
                                Fontane, Theodor

                                     Stine

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                                Theodor Fontane

                                     Stine

                                 Erstes Kapitel

In der Invalidenstrae sah es aus wie gewhnlich: die Pferdebahnwagen
klingelten, und die Maschinenarbeiter gingen zu Mittag, und wer durchaus was
Merkwrdiges htte finden wollen, htte nichts anderes auskundschaften knnen,
als da in Nummer 98e die Fenster der ersten Etage - trotzdem nicht Ostern und
nicht Pfingsten und nicht einmal Sonnabend war - mit einer Art Bravour geputzt
wurden.
    Und nicht zu glauben, diese Merkwrdigkeit ward auch wirklich bemerkt, und
die schrg gegenber an der Scharnhorststraen-Ecke wohnende alte Lierschen
brummelte vor sich hin: Ich wei nich, was der Pittelkown wieder einfllt. Aber
sie kehrt sich an nichts. Un was ihre Schwester is, die Stine, mit ihrem
Stbeken oben bei Polzins un ihren Sep'ratschlssel, da keiner was merkt, na,
die wird grad ebenso. Schlimm genug. Aber die Pittelkown is schuld dran. Wie sie
man blo wieder da steht und rackscht und rabatscht! Und wenn es noch Abend wr,
aber am hellen, lichten Mittag, wo Borsig und Schwarzkoppen seine grade die
Strae runterkommen. Is doch wahrhaftig, als ob alles Mannsvolk nach ihr
raufkucken soll; 'ne Snd und 'ne Schand.
    So brummelte die Lierschen vor sich hin, und so wenig freundlich ihre
Betrachtungen waren, so waren sie doch nicht ganz ohne Grund; denn oben auf dem
Fensterbrett und kniehoch aufgeschrzt stand eine schne, schwarze Frauensperson
mit einem koketten und wohlgepflegten Wellenscheitel und wusch und rieb, einen
Lederlappen in der Hand, die Scheiben der einen Fensterseite, whrend sie den
linken Arm, um sich besser zu sttzen, ber das andere Querholz gelegt hatte.
Mitunter gnnte sie sich einen Stillstand in der Arbeit und sah dann auf die
Strae hinunter, wo jenseits des Pferdebahngeleises ein dreirdriger, beinahe
eleganter Kinderwagen in greller Mittagssonne hielt. Dem im Wagen sitzenden,
allem Anscheine nach beraus ungebrdigen Kinde, das ganz aristokratisch in
weie Spitzen gekleidet war, war ein zehnjhriges Mdchen zur Aufsicht
beigegeben, das, als alles Bitten und Zureden nichts helfen wollte, dem
Schreihals einen tchtigen Klaps gab. Im selben Augenblick aber schielte die
Zehnjhrige, die diesen Erziehungsakt gewagt hatte, scheu nach dem Fenster
hinauf, und richtig, es war alles von drben her gesehen worden, und die schne,
schwarze Person, die klapsen und erziehn durchaus als ihre Sache betrachtete,
drohte sofort mit dem Lederlappen nach der auf ihrem bergriff Ertappten
hinber. Auch schien ein Zornausbruch in Worten trotz der weiten Entfernung
folgen zu sollen; aber ein befreundeter Briefbote, der gerade die Strae
heraufkam, hielt einen Brief in die Hh, zum Zeichen, da er ihr etwas bringe.
Sie verstand es auch so, stieg sofort vom Fensterbrett auf einen nebenstehenden
Stuhl und verschwand im Hintergrunde des Zimmers, um den Brief drauen auf dem
Korridor in Empfang zu nehmen. Eine Minute spter kam sie zurck und setzte sich
ins Licht, um bequemer lesen zu knnen. Aber was sie da las, schien ihr mehr
rger als Freude zu machen, denn ihre Stirn legte sich sofort in ein paar
Verdrielichkeitsfalten, und den Mund aufwerfend, sagte sie spttisch: Alter
Ekel. Immer verquer. Aber sie war keine Person, sich irgendwas auf lange zu
Herzen zu nehmen, und so lehnte sie sich, den Brief immer noch in der Hand
haltend, weit ber die Fensterbrstung hinaus und rief mit jener enrhmierten
Altstimme, wie sie den unteren Volksklassen unserer Hauptstadt nicht gerade zum
Vorteil eigen ist, ber die Strae hin: Olga!
    Was denn, Mutter?
    Was denn, Mutter! Dumme Jre! Wenn ich dir rufe, kommste. Verstehste?
    Ein mit einem alten Dampfkessel bepackter Lastwagen, der drhnend und
schtternd gerade des Weges kam, hinderte die unverzgliche Ausfhrung des
Befehls; kaum aber, da der Rollwagen vorber war, so nahm Olga den Stogriff
des Kinderwagens in die Hand und fuhr, quer ber den Damm hin, auf das Haus zu
und mit einem Ruck in den Hausflur hinein. Hier nahm sie das Kind heraus und
ging, whrend sie den Wagen zunchst unten stehenlie, treppauf in die Wohnung
der Mutter.
    Diese hatte sich mittlerweile beruhigt, die Stirnfalte war fort, und Olga
bei der Hand nehmend, sagte sie mit jenem berma von Vertraulichkeit, das
gewhnliche Leute gerade bei Behandlung intimster Dinge zu zeigen pflegen:
Olga, der Olle kommt heute wieder. Immer wenn's nich pat, is er da. Grad als
wollt er mir ein'n Tort antun. Ja, so is er. Na, es hilft nu nich und, Gott sei
Dank, vor achten kommt er nich. Und nun gehst du zu Wanda und sagst ihr... Ne,
la man... Bestellen kannst du's doch nich, es is zu lang zum Bestellen... Ich
werd dir lieber einen Zettel schreiben.
    Und mit diesen Worten trat sie, von der Tr her, wo dies Gesprch
stattgefunden, an einen beraus eleganten und um eben deshalb zu Haus und
Wohnung wenig passenden Rokokoschreibtisch heran, auf dem eine fast noch mehr
berraschende ledergeprete Schreibmappe lag. In dieser Mappe begann jetzt die
noch immer hochaufgeschrzte Frau nach einem Stck Briefpapier zu suchen,
anfangs ziemlich ruhig, als sich aber, nach dreimaligem Durchblttern der roten
Lschpapierbogen, immer noch nichts gefunden hatte, brach ihre schlechte Laune
wieder los und richtete sich, wie gewhnlich, gegen Olga: Hast es wieder
weggenommen un Puppen ausgeschnitten.
    Nein, Mutter, wahr un wahrhaftig nich; ich kann es dir zuschwren.
    Ach, geh mir mit dein ewiges Geschwre. Haste denn gar nichts?
    Ja, mein Schreibebuch.
    Und Olga lief, so rasch es ging, in das Neben- und Hinterzimmer und kam dann
mit einem blauen Schreibehefte zurck. Die Mutter ri ohne weiteres die letzte
Seite heraus, auf deren oberster Zeile lauter ch's standen, und kritzelte nun
mit verhltnismiger Schnelligkeit einen Brief fertig, faltete das Blatt
zweimal und verklebte die noch offene Stelle mit Briefmarkenstreifen, von denen
sie die gummireichsten immer mit dem Bemerken Is besser als englisch Pflaster
aufzuheben pflegte. So, Olgachen. Nun gehst du zu Wanda un gibst ihr das. Und
wenn sie nich da is, gibst du's an den alten Schlichting. Aber nich an seine
Frau un auch nich an die Flora, die kuckt immer rein un braucht nicht alles zu
wissen. Und wenn du zurckkommst, dann gehste mit zu Bolzanin ran und bestellst
'ne Torte.
    Was fr eine? fragte Olga, deren Gesicht sich pltzlich verklrte.
    Appelsine... Un bezahlst sie gleich. Un wenn du sie bezahlt hast, sagste,
da er nichts drauflegen soll, auch keine Appelsinenstcke, die doch blo Pelle
un Steine sind... Und nun geh, Olgachen, un mach flink, und wenn du wieder da
bist, kannst du dir drben bei Marzahn auch fr 'n Sechser Gerstenbonbons
kaufen.

                                Zweites Kapitel


Olga sumte nicht und ging in die Hinterstube, um hier ihr rot und schwarz
kariertes Umschlagetuch zu holen, das, neben einem etwas verschlissenen
Schnurrenhut, ihr gewhnliches Straenkostm bildete. Witwe Pittelkow in Person
aber stieg, nachdem sie das immer noch schreiende Kind in eine ganz vornehm
ausgestattete Himmelwiege gelegt und ihm eine Flasche mit Saugpfropfen in den
Mund gesteckt hatte, zwei Treppen hher zu Polzins hinauf, wo ihre Schwester
Stine Chambre garnie wohnte.
    Polzins waren gutsituierte Leute, die das mit dem Chambre garnie gar nicht
ntig gehabt htten, aber trotzdem, aus purem Geiz, alles vermieteten, oder doch
soviel wie irgend mglich, um ihrerseits frei wohnen zu knnen oder, wie Frau
Polzin sich ausdrckte, fr umsonst einzusitzen. Er, Polzin, war, seiner
eigenen Angabe nach, Teppichfabrikant (allerdings niedrigster Observanz) und
beschrnkte sich darauf, unter geflissentlicher Verachtung aller
Komplementrfarbengesetze, schmale, kaum fingerbreite Tuchstreifen wie Stroh
oder Binsen nebeneinanderzuflechten und dies Geflecht als Polzinsche Teppiche
zu verkaufen. Sehen Sie, so schlo jedes seiner Geschftsgesprche, solch
Polzinscher (er behandelte sich dabei ganz als historische Person) wird nie
alle; wenn eine Stelle weggetreten is oder der Etisch mit seinem Rollfu ein
Loch eingerissen hat, nehm ich ein paar alte Streifen raus un setz ein paar neue
rein, un alles is wieder propper un fix un fertig. Sehen Sie, so sind die
Polzinschen. Aber wenn der Smyrnaer ein Loch hat, dann hat er's, und da hilft
kein Gott nich.
    Polzin, wie sich aus diesem Redestck ergibt, neigte zu philosophischer
Betrachtung; ein Zug, der durch das zweite Metier, das er betrieb, noch eine
ganz erhebliche Strkung erfuhr. Whrend der Abendstunden nmlich war er bei
sich bietenden Gelegenheiten auch noch Lohndiener und wegen seiner Vorsicht und
Geschicklichkeit beim Prsentieren in dem zwischen Invaliden- und Chausseestrae
gelegenen Stadtteil allgemein beliebt, was Frau Polzin in ihren Gesprchen mit
der Pittelkow immer wieder betonte: Sehn Sie, liebe Pittelkow, mein Mann is ein
ordentlicher und manierlicher Mensch, der, weil wir selber ganz klein angefangen
haben, am besten wei, da es nich jeder zum Wegschmeien hat. Un sehn Sie,
danach prsentiert er auch, und Saucieren, die nich feststehn und immer hin und
her rutschen, die nimmt er gar nich. Und wenn Polzin schon eine einzige
Plschtaille verdorben hat, so will ich sterben. Und ebenso galant und
manierlich is er auch bei 's Mitnehmen. Er is mein Mann, aber das mu ich sagen,
er hat was Feines un Bescheidenes un berhaupt so was, was die andern nich
haben. Ja, das mu ich ihm lassen. Und da reichen nich hundert Mal, da er mir
gesagt hat: Emile, heut hab ich mir mal wieder ber meine Kollegen geschmt.
Natrlich war es wieder der mit 'n Plattfu aus der Charitstrae. Glaubst du,
da er sich auch blo geniert und ein ganz klein bichen fr Schein und Anstand
gesorgt htte? I, Gott bewahre. Ganz dreiste weg, als ob er sagen wollte: ja,
meine Herrschaften, da steht der Rotwein, un nu nehm ich ihn mit nach Hause.

So waren die Polzins, an deren Flurtr, trotz einer daneben befindlichen
Klingel, die Pittelkow jetzt klopfte, zum Zeichen (so hatte man abgemacht), da
es blo Freundschaft sei, was zu Besuch kme. Und gleich danach erschien denn
auch Frau Polzin und ffnete.
    Die nur drei Stuben zhlende Polzinsche Wohnung erfreute sich des Vorzugs
eines Korridors, der aber freilich nicht grer war als ein aufgeklappter
Spieltisch und augenscheinlich nur den Zweck hatte, drei auf ihn ausmndende
Tren zu zeigen, von denen die links gelegene zu der verwitweten Privatsekretr
Kahlbaum, die mittlere zu Polzins selbst, die rechts gelegene zu Stine fhrte.
Diese hatte das beste Zimmer der Wohnung, hell und freundlich, mit dem Blick auf
die Strae, whrend sich die Kahlbaum mit etwas Beleuchtung vom Hof her und die
Polzinschen Eheleute mit einem schrgen Dachlicht begngen muten, das, wie bei
photographischen Ateliers, von oben her einfiel.
    Liebe Polzin, sagte die Pittelkow, als beide Frauen sich oberflchlich
begrt hatten, es riecht wieder so sehr nach Petroleum bei Ihnen. Warum nehmen
Sie nich Coaks? Sie werden sich mit Ihrem ewigen Petroleumkocher noch alle
Mieter aus der Wohnung kochen. Und Ihr lieber Mann! Was sagt denn der eigentlich
dazu? Der mu doch nachgerade bei Puten un Fasanen eine feine Nase gekriegt
haben. Und ich wei nicht, wenn ich ein herrschaftlicher Lohndiener wre, so was
litt' ich nich. In Gesellschaften immer was Delikats un zu Hause so. Na,
meinetwegen. Is denn Stine drin?
    Ich denke doch, ich habe sie nicht weggehen hren. Und denn wissen Sie ja,
liebe Pittelkow, wir sehen nichts un hren nichts.
    Versteht sich, versteht sich, lachte die Pittelkow, sehen nichts un hren
nichts. Und das ist auch immer das beste.

Sehr wahrscheinlich, da sich dies Gesprch noch fortgesetzt htte, wenn nicht
in eben diesem Augenblick die Tr von rechts her aufgemacht und Stine
herausgetreten wre.
    Jott, Stine, sagte die Pittelkow mit einem Ausdruck von Freude. Na, das
ist recht, Kind. Ein Glck, da du da bist. Du mut heute noch runterkommen un
helfen.
    Unter diesen Worten waren die Schwestern, whrend sich Frau Polzin artig,
aber grienend zurckzog, in Stines Zimmer eingetreten und auf ein paar kleine
Sthle zugegangen, die zu beiden Seiten des Fensters auf einem Trittbrett
standen. Drauen am Fenster aber war ein Dreh- und Straenspiegel angebracht,
bei dessen Anbringung der ebenso praktische wie pfiffige Polzin vor Jahr und Tag
schon zu seiner Frau gesagt hatte: Emilie, solange der da ist, so lange
vermieten wir.
    Die Pittelkow setzte sich gegenber dem Drehspiegel, der denn auch heute
wieder, wie zur Besttigung der Worte Polzins, eine Quelle herzlichen Vergngens
fr die hbsche Witwe wurde, nicht aus Eitelkeit (denn sie sah sich gar nicht),
sondern aus bloer Neugier und Spielerei. Stine, die das alles schon kannte,
lchelte vor sich hin; auch sie trug einen gewellten Scheitel, aber ihr Haar war
flachsgelb, und die Rnder der beraus freundlichen Augen zeigten sich leicht
gertet, was, aller sonst blhenden Erscheinung und einer gewissen hnlichkeit
mit der Pittelkow unerachtet, doch auf eine zartere Gesundheit hinzudeuten
schien. Und so war es auch. Die brnette Witwe war das Bild einer sdlichen
Schnheit, whrend die jngere Schwester als Typus einer germanischen, wenn auch
freilich etwas angekrnkelten Blondine gelten konnte.
    Stine sah der immer noch mit dem Spiegel beschftigten Schwester eine Weile
zu, dann erhob sie sich, hielt ihr die Hand vor die Augen und sagte: Nun hast
du aber genug, Pauline. Du mut doch nachgerade wissen, wie die Invalidenstrae
aussieht.
    Hast recht, Kind. Aber so is der Mensch; immer das Dummste gefllt ihm un
beschftigt ihn, un wenn ich in den Spiegel kucke und all die Menschen und
Pferde drin sehe, dann denk ich, es is doch woll anders als so mit bloen Augen.
Un ein bichen anders is es auch. Ich glaube, der Spiegel verkleinert, un
verkleinern is fast ebensogut wie verhbschen. Aber du brauchst nicht kleiner zu
werden, Stine, du kannst so bleiben, wie du bist. Ja, wahrhaftig. Aber, warum
ich komme... Jott, man hat doch auch keine ruhige Stunde.
    Was is denn?
    Er kommt heute wieder.
    Nu, Pauline, das is doch kein Unglck. Bedenke doch, da er fr alles
sorgt. Und so gut, wie er ist, und gar nich so.
    Na, ich wollt ihm auch. Und den alten Baron bringt er auch mit, und noch
einen.
    Und noch einen? Wen denn?
    Lies.
    Und sie reichte Stine den eben erhaltenen Brief, und diese las nun mit
halblauter Stimme: Mein lieber schwarzer Deibel. Ich komme heute, aber nicht
allein; Papageno kommt mit und ein Neffe von mir auch; natrlich noch jung und
etwas bla. Aber bleich und bla, ei, die Weiber lieben das. Sorge nur, da
Wanda kommt und Stine. Wein schick ich und eine Salatschssel. Aber fr alles
andre mut Du sorgen. Nichts Apartes, nichts Groes, blo so wie immer. Dein
Sarastro.
    Wer ist denn der Neffe? fragte Stine.
    Wei ich nich. Wer kann alle Neffens kennen. Denkst du, da ich mich um
seinen Stammbaum kmmere. Jott, wie mag es damit aussehen. Na, berhaupt
Stammbume.
    La ihn das nich hren.
    Oh, der hrt noch ganz andres. Oder denkst du, da ich mir wegen eine
Treppe hoch mit Klavier un Diwan un wegen 'nen Schreibtisch, der immer wackelt,
weil er dnne Beine hat, ein Pechpflaster aufkleben soll? Nein, Stinechen, da
kennst du deine Schwester schlecht. Oder wegen den blassen Neffen? Ich denk ihn
mir so. Und dabei zog sie das Gesicht in die Lnge und drckte mit Daum und
Zeigefinger die beiden Backen ein.
    Stine lachte. Ja, damit wirst du's wohl getroffen haben. Und berhaupt, ich
find es unpassend und ungebildet, da er den jungen Menschen mitbringt. Ein
Onkel ist doch immer so was wie 'ne Respektsperson. Fr sich mag er ja tun, was
er will; aber solchen jungen Menschen... ich wei nicht, Pauline. Findst du nich
auch?
    Na, ob ich finde. Natrlich; erst recht. Aber, Kind, wenn wir davon erst
reden wollen, denn is kein Ende. Das is nu mal so; sie taugen alle nichts und is
auch recht gut so; wenigstens fr unsereins - mit dir is es was anders - und fr
alle, die so tief drinsitzen un nich aus noch ein wissen. Denn wovon soll man
denn am Ende leben?
    Von Arbeit.
    Ach Jott, Arbeit. Bist du jung, Stine. Gewi, arbeiten is gut, un wenn ich
mir so die rmel aufkremple, is mir eigentlich immer am wohlsten. Aber, du weit
ja, denn is man mal krank un elend, un Olga mu in die Schule. Wo soll man's
denn hernehmen? Ach, das is ein langes Kapitel, Stine. Na, du kommst doch? So
Klocker acht, oder lieber noch ein bichen eh'r.

                                Drittes Kapitel


Whrend die Pittelkow oben bei Stine war, um sich dieser fr den Abend zu
versichern, ging Olga die Invalidenstrae hinauf, um erst den Brief abzugeben
und dann auf dem Rckwege bei Konditor Bolzani die Torte zu bestellen. Es war
ihr Eile befohlen, aber sie kehrte sich nicht dran, freute sich vielmehr, eine
Stunde lang ohne mtterliche Kontrolle zu sein, und getrstete sich, da es
noch lange hin sei bis Abend. An allen Lden blieb sie stehen, am lngsten vor
dem Schaufenster eines Putzgeschfts, aus dessen buntem Inhalt sie sich
abwechselnd eine rote Schrpe mit Goldfranzen und dann wieder einen braunen
Kastorhut mit Reiherfeder als Schnstes wnschte. Diesen Wunsch in Erfllung
gehen zu sehen, war freilich wenig Aussicht vorhanden, aber es schadete nicht
viel, weil sich ihre nchste Zukunft unter allen Umstnden angenehm genug
gestalten mute. Wanda, wie sie von Tante Stine her wute, hatte meistens
Sandtorte, ja mitunter sogar Schokoladenpltzchen in ihrem Schrank, und wenn
sich beides auch nicht erfllte, so blieben doch immer noch die Gerstenbonbons.
    Solchen Betrachtungen hingegeben, kam Olga bis an die Chausseestrae, wo,
wie gewhnlich in dieser kirchhofreichen Gegend, ein groes Begrbnis die
Straenpassage hemmte.
    Olga, weitab davon, irgendwelchen Ansto an dieser Wegestrung zu nehmen,
wnschte ganz im Gegenteil, dieselbe so lange wie mglich andauern zu sehen, und
stellte sich, besseren berblicks halber, auf eine vor einem l- und
Spiritusgeschft angebrachte Steintreppe. Der Wagen mit dem Sarge war schon eine
Weile vorber, so da sie nur noch das versilberte Kreuz ber einem Meer von
schwarzen Hten hin und her schwanken sah. Kutschen fehlten im Zuge (so
wenigstens schien es), dafr aber folgten allerlei Baugewerke mit Bannern und
Musik, und whrend noch aus der Front her der Trauermarsch der Zimmerleute bis
weit nach rckwrts tnte, klang schon aus der Mitte des Zuges und vom
Oranienburger Tor her ein zweiter und dritter Trauermarsch herauf, so da Olga
nicht wute, worauf sie hren und welchem Geblase sie den Vorzug geben sollte.
Neben dem eigentlichen Gefolge drngten breite Volksmassen mit vorwrts und
lieen nur allemal eine schmale Gasse frei, wenn reitende Schutzleute von der
Queue her bis an die Spitze des Zuges und dann wieder zurcksprengten. Wer es
nur is? dachte Olga, in deren Herzen etwas wie Neid aufkeimte, so schn
begraben zu werden, aber soviel sie horchte, sie konnte es bei den mit ihr auf
der Steintreppe Stehenden nicht mit Bestimmtheit in Erfahrung bringen. Einer
versicherte, da es ein alter Mauerpolier, ein anderer, da es ein reicher
Ratszimmermeister sei, whrend eine mit braunem Torfstaub ganz berdeckte Frau,
die der herannahende Zug sichtlich beim Abladen unterbrochen hatte, von nichts
Geringerem als von einem Minister fr Maurer- und Zimmerleute wissen wollte.
Dummes Zeug, unterbrach sie der nebenan wohnende Budiker, so was gibt es ja
gar nich. Aber das Torfweib lie sich nicht stren und sagte nur: Warum nich,
warum soll es so was nich geben? Und so stritt man sich hin und her. Endlich
aber war der Zug vorber, und Olga passierte nun den Damm und bog hundert
Schritte weiter abwrts in die Tieckstrae ein.
    Nummer 27a war das dritte Haus von der Ecke: fnf Fenster Front, drei Stock
und eine kleine Mansarde. Der Wirt, ein Kupferschmied, hatte den Hof in eine
halb offene Werkstatt verwandelt, in der nun, den ganzen Tag ber, auf oft
zweimannshohen Braukesseln herumgehmmert wurde, bei welchem Gedrhn und
Gehmmre Wanda ihre Rollen lernte. Es tat ihr nichts, ja sie htte nirgends
lieber wohnen mgen, und der Kupferschmiedegeselle, der auf der obersten
Kesselrundung oft stundenlang herumritt und sich dabei in platonischer Liebe
(der einzigen, die Wanda so kleinen Leuten gestattete) verzehrte, war jedesmal
ihr guter Freund. Ihre von Glasermeister Schlichting abgemietete Wohnung lag
nmlich nach dem Hofe hinaus und hatte hier ihren eigentlichen Auf- und Eingang.
Hier befand sich denn auch ihre Klingel und ihre Karte: Wanda Grtzmacher,
Schauspielerin am Nordend-Theater.
    Und dieses Titels durfte sie sich rhmen wie manche Berhmtere. War sie doch
ein Liebling der Bhne, die das Glck hatte, sie zu besitzen, und nicht nur ein
Liebling des Publikums, sondern auch des Direktors, der, persnlicher
Beziehungen zu geschweigen, vor allem das an ihr schtzte, da sie, mit Ausnahme
der Gage, vollkommen prtensionslos war und alles spielte, was vorkam. Immer
tapfer in die Bresche war einer ihrer Lieblingsstze. Sie war berhaupt fr
leben und lebenlassen, behandelte delikate Vorkommnisse von einem gewissen
hheren Standpunkt aus und hatte stereotype, dem urltesten Berliner Witzfonds
entnommene Wendungen, in denen sich ihre Stellung zum Ideal ausdrckte. Sie
zog dementsprechend ein gutes Gehalt einer schlechten Behandlung vor, und wenn
ihr bei Soupers mit Bourgeoiswitwern, einer ihr besonders sympathischen
Gesellschaftsklasse, die Speisekarte gereicht wurde, so zeigte sie mit einem ihr
kleidenden und seine Wirkung nie verfehlenden Ernst auf das rasch als Bestes und
Teuerstes Erkannte, jedesmal feierlich hinzusetzend: Dafr la ich mein Leben.
    So Wanda Grtzmacher, Tieckstrae 27a.
    Olga, die sonderbarerweise noch nie Bestellungen bei der Schauspielerin zu
machen gehabt hatte, klingelte zunchst vorn bei Schlichtings, und Frulein
Flora Schlichting erschien denn auch, halb verschlafen, an der Tr und ffnete.
    Is Frulein Wanda zu Haus?
    Zu Haus is sie; ich glaube, sie schlft. Hast du was abzugeben?
    Ja. Aber ich soll es ihr selber geben.
    I, gib man... Und damit griff sie nach dem Brief.
    Olga zog aber energisch zurck. Nein, ich darf nich...
    Na, denn komme morgen wieder.
    Wanda, trotzdem sie nicht Wand an Wand mit der Schlichtingschen Vorderstube
wohnte, mute trotzdem von dieser Unterhaltung gehrt haben, denn als eben die
Tr zugeworfen werden sollte, war sie, wie aus der Erde gewachsen, da und sagte:
Gott, Olgachen. Was bringst du denn, Kind? Mutter is doch nich krank? Olga
hielt ihr statt aller Antwort den Brief entgegen. Ach, ein Brief. Na, denn komm
in meine Stube, da ich ihn lesen kann. Hier is es ja stockduster und wahrhaftig
nicht zu merken, da man bei 'nem Glaser wohnt.
    Dabei nahm sie das Kind bei der Hand und zog es mit sich durch die mit jedem
Schritte dunkler werdende Schlichtingsche Wohnung, bis in ihre Hinterstube
hinein. Hier mute sie lachen, als sie den sonderbaren Briefverschlu ihrer
Freundin Pauline sah; dann aber ffnete sie die verklebte Stelle mit einer aus
ihrem dicken, schwarzen Zopf genommenen Haarnadel und las nun mit sichtlicher
Freude:
    Liebe Wanda. Er kommt heute wieder, was mir sehr verkwehr is, denn ich
mache gerade reine. Jott, ich bin so rgerlich und bitte Dich blo: komm. Ohne
Dir is es nichts. Stine kommt auch. Komm Klocker 8, aber nich spter und behalte
lieb

                                 Deine Freundin
                                                              Pauline Pittelkow,
                                                                  geb. Rehbein.

