf die Szene: der Herr und Meister und das Haupt der Roten Schanze,
mein -
    Liebes Dickerchen - Heinrich Stopfkuchen - in wohltuendster Flle der
Erscheinung, Eduard, und mit allem Humor und Animus, aber auch mit der
dazugehrigen Faust fr die Sache.
    Jaja, und wem nicht die Kehle in dieser Nacht zusammengedrckt wurde, das
war die Tochter von der Roten Schanze! Und wer der Magd nicht das Schuhband
aufzubinden hatte, das war ebenfalls die Tochter von der Roten Schanze.
    Und wer einfach und ganz gemtlich auf den Tisch schlug, die ntige Ordnung
wiederherstellte und dem alten Herrn im Lehnstuhl das Kissen zurechtrckte und
das junge Mdel mit dem blutdrstigsten aller Hackmesser um die Hften nahm und
ihr den ihr in dieser Nacht bestimmten Ku aufdrckte, da der Schmatz alles
Sturmgeheul drauen bertnte, das war ich! Wenn es dich langweilt, Eduard, sag
es ja! Wir beide von der Roten Schanze knnen jeden Augenblick mit unsern
Dummheiten aufhren und dich von deinen erzhlen lassen. Auf meine Frau brauchst
du nicht die geringste Rcksicht zu nehmen in deinen Gefhlen. Ich tue es in den
meinigen auch nie.
    Diese Redewendung wird jedenfalls allmhlich langweilig, Schaumann.
    Schn! sagte Schaumann und behielt jetzt das Wort wiederum fr lngere
Zeit allein. Ich legte nur einen Augenblick leise wieder meine Hand auf die der
Frau Valentine, was soviel hie als: Es ist wundervoll!
    Die Geschichte war ganz einfach, sagte Stopfkuchen, und einfach so:
Drauen und im wissenschaftlichen Brotstudium hatte es mir absolut nicht gepat.
Ich fiel dabei fr meine Natur viel zu sehr vom Fleisch. Es mag der Welt
unglaublich erscheinen, aber es ist dessenungeachtet doch lcherlich wahr: auch
die vergnglichste Seite des Universittslebens war nichts fr mich. So eine
deutsche Alma mater ist doch die reine Amazone. Sie hlt dir die eine Brust hin,
und du saugst oder saufst. Sie dreht dir die andere zu, und du empfindest dich
in der Tat als das bekannte Tier auf drrer Heide. Jeder Blick in eure
Gerichtsstuben, auf eure Schulkatheder und Kirchenkanzeln und in eure Landtage
und vor allem in den deutschen Reichstag zeigt, was dabei herauskommt, soweit es
unsere leitenden gelehrten Gesellschaftsklassen anbetrifft. Entschuldige, Tine,
ich bin gleich wieder bei dir; aber wenn man so einem alten, lieben, gelehrten
Afrikaner gegenber auf sein Studentenleben kommt, geht einem das Herz auf, wie
die Welt sagt. Da ist es denn aber fr dich gleich ein wahres Glck, Tinchen,
da mich der Bursche hier schon auf Schulen da unten in dem Neste im Tal nicht
fr den Gerichtsstuhl, das Katheder, die Kanzel und das Reichstagsmandat,
sondern fr die Rote Schanze hat miterziehen helfen, indem auch er mich unter
der Hecke hat liegenlassen, meiner schwachen Fe wegen. Von meinen Fusten
hatte er eben, meiner angeborenen Gutmtigkeit wegen, nicht die gengende
Ahnung. Aber es ist einerlei, denn es ist so: was ein Mensch bei migen
Geistesgaben, schwachen Fen und einer unmigen Anlage zum Fettwerden aus sich
fr die Jungfer Quakatz und den Prinzen Xaver und die Rote Schanze machen
konnte, das ist gemacht worden. Was, Tine Schaumann? Wie, Tine Quakatz? Fr dich
armen, zerzausten Spatz lie mich die Weltentwickelung unter der Hecke in der
Sonne liegen und auf der Studentenbude im Schatten und Tabaksgewlk. Um dich,
Himmlische, nach deinem vollen Werte zu erkennen, machte es mir fr sechs
Semester einen Platz am Freitische der Universitas litterarum aus. Fasse es
ganz, Eduard: Stopfkuchen am Freitische! Das alte Mdchen da neben dir schiebt
ihr Entsetzen in jener strmischen Winternacht auf alles mgliche, nur nicht auf
das Richtige, nmlich auf den Knochenfinger, mit welchem ich an ihren
Fensterladen pochte. La du dir mal, um Mitternacht in Afrika, vom Freund Hein
an den Laden klopfen und erschrick nicht vor seinem drren Knchel! Hat mich
nicht das Studieren meines eigenen Knochengerstes im achten Semester auf meine
jetzige Liebhaberei gebracht? Hat mir nicht mein sogenanntes Brotstudium die
frchterlichst gnstigste gute Gelegenheit geboten, das vorsintflutliche
Riesenfaultier wissenschaftlich einwandsfrei tadellos zu rekonstruieren? Auf
diese Wissenschaft hin htte ich freilich Doktor werden knnen; aber - schweigen
wir davon, die Erinnerung an das Studieren greift mich heute noch zu sehr an!
... Als ich wieder zu Hause ankam, roch es hinter mir ganz verdammt nach
verbrannten Schiffen, und zwar nach meinen eigenen. Ich wute es ganz genau, da
ich weder das Katheder noch die Kanzel und den Richterstuhl je besteigen werde!
Auch zur praktischen Ausbung der Arzeneikunst reichte meine Kenntnis der
Osteologie doch nicht aus. Meine Mutter war tot. Freunde hatte ich nicht - auch
du, teuerster meiner Freunde, warst in der Ferne, wenn ich nicht irre, bereits
als Schiffsarzt ununterbrochen auf dem Wege zwischen Hamburg und New York und
New York und Hamburg. Was mein Vater sagte? Nun, so juckt es mich natrlich, das
Meinige dazu zu bemerken; aber ich lasse es doch lieber. Es mischt sich da zum
bissigen Nachtragen doch etwas wie Gewissensbisse ein. Er war recht grob und
hatte sehr das Recht dazu. Als er mir erklrte, da die Welt nichts mit mir
anzufangen wisse, so knne ich nicht verlangen, da er zum zehnten Male den
Versuch mache, mit mir was zu beginnen, war mir in der Tat nichts geblieben, was
ich dagegen einwenden konnte. Geh zu deinem Mordbauern, dem Quakatz! brauchte er
grade nicht mir vorzuschlagen: aber es war kein bler Rat. Ob er an jenem
unbehaglichen Abend, an welchem wir das Fazit unseres gegenseitigen
Verhltnisses in der Welt und im Leben zogen, der Meinung war, da ich ihn auf
der Stelle befolgen werde, wei ich nicht, glaube ich eigentlich auch nicht.
Aber er rief mich auch nicht zurck, als ich ihm von der Trschwelle zumurrte:
Moriturus te salutat! Der gute Alte! Er htte freilich fr seine drren
Subalternenbeamtengefhle einen strebenderen, einen weniger gemtlichen, einen
weniger bequemen, einen weniger feisten Sprling verdient: aber konnte ich
dafr, da ich sein Sohn war und er nicht der meinige? ... Gottlob, wir knnen
ja jetzt ohne Gewissensbisse und Reuegefhle darber lcheln was, Tinchen, alte
Sibylle? Wir sind doch noch auf den allerbesten Fu miteinander gekommen. Dort,
hinter uns, unter den Linden hat auch er noch manchmal sich seinen
Nachmittagskaffee von meiner Frau einschenken lassen. Und er hat sich sogar auch
noch fr meine und Tinchens Knochen - unsere Urweltsknochen meine ich -
interessiert. Er stieg nmlich nach seiner Pensionierung mit Vorliebe, weniger
der schnen Natur wegen als um ihrer selbst willen, um die Rote Schanze herum
und hat mir mehr als einmal von seinen Spazierwegen einen aufgepflgten
Kalbsschdel oder ein Schinkenbein mitgebracht und es meiner Sammlung
einverleiben wollen mit der berzeugung, einen Fund fr mich getan und alte
Snden durch ihn an mir wiedergutgemacht zu haben. Nun, in jener Nacht oder
vielmehr an jenem Nachmittag und Abend waren wir natrlich so weit in Gte noch
nicht miteinander. Der alte Herr hatte eben die berzeugung gewonnen, da ich
ihm jetzt bis zum lngsten auf der Tasche gelegen habe, und gab es mir zu
verstehen, wie der Vater Jobs seinem Hieronymus. La mich dich verschonen,
Eduard, mit Einzelheiten, die sich in die Tage und Stunden zwischen meiner
letzten Heimkehr ins Vaterhaus und meinem endgltigen Verlassen desselben
drngten. Ich stand pltzlich mit sehr beunruhigtem Gewissen und mit einem
herzlichen Mitleid mit dem alten Mann drauen in der Strae im wehenden Sturm
und treibenden Schnee und konnte dreist von neuem die bittere Frage an das ewige
Dunkel und die gegenwrtige Finsternis stellen: Wer hatte eigentlich das Recht,
dich so als geistigen und krperlichen Kretin so hier hinzustellen: so! - ? -
Glcklicherweise war im Goldenen Arm Licht, und da ich doch in der Strae nicht
stehenbleiben konnte, ging ich hinber und fand die Gesellschaft, die mir
augenblicklich allein gem war, und mit ihr die Lsung der eben aufgeworfenen
Frage. Es war gottlob noch so frh am Tage, da selbst die trostlosesten
Philister der Stadt noch nicht zu Bette waren. Da fand ich und nahm ich meinen
Trost, wo mir aller Welt Schnheit, Weisheit und Tugend zu gar nichts von Nutzen
gewesen sein wrde. Juchhe, lauter gute alte Bekannte, die sich zwischen
Schoppen und Schoppen immer das Beste wnschten und mir natrlich auch - an
diesem Abend sogar in ausgiebigster Flle! Ich kam ihnen grade zur rechten Zeit,
bei sinkender Unterhaltung und epidemischer Maulfule wahrhaftig als ein
gefundenes Fressen; und ich hatte blo hinzuhorchen, um von ihnen die Antwort
auf jenes groe fragende Warum hinzunehmen. Es htte mir jedermann im Kreise
gern auch einen Bleistift geliehen, wenn ich den Wunsch ausgesprochen haben
wrde, mir den Schicksalsspruch ihres Mundes lieber doch auch noch zu notieren.
Dies war aber durchaus nicht ntig. Gottlob haben es mir die Gtter, die mir so
vieles versagten, gegeben, mich betreffende Reden und Redensarten an mich
herankommen zu lassen, das dazu passende Gesicht dabei zu machen und
ntigenfalls mit den darauf passenden Gegenbemerkungen aufzuwarten. Ihr habt
diese Gabe lange nicht genug an mir gewrdigt, lieber Eduard; ihr waret wohl
noch nicht reif genug dafr. Nun, fr ein paar Schoppen reichte es an jenem
historischen Abend auch noch, und bei denen vernahm ich denn das Meinige,
berlegte mir das Meinige und fand das Richtige. Selbstverstndlich kam sofort
bei meinem Eintritt in das alte, wohlbekannte Eckzimmer die Rede auf mich. Man
war so freundlich, sich zu freuen, mich noch zu sehen: je spter der Abend,
desto schner die Leute! Aber da man bereits ziemlich genau wute, wie es mit
mir daheim im Vaterhause stand, war klar und quoll rundum auf in jedem lautern
Wort und leisen Geflster. Wenn sie auch um alles in der Welt nicht gern in
meiner Haut gesteckt htten, so htten sie doch allesamt unmenschlich gern
gewut, wie ich mich bei so bewandter Lebenslage in ihr fhle. Mit dem Humor der
Verzweiflung, wie ja wohl das Wort lautet, schenkte ich ihnen denn reinsten Wein
ein, nahm diesen Herren vom Spie diese ihre edle Vterwaffe ab und lie sie
kneipengerecht drauflaufen. Was htte ich an diesem in der Tat recht
ungemtlichen Abend vor dem Sturz in den Abgrund Besseres beginnen knnen, um -
deutsches Gemt zu zeigen? Da ich von Universitten endgltig weggegangen sei,
gab ich zu; aber die genauen Umstnde stellte ich nunmehr in das rechte Licht.
Da von Zwang oder dergleichen die Rede gewesen sei, lag ja voll stndig auer
Frage; doch da ich herzlicher Bitte und langem, wiederholtem, instndigem
Zureden endlich, vielleicht allzu gutmtig Folge gegeben habe, mute jetzt doch,
und noch dazu bei so passender Gelegenheit und in so trautem, teilnehmendem
Kreise bester Bekannter, Schul- und anderer Freunde, klargestellt werden.
Eduard, ich hatte Humor an jenem Abend! Nicht den des Satans, aber den eines
armen Teufels, welchen ein Miverhltnis zwischen krperlicher und geistiger
Veranlagung faktisch unfhig machte, mit dem, was gedeihlich durch den Lebenstag
hastet, wettzulaufen. Ja, denen zeigte ich an jenem Abend, wie man einer den
Welt auf dem Wege zum Ideal voranlaufen und welche ble Folgen ein zu gutes
Beispiel in dieser Hinsicht haben knne. Da standen in meiner Generalbeichte die
Wirte vor den leeren Bnken, die vollen Fsser hinter sich, da saen die Mdchen
im Kmmerlein und verschluchzten ihre jungen Seelen, weil sich meine smtlichen
Mitstrebenden ein zu gutes Exempel an meinem Streben genommen hatten. Smtliche
Studierende smtlicher Brotwissenschaften saen so sehr ber ihren Bchern, da
verschiedene Male die Feuerwehr alarmiert werden mute ob des Dampfes, der von
ihren Kpfen aufstieg. Da ging es denn nicht anders; die rzte - Sanitts- und
Medizinalrte - muten sich einmischen, der Verein fr ffentliche
Gesundheitspflege mute einschreiten. Die ersten gingen selber in corpore, der
letztere schickte seinen Vorsitzenden sowie zwei Abgeordnete, und alle
verlangten sie ein und dasselbe vom Profax, nmlich meine schleunige Abreise
(guck mal, Eduard, wie das Tinchen hierbei so vergngt wie die Maus aus der Hede
guckt!), grade als ob Mutter Eruditio, unser germanisches verschleiertes Bild zu
Sais, einen Menschen von meinem Gewicht so leicht wie einen Floh aus dem Gewande
schttele! Sie kamen auch zu mir. Sie schickten auch mir eine Deputation, eine
Abordnung, wenn nicht mit der Aufforderung, so doch mit der Bitte: Gehe uns aus
dem Kasten! Wer htte so herzlichem Anflehen widerstehen knnen, zumal da auch
von Hause ein hnliches Rufen kam. Ich ging ihnen aus dem Kasten, und noch am
Bahnhof war mancher, der sich schluchzend mir an den Hals hing. Bruder, la uns
das wenigstens von deinem Wissen, wofr du zu Hause gar keine Verwendung hast.
Natrlich sagte ich, mit einem Fue im Wagen. Gerne! und sagte damit keine
Unwahrheit. Ich konnte ihnen in dieser Hinsicht mit Vergngen vieles dalassen.
Ich war im Goldenen Arm wirklich gut im Zuge, spahaft in das Nichts zu sehen,
bis ich pltzlich die Maulschelle hei und brennend sprte, den Schlag auf die
ironische Nase, den ich mir so wohl verdient hatte, nicht blo an meinem armen,
kmmerlichen Erzeuger, sondern auch an diesen wohlverdienten und
wohlverdienenden braven Philistern und guten Leuten und Staatsbrgern. - Sagte
einer: Es geht also aus allem diesen einzig und allein hervor, Heinrich, da du
dich allein und einzig die ganzen Jahre durch auf deine Rote Schanze, den
seligen Kienbaum und deinen Freund Quakatz einstudiert hast. - Was? frage ich. -
Nu, was ich sage und worin mir die andern Herren hier am Tische beistimmen
werden: so wie du jetzt bist, knnen sie grade jetzt dich wirklich vielleicht
recht gut da brauchen. Vermit haben sie dich da oben ja wohl lange genug. - Oh,
wie der Mensch recht hatte! Nicht wahr, Valentine Quakatz? Das ganze groe Wort,
Volkes Stimme, Gottes Stimme! hielt mir in ihm grinsend das Gehrorgan hin, und
ich konnte ihn nicht hinter den Lffel schlagen! - Wie, Valentinchen Quakatz?
Ich konnte dem Mann, der da fr Tausende sprach, nur freundschaftlichst nher
rcken, die Allgemeinunterhaltung abbrechen und mich noch eine Viertelstunde ihm
allein widmen, das heit, ihn und durch ihn die Tausende hinter ihm gemtlich
ausfragen. Nachher ging ich: aber nie vorher hatte ich mich und nie nachher habe
ich mich so fest auf den Beinen gefhlt wie an jenem Abend, als ich nun aus der
berheizten Kneipe, aus dem Bier-, Grog- und Tabaksgednst in den wehenden
Wintersturm hinaustrat und die weichen Fe in den fuhohen Schnee setzte.
Willst du genau erfahren, Eduard, was im brgerlichen Leben das Richtige ist, so
frage nur beim nchsten Spiebrger an. Der sagt es dir schon! Ich kann es
natrlich nicht wissen, wie das bei euch in Afrika ist, aber hier in Deutschland
spricht man immer dann nachher von Intuition, Fhrung von oben, Zuge des
Herzens, Stimme des Schicksals, Vorsehung und dergleichen. - Gegen den Wind wre
es mir wohl unmglich gewesen. Mit dem Winde ging es, und merkwrdigerweise um
so besser, je weiter ich die Gassen der Stadt und ihre Grten hinter mir lie.
Er fegte gegen die Rote Schanze, der Wind, und ber die Hhenrcken trieb er den
Schnee vom Pfade und schob mich schnarchend, aber gutmtig, als meine auch er:
Wo wolltest du an diesem Abend wohl anders hin als zum Vater Quakatz, Heinrich?
- Auch den Graben des Prinzen Xaver hatte der gute Dmon zugeweht und den
bergang klar gemacht; aber dann kam die weie Mauer am Tor und an der Hecke
durch den Garten bis an die Fensterladen; na, ob Schnee oder Reisbrei: Stimme
des Schicksals, Zug des Herzens, Fhrung von oben, und nicht zu vergessen, von
unten der Stammgast im Goldenen Arm, alles half. Ich war dazu geboren worden,
mich durchzufressen ins Schlaraffenland und in Jungfer Quakatzens weiche,
weitgeffnete Arme.
    Oh, aber Heinrich!? rief errtend Frau Valentine Schaumann.
    Sammetpftchen, behalte die Krallen eingezogen! Wir erzhlen ja nur Eduard
aus Afrika hiervon, und der sagt es unter seinen Kaffern und seiner Frau nicht
weiter.
    Auf dieses Wort hin wendete sich die Frau Valentine wieder zu mir und sagte:
    Sie haben ja die Tiere jetzt auch wohl persnlich kennengelernt: sagen Sie
doch mal, bester Herr Freund aus Afrika, haben Sie es zu Ihrer Zeit, ich meine
Ihrer Jungjngern Zeit, wohl je fr mglich gehalten, da mein Heinrich
Lwenaugen machen knne?
    Nein! erwiderte ich sofort und kurzweg. Wenn es einen Helden gab, den die
schroffe Verneinung nicht krnken konnte, so war das mein Freund Schaumann.
    Er lachte auch nur herzlich, nahm aber doch ebenso rasch und kurzweg seiner
Gattin das Wort wieder vom Munde und sagte:
    Aber ich habe sie gemacht, Eduard. Ich habe sie um mich herumgeworfen.
Lwenaugen! Prinz Xaver von Sachsen konnte, als er von der Roten Schanze aus die
Kapitulation eures Nestes drunten entgegennahm, keine grern in die Welt
hineinwerfen. Die Augen wurden Teller, singt ein Dichter jener Tage, kannte aber
natrlich noch nicht die, mit welchen ich, von unserm Neste da unten aus, Besitz
von der Roten Schanze, Tinchen Quakatz und dem Vater Quakatz samt Knecht, Magd,
Kienbaum - kurz von der ganzen Mordgeschichte nahm. Da reichten Teller lange
nicht. Er soll auch, eurem Kommandanten gegenber, auf den Tisch geschlagen
haben, Eduard, dieser erhabene Siebenjhrige Kriegs-Heros; aber ich bezweifle
es, da er nach dem Schlage so mit der brennenden Faust an den Mund fuhr und den
schmerzlichen bereifer wegsog wie ich, nachdem ich das unbotmige
Vasallengesindel der Roten Schanze geduckt hatte. Nachher machte ich mich
selbstverstndlich nher an dies kleine Mdchen hier und triumphierte auch da
ber allerhand Dummheiten und Widerspenstigkeiten. Solltest du es fr mglich
halten, Eduard, da sie mich halb durch ihre Trnen und halb durch ihr Lachen
fragte: Aber sage mal, Heinrich, geht denn dieses so? Und schickt es sich so fr
mich und fr uns mit dem ganzen Dorf und der ganzen Stadt mit allen Augen und
Brillen auf uns? Im Grunde genommen war dieses nur eine andere, das heit den
Umstnden angemessene Wendung fr das schmige Wort: Sprechen Sie mit meiner
Mutter! Und ich tat dem Gnselein den Gefallen, klopfte diesmal nicht auf den
Tisch, sondern dem guten Kind auf die Schulter, seufzte schmachtend: Sie sollen
mich nicht umsonst Stopfkuchen benamset haben, Frulein, und da sitzt ja der
Papa, den knnen wir um das brige fragen; den hat die Welt sicherlich ganz
genau gelehrt, was sich auf der Roten Schanze schickt und was sich nicht
schickt. An diesem Abend wurde es freilich mit solcher Frage noch nichts. Ein
vernnftiges Wort war an diesem Abend mit Vater Quakatz noch nicht zu sprechen;
die Szene von vorhin war ihm zu arg auf die Nerven gefallen. Er sa da,
schlotternd vor Angst, bldsinnig weinerlich jetzt, aber doch immer fest bei
seiner Behauptung: Mord und Totschlag! Mord und Totschlag! Aber ich bin's doch
nicht gewesen, ich nicht, ich nicht! Ich bin es nicht gewesen, Herr Prsidente!
