
                                Fontane, Theodor

                                     Quitt

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                                Theodor Fontane

                                     Quitt

                                     Roman

                                 Erstes Kapitel

Die Kirche war noch nicht aus, aber die alte Frau Menz und ihr Sohn Lehnert -
ein schlanker, hbscher Mensch von siebenundzwanzig, dem man, auch ohne seine
siebenziger Kriegsdenkmnze (neben der brigens auch noch ein anderes
Ehrenzeichen hing), den altgedienten Soldaten schon auf weite Entfernung hin
angesehen htte - hatten den Schlu des Gottesdienstes nicht abgewartet und
saen bereits drauen auf einem groen Grabstein, zu dessen Hupten eine
senkrecht stehende Marmorplatte mit einer Christi Himmelfahrt in Relief in die
dicht dahinter befindliche Kirchhofsmauer eingelassen war. Der Sohn, der schon
whrend einer ganzen Weile mit der Kante seiner Stiefelsohlen allerlei Rinnen in
den Sand gezogen hatte, war augenscheinlich verstimmt und vermied es, die Mutter
anzublicken, die ihrerseits ngstlich vor sich hin sah und darauf wartete, da
der Sohn reden solle. Dazu kam es aber nicht, und so hrte man denn nichts als
die letzte Liederstrophe, die drinnen eben gesungen wurde. Sonst war alles
still. Der grelle Sonnenschein lag auf den Grbern, die Schmetterlinge flogen
dazwischen hin und her, und ber dem Ganzen wlbte sich der tiefblaue Himmel und
versprach einen heien Tag.
    Endlich nahm die Mutter ihres Sohnes Hand. Er zog sie aber unwirsch wieder
zurck und sagte: Ach la, Mutter. Du meinst es gut. Aber was hab ich davon?
Eigentlich bist du doch schuld an allem, weil du nicht weit, was du willst, und
auch nie gewut hast. Auf Paschen und Wildern hast du mich erzogen, und wenn's
dann schiefgeht und du's mit der Angst kriegst, dann steckst du dich hinter
Siebenhaar und jammerst ihm was vor, und der soll dann mit einem Mal einen
Heiligen aus mir machen.
    Du weit ja doch, Lehnert, was er alles fr dich getan hat.
    Wei alles. Aber er darf mich nicht anpredigen, und wenn er's tut, so darf
er nicht nach mir hinsehen, da auch der Dmmste merken kann, wen er meint. Das
darf er nicht, und wenn ich ihn sehe, dann sag ich's ihm auch.
    Er will dich sprechen nach der Kirche.
    Da haben wir's. Also wieder abgekartet. Dacht ich's doch. Ach, Mutter, du
qulst mich und richtest nichts Gutes damit an.
    In diesem Augenblicke schwieg es drin, und statt des Gesanges der Gemeinde
hrte man nur noch das Nachzittern der Orgel und bald danach den eigentmlichen
Klapperton, mit dem die Pfennigstcke der einzeln und in Gruppen aus der Kirche
Kommenden in die dicht an der Kirchentr aufgestellte Sammelbchse fielen.
    Und nun kamen auch die Leute selbst und gingen an dem Grabstein vorber, auf
das weit offenstehende, kaum dreiig Schritt entfernte Kirchhofsportal zu, wobei
sie der Frau Menz und ihrem Sohne freundlich zunickten; aber ehe sie noch den
Ausgang erreicht hatten, erschien auch schon in Front der nach wie vor auf dem
Grabstein Sitzenden ein breitschultriger und kurzhalsiger Mann von Mitte
Dreiig, dessen Stutzhut und hechtgrauer Rock mit grnen Rabatten (des
Hirschfngers ganz zu schweigen) ber seinen Beruf keinen Zweifel lassen konnte.
Vorn, im zweiten Knopfloch, an einem absichtlich nicht allzu kurzen Bande, trug
er das Eiserne Kreuz, das sich, eben weil das Band zu lang war, bei jedem
Schritt in herausfordernder und jedenfalls in respekterwartender Weise hin und
her bewegte. Der ganze Mann ein Bild von Selbstbewutsein und Hochmut.
    Guten Tag, Herr Frster, sagte Frau Menz und stand rasch auf, um ihm einen
Knicks zu machen.
    Der Frster nickte kurz, streifte Lehnert, der sich nicht gerhrt hatte, mit
einem Blick und ging dann weiter.
    Was bliebst du nicht sitzen. Mutter? Warum hast du geknickst? Er kam, er
mute gren, nicht du. Aber das ist immer die alte Geschichte mit dir. Du hast
nur zwei Gedanken: Angst und Vorteil, und hast keinen Stolz und keine Ehre. Du
bist noch ganz aus der Kriechezeit. Und nun gar kriechen vor dem, vor solchem
Schubbejack. Ist er denn dein Herr? Unser Feind ist er, weiter nichts. Gott sei
Dank, er frchtet sich vor mir. Aber ich wollt es ihm auch raten. Er kennt mich
noch vom Grlitzer Scheibenstand her und wei, ich hab eine sichere Hand und ein
gutes Auge.
    Sei doch still, Junge! Du redst dich noch ins Gericht. Und wenn du durchaus
reden willst, so rede nicht so laut. Es kann's ja jeder hren.
    Soll auch.
    Er htte wohl noch weitergesprochen, wenn nicht in eben diesem Augenblicke
der alte Pastor Siebenhaar in Person von der Kirche her den Kirchhofsgang
heraufgekommen wre, neben ihm der Kster, zu dem er leise sprach.
    Und jetzt erhob sich auch Lehnert.
    Ich mchte dich noch sprechen, sagte der Alte, whrend er Lehnert im
Vorbergehen die Hand reichte. Komm in einer Viertelstunde! Das heit, so dir's
beliebt. Und mit einem freundlichen Blick, der Lehnert zu Herzen ging, ging der
Alte weiter, erst auf das Portal und dann, etwas rechts abbiegend, auf das
hinter einer Reihe verschnittener Linden gelegene Pfarrhaus zu.

                                Zweites Kapitel


Lehnert - nach dieser flchtigen Begegnung - setzte sich wieder. Sonst, wenn der
Gottesdienst aus war, ging er mit seiner Mutter in den nahen Kretscham hinber,
um erst eine Stonsdorfer und hinterher einen Grnen oder auch wohl einen
Ingwer zu trinken. Heut aber war ihm nicht danach zumute. La uns sehen,
Mutter, wie das Grab aussieht!
    Er meinte das seines Vaters, und whrend er so sprach, der alten Frau Arm
nehmend, ging er mit ihr den langen Hauptgang hinauf, bis sie vor einem gut
gepflegten Grabe standen, an dem nur die halb verwaschene Inschrift erkennen
lie, da der Tote schon seit lange hier liegen msse. Die Jahreszahl besttigte
das auch: Hier ruhet in Gott Anton Menz, Stellmacher und Schreiner zu Wolfshau
bei Krummhbel, geb. 13. Mrz 1821, gest. 17. August 1859. Selig sind, die da
Leid tragen, denn sie sollen getrstet werden.
    Lehnert, als er die Worte las, faltete die Hnde, als er aber sah, da die
Alte nach ihrem Sacktuch suchte, ri er die Hnde gleich wieder auseinander und
sah rgerlich weg, weil er wute, da alles blo Schein und Komdie war und die
Alte nur weinte, weil sie weinen wollte. Sie steckte denn auch das Tuch wieder
ein und bckte sich, um eine groe gelbe Studentenblume zu pflcken.
    Das war seine Lieblingsblume, sagte sie.
    Weit du das gewi, Mutter? Ich habe noch keinen Menschen gekannt...
    In diesem Augenblicke schlug die Turmuhr ein Viertel, und Lehnert unterbrach
sich mitten im Satz. Es ist Zeit, fuhr er fort, ich kann den Alten nicht
warten lassen und mu nun hin und mir meine Litanei holen. Als ob ich in der
Kirche nicht schon genug gehabt htte. Willst du hier auf dem Kirchhof warten,
oder gehst du lieber gleich nach Hause? Eine Weile wird es in der Pastorstube
doch wohl dauern, Siebenhaar ist nicht immer der Krzeste. Oder willst du lieber
nach dem Kretscham hinber und dir bei Pohl einen Ingwer geben lassen?
    Die Alte verschwor sich gegen den Kretscham und den Ingwer; ihr sei heute so
andchtig wie lange nicht, und so wollte sie denn lieber gleich nach Hause. Da
sei sie doch am liebsten und am ntigsten. Opitzens Christine hab ihr freilich
versprochen, in der Kche nach dem Rechten zu sehen, aber vielleicht habe die
gute Seele selber alle Hnde voll zu tun.
    Und so verlieen sie denn gemeinschaftlich den Kirchhof.
    Als sie drauen am Portal waren, mute die Alte, wenn sie nach Krummhbel
und Wolfshau zurck wollte, scharf nach links hin abbiegen, sie lie sich's aber
nicht nehmen, ihren Sohn erst noch bis zur Pfarre, die nach der
entgegengesetzten Seite hin lag, zu begleiten, wo sie, vor dem Pfarrhaus
angekommen, vorsichtig wartete, bis er eingetreten und im Flur verschwunden war.
Dann aber steuerte sie sofort mit einem geschickten kleinen Umwege nach dem
Kretscham hinber, um sich hier den Ingwer geben zu lassen, den sie, weil ihr
noch so andchtig sei, vor wenig Minuten erst abgelehnt hatte.

Lehnert stand inzwischen auf dem khlen Fliesenflur und wartete, denn niemand
erschien, trotzdem die Klingel zweimal angeschlagen hatte. Die Hoftr, hinter
der ein alter Nubaum stand, stand weit auf, und das Summen einer Wespe, die
sich vom Hof her in den Flur verirrt hatte, war das einzige, was die Stille
unterbrach. Endlich kam die Magd und sagte, sie wisse schon, er mge nur
eintreten.
    Das tat er denn auch.
    Es war des Alten Studierstube, die Lehnert von seinen Kindertagen her
kannte. Das Christusbild, mit Friedrich Wilhelm III. und dem Kronprinzen zur
Linken und Rechten, hing noch geradeso schief wie vor vierzehn Jahren, als er
hier, wchentlich zweimal, auf einer wackligen Konfirmandenbank gesessen hatte.
Alles genau wie damals und nur die Dielen noch etwas ausgehhlter.
    Lehnert hatte so seine Betrachtungen, kam aber nicht weit damit, denn in der
nchsten Minute schon trat der Alte, der mittlerweile seinen Talar abgelegt und
einen Imbi genommen hatte, von der Nebenstube herein und lie sich in einen vor
seinem Schreibtisch stehenden Polstersessel nieder.
    Ja, Lehnert, hob er an, es ist das alte Lied. Deine Mutter hat sich
wieder ber dich beklagt.
    Ach, Herr Prediger...
    ... Und da du wieder deine Tobsucht hast und nichts wie bittere Worte
sagst und ihm, ich meine natrlich deinen Nachbar Opitz, den Tod an den Hals
wnschst und fluchst und dich verschwrst, da er dran glauben solle. Lauter
gotteslsterliches dummes Zeug, fr das du viel zu klug und, ich mu dir das
nachsagen, auch eigentlich viel zu gut bist. Ich begreife dich nicht. Du hast
doch einen guten Verstand und hast die gute Schule gehabt, und wenn ich auch
wei, da man nicht immer nach dem Worte Gottes lebt, so kennst du's doch und
darfst nicht so sprechen, als ob du's nicht kenntest und als ob es gar nicht da
wre. Du weit recht gut, da es da ist, und weit auch recht gut, da Gottes
Wort heilig ist und da es das klgste und beste ist, seine Gebote zu halten.
Aber du redest drauflos wie ein Heide und Trke...
    Ach, Herr Prediger...
    Wie ein Heide und Trke, sag ich, und tust es nicht blo zu Haus und in
deinen vier Pfhlen, du sagst es auch jedem, der's hren will, und wenn du dich
mde gesprochen und keine Worte mehr gegen ihn finden kannst, dann bindest du
mit dem Grafen an, dem guten gndigen Herrn, von dem du doch weit, wie
nachsichtig er ist, und hltst ihm vor, da er was Besseres tun knne, als
solchen Grotuer und Menschenquler in die Frsterei zu setzen, und da es kein
gutes Ende nehme.
    Lehnert nickte.
    Nun siehst du, du nickst und hltst es nicht mal fr ntig, nein zu sagen
und deinem alten Freund und Lehrer, von dem du weit, da er's gut mit dir
meint, in einer Entschuldigung oder so was hnlichem entgegenzukommen. Du bist
geblieben, wie du schon warst, als du hier mit deinem blonden Krauskopf auf der
Konfirmandenbank saest. Das krause Haar haben sie dir bei den Soldaten
weggekmmt, aber den krausen Sinn haben sie dir nicht wegschaffen knnen, du
bist ein Trotzkopf, voll Selbstgerechtigkeit, und glaubst, alles am besten zu
wissen. Und nun liest du auch noch allerlei dumme Bltter, in denen hochmtige
Schulmeister und verlogene Winkeladvokaten ihre Weisheit zu Markte bringen, und
redest hier in den Kretschams herum von Freiheit und Republik und dem
glcklichen Amerika. Lehnert, Lehnert, dazu bist du mir viel zu schade! Sieh,
Junge! aus dir htt eigentlich was Ordentliches und was ganz apart Gutes werden
mssen, und nun vertust du deine Zeit mit schlechter Tat und schlechtem Wort.
Und das schlechte Wort ist schlimmer als die schlechte Tat. Ich lebe nun hier
seit Anno 29, und noch zwei Jahre, dann hab ich mein Jubilum, und ich darf wohl
sagen, ich kenne euch und wei, da euch allen der Pascher und Wilddieb von
Kindheit an im Leibe steckt. Das wird euch so gleich mit in die Wiege gelegt,
und so nehmt ihr's als euer gutes Recht, und wenn ihr einen Grenzer oder Frster
ber den Haufen schiet, dann ist es nicht Mord, dann ist es Notwehr. Ich wei
das alles und find es traurig genug. Aber ich finde mich darin zurecht, das
heit, miversteh mich nicht, ich finde mich darin zurecht, weil ich die
schwache menschliche Natur kenne, der es schwer wird, der Versuchung und der
Snde, die heute so ist und morgen so, zu widerstehen. Aber da ihr das alles in
der Ordnung findet, da ihr tut, als ob das Gesetz sich gegen euch versndige,
sieh, das ist das Traurige. Und da du die Dummheit mitmachst und auch so
sprichst, als ob der Opitz ein Scheusal und eigentlich nicht viel besser als der
Gottseibeiuns wre, das tut mir leid. Und nun sprich und sage was Vernnftiges.
Aber erst trink ein Glas Wein mit mir. Es ist hei, und die Zunge klebt einem am
Gaumen.
    Der Pastor trank auch wirklich ein Glas; Lehnert aber dankte.
    Nun gut, dann setz dich wenigstens. Und dann sage mir, was du zu sagen
hast.
    Ach, Herr Prediger, Sie wissen ja, wie's liegt, und wissen auch, wir sind
nicht so schlimm, ich schon gewi nicht. Ich war bei den Soldaten und wei, was
gehorchen heit, und is gar kein vernnftiger Mensch, der gegen 's Gehorchen is.
Denn das hlt alles zusammen. Und so mu auch das Gesetz sein. Aber die
Menschen, ja, Herr Pastor, die Menschen, die machen den Unterschied, und wenn
die nichts taugen, dann ist es schlimm. Das wei ich auch noch von den Soldaten
her, und ich darf wohl sagen, und ich hab es schriftlich in meinen Attesten, ich
war ein guter Soldat. Aber auf die, die den Befehl haben, auf die kommt es an,
und was gibt es nicht fr Vorgesetzte! Da mu man antreten mit Gepck und zwei
Stunden auf dem Hofe nachexerzieren, und die Sonne brennt und sticht, und wie
man sich qulen mag, der Paradeschritt taugt nichts, die Griffe bleiben falsch,
und wenn sie noch so richtig wren; immer wieder ran, immer wieder vor, und dann
einen Sto unters Kinn und Verwnschungen und Drohungen, da man's wohl noch bis
zum Zuchthaus oder bis zum Baugefangenen bringen wrde. Ja, Herr Pastor, solch
Unteroffizier - und es gibt's ihrer - verlangt auch Gehorsam und findet ihn
auch, aber wenn's dann pat, dann stellt man ihm ein Bein oder schafft ihn ber
Eck. Und die, die das tun, die sind nicht gegen Gehorsam und Disziplin, die sind
blo gegen den Unteroffizier. Und was mich angeht, Herr Prediger, ich bin nicht
gegen das Gesetz, auch wenn ich's nicht immer halte, ich bin blo gegen den
Opitz, diesen Schuft und Schelm, diesen Saufaus und Menschenschinder.
    Siebenhaar lchelte. Da haben wir's wieder, ganz wie ein Puter, wenn er den
roten Lappen sieht. Du willst Person und Sache trennen. Aber geht das, hast du
ein Recht dazu?
    Ich meine ja, Herr Pastor. Sie wissen, da ich zwei Monat drben in Jauer
war, wie 'n Verbrecher, unter lauter Gesindel. Und das verdank ich ihm.
    Er hat dich angezeigt. Das war seine Pflicht.
    Er hat mich angezeigt, das war seine Lust. So liegt es. Er ist immer lustig
dazu, bei jedem, aber doppelt bei mir, denn wir sind alte Feinde, noch von den
Soldaten und vom Kriege her. Ich kenn ihn, Herr Pastor; er ist ein schlechter
Kerl, und solang ich denken kann, hat er mich geqult. Er war mein Oberjger,
und kein gutes Wort hat er mir je gegnnt. Immer hart, immer roh, auch vorm
Feind, und nur wenn's in die Schlacht ging, war er wie 'n Ohrwurm. Es gibt eben
Kugeln, die sich verirren. Und dann, Herr Pastor, wenn er nicht war, so htt ich
das Kreuz. Aber er hat dagegen gesprochen. Und was hat er gesagt? Ich taugte
nichts, ich wre frech und bermtig, und man knne nicht jedem das Kreuz geben,
der ein paarmal aus einem Fenster geschossen habe, bei guter Deckung. Wahr und
wahrhaftig, bei guter Deckung, so hat er gesagt, der schlechte Kerl. Und er war
gar nicht einmal dabei. Ich will nicht sagen, da er feige ist, nein, feige ist
er nicht, aber ein Neidhammel ist er. Und was dann nachher kam, ich meine das
vorige Jahr, nun, das wei der Herr Pastor. Von Unschlitt und Schimmelbrot will
ich leben, wenn ich's dem Kerl verzeih, da er mich belauert und an die
Grenzaufseher verraten hat und da sie mich nach Jauer abgeliefert haben. Und
warum? Um ein Stck Reichenberger Tuch, nicht der Rede wert! Immer hat er mir
den Weg gekreuzt. Hol ihn der Teufel!
    Siebenhaar drohte halb scherzhaft mit dem Finger. Lehnert aber trat an den
Alten heran und bat in einem Tone, drin sich Ernst und gute Laune die Waage
hielten, um Entschuldigung.
    Ich will dir den Teufel zugute halten, Lehnert, wiewohlen man ihn nicht
anrufen soll. Aber versprich mir dafr, Friede zu halten. Ich wei nicht, ob er
dir unrecht getan hat mit dem Kreuz, aber wenn es auch wre, du mut es
vergessen.
    Will's versuchen.
    Versprichst du's ernsthaft? Hab ich dein Wort?
    Ja. Aber wenn er wieder anfngt...
    Er wird nicht. Ich werde mit ihm sprechen, und du sollst Bescheid haben.
Vielleicht bald. Und dann komm ich selbst.

                                Drittes Kapitel


Whrend Lehnert dieses Gesprch hatte, schritt der, dem all diese Drohungen
galten, heimwrts auf Wolfshau zu, wo seine Frsterswohnung mit der der
Menzschen Stellmacherei grenzte. Der nchste Weg nach Haus wre der unten im
Tal, an der Lomnitz hin, immer fluaufwrts, gewesen, er mied ihn aber, weil
dieser nhere Weg ohne Wirtshaus war und er ernstlich vorhatte, sich bei einem
Glase Bier und einem guten Gesprch von den Anstrengungen der Siebenhaarschen
Predigt, die, wie gewhnlich, gut, aber etwas lang gewesen war, zu erholen.
    So stieg er denn, den Umweg nicht scheuend, die groe Strae bergan auf
Krummhbel zu, wo er sicher war, in dem prchtig gelegenen Wirtshause Zur
Schneekoppe den ersehnten guten Trunk und vor allem auch eine gute, das heit
eine gefllige Gesellschaft zu finden, die sich's angelegen sein lie, ihn reden
zu lassen und ihn bei jedem dritten Worte Herr Frster zu nennen. Denn sich
umworben und ausgezeichnet zu sehen und Ehre vor den Menschen zu haben, war das,
wonach ihm zumeist der Sinn stand. Sein Hhnerhund Diana, der darauf dressiert
war, die Predigt drauen auf einer von der Sonne beschienenen Kiesstelle zu
verschlafen, folgte dicht hinter ihm, ein schnes, schwarz und wei geflecktes
Tier.
    Und keine halbe Stunde, so bog er in Krummhbel ein, drin eine sonntgliche
Stille herrschte. Links lief ein Wsserchen und schumte, Hhner und Sperlinge
pickten berall umher, wo eine Krippe gestanden hatte, und in der offenen
Haustr lehnten einzelne Dorfbewohner und genossen der Sonntagsruhe.
    Guten Tag, Herr Frster, sagte Gerichtsmann Klose, seine Pfeife
respektvoll aus dem Munde nehmend, und Guten Tag, Herr Frster, wiederholte
die nebenan wohnende, fr gewhnlich mit ihren Gunstbezeigungen etwas kargende
Frau Bhmer den Gerichtsmann Kloseschen Gru auch ihrerseits und trat aus ihrem
Kramladen in die Dorfstrae hinaus, um dem Vorbergehenden die Hand zu geben,
ja, sie schien ihn sogar anreden zu wollen. Des Frsters Haltung aber war so
steif und gemessen, da selbst Frau Bhmer mit ihrer Frage zurckzuhalten fr
gut fand.
    Und nun noch hundert Schritte, so stand unser Frster Opitz vor Exners
Schneekoppe, trat aber nicht ber den Schwellstein in den Flur, sondern bog
gleich daneben in einen von einem Staketenzaun eingefaten Garten ein, in dem,
um einen pltschernden Springbrunnen herum, und zugleich in Front einer groen
Veranda, viele Sommergste saen. Sich diesen zu gesellen fiel Opitz aber nicht
ein, weil er im Vorbergehen herausgehrt hatte, da es Berliner waren, also
Leute, von deren eigener Eingebildetheit er fr die seinige nicht viel zu hoffen
hatte. So ging er denn lieber auf eine kleine, von wildem Wein umwachsene
Holzlaube zu, wo noch niemand sa, und lie sich hier an einem langen,
braungestrichenen Etisch nieder, von dem aus, unmittelbar an der Wand daneben,
ein Klingeldraht nach dem Wirtshause hinberfhrte. Diesen zog er. Die Bedienung
war aber einigermaen sumig, was ihn, weil er eine Verkennung seiner
Wichtigkeit und Wrde darin erblickte, sofort heftig rgerte. Wirklich, sein
ohnehin etwas auf Schlagflu deutendes Gesicht wurde von Minute zu Minute rter,
und erst den Hut vom Kopf nehmend und gleich danach das Sacktuch aus seiner
Tasche ziehend, begann er sich in nervser Unruhe bald mit dem einen, bald mit
dem andern zu beschftigen. Endlich kam die Bedienung, eine schne schwarze
Person, von der es hie, da sie Kunstreiterin gewesen und als Kind durch fnf
Reifen gesprungen sei, was ihr jetzt freilich etwas schwer htte werden sollen,
und entschuldigte sich, da der Herr Frster so lange habe warten mssen.
    Schon gut, Marie, schon gut.
    Und nun bestellte er eine Kulmbacher und ein Schnitzel. Aber ohne Kapern
und Sardellen!
    Die Kulmbacher kam denn auch bald, aber das Schnitzel au naturel lie auf
sich warten, und in der ihm sofort wiederkehrenden Unruhe nahm er diesmal, statt
des Sacktuches, ein Notizbuch aus seiner Tasche und begann Einzeichnungen zu
machen, die, seiner Miene nach, von besonderer Wichtigkeit sein muten. In
Wahrheit aber waren es blo Krickelkrakel, bei deren gedankenloser Hinmalung er,
aller Aufregung und Wichtigtuerei zum Trotz, nach der groen Veranda und den in
Front derselben stehenden Tischen hinbersah.
    Der ihm zunchst stehende Tisch war der unzweifelhaft anziehendste: zwei
Herren und eine Dame saen daran, mit ihnen zwei hbsche Kinder. Letztere
freilich waren von einer Beweglichkeit, da man sie kaum noch als Tischgste
rechnen konnte, woran, neben angeborener Fahrigkeit, vor allem der Springbrunnen
schuld war, von dessen Staubregen sich treffen zu lassen ein nicht enden
wollendes Vergngen fr sie war. Die weien Waschkleider machten denn auch
bereits ihrem Namen Ehre und wurden in ihrer Durchntheit nur noch von dem
blonden Haar bertroffen, das in einzelnen langen Strhnen bis auf die
rosafarbenen Schrpen herabhing.
    Geraldine, sagte der ltere der beiden Herren, indem er sich der, trotz
ihrer neununddreiig, immer noch sehr schnen Dame zuwandte, du solltest es
ihnen verbieten. Es ist weder opportun noch sanittlich zulssig.
    Aber unterhaltlich und vergnglich, antwortete die Dame mit sehr
berlegener Miene. Nur keine Philistereien, Espe; dazu hast du zu Hause Zeit
genug, in unserem lieben schrecklichen Berlin. Es wird sich ja wohl eine
Pltterin hier finden lassen. Jugend ist Jugend, und da sie keine Tugend hat,
ist blo Verleumdung. Frage nur Herrn Lieutenant Kowalski.
    Dieser, der schon vor fnfzehn Jahren den mageren Dienst in der Armee mit
dem vorteilhafteren in einer Hagelversicherungsgesellschaft vertauscht, seinen
Leutnant aber trotzdem beibehalten hatte, wartete die von dem lteren Herrn zu
stellende Frage gar nicht erst ab, sondern entschied sich sofort fr ein
unbedingtes und mit groer Emphase vorgetragenes laisser aller, was durchaus
zu dem phrasenhaften Wesen des Herrn Lieutenant stimmte, der seine ganz auf
Flunkerei, Zynismus und Prosa gestellte Natur hinter hochtnenden Redensarten,
zu denen auch ein paar franzsische Stze gehrten, zu verbergen trachtete. Je
mehr er persnlich, so fuhr er nach einem mehrfach wiederholten laisser aller
fort, in zurckliegenden Jahren unter dem Drill des Dienstes gelitten habe, je
mehr sei er fr Freiheit. Freiheit sei das einzige richtige Lebensprinzip, und
der inneren Stimme gehorchen zu drfen, und hierbei suchte sein Blick das Auge
der schnen Frau, sei nicht blo das Glck, sondern auch das Heil des Daseins.
Nichts ber eine freie Seele. Ganz frei. Nur auf die Weise werde die Lge
hinschwinden, was dann gleichbedeutend sei mit dem Siege wirklicher
Sittlichkeit.
    Kowalski, wenn er einen lngeren Satz sprach, schlo immer mit Sittlichkeit
ab.

Opitz, so scharf er aufpate, sa doch zu weit ab, um jedes Wort, das am
Nebentische gesprochen wurde, wegfangen zu knnen, aber wenn er es auch aufgeben
mute, dem Gange der Unterhaltung in aller Deutlichkeit zu folgen, so gab er es
doch nicht auf, sich mit Hilfe dessen, was er mit scharfem Auge sah, in dem
Verhltnis der drei Personen zueinander zurechtzufinden. Der aschfarbene kleine
Herr mit dem wenigen Haar und der Goldbrille war offenbar der Gatte der Dame,
was sich schon aus der Devotion ergeben haben wrde, mit der er sich gegen sie
benahm. Aber wie kam sie zu diesem Hutzelmnnchen? Viel erklrlicher war ihm der
militrisch wirkende Herr, hinsichtlich dessen ihm eigentlich nur unsicher
blieb, ob er ihm eine dauernde oder nur eine vorbergehende Beziehung zur
schnen Frau zuschreiben sollte.
    Das Schnitzel, mit dem Marie jetzt endlich erschien, unterbrach seine
Betrachtungen, die natrlich nur den Charakter von Vermutungen gehabt haben
konnten, und gab ihm statt dessen die Mglichkeit in die Hand, durch einige
direkt gestellte Fragen um einen reellen Schritt weiterzukommen.
    Sagen Sie, Marie, wer sind die Herrschaften da?
    Rechnungsrat Espe mit Frau und Kindern.
    Und der groe stattliche Herr?
    Ist ein Herr Lieutenant, aber blo a. D.; seinen Namen hab ich vergessen.
    Und gehren zusammen?
    Nein. Er hat sich erst neuerdings hier eingefunden. Und nun machen sie
Partien. Jeden Tag eine.
    So, so.
    Ja.
    Hier brach es ab, und es entstand eine Pause, whrend welcher Marie sorglich
und langsam den Tisch arrangierte, gerade langsam genug, um zu weiteren Fragen
aufzufordern.
    Und wirklich, es gab auch kein langes Warten darauf.
    Espe, fuhr Opitz nach einer kleinen Weile fort. Und Rechnungsrat. Hm. Er
behandelt seine Frau, als wre sie wenigstens eine Prinze oder doch eine vom
Theater...
    Ist auch so was. Und er soll ihr zweiter Mann sein... Das heit, eigentlich
ihr erster. Denn ihr erster war keiner und war zu vornehm, um es zu werden. Und
da kam Espe, der damals noch sehr unten war. Und die Kinder, so heit es, sind
auch gleich mitgekommen.
    
    Von Espe?
    Nein, kicherte Marie. Von Espe nicht; von dem andern. Es soll, glaub ich,
ein Prsident gewesen sein. Ach, es ist doch ein merkwrdiges Leben in dem
Berlin, und ich mchte da nicht hin. Man ist da ja keinen Augenblick seines
Lebens sicher, und ich htte keine ruhige Stunde mehr.
    Na, das ist recht, Marie, lachte Frster Opitz und patschelte der
Sprecherin die Hand. Aber wissen Sie, Marie, bedenken Sie sich's noch; - Sie
sehen ja, da nicht viel Schlimmes dabei herauskommt. Eine Rtin ist am Ende
nicht zu verachten und sollt Ihnen schon gefallen. Opitz htte wohl noch
weitergesprochen, wenn nicht in eben diesem Augenblick ein Kamerad, der alte
Frster von der Annakapelle, samt Grenzaufseher Kraatz und Lehrer Wonneberger,
dessen Schule bei den Baberhusern hoch oben im Gebirge lag, in den Exnerschen
Garten eingetreten wre. Das war alte Bekanntschaft, und Opitz, der einen guten
Diskurs liebte, ging ihnen, was eine groe Auszeichnung war, drei Schritte
entgegen und begrte jeden einzeln. Er sei froh, da sie kmen, denn er hab
einen ganzen Sack voll Neuigkeiten. Es gehe wieder was vor, und der
gottvergessene Kerl, der Gambetta, stecke dahinter.
    Ja, fuhr er fort, der Gambetta, wenn's nich der Skobeleff is; dem trau
ich auch nicht. Alle Wetter, wir haben sie nun all am Kragen gehabt und jeden
geschttelt und ausgeschmiert; nur der Russe war noch nicht dran, der fehlt
noch. Aber ich denke, den fassen wir auch noch. Nennt sich immer Freund. Aber
was heit Freund! Alles Fusel und Dusel. Wenn sie nicht den Kaviar und die
Juchten htten, wr's gar nichts. Da mu auch einmal aufgerumt werden. Was
meinen Sie, Kraatz? Sie sind ja doch auch ein Mann, der was hrt und wei und
mit dabei war.
    Whrend Opitz noch so sprach, hatte man sich's um den Tisch her bequem
gemacht. Die Klingel wurde gezogen, eine Bestellung folgte der anderen, und ehe
zehn Minuten um waren, hrte man, aus der Holzlaube her, nichts als Lachen und
das Zusammenstoen der Seidel.
    Unter der nachbarlichen Veranda aber, wo die Espes gesessen hatten, war
alles still und leer geworden.

Ja, alles war still und leer geworden, und doch wurden Opitz und seine Freunde
beobachtet, nicht von Gsten drauen, deren es kaum noch gab, wohl aber von
Gsten, die drinnen im Exnerschen Hause saen und durch die Fenster der
Gaststube nach der Holzlaube hinbersahen, kleine Leute von Querseiffen und
Wolfshau her, Freunde Lehnerts, Fhrer und Trger, auch wohl Pascher und
Wilderer, die hier herkmmlich nach dem Gottesdienst - und sie waren auch heute
wieder mit unten in der Arnsdorfer Kirche gewesen - ihren Sonntag feierten.
Allen gemeinsam war das Gedienthaben bei den Grlitzern oder den
Siebenundvierzigern oder den Knigsgrenadieren in Liegnitz, und kaum einer
befand sich unter ihnen, der nicht die Kriegsdenkmnze getragen htte. Von einer
richtigen Mahlzeit war nicht die Rede, sie begngten sich mit einem Grnen
oder einer Stonsdorfer, und die kleine Stummelpfeife ging nicht aus.
    Opitz lt heute was draufgehn, sagte der dem Fenster zunchst Sitzende.
Wenn ich recht gezhlt hab, ist er schon beim dritten Seidel und sieht aus wie
'n Puter. Ihr sollt sehen, er biert sich noch den Schlag an den Hals, und eh
Gott den Schaden besieht, ist er um die Ecke.
    Du mut ihm heute was zugute halten, Schmidt. Siebenhaar hat ja gepredigt,
als ob Krummhbel und Wolfshau so was wie Sodom und Gomorrha wr. Und so was
hrt Opitz gern. Und was ihn am meisten gefreut haben wird, nu das war, da
Siebenhaar immer nach der Ecke hinsah, wo Lehnert Menz sa, und htte blo noch
gefehlt, da er ihn beim Namen genannt htt. Und ich sah auch, wie Lehnert sich
verfrbte.
    Ja, sagte Schmidt. Und dabei hat Lehnert noch 'nen Stein bei ihm im Brett
und ist eigentlich sein Liebling. Da er ihn, weil er so findig und anschlgig
war, auf die Schule geschickt hat, nach Jauer hin, na, das wit ihr, und nun
nimmt er doch Partei fr den Opitz, der ihn zwei Monat ins Jauersche Prison
geschickt hat. Und das mu ich sagen, Schule war gerad auch nicht mein Fall,
aber doch immer noch lieber als Prison. Ich versteh den Alten nicht, und ich
kann es mir mit seiner Predigt blo so denken, da er ein Unglck verhten will.
Er wei, da es beide harte Steine sind und da es kein gutes Ende nimmt, wenn
nicht Friede wird. Einer mu klein beigeben, und der eine mu Lehnert sein, weil
es Opitz nicht sein kann. Er is doch nu mal ein Mann im Amt und sozusagen im
Recht. Hol's der Teufel, da ich das sagen mu. Und da hat Siebenhaar ihn warnen
wollen, ich meine den Lehnert, und ihn ermahnen, da er zu Kreuze kriecht.
    Es wird aber nicht helfen. Is alles ein alter Schaden noch von den Soldaten
her und nun schon viele Jahre zurck. Opitz ist ein Quler und Schufter und war
es immer. Er hat ihn schikaniert vom ersten Tag an, ich wei nicht warum. Ich
glaube, Lehnert war ihm zu forsch und zu freiweg und nicht untertnig genug, und
ich erinnere mich, da das ein ewiges Schnauzern war. Das will ein Jger sein,
du mein Gott, der Menz hat keinen Zug im Leibe, der Menz hat keine Ehre, der
Menz hat keinen Schneid. Und so ging es weiter und nahm kein Ende, bis Menz den
kleinen Fhnrich von Uttenhoven aus dem Wasser zog. Opitz natrlich spttelte
blo, als sei's nichts gewesen, keine vier Fu tief, und der Fhnrich so leicht
wie 'ne Feder; als aber dann die Medaille kam und das Bataillon Carr schlo, da
mute Opitz still sein, und von nicht Ehre und nicht Schneid war keine Rede
mehr. Ich sage euch, Major Griepenkerl, der damals das Bataillon hatte, der
hielt eine Rede, Donnerwetter, der verstand es, das ging an die Nieren, und
htte sich alles wieder zurechtgezogen, wenn nicht der Krieg gekommen wr und
die Geschichte mit dem Kreuz. Opitz hat ihm das Kreuz gestohlen. Eine ganz
verdammte Geschichte...
    Warst du denn mit dabei...
    Nein. Aber so gut wie mit dabei, denn ich stand in demselben Zug und habe
den ganzen Spektakel, der nachher kam, mit erlebt. Alles war fr Menz. Aber
Opitz, der sich bei seinem Hauptmann - es war ein neuer, der alte war gefallen -
in Tee gesetzt hatte, das versteht er, denn nach oben hin kriecht er, und nach
unten hin tritt er und schurigelt er, Opitz, sag ich, wut es so zu drehen, da
Lehnert leer ausging und das Nachsehen hatte. Und von dem Tag an war der
Unfrieden wieder da.
    Wie war es denn eigentlich? War es denn noch bei Sedan? Lehnert spricht nie
davon.
    Nein, bei Sedan war es nicht. Bei Sedan, das war Spa, trotzdem wir fnf
Minuten lang scharf drinsteckten. Aber das ging vorber wie 'ne Regenhusche.
Nein, dies war im Winter, als der franzsische General ... nu, Donnerwetter, wie
hie er doch? Bazaine war es nicht...
    Ducrot.
    Richtig, Ducrot... als der seinen letzten Ausfall machte. Maywald mu ja
davon wissen; die Sechsundvierziger standen dicht neben uns. Aber was ich sagen
wollte, das mit dem Lehnert, ja das war eine verdammte Geschichte. Die dritte
Compagnie hielt die Vorderreihe von Saint-Cloud, und in dem Eckhause rechts,
dran die groe Strae vorbeiluft, lagen zwlf Jger von uns unter Oberjger
Jaczewski, und bei diesen zwlfen war auch Lehnert. Nun, da ich's kurz mache,
die ganze Linie mute zurck, und der Angriff ging zuletzt auf das Eckhaus, das
der Punkt war, auf den es ankam. Ging das Eckhaus auch verloren, so nahm man uns
in die Flanke. Jaczewski fiel, und das Kommando kam an Lehnert, und da war bald
keiner mehr, der nicht einen Denkzettel weggehabt htte; Lehnerten, das hab ich
nachher gesehen, wurde der Gefreitenknopf und der Ohrzipfel weggeschossen. Aber
er wollte nichts von bergabe wissen und hielt aus, bis Sukkurs kam und die
ganze Linie wieder genommen wurde.
    Und kein Kreuz? Das begreife, wer kann. Du mein Gott, da waren doch die
Aussagen der Leute!
    Ja, die Aussagen der Leute. Die Leute, die lagen verwundet im Lazarett und
lieen sich natrlich betimpeln und beschwatzen und sagten aus, was Opitz ihnen
vorredete. Jaczewski habe das Kommando gehabt, und Jaczewski sei gefallen...
    Aber bist du denn auch sicher, da Opitz unrecht hatte? Menz ist ein
forscher Kerl, aber er dnkt sich was, weil er auf Schulen war, und ist eitel
und hlt sich fr mehr, als er ist. Er hat einen Nagel.
    Ja, den hat er, und es ist schwer Friede mit ihm halten. Er hat so was wie
Opitz selber und ist gleich aus dem Huschen. Aber eins mu doch wahr bleiben,
er is ein guter Kerl und ein guter Kamerad und dabei grundehrlich und lt
keinen im Stich, und wenn man ihn nicht reizt und ihm nicht widerspricht und ihm
in seinem Willen zu Willen ist, dann ist er wie 'n Kind, und man kann ihn um den
Finger wickeln.
    Das sag ich auch. Und wenn Siebenhaar es recht angefangen htte, na, dann
htt er Opitzen angepredigt und dem ins Gewissen geredet und von den Geizigen
und Hartherzigen gesprochen, die nicht ins Himmelreich kommen. Aber er hat den
Spie umgedreht und hat Opitzen recht gegeben. Und das ist nicht recht. Denn
Opitz ist ein Narr und ein Qulgeist, und ich wollte blo, er trnke sieben
Seidel und htte seinen Schlag weg. Dann wren wir ihn los, und das arme Volk
wr ihn los, das in den Wald geht, und knnte sich ruhig sein bichen Holz
raffen.
    Und wir knnten einen Spieer wegschieen, ohne Gefahr und Prison. Und das
ist doch immer die Hauptsache.

                                Viertes Kapitel


Opitz hatte keine Eile, nach Hause zu kommen, und die dritte Stunde war fast
schon heran, als er aufbrach und seinen Weg nach seiner Wolfshauer Frsterei hin
fortsetzte. Der alte Frster von der Annenkapelle blieb noch im Exnerschen Lokal
zurck, ebenso Grenzjger Kraatz, und nur Lehrer Wonneberger, der bis zur
Obermhle hin denselben Weg mit Opitz hatte, schlo sich ihm an. Es war ein in
wunderlichen Sprngen gehendes Gesprch, das sie fhrten, erst ber den Papst
und das neue Dogma, von dem beide nicht viel wissen wollten, dann ber Mac
Mahon, der viel zu gut fr die Franzosen, und ber General Tmpling in Breslau,
der zu lang im Dienste sei. All dies wurde brigens in kurzen groen Stzen
erledigt, um dann um so ausfhrlicher auf das Nchstliegende einzugehen, auf
Siebenhaar, auf Exner, Vater und Sohn, auf den alten Laboranten Zlfel mit
seinem Melissengeist und seinen Wundertropfen, auf das Blitzmdel die schwarze
Marie und nicht zum wenigsten auf Rechnungsrat Espe und seine schne Frau.
    Sehen Sie, Wonneberger, sagte Opitz, der stark angeheitert und in der all
seinen Freunden wohlbekannten Stimmung war, in der er alle Welt kssen und
jeden, der dies ablehnte, niederstechen wollte. Sehen Sie, Wonneberger, wenn
ich der Rechnungsrat wre, so soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht mit der
Marie anbndelte, blo um dieser eingebildeten Madame ein Schnippchen zu
schlagen. Die sollte zappeln.
    Wonneberger lachte. Ja, Frster Opitz, wenn Rechnungsrat Espe der Frster
Opitz wre, dann ging' es. Aber er ist blo ein Mnnchen und bringt, wie meine
Berliner oben sagen - Sie wissen doch, da ich wieder Sommergste habe -, die
Forsche nicht raus. Und wenn er auch wollte, wrde denn die Marie wollen? Und
wenn auch die Marie wollte, was man am Ende nie wissen kann, so hlf' es ihm
auch nicht viel. Die Rtin ist doch keine Frau, die sich so was zu Herzen nimmt,
und ich wette, sie wrde blo lachen und sagen: Mein armer Espe! Wenn es ihm nur
nicht schadet.
    Ach, Wonneberger, reden Sie doch nicht so! Man merkt es, bei den
Baberhusern hrt die Welt auf, und deshalb kennen Sie die Welt nicht. Ich sag
Ihnen, die Weiber sind ganz anders, und wenn sie heut einen kleinen stumprigen
Mann ausgelacht haben, so lachen sie morgen einen langen Laband aus. Und wenn es
ein Simson wre. Na, und ein Simson ist dieser Lieutenant Kowalski noch lange
nicht. Immer was anderes, das ist die Hauptsache. Heute der groe Goliath und
morgen der kleine David. Und die Kleinen, glauben Sie mir, Wonneberger, die
Kleinen haben auch ihre Meriten, und wenn sich dieser Rechnungsrat ein Herz
nehmen und der Marie einen Ku geben wollte, das heit einen ordentlichen, der
schmatzt und den man in der Nebenlaube hren kann, so htte die Rtin morgen die
schnsten Krmpfe.
    Wonneberger schien wenig berzeugt, brigens auch unlustig, sich berzeugen
zu lassen, und so brach er denn ab und sagte: Die Marie soll sich ja
verheiraten wollen. Ist es denn richtig, da sie Kunstreiterin war und als Kind
durch fnf Papierreifen gesprungen ist?
    Ich habe sie nicht gezhlt, und es mgen wohl auch ihrer sieben gewesen
sein. Aber fnf oder sieben, es ist eine forsche Person, und sie hat so was, was
nicht jede hat, und wenn sie so das Essen bringt und die Messer und Gabeln ber
den Tisch hinfliegen lt, wie die chinesischen Messerspieler, dann denk ich
immer, es geht wieder los. Haben Sie mal solche Messerspieler gesehen?
    Ei freilich, einen Messerspieler und einen Degenschlucker. Und waren noch
dazu Brder. Das Runterschlucken ging noch; aber wenn er dann die lange Klinge
wieder rausholte... na, so was wird die Marie doch wohl nicht gemacht haben.
    Wer wei. Sie hat so was Biegiges, und da geht alles. Und dann, lieber
Wonneberger, Sie glauben gar nicht, was die Weiber alles knnen, wenn sie
wollen. Sie knnen eigentlich alles, und wenn ich hre, Marie hat einen
Windmhlflgel mit der Kniekehle festgehalten... aber hier ist ja schon die
Mhle... Nu Gott befohlen, Wonneberger, und stecken Sie nicht immer mit dem Menz
zusammen. Er hat jetzt seine zwei Monat abgesessen, und wenn ich ihn recht
kenne, so ruht er nicht eher, als bis er die zwei Monat auf zwei Jahre gebracht
hat. Er ist ein Tunichtgut und, was schlimmer ist, ein bermut und ein
hochfahrender Schlingel, der groe Rosinen im Sack hat. Aber ich werde sorgen,
da sie klein werden.
    Wonneberger wollte was zur Verteidigung sagen, weil er eigentlich eine Liebe
fr Lehnert hatte. Opitz unterbrach ihn aber und fuhr fort: Und Sie wissen
doch, Freund, die Lehrer sollen ein gutes Beispiel geben. Der Liegnitzer
Schulrat pat auf, und da steht man im schwarzen Buch, man wei nicht wie:
Reputation, Wonneberger! Immer aufpassen und nie vergessen, da man Vorgesetzte
hat und da man dem Staat dient und da man mitzhlt. Alles andere gilt nicht,
und wenn es gelten will, ist es Hochmut und Unsinn. Und der Frau Rtin, wenn ich
ihr oben im Gebirge begegne, vielleicht mit dem Kowalski, werd ich ein
Kompliment bestellen, ein Kompliment von ihrem neuen Ritter Wonneberger, Ritter
und Schulmeister, der hoch von ihr denkt. Na, ich nicht. Ich wollte sie schon
ziehen. Spt is es, aber besser spt als gar nicht... Und nun Gott befohlen,
Wonneberger. Und nehmen Sie sich in acht, wenn Sie weiter hin bers Wasser
mssen; die Brcke ist weggeschwemmt, und die Steine sind glatt, und Sie sind
nicht mehr ganz fest auf den Beinen. Adieu, Wonneberger. Sie sind eigentlich ein
guter Kerl, eine gute Schulmeisterseele. Kommen Sie her, Sie sollen noch einen
Ku haben.
    Und nun schieden sie wirklich, und whrend der Lehrer hher bergan stieg,
stieg Opitz einen Abhang nieder, der ihn unten, an einem Waldsaume hin, auf die
Wolfshauer Gemarkung fhrte. Freundliche Huser waren ber einen weiten
Wiesengrund hin ausgebreitet, durch den die Lomnitz scho, an deren diesseitigem
Ufer das Forsthaus, mit dem Hirschgeweih am Giebel, aufragte. Opitz, der jeden
Steg kannte, nahm seinen Weg ber eine hoch in Blumen und Grsern stehende Wiese
hin, und eh er noch bis auf hundert Schritt an seine Gartenpforte heran war,
schlug der groe Kettenhund an, und die bis dahin stumm hinter ihm hertrollende
Diana antwortete mit einem kurzen Blaff.
    Und wenige Minuten spter berschritt Opitz die Schwelle seines Hauses.