Wanda steckte den Brief unter die Taille, schnitt Olga ein groes Stck von
einem in einer Fayenceterrine mit Deckel aufbewahrten altdeutschen Napfkuchen ab
und sagte dann: Un nu gre Mutterchen und sag ihr, ich kme Punkt acht. Mit 'm
Schlag. Denn wir von 's Theater sind pnktlich, sonst geht es nich. Und wenn du
wiederkommst, Olgachen, so kannst du gleich die kleine Hoftreppe raufkommen,
blo drei Stufen, da brauchst du vorn nich durch und is kein Frulein Flora nich
da, die dich anschreit und wegschicken will. Hrst du? Und in einer Art
Selbstgesprch setzte sie hinzu: Gott, diese Flora; je weniger Bildung, je mehr
Einbildung. Ich begreife diese Menschen nich.
    Olga versprach, alles zu bestellen, und eilte mit ihrem Beutestck ins
Freie. Kaum drauen, sah sie sich noch einmal um und bi dann herzhaft ein und
schmatzte vor Vergngen. Aber schnder Undank keimte bereits in ihrer Seele, und
whrend es ihr noch ganz vorzglich schmeckte, sagte sie schon vor sich hin:
Eigentlich is es gar kein richtiger... Ohne Rosinen... Einen mit Rosinen e ich
lieber.

                                Viertes Kapitel


Als Olga, nach Erledigung aller ihr aufgetragenen Gnge, den zu Kaufmann Marzahn
an der Ecke natrlich mit eingerechnet, wieder nach Hause kam, fand sie hier
alles verndert und Tante Stine damit beschftigt, die rote Wollschnur der
Tllgardinen in die messingblechenen Halter einzuhaken. berall herrschte
Sauberkeit und Ordnung - nur in der Nebenstube war man nicht fertig geworden -,
und das einzige, was als Strung gelten konnte, war ein eben abgegebener Korb
mit Weinflaschen und eine vorlufig auf einen danebenstehenden Stuhl gesetzte
Hummermayonnaise.
    Olga berichtete, da Wanda kommen wrde, was von seiten der Pittelkow mit
sichtlicher Freude vernommen wurde. Wenn Wanda nich da is, is es immer blo
halb. Ich mchte mir nich alle Tage hinstellen un Prinzessin spielen; aber das
mu wahr sein, alle von 's Theater haben so was un kriegen einen Schick un
knnen reden. Wo's ihnen eigentlich sitzt, ich wei es nich und am wenigsten bei
Wanda. Wanda war immer die Faulste von uns un die Klgste auch nich un lie sich
vorsagen, und ohne Lehrer Kulike... na, mit dem hatte sie's. berhaupt, es war
'ne pfiffige Krte, was sonst die Dicken eigentlich nich sind. Aber immer gut
und kein Neidhammel und gab immer was ab.
    Whrend dieser Rede, die sich nur halb an Stine richtete, war die mitten auf
dem Sofa stehende Witwe mit Geraderckung dreier Bilder beschftigt und trat,
als sie damit fertig war, vom Sofa her bis an die Trschwelle zurck, um von
hier aus noch einmal alles berblicken und sich von dem Gelungensein ihres
Arrangements berzeugen zu knnen. Wegen solcher Dinge gelobt zu werden war ihr,
bei ihrer im Grunde genommen ganz auf Wirtschaftlichkeit und Ordnung gestellten
Natur, ein wahres Herzensbedrfnis, und wenn sie je zuvor einen Anspruch auf ein
dafr einzuheimsendes Lob gehabt hatte, so sicherlich heute. Alles, was aus dem
ihr zur Verfgung stehenden Material gemacht werden konnte, war daraus gemacht
worden und lie wenigstens momentan bersehen, wie sehr und zum Teil auch in wie
komischer Weise sich die hier aufgestellten Sachen untereinander widersprachen.
Ein Bfett, ein Sofa und ein Pianino, die, hintereinander weg, die von keiner
Tr unterbrochene Lngswand des Zimmers einnahmen, htten auch bei Geheimrats
stehen knnen; aber die von der Pittelkow eben geradegerckten drei Bilder
stellten das im brigen erstrebte Ensemble wieder stark in Frage. Zwei davon:
Entenjagd und Tellskapelle, waren nichts als schlecht kolorierte
Lithographien allerneuesten Datums, whrend das dazwischen hngende dritte Bild,
ein riesiges, stark nachgedunkeltes lportrt, wenigstens hundert Jahre alt war
und einen polnischen oder litauischen Bischof verewigte, hinsichtlich dessen
Sarastro schwor, da die schwarze Pittelkow in direkter Linie von ihm abstamme.
Gegenstze wie diese zeigten sich in der gesamten Zimmereinrichtung, ja schienen
mehr gesucht als vermieden zu sein, und whrend sich an einem der Wandpfeiler
ein prchtiger Trumeau mit zwei vorspringenden goldenen Sphinxen breitmachte,
standen auf dem Bcherschrank zwei jmmerliche Gipsfiguren, eine Polin und ein
Pole, beide kokett und in Nationaltracht zum Tanze ansetzend. Am
interessantesten aber prsentierte sich der eben erwhnte Bcherschrank selbst,
dessen vier Mittelfcher leer waren, whrend auf seinem obersten Brett zwlf
prachtvoll in Leder gebundene Bnde von Humes History of England und achtzehn
Bnde OEuvres posthumes de Frdric le Grand standen und einen wundervollen
Gegensatz zu dem Berliner Pfennigmagazin bildeten, das, in zwei Haufen
bereinandergetrmt, unten im Schrank lag. All dies Einrichtungsmaterial,
Kleines und Groes, Kunst und Wissenschaft, war an ein und demselben Vormittage
gekauft und mittels Handwagen, der ein paarmal fahren mute, von einem Trdler
in der Mauerstrae nach der Invalidenstrae geschafft worden. Auf die vor allem
verwunderlichen franzsischen und englischen Prachtbnde hatte der, aus dessen
Mitteln dies alles kam, eigens und mit besonderem Nachdruck bestanden, auf
da߫, wie er sich in seiner spttisch huldigenden Weise auszudrcken liebte,
die Welt erfahre, wer Pauline Pittelkow eigentlich sei.
    Das waren die Schtze, die jetzt, von der Tr her, einer letzten Musterung
unterworfen wurden, und als schlielich auch noch die Fransen des vor dem Sofa
liegenden Brsseler Teppichs geradegezupft waren, sagte die Pittelkow: So,
Stine, nu komm, nu kochen wir uns einen Kaffee, das heit einen orntlichen. Und
Olga holt uns was dazu. Willst du Streusel oder blo mit Zucker und Zimt?
    Ach, Pauline, du weit ja...
    Na, dann Streusel... Olga.
    Und diese, die, weil die Tr aufstand, jedes Wort gehrt und sich nur zum
Schein, aber eben deshalb auch um so zudringlich-liebevoller mit dem
Brderchen beschftigt hatte, strzte jetzt, wie besessen, aus der Hinterstube
nach vorn und war ganz Ohr und Auge.
    Da, Olga. Nu geh. Aber von Katzfu, nich von Zachow. Und nasche nich wieder
und rede nachher von Krmel.
    Und nu, Stine, fuhr die Pittelkow fort, whrend Olga verschwand und das
lngst blankgewordene Treppengelnder im Nu herunterrutschte, nu wird's auch
wohl Zeit, uns fein zu machen. Aber komme nich wieder in deinem grnen Kamlott.
Du weit, so was kann er nich leiden. Und solang es so is, wie es is, mu man
doch machen, was er will. Und denn bringt er ja auch das ausgepustete Ei mit.
Und die kenn ich, die verlangen immer am meisten, und wenn's weiter nichts is,
wollen sie wenigstens was sehn un Augen machen. Und das wei auch die Wanda. Pa
mal auf, die kommt wieder mit 's schwarze Samtkleid und 'ne Rose vorn. Ich mu
immer lachen.
    Und wirklich, Wanda kam in schwarzem Sammet und sah sehr stattlich aus. Ihr
Kopf hatte nichts von der frappierenden Schnheit ihrer alten Schul- und
Jugendfreundin, aber an Pli war sie dieser, wie die Pittelkow selbst
zugestand, sehr berlegen. In Pli kann ich gegen Elisabetten nich an. Das war
die letzte Rolle, worin sie Wanda gesehen und beinahe widerwillig bewundert
hatte.
    Ah, Wanda, so begrte sie jetzt die Freundin, das is nett, da du da
bist; immer pnktlich.
    Ja, liebe Pauline, das is so bei uns, das lernen wir wie die Soldaten. Wenn
's Stichwort fllt, mssen wir vor, und wenn's das Leben kostet.
    Die Pittelkow lachte herzlich, was sie jedoch nicht abhielt, Wanda mit einer
gewissen Feierlichkeit in den rechten Sofaplatz hineinzukomplimentieren. Stine,
die sehr gut aussah und auf Wunsch der Schwester ihr getpfeltes Perlhuhnkleid
anhatte, sollte sich neben Wanda setzen, bestand aber hartnckig auf ihrem
Willen und nahm einen Lehnstuhl der Schauspielerin gegenber. Zwischen beiden
stand ein Riesenbouquet, das im Invalidenhausgarten fr diesen Festabend
geschnitten worden war: ein Dutzend Rosen, aus deren Mitte hohe Feuerlilien
aufwuchsen. Wanda, die riechen wollte, bckte sich zu tief hinein und machte
sich dadurch einen gelben Bart, was Paulinen ungemein amsierte. Sogar Olga
wurde herbeigerufen. Sieh, Olga, sieh, Tante Wanda hat 'nen Schnurrbart. Und
was fr einen! Ihr sollt mal sehn, Kinder, der junge Graf hat gar keinen!
    In diesem Augenblick wurde die Klingel gezogen, und die Pittelkow ging, um
in Person zu ffnen. Stine folgte, weil sie nicht sitzen bleiben und groartig
die Dame spielen wollte. Wanda dagegen, im Vollgefhl dessen, was sie sich und
der Kunst schuldig sei, rhrte sich nicht vom Fleck und thronte weiter. Erst als
der Besuch eintrat, erhob sie sich und erwiderte leichthin den Gru der beiden
lteren Herren, whrend sie vor dem jungen Grafen einen Hofknicks machte.
    Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen? fragte jetzt
Sarastro verbindlich und mit anscheinend ernstester Miene. Mein Neffe Waldemar
(dieser verbeugte sich), Frau Pauline Pittelkow geborene Rehbein, Frulein
Ernestine Rehbein, Frulein Wanda Grtzmacher. Einer Vorstellung unseres
Freundes Papageno bedarf es nicht; er geniet des Vorzuges, allen Anwesenden
bekannt zu sein.
    In der Art, wie diese Vorstellung von den drei Damen aufgenommen wurde,
zeigte sich durchaus die Verschiedenheit ihrer Charaktere: Wanda fand alles in
der Ordnung, Pauline brummte was von Unsinn und Afferei vor sich hin, und nur
Stine, das Verletzende der Komdie herausfhlend, wurde rot.
    Hat Borchardt geschickt?
    Versteht sich, hat er...
    Nun, dann bitt ich also...
    Der ungewhnliche Bestimmtheitston, in dem das alles von seiten Sarastros
gesagt wurde, verschnupfte die Pittelkow nicht wenig, sie hielt es aber fr
angemessen, ihren rger darber auf andere Zeit zu vertagen, und ging mit Stine
hinaus, um den schon vorher gedeckten Tisch aus dem Hinterzimmer in das
Vorderzimmer zu tragen.
    Inzwischen war der alte Graf, der sehr feine Nerven hatte, durch die
Feuerlilien und ihren Geruch heftig inkommodiert worden; er nahm sie darum ohne
weiteres aus dem Bouquet, ffnete das Fenster und warf sie hinaus. Ein mir
unertrglicher Geruch; halb Kirchhof, halb Pfarrgarten. Und von beiden halt ich
nicht viel.
    Ehe fnf Minuten um waren, war die Tafelrunde geschlossen. Alle saen an
einem ovalen Tisch: obenan der alte Graf, neben ihm Wanda und Stine, dann
Papageno und Waldemar, zuunterst aber, also dem alten Grafen gegenber, seine
Freundin Pauline. Sie sa so, da sie bei jedem Aufblick in den Trumeau sehen
mute, was den alten Grafen, als er es merkte, zu dem halb scherzhaften, halb
huldigenden Zuruf Ehre, dem Ehre gebhrt! veranlate. Die Pittelkow aber
gefiel sich heute in Ablehnung solcher Huldigungen und sagte: Jott, Ehre! Mir
ist nichts jrlicher als immer meine Visage sehn.
    Dann bitt ich meine schne Freundin, ihren Augenaufschlag etwas niedriger
zu richten; sie sieht dann mich.
    Das erheiterte sie. Da bin ich doch lieber frs Gewesene. Da bin ich doch
noch lieber fr mich.
    Sarastro und Papageno waren entzckt und tranken ihrer schwarzen Freundin
zu.
    Immer dieselbe, sagte Sarastro. Nicht wahr, Frulein Wanda?
    Diese stimmte zu, schon einfach, weil sie mute, begann aber doch an ihrer
Rose zu zupfen, zum Zeichen, da sie nicht hergekommen sei, sich vor den
Triumphwagen der Witwe Pittelkow zu spannen. Dann lehnte sie sich zurck und sah
nach der Tellskapelle.
    Papageno trug dieser Stimmung Rechnung und kam der Knstlerin, die durchaus
vershnt werden mute, mit einem Kunstgesprch entgegen, was sich um so eher tun
lie, als auch der alte Graf an allem Theaterklatsch einen ehrlichen Anteil nahm
und keinen Unterschied machte, gleichviel ob sich's um die Lucca oder Patti oder
um die letzte Choristin in der Fledermaus handelte.
    Meine Gndigste, begann Papageno, was drfen wir demnchst an Neuigkeiten
auf Ihrem Kunstinstitut erwarten?
    Unser Alter, erwiderte Wanda, will es mit einem Ausstattungsstck
versuchen. Er meint, es sei noch das einzige...
    Da hat er recht. Ist es eine Reise nach dem Mond oder in den Mittelpunkt
der Erde?
    Hoffentlich das letztere, warf der alte Graf ein. Ich bin fr
Mittelpunkte.
    Wanda lchelte. Das Eis war gebrochen, und es wurde ihr von diesem
Augenblick an einigermaen schwer, in einem den, weil wenigstens zunchst noch
unpersnlich verbleibenden Kunstgesprch weiter fortzufahren. Sie bezwang sich
aber und sagte, whrend sie nur dann und wann den alten Grafen verstndnisvoll
streifte: Wegen Beschaffung eines Textes hat sich der Alte natrlich kein
graues Haar wachsen lassen. Er bleibt bei seiner Abneigung, fr Dinge zu zahlen,
die man umsonst haben kann, und glaubt, wie mein Kollege Pltrig sagt, der
brigens studiert hat, anstandslos in das Gebiet der Dichtung bergreifen zu
knnen. Unser Alter ist berhaupt der Mann der bergriffe, woran ich immer nur
mit Unwillen denken kann.
    Emprend, sagte der alte Graf. brigens ahn ich bereits, an welche Tr er
geklopft haben wird. Wohl zu verstehen: an welche Dichtertr. Ich wette zehn
gegen eins: Shakespeare...
    Der Herr Graf treffen immer ins Schwarze. Ja, das Wintermrchen, und mir
ist die Hauptrolle zugefallen, die der Hermine, von der ich vorlufig nur wei,
da ich eine ganze Szene lang auf einem Postamente stehe, ganz schmucklos, aber
doch was Weies um.
    Sarastro lchelte. Diese Besetzung der Rolle kann niemand berraschen, und
Sie, mein gndigstes Frulein, wenn Sie nicht blind gegen Ihre so deutlich
hervortretenden Gaben und Vorzge sind, am wenigsten. Die Natur hat Sie zu
glcklich ausgestattet, als da das Marmorbrutliche, das hier beinahe
ausschlielich in Frage kommt, an Ihnen vorbergehen konnte. Wenn ich mir Sie so
denke, ganz Stein, und mit einem Male durchdringt Sie das warme, pulsierende
Leben, alles wogt, und in rtlicher Beleuchtung steigen Sie vom Sockel
hernieder, um wieder Mensch unter Menschen zu sein, ein erhabener Gedanke...
    Der Herr Graf schmeicheln. Es ist eine Rolle, die durchaus Jugend fordert,
ja, mehr als Jugend, ich mchte sagen drfen, Jugend und Zartheit...
    Eigenschaften, die Sie sich in bergroer Bescheidenheit nur absprechen, um
unseres heftigsten Widerspruchs sicher zu sein. Hermine, soviel mir vorschwebt,
ist schon zu Beginn des Stcks Gattin und Mutter, zudem auf Untreue verklagt,
Ereignisse, die doch nur ausnahmsweise vor das vierzehnte Lebensjahr fallen. Ich
bitte Sie, was heit jung, und vor allem, was heit zart. Es wird mit diesem
Worte zart ein bestndiger Mibrauch getrieben, und alles, was bleich oder
schwindschtig ist, das ist sicher, als zart bezeichnet zu werden. Eine der
vielen Verirrungen unseres modernen Geschmacks. Zart, zart; zart ist etwas
Innerliches, Seelisches, das auch innerhalb einer vollsten Formengebung
existieren kann. Fragen Sie meinen Neffen. Er reist seit fnf Jahren in Italien
umher, namentlich in Kirchen, und kennt, schlecht gerechnet, fnftausend Heilige
weiblichen Geschlechts. Und was heilig ist, mu doch auch zart sein. Und nun
soll er uns Rede stehen ber den Begriff der Zartheit. Ich will seinem bessern
Urteile nicht vorgreifen, aber ich wage vorweg die Behauptung, alles, was er von
heiligen Ccilien und Barbaras und selbstverstndlich auch von Genovevas, die
immer die Hauptsache bleiben, gesehen hat - alle waren Damen von Ihrer
Konstitution, meine Gndigste, Damen, denen alles Mondscheinene fehlte, Damen in
schwarzem Sammet und roter Rose. Waldemar, ich bitte dich dringend, untersttze
mich in einer Sache, die meinem Herzen und meinem Kunstgefhl gleich viel
bedeutet.
    Er stie mit Wanda an und hatte die Freude, da Waldemar auf den
angestimmten Ton einging und unter verbindlichem Lcheln versicherte: Der Onkel
habe recht; alle Heiligen seien wohlproportioniert, und auch das Zarteste knne
sich noch innerhalb der Wellenlinie...
    Brav, brav, unterbrach hier der Graf. Und so bitt ich denn, die Glser zu
fllen, um auf das Wohl Herminens zu trinken - eine von Frulein Wanda
bevorzugte Akzentverschiebung, die mir eine ganz neue Auffassung verspricht.
Denn die Akzente machen's im Leben und in der Kunst. Es lebe die Kunst, es lebe
das Zarte, es lebe die Wellenlinie, vor allem, es lebe Hermine-Hermine, es
lebe Frulein Wanda, es lebe die rote Rose.
    Wanda verneigte sich und berreichte dem alten Grafen die rote Rose, die so
sinnig den Schlu seiner Rede gebildet hatte. Der alte Baron aber stie von der
andern Seite her mit beiden an.
    Es folgte nun Toast auf Toast, Papageno lie Stine leben, und nachdem auch
noch Waldemar, ebenfalls an Stine sich wendend, ein paar Worte gesprochen,
sprach Wanda, wie herkmmlich, in Klappreimen, die sie sich brigens auf die
einfachste Weise, indem sie Liebe statt Freundschaft setzte, fr
Gelegenheiten wie die heutige aus einem alten Stammbuchvers zurechtgemacht
hatte. Zuletzt ergriff der alte Graf noch einmal das Wort, um seine Freundin
Pauline leben zu lassen. Er verschwieg aber ihren Namen dabei, sprach nur ganz
allgemein ber den Zauber und die Vorzge der Witwenschaft und schlo mit dem
Ausruf: Es lebe meine Mohrenknigin, meine Knigin der Nacht.
    Alles erhob sich, und Baron Papageno versicherte, da das ein echter
Sarastro-Toast gewesen sei und da die Reihe der Trinksprche nicht wrdiger
htte schlieen knnen.
    Alle stimmten zu, nur nicht die, der der Trinkspruch gegolten hatte. Das
Drastische darin mochte gehen (verhhnte sie doch selber alles, was sie sich
zieren nannte), der Spott aber, der durchklang, und ein behagliches
Sich-Ergehen in Witzeleien, die sie nur halb verstand und die gerade deshalb ihr
schlimmer erschienen, als sie waren - das verdarb ihr die Stimmung, und so sagte
sie, whrend sie sich verfrbte: Na, Graf, blo nich so, blo nich bermtig.
Das lieb ich nich. Un so vor alle! Was sollen denn der junge Herr Graf davon
denken?
    Immer das Beste.
    Na, das Jute wre mir lieber. Und whrend sie sich Wasser einschenkte,
wiederholte sie: Knigin der Nacht. Is nich zu glauben.

                                Fnftes Kapitel


Die sich im Herzen der Witwe Pittelkow regende Verstimmung wrde sich bei der
vorherrschenden Tafelheiterkeit unter allen Umstnden rasch wieder verzogen
haben, der alte Graf aber, der die beispiellose Heftigkeit seiner Knigin der
Nacht nur zu gut kannte, hielt es nichtsdestoweniger fr angezeigt, auch der
bloen Mglichkeit eines Sturmes vorzubeugen. Ich denke, sagte er, wir sorgen
fr etwas frische Luft und nehmen im Nebenzimmer den Kaffee.
    Geht nich, erwiderte die Pittelkow. Alle Gardinen ab; alles wie Kraut und
Rben...
    Gut denn, so bleiben wir. Auch eng und warm hat seine Vorzge... Darf ich
bitten... Und damit nahm er, die Tafel aufhebend, Wandas Arm und geleitete sie
bis an den Sofaplatz, den sie beim Erscheinen der Herren innegehabt hatte. Der
junge Graf fhrte Stine, whrend der mit der Sitte solcher Pittelkow-Abende
lngst vertraute Baron ohne weiteres einen eleganten Liqueurkasten und eine
Zigarrenkiste vom Bfett her auf den Sofatisch setzte. Der alte Graf nickte
zustimmend, strich ein Phosphorholz an der Sohle seines Lackstiefels und zndete
sich eine sorgfltig gewhlte Havanna an. Als er den ersten Zug getan und die
Wolke weggeblasen hatte, wandt er sich kavalierhaft verbindlich an Wanda und
Stine und sagte: Die Damen erlauben doch?
    Frau Pauline hatte sich gleich von Tisch in die Kche begeben und kam schon
nach wenigen Minuten mit dem Kaffee zurck, eine Schnelligkeit, die sich nur
daraus erklrte, da sich Olga der ihr gewordenen Doppelaufgabe: das Kind ruhig
und das Wasser im Kochen zu erhalten, mit einer durch Furcht und Hoffnung
gleichmig geschrften Gewissenhaftigkeit unterzogen hatte. Der Kaffee wurde
prsentiert, auch der alte Baron nahm aus dem Zigarrenkistchen, und einen
Augenblick spter kruselten sich die Rauchwolken von zwei Seiten her durch die
Luft.
    In der ganzen Welt gibt es keine zweite solche Zigarre, versicherte
Papageno.
    Zugestanden, erwiderte der Graf. Und zudem eine Zigarre hier, im Hause
meiner Freundin, ist mir immer wie Opiumrauchen, das glcklich macht, und bei
jedem neuen Zuge seh ich die Gefilde der Seligen oder, was dasselbe sagen will,
die Houris im Paradiese.
    Na, na, sagte die Pittelkow, die, wenn sie nicht schon da waren, neue
Verhhnungen frchten mochte.
    Der alte Graf aber lie sich durch diesen Zuruf nicht stren und fuhr
seinerseits fort: berhaupt alles wundervoll, und ich vermisse nur eins, die
Liqueure. Papageno hat freilich fr den Kasten gesorgt - - dafr ist er Papageno
-, aber nicht fr den Schlssel... Ah, sieh da, Frulein Stine bringt ihn schon.
Ich glaube, sie hat berhaupt den Schlssel und schliet uns jedes Glck auf,
vorausgesetzt, da sie will... Und nun berlassen Sie mir die Wahl, meine Damen.
Ich wette, da ich's fr jede von Ihnen treffe.
    Das wre, sagte Wanda, da bin ich doch neugierig.
    Es ist leichter, als Sie denken. Jedem sind seine Neigungen von der Stirn
zu lesen: hier, meine Freundin, ist fr Curaao (die Pittelkow nickte), der
frher unter dem schlichteren Namen Pomeranzen eine nicht verchtliche Karriere
machte, Frulein Stine ist natrlich fr Anisette, und Frulein Wanda fr einen
Benediktiner oder zwei. Kosten Sie, meine Gndigste. Wie denken Sie ber solche
Mnche? Nicht wahr, nicht bel?
    Es wurde nun immer belebter, und je mehr sich eine narkotische Wolke durch
das Zimmer verbreitete, desto mysteriser wurd auch die Sprache. Der alte Graf
bernahm dabei die Fhrung, whrend Baron Papageno sekundierte. Beider
Intimitten aber richteten sich ausschlielich an Wanda, weil sie vor den beiden
Schwestern eine gewisse Scheu hatten, vor der lteren um ihres unberechenbaren
Temperaments, vor der jngeren um ihrer Unschuld willen. Wanda, die die
momentane Vernachlssigung zu Beginn der Tafel lngst vergessen hatte, sah in
diesem bestndigen Sichwenden an ihre Person selbstverstndlich nichts als einen
ihr zustehenden Triumph und berauschte sich in der Flle der ihr immer
eindringlicher zuteil werdenden Huldigungen. Und was die Huldigungen nicht
taten, das tat der Benediktiner. Alle Grandezza war lngst abgestreift, und als
sie mit einigen Kulissengeheimnissen debtiert und namentlich den alten Direktor
in seiner eigentlichsten Sphre, der des Serails, gekennzeichnet hatte, war sie
vorgeschritten genug, dem Wunsche des alten Grafen, der nach Proben ihrer Kunst
verlangte, nachzugeben. Ein paar auch jetzt noch verbleibende Bedenken wurden
durch Baron Papageno beseitigt, der im rechten Momente erzhlte, die Rachel
habe, mit nichts als einem Spitzenschleier drapiert, auf der Pfaueninsel die
Phdra gespielt und den Kaiser Nikolaus zur Bewunderung hingerissen: er
bezweifle nicht, da Wanda dasselbe knne, gleichviel nun, ob sie den Ritter
Toggenburg oder den Gang nach dem Eisenhammer oder auch blo den Handschuh
deklamiere. Aber einer msse hinter ihr stehen und die Gesten machen; ohne
Gesten sei der Erfolg nur halb. Diese Frage wurde weiter ausgesponnen, und
nachdem man die verschiedenen Formen und Zustze durchgenommen hatte, durch
deren Anfgung die Schillersche Ballade zu hherer Wirkung gelangen sollte, kam
man schlielich berein, da doch alles auf den dramatischen Effekt hinauslaufe,
lieber die Deklamation ganz fallenzulassen und statt dessen ein Stck
aufzufhren: ein Schattenspiel oder am liebsten eine Kartoffelkomdie. Dieses
Wort, kaum gefallen, wurde mit Begeisterung aufgenommen, und Wanda, nachdem sie
die noch vor ihr stehende kleine Tasse geleert, erhob sich von ihrem Sofasitze,
zum Zeichen, da sie nunmehr bereit sei, mit einer dramatischen Auffhrung zu
beginnen.
    Aber was? was...? Lustspiel oder Trauerspiel?
    Natrlich Trauerspiel..., so klang es durcheinander, und selbst der junge
Graf und Stine, die sich bis dahin zurckgehalten hatten, wurden lebendig. Wanda
selbst aber verbeugte sich und sagte nicht ohne Anflug von Humor: Ein
verehrungswrdiges Publikum wird seinerzeit ber Inhalt und Titel des nheren
verstndigt werden.
    Bravo! Bravo!
    Hierauf zog sie sich in der Tat zurck und ging in die Kche, wo sie das
Ntigste fr die Komdie zu finden hoffte. Die Pittelkow folgte. Bald danach
aber erschienen beide wieder in Front der Wohnung, wo man sofort, die nach der
Nebenstube fhrende Flgeltr ffnend, innerhalb eben dieser Trffnung ein
kariertes Plaid auszuspannen und in etwa Manneshhe zu befestigen begann.
Dahinter nahm jetzt Wanda ihren Stand und drckte das Plaid gerade weit genug
herunter, um bequem darber fortsehen zu knnen. Und nun verkndigte sie:
Judith und Holofernes, Trauerspiel in zwei Akten von Tussauer, ohne Musik. Wir
beginnen mit dem ersten Akt (sehr gut... merkwrdig) oder, was dasselbe
sagen will, mit der Zeltgasse des Holofernes.
    Und nach dieser Ankndigung schnellte das Plaid wieder in die Hhe, und an
Stelle von Wandas brnettem Gesicht erschien eine weigekleidete
Kartoffelprinzessin mit rotem Turban und rotem Siegellackmund. Natrlich Judith.
Diese verneigte sich, geschickt dirigiert, vor dem Publikum, sah abwechselnd
nach links und rechts, wie wenn sie jemand erwarte, und begann dann in etwas
heiserem Ton:

Er ist es, Holofern, der schwergeprfte Mann,
Ich seh sein groes Schwert und einen Klunker dran.

