
                                Fontane, Theodor

                               Unwiederbringlich

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                                Theodor Fontane

                               Unwiederbringlich

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

Eine Meile sdlich von Glcksburg, auf einer dicht an die See herantretenden
Dne, lag das von der grflich Holkschen Familie bewohnte Schlo Holkens, eine
Sehenswrdigkeit fr die vereinzelten Fremden, die von Zeit zu Zeit in diese
wenigstens damals noch vom Weltverkehr abgelegene Gegend kamen. Es war ein nach
italienischen Mustern aufgefhrter Bau, mit gerade so viel Anklngen ans
griechisch Klassische, da der Schwager des grflichen Hauses, der Baron Arne
auf Arnewiek, von einem nachgeborenen Tempel zu Pastum sprechen durfte.
Natrlich alles ironisch. Und doch auch wieder mit einer gewissen Berechtigung.
Denn was man von der See her sah, war wirklich ein aus Sulen zusammengestelltes
Oblong, hinter dem sich der Unterteil des eigentlichen Baues mit seinen Wohn-
und Reprsentationsrumen versteckte, whrend das anscheinend stark
zurcktretende Obergescho wenig ber mannshoch ber die nach allen vier Seiten
hin eine Vorhalle bildende Suleneinfassung hinauswuchs. Diese Suleneinfassung
war es denn auch, die dem Ganzen wirklich etwas Sdliches gab; teppichbedeckte
Steinbnke standen berall die Halle entlang, unter der man beinahe tagaus,
tagein die Sommermonate zu verbringen pflegte, wenn man es nicht vorzog, auf das
Flachdach hinaufzusteigen, das freilich weniger ein eigentliches Dach als ein
ziemlich breiter, sich um das Obergescho herumziehender Gang war. Auf diesem
breiten, flachdachartigen Gange, den die Sulen des Erdgeschosses trugen,
standen Kaktus- und Aloekbel, und man geno hier, auch an heiesten Tagen,
einer vergleichsweise frischen Luft. Kam dann gar vom Meer her eine Brise, so
setzte sie sich in das an einer Maststange schlaff herabhngende Flaggentuch,
das dann mit einem schweren Klappton hin- und herschlug und die schwache
Luftbewegung um ein geringes steigerte.

Schlo Holkens hatte nicht immer auf dieser Dne gestanden, und noch der
gegenwrtige Graf, als er sich, siebzehn Jahre zurck, mit der schnen Baronesse
Christine Arne, jngsten Schwester seines Gutsnachbarn Arne, vermhlte, war
damals in die bescheidenen Rume des alten und eigentlichen Schlosses Holkens
eingezogen, das mehr landeinwrts in dem groen Dorfe Holkeby lag, gerade der
Holkebyer Feldsteinkirche gegenber, die weder Chor noch Turm hatte. Das alte
Schlo, ebenso wie die Kirche, ging bis ins vierzehnte Jahrhundert zurck, und
ein Neubau war schon unter des Grafen Grovater geplant worden. Aber erst der
gegenwrtige Graf, der, neben anderen kleinen Passionen, auch die Baupassion
hatte, hatte den Plan wieder aufgenommen und bald danach das viel beredete und
bespttelte, aber freilich auch viel bewunderte Schlo auf der Dne entstehen
lassen, in dem sich's nicht blo schner, sondern vor allem auch bequemer
wohnte. Trotzdem war der Grfin eine nicht zu bannende Vorliebe fr das alte,
mittlerweile zum Inspektorhause degradierte Schlo geblieben, eine Vorliebe, so
gro, da sie nie daran vorberging, ohne der darin verbrachten Tage mit einem
Anfluge von Wehmut zu gedenken. Denn es war ihre glcklichste Zeit gewesen,
Jahre, whrend welcher man sich immer nur zur Liebe gelebt und noch keine
Meinungsverschiedenheiten gekannt hatte. Hier, in dem alten Schlosse, gegenber
der Kirche, waren ihnen ihre drei Kinder geboren worden, und der Tod des
jngsten Kindes, eines Knaben, den man Estrid getauft hatte, hatte das schne
und jugendliche Paar einander nur noch nhergefhrt und das Gefhl ihrer
Zusammengehrigkeit gesteigert.
    All das war seit der bersiedelung in das neue Schlo nicht ganz so
geblieben, von welchem Wandel der Dinge die bei den Herrnhutern erzogene, zudem
von Natur schon gefhlvoll gestimmte Grfin eine starke Vorahnung gehabt hatte,
so stark, da ihr ein bloer Um- und Ausbau des alten Schlosses und somit ein
Verbleiben an alter Stelle das weitaus Liebere gewesen wre, der Graf aber trug
sich enthusiastisch und eigensinnig mit einem Schlo am Meer und deklamierte
gleich bei dem ersten Gesprch, das er mit der Grfin in dieser Angelegenheit
hatte:

Hast du das Schlo gesehen?
Das hohe Schlo am Meer?
Golden und rosig wehen
Die Wolken drber her -

ein Zitat, das freilich bei derjenigen, die dadurch gnstig gestimmt und fr den
Plan gewonnen werden sollte, nur den entgegengesetzten Eindruck und nebenher
eine halb spttische Verwunderung hervorgerufen hatte. Denn Holk war ziemlich
unliterarisch, was niemand besser wute als die Grfin.
    Wo hast du das her, Helmuth?
    Natrlich aus Arnewiek. Bei deinem Bruder drben hngt ein Kupferstich, und
da stand es drunter. Und ich mu dir sagen, Christine, es gefiel mir ganz
ungemein. Ein Schlo am Meer! Ich denke es mir herrlich und ein Glck fr dich
und mich.
    Wenn man glcklich ist, soll man nicht noch glcklicher sein wollen. Und
dann, Helmuth, da du gerade das zitieren mutest. Du kennst, wie ich glaube,
nur den Anfang dieses Uhlandschen Liedes... es ist nmlich von Uhland,
verzeih..., aber es verluft nicht so, wie's beginnt, und am Schlusse kommt noch
viel Trauriges:

Die Winde, die Wogen alle
Lagen in tiefer Ruh,
Einem Klagelied aus der Halle
Hrt ich mit Trnen zu...

Ja, Helmuth, so schliet es.
    Vorzglich, Christine. Gefllt mir auch, lachte Holk. Und von Uhland,
sagst du. Allen Respekt davor. Aber du wirst doch nicht verlangen, da ich mein
Schlo am Meer nicht bauen solle, blo weil aus einem erdichteten Schlo am
Meer, auch wenn von Uhland erdichtet, ein Klagelied aus der Halle klang?
    Nein, Helmuth, das verlang ich nicht. Aber ich bekenne dir offen, ich
bliebe lieber hier unten in dem alten Steinhause mit seinen Unbequemlichkeiten
und seinem Spuk. Der Spuk bedeutet mir nichts, aber an Ahnungen glaub ich,
wiewohl die Herrnhuter auch davon nichts wissen wollen, und werden wohl auch
recht damit haben. Trotzdem, man steckt nun mal in seiner menschlichen
Schwachheit, und so bleibt einem manches im Gemt, was man mit dem besten
Spruche nicht loswerden kann.

So war damals das Gesprch gegangen, auf das man nicht wieder zurckkam, ein
einziges Mal ausgenommen, wo beide (die Sonne war schon unter) die Dne
hinaufstiegen, um nach dem Neubau, der inzwischen begonnen hatte, zu sehen. Und
als sie oben waren, lchelte Holk und wies auf die Wolken, die gerade golden
und rosig ber ihnen standen.
    Ich wei, was du meinst, sagte die Grfin.
    Und...
    Ich habe mich inzwischen meiner widerstreitenden Wnsche begeben. Damals,
als du zuerst von dem Neubau sprachst, war ich trben Gemts; du weit weshalb.
Ich konnte das Kind nicht vergessen und wollte der Stelle nahe sein, wo es
liegt.
    Er kte ihr die Hand und gestand ihr dann, da ihre Worte whrend ihres
damaligen Gesprchs doch einen Eindruck auf ihn gemacht htten. Und nun bist du
so gut. Und wie schn du dastehst in dem goldenen Abendrot. Ich denke,
Christine, wir wollen hier glcklich sein. Willst du?
    Und sie hing sich zrtlich an seinen Arm. Aber sie schwieg.

Das war das Jahr vor Abschlu des Baues gewesen, und bald danach, weil's in dem
alten Schlo unten immer unwohnlicher wurde, war Holk mit seinem Schwager
bereingekommen, Christine und die Kinder nach Arnewiek zu schicken und sie
daselbst bis nchste Pfingsten, um welche Zeit alles fertig sein sollte, zu
belassen.
    Und das war denn auch geschehen.
    Und nun kam Pfingsten heran, und der Tag zur Beziehung des neuen Schlosses
war da. Der Garten am Rckabhange der Dne zeigte sich freilich nur halb
bepflanzt, und berhaupt war vieles erst im Werden. Aber eines war doch fertig
geworden: die schmale, sulenumstellte Front nach dem Meere zu. Hier waren schon
Bosquets und Blumenrondels, und weiter hin, wo sich die Dne nach vorn zu senken
begann, stieg eine Treppenterrasse zum Strande hinunter und setzte sich unten in
einer Stegbrcke fort, die, weit ins Meer hinaus gebaut, zugleich als
Anlegestelle fr die zwischen Glcksburg und Kopenhagen fahrenden Dampfer dienen
sollte.
    Christine war voller Bewunderung und Freude, weit ber ihr eigenes Erwarten
hinaus, und als sie, nach einem Umgang um das Haus, das Flachdach erstiegen
hatte, verga sie angesichts des sich vor ihr ausbreitenden herrlichen Panoramas
alles, was sich auch nach der vorjhrigen Ausshnung mit dem Neubau noch immer
wieder von Sorgen und Ahnungen in ihrer Seele geregt hatte; ja, sie rief die
Kinder, die noch unten an der Terrasse standen, herbei, da sie mit teilnehmen
mchten an ihrer Freude. Holk sah ihre tiefe Bewegung und wollte sprechen und
ihr danken. Sie kam ihm aber zuvor und sagte:
    Bald ist es ein Jahr nun, Helmuth, da wir zuletzt hier auf der Dne
standen und du mich fragtest, ob ich hier glcklich sein wolle. Ich schwieg
damals...
    Und heute?
    Heute sag ich ja.

                                Zweites Kapitel


So schlo der Tag, an dem die Grfin in das neue Schlo einzog. Einige Wochen
spter war auch eine Freundin aus den zurckliegenden Gnadenfreier Pensionstagen
her auf Holkens eingetroffen, Julie von Dobschtz, ein armes Frulein, bei
deren Einladung zunchst nur an einen kurzen Sommerbesuch gedacht worden war.
Bald aber regte sich der Wunsch, das Frulein als Gesellschafterin, Freundin und
Lehrerin im Hause verbleiben zu sehen, ein Wunsch, den Holk teilte, weil ihn
Christinens Einsamkeit mitunter bedrckte. So blieb denn die Dobschtz und
bernahm den Unterricht Astas und Axels, der beiden Kinder des Hauses. Asta ward
ihr auch weiterhin anvertraut. Axel aber wechselte mit dem Unterrichte, als
Kandidat Strehlke ins Haus kam.
    Das alles lag jetzt sieben Jahre zurck, Graf und Grfin hatten sich
eingewhnt, und die glcklichen Tage, die man dort oben leben wollte, man
hatte sie wirklich gelebt. Die herzlichste Neigung, die beide vor einer Reihe
von Jahren zusammengefhrt hatte, bestand fort, und wenn es namentlich in
Erziehungs-und religisen Fragen auch gelegentlich zu Differenzen kam, so waren
sie doch nicht angetan, den Frieden des Hauses ernstlich zu gefhrden. An
solchen Differenzen war nun freilich neuerdings, seit die Kinder herangewachsen,
kein Mangel gewesen, was bei der Verschiedenheit der Charaktere von Graf und
Grfin nicht wundernehmen konnte. Holk, so gut und vortrefflich er war, war doch
nur durchschnittsmig ausgestattet und stand hinter seiner Frau, die sich
hherer Eigenschaften erfreute, um ein betrchtliches zurck. Darber konnte
kein Zweifel sein. Aber da es so war, was niemand mehr einsah als Holk selber,
war doch auch wieder unbequem und bedrcklich fr ihn, und es kamen Momente, wo
er unter den Tugenden Christinens geradezu litt und sich eine weniger
vorzgliche Frau wnschte. Frher war dies alles nur stiller Wunsch gewesen,
kaum zugestanden, seit einiger Zeit aber hatte der Wunsch doch auch sprechen
gelernt; es kam zu Auseinandersetzungen, und wenn Julie Dobschtz, die geschickt
zu diplomatisieren verstand, auch meist leichtes Spiel bei Begleichung
derartiger Streitigkeiten hatte, so blieb doch das eine nicht aus, da
Christine, die das alles geahnt, mit einer Art Wehmut der Tage im alten Schlo
gedachte, wo dergleichen nicht vorgekommen war oder doch jedenfalls viel, viel
seltener.

Nun war Ende September 1859 und die Ernte lngst herein. Die ringsherum unter
dem Sulengange nistenden Schwalben waren fort, eine Brise ging, und das
Flaggentuch oben auf dem Flachdache schlug trge hin und her. Man sa unter der
Fronthalle, den Blick aufs Meer, den groen Esaal, dessen hohe Glastr
aufstand, im Rcken, whrend die Dobschtz den Kaffee bereitete. Neben der
Dobschtz, an einem anderen Tisch, hatte die Grfin Platz genommen im Gesprch
mit dem Seminardirektor Schwarzkoppen, der vor einer halben Stunde mit Baron
Arne von Arnewiek herbergekommen war, um des schnen Tages in dem gastlichen
Holkschen Hause zu genieen. Arne selbst schritt mit seinem Schwager Holk auf
den Steinfliesen auf und ab und blieb mitunter stehen, weil das Bild vor ihm ihn
fesselte: Fischerboote fuhren zum Fange hinaus, das Meer kruselte sich leis,
und der Himmel hing blau darber. Keine Wolke war sichtbar, und nichts sah man
als die schwarz am Horizont hinziehende Rauchfahne eines Dampfers.
    Du hattest doch recht, Schwager, sagte Arne, als du hier hinaufzogst und
dir deinen Tempel an dieser Stelle bautest. Ich war damals dagegen, weil mir
Ausziehen und Wohnungswechsel als etwas Ungehriges erschien, als etwas
Modernes, das sich...
    ... das sich nur fr Proletarier und Beamte schicke, so sagtest du damals.
    Ja, so was hnliches wird es wohl gewesen sein. Aber ich habe mich
inzwischen in manchem bekehrt und auch darin. Indessen es sei, wie's sei, soviel
steht mir fest, wenn ich auch politisch und kirchlich, und selbst
landwirtschaftlich, was fr unsereinen doch eigentlich immer die Hauptsache
bleibt, derselbe geblieben wre, das mt ich doch einrumen, es ist entzckend
hier oben und so windfrisch und gesund. Ich glaube, Holk, als du hier einzogst,
hast du dir fnfzehn Jahre Leben zugelegt.
    In diesem Augenblicke ward ihm von einem alten Diener in Gamaschen, der noch
vom Vater des Grafen her mit bernommen war, der Kaffee prsentiert, und beide
nahmen und tranken.
    Delizis, sagte Arne. Freilich etwas zu gut, besonders fr dich, Holk;
solcher Kaffee wie der zieht wieder fnf Jahre von den fnfzehn ab, die ich dir
eben zugesprochen, und die philistrse, wenn auch hchst bemerkenswerte
Homopathie, die, wie du weit, von Mokka und Java nichts wissen will, wrde
vielleicht noch strker subtrahieren. Apropos Homopathie. Hast du denn schon
von dem homopathischen Veterinrarzt gehrt, den wir seit ein paar Wochen in
Lille-Grimsby haben...?
    Und langsam auf und ab schreitend, fuhren beide Schwger in ihrem Gesprche
fort.

Ein sehr anderes Thema behandelte mittlerweile die Grfin in ihrer Unterredung
mit Seminardirektor Schwarzkoppen, der vor Jahr und Tag erst aus seiner
Wernigeroder Pfarre hierher nach Schleswig-Holstein verschlagen und an das
Arnewieker Seminar berufen worden war. Er hatte den Ruf und das Ansehen einer
positiven kirchlichen Richtung, was der Grfin aber fast mehr bedeutete, war
das, da Schwarzkoppen zugleich Autoritt in Schul- und Erziehungsfragen war, in
Fragen also, die sich seit kurzem zu brennenden Fragen fr die Grfin gestaltet
hatten. Denn Asta war sechzehn, Axel beinahe fnfzehn Jahre. Schwarzkoppen, auch
eben jetzt wieder in dieser diffizilen Frage zu Rate gezogen, antwortete sehr
vorsichtig, und als die Grfin merkte, da er, vielleicht mit Rcksicht auf
Holk, nicht unbedingt auf ihre Seite treten wollte, lie sie das Gesprch wieder
fallen, wenn auch ungern, und wandte sich einem anderen schon fter mit dem
Direktor verhandelten Lieblingsplane zu, der Errichtung einer Familiengruft.
    Nun, wie steht es damit? sagte Schwarzkoppen, der froh war, aus der
Erziehungsfrage heraus zu sein.
    Ich habe, sagte Christine, die Sache noch immer nicht besprechen mgen,
weil ich mich vor einer Ablehnung von seiten Holks frchte.
    Das ist nicht gut, gndigste Grfin. Solche Furcht ist immer vom bel, sie
will dem Frieden dienen, aber eigentlich dient sie nur der Verstimmung und dem
Kriege. Und zu beidem ist kein Grund. Sie mssen, wenn bessere Beweggrnde nicht
zu haben sind, auf seine Liebhabereien rechnen. Hat er doch, wie Sie mir selber
oft versichert, die Baupassion.
    Ja, die hat er, besttigte die Grfin. Dies Schlo ist dessen ein Zeugnis
und Beweis, denn es war eigentlich unntig; ein Umbau htte dasselbe getan. Aber
so gerne er baut, so bevorzugt er doch das eine vor dem anderen, und was ich
vorhabe, wird seinen Beifall kaum haben. Ich wette, da er lieber eine Halle
bauen wrde, darin man Federball spielen kann oder, wie das jetzt Mode ist, auf
Rollschuhen Schlittschuh laufen, jedenfalls alles lieber als irgendwas, was mit
Kirche zusammenhngt. Und nun gar eine Gruft bauen. Er denkt nicht gern an
Sterben und schiebt das, was man so schn und sinnig sein Haus bestellen heit,
gerne hinaus.
    Ich wei߫, sagte Schwarzkoppen. Aber Sie drfen nicht vergessen, da auch
all seine liebenswrdigen Eigenschaften mit dieser Schwche zusammenhngen.
    Seine liebenswrdigen Eigenschaften, wiederholte sie. Ja, die hat er,
fast zuviel, wenn man von liebenswrdigen Eigenschaften je zuviel haben kann.
Und wirklich, er wre das Ideal von einem Manne, wenn er berhaupt Ideale htte.
Verzeihen Sie diese Wortspielerei, sie drngt sich mir aber auf, weil es so und
nicht anders liegt, und ich mu es noch einmal sagen, er denkt nur an den
Augenblick und nicht an das, was kommt. Jeglichem, was ihn daran erinnern
knnte, geht er aus dem Wege. Seit wir unseren Estrid begruben, ist er noch
nicht in der Gruft gewesen. So wei er auch nicht, da beinahe alles
einzustrzen droht. Und doch ist es so, und die neue Gruft mu gebaut werden.
Mu, sag ich, und wenn ich nicht alles Spitze und Verletzliche vermeiden mchte,
so wrd ich ihm sagen, es handle sich gar nicht darum, den Reigen durch ihn
erffnet zu sehen, ich wolle es...
    Schwarzkoppen wollte unterbrechen, aber Christine achtete dessen nicht und
fuhr, ihre letzten Worte wiederholend, fort: Ich wolle es; aber ich msse
darauf bestehen, meinerseits in eine Wohnung einzuziehen, die mir gefiele, nicht
in eine, darin alles zerbrckelt und zerfallen sei... Doch lassen wir
Vermutungen ber das, was ich sagen oder nicht sagen wrde; mir liegt fr den
Augenblick mehr daran, Ihnen eine auf meinen Bauplan bezgliche Aquarelle
vorzulegen, die mir die Dobschtz in den letzten Tagen angefertigt hat.
Natrlich auf meinen Wunsch; sie zeichnet so gut. Es ist eine offene Halle,
gotisch, und die Steine, die den Fuboden bilden, decken zugleich die Gruft.
Worauf ich aber das meiste Gewicht lege (die kleine Zeichnung lt natrlich nur
wenig davon erkennen), das ist der Bilderschmuck an Wand und Decke. Die
Lngswand mit einem Totentanz, vielleicht unter Anlehnung an den in Lbeck, und
in die Gewlbekappen Engel und Palmenzweige. Je schner, desto besser. Und wenn
wir erste Knstler nicht haben knnen, weil unsere Mittel dafr nicht
ausreichen, so zweite und dritte; schlielich ist doch, der Gedanke die
Hauptsache. Liebe Julie, verzeih, da ich dich bemhe. Aber bring uns das
Blatt...

Holk und Arne hatten inzwischen ihren Gang unter der Sulenhalle fortgesetzt und
waren zuletzt auf einen Kiesweg zugeschritten, der in einer Schlngellinie bis
an die nchsten Stufen der zur See niedersteigenden Terrasse lief. An eben
dieser Stelle befand sich auch ein aus Zypressen und Lorbeer gebildetes Bosquet,
mit einer Marmorbank in Front, und hier setzten sich die beiden Schwger, um
ungestrt ihre Zigarre rauchen zu knnen, was die Grfin, wenn man unter der
Halle sa, zwar nie verbot, aber auch nicht eigentlich gestattete. Das Gesprch
beider drehte sich sonderbarerweise noch immer um das Wunder von Tierarzt, was
ziemlich unerklrlich gewesen wre, wenn nicht Holk, auer seiner
Bauleidenschaft, auch noch eine zweite Passion gehabt htte: die fr schnes
Vieh. Er war kein groer Landwirt wie sein Schwager Arne, ja, tat sich was
damit, es nicht zu sein; aber auf sein Vieh hielt er doch, fast nach Art eines
Sportsman, und freute sich, es bewundert zu sehen und dabei von mirakelhaften
Milchertrgen erzhlen zu knnen. Aus diesem Grunde war ihm der neue
Veterinrarzt eine wirklich wichtige Persnlichkeit, und nur die homopathische
Heilmethode desselben lie immer wieder einige Bedenken in ihm aufsteigen. Aber
Arne schnitt diese Bedenken ab. Das sei ja gerade das Interessanteste an der
Sache, da der neue Doktor nicht blo gute Kuren mache, das knnten andere auch,
sondern wie er sie mache und wodurch. Die ganze Geschichte bedeute nicht mehr
und nicht weniger als den endlichen Triumph eines neuen Prinzips, erst von der
Viehpraxis her datiere der nicht mehr anzuzweifelnde Sieg der Homopathie. Bis
dahin seien die Quacksalber alten Stils nicht mde geworden, von der Macht der
Einbildung zu sprechen, was natrlich heien sollte, da die Streukgelchen
nicht als solche heilten; eine schleswigsche Kuh aber sei, Gott sei Dank, frei
von Einbildungen, und wenn sie gesund wrde, so wrde sie gesund durch das
Mittel und nicht durch den Glauben. Arne verbreitete sich noch des weiteren
darber, zugleich hervorhebend, da es sich bei den Kuren des neuen, beilufig
aus dem Schsischen stammenden Doktors allerdings auch noch um andere Dinge
handele, die mit Allopathie oder Homopathie nichts Direktes zu schaffen htten.
Unter diesen Dingen stehe die durchgefhrteste, schon den Luxus streifende
Reinlichkeit obenan, also immer neue Stallbauten und unter Umstnden selbst ein
Operieren mit Marmorkrippen und vernickelten Raufen. Holk hrte das alles mit
Entzcken und empfand so groe Lust, mit Christine darber zu sprechen, da er
die Zigarre wegtat und auf die Sulenhalle zurckschritt.
    Ich hre da eben interessante Dinge, Christine. Dein Bruder erzhlt mir von
homopathischen Kuren eines neuen schsischen Veterinrdoktors, der in Leipzig
seine Studien gemacht hat. Ich betone Leipzig, weil es Hochburg der Homopathie
ist. Wahre Wunderkuren...! Sagen Sie, Schwarzkoppen, wie stehen Sie zu der
Sache? Die Homopathie hat so etwas Geheimnisvolles, Mystisches. Interessant
genug, und in ihrer Mystik eigentlich ein Thema fr Christine.
    Schwarzkoppen lchelte. Die Homopathie verzichtet, soviel ich wei, auf
alles Geheimnisvolle oder gar Wunderbare. Es ist einfach eine Frage von viel
oder wenig und ob man mit einem Gran so weit kommen kann wie mit einem halben
Zentner.
    Versteht sich, sagte Holk. Und dann gibt es noch einen Satz, Similia
similibus, worunter sich jeder denken kann, was er will. Und mancher denkt sich
gar nichts dabei, wohin wohl auch unser tierrztlicher Pfiffikus und Mann der
Aufklrung gehren wird. Er gibt seine Streukgelchen und ist im brigen, als
Hauptsache, fr Stallreinlichkeit und Marmorkrippen, und ich mchte sagen, die
Trge mssen so blank sein wie ein Taufbecken.
    Ich glaube, Helmuth, da du deine Vergleiche rcksichtsvoller whlen
knntest, schon um meinetwillen, namentlich aber in Schwarzkoppens Gegenwart.
    Zugestanden. brigens alles ipsissima verba des neuen Wunderdoktors, Worte,
die dein Bruder zitierte, wobei freilich nicht bestritten werden soll, da es
sich auch fr den Doktor empfehlen wrde, solche Vergleiche lieber nicht zu
brauchen, zumal er Konvertit ist. Er heit nmlich Lissauer.
    Schwarzkoppen und Christine wechselten Blicke.
    Wenn er brigens auf den Hof kommt, so lad ich ihn unten in der
Inspektorwohnung zum Lunch. Hier oben...
    Ist er entbehrlich.
    Ich wei, und du darfst unbesorgt sein. Aber ich rechne es ihm an, da er
selbstndige Gedanken hat und den Mut der Aussprache. Das mit den Marmorkrippen
ist natrlich mehr oder weniger Torheit und nichts als ein orientalischer
Vergleich, den man ihm zugute halten mu. Aber mit der Forderung der
Reinlichkeit so ganz im allgemeinen, damit hat er doch recht. Meine Stlle, die
noch smtlich aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts sind, mssen fort, und ich
freue mich, endlich eine Veranlassung und einen Sporn zu haben, mit dem alten
Unwesen aufzurumen.
    
    Die Grfin schwieg und suchte mit der Nadel in den Seidenfden, die vor ihr
auf dem Tische lagen.
    Den Grafen verdro dies Schweigen. Ich dachte, du wrdest mir deine
Zustimmung ausdrcken.
    Es sind Wirtschaftssachen, in denen ich, was auch beliebt wird, nicht
mitzusprechen habe. Hltst du Marmorkrippen oder hnliches fr ntig so werden
sie sich finden, und wenn es in Carrara wre.
    Was lt dich wieder so bitter sprechen, Christine?
    Verzeih, Helmuth, aber es trifft sich unglcklich. Eben hab ich mit
Schwarzkoppen ber Dinge gesprochen, die mir mehr am Herzen liegen, brigens
auch Bausachen, und im selben Augenblick willst du Stlle bauen, Stlle...
    Freilich will ich das. Du vergit immer, Christine, wenn du auch nicht
mitsprechen willst, wie du eben sagtest, du vergit immer, da ich in erster
Reihe Landwirt bin, und fr einen Landwirt ziemt sich eben das
Landwirtschaftliche. Das Landwirtschaftliche ist die Hauptsache.
    Nein, die Hauptsache ist es nicht.
    Nun, was denn?
    Es ist ein Unglck und ein Schmerz fr mich, da ich das
Selbstverstndliche dir gegenber noch immer wieder hervorheben mu.
    Ach, ich verstehe. Die Kirche soll ausgebaut werden oder ein Schwesternasyl
oder ein Waisenhaus. Und dann ein Campo santo, und dann wird der ganze Cornelius
aufgekauft und in Wasserfarben an die Wand gemalt...
    Es war selten, da der Graf zu solchen Worten seine Zuflucht nahm, aber es
gab ein paar Punkte, wo Verstimmung und Gereiztheit sofort ber ihn kamen und
ihn die feinen Umgangsformen vergessen lieen, deren er sich sonst rhmen
durfte. Sein Schwager wute das und schritt deshalb rasch ein, um das Gesprch
in andere Wege zu leiten, wozu sein guter Humor ihn jederzeit befhigte.
    Schwester, Schwager, ich meinerseits denke, das eine tun und das andere
nicht lassen. Da habt ihr meine Weisheit und den Frieden dazu. Zudem, Holk, du
weit noch nicht einmal, um was es sich handelt.
    Holk lachte gutmtig.
    Du weit es nicht, fuhr Arne fort, und ich wei es auch nicht, der ich
doch sonst in die Geheimnisse Christinens eingeweiht zu sein pflege. Freilich,
wenn mich nicht alles tuscht, so haben wir hier den Schlssel... Und dabei
nahm er das aquarellierte Blatt, das die Dobschtz inzwischen gebracht hatte.
Charmant, von welcher Hand es auch herrhren mge. Gotik, Engel, Palmen. Soll
man selbst unter diesen nicht ungestraft wandeln drfen? Und an allem ist dieser
unglckselige Veterinrarzt schuld, ein Mann in Stulpenstiefeln, an dem nichts
komischer ist als die Tatsache, da er schsisch spricht. Er mte eigentlich
plattdeutsch sprechen, sogar mecklenburgisch. Wobei mir einfllt, wit ihr denn
schon, da sich in Kiel und Rostock eine plattdeutsche Dichterschule gebildet
hat, oder eigentlich zwei, denn die Deutschen, wenn sich irgendwas auftut,
zerfallen immer gleich wieder in zwei Teile. Kaum ist das Plattdeutsche da, so
haben wir auch schon wieder itio in partes, und die Mecklenburger marschieren
unter ihrem Fritz Reuter und die Holsteiner unter ihrem Klaus Groth. Aber Klaus
Groth hat einen Pas voraus, weil er Lyriker ist und komponiert werden kann, und
davon hngt eigentlich alles ab. Kein Jahr, vielleicht kein halbes, so kommt er
von keinem Klavier mehr herunter. Ich habe da schon was auf eurem Flgel liegen
sehen. Asta, du knntest was von ihm singen.
    Ich mag nichts Plattdeutsches.
    Nun, dann singe was Hochdeutsches, aber natrlich etwas recht Hbsches und
Lustiges.
    Ich mag nichts Lustiges.
    Nun, wenn es nichts Lustiges sein kann, dann singe was recht Trauriges.
Aber es mu dann auch ganz traurig sein, da man auf seine Kosten kommt. Etwas
von einem Pagen, der fr Comtesse Asta stirbt, oder von einem Ritter, der von
seinem Nebenbuhler erschlagen und am Wege begraben wird. Und daneben wacht der
Hund am Grabe des Ritters, und drei Raben sitzen in einer Pappelweide und
kreischen und sehen zu.
    Asta, die mit dem Onkel auf einem Neckfu stand, wrde ihm auch diesmal eine
Antwort nicht schuldig geblieben sein, wenn nicht in eben diesem Augenblick ihre
Aufmerksamkeit nach einer anderen Seite hin in Anspruch genommen worden wre.
    Da kommt Elisabeth, rief sie freudig erregt. Und der alte Petersen mit
ihr und Schnuck auch.
    Und als sie das sagte, traten alle von der Halle her in den Vorgarten und
grten mit ihr zugleich hinunter.

                                Drittes Kapitel


Pastor Petersen und seine Enkelin Elisabeth, vielleicht weil das Licht sie
blendete, bemerkten von dem ihnen geltenden Grue nichts, aber um so deutlicher
sah man oben, von Terrasse und Vorhalle her, die unten am Strand immer nher
Kommenden. Der Alte, seinen Hut in der Hand (so da der Wind mit seinem dnnen,
aber langen weien Haare spielte), ging ein paar Schritte vorauf, whrend
Elisabeth sich nach den Holz- und Borkenstckchen bckte, die zwischen dem
Seetang umherlagen, und sie ins Meer warf, um Schnuck, einen wundervollen
schwarzen Pudel, danach apportieren zu lassen. Jetzt aber lie sie davon ab und
begngte sich, ein paar Blumen zu pflcken, die zwischen dem Strandhafer
standen. Und so schlendernd, kamen sie schlielich bis an den Pier, wo sie links
abbogen, um die Terrasse hinaufzusteigen.
    Sie kommen, brach Asta in erneutem Jubel aus. Und Elisabeth bringt ihren
Grovater mit.
    Ja, sagte Baron Arne. Vielleicht knnte man auch sagen, der Grovater
bringt Elisabeth mit. Aber so seid ihr; die Jugend ist die Hauptsache; wenn man
alt wird, ist man nur noch Beigabe. Jung sein heit selbstschtig sein. Aber
eigentlich ist es spter auch nicht besser. Mein erster Gedanke war, als ich den
Alten sah, da kommt unsere Whistpartie. Schwarzkoppen ist freilich nicht fr
Spiel, aber Gott sei Dank auch nicht dagegen, und wrde, wenn er Katholik wre,
wahrscheinlich von einer, llichen Snde sprechen. Und das sind mir die
liebsten. Im brigen bewundere ich diesen Pudel, wie heit er doch?
    Schnuck, sagte Asta.
    Richtig, Schnuck: eigentlich mehr ein Name fr eine Lustspielfigur. Er war
schon dreimal oben und immer wieder zurck. Offenbar freut er sich ganz
unbndig. Und nun sage, Asta, worauf freut er sich, auf dich oder auf die
Kunststcke, die er machen darf, oder auf den Zucker, den er dafr kriegt?

Zwei Stunden spter war es still unter der Sulenhalle; der Abend war
hereingebrochen, und nur am Horizont lag noch ein roter Widerschein. Alles hatte
sich in das Wohn- und Empfangszimmer zurckgezogen, das, in gleicher Gre wie
der Esaal, unmittelbar hinter diesem lag und den Blick zunchst auf einen
wohlgepflegten, mit Treibhusern besetzten Vorgarten hatte, der weiter hin in
groe, bergabsteigende Parkanlagen berging.
    Das Wohn- und Empfangszimmer war reich mbliert und hatte doch Raum genug zu
freier Bewegung. Neben dem Flgel, in der geschtztesten Ecke, stand ein groer
runder Tisch, mit einer Moderateurlampe darauf. Hier saen die Grfin und ihre
Freundin, die Dobschtz, die vorlesen sollte, whrend Asta und Elisabeth dicht
neben ihnen auf zwei Fubnken Platz genommen hatten und abwechselnd leise
plauderten oder den Pudel zu dessen eigener sichtlicher Freude Kunststcke
machen lieen. Aber zuletzt wurde er mde von der Anstrengung und schlug, weil
er die Balance nicht mehr halten konnte, mit einer seiner Pfoten auf die Tasten
des offenstehenden Flgels.
    Ach, nun spielt er auch noch, lachte Asta. Ich glaube, wenn er will,
spielt Schnuck besser als ich; er ist so geschickt, und Tante Julie wird es
nicht bestreiten. Vorhin sollt ich spielen und sogar singen, Onkel Arne bestand
darauf, aber ich htete mich wohl. Ich habe blo Lust und gar kein Talent. Hast
du was mitgebracht, Elisabeth? Ihr habt ja immer was Neues, und du hattest ja
auch eine Mappe am Arm, als du kamst. La uns sehen.
    So plauderten die Mdchen weiter. In der schrg gegenberliegenden
Zimmerecke aber saen die vier Herren beim Whist, Arne wie gewhnlich mit dem
alten Petersen scheltend, da er noch so langsam spiele wie zur Zeit des Wiener
Kongresses.
    Ja, lachte Petersen, wie zur Zeit, des Wiener Kongresses; da spielte man
langsam, das galt fr vornehm, und mu ich Ihnen nachher eine Geschichte davon
erzhlen, eine Geschichte, die wenig bekannt ist und die, soviel ich wei, von
Thorwaldsen stammt, der sie von Wilhelm von Humboldt hrte...
    Von Alexander, sagte Arne.
    Nein, erlauben Sie, Arne, von Wilhelm von Humboldt. Wilhelm war
berhaupt...
    Aufpassen, Petersen...
    Und das Spiel nahm, ohne weitere Zwischenrede, seinen Fortgang, und auch die
Mdchen dmpften ihre Stimme. Denn die Dobschtz hatte zu lesen begonnen, und
zwar aus einem groen Zeitungsblatt, das im Laufe des Nachmittags der Postbote
gebracht hatte. Freilich war es noch kein rechtes Vorlesen, sondern erst der
Versuch dazu, wobei sich's die Dobschtz - in den Zeitungen zitterte der
italienische Krieg noch nach - angelegen sein lie, zunchst nur die Kopftitel
zu lesen, und zwar in einem anfragenden Tone. Erzherzog Albrecht und Admiral
Tegetthoff... Die Grfin schttelte den Kopf... Auf dem Marsche nach
Magenta... Die Krassierbrigade Bonnemain... Neues Kopfschtteln... Man
schreibt uns aus Charlottenburg ber das Befinden Knig Friedrich Wilhelms des
Vierten...
    Ja, unterbrach hier die Grfin, das lies, liebe Dobschtz. Das aus
Charlottenburg. Ich habe kein Interesse fr Kriegsgeschichten, es sieht sich
alles so hnlich, und immer bricht wer auf den Tod verwundet zusammen und lt
sterbend irgendein Etwas leben, das abwechselnd Polen oder Frankreich oder
meinetwegen auch Schleswig-Holstein heit. Aber es ist immer dasselbe. Dieser
moderne Gtze der Nationalitt ist nun mal nicht das Idol, vor dem ich bete. Die
rein menschlichen Dinge, zu denen, fr mich wenigstens, auch das Religise
gehrt, interessieren mich nun mal mehr. Dieser unglckliche Knig in seinem
Charlottenburger Schlo;... ein so heller Kopf, und nun umnachtet in seinem
Geiste. Ja, das interessiert mich. Ist es lang?
    Eine Spalte.
    Das ist viel. Aber fange nur an, wir knnen ja abbrechen.
    Und nun las die Dobschtz:
    ... Alle Nachrichten stimmen dahin berein, da es mit dem Befinden des
Knigs schlechter geht; seine Teilnahme lt nach, und die Stunden, in denen er
folgen kann, werden immer seltener. Selbstverstndlich beginnt dieser Zustand
des Kranken auch das staatliche Leben zu beeinflussen, und gewisse Rcksichten,
die man bisher nahm, lassen sich nicht mehr durchfhren. Es lt sich nicht
verkennen, da sich ein vollstndiger Systemwechsel vorbereitet und da sich
dieser Wechsel demnchst auch in der auswrtigen Politik zeigen wird. Das
Verhltnis zu Ruland und sterreich ist erschttert, ein freundschaftliches
Verhltnis zu den Westmchten bahnt sich mehr und mehr an, zu England gewi.
Alles, was geschieht, erinnert an die Zeit von 6 bis 13, die, nach
voraufgegangener Erniedrigung, eine Zeit der Vorbereitung und Wehrhaftmachung
war. Mit solcher Wehrhaftmachung beschftigen sich unausgesetzt die Gedanken des
Prinzregenten, und ist Preuen militrisch erst das, was der Prinzregent aus ihm
zu machen trachtet, so werden wir sehen, was wird. Und in keiner Frage wird sich
das deutlicher zeigen als in der schleswig-holsteinschen.
    Es ist gut, sagte die Grfin. Ich dachte, der Artikel wrde Mitteilungen
vom Hofe bringen, anekdotische Zge, Kleinigkeiten, die meist die Hauptsache
sind, und nun bringt er politische Konjekturen. Ich glaube nicht an
Vorhersagungen, die meist von denen gemacht werden, die die geringste
Berechtigung dazu haben... Aber was ist das fr ein Bild, das ich da auf der
Rckseite der Zeitung sehe, Schlo und Schlotrme...
    Die Dobschtz, die nichts davon wute, wandte die Zeitung und sah nun, da
es eine Annonce war, die, mit ihrem groen Holzschnitt in der Mitte, beinahe die
ganze Rckseite der Zeitung einnahm. Das Auge der Dobschtz glitt darber hin.
Dann sagte sie: Es ist eine Pensionsanzeige aus der Schweiz, natrlich vom
Genfersee: hier, das kleine Gebude, ist das Pensionat, und das groe Hotel im
Vordergrunde ist nur Zugabe.
    Lies. Ich interessiere mich fr solche Annoncen.
    ... Unsere Pension Beau-Rivage tritt nun in ihr fnfundzwanzigstes Jahr. Es
haben in dieser Zeit junge Damen aus allen Teilen der Erde Aufnahme bei uns
gefunden und bewahren uns, soviel wir erfahren, ein freundliches Gedenken. Wir
verdanken dies, neben dem Segen, der nicht fehlen darf, auch wohl den
Grundstzen, nach denen wir unsere Pension unausgesetzt leiten. Es sind dies die
Grundstze der Internationalitt und konfessioneller Gleichberechtigung. Ein
kalvinistischer Geistlicher steht leitend an der Spitze des Ganzen, aber
durchaus von einem Geiste der Duldung erfllt, berlt er es den Eltern und
Vormndern, die Zglinge, die man uns anvertraut, an diesem Religionsunterricht
teilnehmen zu lassen oder nicht...
    Die Grfin erheiterte sich sichtlich. Sie hatte den Zug der meisten Frommen
und Kirchlichen, die Kirchlichkeit anderer nicht blo auzuzweifeln, sondern
meist auch von der komischen Seite zu nehmen, und so waren ihr denn Mitteilungen
aus dem Lager der Katholiken und beinah mehr noch der Genferischen immer eine
Quelle vergnglicher Unterhaltung, auch wenn sich nicht, wie hier, eine das
Heitere so direkt herausfordernde Geschftlichkeit mit einmischte. Sie nahm das
Blatt, um die Pensionsanzeige, die sich noch fortsetzte, weiterzulesen, aber der
Diener, der schon seit einer Viertelstunde den Whisttisch beobachtet und den
Schlu des Robbers abgewartet hatte, trat jetzt vor, um zu melden, da der Tee
serviert sei.
    Trifft sich vorzglich, sagte Baron Arne. Wenn man gewonnen hat, zhlt
ein Rebhuhn, worauf ich rechne, zu den gesundesten Gerichten; sonst freilich
nicht.
    Und damit erhob er sich und reichte dem Frulein von Dobschtz den Arm,
whrend Schwarzkoppen mit der Grfin voranschritt.
    Nun, Petersen, sagte der Graf, wir mssen miteinander frlieb nehmen.
Und an Asta und Elisabeth vorbergehend, rief er diesen zu: Nun, meine
Damen...
    Aber Asta streichelte nur zrtlich seine Hand und sagte: Nein, Papa, wir
bleiben hier, Mama hat es schon erlaubt; wir haben uns noch allerlei zu
erzhlen.

                                Viertes Kapitel


In dem Esaale war gedeckt, die Flgeltren standen auf, und ein heller
Lichterglanz empfing die Eintretenden. Die Grfin nahm ihren Platz zwischen den
beiden Geistlichen, whrend Frulein von Dobschtz mit Holk und Arne ihr
gegenbersaen. Einen Augenblick spter erschienen auch der Hauslehrer und Axel.
    Ich habe mich eben sehr erheitert, wandte sich die Grfin an
Schwarzkoppen...
    Ah, warf Holk dazwischen, in einem Tone, der, wenn weniger spttisch,
ergtzlich gewesen wre, und Arne, der den Spott darin nur zu sehr herausfhlte
(denn Christine war eigentlich nie heiter), lachte herzlich vor sich hin.
    Ich habe mich eben sehr erheitert, wiederholte die Grfin mit einem
Anfluge von Empfindlichkeit und fuhr dann fort: Es ist doch ein eigen Ding um
diese Schweizerpensionen, in denen sich Geschftlichkeit mit Kalvinismus so gut
vertrgt. Es war immer die hliche Seite des Kalvinismus, so lebensklug zu
sein...
    Schwarzkoppen, an den sich auch diese zweite Bemerkung gerichtet hatte,
verneigte sich. Ihr Bruder aber sagte: Das ist mir neu, Christine. Calvin,
soviel ich wei, war unbequem und unerbittlich, Knox desgleichen, und Coligny
benahm sich jedenfalls nicht allzu lebensklug, sonst lebte er vielleicht noch.
Und dann La Rochelle. Und dann die zehntausend Ausgewanderten um Glaubens
willen. Es soll den Lutherschen schwer werden, Seitenstcke dazu zu finden oder
wohl gar Besseres. Ich beantrage Gerechtigkeit; Schwarzkoppen, Sie drfen mich
nicht im Stich lassen gegen meine Schwester. Und Petersen, Sie auch nicht.
    Holk, der seinen Schwager berhaupt sehr liebte, hatte seine herzliche
Freude, da Arne so sprach. Das ist recht, Alfred. Fr die, die nicht da sind,
mu man eintreten.
    Und wenn es Preuen wren, setzte Arne lachend hinzu. Wobei mir der
Artikel einfllt, der vorher vorgelesen wurde. Was war es eigentlich damit? Ich
habe nmlich die Tugend, beim Whist gewinnen und doch so ziemlich allem folgen
zu knnen, was nebenher gelesen oder gesprochen wird. Ich hrte was vom
Charlottenburger Hof und von Wehrhaftmachung und Anno 13. Oder war es nicht so?
Anno 13 habe ich bestimmt gehrt und Wehrhaftmachung auch...
    Ach, liebe Dobschtz, erzhle, was es war, sagte die Grfin.
    Es war genauso, wie der Herr Baron annimmt, und alles in allem schien der
Artikel sagen zu wollen, da es mit Dnemark vorbei sei, wenn es sich in der
Sprachenfrage nicht handeln lasse.
    Holk lachte. Mit Dnemark vorbei! Nein, Herr Preu, soweit sind wir noch
nicht, und unter allen Umstnden haben wir immer noch die Geschichte vom Storch
und Fuchs. Der Fuchs in der Fabel konnte nicht an das Wasser heran, weil es in
einer Flasche war, und der neueste Fuchs, der Preue, kann nicht an Dnemark
heran, weil es Inseln sind. Ja, das Wasser! Gott sei Dank. Es ist immer dieselbe
Geschichte, was der eine kann, kann der andere nicht, und so gut die Preuen
ihren Parademarsch marschieren, ber die Ostsee knnen sie nicht rber, wenn es
auch bei Klaus Groth heit: De Ostsee is man en Puhl.
    Arne, der, bis spt in den Herbst hinein, seine Abendmahlzeit regelmig mit
einem Teller saurer Milch einleitete, streute eben Brot und Zucker auf die vor
ihm stehende Satte, nahm einen ersten Lffel voll und sagte dann, whrend er
seinen Bart putzte: Schwager, da divergieren wir. Der einzige Punkt. Und ich
setze hinzu, glcklicherweise. Denn mit seiner Schwester darf man schon
allenfalls Krieg fhren, aber mit seinem Schwager nicht. Ich berufe mich
brigens auf Petersen, der hat am meisten vom Leben gesehen...
    Petersen nickte.
    Sieh, Holk, fuhr sein Schwager fort, du sprichst da von Fuchs und Storch.
Nun gut, ich habe nichts dagegen, da wir in die tiergeschichtliche Fabel
hineingeraten, im Gegenteil. Denn es gibt auch eine Fabel vom Vogel Strau.
Lieber Holk, du steckst den Kopf wie Vogel Strau in den Busch und willst die
Gefahr nicht sehen.
    Holk wiegte sich hin und her und sagte dann: Ah bah, Alfred. Wer sieht
berhaupt in die Zukunft? Nicht du, nicht ich. Aber schlielich, alles ist
Wahrscheinlichkeitsrechnung, und zu dem Unwahrscheinlichsten von der Welt gehrt
eine Gefahr von Berlin oder Potsdam her. Die Tage der Potsdamer Wachtparade sind
vorber. Nichts ber den Alten Fritzen, er hat keinen greren Verehrer als
mich, aber alles, was er getan, hat, hat den Charakter einer Episode, die fr
sein Land geradezu verhngnisvoll geworden.
    Also der Ruhm eines Landes, oder gar seine Gre, sein Verhngnis.
    Ja, das klingt sonderbar, und doch, lieber Arne...
    Holk unterbrach sich, denn man hrte vom Nebenzimmer her, da Asta sich
mhte, die Begleitung eines Liedes auf dem Flgel herauszutippen. Es wurde aber
gleich wieder still, und Holk seinerseits wiederholte: Ja, Schwager, klingt
sonderbar, da der Ruhm ein Verhngnis sein soll, und doch, dergleichen kommt
vor und entspricht dann immer der Natur der Dinge. Mglich, da auf diesem
brandenburgischen Sumpf- und Sandland, auf dem ja die Semnonen und hnliche
rothaarige Welteroberer gelebt haben sollen, ein neues Welteroberungsvolk htte
gedeihen knnen, gut, zugegeben, aber da htte dies Land einen langsamen
normalen Werdeproze durchmachen mssen. Den hat dieser groe Friedrich gestrt.
Als Kleinstaat legte sich Preuen zu Bett, und als Grostaat stand es wieder
auf. Das war unnormal und kam einfach daher, da es die Nacht ber, oder genauer
gerechnet etliche vierzig Jahre lang, in einem Reck- und Streckbett gelegen
hatte.
    Holk, das sind nicht deine Ideen, sagte Christine.
    Nein, und ist auch nicht ntig; es gengt, da ich sie mir angeeignet. Und
so la mich denn in meinen entlehnten Ideen fortfahren. Allen Respekt vor dem
groen Knig, er ist eine Sache fr sich. Aber das sozusagen posthume Preuen,
das Preuen nach ihm, ist kein Gegenstand meiner Bewunderung, immer im
Schlepptau, heute von Ruland, morgen von sterreich. Alles, was ihm geglckt
ist, ist ihm unter irgendeinem Doppelaar geglckt, nicht unter dem eigenen
Adler, er sei schwarz oder rot. Es hat etwas fr sich, wenn Sptter von einem
preuischen Kuckuck sprechen. Ein Staat, der sich halten und mehr als ein
Tagesereignis sein will, mu natrliche Grenzen haben und eine Nationalitt
reprsentieren.
    Es gibt noch anderen Mrtel und Staatenkitt, sagte Arne, und Schwarzkoppen
und Christine sahen zustimmend einander an.
    Gewi߫, replizierte Holk. Zum Beispiel Geld. Aber wer lacht da? Preuen
und Geld!
    Nein, nicht Geld; eine andere Kleinigkeit. Und diese Kleinigkeit ist nichts
weiter als eine Vorstellung, ein Glauben. In den Russen lebt die Vorstellung,
da sie Konstantinopel besitzen mssen, und sie werden es besitzen. An solchen
Beispielen ist die Geschichte reich, und in den Preuen lebt auch so was. Es ist
nicht wohlgetan, darber zu lachen. Solche Vorstellungen sind nun mal eine
Macht. In unserem Busen wohnen unsere Sterne, so heit es irgendwo, und was die
innere Stimme spricht, das erfllt sich. In Preuen, das du von Jugend an nicht
leiden kannst und von dem du klein denkst, ist seit anderthalb Jahrhunderten
alles Vorbereitung und Entwickelung auf ein groes Ziel hin; nicht der Alte
Fritz war Episode, sondern die Schwchlichkeitszeit, von der du gesprochen, die
war Interregnum. Und mit diesem Interregnum ist es jetzt vorbei. Was der
Zeitungsartikel da sagt, ist richtig. Die Werbetrommel geht still durchs Land,
und gamle Dnemark, wenn es zum Klappen kommt, wird schlielich die Zeche
bezahlen mssen. Petersen, sagen Sie ein Wort! In Ihren Jahren hat man das
Zweite Gesicht und wei, was kommt.
    Der Alte lchelte vor sich hin. Ich will die Frage doch lieber weitergeben.
Denn was unsereinem erst kommt, wenn man achtzig Jahre hinter sich hat (und ich
stehe doch noch davor), das haben die Frauen von Natur, die Frauen sind geborene
Seher. Und unsere Grfin gewi.
    Und ich will auch antworten, sagte Christine. Was meine liebe Dobschtz
da gelesen - anfangs bin ich eigentlich nur mit halbem Ohre gefolgt, denn ich
wollte von dem mir teuren Knigspaar hren und nicht von Wehrhaftmachung und
neuer Zeit. Aber was da gesagt wurde, das ist richtig...
    Arne warf der Schwester eine Kuhand zu, whrend sich Holk, der sich schon
als Opfer einiger Anzglichkeiten fhlte, mit einem Krammetsvogel zu schaffen
machte.
    ... Den Brief in der Hamburger Zeitung, fuhr Christine fort, hat offenbar
jemand geschrieben, der dem neuen Machthaber nahesteht und seine Plne kennt.
Und wenn es noch nicht Plne sind, so doch Wnsche. Ganz und gar aber mu ich
allem zustimmen, was Alfred eben ber die Macht gewisser Vorstellungen gesagt
hat. Die Welt wird durch solche Dinge regiert, zum Guten und Schlechten, je
nachdem die Dinge sind. Und bei den Preuen wurzelt alles...
    In Pflicht, warf Arne dazwischen.
    Ja, in Pflicht und in Gottvertrauen. Und wenn das zuviel gesagt ist, so
doch wenigstens in dem alten Katechismus Lutheri. Den haben sie da noch. Du
sollst den Feiertag heiligen, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht
begehren deines Nchsten Knecht, Magd, Vieh oder alles, was sein ist - ja, das
alles gilt da noch...
    Und ist im brigen aus der Welt verschwunden, lachte Holk.
    Nein, Helmuth, nicht aus der Welt, aber doch aus dem Zipfelchen Welt, das
unsere Welt ist. Ich meine nicht aus unserem teuren Schleswig-Holstein, das hat
Gott in seiner Gnade so tief nicht sinken lassen, ich meine, das Treiben drben,
drben, wo doch unsere Obrigkeit sitzt, der wir gehorchen sollen und der zu
gehorchen ich auch willens bin, solange Recht Recht bleibt. Aber da ich mich an
dem Treiben drben erfreuen sollte, das kannst du nicht fordern, das ist
unmglich. In Kopenhagen...
    Dein alter Widerwille. Was hast du nur dagegen?
    In Kopenhagen ist alles von dieser Welt, alles Genu und Sinnendienst und
Rausch, und das gibt keine Kraft. Die Kraft ist bei denen, die nchtern sind und
sich bezwingen. Sage selbst, ist das noch ein Hof, ein Knigtum da drben? Das
Knigtum, solang es das bleibt, was es sein soll, hat etwas Zwingendes, dem das
Herz freudig Folge leistet und dem zuliebe man Gut und Blut und Leib und Leben
daran gibt. Aber ein Knig, der nur gro ist in Ehescheidungen und sich um
Vorstadtspossen und Danziger Goldwasser mehr kmmert als um Land und Recht, der
hat keine Kraft und gibt keine Kraft und wird denen unterliegen, die diese Kraft
haben.
    Und wir werden preuisch werden, und eine Pickelhaube wird auf eine Stange
gesteckt werden wie Gelers Hut, und wir werden davor niederknien und anbeten.
    Was Gott verhte. Deutsch, aber nicht preuisch, so soll es sein. Ich bin
gut schleswig-holsteinisch allewege, worauf ich die Herren bitte mit mir
anzustoen. Auch du, Helmuth, wenn dich dein Kopenhagener Kammerherrnschlssel
nicht daran hindert. Und sehen Sie nur, Schwarzkoppen, wie da der Mond
heraufsteigt, als woll er alles in Frieden besiegeln. Ja, in Frieden; das ist
das Beste. Dieser Glaube hat mich von Kindheit an begleitet. Schon mein Vater
pflegte zu sagen: Man ist nicht blo unter einem bestimmten Stern geboren,
sondern in dem Himmelsbuche, darin unsere Namen eingezeichnet stehen, steht auch
immer noch ein besonderes Zeichen neben unserem Namen, Efeu, Lorbeer, Palme...
Neben dem meinigen, hoff ich, steht die Palme.
    Der alte Petersen nahm ihre Hand und kte sie: Ja, Christine. Selig sind
die Friedfertigen.
    Es war das so ruhig hingesprochen, ohne jede Absicht, das Herz der Grfin
tiefer berhren zu wollen. Und doch geschah es. Sie hatte sich ihres Friedens
beinah gerhmt oder doch wenigstens eine feste Hoffnung auf ihn ausgesprochen
und empfand im selben Augenblicke, wo der alte Petersen ihr diesen Frieden fast
wie zusicherte, da sie desselben entbehre. Trotz des besten Mannes, der sie
liebte, den sie wiederliebte, stand sie nicht in dem Frieden, nach dem sie sich
sehnte. Trotz aller Liebe - seine leichtlebige Natur und ihre melancholische,
sie stimmten nicht recht mehr zueinander, was ihr diese letzte Zeit, trotz alles
Ankmpfens dagegen, mehr als einmal und leider in immer wachsendem Grade gezeigt
hatte. So fanden denn Petersens wohlgemeinte Worte bei niemandem ein rechtes
Echo, vielmehr blickte jeder schweigend vor sich hin, und nur Arne wandte sich
die Tafel hinunter und sah durch die offenstehende hohe Glastr auf das Meer
hinaus, das im Silberschimmer dalag.
    Und in diesem Augenblicke voll Bedrckung und Schwle trat Asta aus dem
Nebenzimmer an den Tisch heran und flsterte der Mutter zu: Elisabeth will
etwas singen. Darf sie?
    Gewi darf sie. Aber wer wird begleiten?
    Ich. Es ist sehr leicht, und wir haben es eben durchgenommen. Ich denke, es
wird gehen. Und wenn ich steckenbleibe, so ist es kein Unglck.
    Und damit ging sie bis an den Flgel zurck, whrend die groe Mitteltr
aufblieb. Das Notenblatt war schon aufgeschlagen, die Lichter brannten, und
beide begannen. Aber das Gefrchtete geschah, Begleitung und Stimme gingen nicht
recht zusammen, und nun lachten sie halb lustig und halb verlegen. Gleich danach
aber versuchten sie's zum zweiten Male, und nun klang Elisabeths noch halb
kindliche Stimme hell und klar durch beide Rume hin. Alles schwieg und
lauschte. Besonders die Grfin schien ergriffen, und als die letzte Strophe
gesungen war, erhob sie sich und schritt auf den Flgel zu. Hier nahm sie das
noch aufgeschlagen auf dem Notenpult stehende Lied und zog sich ohne weitere
Verabschiedung aus der Gesellschaft zurck. Es fiel nicht allzusehr auf, da
jeder ihr sensitives Wesen kannte. Holk begngte sich, Elisabeth zu fragen, von
wem der Text sei.
    Von Waiblinger, einem Dichter, den ich bis dahin nicht kannte.
    Ich auch nicht, sagte Holk. Und die berschrift?
    Der Kirchhof.
    Drum auch.

Eine Viertelstunde spter fuhr der Arnewieker Wagen vor, und Arne bestand
darauf, da Petersen und Elisabeth bis vor das Holkebyer Pfarrhaus mitfahren
mten, Schnuck werde sich nebenher schon durchschlagen. Nach einigem
Parlamentieren wurde das Anerbieten auch angenommen, Arne nahm den Rcksitz, und
Elisabeth, weil sie gerne mit dem Kutscher plauderte, kletterte auf den Bock
hinauf. Und wirklich, kaum oben, so lie sie sich auch schon des breiteren von
seiner kranken Frau erzhlen und von der Sympathie, die mal wieder besser
geholfen als der Doktor, der berhaupt blo immer was verschreibe und gar nicht
ordentlich nachshe, wo's eigentlich se und wie's mit der Milz stnde. Denn in
der Milz s es.
    Natrlich war dies Gesprch nur von kurzer Dauer, denn keine zehn Minuten,
so hielt man auch schon vor der Pfarre. Schnuck gab seiner Freude, wieder daheim
zu sein, lebhaften Ausdruck, und Arne setzte sich zu Schwarzkoppen in den Fond.
Und nun fuhren beide, nachdem noch ein paar Dankes- und Abschiedsworte
gewechselt worden waren, auf Arnewiek zu.

                                Fnftes Kapitel


Die Fahrt ging zwischen hohlen Knicks hin, das Meer dicht zur Linken; aber man
hrte es nur, ein niedriger Dnenzug hinderte die Aussicht darauf. Arne wie
Schwarzkoppen hatten die Fe in Plaids und Decken geschlagen, denn es war nach
dem schnen warmen Tage herbstlich frisch geworden, frischer, als dem September
zukam. Aber das steigerte nur die Lebendigkeit ihres Gesprchs, das natrlich
dem Abend galt, den man eben verlebt hatte.
    Die kleine Petersen hat eine reizende Stimme, sagte Arne. Trotzdem wollt
ich, sie htte lieber den Jungfernkranz gesungen als das schwermtige Lied.
    Es war sehr schn.
    Gewi war es das, und wir beide knnen es hren, ohne Schaden zu nehmen.
Aber meine Schwester! Sahen Sie wohl, wie sie das Notenblatt nahm und das Zimmer
verlie? Ich wette, sie hat es sofort auswendig gelernt oder Abschrift genommen
und in irgendein Album eingeklebt. Denn trotz ihrer siebenunddreiig Jahre, in
manchen Stcken ist sie noch ganz das Gnadenfreier Pensionsfrulein, besonders
auch darin, wie sie mit der Dobschtz lebt. Die Dobschtz ist eine vorzgliche
Person, vor deren Wissen und Charakter ich allen mglichen Respekt habe,
trotzdem ist sie fr meinen armen Schwager ein Unglck. Sie sind berrascht,
aber es ist so. Die Dobschtz ist viel zu klug und auch viel zu guten Herzens,
um sich aus freien Stcken oder wohl gar aus Eitelkeit zwischen die Eheleute zu
stellen, aber die Stellung, die sie sich nie nehmen wrde, wird ihr durch meine
Schwester aufgezwungen. Christine braucht immer jemanden, um sich auszuklagen,
ganz schne Seele, nachgeborne Jean-Paulsche Figur, die sich, wenn ich mich so
ausdrcken darf, mit dem Ernste des Lebens den Kopf zerbricht. Es gibt
eigentlich nur eine Form, sie zu erheitern, und das sind kleine
Liebesgeschichten aus dem Kreise der Irrglubigen. Und irrglubig ist so
ziemlich alles, was nicht altlutherisch oder pietistisch oder herrnhutisch ist.
Ein Wunder, da sie diese drei wenigstens nebeneinander duldet. Dabei so
eigensinnig, so unzugnglich. Ich versuche mitunter, zum Guten zu reden und ihr
klarzumachen, wie sie sich anpassen und ihrem Manne zuhren msse, wenn er was
aus der Welt erzhlt, einen Witz, ein Wortspiel, eine Anekdote.
    Schwarzkoppen nickte zustimmend und sagte dann: Ich habe ihr heut etwas
hnliches gesagt und auf des Grafen liebenswrdige Seiten hingewiesen.
    Ein Hinweis, den sie mit ziemlich hautainer Manier zurckgewiesen haben
wird. Ich kenne das. Immer Erziehungsfragen, immer Missionsberichte von Grnland
oder Ceylon her, immer Harmonium, immer Kirchenleuchter, immer Altardecke mit
Kreuz. Es ist nicht auszuhalten. Ich spreche darber so freiweg und so
ausfhrlich zu Ihnen, weil Sie der einzige sind, der da helfen kann. Ich glaube,
so ganz gengen Sie ihr auch nicht, schon deshalb nicht, weil Sie, Gott sei
Dank, ohne das pietistische Kolorit von Blmelein und Engelein sind, aber Ihr
Standpunkt ist wenigstens der korrekte. Die Temperatur Ihres Bekenntnisses ist
ihr nicht hochgradig genug, indessen das Bekenntnis selbst lt sie wenigstens
gelten, und weil sie das tut, hrt sie nicht blo Ihren Rat, sondern unterwirft
sich ihm auch. Was etwas sagen will.
    Als Arne so plauderte, waren sie bis an eine Stelle gekommen, wo sich der
Dnenzug nach dem Meer hin ffnete. Die Brandung wurde jetzt sichtbar, und
weiter hinaus sah man Fischerboote, die mit eingerefftem Segel still in dem
hellen Mondlicht lagen. Am Horizont stieg eine Rakete auf, und Leuchtkugeln
fielen nieder.
    Arne hatte halten lassen. Entzckend. Das ist der von Korsr kommende
Dampfer. Vielleicht ist der Knig an Bord und will noch ein paar Wochen in
Glcksburg zubringen. Ich habe schon gehrt, da sie wieder etwas im Moor
gefunden haben, bei Sderbrarup oder sonstwo, vielleicht ein Wikingschiff oder
eine Lustjacht von Kanut dem Groen. Hoffentlich geht dieser Kelch an uns
vorber. Was mich persnlich angeht, ich lese lieber David Copperfield oder die
Drei Musketiere. Diese Moorfunde, Kmme und Nadeln oder wohl gar eine verfitzte
Masse, worber Thomsen und Worsaae sich streiten und nicht feststellen knnen,
ob es ein Wurzelgefaser oder der Schopf eines Seeknigs ist, knnen mich nicht
interessieren, und die kniglichen Frhstcke, bei denen der Liqueurkasten die
Hauptrolle spielt, wenn es nicht gar die Grfin Danner putzmacherlichen
Angedenkens ist, sind mir eigentlich geradezu zuwider. Ich weiche sonst in allem
von meiner Schwester ab, auch noch da, wo sie recht hat und nur leider zuviel
Aufhebens von ihrem Rechte macht, aber in diesem Stcke kann ich ihr nur
zustimmen und begreife Holk nicht, da er mit der Geschichte drben nicht
aufrumt und ein Gefallen daran findet, sich in dem Prinzessinnen-Palais nach
wie vor in seiner Kammerherrn-Uniform herumzuzieren. Da es ihm sein
schleswig-holsteinisches Herz nicht verbietet, will ich hingehen lassen, denn
solange der Knig lebt, ist er nun mal unser Knig und Herzog. Aber ich find es
nicht klug und weise. Das Leben mit der Danner konserviert nicht, ich meine den
Knig, und ber Nacht kann es vorbei sein. Er ist ohnehin ein Apoplektikus. Und
was dann?
    Ich glaube nicht, da sich Holk mit dieser Frage beschftigt. Er ist ein
Augenblicksmensch und hlt zu dem alten Troste: Nach uns die Sndflut.
    Sehr wahr. Augenblicksmensch. Und da es so ist, das ist auch wieder einer
von den Punkten, die meine Schwester ihm nicht verzeihen kann und worin ich mich
abermals auf ihre Seite stellen mu. Aber lassen wir das; ich habe gerade heute
nicht Lust, die Tugenden meiner Schwester aufzuzhlen, es kommt mir heute mehr
auf les dfauts de ses vertus an, die wir, lieber Schwarzkoppen,
gemeinschaftlich bekmpfen mssen, sonst erleben wir etwas sehr Unliebsames. Das
ist mir sicher, und ungewi ist mir nur, wer den ersten Schritt tun wird, den
ersten Schritt zum Unheil. Holk ist in fast zu weitgehender Anbetung und
Ritterlichkeit die Nachgiebigkeit und Bescheidenheit selbst; er hat sich
angewhnt, sich seiner Frau gegenber immer in die zweite Linie zu stellen.
Natrlich. Erst imponierte ihm ihre Schnheit (sie war wirklich sehr schn und
ist es eigentlich noch), und dann imponierte ihm ihre Klugheit oder doch das,
was er dafr hielt, und dann imponierte ihm, und vielleicht am meisten, ihre
Frmmigkeit. Aber seit einiger Zeit, und leider in zu rasch wachsendem Grade,
bereitet sich ein Umschwung in ihm vor; er ist ungeduldig, anzglich, ironisch,
und erst heute nachmittag wieder fiel es mir auf, wie sehr er sich in seinem
Tone verndert hat. Entsinnen Sie sich noch, als von den Marmorkrippen die Rede
war. Nun, meine Schwester nahm die mehr oder weniger scherzhafte Sache wie
gewhnlich wieder ganz ernsthaft und antwortete halb gereizt, halb sentimental.
Noch vor zwei, drei Jahren htte Holk das hingehen lassen, aber heute gab er ihr
alles spitz zurck und spttelte, da ihr blo wohl sei, wenn sie von Gruft und
Kapelle sprechen und einen aus bloer Taille bestehenden Engel malen lassen
knne.
    Schwarzkoppen hatte das alles mit einem gelegentlichen Nur zu wahr
begleitet, und an seiner Zustimmung war nicht zu zweifeln. Nun aber schwieg
Arne, weil ihm die bloe Zustimmung nicht genug war und er gern ein
ausfhrliches Wort von seiten Schwarzkoppens hren wollte. Dieser verriet
indessen wenig Lust, das Thema weiter fortzuspinnen: es war ihm ein zu heies
Eisen, und nach Arnewiek hinberweisend, das in eben diesem Augenblick jenseits
einer tief einbuchtenden Frde sichtbar wurde, sagte er: Wie reizend die Stadt
im Mondlichte daliegt! Und wie der Damm drben die Dcher ordentlich abschneidet
und dazu die Giebel zwischen den Pappeln und Weiden! Und nun Sankt Katharinen!
Hren Sie, wie's herberklingt. Ich segne die Stunde, die mich hierher in Ihr
schnes Land gefhrt.
    Und dafr sollen Sie bedankt sein, Schwarzkoppen. Jeder hrt es gern, wenn
man ihm seine Heimat preist. Aber Sie wollen mir blo entschlpfen. Ich fordere
Sie auf, mir beizustehen in dieser schwierigen Sache, die viel schwieriger
liegt, als Sie vermuten knnen, und Sie zeigen auf den Damm drben und sagen
mir, da er die Dcher abschneidet. Versteht sich, tut er das. Aber damit kommen
Sie mir nicht los. Sie mssen meiner Schwester, bei dem Einflu, den Sie auf sie
haben, von der Bibelseite her beizukommen und ihr aus einem halben Dutzend
Stellen zu beweisen suchen, da das nicht so ginge, da das alles nur
Selbstgerechtigkeit sei, da die rechte Liebe von diesem versteckten Hochmut,
der nur in Demutsallren einhergeht, nichts wissen wolle, mit anderen Worten,
da sie sich ndern und ihrem Manne zu Willen sein msse, statt ihm das Haus zu
verleiden. Ja, Sie knnen hinzusetzen, und halb entspricht es auch der Wahrheit,
da er die ganze Kopenhagener Stellung wahrscheinlich lngst aufgegeben htte,
wenn er nicht froh wre, dann und wann aus dem Druck herauszukommen, den die
Tugenden seiner Frau, meiner geliebten und verehrten Frau Schwester, auf ihn
ausben.
    Ach, lieber Baron, nahm jetzt Schwarzkoppen das Wort, ich will Ihnen
nicht eigentlich entschlpfen, das ist es nicht, es fehlt mir nicht der gute
Wille, nach meiner Kraft mitzuwirken, denn ich sehe die Gefahr, wie Sie sie
sehen. Aber mit dem guten Willen ist wenig getan. Wenn Ihre Frau Schwester statt
eine protestantische Grfin eine katholische Grfin und wenn ich selber statt
ein Seminardirektor in Arnewiek ein Redemptoristen- oder wohl gar ein
Jesuitenpater wre, so wre die Sache sehr einfach. Aber so liegt sie nicht. Von
Autoritt keine Rede. Alles rein gesellschaftlich, und wenn ich Miene machen
wollte, den Seelenarzt, den Beichtvater zu spielen, so wr ich ein Eindringling
und tte etwas, was mir nicht zukommt.
    Eindringling, lachte Arne. Ich kann doch nicht annehmen, Schwarzkoppen,
da Ihnen Petersen Sorge macht, der mit seinen beinahe Achtzig nachgerade an
einem Punkt steht, wo das Rivalisieren und belnehmen aufhrt.
    Nicht Petersen, sagte Schwarzkoppen. Der hat freilich die kleinen
Eitelkeiten, die sonst nirgends grer sind als bei meinen pastoralen
Amtsbrdern, lngst hinter sich geworfen und wrde mir die Rolle des Bekehrers
und Wundertters gnnen. Aber was einem der Zufall bietet, darf man nicht immer
ausnutzen. Es spricht hier so vieles dagegen, erschwert und mahnt zur Vorsicht.
    Also abgelehnt.
    Nein, nicht abgelehnt. Ich will tun, was in meinen Krften steht, aber es
kann nur ein ganz Geringes sein. Schon aus uerlichen Grnden. Ich bin im Amt,
und der Weg bis Holkens ist nicht allzu nah, so wird sich das bei Gelegenheit,
wovon Sie sprachen, nicht allzu oft einstellen knnen. Aber die
Hauptschwierigkeit ist doch immer die Grfin selbst. Ich habe kaum eine Dame
kennengelernt, der ich eine grere Verehrung entgegenbrchte. Sie gesellt zu
den Vorzgen einer vornehmen Dame zugleich alle Tugenden einer christlichen
Frau. Sie will jeden Augenblick das Beste, das Pflichtmige, und diesen ihren
Anschauungen von Pflicht eine andere Richtung zu geben, das ist auerordentlich
schwer. Unsere Kirche, wie Sie wissen und wie ich zum berflu auch schon
andeutete, gestattet nichts als Rat, Zuspruch, Bitte. Mehr oder weniger ist
alles in Spruchauslegung gelegt, was dem Meinungskampfe Tr und Tor ffnet. Und
dazu kommt noch, die Grfin ist nicht blo sehr bibelfest, sie hat auch die
ganze Kraft derer, die nicht links und nicht rechts sehen, keine Konzessionen
machen und durch Starrheit und Unerbittlichkeit sich eine Rstung anzulegen
wissen, die besser schliet als die Rstung eines milden und liebevollen
Glaubens. Mit Widerspruch ist ihr nicht beizukommen und noch weniger mit
berlegener Miene.
    Gewi. Auch kann ich nur wiederholen: es mu sich alles wie von ungefhr
ergeben.
    Alles, was ich tun kann, ist - wenn ich mich als halber Schulmeister, der
ich jetzt bin, auf ein etwas gelehrt klingendes Wort ausspielen darf - ein
prophylaktisches Verfahren. Verhtung, Vorbauung. Ich will mir Geschichten
zurechtlegen, Geschichten aus meinem frheren Pfarrleben - in welche
Verschlingungen und Verirrungen gewinnt man nicht Einblick! -, und will
versuchen, diese Geschichten still wirken zu lassen. Ihre Frau Schwester ist in
gleichem Mae phantasievoll und nachdenklich; das Phantasievolle wird ihr das
Gehrte verlebendigen, und ihre Nachdenklichkeit wird sie zwingen, sich mit dem
Kern der Geschichte zu beschftigen, und sie so vielleicht zunchst zu einem
Wandel der Anschauung und weiterhin zur Selbstbekehrung fhren. Das ist alles,
was ich versprechen kann. Ein sehr langsames Verfahren und vielleicht ein
Aufwand von Kraft, der in keinem Verhltnis steht zu dem, was dabei herauskommt.
Aber ich will mich meiner Aufgabe wenigstens nicht entziehen, weil ich ein
Einsehen habe, da es ntig ist, innerhalb vorsichtig zu ziehender Grenzen
irgend etwas zu tun.
    Abgemacht, Schwarzkoppen; ich hab Ihr Wort. Und damit gut. Zudem, die Zeit
ist gnstig fr das, was wir vorhaben. Holk erwartet in etwa vier Wochen seine
Zitierung zur Prinzessin nach Kopenhagen, und dann ist er fort bis Weihnachten.
In der zwischenliegenden Zeit bin ich oft drben, um, wie herkmmlich, wenn Holk
in Kopenhagen ist, in Wirtschaft und Buchfhrung nach dem Rechten zu sehen; ich
werde mich, wenn ich hinberfahre, regelmig erst mit Ihnen benehmen und
anfragen, ob Sie mich begleiten knnen. Auch das mcht ich noch sagen drfen,
allemal wenn er fort ist, ist sie in einer weichen und beinah zrtlichen
Stimmung, und die groe Liebe, die sie frher fr ihn hegte und die sie
gegenwrtig mehr haben will, als da sie sie wirklich hat, diese Liebe wird dann
immer wieder lebendig. Kurzum, ihr Gemt ist in seiner Abwesenheit ein Acker,
darin jedes gute Samenkorn aufgeht. Es kann nur darauf ankommen, ihr einmal
alles von einer anderen, einigermaen mitberechtigten Seite zu zeigen. Glckt
uns das, so haben wir gewonnen Spiel. Bei dem Ernst und der Nachhaltigkeit,
womit sie alles austrgt, kommt sie, wenn ihrem Geiste nur erst die rechte
Richtung gewiesen ist, von selber ans rechte Ziel.
    Man hatte jetzt den an der anderen Seite der Bucht sich hinziehenden Damm
erreicht, auf dem noch, auf eine kurze Strecke hin, die Fahrstrae lief. Unten
lag die Stadt, in ihrer Mitte von der Katharinenkirche, darin das Seminar
eingebaut war, und am Ausgange von einem alten hochgelegenen Schlobau, Schlo
Arne, berragt. Als der Wagen die Dammschrgung nach der Stadt zu hinabfuhr,
sagte Schwarzkoppen: Ein wunderliches Spiel; sind wir doch wie zwei
Verschwrer, die nchtlicherweile Plne schmieden, Plne, bei denen mir wohl die
Rolle zufllt, die eigentlich dem alten Petersen zufallen mte. Und das um so
mehr, als die Grfin ihn eigentlich schwrmerisch verehrt und nur ber den
Rationalisten in ihm nicht gut fortkommen kann. ber den Rationalisten! Ein
bloes Wort, und bei Lichte besehen ist es nicht mal so schlimm damit, am
wenigsten jetzt. Er ist nun nah an der Grenze der uns hienieden bewilligten Zeit
und hat hellere Augen als wir, vielleicht in all und jedem und in Dingen von
dieser Welt nun schon ganz gewi.