Frau Opitz, eine hagere Frau mit tiefliegenden dunklen Augen, die mal schn und
lachend gewesen sein mochten, jetzt aber nur noch gengstigt in die Welt
blickten, empfing ihren Mann und fragte, ob sie decken und das Mittagbrot
auftragen solle.
    So gengstigt die Worte klangen, so klang doch auch was von Vorwurf und
Anklage heraus, was Opitzen, trotz seiner Umnebeltheit, nicht entging.
    Ach was, Brbel. Mittagbrot. Was soll das wieder? Wenn ich nicht da bin,
bin ich nicht da. Du sollst nicht auf mich warten, ein fr allemal. Alles blo
Eigensinn, und mir zum Tort wird das Essen beiseite gestellt und schmort in der
Schssel, da es wie Leder aussieht und wie Leder schmeckt. Ich will Ordnung und
Stunde halten, so soll's sein, und wenn ich die Stunde nicht halte, weil ich sie
mal nicht halten will, nun dann will ich sie nicht halten und will nicht dran
erinnert sein, am wenigsten durch deinen Schmorbraten und dein Jammergesicht, in
dem immer so was liegt, was mich rgert und was ich nicht leiden kann.
    Diana, mde von dem weiten Marsche, war auf den Grovaterstuhl gesprungen
und wollte sich's eben bequem machen. Aber das pate Opitzen schlecht. Ist denn
alle Welt verrckt geworden? Und den Hund beim Fell packend, warf er ihn auf
die Erde und gab ihm einen Futritt. Dann ging er auf einen Schrank zu, nahm
eine mit Rohr umflochtene Flasche heraus und trank. Es war Kirschwasser, zu dem
er, mit oder ohne Grund, das Vertrauen hatte, da es niederschlage. Dann hing
er den Staatsrock an den Riegel, machte die Krawatte weiter und warf sich, einen
Stuhl heranschiebend, aufs Bett. Und keine halbe Minute mehr, so hrte man nur
noch sein Atmen und Schnarchen. Diana kroch unter den Stuhl, und die Frau
Frsterin verlie leise die Stube, drauen in der Kche aber setzte sie sich
zwischen Wand und Herd und lie sich von Christine, die seit etwa zwei Jahren in
ihrem Dienste stand, die Kaffeemhle geben und begann sofort ein allerintimstes
Gesprch. Denn in einem ihr eigentmlichen Klageton ber Ehe zu sprechen war ihr
so ziemlich das Liebste vom Leben, auf das sie nicht verzichten mochte, trotzdem
sie wohl wute, da Christine durchaus abweichender Meinung war.
    Es war ihm wieder nicht recht, Christine. Und wenn ich es nicht warm
stelle, ist es auch nicht recht. Er redet immer von Ordnung, aber jeden Tag hat
er eine andere. Heb ich was auf, weil er zu spt kommt, dann ist zwlf Uhr
Ordnung und darf nichts aufgehoben werden, und heb ich nichts auf, dann ist es
Ordnung, da eine Frau was aufhebt. Und immer grob und bullrig. Ich sage dir,
Christine, heirate nicht! Du steckst so mit dem Lehnert zusammen, aber glaube
mir, einer ist wie der andere.
    Nein, Frau Frsterin, Lehnert ist doch ganz anders.
    Ja, das sagt ihr, das sagt jede; jede denkt, ihrer ist besser und ihr wird
der Kuchen apart gebacken. Aber dem ist nicht so. Freilich hat er nicht solchen
kurzen Hals wie Opitz, und die Kurzhalsigen sind immer die Schlimmsten, das ist
wahr und kann ich nicht bestreiten, aber es bleibt doch dabei, sie sind sich
gleich oder wenigstens sehr hnlich, und einer ist eigentlich wie der andere.
Sie qulen uns blo, heute mit Eifersucht und morgen mit Liebe.
    Na, mit Liebe, das ginge doch noch, Frau Opitz; das is doch nich schlimm.
Liebe, denk ich mir, is die Hauptsache.
    Ja, Kind, das sagst du wohl, weil du noch jung bist. Da sieht es so aus.
Aber nachher ist es alles anders, und mit der Liebe auch. Und wenn man dann alt
ist, ist man blo noch dazu da, sich schimpfen und schelten zu lassen und
Strmpfe zu stopfen und einen Knopf anzunhen.
    Christine versicherte das Gegenteil, und schon ihre Mutter selig habe immer
gesagt: Christine, heiraten mut du, heiraten mu der Mensch. Und die, die viel
schimpfen und schlagen, die sind auch gut, und mitunter sind es die Besten. Und
dann, Frau Opitz, ich habe doch auch schon gesehen, da er Ihnen einen Ku
gegeben hat, und da waren Sie doch ganz vergngt und so ... ja, ich wei nicht
recht wie ... Nein, nein, Frau Opitz, ich lasse mir nichts weismachen. Ich bin
fr Heiraten, und wenn Lehnert nicht will, nu, dann will er nicht, dann will ein
anderer. Ich werde schon einen finden. Und ich wei auch, wie man's machen mu.
Man mu nur immer fidel sein und immer ja sagen und nichts merken von dem, was
man nicht merken soll. Dann kann man hinterher machen, was man will. Ach, liebe
Frau Opitz, Sie verstehen es nicht, Sie sehen immer aus, als ob einer gestorben
wr oder eben dabei wr, und das knnen die Mnner nicht leiden. Nein, nein,
Frau Opitz, ich heirate.
    Und whrend sie noch so sprach, nahm sie den Kessel vom Herd und brhte den
Kaffee. Nicht zuviel, Christine, nicht zuviel; du weit doch, da er ihn gern
stark hat, und weit auch, was er immer dabei sagt: Schwarz wie der Tod und hei
wie die Hlle, was mir immer einen Stich ins Herz gibt. Denn man soll vom Tod
nicht so reden und am wenigsten, wenn man ein Frster ist. Da ist der Tod da,
man wei nicht wie. Und schlagflssig ist er auch, und von dem verdammten
starken Bier kann er nicht lassen. Und dann immer das Kirschwasser. Es schlgt
nieder, sagt er. Ja, wenn es blo ihn nicht niederschlgt...
    In diesem Augenblick fuhren beide Frauen erschreckt zusammen, denn in der
Stube nebenan fiel etwas mit dumpfem Schlage zur Erde. Der Schreck indessen
whrte nicht lange. Frau Opitz erholte sich zuerst. Er hat den Stuhl
umgestoen, und ich will nun hinein und nachsehen, ob er ausgeschlafen hat.
    Opitz, als seine Frau eintrat, stand bereits vor dem kleinen Spiegel mit
blankem Glasrand, der, samt einer doppelten Verzierung von Zittergras, ber der
Kommode hing. Er fuhr sich eben mit der Hand durchs Haar und sah noch halb
verschlafen aus seinen gerteten Augen. Ihr Ausdruck aber war mittlerweile doch
ein anderer geworden, der rger schien mit dem Rausch dahin, und im Spiegel
seine Frau gewahrend, trat er auf sie zu, legte den Arm um ihre Hfte und gab
ihr einen Ku. Die Frau sah verschmt vor sich nieder, denn eigentlich liebte
sie ihn und empfand es als einen Gram, da solche Zrtlichkeiten so selten
waren.
    Soll Christine den Kaffee bringen?
    Versteht sich, soll sie. Und gib mir die Pfeife! Die verdammte Trinkerei
bekommt mir nicht, und der Doktor will's auch nicht und droht mir immer mit dem
Finger. Aber das Fleisch ist schwach. Auch ein Frster und alter Soldat hat
seine schwachen Stunden. Nicht wahr, Brbel? Und nun gib mir auch Feuer und dann
den Kaffee. Aber keine Plempe.
    Brbel, whrend Opitz noch so sprach, klopfte mit dem Knchel an die Wand,
was das Zeichen fr Christine war, und zndete gleich danach einen Fidibus an,
woran Opitz, der sonst in solchen Dingen fr das Neue war, eigensinnig
festhielt. Er hatte nur zufllig einen Ha gegen Schwefel- und Phosphorhlzer.
    Und nun brachte Christine den Kaffee.
    Nu, Christine, la sehen! Ich hoffe, du hast nicht zuviel Bohnen aus der
Mhle springen lassen. Oder hat die Frau gemahlen? Na, na, nur still... Spa mu
sein... In Querseiffen ist heute Tanz. Was meinst du, willst du hin? Die Frau
wird es schon erlauben; nicht wahr, Brbel?
    Die Frau nickte.
    Nun siehst du. Der Lehnert wird auch wohl dasein, und das ist doch die
Hauptsache. He? Na, tu nur nich, als ob's anders wr... Und da ihn Siebenhaar
heute angepredigt und ihm den Kopf a bissel gewaschen und seinen Standpunkt
klargemacht hat, na, das wird ihn dir beim Schottschen nicht verleiden und noch
weniger drauen in der Laube. Tanz ist Tanz, und Ku ist Ku. Und ich gnne ihn
dir auch, und heute lieber als morgen. Denn du bist eine verstndige Person und
wirst ihn schon zurechtrcken, besser als Siebenhaar. Und ist er erst aus dem
Dnkel heraus und sitzt an der Wiege, vielleicht sind es Zwillinge, was meinst
du, Christine? Ja, was ich sagen wollte, sitzt er erst an der Wiege, statt zu
paschen und zu wildern, dann werd ich auch gute Nachbarschaft mit ihm halten.
Ich bin fr Frieden, aber zu gutem Frieden gehren zwei.
    Christine hatte, whrend Opitz so redete, den linken Schrzenzipfel in die
Hand genommen und strich an dem Saum entlang. Als er jetzt schwieg, sagte sie:
Nichts fr ungut, Herr Frster, aber wenn sie besser mit ihm wren...
    ... da wr er besser mit mir, lachte Opitz. Ja, das glaub ich. Ich soll
anfangen und jeden Morgen, wenn ich ihn drben hantieren seh, meine Kapp
abnehmen und ber die Brck hinbergren: Guten Morgen, Herr Lehnert Menz. Herr
Lehnert Menz geruhten wohl zu ruhen. Ach, sehr erfreut. Empfehle mich zu
Gnaden... Nein, nein, Christine, Unterschiede mssen sein, Unterschiede sind
Gottes Ordnungen. Und nun geh und komme nicht zu spt. All Ding will Ma haben.
    Christine ging. Frau Brbel aber hatte mittlerweile nach ihrem Strickstrumpf
gegriffen und sah verstimmt vor sich hin, weil es ihr gegen die Hausfrauenehre
war, da Opitz sich in ihre Sache gemischt und der Christine, so mir nichts, dir
nichts, einen Ausgehetag angeboten hatte. Sie schwieg aber, und erst als Opitz,
der heute den Galanten und Rcksichtsvollen spielte, sie mit freundlicher Miene
bat, das Licht und den Fidibusbecher vor ihn hinzustellen, weil er sie nicht
immer wieder inkommodieren wolle, hielt sie mit ihrer neben allem rger
herlaufenden Neugier nicht lnger zurck und sagte: Angepredigt hat er ihn?
Bist du denn auch sicher? Er wird ihn doch nicht beim Namen genannt haben?
    Nein, sagte Opitz, dessen gute Laune durch seiner Frau Neugier eher
gesteigert als gemindert wurde, nein, er nannte keinen Namen. Aber es war so
gut, als ob er ihn genannt htte, denn alles sah nach der Ecke hin, wo die
Menzens saen. Und die Alte nickte mit dem Kopf, als ob sie jedes Wort
unterschreiben wolle. Freilich wei ich, da es nichts zu bedeuten hat, ihr
steckt noch so was Polnisches im Blut, kriecht und scherwenzelt immer hin und
her und kann keinem ins Gesicht sehen, und von alldem, wovon der Lehnert zuviel
hat, hat sie zuwenig. Alte Hexe, verschlagen und heimtckisch und feige dazu.
    Sie taugt nicht viel. Aber du wirst doch dem Sohne die Mutter nicht
anrechnen wollen?
    Nein, lachte Opitz. Das nicht, und ist auch nicht ntig, denn er trgt an
seinem eignen Bndel gerade schwer genug. Er trotzt mir, und weil er, auer der
Denkmnze, auch noch das Ding, die Schwimmedaille, hat, ich sage die
Schwimmmedaille, denn von Retten war keine Rede, und weil es, Gott sei's
geklagt, nahe dran war, da er das Kreuz kriegte, spielt er sich mir gegenber
auf den Ebenbrtigen und den berlegenen aus. Ich wette, er wildert blo, um mir
einen Tort anzutun; er knnte die Dummheit sehr gut lassen, bei der ohnehin
nicht viel rauskommt, aber es macht ihm Spa, mir so unter der Nase hin ein Wild
wegzuknallen. Das ist es. Aber ich denke, die zwei Monat in Jauer werden ihm
gezeigt haben...
    Du bist zu streng, Opitz.
    Unsinn! Streng! Was heit streng? Ich tu meine Pflicht.
    Zu sehr. Du mtest auch mal ein Auge zudrcken.
    Bah, Brbel, du redest, wie du's verstehst. Auge zudrcken. Dazu bin ich
nicht da, dazu bin ich nicht in Dienst und Lohn. Ich sage Lohn, ein gutes, altes
Wort, das die dummen Neumod'schen nicht mehr hren wollen. Ich bin dazu da, die
Augen aufzumachen. Und tu meine Pflicht zu sehr, sagst du! Als ob man jemalen
seine Pflicht zu sehr tun knnte. Man kann sie falsch tun, am unrechten Fleck,
soviel geb ich zu; tut man sie aber am rechten Fleck, so ist von zu sehr keine
Rede mehr. Die Gesetze sind nicht dazu da, da Hinz und Kunz mit ihnen
umspringen. Das verloddert blo. Ich bin nicht so dumm, da ich mir einbildete,
wenn der Rehbock geschossen wird, geht die Welt unter. Nein, die Welt geht nicht
unter. Aber Ordre parieren geht unter, Ordre parieren, ohne das die Welt nicht
gut sein kann. Und heut am wenigsten, wo jeder denkt, er sei Graf oder Herr und
knne tun, was ihm beliebt, und sei kein Unterschied mehr. Das ist die verdammte
neue Zeit, die das Maulhelden - und Schreibervolk gemacht hat, Kerle, die keinen
Fuchs von einem Hasen unterscheiden knnen, trotzdem sie beides sind. Geh mir
damit. Ich wei, was ich zu tun hab. Und dieser Bengel, dieser Herr Lehnert
Menz, gehrt auch mit dazu, hat die Glocken luten hren, schwatzt und quatscht
von Freiheit, will nach Amerika gehen und hat keine Ahnung davon, da sie da
drben noch ganz anders heran mssen als hier, sonst holt sie der Teufel erst
recht und lacht sie mit ihrer ganzen Freiheit aus. Ich sage dir, hier ist es am
besten, hier, weil wir Ordnung haben und einen Knig und eine Armee und
Bismarcken. Ich sage dir, was die Richtigen sind da drben, die lachen, wenn sie
von Freiheit hren; denn die wissen am besten, da nichts dahinter ist. Ich bin
ein Mann in Amt und Dienst, und meinen Dienst tu ich, und wenn es mir ans Leben
geht.
    Sprich nicht so! Beruf es nicht!
    Unsinn! Unsere Stunden sind gezhlt, und wir knnen uns keine zulegen und
keine wegnehmen.
    Doch, doch, sagte die Frau.

                                Fnftes Kapitel


Der Frster war unter diesem Gesprch ans Fenster getreten und sah auf die hart
an seinem Vorgarten vorberfhrende Fahrstrae. Jenseits derselben, dem Blick
entzogen, flo die tief eingebettete Lomnitz, und man hrte nur ihr Hinschumen
ber das Steingerll. Opitz ffnete das Fenster, um frische Luft zu schpfen,
nahm ein Kissen und wollte sich's eben bequem machen, als er, Lehnerts gewahr
werdend, unwillkrlich zurcktrat, aber doch nur so, da er, von der Strae her,
immer noch deutlich gesehen werden konnte. Lehnert sah ihn auch wirklich und hob
seinen Zeigefinger nachlssig und wie zu halbem Gru bis an den Schirm seiner
Mtze.
    Wie der Kerl nur wieder grt, rief Opitz seiner Frau zu. Hast du
gesehen, Brbel? Und das soll ich fr einen Gru nehmen. So grt man einen
Rekruten, aber nicht einen Vorgesetzten. Und das Gesicht dazu...
    Du bist nicht sein Vorgesetzter.
    Ach was. Was weit du davon. Ich sage dir, ich bin's. Und wenn ich es nicht
wr, ein Mann in Amt und Wrden ist allemal eine Respektsperson. Der Gernegro
da drben kann seinen Gru lassen und sagen, er habe mich nicht gesehen, aber
wenn er mich grt, mu er mich gren, wie sich's gehrt, Mtze runter oder den
Finger fest an den Streifen, und nicht so wie von ungefhr und wie blo zum
Spa. Das ist Unordnung und Unmanier.
    Opitz hatte sich unter diesen Worten ausgewettert, und als ihm gleich danach
eine behaglichere Stimmung wiederkehrte, trat er auch wieder ans Fenster und
lehnte sich hinaus, um sich an den Narzissen und Aurikeln zu freuen, die
sprlich in seinem Vorgarten blhten. Dabei blies er Wolken aus seinem
Meerschaum in die stille Luft und lie, unter behaglichen Trumen, alles an sich
vorberziehen, was der Tag gebracht hatte, darunter auch den Diskurs in der
Exnerschen Laube mit Grenzaufseher Kraatz und dem alten Frster von der
Annakapelle. Was er dann spter noch, und schon auf dem Heimwege, zu Lehrer
Wonneberger gesagt hatte, darber unterhielt er nur unklare Vorstellungen und
entsann sich blo, da es allerhand krauses Zeug ber Frauen gewesen sei, Frauen
im allgemeinen und Kunstreiterinnen im besonderen. Ach das verteufelte Bier!
Aber Wonneberger war auch schon etwas filig und wird nichts gemerkt haben. Und
wenn auch, morgen ist alles in den Wind.
    Lehnert, als er an Opitz vorbei war, war auf sein Haus zugegangen, das
unmittelbar jenseits der Lomnitz lag, der Frsterei so nahe, da man sich
gegenseitig so gut wie in die Fenster sehen konnte. Nichts als Flu und
Fahrstrae trennte beide Gehfte, deren gesamtes Acker- und Heideland in alten
Zeiten ausschlielich Stellmacher Menzsches Eigentum gewesen war, bis man, auf
dem diesseits der Lomnitz gelegenen Kusselstreifen, eine Frsterei gebaut und
nur alles jenseits des Flusses Gelegene bei den Menzes belassen hatte. Das war
jetzt runde dreiig Jahr, und fast ebensolange hatte man hben und drben ohne
Neid und Eifersucht gelebt, trotzdem dazu, wie nun mal die Menschen sind,
vielleicht Grund gewesen wre. Denn wenn einerseits die neue Frsterei, mit
ihrer Sauberkeit und ihrem roten Dach, die drben gelegene, hier und da sehr
baufllige Stellmacherei weit in den Schatten stellte, so hatte diese dafr die
fette Seite behalten, whrend sich die Frstersleute, den kleinen Vorgarten
abgerechnet, mit einem Streifen Heideland und einem noch schmaleren
Lupinenstreifen begngen muten. Aber das alles hatte die ganze Zeit ber keinen
rger geschaffen und noch weniger der zufllige Umstand, da das auf einer
Stein- und Gerllinsel, inmitten zweier Lomnitzarme, gelegene Menzsche Wohnhaus,
sowenig gepflegt es war, doch kastellartig auf alles unmittelbar Umhergelegene
herabsah, und natrlich auch auf die Frsterei. Zu keiner Zeit, um es zu
wiederholen, war an diesem und hnlichem Ansto genommen worden, bis Opitz ans
Regiment kam, von dem, ohne da er es zugab, die Hochlage der Stellmacherei
drben einfach als ein Tort empfunden wurde.
    Selbstverstndlich unterhielt diese malerische Kastellinsel auch ihre
Verbindungen mit dem Festland, und zwar mit Hilfe zweier Brckenstege, von denen
der eine beinah unmittelbar nach der Frsterei, der andere, nach der
entgegengesetzten Seite hin, erst nach dem Menzschen Ackerland und gleich
dahinter nach dem schrg ansteigenden grflichen Forst hinberfhrte. Der
Ackerstreifen war mit Roggen und Kartoffeln bestellt, von denen der Roggen in
diesem Jahre ganz wundervoll stand, auf dem Inselchen selbst aber befand sich,
in geringer Entfernung vom Wohnhaus, noch ein Arbeitsschuppen, drin Lehnert die
schon von Vater und Grovater her ererbte Stellmacherei betrieb, ein Geschft,
das im Frhjahr und Herbst meist gut ging, im Sommer aber beinah ruhte.

So war es auch heut. Alles ruhte. Freilich sah man einen Pflug und ein paar alte
Karren und Wagenachsen unter dem Schuppen stehen, aber all diese Dinge konnten
ebensogut zur eignen Wirtschaft gehren wie zur Reparatur abgeliefert sein. In
dem abgeschrgten Vorgarten von nur geringer Tiefe, durch den eine
Feldsteintreppe zu dem Huschen hinauffhrte, blhten Georginen und Reseda,
whrend ein alter Rosenstrauch von betrchtlicher Strke neben der Haustr
aufwuchs und sein mit gelben Rosen berdecktes Gezweig unter dem Strohdach hin
ausspannte. Nachmittagssonne lag auf Haus und Gehft, und nichts war hrbar als
die doppelarmig vorberschieende Lomnitz und das Meckern einer Ziege vom Stall
her. Ein Hahn, ein schnes Tier mit Silberhals, stolzierte den Schuppen entlang,
aber er krhte nicht und hatte wenig Aufmerksamkeit fr die Hhner, die sich
Erdlcher gemacht hatten, um sich zu khlen.

Nicht voll so still war es drinnen im Hause, darauf Lehnert, von der Frsterei
her, eben zuschritt.
    Er hatte sich unterwegs nicht beeilt, ebensowenig wie Opitz. Vom Pastorhause
war er zunchst nach dem Kretscham hinbergegangen und hatte hier von dem ihn
begrenden Wirt erfahren, da Frau Menz, seine Mutter, eben dagewesen sei und
gerad an demselben Tisch erst einen Grnen und dann einen Ingwer getrunken
habe. Das hrte Lehnert nicht gern. Er gnnte der alten Frau die kleine
Herzstrkung, denn er liebte sie trotz all ihrer Schwchen, aber er rgerte sich
wieder ber die Heimlichkeit, und dieser rger war noch nicht voll berwunden,
als er, ber die Schwelle seines Hauses tretend, der am Herde hantierenden Alten
ansichtig wurde.
    Guten Tag, Mutter. Pohl lt gren.
    Welcher?
    Nu, der aus dem Kretscham unten.
    So, der. Warst du da?
    Ja, Mutter. Und kannst du dir denken, ich habe mich just da hingesetzt, wo
du gesessen hattest. Und dir zu Ehren hab ich meinen Ingwer aus deinem Glase
getrunken. Es stand noch da.
    Die Alte sah verlegen vor sich hin und sagte dann: Aber nur einen, Lehnert.
Mir war so schwach.
    Lehnert lachte. Dann ging er auf sie zu und sagte, whrend er ihr das graue
Haar streichelte: Gott, Mutter, wie du so bist! Wenn das einer hrt', so mt
er denken, der Lehnert ist ein Filz und schlechter Kerl und gnnt seiner alten
Mutter nicht einmal einen Tropfen Strkung. Aber wie liegt es denn? Ich gnne
dir nicht einen Ingwer, ich gnne dir zwei, und wenn dir's nicht zuviel wird,
Alte, dann knnen es auch drei und vier werden. Ich habe dich auch noch eigens
gefragt, und da hast du nein gesagt, aber freilich, als du nein sagtest, da
sagtest du schon ja, und als ich die Klingeltr bei Siebenhaar noch kaum aus der
Hand hatte, da bist du schon hinbergegangen. Immer versteckt; du kannst nichts
offen tun, auch nicht mal das, was die Sonne gar nicht zu scheuen braucht. Alles
mu heimlich sein. Und sieh, Mutter, so hast du mich auch erzogen und angelernt.
Das mu ich dir immer wieder sagen. Gott sei's geklagt, da ich's mu. Es ist
immer ein und dasselbe, was du so bei dir denkst: es sieht es ja keiner; bei
Nacht sind alle Katzen grau, und es darf blo nich rauskommen. Und wenn es nicht
rauskommt, dann ist alles gleich. So denkst du bei dir, und denkst auch wohl:
ach, der liebe Gott, der is nicht so, der ist gut und freut sich, wenn man einem
Frster oder Grenzaufseher ein Schnippchen schlgt.
    Ach, Lehnert, rede doch nicht so! Du weit ja doch...
    Und wenn es dann schiefgeht, ja, dann ist es wieder anders. Dann geht es in
die Predigt, und Siebenhaar... na, du weit schon, ich hab es dir heute schon
mal gesagt..., der mu dann wieder einen Heiligen aus mir machen. Aber nicht zu
lang; Gott bewahre, denn ein Heiliger pat auch nicht, und wenn uns dann die Not
wieder an der Kehle sitzt, und braucht auch noch gar nicht mal eine rechte Not
zu sein, dann ist es mit Siebenhaar auch wieder vorbei, und dann heit es
wieder: Es wird es ja wohl keiner sehen, oder: Man mu es nur klug anfangen, und
die Menschen mssen es einem blo nicht auf den Kopf zusagen knnen. Ach,
Mutter, du meinst es mit keinem bs, und mit mir erst recht nicht, aber du hast
das Ehrlichsein nicht gelernt, und davon ist alles gekommen... Und nun will auch
Siebenhaar noch mit ihm sprechen, mit Opitz, als ob das was helfen knnte, will
mich mit ihm vershnen, und ich hab's auch versprechen mssen. Aber ich mag
nicht. Ich hasse ihn, und Ha ist berhaupt das Beste, was man hat.
    berlege dir's, Lehnert. Er ist ein grflicher Frster und is nun doch mal
der Herr.
    Ach was, der Herr! Ein Diener is er. Ich bin ein Herr, wenigstens eher als
er, und kann machen, was ich will.
    Er hat das Ansehen vor den Leuten, und ich wei es von Christinen, er ist
nicht so schlimm, wie du glaubst und ihn immer machen willst. Er kann auch durch
die Finger sehen. Aber er verlangt, da man ihm gute Worte gibt und ihn fr was
Besonderes ansieht. Und das tust du nicht. Er kann blo deinen Trotz nicht
leiden. Und darum hab ich Siebenhaar gebeten.
    Aha, lachte Lehnert. Also du. Nun meinetwegen.
    Und darum, so wiederholte die Alte, hab ich Siebenhaar gebeten, als ich
nun doch mal mit ihm sprach, da er ihn gut fr uns stimme. Soviel wei ich, er
gibt was auf Siebenhaar, und wenn der ihn rumkriegt und Opitz dir dann die Hand
gibt, dann nimm sie, dann stoe sie nicht weg und vergi all das Alte. Sieh,
Lehnert, es hat ja doch alles seine zwei Seiten, und vielleicht hat er nicht so
ganz unrecht gehabt, und du hast aus der Sache mit dem Kreuz mehr gemacht, als
du httest machen sollen. Gib nach, Lehnert! Trotz macht Feind. Und wir brauchen
Freunde, weil wir arm sind und das Geschft schlecht geht, und gerade jetzt im
Sommer. Und unser Nachbar ist er auch. Es is doch sonst mit den Frsters gut
gegangen. Gib nach und vershne dich mit ihm! Dann haben wir gute Zeit, und wenn
dann mal was vorkommt, na, du weit schon, was ich meine, so verpufft und
verknallt es. Kennst ja doch unser altes Sprichwort: Der Wald ist gro, und der
Himmel ist weit.
    Lehnert, die Hnde auf dem Rcken, ging auf und ab. Er hatte das alles schon
oft gehrt, nur eines nicht: da er das mit dem Kreuz doch vielleicht schlimmer
genommen als ntig. Und so hochmtig er war, so bescheiden war er auch.
    Wenn es so wre? Wenn ich mehr daraus gemacht htte als ntig? so gingen
seine Gedanken.
    Und er nahm der Mutter Hand und sagte: Gut, Alte. Ich will es mir
berlegen.

                                Sechstes Kapitel


Was hben die Mutter ihrem Sohn und drben die Frau ihrem Mann gesagt hatte,
blieb doch nicht ganz ohne Einflu, weil beide Parteien klug genug waren, das
Wahre darin herauszufhlen; Opitz war strenger als ntig, Lehnert war
aufsssiger als ntig, und der schlichte Ton, worin das einem jeden gesagt
wurde, tat seine Wirkung. So machte sich's, da beide stillschweigend
bereinkamen, sich wenigstens nicht mehr zum Tort leben zu wollen, und weil sie
dabei fhlen mochten, da das bei steten persnlichen Begegnungen sehr schwer
sein wrde, so faten sie den Entschlu, sich nach Mglichkeit aus dem Wege zu
gehen. In der Tat, man vermied es, sich zu sehen, und gab es unter anderm auf,
zu gleicher Zeit, wie sonst wohl, im Vorgarten zu sitzen und sich ber die
Strae hin mit den Augen zu messen. Ja, Lehnert seinerseits ging noch weiter und
machte, wenn er ins Dorf mute, nur um die Frsterei zu vermeiden, lieber den
Umweg am Waldsaume hin. Auch die Hhner, die durch ihre Besuche drben im Garten
der Frsterei bestndig Anla zu Klagen und bitteren Worten gegeben hatten,
hielt er besser in Ordnung, und das Steinsprengen, das mit seinem Knall und
seiner aufsteigenden Rauchwolke seinen reizbaren Nachbar durch Jahr und Tag hin
mehr als alles andere verdrossen hatte, gab er ganz auf. An einen vlligen
Ausgleich der alten Gegenstze war freilich nicht zu denken, dazu war zuviel
vorgefallen, aber wenn Friede nicht sein konnte, so doch wenigstens
Waffenstillstand.
    Und unter solchem Waffenstillstande verging eine Woche.
    Nun war wieder Sonntag, und die Glocken der Arnsdorfer Kirche klangen wie
gewhnlich vom Tal zu den Bergen herauf. Aber diesem Rufe folgten heute nur
wenig, weil oben in Kirche Wang ein Brckenberger Paar getraut werden sollte.
Das veranlate denn alle die, die sich mehr von der Trauung einer jungen
hbschen Braut als von der Predigt des alten Siebenhaar versprachen, lieber
bergauf nach Wang zu steigen, und das um so mehr, als ber das wundervolle
Brautkleid, das aus Hirschberg und nach andern sogar aus Breslau stammen sollte,
schon die ganze Woche lang gesprochen worden war. In der Tat, Schaulust und
Neugier gaben heute den Ausschlag. Aber einige stiegen doch nicht blo als
Neugierige, sondern als recht eigentliche Trauzeugen und Hochzeitsgste hinauf,
unter ihnen auch Opitz in Gala, dem sich, gleich nach Passierung des am Ausgange
von Krummhbel gelegenen Rummlerschen Gasthauses, auch noch Grenzaufseher Kraatz
und der alte Laborant Zlfel angeschlossen hatten.
    Zu diesen zur Hochzeit Geladenen hatte, wegen alter guter Beziehungen zum
Brutigam, anfangs auch Lehnert gehrt; als er aber durch Christine von Opitz'
wahrscheinlicher Anwesenheit erfuhr, war er sofort zum Fernbleiben entschlossen
gewesen. Wut er doch, da mit Opitz, wenn dieser ein Glas ber den Durst
getrunken hatte, doppelt schwer zu verkehren war, und auf diese Gefahr hin wollt
er eine Begegnung mit ihm nicht wagen. So zog er es denn vor, zu Hause zu
bleiben und in einem von Amerika handelnden Buche zu lesen, das ihm ein alter
Kriegskamerad neuerdings geliehen und das durchzusehen er sich schon ein paar
Tage lang gefreut hatte. Daneben war es ihm durchaus recht, da seine Mutter,
ohne gerade zu den Geladenen zu zhlen, an dem Kirchgange, nach Wang hinauf,
teilnehmen und sich hinterher in dem ihr aus beren Tagen wohlbekannten
Hochzeitshause nach Mglichkeit ntzlich machen wollte.
    So war der Plan. Und gem dem Plan verlief auch der Tag, der freilich
unserem Lehnert, ganz gegen Erwarten, lang und schwer genug wurde. Denn bald
nach Opitz waren auch Frau Brbel und Christine nach Wang hinaufgestiegen, und
so kam es, da der auf seinem Inselchen Zurckgebliebene zwlf Stunden lang
nichts als das Vorberschieen der Lomnitz hrte, wenn nicht gerade drben der
Opitzsche Hofhund anschlug. Bis gegen Abend sa er so drauen im Freien und las
von Urwald und Prrie, von groen Seen und Einsamkeit. Er schwelgte darin und
verga die Zeit, aber mit einem Mal ergriff ihn doch ein Grauen. Einsamkeit!
Nein, nein, nicht Einsamkeit. Nicht einsam leben, nicht einsam sterben. Und er
wiederholte sich das Wort, und in seiner berreizten Einbildungskraft sah er
sich auf einem Bergkegel, ein Tal zu seinen Fen und den Sternenhimmel ber
sich. Ein Frsteln berkam ihn zuletzt, und so ging er denn wieder hinein und
warf Kienpfel in die Glut und starrte darauf hin. Aber das Hineinstarren in die
Flamme war ihm bald nicht weniger unheimlich als das Bild, das eben drauen vor
seiner Seele gestanden hatte. Dabei war es ihm bestndig, als ob er Stimmen
hre, Stimmen von weit, weit her. Und er sprang auf und trllerte vor sich hin,
um sich alles, was ihn ngstigte, fortzusingen. Aber es wollte nicht recht
glcken, und er war froh, als er, um die zehnte Stunde, seine Mutter schon von
fernher des Weges kommen und gleich danach, an der Frsterei vorber, auf den
Brckensteg zuschreiten sah.
    Singst ja so, Lehnert. Was is es denn? Christine war wohl da... Ja, sie
ging schon, als der Tanz eben anfing.
    Ach, la doch die Christine!
    Du nimmst sie doch noch. Und whrend die Alte das sagte, stellte sie ein
Bndel, das sie bis dahin vorsichtig in Hnden gehalten, auf den Tisch und lste
den Knoten eines buntgeblmten Taschentuchs, in das alles eingeschlagen, was sie
vom Hochzeitshause her mitgebracht hatte: groe Stcke Streuselkuchen, eine
halbe Wurst, ein Schinkenknochen und ein Napfkuchen.
    Wollen wir uns noch einen Kaffee machen, Lehnert?
    Er schwieg.
    Du hast ja noch Feuer im Ofen. Und das ist recht. Oben auf Wang in der
Kirche war es wieder so kalt, und auf dem Kirchhof pfiff es, da es einem bis
auf die Seele ging. Ich glaub, ich habe mir wieder was geholt, hier links unterm
Schulterblatt. Aber wenn wir uns noch einen Kaffee machen und ein Glas Rum
eintun, ich habe noch welchen... ja, Lehnert, ein paar Tropfen mu man doch
immer haben... dann vergeht es wieder. Und ein Katzenfell ist auch gut.
    Whrend sie noch so sprach, hatte sie vom Schapp her ein Messer geholt und
begann den Napfkuchen in groe Scheiben zu schneiden. I, Lehnert; frisch
schmeckt er doch am besten! Und dabei griff sie nach dem grten Stcke.
Begrbniskuchen mag ich nicht. Aber Hochzeitskuchen, den mag ich; der schmeckt
und bekommt einem alten Menschen. Und warum bekommt er einem? Weil man nicht an
Tod und Sterben zu denken braucht und alles mit Appetit it. Un auf den Appetit
kommt es an und auf den Hunger. Das heit, wenn er nicht zu gro ist und nicht
weh tut und wenn man was hat, da er aufhrt.
    Lehnert schwieg noch immer.
    I doch, Jung!
    Ich mag nicht, Mutter... Und wie das alles wieder aussieht, wie 'n
Bettelsack. Haben sie dir's denn gegeben?
    Gewi. Ich werde mir doch nichts wegstibitzen und abziehn wie die Katze vom
Taubenschlag.
    Ach, das mein ich ja nicht, Mutter. Ich meine blo, ob sie dir's aus freien
Stcken gegeben haben oder ob du darum gebeten hast?
    Versteht sich, hab ich drum gebeten. Alle haben...
    Opitz auch?
    Nu, der wohl nich. Der is ja was Vornehmes. Und Siebenhaar auch nich.
    Siebenhaar? War denn Siebenhaar auch da?
    Gewi war er da. Der von Wang hat freilich getraut, aber Siebenhaar kam
auch noch und kam justement, als alles zu Tisch ging, und war groer Jubel, als
er kam, und sa gerade der Braut gegenber und hat auch eine Rede gehalten. Und
als sie die Tische wegtrugen und das Tanzen anfangen sollte, da nahm Siebenhaar
Opitzen am Arm und gingen beide, wohl an die vier- oder fnfmal, um die Wiese
rum. Und immer, wenn sie wieder an dem Staketzaun vorberkamen, hab ich
gehorcht.
    Das glaub ich. Du horchst immer. Aber der Horcher an der Wand...
    Diesmal nicht, Lehnert. Es war blo Gutes, und da es von dir war, ist
sicher; ich habe deinen Namen gehrt. Und Opitz, der wieder etwas filig war, er
hielt sich aber und lie sich nichts merken. Opitz nickte. Das hab ich mit
diesen meinen Augen gesehen. Und einmal hrt ich ganz deutlich, da er sagte:
Nu, ja, ja. Jeder ist ein Mensch, und jeder hat seine Menschlichkeiten und seine
Fehler. Und ich auch. Siebenhaar hat ihm also ins Gewissen geredet. Und du
sollst sehn, Lehnert, es wird noch alles gut, und du kommst mit ihm auf
Freundschaft und du und du. Und dann guckt er uns durch die Finger, und wir
haben gute Tage.
    Ja, ja, sagte Lehnert, durch die Finger gucken, das kenn ich. Is ja das
alte Lied. Na, gute Nacht, Mutter. Ich bin mde.
    Und dabei nahm er einen Blaker und das Amerika-Buch und stieg in seine
Giebelkammer hinauf. Oben aber schob er einen Stuhl an sein Bett. Und eh er das
Licht auslschte, sah er noch einmal auf den Titel des Buchs. Der lautete: Die
Neue Welt oder Wo liegt das Glck?

Opitz hatte wirklich, ganz wie Frau Menz erzhlte, whrend der Brckenberger
Hochzeit in entgegenkommender Weise mit sich reden lassen, und als Siebenhaar,
wie durch einen glcklichen Zufall, am folgenden Tage schon einen
schwarzgesiegelten Brief empfing, der ihn in die Notwendigkeit versetzte, fr
einen unbemittelten und brustkranken Amtsbruder samt Schwgerin und fnf in
krzesten Zwischenrumen aufeinander gefolgten Kindern (die Mutter war dann
schlielich im Kindbett gestorben) eine hochgelegene, mglichst gerumige, vor
allem aber mglichst billige Wohnung im Gebirge zu mieten, beschlo er, sich
dieses Auftrages auf der Stelle zu entledigen und bei der Gelegenheit seinen
lngst beabsichtigten Besuch bei den Menzes in Wolfshau zu machen und seinen
Freund Lehnert wissen zu lassen, da alles gut stehe.
    Siebenhaar, trotz seiner siebzig, war noch ein rstiger Steiger und hielt
deshalb zu dem Satze, was sich zu Fu tun lasse, nicht auf kostspielige Weise
zu Ro und Wagen machen. Er griff also zu Hut und Stock, um gegen elf in
Krummhbel und, nach einem Imbi in der Schneekoppe, sptestens um zwlf in
Wolfshau zu sein.
    Der Morgen war prachtvoll, und der Heugeruch zog vom Feld her ber den Weg.
Aber dieser selbst, trotzdem es die groe chaussierte Strae war, war noch wenig
belebt, und erst als Siebenhaar, an der Untermhle vorbei, bis an die steile, zu
den ersten Husern von Krummhbel hinauffhrende Berglehne gekommen war, war
auch Leben da: die Schule war aus, und die flachskpfige Jugend, Jungen und
Mdchen, mit Mappen unterm Arm und auf dem Rcken, strmten bermtig den Abhang
hinunter. Aber mit einem Male Siebenhaars ansichtig werdend, hielten sie mitten
im Jagen inne und grten und strmten dann erst weiter. Dem alten Herrn lachte
das Herz bei dieser Begegnung, und die Freude darber erleichterte ihm den
Aufstieg bis auf die Hhe, von der aus, bis weiter hinauf zum Exnerschen
Gasthause, nur noch eine kleine Strecke war. Aber so klein sie war, so war sie
doch bestimmt, ihm eine freundliche berraschung zu bringen: eine
Feuerwehrparade. Fr gewhnlich war diese, samt nachfolgender Mannschaftsbung,
eine Sonn- und Feiertagssache, die Brckenberger Hochzeit aber, die gestern
alles in Atem erhalten hatte, hatte diesmal eine Verlegung gefordert, und so kam
es denn, da Siebenhaar an einem Schauspiel teilnehmen konnte, das er seit Jahr
und Tag nicht mehr gehabt hatte. Die Dorfgasse hinauf, hart an einem kleinen
Rinnsal entlang, standen die Spritzen und Wasserwagen, aus deren Mitte hohe
Leitern aufragten, whrend auf dem frei gebliebenen Straenteil die Feuerwehr
selber stand, dreigliedrig aufmarschiert, prchtige Gestalten in bayerischen
Helmen und mit Musik am rechten Flgel. In Front seiner Mannschaften aber stand
Exner junior aus der Schneekoppe, der, ein Jahr jnger als Lehnert, gleich
nach dem Kriege bei den Grlitzern gedient und den Schneid und Pli dieser
erlesenen Truppe weggekriegt hatte. Das, und mehr noch seine gesellschaftliche
Stellung als Reichster und deshalb Erster im Dorf, hatte dafr Sorge getragen,
da ihm das Feuerwehrkommando wie selbstverstndlich zugefallen war. Er war
gekleidet wie der Rest der Mannschaften, roter Kragen und Aufschlge zu
dunkelblauem Rock, trug aber die Galons und Achselbnder des Offiziers. Die von
ihm abzunehmende Revue hatte just abgeschlossen, wie kaum gesagt zu werden
braucht, zu seiner besonderen Zufriedenheit, und eben schien er den Befehl zum
Abmarsch auf das mehr talwrts gelegene Dorf Steinseiffen zu, wo dann mit
Leitern und Rettungsapparaten ein Scheinfeuer bekmpft werden sollte, gehen zu
wollen, als er, des alten Siebenhaar, seines Freundes und Lehrers, ansichtig
werdend, sich pltzlich eines andern besann und Stillgestanden... Rckwrts
richt't euch... Prsentiert das Gewehr kommandierte. Wie da die Griffe
klappten; alles fuhr stramm zusammen, und unter Ehrenbezeigungen wie diese
passierte der Alte die fr ihn freigegebene Gasse. Nun erst nahm Exner sein
ursprngliches Kommando wieder auf: Rechtsum.. . Feuerwehr, marsch, und unter
Trommelschlag und Querpfeife setzte sich der lange Zug bergab, auf Steinseiffen
hin, in Bewegung. Aber eine kleine Strecke nur, dann schwiegen die Trommeln und
Pfeifen, und Horn und Klapptuba stimmten statt ihrer eine militrische Musik an,
und Becken und Pauke fielen ein. Siebenhaar, ein alter Burschenschafter, sah
ihnen nach, und eine Trne stand in seinem Auge: Wie dank ich dir, Gott, diese
Tage noch erlebt zu haben, und erst als die Kolonne seinem Blick entschwunden
war, stieg er weiter hinauf auf den Exnerschen Gasthof zur Schneekoppe zu,
woselbst er einen Imbi nehmen und wegen der fr den Amtsbruder zu mietenden
Wohnung einige Erkundigungen bei der guten alten Frau Exner, der Mutter des
Feuerwehrkommandanten, einziehen wollte.
    Selbstverstndlich nahm Siebenhaar, als er sein vorlufiges Ziel erreicht
hatte, seinen Platz in Front der Halle, just an der Stelle, wo sonst Espes und
Lieutenant Kowalski zu sitzen pflegten. Der Garten war, der frhen Stunde
halber, noch leer, und nur in der Siebenhaar zunchst befindlichen Laube
standen, angesichts einer ber den Tisch hin ausgebreiteten Karte, drei
Touristen von eleganter und beinah weltmnnischer Haltung, die trotz ihres
prononciert schsischen Dialekts unschwer erkennen lieen, da sie viel drben
gewesen sein muten, in England oder vielleicht gar in Amerika. Siebenhaar, wenn
er nach der Seite hin schrfer zu beobachten gewut htte, wrde sofort auf
Chemnitzer oder doch mindestens auf Meeraner Industrielle geraten haben. Aber
dergleichen Beobachtungen lagen ihm fern. Er sah nur nach der Laube hinber und
horchte neugierig auf den Gang der von nur zu deutlichen Stimmen gefhrten
Unterhaltung. Einer der drei, der der Kritischste zu sein schien, unterzog - ein
groes gelbes Kursbuch in der Hand - die von dem ber die Karte gebeugten
Hauptsprecher in einem fort vorgebrachten Zeit- und Ortsangaben einer
bestndigen Kontrolle, was den Reisestrategen, den Mann der Karte, natrlich
sehr verdro. berhaupt schien die Stimmung nicht die beste zu sein, denn zwei
junge hbsche Frauen, die mit zur Partie gehrten, sahen sich entweder unter
ironischem Lcheln an oder schlugen ungeduldig die fnf Finger ihrer Hnde
ineinander. Es half ihnen aber nichts.
    Ich denke also, fuhr der Hauptsprecher und Kartenstratege fort, wir gehen
ber das Gehnge. Fhrer brauchen wir nicht, denn wir haben eben die Karte. Hier
luft der Weg - ein bemerkenswert dicker Strich, alles klar und deutlich. Willst
du so gut sein, Agnes, und dich durch den Augenschein berzeugen, da er hier
luft. Bitte, Mathilde, tritt auch heran! Ich habe nicht Lust, mir nachher
Vorwrfe machen zu lassen oder Anklagen zu hren ber Nichtwegekenntnis und
Verlaufen und Irrfahrten. Freilich, wenn die Schuhe drcken, so ist das eine
Sache fr sich, die mit dem Weg und der Fhrung nicht das geringste gemein hat.
Auf Reisen sollten Eitelkeiten der Art aufhren. Denn enge Schuhe sind
Eitelkeiten. Es ist jetzt elf Uhr fnf Minuten, wir mssen also sptestens drei
Uhr fnfzehn Minuten oben sein. Schnitzel oder Koppen-Beefsteak, je nachdem. Ich
rechne darauf vierzig Minuten. Aber sagen wir fnfundvierzig, was hoch gerechnet
ist. Jedenfalls sind wir mit dem Glockenschlage vier auf der bhmischen Seite.
Dann im Laufschritt bergab; Laufschritt, wenn die Terrainbeschaffenheit ihn
irgendwie gestattet, ist bekanntlich bequemer und sicherer als ewige Vorsicht
und Trippelei. Um sechs Uhr sind wir in Johannisbad und sieben Uhr fnf Minuten
in Trautenau. Hier treffen wir den Zug und sind um Mitternacht in Prag.
    Der Zug von Trautenau geht aber schon sechs Uhr fnfundfnfzig, sagte der
mit dem Kursbuch, der auf diesen abzugebenden Zwischenschu mit einer Art
Schadenfreude gewartet zu haben schien.
    Sieben Uhr fnf oder sechs Uhr fnfundfnfzig ist gleich. Eine Differenz
von zehn Minuten ist keine Differenz; jedenfalls aber durch ein rascheres Tempo
leicht einzubringen. Auerdem gehen von Johannisbad aus immer Retourwagen. Aber
wenn auch nicht, mit Hilfe von...
    Er kam nicht weiter in seinen Auseinandersetzungen, denn beide junge Frauen,
welche die ewige Rennerei lngst satt hatten, faten sich in diesem Augenblick
unter und traten ziemlich demonstrativ vom Tisch fort an den pltschernden
Springbrunnen.
    Ach, Mathilde, sagte die eine, wenn wir den doch mitnehmen knnten. Und
dabei stellte sie sich aufatmend in den Sprhregen. Weit du, da ich hier
bleiben mchte?
    Die andere nickte.
    Und was wohl die Kinder machen mgen?
    Ach die! Aber wir!

                               Siebentes Kapitel


Siebenhaar war entzckt, ebenso von dem feierlichen Ernste, mit dem die Fehde
zwischen dem Karten- und dem Kursbuchmann gefhrt wurde, wie von den kleinen
Verstimmungen des verbleibenden Restes der Gesellschaft. Er sah denn auch, um
diese Verstimmungen besser verfolgen zu knnen, eben neugierig nach dem
Springbrunnen hinber, auf dessen Rand sich die beiden Damen und mit ihnen der
dritte, jngere Herr (welcher der Unverheiratete der Partie zu sein schien)
gesetzt hatten, als er, einigermaen verlegen - weil es mit dem Weiterbeobachten
nun natrlich vorbei sein mute -, die gute Frau Exner auf sich zukommen sah,
seine liebe, alte Freundin, die vor vierzig Jahren oder, was dasselbe sagen
will, bald nach seinem Amtsantritte von ihm eingesegnet und zehn Jahre spter
getraut worden war. Sie nickte schon von weitem und setzte sich zu ihm, um eine
kleine Plauderei mit ihm zu haben. Die machte sich denn auch - nur noch von
einzelnen Streifblicken nach dem Springbrunnen hin begleitet - ebenso rasch wie
gemtlich, und erst als eine Viertelstunde spter die Touristen, Mnnlein und
Weiblein, aufgebrochen waren, entsann sich Siebenhaar, mitten im Gesprch ber
die glnzende Vermgenslage des alten Zlfel, auch seines Amtsbruders, um
dessentwillen er eigentlich gekommen war, und las nun aus dem Briefe desselben
die Stelle vor, die des kranken und kinderreichen Mannes Wnsche noch einmal
kurz zusammenfate. So handelt es sich denn, lieber Bruder, so hie es im
Wortlaut, vor allem um reine Luft und gesunde Lage, wenn es sein kann, an einem
Hochwalde hin, selbstverstndlich mit Ausschlu von Sumpf und Wiesengrund, zum
zweiten aber um drei gerumige Zimmer mit sieben Betten, am liebsten ber dem
Kuhstall, wenigstens das meinige. Da ich vor Hundebleff geschtzt bin, darf ich
wohl voraussetzen, ebenso da das Haus oder die Baude nicht unmittelbar an der
Lomnitz steht. Ich leide nmlich seit letztem Winter an einer
Trommelfellaffektion oder vielleicht auch blo an allgemeiner Nervenberreizung
und bedarf deshalb absoluter Stille. Was ich eingangs ber den Preis geschrieben
habe, brauche ich Dir nicht zu wiederholen.
    Siebenhaar, als er gelesen, steckte den Brief wieder ein und sagte: Ja, das
wr es, liebe Frau Exner. Und nun sagen Sie, was meinen Sie dazu?
    Diese lachte still vor sich hin.
    Es fehlte blo noch, da er geschrieben htte, nicht Wind, nicht Sonne
haben zu wollen. Aber ich werde mir's berlegen, und wenn ich was finde, so
schick ich einen Boten oder komm auch wohl selbst und sehe mir mal wieder die
Konfirmandenstube an.
    Das soll ein Wort sein, liebe Frau Exner. Und dann zeig ich Ihnen auch
gleich meine Kanarienvogelhecke, zwei Schlger, wie sie die Harzer nicht besser
haben.