Gott sei Dank erkannte er mich aber doch zuletzt und begriff, da ich fr diese
Nacht eine Schlafstelle in seiner Burg brauche, und nahm die Hausmtze ab und
murmelte: 's ist der dicke, gelehrte Junge aus der Stadt! 's ist Heinrich! Wenn
er sein Latein bei sich hat, kann er dableiben. Gib ihm eine Birne, Tine, und
mach ihm ein Bett; aber gib ihm auch die Axt mit. Mit der soll er jedem den
Schdel einschlagen, der sagt, da ich Kienbaum totgeschlagen habe. - Das sah
selbst Tine ein, da sie hier nichts weiter machen konnte, als mich machen zu
lassen. Und es ging ja denn auch ganz gut. Ich bekam meine Schlafstelle zum
erstenmal auf der Roten Schanze, und am andern Morgen schien die Sonne auf den
Schnee und - ich werde heute noch poetisch! - wie auf ein ausgebreitetes
Brautkleid aus der Krinolinenzeit. An diesem andern Morgen hatte das Herze
natrlich auch einen auergewhnlich guten Kaffee gekocht, und bei demselben
lie ich das Ingesinde vortreten, und der Bauer auf der Roten Schanze stellte
mich bei vollstndig klarem Bewutsein dem Reich als major domus oder, wie er
sich ausdrckte, als den neuen Administrator vor. Das Gericht, das sich frher
in seinem Leben soviel um ihn gekmmert hatte, schien ihn in der letzten Zeit
gnzlich aus den Augen verloren zu haben. Es schien sein Interesse an ihm nur
als an Kienbaums Mrder genommen zu haben; und das war jetzt, und zwar was alle
beteiligten Parteien anging, ein Glck und ein Segen, wenn du die Freundlichkeit
haben willst, Eduard, nach dem heutigen Tage zu schlieen. Emerentia, ich
glaube, Sie werden gerufen.
    Er war noch nicht von Gerichts wegen entmndigt worden, unser armer, lieber
Vater, Herr Freund! schluchzte Frau Schaumann. Heinrich, du brauchst jetzt
wirklich nicht mehr mit Literaturpersonen und - geschichten zu kommen, um zu
sagen, was du zu sagen hast. Ja, Herr Eduard, es war so! Sie hatten dem Vater
nur noch keinen Vormund bestellt von Gerichts wegen, bis Heinrich kam, wenn es
auch manchmal noch so ntig gewesen wre. Und es war auch noch nicht so ntig;
denn am nchsten Morgen begriff er ganz gut, um was es sich fr ihn und fr mich
handelte, und jetzt kam es erst heraus, wie sehr die Vorsehung ihre Hand im
Spiel gehabt hatte, als sie Heinrich mit dem unglckseligen Bauern von der Roten
Schanze bekannt machte.
    Der Blindeste konnte die Sterne sehen, die hier geleuchtet hatten. Erst mit
Dreck schmeien und dann einander in die Arme. Und was die Befhigung, eine
Landwirtschaft zu fhren, anbetrifft, na, Eduard, so weit du ja auch wohl ein
wenig aus deinem afrikanischen Bauernleben, wie sich das macht. Dir kam die
Geschicklichkeit aus der innersten, lebendigen Natur, mir flog sie unter der
Hecke an und auf Tinchens Birnenbaum und in der Speisekammer der Roten Schanze.
Ich hatte Tinchen Mist aufladen sehen, und - was tut die Liebe nicht? - ich nahm
ihr die Gabel aus der Hand und probierte die Kunst chzend ebenfalls. Der Mensch
ist doch nicht allein auf Messer und Gabel angewiesen in dieser Welt, und eine
Serviette bekommt er auch nicht umgebunden bei jedem Lebensgericht, so ihm auf
den Tisch gesetzt wird. Braucht sie auch nicht. Aber das Kind, das gndige
Frulein, das Burgfrulein von Quakatzenburg schickte ich doch lieber wieder mit
wiedergewaschenen Hnden in die Kche. Reinlichkeit ist doch eine Tugend,
Eduard! Man schtzt sie an der Hottentottin, und man nimmt sie als etwas
Selbstverstndliches an seiner europischen Geliebten. O Gott, wie dankbar war
mir dies ktzlich reinliche, gute, alte junge Mdchen da, als ich ihr die
Mglichkeit bot, unterzutauchen wie Schundknigs Tochter und aufzutauchen wie
Prinze Schwanhilde. Sag es selber: ist es nicht so, Lichtalfe, o du Herrin
meines Lebens?
    Er erzhlt das, wie er es weder vor Gott und den Menschen und selber kaum
vor seinem besten Freunde verantworten kann; aber es ist so - es war so! rief
Frau Valentine zwischen Lachen und Weinen. Und wie ihr ging es mir beinahe auch,
was das Lachen und das Weinen anbetraf. Zu einer uerung darber aber kam ich
nicht; denn natrlich grinste Stopfkuchen:
    Was fr mich die Hauptsache bei der Geschichte war, war das Vergngen, das
ich mir in den Gefhlen, durch die Gefhle der Gegend und der Umgegend
bereitete. Nur solange der Schnee hoch lag, und er trmte sich in den Tagen nach
meiner Ankunft auf Quakatzenburg sehr hoch, hatte ich das Tinchen, den Papa und
das Ingesinde ganz allein fr mich. Kein Gott hatte sich je in einer dichtern
weien Wolke dem Nachstarren der Menschheit so entzogen als wie ich. Die Welt
hatte frs erste Tauwetter abzuwarten, ehe sie mich wiederbekam. Nachher aber
hatte sie mich als die merkwrdigste Tatsache seit dem Deutsch Franzsischen
Kriege; und wochenlang war der historische Vorgang in der Spiegelgalerie zu
Versailles gar nichts gegen das geschichtliche Faktum: Der dicke Schaumann ist
Groknecht auf der Roten Schanze geworden! Wer will, kann hinausgehen und ihn im
Februarschmadder Klten treten sehen und Quakatzens Hofgesinde zusammenreien
hren! - Und sie gingen hin und kamen und sahen sich frs erste vorsichtig von
weitem ber den Graben des Prinzen Xaver das Phnomen, das Portentum an. Nach
Tinchen hatte beim Mistauf- und - abladen natrlich niemand geguckt; aber nach
mir schauten sie aus, und wenn ich jemals einen Spa in der Welt gehabt habe, so
war's damals, wo ich zum erstenmal nicht blo Geschmack, sondern auch Geschick
entwickelte.
    Herr Eduard, er erzhlt greulich; aber es ist wirklich, wirklich so
gewesen, wie er's auf seine alberne Weise vorbringt! rief die Frau hier wieder
drein. Er ist unser erster und letzter Knecht gewesen, als ob er's von Ewigkeit
an gewesen wre, als ob ihn nie mein seliger Vater hingeschickt htte, um sein
lateinisches Wrterbuch zu holen. Es ist ihm von der Hand gegangen, als ob er
von Jugend auf dabeigewesen wre als konom, als Landwirt, als Bauer auf der
Roten Schanze. O guter Gott, wie habe ich damals geschluchzt oder meine Trnen
verbissen, wie habe ich geweint vor Jammer und Frohlocken! Natrlich nur vom
Kchenfenster aus, wo er nichts davon merken konnte. Es war ja zu unnatrlich!
    Natrlich war es zu unnatrlich, nmlich da Jakob um Rahel sieben Jahre
lang dienete, grinste Stopfkuchen. Etwas kurzer machten wir doch die Sache ab.
Ich nahm sie und sie nahm mich bedeutend frher; und jetzt ganz kurz, o du mein
Jugendfreund: es war jammerschade, da du nicht mit bei der Hochzeit warst; denn
da wrdest du mich zum erstenmal nach Verdienst gewrdigt haben. Und wenn du an
dem Tage gerufen httest: O dieser Stopfkuchen!, so wrdest du zum erstenmal
vollkommen recht mit dem Worte gehabt haben, sowohl was die Braut, wie was das
Festmahl anbetraf. Die reine Hochzeit des Camacho, nur da ich auch die Maid fr
mich selber behielt! Du weit, Eduard, da ich unter meiner Hecke allerlei
durcheinander zusammenlas. Aber du erfhrst vielleicht erst heute, da es in der
ganzen Weltpoesie nur eine Schilderung gibt, welche mich selber poetisch stimmt,
stimmte und stimmen wird: die Hochzeit des Camacho! O welch einen Hunger mu der
Senor Miguel bei der Ausmalung der Vorbereitungen zu der wunderbaren,
schmalzreichen, bratenfettglnzenden, zuckerig-inkrustierenden Abftterung
gehabt haben, seinen sdlndischen, migen, nach Ziegenfellschluchen duftenden
Durst selbstverstndlich gar nicht mitgerechnet! Unter der Hecke noch hatte ich
mir schon als Junge fest vorgenommen, nur bei hnlichen oder vielmehr nur bei
gleichen Kesseln, Pfannen, Tpfen und Bratenwendern auch einmal ein Mdchen
glcklich zu machen! Jetzt war ich soweit und konnte die Gegend einladen, mir
ber die Hecke bei dem Vergngen zuzusehen. Tinchens Meinung war das so, aber
nicht die meinige, und das brutliche Kind gab nach, wenn auch seufzend: Aber es
hat ja keiner das um uns verdient! - Grade deshalb, sprach ich, einen Spa will
doch der Mensch an seinem ernsten Hochzeitstage haben, also la mir dies
Vergngen. Und dann sollst du mal sehen: der Scherz lohnt sich zugleich und hat
Folgen. - Du meinst, sie vergeben uns nachher das Leid, das sie uns angetan
haben, und die Rote Schanze darf sich wieder sehen lassen unter den Leuten? -
Auf diese lcherliche Frage antwortete ich gar nicht; sie war zu entschuldigen,
aber zeugte doch von allzuwenig Menschenkenntnis. Ich wusch, wie euer Ketschwayo
sich ausgedrckt haben wrde, Eduard, meine Speere in den Eingeweiden der
umwohnenden feindlichen Stmme: frei Futter wurde fr den Tag ausgerufen, so
weit das Gercht von Kienbaum und Kienbaums Mrder gereicht hatte, und ich habe
sie alle oder doch beinahe alle auf Quakatzens Hofe gehabt an dem
menschenfreundlichsten Tage meines Lebens. Sie haben uns alle bis auf wenige,
welche ich fr magenkrank hielt, die Ehre gegeben: der Fleischtopf rief, und
alle, alle kamen; und ich stand am Tor und empfing sie, begrte sie und lud sie
ein, noch nher zu treten, mit allen Kulturerrungenschaften der Jahrtausende im
Busen. Ich bin fest berzeugt, ich habe der Welt nie so dick, und zwar so dick
-deutsch-gemtlich ausgesehen wie an jenem sonnigen Sommermorgen. Die Hunde
hatte ich eingesperrt, doch davon spter.
    Ich kann dies nicht mehr anhren! rief Frau Valentine. Ich kann es
wirklich nicht, Herr Eduard. Oh, und dein alter, guter Vater, Heinrich?!
    Jawohl, der kam auch, zum erstenmal in seinem Leben, ber den Graben des
Prinzen Xaverius, und zwar in seinem Hochzeitsfrack, und bedauerte an diesem
festlichen Tage zum erstenmal in seinem Leben es nicht mehr, mich in die Welt
gesetzt zu haben. Htte ich dich denn genommen, Wurm, wenn ich nicht genau
gewut htte, wie niedlich und tchterlich, schwiegertchterlich du dich gegen
den braven alten Hmorrhoidarier benehmen wrdest? Wie er sich mir zuliebe
nachher sogar auf die Palontologie geworfen hat, habe ich dir ja wohl schon
erzhlt, Eduard? Die Hauptsache brigens an jenem Tage, Tinchen, war nicht mein
Vater, sondern deiner.
    O Gott, ja, ja, ja!
    Wir hatten ihn nmlich ausnehmend wohl unter uns, Eduard. Auch Doktor
Oberwasser - du kennst ihn ja als Langdarm, wie ihr ihn zu unserer Zeit im
Gegensatz zu mir nanntet, und hast ihm vielleicht im Brummersumm ebenso feist
jetzt als wie mich wiedergefunden -, also auch Doktor Oberwasser war mit
herausgekommen und gab uns die Versicherung: Unter guter Pflege, bei
freundlichem Eingehen auf seine Schrullen und bei mglichster Vermeidung alles
Widerspruchs kann euch der alte Snder noch lange auf dem Halse liegen. - Nun,
wir haben ihn gottlob noch eine geraume Zeit bei uns behalten und an jenem
festlichen Tage als ein leuchtend psychologisch Exempel des Wandels des Menschen
unter Menschen. Was war mir Freund Oberwasser? Ich rieb mir verstohlen die Hnde
ob meiner eigenen psychiatrischen Behandlung des Vaters Quakatz! Der nahm, wei
Gott, ganz selbstverstndlich den Honoratiorenzusammenlauf auf der Roten
Schanze, der frhlich meinetwegen stattfand, fr eine Ehre und Ehrenerklrung,
die ihm angetan wurde. Und das brauchte mir Freund Langdarm wahrlich nicht noch
anzuempfehlen und dem Tinchen auch nicht, da wir ihn bei seiner Hflichkeit,
seinen Komplimenten und seiner innerlichen Genugtuung lieen. brigens sa er
dann doch auch wieder in seinem Ehrenstuhl wie ein echter roi des gueux; denn
das hatte ich mir auch nicht nehmen lassen: ich hatte ihm auch die eingeladen,
welche ihn niemals aufgegeben hatten. Ein ausnehmend reichhaltiges
Lumpenkontingent von unter den Hecken und Landstraen weg war nicht von dem Wall
und Graben seiner Kurschsischen und Kniglich Polnischen Hoheit zurckgewiesen
worden. Die Fahne mit dem Salve hospes wehete fr alle, und alle Hunde lagen,
wenn nicht an der Kette, so doch im fest umfriedeten Hofraum, fr heute und von
nun an fr immer ihrer Wacht auf der Roten Schanze entledigt. Wenn aber wer vor
den geflltesten Frenpfen und umgeben von Bergen abgenagter Knochen mit
Hochzeit feierte, so war sie es, die alte, treue, gute Wachtmannschaft der alten
Roten Schanze und meiner jungen Frau! Ich stahl mich gleich nach dem Tusch oder
Trinkspruch aufs Brautpaar aus dem Kreise der Freunde und Bekannten fort und
ging mal zu ihnen hinein in ihren abgeschlossenen Bezirk hinter dem Hhnerhofe.
Sie lchelten mich smtlich an, das heit, sie wedelten smtlich mit den
Schwnzen bis auf den Braven, der es nicht konnte, weil ihm ein Maiholzener
Halunke den wohlwollenden Appendix dicht an der Wurzel abgehackt hatte. Der aber
rieb zrtlich winselnd seine Nase an meinem Bein und gestand mir so zu: Na ja,
du weit es wirklich, was das Beste fr uns hier auf der Roten Schanze ist! -
Nach meinem Mdchen habt ihr das wohl zuerst herausgeschnffelt? fragte ich
dagegen, dem alten Veteranen die Hand aufs Haupt legend. Ich meine, Eduard, wir
hatten beide recht: der eine mit seiner Bemerkung, der andere mit seiner Frage.
    Ich sage gar nichts mehr! sagte Frau Valentine Schaumann.
    Und da hast wieder du recht, seufzte Heinrich, trotz der Abendkhle sich
immer doch noch mit dem Taschentuch ber die Stirn fahrend. Aber wenn du doch
noch etwas sagen willst, so komm jetzt damit heraus und nicht, wenn Eduard
wieder weg ist, sowohl heute abend wie spter auf seinem weitern Wege nach
Afrika. Nun? Sprich aus!
    Nein! sagte Frau Valentine, mit dem Taschentuch sich an die Augen fahrend.
    Schn. Es wird Eduarden aber auch wohl so am liebsten sein; denn was soll
dieser Weltwanderer und Abenteurer auf seiner demnchstigen Fahrt ber das groe
Weltmeer eigentlich von uns denken, wenn das mit unsern Lebensabenteuern und
unserer Erzhlungsweise noch lange auf diese Weise weitergeht?

Etwas Besonderes ist auf dem Schiffe nicht vorgefallen und scheint auch nicht
passieren zu sollen. Wir haben Sankt Helena angelaufen. Aber ich war schon
einmal in Longwood und habe mir nicht zum zweitenmal die Mhe gegeben, die
entsetzlichen Treppen zu steigen, um die abgebleichten, zerfetzten Tapeten zu
sehen, auf welchen das Auge von den Pyramiden, von Austerlitz, Jena, Leipzig und
Waterloo in seinen letzten Lebensfieber Tagen und - Nchten das Muster gezhlt
hatte. Ich gehe an Deck, wo der Kapitn den Kindern auf seinem Schiffe,
natrlich aus der ersten Kajte, den Kindern zuliebe noch einmal einen Haifisch
hat fangen lassen, aus dessen Bauche sich aber gottlob diesmal nichts dem
Menschen allzu Greuliches entwickelt. Das Vieh hat, naturgeschichtlich
ausnahmsweise, keinen Menschen gefressen, hat kein halb verdautes Matrosenbein
oder keine, noch auf ein Brett gebundene, Kinderleichte in sich. Es hat nur
gegessen, was ihm sonst aus der Naturgeschichte als zu seiner Nahrung gehrig
geboten wurde, und ich gehe bei ruhigstem Wogengang wieder hinunter in den
Rauchsalon und lasse Stopfkuchen weitererzhlen.
    Er tat's; denn die Unterbrechung an dieser Stelle meines Logbuchs kam nicht
auf seine Kappe. Er berichtete:
    Am Morgen nach der Hochzeit traf natrlich nur das ein, was ich schon
lngst im voraus gewut hatte. Ich lag auf der Roten Schanze, wenn auch nicht an
der Kette, so doch im beschlossenen Bezirk. Und da der gefllte Frenapf dazu
gehrte, war fr smtliche Festgste des vergangenen schnen Tages im mehr oder
weniger behaglichen Nach-Verdauungsgefhl Glaubensartikel Numero eins im
anteilnehmenden Hinblick auf mein ferneres Lebensglck. Ja, ich hatte es nun,
was ich hatte haben wollen. Ich sa mitten drin in meinem Ideal, und ich war mit
meinem Ideal allein auf der Roten Schanze. Am Lendemain stand ich mit meiner
jungen Rosigen auf dem Wall, der unser junges Glck umschlo, und sah mit ihr
auf Dorf und Stadt hinunter und in die schne Natur hinaus und lie mich recht
unntigerweise auf eine Verstndigung ein. Kind, sagte ich, da wir jetzt ins
Weite gehen, geht nicht. Dazu habe ich mir doch nicht so groe Mhe um dich
gegeben. Wir haben annhernd den Papa wieder unter uns Menschen. Es war zwar
nicht hbsch anzusehen, wie die Verbindung sich wiederherstellte; aber was hilft
es? Es mu doch unsere Sorge sein, da sich der Zusammenhang nicht wieder lse.
Also - pflegen wir den Vater weiter, wie ich angefangen habe! Solltest du spter
einmal Berlin, Petersburg, Paris, London, Rom und dergleichen doch zu sehen
wnschen, so watschele ich natrlich mit oder hinter dir drein. Aber Eile hat es
damit nicht. Augenblicklich haben wir noch ganz andere Dinge und Herrlichkeiten
vor der Hand. Das hatten wir in der Tat. Die Rote Schanze zu erobern war
verhltnismig recht leicht gegen die Aufgabe, sie zu erhalten und sich in ihr,
und das letztere noch dazu mit Sack und Pack, mit Weib und Schwiegervater.
Tinchen, es ist mein bester Freund, dem ich hiervon jetzt erzhle, und er kann
alles hren.
    Mich hast du freilich schon lange gewhnt, alles von dir zu hren, seufzte
Frau Valentine Schaumann.
    Meinst du? fragte ihr Mann. Heute abend noch hoffe ich dir das Gegenteil
zu beweisen. Wenn es irgend mglich ist, lasse ich dir morgen von andern
zutragen, was ich dir heute abend noch sagen knnte.
    O Gott, doch nicht in Sachen Kienbaums?
    Ich war unbedingt der schwerwiegendste lateinische Bauer, den die Gttin
der Geschichte der Landwirtschaft je auf ihre Waagschale gelegt hat, Eduard. Ich
bestellte den Acker, von dem ich a, aber ich sah auch die dazugehrigen
schriftlichen Dokumente und sonstigen Papiere im Schreibschranke meines armen,
nrrischen Schwiegervaters nach. Ich bestellte auch das Vermgen, welches er in
Schuldverschreibungen, also nicht blo in rund um die Rote Schanze liegenden,
nicht nur in palontologischer Hinsicht fruchtreichen Grnden besa. Des Volkes
Stimme erklrte mich darob fr den Schlauesten, aber auch Gewissenslosesten aus
seiner Mitte. Es hat so was, wie du weit, lieber Freund, von Zeit zu Zeit
ntig, um sich selber vor sich selbst eine ethische Haltung zu geben. Du lieber
Himmel, wie waren sie mit dem Andreas Quakatz, mit Kienbaums Mrder, trotzdem,
da sie gar nichts von ihm wissen wollten, in Geldangelegenheiten intim
umgegangen! Was alles hatte sich vertraulich, Zutrauen gegen Zutrauen setzend,
an ihn gemacht mit schlechten und guten Aktien, mit Pfandscheinen, Hypotheken,
Brgschaften, und was sonst im wechselnden Verkehrsleben vorkommt. Bei drei
Feuerversicherungsagenten hatte der alte Herr die Rote Schanze versichert, weil
sie ihm versichert hatten, da sie fest berzeugt seien, er habe Kienbaum nicht
totgeschlagen. Ich gebe dir da einen Faden in die Hand, an dem du dich, so weit
es dir beliebt, in das dunkle Labyrinth, in das ich den Tag einzulassen hatte,
zurcktasten magst. Mir erla eine weitere Ausfhrlichkeit. Kurz und gut, der
Fluch Adams, soweit er den Acker, das Graben, Hacken, Pflgen, die Kartoffel-,
Heu- und Getreideernte angeht, war eine Erholung gegen das nchtliche Graben,
Pflgen und Roden am Schreibtische. Uh je, Eduard, htte ich da nicht das
Tinchen, das Kind mit seinem Strickzeuge, seiner Welterfahrung, seinen am Abend
fters regt altklugen, aber am andern Morgen manchmal zum Erstaunen schlauen
Zuflsterungen bei mir gehabt und die beiden arbeitsharten Bauernpftchen, wenn
sie mir meine zwei weichen Bildungsmenschenhnde von den fiebernden Schlfen
sanft herniederzog: O Heinrich, du tust es ja mir zuliebe, und, sieh nun mal zu,
den fehlenden Rest von Kleynkauers Schuld findest du vielleicht noch auf seinen
Schwiegersohn, der den Ausspann drunten in der Stadt hat, und auf seine
zugekaufte Wiese hinter seinem Hause ins Schuldbuch eingetragen! - Eduard, auch
du hast es im Kaffernlande zu einem Vermgen gebracht: bitte, berhebe dich
nicht deiner Anstrengungen dabei! Sieh, da fngt das Kind zu guter Letzt auch
noch an zu weinen, weil sie es mir berlassen mu, dir zum Schlu mitzuteilen,
da es uns - ihr und mir - gelungen ist, dem Vater ein bichen von seinem Recht
an der Lebenssonne in den Belagerungsaufwurf des Comte de Lusace, den Ofenwinkel
hinein und auf das wirre Haupt und ber die geschwollenen Knie und die tauben
Fe leuchten zu lassen.