                                Sechstes Kapitel


Die schnen Herbsttage schienen andauern zu wollen. Auch am anderen Morgen war
es wieder hell und sonnig, und das grfliche Paar nahm das Frhstck im Freien
unter der Fronthalle. Julie von Dobschtz mit ihnen. Asta bte nebenan, Axel und
der Hauslehrer waren in den Dnen auf Jagd, was die Michaelisferien gestatteten,
von denen die Grfin, wie von Ferien berhaupt, als Regel nicht viel wissen
wollte; Ferien in der Stadt und auf Schulen, das habe Sinn, hier drauen aber,
wo man in Gottes freier Natur lebe, seien sie mindestens berflssig. Hieran
hielt die Grfin prinzipiell seit lange fest und lchelte berlegen, wenn der
Graf seinen entgegengesetzten Standpunkt verteidigte; gegen die diesjhrigen
Michaelisferien aber hatte sie, trotz ihrer unvernderten Anschauungen,
ausnahmsweise nichts einzuwenden, weil sie den Plan, beide Kinder mit Beginn des
Winterkursus in Pension zu geben, noch immer nicht aufgegeben hatte. Da
bedeuteten denn die paar Tage nicht viel. Der Graf seinerseits zeigte
hinsichtlich der Schul- und Pensionsfrage nach wie vor die von der Grfin immer
wieder beklagte Laschheit; er war nicht eigentlich dagegen, aber er war auch
nicht dafr. Jedenfalls bestritt er, da es irgendwelche Eile damit habe, worauf
dann die Grfin mit einer gewissen Gereiztheit antwortete: das gerade knne sie
nicht gelten lassen; es sei nicht blo an der Zeit, es sei sogar hchste Zeit;
Asta sei sechzehn, Axel werde fnfzehn, das seien die Jahre, wo der Charakter
sich bilde, wo der Kreuzweg kme, wo sich's entscheide nach links oder rechts.
Und ob schwarze oder weie Schafe, warf Holk spttisch ein und griff nach der
Zeitung.
    Aber gerade diese spttische Behandlung, die der Grfin zeigen sollte, da
sie das alles mal wieder viel zu wichtig nhme, steigerte nur ihren Ernst, und
so sagte sie denn, ohne auf die Gegenwart der Dobschtz, die ohnehin eine
Eingeweihte war, Rcksicht zu nehmen: Ich bitte dich, Helmuth, verzichte doch
endlich darauf, eine ernsthafte Sache ins Scherzhafte zu ziehen. Ich erheitere
mich gern...
    Pardon, Christine, das scheint seit gestern deine Parole.
    Ich erheitere mich gern, wiederholte sie, aber alles zu seiner Zeit. Ich
verlange keine Zustimmung von dir, ich verlange nur eine feste Meinung, sie
braucht nicht einmal begrndet zu sein. Sage, da du Herrn Strehlke fr
ausreichend hltst und da dir Elisabeth Petersen lieber ist als ein ganzes
Pensionat junger Damen - ich werde beides nicht glauben, aber ich werde mich
unterwerfen und schweigen. Nur freilich nenne das nicht Erziehung...
    Ach, liebe Christine, das ist nun mal dein Steckenpferd oder eins aus der
Reihe davon, und wenn du nicht als Baronesse Arne geboren wrest, so wrest du
Basedow oder Pestalozzi geworden und knntest Schwarzkoppen als Seminardirektor
ablsen. Oder wohl gar sein Inspizient werden. Erziehung und immer wieder
Erziehung. Offen gestanden, ich fr meine Person glaube nicht an die Wichtigkeit
all dieser Geschichten. Erziehung! Auch da ist das Beste Vorherbestimmung,
Gnade. In diesem Stck, so gut lutherisch ich sonst bin, stehe ich zu Calvin.
Und falls Calvin dich verdriet, beilufig auch eine von deinen hheren
Gesinnungskapricen, so la mich dir einfach das alte Sprichwort sagen: Wie man
in die Wiege gelegt wird, so wird man auch in den Sarg gelegt. Erziehung tut
nicht viel. Und wenn dann schon von Erziehung die Rede sein soll, so ist es die,
die das Haus gibt. Die Grfin zuckte leis mit den Achseln, Holk aber sah
darber hin und fuhr fort: Haus ist Vorbild, und Vorbild ist das einzige, dem
ich so was wie erziehliche Kraft zuschreibe. Vorbild und natrlich Liebe. Und
ich liebe die Kinder, darin werd ich doch hoffentlich deinen Beifall finden, und
sie jeden Tag zu sehen ist mir Bedrfnis.
    Es handelt sich, Helmuth, nicht um das, wessen du bedarfst, sondern es
handelt sich um das, wessen die Kinder bedrfen. Du siehst die Kinder nur beim
Frhstck, wenn du Dagbladet, und beim Tee, wenn du die Hamburger Nachrichten
liest, und bist verstimmt, wenn sie sprechen oder wohl gar eine Frage an dich
richten. Es ist mglich, da dir die Nhe der Kinder ein gewisses Wohlgefhl
gibt, aber es ist damit nicht viel anders als mit der Zuckerdose da, die
regelmig rechts von dir stehen mu, wenn es dir wohl sein soll. Du bedarfst
der Kinder, sagst du. Glaubst du, da ich ihrer nicht bedarf, hier in dieser
Einsamkeit und Stille, darin ich nichts habe als meine gute Dobschtz? Aber das
Glck meiner Kinder gilt mir mehr als mein Behagen, und das, was die Pflicht
vorschreibt, frgt nicht nach Wohlbefinden.
    Holk strich mit der Linken ber das Tischtuch, whrend er mit der Rechten
die Zuckerdose drei-, viermal auf- und zuknipste, bis die Grfin, die bei diesem
Tone jedesmal nervs wurde, die Dose beiseite schob, was er ruhig geschehen
lie.
    Denn er begriff vollkommen, da solche schlechte Angewohnheit schwer zu
ertragen sei. Mehr noch, der ganz geringfgige Zwischenfall gab ihm seine gute
Laune wieder. Meinetwegen, Christine. Besprich es mit Schwarzkoppen und deinem
Bruder und natrlich mit unserer guten Dobschtz. Und dann tut nach eurem
Ermessen. Ist es doch berhaupt nutzlos, ber all das eine Fehde zu fhren, und
ich rgere mich nachtrglich ber jedes Wort, das ich dir geantwortet habe. Denn
eigentlich, und er nahm ihre Hand und kte sie, eigentlich ist es doch eine
kleine Komdie, die du spielst, eine liebenswrdige kleine Komdie. Du willst
mich, ich wei freilich nicht recht warum, in dem Glauben erhalten, als ob ich
hier auf Holkens etwas zu sagen htte. Nun, Christine, du bist nicht blo viel
charaktervoller als ich, du bist auch viel klger; aber so wenig klug bin ich
doch nicht, da ich nicht wissen sollte, wer hier Herr ist und nach wem es geht.
Und wenn ich eines Morgens hier am Frhstckstisch erschiene und du sagtest mir:
Ich habe ber Nacht zwei Pakete gemacht, und das eine habe ich nach
Schnepfenthal und das andere nach Gnadenfrei geschickt, und in dem einen Paket
war Axel und in dem anderen war Asta, so weit du mit jeder erdenklichen
Gewiheit, da ich vielleicht einen Augenblick stutzen, aber gewi nicht
widersprechen oder mich wohl gar bis zu Vorwrfen steigern wrde.
    Die Grfin lchelte halb befriedigt, halb wehmtig.
    Nun sieh, fuhr Holk fort, du gibst mir recht, und wenn du noch einen
Augenblick damit zgern wolltest, so wrde ich mich zur Entscheidung an unsere
Freundin Julie wenden. Nicht wahr, liebe Dobschtz, es ist eine Torheit und
eigentlich ein grausames Spiel, von den Widersprchen oder Unentschlossenheiten
eines Mannes zu sprechen, dessen Unentschlossenheiten nie ein Hindernis sind,
weil sie durch die Bestimmtheiten seiner besseren Hlfte zu baren
Gleichgltigkeiten herabsinken. Aber da biegt ja die Dronning Maria grad um
Far-Klint herum. Noch fnf Minuten, so ist sie heran. Ich schlage vor, da wir
bis an die Landungsbrcke gehen und die Kopenhagener Briefschaften in Empfang
nehmen.
    Nein, ich, rief Asta, die das Wort von dem Herankommen der Dronning Maria
nebenan gehrt und den Flgel, auf dem sie bte, sofort zugeklappt hatte. Nein,
ich; ich bin flinker. Und ehe noch mit einem Ja oder Nein geantwortet werden
konnte, flog sie schon die Terrasse hinunter und auf den Pier zu, dessen
Endpunkt sie fast in demselben Augenblicke erreichte, wo das Schiff anlegte. Der
Kapitn, der die junge Comtesse sehr wohl kannte, grte militrisch und reichte
dann persnlich von der Kommandobrcke her die Zeitungen und Briefschaften.
Einen Augenblick spter setzte sich das Schiff, auf Glcksburg zu, weiter in
Bewegung. Asta aber eilte zurck; auf die Terrasse zu, und als sie halb herauf
war, hielt sie schon einen Brief in die Hhe, an dessen Format und groem Siegel
Graf und Grfin unschwer erkannten, da es ein dienstliches Schreiben sei.
Gleich danach war die junge Comtesse wieder oben unter der Sulenhalle und legte
die Zeitungen auf den Tisch, whrend sie den Brief dem Papa berreichte.
    Dieser berflog die Adresse und las: Sr. Hochgeboren dem Grafen Helmuth
Holk auf Holkens, stellvertretendem Propst des adligen Konvents zu St. Johannes
in Schleswig, Kammerherr I. K. H. der Prinzessin Maria Eleonore.
    So korrekt und so vollstndig, sagte die Grfin, schreibt nur einer. Der
Brief mu also von Pentz sein. Ich mu immer lachen, wenn ich an ihn denke,
etwas Polonius und etwas Hofmarschall Kalb. Asta, du solltest aber weiterben;
die Dronning Maria, glaub ich, kam dir sehr zupa.
    Und Asta ging an den Flgel zurck.
    Holk hatte inzwischen den Brief geffnet und begann ohne weiteres mit seiner
Verlesung, weil er wute, da er keine Staatsgeheimnisse verraten wrde.

                                               Kopenhagen, Prinzessinnen-Palais
                                                              28. September 1859

Lieber Holk. Unsren freiherrlichen Gru zuvor! Und meinem Gru auf der Ferse die
ganz ergebenste Bitte, mich's nicht entgelten lassen zu wollen, da ich auf dem
Punkt stehe, das Familienleben auf Schlo Holkens zu stren. Unser Freund
Thureson Bille, der am 1. Oktober den Dienst bei der Prinzessin antreten und mit
Erichsen alternieren sollte, liegt seit drei Wochen an den Masern danieder, eine
Kinderkrankheit, von der man in diesem Falle sagen darf (ich zitiere hier unsre
Prinzessin, Knigliche Hoheit), sie habe sich an den rechten Mann gewandt. Nun
htten wir freilich noch Baron Steen, aber der ist gerade in Sizilien und wartet
schon seit fnf Wochen auf einen tna-Ausbruch. Seitdem Steen allerpersnlichst
sein eruptives Leben nicht mehr fortsetzen kann, hat er sich den Eruptionen der
feuerspeienden Berge zugekehrt. Wie seine eigne Vergangenheit ihm daneben
erscheinen mag! Ich kenne ihn nun seit dreiig Jahren. Er war, trotz aller
Anstrengungen, ein Don Juan zu sein, im wesentlichen immer nur ein Junker
Bleichenwang, also, gemessen an seinen Ansprchen, so ziemlich das
Lcherlichste, was man sein kann. Aber lassen wir das und wenden wir uns der
Hauptsache zu; Steen und Bille versagen, und so bleiben nur Sie. Die Prinzessin
selbst lt Ihnen und der liebenswrdigen Grfin ihr Bedauern darber
aussprechen und beauftragt mich, hinzuzufgen, sie wrde sich mhen, Ihnen die
Tage so leicht und angenehm wie mglich zu machen. Und das wird ihr auch
gelingen. Der Knig hat vor, den Sptherbst in Glcksburg zuzubringen, die
Danner natrlich mit ihm, und so finden Sie denn unsere Serenissima, die, wie
Sie wissen, mit der Danner nicht gern dieselbe Luft atmet, bei bester Laune. Die
Stellung Halls, der in politicis nach wie vor der Liebling im
Prinzessinnen-Palais ist, ist erschttert, aber auch das trgt dazu bei, die
Stimmung der Prinzessin selbst zu verbessern, denn dem Bauern-Ministerium, das
nah bevorsteht, verspricht alle Welt nur eine Dauer von vier Wochen, und wenn
Hall dann wieder eintritt (und man wird ihn beschwren, es zu tun), so steht er
fester denn je zuvor. Im brigen, lieber Holk, und ich freue mich, dies
hinzusetzen zu drfen, ist es nicht ntig, da Sie sich hasten und eilen und
gleich den ersten Dampfer benutzen; die Prinzessin lt Ihnen dies eigens sagen,
eine besondere Gunstbezeugung, da Pnktlichkeit im Dienst zu den Dingen gehrt,
auf die sie sonst hlt und bei denen sie unter Umstnden empfindlich werden
kann. Ich breche hier ab und nehme nichts vorzeitig aus dem Sack voll
Neuigkeiten heraus, den ich fr Sie habe. Die Prinzessin nimmt es auerdem bel,
wenn man vorweg ausplaudert, was sie selber gern erzhlen mchte. Nur ein
Kosthppchen. Adda Nielsen quittiert die Bhne und wird Grfin Brede, nachdem
sie vierzehn Tage lang geschwankt, ob sie nicht lieber in ihrer freieren und
finanziell vorteilhafteren Stellung bei Grossierer Hoptrup verbleiben solle. Das
Legitime hat aber doch auch einen Reiz, und nun gar eine legitime Grfin!
Hoptrup, selbst wenn er ein Witwer werden sollte (woran vorlufig noch gar nicht
zu denken), kann, trotz seiner Millionen, ber den Etatsrat nie hinaus. Und das
ist fr die Ansprche einer ersten Tragdin zuwenig. De Meza ist Flgeladjutant
geworden, Thomsen und Worsaae haben sich mal wieder gezankt, natrlich ber
einen ausgehhlten versteinerten Baumstamm, den Worsaae blo bis auf Ragnar
Lodbrock, Thomsen aber, dem das nicht genug ist, bis auf Noah zurckverlegen
will. Ich bin fr Noah; er weckt mir angenehmere Vorstellungen: Arche, Taube,
Regenbogen und vor allem Weinstock. Lassen Sie mich in einer Zeile wissen oder
am besten in einem Telegramm, wann wir Sie erwarten drfen. Tout  vous.
                                                            Ihr Ebenezer Pentz.

Holk, als er den Brief gelesen, verfiel in eine herzliche Heiterkeit, in die die
Grfin nicht einstimmen mochte.
    Nun, was sagst du, Christine? Pentz from top to toe. Voll guter Laune, voll
Medisance, zum Glck auch voll Selbstironie. Das Hofleben bildet sich doch
wunderbare Gestalten aus.
    Gewi. Und besonders drben in unserem lieben Kopenhagen. Es kann auch in
seinem Hofleben von seiner ursprnglichen Natur nicht lassen.
    Und was ist diese Natur?
    Tanzsaal, Musik, Feuerwerk. Es ist eine Stadt fr Schiffskapitne, die
sechs Monate lang umhergeschwommen und nun beflissen sind, alles Ersparte zu
vertun und alles Versumte nachzuholen. Alles in Kopenhagen ist Taverne,
Vergngungslokal.
    Holk lachte. Thorwaldsen-Museum, nordische Altertmer und Olafkreuz und
dazu die Frauenkirche mit Christus und zwlf Aposteln... Auch das?
    Ach, Holk, welche Frage! Da liee sich noch viel andres aufzhlen, und ich
bin nicht blind fr all das Schne, was da drben zu finden ist. Es ist
eigentlich ein feines Volk, sehr klug und sehr begabt und ausgerstet mit vielen
Talenten. Aber so gewi sie die Tugenden haben, die der Verkehr mit der Welt
gibt, so gewi auch die Schattenseiten davon. Es sind lauter Lebeleute; sie
haben sich nie recht qulen und mhen mssen, und das Glck und der Reichtum
sind ihnen in den Scho gefallen. Die Zuchtrute hat gefehlt, und das gibt ihnen
nun diesen Ton und diesen Hang zum Vergngen, und der Hof schwimmt nicht nur
blo mit, er schwimmt voran, anstatt ein Einsehen zu haben und sich zu sagen,
da der, der herrschen will, mit der Beherrschung seiner selbst beginnen mu.
Aber das kennt man in Kopenhagen nicht, und das hat auch deine Prinzessin nicht,
und am wenigsten hat es dieser gute Baron Pentz, der, glaub ich, das
Tivoli-Theater fr einen Eckpfeiler der Gesellschaft hlt. Und in dem Sinne
schreibt er auch. Ich kann diesen Ton nicht recht leiden und mu dir sagen, es
ist der Ton, der nach meinem Gefhl und fast auch nach meiner Erfahrung immer
einer Katastrophe vorausgeht.
    Holk war andrer Meinung. Glaube mir, Christine, soviel knigliche und nicht
knigliche Gasterei drben sein mag, das Gastmahl des seligen Belsazar ist noch
nicht da, und der Untergang wird meinen lieben Kopenhagnern noch lange nicht an
die Wand geschrieben... Aber was tue ich dieser Zitation meiner Prinzessin
gegenber?
    Natrlich ihr gehorchen. Du bist im Dienst, und solange du's fr richtig
hltst, darin zu verbleiben, so lange hast du bestimmte Pflichten und mut sie
erfllen. Und in dem vorliegenden Falle, je eher je lieber. Wenigstens nach
meinem Dafrhalten. Das mit dem Urlaub oder mit der Versicherung, es habe keine
Eile, das wrd ich nicht glauben und jedenfalls nicht annehmen. Ich bin allem
Hfischen aus dem Wege gegangen und habe einen Horror vor alten und jungen
Prinzessinnen, aber soviel wei ich doch auch vom Hofleben und seinen Gesetzen,
da man an Huldigungen nicht leicht genug tun kann und da die ruhige Hinnahme
bewilligter Freiheiten immer etwas Miliches ist. Und dann, Holk, wenn du auch
noch bleiben wolltest, es wren doch unruhige Tage fr dich und mich, fr uns
alle. Kann ich dir also raten, so reise morgen.
    Du hast recht; es ist das beste so, nicht lange besinnen. Aber du solltest
mich begleiten, Christine. Die Hansen drben hat das ganze Haus, also berflu
an Raum, und ist eine Wirtin, wie sie nicht besser gedacht werden kann. Und was
die Bekanntschaften angeht, so findest du die Schimmelmann und die Schwgerin
unserer guten Brockdorff und Helene Moltke. Ich nenne diese drei, weil ich wei,
da du sie magst. Und dann gibt es doch auch Kirchen in Kopenhagen, und Melbye
ist dein Lieblingsmaler, und vor dem alten Grundtvig hast du zeitlebens Respekt
gehabt.
    Die Grfin lchelte. Dann sagte sie: Ja, Helmuth, da bist du nun wieder
ganz du. Noch keine Stunde, da wir von den Kindern und ihrer Unterbringung
gesprochen haben, und schon hast du alles wieder vergessen. Einer mu doch hier
sein und das, was zu tun ist, in die rechten Wege leiten. Ich mchte wissen, was
dich eigentlich beschftigt. Alle Krner fallen aus deinem Gedchtnis heraus,
und nur die Spreu bleibt zurck. Verzeih, aber ich kann dir diese bittren Worte
nicht ersparen. Ich glaube, wenn mein Bruder Alfred stirbt oder vielleicht auch
wer, der dir noch nhersteht, und du hast gerad eine Hhnerjagd angesagt, so
vergit du, zum Begrbnis zu fahren.
    Holk bi sich auf die Lippen. Es glckt mir nicht, dich freundlich zu
stimmen und dich aus deinem ewigen Brten und Ernstnehmen herauszureien. Ich
frage mich, ist es meine Schuld oder ist es deine?
    Diese Worte blieben doch nicht ohne Wirkung auf Christine. Sie nahm seine
Hand und sagte: Schuld ist berall, und vielleicht ist meine die grere. Du
bist leichtlebig und schwankend und wandelbar, und ich habe den melancholischen
Zug und nehme das Leben schwer. Auch da, wo Leichtnehmen das Bessere wre. Du
hast es nicht gut mit mir getroffen, und ich wnschte dir wohl eine Frau, die
mehr zu lachen verstnde. Dann und wann versuch ich's, berhme mich auch wohl,
da ich's versucht, aber es glckt nicht recht. Ernst bin ich gewi und
vielleicht auch sentimental. Vergi, was ich dir vorhin gesagt habe; es war hart
und unrecht, und ich habe mich hinreien lassen. Gewi, ich klage dich oft an
und will es nicht leugnen, aber ich darf auch sagen, ich verklage mich vor mir
selber.
    In diesem Augenblicke trat Asta vom Salon her wieder unter die Halle, einen
Helgolnderhut ber dem linken Arm.
    Wo willst du hin?
    Zu Elisabeth. Ich will ihr die Notenmappe zurckbringen, die sie gestern
hiergelassen.
    Ah, das trifft sich gut, sagte Holk, da begleit ich dich ein Stck Wegs.
Und Asta, die wohl sah, da ein ernsthaftes Gesprch stattgefunden hatte, grte
zunchst die Dobschtz und kte dann der Mutter die Stirn. Und gleich danach
nahm sie des Vaters Hand und ging mit ihm die Halle hinunter, auf die
Gartenfront des Hauses zu.
    Als sie fort waren, sagte die Dobschtz: Ich mchte beinah glauben,
Christine, du httest die Notenmappe noch gern ein paar Tage hierbehalten? Ich
sah gestern abend, welchen Eindruck das Lied auf dich machte.
    Nicht die Komposition, blo der Text. Und den hab ich mir im ersten Eifer
gleich gestern abgeschrieben. Bitte, liebe Julie, hol ihn mir von meinem
Schreibtisch. Ich mchte wohl, du lsest mir das Ganze noch einmal vor oder doch
wenigstens die erste Strophe.
    Die gerade kann ich auswendig, sagte die Dobschtz.
    Ich vielleicht auch. Aber trotzdem mcht ich sie hren; sage sie mir, und
recht langsam.
    Und nun sprach die Dobschtz langsam und leise vor sich hin:

Die Ruh ist wohl das Beste
Von allem Glck der Welt,
Was bleibt vom Erdenfeste,
Was bleibt uns unvergllt?
Die Rose welkt in Schauern,
Die uns der Frhling gibt,
Wer hat, ist zu bedauern,
Und mehr noch fast, wer liebt.

Die Grfin lie von ihrer Arbeit ab, und eine Trne fiel auf ihre Hand. Dann
sagte sie: Eine wunderbare Strophe. Und ich wei nicht, was schner ist, die
zwei Zeilen, womit sie beginnt, oder die zwei Zeilen, womit sie schliet.
    Ich glaube, sie gehren zusammen, sagte die Freundin, und jedes
Zeilenpaar wird schner durch das andre. Wer hat, ist zu bedauern, und mehr
noch fast, wer liebt. Ja, Christine, es ist so. Aber gerade, weil es so wahr
ist...
    Ist das andre, womit die Strophe beginnt, noch wahrer: Die Ruh ist wohl das
Beste.

                               Siebentes Kapitel


Holk und Asta schritten, whrend Christine dies Gesprch mit der Dobschtz
fhrte, die Sulenhalle hinunter, und erst als sie hundert Schritte weiter
abwrts das mit Rasen berwachsene Rondel erreicht hatten, wo man, wenn Besuch
war, Kricket zu spielen pflegte, trennten sie sich, Holk, um sich einem vor
einem Treibhause beschftigten Grtner zuzuwenden, Asta, um ihren Weg auf der
wohlgepflegten Parkchaussee fortzusetzen. Diese senkte sich allmhlich und bog
schlielich scharf links in eine breite, schon in der Ebene laufende
Kastanienallee ein, die sich bis Dorf Holkeby hinzog. berall lagen Kastanien am
Boden oder platzten aus der Schale, wenn sie vor Asta niederfielen. Diese bckte
sich nach jeder einzelnen, als aber das Pfarrhaus, das in die Kirchhofsmauer
eingebaut war, in Sicht kam, warf sie alles wieder fort und ging in rascherem
Schritt auf das Haus zu. Die Tr hatte noch von alter Zeit her einen Klopfer, er
schien aber seinen Dienst versagen zu wollen, denn niemand kam. Erst als sie das
Klopfen mehrmals wiederholt hatte, wurde geffnet, und zwar von Pastor Petersen
selbst, der augenscheinlich gestrt worden war. Als er aber Asta erkannte,
verschwand rasch die Mimutswolke von seiner Stirn, und er nahm ihre Hand und
zog sie mit sich in seine Studierstube, deren Tr er offengelassen hatte. Die
Fenster gingen auf den ein wenig ansteigenden Kirchhof hinaus, so da die
Grabsteine einander wie ber die Schulter sahen. Dazwischen standen Eschen und
Trauerweiden, und der Duft von Reseda, trotzdem es schon spt im Jahre war,
drang von auen her ein.
    Nimm Platz, Asta, sagte Petersen. Ich war eben eingeschlafen. In meinen
Jahren geht der Schlaf nicht mehr nach der Uhr; in der Nacht will er nicht
kommen, und da kommt er denn bei Tag und berfllt einen. Elisabeth ist bei
Schnemanns drben und bringt der armen Frau, die's, glaub ich, nicht lange mehr
machen wird, ein paar Weintrauben, die wir heute frh geschnitten haben. Aber
sie mu gleich wieder da sein; Hanna hilft mit drauen auf dem Feld. Und nun
trinkst du mit mir ein Glas Malvasier. Das ist Damenwein.
    Und dabei schob er die aufgeschlagene Bibel nach rechts, einen Kasten mit
Altertmern aber (denn er war ein Altertmler wie die meisten schleswigschen
Pastoren) weit nach links hin und stellte zwei Weinglser auf seinen
Arbeitstisch.
    La uns anstoen. Ja, worauf? Nun, auf ein frohes Weihnachten.
    Ach, das ist noch so lange.
    Ja dir. Aber ich rechne anders... Und da das Christkind dir alles erfllt,
was du auf dem Herzen hast.
    Ihre Glser klangen zusammen, und im selben Augenblicke trat auch Elisabeth
ein und sagte: Da mu ich doch mit anstoen, wenn ich auch nicht wei, wem es
gilt.
    Und nun erst begrten sich die jungen Mdchen, und Asta gab an Elisabeth
die Notenmappe zurck und sprach ihr dabei den Dank ihrer Mutter fr das schne
Lied aus, das sie gestern abend gesungen.
    Dies wurde nur so hingesprochen, denn whrend Asta die Bestellung
ausrichtete, beschftigte sich ihr Auge schon mit den zahlreichen numerierten
Dingen, kleinen und groen, die den archologischen Kasten fllten. Das eine,
was sie sah, schien Golddraht zu sein, Golddraht in einer groen Spirale.
    Warum ist es von Gold? fragte Asta. Es sieht ja aus wie eine
Sofa-Sprungfeder.
    Der Alte vergngte sich darber und sagte ihr dann, es sei was Besseres, ein
Schmuckstck, eine Art Armband, das vor zweitausend Jahren eine damalige
Comtesse Asta getragen habe.
    Asta freute sich und nickte, und Elisabeth, die von diesen Dingen mehr
kannte, als ihr lieb war, denn sie war wie der Kustos der Sammlung, setzte
ihrerseits hinzu: Und wenn nach wieder zweitausend Jahren deine kleine
Hufeisen-Broche gefunden wird, dann, das kann ich dir versichern, wird es auch
Vermutungen und Feststellungen geben... Aber nun komm, Asta, wir wollen den
Gropapa und seine Studierstube nicht lnger stren.
    Und damit nahm sie Astas Arm und ging mit ihr ber den Flur auf eine Pforte
zu, die direkt nach dem Kirchhof hinausfhrte. Nur wenige Schritte noch, dann
kamen sie bis an einen breiten Querweg, der zwischen Grbern hin auf die alte
Feldsteinkirche zulief, einen frhgotischen Bau ohne Turm, der fr eine Scheune
htte gelten knnen, wenn nicht die hohen Spitzbogenfenster gewesen wren mit
ihrem dichten kleinblttrigen Efeu, der sich bis unter das Dach hinaufrankte.
Die Glocke hing unter ein paar Schutzbrettern an der einen Giebelseite der
Kirche, whrend an der andern ein niedriges Backsteinhaus angebaut war, mit
kleinen Fenstern und jedes Fenster mit zwei Eisenstben. Einige der Grabsteine,
die hier in Nhe der Kirche besonders zahlreich waren, reichten mit ihrem
Kopfende bis dicht an die Gruft heran, denn eine solche war der Anbau, und auf
einen dieser Grabsteine stieg nun Asta und sah neugierig durch die kleinen
eisenvergitterten Fenster. Dabei lehnte sie sich mit der Hand gegen einen losen
Mauerstein, der sich dadurch nach hinten schob und einen anderen Halbstein, der
auch schon lose war, zum Umkippen brachte, so da er mit Gepolter in die Gruft
hinabstrzte.
    Asta fuhr zurck und sprang von dem Grabstein herab, auf dem sie gestanden.
Elisabeth war mit erschrocken, und erst als sie beide den unheimlichen Platz und
gleich darnach auch den Kirchhof selbst verlassen hatten, erholten sie sich und
fanden ihre Sprache wieder. Drauen, an der Kirchhofsmauer hin, lagen groe
Massen geschnittener Bretter und Balken, was nicht wundernehmen konnte, denn
parallel mit der Kirchhofsmauer, und nur durch einen breiten Fahrweg von ihr
getrennt, zog sich ein langer, mit kurzem Gras berwachsener Holz- und
Zimmerplatz hin, auf dem bestndig norwegische Hlzer geschnitten wurden. Auch
in diesem Augenblicke wieder lag ein roh mit der Axt behauener Baumstamm auf
zwei hohen Holzbcken, und ein paar Zimmerleute, von denen der eine oben, der
andre unten stand, sgten mit einer groen, in ihrer Arbeit immer blanker
werdenden Holzsge den Stamm entlang. Beide Mdchen sahen emsig hinber, und die
Nhe der Menschen, dazu der lebendige Ton der Arbeit, tat ihnen wohl nach dem
Grauen, von dem sie sich angesichts der zerbrckelnden Gruft soeben noch berhrt
gefhlt hatten.
    Es war ein sehr anheimelnder Platz; die Brennesseln, die sonst hier
wucherten, waren niedergetreten, und so saen die beiden Freundinnen bequem und
behaglich auf den hochaufgeschichteten Brettern und hatten die Balken als
Fubank und die Kirchhofsmauer als Rcklehne.
    Weit du, sagte Asta, die Mama hat doch recht, da sie von der Gruft
nichts wissen will und eine Scheu hat, sie zu betreten. Es ist ja, als wre
jeder Stein lose und als warte alles nur darauf, da es zusammenstrze. Und
zweimal im Jahre geht sie doch hin und legt ihren Kranz auf den Sarg, an seinem
Geburtstag und an seinem Sterbetage.
    Kannst du dich denn deines Bruders Estrid noch erinnern?
    Oh, gewi kann ich. Ich war schon sieben Jahr.
    Und ist es wahr, da er nicht blo Estrid hie, sondern auch noch Adam?
    Ja. Die Mama wollte freilich, da er als zweiten Namen den Namen Helmuth
fhren sollte wie der Vater, Estrid Helmuth - Tante Dobschtz hat es mir oft
erzhlt; der Papa aber bestand auf Adam, weil er gehrt hatte, da Kinder, die
so heien, nicht sterben, und da habe denn die Mama gesagt (ich wei das alles
von Tante Julie), das sei Heidentum und Aberglauben und es werde sich strafen,
denn der liebe Gott lasse sich nichts vorschreiben, und es sei lsterlich und
verwerflich, ihm die Hnde binden zu wollen.
    Ich kann mir denken, da deine Mutter so gesprochen hat. Und es hat sich ja
auch gestraft. Aber ich finde doch, Asta, da deine Mutter in all dem zu streng
ist, und der Gropapa, der sie doch so sehr liebt und sie getraut hat - was
brigens der Arnewieker Pastor damals sehr belgenommen haben soll - und der
nichts Besseres kennt als seine liebe Christine, wie er sie noch immer nennt,
und deinen Papa nennt er ja auch noch du von alten Zeiten her... der sagt doch
auch, sie sei zu sicher auf ihrem Wege und zu streng gegen andre...
    Ja, das sagen alle, dein Gropapa sagt es, und Direktor Schwarzkoppen sagt
es, und Onkel Arne sagt es. Und wenn Axel und ich es auch nicht hren sollen,
wir hren es doch und machen so unsre Betrachtungen drber...
    Und wem kommen denn eure Betrachtungen zugute?
    Immer der Mama.
    Das wundert mich eigentlich. Ich dachte, du wrest deines Vaters Verzug und
Liebling. Und liebtest ihn am meisten.
    Oh, gewi hab ich ihn lieb; er ist so gut und erfllt uns jeden Wunsch.
Aber die Mama meint es doch viel besser mit uns, und deshalb ist sie strenger.
Alles blo aus Liebe.
    Ich habe dich nicht immer so sprechen hren, Asta. Es ist noch keine Woche,
da du voller Klagen und fast voll Bitterkeit warst und da du sagtest, es sei
mit der Mama kaum noch zu leben und alles schlge sie dir ab und alles sei so
wichtig, als ob Leben und Seligkeit daran hinge...
    Ja, das werd ich wohl gesagt haben. Aber wer klagte nicht mal! Und dann ist
es oft so still hier, und dabei wird man traurig und will es anders haben...
Sieh, ich denk es mir so, die Mama bedrckt uns oft, aber sie sorgt doch auch
fr uns, und der Papa erfreut uns jeden Augenblick, aber im ganzen kmmert er
sich nicht recht um uns. Er ist mit seinen Gedanken immer woanders und die Mama
immer bei uns. Wenn es nach dem Papa ginge, so ginge alles so ruhig weiter, bis
jemand kme und mich haben wollte. Comtesse Holk, rotblond und gerade gewachsen
und etwas Vermgen - ich glaube, das ist alles, was ihm vorschwebt, und davon
verspricht er sich das Beste. Da ich auch eine Seele habe, daran denkt er
nicht, vielleicht glaubt er nicht mal daran.
    Wie du nur sprichst. Er wird doch glauben, da du eine Seele hast?
    Vielleicht. Ich wei es nicht. Und das ist der Unterschied von der Mama.
Die glaubt bestimmt daran und will, da ich etwas lernen und einen festen
Glauben gewinnen soll, einen Anker fr die Strme des Lebens, wie sie sagt, und
ich wre glcklich darber, wenn ich nicht von dir fortmte. Solche Freundin
wie du, die find ich in der Welt nicht wieder.
    Aber du wirst doch nicht fortwollen, Asta? Und um was denn? Ist denn nicht
die Dobschtz eine kluge Dame und lieb und gut dazu? Und du kannst ja
franzsisch parlieren, da es eine Lust ist, und Strehlke hat ja zwei Preise
gewonnen, einen in Kopenhagen ber die Strandvegetation in Nordschleswig und
einen in Kiel ber Quallen und Seesterne. Und da er Geographie wei, das wei
ich, er wute ja neulich das Lustschlo vom Knig von Neapel, so da ihm selbst
dein Onkel Arne gratulierte. Was willst du denn noch mehr lernen? Das nehm ich
dir bel, wenn du soviel mehr lernen willst als ich, und wenn du dann
wiederkommst, ist kein Verkehr mehr mit mir. Und ich will doch mit dir
verkehren, denn ich liebe dich ja so sehr. Und deine Mama, wenn sie dich
fortgibt, wird dich gewi in eine groe Schweizerpension geben wollen.
    Nein, in eine kleine Herrnhuterpension.
    Nun, darber lt sich reden, Asta. Herrnhuter kenn ich, das sind gute
Leute.
    Das mein ich. Die Mama war ja auch in einer Herrnhuterpension.
    Ist es denn schon gewi?
    So gut wie gewi. Der Papa hat nachgegeben. Und auerdem reist er morgen
nach Kopenhagen zur Prinzessin, worauf gar nicht gerechnet war, und das wird
Mama wohl benutzen, um alles schnell ins rechte Geleise zu bringen. Ich denke
mir, in vierzehn Tagen oder noch frher...
    Ach, Asta, wre nicht der Gropapa, ich bte deine Mama, da sie mich
mitgbe. Was soll ich hier anfangen, wenn du fort bist?
    Es mu schon so gehen, Elisabeth, und wird auch. Schwer wird es mir auch.
Und meine Mama wird auch allein sein und niemanden um sich haben als die
Dobschtz, und sie schickt uns doch fort. Denn Axel geht auch. Es ist doch
recht, was sie mir gestern abend sagte: Man lebt nicht um Vergngen und Freude
willen, sondern man lebt, um seine Pflicht zu tun. Und sie beschwor mich, dessen
stets eingedenk zu sein, denn daran hinge Glck und Seligkeit.
    Das ist schon alles ganz wahr, aber es hilft mir nichts. Und in Elisabeths
Auge war ein Flimmern, als sie das sagte. Ich kann doch nicht immer am Strand
spazierengehen und Bernstein suchen und Kataloge machen und die Nummern
umschreiben. Und denke, Winterszeit, wenn alles in Schnee liegt und die Krhen
auf den Kreuzen sitzen, und dann um Mittag die zwlf Schlge...
    Und in diesem Augenblicke schlug die Mittagsglocke, von der Elisabeth eben
gesprochen hatte. Beide Mdchen fuhren zusammen. Dann aber lachten sie wieder
und erhoben sich, denn es war hohe Zeit.
    Wann kommst du wieder?
    Morgen.
    Damit trennten sie sich, und als Asta gleich danach bei der Stelle
vorberkam, wo die Glocke hing, tat diese gerade den zwlften Schlag, und der
Kstersjunge, der gelutet hatte, zog seine Kappe und verschwand dann hinter den
Grbern.

                                 Achtes Kapitel


Holk, als er sich an dem Kricketplatz von Asta getrennt hatte, hatte sich nach
dem nchstgelegenen Treibhause begeben, in dessen Front er seinen Grtner emsig
bei der Arbeit sah. Und hier, nach kurzer Begrung, ri er zwei Bltter aus
seinem Notizbuch und schrieb ein paar Telegrammzeilen an Pentz und die Witwe
Hansen, in denen er beiden sein Eintreffen in Kopenhagen fr den andern Abend
anzeigte. Diese Telegramme, lieber Ohlsen, mssen nach Glcksburg oder
meinetwegen auch nach Arnewiek; es gilt mir gleich, wo Sie's aufgeben wollen.
Nehmen Sie den Jagdwagen.
    Der Grtner, ein Muffel, wie die meisten seines Zeichens, war
augenscheinlich verdrielich, weshalb Holk hinzusetzte: Tut mir brigens leid,
Ohlsen, Sie bei der Arbeit stren zu mssen; aber ich brauche Philipp beim
Packen, und Ihrer Frau Bruder, der sich ja gut anlt, wei noch nicht recht
Bescheid und ist mir auch nicht zuverlssig genug.
    Der Grtner fand sich nun wieder zurecht und sagte, da er, wenn's dem
Grafen recht wre, lieber nach Glcksburg wolle; seine Frau habe nmlich wieder
solch Jucken ber den ganzen Krper, was gewi von der Galle kme, sie rgere
sich so leicht, und da mcht er denn wohl mit zu Doktor Eschke heran und ein
Rezept holen.
    Mir recht, sagte Holk. Und wenn Sie mal da sind, so sorgen Sie auch
gleich dafr, da das Schiff morgen frh mit Sicherheit hier anlegt; es ist
schon vorgekommen, da es vorbeifhrt, und fragen Sie auch, ob der Knig schon
da ist, ich meine in Glcksburg, und wie lange er wohl bleibt.
    Damit ging der Graf wieder auf das Schlo zu, wo Philipp, im Ankleidezimmer
seines Herrn, nicht blo die Koffer bereits zurechtgestellt, sondern auch schon
mit dem Packen begonnen hatte.
    Das ist recht, Philipp; ich sehe, die Grfin hat dir gesagt, da ich
fortmu. Nun, du weit ja, was ich brauche; aber nicht zuviel, je mehr man
mitnimmt, je mehr fehlt einem. Nicht wahr? Ist der Koffer voll, so verlangt man
zuletzt alles, als wre man zu Hause. Nur eines vergi nicht, die Pelzstiefel
und die hohen Gummischuhe. Man tapst drin herum wie ein Elefant, aber das Herz
bleibt warm und gesund, und das ist doch immer die Hauptsache. Meinst du nicht
auch?
    Philipp besttigte den Ausspruch, worauf sich der Graf in sichtlichem
Behagen an seinen Schreibtisch setzte und einige Briefe schrieb, auch einen an
seinen Schwager Arne, whrend der alte Diener mit dem Packen der Koffer
fortfuhr.
    Welche Bcher befehlen der Herr Graf?
    Keine. Was wir hier haben, pat nicht nach Kopenhagen. Oder nimm ein paar
Bnde Walter Scott mit; man kann nicht wissen, und der pat immer.

In der Mittagsstunde, Asta war noch unten im Dorf, kam Baron Arne von Arnewiek
herber, und Holk, als man plaudernd mit den Damen unter der Halle sa, gab ihm
lachend den Brief, den er am Vormittag geschrieben hatte. Da, Alfred; aber lies
ihn erst zu Haus, es eilt nicht damit, und eigentlich weit du ja doch, was
darin steht. Es ist das alte Lied. Ich empfehle dir Schlo Holkens und die
Wirtschaft wie schon manch liebes Mal und setze dich fr die Tage meiner
Abwesenheit zum Majordomus ein. Sei deiner Schwester ein Berater, besprich mit
ihr (dies sprach er halb leise) den Bau einer neuen Kapelle mit Gruft oder was
sie sonst will, und lasse Plne machen wegen der Stlle. Mit dem fr die
Shorthorns wird angefangen. Zieh den homopathischen Doktor zu Rate, von dem du
mir neulich soviel Wunderdinge erzhlt hast, und schicke dann die Zeichnungen
hinber nach Kopenhagen. Pentz versteht auch was davon und Bille, der soviel
gereist ist, noch mehr, und seine Masern (und damit wandt er sich wieder an die
Damen) knnen doch am Ende nicht ewig dauern. Ist er erst abgeschlbert, ich
mu lachen, wenn ich ihn mir in der Mauserung denke, so such ich ihn auf und leg
ihm die Plne vor. Kranke sind immer froh, wenn sie was andres hren als den
Medizinlffel oder den Doktorstock.
    Holk sprach noch weiter in diesem Tone, was keinen Zweifel darber lie, da
er sich eigentlich freute, Holkens auf ein Vierteljahr verlassen zu knnen. Es
war fast verletzend fr die Grfin, und sie wrde diesem Gefhl auch Ausdruck
gegeben haben, wenn sie sich nicht auf einer ganz hnlichen Empfindung ertappt
htte. Wie bei vielen Eheleuten, so stand es auch bei den Holkschen. Wenn sie
getrennt waren, waren sie sich innerlich am nchsten, denn es fielen dann nicht
blo die Meinungsverschiedenheiten und Schraubereien fort, sondern sie fanden
sich auch wieder zu frherer Liebe zurck und schrieben sich zrtliche Briefe.
Das wute keiner besser als der Schwager drben in Arnewiek. Arne stellte denn
auch heute wieder seine Betrachtungen ber dies Thema an und gab ihnen in ein
paar Scherzworten Ausdruck. Aber das war nicht wohlgetan; sosehr es zutraf, was
er sagte, sowenig lag es im Wunsche seiner Schwester, diese Dinge berhrt zu
sehen. Vielleicht war es denn auch dieser Gang der Unterhaltung, was den die
leise Verstimmung seiner Frau beobachtenden Holk veranlate, die Dobschtz zu
einem Spaziergang in den Park aufzufordern, er habe noch dies und das mit ihr
zu besprechen.
    Als sie fort waren, sagte Christine zu ihrem Bruder, mit dem sie allein
geblieben: Du mutest das nicht sagen, Alfred, nicht in seiner Gegenwart. Er
hat, wie du weit, ohnehin die Neigung, ernste Dinge leichtzunehmen, und wenn du
ihm darin mit gutem Beispiel vorangehst, so wei er sich noch was damit und
gefllt sich darin, den Freigeist zu spielen.
    Arne lchelte.
    Du lchelst. Aber ganz mit Unrecht. Denn ich sage nicht, ein Freigeist zu
sein. Ein Freigeist sein, das kann er nicht, dazu reichen seine Gaben nicht aus,
auch nicht die seines Charakters. Und das ist eben das Schlimme. Mit einem
Atheisten knnte ich leben, wenigstens halte ich es fr mglich, ja, mehr, es
knnte einen Reiz fr mich haben, ernste Kmpfe mit ihm zu bestehen. Aber davon
ist Helmuth weit ab. Ernste Kmpfe! Das kennt er nicht. Mit allem, was du da
sagtest, zu mir kannst du so sprechen, verwirrst du ihn blo und bestrkst ihn
nur in allem, was schwach und eitel an ihm ist.
    Arne begngte sich, etlichen Buchfinken, die whrend des Gesprchs bis unter
die Halle gekommen waren, ein paar kleine Krumen hinzuwerfen, schwieg aber.
    Warum schweigst du? Bin ich dir wieder zu kirchlich? Ich habe kein Wort von
Kirche gesprochen. Oder bin ich dir wieder zu streng?
    Arne nickte.
    Zu streng. Sonderbar. Du findest dich nicht mehr in mir zurecht, Alfred,
und wenn das ein Vorwurf ist, und du meinst es so, so mu ich dir den Vorwurf
zurckgeben. Ich finde mich nicht mehr in dir zurecht. Du weit, wie mein Herz
an dir hngt, wie ich, aus meiner Kindheit Tagen her, voller Dank gegen dich
bin, und dies Dankesgefhl habe ich noch. Aber ich kann dir das Wort nicht
ersparen, du bist ein anderer geworden in deinen Anschauungen und Prinzipien,
nicht ich. An dem einen Tage bin ich dir zu sittenstreng, am anderen Tage zu
starr in meinem Bekenntnis, am dritten Tage zu preuisch und am vierten zu wenig
dnisch. Ich treff es in nichts mehr. Und doch, Alfred, all das, was ich bin,
oder doch das meiste davon, bin ich durch dich. Du hast mir diese Richtung
gegeben. Du warst schon dreiig, als ich bei der Eltern Tode zurckblieb, und
nach deinen Anschauungen, nicht nach denen der Eltern, bin ich erzogen worden;
du hast die Herrnhuterpension fr mich ausgesucht, du hast mich bei den Reckes
und den Reu' und den frommen Familien eingefhrt, und nun, wo ich das geworden
bin, wozu du mich damals bestimmtest, nun ist es nicht recht. Und warum nicht?
Weil du mittlerweile die Fahne gewechselt hast. Ich will es respektieren, da
du, der du mit dreiig an der Grenze des uersten Aristokratismus warst, jetzt,
wo du beinah sechzig bist, die Welt mit einem Male durch liberalgeschliffene
Glser siehest; aber darfst du mir Vorwrfe machen, wenn ich da blieb, wo du
frher auch standest und wo du mich selber hingestellt?
    Arne nahm zrtlich der Schwester Hand. Ach, Christine, stehe, wo du willst.
Ich habe nicht den Mut mehr, Standpunkte zu verwerfen. Das ist eben das eine,
was ich in meinen zweiten dreiig Jahren gelernt habe. Der Standpunkt macht es
nicht, die Art macht es, wie man ihn vertritt. Und da mu ich dir sagen, du
berspannst den Bogen, du tust des Guten zuviel.
    Kann man des Guten zuviel tun?
    Gewi kann man das. Jedes Zuviel ist vom bel. Es hat mir, solang ich den
Satz kenne, den grten Eindruck gemacht, da die Alten nichts so schtzten wie
das Ma der Dinge.
    Holk und die Dobschtz kehrten in diesem Augenblicke von ihrem Spaziergange
zurck, und von der andern Seite her kam Asta die Strandterrasse herauf und
eilte sofort auf Arne zu, dessen Liebling sie war und an dem sie jederzeit den
besten Zuhrer hatte. Der Mama gegenber zeigte sie sich meist zurckhaltend;
aber wenn Onkel Alfred da war, mute alles herunter, was ihr auf der Seele lag.
    Ich habe heute frh schon an Pastor Petersens Arbeitstisch gesessen, und
rechts lag die Bibel, und links stand der Kasten mit Altertmern, und war
eigentlich kein Zollbreit Platz mehr da, um mir zu zeigen, was in den
Pappschachteln alles lag. Meistens waren es Steine. Zuletzt aber, als er die
Bibel zurckgeschoben hatte...
    Da hattet ihr Platz, lachte die Grfin. Mein alter, lieber Petersen, er
schiebt immer die Bibel zurck und ist immer bei seinen Steinen und hat auch
sonst eine Neigung, die Steine fr Brot zu geben.
    Arne wollte widersprechen, als er aber des eben gehabten Gesprchs gedachte,
besann er sich rasch wieder und war froh, als Asta fortfuhr: Und dann hab ich
drauen auf dem Kirchhofe mit Elisabeth an dem Grab ihrer Mutter gestanden und
habe bei der Gelegenheit gesehen, da Elisabeth eigentlich Elisabeth Kruse heit
und da blo ihre Mutter eine Petersen war und da wir sie eigentlich gar nicht
Elisabeth Petersen nennen drfen. Aber, so sagte sie mir, sie habe ihren Vater
gar nicht mehr gekannt, und die Mutter, wenn man im Dorf von ihr gesprochen
htte, sei fr die Leute nur immer des alten Petersen Tochter gewesen, und so
heie sie denn auch Elisabeth Petersen, und sei eigentlich recht gut so.
    Und dann, fuhr Asta fort, gingen wir den Kirchhofssteig weiter hinauf bis
an die Kirche und kletterten auf einen schrg daliegenden Grabstein und wollten
eben durch das Gitterfenster in unsere Gruft sehen, da fiel ein Stein hinein und
schlug auf und war mir, als htt ich wen erschlagen. Ach, ich kann gar nicht
sagen, wie ich mich erschrocken habe. Da mag ich nicht hinein, und wenn ich
sterbe, das mt ihr mir alle versprechen, will ich den Himmel ber meinem Grabe
haben.
    Der Grfin Blick traf den Grafen, der sichtlich bewegt war und seiner Frau
freundlich zunickte. Soll anders werden, Christine. Habe schon mit Alfred
gesprochen und auch eben mit der Dobschtz. Es wird eine offene gotische Halle
werden, die den Begrbnisplatz umschliet, und was sonst noch werden soll, das
wirst du selber angeben.
    Arne, whrend Graf und Grfin noch eine kleine Weile so weitersprachen,
unterhielt sich mit Asta und leitete dann, als das Gesprch wieder ein
allgemeines wurde, zu anderen Dingen ber, was sich leicht machte, da Grtner
Ohlsen eben von Glcksburg zurckkam und die Nachricht brachte, der Knig komme
morgen und die Grfin Danner auch und er wolle vier Wochen bleiben und auf dem
Braruper Moor ein Hnengrab ausnehmen. Und das Billet habe er bei Reeder
Kirkegard gleich gelst, und um zehn Uhr frh oder so herum werde das
Dampfschiff an dem Steg unten anlegen. Es sei das beste Schiff auf der Linie:
Knig Christian, Kapitn Brdstedt.
    Ehe Ohlsen noch seinen Rapport beendet, kam Axel mit dem Hauslehrer und
holte die von ihm geschossenen Rebhhner aus der Jagdtasche hervor.
    Mir lieb, Axel, sagte Holk, das gibt ein Frhstck fr unterwegs. Du
wirst doch noch ein richtiger Holkscher Jger werden, und offen gestanden, das
wre mir das liebste. Das Lernen ist fr andere.
    Und dabei streifte Holks Blick, ohne recht zu wollen, den armen Strehlke,
der sich, whrend sein Zgling die Rebhhner geschossen, damit begngt hatte,
ein Dutzend Krammetsvgel aus den Dohnen zu nehmen.

                                Neuntes Kapitel


Der Knig Christian hielt Wort: pnktlich um zehn Uhr kam er in Sicht, und
zehn Minuten spter legte er an der Landungsbrcke an. Der Graf stand schon da,
die Koffer neben ihm, auf denen Axel und Asta Platz genommen hatten, jener mit
seiner Jagdflinte ber der Schulter. Und nun kam der Abschied von den Kindern,
und gleich danach stieg Holk an Bord, unter Vorantritt zweier Bootsleute, die
das Gepck trugen. Einen Augenblick spter, und Kapitn Brdstedt rief auch
schon seine Befehle zur Weiterfahrt in den Maschinenraum hinein, der Steuermann
aber lie das Rad durch die Hand laufen, und unter ein paar schweren Schlgen
(es war noch ein Raddampfer) lste sich das Schiff von der Landungsbrcke los
und nahm seinen Kurs stlich in die offene See hinaus. Holk seinerseits war
mittlerweile zu dem Kapitn herangetreten und sah jetzt, von der Kommandobrcke
her, auf den Pier zurck, vor dem aus beide Kinder noch eifrig grten; ja, Axel
gab sogar einen Salutschu aus seinem Gewehr. Oben aber, auf der letzten
Terrassenstufe, standen die Grfin und das Frulein, bis sie, nach kurzem
Verweilen an dieser Stelle, wieder unter die hher gelegene Sulenhalle
zurcktraten, um von hier aus dem Schiffe bequemer folgen zu knnen. Zugleich
sahen sie nach dem Pier hinunter, auf dem jetzt die Geschwister gemeinschaftlich
herankamen, anscheinend in lebhaftem Gesprch. Erst am Strande trennten sie sich
wieder, und whrend Axel auf Mwenjagd in die Dnen einbog, stieg Asta die
Terrasse hinauf.
    Als sie oben war, schob sie eine Fubank neben den Platz der Mama, nahm die
Hand derselben und versuchte zu scherzen. Es war Kapitn Brdstedt, der fuhr,
ein schner Mann, und soll auch, wie mir Philipp erzhlt hat, eine bildschne
Frau haben, von der es heit, er habe sie sich von dem Bornholmer Leuchtturm
heruntergeholt. Es ist doch eigentlich schade, da man, um bloer
Standesvorurteile willen, einen Mann wie Kapitn Brdstedt nicht heiraten kann.
    Aber, Asta, wie kommst du nur auf solche Dinge?
    Ganz natrlich, Mama. Man hat doch auch so seine zwei Augen und hrt
allerlei und macht seine Vergleiche. Da nimm einmal den guten Seminardirektor,
der eine Adlige zur Frau hatte; nun ist er freilich Witwer. Ja, du wirst doch
zugeben, Mama, da Schwarzkoppen noch lange kein Brdstedt ist. Und
Schwarzkoppen ginge noch, aber Herr Strehlke...
    Beide Damen lachten, und als die Mama schwieg, sagte das Frulein: Asta, du
bist wie ein junges Fllen, und ich sehe zu meinem Schrecken, da dir die
Schulstunden fehlen. Und was du da nur sprichst, als ob gesellschaftlich ein
Unterschied zwischen einem Manne wie Brdstedt und einem Manne wie Strehlke
wre.
    Gewi ist ein Unterschied. Das heit nicht fr mich, fr mich ganz gewi
nicht, das kann ich beteuern. Aber fr andere ist ein Unterschied. Sieh dich
doch nur um. Ich fr mein Teil habe noch nie von einer Heirat zwischen einem
Dampfschiffskapitn und einer Comtesse gehrt; aber soll ich dir an meinen zehn
Fingern all die Hauslehrer und Kandidaten aufzhlen, die hier herum...
    Es ist schon das beste, Asta, wir verzichten auf alle Vergleiche.
    Mir recht, lachte diese. Aber eine Leuchtturmstochter sein und von einem
Manne wie Kapitn Brdstedt von einem Leuchtturm heruntergeholt zu werden, das
ist doch hbsch und eigentlich ein leibhaftiges Mrchen. Und alles, was Mrchen
ist, ist meine Schwrmerei, meine Passion, und die Geschichte vom tapfern
Zinnsoldaten ist mir viel, viel lieber als der ganze Siebenjhrige Krieg! Und
bei diesen Worten erhob sie sich wieder von ihrer Fubank und lie die beiden
Damen allein, um sich nebenan an den Flgel zu setzen. Gleich danach hrte man
denn auch eine Chopinsche Etde, freilich nicht recht flssig und mit vielen
Fehlern.
    Wie kam Asta nur zu solcher Bemerkung? Ist es blo bermut oder was sonst?
Was fhrt sie in ihrem Gemt so sonderbare Wege?
    Nichts, was dich ngstigen knnte, sagte die Dobschtz. Wr es das, so
wrde sie zu schweigen wissen. Ich lebe mehr mit ihr als du und brge dir fr
ihren guten Sinn. Asta hat einen lebhaften Geist und eine lebhafte Phantasie...
    Was immer eine Gefahr ist...
    Ja. Aber oft auch ein Segen. Eine lebhafte Phantasie schiebt auch Bilder
vor das Hliche und ist dann wie ein Schutz und Schirm.
    Die Grfin schwieg und blickte vor sich hin, und als sie nach einiger Zeit
wieder auf das Meer hinaussah, sah sie von dem Dampfer nur noch den immer
blasser werdenden Rauch, der wie ein Strich am Horizonte hinzog. Sie schien
allerhand Gedanken nachzuhngen, und als die Dobschtz, von der Seite her, einen
flchtigen Blick auf die Freundin richtete, sah sie, da eine Trne in deren
Auge stand.
    Was ist, Christine? sagte sie.
    Nichts.
    Und doch bist du so bewegt...
    Nichts, wiederholte die Grfin. Oder wenigstens nichts Bestimmtes. Aber
es qult mich eine unbestimmte Angst, und wenn ich nicht das Wahrsagen und
Trumedeuten von Grund meiner Seele verabscheute, weil ich es fr gottlos und
auch fr eine Quelle der Trbsal halte, so mt ich dir von einem Traum
erzhlen, den ich diese letzte Nacht gehabt habe. Und war nicht einmal ein
schrecklicher Traum, blo ein trber und schwermtiger. Ein Trauerzug war es,
nur ich und du, und in der Ferne Holk. Und mit einem Male war es ein
Hochzeitszug, in dem ich ging, und dann war es wieder ein Trauerzug. Ich kann
das Bild nicht loswerden. Dabei das Sonderbare, solange der Traum dauerte, hab
ich mich nicht gengstigt, und erst als ich wach wurde, kam die Angst. Und
deshalb beunruhigte mich auch das, was Asta sagte. Noch gestern htte mich's
blo erheitert, denn ich kenne das Kind und wei, da sie ganz so ist, wie du
sagst... Und dann, offen gestanden, auch diese Reise ngstigt mich. Sieh, jetzt
ist die Rauchfahne verschwunden...
    Aber, Christine, das wirst du doch von dir abtun; das ist ja wie sich
frchten, da man vom Stuhl fllt oder da die Decke einstrzt. Es strzen
Decken ein und Huser auch, und es scheitern auch Schiffe, die zwischen
Glcksburg und Kopenhagen fahren, aber, Gott sei Dank, doch blo alle hundert
Jahr einmal...
    Und einen trifft es dann, und wer will sagen, wer dieser eine ist. Aber das
ist es nicht, Julie... Ich denke nicht an ein Unglck unterwegs... Es sind ganz
andere Dinge, die mich ngstigen. Ich freute mich, wie du weit, auf diese
stillen Tage, die zugleich geschftige Tage werden sollten, und seit heute frh
freue ich mich nicht mehr darauf.
    Bist du wegen der Kinder anderen Sinnes geworden?
    Nein. Es bleibt bei dem lngst zwischen uns Besprochenen, und nur wegen
Axel schwankt es noch mit dem Wohin. Aber auch das wird sich unschwer regeln.
Nein, Julie, was mich in meinem Gemte seit heute frh beschftigt, ist einfach
das: ich durfte Holk nicht reisen lassen oder doch nicht allein. Ich habe diese
sonderbare Stellung immer mit Unbehagen und Mitrauen angesehen, und wenn er
auch diesmal wieder hinber mute, weil sein Nichterscheinen eine Beleidigung
gewesen wre, so mute ich mit ihm gehen...
    Die Dobschtz, berrascht, mhte sich, ein Lcheln zu unterdrcken.
    Eiferschtig? Und whrend sie so fragte, nahm sie die Hand der Grfin und
fhlte, da diese zitterte. Du schweigst. Also getroffen, also wirklich
eiferschtig, sonst wrdest du sprechen und mich auslachen. Man lernt doch nie
aus, auch nicht in dem Herzen seiner besten Freundin.
    Eine Pause trat ein, fr beide peinlich, besonders fr die Dobschtz, die
das alles so ganz wider Wunsch und Willen heraufbeschworen hatte. Ja,
Verlegenheit auf beiden Seiten, soviel war gewi, und diese Verlegenheit wieder
aus dem Wege zu rumen, das war nur mglich, wenn das Gesprch, wie es begonnen,
mit allem Freimut fortgesetzt wurde.
    Gnnst du mir noch ein Wort?
    Die Grfin nickte.
    Nun denn, Christine, ich war in vielen Husern und habe manches gesehen,
was ich lieber nicht gesehen htte. Die Herrensitze lassen oft viel zu wnschen
brig. Aber wenn ich je umgekehrt ein zuverlssiges Haus gefunden habe, so ist
es das euere. Du bist ein Engel, wie alle schnen Frauen, wenn sie nicht blo
schn, sondern auch gut sind, ein Fall, der freilich selten eintritt, und ich
persnlich wenigstens habe nichts Besseres kennengelernt als dich. Aber gleich
nach dir kommt dein Mann. Er ist in dem, um das sich's hier handelt, ein Muster,
und wenn ich einem Fremden zeigen sollte, was ein deutsches Haus und deutsche
Sitte sei, so nhm ich ihn beim Schopf und brcht ihn einfach hierher nach
Holkens.
    Der Grfin Antlitz verklrte sich.
    Ja, Christine, du bist alles in allem doch eine sehr bevorzugte Frau. Holk
ist aufrichtig und zuverlssig, und wenn drben in Kopenhagen auch jede dritte
Frau die Frau Potiphar in Person wre, du wrest seiner doch sicher. Und
schlielich, Christine, wenn dir trotz alledem immer noch ein Zweifel kme...
    Was dann?
    Dann mtest du den Zweifel nicht aufkommen lassen und dir's klug und
liebevoll einreden, es sei anders. Ein schner Glaube beglckt und bessert und
stellt wieder her, und ein schlimmer Argwohn verdirbt alles.
    Ach, meine liebe Julie, das sagst du so hin, weil du, soviel du von unserem
Haus und Leben kennst, doch nicht recht weit (und du sagtest eben selbst so
was), wie's in meinem Herzen eigentlich aussieht. Du weit alles und doch auch
wieder nicht. Ich glaube, wie Ehen sind, das wissen immer nur die Eheleute
selbst, und mitunter wissen's auch die nicht. Wer drauen steht, der sieht jeden
Mimut und hrt jeden Streit; denn, sonderbar zu sagen, von ihren Fehden und
Streitigkeiten verbergen die Eheleute meistens nicht viel vor der Welt, ja,
mitunter ist es fast, als sollten es andere hren und als wrde das Heftigste
gerade fr andere gesprochen. Aber das gibt doch ein falsches Bild, denn eine
Ehe, wenn nur noch etwas Liebe da ist, hat doch auch immer noch eine andere
Seite. Sieh, Julie, wenn ich Holk in irgendeiner Sache sprechen will und such
ihn in seinem Zimmer auf und sehe, da er rechnet oder schreibt, so nehme ich
ein Buch und setze mich ihm gegenber und sage: La dich nicht stren, Holk, ich
warte. Und dann, whrend ich lese oder auch nur so tue, seh ich oft ber das
Buch fort und freue mich ber sein gutes, liebes Gesicht und mchte auf ihn
zufliegen und ihm sagen: Bester Holk. Sieh, Julie, das kommt auch vor; aber
niemand sieht es und niemand hrt es.
    Ach, Christine, da ich das aus deinem Munde hre, das freut mich mehr, als
ich dir sagen kann. Ich habe mich manchmal um euch und euer Glck gengstigt.
Aber wenn es so ist...
    Es ist so, Julie, ganz so, mitunter mir selbst zum Trotz. Aber gerade weil
es so ist, deshalb hast du doch unrecht mit deinem Rate, da man immer das Beste
glauben und mitunter sogar die Augen schlieen msse. Das geht nicht so, wenn
man wen liebt. Und dann, liebe Julie, hast du doch auch unrecht, oder wenigstens
ein halbes, mit dem, was du ber Holk sagst. Er ist gut und treu, der beste Mann
von der Welt, das ist richtig, aber doch auch schwach und eitel, und Kopenhagen
ist nicht der Ort, einen schwachen Charakter fest zu machen. Sieh, Julie, du
machst seinen Advokaten und tust es mit aller berzeugung, aber du sprichst doch
auch von Mglichkeiten, und die gerade lasten mir jetzt auf der Seele...
    Die Dobschtz wollte weiter beruhigen, aber Philipp kam und bergab einen
Brief, den ein Bote von Arnewiek her eben berbracht hatte. Die Grfin nahm an,
da er von ihrem Bruder sei, als sie aber die Aufschrift berflog, sah sie, da
er von Schwarzkoppen kam. Und nun las sie:

Gndigste Frau. Ich habe mich seit vorgestern eingehender mit der zwischen uns
verhandelten Frage beschftigt und bin die Reihe der Erziehungsinstitute
durchgegangen, die fr Axel in Betracht kommen knnen. Einige der besten sind zu
streng, nicht blo in der Disziplin, sondern wohl auch kirchlich, und so mchte
ich denn annehmen, da das Bunzlauer Pdagogium den zu stellenden Anforderungen
am meisten entspricht. Ich kenne den Vorstand und wrde mir die Erlaubnis, in
dieser Angelegenheit ein paar einfhrende Worte an denselben schreiben zu
drfen, zur Ehre schtzen. Auerdem ist Gnadenfrei verhltnismig nah, so da
die Geschwister sich fter sehen, auch die Sommerferienreise gemeinschaftlich
machen knnen. Gndigste Grfin, in vorzglicher Ergebenheit
                                                              Ihr Schwarzkoppen

Nun, Julie, das trifft sich gut. Ich verlasse mich in dieser Frage ganz auf
unseren Freund drben, und Holk hat mir ja freie Hand gegeben. Wie gut, da wir
nun etwas vorhaben. Heute noch schreiben wir auf, was jedes der Kinder braucht,
es wird eine Welt von Sachen sein. Und dann kommt die Reise, und du mut uns
natrlich begleiten. Ich freue mich von ganzem Herzen, und du wirst es auch,
mein geliebtes Gnadenfrei wiederzusehen. Und wenn ich dann daran denke, wie mein
Bruder, ach, lang ist's her, mich von dort abholte und Holk mit ihm... Fast war
es wie der Leuchtturm, von dem Kapitn Brdstedt seine Bornholmerin
herunterholte. Nun, ein Leuchtturm war es gewi, fr dich und mich, ein Licht
frs Leben und hoffentlich bis in den Tod.