Er blieb noch eine kleine Weile, dann stand er auf und ging in einem langsamen
Schritt, denn es war hei geworden, bis zum Gerichtskretscham und dem gleich
dahinter gelegenen katholischen Kapellchen, um von hier aus nach Wolfshau
abzubiegen. Der Weg schlngelte sich durch Kusseln und Heidekraut und mndete
zuletzt auf die breite Hauptstrae, die neben der Lomnitz hinlief und weiter
aufwrts die Grenze zwischen dem Opitzschen und dem Menzschen Gewese zog. Als er
diesen Teil der Strae fast schon erreicht und jedenfalls die beiden Huser
schon in Sicht hatte, hielt er noch einmal an, weil er etwas auer Atem war, und
schritt dann erst auf den Brckensteg zu, der nach dem Inselchen hinberfhrte.
    Von dem Kapellchen her klang gerade das Mittagsluten, Lehnert aber, der,
wenigstens bei der Arbeit, nicht fr strenges Stundenhalten war, blieb in seinem
Schuppen und schnitzelte weiter, ohne des Lutens und der Mahnung zur
Mittagsmahlzeit zu achten. Erst als der Hahn in ein ungewhnliches Krhen kam
und mit seinem ganzen Hhnergefolge nach dem Arbeitsschuppen hin retirierte, sah
er auf und bemerkte nun Siebenhaar, der eben vom Brckensteg her auf den
Vorgarten und die kleine Steintreppe zuschritt. Er legte nun das Schnitzeisen
aus der Hand und ging auf den Alten zu, den er, seine Kappe ziehend, respektvoll
begrte. Dabei wollte Lehnert etwas von Dank und Freude sprechen, aber
Siebenhaar, der nicht blo eine Kanarienvogelhecke hatte, sondern vor allem auch
ein Rosenzchter war, war von dem das ganze Haus umfassenden und berall hin mit
Knospen und gelben Blten berdeckten Rosenbusche viel zu sehr entzckt, um
Lehnert ausreden zu lassen, und sagte nur ein Mal ber das andere: Lehnert,
Junge, wo hast du diesen Busch her? Der ist ja schner als der Hildesheimsche.
Rote, die hat jeder; aber gelbe, gelbe. Wie nennt ihr sie denn? Ei, das ist ja
eine wahre Gottesgabe.
    Whrend er noch so sprach, war er auf den Flur und gleich danach in die
Stube getreten, drin Frau Menz eben am Ofenherd stand und die Kartoffeln,
frische, die von ihr wie Gold behandelt wurden, in den Topf zhlte. Kaum aber,
da sie des Besuchs ansichtig wurde, so fuhr sie zunchst mit der nassen Hand
ber die Schrze, band diese dann rasch ab und kam auf Siebenhaar zu, den sie
jetzt umknickste und mit einer Flut von kriecherischen Worten berstrmte.
    Lehnert schttelte den Kopf, aber die Alte sah es nicht oder wollt es nicht
sehen und fuhr in ihrem Wortschwall unverndert fort: Aber nun bitt ich, Herr
Pastor; hier dieser, der hat die beste Lehne... setzen mssen Sie sich... Sie
werden uns doch die Ruhe nicht mit fortnehmen wollen... Ich denke, hier an den
Ofen. Oder soll ich das Fenster aufmachen? Ja, das will ich, das wird das beste
sein, ich werde das Fenster aufmachen. Der Herr Pastor, soviel habe ich wohl
gesehn, haben immer das eine Fenster auf, und auch noch ein Fliegenfenster dazu,
da zieht es noch mehr. Ja, was die Reichen sind und die Studierten, die sind
immer so sehr fr frische Luft, auch wenn es kalt ist; aber unsereins will gern
warm sitzen, weil man sonst nichts Warmes hat, und das bichen Kleinholz gibt es
ja auch, das heit, wenn man den Zettel hat, sonst ist Opitz gleich bei der Hand
und schreibt einen auf, und man hat seine vierzehn Tage weg, man wei nicht
wie... Gott, wenn ich nur noch von dem Hochzeitskuchen htte... Nun hab ich so
gut wie nichts fr den Herrn Pastor... Aber wenn arme Leute so was im Hause
haben, dann sind sie wie die Kinder, und Lehnert ist eigentlich schuld... Ja,
Lehnert, du bist schuld, du sagst doch sonst immer: Mutter, verdirb dich nicht,
Mutter, sei nicht so naschig. Aber du hast kein Wort gesagt, und da hab ich
alles verputzt und verurscht, und is kein Krmel mehr da.
    Lehnert war aufgestanden und trommelte vor Ungeduld an die Fensterscheibe,
Siebenhaar aber, der sich noch der Zeiten erinnerte, wo so mancher aus dem armen
Volk hier diese Sprache der Unfreien und Hrigen gesprochen hatte, lchelte nur
und sagte: Liebe Frau Menz, ich habe ja selber von dem Hochzeitskuchen gehabt
und hab es geradeso gemacht wie Sie und hab ihn auch aufgegessen oder verputzt,
wie Sie sagen, jedenfalls viel zuviel, was man eigentlich nicht soll. Und
Lehnert hat ganz recht, wenn er gegen das Naschen ist. Aber das ist nun mal
nicht anders, auch die Alten bleiben Kinder. Und wissen Sie, wer der dritte war,
der auch zuviel gegessen hat, und noch dazu gleich oben, als der Kaffee kam? Der
dritte war unser Freund Opitz...
    Die Alte nickte und kicherte vor sich hin. Siebenhaar aber wiederholte:
    Ja, unser Freund Opitz. Und sehn Sie, liebe Frau Menz, wenn ich hrte, da
er diese Nacht ein groes Alpdrcken gehabt und seine Frau mit seinem Tode
gengstigt habe, so wrd ich mich nicht wundern. Aber, wie gesagt, es haut eben
jeder mal ber die Schnur, Sie und ich und natrlich auch ein Frster. Und ist
auch nicht so schlimm, wenn einer nur sonst brav und tchtig ist. Und das ist
Opitz und auch gar nicht so hart, wie die Leute glauben, und wenn man ihn nur zu
nehmen wei und ihm seine Ehre gibt, darauf hlt er, und darauf mu er halten,
so lt sich ganz gut mit ihm leben, und ist auch nicht so gehssig und
unvershnlich, wie mancher meint, wovon ich mich erst gestern wieder berzeugen
konnte...
    Hrst du, Lehnert, hrst du? Das ist es ja, was ich auch immer sage. Der
Frster ist doch eine Obrigkeit, und die Obrigkeit ist von Gott. Ja, das haben
Sie gepredigt, Herr Prediger, und das verge ich nicht wieder. Opitz ist
Obrigkeit und ein guter Mann und steht eigentlich in Gottes Namen da...
    Ach, Mutter, rede doch nicht solchen Unsinn. Er ist bei dem Grafen in
Dienst, und fr den steht er da. So was darfst du nicht sagen, und am wenigsten,
wenn der Herr Pastor da ist, das ist ja die reine Gotteslsterung. Und du sagst
es auch alles blo so hin und weit recht gut, da er nicht anders ist als du
und ich und vielleicht noch ein bichen schlechter.
    Siebenhaar nahm Lehnerts Hand und lchelte:
    Mut dich nicht so ereifern, Lehnert. Die Mutter sagt es blo, weil sie den
ewigen Streit nicht will und sich ngstigt und Ruh und Frieden und gute
Nachbarschaft haben mchte. Treff ich's? Sage selbst...
    Und weil ihr alles gleich ist, Herr Pastor, wenn sie nur ihren Vorteil hat.
Das ist es. Und wenn sie drben ein ranzig Stck Speck haben oder mit einem
Rehviertel nicht mehr wissen, wo sie mit hin sollen, dann ist sie gleich bei der
Hand und will sich's schenken lassen. Ich will aber nichts Geschenktes haben aus
dem Haus da, und wenn es denn durchaus ein Reh oder ein Rehviertel sein soll...
    Dann weit du, wo du's hernimmst... Ja, Lehnert, das ist es eben, und
darber klagt Opitz und ber deinen Trotz, der das Verbotene nicht blo tut,
sondern sich's auch noch berhmt. Wie viele Male hab ich dir das schon vorhalten
mssen. Erst neulich wieder. Ist es nicht so? Du schweigst... Sieh, ich bin
gestern mit ihm eine halbe Stunde lang um die Brckenberger Waldwiese
herumgegangen und hab ihn beschworen, nicht alles sehen und nicht alles hren zu
wollen, und hab ihm Vorstellungen gemacht und ihm ins Gewissen geredet. Und ich
kann dir sagen, wrtlich sagen, oder doch so gut wie wrtlich, was ich ihm bei
der Gelegenheit alles gesagt habe. Sehen Sie, Opitz, so hab ich ihm gesagt, Sie
reden immer von Recht und Ordnung, aber was heit Recht und Ordnung? Das sind
alles sehr schne Sachen, und doch ist es mit Recht und Ordnung geradeso wie mit
Zucht und Sitte.
    Lehnert nickte.
    Wie mit Zucht und Sitte. Die sollen sein. Gewi, Zucht und Sitte sollen
sein; wer will das bestreiten? Und wenn ich dann im Unterricht und zuletzt noch
mal am Einsegnungstage den jungen Dingern zurede, da sie sie gut halten sollen,
dann tu ich das nicht blo, um was zu sagen, dann tu ich es auch, weil mir's
mein Herz so vorschreibt und weil ich wei, was ein guter Wandel nicht blo vor
Gott, sondern auch vor den Menschen bedeutet und da Glck und Unglck daran
hngt. Ja, Opitz, so hab ich ihm gesagt, ich bin fr Zucht und Sitte. Aber
wenn's dann nachher anders geht und wenn eine Braut vor den Altar tritt mit
einem Myrtenkranz, der ihr eigentlich nicht zukommt, dann nehm ich ihr den Kranz
nicht aus dem Haar und fahre nicht mit Feuer und Schwefel drein und sprech auch
nicht von ewiger Verdammnis und verzichte darauf, aus der Altarstufe, darauf das
arme Ding kniet, eine Armensnderbank zu machen. Ich verzichte darauf, sag ich,
und tue sie beide zusammen und empfehle sie in meinen Worten und vor allem auch
in meinem Herzen der Gnade Gottes. Ich will nicht wissen, was ich wei, und will
die Kirchenzucht nicht ben, trotz dem ich sie wohl ben drfte, ja, wie die
Strengen meinen, auch wohl ben sollte. Und sehen Sie, Opitz, wie's in der
Kirche ist, so ist es auch im Wald. Sie mssen der Armut war nachsehen und nicht
blo dem Gesetze nichts vergeben, sondern auch der Liebe nichts vergeben. Es ist
eine Tuschung, wenn wir uns immer und ewig auf unser Amt und unsere Pflicht
oder gar auf unseren Schwur und unser Gewissen berufen. Das meiste, was wir tun,
tun wir doch aus unserer Natur heraus, aus Neigung und Willen.

Die Alte, whrend der Prediger so sprach, hatte mit gefalteten Hnden dagesessen
und allerlei vor sich hin gemurmelt, wie um ihre Andacht zu bezeugen. Aber auch
auf Lehnert waren die Worte nicht ohne Einflu geblieben, denn er war klug
genug, nicht blo das herauszuhren, was sich gegen Opitz richtete. Nein, er
hrte ganz allgemein den Geist christlicher Liebe heraus und sagte sich, da er
dieser Liebe geradesogut entbehre wie Opitz und da er sein Recht geradeso
heftig und eigensinnig vertrete wie Opitz das seine. Und sein Recht war doch nur
sein Recht, Opitz' Recht aber war das anerkannte, das gltige, das uralt
besttigte.

Siebenhaar, der wohl sehen mochte, was in ihm vorging, htete sich, durch eine
Zwischenbemerkung zu stren. Und so verging eine geraume Weile. Dann erst nahm
Lehnert seinerseits das Wort wieder und sagte: Und was sagte da Opitz, Herr
Pastor? Ich wei von Christine...
    Da er einen hochfahrenden Sinn hat und sich in dem, was seines Amtes ist,
nicht gern dreinreden lt. Ja, so heit es von ihm und wird auch wohl seine
Richtigkeit damit haben. Aber es kommt doch auch darauf an, wer mit ihm spricht,
und vor allem, wie man mit ihm spricht, und ich hab ihn gestern als einen
christlichen Mann befunden, das heit als einen Mann, der vergeben kann, weil er
fhlt, da er selber der Vergebung bedrftig ist. So wenigstens schien es mir,
als ich ihm nach den Augen sah, und war mir fast, als ob ich eine Trne darin
gesehen htte.
    Lehnert lachte. Wohl, wohl. Wenn er unter Wein ist, ist ihm immer das
Weinen nah. Das kenn ich. Aber es hlt nicht lange vor, und von gestern auf
heute wird er sich wieder anders besonnen haben.
    Kann sein, Lehnert, aber es ist nicht wahrscheinlich. Und unter allen
Umstnden mut du vorlufig an seine Vershnlichkeit glauben und dein Betragen
danach einrichten. Du hast es mir versprochen, neulich schon, und ich knnte
dich beim Worte nehmen. Aber ich will es nicht. Ich will es nach allem, was er
mir gestern gesagt hat, aufs neue von dir hren und, wenn es sein kann, aus
einem freudigeren Herzen und einem festeren Entschlu.
    Ich geh ihm aus dem Wege.
    Das ist nicht genug, Lehnert. Das vertagt den Streit blo, aber schafft ihn
nicht aus der Welt, und der nchste Wind, der euch wieder zusammenweht, blst
auch die Flamme wieder an. Damit schliet man keinen Frieden, da man sich aus
dem Wege geht, das ist uerlich und auf die Dauer einfach unausfhrbar. Hier
mu es anfangen und hier. Herz und Einsicht mssen dazu zwingen. Und ist erst
der gute Wille gewonnen, dann ist alles gewonnen. Den seinen hab ich...
    Und den meinen auch, sagte Lehnert in pltzlicher, beinah freudiger
Erregtheit. Und dabei nahm er des Alten Hand, um sie dankbar zu kssen. Ich
will tun, was ich kann. Ich will die Kappe vor ihm ziehen, immer zuerst, und
will kein Schmokfeuer mehr machen, wenn drben das Leinzeug an der Leine hngt,
und will das Wehr so stellen, da das Wasser bei mir bertritt und nicht bei
ihm, und wenn mir's auch einen halben Morgen Kartoffelland kostet. Und wenn
seine Diana mir nach den Beinen fhrt, so will ich den Stock blo leise nach
hinten halten, wie die Bettler und Strolche tun, und will nicht mehr nach der
Bestie schlagen. Und was die Hauptsach is, ich will den Mund halten und nicht
mehr mit den andern auf ihn schelten und schimpfen und will aufhren, ihn einen
Neidhammel zu nennen und die Geschichte von dem Kreuz immer und immer wieder
aufzutischen. Was vielleicht ohnehin das klgste ist, denn man soll nicht immer
von seinen Heldentaten sprechen, worber die Leute doch blo lachen...
    Also abgemacht, Lehnert. Und nun, Frau Menz, wenn Sie ein Glas Milch fr
mich haben, dann bringen Sie's mir, das soll mir besser tun als der
Hochzeitskuchen mit seinen vielen Rosinen. Wenn man bei Jahren ist, soll man
berhaupt keine Rosinen mehr essen. Das hat mir noch der alte Doktor Mattersdorf
beigebracht, und der wute es... So, die hat mir geschmeckt, eine wundervolle
Milch. Und nun machen Sie, da die Kartoffeln ans Feuer kommen. Ich habe
gesehen, da es frische sind und noch dazu blaue! Hab auch welche. Sie scheffeln
in diesem Jahr. Und nun Gott befohlen!
    Und so sprechend berschritt er die Schwelle.
    Lehnert und seine Mutter begleiteten ihn bis an den Steg, und die Alte
knickste und dienerte noch, als er lngst schon drben war.

                                 Achtes Kapitel


Lehnert, als Siebenhaar drben war, kehrte - die Kartoffeln wurden eben erst
beigesetzt, und der Speck war noch nicht in der Pfanne - zu seiner Arbeit
zurck, eigentlich nur deshalb, weil er sich dem unverstndigen Gerede der Alten
nach Mglichkeit entziehen wollte. Dies gelang ihm aber nur auf eine kleine
Weile, denn als bald danach das Essen auf dem Tische stand, brach der
zurckgestaute Redestrom der Alten mit verdoppelter Macht ber ihn herein, und
die Versicherungen nahmen kein Ende, da sich nun alles zum Guten wenden msse:
Lehnert werde seinen Eigensinn abtun und Opitz fnf gerade sein lassen und auf
den Ohren sitzen. Ja, Lehnert, so wird es kommen, und wir werden wieder gute
Nachbarschaft halten, und alles wird gegenseitig sein, und ich werde mir bei der
guten Frau Opitz wieder ein Mangelholz oder ein Kuchenblech borgen knnen, und
Christine wird nicht mehr ntig haben, immer so zu tun, als ob sie sich aus uns
nichts mache, nein, sie wird jede Stunde kommen knnen, und dann wird es auch
noch was werden mit euch zwei beiden, und wir werden dann eine Hochzeit haben
wie die gestern in Brckenberg.
    Ach, Mutter, rede doch nicht immer von der Christine!
    
    Warum nicht, Lehnert? Es ist ein gutes Kind, das was auf sich hlt und was
gespart hat. Und wenn's dann Hochzeit gibt...
    Ja, wenn, wenn; die gibt es aber nicht. Christine ist eine Magd, und eine
Magd heirate ich nicht, auch wenn sie drei Sparkassenbcher und eine ganze
Linnentruhe hat. Ich versteh meine Sach und will in die Stadt gehen und eine
Stdtische heiraten, die Manieren hat. Und am liebsten will ich in die Welt
gehen und gar nicht heiraten; es brennt mir hier unter den Fen, und wenn es
nicht deinetwegen wre, Mutter, so ging' ich lieber heut als morgen. bers Meer
will ich. Es ist mir alles so klein und eng hier, ein Polizeistaat, ein Land mit
ein paar Herren und Grafen, so wie unserer da, und sonst mit lauter Knechten und
Bedienten. Aber davon verstehst du nichts, und ist dir auch gleich. Mir aber ist
es nicht gleich. Ich mag nicht, da, wenn ein Schu fllt, gleich sieben Frster
da sind, die's mit ihren vierzehn Ohren hren und sich die Kpfe zerbrechen, wer
da mal wieder den Staat betrgt und ein schwer Verbrechen auf seine Seele ldt.
Und vielleicht war es gar nichts, blo eine Milchsuppe von Berliner, ein
Gymnasiast, der oben bei Wang ein paar Zndhtchen verknallt. Eine jmmerliche
Welt hier; immer mu man scherwenzeln, und wenn man nach vorn hin dienert, stt
man nach hinten hin einen um. Eng und klein, sag ich, und ich mchte, wenn
Siebenhaar auch dagegen ist - der Alte wei nichts von solchen Dingen -, fr
mein Leben gern nach Amerika, wo's anders aussieht und wo, wenn ich mein Gewehr
abschiee, niemand es hrt als Wald und Berg und auf zehn Meilen in der Runde
kein menschlich Ohr ist.
    Das hast du wieder aus dem Buch, Lehnert. Wenn du doch das Lesen lassen
wolltest. Siebenhaar hat es gut gemeint, als er dich auf die Schule geschickt.
Aber mitunter denk ich, es wre besser gewesen...
    Ich wte gar nichts und wt auch nicht, da es eine neue Welt gibt, die
besser ist als die alte. Ja, Mutter, mag sein; aber das ist nun zu spt. Und ich
danke Gott, da ich's wei und da es einen Platz gibt, wo man hin kann, wenn
einem der Boden hier zu hei wird und das Leben zu miserabel vorkommt. Und nun
bin ich auch noch auf den Opitz eingeschworen und soll Friede halten. Ach, es
gefllt mir nicht und tut mir schon wieder leid, da ich's dir und dem Alten
versprochen und mein Wort gegeben habe. Und dem Alten sogar doppelt. Ach, dieser
Opitz! Als ich mich jeden Tag noch ber ihn wten konnte, das war doch was,
wenn's auch blo Wut und Ha war, aber nun hab ich gar nichts und werde mir jede
Stunde sagen mssen, da ich ein Lump und ein Feigling geworden bin und da der
Kerl mich untergekriegt hat. Ach, Mutter, es wird nichts. Siebenhaar hat es gut
gemeint, aber aus Hund und Katze kann man kein Paar machen; eine Weile mag es
gehen, aber mit einem Male hebt die Katze die Pfote wieder, und der Hund packt
zu. Hoffentlich bin ich der, der zupackt.
    So redete Lehnert eine gute Weile, bis er zuletzt aufsprang und im Zimmer
auf und ab schritt. Aber auch im Aufundabschreiten sprach er noch weiter,
allerhand Unverstndliches zwischen den Zhnen murmelnd, und mitunter war es,
als ob er mitten in einem Streite stnde. Pltzlich blieb er stehen, erst vor
der am Ofen hngenden Zither, ber deren Saiten er - er war fast ein Virtuos auf
diesem Instrument - mechanisch mit dem Zeigefinger hin und her fuhr, dann vor
einem alten vergilbten Kalender, der, hart an der Tr, an demselben Riegel wie
seine Flinte hing. Eben diese Flinte nahm er jetzt ab und stellte sie beiseit
und ri aus dem Kalender ein paar Bltter heraus, hartes, steifes Papier, draus
er seine Patronenhlsen zu machen pflegte.
    Was hast du vor, Lehnert? Du willst doch nicht in den Wald, am hellen
lichten Tag?
    Es war, als ob die Worte der Alten ihn wieder zu sich brchten. Er lachte
und warf die Bltter, deren eines er schon zu drehen begonnen hatte, rasch ins
Feuer und hing die Flinte wieder an den Haken, von dem er sie genommen hatte.
    Das Ganze war wie ein Anfall gewesen. Rasch, wie es gekommen, ging es
wieder, und er kehrte zu seinem Arbeitsschuppen zurck.

Eine Woche verging, whrend der seine Stimmung bestndig wechselte, was bei den
Erlebnissen der letzten Zeit und mehr noch bei seinem von Natur beweglichen
Gemt nicht wohl wundernehmen konnte. Denn so gewi er einen Hang nach dem
Abenteuerlichen hatte, so gewi berkam ihn auch, inmitten dieses Hanges, eine
pltzliche Sehnsucht danach, die Hnde in den Scho zu legen und alles ruhig
ber sich ergehen zu lassen. Er war dann mit einem Male von der Vergeblichkeit
alles Ankmpfens berzeugt und verlor in diesem ihn berkommenden Gefhl seiner
Ohnmacht auch die Lust zum Kampf. Ja, die Alte hat eigentlich ganz recht. Was
ist all die Jahre bei meiner Auflehnung herausgekommen? Nur rger und bses
Blut. Und so geht es dann weiter, immer Zug um Zug, bis man sich das Messer in
die Brust stt. Ach, es ist besser, ich tue, was ich versprochen hab, und gr
ihn, anstatt ihn anzustarren und ein spttisch Gesicht zu machen. Er ist der
Strkere, weil er im Dienst ist und die Gerichte neben und hinter sich hat. Und
wer mit dem Strkeren anbindet, solang er noch eine Wahl hat, der ist ein Narr.
Wahrhaftig, was hab ich davon gehabt? Nichts, als da ich zwei Monate hinter
Schlo und Riegel war und da nun in meinen Akten steht: Bestraft. Und wer kann
immer gleich erzhlen, wie's kam und da es eigentlich nichts war; bestraft ist
bestraft, und wenn man gefragt wird, wie's denn eigentlich mit einem stehe, so
wird man rot und steht da, als ob man ein Galgenvogel wr oder einer, der den
Leuten die Uhr aus der Tasche zieht.

In dieser Richtung gingen tagelang Lehnerts Betrachtungen, und mehr, er tat auch
danach, und wenn er in der letzten Woche, blo um einer Begegnung auszuweichen,
den groen Umweg am Waldsaume hin gemacht hatte, so zwang er sich jetzt, die
Begegnung geradezu zu suchen, nur um durch artigen Gru oder auch wohl durch ein
Guten Morgen, Herr Frster seinen Respekt zu bezeugen. Und Opitz freute sich
dieser Wandlung und gefiel sich seinerseits darin, den Gndigen zu spielen. Er
trat jetzt fter, wenn Lehnert vorberging, mit einer Art wohlwollenden
Behagens, an den Staketenzaun heran und verstieg sich nicht blo zu Fragen und
Scherzworten, sondern einmal sogar bis zur Inanspruchnahme kleiner
Geflligkeiten. Ihr geht ja nach Arnsdorf, Lehnert. Bitte, nehmt das mit an den
Grafen, und wenn Ihr bei Pohl vorbeikommt, so bringt mir eine Kruke Himbeersaft
mit herauf. Oder lieber eine Flasche, wenn er's in Flaschen hat. Ich kann heut
die Christine nicht schicken.
    An solchen Annherungen war eine Zeitlang kein Mangel, und Frau Menz
berechnete sich schon, was, im Herbst, beim Gnseschlachten, auf das sie sich
ganz vorzglich verstand (sie sang dann immer, wenn sie die Gans zwischen die
Knie nahm und mit dem Messer zu bohren anfing, allerlei Wiegenlieder), an Federn
und Fett fr sie abfallen wrde. Ja, Lehnert, du siehst es nun. Ist es nicht
besser so? Haben wir nicht gute Tage? Sage selbst!
    Aber diese guten Tage sollten nicht Dauer haben. Im Gegenteil, sie gingen so
rasch, wie sie gekommen waren, und wie gewhnlich war es ein bloes Gekltsch,
was den ersten Ansto zu diesem Wiederhinschwinden gab.
    Christine, wohl wissend, welche Plne Frau Menz mit ihr hatte, war jetzt oft
drben bei der Alten, fter vielleicht, als gut war, und jedenfalls fter, als
sie sollte. Zu verdenken war es ihr freilich nicht, denn die Frsterei, wenn
Opitz im Wald war, war ein schweigsames, ja beinah ein melancholisches Haus, in
dem wenig gesprochen wurde. Plaudern aber und sich aussprechen war Christinens
grte Lust, und dazu gab es fr sie keine bessere Gelegenheit als bei den
Menzes drben. Alles nahm ihr die Alte wie vom Munde weg, und wenn drben bei
Opitzens eine Maus gefangen oder ein Fliegenstock umgefallen war, so war es ein
mitteilenswertes Ereignis, an das sich sofort allerlei Hoffnungen und
Befrchtungen knpften.
    Und zu solcher Plauderstunde war man eben wieder beisammen und geno sie
doppelt, weil Christine nicht mit leeren Hnden, sondern mit einem Teller voll
prchtiger Glaskirschen herbergekommen war, deren Heranreifen die alte Menz
schon seit anderthalb Wochen mit Aufmerksamkeit verfolgt hatte.
    Die schickt Euch die Frau Frsterin, sagte Christine.
    Gott, Gott, die Frau Frsterin! Eine seelensgute Frau, das mu wahr sein,
und alle wie frisch vom Baum und keine angestoen. Aber er auch, er is auch gut;
ein bichen bullrig und kollert gleich, aber wer es blo versteht, der hat es
gut mit ihm. Und wie soll er's denn auch anders machen? Er mu doch auch welche
anzeigen. Lehnert sagt es auch. Und sie sind ja jetzt ein Herz und eine Seele.
    Ja, sagte Christine. Das sind sie. Das heit, solang es dauert.
    Wird schon dauern, Kind, wird schon. Warum soll es nicht dauern? Sie haben
sich nun beide die Hrner abgestoen und sehen, da Frieden besser ist als
Krieg. Lehnert grt ihn und gafft ihm nicht mehr ins Gesicht. Guten Morgen,
Herr Frster, sagt er. Und dann stehen sie beid' an dem Staketenzaun und haben
ihren Schnack. Und neulich hat ihm Opitz einen Zettel an den Grafen mitgegeben
und eine Bestellung fr unten bei Pohl, und Lehnert hat ihm alles besorgt und
ihm den Himbeersaft auch richtig mit raufgebracht. Eine ganze Flasche voll. Es
war justament der Tag, als der neue Oberfrster kam und ihr drben den
Semmelpudding hattet. Aber was sag ich nur, du mut es ja besser wissen als
ich...
    Freilich wei ich es. Aber ich wei auch, was Opitz sagte.
    Was war es, was er sagte?
    Nu, sagte er, als er vom Flur in die Kche kam und den Saft vor uns
hinstellte, da habt ihr den Saft, das se Zeug, das der Lehnert mit
raufgebracht hat. Und diesmal mag es drum sein. Aber das nchste Mal, Brbel,
das nchste Mal pa besser auf. Der groe Herr drben ist auf eine Weile zahm
geworden und frit vorlufig aus der Hand. Aber wer wei, ob es vorhlt... Ja,
Frau Menz, das war es, was Opitz sagte. Und als meine gute Frau darauf
antwortete und ihm zureden wollte, weil Lehnert ja jetzt gre, da lie er sie
gar nicht zu Worte kommen und bullerte gleich los: Das verstehst du nicht,
Brbel. Was heit Gru? Er grt; aber es ist auch danach. Er hat noch dieselben
Mucken wie sonst; ich seh's ihm jedesmal an, wenn er so verlegen dasteht und
nicht wei, was er sagen soll. Und ein Glck ist es, da er wenigstens eine
Weile klein beigegeben! Davon erholt er sich nicht wieder. Wer mal zu Kreuze
gekrochen ist, der bringt die Courage nicht mehr fertig. Das ist nu mal so.
    So ging das von Frau Menz und Christine gefhrte Gesprch, das noch eine
Weile weitergesponnen wurde, weil sie sich allein glaubten. Aber sie waren nicht
allein. Dicht hinter ihnen stand Lehnert in der offenen Tr und hatte jedes Wort
mit angehrt. Er zog sich, eh sie seiner gewahr wurden, still wieder zurck und
ging auf seinen Arbeitsschuppen und in diesem auf die Stelle zu, wo die
Hobelspne hoch aufgeschichtet lagen.
    Da warf er sich hin und schlug sich vor die Stirn und schwur und zitterte.
Denn er war seiner Sinne kaum noch mchtig. Zuletzt verfiel er in ein
krampfhaftes Weinen, aber auch die Trnen gaben ihm keine Erleichterung. Er
hatte sich klein und verchtlich gemacht und alles umsonst. Alles lag wieder wie
vordem, und vor seiner Seele stand es, wie's kommen wrde.

                                Neuntes Kapitel


Am andern Tage hatte sich Lehnert von dem, was er gehrt, insoweit erholt, da
er die Kraft aufbrachte, sich's ruhiger zurechtzulegen. Er traut mir nicht.
Soll ich ihm bse darber sein? Trau ich ihm? Was dem einen recht ist, ist dem
andern billig. Es ist gut, da ich nun wei, wie's mit ihm steht und was ich von
ihm zu gewrtigen habe. Wenn ich ihm so weiter geglaubt htte, so wr ich
vielleicht unvorsichtig geworden, und das tut nie gut, am wenigsten einem Opitz
gegenber... Ich will nicht wieder anfangen, nein, er soll anfangen. Dann bin
ich ohne Schuld. So sprach er noch weiter vor sich hin, ohne jede leiseste
Vorahnung, da derselbe Tag noch den alten Streit wieder anfachen sollte. Nur
schrfer und bitterer als je zuvor.
    Es war ein heier Tag, und die Steine, die durch die Lomnitz hin zerstreut
lagen und bei niedrigem Wasserstand einen bergang von einem Ufer zum andern
bildeten, blitzten in der Sonne; drben das Heidekraut auf der Opitzschen Seite
schimmerte rot, und von dem Lupinenfeld, das sich, freilich als schmaler Strich
nur, durch das Heidekraut hinzog, zog ein ser Duft nach dem Inselchen herber.
Der Himmel stand in einem wolkenlosen Blau. Lehnert, der sich, der groen Hitze
halber, von dem Vorplatz am Schuppen unter den Schuppen selbst zurckgezogen
hatte, sah einen Augenblick von seiner Arbeit auf und wurde dabei mehrere
Taubenschwrme gewahr, deren einer eben ber die Tannen am Waldsaum hinschwebte.
Pltzlich aber, whrend er noch so hinaufsah, vernahm er, durch die
Mittagsstille hin, einen Hundeblaff und gleich danach einen durchdringenden
Hahnenschrei, der, weitab davon, sicher und siegesfroh wie sonst wohl die Seinen
zuhauf zu rufen, umgekehrt etwas von einem Angst- und Todesschrei hatte. Lehnert
ahnte, was es war, sprang auf die Deichsel und Vorderachse des gerade vor ihm
stehenden Arbeitswagens und sah von dieser Hochstellung aus, was drben
passierte. Diana hatte den Hahn an seinem Silberkragen gepackt und schttelte
ihn. Und nun lie der Hund wieder ab, und die pltzliche Lautlosigkeit verriet
nur zu deutlich, da das schne Tier, das er gepackt und geschttelt, tot war.
Das gab Lehnert einen Stich ins Herz, denn neben dem prchtigen gelben
Rosenstrauch an Haus und Dach war der Silberhahn so ziemlich das einzige, woran
er hing; alles andere war in Rckgang und Verfall. Er ballte die Faust und
drohte nach drben hin, aber er bezwang sich wieder und richtete seinen Zorn und
Unmut, einen Augenblick wenigstens, statt gegen Opitz gegen die eigene Mutter.
    Die ist schuld; es mute so kommen. Hab ich doch den da drben wohl ein
dutzendmal sagen hren: Liebe Frau Menz, wenn Sie nicht nach dem Rechten sehen
und das Hhnervolk immer ber den Steg und die Steine bis in meinen Vorgarten
lassen, ich stehe fr nichts; Diana packt mal zu. Nun hat Diana zugepackt, und
wir sind unseren Hahn los und mssen noch still sein und vielleicht auch noch
gute Worte geben wegen der Aurikeln und Levkojen oder was das arme schne Tier
sonst noch zerpflckt und zertreten hat... Aber so ist die Alte, sie will die
paar Futterkrner sparen, und selbst ihre Hhner sollen drben zu Gaste gehen.
Es ist ein Elend, und blo neugierig bin ich, was er nun machen und ob er sich
entschuldigen und so was von Bedauern sagen wird.
    Und sieh, Lehnert war kaum wieder bei seiner Arbeit, so kam auch schon
Christine zur Frau Menz in die Kche und bestellte von Frster Opitz: Es tt ihm
leid, da seine Diana den Hahn gewrgt htte. Mehr knn er aber nicht sagen. Er
habe der Frau Menz im voraus gesagt, da es so kommen wrde. Sein eigener Schade
sei noch grer, und wenn er zusammenrechne, was die Menzschen Hhner ihm alles
ruiniert htten, so kme mehr heraus als der Hahn.
    Und will er denn den Hahn behalten? wimmerte die Alte.
    Nein, sagte Christine, den Hahn sollt ich Euch bringen. Aber Frau Opitz
sagte, der wrd Euch doch nicht schmecken. Und hinterher hat sie mir heimlich
gesagt, ich sollt Euch fragen, was Ihr dafr haben wolltet, und sie wollt es
alles bezahlen und noch ein Reugeld dazu.
    Lehnert, als seine Mutter und Christine so sprachen, war von seinem
Arbeitsschuppen herbeigekommen.
    Ich will den Hahn, sagte er, und nicht das Geld. Aber gegessen wird er
nicht, Mutter. Ich begrab ihn und mach ihm einen Stein. Das schne Tier! Meine
einzige Freude! Nun ist er hin. Diese Diana, diese Bestie! Mir will sie auch
immer nach den Beinen. Aber sie soll sich vorsehn, und ihr Herr auch.
    Und er ging wieder an seine Arbeit, whrend Christine bei der Alten blieb
und ihr ohne weiteres das Geld gab, das die gute Frau Opitz fr den erwrgten
Hahn bewilligt hatte.

Lehnert verwand es schneller, als er selber gedacht haben mochte. Htt er klarer
in seinem Herzen lesen knnen, so wrd er gefunden haben, da er eigentlich froh
war, seines Gegners Schuldsumme wachsen zu sehen. Je mehr und je rascher, desto
rascher mut auch die Abrechnung kommen, das war das Gefhl, das ihn mehr und
mehr zu beherrschen begann. Bei Tisch sprach er nicht, und als er den Krug Bier,
den ihm die Mutter aus dem Kretscham geholt, geleert hatte, ging er auf seine
Kammer hinauf und schlief.
    Als er wieder wach war, war er zunchst willens, doppelt fleiig zu sein und
bei der Arbeit alles zu vergessen - nicht fr immer, dafr war gesorgt, aber
doch auf ein paar Stunden. Am Abend wollt er dann in den Querseiffner Kretscham
gehn, wo heute Tanz war.
    Ich sitze jetzt zuviel an der Schnitzelbank und lebe... nun, wie leb ich?
Ja, wie wenn ich nur noch Botenfrau wr, Botenfrau fr Opitz. Ich will es mir
heute raustanzen aus dem Geblt.
    Und damit ging er von seiner Kammer in die Kche, nahm da den Bunzlauer
Topf, drin ihm die Alte den Nachmittagskaffee warm zu stellen pflegte, vom Herd
und ging wieder auf seinen Schuppen zu. Die Hhner lagen hier in ihren
Erdlchern und sahen ihn wie fragend an.
    Ihr wollt mich wohl gar noch verantwortlich machen? Dummes Volk! Ich sag
euch, er wre nicht rbergegangen, er hielt auf sich und htte sich seine paar
Krner auch hier gesucht. Ihr seid schuld, ihr habt ihn verleitet, und er ist
euch blo gefolgt, um euch nicht im Stich zu lassen. Nun ist er weg, und ihr
habt das Nachsehen. Solchen schnen Herrn kriegt ihr nicht wieder, verdient ihr
auch gar nicht.
    Er unterhielt sich noch so weiter und freute sich, da er seine gute Laune
wiederhatte.
    So vergingen etliche Stunden, und die Sonne machte schon Miene, hinter der
mit Tannen besetzten Hhe zu verschwinden. Lehnert aber, der all die Zeit ber
mit besonderem Fleie gearbeitet hatte, hatte seines in die Hobelspne
gestellten Kaffees ganz vergessen und wollt eben aufstehen, um das Versumte
nachzuholen, als die Mutter in groer Hast und Aufregung vom Haus her auf ihn
zukam und in den Arbeitsschuppen hineinrief: Ein Has, Lehnert, ein Has!
    Wo, Mutter?
    In unserm Korn.
    Und ehe zwischen beiden noch weiter ein Wort gewechselt werden konnte,
sprang Lehnert auch schon von seiner Arbeit auf, lief auf das Haus zu, ri die
Flinte vom Riegel und strzte durch die Hintertr, ber den Hof fort, auf den zu
Feld und Wald hinberfhrenden Brckensteg zu. Bevor er diesen aber erreichen
konnte, wurd es dem Hasen drben nicht recht geheuer, der denn auch in kurzen
Stzen, und zwar immer an dem Kornfeldstreifen entlang, auf den Wald zu
retirierte. Freilich nur langsam und mit Pausen. Sieh, er sputet sich nicht
mal, er hat nicht mal Eile, sagte Lehnert vor sich hin und legte den Kolben an
die Schulter und zielte. Da wurde der drben mit einemmal flinker und eilte
sich, den kaum zehn Schritt breiten Abhang, der zwischen Acker und Wald die
Grenze zog, hinaufzukommen, aber eh er noch bis an das Unterholz heran war, fiel
der Schu. Am Saume hin zog der Pulverrauch und wollte sich nicht gleich vertun;
Lehnert indes, der wohl wute, da er keinen Fehlschu getan hatte, ging langsam
auf die Stelle zu, nahm den Hasen vom Boden und kehrte dann ber Steg und Hof in
sein Huschen zurck.
    Da, Mutter. Der soll uns schmecken. Opitz kann sich den Hahn braten
lassen.
    Erst als Lehnert diesen Namen nannte, kam der Alten die nur zu berechtigte
Sorge wieder, was Opitz zu dem allem wohl sagen wrde, Lehnert selbst aber war
guter Dinge, sprach in einem fort von Haus- und Feldrecht und suchte der Alten
ihre Befrchtungen auszureden. Ob es ihm Ernst damit war und ob er wirklich an
sein Haus- und Feldrecht glaubte, war schwer zu sagen und blieb auch da noch
im ungewissen, als eine halbe Stunde spter Opitz in Person von seiner Frsterei
herberkam und den Hasen forderte.
    Lehnert spielte den Unbefangenen, ja zunchst sogar den Verbindlichen und
bat Opitz, Platz nehmen zu wollen, und erst als dieser, unter Ablehnung der
Artigkeit, die Forderung wiederholte, stellte sich Lehnert mit dem Rcken an den
Ofen und sagte: Was man nicht hat, kann man nicht geben.
    Um Opitz' Zge, der nur zu gut wute, da er jetzt seinen alten Gegner in
Hnden habe, flog ein spttelndes Lcheln, und es trieb ihn mchtig, diesem
seinem Gefhle von berlegenheit auch sofort einen Ausdruck zu geben. Er bezwang
sich aber und sagte: Lehnert, Ihr nehmt den Streit wieder auf und ttet doch
klger und besser, es nicht zu tun. Ich warn Euch. Ich mein es gut mit Euch.
    Ich habe den Hasen nicht.
    Ihr habt von dem Brckensteg aus gezielt und geschossen.
    Ich habe von dem Brckensteg aus geschossen, aber nicht gezielt. Der Hase
sa in unserm Feld; er ist jetzt fters bei uns zu Gast, und nachts wird er wohl
mit Familie kommen. Ich brauche keinen Hasen in meinem Felde zu leiden, und ich
hab ihn verjagen wollen.
    Ein Has ist ein Has, und Ihr braucht blo in die Hand zu klatschen...
    Aber ein Schu hilft mehr.
    Namentlich, wenn er getroffen hat.
    Lehnert schwieg und sah an Opitz vorbei, der seinerseits eine kleine Weile
vergehen lie, fast als ob er Lehnert eine Frist zur berlegung gnnen wollte.
Als aber jedes Entgegenkommen ausblieb, nahm er zuletzt das Wort wieder und
sagte: Lehnert, Ihr bringt Euch in Ungelegenheiten. Ihr habt einen Ha gegen
mich, und das verdirbt Euch Euren guten Verstand. Ihr streitet mir den Hasen ab,
Ihr, der Ihr immer von Eurer Wahrheitsliebe sprecht, und wre mir doch ein
leichtes, den Hasen in Eurem Hause zu finden. Und wenn ich ihn nicht fnde, so
doch Diana... Kusch dich... Ihr habt den Hasen verjagen wollen. Nun,
meinetwegen; das ist Euer gutes Recht. Und wenn Ihr's Euch einen Schu Pulver
kosten lassen wollt, nun, so mag auch das hingehen, obwohlen es auffllig ist
und eigentlich nicht in der Ordnung. Es ist nicht Brauch hierzuland, einen Hasen
durch einen Flintenschu zu verjagen. Und der Letztberechtigte dazu seid Ihr,
der Ihr schon manches auf dem Kerbholz habt. Ich sah von meiner Giebelstube her,
da Ihr im Anschlag lagt, und ich sah auch, wie der Hase zusammenbrach. Und zum
berflu hab ich mir die Stelle drben, eh ich in Euer Haus kam, mit allem
Vorbedacht angesehen und habe den Schwei an dem hohen Farnkraut gefunden, das
drben steht.
    Die Bedrngnis, in der sich Lehnert befand, wuchs immer mehr, und ein
begreifliches Verlangen berkam ihn, aus dieser seiner Lage heraus zu sein. Er
war aber schon zu tief drin, und was die Hauptsache war, er konnte sich nicht
entschlieen zuzugeben, eine Lge gesprochen zu haben. So pfiff er denn leise
vor sich hin, als ob er andeuten wolle, da der Worte genug gewechselt seien.
    Opitz seinerseits aber war nicht willens, seinen Triumph abzukrzen, und
fuhr, whrend er eine gewisse Gtigkeitsrolle weiterspielte, ruhigen Tones fort:
Ich sehe, Lehnert, da Ihr ungeduldig werdet, und will Eure kostbare Zeit nicht
ber Gebhr in Anspruch nehmen. Und so hrt denn meinen letzten Vorschlag! Ich
will den Hasen nicht, und meine Frau, die's, wie Ihr wit, gut mit Euch meint,
mag Euch auch noch den Speck dazu schicken. Und ich, Lehnert, ich will's bei dem
Grafen verantworten, und wenn er sich wundern sollte, so will ich, aus Rcksicht
fr Euch, von einem Schreckschu sprechen, der zufllig getroffen habe. Der Graf
ist ein gndiger und nachsichtiger Herr, und wenn er das mit dem Schreckschu
auch nicht glauben wird, so wird er doch so tun, als glaub er's. Aber das
verlang ich von Euch, da Ihr Euch vor mir zu dem bekennt, was Ihr getan habt,
und da Ihr Euch entschuldigt. Hab ich Euch doch mein Bedauern ber den Hahn
ausgesprochen. Und war nicht dazu gebunden. Aber Ihr, Ihr seid's. Und nun heraus
mit der Sprache. Beichten ist immer das beste, da wird die Seele wieder frei,
nicht wahr? Und man kann jedem wieder ins Auge sehn.
    Kann ich! sagte Lehnert, und sein Auge suchte das des Frsters, um sich
mit ihm zu messen. Aber das Gefhl seines Unrechts war doch strker als sein
Trotz, und er senkte den Blick wieder.
    Opitz lchelte.
    Guten Abend, Frau Menz. Ich werde meine Frau von Euch gren. Und auch
Christinen. Und nun Gott befohlen!
    Und ohne weiter ein Wort oder einen Blick an Lehnert zu richten, verlie er
das Haus und ging auf den Steg zu. Diana folgte.

                                Zehntes Kapitel


Die Alte war ihm bis in den Vorgarten gefolgt und rechnete darauf, da er sich
noch einmal umsehen wrde, fr welchen Fall sie devotest zu knicksen vorhatte,
schlielich aber gewahr werdend, da auf einen gndigen Abschiedsblick nicht
mehr zu rechnen sei, gab sie's auf und ging in die Stube zurck. Hier stand
Lehnert noch am alten Fleck und sah vor sich hin.
    Ach, Lehnert, wenn du's doch nicht getan httest... Und Speck will er uns
auch noch schicken. Sieh, so ist er immer und meint es gut. Aber wenn ich ihn
auch mit Schmand brate, schmecken tut er mir doch nicht. Wie kann er mir auch
schmecken? Wenn man Angst hat, schmeckt einem nichts, gar nichts, und will nicht
runter, und ich fhle schon, wie's mir hier sitzt und ordentlich vor der Brust
steht.
    Ach, Mutter, was soll das? Aber so bist du. Du willst alles haben, und wenn
dann nachher was passiert, was nach Gerichtsvorladung aussieht, oder wenn du gar
zu glauben anfngst, nun ist es mit dem Schinkenknochen und dem Liesenschmalz
drben vorbei, dann heit es wieder: ja warum auch? warum hast du geschossen?
    Ich habe nichts gesagt, ich habe dir nicht zugeredet.
    Lehnert stampfte heftig auf, fiel aber rasch wieder ins Lachen und sagte:
Wir wollen uns vertragen, Mutter. Du bist, wie du bist. Nein, zugeredet hast du
nicht. Du kamst blo, als ob wenigstens das Haus in Brand stnd, und riefest:
Ein Has, ein Has! Nun sage, was hie das? was sollte das? Sollt ich kommen und
mir das Wundertier ansehn? Oder ihn wegjagen? Kannst du nicht selber einen Hasen
wegjagen? Ich habe just das getan, was du wolltest, und du hast dabei gedacht:
Opitz wird heute still sein von wegen dem Hahn und vielleicht auch von wegen der
neuen Freundschaft. Und weil es nun anders gekommen, so bist du wieder mit
Vorwurf und Klage bei der Hand und weimerst mir wieder was vor, weil ich
geschossen hab, und shest es am liebsten, ich ginge gleich rber und wrfe mich
ihm zu Fen und kte seinen Rockzipfel. Aber davon wird nichts. Er mag nun
wieder seine Schreiberei machen und alles zur Anzeige bringen. Aufschreiben und
Anzeigen versteht er, das war schon seine Kunst, als er noch bei den Soldaten
war. Aber ich werde mich schon zu verteidigen wissen und werde vor Gericht
aussagen, da ich meinen Kohl und meinen Hafer, oder was es sonst ist, nicht fr
Opitz und seine Hasen ziehe. Geschossen htt ich blind drauflos, was dann aus
dem Hasen geworden, das wt ich nicht und braucht ich nicht zu wissen, und wenn
Opitz eines Hasen Schwei gefunden habe, was ja sein knne, so sei's nicht der,
um den sich's hier handle, der sei lustig in die Welt gegangen.
    Aber dann werden sie dir einen Eid zuschieben. Willst du schwren?
    Nein, das will ich nicht. Schwren tu ich nicht. Aber ich werde schon was
finden, um aus der Geschichte rauszukommen.
    Er sagte das so hin, halb um der Mutter zu widersprechen, halb um sie zu
beruhigen, war aber klug genug, zu wissen, da er schwerlich eine Ausrede finden
und somit sehr wahrscheinlich einer zweiten Verurteilung entgegengehen werde.
Das war ihm ein schrecklicher Gedanke, so schrecklich, da ihm alle Lust an der
Arbeit auf ganze Tage verlorenging und er umherzutabagieren begann, was er
ohnehin liebte. Den Tag ber sprach er in dieser oder jener Baude vor oder ging
auch wohl ins Bhmische hinber, wo er, bis nach Sankt Peter und Trautenau hin,
viel Anhang hatte, abends aber sa er in den nchstgelegenen Kretschams umher,
im Waldhaus, in Brckenberg, in Wang, heute hier und morgen da, und erzhlte
jedem, der's hren wollte, da wieder ein Krieg in der Luft sei, drben in
Bhmen wten sie schon davon, und da er seinerseits warten wolle, bis es
wieder losginge. Krieg in Frankreich, das sei das einzig vernnftige Leben; wenn
es aber nicht wieder losginge, nun, dann ginge er, und er wi auch schon wohin.
Er wolle zu den Heiligen am Salzsee, da htte jeder sieben Frauen, und wenn er
auch immer gesagt habe, da eine schon zuviel sei, was auch eigentlich richtig,
so woll er's doch mal mit sieben versuchen; es sei doch mal was anderes. Er war
sehr aufgeregt und sprach immer in diesem Ton, und sein einziges Vergngen war,
da man ihn fr einen Ausbund von Klugheit hielt und sich wunderte, wo er das
alles herhabe.
    Ja, das schmeichelte seiner Eitelkeit und gab ihm eine momentane
Befriedigung, die meiste Zeit aber war er nicht blo unzufrieden mit aller Welt,
sondern auch mit sich selbst und konnte zu keinem festen Entschlu kommen. All
das Sprechen von Krieg und Auswanderung und Salzsee war doch nur ein miges
Spiel, im Grunde seines Herzens hing er mit Zrtlichkeit an seinem Schlesierland
und dachte gar nicht an Fortgehen, wenn ihm der Boden unter den Fen nicht zu
hei gemacht wrde. Aber das war es eben. Machte der da drben Ernst, so war
der heie Boden da und zugleich der Augenblick, wo das, was er bisher blo an
die Wand gemalt hatte, Wirklichkeit werden mute. Denn zum zweiten Mal ins
Gefngnis, das zu vermeiden, war er fest entschlossen, und so hing denn alles an
der Frage: wird Opitz Ernst machen oder nicht?
    Nach seinem ersten unmittelbaren Gefhle war an diesem Ernste wohl nicht zu
zweifeln, aber das Weibervolk drben hatte groen Einflu, und wenn Brbel und
Christine die rechte Stunde wahrnahmen, so war es doch am Ende mglich, da sie
den trotz aller Schroffheit und Brbeiigkeit auch wieder sehr bestimmbaren
Hausherrn dahin brachten, die Sache fallenzulassen. Und warum auch nicht? Was
war es denn gro? Ein Has. Und da der Hase wirklich in dem Kornfeld gesessen,
darber war kein Zweifel, dem konnte sich auch Opitz nicht entziehen, und wenn
er, Lehnert, in seinem Stolz und seinem bermut auch keine Nachsicht verdienen
mochte, so doch die alte Frau, die so gut wie eine Bettlerin war, wenn man ihr
den Sohn noch einmal ins Gefngnis schickte.

So vergingen, ohne da auf seiten Lehnerts etwas geschehen wre, gegen
anderthalb Wochen, und wr auch wohl noch weiter so gegangen, wenn nicht die
Plaudertasche, die Christine, gewesen wre, die bestndig alles, was drben in
der Frsterei vorging, zu den Menzes hinbertrug. Unter den kleinen Freiheiten,
die sie sich regelmig nahm, war auch die, da sie den Opitzschen Schreibtisch
beim Aufrumen und Staubabwischen einer grndlichen Revision unterzog, so da
sie jederzeit wute, wie die Dienstsachen standen. War das nun schon ihr
alltgliches Tun, so doppelt, seitdem Lehnert in Gefahr schwebte, der Gegenstand
oder das Opfer einer Opitzschen Schreibbung zu werden. Eine ganze Woche lang
hatte sich nichts finden lassen, heut aber, es war der Tag vor dem vierten
Sonntage nach Trinitatis, war ihr der lang erwartete Bericht an den Grafen, in
geschnrkelter Abschrift und sauber zwischen zwei Lschbltter gelegt, zu
Gesicht gekommen, und ehe noch eine Viertelstunde um war, war sie schon drben,
um ihre Neuigkeit vor die rechte Schmiede zu bringen.
    Liebe Frau Menz, ich habe es nun alles gelesen. Es sind drei Seiten, alles
fein abgeschrieben und unterstrichen, denn er hat ein kleines Pappelholzlineal,
das nimmt er immer, wenn er unterstreichen will, und das sind allemal die
schlimmsten Stellen.
    Jesus, sagte Frau Menz und zitterte. Sie knnen ihm doch nicht ans Leben,
blo um den Has, und war noch dazu so klein, als ob er keine drei Tage wr, und
ich hab ihn eigentlich nicht essen knnen vor lauter Angst, blo einen Lauf und
das Rckenstck, weil es doch zu schade gewesen wre. Ach, du meine Gte, wenn
er um so was sterben sollte, da wre ja keine Gerechtigkeit mehr, und der Kaiser
in Berlin wird doch wissen, da er ein so guter Grlitzer war und da er's
beinah gekriegt htte...
    Gott, liebe Frau Menz, was Sie nur alles reden, so schlimm ist es ja nicht.
Und wr berhaupt gar nicht so schlimm, wenn es nicht das zweite Mal wr, oder
was sie, die so was schreiben, den Wiederbetretungsfall nennen. Das ist das
Wort, das drin steht. Und da machen sie denn gleich aus dem Floh 'nen Elefanten
und tun, als ob es wunder was sei, nicht weil es wirklich was Groes und
Schlimmes wre, nein, blo von wegen dem zweiten Mal, von wegen dem
Wiederbetretungsfall. Und da sind sie denn wie versessen drauf, und das war auch
die Stelle mit dem dicken Strich... Das heit die eine.
    Die eine? Aber du mein Gott, war denn noch eine?
    Gewi war noch eine da, die war noch dicker unterstrichen, und das war die
von seinem Charakter.
    Ach, du meine Gte. Von seinem Charakter! Und die hat Opitz auch
unterstrichen? Ja, was soll denn das heien? Ein Charakter is doch blo, wie man
is. Und wie is man denn? Man is doch blo so, wie einen der liebe Gott gemacht
hat, und wenn man auch nicht alles tun darf, aber seinen Charakter, ja, du mein
Gott, den hat man doch nu mal, und den wird man doch haben drfen, und den kann
er nicht unterstreichen. Und ein Mann wie Opitz, den ich immer beknickst habe,
wie wenn er der Graf wre. Gott, Christine, sage, Kind, was steht denn drin, und
was hat er denn alles gesagt?
    Er hat gesagt, da man sich jeder Tat von ihm zu gewrtigen habe, das steht
drin, Frau Menz, und das Wort jeder ist noch extra rot unterstrichen und sieht
aus wie Blut, so da ich einen regulren Schreck kriegte und blo nicht wute,
an wen ich dabei denken sollte, ob an Opitzen oder an Lehnert. Ja, liebe Frau
Menz, jeder Tat, so steht drin, und da er aus diesem Grunde beantrage, die
Strafe streng zu bemessen, und zweitens auch deshalb, weil er viel Anhang und
Zuhrerschaft habe und berall in den Kretschams herumsitze und den Leuten
Widersetzlichkeit beibringe, was um so trichter und strafenswerter sei, als er
eigentlich einen guten Verstand habe und sehr gut wisse, da alles, was er so
predige, blo dummes Zeug sei. Er sei ein Verfhrer fr die ganze Gegend, so
recht eigentlich, was man einen Aufwiegler nenne, und rede bestndig von
Freiheit und Amerika und da es da besser sei als hier, in diesem dummen Lande.
Ja, Frau Menz, das alles hat Opitz geschrieben, und am Schlusse hat er auch noch
geschrieben, da man an Lehnert ein Exempel statuieren msse, damit das Volk mal
wieder she, da noch Ordnung und Gesetz und ein Herr im Lande sei.
    Das alles?
    Ja, Frau Menz, das alles. Denn das wei ich schon, weil ich fter so was
lese; wenn er erst mal im Zug ist, dann ist kein Halten mehr, und auf eine Seite
mehr oder weniger kommt es ihm dann nicht an, schon weil er eine hbsche
Handschrift hat und mitunter zu mir sagt: Nu, Christine, wie gefllt dir das
groe H?, und vor allem, weil er gerne so was schreibt von Ordnung und Gesetz
und dabei wohl denken mag, so was lesen die Herren gern und halten ihn fr einen
pflichttreuen Mann. Ja, liebe Frau Menz, so redt er in einem fort zu Haus, und
so schreibt er auch, und dann stellt er sich vor meine gute Frau hin und sagt:
Sieh, Brbel, ich bin nur ein kleiner Mann, aber das tut nichts, jeder an seinem
Fleck, und das wei ich, ich sorge darfr, da die Fundamente bleiben, und bin
eine Sttze von Land und Thron.
    Christine htte wohl noch weitergesprochen, aber Lehnert, der schon von frh
an oben im Dorf gewesen war, kam eben von Krummhbel zurck, wohin er eine
Wagenachse abgeliefert hatte. Christine mocht ihm nicht begegnen, um nicht aufs
neue in ein Gesprch verwickelt zu werden, oder vielleicht auch, weil sie die
Wirkung der schlimmen Nachricht auf ihn nicht selber sehen wollte. So nahm sie
denn ihren Weg ber den nach der Waldseite hin gelegenen Brckensteg und kehrte
auf einem Umwege und unter Benutzung einiger im Lomnitzbette liegender Steine
nach der Frsterei zurck.