    Ja, ja, ja, Herr Eduard! schluchzte die Erbtochter der Roten Schanze,
Quakatzens Tochter; doch Heinrich Schaumann schien weniger denn je in diesem
Logbuch des Lebens Sinn zu haben fr solche Rhrung. Er zog blo die Augenbrauen
etwas tiefer herunter und murrte (zum erstenmal in seiner Erzhlung machte sich
hier so etwas wie ein leises Knurren geltend) und murrte: Ja, ja, ja, da sie
mich zu gren hatten, so grten sie auch ihn wieder, und der Mensch ist so,
Eduard, es machte dem greisen Snder wirklich Spa, es machte ihm das hchste
Vergngen, noch einmal seine Zipfelkappe vor der albernen Welt freundlich zum
Gegengru lupfen zu drfen. Er ist hinbergegangen in der vollen berzeugung,
unter der Menschheit in integrum restituiert worden zu sein. Was fr eine
Ehrenerklrung ihm drben, droben, vom Allerallerhchsten Thron und Gerichtssitz
zuteil geworden ist, kann ich leider nicht sagen. Und nun -nun, Tinchen, altes,
tapferes Herz, und du, Eduard, fernster, das heit entferntest wohnender Freund
meiner Jugend, nun werde auch ich ihm sein letztes Recht zuteil werden lassen.
Wer wei, ob der hchste und letzte Richter mich nicht blo deshalb so fett und
so gelassen in die hiesige Gegend abgesetzt hat? Was die Gelassenheit
anbetrifft, soll er wirklich den Richtigen an mir gefunden haben. Also, wenn du
nichts dagegen hast, begleite ich dich nachher ein Stck Weges auf deiner
Rckfahrt nach Afrika.
    Heinrich?! rief die Frau, beide Hnde zusammenschlagend.
    Frau Valentine Schaumann?! mimte der Gatte ihr den Ton alleruerster
Verwunderung nach.
    Herr Eduard, rief die Frau, er hat mir Rom, Neapel, Berlin und Paris und
dergleichen nicht gezeigt, und ich hatte auch nie ein Bedrfnis danach; aber er
hat selber auch nie ein Bedrfnis danach gehabt! Er hat seit unserer
Verheiratung keine sechs Male den Fu ber unser Besitztum und seine
Knochensucherei in der nchsten Nhe hinausgesetzt! In die Stadt geht er nur,
wenn ihm eine Behrde dreimal ein Mandat geschickt hat und zuletzt mit Gefngnis
droht! Er macht mich schwindlig mit so einem Wort, wie er eben gesprochen hat!
    So sind die Weiber! seufzte Stopfkuchen. In Paris, Berlin und Rom hatten
wir eben nicht das mindeste zu suchen; aber in der Stadt dort unten haben wir
heute abend ausnahmsweise noch ein Geschft. Wir! Frau Valentine Schaumann,
geborene Quakatz! Solltest dich doch auch heute abend noch einmal darauf
verlassen, da ich wei, was fr unsere Gemtlichkeit das zweckmigste ist.
    O Heinrich, das wei ich ja! rief die Frau, zitternd den Arm ihres Mannes
fassend und ihm ngstlich in die Augen sehend. Aber das ist heute abend doch
ganz was anderes als wie sonst! Du erzhlst freilich den ganzen Tag durch nach
deiner gewhnlichen Art das Schlimmste und das Beste, das Herzbrechendste und
das Dummste, wie als wenn man einen alten Strumpf aufriwwelt; aber jetzt
solltest du damit aufhren und Rcksicht auf mich nehmen, grade wenn du mich
auch zu allen brigen Frauen auf Erden rechnest. Es ist mein Vater, von dem du
so erzhlst! Es ist meine kmmerliche Kinderangst und Jugendnot, von der du so
sprichst! Und - Herr Eduard, er stellt sich ja auch nur deshalb so albern, weil
er es wieder nicht an die groe Glocke hngen will, was er eigentlich Gutes an
uns getan hat! Nun sieh mir in die Augen, bester Heinrich, bester Mann, und habe
noch einmal Mitleid mit mir! Es ist des Vaters letzter, vollstndiger
Rechtfertigung wegen, weshalb du jetzt mit deinem Freunde in die Stadt willst;
und - und du willst mich nicht dabeihaben! O Mann, Mann, ich gehre aber doch
dazu, und du mut mich dabeisein lassen. Nicht wahr, du nimmst mich mit dir in
die Stadt?
    Nehme ich dich mit in die Stadt? murmelte der jetzige unbestrittene Herr
auf der Roten Schanze, trotz aller rhrenden Bitten seinem Weibe nicht in die
Augen schauend, sondern nachdenklich und zweifelnd nur nach oben sehend. Erst
nach einer geraumen Weile sagte er: Wie du willst, mein Kind, Hm, hm, wenn
deine Kche - wenn du nicht meinst, da du in deiner Kche - Eduard bleibt doch
auch wohl zum Abendessen -
    Mensch, Mensch, rief aber jetzt ich, Unmensch, ich bin satt! Jetzt hrst
du endlich hiermit auf und qulst mir deine Frau in diesem Augenblick nicht
lnger! Was hast du ihr, was hast du uns zu sagen? Kannst du es denn wirklich
nicht hier auf deiner Verschanzung, in dieser Stille, bei diesem Abendschein
ber unserer Erde mitteilen?
    Du wnschest lieber hier im Freien mit dem Graun zu Nacht zu speisen und
dich zu sttigen mit Entsetzen, Eduard? Hm, hm, hm -
    Und jetzt nahm er zrtlich sein Weib in seine Arme und kte es und
streichelte ihm die Wangen und fuhr ihm kosend, beruhigend ber das Haar.
    Mein Herz, mein Kind, mein Trost und Segen, es ist so ein alberner, alter,
abgestunkener Unrat, den ich aufzuwhlen habe, weil es am Ende wohl nicht anders
geht. Wie gern hielte ich den letzten, den, faden Geruch, der davon aufsteigen
wird, ganz fern von unserer Verschanzung, wie Eduard eben die Sache mit dem ganz
richtigen Namen genannt hat! Das kann ich nicht; aber - ich kann dir davon
erzhlen in dieser Nacht, so nach Mitternacht, wenn wir beide die Nachtmtzen
bergezogen haben - ich kann dir dann auch besser, wenn alles still ist ber
Quakatzenburg - oben die Sterne und unten die Grber, sagt der alte Goethe - die
dazugehrigen Bemerkungen machen -
    Ich bleibe zu Hause und warte wieder auf dich, Heinrich, sagte die Frau.
Sie weinte, sie war in groer Aufregung, und ihr Dicker war unertrglich fr
jeden andern in seiner Art, sich zu geben und andere dran teilnehmen zu lassen;
aber sie war nicht blo eine gute, sondern sie war auch eine glckliche Frau.
    Siehst du, das war wirklich im Grunde meine Meinung, Tinchen! Da - hier
dieser gute Freund, dieser Eduard, reist morgen - bermorgen oder in drei Wochen
ab, und zwar zu Schiffe. Er geht, wie man das im hohen Ton nennt, aufs hohe
Meer. Dort weht gewhnlich ein frischer Wind, und der Mann sieht auch unterwegs
nur lauter andere Gesichter, nicht wie wir hier immer dieselbigen. Dem
glcklichen Kerl will ich frisch diesen Duft der Heimat von der Lagerstelle aus
mit auf die Reise geben, und dann ist er gewissermaen auch sogar dazu
berechtigt. Er steckt persnlich viel tiefer mit drin, als er es sich jetzt noch
vermutet. Jaja, guck nur, mein Junge! Mach mir nur groe Augen! Also, du willst
wirklich nicht mit uns zu Abend essen? Na, dann unterhalte du jetzt meine Frau
so lange, bis ich die ntige Toilette gemacht habe.
    Er erhob sich schwer sthnend von der Bank auf dem Wall des Prinzen
Xaverius, griff, die erloschene Pfeife in der Linken, mit der Rechten zrtlich
seinem Weibe unters Kinn und sagte: Ja, bleib du lieber hier oben in der guten,
lieben Luft unserer Schanze, Herz. Es ist ein zu angenehmer Abend und zu hbsch
still, nur noch mit den spten Lerchen in der Luft! Diesem Weltwanderer wird der
Seewind und vielleicht so 'n kleiner Schiffbruch mit interessanter Rettung und
dergleichen den fatalen Geruch von da unten wieder aus der Nase fegen. Und dann
sehe ich ihn leider vielleicht in meinem ganzen Leben, nach seiner Abreise
natrlich, nicht wieder und habe ihm also auch nicht Beruhigung, Seelenruhe
zuzusprechen und dummes Gespenstergesindel aus der Phantasie wegzukehren. Aber
mit dir - zwischen uns, mein armes Herz, ist das eben eine andere Sache. Dich
habe ich nun einmal bei gutem und bei schlechtem Wetter, bei Zahn- und Leibweh
und allen brigen Lebensnten und Gebresten auf dem Halse und - zugleich die
Pflicht, doch auch mich in jeglichem Verdru und Elend, bei jedwedem
Gespenstersehen aufrechtzuerhalten. Was willst du jetzt persnlich dein altes
Nschen in den Olimsblutundverwesungsquark hineinstecken? Siehst du, ich bringe
nur Eduard ein Stck Weges auf den Weg und nachher - nach Mitternacht - na, wie
gesagt, Eduard, jetzt unterhalte du meine Frau ein bichen: ich bin sofort
wieder bei euch.

Er wackelte schwerfllig dem Hause zu, und sein Weib und ich sahen ihm von der
Bank aus ber die Schultern nach, sahen ihn unterwegs noch einmal anhalten, um
seinen Kater zu streicheln, und sahen ihn in der Tr mit der berschrift Gehe
heraus aus dem Kasten! verschwinden. Dann erst griff die Frau wieder nach ihrem
Taschentuch und rief:
    Was sagen Sie nun zu ihm? Hier sitze ich nun in der lieben Abendsonne so
still und gut, wie er sagt. O ja, und Sie, lieber Herr Freund, sehen es mir auch
nicht zu sehr an, wie sehr diese heutige Nachricht mich innerlich aufregt! Ein
anderer als wie Sie, der selber soviel durchgemacht hat, wrde auch ganz gewi
meinen: Dies ist denn doch eigentlich zu arg, und er htte ganz gewi nicht
unrecht. Aber so ist er nun - meinen Heinrich meine ich, Er erfhrt das
Wichtigste und Schrecklichste, was Herz und Seele bewegen kann, und lt dabei
seine Pfeife nicht ausgehen. Sagt keinen Laut, bis es ihm pat! Und ich - ich,
meines armen Vaters Tochter, ich habe so eine unruhvolle, schlimme Kinderzeit
mit Steinwerfen, Fingerngelkratzen gegen jedermann durchlebt, da ich mich gern
und willig nun in meinen jetzigen Jahren in alles fge und bei seinem
Besserverstehen nach nichts frage, sondern auch meine Ruhe behalte, obgleich das
eigentlich leider Gottes gar nicht in meiner Natur liegt. Ich wei es ja wohl,
da wir jetzt, Gott sei Dank, hier auf der Schanze so still fr uns hinleben,
da wir fr alles Zeit haben. Da wir fr alles die Zeit abwarten knnen, wo wir
uns alles sagen, am Mittage oder um Mitternacht, das Schlimmste und das Beste.
Ich kenne auch gottlob jede Fiber in seiner Seele und da er kein Geheimnis vor
mir hat; denn sonst wrden wir ja auch nicht so leben, wie wir leben: aber was
zu arg ist, ist zu arg! Und eine Tochter bleibt doch immer eine Tochter und eine
Frau eine Frau, ja und, Herr Eduard, und ein Frauenzimmer ein Frauenzimmer: er
kennt Kienbaums Mrder, er kann ihn vielleicht heute schon aufs Schafott
bringen, und er hat des Bauern Quakatz Tochter von der Roten Schanze zum Weibe
und nimmt die Sache so, als stecke er den Kopf aus dem Fenster und sage: Schwl
genug war's den Tag ber, vielleicht gibt es doch ein kleines Gewitter!... Ich
bitte Sie, bester Herr, was sagen Sie hierzu?
    Da ihr zwei das glcklichste Ehepaar seid, das sich je zueinander gefunden
und ineinander hineingelebt hat! Und da Stopf- mein Freund Heinrich Vollkommen
recht hatte, wenn er unter seiner Hecke liegenblieb und hinter uns anderen
jungen Narren hchstens dreingrinste, wenn er uns unsere Wege laufen lie oder,
wie wir damals meinten, laufen lassen mute.
    Oh, Herr Eduard, nennen Sie meinen Mann dreist auch vor meinen Ohren
Stopfkuchen! Den Namen verdient er ebenfalls mit vollem Rechte, lchelte trotz
ihrer Aufregung und durch ihre Trnen Frau Valentine. Das heit, fuhr sie dann
aber doch, zrtlich allem Miverstndnis vorbeugend, fort, da er das Leben und
sein Gutes hastig und gierig in sich hineinstopfe, kann man wirklich auch nicht
sagen. O nein, wie er sich die gehrige Zeit beim Essen nimmt, so tut er's auch
in allen anderen Angelegenheiten und Dingen. Wir erfahren's ja eben grade zu
jetziger Stunde im allerhchsten Mae! Aber er ist nun einmal so, und da ihn
der liebe Gott so zu meinem Besten erschaffen hat, davon bin ich nicht blo im
groen und ganzen fest berzeugt. Ich hoffe es in meinen stillen, liebsten
Stunden gleichfalls, da ich auch meinerseits so von der Vorsehung, wie ich bin,
fr ihn gemacht bin und da es wohl auch ihm recht einsam und elend in der Welt
wre, wenn er mich nicht darin gefunden htte! Aber da wir hier auf der Roten
Schanze jedermann drauen als ein wunderliches, wunderliches Gespann vorkommen
mssen, das glaube ich jedem, der es mir sagt, auf sein Wort, da ich es mir
selber oft genug selbst sage... Liebster Himmel, ist er denn schon mit seinem
Anzuge fertig, ohne mich dreiigmal dazugerufen zu haben, selbst wenn er blo
auf seine versteinerten Knochenexpeditionen gehen will? O Gott, jaja, auf welche
noch ltere und viel schlimmere Totengrberei will er aber auch jetzt gehen?!
    Da war er wieder. Halb Pfarrherr, halb Landbebauer; aber ganz der dicke
Schaumann! - Er trug jetzt einen langen, schwarzen Lastingrock, eine
aufgeknpfte Sommerweste, ein loses Halstuch, einen breitrndigen braunen
Strohhut und war in seinen hellen Sommerhosen geblieben. Einen derben Gehstock
fhrte er auch mit sich und hatte ihn jedenfalls zu seiner Sttze ntig.
Gegenwrtig aber nahm er ihn unter den einen Arm und legte den andern um sein
Weib.
    Ksse mich, Andromache, und sich mir nach von der Mauer von Ilion; aber
ngstige dich um Gottes willen nicht um mich. Den hellumschienten Achaier von da
unten mchte ich sehen, der es fertigkriegte, Patroklos' Schatten zu Ehren und
zur Rache den dicken Schaumann um seinen Burgwall herum in Trab oder Galopp zu
bringen. Da hast du noch einen Ku, und nun la mich aus deinen Armen. Ich gehe
dir mein Wort drauf, ich komme heil und mglichst unverschwitzt wieder nach
Hause und bringe dir auch, wenn nichts Hbsches, so doch recht Beruhigendes mit.
Eduard wird dabeisein, wie ich das Blut bespreche, Kienbaums Manen Genugtuung
verschaffe und auch meinerseits die Erinnyen veranlasse, endlich hbsch die Tr
hinter sich zuzumachen und die Rote Schanze in Ruhe zu lassen.
    Ich hatte nun Abschied von der lieben Frau Valentine zu nehmen und natrlich
zu versprechen, da mein erster Besuch nicht der letzte gewesen sein solle. Der
Freund schritt mir ber seinen verwachsenen Dammweg voran, ohne sich
umzublicken; ich aber tat das noch mehrere Male und sah des Bauern Quakatz
Tochter auf der Hhe der Kriegsschanze des Prinzen Xaver von Sachsen stehen.
Eine tiefe Rhrung, doch eine behagliche, berkam mich dabei, und aus vollem
Herzen sagte ich:
    Die Gute! Sie hat es wahrhaftig wohl verdient, da ihr weich gebettet
werde. Heinrich, mget ihr noch lange unter euren grnen Sommerbumen und an
eurem Winterofen sitzen und der Welt ihren Lauf lassen.
    Amen, und nachher in ein Grab gelegt werden und ein Menschenalter durch
spuken gehen und einer respektablen Nachbarschaft zum berdru werden, sagte
Stopfkuchen. -
    Es begegneten uns bald Leute, die uns erst verwundert anstarrten und, wenn
wir an ihnen vorbei waren, stehenblieben, uns nachblickten und sicherlich
murmelten:
    Jeses, der dicke Schaumann hier drauen?!
    Dieses Aufsehen, das wir machten, nahm zu, je mehr wir uns der Stadt
nherten und brgerliche, stdtische Gruppen oder Einzellufer als
Abendspaziergnger uns entgegenkamen.
    Einige Male wurden wir nun auch angehalten, und die verwunderte Frage, was
ihn denn in die Stadt treibe, wurde dem Freunde in Worten und persnlichst
nahegelegt.
    Hflichkeitsgeschfte! Mein Freund Eduard fhrt nach dem Kap der Guten
Hoffnung nach Hause, und ich bringe ihn blo ein bichen auf den Weg. brigens
hat er auch heute mittag bei mir gegessen.
    Mehr als einmal vernahm ich dann das Wort:
    Ist es die Mglichkeit?...
    War der Tag schn gewesen, so war der Abend wundervoll.
    Tiefer Friede in der Natur und die Stadt still und reinlich! Es war immer
ein Gemeinwesen gewesen, das auf Reinlichkeit, Ordnung, grne Bume auf den
Marktpltzen und in den breitern Straen, auf sprudelnde Brunnen, und was sonst
hierzu gehrt, viel gehalten hatte. Auch die Weltgeschichte, das heit in diesem
Falle der Prinz Xaver von Sachsen mit seinem Bombardement und nach ihm mehrere
groe Brnde hatten das Ihrige getan, die Stadt dem laufenden Tage hbsch und
wohlerhalten zu berliefern, indem sie manch altes Germpel aus dem Wege gerumt
hatten. Es war, alles in allem, ein Gemeinwesen, in das man gern abends vom
Felde und aus dem Walde nach Hause kam und in welchem man dreist die Fenster
ffnen durfte, ohne sie sofort wieder schlieen zu mssen mit dem chzwort:
Pfui Deubel, stinkt das heute mal wieder! -
    Lecker, was? meinte Stopfkuchen, als wir die zierlichen Anlagen, die sich
rund um den Ort zogen, erreichten. Es mute dich doch recht anheimeln, Eduard,
als du neulich den Fu wieder hersetztest? Der verwhnteste Kaffer mu hier
Brgermeister, Magistrat und Stadtverordnete loben! Wie?
    Jawohl, jawohl!
    Hm, hm, und die Kindermdchen mit den sen Kleinen da auf den Bnken -
alle diese lieben Abendlustwandler und - wandlerinnen. Alles so gemtlich, so
behaglich - so - unschuldig! Und nun versetze dich mal in meine Stimmung, wie
ich hier neben dir wandele, mit der Macht und eigentlich auch der hchsten
Verpflichtung, diese Idylle heute abend noch in den nchsten Band des neuen
Pitaval zu bringen! Jawohl, jawohl, hier gehe ich neben dir bis jetzt blo als
der dicke Schaumann durch den Stadtfrieden - wenn sie morgen von ihm aus nach
der Roten Schanze hinber- und hinaufsehen, werden sie nur noch vom
geheimnisschwangern, shnetrchtigen Schaumann reden und mich den
giftgeschwollenen Bauch blhen sehen: Eduard, du ahnst es doch nicht ganz, wie
unangenehm mir diese Geschichte mit Kienbaum ist und wie frchterlich es mir
gegen die Natur geht, da grade mir die endliche Abwickelung der Sache
aufgeladen worden ist! Mir, mir, und noch dazu, wenn ich mir dabei vorstelle,
was fr eine Menge Volks ich im Namen der sogenannten ewigen Gerechtigkeit in
das himmlischste Entzcken versetze! Denke dich in meine Nchte, wie ich mir die
Leute smtlich persnlichst in der Phantasie vor die Seele halte und bei jedem
einzelnen mich frage: Was? Dem zum Spae? Dem zum Vergngen? Dem zur Genugtuung?
- Du lieber Gott, wenn ich nicht doch auch in dieser Hinsicht eine gewisse
Verpflichtung gegen das Herz - ich meine meine Frau htte, Eduard! Eine geborene
Quakatz bleibt sie ja nun einmal: und so geht es einem hier immer noch in
Europa, lieber Eduard, wenn man in anrchige Familien hineinheiratet.
    Wie die Stadtidylle morgen sich zu dem Krperumfange meines Freundes stellen
mochte, mir schwoll er heute schon von Augenblick zu Augenblick mehr ber
jeglichen Rahmen hinaus. Und wie seine brave, gute, nette, niedliche Frau war
ich ihm ohne jegliches Wort und Widerwort verfallen, mute ihn reden lassen,
lie ihn reden und wartete jedesmal, wenn er mal aufhrte, mit innerlichster
Spannung, da er wieder anfange, sich gehenzulassen und zu reden. -
    Trotz aller Annehmlichkeit der Heimatstadt vermieden wir sie doch frs
erste: Stopfkuchen fhrte mich um den Wall. Weshalb, sagte er nicht, und ich
fragte auch nicht danach. Ich hielt es wirklich allmhlich fr das beste, mich
ruhig in seiner Weise von ihm fhren zu lassen.
    Dieser Wall, den einst der Prinz Xaverius von der Roten Schanze aus
beschossen hatte, war jetzt in allerliebste Spaziergnge umgewandelt worden.
Teile des frheren Stadtgrabens waren auch noch vorhanden, zu hbschen Teichen
auseinandergezogen, umkrnzt von Pappeln, Trauerweiden und Lustgebsch. Es
liefen vom Kern der Stadt Haupt- und Nebenstraen auf diese Lustwege hinaus, und
eine der Nebenstraen fhrte gleich hinter den Baumreihen und dem Zierbuschwerk
auch zu dem Viertel der Weinen Leute. Wir nannten das zu meiner Zeit Matthi
am letzten, und es hie auch wohl noch so.
    Als wir uns der Gegend nherten, fiel es mir recht aufs Herz, wie gut
bekannt ich vor Zeiten daselbst gewesen war, wie gute Freunde ich auch dort
gehabt hatte und was nun alles zwischen den Kindertagen und dem heutigen Tage
fr mich lag.
    Herrgott, und auch Strzer! fiel mir ein. Auch der! Und du wolltest wieder
an ihm vorbeigehen? Der Gedanke kam mir wirklich zur rechten Zeit. Was ich nach
der Nachricht vom Brummersumm her versumt hatte, konnte ich ja jetzt noch
nachholen und dem alten, treuen Freunde einen Besuch abstatten. Er war in seinem
Leben und Berufe fnfmal um die Erde gewesen, ohne von Hause fortgekommen zu
sein: nun konnte ich, den seine Lebensfahrten so weit von Hause weggefhrt
hatten, doch noch einmal im Vorbeigehen bei ihm eintreten und ihm vielleicht
berm untern Ende des Sarges die Hand auf die mden Fe legen.
    Ich nahm den Arm meines Fhrers.