                                Zehntes Kapitel


Die Dampfschiffahrt ging gut, und es war noch nicht neun Uhr abends heran, als
der Knig Christian zwischen Nyholm und Tolboden in den Kopenhagener Hafen
einbog. Holk stand auf Deck und geno eines herrlichen Anblickes; ber ihm
funkelten die Sterne in fast schon winterlicher Klarheit, und mit ihnen zugleich
spiegelten sich die Uferlichter in der schimmernden Wasserflche. Schiffsvolk
und Kommissionre drngten sich heran, die Kutscher hoben ihre Peitschen und
warteten eines zustimmenden Winkes, Holk aber, der es vorzog, die wenigen
hundert Schritte bis zur Dronningens-Tvergade zu Fu zu machen, lehnte alle
Dienste ab und gab dem Schiffssteward nur Weisung, ihm sein Gepck so bald wie
mglich bis in die Wohnung der Witwe Hansen zu schicken. Dann ging er, nach
einem freundlichen Abschiede vom Kapitn, das Bollwerk entlang, erst auf den
Sankt-Annen-Platz und von hier aus in kurzer Biegung auf die
Dronningens-Tvergade zu, wo gleich links das zweistckige Haus der Witwe Hansen
gelegen war. Als er hier, nach wenigen Minuten, von der anderen Seite der Strae
her seiner Wohnung ansichtig wurde, sah er musternd hinber und freute sich des
sauberen und anheimelnden Eindrucks, den das Ganze machte. Der erste Stock, in
dem sich seine zwei Zimmer befanden, war schon erleuchtet, und die
Schiebefenster, um frische Luft einzulassen, waren ein wenig geffnet. Ich
wette, es brennt auch ein Feuer im Kamin. Ein Ideal von einer Wirtin. Unter
diesen Betrachtungen schritt er ber den Damm auf das Haus zu und tat mit dem
Klopfer einen guten Schlag, nicht zu laut und nicht zu leise. Gleich danach
wurde denn auch geffnet, und Witwe Hansen in Person, eine noch hbsche Frau von
beinah fnfzig, begrte den Grafen mit einer Art Herzlichkeit und sprach ihm
ihre Freude aus, ihn noch in diesem Jahre wiederzusehen, whrend sie doch
frhestens von Neujahr an darauf gerechnet habe. Da Baron Bille, der doch kein
Kind mehr, auch gerade die Masern kriegen mute! Aber so ist es im Leben, dem
einen sein Schad ist dem anderen sein Nutz.
    Unter diesen Worten war die Wirtin in den Flur zurckgetreten, um,
vorangehend, dem Grafen hinaufzuleuchten. Dieser folgte denn auch. Unten an der
Treppe aber blieb er einen Augenblick stehen, was, nach dem Anblick, der sich
ihm bot, kaum ausbleiben konnte. Die zweite Hlfte des nur schmalen Hausflures
lag nach hinten zu wie in Nacht, ganz zuletzt aber, da, wo mutmalich eine zur
Kche fhrende Tr aufstand, fiel ein Lichtschein in den dunklen Flur hinein,
und in diesem Lichtscheine stand eine junge Frau, vielleicht, um zu sehen, noch
wahrscheinlicher, um gesehen zu werden. Holk war betroffen und sagte: Wohl Ihre
Frau Tochter? Ich habe schon davon gehrt, und da sie diesmal ihren Ehemann
nicht begleitet hat. Die Witwe Hansen besttigte Holks Frage nur ganz kurz,
mutmalich, weil sie durch eine lngere Mitteilung ihrerseits die Wirkung des
Bildes nicht abschwchen wollte.
    Oben in den Zimmern, die mit schweren Teppichen ausgelegt und mit Vasen und
anderen chinesisch-japanischen Porzellansachen reich, aber nicht berladen
geschmckt waren, zeigte sich alles so, wie's Holk vermutet hatte: die Lichter
brannten, das Feuer im Kamin war da, und auf dem Sofatische standen Frchte,
mehr wohl, um den anheimelnden Eindruck eines Stillebens zu steigern, als um
gegessen zu werden. Neben der Fruchtschale lagen die Karten von Baron Pentz und
Baron Erichsen, die beide vor einer Stunde bereits dagewesen waren und nach dem
Grafen gefragt hatten. Sie wrden wiederkommen.
    In diesem Augenblick hrte man unten auf dem Hausflur sprechen. Es werden
meine Sachen sein, sagte Holk und erwartete, die junge Frau, deren Bild ihn
noch beschftigte, samt ein paar koffertragenden Schiffsleuten eintreten zu
sehen. Aber die junge Frau kam nicht, auch nicht das Gepck, wohl aber
erschienen beide Freiherren, mit denen sich nun Holk begrte, mit Pentz
herzlich und jovial, mit Erichsen artig und etwas zurckhaltend. Frau Hansen
machte Miene, sich zurckzuziehen, und fragte nur noch, was der Herr Graf fr
den Abend befehle. Holk wollte auch darauf antworten, Pentz aber lie es nicht
dazu kommen und sagte: Liebe Frau Hansen, Graf Holk hat fr heute gar keine
Wnsche mehr, ausgenommen den, uns zu Vincents zu begleiten. Sie mssen sich's
gefallen lassen, da wir ihn Ihnen gleich im ersten Moment wieder entfhren,
Ihnen und der Frau Tochter. Wobei mir einfllt, sind denn Nachrichten von
Kapitn Hansen da, diesem glcklichsten und beneidenswertesten und zugleich
leichtsinnigsten aller Ehemnner? Wenn ich solche Frau htte, htt ich mich fr
ein Metier entschieden, das mich jeden Tag runde vierundzwanzig Stunden ans Haus
fesselte; Schiffskapitn wre jedenfalls das letzte gewesen.
    Witwe Hansen war sichtlich erheitert, rckte sich aber doch einigermaen
ernsthaft zurecht und sagte mit einer gewissen Matronenwrde: Ach, Herr Baron,
wer immer auf seinen Mann wartet, der denkt nicht an andere. Mein Seliger war ja
auch Kapitn. Und ich habe immer blo an ihn gedacht...
    Pentz lachte. Nun, Frau Hansen, was einem die Frauen sagen, das mu man
glauben, das geht nicht anders. Und ich will's auch versuchen.
    Und dabei nahm er Holk am Arm, um ihn zu gemeinschaftlichem Abendessen und
obligater Plauderei zu Vincents Restaurant zu fhren. Baron Erichsen folgte mit
einem Gesichtsausdruck, der die voraufgegangenen Kordialitten mit der Wirtin zu
mibilligen schien, trotzdem er sie als Pentzsche Verkehrsform genugsam kannte.
    Die Witwe Hansen ihrerseits aber hatte bereits die Glocke von einer der
beiden Lampen genommen und leuchtete hinab, bis die drei Herren das Haus
verlassen hatten.
    Pentz und Erichsen waren Gegenstze, was nicht ausschlo, da sie sich
ziemlich gut standen. Mit Pentz stand sich brigens jeder gut, weil er nicht
blo zu dem hollndischen Sprichworte: Wundere dich allenfalls, aber rgere
dich nicht, von ganzem Herzen hielt, sondern diesen Weisheitssatz auch noch
berbot. Er hatte nmlich auch das sich wundern schon hinter sich; auch das
war ihm schon um einen Grad zuviel. Er bekannte sich vielmehr zu ride si sapis
und nahm alles von der heiteren Seite. Dem alten Pilatusworte Was ist
Wahrheit? gab er in Leben, Politik und Kirche die weiteste Ausdehnung, und sich
ber Moralfragen zu erhitzen - bei deren Errterung er regelmig die Griechen,
gypter, Inder und Tscherkessen als Vertreter jeder Richtung in Leben und Liebe
zitierte - war ihm einfach ein Beweis tiefer Nichtbildung und uerster
Unvertrautheit mit den wechselnden Formen menschlicher Vergesellschaftung, wie
er sich, unter Lftung seiner kleinen Goldbrille, gern ausdrckte. Man sah dann
jedesmal, wie die kleinen Augen pfiffig und berlegen lchelten. Er war ein
Sechziger, unverheiratet und natrlich Gourmand; die Prinzessin hielt auf ihn,
weil er sie nie gelangweilt und sein nicht leichtes Amt anscheinend spielend und
doch immer mit groer Akkuratesse verwaltet hatte. Das lie manches andere
vergessen, vor allem auch das, da er, all seiner Meriten unerachtet, doch
eigentlich in allem, was Erscheinung anging, eine komische Figur war. Solange er
bei Tische sa, ging es; wenn er dann aber aufstand, zeigte sich's, was die
Natur einerseits zuviel und andererseits zuwenig fr ihn getan hatte. Seine
Sockelpartie nmlich lie viel zu wnschen brig, was die Prinzessin dahin
ausdrckte, sie habe nie einen Menschen gesehen, der sowenig auf Stelzen ginge
wie Baron Pentz. Da sie dies Wort immer nur zitierte, wenn in seinem Sprechen
etwas moralisch sehr Ungestelztes vorausgegangen war, so geno sie dabei die
Doppelfreude, ihn mit ein und demselben Worte ridiklisiert und beglckt zu
haben. Er war von groer Beweglichkeit und htte danach ein ewiges Leben
versprochen, wenn nicht sein Embonpoint, sein kurzer Hals und sein gerteter
Teint gewesen wren, drei Dinge, die den Apoplektitus verrieten.
    Als Pentz' Gegenstck konnte Erichsen gelten; wie jener ein Apoplektikus, so
war dieser ein geborener Hektikus. Er stammte aus einer Schwindsuchtsfamilie,
die, weil sie sehr reich war, die Kirchhfe smtlicher klimatischer Kurorte mit
Denkmlern aus Marmor, Syenit und Bronze versorgt hatte. Die Zeichen der
Unsterblichkeit auf eben diesen Denkmlern waren aber berall dieselben, und in
Nizza, San Remo, Funchal und Kairo, ja prosaischerweise auch in Grbersdorf,
schwebte der Schmetterling, als wenn er das Wappen der Erichsen gewesen wre,
himmelan. Auch unser gegenwrtiger Kammerherr Erichsen, seit etwa zehn Jahren im
Dienste der Prinzessin, hatte den ganzen Kursus durchschmarutzt, ihn aber
glcklicher absolviert als andere seines Namens. Von seinem vierzigsten Jahre an
war er sehaft geworden und konnte sich die ruhigen Tage gnnen, was er so weit
trieb, da er kaum noch Kopenhagen verlie. Er hatte das Reisen satt bekommen,
zugleich aber aus seinen rztlich verordneten Entsagungstagen auch eine
Abneigung gegen alle Extravaganzen in sein derzeitiges Hofleben mit
herbergenommen. Daran gewhnt, von Milch, Hhnerbrust und Emser Krhnchen zu
leben, fiel ihm, wie Pentz sagte, bei Festmahlen und Freudenfeiern immer nur die
Aufgabe zu, durch seine lange, einem Ausrufungszeichen gleichende Gestalt, vor
allem, was an Bacchuskultus erinnern konnte, zu warnen. Erichsen das Gewissen
war einer der vielen Beinamen, die Pentz ihm gegeben hatte.
    Von dem Hause der Witwe Hansen in der Dronningens-Tvergade bis zu Vincents
Restaurant am Kongens Nytorv war nur ein Weg von fnf Minuten. Erichsen mute,
nach Pentz' Weisung, rekognoszierend vorangehen, weil ihm seine sechs Fu einen
besseren berblick ber die Vincentschen Platzzustnde gestatten wrden. Und zu
dieser vorsichtigen Weisung, so scherzhaft sie gegeben war, war nur zu guter
Grund vorhanden; denn als eine Minute nach Erichsen auch Pentz und Holk in das
Lokal eintraten, schien es unmglich, einen noch unbesetzten Tisch zu finden.
Aber schlielich entdeckte man doch eine gute Ecke, die nicht nur ein paar
bequeme Pltze, sondern auch ein behagliches Beobachten versprach.
    Ich denke, wir beginnen mit einem mittleren Rdesheimer. Doktor Grmig,
beilufig der lustigste Mensch von der Welt, sagte mir neulich, es sei
merkwrdig, da ich noch ohne Podagra sei, worauf ich nicht blo meiner
Lebensweise, sondern ganz besonders auch meiner Lebensstellung nach einen
sozusagen historisch verbrieften Anspruch htte. Je mehr er aber damit recht
haben mochte, je mehr gilt es fr mich, die noch freie Spanne Zeit zu nutzen.
Erichsen, was darf ich fr Sie bestellen? Biliner oder Selters oder
phosphorsaures Eisen...
    Ein Kellner kam, und eine kleine Weile danach, so stieen alle drei mit
ihren prchtig geschliffenen Rmern an, denn auch Erichsen hatte von dem
Rdesheimer genommen, nachdem er sich vorher einer Wasserkaraffe versichert
hatte.
    Gamle Danmark, sagte Pentz, worauf Holk, ein zweites Mal anstoend,
erwiderte: Gewi, Pentz, gamle Danmark. Und je gamler, desto mehr. Denn was uns
je trennen knnte - gebe Gott, da der Tag fern sei -, das ist das neue
Dnemark. Das alte, da bin ich mit dabei, dem trink ich zu. Friedrich VII. und
unsere Prinzessin... Aber sagen Sie, Pentz, was ist nur in meine guten
Kopenhagener gefahren und vor allem in diese gemtliche Weinstube? Sehen Sie
doch nur da drben, wie das alles aufgeregt ist und sich die Bltter aus den
Hnden reit. Und Oberstlieutenant Faaborg, ja es ist Faaborg, den mu ich
nachher begren, sehen Sie doch nur, der glht ja wie ein Puter und fuchtelt
mit dem Zeitungsstock in der Luft umher, als ob es ein Dragonersbel wre. Auf
wen redet er denn eigentlich ein?
    Auf den armen Thott.
    Arm? Warum?
    Weil man, soviel ich wei, Thott im Verdacht hat, da er auch mit im
Komplott sei.
    In welchem Komplott?
    Aber Holk, Sie sind ja wenigstens um ein Menschenalter zurck. Freilich, da
Sie gestern gepackt haben und heute gereist sind, so sind Sie halb entschuldigt.
Wir haben hier allerdings so was wie ein Komplott: Hall soll ber die Klinge
springen.
    Und das nennen Sie Komplott. Ich entsinne mich brigens, Sie schrieben mir
schon davon... Ich bitte Sie, lassen Sie den guten Hall doch springen. Er wird
sich selber nicht viel daraus machen, das aus den Fugen gehende Dnemark, woran
ich brigens noch lange nicht glaube, wieder einzurenken. Schon Hamlet wollte
nicht. Und nun gar Hall.
    Nun, der will auch nicht, darin haben Sie recht. Aber unsere Prinzessin
will es, und das gibt den Ausschlag. Sowenig Vertrauen sie zu dem Knig hat, was
mit ihrer Abneigung gegen die Danner zusammenhngt, soviel Vertrauen hat sie nun
mal zu Hall; nur Hall kann retten, und deshalb mu er im Amte bleiben. Und wie
die Prinzessin denkt - ich bitte Sie, sich mit Ihrer entgegengesetzten Meinung
ihr gegenber nicht etwa decouvrieren zu wollen -, so denken viele. Hall soll
bleiben. Und deshalb sehen Sie auch Faaborg mit seinem Zeitungsstock wie einen
Gladiator fechten.
    Erichsen war der erregten Szene drben ebenfalls gefolgt. Ein Glck, da de
Meza am Nachbartische sitzt, sagte er, der wird es wieder in Ordnung bringen.
    
    Ach, gehen Sie mir, Erichsen, mit wieder in Ordnung bringen. Als ob
Faaborg, dieser Stockdne, der Mann wre, sich beruhigen zu lassen, wenn er mal
in Unruhe ist. Und nun gar von de Meza.
    De Meza ist sein Vorgesetzter.
    Ja, was heit Vorgesetzter? Er ist sein Vorgesetzter, wenn er die Brigade
inspiziert, aber nicht sein Vorgesetzter hier bei Vincent oder irgendsonstwo,
geschweige wenn es sich um Politik handelt, um dnische Politik, von der de Meza
nichts versteht, wenigstens nicht in Faaborgs Augen. De Meza ist ihm ein
Fremder, und es hat auch was fr sich. De Mezas Vater war ein portugiesischer
Jude, alle Portugiesen sind eigentlich Juden, und kam, was Holk vielleicht nicht
wei, vor soundso viel Jahren als ein Schiffsdoktor hier nach Kopenhagen
herber. Und wenn es auch nicht sicher verbrgt wre - Sie knnen es brigens in
jedem Buche nachschlagen, und de Meza selbst macht auch gar kein Hehl daraus -,
so knnten Sie ihm die Abstammung von der Stirne lesen. Und dazu dieser
Portugiesenteint.
    Erichsen hatte seine Freude daran und nickte zustimmend.
    Und wenn er blo den sdlichen Teint htte, fuhr Pentz fort, er ist aber
berhaupt auf den Sden, um nicht zu sagen auf den Orient eingerichtet, und
Wetterglas und Windfahne sind so ziemlich die grten Unentbehrlichkeiten fr
ihn. Er friert immer, und was andere frische Luft nennen, das nennt er Zug oder
Wind oder Orkan. Ich mchte wohl wissen, wie sich unser Knig Waldemar der
Sieger, der alle Jahre wenigstens dreiundfnfzig Wochen auf See war, zu de Meza
gestellt htte.
    Bis dahin war Erichsen unter Zustimmung gefolgt, aber all dies letzte war
doch wieder sehr unvorsichtig gesprochen und traf den angekrnkelten langen
Kammerherrn viel, viel mehr noch, als es de Meza traf.
    Ich begreife Sie nicht, Pentz, nahm er, der sonst nie sprach, jetzt
empfindlich das Wort. Sie werden schlielich noch beweisen wollen, da man
absolut ohne Wolle leben mu, um berhaupt als Soldat zu gelten. Ich wei, de
Meza steckt in Flanell, weil er immer friert, aber sein frstelnder Zustand hat
ihn nicht abgehalten, bei Fridericia Anno 49 sehr viel und bei Idstedt, das Jahr
darauf, eigentlich alles zu tun. Ich fr meine Person bezweifle nicht, da
Napoleon geradesogut nach dem Thermometer gesehen hat wie andere Menschen; in
Ruland war es freilich unntig. brigens seh ich, da man drben in der
Offiziersecke wieder beim Zeitungslesen ist und das Streiten uns berlt. Ob
wir hinbergehen und de Meza begren?
    Ich denke, wir lassen es, sagte Holk. Er knnte nach diesem und jenem
fragen, worauf ich gerade heute nicht antworten mchte. Nicht de Mezas wegen bin
ich ngstlich, der jede Meinung respektiert, aber der andern Herrn halber, unter
denen, nach meiner freilich schwachen Personalkenntnis, einige Durchgnger sind.
So, wenn ich recht sehe, Oberstlieutenant Tersling, da links am Fenster. Und
dann denk ich auch an unsre Prinzessin, der als einer politischen Dame alles
gleich zugetragen wird. Ich bange ohnehin vor dem Kreuzverhr, dem ich morgen
oder in den nchsten Tagen ausgesetzt sein werde.
    Pentz lachte. Lieber Holk, Sie kennen doch hoffentlich die Frauen...
    Erichsen machte schelmische Augen, weil er wute, da Pentz, trotz seines
Glaubens, er kenne sie, sie sicherlich nicht kannte.
    ... Die Frauen, sag ich. Und wenn nicht die Frauen, so doch die
Prinzessinnen, und wenn nicht die Prinzessinnen, so doch unsre Prinzessin. Sie
haben ganz recht, es ist eine politische Dame, und mit einem
schleswig-holsteinschen Programm drfen Sie ihr nicht kommen. Darin ist nichts
gendert, aber auch nichts verschlimmert, weil sie, trotz aller Politikmacherei,
nach wie vor ganz ancien rgime ist.
    Zugegeben. Aber was soll ich fr meine Person daraus gewinnen?
    Alles. Und ich wundre mich, da ich Sie darber erst aufklren mu. Was
heit ancien rgime? Die Leute des ancien rgime waren auch politisch, aber sie
machten alles aus dem Sentiment heraus, die Frauen gewi, und vielleicht war es
das Richtige. Jedenfalls war es das Amsantere. Da haben Sie das Wort, auf das
es ankommt. Denn das Amsante, was in der Politik wenigstens immer
gleichbedeutend ist mit Chronique scandaleuse, spielte damals die Hauptrolle,
wie's bei unsrer Prinzessin noch heute der Fall, und wenn Sie sich vor einem
politischen Kreuzverhr frchten, so brauchen Sie nur von Berling oder der
Danner oder von Blixen-Finecke zu sprechen und nur anzudeuten, was in Skodsborg
oder in der Villa der guten Frau Rasmussen an Schfer- und Satyrspielen gespielt
worden ist, so fllt jedes politische Gesprch sofort zu Boden, und Sie sind aus
der Zwickmhle heraus. Hab ich recht, Erichsen?
    Erichsen besttigte.
    Ja, meine Herren, lachte Holk, ich will das alles gelten lassen, aber ich
kann leider nicht zugeben, da meine Situation dadurch sonderlich gebessert
wird. Die Schwierigkeiten lsen sich blo ab. Was mich vor dem politischen
Gesprch bewahren soll, ist fast noch schwieriger als das politische Gesprch
selber. Wenigstens fr mich. Sie vergessen, da ich kein Eingeweihter bin und
da ich Ihr Kopenhagener Leben, trotz gelegentlicher Aufenthalte, doch
eigentlich nur ganz oberflchlich aus Dagbladet oder Flyveposten kennenlerne.
Die Danner und Berling oder die Danner und Blixen-Finecke - davon soll ich mit
einem Male sprechen; aber was wei ich davon? Nichts, gar nichts; nichts, als
was ich dem neusten Witzblatt entnommen, und das wei die Prinzessin auch, denn
sie liest ja Witzbltter und Zeitungen bis in die Nacht hinein. Ich habe nichts
als die Witwe Hansen, die mir doch als Bezugsquelle nicht ausreicht.
    Ganz mit Unrecht, Holk. Da haben Sie keine richtige Vorstellung von der
Witwe Hansen und ihrer Tochter. Die sind ein Nachschlagebuch fr alle
Kopenhagner Geschichten. Wo sie's hernehmen, ist ein ses Geheimnis. Einige
sprechen von Dionysosohren, andere von einem unterirdischen Gange, noch andere
von einem Hansenschen Teleskop, das alles, was sich gewhnlichen Sterblichen
verbirgt, aus seiner Verborgenheit herauszuholen wei. Und endlich noch andere
sprechen von einem Polizeichef. Mir die verstndlichste der Annahmen. Aber ob es
nun das eine sei oder das andere, soviel ist gewi, beide Frauen, oder auch
Damen, wenn Sie wollen, denn ihr Rang ist schwer festzustellen, wissen alles,
und wenn Sie jeden Morgen mit einer Frau Hansenschen Ausrstung zum Dienst
erscheinen, so verbrg ich mich, da Sie gefeit sind gegen intrikate politische
Gesprche. Die Hansens, und speziell die junge, wissen mehr von der Grfin
Danner als die Danner selbst. Denn Polizeibeamte haben auf diesem interessanten
Gebiete sozusagen etwas Divinatorisches oder Dichterisches, und wenn nichts
vorliegt, so wird was erfunden.
    Aber da lerne ich ja meine gute Frau Hansen von einer ganz neuen Seite
kennen. Ich vermutete hchste Respektabilitt...
    Ist auch da in gewissem Sinne... Wo kein Klger ist, ist kein Richter...
    Und ich werde mich, unter diesen Umstnden, zu besondrer Vorsicht bequemen
mssen...
    Wovon ich Ihnen durchaus abreden mchte. Die Nachteile davon liegen
obenauf, und die Vorteile sind mehr als fraglich. Sie knnen in diesem Hause
nichts verbergen, selbst wenn Ihr Charakter das zuliee; die Hansens lesen Ihnen
doch alles aus der Seele heraus, und das Beste, was ich Ihnen raten kann, heit
Freiheit und Unbefangenheit und viel sprechen. Viel sprechen ist berhaupt ein
Glck und unter Umstnden die wahre diplomatische Klugheit; es ist dann das
einzelne nicht mehr recht festzustellen, oder noch besser, das eine hebt das
andere wieder auf.
    Erichsen lchelte.
    Sie lcheln, Erichsen, und es kleidet Ihnen. Auerdem aber mahnt es mich -
denn ein Lcheln, weil es in seinen Zielen meist unbestimmt bleibt, kritisiert
immer nach vielen Seiten hin -, da es Zeit ist, unsren Holk freizugeben; es ist
schon ein Viertel nach elf, und die Hansens sind reputierliche Leute, die die
Mitternacht nicht gern heranwachen, wenigstens nicht nach vorn heraus und mit
Flurlampe. Drben am Tisch ist brigens auch schon alles aufgebrochen. Ich werde
inzwischen die Berechnung machen; erwarten Sie mich drauen an der Hauptwache.
    Holk und Erichsen schlenderten denn auch drauen auf und ab. Als sich ihnen
Pentz wieder zugesellt hatte, gingen sie auf die Dronningens-Tvergade zu, wo man
sich, gegenber dem Hause der Frau Hansen, verabschiedete. Das Haus lag im
Dunkel, und nur das Mondlicht blickte, wenn die Wolken es freigaben, in die
Scheiben der oberen Etage. Holk hob den Klopfer, aber eh er ihn fallen lassen
konnte, tat sich auch schon die Tr auf, und die junge Frau Hansen empfing ihn.
Sie trug Rock und Jacke von ein und demselben einfachen und leichten Stoff, aber
alles, auf Wirkung hin, klug berechnet. In der Hand hielt sie eine Lampe von
ampelartiger Form, wie man ihnen auf Bildern der Antike begegnet. Alles in allem
eine merkwrdige Mischung von Froufrou und Lady Macbeth. Holk, einigermaen in
Verwirrung, suchte nach einer Anrede, die junge Frau Hansen kam ihm aber zuvor
und sagte, whrend ihr die Augen vor anscheinender bermdung halb zufielen,
ihre Mutter lasse sich entschuldigen; so rstig sie sei, so brauche sie doch den
Schlaf vor Mitternacht. Holk gab nun seinem Bedauern Ausdruck, da er sich
verplaudert habe, zugleich die dringende Bitte hinzufgend, ihn, wenn es wieder
vorkme, nicht erwarten zu wollen. Aber die junge Frau, ohne direkt es
auszusprechen, deutete wenigstens an, da man sich ein jedesmaliges Erwarten
ihres Hausgastes nicht nehmen lassen werde. Zugleich ging sie mit ihrer Ampel
langsamen Schritts vorauf, blieb aber, als sie bis unten an die Treppe gekommen
war, neben derselben stehen und leuchtete, die Linke auf das Gelnder sttzend,
mit ihrer hocherhobenen Rechten dem Grafen hinauf. Dabei fiel der weite rmel
zurck und zeigte den schnen Arm. Holk, als er oben war, grte noch einmal und
sah, als sich gleich danach auch die junge Frau langsam und leise zurckzog, wie
das Spiel der Lichter und Schatten auf Flur und Treppe geringer wurde. Horchend
stand er noch ein paar Augenblicke bei halb geffneter Tr, und erst als es
unten dunkel geworden war, lie er auch seinerseits die Tr ins Schlo fallen.
    Eine schne Person. Aber unheimlich. Ich darf ihrer in meinem Brief an
Christine gar nicht erwhnen, sonst schreibt sie mir einen Schreckbrief und lt
alle fraglichen Frauengestalten des Alten und Neuen Testaments an mir
vorberziehen.

                                 Elftes Kapitel


Holk hatte sich vorm Einschlafen, trotz aller Ermdung von der Reise, mit dem
Bilde der jungen Frau Hansen beschftigt, jedenfalls mehr als mit Politik und
Prinzessin. Am anderen Morgen aber war alles verflogen, und wenn er der
Erscheinung mit der Ampel auch jetzt noch gedachte, so war es unter Lcheln. Er
sann dabei nach, welche Gttin oder Liebende, mit der Ampel umhersuchend, auf
antiken Wandbildern abgebildet zu werden pflege, konnt es aber nicht finden und
gab schlielich alles Suchen danach auf. Dann zog er die Klingel und ffnete das
Fenster, um noch vor dem Erscheinen des Frhstcks einen Zug frische Luft nehmen
und einen Blick auf die Strae tun zu knnen. Es waren nur wenige, die zu so
verhltnismig frher Stunde die Dronningens-Tvergade passierten, aber jedes
einzelnen Haltung war gut, alles blhend und frisch, und er begriff den Stolz
der Dnen, die sich als die Pariser des Nordens fhlen und nur den Unterschied
gelten lassen, ihrem Vorbild noch berlegen zu sein. In diesem Augenblicke
bauschten die Gardinen am Fenster, und als er sich umsah, sah er, da Witwe
Hansen mit dem Frhstckstablett eingetreten war. Man begrte sich, und nach
der selbstverstndlichen Frage, wie der Herr Graf geschlafen und was er getrumt
habe, denn der erste Traum gehe immer in Erfllung, legte die Hansen das Tuch
und baute dann alles, was eben noch auf dem Tablett gestanden hatte, auf dem
Frhstckstisch auf. Holk musterte die ganze Herrlichkeit und sagte dann: Man
ist doch nirgends besser aufgehoben als bei Witwe Hansen; es lacht einen alles
an, alles so blink und blank und am meisten Witwe Hansen selbst. Und das
chinesische Geschirr zu dem Tee! Man merkt an allem, da Ihr Seliger ein
Chinafahrer war, und Ihr Schwiegersohn, wie mir Baron Pentz gestern abend
erzhlt hat, ist es auch und heit auch Hansen; derselbe Name, derselbe Titel,
so da es einem passieren kann, Mutter und Tochter zu verwechseln.
    Ach, Herr Graf, sagte die Hansen, wer soll uns verwechseln? Ich, eine
alte Frau, mit einem langen und schwerer Leben...
    Nun, nun.
    ... Und Brigitte, die morgen erst dreiig wird! Aber Sie drfen mich nicht
verraten, Herr Graf, da ich es gesagt habe und da morgen Brigittens Geburtstag
ist.
    Verraten? Ich? Ich bitte Sie, Frau Hansen... Aber Sie stehen so auf dem
Sprunge; das nimmt mir die Ruhe. Wissen Sie was, Sie mssen sich zu mir setzen
und mir etwas erzhlen, vorausgesetzt, da ich Sie mit dieser Bitte nicht in
Ihrer Wirtschaft oder in noch Wichtigerem stre.
    Die Hansen tat, als ob sie zgere.
    Wirklich, lassen Sie dies Ihren ersten Besuch sein, den Sie mir in Ihrer
Gte ja regelmig machen; ich habe ohnehin so viele Fragen auf dem Herzen.
Bitte, hier, hier auf diesen Stuhl, da seh ich Sie am besten, und gut sehen ist
das halbe Hren. Ich hrte sonst so gut, aber seit kurzem versagt es dann und
wann; das sind so die ersten Alterszeichen.
    Wer's Ihnen glaubt, Herr Graf. Ich glaube, Sie hren alles, was Sie hren
wollen, und sehen alles, was Sie sehen wollen.
    Ich seh und hre nichts, Frau Hansen, und wenn ich etwas gesehen habe, so
verge ich es wieder. Freilich nicht alles. Da hab ich gestern abend Ihre Frau
Tochter gesehen, Brigitte nannten Sie sie; zum berflu auch noch ein
wundervoller Name. Nun, die vergit man nicht wieder. Sie knnen stolz sein,
eine so schne Tochter zu haben, und nur den Ehemann begreif ich nicht, da er
seine Frau hier in aller Ruhe zurcklt und zwischen Singapor und Shanghai
hin-und herfhrt. So nehm ich wenigstens an, denn da fahren sie so ziemlich
alle. Ja, Frau Hansen, solche schne Frau, mein ich, die nimmt man mit vom
Nordpol bis an den Sdpol, und wenn man's nicht aus Liebe tut, so tut man's aus
Angst und Eifersucht. Und ich fr mein Teil, soviel wei ich, ich wrde mir
immer sagen, man mu auch von der Jugend nicht mehr verlangen, als sie leisten
kann. Nicht wahr? In diesem Punkte, denk ich, sind wir einig; Sie denken auch
so. Also warum nimmt er sie nicht mit? Warum bringt er sie in Gefahr? Und
natrlich sich erst recht.
    Ach, das ist eine lange Geschichte, Herr Graf...
    Desto besser. Eine Liebesgeschichte dauert nie zu lang, und eine
Liebesgeschichte wird es doch wohl sein.
    Ich wei nicht recht, Herr Graf, ob ich es so nennen kann; es ist wohl so
was dabei, aber eigentlich ist es doch keine rechte Liebesgeschichte... blo da
es eine werden konnte.
    Sie machen mich immer neugieriger... brigens ein kapitaler Tee; man merkt
auch daran den Chinafahrer, und wenn Sie mir eine besondere Freude machen
wollen, so gestatten Sie mir, Ihnen von Ihrem eigenen Tee einzuschenken.
    Damit stand er auf und nahm aus einer in der Nhe des Fensters stehenden
Etagre eine Tasse heraus, darauf in Goldbuchstaben stand: Dem glcklichen
Brautpaare. Dem glcklichen Brautpaare, wiederholte Holk. Wem gilt das?
Vielleicht Ihnen, liebe Frau Hansen; Sie lachen... Aber man ist nie zu alt, um
einen vernnftigen Schritt zu tun, und das Vernnftigste, was eine Witwe tun
kann, ist immer...
    Eine Witwe bleiben.
    Nun meinetwegen, Sie sollen recht haben. Aber die Geschichte, die
Geschichte. Kapitn Hansen, Ihr Schwiegersohn, wird doch wohl ein hbscher Mann
sein, alle Kapitne sind hbsch, und Frau Brigitte wird ihn doch wohl aus Liebe
genommen haben.
    Das hat sie, wenigstens hat sie mir nie was anderes gesagt, auer ein
einziges Mal. Aber das war erst spter, und ich spreche jetzt von damals, von
der ersten Zeit, als sie sich eben geheiratet hatten. Da war wirklich eine groe
Zrtlichkeit, und wohin es ging, und wenn es eine gelbe Fiebergegend war, immer
war sie mit ihm an Bord, und wenn sie wieder hier in Kopenhagen zurck war...
sie hatte aber damals eine selbstndige Wohnung, denn mein alter Hansen, dessen
sich der Herr Graf ja wohl noch von Glcksburg her erinnern werden, lebte damals
noch..., ja, was ich sagen wollte, immer wenn sie nach einer langen, langen
Reise wieder hier war, wollte sie gleich wieder fort, weil sie jedesmal meinte:
die Menschen hier gefielen ihr nicht und drauen in der Welt sei's am
schnsten.
    Das ist aber doch wunderbar. War sie denn so wenig eitel? Hatte sie denn
gar kein Verlangen, sich umschmeichelt und umworben zu sehen, woran es doch
nicht gefehlt haben wird? Ich wette, die Kopenhagener werden es ihr wohl schon
an ihrem Konfirmationstage gezeigt haben.
    Das haben sie freilich. Aber Brigitte war immer gleichgltig dagegen und
blieb es auch in ihrer Ehe. Nur mitunter war sie so rabiat. Und so ging es bis
Anno 54, was ich so genau wei, weil es gerade das Jahr war, wo die englische
Flotte, die nach Ruland ging, hier vorberkam. Und in demselben Sommer hatten
wir hier in Kopenhagen einen blutjungen Offizier von der Leibgarde, der bei der
Rasmussen - ich meine die Grfin Danner, aber wir nennen sie noch immer so - aus
und ein ging, und steckte so tief in Schulden, da er nicht mehr zu halten war,
und mute den Abschied nehmen. Aber weil er so klug war und alles wute, denn er
kannte jedes reiche Haus und besonders die Frauen, so sagte Baron Scheele, der
damals Minister war: er wolle den Lieutenant in den inneren Dienst
herbernehmen. Und er nahm ihn auch wirklich in den inneren Dienst herber, und
in diesem Dienst ist er noch und auch schon sehr vornehm geworden. Damals aber
war er noch ein halber Schlingel und blo sehr hbsch, und als Brigitte den sah,
es war gerade an dem Tage, als die Nachricht von dem Bombardement da oben hier
ankam, den Namen hab ich leider vergessen, da gestand sie mir, der gefiele ihr.
Und sie zeigte es auch gleich. Und als Hansen in demselben Herbste wieder nach
China mute, da sagte sie ihm gradheraus: sie wolle nicht mit, und sagte ihm
auch, warum sie nicht wolle. Oder vielleicht haben es ihm auch andere gesagt.
Kurz und gut, als der Tag kam, wo das Schiff fort sollte, da wurde Hansen doch
ganz ernsthaft und verstand keinen Spa mehr und sagte: Brigitte, du mut nun
mit. Und wenn er sie vorher aus Liebe mitgenommen hatte, so nahm er sie jetzt,
gerade wie der Herr Graf gesagt haben, aus Vorsicht mit oder aus Eifersucht.
    Und half es? Und wurde sie durch diese Reise von ihrer Liebe geheilt? Ich
meine von der Liebe zu dem im inneren Dienst?
    Ja, das wurde sie, wiewohl man's bei Brigitte nie so ganz sicher wissen
kann. Denn sie spricht wohl mancherlei, aber sie schweigt auch viel. Und ist
auch insoweit ganz gleich, als wir die Hauptsache ja doch gehabt haben.
    Und was war die Hauptsache?
    Da mein Schwiegersohn seinen Glauben wiederhat, ganz und gar. Hansen ist
nmlich ein sehr guter Mensch und ist wieder ruhig und vernnftig und fhrt auch
wieder auf seiner alten Chinatour.
    Ich freue mich aufrichtig, das zu hren. Aber wir drfen in dieser Sache
doch nichts auslassen oder vergessen. Ich glaube nmlich, liebe Frau Hansen, Sie
wollten mir eigentlich erzhlen, wie's kam, da sich Ihr Schwiegersohn von
seiner Eifersucht wieder erholte...
    Ja, das wollt ich, und ich sage immer, der Mensch denkt und Gott lenkt, und
wenn die Not am grten ist, dann ist die Hlfe am nchsten. Denn das darf ich
wohl sagen, ich ngstigte mich; eine Mutter ngstigt sich immer um ihr Kind und
macht keinen Unterschied, ob verheiratet oder nicht: ja, ich ngstigte mich um
Brigitten, weil ich dachte, das gibt eine Scheidung, denn sie hat einen sehr
festen Willen, man knnte beinah schon sagen eigensinnig, und ist sehr erregbar,
so still und so schlfrig sie auch mitunter aussieht...
    Ja, ja, lachte Holk, das ist immer so, stille Wasser sind tief.
    Also ich ngstigte mich. Aber es kam alles ganz anders, und das war gerade
damals, als Brigitte sozusagen zwangsweise mitgemut hatte. Und das machte sich
so. Hansen kriegte damals auf seiner Reise Rckfracht nach Bangkok, einer groen
Stadt in Siam, in der ich selber vor vielen Jahren mit meinem Manne gewesen bin.
Und als Hansen da ankam und ein oder zwei Tage schon vor dem kaiserlichen
Palaste gelegen hatte, denn die Siamschen haben einen Kaiser, kam ein Minister
an Bord und lud Hansen und seine Frau zu einer groen Hoftafel ein. Der Kaiser
mute sie wohl gesehen haben. Und Brigitte sa neben ihm und sprach englisch mit
ihm, und der Kaiser sah sie immer an. Und als die Tafel aufgehoben war, war er
wieder sehr huldvoll und gndig und lie kein Auge von ihr, und als man sich
verabschieden wollte, sagte er zu Hansen: Es lge ihm sehr daran, da die Frau
Kapitnin am anderen Tage noch einmal in den Palast kme, damit seine Getreuen
im Volke, und vor allem seine Frauen (wovon er sehr viele hatte), die schne
German lady noch einmal von Angesicht zu Angesicht sehen knnten. Einen
Augenblick erschrak Hansen ber die fortgesetzte Ehre, die ja Verrat sein
konnte, denn rund um den ganzen Palast herum waren Kpfe aufgesteckt, ganz so
wie wir Ananas aufstecken; aber Brigitte, die das Gesprch gehrt hatte,
verneigte sich vor dem Kaiser und sagte mit der richtigen Miene, denn sie hat so
was Sicheres und Vornehmes, da sie zu der festgesetzten Stunde kommen werde.
    Gewagt, sehr gewagt.
    Und sie kam auch wirklich und nahm einen erhhten Platz ein, der vor dem
Portal des Schlosses und gerade so, da das Portal ihr Schatten gab, eigens fr
sie errichtet worden war, und auf diesem Throne sa sie mit einem Pfauenwedel,
nachdem sie vorher der Kaiser mit einer Perlenkette geschmckt hatte. Die Kette
soll wunderschn gewesen sein. Und nun zogen alle feinen Leute von Bangkok und
dann das Volk an ihr vorber und verneigten sich, und zum Schlu kamen die
Frauen, und als die letzte vorber war, erhob sich Brigitte und schritt auf den
Kaiser zu, um den Pfauenwedel und die Perlenkette, womit sie sich blo fr die
Zeremonie geschmckt glaubte, vor ihm niederzulegen. Und der Kaiser nahm auch
beides wieder an, gab ihr aber die Kette zurck, zum Zeichen, da sie dieselbe
zum ewigen Gedchtnis tragen solle. Und gleich danach kehrte sie, whrend die
Minister sie fhrten und die Leibgarde Spalier bildete, bis an die
Landungsbrcke zurck, von der aus Hansen Zeuge des Ganzen gewesen war.
    Und nun?
    Und von dem Tage an war eine groe Sinnesnderung an ihr wahrzunehmen, und
als sie den nchsten Winter wieder hier war und der, um dessentwillen sie
beinahe unglcklich geworden wre, seine Werbungen erneuern wollte, wies sie
diese Werbungen, soviel ich sehen konnte, kalt und gleichgltig zurck. Und als
Hansen ein halbes Jahr spter wieder an Bord ging und Brigitte ihm erklrte, da
sie, vorausgesetzt, da er nichts dawider habe, doch lieber zu Hause bleiben
wollte, weil es ihr, nach solcher kaiserlichen Auszeichnung, etwas sonderbar
vorkme, noch wieder unter Matrosen leben und vielleicht in einem
Hafenwirtshause schlafen zu sollen, wo man nur Negermusik hre und alles nach
Gin rieche, da war Hansen nicht blo einverstanden damit, sondern auch ganz
entzckt darber, da sie die Reise nicht mehr mitmachen wollte, diese nicht und
alle folgenden nicht. Denn von Eifersucht war keine Spur mehr an ihm
wahrzunehmen. Er sah ja, was aus Brigitten geworden war, und uerte nur noch
Furcht, da es doch wohl zuviel gewesen und ihr der siamesische Kaiser zu sehr
zu Kopfe gestiegen sei.
    Holk war in Zweifel, ob er die Geschichte glauben oder als eine khne
Phantasieleistung und zugleich als dreistes Spiel mit seiner Leichtglubigkeit
ansehen solle. Nach allem, was Pentz gestern angedeutet, war das letztere das
Wahrscheinlichere. Schlielich konnt es aber auch wahr sein. Was kommt nicht
alles vor? Und so frug er denn, um sich durch etwas Ironie wenigstens vor sich
selber zu rechtfertigen: wo denn die weien Elefanten gewesen seien?
    Die waren wohl in ihrem Stall, sagte die Hansen und lachte schalkhaft.
    Und dann die Perlenschnur, liebe Frau Hansen, die mssen Sie mir zeigen.
    Ja, wenn das ginge...
    Wenn das ginge? Warum nicht?
    Weil, als Brigitte wieder an Bord war, die Schnur mit einem Male fehlte;
sie mute sie verloren oder in der Aufregung im Palast vergessen haben.
    Aber da htt ich doch sofort nachgefragt.
    Ich auch. Aber Brigitte hat so was Sonderbares, und als Hansen, wie ich
nachher gehrt habe, darauf bestehen wollte, sagte sie nur: das sei so
gewhnlich und gegen den Anstand bei Hofe.
    Ja, sagte Holk, der jetzt klarer zu sehen anfing, das ist richtig. Und
solche Gefhle mu man respektieren.

                                Zwlftes Kapitel


Gleich nach dieser Erzhlung, die schlielich, als sich's von der verlorenen
Perlenschnur handelte, selbst dem leichtglubigen Holk etwas mrchenhaft
vorgekommen war, erhob sich Frau Hansen, um nicht lnger zu stren, und sah
sich auch nicht weiter zurckgehalten. Nicht als ob Holks Geduld erschpft
gewesen wre, ganz im Gegenteil, er lie sich gern dergleichen vorplaudern, und
das sspekte Halbdunkel, in dem alles ruhte, steigerte eigentlich nur sein
Interesse. Nein, es war einfach ein Blick auf die Konsoluhr, was ihn von
unbedingter weiterer Hingebung an die Erzhlungskunst der Witwe Hansen Abstand
nehmen lie; um elf Uhr war er bei der Prinzessin erwartet, keine volle Stunde
mehr, und vorher mute noch ein kurzer Brief mit der Meldung seiner glcklichen
Ankunft an seine Frau geschrieben werden. Es hie also sich eilen, was er unter
Umstnden verstand, und fnf Minuten vor elf stieg er in den Wagen, der ihn nach
dem nur zwei Minuten entfernten Prinzessinnen-Palais hinberfhrte.
    Die Zimmer der Prinzessin lagen im ersten Stock. Holk, in
Kammerherrnuniform, in der er sich selbst nicht ungern sah, stieg die Treppe
hinauf und trat in ein Vorgemach und gleich danach in ein behagliches, mit
Boiserien und Teppichen reich ausgestattetes, im brigen aber, den Schreibtisch
abgerechnet, mit nur wenig Gegenstnden ausgestattetes Wohnzimmer, darin die
Prinzessin Besuche zu empfangen oder Audienz zu erteilen pflegte. Der
Kammerdiener versprach sogleich zu melden. Holk trat an eins der Fenster, das
der Tr, durch welche die Prinzessin eintreten mute, gerade gegenberlag, und
sah auf Platz und Strae hinunter. Der Platz unten war wie ausgestorben,
vornehm, aber langweilig, und nichts lie sich beobachten als abgefallene
Bltter, die der mige Wind, der ging, ber die Steine hinwirbelte. Ein Gefhl
von Einde und Verlassenheit berkam Holk, und er wandte sich wieder in das
Zimmer zurck, um seinen Blick auf die beiden einzigen Portrtbilder zu richten,
die die glatten Stuckwnde schmckten. Das eine, ber dem Polstersofa, war ein
Bildnis des Oheims der Prinzessin, des hochseligen Knigs Christians VII., das
andere, ber dem Schreibtisch, das Portrt eines anderen nahen Verwandten, eines
ebenfalls schon verstorbenen thringischen Landgrafen. Der Goldrahmen, der es
einfate, war mit einem verstaubten Flor berzogen, und der Staub machte, da
der Flor nicht wie Flor, sondern fast wie ein Spinnweb wirkte. Des Landgrafen
Gesicht war gut und tapfer, aber durchschnittsmig, und Holk stellte sich
unwillkrlich die Frage, welche volksbeglckenden Regierungsgedanken der
Verstorbene wohl gehabt haben mge. Das einzige, was sich mit einer Art
Sicherheit herauslesen lie, war Ausschau nach den Tchtern des Landes.
    Ehe Holks Betrachtungen hierber noch abgeschlossen hatten, ffnete sich
eine ziemlich kleine Tr in der rechten Ecke der Hinterwand, und die Prinzessin
trat ein, ganz so, wie man sie nach Einrichtung dieses ihres Zimmers erwarten
mute: bequem und beinahe unsorglich gekleidet und jedenfalls mit einer vlligen
Gleichgltigkeit gegen Eleganz. Holk ging seiner Herrin entgegen, um ihr die bis
zu den Fingern in einem seidenen Handschuh steckende Hand zu kssen, und fhrte
sie dann, ihrem Auge folgend, bis zu dem dunkelfarbigen, etwas eingesessenen
Sofa.
    Nehmen Sie Platz, lieber Holk. Dieser Fauteuil wird wohl keine Gnade vor
Ihnen finden, aber der hohe Lehnstuhl da...
    Holk schob den Stuhl heran, und die Prinzessin, die sich am Anblick des
schnen Mannes sichtlich erfreute, fuhr, als er sich gesetzt hatte, mit vieler
Bonhomie und wie eine gute alte Freundin fort: Welche frische Farbe Sie
mitbringen, lieber Holk. Was ich hier um mich habe, sind immer Stadtgesichter;
knnen Sie sich Pentz als einen Gentlemanfarmer oder gar Erichsen als einen
Hopfenzchter vorstellen? Sie lachen, und ich wei, was Sie denken... woran der
Hopfen rankt..., ja, lang genug ist er dazu. Stadtgesichter, sagt ich. Da freut
mich Ihre gute schleswigsche Farbe, rot und wei, wie die Landesfarben. Und was
macht Ihre liebe Frau, die Grfin? Ich wei, sie liebt uns nicht sonderlich,
aber wir lieben sie desto mehr, und das mu sie sich gefallen lassen.
    Holk verneigte sich.
    Und was sagen Sie zu dem Lrm, den Sie hier vorfinden? Ein wahres
Sturmlaufen gegen den armen Hall, der doch schlielich der Klgste und auch
eigentlich der Beste ist und dem ich es fast verzeihe, da er zu der
putzmacherlichen Grfin hlt, der ich, beilufig, wenn ich jemals darber zu
bestimmen gehabt htte, ein entsprechendes grfliches Wappen aus einem
Haubenstock und einer Krinoline zusammengestellt htte, vielleicht mit der
Devise: Je weiter, je leerer. Ich werde mich in dieser Geschmacksverirrung
meines Neffen, wenn ich auch nur seine Halbtante bin, nie zurechtfinden knnen;
um die Grfin archologisch oder, was dasselbe sagen will, als ausgegrabenes
vaterlndisches Altertum anzusehen, ein Standpunkt, von dem aus mein Neffe so
ziemlich alles betrachtet, dazu ist sie, trotz ihrer Vierzig, doch schlielich
noch nicht alt genug. Aber was wundere ich mich noch? Georg II., von dem mir
mein Grovater in meinen jungen Tagen oft erzhlte, hielt auch zu dem Satze:
Fair, fat and forty. Warum nicht auch mein Neffe, der Knig? brigens, haben Sie
den gestrigen Sitzungsbericht schon gelesen? Eine wahre Skandalszene voller
Gehssigkeiten. An der Spitze natrlich immer dieser Thompsen-Oldensworth, Ihr
halber Landsmann, ein mir unertrglicher Schreier und Schwtzer in seiner
Mischung von Advokatenpfiffigkeit und biedermnnischem Holsteinismus...
    Holk war verlegen, das Gesprch mit der Prinzessin so von vornherein einen
politischen Charakter annehmen zu sehen, und in seinem Gesichte mochte sich
etwas von dieser Verlegenheit spiegeln, weshalb die Prinzessin fortfuhr: Aber
lassen wir die leidige Politik. Ich will Ihnen keine Verlegenheiten machen, noch
dazu gleich in dieser ersten Stunde, wei ich doch, da Sie ein ketzerischer
Schleswig-Holsteiner sind, einer von denen, mit denen man nie fertig wird und
von denen man immer dann am weitesten ab ist, wenn man eben glaubt, mit ihnen
Frieden geschlossen zu haben. Antworten Sie nichts, sagen Sie nichts von Ihrer
Loyalitt; ich wei, Sie haben so viel davon, wie Sie haben knnen, aber wenn es
zum Letzten kommt, ist doch der alte Stein des Anstoes immer wieder da, und
jenes furchtbare sallen blewen ungedeelt, dieses Zitat ohne Ende, dieser
Gemeinplatz ohnegleichen, zieht wieder die Scheidelinie.
    Holk lchelte.
    Freilich ist dies des Pudels Kern. Wohin gehrt Schleswig? Ihr Schleswig,
lieber Holk. Das ist die ganze Frage. Hall hat den Mut gehabt, die Frage zu
beantworten, wie's einem Dnen zukommt, und weil er es mit Klugheit tun und
nicht gleich das Schwert in die Waage werfen will, deshalb dieser Sturm auf ihn,
an dem Freund und Feind gleichmig teilnehmen. Und das ist das schlimmste. Da
Ihr Thompsen Sturm luft, kann mich weder wundern noch erschrecken; aber da
gute treue Dnen, die mit Hall, mit dem Knige, mit mir selber einer Meinung
sind und nur leider den durchgngerischen Zug haben, da, sag ich, gute treue
Dnen, wie Studenten und Professoren, immer nur ihr Programm wollen und drauf
und dran sind, den besten Mann zu strzen, den einzigen, der eine Idee von
Politik hat und zu warten versteht, was das erste Gesetz aller Politik ist - das
bringt mich in Erregung.
    Ehe sie den Satz endete, wurde Baron Pentz gemeldet... sehr willkommen,
rief die Prinzessin..., und im selben Augenblicke, wo Pentz unter die Portire
der Flgeltr trat, erschien von der anderen Seite her, ganz in Nhe der kleinen
Tr, durch die die Prinzessin eingetreten war, eine junge blonde Dame, von
schner Figur und schnem Teint, aber sonst wenig regelmigen Zgen, und
schritt auf die Prinzessin zu, whrend Pentz noch auf halbem Wege stehenblieb
und seine Verbeugung wiederholte.
    Soyez le bienvenu, sagte die Prinzessin unter leichtem Handgrue. Sie
kommen zu guter Stunde, Pentz, denn Sie machen einem politischen Vortrag ein
Ende, eine Mission, zu der niemand berufener ist als Sie. Denn sobald ich Ihrer
ansichtig werde, verklrt sich mir die Welt in eine Welt des Friedens, und wenn
ich eben von Heinrich IV. und Ravaillac gesprochen htte, so sprch ich, nach
Ihrem Eintreten, nur noch von Heinrich IV. und dem Huhn im Topf. Ein sehr
wesentlicher Unterschied.
    Und ein sehr angenehmer dazu, gndigste Prinzessin. Ich bin glcklich,
mich, ohne mein Dazutun, als ein Trger und Bringer alles Idyllischen
installiert zu sehen. Aber ... und sein Auge bewegte sich zwischen Holk und der
jungen Blondine hin und her... auch in Arkadien soll die Sitte der Vorstellung
zu Hause gewesen sein. Ich wei nicht, ob ich von meiner Pflicht als
Introducteur Gebrauch machen...
    Oder beides an Knigliche Hoheit abtreten soll, lachte die Prinzessin.
Ich glaube, lieber Pentz, da Recht und Pflicht auf Ihrer Seite sind, aber ich
will mir die Freude nicht versagen, zwei mir so werte Personen allerpersnlichst
miteinander bekannt gemacht zu haben: Graf Holk... Frulein Ebba von Rosenberg.
    Beide verneigten sich gegeneinander, Holk etwas steif und mit
widerstreitenden Empfindungen, das Frulein leicht und mit einem Ausdruck
humoristisch angeflogener Suffisance. Die Prinzessin aber, die diesem
Vorstellungsakte geringe Teilnahme schenkte, wandte sich sofort wieder an Pentz
und sagte: Dies wre nun also aus der Welt geschafft und dem Zeremoniell,
worber Sie zu wachen haben, Genge getan. Aber Sie werden mich doch nicht
glauben machen wollen, Pentz, da Sie hier erschienen sind, um dem stattgehabten
Vorstellungsakte feierlichst beizuwohnen oder ihn selbst zu vollziehen. Sie
haben was anderes auf dem Herzen, und zum Vortrag Ihrer eigentlichen
Angelegenheit haben Sie nunmehr das Wort. Wenn man soviel Parlamentsberichte
liest, wird man schlielich selber virtuos in parlamentarischen Wendungen.
    Ich komme, gndigste Prinzessin, um gehorsamst zu vermelden, da heute
nachmittag ein groes militrisches Festessen in Klampenborg ist...
    Und zu welchem Zweck? Oder wem zu Ehren?
    General de Meza zu Ehren, der gestern frh aus Jtland hier eingetroffen
ist.
    De Meza. Nun gut, sehr gut. Aber, lieber Pentz, offen gestanden, was sollen
wir damit? Ich kann doch nicht einem Kasinofeste prsidieren und de Meza leben
lassen.
    Es fragte sich, ob es nicht doch vielleicht ginge. Knigliche Hoheit haben
berraschlicheres getan. Und da Sie's getan, das ist es grade, was Sie dem
Volke verbindet.
    Ach, dem Volke. Das ist ein eigen Kapitel. Sie wissen, was ich von der
sogenannten Popularitt halte. Mein Neffe, der Knig, ist populr; aber ich
sehne mich nicht danach, das Ideal unserer Blaujacken oder gar unserer Damen aus
der Halle zu sein. Nein, Pentz, nichts von Popularitt! Aber, da Sie Klampenborg
genannt haben, die Sonne lacht und der Nachmittag ist frei, vielleicht, da wir
hinausfahren, nicht um des Festessens willen, sondern trotz ihm; es ist ohnehin
eine ganze Woche, da wir eingesessen und nicht recht frische Luft gehabt haben,
und meine liebe Rosenberg wre bleichschtig, wenn sie nicht soviel Eisen im
Blut htte.
    Das Gesicht des Fruleins erheiterte sich sichtlich bei der Aussicht, dem
den Einerlei des Prinzessinnen-Palais auf einen ganzen Nachmittag entfliehen zu
knnen, und Pentz, der als angehender Asthmatikus ohnehin immer fr frische Luft
war, trotzdem ihm Autoritten versichert hatten, Seewind verschlimmere den
Zustand, griff ebenfalls mit Begierde zu und fragte, zu welcher Stunde
Knigliche Hoheit die Wagen befhle.
    Sagen wir zwei und ein halb, aber nicht spter. Wir fahren fnfviertel
Stunden, und schon um fnf beginnt es zu dunkeln. Und wenn wir erst in
Klampenborg sind, mssen wir doch natrlich auch einen Spaziergang bis zur
Eremitage machen, wr es auch nur, um meiner lieben Ebba meine Lieblinge selbst
vorzustellen. Wer diese Lieblinge sind, das wird vorlufig nicht verraten. Ich
hoffe, Graf Holk ist mit von der Partie, trotzdem morgen erst sein Dienst
beginnt, und bringt seiner alten Freundin dies Opfer an Zeit.
    Und befehlen Knigliche Hoheit noch andere Begleitung?
    Nur Grfin Schimmelmann und Erichsen. Zwei Wagen. Und die Verteilung der
Pltze behalte ich mir vor. Au revoir, lieber Holk. Und wenn Sie, wie
gewhnlich, eine starke Korrespondenz pflegen...
    Er lchelte.
    Ah, ich sehe, Sie haben schon geschrieben. Da komme ich mit meinen
Empfehlungen an die Grfin zu spt. Liebe Rosenberg, Ihren Arm.
    Und whrend sie langsam auf die kleine Tr zuschritt, die zu ihrem
eigentlichen Wohnzimmer fhrte, blieben die beiden Kammerherren in respektvoller
Verbeugung.

                              Dreizehntes Kapitel


Punkt zwei und ein halb fuhren die Wagen vor, offen, das Verdeck
zurckgeschlagen; neben der Prinzessin nahm die Grfin Schimmelmann Platz,
beiden Damen gegenber Holk. Im Fond des zweiten Wagens sa das Frulein von
Rosenberg, auf dem Rcksitze Pentz und Erichsen.
    Die Schimmelmann, eine Dame von vierzig, erinnerte einigermaen an Erichsen;
sie war hager und gro wie dieser und von einem hnlichen Ernste; whrend
Erichsens Ernst aber einfach ins Feierliche spielte, spielte der der
Schimmelmann stark ins Verdrieliche. Sie war frher Hofschnheit gewesen, und
die dann und wann aufblitzenden schwarzen Augen erinnerten noch daran, alles
andere aber war in Migrne und gelbem Teint untergegangen. Man sprach von einer
unglcklichen Liebe. Gesamthaltung: Hof Philipps von Spanien, so da man
unwillkrlich nach der Halskrause suchte. Sonst war die Grfin gut und
charaktervoll und unterschied sich von anderen bei Hofe dadurch sehr
vorteilhaft, da sie gegen alles Klatschen und Medisieren war. Sie sagte den
Leuten die Wahrheit ins Gesicht, und wenn sie das nicht konnte, so schwieg sie.
Sie war nicht geliebt, aber sehr geachtet und verdiente es auch.
    Im ersten Wagen wurde, solange man innerhalb der Stadt war, kein Wort
gesprochen; Holk und die Schimmelmann saen aufrecht einander gegenber, whrend
sich die Prinzessin in den Fond zurckgelehnt hatte. So ging es durch die Bred-
und Ny ster-Gade zunchst auf die Osterbroer Vorstadt, und als man diese
passiert, auf den am Sunde hinlaufenden Strandweg zu. Holk war entzckt von dem
Bilde, das sich ihm darbot; unmittelbar links die Reihe schmucker Landhuser mit
ihren jetzt herbstlichen, aber noch immer in Blumen stehenden Grten und nach
rechts hin die breite, wenig bewegte Wasserflche mit der schwedischen Kste
drben und dazwischen Segel-und Dampfboote, die nach Klampenborg und Skodsborg
und bis hinauf nach Helsingr fuhren.
    Holk wrde sich diesem Anblick noch voller hingegeben haben, wenn nicht das
Leben auf der Chaussee, drauf sie hinfuhren, ihn von dem Landschaftlichen immer
wieder abgezogen htte. Fuhrwerke mannigfachster Art kamen ihnen nicht blo
entgegen, sondern berholten auch die Prinzessin, die, wenn sie Spazierfahrten
machte, kein allzu rasches Tempo liebte. Da gab es dann in einem fort
Begegnungen und Erkennungsmomente. Das war ja Marstrand, sagte die Prinzessin.
Und wenn ich recht gesehen habe, neben ihm Worsaae. Der fehlt auch nie. Was
will er nur bei dem de-Meza-Fest? De Meza soll gefeiert, aber nicht ausgegraben
werden. Er lebt noch und hat auch nicht einmal das Ma fr Hnengrber. Es
schien, da die Prinzessin dies Thema noch weiter ausspinnen wolle; sie kam aber
nicht dazu, weil im selben Augenblicke mehrere Offiziere bis ganz in die Nhe
des Wagens gekommen waren und die Prinzessin von links und rechts her zu
cotoyieren begannen. Unter diesen war auch Oberstlieutenant Tersling, unser
Bekannter von Vincents Restaurant her, ein schner groer Mann von ausgesprochen
militrischen Allren. Er sah sich mit besonderer Freundlichkeit seitens der
Prinzessin begrt und erkundigte sich seinerseits nach dem Befinden derselben.
    Es geht mir gut, doppelt gut an einem Tage wie heute. Denn ich hre, da
Sie und die anderen Herren de Meza ein Fest geben wollen. Das hat mich
herausgelockt; ich will mit dabeisein.
    Tersling lchelte verlegen, und die Prinzessin, die sich dessen freute, fuhr
erst nach einer Weile fort: Ja, mit dabeisein; aber erschrecken Sie nicht,
lieber Tersling, nur an der Peripherie. Wenn Sie den Toast auf den Knig oder
den zu Feiernden ausbringen, werd ich mich mit meiner lieben Grfin hier und mit
Ebba Rosenberg, die Sie wohl schon in dem zweiten Wagen gesehen haben werden, in
unserem Klampenborger Tiergarten ergehen und mich freuen, wenn das Hoch gut
dnischer Kehlen zu mir herberklingt. brigens bitte ich Sie, de Meza meine
Gre bringen und ihm sagen zu wollen, da ich immer noch an alter Stelle wohne.
Generle sind freilich nie leicht zu Hofe zu bringen, und wenn sie gar noch
Beethoven Konkurrenz machen und Symphonien komponieren, so ist es vollends
vorbei damit; indessen, wenn er von Ihnen hrt, da ich Idstedt immer noch in
gutem Gedchtnis habe, so hlt er es vielleicht fr der Mhe wert, sich meiner
zu erinnern. Und nun will ich Sie nicht lnger an diesen Wagenschlag fesseln.
    Tersling kte der Prinzessin die Hand und eilte, die versumte Zeit wieder
einzubringen; die Prinzessin aber, whrend sie sich zu Holk wandte, fuhr fort:
Dieser Tersling, schner Mann; er war einmal Prinzessinnentnzer und Kavalier
comme il faut, die spitzeste Zunge, der spitzeste Degen, und Sie werden sich
vielleicht noch des Duells erinnern, das er schon vor 48 mit Kapitn Dahlberg
hatte? Dahlberg kam damals mit einem Streifschu am Hals davon, aber nun liegt
er lange schon vor Fridericia. Pardon, liebe Schimmelmann, da ich dies alles in
Ihrer Gegenwart berhre; mir fllt eben ein, Sie waren selbst die Veranlassung
zu dem Duell. Offen gestanden, ich wte gern mehr davon. Aber nicht heute, das
ist Frauensache.
    Holk wollte seine Diskretion versichern, und da er Dinge, die nicht direkt
fr ihn gesprochen wrden, berhaupt gar nicht hre; die Prinzessin blieb aber
bei ihrem Satz und sagte: Nein, nichts heute davon, verschieben wir's! Und dann
Diskretion, lieber Holk, das ist ein langes und schweres Kapitel. Ich beobachte
diese Dinge nun seit fnfundfnfzig Jahren, denn mit fnfzehn wurd ich schon
eingefhrt.
    Aber Knigliche Hoheit werden sich doch der Diskretion Ihrer Umgebung
versichert halten.
    Gott sei Dank, nein erwiderte die Prinzessin. Und Sie knnen sich gar
nicht vorstellen, mit wieviel Ernst ich das sage. Diskretion  tout prix kommt
freilich vor, aber gerade wenn sie so bedingungslos vorkommt, ist sie furchtbar;
sie darf eben nicht bedingungslos auftreten. Die Menschen, und vor allem die
Menschen bei Hofe, mssen durchaus ein Unterscheidungsvermgen ausbilden, was
gesagt werden darf und was nicht; wer aber dies Unterscheidungsvermgen nicht
hat und immer nur schweigt, der ist nicht blo langweilig, der ist auch
gefhrlich. Es liegt etwas Unmenschliches darin, denn das Menschlichste, was wir
haben, ist doch die Sprache, und wir haben sie, um zu sprechen... Ich wei, da
ich meinerseits einen ausgiebigen Gebrauch davon mache, aber ich schme mich
dessen nicht, im Gegenteil, ich freue mich darber.
    In dem zweiten Wagen hatte man hnliche Begegnungen und Begrungen gehabt;
aber das Hauptgesprch drehte sich doch um Holk, bei welcher Gelegenheit Pentz
von dem Frulein von Rosenberg erfahren wollte, wie der Graf ihr bei
Vormittagsaudienz eigentlich gefallen habe. Erichsen mischte sich in diese
Fragen und Antworten nicht mit ein, hrte doch aufmerksam zu, weil er solche
Schraubereien sehr liebte, vielleicht um so mehr, je mehr er seine persnliche
Unfhigkeit dazu empfand.
    Er ist ein Schleswig-Holsteiner, sagte Ebba. Die Deutschen sind keine
Hofleute...
    Pentz lachte. Da merkt man nun aber wirklich, meine Gndigste, da Dnemark
nicht des Vorzugs geniet, Sie geboren zu haben. Die Schleswig-Holsteiner keine
Hofleute! Die Rantzaus, die Bernstorffs, die Moltkes...
    Waren Minister, aber keine Hofleute.
    Das ist aber doch nahezu dasselbe.
    Mitnichten, mein lieber Baron. Ich lese viel Geschichte, wenn auch nur aus
franzsischen Romanen, aber fr eine Hofdame mu das ausreichen, und ich wage
die Behauptung, ein Gegensatz existiert zwischen einem Minister und einem
Hofmann. Wenigstens dann, wenn jeder seinen Namen ehrlich verdienen soll. Die
Deutschen haben ein gewisses brutales Talent zum Regieren - gnnen Sie mir das
harte Beiwort, denn ich kann die Deutschen nicht leiden -, aber gerade weil sie
zu regieren verstehen, sind sie schlechte Hofleute. Das Regieren ist ein grobes
Geschft. Fragen Sie Erichsen, ob ich recht habe...
    Dieser nickte gravittisch, und das Frulein, das lachend darauf hinwies,
fuhr fort: Und das alles pat mehr oder weniger auch auf den Grafen. Es liee
sich vielleicht ein Minister aus ihm machen...
    Um Gottes willen...
    ... Aber der Kavalier einer Prinzessin zu sein, dazu fehlt ihm nicht mehr
als alles. Er steht da mit der Feierlichkeit eines Oberpriesters und wei nie,
wann er lachen soll. Und dies ist etwas sehr Wichtiges. Unsere gndigste
Prinzessin, ich denke, da wir einig darber sind, hat einige kleine Schwchen,
darunter auch die, sich auf die geistreiche Frau des vorigen Jahrhunderts hin
auszuspielen. Sie hat in Folge davon eine Vorliebe fr ltere Anekdoten und
Zitate und verlangt, da man beide nicht blo versteht, sondern sie auch
zustimmend belchelt. Aber von diesem Abc der Sache hat der Graf keine
Vorstellung.
    Und das haben Sie whrend einer Audienz von kaum zehn Minuten dem armen
Grafen alles von der Stirn gelesen?
    Ich wei nicht, ob ich diesen Ausdruck gelten lassen darf, denn das
Wesentliche lag darin, da ihm, all die Zeit ber, berhaupt nichts von der
Stirne zu lesen war. Und das ist das schlimmste. Da sprach beispielsweise die
Prinzessin von Knig Heinrich dem Vierten und kam auf das Huhn im Topf, von dem
man fglich nicht mehr sprechen sollte. Aber gerade weil es so schwach mit
diesem Huhn steht, hat ein Hofmann doppelt die Verpflichtung, zu lcheln und
nicht leblos dabeizustehen und eine sich nach Beifall umsehende Prinzessin im
Stich zu lassen.
    ber Erichsens ernstes Gesicht glitt ein stilles Behagen.
    Und dann sprach die Prinzessin huldvoll von meiner Bleichsucht, oder da
ich sie beinahe haben mte. Nun, ich bitte Sie, Baron, bei Bleichsucht mu
immer gelchelt werden, das ist einmal so herkmmlich, und wenn eine Prinzessin
die Gnade hat, noch etwas von Eisen im Blut hinzuzusetzen und dadurch
anzudeuten, da sie Darwin oder irgendeinen anderen groen Forscher gelesen hat,
so mu sich zu dem Heiterkeitslcheln auch noch ein Bewunderungslcheln
gesellen, und wenn das alles ausbleibt und ein Kammerherr so nchtern dasteht,
als wrde blo zehn Uhr ausgerufen, so mu ich solchem Kammerherrn allen
hofmnnischen Beruf absprechen.

Es war gegen vier, als man in Klampenborg hielt. Holk war der Prinzessin
behlflich, und nachdem man die Frage, wo der Kaffee zu nehmen sei, zugunsten
der Eremitage entschieden hatte, brach man rasch nach dem unmittelbar
angrenzenden Tiergarten auf, an dessen nrdlichem Rande die Eremitage gelegen
war. Der Weg dahin fhrte zunchst an einem groen Klampenborger Hotel vorber,
in dessen Front, auf einem zwischen Weg und Strand gelegenen Wiesenstreifen, ein
wohl hundert Schritt langes, nach drei Seiten hin geschlossenes Leinwandzelt
errichtet war. Die offene Seite lag gerade dem Wege zu, darauf die Prinzessin
jetzt herankam. Das Festmahl selbst hatte noch nicht begonnen, aber zahlreiche,
den verschiedensten Truppenteilen der Kopenhagener Garnison angehrige Offiziere
waren bereits beisammen; berall sah man die glnzenden Uniformen sowohl der
Leibgarde zu Pferde wie der Gardehusaren, und noch bunter als das Bunt der
Uniformen waren die Flaggen und Wimpel, die zu Hupten des Zeltes wehten. Als
die Prinzessin bis auf hundert Schritte heran war, bog sie scharf links in einen
Kiesweg ein, weil sie die sichtlich unmittelbar vor der Erffnung stehende
Festlichkeit nicht stren wollte; sie war aber bereits erkannt worden, und de
Meza, den man auf ihr Erscheinen aufmerksam gemacht hatte, sumte nicht, ber
den Lawn heranzukommen und die Prinzessin respektvollst zu begren.
    Lieber General, sagte diese, so war es nicht gemeint. Eben schlgt es
vier, und ich sehe bereits, wie sich die Suppenkolonne vom Hotel her in Bewegung
setzt. Und eine kalt gewordene Suppe, das mag ich nicht verantworten. Am
wenigsten an einem Oktobertage mit frischer Brise. Das liebt General de Meza nur
ausnahmsweise, nur wenn er zu Felde zieht und mit seinen Leuten im Biwak liegt.
    Sie sagte das alles mit einer gewissen prinzelichen Grazie, worauf sie den
General, der nicht unempfindlich dagegen war, unter erneuten Huldbeweisen
entlie. Vom Zelt her aber klangen bereits allerlei Hochs, und die Musik
intonierte das nationale Knig Christian stand am hohen Mast, bis es in den
dappren Landsoldaten berging.

Und nun hatte die Prinzessin samt Gefolge den Tiergarten erreicht, der gleich
hinter Klampenborg mit seiner Sdspitze die Chaussee berhrte. Hier gab sie
Erichsen ihren Arm. Dann folgte die Schimmelmann mit Pentz, weiter zurck Holk
mit Ebba, Holk in sichtlicher Verlegenheit, wie das Gesprch einzuleiten sei.
Denn ihm war nicht entgangen, da er am Vormittage, whrend der Audienz bei der
Prinzessin, von seiten Ebbas mit einem leisen Anfluge von Spott und
berlegenheit beobachtet worden war, whrend der Nachmittagsfahrt aber hatte
sich die Gelegenheit zu irgendwelcher Anknpfung noch nicht finden lassen
wollen.
    Endlich begann er: Wir werden einen wundervollen Sonnenuntergang haben. Und
kein schnerer Platz dazu als dieser. Diese prchtige Plaine! Es sind jetzt
sieben Jahr, da ich in Klampenborg war, und in der Eremitage nie.
    Schreckte Sie der Name?
    Nein. Denn ich bin meiner Neigung und Lebensweise nach mehr oder weniger
Eremit, und wre nicht die Prinzessin, die mich dann und wann in die Welt ruft,
ich knnte mich den Eremiten von Holkens nennen. Himmel und Meer und ein
einsames Schlo auf der Dne.
    Auf der Dne, wiederholte das Frulein. Und ein einsames Schlo.
Beneidenswert und romantisch. Es liegt so was Balladenhaftes darin, so was vom
Knig von Thule. Freilich der Knig von Thule, wenn mir recht ist, war
unverheiratet.
    Ich wei doch nicht, sagte Holk, den der Ton des Fruleins sofort aus
aller Verlegenheit ri. Ich wei doch nicht. Wirklich eine Doktorfrage. War er
unverheiratet? Wenn mir recht ist, heit es, er gnnte alles seinen Erben, was
doch auf Familie zu deuten scheint. Freilich, es kann eine Nebenlinie gewesen
sein. Trotzdem mchte ich vermuten, er war verheiratet und im Besitz einer
klugen Frau, die dem Alten, ber den sie vielleicht, oder sagen wir sehr
wahrscheinlich, lchelte, seine Jugendschwrmerei mit dem Becher gnnte.
    Das lt sich hren, sagte das Frulein, whrend ihr der bermut aus den
Augen lachte. Sonderbar. Bisher erschien mir die Ballade so rund und
abgeschlossen wie nur mglich: der Knig tot, der Becher getrunken und gesunken
und das Reich (vom Balladenstandpunkte aus immer das Gleichgltigste) jedem
gegnnt und an alle verteilt. Aber wenn wir an das Vorhandensein einer Knigin
glauben, und ich stehe darin nachtrglich ganz auf Ihrer Seite, so fngt die
Sache mit dem Tode des Alten erst recht eigentlich an, und der Knig von Thule,
das Geringste zu sagen, ist unfertig und fortsetzungsbedrftig. Und warum auch
nicht? Ein Page wird sich am Ende doch wohl finden lassen, der sich bis dahin
verzehrt hat und nun wieder Farbe kriegt oder Eisen im Blut, um mit einem Zitat
unserer gndigsten Prinzessin zu schlieen.
    Ach, meine Gndigste, sagte Holk, Sie spotten ber Romantik und vergessen
dabei, da Ihr eigener Name mit einem sehr romantischen Hergange, der wohl eine
Ballade verdient htte, verflochten ist.
    Mein Name? lachte das Frulein. Und mit einem romantischen Hergange
verflochten? Bezieht es sich auf Ebba? Nun, das wrde sich hren lassen, das
ginge; denn schlielich laufen alle Balladen auf etwas Ebba hinaus. Ebba ist
Eva, wie Sie wissen, und bekanntlich gibt es nichts Romantisches ohne den Apfel.
Aber ich sehe, Sie schtteln den Kopf und meinen also nicht Ebba und nicht Eva,
sondern Rosenberg.
    
    Gewi, mein gndigstes Frulein, ich meine Rosenberg. Genealogisches zhlt
nmlich zu meinen kleinen Liebhabereien, und die zweite Frau meines Groonkels
war eine Rosenberg; so bin ich denn in Ihre Geschlechtssagen einigermaen
eingeweiht. Alle Rosenbergs, wenigstens alle die, die sich
Rosenberg-Gruszczynski nennen, bei den Lipinskis steht es aber etwas anders,
stammen von einem Bruder des Erzbischofs Adalbert von Prag, der, an der
sogenannten Bernsteinkste, von der Kanzel herabgerissen und von den heidnischen
Preuen erschlagen wurde. Diese Kanzel, wenn auch zerstckelt und zermrbt,
existiert noch und ist das Palladium der Familie...
    Wovon ich leider nie gehrt habe, sagte das Frulein in anscheinendem oder
vielleicht auch wirklichem Ernste.
    Woraus mir nur hervorgehen wrde, da Sie, statt dem Gruszczynskischen,
wahrscheinlich dem Lipinskischen Zweige der Familie zugehren.
    Zu meinem Bedauern auch das nicht. Freilich, wenn ich Lipinski mit Lipesohn
bersetzen darf, ein Unterfangen, das mir die berhmte Familie verzeihen wolle,
so wrde sich, von dem in dieser Form auftretenden Namen aus, vielleicht eine
Brcke zu mir und meiner Familie herber schlagen lassen. Ich bin nmlich eine
Rosenberg-Meyer oder richtiger eine Meyer- Enkeltochter des in der schwedischen
Geschichte wohlbekannten Meyer-Rosenberg, Lieblings-und Leibjuden Knig Gustavs
III.
    Holk schrak ein wenig zusammen, das Frulein aber fuhr in einem affektiert
ruhigen Tone fort: Enkeltochter Meyer-Rosenbergs, den Knig Gustav spter unter
dem Namen eines Baron Rosenberg nobilitierte, Baron Rosenberg von Filehne,
welchem preuisch-polnischen Ort wir entstammen. Es war der Sitz unserer Familie
durch mehrere Jahrhunderte hin. Und nun lassen Sie mich, da Sie sich fr
genealogisch Anekdotisches interessieren, noch in Krze hinzusetzen, da es mit
diesem Nobilitierungsakte allerdings eilte, denn drei Tage spter wurde der
ritterliche und fr unser Haus so unvergeliche Knig von Lieutenant Anckarstrm
erschossen. Ein ebenso balladenhafter Hergang wie der ermordete Bischof, aber
freilich nur im allerlosesten Zusammenhang mit meiner Familie. Sie drfen mich
aber darum nicht aufgeben. ber all das ist Gras gewachsen, und mein Vater
verheiratete sich bereits mit einer Wrangel, noch dazu in Paris, wo ich auch
geboren bin, und zwar am Tage der Juli-Revolution. Einige sagen, man merke mir's
an. Unter allen Umstnden aber knnen Sie mein Alter danach berechnen.
    Holk war krasser Aristokrat, der nie zgerte, den Fortbestand seiner Familie
mit dem Fortbestand der gttlichen Weltordnung in den innigsten Zusammenhang zu
bringen, und der im gewhnlichen Verkehr ber diese Dinge nur schwieg, weil es
ihm eine zu heilige Sache war. Er war in diesem Punkte fr Wiedereinfhrung
aller nur mglichen Mittelalterlichkeiten, und einer je strengeren Ahnenprobe
man ihn und die Seinen unterworfen htte, je lieber wre es ihm gewesen, denn um
so glnzender wre sein Name daraus hervorgegangen. Seine leichten und
angenehmen, auch die brgerliche Welt befriedigenden Umgangsformen waren nichts
als ein Resultat seines sich Sicherfhlens in dieser hochwichtigen
Angelegenheit. Aber so sicher er ber seinen eignen Stammbaum war, so
zweifelvoll verhielt er sich gegen alle andern, die frstlichen Huser nicht
ausgeschlossen, was denn auch Grund war, da man ber all derlei Dinge sehr frei
mit ihm sprechen konnte, wenn nur die Holks auer Frage blieben. Und so
geschah's denn auch heute, da er sich von dem ersten Schreck, den ihm der
schwedische Rosenberg mit seinem unheimlichen Epitheton ornans eingejagt hatte,
nicht nur rasch erholte, sondern es sogar hchst pikant fand, diese doch in der
Mehrzahl der Flle nicht leicht genug zu nehmende Frage von einer
augenscheinlich so klugen Person auch wirklich leicht behandelt zu sehen.