Wirklich zeigte sich in eben diesem Augenblicke von der einen Seite her eine
hagere Rotmantelgestalt mit einer Papierkrone:

Wer bist du, schne Frau? Wo kommst du hergereist?
Im Krieg ist mancher Mann manchmalen etwas dreist.

Auch im Frieden, tuschelte Sarastro dem Baron zu. Judith aber fuhr fort:

Ergebne Dreistigkeit erleid ich sittig gern,
Ich nenne Judith mich und suche Holofern.
So bin ich's, den du suchst... Wie war ich so allein...
Doch nur durch deine Schuld... - Es soll nicht lnger sein.

Und unter einem halb befehlshaberischen, halb vertraulichen Augen- und
Fingerwink auf sein Zelt zuschreitend, folgte Judith, whrend das gleichzeitig
im Nebenzimmer erlschende Licht anzeigte, da der Vorhang vorlufig falle.
    Der junge Graf wollte Beifall klatschen, der Oheim aber hielt ihn zurck und
erklrte, da man sein Feuer, auch in solchen Dingen, nicht zu frh verknattern
msse. Dies alles sei nur Vorspiel und stelle viel, viel Intrikateres in
Aussicht. Er, fr seine Person, sei vor allem neugierig, wie Frulein Wanda
gewisse szenische Schwierigkeiten, so beispielsweise das Konnubium und in
zweiter Reihe die Dekapitation, berwinden werde. Freilich bestreite man jetzt
das Vorhandensein szenischer Schwierigkeiten, aber alles habe doch seine
Grenze.
    Sarastro wrde noch weitergesprochen haben, wenn nicht das sich wieder
erhellende Nebenzimmer den Fortgang der Handlung angezeigt htte. Wirklich
erschien im nchsten Augenblicke Judith aufs neue, diesmal, um ihren
entscheidenden Monolog zu halten.

Er sterbe... Mu er's denn? Mir selber ist es leid,
Er sprach von einem Schmuck und sprach von einem Kleid,
Allein wer brgt dafr? Ich wei, wie Mnner sind,
Ist erst der Sturm vorbei, so dreht sich auch der Wind:
Er sprach von Frau sogar, allein was ist es wert...?
Komm denn an meine Brust, geliebtes Racheschwert;
Er hat es so gewollt - ich fasse seinen Schopf,
Da er mich zubegehrt, das kostet ihm den Kopf.

Und im selben Augenblicke (die Gestalt des Holofernes war inzwischen aus der
Tiefe heraufgestiegen) vollzog sich auch schon der Enthauptungsakt, und der Kopf
des Holofernes flog, ber die Gardine fort, ins andere Zimmer hinein und fiel
hier vor Baron Papageno nieder. Alles klatschte dem Stck und mehr noch dem
virtuosen Schwerthiebe Beifall, der alte Baron aber nahm den ihm zu Fen
liegenden Kopf auf und sagte: Wahrhaftig, blo eine Kartoffel. Kein Holofernes.
Und doch war es mir, als ob er lebe. Was eigentlich auch nicht wundernehmen
kann. Denn frher oder spter ist eine derartige Dekapitation unser aller Los.
Irgendeine Judith, die wir zubegehren - beilufig eine herrliche Wortbildung -,
entscheidet ber uns und ttet uns so oder so.
    Lassen Sie's, Baron. Wozu diese schwermtigen Betrachtungen. Ich find es
einfach superb. Und glcklich der Dichter, der derlei schaffen konnte. Sie,
Frulein Wanda, nannten vorhin einen Namen, aber vielleicht nur, um von sich
persnlich abzulenken... Eigene Schpfung?
    O nein, Herr Graf.
    Nun, wenn nicht von Ihnen, meine Gndigste, von wem denn?
    Von einem jungen Freunde.
    Will sagen, von einem alten Anbeter.
    Nein, Herr Graf, von einem wirklichen jungen Freunde, von einem Studenten.
    Das sind wir alle. Was studiert er? Darauf kommt es an.
    Ich habe das Wort vergessen, und auf seiner Karte steht es immer nur halb.
Und sein Museum ist in der Kniggrtzer Strae. Da wollen sie, wenn mir recht
ist, herauskriegen, wie die Welt entstanden ist und woraus und wann.
    Und vielleicht auch warum? Ein sehr interessantes Studium... Und er dichtet
auch?
    Wanda bejahte, zugleich hinzusetzend, da es nichts Leichtes gewesen sei,
seiner ernsten Richtung in der Kunst ein Stck wie Judith und Holofernes
abzugewinnen. Er werde seine Muse nicht entweihen, seien damals seine Worte
gewesen. Aber sie habe, Gott sei Dank, Mittel in Hnden gehabt, ihn zu zwingen.
    Ah, ich verstehe...
    Nein, nicht das, Herr Graf. Er ist ein sehr verschmter junger Mann und
liest mir blo seine groen Trauerspiele vor, immer mit einem Vorspiel. Und
dabei hofft er auf meine Frsprache. Damit hab ich ihn in der Gewalt. Freilich,
ich mu es sagen, es wird nichts mit ihm. Aber ein guter Junge, der mir alles
zuliebe tut.
    Glaub ich, lachte der Baron. Aber, meine Gndigste, wer wollt es auch
anders? Und nun denk ich, wir machen einen Whist.
    Ein Spieltisch wurde herbeigeschafft und aufgeklappt, und die drei Herren
und Wanda nahmen Platz. Auf ein niedriges Tischchen daneben wurde ein
Champagnerkhler gesetzt, und der alte Graf in Person machte den Wirt.
Eigentlich trank nur Wanda, trotzdem auch ihr ein Spatenbru sehr viel lieber
gewesen wre. Stine stand hinter Papagenos Stuhl und mute die Versicherung mit
anhren, eine reine Jungfrau bringe Glck. Die Pittelkow machte sich
wirtschaftlich zu tun und putzte bereits die Gabeln wieder blank.
    So verging eine gute Weile. Zuletzt aber warf der alte Graf die Karten hin
und sagte: Kommt nichts dabei heraus. Ein Spiel ist eigentlich nur was, wenn es
la banque ou la vie geht. Ich glaub, ich habe sieben Mark verloren, und qule
mich nun schon eine Glockenstunde. Wanda, sind Sie bei Stimme? Natrlich; was
frag ich noch. Eine Dame wie Sie hat ihre Requisiten immer bei sich. Omnia mea
mecum portans...
    Papageno lachte.
    Der alte Graf aber fuhr fort: Omnia mea... Welche Perspektive! Auf Ihr
Wohl, Wanda. Und auf das Ihre, Frulein Stine. Pauline braucht unser Wohl nicht,
der ist wohl von selbst.
    Na, na, Graf. Blo nich so. Von selbst? Wovon denn? Wei es Gott, es is
auch nich immer 'n Vergngen.
    O vorzglich, Pauline. Du bist doch die Beste. Sto an, Kind. Aber nun
singen, Wanda.
    Ja, wer begleitet?
    Natrlich der, der allein begleiten kann: Papageno.
    Gut, gut.
    Und der alte Baron schob einen Stuhl ans Klavier, drehte den kleinen
Schlssel und ffnete. Was soll es sein?
    Nun, sagte der alte Graf, das wenigstens sind wir dir schuldig, Freund,
da wir mit der Papageno-Arie beginnen. Also: Bei Mnnern, welche Liebe fhlen,
fehlt auch ein gutes Herze nicht. Aber freilich, das ist eine Platitde, das ist
selbstverstndlich. Erst was folgt, ist das Eigentliche. Die sen Triebe
mitzufhlen ist dann des Weibes erste Pflicht.
    Der Baron nickte zustimmend und wiederholte den Schlu: ist dann des Weibes
erste Pflicht. Wanda aber, die, wie die meisten ihrer Art, an ganz
unmotivierten Anstands- und Tugendrckfllen litt, sagte mit einem Male: Nein,
meine Herren, es ist noch zu frh. Ich finde, dies Lied ist schon ber der
Grenze.
    Die Herren sahen einander an, weil keiner wute, was er aus diesem Unsinn
machen sollte, die Pittelkow aber, die sich ber das Wandasche Gehabe ganz
aufrichtig rgerte, fuhr energisch dazwischen und sagte: Jott, Wanda, blo
keine Geschichten. Jrenze! Wenn einer so was hrt! Man is entweder rber oder
man is nich rber. Un wenn man erst rber is, und wir sind rber, dann is es
auch ganz egal, ob es Klock zehn is oder Klock elfe. Nein, Wanda, blo nich
zieren. Immer anstndig, dafr bin ich, aber zieren kann ich nich leiden.
    Es schien sich ein Streit entspinnen zu sollen, der, bei dem rcksichtslosen
Charakter der Pittelkow, bei der alles immer biegen oder brechen mute, leicht
zu sehr unliebsamen Errterungen htte fhren knnen. Niemand wute das, nach
allerpersnlichsten Erfahrungen, besser als der alte Graf selbst. Er sprang also
ber den Streitpunkt rasch weg und sagte: Dann bin ich, wenn es die Zauberflte
nicht sein kann, fr den Alten Feldherrn. Aber im Kostm.
    Das wurde denn auch allerseits freudig aufgenommen, und nach kurzem Rckzug
in die Nebenstube trat Wanda wieder ein, rot drapiert und eine Gardinenstange
statt des Fahnenstocks in der Hand.
    Singen, singen!
    Ich werde ja, sagte Wanda, sich vor ihrem Publikum verneigend, aber was?
Der Alte Feldherr hat zwei Stcke.
    Nun denn, das Hauptstck: Fordre niemand, mein Schicksal zu hren. Ein
wundervolles Lied und ebenso wahr wie ergreifend. Eigentlich knnt es jeder
singen, vor allem solche alte Feldherrn wie wir. Nicht wahr, Papageno? Aber nun
anfangen. Schnell, schnell.
    Und im nchsten Augenblick brach es los, und durch alle drei Stockwerke hin,
so da selbst die Polzins oben es hren konnten, klang es in immer erneutem
Refrain:

Ist mir nichts, ist mir gar nichts geblieben
Als die Ehr und dies alternde Haupt.

Die Pittelkow hatte sich dabei hinter den Stuhl des alten Grafen gestellt und
schlug mit ihrem Zeigefinger den Takt auf seiner kahlen Kopfstelle.
    Wanda war glcklich und gab immer Neues zum besten, wobei die Pittelkow, die
viel Gehr hatte, die zweite Stimme sang, whrend Sarastro mit seinem Ba und
der nach wie vor am Klavier begleitende Papageno mit seinem schadhaft gewordenen
Bariton einfielen.
    Nur der junge Graf und Stine schwiegen und wechselten Blicke.

                                Sechstes Kapitel


So verging noch eine Stunde. Dann brach man endlich auf, und Sarastro und
Papageno baten mit aller Dringlichkeit um die Ehre, Frulein Wanda, damit ihr
nichts zustoe, gemeinschaftlich nach Hause bringen zu drfen. Der junge Graf
schlo sich wohl oder bel an. Die so doppelt und dreifach Gefeierte drang
freilich ihrerseits auf Vereinfachung des Verfahrens, immer wieder versichernd,
da einer genge. Sie sah sich aber berstimmt. Die Verantwortung sei zu
gro.
    Als alle fort waren, nahm die Pittelkow ihre Schwester um die Taille, walzte
mit ihr dreimal im Zimmer umher und sagte dann: So, Stine, nu wird es erst
nett. Eine braune Kanne voll hab ich uns gleich noch beiseite gestellt, und ein
paar Morgensemmeln sind auch noch da. Die werden nu woll zh genug sein, aber
mit Butter geht es doch, da rutschen sie... Nein, diese Wanda; nich zu glauben.
Und eine Stimme, wie 'ne Harfenjule.
    Stine versuchte zum Guten zu reden und warf der Schwester vor, da sie, wie
gewhnlich, viel zu streng sei. Zudem verrate sie sich; alles, was sie da sage,
sei doch blo aus Eifersucht. Aber sie brauche gar nicht eiferschtig zu sein,
denn alle drei seien ja mitgegangen, und drei seien immer besser als einer. Die
gute Wanda! Nun ja, wenn man wolle, so liee sich jedem was ans Zeug flicken
(ihnen beiden auch), alles in allem aber sei die Grtzmacher eigentlich eine
nette Person und jedenfalls eine sehr gutmtige.
    Ja, sagte Pauline, das ist sie; man blo so wichtig und zierig. Und wenn
sie sich dann ausgeziert hat, denn ziert sie sich wieder nicht genug und hat so
was Johliges und Genierliches.
    Du bist heute gut im Zuge, lachte Stine. Das also ist Wanda. Und nun sage
mir, wie bin ich denn? Aber nein, sag es nur lieber nicht...
    Will auch nicht...
    Sage mir lieber etwas ber die drei. Wie steht es mit dem alten Grafen?
    Ein Ekel.
    Und mit dem Baron?
    Ein Dummbart.
    Und mit dem jungen Grafen?
    Ein armes, krankes Huhn.

                               Siebentes Kapitel


Der nchste Tag verging, ohne da sich die Schwestern auch nur gesehen htten:
die Pittelkow hatte wieder Ordnung zu schaffen, und Stine sollte bis Sonnabend
abend noch eine groe Rahmenstickerei abliefern.
    Und still und ohne Begegnung wie der erste Tag schien auch der zweite
vergehen zu sollen. Niemand kam zu Stine hinauf, und diese - nachdem Olga den
Drcker gebracht hatte - wute nur das eine, da ihre Schwester Pauline mit
beiden Kindern in die Stadt gegangen sei. Langsam schwanden die Stunden, und die
niedergehende Sonne hing schon tief zwischen den zwei Trmen des Hamburger
Bahnhofs, als ein elegant gekleideter Herr die Invalidenstrae heraufkam und in
Nhe des von Stine bewohnten Hauses eine Husermusterung begann. Es war der
junge Graf, der, seinem Sehen und Suchen nach zu schlieen, die Pittelkowsche
Hausnummer samt ihrem a, b, c vergessen haben mute, trotzdem aber darauf
rechnete, sich in dem Wirrwarr zurechtzufinden. Und sei's nun aus Zufall oder
mit Hilfe kleiner Zeichen, er traf es wirklich; und als er gleich danach auf dem
ersten Treppenflur Witwe Pittelkow las, stieg er, nunmehr sicher geworden,
ohne weiteres bis ins dritte Stock hinauf und klingelte. Stine, die die
Schwester erwartet haben mochte, kam rasch und ffnete.
    Gott, Herr Graf.
    Ja, Frulein Stine.
    Sie wollen zu meiner Schwester: meine Schwester mu gleich zurckkommen.
Ich habe Drcker und Schlssel und kann Ihnen aufschlieen.
    Nein, ich will nicht zu Ihrer Schwester; ich will zu Ihnen, Frulein
Stine.
    Das geht nicht, Herr Graf. Ich bin allein, und ein alleinstehendes Mdchen
mu auf sich halten. Sonst gibt es ein Gerede. Die Leute sehen alles.
    Er lchelte. Wenn es so ist, Frulein Stine, dann ist rasches Eintreten
immer noch das sicherste.
    Nun gut, Herr Graf... Ich bitte...
    Und damit trat sie von der Korridortr zurck und ging ihm voran, auf ihr
Zimmer zu.

Die Polzin hatte, solange das Gesprch dauerte, beobachtend an ihrem Trguckloch
gestanden. Im selben Augenblick aber, wo Stine, voranschreitend, den Grafen in
ihr Zimmer fhrte, wandte sie sich ebenfalls in ihre halbdunkle Stube zurck, in
der auf einem kienen Klapptisch bereits das Abendbrot fr ihren Mann stand: ein
Bckling und ein rundes Landbrot, von dem sie jedesmal zwei kaufte, weil sich
das frische zu sehr wegschneide.
    Na, sagte Polzin, was meinst du, Mutter? Drei Mark mehr is nu woll nich
zuviel?
    Drei...? Wo denkst du hin? Wenigstens fnfe. Man blo, da es noch nich
sicher is. Er war so zittrig und bibberte so.
    Und bei diesen Worten legte sie das Ohr wieder an die Wand, whrend Polzin,
der mit seiner Klapperei die Horcherszene nicht stren wollte, von seiner Arbeit
aufstand und sich an sein Abendbrot machte.

                                 Achtes Kapitel


Der unerwartete Besuch war inzwischen in das Frontzimmer eingetreten, und
whrend Stine wieder auf das Fenster und ihre hier aufgestellte Rahmenstickerei
zuschritt, forderte sie den jungen Grafen auf, auf dem schrg zur Seite
stehenden Sofa Platz zu nehmen. Er lehnte dies aber ab und schob statt dessen
einen Stuhl in die Nhe Stines, die sich ihrerseits sofort wieder ihrer Arbeit
zuwandte, freilich in sichtlicher Erregung. Die Nadel flog, und der
orangefarbene Faden von Flockseide blitzte bei jedem neuen Stich, den sie
machte.
    Nun, Herr Graf, begann sie, whrend sich ihr Kopf immer tiefer auf die
Stickerei senkte, was verschafft mir die Ehre? Was fhrt Sie zu mir?
    Aber ehe der, an den sich die Frage richtete, noch antworten konnte, fuhr
sie schon mit einer ihr sonst fremden Lebendigkeit fort: Ich glaube, Sie
verkennen mich. Sie mgen darber lachen, aber ich bin ein ordentliches Mdchen,
und ist keiner in der Welt, der hintreten und zu mir sagen kann: Du lgst. Ich
sehe ja, wie's geht... nein, nein, lassen Sie mich ausreden..., und solch ein
Leben, wie's meine Schwester fhrt, verfhrt mich nicht; es schreckt mich blo
ab, und ich will mich lieber mein Leben lang qulen und im Spital sterben als
jeden Tag alte Herren um mich haben, blo um Unanstndigkeiten mit anhren zu
mssen oder Anzglichkeiten und Scherze, die vielleicht noch schlimmer sind. Das
kann ich nicht, das will ich nicht. Und nun wissen Sie, woran Sie sind.
    Frulein Stine, sagte der junge Graf, Sie sagen, ich irrte mich in Ihnen.
Ich glaube nicht, da ich mich in Ihnen irre. Aber selbst wenn es so wre, so
lassen Sie mich Ihnen sagen, Sie irren sich auch in mir. Ich komme zu Ihnen,
weil Sie mir gefallen und mir eine Teilnahme eingeflt haben, oder lieber
rundheraus, weil Sie mir leid tun. Ich hab es Ihnen wohl angesehen, da an dem
Abende neulich nicht alles nach Ihrem Sinn und Geschmack war, und da nahm ich
mir vor, du willst sehen, wie's dem Frulein Stine geht. Ja, Frulein, das nahm
ich mir vor, und wenn ich Ihnen helfen kann, so will ich Ihnen helfen und Ihnen
Ihre Freiheit wiedergeben und Sie losmachen aus dieser Umgebung. Ich glaube, da
ich es kann, trotzdem ich kein Prinz bin und noch weniger ein Wundertter. Und
Sie drfen auch nicht frchten, da ich eines Tages mit der Absicht kommen
werde, mir einen schnen Dank dafr zu holen. Nein, nichts davon. Ich bin krank
und ohne Sinn fr das, was die Glcklichen und Gesunden ihre Zerstreuung nennen.
Eine lange Geschichte, womit ich Sie nicht behelligen will, wenigstens heute
nicht.
    Er hatte sich, whrend er diese letzten Worte sprach, erhoben und sah, seine
Hand auf Stines Stuhl lehnend, in den Sonnenball, der eben zwischen den nach
Westen stehenden Bumen des Invalidenparks niederging. Alles schwamm in einem
goldenen Schimmer, und das Schweigen, in das er verfiel, zeigte, da er auf
Augenblicke von nichts als von der Schnheit des sich vor ihm auftuenden Bildes
hingenommen war. Endlich aber nahm er sich Stines Hand und sagte: Was hab ich
da gesprochen von Freiheit geben und Sie wieder losmachen wollen! Geben Sie mir
keine Antwort darauf. Alles falsch und eingebildet und tricht dazu. Weil ich
mich selber hilfebedrftig fhle, war ich wohl des Glaubens, Sie mten auch
hilfebedrftig sein. Aber ich empfinde mit einem Male, da Sie's nicht sind, da
Sie's nicht sein knnen.
    Stine lchelte vor sich hin. Der junge Graf aber, der es nicht sah oder
nicht sehen wollte, fuhr in dem ihm eigentmlich elegischen Tone fort: Ja,
Frulein Stine, das Kranksein, das eigentlich von Jugend auf mein Lebensberuf
war, es hat auch seine Vorteile; man kriegt allerlei Nerven in seinen zehn
Fingerspitzen und fhlt es den Menschen und Verhltnissen ab, ob sie glcklich
sind oder nicht. Und mitunter sogar den Rumen, darin die Menschen wohnen. Und
hier lehren mich meine Sinne, Sie knnen nicht unglcklich sein. Es ist nicht
ein Zufall, da ein solches Bild hier vor Ihnen ausgebreitet liegt, und ein
Zimmer, in das die Sonne jeden Abend so freundlich blickt, das ist ein gutes
Zimmer.
    Ja, sagte Stine, das ist es. Freilich, man soll sich seines Glckes nicht
rhmen, schon, um's nicht zu berufen. Aber es ist wahr, ich bin glcklich.
    Der junge Graf sah sie bei diesen Worten forschend und beinah verwundert von
der Seite her an. Er hatte sich darin gefallen, ihr, um der freundlichen
Umgebung willen, in der er sie gegen Erwarten antraf, ohne weiteres das Glck
zuzusprechen, und war nun doch betroffen, sie so rundheraus das besttigen zu
hren, was er ihr selber eben gesagt hatte. Stine sah das alles und setzte
deshalb hinzu: Sie mssen nun freilich nicht denken, ich wisse vor lauter Glck
nicht ein noch aus. So steht es auch nicht. Ich bin glcklich, aber nicht wie
die, welche die Not nicht kennen und immer nur gute Tage haben. Und bin auch
nicht so glcklich wie die katholische Schwester, die mich letzten Winter in
meiner Krankheit pflegte. Solche fromme Seele, die nichts will als Gott
wohlgefllig sein, ja, die hat freilich mehr, und mit der steht es besser. Aber
ich bin so gut dran wie gewhnliche Menschen, die Gott schon danken, wenn ihnen
nichts Schlimmes passiert.
    Und das Zusammenleben mit Ihrer Schwester! Ist es Ihnen keine Last und
keine Sorge?
    Nein. Ich liebe meine Schwester und sie liebt mich.
    Aber Sie sind doch so sehr verschieden.
    Nicht so sehr, wie Sie glauben. Sie verkennen meine Schwester; meine
Schwester ist sehr gut.
    Aber das Verhltnis, in dem sie steht! Es mu doch darber geredet werden
und Ansto geben bei Leuten, die noch ihren Katechismus haben und die Zehn
Gebote halten.
    Ja, bei denen gibt es freilich Ansto, und meine Schwester, wenn sie mit
solchen zusammentrifft, mu oft bse Worte hren. Aber so heftig sie sonst ist,
so ruhig ist sie dabei. Sie hat nmlich einen sehr guten Verstand und ein groes
Gerechtigkeitsgefhl, und wenn sie solche Worte hrt, so sagt sie: Ja, Stine,
das ist nun mal nicht anders; wer sich in den Rauch hngt, der wird schwarz.
    Nun gut. Aber einen je besseren Verstand Ihre Schwester hat und je mehr sie
zugibt, so, wie sie lebt, das Urteil und Gerede der Leute herauszufordern, desto
mehr mu sie doch leiden unter der Miachtung, die sie trifft.
    Es wre vielleicht so, nahm Stine wieder das Wort, wenn alle Menschen in
einerlei Weise dchten. Aber das ist nicht der Fall. Die, die sie verurteilen -
und die mitunter lieber schweigen sollten -, das sind immer nur einzelne; die
meisten plappern ihre Lehren und Vorwrfe nur so herunter und meinen es nicht
bs und denken in ihrem Herzen ganz anders darber.
    Wie das?
    Ja, das ist schwer zu sagen, aber es ist so und kann auch kaum anders sein.
Denn die, die Not leiden, wollen vor allem aus ihrer Not und ihrem Elend heraus
und sinnen und simulieren blo, wie das zu machen sei. Brav sein und sich
rechtschaffen halten, das ist alles sehr gut und schn, aber doch eigentlich nur
was Feines fr die Vornehmen und Reichen, und wer arm ist und das Feine
mitmachen will, ber den ziehen sie blo her - und die gestern noch die
Strengsten waren, am meisten - und reden und spotten, da man was Apartes sein
wolle. Die denkt wohl, sie sei es. Ach, wie oft hab ich das hren mssen.
    Welche Verworrenheit der Begriffe.
    Ja, so nennen Sie's, und ich mag nicht widersprechen. Aber dieselben Leute,
die so verworren scheinen, sind auch wieder sehr hell und halten auf Pflicht, wo
sie sich aus freien Stcken verpflichtet haben. Und das gleicht manches wieder
aus. Neben ihrem bloen Gerede, das heute so ist und morgen so, gibt es auch
was, das ihnen feststeht, und das ist das Wort und die Zusage. Mit dem sich gut
halten, solange man frei ist, kann man's am Ende halten, wie man will; aber mit
dem Kontrakte mu man's halten, wie man soll. Was ich bernehme, das gilt, und
ehrlich sein ist die Hauptsache geworden. Und so kann es einer armen Frau
passieren, in einem Verhltnis, das nicht lblich ist, doch noch gelobt zu
werden.
    Und dieses Vorzuges geniet Ihre Schwester?
    Ja. Da sie das Verhltnis hat, ist ihr kein Lob, aber bei der groen
Mehrzahl auch keine Schande. Die arme Frau, so sagen sie, sie htt's lieber
anders. Aber sie mu. Und mu ist eine harte Nu. Und so lt man sie's nicht
entgelten und fordert nur das eine von ihr, da sie, was sie versprochen, auch
respektiere. Wanda darf tun und lassen, was sie will, meine Schwester Pauline
darf es nicht. Die mu halten, wozu sie sich verpflichtet, und ich darf Ihnen
versichern, es wird gehalten.
    Und in das alles hat sich Ihre Schwester hineingefunden? Vielleicht sogar
mit Leichtigkeit?
    Doch nicht leicht. Eher schwer. Aber, die Wahrheit zu gestehen, nicht
schwer von Tugend wegen - davon will sie nichts wissen -, sondern nur deshalb,
weil ihr, von Natur, an einem Leben nichts liegt, wie sie's zu fhren gezwungen
ist. Meine Schwester ist arbeitsam und ordentlich und ganz ohne Passion.
Wenigstens hat sie mir das hundertmal versichert.
    Und aufrichtig?
    Wer sieht ins Herz? Aber ich glaube: ganz aufrichtig. Und wenn Sie meine
Schwester so gut kannten wie ich, so wrden Sie's auch glauben.
    Und doch sagte sie mir, als ich vorgestern nach Olga fragte: Danach drfen
Sie nicht fragen. Einen Vater hat sie, das ist gewi. Aber mehr kann ich Ihnen
nicht sagen.
    Stine lchelte verlegen vor sich hin. Endlich aber sagte sie: Ja, in diesem
Tone spricht sie gern, das ist wahr; aber nicht aus schlechter Sitte, sondern
aus bermut. Sie wei, da sie noch immer sehr hbsch ist, und hat aus Eitelkeit
und Gefallsucht, wovon ich sie nicht freisprechen kann, eine sie bestndig
qulende Lust, die Mnner in Verwunderung zu setzen, blo um sie hinterher
auszulachen. Ich kenne sie besser, weil ich ihr Leben kenne. Sie war kaum
zwanzig, als Olga geboren wurde. Da hatte sie nun das Kind, eine gewhnliche
Verfhrungsgeschichte, womit ich Sie verschonen will, und weil man ihren
Anspruch mit einer hbschen Geldsumme zufriedenstellte, so war sie nun eine gute
Partie geworden und verheiratete sich auch bald danach. Und wie meist in solchen
Fllen, mit einem kreuzbraven Mann. Aber ich mu auch sagen, er kam ihr zu. Sie
war eine ganz vorzgliche Frau, nicht das geringste konnt ihr nachgesagt werden,
und als der Mann krank wurde, hat sie ihn, mit allem, was sie hatte, treu bis
zum Tode gepflegt. Freilich, als er dann in seinem Grabe lag, war auch der
letzte Notgroschen hin, und Ihr Herr Onkel, der in demselben Hause wohnte, nahm
sich ihrer an. Und da kam es dann - nun, Sie wissen wie. Das geht jetzt ins
dritte Jahr, und sie wnscht es sich nicht anders, trotzdem sie klagt und
wettert, brigens ohne sich viel dabei zu denken. Sie nimmt ihr gegenwrtig
Leben als einen Dienst, drin sich Gutes und Schlimmes die Waage hlt; aber des
Guten ist doch mehr, weil sie keine Sorge hat um das tgliche Brot. Und nun bitt
ich Sie, wenn Sie sie wiedersehen, so sehen Sie sich ihr Tun und Treiben auf
meine Worte hin an, und Sie werden finden, da ich nicht zuviel gesagt habe.
    Und was fordert sie von Ihnen?
    Fordert? Nichts. Sie liebt mich und ist seelensgut zu mir und freut sich,
da ich auf mich halte, und ermutigt mich darin. Es ist immer das klgste so,
das sind ihre Worte. Wrd es aber anders kommen, so wr es nicht viel, und sie
wrde nur sagen: Ich wei wohl, Stine, das Richtige lt sich nicht immer tun.
Ja, sie sieht das, was sie das Richtige nennt, fr etwas Wnschenswertes an,
aber nicht als etwas Notwendiges; sie gnnt es mir, nichts weiter.
    Allmhlich, whrend dies Gesprch gefhrt wurde, war die Sonne drben
niedergegangen, und nur ein letztes verblassendes Abendrot schimmerte noch
zwischen dem Gezweige der Parkbume. Stine hatte lngst den Stickrahmen beiseite
gestellt, und der junge Graf, der ihr jetzt gegenbersa, sah in dem
Fensterspiegel, wie, die ganze Strae hinunter, die Gaslaternen aufflammten. Er
war so benommen davon, da er eine Weile schwieg und dem eigentmlichen
Straenbilde zusah.
    Ich sehe, sagte Stine, der Spiegel tut es Ihnen auch an. Ich wei das
schon; es ist immer dasselbe.
    Der junge Graf nickte. Dann nahm er Stines Hand wie zum Abschied und sagte,
whrend er sich rasch erhob: Ich darf doch wiederkommen, Frulein Stine?
    Besser wre es, Sie kmen nicht. Sie beunruhigen mich nur.
    Aber Sie verbieten es nicht, Sie sagen nicht nein?
    Ich sage nicht nein, weil ich es nicht sagen darf. Meine Schwester wrd es
unklug finden, und ich wei, da ich ihr Rcksichten schuldig bin.
    So denn auf Wiedersehen, Frulein Stine.
    Stine gab ihm das Geleit bis auf den kleinen Korridor; dann aber rasch in
ihre Stube zurckkehrend, trat sie ans offene Fenster und sog die frische Luft
ein, die vom Park her herberkam. Aber es blieb ihr bang ums Herz, und sie hatte
das bestimmte Gefhl, da ihr nur Schweres und Schmerzliches aus dieser
Bekanntschaft erwachsen werde. Warum hab ich nicht nein gesagt? Ich habe mich
nun in seine Hand begeben... Und doch, ich will nicht, will nicht. Ich hab es
ihr auf dem Sterbebette schwren mssen. Stine, sagte sie, halte dich. Es kommt
nichts dabei heraus. Du bist nicht so hbsch wie deine Schwester Pauline, das
ist mir ein Trost. Ach, das Hbschsein... - Ich war noch ein halbes Kind damals;
aber was ich ihr versprochen, ich will es halten!