                                 Elftes Kapitel


Frau Menz hatte zu schweigen versprochen, aber sie war unfhig, etwas auf der
Seele zu behalten, und so wute Lehnert nach einer Viertelstunde schon, was
Christine berichtet hatte.
    La ihn, er wird nicht weit damit kommen!
    Er sagte das so hin, um die Mutter, so gut es ging, zu beruhigen, in seinem
Herzen aber sah es ganz anders aus, und er ging auf das Fenster zu, das er
aufri, um frische Luft einzulassen. Er hatte diesen Ausgang wohl fr mglich,
aber, bei der Frsprache drben, keineswegs fr wahrscheinlich gehalten, und nun
sollte doch das Schlimmste kommen, und wenn er sich diesem Schlimmsten entziehen
wollte, so gab es nur ein Mittel und mute nun das geschehen, womit er bis dahin
in seiner Phantasie blo gespielt hatte: Flucht. Ungezhlte Male war es ihm eine
Freude gewesen, von dem elenden Leben in diesem Sklavenlande zu sprechen, von
der Lust, dieser Armseligkeit und Knechterei den Rcken zu kehren und bers Meer
zu gehen, und doch - jetzt, wo die Stunde dazu da war, das immer wieder und
wieder mit Entzcken Ausgemalte zur Tat werden zu lassen, jetzt wurd er zu
seiner eigenen berraschung gewahr, wie sehr er seine Heimat liebe, sein
Schlesierland, seine Berge, seine Koppe. Das sollte nun alles nicht mehr sein.
Um nichts, oder um so gut wie nichts, war er das erstemal von Opitz zur Anzeige
gebracht worden, und um nichts sollt es wieder sein. Was war es denn? Ein Has,
der in seinem Kornfeld gesessen und den er ber Eck gebracht hatte. Das war
alles, und dies alles war eben nichts. Und wenn es etwas war, wer war schuld
daran? Wer anders als der da drben, der ihm den Dienst verleidet hatte, sonst
wr alles anders gekommen, und er wre, was eigentlich sein Ehrgeiz und seine
Lust war, bei den Soldaten geblieben und htte seinem Knig weiter gedient und
htte jedes Jahr Urlaub genommen und wre dann mit dem Hirschfnger und dem
Czako durch die Dorfstrae gegangen, und alles htte gegrt und sich ber ihn
gefreut. Um all das hat er mich gebracht, weil er mir's mignnte, weil er
nicht wollte, da wer neben ihm stnde. Ja, er ist schuld, er allein. Um das
Kreuz hat er mich gebracht, aber mein Haus- und Lebenskreuz war er von Anfang an
und hat mich geschunden und geqult, und wie damals, so tut er's auch heute
noch. Er hat mir das Leben verdorben und mein Glck und meine Seligkeit.
    Als er das letzte Wort gesprochen, brach er ab und sah vor sich hin. Alles,
was in Nchten, wenn er nicht schlief, ihm halb traumhaft erschienen war,
erschien ihm in diesem Augenblicke wieder, aber nicht als ein in Nebelferne
vorberziehendes Bild, sondern wie zum Greifen nah, und in seiner Seele klang es
noch einmal nach: und meine Seligkeit.
    Es war Mittag, und Frau Menz brachte die Mahlzeit. Aber Lehnert a nicht,
und als die Alte ihm zuredete, wies er es kurzerhand ab, stand auf und ging in
seine Kammer, um, was ihn peinigte, loszuwerden und Ruhe zu suchen. Wenn er
htte schlafen knnen! Aber er fhlte nur, wie's hmmerte. Mit einem Male sprang
er auf. Nein, ich bleibe. Nicht fort. Ich will nicht fort. Einer mu das Feld
rumen, gewi. Aber warum soll ich denn der eine sein? Warum nicht der andere?
Mann gegen Mann... und oben im Wald... und heute noch. Ich sage nicht, da ich's
tun will, ich will es nicht aus freien Stcken tun, nein, nein, ich will es in
Gottes Hand legen, und wenn der es fgt, dann soll es sein... Und das Papier
drben und alles, was drin steht, das will ich schon aus der Welt schaffen...
Und wenn ich ihm nicht begegne, dann soll es nicht sein, und dann will ich mich
drein ergeben und will ins Gefngnis oder will weg und ber See.
    Lehnert war klug genug, alles, was in diesen seinen Worten Trugschlu und
Spiegelfechterei war, zu durchschauen; aber er war auch verrannt und befangen
genug, sich drber hinwegzusetzen, und so kam es, da er sich wie befreit
fhlte, nach all dem Schwanken endlich einen bestimmten Entschlu gefat zu
haben. Er wartete bis um die sechste Stunde, legte dann, wie stets, wenn er ins
Gebirge wollte, hirschlederne Gamaschen an und stieg, als er sich auf diese
Weise marschfertig gemacht hatte, von seiner Bodenkammer wieder in die Wohnstube
hinunter. Hier ri er aus dem unter der Jagdflinte hngenden Kalender ein paar
Bltter heraus und wickelte was hinein, was wie Flachs oder Werg aussah. Alles
aber tat er in eine Ledertasche, wie sie die Botenlufer tragen, gab dann der
Alten, unter einem kurzen Adjes, Mutter, die Hand und ging auf das sogenannte
Gehnge zu, den nchsten Weg zum Kamm und zur Koppe hinauf. Drben in der
Frsterei schien alles ausgeflogen. Nur Diana lag auf der Schwelle und sah ihm
nach.

Lehnert verfolgte seinen Weg, der ihn zunchst an den letzten Husern von
Wolfshau vorberfhrte. Von hier aus bis zu dem das grfliche Jagdrevier auf
Meilen hin einhegenden Wildzaun waren keine tausend Schritt mehr, ein mit
Kusseln besetztes, von einem schmalen Weg durchschnittnes Waldvorland, auf dem
sich in diesem Augenblick eine Krummhbler Kinderschar heranbewegte, lauter
halbwachsene Mdchen, die, von ihrem Lehrer gefhrt, eine Tagespartie nach der
Schwarzen Koppe hinauf gemacht hatten. Lehnert blieb stehen; als sie nher
kamen, sah er, da sie Blumen in Haar und Hand trugen. Und dazu sangen sie:

Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand.
Wo die Schneekoppe hoch in die Wolken steigt,
Wo der Kynast grau die Zinnen zeigt,
Wo Rbezahl tief im Berge thront,
Wo Liebe, Frohsinn, Treue wohnt,
Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand.

Es war dasselbe Lied, das er in seinen Knabentagen und dann spter, bei den
Jgern, auf manchem heien Marsch in Frankreich gesungen hatte. Wie das Lied ihn
jetzt ins Herz traf, und er trat zurck, um den jungen Dingern, von denen die
meisten ihn kannten, den Weg freizugeben. Sie nickten ihm zu, und eine gab ihm
im Vorbergehen den Enzianenkranz, den sie hoch oben im Gebirge gepflckt und
geflochten hatte. Da, Lehnert! Und kaum, da sie vorbei waren, so nahmen sie
das Lied wieder auf und sangen die letzte Strophe:

Schlesierland! Schlesierland!
Du bist es, wo meine Wiege stand,
Ach, werd ich je dich wiedersehn,
Im Schatten deiner Tannen gehn,
Am Hgel meiner Eltern knien
Und sehen, wie die Wolken ziehn?
Auch in der Ferne knpft mich ein Band
An dich, geliebtes Heimatland.

Lehnert, als sie so sangen, hatte die Schluzeilen unwillkrlich mitgesungen und
wiederholte sie sich, als ob er in diesem Augenblicke schon ein tiefstes Heimweh
in seinem Herzen empfunden htte.
    Dabei war er bis an den Wildzaun gekommen, bis an das Gatter, aus dem die
Mdchen eine kleine Weile vorher herausgetreten waren. Er ffnete jetzt
seinerseits das aus Holzstmmen zusammengefgte, schwer in den Angeln gehende
Tor und lie es wieder ins Schlo fallen, und der Ton, mit dem es einklinkte,
durchfuhr ihn und lie ihn zusammenschauern. Er war nun drin in dem Waldgehege.
Was war geschehen oder doch vielleicht geschehn, wenn er wieder heraustrat? Aber
er entschlug sich solcher Gedanken und schritt die geradlinige, steile Strae
hinauf, das Gehnge, das hier am Gatter seinen Anfang nahm und abwechselnd an
hochstmmigem Wald und niedriger Kusselheide vorberfhrte. Dann und wann kamen
auch Wiesenstreifen und Streifen von Moorgrund. Es war jetzt um die siebente
Stunde und die Sonne, fr die Talbewohner, noch ber dem Horizont, hier oben
aber herrschte schon Dmmer und abendliches Schweigen, und nur dann und wann
hrte man das Klucken und Glucksen eines bergabschieenden Wasserlaufes oder
eine vereinzelte Vogelstimme. Kein Schmettern oder Singen, nur etwas, das wie
Klage klang. Am Himmel, der hell leuchtete, wurde die Mondsichel sichtbar, ein
blasser Ring, und einmal war es Lehnert, als ginge wer neben ihm her. Aber es
war eine Sinnestuschung, und wenn er seinen Schritt anhielt, schwieg auch der
begleitende Schritt im Walde.
    So war er, das Gehnge hinauf, schon bis ziemlich hoch gekommen, und durch
eine bergan steigende Lichtung im Walde konnt er bereits den Gebirgskamm in
aller Deutlichkeit erkennen. Er sah aber nicht lange hinauf, sondern setzte
sich, pltzlich der Ruhe bedrftig, auf eine Bank, die man hier, wohl zu Nutz
und Frommen bergan steigender Sommergste, zwischen zwei dicht nebeneinander
stehenden Tannen angebracht hatte. Das dachartig berhngende Gezweige war
Ursache, da es um die ganze Stelle her schon dunkelte, trotzdem war es noch
hell genug, um alles Nchstliegende deutlich erkennen zu knnen. An der anderen
Seite des Weges sprang ein Quell aus einer nur wenig bermanneshohen Felswand,
und der Umstand, da man dem Quell eine zierliche Holzrinne gegeben und ihn in
geringer Entfernung, davon in einen von Moos berwachsenen Steintrog geleitet
hatte, gab diesem Rastplatz etwas von einem Waldidyll. An dem Steintroge vorbei
zog sich, nicht allzu weit unter dem Kamm hin, ein dem Zuge desselben folgender
Pfad, der zuletzt auf die Hampelbaude zulief.
    Lehnert wute hier Bescheid auf Schritt und Tritt und hatte manch liebes Mal
auf dieser Bank gesessen und nach dem Quell hinbergesehen und gehorcht, ob
vielleicht Opitz aus dem Unterholz heraustreten wrde. Fast zu gleichem Zwecke
sa er wieder hier, und als sich's drben einen Augenblick wie regte, scho ihm
das Blut zu Kopf, und er griff unwillkrlich nach links, wie wenn er, der doch
noch ohne Waffe war, das Gewehr von der Schulter reien wollte. Rasch aber
entschlug er sich seiner Erregung wieder, und an ihre Stelle trat ein Lcheln.
War er doch mit nichts ausgerstet als mit einer Tasche, wie sie die Fhrer und
Botenlufer tragen, und wenn Opitz in diesem Augenblicke wirklich aus dem Walde
drben herausgetreten wre, so htt er ihm einen guten Abend bieten und trotz
aller Bitterkeit im Herzen ein Gesprch ber den Koppenwirt oder ber den
nchsten Krieg oder ber die Grlitzer mit ihm haben mssen. Er wurd berhaupt
wieder unsicher und verlangte nach einem weitern Zeichen, das ihm noch einmal
sage, was er zu tun habe. So brach er denn einen drren Zweig ab und machte zwei
Lose daraus, in Lnge nur wenig voneinander unterschieden, und tat beide in
seinen Hut. Und nun schttelte er und zog und ma. Er hatte das etwas lngere
Stck gezogen. Gut dann... es soll also sein..., und mit einer Raschheit, in
der sich die Furcht vor einem abermaligen Schwanken und Unschlssigwerden
aussprach, erhob er sich von seiner Bank und schlngelte sich mit einer
Findigkeit, die deutlich sein Zuhausesein an dieser Stelle zeigte, durch
allerhand dichtes Unterholz bis auf eine Waldwiese, die, nach der einen Seite
hin, ganz besonders aber in der Mitte, mit riesigen Huflattichblttern
berwachsen war, whrend sie nach der anderen Seite hin in buschhohem
Farrenkraut stand, das sich, heckenartig, an einer niedrigen Felswand
entlangzog. In Front dieser Buschhecke war nirgends ein Einschnitt, weshalb
Lehnert, der dies sehr wohl wute, seinen Eingang von der Seite her nahm und
sich zwischen dem Farrenkraut und der Felswand hindurchdrngte, mit seiner
Rechten an dem Gesteine bestndig hintastend. Als er bis in die Mitte war, war
auch die Felsspalte da, nach der er suchte, freilich nur schmal und eng. Er
streifte deshalb den rmel in die Hh, um bequemer mit Hand und Unterarm hinein
zu knnen, und nahm, als ihm dies gelungen, aus einer in der Felsspalte
befindlichen Nische sein Doppelgewehr heraus, das hier, bis an den Kolben in ein
Futteral von Hirschleder gesteckt, seinen Versteck hatte. Gleich danach hielt er
auch Pulverhorn und Schrotbeutel in Hnden, und abermals einen Augenblick spter
von einem der von seiner Wohnung her mitgenommenen alten Kalenderbltter einen
breiten Streifen abreiend, der als Schupfropfen dienen sollte, lud er jetzt
beide Lufe, setzte die Zndhtchen auf und hakte das mit zwei Drahtsen
versehene Stck Werg, das ein falscher Bart war, ber die Ohrwinkel. Und nun
wand er sich, wie vorher zu diesem Versteck hin, so jetzt mit gleicher Raschheit
durch Farrenkraut und Unterholz zurck und trat wieder auf die groe Strae
hinaus. Er war derselbe nicht mehr. Der flachsene Vollbart, der aus Zufall oder
Absicht tief eingedrckte Hut, der Doppellauf ber der Schulter - das alles gab
ein Bild, das in nichts mehr an den Lehnert erinnerte, der vor einer
Viertelstunde noch, schwankend und unsicher, auf der Bank am Quell gesessen
hatte.
    Nun, mit Gott, sprach er vor sich hin und stieg hher hinauf, auf den Grat
des Gebirges zu.

Stiller wurd es, und niemand begegnete ihm. Nur einmal trat ein Rehbock auf eine
Lichtung und stand, und Lehnert griff schon nach dem Gewehr, um anzuschlagen.
Aber im nchsten Augenblicke war er wieder anderen Sinnes geworden. Nein, nicht
so. Sein Schicksal soll ber ihn entscheiden, nicht ich. Ich will ihn nicht
heranrufen; ich hab es in eine hhere Hand gelegt. Und sein Gewehr wieder ber
die Schulter hngend, schob er sich weiter an den Tannen hin. Aber es waren
ihrer nicht allzu viele mehr, immer lichter wurd es zwischen den Stmmen, und
kaum hundert Schritte noch, so lag der Wald zurck, und ein breites Stck
Moorland tat sich auf, durch das, jetzt, mitten hindurch, der Weg unmittelbar
auf den Grat hinauffhrte. Wo der Torf nicht zutage lag, war alles von einem
gelben, sonnverbrannten Gras berwachsen; dazwischen aber blinkten Sumpf und
Wasserlachen, auf deren schwarzer Flche die Mondsichel sich spiegelte. Kein
Leben, kein Laut. Aber whrend Lehnert dieser Lautlosigkeit noch nachhorchte,
klang pltzlich, durch die tiefe Stille hin, ein helles Luten herauf.
    Das ist das Kapellchen unten. Das fngt an und lutet den Sonntag ein.
    Und wirklich, ehe noch eine Minute vergangen, fiel das ganze Tal mit all
seinen Kirchen und Kapellen ein, und wie im Wettstreit klangen die Glocken
mchtig und melodisch bis auf den Koppengrat hinauf. Und nun war auch Lehnert
oben und sah hinab. Der Mond gab eben Licht genug, ihn alles im Tal unten, drin
eben ein dnner Nebel aufstieg, wie in einem halben Dmmer erkennen zu lassen.
Da lagen die beiden Falkenberge, deren einer seine Zacken phantastisch
emporstreckte, dahinter aber waren die Friesensteine, noch von einem letzten
Widerscheine des Abendrots berglht.
    Lange sah er hinab, bis der Widerschein verblat und das weite Tal unten
nichts mehr als eine Nebelkufe war. Nur um ihn her war noch klare Luft, und die
Mondsichel blinkte.
    Wohin jetzt? fragte er sich.
    Er sah nach links hin, den Grat entlang, und bemerkte das Licht, das oben
auf der Koppe schimmerte.
    Wenn ich mich ranhalte, bin ich in zwanzig Minuten oben... Und dann bin ich
ihm nicht begegnet. Aber warum nicht? Weil ich ihm nicht begegnen konnte, weil
ich ihm aus dem Wege gegangen bin. Ist das das Rechte? Heit das sein Schicksal
befragen? Ich darf ihm nicht aus dem Wege gehen, das ist kein richtig Spiel; ich
mu dahin, wo sich's begegnen lt... Da ist mein Platz.
    Und rasch entschlossen wandt er sich wieder und schritt denselben Weg
zurck, auf dem er gekommen war.
    Solang er das Moor und seine freie Flche zu seiten hatte, hing er allerhand
Trumereien nach, kaum aber da der Hochwald wieder um ihn her war, so schien
auch sein Auge zwischen den Stmmen hin das Dunkel durchdringen zu wollen. Aber
es blieb trotzdem, wie's war, und er war schon wieder bis an jene Wegstelle, wo
sich die Bank befand und der Quell in den Steintrog fiel, ohne da sich etwas
geregt oder ihm auch im geringsten nur die Gegenwart seines Gegners verraten
htte. Was soll er auch hier auf der groen Strae? Feige bin ich, nichts als
Feigheit. Und sich von der Bank her, drauf er abermals eine kurze Rast
genommen, zum Weitergehen anschickend, bog er drben in den am Steintroge
vorberfhrenden Querpfad ein, der in langer Linie, waagrecht und ohne jede
Steigung, auf die Hampelbaude zulief. Da will ich hin. In der Hampelbaude will
ich schlafen. Und hab ich ihn bis dahin nicht getroffen, so soll es nicht sein.
Und ich mu ins Prison oder in die weite Welt.
    Er mute so sprechen, denn er wute nur zu gut, da er bis dahin mit der
Begegnungsfrage blo gespielt hatte. Jetzt aber mute sich's zeigen. Und
wunderbar, statt erregter zu werden, ward er mit jedem Augenblicke stiller und
seine Seele ruhiger, vielleicht, weil er jetzt ein Ende absah. Und ihn verlangte
danach, so oder so. Nur eines war ihm lstig, die Mondsichel blinkte so hell,
als ob Vollmond wre. Der Bart ist doch immer nur eine halbe Verkleidung. Und
wenn die Toten auch schweigen... Es wre besser, die Wolke drben legte sich
vor.
    Und wirklich, sie tat's. Und was jetzt niederflimmerte, war nur noch das
matte Licht der Sterne...
    Da kam wer auf ihn zu. Steh! Opitz war um eine Wegecke gebogen und hielt
auf fnf Schritt.
    Und Lehnert stand.
    Gewehr weg! Was ein Richtiger ist, der wei, wie sich's gehrt. Aber du
bist wohl ein Bhm'scher... Eins, zwei...
    Lehnert, das Gewehr in der Hand, zgerte noch.
    Gewehr weg... drei. Und im selben Augenblicke schlug der Hahn auf das
Piston. Aber das Zndhtchen versagte.
    Und nun schlug Lehnert an, und zwei Schsse krachten.
    Opitz brach zusammen.
    In engem Bogen an ihm vorbei ging Lehnert auf die Hampelbaude zu.

                                Zwlftes Kapitel


Zehn Uhr war durch, als Lehnert, der inzwischen sein Gewehr an einem anderen
Versteckort wieder untergebracht hatte, bei der Hampelbaude eintraf. Trotz
spter Stunde war noch Leben drin, sogar Tanz, zu dem zwei bhmische
Harfenistinnen von mittleren Jahren und ein zwlfjhriger Geiger lustig
aufspielten. Lehnert setzte sich und lie sich ein Nachtessen geben, als es aber
vor ihm stand, schob er es wieder zurck und sprach nur dem Bier zu. Was um ihn
her tanzte, waren Sommergste, darunter Mtter, die dicht vor der silbernen
Hochzeit, und Tchter, die dicht vor der ersten Konfirmationsstunde standen.
Auch die Vter waren, in Ermangelung anderen Tanzmaterials, mit herangezogen
worden, behbige Mnner mit ngstlich kurzen Hlsen, die durch Bemerkungen wie
frei weg oder immer feste jeder weiteren Legitimation hinsichtlich ihres
Wohnorts entbehren konnten. Dazwischen trippelten die Backfische mit hohen
Knpfstiefeln und lang herabhngendem Haar, dessen letzte natrliche Welle dem
voraufgegangenen sechsstndigen Marsch in Julihitze lngst zum Opfer gefallen
war. Zwei, die vierzehn und dreizehn sein mochten, hatten ernste Freundschaft
geschlossen und gingen, whrend der Tanzpausen, um die Taille gefat, in dem mit
Petroleumqualm gesttigten Saalzimmer auf und ab.
    Sieh, Ulrike, sieh blo Hedwigen, sagte der Vater der lteren, der jetzt
als Cavaliere servente hinter dem Stuhl seiner Frau stand, sieh blo Hedwigen,
wie sie die Augen schmeit; ich glaube, die wird gut. Wahrhaftig, was ein guter
Haken werden will...
    Ich bitte dich, Hermann, keine Unanstndigkeiten...
    Aber, Ulrike, Haken ist doch nicht unanstndig.
    Nein. Aber besser ist besser. Ich kenne deine Anfnge und deine Schlsse.
    Lehnert sah auf das Treiben, und mitunter konnt es fast den Anschein
gewinnen, als freue er sich darber, am meisten, wenn die jungen Dinger, von
denen einige immer aus dem Takte heraus und andere noch gar nicht hinein waren,
an ihm vorbeiwalzten. Dann aber schwand mit einemmal wieder alles, was um ihn
her war, und er sah wieder Opitz um die Buschecke biegen und hrte, wie der Hahn
aufschlug, und sah ihn zusammenbrechen. Er hat es nicht anders gewollt... Ob er
tot ist...? Er mu tot sein.. . Und whrend er noch so sann und in sich
hineinredete, trat er aus dem heien Saal ins Freie hinaus und sah nach dem
Gehnge hinber und dann hinauf in den gestirnten Himmel. Da stand die Sichel in
aller Klarheit ber ihm, aber ber dem Toten am Wege stand sie auch.
    Eine kalte Nachtluft ging, und Lehnert trat wieder in den Saal, der sich
allmhlich zu leeren anfing.
    Als die letzten fort waren, erschien Lissi, seine gute Freundin, auch eine
Bhmin, in der Tr und sagte: Nun, Lehnert, was meinst? wenn ich der Bertha
zurede, spielt sie noch einen Lndler auf, einen Lndler oder einen
Schott'schen. Und die Harfenistin, die jedes Wort, das die beiden sprachen,
gehrt und guten Grund zur Freundschaft mit der Kellnerin hatte, fuhr auch
gutwillig ber die Saiten. Aber Lehnert wich aus und sagte, da er die fremden
Herrschaften, die gewi sehr mde seien, in ihrem Schlafe nicht stren wolle.
    Was du da nur redst, Lehnert! Du willst halt nit. Das is alles. Aber gib
acht, wenn du willst, will ich nit. Und damit griff sie nach einer ganzen
Anzahl von Seideln, die leer auf den Tischen umherstanden, und ging spttisch
und hochmtig an Lehnert vorber. Zuletzt kam auch der Wirt. Nu, Lehnert, ich
sehe, du willst zu Nacht bleiben. Schlimm; alles voll bis unters Dach. Aber komm
nur, ich wei schon, was du gern hast. Und dabei ging er voran und stieg,
whrend Lehnert folgte, drauen am Giebel eine Leiter hinauf, die zunchst bis
an eine Lukentr und durch diese hindurch nach dem Heuboden fhrte.
    Lehnert machte sich's hier bequem und suchte zu schlafen. Aber es war zu
schwl und der Heugeruch zu stark. So trat er denn wieder bis an die Lukentr
heran und ri einen der beiden Flgel auf. Aber ebenso rasch schlo er ihn
wieder. Schrg ber ihm stand die Mondsichel und sah herab auf ihn und fragte.

Bald nach Tagesanbruch war Lehnert auf. Alles schlief noch, und nur das hbsche
bhmische Mdchen, das er am Abend zuvor durch sein Nein erzrnt hatte, stand
im Hof und spaltete Holz. Sie schien ihn nicht sehen zu wollen. Er trat aber an
sie heran und sagte: La gut sein, Lissi. Du weit, ich bin kein Spielverderber
und wei, was sich pat. Und wenn einem ein hbsches Mdel, und nun gar eins wie
du, einen Ku oder einen Tanz anbietet, da soll man nicht nein sagen. Das wei
ich so gut wie einer. Und hab ich dir schon was abgeschlagen? Nun, siehst du, du
lachst. Also la gut sein. Ich konnte nicht, mir war so schwindlig, und ich
htte von dem Bier nicht trinken sollen. Am Ende hast du was hineingetan, was
einen behext. Und nun mache mir einen Kaffee, hrst du? Und vergi nicht, wer
zuerst kommt, der mahlt zuerst. Fr die Berliner ist das andere gut genug.
    Pst.
    Ach, die schlafen ja noch. Und damit ging er auf einen Vorplatz zwischen
Stall und Giebel und setzte sich in eine Gitterlaube, die an der windgeschtzten
Seite mit Convolvulus sprlich umwachsen war.
    Und nicht lange, so kam der Kaffee mit Brot und Butter und einem Cognac;
denn Lissi kannte seine Gewohnheiten. Auf dein Wohl, Lissi! Und das nchste Mal
tanz ich, bis ich umfalle. Und als er das sagte, streckte er die Hand nach ihr
aus. Aber sie gab ihm einen Klaps und sagte: Du denkst halt, jede Stund ist gut
zum Brezelbacken. Aber da irrst, das is nit wahr. Wer nicht kommt zur rechten
Zeit ... Und jetzt ist nicht rechte Zeit, und morgens ist nicht abends... Aber
mein Gott, da klingelt es schon und ruft auch schon. Ich wette, das ist die
dicke Madame, die gestern tanzte, wie wenn ihre Hochzeit wr!
    Wirklich, es war drinnen im Hause lebendig geworden, und Lissi ging hinein
und berlie Lehnert seinem Frhstck und seinen Betrachtungen, die nicht
freundlich, aber auch nicht traurig waren. Gestern, als er hier ankam, war er in
einer vollstndigen Erschpfung gewesen, und das Geschehene hatte noch mit all
seinem Graus auf ihm gelastet. Das war aber ber Nacht anders geworden, vier
Stunden festen Schlafs hatten ihm seine Spannkraft und Energie zurckgegeben und
lieen ihn jetzt das Behagen an einem gut besetzten Frhstckstische voll
genieen. Was alles in allem berhaupt kein Wunder nehmen konnte. Denn wenn er
schon, wie soviel andere, die Fhigkeit hatte, sich die Dinge, auch die
schlimmsten, nach seinem Wunsch und Gebrauch zurechtzulegen, so war, im
besonderen, alles, was sich gestern abend ereignet hatte, so wunderbar glcklich
fr ihn verlaufen, da selbst ein zu Trugschlssen und Spiegelfechtereien minder
geneigter Charakter als der seine Veranlassung gehabt htte, sich ber
Gewissensskrupel einigermaen hinwegzusetzen. Was er vorgehabt hatte, nun,
darber mochte sich streiten lassen, was sich aber tatschlich ereignet hatte,
war nichts als ein Akt der Notwehr gewesen. Opitz hatte den ersten Schu getan,
und wenn dieser Schu versagt und nun ihm das Spiel in die Hand gegeben hatte,
so war das so recht ein Zeichen, das ihn in seinem Gemt beruhigen durfte. Das
Frhere, mit der Begegnung oder Nichtbegegnung und dem Gottesurteil, das darin
liegen sollte, das war etwas Ausgeklgeltes gewesen, jetzt aber war Gott aus
freien Stcken fr ihn eingetreten und hatte gegen Opitz entschieden. Er
seinerseits war nur Werkzeug gewesen, dessen sich die Vorsehung zur Abstrafung
eines bsen Menschen bedient hatte.
    Dies waren so die Vorstellungen, in denen er sich erging und die so stark
waren, da selbst die Stimme des Mitleids darin erstickte. Nur an die Frau dacht
er mit Teilnahme. Sie war immer gut gegen mich; aber sie wird sich trsten und
nach Jahr und Tag dem vielleicht danken, der's tat und sie mit befreite. War sie
doch eine Kreuztrgerin, und das tgliche Brot, das sie hatte, war ein
Trnenbrot.
    Und nun war sein Frhstck beendet, und er trat eben aus der Laube heraus,
um seinen Weg, er wute noch nicht wohin, fortzusetzen, als dieselbe Madame,
deren Stimme sich schon vor einer halben Stunde mit einem so scharfen Ton
angekndigt hatte, in einer merkwrdigen Mischung von Nacht- und Morgenkostm
auf ihn zukam und ihn fragte, ob er sie vielleicht, ber den Kamm weg, bis nach
Schreiberhau hinfhren und dabei das Gepck tragen wolle.
    Lehnert, der nie Fhrerdienste geleistet hatte, suchte noch nach einer
mglichst artigen Form der Ablehnung, als ihn die pltzliche Dazwischenkunft
eines in seiner Erscheinung die Dame noch weit in den Schatten stellenden
lteren Herrn aller unmittelbaren Antwortsbentigung berhob. Natrlich war es
der Eheherr. Seine nach oben hin jeden Halts entbehrenden Beinkleider fielen,
nach unten zu, ganz nach Art einer franzsischen Artilleriehose, faltenreich
ber den Spann und bedeckten hier die Mittelteile seiner Plschpariser von
ponceauroter Farbe. Sonstige Mngel verbargen sich hinter einer dunkelgelben,
mit einem springenden Panther ausgestatteten Reisedecke, die knigsmantelartig
um seine Schultern geschlagen war.
    Ja, lieber Pfadfinder, nahm der so pltzlich Hinzugekommene das Wort,
nach Schreiberhau hin. Selbstverstndlich ber den Kamm, und zwar mit allen
Schikanen, worunter ich Aussichtspunkte verstehe. Was mich persnlich angeht, so
bin ich entschieden fr den Mittagsstein, ein Wort, das immer angenehm berhrt,
wenn auch schlielich nicht viel daraus wird, meine Frau, geborne Lezius, aber
wird wohl fr die Groe Sturmhaube sein. Oder wenigstens fr die kleine. Nicht
wahr, Ulrike?
    Lehnert hatte sich mittlerweile sein Nein zurechtgelegt und sagte, da
er's beim besten Willen nicht bernehmen knne, auch nicht einmal drfe. Wenn er
aber einem Fhrer begegne, so werd er ihn schicken. An der Riesenbaude gb's
ihrer immer ein halbes Dutzend. Das Ehepaar schien damit einverstanden, und eine
Zigarre, die der Lohn dieser Auskunft war, wurde von Lehnert dankend und
lchelnd angenommen. Dann empfahl er sich und ging auf die Riesenbaude zu. Hier
angekommen, entledigte er sich seines Auftrages und bog dann, an der Aupa hin,
in den Riesengrund ein, sich berechnend, da er um zehn in Trautenau sein knne.
Da (das wut er) fand er Freundschaft und Anhang und konnte leicht weiter, fort
in die Welt, und war dann keine Not und Gefahr mehr. Aber mut er denn fort? Um
was war denn das alles geschehen? Doch nur, um nicht in die Welt hinaus zu
mssen. Wenn er aber umgekehrt so ohne weiteres Platz machen wollte, dann konnte
der andere auch bleiben und die Leute weiterqulen. Er durfte nicht gehen.
Wenn er ging, war alles umsonst gewesen. So sann er auf seinem Wege hin und her,
und als er bis Johannisbad gekommen war, war er entschlossen, den Weitermarsch
bis Trautenau aufzugeben und in seine Wolfshauer Stellmacherei zurckzukehren.
Es zog ihn mit einemmal wieder heim, und ein seltsames Verlangen regte sich in
ihm, Zeuge zu sein, wie's nun wohl kommen werde.

Der Abstieg war bequem gewesen, jetzt aber ging es wieder steil bergan, und von
Bequemlichkeit war keine Rede mehr. Indessen, er war ein guter Steiger, und
schon um vier war er wieder auf dem Koppenkamm und um sechs in Wolfshau.
    Die Mutter, die die Siebenhaarsche Predigt unten in Arnsdorf nicht versumt
hatte, stand am Herd und hielt just einen Bunzlauer Kaffeetopf und ein Stck
Streuselkuchen in Hnden, als Lehnert unter Kopfnicken eintrat.
    Guten Tag, Mutter!
    Tag, Lehnert!
    Weiter nichts, Mutter? Du bist doch sonst nicht so kurz. Nichts Neues?
Nichts vorgefallen? Keine Menschenseele dagewesen? Der Streusel da kann doch
nicht durch den Schornstein gekommen sein wie der Klapperstorch oder der
Gottseibeiuns.
    Ach, rede doch nicht von dem, der kommt doch, der kommt auch so.
    Durch die Tr, meinst du?
    Sie nickte, tat einen Zug und starrte dann wieder schweigend vor sich hin,
ohne Lehnert anzusehen. Der schwieg auch. Endlich sagte sie: Opitz ist noch
nicht da.
    So?
    Die Frau war hier und weinte.
    Warum?
    Weil sie glaubt, da ihm was passiert sein knne.
    Lehnert lachte. Dann mu eine Frstersfrau jeden Tag weinen.
    Und dann fragte sie nach dir...
    So, so. Und was sagtest du?
    Da du nach dem Waldhaus gewollt httest und vom Waldhaus nach Arnsdorf...
vielleicht von wegen dem Has'... zum Grafen. Aber ich wt es nicht genau.
    Das ist recht, Mutter, da du das gesagt hast, da du gesagt hast, du
wtest es nicht genau. Das ist immer das beste, das mut du immer sagen. Und
nun gib mir einen Schluck von dem Kaffee da. Nein, la lieber, ein Teller Milch
ist mir besser. Ich bin verhungert und verdurstet. Seit heute frh keinen Bissen
und keinen Tropfen.
    Beide standen auf, Lehnert, um sich umzuziehen und die Gamaschen abzutun,
die Mutter, um ihm die Milch zu holen, die nach Landesbrauch in einer vom Ufer
aus vorgebauten Steinhtte stand, durch die nun die Lomnitz hindurchscho und
Khle gab.
    Als Lehnert wieder treppab kam, sah er, da die Mutter ihm das Abendbrot vor
dem Hause hergerichtet hatte, neben dem Rosenbusch, unter dessen berhngendem
Gezweig er am liebsten sa. Drben aber, in der Haustr der Frsterei, stand die
gute Frau Opitz und sah abwechselnd nach dem Gehnge hinauf und dann wieder in
die tiefrot untergehende Sonne.
    Nicht hier, Mutter.
    Aber es ist doch deine Lieblingsstelle.
    Ja, sonst. Aber heute nicht.
    Und er hie sie den Tisch mit anfassen, und beide trugen ihn mit leichter
Mhe durch den Flur, bis vor die Kchentr. Da nahm er nun Platz und a.
    Als er damit geendet hatte, stand er auf und ging wieder in die Vorderstube,
in der jetzt vllige Dmmerung herrschte. Die Mutter war noch drauen, und so
schritt er auf und ab und berlegte, was werden wrde. Mit einemmal aber war es
ihm, als wrde die Klinke leis geffnet und wieder ins Schlo gedrckt, und als
er sich umsah, sah er, da Christine vor ihm stand.
    Da, Lehnert! Und sie hielt ihm bei diesen Worten ein nach Art eines
amtlichen Schreibens zweimal zusammengefaltetes Papier hin. Als er es
auseinandergeschlagen und, ans Fenster tretend, einen Blick hineingeworfen
hatte, sah er, da es der Bericht war, in dem Opitz seinen Strafantrag gestellt
hatte.
    Zerrei es! sagte Christine. Ich hab es gefunden. Es lag auf seinem
Schreibtisch.
    Aber er wird es suchen, wenn er nach Hause ... wenn er wiederkommt.
    Er kommt nicht wieder.
    Und damit war sie fort, und er sah nur, wie sie rasch ber den Steg
hinhuschte, wieder der Frsterei zu.

                              Dreizehntes Kapitel


Er kommt nicht wieder, hatte Christine gesagt; - sie konnte nicht wissen, was
geschehen war, und sie wut es doch. Da er von ihr nichts zu befrchten habe,
das bewies das Papier, das er in Hnden hielt, und doch konnt er sich eines
Gefhls banger Unruhe nicht entschlagen. Erst hatte die Mutter in Andeutungen
gesprochen und nun Christine. Wenn er vor aller Welt der war, gegen den sich der
Verdacht wie von selbst richten mute, so war er verloren oder hatte doch auf
lange hin einen schweren Stand. Er war mde von dem vielstndigen Bergauf und
Bergab, aber seine Erregung war doch so stark, da es ihn zu Hause nicht litt.
Er mute wieder hinaus, und die Frage war nur, wohin? Am nchsten lag ihm
Vater Brauner, in dessen Ausschank Zur Rabenklippe die Holzknechte zu
verkehren und sich bei einer Stonsdorfer oder einem Ingwer gtlich zu tun
pflegten; aber das war keine Gesellschaft, die heute fr ihn pate. Was macht
Opitz? oder Ist Opitz noch immer gut bei Wege? Das waren Fragen, die sich
hier in zurckliegender Zeit, und noch ganz vor kurzem, mehr als einmal und
mitunter mit ganz besonderer Betonung an ihn gerichtet hatten, und er erschrak
bei dem Gedanken, da sie sich auch heute wieder an ihn richten knnten. Das
sollte nicht sein, und so beschlo er denn, statt in die Rabenklippe lieber
ein paar tausend Schritte weiter bis zu Exners in die Schneekoppe zu gehen und
in der wohlbekannten niedrigen Gaststube mit Gebirgsfhrern und Sesseltrgern
oder vielleicht auch mit alten Kriegskameraden, was immer das beste war, einen
Diskurs zu haben. Denn er sehnte sich danach, eine Stimme auer seiner eigenen
zu hren und von seiner Unruhe loszukommen. Er griff denn auch bald nach seiner
Soldatenmtze, die neben dem Gewehr und dem alten Kalender am Riegel hing, und
schritt auf Krummhbel zu. Halben Weges zwischen Brckenberg und der Obermhle
trat er von dem tiefer gelegenen Wolfshau her auf den eine lange Schrglinie
bildenden Fahrweg und sah nun einerseits nach Kirche Wang hinauf und
andererseits nach Dorf Krummhbel hinunter, dessen weie Giebel, trotz der schon
herrschenden Dmmerung, in aller Deutlichkeit aus den vereinzelten Baumgruppen
hervorblinkten. Der am deutlichsten blinkende Giebel aber war der von Exners
Schneekoppe, und das helle Licht, das er dicht ber der Strae flimmern sah,
kam aus eben der Gaststube, drin er sich gtlich tun und hren und sprechen und
alles, was ihn qulte, nach Mglichkeit vergessen wollte. Zwischen ihm und Exner
lag nur noch der Gerichtskretscham und das kleine katholische Kapellchen mit
seinem Sparrenwerk und seinem rotgestrichenen Dache.
    Der Abend fiel rasch ein, und nur ber Arnsdorf, tief unten im Tal, hing
noch ein rotes Gewlk, vor dem der Schattenri eines Kirchturms aufragte. Rechts
daneben zog sich ein langes, schloartiges, matt erleuchtetes Fabrikgebude,
dessen Fenster durch den Abendnebel hin gespenstisch flimmerten. Lehnert, der
rstig zuschritt, schickte sich eben an, die Fenster des obersten Stocks zu
zhlen, als er heftig zusammenschrak. Das Kapellchen, an das er bis auf fnfzig
Schritt heran war, begann gerade zu luten, und die zwischen dem Sparrenwerk
hngende Glocke klang mit ihrem dnnen Tone hell und scharf durch die Luft. Es
war dasselbe Luten, das gestern, bald nach seiner Rast am Quell, vom Tale her
zu der Kammhhe hinaufgedrungen war, und unwillkrlich hielt er an und suchte,
whrend er sich rckwrts wandte, die Stelle, drauf er gestern um eben diese
Stunde gestanden hatte. Da war auch die Sichel wieder, und so schwach in diesem
Augenblick ihr Licht war, so war es doch hell genug, den Weg am Gehnge hin
deutlich zu zeigen, auf dem er gestern um fast dieselbe Zeit emporgestiegen war.
Und dort war die Stelle, wo der Seitenpfad, an dem Brunnen vorber, in scharfer
Biegung abbog, und er mhte sich, ob er die nach der Hampelbaude hinberfhrende
Querlinie vielleicht verfolgen knne. Jetzt war sie da, die Linie, und jetzt
wieder nicht, je nachdem die Phantasie mit ihm spielte, bis er mit einem Male
einen Aufblitz und ein Rauchwlkchen sah und gleich danach den Widerhall eines
Schusses durch die Berge rollen hrte.
    Die Sinne vergingen ihm fast. Aber ein viel Erschtternderes harrte seiner
im nchsten Augenblicke, denn ehe noch das Rollen von Schlucht zu Schlucht
verhallen konnte, klang es deutlich vom Berge her zu Tal: Hilfe!
    Lehnert hielt sich an dem das Kapellchen samt seinem dazugehrigen Schulhaus
einfassenden Heckenzaun und horchte hinauf, ob sich der Ruf wiederholen wrde.
Ja, nein, und dann wieder ja. Und von einer furchtbaren Angst geschttelt,
war er bald nur noch von dem einen Verlangen erfllt, die Stimme von da oben
nicht mehr zu hren, dem Hilferuf zu entfliehen. Aber wohin? Exner, das ganze
Dorf, alles schien ihm noch im Bereich der Stimme zu liegen, im Bereich des
Hilferufes da oben vom Gehnge her, und so lief er denn weiter bergab, um die
Nacht in Arnsdorf, oder wo's sonst sei, nur weit, weit ab zu verbringen.
    Er war schon halb bis nach Arnsdorf heran und wollte eben in ein Wldchen
einbiegen, das die Krummhbler das Birkicht nennen, als er, andern Sinnes
werdend, pltzlich in seiner Flucht anhielt und sich auf einen der vielen
Baumstmme setzte, die hier, am Waldsaume hin, aufgeschichtet lagen.
    Es geht nicht. Ich kann so nicht weiter. Er lebt, es war. seine Stimme...
Um Gottes Barmherzigkeit willen, vierundzwanzig Stunden... soviel tausend
tausend Sekunden... Ich mu es anzeigen, da ich einen Hilferuf gehrt habe...
bei Zlfel oder Exner oder im Gerichtskretscham. Und sie mssen diese Nacht noch
hinauf, diese Stunde noch.
    Und nun schwieg er, weil ihm mit einem Male der Gedanke kam, da er sich,
wenn er sprche, verraten werde. Bald aber nahm er sein Vorhaben wieder auf.
    Nein, ich werde mich nicht verraten. Gerade, da ich es sage, das wird mich
retten und wird alle Welt glauben machen, da ich schuldlos sei. Bin's auch...
Und wenn er mich erkannt hat? Er hat mich nicht erkannt. Und Vermutung ist kein
Beweis. Und wenn doch? Nun denn, dann mag mir das Messer an die Kehle gehen. Ich
kann ihn nicht verkommen lassen in seiner Not und seinem Blut.
    Und er wandte sich wieder und stieg die zurck nach Krummhbel fhrende
Berglehne fast noch schneller hinauf, als er hinabgekommen war, und zehn Uhr war
noch nicht heran, als er vor Exners Schneekoppe hielt. Da wollt er hinein und
sah durch die Fenster. Aber es waren zu viele Fremde da; so stieg er denn weiter
hinauf, bis er an den Gerichtskretscham kam. Da war es stiller und nur
Einheimische da, was ihm pate. Vorher aber bersann er noch einmal in aller
Vorsicht, was er sagen wolle. Da war denn das nchste, was ihm einfiel, da er
das Rufen nicht schon vor einer Stunde gehrt haben drfe, sondern in diesem
Augenblick erst. Und nun trat er ein und machte Meldung und begrte Maywald und
Neigenfink und den alten Gerichtsmann Klose, die sich eben zum Skat
niedergesetzt hatten.
    Aber keiner rhrte sich, und das Spiel ging weiter. Grand mit vieren,
sagte der alte Gerichtsmann. Und nun komm, Lehnert, und sieh mit hinein,
verstehst es ja, so was lernt man bei den Soldaten... Und gerufen hat es, sagst
du... Das sind Fremde... junge Leute... Heute frh kamen Breslauer hier durch,
ein ganzes Rudel, Gymnasiasten, oder wohl gar welche von der Kunstschule. Das
ist dann ein ewiges Singen und Rufen. Und das verdammte Schieen dazu... Soll
eigentlich nicht sein... Und wenn Opitz mal einen packt, dann is er sein
Terzerol los oder auch seinen Revolver. Denn ohne Revolver geht es heutzutage
nicht mehr... Du gibst, Maywald. Aber was Ordentliches... Dann is er sein
Terzerol los, sag ich, und die Geldstrafe hat er dazu... Wetter, ist das ein
Blatt! Aber das kommt von solchen Geschichten, da grault sich 'ne gute Karte...
Nimm einen Stuhl und rcke ran, Lehnert, und hilf mir aus der Patsche.
    Kann nicht, Gerichtsmann Klose, sagte Lehnert. Ich war heute schon drben
und bin mde zum Auslschen... Und Ihr meint also, es wre nichts und man htte
keine Pflicht, hinaufzusteigen und nachzusehen? Von dem Schu will ich nichts
sagen, geschossen wird immer. Aber das Rufen. Es klang so, ja, wie sag ich, es
klang so, wie wenn es was wre.
    Ja, wie wenn es was wre, lachte Klose, whrend Maywald zustimmte, was
sein wird es wohl. Aber was? Ein Kommis, der seines Prinzipals Gelder zu frh
einkassiert hat, und mit ihm eine Theaterprinze, und die sind nun lngst oben
und trinken einen Schlummerpunsch.
    Es war Lehnert nicht unlieb, die Skatherren, die zugleich zu den
Dorfhonoratioren zhlten (denn auch Neigenfink, der sich brigens
zurckhaltender verhielt, war Gerichtsmann), so leichthin sprechen zu hren. Es
gab ihm einen Teil seiner Ruhe wieder. Sie haben am Ende doch recht. Und
eigentlich kann's auch nicht anders sein. Es ist schon zu lange her... Aber wenn
es doch wre... wenn es doch wre...
    Drauen vor dem Kretscham stand ein Ackerwagen. Lehnert setzte sich auf die
Deichsel und sah das Gehnge hinauf und horchte wieder mit gespanntem Ohr. Aber
alles blieb still. So ging er zuletzt auf Wolfshau zu. Bei Frau Opitz war noch
Licht, und Diana, als er vorberging, schlug an. Sonst rhrte sich nichts.
    Und nun war er wieder auf dem Inselchen drben und stieg in seine Kammer
hinauf. Eine kleine Weile noch jagten sich allerlei Bilder und Gedanken durch
seine Seele. Dann schlief er ein, fest und schwer und ohne Traum.

                              Vierzehntes Kapitel


Die Skatpartie blieb zurck, war aber nicht bestimmt, ungestrt zu gutem Ende zu
kommen, denn wenig mehr als eine halbe Stunde nach Lehnerts Aufbruch, so hrte
man drauen ein Sprechen und Weinen, und ehe die Skatherren noch fragen konnten,
was es sei, trat Frau Opitz ein, um drinnen in der Stube zu wiederholen, was sie
schon, drauen im Flur, der Kretschamwirtin erzhlt. Alles in ihrer Rede drehte
sich um den Mann und sein Ausbleiben. Opitz habe gestern spt nachmittag die
Frsterei verlassen und sei nach der Hampelbaude hinaufgestiegen, um oben im
Wald den Holzschlgern ihren Wochenlohn auszuzahlen. Das sei nun ber
vierundzwanzig Stunden, und noch sei er nicht zurck, weshalb sie frchte, da
ihm etwas zugestoen sei. All das wurde vorwiegend zu dem ltesten, zu
Gerichtsmann Klose gesprochen, einem rstigen Fnfziger, der, weil er grad im
Verluste war, keine Lust hatte, das Spiel unterbrochen zu sehen. Er suchte
deshalb der heftig schluchzenden Frau nach Mglichkeit zuzureden und dabei,
soweit es ging und ohne geradezu zu verletzen, einen leichten und heiteren Ton
anzuschlagen. Opitz werde gute Gesellschaft und vielleicht sogar eine Skatpartie
gefunden haben, so was kme vor, wie Frau Opitz ja jetzt mit eigenen Augen she.
Solch Ausbleiben sei nicht schlimm. Alle Frauen ngstigten sich, wenn die Mnner
nicht pnktlich zu Hause seien, aber das kenne man schon, mit der ganzen Angst
sei's nicht weit her und sei eigentlich alles blo, um den Mann, dem man nie
recht traue, hinterher desto fester am Bndel zu haben. Er sprach noch eine gute
Weile so weiter, unter bestndigem Niederlegen und Wiederaufnehmen seiner
Karten, und schien ernstlich gewillt, sich durch diese Habereien der guten
Frau nicht stren zu lassen. Als Frau Opitz aber nicht nachlie und sich in
ihrem Bitten und Drngen durch die zwei Mitspieler und zuletzt sogar durch die
hinzugekommene Kretschamwirtin untersttzt sah, gab er seinen Widerstand auf und
sagte: Gut denn, es kann am Ende so was sein, will's nicht geradezu bestreiten.
Ein Frster hat immer viel Feindschaft und Opitz nicht zum wenigsten. Und so
wollen wir denn mit dem frhsten nach der Hampelbaude hinauf. Vorher aber ist
nichts zu machen, trotzdem wir das bichen Mondschein haben. Ich denk also, wir
sind morgen in aller Frhe hier wieder beisammen, sagen wir um fnf, und nehmen
dann mit uns, was wir von Mannschaften zu so frher Stunde zur Hand haben
knnen. Vor allem aber halten wir reinen Mund, da die Fremden keinen Schreck
kriegen und nicht etwa denken, unser altes Krummhbel sei ber Nacht eine
Mrdergrube geworden.