                              Vierzehntes Kapitel


Der Weg, den man einzuschlagen hatte, lief am Ostrande des Tiergartens hin,
meist unter hochstmmigen Platanen, deren herabhngende, vielfach noch mit
gelbem Laub geschmckten Zweige die Aussicht derart hinderten, da man der
inmitten einer lichten Waldwiese stehenden Eremitage erst ansichtig wurde, als
man aus der Platanenallee heraus war. Fr die beiden vorderen Paare, die diese
Szenerie lngst kannten, bedeutete das wenig, Holk und das Frulein aber, die
des Anblicks zum ersten Male genossen, blieben unwillkrlich stehen und sahen
fast betroffen auf das in einiger Entfernung in den klaren Herbsthimmel
aufragende, von allem Zauber der Einsamkeit umgebene Schlo. Kein Rauch stieg
auf, und nur die Sonne lag auf der weiten, mit einem dichten, immer noch
frischen Gras berdeckten Plaine, whrend oben, am stahlblauen Himmel,
Hunderte von Mwen schwebten und in langem Zuge, vom Sunde her, nach dem ihnen
wohlbekannten, weiter landeinwrts gelegenen Fure-See hinberflogen.
    Ihr Schlo auf der Dne kann nicht einsamer sein, sagte das Frulein, als
man jetzt einen schmalen Pfad einschlug, der, quer ber die Wiese hin, beinahe
gradlinig auf die Eremitage zufhrte.
    Nein, nicht einsamer und nicht schner. Aber so schn dies ist, ich mchte
dennoch nicht tauschen. Diese Stelle hier bedrckt mich in ihrer Stille. In
Holkens ist immer eine leichte Brandung, und eine Brise kommt von der See her
und bewegt die Spitzen meiner Parkbume. Hier aber zittert kein Grashalm, und
jedes Wort, das wir sprechen, klingt, als wenn es die Welt belauschen knne.
    Ein Glck, da wir nicht Schaden dabei nehmen, lachte das Frulein, denn
eine mehr fr die ffentlichkeit geeignete Unterhaltung als die unsere kann ich
mir nicht denken.
    Holk war nicht angenehm berhrt von dieser Entgegnung und stand auf dem
Punkt, seiner kleinen Verstimmung Ausdruck zu geben; aber ehe er antworten
konnte, hatte man die breiten Stufen der Freitreppe erreicht, die zu dem
Jagdschlosse hinauffhrte. Vor derselben stand ein zugleich als Kastellan
installierter alter Waldhter, und an diesen, der respektvoll seine Kappe
gezogen hatte, trat jetzt die Prinzessin heran, um ihm Ordres zu geben. Diese
gingen zunchst dahin, oben, im groen Mittelsaale, den Kaffee servieren zu
lassen. Das sprach sie mit lauter Stimme, so da jeder es hren konnte. Dann
aber nahm sie den Waldhter noch einen Augenblick beiseite, um eine weitere
Verabredung mit ihm zu treffen. Und nicht spter als fnf, so schlo sie das
geheim gefhrte Gesprch. Der Abend ist da, man wei nicht wie, und wir
brauchen gute Beleuchtung.
    Der Alte verneigte sich, und die Prinzessin trat gleich danach in das Schlo
ein und stieg, auf die Schimmelmann sich sttzend, in den oberen Stock hinauf.
    Hier, im Mittelsaale, hatten dienstbeflissene Hnde bereits hohe Lehnsthle
um einen langen eichenen Tisch gerckt und die nach Ost und West hin einander
gegenberliegenden Balkonfenster geffnet, so da die ganze landschaftliche
Herrlichkeit wie durch zwei groe Bilderrahmen bewundert werden konnte. Freilich
die das Schlo unmittelbar und nach allen Seiten hin umgebende Wiesenplaine war,
weil zu nahe, wie in der Tiefe verschwunden, dafr aber zeigte sich alles
Fernergelegene klar und deutlich, und whrend, nach links hinber, die Wipfel
eines weiten Waldzuges in der niedergehenden Sonne blinkten, sah man nach rechts
hin die blauflimmernde Flche des Meeres. Holk und Ebba wollten aufstehen, um
erst von dem einen und dann vom andern Fenster aus das Bild voller genieen zu
knnen, die Prinzessin aber litt es nicht; sie verstnde sich auch auf
Landschaft und knne versichern, da gerade so, wie's jetzt sei, das Bild am
schnsten wre. Zudem habe der Kaffee (die Kastellanin erschien eben mit einem
mit dem schnsten Meiner Service besetzten Tablett) auch sein Recht, und was
die Pracht der momentan allerdings unsichtbar gewordenen Plaine betreffe, so
wrde diese schon wieder zutage treten, wenn auch erst spter. Alles zu seiner
Zeit. Und nun, liebe Schimmelmann, bitte machen Sie die Honneurs. Offen
gestanden, ich sehne mich nach einer Erfrischung; so nah der Weg war, so war er
doch gerade weit genug. Wenigstens fr mich.
    Die Prinzessin schien bei bester Laune, was sich neben anderem auch in ihrer
noch gesteigerten Gesprchigkeit zeigte. Sie scherzte denn auch darber und
suchte bei Pentz, der heute gar nicht zu Worte komme, Indemnitt nach.
Indemnitt, fuhr sie dann fort, auch solch Wort aus dem ewig
Parlamentarischen. Aber, parlamentarisch oder nicht, auf die Sache selbst, auf
Straferla, hab ich insoweit einen wirklichen Anspruch, als es keinen Platz
gibt, selbst mein geliebtes Frederiksborg nicht ausgenommen, wo mir so
plauderhaft zumut sein drfte wie gerade an dieser Stelle. Es gab Zeiten, wo ich
beinah tglich hier war und mich stundenlang dieser Meer- und Waldherrlichkeit
freute. Freilich, wenn ich sagen sollte, da diese Freude das gewesen wre, was
man so landlufig Glck nennt, so wrd ich's damit nicht treffen. Ich habe nur
immer erquickliche Ruhe hier gefunden, Ruhe, die weniger ist als Glck, aber
auch mehr. Die Ruh ist wohl das Beste.
    Holk horchte auf. Ihm war, als ob er dieselben Worte ganz vor kurzem erst
gehrt habe. Aber wo? Und suchend und sinnend fand er's auch wirklich, und der
Abend auf Holkens und das Bild Elisabeth Petersens traten mit einem Male vor
ihn hin, und er hrte wieder das Lied und die klare Stimme. Das war noch keine
Woche, und schon klang es ihm wie aus weiter, weiter Ferne.
    Die Prinzessin mute bemerkt haben, da Holks Aufmerksamkeit abirrte. Sie
lie deshalb das Allgemeine fallen und fuhr fort: Sie werden kaum erraten,
lieber Holk, welcher Kstensaum es ist, der da, von drben her, uns ins Fenster
sieht.
    Ich dachte Schweden.
    Doch nicht eigentlich das. Es ist Hveen, das Inselchen, darauf unser Tycho
de Brahe seinen astronomischen Turm baute, sein Sternenschlo, wie's die Welt
nannte... Ja, die Brahes, auch um meiner eigenen Person willen mu ich ihrer
immer in Anhnglichkeit und Liebe gedenken. Es sind nun gerade fnfundvierzig
Jahre, da Ebba Brahe, die damals bewunderte Schnheit bei Hofe, mein
Hoffrulein war und meine Freundin dazu, was mir mehr bedeutete. Denn wir
bedrfen einer Freundin, immer und allezeit (die Prinzessin reichte der
Schimmelmann die Hand), und nun gar, wenn wir jung sind und im ersten Jahr
unserer Ehe. Pentz lchelt natrlich; er kennt nicht das erste Jahr einer Ehe.
    Der Baron verneigte sich und schien nicht blo seine Zustimmung, sondern
auch eine gewisse humoristische Befriedigung ber diesen Tatbestand ausdrcken
zu wollen, die Prinzessin lie es aber nicht dazu kommen und sagte: Doch ich
wollte von Ebba Brahe sprechen. Auf manchem Namen liegt ein Segen, und mit den
Ebbas habe ich immer Glck gehabt. Wie wenn es gestern gewesen wre, steht der
Tag vor mir, an dem ich, von eben dieser Stelle aus, nach Hveen hinberwies und
zu Ebba Brahe sagte: Nun, Ebba, mchtest du nicht tauschen? Hast du keine
Sehnsucht nach dem Schlo deiner Ahnen da drben? Aber sie wollte von keinem
Tausche wissen, und ich hre noch, wie sie mit ihrer bezaubernden Stimme sagte:
Der Blick von der Eremitage nach Hveen ist mir doch lieber als der von Hveen
nach der Eremitage. Und dann begann sie zu scherzen und zu behaupten, da sie
ganz irdisch sei, viel zu sehr, um sich fr das Sternenschlo begeistern zu
knnen. Unter allen Sternen interessiere sie nur die Erde, zu deren nchtlicher
Beleuchtung die andern blo da seien... Oh, sie war charmant, einschmeichelnd,
Liebling aller, und ich mchte beinahe sagen, sie war mehr noch eine Ebba als
eine Brahe, whrend unsere neue Ebba...
    Die Prinzessin stockte...
    ... Mehr eine Rosenberg ist als eine Ebba, warf das Frulein ein und
verneigte sich unbefangen gegen die Prinzessin.
    Herzliche Heiterkeit, an der selbst die beiden Pagoden der Gesellschaft,
Erichsen und die Schimmelmann, teilnahmen, belohnte diese Selbstpersiflierung,
denn jeder kannte nur zu gut den Stammbaum des Fruleins und verstand durchaus
den Sinn ihrer Worte. Nicht zum wenigsten die Prinzessin selbst, die denn auch
eben darauf aus war, sich mit einer besonderen Freundlichkeit an Ebba zu wenden,
als der alte Waldhter in der Tr erschien und durch sein Erscheinen das mit der
Prinzessin verabredete Zeichen gab. Und eine kleine Weile, so traten alle, vom
Saal her, auf einen vorgebauten Balkon hinaus, von dem aus man einen prchtigen
Fernblick auf die groe, das Gesamtbild nach Westen hin abschlieende Waldmasse
hatte. Der zwischenliegende Wiesengrund war von einer betrchtlichen Ausdehnung,
an ein paar Stellen aber schoben sich Waldvorsprnge bis weit in die Wiese vor,
und aus eben diesen Vorsprngen traten jetzt Rudel Hirsche, zu zehn und zwanzig,
auf die Plaine hinaus und setzten sich in einem spielenden Tempo, nicht rasch
und nicht langsam, auf die Eremitage zu in Bewegung. Ebba war entzckt, aber ehe
sie's noch aussprechen konnte, sah sie schon, da sich, im Hintergrunde, der
ganze weite Waldbogen wie zu beleben begann, und in gleicher Weise, wie bis
dahin nur vereinzelte Rudel aus den vorgeschobenen Stellen herausgetreten waren,
traten jetzt viele Hunderte von Hirschen aus der zurckgelegenen Waldestiefe
hervor und setzten sich, weil sie bei der unmittelbar bevorstehenden
Defiliercour nicht fehlen wollten, in einen lebhaften Trab, anfnglich wirr und
beinahe wild durcheinander, bis sie sich, im Nherkommen, ordnungsmig
gruppierten und nun sektionsweise an der Eremitage vorberzogen. Endlich, als
auch die letzten vorbei waren, zerstreuten sie sich wieder ber die Wiese hin,
und nun erst ermglichte sich ein vollkommener berblick ber die Gesamtheit.
Alle Gren und Farben waren vertreten, und wenn schon die schwarzen Hirsche von
Ebba bewundert worden waren, soviel mehr noch die weien, die sich in
verhltnismig groer Zahl in dem Wildbestande vorfanden. Aber diese Stimmung
Ebbas verflog, wie gewhnlich, sehr rasch wieder, und alsbald zur Zitierung von
allerlei Strophen aus dnischen und deutschen Volksliedern bergehend,
versicherte sie, da der weie Hirsch, in allem, was Ballade betreffe, nach wie
vor die Hauptrolle spiele, natrlich mit Ausnahme der weien Hinde, die noch
hher stnde. Pentz seinerseits wollte dies nicht wahrhaben und versicherte mit
vieler Emphase, da die Prinzessin und der Page den Vortritt htten und ihn auch
ewig behaupten wrden, eine Bemerkung, der die Prinzessin zustimmte, freilich
mit einem Anfluge von Wehmut. Ich akzeptiere das, was Pentz sagt, und mchte
nicht, da ihm widersprochen wrde. Wir armen Prinzessinnen, wir haben schon
nicht viel, und aus der Welt der Wirklichkeiten sind wir so gut wie verdrngt;
nimmt man uns auch noch die Mrchen- und Balladenstelle, so wei ich nicht, was
wir berhaupt noch wollen. Alle schwiegen, weil sie zu sehr empfanden, wie
richtig es war, und nur Ebba kte die Hand ihrer Wohltterin und sagte:
Gndigste Prinzessin, es bleibt Gott sei Dank noch vieles brig; es bleibt noch
Zufluchtssttte sein und andere beglcken und ber Vorurteile lachen. Es war
ersichtlich, da der Prinzessin diese Worte wohltaten, vielleicht weil sie
heraushrte, da es, trotzdem sie von Ebba kamen, mehr als bloe Worte waren;
aber sie schttelte doch den Kopf und sagte: Liebe Ebba, auch das wird bald
Mrchen sein.
    Whrend sie so sprachen, waren die Wagen, denen man eigentlich entgegengehen
wollte, bis dicht an die Freitreppe herangefahren, und als die Prinzessin
gleichzeitig wahrnahm, da die Dmmerung und mit ihr die Abendkhle mehr und
mehr hereinbrach, erklrte sie, von einem weiteren Spaziergang Abstand nehmen
und die Rckfahrt unmittelbar antreten zu wollen. Aber wir arrangieren uns
anders, und ich verzichte auf die Begleitung meiner Kavaliere.
    Das kam allen erwnscht. Die Prinzessin nahm ihren Platz, die Schimmelmann
ihr zur Seite, das Frulein gegenber; Pentz und Holk und Erichsen folgten im
zweiten Wagen. Als man Klampenborg passierte, war das Offizierszelt auch in
seiner Front mit Segeltchern geschlossen, und nur aus einem schmalen Spalt
ergo sich ein Lichtstreifen auf den dunklen Vordergrund. Einzelnes aus einer
Rede, die gerade gehalten wurde, trug der Wind herber, und nun schwieg auch
das, und nur zustimmende Rufe klangen noch in den Abend hinaus.

                              Fnfzehntes Kapitel


Die Rckfahrt war ohne weitere Zwischenflle verlaufen, aber natrlich nicht
ohne Medisance, darin sich Ebba nicht leicht zuviel tun konnte. Die Geschichte
mit den Rosenbergs und den verschiedenen Verzweigungen der Familie war ihr
dabei das denkbar glcklichste Thema. Der arme Graf, sagte sie, das mu wahr
sein, er geht allem so grndlich auf den Grund. Natrlich, dafr ist er ein
Deutscher, und nun gar bei genealogischen Fragen, da kommt er aus dem Bohren und
Untersuchen gar nicht mehr heraus. An jeden Namen knpft er an, und wenn ich zum
Unglck auf den Namen Cordelia getauft worden wre, so biet ich jede Wette, da
er sich ohne weiteres nach dem alten Lear bei mir erkundigt haben wrde. Die
Prinzessin gab Ebba einen Zrtlichkeitsschlag auf die Hand, der mehr ermutigte
als ablehnte, und so fuhr diese denn fort: Er hat etwas von einem
Museumskatalog mit historischen Anmerkungen, und ich sehe noch sein Gesicht, als
Knigliche Hoheit von Tycho de Brahe sprachen und nach der Insel Hveen
hinberzeigten; er war ganz benommen davon, und seine Seele drngte sichtlich
nach einem Gesprch ber Weltsysteme. Das wre so was fr ihn gewesen, zurck
bis Ptolomus. Gott sei Dank kam etwas dazwischen, denn, offen gestanden,
Astronomie geht mir noch ber Genealogie.

Auch der folgende Tag verlief unter hnlichem Geplauder, was brigens nicht
hinderte, da Holk, von seiten der Damen, einem allerfreundlichsten
Entgegenkommen begegnete, so freundlich, da es ihm nicht blo schmeichelte,
sondern ihn auch in die denkbar beste Stimmung versetzte.
    Diese Stimmung nahm er dann mit nach Haus, in seine behagliche Hansensche
Wohnung, und als er tags darauf bei seinem Frhstcke sa, kam ihm das prickelnd
Anregende des Kopenhagener Hoflebens so recht aufs neue zum Bewutsein. Wie de
waren daneben die Tage daheim, und wenn er sich dann vergegenwrtigte, da er
sich innerhalb zehn Minuten an den Schreibtisch zu setzen und ber die gehabten
Eindrcke nach Holkens hin zu berichten habe, so erschrak er fast, weil er
fhlte, wie schwer es sein wrde, den rechten Ton dafr zu finden. Und doch war
dieser Ton noch wichtiger als der Inhalt, da Christine zwischen den Zeilen zu
lesen verstand.
    Er berlegte noch, als es klopfte. Herein. Und Frau Kapitn Hansen trat
ein, diesmal nicht die Mutter, sondern Brigitte, die Tochter. Er hatte sie seit
dem Abend seiner Ankunft kaum wiedergesehen, aber ihr Bild war er nicht
losgeworden, selbst nicht in den Gesprchen mit Ebba. Brigittens Erscheinung in
diesem Augenblicke verriet eine gewisse herabgestimmte Grandezza, darin das auf
Hochgefhl Gestellte dem Gefhl ihrer Macht und Schnheit, das Herabgestimmte
der Einsicht ihrer bescheidenen Lebensstellung entstammte, bescheiden
wenigstens, solange der Graf der Mieter ihres Hauses war. Ohne mehr als einen
kurzen Morgengru zu bieten, schritt sie gerade und aufrecht und beinahe
statuarisch bis an den Tisch heran und begann hier das Frhstcksservice
zusammenzuschieben, whrend sie das mitgebrachte groe Tablett, die Brust damit
bedeckend, noch immer in ihrer Linken hielt. Holk seinerseits hatte sich
inzwischen von seinem Fensterplatz erhoben und ging ihr entgegen, um ihr
freundlich die Hand zu reichen.
    Seien Sie mir willkommen, liebe Frau Hansen, und wenn Ihre Zeit es
zult..., und dabei wies er mit verbindlicher Handbewegung auf einen Stuhl,
whrend er selbst an seinen Fensterplatz zurckkehrte. Die junge Frau blieb
aber, das japanische Tablett nach wie vor schildartig vorhaltend, an ihrer
Stelle stehen und sah ruhig und ohne jeden Ausdruck von Verlegenheit nach dem
Grafen hinber, von dem sie sichtlich ein weiteres Wort erwartete. Diesem konnte
nicht entgehen, wie berechnet alles in ihrer Haltung war, vor allem auch in
ihrer Kleidung. Sie trug dasselbe Hauskostm, das sie schon am ersten Abend
getragen hatte, weit und bequem, nicht Manschetten, nicht Halskragen, aber nur
deshalb nicht, weil all dergleichen die Wirkung ihrer selbst nur gemindert
htte. Denn gerade ihr Hals war von besonderer Schnheit und hatte, sozusagen,
einen Teint fr sich. Dieselbe Berechnung zeigte sich in all und jedem. Ihre
weite Schojacke mit losem Grtel von gleichem Stoff schien ohne Schnitt und
Form, aber auch nur, um ihre eigenen Formen desto deutlicher zu zeigen. In ihrer
Gesamterscheinung war sie das Bild einer schnen Hollnderin, und unwillkrlich
sah Holk nach ihren Schlfen, ob er nicht die herkmmlichen Goldplatten daran
entdecke.
    Sie ziehen vor, nahm er, als sie seinem Blick unausgesetzt begegnete,
wieder das Wort, Sie ziehen vor, sich nicht zu setzen und in ganzer Figur zu
bleiben, und Sie wissen sehr wohl, meine schne Frau Brigitte, was Sie dabei
tun. Wirklich, wenn ich bei Gelegenheit der Reise von Shanghai nach Bangkok -
von der mir Ihre Frau Mutter gestern erzhlte - der Kaiser von Siam gewesen
wre, so wre das mit dem Thronsessel vor dem Palast alles sehr anders
angeordnet worden, und Sie htten, statt zu sitzen, was nie kleidet, neben dem
Thronsessel gestanden und nur Ihren Arm auf die weie Elfenbeinlehne gelehnt.
Und da htte sich's dann zeigen mssen, wer Sieger bliebe, das Elfenbein oder
der Arm der schnen Frau Hansen.
    
    Ach, sagte Brigitte mit gut aufgesetzter Verlegenheit, die Mutter spricht
immer davon, als ob es etwas Besonderes gewesen wre. Und es war doch blo
Spielerei.
    Ja, Spielerei, Frau Brigitte, weil es in Siam war. Aber wir sind nicht
immer in Siam. Und nur das haben wir in unserem guten Kopenhagen auch, da wir
ein Auge haben fr die Schnheit. Und wer es am meisten und in seiner hoben
Stellung auch wohl am eindringlichsten hat... Aber es ist nicht ntig, Namen zu
nennen, liebe Frau Kapitn Hansen, und ich bewundere nur Ihren teueren Gatten,
von dem ich soviel Rhmliches gehrt habe...
    Von Hansen. Ja. Nun, der kennt seine Brigitte, sagte sie, whrend sie das
Auge schamhaft niederschlug.
    Er kennt Sie, liebe Frau Hansen, und wei, welches unbedingte Vertrauen er
Ihnen entgegenbringen darf. Und ich mchte sagen, ich wei es auch. Denn wenn
Schnheit einerseits eine Gefahr ist, so ist sie doch kaum weniger auch ein
Schild, und dabei glitt sein Auge nach dem Tablett hinber. Es gengt ein
Blick auf Ihre weie Stirn, um zu wissen, da Sie den Schwchen Ihres
Geschlechts nicht unterworfen sind...
    Frau Brigitte schwankte, wie sie sich zu diesen Auslassungen stellen solle;
pltzlich aber wahrnehmend, da Holks Auge leise hin und her zwinkerte, war es
ihr klar, da Pentz oder Erichsen oder vielleicht auch beide gesprochen haben
mten, und so lie sie denn die Komdie der Wrdigkeit fallen und begegnete
seinem Lcheln mit einem Lcheln des Einverstndnisses, whrend sie, wie gleich
am ersten Abend, den linken Ellbogen, so da der weite rmel zurckfiel, auf den
hohen Kaminsims sttzte.
    Das wre nun sicher der geeignete Moment gewesen, dem Gesprch eine Wendung
zur Intimitt zu geben; Holk zog es aber vor, wenn auch scherzhaft und ironisch,
sich vorlufig noch auf den Sittenvormund hin aufzuspielen, und sagte: Ja,
liebe Frau Hansen, da ich es noch einmal sage, nicht unterworfen den Schwchen
Ihres Geschlechts. Dabei bleibt es. Und doch mcht ich die Stimme des Warners
erheben drfen. Es ist, wie ich mir schon anzudeuten erlaubte, immer gefhrlich,
in einer Stadt zu leben, wo die Knige den ausgesprochenen Sinn fr die
Schnheit haben. Der Liebe dieser Mchtigen der Erde lt sich vielleicht
widerstehen, aber nicht ihrer Macht... Und was die Grfin Danner angeht, mit der
vorlufig freilich noch zu rechnen ist, nun, sie wird doch am Ende nicht ewig
leben...
    O doch.
    Nun, so stirbt vielleicht die Neigung ihres kniglichen Anbeters...
    Auch das nicht, Herr Graf. Denn die Danner hat einen Zauber, und man hrt
darber so dies und das.
    Kann man es nicht erfahren?
    Nein. Meine Mutter sagt zwar immer: Hre, Brigitte, du sagst auch alles;
aber das mit der Danner, das ist doch zuviel.
    Nun, dann werd ich Baron Pentz fragen.
    Ja, der kann es sagen, der wei es... Einige sagen, sie habe den
Schnheitsapfel, ich meine die Danner; aber das ist nicht der groe Zauber, den
sie hat, das ist hchstens der kleine...
    Glaub ich unbedingt. Und berhaupt, offen gestanden, ich wei nicht, was
immer der Apfel soll. Er ist mir immer halb unverstndlich erschienen. Unter
Kirschen kann ich mir etwas denken, aber Apfel...
    Ich wei doch nicht, Herr Graf, sagte Brigitte, whrend sie die Schojacke
glatt zog, um ihrer Figur die rechte Linie zu gehen. Ich wei doch nicht, ob
Sie darin recht haben... Und einmal angelangt auf dieser abschssigen Ebene,
schien sie durchaus geneigt, das Thema weiter fortzufhren. Aber ehe sie dazu
kommen konnte, hrte sie, von der Treppe her, den halblauten Ruf: Brigitte.
    Das ist die Mutter, sagte sie verdrossen und stellte das Geschirr auf das
Tablett. Dann aber, sich wrdevoll verneigend, als ob Staats- und Kirchenfragen
zwischen ihnen verhandelt worden wren, verlie sie das Zimmer.

Holk, als Brigitte die Tr ins Schlo gedrckt hatte, schritt auf und ab, sehr
verschiedenen Gefhlen hingegeben. Er war nicht unempfindlich gegen die
Schnheit und Koketterie dieser berckenden Person, die wie geschaffen schien,
allerlei Verwirrungen anzurichten; aber da sie den Willen dazu so deutlich
zeigte, das minderte doch auch wieder die Gefahr. Allerlei Widersprechendes
bekmpfte sich in ihm, bis endlich seine gute Natur den Sieg gewann und ihm die
Kraft gab, das whrend dieser Tage Erlebte mit einem gewissen darberstehenden
Humor zu betrachten. Und damit war denn auch die Stimmung gewonnen, nach
Holkens hin zu schreiben und seinen ersten Zeilen, in denen er nur seine
Ankunft angezeigt hatte, einen lngeren Brief folgen zu lassen. Einen Augenblick
erschrak er freilich wieder vor der Menge dessen, was zu berichten war, denn
unter dem, was ihm fehlte, war auch die Briefschreibepassion. Endlich aber nahm
er seinen Platz an dem Zylinderbureau, schob die Bogen zurecht und schrieb.

                                                    Kopenhagen, 3. Oktober 1859
                                                          Dronningens Tvergade 4

Meine liebe Christine. Die wenigen Zeilen, in denen ich Dir meine glckliche
Ankunft meldete, wirst Du erhalten haben; es ist Zeit, da ich nun ein weiteres
Lebenszeichen gebe, und wie ich glcklicherweise gleich hinzusetzen darf, ein
Zeichen meines Wohlergehens. La mich mit dem Nchstliegenden, mit meiner
Wohnung bei der Witwe Hansen, beginnen. Es ist alles, wie's frher war, nur
eleganter, so da man deutlich sieht, wie sich ihre Verhltnisse gehoben haben.
Vielleicht ist alles dem Umstande zuzuschreiben, da sie jetzt mit ihrer
Tochter, ebenfalls einer Frau Kapitn Hansen (die frher ihren Mann auf seinen
Chinafahrten begleitete), zusammenwohnt. Es stehen dadurch wohl grere Mittel
zur Verfgung. Frau Kapitn Hansen ist eine schne Frau, so schn, da sie dem
Kaiser von Siam vorgestellt wurde, bei welcher Gelegenheit sie zugleich der
Gegenstand einer siamesischen Hofovation wurde. Sie hat eine statuarische Ruhe,
rotblondes Haar (etwas wenig, aber sehr geschickt arrangiert) und natrlich den
Teint, der solch rotblondes Haar zu begleiten pflegt. Ich wrde sie Rubensch
nennen, wenn nicht alles Rubensche doch aus grberem Stoffe geschaffen wre.
Doch lassen wir Frau Kapitn Hansen. Du wirst lachen, und darfst es auch, ber
das Interesse, das aus dem Vergleich mit Rubens zu sprechen scheint. Und Rubens
noch bertroffen! Ich war gleich am ersten Abend bei Vincents auf dem Kongens
Nytorv, wohin ich durch Pentz und Erichsen abgeholt wurde. Viele Bekannte
gesehen - auch de Meza, der von Jtland herbergekommen war -, aber niemanden
gesprochen, was in einer groen politischen Aufregung, die ich hier vorgefunden,
seinen Grund hat. Hall soll gestrzt und Rottwig an seine Stelle gesetzt werden.
Natrlich nur bergangsministerium, wenn es berhaupt glckt, was auch noch die
Frage. Lies die Berichte, die Dagbladet bringt, sie sind ausfhrlicher und
minder parteiisch als die von Flyveposten. Am andern Vormittage war ich bei der
Prinzessin, um mich ihr vorzustellen. Ihr Benehmen gegen mich genau dasselbe wie
frher; sie kennt meinen abweichenden politischen Standpunkt, aber sie verzeiht
es mir, da ich mehr fr das alte Dnemark bin als fr das neue. Meiner
Loyalitt ist sie sicher und meiner Anhnglichkeit an ihre Person doppelt und
dreifach. Das lt sie vieles bersehen, wenigstens solange der Knig lebt und
von einer ernsten politischen Krise keine Rede sein kann. So sind wir in der
angenehmen Lage, auf einem vlligen Friedensfue miteinander verkehren zu
knnen.
    In der Umgebung der Prinzessin hat sich nichts gendert, fast zuwenig. Alles
ist bequem und behaglich, aber doch zugleich auch ergraut und verstaubt; die
Prinzessin hat kein Auge dafr, und Pentz, der vielleicht Wandel schaffen
knnte, hlt es fr klug, die Dinge ruhig weitergehen zu lassen. Die
Schimmelmann ist nach wie vor wrdig und wohlwollend, an Charakter ein Schatz,
aber ein wenig bedrckend. An Stelle der Grfin Frijs, die, whrend der letzten
zehn Jahre, der Liebling der Prinzessin war, ist ein Frulein von Rosenberg
getreten. Ihre Mutter war eine Wrangel. Diese Rosenbergs stammen aus dem
westpreuischen Stdtchen Filehne, wurden erst unter Gustav III. baronisiert und
haben keine Verwandtschaft weder mit den bhmischen noch mit den schlesischen
Rosenbergs. Das Frulein selbst - nur immer der lteste Sohn fhrt den
Baronstitel - ist klug und espritvoll und beherrscht die Prinzessin, soweit sich
Prinzessinnen beherrschen lassen. Unzweifelhaft, und dafr haben wir ihr alle zu
danken, hat sie dem kleinen Nebenhof im Prinzessinnen-Palais den Charakter der
Langenweile genommen, der frher der vorherrschende war. Ich konnte mich
gestern, wo ich Dienst hatte, von diesem Wandel der Dinge berzeugen, mehr noch
vorgestern, wo wir eine Wagenpartie nach Klampenborg und der Eremitage machten.
Es war ein wundervoller Tag, und als bei Sonnenuntergang an die zweitausend
Hirsche geschwaderweise bei uns vorbeidefilierten - ein Schauspiel, von dem ich
oft gehrt, aber das ich nie gesehen habe -, schlug mir das Herz vor Entzcken,
und ich wnschte Dich und die Kinder herbei, um Zeuge davon sein zu knnen. Es
verlangt mich brigens lebhaft, von Euch zu hren. Was hast Du hinsichtlich der
Pensionen beschlossen? Ich habe Dir gern und voll Vertrauen freie Hand gelassen,
aber ich hoffe, Du wirst nichts bereilen. Das Hinaussenden der Kinder in die
Welt hat seine Vorzge, das soll unbestritten bleiben, aber das Beste bleibt
doch das, was die Familie bietet, das elterliche Haus. Und wenn eine Hand wie
die Deine das Haus bestellt, so verdoppelt sich nur die Wahrheit dieses Satzes.
Gre die Dobschtz und Alfred, wenn er von Arnewiek herberkommt, was
hoffentlich recht oft geschieht; denn ich wei, Du liebst ihn, und ebenso wei
ich, wie sehr er diese Liebe verdient. Wenn Asta bei Petersens vorspricht, la
sie dem Alten meine Gre bringen und ihm wie der Enkelin alles mgliche
Freundliche sagen. Strehlke soll Axel nicht mit Mathematik und Algebra qulen,
aber den Charakter soll er bilden. Leider hat er selber keinen, ein so guter
Kerl er im brigen ist. Freilich, wer hat Charakter? Es ist nicht jedem so gut
geworden wie Dir, Du hast das, was den meisten fehlt; aber wenn mich nicht alles
tuscht, erfllt Dich selber mitunter der leise Wunsch, etwas weniger von dem zu
haben, was Dich auszeichnet. Irr ich darin? La bald von Dir und den Kindern
hren und, wenn es sein kann, Erfreuliches.
                                                                Dein Helmuth H.

Und nun legte er die Feder aus der Hand und berflog das Geschriebene noch
einmal. Einiges mit Zufriedenheit. Als er aber gegen das Ende hin die Worte las:
das Beste bleibt doch immer das elterliche Haus... und dann: wenn eine Hand
wie die Deine dies Haus bestellt..., da berkam ihn eine leise Rhrung, von der
er sich kaum Ursach und Rechenschaft zu gehen vermochte. Htt er es gekonnt, so
htt er gewut, da ihn sein guter Engel warne.

                              Sechzehntes Kapitel


Holk gab den Brief selbst zur Post, dann ging er zu Pentz, der ihn in seine
Wohnung zum Frhstck geladen hatte. Von den Ministern war niemand da, auch Hall
nicht, trotzdem er zugesagt hatte, wohl aber Reichstagsmitglieder und Militrs:
General Blow, Oberst du Plat, Oberstlieutenant Tersling, Kapitn Lundbye,
selbstverstndlich Worsaae, der als Esprit fort und Anekdotenerzhler nicht
fehlen durfte. Tersling hatte seinen guten Tag, Worsaae auch, was bei den
Schraubereien, in denen man sich gefiel, am besten zutage trat; aber so
vergnglich diese Kmpfe waren, so sah sich doch gerade Holk nur mig dadurch
unterhalten, teils weil ihm, als einem Nicht-Kopenhagener, manches von den
Pointen entging, teils weil er Fragen auf dem Herzen hatte, die zu stellen sich
bei dem bestndigen Wortgefecht der beiden humoristischen Gegner keine rechte
Gelegenheit fr ihn bieten wollte. Denn Pentz war ganz Ohr und hrte nur auf die
gegenseitigen Sticheleien. Das Frhstck, wie jedes gute Frhstck, dauerte bis
Abend. Als es beendet war, gingen etliche von den Jngeren noch nach Tivoli
hinaus, um einem letzten Operettenakt beizuwohnen; Holk aber, an grostdtisches
Leben nicht gewhnt und immer beflissen, sich in beinah philistrser Weise bei
guter Gesundheit zu halten, begleitete Blow und du Plat bis an das
Kriegsministerium und ging dann auf seine Wohnung zu. Die ltere Frau Hansen
empfing ihn aufmerksam und artig wie immer, fragte nach seinen Befehlen und
brachte den Tee. Das Gesprch, das sie dabei fhrte, war nur kurz, und alles,
was sie sagte, lag heute nach der gefhlvollen Seite hin: ihrer Tochter Brigitte
sei nicht recht wohl, und wenn sie dann bedenke, da die arme junge Frau, denn
sie sei doch eigentlich noch jung und der Mann schon im siebenten Monat fort und
km auch noch lange nicht wieder zurck, ja, wenn sie das alles so bedenke, und
da Brigitte doch ernstlich krank werden und aus dieser Zeitlichkeit scheiden
knne, da wolle sie doch lieber gleich selber sterben. Und was ist es denn auch
am Ende? Wenn man fnfzig ist und Witwe dazu, ja, Herr Graf (und sie trocknete
sich eine Trne), was hat man da noch vom Leben? Je frher es kommt, desto
besser. Armut ist nicht das schlimmste, schlimmer ist Einsamkeit, immer einsam
und ohne Liebe... Holk, den diese Sentimentalitt amsierte, besttigte
selbstverstndlich alles. Jawohl, liebe Frau Hansen, es ist ganz so, wie Sie
sagen. Aber Sie drfen es nicht so schwernehmen. Ein bichen Liebe findet sich
immer noch.
    Sie sah ihn von der Seite her an und freute sich seines Verstndnisses.
    Am anderen Tage war Holk wieder in Dienst, was am Hofe der Prinzessin nicht
viel besagen wollte. Die fast Siebzigjhrige, die - darin noch ganz das Kind des
vorigen Jahrhunderts - immer spt zur Ruhe ging und noch spter aufstand,
erschien nie vor Mittag in ihren Empfangsrumen; die Kammerherren vom Dienst
hatten also bis dahin nichts anderes zu tun, als im Vorzimmer zu warten. Da
wurden denn Zeitungen gelesen, auch wohl Briefe geschrieben, und wenn, lange vor
Sichtbarwerden der Prinzessin, der Kammerdiener ein gut arrangiertes Frhstck
brachte, so rckte Pentz in die tiefe, mit einem kleinen Diwan in Hufeisenform
halb ausgefllte Fensternische, wo sich dann Holk oder Erichsen ihm gesellte. So
war es auch heute, und als man von dem Sherry genippt und Pentz ein sehr
anerkennendes Wort ber die Sardinen geuert hatte, sagte Holk: Ja,
vorzglich. Und doch, lieber Pentz, ich mchte heute, wenn es geht, etwas
anderes von Ihnen hren als Kulinarisches oder Frhstckliches. Ich hatte mir
schon gestern ein paar Fragen an Sie vorgenommen, aber die beiden Kampfhhne
nahmen Sie ja ganz in Anspruch. Worsaae war brigens wirklich sehr amsant. Und
dann mut ich mir auch sagen, wer so glnzender Wirt ist wie Sie, der ist eben
Wirt und nichts weiter und hat nicht Zeit zu Privatgesprchen in einer
verschwiegenen Ecke.
    Sehr liebenswrdig, lieber Holk. Ich habe mich nicht recht um Sie
gekmmert, und anstatt mir einen Vorwurf daraus zu machen, machen Sie mir Elogen
ber meine Wirklichkeit. brigens mu ich Ihnen bekennen, wenn ich gestern um
ein Privatgesprch mit Ihnen, und noch dazu, wenn ich recht gehrt, um ein
Privatgesprch in einer verschwiegenen Ecke gekommen bin, so verwnsche ich alle
Reprsentationstugenden, die Sie mir gtigst zudiktieren. In einer
verschwiegenen Ecke - da darf man etwas erwarten, was jenseits des Gewhnlichen
liegt.
    Ich bin darber doch selbst im Zweifel. Auf den ersten Blick ist es
jedenfalls was sehr Gewhnliches und betrifft ein Thema, das schon gleich am
ersten Abend zwischen uns verhandelt wurde. Hab ich dann aber wieder
gegenwrtig, wie sich alles in der Sache so mysteris verschleiert, so hrt es
doch auch wieder auf, was Alltgliches und Triviales zu sein. Kurzum, ich wei
selber nicht recht, wie's steht, ausgenommen, da ich neugierig bin, und nun
sagen Sie mir, was ist es mit den zwei Frauen, Mutter und Tochter?
    Pentz verstand entweder wirklich nicht oder gab sich doch das Ansehen davon,
weshalb Holk fortfuhr: Ich meine natrlich die beiden Hansens. Eigentlich, auch
ganz abgesehen von dem, was Sie mir schon erzhlt haben, sollt ich darber so
gut unterrichtet sein wie Sie selbst; denn beide Frauen sind schleswigsches
Gewchs, ich glaub aus Husum gebrtig und dann spter in Glcksburg, und bei der
Mutter, wie Sie ja wissen, hab ich auch schon gewohnt, als ich das letzte Mal
hier war und meinen Dienst tat. Aber ich mu damals schlecht beobachtet haben,
oder die Tochter, die jetzt da ist, hat dem Hausstand ein anderes Wesen gegeben.
Soviel bleibt, ich schwanke nach wie vor hin und her, was ich eigentlich daraus
machen soll. Manchmal glaub ich in meiner Annahme raffiniertester Komdianterei
ganz sicher zu sein; dann aber seh ich wieder hohe Mienen, vollkommene Airs, und
wenn ich auch sehr wohl wei, da man hohe Mienen aufsetzen kann, so bringen sie
mich doch immer wieder ins Unsichere. Da gibt es beispielsweise eine wundervolle
Geschichte von dem Kaiser von Siam, mit mrchenhaften Huldigungen und Geschenken
und sogar einer prachtvollen Perlenschnur. Ist das nun Wahrheit oder Lge?
Vielleicht ist es Grenwahn. Die Tochter ist sicherlich eine sehr schne
Person, und wer um seiner Schnheit willen, wie ich nicht zweifle, gelegentlich
groe Triumphe feiert und dann doch auch wieder stillsitzen und brten und
abwarten mu, der spinnt sich in seiner Einsamkeit seine Triumphe leicht weiter
aus, und da haben wir denn einen Kaiser von Siam mit Perlenschnur und Elefanten,
wir wissen nicht wie.
    Pentz lchelte vor sich hin, aber schwieg weiter, weil er wohl sah, da
Holk, mit dem, was er sagen wollte, noch nicht voll am Ende war. Dieser fuhr
denn auch weiter fort: So kann denn alles Halluzination sein, Ausgeburt einer
erhitzten Phantasie. Wenn ich dann aber an das Augenaufleuchten und Kichern, was
beides gelegentlich vorkommt, und zugleich an die Worte denke, die Sie gleich
den ersten Abend bei Vincent gegen mich uerten, Bemerkungen, in denen so was
von Sicherheitsbehrde vorkam, so kommt mir, ehrlich gestanden, ein leiser
Mrchengrusel. Und wenn es blo Mrchengrusel wre, nein, eine richtige Angst
und Sorge. Denn, lieber Pentz, was heit Sicherheitsbehrde? Sicherheitsbehrde
heit doch einfach Polizei, deren geschickteste und dienstbeflissenste
Mitglieder mitunter Mitglieder einer unsichtbaren politischen Loge sind. Und das
macht mir einigermaen Herzensbeklemmungen. Ist da wirklich was von Beziehungen
zwischen einem Sicherheitsassessor und der Tochter oder gar zwischen dem
Polizeichef selbst und der Mutter - denn auch das kommt vor, und Polizeichefs
sind unberechenbar in ihrem Geschmack -, so bin ich da bei dieser Hansensippe
nicht viel anders untergebracht als in einer Spelunke. Da Goldleisten und
trkische Teppiche da sind und Mutter und Tochter einen Tee zubereiten, der,
weit ber Siam hinaus, direkt aus dem himmlischen Reich kommen knnte, kann mich
fr die Dauer nicht trsten. Es schien mir auch, als ob die Prinzessin, wie sie
den Namen der Frau Hansen hrte, nicht gerade erbaulich dreinblickte. Kurzum,
was ist es damit? Und nun heraus mit der Sprache.
    Pentz, mit seinem Sherryglase leise anklingend, lachte herzlich und sagte
dann: Ich will Ihnen was sagen, Holk, Sie sind bis ber die Ohren in diese
schne Person verliebt, und weil Sie sich vor ihr frchten oder, was dasselbe
ist, sich persnlich nicht recht trauen, so wnschen Sie, da ich Ihnen eine
furchtbare Geschichte zum besten gebe, die Sie jederzeit als
Sicherheitsvademekum aus der Tasche holen und wie einen Schirm zwischen sich und
der schnen Frau Hansen aufrichten knnen. Mit solch furchtbarer Geschichte kann
ich Ihnen aber beim besten Willen nicht dienen. Und bedenken Sie, wie wrd ich
es, als Sie vor zwei Jahren das erste Mal, auf meine Empfehlung hin, bei der
Frau Hansen Wohnung nahmen, wie wrd ich es gewagt haben, Sie, den Grafen Holk
und Kammerherrn unserer Prinzessin, in einer Chambre garnie unterzubringen, fr
die Sie, frisch, fromm und frei, das Wort Spelunke dem Sprachschatz deutscher
Nation entnommen haben...
    Sie drfen nicht empfindlich werden, Pentz. Um so weniger, als Sie mit
Ihren Anspielungen eigentlich schuld an meinem Argwohn sind. Warum sprachen Sie
von Sicherheitsbehrde?
    Weil es sich so verhlt. Warum soll ich nicht von Sicherheitsbehrde
sprechen? Warum soll ein Mitglied dieser Behrde die schne Frau Brigitte nicht
ebenso schn finden, wie Sie sie finden? Er ist vielleicht ein Vetter von ihr
oder auch von der Alten, der ich beilufig noch weniger traue als der
Jngeren...
    Holk nickte zustimmend.
    Im brigen drfen Sie sich ber dies und vieles andere nicht den Kopf
zerbrechen. Das ist so Kopenhagensch, das war hier immer so; schon vor
dreihundert Jahren hatten wir die Dveke-Geschichte, Mutter und Tochter, und ob
nun Hansen oder Dveke, macht keinen rechten Unterschied. Beilufig, da Dveke
nicht Name, sondern blo Epitheton ornans war, werden Sie wissen. Und war klug
genug gewhlt. Tubchen, Tubchen von Amsterdam - kann man sich etwas
Unschuldigeres denken?
    Holk konnte nur besttigen; Pentz aber, der nicht blo ein lebendiges
Nachschlagebuch fr die hauptstdtische Chronique scandaleuse, sondern ganz
besonders auch fr die Liebesgeschichten alter und neuer Knige war, war nicht
unfroh, ein Thema, das er ausgiebig beherrschte, weiter ausspinnen zu knnen.
Es ist was ganz Eigenes mit dieser Dveke-Geschichte. Sie wissen, da sie durch
rote Kirschen vergiftet sein soll. Aber so oder so, die Geschichte war schon so
gut wie halb vergessen, und man zerbrach sich nicht sonderlich den Kopf mehr
ber die Dveke, hielt es vielmehr mit anderen, nicht ganz so weit abliegenden
Vorbildern, als mit einem Male unsere gute Putzmacherin Rasmussen in eine
dnische Grfin umgebacken wurde. Und wollen Sie mir's glauben, Holk, von dem
Tage an ist all das alte Zeug wieder lebendig geworden, und alles, was in
Dnemark ein paar rote Backen hat oder gar so hbsch ist wie diese Frau Brigitte
mit dem ewig mden Augenaufschlag, das will nun wieder Dveke werden und sich
adeln lassen und eine Strandvilla haben und legt die Hnde in den Scho und
putzt sich und wartet. Und dabei denken alle, wenn nicht der Knig kommt, unser
allergndigster Matrosenknig Friedrich der Siebente - denn soviel sehen sie
wohl, die Danner wei ihn zu halten und mu einen Charme haben, den der Rest der
Menschheit noch nicht entdecken konnte -, wenn, sag ich, der Knig nicht kommt,
so kommt ein anderer, so kommt Holk oder Pentz, wobei Sie mir verzeihen mssen,
da ich mich so ohne weiteres an Ihre Seite drnge. Nein, Holk, nichts von
Spelunke. Diese schne Capitana, deren Mann ich brigens nicht beneide,
beilufig soll er immer unter Rum stehen, ist nicht schlimmer als andere, nur
ein bichen gefhrlicher ist sie, weil sie schner ist, mit ihrem Rotblond und
der Welljacke, die nirgends schliet. Ihrer Ritterlichkeit, lieber Holk, brauch
ich es brigens nicht erst anzuempfehlen, da Sie darauf verzichten, diese
rmste...
    
    Spotten Sie nur, Pentz. Aber Sie gehen durchaus in die Irre und vergessen,
da ich fnfundvierzig bin.
    Und ich, lieber Holk, bin fnfundsechzig. Und wenn ich danach die
Berechnung mache, so kann es um Sie, beziehungsweise um die schne Brigitte,
gerade noch schlecht genug stehen.
    Er wollte sichtlich in diesem Tone noch weitersprechen, aber im selben
Augenblicke trat ein Kammerdiener aus den Gemchern der Prinzessin und meldete,
da Knigliche Hoheit die Herren zu sprechen wnsche.

Pentz und Holk traten ein. Die Prinzessin hielt ein Zeitungsblatt in der Hand
und war augenscheinlich nicht blo in Erregung, sondern in geradezu schlechter
Laune. Sie warf das Blatt beiseite, und statt der sonst blichen gndigen
Begrung erfolgte nur die Frage: Haben Sie schon gelesen, meine Herren?
    Holk, dem als einem halben Fremden keine besondere Leseverpflichtung oblag,
blieb ruhig; Pentz aber kam in Verlegenheit, um so mehr, als er neuerdings
fters auf solchen Unterlassungssnden ertappt worden war. Diese sehr sichtbare
Verlegenheit stellte aber die gute Stimmung der Prinzessin sofort wieder her.
Nun, lieber Pentz, erschrecken Sie nicht zu sehr und lassen Sie mich zu Ihrer
Beruhigung sagen, da mir, im langen Laufe der Jahre - und nach solchen mssen
wir doch nachgerade rechnen -, ein Mann der Trffel-und Wildbretpastete wie Sie
viel, viel lieber ist als ein Mann der Politik und des Zeitungsklatsches oder
gar der Zeitungsmalice. Denn mit einer solchen haben wir's hier zu tun. Es wird
zwar ein Handelshaus vorgeschoben, noch dazu ein Handelshaus in Kokkegarde, aber
es bedarf nicht vieler Einsicht und Vertrautheit, um die Personen zu erraten,
die diesen Skandal in Szene gesetzt haben.
    In Pentz' Gesicht verschwand der Ausdruck der Verlegenheit, und der der
Neugierde trat an seine Stelle. Mutmalich Unpassendheiten ber die Grfin...
    O nein, lachte die Prinzessin herzlich. Unpassendheiten ber die Grfin
gibt es erstlich berhaupt nicht, und wenn Sie das Muster eines Kammerherrn
wren, Gott sei Dank sind Sie's nicht, so wrden Sie meinen Ihnen wohlbekannten
Gefhlen fr die Grfin etwas ausgiebiger Rechnung tragen. Aber so sind Sie,
Baron, und vergessen im Hinblick auf das Frhstck, wenn Sie's nicht schon
genommen, da ein Pasquill ber die Danner meine gute, nicht aber meine
schlechte Laune geweckt haben knnte. Ja, lieber Pentz, da haben Sie sich
verfahren oder vielleicht selbst verraten, und lebten wir in anderen Zeiten, so
begb ich mich recte zum Knig und ging' ihn an, Ihnen einen Struensee-Proze zu
machen und Sie der unerlaubten Beziehungen zur Grfin-Putzmacherin zu zeihen.
Denken Sie, wenn dann Ihr Haupt fiele! Doch ich will Sie so weit nicht bedrohen
und verurteile Sie nur, den Artikel zu lesen, hier den: Ebba hat jede Zeile rot
unterstrichen, sie liebt dergleichen, und dann mgen Sie sich wundern, wie weit
wir in Dnemark mit unserem Regiment der Gasse bereits gekommen sind. Regiment
der Gasse, leider; - vor Holk sollten wir uns freilich struben, es
zuzugestehen, denn es stellt uns blo und ist nur Wasser auf seine
schleswig-holsteinsche Mhle. Doch was hilft es, der Artikel ist nun mal da, und
wenn er ihn hier nicht liest, so liest er ihn in seiner Wohnung, oder die Frau
Kapitn Hansen liest ihn ihm wohl gar vor. Leute, die selber Anspruch auf einen
Artikel oder hnliches haben, sind immer am durstigsten nach allem, was
Sensation macht.
    Holk fhlte sich unangenehm berhrt, weil er aus dieser Schlubemerkung aufs
neue heraushrte, da der gute Leumund der Hansens ein groes Fragezeichen habe;
es war aber nicht Zeit, sich diesem Gefhle hinzugehen, denn Pentz hatte das
Blatt bereits in die Hand genommen und begann, whrend er sein Pincenez hin und
her schob: Erbprinzlich Ferdinandsche Wechsel zu verkaufen!
    Nun, Pentz, Sie stocken ja schon und ziehen Ihr Taschentuch, mutmalich um
Ihre Glser zu putzen und sich zu vergewissern, da Sie recht gelesen haben.
Aber Sie haben recht gelesen. Fahren Sie nur fort.
    ... Verschiedene vom Prinzen Ferdinand, Knigliche Hoheit, und zwar unter
dem Zusatze: bei meiner kniglichen Ehre, ausgestellte Wechsel, indossiert von
seinem Kammerassessor Plther, sind zu verkaufen, und zwar fr den Wert, den
eventuelle Liebhaber, beziehungsweise Sammel- und Kuriosittenamateurs, Papieren
von solcher Bedeutung beimessen wollen, doch nicht unter fnfzig Prozent. Man
beliebe sich an das Comptoir Kokkegarde 143 zu wenden...
    Pentz legte das Blatt nieder; der Artikel war zu Ende.
    Nun, meine Herren, was sagen Sie zu diesem Vorkommnis, von dem ich
behaupten darf, hnliches in meinen siebzig Jahren noch nicht erlebt zu haben.
Sie schweigen, und Holk ist mutmalich der Meinung: wie man sich bettet, so
liegt man; wer Wechsel ausstellt, und noch dazu bei seiner kniglichen Ehre, hat
die Wechsel einzulsen, und unterlt er's, so mu er sich's gefallen lassen,
wie's hier geschieht, von Kokkegarde 143 aus an den Pranger gestellt zu werden.
So denkt mutmalich Holk, und er hat recht; gewi, es liegt so. Der Prinz ist
mir auch durchaus gleichgltig, und je mehr er sich ruiniert, je mehr kommt es
dem zustatten, der bestimmt ist, an dieses sogenannten Erbprinzen Stelle,
wirklich der Erbe dieses Landes zu sein. Aber ich kann mich der egoistischen
Freude darber, meine politischen Plne gefrdert zu sehen, doch nicht ganz
hingehen, wenn soviel anderes und schlielich Wichtigeres dabei verlorengeht...
Kein Vogel beschmutzt das eigene Nest, und es gibt eine Solidaritt der
Interessen, die das Knigtum als solches anerkennen mu, sonst ist es um das
Knigtum geschehen. Ich knnte mich ber Dagbladet aigrieren, und ich gestehe,
mein erster Unmut ging nach dieser Seite hin. Aber was ist eine Zeitung? Nichts.
Aigriert bin ich ber den Knig, dem dies Gefhl der Solidaritt abhanden
gekommen ist. Er denkt an nichts als an die Danner und an das Ausgraben von
Riesenbetten, an und fr sich sehr verschiedene Dinge, die sich freilich
vielleicht auch wieder in der Vorstellung der Zukunft zu einer seltsamen Einheit
zusammentun werden. Vor allem denkt er: aprs nous le dluge. Und das ist ein
Unglck. Ich hasse Moralpredigten und Tugendsimpeleien, aber andererseits bleibt
doch auch bestehen: es ist nichts mit den laxen Grundstzen - Grundstze sind
wichtiger als das Tatschliche. Das sag ich Ihnen, lieber Pentz. Mit Holk liegt
es anders, er ist ein Deutscher, und wenn er auch vielleicht ins Schwanken kommt
(die Rosenberg hat mir wahre Wunderdinge von der Frau Brigitte Hansen erzhlt),
so hat er eben seine Frau Christine daheim. Und ich mte mich sehr in ihr
irren, wenn sie nicht mit ihrer Macht von Holkens bis Kopenhagen reichen
sollte. Und nun au revoir, meine Herren.

                              Siebzehntes Kapitel


Holk hatte nicht Zeit, sich Betrachtungen ber das eben Gehrte hinzugeben, denn
es war ein besuchreicher und berhaupt ein ziemlich unruhiger Tag. Um zwlf
erschienen zwei bildschne petit-nices der Prinzessin, noch halbe Kinder, um
die Grotante zum Besuch einer historischen Ausstellung abzuholen, die die
Professoren Marstrand und Melbye seit dem 1. Oktober in einigen Nebenslen des
Museums erffnet hatten. Die ganze Stadt sprach von dieser Ausstellung, und wie
gewhnlich trat das Politische daneben zurck, trotzdem es gerade Tage waren, in
denen nicht nur ein Ministerium, sondern fast auch die Monarchie in Frage stand.
Aber was bedeutete das neben grostdtischer und nun gar Kopenhagener
Vergngungssucht, die sich diesmal auerdem noch hinter einem groen Worte
verstecken und als Patriotismus ausgeben konnte. Denn was es da zu sehen gab,
war etwas nie Dagewesenes, eine dnische Nationalausstellung, zu der man alles,
was an historischen Portrts in Stadt und Land existierte, sorglich
zusammengetragen hatte. Mit Kniestcken Christians II. und seiner Gemahlin
Isabella fing es an und schlo mit drei lebensgroen Portrts Friedrichs VII.,
des jetzt regierenden Knigs Majestt, ab. In einiger Entfernung war auch das
Bildnis der Danner. Dazwischen endlose Schlachten zu Land und zu See, Kmpfe mit
den Lbischen, Erstrmung von Wisby, Bombardement von Kopenhagen, berall
rotrckige Generle, noch mehr aber Seehelden aus mindestens drei Jahrhunderten
und natrlich auch Thorwaldsen und Oehlenschlger und der hliche alte
Grundtvig. Die Prinzessin zeigte nur ein miges Interesse, weil das meiste, was
sie sah, den zahlreichen ber Seeland hin zerstreuten kniglichen Schlssern
entnommen, ihr also seit lange bekannt war; die jungen Gronichten aber waren
Feuer und Flamme, fragten hierhin und dorthin und konnten einen Augenblick
wirklich die Vorstellung wecken, als ob sie jedem alten Admiral, von denen einer
der berhmtesten ein Pflaster ber dem einen Auge hatte, die vollste Bewunderung
entgegenbrchten. Aber auf die Dauer entging es doch niemandem, weder der
Prinzessin noch ihrer Umgebung, da das ganze Interesse fr Admirle nur Schein
und Komdie war und da die jungen Prinzessinnen immer nur andchtig vor den
Bildnissen solcher Personen verweilten, die, gleichviel ob Mnner oder Frauen,
mit irgendeiner romantisch-mysterisen Liebesgeschichte verknpft waren.
    Sonderbar, sagte Pentz zu Ebba und wies auf die ltere der beiden
Prinzessinnen, die, wie's schien, von dem Struensee-Portrt gar nicht loskonnte.
    Nein, lachte Ebba. Nicht sonderbar. Durchaus nicht. Oder verlangen Sie,
da sich junge Prinzessinnen fr den alten Grundtvig oder gar fr den Bischof
Monrad interessieren sollen? Das Bischfliche wiegt nicht schwer, wenn man
vierzehn ist.
    Aber das Struenseesche?
    Sans doute.

Am Nachmittage machte die Prinzessin, was nicht oft vorkam, einen Ausflug in die
Umgegend, und am Abend, etwas noch Selteneres, erschien sie sogar in ihrer
Theaterloge, hinter ihr die Schimmelmann und Ebba, hinter diesen Pentz und Holk.
    Es wurde der zweite Teil von Shakespeares Heinrich IV. gegeben, und nach
dem dritten Akte, dem eine lngere Pause folgte, nahm man den Tee, wobei wie
gewhnlich fleiig kritisiert wurde, denn die Prinzessin hatte noch die
literarischen Allren des vorigen Jahrhunderts. Es erheiterte sie, da man nicht
blo zu keinem einheitlichen Urteil kommen konnte, sondern da jeder seinen
Liebling und seine Renonce hatte, nicht blo hinsichtlich der Schauspieler,
sondern auch in Rcksicht auf die Shakespeareschen Figuren. Die Prinzessin
selbst, die immer was Besonderes haben mute, war am meisten fr die beiden
Friedensrichter eingenommen und erklrte, diesen Geschmack schon in ihren jungen
Jahren gehabt zu haben; eine vollendete Darstellung des Philisteriums habe sie
von jeher mehr entzckt als alles andere, und nicht blo auf der Bhne. Solche
Friedensrichter liefen auch in der hohen Politik umher, und in jedem Ministerium
- ja, sie knne selbst ihren Freund Hall nicht ganz ausnehmen -, zumal aber in
jeder Synode se mindestens ein halbes Dutzend Figuren wie Schaal und Stille.
Von Falstaff wollte niemand etwas wissen, vielleicht weil er nicht ganz gut
gegeben wurde, wogegen Holk fr Fhnrich Pistol und Pentz fr Dorchen
Lakenreier schwrmte. Doch unterlie er es, den vollen Namen zu nennen, und
sprach immer nur von Dorchen. Die Prinzessin lie ihm, wie sie sagte, diese
Geschmacksverirrung ruhig hingehen, ja, hatte Worte halber Anerkennung fr ihn,
weil er wenigstens ehrlich und konsequent bleibe; zudem sei es das klgste; jede
andere Versicherung seinerseits wrde doch nur ihrem Mitrauen begegnet sein.
Ebba mhte sich, auf diesen scherzhaften Ton der Prinzessin einzugehen,
scheiterte aber vllig damit und verfiel schlielich in ein sich immer
steigerndes nervses Zucken und Zittern. Holk, der es sah, versuchte dem
Gesprch eine andere Wendung zu geben, kam aber nicht weit damit und war
herzensfroh, als das Spiel auf der Bhne wieder seinen Anfang nahm. Man blieb
indessen nicht lange mehr, kaum noch bis zum Schlusse des nchsten Aktes, dann
wurde der Wagen befohlen, und Pentz und Holk, nachdem sie seitens der Prinzessin
gndig entlassen waren, schlenderten, auf einem Umweg, auf Vincents Restaurant
zu, wo sie, bei schwedischem Punsch, eine Plauderstunde zu haben wnschten.
    Unterwegs sagte Holk: Sagen Sie, Pentz, was war das mit der Rosenberg? Sie
war dicht vor einem hysterischen Anfall. Peinlich und noch mehr verwunderlich.
    Ja, peinlich. Aber verwunderlich gar nicht.
    Wie das?
    Pentz lachte. Lieber Holk, ich sehe, da Sie die Weiber doch herzlich
schlecht kennen.
    Ich mag nicht das Gegenteil behaupten, denn ich hasse Renommistereien, und
am meisten auf diesem Gebiete. Aber ber die Rosenberg glaubte ich im klaren zu
sein und glaub es noch. Ich halte das Frulein fr freigeistig und bermtig und
behaupte ganz ernsthaft, wer mit Glaubens- und Moralfragen so zu spielen wei,
der ist auch sozusagen verpflichtet, an Falstaffs Dorchen eine helle Freude zu
haben oder doch mindestens keinen Ansto daran zu nehmen.
    Ja, das denken Sie, Holk. Aber das ist es ja eben, weshalb ich Ihnen die
Weiberkenntnis abspreche. Wenn Sie die htten, so wrden Sie wissen, da gerade
die, die dies und das auf dem Kerbholz haben, sich durch nichts so sehr verletzt
fhlen wie durch ein grobes und unter Umstnden selbst durch ein leises Zerrbild
ihrer selbst. Mit ihrem richtigen Spiegelbilde leben sie sich ein, auch wenn
ihnen gelegentlich ein Zweifel an der besonderen Berechtigung ihrer moralischen
Physiognomie kommen mag; taucht aber neben diesem Bilde noch ein zweites auf,
das die schon zweifelhaften Stellen auch noch mit einem Agio wiedergibt, so hat
es mit der Selbstgeflligkeit ein Ende. Mit anderen Worten, das Stcklein Eva,
das solche sspekte Damen reprsentieren, sind sie geneigt noch gerade passieren
zu lassen, aber nun auch kein Deutchen mehr davon, ein Mehr ist schlechterdings
unzulssig, und tritt es ihnen trotzdem entgegen, so schrecken sie zusammen und
kriegen den Weinkrampf.
    Holk blieb stehen und sagte dann: Liegt es so? Sagen Sie da nicht mehr,
Pentz, als Sie verantworten knnen? Ich kann doch, um nur eins zu nennen, nicht
wohl annehmen, da die Prinzessin, als sie das Frulein an den Hof zog, eine
Wahl getroffen hat, die sich, anderer Bedenken zu geschweigen, schon mit
Rcksicht auf die Danner, diesen Gegenstand ihrer bestndigen moralischen
Angriffe, verboten haben wrde.
    Und doch ist es so. Zurckzunehmen ist meinerseits nichts. Ebba wnscht
sich eine Zukunft, das ist gewi, und nur eins ist noch gewisser - sie hat eine
Vergangenheit.
    Knnen Sie darber sprechen?
    Ja. Ich bin in der angenehmen Lage, vor nichts haltmachen zu mssen und am
wenigsten vor Frulein Ebba. Wer selbst sowenig Schonung bt, hat Schonung
verwirkt, und der bestndige Sptter ber Diskretion, was hab ich nicht alles
aus dem Munde dieses Sprhteufels hren mssen, darf seinerseits keinen Anspruch
auf Diskretion erheben.
    Und was war es? unterbrach Holk, der immer neugieriger wurde.
    Wenn Sie wollen, nichts oder doch jedenfalls nicht viel. Alles
Durchschnittsgeschichte. Sie war Hofdame bei der Knigin Josephina drben in
Stockholm. Die Leuchtenbergs, wie Sie wissen, sind alle sehr liebenswrdig. Nun,
es ist ein Jahr jetzt oder etwas lnger, da man sich ber die Zrtlichkeiten
und Aufmerksamkeiten zu wundern anfing, die mit einem Male der jngste Sohn der
Knigin...
    Der Herzog von Jmtland...
    Eben der..., die mit einem Male der jngste Sohn der Knigin fr seine
Mutter an den Tag legte. Die Verwunderung indes whrte nicht allzu lange. Sie
kennen die kleinen Boote, die zwischen den Liebesinseln des Mlarsees hin- und
herfahren, und da man die Stockholmer Gondolieri so gut bestechen kann wie die
venezianischen, so lagen die Motive fr des Prinzen Aufmerksamkeiten sehr bald
offen zutage; sie hieen einfach: Frulein Ebba. Da gab es denn
selbstverstndlich eine Szene. Trotz alledem wollte die Knigin, die geradeso
vernarrt in das Frulein war wie unsere Prinzessin, von Entlassung oder gar
Ungnade nichts wissen und gab nur ungern und sehr wiederstrebend einer Pression
von seiten des Hofes nach. Am meisten gegen sie war der Knig, der in allem
klarsah...
    Also daher so leidenschaftlich antibernadottisch, sagte Holk, der sich
pltzlich einiger Bemerkungen erinnerte, die das Frulein auf dem Wege zur
Eremitage gemacht hatte. Daher die glhende Begeisterung fr Haus Wasa.
    Haus Wasa, lachte Pentz. Ja, das ist jetzt ihre Lieblingswendung. Und
doch, glauben Sie mir, hat es Stunden und Tage gegeben, wo die Rosenberg das
ganze Haus Wasa, den groen Gustav Adolf mit eingerechnet, fr den Ringfinger
eines jngsten Bernadotte hingegeben htte. Vielleicht ist es noch so,
vielleicht sind die Brcken nach Schweden hinber noch immer nicht ganz
abgebrochen, wenigstens bis ganz vor kurzem ging noch eine Korrespondenz. Erst
seit diesem Herbst schweigt alles und treffen, soviel ich wei, keine Briefe
mehr ein. Mutmalich ist was anderes im Werke. Ebba hat nmlich immer mehrere
Eisen im Feuer.
    Und wei die Prinzessin davon?
    Was diese schwedische Vergangenheit betrifft, gewi alles, ja vielleicht
noch mehr als alles. Denn mitunter empfiehlt es sich auch, aus purer Erfindung
noch was hinzuzutun. Das steigert dann das Pikante. Liebesgeschichten drfen
nicht halb sein, und wenn es sich so trifft, da die mitleidslose Wirklichkeit
den Faden vor der Zeit abschnitt, so mu er knstlich weitergesponnen werden.
Das verlangt jeder Leser im Roman, und das verlangt auch unsere Prinzessin.
    An dieser Stelle brach das Geplauder ab, denn man hatte Vincent erreicht,
und als man, eine Stunde spter, das Restaurant wieder verlie, geschah es in
Gesellschaft anderer, so da das Gesprch nicht wiederaufgenommen werden konnte.

Witwe Hansen zeigte sich ziemlich einsilbig, als Holk in den Hausflur eintrat,
und beschrnkte sich auf Behndigung eines Telegramms, das im Laufe des
Nachmittags eingetroffen war. Es bestand aus wenig Worten, in denen Christine
mit einer Krze, die jedem Geschftsmanne zur Zierde gereicht haben wrde, nur
drei Dinge an Holk vermeldete: Dank fr seine Zeilen, Genugtuung ber sein
Wohlergehen und Inaussichtstellung eines lngeren Briefes ihrerseits. Holk hatte
das Telegramm noch unten im Flur berflogen, bot gleich danach, unter Ablehnung
ihrer Begleitung, der Frau Hansen eine gute Nacht und stieg dann in seine Zimmer
hinauf, wo die Lampe schon brannte. Da ihn Christinens Worte besonders
beschftigt htten, lie sich nicht sagen, er dachte mehr an Pentz als an das
Telegramm und sah weiteren Mitteilungen ber Ebba mit mehr Neugierde entgegen
als dem in Aussicht gestellten Briefe. Vor dem Einschlafen schwanden aber auch
diese Gedanken wieder, denn mit einem Male war ihm, als ob er ganz deutlich ein
Gekicher und dazwischen einen feinen durchdringenden Ton wie vom Anstoen
geschliffener Glser hre. War es im Hause nebenan oder war es direkt unter ihm?
Es berhrte ihn wenig angenehm und um so weniger, als er sich nicht verhehlen
konnte, da etwas von Eifersucht mit im Spiele war, Eifersucht auf die
Sicherheitsbehrde. Dies Wort indessen barg auch wieder die Heilung in sich,
und als er es vor sich hin gesprochen, kam ihm seine gute Laune wieder und bald
danach auch der Schlaf.

Am andern Morgen erschien die jngere Hansen mit dem Frhstck, und als Holk sie
musterte, war er fast beschmt ber die Gedanken, mit denen er gestern
eingeschlafen war. Brigitte sah aus wie der helle Tag, Teint und Auge klar, und
eine ruhige frauenhafte Schnheit, fast wie Unschuld, war ber sie ausgegossen.
Dabei war sie schweigsam wie gewhnlich, und nur als sie gehen wollte, wandte
sie sich noch einmal und sagte: Der Herr Graf sind hoffentlich nicht gestrt
worden. Mutter und ich haben bis nach zwlf kein Auge zugetan. Es sind so
sonderbare Leute nebenan, unruhig bis in die Nacht hinein, und man hrt jedes
Wort an der Wand hin. Und wenn es dabei bliebe... Der Graf versicherte, nichts
gehrt zu haben, und als Brigitte fort war, war er wieder ganz unter ihrem
Eindruck. Ich trau ihr nicht, fast sowenig wie der Alten, aber eigentlich wei
ich doch nichts weiter, als da sie sehr hbsch ist. Das Gesprch, das ich
gestern oder vorgestern mit ihr hatte, ja, was bedeutet das am Ende? Solch
Gesprch kann man mit jeder jungen Frau fhren oder doch mit sehr vielen.
Eigentlich hat sie nichts gesagt, was andere nicht auch sagen knnten; Blicke
sind immer unsicher, und mitunter ist mir's, als ob alles, was Pentz da so hin
gesprochen, blo Klatsch und Unsinn sei. Das mit der Ebba wird wohl auch noch
anders liegen.
    Eine Stunde spter kam der Postbote, der den telegraphisch angekndigten
Brief brachte. Holk freute sich, weil ihm aufrichtig daran lag, all den
unliebsamen Betrachtungen, wie sie diese Weiber, Ebba mit eingerechnet, in ihm
angeregt hatten, entrissen zu werden. Und dazu war nichts geeigneter als ein
Brief von Christine. Der kam aus einem zuverlssigen Herzen, und er atmete auf,
als er das Couvert geffnet und den Brief herausgenommen hatte. Aber er ging
einer Tuschung entgegen, der Brief war von einer solchen Nchternheit, da er
nur imstande war, ein Mibehagen an die Stelle des anderen zu setzen.
    Ich hatte vor, lieber Holk, so vermeldete Christine, Dir einen lngeren
Brief zu schreiben, aber Alfred, den Du fr die Wochen Deiner Abwesenheit als
Dein alter ego eingesetzt hast, ist eben von Arnewiek herbergekommen, und so
gilt es denn, Deinem Stellvertreter Rapport abzustatten. Natrlich ist auch
Schwarzkoppen mit da, was mir sehr lieb, aber doch auch wieder zeitraubend ist,
und so mu ich mich denn kurz fassen und Dich hinsichtlich eingehenderer
Mitteilungen bis auf weiteres vertrsten. Allzu gro wird Dein Verlangen danach
nicht sein, denn ich wei, da Du Dich allemal von dem einnehmen lt, was Dich
unmittelbar umgibt. Und wenn das, was Dich umgibt, so schn ist wie die Frau
Kapitn Hansen und so pikant wie das Frulein Ebba, das nur leider Deinen
Abstammungserwartungen nicht ganz entsprochen hat, so wirst Du nach Mitteilungen
aus unserem stillen Holkens, wo's schon ein Ereignis ist, wenn die schwarze
Henne sieben Kchlein ausbrtet, nicht sonderlich begierig sein. Mit
Schwarzkoppen hoffe ich das Thema, das Du kennst, endgltig erledigen zu knnen.
Ich schreibe Dir darber erst, wenn ganz bestimmte Festsetzungen getroffen sind,
zu denen ich ja Deine Ermchtigung habe. Gesundheitlich geht alles gut. Der alte
Petersen hatte vorgestern eine schlimme Ohnmacht, und wir dachten schon, es
ginge zu Ende; er hat sich aber vollkommen wieder erholt und besuchte mich heute
frh heiterer und aufgerumter denn je. Hinter dem Wirtschaftshofe, zwischen dem
kleinen Teich und der alten Pappelweide mit den vielen Krhennestern, will er
graben lassen und ist sicher, etwas zu finden, Urnen oder Steingrber oder
beides. Ich habe ihm ohne weiteres die Erlaubnis dazu erteilt, und Alfred, der
Regente, wird, denk ich, zustimmen und Du auch. Meine gute Dobschtz hat wieder
viel gehustet, aber Emser Brunnen und Molke haben wie gewhnlich wahre Wunder
getan. Axel ist frisch und munter, was wohl daran liegt, da Strehlke mehr an
Jagd als an Grammatik denkt. Ich la es vorlufig gehen, aber es mu anders
werden. Asta ist halbe Tage lang unten bei Elisabeth. Beide Kinder lieben sich
zrtlich, was mich unendlich glcklich macht. Denn von Jugend auf gepflegte
Herzensbeziehungen sind doch das Schnste, was das Leben hat. Gott sei Dank, da
ich mich darin einig mit Dir wei. Wie immer Deine Christine.