Im selben Augenblick, wo der junge Graf, von Stine geleitet, aus dem Zimmer in
den Korridor trat, trat auch die Polzin von ihrem Horcheplatz wieder an den
Klapptisch zurck, wo sich nun zwischen den beiden Eheleuten sofort ein kurzes,
aber intimes Zwiegesprch entspann.
    Er ist eigentlich lange geblieben, sagte Polzin, whrend er sich wieder an
den Webstuhl setzte. Wie war es denn?
    Gar nichts war es. Und wird auch nichts.
    I wo, sagte Polzin. Es wird schon werden. Alles mu doch Zeit und Weile
haben. Aber du denkst immer...
    Ach was, denken; ich denke gar nich. Ich sage blo, wenn was werden soll,
wird es gleich. Un wenn es nich gleich wird, wird es gar nich... Ich kenne doch
auch die Mannsleute.
    Ja, ja, sagte Polzin und griente, die kennst du.
    Hre, Polzin, komme mir nich so. Fange nich wieder alte Geschichten an.
    I wie werd ich denn... Ich meine ja blo...

                                Neuntes Kapitel


Der junge Graf wiederholte seine Besuche. Whrend der ersten Woche kam er einen
Tag um den andern, dann tglich; aber immer blieb er nur bis Sptnachmittag.
Dann ging er wieder.
    Einmal kam ausnahmsweise der Abend heran, und man ffnete die Fenster und
sah hinaus. Die Schwere der Luft machte, da das Straentreiben unten anders als
sonst auf die Sinne wirkte, die Lichter brannten trber, und das Gelute der
Pferdebahnglocke klang gedmpfter herauf. ber dem Parke drben stand der Mond
und warf seinen Schimmer auf einen frei zwischen den Bumen stehenden Obelisken;
die Nachtigallen schlugen, und die Linden blhten in aller Pracht.
    Der junge Graf wies darauf hin und sagte: Das ist nun ein Park und heit
auch so. Aber ist es nicht eigentlich wie ein Kirchhof? Da alles blht, das hat
der Kirchhof auch. Und der Obelisk sieht aus wie ein Grabstein.
    Und ist auch so was.
    Wie das? Ist da jemand begraben?
    Nein, begraben nicht. Aber ein Denkmal ist es, das zur Erinnerung an die
mit der Amazone Verunglckten errichtet wurde. Hundert oder mehr, und ich habe
manchmal ihre Namen gelesen. Es ist rhrend; lauter junge Leute.
    Ja, sagte der junge Graf, ich entsinne mich, lauter junge Leute. Dann
schwieg er wieder, und der Ton, in dem er gesprochen hatte, klang fast, wie wenn
er sie mehr beneide als beklage.
    Bald danach brach er auf, sichtlich bewegt von der Wendung, die das Gesprch
genommen, und Stine sah, als er auf die Strae hinaustrat, da er nicht, wie
gewhnlich, nach links hin auf die Bahnhofsbrcke zuschritt, sondern, quer ber
den Damm, nach dem eingegitterten Park. Da stand er nun an dem Gitter und beugte
sich vor, und es war, als ob er die Namen, die der Obelisk trug, in dem
Halblicht zu lesen versuche.
    An diesem Tage hatte sein Besuch etwas lnger gedauert; sonst blieb er nur
bis Sonnenuntergang und hatte seine Freude daran, Stine bei der Arbeit zu sehen
und dabei plaudern zu hren. Er nahm teil an allen Vorkommnissen, am liebsten
aber war es ihm, wenn sie Geschichten aus ihrem Leben erzhlte, von ihren
Kinder- und Schultagen, von dem frhen Tod ihrer Mutter und von der Einsegnung,
die kurz nachher gewesen, und wie die Leute im Hause gesammelt htten, um ihr
das Einsegnungskleid schenken zu knnen. Und wie sie dann in demselben Jahre
noch in das groe Woll- und Stickereigeschft eingetreten sei - dasselbe, fr
das sie jetzt noch arbeite; meistens zu Haus, aber mitunter auch im Geschft
selbst - und wie sie da lebten und Freundschaften schlssen und in der
Weihnachtswoche bis in die halbe Nacht beisammensen und der Reihe nach eine
immer vorlesen msse. Das sei nicht blo gestattet, das sei sogar gewnscht;
denn der Herr des Geschfts sei klug und gtig und wisse, was es wert sei, die,
die arbeiten mten, bei Lust und Liebe zu halten. Und so km es auch, da sie
keinen Wechsel im Personal htten, oder doch nur sehr selten, und alle gern
blieben, es sei denn, da sie sich verheirateten. berhaupt msse sie sagen, es
wrde soviel von Aussaugen und Qulen und von Bedrckung gesprochen, aber nach
ihrer eigenen Erfahrung knne sie dem durchaus nicht zustimmen. Im Gegenteil. Im
Winter htten sie Maskenball und Theaterstcke; denn ihr Geschftsherr, wie sie
nur wiederholen knne, vergesse nie, da ein armer Mensch auch mal aus dem
Alltag herauswolle. Das schnste aber seien die Landpartien im Sommer. Da wrden
ein paar Kremser gemietet, und noch vor Tau und Tag ging' es ins Freie hinaus,
nach Schildhorn und Grunewald oder nach Tegel und dem Finkenkrug. Oder auch zu
Wasser, was freilich, solange sie da sei, nur einmal gewesen, aber ihr auch ganz
unvergelich geblieben sei. Da wr ein Dampfschiff gemietet worden, und die
ganze Spree hinauf, an Treptow und Stralow und dann an Schlo Kpenick und
Grnau vorber, wren sie bis in die Einsamkeit gefahren, bis an eine Stelle, wo
nur ein einziges Haus mit einem hohen Schilfdach dicht am Ufer gestanden habe.
Da wren sie gelandet und htten Reifen gespielt. Ihr aber sei das Herz so zum
Zerspringen voll gewesen, da sie nicht habe mitspielen knnen, wenigstens nicht
gleich, weshalb sie sich unter eine neben dem Hause stehende Buche gesetzt und
durch die herabhngenden Zweige wohl eine Stunde lang auf den Flu und eine
drben ganz in Ampfer und Ranunkeln stehende Wiese geblickt habe, mit einem
schwarzen Waldstreifen dahinter. Und es sei so still und einsam gewesen, wie sie
gar nicht gedacht, da Gottes Erde sein knne. Nur ein Fisch sei mitunter
aufgesprungen und ein Reiher ber die Wasserflche hingeflogen. Und als sie sich
satt gesehen an der Einsamkeit, habe sie die andern wieder aufgesucht und mit
ihnen gespielt; und sie hre noch das Lachen und she noch, wie die Reifen in
der Sonne geblitzt htten.
    Der junge Graf hrte nichts lieber als dergleichen Erzhlungen, und so
glcklich ihn jedes Wort stimmte, so lehrreich war es ihm auch. Er war in der
Vorstellung herangewachsen, da die groe Stadt ein Babel sei, darin die
Volksvergngungen, wenn nicht mit Sittenlosigkeit und Roheit, so doch mit Lrm
und Gejohle ziemlich gleichbedeutend seien, und mute nun aus Stines Munde
hren, da dies Babel eine Vorliebe fr Lagern im Grnen, fr Zeck und Anschlag
habe. Dergleichen verfehlte denn auch nicht, seine Gedanken immer mehr einer ihm
angeborenen, allen Standesvorurteilen abgewandten Richtung zuzuwenden, und wenn
Stine mit solchen Schilderungen, ernsten und heiteren, ihn in die Gemtlichkeit
hineingeplaudert hatte, wurd er zuletzt selber mitteilsam und sogar gesprchig
und erzhlte von seinem eigenen Leben: von dem Predigtamtskandidaten, bei dem er
bis zum berdru Gesangbuchlieder und Bibelsprche habe lernen mssen, weil es
so das bequemste fr den Lehrer gewesen, von seinen Vorbereitungen zum Examen,
durch das er nur (denn er habe nie was gelernt) wie durch ein Wunder
hindurchgekommen sei, und endlich, nach seinem Eintritt ins Regiment, von seinen
Avantageur- und Fhnrichstagen. Das wre seine beste Zeit gewesen, seine einzig
frohe, trotzdem es bei seinem frommen und eisenfresserischen Kommandeur ein fr
allemal festgestanden habe, ein Fhnrich ist ein Nichtsnutz. Und da mit einem
Male hab es geheien Krieg; ein Jubel wre losgebrochen, und drei Tage spter
hab er schon eingepfercht in einem Waggon gesessen, berglcklich, auch
seinerseits, aus dem Garnisons-Einerlei heraus zu sein. berglcklich. Aber
freilich nicht auf lange. Denn wieder drei Tage spter, und er habe, aus dem
Sattel geschossen, dagelegen, und als einen Halbtoten htten sie ihn
weggetragen. Und whrend seine Kameraden von Sieg zu Sieg gezogen seien, htt er
sich in einem Nest an der Grenze hingeqult und nicht gewut, ob er leben oder
sterben solle. Und die Natur hab es auch nicht recht gewut und habe sich nicht
entscheiden wollen. Aber zuletzt habe sie sich entschieden, und er sei genesen.
Oder doch halb. Ob zu seinem Glck? er wi es nicht. Es ist doch das schnste,
wenn die Sonne niedergeht und ausruhen will von ihrem Tagewerk.
    Stine verstand ihn wohl und bat ihn, als er das sagte, nicht so zu sprechen.
Er msse doppelt hoffen; denn wer vom Tode gerettet sei, der lebe lange. So sage
das Sprichwort, und die Sprichwrter htten immer recht.
    Er lchelte bei diesen Worten und lenkte dann auch seinerseits wieder zu
heiteren Dingen ber. Und bald danach trennte man sich in Herzlichkeit und guter
Laune.

                                Zehntes Kapitel


Es war in der dritten Woche nach ihrer Bekanntschaft, ein Freitagabend, und der
junge Graf hatte noch keine zehn Minuten das Haus verlassen, als es oben an der
Flurtr klopfte. Das war das Zeichen fr die Polzin, die denn auch sofort
erschien und sich mit der Pittelkow begrte.
    War Besuch hier, liebe Polzin? Ich meine bei Stine?
    Kann ich wirklich nich sagen, liebe Frau Pittelkow. Sie wissen, wir sehen
und hren nichts.
    Es schien, da sich die Polzin ber dies ihr Lieblingsthema noch weiter
verbreiten wollte, Stine jedoch, die das drauen auf dem Flur gefhrte Gesprch
gehrt und die Stimme der Schwester erkannt hatte, lie es nicht dazu kommen.
Ei, das ist hbsch, Pauline, da du da bist. Und hiermit wandte sie sich
wieder in ihr Zimmer zurck, um, vorsichtig umhersuchend, von einem schon im
vollen Abendschatten stehenden Eckschrank die Lampe herunterzunehmen.
    La man, Stinechen, sagte die Schwester. Es ist so hbsch schmustrig
hier, un das Schmustrige hab ich nu mal am liebsten, un is immer wie 'n altes
schwarzes Kreppschintuch, wo man sich gleich einmummeln un anlehnen kann, un
braucht nicht steif un grade zu sitzen. Nein, la man, Stine; wir haben Licht
genug von unten her. Sieh doch blo, da kuckt ja der Mond grad ber Sieboldten
seinen Schornstein weg.
    Unter solchem Geplauder hatte die Pittelkow auf dem Sofa Platz genommen und
sagte, whrend sie sich behaglich in die Kissen drckte: Ja, was ich sagen
wollte, Stine, das Grafchen war eben wieder hier?
    Ja, Pauline.
    Jott, Kind, wie dir die Backen brennen.
    Ja, sie brennen mir. Aber ich wei eigentlich nicht warum. Es ist fast zum
rgern; ich bin rot geworden und brauchte doch nicht.
    Ach, mein Stineken, werde du man rot; es is immer besser mal zuviel als mal
zuwenig. Aber was ich sagen wollte, das Grafchen... Es gefllt mir nich, da er
hier immer bei Dagesschlu die Treppe raufsteigt, grad als mt er die Betglocke
luten.
    Er ist der beste Mensch von der Welt, Pauline. Nie htt ich geglaubt, da
es einen so guten Menschen gbe. Den ersten Tag hatte ich eine Aussprache mit
ihm und redete von Anstndigkeit und auf sich Halten, und da ich ein
ordentliches Mdchen sei. Aber ich schme mich jetzt fast, da ich so was gesagt
habe. Denn immer ngstlich sein ist auch nicht gut und zeigt blo, da man sich
nicht recht traut und da man schwcher ist, als man sein sollte.
    Die Pittelkow lchelte vor sich hin und schien antworten zu wollen, aber
Stine fuhr fort: Ja, Pauline, der beste Mensch, ohne Falsch und ohne Hochmut,
aber auch ohne Glck. Wenn er mir so gegenbersitzt, ist es mir oft, als ob wir
die Rollen vertauscht htten und als ob ich eine Prinzessin wr und knnt ihn
glcklich machen. Er sieht mich dann immer an und hrt auf jedes Wort, das ich
spreche, nicht blo zum Schein und aus Haberei, nein, solch dummes Ding bin ich
nicht mehr, mir so was einzubilden, wenn es nicht wahr wre. Nichts von blo so
tun; ich seh es ihm an, da er wirklich dabei ist und da ihn alles freut, was
ich da so hinplaudere. Freilich, du wirst mich fr eitel halten und es nicht
glauben wollen.
    O warum nich, Stine? Warum soll ich es nich glauben? Ich glaub es alles.
Aber alles hat auch seinen Grund und sogar seinen guten Grund. Und ich kenn ihn
auch.
    Und ich denke mir, ich kenn ihn auch und wei, woran es liegt. Sieh, es
liegt daran, er hat so wenig Menschen gesehen und noch weniger kennengelernt. In
seiner Eltern Hause gab es nicht viel davon - sie sind alle stolz und hart, und
seine Mutter ist seine Stiefmutter -, und dann hat er Kameraden und Vorgesetzte
gehabt und hat gehrt, wie seine Kameraden und seine Vorgesetzten sprechen; aber
wie Menschen sprechen, das hat er nicht gehrt, das wei er nicht recht. Ich
denke mir das nicht aus, ich hab es von ihm, es sind seine eigenen Worte. Ja,
Pauline, daran liegt es. Das ist der Grund, da ich armes Ding ihm gefalle;
nichts weiter. Er ist unglcklich in seinem Haus und seiner Familie. Vor allem
aber denke nur nicht, er sei mein Anbeter oder Liebhaber, oder wie du's sonst
noch nennen willst. Ich sehe wohl, da er mich liebhat, aber das ist doch was
andres, und das kann ich dir sagen, noch ist kein Wort ber seine Lippen
gekommen, dessen ich mich vor Gott und Menschen oder vor mir selber zu schmen
htte.
    Glaub es, sagte die Pittelkow. Glaub es alles. Aber, meine liebe Stine,
das ist es ja eben. Ich hab es mir so gedacht, gerade so. Gleich als ich ihn das
erste Mal sah, als die beiden Alten mit da waren und Wanda Holofernessen kppte,
da wut ich es. Sieh, Kind, es sind mir so viele Mannsleute zu Gesichte
gekommen, und wenn ich welche sehe, na, so kenn ich sie gleich durch un durch un
kann sie aussuchen wie Handschuh nach der Nummer un wei gleich, was los is. Un
mit dem jungen Grafen is nich viel los. Er is man schwchlich, un die
Schwchlichen sind immer so un richten mehr Schaden an als die Dollen.
    Stine sah die Schwester an.
    Ja, du siehst mich an, Kind. Aber es is wahr un wahrhaftig so. Du denkst
wunder, wie du mich beruhigst, wenn du sagst: Es is keine Liebschaft. Ach, meine
liebe Stine, damit beruhigst du mich gar nich; kontrr im Gegenteil. Liebschaft,
Liebschaft. Jott, Liebschaft is lange nich das schlimmste. Heut is sie noch, un
morgen is sie nich mehr, un er geht da hin, und sie geht da hin, un den dritten
Tag singen sie wieder alle beide: Geh du nur hin, ich hab mein Teil. Ach, Stine,
Liebschaft! Glaube mir, daran stirbt keiner, un auch nich mal, wenn's schlimm
geht. Was is es denn gro? Na, dann luft 'ne Olga mehr in der Welt rum, un in
vierzehn Tagen krht nich Huhn, nich Hahn mehr danach. Nein, nein, Stine,
Liebschaft is nich viel, Liebschaft is eigentlich gar nichts. Aber wenn's hier
sitzt (und sie wies aufs Herz), dann wird es was, dann wird es eklig.
    Stine lchelte.
    Du lachst, und ich wei auch warum. Du lachst, weil du denkst, Pauline wei
nichts davon und kann auch nichts davon wissen, denn es hat ihr nie hier
gesessen. Un das hat auch seine Richtigkeit damit. Ich bin noch so drum
rumgekommen. Aber, meine liebe Stine, man erlebt nich blo an sich selbst, man
erlebt auch an andern. Un ich sage dir, von so was, wie du mit dem Grafen
vorhast oder der Graf mit dir, von so was is noch nie was Gutes gekommen. Es hat
nu mal jeder seinen Platz, un daran kannst du nichts ndern, un daran kann auch
das Grafchen nichts ndern. Ich puste was auf die Grafen, alt oder jung, das
weit du, hast es ja oft genug gesehen. Aber ich kann so lange pusten, wie ich
will, ich puste sie doch nich weg, un den Unterschied auch nich; sie sind nun
mal da, und sind, wie sie sind, und sind anders aufgepppelt wie wir, und knnen
aus ihrer Haut nicht raus. Un wenn einer mal raus will, so leiden es die andern
nich und ruhen nich eher, als bis er wieder drinsteckt. Un denn kannst du hier
so lang in die Sonne kucken, bis sie morgens bei Polzins oder bei der Frau
Privatsekretr wieder rauskommt, er kommt doch nich, er sitzt erster Klasse mit
Plsch un hat noch ein Luftkissen bei sich, un sie hat 'nen blauen Schleier an
'n Hut, und so geht es heidi! nach Italien. Un das is denn, was sie
Hochzeitsreise nennen.
    Ach, Pauline, so kommt es nich.
    Ja, so kommt es, mein armes Stineken. Un wenn es nich so kommt, na, denn
kommt es noch schlimmer, denn is er ein Eigensinn un will partout mit 'n Kopp
durch die Wand, un da hast du denn den Kladderadatsch erst recht. Glaube mir,
Kind, von 'ne unglckliche Liebe kann sich einer noch wieder erholen un ganz gut
rausmausern, aber von 's unglckliche Leben nich.