    Alle waren einverstanden, und Frau Opitz, der die gutmtige Kretschamwirtin
eine von ihren Mgden als Begleitung mit nach Hause gab, gab ihr Weinen und
Schluchzen schlielich auf und beruhigte sich in dem Gefhl, da, was es auch
sein mge, der nchste Tag ihr jedenfalls Gewiheit bringen msse.

Das Kapellchen lutete zum ersten Mal, als man am anderen Morgen zwischen fnf
und sechs vom Gerichtskretscham in einem starken Trupp aufbrach, denn es hatten
sich ihrer erheblich mehr eingefunden, als anfnglich erwartet war. Auer den
drei Herren vom Abend vorher, unter denen jetzt Gerichtsmann Klose den
Skatspieler vllig abgestreift hatte, waren auch der Lehrer und ein junger
Forstaspirant erschienen, findige Leute, die zu sehen und zu beobachten
verstanden. Ebenso hatte sich ein Grenzaufseher, mit dem Gewehr am Bandelier,
ihnen angeschlossen. Was sonst noch folgte, waren Fhrer und Dienstleute, mit
allem ausgerstet, was zu solcher Suche herkmmlich gehrte: Stricke, Leitern,
Spaten und xte. Eine frische Brise kam von der Koppe her und erleichterte
wenigstens einigermaen das Steigen, das bei der, trotz frher Stunde, schon
stechenden Sonne ziemlich beschwerlich fiel. Von Kirche Wang ab hatte man
Waldesschatten, und als es unten im Tale sieben schlug, war man oben auf der
Hampelbaude, wo zunchst Rast gemacht und nach Befund dessen, was man dort
erfahren wrde, der weitere Vormarsch verabredet werden sollte. Der Wirt wurde
gerufen und besttigte, da Opitz, von den Holzschlgern kommend, am Sonnabend
um die achte Stunde dagewesen sei und nach kurzem Aufenthalt seinen Weg nach der
Riesenbaude zu genommen habe, vielleicht an den Teichen vorber und dann ber
den Kamm hin, aber vielleicht auch den neuen schmalen Querweg entlang, der beim
Quell und dem Steintrog in den groen Gehngeweg einmnde. Noch ein paar andere
Fragen wurden gestellt, vor allem auch, wer sonst noch oben genchtigt habe,
worauf der Wirt berichtete, da nur Berliner oben gewesen seien und Lehnert Menz
aus Wolfshau.
    Dieser Name, wenn auch nur kurz hingeworfen, bewirkte doch, da sich die
Gerichtsmnner untereinander ansahen, aber kein Wort wurde laut, und nachdem man
einen Imbi genommen hatte, brach man wieder auf, um auf dem vom Wirte
bezeichneten schmalen Querpfade (denn da Opitz auf die Teiche zugegangen sei,
war nicht wahrscheinlich) den Weg nach dem Gehnge hin einzuschlagen. In einer
Art Treiben ging man dabei vor, derart, da der alte Gerichtsmann und drei, vier
von den Gebirgsfhrern den eigentlichen Weg einhielten, whrend, was sonst noch
verblieb, zu beiden Seiten des Weges ausschwrmte. Der Spreifer einzelner - die
hier oben, wo nur Kusseln standen, wieder arg von der Stichsonne zu leiden
begannen - erschpfte sich bereits, und schon hrte man, da es eine nutzlose
Qulerei sei, als Lehrer Lsche, der die rechte Seitenkolonne fhrte, pltzlich
ein Volk Krhen auffliegen sah. Krhen! Das wre an und fr sich nichts
Sonderbares gewesen, aber es waren ihrer zuviel, und so sagte denn Lsche: Pat
Achtung, Kinder! Ich wette, da gibt es was. Und von einer starken Vorahnung
erfllt, da sich ihm, auf zehn Schritt Entfernung, etwas Grausiges vor Augen
stellen wrde, schritt er langsam und zgernd weiter und suchte nach vorn und
hinten mit seinen Blicken. Richtig, da lag er. Aber wer? War er es? Was man
zunchst sah, war nur die Mtze, die das Gesicht halb zudeckte, daneben ein
blinkender Gewehrlauf, alles andere barg sich noch hinter einem Busch, dessen
bltterreiches Gezweige den Toten wie hinter einem Schirm versteckte. Lsche
wute, noch drei Schritte, so mute sich's zeigen. Und sich einen Ruck gebend,
trat er von links her um das Gezweige herum und sah nun den Toten ausgestreckt
vor sich. Es war Opitz. Aber das Grauen, auf das er sich gefat gemacht hatte,
blieb aus, und er empfing nur den Eindruck eines erschtternden Todesernstes.
Wenn dieser Mann sich jahrelang durch mitleidslose Strenge vergangen hatte, so
hatte sein Tod seine Strenge geshnt und mehr noch die Art, wie er diesem Tod
ins Auge gesehen und sich auf ihn vorbereitet hatte. Lsches Auge ging der
Blutspur nach, die sich von eben dem Busch her, wo der Tote jetzt lag, bis zu
dem schmalen Querpfade hinabzog.
    Es war ersichtlich, da der auf den Tod Getroffene nur mit hchster
Anstrengung von dem kaum zehn Schritt entfernten Wege sich bis zu der
ansteigenden Stelle hinaufgeschoben und hier sich, um gegen die Sonne oder
vielleicht auch nachts gegen die Klte geschtzt zu sein, unter die Zweige des
Busches gebettet hatte. Dann, als er sein herannahendes Ende gefhlt, hatte er
sich zum Sterben zurechtgelegt, und so lag er nun da, die Jagdtasche unterm
Kopf, das Gewehr links neben sich, die Hnde gefaltet und im Antlitz die Ruhe
des Todes, aber freilich auch die Spuren vorangegangenen Kampfes.
    Inzwischen waren auch die anderen herangekommen, und da standen sie nun
erschttert und stumm. Zuletzt nahm Gerichtsmann Klose seine Kappe vom Kopf und
sagte: Beten wir! So verging eine Weile. Dann, als sich die Kpfe wieder
bedeckt hatten, wurden auch einzelne Worte laut, und der Alte stellte zunchst
zur Frage, wie man den Toten wohl am besten nach Wolfshau herabschaffe. Einen
Handwagen oder auch nur eine Karre von der Hampelbaude herbeizuholen, wurde,
wegen zu weiter Entfernung, abgelehnt und statt dessen beschlossen, zwei
zusammengebundene Leitern als Tragbahre zu benutzen. Das geschah denn auch, und
nun legte man den Toten hinauf und bedeckte sein Gesicht mit Zweigen desselben
Busches, unter dem man ihn gefunden hatte. Gleich danach setzte sich der Zug in
Bewegung und schritt auf den Punkt zu, wo der Querpfad in den breiten Gehngeweg
einmndete. Hier endlich fanden sie Waldesschatten, und als man aus dem Quell
getrunken und sich auf der Bank, an der anderen Seite des Weges, eine kleine
Weile geruht hatte, nahm man die Leiterbahre wieder auf und schritt das steile
Gehnge weiter hinab. Die mit jeder Viertelstunde wachsende Glut erschwerte den
Abstieg, aber mit Hilfe hufigen Trgerwechsels war es doch mglich, in einem
ziemlich raschen Marschtempo zu bleiben, und ehe noch das Kapellchen Mittag
lutete, passierte man das Gatter und trat auf das mit Kusseln besetzte
Waldvorland hinaus, darauf Lehnert, zwei Tage zuvor, den Schulkindern begegnet
war und in ihren Gesang mit eingestimmt hatte. Die Strae lief, von hier aus,
beinah geradlinig auf die Frsterei zu, da man aber der armen Frau den Toten
nicht unmittelbar vor Gesicht fhren, sie vielmehr erst vorbereiten wollte, so
bog man links in einen in miger Schrgung wieder ansteigenden Querweg ein, der
sich schlielich bis auf die hochgelegene Krummhbler Chaussee
hinaufschlngelte. Die Stelle, wo der Querweg die Chaussee traf, hie der
goldene Frieden und war ein hochgelegener Punkt, von dem aus man nicht nur das
langgestreckte Dorf Krummhbel berblicken, sondern auch, auf einem mig hohen
Vorsprung, den alten Gerichtskretscham deutlich erkennen konnte, zu dessen
Hupten eben die Mittagssonne flimmerte. Das war das Ziel. Dort sollte der Tote
zunchst niedergelegt und ber alles Weitere befunden werden.

Eine Viertelstunde spter hatte man den Kretscham erreicht, aber nicht mehr
allein. Alles, was in dem Oberdorfe wohnte, hatte sich angeschlossen und stand
nun drauen und wartete der Dinge, die kommen wrden. Am zahlreichsten waren
natrlich die Wolfshauer erschienen, unter ihnen auch Lehnert. Er begrte
diesen und jenen, und wiewohl ihn Blicke trafen, aus denen er sehr wohl einen
Verdacht herauslesen konnte, so war doch niemand da, der ihm Wort und Handschlag
versagt htte. Manche traten freilich beiseit, aber mehr, um untereinander ihre
Zustimmung zu dem Geschehenen als ihren Abscheu davor auszusprechen.
    Er hat einen schweren Tod gehabt.
    Und wir vorher ein schweres Leben.
    Gleich daneben stand eine zweite Gruppe, die noch leiser sprach.
    Wer's ihm nur gegeben hat?
    Wer? Das is gleich. Ob sie's ihm beweisen knnen, das is die Frage.

Drinnen hatte man mittlerweile den Toten auf eine breite Tischplatte gelegt und
ihn, bis hoch hinauf, mit neu abgebrochenem Gezweige bedeckt; nur Brust und Kopf
waren frei. Klose trat heran und hatte vor, mit der Protokollaufnahme zu
beginnen. Aber der Marsch im Sonnenbrand war doch so beschwerlich gewesen, da
er davon Abstand nehmen und nicht blo um der andern, sondern auch um seiner
selbst willen ein kurzes Ausruhen in einer khlen schattigen Nebenstube
vorschlagen mute, welche Pause dann freilich von der drauen harrenden Menge
sofort dazu benutzt wurde, bis in den bis dahin abgesperrten Saal vorzudringen.
Auch Lehnert war unter denen, die sich herzudrngten, blieb aber in Nhe der Tr
und mied es, vor das Angesicht des Toten zu kommen.
    In der khlen schattigen Nebenstube hatte sich inzwischen alles
zusammengefunden, was zur Obrigkeit gehrte, Fragen und Vermutungen aller Art,
wie sich denken lt, waren ausgetauscht worden, und als schlielich auch einige
Gerichtspersonen von Arnsdorf und Giersdorf her erschienen waren, trat Klose von
der Nebenstube her wieder in den Saal und sagte: Wir wollen nun anfangen. Ich
werde Fragen stellen und drber hinsehen, da hier ihrer viele sind, die besser
drauen wren und sich geduldet und abgewartet htten, ob wir ihrer Aussage
vielleicht bedrfen werden. Zunchst aber geben wir dem Toten das Wort. Sein
Blut verklagt seinen Mrder. Er hat aber auch gesprochen, als er noch bei Leben
war, und seine letzten Worte halte ich hier in Hnden.
    Und der alte Gerichtsmann, als er dies sagte, zog ein Notizbuch aus der
Tasche, das er unmittelbar nach Auffindung des Toten zu sich gesteckt und gleich
danach, am ersten Rastplatz schon, einer flchtigen Einsicht unterzogen hatte.
    Dies ist Opitz' Notizbuch, fuhr er fort. Als Opitz wute, da er in aller
Einsamkeit sterben msse, hat er mit schwerer Hand seinen Letzten Willen hier
eingeschrieben. Alles nur kurz und abgerissen und Blutstropfen dazwischen. Und
ich werde nun vorlesen, was er geschrieben hat.
    Alles drngte bei diesen Worten nher, und die zuhinterst, standen, hoben
sich auf die Fuspitzen, um kein Wort zu verlieren.
    Die Krfte verlassen mich, so beginnen seine Aufzeichnungen. Geschossen
bin ich um die neunte Stunde... Wenn ich sterben sollte, eh ich gefunden werde,
so wisse man, da ich von einem Wilddiebe geschossen bin, der war ganz nahe mit
Doppelflinte, wahrscheinlich ein Bhm'scher, ziemlich gro in braunem Rock und
Hut und falschem Bart... Eltern und Geschwister, lebet wohl, und Du, meine gute
Frau, der ich viel abbitte, lebe wohl! Ich bitte den Herrn Grafen, da er Euch
versorge, da ich mein Blut in seinem Dienst vergossen habe... Lebet wohl; Gott
sei mir gndig! Betet fr mich! Ich habe groe Schmerzen. Guter Gott, erbarme
Dich meiner. Herr Graf, sorge fr die Meinigen, ich habe mein Blut fr Dich
vergossen... Ich schreie so sehr und habe mein Gewehr abgeschossen, da man mich
hre, aber kein Mensch hrt mich. O Gott, erlse mich! Betet fr mich und denket
nicht auf Rache... Gott vergebe meinem Mrder und erbarme sich meiner... Meine
Leiden sind gro.
    Als Gerichtsmann Klose diese seine Vorlesung geschlossen und das Notizbuch
wieder zu sich gesteckt hatte, ging ein Gemurmel durch den Saal. Es war das
Gemurmel der Teilnahme, der Zustimmung, des Erschttertseins. Opitz war wenig
beliebt gewesen, und unter denen, die da standen, Mnner und Frauen, waren
viele, die seinen Tod mehr als einmal gewnscht hatten; aber nach Anhrung
dieser Worte regte sich doch das Mitleid. Und da er so sehr fr seine Frau bat,
fr dieselbe Frau, der er viel Herzeleid angetan hatte, der er nun aber auch
abbat, das vershnte mit ihm, und eine der Frauen sagte: Wer das gedacht htt.
    Der alte Gerichtsmann unterbrach diese dem Toten so gnstige Stimmung nicht,
und erst als sich die Erregung gelegt hatte, nahm er die Verhandlung wieder auf:
Und nun frag ich nach dem Mrder! Wer war es? In dem Notizbuch heit es, da es
ein Bhmischer war... Ich glaube nicht, da es ein Bhmischer war; ich glaube,
da wir ihn hier auf unserer Seite suchen mssen und da er, wenn wir alles
sehen knnten, was sich klug verbirgt, da er vielleicht in diesem Saale zu
finden wre.
    Whrend Klose so sprach, sah er absichtlich nur auf den Toten und vermied
es, weil er nicht vor der Zeit den ganz bestimmten Anklger machen wollte, nach
der Stelle hinzusehen, wo Lehnert stand. Aber seine Vorsicht war nicht mehr
vonnten; inmitten der Aufregung, die die Vorlesung der Notizbltter
hervorgerufen hatte, hatte sich Lehnert aus dem Saal entfernt, unbekmmert
darum, ob sein Verschwinden auffallen werde oder nicht.

                              Fnfzehntes Kapitel


Vom Gerichtskretscham aus bis zum Goldenen Frieden war die Dorfstrae leer,
und erst als Lehnert an dieser Stelle links einbiegen und auf dem mehrerwhnten
Schlngelpfade nach dem tiefergelegenen Wolfshau hinunter wollte, sah er Frau
Opitz auf eben diesem Schlngelpfade herankommen und trat seitab in den Schatten
eines hier stehenden Schuppens, um nicht gesehen zu werden. Frau Opitz sah ihn
auch wirklich nicht und schritt ihrerseits auf den Gerichtskretscham zu, wo sie,
wie man ihr in Wolfshau gesagt hatte, den Toten finden wrde. Jeder war
erschttert, als sie hier in den Saal trat und dem Toten das Haar aus der Stirn
strich und ihn kte, und wenn sich schon vorher ein Stimmungsumschlag zugunsten
Opitz' gezeigt hatte, so vollends jetzt. Die Mnner hielten wohl noch zurck,
aber die verheirateten Frauen fuhren mit dem Schrzenzipfel nach dem Auge, wenn
sie nicht geradezu schluchzten und weinten. Einige drngten sich an die nun
Verwitwete heran und baten, sie nach Hause begleiten zu drfen, wobei sie hoffen
mochten, noch was Besonderes zu hren, die gute Frau war aber entweder zu
schwach oder wollte sich nicht von dem Toten trennen. Jedenfalls nahm sie, statt
der Anerbietungen ihrer Wolfshauer Nachbarsleute, lieber das Anerbieten der
Kretschamwirtin an und setzte sich zu dieser in die Kche. Das geschftige
Treiben hier tat ihr wohl und zerstreute sie, denn sie hatte den Hausfrauensinn,
der sich auch in diesem Augenblicke nicht verleugnete.
    Drinnen im Saale war mittlerweile das Bild ein anderes geworden. Es gab
nichts mehr zu hren und zu sehen, und so verliefen sich die blo aus Neugier
Herzugestrmten, und nur die, die wegen des Protokolls pflichtmig zu bleiben
hatten, blieben noch und suchten sich ber einige fragliche Punkte zu einigen.
Die Tat selbst lag klar vor. Aber die Frage wer blieb durchaus unentschieden
und wurde durch Opitz' Aufzeichnungen, der auf einen Bhmischen geraten hatte,
mehr verwirrt als aufgeklrt.
    Es war kein Bhmischer, wiederholte Gerichtsmann Klose, der seinen ohnehin
starken Verdacht gegen Lehnert durch das pltzliche Verschwinden desselben nur
noch besttigt sah; es war kein Bhmischer, und wenn ich Bestimmung zu treffen
htte, so brchen wir in dieser Minute noch auf, um Lehnert Menz in Verhaft zu
nehmen. Alles deutet auf ihn, auf ihn und keinen andern. Er hat Sonnabend sechs
Uhr Wolfshau verlassen, ist das Gehnge hinaufgestiegen, und die Schulkinder
haben ihn gesehen. Um acht Uhr mu er oben gewesen sein, um neun Uhr ist es
geschehen, um zehn Uhr war er auf der Hampelbaude. Niemand anders ist im Wald
oben betroffen worden. All das sagt genug. Zudem wissen wir, da er noch von
I870 her einen Span mit Opitz hatte, sie gnnten sich nicht so viel wie unterm
Nagel, und als vorhin alles, was drauen war, in den Saal drngte, hat er immer
im Hintergrunde gestanden, statt mit in vorderster Reihe zu stehen, wie doch
sonst wohl seine Art ist, und als das Notizbuch von mir vorgezeigt und sein
Inhalt verlesen wurde, da hat er's nicht ertragen knnen und ist davongegangen.
Das alles hat mir den Beweis gegeben. Und ich wiederhole, der, der diesen Mord
auf seine Seele geladen hat, ist kein anderer wie Lehnert Menz.
    Die Mehrzahl stimmte zu. Nur der jngere Gerichtsmann, der in einer Art
Eifersucht gegen den alten Klose war, unterhielt allerlei Zweifel (oder gab es
wenigstens vor) und gab diesen Zweifeln auch Ausdruck. Alles, was eben gesagt
worden sei, sei, seiner Ansicht nach, viel zu schwach, um darauf hin eine
Verhaftung vornehmen zu knnen. Es lasse sich schlechterdings nicht sagen,
niemand anders sei oben im Gebirge gewesen, im Gegenteil, man wisse nie, wer
oben gewesen und wer nicht. Lehnert Menz sei gescheit und umsichtig, und gerade,
da er auf der Hampelbaude vorgesprochen und genchtigt habe, das beweise sein
gutes Gewissen. Auch da er sich hier im Saal immer an der Tr gehalten und die
Vorlesung der letzten Worte kaum abgewartet habe, sprche nicht so sehr gegen
ihn, als es schiene, wohl aber sprche das fr ihn, da er der erste gewesen
sei, der auf Hilfe gedrungen habe. Ja, rasche Hilfe, das sei das einzig Richtige
gewesen, und er fr seine Person beklage jetzt aufrichtig, da man nicht gleich
gestern abend diese Hilfe geleistet. Mondschein war. Und vielleicht htten wir
ihn um Mitternacht noch am Leben gefunden.
    Auch diese Rede (was den alten Klose sichtlich verstimmte) wurde beifllig
aufgenommen, und weil man sich, wie das so leicht geschieht, infolge dieser
immer persnlicher werdenden Fehde nicht recht einigen konnte, stand man eben
auf dem Punkt, die Frage nach der Tterschaft vorlufig wenigstens ganz
fallenzulassen, als der Grenzaufseher und gleich nach ihm der junge
Forstgehilfe, die man beide zu weiterer Nachforschung an Ort und Stelle
zurckgelassen hatte, voll groer Aufregung eintraten. Sie waren erschpft, denn
es war immer schwler geworden: trotzdem lie sich unschwer von ihrer Stirn
lesen, da sie gute Botschaft brchten und ihr Suchen nach einem Anhaltspunkte
nicht vergeblich gewesen sei.
    Nun, ihr Herren, empfing sie der alte Klose mit der ihm eigenen Bonhomie.
Was bringt ihr? Aber erst einen Cognac, und dann euren Bericht! Eine
Brenhitze! Maywald, wir wollen Tr und Fenster aufmachen. So! Nun herangerckt!
Und nun, ihr Herren, was gibt es?
    Der Grenzaufseher, welcher der ltere war, nahm zunchst das Wort und
erzhlte mit vieler Anschaulichkeit, wie sie, nach Ausmessen der Fuspuren (denn
was anderes habe sich nicht finden lassen wollen), nahe daran gewesen wren,
unverrichtetersache wieder umzukehren, als sein Kamerad, und hierbei wies er auf
den jungen Forstgehilfen, eines angebrannten Papierstckchens ansichtig geworden
wre, das an der abgestochenen schmalen Lehmwand des Weges geklebt htte. Dies
Papierstckchen sei, wie sie gleich vermutet, ein Schupfropfen gewesen, was sie
denn bestimmt habe, dasselbe sorglich auseinanderzufalten und zu gltten. Hier
sei es und knne vielleicht zur Entdeckung des Tters fhren; denn wie leicht zu
sehen, sei es kein gewhnliches Stck Zeitungspapier, sondern ein Stck von
einem alten Kalender, und der Monat sei noch halb und die Jahreszahl 1816 noch
ganz deutlich zu lesen. Er glaube, da das wichtig sei; denn in demselben Hause,
drin man einen alten Kalender von 1816 finden werde, werde man mutmalich auch
den Mrder finden.
    Alles war unter diesem Berichte des Grenzaufsehers in Aufregung geraten,
weil jeder fhlte, da die nchste Stunde schon das Geheimnis aufklren msse.
Natrlich war eine Haussuchung ntig, und zur Frage stand nur noch das eine, bei
wem damit begonnen werden solle.
    Bei wem anfangen? fragte der Alte.
    Bei Lehnert Menz, antwortete der Forstgehilfe.
    Gut. Und wann?
    In dieser Minute noch. Denn er hat viel Freundschaft hierherum, und erfhrt
er, was wir vorhaben, oder wohl gar, wonach wir suchen, so wandert der Kalender
in den Ofen oder er selber in die Welt. Er hat es schon lange vor.
    Alle waren einverstanden. Nur einige wenige blieben im Kretscham zurck, der
Rest aber erhob sich und ging auf Wolfshau zu.

Bei der groen Hitze, die herrschte, zog man es vor, die ganz in greller Sonne
liegende Chaussee zu vermeiden und lieber, von dem hochgelegenen Kretscham aus,
gleich nach links hin bergab zu steigen, um hier, im Schatten der Berglehne, den
Weg an der Khlung gebenden Lomnitz hin zurckzulegen.
    Unterwegs wurden einige wieder unsicher, und Zweifel lieen sich hren, die,
wenn sie nicht geradezu von dem jngeren Gerichtsmann ausgingen, so doch
wenigstens durch eben diesen genhrt wurden. Ein halbverbrannter Papierpfropfen
sei gefunden worden, soviel stehe fest, aber dieser Pfropfen brauche keineswegs
aus dem Gewehre des Wilddiebs zu stammen. Auch Opitz habe geschossen, wenn nicht
im Kampf (worber sich vielleicht streiten lasse), so doch jedenfalls ein paar
Not- und Signalschsse, was aus seinen eigenen Aufzeichnungen hervorgehe.
Solcher uerungen wurden in der Arrieregarde mehrere laut, aber an der Spitze
der Kolonne, wo neben Klose der aus Erdmannsdorf herbeigekommene Gendarm Brey
marschierte, hielt man an der einmal gefaten Meinung fest und war nur
einigermaen berrascht, als man, im Nherkommen an das Inselchen und seine
Stellmacherei, Lehnert Menz, in der Tr stehend, gewahr wurde, damit
beschftigt, ein paar berhngende Rosenzweige mit Bast wieder zurck an den
Stamm zu binden.
    So wenigstens schien es. Er stand abgewandt und sah sich bei seiner Arbeit
erst um, als er den Tritt der Herankommenden auf der kleinen Bohlenbrcke hrte.
Da er zusammenfuhr und sich verfrbte, sah niemand. Rasch entschlossen ging er
dem Trupp bis an den Brckensteg entgegen und begrte den alten Gerichtsmann.
    Ich wei, Gerichtsmann Klose, weshalb Sie kommen. Dabei zog er den Hut und
trat respektvoll beiseite. Der Angeredete lchelte.
    Nun gut, Lehnert, wenn Ihr wit, weshalb wir kommen, so werdet Ihr auch
nicht erstaunt sein, wenn wir vorsichtig sind und Eure kleine Festung absperren
und die Brckenstege besetzen. Ich will Euch und uns wnschen, da sich
schlielich alles als nicht ntig gewesen herausstellen mge. Vorlufig aber mu
ich Euch bitten, voranzugehen und dafr zu sorgen, da wir Euch im Auge
behalten. Im brigen sollt Ihr, vorderhand wenigstens, persnlich unbehelligt
bleiben, denn es handelt sich in diesem Augenblicke nicht um Eure Person,
sondern um eine Sache. Wir sind nmlich hier, um Euer Haus nach einem falschen
Bart zu durchsuchen.
    Der alte Klose sagte das so hin, um den unter Verdacht Stehenden auf eine
falsche Fhrte zu fhren und dadurch wie sicher zu machen, was auch glckte.
Lehnert, voranschreitend, stieg die Steintreppe hinan, whrend der Gerichtsmann
und der junge Forstgehilfe folgten. Gendarm Brey aber postierte sich vor der
Fronttr und berwachte von dieser seiner Hochstellung aus die durch den anderen
Trupp erfolgende Besetzung der beiden Brckenstege. Flucht war unmglich.
    In der Stube begann inzwischen ein Wehklagen und Geschrei. Die alte Menz
warf sich dem Gerichtsmann zu Fen, kte dem jungen Forstgehilfen die Hand und
schwor und jammerte, da sie unschuldig sei und von nichts wisse und da Lehnert
auch unschuldig sei und ein frommes Gemt habe, was ja der liebe Pastor
Siebenhaar besttigen knne, der ihn auf die Freischule geschickt, weil er immer
die Sprche so gut gelernt und immer neben der Orgel gestanden und am besten
gesungen habe. Ja, so sei das Lehnertchen immer gewesen, ein frommes Gemt und
krnke keinen und keine Fliege nich an der Wand. Und was die Leute gesagt htten
und was auch Opitz gesagt habe (Gott hab ihn selig, denn er war ein engelsguter
Mann, und nun gar erst die Frau, die gab all und jedem), das sei nicht wahr und
alles blo gelogen, weil es soviel schlechte Menschen gbe, die einem nichts
gnnten, und sie seien unschuldig. Und wenn sie vor Gottes Thron stnde und sie
solle es anders sagen, so knne sie nicht anders sagen, als da sie unschuldig
seien und Lehnert auch, denn er sei immer ein frommes Kind gewesen, und
Siebenhaar unten in Arnsdorf...
    In diesem Augenblicke wurde der junge Forstgehilfe, whrend die Hnde der
Frau Menz die Knie des alten Klose nach wie vor umklammert hielten, einiger an
einem Bindfadenreste hngender Kalenderbltter gewahr und machte Miene, darauf
zuzuschreiten. Lehnert, der mit klugem Auge jeder Bewegung gefolgt war, wute,
da man ihn jetzt in Hnden habe.
    La doch, Mutter! rief er dieser erknsteltem Zorne zu, whrend er die
Kniende vom Boden aufri, was erniedrigst du dich? Ich will das nicht. Ich kann
das nicht mit ansehn.
    Und, die kleine Frau heftig schttelnd, schob er sie, nur um dem Geplrr und
Gewimmer ein Ende zu machen (so wenigstens schien es), auf die Tr und den Flur
zu.
    Der mittlerweile ganz an seine Fhrte gebannte Forstgehilfe war, ohne fr
das, was sonst in der Stube vorging, einen Blick zu haben, an die vergilbten
Bltter herangetreten und hob sie samt dem Faden, daran sie hingen, vom Nagel.
Und schon das erste, worauf sein Auge fiel, war das, wonach er suchte.
    Wir haben ihn! Und triumphierenden Auges an den alten Gerichtsmann
herantretend, wies er auf die Jahreszahl oben rechts in der Ecke. Wir haben
ihn!
    Und unter diesen Worten eilte man nach dem Flur hinaus, um Lehnert, dessen
Schuld nun klar war, in Verhaft zu nehmen. Aber wo war er? Die Alte lag drauen,
in wirklicher oder erheuchelter Ohnmacht, jedenfalls unfhig oder unwillig, auf
die strmisch an sie sich richtenden Fragen Antwort zu geben. Wo war er?
    Die Brckenstege waren nach wie vor dicht besetzt, so mut er denn, wenn
nicht ein Wunder geschehen, im Hause selbst irgendwo verborgen sein. Und bis
unter das Dach hin wurde nun jeder Winkel und Verschlag untersucht und die Suche
bis in Schuppen und Milchkeller fortgesetzt. Man durchwhlte das Heu, die
Hobelspne, selbst in den Rauchfang stieg man hinauf und wurde nicht mde, das
Oberste zuunterst zu kehren. Alles umsonst. Die Alte wute nichts. Er war fort.

                              Sechzehntes Kapitel


Am Tage nach Lehnerts Verschwinden, ber das nicht nur die Krummhbler, sondern
auch ihre Sommergste sich des breiteren unterhielten, saen auch Rechnungsrat
Espes wieder an ihrem Exnerschen Stammtisch. Die schne Frau hatte sich, was
selbst Espe nicht entging, unter dem mehrwchentlichen Einflu der Gebirgsluft
wo mglich noch verschnt; ihr gegenber sa aber nicht mehr Lieutenant Kowalski
- dieser war vielmehr abgereist, um den Rest seines Urlaubs auf der Hohen Tatra
zu verbringen -, sondern Assessor Doktor Unverdorben, ein feiner, kluger Herr,
der seine Klugheit neben anderm auch darin zeigte, da er eine gegen ihn
gerichtete Laune der Natur - er war nmlich ein Kakerlak - sich dienstbar
gemacht und das, was ihn ridiklisieren sollte, recht eigentlich zum Schemel
seiner Macht erhoben hatte. Schon als Knabe gehnselt und immer nur das weie
Kaninchen genannt, war er auf den Einfall gekommen, sich durch bertrumpfung zu
helfen, wozu die Sommerferien in besonders heien Jahren ihm mehr als einmal
eine gnstige Gelegenheit geboten hatten. Auch in diesem Jahre erschien er
wieder ausschlielich in weiem Piqu, Rock, Beinkleid und Weste, samt weiem
Strohhut und beschrnkte sich im brigen in seinem gesamten Anzuge, seine
Lackstiefel abgerechnet, auf zwei schmale schwarze Streifen, von denen der eine
als Schlips, der andere als Monokelband figurierte. Diese seine Khnheit verhalf
ihm, wie allerorten, so natrlich auch in Krummhbel, zu einem vollstndigen
Triumphe, den allerdings, wie nicht geleugnet werden soll, umgehende Gerchte
von seiner gnstigen Vermgenslage nicht unerheblich steigerten, Gerchte, die,
zwischen hunderttausend und dreihunderttausend schwankend, selbstverstndlich
auf letztere Zahl festgesetzt und ebenso prompt aus Mark in Taler erhoben
wurden.
    Seine Bekanntschaft mit den Espes war jetzt genau zwei Wochen alt und hatte
sich, gleich nach Kowalskis Abreise, ganz natrlich gemacht. Espes waren auf der
Annakapelle gewesen, um dort Forellen zu essen, bei welcher Gelegenheit Selma
ihr rot und schwarz kariertes Plaid - das sie (bei dreizehn Jahren etwas
vorzeitig) als eine mit einem Riemen festgeschnallte Auentournure trug -
verloren hatte. Seitens des bald nach den Espes auf der Annakapelle
erscheinenden und daselbst seinen Nachmittagskaffee nehmenden Assessors war
unschwer in Erfahrung gebracht worden, wem das Verlorengegangene gehre (waren
doch Rechnungsrats so gut wie Stammgste dort oben), und am nchsten
Vormittage schon war, in weiterer natrlicher Entwicklung der Dinge, das Plaid
in der Espeschen Wohnung abgegeben worden, zugleich mit einer groen
goldgernderten Karte, darauf Stand und Name lautete:

                             Dr. Sophus Unverdorben
               Kammergerichtsassessor und Lieutenant der Reserve
                  im 2. Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Franz.
                           Berlin W. Ltzow-Ufer 7a.

Wie sich denken lt, wurde das Wiedereintreffen des von dem etwas rtselhaften
Onkel herrhrenden rot und schwarz karierten Plaids - der Onkel beschenkte
seine Nichten regelmig zu Weihnachten und Kaisers Geburtstag - von der ganzen
rechnungsrtlichen Familie mit aufrichtiger Freude begrt, aber soweit Espe
persnlich in Betracht kam, verschwand diese Freude doch neben einem sozusagen
auf staatlicher Grundlage ruhenden Wohlgefhl, womit der Anblick einer so
korrekt abgefaten Karte den Rechnungsrat erfllt hatte.
    Seht, Kinder, so mu dergleichen aussehen, waren seine mehr als einmal
wiederholten Worte, whrend die Rtin ihrerseits sich ausschlielich mit
Feststellung der Personalfrage beschftigte. Wer war dieser Assessor
Unverdorben? Alle, die beim Abstieg von der Annakapelle ihnen begegnet waren,
wurden durchgenommen, und fr Geraldine stand es alsbald fest, da es der
distinguierte Herr mit dem aufgesetzten Schnurrbart und dem schwarzen, etwas
gekruselten Haar gewesen sein msse, der so verbindlich gegrt und sie, so
flchtig die Begegnung auch gewesen sei, doch ganz eminent an Hendrichs erinnert
habe. Die Rtin fhrte dann diese Lieblingserinnerung, die sich, wie selbst
Selma schon wute, bei jeder mit einem brnetten Herrn gehabten Begegnung
unweigerlich wiederholte, des weiteren aus und schlo damit, da Espe die
Pflicht habe, den Assessor behufs Dankeserstattung aufzusuchen, und zwar heute
noch, denn es gbe jetzt so viele, die blo Passanten wren und nur einen Tag
blieben. Espe schien anfnglich das Rangverhltnis zwischen Rechnungsrat und
Assessor abwgen und danach langsam und mit einer sich und seiner Stellung
schuldigen Reserve seine Entscheidung treffen zu wollen, gab aber schlielich
doch nach und versprach, am Nachmittag um die fnfte Stunde nach dem Assessor
fragen und, wenn er noch da sei, sofort seine Visite bei demselben machen zu
wollen.
    Damit war die Rtin denn auch einverstanden, nicht ahnend, da das Schicksal
eine viel schnellere Lsung der Frage beschlossen hatte. Denn kaum da die
Mitglieder der Familie nach Zurcklegung des kurzen Weges vom Tannicht (wo sie
wohnten) bis zum Exnerschen Gasthaus an dem ein fr allemal fr sie reservierten
Ecktisch glcklich placiert waren, als auch schon ein Herr auf sie zuschritt,
der sich, whrend er eben noch die Lachlust aller weiblichen Espes wachgerufen
hatte, gleich danach als Assessor Unverdorben vorstellte. Die Verlogenheit
konnte nicht wohl grer sein, und der einzige, der in dieser schwierigen Lage
volle Contenance bewahrte, war Espe selbst. Er bat den Assessor, Platz nehmen zu
wollen, und sprach in der ihm eigenen wrdigen und gewhlten Weise den Dank fr
soviel Liebenswrdigkeit aus, denn von der Annakapelle bis nach Krummhbel
hinunter sei doch ein ziemlich weiter Weg, und die ganze Zeit ber ein rotes
Plaid zu tragen oder doch wenigstens ein Plaid mit eingemusterten roten Karos...
    Er stockte hier und brach ab, weil er pltzlich fhlen mochte, da ihm das
ewige und noch dazu ganz nutzlose Hervorheben des Rot und wieder Rot als etwas
politisch Absichtliches gedeutet werden knne. Dies war ihm aber fatal, denn
Espe war ein korrekter Mann und sehr ngstlich dazu.
    Die Rtin ihrerseits hatte, whrend dieses Gesprch andauerte, sowohl Lachen
wie Verlegenheit berwunden, was nicht wundernehmen durfte, weil sie
mittlerweile Zeit gefunden hatte, das, was den Assessor in allem brigen
auszeichnete, sowohl zu bemerken wie zu wrdigen. Und zwar lag dies ihn
Auszeichnende nach einer ganz bestimmten und den meisten Menschen immer wieder
imponierenden Seite hin, nach der Seite der tadellosesten weien Wsche. Beide,
Rat und Rtin, hielten auch auf weie Wsche, sie von Sauberkeits, er von
Ordnungs wegen, aber was waren ihre vereinten Anstrengungen auf diesem Gebiete
neben einem Manne wie Unverdorben. Und neben dem allen her lief die Betrachtung:
So ganz zweifelsohne, wie dieser Piqurock war, war er selber, und unwillkrlich
wiederholte sich Geraldine den Inhalt seiner bis dahin nicht genug gewrdigten
Visitenkarte, ganz besonders aber die Schluzeile: ... im 2.
Garde-Grenadier-Regiment Kaiser Franz. Selbst die Kaninchenaugen hrten auf,
ihr zu mifallen, sahen sie doch mit einer merkwrdigen Mischung von Klugheit
und Selbstbewutsein und dazu mit einem Anfluge von Ironie in die Welt.
Geraldine verstand sich aus zurckliegenden Tagen her auf feine Leute, und kein
Zweifel, der Assessor gehrte dieser Gruppe zu.
    Unverdorben blieb bei Gelegenheit dieser ersten Vorstellung nur etwa zehn
Minuten, aber diese zehn Minuten hatten doch ausgereicht, ein vorzgliches
Verhltnis herzustellen. Espe war einfach entzckt, die Rtin war es beinah, und
selbst Selma versicherte, sie begriffe nicht, wie sie habe lachen knnen, eine
Bemerkung, der sie, mit einer ihr kleidenden Wichtigkeit, hinzusetzte, sie wrde
sich von Stund an nicht genieren, unmittelbar an seiner Seite durch ganz
Krummhbel zu gehen. Und wenn es sein msse, durchs Leben.
    Selma, sprich nicht so! bemerkte tadelnd Espe. Das ist ber deine Jahre.
Die Rtin aber sagte: Espe, das verstehst du nicht! Selma hat ganz recht; sie
hat sich, um eines Hheren willen, in ihrem ersten Gefhl berwinden gelernt,
und darauf kommt es an. Formen entscheiden.
    Espe wiegte den Kopf, was ebenso Zustimmung wie Zweifel ausdrcken konnte.
    Von jener ersten Begegnung an sahen sich Espes und Unverdorben tglich,
wobei sich des letzteren Verhltnis zur Rtin immer intimer gestaltete, trotzdem
er ihr, darber war kein Zweifel, den auf der Hohen Tatra weilenden Kowalski
nicht voll ersetzen konnte. Sie fhlte das namentlich an einem gewitterschwlen
Tage, wo eine an sie gerichtete Hotelpostkarte mit aufgedruckter Landschaft
(Tannen inmitten von Burgtrmmern) eintraf, darauf nichts stand als Eljen
Geraldine und darunter in geschnrkelter altdeutscher Schrift: Ein Fichtenbaum
steht einsam... Die Rtin liebte dergleichen Dunkelheiten, besonders wenn sie
sich in poetischer Geheimsprache gaben, andererseits aber - und das sorgte fr
Balancierung dessen, was dem Assessor fehlen mochte - war sie zrtliche Mutter
und als solche bei jenem Lebensabschnitt angelangt, wo die hinsterbende groe
Passion, ohne brigens ganz zu schweigen, in der verklrten Gestalt einer
umschauhaltenden Mutterliebe wieder aufzuwachen pflegt. Selma freilich war noch
ein halbes Kind, aber was tat das? Es war ja keine Sache von heut auf morgen,
und es verdro Geraldinen ernstlich, ihren ewig rechnenden Espe bei Behandlung
dieser Frage so beharrlich den Kopf schtteln zu sehen.
    Dies Kopfschtteln Espes indes, wie durchaus gesagt werden mu, galt nur dem
vorzeitigen und berhasteten Schlachtplane seiner Frau, keineswegs dem, an den
dieser Plan anknpfte. Diesem, eben unserem Assessor, war Espe viel mehr mit
Aufrichtigkeit zugeneigt, besonders nachdem sich ein paar kleine Unebenheiten,
auf deren eine wenigstens an dieser Stelle hingewiesen werden mag, rasch wieder
beglichen hatten. Unverdorben nmlich (so war die Sache gekommen), in dem sich
von Zeit zu Zeit das ganze Selbstbewutsein eines vom mndlichen Examen
dispensierten Primus omnium mit dem greren Hochgefhl eines Trienniums in
Gttingen, Bonn und Heidelberg und dem selbstverstndlich grten eines
Garde-Reserve-Offiziers mischte, hatte sich in einem im brigen rein akademisch
und jedenfalls ganz unpersnlich gefhrten Gesprche zu der Bemerkung hinreien
lassen, da der alte Blcher, all seiner Meriten unerachtet, eigentlich doch nur
eine subalterne Natur gewesen sei, welchen Ausspruch der von dem bloen Worte
subaltern allemal hchst unangenehm berhrte Espe mit vieler Geistesgegenwart,
ja, wie zugestanden werden mu, sogar mit einer gewissen Wrde dahin beantwortet
hatte, da er dem preuischen Staate viele Subalternen  la Blcher wnsche,
demselben preuischen Staate, von dem es, beilufig bemerkt, weltkundig sei, da
er zwar nicht die groen Mnner, die fnden sich berall, wohl aber die
Dorfschulmeister und hnliche subalterne Leute vor anderen Staaten voraushabe.
Denn worauf es allezeit ankomme, das seien die Fundamente, nicht aber die
Krnung des Gebudes - ein Ausdruck, bei dem die Rtin immer in hnlicher Weise
zusammenzuckte wie Espe bei dem Worte subaltern.
    Dies kleine Rencontre, wenn man der Szene diesen Namen berhaupt geben
durfte, hatte gleich in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft stattgefunden.
Seitdem war lngst wieder Friede geschlossen, und die Rtin, wenn sie mit Espe
sptabends im Fenster ihrer kleinen Wohnung lag und, sentimental angeflogen,
nach den Sternen hinaufsah und an die Hohe Tatra dachte, pflegte dann wohl zu
sagen: Ja, Lieutenant Kowalski. Denken mu ich seiner. Er war, wenn er aus den
Redensarten heraus war, eigentlich gemtlicher und ungenierter als Unverdorben,
ja fast knnte man sagen, zu gemtlich. Aber Unverdorben ist ihm doch sittlich
berlegen und hat es nicht blo in seinem Namen, wiewohl der Name auch viel
bedeutet, sondern ist wirklich ein hchst anstndiger Mann.
    Espe teilte diese Meinung vollkommen und erging sich in Lobsprchen; das
eigentlichste Bindeglied in dem freundschaftlichen Verkehr beider Parteien blieb
aber doch Selma, die seitens des Assessors ganz als Kind und Backfisch und doch
zugleich mit sichtlicher Vorliebe behandelt wurde, was die Rtin Mal auf Mal mit
einem auf Espe gerichteten und nicht mizuverstehenden Blick der berlegenheit
und Siegeszuversicht begleitete. Du siehst, ich werde recht behalten.

Solche Blicke waren auch heute, gleich zu Beginn der Mahlzeit, ber den Tisch
geflogen, denn man hatte, wie herkmmlich, gemeinschaftlich diniert, was man so
in Sommerfrischen dinieren nennt, und eben erschien wieder die hbsche Marie mit
dem groen Tablett, um die Kalbsbratenreste samt einigen briggebliebenen
Kartoffeln in der Schale abzurumen, blauschalige, von denen der Rechnungsrat
nicht mit Unrecht bemerkte, da sie mehr durch ihre Farbe wie durch sonstige
Vorzge wirkten, als sich das seit Minuten um Opitz und seinen mutmalichen
Mrder drehende Tischgesprch pltzlich unterbrochen sah, und zwar durch Selma
und Frida, die mit dem Jubelrufe Sie kommen auf den Etisch zurckstrzten.
Wer diese sie waren, wute zunchst niemand zu sagen, aber im nchsten
Augenblick gab ein seltsames Trommeln und Pfeifen jede wnschenswerte
Aufklrung. Unter Vorantritt einer beraus zahlreichen Dorfschuljugend, in die
sich, allen Residenzhochmut und alle Standesunterschiede vergessend, auch kleine
Berlinerinnen mit Kiepenhten und roten Jacketts gemischt hatten, erschien ein
dunkelugiger Italiener, zwei Bren hinter sich, von denen der eine mit seinem
wie von Motten zerfressenen Pelz nur noch als Tummelplatz fr zwei blaujackige
Affen diente, whrend unmittelbar daneben ein groes wohlkonditioniertes
Prachtexemplar, der unzweifelhafte Held der Kavalkade wie der ganzen Situation,
einhertrottete. Zwischen den beiden Bren aber, und fr die tanz- und
musiklustige Jugend von annhernd gleichem Interesse, wurde man eines auf einem
zweirderigen Karren ruhenden mchtigen Leierkastens gewahr, neben dem eine
phantastisch gekleidete schwarze Person einherschritt. Einen Augenblick schienen
Selma und Frida von der Angst erfllt, den Zug an dem Exnerschen Lokal, als
einem zu vornehmen, vorberziehen zu sehen, dieser Angst jedoch machte der
Abruzzenmann ein rasches Ende, denn kaum war er bis in die Hhe des gerade
lebhaft pltschernden Springbrunnens gekommen, als er auch schon anhielt und
tambourmajorartig mit seiner Pickelflte ein Zeichen gab, auf das hin der
Musterbr sich erhob und, einen Stock ber Hals und Rcken, seinen Tanz begann.
Seine glnzende Leistung wrde allein schon gengt haben, eine Welt von
Entzcken wachzurufen, aber wer beschreibt den Jubel aller und ganz besonders
der Espeschen Mdchen, als eben jetzt das mit allerlei roten Tchern drapierte
Zigeunerweib die Leierkastenkurbel zu drehen und dem Prachtbren - fr den
Trommel und Pfeife ganz augenscheinlich als nicht gut genug erachtet worden
waren - zum weiteren Tanz aufzuspielen begann. Dazu kam noch, da der
Leierkasten selbst keine gewhnliche Drehorgel, sondern ein hheres
Kunstinstrument mit Janitscharenmusik war, dessen Becken und Pauke, ja selbst
Trompete durch Strippeziehen und eine spinnradhnliche Tretvorrichtung in
bestndiger Aktion erhalten wurden. Und damit nicht genug, sprangen in eben
diesem Augenblick auch noch die beiden Affen von ihrem Mottenpelzbren pltzlich
auf den Exnerschen Staketenzaun, also mitten in die Krummhbler Zaungste
hinein, was, als diese laut aufschrien, das Entzcken aller derer noch
steigerte, die, weil zurckstehend, diesem unerwarteten berfall entgangen
waren.
    Jung und alt waren erheitert, nur Espe konnte dergleichen nicht ertragen.
Was sich allen andern einfach als Mummenschanz, als ein Stck poetischer, mit
dem Zauber des Fremdartigen ausgestatteter Welt darstellte, war ihm nur eine
Welt der Unordnung, der Unsitte, der Faulenzerei, durchsetzt mit Keimen, aus
denen allerlei Verbrechen ber kurz oder lang aufgehen msse. Selma... Frida!
rief er zwei-, dreimal, ohne da die Kinder hrten, und als die darber mehr und
mehr in Verlegenheit geratende Rtin ihm schlielich zuflsterte, da er doch
auf die Nachbartische Rcksicht nehmen und sich seiner Erziehungsphilistereien
enthalten mge, wurd er unwirsch und beinah heftig, wie immer, wenn das Kapitel
der Ordnung in Frage kam, und mit dem Zeigefinger auf den Tisch schlagend (er
traf leider die Gabel, die nun in einem Bogen aufflog und dann erst zur Erde
fiel), fuhr er in spitzem Tone fort: Liebe Geraldine, das sind
Prinzipienfragen, und Prinzipienfragen sind nicht deine Strke...
    Nein, sagte diese.
    Nun wohl. Es gibt aber Prinzipien, und es gibt Erfahrungsstze. Was da
herumzieht - den groen Bren nehm ich aus; der Br ist der einzig Anstndige
von der Gesellschaft -, was da herumzieht, sag ich, ist Gesindel, und ich mag
nicht alles auf der Seele haben...
    ... und ich noch weniger auf dem Krper, ergnzte Sophus...
    ... was sich da drben bei dem seinwollenden Ehepaare, das doch natrlich
keines ist, vorfindet...
    Es gibt so viele Ehepaare, die keine sind, sagte Geraldine gereizt. Ich
bitte dich, Espe, wenn du nur nicht immer verbessern und die Menschen so
vortrefflich machen wolltest, wie du bist. Du verlangst lauter Espes. Das hilft
dir aber nicht. Der liebe Gott hat es anders gefgt, und die Menschen gehen nun
mal ihrer Lust und ihrem Vergngen nach.
    Meinetwegen. Ich will sie dabei nicht stren, und ich bin selber sogar, was
du vielleicht nicht glauben wirst, fr Lust und Vergngen, wenn das alles eine
zulssige Basis hat. Aber dies, was wir hier vor uns haben, ist Verbrechervolk
und Mrderbande. Das zieht nun bis auf die Koppe hinauf, und morgen ist es in
Bhmen, und in vier Wochen ist es in Galizien oder in Ungarn.
    Oder wohl gar auf der Hohen Tatra, warf Unverdorben ein, und Geraldine
verfrbte sich sofort und scho einen erzrnten Blick auf den Sprecher... Aber
es dauerte nicht lange, ja, die bse Miene ging sogar rasch in ein Lcheln ber,
als ihr der Gedanke kam, da dies alles der Ausdruck einer aufkeimenden
Eifersucht sein knne.
    In Galizien oder in Ungarn, nahm Espe seine Rede wieder auf, oder
meinetwegen auch auf der Hohen Tatra. Und dann sind es nicht mehr zwei, sondern
mutmalich drei, und der dritte, der sich dann eingefunden hat und sich auf
falsche Brte versteht und es gewi nicht unter einem anderthalb Fu langen
Sappeurbart tut und der dann vielleicht abwechselnd mit der schwarzen Hexe da
den Leierkasten dreht oder auch an der Beckenstrippe zieht - dieser dritte
Galgenvogel ist dann unser Freund Lehnert Menz... Ein fixer Kerl, gewi, und das
Weibervolk ist um ihn rum und starrt ihn an und bestaunt ihn, weil er einen so
schnen Bart hat, falsch oder nicht. Und ein Glck fr ihn, da er ihn hat, ich
meine den falschen, der ihn unkenntlich macht und ihn den Hnden der
Gerechtigkeit entzieht... Aber ich hoffe, sie fassen ihn noch.
    Und ich hoffe, sie fassen ihn nicht, sagte Sophus.
    Sie belieben zu scherzen...
    Ich glaube, der Herr Assessor spricht in vollem Ernst, triumphierte
Geraldine.
    Vollkommen, besttigte dieser. Ich bin kein Anhnge der
Abschreckungstheorie. Die Leute von Fach, Doktoren und Gerichtsleute, glauben
selten an die gng und gben Heilmittel, auch wenn sie gezwungen sind, sie zu
verordnen. Wenn sie den Lehnert fassen, so kommt er ein halbes Leben lang ins
Zuchthaus und zupft Lumpen und wird selber ein Lump. Wenn er aber, wie der Herr
Rat eben zu bemerken die Gte hatte, den Hnden der Gerechtigkeit entschlpft,
so wird er ein Mohrenknig oder ein chinesischer Admiral oder ein Robinson. Und
Leute, die das Zeug dazu haben, die sind mir immer zu schade, um hinter Schlo
und Riegel zu verkommen, blo um fiat justitia willen. Gerechtigkeit! Was heit
Gerechtigkeit? was war hier Gerechtigkeit? Dieser Opitz, der fr seiner Snden
Schuld hat zahlen mssen...
    Er war ein Mann im Dienst...
    Gewi. Aber er soll ein wunderbarer Heiliger gewesen sein in jedem
Betracht. Und wer will sagen, wie's stand und wie sich Schuld und Unschuld in
diesem Falle verteilt haben? Ich hab mir im Gerichtskretscham gestern abend den
Fall erzhlen lassen und habe dann auch nach dem Lehnert gefragt und ob er was
tauge oder nicht. Und da hab ich nicht eben viel Schlimmes gehrt. Im Gegenteil.
Ein bichen wirr wie alle Halbgebildete, die viel Zeitungen und Freiheitsbcher
lesen. Aber trotz dem nicht bel. Meinen Segen hat er, und ich wollte, da ihn
ein Pa aus meinem Segen wrde; den kann er brauchen. Brenfhrer! Der wird kein
Brenfhrer und zieht an keiner Beckenstrippe...
    Und Unverdorben, whrend er so sprach, lie das Monocle fallen, und seine
Kaninchenaugen waren noch rter geworden als gewhnlich. Das alles sah
Geraldine. Sie war nicht fr Kakerlaken, und Kowalski blieb ihr unersetzt, aber
sie htte trotzdem aufspringen und dem Sprecher vor aller Welt Augen einen Ku
geben mgen. Denn sie war eine Frau, die, wie die meisten, die sich einer
Vergangenheit rhmen drfen, ein gutes und starkes Herz und jedenfalls eine
Verachtung gegen alle Tugend- und Offiziosittsphrasen hatte.