Holk legte den Brief aus der Hand. Was soll das? Ich erwarte Zrtlichkeiten und
finde Sticheleien. Da sie sich verklausulieren, macht die Sache nur noch
schlimmer. Alfred, der Regente und vorher so schn wie Frau Kapitn Hansen oder
so pikant wie Frulein Ebba, das wre gerade genug. Aber die Schlubetrachtung
ist doch die Hauptsache, da von Jugend auf gepflegte Herzensbeziehungen das
Schnste sind. Alles wie Honig, der bitter schmeckt. Und dazu die Pensions- und
Erziehungsfragen en vue. Vielleicht ist das der Punkt, der alles erklrt, und
sie schlgt einen spttisch herben Ton an, um mich einzuschchtern und mehr
freie Hand zu haben. Aber wahrhaftig, sie htte nicht ntig, nach diesem Mittel
zu greifen. Es geschieht doch, was sie will. Am liebsten freilich behielt' ich
die Kinder um mich; sind sie fort, so hab ich nichts als eine furchtbar
vorzgliche Frau, die mich bedrckt. Sie wei das auch, und mitunter, glaub ich,
wird ihr selber vor ihrer Vorzglichkeit bange. Sollen die Kinder aber fort, und
ich habe mich darin ergeben, so macht es mir keinen Deut, ob sie nach Gnadau
oder nach Gnadenberg oder nach Gnadenfrei kommen, ein bichen Gnade wird wohl
immer dabeisein. Fr Asta mag's ohnehin passieren; warum nicht? Und Axel? Nun,
meinetwegen auch der; der ist ein Holk, und wenn er vorlufig auch ganz
verherrnhutert und Missionar wird und in Grnland vielleicht ein Triennium
durchmacht, er wird sich schon wieder erholen.

                              Achtzehntes Kapitel


Das Wetter schlug um, und es folgten mehrere Regentage. Die Prinzessin hielt
sich zurckgezogen, und flchtige Begegnungen abgerechnet, sah sie Holk nur
abends, wo man, nach einer Partie Whist, den Tee gemeinschaftlich einnahm. In
dem Verkehr nderte sich nichts, am wenigsten zwischen Holk und Ebba. Diese
wurde vielmehr mit jedem Tage kecker und bermtiger, und als ihr klar war, da
Pentz ber die Stockholmer Vorgnge geplaudert haben msse, machte sie selber
Andeutungen nach dieser Seite hin und sprach ber Liebesverhltnisse, besonders
aber ber Liebesverhltnisse bei Hofe, wie wenn das nicht blo statthafte,
sondern geradezu pflichtmige Dinge wren. Es gibt soviel Formen des Lebens,
sagte sie, man kann Grfin Aurora Schimmelmann und man kann Ebba Rosenberg
sein; ein jedes hat seine Berechtigung, aber man darf nicht beides zugleich sein
wollen. Holk, einigermaen frappiert, sah sie halb erheitert und halb
erschreckt an, Ebba aber fuhr fort: Es gibt viele Mastbe fr die Menschen,
und einer der besten und sichersten ist, wie sie sich zu Liebesverhltnissen
stellen. Da gibt es Personen, die, wenn sie von einem Rendezvous oder einem
Billetdoux hren, sofort eine Gnsehaut verspren; was mich persnlich angeht,
so fhl ich mich frei von dieser Schwche. Was wre das Leben ohne
Liebesverhltnisse? Versumpft, de, langweilig. Aber verstndnis- und liebevoll
beobachten, wie sich aus den flchtigsten Begegnungen und Blicken etwas aufbaut,
das dann strker ist als der Tod - oh, es gibt nur eines, das noch schner ist,
als es zu beobachten, und das ist, es zu durchleben. Ich bedauere jeden, dem der
Sinn dafr fehlt oder der, wenn er ihn besitzt, sich nicht offen und freudig
dazu bekennt. Wer den Mut einer Meinung hat, wird auch immer ein paar
zustimmende Herzen finden, und schlielich gengt es, wenn es eines ist. Es
verging kein Abend, wo nicht derlei Worte fielen, gegen die sich Holk, mit
freilich immer schlechterem Erfolg, eine Weile zu wehren suchte. Mit jedem Tage
wurd ihm klarer, wie richtig und zutreffend Pentz ber die Macht sogenannter
pikanter Verhltnisse gesprochen hatte, Verhltnisse, denen etwas hinzuzutun den
Weibern oft geratener erscheine, als Abzge davon zu machen. Ja, Pentz hatte
recht, und mit einem ganz eigenen Mischgefhl von Behagen, rger und Bangen nahm
er mehr und mehr wahr, wie das Frulein mit ihm spielte. Das sah aber freilich
auch die Prinzessin und beschlo, mit Ebba darber zu sprechen.
    Ebba, sagte sie, Holk ist nun vierzehn Tage lang um uns, und ich mchte
wohl hren, wie du ber ihn denkst. Ich habe Vertrauen zu deinen guten Augen...
    In Politik?
    Ach, Schelmin, du weit, da mir seine Politik gleichgltig ist, sonst wr
er berhaupt nicht in meinem Dienst. Ich meine seinen Charakter, und ich mchte
fast hinzusetzen sein Herz.
    Ich glaube, er hat ein gutes schwaches Herz.
    Die Prinzessin lachte. Gewi, das hat er. Aber damit kommen wir nicht
weiter. Also sage mir etwas ber seinen Charakter. Der Charakter ist wichtiger
als das Herz. Es kann jemand ein schwaches Herz haben, aber doch zugleich einen
starken Charakter, weil er Grundstze hat. Und dieser starke Charakter kann ihn
dann retten.
    Dann ist Holk verloren, lachte Ebba. Denn ich glaube, sein Charakter ist
noch viel schwcher als sein Herz; sein Charakter ist das recht eigentlich
Schwache an ihm. Und was das schlimmste ist, er wei es nicht einmal. Weil er
wie ein Mann aussieht, so hlt er sich auch dafr. Aber er ist blo ein schner
Mann, was meist soviel bedeutet wie gar keiner. Alles in allem, er hat nicht die
rechte Schule gehabt und seine bescheidenen Talente nicht nach der ihm
entsprechenden Seite hin entwickeln knnen. Er mute Sammler werden oder
Altertumsforscher oder Vorstand eines Asyls fr gefallene Mdchen oder auch blo
Pomologe.
    Nun, nun, sagte die Prinzessin, das ist viel auf einmal. Aber sprich nur
weiter.
    Er ist unklar und halb, und diese Halbheit wird ihn noch in Ungelegenheiten
bringen. Er geriert sich als Schleswig-Holsteiner und steht doch als Kammerherr
im Dienst einer ausgesprochen dnischen Prinzessin; er ist der leibhafte
genealogische Kalender, der alle Rosenberge, den Filehner Zweig abgerechnet, am
Schnrchen herzuzhlen wei, und spielt sich trotzdem auf Liberalismus und
Aufklrung aus. Ich kenn ihn noch nicht lange genug, um ihn auf all seinen
Halbheiten ertappt zu haben, aber ich bin ganz sicher, da sie sich auf jedem
Gebiete finden. Ich bezweifle zum Beispiel keinen Augenblick, da er jeden
Sonntag in seiner Dorfkirche sitzt und jedesmal aus seinem Halbschlummer
auffhrt, wenn die Glaubensartikel verlesen werden, aber ich bezweifle, da er
wei, was drinsteht, und wenn er's wei, so glaubt er's nicht. Trotzdem aber
schnellt er in die Hh oder vielleicht auch gerade deshalb.
    Ebba, du gehst zu weit.
    O durchaus nicht. Ich will vielmehr eine noch viel gewichtigere Halbheit
nennen. Er ist moralisch, ja beinah tugendhaft und schielt doch begehrlich nach
der Lebemannschaft hinber. Und diese Halbheit ist die schlimmste, schlimmer als
die Halbheit in den sogenannten groen Fragen, die meistens keine sind.
    Nur zu wahr. Aber hier, liebe Ebba, hab ich dich just da, wo ich dich haben
und halten will. Er schielt begehrlich nach der Lebemannschaft hinber, sagst
du. Leider hast du's damit getroffen; ich seh es mit jedem Tage mehr. Aber weil
er diese Schwche hat, mssen wir ihm goldene Brcken bauen, nicht zum Angriff,
wohl aber zum Rckzug. Du darfst ihm nicht, wie du jetzt tust, unausgesetzt
etwas irrlichterlich vorflackern. Er ist schon geblendet genug. Solange er hier
ist, mut du dein Licht unter den Scheffel stellen. Ich wei wohl, da das viel
gefordert ist, denn wer ein Licht hat, der will es auch leuchten lassen; aber du
mut mir das Opfer bringen, und wenn es dir schwerfllt, so behalte zu deinem
Trost im Auge, da seines Bleibens hier nicht ewig sein wird. Um Neujahr geht er
zurck, und haben wir erst wieder, wohl oder bel, unsere alte Trias um uns her,
so tu, was du willst, heirate Pentz oder mache mit Erichsen oder gar mit Bille,
dessen Masern doch mal ein Ende nehmen mssen, eine Eskapade, mir soll es recht
sein. Vielleicht verdrngst du auch noch die Grfin, ich meine nicht die Holk,
sondern die Danner, und das wre vielleicht das Beste.
    Ebba schttelte den Kopf. Das darf nicht sein, die Danner verdrngen, da
wr ich nicht mehr die dankbar ergebene Dienerin meiner gndigsten Prinzessin.
    Ach Ebba, sprich nicht so, du tuschst mich dadurch nicht. Ich habe soviel
Dank von dir, wie dir gerade pat. Ich tu auch nichts um Dankes willen. Das
Undankbarste, weil Unklgste, was es gibt, ist Dank erwarten. Aber das mit Holk,
das berlege.
    Verzeihung, gndigste Prinzessin. Aber was soll ich berlegen? Solang ich
denken kann, heit es: ein Mdchen soll sich selber schtzen und ist auch recht
so; man mu es knnen. Und wer es nicht kann, nun, der will es nicht. Also gut,
wir sollen uns schtzen. Aber was ist ein junges Mdchen gegen einen
ausgewachsenen Grafen von fnfundvierzig, der jeden Tag ein Enkelkind ber die
Taufe halten kann. Wenn sich wer selber schtzen mu, so ist es ein Graf, der,
glaub ich, siebzehn Jahre verheiratet ist und eine tchtige und ausgezeichnete
Frau hat und eine sehr hbsche dazu, wie mir Pentz erst heute noch versicherte.
    Gerade dieser Frau halber ist es, da ich in dich dringe...
    Nun, wenn gndigste Prinzessin befehlen, so werd ich zu gehorchen suchen.
Aber bin ich die richtige Adresse? Nun und nimmermehr. Holk ist es. Er ist
seiner Frau Treue schuldig, nicht ich, und wenn er diese nicht hlt, so kommt es
auf ihn und nicht auf mich. Soll ich meines Bruders Hter sein?
    Ach, da du recht hast, sagte die Prinzessin und fuhr mit der Hand ber
das blonde Wellenhaar Ebbas. Aber wie's auch sei, du weit, man beobachtet uns,
weil wir unsrerseits auch alles beobachten, und ich mchte nicht gern, da wir
uns vor dem Knig und seiner Grfin eine Ble gben.

An dem dienstfreien Tage, der diesem Gesprche folgte, hatte Holk vor, allerlei
Briefschulden abzutragen.
    Vor ihm lag die ganze Korrespondenz der letzten vierzehn Tage, darunter auch
Briefe der Grfin. Er berflog sie, was nicht viel Zeit in Anspruch nahm, da
ihrer nur wenige waren, und dann, als letztes, ein neues Telegramm, darin sie
sich entschuldigte, seit vier Tagen nicht geschrieben zu haben. Das war alles,
und so wenig es dem Umfange nach war, so wenig war es inhaltlich. Es verdro
ihn, weil er der Frage, wer eigentlich die Schuld trage, klglich aus dem Wege
ging. Er sagte sich nur, und dazu war er freilich berechtigt, da es frher sehr
anders gewesen sei. Frher, ja noch bei seiner letzten Anwesenheit in
Kopenhagen, waren die zwischen ihnen gewechselten Briefe wahre Liebesbriefe
gewesen, in denen, aller Meinungsverschiedenheiten unerachtet, die groe
Neigung, die sie bei jungen Jahren freinander gehegt hatten, immer wieder zum
Ausdruck gekommen war. Aber diesmal fehlte jede Zrtlichkeit, alles war frostig,
und wenn ein Scherz versucht wurde, so war ihm etwas Herbes oder Spttisches
beigemischt, das ihm alles Erquickliche nahm. Ja, so war es leider, und doch
mute geschrieben werden. Aber was? Er sann noch hin und her, als die Hansen
eintrat und ihm Briefe behndigte, die der Postbote eben gebracht hatte. Zwei
davon waren Kopenhagener Stadtbriefe, der dritte, von Christinens Handschrift,
hatte nicht das gewhnliche Format und statt des Poststempels Glcksburg den
Poststempel Hamburg. Holk war einen Augenblick berrascht, erriet aber den
Zusammenhang der Dinge, noch eh er geffnet hatte. Natrlich, Christine macht
ihre Pensionsreise. So war es denn auch wirklich, und was sie schrieb, war das
Folgende.

                                     Hamburg, Streits Hotel, den 14. Oktober 59

Lieber Holk. Mein Telegramm, in dem ich mich wegen meines mehrtgigen Schweigens
entschuldigte, wirst Du erhalten haben. Nun siehst Du schon aus dem Poststempel,
was die Veranlassung zu diesem Schweigen war: ich war in Reisevorbereitungen,
die, trotz der Hlfe meiner guten Dobschtz und trotzdem ich alles auf das blo
Ntigste beschrnkte, meine ganze Kraft in Anspruch nahmen. Wir fuhren bis
Schleswig zu Wagen, von da per Bahn, und seit heute mittag sind wir hier in
Streits Hotel, an das uns so viele freundliche Erinnerungen knpfen. Wenn Dir an
solchen Erinnerungen noch liegt! Ich habe Zimmer im zweiten Stock genommen,
Blick auf das Bassin, seinen Pavillon und seine Brcken, und habe mich, als die
Dmmerung kam, in das Fenster gelegt und das schne Bild, wie frher, auf mich
wirken lassen. Nur Asta war bei mir, Axel in die Stadt gegangen; er wollte mit
Strehlke, der uns bis hierher begleitet hat, erst nach der Uhlenhorst und dann
zu Rainvilles. Von da dann nach Ottensen, um sich Meta Klopstocks Grab
anzusehen. Ich habe gern zugestimmt, weil ich wei, da solche Momente bleiben
und das Leben vertiefen. Und das wre nun wohl der Zeitpunkt, Dich wissen zu
lassen, welche Beschlsse, nach nochmaliger eingehender Beratung, hinsichtlich
der Kinder von mir gefat wurden. Auch Alfred stimmte bei, wenn er auch die
Bedeutung der Frage bestreitet. Asta natrlich nach Gnadenfrei. Da es fglich
nicht anders kommen konnte, damit wirst auch Du Dich vertraut gemacht haben. Ich
habe glckliche Jahre dort verbracht, ich sage nicht, die glcklichsten (Du
weit, welche Jahre mir die glcklichsten waren), und ich wnsche meinem Kinde
das gleich beneidenswerte Los, die gleich harmonische Jugend. Was Axel angeht,
so hab ich mich, auf Schwarzkoppens Rat, fr das Bunzlauer Pdagogium
entschieden. Es hat den besten Ruf und bleibt in der Strenge der Grundstze
hinter den thringischen Lehranstalten nicht zurck, lt aber diese Strenge da
fallen, wo nicht Prinzipien in Frage kommen. Strehlke, der erst nach Malchin
wollte, wird nun bei seinem Bruder in Mlln vikarieren; in den groen Ferien hat
er mir versprechen mssen unser Gast zu sein und sich um Axel zu kmmern. Er ist
ein guter Mensch und wre vorzglich, wenn er, eh er seine Studien in Berlin
abschlo, die vorhergehenden Jahre, statt in Jena, lieber in Halle verbracht
htte. Das Jenasche, mit seinen Einflssen, ist nie ganz wieder zu tilgen. Ich
wte nicht, was ich hinsichtlich der Kinder diesen Zeilen noch hinzuzusetzen
htte. Vielleicht das eine, da mich eine gewisse Freudigkeit an ihnen
schmerzlich berraschte, als es feststand, da sie das elterliche Haus verlassen
sollten. Der aller Jugend angeborne Hang nach dem Neuen, nach einem Wechsel der
Dinge, scheint mir dabei nicht mitzusprechen oder wenigstens nicht allein. Aber
wenn es das nicht ist, was dann? Haben wir es doch vielleicht an etwas in
unserer Liebe fehlen lassen? Oder sehnten sich die Kinder danach, aus dem
Widerstreit der Meinungen, davon sie nur allzuoft Zeuge waren, herauszukommen?
Ach, lieber Holk, ich htte diesen Widerstreit gern vermieden, aber es wollte
mir nicht gelingen, und so whlte ich das, was ich fr das kleinere bel hielt.
Ich mag dadurch manches verscherzt haben, aber ich habe getan, was mir mein
Gewissen vorschrieb, und lebe der berzeugung, da Du bereit bist, mir dies
Zugestndnis zu machen. Meine Reise wird mich nicht lnger als fnf oder sechs
Tage von Haus fernhalten, und etwa am 20. hoffe ich in Holkens zurck zu sein,
wo unterdessen meine gute Dobschtz das Regiment fhrt. Sprich der Prinzessin,
die sich meiner so gndig erinnert, meine Devotion aus, und empfiehl mich Pentz
und dem Frulein v. Rosenberg, wennschon ich Dir bekenne, da sie meine
Sympathien nicht hat. Ich liebe nicht diese freigeistigen Allren. Ich sehne das
neue Jahr herbei, wo ich Dich, vielleicht schon am Silvesterabend, wiederzusehen
hoffe. La die diesmaligen Kopenhagener Tage Deine letzten in der Hauptstadt
sein, wenigstens in der Stellung, die Du jetzt darin einnimmst. Wozu diese
Dienstlichkeiten, wenn man frei sein kann? In aller Liebe
                                                                Deine Christine

Holk fhlte sich, als er gelesen, einer gewissen Rhrseligkeit hingegeben. Es
war so viel Liebes in dem Briefe, da er alte Zeiten und altes Glck wieder
heraufsteigen fhlte. Sie war doch die Beste. Was bedeutete daneben die schne
Brigitte? Ja, was bedeutete daneben selbst Ebba? Ebba war eine Rakete, die man,
solange sie stieg, mit einem staunenden Ah begleitete, dann aber war's wieder
vorbei, schlielich doch alles nur Feuerwerk, alles knstlich; Christine dagegen
war wie das einfache Licht des Tages. Und diesem Gefhle hingegeben, berflog er
den Brief noch einmal. Aber da schwand es wieder, alle freundlichen Eindrcke
waren wieder hin, und was er heraushrte, war nur noch, oder doch sehr
vorwiegend, der Ton der Rechthaberei. Und so kamen ihm denn auch die hundertmal
gemachten Betrachtungen wieder. Oh, diese tugendhaften Frauen; immer erhaben
und immer im Dienste der Wahrhaftigkeit. Es mag ihnen auch so ums Herze sein.
Aber ohne betrgen zu wollen, betrgen sie sich selbst, und nur eines ist gewi:
das Schrecknis ihrer Vorzglichkeit.

                              Neunzehntes Kapitel


Vier Wochen waren seitdem vergangen, und Mitte November war heran. Holk hatte
sich kopenhagensch eingelebt, nahm teil an dem kleinen und groen Klatsch der
Stadt und dachte mitunter nicht ohne Bangen daran, da in abermals sechs Wochen
das eintnige Leben auf Holkens wieder in Aussicht stehe. Die Briefe, die von
dorther eintrafen, waren nicht geeignet, ihn andren Sinnes zu machen; Christine,
seit sie von der Pensionsreise zurck war, schrieb zwar regelmiger und
unterlie sogar alle verdrielichen Betrachtungen; aber eine gewisse
Nchternheit blieb und vor allem der doktrinre Ton, der ihr nun einmal eigen
war. Und gerade dieser Ton, mit seiner Beigabe von Unfehlbarkeit, war es,
wogegen Holk sich innerlich immer wieder auflehnte. Christine war in allem so
sicher; was stand denn aber fest? Nichts, gar nichts, und jedes Gesprch mit der
Prinzessin oder gar mit Ebba war nur zu sehr dazu angetan, ihn in dieser
Anschauung zu bestrken. Alles war Abkommen auf Zeit, alles jeweiliger
Majorittsbeschlu; Moral, Dogma, Geschmack, alles schwankte, und nur fr
Christine waren alle Fragen gelst, nur Christine wute ganz genau, da die
Prdestinationslehre falsch und zu verwerfen und die kalvinistische
Abendmahlsform ein Affront sei; sie wute mit gleicher Bestimmtheit, welche
Bcher gelesen und nicht gelesen, welche Menschen und Grundstze gesucht und
nicht gesucht werden mten, und vor allem wute sie, wie man Erziehungsfragen
zu behandeln habe. Gott, wie klug die Frau war! Und wenn sie dann wirklich
einmal zugab, eine Sache nicht zu wissen, so begleitete sie dies Zugestndnis
mit einer Miene, die nur zu deutlich ausdrckte: solche Dinge braucht man auch
nicht zu wissen.
    In dieser Richtung gingen Holks Betrachtungen, wenn er des Morgens von
seinem Fenster aus auf die stille Dronningens-Tvergade herniedersah, die, so
still sie war, doch immer noch einen lebhaften Verkehr hatte, verglichen mit der
einsamen Fahrstrae, die von Schlo Holkens nach Dorf Holkeby hinunterfhrte.
Und wenn er so sann und dachte, dann klopfte es, und die Witwe Hansen oder auch
wohl die schne Brigitte trat ein, um den Frhstckstisch abzurumen, und war es
die gesprchige Witwe, so war er ganz Ohr bei allem, was sie sagte, und war es
die schweigsame Brigitte, so war er ganz Auge und ihrem Bilde hingegeben. Es lag
etwas in diesem Verkehr, das, trotzdem beide Frauen, und besonders Brigitte,
keineswegs interessant waren, unsren Holk doch immer wieder anregte, wenngleich
er in der Hansenfrage lngst klarsah und von Geheimnisvollem keine Rede mehr
sein konnte. Der Kaiser von Siam war immer unsichrer, der Sicherheitsbeamte
dagegen immer sichrer geworden; alles war genauso, wie's Pentz erzhlt, indessen
die Dehors blieben gewahrt und ebenso die kleinen Aufmerksamkeiten, die beide
dem Holkschen Geschmack geschickt anzupassen wuten, und so kam es denn, da
dieser den allmorgendlichen Begegnungen mit Mutter und Tochter mit einer Art
Behagen entgegensah, besonders seit er fhlte, da diese Begegnungen aufgehrt
hatten, irgendwie gefhrlich fr ihn zu sein. Ob er sich bewut war, worin dies
Aufhren aller Gefahr eigentlich wurzelte? Vielleicht sah er persnlich nicht
klar darin, aber andre sahen nur zu deutlich, da es Ebba war.
    In der Politik ging inzwischen alles ruhig seinen Gang. Erst fr Anfang
Dezember war ein neuer Ansturm geplant, hinsichtlich dessen die Meinung der
Prinzessin dahin lautete, da fr diesmal, und zwar aus Klugheit, dem Ansturme
nachzugeben sei; im selben Augenblicke, wo Hall gehe, werde das Land auch schon
einsehen, was es an ihm gehabt habe. Dieser Ansicht schlo sich der prinzliche
Hof natrlich an, und Holk war eben im Begriff, in eben diesem Sinne an
Christine zu schreiben und ihr die staatsmnnische Bedeutung Halls
auseinanderzusetzen, als Pentz eintrat.
    Nun, Pentz, was gibt mir so frh schon die Ehre...
    Groe Neuigkeit.
    Louis Napoleon tot?
    Wichtiger.
    Nun, dann mu das Tivoli abgebrannt oder die Nielsen katarrhalisch
affiziert sein.
    Es hlt sich zwischen beiden: wir gehen morgen nach Frederiksborg.
    Wir? wer sind wir?
    Nun, die Prinzessin und alles, was ihr zugehrt.
    Und morgen schon?
    Ja. Die Prinzessin ist nicht fr Halbheiten, und wenn sie etwas vorhat, so
mssen Plan und Ausfhrung wo mglich zusammenfallen. Ich bekenne, da ich
lieber hiergeblieben wre. Sie kennen Frederiksborg noch nicht, weil Sie sich
als dnischer Kammerherr der Aufgabe, dnische Schlsser nicht kennenzulernen,
mit einer merkwrdigen Nachhaltigkeit unterzogen haben. Und weil Sie
Frederiksborg noch nicht kennen, so knnen Sie's drei Tage lang dort aushalten
oder im Studium von allerlei Krimskrams, von Perckenbildern und Runensteinen,
auch wohl drei Wochen lang. Denn es gibt manches derartige da zu sehen: einen
Elfenbeinkamm von Thyra Danebod, einen Haarbschel  la Chinoise von Gorm dem
Alten und einen eigentmlich geformten Backzahn, in betreff dessen die Gelehrten
sich streiten, ob er von Knig Harald Blauzahn oder von einem Eber der
Alluvialperiode herstammt. Ich persnlich bin fr das erstere. Denn was heit
Eber? Eber ist eigentlich gar nichts, schon deshalb nicht, weil die historische
Notiz im Katalog immer die Hauptsache bleibt und ber einen Eber meistens nur
sehr wenig, ber einen halb sagenhaften Seeknig aber sehr viel zu sagen ist.
Ich bin Ihres Interesses fr derlei Dinge ziemlich sicher, und als Genealoge
werden Sie die Haraldblauzahnschen Verwandtschaftsgrade zu Ragnar Lodbrock oder
vielleicht sogar zu Rolf Krake feststellen knnen. Also fr Sie, Holk, ist am
Ende gesorgt. Aber was mich angeht, ich bin nun mal mehr fr Lucile Grahn und
fr Vincent und, wenn es nicht anders sein kann, selbst fr eine ganz
alltgliche Harlekin-Pantomime.
    Glaub's, lachte Holk.
    Ja, Sie lachen, Holk. Aber wir sprechen uns wieder. Ich redete da vorhin
was von drei Wochen; nun ja, drei Wochen mgen gehen, aber sechs und richtig
gerechnet beinah sieben - denn die Prinzessin schenkt einem keine Stunde und hat
kein Fiduzit zum neuen Jahr, wenn sie das alte nicht in Frederiksborg zu Grabe
gelutet hat -, sieben Wochen, sag ich, das ist mutmalich auch fr Sie zuviel,
trotzdem Pastor Schleppegrell ein Charakter und sein Schwager Doktor Bie eine
komische Figur ist. Miverstehen Sie mich brigens nicht, ich wei recht gut,
was ein Charakter, und noch mehr, was eine komische Figur unter Umstnden wert
ist; aber fr sieben Wochen ist das alles zuwenig. Und wenn es nicht schneit, so
regnet es, und wenn Regen und Schnee versagen, so strmt es. Ich habe schon
viele Windfahnen quietschen und viele Dachrinnen und Blitzableiter klappern
hren, aber solch Geklapper wie in Frederiksborg gibt es nirgends mehr in der
Welt. Und hat man Glck, so spukt es auch noch, und ist es keine tote
Prinzessin, so ist es eine lebendige Kammerfrau oder eine Hofdame mit
wasserblauen Stechaugen...
    Ach, Pentz, da Sie nichts sprechen knnen, ohne dem armen Frulein einen
Tort anzutun. Denn die Hofdame mit den Stechaugen, das soll doch natrlich die
Rosenberg sein. Wren Sie nicht fnfundsechzig und wt ich nicht, da Sie zu
andern Gttern schwren, ich glaubte wahrhaftig, Sie wren in Ebba verliebt.
    Das berlasse ich andern.
    Erichsen?
    Versteht sich, Erichsen. Und er lachte herzlich.

Tags darauf, gerad um die Mittagsstunde, hielten zwei Wagen vor dem Palais der
Prinzessin, deren Dienerschaft mitsamt dem Gepck schon eine Stunde vorher, und
zwar unter Benutzung der nach Helsingr fhrenden Eisenbahn, aufgebrochen war.
Man verteilte sich in den zwei Wagen wie damals auf der Rckfahrt von der
Eremitage her, im ersten Wagen sa die Prinzessin mit der Schimmelmann und Ebba,
im zweiten die drei Herren. Es war ein sonnenloser Tag, und graue mchtige
Wolkenmassen zogen am Himmel hin. Aber der Ton, den diese Wolkenmassen der
Landschaft gaben, lie den Reiz derselben nur um so grer erscheinen, und als
man den Fure-See, der etwa halber Weg war, an seinem Ufer hin passierte, hob
sich Ebba von ihrem Sitz und konnte sich nicht satt sehen an der stahlfarbenen
leisgekruselten Flche, die die drberhin fliegenden Mwen mit ihren Flgeln
fast berhrten. Das Ufer stand in dichtem und weit in den See hineinwachsendem
Schilf, und nur dann und wann kamen Weiden, deren bltterlose Zweige bis tief
herab hingen. An der andern Seite des Sees aber zog sich ein dunkler Waldstrich,
drber ein Kirchturm aufragte. Dazu tiefe Stille, nur unterbrochen, wenn aus dem
Walde ein vereinzelter Schu fiel oder das Gerassel des auf tausend Schritt
Entfernung vorberfahrenden Eisenbahnzuges hrbar wurde.
    Ebba machte diese Fahrt zum ersten Mal. Ich kenne den Sden nicht, sagte
sie, aber er kann nicht schner sein als das hier. Alles wirkt so
geheimnisvoll, als berge jeder Fubreit Erde eine Geschichte oder ein Geheimnis.
Alles ist wie Opfersttte, gewesene oder vielleicht auch noch gegenwrtige, und
die Wolken, die so grotesk drber hinziehn - es ist, als wten sie von dem
allen.
    Die Prinzessin lachte. Da ich ein so romantisches Frulein um mich habe!
Wer htte das gedacht; meine gute Rosenberg mit ossianischen Anwandlungen! Oder,
um ein Wortspiel zu wagen, meine Ebba auf Edda-Wegen.
    Ebba lchelte, weil sie sich in ihrer romantischen Rolle selber ein wenig
fremd vorkommen mochte; die Prinzessin aber fuhr fort: Und das alles schon
angesichts dieses Fure-Sees, der doch eigentlich nur ein See ist wie hundert
andre; was steht uns da noch bevor, wenn wir erst in Frederiksborg an unserem
Reiseziel sein werden, den Esrom-See zur Rechten und den Arre-See zur Linken,
den groen Arre-See, der schon Verbindung hat mi dem Kattegat und dem Meer. Und
er friert auch nie zu, die Schmalungen und die Buchten abgerechnet. Aber was
spreche ich von den Seen, die Hauptsache bleibt doch immer das Schlo selbst,
mein liebes, altes Frederiksborg, mit seinen Giebeln und Trmen und seinen
hundert Wunderlichkeiten an jedem Tragstein und Kapitell. Und wo sich andre
Schlsser mit einem einfachen Abzugsrohr begngen, da springt in Frederiksborg
die Dachrinne zehn Fu weit vor, und an ihrem Ausgange sitzt ein Basilisk mit
drei Eisenstben im weitgeffneten Rachen, und an den Stben vorbei schiet das
Wasser auf den Schlohof. Und wenn dann das Wetter wechselt und der Vollmond
blank und grell darbersteht und alles so unheimlich still ist und das ganze
hllische Getier aus allen Ecken und Vorsprngen einen anstarrt, als ob es blo
auf seine Zeit warte, da kann einem schon ein Grusel kommen. Aber dieser Grusel
ist es gerade, der mir das Schlo so lieb macht.
    Ich dachte, Frederiksborg wre eins von den guten Schlssern, ein Schlo
ohne Spuk und Gespenster, weil ohne Blut und Mord und vielleicht berhaupt ohne
groe Schuld und Snde.
    Nein, da hoffst du mehr, als dir mein schnes Frederiksborg erfllen kann.
Ohne Blut und Mord, das mchte sein. Aber ohne Schuld und Snde! Meine liebe
Ebba, was lebt zweihundert Jahr ohne Schuld und Snde! Mir schwebt gerade nichts
vor, nichts, wo man schaudert und klagt, aber an Schuld und Snde wird's nicht
gefehlt haben.
    Ich mchte doch beinah widersprechen drfen, gndigste Prinze߫, sagte hier
die Schimmelmann. Ebba, denk ich, hat recht, wenn sie von einem guten Schlosse
spricht. Unser liebes Frederiksborg ist doch eigentlich nur ein Museum, und ein
Museum, denk ich, ist immer das Allerunschuldigste ...
    ... was es gibt, lachte die Prinzessin. Ja, das sagt man und ist auch
wohl die Regel. Aber es gibt auch Ausnahmen. Altar, Sakristei, Grab und
natrlich auch Museum - alles kann entheiligt werden, alles hat seine
Sakrilegien erlebt. Und dann bleibt auch immer noch die Frage, was ein Museum
alles beherbergt und aufweist. Da gibt es oft wunderliche Dinge, von denen ich
nicht sagen mchte, sie seien unschuldig. Oder zum mindesten sind sie trb und
traurig genug. Als ich noch eine junge Prinzessin war, war ich einmal in London
und habe da das Beil gesehen, womit Anna Bulen hingerichtet wurde. Das war auch
in einem Museum, freilich im Tower, aber das ndert nicht viel; Museum ist
Museum. Im brigen, wir wollen unserer lieben Ebba nicht unser schnstes Schlo
verleiden, unser schnstes und mein Lieblingsschlo dazu, denn ich habe, durch
viele Jahre hin, immer gute Tage darin verlebt. Und wie's auch sein mag,
gruselig und gespenstig oder nicht, du, liebe Ebba, sollst es wenigstens sicher
darin haben, denn ich habe mich fr deine Unterbringung im Turm entschieden.
    Im Turm?
    Allerdings im Turm, aber nicht in einem Turm mit Schlangen. Denn unter dir
wird dein schwedisches Mdchen wohnen und ber dir Holk. Ich denke, das wird
dich beruhigen. Und jeden Morgen, wenn du ans Turmfenster trittst, hast du den
schnsten Blick auf See und Stadt und auf den Schlohof und alles, was ihn
umgibt, und wenn sich meine Wnsche erfllen, so sollst du glckliche Stunden in
deinem Turmverlies verleben... Ich wei auch schon, was ich dir als Julklapp
beschere.

Whrend sie noch so sprachen, waren sie bereits bis weit ber die Nordostecke
des Fure-Sees hinaus und nherten sich auf der fast gradlinigen Chaussee, deren
Ebereschenbume hier und da noch in roten Fruchtbscheln standen, mehr und mehr
dem Ziel ihrer Reise: Schlo Frederiksborg. Was zunchst sichtbar wurde, war
freilich nicht das Schlo selbst, sondern das dem Schlosse vorgelegene Stdtchen
Hillerd, und als sie bis dicht heran waren und schon zwischen den Mhlen und
Scheunen des Stdtchens hinfuhren, begann ein schwaches Schneetreiben. Aber eine
Brise, die sich pltzlich aufmachte, vertrieb die Schneeflocken wieder, und als
der Wagen der Prinzessin auf den Hillerder Marktplatz hinauffuhr, klrte sich's
mit einem Mal auf, und ein Stck blauer Himmel wurde sichtbar, darunter ein
verblassendes Abendrot. Inmitten dieses Abendrots aber stand das hohe,
turmreiche Schlo Frederiksborg und spiegelte sich still und mrchenhaft in
einem kleinen vorgelegenen See, der den schmalen Raum zwischen dem Stdtchen und
dem Schlo ausfllte. Hinter dem Schlosse lag der Park, der mit einigen
vorgeschobenen Bumen von links und rechts her bis an den See herantrat,
herrliche Platanen, deren vom Herbstwind abgeschttelte Bltter zahlreich auf
der stillen Seeflche trieben. Inzwischen war auch der zweite Wagen
herangekommen, und Holk, der sich, weil auf Landfahrten alles erlaubt sei,
wohlweislich den Platz neben dem Kutschersitz gewhlt hatte, sprang jetzt herab,
um an den Wagenschlag der Prinzessin zu treten und ihr auszusprechen, wie
lndlich idyllisch dieser Marktplatz und wie schn der Anblick des Schlosses
sei, Worte, die der Prinzessin sichtlich wohltaten und einer gndigen Antwort
gewi gewesen wren, wenn nicht im selben Augenblicke, von einem dem Platz
zunchstgelegenen Hause her, ein andrer Herr ebenfalls an den Wagenschlag der
Prinzessin herangetreten wre. Dieser andre war Pastor Schleppegrell von
Hillerd, ein stattlicher Funfziger, der seine Stattlichkeit durch seinen langen
Predigerrock noch um ein erhebliches gesteigert sah. Er kte der Prinzessin die
Hand, aber mit mehr Ritterlichkeit als Devotion, und betonte dann seine Freude,
seine Gnnerin wiederzusehen.
    Sie wissen, da es ohne Sie nicht geht, sagte die Prinzessin, und ich
habe hier auf Ihrem immer noch entsetzlich zugigen Marktplatz (denn es weht
wieder von allen vier Seiten her) blo halten lassen, um mich Ihres Besuches,
und zwar fr heut abend noch, zu versichern... Aber ich vergesse, die Herren
miteinander bekannt zu machen, Pastor Schleppegrell, Graf Holk...
    Beide verneigten sich.
    Und seien Sie, lieber Pastor, bei Geduld und guter Laune. Graf Holk ist
brigens Genealog, also Bruchstck eines Historikers, und wird Ihnen als
solcher, und als ein vorzglicher Frager, der er ist, Gelegenheit zu gelehrter
Unterhaltung bieten. Denn man unterhlt sich am besten, wenn man gefragt wird
und antworten kann. Da ich selber neugierig bin, wissen Sie; fr etwas Beres
mag ich meine Fragelust nicht ausgeben. Und bringen Sie die liebe Frau mit. In
Hillerd und Frederiksborg schmeckt mir der Tee nur, wenn ihn mir meine liebe
Freundin aus dem Pastorhause prsentiert. Ja, Ebba, das ist nun mal so, darin
mut du dich finden und darfst nicht eiferschtig sein. Aber ich ertappe mich
wieder auf einer zweiten Unterlassungssnde: Pastor Schleppegrell, Frulein Ebba
von Rosenberg.
    Der Pastor begrte das Frulein und versprach nicht nur zu kommen, sondern
auch seine Frau mitzubringen, und gleich danach setzte sich die Fahrt vom
Marktplatz aus nach dem Schlosse hin fort, nachdem Holk, der Aufforderung der
Prinzessin gehorchend, fr die verbleibende kurze Strecke den Rcksitz des
Wagens eingenommen hatte. Hier sa er neben Ebba, der Schimmelmann gegenber,
und fhlte sich angeregt genug, um noch den Versuch einer Konversation zu
machen.
    Pastor Schleppegrell hat etwas Imponierendes in seiner Erscheinung und
dabei doch eine Gemtlichkeit, die das Imponierende wieder dmpft. Ich habe
wenig Menschen so ruhig und so sicher mit einer Prinzessin sprechen sehen. Ist
er ein Demokrat? Oder ein Dissenter-General?
    Nein, lachte die Prinzessin. Schleppegrell ist kein Dissenter-General,
aber er ist freilich der Bruder eines wirklichen Generals, der Bruder von
General Schleppegrell, der bei Idstedt fiel. Vielleicht zu rechter Zeit. Denn de
Meza bernahm das Kommando.
    Ah, sagte Holk. Also daher.
    Nein, lieber Holk, auch nicht daher; ich mu leider noch einmal
widersprechen. Das, was Sie seine Sicherheit nennen, hat einen ganz andern
Grund. Er kam mit zwanzig Jahren an den Hof, als Lehrer, sogar als
Religionslehrer, verschiedener junger Prinzessinnen, und das andre knnen Sie
sich denken. Er hat zu viel junge Prinzessinnen gesehen, um sich durch alte noch
imponieren zu lassen. brigens sind wir ihm und seiner klugen Zurckhaltung zu
groem Danke verpflichtet, denn es lag dreimal so, da er, wenn er gewollt
htte, jetzt mit zur Familie zhlen wrde. Schleppegrell war immer sehr
verstndig. Nebenher habe ich nicht den Mut, den Prinzessinnen von damals einen
besondern Vorwurf zu machen. Er war wirklich ein sehr schner Mann und dabei
christlich und ablehnend zugleich. Da widerstehe, wer mag.
    Holk erheiterte sich, Ebba mit ihm, und selbst ber die Zge der
Schimmelmann ging ein Lcheln. Man sah, die Prinzessin war in bester Stimmung,
und nahm es als ein gutes Zeichen fr die Tage, die bevorstanden. Und whrend
man noch so plauderte, fuhr der Wagen ber ein paar schmale Brcken in den
Schlohof ein und hielt gleich danach vor dem Portale von Frederiksborg.

                              Zwanzigstes Kapitel


Dienerschaften mit Windlichtern warteten schon und schritten voran, als die
Prinzessin die breite, vom ersten Podest an doppelarmige Treppe hinaufstieg, um
oben ihre nicht allzu zahlreichen Gemcher in dem von zwei Trmen flankierten
Mittelteile des Schlosses zu beziehen. Diese Trme standen in zwei scharfen
Ecken, die durch die vorspringenden Seitenflgel gebildet wurden, zwischen denen
wiederum eine die Verbindung herstellende Kolonnade lief.
    Auf dem ersten Podest, und zwar auf einem daselbst aufgestellten kleinen
Rokoko-Kanapee, nahm die Prinzessin, asthmatisch wie sie war, einen Augenblick
Platz und entlie dann die Herren und Damen ihres Gefolges mit der Aufforderung,
sich's in ihren Turmzimmern nach Mglichkeit bequem zu machen. Um sieben, so
setzte sie zu Holk gewandt hinzu, sei wie gewhnlich die Teestunde; Pastor
Schleppegrell und Frau kmen allerdings etwas frher, um ihr die Hillerder
Neuigkeiten mitzuteilen, worauf sie sich aufrichtig freue; kleinstdtische
Vorgnge seien eigentlich immer das Interessanteste, man msse so herzlich
darber lachen, und wenn man alt geworden, sei das Lachen ber seine lieben
Mitmenschen so ziemlich das Vergnglichste, was man haben knne. Nach diesen
gndigen Worten trennte man sich, und eine halbe Stunde spter konnte jeder, der
ber den Schlohof ging, deutlich erkennen, welche Zimmer von den
Neuangekommenen bezogen worden waren. In dem von der Prinzessin selbst bewohnten
ersten Stockwerke des Corps de logis sah man nur zwei hohe gotische Fenster
schwach erleuchtet, whrend die beiden flankierenden Trme bis hoch hinauf in
hellem Lichterglanze standen. Im wesentlichen war alles bei den ersten, von der
Prinzessin gegebenen Anordnungen geblieben: unten wohnten die Dienerinnen, in
der ersten Etage die beiden Hofdamen, ber der Schimmelmann Pentz und Erichsen
und ber Ebba Holk.
    Sieben Uhr rckte heran; die Schlouhr schlug halb, als das
Schleppegrellsche Ehepaar, eine Magd mit einer Laterne vorauf, von Hillerd her
ber den Schlohof kam. Bald danach rstete sich auch Holk. Unten im Flur des
von ihm bewohnten Rechtsturmes traf er Ebbas Jungfer und beinah Freundin, Karin,
eine Stockholmerin, von der er erfuhr, da das Frulein schon bei der Prinzessin
sei. Der noch zurckzulegende Weg an der halben Front des Hauptgebudes hin war
nur kurz, und als Holk eine Minute spter die Treppe hinauf war, trat er in eine
hohe Halle, die, solange sich die Prinzessin in Frederiksborg aufhielt, als
Empfangs- und Gesellschaftszimmer diente. Nach dem Schlohof, wie rckseitig
nach dem Park hin, hatte diese Halle nur eine schmale Front, trotzdem war es ein
groer Raum, weil er an Tiefe ersetzte, was ihm an Breite abging. In der Mitte
der einen Lngswand befand sich ein hoher Renaissancekamin und ber demselben
ein berlebensgroes Bildnis Knig Christians IV., der Schlo Frederiksborg
seinerzeit sehr geliebt und diese Halle, ganz wie jetzt die Prinzessin, allen
anderen Rumen im Schlosse vorgezogen hatte. Links neben dem Kamine standen
Krbe, teils mit groen Holzscheiten, teils mit Tannpfeln und Wacholderzweigen
gefllt, whrend zur Rechten, auer einem mchtigen Schreisen, ein paar
Kienfackeln lagen, die den Zweck hatten, spt abends, beim Aufbruch ber die
dunklen Korridore hin, den Gsten zu leuchten. Alles in der Ausschmckung der
Halle war noch halb mittelalterlich wie die Halle selbst, ber deren Paneelen,
des Knig-Christians-Portrts ber dem Kamine zu geschweigen, groe, stark
nachgedunkelte Bilder sichtbar wurden. Weit zurck stand ein Schenktisch; die
sonst blichen hohen Sthle fehlten, und statt ihrer war eine Anzahl moderner
Fauteuils um die Feuerstelle herum gruppiert.
    Holk schritt auf die Prinzessin zu, verbeugte sich und sprach ihr aus, wie
schn er die Halle fnde, darin msse sich ein wunderbares Julfest feiern
lassen, alles sei da, nicht blo groe Kienfackeln, sondern auch Tannpfel und
Wacholder. Die Prinzessin antwortete, da sie solche Feier auch vorhabe;
Weihnachten in Frederiksborg sei ihr der beste Tag im Jahr, und nachdem sie noch
ein paar weitere Worte gesprochen und schon fr den nchsten Tag eine Art
Julvorfeier angekndigt hatte, forderte sie die Frau Pastorin Schleppegrell auf,
an ihrer Seite Platz zu nehmen. Die Pastorin war eine kleine dicke Frau mit
aufgesetztem schwarzen Scheitel und roten Backen, berhaupt von groer
Unscheinbarkeit, aber nie darunter leidend, weil sie zu den Glcklichen gehrte,
die sich gar nicht mit sich selbst und am wenigsten mit ihrer ueren
Erscheinung beschftigen. Ebba hatte dies gleich herausgefhlt und eine Vorliebe
fr sie gefat.
    Wird es Ihnen nicht schwer, liebe Frau Pastorin, so wandte sie sich an
diese, sich einen ganzen Abend lang von Ihren Kindern zu trennen?
    Ich habe keine, sagte diese und lachte dabei so herzlich, da die
Prinzessin fragte, was es eigentlich sei. Da gab es denn eine allgemeine
Heiterkeit, in die schlielich auch Schleppegrell mit einstimmen mute, trotzdem
er sich, weil ihn die Komik in erster Reihe mittraf, ein wenig unbehaglich dabei
fhlte. Holk, dies wahrnehmend, hielt es fr seine Pflicht, dem Gesprch eine
andere Wendung zu geben, und fragte leicht und wie von ungefhr nach dem Portrt
ber dem Kamin. Ich sehe, da es Knig Christian ist (wo begegnete man ihm
nicht), und so kann von einem besonderen Interesse kaum die Rede sein. Aber
desto mehr interessiert mich die Frage, von wem es herrhrt. Ich wrde einen
Spanier vermuten, wenn ich nur wte, da wir jemals einen spanischen Maler in
Kopenhagen gehabt htten.
    Schleppegrell wollte Rede stehen, aber Ebba schnitt ihm das Wort ab und
sagte: Das geht nicht, da wir, wenn nun mal ber Kunst und Bilder gesprochen
werden soll, mit einem Bilde Knig Christians beginnen, auch wenn es wirklich
von einem Spanier herrhren sollte, was ich bezweifeln mchte, genauso wie Graf
Holk, mit dem ich mich wenigstens in Kunstsachen fters zusammenfinde. Lassen
wir also den unvermeidlichen Knig. Ich meinerseits erfhre lieber (und dabei
zeigte sie nach der Wand gegenber), wer die beiden da sind, der Alte mit dem
Spitzbart und die vornehme Dame mit der weien Kapuze.
    Der mit dem Spitzbart ist Admiral Herluf Trolle, derselbe, von dem unser
Knig Frederik der Zweite dies Schlo hier in Kauf oder Tausch nahm und es dann
Frederiksborg taufte, nach seinem eigenen Namen. Von dem alten Schlo blieb kein
Stein auf dem andern, und nichts wurde mit herbergenommen als diese
Schildereien hier rechts und links, die den groen Seesieg bei land unter
Admiral Herluf Trolle verherrlichen, und mit den Schildereien zugleich die
dazwischen hngenden Bildnisse von Herluf Trolle selbst und von Brigitte Goje,
seiner Eheliebsten, die wegen ihrer protestantischen Frmmigkeit fast noch
gefeierter war als ihr Gemahl.
    Was, wenn sie wirklich so fromm war, niemanden berraschen darf, sagte
Pentz mit Emphase. Denn so gewi es mir ist, da Schauspielerinnen und
Frstengeliebte die populrsten Erscheinungen sind, gleich nach ihnen kommen die
Frommen, und mitunter sind sie sogar um einen Schritt voraus.
    Ja, mitunter, lachte Ebba. Mitunter, aber selten. Und nun, Pastor
Schleppegrell, was ist es mit dieser Herluf Trolleschen Seeschlacht? Ich frchte
zwar, da sie gegen meine lieben Landsleute, die Schweden, geschlagen wurde,
jedenfalls aber, den Kostmen nach zu schlieen, in einer vor-rosenbergschen
Zeit, und so seh ich denn meinen Patriotismus nicht allzu direkt
herausgefordert. berdies Seeschlachten! Seeschlachten sind immer etwas, wo
Freund und Feind gleichmig ertrinken und ein wohlttiger Pulverdampf ber
allem derart ausgebreitet liegt, da ein Plus oder Minus an Toten, was man dann
Sieg oder Niederlage nennt, nie festgestellt werden kann. Und nun gar hier, wo
wir zu dem Pulverdampf auch noch die dreihundertjhrige Nachdunkelung haben.
    Und doch, sagte Holk, scheint mir noch alles leidlich erkennbar, und wenn
wir nachhelfen... Aber freilich, wo das ntige Licht dazu hernehmen?
    Oh, hier, sagte die Prinzessin und wies auf die Stelle, wo die Kienfackeln
lagen. Es wird etwas Blak geben, aber das steigert nur die Illusion, und wenn
ich mir dann sage, da unser Pastor und Cicerone vielleicht seinen guten Tag
hat, so werden wir die Seeschlacht noch mal wie miterleben. Also, Schleppegrell,
ans Werk, und tun Sie Ihr Bestes, das sind wir einem Historiker vom Range Holks
schuldig. Und vielleicht bekehren wir ihn auch noch aus dem
Schleswig-Holsteinismus in den Danismus hinber.
    Alles stimmte zu, whrend Pentz mit zwei Fingern einen leisen Beifall
klatschte, Schleppegrell aber, der Bilderkustode von Passion war, nahm eine der
groen Kienfackeln und fuhr damit, nachdem er sie angezndet, ber die linke
Bildhlfte hin, auf der man nun, in dsterer und doch greller Beleuchtung, die
Segel zahlloser Schiffe, Flaggen und Wimpel und vergoldete Galions, dazu die
weien Wogenkmme, nichts aber von Schlacht und Pulverdampf erkennen konnte.
    Das ist aber doch sicher keine Schlacht, sagte Ebba.
    Nein, aber die Vorbereitung dazu. Die Schlacht kommt erst; die Schlacht ist
an der anderen Seite, gleich rechts neben der Brigitte Goje.
    Ah, sagte Ebba. Ich versteh; ein Doppel-Schlachtbild, Anfang und Ende.
Nun, ich bin Aug und Ohr. Und immer wenn Ihr Kienspan an dem Schiffe
vorbeifhrt, darauf Herluf Trolle kommandiert, dann mu ich bitten, ihm (oder
auch mir) eine Viertelminute zu gnnen, damit ich ihm Reverenz machen und mir
sein Bild, auch inmitten der Schlacht, einprgen kann.
    Das wird dir nicht glcken, Ebba, sagte die Prinzessin. Herluf Trolle
steckt viel zu sehr im Pulverqualm oder ist in der Nachdunkelung untergegangen,
und du mut dir an seinem regelrechten Portrt da genug sein lassen... Aber nun
beginnen Sie, Schleppegrell, und treffen Sie's im Ma, nicht so kurz, da es
nichts ist, und nicht so lang, da wir uns ngstlich ansehen. Holk ist ein
Kenner, Gott sei Dank einer von denen, die den Erzhler nicht befangen machen; -
er wei, Kunst ist schwer.
    Unter diesen gndigen Worten war Schleppegrell wieder an den Kreis der um
den Kamin Versammelten herangetreten und sagte: Gndigste Prinzessin befehlen,
und ich gehorche. Was wir da sehen oder vielleicht auch nicht sehen, und er
wies auf die zweite, nicht einmal vom Widerschein des Feuers getroffene Hlfte
des groen Wandbildes, was wir da sehen, ist der entscheidende Moment, wo der
Makellos in die Luft fliegt.
    Der Makellos?
    Ja, der Makellos. Das war nmlich das Admiralschiff der Schweden, die
gerade damals, trotz ihres irrsinnigen Knigs (denn es waren die Tage von Knig
Erich XIV.), auf der Hhe ihrer Macht standen. Und gegen die Schweden und ihre
Flotte, die sehr stark und berlegen war und neben dem Makellos auch noch andere
groe Schiffe hatte, gegen diese schwedische Flotte, sag ich, gingen die
Unsrigen unter Segel, und der, der sie kommandierte, war unser groer Herluf
Trolle. Und als sie aus der Kjge-Bucht heraus und auf hoher See waren, segelten
sie scharf stlich auf Bornholm zu, wo Herluf Trolle die schwedische Flotte
vermutete. Die lag aber nicht mehr bei Bornholm, sondern vor Stralsund unter
Admiral Jacob Bagge. Und kaum, da Jacob Bagge vernommen, da die Dnen ihn
suchten, so gab er auch schon seinen Ankergrund vor Stralsund auf und fuhr
nordstlich, um sich dem Feinde zu stellen. Und kurz vor land trafen beide
Flotten aufeinander, und eine dreitgige Schlacht, wie sie die Ostsee noch nicht
gesehen hatte, nahm ihren Anfang. Und am dritten Tage war es, als ob der Sieg
den Schwedischen zufallen solle. Da rief Herluf Trolle, dessen eigenes Schiff
bel zugerichtet war, seinen Unteradmiral Otto Rud heran und gab ihm Befehl, es
koste, was es wolle, den Makellos zu entern. Und Otto Rud war's auch zufrieden
und fuhr an den Feind. Aber kaum, da sein Schiff, das nur klein war, die
Enterhaken geworfen hatte, so lie Admiral Jacob Bagge das ganze Segelwerk des
Makellos beisetzen, um so mit fliegenden Segeln das kleine dnische Schiff, das
sich an ihn gehngt hatte, mit in die schwedische Flotte hineinzureien. Das war
ein schwerer Augenblick fr Otto Rud. Aber er lie von dem Sturm auf die
Enterbrcke nicht ab, und als etliche von den Unseren drben waren, scho einer
eine Feuerkugel in die Rstkammer, und als das Feuer, das ausbrach, auch die
Pulverkammer ergriff, ging der Makellos mit Freund und Feind in die Luft, und
Claus Flemming bernahm das Kommando der Schwedischen und fhrte den Rest der
Flotte nach Stockholm hin zurck.
    Eine kurze Pause folgte, dann sagte Holk: Der eigentliche Held der
Geschichte scheint mir aber Otto Rud zu sein. Indessen, ich will darber nicht
streiten, Herluf Trolle wird wohl auch sein Teil getan haben, und ich mchte nur
noch fragen, was wurd aus ihm, und wie war sein Ende?
    Wie sich's ziemt. Er starb das Jahr darauf an einer in einer Seeschlacht,
hart an der Kste von Pommern, erhaltenen Wunde. Die Wunde war an sich nicht
tdlich. Aber es war jener merkwrdige Krieg, wo jeder, der eine Wunde
davontrug, schwer oder leicht, an dieser Wunde sterben mute. So wenigstens
steht in den Bchern.
    Pentz sprach von vergifteten Kugeln, aber Ebba wies das zurck (Schweden
sei kein Giftland) und wollte, nach soviel Heldischem, lieber etwas von Brigitte
Goje hren, von der Pastor Schleppegrell ja ohnehin schon gesagt habe, da sie
fast gefeierter gewesen sei als ihr Seeheld und Gemahl. Ich sehe nicht ein,
warum wir uns immer um die Mnner oder gar um ihre Seeschlachten kmmern sollen;
die Geschichte der Frauen ist meist viel interessanter. Und vielleicht auch in
diesem Falle. Was war es mit dieser Brigitte?
    Sie war sehr schn...
    Das scheint im Namen zu liegen, sagte Ebba und sah zu Holk hinber. Aber
Schnheit bedeutet nicht viel, wenn man tot ist...
    Und wurde durch eben ihre Schnheit, fuhr Schleppegrell unerschttert
fort, die Sttze der neuen Lehre, so da einige sagen, ohne Brigitte Goje wre
Dnemark in der papistischen Finsternis geblieben.
    Schrecklich... Und wie kam es anders?
    Es war die Zeit der Befehdungen um Glaubens willen, und unserem um diese
Zeit schon in der neuen Lehre stehenden Volke standen der dnische Adel und die
dnische hohe Geistlichkeit gegenber, vor allem Joachim Rnnow, Bischof von
Roeskilde, der den Brand austreten und die kleineren und rmeren lutherischen
Geistlichen, so viel ihrer auch schon waren, aus dem Lande jagen wollte. Da trat
Brigitte Goje vor den Bischof hin und bat fr die bedrngten Lutherschen und da
sie bleiben drften, und weil ihre Schnheit den Bischof rhrte, so nahm er den
Befehl zurck, und sein Herz und seine Seele waren so getroffen, da er bei
Mogen Goje, dem Vater Brigittens, um ihre Hand warb und sie zu seinem Weibe
machen wollte.
    Nicht mglich, sagte die Prinzessin. Ein katholischer Bischof!
    Schleppegrell lchelte. Vielleicht, da er aus der neuen Lehre dies eine
wenigstens mit herbernehmen wollte. Just so wie drben in England. Jedenfalls
aber haben wir Berichte, die von der Werbung um das schne Frulein mit einer
Ausfhrlichkeit sprechen, als ob es schon die Hochzeitsfeierlichkeiten gewesen
wren.
    Und kam es nicht dazu?
    Nein. Es zerschlug sich, und sie nahm schlielich den Herluf Trolle.
    Da tat sie recht. Nicht wahr, Ebba?
    Vielleicht, gndigste Prinzessin, vielleicht auch nicht. Ich bin eigentlich
nicht fr Bischfe, wenn es aber Ausnahmebischfe sind wie dieser von Roeskilde,
so wei ich nicht, ob sie nicht im Range noch ber die Seehelden gehen. Ein
Bischof, der heiraten will, hat neben dem Imponierenden, das darin liegt, auch
etwas Vershnliches und scheint mir fast die ganze Beilegung des Kirchenstreites
zu bedeuten.
    Die kleine Pastorsfrau war entzckt und nherte sich Ebba, um dieser eine
kleine Liebeserklrung ins Ohr zu flstern. Aber eh sie dazu kommen konnte,
vernderte sich die Szene, gedeckte Tische wurden durch eine niedrige, ganz im
Hintergrunde befindliche Seitentr herzugetragen, und als gleich danach auch
doppelarmige, mit Lichtern reichbesetzte Leuchter aufgestellt wurden, erhellte
sich die bis dahin ganz im Dunkel gelegene zweite Hlfte der Halle, was nicht
blo dem gesamten Raume, sondern vor allem auch dem groen Wandbilde samt den
dazwischen eingelassenen Portrtbildnissen erheblich zustatten kam.
    Pentz war es, der zuerst diese Wahrnehmung machte. Sehen Sie, Holk, wie
Brigitte Goje lchelt. Alle Brigitten haben so was Sonderbares, auch wenn sie
fromm sind.
    Holk lachte. Die Tage, wo solche Bemerkung ihn htte verlegen machen knnen,
lagen zurck.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Man war bis nach elf beisammen, trotzdem bestand Holk darauf, das
Schleppegrellsche Paar eine Strecke Wegs begleiten zu drfen. Natrlich wurde
dies dankbarst angenommen, und erst als man die Stelle, wo der Weg um die
Seespitze bog, erreicht hatte, verabschiedete sich Holk wieder, der vorher die
Begleitung Ebbas, sehr zur Verwunderung dieser, an Erichsen abgetreten hatte.
    Von der Seespitze bis zurck auf den Schlohof war nicht weit, aber doch
weit genug, um Holks Verwunderung gerechtfertigt erscheinen zu lassen, als er,
beim Hinaufsteigen in seinen Turm, Erichsen und Ebba, vor dem Zimmer dieser, in
noch lebhaftem Gesprche fand. Aber freilich seine Verwunderung konnte nicht
lange dauern, denn es war ganz ersichtlich, da das Frulein den armen Baron nur
festgehalten hatte, um Holk bei seiner Rckkehr in der einen oder anderen Weise
bemerkbar zu machen, da sie nicht daran gewhnt sei, sich irgendwem zuliebe
vernachlssigt zu sehen, am wenigsten aber um dieser kleinstdtischen
Schleppegrells willen. Ach, da ich Sie noch sehe, wandte sie sich an den
Grafen, als dieser unter verbindlichem, aber lchelndem Gru an ihr und Erichsen
vorberwollte. Ja, diese Schleppegrells... Und nun gar er! In seiner Jugend,
wie mir die Prinzessin versicherte, war es sein Apostelkopf, womit er siegte,
jetzt, in seinem Alter, ist es Herluf Trolle. Da sich ein Fortschritt darin
aussprche, kann ich nicht zugeben.
    Und damit verneigte sie sich und zog sich in ihr Zimmer zurck, wo Karin
ihrer Herrin bereits wartete.

Nun war Morgen; - er schien so hell ins Fenster, wie ein Novembermorgen nur
irgendwie scheinen kann, aber die Nacht, die zurcklag, war stundenlang eine
sehr strmische gewesen. Ein Sdoster hatte den am Turme hinlaufenden und hier
und da locker gewordenen Blitzableiter unter wtendem Gerassel gepackt und hin
und her geschttelt, was aber fr Holk am strendsten gewesen war, das war, da
der Mond, alles Sturmes unerachtet, bis in seinen zurckgelegenen und tief in
die Wand eingebauten Alkoven geschienen hatte. Holk htte sich durch Zuziehen
der Gardine vor diesem unheimlichen Blicke schtzen knnen, aber das widerstand
ihm noch mehr; er wollte den wenigstens sehen, der da drauen stand und ihm den
Schlaf raubte. Gegen Morgen erst schlief er ein, und da noch unruhig und unter
allerlei ngstlichen Trumen. Er war mit dem Makellos, darauf sich Admiral
Jacob Bagge befand, in die Luft geflogen, und als er ein Stck Mast gepackt
hatte, um sich daran zu retten, war Ebba von der anderen Seite her, ganz wie ein
Meerweib, aufgetaucht und hatte ihn von dem Mast fort- und in die Flut
zurckgerissen. Darber war er erwacht. Er berlegte sich jetzt den Traum und
sagte: Sie wr es imstande.
    Diesem Gedanken nachzuhngen, war er durchaus in der Laune; doch verbot sich
ein Verweilen dabei, denn ein alter Grtner, der jedesmal, wenn die Prinzessin
im Schlo war, die Morgenbedienung in den beiden Trmen zu machen hatte, kam
gerade mit dem Frhstck und entschuldigte sich, whrend er den Tisch ordnete,
da es so spt geworden sei. Das Frulein von Rosenberg habe denn auch schon
gescholten und mit gutem Recht. Aber es werde schon anders werden; nur vorlufig
sei noch nichts in der rechten Ordnung. Dabei bergab er zugleich die Zeitungen,
die fr Holk eingetroffen waren, und einen Brief.
    Holk nahm den Brief und sah, da der Poststempel fehlte. Ja, der fehlt,
besttigte der Grtner. Es ist kein Postbrief; Pastor Schleppegrell hat ihn
abgeben lassen. Und einen anderen fr das Frulein. Und damit ging der Alte
wieder.
    Ah, von Pastor Schleppegrell, sagte Holk, als er wieder allein war. Das
freut mich, da bin ich doch neugierig, was er schreibt.
    Aber diese Neugierde konnte nicht bergro sein, denn er legte den Brief
eine gute Weile beiseite, und erst als er sein Frhstck, das ihm sichtlich
mundete, beendet hatte, nahm er den Brief wieder zur Hand und setzte sich in
einen in der Nhe seines Schreibtisches stehenden Schaukelstuhl, der zu der
brigen Einrichtung des Turmzimmers nicht recht passen wollte. Hier erst erbrach
er den Brief. Und nun las er:

Hochgeehrter Herr Graf. Ihr Interesse, das Sie gestern so freundlich fr meinen
Freund Herluf Trolle zeigten, gibt mir den Mut, Ihnen ein sich mit eben diesem
Freunde beschftigendes Balladenbruchstck zu schicken, das ich vor Jahr und Tag
gefunden und aus dem Altdnischen bertragen habe. Kaum ist es ntig, Ihr
Wohlwollen dafr anzurufen, denn wo wir mit Liebe lesen, lesen wir auch mit
Milde. - Gegen elf haben wir vor, meine Frau und ich, Sie und das Frulein von
Rosenberg, das ich gleichzeitig davon benachrichtige, zu einem
gemeinschaftlichen Gange durch den Park abzuholen. Vielleicht auf Fredensborg
zu. Wir werden freilich kaum das erste Drittel des Weges bezwingen, aber gerade
dies erste Drittel ist von besonderer Schnheit und vielleicht um diese
Jahreszeit schner als zu jeder anderen. Um zwlf sind wir zurck, um pnktlich
bei der Prinzessin, unserer gndigen Herrin, erscheinen und an ihrem festlichen
Lunch teilnehmen zu knnen. Denn ein kleines Fest wird es wohl sein.
                                            Ihr ergebenster Arvid Schleppegrell

Eingelegt in den Brief war ein rosafarbenes Blatt, darauf von Frauenhand
geschriebene Verse standen. Ach, mutmalich die Handschrift meiner kleinen
Freundin, der Frau Pastorin. Sie scheint zu den Liebenswrdigen zu gehren, die
sich berall durch kleine Dienste ntzlich zu machen wissen, denn da sie
persnlich eine Passion fr Herluf Trolle haben sollte, will mir nicht recht
einleuchten. Aber wie dem auch sein mge, zunchst bin ich neugierig, in
Erfahrung zu bringen, wie Pastor Schleppegrell sein Balladenbruchstck getauft
hat. Und dabei nahm Holk das rosafarbene Blatt wieder in die Hand und berflog
den Titel. Der lautete: Wie Herr Herluf Trolle begraben wurde. Das ist gut,
da wei man doch, was kommt. Und nun schob er den Schaukelstuhl bis dicht ans
Fenster und las:

Ein Bote mit Meldung ritt ihnen voraus.
Und als in den Schlohof sie schritten,
Brigitte stand vor dem Trauerhaus
In ihrer Frauen Mitten.

Ah, das ist Brigitte Goje, sein fromm Gemahl, von der wir gestern schon gehrt
haben; fromm und schn und eine Klippe fr den Roeskilder Bischof. Aber sehen
wir, was Schleppegrell und sein Balladenbruchstck weiter von ihr zu berichten
haben.

Am Eingange stand sie, grte den Zug,
Aufrecht und ungebrochen,
Und der erste (der das Bahrtuch trug)
Trat vor und hat gesprochen:

Was geschehen, wir sandten die Meldung dir,
Eh den Weg wir selber gingen,
Seine Seel ist frei, seine Hll ist hier,
Du weit, wen wir dir bringen.

An der pommerschen Kste vor Pudagla-Golm,
Um den schwankenden Sieg uns zu retten,
So fiel er. Nun, Herrin von Herlufsholm,
Sage, wohin wir ihn betten.

Betten wir ihn in die Kryptkapelln
Von Thorslund oder Olafskirke?
Betten wir ihn in Gjeddesdal
Unter der Trauerbirke?

Betten wir ihn in die Kryptkapelln
In Roeskilde, Leire, Ringstede?
Sage, Herrin, wohin wir ihn stelln,
Eine Ruhsttt fr ihn hat jede.

Jeder Kirche gab er, um was sie bat,
Altre, Trme, Glocken,
Und jede, wenn sie hrt, er naht,
Wird in Leide frohlocken.

Eine jede ladet ihn zu sich ein
In ihrer Pfeiler Schatten...
Da sprach Brigitte: Hier soll es sein,
Hier wollen wir ihn bestatten.

Wohl hat er hier keine Kirche gebaut -
Die stand schon viel hundert Jahre -,
Hier aber, als Herluf Trolles Braut,
Stand ich mit ihm am Altare.

Vor demselben Altar, auf selbem Stein,
Steh er wieder in aller Stille,
Nichts soll dabei gesprochen sein
Als, Herr, es geschehe dein Wille.

Morgen aber, eh noch der Tag erstand,
In seinen Kirchen allen,
Weit ber die See, weit ber das Land,
Solln alle Glocken erschallen.

Und zittert himmelan die Luft,
Als ob Schlachtendonner rolle,
Dann in die Herlufsholmer Gruft
Senken wir Herluf Trolle.