    Heinrich, ich erinnere mich eben! Es sind kaum hundert Schritte weit. Da
liegt sein Haus -
    Wessen Haus?
    Jawohl, du hast recht mit der Frage. Der Mensch kommt nie ber den Egoismus
weg, alles nur in seinen eigenen Gedankenzusammenhang hineinzuziehen. Eben fllt
mir ein, da der alte, selige Freund, mein alter Landstraenfreund Fritz
Strzer, dort hinter dem Buschwerk liegt. Wenn es dir nicht ein zu weiter Umweg
ist, Heinrich, so la uns einen Augenblick abbiegen. Jetzt mchte ich dem alten
zur Ruhe gelangten Wanderer doch noch einen Besuch machen. Was du nachher noch
zu sagen hast, wei ich ja noch nicht; aber sei deine Rtsellsung auch noch so
grimmig, ich glaube, ich kann mir ein Stck beruhigender Anteilnahme jetzt am
besten von dorther holen.
    Wenn du meinst? Ei wohl, das ist sein Schornstein hinter den Baumwipfeln.
Der brave Strzer! Nun, Zeit haben wir zu dem, was du meine Rtsellsung nennst,
nachher immer noch, und ein groer Umweg zu dem alten, guten Kerl ist's grade
auch nicht. Ich bin ganz zu deiner Verfgung.
    So bogen wir ab von dem Wall, hatten aber grade jetzt noch einem Ehepaar,
das mit Tchtern seinen Abendspaziergang um ihn herum machte und den dicken
Schaumann auch kannte, Rede zu stehen auf die verwunderte Frage: Herrje, wie
kommt denn das, da man Sie einmal in der Stadt sieht?
    Es macht sich eben so, erwiderte Stopfkuchen gemtlich. Ich wei im
Grunde eigentlich auch selber nicht, wie ich zu dem Vergngen komme.
    Es war ein Glck, da unser Weg zur Seite ab in das am wenigsten respektable
Viertel der Stadt fhrte; die Herrschaften wrden uns sonst wohl gern ein Stck
weit drauf begleitet haben: diese Begegnung war doch zu interessant! -
    Es gibt viele Unmndige in jenem durchaus nicht nach dem Muster grerer
Stdte unfreundlichen, unheimlichen Stadtteile; und sie befanden sich um diese
liebe Abendstunde natrlich alle in den Gchen und Sackgchen. Vollkommene
Rhrung berkam mich nun, wie ich daran dachte, wie lange und doch wie kurz es
her sei, da auch ich, und zwar unter den Augen Strzers, hier die Rinnsteine
abgedmmt und den Leuten den Weg versperrt habe. Und noch immer standen die
Mtter mit den Kleinsten auf dem Arm in den Haustren, und noch immer roch es
nach Eierkuchen und Ziegenstllen, und noch immer wurde Salat gewaschen. Der
symbolische Begleiter des Evangelisten Matthus ist ja eigentlich ein recht
schner Engel; aber im Sankt-Matthus-Viertel da war und ist das nicht der Fall.
Da ist es das Schwein, das Haupt-Segens- und Glckstier des kleinen Manns, und
man hrte es behaglich grunzen aus einem nhern oder fernern Stall. Es roch auch
wohl nach ihm; aber - mir sollte einer im Viertel Matthi am letzten mit
Klnischem Wasser und dergleichen kommen, zumal in einer Zeit, wo auch die
trkische Bohne noch blhte - rot, das schnste Rot der Erde - ein Wunder von
Schnheit und Nutzbarkeit, wenn sie sich zwischen den Husern des kleinen Manns
ber die Zune hngt oder hinter denselben an ihren Stangen sich aufrankt. Man
mu freilich eben fr dies alles riechen, sehen und fhlen knnen; und wer das
nicht kann, der gehe hin und werde Liebhaber-Photograph. Es ist aber nicht
ntig, da er sich selber photographieren lasse, ich habe ihn schon in meinem
Album in Sdafrika, und der dicke Schaumann hat ihn auch in dem seinigen auf
seiner Schanze Quakatzenburg.-
    Von der abendlichen Stille drauen im freien Felde habe ich schon
geschrieben; aber die friedlichste Landschaft macht lngst nicht den Eindruck
der Ruhe wie so ein Gchen am Feierabend bei den kleinen Leuten, wie man sich
heute ausdrckt, oder an der Mauer, nmlich an der Stadtmauer, wie man im
Mittelalter sagte. Und ich hatte auch einst hier hineingehrt, hinter dem Rcken
meiner Eltern und unter der Protektion meines guten Freundes Fritz Strzer, und
das Herz ging mir auf und zog sich wieder zusammen unter dem Gefhl, wie sehr
das alles vergangen sei und als was fr ein Held und mit was fr einem Sack voll
Erfahrungen und Errungenschaften auf dem Buckel ich nun hier wieder ankomme!
    Wir bogen jetzt um die Ecke, hinein in das Sackgchen, in dem das Haus, das
ich noch so gut kannte, lag; und auch da fand ich auch heute wieder das, was ich
in meiner Kinderzeit so oft hier mit schauerlichem, aber gar nicht unangenehmem
Nerven- und Seelenkitzel mitgenossen hatte: ein Hineingucken auf einen Hausflur,
wo ein Sarg steht.
    Alles wie sonst! Nur alles noch ein wenig mehr zusammengeschrumpft: der
kleine Platz enger, die Huser niedriger, die Fenster zusammengedrckter, die
Haustren schmaler.
    Und sie drngten sich alle wieder um eine Haustr, die Kinder und die Frauen
mit Kindern auf dem Arme, die alten Frauen und zwei oder drei alte Mnner, diese
alle mit den Abendpfeifen im Munde: es stand ja wieder einmal ein Sarg auf einem
Hausflur!
    Sie drehten alle uns den Rcken zu und machten uns verwundert Platz, als wir
ihnen ber die Schultern auch mit in die Tr zu sehen wnschten. Sie
verwunderten sich aber noch viel mehr, als wir gar in die Tr traten.
    Es schien niemand zu Hause zu sein als der alte Strzer, und auch der
schlief, lag ruhig in dem engen, schwarzen Gehuse, welches da auf drei Sthlen
stand, mit den Lichtern, die morgen frh beim ehrenvollen Begngnis angezndet
werden sollten, auf einem vierten Stuhle neben sich. Da der liebe Freund, der
getreue, mde Wandersmann auch unter Blumen und Krnzen lag, verstand sich von
selber. Das kostete um diese Jahreszeit im Matthusviertel nichts, und die
Nachbarschaft tat gern das Ihrige hierin, ihre Teilnahme zu bezeigen.
    Es stand noch ein Stuhl auf dem Flur, auf welchem die Hauskatze sa und
ernsthaft auf die alten und jungen Gesichter sah, die in die Haustr guckten.
    Puh! seufzte Stopfkuchen, ich habe doch meine Energie ein wenig
berschtzt. Schwl und hei! Er hob den Strohhut von der schweiglnzenden
Stirn und trocknete sich den Kopf mit dem Sacktuch. Entschuldige, Eduard,
sagte er, hob den Stuhl an der Lehne, lie das Tier hinuntergleiten und setzte
sich selber. Einen Augenblick, Eduard, und ich bin vollstndig wieder zu deiner
Verfgung.
    Das oder dergleichen sagte er, whrend ich stand und augenblicklich
wenigstens nichts zu sagen, sondern nur recht viel mit dem mehr oder weniger
dunkelen Gefhl, das bei solchen Gelegenheiten die Oberhand gewinnt, zu tun
hatte.
    Fritze Strzer! Der alte Strzer!... Und ich tat, was ich vorhin mir
vorgenommen hatte: ich legte die Hand auf den Sarg, dahin, wo die Fe ruhten,
die, wie die Herren im Brummersumm ausgerechnet hatten, fnfmal um die Welt
gewesen waren. Stopfkuchen fchelte sich immer noch mit dem Taschentuch khlere
Luft zu.
    Der Mensch aber mu bei solchen Gelegenheiten irgend etwas sagen.
    Du konntest nichts dafr: aber du bist eben unter deiner Hecke
liegengeblieben, Heinrich! sagte ich. Ich aber bin mit ihm gegangen, gelaufen,
habe mit ihm seinen trefflichen Trster, den Levaillant, studiert! Und wenn mich
ein Mensch von seinen Wegen auf die meinigen hingeschoben und mich nach Afrika
befrdert hat, so ist dieser hier, mein alter, guter Freund, mein ltester
Freund, Friedrich Strzer, es gewesen. Mge er sanft ruhen!
    Amen! sagte mein Freund Heinrich Schaumann, wieder aufstehend. Jawohl!
Das kann ich ihm ja wohl auch wnschen - von unter meiner Hecke weg! Er gehrte
nicht zu den schlimmsten Lebens- und Weggenossen. Er war ein halber Idiot, aber
er war ein braver, ein guter Kerl. Na - denn ruhe auch meinetwegen sanft, grauer
Snder, du alter Weltwanderer und Wegschleicher! Nun lat endlich aber auch mich
aus dem Spiel und macht die Geschichte drben unter euch dreien aus, ihr drei:
Kienbaum, Strzer und Quakatz!
    Er hatte eine Faust gemacht; aber er legte sie so leise auf das Kopfende des
Sarges wie ich meine offene Hand auf das Fuende.
    Was? fragte ich zusammenfahrend, und Schaumann sagte:
    Ja.

Der Kapitn behauptet, da er so einen Menschen wie mich (er drckte sich
englisch aus und sagte Gentleman), solange er fahre, noch nicht auf seinem
Schiff gehabt habe. Er war eigens meinetwegen hinuntergekommen, um mich
heraufzuholen und auch mir die Berge von Angra Pequea auf unserer Leeseite zu
zeigen, und ich hatte nur geantwortet Komme gleich und hatte vergessen zu
kommen und hatte den braven Alten nicht einmal davon benachrichtigt, da ich
diese Berge bereits kenne. - Ich wollte nach seiner Hand greifen, nicht nach der
des Kapitns, sondern nach der Stopfkuchens, als er, Heinrich, mir warnend
zunickte und mit dem Daumen kurz zur Seite deutete. Da sah ich, da wir beide
jetzt nicht mehr allein neben dem Sarge standen.
    Es war eine Frau, auch mit einem Kinde auf dem Arme und einem andern an der
Schrze, aus der Stube gekommen und stand verweinten Gesichts,
verlegen-verwundert und sagte:
    Guten Tag, die Herren! Das ist doch zu gtig von Ihnen. Ja, da liegt nun
der Vater! So ein guter Mann fr uns! Sie kenne ich wohl, auch durch Ihre liebe
Frau, Herr Schaumann; aber der andere Herr, der uns hier auch die Ehre schenkt
in unserem Kummer, hat er ihn auch gekannt, unsern lieben Grovater?
    Freilich, liebe Frau Strzer. Es ist ja recht, Sie haben erst nachher hier
ins Haus geheiratet: dieser Herr hat seinerzeit den Schwiegerpapa ganz gut
gekannt, wenn auch nicht so gut wie ich. Das ist wohl Ihr Kleiner da auf dem Arm
- der Enkel? Und hier am Rock die Enkelin?
    Jaja, liebe Herren, und wir drei sind nun nur noch allein brig und wissen
heute noch nicht in unserer Verlassenheit, was aus uns werden soll, da der
Grovater nicht mehr da ist. Wer htte das so schnell fr mglich halten sollen?
Er war noch so rstig zu Fue! Er htte gut noch manch liebes Jahr gehen knnen
in seinem Amte! Es war ja immer eine Verwunderung hier im Viertel ber ihn und
sein Stolz dazu, da er immer noch auf den Beinen sich hielt wie der Jngste.
    Nun, das kann in einem Alter wie das seinige freilich nicht jeder von sich
behaupten, und das ist doch auch ein Trost, liebe Frau; und das brige wird sich
ja auch wohl finden und machen. So eine rstige, junge Frau - blo mit einem auf
dem Arm und einem an der Schrze! Man schlgt sich schon durch, und im Notfall
helfen auch wohl andere. Was hat er denn fr einen Tod gehabt, Frau Strzer?
    Ja, Gott sei wenigstens dafr Dank: einen recht guten! ... Viel leiden hat
er nicht mssen, sagt der Herr Doktor. Und das soll man ihm auch wohl gnnen;
denn auf der Seele hat ihm wohl nichts zu schwer gelegen. Da aber jetzt grade
Sie so gtig sind und hier zu uns an sein letztes Ruhebett treten, das ist mir
fast wie eine Schickung, Herr Schaumann. Nmlich grade bei Ihnen, Herr
Schaumann, oder auf Ihrer Roten Schanze ist er in seinen letzten Tagen und
Stunden recht hufig anwesend gewesen. Er hat immerfort nach der Schanze
hinausgewollt: da htte er noch eine wichtige Sache und Bestellung. Davon hat er
immerzu gesprochen und von einer Bestellung bei Ihnen, das heit bei Ihrem
seligen Herrn Schwiegervater, dem seligen Herrn Quakatz, dem man - nun Sie
wissen ja und nehmen's wohl nicht bel -, geredet. Wir mochten ihm zusprechen,
wie wir wollten; er ist immer dabei geblieben, da er nach der Roten Schanze
hinausmsse: er htte da noch etwas abzugeben gegen Quittung. Aber dies waren
auch seine unruhigsten Einbildungen, und dabei ist er zuletzt, ohne da es einer
gemerkt hat, sanft eingeschlafen.
    Heinrich zuckte die Achseln, sah mich an und nach den Kinder-, Weiber- und
Altmnnergesichtern, die in der Haustr auf den Sarg gafften. Er deutete auch
nach diesen hin und fragte:
    Nun, was ist deine Meinung, Eduard? Seinen Schlaf stre ich nicht dadurch:
soll ich jetzt die Welt da von der Gasse hereinrufen an sein Kissen? Soll ich
nun selber von dieser Stelle aus ore rotundo das Geheimnis ihr kundmachen? Oder
findet sich doch noch ein passenderes Organ der Mitteilung? Oder - vielleicht -
wnschest du selber -
    Ich brauchte nicht zu antworten, selbst wenn ich es gekonnt htte. Der Mann
von der Roten Schanze nahm meinen Arm, sagte der Schwiegertochter des Seligen
noch einige trstende Worte, die sich auf den Gemsegarten, den Butter- und
Eierhandel von Quakatzenburg bezogen, ttschelte die Enkel auf die Kpfe, und so
traten wir wieder hinaus in die Welt vor der Tr, schritten durch die Gaffer und
brachten den Abendhimmel nicht zum Einfallen ber dem Sankt-Matthus-Viertel.
    Ja, ich selber! In der nchsten Gasse erst fragte ich, aus meiner Betubung
durch einen halben Welteinsturz erwachend:
    Was nun? Wohin nun? Willst du mich in meinen Gasthof begleiten, Heinrich?
    In deinen Gasthof? Hm! Wieder in ein Privatzimmer daselbst? Hm, hm! Weit
du, Eduard, ich bin so lange nicht aus dem Kasten gekommen, habe seit Jahren in
keiner echten und gerechten Kneipe gesessen: ich hatte es wohl zu behaglich
kneipgerecht bei meinem alten Mdchen zu Hause, unter unsern Bumen, hinterm
Ofen, hinter unsern Wllen, kurz im Kasten! Aber jetzt spre ich das Bedrfnis
danach, die Ellbogen so auf so einen Tisch am Wege zu stemmen und das Leben
durch die groe Gaststube und auf der allgemeinen Landstrae vorbeipassieren zu
sehen. Komm, Alter, wir sitzen vor deinem Abschied und deiner Abreise noch
einmal im Goldenen Arm!
    Ich sah noch alles nur wie durch einen Schleier: die Gassen, die mit uns
gehenden oder uns begegnenden Menschen, vernahm die Stimmen, das Wagengerassel
wie im Traume und fand mich pltzlich wirklich an einem Fenstertisch im Goldenen
Arm sitzend, indem ich Stopfkuchen pustend Platz nehmen sah und ihn aufatmend
seufzen hrte:
    So!
    Und nach einer Weile:
    Jaja, jaja, wer erschlug den Hahn Gockel?

Um diese Stunde des Tages war in einer so soliden Stadt wie die unserige noch
niemand in der Schenkstube des Goldenen Arms vorhanden als das Schenkmdchen,
die Sommerfliegen, die fr den Abend blankgescheuerten Lindenholztische, die
Sthle und Bnke, die auswrtigen Zeitungen vom gestrigen Tage nebst dem
heutigen Abendblatt der stdtischen Presse. Wir kamen so frh, da die
Kellnerin ganz verwundert aufschaute, als wir eintraten. Aber es fand sich auch
hier, da man den dicken Schaumann von der Roten Schanze ganz gut persnlich
kannte, ohne da er oft den Fu von seinem Wall in die groe Welt hinaussetzte.
    Heinrich wurde natrlich von der jungen Dame mit seinem Namen begrt, und
indem sich dieselbe nach unsern Befehlen erkundigte, fragte sie hflich auch
nach dem Befinden meines Freundes.
    Kind, erst etwas Khles, dann die warme Anteilnahme. Herz, frher pflegte
des dicken Schaumanns wegen immer frisch angestochen zu werden!
    Und es ist auch diesmal geschehen. Grad als wenn wir Sie erwartet htten,
Herr Schaumann.
    Es kam ein suberlich Getrnke. Stopfkuchen hob den Krug, beugelte Farbe
und Blume, sog, setzte ab, reichte den Humpen geleert hin, kniff wahrhaftig die
Mamsell in die Backe, als komme er noch jeden Abend als Stammgast. Dazu nannte
er sie dann sein liebes Muschen. Der Stoff mute also ganz seinen Beifall
haben.
    Es wurden zwischen ihm und dem Mdchen noch einige Scherzreden gewechselt,
bis er mit einem Male sich wieder zu mir wendete:
    Nun aber zu unserm Geschft, lieber Eduard.
    Das Frulein verstand den Wink, zog sich in ihren dunkeln Winkel hinter dem
Schenktische zu ihrem Strickstrumpf zurck und sah nur von Zeit zu Zeit um die
Schrankecke nach unsern Bedrfnissen aus. Wir beiden andern am offenen Fenster,
mit dem Ellenbogen nach alter Weise auf dem Tische und dem Bierkruge vor uns,
hatten hier am Platze Quakatzenburg, das Viertel Sankt Matthi am letzten, das
deutsche Volk und die Welt so im ganzen eine gengende Zeit fr uns allein.
    So macht es sich ja wirklich ganz behaglich und jedenfalls viel besser, als
wie ich es mir in unntigerweise berreizter Phantasie manchmal zurechtgerckt
habe, brummte der Freund. Du glaubst es mir vielleicht nicht, Eduard, aber es
ist doch so: ich habe mir manchmal den Kopf darber zerbrochen, zu welcher
Tagesstunde, an welchem Orte und zu wem ich am bequemsten und liebsten von, von
- nun von dem Hahn Gockel reden wrde. Es macht sich alles, alles doch
gewhnlich leichter, als man es sich unter seinen Bengstigungen einbildet.
Diese Stunde gefllt mir ausnehmend, dieser Ort pat mir ganz, und das Kind da
hinter seinem Schenkentisch kann mir auch nur von der Allerhchsten
Weltregierung dahingesetzt worden sein.
    Heinrich?!
    Eduard? ... Nun bitte ich dich aber dringend, Eduard, da du dich auch
fernerhin als bloen Chorus in der Tragdie betrachtest. Fahre du dreist morgen
wieder ab nach deinem Kaffernlande und singe mir da meinetwegen so viele
Begleitstrophen und Begleitgegenstrophen zu der Geschichte, wie du willst; ich
fr mein Teil denke doch nur: da habe ich dem guten alten Kerl doch noch eine
nette Erinnerung an die alte gemtliche Heimat mit aufs Schiff gegeben.
    Ich konnte nur durch eine matte Handbewegung antworten; Stopfkuchen warf
noch einen Blick in die Gasse und einen hinter den Schenktisch und sagte:
    Von allen Menschen, so auf Erden um diese grausame und erschreckliche
Historie herum wandelten, schnffelten und sich die Kpfe zerbrachen, htte von
Rechts wegen ich der letzte sein sollen, dem das Vergngen, sie vor einer
gemalten Leinwand und zu einer Drehorgel kundzumachen, aufgehalst werden durfte.
Meinst du nicht, Eduard?
    Aber nein - nein! Du, der Mann und Eroberer der Roten Schanze, der Schtzer
und Trostbringer der armen Valentine, der - Rechtsnachfolger, ja der
Rechtsnachfolger des Bauern Quakatz!
    Ach was, ich meine natrlich dem Charakter und der krperlichen Veranlagung
nach, Menschenkind! Ich hatte doch sowohl dem einen wie der andern nach gar
nichts damit zu tun. Was hatte der dicke Schaumann vor und von der Roten Schanze
mit Kienbaums Morde und Kienbaums Mrder zu schaffen, soweit es auf die
juristische Lsung der Frage ankam? Nichts! Gar nichts! Nun, das Schicksal hat's
mir so bestimmt, und ich kann denn weiter nichts dagegen machen, als mir
wenigstens die Form vorzubehalten oder auszuwhlen. Kommt diesselbe der
Weltregierung und allerhchsten Justiz nicht dramatisch effektvoll genug heraus,
so ist das nicht meine Schuld. Na, wenn mich Meta da hinter der Anrichte noch
nicht ganz versteht, so wrde mich ein gewisser Stratforder Poet gewi schon
verstehen und sich auf der Stelle vornehmen, auch aus mir mal was Dramatisches
zu machen.
    Riefen Sie, Herr Schaumann? fragte es ber die Anrichte und um den
Glserschrank herum. Wnschen Sie etwas?
    Nein, Herz. Jetzt noch nicht, aber bald. Bleib jedenfalls in der Nhe: wir
brauchen dich ganz gewi noch, und ich kann durchaus nicht ohne dich fertig
werden.
    Ich bin immer hier und hre mit beiden Ohren.
    Schn. Bist ein gutes Mdchen. Also, lieber Eduard, wir, meine Frau und
ich, haben dir vorhin den Tag ber unter unsern Bumen und hinterm Wall des
Prinzen Xaver einiges ber die letzten Jahre unseres alten Herrn, unseres Vaters
Andres, mitgeteilt und du wirst daraus entnommen haben, da es unser Bestreben
gewesen sein mute, sie ihm so behaglich als mglich zu machen. Das ist uns
gottlob, soweit es eben mglich war, gelungen. Zu dieser Aufgabe konnte mich die
ewige Gerechtigkeit schon eher, sowohl meiner Krper- wie Geisteskonstitution
nach, auch mehr nach meinem Geschmack ntzlich verwerten. Dagegen hatte ich gar
nichts einzuwenden. So gut wie mir selber konnte ich auch einem andern und noch
dazu dem Vater meiner Frau, vulgo Schwiegervater, ein Kopfkissen unter den Kopf
legen. Das lndliche Geschft hob ich uns natrlich bald soviel als mglich vom
Nacken. Der Herrgott hatte es wohlwollend so eingerichtet, da die besten
Zuckerrben der ganzen Gegend auf unserm Grund und Boden wuchsen. So verpachtete
ich den grten Teil der cker vortrefflich an die nchste Zuckerfabrik und
fhrte auf dem Reste von Tinchens Erbgute persnlich den Pflug nur so weit zu
Felde, als das eben zu dem gewohnten Behagen meines Bauermdchens gehrte. Dein
afrikanisches Kolonistenauge wird es dir gezeigt haben, lieber Eduard, da es
heute gar so bel nicht aussieht, sowohl auf der Roten Schanze wie um sie her.