                              Siebzehntes Kapitel


Sechs Jahre waren hin, und wieder war Sommer, als ein schlank aufgeschossener
Mann von Mitte Dreiig, der in seinem Aufzuge halb einem Cooperschen Trapper und
halb einem Bret Harteschen Kalifornier aus den Diggings glich, auf einem
bequemen Waldpfade, zu den Shawnee-Hills emporstieg, einem ausgedehnten, sdlich
vom Staate Kansas in den sogenannten Indian-Territories gelegenen Gebirgszuge.
Er kam vom Fort MacCulloch, das er schon tags vorher verlassen, und hoffte noch
vor Abend in dem an der andern Seite der Shawnee-Hills gelegenen Fort Holmes zu
sein, an dessen Befehlshaber er einen Empfehlungsbrief hatte. Der Brief selbst
aber lautete:
    ... Dem Kommandierenden von Fort Holmes empfehle ich den berbringer dieser
Zeilen, Mr. Lionheart Menz, aus San Francisco, einen Preuen (aus Silesia) von
Geburt, der bei Gelegenheit des letzten in unserer Nhe stattgehabten
Railway-Accidents nach Fort MacCulloch gebracht und von uns in mehrwchentliche
Pflege genommen wurde. Bruch des linken Oberarms. In Abwesenheit Doktor
Morrisons machte der auf einem Jagdzuge zufllig hier anwesende Gunpowder-Face,
dessen Heilmethode sich wieder vollkommen bewhrte, die Kur. Ich hebe diesen
Punkt hervor, einerseits weil ich vernommen habe, da Gunpowder-Face hufig auch
in Fort Holmes verkehrt, andererseits weil ich zu wissen glaube, da das
Unterhalten freundschaftlicher Beziehungen zu den Indianer-Chiefs der Regierung
mindestens ebenso erwnscht ist wie uns selbst. Mr. Lionheart Menz hat sich hier
unser aller Herzen gewonnen. Er war, eh er nach San Francisco ging, mehrere
Jahre lang in den Diggings, kam daselbst zu Vermgen und hatte vor, von San
Francisco nach Portland und von Portland nach Shanghai zu gehen, um daselbst in
ein Geschft einzutreten, als das Fallissement der Neu-Mexiko-Bank ihn um fast
sein ganzes Vermgen brachte. Von neuem anzufangen, war er unlustig, und so hat
er denn, seit dem Zusammenbruch, vor, es wieder als Carpenter zu versuchen, am
liebsten, seiner eigenen Angabe nach, in der Brettschneidebranche, weshalb er an
den Mississippi will, wahrscheinlich nach St. Louis und, wenn er dort scheitert,
nach Milwaukee, Wisconsin. Er ist, wie alle Deutsche, musikalisch, wovon er uns
Proben gab, trotzdem ihm, die ganze Zeit ber, nur die rechte Hand zur Verfgung
war. Jetzt ist er vollkommen wiederhergestellt, und Ihr werdet zu Spiel und Tanz
mehr von ihm haben wie wir. Sein eigentliches Instrument ist die Zither,
hierlandes wohl schwer zu beschaffen, aber er knipst auch auf der Violine,
meistens mit einer Federspule, was allemal eine vorzgliche Wirkung macht. Er
hat den Wunsch ausgesprochen, seine Weiterreise, zunchst wenigstens, zu Fu
machen zu drfen, weil er sich, nach so vielen Wochen voll Unttigkeit, nach
Bewegung und Anspannung sehnt. Wir haben seinem Wunsche gern willfahrt und ihm
zwei von unsern Cherokeeleuten als Fhrer und Trger mitgegeben. Unsere Bitte an
Euch geht nun dahin, ihm in Fort Holmes gastlich begegnen zu wollen, mit jenem
Entgegenkommen, das Ihr immer bt und sich in diesem Falle doppelt belohnen
wird. Er ist nmlich, von seiner Musik ganz abgesehen, ber deutsche Zustnde
gut unterrichtet, war Anno siebzig in der Nhe des deutschen Kronprinzen und hat
den Einzug in Paris unter Bismarcks Augen mitgemacht. Da seine Stellung in
jenen Tagen eine hervorragende gewesen sei, wird sich kaum annehmen lassen, aber
er hat doch den Vorzug, von allem damals Erlebten erzhlen zu knnen. Ich
empfehle mich Eurer kameradschaftlichen Geneigtheit. Henry Wood, Agent of the
United States Government und Kommandant von Fort MacCulloch.
    So der Brief, der das, was Lehnert in den letzten sechs Jahren erlebt hatte,
kurz erzhlte. Ja, so war es gewesen: ein Vermgen war rascher hingeschwunden,
als er es erworben hatte. Im brigen war die Nachricht von dem Bankrott der
Neu-Mexiko-Bank, so unvorbereitet sie ihn traf, ohne tiefere Bewegung von ihm
aufgenommen worden, weil ihn dieser beinahe vllige Vermgensverlust rasch und
mit einem Schlag einem im Lauf des letzten halben Jahres in San Francisco
gefhrten Spekulationsleben entri, das ihm eigentlich schon widerstand, whrend
er es noch mitmachte. Ja, er sehnte sich aufrichtig danach, an die Stelle des
mit deutschen und schweizerischen und vielfach auch mit franzsischen
Abenteurern in den Diggings verbrachten Lebens, und des schlimmren in der
kalifornischen Hauptstadt, wieder ein Leben voll Arbeit treten zu lassen, und
die Reise nach dem Osten erschien ihm als der erste Schritt dazu. Selbst der
Eisenbahnunfall, der ihn traf, war nicht angetan, ihn anderen Sinnes zu machen.
Im Gegenteil, die stillen Wochen in Fort MacCulloch hatten ihn in diesen seinen
Anschauungen nur noch gefestigt, und es war unter einem lange nicht gefhlten
Behagen, da er jetzt, frisch und rstig, die Shawnee-Hills hinaufstieg, auf
kaum fnfzig Schritt die beiden Cherokees vor sich, die seinen Koffer an einer
ber ihre Schultern gelegten Stange trugen. Von Zeit zu Zeit sahen sie sich nach
ihm um, und ihr freundliches Grinsen, wenn er nach diesem oder jenem fragte,
steigerte nur noch die Heiterkeit seiner Seele.
    Gegen Mittag hatten alle drei, nach mehrmaliger Rast, den Kamm des ziemlich
hohen Gebirgszuges erreicht, und Lehnert sah nun weit und frei nach Norden hin.
Alles, was da vor ihm lag, war ein wohl an sieben Meilen breites, von der von
Galveston kommenden Texas-Kansas-Missouri-Bahn durchschnittenes Quertal, an
dessen entgegengesetzter Seite das Land allmhlich wieder anstieg, bis es
abermals einen ziemlich hohen, dem diesseitigen Zuge der Shawnee-Hills
entsprechenden Bergzug bildete. Dazwischen wenig Leben. Von den Ortschaften an
der Bahn hin waren nur die weiter entfernten sichtbar: Station Darlington und
Station Gibson (letztere schon ganz drben), whrend sich die verhltnismig
nahe gelegene Station Holmes, samt ihrem gleichnamigen Fort, verbergen zu wollen
schien. Erst als Lehnert die beiden Indianer herbeirief und nach dem Fort
fragte, gaben sie seinem Auge die richtige Richtung, und nun sah er (die Station
blieb versteckt) wenigstens die vier gekupferten Trmchen von Fort Holmes
deutlich in der Nachmittagssonne blinken. Auch das palisadenumstandene Blockhaus
sah er, samt seinem Feldsteinfundament, ja, die Luft war so klar, da er
vermeinte, die Palisadenstmme zhlen zu knnen. Einer der beiden Indianer aber,
der ein wenig Englisch radebrechte, wies unausgesetzt mit der Fingerspitze
darauf hin und wiederholte dabei: That's it... Fort Holmes, lchelnd und
bedeutungsvoll hinzusetzend: Tea... brandy... six o'clock.

Und ehe noch sechs Uhr heran war, hatte sich Fort Holmes in aller Gastlichkeit
aufgetan, trotzdem der mitgebrachte Empfelungsbrief, und zwar infolge zuflliger
Abwesenheit des Kommandanten von Fort Holmes, noch gar nicht seine Schuldigkeit
hatte tun knnen. Als nun aber, zwei Stunden spter, der Kommandierende wieder
daheim war und den ausfhrlichen Brief seines Kameraden Henry Wood von Fort
MacCulloch gelesen hatte, steigerte sich das Entgegenkommen noch um ein
erhebliches, und Aufforderungen von beinah dringlicher Natur ergingen an
Lehnert, auch in Fort Holmes eine lngere Rast nehmen zu wollen. Es wrde sich
schon ein Faden spinnen lassen, und was das Zitherspielen angehe, dessen der
Brief Erwhnung tue, so woll er nur sagen, die German Mennonites bei Station
Darlington, keine fnfundzwanzig englische Meilen von hier, htten eine Zither
und wrden sich gewi bereit finden lassen, sie fr kurze Zeit nach Fort Holmes
hin zu leihen. Auf der Bahn sei's nah, und wenn sie dann die Zither htten (und
er wisse wohl, eine Zither sei noch viel schner als eine irish harp), dann
wollten sie Yankee-Doodle spielen und die Wacht am Rhein. Aber nicht God
save the Queen, nichts Englisches, alles Englische tauge nichts. Und dann
sollten die Indianer tanzen oder auch die Nigger, deren sie seit kurzem ein paar
von Galveston her htten, und wenn dann der Tag auf die Neige ginge, dann
wollten sie sich auf den Wallgang setzen und den Mond aufgehen sehen und bei
Brandy und Whisky, er habe noch einen feinen alten Glen Fillan, ihren Schwatz
haben, von Chattanooga und Grant und Sheridan und von Bismarck und Moltke und
Old William.
    In dieser Weise - denn Fort Holmes war ein einsamer Posten, ebenso wie Fort
MacCulloch - drang man gleich am ersten Abend in Lehnert ein, dieser aber, den
ein ernstliches Verlangen erfllte, dem vielwchentlichen Nichtstun ein Ende zu
machen, blieb nur bis ber den zweiten Tag. Am Morgen des dritten nahm er
Abschied und schritt vom Fort aus auf das gleichnamige Stationsgebude zu, das,
in kaum halbstndiger Entfernung, gerade da, wo der Schienenweg aus dem Gebirge
trat, in einer halbmondfrmigen Ausbiegung am Saum eines Ahornwldchens lag.
    Die kleine Bahnhofsuhr von Station Holmes zeigte neun Uhr frh, als Lehnert
daselbst eintraf. In einer Viertelstunde mute der von Galveston nach dem Norden
fhrende Zug dasein, er kam aber mit erheblicher Versptung, so da Lehnert und
die wenigen Personen, die mit ihm auf dem Bahnsteige warteten, sich beim
Einsteigen in die Wagen beeilen muten. Diese waren nur schwach besetzt, und in
dem Coup, darin sich's Lehnert alsbald bequem zu machen suchte, befand sich nur
ein einziger Mitreisender, ein junger Mann von achtzehn Jahren, der, wiewohl
einigermaen abweichend von der Mode gekleidet, trotzdem leicht erkennen lie,
da er einem guten Hause zugehrte. Seine Zge verrieten den Deutschen, whrend
andererseits die Sicherheit und Ruhe seiner Haltung mit gleicher Bestimmtheit
zeigte, da er, wenn auch vielleicht nicht in Amerika geboren, so doch
jedenfalls amerikanisch geschult sei. Die Gegend schien er zu kennen. Er las, in
die Ecke gedrckt, eine Galveston-Zeitung und hatte den linken Arm auf eine
Ledertasche gesttzt, in deren Messingschild, wenn nicht alles tuschte, der
Name des jungen Reisenden eingraviert war. Lehnert suchte denn auch das
Eingravierte zu lesen, was ihm unschwer glckte. Tobias Hornbostel stand in
oberster Reihe, dicht darunter aber in etwas kleinerer Schrift: Nogat-Ehre,
Station Darlington, Indian-Territory. Das war beinah eine Biographie,
mindestens eine volle Adresse. Lehnert, als er Namen und Ortsangaben entziffert
hatte, war von dem allen aufs uerste betroffen, und wenn er schon vorher den
Wunsch einer Gesprchsanknpfung gehabt hatte, so steigerte sich dieser Wunsch
jetzt bis zum festen Entschlu. Er wollte nur warten, bis der Mitreisende das
Zeitungsblatt aus der Hand gelegt haben wrde. Das war nun geschehen, und
Lehnert sagte: Ihr seid ein Deutscher?
    Der, an den die Frage sich richtete, bejahte mit vieler Freundlichkeit und
fragte dann seinerseits, woran er ihn erkannt habe.
    Nichts leichter als das, sagte Lehnert. Du hast das deutscheste Gesicht,
das ich all mein Lebtag gesehen habe. Lache nur! Und siehst dabei so klar aus
und so gut. Du gefllst mir.
    Du nennst mich du.
    Und du mich auch, fuhr Lehnert fort, was mir nur beweist, da ich recht
habe. Du bist nicht blo ein Deutscher, du bist auch ein Mennonit. Und die
Mennoniten nennen sich, glaub ich, du, ganz so wie die Quker.
    Da ich nicht wte! Jedenfalls nicht immer.
    Aber doch oft. Und wenn sie Tobias Hornbostel heien, dann ganz gewi.
Nicht wahr?
    Ja, dann gewi߫, antwortete Tobias und streckte ihm die Hand entgegen. Ich
sehe, du hast gute Augen und hast Namen und Ort auf dem Messingschilde gelesen.
Und aus Nogat-Ehre hast du den Schlu gezogen, da ich ein Mennonit sein msse.
    Freilich. Aber du triffst es nur halb. Schon dein Name Hornbostel htte mir
alles gesagt, auch wenn ich den Ortsnamen Nogat-Ehre gar nicht gelesen htte.
Vor sechs Jahren, als ich eben herbergekommen war, war ich in Dakota, wo sie
damals die Schwellen und Schienen fr die Nord-Pacific-Bahn legten, und in einem
Dorfe, das uns wegen seiner Tieflage viel zu schaffen machte (wenn ich nicht
irre, nannten sie's Dirschau), in eben diesem Dorfe waren Mennoniten, und der
Oberste der Gemeinde hie Hornbostel, Obadja Hornbostel, mir noch deutlich in
Erinnerung, weil wir, verzeih, ber den Namen oft scherzten. Und ich wei auch,
da die Rede davon war, in Obadja Hornbostels Farm einzutreten, wo's uns
jedenfalls besser ergangen wr als in unserem fiebrigen Sumpfloch. Aber ich
hatte damals noch die Sehnsucht nach den Diggings hin, weil ich ein Narr war und
reich werden wollte. Sonst htt ich's wahr und wahrhaftig auf der Stelle
versucht ... Obadja Hornbostel, ein hbscher, aber etwas wunderbarer Name.
    Das war mein Vater.
    Lehnert erschrak fast. Aber das war ja doch in Dakota, neunhundert
Englische von hier.
    Und ist doch so, wie ich sage. Wir waren erst in Dakota, da bin ich auch
geboren, und meine Schwester Ruth auch. Und unsere Mutter ist da begraben. Und
wir dachten auch in Dakota zu bleiben. Als aber ein Streit mit dem Government
kam und die klugen Herren, die man uns nach Dakota schickte, so taten, als ob
wir Mormonen seien oder doch nicht viel anders, da machte der Vater kurzen
Proze und ist ausgezogen wie Abraham und die ganze Kolonie mit ihm, und diesen
Herbst werden es fnf Jahre, da wir hier sind und eine neue Heimat haben, in
der man uns, bis jetzt wenigstens, nicht gestrt hat. Erst sollt es wieder
Dirschau heien, so wenigstens wollt es der Vater, aber schlielich gab er es
auf und nannt es, wie die Gemeinde wollte. Und so wohnen wir denn in
Nogat-Ehre.
    Lehnert, als sein junger Mitreisender so sprach, starrte nachsinnend vor
sich hin und rauchte dabei mit verdoppelter Energie. Dann warf er den Stummel
weg, und es war ersichtlich, da er sich einen Plan gemacht und eine Frage
vorbereitet hatte. Trotzdem schwieg er noch immer. Endlich nah m er den Hut vom
Kopf, strich sich ber das volle Haar und sagte: Glaubst du an Bestimmungen?
    Der andere lachte. Gewi glaub ich an Bestimmungen. Wenn Gott lebt und uns
trgt und hlt, mu es doch auch eine Bestimmung geben. Gott bestimmt alles, und
er bestimmt sogar alles vorher.
    Lehnert sah unausgesetzt in die Landschaft hinaus. Erst nach einer Weile
nahm er das Gesprch wieder auf und sagte: Bestimmung. Ja, es wird schon so
sein. Und wenn ich berlege... Wie kam es? In Dakota hrt ich deines Vaters
Namen und wollt eintreten in seine Farm, oder doch beinah. Und hier, an den
Shawnee-Hills, neunhundert Meilen weiter sdlich, kaum berhr ich das Land, wen
seh ich, wen treff ich? Dich, deines Vaters Sohn. Ja, das ist Bestimmung. Gott
will, ich soll mit euch leben. Glaubst du, da dein Vater mich brauchen kann?
    Tobias schwieg.
    Du schweigst. Und ich sehe daraus, ihr seid sehr whlerisch geworden seit
Dakota.
    Nein. Das nicht. Ich berlege nur, wie's wohl ginge.
    Das soll euch keine Sorge machen. Ich habe, von Kind auf, Schwielen an
meinen Hnden gehabt, und wenn ich sie hatte, war mir immer am wohlsten. Ich
will deinem Vater in der Wirtschaft helfen, pflgen und graben, wenn es sein
mu, und das Vieh austreiben. Ich wei mit Axt und Sge Bescheid und kann Uhren
reparieren und Dach decken, mit Schindel und mit Stroh, und einen Stollen in den
Berg schlagen. Und ich kann auch die Schreiberei besorgen und werde mich
berhaupt schon ntzlich machen. Und wenn du mit deinem Vater sprichst, denn ich
komme nicht gleich mit (du mut vorauf, whrend ich in Station Darlington
bleibe, das ist ja wohl eure nchste Station), dann sag ihm: ich glaubte, da es
so Gottes Wille sei, und deshalb frg ich bei ihm an. Zweimal derselbe Name,
derselbe Mann. Es steht mir fest, es soll so sein.
    Toby nickte. Lehnert aber, als er gleich danach in Erfahrung brachte, da
man in weniger als einer halben Stunde schon auf Station Darlington eintreffen
werde, lie das Thema, das er vorlufig als erledigt ansah, fallen und sprach
statt dessen von Utah und den Heiligen am Salzsee, von Portland, wohin er, um
von dort aus in ein China-Handelshaus einzutreten, eigentlich habe gehen wollen,
und zuletzt auch von Kalifornien.
    Kennst du Kalifornien? fragte Toby.
    Nur zu gut. Was ich in vier Jahren in den Diggings erworben, bin ich in
vier Monaten in San Francisco wieder losgeworden. Aber es ist gut so. Bestimmung
auch das. Ich habe nie am Gelde gehangen und will nur frei sein. Ist dein Vater
streng? Ein groer Befehlshaber?
    Er befiehlt nie. Er sagt nur: Ich denke, wir machen das so.
    Lehnert lachte: Oh, das kenn ich, das ist die fromme Form, aber es luft
auf dasselbe hinaus. brigens mir gleich. Wo Verstand befiehlt, ist der Gehorsam
leicht. Blo der Befehl rein als Befehl, blo hart und grausam, da kann ich
nicht mit, das kann ich nicht aushalten.
    Toby sah ihn gro an. Das ist recht, was du da sagst. So denk ich auch, und
so denken wir alle. Und wenn du so bist, da bin ich auch sicher, du wirst dem
Vater gefallen. Er hat es gern, wenn man frei spricht und eine Meinung hat. Aber
eine Form mu es haben, darauf hlt er.
    Unter diesem Gesprche hatte man Darlington erreicht, und beide stiegen aus.
Ein kleines Ponygefhrt war schon vorher bis dicht an das Stationsgebude
herangefahren, und ein junges Mdchen von kaum sechzehn Jahren hielt die Zgel
in Hnden. Gr dich Gott, Ruth! Ein listig dreinschauender junger Cherokee,
der den Dienst auf der Station hatte, stand neben dem Gefhrt und wartete.
Diesem warf das junge Mdchen mit groer Geschicklichkeit die Zgel zu, sprang
vom Wagen und war im nchsten Augenblick in herzlichem Gesprch mit ihrem
Bruder. Dies Gesprch aber, wenn nicht alles tuschte, drehte sich um Lehnert
und ob man ihn nicht sofort nach Nogat-Ehre mit hinausnehmen solle, was die
Schwester von ihrem Bruder Toby zu fordern schien. Und in der Tat trat dieser
noch einmal an Lehnert heran und sprach in dem Sinne, wie's Ruth gewollt hatte.
Lehnert blieb aber fest und beharrte bei seiner Ablehnung. Er werde die Nacht im
Stationshause zubringen und am anderen Morgen auf die Farm hinauskommen. So
sei's am besten, und Toby solle nur vorher schon fr ihn sprechen und nichts von
dem vergessen, was er ihm gesagt habe.
    Damit trennte man sich, und eine Minute spter rollte das Ponygefhrt wieder
in die Landschaft hinein. Toby fuhr jetzt, whrend Ruth den Arm um des Bruders
Schulter gelegt hatte. Der blaue Schleier flog, und an einer Biegung des Weges
sahen sich beide noch einmal um und grten.
    Unschuld..., sagte Lehnert. Wer dich hat, hat das Glck.

                              Achtzehntes Kapitel


Am anderen Morgen wollte Lehnert nach Nogat-Ehre hinaus und daselbst sein Heil
bei den Mennoniten versuchen. Aber bis dahin war noch eine lange Zeit, lang und
bedrcklich, abgesehen davon, da es Schwierigkeiten zu haben schien, auf der
Station eine Bewirtung und selbst ein Unterkommen zu finden. Als dies
Unterkommen aber erst bewilligt war, fand sich auch ein Essen: ein Huhn, das bei
Eintreffen des Zuges noch im Wegekies umhergescharrt hatte. Dabei blieb es denn
freilich - es war eine von den Einsamkeitsstationen -, und Lehnert, um die Zeit
notdrftig hinzubringen, sah sich gezwungen, stundenlang alte Geschftsanzeigen
und noch ltere Fahrplne zu lesen. Dann und wann kam ein Zug, das war etwas,
aber die daraus erwachsende Zerstreuung war doch nur gering und jedenfalls immer
nur von krzester Dauer.
    Der letzte Zug kam um neun Uhr vierzig Minuten und war ein Expretrain, der,
auf der Strecke von Galveston bis St. Louis nur dreimal auf lngere Zeit
anhaltend, an einer so kleinen Station wie Darlington mit rasender
Geschwindigkeit vorbersauste. Lehnert sah diesem Zuge nach und freute sich der
am letzten Wagen ausgehngten Laterne, die, wie suchend, auf die durchflogene
Strecke zurckzublicken schien; pltzlich aber schwand das Licht in einem
Nebelstreifen, so wenigstens kam es ihm vor, und als Lehnert es wiederzufinden
trachtete, sah er pltzlich statt des einen Lichtes viele Lichter, wie wenn der
Zug mit seinen erleuchteten Waggons eine Biegung gemacht und aus der senkrechten
Linie in die waagerechte bergegangen wre. Jeden Augenblick war er denn auch
gewrtig, das helle, lichterreiche Bild, in dem er nach wie vor den Zug
vermutete, zwischen den Bergen verschwinden zu sehen. Als es aber blieb, berkam
ihn eine Neugier, und er fragte den jetzt dienstfreien Beamten, was es sei.
    Das ist Nogat-Ehre.
    Nogat-Ehre, wiederholte Lehnert und sah unausgesetzt auf das Geflimmer,
das ihn friedlich wie die Sterne zu gren schien.

Lehnert war frh auf und hatte wieder auf derselben Bank am Stationshause Platz
genommen, von der aus er, am Abend vorher, erst auf den verschwindenden Eilzug
und dann auf die bleibende Lichterreihe von Nogat-Ehre geblickt hatte. Der
Morgen war frisch und steigerte das Wohlgefhl, das ihm ein guter und
auskmmlicher Schlaf gegeben hatte, trotzdem war seine Zuversicht hin und einem
starken Zweifel gewichen, dem Zweifel, ob er, trotz seiner Unterredung mit
Tobias, den Schritt auch tun und sich in Nogat-Ehre melden solle. Wie war sein
Leben verlaufen? Unter Abenteuer und Gewaltttigkeit und unter Auflehnung gegen
Ordnung und Gesetz. Und er wollte sich bei den Mennoniten verdingen? Ja, wer
waren denn die Mennoniten? Damals, als er noch im Camp in Dakota lag und abends
beim Gin immer nur ein Witzeln ber die Mennoniten hrte, die fr reich galten
und weiter nichts, da htt es vielleicht gepat, weil er's nicht besser wute.
Jetzt aber wute er, da es fromme Leute seien, fromm und fleiig und
wahrheitsliebend und Feinde von Eid und Krieg. Und in solche Friedenssttte
wollt er einbrechen? Das durft er nicht; er gehrte nicht dahin, er war eine
Strung, und wenn er keine Strung war und den Frieden der Friedfertigen nicht
trbte, war er seinerseits der Mann, den Frieden, den er da vorfand, auch nur
tragen zu knnen? Lag es nicht so, da der Krieg sein einzig Stck glcklich
Leben gewesen war? Und was verwrfe der Mennonit mehr als den Krieg?
    So sinnend, sah er auf das Bahngeleise, das, auf kaum zehn Schritt
Entfernung, hart an ihm vorber nach Norden fhrte. War es nicht besser, diesem
eisern vorgeschriebenen Wege, wie er's ursprnglich gewollt hatte, zu folgen?
    Er berlegte noch, als er, schrg neben der Bahn, ein zierliches kleines
Fuhrwerk ber die Felder kommen sah, und ein zweiter rascher Blick war
ausreichend, ihn erkennen zu lassen, wer die Herankommenden seien. Es waren die
Geschwister, die gestern auf demselben Feldwege die Heimfahrt nach Nogat-Ehre
gemacht hatten, und Ruths Schleier, der auch heute wieder wehte, nahm ihm den
letzten Zweifel. Und mit diesem Zweifel fielen auch all die Bedenken, die seit
Stunden auf ihm gelastet hatten, wieder von ihm ab, und es stand wieder fest in
seiner Seele, da die gestrige Begegnung eine Schickung gewesen sei und da er's
bei den Mennoniten versuchen msse. Freudig erhob er sich und ging rasch auf den
kleinen Wagen zu, der, eben die Schienen kreuzend, mit geschickter Biegung auf
den Hof des Stationsgebudes fuhr. Derselbe junge Cherokee, der schon gestern
bei Lehnerts Ankunft bereitgestanden hatte, sprang auch heute wieder
dienstfertig hinzu, Tobias aber gab der Schwester die Zgel in die Hand, stieg
ab und begrte sich mit Lehnert. Alles in Ordnung. Ich habe mit dem Vater
gesprochen, und es ist nun an dir, in unsere Farm einzutreten und sein Hausmeier
zu werden. Ob erster oder zweiter, das wird sich zeigen. Er ist froh, einen
Deutschen mehr in seinem Hause zu haben. Er sagt, die Deutschen seien die
besten, auch wenn sie, verzeih, nichts taugten. Und nun erlaube mir nachzuholen,
was ich gestern versumt habe, dir meine Schwester Ruth vorzustellen, un ange,
wie Monsieur L'Hermite jeden Tag mehreremal versichert, eine verwhnte Krabbe,
wie Mister Kaulbars sagt. (Ruth nickte.) Mister Kaulbars ist nmlich ein
Landsmann von dir, ein Preue, der dir, denk ich, ein gut Teil von Prince
Frederic Charles erzhlen wird. Aber nun steig auf und setz dich neben Ruth.
Oder noch besser, wir setzen uns zwei beid in den Fond, und Ruth kutschiert. Sie
fhrt nmlich wie ein Fahrer, ein Wort, das ich auch deinem preuischen
Landsmann verdanke.
    Whrend Toby noch so plauderte, war auch der Clerk aus dem Stationshause
herangetreten, dem nun Auftrag gegeben wurde, Lehnerts Felleisen nach Nogat-Ehre
hinauszuschaffen. Er versprach es auch mit aller Bereitwilligkeit, denn im
Stationshause hielt man auf gute Nachbarschaft mit den Mennoniten, besonders mit
Obadja, der es an Hilfen und Liebesdiensten nie fehlen lie und erst neulich
wieder, bei der Krankheit des jngsten Kindes, mit Akonit und Nux Vomica
geholfen hatte.
    Mittlerweile lenkte das Wgelchen in den Feldweg ein, und die Bahn in
freilich immer weiter werdendem Abstande neben sich, ging es zwischen den
Maisfeldern hin, deren hoher Stand den Wagen samt seinen Ponies berragte.
Schlielich war man aus den Maisfeldern heraus, und gelber Raps lag vor ihnen,
dessen Duft der von dem den Shawnee-Hills gegenber gelegenen Gebirge
herkommende Wind ihnen zutrug. Und dazu klangen die Glckchen, wenn die
Shetlnder ihre langen Mhnen schlugen, um sich der Bremsen zu erwehren. Lehnert
aber sog das alles begierig ein, und es war ihm, als flg er und als wren es
alte Zeiten und als tten sich Heimat und Glck noch einmal vor ihm auf.
    Ist das alles euer? frug er und wies auf die Fruchtfelder links und
rechts.
    Ja, sagte Toby, das heit, alles Mennonitenland, alles Nogat-Ehre. Was
aber dem Vater persnlich gehrt, unsere Farm, das liegt nach der anderen Seite
zu, das sollst du morgen sehen, da steht es noch besser, und der Klee geht bis
ber die Wagenrder. Du mut nmlich wissen, der Vater ist ein groer Farmer und
Landmann und liest alle Zeitungen und Zeitschriften, und was die Gelehrten
anraten, und besonders, wenn es aus England kommt, das schafft er an und scheut
kein Geld. Nicht wahr, Ruth?
    Ruth, ohne sich nach ihnen umzusehen, nickte langsam und gravittisch, und
Lehnert sah aus der halb komischen Art, in der diese Zustimmung erfolgte, da
Obadja zu den Neuerungsenthusiasten gehren msse, die den Entdeckern das Ei
fortziehen, noch eh es ausgebrtet. berhaupt konnt er wahrnehmen, da das
Gemisch von Offenheit und Heiterkeit, das ihn schon an dem Bruder so angezogen
hatte, bei der Schwester noch strker vertreten war. Von Ernst und
Schwerflligkeit keine Spur, und dabei ihr Frohsinn von jener entzckenden Art,
wie die kindlich Glubigen ihn so oft haben, die nicht anders wissen, als da
Gottes gtige Vaterhand sie jeden Augenblick hlt und trgt und schtzt. Ein
beseligendes Gefhl immer abwesender Gefahr.
    Eine kleine Pause war eingetreten, und Toby, dem daran lag, das so glcklich
eingefdelte Gesprch auch fortgesetzt zu sehen, nahm es an alter Stelle wieder
auf und sagte: Ja, kein Geld und keine Mh. Nichts scheut er. Und das alles bei
seinen hohen Jahren.
    Ist er denn schon so alt? fragte Lehnert. Ihr seid ja doch beide noch so
jung.
    Dreiundsiebzig, lachte Ruth.
    Da mu er sehr spt geheiratet haben.
    Jetzt verdoppelte sich das Lachen. Aber Toby, der wohl fhlte, da das
Lachen Lehnert verlogen machen msse, gab nun Aufklrung und erzhlte, da der
Vater dreimal verheiratet gewesen sei, so da sie viele Halbgeschwister htten.
Die Kinder der ersten Ehe seien nach Preuen, nach Danzig und Dirschau
zurckgegangen, die der zweiten lebten in Dakota, und sie beide seien die
jngsten. Ihr ltester Halbbruder sei schon ber vierzig Jahre und voriges Jahr
zum Besuch in Nogat-Ehre gewesen.
    In diesem Augenblicke stieg der Boden ein wenig an, und als man oben war,
wurd in kaum halbmeiliger Entfernung eine blinkende, langgestreckte, nur hier
und da von hohen Pappeln berragte Huserreihe sichtbar, auf die Ruth jetzt mit
der Peitschenspitze hindeutete. Das ist Nogat-Ehre. Siehst du's? In einer
Viertelstunde sind wir da. Das letzte Gehft da, zwischen den zwei Pappeln, das
ist unser Haus. Und dann kannst du sehen, wie wir leben. Es wird dir schon
gefallen. Das heit, wenn du nicht so sauertpfisch bist wie Mister Kaulbars,
dein Landsmann. Der hat an allem was auszusetzen. Ob alle Preuen so sind? Ich
kann es mir nicht denken. Du siehst um vieles freundlicher aus und so recht, als
ob du glcklich und zufrieden sein knntest. Aber ich spreche so, wie wenn wir
dich schon htten. Und wir haben dich noch lange nicht. Ich wei ja noch nicht
einmal deinen Namen... Toby, warum hast du mir seinen Namen nicht genannt?
    Toby lachte. Weil ich ihn selber noch nicht wei. Und der Vater hat auch
gar nicht danach gefragt. Aber nun wird es freilich Zeit damit, wenn wir nicht
mit einem Namenlosen in Nogat-Ehre einfahren wollen.
    Ich heie Lehnert Menz.
    Ein hbscher Name, sagte Toby.
    Ruth nickte zustimmend. Aber gleich danach schien sie wieder wie wankend und
schwankend zu werden und setzte hinzu: Ja, hbsch. Aber was ist Lehnert? Ist es
ein Kalendername?
    Freilich ist er. Und du solltest ihn kennen. Lehnert ist Lienhardt.
Lienhardt und Gertrud wirst du doch noch nicht ganz vergessen haben.
    Nein, gewi nicht. Und war die schnste Geschichte, die wir als Kinder
gelesen haben. Und der Vater kam oft dazu, wenn die Mutter sie vorlas, und nur
Maruschka schlief immer ein und wurd erst wach, wenn ich sie mit dem Grashalm
kitzelte. Ja, Lienhardt und Gertrud, das kenn ich, das war schn, wenn ich auch,
offen gestanden, nichts Rechtes mehr davon wei, und wenn Lienhardt und Lehnert
ein und dasselbe sind, dann gefllst du mir noch besser. Und wenn du so bist wie
Lienhardt, denn soviel wei ich noch, da er gut war, da wollen wir gute Freunde
werden.

                              Neunzehntes Kapitel


Als Ruth noch sprach, passierte man einen Brckenbogen und bog jenseits
desselben in einen breiten, mit jungen Akazien besetzten Weg ein, zu dessen
einer Seite ein von den Bergen kommender Bach schumte, whrend sich an der
anderen Seite die Gehfte der Mennonitenkolonie hinzogen. Man war in Nogat-Ehre.
Soviel Lehnert im Passieren der langen Dorfstrae wahrnehmen konnte, schienen
die Gehfte von ziemlich gleichem Aussehen und bestanden aus einem einstckigen
Fachwerkwohnhaus, das mit breiter Front auf die Strae blickte, whrend die
groen Stallgebude quer standen und mit ihren Giebeln (statt mit der Front) auf
die Strae sahen. Einige hatten vor ihrer Tr eine mit Geiblatt und
Pfeifenkraut umsponnene Gitterlaube, von der aus vier oder fnf Steinstufen
zunchst auf den Akazienweg und dann bis zum Bach hinabfhrten, allen Husern
gemeinsam aber war ein von einem Staketenzaun eingefater Vorgarten, in dem,
zwischen Taxus- und Buchsbaumrabatten, einige wenige Georginen, meist aber
Malven und Sonnenblumen standen, ganz als ob es Grten aus der Nogat- und
Weichselniederung wren.
    Lehnert ging das Herz auf beim Anblick dieser einfachen Anlagen, die den aus
Deutschland mitgebrachten Gartentypus mit soviel Vorliebe weiterpflegten, und
wandte sich eben, um eine groe Glaskugel und ein bemaltes Bienenhaus noch
einmal flchtig zu mustern, als er, als letztes in der Reihe, eines greren
Gehftes ansichtig wurde. Tuschte nicht alles, so war dies das Gehft, auf das
Ruth, als sie noch durch die Felder fuhren, hingewiesen hatte. Ja, das mut es
sein; da waren ja auch die hohen Pappeln, und wirklich, einen Augenblick spter
lenkte das Ponygefhrt auf den etwas ansteigenden und fast eine Rampe bildenden
Kiesweg hinauf und hielt nun vor dem Schwellstein eines ziemlich nchtern
wirkenden, weitschichtigen Hauses, das, zum Unterschiede von den anderen bis
dahin passierten, ohne Staketenzaun und ohne Vorgarten war und durch seine
Stille, seine hohen Fenster und nicht zum wenigsten durch ein paar gotische
Holzverzierungen an ein halb kirchliches Gebude gemahnte.
    Hier sind wir, sagte Toby, nahm seiner Schwester die Zgel aus der Hand
und wartete, bis ein Knecht (auch hier ein junger Cherokee) vom Hof her
erschien, dem er das Gespann bergeben konnte. Dann traten alle drei, von der
Rampe her, in ein bis hoch hinauf mit Holz bekleidetes Treppenhaus, das durch
die ganze Tiefe des Hauses lief. Ruth, als man bis an die gradlinig aufsteigende
Treppe gekommen war, gab Lehnert zum Abschiede die Hand, wandte sich aber auf
der dritten Stufe noch einmal und sagte: Die Hauptsache nicht zu vergessen,
Gott segne deinen Aus- und Eingang. Und nun erst eilte sie rasch ihrer im
Oberstock gelegenen Wohnung zu. Toby mute lcheln, als er sah, wie Lehnert der
Erscheinung nachblickte. Dann nahm er seinerseits Lehnerts Arm und sagte: Nun
komm, da ich dich zu dem Vater fhre!

Das einen groen Flur bildende Treppenhaus hatte zu beiden Seiten Bnke, sonst
war es ein leerer Raum, der, mit Ausnahme des Frontportals, nichts als drei
Tren zeigte, von denen eine kleinere nach dem Hof hinausging, whrend zwei hohe
Doppeltren in die neben dem Treppenhause gelegenen Hauptrumlichkeiten fhrten.
Beide Doppeltren standen in diesem Augenblick auf und gestatteten einen Blick
nach rechts hin in einen Betsaal oder ein Tabernakel, nach links hin in eine
hochgewlbte Halle. Diese Halle - von mchtiger Wirkung, trotzdem sie von
kleineren Dimensionen als das Tabernakel war - mute von jedem, der in Obadjas
Wohn- und Arbeitszimmer wollte, passiert werden. Auch hier brigens, in dieser
gerumigen Halle, gab sich, ganz so wie drauen im Flur, alles aufs einfachste;
nur ein schwerer Eichentisch, um den einige Sthle standen, zog sich durch den
nahezu schmucklosen und nur mit einem Geweihkronleuchter ausstaffierten Fest-
und Speiseraum, dem ein groer, an der einen Schmalseite befindlicher Silber-
und Geschirrschrank zugleich als Anrichtetisch diente. Des weiteren aber lief,
quer durch den Raum hin, eine Matte von Kokosfaser auf eine kleine Tr zu, deren
gobelinartige Portiere Toby jetzt zurckschlug. Und nun lie er Lehnert vorgehen
und folgte.
    Wenn das Treppenhaus schattig und die Halle beinah dunkel gewesen war, so
war hier alles hell, denn ein breiter Lichtstreifen fiel durch ein Giebelfenster
von betrchtlicher Hhe; neben diesem Fenster aber, und von seinem Lichte noch
halb umschienen, sa Obadja bei seiner Korrespondenz, die, sorglich von ihm
unterhalten, nach den verschiedensten Teilen der Union, ganz besonders aber nach
Kansas und Dakota ging. Als er hrte, da wer eingetreten war, wandt er sich,
indem er einfach den Stuhl drehte, der Tr zu, blieb aber sitzen.
    Lieber Vater, sagte Toby, hier bring ich dir Mister Lehnert Menz.
    Lehnert Menz, wiederholte ruhig und freundlich der Alte. Hab ich recht
verstanden?
    Zu Befehl, sagte Lehnert.
    Obadja lchelte, weil er sich, aus lang zurckliegenden Zeiten her, dieser
preuisch-militrischen Form der Bejahung erinnerte. Nun, Mister Lehnert, fuhr
er fort, Ihr wollt es also mit uns versuchen? Toby hat mir davon erzhlt. Und
hat mir auch erzhlt, da Ihr ein Zeichen darin shet, da sich unsere Wege vor
Jahren schon einmal gekreuzt haben. Und darin habt Ihr recht, denn es gibt
solche Zeichen, so gewi es eine Vorbestimmung und eine Gnadenwahl gibt. Und das
ist unser aller Hoffnung, ein solch Erwhlter zu sein. Aber, Toby, nun sorge vor
allem fr einen Imbi, und wenn du Maruschka nicht findest, die wohl schon ihre
Vormittagsruhe halten wird - es ist unsere lteste Dienerin und Freundin, und
wir mssen ihr etwas zugute halten -, so sag es der Mistress Kaulbars. Es wird
ohnehin Zeit, da wir ihr das Kchenwesen anvertrauen, auf das sie sich
jedenfalls besser versteht, schon weil sie noch jung und noch bei Krften ist.
Aber nun, Mister Lehnert, nehmt einen Stuhl und rckt hier heran und setzt Euch
ins Licht, da ich Euch besser sehen kann. Es geht noch mit allem sonst, des
Barmherzigen Gnade sei dafr gepriesen, aber mit dem Sehen will es nicht mehr
recht. Und ich sehe doch jedem gern ins Auge. Das Auge sagt noch mehr als die
Stimme.
    Lehnert tat, wie ihm geheien, und erwartete nun, da ein Fragen und
Katechisieren beginnen werde, ja mehr, es lag ihm daran, es war geradezu sein
Wunsch. All die Zeit ber hatte seine Tat auf seiner Seele gelastet, und er
sehnte sich danach, alles herunterzubeichten und in dieser Beichte Trost und
Erleichterung finden zu knnen. Aber von dieser Erwartung erfllte sich nichts,
und wenn ihm auch nicht entging, da Obadja, wie zufllig, seine Hand nahm und
ihn dann von der Seite her ansah, so konnt ihm doch noch weniger entgehen, da
jede direkte Frage nach Leben und Vergangenheit mit Absicht vermieden wurde.
    Ich hre von meinem Sohne Toby, nahm er nach einer Weile wieder das Wort,
da Ihr ein Preue seid, also, meiner Geburt nach, ein Landsmann von mir und
jedenfalls ein Landsmann meiner zwei ltesten Shne, die diesem neuen Lande
wieder den Rcken gekehrt haben und lieber drben sind als hier. Und vielleicht
haben sie recht getan. Denn die Freiheit, deren wir uns hier rhmen und freuen,
ist ein zweischneidig Schwert, und die Despotie der Massen und das ewige
Schwanken in dem, was gilt, erfllen uns, sosehr ich die Freiheit liebe, mit
einer Unruhe, die man da nicht kennt, wo stabile Gewalten zu Hause sind.
    Lehnerts Auge sagte, da er dem eben Gehrten zustimme, whrend der Alte
selbst in dem ihm eigenen lehrhaften Tone fortfuhr: Aber das alles sind Fragen,
die fr mich zu spt kommen. Ich gehre jetzt diesem Lande, dem ich fr so
vieles zu Danke verpflichtet bin, von ganzem Herzen an, und ich zahl ihm meinen
Dank am besten, indem ich ihm nach meiner Kraft diene. Der aber macht sich am
ntzlichsten, der arbeitet und vordringt und aufschliet und den Wald und das
Heidentum ausrodet und den Glauben an Jesum Christum, unsern Erlser, an seine
Stelle setzt. Ja, Lehnert Menz, der dient ihm am besten, der in der Arbeit steht
und Ordnung hlt. Und Ordnung und Arbeit, worauf es ankommt, die sind in dem
Lande drben, drin wir beide geboren wurden, recht eigentlich zu Haus, und um
dieser Tugenden und vor allem auch um der Nchternheit willen sind mir die
Preuen die liebsten und sind mir die nutzbarsten Mitarbeiter am Werk. Das
verdanken sie, von alter Zeit her, ihren Frsten und Knigen, die sich selbst
immer mit Stolz die ersten Diener, das will sagen die fleiigsten Arbeiter,
ihres Landes genannt haben, und verdanken es ihren Schulen und ihrer guten Zucht
und Sitte.
    Hier unterbrach sich Obadja, wie sich Prediger in ihrer Predigt
unterbrechen, um nach einiger Zeit einen neuen Anlauf zu nehmen, und Lehnert
schwieg, weil er fhlte, da jetzt ein bergang kommen msse. Und der kam denn
auch wirklich.
    Ihrer guten Zucht und Sitte, wiederholte Obadja. Und diese gute Zucht und
Sitte hat auch der gute Mister Kaulbars, der jetzt meiner gesamten Wirtschaft
als ein Verwalter und Hausmeier vorsteht. Er ist ein ehrlicher Mann, ohne Lug
und Trug, ein treuer Arbeiter und prompt in der Erfllung seiner Pflichten und
hat, was ihn meinem Herzen am nchsten stellt, die rechte Freud und Lust an dem
Segen Gottes als solchem, und eine Ernte zugrunde gehen zu sehen, das wurmt ihn
und qult ihn, auch wenn jeder Halm versichert ist. Es ist ihm nicht um den
Gewinn blo, es ist ihm um den Segen, den er nicht missen will. Ja, so ist
dieser Mister Kaulbars, den ich, solang ich noch in der Arbeit steh und
hienieden ein Knecht meines Gottes bin, in Ehren zu halten gedenke. Aber Euer
Landsmann ist ein Eigensinn und ein Besserwisser, der sich dem neuen Lande, drin
er nun lebt, nicht anbequemen und alles nach der Weise seiner alten Heimat
anordnen und regeln will. Er gehorcht wohl, weil er im Gehorsam erzogen ist,
aber es ist ein toter Gehorsam, und ein toter Gehorsam ist unfruchtbar, nicht
blo in Herz und Seele, sondern auch auf dem Arbeitsfelde drauen, und so
schdigt er mich, ohne es zu wollen, und mindert mein Gut, das ich, dies darf
ich sagen, nicht ansammle zu meiner und meines Hauses, wohl aber zu Gottes und
seiner Heiligen Ehre. Dem will ich abhelfen, da will ich Wandel schaffen, und
dessen verseh ich mich von Euch. Ich hab in Eurem Auge gelesen, und ich kenne
Euch nun: Ihr habt einen Ehrgeiz, und es lastet was auf Eurer Seele, das hat
Euch bis diese Stunde durch die Welt getrieben, und sehe das Zeichen auf Eurer
Stirn. Aber ich wei auch, da Ihr ein tapferes Herz habt und einen Edelsinn,
der sich nicht verleugnet, wo Liebe ihn pflegt. Und diese Liebe soll Euch
werden. Getrstet Euch dessen. Keiner, der unter dieses Dach getreten, ist
ungetrstet von dannen gegangen. Im Namen dessen, der die Liebe war, ruf ich
Euch zu: Kommt her zu mir, die ihr mhselig und beladen seid! Lehnert Menz,
deine Last soll von dir genommen werden. Ich segne dich...
    Und Lehnert, whrend er den Kopf neigte, fhlte, wie die Hand Obadjas seinen
Scheitel berhrte.

                              Zwanzigstes Kapitel


Nebenan, in der groen Halle, war inzwischen fr Lehnert ein Frhstck
aufgestellt worden, und zwar durch Frau Rosalie Kaulbars in Person, die, weil
sie der Umsicht des kleinen Cherokeemdchens mitrauen mochte, nicht nur alles
Ntige selbst herzugetragen, sondern dem angerichteten Frhstckstisch auch noch
eine der preuisch-heimischen Art entsprechende Ausschmckung gegeben hatte. So
kam es, da sich, um gleich die Hauptsache zu nennen, um die Kufe mit saurer
Milch ein blhender Lindenzweig legte. Eier in der Schale samt Schinken
vervollstndigten das einfache Mahl, dem anfnglich, einigermaen aus der Rolle
fallend, auch noch eine halbe Wassermelone beigegeben war, bis der zufllig vom
Felde hereingekommene Mister Kaulbars gegen solche Zusammenstellung remonstriert
hatte. Was denkst du denn eigentlich, Rse? Soll er hier gleich mit Kullern und
Schneiden anfangen?
    Das war voraufgegangen. Als aber Lehnert aus Obadjas Zimmer trat, lag nicht
nur das Zwiegesprch der Kaulbarsschen Eheleute um einige Minuten zurck,
sondern auch das Ehepaar selbst hatte sich, um nicht neugierig zu scheinen, aus
der Halle wieder in die Wirtschaftsrume des abgetrennt stehenden Quergebudes
zurckgezogen. Statt ihrer waren jetzt Ruth und Toby da, mit ihnen Uncas, ein
wundervoller, schwarz und wei gefleckter Neufundlnder, der seine Herrin Ruth
auf Schritt und Tritt zu begleiten pflegte. Toby ging Lehnert entgegen, um ihn,
die Honneurs des Hauses machend, bis an die Schmalseite des Tisches zu fhren,
wo gedeckt war.
    Stren wir dich, wenn wir uns zu dir setzen? fragte Toby.
    Lehnert suchte nach einer Antwort, aber er fand sie nicht. Er war wie
benommen von dem allem. Das war mehr Liebe, als er sich in seinem ganzen
dreiunddreiigjhrigen Leben zusammenrechnen konnte. Er legte die Hand auf die
Stuhllehne, drin ein Kleeblatt eingeschnitten war, und faltete die Hnde zum
ersten Male seit vielen Jahren. Dabei war ihm, als flimmere was vor seinen
Augen.
    Die Geschwister schwiegen und sahen ihm bewegt zu. Als sie aber wahrnahmen,
da er sich wieder gesammelt hatte, sagte Toby: Nun also, Lehnert, wir bleiben
und leisten dir Gesellschaft. Sieh nur, Uncas schliet auch Freundschaft mit
dir. Nicht wahr, Ruth, das bedeutet was? Er ist sehr whlerisch und hlt nicht
gleich zu jedem.
    Lehnert nahm von der Milch und brach dann, um sie sich vorzustecken, einige
Blten von dem Lindenzweig ab, und Ruth sah wohl, da ihn dieser Zweig ganz
besonders erfreut hatte.
    Das dankst du dem Mister Kaulbars und seiner Frau, sagte Ruth. Die
sagten, das sei so Sitte drben. Und da bin ich selber gegangen und habe den
Zweig gepflckt und um die Milchkufe gelegt, aber, die Wahrheit zu gestehen,
doch nur mit halber Freude. Denn die Kaulbarse, besonders aber er, wollen alles
preuisch machen, und wenn ich denke, da du nun auch ein Landsmann von ihnen
bist, so beschleicht mich eine kleine Furcht, da wir hier eine preuische
Kolonie werden.
    Das hat gute Wege, lachte Lehnert, ich habe das Alte drben gelassen.
    Ja, fuhr Ruth fort, das sagen alle, die herberkommen, und auch die
Kaulbarse haben so was gesagt; aber eigentlich halten sie fest am alten, und da
macht keiner eine Ausnahme, nicht einmal Monsieur L'Hermite, der freilich nicht
am alten hngt, aber doch an seinen alt mitgebrachten Ideen, und sich dabei
einbildet, was mindestens ebenso schlimm ist, der Neueste der Neuen zu sein.
    Und soll er es nicht? warf Toby ein. Ist er nicht der Allerneuesten
einer? Ist er nicht ein Kommunard? Und wenn du von Furcht redest, von Furcht vor
Lehnert und vor den Preuen, warum, wenn du doch von ebenso schlimm sprichst,
warum frchtest du dich nicht vor Monsieur L'Hermite und seiner Kommune?
    Weil ich nicht an sie glaube.
    Wie kannst du das sagen, Ruth! Das ist Torheit. Warum glaubst du nicht an
sie?
    Weil sie fr uns ein Mrchen ist.
    Ein schnes Mrchen! Rotkppchen ist mir lieber.
    Da triffst du's freilich, lachte Ruth und war froh, von einem Gesprche
loszukommen, das ganz gegen ihren Willen ins Politische hineingeraten war. Und
nun tat sie noch ein paar Fragen, und als Lehnert mittlerweile sein Mahl beendet
hatte, wandte sie sich wieder an den Bruder und sagte: Nun aber ist es Zeit,
Toby, da wir Mister Lehnert auf sein Zimmer fhren.