Holk schob das Blatt wieder in den Brief und den Brief wieder in das Couvert und
wiederholte dabei leise vor sich hin: Und in die Herlufsholmer Gruft senken wir
Herluf Trolle... Hm, gefllt mir, gefllt mir gut. Es hat eigentlich keinen
rechten Inhalt und ist blo eine Situation und kein Gedicht, aber das tut
nichts. Es hat den Ton, und wie das Kolorit das Bild macht, so wenigstens hat
mir Schwager Arne mehr als einmal versichert, so macht der Ton das Gedicht. Und
Alfred wird wohl recht haben, wie gewhnlich. Ich will's heute noch abschreiben
und an Christine schicken. Oder noch besser, ich schick ihr gleich das rote
Blatt. Da es aus einem Pastorhause kommt, wird ihr das Gedicht noch besonders
empfehlen. Aber freilich, ich werde die kleine Frau vorher doch noch bitten
mssen, ihren Namen und vor allem auch ihren Stand mit darunter zu schreiben,
sonst miglckt am Ende das Ganze. Das Rosapapier ist ohnehin suspekt genug, und
die steife Waschzettelhandschrift, ja wer will sagen, wo sie herstammt; Hofdamen
haben auch merkwrdige Handschriften.
    Er unterbrach sich in diesen Betrachtungen, weil er nach der Uhr sah und
wahrnahm, da es bereits auf elf ging. Er hatte sich also zu beeilen, wenn er
bis zum Eintreffen des Schleppegrellschen Ehepaares angekleidet und marschfhig
sein wollte. Wie mochten brigens drauen die Wege sein? Kurz vor Mitternacht
war Regen gefallen, und wenn der Sdost ein gut Teil davon auch wieder
aufgetrocknet hatte, so wute er doch von Holkens her, da Parkwege nach
Regenwetter meist schwer passierbar sind. Er whlte denn auch die Kleidung
danach, und kaum, da er mit seiner Toilette fertig war, so kamen beide
Schleppegrells auch schon ber den Schlohof. Er rief hinunter, da sie sich
nicht hinaufbemhen sollten, er werde das Frulein abholen und gleich bei ihnen
sein. Und so geschah es denn auch, und ehe fnf Minuten um waren, durchschritt
man, vom groen Frontportal her, die ganze Tiefe des Schlosses und trat, an
dessen Rckseite, durch ein gleich groes Portal in den Park ein. Hier traf man
auch Erichsen, der eben von einem anderthalbstndigen Gesundheitsspaziergange
zurckkehrte, sofort aber Bereitwilligkeit zeigte, sich an dem neuen
Spaziergange zu beteiligen. Das wurde begrt und bewundert. Erichsen bot Ebba
seinen Arm, und Holk folgte mit der kleinen Pastorsfrau, whrend Schleppegrell
die Fhrung nahm. Er trug, wie bei der ersten Begrung auf dem Hillerder
Marktplatze, einen mantelartigen Rock, der, ohne Taille, von den Schultern bis
auf die Fe ging, dazu Schlapphut und Eichenstock, mit welch letztrem er
allerhand groe Schwingbewegungen machte, wenn er es nicht vorzog, ihn in die
Luft zu werfen und wieder aufzufangen.
    Holk, soviel lieber er an Ebbas Seite gewesen wre, war doch sehr
verbindlich gegen die Pastorin und bat sie, fr den Fall, da er persnlich
nicht dazu kommen sollte, ihrem Manne sagen zu wollen, wie sehr er sich ber die
Zusendung gefreut habe; kaum minder freilich hab er ihr selber zu danken, denn
da die Abschrift von ihrer Hand sei, das sei doch wohl sicher.
    Ja, sagte sie. Man mu sich untereinander helfen, das ist eigentlich das
Beste von der Ehe. Sich helfen und untersttzen und vor allem nachsichtig sein
und sich in das Recht des andern einleben. Denn was ist Recht? Es schwankt
eigentlich immer. Aber Nachgiebigkeit, einem guten Menschen gegenber, ist immer
recht.
    Holk schwieg. Die kleine Frau sprach noch so weiter, ohne jede Ahnung davon,
welche Bilder sie heraufbeschwor und welche Betrachtungen sie in ihm angeregt
hatte. Die Sonne, die frhmorgens so hell geschienen, war wieder fort, der Wind
hatte sich abermals gedreht, und ein feines Grau bedeckte den Himmel; aber
gerade diese Beleuchtung lie die Baumgruppen, die sich ber die groe Parkwiese
hin verteilten, in um so wundervollerer Klarheit erscheinen. Die Luft war weich
und erfrischend zugleich, und am Abhang einer windgeschtzten Terrasse gewahrte
man allerlei Beete mit Sptastern; berall aber, wo die Parkwiese tiefere
Stellen hatte, zeigten sich groe und kleine Teiche, mit Kiosks und Pavillons am
Ufer, von deren phantastischen Dchern allerlei blattloses Gezweige
herniederhing. berhaupt alles kahl. Nur die Platanen hielten ihr Laub noch
fest, aber jeder strkere Windsto, der kam, lste etliche von den groen gelben
Blttern und streute sie weit ber Weg und Wiese hin. In nicht allzu groer
Entfernung vom Schlo lief ein breiter Graben, ber den verschiedene
Birkenbrcken fhrten; gerade an dem Punkt aber, wo Schleppegrell, an der Spitze
der andern, den Grabenrand erreichte, fehlte jeder Brckensteg, und statt dessen
war eine Fhre da, mit einem zwischen hben und drben ausgespannten Seil, an
dem entlang man das Flachboot mhelos hinberzog. Als man drben war, war es nur
noch eine kleine Strecke bis an einen aufgeschtteten Hgel, von dem aus man,
nach Schleppegrells Versicherung, einen gleich freien Blick nach Norden hin auf
Schlo Fredensborg und nach Sden hin auf Schlo Frederiksborg habe. Und diesen
Punkt wollte man erreichen. Aber mit Rcksicht auf die knapp zugemessene Zeit
mute dieses Ziel sehr bald aufgegeben und sogar ein nherer Rckweg
eingeschlagen werden.
    Holk war bis dahin keinen Augenblick von der Seite der Frau Pastorin
gewichen, als man aber die Fhre zum zweiten Mal passiert und das andre Ufer
wiedergewonnen hatte, wechselte man mit den Damen, und whrend Erichsen der
Pastorin den Arm bot, folgten Holk und Ebba, die bis dahin kaum noch Gelegenheit
zu einem Begrungsworte gefunden hatten, in immer grer werdender Entfernung.
    Ich glaubte schon ganz ein Opfer Ihrer neuesten Neigung zu sein, sagte
Ebba. Ein gefhrliches Paar, diese Schleppegrells; gestern er, heute sie.
    Ach, meine Gndigste, nichts Schmeichelhafteres fr mich, als mir eine
derartige Don-Juan-Rolle zugewiesen zu sehen.
    Und um welcher Zerline willen! Eigentlich Zerlinens Grotante. Wovon hat
sie mit Ihnen gesprochen? Es ging ja, soviel ich sehen konnte, wie eine
Mhle...
    Nun, von allerlei; von Hillerd und seinem winterlichen Leben, und da sich
die Stadt in eine Ressourcen- und eine Kasino-Hlfte teile. Man konnte beinah
glauben, in Deutschland zu sein. brigens eine charmante kleine Frau, voller bon
sens, aber doch auch wieder von einer groen Einfachheit und Enge, so da ich
nicht recht wei, wie der Pastor mit ihr auskommt, und noch weniger, wie die
Prinzessin ihre Stunden so mit ihr hinplaudert.
    Ebba lachte. Wie wenig Sie doch Bescheid wissen. Man merkt an allem, da
Sie nur alle Jubeljahr einmal eine Fhlung mit Prinzessinnen haben. Glauben Sie
mir, es ist nichts so nichtig, da es nicht eine Prinzessin interessieren
knnte. Je mehr Klatsch, desto besser. Tom Jensen war in Indien und hat eine
Schwarze geheiratet, und die Tchter sind alle schwarz, und die Shne sind alle
wei; oder Apotheker Brodersen hat seine Frau vergiftet, es heit mit Nikotin;
oder Forstgehlfe Holmsen, als er gestern abend aus Liebchens Fenster stieg, ist
in eine Kalkgrube gefallen - ich kann Ihnen versichern, dergleichen interessiert
unsre Prinzessin mehr als die ganze schleswig-holsteinsche Frage, trotzdem
einige behaupten, sie sei die Seele davon.
    Ach, Ebba, Sie sagen das so hin, weil Sie moquant sind und sich darin
gefallen, alles auf die Spitze zu treiben.
    Ich will das hinnehmen, weil es mir lieber ist, ich bin so, als das
Gegenteil davon. Gut also, ich bin moquant und medisant und was Sie sonst noch
wollen; aber von dem, was ich da eben ber die Prinzessinnen gesagt habe, davon
geht kein Tttelchen ab. Und je klger und witziger die Hochgestellten sind und
je mehr Sinn und Auge sie fr das Lcherliche haben, desto sichrer und rascher
kommen sie dazu, die langweiligen Menschen geradeso nett und unterhaltlich zu
finden wie die interessanten.
    Und das sagen Sie! Sind Sie nicht selbst die Widerlegung davon? Was hat
Ihnen denn Ihren Platz im Herzen der Prinzessin erobert? Doch nur das, da Sie
klug und gescheit sind, Einflle haben und zu sprechen verstehen und mit einem
Wort interessanter sind als die Schimmelmann.
    Nein, einfach weil ich anders bin als die Schimmelmann, die der Prinzessin
geradeso ntig ist wie ich oder wie Erichsen oder wie Pentz oder vielleicht
auch...
    ... wie Holk.
    Ich will es nicht gesagt haben. Aber brechen wir ab und rasten wir,
trotzdem wir ohnehin schon zurckgeblieben sind, einen kleinen Augenblick an
dieser entzckenden Stelle, von der aus wir einen guten Blick auf die Rckseite
des Schlosses haben. Sehen Sie nur, alles hebt sich so wundervoll voneinander
ab, das Hauptdach und die spitzen Turmdcher links und rechts, trotzdem alles
dieselbe graue Farbe hat.
    Ja, sagte Holk. Es hebt sich alles trefflich voneinander ab. Aber das tut
die Beleuchtung, und auf solche besondre Beleuchtung hin drfen Schlsser nicht
gebaut werden. Ich meine, die zwei Backsteintrme, drin wir wohnen, die htten
mit ihrem prchtigen Rot etwas hher hinaufgefhrt werden mssen, und dann erst
die Schiefer- oder Schindelspitze. Jetzt sieht es aus, als solle man aus der
untersten Turmluke gleich auf das groe Schrgdach hinaustreten, um drauen, an
der Dachrinne hin, eine Promenade zu machen.
    Ebba nickte, vielleicht weil ihr das Endergebnis dieser Bau- und
Beleuchtungsfrage gleichgltig war, und gleich danach eilten beide rasch weiter,
weil sie wahrzunehmen glaubten, da der Pastor anhielt, um auf sie zu warten. Im
Herankommen aber sahen sie, da es etwas anderes war und da Schleppegrell,
sosehr die Zeit drngte, doch noch auf eine besondere Sehenswrdigkeit
aufmerksam machen wollte. Diese Sehenswrdigkeit war nicht mehr und nicht
weniger als ein am Wege liegender, etwas ausgehhlter Riesenstein, in dessen
flache Mulde die Worte gemeielt waren: Christian IV. 1628. Holk sprach im
Herantreten die Meinung aus, da es mutmalich ein bevorzugter Sitz- und
Ruheplatz des Knigs gewesen sei, wozu Schleppegrell bemerkte: Ja, so war es;
es war ein Ruheplatz. Aber nicht ein regelmiger, sondern nur ein einmaliger.
Und es knpft sich auch eine kleine Geschichte daran...
    Erzhlen! riefen alle dem Pastor zu. Dieser aber zog seine silberne
Gehuseuhr, daran, an einer etwas abgetragenen grnen Schnur, ein groer
Uhrschlssel hing, und wies auf das Zifferblatt, das bereits auf zehn Minuten
vor zwlf zeigte. Wir mssen uns eilen, oder wir kommen zu spt. Ich will es
beim Lunch erzhlen, vorausgesetzt, da es sich erzhlen lt, worber ich in
Zweifel bin.
    Ein Pastor kann alles erzhlen, sagte Ebba, zumal in Gegenwart einer
Prinzessin. Denn Prinzessinnen sind sich selber Gesetz, und was sie gutheien,
das geht und das gilt. Und nun gar die unsre! Da sie nicht nein sagen wird,
dafr will ich mich verbrgen.
    Und in gesteigert raschem Tempo schritt man auf das Schlo zu.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


Kurz vor zwlf war man im Schlosse zurck, gerade noch frh genug, um
rechtzeitig bei der Prinzessin erscheinen zu knnen. Pentz und die Schimmelmann,
die den Dienst hatten, empfingen die Geladenen, und nachdem die bald danach
eintretende Prinzessin an jeden einzelnen ein Wort der Begrung gerichtet
hatte, verlie man die Wohn- und Empfangszimmer, um sich ber einen mit
Karyatiden reich geschmckten und augenscheinlich einer spteren Zeit
angehrigen Korridor hin in die groe Herluf-Trolle-Halle zu begeben, dieselbe
Halle, darin man, am Abend vorher, bei Kaminfeuer und Kienfackeln erst die
groen Bilder, so gut es ging, betrachtet und dann dem erklrenden
Schleppegrellschen Vortrage zugehrt hatte. Ja, die Halle war dieselbe; trotzdem
zeigte sich seit gestern insoweit eine Vernderung, als jetzt helles Tageslicht
einfiel (die Mittagsstunde hatte wieder Sonnenschein gebracht) und allem etwas
Heitres lieh, ein Eindruck, der durch eine mit Blumen und altnordischen
Trinkgefen beinah phantastisch geschmckte Prunktafel noch gesteigert wurde.
Schmuck berall, geschmckt auch die Wnde. Da, wo sich die hohen Paneele mit
den breiten Barockrahmen der Wandbilder berhrten, hingen Mistel- und
Ebereschenbndel an Girlanden von Eichenlaub, whrend eine quer durch die Halle
gezogene Wand von Zypressen und jungen Tannenbumen den dunklen Hinterraum von
dem festlich hergerichteten Vorderraum abtrennte. Das Ganze, soviel war
augenscheinlich, sollte den Weihnachtscharakter tragen oder, wie die Prinzessin
sich ausgedrckt hatte, wenigstens ein Vorspiel zum Julfeste sein. Orangen, in
fast berreicher Zahl, waren berall in das Tannengezweige gehngt, und kleine
wchserne Christengel schwenkten ihre Fahne, whrend ber das blitzende weie
Tischtuch hin Stechpalmenzweige lagen mit roten Beeren daran.

Und nun forderte die Prinzessin die Geladenen durch eine gndige Handbewegung
auf, ihre Pltze zu nehmen. Minutenlang verblieben alle schweigend oder kamen
ber ein Flstern nicht hinaus; als aber das erste Glas Cyper geleert war, war
auch die frhliche Laune wieder da, die diesen kleinen Kreis auszeichnete.
Jeder, nach voraufgegangener Aufforderung der Prinzessin, lie sich's zunchst
angelegen sein, ber seine Schicksale whrend der letzten Sturmnacht zu
berichten, und alle waren einig darin, da das schne Schlo, darin nur leider
alle Fenster klapperten und in dem man in jedem Augenblicke frchten msse, von
einem Nordwester gepackt und weggeweht zu werden, doch mehr ein Sommer- als ein
Winterschlo sei. Ja, sagte die Prinzessin, das ist leider so, davon kann ich
mein liebes Frederiksborg nicht freisprechen; und was fast noch schlimmer ist,
ich kann auch nichts dagegen tun und mu eben alles lassen, wie's ist. Und nun
erzhlte sie mit der ihr eigenen Jovialitt, wie sie, vor Jahr und Tag schon,
einen feierlichen Antrag auf schlieende Tren und Fenster gestellt habe, was
ihr aber von der betreffenden Verwaltungs-oder Baukommission rund abgeschlagen
worden sei, weil die Bewohnbarkeit des Schlosses oder doch wenigstens die
Brauchbarkeit der Kamine mit dem Fortbestand undichter Fenster im nchsten
Zusammenhange stehe; schlieende Fenster wrden gleichbedeutend sein mit
Kaminen, die nicht brennen. Und seitdem ich das wei, hab ich mich in mein
Schicksal ergeben; ja nach allem, was ich bei der Gelegenheit gehrt habe, will
ich noch froh sein, wenn wir durch einen fortgesetzten guten Tr- und Fensterzug
vor verstopften Feueressen und allen sich daraus ergebenden Fhrlichkeiten
bewahrt bleiben. Offen gestanden, mitunter steh ich unter der Furcht, es knne
mal so was kommen. In den Schornsteinen hierherum wird es schlimm genug
aussehen, und speziell in dem unsrigen vermut ich eine Rukruste womglich noch
aus Knig Christians Zeiten her.
    Es war nach Nennung des Namens Knig Christian so gut wie
selbstverstndlich, da sich das Gesprch den Frederiksborger Tagen dieses
dnischen Lieblingsknigs zuwenden mute, von dem Schleppegrell, fast noch
selbstverstndlicher, eine Flle von Lokalanekdoten sofort zur Stelle hatte.
Nach einiger Zeit aber unterbrach Holk und sagte: Da stecken wir nun schon eine
Viertelstunde lang in Knig-Christian-Anekdoten und haben immer noch nicht die
Geschichte von dem Stein drauen gehrt mit seiner Namensinschrift und seiner
Jahreszahl 1628. Was ist es damit? Sie haben uns drauen im Park versprochen...
    Schleppegrell wiegte den Kopf zweifelnd hin und her. Allerdings, nahm er
das Wort, hab ich davon erzhlen wollen. Aber es ist nicht viel damit und wird
Sie mutmalich enttuschen. Man erzhlt sich nmlich, es sei der Stein, wo
Christian IV., als er, nach seinem Regierungsantritt, den groen Umbau des
Schlosses zu leiten begann, gleich am ersten Samstage die Arbeiter um sich
versammelt und ihnen allerpersnlichst den Wochenlohn ausgezahlt habe.
    Das ist alles?
    Ja, sagte Schleppegrell.
    Ebba aber wollte davon nichts wissen. Nein, Pastor Schleppegrell, so
leichten Kaufs kommen Sie nicht los; was Sie da sagen, das kann einfach nicht
sein. Sie vergessen, da jeder, der sich herauswinden oder andere hinters Licht
fhren will, vor allem ein gutes Gedchtnis haben mu. Es ist noch keine zwei
Stunden, da wir aus Ihrem Munde gehrt, Sie wrden von dem Stein erzhlen, wenn
die Prinzessin ihre Zustimmung dazu gbe. Nun, Sie werden doch nicht geglaubt
haben, die Prinzessin knne vorhaben, Ihren Bericht ber eine samstgliche
Lohnauszahlung verbieten zu wollen.
    Die Prinzessin weidete sich an Schleppegrells Verlegenheit, und Ebba, nicht
willens, ihren Vorteil aus der Hand zu geben, fuhr fort: Sie sehen, Sie knnen
aus Ihrer schrecklichen Lage nur heraus, wenn Sie sich rundweg entschlieen,
Farbe zu bekennen, und uns die Geschichte so gehen, wie sie wirklich gewesen.
    Schleppegrell, der sich altmodischerweise die Serviette quer ber die Brust
gebunden hatte, lste mechanisch den Knoten, legte die Serviette neben sich und
sagte: Nun gut, wenn Sie befehlen; es gibt noch eine zweite Lesart, von der es
allerdings heit, da sie die richtigere sei. Der Knig ging mit Christine Munk,
die seine Gemahlin war und auch wieder nicht war, etwas, das in unsrer
Geschichte leider mehrfach vorkommt, im Schlogarten spazieren, und mit den
beiden war Prinz Ulrich und Prinzessin Fritz-Anna, und als sie bis an diesen
Stein gekommen waren, setzten sie sich, um eine Plauderei zu haben.
    Und der Knig war so gndig und liebenswrdig wie nie zuvor. Aber Christine
Munk, aus Grnden, die bis diesen Augenblick niemand wei oder auch nur ahnen
kann (oder vielleicht auch hatte sie keine), schwieg in einem fort und sah so
sauertpfisch und griesgrmig drein, da es eine groe Verlegenheit gab. Und was
das Schlimmste von der Sache war, diese Verstimmung Christinens hatte Dauer und
war noch nicht vorber, als der Abend herankam und der Knig in das Schlafgemach
wollte. Da fand er die Tr verriegelt und verschlossen und mute seine Ruh an
einer andern Stelle nehmen. Und da solches dem Knige vordem nie widerfahren
war, weil Christine nicht nur zu den bestgelaunten, sondern auch zu den
allerzrtlichsten Frauen gehrte, so beschlo der Knig diesen merkwrdigen
Ausnahmetag zu verewigen und lie Namen und Jahreszahl in den Stein einmeieln,
wo der rtselvolle eheliche Zwist seinen Anfang genommen hatte.
    Nun, sagte die Prinzessin, das ist freilich um einen Grad intrikater,
aber doch auch noch lange nicht dazu angetan, mich als Schreckgespenst der
Prderie heraufzubeschwren, wie mein lieber Schleppegrell heute vormittag getan
zu haben scheint. brigens apropos Prderie! Da habe ich gestern in einem
franzsischen Buche gefunden, Prderie, wenn man nicht mehr jung und schn sei,
sei nichts als eine bis nach der Ernte noch stehengebliebene Vogelscheuche.
Nicht bel; die Franzosen verstehen sich auf dergleichen. Was aber, um unser
Thema nicht zu vergessen, die Geschichte vom Knig Christian und seinem
Ausgeschlossensein angeht, so wnschte ich wohl, all unsere Knigs- und
Prinzengeschichten, die jetzt nur das Gegenteil davon kennen, wiesen eine
hnliche Harmlosigkeit auf, ein Wunsch, in dem mir Graf Holk sicherlich
zustimmen wird. Sagen Sie, Graf, wie finden Sie die Geschichte?
    Die Wahrheit zu gestehen, gndigste Prinzessin, ich finde die Geschichte zu
kleinen Stils und berhaupt etwas zu wenig.
    Zu wenig, wiederholte Ebba. Da mcht ich doch widersprechen drfen. Das
mit der samstglichen Lohnauszahlung, das war zu wenig, aber nicht dies. Eine
Frau, die griesgrmig und sauertpfisch dreinsieht, ist nie wenig, und wenn ihre
schlechte Laune so weit geht, ihren Eheherrn von ihrer Kammer auszuschlieen
(ich bedaure, diesen Punkt berhren zu mssen, aber die Historie verlangt
Wahrheit und nicht Verschleierungen), so ist das vollends nicht wenig. Ich rufe
meine gndigste Prinzessin zum Zeugen auf und flchte mich unter ihren Schutz.
Aber so sind die Herren von heutzutage; Knig Christian lt das Ereignis in
Stein eingraben, als eine merkwrdige Sache, die zu den fernsten Zeiten sprechen
soll, und Graf Holk findet es wenig und zu kleinen Stils.
    Holk sah sich in die Enge getrieben, und zugleich wahrnehmend, da die
Prinzessin augenscheinlich in der Laune war, auf Ebbas Seite zu treten, fuhr er
unsicher hin und her und versicherte, whrend er abwechselnd einen ernsthaften
und dann wieder ironischen Ton anzuschlagen versuchte, da man in solcher
Angelegenheit einen privaten und einen historischen Standpunkt durchaus
unterscheiden msse; vom privaten Standpunkt aus sei solch Ausgeschlossensein
etwas tief Betrbliches und beinah Tragisches, ein ausgeschlossener Knig aber
sei ganz unstatthaft, ja drfe gar nicht vorkommen, und wenn die Geschichte
dennoch dergleichen berichte, so begbe sie sich eben ihrer Hoheit und Wrde und
gerate in das hinein, was er wohl oder bel kleinen Stil genannt habe.
    Er zieht sich gut heraus, sagte die Prinzessin. Nun, Ebba, fhre deine
Sache weiter.
    Ja, gndigste Prinzessin, das will ich auch, und wenn ich es als ein
deutsches Frulein vielleicht nicht knnte, so kann ich es doch als eine reine
Skandinavin.
    Alles erheiterte sich.
    Als eine reine Skandinavin, wiederholte Ebba, natrlich
mtterlicherseits, was immer das Entscheidende ist; der Vater bedeutet nie viel.
Und nun also unsere These. Ja, was Graf Holk da sagt... nun ja, von seinem
schleswig-holsteinschen Standpunkt aus mag er recht haben mit seiner Vorliebe
fr das Groe. Denn sein Protest gegen den kleinen Stil bedeutet doch natrlich,
da er den groen will. Aber was heit groer Stil? Groer Stil heit soviel wie
vorbeigehen an allem, was die Menschen eigentlich interessiert. Christine Munk
interessiert uns, und ihre Verstimmung interessiert uns, und was dieser
Verstimmung an jenem denkwrdigen Abend folgte, das interessiert uns noch viel
mehr...
    Und am meisten interessiert uns Frulein Ebba in ihrer bermtigen
Laune...
    Von der ich in diesem Augenblicke vielleicht weniger habe als sonst. Soweit
ich ernsthaft sein kann, soweit bin ich es. Jedenfalls aber behaupte ich mit
jedem erdenklichen Grade von Ernst und Aufrichtigkeit und will in jeder
Mdchenpension darber abstimmen lassen, da Knig Heinrich VIII. mit seinen
sechs Frauen alle Konkurrenz groen Stils aus dem Felde schlgt, und nicht wegen
der paar Enthauptungen, die finden sich auch anderswo, sondern wegen der
intrikaten Kleinigkeiten, die diesen Enthauptungen vorausgingen. Und nach
Heinrich VIII. kommt Maria Stuart, und nach ihr kommt Frankreich mit seiner
Flle der Gesichte, von Agnes Sorel an bis auf die Pompadour und Dubarry, und
dann kommt Deutschland noch lange nicht. Und als allerletztes kommt Preuen,
Preuen mit seinem groen Manko auf diesem Gebiet, mit dem es auch
zusammenhngt, da einige Schriftstellerinnen von Genie dem groen Friedrich ein
halbes Dutzend Liebesabenteuer angedichtet haben, alles nur, weil sie ganz
richtig fhlten, da es ohne dergleichen eigentlich nicht geht.
    Pentz nickte zustimmend, whrend Holk den Kopf hin und her wiegte.
    Sie drcken Zweifel aus, Graf, vor allem vielleicht einen Zweifel an meiner
berzeugung. Aber es ist, wie ich sage. Groer Stil! Bah, ich wei wohl, die
Menschen sollen tugendhaft sein, aber sie sind es nicht, und da, wo man sich
drin ergibt, sieht es im ganzen genommen besser aus als da, wo man die Moral
blo zur Schau stellt. Leichtes Leben verdirbt die Sitten, aber die
Tugendkomdie verdirbt den ganzen Menschen.
    Und als sie so sprach, fiel aus einem der die Tafel umstehenden
Tannenbumchen ein Wachsengel nieder, just da, wo Pentz sa. Der nahm ihn auf
und sagte: Ein gefallener Engel; es geschehen Zeichen und Wunder. Wer es wohl
sein mag?
    Ich nicht, lachte Ebba.
    Nein, besttigte Pentz, und der Ton, in dem es geschah, machte, da sich
Ebba verfrbte. Aber ehe sie den beltter dafr abstrafen konnte, ward es
hinter der Tannen- und Zypressenwand wie von trippelnden Fen lebendig.
Zugleich wurden Anordnungen laut, wenn auch nur mit leiser Stimme gegeben, und
alsbald intonierten Kinderstimmen ein Lied, und ein paar von Schleppegrell zu
dieser Weihnachtsvorfeier gedichtete Strophen klangen durch die Halle.

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglckleins Ton.

Und was jngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Wei sind Trme, Dcher, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schnste Fest ist da.

Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.


                           Dreiundzwanzigstes Kapitel

Die kleine Weihnachtsvorfeier, die mit einem Geplauder am Kamin (Grundtvig war
das Hauptthema gewesen) abgeschlossen hatte, hatte sich bis Dunkelwerden
hingezogen, und die sechste Stunde war schon vorber, als man aufbrach, nachdem
sich die Prinzessin kurz vorher in ihre Gemcher zurckgezogen. Holk begleitete
wieder das Schleppegrellsche Paar, diesmal aber bis in die Stadt selbst hinein,
und kehrte erst, nachdem er zugesagt hatte, bei nchster freier Zeit einen
Besuch im Pfarrhause machen und daselbst Schleppegrells Sammlungen besichtigen
zu wollen, in sein Turmzimmer zurck, um hier, im Laufe des Abends, verschiedene
Briefe zu schreiben, an Asta, an Axel, an die Dobschtz. Von dieser letzteren
waren am voraufgegangenen Tage, fast unmittelbar vor Aufbruch des prinzelichen
Hofes nach Frederiksborg, einige Zeilen eingetroffen, in denen ihm mitgeteilt
wurde, da Christine nicht schreiben knne, weil sie krank sei. Da diese
Mitteilung einen groen Eindruck auf ihn gemacht htte, konnte nicht behauptet
werden. Er kannte seiner Frau Wahrheitsliebe, trotzdem sagte er: Sie wird
verstimmt sein, und das heit dann Krankheit. Wenn man will, ist man immer krank
und erfreut sich des Vorzugs, jede Laune rechtfertigen zu knnen.

Der andere Morgen fhrte wieder einen klaren und wolkenlosen Tag herauf; kein
Wind ging, und Holk, der sich in der Mittagsstunde zum Dienst zu melden hatte,
sa in Nhe des Fensters und sah nach dem Hillerder Kirchturm hinber, dessen
Wetterhahn in der Sonne blitzte; still lagen die Huser da, die Dcher blink und
blank, und wre nicht der Rauch gewesen, der aus den hohen Topfschornsteinen
aufstieg, so htte man glauben knnen, es sei eine verwunschene Stadt. Nirgends
Menschen. In solcher Stille zu leben, sprach er vor sich hin, welch Glck!
Und als er sich dann vergegenwrtigte, da Holkens dieselbe Stille habe, setzte
er hinzu: Ja, dieselbe Stille, aber nicht denselben Frieden. Wie beneidenswert
dieser Pastor! Er hat seine Gemeinde, seine Steingrber und seine Moorfunde, den
Herluf Trolle ganz ungerechnet, und lt die Welt drauen ihren Gang gehen.
Hillerd ist seine Welt. Freilich, wer will sagen, was in ihm vorgeht? Er
scheint so ruhig und abgeklrt, so ganz in Frieden, aber ist er's? Wenn es wahr
ist, da drei Prinzessinnen hintereinanderweg, oder vielleicht auch a tempo,
sich in ihn verliebten, so will mir solch Idyll, als Ausgang von dem allem, doch
als ein fragliches Glck erscheinen. Eine Prinzessin zu heiraten ist freilich
ein noch viel fraglicheres, aber wenn man's klug unterlt und als einzigen Lohn
seiner Klugheit nichts hat als solche Hillerder Kleinstdterei, so mu einem
doch immer so was wie Sehnsucht bleiben. Eine prchtige Frau, diese kleine dicke
Kugel von Pastorin, aber ganz unangetan, einen Mann wie Schleppegrell seine
Vergangenheit vergessen zu machen. Zuletzt hat doch jeder seine Eitelkeit, und
Pastoren sollen in diesem Punkte nicht gerade die letzten sein.
    Er phantasierte noch eine Weile so weiter und ging bei der Gelegenheit noch
einmal alles durch, was ihm der gestrige Tag, abgesehen von der kleinen
Festlichkeit bei der Prinzessin, an Bildern und Erlebnissen gebracht hatte: den
Spaziergang auf Fredensborg zu, das flache Fhrboot mit seinem ausgespannten
Seil, daran man sich ber den Parkgraben ans andere Ufer zog, den wundervollen
Blick auf die Rckseite des Schlosses mit seinem Steildach und seinen Trmen und
endlich den Muldenstein und das Gesprch mit Ebba. Ebba spricht doch nicht
liebevoll genug von der Prinzessin und ist mir darin wieder ein rechter Beweis,
wie schlecht sich Esprit und Dankbarkeit vertragen. Ist ihr etwas Pikantes auf
der Zunge, so mu es heraus, und die Piett wird zu Grabe gelutet. Die
Stockholmer Geschichte... nun, von der will ich nicht reden, die mag auf sich
beruhen, wiewohl auch da viel Grund zur Dankbarkeit vorliegen mag; aber auch
jetzt noch, alles, was die Prinzessin sagt oder tut, ist eine Verwhnung, und
Ebba nimmt es hin, nicht blo als selbstverstndlich, sondern als wre sie der
Prinzessin berlegen. Und das ist sie nicht, die Prinzessin ist nur von einer
schlichteren Ausdrucksweise. Wie gut war das alles wieder, was sie gestern, aus
der Flle der Erfahrung, ber den alten Grundtvig sagte, wobei mir einfllt, da
ich daraus eine gute Nachschrift fr meinen Brief an die Dobschtz machen
knnte. Der Brief ist ohnehin etwas mager ausgefallen.
    Und whrend er das sagte, nahm er seinen Platz an dem rechts neben dem
Fenster stehenden Schreibtisch und schrieb auf die noch leer gebliebene Seite:
Noch eine kleine Nachschrift, meine liebe Dobschtz. Unter unseren gestrigen
Gesprchen bei der Prinzessin war auch eins ber Grundtvig. Schleppegrell hatte
nicht bel Lust, einen halben Heiligen aus ihm zu machen, worin ihn, natrlich
ironisch, Pentz und die Rosenberg untersttzten. Die Prinzessin aber nahm die
Sache ganz ernsthaft, fast so ernsthaft wie Schleppegrell, und sagte: Grundtvig
ist ein bedeutender Mann und so recht angetan, ein Dnenstolz zu sein. Aber
einen Fehler hat er doch, er mu immer etwas Apartes haben und sich von dem Rest
der Menschheit, auch selbst der dnischen, unterscheiden, und wiewohl ihm
nachgesagt wird, er stelle Dnemark so hoch, da er ganz ernsthaft glaube, der
liebe Gott sprche dnisch, so bin ich doch sicher, da er von dem Tag an, wo
dies ganz allgemein feststnde, mit allem Nachdruck behaupten und beweisen
wrde: der liebe Gott sprche preuisch. Grundtvig kann nicht ertragen, mit
irgend jemandem in bereinstimmung zu sein. Hieraus, liebe Dobschtz, spricht
ganz und gar der Ton unserer Tisch- und Abendunterhaltungen, und ich fge diese
kleine Geschichte meinem Briefe mit allem Vorbedacht hinzu, weil ich wei, wie
sich Christine fr Pastoralanekdoten und theologische Streitigkeiten
interessiert. Und die Frage nach der Intimsprache Gottes kann vielleicht dafr
gelten. Nochmals die herzlichsten Gre. An Christine schreibe ich morgen, wenn
auch nur einige Zeilen.
    Er couvertierte nun diesen Brief an die Dobschtz, zugleich die beiden
andern an Asta und Axel und war eben damit fertig, als es klopfte. Herein.
Aber das Klopfen wiederholte sich nur, so da Holk aufstand, um zu sehen, was es
sei. Drauen stand Karin, die verlegen vor sich hin sah, trotzdem Verlegenheit
zu den letzten ihrer Eigenschaften zhlte. Sie behndigte Holk einige Zeitungen
und Briefe, die der Postbote, der sehr eilig gewesen, um Zeitersparnisses willen
unten beim gndigen Frulein mit abgegeben habe. Das gndige Frulein lasse sich
dem Herrn Grafen empfehlen und habe vor, mit Baron Pentz einen Spaziergang zu
dem Stein im Park zu machen - der Herr Graf wten schon, bis zu welchem
Stein. Holk lchelte, lie sich entschuldigen und nahm dann seinen Platz wieder
ein, um zu sehen, was die neueste Post gebracht habe. Die Zeitungen, die bei der
momentan herrschenden politischen Windstille wenig versprachen, schob er
beiseite und musterte dabei schon die Handschriften der eingetroffenen Briefe.
Sie lieen sich alle leicht erkennen; das war die des alten Petersen, das die
seines Grtners und diese hier die Handschrift Arnes, seines Schwagers. Der
Poststempel Arnewiek besttigte nur.
    Von Alfred? Was will er? Er fat doch sonst die Machtvollkommenheiten
seiner Majordomusschaft weitgehend genug auf, um mich durch Anfragen nicht gro
zu stren. Und ein wahres Glck, da er so verfhrt und berhaupt so ist, wie er
ist. Ich habe nicht Lust, mich hier um Wollpreise zu kmmern oder um die Frage,
wieviel Fetthmmel nach England verladen werden sollen. Das ist seine Sache
beziehungsweise Christinens, und beide verstehen es auerdem viel besser als
ich; die Arnes waren immer Agrikulturgren, was ich von den Holks eigentlich
nicht sagen kann; ich meinerseits habe immer nur den Anlauf dazu genommen. Also
was will er? Aber wozu mir den Kopf mit Vermutungen zerbrechen. Und dabei nahm
er den Brief und schnitt ihn mit einem kleinen Elfenbeinmesser auf, aber
langsam, denn er stand unter einem Vorgefhl, da ihm der Brief nicht viel
Erfreuliches bringen werde.
    Und nun las er:

Lieber Holk! Ich unterlasse es, wie Du weit, grundstzlich, Dir, in Deinen
Kopenhagener Tagen, mit wirtschaftlichen Angelegenheiten aus Holkens
beschwerlich zu fallen. Es war auch bisher nie ntig, da Dein liebenswrdiger
Charakter es leicht macht, an Deiner Stelle zu regieren; Du hast nicht blo die
glckliche Gabe, mit dem, was andre tun, einverstanden zu sein, sondern die noch
glcklichere, wenn der Ausnahmefall mal eintritt, fnf gerade sein zu lassen.
Und um es gleich vorweg zu sagen, ich schreibe Dir auch heute nicht um
pressanter wirtschaftlicher Dinge willen und habe noch weniger vor, ganz
allgemein auf meine Lieblingsplne zurckzukommen, die, wie Du weit, dahin
gehen: lieber Shorthorns als Oldenburger (die Milchwirtschaft hat sich berlebt)
und lieber Southdowns als Rambouillet. Was soll uns noch die Wollproduktion? Ein
lngst berwundener Standpunkt, der fr die Lneburger Heide passen mag, aber
nicht fr uns. Der Londoner Cattle-Market, der allein ist es, der fr Gter wie
die unsrigen in Betracht kommt. Meat, meat! Aber nichts mehr davon. Ich schreibe
Dir wegen wichtigerer Dinge, wegen Christine. Christine, wie Dir die Dobschtz
schon mitgeteilt haben wird, ist leidend, ernst und nicht ernst, wie Du's nehmen
willst. Sie braucht weder nach Karlsbad noch nach Nizza geschickt zu werden,
aber doch ist sie krank, krank im Gemt. Und daran, lieber Holk, bist Du schuld.
Was sind das fr Briefe, die Du nun schon seit sechs Wochen schreibst oder, fast
liee sich sagen, auch nicht schreibst. Ich verstehe Dich nicht, und wenn ich
Dir, von Anbeginn unserer Freundschaft an, immer vorgeworfen habe: Du kenntest
die Frauen nicht, so mu ich jetzt alles Scherzhafte, was sich frher bei dieser
Bemerkung mit einmischte, daraus streichen und Dir im bittersten Ernste sagen:
Du verstehst die Frauen wirklich nicht, am wenigsten aber Deine eigene, meine
teure Christine. Unsere teure Christine wage ich, bei der Haltung, die Du
zeigst, kaum noch zu sagen. Ich sehe nun freilich deutlich, wie Du hier
ungeduldig wirst und nicht bel Lust hast, gerade mich als den Anstifter und
Begrnder all der Behandlungssonderbarkeiten zu verklagen, in denen Du Dich seit
Deiner Abreise von Holkens mit ebensoviel Virtuositt wie Konsequenz ergehst.
Und wenn Du Dich mir und meinen frheren Ratschlgen gegenber durchaus auf
Deinen Schein stellen willst, so kann ich Dir ein bestimmtes Recht dazu nicht
absprechen. Ja, es ist richtig, ich habe Dir mehr als einmal zu dem Wege
geraten, den Du nun eingeschlagen hast. Aber, mein lieber Schwager, mu ich Dir
zurufen: est modus in rebus? Mu ich Dich darauf aufmerksam machen, da in all
unserem Tun das Ma entscheidet und da der klgste Rat, Pardon, da ich den
meinigen darunter zu verstehen scheine, sicherlich in sein Gegenteil verkehrt
wird, wenn der, der ihn befolgt, das richtige Ma nicht hlt und den Bogen
einfach berspannt? Und das hast Du getan und tust es noch. Ich habe Dich
beschworen, Christinens Eigenwillen gegenber auf der Hut zu sein und ihrem
Herrschergelste, das sich hinter ihrer Kirchlichkeit verbirgt und zugleich
immer neue Kraft daraus saugt, energisch entgegenzutreten, und ich habe Dir, so
ganz nebenher, auch wohl den Rat gegeben, es mit Eifersucht zu versuchen und in
Deiner Frau, meiner geliebten Schwester, die Vorstellung zu wecken: auch der
sicherste Besitz sei nicht unerschtterlich sicher und auch der beste Mann knne
seine schwache Stunde haben. Ja, lieber Holk, in diesem Sinne habe ich zu Dir
gesprochen, nicht leichtfertig, sondern, wenn mir der Ausdruck gestattet ist,
aus einer gewissen pdagogischen Erwgung, und ich bedaure nichts davon und habe
auch nicht ntig, irgendwas davon zurckzunehmen. Aber was hast Du nun in
Anwendung dieser, glaub ich, richtigen Stze tatschlich daraus gemacht? Aus
Prickeleien, die vielleicht gut gewesen wren, sind Verletzungen, aus
Nadelstichen sind giftige Pfeile geworden, und, was schlimmer ist als alles, an
die Stelle einer gewissen Zurckhaltung, der man den Kampf und die Mhe der
Durchfhrung htte ansehen mssen, an die Stelle solcher Zurckhaltung ist
Nchternheit getreten und ein nicht immer glckliches, weil forciertes
Bestreben, diese Nchternheit hinter Stadtklatsch- und Hofklatschgeschichten zu
verbergen. Ich habe Deine Briefe gelesen - es waren ihrer nicht allzuviel, und
keinen einzigen traf der Vorwurf, zu lang gewesen zu sein -, aber die Hlfte
dieser wenigen beschftigt sich mit der mrchenhaften Schnheit der doch
mindestens etwas sonderbaren Frau Brigitte Hansen und die zweite Hlfte mit den
Geistreichigkeiten des ebenfalls etwas sonderbaren Frulein Ebba von Rosenberg.
Fr Deine Frau, Deine Kinder hast Du whrend dieser langen Zeit keine zwanzig
Zeilen gehabt, immer nur Fragen, denen man abfhlte, da sie nach Antwort nicht
sonderlich begierig waren. Ich glaube, lieber Holk, da es gengt, Dich auf all
das einfach aufmerksam gemacht zu haben. Du bist zu gerecht, um Dich gegen das
Recht der hier vorgebrachten Klage zu verschlieen, und bist zu gtigen und
edlen Herzens, um, wenn Du das Recht dieser Klage zugestanden hast, nicht auf
der Stelle fr Abhlfe zu sorgen. Die Stunde, wo solcher Brief auf Holkens
eintrifft, wird zugleich die Stunde von Christinens Genesung sein; la mich
hoffen, da sie nahe liegt. Wie immer Dein Dir treu und herzlich ergebener
Schwager
                                                                    Alfred Arne

Holk war so getroffen von dem Inhalt dieses Briefes, da er darauf verzichtete,
die beiden andern zu lesen. Petersen schrieb vielleicht hnliches. Zudem war die
Stunde da, wo er bei der Prinzessin erscheinen mute, vor der er ohnehin
frchtete seine Erregung nicht recht verbergen zu knnen. Und er wre auch
wirklich damit gescheitert, wenn bei seinem Erscheinen alles wie sonst und die
Prinzessin bei freiem Blick gewesen wre. Dies war aber nicht der Fall, weil der
Prinzessin selber inzwischen ein Brief zugegangen war, der ihr Gemt
gefangennahm und ihr die Fhigkeit raubte, sich um Holks Benommenheit zu
kmmern.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Der bei der Prinzessin eingetroffene Brief war ein Brief des Kammerherrn Baron
Blixen-Finecke und lautete:

    Eurer Knigl. Hoheit in aller Eile die gehorsamste Mitteilung, da Se.
Majestt der Knig, der heute noch von Glcksburg nach Kopenhagen zurckkehrt,
mit der Absicht umgeht, die nchsten Wochen in Schlo Frederiksborg zu
verbringen, wahrscheinlich bis Neujahr; jedenfalls gedenkt er das Weihnachtsfest
daselbst zu feiern. Es werden ihn nur wenige Personen aus seiner nchsten
Umgebung begleiten: Oberst du Plat vielleicht, Kapitn Westergaard und Kapitn
Lundbye gewi. Ich hielt es fr angezeigt, Eure Knigl. Hoheit von diesem
Entschlusse Sr. Majestt in Kenntnis zu setzen.
                                             Eurer Knigl. Hoheit untertnigster
                                                                 Blixen-Finecke

Der erste Gedanke nach Lesung dieser Zeilen war gewesen, das Feld zu rumen und
noch vor Eintreffen des Knigs, also womglich noch vor Ablauf der nchsten
vierundzwanzig Stunden, nach Kopenhagen zurckzukehren. War der Knig erst da,
so war solcher Rckzug, wenn nicht unmglich, so doch sehr erschwert, weil, bei
den persnlich guten Beziehungen zwischen Neffen und Tante, zu klar zutage
getreten wre, da die Prinzessin nur vermeiden wolle, mit der von ihr gehaten
Grfin Danner unter einem Dache zu sein. Also rasches Entschlieen war
unerllich und Abreise oder nicht die Frage, die den um die Prinzessin
versammelten Kreis beschftigte, vor allem Ebba, die mehr Hoffnungen als
Befrchtungen an die Mglichkeit einer raschen Rckkehr knpfte. Denn einen so
fein ausgebildeten Natursinn sie hatte und so gut ihr Schleppegrell, trotz
gelegentlicher Auflehnung gegen ihn und seine ewige Altertmlerei, gefiel, so
war ihr alles in allem die Hauptstadt, wo man die Neuigkeiten sechs Stunden
frher und auerdem abends eine Theaterloge hatte, doch um ein erhebliches
lieber. Die groe Frederiksborger Halle war in ihrer Art ein Prachtstck, gewi,
und wenn die Lichter und Schatten an Wand und Decke hinliefen, so hatte das
seine Romantik und seinen kleinen Schauer; aber man konnte doch nicht sechs
Stunden lang, von Dunkelwerden bis Schlafenszeit, mit immer gleichem Interesse
nach Herluf Trolle hinberblicken und noch weniger auf die groe Seeschlacht und
den in die Luft fliegenden Makellos.
    Ja, die Rckkehr, wenn die Entscheidung bei Ebba gelegen htte, wre rasch
beschlossen worden; die Prinzessin aber, die schon aus Aberglauben von einem
Platze nicht gern fort wollte, den sie sich durch Jahrzehnte hin als ihren
Weihnachtsplatz anzusehen gewhnt hatte, verharrte, ganz gegen ihren sonstigen
Charakter, in einer gewissen Unschlssigkeit und war froh, als Holk bemerkte:
Verzeihung, Knigliche Hoheit, aber steht es denn berhaupt fest, da die
Grfin den Knig begleiten wird? Seine Majestt, soviel ich wei, ist voll
Rcksicht gegen Eure Knigliche Hoheit und kennt nicht nur Dero Gefhle, sondern
respektiert sie auch. Er lt sich dadurch in seiner Neigung nicht beirren und
kann auch nicht, wenn das Volk recht hat, das an eine Art Hexenzauber glaubt,
worin ihn die Danner eingesponnen; aber er kann in seiner Neigung durchaus
beharren und die Grfin doch drben in Skodsborg belassen. Er besucht sie dann
jeden Tag, was ihm vielleicht noch besser behagt, als sie von Morgen bis Abend
um sich zu haben. Denn jede Stunde sie mit Liebesaugen anzusehen, wenn es solche
Zeiten berhaupt fr ihn gegeben hat - das sind doch wohl Tempi passati.
    Wer wei߫, lachte die Prinzessin. Sie sehen, lieber Holk, in dem
Behextsein etwas wie etwa das intermittierende Fieber und glauben an freie Tage.
Das leuchtet mir aber nicht ein. Ein richtiger Zauber pausiert nicht und setzt
nicht aus. Gib mir brigens, liebe Ebba, noch einmal Blixen-Fineckes Brief
herber; ich will genau lesen, was er schreibt. Er ist der Mann des vorsichtigen
Ausdrucks.
    Ebba brachte den Brief, und die Prinzessin las: ... es werden ihn nur
wenige Personen aus seiner nchsten Umgebung begleiten, Oberst du Plat
vielleicht, Kapitn Westergaard und Kapitn Lundbye gewi... Holk hat recht;
Blixen-Finecke wei zu gut, wie wir stehen, als da er nicht wenigstens eine
Andeutung gemacht haben sollte. Die Grfin kommt nicht, und mit meinem Neffen
wei ich mich gut zu stellen. Er ist eine Seele, gtig, der beste Mensch von der
Welt. Jedenfalls brauchen wir nicht heute schon an Abreise zu denken. Aller
Wahrscheinlichkeit nach wird auch Berling noch schreiben, und der wird sich
weniger diplomatisch ausdrcken als Finecke.

Wirklich, am andern Tage kam ein Billet vom Kammerherrn Berling, das zunchst
die Besttigung von dem noch bevorstehenden Eintreffen des Knigs, zugleich
aber, hinsichtlich der Danner, vollkommene Beruhigung brachte. Die Grfin werde
wieder, nach eigenem Wunsch, in Skodsborg Wohnung nehmen und daselbst die
Besuche des Knigs empfangen. Damit war der Schwankezustand, in dem man sich
einen Tag lang befunden hatte, vllig beseitigt, und es stand fest, man blieb.
Aber auch wenn das Entgegengesetzte beschlossen worden wre, so wrde sich doch
der Ausfhrung dieses Beschlusses ein unbersteigliches Hindernis
entgegengestellt haben: die Prinzessin erkrankte. Der Charakter der Krankheit
blieb freilich unaufgeklrt, was es aber auch sein mochte (man hatte zuletzt von
einem versteckten, aber gutartigen Nervenfieber gesprochen), Doktor Bie von
Hillerd sprach dreimal des Tages vor und nahm regelmig an dem fr die
Personen des Hofstaates servierten Lunch und meist auch an den anderen
Tagesmahlzeiten teil. Doktor Bie war der Bruder der Frau Pastorin Schleppegrell,
mit der er die kleine Figur, das Embonpoint und die klugen, freundlichen Augen
gemein hatte, zugleich die Wohlgelittenheit bei der Prinzessin. Er trug einen
Bambus mit Goldknopf und eine goldene Brille, die er regelmig abnahm, wenn er
etwas sehen wollte, zhlte den Puls laut, wie ein Klavierlehrer die Takte, und
plauderte gern von Island und Grnland, wo er vierzehn Jahre lang Schiffsarzt
gewesen war. Gegen die Residenzler war er im allgemeinen sehr eingenommen. Es
ist in Kopenhagen Sitte geworden, ber die Islnder zu lachen; aber ich nenne da
nur den Are Marson, der Amerika fnfhundert Jahr vor Kolumbus entdeckte, und
Erik den Roten und Ulf den Schieler und seine ganze Sippe, lauter Helden und
weise Mnner - das alles waren Islnder, und ich beklage, da Knigliche Hoheit
die Insel nie besucht haben. Es ist ein ganz eigen Gefhl, ein Ei zu essen, das
im Geiser gekocht wurde, vielleicht in einem Augenblicke, wo die beiden
Feuerspeier dazu leuchteten. Da die Islnder unsere Zeitungen um zwlf Monate
zu spt lesen, immer gerade die Nummern vom Jahre vorher, das ist alles eine
hochmtige Kopenhagener Einbildung; die Islnder schreiben sich ihre Zeitungen
selbst, knnen auch, denn jeden dritten Tag kommt ein englisches oder
amerikanisches Schiff, und wenn in Reykjavik ein Stiftsamtmann oder auch blo
ein Sysselmann gewhlt wird, so ist das geradeso interessant, wie wenn sich die
Kopenhagner einen neuen Burgemeister whlen. Ach, Knigliche Hoheit, ich mchte
beinah sagen, es ist berhaupt kein Unterschied zwischen einem Dorf und einer
Residenz; berall wohnen Menschen und hassen und lieben sich, und ob eine
Sngerin eine Minute lang einen Triller schlgt oder ob ein Fiedler den dappren
Landsoldaten spielt, das macht keinen groen Unterschied, wenigstens mir nicht.
Bei solchen Betrachtungen war er der heitersten Zustimmung der Prinzessin
allemal sicher, und wenn Pentz und Ebba fragten: ob Knigliche Hoheit nicht
doch vielleicht Ihren Leibarzt, Doktor Wilkins, befhlen, der ohnehin nichts zu
tun habe und dann und wann daran erinnert werden msse, da er sein Gehalt
eigentlich doch blo fr eine Sinekure bezge, so lehnte die Prinzessin dies ab
und sagte: Nein, am Sterben bin ich noch nicht. Und wenn ich am Sterben wre,
so wrde mich Doktor Wilkins, der alles liest, aber nicht viel wei, auch nicht
zurckhalten knnen. Was irgend ein Mensch fr mich tun kann, das tut Bie fr
mich, und wenn ich ihm eine halbe Stunde zugehrt und whrend seiner Erzhlungen
im Rentierschlitten mit ihm gesessen oder wohl gar bei Missionar Dahlstrm eine
rote Grtze mit ihm gegessen habe, so habe ich bei solcher Gelegenheit allemal
das gehabt, was man die heilsame Gegenwart des Arztes nennt; medico praesente,
so heit es ja wohl, da ruht die Krankheit. Nein, Bie mu bleiben. Und was wrde
seine Schwester zu solcher Krnkung sagen, die gute kleine Pastorin, die ihn fr
so berhmt hlt wie Boerhaave und ganz aufrichtig denkt, da man die alte
Geschichte wiederbeleben und mit voller Sicherheit des Eintreffens vom Nord-
oder Sdpol aus an ihn schreiben knnte: An Dr. Bie in Europa.

Die Krankheit der Prinzessin, so wenig gefhrlich sie war, zog sich hin. Der
Knig, inzwischen eingetroffen, hatte mit den Personen seiner nchsten Umgebung
den linken Flgel bezogen und beschrnkte sich, was die Prinzessin anging,
darauf, sich jeden Tag nach dem Befinden derselben erkundigen zu lassen. Sonst
wurde man seiner kaum gewahr, was teils mit seiner hufigen Anwesenheit drben
in Skodsborg, teils mit seiner Lebensweise zusammenhing. Er liebte nun mal die
Vergngungen im Freien. War nicht Hetzjagd, so war Pirschjagd, und war nicht
Dachsgraben, so war Graben nach Steinbetten und Moorfunden, ja mitunter war er
bis Vinderd und Arreseedal hinber, um von dort aus, wo seine Boote lagen, auf
dem groen Arre-See zu segeln.
    Holk, der die Kapitne Westergaard und Lundbye noch von Schleswig und
Flensburg her, wo sie vorbergehend in Garnison gestanden hatten, gut kannte,
suchte den Verkehr mit ihnen zu erneuern, was auch gelang und ihm dann und wann
ein paar vergngliche Plauderstunden eintrug; aber wenn er dann wieder allein
war und nach Holkens hinberdachte, kam ihm ein Gefhl schwerer Verlegenheit
und Sorge. Das ging nicht so weiter. Die Korrespondenz zwischen ihm und
Christine stockte vllig; aber auch die Briefe von Petersen und Arne waren noch
unerledigt. Dieser letztere wenigstens mute beantwortet werden (schon eine
Woche war seit seinem Empfange vergangen), wenn er's nicht auch mit dem noch
verderben wollte, der allezeit sein bester Freund und Berater und vielleicht nur
zu oft sein Anwalt in seinen frheren kleinen Kmpfen mit Christine gewesen war.
    Es war ein dienstfreier Tag, hell und klar, und Doktor Bie, von der
Prinzessin kommend, hatte bei ihm vorgesprochen und ihn durch Hillerder
Stadtklatsch und kleine Doktorgeschichten in eine behagliche Stimmung versetzt.
Diese Stimmung wollte er nicht ungenutzt vorbergehen lassen; Stimmung war schon
der halbe Brief. Und was war es denn auch am Ende? Christine war eine Frau mit
weniger Vergnglichkeit als wnschenswert und mit mehr Grundstzen als ntig;
das war eine alte Geschichte, die von niemandem bestritten wurde, kaum von
Christine selbst. In diesem Sinne sprach er noch eine Weile vor sich hin, und
als er sich mehr und mehr in die Vorstellung hineingeredet hatte, da alles,
genau betrachtet, eine blo aufgebauschte Geschichte sei, weil ja doch
eigentlich nichts vorlge, nahm er schlielich seinen Platz am Schreibtisch und
schrieb:

Lieber Arne! Sei herzlich bedankt fr Deinen lieben Brief vom 23. v. M., um so
herzlicher, als ich, nach so vielen Beweisen Deiner freundschaftlichen Gefhle
fr mich, sehr wohl wei, da Du, bei starker Hervorhebung Deiner Bedenken ber
mein Tun und Lassen, nur der Vorstellung einer Pflicht gehorchtest. Aber, lieber
Arne, la mich Dich fragen, lag eine solche Pflicht wirklich vor? Hast Du nicht,
um diesmal als Christinens Anwalt (sonst warst Du der meine) das Recht Deiner
Klientin gegen mich zu wahren, mich in ein Unrecht gesetzt, das gar nicht
existiert? Alles Anklagematerial gegen mich ist meinen eigenen Briefen
entnommen. Nun, diese Briefe liegen jetzt drben in Holkens und sind mir nicht
mehr in jedem Einzelpunkt gegenwrtig, aber wenn ich ihren Inhalt aus dem
Gedchtnis rekapituliere, so kann ich nichts finden, was eine Beschuldigung
rechtfertigte. Da sind die Hansens, und da ist das Frulein von Rosenberg, bei
deren Schilderung ich, wie ein englisches Sprchwort sagt, mehr Petersilie an
das Hhnchen gelegt haben mag, als unbedingt ntig war; aber ein solches Zuviel
htte mir entweder auf Unbefangenheit gedeutet werden mssen oder auf einen
Hang, das Ridikle durch sich selber wirken zu lassen. Ich entsinne mich, in
einem meiner Briefe von einer halb mrchenhaften Audienz der schnen Capitana
beim Kaiser von Siam und in einem andern von dem pikanten und allerdings etwas
freisinnigen Frulein von Rosenberg als von einem David Strauschen Amanuensis
gesprochen zu haben, und nun frag ich Dich, lieber Arne, ob das Auslassungen
sind, die Christinens Empfindlichkeiten und im weitern Verlauf Deine brieflichen
Vorwrfe rechtfertigen. Ich sprach eben von meiner Unbefangenheit, die mir zum
Guten gedeutet werden msse, will aber im Gegensatze dazu einrumen - und das
ist das einzige Zugestndnis, das ich machen kann -, da mir in meiner
Korrespondenz mit Christine der richtige Ton schlielich verlorengegangen ist.
Von dem Augenblick an, wo man sich beargwohnt sieht, ist es schwer, in Ton und
Haltung korrekt zu bleiben, und um so schwerer, als es den Unschuldsgrad gar
nicht gibt, der einen, wenn erst mal Zweifel angeregt wurden, gegen Bedenken und
kleine Vorwrfe seiner selbst ein fr allemal sicherstellte. Was wandelt uns
nicht alles an, was beschleicht uns nicht alles? Vieles, alles. Aber schon
Martin Luther, dies wei ich aus der Trakttchenliteratur, die immer nur zu
fleiig in unser Haus kam, hat einmal ausgesprochen: Wir knnen nicht hindern,
da die bsen Vgel ber uns hinfliegen, wir knnen nur hindern, da sie Nester
auf unserm Haupte bauen. Ja, Schwager, es bleibt dabei, Christine, so vieler
Tugenden sie sich rhmen darf, eine hat sie nicht, sie hat nicht die der Demut,
und genhrt und grogezogen in der Vorstellung einer besonderen
Rechtglubigkeit, von der sie bestndig Heilswirkungen und Erleuchtungen
erwartet, kommt sie natrlich nicht auf den Gedanken, da sie, gleich anderen,
auch irren knnte. Sie hat Asta nach Gnadenfrei gebracht und Axel nach Bunzlau,
das sind Taten, die Schwchen und Irrtmer ausschlieen, Irrtmer, denen andere,
die statt nach Herrnhut nach Kopenhagen reisen, ein fr allemal unterworfen
sind. Und nachdem ich so meine Verteidigung gefhrt und gegen den Schlu hin,
mehr, als mir lieb ist, die Rolle des Angeklagten mit der des Anklgers
vertauscht habe, verabschiede ich mich und lege meine Sache in Deine Hand,
vollkommen sicher darin, da Deine Klugheit und vor allem auch die Liebe, die Du
gleichmig fr mich wie fr Christine hegst, alles zum Guten hinausfhren wird.
Und damit Gott befohlen. Wie immer
                                               Dein Dir herzlich ergebener Holk

Als er die Feder aus der Hand gelegt hatte, nahm er den Bogen und stellte sich
ans Fenster, um alles, Zeile fr Zeile, noch einmal durchzusehen. Er fand
manches auszusetzen und murmelte, wenn ihm dies und das nicht zusagte, fast so
doktrinr wie Christine; der Schlu aber von der besonderen Rechtglubigkeit
gefiel ihm und mehr noch die Stelle von der eingebten Unbefangenheit,
eingebt, weil es, sobald man erst unter Anklage stehe, keinen Unschuldsgrad
gbe, da einen gegen Zweifel und gelegentliche Selbstvorwrfe sicherstelle.
    Sein Auge weilte wie gebannt darauf, bis zuletzt die Befriedigung darber
hinschwand und ihn nichts mehr daraus ansah als das Bekenntnis seiner Schuld.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Die schnen Tage, die, seinem Ruf zum Trotz, fast den ganzen November ber
angedauert hatten, schlossen mit dem Monatswechsel ab, und heftige
Nordweststrme setzten ein, nur dann und wann von Regenschauern unterbrochen,
die freilich oft schon nach wenig Stunden einem neuen Nordwester Platz machten.
Dieser Wetterumschlag nderte natrlich auch das Leben im Schlo; alle
Spaziergnge, die sich nicht selten bis Fredensborg und sdlich bis Lillerd
ausgedehnt hatten, hrten auf, und an die Stelle der halb dienstlichen
Vereinigungen in der groen Herluf-Trolle-Halle traten jetzt kleine Reunions,
die sich zwischen hben und drben oder, was dasselbe sagen wollte, zwischen
den beiden Trmen teilten und an einem Abend bei der einen, am andern bei der
anderen der beiden Hofdamen stattfanden. Die Prinzessin hatte dies eigens so
gewnscht, und die Schimmelmann, so steif und zeremoniell sie sonst sein mochte,
war als Wirtin von groer Liebenswrdigkeit, so da ihre Abende mit denen
Ebbas wetteifern durften. Die Zusammensetzung der Gesellschaft war immer
dieselbe: voran der Hofhalt der Prinzessin, dazu das Schleppegrellsche Paar und
die beiden Adjutanten des Knigs, von denen Lundbye sich auf den Hof- und
Lebemann, Westergaard auf den Freisinnigen hin ausspielte, kleine
gesellschaftliche Nuancen, die den Reiz des Verkehrs mit ihnen nur noch
steigerten. Ja, man sah sich tglich, immer nur zwischen dem Links- und
Rechtsturm wechselnd, und wie die Zusammensetzung der Gesellschaft dieselbe war,
so war es auch die Form der Unterhaltung, die sich auf Lustspiele lesen und
Deklamation und, wenn es hoch kam, auf ein Stellen von Bildern beschrnkte. Dann
und wann, schon um Pentz und der Schimmelmann willen, wurde auch eine
Whistpartie beliebt, die dann, nach dem Abendbrot, in ein kleines, sehr
harmloses Hazard berging. Ebba gewann immer, weil sie, wie sie sagte,
Unglck in der Liebe habe. Man war heiter bis zur Ausgelassenheit, und whrend
selbstverstndlich ber das ewige Sturm- und Regenwetter und mehr noch ber die
nicht enden wollende Krankheit der Prinzessin geklagt wurde, gestand man sich
doch gleichzeitig, da man diesem angeblichen Unglck all das Glck verdanke,
dessen man sich erfreute.
    So ging es bis den zweiten Advent; da schlug das Wetter abermals um, und mit
dem scharfen Nordost, der jetzt einsetzte, kam sofort auch bittre Klte, die,
gleich in der ersten Nacht, alle Tmpel und Regenlachen und schon den Tag darauf
auch den kleinen Schlosee mit Eis bedeckte. Dem Schlosee folgte dann der
breite, nach Ost und West hin mit dem Esrom- und Arre-See Verbindung haltende
Parkgraben, und als abermals eine Woche spter die Nachricht kam, da auch die
groen Seen selbst, an ihren Ufern wenigstens, mit starkem Eise belegt seien,
wurde - nachdem Doktor Bie beschworen hatte, da ein Ausflug bei blankem Wetter
genau das sei, was die von Schlo-Malaria, so war sein Ausdruck, herrhrenden
Zustnde der Prinzessin am ehesten beseitigen werde der nchste Tag schon fr
eine Schlitten-beziehungsweise Schlittschuhpartie nach dem Arre-See hin
festgesetzt.
    Und nun war dieser Tag da, sonniger und frischer als alle voraufgegangenen,
und kurz vor zwei traf man sich an der uns wohlbekannten Stelle, wo jetzt die
Strickfhre eingefroren im Eise lag. Die, die sich daselbst zusammenfanden,
waren zunchst die Prinzessin selbst mit Holk und Ebba, dann Schleppegrell und
die beiden Adjutanten. Pentz fehlte, weil er zu alt, die Pastorin, weil sie zu
korpulent war, whrend sich Erichsen und die Schimmelmann dem ziemlich scharfen
Nordost, der ging, nicht aussetzen mochten. Aber auch diese vier hatten auf ein
bestimmtes Ma von Teilnahme nicht verzichten wollen und waren in eine
geschlossene Kutsche gestiegen, um, vorausfahrend, die wetterfestere Hlfte der
Gesellschaft in einem kleinen, dicht an der Einmndung des Parkgrabens in den
Arre-See gelegenen Gasthause zu erwarten.
    Neben der Fhre, die durch voraufgeschickte Dienerschaften in ein Empfangs-
und Unterkunftszelt verwandelt worden war, stand ein eleganter Stuhlschlitten,
und als die Prinzessin darin untergebracht und mit Hlfe von allerhand Pelzwerk
vor Erkltung geschtzt worden war, handelte sich's fr die begleitenden
Schlittschuhlufer nur noch um die Frage, wer die Fhrung bernehmen, und
zweitens, wer mit der Ehre, den Schlitten der Prinzessin ber das Eis
hinzusteuern, betraut werden sollte. Rasch entschied man sich, da
Schleppegrell, als Ortskundigster, den Zug zu fhren, Holk aber den Schlitten
der Prinzessin zu steuern habe, whrend, dicht aufschlieend, das Frulein an
der Hand der beiden Offiziere folgen sollte. Nach dieser Anordnung wurde denn
auch wirklich aufgebrochen, und weil alle sehr geschickte Lufer, auerdem auch
die Kostme gut und kleidsam gewhlt waren, so war es eine Freude, den Zug ber
die glatte Eisflche hinschieen zu sehen. Am imponierendsten wirkte
Schleppegrell, der heute mehr einem heidnischen Wotan als einem christlichen
Apostel glich; sein Mantelkragen bauschte sich ber dem Krempenhut hoch im
Winde, whrend er den Pikenstock, um die Schnelligkeit zu steigern, immer
kraftvoller ins Eis stie. Die Prinzessin war erfreut und sprach es zu Holk auch
aus, ihren Pfadfinder so phantastisch vor sich herfahren zu sehen, aber ihr
Schnheitssinn, der ihr, trotz des ihr fehlenden Sinnes fr Ordnung und Eleganz,
in hohem Mae zu eigen war, wrde doch noch erfreuter gewesen sein, wenn sie,
gelegentlich rckwrts blickend, auch das Bild der ihr folgenden drei htte vor
Augen haben knnen. Ebba, das Kleid geschrzt und in hohen Schlittschuhstiefeln,
trug eine schottische Mtze, deren Bnder im Winde flatterten, und jetzt rechts
dem einen und dann wieder links dem andern ihrer Partner die Hand reichend,
glich ihr Eislauf einer Tanztour, darin sie sich, trotz weitausholender
Seitenbewegungen, in wachsender Raschheit vorwrts bewegte. Der zurckzulegende
Weg war nicht viel krzer als eine Meile, aber ehe noch eine halbe Stunde um
war, wurde man schon des hochgelegenen Gasthauses, daraus ein heller Rauch
aufstieg, ansichtig und dahinter der weiten Flche des Arre-Sees, blinkend und
blitzend, soweit das Eis ging, und dann blulich zitternd, wo der See, noch
eisfrei, dem Meere sich zudehnte.
    Schleppegrell, als er das Ziel vor Augen hatte, schwenkte triumphierend den
Pikenstock, und das ohnehin schon rasche Tempo womglich noch beschleunigend,
war er in krzester Frist bis an das Gasthaus heran, auf dessen vorgebauter
Treppe Pentz und die Schimmelmann und mit ihnen auch die kleine Pastorsfrau
schon standen und die Herankommenden mit Tcherwehen begrten. Nur Erichsen,
eine Schachtel Cachou in Hnden, war, wie sich spter ergab, in der Gaststube
zurckgeblieben. Holk, die eine Hand auf die Rcklehne des Schlittens gelegt,
lpfte mit der andern den Hut, und im nchsten Augenblicke schon hielt er an
einem kleinen Wassersteg, dessen Bretterlage bis zu dem Gasthause hinauf sich
fortsetzte. Pentz, mittlerweile herangekommen, bot der Prinzessin seinen Arm, um
sie, whrend Schleppegrell und die beiden Kapitne folgten, die Dne
hinaufzufhren, und nur Holk und Ebba standen noch an dem Wassersteg und sahen
erst den Voraufgehenden nach und dann einander an. In Holks Blick lag etwas wie
von Eifersucht, und als Ebbas Auge mit einem halb spttischen Ein jeder ist
seines Glckes Schmied darauf zu antworten schien, ergriff er ungestm ihre
Hand und wies nach Westen zu, weit hinaus, wo die Sonne sich neigte. Sie nickte
zustimmend und beinah bermtig, und nun flogen sie, wie wenn die Verwunderung
der Zurckbleibenden ihnen nur noch ein Sporn mehr sei, der Stelle zu, wo sich
der eisblinkende, mit seinen Ufern immer mehr zurcktretende Wasserarm in der
weiten Flche des Arre-Sees verlor. Immer nher rckten sie der Gefahr, und
jetzt schien es in der Tat, als ob beide, quer ber den nur noch wenig hundert
Schritte breiten Eisgrtel hinweg, in den offnen See hinauswollten; ihre Blicke
suchten einander und schienen zu fragen: Soll es so sein? Und die Antwort war
zum mindesten keine Verneinung. Aber im selben Augenblicke, wo sie die durch
eine Reihe kleiner Kiefern als letzte Sicherheitsgrenze bezeichnete Linie
passieren wollten, bog Holk mit rascher Wendung rechts und ri auch Ebba mit
sich herum.
    Hier ist die Grenze, Ebba. Wollen wir drber hinaus? Ebba stie den
Schlittschuh ins Eis und sagte: Wer an zurck denkt, der will zurck. Und ich
bin's zufrieden. Erichsen und die Schimmelmann werden uns ohnehin erwarten - die
Prinzessin vielleicht nicht.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Eine Stunde nach Sonnenuntergang, als, um Pentz zu zitieren, Holk und Ebba von
ihrer Eismeer-Expedition wieder in gesicherte Verhltnisse zurckgekehrt
waren, trat man in einem geschtzten und mit Decken wohlversehenen Char--banc,
der Platz fr alle hatte, den Heimweg nach Frederiksborg an. Unterwegs wurde der
romantischen Eskapade, trotz der Gegenwart der beiden Flchtlinge, mit
sichtlicher Vorliebe gedacht, und der Ton, in dem es geschah, lie keinen
Zweifel darber, da man alles als etwas vergleichsweise Harmloses, als einen
bloen bermutsstreich ansah, zu dem Ebba den armen Holk gedrngt habe, der nun,
wohl oder bel, habe nachgeben mssen. In diesem Sinne sprachen die meisten, und
nur die Prinzessin konnte sich, ganz gegen ihre Gewohnheit, nicht entschlieen,
in den heitren Ton mit einzustimmen, schwieg vielmehr, was, wenn auch sonst
niemandem, so doch den beiden Adjutanten auffiel, die sich bei diesem Schweigen
einiger schon vorher von seiten der Prinzessin gemachter, halb ngstlicher, halb
mibilligender Bemerkungen erinnern mochten. Ebba liebt mit der Gefahr zu
spielen, so hatte das Gesprch drinnen im Gasthause begonnen, und sie darf es
auch, weil sie ein Talent hat, ihren Kopf klug aus der Schlinge zu ziehen. Sie
wird wohl fr alle Flle einen Rettungsgrtel unter der Pelzjacke tragen. Aber
nicht jeder ist so klug und so vorsichtig und am wenigsten unser guter Holk.
Dies alles war am Kaffeetische so halb scherzhaft hingesagt worden, whrend Holk
und Ebba noch drauen waren; aber hinter dem Scherze hatte sich offenbar ein
Ernst versteckt.