                                 Elftes Kapitel


Baron Papageno (niemanden ber sich) wohnte von alter Zeit her drei Treppen
hoch, teils, weil er das seiner Meinung nach erst in etwa Dachhhe beginnende
Ozon auch in seiner Berliner Abschwchung nicht missen wollte, teils, weil er
einen Widerwillen hatte, bei jeder ber ihm stattfindenden Mahlzeit ein halbes
Dutzend Menschen und Sthle herumpoltern zu hren. Namentlich war ihm das
Hinundherschrammen in den Tod verhat, das seiner in frheren Wohnungen
gemachten Erfahrung nach berall da blhte, wo Kinder mit zu Tische saen,
Kinder, die noch nicht alt genug waren, ihren Stuhl manierlich heranzustellen,
und sich deshalb aushilfeweise zum Schieben gezwungen sahen. Neben dem
Griffelgequietsch auf Schiefertafeln gab es nichts, was ihn so nervs gemacht
htte wie solche Stuhl- und Rutschfahrten ihm zu Hupten.
    Aber freilich, seine der gesamten Wohnungsfrage geltenden Sorglichkeiten
beschrnkten sich nicht auf Luftschicht und Hausruhe, sondern zeigten sich
beinah mehr noch in dem Raffinement, mit dem er bei der Wahl der Stadtgegend
verfahren war und Zietenplatz und Mohrenstrae-Ecke gewhlt hatte. Wie sich
denken lt, hielt er diese seine Kastellecke fr nicht mehr und nicht weniger
als den schnsten Punkt der Stadt und lag darber mit dem alten Grafen in einer
bestndigen Fehde. Dieser seinerseits zog die Behrenstrae weit vor, unterlag
aber bei den sich darber entspinnenden Streitigkeiten jedesmal, weil er in der
blen Lage war, mit bloen legitimistischen Sentiments gegen Tatsachen fechten
zu mssen. Ich bitte Sie, Graf, sagte dann Papageno mit einer von vornherein
berlegenen Miene, was haben Sie, Hand aufs Herz, in der Behrenstrae? Sie
sehen nun schon sieben Jahre lang in das Portal der kleinen Mauerstrae hinein,
ohne je was anderes herauskommen zu sehen als eine Kutsche mit einer alten
Prinzessin oder einer noch lteren Hofdame. Das ist mir aber, offen gestanden,
trotzdem die Kutschen zu sind, als Point de vue nicht anziehend genug. Und nun
vergleichen Sie damit meine Mohrenstrae-Ecke? Sag ich zuviel, wenn ich
behaupte, da mir, von meinem Ausguck aus, ganz Berlin, soweit es mitspricht, zu
Fen liegt? Was ich jeden Morgen zuerst zu begren in der Lage bin, ist der
alte Zieten auf seinem Postament. Als er noch wei war, war er mir freilich noch
lieber, und wenn ich ihn damals so marmorblank in der Morgensonne dastehen und
leuchten sah, dacht ich mitunter, er werde reden wie der selige Memnon aus
seiner Sule. Nun, das hat er schon damals unterlassen, und seitdem er erz- und
olivenfarben geworden ist, ist es vollends damit vorbei - die besseren Tage
liegen ihm und anderen zurck. Aber besser oder nicht, der alte Zieten ist
berhaupt nur Vorposten an dieser Stelle, hinter dem ich - die Menge mu es
bringen - an jedem neuen Tage nach links hin die Gamaschen des Alten Dessauers
und nach rechts hin die Fahnenspitze des alten Schwerin blinken sehe. Vielleicht
ist es auch sein Degen. Und en arrire meiner Generle trmen sich die
Ministerien auf und Ple und Borsig, und wenn ich mich noch weiter vorbeuge, seh
ich sogar das Gitter von Radziwill, jetzt Bismarck, und durchdringe mich mit dem
patriotischen Hochgefhle: hier Preuen unter dem Alten Fritzen, dort Preuen
unter dem eisernen Kanzler.
    So liebte Baron Papageno zu perorieren und schlo dann in der Regel mit
Zitaten aus der ersten Strophe des Ring des Polykrates, womit sich seine
Kenntnis der Ballade, wie bei vielen andern, erschpfte.
    Der Baron lag auch heute wieder im Fenster, aber nicht nach dem
Zietenplatze, sondern nach der Mohrenstrae hinaus, und beobachtete die
Sperlinge, die gerad gegenber in der Dachrinne saen und sich unter bestndigem
Gepiep und Gehupf, dem dann ein abschttelndes Flgelschlagen folgte, den
Extravaganzen eines geordneten oder vielleicht auch ungeordneten Familienlebens
hingaben. Er sann eben darber nach, ob er sich nicht aus moralpdagogischen
Grnden ein kleines Pustrohr anschaffen und durch Hinberschieen kleiner
Lehmkugeln etwas mehr Askese heranbilden solle, als er drauen auf dem Flur die
Klingel gehen hrte. Seine Wirtin mute, der Tagesstunde nach, eigentlich noch
zu Hause sein, und so hielt er vorlufig ruhig auf seinem Beobachtungsposten
aus, bis das mehrfach wiederholte Klingeln ihn veranlate, nachzusehen, was es
sei.
    Baron Papageno hatte drauen den Postboten erwartet und war nicht wenig
berrascht, statt seiner den jungen Grafen vor sich zu sehen. Ah, Waldemar!
Herzlich willkommen. Wie Zeit und Jugend sich ndern! Ich schlief immer noch um
elf, und Sie sind schon auf und gestiefelt und gespornt und machen Ihre Visiten.
Aber bitte, geben Sie mir Ihren berzieher. Oder wenn Sie meine Dienste
verschmhen, auch gut; auch das alte Selbst ist der Mann hat seine Vorzge. Hier
an diesen Riegel, wenn ich bitten darf. Und nun lassen Sie mich vorangehen und
den Fhrer machen... Soll ich das Fenster schlieen?
    Ich denke, sagte der junge Graf, wir lassen es, wie's ist.
    Gut. Oder vielmehr desto besser. Nichts ber frische Luft. Ich war eben
naturhistorischen Betrachtungen hingegeben, und zwar dem Liebesleben einer
Sperlingsfamilie drben in der Dachrinne. Nichts interessanter als solche
Betrachtungen. Und warum? Weil wir ihnen entnehmen drfen, da auch das
tierweltlich Intrikateste seine Parallelstellen in unserem eigenen Leben findet.
Glauben Sie mir, Waldemar, nichts falscher als die Vorstellung, da es mit der
Gattung homo was ganz Besonderes sei.
    Der junge Graf nickte zustimmend. Der alte Baron aber, ohne sich im
geringsten um Anzweiflung oder Zustimmung zu kmmern, fuhr in dem ihm eigenen
jovialen Tone fort: Sehen Sie, Waldemar, die Sperlinge. Meine Passion! Jedes
Alter hat seine Passionen, und die Sperlinge reprsentieren am Ende nicht die
schlimmste. Hbsch freilich sind meine Freunde drben nicht und auch nicht
whlerisch, eigentlich in nichts, im Gegenteil, immer frre cochon, aber auch
immer amsant, und das ist fr mich das entscheidende. Denn die meisten Tiere -
wiederum ganz nach hherer Analogie - sind herzlich langweilig, darunter selbst
solche, die fr bevorzugt gelten, und fast mcht ich sagen, den Vortritt haben.
Nehmen Sie beispielsweise den Hahn. Er denkt sich wunder was und ist doch
eigentlich nur ein Geck. Auer dem Amte, das ihm obliegt und ber das ich in so
frher Stunde nicht gern sprechen mchte, was tut er sonst noch, das der Rede
wert wre? Nichts. Er hlt sommers von drei Uhr ab seine Dienststunden. Aber das
ist mir zuwenig. Und nun vergleichen Sie damit den Sperling. Immer guter Laune,
gesprchig, fidel. berall guckt er rein, alles will er wissen, alles will er
haben - die reinen Preuen in der Weltgeschichte der Vgel... Aber ich
verschwatze mich, die Sperlinge sind nun mal mein Steckenpferd, ein etwas
sonderbares Bild. Und nun nehmen Sie Platz, wenn ich bitten darf... Zigaretten?
Oder einen Morgencognac?
    Und er fuhr im Zimmer hin und her, um zunchst ein Kistchen Zigaretten und
dann Aschbecher und Feuerzeug vor den jungen Grafen hinzustellen. Als er aber
endlich damit zu Ruhe war, nahm er selber Platz und blickte mit seinen
freundlichgrauen Augen, die pfiffig und unbedeutend in die Welt hineinsahen,
seinen Besucher an.
    Ich komme, begann dieser, in einer etwas diffizilen Angelegenheit...
    Also Geldsache, warf Papageno dazwischen und versuchte zu lachen. Denn
seine Finanzlage war nicht die beste.
    Nein, nicht das, lieber Baron. Es handelt sich vielmehr um eine Herzens-
und Standessache. Rundheraus, ich habe vor, mich zu verheiraten.
    Ah, charmant. Eine Hochzeit. Wahrhaftig, ich wte nicht, lieber Waldemar,
was Sie mir Lieberes sagen knnten. Ich hab es verpat und stecke nun in meinen
Junggesellenpantoffeln. Aber wenn ich hre, da ein anderer es wagen will, da
fat mich immer ein heftiger Neid, und ich hre nichts als Orgel und Tanzmusik
und sehe nichts als Bouquets und kleine weie Atlasschuhe. Die sind auch eine
Passion von mir, beinah noch mehr als die Sperlinge. Und aus allen Backfen
werden dann Kuchen gezogen, und abends steigen Raketen aus dem Park in den
schwarzblauen Himmel auf, und im Kruge, was immer das interessanteste bleibt,
gibt es nichts als Friesrcke, Brustlatz und Zwickelstrmpfe.
    Meine Hochzeit, lieber Baron, wenn sie berhaupt stattfindet, wird
mutmalich einfacher verlaufen. Ich habe nicht unter den Komtessen des Landes
gewhlt und bin, von unserm Standpunkt aus angesehn, eine gute Stufe
herabgestiegen...
    Auch das hat seine Vorzge. Junge Bourgeoise?
    Nein, Baron, Sie mssen noch eine Stufe tiefer. Ich habe vor, die
Zustimmung des Mdchens vorausgesetzt, mich mit der Schwester der Pittelkow zu
verloben, mit Stine.
    Der Baron war aufgesprungen. Er fate sich aber schnell wieder und sagte,
whrend er sich setzte: Sie werden Ihre Grnde gehabt haben. Auerdem wei ich
aus hundert Erlebnissen, um nicht zu sagen aus eigener Erfahrung, welche Launen
Gott Amor hat und in welchen Sprngen und Abweichungen er sich gefllt. Man kann
beinah sagen, er hat eine Vorliebe fr den Ausnahmefall. Aber Ihr Onkel? Ihre
Familie?
    Das eben ist es, Baron, weshalb ich zu Ihnen komme. Da meine Familie
niemals zustimmen wird, ist mir gewi, auch liegt es mir fern, nur den Versuch
dazu machen zu wollen. Ich respektiere die herrschenden Anschauungen. Aber man
kann in die Lage kommen, sich in tatschlichen Widerstreit zu dem zu setzen, was
man selber als durchaus gltig anerkennt. Das ist meine Lage. Meine Familie kann
den Schritt nie gutheien, den ich vorhabe, braucht es nicht, soll es nicht,
aber sie kann ihn gelten lassen, ihn verzeihn. Und diese Verzeihung mcht ich
haben, nichts weiter. Ich will keine guten Worte hren, aber, wenn's sein kann,
auch keine bsen. Es gengt mir, einer gewissen Teilnahme sicher zu sein, in der
sich dann, aufs letzte hin angesehn, doch immer noch ein Rest von Liebe birgt.
Und mir diese Teilnahme zu gewinnen, dazu bedarf ich eines Anwalts. Glauben Sie,
da mein Onkel geneigt sein knnte, dieser Anwalt zu sein? Sie kennen ihn besser
als ich. Er gilt fr stolz bis zum Hochfahrenden, andrerseits hab ich ihn in
Situationen gesehn, die die Kehrseite davon waren. Sie wissen, Baron, welche
Situationen ich meine. Und nun sagen Sie mir, was hab ich von dem Onkel zu
gewrtigen? Sind Sie der Meinung, da ich einer heftigen Szene voller
Unliebsamkeiten und vielleicht voller Beleidigungen entgegengehe, so verzichte
ich von vornherein auf den Versuch, ihn zu meinem Frsprecher bei meinen Eltern
machen zu wollen.
    Der Baron sah vor sich hin und wirbelte an seinem grauen, etwas mausrigen
Schnurrbart. Endlich, als er einsah, da er wohl oder bel sprechen msse, warf
er sich in den Schaukelstuhl zurck und sagte, whrend er jetzt ebenso nach der
Zimmerdecke hinauf- wie vorher zur Erde niederstarrte: Lieber Haldern, wer rt,
gert leicht mit hinein. Und ich gerate nicht gern mit hinein; in nichts. Aber
Sie wollen meine Meinung, und so mu ich sie geben und meine Vorsicht opfern.
Nun denn, es scheint mir unerllich, da Sie mit Ihrem Onkel sprechen.
    Ich freue mich dieser Besttigung meiner eignen Ansicht.
    Sie mssen mit ihm sprechen, sag ich, auf alle Flle, trotzdem ich wei,
da er ein absolut unberechenbarer Herr ist und sich aus lauter Widersprchen
zusammensetzt oder doch aus Eigenschaften, die danach aussehn. Er steckt, und
insoweit liegt die Sache zunchst nicht allzu gnstig fr Sie, bis ber die
Ohren in Dnkel und Standesvorurteilen, und doch ist ebensogut mglich, da er
Sie kt und umarmt und sich vorweg zu Gevatter ldt. Auf Ehr.
    Waldemar lchelte vor sich hin, aber es war ein Lcheln, das mehr Zweifel
als Zustimmung ausdrckte.
    Ja, Waldemar. Sie lcheln. Und wenn ich Ihren Onkel nach seiner Alltags-
und Durchschnittslaune beurteile, so kann ich nur sagen, Sie haben ein Recht zu
lcheln. Aber, um es zu wiederholen, er ist auch einer vllig entgegengesetzten
Auffassung fhig, und ich hab ihn im Klub und auch sonstwo Dinge sagen hren,
da mir das Blut in den Adern starrte.
    Und in Fragen wie diese?
    Wie Sie sagen; just in Fragen wie diese. War es vor oder nach dem Kriege,
gleichviel, aber es sind noch keine zehn Jahre, da sich der jngste Schwilow
mit der Duperr verlobte, Balletteuse comme il faut. Sie werden sich ihrer
erinnern und damals von der Sache gehrt haben. Nun, Waldemar, wenn ich sage,
die Duperr hatte, was Ruf angeht, einen Knacks, so sagt das eigentlich gar
nichts, denn sie war ein Knacks vom Wirbel bis zur Zeh - die Zeh selbst war
natrlich ihr Bestes -, und alle Welt war auer sich, und der Klub ballotierte
den armen Schwilow, den sie damals Schmilow und ich wei nicht wie sonst noch
nannten, heraus. Lauter schwarze Kugeln. Was aber tat Ihr Herr Onkel? Er gab ihm
mit Ostentation eine weie Kugel. Und als ich ihn auf dem Heimwege nach dem
Warum fragte, blieb er vor der Rampe von Prinz Georg stehn, unten wo die
Bohlenbretter liegen oder wenigstens damals noch lagen, und perorierte so laut
in die Behrenstrae hinein, da die Schildwache bis an das Eisengitter der Rampe
herantrat und hinuntersah, um zu sehn, was es denn eigentlich gbe. Und was war
es, das er sagte? Das wre der erste vernnftige Schritt, den das Haus Schwilow
seit fnfhundert Jahren getan. Einer wre beim Cremmer-Damm, in der sogenannten
ersten Hohenzollernschlacht, fr die neukreierte Nrnbergerei gefallen, was grad
auch nicht das gescheiteste gewesen, seitdem aber schweige die Geschichte von
ihnen, was ein wahres Glck sei, sie wrde sonst nur von Imbciles und im
gnstigsten Fall von allerlei Durchschnittsware zu berichten gehabt haben, von
den Mittelmigkeiten, die sich mit den umwohnenden Ihlows - die geradeso wie
die Schwilows waren - in einem fort versippten und verschwgerten und sich
unausgesetzt der Aufgabe hingaben, die sechzehn Ahnen, die sie schon zu Albrecht
des Bren Zeiten hatten, auf zweiunddreiig, vierundsechzig und
hundertachtundzwanzig zu bringen. Was ihnen denn auch, wie nicht erst versichert
zu werden brauche, lngst geglckt sei. Denn schon beim Regierungsantritt des
Groen Kurfrsten htten sie die Zahl voll gehabt. Und in derselben riesigen
Proportion, wie die Ahnenreihe, sei auch die Stultitia gewachsen, die einzig
historisch beglaubigte Ahnfrau des Geschlechts. Und nun passen Sie auf, Papageno
(so schlo er), wir erleben es freilich nicht mehr und knnen es nur von einem
andern Stern aus - vielleicht von der Venus, was mir das liebste wre -
beobachten, aber das sag ich Ihnen, diese Balletteuse bringt die ganze Sippe
wieder auf die Beine, der ganze Stammbaum, der gerade deshalb fr uns und die
Menschheit so drr ist, weil er fr sich selbst so wunderbar grnt und blht,
kriegt wieder ein andres Ansehn, und wo bis jetzt immer nur Landrat oder
Deichhauptmann stand, stehen, von Anno 1900 an, junge Genies, Feldherrn und
Staatsmnner, und irgendein Skriblifax schreibt ein dickes Buch und beweist
durch Grabschriften und Taufscheine, da die Duperr die Tochter oder Enkelin
des Admirals Graf Duperr gewesen sei, desselben prchtigen alten Duperr, der
1830 Algier bombardierte, den Dey von Tunis gefangennahm und fast so vornehm war
wie die Montmorencys oder die Lusignans. Glauben Sie mir, Baron, ich kenne
Familien und Familiengeschichten, und mein Wort zum Pfande, wo das alte Blut
nicht aufgefrischt wird, da kann sich die ganze Sippe begraben lassen. Und
behufs Auffrischung gibt es nur zwei legitime Mittel: Illegitimitten oder
Mesalliancen. Und sittenstrenger Mann, der ich bin, bin ich natrlich fr
Mesalliancen.
    Waldemar sah vor sich hin. Dann nahm er das Wort und sagte: Wohl, ich
knnte mir einen Trost und eine Hoffnung daraus nehmen und eine freundliche
Aufnahme beim Onkel wenigstens als eine Mglichkeit gewrtigen. Aber mu ich
Sie, lieber Baron, an den alten, unserm gesamten Adel so gelufig gewordenen
Satz erinnern: Ja, Bauer, das ist was andres. Immer der andre, der andre. Was
fr die Schwilows gilt, gilt darum noch nicht fr die Halderns. Dem andern, so
denkt jeder einzelne, darf alles passieren, aber nicht ihm selbst. Es ist eine
merkwrdige Erscheinung, mit welcher Gleichgltigkeit alte Familien sich
gegenseitig beurteilen und welches Arsenal von Spott verschossen wird, die sich
gleichdnkenden und mitbewerbenden Mchte zu ridiklisieren. Aber dieser Spott,
ich mu es noch einmal sagen, ist immer nur fr den andern da. Was kmmern
meinen Oheim die Schwilows? Je mehr Balletteusen, desto besser, denn mit jeder
neuen Balletteuse hat er nicht blo einen neuen Stoff fr die Klubmedisance,
sondern auch eine bestndig erneute Veranlassung, sich mit immer wachsendem
Stolze des ungeheuren Unterschiedes zwischen den verduperrten Schwilows und den
oberpriesterhaft rein gebliebenen Sarastro-Haldern bewut zu werden. Das zieht
sich durch alle Adelsgeschichten, wiederholt sich bei jeder Familie: je freier
in der Theorie, desto befangener in der Praxis, desto enger und ngstlicher in
der Anwendung auf das eigne Ich.
    Es ist, wie Sie sagen, Waldemar, und ich mag mich nicht verbrgen, da es
mit Ihrem Onkel anders steht. Aber steh es mit ihm, wie's wolle, Sie mssen ihm
unter allen Umstnden das Wort gnnen. Es bleibt doch immer die Mglichkeit
seiner Zustimmung, und versagt er sie, nun so war es am Ende blo der Onkel,
blo eine halbe Respektsperson, der man, wenn es zu toll kommt, den Respekt auch
kndigen kann. Und da liegt der Unterschied zwischen Onkel und Vater. Einem
Vater gegenber, und wenn er einem das Furchtbarste sagt, mu man sich ruhig
verhalten und sich das Furchtbarste gefallen lassen, das verlangt so das vierte
Gebot. Aber das vierte Gebot schneidet scharf ab und versteigt sich, soweit mir
bekannt ist, nirgends zu dem Zusatzparagraphen: Du sollst Onkel und Tante ehren.
Und das ist ein wahres Glck. Gott, Tante! Ich hatte auch mal eine, eine
merkwrdige Frau, die Gott wei was von mir verlangte, nur nicht das eine, da
ich sie ehren sollte. Beinah das Gegenteil. Nein. Onkel und Tante sind hors de
concours. Einem Onkel gegenber kann man sich seiner Haut wehren, einem Onkel
kann man antworten und widersprechen und steht schlimmstenfalls Mann gegen Mann,
und wr es mit dem Pistol in der Hand. Also nur vorwrts, Waldemar, vorwrts.
    Der junge Graf erhob sich, der Baron aber wollte von Aufbruch noch nichts
wissen und drckte seinen Gast leise wieder in das Sofa zurck. Ich bitte Sie,
Waldemar, Sie werden doch nicht gehn, ohne meinen Lafitte gekostet zu haben. Ich
wei, Sie machen sich nichts draus, unter allen Umstnden ist Ihnen die Stunde
zu frh; aber ich lasse Sie nicht los, und wenn Sie nicht trinken wollen, nun so
nippen Sie wenigstens. Anstoen mssen wir doch, um dem Geschftlichen einen
ungeschftlichen und, wenn's sein kann, einen gemtlichen Abschlu zu geben.
    Whrend er noch so sprach, war er an einen Wandschrank getreten, der in
seinem untersten Fach zugleich sein Weinkeller war, und kam mit zwei Glsern und
einer Flasche zurck. An der Art, wie er den Kork zog, erkannte man den
Frhstcker von Fach, und nun go er ein und stie an. Hren Sie, wie das
klingt. So harmonisch soll alles klingen. Ja, harmonisch, das ist das rechte
Wort. Und nun Ihr Wohl, Waldemar. Ich halte Sie nicht mehr lange fest, aber doch
fnf Minuten noch. Ich mu Ihnen nmlich eine Liebeserklrung machen, die Sie
mir zugute halten wollen. Einem solchen vieux wie ich mu man was zugute halten.
Sehen Sie, Sie haben ein so gutes Gesicht, ein bichen schwermtig, aber das tut
nichts, das gibt einen Charme mehr, und ich wollte mein Leben darauf verwetten,
da Sie keinem Menschen je was zuleide getan haben. Ich schlo Sie gleich in
mein Herz, gleich den ersten Abend... Und nun bring ich noch eine Gesundheit
aus, aber ohne Namen. Wozu sollt ich ihn auch nennen? Er steht ohnehin in Ihrem
Herzen... Und sehen Sie, Sie sind mir seitdem noch lieber geworden. Im ersten
Augenblick bekam ich einen Schreck, ich kann es nicht leugnen, und als ich nun
gar noch einen Rat geben sollte, ja, das war mir ein bichen zuviel. Aber das
Diplomatische, das Offizielle, das liegt nun hinter uns, und ich kann nun
sprechen, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Und da will ich Ihnen denn
aufrichtig sagen, aber nur so ganz unter uns, Sie brauchen sich nicht auf mich
zu berufen, ich freue mich immer, wenn einer die Courage hat, den ganzen
Krimskrams zu durchbrechen. Es gilt auch von dieser Ebenbrtigkeitsregel, was
von jeder Regel gilt, sie dauert so lange, bis der Ausnahmefall eintritt. Und
Gott sei Dank, da es Ausnahmeflle gibt. Es lebe der Ausnahmefall. Es lebe...
Noch ein halbes Glas, Waldemar. Und was ich Ihnen zum Abschiede noch sagen
wollte, ja, sagen mu, der jngste Schwilow, von dem ich Ihnen vorhin erzhlte,
hatte recht, und Ihr Onkel hatte zweimal recht, und die Gesellschaft beruhigte
sich ber die Duperr. Noch kein Vierteljahr, da ich die jetzige Baronin
Schwilow auf Tzschatschow, etwas schwer auszusprechen, im Franzsischen Theater
traf, wo die Subra die Froufrou spielte. Sie sah reizend aus, ich meine die
Schwilow - die Subra natrlich auch -, und als sie im Zwischenakt das Kpfchen
warf und dabei die Brillanten im Ohrlppchen hin und her luteten, da lutete
sie zugleich die ganze vornehme Gesellschaft zusammen. Und wissen Sie, wer ihr
am meisten den Hof machte? Natrlich der Herr Onkel, der aussah, als ob er
selber geneigt sei, das von ihm prognostizierte dicke Buch von der grflichen
Admiralstochter zu schreiben. Ja, ja, Waldemar, Erfolg und Mut. Oder beginnen
wir mit dem Mut. Am Mute hngt der Erfolg. Und nun Gott befohlen.
    Waldemar hatte sich inzwischen erhoben und seinen Hut genommen. Er dankte
dem Baron und bat ihn, wenn ein ernsteres Zerwrfnis eintreten sollte, seinen
Besuch wiederholen zu drfen.

                                Zwlftes Kapitel


Waldemar, als er bei Baron Papageno vorsprach, hatte die Meinung des Barons in
einer ihm wichtigen Angelegenheit hren, im brigen aber in eben dieser Sache
sich durchaus nicht beeilen wollen. Umgekehrt, ein seiner Natur entsprechendes
Abwarten und Hinausschieben, und wenn auch nur auf ein paar Tage, war auch
diesmal sein Plan gewesen, und erst der ermutigende Ton, in dem der Baron
gesprochen hatte, hatte den Gedanken in ihm angeregt, den Besuch beim Onkel, in
Ausnutzung der guten Stimmung, in der er sich befand, auf der Stelle machen zu
wollen. So bog er denn vom Zietenplatz her in die Mauerstrae ein, sah, als er
das Knigsmarcksche Palais passierte, zu der zweiten Etage, hinter deren kleinen
Fenstern er mit einem vor Jahr und Tag dort wohnenden Freunde manche glckliche
Stunde verplaudert hatte, hinauf und stand, nach einer abermaligen
Straenbiegung, vor dem altmodischen, im brigen aber gut und sauber gehaltenen
Hause, dessen oberes Stockwerk der Onkel seit einer Reihe von Jahren innehatte.
Portiersleute fehlten, statt ihrer aber war ein ganzes System von Gittertren
da, das, wenn man unten - oder, was dasselbe sagen wollte, vor einem mit
allerhand unleserlichen Blechschilden reich ausgestatteten Parterre-Verhau -
klingelte, mitunter wie durch einen rtselhaften Federdruck in seiner Gesamtheit
aufsprang, mitunter aber auch nicht, in welch letzterem Falle die nun von Etage
zu Etage ntig werdende Einzel-Klingelei gar kein Ende nahm und bei jedem neuen
Gitter zu dem Erscheinen eulenartiger alter Kchinnen fhrte, deren
Examinationsverfahren um so peinlicher und eindringlicher war, als nur ihr Auge
die Fragen stellte. Waldemar war zu lang und zu gut mit dieser altberlinischen
Haus- und Treppeneinrichtung bekannt, um fr gewhnlich Ansto daran zu nehmen,
heute jedoch hatte dieses Absperrungssystem eine gewisse Bedeutung fr ihn, und
jede neu zu passierende Gittertr erschien ihm wie eine Mahnung, es lieber
nicht versuchen zu wollen. Der mitgebrachte gute Mut indes berwand alle
Bedenklichkeiten und lie ihn schlielich bei der dritten und letzten Gittertr
ankommen, an der er von einem alten Muffel von Diener (natrlich vom Lande),
dessen Umwandlung ins Herrschaftliche sich nur sehr unvollkommen vollzogen
hatte, mit einigermaen berraschlicher Freundlichkeit empfangen wurde. Der Herr
Graf seien zu Haus und wrden sich sehr freuen. Er sitzt ber die Kupferstiche
(so schlo er), und wenn er da drben her is, is er immer guter Laune.