Ich mache brigens gar kein Hehl daraus, da der Schwiegervater, der Bauer
Andreas Quakatz, auch abgesehen von seinem Grundbesitz, ein vermglicher Mann
war, da er Geld hatte, einerlei, woher das stammte, ob von Kienbaums Morde oder
nicht.
    Es fuhr hastig ein Weiberkopf aus dem Winkel vor.
    Ja, es ist recht, Schatz! Komm her und flle ein. Dem Herrn da auch noch
einen Schoppen, sagte Stopfkuchen. Er, Eduard, ich meine der alte Andres,
wute nur nichts mit dem Mammon anzufangen, als ihn hchstens den Advokaten in
seiner Sache in die Taschen zu stecken. Dabei steckte ich einen Pfahl mit einem
Strohwisch und der Inschrift: Lasset die Toten ihre Toten begraben. In andern
Geschftsangelegenheiten wende man sich an Heinrich Schaumann, Rentner.
Sprechstunden nach Verabredung. Einen Hinweis auf euern Scherznamen Stopfkuchen
lie ich aus, denn der verstand sich ja bei jedermann auf Meilen Weges in der
Runde von selber, wo es sich um mich und gar noch in meiner jetzigen Verbindung
mit der Roten Schanze handelte. Bleiben wir bei dem richtigen Herrn derselben.
Sie hatten ihm Knochen genug in den Weg geworfen: ich gewann ihn fr die
Palontologie. Ich nahm ihn mit auf mein Feld hinaus. Am Stock, auf Krcken, im
Rollstuhl nahm ich ihn mit an meine Steinbrche, Kies- und Mergelgruben und
berzeugte sein armes, konfuses Gehirn vollstndig, da diese Knochensuche sehr
genau mit der Zuckerraffinerie und also auch mit dem Steigen und Fallen unserer
Fabrikaktien zusammenhnge. Hatte ich ihm als dummer Junge durch mein Latein
imponiert, so imponierte ich ihm jetzt durch Palozoologie und Palophytologie.
Tinchen, der ich von Frauenrechts wegen mit meiner Liebhaberei lcherlich
vorkommen mute, wute sie in dieser Hinsicht aber doch zu schtzen, ja weinte
Trnen der Rhrung, der dankbarsten Rhrung ber sie. Als wir unser
Olimsfaultier gefunden hatten und ihr Papa, kindisch-kichernd und behaglich
grunzend, sich die Hnde in seinem Lehnstuhle rieb, nannte auch sie es ein
herziges Geschpf und groartig und rumte ihre beste Wschekammer aus, um einen
wrdigen Aufbewahrungsplatz fr das Scheusal zu schaffen. - Was soll ich dir
noch viel davon reden, Eduard? Wir halfen unserm Vater so gut als mglich ber
seine letzten Lebensjahre weg und lieen, nach Verordnung des Arztes, Kienbaum
sowenig als mglich an ihn heran. Wenn ich mich bescheiden mal rhmen will, so
sage ich: ja, es ist mein Stolz und darf mein Stolz sein, da ich diesem
langweiligen Spuk ein Ende gemacht habe, da ich diesem Gespenst die drre
Lemurengurgel zudrcken und ihm mit den Knien den modrigen Brustkasten einstoen
durfte, da der dicke Schaumann es war, der das Gerippe zu Staub verrieb. Das
andere Gerippe, unsern allgemeinen Freund Hein, hielt ich freilich nicht dadurch
von der Roten Schanze ab. Das fra den Bauer Quakatz, wie es den Prinzen Xaver
von Sachsen gefressen hatte, von Kienbaum gar nicht mehr zu reden. Und wenn ich
meinerseits zuletzt doch noch einmal einen Wall htte gegen es aufwerfen knnen:
wer wei, ob ich es getan htte? Es war doch eine Erlsung, als wir dem alten
Herrn das letzte, schwere Deckbett aus guter Dammerde auflegten. Er selber hat
sich wohl in seinem Leben kein leichteres ber den Kopf gezogen, und er tut
jedenfalls heute noch einen guten Schlaf darunter nach den ungemtlichen
Trumen, die ihm der sogenannte helle, lichte Tag seines Vorhandenseins in der
Prsenz- und Steuerliste des Menschentums beschert hatte. Wir begruben ihn in
Maiholzen an einem wunderschnen Sommermorgen, ganz in der Frhe. Das Dorf war
natrlich vollstndig an der Versenkung versammelt; aber wir hatten auch
Herrschaften aus der Stadt dabei. Da war zum Beispiel der Exekutor Kahlert, der
in der heiligen Frhe in Amtsgeschften bei uns drauen sich eingefunden hatte,
da war Schneidermeister Buschs Junge, der unserm Pastor die neue Hose
herausgebracht hatte, in welcher, wie ich dir gleich auseinandersetzen werde,
der geistliche Hirte meine Rede hielt. Da war Frulein Eywei, die durch ihre
Brunnenkur zu uns hinausgefhrt worden war und die ihre Karlsbader
Brunnenflasche auf einem der nchsten Grabsteine abgestellt hatte, um sich
freier ihrer angenehm-gerhrten Teilnahme an dem immer interessanten Vorgang
berlassen zu knnen. Auch den Landbrieftrger Strzer, der auch in seinem Amte
schon drauen war, sah ich in der Versammlung am Grabe. Meta, Sie sind doch noch
da? Grausame Schne, willst du denn wirklich den dicken Schaumann von der Roten
Schanze verdursten lassen?
    O Gott, jaja, gleich! Oh, wie Sie das alles so erzhlen, Herr Schaumann, da
mu man ja zuhren!
    Nicht wahr, Kind? ... Also, Eduard, da auch du noch zuhrst: wenn es einen
Menschen in der Welt gibt, auer dir natrlich, mit dem ich mich gut stehe, so
ist das mein angepfarrter Seelsorger, der Pastor von Maiholzen. Wir tun uns
einander gar nichts; aber wir halten das behagliche Nebeneinanderleben in der
gemtlichsten Weise aufrecht. In der letztern Hinsicht tun wir einander sogar
alles zu Gefallen, was wir nur knnen. Er wei in allen menschlichen Dingen
Stopfkuchen zu schtzen und ich ihn. Selbstverstndlich war ich am Tage vorher,
das heit vor dem Begrbnis, bei ihm und besprach mit ihm die Sache. Ich traf
ihn, oben an seiner Dachrinne hngend. Es hatte einer seiner Bienenstcke
geschwrmt, und der Weisel war auf die Idee gekommen, sich dort festzusetzen.
Ich hielt dem zweitdicksten Mann der Gegend die Leiter und korrigierte ihm
nachher in der Laube ein wenig in sein Manuskript hinein. Letzteres ist aber nur
eine kulturelle Redensart: der Mann spricht aus freier Hand und - gut, wenn er
in der Stimmung ist. Und zu der Stimmung des Menschen kann der Nebenmensch ein
Erkleckliches beitragen. Ich tat dies, und als wir spter an dem warmen Abend
mit einem Wetterleuchten am Horizont an seiner Gartenpforte voneinander Abschied
nahmen, sagte er: Seien Sie ganz ruhig, Herr Nachbar; ich bin vollstndig Ihrer
Ansicht. Am andern Morgen redete er denn auch mglichst annhernd das, was ich
zu sagen hatte. Ich rusperte mich - nein, er rusperte sich und sprach: Nun
sieh mal, christliche Gemeinde, da liegt er - mausetot!
    O Gott, Herr Schaumann, das kann der Herr Pastor doch nicht gesagt haben!
klang es hinter dem Schenktische hervor.
    Ich bin dabeigewesen, Kind. - Tot ist er, und ihr lebt. Er ist so tot wie
Kienbaum, den er, nach der Meinung der Mehrzahl von uns, totgeschlagen haben
soll. Er steht nun vor dem Richter, der das letzte Wort in dieser dunkeln Sache
sprechen wird: sollten wir jetzt wenigstens nicht doch ein wenig mehr, hier am
Ort, in uns gehen und uns fragen: haben wir dem stillen Mann hier vor uns nicht
doch vielleicht zu viele Steine des rgernisses in den Weg geworfen? Christliche
Gemeinde, meine lieben Brder und Schwestern, haben wir nicht doch vielleicht
etwas zu lauthalsig Racha ber ihn geschrien? Wenn er nun da an den schwarzen
Deckel pochte und noch einmal wenigstens fr einen Augenblick herausverlangte,
um sein Verdikt von da oben her schriftlich uns zuzureichen, was wrden wir da
tun? Wer wrde die Hand ohne Bangnis nach dem Blatt ausstrecken? O liebe Brder
und Schwestern, beim Hochzeitsmahl der beiden verehrten Hauptleidtragenden sind
wir wohl so ziemlich alle hier im Kreise anwesend gewesen; aber ich wnschte
auch, es wren wenigstens einige von euch vorgestern abend mit mir nach der
Roten Schanze gegangen, da sie sich das friedliche Gesicht des eben
Entschlafenen htten ansehen knnen. Da htten wohl einige, die schon in solche
Gesichter haben sehen mssen, sicherlich gesagt: Dieser mu trotz allem eines
sanften Todes gestorben sein! -
    Christliche Gemeinde, wenn er Kienbaum nun doch nicht totgeschlagen htte?
... Htte er da nicht vor dem letzten Richter sein Wort sprechen drfen? Ich
glaube, er hat die Erlaubnis erhalten; und wie ich ihn kennengelernt habe (er
war kein weicher Mann), hat er gechzt: "Herr, Herre, was ich sonsten gesndigt
haben mag, das haben sie da unten mich schon reichlich ben lassen durch
Miachtung, scheele Blicke, Fingerdeuten, Abrcken im Kruge und Alleinlassen bei
jeder Haushaltsnot. Wenn ich nun als ein vergrellter, in seinen Erdengrimm
verbissener Mann zu dir komme, Herr des Himmels und der Erden, so zieh von
meiner Strafe im ewigen Leben meine tagtgliche und allnchtliche Bung da
unten in der Sterblichkeit ab, grundgtiger Gott. Und vergib ihnen in Maiholzen
und der Umgegend auch, was sie nach unserer armen Menschenweise an mir zuviel
getan haben." - Liebe Brder und Schwestern, wir wissen alle bis zu dieser
Stunde noch nicht, wer eigentlich Kienbaum totgeschlagen hat. Der Bauer Andreas
Quakatz von der Roten Schanze ist tot und hat Rechenschaft ber sein Leben
abgelegt; aber vielleicht christliche Gemeinde, ich sage vielleicht! -,
vielleicht geht noch ein anderer im Leben umher als ein lebendiges Beispiel
davon, was der Mensch aushalten kann mit einer Bluttat auf der Seele und dem
tglichen und nchtlichen Bewutsein, einen andern, einen Unschuldigen, dafr
aufkommen zu lassen. Wenn dieses der Fall ist - wenn Kienbaums Mrder noch lebt,
dann - o dann, christliche Gemeinde, la uns auch fr ihn, ihn - hier, hier an
diesem Grabe ein stilles Gebet sprechen wie fr den beruhigten Toten in diesem
Sarge vor unsern Fen! Den beiden Hauptleidtragenden, vor allem der Tochter,
sage ich noch: "Der Herr sprach: Weine nicht, und er gab ihn seiner Mutter." Wer
aber von uns, geliebte Brder und Schwestern, noch ber das Grab hinaus ber den
Bauer Andreas Quakatz auf der Roten Schanze, seine Nachkommen und sein Erbe mit
seinen schlimmen Gedanken anhalten will, der lasse wenigstens seine Hand von
dieser Schaufel, auf welche ich jetzo die meinige lege.
    Dies Grab will dessen Beihlfe zu seiner Ausfllung nicht. Amen.
    Amen! O Gott, o Gott! murmelte es hinter dem Schenktisch.
    Es kam nun das zwischen den brigen liturgischen Formeln nie seine Wirkung
verfehlende: Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden, und die
Schaufeln gingen von Hand zu Hand mit einer bangen Hast, mit einem Eifer, wie
ich noch nicht bei hnlichen Fllen zu bemerken die Gelegenheit hatte. Sie
warfen alle dem belberchtigtsten Menschen der Gegend die drei Spaten voll
Mutterboden nach. Alle bis auf einen! - Es gab das bekannte dumpfe Gepolter und
die dazugehrigen Gefhle, letztere diesmal im verstrkten Mae. Es war, als
wnsche jedermann sich wenigstens zuletzt noch auf diese Weise mit dem Andres
Quakatz im guten abzufinden. Sie wnschten vielleicht doch auch ein wenig, Dorf
Maiholzen in der Wertschtzung der Roten Schanze zu rehabilitieren. Ich als der
jetzt am nchsten zu dem alten Bollwerk des Prinzen Xaver von Sachsen Stehende
bekam natrlich zuerst vom Totengrber die Schaufel in die Hand und tat die drei
Wrfe. Und nun wei ich wirklich nicht, liebster Eduard, wie es kam, da ich bei
dem dritten so fr mich hinmurmelte: Fr Kienbaums Mrder. Schnen guten Abend,
Herr Mller!

Der Gru galt einem drauen in der Gasse unter dem Fenster Vorbeiwandelnden, und
dieser hielt verwundert an: I, Herr Schaumann, auch mal wieder am alten guten
Ort? Nun, das ist brav. Na, denn halten Sie mir den Platz fest; ich denke, in
einem halben Stndchen ist unser Stammtisch wieder so ziemlich vollzhlig
beieinander.
    Ich reichte den Spaten dem mir jetzt Nchststehenden und sah in ein sehr
merkwrdiges Gesicht. Den Spaten htte ich ebensogut ins Leere reichen knnen.
Er fiel zu Boden und wurde erst von einem Nachdrngenden, dem Ortsvorsteher,
aufgegriffen. Der, dem ich die Hflichkeit hatte erweisen wollen, war unter das
Volk, das heit unter die Weiber und Kinder zurckgewichen und hatte sie, meine
Hflichkeit meine ich, wahrscheinlich nicht bemerkt. Mich aber durchfuhr es: Was
ist das, was soll das? und dann: Bist du verrckt, Stopfkuchen, oder kann dies
wirklich etwas zu bedeuten haben? - Es hatte niemand auer mir, auch meine Frau
nicht, im Kreise um das Grab des Bauern von der Roten Schanze bemerkt, da eben
etwas Absonderliches geschehen sei, da einer die drei Schaufeln fr den Toten
mit dem Zeichen Kains auf der Stirne verweigert habe.
    Herr Schaumann! klang es hinter dem Schenktische, und ich hrte trotz
aller eigenen Erregung das Mdchen die Hnde zusammenschlagen.
    Und du, du, Heinrich, was tatest du?
    Ich? Ich fhrte frs erste meine Frau nach Hause. Fr diese armen Wrmer
ist's wirklich nichts, so blind, betubt, verbiestert durch ihre Trnen in
solche Grube auf den erdkloberhuften Sarg hinunterzugucken und lange dabei
stehengelassen zu werden. Ich hatte doch vor allem ihr erst das zu sagen, auf
was man einem liebsten Menschen gegenber unter solchen Umstnden an
Kirchhofsgemeinpltzen angewiesen ist. Maiholzen half mir brigens dabei mit
bestem Willen. Sie wollten alle auf dem engen Wege zwischen den Grbern uns die
Hand drcken, und einige kamen auch und redeten. Herr Schaumann, wenn es Ihnen
und der Frau recht ist, so lassen wir alles nun vergessen und begraben sein. Es
ist ja ganz richtig, wie der Herr Pastor sagte, zu scharf soll keiner mit dem
andern ins Gericht gehen, und alles in allem genommen, hatte der Selige doch
auch seine guten Seiten, und mancher htte sich da ein Muster annehmen knnen.
Darauf antwortete ich denn hflich, und dann berschritten Tinchen und ich, Gott
sei Dank, den Graben des Herrn Grafen von der Lausitz und waren also wieder in
unserer Schanze, und die Welt lag drauen, und im Hause war es still und khl
unter den Bumen. Und die Hunde kamen, und in ihren Augen lag ein gewisser
Vorwurf, da sie nicht mit zum Grabe genommen worden waren - sie! Und Miezchen
kam und rieb sich zrtlich an Frau Valentine Schaumann, einer geborenen Quakatz.
Und Valentine sank in der dmmerigen Estube auf einen Stuhl und schluchzte sich
weiter aus. Die halbe Dmmerung und die Khle muten aber doch auch ihr wohltun
nach dem hellen, heien Licht auf dem Friedhofe -
    Und du, du - du?
    Ich? Nun was sollte ich denn anders tun, als sie sich ausweinen lassen und
sie dabei von Zeit zu Zeit sanft auf den Rcken klopfen? Als sie dann in die
Kche hinausgerufen wurde, stopfte ich mir natrlich eine Pfeife und berlegte.
    Du berlegtest!
    Was sollte ich denn anders tun? Auf was anderes ist denn ein Mensch
angewiesen, den man unter der Hecke hat liegenlassen? Vor allen Dingen ruhig
Blut, sagte ich mir. Zeit nehmen, Stopfkuchen, und die fnf Sinne zusammen,
Dicker! ... Ja, was war das nun? Hast du wirklich da etwas gesehen? Der? ...
Der? Dieser brave alte Biedermann und Dummkopf? Die Sache ist eigentlich zu
dumm, und es wird einem selber immer dummer, je mehr man drber nachdenkt.
Einfltig und gutmtig genug sieht er freilich aus; aber das hindert nicht bei
dergleichen. Hm, die Kraniche des Ibykus ber dem Maiholzener Dorfkirchhofe?
Groartig wre es, wenn jetzt eine Schaufel Erde weniger in die Grube es dir
zuwege gebracht htte, in die Welt zu schreien: Hier ist er! Der ist's! Fort mit
ihm zum Prytanen! - - Hm, hm, aber der? Zu dumm! Das reine
Friedhofs-Morgensonne-Gespenst! Weiter nichts, dicker Schaumann! ... Dann aber
wieder: du hast aber doch etwas gesehen und nicht blo gesehen, sondern auch
gefhlt. Was steckte in der pltzlichen tauben Empfindung im Magen, dem Summen
und Glockengelut in den Ohren und dem scharfen, klaren, geistigen Ruck: Da, da,
da! Jetzt, jetzt, jetzt!? ... Sollte sich nicht auch einmal unter deiner
Speckhlle etwas melden, was - na, Eduard, der berlegung war das doch wert: mir
ging glcklicherweise die Pfeife dabei aus, und ich hatte sie wieder
anzuznden.
    Du hattest sie wieder anzuznden.
    Es ist nmlich eine hufige Erfahrung von mir da man bei ratlosem
Nachdenken, in ausnehmend seelischer Konfusion nichts Besseres tun kann, als die
ausgegangene Pfeife von neuem anzustecken. Die Zndhlzer habe ich gewhnlich
zur Hand, aber eine liebe Gewohnheit ist es mir, trotz ihnen in die Kche zu
gehen, zu meiner Frau, und mir vom Herde einen brennenden Span zu holen. Ja,
gehen Sie nur zu ihr, Herr, sagte mir die Magd in der Stubentr. Sie weint doch
zu bitter allein in das Feuer! - Und so ging ich und stellte mich zu dem Tinchen
und sagte ihr: Nun hr auf, Herz! Sagt sie: Es ist ja auch nur noch zu
Erleichterung, Heinrich; und ich bin ja in Sicherheit und Ruhe hier bei dir auf
der Roten Schanze; und es ist jetzt ja alles so einerlei, wer Kienbaum
totgeschlagen und dem Vater das Leben verbittert hat. Ach, wenn mir doch nur
keiner mehr davon sprche! - Da war denn die Erleuchtung! - Sie hob die
Bratpfanne vom prasselnden, knackenden, flackernden Feuer, und ich nickte dem
Funkensprhen und den Rauchwolken in den dunkeln Rauchfang hinauf nach. Da sie
es wieder selber sagt, da du der rechte Mann fr sie gewesen bist, so bleibe
das ferner. Verdirb ihr die Sicherheit und Ruhe nicht, la ihr die guten Tage,
und - was das andere anbetrifft: na, so frage den alten Mann selber! Aber,
Stopfkuchen, hat es fr unsern Herrgott diese langen Jahre Zeit gehabt, so
wird's jetzt auf ein paar Tage mehr auch nicht ankommen. Frage bei passender
Gelegenheit so ruhig als mglich den alten Mann selber aus, Stopfkuchen. Mach es
frs erste mal mit ihm alleine ab. Bleib frs erste mit der Geschichte mal
wieder ganz fr dich unter der Hecke.-
    Die Kellnerin setzte dem feisten Folterknecht ein frisches Glas hin, und
zwar mit unsicherer Hand. Aus weitgeffneten Augen starrte sie ihn an; aber auch
sie war nicht mehr fhig, ihm dreinzureden.
    Dein Wohl, Eduard! Einige Tage nach dem Begrbnis gab sich denn auch schon
die erste Gelegenheit. Ich bekomme einen Brief und sage: Na, Strzer, das soll
mich doch wundern, was fr eine Unruhe Sie da wieder mir ins Haus schleppen. Ist
Antwort darauf? - Der Alte sieht mich natrlich ob der Dummheit der Frage
verwundert an und meint: Wie kann ich denn das wissen, Herr Schaumann? Das
Briefgeheimnis ist uns ja doch garantieret, und ich bin wohl der letzte, der es
bricht. - Richtig, alter Freund! Jawohl, mit den Geheimnissen anderer Leute soll
man vorsichtig umgehen. Nun, wissen Sie, es ist wieder ein heier Morgen; lassen
Sie sich drauen einen khlen Trunk gehen. Ich mchte wissen, ob ich Ihnen, wenn
Sie heute wieder vorbeikommen, eine Antwort auf die Molestierung mit nach der
Stadt zu geben habe. - Ich danke Ihnen freundlich fr die Erfrischung; aber ich
- ich will doch auch ohne sie auf Sie drauen auf der Bank warten. So lange Zeit
habe ich hier wohl. - Sind Sie nicht wohl, Strzer? Wo fehlt es denn? - In allen
Gliedern; man wird doch eben mit der Zeit auch alt, Herr Schaumann. - Da haben
Sie recht, grauer Lebenskamerad. Na, es kommt jeder einmal zur Ruhe, das haben
wir ja auch vorigen Mittwoch mal wieder gesehen: auch der Bauer Quakatz, mein
Schwiegervater, hat das Warten aufgegeben und endgltig das Gesicht nach der
Wand gedreht. - Der Alte wendet sich, ohne was zu sagen, und geht vors Haus. Ich
erbreche im Hausgange den Briefumschlag und kann mich, Gott sei Dank, auch in
jetziger Stimmung noch ber den Inhalt erbosen. 's ist eine Einladung zum
nchsten palontologischen Kongre in Berlin und weiter nichts. Unsinn! Das
mchten sie wohl! Dich da in dem Neste mit deinem Mammut Arm in Arm! Ja schn!