Gegen sechs war man im Schlosse zurck, und als man sich gleich darauf von der
Prinzessin, die noch immer die Abende allein zuzubringen liebte, getrennt hatte,
nahm man auch untereinander Abschied, aber allerdings unter dem gleichzeitigen
Zuruf: Auf Wiedersehen heut abend.
    Und in welchem Turm? fragten die beiden Kapitne, die, Dienstes halber,
whrend der letzten Abende in dem kleinen Kreise gefehlt hatten.
    Nun, im Ebba-Turm. Und nicht spter als acht. Wer spter kommt, zahlt
Strafe.
    Welche?
    Das findet sich.
    Und danach ging jeder auf sein Zimmer, nachdem noch Schleppegrell
versprochen hatte, seinen Schwager, Doktor Bie, mitzubringen.
    Die beiden Schleppegrells und Bie, die den weitesten Weg hatten, waren
natrlich die Pnktlichsten und ersten und trafen, weil es inzwischen leise zu
schneien begonnen hatte, von kleinen Flocken berstubt auf dem untern Turmflur
ein, von dem aus eine Wendeltreppe zunchst in Ebbas und dann hher hinauf in
Holks Zimmer fhrte. Was dann im dritten und vierten Stocke noch folgte, darum
hatte sich von allen Turmbewohnern bis dahin niemand gekmmert, nicht einmal
Karin, die sich's, seitdem es kalt geworden, nur noch angelegen sein lie,
mglichst warm zu sitzen, erst um ihret- und zum zweiten um eines jungen
Grtnerburschen willen, mit dem sie, gleich whrend der ersten vierundzwanzig
Stunden ihres Frederiksborger Aufenthalts, ein intimes Verhltnis angeknpft
hatte. Sie war darin beraus erfahren, und Wrme, wie sie wute, kam der Liebe
zustatten. Auch heute wieder hatte sie fr eine rechte Behaglichkeit gesorgt,
und als sich die Hillerder Gste von der auf dem Flur herrschenden Temperatur
angeheimelt fhlten, sagte Doktor Bie, whrend er Karin die Hand patschelte:
Das ist recht, Karin. Ihr schwedischen Mdel, ihr versteht es. Aber wie fngst
du's nur an, es hier auf dem Flur so warm zu haben? Es ist ja, da man sich
gleich hier auf die Treppe setzen und den Abend bei dir zubringen mchte.
    Schleppegrell, der die schiffsrztlichen Verkehrsformen seines Schwagers nur
zu gut kannte, warf diesem einen zu minderer Vertraulichkeit auffordernden Blick
zu, Karin aber, die sich mit jedem und nicht zum wenigsten mit alten
Schiffschirurgen auf einen guten Fu zu stellen liebte, wies auf eine hinter dem
Treppenaufgang gelegene Wandstelle, die gerad in der Mitte zu glhen schien. Und
im Nhertreten sah unser Freund Bie denn auch, da sich hier ein in die Wand
hineingebauter mchtiger Ofen befand, dessen Front natrlich in Karins Zimmer
ging, whrend die schmucklose, nur aus Backsteinen und einer groen Eisenplatte
hergestellte Hinterwand den ganzen Unterflur und mit ihm zugleich das halbe
Treppenhaus heizte. Vorzglich, sagte Bie, vorzglich. Das werd ich bei der
Schloverwaltung anregen und zur Nacheiferung empfehlen. Eiserner Ofen mit
sozusagen Doppelheizung, Flur und Stube zugleich. Drben bei der Schimmelmann,
die freilich keine Karin zur Aushlfe hat, herrscht immer eine grimmige Klte;
man friert Stein und Bein und die Schimmelmann natrlich mit. Und da soll man
dann helfen bei den ewigen Katarrhen, von erfrornen Hnden und roter Nase gar
nicht zu sprechen. Ein Glck, da die Danner nicht hier ist. Die hat freilich
ihren Leibarzt und, nicht zu vergessen, auch mehr natrliche Wrme. Sonst wre
sie nicht die, die sie ist.
    Schleppegrell war mit dem, was sein Schwager an baulichen
Verbesserungsvorschlgen vorbrachte, sichtlich uneinverstanden und sagte,
whrend alle drei jetzt die Treppe hinaufstiegen: Ich bin ganz dagegen, Bie.
La die Trme genauso, wie sie sind.
    Ach, lachte Bie. Du hast wieder historische Bedenken. Ein Turm, in dem
man zweihundert Jahre lang gefroren hat, in dem mu weitergefroren werden. Das
nennt ihr dann Piett, und die Pastoren haben vielleicht noch ein greres Wort
dafr. Ich fr meine Person, ich bin fr warm sitzen.
    Ja, sagte Schleppegrell, das ist das Vorrecht aller Nordpolfahrer. Je
nher dem Nordpol, je mehr Ofenhocker. Und Schloverwaltung, sagst du, da willst
du hingehen und die Neuerung anempfehlen. Nun, ich werde mitgehen, wenn du
gehst, und whrend du den Doppelofen, der noch dazu halb ein eiserner ist,
beantragst, werde ich beantragen, diesen einen aus der Wand herauszureien. Es
ist der grte Leichtsinn. Und berall Tannpfel und kienen Holz und die Dielen
und Verschlge so wurmstichig wie Pfeifenzunder.
    Unter diesen Worten waren sie die Treppe hinauf und traten bei Ebba ein, wo
schon alles in festlicher Vorbereitung war: die Lampen und Lichter brannten, und
der bereits gedeckte Tisch war, so weit es ging, in die tiefe Fensternische
geschoben. Alles gerumig und bersichtlich. Aber ehe zehn Minuten um waren,
herrschte durch den ganzen Raum hin ein summendes Durcheinander, und ein
berblick ermglichte sich erst wieder, als die Mehrzahl an zwei rasch
zurechtgemachten Spieltischen Platz genommen hatte, links die Schimmelmann mit
Pentz und Lundbye, rechts die Pastorin mit Erichsen und Westergaard. Holk und
Bie, die gern mitgespielt und das Whist mit dem Strohmann zu einem richtigen
Whist erhoben htten, muten auf Mitspiel verzichten, weil Schleppegrell, den
man doch nicht allein lassen konnte, grundstzlich keine Karte nahm. Nun war
freilich noch Ebba da; diese hatte sich aber, als Wirtin, jedem einzelnen auf
wenigstens Augenblicke zu widmen, und trotzdem der Tisch vorsorglich im voraus
gedeckt war, gab es doch noch vielerlei zu tun, und die Weisungen an Karin und
den zur Aushlfe mit herangezogenen Grtner nahmen kein Ende.
    Holk und Bie, nachdem sie sich in den Verzicht gefunden, hatten sich
schlielich in eine Ecke zurckgezogen, die dicht neben der Alkovennische durch
einen vorspringenden Mauerpfeiler gebildet wurde. Hier war man denn auch bald in
einer intimen Unterhaltung, die der allzeit wibegierige Holk natrlich nach
Island hinberzuspielen wute.
    Wissen Sie, Doktor Bie, da ich Sie wegen Ihres schiffsrztlichen
Aufenthalts da oben geradezu beneide, nicht wegen Skorbut und der Amputationen,
die ja dabei vorkommen sollen, aber doch wegen des Ethnographischen...
    Bie, nur hherer Feldscher, der das Wort ethnographisch vielleicht noch
nie gehrt, jedenfalls aber ber seine Bedeutung nie nachgedacht hatte, schrak
etwas zusammen und htte so ohne weitres nicht Red und Antwort stehen knnen;
der ganz in Fragelust aufgehende Holk aber sah nichts davon und fuhr fort: Und
wenn uns Island blo ein beliebiges Etwas wre, das uns so eigentlich nichts
anginge, nun, so knnte man mit seinem Interesse zurckhalten; aber die Islnder
sind doch unsre halben Brder und beten jeden Sonntag fr Knig Friedrich
geradeso gut wie wir und vielleicht noch besser. Denn es sind ernste und fromme
Mnner. Und wenn ich dann denke, da man so in den Tag hineinlebt und gerade von
dem nichts wei, von dem man recht eigentlich was wissen mte, dann schme ich
mich und mache mir beinah Vorwrfe. Was wre, wie mir mein alter Pastor Petersen
drben wohl hundert Male versichert hat, was wre beispielsweise die ganze
germanischskandinavische Literatur, wenn wir den Snorre Sturleson, diesen Stolz
der Islnder, nicht gehabt htten? Was wre es mit der Edda und vielem andren?
Nichts wr es damit. Und nun frag ich Sie, Doktor Bie, sind Sie whrend Ihrer
islndischen Tage diesen Dingen als einem Etwas begegnet, das noch jeder kennt
und liebt und singt und sagt, die Frauen und Mdchen in den Spinnstuben und die
Mnner, wenn sie auf den Robbenfang ziehen?
    Schleppegrell, der all diese Fragen mit angehrt hatte, wurde verlegen in
die Seele seines Schwagers hinein, Bie selbst aber hatte sich inzwischen erholt
und sagte mit gutem Humor: Ja, das wei eigentlich alles mein Schwager
Schleppegrell viel besser, der nicht da war; Personen, die nicht da waren,
wissen immer alles am besten. Ich wei von den Islndern blo, da ihre Betten
besser sein knnten, trotzdem sie die Eidergans sozusagen vor der Tr haben. Und
die Federn sind auch wirklich gut, und man liegt auch warm darin, was da oben,
um recht und billig zu sein, doch immer die Hauptsache bleibt. Aber das Linnen,
das ist die schwache Seite. Da die Fden mitunter wie Bindfaden nebeneinander
liegen, nun, das mchte gehen; aber was die Englnder die cleanliness nennen,
damit hapert es. Man merkt zu sehr, da es da mehr Eis als Wasser gibt und da
die Wscherinnen froh sind, wenn sie die Hnde wieder in ihren Pelzhandschuhen
haben. Es ist kein Land der Reinlichkeiten, soviel ist zuzugeben. Aber einen
Lachs gibt es comme il faut. Und dann was das Getrnk angeht! Einige denken blo
immer an Islndisch Moos; nun, das gibt es auch, aber ich kann Ihnen versichern,
Herr Graf, einen besseren Whisky hab ich nirgends in der Welt gefunden, nicht in
Kopenhagen und nicht in London, und nicht einmal in Glasgow, wo doch das Feinste
davon zu Hause ist.
    Das islndische Gesprch setzte sich noch eine Weile fort, und der anfangs
immer nur verlegen dreinschauende Schleppegrell hatte schlielich seine Freude
daran, Holks unausgesetzt auf das Hhere gerichtete Fragen von Bie geschickt
umgangen zu sehen. Ebba, von Zeit zu Zeit hinzutretend, lachte, wenn sie das
Gesprch immer noch auf dem alten Flecke fand, und wandte sich dann rasch wieder
den Spieltischen zu, wo sie mal zu Nutz und Frommen der Frau Pastorin und dann
wieder fr die Schimmelmann die Strohmannkarten aufnahm und auf den Tisch legte,
bis der bestndig in Verlust stehende Pentz dagegen protestierte. Nichts war
Ebba willkommner, und ihre Spieltisch-Gastrolle wieder aufgebend, machte sie
sich bei dem Kamin zu schaffen und schttete Kohlen und Wacholdergezweig auf das
verlschende Feuer, freilich immer nur wenig, weil die vielen Lichter, die
brannten, ohnehin dafr sorgten, da von der drauen herrschenden Klte nichts
fhlbar wurde. Zudem hatte der den Tag ber herrschende Frost, seit den ersten
Flocken, die fielen, erheblich nachgelassen, und nur der Wind war strker
geworden, was man wahrnehmen konnte, wenn die lchelnd und gewandt die Bedienung
machende Karin mit dem einen oder andern Tablett in die Tr trat.
    Nun aber war es zehn, das Spiel beendet, und whrend man, um Platz zu
schaffen, die Spieltische beiseite schob, wurde der nur an drei Seiten gedeckte
Etisch, weil niemand das Kaminfeuer im Rcken haben wollte, quer durch das
Zimmer gestellt. Die Schimmelmann hatte den Ehrenplatz in der Mitte der Tafel,
Holk und Pentz neben ihr; dann kamen, nach rechts und links hin, die vier andern
Herren, whrend die Pastorin und Ebba an den zwei Schmalseiten saen, um von
hier aus den Tisch am besten berblicken und, wenn's not tat, wirtschaftlich
eingreifen zu knnen. Und war schon vorher die Stimmung eine gute gewesen, so
wuchs sie jetzt noch, wozu Doktor Bie durch seine nach den verschiedensten
Seiten hin gelegenen Tafelvorzge das meiste beitrug. Er war nmlich nicht blo
Geschichtenerzhler und Toast-Ausbringer, sondern vor allem auch ausgesprochener
Lachvirtuose, was ihn in den Stand setzte, nicht blo seine eignen, sondern auch
andrer Leute Anekdoten mit wahren Lachsalven unkritischen Beifalls zu begleiten
und dadurch alle mit fortzureien, auch solche, die gar nicht wuten, um was
sich's eigentlich handelte. Selbst die Schimmelmann hatte, zur Genugtuung aller,
ihre ganz unverkennbare Freude daran, was brigens nicht ausschlo, da nach
ihrem Rckzuge, der jedesmal um elf Uhr erfolgte, die Heiterkeit der Tafel eine
noch erhebliche Steigerung erfuhr. Zu dieser Steigerung wirkte freilich auch
noch ein andres mit, und dies andre war der schwedische Punsch, der nicht
regelmig, aber heute wenigstens in einer groen silbernen Bowle aufgetragen
wurde. Jeder war seines Lobes voll, am meisten Bie, der denn auch beim fnften
Glase, bei dem er verhltnismig rasch angelangt war, sich erhob, um unter
gndiger Erlaubnis der Damen einen Toast auszubringen. Ja, einen Toast, meine
Damen. Aber wem soll er gelten? Natrlich unsrer liebenswrdigen Wirtin, in der
unser schwedisches Brudervolk - wie wir ein Meervolk, ein Volk der See -
sozusagen seinen hchsten Ausdruck findet. Aus dem Meere, wie wir alle wissen,
ist die Schnheit geboren, aber aus dem Nordmeer auch der nordische Mut, der
schwedische Mut. Ich war nicht Zeuge von dem, was dieser Nachmittag von einem
solchen echten Nordlandsmut gesehen hat, aber ich habe davon gehrt. Und am
Rande des Todes hinzuschweben, ein Fehltritt, und die Tiefe hat uns fr immer,
das ist des Lebens hchster Reiz. Und dies Leben ist ein Nordlandsleben. Wo das
Eis beginnt, da hat das Herz seine hchste Flamme. Hoch Nordland und hoch seine
schne, seine mutige Tochter!
    Alle Glser klangen zusammen, und die Eskapade nach dem Arre-See, wie sie
schon mehrfach an diesem Tage der Gegenstand scherzhafter Bemerkungen gewesen
war, wurd es aufs neue. Pentz, der weder Holk noch Ebba traute, gefiel sich in
Fortsetzung seiner Spttereien und malte mit Behagen aus, was aus beiden
geworden wre, wenn sich eine Eisscholle, mit einem Tannenbaum darauf, unter
ihnen losgelst und sie aufs hohe Meer hinausgetragen htte. Vielleicht wren
sie dann in Thule gelandet. Oder vielleicht auch nicht und htten auf ihrer
Scholle nichts gehabt als den kleinen Weihnachtsbaum ohne Nu und Marzipan. Und
Holk htte sich dann gettet und sein Herzblut angeboten, unter Anklngen an den
unvermeidlichen Pelikan. In alten Zeiten wren solche Dinge vorgekommen.
    In alten Zeiten, lachte Ebba. Ja, was ist in alten Zeiten nicht alles
vorgekommen! Ich habe nicht die Prtension, mich auf Geschichte hin
auszuspielen, das berla ich andern, und auf alte Geschichte nun schon gewi
nicht; aber man braucht nur ein bichen Trojanischen Krieg zu kennen, um vor den
alten Zeiten und ihrem Mut einen sehr bedeutenden Respekt zu haben, einen noch
bedeutenderen als vor dem skandinavischen Mut, von dem Doktor Bie so schn und
in fr mich persnlich so schmeichelhafter Weise gesprochen hat.
    Westergaard und Lundbye versicherten a tempo, da sich die Zeiten in dem
wichtigsten Punkte, nmlich in dem Heldenmute der Leidenschaft, immer
gleichblieben und da sie sich fr ihre Person dafr verbrgen wollten, die
Liebe schaffe noch dieselben Wunder wie frher.
    Alles teilte sich sofort in zwei Lager, in solche, die derselben Meinung
waren (unter diesen, strahlenden Gesichts, die kleine Frau Pastorin), und in
solche, die rundheraus verneinten. An der Spitze dieser stand natrlich Ebba.
Dieselben Wunder, wiederholte sie. Das ist unmglich, denn diese Wunder sind
Produkte dessen, was der Welt verlorengegangen ist, Produkte groer erhabner
Rcksichtslosigkeiten. Ich whle dies Wort, weil ich das Wort Leidenschaft, das
freilich von andrer Seite schon gefallen ist, gern vermeiden mchte, von
Rcksichtslosigkeiten aber lt sich sprechen, ja, man braucht nicht einmal rot
dabei zu werden. Und nun frage ich Sie, und den Herren Capitanos an der Spitze,
wer unter Ihnen hat Lust, um Helenas willen einen Trojanischen Krieg
anzuzetteln? Wer ttet um Klytmnestras willen Agamemnon?
    Wir, wir. Und Pentz, eine vierzinkige Gabel zckend, setzte sogar hinzu:
Ich bin gisth.
    Alles lachte, Ebba ihrerseits aber fuhr in immer wachsendem bermute fort:
Nein, meine Herren, es bleibt dabei, die Rcksichtslosigkeiten sind aus der
Welt gegangen. Allerdings, soviel ist einzurumen (und es steht bei Ihnen, dies
gegen mich auszunutzen), allerdings finden sich auch im Altertum vereinzelte
Anflle von Schwche. So entsinn ich mich, vor grauen Jahren, denn ich war noch
im Flgelkleide, die Racinesche Phdra gesehen zu haben, mit der berhmten
Rachel in der Titelrolle; - sie kam von Petersburg und nahm unser armes
Stockholm nur so nebenher mit. Nun denn, besagte Phdra liebt ihren Stiefsohn,
also sozusagen einen ganz fremden Menschen, der gar kein Recht hat, die
Blutsfrage zu betonen, und dieser Stiefsohn verweigert sein Ja, lehnt die Liebe
einer schnen Knigin ab. Vielleicht der erste Dcadence-Fall, erstes Vorspuken
des schwchlich Modernen.
    Oh, nicht doch, versicherte Lundbye. Nicht des Modernen. Das Moderne
verurteilt solche Schwche von Grund aus, und Pentz seinerseits setzte hinzu:
Schade, da wir keine Phdra zur Hand haben, um die Streitfrage sofort zum
Austrag zu bringen; man mte denn vielleicht von Skodsborg her... Aber hier
unterbrach er sich, weil er inmitten seiner Rede wahrnahm, da ihn die beiden
Offiziere scharf fixierten, um ihn wissen zu lassen, da er in ihrer Gegenwart
den Namen der Danner, der ihm schon auf der Zunge schwebte, nicht spttisch ins
Gesprch ziehen drfe.
    Gleich danach wurde die Tafel aufgehoben, und alles rstete sich zum
Aufbruch, wobei sich Holk, als einziger Mitbewohner des Ebba-Turmes, wie halb
verpflichtet fhlte, die Gste bis in das als Garderobe dienende Flurzimmer
Karins zu begleiten. Hier blieb er auch, bis alle sich entfernt hatten. Dann
aber gab er Karin die Hand, schlug vor, Fenster und Tr zu ffnen, da sie's mit
dem Ofen zu gut gemeint habe, und stieg rasch wieder die Treppe hinauf.
    Oben in der offnen Tr stand Ebba, die Lichter brannten noch auf dem Tisch,
und es mochte Holk, als er sie so sah, zweifelhaft sein, ob sie, vom
Treppengelnder her, nur auf das Abschiednehmen unten oder aber auf seine
Rckkehr gewartet hatte. Gute Nacht, sagte sie und schien sich, unter einer
scherzhaft feierlichen Verbeugung, von der Schwelle her in ihr Zimmer
zurckziehen zu wollen. Aber Holk ergriff ihre Hand und sagte: Nein, Ebba,
nicht so; Sie mssen mich hren. Und mit eintretend sah er sie verwirrt und
leidenschaftlich an.
    Sie aber entwand sich ihm leicht, und anknpfend an das vor wenig Minuten
erst gefhrte Gesprch, sagte sie: Nun, Holk, in welcher Rolle? Paris oder
gisth? Sie haben gehrt, da sich Pentz dazu gemeldet.
    Und dabei lachte sie.
    Diese Heiterkeit aber steigerte nur seine Verwirrung, an der sie sich eine
Weile weidete, bis sie zuletzt halb mitleidig bemerkte: Holk, Sie sind doch
beinah deutscher als deutsch... Es dauerte zehn Jahre vor Troja. Das scheint Ihr
Ideal.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Eine Stunde war vergangen, als es klopfte. Holk fuhr zusammen. Ebba aber, ihrer
ganzen Natur nach vor dem Lcherlichen eines ngstlichen Versteckspiels mehr als
vor einer Entdeckung erschreckend, schritt rasch auf die Tr zu und ffnete.
    Karin stand da.
    Was bringst du, Karin?
    Nichts Gutes. In meiner Stube qualmt es, und ein wahres Glck, da ein
Stck Ru den Rauchfang herunterkam und mich geweckt hat. Ich habe Tr und
Fenster aufgerissen und Zug gemacht; aber es hilft nicht, es ist, als ob es aus
Wand und Dielen kme.
    Was wird es sein? sagte Ebba, die zunchst nur annahm, es sei Neugier, was
Karin heraufgefhrt habe. Der Wind drckt auf den Schornstein. Ich werde
nachsehen, will aber erst ein Tuch umnehmen und Licht machen; du hast dich ja so
im Dunkeln heraufgetappt. Und damit trat sie wieder zurck und lie die Tr ins
Schlo fallen. Aber keine halbe Minute, so war sie wieder da, ein Licht in der
Hand, und leuchtete vorauf, whrend Karin folgte. Diese hatte nicht zuviel
gesagt, Qualm und Rauch erfllten schon das Treppenhaus, und ehe beide noch halb
hinab waren, ward ihnen das Atmen schon fast unmglich. Rasch durch, sagte
Karin und strzte sich ber den Flur fort, aus dessen Dielen schon kleine
Flammen aufschlugen, auf den glcklicherweise nicht verschlossenen Treingang
zu. Und gleich danach klang es Feuer ber den Schlohof hin. Ebba wollte nach
und wie Karin ihr Heil in der Flucht suchen. Aber im nchsten Augenblicke
gedachte sie Holks, und schnell entschlossen, ihn nicht im Stiche zu lassen,
eilte sie wieder treppauf und in ihr Zimmer zurck. Umsonst, er war nicht mehr
da. Der Tor, er will meinen Ruf retten, oder vielleicht auch seinen, und bringt
sich um und mich mit. Und whrend sie so sprach, stieg sie raschen Trittes die
zweite Treppe hinauf, um ihn in seinem eigenen Zimmer aufzusuchen. Da stand er
an der Trschwelle. Vom Hof her hrte man fortgesetzt Karins Feuerruf, in den
jetzt auch andere Stimmen einstimmten. Rasch, Holk, oder wir sind des Todes.
Karin hat sich gerettet. Versuchen wir's auch. Und ohne ein Ja oder Nein
abzuwarten, fate sie seinen Arm und ri ihn mit sich fort, die beiden Treppen
wieder hinunter. Aber so schnell dies alles ging, das Unheil unten war noch
schneller gegangen, und was vor einer Minute oder zwei noch mglich gewesen
wre, war es jetzt nicht mehr. Wir sind verloren, und Ebba schien auf der
Treppe zusammenbrechen zu wollen. Aber Holk umfate die halb bewutlos
Gewordene, und mit all der Kraft, wie sie die Verzweiflung gibt, trug er sie
jetzt die Wendeltreppe wieder hinauf, von Stockwerk zu Stockwerk, bis er zu
letzt mit ihr unter dem von Balken und Latten durchzogenen Turmdache stand. Eine
offene Luke gab gerade Licht genug, um sich in dem wirren Durcheinander mhsam
zurechtzufinden, und zwischen dem Geblk hin auf die Lichtffnung zusteuernd,
trat er jetzt, Ebba nach sich ziehend, ins Freie hinaus. Hier waren sie fr den
Augenblick gerettet, und htte das beinahe senkrecht ansteigende Schlodach eine
nur etwas strkere Schrgung gehabt, so htte diese vorlufige Rettung die
Rettung berhaupt bedeutet; aber bei der Steile des Schlodaches, die keine
rechte Bewegung an ihm entlang gestattete, war mit dem allen doch nur wenig
gewonnen, etwa den Blitzableiter abgerechnet, an dem man sich halten, und eine
starke Dachrinne, gegen die sie die Fe stemmen konnten. Auch das war ein
Glck, da der Wind, der ging, den Qualm nach der entgegengesetzten Seite trieb.
    Ja, das alles war ein Glck, aber doch immer nur eine Frist. Was half es
ihnen, wenn sie von unten her nicht bemerkt wurden oder wenn der Wind herumging
und das Dach, an das sie sich jetzt lehnten, in Flammen setzte.
    Willst du's wagen, sagte Holk und wies auf den Blitzableiter, an dem es
bei der ntigen Entschlossenheit immer noch mglich gewesen wre sich
herabzulassen. Aber Ebba, deren Kraft hin war, schttelte nur den Kopf. Dann
la uns sehen, da wir das Dach entlang bis an die nchste Mansarde kommen, da
wollen wir einsteigen, und sich vorsichtig zurcklehnend, schoben sie sich, an
der steilen Schrgung hin, langsam vorwrts, die Fe gegen die Dachrinne
gestemmt. Es waren keine zehn Schritte, und alles lie sich gut an; aber ehe sie
noch den halben Weg bis an die Mansarde gemacht hatten, sagte Ebba: Es geht
nicht, ich bin gelhmt. Holk wollte rufen und mit einem Tuche wehen, nahm aber
bald wahr, da es nutzlos sein werde, weil er um Sicherheits willen in einer
zurckgelehnten Stellung, die jedes Gesehenwerden vom Schlohof ausschlo,
verbleiben mute. So stand denn alle Hoffnung bei Karin, von der sich annehmen
lie, da sie nicht blo persnlich nach ihnen aussehen, sondern auch anderer
Blicke nach dem Turmdach hinauflenken wrde. Und wirklich, so geschah es, und so
kam ihnen zuletzt auch die Rettung aus ihrer furchtbaren Lage. Schon eine
Viertelstunde mochte vergangen sein, als sie wahrnahmen, da etliche Personen um
die Seespitze herumgegangen waren, und fast im selben Augenblicke hrten sie
auch schon Zurufe von der einen besseren berblick gewhrenden Hillerder
Uferseite her, Zurufe, deren Worte sie freilich nicht verstanden, deren
freudiger Ton aber keinen Zweifel lie, da man nun sicher sei, sie aus der
Gefahr befreien zu knnen. Und nicht lange mehr, so hrten sie hinter sich auch
schon ein Schlagen wie von Hmmern und xten, und gleich danach wurden allerlei
Kpfe sichtbar, die durch die gewonnene Dachffnung hindurch nach ihnen
ausschauten. Freilich man hatte die rechte Stelle verfehlt, aber das war leicht
ausgeglichen, und nur eine kleine Weile noch, so streckten sich ihnen starke
Arme von innen her entgegen und zogen erst Ebba und dann Holk auf den
Schloboden hinauf, von wo aus man beide wie im Triumph erst die Treppen
hinunter und dann auf den Schlohof trug. Der erste, der ihnen hier
entgegentrat, war der Knig.
    Erst um Mitternacht, eine Stunde vor Ausbruch des Feuers, von Skodsborg nach
Frederiksborg zurckgekehrt, war er doch der gewesen, der, allen anderen vorauf,
die Rettungsarbeiten geleitet und sich an Bergung seiner geliebten
Altertumsschtze glcklicher und erfolgreicher als irgend sonst wer beteiligt
hatte. Was gerettet worden, war persnlich sein Werk. Die beiden Adjutanten
waren ihm zur Seite.
    Sieh da, Holk, sagte der Knig, als er des Grafen gewahr wurde. Und als
Ritter seiner Dame. Ich werde drben in Skodsborg ein Rhmens davon machen. Und
in die leicht hingeworfenen Worte mischte sich, trotz des Ernstes der Situation,
ein Anflug von Spott.
    Westergaard und Lundbye mhten sich um Ebba. Wo ist die Prinzessin? fragte
diese.
    Auf dem Bahnhofe, war die Antwort; man will einen Extrazug fr sie
einstellen. Der Boden brennt ihr hier unter den Fen.
    Es war ein ganz unbeabsichtigtes Wortspiel, und niemand nahm es als solches.
Nur Ebba, die selbst in diesem Augenblicke noch auf zugespitzte Worte gestellt
blieb, hrte heraus, was gar nicht hineingelegt war, und sagte: Ja, der Boden
unter den Fen! Die Prinzessin darf es kaum sagen... aber Holk und ich.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Ebba, voll Verlangen, den Extrazug mit zu benutzen, wollte nach dem Bahnhof;
aber ihr Schwchezustand war doch so gro, da sowohl Holk wie die beiden jungen
Adjutanten in sie drangen, davon Abstand zu nehmen. Sie willigte denn auch ein
und lie sich nach dem vom Feuer verschont gebliebenen linken Flgel des
Schlosses hinberfhren. In diesem befand sich die vorlufig als
Unterkunftssttte dienende Schlokirche, deren Altarlichter brannten, whrend um
den Altar selbst herum die Frauen und Kinder der Beamten und
Schlodienerschaften saen oder lagerten, die Kinder mit allerlei Gewndern
zugedeckt, darunter auch Megewnder noch aus der katholischen Zeit her, die man
aus der Sakristei herbeigeholt hatte. Fr Ebba war nichts mehr da; nur ein paar
Kissen fanden sich, um sie wenigstens gegen die bittere Klte des Fubodens zu
schtzen. Aber es war zuwenig, und als Holk in dem kleinen angrenzenden
Kastellanshause vergeblich nach etwas Besserem gesucht hatte, schlug er der
immer heftiger frstelnden Ebba vor, den Weg nach dem Bahnhofe hin, von dem man
vorher ihrer Erschpfung halber Abstand genommen hatte, doch lieber wagen zu
wollen. Ein alter Schlodiener war auch bereit, den nchsten Weg zu zeigen, und
so brach man denn auf und hrte die Bahnhofsuhr eben sechs schlagen, als man
ankam. Die Prinzessin war schon seit lnger als einer Stunde fort, und der
nchste von Helsingr her erwartete Zug kam erst in dreiig Minuten. Auf dem
Bahnhofe selbst lief alles durcheinander, und das kleine Wartezimmer bot keinen
Platz mehr, war vielmehr berfllt von Hillerdern, alten und jungen, die
smtlich nach Kopenhagen hinein wollten, um ber alle vorgekommene Schrecknisse,
deren sensationellste glcklicherweise meist erfunden waren, so schnell wie
mglich berichten zu knnen. In dem einen Turme, so hie es mit aller
Bestimmtheit, seien alle verbrannt, drei Personen vom Hofstaat und auerdem ein
Grtner. Ebba, die sich nur mhsam aufrecht hielt, hrte das alles, und ihre
Lage wre kaum besser gewesen als vorher in der kalten Kirche, wenn nicht einer
der Stationsbeamten ein Einsehen gehabt und das fr den kniglichen Hof
bestimmte Separatzimmer fr Holk und Ebba geffnet htte. Hier war es nicht blo
warm und gerumig, hier fand man auch Pentz und Erichsen, die zurckgeblieben
waren, um ber die Schicksale der Verlorengeglaubten an die Prinzessin berichten
zu knnen. So war es von dieser ganz zuletzt noch angeordnet worden, als sie mit
der Schimmelmann schon das Coup bestiegen hatte. Die Begrung Holks und Ebbas
von seiten der beiden Kammerherren war, da man nicht ohne Sorge gewesen,
aufrichtig herzlich; aber diese Herzlichkeit wurde doch sehr bertroffen, als
gleich danach Karin hereinstrzte, die bis dahin zusammengekauert in einer Ecke
des daneben befindlichen Wartezimmers gesessen hatte. La doch, Kind,
versuchte Ebba zu scherzen. Was war es denn gro? Erst etwas zu hei und dann
etwas zu kalt. Aber Karin, so gerne sie sonst lachte, wollte diesmal von einem
Eingehen auf Ebbas scherzhaften Ton nichts wissen und hrte nicht auf, unter
Schluchzen und Weinen ihrer Herrin die Hnde zu kssen. Von Pentz' Seite, wie
sich denken lt, wurden allerlei Fragen gestellt, aber ehe Holk, an den sie
sich vorzugsweise richteten, darauf antworten konnte, hrte man aus der Ferne
schon den Pfiff der Lokomotive, ein Zeichen, da der erwartete Helsingrer Zug
herankme. Noch eine Minute, so hielt er, und trotzdem Wagenmangel war, gelang
es doch, fr Ebba ein besonderes Coup zu finden, worein sie gebettet und mit
Plaids und Mnteln zugedeckt wurde. Karin setzte sich zu ihr, whrend die drei
Herren in ein Nachbarcoup stiegen.

Um acht hielt man auf dem Kopenhagener Bahnhofe, Wagen wurden heranbeordert, und
als diese da waren, fuhr Pentz mit Ebba und Karin ins Palais der Prinzessin,
whrend sich Erichsen und Holk in ihre Privatwohnungen begaben. Holk klopfte.
Die schne Frau Brigitte stand vor ihm und sagte: Gott sei Dank, Herr Graf, da
Sie wieder da sind. Aber etwas von Enttuschung mischte sich doch sichtlich mit
ein, was auch kaum anders sein konnte, denn gerchtweise war gleich nach
Eintreffen des Extrazuges von dem schrecklichen Ende des Grafen Holk und des
Fruleins von Rosenberg gesprochen worden, eine Sensationsgeschichte, wie sie
sich Mutter und Tochter nicht schner wnschen konnten. Und nun war der Graf
doch am Leben und das Frulein vielleicht auch oder wohl eigentlich ganz gewi.
Es war doch auf nichts Verla mehr, und gerade immer das Interessanteste
versagte. Brigitte bezwang sich aber und wiederholte: Gott sei Dank, Herr Graf.
Wie wir in Angst um Sie gewesen sind... Und um das schne schwedische
Frulein...
    Und bei diesen Worten lie sie kein Auge von Holk, denn ihr nach einer
bestimmten Seite hin geradezu phnomenal ausgebildetes Ahnungsvermgen lie sie
das gesamte Geschehnis, besonders aber das Intime darin, mit einer Deutlichkeit
erkennen, als ob sie dabeigewesen wre.
    Ja, meine schne Frau Brigitte, sagte Holk, der entweder wirklich nur
heraushrte, was wie Teilnahme klang, oder es heraushren wollte, ja, meine
schne Frau Hansen, das waren bse Stunden, wie man sie seinem Todfeinde nicht
gnnen mag, am wenigsten aber sich selber und...
    ... einer so schnen Dame.
    Nun ja, wenn Sie wollen. Das Frulein ist aber nicht so schn, wie Sie
immer annehmen, und jedenfalls lange nicht so schn wie andere, die ich nicht
nennen will. Aber davon sprechen wir ein andermal und entscheiden dann die
Frage. Jetzt bin ich todmde, liebe Frau Hansen, und will den Schlaf nachholen,
den ich versumt habe. Bitte, weisen Sie jeden ab, auch Baron Pentz, wenn er
nachfrgt. Aber um zwlf bitt ich zu klopfen. Und dann bald das Frhstck.

Holk schlief fest, und erst als er das Klopfen hrte, stand er auf, um in aller
Eile seine Morgentoilette zu machen. Er war noch wie unter einem Druck, so da
alles Geschehene halb schemenhaft an ihm vorberzog, und erst als er an das
Fenster trat und auf die Strae hinunterblickte, kam ihm das Zurckliegende
wieder zu klarem Bewutsein. Und jetzt erschien auch Brigitte mit dem Frhstck
und wartete, da Holk ein Gesprch beginnen solle, zu welchem Zwecke sie das
Teegeschirr nicht nur sehr langsam aufbaute, sondern sich, was sie sonst nicht
leicht tat, sogar zu direkten Fragen bequemte. Holk aber blieb diesmal
unzugnglich, antwortete nur ganz kurz und gab berhaupt durch seine ganze
Haltung zu verstehen, da er es vorziehen wrde, allein zu sein, was alles die
schne Frau Hansen nicht nur aufs uerste verwunderte, sondern ihre Gefhle fr
das schwedische Frulein, das natrlich daran schuld sein mute, noch tiefer
herabstimmte. Nichts davon entging Holk; weil er aber schon aus Klugheit die
schne Brigitte nicht in schlechte Laune bringen mochte, so bat er sie, seine
Zerstreutheit entschuldigen zu wollen und zu bedenken, da er noch ganz unter
dem Eindrucke all des Schrecklichen sei, was er erlebt habe.
    Ja, sagte die Hansen, schrecklich; es mu wirklich schrecklich gewesen
sein, und dazu die Verantwortung und helfen sollen und nicht knnen. Und so vor
aller Augen und vielleicht in einem ganz leichten Kleide... wenn es ein Kleid
war.
    Sie sagte das alles mit dem ernstesten Gesichtsausdruck und in einem so
glcklichen Rhrtone, da Holk, als sie das Zimmer verlie, doch wieder in
Zweifel war, ob er es durchaus fr Bosheit und perfide Komdie halten msse.
Vielleicht mischte sich doch auch was von wirklicher Teilnahme mit ein; es heit
ja, Personen der Art seien immer gutmtig. Gleichviel indes, er war nicht in der
Lage, dem nachzuhngen, und kaum da er wieder allein war, so war er auch schon
wieder unter dem Ansturm all der Bilder und Vorstellungen, die das Erscheinen
Brigittens nur unterbrochen hatte. Noch war kein voller Tag um, da man die
Partie nach dem kleinen Gasthaus am Arre-See hin unternommen, und was war
seitdem alles geschehen! Erst die Schlittschuhfahrt mit Ebba ganz dicht an dem
abgebrckelten und durchlcherten Eise hin und danach die Heimfahrt und die
kleinen Neckereien und dann Ebbas bermut bei Tisch... und dann, wie Karin kam
und die Flammen aus Wand und Diele schlugen und wie sie zuletzt hinaustraten auf
das Schlodach, unter sich Tod und Verderben, und wie dieses Hinaustreten ihnen
doch die Rettung bedeutet hatte.
    Ja, die Rettung, sprach er vor sich hin. Alles hngt an einem Haar; so
war es diesmal, und so ist es immer. Was hat uns gerettet? Da wir gleich am
ersten Tage, an den Teichen und Pavillons vorber, einen Spaziergang bis an die
Parkfhre machten und da an demselben Tage die Sonne schien und da mein Blick
auf das hellerleuchtete Schlo fiel und da ich, weil alles so hell und klar
dalag, in aller Deutlichkeit sehen konnte, wie das Fuende des Turmdaches mit
dem Fuende des Schlodaches zusammenlief. Ja, das hat uns gerettet. Ein Zufall,
wenn es einen Zufall gibt. Aber es gibt keinen Zufall, es hat so sein sollen,
eine hhere Hand hat es so gefgt. Und daran mu ich mich aufrichten, und daran
hab ich auch eine Anlehne fr das, was ich noch vorhabe. Wenn wir in Not und
Zweifel gestellt werden, da warten wir auf ein Zeichen, um ihm zu entnehmen, was
das Rechte sei. Und solch Zeichen habe ich nun darin, da eine hhere Hand uns
aus der Gefahr hinausfhrte. Wre der Weg, den mein Herz all diese Zeit ging,
ein falscher gewesen, so htte mich die Strafe getroffen, mich und Ebba, und wir
wren ohnmchtig zusammengesunken und erstickt und htten uns nicht in die Luft
und Freiheit hinaus gerettet. Und Christine selbst, wenn ich ihre letzten Zeilen
richtig verstanden habe, Christine selbst hat ein Gefhl davon, da es so das
beste sei. Die guten Tage sollen nicht vergessen sein, nein, nein, und eine
dankbare Erinnerung soll der Trennung alles Bittere nehmen; aber die Trennung
selbst ist ntig, und ich darf wohl hinzusetzen, ist Pflicht, weil wir uns
innerlich fremd geworden sind. Ach, all diese Herbheiten. Ich sehne mich nach
einem anderen Leben, nach Tagen, die nicht mit Trakttchen anfangen und ebenso
aufhren; ich will kein Harmonium im Hause, sondern Harmonie, heitere
bereinstimmung der Seelen, Luft, Licht, Freiheit. Das alles will ich und hab es
gewollt vom ersten Tage an, da ich hier bin. Und ich habe nun ein Zeichen, da
ich es darf.
    Er brach ab, aber nur auf Augenblicke, dann war er wieder am alten Fleck. In
einem Kreise drehten sich all seine Vorstellungen, und das Ziel blieb dasselbe:
Beschwichtigung einer inneren Stimme, die nicht schweigen wollte. Denn whrend
er sich alles bewiesen zu haben glaubte, war er doch im letzten Winkel seines
Herzens von der Nichtstichhaltigkeit seiner Beweise durchdrungen, und wenn er
sich auerhalb seiner selbst htte stellen und seinem eigenen Gesprche zuhren
knnen, so wrde er bemerkt haben, da er in allem, was er sich vorredete, zwei
Worte geflissentlich vermied: Gott und Himmel. Er rief beide nicht an, weil er
unklar, aber doch ganz bestimmt herausfhlte, da er im Dienst einer schlechten
Sache focht und nicht wagen drfe, den Namen seines Gottes mibruchlich ins
Spiel zu ziehen. Ja, das alles wrde er gesehen haben, wenn er sich wie ein
Drauenstehender htte beobachten knnen; aber das war ihm nicht gegeben, und so
schwamm er denn im Strome falscher Beweisfhrungen dahin, Trumen nachhngend
und sein Gewissen einlullend, und schrieb sich ein gutes Zeugnis nach dem
anderen. Warum auch nicht? Es lie sich ja, das durft er sich sagen, so gut mit
ihm leben, man mut es nur verstehen; aber Christine verstand es nicht und wollt
es auch nicht verstehen, ja, er war ein Opfer ihrer christlichen Redensarten,
das stand ihm fest oder sollt ihm wenigstens feststehen, und immer mehr von dem
Verlangen erfllt, seine gute, seine gerechte Sache so rasch wie mglich zum
Schlu zu bringen, verlor er zuletzt alles Urteil und jede ruhige berlegung. Er
wollte zu Ebba, diese Stunde noch, und dann wollt er mit ihr vor die Prinzessin
treten und alles bekennen und erst ihre Verzeihung und dann ihre Zustimmung
anrufen. Und ihr auch sagen, da Christine selbst bereits in diesem Sinne
geschrieben oder wenigstens Andeutungen gemacht habe. Von einem Widerstande
drben in Holkens knne keine Rede sein, die Trennung sei so gut wie da, nur
noch eine Formalitt, und er bte sie, den Schritt, den er vorhabe, gutheien
und sein Verhltnis zu Ebba als eine vorlufige Verlobung ansehen zu wollen.
    Er fhlte sich wie erleichtert, als dieser Plan in ihm feststand; Ebba
sollte diese Stunde noch davon hren; er sah kein Hindernis oder bersprang
jedes in seinen Gedanken.
    Es schlug zwei vom Rathausturm, als er sich nach dem Palais auf den Weg
machte. Zwei-, dreimal sah er sich aufgehalten, weil ihm Bekannte begegneten,
die von der Gefahr, der er wie durch ein Wunder entronnen sei, gehrt hatten;
Holk stand ihnen auch Rede, brach aber jedesmal rasch ab, sich mit Dienst bei
der Prinzessin entschuldigend.
    Ebba wohnte im Palais selbst, ber den Zimmern der Prinzessin. Holk zog die
Glocke; niemand kam. Endlich erschien Karin. Aber was sie sagte, konnte Holk in
seiner gegenwrtigen Stimmung, in der alles nach raschem Abschlu drngte, wenig
befriedigen. Er hrte nur, da das Frulein, nach mehrstndigem Fieber, eben
eingeschlafen sei und nicht geweckt werden drfe. So werd ich wieder anfragen.
Und vergessen Sie nicht, Karin, dem Frulein zu sagen, da ich da war und
nachfragen wollte. Karin versprach alles und lchelte. Sie hatte keine
Vorstellung von dem, was in Holks Seele vorging, und sah nichts anderes in ihm
als den strmischen Liebhaber, der nach neuen Zrtlichkeiten drstete.
    Holk stieg die Treppe langsam hinab, und erst als er den langen Gang
passierte, daran die Zimmer der Prinzessin gelegen waren, entsann er sich,
alles, was das pflichtmig Nchstliegende fr ihn gewesen wre, versumt zu
haben. Aber war es das Nchstliegende? Fr ihn gewi nicht. Fr ihn war der
Gesundheitszustand der Prinzessin in seiner gegenwrtigen Stimmung so gut wie
gleichgltig, fr ihn war sie nur noch dazu da, den Segen zu spenden und ihn und
Ebba glcklich zu machen. Und mit einem Male (denn da Ebba dieselben Gedanken
habe, stand ihm fest) kam ihm das Verlangen, sich schon heute Gewiheit ber das
Ja der Prinzessin verschaffen zu wollen. Und so trat er in eins der Vorzimmer
und erfuhr hier von der diensthabenden Kammerfrau, da Knigliche Hoheit das
Bett hte. Neue Verstimmung. Wenn die Prinzessin das Bett htete, so konnte von
Entscheidung, was ihm gleichbedeutend mit Gutheiung war, natrlich keine Rede
sein. Wie lstig; nichts ging nach Wunsch. Pentz und Erichsen waren im
Nebenzimmer, aber er mochte sie nicht sehen und brach rasch auf, um erst einen
Spaziergang nach der Zitadelle zu machen und schlielich eine Stunde lang in der
Ostergaade zu flanieren. Um fnf war er wieder im Palais oben und fragte zum
zweiten Male nach Ebba. Der Doktor sei dagewesen, hie es, und habe zweierlei
verordnet: eine Medizin und eine Pflegerin fr die Nacht. Denn das Frulein
fiebere wieder stark, und sei nicht zu verwundern nach solcher Gefahr und nach
allem... Die letzten Worte setzte Karin nur halblaut und wie von ungefhr
hinzu, weil sie sich nicht versagen mochte, Holk ihre Gedanken erraten zu
lassen.

Holk sah seine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Er hatte gehofft, in einer
einzigen Stunde sein Schicksal entschieden zu sehen, und nun Hindernis ber
Hindernis. Ebba krank, die Prinzessin krank. Ebbas war er in seinem Gemte
sicher, Ebba also - das mochte gehen; aber die Prinzessin! Er wute nicht, wie
die Stunden, Stunden, aus denen Tage werden konnten, hinzubringen seien, und
wenn er dann im Fluge durchnahm, was in dem lebenslustigen und
zerstreuungsreichen Kopenhagen als Zeitvertreib zu gelten pflegte, so erschrak
er, wie sehr ihm alle diese Dinge widerstanden. Alhambra und Tivoli, Harlekin
und Colombine, Thorwaldsen-Museum und Klampenborg, alles, die schne Frau
Brigitte mit eingerechnet, hatte gleichmig seinen Reiz fr ihn verloren, und
wenn er gar an Pentz dachte, befiel ihn ein Grauen. Das war das letzte, was er
aushalten konnte; lieber wollte er die Nichtigkeiten Erichsens und die
Steifheiten der Schimmelmann ertragen als die Pentzschen Bonmots und Wortspiele.
    Die Nacht verging ihm unter Kopfdruck und wenig Schlaf, woran Erkltung und
Aufregung gleichen Anteil haben mochten, und er war froh, als die Morgensonne
drben die Dcher rtete. Das Frhstck kam und die Zeitungen und mit den
Zeitungen ausfhrliche Schilderungen ber den Frederiksborger Schlobrand. Er
las alles, erheiterte sich und verga beinahe, was ihn qulte, wenigstens
solange die Lektre dauerte. Die wirklichen Hergnge waren sehr zu seinen
Gunsten ausgeschmckt; er habe sich, so hie es in zwei fast gleichlautenden
Berichten, an dem Blitzableiter herablassen wollen, um dann, unten angekommen,
Hlfe fr das unglckliche Frulein herbeizuschaffen; als er aber in die
Feuerregion des brennenden Turmes gekommen sei, habe sich ein weiteres
Hinabgleiten an der nach unten zu schon halb glhend gewordenen Eisenstange
verboten, und er sei wieder mit ebensoviel Mut und Kraft wie Geschicklichkeit
hinaufgeklettert. Er las dies und sagte sich, da er nach dem allen notwendig
der Held des Tages sein msse. Der Held! Und wie wenig heldisch war ihm zumute.
Er fhlte, da seine Nerven zu versagen drohten und da er in Krankheit oder
geistige Strung fallen wrde, wenn es ihm nicht gelnge, das, was er gestern
vergeblich in die rechten Wege zu leiten gesucht hatte, noch heute zum Abschlu
zu bringen. Da Ebba wieder gesund sein werde, war nicht anzunehmen; aber doch
die Prinzessin, was auch eigentlich wichtiger war. Alles, was sie seit
vorgestern durchzumachen gehabt hatte, war doch nur etwas vergleichsweise
Geringes gewesen, und wenn sie, wie sehr wahrscheinlich, wieder auer Bett war,
so mute sie ihn hren und ber ihn entscheiden. Und ber mich entscheiden, das
heit mein Glck besiegeln, denn sie ist gtig und in ihren Anschauungen
unbeengt.
    Ja, so sollte es sein, und um zehn Uhr war er auch schon wieder im Palais,
wo er zu seiner unendlichen Freude vernahm, da die Prinzessin eine leidlich
gute Nacht gehabt habe. Durch eben dieselbe Kammerfrau, mit der er schon gestern
gesprochen, lie er anfragen, ob Knigliche Hoheit seine Gegenwart zu befehlen
geruhe. Und gleich danach trat er bei ihr ein, denn sie hatte ihn wissen lassen,
sie wnsche dringend, ihn zu sprechen.
    Das Zimmer war dasselbe, darin er, gleich am Tage nach seiner Ankunft, seine
erste Audienz bei der Prinzessin gehabt hatte. Da hing noch das groe Bild Knig
Christians VIII. und gerade gegenber das des verstorbenen Landgrafen, der Flor
um den Rahmen noch grauer und verstaubter als damals. Auf dem Sofa, unter dem
Bilde des Knigs, sa die alte Dame, verfallen und zusammengeduckt, von
Prinzessin nicht viel und von Esprit fort keine Spur. Es war ersichtlich, da
sie - wenn auch von ihrer eigentlichen Krankheit so gut wie genesen - den
Schreck und die Aufregung der letzten Frederiksborger Stunden noch keineswegs
berwunden hatte. Jede Spannkraft fehlte, das Auge war matt und mde.
    Das war eine schlimme Nacht, lieber Holk. Sie sehen mich noch unter der
Nachwirkung von dem allen. Und doch, was bedeutet es neben dem, was Sie
durchzumachen hatten. Und Ebba mit Ihnen. Ein Wunder, da Sie gerettet wurden,
wie man mir brigens erzhlt hat, durch Ihre Geistesgegenwart. Ich habe Sie
sehen und Ihnen bei der Gelegenheit aussprechen wollen, wie gro meine
Dankbarkeit ist. Solche Dinge bleiben unvergessen. Und nun gar erst von seiten
Ebbas selbst. Sie kann Ihnen dies nie vergessen und wird sich Ihnen, dessen bin
ich sicher, durchs Leben hin verbunden fhlen.
    Es waren dies Worte, die, nach ihrem Inhalte, fr Holk und alles das, was
schon auf seiner Lippe zitterte, nicht glcklicher gewhlt sein konnten, und
einen Augenblick stand er auch wirklich auf dem Punkte, an die Prinzessin
heranzutreten und unter Wiederholung und Ausdeutung ihrer eigenen Worte sein
Herz vor ihr auszuschtten und seine Plne sie wissen zu lassen. Aber sosehr der
Inhalt der Worte dazu auffordern mochte, nicht die Haltung der Prinzessin, nicht
der Ton, in dem ihre Worte gesprochen waren. Alles klang beinahe leblos, und
Holk, so stark seine Seele nach Gewiheit und Abschlu drngte, fhlte doch
deutlich, da dies nicht der denkbar beste, sondern umgekehrt eher der denkbar
schlechteste Moment fr sein Gestndnis sein wrde. Von der freigeistigen
Prinzessin, die sonst ein Herz oder doch mindestens ein Interesse fr Eskapaden
und Mesalliancen, fr Ehescheidungen und Ehekmpfe hatte, war in der alten Dame,
die da vollkommen greisenhaft unter dem feierlichen Knigsbilde sa, auch nicht
das geringste mehr wahrzunehmen, und was statt dessen aus ihrem eingefallenen
Gesicht herauszulesen war, das predigte nur das eine, da bei Lebenskhnheiten
und Extravaganzen in der Regel nicht viel herauskomme und da Worthalten und
Gesetzerfllen das allein Empfehlenswerte, vor allem aber eine richtige Ehe
(nicht eine gewaltsame) der einzig sichere Hafen sei. Holk htte die Schrift
gern anders entziffert, es war aber nicht mglich und verbot sich in so hohem
Grade, da er, statt irgendwelche Confessions zu machen, sich darauf
beschrnkte, die Prinzessin um einen mehrtgigen Urlaub anzugehen. Ein klarer
Plan stand ihm dabei keineswegs vor der Seele, so wenig, da er auf eine
diesbezgliche Frage nicht Antwort gewut htte; die Prinzessin aber, von Anfang
an nur von dem Verlangen erfllt, sich baldmglichst wieder in ihr Cabinet
zurckziehen zu knnen, verzichtete gern auf neugierige Fragen und gewhrte
huldvoll, um was sie gebeten war.
    Und nun noch ein gndiges Kopfnicken, und die Audienz, wenn man ihr diesen
Namen geben durfte, war zu Ende.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Als Holk um Urlaub gebeten, hatte nur das eine fr ihn festgestanden, da etwas
geschehen msse. Nun war er beurlaubt, und im selben Augenblicke war auch die
Frage da: was soll nun geschehen? Aussprache mit Ebba, sosehr er ihrer
bereinstimmung sicher war, Verabredungen mit ihr fr die Zukunft - das wre das
Natrlichste gewesen; aber Ebba war krank, und was Karin, wenn er vorsprach,
antwortete, blieb dasselbe: das Frulein drfe niemanden sprechen. So ging er
denn einer wahren Prfungszeit entgegen, Tagen, in denen er nichts zu tun als zu
warten hatte. Und das war ihm in seiner Seelenstimmung das Schwerste. Zuletzt
ergab er sich darin und beschlo, sich einzuschlieen, niemanden zu sehen,
Zeitungen zu lesen, Briefe zu schreiben. Aber an wen? Er sah bald, da er an
niemanden schreiben knne. Petersen, Arne, die Kinder - alles verbot sich. Noch
mehr die Dobschtz. Blieb nur noch Christine selbst. Er stand von dem
Schreibtisch auf, an dem er eine Weile grbelnd gesessen, und schritt auf und
ab. Christine. Ja, das wre das beste. Sie mu es schlielich doch wissen und
lieber heut als morgen... Aber ihr schreiben? Mu durchaus geschrieben sein, als
ob ich nicht den Mut htte, ihr unter die Augen zu treten? Ich habe den Mut,
denn was ich will, ist mein gutes Recht. Man lebt nicht zusammen, um immer
zweierlei Meinung zu haben und zweierlei Wege zu gehen. Christine hat mich von
sich weg erkltet. Ja, das ist das rechte Wort, und solche sich mehrende Klte,
das ist schlimmer als Streiten und Heftigsein. Eine Frau soll eine Temperatur
haben, ein Temperament und Leben und Sinne. Aber was soll ich mit einem Eisberg?
Und wenn er das klarste Eis hat, das klarste ist gerade das klteste, und ich
will nicht erfrieren. Ja, das pat, das ist ein gutes Einleitungsthema, damit
werd ich ihr kommen, aber von Mund zu Mund; ich will es ihr nicht schreiben, ich
will es ihr sagen. Ihr eigener Brief hat mir goldne Brcken gebaut. Und wenn ich
dann frei bin und wieder hier... Ach, wie sehne ich mich nach Leben, Wrme,
Freude. Meine Tage sind mir vergangen, als ob Unterweltsschatten neben mir her
schwebten. Die gute Dobschtz war auch solch Schatten. Ich bin noch nicht alt
genug, um auf Fleisch und Blut zu verzichten.
    Und er klingelte. Die Witwe Hansen kam.
    Liebe Frau Hansen, ich will auf einen Tag hinber nach Holkens...
    Ah, zur Christbescherung. Da wird sich die gndigste Frau Grfin freuen,
die jetzt so allein ist, seit auch die Kinder fort sind, wie mir der Herr Graf
erzhlt haben.
    Ja, nach Holkens, sagte Holk. Wissen Sie, wie die Dampfschiffe gehen?
Ich meine die nach Glcksburg und Flensburg. Am liebsten wre es mir, ich knnte
noch heute mittag fort oder doch gegen Abend. Dann bin ich morgen zu guter
Stunde da. Vielleicht, liebe Frau Hansen, knnen Sie jemand nach dem Hafen
schicken und anfragen lassen. Aber es mu ein Bote sein, auf den Verla ist,
denn mir liegt daran, sicherzugehen.
    Frau Hansen sagte, sie wrde sich selber auf den Weg machen, und nach
weniger als einer Stunde war sie von ihrem Gange wieder zurck und brachte die
Nachricht, heute gehe kein Schiff mehr, aber morgen gegen Abend gehe der Holger
Danske und sei zehn Uhr vormittags vor Holkens.
    Das ist bermorgen. Welchen Tag haben wir heute?
    Den einundzwanzigsten, gerade den krzesten...
    Holk dankte fr ihre Bemhung und war in seinem Herzen froh, da es nicht
Heiligenabend war, an dem das Schiff an dem Wasserstege von Holkens anlegen
wrde.

Den 23. kam die Kste von Angeln in Sicht, und als zehn Uhr heran war, sah man,
von Deck aus, Schlo Holkens auf seiner Dne. Die Linien waren verschwommen,
denn ein leiser Nebel zog, und einen Augenblick begann es sogar zu schneien.
Aber der Flockentanz hrte bald wieder auf, und auch der Nebel war so gut wie
verschwunden, als die Schiffsglocke zu luten anhob und der stattliche Dampfer
anlegte. Holk berschritt die kleine Gelnderbrcke, die man vom Deck her nach
dem Wassersteg hinbergeschoben hatte, dann schaffte der Steward sein Gepck
nach, und ehe fnf Minuten um waren, dampfte der Holger Danske weiter auf
Glcksburg zu. Holk sah dem Schiff eine Weile nach, dann warf er seinen Mantel,
der ihn, beim Ersteigen der Terrasse, nur behindert haben wrde, zwischen die
beiden Koffer und schickte sich an, den Steg entlangzugehen. Dann und wann blieb
er stehen und sah nach Holkens hinauf. Es lag jetzt, wo der Nebel sich momentan
verzogen hatte, klar vor ihm, aber d und einsam, und der dnne Rauch, der
aufstieg, wirkte, wie wenn nur noch ein halbes Leben da oben zu finden sei. Die
ziemlich zahlreichen Strucher in Front der Vorhalle waren, ein paar kleine
Zypressen abgerechnet, alle kahl und entblttert, und die Vorhalle selbst zeigte
sich mit Brettern verkleidet und mit Matten verhngt, um die dahintergelegenen
Rume nach Mglichkeit gegen den Nordost zu schtzen. Alles still und
schwermtig, aber ein Friede, wie der Nachglanz eines frheren Glcks, war doch
darber ausgebreitet, und diesen kam er jetzt zu stren. Eine Furcht befiel ihn
pltzlich vor dem, was er vorhatte; Zweifel kamen, und sein Gewissen, so gut
er's einzulullen wute, wollte nicht ganz schweigen. Aber so oder so, jedenfalls
war es zu spt, und er konnte nicht mehr zurck. Es mute sein. Wie wrde Ebba
ihn ausgelacht und ihm den Rcken gekehrt haben, wenn er, bei seinem
Wiedereintreffen in Kopenhagen, ihr gesagt htte: Ich wollt es tun, aber ich
konnt es nicht. Und so nahm er denn seinen Weg wieder auf und stieg endlich
langsam die Terrasse hinauf. Als er oben war, rief er einen alten, zufllig des
Weges kommenden Diener an, der in einem Nebenhause seit Jahr und Tag schon das
Gnadenbrot a, und fragte ihn, ob die Grfin im Schlo sei. - Gewi, Herr
Graf, sagte der Alte fast erschrocken, in ihrem Schlafzimmer oben. Ich will
voraus und der Frau Grfin melden, da der Herr Graf angekommen sind. - Nein,
la߫, sagte Holk, ich will selber gehen. Und nun ging er, sich zunchst
seitwrts haltend, auf die Rckfront des Schlosses zu, die den Blick
landeinwrts auf die bergabsteigenden Park-und Gartenanlagen hatte.
    Hier angekommen, nahm sich alles wrmer und wohnlicher aus, und Holk, als er
einen Augenblick Umschau gehalten hatte, stieg die drei Marmorstufen hinauf,
die, zwischen zwei Sulen hindurch, auf die Tr des Gartensalons zufhrten. Und
nun trat er in den Salon selbst ein, in dem sich alles, trotzdem die Kinder
nicht da waren, in weihnachtlicher Vorbereitung zu befinden schien. Auf dem
Ecktisch mit der trkischen Decke, daran vordem Christine mit der Dobschtz und
Asta zu sitzen und Handarbeiten zu machen pflegte, stand eine figurenreiche,
schon durch Jahre hin gebrauchte, aber immer noch sehr wohlerhaltene
Weihnachtskrippe, whrend in der Ecke schrg gegenber ein Christbaum aufragte,
noch ganz schmucklos, aber sehr hoch, so da seine Spitze fast bis an die Decke
reichte. Nach allem mute hier irgendwer eben noch ttig gewesen sein, nur da
sich niemand zeigte. War man vor ihm geflohen? Aber eh er sich selbst darauf
antworten konnte, sah er, da er sich geirrt hatte, wenigstens in dem, was das
Fliehen vor ihm anging; denn aus der dunklen Hintergrunds-Ecke, die der
vorgestellte Christbaum bildete, trat jetzt eine schwarzgekleidete Dame hervor.
Es war die Dobschtz, eine Schale mit vergoldeten und versilberten Nssen in der
Hand, mit denen sie den Baum zu schmcken eben begonnen haben mochte. Sie fuhr
zusammen, als sie den Grafen erkannte. Was ist geschehen? Soll ich Christine
rufen?
    Nein, liebe Dobschtz, sagte Holk. Lassen wir Christine noch eine Weile.
Was sie hren mu, hrt sie frh genug. Ich bin frher hier als erwartet und
htte gern einen andern Tag gewhlt als diesen. Aber ich bleibe nicht lange.
    Die Dobschtz wute, wie's stand und welche sich immer steigernden
Ernchterungen und Krnkungen diese letzten Wochen gebracht hatten; aber das,
was sie da eben von Holk selbst hrte, war doch noch mehr, ging darber hinaus.
Was sollten diese Worte, die nichts und alles bedeuteten? Und dabei stand er vor
ihr mit einem halb trotzigen und doch zugleich verlegenen Gesichtsausdruck, wie
wenn er als Anklger andrer und zugleich seiner selbst kme.
    Ich will doch lieber gehen und Christine sagen, da Sie da sind.
    Er nickte, als ob er andeuten wollte: nun gut, auch das; es ist
gleichgltig, jetzt oder nach einer Viertelstunde.
    Dabei schritt er auf die Krippe zu, nahm etliche von den Figuren in die Hand
und sah sich um, ob die Dobschtz mittlerweile das Zimmer verlassen habe oder
nicht.
    Ja, sie war fort. Und nun erst lie er sein Auge umhergleiten, Groes und
Kleines halb gleichgltig musternd, und sah bei der Gelegenheit auch auf die
Parkgnge hinaus, darin ein paar Hhner spazierengingen, weil niemand da war,
der's ihnen wehrte. Dann erst trat er wieder zurck und an den offenstehenden
Flgel, denselben, daran Elisabeth Petersen und Asta so oft gesessen und
vierhndig gespielt oder auch ihre Lieder gesungen hatten, eins am letzten oder
vorletzten Tage vor seiner Abreise. Und mit einem Male war es ihm, als hr er's
noch, aber aus weiter, weiter Ferne.
    So stand er und trumte vor sich hin, in halbem Vergessen dessen, um was er
eigentlich hierher gekommen, als er zu bemerken glaubte, da die Tr ging. Und
nun wandte er sich und sah, da Christine eingetreten war. Sie blieb stehen und
hatte die Hand der Dobschtz genommen, wie um sich zu halten. Holk ging auf sie
zu. Guten Tag, Christine. Du siehst mich frher wieder, als ich erwartete.
    Ja, sagte sie, frher. Und sie gab ihm die Hand und wartete, was er tun
wrde. Das sollte ihr dann ein Zeichen sein, wie's stnde, denn sie wute, da
er, trotz aller seiner Schwchen, ehrlich war und sich nicht gut verstellen
konnte.
    Holk hielt ihre Hand in der seinen und wollte sie fest ansehen. Aber er
konnte den ruhigen Blick, der dem seinen begegnete, nicht ertragen, und so wandt
er sein Auge wieder beiseite, um es nicht niederschlagen zu mssen, und sagte,
whrend sie in ihrem Schweigen verharrte: Wollen wir uns nicht setzen,
Christine?
    Dabei schritten beide auf den Ecktisch zu. Die Dobschtz folgte, blieb aber
stehen, whrend sich die Grfin setzte, Holk ihr gegenber, nachdem er einen
Lehnstuhl herangeschoben hatte. Die Weihnachtskrippe stand zwischen ihnen, und
ber die Krippe fort fragten sich ihre Blicke.
    Geh, liebe Julie, sagte die Grfin nach einer Pause. Wir sind wohl besser
allein. Ich glaube, da mir Holk etwas sagen will.
    Die Dobschtz zgerte, nicht weil sie Zeuge des Peinlichen zu sein wnschte,
was sich sichtlich vorbereitete, sondern aus Liebe zu Christine, hinsichtlich
deren sie frchtete, da sie ihres Beistandes bedrftig sein wrde. Zuletzt aber
ging sie.
    Holk seinerseits schien die letzten Worte seiner Frau, da er ihr
mutmalich etwas zu sagen habe, zunchst wenigstens widerlegen zu wollen; er
schwieg und spielte dabei mit dem Christkind, das er, ohne recht zu wissen, was
er tat, der Jungfrau Maria vom Scho genommen hatte.
    Christine sah ihn an und fhlte beinah Mitleid mit ihm. Ich will es dir
leicht machen, Holk, sagte sie. Was du nicht sagen magst, ich will es sagen.
Am Silvester oder am Neujahrstage haben wir dich erwartet, nun kommst du zu
Weihnacht. Ich glaube nicht, da du der Krippe wegen gekommen bist, auch nicht
des Christkindes wegen, mit dem du spielst. Es liegt dir etwas sehr andres am
Herzen als das Christkind, und es kann nur noch die Frage sein, wie dein Glck
heit, ob Brigitte oder Ebba. Eigentlich ist es gleich. Du bist gekommen, um auf
das, was ich dir als Letztes und uerstes vorschlug, einzugehen und mir dabei
zu sagen: ich htt es ja so gewollt. Und wenn du das sagen willst, so sag es; du
darfst es. Ja, ich hab es so gewollt, denn ich bin nicht fr halbe Verhltnisse.
Zu den vielen Selbstschtigkeiten, die mich auszeichnen, gehrt auch die, nicht
teilen zu wollen, ich will einen ganzen Mann und ein ganzes Herz und mag nicht
eines Mannes Sommerfrau sein, whrend andere die Winterfrau spielen und sich
untereinander ablsen. Also sprich es aus, da du gekommen bist, um mit mir von
Trennung zu sprechen.
    Es war nicht gut, da die Grfin ihr Herz nicht bezwingen konnte.
Vielleicht, da sie, bei milderer Sprache, den so Bestimmbaren doch umgestimmt
und ihn zur Erkenntnis seines Irrtums gefhrt htte. Denn die Stimme von Recht
und Gewissen sprach ohnehin bestndig in ihm, und es gebrach ihm nur an Kraft,
dieser Stimme zum Siege zu verhelfen. Gelang es Christinen, diese Kraft zu
strken, so war Umkehr immer noch mglich, auch jetzt noch; aber sie versah es
im Ton und rief dadurch all das wieder wach, was ihn, ach so lange schon,
gereizt und, seit er Ebba kannte, so willfhrig gemacht hatte, sich selber
Absolution zu erteilen.
    Und so warf er denn, als Christine jetzt schwieg, das Christkind wieder in
die Krippe, gleichgltig, wo die Puppe hinfiel, und sagte: Du willst es mir
leicht machen, so, glaub ich, waren deine Worte. Nun, ich bin dir das
Anerkenntnis schuldig, da du hinter deinem guten Willen nicht zurckgeblieben
bist. Immer derselbe Ton der berhebung. Da ich dir's offen bekenne, ich war
erschttert, als ich dich da vorhin eintreten und, auf die gute Dobschtz
gesttzt, auf mich zukommen sah. Aber ich bin es nicht mehr. Du hast nichts von
dem, was wohltut und trstet und einem eine Last von den Schultern nimmt oder
wohl gar Blumen auf unsren Weg streut. Du hast nichts von Licht und Sonne. Dir
fehlt alles Weibliche, du bist herb und moros...
    Und selbstgerecht...
    Und selbstgerecht. Und vor allem so glaubenssicher in allem, was du sagst
und tust, da man es eine Weile selber zu glauben anfngt und glaubt und glaubt,
bis es einem eines Tages wie Schuppen von den Augen fllt und man auer sich
ber sich selbst gert und vor allem darber, da man den Ausblick auf einen
engen, auf kaum zehn Schritt errichteten Plankenzaun mit einem Grabtuch darber
fr den Blick in die schne Gotteswelt halten konnte. Ja, Christine, es gibt
eine schne Gotteswelt, hell und weit, und in dieser Welt will ich leben, in
einer Welt, die nicht das Paradies ist, aber doch ein Abglanz davon, und in
dieser hellen und heitern Welt will ich die Nachtigallen schlagen hren, statt
einen Steinadler oder meinetwegen auch einen Kondor ewig feierlich in den Himmel
steigen zu sehen.
    Nun, Holk, la es genug davon sein, ich will dir dein Paradies nicht lnger
verschlieen, denn das mit dem bloen Abglanz davon, das redest du nur so hin;
du willst dein richtiges irdisches Paradies haben und willst, wie du dich
eigentmlich genug ausdrckst, die Nachtigallen darin schlagen hren. Aber sie
werden ber kurz oder lang verstummen, und du wirst dann nur noch eine
Vogelstimme hren und nicht zu deiner Freude, leise und immer schmerzlicher, und
du wirst dann auf ein unglckliches Leben zurckblicken. Von den Kindern spreche
ich dir nicht, ich mag sie nicht in ein Gesprch wie dieses hineinziehen; ein
Mann, der der Stimme seiner Frau kein Ohr leiht, einer Frau, die den Anspruch
auf seine Liebe hatte, weil sie in Liebe fr ihn aufging - der hrt auch nicht
auf das, was ihm die bloen Namen seiner Kinder zurufen. Ich gehe. Mein Bruder
wird von Arnewiek aus meine Sache fhren, aber nicht etwa in dem Sinn eines
Widerstandes oder Protestes gegen das, was du vorhast, davor sei Gott, nur zur
Regelung dessen, was geregelt werden mu und wo obenan steht, ob die Kinder
deine sein sollen oder meine. Du wirst (und sie lchelte bitter), soweit ich
dich kenne, keine Schwierigkeiten nach dieser Seite hin machen; es gab wohl
Zeiten, wo dir die Kinder etwas bedeuteten, aber das liegt zurck. Die Zeiten
ndern sich, und was dir eine Freude war, ist dir eine Last geworden. Ich will
deine knftige Hausfhrung nach Mglichkeit aller Mhewaltungen berheben, auch
der Mhewaltung der Stiefmutterschaft. Und nun lebe wohl, und werde nicht zu
hart gestraft fr diese Stunde.
    Dabei hatte sie sich von ihrem Platz erhoben und ging, sie wollte ihm nicht
ausweichen, scharf an ihm vorber auf die Tr zu. Von der Schwche, die sie bei
ihrem Eintreten gezeigt hatte, war in ihrer ganzen Haltung nichts mehr; die
Emprung, die ihr Herz fllte, gab ihr Kraft zu allem.
    Auch Holk erhob sich. Eine Welt widerstreitender Empfindungen regte sich in
seiner Seele, was aber nach allem, was er eben wieder gehrt hatte, doch vorwog,
war ein Gefhl bitterer Verdrossenheit. Eine ganze Weile schritt er auf und ab,
und dann erst trat er an die Balkontr heran und sah wieder auf den Parkgang
hinaus, der, mit Blttern und Tannpfeln berstreut, in leiser Schrgung bergab
und zuletzt links einbiegend nach Holkeby fhrte. Der Himmel hatte sich wieder
bezogen, und eh eine Minute um war, begann ein heftiges Schneetreiben, ein
Tanzen und Wirbeln, bis der Windzug pltzlich nachlie und die Flocken schwer
und dicht herniederfielen.
    Holk konnte nur wenig Schritte weit sehen, aber so dicht die Flocken fielen,
sie lieen ihn doch zwei Frauengestalten erkennen, die jetzt, von der rechten
Seite des Schlosses her, in den Parkweg einbogen und auf Holkeby zu
hinunterschritten.
    Es waren die Grfin und die Dobschtz.
    Niemand begleitete sie.

                              Dreiigstes Kapitel


Holk, als er Christine so den Parkweg hinabschreiten und gleich danach in dem
Flockentanze verschwinden sah, war erschttert, aber doch nur in seinem Herzen,
nicht in seinen Entschlssen, nicht in dem, was er vorhatte. Das Glck
vergangener Jahre lag hinter ihm, das war gewi, und er setzte hinzu: durch
meine Schuld vielleicht, aber sicher auch durch ihre. Sie hat es so gewollt, sie
hat mich gereizt und gepeinigt, erst durch berheblichkeit und dann durch
Eifersucht, und zuletzt hat sie mir zugerufen: Geh. Und hat auch nicht einlenken
wollen; im Gegenteil, sie hat sich selber noch bertrumpft und statt der
blichen Hochfahrenheitsmiene zuletzt auch noch die Mitleidsmiene aufgesetzt,
und dann ist sie gegangen... Ich mag gegen sie gefehlt haben, in diesen letzten
Wochen gewi, aber der Anfang lag bei ihr, sie hat sich mir entfremdet, immer
mehr und mehr, und das ist nun das Ende. Ja, das Ende vom Lied, aber nicht vom
Leben. Nein, es soll umgekehrt der Anfang von etwas anderem, etwas Besserem und
Freudigerem werden, und wenn ich aus allem, was zurckliegt, eine Bitterkeit mit
in das Neue hinbernehme, so soll mir doch dies Bittere die Freude nicht fr
immer vergllen. Wie verlangt's mich nach einem lachenden Gesicht! Ach, diese
ewige Schmerzensmutter mit dem Schwert im Herzen, whrend es doch blo
Nadelstiche waren. Wirklich, es war schwer zu tragen, und jedenfalls ich war es
mde.
    Der alte Diener, der mittlerweile das Gepck von der Landungsstelle
heraufgeschafft hatte, trat jetzt ein und fragte den Grafen, ob er ein Frhstck
befehle. Nein, Dooren, jetzt nicht; ich werde klingeln. Und als er wieder
allein war, berkam ihn die Frage, was er nun eigentlich solle. Soll ich hier
bleiben und einen Wachsstock zerschneiden und den Christbaum da, bei dessen
Ausputz ich die gute Dobschtz gestrt habe, mit einem Dutzend Freudenlichter
besetzen und dann morgen abend die Lichter anznden und mir mein Glck
bescheren? Es geht nicht. Und ich kann auch nicht hierbleiben, blo um hier oben
und im Dorf unten den leutseligen und schenkefrohen Gutsherrn zu spielen und
dabei den Mgden einen Speziestaler in den Apfel zu stecken und den Michel nach
seiner Annemarie oder die Annemarie nach ihrem Michel zu fragen und ob die
Hochzeit zu Ostern oder zu Pfingsten sein werde. Und wenn ich so was selbst
wollte, darber verginge ja noch ein ganzer Tag oder eigentlich zwei, denn sie
bescheren hier erst in der Frhe. Zwei Tage, das geht nicht, womit soll ich die
zubringen? Das ist eine kleine Ewigkeit, und ich bin nicht in der Stimmung,
inzwischen Wirtschaftsbcher zu revidieren und ber Raps und Rbsen zu sprechen.
Und zu Petersen? Er wrde mir ins Gewissen reden und doch nichts zustande
bringen. Und dann ist auch mutmalich Christine noch da; sie wird unten Station
gemacht und einen Boten nach Arnewiek geschickt haben, und Alfred wird kommen
und sie abholen. Ich habe nicht Lust, dabei zugegen zu sein oder auch nur in der
Nhe. Nein, ich will lieber nach Flensburg hinber, vielleicht geht heute noch
ein Kopenhagener Schiff. Und wenn auch nicht, hier kann ich nicht bleiben; ich
mu fort.
    Und er zog die Klingel. Sage, da Johann anspannt. Den kleinen Wagen und
die Ponies. Ich will nach Flensburg.
    Es schlug drei, als Holk in Flensburg einfuhr, und bald danach hielt er vor
dem Hillmannschen Gasthause, darin er, bei seinen hufigen Anwesenheiten in der
Stadt, regelmig Wohnung zu nehmen pflegte. Der Wirt war einigermaen
berrascht, ihn zu sehen, bis er erfuhr, da der Graf, dessen Stellung am Hofe
der Prinzessin er kannte, nur auf kurzen Urlaub in Holkens gewesen sei.
    Wann geht das nchste Kopenhagner Schiff, lieber Hillmann?
    Hillmann holte die Tabelle herbei, darauf Abfahrt und Ankunft der Dampfer
genau verzeichnet waren, und glitt mit dem Finger ber die Rubriken hin:
Richtig, Iversens Schiff ist an der Reihe und mte morgen fahren. Aber der 24.
fllt aus; das ist altes Herkommen, und Iversen, der bei seiner Tochter wohnt
und schon Enkel hat, wird an dem Herkommen nichts ndern; er steht am
Christabend auch lieber unterm Weihnachtsbaum als auf Deck. Ist aber sonst ein
guter Kapitn, noch einer von den alten, die von der Pike an gedient haben. Er
fhrt also den 25., ersten Feiertag, sieben Uhr abends.
    Und kommt an?
    Und kommt an in Kopenhagen zweiten Feiertag frh. Das heit um neun oder
vielleicht auch eine Stunde spter.
    Holk zeigte sich wenig erbaut von dem allen, und nur wenn er an Holkens
zurckdachte, war er doch herzlich froh, die lange Zeit von mehr als zwei Tagen
in Flensburg verbringen zu knnen. Er bezog ein Zimmer im zweiten Stock, das auf
den Rathausplatz hinaussah, und nachdem er mit leidlichem Appetit - denn er
hatte seit dem Abend vorher so gut wie nichts genossen - eine versptete
Mittagsmahlzeit eingenommen, verlie er das Gasthaus, um an der Flensburger
Bucht hin einen langen Spaziergang zu machen. Erst herrschte Dmmerung; aber
nicht lange, so zogen im winterlichen Glanze die Sterne herauf und spiegelten
sich auf der weiten Wasserflche. Holk fhlte, wie der auf ihm lastende Druck
von Minute zu Minute geringer ward, und wenn er sich auch nach wie vor
keineswegs in einem Zustand von Seelenruhe befand, so galt das, was ihm von
Unruhe verblieb, doch mehr der Zukunft als der Vergangenheit und hatte
vorwiegend den Charakter einer gewissen erwartungsvollen Erregung. Er malte sich
allerlei anheimelnde Bilder aus, wie sie sptestens der nchste Mai herauffhren
sollte. Bis dahin mute alles geordnet sein; die Hochzeit war festgesetzt, und
er sah sich in der von Menschen berfllten Hillerder Kirche. Schleppegrell
hielt die Traurede; die gute Pastorsfrau war ergriffen von der Beredsamkeit
ihres Gatten, und Doktor Bie freute sich, da mit Hlfe einer schnen Schwedin
ein schleswig-holsteinisches Herz fr Dnemark erobert worden sei. In der
kleinen Hofloge aber paradierte die Prinzessin, neben ihr die Schimmelmann und
hinter beiden Pentz und Erichsen. Und dann verabschiedeten sie sich von Hillerd
und der Gesamtheit der Brautzeugen und fuhren in einem Extrazuge nach Kopenhagen
und am selben Abend noch nach Korsr und Kiel, und in Hamburg war erste Rast.
Und dann kam Dresden und Mnchen und dann der Gardasee mit einem Ausfluge nach
Mantua, wo sie sonderbarerweise den Wallgraben, in dem Hofer erschossen wurde,
besuchen wollten, und dann ging es immer sdlicher bis nach Neapel und Sorrent.
Da sollte die Fahrt abschlieen, und den Blick rechts nach dem Vesuv und links
nach Capri hinber, wollt er die qulerische Welt vergessen und sich selbst und
seiner Liebe leben. Ja, in Sorrent! Da war auch eine so prchtige Bucht wie die
Flensburger hier, und da schienen auch die Sterne hernieder, aber sie hatten
einen helleren Glanz, und wenn dann die Sonne den neuen Tag herauffhrte, da war
es eine wirkliche Sonne und ein wirklicher Tag.
    So kamen ihm die Bilder, und whrend er sie greifbar vor sich sah, flutete
das Wasser der Bucht dicht neben ihm, ernst und dunkel, trotz der Lichtstreifen,
die darauf fielen.
    Erst zu spter Stunde war er wieder in seinem Gasthaus, und unter Lesen und
gelegentlichem Geplauder mit Hillmann verging ihm der andere Tag. Als aber der
Abend hereinbrach, trieb es ihn doch hinaus, durch die Straen und Gassen der
Stadt, und berall, wo die Fensterlden noch offen oder nicht dicht geschlossen
waren, tat er einen Blick hinein, und vor mehr als einem Hause, wenn er das
Glck da drinnen und das Kind auf dem Arm der Mutter sah, und wie der Vater
seiner Frau die Hand entgegenstreckte, wandelte ihn doch pltzlich eine Furcht
vor dem Kommenden an, und auf Augenblicke stand nur all das vor ihm, was er
verloren hatte, nicht das, was er gewinnen wollte.
    Welch Heiligabend! Aber er verging, und nun war erster Feiertag, und so
langsam sich seine Stunden auch hinschleppten, endlich war doch sieben Uhr
heran, und die Schiffsglocke lutete. Holk stand neben dem alten Kapitn, und
als man eine Stunde spter in freies Fahrwasser kam, lie sich schon ungefhrdet
ein Faden spinnen, und Iversen erzhlte von Altem und Neuem. Es war eine schne
Fahrt, dazu eine milde Luft, und bis ber Mitternacht hinaus stand man unter dem
Sternenhimmel und berechnete, da man mutmalich eine halbe Stunde vor der Zeit
in Kopenhagen eintreffen werde. Dazu beglckwnschte man sich, und gleich danach
zogen sich die wenigen Passagiere, die die Fahrt berhaupt mitmachten, in ihre
Schlafkojen zurck. Aber bald nderte sich das Wetter drauen, und als man um
fnf Uhr in Hhe von Men war oder doch zu sein vermeinte, da war der Seenebel
so dicht geworden, da man das Feuer unter dem Dampfkessel ausgehen und die
Anker fallen lassen mute. Die Stille, wie gewhnlich, weckte die Schlfer, und
als man eine Viertelstunde spter auf Deck kam und nach der Kste von Seeland
hinberschauen wollte, hrte man von dem Mann am Steuer, da das Schiff
festliege.
    Wie lange?
    Nun, Mittag wird wohl herankommen.
    Und Mittag war auch wirklich vorber, als der Nebel endlich wich und die
Fahrt wieder aufgenommen werden konnte. Verlorener Tag und von einem Vorsprechen
im Palais der Prinzessin keine Rede mehr. Die Laternen brannten schon berall am
Hafen, als man bald nach fnf an der Dampfschiffsbrcke anlegte.