Der Diener ging voran, um zu melden, und der Eindruck, den Waldemar gleich bei
seinem Eintreten empfing, war der denkbar gnstigste. Wenn schon immer eine
gewisse, durch einen guten Geschmack in Einrichtung und Ausschmckung bedingte
Behaglichkeit in dem Wohnzimmer des Onkels anzutreffen war, so war diese
Behaglichkeit heute bis zur Gemtlichkeit gesteigert. Die Fenster standen auf,
und von den Linden her klang die Musik eines auf Wache ziehenden Bataillons
herber. Aber das war nicht alles, einfallende Lichter blitzten an den Wnden
hin und her, und auf einem groen und eleganten Stnder von Mahagoniholz, dessen
Wnde niedergeklappt waren, lag eine Kupferstichmappe, darin der alte Graf emsig
und andchtig zu blttern schien. Er trug schottischkarierte Pantalons,
Sammetrock und einen Fez mit Puschel, alles in allem ein ziemlich sonderbar
zusammengestelltes Kostm, das freilich vollkommen zu seiner Versicherung
stimmte: dem Eklektizismus gehre die Welt.
    Ah, Waldemar. Soyez le bienvenu. Herzlich willkommen, mein Junge. Nimm
einen Stuhl oder stelle dich persnlich hierher... Im brigen ganz nach deiner
Bequemlichkeit. Du findest mich in einer gewissen Aufregung: eben hat mir Amsler
diese Mappe voll italienischer Stiche geschickt, und ich schwelge in
Reminiszenzen. Sieh...
    Mantegna...
    Ja, Waldemar, Mantegna. Du wirst das Original in der Brera gesehen haben.
Sperbe. Wie das wohltut, eine verstndnisvolle Seele zu finden. Alles redet von
Kunst, aber niemand wei etwas davon, und die wenigen, die die Wissenden sind,
die fhlen wieder nichts oder wenigstens nicht genug. Ich mchte wissen, oder
lieber nicht wissen, was der Baron zu diesem gekreuzigten und zugleich so
wundersam verkrzten Christus sagen wrde. Mantegna, fr den ich beilufig eine
Spezialpassion habe - du hast doch hoffentlich seine Fresken im Gonzagaschen
Palaste gesehn -, Mantegna, sag ich, hat den Leichnam Christi hier von der
Fusohle her gemalt, ein Wunderstck der Verkrzung, etwas Klassisches; etwas
Niedagewesenes, versteht sich, in seiner Art. Ich wette zehn gegen eins, der
Baron wrde mir versichern, Christus she hier aus wie eine Badepuppe. Und wenn
er sich dazu aufschwnge, so wr es nicht das schlimmste. Denn das ist
zuzugestehn, die ganze Gestalt hat etwas Verzwergtes, etwas Koboldartiges, und
indem ich darber spreche, kommt mir ein andrer Vergleich, der mit dem von der
Badepuppe beinah zusammenfllt. Wahrhaftig, dieser Zwerg-Christus erinnert mich
an das in Holz geschnitzte Christkind in Ara Celi, an die Bambino-Puppe. Findest
du nicht auch?
    In der Tat, antwortete Waldemar, es erinnert daran. Aber ich frchte,
lieber Onkel...
    ... dich gestrt zu haben. Nein, Waldemar. Ein Italianissimus wie du kann
mich nie stren, wenn ich in italienischen Erinnerungen schwelge. Nichts davon.
Aber diese Dinge stren dich. Wenigstens heute. Du bist zerstreut, du hast etwas
auf dem Herzen. Und es kann nichts Kleines sein, denn ich seh in deinem Gesichte
so was wie Fieberrte, die mir nicht recht gefllt. La dir sagen, Waldemar, was
du freilich auch ohne mich weit, da dein Leben an einem seidnen Faden hngt.
Also solide! Debauchiere, wer kann und mag, aber jeder nach seinen Krften, und
durchschwrmte Nchte sind nicht fr jedermann und sicherlich nicht fr dich.
brigens nichts fr ungut. Sitte hin, Sitte her, ich bin kein Sittenrichter und
jedenfalls der letzte, dich fr den Jnglingsverein anwerben zu wollen; meinen
Beitrag zahl ich. Aber Gesundheit, Waldemar, Gesundheit; du bist fr immer ins
Schuldbuch der Tugend eingeschrieben, oder um mich deutlicher und doch zugleich
kaum minder poetisch auszudrcken, du mut leben wie eine eingemauerte Nonne;
den andern trau ich nicht recht. Und nun sage mir, wenn sich's sagen lt, woher
die roten Flecke?
    Waldemar lachte. Von einem zu frhen Frhstck, lieber Onkel. Ich war beim
Baron, und als ich gehen wollte, hielt er mich mit einem Glase Lafitte fest.
    Jetzt war das Lachen auf des alten Grafen Seite. Der gute Baron. Er nennt
es Lafitte, Gott verzeih es ihm, und bildet sich noch ein, eine Weinzunge zu
haben. Und warum? Weil er von der Voraussetzung ausgeht, ein bestndiger
Frhstcker msse sich auch zum Frhstcksverstndigen ausbilden. Ein Satz, der
grundfalsch ist und an die Doktoren erinnert, die mit Stolz von ihrer
fnfzigjhrigen Erfahrung sprechen, nachdem ihnen jeder einzelne wenn irgend
mglich gestorben ist. Glaube mir, Waldemar, wer bestndig zwischen Hiller und
Dressel hin und her pendelt, kann seine Zunge verfeinern, aber auch nicht. Und
das letztre bildet die Regel. brigens, um elf beim Baron; was bedeutet das? Da
mu was vorliegen. Und nun heraus damit!
    Ich war da, mir seinen Rat zu holen.
    Bei dem Baron? Rat? Nun, da steh ich doch noch lieber zu seinem Lafitte.
Der ist schlimmstenfalls mit Pepsinpastillen zu bekmpfen, aber von seinem Rat
ist kein Erholen. Waldemar, ich dchte doch... Rat! Nun, ich bin auch nicht von
den Sieben Weisen Griechenlands, aber neben dem Baron... Oder vielleicht war der
gute Papageno nur Vorstufe. La hren. Ist es eine Sache, von der ich erfahren
darf, an der ich mglicherweise mit raten und taten kann?
    Ja, Onkel. Und zu dem Zwecke bin ich hier. Es ist, wie du sagst, der Baron
war nur Vorstufe.
    Nun denn?
    Also kurz, ich habe vor, mich zu verheiraten.
    Der alte Graf schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
    Du erschrickst...
    Ich erschrecke nicht. Das ist nicht das rechte Wort, und wenn ich eben mit
der Hand auf den Tisch schlug, so war es nur ein lebhaftes oder vielleicht auch
zu lebhaftes Zeichen meiner Teilnahme. Nervositt, nichts weiter. Du bist
berhaupt ein Gegenstand meiner Teilnahme, Waldemar, denn ich bin dir ungeheuer
gut, und wenn ich das Wort nicht hate, weil soviel Mibrauch damit getrieben
wird, so sprch ich dir rundheraus von meiner Liebe. Wahrhaftig, Junge, du bist
der Beste von allen lebenden Halderns - vielleicht knnen wir auch die Toten mit
einrechnen -, und ich wei nicht, was ich alles fr dich tun knnte. Da du mich
beerbst, versteht sich von selbst; ich wnsche dir jedes erdenkliche Glck. Aber
eines, wenn es eins ist, wnsch ich dir nicht. Ein Mann wie du heiratet nicht.
Das bist du drei Parten schuldig: dir, deiner Nachkommenschaft - die bei
krnklichen Leuten wie du nie ausbleibt - und drittens der Dame, die du
gewhlt.
    Es ist keine Dame.
    Der alte Graf verfrbte sich. Unter einem halben Dutzend Mglichkeiten, die
durch sein Hirn schossen, war auch eine... Nein, nein... Und er fate sich
wieder und sagte mit wiedergewonnener Ruhe: Keine Dame. Was dann? Wer?
    Stine.
    Der alte Graf sprang auf, warf seinen Stuhl um einen Schritt zurck und
sagte: Stine! Bist du toll, Junge?
    Nein. Ich bin bei Sinnen. Und ich frage dich, ob du mich hren willst?
    Der Graf sagte nicht ja und nicht nein, setzte sich aber wieder und sah
Waldemar fragend an.
    Ich nehme an, fuhr dieser fort, da du mich hren willst. Und wenn du
meinen ersten Satz gehrt haben wirst, so wirst du ruhiger werden. Ich bin in
den Jahren und in der Lage, selbstndig handeln zu drfen, und ich werde
selbstndig handeln. An dem allen ist nichts zu ndern; Krankheit macht
eigensinnig, und die Halderns sind es von Natur. Ich komme nicht, um eine
Familienerlaubnis nachzusuchen, die mir, wenn das Gesetz eine Verweigerung
zuliee, verweigert werden wrde. Da dies nicht der Fall ist, so hat anfragen
und Antwort einholen keinen Sinn. Und so denn noch einmal, meine Entschlsse
sind gefat. Du sollst nicht den Anwalt fr mich machen, am wenigsten fr das,
was ich vorhabe: mit solchen Dingen komm ich dir nicht, und wenn ich
nichtsdestoweniger dein gutes Wort erbitte, so geschieht es, weil alles
Gehssige meiner Natur widerstreitet. Ha ist mir hlich. Ich erbitte dein
gutes Wort, weil ich vershnungsbedrftig bin und in Frieden aus dieser Alten
Welt scheiden mchte.
    Was heit das? Was hast du vor? Waldemar, ich bitte dich, du wirst uns doch
nicht eine dieser modernen Selbstmordskomdien auffhren und dich mit deiner
Stine nach erfolgter Kopulation, das Wort bleibt mir in der Kehle stecken, auf
eine Bahnschiene werfen oder im Hans-und-Grete-Stil in einen Dorftmpel strzen
wollen? Ich bitte dich, Waldemar, verschon uns wenigstens mit einem Debt im
Polizeibericht.
    Es ist nicht das. Ich habe nur einfach vor, mit der Alten Welt Schicht zu
machen und drben ein anderes Leben anzufangen.
    Und als Hinterwldler deine Tage zu beschlieen. Umgang mit Chingachgook,
alias le gros serpent, und Vermhlung deiner ltesten Tochter Komtesse Haldern
mit irgendeinem Unkas oder einem Grogroneffen von Lederstrumpf. Was meinst du
dazu? Und wenn nicht Hinterwldler, so doch Cowboy, und wenn nicht Cowboy, so
vielleicht Kellner auf einem Mississippidampfer. Ich gratuliere. Waldemar, ich
begreife dich nicht. Ist denn keine Spur von Haldernschem Blut in dir? Ist es
denn so leicht, aus einer Welt bestimmter und berechtigter Anschauungen zu
scheiden und bei Adam und Eva wieder anzufangen?
    Da triffst du's, Onkel. Ja, bei Adam und Eva wieder anfangen, das will ich,
da liegt es. Was dir ein Schrecken ist, ist mir eine Lust. Ich habe mir sagen
lassen, alles regle sich nach einem Gesetz des Gegensatzes, das zugleich ein
Gesetz des Ausgleichs ist, eine neue Theorie von diesem oder jenem, die Vorhand
ist, glaub ich, streitig. Aber gleichviel, von wem sie herrhrt, es hat damit
nach meiner eigenen Erfahrung und ebenso nach meinem bichen Wissen seine
vollkommne Richtigkeit. Der Alte Fritz hate das Alte Testament, weil er in
seiner Jugend erbarmungslos damit geqult worden war, und der dicke Knig liebte
die Frauen und berschtzte sie, weil sie fnfzig Jahre lang vom preuischen
Hofe verbannt gewesen waren. Alles, was unten ist, kommt mal wieder obenauf, und
was wir Leben und Geschichte nennen, luft wie ein Rad; la grande roue de
l'histoire sagen die Franzosen. Und nun la mich die Nutzanwendung machen. Die
Halderns haben lange genug an der Feudalpyramide mit bauen helfen, um endlich
den Gegensatz oder den Ausgleich, oder wie du's sonst nennen willst, erwarten zu
drfen. Und da kommt denn nun Waldemar von Haldern und bezeigt eine Neigung,
wieder bei Adam und Eva anzufangen.
    Der Alte war nicht unempfindlich gegen solche Stze, die, wenn sich's nicht
um Verwirklichung an einem Familienmitgliede gehandelt htte, sehr
wahrscheinlich seinen Beifall gehabt haben wrden. Ein Lcheln lief ber sein
Gesicht, das ausdrcken mochte: Sieh, er fhrt seine Sache gut, ja, vielleicht
entsann er sich sogar, in bermut und Weinlaune mehr als einmal dasselbe
proklamiert zu haben. Und so war es denn in einem viel ruhigeren Tone, da er
antwortete: Waldemar, la uns vernnftig reden. Ich bin nicht so verrottet, wie
du glaubst. Ich kann dem allen folgen, und ich habe von der gttlichen
Weltordnung nicht die Vorstellung, da sie sich mit dem Staatskalender und der
Rangliste vollkommen deckt. Ja, ich will dir noch mehr sagen: ich habe Stunden,
in denen ich ziemlich fest davon berzeugt bin, da sie sich nicht damit deckt.
Und es werden, und vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft, die
Regulierungszeiten kommen, von denen du eben sprachst, und vielleicht auch
wieder die Adam-und-Eva-Zeiten. Und sie mgen auch kommen, warum nicht? Ich bin
vor Adam nie erschrocken und vor Eva erst recht nicht. Aber sind gerade wir dazu
da, dem weltgeschichtlichen Umschwungsrade, das du da vorhin zitiertest, sind,
sag ich, gerade wir dazu da, diesem grande roue de l'histoire solchen
energischen Vorwrts- oder meinetwegen auch Zurckruck zu geben? berlasse das
andern. Zur Zeit sind wir nur noch die Beati possidentes. Sei im Besitze, und du
bist im Recht ist vorlufig noch fr uns geschrieben. Warum sich selbst um
diesen Besitz bringen und auf eigene Kosten eine Zukunft heraufbeschwren, von
der vielleicht keiner profitiert, und wir gewi nicht. Adam, Neubeginn der
Menschheit, Paradies und Rousseau - das alles sind wundervolle Themata, fr die
sich in praxi alle diejenigen begeistern mgen, die dabei nur gewinnen und
nichts verlieren knnen, die Halderns aber tun gut, all dies in der Theorie zu
belassen und nicht persnlich danach zu handeln.
    Der junge Graf lchelte vor sich hin. Ja, Onkel, das ist das Allgemeine,
das Alltglich-Gltige. Gewi, ich wei es. Da gilt das, was du sagst. Und la
mich dir versichern, ich bin weit ab davon, den Welt- oder auch nur den
Gesellschaftsreformator machen zu wollen. Dazu hab ich nicht die Schultern. Aber
das Besondre, das Besondre.
    Welches Besondre?
    Stine.
    Ja so, die, sagte der alte Haldern und lie in allem erkennen, da er im
Laufe des Gesprchs den Ausgangspunkt so gut wie vergessen hatte. Ja, Stine...
Dummes Zeug. Ich kenne das. Ein Junggeselle, der ber fnfzig hinaus ist, ist
mehr als einmal in Gefahr gewesen, an dieser Klippe zu scheitern. Aber das sind
Anwandlungen, Fieberanflle. Solange sie dauern, legt man sich die
Weltgeschichte nach dem kleinen Gefhl zurecht, das einen gerade beherrscht;
aber von heute auf morgen, oder wenn es hoch kommt von heute bis bers Jahr, hat
man sich besonnen und sieht die Dinge nicht mehr durch das Trug- und Zauberglas
unserer erhitzten Phantasie, sondern durch die Fensterscheibe der
Alltglichkeit. Stine! Du sollst nicht brsk mit ihr brechen, im Gegenteil,
besuche sie, solange dich's dazu treibt; habe deine Plauderstunde mit ihr ruhig
weiter; aber es mu der Augenblick kommen, wo sich's ausgeplaudert hat und wo du
deinen Irrtum empfindest. Eines schnen Tages fllt es dir wie Schuppen von den
Augen, und du siehst in einen Abgrund.
    In welchen?
    Das wag ich nicht vorherzusagen, vielleicht blo in den der Langweile,
vielleicht auch in einen schlimmeren. Und den Tag danach schreibst du ihr einen
Abschiedsbrief und trittst deine dritte Rmerfahrt an. Rom pat ohnehin fr die
Halderns, alt zu alt. Aber nicht Amerika. Ja, fr die Diggings oder ein
Goldgrbercamp ist mir, offen gestanden, auch Stine zu schade. Beilufig, was
Stine von Amerika braucht, ist eine Singersche Nhmaschine.
    Waldemar erhob sich von seinem Platze. Du hast, Onkel, von deinem
Standpunkt aus, ein Recht, so zu sprechen, ja, vielleicht hrter und herber
noch; es liegt dir fern, mich krnken zu wollen, ich hre das heraus, und ich
danke dir dafr. Aber alles, was du gesagt, kann mich nicht umstimmen; es mu
bleiben, wie es ist. Ich fhle mich zu diesem liebenswrdigen Geschpf, das
nichts ist als Wahrhaftigkeit, Natrlichkeit und Gte, nicht nur hingezogen, das
sagt nicht genug, ich fhle mich an sie gekettet, und ein Leben ohne sie hat
keinen Wert mehr fr mich und ist mir undenkbar geworden. Es braucht nicht
Amerika zu sein; es findet sich auch wohl ein Winkel hier...
    Was Gott verhte...
    Dann also drben. Und ich bitte dich, mir bei den Eltern in Gro-Haldern,
wenn nichts weiter, so doch das Ausbleiben eines groen, aufgesteiften Protestes
erwirken zu wollen. Eine gegen mich verhngte Familienacht mcht ich, wenn's
irgend geht, vermieden sehen, sowenig Schreckliches alle Bann- und
Achterklrungen von jeher fr mich gehabt haben. Ich erwarte kein Ja, keinen
Segen; ich verzichte darauf, schon einfach, weil ich mu. Es verlangt mich nur
zu hren, da man sich in das Unvermeidliche gefunden hat, da man sich ihm
unterwirft, als wr es eine Schickung, oder welch sonstige fromme Bezeichnung
man dafr whlen mag. Der junge Pastor kann ja Worte zur Auswahl stellen. Lebte
der alte Buntebart noch, so wr es besser. Der Besitz fllt meinem jngeren
Bruder zu, trotzdem Gro- und Klein-Haldern Primogenitur sind; ich werde den
Verzicht gerichtlich aussprechen. Nur ein Pflichtteil erbitt ich mir, um das
Ntigste durchfhren zu knnen. Und nun noch einmal, willst du mein Frsprecher
sein, der wenigstens das Schmerzlichste von mir abwendet und mir fr die
Zukunft, und wenn es die fernste wre, die Mglichkeit einer Vershnung
offenhlt?
    Der alte Graf schttelte den Kopf.
    Also nein. Und auch das ist gut, weil es etwas Bestimmtes ist. Ich danke
dir, da du mich angehrt und mich mit Standesredensarten und vor allem auch mit
jenem franzsischen Worte, das bei solchen Gelegenheiten in unseren Kreisen gang
und gbe ist, verschont hast. Und nun lebe wohl; ich sehe dich nicht wieder.
Alles, was noch zu tun oder zu sagen bleibt, wird durch andere geschehen.
    Der alte Graf hatte sich ebenfalls erhoben und schritt, ber den Teppich
hin, auf und ab. Jetzt aber blieb er stehen und sprach nicht ohne Bewegung vor
sich hin: Und daran bin ich schuld... ich.
    Schuld? Du? Schuld an meinem Glck? Nein, Onkel, nur Dank und wieder Dank.
Und dabei nahm er den Hut, um zu gehen, hielt aber noch einmal an,
augenscheinlich in Zweifel, ob er dem Oheim die Hand reichen solle oder nicht.
    Der alte Graf sah es und trat seinerseits einen Schritt zurck.
    So verbeugte sich denn der Neffe nur in aller Frmlichkeit und schritt dann
auf die Tr zu, die nach dem Korridor hinausfhrte.
    Drauen stand Johann, der gehorcht hatte, mit dem berzieher schon in der
Hand und lie es an Dienstbeflissenheit nicht fehlen. Aber das nachdrckliche
Schweigen, in dem er verharrte, schien doch auch seinerseits eine Mibilligung
ausdrcken zu sollen. War er doch lange genug im Haldernschen Dienst, um ber
Mesalliancen noch strenger zu denken als sein Herr.