Mir das? Lcherlich! Sind denn die Leute so dumm, oder kennt die Welt
Stopfkuchen so wenig? Was der aufgegraben hat, das behlt er und lt es sich
keinesfalls durch schne Redensarten und weltlichen Mammon abschwindeln. - Ich
gehe also zu meinem Alten hinaus und sage ihm: Es ist wirklich keine Antwort
ntig, Strzer. Um das Briefschreiben sind wir noch einmal glcklich
herumgekommen. - Kann mir auch recht sein, Herr Schaumann. Was kommt auch bei
dem vielen Geschreibe heraus? Guten Morgen also, Herr Schaumann! - Leben Sie
wohl, Strzer, und schonen Sie Ihre alten Beine. Denken Sie wirklich immer noch
nicht daran, sich endlich auch mal zur Ruhe zu setzen? - Da zuckt der Graukopf
die Achseln; aber es zuckt ihm zugleich etwas durch das dumm-gutmtige,
wetterfeste Gesicht. Es tut es noch nicht, Herr Schaumann. Man ist das eben so
gewohnt geworden, und so hat unsereiner eigentlich seine Ruhe mehr drauen auf
der Landstrae, als wenn er so hinterm Ofen oder auf der Altvaterbank vor dem
Hause stillesitzen sollte. Ja, wenn man nur des Nachts im Bette seine Ruhe hat,
so ist man schon zufrieden. - Hm, ja - des Nachts im Bette! Ja freilich, das
sagte schon der weise Salomo oder Sirach, wenn man da liegen und schlafen soll,
so kommen einem die Gedanken, die man des Tages bei Regen und Sonnenschein auf
der Landstrae vertreten hat, und leiden es nicht. Wie oft bin ich da zu meinem
seligen Schwiegervater hingetreten und habe ihm zugeredet: Na, Vater, so lassen
Sie doch die Knie zwischen den Armen weg und legen Sie sich nieder - es ist
alles in Sicherheit und Frieden auf und um die Rote Schanze. Ja, Strzer, alter
Freund, Sie htten sich doch einen Trunk von meiner Frau einschenken lassen
sollen zur Auffrischung. Was haben Sie denn? Tine Quakatz gibt's gern und ein
freundlich Gesicht dazu, vorzglich so einem langjhrigen guten Bekannten wie
Sie. Wirklich, Strzer, Sie machen ja wieder ein Gesicht, wie, wie neulich -
dort auf dem Maiholzener Kirchhofe, als ich Ihnen an unseres seligen Vaters
Grube den Spaten zureichen wollte. Wissen Sie wohl, lieber Strzer, da Sie mich
eben lebhaft an des Bauern Quakatz Mienen erinnerten, wenn man ihm wieder mal so
durch die Blume zu verstehen gegeben hatte, da doch er - er - Kienbaum
totgeschlagen habe? Strzer, Sie sollten doch daran denken, sich endlich zur
Ruhe zu setzen! Sie werden doch zu alt und knickebeinig fr die Last, die Ihnen
das Schicksal als Ihr Teil vom Gewicht der Welt auf den Buckel gelegt hat. -
Darauf antwortete, sagte er denn - wenn man es antworten, sagen nennen konnte -
ja, ich mge wohl recht haben, er wolle es noch einmal mit seinen Kindern
bereden. Und dann ging er wenn man das gehen nennen konnte, und ich lie ihn
laufen und sah ihm blo so lange nach vom Wall des Herrn Grafen von der Lausitz,
bis er auf dem Wege nach Maiholzen um die Buschecke bog. ndern lie sich nun
fr mich nichts mehr an der Sachlage, so gern ich es gemocht htte; aber die
Beruhigung, endlich mal ber etwas ganz im klaren zu sein, bedeutet oder bringt
nicht immer dem Menschen das, was er, erleichtert aufatmend, eine Beruhigung
nennt. Was nun? ist gewhnlich fr besagten armen Teufel und geplagten
Erdentropf an seine genauere Kenntnisnahme im gegebenen Fall geknpft, und so
auch bei mir. Was wrdest du in meiner Stelle auf die Frage in diesem Falle
getan haben, Eduard?

Es kommt wirklich nichts darauf an, was ich damals geantwortet habe oder
antworten konnte. Es gengt, da er, wahrscheinlich ohne meine Antwort
abzuwarten, fortfuhr: Was mich anbetrifft, so glaubst du sicherlich, da ich
wieder zuerst zu meiner Frau ging, irrst dich jedoch. Diesmal ging ich zuerst
hinten in die Kammer zu meinem Riesenfaultier, besah mir dessen saubere Reste
noch einmal und sagte: Alter Gesell, was htte es denn dir gemacht, wenn
Stopfkuchen ein paar Wochen oder ein paar Jahre dich spter aufgedeckt htte?
Und nachdem das gute Tier mir die gengende Antwort gegeben hatte, ging ich
wieder zum Tinchen und besah auch das mir wieder einmal genau, von der Frisur
bis zu den Schuhspitzen; und dabei dachte ich denn ausnahmsweise auch mal ein
bichen an mich. Ich streichelte dem Herzen die Backen: so unsgliche Mhe hatte
es mich gekostet, dies behagliche, reinliche, zierliche Rom aufzuerbauen - und
nun sollte das alles umsonst sein? Und warum? Wegen wessen? Wofr und wozu?
Kienbaums wegen? Der ewigen und der menschlichen Gerechtigkeit wegen? Ich sah
mir mein Weib an, sah mir die Zeitgenossenschaft an und nahm jeden aus der
letztern, soweit sie um die Rote Schanze herum wohnte, vor. Um nachher von der
Gesamtheit keinen Vorwurf zu verdienen, nahm ich es mit jedem einzelnen ernst;
und - ich fand nicht einen drunter, dem ich persnlich verpflichtet gewesen
wre, ihm sofort bekanntzumachen, wer in der Tat Kienbaum totgeschlagen hatte.
Aber die ewige Gerechtigkeit? wirst du fragen, Eduard. Ja, sieh mal, lieber
Freund, in deren Belieben hatte es, meiner Meinung nach, denn doch lange genug
gelegen, das Ihrige zur Sache zu tun. Da sie es nicht getan hatte und den Vater
Quakatz allein hatte suchen lassen, so hatte sie von seinem Schwiegersohn gar
nichts zu verlangen: ich aber durfte sie dreist ersuchen, jetzt meine Frau mit
den widerwrtigen Geschichten wenigstens so lange, als es gar nicht anders ging,
in Ruhe und Frieden zu lassen. Blieb also nur die Frage: Aber du? Nmlich ich,
lieber Eduard - Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen. - Dir sitzt doch nun
mal der Floh im Ohr, Heinrich! Willst und kannst du ihn wirklich ruhig sitzen
lassen, ohne den Kitzel wenigstens wegzujucken? Ein Gott htte man sein mssen,
um das zu knnen, und, wie ich mich auch schtzte, auf diesen hohen Standpunkt
oder bis zu dieser, wenn du lieber willst, Dickfelligkeit hatte ich mich noch
nicht erhoben, und da sagte ich mir denn: Na, so kratze dich, da es juckt und wo
es juckt! Sitze erst mal selber zu Gerichte ber den verjhrten Snder: nimm ihn
mal unterwegs vor, aber allein! Ist dir in der Sache schon einmal allein der
Prsentierteller unter die Nase gehalten worden, so macht sich das sicherlich
auch zum andern Male. La sie dich nicht umsonst Stopfkuchen genannt haben. Fri
auch dieses fr dich allein herunter. Und am liebsten auch wieder unter der
Hecke, so unterm Brombeerbusch, bei ruhigem blauem Himmel und heller Sonne, mit
den Feldgrillen als Beisitzern und dem Angeklagten, dem Landbrieftrger
Friedrich Strzer, auf dem Chausseegrabenrand dir gegenber... Aber Kind, Meta,
so la dich doch endlich mal wieder sehen! Heraus da aus dem dunkeln Winkel und
hier an den Tisch, Mdchen!
    Der Folterer klopfte mit dem Hammer an die Daumschrauben - nein, er klappte
mit dem Deckel seines Kruges, und Meta, bleich, aufgeregt, mit fliegendem Atem
wankte hinter ihrem Schenktische hervor.
    O Gott, Gott, Herr Stopf- Herr Schaumann, lieber Herr Schaumann, ich kann
ja nichts dafr, aber -
    Gehorcht hast du. Nun, weit du, denn mach es dir bequemer, setz dich her
und hre weiter. Aber erst noch einen Schoppen und dem Herrn da - nein, der
scheint nicht mehr zu wollen; aber er hat auch nur zugehrt und seinen
genauesten Freund reden lassen. So, jetzt rcke her, Herz, und la dir erzhlen.
Deine Abend-Stammgste kommen ja wohl bald? Ich hre die Schritte der groen
Bruderschaft der Erde nahen; und siehst du, Eduard, besser konnte sich die Sache
gar nicht fr mich machen: der alte Strzer ist tot, hat seinen fnfmaligen
March, um die Erde vollendet, und zu dem Tinchen kommt morgen Frau Fama auf ein
halbes Stndchen zum Besuch und setzt sich zu der Erbtochter der Roten Schanze
eine Weile auf den Grabenrand des Prinzen Xaver von Sachsen; und ich habe es
nachher wirklich behaglicher mit meinen dazugehrigen Kommentaren. Das Glas ist
aber schlecht eingeschenkt, Jungfer!
    O Gott, darauf achten Sie noch? Darauf knnen Sie jetzt achten, Herr
Schaumann? schluchzte das entsetzte, zitternde junge Ding.
    Da, setz dich her, Krabbe, und sperr jetzt weiter die Ohren auf und nachher
den Schnabel, meinetwegen, so weit du willst: des Menschen Maul tut heute in
dieser Angelegenheit keinen Schaden mehr. Wenn das Schicksal will, da Leute
zusammenkommen, wei es das schon einzurichten. Ich tat in diesem Falle gar
nichts dazu: ich ging meine Wege und lie Strzer die seinigen gehen; ihm
irgendwo hinter einem Busch einer meiner Hecken aufzupassen und ihn beim Kragen
zu nehmen lag nicht in meiner Natur. Meine Wege? Sie fhrten mich nimmer weit
ber meinen Grenzwall hinaus, aber doch von Zeit zu Zeit wenigstens ein wenig
hinein in die Feldmark. Bist du Mitgrnder und Aktieninhaber einer Zuckerfabrik,
so siehst du auch in Afrika dann und wann nach deinen und der andern Rben, so
faul du auch sonst auf deiner Lwenhaut liegen und Gier-Maul-Affen feilhalten
magst. Auf einem dieser beschwerlichen Gnge kam es denn zu der
Auseinandersetzung. Du weit, wo die kaiserliche Poststrae von der Stadt her
nach Gleimekendorf durch das Bauerngehlz, den Papenbusch, fhrt. Die
Schlupfpfade unserer Jungenszeit laufen heute noch dort kreuz und quer, aber
teilweise immer auch noch auf die Landstrae zu. Der Busch ist ein wenig hher
geworden; aber der Graben, der ihn auf beiden Seiten der Landstrae von
derselben scheidet, ist ganz derselbe geblieben. Man mu ihn berspringen oder
hindurchsteigen, wenn man auf den Heerweg will. Und letzteres war meine Absicht.
Jaja, nur nicht zappeln, Mariechen oder Metachen! Ich bin ein wenig breit - auch
in meiner Schne-Geschichten-Erzhlungsweise. Aber dafr sind andere Leute desto
krzer, und so gleicht auch das sich im groen und ganzen immer wieder aus. Ob
die Zweige auf dem lieben Waldpfade um mich her sehr rauschten und raschelten,
als ich frderschiebend sie auseinanderbog, wei ich nicht. Jedenfalls wurde der
Mann, der da mit dem Rcken gegen den Busch auf dem Grabenrande sa, durch mein
und der Erinnyen Nherkommen nicht sofort aus seiner Beschaulichkeit aufgestrt.
Ausnahmsweise kamen die letztern auch mal wieder als Eumeniden. Meinetwegen,
wenn sich Zrnen und Wohlwollen im gegebenen Falle vereinigen lieen, war das
mir wahrhaftig recht! - Guten Tag, Alter! Hier ist's ja wohl gewesen?, und er
gab den Gru nicht zurck, und die Frage beantwortete er dadurch, da er herum-
und emporfuhr und seinen Wanderstab mit so verzerrtem Gesicht und mit solch
einem festen Griffe fate, da ich unwillkrlich auch den meinigen erhob und
rief: Sind Sie verrckt, Strzer? Soll etwa jetzt hier am Ort der gute Freund
Schaumann dran? Na, ich meine, wir lassen es bei dem einen bewenden, und die
Welt hat auch wohl genug gehabt an - Kienbaum! Darauf begab sich etwas, was ich
mir so nicht voraus hingemalt hatte. Da das arme Menschenkind seinen Knttel
fallen lie und den dicken Stopfkuchen fr den Jngsten-Gerichts-Boten in Person
nahm und abwehrend beide zitternde alte Arme ihm entgegenstreckte, das war in
der Ordnung; aber von berflu war's, da es sich selbst fallen lie und mit
einem: Herr, Herr! O Jesus, Sie wieder? die Bschung hinabrutschte, sich in
seinen Chausseegraben legte, und zwar aufs Gesicht - beide Hnde drunter, vor
den Augen, wie ein Kind, mit racheanlockend-hochgehobenem Hinterteil. Da hatte
ich die Bescherung! Ich bin fest berzeugt, wenn ich je in meinem Dasein ein
Nuknackergesicht gemacht habe, so ist's damals gewesen. Was blieb mir nun
anderes brig, als ebenfalls in den Graben hinunterzuchzen und den armen
Schcher an der Schulter zu rtteln und ihm zuzureden: So beruhigen Sie sich
doch nur, Strzer! Es ist ja die ganzen langen Jahre fr Sie recht gut gegangen;
also richten Sie sich wenigstens auch jetzt noch mal auf und zeigen Sie noch
einmal Ihr Gesicht. Ich gebe Ihnen mein heiliges Wort darauf, Alter, da ich mit
Ihnen ganz verstndig und ruhig ber die Sache reden werde. Ja, rede einmal
einer zu einem von euch, lieber Eduard, in einem solchen Falle mit Ruhe
vernnftig! Es dauerte eine geraume Weile, ehe auch diesem betrbten Snder das
bekannte Zucken ber die Schulterbltter lief und er noch durch andere Zeichen
und auch Laute bewies, da er verstehe, was der gute Bruder im
Erdendurcheinander auf ihn hineinspreche. Nachher haben wir denn freilich eine
ziemlich inhaltvolle Vertrauensstunde auf dem Grabenrande beieinander sitzend
miteinander zugebracht. Es wrde gewi ein zu starkes Stck gewesen sein, wenn
der alte Bursche mit seinem beneidenswertest dicksten Fell der ganzen Gegend
auch jetzt noch nichts von seinem Geheimnisse durch die Poren htte durchsickern
lassen wollen. Meinst du nicht auch, lieber Eduard?
    Ich meinte gar nichts mehr. Ich hrte den jetzigen Mann von der Roten
Schanze, den Erbnehmer des Mordbauern Quakatz, so sprechen im Goldenen Arm und
sa zu gleicher Zeit auch am Grabenrand im Papenbusch mit meinem Freund
Friedrich Strzer und hrte den reden von Afrika, und wie schn es da sein msse
und wie angenehm es sich von den Abenteuern und der Friedfertigkeit dorten lesen
lasse in dem wunderschnen Buche vom Herrn Levalljang.
    Stopfkuchen legte die Hand auf den Deckel seines Kruges.
    Jetzt noch nicht, liebes Kind. Nachher vielleicht noch einen letzten mit
dem fremden Herrn hier zum guten Beschlu. Ja, ja, ja, Eduard, was liegt doch
alles zwischen des Lebens Anfang und Ende? Und wie klar und nett legt sich so
alles auseinander und nebeneinander, wenn man mal dazu kommt, es sich zu
berlegen, wie die Sachen denn eigentlich mglich gewesen sind. Von dir, den
dein Freund Strzer mit seinem Monsieur Levaillant nach dem Kaffernlande
befrderte, rede ich nicht; von Strzer selber und dem Bauer Quakatz und seinem
Tinchen und so ein bichen beizu von mir ist die Rede. Und da sagte Strzer denn
jetzt zu mir: Ja, ich bin's gewesen, und ich habe es die ganzen langen Jahre
getragen, da ich es gewesen bin und da sie nach mir vergeblich gesucht haben.
- Hm, und weiter haben Sie sich nichts dabei gedacht, als ob man Sie wohl finden
werde, Strzer? - O du meine Gte! - An meinen armen Schwiegervater haben Sie
zum Exempel nicht gedacht? - O Gotte doch ja, Herre! Aber nur so recht
eigentlich nicht, liebster Herre! Es hat mir zwar wohl recht leid getan, wie er
so um nichts und wieder nichts hat verkmmern mssen in seiner unverdienten
Verlassenheit; aber ndern habe ich ja doch nichts dran knnen! Und er war dabei
ja auch immer ein wohlhabender Mensche und hatte sein reichliches Auskommen und
hat auch zurckgelegt. Das war doch ein Trost, und sie konnten ihm ja auch
niemals viel anhaben von Gerichts wegen! Aber denken Sie nur ja nicht, da es
mir nicht immer ein Angehen gewesen ist, der Roten Schanze von Amts wegen nahe
zu kommen. Und wenn es mglich war, schickte ich auch immer einen andern mit den
Briefschaften und der Zeitung hinein. O Herr Schaumann, Herr Schaumann, von Amts
wegen mute ich ja auch tagtglich, tagtglich, tagtglich da vorbei, wo - wo
ich die Tat begangen habe. Von dem Elend half mir auch keiner, grade wie ich dem
Andres auf der Roten Schanze nicht von seinem Verdru meinetwegen helfen konnte!
- Nicht helfen konnte, Strzer? - Nein, Herr, leider nicht! Denn es war gegen
die Natur. Ach Barmherziger, wenn ich es nur ausdrcken knnte, wie ganz und gar
es gegen meine Natur war! - Eine saubere Natur, Strzer! - Wie oft, Herr, habe
ich dasselbe mir gesagt, hier, wo wir sitzen, auf den Knien, wenn ich den Busch
und die Strae fr mich alleine hatte! - Hier? - Ja, hier im Papenbusch auf der
Stelle, wo ich's ihm heimgezahlt habe, was er von Kindsbeinen an an mir
gesndigt hatte. Wenn es ber das rechte Ma dabei gegangen ist, so habe ich vor
dem barmherzigen Gott die langen, langen Jahre schwer an der Verschuldigung und
der Bangnis getragen. Es hat mir zu gar keinem Troste verholfen, was Kienbaum
fr ein Mensch und im besondern gegen mich gewesen ist. Ich habe es aber auch ja
erst am andern Tage vernommen, was meine Tat gewesen ist! Htte ich ihn hier vor
mir liegen sehen, htte der Bauer von der Roten Schanze, der Herr
Schwiegervater, wohl nicht meine Schuld auf sich zu nehmen brauchen: da htten
sie mich ganz gewi bei der Leiche gefunden und mich gleich mit sich nehmen
knnen vor den Richter. Die eine Nacht zwischen dem einen Abend und dem einen
Morgen hat es gemacht, da mich mein Gewissen doch verhltnismig in Ruhe
gelassen hat, da aber dafr mir und dem Herrn Papa die schwere, schwere
Lebenslast aufgeleget worden ist. - Hm, hm, Strzer, es lt sich hren, was Sie
da sagen; aber ein etwas zu gemtliches und jedenfalls sehr bequemes Gewissen
ist's doch, was Sie in Ihrer Brust tragen. Ihre Posttasche da knnte ungefhr
dieselben Gefhle wie Sie fr den Inhalt der Briefschaften in ihr hegen. - Ich
verstehe nicht recht, was Sie meinen, Herr Schaumann, und wie es in so
schrecklichen Sachen mit anderen ist, wei ich auch nicht; aber eines wei ich,
da es ja nun heraus ist und durch Ihre gtige Vermittelung die Menschheit sich
ja nun wird beruhigen knnen. Und was den lieben Herrgott angeht, ach Gott, so
mu ich mich in bitterer Reue damit vertrsten, da er Kienbaum gekannt hat und
mich in meinen jungen Jahren auch gekannt hat und besser als ein anderer
Bescheid wei, wie es gekommen ist. - Jawohl, aber besser Bescheid mchte doch
auch ich jetzt darum wissen. - Was Sie nachher mit mir machen wollen, das liegt
ja nun ganz bei Ihnen. Um mich selbst ist es mir nicht mehr - Kinder und
Kindeskinder mssen aber zusehen, wie sie sich mit dem Geruch, den der alte
Grovater ihnen hinterlt, abfinden. So ein oder zwei Jahre fehlen wohl noch an
der Verjhrung. Ich dachte, ich brchte es noch bis dahin! Aber das ist nun eben
wieder mal ganz anders gekommen. Also, wenn auch nur des Herrn Schwiegervaters
wegen, tun Sie, was Sie mssen, Herr Schaumann, und fr recht halten! - Darber
spter. Erzhlen Sie jetzt, wie die Sache war und sich zugetragen hat. - Ach,
das ist es ja grade, da da gar nicht viel zu erzhlen ist, so schlimm es auch
ausgegangen ist. Es ist nicht einmal ber ein Mdchen oder ber Geld und
Geldeswert, wie es sonst zwischen anderen zugeht, zwischen uns beiden
hergekommen. Es hat sich nur blo gemacht durch den bsen Feind, wie es sich hat
machen sollen. Wir sind nmlich in einem Alter, Kienbaum und ich, und haben in
zwei Wiegen gelegen, die sozusagen Wand an Wand standen, und sind miteinander
aufgewachsen und haben einer den andern ganz genau kennenlernen knnen. Es war
nicht viel an ihm, Herr Schaumann, und es ist mir diese lieben langen Jahre
durch manchmal wenigstens ein kleiner Trost gewesen, wenn ich dieses Wort ber
ihn auch aus anderer Munde habe vernehmen drfen. - Ein sauberer Trost,
unglckseliges Menschenkind! - Jawohl, unglckseliges Menschenkind! Da haben Sie
recht; aber dafr und dessenungeachtet und grade darum hat man wohl das Recht,
jede Trstung auf dem schweren Wege mitzunehmen. Herr, Herr, wie hat mir der
meine Wege schwer gemacht von Kindsbeinen an, von Schulwegen an bis auf diese
knigliche Landstrae hier! Er ist es gewesen, der mir auf der Schulbank den
Schimpfnamen Storzhammel erfunden und fr mein Leben angehngt hat. Er ist es
gewesen, der mir von der Schulbank an von allen Menschen am meisten den
Unterschied zwischen Armut und Wohlstand und zwischen einer langsamen
Besinnlichkeit und einem hellen Kopf mit Bosheit und groem Maul zu erkennen
gegeben hat. Herr, Herr, sein Blut klebt an mir, und ich will es heute noch
durch meines gerne abwaschen, wenn das so wie jetzt so von selber sich macht,
ohne mein Zutun: aber Herr, Herr, er - Kienbaum mu auch fr das Seinige
aufkommen, was er mir an Angst vor ihm und Zorn und Wut und Verdru gegen ihn
von Kindsbeinen an fast tagtglich aufgelegt hat. Denn der liebe Herrgott hatte
ihn ja auch in seinem Beruf nachher auf die Chaussee gesetzt als reichen
Viehhndler. Herr, wenn da an jeder Ecke ein frherer alter Raubritter auf mich
und meine Briefschaften gelauert htte, htte es nicht schlimmer sein knnen,
als sich ewig sagen zu mssen: Gleich kommt wieder Kienbaum angefahren und
bietet dir die Tageszeit auf seine Weise. Herr Schaumann, Sie sind hier als ein
guter, stiller Mensch bekannt, und ein stiller Mensche bin auch ich mein Lebtage
gewesen und fr mich hingegangen und habe alles gehen lassen und auch ihm
jahrelang seine Briefe in Gleimekendorf ins Haus getragen und mir von Amts wegen
seinen Gift- und Hohnspott gefallen lassen, bis mir in der Schreckensstunde
hier, hier im Papenbusch, sein und mein Schicksal, und des Herrn Schwiegervaters
kummervolles Schicksal auch, auf den Hals gefallen ist. Herr, Herr, und so wahr
ich lebe, nur durch mein halbes Zutun und ganz durch den schrecklichen Zufall!