In seiner Wohnung wurde Holk, statt wie gewhnlich von Brigitte, diesmal von der
alten Frau Hansen empfangen; sie ging ihm voran die Treppe hinauf und zndete
die Lampen an, ohne nach etwas anderem als nach dem Wetter zu fragen, und ob er
eine gute Fahrt gehabt habe. Davon, ob die Frau Grfin bei guter Gesundheit
gewesen und ob das Christfest froh und glcklich verlaufen sei, davon war mit
keinem Worte die Rede, und als Holk seinerseits erst nach dem Befinden der
beiden Hansenschen Frauen und dann nach dem der Prinzessin frug, antwortete die
alte Hansen in jenem eigentmlichen Unschuldston, worin sie der Tochter
womglich noch berlegen war: Das Frulein ist wieder auer Bett. Es kam so
heraus, da es selbst Holk auffiel, er war aber in diesem Augenblick von viel
zuviel andern Dingen in Anspruch genommen, um seinerseits einen Gegenzug zu tun,
und so lie er's denn gehen und bat nur um die Zeitungen und einen guten Tee.
Denn ihn frstle von dem langen Stehen auf Deck. Die Hansen brachte beides.
Der Zeitungen waren der Festtage halber nur wenige; Holk flog sie durch und ging
dann frh zu Bett. Er schlief auch gleich ein, denn die letzten Tage hatten
seine Nerven erschpft.
    Bei guter Zeit war er wieder auf. Frau Hansen (Brigitte lie sich auch heute
nicht sehen) brachte das Frhstck, und weil sie fhlen mochte, den Abend vorher
zu weit gegangen zu sein, befleiigte sie sich der grten Unbefangenheit und
trug ihren Stadtklatsch harmlos und mit so viel glcklicher Laune vor, da sich
Holk nicht blo seinem Mimut ber die voraufgegangene Perfidie der Alten,
sondern zu seiner eigenen berraschung auch seiner trben Stimmung zu gutem Teil
entrissen sah. Alles, auch das Heikelste, gewann in der Erzhlung der guten
Hansen etwas durchaus Heitres und durchaus Selbstverstndliches, und als sie
wieder fort war, war es ihm, als ob er eine freilich nicht sehr moralische,
dafr aber desto lebensweisere Predigt ber das, was Leben sei, vernommen habe.
Wenn er das eben Gehrte zusammenfate, so hie es etwa: ja, Graf Holk, so war
es immer und so wird es immer sein. Es lt sich alles schwernehmen, aber es
lt sich auch alles leichtnehmen. Und wer die Kunst des Leichtnehmens versteht,
der lebt, und wer alles schwernimmt, der lebt nicht und ngstigt sich vor
Gespenstern, die gar nicht da sind. Ja, die gute Frau Hansen hat recht, so
schlo Holk seine Betrachtungen ber das, was er eben vernommen hatte.
Leichtnehmen, alles leichtnehmen, dabei fhrt man am besten, das haben auch die
Menschen am liebsten, und ein lachendes Gesicht ist der erste Schritt zum
Siege.
    Zwlf hatte noch nicht ausgeschlagen, als er aus seiner Wohnung in die
Dronningens-Tvergade hinaustrat und auf das Palais zuschritt. Es war dritter
Feiertag, das Wetter hatte sich geklrt, und die Wintersonne lag auf Platz und
Strae. Das Frulein ist wieder auer Bett - so waren gestern abend die Worte
der Frau Hansen gewesen, und an der Richtigkeit dieser Mitteilung lie sich
nicht wohl zweifeln; da aber das Frulein nach einem so heftigen Fieberanfall
auch schon wieder im Dienst sein sollte, das war freilich sehr unwahrscheinlich,
und so stieg er denn, ohne vorgngiges Anfragen in den Gemchern der Prinzessin,
in das von Ebba bewohnte zweite Stockwerk hinauf. Karin ffnete. Das Frulein
zu sprechen? - Ja. - Und Karin ging vorauf, whrend Holk folgte.
    Das Frulein sa in einem Lehnstuhl am Fenster und sah auf den Platz, auf
dem keine Spur von Leben war, nicht einmal die Herbstbltter tanzten mehr
darber hin. Als Holk eingetreten, erhob sich Ebba von ihrem Lehnstuhl und
schritt auf ihn zu, freundlich, aber matt und nchtern. Sie gab ihm die Hand,
nahm dann, abseits vom Fenster, auf einem weiter zurck stehenden Sofa Platz und
wies auf einen Stuhl, ihn auffordernd, damit in ihre Nhe zu rcken.
    Ich erwarte den Arzt, begann sie leise, mit mehr erknstelter als
wirklicher Anstrengung. Aber der gute Doktor, er kommt immer noch frh genug,
und so freu ich mich denn aufrichtig, Sie zu sehen. Es lt sich doch mal von
etwas andrem sprechen. Immer ber sein Befinden rapportieren zu mssen - es ist
so langweilig, fr den Doktor gewi, aber auch fr den Kranken... Sie haben das
Fest drben zugebracht. Ich hoffe, da Sie die Grfin bei wnschenswerter
Gesundheit fanden und da Sie gute Festtage hatten.
    Ich hatte sie nicht, sagte Holk.
    Dann kann ich nur wnschen, da Sie nicht die Schuld daran trugen. Ich
hrte soviel Gutes von der Grfin; die Prinzessin, die mich gestern besuchte,
war voll ihres Lobes. Eine charaktervolle Frau, sagte sie.
    Holk zwang sich zu lcheln. Eine charaktervolle Frau - ja, die Prinzessin
liebt diese Wendung, ich wei, und will damit andeuten, da nicht jeder
charaktervoll sei. Darin mag sie recht haben. Aber Prinzessinnen haben es
leicht, fr Charakter zu schwrmen, weil sie selten in die Lage kommen,
Charaktere kennenzulernen. Charaktervolle Leute mgen hundert Vorzge haben,
haben sie gewi, aber sie sind unbequem, und das ist das letzte, was
Prinzessinnen zu lieben pflegen.
    Alle Welt rhmt Ihre Galanterie, lieber Holk, und ich bin, weil ich keinen
Grund dazu habe, die letzte, dem zu widersprechen; aber Sie sind ungalant gegen
Ihre eigene Frau. Warum wollen Sie das Lob verkrzen, das die Prinzessin ihr
spendet? Prinzessinnen loben in der Regel nicht viel, und man darf ihrem Lobe
wohl zulegen, aber nichts abziehen. Ich empfinde ganz wie die Prinzessin und bin
voll Sympathie fr die Grfin und, wenn dies das rechte Wort nicht sein sollte,
voll Teilnahme.
    Holk ri die Geduld. Die Grfin wird Ihnen dankbar dafr sein. Aber, das
darf ich sagen, ihre Dankbarkeit wird von ihrer Verwunderung noch bertroffen
werden. Ebba, was soll diese Komdie? Grfin und wieder Grfin und dann
charaktervoll und dann sympathisch und zuletzt Gegenstand Ihrer Teilnahme.
Wollen Sie, da ich das alles glaube? Was ist vorgefallen? Aus welcher
Veranlassung hat sich der Wind gedreht? Warum pltzlich diese Frmlichkeit,
diese Nchternheit? Eh ich abreiste, hab ich Sie sprechen wollen, nicht um eine
Gewiheit meines Glckes zu haben, diese Gewiheit hatte ich oder glaubte
wenigstens, sie haben zu drfen, nein, es trieb mich einfach, Sie zu sehen und
mich, eh ich hinberging, ber Ihr Ergehen zu beruhigen, und so bin ich
abgereist und habe drben einen Tag erlebt und einen Kampf gekmpft und Worte
gesprochen, Worte, nun, rundheraus, die Sie kennen mssen, als ob Sie Zeuge der
ganzen Szene gewesen wren.
    Ebba warf den Kopf zurck. Holk aber fuhr fort: Sie werfen hochmtig den
Kopf zurck, Ebba, wie wenn Sie mir sagen wollten: ich wei, was da gesprochen
worden ist, aber ich will es nicht wissen, und ich mibillige jedes dieser
Worte.
    Sie nickte.
    Nun, wenn ich es damit getroffen, so frag ich Sie noch einmal, was soll
das? Sie wissen, wie's mit mir steht; wissen, da ich vom ersten Tag an in Ihrem
Netze war, da ich alles, und vielleicht mehr, als ich durfte, darangesetzt
habe, Sie zu besitzen. Und da ich das alles tat und hier vor Ihnen stehe, wie
ich stehe, schuldig oder nicht, dazu haben Sie mir den Weg gezeigt - leugnen
Sie's, wenn Sie's knnen. Jedes Ihrer Worte hat sich mir in die Seele
eingeschrieben, und Ihre Blicke sprachen es mit, und beide, Worte und Blicke,
sagten es mir, da Sie's durch alle Tage hin beklagen wrden, auf der
abgebrckelten Eisscholle nicht ins Meer und in den Tod hinausgetrieben zu sein,
wenn ich Sie verliee. Leugnen Sie's, Ebba - das waren Ihre Worte.
    Ebba hatte, whrend Holk so sprach, sich zurckgelehnt und die Augen
geschlossen. Als er jetzt schwieg, richtete sie sich wieder auf, nahm seine Hand
und sagte: Freund, Sie sind unverbesserlich. Ich entsinne mich, Ihnen gleich am
Anfang unserer Bekanntschaft, und dann auch spter noch, jedenfalls mehr als
einmal gesagt zu haben, Sie stnden nicht am richtigen Fleck. Und davon kann ich
nichts zurcknehmen; im Gegenteil. Alles, was ich damals in bermtiger Laune
nur so hinsprach, blo um Sie zu necken und ein wenig zu reizen, das mu ich
Ihnen in vollem Ernst und in mindestens halber Anklage wiederholen. Sie wollen
Hofmann und Lebemann sein und sind weder das eine noch das andre. Sie sind ein
Halber und versndigen sich nach beiden Seiten hin gegen das Einmaleins, das nun
mal jede Sache hat und nun gar die Sache, die uns hier beschftigt. Wie kann man
sich einer Dame gegenber auf Worte berufen, die die Dame tricht oder
vielleicht auch liebenswrdig genug war, in einer unbewachten Stunde zu
sprechen? Es fehlt nur noch, da Sie sich auch auf Geschehnisse berufen, und der
Kavalier ist fertig. Unterbrechen Sie mich nicht, Sie mssen noch Schlimmeres
hren. Allmutter Natur hat Ihnen, wenn man von der Bestndigkeit absieht, das
Material zu einem guten Ehemanne gegeben, und dabei muten Sie bleiben. Auf dem
Nachbargebiete sind Sie fremd und verfallen aus Fehler in Fehler. In der Liebe
regiert der Augenblick, und man durchlebt ihn und freut sich seiner, aber wer
den Augenblick verewigen oder gar Rechte daraus herleiten will, Rechte, die,
wenn anerkannt, alle besseren, alle wirklichen Rechte, mit einem Wort, die
eigentlichen Legitimitten auf den Kopf stellen wrden, wer das tut und im
selben Augenblicke, wo sein Partner klug genug ist, sich zu besinnen, feierlich
auf seinem Scheine besteht, als ob es ein Trauschein wre, der ist kein Held der
Liebe, der ist blo ihr Don Quixote.
    Holk sprang auf. Ich wei nun genug; also alles nur Spiel, alles nur
Farce.
    Nein, lieber Holk, nur dann, wenn Ihre deplacierte Feierlichkeit das, was
leicht war, schwergenommen haben sollte, was Gott verhten wolle.
    Holk sah schweigend vor sich hin und besttigte dadurch aufs neue, da sie's
getroffen. Nun gut dann, fuhr Ebba fort. Also das Trichtste ist schon
geschehen! Ich lehne jede Verantwortung dafr ab. Ich habe mich nie besser
gemacht, als ich bin, und niemand wird mir nachsagen, da ich mich ernsthaft auf
etwas Falsches hin ausgespielt htte. Worte waren Worte; soviel muten selbst
Sie wissen. Ja, Holk, Hofleben ist d und langweilig, hier wie berall, und weil
es langweilig ist, ist man entweder so fromm wie die Schimmelmann oder... nun,
wie sag ich... so nicht-fromm wie Ebba. Und nun, statt alle Treibhuser des
Landes zu plndern und mir Blumen auf den Weg zu streuen oder wie ein Troubadour
das Lob seiner Dame zu singen und dann weiterzuziehen und weiter sein Glck zu
versuchen, statt dessen wollen Sie mich einschwren auf ein einzig Wort oder
doch auf nicht viel mehr und wollen aus einem bloen Spiel einen bittern Ernst
machen, alles auf Kosten einer Frau, die besser ist als Sie und ich und die Sie
tdlich krnken, blo weil Sie sich in einer Rolle gefallen, zu der Sie nicht
berufen sind. Noch einmal, ich lehne jede Verantwortung ab. Ich bin jung, und
Sie sind es nicht mehr, und so war es nicht an mir, Ihnen Moral zu predigen und
Sie, whrend ich mich hier langweilte, mit ngstlicher Sorgfalt auf dem
Tugendpfade zu halten; - das war nicht meine Sache, das war Ihre. Meine Schuld
bestreit ich, und wenn es doch so was war (und es mag darum sein), nun, so hab
ich nicht Lust, diese Schuld zu verzehn- und zu verhundertfachen und aus einem
bloen Schuldchen eine wirkliche Schuld zu machen, eine, die ich selber dafr
halte.
    In Holk drehte sich alles im Kreise. Das also war sein ertrumtes Glck! Als
er sich zu diesem Gang anschickte, war er wohl von einem unsicheren und
qulenden Gefhl erfllt gewesen, von der Frage, was die Welt, die Kinder, die
sich notwendig ihm entfremden muten, und ber kurz oder lang vielleicht auch
sein eigenes Herz dazu sagen wrde. Das hatte vor seiner Seele gestanden, aber
auch das nur allein. Und nun ein Korb, der rundesten einer, sein Antrag
abgelehnt und seine Liebe zurckgewiesen, und das alles mit einer
Entschiedenheit, die jeden Versuch einer weiteren Werbung ausschlo. Und wenn er
wenigstens in einer pltzlich erwachten Emprung etwas wie ein Gegengewicht in
sich htte finden knnen; aber auch das blieb ihm versagt, so vllig, da er
sie, whrend sie so dastand und ihn durch ihren berheblichen Ton vernichtete,
bezaubernder fand denn je.
    So schliet denn alles, nahm er nach einer kurzen Pause das Wort, mit
einer Demtigung fr mich ab, mit einer Demtigung, die zum berflu auch noch
den Fluch der Lcherlichkeit trgt; - alles nur pour passer le temps. Alles nur
ein Triumph Ihrer Eitelkeit. Ich mu es hinnehmen und mich Ihrem neuen Willen
unterwerfen. Aber in einem, Ebba, kann ich Ihnen nicht zu Diensten sein; ich
kann nicht erkennen, da mir eine Pflicht vorlag, den Ernst Ihrer Gefhle zu
bezweifeln; im Gegenteil, ich glaubte den Glauben daran haben zu drfen, und ich
glaub es noch. Sie sind einfach andern Sinnes geworden und haben sich - ich habe
nicht nach den Grnden zu forschen - inzwischen entschlossen, es lieber ein
Spiel sein zu lassen. Nun denn, wenn es ein solches war und nur ein solches, und
Sie sagen es ja, so haben Sie gut gespielt.
    Und sich gegen Ebba verbeugend, verlie er das Zimmer. Drauen stand Karin,
die gehorcht hatte. Sie sprach kein Wort, ganz gegen ihre Gewohnheit, aber ihre
Haltung, whrend sie Holk durch den langen Korridor hin begleitete, zeigte
deutlich, da sie das Tun ihrer Herrin mibilligte. Sie hielt eben zu dem
Grafen, auf dessen Gtigkeit und wohl auch Schwche sie manchen Zukunftsplan
aufgebaut haben mochte.

                           Einunddreiigstes Kapitel


Nahezu anderthalb Jahre waren seitdem vergangen, Ende Mai war, und die Londoner
Squares boten das hbsche Bild, das sie zur Pfingstzeit immer zu bieten pflegen.
Das galt im besonderen auch von Tavistock-Square; der eingegitterte, sorglich
bewsserte Rasen zeigte das frischeste Frhlingsgrn, die Fliederbsche standen
in Bltenpracht, und die gelben Rispen des Goldregens hingen ber das Gitter
fort in die breite, dicht daran vorberfhrende Strae hinein.
    Es war ein reizendes Bild, und dieses Bildes freute sich auch Holk, der in
einem alten, brigens sehr wohlerhaltenen und in seiner doppelten Front von
einem Balkon umgebenen Eckhause die Zimmer des ersten Stocks innehatte. Er
liebte diese Gegend noch aus der nun zwanzig Jahre zurckliegenden Zeit her, wo
er, als junger Attach der dnischen Gesandtschaft, in eben diesem Stadtteile
gewohnt hatte, und nahm es, als er im Laufe des letzten Novembers in London
eintraf, als ein gutes Zeichen, da es ihm gelungen war, gerade hier eine ihm
zusagende Wohnung zu finden.
    Ja, seit November war Holk in London, nachdem er bis dahin in der Welt
umhergefahren und an all den berhmten Schnheitspltzen gewesen war, an denen
jahraus, jahrein viele Tausende Zerstreuung suchen, um schlielich die
Wahrnehmung zu machen, da auch das deste Daheim immer noch besser ist als das
wechselvolle Drauen. Er hatte sich nach schriftlicher Verabschiedung von der
Prinzessin und nach einem ausfhrlichen und herzlichen Briefe an Arne, den er
anrief, ihn in diesen schweren Tagen nicht verlassen zu wollen, erst nach
Brssel und dann nach Paris begeben, aber so wenig zu seiner Zufriedenheit, da
er um Ostern bereits in Rom und einige Wochen spter auch schon in Sorrent
eingetroffen war, in demselben Sorrent, in dem er gehofft hatte mit Ebba
glckliche Tage verleben zu knnen. Diese glcklichen Tage waren nun freilich
ausgeblieben; aber der all die Zeit ber auf ihm lastende Druck war im Verkehr
mit einer liebenswrdigen englischen Familie, mit der er gemeinschaftlich eine
Dependance des Tramontana-Hotels bewohnte, doch schlielich von ihm abgefallen,
und er hatte wieder leben und, was noch wichtiger, sich um das Leben anderer
kmmern gelernt. So waren Wochen vergangen, unter Wagenfahrten nach Amalfi und
unter Bootfahrten nach Capri hinber, wobei die Schiffer ihre Lieder sangen;
aber die heie Jahreszeit, die bald einsetzte, vertrieb ihn, frher, als ihm
lieb war, aus dem ihm zusagenden Idyll bis in die Schweiz hinauf, die es ihm
diesmal freilich, sosehr er sie sonst liebte, nirgends ganz recht machen konnte:
der Genfer See blendete zu sehr, der Rigi war zu sehr Karawanserei und Pffers
zu sehr Hospital. So beschlo er denn, weil's ihn, wenn nicht in die Heimat, so
doch wenigstens weiter nordwrts in die germanische Welt berhaupt zurckzog, es
mit London zu versuchen, an das ihn freundliche Jugenderinnerungen knpften und
wohin ihn die mit ihm zugleich von Sorrent aus abgereisten englischen Freunde
mit einer Art Dringlichkeit geladen hatten. Nach London also! Und da war er nun
seit einem halben Jahr und empfand unter Verhltnissen und Lebensformen, die den
schleswig-holsteinischen einigermaen verwandt waren, soviel von Heimatlichkeit,
wie sie der Heimatlose gewrtigen konnte. Ja, die gesellschaftlichen
Verhltnisse konnten ihn befriedigen, und manches andere kam hinzu, das wohl
angetan war, ihn von dem immer wachsenden Gefhl seiner Einsamkeit auf
wenigstens Stunden und Tage frei zu machen. Eine kleine Theaterpassion, die
schon in zurckliegender Zeit die Tage seiner Londoner Attachschaft so angenehm
gemacht hatte, wurde wieder lebendig, und das ganz in der Nhe von
Tavistock-Square gelegene Prinze-Theater sah ihn regelmig auf einem seiner
Parkettpltze, wenn der gerade damals mit seinen Shakespeare-Revivals
epochemachende Charles Kean heute den Sommernachtstraum oder das
Wintermrchen und morgen den Sturm oder Knig Heinrich VIII. in bis dahin
unerhrter Pracht auf die Bhne brachte. Zu diesem Charles Kean trat er denn
auch im Laufe des Winters in persnliche Beziehungen, und als er schlielich in
dem von Knstlern und Schriftstellern vielbesuchten Hause des berhmten Tragden
auch noch die Bekanntschaft von Charles Dickens gemacht hatte, sah er sich,
brigens ohne deshalb seine dem Landadel angehrigen Freunde Sorrentiner
Angedenkens vernachlssigen zu mssen, in allerlei Theater- und Literaturkreise
hineingezogen, deren lebhaftes und von heiterster Laune getragenes Treiben ihn
ungemein sympathisch berhrte. Namentlich Dickens selbst war seine Schwrmerei
geworden, und bei Gelegenheit eines Whitebait-Dinners in Greenwich lie er
seinen neugewonnenen Freund leben, den groen Erzhler, von dem er zwar nur den
David Copperfield kenne, der aber als Verfasser dieses Buches auch der
Sanspareil aller lebenden Schriftsteller sei. Mehr von ihm zu lesen, wozu er von
den brigen Anwesenden am Schlu seines Toastes unter Lachen aufgefordert wurde,
behauptete er ablehnen zu mssen, da Copperfield auch von Dickens selbst
schwerlich bertroffen worden sei, weshalb ein weiteres Lesen eigentlich nur zur
Herabminderung seiner Begeisterung fhren knne.
    Reunions wie diese, daran auch gefeierte Damen aus der Knstlerwelt,
namentlich die schne und vielumworbene Miss Heath und vor allem die geniale
Lady-Macbeth-Spielerin Miss Atkinson beinahe regelmig teilnahmen, waren mehr
als eine bloe Zerstreuung fr Holk, und er htte sich durch diesen Verkehr
nicht blo seiner Einsamkeit entrissen, sondern auch geradezu gehoben und
erquickt fhlen knnen, wenn er sich einigermaen frei gefhlt htte. Dies war
aber genau das, was ihm fehlte; denn gerade der Fleck Erde, daran er mit ganzer
Seele hing, auf dem er geboren und durch Jahrzehnte hin glcklich gewesen war,
gerade der Fleck Erde war ihm verschlossen und blieb es auch mutmalich, wenn es
ihm nicht glckte, seinen Frieden mit der Gesellschaft zu machen, einen Frieden,
der wiederum eine Vershnung mit Christine zur Voraussetzung hatte. Daran war
aber nach allem, was er aus der Heimat hrte, nicht wohl zu denken: denn sosehr
die Grfin darauf hielt, da seitens der Kinder an schuldiger Rcksicht nichts
versumt und beispielsweise jeder Brief des Vaters (er schrieb oft, weil ihn ein
Gefhl der Verlassenheit dazu drngte) respektvoll erwidert wurde, so vergeblich
waren doch andererseits alle bisher unternommenen Schritte zur Herbeifhrung
eines Ausgleichs gewesen. Mit der ihr eigenen Offenheit hatte sich Christine,
dem Bruder gegenber, ber diese Frage verbreitet, und zwar diesmal unter
Beiseitehaltung alles moralischen Hochmuts. Ihr alle, so schrieb sie, habt
Euch daran gewhnt, mich als abstrakt und doktrinr anzusehen, und ich mag davon
in zurckliegenden Jahren mehr gehabt haben, als recht war, jedenfalls mehr, als
die Mnner lieben. Aber das darf ich Dir versichern, in erster Reihe bin ich
doch immer eine Frau. Und weil ich das bin, verbleibt mir in all dem
Zurckliegenden ein Etwas, das mich in meiner Eitelkeit oder meinem Selbstgefhl
bedrckt. Ich mag es fr nichts Besseres ausgeben. Holk, um es rundheraus zu
sagen, ist nicht recht geheilt. Wenn er das Frulein drben geheiratet und ber
kurz oder lang eingesehen htte, da er sich geirrt, so fnde ich mich
vielleicht zurecht. Aber so verlief es nicht. Sie hat ihn einfach nicht gewollt,
und so besteht denn fr mich, um das mindeste zu sagen, die schmerzliche
Mglichkeit fort, da das Stck, wenn sie ihn gewollt, einen ganz anderen
Verlauf genommen htte. Die Reihe wre dann mutmalich nie wieder an mich
gekommen. Ich spiele in dieser Tragikomdie ein bichen die
faute-de-mieux-Rolle, und das ist nicht angenehm. Von diesem Briefe Christinens
hatte Holk die Hauptsache wiedererfahren, und was sich darin aussprach, das
stand bestndig vor seiner Seele, trotzdem der alte Petersen und Arne
gemeinschaftlich bemht waren, seine Hoffnung auf einen guten Ausgang wieder zu
beleben. Du darfst Dich diesem Gefhle von Hoffnungslosigkeit nicht hingeben,
schrieb Petersen an Holk. Ich kenne Christine besser als ihr alle, selbst
besser als ihr Bruder, und ich mu Dir sagen, da sie, neben ihrer christlichen
Liebe, die ja Verzeihung fr den Schuldigen lehrt, auch noch eine rechte und
echte Frauenliebe hegt, so sehr, da sie Dir gegenber in einer gewissen
liebenswrdigen Schwche befangen ist. Ich sehe das aus den Briefen, die von
Zeit zu Zeit aus Gnadenfrei bei mir eintreffen. Es liegt alles gnstiger fr
Dich, als Du's glaubst und als Du's verdienst, und es wrde mir meine letzte
Stunde verderben, wenn's anders wre. Mit achtzig wei man brigens, wie's
kommt, und dafr verbrge ich mich, Helmuth, da ich Eure Hnde noch einmal
wieder ineinanderlege, wie ich's vordem getan, und das soll meine letzte heilige
Handlung sein, und dann will ich aus meinem Amt treten und abwarten, bis Gott
mich ruft.

Das war Anfang April gewesen, da Petersen so geschrieben, und wenn Holk der
mehr als halben Sicherheit, die sich darin aussprach, fr seine Person auch
mitraute, so kamen ihm doch immer wieder Stunden, in denen er sich daran
aufrichtete. So war es auch heute wieder, und von heiteren Bildern erfllt, sa
er auf dem Vorderbalkon seines Hauses, unter dem Gezweig einer schnen alten
Platane, die hier schon gestanden haben mochte, als, vor nun gerade hundert
Jahren, dieser ganze Stadtteil erst errichtet wurde. Die hohen, bis auf die
Diele niedergehenden und nach unten zu halb geffneten Schiebefenster
gestatteten einen freien Verkehr zwischen Zimmer und Balkon, und das Feuer in
seinem Drawing-Room, das mehr des Anblicks als der Wrme halber brannte, dazu
die Morgenzigarre, steigerte das Behagen, das er momentan empfand. Neben ihm,
auf einem leichten Rohrstuhl, lag die Times, die, weil das anmutige
Frhlingsbild vor ihm ihn bis dahin abgezogen hatte, heute, sehr ausnahmsweise,
beiseite geschoben war. Nun aber nahm er sie zur Hand und begann seine Lektre
wie gewhnlich in der linken Ecke der groen Anzeigebeilage, wo, durch schrfste
Diamantschrift ausgezeichnet, die Familiennachrichten aus dem Londoner High Life
verzeichnet standen: geboren, gestorben, verheiratet. Auch heute lsten sich die
drei Rubriken untereinander ab, und als Holk bis zu den Eheschlieungen gekommen
war, las er: Miss Ebba Rosenberg, Lady of the Bedchamber to Princess Mary
Ellinor of Denmark, married to Lord Randolph Ashingham formerly 2d. Secretary of
the British Legation at Copenhague.
    Also doch, sagte Holk, sich verfrbend, im brigen aber nicht sonderlich
bewegt, und legte das Blatt aus der Hand. Vielleicht, da es ihn tiefer
getroffen htte, wenn's pltzlich und als ein ganz Unerwartetes an ihn
herangetreten wre. Dies war aber nicht der Fall. Schon Ausgang des Winters
hatte der ihn in seinen Briefen au courant erhaltende Pentz diese Vermhlung
als etwas ber kurz oder lang Bevorstehendes angemeldet, und zwar in folgenden
Schluzeilen eines lngeren Anschreibens: Und nun, lieber Holk, eine kurze
Mitteilung, die Sie mehr interessieren wird als alle diese Geschichten aus dem
Hause Hansen - Ebba Rosenberg hat gestern der Prinzessin Anzeige von ihrer
Verlobung gemacht, die jedoch, zu leichterer Beseitigung entgegenstehender
Schwierigkeiten, vorlufig noch geheim bleiben msse. Der, den sie durch ihre
Hand zu beglcken gedenkt, ist niemand Geringeres als Lord Randolph Ashingham,
dessen Sie sich, wenn nicht von Vincent, so doch vielleicht von einer
Abendgesellschaft bei der Prinzessin her erinnern werden. Es war gleich zu
Beginn der Saison von neunundfnfzig auf sechzig. Lord Randolph, von dem es
heit, da er den Grund und Boden eines ganzen Londoner Stadtteils (vielleicht
gerade des Stadtteils, den Sie zurzeit bewohnen) und auerdem einen Waldbestand
von fnfzehn Millionen Tannen in Fifeshire besitze - Lord Randolph, sag ich, hat
sich ein Jahr lang in dieser Angelegenheit besonnen oder wohl richtiger besinnen
mssen, weil von seiten eines noch viel reicheren Erbonkels allerlei Bedenken
erhoben wurden. Und diese Bedenken existieren in der Tat noch. Aber Ebba mte
nicht Ebba sein, wenn es ihr nicht glcken sollte, dem stark exzentrischen
Erbonkel den Beweis ihrer Tugenden auf dem Gebiete des Chic und High Life zu
geben, und so wird denn die Verlobung ehestens proklamiert werden. Alles nur
Frage der Zeit. brigens haben sich beide, der Lord und Ebba, nichts
vorzuwerfen; er, wie so viele seinesgleichen, soll schon mit vierzehn ein
ausgebrannter Krater gewesen sein und heiratet Ebba nur, um sich etwas
vorplaudern zu lassen, und von diesem Standpunkt aus angesehen, hat er eine gute
Wahl getroffen. Sie wird jeden Tag Dinge sagen und spter auch wohl Dinge tun,
die Seine Lordschaft frappieren, und vielleicht zndet sie mal die fnfzehn
Millionen Tannen an und stellt bei der Gelegenheit sich und den Eheliebsten in
die rechte Beleuchtung. Und nun tout  vous, beau Tristan. Ihr Pentz.
    So hatte damals der Brief gelautet, und die zwei Zeilen in der Times waren
nichts als die Besttigung. Es ist gut so, sagte Holk nach einer Weile. Das
gibt reinen Tisch. Ihr Gespenst ging immer noch in mir um und war nicht ganz zu
bannen. Nun ist es geschehen durch sie selbst; alles fort, alles verflogen, und
ob Christine mir auch verloren bleibt, vielleicht verloren bleiben mu, ihr Bild
soll wenigstens in meinem Herzen wieder den ihm gebhrenden Platz haben.
    Unter diesem Selbstgesprche nahm er die beiseite gelegte Zeitung wieder in
die Hand und wollte sich ernsthaft in eine Berliner Korrespondenz vertiefen, die
ziemlich ausfhrlich, so schien es, von einer Heeresverdoppelung und einer sich
dagegen bildenden Oppositionspartei sprach. Aber er hatte heut keinen Sinn dafr
und sah bald ber das Blatt fort. Von der nahen Sankt-Pancras-Kirche, deren Turm
er dicht vor Augen hatte, schlug's eben neun, und durch die Southamptonstrae,
die den Square an der ihm zugekehrten Seite begrenzte, rollten Cabs und wieder
Cabs, die von der Euston-Square-Station herkamen und dem Mittelpunkt der Stadt
zufuhren. Er brach, um damit zu spielen, ein dicht herabhngendes Platanenblatt
ab, und erst als er die Spatzen ber sich immer lauter quirilieren hrte, nahm
er etliche Krumen und streute sie vor sich hin auf den Balkon. Sofort fuhren die
Spatzen aus dem Gezweig hernieder, pickend und kriegfhrend untereinander, aber
schon im nchsten Augenblicke huschten sie wieder auf, denn von der Haustr her
klang ein rasch wiederholtes Klopfen, das Zeichen, da der Postman an der Tr
sei; Holk, der am folgenden Tage Geburtstag hatte, horchte neugierig hinunter,
und gleich darauf trat Jane ein und berreichte ihm vier Briefe.
    Schon die vier Poststempel Gnadenfrei, Bunzlau, Glcksburg, Arnewiek lieen
Holk keinen Augenblick in Zweifel, von wem die Briefe kamen, und auch ihr Inhalt
schien ihm nicht viel Neues bringen zu sollen. Asta und Axel sprachen steif und
frmlich und jedenfalls ziemlich kurz ihre Gratulationen aus, und auch Petersen,
der sonst ausfhrlich zu schreiben pflegte, beschrnkte sich heut auf eine
Darbringung seiner Glckwnsche. Holk war nicht angenehm davon berhrt und fand
seine gute Stimmung erst wieder, als er auch Arnes Brief geffnet und gleich den
ersten Zeilen allerlei Liebes und Freundliches entnommen hatte. Ja, sagte
Holk, der hlt aus. Unverndert derselbe. Und wre doch eigentlich der, der am
ehesten mit mir zrnen drfte. Der Bruder seiner geliebten Schwester. Aber
freilich, da liegt auch wieder Grund und Erklrung. Er liebt die Schwester und
vergttert sie fast. Aber er hat lange genug gelebt, um, trotz aller
Junggesellenschaft, sehr wohl zu wissen, was es heit, an eine heilige Elisabeth
verheiratet zu sein. Und wenn sie noch die heilige Elisabeth wre! Die war sanft
und nachgiebig... Aber nichts mehr davon, unterbrach er sich, ich verbittere
mich blo wieder, statt mich ruhig und vershnlich zu stimmen. Es ist besser,
ich lese, was er schreibt.

                                                           Arnewiek, 27. Mai 61

Lieber Holk!
    Dein Geburtstag ist vor der Tr, und meine Glckwnsche sollen Dir nicht
fehlen. Kommen sie einen Tag zu frh, wie ich fast vermute, so nimm es als ein
Zeichen, wie dringlich ich es habe, Dir alles Beste zu wnschen. Ist es ntig,
Dir die Wnsche herzuzhlen, die mich fr Dich erfllen? Sie gipfeln auch heute
wieder in dem einen, da der Moment Eurer Ausshnung nahe sein mge. Wohl wei
ich, da Du dieser Mglichkeit mitraust und Dein Mitrauen aus dem Charakter
Christinens zu begrnden suchst. Und eine innere Stimme, die Dir zuflstert, da
ihre Haltung ihr gutes Recht sei, kann Dich in Deinem Mangel an Vertrauen
allerdings nur bestrken. Aber es liegt doch gnstiger. Du hast unter Deiner
Frau Dogmenstrenge gelitten, und ich habe Christine, als an ernste Konflikte
noch nicht zu denken war, liebevoll gewarnt, Dich nicht in ein auf Leineweber
berechnetes Konventikeltum oder wohl gar in eine Deiner Natur total
widerstrebende Askese hineinzwingen zu wollen. Was darin von Anklage gegen
Christine lag, das war berechtigt, und ich habe, um oft Gesagtes noch einmal zu
sagen, weder Willen noch Veranlassung, etwas davon zurckzunehmen. Aber gerade
in dieser ihrer Bekenntnisstrenge, darunter wir alle gelitten, haben wir auch
das Heilmittel. Ob ihre noch immer lebendige Liebe zu Dir, wie sie sich in ihren
Briefen, oft wohl gegen ihren Willen, zu erkennen gibt, die Kraft zu Verzeihung
und Vershnung besitzen wrde, la ich dahingestellt sein, ich sage nicht ja und
nicht nein; aber was ihre Liebe vielleicht nicht vermchte, dazu wird sie sich,
wenn alles erst in die rechten Hnde gelegt ist, durch ihre Vorstellung von
Pflicht gedrngt fhlen. In die rechten Hnde, sag ich. Noch kmpft es in ihr,
und die brieflichen Vorstellungen unseres guten alten Petersen, der brigens
persnlich in seiner Zuversicht verharrt, haben bis zur Stunde wenig Erfolg
gehabt, jedenfalls keinen Sieg errungen. Aber was dem alten rationalistischen
Freunde, den sie so sehr liebt und den sie nur kirchlich nicht fr voll ansieht,
was unserem alten Petersen nicht gelingen wollte, das, denk ich, soll im rechten
Augenblick unserem seit vier Wochen zum Generalsuperintendenten ernannten
Schwarzkoppen ein leichtes oder doch wenigstens ein nicht allzuschweres sein. An
Schwarzkoppen, den ich in der letzten Woche beinahe tglich gesehen, hab ich
mich mit der dringenden Bitte gewandt, die Sache, bevor er uns und unsere Gegend
verlt, seinerseits in die Hand nehmen zu wollen, und da sich seine kirchlichen
berzeugungen mit seinen persnlichen Wnschen fr Dich und Christine decken, so
bezweifle ich keinen Augenblick, da er da ressieren wird, wo Petersen bisher
scheiterte. Wenn Schwarzkoppen schon immer entscheidende Instanz fr Christine
war, wie jetzt erst, wo der Arnewieker Seminardirektor ein wirkliches
Kirchenlicht geworden ist. Er ist nach Stettin, in seine heimatliche Provinz
Pommern, berufen worden und wird uns Ende September verlassen, um am 1. Oktober
sein neues Amt daselbst anzutreten. Ich mag diesen Brief nicht weiter ausdehnen,
am wenigsten aber Wirtschaftliches berhren. Davon ein andermal. Grfin
Brockdorff seh ich jetzt hufig, teils in ihrem Hause, teils bei Rantzaus, aber
auch gelegentlich hier in Arnewiek, wenn wir die Missionssitzungen haben, deren
einer ich, freilich als ein sehr Unwrdiger, neulich prsidieren mute.
Christine hat meine Pfingsteinladung abgelehnt, angeblich weil die Dobschtz
seit Frhjahr krnkle und der Pflege bedrfe. Der wahre Grund ist aber wohl der,
da sie nicht an rtlichkeiten und in Kreise zurckkehren mag, die nur
schmerzliche Erinnerungen in ihr wachrufen. In ihren Augen hat Gnadenfrei so
viele Vorzge und nicht zum wenigsten den, sich vor der Welt verbergen zu
knnen. Aber ich gestrste mich, da das Bedrfnis nach dieser
Weltabgeschiedenheit in ihr hinschwinden soll und da wir sie recht bald in die
Welt und in ein neues altes Glck zurckkehren sehen, in ein Glck, das nur ein
Wahn unterbrach. Ein Wahn, aus dem zuletzt eine Schuld wurde. Was gb ich darum,
wenn dieses Pfingstfest schon Euern Einzug gesehen und die ganze Sulenhalle von
Holkens in grnen Maien gestanden htte, das alte Wappen ber dem Eingang in
einem wieder von Rosen durchflochtenen Kranz. Da die Zukunft es so bringen
mge, die nchste schon, mit diesem Wunsche la mich schlieen.
                                                                      Dein Arne

Holk legte den Brief aus der Hand und sah freudig aufatmend nach dem Square
hinber, wo alles grnte und blhte. Der Eindruck, unter dem er stand, war der
der reinsten Freude; Mglichkeiten, an deren Verwirklichung er kaum noch
geglaubt hatte, nahmen Gestalt an, begrabene Hoffnungen standen wieder auf und
wollten Gewiheit werden, und die durch Jahre hin uerlich und innerlich
Getrennten zogen wieder ein in das Schlo am Meere, und das alte Glck war
wieder da.

                           Zweiunddreiigstes Kapitel


Und was Holk getrumt, es erfllte sich oder schien sich doch erfllen zu
wollen.
    Johannistag war, und ein sonniger blauer Himmel stand ber ganz Angeln, am
sonnigsten aber ber Schlo Holkens. Wagen in langer Reihe hielten an den
Treib- und Gartenhusern hin, und das Holksche Wappen ber dem Portale trug
einen Efeukranz, in den weie und rote Rosen eingeflochten waren. Arne hatte
Myrte gewollt, aber Christine war dabei geblieben, da es Efeu sein solle.
    Und nun schlug es zwlf von Holkeby her, und kaum da die zwlf
Hammerschlge verklungen waren, so kam auch schon ein allmhliches Schwingen in
die mchtige, jetzt von zwei Mnnern gezogene Glocke, die nun weit ins Land
hinein verkndete, da die Feier, zu der sich alle befreundeten Familien von nah
und fern her versammelt hatten, ihren Anfang nehme. So war es denn auch, und
nicht lange mehr, so ffnete sich die hohe, nach dem Park hinausfhrende
Glastr, und wer von Neugierigen, und ihrer waren viele, drauen zwischen den
Gartenbeeten einen guten Stand genommen hatte, der sah jetzt, wie sich drinnen
im Saal alles zu einem Zuge ordnete, an dessen Spitze zunchst Holk und
Christine erschienen, die Grfin in weiem Atlas und einem Orangebltenkranz im
Haar, von dem ein Schleier niederhing. Hinter dem Paare, das nun wie zu neuem
Ehebunde den Segen der Kirche empfangen sollte, schritten Asta und Axel, dann
Arne, der die ltere Grfin Brockdorff, und dann Schwarzkoppen, der die
Dobschtz fhrte, viel andere mit ihnen, und zuletzt alle die, die gebeten
hatten, der Feier im Festzuge beiwohnen zu drfen, und deren Teilnahme, weil es
Fernerstehende waren, die Herzen der wieder zu Trauenden besonders beglckt
hatte. Dienerschaften schlossen sich an, und als der Zug, der sich auf Holkeby
zu in Bewegung setzte, den zwischen den Tannen des Parkes hinlaufenden Kiesweg
passiert hatte, trat man in ein Spalier ein, das die Holkebyer Bauerntchter
samt den Mdchen aus den Nachbardrfern gebildet hatten. Alle hielten Krbe in
Hnden und streuten Blumen ber den Weg, einige aber, die dem Ansturm ihrer
Gefhle nicht wehren konnten, warfen die Krbe beiseite und drngten sich an
Christine heran, um ihr die Hand oder auch nur den Saum des Kleides zu kssen.
Sie machen eine Heilige aus mir, sagte die Grfin und suchte zu lcheln; aber
Holk, dem sie die Worte zugeflstert hatte, sah wohl, da ihr dies alles mehr
Pein als Freude schuf und da sie, wie das in ihrer Natur lag, ngstlich
schmerzliche Betrachtungen oder vielleicht selbst trbe Zukunftsgedanken an dies
berma von Huldigung knpfte. Das volle Leben um sie her indes entri sie dem
wieder, und als sie jetzt deutlich hrte, da der Glocken immer mehr wurden und
da es klang, als ob alle Kirchen im Angliter Lande das seltene Vershnungsfest
mitfeiern wollten, da fiel, auf Augenblicke wenigstens, alles Trbe von ihr ab,
und ihr Herz ging auf in dem Klange, der gen Himmel stieg.
    Und nun waren sie bis an die niedrige Kirchhofsmauer gekommen, an der
entlang, wie damals, wo Asta und Elisabeth hier gesessen hatten, wieder hohe
Nesseln standen und zerschnittene Stmme hochaufgeschichtet lagen, und als die
vordersten daran vorber waren, bog der Zug in das Portal ein und bewegte sich,
zwischen Grbern hin, auf die Kirche zu, die weit aufstand und einen freien
Blick auf den erleuchteten Altar am Ende des Mittelganges gestattete.
    Da stand Petersen.
    Er war hinfllig gewesen all die Zeit ber, und zu der Last seiner Jahre war
schlielich auch noch die Last schwerer Krankheit gekommen. Als er aber
vernommen hatte, da Schwarzkoppen, wenn Petersen bis Johannistag nicht wieder
genesen sei, die Traurede halten solle, da war er wieder gesund geworden und
hatte denen, die zu Vorsicht und Schonung mahnen wollten, beteuert, da er, und
wenn's vom Sterbebett aus wre, seine geliebte Christine wieder zum Glcke
fhren msse. Das hatte alle Welt gerhrt, ihm aber die Kraft seiner besten
Jahre wiedergegeben, und da stand er nun so grad und aufrecht wie vor neunzehn
Jahren, als er, auch an einem Johannistage, die Hnde beider ineinandergelegt
hatte.
    Gesang hatte begonnen im selben Augenblicke, wo der Zug in den Mittelgang
eintrat, und als das Singen nun schwieg, nahm Petersen zu kurzer Rede das Wort,
alles Persnliche vermeidend, am meisten aber jeden Hinweis auf den
Ungerechten, ber den mehr Freude sei im Himmel als ber hundert Gerechte.
Statt dessen rief er in einem schlichten, aber gerade dadurch alle Versammelten
tief ergreifenden Gebet die Gnade des Himmels auf die Wiedervereinten herab und
sprach dann den Segen.
    Und nun fiel die Orgel ein, und die Glocke drauen hob wieder an, und der
lange Zug der Trauzeugen nahm jetzt den Rckweg dicht am Strande hin und stieg,
als man den zur Dampfschiff-Anlegestelle fhrenden Brettersteg erreicht hatte,
links einbiegend die Terrasse nach Schlo Holkens hinauf.
    Da war die hochzeitliche Tafel unter der vorderen Halle gedeckt, derart, da
alle Gste den Blick auf das Meer hin frei hatten, und als der Augenblick nun
gekommen war, wo, wenn nicht ein Toast, so doch ein kurzes Festeswort gesprochen
werden mute, erhob sich Arne von seinem Platz und sagte, whrend er sich gegen
Schwester und Schwager verneigte: Auf das Glck von Holkens.
    Alle waren eigentmlich von den beinah schwermtig klingenden Worten
berhrt, und die, die dem Brutigam zunchst saen, stieen leise mit ihm an.
    Aber eine rechte Freude wollte nicht laut werden, und jedem Anwesenden kam
ein banges Gefhl davon, da man das Glck von Holkens, wenn es berhaupt da
war, nur heute noch in Hnden hielt, um es vielleicht morgen schon zu begraben.

                           Dreiunddreiigstes Kapitel


Das Gefhl der Trauer, das bei der schnen Feier vorgeherrscht hatte, schien
sich aber als ungerechtfertigt erweisen und das Glck von Holkens sich
wirklich erneuern zu wollen. Diesen Eindruck empfingen wenigstens alle
Fernerstehenden. Man lebte sich zu Liebe, sah viel Gesellschaft (mehr als sonst)
und machte Nachbarbesuche, bei denen es von seiten Holks an Unbefangenheit und
guter Laune nie gebrach, und nur wer schrfer zusah, sah deutlich, da diesem
allen doch das rechte Leben fehlte. Friede herrschte, nicht Glck, und ehe der
Herbst da war, war namentlich fr die Dobschtz und Arne kein Zweifel mehr, da,
was Christine anging, nichts da war als der gute Wille zum Glck. Ja, der gute
Wille! Von Meinungsverschiedenheiten war keine Rede mehr, und wenn sich Holk,
was gelegentlich noch geschah, in genealogischen Exkursen oder in
Musterwirtschaftsplnen erging, so zeigte die Grfin nichts von jenem Lcheln
der berlegenheit, das fr Holk so viele Male der Grund zu Verstimmung und
Gereiztheit gewesen war; aber dies ngstliche Vermeiden alles dessen, was den
Frieden htte stren knnen, das Abbrechen im Gesprch, wenn doch einmal ein
Zufall ein heikles Thema heraufbeschworen hatte, gerade die bestndige Vorsicht
und Kontrolle brachte so viel Bedrckendes mit sich, da selbst die letzten
Jahre vor der Katastrophe, wo das eigentliche Glck ihrer Ehe schon zurcklag,
als vergleichsweise glckliche Zeiten daneben erscheinen konnten.
    Holk, bei seinem frischen, sanguinischen Naturell, wehrte sich eine Zeitlang
gegen diese Wahrnehmung und lie sich's angelegen sein, ber die Zurckhaltung
und beinahe Scheu hinwegzusehen, womit Christine seinem Entgegenkommen
begegnete. Schlielich aber ward er ungeduldig, und als Ende September heran
war, beschlo er in einem Gemtszustande, darin Mimut und tiefe Teilnahme sich
ablsten, mit der Dobschtz zu sprechen und ihre Meinung und wenn tunlich auch
ihren Rat einzuholen.
    ber Schlo und Park lag ein klarer frischer Herbstmorgen, und die
Sommerfden hingen ihr Gespinst an das hier und da schon blattlose Gestruch.
Asta war den Abend vorher aus der Pension eingetroffen und brannte darauf,
gleich nach beendigtem Frhstck, zu dem man sich eben gesetzt hatte, nach
Holkeby hinunterzusteigen und der Freundin unten im Dorf ihren Besuch zu machen.
Ich komme mit, sagte Holk, und da die Dobschtz schon vorher zugesagt hatte,
Asta begleiten zu wollen, so stiegen nun alle drei die Terrasse hinunter, um, am
Strande hin, den etwas nheren und schneren Weg zu nehmen. Die breite
Wasserflche lag beinahe unbewegt, und nur dann und wann schob eine schwache
Brandung ihren Schaum bis dicht an die Dne heran. Asta war glcklich, das Meer
wiederzusehen, und brach oft ab in Erzhlung ihrer Pensionserlebnisse, wenn dann
und wann ein wunderbarer Lichtschimmer gerade ber die stille Flut hinglitt oder
die Mwen ihre Flgel darin eintauchten; aber mit einem Male war ihr Interesse
fr Meer und Lichtreflexe hin, und Elisabeth Petersens ansichtig werdend, die,
von der Dne her, auf den Strand hinaustrat, eilte sie der Freundin entgegen und
umarmte und kte sie. Holk und die Dobschtz waren in diesem Augenblicke
zurckgeblieben, was den beiden vor ihnen herschreitenden Freundinnen, die sich
natrlich eine Welt von Dingen zu sagen hatten, sehr zupa kam, aber auch Holk
war es zufrieden, weil ihm der sich rasch erweiternde Zwischenraum eine lang
herbeigewnschte gute Gelegenheit bot, mit der Dobschtz ungezwungen ber
Christine zu sprechen.
    Es ist mir lieb, liebe Dobschtz, begann er, da wir einen Augenblick
allein sind. Ich habe schon lngst mit Ihnen sprechen wollen. Was ist das mit
Christine? Sie wissen, da ich nicht aus Neugier frage, noch weniger, um zu
klagen, und am allerwenigsten, um anzuklagen. Es hat Zeiten gegeben, wo Sie
dergleichen mit anhren muten, wo Sie schlichten sollten; aber wie Sie wissen,
liebe Freundin, diese Zeiten liegen zurck und kehren nicht wieder. Aller Streit
ist aus der Welt, und wenn ich mit Christine durch den Park gehe, wie's noch
heute vor dem Frhstck der Fall war, und das Eichhrnchen luft ber den Weg
und der Schwan fhrt ber den Teich und Rustan, der uns begleitet, rhrt sich
nicht, vielleicht auch dann nicht, wenn ein Volk Hhner auffliegen sollte - so
fllt mir immer ein Bild ein, auf dem ich mal das Paradies abgebildet gesehen
habe; alles auf dem Bilde schritt in Frieden einher, der Lwe neben dem Lamm,
und der liebe Gott kam des Weges und sprach mit Adam und Eva. Ja, liebe
Dobschtz, daran erinnert mich jetzt mein Leben, und ich knnte zufrieden sein
und sollt es vielleicht. Aber ich bin es nicht, ich bin umgekehrt bedrckt und
gengstigt. Handelte sich's dabei nur um mich, so wrd ich kein Wort verlieren
und in dem, was mir, trotz des vorhandenen Friedens, an Behagen und Freude
fehlt, einfach eine mir auferlegte Bue sehen und nicht murren, ja vielleicht im
Gegenteil etwas wie Genugtuung empfinden. Denn ein Unrecht fordert nicht blo
seine Shne, sondern diese Shne befriedigt uns auch, weil sie unserem
Rechtsgefhl entspricht. Also noch einmal, wenn ich jetzt spreche, so sprech ich
nicht um meinet-, sondern um Christinens willen und weil jeder Tag mir zeigt,
da sie wohl vergessen mchte, aber nicht vergessen kann. Und nun sagen Sie mir
Ihre Meinung.
    Ich glaube, lieber Holk, da Sie's mit Ihrem Wort getroffen haben -
Christine will vergessen, aber sie kann es nicht.
    Und hat sie sich in diesem Sinne gegen Sie geuert? Hat sie zu verstehen
gegeben, da alles doch umsonst sei?
    Das nicht.
    Und doch leben Sie dieser berzeugung?
    Ja, lieber Holk, leider. Aber Sie drfen aus diesem mich allerdings
beherrschenden Gefhle nichts Schmerzlicheres und namentlich auch nichts
Gewisseres ableiten wollen, als ntig, als zulssig ist. Ich wei nichts
Gewisses. Denn wenn ich auch nach wie vor der Gegenstand von Christinens
Freundschaft bin - und wie knnt es auch anders sein, zeigt ihr doch jede
Stunde, wie sehr ich sie liebe -, so bin ich doch nicht mehr der Gegenstand
ihrer Mitteilsamkeit. Wie sie gegen alle schweigt, so auch gegen mich. Das ist
freilich etwas tief Trauriges. Sie war daran gewhnt, ihr Herz gegen mich
auszuschtten, und als wir damals, ein unvergelich schmerzlicher Tag, aus dem
Hause gingen und erst im Dorfe unten und dann in Arnewiek und zuletzt in
Gnadenfrei die schwere Zeit gemeinschaftlich durchlebten, da hat sie nichts
gedacht und nichts gefhlt, was ich nicht gewut htte. Wir waren zwei Menschen,
aber wir fhrten nur ein Leben, so ganz verstanden wir uns. Aber das war von dem
Tage an vorbei, wo Christine wieder hier einzog. In ihrem feinen Sinn sagte sie
sich, da nun wieder eine neue Glcks- und Freudenzeit angebrochen sei oder
wenigstens anbrechen msse, und weil ihr - Verzeihung, lieber Holk, wenn ich
dies ausspreche -, weil ihr die rechte Freude doch wohl ausblieb und ihr
andererseits ein weiteres Klagen unschicklich oder wohl gar undankbar gegen Gott
erscheinen mochte, so gewhnte sie sich daran, zu schweigen, und bis diesen Tag
mu ich erraten, was in ihrer Seele vorgeht.
    Holk blieb stehen und sah vor sich hin. Dann sagte er: Liebe Dobschtz, ich
kam, um Trost und Rat bei Ihnen zu suchen, aber ich sehe wohl, ich finde davon
nichts. Ist es so, wie Sie sagen, so wei ich nicht, wie Hlfe kommen soll.
    Die Zeit, die Zeit, lieber Holk. Des Menschen guter Engel ist die Zeit.
    Ach, da Sie recht htten. Aber ich glaub es nicht; die Zeit wird nicht
Zeit dazu haben. Ich bin nicht Arzt, und vor allem verzicht ich darauf, in Herz
und Seele lesen zu wollen. Trotzdem, soviel seh ich klar, wir treiben einer
Katastrophe zu. Man kann glcklich leben, und man kann unglcklich leben, und
Glck und Unglck knnen zu hohen Jahren kommen. Aber diese Resignation und
dieses Lcheln - das alles dauert nicht lange. Das Licht unseres Lebens heit
die Freude, und lischt es aus, so ist die Nacht da, und wenn diese Nacht der Tod
ist, ist es noch am besten.

Eine Woche spter war eine kleine Festlichkeit auf Holkens, nur der nchste
Freundeskreis war geladen, unter ihnen Arne und Schwarzkoppen, auch Petersen und
Elisabeth. Man sa bis Dunkelwerden im Freien, denn es war trotz vorgerckter
Jahreszeit eine milde Luft, und erst als drinnen die Lichter angezndet wurden,
verlie man den Platz unter der Halle drauen, um in dem groen Gartensalon
zunchst den Tee zu nehmen und dann ein wenig zu musizieren. Denn Asta hatte
sich whrend ihrer Pensionstage zu einer kleinen Virtuosin auf dem Klavier
ausgebildet, was, seit sie zurck war, zu fast tglichen Begegnungen und
bungsstunden mit Elisabeth gefhrt hatte. Heute nun sollte dem innerhalb der
nchsten Tage aus seiner Arnewieker Stellung scheidenden Schwarzkoppen zu Ehren
mancherlei Neues zum Vortrag kommen, und als das Hin- und Herlaufen der
Dienerschaften und das Geklapper des Teegeschirrs endlich ein Ende genommen
hatte, begannen beide Freundinnen ziemlich hastig in der Musikmappe zu suchen,
bis sie, was sie brauchten, gefunden hatten, nur zwei, drei Sachen, weil Holk
alles Musizieren als eine gesellschaftliche Strung ansah. Das erste, was zum
Vortrag kam, war ein Lied aus Flotows Martha, woran sich das Robert Burnssche
Und sh ich auf der Heide dort unmittelbar anschlo, und als die letzten
Zeilen auch dieses Liedes unter allseitigem Beifall verklungen waren, kndete
Asta der immer aufmerksamer gewordenen Zuhrerschaft an, da nun ein wirkliches
Volkslied folgen solle; denn Robert Burns sei doch eigentlich auch nur ein
Kunstdichter.
    Schwarzkoppen bestritt dies entschieden und sah sich dabei von seiten Arnes
untersttzt, der, in seiner Eigenschaft als Oheim, hinzusetzen durfte: das sei
so moderner Pensionsgeschmack, und einmal im Zuge, wr er sicher noch weiter
gegangen und htte der derartig herausfordernden Bemerkungen noch mehrere
gemacht, wenn nicht Holk im selben Augenblicke mit der wiederholten Frage, wie
das vorzutragende Volkslied denn eigentlich heie, dazwischengefahren wre.
    Das Lied heit gar nicht, antwortete Asta.
    Unsinn. Jedes Lied mu doch einen Namen haben.
    Das war frher so. Jetzt nimmt man die erste Zeile als berschrift und
macht Gnsefchen.
    Jawohl, lachte Holk. Gnsefchen; das glaub ich.
    Und nun schwieg der Streit, und nach einem kurzen Vorspiel Astas begann
Elisabeth mit ihrer schnen, dem Text wie der Komposition gleich angepaten
Stimme:

Denkst du verschwundener Tage, Marie,
Wenn du starrst ins Feuer bei Nacht?
Wnschst du die Stunden und Tage zurck,
Wo du froh und glcklich gelacht?

Ich denke verschwundener Tage, John,
Und sie sind allezeit mein Glck,
Doch die mir die liebsten gewesen sind,
Ich wnsche sie nicht zurck...

Als dies Lied schwieg und gleich danach auch die Begleitung, eilten alle, sogar
Holk, auf den Flgel zu, um Elisabeth, die verlegen die Huldigungen in Empfang
nahm, ein freundliches Wort zu sagen. Ja, sagte Asta, die sich des Triumphes
der Freundin freute, so schn hast du's noch nie gesungen. Alle wnschten denn
auch die Strophe noch einmal zu hren, und nur eine war da, die sich dem Wunsche
nicht anschlo, weil ihr inmitten des allgemeinen Aufstandes nicht entgangen
war, da Christine, ganz so wie vor zwei Jahren bei Vortrag des schwermtigen
Waiblingerschen Liedes, den Salon in aller Stille verlassen hatte.
    Die, die dies wahrnahm, war natrlich die Dobschtz, der zugleich ein
Zweifel kam, ob sie der Freundin folgen solle oder nicht. Zuletzt entschied sie
sich dafr und stieg die Treppe hinauf, um Christine in ihrem Schlafzimmer
aufzusuchen. Da sa sie denn auch, die Hnde gefaltet, die Augen starr zu Boden
gerichtet.
    Was ist dir, Christine? was hast du?
    Und die Dobschtz kniete vor ihr nieder und nahm ihre Hand und bedeckte sie
mit Kssen und Trnen.
    Was hast du? wiederholte sie ihre Frage und sah zu ihr auf. Christine
aber, whrend sie die Hand aus der Hand der Freundin lste, sagte leise vor sich
hin:

Und die mir die liebsten gewesen sind,
Ich wnsche sie nicht zurck.


                           Vierunddreiigstes Kapitel

Eine Woche war vorber seitdem.
    Es war eine milde Luft, und wre nicht der wilde Wein gewesen, der sich mit
seinen schon herbstlich roten Blttern um einzelne Sulen von Schlo Holkens
emporrankte, so htte man glauben knnen, es sei wieder Johannistag und das
schne Fest, das ein Vierteljahr vorher ganz Angeln mit begangen hatte, werde
noch einmal gefeiert. Denn nicht nur lag es hell und beinahe sommerlich, wie
damals bei der Wiedertrauung des grflichen Paares, ber Schlo und Park, auch
die lange festliche Wagenreihe, die heute, genau wie am Tage der erneuten
Trauung, zahlreiche Gste gebracht hatte, war wieder da. Dazu klangen auch die
Glocken wieder weit ins Land hinein, und die Mdchen von Holkeby standen, wie
damals beim Erscheinen des hochzeitlichen Zuges, das Dorf entlang und streuten
ihre Blumen. Aber heute waren es weie Astern, die sie streuten, und die, die
vom Schlosse her des Weges kam, war eine Tote; vorauf Musik, hinter dem Sarge
Holk und die Kinder und dann in langem Zuge die Verwandten und Freunde. Petersen
stand am Kirchhofseingang, und dem Zuge vorauf schritt er jetzt auf das Grab zu,
das neben der bauflligen alten Gruft bereitet war. Hier angekommen, schwieg der
Choral, alle Hupter entblten sich, und dann senkten sie den Sarg hernieder,
und die Erde schlo sich ber Christine Holk. Ein Herz, das sich nach Ruhe
sehnte, hatte Ruhe gefunden.

                              Julie von Dobschtz
                     an Generalsuperintendent Schwarzkoppen

                                          Schlo Holkens, den 14. Oktober 1861

Ew. Hochwrden wollen von unserer Freundin hren, deren Tod das erste war, was
Sie, nach Ihrem Amtsantritt in Ihrer alten Heimat, von hier aus erfuhren. Ich
komme Ihrem Wunsche freudig nach, denn neben allem Schmerzlichen ist es mir
immer wieder ein Trost und eine Erhebung, von der teuren Toten sprechen zu
drfen.
    An dem Tage, wo Sie sie zuletzt sahen, reifte wohl ein Gedanke in ihr, den
sie lange mit sich umhertragen mochte. Vielleicht entsinnen Sie sich des
elegischen, beinahe schwermtigen Volksliedes, das Elisabeth Petersen an jenem
Abende vortrug - Christine verlie gleich danach das Zimmer, und ich glaube, da
es von dem Augenblicke an in ihr feststand. Ich fand sie tief erschttert und
bekenne, da bange Ahnungen sofort mein Herz erfllten, Ahnungen, die
niederzukmpfen mir nur dadurch gelang, da ich mir den christlichen Sinn und
die ganze Glaubensfestigkeit der teuren Entschlafenen vergegenwrtigte, den
christlichen Sinn, der das Leben trgt, solange Gott es will.
    Der nchste Tag schien mir auch ein Recht zu diesem meinem Vertrauen geben
zu sollen. Christine hatte sich, wie sie mir sagte, spt erst zur Ruhe begeben,
aber ihr Aussehen zeigte nichts von berwachtsein, im Gegenteil, eine Frische
gab sich zu erkennen, wie ich sie, seit dem Tage ihrer Wiedervereinigung, nicht
mehr an ihr wahrgenommen hatte. Sie war, als sie zum Frhstck kam,
entgegenkommender und freundlicher als gewhnlich, schlug einen beinah
herzlichen Ton an und redete Holk zu, sich an einer fr den zweitnchsten Tag
festgesetzten Jagdpartie zu beteiligen, zu der er eben eine Einladung von Graf
Baudissin erhalten hatte. Dann besprachen sie sonderbarerweise
Toilettenangelegenheiten, sogar ganz ausfhrlich, aber freilich nur mit
Rcksicht auf Asta, die nun ber siebzehn sei und in die Gesellschaft eingefhrt
werden msse, bei welchem Worte sich ihr Auge mit Trnen fllte.
    So verging der Tag, und die Sonne stand schon tief, als sie mich
aufforderte, mit ihr an den Strand zu gehen. Aber, setzte sie hinzu, wir mssen
uns eilen und unten sein, eh es dunkel wird.
    Und gleich danach stiegen wir die Terrasse hinab. Unten angekommen, war ihr
der Weg am Strande hin nicht recht, der Sand sei so feucht und ihr Schuhzeug so
leicht, und so gingen wir denn auf den Steg hinauf, in einem Gesprch, in dem
die Grfin absichtlich jedes ernstere Thema zu vermeiden schien. Als wir endlich
bis an die Plattform und die kleine Treppe gekommen waren, an der die
Dampfschiffe anlegen, setzten wir uns auf eine Holzbank, die Holk seit kurzem
erst an dieser Stelle hat aufstellen lassen, und sahen in die Sonne, deren
Widerschein auf dem nur wenig bewegten Meere fast noch schner war als ihre
Farbenpracht in dem Gewlk darber. Wie schn, sagte Christine. La uns den
Untergang hier abwarten. Freilich, es wird schon kalt, und du knntest uns wohl
unsere Mntel holen. Aber, bitte, spare dir die Stufen und ruf es blo die
Terrasse hinauf. Asta wird es schon hren.
    Sie sprach das alles mit einem Anflug von Verlegenheit, denn etwas Unwahres
sagen widerstrebte ihrer Natur; aber wenn diese Verlegenheit auch gefehlt htte,
so wre mir das Ganze doch aufgefallen, weil ihre fast zu weit gehende Zartheit
und Gte gegen mich es immer ngstlich vermied, irgendeinen Dienst von mir zu
fordern. Sie sah auch, welche Richtung meine Gedanken nahmen, aber ich durfte
sie's doch nicht klar und unumwunden wissen lassen, was an Besorgnis in meiner
Seele vorging, und so ging ich denn den Steg wieder zurck und die Terrasse
hinauf, denn das mit dem Hinaufrufen, bis Asta es hre, war nur so hingesagt
worden.
    Als ich wieder am Ausgang des Steges ankam, fand ich die Grfin nicht mehr
und wute nun, was geschehen. Ich eilte zurck, um Hlfe zu holen, trotzdem ich
sicher war, da alles nutzlos sein wrde. Holk war wie betubt und wute sich
nicht Rat. Endlich aber wurde das Dorf alarmiert, und bis in die Nacht hinein
suchte man an Steg und Strand. Auch Boote wurden abgelassen und fuhren ins Meer
hinein, auf eine nur von wenig Wasser bersplte Sandbank zu, die dem Stege quer
vorliegt. Aber durch Stunden hin ohne jeden Erfolg, und erst am andern Morgen
kamen Holkebyer Fischer aufs Schlo und meldeten, da sie die Grfin gefunden
htten. Wir gingen nun alle hinunter. Der Ausdruck stillen Leidens, den ihr
Gesicht so lange getragen hatte, war dem einer beinah heiteren Verklrung
gewichen, so sehr bedrftig war ihr Herz der Ruhe gewesen. Und auf einer Bahre,
die man aus der Kirche herbeigeschafft hatte, trug man sie nun, weil man die
Steigung der Terrasse vermeiden wollte, durch die Dne bis ins Dorf und dann den
mig ansteigenden Parkweg hinauf. Alles drngte herzu, und die armen Leute, fr
die sie gesorgt, wehklagten, und bittere Worte wurden laut, die der Graf, so
hoffe ich, nicht hrte.
    Wie das Begrbnis war und wie Petersen sprach, der an diesem Tage, das mu
ich bezeugen, auch das rechtglubigste Herz zufriedenstellen konnte, das haben
Sie gelesen in dem Arnewieker Boten, den Ihnen Baron Arne geschickt hat, und
vielleicht auch in den Flensburger Nachrichten.
    Ich habe nur noch hinzuzufgen, was vielleicht angetan ist, uns ber den
Seelenzustand der Grfin und ber das, was sie den letzten Schritt tun lie, ins
klare zu bringen. In derselben Stunde noch, als wir sie vom Strand
heraufgebracht hatten, gingen wir auf ihr Zimmer und suchten, ob sich nicht ein
Abschiedswort fnde. Wir fanden auch wirklich mehrere Briefbogen, deren
Anredeworte zeigten, da sie den Willen gehabt hatte, von den ihr
Zunchststehenden, von Holk, von Arne und auch von mir, Abschied zu nehmen. Den
berschriften an Arne und mich waren ein paar Worte wie Habe Dank und Wenn Du
diese Zeilen liest hinzugefgt, aber alles war wieder durchstrichen, und dem
Bogen mit der Anrede Lieber Holk fehlte auch das. Dafr war dem fr Holk
bestimmten Bogen ein zerknittertes und dann wieder sorgsam glattgestrichenes
Blatt eingelegt, darauf das Lied stand, das Elisabeth Petersen, unmittelbar vor
Holks Abreise nach Kopenhagen, gesungen und dessen Vortrag damals, hnlich wie
jetzt das vorerwhnte Volkslied aus dem Englischen, einen so tiefen Eindruck auf
Christine gemacht hatte. Dieses jngst gehrten Volksliedes werden sich Ew.
Hochwrden sicherlich noch erinnern, aber das frher gehrte wird Ihrem
Gedchtnis entschwunden sein, weshalb es mir gestattet sein mag, der ersten
Strophe desselben hier eine Stelle zu geben. Diese Strophe lautete:

Die Ruh ist wohl das Beste
Von allem Glck der Welt;
Was bleibt vom Erdenfeste,
Was bleibt uns unvergllt?
Die Rose welkt in Schauern,
Die uns der Frhling gibt;
Wer hat, ist zu bedauern,
Und mehr noch fast, wer liebt.

Die letzte Zeile war leis und kaum sichtbar unterstrichen. Eine ganze Geschichte
lag in diesen verschmten Strichelchen.
    Ihnen wird Ihr Amt und Ihr Glaube die Kraft geben, den Tod der Freundin zu
verwinden, aus meinem Leben aber ist das Liebste dahin, und was mir bleibt, ist
arm und schal. Asta bittet, sich Ihnen empfehlen zu drfen, ebenso Elisabeth
Petersen.
                                  Ew. Hochwrden ergebenste Julie von Dobschtz