                              Dreizehntes Kapitel


Erst als er wieder allein war, wurde sich der alte Graf alles dessen, was er
gehrt hatte, voll bewut. Allerdings war ihm gleich im ersten Augenblick das
Blut zu Kopf gestiegen, Waldemars ruhiges Sprechen aber und vielleicht mehr noch
ein ihm tief im Blute steckender Hang nach dem Aparten und Abenteuerlichen hatte
seinen Unmut zurckgehalten. Indessen dieser Zustand konnte nicht dauern, und
jetzt, wo Waldemar fort und die Diskussion einer ihn prickelnden Frage
geschlossen war, war auch der Moment wieder da, die zurckgedrngten ersten
Empfindungen: Entrstung und Schreck, wieder auflohen zu lassen.
    In der Tat auch Schreck. Er war Grund und Ursach all dieser Wirrnisse, die
nicht gekommen wren, wenn er, fr seine Person, auf die trichte Laune,
Waldemar bei der Pittelkow einzufhren, verzichtet htte. Dieser faux pas
seinerseits mute frher oder spter zur Kenntnis seines lteren Bruders, des
Majoratsherrn auf Gro- und Klein-Haldern, kommen, und wenn er sich dann
verklagt sah, gleichviel laut oder leise, wie wollt er da bestehen? Und wenn vor
ihm, dem Bruder, wie vor ihr, der Frau Schwgerin. Sie war die stolzeste Frau
weit und breit, eine von Petersburger Erinnerungen getragene kurlndische Dame,
vor der selbst die Halderns nur mit Mhe bestehen konnten und der eine
Schwiegertochter im Stile von Stine Rehbein einfach Tod und Schande bedeutete.
Was half es, wenn Waldemar aus dem Lande ging und sich fr immer expatriierte?
Die Tatsache der Encanaillierung eines Haldern blieb bestehen und mit ihr der
Skandal, die Blme, das Ridikl. Und das letztere war das schlimmste.
    Nein, es geht nicht, berlegte der Graf, whrend er, immer erregter und
nervser werdend, in seinem Zimmer auf und ab schritt. Ich werde mit Gewalt
dazwischenfahren. Ich bin schuld, ja und nochmals ja, und immer wieder ja - ich
will es nicht von mir abwlzen. Aber meine Dummheit allein hat es nicht dahin
gebracht, da steckt meine gute Freundin dahinter, dieser schwarze Gottseibeiuns,
meine gute Pittelkow, die jeden Tag rappelkppischer wird. Denn soviel bon sens
sie hat, so ist sie doch vom Hochmutsteufel besessen, und whrend sie nach links
hin sich einbildet, mit mir machen zu knnen, was sie will, will sie nach rechts
hin die blonde Schwester mit ihrer langweiligen Tugendgrimasse direkt in unsere
Familie hineinspielen. Aber ich werde dem Hause Pittelkow mit all seinen Annexen
zeigen, da es denn doch die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Undankbare
Kreatur. Aus dem Kehricht hab ich sie aufgelesen, und als Lohn fr meine Guttat
zahlt sie mir in dieser Mnze.
    Whrend er noch so sprach, traf sich's, da sein Blick von ungefhr in den
Spiegel fiel. Er trat denn auch heran, rckte sich das rote Halstuch zurecht und
lachte: So also sieht ein Ehrenmann aus, ein Witwenretter und Waisenvater...
Habe die Ehre. Und er bekomplimentierte sich selbst. Immer das alte Lied.
Sowie man in der Patsche sitzt, spielt man sich auf den Unschuldigen hin aus,
schimpft ber die Komplizen, die meist viel weniger Schuld haben als man selbst,
und lt andere die Dummheiten entgelten, die man hchst eigenhndig gemacht
hat. Und in meinem Falle nennt sich diese schnde Weiwascherei noch
aristokratische Gesinnung und erhebt sich ber die Pittelkows, die sich
wenigstens nicht mit Noblesse oblige durch die Welt zieren. Jammervoll. Wohin
man sieht, hat man sich zu schmen. Und doch mu etwas geschehen, und wenn meine
Schuld noch zehnmal grer wre.
    Bei diesen Worten zog er die Klingelschnur. Eine Droschke, Johann. Und
whrend dieser sich nach dem nchsten Halteplatz aufmachte, machte der alte Graf
Toilette, sorglich und vor dem Spiegel, aber doch mit der Raschheit eines alten
Militrs.
    Eine halbe Stunde spter hielt die Droschke vor dem Eingange zum
Invalidenpark. Der alte Graf stieg aus und ging, ber den Damm fort, auf das ihm
wohlbekannte Haus zu, das im grellen Scheine der Mittagssonne wie ausgestorben
dalag. Pauline stand am Fenster und erkannte den Grafen, als er hastigen
Schrittes auf ihre Wohnung zusteuerte. Jott, sagte sie, nu schon bei Dage!
Dabei rckte sie aber doch den Kragen zurecht und warf ihre Kchenschrze hinter
den Ofen. Und jetzt hrte sie's klingeln.
    Mama zu Haus?
    Olga wollte nachsehen, aber der Graf war nicht in der Laune, sich auf
seinem eigensten Territorium allerlei lcherlichen Anmeldefrmlichkeiten zu
unterwerfen, und trat also, whrend er Olga folgte, gleichzeitig mit dieser in
das Vorderzimmer ein.
    Guten Tag, Witwe.
    Die Pittelkow sah, da er schlechter Laune war, und erwiderte deshalb, ohne
sich von ihrer Fensterstelle zu rhren, im gleichgltigsten Tone: Guten Tag,
Graf... Eine schmhliche Hitze...
    Der alte Graf bezeugte keine Lust, sich in ein Wettergesprch einzulassen,
warf sich vielmehr ohne weiteres ins Sofa und sagte, whrend er sich mit dem
Taschentuch etwas frische Luft zufchelte: Komme heut in einer ernsten Sache,
Pauline. Was ist das mit der Stine?
    Mit Stine?
    Ja. Sie hat da mit meinem Neffen angebndelt. Und nun ist er verrckt
geworden und will sie heiraten. Und wer ist schuld daran? Du, Pauline. Du hast
mir dies eingebrockt. Du, nur du. Stine macht nicht drei Schritte, geht nicht
von hier bis ans Fenster, ohne dich zu fragen; sie hat nie was andres getan, als
was du gewollt oder gutgeheien hast, und auf dich fllt dieser Skandal. Ich
frage dich, ob ich Anspruch auf solche Behandlung habe? Nun, wir wollen sehen,
was wird. Wolle du, was du willst, ich will, was ich will. Die Welt ist verrckt
genug geworden, aber so weit sind wir noch nicht, da die Huser Haldern und
Pittelkow Arm in Arm ihr Jahrhundert in die Schranken fordern. Nein, Pauline.
Solchen Unsinn verbitt ich mir, und was ich von dir fordre, ist das, da du
dieser Kinderei ein Ende machst.
    Kann ich nicht.
    Weil du nicht willst.
    Oh, ich will schon. Ich habe schon gewollt, gleich als ich die Geschichte
kommen sah. Es ist ein Unglck fr meine Stine.
    Was?
    Es is ein Unglck fr meine Stine. Ja, Graf. Oder denken Sie, da ich so
dumm bin, so was fr 'n Glck zu halten? Ach, du meine Gte, da sind der Herr
Graf mal wieder aus Irrland, un ganz gehrig. Und nu hren Sie mal ein bichen
zu. Hier drben wohnt ein Schlosser, ein Kunstschlosser, und hat 'nen Neffen,
einen allerliebsten Menschen, der bei den Maikfern gestanden - aber jetzt is er
wieder ins Geschft. Nu, der war letzten Sommer immer um die Stine rum, un wenn
der das Mchen nimmt, dann geh ich nchsten Sonntag in 'n Dom oder zu Bchseln
und weine mir aus und danke dem lieben Gott fr seine groe Guttat un Gnade, was
ich nu schon eine gute Weile nich gedan habe. Ja, Graf, so steht es. Mein
Stinechen ist kein Mchen, das sich an einen hngt oder mit Gewalt einen
rankratzt, Graf oder nich, un hat's auch nich ntig. Die kriegt schon einen. Is
gesund un propper un kein Unttchen an ihr, was nich jeder von sich sagen kann.
He?
    Komme mir nicht damit. Das sind Ausweichungen und Redensarten, blo um von
der Sache loszukommen. Darum handelt sich's nicht. Unttchen! Was heit
Unttchen? Ich habe der Stine nichts auf den Leib geredt, ich wei, sie ist ein
gutes Kind. Aber was soll das mit deinem Unttchen und was nicht jeder von sich
sagen kann. Meinst du mich? Meinetwegen. Mir tut's nichts; ich bin drber weg.
Aber du meinst meinen Neffen, und das reizt mich und rgert mich, weil's mal
wieder deinen schlechten Charakter zeigt. Oder wenn nicht deinen schlechten
Charakter, so doch, da du hart bist und ohne rechte Gte. Was soll das mit dem
anzglichen Vorwurf und deinem spttischen Gesicht dabei? Waldemar ist ein
armer, unglcklicher Mensch und kann freilich keinen Degen verschlucken oder
sich einen Ambo auf die Brust legen lassen. Und wenn du das ein Unttchen
nennen willst, nun so tu's. Aber seine Krankheit und sein Elend, das ist es ja
gerade, was ihm vor Gott und Menschen zur Ehre gereicht. Denn woher hat er's?
Aus dem Krieg her hat er's. Er war noch keine neunzehn und ein schmchtiger
dnner Fhnrich bei den Dragonern und sah aus wie 'ne Milchsuppe, das mu wahr
sein. Aber ein Haldern war er. Und weil er einer war, war er der erste von der
Schwadron, der an den Feind kam, und vor dem Karree, das sie sprengen sollten,
ist er zusammengesunken, zwei Kugeln und ein Bajonettstich und das Pferd ber
ihn. Und das war zuviel fr den jungen Menschen. Zwei Jahre hat er gelegen und
gedoktert und gequient, und nun drckt er sich schwach und krank in der Welt
herum, und weil er nicht wei, was er machen soll, besucht er Stine und will sie
heiraten. Das ist ein Unsinn. Aber komme mir nicht mit allerlei Spitzen und
Anzglichkeiten, die fr den armen Jungen nicht passen. Er hat das Eiserne
Kreuz, und ich will, da du mit Achtung von ihm sprichst.
    Pauline lachte. Jott, Graf, wenn das einer hrt, so mu er ja wahr und
wahrhaftig denken, ich wollt einem einen Spott draus machen, da er ein braver
Junge gewesen. Aber das is auch so eine von euren Marotten, da ihr immer denkt,
wir verstnden nichts davon und wten nichts von Vaterland und knappzu von
Courage. Aber wie steht es denn? Alle Wetter, ich bin auch frs Vaterland und
fr Wilhelm, und wer seine Knochen zu Markte getragen hat, vor dem hab ich
Respekt un brauche mir nich erst sagen zu lassen, da ich Respekt vor ihm haben
soll. Un denn, Graf, man nich immer jleich mit die Halderns. Ich habe welche
gekannt, die waren auch erst neunzehn und keine Halderns und saen nich zu
Pferde, nein, immer blo auf Gebrder Benekens, un muten auch immer vorwrts.
Un zuletzt, als es bergan ging un sie nich mehr konnten, da hielten sie sich an
die Kusseln, weil sie sonst rcklings runtergefallen wren, un immer die
verdammten Dinger dazwischen, die so quietschen un sich anhren wie 'ne
Kaffeemhle. Ne, ne, Graf, die Halderns haben es nich alleine gemacht un der
junge Graf auch nicht. Aber er hat seine Schuldigkeit getan un seine Gesundheit
drangegeben, und da werd ich ihm doch nichts anreden - i, da bi ich mir ja
lieber die Zunge ab. Ich habe blo sagen wollen, da an Stine kein Unttchen is.
Un dabei bleib ich. Und da wir nu mal davon reden, dabei bleib ich auch, da ans
Grfliche fter so was is als an unserein, un nu gar erst an Stinechen. Ich wei
nicht, wie die Dokters es nennen, aber das wei ich, es gibt Unttchen schon von
'n Urgrovater her. Un die Urgrovter, was so die Zeit von 'n dicken Knig war,
na, die waren schlimm. Und die Halderns werden woll auch nich anders gewesen
sein als die andern.
    Es ist gut, sagte der alte Graf mit wiedergewonnener Ruhe. Was du gleich
zuerst gesagt hast von dem Schlosser drben und seinem Neffen, das ist die
Hauptsache, das hat mich berfhrt. Ich glaube jetzt, da du unschuldig an der
Sache bist, und mu auch einrumen, es sieht dir nicht hnlich. Du bist viel zu
klug und zu verstndig, um solchen Unsinn in Gang zu bringen. Denn du sagst es
ja selbst, ein Unsinn ist es und ein Unglck dazu. Und noch dazu fr alle
beide.
    Pauline nickte zustimmend.
    Also ein Unglck, sag ich. Und nun la uns berlegen, wie wir da rauskommen
oder es wenigstens eingrenzen und wieder Schick in die Sache bringen. Waldemar
ist eigensinnig - alle Kranken sind es - und wird von seinem Vorhaben nicht
lassen wollen, davon bin ich berzeugt. Es ist also nur dadurch etwas zu machen,
da wir auf den andern Part, auf deine Schwester, einen Einflu gewinnen.
    Die Pittelkow zuckte mit den Achseln.
    Du willst sagen, es fehlt auch ihr nicht an Eigensinn. Und ich glaub es
beinah. Auerdem ist alles Zureden umsonst, solange noch die Mglichkeit fr
Stine bleibt, Waldemar zu sehn und zu sprechen. Den wird sie natrlich lieber
hren als uns. Jeder hrt am liebsten, was ihm schmeichelt und wohltut. Ich seh
also nur ein Mittel: sie mu fort. Und ich stelle dir alles dabei zur Verfgung.
berlege. Sie wird doch irgendwo in der Welt, in der Priegnitz oder Uckermark,
eine Freundin oder Anverwandte haben, und wo nicht, so mssen wir so was
erfinden. Da mu sie hin. Nur weg von hier, weg. Zeit gewonnen, alles gewonnen.
Und ist erst eine Trennung da und haben beide vierzehn Tage lang eingesehn, da
sich auch ohne Mondscheinku immer noch leben lt, so haben wir wenigstens
einen guten Anfang gemacht. Und dann sehen wir weiter.
    Die Pittelkow war im wesentlichen damit einverstanden und fiel, als ihr
Haldern auch erzhlt hatte, da Waldemar nach Amerika wolle, rasch wieder in
ihren Alltags- und Gemtlichkeitston. Ich war von Anfang an dagegen. Und nu
will er auch noch nach Amerika! Du mein Gott, was will er da? Da mssen sie
scharf ran, un bei sieben Stunden in Stichsonne, da fllt er um. Erst heute frh
haben sie hier einen vom Bau vorbeigebracht un war noch dazu ein Steintrger mit
Schnurrbart und Soldatenmtze, was immer die Strksten sind. Un nu solch armer
Invalide. Graf, ich werd es schon machen un will gleich zu Wanda, die mu mir
eine Geschichte zurechtlgen. Un wenn ich die habe, dann packen wir Stinen ein,
nach Alt-Landsberg oder nach Bernau mit 's Storchnest oder nach Frstenwalde.
Sie will immer beistehn un helfen, und wir mssen ihr so was vorreden von
Beistand un Hilfe.
    Der Graf war erfreut, und so trennten sie sich.

                              Vierzehntes Kapitel


Die Pittelkow, als der Graf fort war, warf sich in Staat, nahm ihren Umhang und
ging in die Tieckstrae, um mit Wanda zu beraten, was zu tun und in welchem
mrkischen Neste Stine wohl am besten unterzubringen sei. Wanda, dessen entsann
sie sich, hatte eine ltere, nach Teupitz hin an einen Schlchtermeister
verheiratete Halbschwester; vielleicht wenn man sagte, da da was Kleines
angekommen und der Mann, samt seinen vielen Kindern, eines Beistands in der
Wirtschaft bedrftig sei? Ja, so mu es gehn. Un is erst wer in Teupitz, so
kommt er so bald nich wieder weg. Und die Frau wird sie schon festhalten - so
viel wird sie doch woll von Wandan haben, da sie nich gleich lockerlt. Und
wenn jrade geschlachtet wird, kann Stine ja zusehn und hat en bichen
Zerstreuung.
    In dieser Richtung gingen die Gedanken der Pittelkow, die, whrend sie diese
Plne machte, nicht ahnen konnte, da ziemlich um eben diese Zeit bereits
Entschlsse gefat und Entscheidungen getroffen worden waren, die jeden weitern
Klugheitsplan unntig machten.

Waldemar, als er den Onkel verlassen hatte, hatte seinen Weg erst bis Schlo
Bellevue hin und von dort aus nach einem um ein paar hundert Schritte weiter
fluabwrts gelegenen Sommerlokale genommen, das er fr gewhnlich an jedem
Sptnachmittag, eh er zu Stine ging, aufzusuchen pflegte. Dort im Schatten alter
Bume niederzusitzen und zu sinnen und zu trumen war das, was er liebte. Wirt
und Wirtin in diesem Lokale kannten ihn lngst, ebenso war er Intimus der dort
zahlreich ansssigen Spatzen, die, sobald er Platz genommen, den Tisch umhpften
und die Brocken und Krmel des eigens fr sie bestellten Stck Kuchens
aufzupicken pflegten. Das alles war heute geradeso wie sonst, und nur die ihre
Kpfe neugierig zusammensteckenden Kellner beschftigten sich augenscheinlich
mit der Frage, was ihren regelmigen Sptnachmittagsgast heute schon zu so
frher Stunde hierhergefhrt haben knne. Denn es war erst zwei. Waldemar hatte
seine Freude daran, diese kleine Neugier zu beobachten, und las aus den Mienen
der Kellner den Gang ihrer Unterhaltung mit einer Sicherheit heraus, als ob er
sie vom nchsten Baum her htte belauschen knnen. berhaupt entging ihm nichts,
und wenn er eine Zeitlang die Qualmwolken aus dem gerade gegenber gelegenen
Borsigschen Eisenwerke hatte hervorquellen und nach der Jungfernheide hin
abziehen sehen, so gab er seinem Blick mit einem Male wieder eine
Seitwrtsrichtung und zhlte dabei die Brckenpfeiler oder die Spreekhne, die
von der Stadt her den Flu herunterkamen. Er war ohne jede Spur besonderer
Erregung und beschftigte sich, was brigens seinem Charakter entsprach, kaum
noch mit dem Gesprche, das er eben erst mit dem Onkel gehabt hatte. Wenn er den
Frieden nicht haben konnte, so war es schon viel fr ihn, ihn seinerseits
ehrlich und aufrichtig gewollt zu haben. Und das war ja der Fall. Aus diesem
Bewutsein erwuchs ihm etwas wie Trost und Ergebung, und wenn Ergebung auch
nicht das absolut Beste, nicht der Friede selbst war, so war es doch das, was
dem Frieden am nchsten kam.
    Er blieb wohl eine Stunde. Dann erst erhob er sich und ging auf den Ausgang
zu. Von drauen her aber sah er noch einmal ber den Staketzaun in den Garten
zurck. Da war wieder die Musikestrade mit den wackeligen Notenpulten und gleich
dahinter das primitive Bfett mit den eingeschnittenen Querhlzern, daran
zahllose Weibierdeckel wie kleine Schilde hingen. Und dicht daneben und halb
berwachsen von einer Kugelakazie stand der eben von ihm verlassene Tisch, auf
dessen grner Platte jetzt die Lichter und Schatten tanzten. Er konnte sich
nicht losreien von dem allen und prgte sich's ein, als ob er ein bestimmtes
Gefhl habe, da er's nicht wiedersehen werde. Glck, Glck. Wer will sagen,
was du bist und wo du bist! In Sorrent, mit dem Blick auf Capri, war ich elend
und unglcklich, und hier bin ich glcklich gewesen. Und nun ging er weiter
fluabwrts bis an die Moabiter Brcke, weil er vorhatte, den Rckweg am anderen
Ufer zu machen. Als er aber drben war, nahm er langsam und unter gelegentlichem
Verweilen seinen Weg auf den Humboldtshafen und zuletzt auf den Invalidenpark
zu. Dort blieb er stehen und musterte das gegenbergelegene Haus. Stine stand
oben am Fenster. Er grte mit der Hand und stieg dann in ihre Wohnung hinauf.

Stine empfing ihn schon an der Tr, glcklich, ihn zu sehen, aber doch mit einem
Anfluge von Sorge, weil er sonst nie vor Dmmerstunde kam.
    Was ist? sagte sie, du siehst so verndert aus.
    Mglich. Aber es ist nichts. Ich bin vollkommen ruhig.
    Ach sage nicht das. Wenn man sagt, man sei ruhig, ist man's nie.
    Woher weit du das?
    Ich glaube, das lernt jeder, dafr sorgt das Leben. Und dann wei ich es
von Pauline. Wenn die zu mir sagt: Stine, nun bin ich wieder ruhig, dann ist es
immer noch schlimm genug. Aber nun sage, was ist?
    Was ist? Eine Kleinigkeit. Eigentlich nichts. Ich stand immer einsam unter
den Meinigen, und nun soll ich noch etwas einsamer dastehn. Es wirkt einen
Augenblick, aber nicht lange...
    Du verschweigst mir etwas. Sprich!
    Gewi, deshalb bin ich hier. Und so hre denn. Ich war bei meinem Onkel, um
ihm zu sagen... ja, was, Stine? um ihm zu sagen, da ich dich liebhtte...
    Stine kam in ein Zittern.
    ... Und da ich dich heiraten wolle... Ja, heiraten, nicht um eine Grfin
Haldern aus dir zu machen, sondern einfach eine Stine Haldern, eine mir liebe
kleine Frau, und da wir dann nach Amerika wollten. Und zu diesem Schritt erbt
ich seine Zustimmung oder doch eine Frsprache bei meinen Eltern.
    Und?
    Und diese Frsprache hat er mir verweigert.
    Ach, was hast du getan?
    Sollt ich nicht?
    Was hast du getan? wiederholte Stine, zugleich hinzusetzend: Und ich
rmste bin schuld daran. Bin schuld, weil ich's habe gehen lassen und mich nie
recht gefragt habe: was wird? Und wenn mir die Frage kam, so hab ich sie
zurckgedrngt und nicht aufkommen lassen und nur gedacht: freue dich, solange
du dich freuen kannst. Und das war nicht recht. Da es nicht ewig dauern wrde,
das wut ich, aber ich rechnete doch auf manchen Tag. Und nun ist alles falsch
gewesen, und unser Glck ist hin, viel, viel schneller als ntig, blo weil du
wolltest, da es dauern solle.
    Waldemar wollte widersprechen; aber Stine litt es nicht und sagte, whrend
ihre Stimme mit jedem Augenblick beschwrender und eindringlicher wurde: Du
willst nach Amerika, weil es hier nicht geht. Aber glaube mir, es geht auch
drben nicht. Eine Zeitlang knnt es gehn, vielleicht ein Jahr oder zwei, aber
dann wr es auch drben vorbei. Glaube nicht, da ich den Unterschied nicht
she. Sieh, es war mein Stolz, ein so gutes Herz wie das deine lieben zu drfen,
und da es mich wiederliebte, das war meines Lebens hchstes Glck. Aber ich
kme mir albern und kindisch vor, wenn ich die Grfin Haldern spielen wollte.
Ja, Waldemar, so ist es, und da du so was gewollt hast, das macht nun ein
rasches Ende. Vor Jahren, ich war noch ein Kind, hab ich mal ein Feenstck
gesehn, in dem zwei Menschen glcklich waren; aber ihr Glck, so hatte die Fee
gesagt, wrde fr immer hin sein, wenn ein bestimmtes Wort gesprochen oder ein
bestimmter Name genannt werde. Siehst du, so war es auch mit uns. Jetzt hast du
das Wort gesprochen, und nun ist es vorbei, vorbei, weil die Menschen davon
wissen. Vergi mich; du wirst es. Und wenn auch nicht, ich mag keine Kette fr
dich sein, an der du dein Leben lang herumschleppst. Du mut frei sein; gerade
du.
    Ach, meine liebe Stine, wie du mich verkennst. Du sprichst von einer Kette
und da ich frei sein msse. Freiheit. Nun ja, mein Leben war frei, was man so
frei sein nennt, seit ich aus meiner Eltern Hause ging, und in manchen Stcken
auch frher schon. Aber wie verlief es trotzdem? Wie war es von Jugend an? Wir
haben soviel davon geplaudert, und ich habe dir von meinen Kindertagen erzhlt
und von dem langweiligen Hauslehrer, der den Frommen spielen mute nach
Anweisung und mich mit Sprchen und Geboten und dem ewigen Was ist das qulte
und mit dem Glaubensbekenntnis, das ich nie verstand und er auch nicht. Aber der
arme, traurige Mensch, der - ich sollte vielleicht nicht spotten, gerade ich
nicht - immer einen Katarrh und eine Liebschaft hatte, war lange nicht der
schlimmste. Das schlimmste war, da ich im Hause selbst, bei meinen eignen
Eltern, ein Fremder war. Und warum? Ich habe spter darauf geachtet und es in
mehr als einer Familie gesehn, wie hart Eltern gegen ihre Kinder sind, wenn
diese ganz bestimmten Wnschen und Erwartungen nicht entsprechen wollen.
    Stine, die dieselbe Wahrnehmung auch in ihrer bescheidenen Sphre gemacht
haben mochte, nickte zustimmend, und Waldemar, der sich dieser Zustimmung
freute, fuhr deshalb fort: Es wird wohl berall so sein, und jedenfalls war es
so bei uns. Und dazu die Launen und Verstimmungen einer Frau, weil ihr ein
Grofrst einmal ein Billet geschrieben, das beinah ein Liebesbillet war, und
die sich nun einbildete, nicht viel was andres als eine Miheirat geschlossen zu
haben. Da hast du das Bild meiner Stiefmutter. Den Sommer ber war sie verstimmt
ber das langweilige Landleben und ber die Damen der Nachbarschaft, die gar
keine Damen waren, wenigstens nicht in ihren Augen, und wenn sie dann winters zu
Hofe ging, so war sie noch verstimmter, weil Schnere oder Vornehmere da waren
und ihr den Rang abliefen. Und diese schlechte Laune mut ich entgelten, diese
Verstimmungen trafen mich, der ich ihr berhaupt von Anfang an mifiel. Und als
ich dann heranwuchs und wohl auch meinerseits zeigen mochte, da mir nicht alles
gefalle, da war ich vollends nicht auf Rosen gebettet. Und so ging's, bis ich
mit neunzehn eintrat und mit zu Felde zog und die Kugel kriegte oder zwei, wovon
ich dir erzhlt habe. Da wurd es freilich einen Augenblick besser, und ich war
ein Vierteljahr lang der Held und Mittelpunkt der Familie; besonders als auch
prinzliche Telegramme kamen, die sich nach mir erkundigten. Ja, Stine, das war
meine groe Zeit. Aber ich htte sterben oder mich rasch wieder zu Gesundheit
und guter Karriere herausmausern mssen, und weil ich weder das eine noch das
andre tat und nur so hinlebte, manchem zur Last und keinem zur Lust, da war es
mit meinem Ruhme bald vorbei. Der Vater htt es vielleicht ndern knnen, wenn
er ein festes Eintreten fr mich gewagt und nicht seinen Haus-und Ehefrieden
ber mein Glck gestellt htte. So konnt er sich nicht aufraffen, und so hab ich
denn durch viele Jahre hin gelebt, ohne recht zu wissen, was Herz und Liebe sei.
Nun wei ich es. Und jetzt, wo ich es wei und mein Glck festhalten will, soll
ich es wieder aus der Hand lassen. Und alles blo, weil du von Ansprchen
sprichst und vielleicht auch daran glaubst, die mir im Blute stecken sollen und
die - weil im Blute - gar nicht aufzugeben seien. Ach, meine liebe Stine, was
geb ich denn auf? Nichts, gar nichts. Ich sehne mich danach, einen Baum zu
pflanzen oder ein Volk Hhner aufsteigen oder auch blo einen Bienenstock
ausschwrmen zu sehen.
    Er schwieg und sah vor sich hin, Stine aber nahm seine Hand und sagte: Wie
du dich selbst verkennst. Der Tagelhnersohn aus eurem Dorfe, der mag so leben
und dabei glcklich sein; nicht du. Dadurch, da man anspruchslos sein will, ist
man's noch nicht, und es ist ein ander Ding, sich ein armes und einfaches Leben
ausmalen oder es wirklich fhren. Und fr alles, was dann fehlt, soll das Herz
aufkommen. Das kann es nicht, und mit einemmal fhlst du, wie klein und arm ich
bin. Ach, da ich in diesem Augenblick so spreche, das ist vielleicht auch schon
eine Schwachheit und ein kleines Gefhl; aber ich kmpfe nicht dagegen an, weil
ich glaube, da aus allem, was du vorhast, nur Unheil kommt, nur Enttuschung
und Elend. Der alte Graf ist dagegen und deine Eltern sind dagegen - du sagst es
selbst -, und ich habe noch nichts zum Glck ausschlagen sehen, worauf von
Anfang an kein Segen lag. Es ist gegen das vierte Gebot, und wer dagegen
handelt, der hat keine ruhige Stunde mehr, und das Unglck zieht ihm nach.
    Ach, meine liebste Stine, du redest dich so hinein und kommst mir nun gar
mit dem vierten Gebot. Glaube mir, das mit dem vierten Gebot, das hat auch seine
Grenze. Vater und Mutter sind nicht blo Vater und Mutter, sie sind auch
Menschen, und als Menschen irren sie so gut wie du und ich. Nein, ich will dir
sagen, was es ist und warum du glaubst, so sprechen zu mssen. Ich verstehe mich
ein bichen auf das menschliche Herz, denn sieh, wer jahrelang auf dem
Krankenbett liegt, der hat viel Zeit und sprt vielem nach, und das
verlockendste sind immer die Schlngelgnge des Herzens, des eignen und des der
andern. Und nun hre, was es ist. Es ist was Hochmtiges in eurer Familie, daran
drei Grafen genug htten, etwas Trotziges und Herausforderndes und ein Hang, die
Wahrheit zu sagen und mitunter auch noch mehr. Deine Schwester hat es sehr
stark, und du hast es auch, hast auch dein Teil daran. Und sieh, in diesem
deinem falschen Stolze willst du nicht, da ich auch nur einen Augenblick
glauben soll, du httest an so was wie eine Stine Haldern gedacht. Das ist dir
gegen deine Ehre. Hab ich recht und ist es so?
    Nein.
    Gut. Ich glaube dir. Ich wei ganz bestimmt, da du ja gesagt httest, wenn
du's httest sagen knnen. Und da du dies ehrliche Nein sagen kannst, das ist
schn von dir und lt mich aufs neue sehen, eine wie gute Wahl ich getroffen.
Und nun soll es an bloen Einbildungen scheitern. Ich bin aus den Vorurteilen
heraus, und nun willst du sie haben. Ich beschwre dich, Stine, mache dich frei
davon, und vor allem entschlage dich deiner ngstlichkeiten.
    Stine schttelte den Kopf.
    Es soll also nichts mit uns werden?
    Es kann nicht.
    Und alles soll blo ein Sommerspiel gewesen sein?
    Es mu.
    Und es kommt dir nicht der Gedanke, da mir dies alles das Leben bedeuten
knnte?
    Um Gottes willen, Waldemar!
    Ich will keine Ausrufe, ich will eine Antwort. Ein Ja, kurz und bestimmt,
und dann fort, fort. Sprich, Stine, du weit, was ich bitte. Willst du?
    Nein.
    Und sie strzte weinend an ihm vorber. Er hielt sie aber fest und sagte:
Stine, so wollen wir nicht scheiden. Ein Nein soll nicht dein letztes Wort
gewesen sein. Setze dich nieder und sieh mich an. Und nun sage mir: Hast du mich
wirklich geliebt?
    Ja.
    Von Herzen?
    Von ganzem Herzen.
    Und das Krampfschluchzen, unter dem sie sprach, ging in eine Ohnmacht ber.
    Als sie wieder zu sich kam, war sie allein.