Da es nur ein Zufall gewesen ist, das wei der hchste Richter und hat mich
auch wohl nur dessentwegen doch in ein verhltnismig ruhiges hohes Alter
kommen lassen; und das ist denn so mein zweiter Lebenstrost gewesen bei
Gewittersturm und Hagel, Schnee und Hitze auf der Chaussee, tagein, tagaus mit
sich selber alleine und seinen Gedanken. Ja, Herr Schaumann, jeder macht sich
das auf seine Weise zurecht. Nicht wahr, Sie machen es sich auch eben auf Ihre
Weise zurecht, was nun Ihre Pflicht gegen mich, und Ihre liebe Frau und den
alten Quakatz und Kienbaum ist? - Ich wollte freilich, Ihr lieber Herrgott htte
einen andern damit betraut, Strzer! - O lassen Sie sich das nicht anfechten:
ich bin bereit, da es jetzt so mit der Offenbarung gekommen ist. Heute - morgen
- bermorgen! Und es soll mir kein irdischer Gerichtsherr beim Verhr eine Lge
nachsagen. Darauf lege ich Ihnen schon jetzt einen heiligen Eid ab. -
Stopfkuchen mit Storzhammel im Beichtstuhl als Beichtvater und -kind, mein guter
Eduard! - Was soll man machen, seufzt das letztere, das Beichtkind, wenn man
eigentlich ohne jegliche Wehr und Waffe gegen jeglichen Schlingel von Jugend auf
geboren ist? O Gott, Gott, Gott, es ist ja gewilich ein Mord gewesen, den ich
an Kienbaum begangen habe; aber es gehrt eben alles dazu, im kleinen und
allerkleinsten wie im groben und allergrbsten, was mir der Mann als Junge und
junger Mensch und Mannsmensch angetan hat. Und mir hat Kienbaum so ziemlich
alles angetan, was kein Junge vom andern ertrgt! Wenn seine Pffe und Knffe
beim alten Kantor Fuhrhans mir an der Haut haftengeblieben wren, so wre heute
kein weier Christenflecken mehr an mir, sondern alles blau, grn und gelb. Und
wenn die Wuttrnen, die ich hinter ihm drein verschluckt habe, jetzt ausbrchen,
so gb's drei Eimer voll! Ich habe Ihnen wohl vorhin gesagt, es sei ber kein
Mdchen so gekommen, aber dabei ist doch eines gewesen. Nmlich beim Militr.
Als wir zwei beim Militr auch vom Herrgott wie aneinandergenagelt waren. Ich
wollte nichts von ihr, aber ich habe sie ihm, mit seinem Kind bei sich, aus dem
Wasser geholt, in der ganzen Garnitur Numero zwei, und es wre besser gewesen,
ich htte sie drin gelassen, die zwei armen Geschpfe. Um die Alimente hat er
sich nachher weggeschworen, und so ist das Kind unter der Hecke verkommen und
sie im Zuchthause. Aber davon will ich gar nichts sagen; denn im Grunde ging das
mich doch eigentlich weiter nichts an als im allgemeinen menschlichen Gefhl.
Aber sein Wohlstand! ... Ich habe auch vorhin bemerkt, da es nicht um Geld und
Geldeswert zwischen uns zum Schlimmsten gekommen ist, und das verhlt sich auch
so. Ich war ihm nichts schuldig und er mir nichts. Doch da ihn sein Geschft
und Reichtum auf die Landstrae fhren mute, das war das Bse. Da der
Viehhandel das richtige fr ihn war, wenn auch nicht immer fr seine Kufer und
Verkufer, das ist sicher: aber weshalb konnte ihn der liebe Gott denn nicht auf
eine andere Weise zu seinem Besitz kommen lassen und mute mich mit ihm immer
tagtglich, tagtglich, tagtglich mit seinem Hohn und Spott und Stolz
zusammenbringen? Er hatte den Hof in Gleimekendorf gekauft, mitten in meinem
Amtsberufsbezirk, und so mute er an mir vorbei, aufgepustet zu Pferde oder zu
Wagen - an mir zu Fue. Unsere jungen Herren auf der Post haben es sich schon
lange vorgenommen, sich es mal auszurechnen, wie oft ich jetzt zu Fue um die
Welt gelaufen bin. Damals mochte ich nach meiner Berechnung wohl einmal drum
herumgewesen sein, aber es gengte, wenn mir tagtglich so ein Halunke begegnen
mute, der von seinem Wagen, wenn er Sie von hinten treffen kann, Ihnen auch mit
der Peitsche einen Schnipser gibt und im Davonjagen Sie hochneckt: "Bh, bh,
Storzhammel! Lauf dich zum Teckel, bring mir die Lujedors und hol dir deinen
Briefgroschen; Kienbaum ist mein Name!" Herr Schaumann, damit geht es denn bis
einmal zum berflieen. Und zum berflieen ist es gekommen; und wenn es nicht
so eine schauderhafte Tat wre, wre gar nichts Besonderes dran. O du lieber,
barmherziger Himmel, wovon hngt es doch ab, da der Mensch seine ruhigen
Lebensstunden und Nchte und sein reines Gewissen behlt oder sie sich oder
einem andern wie Ihrem Herrn Schwiegervater, Herr Schaumann, fr sein ganzes
Dasein verderben mu? Grad so ein schner Abend wie heute war's. Blo ein
bichen gewitterschwler als wie heute. Und ich hatte einen sauern Tag gehabt -
die Tasche voll und dazu ein halb Dutzend Geldbriefe, was mir immer das
beschwerlichste gewesen ist, von wegen der Verantwortlichkeit und genauer
Eintragung und nachheriger Abrechnung im Bro. Ich fhle es durch alle Knochen,
wie ich von Krften bin, und schleiche her und komme hierher in den Papenbusch,
als die Dmmerung sich eben ins Gehlz genistet hat. Der Ewige Jude bist du doch
nicht, Strzer, sage ich mir. Fnf Minuten wird's ja mal Zeit haben, und da fat
mich der Teufel, oder der liebe Herrgott will's, und ich setze mich die fnf
Minuten hier auf den Grabenrand: o htte mir doch der Himmel lieber fnf Minuten
vorher einen durchgehenden, vierspnnigen Heuwagen ber den Leib gehen lassen!
Und jetzt fehlte dir blo noch Kienbaum bei deinem jetzigen Kaputtsein, mu ich
auch noch sagen. Und in dem nmlichen Augenblick mu ich auch schon aufhorchen:
denn dort um die Ecke her kommt Rderwerk, und ich hre schon von weitem, wie
einer auf seine Gule haut und schreit: "Verfluchte Karnaljen!" Da fhrt's mir
giftig durch: Na, da haben wir das Vergngen schon! Und ich wute, da mir heute
wieder mal gar nichts von meinen Molesten geschenkt werden sollte. Ich mache
mich auch auf alles gefat, aber ich fasse diesmal in der Gewitterluft auch nach
meinem Stocke neben mir und sage mir: Strzer, im Notfall sei mal 'n Mann und
wehre dich gegen den hhnischen Grobsack! Aber auch dies kommt anders wie
meistens bei solchen Gelegenheiten. Als mich Kienbaum sitzen sieht, zieht er die
Zgel an und hlt mit seinem leeren Viehwagen. Ich denke: Na, heute hat er's gut
im Sinne, und so ist's auch gewesen. Er hat mal ausnahmsweise einen noch
Schlauern als wie er gefunden. Wie sich nachher ausgewiesen hat, Ihren Herrn
Schwiegervater, den Bauer von der Roten Schanze, Herr Schaumann. Der
Ochsenhandel ist nachher vor Gericht breit genug getreten worden als Indizium
gegen den Bauer Quakatz von der Roten Schanze. Da der Herr Schwiegervater nach
dem Geschft am Morgen am spten Abend auf dem Wege nach Gleimekendorf gesehen
worden ist, das war das zweite Indizium, wie Sie wissen, Herr Schaumann. Es
hatten zu viele in der Stadt, im Blauen Engel, vernommen, wie sie sich um Mittag
einen Schuft, Halunken und Spitzbuben um den andern an die Kpfe geworfen haben;
aber an wem soll's denn nachher so ein Mensch wie Kienbaum, wenn er die unterste
Hand im Spiel gehabt hat, besser auslassen als an so einem wie ich? Ich bitte
Sie! ... Ihr Herr Schwiegervater und er haben sich nicht mehr im Papenbusch
getroffen, aber auf mich, seinen Storzhammel, trifft Kienbaum daselbst - hier -
hier - an diesem Platze grade zur richtigen Stunde fr seine Gefhle. Er hlt
seinen Wagen an, und ich bin aufgestanden und habe meine Tasche zurechtgerckt
und meinen Stock fest gefat. Ich sehe ihn in der Dmmerung sein Gesicht auf
seine Weise verziehen, und da schreit er mich schon an: "Richtig, Storzhammel!
Na, sitzt er wieder und brtet anderen die Eier aus? Hast dich heute mal wieder
fr fnf Groschen zum Teckelhund gelaufen, du Bldbock? Nimmst es mir doch nicht
bel? Sind ja die besten Kameraden von der Schulbank und dem Regiment her! Da -
reich mir die Hand, mein Leben!" Und damit haut er mit seiner Peitsche, was er
nach seiner Manier fr einen guten Spa hlt, nach mir hin, da sich die
Schwippe mir um den Arm legt und mir einen blutigen Striemen ber die Hand
zieht. So arg hatte er's wohl nicht im Sinne gehabt; aber was nun kam, das mute
eben dadurch kommen. Ich lasse den Stock fallen und greife im Schmerz nach ihm
auf dem Erdhoden; aber dafr kommt mir, barmherziger Gott, an seiner Statt der
nchstliegende Feldstein in die Hand. Gedacht hab ich mir nichts bei dem Wurfe,
und gezielt habe ich auch nicht, aber getroffen hat es - durch Gottes und des
Satans Willen. Ich sehe, wie der Mann nach der Seite schwankt und den Zgel
schttelt. Die Pferde ziehen an, der Wagen fhrt an mir vorbei in die nchtliche
Dmmerung herein. "Nimm's mit nach Hause und leg eine kalte Messerklinge drauf,
du Lump!" rufe ich nach. Ob er es noch vernommen hat, kann ich nicht sagen.
Meine Meinung ist nachher in mancher bangen Nacht und Stunde gewesen, da er's
nicht gehrt haben kann. Es ist mir trotz meiner Wut wohl etwas kurios, da er
mit seinem Kurs nicht auf der Strae nach Gleimekendorf bleibt, sondern
rechtsum, dort in den Wald- und Holzweg nach der Roten Schanze einbiegt, aber
geachtet hab ich in meiner Wut auch nicht weiter drauf, sondern bin nach Hause
gegangen und habe bis nach Hause an meinem wunden Handgelenk gesogen wie ein
geschlagenes Kind. Was dann nachher sich herausgestellt hat, Herr Schaumann,
wissen Sie ja selber ebensogut als ich. Sie wissen, wie die Gule auf dem
Holzwege in den Schlenkerschritt gefallen sein mssen und auch wohl stundenlang
ganz stille gehalten haben, bis sie sich auf dem Feldwege um Mitternacht nach
Gleimekendorf auf ihren Hof und vor ihren Stall gefunden haben. Da kommen sie
mit Laternen und gucken in den Wagen und finden Kienbaum im Stroh, und die
Doktoren haben es herausgekriegt, da es ein Schlag oder Wurf an die linke
Schlfe gewesen sein mu, der das Unglck gemacht hat. Alles steht in den Akten
ganz genau, nur ich nicht. Ich komme nur beilufig darin vor als wie einer, den
Kienbaum auch noch, auf der Chaussee getroffen und mit dem er sich unterhalten
hat. Ach Gott, Herr Schaumann, weshalb hat mich der Herrgott so geschaffen, wie
er mich geschaffen hat, wenn er mir dies Schrecknis dazu schaffen wollte? Der
Menschheit und der Juristerei ist es nicht zu verdenken, da sie in dieser Sache
sich an Quakatz gehalten hat und nicht an den Landbrieftrger Strzer. In seiner
Natur und Stellung zu ihm lag's, Kienbaum totzuschlagen. In meiner nicht! Gott
sei Lob und Dank, sie haben mich wenigstens nicht zum Zeugen gegen ihn, Ihren
Herrn Schwiegerpapa, aufgerufen. Da htte ich mein schweres Herz auf den grnen
Tisch legen knnen; aber mich so nach angst vollen Nchten und einsamem
Tagesmarsch von selber angeben - - ich habe es versucht, aber es ist nicht
gegangen - ich habe es wollen, aber ich habe es verschoben - immer weiter
verschoben, und so sind die Jahre hingegangen, und dem Bauer auf der Roten
Schanze ist es trotz seinem Verdru immer besser ergangen. Die stille Angst, die
stille Angst durch ein Menschenalter, Herr Schaumann! Mit jedem Briefe habe ich
sie tagtglich durch ein Menschenalter rund um die Rote Schanze her und auf ihr
den Menschen abgeben mssen und habe es doch nicht knnen - habe mich doch nicht
selber angehen knnen als den Tter von der Tat, als Kienbaums Mrder. Herr,
Herr, es ist zwar eigentlich zu spt, aber ich lege Ihnen kein Hindernis in den
Weg: - Sie brauchen mich nicht an der Schulter zu nehmen: ich folge gern und
gutwillig, wenn Sie mich jetzt, heute abend, in die Stadt bringen und dem ersten
am Tor sagen: "Der ist's gewesen! Er hat es eben ganz von selber gestanden!" -
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Was ist denn das? Noch kein Licht hier? sagte der erste Stammgast. Bald
sollen wir uns unsere Erleuchtung wohl selber mitbringen? Meta, Sie, wo stecken
Sie denn?
    Hier, Herr Staatsanwalt! O Gott, ja, gleich! rief das Mdchen mit
zitternder Stimme. Auch das angezndete Streichholz zitterte in ihrer Hand, und
es gelang ihr nur nach wiederholt milungenen Versuchen, das Separatzimmer der
besten Mnner im Goldenen Arm in ein helleres Licht zu setzen.
    Siehe da, die Herren! sagte der Staatsanwalt. Was, Schaumann, und nun
wollen Sie gehen, da wir eben kommen? Ei was, Stopfkuchen, alter dicker Freund,
und du, Eduard, jetzt bleibt einmal sitzen wie in andern, schnern Zeiten. Was
noch von der alten Korona in diesem Jammertal vorhanden ist, verzeiht es mir
nie, wenn ich euch jetzt ruhig laufen lasse, den einen nach seiner Roten
Schanze, den andern nach seinem schwarzen Afrika. Meta, jedem der Herren auch
noch einen Schoppen! Kinder, das ist ja zu famos, das kann ja endlich mal wieder
ein fideler Abend nach der guten alten Art werden. Na, ihr bleibt, was?
    Wie gerne, wenn es ginge und mein Leibarzt es mir nicht untersagt htte,
lachte Stopfkuchen. Ach, wenn Sie nur eine Ahnung davon htten, Schellbaum, wie
streng mir der Mensch, der Oberwasser, geistige Aufregung jeder Art untersagt
hat, Sie lieen mich wie in andern, schnern Zeiten ruhig unter meiner Hecke.
    Wir nahmen unsere Hte. Das Zimmer hatte sich jetzt schon mehr gefllt, aber
glcklicherweise mit Stammgsten, die nichts mehr von Joseph wuten und den
dicken Schaumann nur von Hrensagen und von ferne kannten. So kamen wir
glcklich endlich hinaus auf den Vorplatz, und dorthin kam die arme Meta,
zitternd vor Aufregung, uns nach.
    O Gott, o Gott, Herr Schaumann, aber ich habe ja alles mit angehrt! Ist es
denn mglich? Und die Herren da drinnen! Darf es denn jetzt jeder wissen? Darf
auch ich jetzt alles den Herren heute abend sagen?
    Alles, mein Kind.

Dem Kapitn wird die Sache immer unheimlicher. Eben sagt er: Herr, da das
Trinkwasser auf dem Schiffe ausgeht, das passierte frher fter, kann auch heute
noch vorkommen und hat seine Unbequemlichkeiten; aber was sagen Sie, wenn ich
Ihnen trnenden Herzens signalisieren mu: Sir, wir sind beim letzten Droppen
Dinte angekommen? Well, da ist es ja ein wahres Glck, da wir von morgen an
nach dem Tafelberg ausgucken knnen.
    Das ist es, old friend!
    Und der alte Seebr stieg wieder auf Deck, kopfschttelnd und vor sich bin
brummend, da so 'ne verdammte Schreiberei gottlob doch nur eine Ausnahme auf
dem Wasser sei. Ich bin fest berzeugt, in drngender Not htte er mich fr den
Unheilsvogel auf seinem Schiff genommen und ohne groe Gewissensbisse ber Bord
in die tosende See befrdert, um die brige Ladung durch das shnende Opfer zu
retten. - -
    Wir, Stopfkuchen und ich, aber standen wieder vor dem Goldenen Arm unter dem
stillen, warmen, dunkeln Sommerabendhimmel, und ich trocknete mir die Stirn
nicht weniger ab wie der erstaunliche dicke Freund. Er hatte die Geschichte von
Kienbaums Morde nicht blo mit seiner drhnigen, langweiligen Redegabe von sich
gegeben, er hatte sie auch ausgeschwitzt, sie durch die Poren aus sich
herausgelassen. Ich aber, hatte ich darum drauen soviel zu Wasser und zu Lande
erlebt, um in dem stillen Heimatwinkel vor Stopfkuchen und Storzhammel zu stehen
wie vor etwas weder von mir noch von irgendeinem andern Menschen je Erlebten?
    Wer von beiden war mir nun der Unbegreiflichste, der Unheimlichste geworden?
O dieser Strzer! O dieser Schaumann! - Mein alter, ltester Kinderfreund und
Spielkamerad Kienbaums Mrder! Er, der mich im Grunde doch ganz allein auf die
See und in die Wste durch seinen Levaillant gebracht hatte, dem ich mein
Rittergut am Kap der Guten Hoffnung einzig und allein durch seine
Unterhaltungen auf seinen Weltwanderungen, auf seinen Landstraen und Feldwegen
zu danken hatte. Es war nicht auszudenken, jedenfalls jetzt - augenblicklich
nicht weiter darber zu reden.
    Stopfkuchen begleitete mich zu meinem Gasthofe, und an dessen Tr tat ich
wenigstens noch eine Frage an ihn.
    Willst du nicht noch einen Augenblick mit heraufkommen?
    Lieber nicht, meinte Heinrich. Meine Frau hat sich schon seit Jahren
nicht mehr um mich gengstigt. Um diese Tageszeit bin ich immer zu Hause. Nun,
es ist freilich heute mal eine gerechtfertigte Ausnahme. Was tut man so einem
lieben, alten fremd gewordenen Freunde nicht alles zu Gefallen, um ihm das alte
Nest wieder heimelig und vertraulich zu machen! Wir sehen dich doch noch einmal
vor deiner Abreise, Alter? Du mut dir doch noch das Gesicht ansehen, was meine
Alte macht, nachdem sie auf die mir angemessenste Weise durch andere erfahren
haben wird, was ich ihr - nach der sichern Meinung der Welt morgen - schon
lngst selber htte sagen sollen. Gute Nacht denn fr diesmal, Eduard! Habe Dank
fr deinen Besuch; das war wirklich heute endlich mal wieder ein etwas
ungewhnlicherer Tag fr die Rote Schanze.
    Gute Nacht, Heinrich, sagte ich, augenblicklich nicht imstande, ihm noch
etwas anderes zu bemerken, und er schien dieses auch fr ganz selbstverstndlich
zu nehmen, denn er watschelte ruhig durch die angenehme Nacht seiner festen Burg
im Leben zu, mich mit ihm, seiner Frau, seinem seligen Schwiegervater, mit
Strzer und mit Kienbaum nun im Hotel allein lassend. Wenn ich ihn je in
vergangenen Jahren, wie er sich ausdrckte, unter seiner Hecke seinen Gedanken,
Gefhlen, Stimmungen, kurz, sich selber allein als eigenster Austrgalinstanz
anbefohlen hatte, so zahlte er mir das heute mit tausendfachen Zinsen zurck und
lie mich ihm nachgucken in die Nacht hinein, wie selten einem Menschen
nachgeguckt worden ist.
    Nun war ich unter meiner Hecke, in meinem heimatlichen Absteigequartier
allein und hatte die Nacht vor mir, um zu berlegen, was ich den Tag ber erlebt
hatte. Als aber die Morgensonne mir ins Fenster und auf die Bettdecke schien und
ich das Fazit von Wachen und Traum zog, fand ich, da ich mich sonderbarerweise
eigentlich nur mit Frau Valentine Schaumann, geborener Quakatz, und
verhltnismig recht wenig mit Kienbaum, Strzer, dem Papa Quakatz und mit
Stopfkuchen beschftigt hatte.
    Die Gute! Die Arme und Gute! ...
    Und konnte man es Stopfkuchen verdenken, da er um sie und ihre Rote
Schanze, um deren Behaglichkeit willen, endlich auch die irdisch Gerechtigkeit
als das Gleichgltigere, das weniger in Betracht Kommende angesehen hatte? So
wahrscheinlich bald nach Mitternacht hatte ich mich ganz in des Dicken Stelle,
das heit seine Haut versetzt, das heit war in dieselbe hineinversetzt worden.
Ich war zu seinem Leibesumfang angeschwollen und hatte mich auf die Hhe seiner
behaglichen Weltverachtung erhoben und hatte gesagt: Dem drren Afrikaner,
diesem Eduard, wollen wir nun doch einmal aus dem alten Neste heraus imponieren
und ihm beweisen, da man auch von der Roten Schanze aus aller
Philisterweltanschauung den Fu auf den Kopf setzen kann. Dem wollen wir einmal
zeigen, wie Zeit und Ewigkeit sich einem gestalten knnen, den man jung allein
unter der Hecke liegenlt und der da liegenbleibt und, um die Seele
auszufllen, nach Tinchen Quakatz sucht und, um den Leib bei Rundung zu
erhalten, die Rote Schanze erobert und in Muestunden von letzterer aus auch den
gestern vergangenen Tag als wie einen seit Jahrtausenden begrabenen
Mammutsknochen aufgrbt.