Alle drei stiegen treppauf. Toby fhrte, whrend Ruth, im Geplauder mit Lehnert,
folgte.
    Der Oberstock war von ganz anderer Einrichtung als das im wesentlichen nur
aus Treppenhaus, Betsaal und Halle bestehende Erdgescho, und wenn dieses
letztere, mit Ausnahme von Obadjas Wohnzimmer, lediglich kirchlichen Zwecken
oder gelegentlicher gesellschaftlicher Reprsentation diente, so diente das, was
eine Treppe hoch lag, dem huslichen Leben, der Gemtlichkeit, der Familie.
Beide Hlften des Oberstockes, zwischen ihnen ein groer quadratischer Flur,
waren durch einen schmalen Mittelgang wieder in eine Reihe verschiedenster
Vorder - und Hinterzimmer geteilt, von denen alles Linksseitige von Maruschka,
Ruth und Toby bewohnt wurde, whrend alles an der entgegengesetzten Seite
Gelegene die Gast- und Fremdenzimmer umschlo. Eines derselben war fr Lehnert
bestimmt worden und lag dem Zimmer gegenber, das von Monsieur L'Hermite bewohnt
wurde.
    Ruth, als man oben war, ging, sich verabschiedend, nach links hin den Gang
hinunter, whrend Toby Lehnerts Hand nahm und ihn, nach der anderen Seite hin,
auf einen in Dmmerlicht daliegenden Korridor zufhrte. Nur am Ende desselben
war ein Lichtschein. Dieser kam aus Monsieur L'Hermites Zimmer, das meist
offenstand und dem Korridor nicht blo einiges von seiner Helle, sondern, nicht
eben zur Freude der anderen Hausbewohner, auch viel von dem Korporal
mitteilte, da bestndig darin geraucht wurde. Lehnert, als er bis heran war,
warf einen Blick in das Zimmer hinein und sah hier einen hageren Mann von Mitte
Fnfzig, mit Zwickelbart und Kppi, der, an einem Schraubstock eifrig
beschftigt, eben in einem scharfen Profile sichtbar wurde. Auch L'Hermite sah
von der Arbeit auf und schob das Kppi nach hinten, was einen Gru bedeuten,
aber auch bloe Neugier sein konnte. Weiter darber nachzudenken verbot sich,
denn Toby hatte mittlerweile die gerad gegenber gelegene Tr geffnet und trat
ein, whrend Lehnert folgte.
    Das ist nun also dein Heim, Lehnert, das dir eine Friedenssttte werden
mge. So soll ich dir im Auftrage des Vaters sagen. Er hat dies Zimmer fr dich
ausgesucht, weil er meint, die Berge drben wrden dich freuen.
    Das werden sie; danke deinem Vater dafr! Und nun sage du mir, wie hab ich
mich drben zu meinem Nachbar zu stellen? Er ist ein Franzose?
    Ja. Von Geburt. Aber es ist sein nicht geringer Stolz und, wie du bald
erfahren wirst, auch sein Lieblingsthema, die nationalen Vorurteile hinter sich
zu haben. Er war, wie du vorhin schon aus unserem Gesprche gehrt haben wirst,
ein Mitglied der Kommune, ja mehr, ein Fhrer derselben, und hat den Erzbischof
von Paris erschieen lassen und sollte dann spter selbst erschossen werden. Nur
durch ein Wunder kam er mit dem Leben davon. All das sind Dinge, wovon ich dir
(wenn er's nicht selber tut) ein andermal erzhlen werde. Heute nur das noch,
da er deinen Frieden nicht stren wird, hchstens deine nchtliche Ruhe. Denn
er ist ein unruhiger Geist, den mitunter die Lust anwandelt, ein paar Stunden in
der Nacht zu plaudern. Vielleicht ist es auch sein Gewissen, was ihn wach hlt.
Und dann wankt er durch das Haus und weckt jeden, und einmal war er selbst bei
dem Vater. Und dann spricht er wie irr und deklamiert lange Gedichte vom
Menschengeist, der seine letzten Fesseln abwerfen msse.
    So nehmt ihr ihn also einfach als einen Irren?
    O nein, durchaus nicht; er ist nicht irr, im Gegenteil, er ist
grundgescheut und kann alles und wei alles. Er hat nur eine
Menschheitsbeglckungsidee, der er alles opfert, und am liebsten einen
Erzbischof, einen Empereur, einen Papst. In seinen Ideen ist er ein Fanatiker
und tut das uerste, sonst aber ist er wie ein Kind. Er ist der Friedliebendste
von uns allen, und es ist rhrend, ihn zu sehen, wenn er Ruth sieht. Dann
verklrt sich sein Gesicht, und ich glaube, wenn sie's befhle: so ging' er nach
Neu-Kaledonien und Numea zurck. Von da floh er nmlich und kam bis hierher.
Aber was sprech ich nur von Monsieur L'Hermite. Du wirst ihn kennenlernen, und
unter allen Umstnden ist er kein Gesprchsstoff fr deinen Einzug an dieser
Stelle. Denn es ist Blut an seinen Hnden, ungeshntes Blut.
    Lehnert, als Toby so sprach, brannte der Boden unter den Fen, und es war
ihm, als ob er fliehen msse. Toby aber, vllig ahnungslos, welche Wirkung seine
harmlos hingesprochenen Worte hervorgerufen hatten, trat in diesem Augenblick an
ein mit allerhand Matten und Kissen belegtes, zugleich als Sofa dienendes
Bambusgestell und sagte, whrend er auf zwei darber aufgehngte Bildchen in
schwarzem Rahmen hinwies: Das ist der Remter in Marienburg... Und das hier ist
Kloster Oliva. Kennst du sie? Sie sind das einzig Preuische, was wir noch von
alter Zeit her im Hause haben.
    Es war nicht ohne Verlegenheit, da Lehnert Namen und Dinge nennen hrte,
die jenseits seiner Kenntnis lagen, es blieb ihm aber erspart, diese
Nichtkenntnis bekennen zu mssen, denn Toby brach ab, ohne auf Antwort zu
warten, und verlie das Zimmer. Als er schon drauen war, wandt er sich noch
einmal zurck und sagte: Ich hoffe, da nichts fehlt. Wenn aber etwas fehlen
sollte, hier ist der Knopf, auf den du drcken mut; es ist eine Drahtleitung,
die wir Monsieur L'Hermite verdanken. Monsieur L'Hermite ist nmlich ein
Erfindergenie; nun, du wirst ihn ja kennenlernen. Und nun Gott befohlen. Ich
will zu Ruth und ihr, wozu ich gestern nicht kam, von Galveston erzhlen und von
Edwin Booth, der von New York auf Gastspiel da war und volle Huser machte.
Good-bye!
    Und nun war Lehnert allein, ein Moment, nach dem er sich gesehnt hatte.
Benommen von der Flle von Eindrcken, die diese wenigen Stunden ihm gebracht
hatten, ging er auf das mit Matten und Kissen berdeckte Lager zu, streckte sich
nieder und schlo die Augen. Er wollte nicht sehen, um die Bilder seiner Seele
desto deutlicher vor Augen zu haben. Da war der Alte, lchelnd, vornehm
berlegen, ein wenig zu sehr Papst. Aber was bedeutete das, bei soviel Milde!
Dann trat Monsieur L'Hermite vor ihn hin, das Kppi zurckgeschoben und das
Gesicht ber den Schraubstock gebeugt. Und dann wieder sah er Ruths halb noch
kindliche Gestalt, und ein Gefhl unendlicher Sehnsucht ergriff ihn. Wonach?
Nach einer ihm verlorengegangenen Welt. Er sann nach, womit er Ruth vergleichen
knne, verwarf aber alles wieder, bis ihm zuletzt die Worte Tobys gleich bei der
Vorstellung wieder einfielen, und da Monsieur L'Hermite gesagt habe un ange.
Ja, das war sie, ein Lichtstrahl. Und wenn seinem Leben ein solches Licht
geleuchtet htte, ja, wenn er nur gewut htte, da es Erscheinungen wie diese
gbe... Ja, dann... Aber nun war es zu spt.
    Er stand auf und hielt in dem Zimmer Umschau. Schlicht und sauber war alles.
Alle Sthle von Bambus (sogar der Schaukelstuhl am Fenster) und am Pfeiler
daneben zwei Stiche: Washington und General Grant. Sonst nur noch ein Bett und
ein Tisch und eine Bibel darauf. Und er nahm die Bibel, und der Gedanke kam ihm,
er wollte sein Schicksal darin lesen, und ob er den Frieden finden wrde. Und
nun schlug er auf, es war ein Psalm, und las: Zhle meine Flucht, fasse meine
Trnen, ohne Zweifel, du zhlest sie. Was knnen mir die Menschen tun? Ich hoffe
auf dich, du hast meine Seele vom Tode gerettet. Er war tief ergriffen, und
Trnen entstrzten seinem Auge. Dann schritt er auf das Fenster zu, ffnete
beide Flgel und sah hinaus. Greifbar nah, so wenigstens erschien es ihm, zog
sich das bis auf den Kamm hinauf mit Tannen und allen Arten von Nadelholz
bestandene Gebirge, dazwischen aber schlngelte sich ein Weg hernieder, und wo
der Weg ins Tal mndete, stand ein weies Haus, zerfallen und ohne Dach, vordem
ein Fort, das Fort O'Brien. Darber lag der blaue Himmel, und ein heller
Wolkenstreifen zog den Kamm entlang, den an dieser Stelle nur ein einziges
mchtiges Felsenstck berragte.
    Das ist der Mittagsstein.
    Und dann sah er wieder hinaus und suchte hinauf, ob er nicht noch andere
Punkte zur Vergleichung und Erinnerung fnde. Zuletzt aber ruhte sein Blick
immer wieder bei dem weien Haus unten am Abhang aus, und eine Stimme rief ihm
zu, da sich seine Geschicke dort erfllen wrden.
    Aber die Stimme sagte nicht, ob zu Glck oder Unglck.

                           Einundzwanzigstes Kapitel


Anderthalb Wochen waren um, und Lehnert hatte sich eingelebt. Er sah kein
Regieren, und einfach ein Geist der Ordnung und Liebe sorgte dafr, da alles
nach Art eines Uhrwerks ging. Der Tag begann mit einer Andacht, die der Alte
klug genug war, wenigstens als Regel, knapp und kurz einzurichten, weil er sich
sagte, da Ermdung der Tod aller Erbauung sei. Gewhnlich las er einen Psalm
oder etwas aus der Patriarchengeschichte, wenn er nicht vorzog, an mehr oder
weniger wichtige Tagesereignisse mit Spruch und Betrachtung anzuknpfen. War
dann unmittelbar nach der Andacht das Frhstck eingenommen, so gab er
persnlich die Weisungen fr den Tag, was er, gesttzt auf eine genaue Kenntnis
seines Grund und Bodens und andererseits auch mit Hilfe der ihm am Abend vorher
durch Toby oder Kaulbars oder Lehnert erstatteten Rapporte, sehr wohl konnte.
Begegnungen um die Mittagsstunde fielen aus, weil ein guter Imbi entweder
gleich mitgenommen oder auf die Felder hinausgeschickt wurde, was denn zur Folge
hatte, da man sich erst um sieben Uhr abends zum zweiten Male zu
gemeinschaftlicher Mahlzeit versammelte, woran sich dann der Abendsegen und eine
kurze Plauderei schlo. Bald danach zog man sich zurck, denn der Tag begann
frh wieder. Es war kein herzlicher, aber doch ein unausgesetzt friedlicher
Verkehr, in dem man lebte, was Lehnert um so mehr wundernahm, als die bunte
Menschenmasse, daraus sich das Hauswesen von Nogat-Ehre zusammensetzte, nicht
einmal durch das Band gemeinsamer kirchlicher Anschauungen zusammengehalten
wurde. Die Kaulbarse, Vollblutmrker, hielten natrlich zu Luther, Maruschka,
Polin, war katholisch und fuhr alle Jahre zweimal zur Beichte nach Denver,
Totto, Litauer, glaubte, wenn berhaupt an was, hchstens an das schwarze und
weie Pferd seiner litauischen Urahnen, und L'Hermite war schlechtweg Atheist,
so da von der ganzen Obadjaschen Hausgenossenschaft, selbstverstndlich mit
Ausnahme der eigentlichen Familie, nur die dienenden Cherokee- und
Arapahoindianer, Mnner und Frauen, zur Gemeinde gehrten, in die sie, nach
zuvor empfangenem Unterrichte, meist mit zwanzig oder vierundzwanzig Jahren
einzutreten pflegten. Lehnert, wenn er das berdachte, sah sich dadurch mehr als
einmal an einen nach Art eines groen Vogelbauers eingerichteten Schaukasten in
San Francisco erinnert, drin nicht nur ein Hund, ein Hase, eine Maus und eine
Katze samt Kanarienvogel und Uhu, sondern auch ein Storch und eine Schlange
friedlich zusammen gewohnt hatten. A happy family stand als Aufschrift
darber, und wenn Lehnert so beim Breakfast und Supper den langen Tisch
musterte, kam ihm der Schaukasten immer wieder in den Sinn, und er sprach dann
wohl leise vor sich hin: A happy family. Sann er dann aber weiter nach,
wodurch dies Wunder bewirkt werde, so fand er keine andere Erklrung als den
Hausgeist, als Obadja, der das Friedensevangelium nicht blo predigte, sondern
in seiner Erscheinung und in seinem Tun auch verkrperte.
    Die Folge davon war ein Gefhl immer wachsender Verehrung und Dankbarkeit
auf seiten Lehnerts. Aber so wahr und aufrichtig dies Gefhl war, so kam er
demohnerachtet zu keiner rechten Freudigkeit. Er fhlte sich vereinsamt und
brachte sich's gelegentlich zu geradezu schmerzlichem Bewutsein, da er in
seinen schwersten und schlimmsten Tagen, ja, vor Jahr und Tag noch bei den
zweifelhaften Leuten am Sacramento, heiterer und fast auch glcklicher gewesen
sei als hier unter den Bekehrten und Nichtbekehrten von Nogat-Ehre. Friede und
Freundlichkeit waren da, aber was er mehr und mehr vermite, war Verkehr und
Vertraulichkeit. Dazu sah er, da er in seiner Herzensstellung nicht recht von
der Stelle kam. Obadja, mit all seinen Vorzgen, war doch unnahbar, die
Geschwister zu jung, Maruschka zu kindisch, Totto zu stumpf und Monsieur
L'Hermite zu reserviert und zu superior ablehnend. Bei diesem Befunde verblieben
ihm nur seine Landsleute, die beiden Kaulbarse, und das war hart, weil ihre
Nchternheit keine Grenzen kannte. Dennoch, so nchtern sie waren und in so
lcherlich wichtiger Weise sie sich mit ihrer Lieblingswendung mein Mann sagt
auch oder meine Frau sagt auch aufeinander zu berufen pflegten, Berufungen,
von denen aus ein weiterer Appell nicht wohl mehr mglich war, dennoch sah
Lehnert ein, da er, in Ermangelung von etwas Besserem, durchaus bemht sein
msse, mit ihnen auf einem guten Fue zu leben, und das um so mehr, als ihn
beide die Tatsache nicht entgelten lieen, da ihre Machtstellung, das mindeste
zu sagen, durch sein Eintreten in die Wirtschaft halbiert worden war. Ob dies
Gutmtigkeit oder Gleichgltigkeit oder vielleicht sogar das lauernde Warten auf
den Moment war, wo sich das Umkippen vollziehen werde, war, so wahrscheinlich
das letztere sein mochte, doch nicht mit Sicherheit festzustellen, weshalb
Lehnert es, bis zum Beweise des Gegenteils, fr geraten, ja fr pflichtmig
hielt, von allem das Beste zu glauben. Und so verging denn kein Tag, an dem er
nicht, an der Seite von Kaulbars, den Versuch einer mal flchtigeren, mal
eingehenderen Unterhaltung ber Nahes und Fernes, ber Wirtschaftliches und
Persnliches gemacht htte.
    Gewhnlich ritten sie gemeinschaftlich vom Nogat-Ehrer Hof aus auf die
Felder und trennten sich erst weiter hin am Vorwerk, wo der Weg gabelte.
    Ja, die Schlesier, sagte Kaulbars, der gerad in einer landwirtschaftlichen
Meinungsverschiedenheit mit Lehnert war, die Schlesier machen es so. Glaub's
schon und will auch nichts weiter dagegen sagen. Und wir haben auch ein
Sprichwort: Der Klgste gibt nach.
    Lehnert wollte beruhigen, Kaulbars aber, der mal im Zuge war, hatte nicht
acht darauf und fuhr fort: Ja, die Schlesier. Bei Graf Zieten-Schwerin in
Wustrau, Sie werden wohl von ihm gehrt haben, bei dem war auch ein Schlesier,
ein kleiner Knurzel und schon so halb pohl'sch und mit 'm genierten Blick un mit
richtige O-Beine. Jott mag wissen, wie der Kerl dahingekommen war. Bei die
Vierundzwanziger in Ruppin kann er nich gestanden haben, die Vierundzwanziger
nehmen so einen gar nich an. Aber ich will weiter nichts sagen, Schlesien is
auch ganz gut, und wo man her is, na, das is wie Vater und Mutter, und ein
anderer soll nichts Bses davon sagen. Das is alles schon richtig... Ich bin von
'n Glien. Kennen Sie den Glien?
    Nein, sagte Lehnert und lchelte.
    Na, das is so die Cremmer Gegend, alles, was da so zwischen Oranienburg und
Fehrbellin liegt. Fehrbellin kennen Sie doch woll?
    Ja, das kenn ich. Das ist das mit dem Groen Kurfrsten.
    Richtig. Na sehen Sie woll, es kommt schon, es dmmert schon. Und Sie solln
mal sehen, zuletzt kennen Sie auch noch 'n Glien.
    So ging es meistens in der Unterhaltung. Aus jedem Worte, das Kaulbars
sprach, sprach ein unendliches Von-oben-herab, ein Dnkel, der fr den reizbaren
und auf seine Heimatprovinz beraus stolzen Lehnert unertrglich gewesen wre,
wenn sich dies zur Schau getragene berlegenheitsgefhl blo auf Schlesien und
die Schlesier bezogen und sich nicht vielmehr gleicherweise, ja womglich noch
verstrkt, auch gegen Amerika gerichtet htte. Jederzeit war er bereit, den
Amerikanern ihre Snden vorzuhalten, und diese Gelegenheit bot sich ihm tglich,
weil er ein wahres Talent besa, auf dieses sein Lieblingsthema berzulenken.
    Eines Tages war es ein Gesprch ber Ruth und Toby, von dem aus die Brcke
mit gewohnter Geschicklichkeit geschlagen wurde.
    Die beiden Kinder sind doch der Sonnenschein von Nogat-Ehre, sagte
Lehnert. ber Ruth ist gar nicht zu streiten; ich kann sie nicht sehen, ohne an
die Lilien auf dem Felde zu denken, wovon die Bibel spricht. Aber auch Toby, wie
brav und wie gescheit ist er, und wie gewandt! Wenn Obadja heute stirbt, was
Gott verhten wolle, so nimmt er die Wirtschaft in die Hand.
    Ja, das tut er, die Einbildung dazu hat er, die haben sie hier alle. Kaum
ist einer trocken hinter den Ohren, oder auch noch nich mal, so wird er ein
Reverend oder ein Magistrate oder ein Justice, oder sie schicken ihn als
Gesandten nach der Trkei... Na, fr die Trken mag es gehen. Un is gar ein
bichen Krieg in der Luft und soll es gegen Texas losgehen oder Utah oder gegen
Mexiko, na, denn hast du nich gesehen, denn backen sie die Generle und Obersten
wie Semmeln. Und wer heute noch ein Advokat is oder ein Chemist oder ein
Furnischer, der is morgen ein Oberst, und nu geht das Schlachtenschlagen los,
das heit, was sie hier so Schlachtenschlagen nennen, eigentlich is es ja blo
'ne Hasenjagd. Und denn marschieren sie los und singen Yankee-Doodle und tun,
als ob sie wenigstens die Welt erobern wollten, und solange sie die Schienen
unter den Beinen haben, so lange geht es. Aber wenn nu das Marschieren anfngt
und das erste Camp kommt oder das erste Bivouac, ja, du himmlischer Vater, da
haben wir denn die Bescherung. Da is nichts da, da fehlt die Verpflegung, und
das Gehungre geht los, und wenn sie vierzehn Tage lang im Modder gelegen und
noch keinen Feind gesehen haben, dann fallen ihnen die Stiebel vom Leibe, und
keine Naht hlt mehr, und wenn sie dann den Feind zu sehen kriegen, das heit,
was sie so nennen, denn einen richtigen Feind haben sie hier gar nicht, dann
platzen die Flinten oder gehen gar nicht los, weil das Pulver nichts taugt oder
die Patrone nicht pat. Und warum is es so? Weil es alles blo Spielerei is und
kein Ernst nich, und Ernst ist immer blo, da der Lieferant sein Geld kriegt
fr die Tornister, die von Pappe sind, und fr seine Mntel von Lschpapier. Ich
habe welche gesehen...
    Lehnert wollte widersprechen, aber Kaulbars litt es nicht und fuhr in gleich
berlegenem Tone fort: Ich habe welche gesehen, sag ich, die wie Zunder vom
Leibe fielen. Und warum? Weil alles Geschft is, und wo alles Geschft is, is
alles Schwindel. Und wenn ich nu frage, warum is es alles Schwindel? so kann ich
blo sagen, weil sie nichts kennen als Geld und nichts wollen als Geld und
nichts anbeten als Geld und weil sie keinen richtigen Gott haben. Und wo sie
keinen richtigen Gott haben, da haben sie auch keine Pflicht und keine Ehre. Und
woran liegt es? Weil sie verloddert sind. Und warum sind sie verloddert? Weil
sie nicht dienen. Und der Toby hat auch nicht gedient, und von Strammheit und
richtiger Propret ist keine Rede nich. Blaue Krawatte trgt er und hat 'ne
legere Haltung, aber ein blauer Schlips is nicht Propret, und eine lange
Stakete, die hin und her schlenkert, weil kein Rckgrat drin is, is nich
Strammheit.
    Hier hatte sich Kaulbars vorlufig erschpft, und Lehnert fand Gelegenheit
einzuwerfen: Ich bin berrascht, Mister Kaulbars, Sie so streng zu sehen. Als
hier der groe Krieg war, Anno 63, da waren wir beide noch drben und haben
beide nichts gehrt und nichts gesehen, und was wir nachher, als wir rberkamen,
gehrt haben, nu hren Sie, Mister Kaulbars, da mu man doch Respekt haben vor
dem, wie's damals hergegangen ist, und haben sich geschlagen wie die besten
Truppen und sind auch richtig verpflegt worden und war keine Rede von vor Hunger
sterben. Und so mein ich denn, es kann nicht alles blo Schwindel sein.
    Es is Schwindel, sag ich, und wer gedient hat... Ich habe auch gedient,
Mister Kaulbars.
    Kaulbars lchelte. Wobei denn?
    Bei den Grlitzer Jgern.
    Na, hren Sie, mit die Jger, das ist immer blo soso. Das is nich Fisch
und nich Vogel und geht eigentlich immer blo auf Jagd und wilddiebt ein bichen
und is kein richtiger Soldat nich. Ich habe bei die Vierundzwanziger gestanden,
Hauptmann von Goerschen, fnfte Compagnie. Haben Sie von dem mal gehrt? Ich
meine von Goerschen. Das heit, es gab eigentlich zwei Goerschens, einer hie
Franz, der war auch ganz gut, aber unserer hie Otto, und wir nannten ihn
unseren Otto, und war schon mit bei Dppel, Schanze drei. Ich sag Ihnen, die
Schanze war weg wie Schnupftabak. Ja, so sind die Vierundzwanziger, Ruppin und
Havelberg, und Rathenow und die Zietenschen, das gehrt eigentlich auch noch mit
dazu. Hren Sie, die Grlitzer mgen ja soweit ganz gut sein, man soll nicht
streiten und soll nicht nein sagen, wenn man's nich wei. Aber das sag ich
Ihnen, Mister Lehnert, aufs Dienen kommt es an, und jeder mu mal Rekrut gewesen
sein und mu die Honneurs gelernt haben und mu die Signale gelernt haben. Und
das is gewi, wenn der Hornist blies und war das Signal von der fnften
Compagnie, da gab es ein Ohrenspitzen wie 'n Kavalleriepferd und mitten im
Schlaf. Und wenn dann der alte Oberst von Unruh mit seiner Krhstimme
kommandierte: Prsentiert das Gewehr! und dann der Prinz, unser Prinz, die Front
abschritt und die Spielleute spielten und wir mit Augen rechts dastanden wie die
Puppen, und ich sag Ihnen, Lehnert, was fr Puppen, ja, das htten Sie sehen
sollen, das hatte so seine Art, das war ein Vergngen, und wenn der Prinz dann
sagte: Ja, das sind meine Vierundzwanziger; Kinder, wenn ich Soldaten sehen
will, dann seh ich mir die Vierundzwanziger an; es lebe der Kaiser!, ja, Mister
Lehnert, das war was, das kommt vons Dienen und Gehorchenknnen und von der
Strammheit und der Propret, und wenn Sie die ganzen achtunddreiig States
umstlpen und hier unser Indian-Territory mit dazu und alle Mennoniten und den
alten Obadja auch, so was fllt nich raus und kann auch nich rausfallen, weil's
nich drin is und weil alles Schwindel is... Und Miss Ruth, nu ja, Miss Ruth ist
ein hbsches Ding, geb ich zu, meinetwegen, und Mister Toby kuckt in die Welt
wie die Maus aus der Hede. Glau sind sie und gewaschen und haben so was wie
Prinz und Prinzessin. Aber, bei Lichte besehen, das ist eben der Unsinn. Wer
kein Prinz is, darf auch nicht wie 'n Prinz aussehen. Prinz Friedrich Karl, der
durfte, der war einer. Aber Toby? Toby wei alles am besten und is doch blo
noch ein Quack. Aber das is hier alles eins, und mit zwanzig ist er bei der
Gesandtschaft in Japan, und mit vierundzwanzig ist er Oberpriester in
Nogat-Ehre. Denn der Alte wird klapprig, und ewig kann er doch nicht leben, und
wenn er auch so fromm wre wie Abraham oder wie Hiob.

                           Zweiundzwanzigstes Kapitel


So verliefen die Gesprche, die die beiden preuischen Kameraden, wenn sie
morgens auf die Felder hinausritten, miteinander fhrten, Gesprche, die Lehnert
nur zu deutlich zeigten, da mit dem guten Kaulbars (und mit der Frau lag es
nicht viel besser) wohl ein friedlicher, aber kein freundschaftlicher Verkehr
mglich sei. Und so wrde denn das Gefhl von Vereinsamung, das ihn, sehr bald
nach seinem Erscheinen in Nogat-Ehre, zu qulen begann, sehr wahrscheinlich in
einem bestndigen Wachsen geblieben sein, wenn ihm nicht der anfangs mit soviel
Mitrauen und Abneigung von ihm angesehene Monsieur Camille L'Hermite mit jedem
Tage teurer geworden wre. Monsieur L'Hermite hatte nichts von der
selbstgeflligen Enge, darin sich beide Kaulbarse gefielen, und so kam es, da
sich mit dem Landesfeinde - mon cher ennemi, wie Monsieur L'Hermite sagte -
nach und nach ein Verhltnis anbahnte, das ihm der deutsche Landsmann nicht
gewhren konnte.
    Den ersten Ansto zu dieser Bekehrung gab ein ganz kleiner, schon whrend
der ersten Wochen sich ereignender Vorfall. Lehnert, wenn von Tisch aufgestanden
und nach kurzem und meist die Wirtschaft betreffendem Gesprche der Rckzug in
die Zimmer des oberen Stocks angetreten wurde, schlo sich diesem Rckzug nicht
immer an, sondern zog es mitunter vor, in einer jenseits der Akazienallee
gelegenen Garten- und Parkanlage, darin sich auch die von Obadja aus groen
Feldsteinen aufgefhrte Familiengruft befand, noch eine halbe Stunde lang auf
und ab zu gehen, wobei Ruths Neufundlnder ihn meistens begleitete. Stieg er
dann, wenn's dunkel geworden, auch seinerseits die Treppe hinauf, so klang
regelmig vom linken Korridor her ein Choral herber oder ein geistliches Lied:
Ruth sang und Toby begleitete. Was aber Lehnerts Gemt mehr noch als dieser
Gesang in Anspruch nahm, war das, da er, wenn er an Monsieur L'Hermites Zimmer
vorberkam, Mal auf Mal in aller Deutlichkeit hren konnte, wie dieser die Tre
leis ins Schlo drckte, ganz so, wie wenn er's verbergen wolle, dem Gesange
Ruths gelauscht zu haben. Einmal aber traf es sich, da L'Hermite, trotz aller
Vorsicht, auf seinem Lauscherposten von Lehnert doch berrascht und dadurch in
eine kleine momentane Verlegenheit versetzt wurde. Seine franzsisch gute Laune
half ihm aber rasch darber hin, und sein Kppi zurckschiebend, wie seine
Gewohnheit bei jeder Ansprache war, trat er an Lehnert heran und sagte, whrend
er nach dem linken Korridor hinberdeutete: Ce n'est pas mal; n'est-ce pas?
Und als Lehnert nickte, nahm er dessen Arm und sagte: Entrez, mon cher ennemi.
    Lehnert folgte denn auch der freundlichen Aufforderung und nahm in einem
Schaukelstuhle Platz, whrend sich L'Hermite mit bergeschlagenem Bein auf den
durch eine grne Schirmlampe nur mig erleuchteten Arbeitstisch setzte. Die
mige Beleuchtung war denn auch Ursache, da viele Stellen des Zimmers, der
eigentlichen Ecken und Winkel ganz zu geschweigen, in einem Halbdunkel
verblieben, gab aber immer noch Licht genug, um den umschauhaltenden Lehnert
erkennen zu lassen, da der ganze Raum ein merkwrdiges und sehr unordentliches
Durcheinander von Schlosserwerkstatt und chemischem Laboratorium, von
physikalischem Cabinet und Mineraliensammlung war. Das Chemische herrschte vor,
im brigen aber lief der Gesamteindruck darauf hinaus, da es nichts auf der
Welt gbe, was hier nicht entdeckt und erfunden werden knne. Welchem Zweck das
alles diente, gab zu denken, und Lehnert, der immerhin einiges von L'Hermites
Vergangenheit in Erfahrung gebracht hatte, wrde beim Anblick all dieser Kolben
und Retorten sicherlich auf einige fr Europa bestimmte Nihilistenbomben geraten
haben, wenn nicht Nogat-Ehre so ganz den Stempel des Friedens getragen und
Obadja selbst bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit einer besonderen Vorliebe
von Monsieur L'Hermite gesprochen htte.

Lehnerts Verweilen an jenem ersten Besuchsabend war nur von kurzer Dauer
gewesen, aber es hatte doch ausgereicht, beide zu nhern und in weiterer Folge
sogar regelmige Reunions herbeizufhren. An jedem dritten Tage, wobei zwischen
hben und drben gewechselt wurde, kam man zu ziemlich spter Stunde zusammen
und plauderte dann bis Mitternacht. Das war die Regel, die, wenn Lehnert Wirt
war, strikte galt. An den L'Hermite-Abenden aber - an denen, auer einigen
anderen Verpflegungsfinessen, auch ein in Galveston erstandener und mit Cognac-
und Absinthflaschen reichlich ausgestatteter Rosenholzkasten eine Rolle spielte
- ging ihr Geplauder gelegentlich bis ber die zwlfte Stunde hinaus. Obadja
wute von diesem Rosenholzkasten und da ihm, vor allem von L'Hermite selbst,
fleiig zugesprochen wrde, was er, wie sich denken lt, mibilligte; trotzdem
lie er es geschehen, einmal, weil ihm alles Erziehen, wenn es sich nicht von
selbst machte, zuwider war, und fast mehr noch, weil er sich nicht das Recht
zuschrieb, die Lebensgewohnheiten eines Mannes zu regeln, der, wenn auch ein
Flchtling, so doch immerhin ein unbeanstandeter Gast und, wie schon hier gesagt
werden mag, auch eine Person von praktischer Bedeutung fr Nogat-Ehre war. Und
so strte denn niemand diese Zusammenknfte, die bald beider Freunde besondere
Lust und Freude wurden.
    Eins nur, was brigens die Freude nicht minderte, fiel Lehnert bei diesen
abendlichen Zusammenknften auf, und das war die Zurckhaltung, mit der
L'Hermite seine groe Zeit, seine historische Vergangenheit behandelte. Nicht
als ob er Lust bezeigt htte, sich von ihr loszusagen, durchaus nicht, er
vermied nur einfach, ohne Veranlassung davon zu sprechen, und beschrnkte sich,
wenn diese Veranlassung eintrat, auf das unbedingt Ntigste. Der furchtbare
Ernst der Szene, darin er mitgespielt, war ihm gegenwrtig, und ein feines
sthetisches Gefhl, das ihn berhaupt auszeichnete, hielt ihn ab, von einem
Hergange zu sprechen, dessen Erwhnung, wenn es die Verhltnisse nicht geradezu
geboten, entweder renommistisch der zynisch berhren mute. Lehnert, als er erst
klar darin sah, stimmte seinem Flurgenossen zu, bevor dieser Zeitpunkt aber da
war, war er doch wochenlang von dem Verlangen erfllt, ber den interessanten
Hergang Ausfhrlicheres zu hren, und schwankte nur, nach welchem Plane er, um
seine Neugier zu befriedigen, verfahren solle. Schlielich entschied er sich
dafr, auf einem Umwege vorzugehen und das Gesprch zunchst auf die langen
Einschlieungstage von Paris zu lenken. Es seien langweilige Tage gewesen, auch
fr sie drauen, und das Zerstreuliche hab erst eigentlich begonnen, als die
Franzosen untereinander ins Bataillieren geraten seien, die Versailler gegen die
Pariser. Da htten er und seine Kameraden oft viele Stunden lang auf dem
Hhenzuge zwischen St. Germain und St. Denis gestanden und dem Kriege wie einem
richtigen Kriegsschauspiel zugesehen. Und einmal hab er ganz deutlich beobachten
knnen, wie die Parisischen durch eine geschickte Bewegung ber die Brcke von
Asnieres alles, was von Regierungstruppen in der groen Seine-Schleife
gestanden, abgeschnitten htten. Aber das sei freilich auch der letzte Sieg
gewesen, und schon am nchsten Tage wre der Triumphbogen von den von St. Cloud
vorgehenden Bataillonen erstrmt worden. Und wenn er sich vergegenwrtige, was
er bei der Gelegenheit alles gesehen htte, so begreif er nur zu gut, was
unmittelbar darauf von seiten der Kommunards geschehen sei, und knne von
Grausamkeit keine Rede sein.
    Monsieur L'Hermite, whrend Lehnert so sprach, hatte still vor sich hin
geblickt und eine Zigarette gedreht und erst nach einer Weile das Wort genommen.
Es sei so, wie Lehnert sage. Die Sache da drauen am Trocadero war kein Spa,
und daraufhin wurden die Geiseln erschossen... Und der letzte war der
Erzbischof... Ich bernahm selber das Kommando... Er ist gestorben wie ein Held,
wie nur die von der Kirche zu sterben verstehen.
    Lehnert, als L'Hermite so sprach, sog jedes Wort ein und glaubte, jetzt sei
der Augenblick fr intimste Mitteilungen gekommen. Aber er sah sich abermals
getuscht, und sein Wissen blieb im wesentlichen auf dem Punkt, auf dem es schon
vorher gestanden hatte.
    Nicht viel besser erging es ihm, als er, auf einem hnlichen Umwege, den
Versuch machte, Nheres ber seines Flurgenossen Flucht aus Numea, wohin dieser
deportiert worden war, herauszuholen. L'Hermite wiegte den Kopf hin und her und
sagte dann, whrend er, um damit zu spielen, eine groe Feile vom Arbeitstische
nahm: Es machte sich schnell. Wir waren unserer drei, die's wagten, weil wir
gut schwimmen konnten, und schwammen denn auch wirklich, trotz Brandung, auf ein
Schiff zu, von dem wir wuten, da der Kapitn mit unserer Sache sei. Meinen
beiden Kameraden aber ging die Kraft aus; ich fr mein Teil konnte noch gerad
ein Tau fassen, das mir von Deck aus zugeworfen wurde. Das ergriff ich denn
auch, und eine Minute spter zogen sie mich an Bord. In derselben Stunde noch
ging's nach Portland. Und da war ich frei. Das andere wit Ihr; Ihr kommt ja
auch von San Francisco her. Ist eins wie das andere.
    So knapp waren Monsieur L'Hermites Erzhlungen, wenn es seine historische
Zeit galt, aber desto mitteilsamer war er, wenn er auf seine mit Technik und
Mechanik und vor allem mit dem Bergwerkswesen in Zusammenhang stehenden Plne zu
sprechen kam, was brigens kaum verwundern konnte. War er doch vor allem, wie
schon die Geschwister gleich am ersten Tag auf der gemeinschaftlichen Fahrt von
Station Darlington nach Nogat-Ehre zu Lehnert gesagt hatten, ein Entdecker und
Erfinder, und wenn er auch unzweifelhaft an seiner Idee mit einem stillen
Fanatismus festhielt, so gab es doch eins, was in seinen Augen der Idee
gleichkam, das war das Projekt. Ja, er war, vielleicht ber alles andere
hinaus, seiner ganzen Natur nach ein Projektenmacher, und was er die
Durchfhrung seiner Idee nannte, war eigentlich auch nur Projekt und htt ihn,
wenn es anders gewesen wre, schwerlich in seinem Gemte derart ergriffen, wie's
jetzt tatschlich der Fall war. Er hielt Lesseps fr den grten Mann des
Jahrhunderts, und Isthmusdurchstechung oder eine Tunneleisenbahn unter dem Kanal
hin, Ausschpfung des Zuidersees und Fllung der Saharawste mit Ozeanwasser,
das alles waren Dinge, die seiner Seele mindestens so hoch standen (vielleicht
noch hher) als der Sieg der Kommune. Sah man auf sein Leben zurck, so war es,
in Gutem und Schlechtem, in Glck und Unglck, eine natrliche Folge dieser
seiner Beanlagung. In der Mitte Frankreichs, in dem kleinen, aber mineralreichen
Departement Creuze geboren, war er schon als Kind in den Galmei- und
Bleierzbergwerken seines heimischen Departements beschftigt gewesen, bis er
1849, damals erst neunzehn Jahr alt, nach Paris und hier wiederum (nach nur
kurzer Beschftigung in einer Fabrik, darin Bleirhren gezogen wurden) unter die
Roten ging, in deren Reihen er gleich danach die Junischlacht mitmachte.
Verwundet, gefangen und eingekerkert, lie er, als er wieder freikam, auf eine
Weile die Politik fallen und machte, mittlerweile Soldat geworden, mit Passion
den Krimkrieg mit, bei welcher Gelegenheit er sich im Minenkriege vor Sebastopol
derart auszeichnete, da ihm das Kreuz der Ehrenlegion zuerkannt und vom
Obersten Niel, dem spteren Marschall, in Person an die Brust geheftet wurde.
Zugleich empfing er die Galons. Aber fnf Jahre spter, kurz nach Solferino, den
Abschied nehmend, war auch, mit der Rckkehr in die brgerliche Gesellschaft,
sofort der Rote wieder da. Rasch erkannte die Parteileitung seine besonderen
Meriten: ein Tftelgenie hchster Gattung, das mit Rcksicht auf Hllenmaschinen
und Dynamitbomben gehegt und gepflegt werden msse. Welchem Vertrauen er denn
auch entsprach. In einem Zeitraume von zehn Jahren verging kaum eine Woche, wo
nicht neue Vorschlge von ihm eingereicht worden wren, und nur wenn politisch
unfruchtbare Zeiten kamen, von ihm Vacances genannt, entsprach es ganz seiner
Natur, den nun an die Stelle von Knallsilber und Nitroglyzerin tretenden
harmlosen Ferienarbeiten, wohin beispielsweise Pencils mit Mechanik, neue
Tornisterschnallung, Apfelschlmaschinen und hnliches gehrten, ein nicht viel
geringeres Interesse wie einer neuen Bombenfllung entgegenzubringen. Er verfuhr
dabei ganz nach dem Prinzip: Wer des Kleinen nicht achtet, ist des Groen nicht
wert, und so durfte denn in der Tat von ihm gesagt werden, da die Jahre von
Solferino bis Sedan, gleichviel ob die Verschwrungschancen hoch oder niedrig
standen, alles in allem eine Glcks-und Zufriedenheitsepoche fr ihn
darstellten, aus der ihn erst die hundert Tage der Kommune wieder
herausrissen, um ihn dann, nach kurzem Glanz, als einen auf Lebenszeit
Verurteilten an die Kste von Neu-Kaledonien zu werfen.
    Seitdem, die Neu-Kaledonien- und die Nogat-Ehre-Tage zusammengerechnet,
waren zwlf Jahre vergangen, aber er war derselbe geblieben, und als seine
glcklichsten Momente konnten die gelten, wo die lange Serie wnschenswerter
oder in seinen Augen auch wohl unerllicher Entdeckungen und Erfindungen
angesichts des oft sich ffnenden Rosenholzkastens durchgesprochen wurden. Da
alles dabei zur Sprache Kommende jetzt nach der friedlichen Seite hin lag, nahm
der Debatte nichts von ihrem Reiz und Eifer. Unter der hundertmal wiederholten
Versicherung von on revient toujours  ses premiers amours war L'Hermite, fast
von dem Tag an, an dem er in Nogat-Ehre sein Refugium gefunden hatte, vor allem
wieder auf das Bergwerkswesen, auf die Montanindustrie seiner frhesten
Knabenjahre zurckgekommen und verfolgte dabei zu nicht geringer Befriedigung,
um nicht zu sagen Erbauung Obadjas - der nach Art vieler Frommen einen stark
ausgebildeten Sinn fr die Gter dieser Welt hatte - den Plan einer
Exploitierung der Ozark-Mountains auf Blei, zu welchem Behufe die
verhltnismig nahe gelegenen Berge mannigfach von ihm durchforscht und wohl
Hunderte von Erzstufen auf ihren Bleigehalt hin untersucht worden waren. Um das
zerfallene Fort O'Brien herum, und dann ansteigend bis zu dem Kamm der Mountains
hinauf, lag das Erz an mehr als einer Stelle fast wie zutage, und wenn Obadja,
so wenigstens versicherte L'Hermite, sich vor Jahr und Tag schon zu Drangebung
der jmmerlichen Feldwirtschaft, bei der nichts herauskomme, htte bestimmen
lassen, so wr er lngst schon zum Krsus, zum Roi de Lydie dieser Gegenden
geworden. Denn einmal sei das Blei selbst ein wirklicher Schatz, aber wenn
Obadja, der nichts davon verstehe, das auch anzweifeln wolle, so wisse doch
jedes Kind, wo Blei sei, sei auch Silber, und wo Silber sei, sei auch Gold. In
fnf Jahren, wenn alles geschickt exploitiert werde, msse das ganze Territorium
mit seinen Bahnen und Bergen in Hnden von Obadja sein, und wenn dann Prinz
Toby, Knigliche Hoheit, zur Regierung komme, so sei Vanderbilt ein Strohmann
dagegen und Mister Mackay eine Schillingspuppe. Das Durchsprechen solcher Plne,
begleitet von spttischen Ausfllen gegen die Frommen und Glubigen, die zwar
alle gern reich sein wollten, aber in ihrer sich Gottvertrauen nennenden
Beschrnktheit immer verlangten, da ihnen alles in den Scho falle, das war ein
Thema, das an den Reunion-Abenden mit einer gewissen Regelmigkeit
wiederkehrte, wenn aber - genauso wie vordem in Paris - die groen Plne
momentan zu Boden fielen, so traten auch hier im Obadjaschen Hause wieder
vergleichsweise kleine Sachen dafr ein.
    Eines Abends standen auch wieder solche Nipp-und Kleinkramsachen auf dem
Programm, lauter Dinge, die sich nicht auf die Bleibergwerke, sondern ganz
einfach auf den Hausstand und das unmittelbare Beisammenleben in Nogat-Ehre
bezogen. L'Hermite, wie gewhnlich ganz hingenommen, sprach mit Lebhaftigkeit
ber Gasleitung und Anbringung eines Betsaalkronleuchters, dessen
Fledermausflammen, wenn gewnscht, ja mit Leichtigkeit auch aus Christus-oder
Prophetenkpfchen (selbstverstndlich unter Bevorzugung des Obadjakopfes)
aufschlagen knnten, und als Lehnert darber lachte, spielte L'Hermite Trumpf
auf Trumpf aus und gefiel sich darin, immer grotesker zu werden. Endlich aber
lie man das Gas-und Kronleuchterthema fallen und kam berein, zunchst neue
Stahlreifen und Croquethmmer fr Ruth und Toby und, wenn das geschehen sein
wrde, ein neues groes Spind mit Fliegenfenster fr Maruschka machen zu wollen.
    Es lag nah, da man, bei Besprechung dieser mit den einzelnen Hausinsassen
sich beschftigenden Dinge, von den Dingen zuletzt auch auf die Personen kam,
und Lehnert, als er sah, da L'Hermite seinen Absinth ohne Wasser zu nehmen
anfing, konnte, so vorsichtig er sonst war, der Versuchung nicht widerstehen,
allerhand Fragen zu tun, um auf die Weise seinen nun schon im fnften Jahr in
Nogat-Ehre weilenden Haus- und Flurgenossen ber die verschiedenen Mitglieder
der Familie, wie des Hauses berhaupt, auszuholen.
    Es ist sonderbar, sagte Lehnert, man hrt und sieht dies und das und
stellt sich natrlich auch allerhand Fragen ber die, die so neben einem
herleben, und doch hat man nicht recht Antwort darauf, auch nicht einmal bei
denen, die die klarsten und einfachsten zu sein scheinen.
    Ihr seid zu schwierig, Lehnert, lachte L'Hermite. Zu schwierig und zu
gewissenhaft, so recht ein Deutscher, und wollt immer zu tief auf den Grund.
Aber das glckt nicht. Ich fr meine Person, ich wte keinen, ber den ich auch
nur im geringsten in Zweifel wre, und verpflichte mich, ohne Besinnen, einem
jedem sein Zertifikat zu geben.
    Das wre, sagte Lehnert. Soll ich einmal den Versuch machen?
    L'Hermite nickte.
    Nun denn, Kaulbars?
    Tte carre.
    Und Maruschka?
    Un peu de cochon.
    Und Obadja?
    Un peu de Mormon.
    Und Toby?
    Bon garon.
    Und Ruth?
    Ange.
    Und Monsieur Camille L'Hermite?
    Blagueur.
    Und Lehnert Menz?
    Can le Sentimental.
    Lehnert fuhr zusammen. L'Hermite aber sah einfach zur Seite, nahm einen
Absinth und ri dann ruhig ein Blttchen Seidenpapier aus dem Block, um eine
neue Zigarette zu drehen.

                           Dreiundzwanzigstes Kapitel


Lehnert war derart getroffen, da er unfhig war, das Gesprch weiterzufhren,
und bald danach sich erhob, um in sein Zimmer hinberzugehen. Da schritt er nun
auf und ab und kam schlielich zu dem Resultat, da alles ein Zufall gewesen
sei. Sehr bald aber war es mit diesem Trost vorbei. Nein, nicht Zufall. Er hat
mich wissen lassen wollen: Ich wei. Nicht aus bser Absicht (ist er doch selber
mit drin), aber aus Laune, vielleicht auch aus Teilnahme.
    So sann er noch weiter nach, und Mitternacht war heran, als er sich, halb
angekleidet, auf das aus Bambusstben leicht zusammengefgte Ruhebett streckte;
das Bett selbst aufzusuchen widerstand ihm. Was geschehen war, geschehen vor
manchem Jahr, war ihm seit einer Stunde wieder mit vollem Gewicht auf die Seele
gelegt worden, und lebhafter noch als gleich am ersten Tage bei seinem
Erscheinen in Nogat-Ehre beklagte er es, da Obadja keine Beichte von ihm
verlangt habe. Warum verlangte er sie nicht? Weil er's wohl mit mir meinte. Nun
aber qult es mich und belastet mich. Was gebeichtet wird, das kann verziehen
werden, aber die verborgene Schuld, vor niemand eingestanden, das ist die
schwerste der Strafen.
    Und erschpft schlief er endlich ein und nahm seine selbstqulerischen
Gedanken mit in seinen Traum. Er schlief noch nicht lang, als ein Klopfen ihn
weckte. Wer es sein knne, war ihm kaum zweifelhaft, und er ging auf die Tr zu
und ffnete. Wirklich, es war L'Hermite, nur in Slippers und weitem Beinkleid
und sein Kppi wie gewhnlich im Nacken. In der Linken hielt er einen Blaker,
drin ein Lichtstmpfchen, mit einem Dieb am Docht, ruig qualmend hin und her
flackerte. Das Groteske ging unter in dem Schmerzlichen der Erscheinung. Er
mhte sich, berlegen dreinzuschauen, und schien sich und die Welt ironisieren
zu wollen, aber ein mchtigeres Gefhl hielt seinen Spott im Bann, und er sah
aus wie der Tod auf der Maskerade, der tanzen will. Endlich nahm er Platz,
whrend Lehnert sich ihm gegenbersetzte.
    Ihr knnt nicht schlafen, Monsieur L'Hermite. Was gibt es? Es sah wer in
mein Fenster.
    Wer?
    Ich sah ihn nicht. Aber er hielt ein Kreuz vor der Brust.
    Das war das Fensterkreuz und der Mondschein dahinter.
    L'Hermite lchelte. Lehnert aber, der das Grauen, das ihn mit erfat hatte,
dem Freunde wie sich selber wegreden wollte, suchte bei seinem zwangsweis
angeschlagenen Heiterkeitstone zu beharren und sagte: Sinnestuschung, Monsieur
L'Hermite. Wer Euch ins Fenster sehen will, mu von unten her eine Leiter
anlegen.
    Oder von oben.
    Er sprach das so, da Lehnert verstummte. Und nun saen sie sich einander
gegenber, und zwischen ihnen schwebte das Licht, dessen Flackerschein in dem
Spiegelchen reflektierte.
    So verging eine Weile. Dann sagte Lehnert: Es gibt eine Himmelsleiter, und
die Engel steigen hernieder, so steht geschrieben... Und vielleicht auch die
Engel des Gerichts. Glaubt Ihr solche Dinge?
    Nein. Aber das Ammenmrchen hat nun mal Gewalt ber uns, das Eiapopeia, das
uns schon von der Wiege her gesungen wird. Die pfffische Lge verdirbt alles.
Da liegt es. Statt, wie jetzt, in der groen Lge grogezogen zu werden, mssen
wir grogezogen werden in der Idee. Bis dahin zittern wir vor dem Spuk und haben
kein Mark in der Seele.
    Lehnert schwieg. Endlich sagte er: Monsieur L'Hermite, drben vor Eurem
Fenster steht der Mond, und der Mond ist nicht jedermanns Sache. Bleibt hier,
legt Euch auf das Ruhebett!
    L'Hermite aber erhob sich wieder von seinem Platz, legte seine Hand auf
Lehnerts Schulter und sagte: Nein, wir wollen lieber in die Kapelle gehen; ich
will da das Kreuz vom Altar nehmen und es hochhalten und den Geist anrufen, den
Saint-Esprit. Denn der Geist ist die Idee. Die Kapelle soll mal etwas anderes
hren als die Geschichte von Pharaos Traum und den ewigen sieben Khen. Obadja
persnlich ist eine fette Kuh, aber seine Predigt ist eine magere. Kommt! Ich
will sein Tabernakel in einen Tempel der Idee verwandeln und will blo vor
zweien sprechen. Vor Euch und dem Mond. Das ist mir genug.