                              Fnfzehntes Kapitel


Waldemar ging nach rechts auf das Oranienburger Tor zu, weil ihm darum zu tun
war, in einem an der Ecke der Linden und Friedrichsstrae gelegenen Bankhause
verschiedene geschftliche Dinge zum Abschlu zu bringen. Aber in der Nhe der
Weidendammer Brcke fiel ihm ein, da die Bureaus sehr wahrscheinlich schon
geschlossen seien, weshalb er seinen Stadtgang aufgab, um sich in seine dicht
hinter dem Generalstabsgebude gelegene Wohnung zurckzubegeben. Er war durch
eben diese Wohnung Nachbar von Moltke, welche Nachbarschaft er gern hervorhob
und in Ernst und Scherz zu versichern liebte: Man kann nicht besser aufgehoben
sein als gerade da. Wer fr die groe Sicherheit so zu sorgen wei, der sorgt
auch fr die kleine.
    Von der Dorotheenstdtischen Kirche her schlug es fnf, als unser zu
Betrachtungen der Art nur zu geneigter Freund in den Schiffbauerdamm einbog, und
ehe noch die Turmuhr ausgeschlagen hatte, schlugen die kleinen Uhren nach, die
sich in ziemlich betrchtlicher Zahl an der Wasser- und Rckfront der
jenseitigen Fabrikgebude befanden. Er zhlte die Schlge, musterte den Quai
hben und drben und freute sich des regen und doch stillen Lebens, das hier
berall auf und ab wogte. Nichts entging ihm, auch nicht das Treiben auf den
Khnen, an deren Tauen und Strickleitern, und mitunter auch auf quergelegten
Ruderstangen, allerlei Wsche zum Trocknen hing, und erst als er unter langsamem
Weiterschlendern die Graefsche Klinik im Rcken hatte, lie er von dem
Beobachten ab und ging rascheren Schrittes auf die Unterbaumbrcke zu. Hier
hielt er wieder und betrachtete die bronzenen Kandelaber, die, weil sie noch
keine Patina hatten, in der schrgstehenden Sonne prchtig blitzten und
flimmerten. Wie hbsch das alles ist. Ja, es kommen bessere Tage. Nur... wer's
erlebt. Qui vivra, verra... Und er brach ab und sah von der Brckenwlbung auf
die tief unten am Quai sich hinziehenden Weiden, aus deren graugrnem Blattwerk
einige tote ste wie Besen hervorragten. Es waren seine Lieblinge, diese Bume.
Halb abgestorben und immer noch grn.
    Endlich war er vom Kronprinzen-Ufer und der Alsenstrae her bis an den
reizenden, mit Bosquets und Blumenbeeten und dazwischen wieder mit Marmorbildern
und Springbrunnen geschmckten Square gekommen, der, dem Knigsplatze
vorgelegen, einen Teil desselben ausmacht und doch auch wieder sich von ihm
scheidet. Eine frische Brise ging und milderte die Hitze, von den Beeten aber
kam ein feiner Duft von Reseda herber, whrend drben bei Kroll das Konzert
eben anhob. Unser Kranker sog das alles in vollen Zgen ein, Duft und Melodie:
Wie lange, da ich nicht so frei geatmet habe. Knigin, das Leben ist doch
schn - unsterbliches Wort eines optimistischen Marquis, und ein pessimistisches
Grflein plappert es ihm nach.
    Nun schwieg die Musik drben, und Waldemar, whrend er zwischen den groen
Rondelen auf und ab schlenderte, musterte zugleich die Figuren, die hier mit
Hilfe von Sternblumen und roten Verbenen in den Rasen eingezeichnet waren;
endlich aber ging er auf eine Bank zu, die, von allerlei dicht dahinter
stehendem Strauchwerk berwachsen, einen vollen Schatten gewhrte. Da nahm er
Platz, denn er war mde geworden. Das viele Gehen in der Hitze hatte seine
Krfte verzehrt, und so schlo er unwillkrlich die Augen und fiel in Traum und
Vergessen. Als er wieder erwachte, wut er nicht, ob es Schlaf oder Ohnmacht
gewesen; ich glaube, so kommt der Tod, und erst allmhlich fand er sich wieder
zurecht und bemerkte nun ein Marienwrmchen, das sich ihm auf die Hand gesetzt
hatte. Da blieb es und kroch hin und her, trotzdem er schttelte und pustete.
Einen wie feinen Instinkt die Tiere haben; es wei, da es sicher ist. Endlich
aber flog es doch fort, und Waldemar, sich vorbeugend von seiner Bank, begann
jetzt allerlei Figuren in den Sand zu zeichnen, ohne recht zu wissen, was er
tat. Als er sich's aber bewut wurde, sah er, da es Halbkreise waren, die sich,
erst enge, dann immer weiter und grer, um seine Stiefelspitze herumzogen.
Unwillkrliches Symbol meiner Tage. Halbkreise! Kein Abschlu, keine Rundung,
kein Vollbringen... Halb, halb... Und wenn ich nun einen Querstrich ziehe (und
er zog ihn wirklich), so hat das Halbe freilich seinen Abschlu, aber die
rechte Rundung kommt nicht heraus.
    In solche Gedanken verloren, sa er noch eine Weile. Dann stand er auf und
ging auf seine Wohnung zu.
    Diese, gleich zu Beginn der Zeltenstrae, bestand aus einem zwei Treppen
hoch gelegenen Front- und Hinterzimmer, von denen jenes auf die Parkbume des
Krollschen Gartens, dieses auf eine grasbewachsene, bis hart an die Spree sich
hinziehende Baustelle sah. Dahinter die roten Dcher von Moabit, und weiter
links der grne Saum der Jungfernheide. Waldemar liebte diesen Blick, und so kam
es, da er das Zimmer, darin er schlief, zugleich zu seinem Wohn-und
Arbeitszimmer gemacht und ein altdeutsches Cylinder-Bureau darin aufgestellt
hatte.
    Er hielt sich auch heute nicht in dem Vorderzimmer auf, vertauschte den
engen Rock mit einem leichten Jackett und trat an das Fenster seines
Schlafzimmers. Die Sonne war im Niedergehen, und er entsann sich jenes Tages,
als er, von Stines Fenster aus, dasselbe Sonnenuntergangsbild vor Augen gehabt
hatte... Wie damals, sprach er vor sich hin. Und er sah in die rter werdende
Glut, bis endlich der Ball gesunken und volle Dmmerung um ihn her war.
    Auf seinem Schreibzeug lag ein kleiner Revolver, zierlich und mit
Elfenbeingriff. Er nahm ihn in die Hand und sagte: Spielzeug. Und tut es am
Ende doch. Bei gutem Willen ist viel mglich; mit einer bloen Nadel, sagt
Hamlet, und er hat recht. Aber ich kann es nicht. Es ist mir, als wre hier noch
alles weh und wund oder doch eben erst vernarbt. Nein, ich erschrecke davor,
trotzdem ich wohl fhle, da es standesgemer und Haldernscher wre. Doch was
tut's! Die Halderns, die mir schon soviel zu vergehen haben, werden mir auch das
noch verzeihen mssen. Ich habe nicht Zeit, mich ber Punkte wie diese zu
grmen.
    Und er legte den Revolver wieder aus der Hand.
    Ich mu es also anders versuchen, fuhr er nach einer Weile fort. Und
schlielich warum nicht? Ist die Blme denn gar so gro? Kaum. Es finden sich am
Ende ganz reputierliche Kameraden. Aber welche? Ich war nie gro im Historischen
- berhaupt worin -, und nun versagen mir die Beispiele. Hannibal... Weiter komm
ich nicht. Indessen er kann gengen. Und es werden gewi noch ein paar sein.
    Whrend er so sprach, zog er eins der unteren Schubfcher in seinem
Schreibtisch auf und suchte nach einem Schchtelchen. Als er's endlich hatte,
fiel er wieder in Betrachtungen. Auch klein. Noch kleiner als das Spielzeug da.
Und doch genug. Es ist ein Ersparnis aus alten Zeiten her, und mein Vorgefhl
war richtig, als ich mir's damals sammelte.
    Bei diesen Worten stand er auf, stellte sich eine noch aus dem Sden
mitgebrachte rmische Lampe zurecht und nahm, als er die vier kleinen Dochte
derselben angezndet hatte, Couverts und Briefbogen aus einer vor ihm liegenden
Schreibmappe.
    Dann schrieb er.
    Mein lieber Onkel! Wenn Du diese Zeilen erhltst, sind alle Wirrnisse
gelst. Etwas gewaltsam. Aber das ist gleich. Es wird Dir obliegen, und
jedenfalls bitte ich Dich darum, das Geschehene nach Gro-Haldern hin zu melden.
Was ber mich entschied, war, wie Du bei Eintreffen dieser Zeilen vielleicht
schon wissen, jedenfalls aber sehr bald erfahren wirst, der Widerstand von ganz
anderer und sehr unerwarteter Seite her. Und so kam, was kam. Ich klage
niemanden an; ist wer schuldig, so bin ich es. Das gute Kind hatte nur zu recht,
mich auszuschlagen; aber ich war nicht mehr stark genug, mich drein zu ergeben.
Auf dem letzten Blatt meines Notizbuches hab ich ber mein Erbteil von meiner
Mutter Seite her verfgt. Ich hoffe sagen zu knnen, verfgt auch unter
schuldiger Rcksicht gegen die Halderns. berweise das Blatt an Justizrat
Erbkamm; er wird danach verfahren. Allerdings wei ich, da sie, der diese
Festsetzungen zugute kommen und als ein Ausdruck meines Dankes gelten sollen,
alles ablehnen wird; aber sorge dafr, da ihr ein bestimmter Teil gesichert
bleibt, auch gegen ihren Willen. Ein Wille kann sich ndern, und es beglckt
mich die Vorstellung, vielleicht noch einmal, und wenn es nach vielen Jahren
wre, da helfen und wohltun zu knnen, wo mir's leider, wenn auch absichtslos,
beschieden war, ein Herz zu beschweren und ihm wehe zu tun. An meinen Vater
schreib ich nicht; ich wnsche Auseinandersetzungen zu vermeiden. Meine Sache
kann ich in keine besseren Hnde legen als in die Deinen, denn ich wei wohl,
was ich, trotz alledem und alledem, an Dir hatte. So wenig Haldernsch ich
vielleicht war, so wnsch ich doch in der Haldernschen Gruft zu stehen. Dies
mein Letztes. Deiner freundlichen Erinnerung bin ich gewi.
                                                                  Dein Waldemar

Er schob das Blatt beiseite, legte die Feder nieder und fuhr sich ber Aug und
Stirn.
    Und nun das Letzte.
    Und er nahm einen zweiten Bogen und schrieb.
    Meine liebe Stine! Du wolltest nicht den weiten Weg mit mir machen, und so
mache ich den weiteren. Ich glaube, was Du tatest, war richtig, und ich hoffe,
das, womit ich nun abschliee, soll es auch sein. Es gibt oft nur ein Mittel,
alles wieder in Ordnung zu bringen. Vor allem klage Dich nicht an. Die Stunden,
die wir zusammen verlebten, waren, vom ersten Tage an, Sonnenuntergangsstunden,
und dabei ist es geblieben. Aber es waren doch glckliche Stunden. Ich danke Dir
fr alle Freundlichkeit und Liebe. Mein Leben hat doch nun einen Inhalt gehabt.
Vergi mich - das darf ich nicht sagen, es kme mir nicht von Herzen und wr
auch tricht, denn ich wei, Du wirst es nicht und kannst es nicht. So denn
also: gedenke mein. Aber gedenke meiner freundlich, und vor allem verzichte
nicht auf Hoffnung und Glck, weil ich darauf verzichtete. Lebe wohl. Ich
schulde Dir das Beste.
                                                                  Dein Waldemar

Als er beide Briefe couvertiert hatte, warf er sich in den Stuhl zurck, und die
freundlichen Bilder, die dieser Sommer ihm gebracht hatte, zogen noch einmal an
seiner Seele vorber. So wenigstens schien es, denn er lchelte. Dann aber nahm
er das bereitgestellte Schchtelchen und schob das Innenkstchen aus der ueren
Hlse heraus. Es ging schwer, und man konnte sehen, da er lange daran gesammelt
und immer neue Kpselchen hineingezwngt hatte. Schlafpulver! Ja, ich wute,
da eure Stunde kommen wrde. Und nun brach er die Kapseln einzeln auf und tat
ihren Inhalt, langsam und sorglich, in ein kleines, halb mit Wasser geflltes
Rubinglas. So, das ist es. Und whrend er das Glas hob und wieder
niedersetzte, trat er noch einmal ans Fenster und sah hinaus. Der Mond, eine
schwache Sichel, war aufgegangen und schttete sein Licht ber den Flu und weit
jenseit desselben ber Feld und Wald.
    Es ist hell genug... Und ich mag auch die Lampe nicht brennen und erst
gegen Morgen verlschen und verschwelen lassen, als htt ich abgeschlossen bei
Rausch und Gelage. Mein Leben ein Bacchanal!
    Und er lschte die Lichter und trank. Und dann nahm er seinen Platz wieder
ein und lehnte sich zurck und schlo die Augen.

                              Sechzehntes Kapitel


Den dritten Tag danach war von Mittag ab ein stilles, aber rhriges Treiben auf
dem Bahnhofe von Klein-Haldern. Eine dicht neben dem Stationshause befindliche
Pforte wurde mit Tannenzweigen umwunden, Oleander und Lorbeerbume standen, eine
Hecke bildend, in Front, und an dem Querbalken der Pforte hing ein groer
Immortellenkranz, dessen ffnung das Haldernsche Wappen zeigte. Hinter dem
Stationshause hielten mehrere herrschaftliche Wagen, die Kutscher mit einem
Trauerflor um den Hut, in einem als Auslufer des Perrons sich hinziehenden
Gartenstreifen aber schritten ein Dutzend schwarzgekleidete Personen auf und ab,
Dorfleute von mittleren Jahren, und sprachen ernst und leise miteinander.
    Drei Uhr dreiig kam der Zug. Haldern, Klein-Haldern, riefen die
Schaffner und ffneten ein paar Coups, aus denen verschiedene Personen
ausstiegen: zunchst ein alter Geistlicher von besonderer Wrde, dem man seines
Amtes und seiner Jahre halber den Vorrang gnnte, dann ein Oberst mit seinem
Adjutanten und endlich mehrere reichbordierte Herren, die selbst der
Klein-Halderner Stationsbeamte nicht kannte. Die Hte mit Federbschen aber und
mehr noch der ausgesuchte Respekt, mit dem ihnen selbst von seiten des Obersten
begegnet wurde, lieen keinen Zweifel darber, da es, wenn nicht
Prinzlichkeiten, so doch Personen vom Hof oder vielleicht auch hohe
Ministerialbeamte sein muten. Alle gingen auf den Ausgang zu, vor dem die Wagen
im selben Augenblicke vorfuhren, und eine Minute spter sah man nichts mehr als
eine Staubwolke, die sich, immer dichter werdend, auf dem halbchaussierten
Fahrwege dem nchsten Dorfe zu bewegte.
    Whrend diese Szene sich in Front des Stationsgebudes abspielte, wurde
weiter abwrts im Zuge die groe Schiebetr des letzten Wagens geffnet und von
innen her ein Sarg herausgehoben, den jetzt sechs Trger aus der Zahl derer, die
bis dahin im Garten auf und ab marschiert waren, in Empfang nahmen und auf ihre
Schultern hoben; andere sechs gingen zur Ablsung nebenher, und was sonst noch
auf dem Bahnhof war, folgte. Solange dieser Zug den auf eine kurze Strecke zur
Seite des Bahnkrpers hinlaufenden Fahrweg innehielt, war alles still; im selben
Augenblick aber, wo Sarg und Trger von eben diesem Fahrweg her in eine
Kirschallee einbogen, die von hier aus gradlinig auf das nur fnfhundert Schritt
entfernte Klein-Haldern zufhrte, begann die Klein-Haldernsche Schulglocke zu
luten, eine kleine Bimmelglocke, die wenig feierlich klang und doch mit ihren
kurzen, scharfen Schlgen wie eine Wohltat empfunden wurde, weil sie das
bedrckende Schweigen unterbrach, das bis dahin geherrscht hatte.
    So ging es nach Klein-Haldern hinein, ohne da man etwas anderes als die
Schulglocke gehrt htte; kaum aber, da man nach Passierung der Schmiede - mit
der das Dorf nach der andern Seite hin abschlo - in die von Klein-Haldern nach
Gro-Haldern hinberfhrende, beinah laubenartig zusammengewachsene Rsterallee
einmndete, so nahm auch schon ein allgemeines Luten, daran sich die ganze
Gegend beteiligte, seinen Anfang. Die Gro-Halderner Glocke, die sie die
Trkenglocke nannten, weil sie von Geschtzen gegossen war, die Matthias von
Haldern aus dem Trkenkriege mit heimgebracht hatte, leitete das Luten ein;
aber ehe sie noch ihre ersten fnf Schlge tun konnte, fielen auch schon die
Glocken von Crampnitz und Wittenhagen ein, und die von Orthwig und Nassenheide
folgten. Es war, als luteten Himmel und Erde.
    Halben Wegs zwischen den Drfern lief ein Grenzgraben, ber den eine
steinerne Brcke fhrte. Jenseits dieser Brcke betrat man die Gro-Halderner
Feldmark, und hier begann denn auch das Spalier, das alt und jung auf dieser
letzten Wegstrecke gebildet hatte. Den Anfang machten die Schulen. Danach kamen
die Kriegervereine mit einem Trompetercorps aus der nchsten kleinen Garnison,
und immer wenn die Trger an einer Sektion vorber waren, schwenkte diese
dreigliedrig ein und folgte mit Jesus, meine Zuversicht. Am Schlu aber
marschierten ein paar Dreizehner Veteranen mit der alten Kriegsdenkmnze, lauter
Achtziger, die den Kopf schttelten, niemand wute zu sagen, ob vor Alter oder
ber den Lauf der Welt. Und so ging es nach Gro-Haldern hinein, an dem alten
Giebelschlosse vorber und unmittelbar auf die Feldsteinkirche zu, die, hher
gelegen als das sie umgebende Dorf, von terrassenfrmig ansteigenden und um
diese Jahreszeit dicht in Blumen stehenden Grberreihen eingefat wurde. Vor dem
kleinen Rundbogenportale stand der Dorfgeistliche, neben ihm zwei Amtsbrder,
und empfing den Toten an geweihter Sttte. Zugleich setzten die Trger den Sarg
nieder, auf den jetzt zunchst Palmenzweige gelegt wurden, und trugen ihn, als
dies geschehen, den Mittelgang hinauf, bis vor den Altar. Hier stand der alte
Generalsuperintendent, der von Berlin aus mitgekommen war, um die Parentation zu
halten; die groen Lichter brannten, und ihr dnner Rauch wirbelte neben dem
groen, halbverblakten Altarbilde auf. Es stellte den Verlornen Sohn dar. Aber
nicht bei seiner Heimkehr, sondern in seinem Elend und seiner Verlassenheit.
    Die Kirche hatte sich, als der Sarg unmittelbar ber der Gruftsenkung
niedergelassen war, auf all ihren Pltzen gefllt, und auch die seit dem Tode
Friedrich Wilhelms IV. sonntglich meist leerstehende herrschaftliche Loge,
heute war sie besetzt. In Front erblickte man den alten Grafen, Waldemars Vater,
in grauem Toupet und Johanniterkreuz, neben ihm in tiefer und soignierter Trauer
die Stiefmutter des Toten, eine noch schne Frau, die, was geschehen war,
lediglich vom Standpunkte des Affronts aus ansah und mit Hilfe dieser
Anschauung ber die vorschriftsmige Trauer mit beinah mehr als standesgemer
Wrde hinwegkam. Hinter ihr der jngere Sohn (ihr eigener), Graf Konstantin, dem
der ltere Bruder, um das mindeste zu sagen, in nicht unerwnschter Weise Platz
gemacht hatte. Seine Haltung war untadelig und gleichfalls von bemerkenswerter
Gefatheit, ohne die der Mutter ganz erreichen zu knnen. Ein langes Lied, das
teilweis in allerkrftigsten Wendungen allem Erdendunkel einen Riegel
vorzuschieben trachtete, wurde gesungen; dann sprach der alte
Generalsuperintendent schne, tiefempfundene Worte - tiefempfundene, weil ihn im
eigenen Hause schwerste Schicksalsschlge getroffen hatten -, und als er nun
vortrat und den Segen sprach und nach dem Singen des letzten Verses der Ton der
Orgel nur noch leise nachzitterte, senkte sich der Sarg mit all den Krnzen, die
ganz zuletzt noch auf ihn gehuft worden waren, in die Gruft hernieder.
    Eine tiefe Stille trat ein, und die fremden Gste steckten eben die Kpfe
zum Schlugebet in den Hut, als man hinter einem der Pfeiler ein heftiges und
beinah krampfhaftes Schluchzen hrte. Die Grfin sah emprt nach der Stelle hin,
von der es kam; aber der deckunggebende Pfeiler lie glcklicherweise nicht
erkennen, wer die Anmaung gehabt hatte, ergriffener sein zu wollen als sie.

Stine, die die Fahrt nach Klein-Haldern schon mit dem Vormittagszuge gemacht und
sich, um die Zwischenzeit hinzubringen, eine Stunde lang und lnger am
Auenrande des Gro-Halderner Parkes und dann wieder auf dem angrenzenden
Wiesengrunde, wo sie dem Vieh, das hier weidete, zusah, verweilt hatte, war
unter den letzten, die die Kirche verlieen. Sie hielt sich abseits, ging noch
eine Weile zwischen den Grbern auf und ab und trat dann langsam ihren Rckweg
nach dem Klein-Halderner Bahnhof hin an. Alles war still, es klangen keine
Glocken mehr, und sie hrte nichts als die Lerchen, die mit ihrem Tirili aus der
ringsumher in Garben stehenden Mahd in die Luft emporstiegen. Eine stieg hher
als die andere, und sie sah ihr nach, bis sie hoch oben im Blau verschwunden
war. In den Himmel... Ach, wer ihr folgen knnte... Leben; leben mssen... Und
im berma schmerzlicher Erregung und einer Ohnmacht nahe, setzte sie sich auf
einen Stein am Weg und barg ihre Stirn in der Hand.
    Als sie sich nach einer Weile wieder erhob und ihren Weg inmitten der
Fahrstrae fortsetzen wollte, hrte sie, da in ihrem Rcken, von Gro-Haldern
her, ein Wagen in raschem Trabe herankam. Und sich umwendend, sah sie, da es
dieselben Personen waren, die whrend der Trauerfeier mit in dem
herrschaftlichen Kirchenstuhle gesessen hatten. In dem letzten Wagen aber sa
Waldemars Oheim, den Sommerberzieher zurckgeschlagen, so da man das groe
blaue Ordensland, das des schwedischen Seraphinenordens, in aller Deutlichkeit
erkennen konnte. Stine wollte nicht gesehen sein und trat mit halber Wendung zur
Seite, der alte Graf aber hatte sie schon von fernher erkannt, und einer
flchtig in ihm aufsteigenden Verlegenheit rasch Herr werdend, erhob er sich im
Wagen und lud sie durch eine freundlich-verbindliche Handbewegung zum Einsteigen
ein. ber Stines Zge ging ein Leuchten, das der schnste Dank fr des alten
Grafen, bei Gelegenheiten wie diese, nie versagende Ritterlichkeit war, aber
zugleich schttelte sie den Kopf und ging unter gelegentlichem Verweilen und
sich dadurch absichtlich versptend auf Klein-Haldern zu, von dessen Kirschallee
aus sie bald danach die weie Dampfwolke des auf die Hauptstadt zueilenden Zuges
sah. Eine Stunde spter, soviel wute sie, kam ein zweiter Zug, und bis dahin
allein zu sein war ihr keinenfalls unwillkommen, ja recht eigentlich das, wonach
sie sich sehnte.
    Dazu ward ihr nun freilich mehr Gelegenheit, als ihr lieb war. Die Zeit
wollte nicht enden, und sie sah unausgesetzt den langen Schienenweg hinauf,
immer nach der einen Seite hin, von der der Zug kommen mute. Vergebens, er
schien ausbleiben zu wollen. Und doch war sie todmde von Erregung und
Anstrengung und fror, und ihre Fe trugen sie kaum noch. Endlich aber sah sie,
da die Signale gezogen wurden, und bald danach auch, da die groen Feueraugen
immer nher und nher kamen. Und nun Halt. Eine Couptr wurde geffnet, und
rasch einsteigend, drckte sie sich, Wrme halber, in eine der Ecken und zog
ihre Mantille fester um ihre Schultern. Aber es half zu nichts, und ein Fieber
schttelte sie, whrend der Zug nach Berlin weiterdampfte.

Stine, Kind, wie siehst du denn aus! Dir sitzt ja der Dod um die Nase. So
waren die Worte, womit die schon lange am ersten Treppengelnder wartende Witwe
Pittelkow ihr Stinechen empfing und nicht zulie, da sie noch hher hinauf in
ihre Polzinsche Wohnung stiege.
    Komm, Kind, und leg dich man gleich hier aufs Bett. Na, ich sage... War's
denn so doll? Oder haben sie dich geschubst? Oder haben sie dich wegjagen
wollen? Oder er vielleicht? Na, dann erlebt er was, dann jag ich ihn zum Deibel.
Olga, Baby, wo bist du denn? Uff, sag ich, un mache Feuer. Un wenn's kocht,
rufst du mir. Hrst du... Jott, Stine, du bibberst ja man so. Was haben se dir
denn gedan? Und dabei knpfte sie der Schwester das Kleid auf und schob ihr
Kissen unter und deckte sie mit zwei Deckbetten zu.
    Nach einer halben Stunde hatte sich Stine soweit erholt, da sie sprechen
konnte.
    Na, nu wird es ja wieder, sagte Pauline. Wenn die Mhle erst wieder geht,
is auch wieder Wind da. Kind, dir war ja die Puste reine weg, un ich dachte
schon, nu stirbt die auch noch.
    Stine nahm ihrer Schwester Hand, klopfte und streichelte sie und sagte: Ich
wollte, es wre so.
    Ach, rede doch nich so, Stine. Du wirst ja schon wieder werden. Un bei
allens is auch wieder 'n Glck. Jott, er war ja soweit ganz gut un eigentlich
ein anstndiger Mensch, un nich so wie der Olle, der ans Ganze schuld is; warum
hat er 'n mitgebracht? Aber viel los war nich mit ihm; er war doch man miesig.
    Stine fhlte sich unter der Schwester Guttat erleichtert, und die Trnen
rannen ihr bers Gesicht.
    Weine man, Stinechen, weine man orntlich. Wenn's erst wieder drippelt, is
es schon halb vorbei, grade wie bei 's Gewitter. Un nu trink noch 'ne Tasse...
Olga, wo bist du denn? Ich glaube, die Jre schnarcht schon wieder... Un
nchsten Sonntag is Sedan, da machen wir auf nach 'n Finkenkrug un fahren
Karussell un wrfeln. Un dann wrfelst du wieder alle zwlfe.
    Die Polzin hatte horchend am Treppengelnder oben gestanden und mit nur zu
gebtem Ohre jedes der Worte gehrt, womit die Pittelkow ihr Stinechen unten an
der Korridortr empfangen hatte. Gleich danach aber, als sie die Tr unten ins
Schlo fallen hrte, war sie wieder in ihre Stube gegangen, wo sich Polzin eben
zu seiner Nachttoilette rstete. Von einer solchen lie sich wirklich sprechen,
denn er trug, weil er andauernd an einem trockenen Husten litt, auch beim
Zubettgehen eine schwarze, mit einem dicken Tuchstreifen geftterte
Militrkrawatte.
    Nu, frug er, whrend er eben das Leder in die Schnalle schob. Is sie heil
wieder da?
    Heil? Was heit heil? Die wird nich wieder.
    Is eigentlich schade drum.
    I wo. Gar nich... Das kommt davon.