    Da berlegte ich mir in dieser Nacht, erst auerhalb des Wirtshausbettes und
dann in demselben, den mir eben vergangenen Tag noch einmal von Stunde zu
Stunde, von Wort zu Wort. Und mehr und mehr kam mir wieder zum vollen Bewutsein
der alte ganz richtige Satz vom zureichenden Grunde, wie ihn der alte Wolff hat:
Nihil est sine ratione, cur potius sit quam non sit, und wie es der
Frankfurter Buddha bersetzt: Nichts ist ohne Grund, warum es sey. - Wie mich
der Levaillant, bersetzt von Johann Reinhold Forster, in der Bibliothek des
Landbrieftrgers Strzer zu den Buren in Pretoria gebracht hatte, so hatte der
Steinwurf aus Strzers Hand nach Kienbaums Kopfe den Freund zu Tinchen Quakatz
gefhrt und ihn zum Herrn der Roten Schanze gemacht. Und so, wenn Kienbaum nicht
Kienbaum, wenn Strzer nicht Strzer, wenn Stopfkuchen nicht Stopfkuchen und
Tinchen nicht Tinchen gewesen wren, so wre auch ich nicht ich gewesen und
htte gegen Morgen ber dieser Mordgeschichte in den ruhigsten Schlaf versinken
und daraus erwachen knnen mit den beruhigenden Gedanken an das afrikanische
Rittergut und an mein Weib und meine Kinder daheim.
    Nun, die Sache hat sich ja noch ganz ertrglich gemacht.
    Fertig war ich freilich noch nicht mit ihr, der Sache nmlich. Das sollte
ich sofort von dem Gesicht des Kellners ablesen, als ich die Zimmerglocke
gezogen hatte und der Jngling mich erst eine geraume Weile angaffte, ehe er
meinen Wunsch nach frischem und nach warmem Wasser begriff. Und schon erschien
Freund Sichert, der Wirt, selber hinter ihm und starrte mich gleichfalls an und
rief:
    Aber, Herr, ist es denn mglich? Ich bitte tausendmal um Entschuldigung,
aber Sie sind ja der erste aus der Stadt, der's ganz genau von Herrn Schaumann
vernommen hat, wie es eigentlich gewesen ist! Und es sind auch schon einige von
Ihren verehrten Herren Bekannten unten im Speisesaal gewesen und haben sich
erkundigt, ob Sie noch nicht auf seien und ob es sich denn wirklich so verhalte
mit Kienbaum und mit Strzer.
    Nun ja, lieber Sichert. Es wird es ja wohl.
    Es ist doch nicht mglich! Ein Teil der Stadt ist ja freilich schon gestern
abend, gestern nacht vom Goldenen Arm aus darber in die grte Aufregung
geraten. Leider waren Sie bereits zur Ruhe gegangen, als die berraschung auch
noch zu mir drang, und ich nahm mir die Freiheit nicht -
    Mich zu wecken und sofort um die genaueste Auskunft anzugehen. Ich danke
Ihnen verbindlichst, lieber -
    Aber, mein Gott, Sie verzeihen, bester, verehrtester Herr, Sie sind doch
auch ein Stadtkind und gehren sozusagen noch zu uns, und womit man sich die
langen Jahre so schwer und interessiert herumgetragen hat - wenn da nun mit
einem Male eine so merkwrdige Aufklrung kommt! ... Und dieser alte Strzer! Es
hielt ihn ja keiner fr mehr als fr einen guten, unschdlichen alten Mann und
Hammel! Und heute morgen begraben sie ihn, dem Arme der irdischen Gerechtigkeit
vollstndig entzogen! Und unser verehrter Herr Schaumann von der Roten Schanze,
der doch schon lngst so viel zur vlligen Aufklrung htte tun knnen, der so
viel dazu htte tun knnen -
    Uns noch eine letzte angenehm-unheimliche Aufregung zu verschaffen. Ne, ne,
lieber Sichert, dazu war er eben zu dick, zu unbeholfen, zu schwerfllig, oder
wie Sie es sonst nennen wollen. Auch wohl ein wenig zu gutmtig und fr seine
Bequemlichkeit besorgt. Und dann - na, dann war es ja doch auch eine so alte
Geschichte, eine so verjhrte Sache, die im Grunde ja niemand mehr was anging
als vielleicht noch ein wenig seine Frau - Herrn Schaumanns Frau, eine geborene
Quakatz. Ja, weshalb sollten die beiden, und noch dazu von ihrer jetzigen ganz
sichern Schanze aus, um den alten, guten Strzer die hohe Justiz bemhen, ihr
auf die Sprnge helfen, um sie eigentlich doch nur dadurch zu beschmen?
berlegen Sie das einmal.
    Ich kann es doch nicht fassen! seufzte mein Herr Wirt und ging
kopfschttelnd und durchaus nicht befriedigt von mir. Ich aber fate mich an die
Stirn: Du lieber Himmel, wie sehr hatte Stopfkuchen recht! Schon was ich jetzt
ber mich nur kommen sah, gengte vollstndig, um mich nunmehr ganz in seine
Situation whrend der Zeit nach seinem pltzlichen Aufmerken an dem schnen
Sommermorgen beim Begrbnis seines Schwiegervaters zu versetzen. Sofort aber
folgte auch die berlegung: Und nun kannst auch du mit ausbaden, was der Dicke
hinter aufgezogener Zugbrcke der Welt so lange als mglich so schnde als
mglich vorenthalten hat! Und der Feistling ist auch jetzt noch imstande, seine
Schanze um sich und sein Weib herum noch mehr in Verteidigungszustand zu setzen,
die Bulldoggen, Fleischer-und Schferhunde, die giftigen Spitze, kurz, alle die
bissigen Wchter seines seligen Schwiegervaters wieder aus der Gruft zu
beschwren und dir, Eduard, es ganz allein zu berlassen, die Sache
Strzer-Kienbaum gegen die Menschheit auszutragen!
    Da der Mensch trotz seiner einladenden Worte noch einen zweiten Besuch von
mir erwartete, glaubte ich nicht mehr. Und ich habe es schon gesagt: die Rote
Schanze war der letzte Ort der Heimat, dem ich noch einen Besuch schuldig
gewesen war. Geschfte hatte ich nicht mehr zu Hause. Alle lieben und alle
schlimmen Erinnerungen hatte ich von neuem geweckt und konnte sie aufgefrischt
mit nach Kaffraria nehmen. Wenn ich durchging vor den Manen Kienbaums, lie ich
kaum ein Bedauern, sondern nur hchstens eine kurzlebige Verwunderung ber den
raschen Aufbruch hinter mir zurck. Es war niemand von beiden Geschlechtern
vorhanden, der mir den Rock zerrissen haben wrde bei dem Versuche, mich
wenigstens noch ein paar Tage zurckzuhalten.
    Wie wre es denn, wenn du den Kopf aus der Geschichte zgest, Eduard, und
dein Teil daran sofort mit auf das Schiff nhmest? Mit dem Wort oder vielmehr
Gedanken stand ich bereits nicht mehr auf dem festen Boden des Vaterlandes, ich
stand wieder auf meinen Seebeinen, auf den beweglichen Planken ber dem groen
Gewoge des Ozeans, und es blies mir ein sehr erfrischender Meerwind ins Gesicht.
    Ich gehe! sagte ich, und - ich ging wirklich und wahrhaftig. Stille
Vorwrfe lie ich dabei auer acht, und fr laute war ich ja immer noch in
Afrika zu finden und htte da gern jedem Rechenschaft abgelegt, das heit ihm
dies mein Schiffstagebuch zu lesen gegeben.
    brigens kostete es doch einige List und Mhe, blo die Heiligen Drei Knige
unverhindert hinter sich zu lassen. Nur durch etwas, was einer Bestechung recht
hnlich sah, gelang es mir, meine Rechnung sogleich und hinterm Rcken meines
Herrn Wirtes zu erhalten. Es kostete mich Geld, aber ich fand einen
dienstwilligen Geist, der mich des Hotelwagens berhob und mir mein Gepck ganz
verstohlen auf einem Schubkarren zum Bahnhof befrderte. Ich verkleidete mich
nicht, ich schlug mir nicht den Theatermantel um die Ohren und zog den
Schlapphut ber die Nase herab; aber ich verzog mich auch nicht auf dem offenen,
gradesten Wege, sondern entschlpfte durch die Hinterpforte und den Hausgarten
der Heiligen Drei Knige. Aus dem Garten brachte mich ein zweites Pfrtchen in
einen mir aus der Kinderzeit wohlbekannten, gottlob noch vorhandenen engen Pfad
zwischen andern Grten, Stallungen und sonstigen Hintergebuden. Htte ich
Kienbaum totgeschlagen und wren mir die Hscher auf den Fersen gewesen, ich
htte nicht behutsamer verduften knnen: und ich pries es jetzt als ein wahres
Glck fr mich, da sich in der Stadt doch verhltnismig wenig whrend meiner
letzten Abwesenheit verndert hatte und ich mit dem alten Haus- und Ortssinn
auch auf den weniger begangenen Wegen auskam.
    Es war gegen neun Uhr, als ich nicht durch die Stadt, sondern um sie herum
hinter den Grten zum Bahnhof wanderte. Da dieser Weg durch das Matthiviertel
fhrte, hatte ich bei meinem Wunsche, die Hauptstraen zu vermeiden, nicht mit
in Betracht gezogen und mich also nicht zu sehr zu verwundern ber das Getmmel,
in welches ich trotz aller augenblicklichen vorsichtigen Menschenscheu geriet.
    Es wre bertrieben, wenn ich sagen wollte, da die halbe Stadt auf den
Beinen war, um dem Begrbnis des Landbrieftrgers Strzer mit anzuwohnen: aber
ein gut Teil der Bevlkerung war doch versammelt in den Gassen und Gchen um
seine Behausung her. Und darunter nicht blo Frulein Eywei mit ihrer
Brunnenkruke, sondern auch mehrere Bekannte aus dem Brummersumm.
    Da man dastehe und auf den Zug warte, um dem Alten mit ein ehrenvolles
Geleit zu seinem Grabe zu geben, uerte niemand. Aber jedermann hatte gewi das
Recht, seiner Morgenbequemlichkeit oder seinen Geschften ein paar Augenblicke
abzuzwacken, um jetzt, im letzten Augenblick, einen Blick auf die schwarze Truhe
zu werfen, die den augenblicklich merkwrdigsten Menschen, nicht blo der Stadt,
sondern auch der Umgegend auf weithin, barg. Sie wollten alle den guten, alten,
dummen Kerl, diesen alten Strzer, der in seinen
vierundfnfzigtausendeinhundertvierundsechzig Amts-Gehstunden mit seinem
schweren Gewissen fnfmal um die Erde herumgewesen war und der die ganze Stadt
von oben bis unten so lange, lange Jahre hatte reden lassen, ohne ein Wort zu
sagen - sie wollten ihn, Kienbaums Mrder, ihn oder wenigstens seinen Sarg doch
noch einmal sehen!
    Und schon bekam ich einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter.
    Je, Eduard! Du mutest freilich vom Kap der Guten Hoffnung mal nach Hause
kommen, um uns hier diese berraschung mit zu bereiten. Wir haben es gestern
abend im Arm schon ziemlich zueinander gebracht, wie ihr - du und Schaumann -
gestern auf der Roten Schanze euren Gefhlen Luft gemacht haben werdet. Das war
aber vortrefflich von dir, da du dem Dicken endlich zu einer mitteilsamen,
redefreudigen Stimmung verholfen hast. Dieser Stopfkuchen! Ja, so ist er immer
gewesen! Jaja, du mutest erst kommen, da es so kommen konnte! Ohne dich,
Eduard, htten wir noch lange drauf warten knnen, zu erfahren, wer eigentlich
Kienbaum totgeschlagen habe. Und dieser alte Strzer: man wei wirklich nicht,
ob die Geschichte durch ihn unheimlicher oder sozusagen ganz gemtlich wird.
Aber wie gesagt, hauptschlich: was sagst du zu Stopfkuchen? Ist er nicht
gttlich? Ist er nicht immer noch ganz der alte?
    Ganz der alte. So leicht verndern wir uns nicht. Aber du Verzeihst: geht
deine Uhr richtig?
    Der Freund sah nach ihr:
    Auf die Minute. In zehn Minuten halb zehn.
    Dann hab ich keinen Augenblick mehr zu versumen. Der Zug nach Hamburg
fhrt in zwanzig Minuten ab!
    Du reisest nach Hamburg?
    Und ein wenig weiter. Ich reise ab nach Afrika. Es freut mich sehr, da ich
dich eben noch getroffen habe, um auch dir fr diesmal aufs herzlichste Lebewohl
zu sagen.
    Aber Eduard! Eduard, du scherzest! Wie kommt denn das so rasch, so
pltzlich?
    Glcklicherweise kam in diesem Augenblick der kmmerliche, rmliche
Leichenzug um die Ecke und berhob mich der Antwort. Der so wunderlich aller
irdischen Shne entschlpfte Totschlger ging dem Freunde doch noch mehr ber
allen Spa als wie meine pltzliche Abreise. Das Schauspiel fesselte so sehr
seine ganze Aufmerksamkeit, da ich gleichfalls entschlpfen konnte, nachdem
auch ich dem Sarge meines ltesten Freundes in der Stadt noch einen letzten
kurzen Blick hatte schenken knnen.
    Dieser arme Sarg - jetzt mit einem Gefolge, das nur aus einer Frau mit einem
Kinde auf dem Arm und einem an der Schrze bestand! ...
    Sie hatten alle das Geleit verweigert, die sonst wohl dazu gehrt haben
wrden. Auch die Kaiserliche Post hatte es nicht mehr fr schicklich erachtet,
ihre niedern Bediensteten dem alten Weltwanderer, dem guten Beamten, aber sehr
verstohlenen Mordgesellen hinterdreinzuschicken; und sie war ganz gewi dabei
nicht im Unrecht, sie hatte volkommen recht.
    Nun, er hat es sich und dem unglcklichen Frauenzimmer ja schon gestern
abend versprochen, hier an Kinder und Enkel zu denken, sagte ich, den Bahnhof
erreichend. Es ging grade ein frher Vergngungszug sdwrts durch, und es
wimmelte von lustigen Fahrgsten mit grnen Zweigen an den Hten, Liederbchern
in den Taschen, Futterkobern und -krben und allem, was sonst zu solchem
beschwerdenschwangern Ausflug aus dem Alltage heraus gehrt: ich htte in kein
richtigeres Getmmel fr meine Stimmung hineingeraten knnen. So war die Welt!
    Mit einiger Mhe gelangte ich in den nach dem Norden abgehenden Zug; aber es
war keine unliebe Mhe, und ein Kind habe ich dabei nicht ber den Haufen
gerannt, auch keinem Weibe durch einen bereiligen Ellbogensto den Ausruf O
mein Gott! entlockt. Aber mich fest hinsetzend in, gottlob, der Wagenecke,
seufzte ich:
    So, Stopfkuchen!... und fgte erst nach einer Weile hinzu: Ja, im Grunde
luft es doch auf ein und dasselbe hinaus, ob man unter der Hecke liegenbleibt
und das Abenteuer der Welt an sich herankommen lt oder ob man sich von seinem
guten Freunde Fritz Strzer und dessen altem Levaillant und Johann Reinhold
Forster hinausschicken lt, um es drauen auf den Wassern und in den Wsten
aufzusuchen!
    Ein schriller Pfiff, ein Zischen, ein Schnaufen und Schnauben, ein immer
beschleunigteres Atemholen und chzen, und die Heimatstadt mit allem geistigen
und krperlichen eisernen Bestand des Menschen, mit Lebendem und Totem, mit
Vater und Mutter, Onkel und Tante, mit Freunden, Schulmeistern, guten und bsen
Kneipgesellen, mit Kirche und Markt lag wieder hinter mir. Und der Brummersumm,
der Goldene Arm und die Heiligen Drei Knige und - Stopfkuchen auch.
    Nein, der letztere doch nicht. Dafr zog sich doch mein ganzer Aufenthalt in
der Heimat jetzt zu sehr um seine dicke Person zusammen seit dem gestrigen Tage.
Sie konnten auch daheim, ohne sich unter ihren Hecken wegzurhren, was erleben
und es in wundervoll erleuchteter, in lichter Seele zum Austrag bringen.
    Die Menschheit hatte immer noch die Macht, sich aus dem Fett, der Ruhe, der
Stille heraus dem sehnigsten, hageren, fahrigen Kouquistadorentum gegenber zur
Geltung zu bringen. Heinrich Schaumann, genannt Stopfkuchen, hatte dieses mir
gegenber grndlich besorgt. Ich fuhr wahrlich nicht ab und vorbei, ohne nach
seiner Schanze auszusehen von meinem Eilzuge.
    Anderthalb Eisenbahnminuten von der Stadt fhrte ja die Bahn unter der Roten
Schanze hin, und man hatte einen Augenblick lang einen recht guten berblick
ber den Kriegsmaulwurfshaufen Seiner Hoheit des Herrn Grafen von der Lausitz,
Prinz Xaver von Sachsen. Wallbschung, Baumwuchs und Hausdach hoben sich scharf
und klar ab vom blauen Sommermorgenhimmel, und mit schrfster, wunderlich
wehmtiger und vergnglicher Aufmerksamkeit wartete ich auf das Vorbeifliegen
und das Abschiednehmen im Vorbeifliegen.
    Und ich erfate alles nach Wunsch genau. Es waren nur zwei helle Pnktchen,
aber sie waren da in der sonnenhellen, grngoldnen Heimatslandschaft. Er stand
auf seinem Wall in seinem Sommerschlafrock und hatte sein Tinchen bei sich -
ebenso sicher wie seine lange Philisterpfeife. Sicherlich auch hatte seine Frau
ihren Arm in den seinigen geschoben, und wenn sie nun endlich auch wute, wer
Kienbaum totgeschlagen habe, so wartete sie doch im vollen Verla auf ihren
Heinrich das Ansplen jener Welt drauen ab, die gestern abend ebenfalls
erfahren hatte, wer Kienbaum totgeschlagen habe. Sie genossen trotz allem, was
ihnen aus der letztern Tatsache aufwuchs, den schnen Morgen. Es lagen da jetzt
zwei, die man vordem hatte abseits liegenlassen, unter der Hecke und blieben nun
ruhig liegen, was auch die Welt, die Welt da drauen, zu ihrer unbegreiflichen
Indolenz sagen mochte.
    O dieser Stopfkuchen!
    Htte er eine Ahnung davon gehabt, da sein guter Freund Eduard da unten
an ihm vorbeifahre, so wrde er sicherlich seine Pfeife in die Luft erhoben und
seine Hauskappe geschwenkt haben. Und dann wrde auch Frau Valentine
Stopfkuchen, geborene Quakatz, ihr Taschentuch haben wehen lassen. Die aber
wrde vielleicht dazu gesagt haben:
    Das ist doch aber eigentlich unbegreiflich von ihm!
    Was mein dicker Freund Heinrich Schaumann anderes als Hm! htte erwidern
knnen, kann ich nicht sagen.
    Vorbei die Rote Schanze! Aber doch ein Glck diese Sicherheit, da sie ruhig
liegenblieb, wo sie lag und wie sie lag, da ich sie, wie sie war, im Gedchtnis
behalten konnte: als einen sonnenbeleuchteten Punkt im schnsten Heimatsgrn.
    Schon ersuchte mein Wagengegenber mich hflichst, des Zuges wegen doch
lieber das Fenster auf dieser Seite zu schlieen, da der Wind von der Seite
komme und das entgegengesetzte offenstehe. Da auch die Sonne als Hitzespenderin
in das betreffende Fenster schien, kam ich gern dem Wunsch der Dame nach. Ich
zog die Scheibe herauf und die blauen Vorhnge zusammen, und ich kann es nicht
leugnen, da mir die blaue Dmmerung ganz wohl tat nach dem
kurz-scharf-angestrengten Ausschauen in den scharf hellen Morgen hinein mit
seinem blendenden Gelb und Grn und den beiden winzigen Figrchen auf dem Walle
der Roten Schanze - nach dem letzten Ausgucken nach dem guten dicken Freunde und
der lieben, guten Freundin Valentine Schaumann in der Jugendheimat! So etwas von
Kohlenstaub aus der Lokomotive war mir so schon ins rechte Auge geweht.
    Aber noch etwas will ich nicht leugnen: nmlich, da mich das blaue Licht
oder die lichtblaue Dmmerung, in der ich bei der Abfahrt von der Heimat die
Augen schlo, um mich erst wieder an die rechte Beleuchtung zu gewhnen, trotz
dieser Gewhnung dennoch bis Hamburg, bis auf das Schiff - bis in diese Stunde
begleitet hat. Vernnftige Leute werden wohl sagen: Ja, worauf fllt der Mensch
nicht, um sich bei gnstiger Fahrt und auf fast zu ruhiger See die Zeit zu
vertreiben? Na, das ist eben Geschmackssache, nach was fr einem Auskunftsmittel
man in der Langenweile greift.
    Ganz etwas hnliches sagte der Kapitn, der eben herunterkam und meinte:
Wissen Sie wohl, lieber Herr, da Sie das einzige Merkwrdige sind, was ich auf
dieser Fahrt erlebt habe? Etwas von schlechtem Wetter kommt doch immer vor, aber
diesmal nicht das geringste; denn den squall von neulich rechnen Sie wohl selber
nicht. Da oben fangen wir jetzt an, nach dem Tafelberg auszugucken, aber, zum
Henker, Herr, mir wre es doch jetzt die Hauptsache, wenn Sie mich mal sehen
lieen, was Sie diesen ganzen Monat hier auf meinem Schiff zusammengeschrieben
haben.
    Es wrde Sie wirklich wenig interessieren, Kapitn. Die reine Privatsache!
sagte ich und klappte das Manuskript zu.

Als ich dann auch auf Deck stieg, um mit den anderen den Tafelberg aus dem Meer
aufsteigen zu sehen, und als wirklich ein blaues Wlkchen am Horizont vom
Schiffsvolk fr den berhmten Berg erklrt wurde, mute ich mich doch an die
Stirn greifen und fragen:
    Eduard, wie ist denn das? Du bist wieder hier? - - -
    Es dauerte noch anderthalb Tage, ehe wir landen konnten, und whrend dieser
Zeit wanderte ich noch recht oft auf der Landstrae der Heimat mit dem
Landbrieftrger Strzer und hrte den mit sonderbaren Seitenblicken auf die Rote
Schanze vom Levaillant und von dem Innern Sdafrikas erzhlen zu aller
froh-unruhigen Gewiheit: nun hngt bald dein Weib wieder an deinem Halse und
dazu deine doppelschlchtige deutschhollndische Brut dir an den Rockschen.
    Vader, wat hebt gij uns mitgebracht uit het Vaderland, aus dem
Deutschland?