Es war nicht leicht, Monsieur L'Hermite von seinem Vorhaben ab- und in sein
Zimmer zurckzubringen. Endlich gelang es, und nachdem Lehnert, des noch immer
drauen stehenden Mondes halber, die Lden des einen Fensters geschlossen hatte,
ging er in sein eigenes Zimmer zurck, um hier wieder sein Lager aufzusuchen. Er
war nun selber Zeuge gewesen von der gelegentlichen Geistesgestrtheit
L'Hermites, von der er schon gehrt hatte. Wenn es nicht sein Gewissen ist,
hatte Toby damals hinzugesetzt. Und Lehnert wiederholte jetzt Tobys damalige
Worte.
    Der andere Tag war ein Sonntag. Lehnert erschien zur Morgenandacht,
beurlaubte sich aber gleich danach fr den ganzen Tag, um ins Gebirge zu reiten,
in die Ozark-Mountains, deren viele Meilen langen Zug er nun seit einer Reihe
von Wochen in beinah nchster Nhe vor sich sah, ohne da es ihm bisher mglich
gewesen wre, sie zu besuchen. Die Woche gehrte der Arbeit und der Sonntag der
Betrachtung und Ruhe, worauf Obadja, mit einer ihm sonst nicht eigenen Strenge
hielt. Ausnahmen waren aber statthaft, und Lehnerts musterhafte Innehaltung
aller Hausgesetze whrend seiner jetzt mehr als zweimonatlichen Anwesenheit in
Nogat-Ehre lie es Obadja nicht schwerfallen, heute solchen Ausnahmefall
eintreten zu lassen.
    Es war der zweite September, und Lehnert, als er eben eine leis ansteigende
Ebereschenallee hinaufritt - er hatte sich fr einen kleinen Umweg entschieden -
entsann sich mit einer gewissen Freudigkeit, da es der Sedantag war. Er
versenkte sich wieder in die Vorgnge von damals und sah wieder den Angriff der
Chasseurs d'Afrique und wie die Sbel und roten Kppis der attackierenden
Schimmelschwadron in der Sonne blitzten.
    Solche Bilder vor der Seele, ritt er weiter, allmhlich aber bog die
Ebereschenallee wieder nach links ein und ging in einen Birkenweg ber, der sich
alsbald in geringer Entfernung von dem in Trmmern liegenden Fort O'Brien ins
Gebirge hineinzog. Als er in Hhe dieser Stelle war, stieg er ab und band sein
Pferd an einen Baum, um, eh er weiterritt, erst dem interessanten Trmmerhaufen,
auf den sich, von seinem Fenster aus, sein Auge manches liebe Mal gerichtet
hatte, seinen Besuch zu machen. Fort O'Brien war, vor kaum mehr als zwanzig
Jahren, in einem der vielen kleinen Kmpfe mit den Indianern von diesen erstrmt
und zerstrt worden, wobei Dach und Inneres total verbrannt, der Wallgang aber
samt seinen Palisaden und vor allem ein an einer Ecke stehender abgeflachter
Steinturm in leidlich gutem Zustande verblieben waren. Lehnert, als er das Fort
erreicht hatte, kroch berall umher, erstieg den Turm auf einer noch
wohlerhaltenen Wendeltreppe und sah nun zurck nach Nogat-Ehre hin. Die
Entfernung mochte fast zwei Wegstunden sein, aber die wundervolle Klarheit der
Luft lie ihn alles aufs bestimmteste erkennen. Das Eckfenster zur Linken, das
war seine, und das an der anderen Ecke, da wohnte Ruth. Es war ihm, als sh er
sie, und indem er ihrer gedachte, gedacht er auch schon des Moments der Rckkehr
und sah sich die Treppe hinaufsteigen und vernahm andchtig den Choral, den sie
mit klarer Kinderstimme sang. Und nun bog er in den Korridor ein und hrte
wieder deutlich, wie die Tr ins Schlo fiel und wie sich Monsieur L'Hermite wie
herkmmlich von seinem Lauscherposten zurckzog. Und whrend er das alles im
Geiste vorwegnahm, trat er, sich wieder erinnernd, wo er war, an die Brstung
des alten Turmes heran und pflckte, sich bckend, allerlei kleine Blumen, die
hier aus dem zerbrckelten Gestein reichlich aufsproten, und band einen Strau,
den er mitnehmen und Ruth berreichen wollte.
    Das Pferd nagte noch ruhig an den Birkenzweigen, als er nach einer Weile
zurckkam, um wieder in den Sattel zu steigen. Der Weg aber, der immer steiler
anstieg, erschien ihm jetzt mehr und mehr wie die Krummhbler Strae zwischen
dem Goldenen Frieden und dem Waldhaus, und der Gebirgsbach, der da neben ihm
schumte, das war die Lomnitz, die vom Mittagsstein und den Teichen herunterkam.
Und unwillkrlich sah er auch nach dem Inselchen aus und ob er das Haus she,
sein Haus, mit den zwei Brckenstegen und dem Schindeldach und dem erst sich am
Hause hin und dann bis aufs Dach hinaufrankenden gelben Rosenstrauch. Er sah
aber nichts als Tannen und wieder Tannen und dann und wann eine Lichtung, und
dabei wurde der Weg immer enger und steiler, bis zuletzt ein Quell kam, der aus
einer niedrigen, aber senkrechten Felswand sprang und dicht darunter in einen
aus vier mchtigen Steinen gebildeten Kessel fiel. Und an dem Kessel hin lief
ein Pfad, und dahinter kam ein Moorstreifen und verdorrtes Gras und Huflattich
... Und dann kam ein Kusselgebsch... Und da lag wer...
    Und Lehnert hielt an und fuhr mit der Hand ber Stirn und Auge, wie wenn er
das Bild verscheuchen wolle. Aber es wich nicht. Und zuletzt gab er dem Pferde
die Sporen und ritt, so rasch es der Weg zulie, immer hher bergan.
    Nur einmal noch sah er nach der Stelle zurck.
    Das ist der, der bei L'Hermite ins Fenster sah.

                           Vierundzwanzigstes Kapitel


Anfang September war die Ernte herein und zum grten Teil auf dem ziemlich in
der Mitte der Obadjaschen Gesamtfarm gelegenen und mit einer guten
Wasserverbindung ausgestatteten Vorwerk untergebracht worden, auf dem Mister
und Mistress Kaulbars schon seit Wochen die Vorwerkswirtschaft leiteten und ein
kleines daselbst befindliches Wohnhaus bezogen hatten. Um dies Wohnhaus herum
lagen, im Viereck, vier groe Scheunen, aus denen das ausgedroschene Getreide
teils zur nchsten Eisenbahnstation gefahren, teils in Flachkhne verladen
wurde, prahmartige Fahrzeuge, die, von einem Dampfer geschleppt, den Red River
hinuntergingen. Kaulbars war unermdlich ttig, umsichtig und von strengem
Regiment und erwarb sich, weil er hier selbstndig und nach eigenem Ermessen
handeln durfte, nicht nur Obadjas Anerkennung, sondern auch Lehnerts
bereitwilligste Zustimmung. Er ist schrecklich, aber das mu wahr sein, seine
Sache versteht er.
    So sah es auf dem Vorwerk aus. Alle Hnde rhrten sich, whrend fr
Nogat-Ehre selbst minder arbeitsame Tage kommen zu wollen schienen. Und fr
Lehnert, wenn auch die Arbeit nicht geradezu ruhte, kamen sie wirklich, nur
freilich nicht fr Obadja, fr den einfach die Aufgaben zu wechseln begannen.
Fr ihn waren jetzt die Tage da, wo sich seine Ttigkeit, statt dem
Landwirtschaftlichen, dem Leben in der Gemeinde zuzuwenden hatte. Beratungen
fanden statt, an denen zunchst die Mennoniten von Nogat-Ehre, bald aber auch
die Brder aus Kansas und sogar Abgesandte von Dakota her teilnahmen. Es war ein
bestndiges Kommen und Gehen, und Ruth, die neben der nur noch den Namen dazu
hergebenden Maruschka den Hausstand in Abwesenheit der Mistress Kaulbars
leitete, war so beschftigt, da sie bei den Mahlzeiten und oft auch bei den
Andachten gar nicht erscheinen und die Gesangsbungen, die sonst ihre Freude
waren, nicht fortsetzen konnte. Freilich ward es ihr nicht allzu schwer, dies
Opfer zu bringen, hatte sie doch vom Vater her mit der Gabe des Regierens auch
die Lust dazu geerbt und fhrte das Regiment, wie L'Hermite mit Vorliebe zu
versichern pflegte, zur Ehre von Nogat-Ehre.

Ja, viel Kommen und Gehen war in Nogat-Ehre, das war gewi, da der Hausbrauch es
aber mit sich brachte, da mehr geschwiegen als gesprochen wurde, so kam es zu
keinen Aufklrungen, und Lehnert blieb in Zweifel darber, zu welchem Zwecke das
alles sei. Schlielich war er gewillt zu fragen, und zwar am selben Tage noch,
als er aber um die sechste Stunde vom Felde, drauf er das Grabenziehen an einer
sumpfigen Stelle beaufsichtigt hatte, hereinkam, fand er alles ausgeflogen und
erfuhr von einem Cherokeemdchen, das eben neben ihm die Treppe passierte:
Master (dies war Obadja) und Miss Ruth und Mister Toby seien mit dem
Zehn-Uhr-Zuge gefahren und zwei Stunden spter Monsieur L'Hermite; Master sei
nach Halstead. Wohin Monsieur L'Hermite sei, das wisse sie nicht. Aber auch
hierber sollte Lehnert nicht lange mehr im Dunkel bleiben, denn kaum da er in
sein Zimmer getreten war, so wurd er eines Zettels gewahr, den L'Hermite mit
Hilfe zweier Wachskgelchen auf die Tischplatte geklebt hatte. Drauf stand in
einer Art Telegrammstil: Mit dem Zwlf-Uhr-Zuge nach Galveston. Ich sehne mich
nach Menschen. In drei Tagen wieder zurck. Bis dahin und weiter Ihr L'Hermite.
    Ja, das gab Aufklrung ber das Wohin, aber ber nichts weiter, und wenn
schon dies Umgebensein von Geheimnissen ein gewisses unbehagliches Gefhl in ihm
weckte, so wuchs dasselbe, wenn er sich sagte, da er nun auf drei lange Tage
hin in dem groen, halb kirchenhaften Hause mutterwindallein sei, Totto,
Maruschka und ein Dutzend halbwachsener Cherokeemdchen abgerechnet, die doch
kaum als Gesellschaft gelten konnten. Verstimmt ging er in seinem Zimmer auf und
ab, lie sich bei Maruschka, seiner alten Tischgenossin, entschuldigen und
begngte sich mit ein paar Biscuits, einem Cognac und einem Glase Wasser.
    Aber diese Rolle der Absperrung und Askese war doch nicht durchzufhren, und
so beschlo er denn tags darauf ein Gesprch zu versuchen und sich zunchst dem
guten alten Totto zu nhern.
    Totto war ber siebzig und geno schon seit etlichen Jahren eine Art
Gnadenbrot. Er war, als ein litauischer Knecht, mit Obadja herbergekommen und
hatte diesem, damals noch in Dakota, an zwanzig Jahre und lnger in Eifer und
Treue gedient. Eines Tages aber war er fort gewesen; andere hatten ihn
berredet, und mit diesen war er den Missouri und dann den Mississippi
hinuntergefahren, auf Neu-Orleans zu. Dort war er Cabkutscher geworden und hatte
viel Geld verdient, bis er, den Herrn spielend, alles wieder verloren hatte. Von
einem Rettungsinstinkt geleitet, war er dann, mit dem Reste seiner Barschaft,
denselben Weg fluaufwrts zurckgefahren und nach fnfjhriger Abwesenheit
wieder in Dirschau, Dakota, eingetroffen, in einem grauen Leinwandanzug und im
brigen nichts mit sich fhrend als ein Felleisen, darin er seinen geretteten
Sonntagsstaat untergebracht hatte. Bist du wieder da, Totto? waren damals
Obadjas von keiner weiteren Frage begleiteten Begrungsworte gewesen, die
zugleich den ganzen Zwischenfall als erledigt ansahen. Von Stund an war er auf
ein paar weitere Jahre hin mit einer Art Oberaufsicht ber das gesamte
Pferdewesen betraut worden, auf das er sich, als Litauer, gut verstand, und sa
nun, nachdem er schlielich auch dazu zu alt geworden, den ganzen Tag ber vor
den Stallgebuden im Hofe, mit seiner Bank, weil ihn fror, immer der Sonne
nachrckend. Sonntags zog er seinen aus seiner groen Zeit in Neu-Orleans
mitgebrachten Staat an: einen blauen Frack mit kurzen Schen und hechtgraue
Hosen, dazu Zylinder und Vatermrder, ganz spitz, deren Plttung er berwachte.
Alle liebten ihn und lieen ihn gewhren, weil er einfltigen Herzens war.
    Nun, Totto, wieder in der Sonne? sagte Lehnert. Wie geht es?
    Oh, es geht ja, Mister Lehnert. Ein bichen kalt.
    Ihr sitzt nicht an der richtigen Stelle. Die Sonne steht ja da.
    Ja, wahrhaftig, da steht sie. Indeed, indeed. Na, da will ich doch...
    Und er erhob sich und nahm seine Bank, um an eine wrmere Stelle zu rcken.
    Aber Totto, fuhr Lehnert fort, Ihr habt ja heute schon Euren Staat an.
Und ist doch erst Dienstag. Ihr werdet ihn ruinieren.
    Ja, Dienstag is erst. Aber Sonntag auch, Mister Lehnert. The whole week is
festival-week. Festwoche, Sonntagswoche.
    Ja, was heit das, Totto? Sonntagswoche. Warum Sonntagswoche? Was ist los?
    Waschung is los, Mister Lehnert. Washing feet. Und kettle-drums und
Gunpowder-Face, well; you know him... Und Obadja preaching. Und plenty of
people.
    Lehnert tat noch ein paar andere Fragen, aber er kam damit nicht weiter und
erfuhr nur soviel, da sich ein groes Fest vorbereite. Welcher Art im brigen
dies Fest sein wrde, blieb ihm unklar, teils weil er Totto nicht recht
verstand, teils weil ihm manche mennonitische Gebruche, wie beispielsweise das
Fest der Fuwaschung, noch fremd waren. Und so beschlo er denn, wenn die
Mittagsstunde dasein wrde, statt bei Totto, bei Maruschka sein Heil versuchen
zu wollen.
    Maruschka, wiewohl erst sechzig, war ein ebenso altes Hausinventar wie Totto
und wie dieser mit nach Amerika herbergekommen. Ihren eigentlichen Namen kannte
niemand, auch Obadja nicht, und nur soviel wute man, da sie, Polin von Geburt,
schon als Kind auf einem Flissakenfloe die Weichsel herab nach Danzig gekommen
sei, wo man sie, bei Schneegestber, verirrt auf der Strae gefunden und nach
einem katholischen Krankenhause gebracht hatte, drin sie, sich ntzlich machend,
jahrelang geblieben war, bis das Krankenhaus aufgelst wurde. Da habe sie denn
nicht gewut wohin und wre wieder barfu fluauf gezogen, mit einem roten
Tuch ber den Kopf, um sich durchzubetteln bis Polen hin. Und in einem groen
Mennonitendorfe, das Obadja damals bewohnte, sei sie zurckgeblieben und ein
halbes Jahr spter mit in die Neue Welt bersiedelt. Alle drei Frauen Obadjas
hatte sie seitdem hinsterben und die Kinder, die beiden ltesten abgerechnet,
geboren werden sehen: Anhnglichkeit und Treue waren allezeit ihre Tugenden
gewesen und in ihren jungen Jahren auch Flei und wirtschaftliches Geschick. In
ihrem Katholizismus aber hatte der Hausherr und Patriarch von Nogat-Ehre sie
jederzeit gewhren lassen, entweder aus Respekt vor jeder aufrichtigen
Glaubensform, oder weil er der Ansicht lebte, da Maruschka zu den Auserwhlten
gehre, die nicht um ihres Glaubens, wohl aber (wie Totto) um ihrer Einfalt
willen selig werden.
    Und nun war es fnf Uhr, und Lehnert erwartete jeden Augenblick den Schlag
an den Schild, der ihn, auch bei zusammengeschmolzener Tafelrunde, zu Tische
rufen mute. Wen durft er dabei erwarten? Wenn sich nicht der Lehrer aus der
Nachbarfarm oder aber Missionar Krhbiel aus der nchsten Indianersiedlung
eingefunden hatte, so ging er einem tte-a-tte mit Maruschka entgegen, ein
Gedanke, der ihn, trotz seiner Neugier und aller Fragen, die er vorhatte, mehr
oder weniger bedrckte. Wut er doch, wes Geistes Kind Maruschka war und da
ihre Geistesarmut nur noch von der Unfhigkeit, sich auszudrcken, bertroffen
wurde. Vom Polnischen, ohne da sich ein gutes Englisch oder Deutsch dafr
gefunden htte, war ihr nicht viel geblieben, und so sprach sie denn ein
Kauderwelsch, das mit dem des alten Litauers, mit dem ihr ohnehin so vieles
gemeinsam war, um den Preis der Unverstndlichkeit streiten konnte.
    Lehnert hing diesen Gedanken noch nach, als der Schlag an den Schild durch
das Haus hin hallte. Sofort verlie er sein Zimmer, stieg die Treppe hinab und
ging langsam auf die Halle zu. Wirklich, nur fr zwei war gedeckt, und hinter
dem Stuhl des einen Gedecks stand Maruschka. Sie war zu ihrer Zeit nicht ohne
Wnsche gewesen, und etwas davon umleuchtete sie noch jetzt und kam heut in
ihrer Toilette zum Ausdruck. Ihrem mitunter ganz schrg sitzenden Scheitel hatte
sie mit Sorglichkeit eine senkrechte Richtung gegeben, whrend auf dem schwarzen
und schon etwas blanken Poplinkleide, neben anderem Schmuck, eine dnne,
vielfach um Hals und Nacken gelegte Silberkette prangte, mit einem Kreuz. Mit
diesem Kreuz machte sie sich, als Lehnert auf sie zutrat, ziemlich demonstrativ
zu schaffen, wies dann aber rasch auf den Stuhl ihr gegenber und sagte: Now
let us see, Mister Lehnert.
    Lehnert, als er Platz nahm, war in Zweifel, was er aus dieser einigermaen
intimen uerung der guten Alten machen sollte. Das heiterstrahlende Gesicht
aber, mit dem sie gleich danach den leichten Metalldeckel von einer vor ihr
stehenden Schssel nahm, lie ihn rasch erkennen, da sich das gemtliche now
let us see nur auf das in der Schssel verborgene Gericht: Kraut und Kndel und
eine Garnitur gebratener Speckschnitten, bezogen haben konnte. Lehnert - von
allem halbschlesisch angeheimelt - kam denn auch mit der Alten um die Wette
sofort in eine behagliche Stimmung und bat ihr im Herzen alles ab, was er
gelegentlich ber sie gespttelt hatte. Die Herzensgte, die Gebelust, vor allem
die kleinen Schelmereien, womit sie die Wirtin machte, taten ihm nach den
Steifheiten der Obadjaschen Tischordnung unendlich wohl, und erst ganz zuletzt
kam er auf das zu sprechen, was zu fragen er sich den Tag ber vorgenommen
hatte. Maruschka gab auch Antwort. Aber alles, was er daraus ersehen konnte, war
nur das, was er schon wute: da es sich um ein bevorstehendes groes Fest
handle. Was es aber eigentlich damit war, kam nicht zur Sprache, weil sie kein
rechtes Interesse daran nahm, jedenfalls viel, viel weniger als an den
dumplings und slices of bacon, die sie nach wie vor nicht mde wurde Lehnert
anzubieten.
    Endlich stand man auf, sagte sich gegenseitig allerlei Freundliches und
verabschiedete sich bis auf den anderen Morgen.

Am Abend des dritten Tages war L'Hermite, ganz wie sein Zettel versprochen, von
Galveston zurck. Er hatte mancherlei schne Sachen eingekauft und erschien,
angeheitert und Tabak kauend, in Begleitung zweier Stationsindianer, die eine
Kiste von migem Umfange trugen. Als er Lehnert im Flur begegnete, wies er auf
die Kiste und sagte: Fr unsere Abende. Der Winter ist lang. Alle freuten
sich, da er wieder da war, am meisten Maruschka, die nicht mde wurde, sein
Mienenspiel zu belachen, was sich, wenn Obadja erst wieder zurck war,
einigermaen verbot. Der alte Kater aber, wie L'Hermite seinen Hausherrn mit
Vorliebe nannte, war noch nicht wieder da, kam vielmehr erst am bernchsten
Tag, und so hatten denn, um unsern Freund L'Hermite zum zweiten Male zu
zitieren, die Muse noch vierundzwanzig Stunden Zeit, auf dem Tische zu
tanzen. Das geschah denn auch redlich, und Tten mit Bonbons und Pralins, die
L'Hermite mitgebracht hatte, wurden Maruschka neben allerhand persnlich
Verbindlichem berreicht, zugleich mit der Versicherung, da Polen noch nicht
verloren und die katholische Kirche, solange die Herrschaft der Idee nicht
proklamiert werden knne, das einzig Vernnftige sei. Maruschka, bestndig
knabbernd, verstand kein Wort davon und hielt L'Hermite die Hand hin, als er ihr
wahrsagen wollte, natrlich aber blo killekille machte. Sie war berglcklich
und unterlie nicht, als ihre Hand wieder frei war, ihn abwechselnd auf Brust
und Knie zu tippen. So ging es bis neun Uhr, wo man sich trennte, Maruschka mit
dem Trauerworte, da es bald wieder ganz anders sein wrde, was L'Hermite mit
einem oui, oui besttigte. Dann nahm dieser Lehnerts Arm, und eine Minute
spter stiegen beide gemeinschaftlich die Treppe hinauf.
    Als man oben war, wurde noch ein Plauderabend beschlossen, was Lehnert
durchaus zupa kam, weil er nun endlich zu hren hoffte, was es mit dem feast
und dem festival, von denen Totto wie von etwas geheimnisvoll sich Steigerndem
gesprochen hatte, denn eigentlich auf sich habe.
    L'Hermite lachte. Ja, feast und festival; dies ist die Woche dazu. Les
jours de fte sont passs pour nous, mais (und er schmunzelte) les jours de
fte commencent pour Obadja. Und nach diesem zugespitzten Einleitungsworte
begann er dem aufhorchenden Lehnert zu erzhlen, da die letzten Septembertage
regelmig die groen Fest- und Ehrentage von Nogat-Ehre seien. Im Laufe des
nchsten oder zweitnchsten Tages werde nicht nur Obadja mit Ruth und Toby
wieder von Halstead her eintreffen, sondern auch alles Mennonitische, was auf
dreiig und fnfzig Meilen in der Runde zu finden sei, und dann wrde der
Betsaal unten seine groen Auffhrungen haben. Einem zivilisierten Geschmacke
knne die Sache nicht eigentlich gengen, da man indes eine wirkliche Komdie
nicht haben knne, so sei solch Heiligensabbat immer noch das Unterhaltlichste,
was Nogat-Ehre biete. Das Ganze hier auszuplaudern wrde zu lange dauern,
weshalb er es vorzge, sich fr heut auf ein kurzes Programm zu beschrnken. Die
Sache beginne mit einer Art Vorfeier, und zwar mit der sogenannten Fuwaschung,
bei der Obadja den Heiland spiele. Beilufig gut genug, nur um vierzig Jahre zu
alt. Das alles (bei einer Fuwaschung brigens selbstverstndlich) sei
Abendprogramm, und nun folge tags darauf der eigentliche jour de fte. Dann sei
das ganze Tabernakel so gefllt, da kein Apfel zur Erde knne; wo noch Lcken
seien, wrden ein paar Indianer hineingestopft, und endlich erscheine Obadja in
hchsteigener Person und spreche das Gebet. Daran schlsse sich dann am selben
Tage noch, oder auch am Tage darauf, die Taufe der Neuaufzunehmenden, unter
denen nur selten eine Weihaut sei, und dann komme die Predigt, in der der Alte
meistens Geschmack genug habe, sich kurz zu fassen. Im weiteren Verlauf singe
Ruth, was immer das Beste sei, und zuletzt falle der Chor der Cherokee- und
Arapahokinder ein und habe man dann einen Lrm wie bei Ferdinand Cortez ou la
Conqute de la Mexique, namentlich wenn gleichzeitig das groe Tamtam
geschlagen wrde, das beilufig wirklich aus Mexiko stamme. Der alte
Gunpowder-Face aber, den er (Lehnert) bisher nur von seiner Doktorseite
kennengelernt habe, sei dann - weil er nicht blo die kettle-drums, sondern auch
das Tamtam zu bedienen habe - auf seiner eigentlichen Hhe, she dabei aus wie
ein mexikanischer Oberpriester, und Obadja verschwinde daneben.
    L'Hermite hatte das alles in bester Laune vorgetragen und Lehnert mehr als
einmal ein Lcheln abgentigt. Aber ihn in eine wirklich heitere Stimmung zu
bringen war ihm trotzdem nicht gelungen. Im Gegenteil, Lehnert blieb befangen
und unruhig und sah den Festlichkeiten fast wie mit Bangen entgegen.

Der zweitnchste Morgen brachte nicht nur Obadja samt Ruth und Toby nach
Nogat-Ehre zurck, sondern auch alle Mennoniten aus dem weiteren Umkreise trafen
ein, meist Lehrer und Prediger, die zwischen den Ozark-Mountains und den
Shawnee-Hills ihre Wohnung und ihren Wirkungskreis hatten, und mit ihnen viele
bekehrte Rothute, Mnner und Frauen, die, whrend des Festes, in die Gemeinde
der Taufgesinnten aufgenommen werden sollten. Ein Teil davon, so viele waren
ihrer, mute, wegen Raummangels, in einer benachbarten Indianersiedlung
untergebracht werden, drin unser Freund Gunpowder-Face - welchen Namen er wegen
seines anscheinend mit Schiepulverkrnern berstreuten Gesichts erhalten hatte
- das Regiment fhrte. Nach diesem mehr oder weniger befreundeten Indianerdorfe
kamen viele, der Rest aber verblieb teils in Nogat-Ehre, teils in Obadjas
eigenem Hause, darin wieder Mistress Kaulbars, nach inzwischen erfolgter
Rckkehr vom Vorwerk, mit bewhrter Umsicht das Wirtschaftliche leitete, whrend
Ruth die Honneurs des Hauses zu machen hatte. Freitag war alles versammelt;
erste Begrung im Tabernakel und Ansprache, woran sich dann tags darauf der Akt
der Fuwaschung mit vieler Feierlichkeit anschlo. Und nun ging man dem
eigentlichen groen Festtage, dem Sonntag, entgegen, dessen Programm Monsieur
L'Hermite bereits in aller Krze gegeben hatte.

Bis in die Nacht hinein und dann wieder in frhester Morgenstunde war im Betsaal
alles fr den groen Tag hergerichtet worden, so da man sich, um die neunte
Morgenstunde, darin versammeln und Pltze, nach vorher getroffener Anordnung,
einnehmen konnte. Wie sich denken lt, hatte das Tabernakel unter all diesen
Herrichtungen seine fast an Kahlheit grenzende Schlichtheit eingebt:
berallhin waren Laub - und Blumengirlanden gezogen, am meisten an der der
Eingangstr gegenbergelegenen dreigeteilten Empore, zu deren Fen, um ein
geringes vorspringend, der von Lichtern flimmernde Altar aufragte. Hierher
richtete sich denn auch die Hauptaufmerksamkeit, desgleichen nach dem breiten
Mittelteile der Empore, wo Ruth in vorderster Reihe stand, um sie her die den
Chor bildenden Mennonitentchter von Nogat-Ehre. Daneben aber, in dem rechten
und linken Flgelteile, befanden sich, zur Verstrkung des Chors herangezogen,
viele Indianerkinder, deren eines, ein sehr hbsches Mdchen, eine Christusfahne
hielt, whrend, ganz im Hintergrunde, Huptling Gunpowder-Face nicht blo mit
einem mexikanischen Oberpriester-, sondern geradezu mit einem mexikanischen
Gtzengesicht sichtbar wurde, glhugig und erregt, weil ihm, wie herkmmlich,
so auch heute wieder, die beiden Kesselpauken und vor allem das an der Wand
hngende Tamtam zur Bedienung anvertraut worden waren. Die Kesselpauken, wie
noch hervorgehoben werden mu, waren ein Geschenk von Monsieur L'Hermite, der
sie, mit Hilfe selbstprparierten Pergaments, erfinderisch und kunstvoll
hergestellt hatte, zugleich mit der schon erwhnten, von dem jungen
Cherokeemdchen gehaltenen Kirchenfahne, deren auf Wolken thronender Heiland
allerdings mehr an Judas Ischariot als an Christus erinnerte - wobei
selbstverstndlich im Dunkel blieb, ob L'Hermite diese
Dreiig-Silberlings-Physiognomie mit Absicht oder nur in totaler Abwesenheit
Leonardischer Kunst geschaffen hatte.
    Festlich wirkte die dreigeteilte Empore samt Altar, aber kaum minder
festlich der Saal selbst, nachdem er sich unten auf allen seinen Pltzen gefllt
hatte. Vorn, auf den ersten zwei Bnken, erblickte man in langer Reihe die
Mnner und Frauen, meist vom Stamm der Arapahos, die heute noch, seitens
Obadjas, in die Gemeinde der Taufgesinnten aufgenommen werden sollten, und
zwischen ihnen, als Paten oder Taufzeugen, saen die Mennonitenvter von
Nogat-Ehre samt den Lehrern und Missionaren, sechs an der Zahl, die das Werk der
Bekehrung geleitet hatten. Einer derselben, mit einem feinen Windhundkopf, war
ersichtlich ein Englnder: Mister Anthony Shelley, whrend die fnf andern
smtlich gute Deutsche waren, was nicht blo ihre vierkantigen Kpfe, sondern
beinah mehr noch ihre kerndeutschen Namen bezeugten: Bartels und Nickel,
Krhbiel, Stauffer und Penner. All diese hatten auf der ersten und zweiten
Bankreihe Platz gefunden, unmittelbar hinter ihnen aber saen alle die, die mit
zum Obadjaschen Hauswesen, trotzdem aber nicht eigentlich zur Gemeinde von
Nogat-Ehre gehrten, also Maruschka und Totto, Mister und Mistress Kaulbars,
Lehnert und L'Hermite, letzterer in einem Respektabilittsanzuge, drin man ihn
nur mhsam wiedererkennen konnte. Von Lehnert gefragt, warum er berhaupt
erschienen sei, hatte er in der ihm eignen Weise geantwortet, da er das seinem
Christus in Gouache, vor allem aber seinem Freunde Gunpowder-Face schuldig sei,
welcher letztere, trotz seiner Bekehrung - und was mehr sagen wolle, trotz
seiner persnlich freundschaftlichen Gefhle fr ihn - doch nach seinem Skalp
trachten werde, wenn er sich seiner (Gunpowder-Faces) allerdings ans Virtuose
streifenden Paukenleistung entziehen wolle. Das war so L'Hermites Redeweise. Sah
man ihn aber so sitzen, so schien er voll Ernst und Interesse, zumal wenn er,
halb nach rckwrts gewandt, die zweite Hlfte des Saales neugierig musterte,
drin die schon frher getauften Cherokees und Arapahos zu Hunderten standen und
mit groen Augen nach dem Altar hinbersahen, an dessen Stufen sich der heutige
Feierlichkeitsakt vollziehen sollte.
    Dem groen Feierlichkeitsakte vorauf aber ging ein Gebet, darin Obadja,
unter Vermeidung alles blo Lehrstzlichen, das gab, was er praktisches
Christentum nannte. Lasset uns beten! so begann er. Das Gebet heiligt uns und
macht unsere Seele frei. Das Gebet macht uns jeden Tag zum Feiertag. Ohne Gebet
wre unser Leben ein Haus ohne Dach, ein Garten ohne Blumen, eine Wste ohne
Oase. Was unser groer Benjamin Franklin von der Migkeit gesagt hat, das sag
ich von der Frmmigkeit: sie bringt Kohlen zum Feuer, Mehl in das Mehlfa, Geld
in den Beutel, Kredit bei der Welt, Zufriedenheit in das Haus, Kleider fr die
Kinder, Verstand ins Gehirn und Leben in alle Verhltnisse. Das sind die Wunder
der Frmmigkeit, und das Gebet ist unser Beistand und unsere Hilfe dazu!
    L'Hermite nickte Zustimmung, whrend er vor sich hin brummte: Ca suffit,
Obadja seinerseits aber fuhr fort: Unsere Hilfe, sag ich. Aber das Gebet, das
helfen und Wunder tun soll, das mu den rechten Weg gehen. Wer den falschen Weg
geht, dem hilft kein Gebet, und vor allem htet euch vor denen, die der armen
Seele, sei's mit Wissen, sei's ohne, den falschen Weg weisen. Lasset euch
erzhlen von einem, der den falschen Weg wies. Ein alter Mann kam zu sterben und
schickte nach dem Geistlichen, um ihm zu beichten. Und der Geistliche kam. Und
nun hret, was der Alte zu beichten hatte! Leute htten in der Wildnis einen
Wegweiser gesetzt, und als der Wegweiser gestanden, da hab er ihn umgedreht und
dadurch Tausende in die Irre gefhrt. Das laste jetzt schwer auf seiner Seele...
So war die Beichte des Alten. Ich aber sage euch: wer die Lehre verdreht oder
umkehrt, der tut Schlimmeres, denn er fhrt von dem rechten Weg ab, der allein
zum Himmel fhrt. Unser Wegweiser aber, dessen bin ich sicher, zeigt in die
rechte Richt, denn er ist das Wort Gottes, und wir beten, da er uns das Licht
und das Auge gebe und die Kraft dazu, die Wege zu wandeln, die er uns weist.
    Ein liturgischer Vers wurde nach dem Gebet gesungen, und als auch der Gesang
schwieg, gab Obadja ein Zeichen, und die zu Taufenden traten nun vor. Und er
besprengte sie mit dem Taufwasser und sprach die Formel. L'Hermite aber nickte
wieder und sah zu seinem Freunde Gunpowder-Face hinauf, der, zur Antwort, ihn
freundlich angrinste, whrend die pltzlich von einem Feierlichkeitsgefhl
angewandelte Maruschka die Galvestonsche Bonbontte, die sie bis dahin in der
Hand gehabt hatte, leise beiseite schob und das Kreuz schlug.
    Obadja war inzwischen von dem Taufbecken wieder an den Altar getreten, um
nun, worauf alles wartete, die eigentliche Predigt zu halten, die - wie
gewhnlich bei diesen Jahresfesten - die Hauptunterscheidungspunkte der
mennonitischen Lehre betonen sollte. Der Text aber, den er seiner Predigt
zugrunde gelegt hatte, war der: Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert
umkommen, und daneben der andere Spruch: Die Rache ist mein, spricht der
Herr. Er sah, als er diese Worte sprach, zu Lehnert hinber, der sein Auge vor
dem ruhigen Blick des Alten senkte. Dann aber wandte sich dieser der Auslegung
seiner Textesworte zu und stellte die Bilder kriegerischen und friedlichen
Lebens einander gegenber. Alles Blut, was flsse, flsse zum Unheil, und nur
einmal sei Blut zum Heil geflossen, freilich nicht zum Heile derer, die's
vergossen, wohl aber zum Heile der Menschheit, um deretwillen es vergossen
wurde. Das sei das Erlserblut Jesu Christi gewesen. Alles andere Blutvergieen
aber sei Snde, zumeist, wenn es flsse, der Rache des einzelnen zuliebe. Das
fhre zu sicherem Untergang und Verderben. Aber auch der groe Krieg sei Snde,
auch das Blutvergieen um Land und Herrscher und selbst um Glaubens und Freiheit
willen. Und so hab er denn auch in diesem gesegneten Lande den Krieg beklagt,
den Nord und Sd um die Frage der Befreiung ihrer schwarzen Brder gefhrt
htten, sosehr er dieser Befreiung selbst auch entgegengejubelt habe.
Fortschritt und Freiheit sollten freilich ihren Einzug halten in die Welt, aber
auf einer Palmenstrae, nicht auf einer Strae, da die Kriegsknechte zu beiden
Seiten am Wege stehen. Absage dem Krieg, das sei die Lehre der Taufgesinnten.
Und so hret denn zum Schlu: bermut macht Krieg, Demut macht Frieden. Und der
Frieden im Gemt ist das Glck und die Vorbereitung zum ewigen Heil. Selig sind
die Friedfertigen, selig sind, die reines Herzens sind. Die Rache ist mein,
spricht der Herr.
    Obadja schwieg jetzt, und im Augenblick, als er die Stufen verlie, klang es
von der Mittelempore her:

Rhret eigner Schmerz
Irgend unser Herz,
Kmmert uns ein fremdes Leiden,
O so gib Geduld zu beiden,
Richte unsern Sinn
Auf das Ende hin!

Es war Ruth, deren Stimme mit wunderbarer Klarheit durch den Saal drang, whrend
die jungen, sie umstehenden Mdchen die Palmenzweige immer hher ber ihr
emporhielten. Lehnert sah hinauf, zitternd vor innerster Bewegung, und wollte
die Friedenssttte meiden, die seine Sttte nicht mehr war. Aber eh er sich
erheben konnte, klang der Schluvers von oben her:

Soll's uns hart ergehn,
La uns feste stehn
Und auch in den schwersten Tagen
Niemals ber Lasten klagen,
Denn durch Trbsal hier
Geht der Weg zu dir.

Und nun schwieg auch Ruth und trat, verdeckt fast von den ber sie gehaltenen
Zweigen, in den Hintergrund der Empore zurck. Aber ehe sie sich noch ganz dem
Auge der unten Versammelten entziehen konnte, fiel auch schon, von rechts und
links her, der Chor der Indianerkinder ein, und whrend das schne
Cherokeemdchen, strahlend vor Freude, die Christusfahne schwang, rhrte
Gunpowder-Face seine kettle-drums und schlug zugleich zweimal an das hinter ihm
aufgehngte Tamtam.
    L'Hermite war nicht mde, stille Zeichen des Beifalls zu geben und huldigend
hinaufzugren, aber ehe er noch einen Gegengru eintauschen konnte, vernahm er
auch schon, unmittelbar neben sich, einen schweren Fall und sah, sich wendend,
da Lehnert, wie vom Schlage getroffen, zusammengebrochen war.
    Alles drngte herzu, Maruschka und Toby und zuletzt auch Obadja und Ruth.
    Er ist tot.
    Nein, er lebt, sagte Ruth im festen Glauben ihres Herzens. Und ihr Auge
leuchtete, als sie so sprach.

                           Fnfundzwanzigstes Kapitel


Das Jahresfest konnte nicht eindringlicher abschlieen, und als am andern Tage,
nach voraufgegangener Beichte Lehnerts, Lehnert selbst (woran bis dahin weder er
noch andere gedacht hatten) in die Gemeinde der Taufgesinnten aufgenommen worden
war, war man einig, da, bei der Beschreibung des Festes in den Blttern der
mennonitischen Genossenschaft, auch speziell dieses Bekehrungsherganges, als
einer wunderbaren Erweckung, gedacht werden msse. Ganz besonders waren es die
Brder Krhbiel und Nickel, die sich in diesem Sinne vernehmen lieen und bei
der Gelegenheit in Obadja drangen, sie mit der Vorgeschichte Lehnerts bekannt zu
machen. Obadja aber lehnte dies Ansinnen nicht nur ab, sondern behandelte das
Vorkommnis berhaupt als ein Etwas, das wohl erfreuen und zufriedenstellen, aber
nicht gro in Verwunderung setzen knne. Er ging darin so weit, da seine zur
Schau getragene Ruhe den trotz tiefster Erschtterung immer noch in menschlicher
Eitelkeit verbliebenen Lehnert beinah verletzte, whrend Krhbiel und Nickel,
was wohl auch in Obadjas eigentlichster Absicht gelegen haben mochte, nicht mde
wurden, aus dieser Ruhe des Alten aufs neue den Beweis seiner berlegenheit und
seines besonderen Berufenseins fr sein Amt herzuleiten. Und mehr oder weniger
war dies die Meinung aller. Selbst L'Hermite gab seiner Genugtuung auf seine
Weise Ausdruck und sagte zu Krhbiel: Oui, oui, c'est beaucoup plus que le
prophte du Testament, c'est le prophte de Meyerbeer.
    In der Tat, jeder fhlte sich erhoben, und nur einer war da, der sowohl der
Tatsache der Erweckung wie dem Erwecker gegenber in seiner landeseigentmlichen
Nchternheit verharrte. Dieser eine war natrlich Mister Kaulbars. Sieh, Rse,
so etwa waren seine Worte, da siehst du, was ein Schlesier is. Die sind so...
ja, wie sag ich blo, die sind so duselig, so gleich weg und fallen um wie
Bleisoldaten, schon blo wenn einer antippt. So was kann unserein gar nich
passieren. Und nun gar erst der Alte!
    Nu hre, Martin, gegen den Alten wirst du doch woll nichts sagen wollen!
Der Alte is ja doch soweit ganz gut.
    Freilich is er. Warum soll er auch nich? Und ich mu auch sagen, er macht
es fein und forsch genug und sieht aus, na, wie sag ich gleich, na doch
wenigstens wie Abraham oder wie Noah oder so einer von die Allerltesten. Aber
du meine Gte: Stehe auf und lebe, was er da zuletzt doch wahr und wahrhaftig
gesagt hat, als Lehnert wie fr dod dalag, sieh, Rse, das is ja doch schon die
reine Dodenerweckung oder Jngling zu Nain. Und soviel is doch nich los mit ihm.
Er ist ja doch am Ende kein Christus nich und auch kein Heiland, und wenn ich
auch nichts gegen ihn sagen will, denn darin hast du ganz recht, er ist immer
noch von die Besten einer - aber hre, soviel bleibt doch, wo Bartel Most holt,
das wei er ganz gut und wei auch ganz gut, da die Spargelkppe besser
schmecken als die Stangen, und in Denver hat er was in der Bank liegen, und in
Galveston hat er was liegen, und in Amsterdam hat er auch was liegen. Er hat
berall was liegen. Und dann: Steh auf und lebe, und auch gleich niederknien
lassen und ihm die Hand hinhalten, bis er seinen Handku weg hat... Ne, Rse,
das is mir zuviel. Unser alter Rthnick in Schwante, na, da kniete man woll auch
mal nieder und kam auch so was vor, aber Rthnick war arm, und dieser is reich.
Und Armut, das is die Hauptsache. Glaube mir, auf die Armut kommt es an!
    Rse lachte und sagte: Du sagst sonst immer, Martin, aufs Geld kme es an.
    Is auch ganz richtig, aufs Geld kommt es auch an. Aber wenn einer immer
dasteht wie vom Himmel hoch, da komm ich her, da mu er an das Kamel und das
Nadelhr denken und nicht rechnen knnen wie 'n Bankdirektor.
    Freilich, rechnen kann er, sagte Rse.
    Na siehst du, nu sagst du's auch schon.

Ja, auf Kaulbars und Frau - die, bald nach der Abreise der Gste, nach ihrem
Vorwerke wieder hinausgezogen - war die Wirkung der Erweckung nicht allzu gro
gewesen, desto grer aber auf Tobias und Ruth. Sie hatten von Anfang an eine
Liebe zu Lehnert gehabt, die sich jetzt, nachdem er ein Mitglied der Gemeinde
geworden, unbefangener zeigen durfte, was dann selbstverstndlich auch das
Vertrauen auf Lehnerts Seite steigern mute, so weit, da es allmhlich zur
Vertraulichkeit wurde. L'Hermite, ganz unkleinlich und jedenfalls frei von jeder
Eifersuchtsregung, hatte seine Freude daran, und so begann denn bei beiden ein
Wetteifer, nicht nur in ihrer Liebe zu den Geschwistern, sondern auch - wozu die
groen Eisenbahnlinien nach dem Sden und Osten die Mittel und Wege schafften -
in der Erfllung aller Wnsche, die Ruth und Toby hegten. Ja, die beiden
sonderbaren Schwrmer, von denen der eine den Erzbischof von Paris und der
andere den Frster Opitz auf dem Gewissen hatte, kannten nichts Schneres, als
fr Miss Ruth zu denken und zu arbeiten, und fhlten sich belohnt, wenn sie
lachte, nickte, dankte.
    Der Lehnert-L'Hermiteschen Reunion-Abende wurden, in natrlicher Folge
davon, immer weniger, und an ihre Stelle traten Familienabende, zu deren
Abhaltung man sich auf Ruths oder Maruschkas Zimmer versammelte. L'Hermite,
sosehr er sich dieser Abende freute, kam freilich nur selten und immer nur auf
Aufforderung, desto hufiger aber stieg der Alte die Treppe hinauf, und mit
herzlicher Genugtuung erzhlten alsbald die Kinder, da der Vater, seit der
Mutter Tode, kaum jemals in ihrer Mitte so frhlich und guter Dinge gewesen sei
wie gerade jetzt.
    Da er dies sein konnte, war vor allem Ruths, aber doch auch Lehnerts
Verdienst. Denn wenn Ruth erfinderisch und in ihren Vorschlgen immer auf einen
glcklichen Wechsel bedacht war, so war es doch schlielich allemal Lehnert, der
das wechselvolle Programm durchzufhren hatte. Vielleicht, da er damit
gescheitert wre, wenn er nicht voll musikalischen Sinnes und zugleich - wie
schon der alte Kommandant von Fort MacCulloch in seinem Briefe geschrieben hatte
- von einer nicht unbetrchtlichen Fertigkeit im Geigen- und Zitherspiel (und
eine Zither hatte sich natrlich gefunden) gewesen wre. Ruth ihrerseits war
eine kleine Gesangsvirtuosin, als die wir sie schon im Tabernakel kennenlernten,
und wenn ihre melodische Stimme, whrend Toby auf dem Harmonium und Lehnert auf
der Geige begleitete, durch das Zimmer klang, so verklrten sich des alten
Obadja Zge, und glckliche Stunden, die nun weit, weit zurcklagen, Stunden aus
der Kindheit Tagen her, traten wieder lebhaft vor seine Seele. Das zurckhaltend
Feierliche, das er sonst hatte, fiel in solchen Stunden von ihm ab, und im
Augenblicke, wo die Kinder diesen Wechsel eintreten sahen, wechselten sie, je
nach dem Ma der aufkeimenden guten Laune, rasch auch die Lieder selbst, und
wenn eben noch ein Choral auf dem Notenpult gestanden hatte, so wurde jetzt ein
weltliches, wenn auch zunchst noch ein elegisches Lied aus dem Choral. Eines
unter diesen elegischen Liedern, welches das Lied vom Herzen hie und eine
sehr gefllige, ganz fr die Zither berechnete Melodie hatte, war eine Zeitlang
aller Lieblingsstck, so sehr, da selbst Monsieur L'Hermite mit einstimmte.

's Herz ist ein spaig Ding,
An sich nur klein und g'ring;
Oft ist's ganz muschenstill,
Dann hmmert's wie 'ne Mhl,
Oft tut mir's wohl und oftmals wehe! -
Drum denk'ch in meinem Sinn,
's sitzt was Lebend'ges drin,
Zeigt Freud und Schmerzen
Ganz tief im Herzen! -

Auch Maruschka sang mit Vorliebe diese Strophe mit, trotzdem sie vom Text wenig
oder nichts verstand, aber das Zittrige der Melodie tat ihr unendlich wohl und
bestimmte sie, whrend sie weinte, Mal auf Mal auf das Durchsingen aller
Strophen zu bestehen. Es waren ihrer sechs oder sieben, unter denen die junge
Welt die zweite bevorzugte. Diese lautete:

Wenn man was Bses tut,
Da hmmert's gar nicht gut,
Dann redt man gern sich ein:
's wird wohl so schlimm nicht sein,
Man mcht die Wahrheit sich nicht sagen!
Doch - was hilft aller Schein,
Der droben schaut darein,
Er wird's am Schlagen
Dir deutlich sagen! -

In Lehnerts Auge flimmerte dann was, auch wohl bei den andern, und nur Obadja,
der, infolge seines Vertrautseins mit dem Kirchenliede, dem blo Weichlichen
durchaus abhold war, auerdem auch die dnne knipsige Begleitung auf der Zither
nicht recht leiden konnte, blieb ziemlich nchtern bei diesen Sentimentalitten,
die die Kinder, in totaler Verkennung seines Geschmacks, recht eigentlich fr
ihn ausgesucht hatten, und kam immer erst in die richtige, von seiner Umgebung
gewnschte Stimmung, wenn man aus dem Gefhlvollen offen und ehrlich in die
direkten Heiterkeiten berging.

Auf Schlesiens Bergen, da wchst ein Wein,
Den trifft nicht Regen, nicht Sonnenschein ...

Ja, das tat ihm wohl, und wenn Obadja dann, am Schlu des Liedes, den sich in
seiner Trinkwette fr berwunden erklrenden Teufel laut jammern hrte:

Noch mehr zu trinken solch sauren Wein,
Mu man ein geborner Schlesier sein ....

da kam ein Lachen ber ihn, so herzlich, als ob er nie der Hohepriester von
Nogat-Ehre gewesen wre.
    Da dem so sein konnte, das hing brigens noch mit einem andern Zuge seiner
Natur zusammen: Obadja, trotz beinah vierzigjhrigen Aufenthalts in Amerika,
hatte sich einen altheimatlichen Sinn, ganz besonders aber einen Sinn fr
provinziale Sitten und Vorkommnisse bewahrt, und gleich nach Kaiser Wilhelm und
Bismarck gab es eigentlich nichts Unterhaltlicheres fr ihn als
Weichselberschwemmungen oder Sand- und Schneeverwehungen auf der Nehrung oder
Bernsteinausgrabungen - lauter ost- und westpreuische Themata, daran sich
selbstverstndlich auch schlesische Besonderheiten anschlieen durften, und je
mehr Sagen und Mrchen aus dem Riesengebirge von Lehnert erzhlt und je mehr
Wichtelmnnchen und Zwerge dem Monsieur L'Hermite fr seine Schrfversuche zur
Verfgung gestellt wurden, je lchelnder und glcklicher sah Obadja drein. Am
meisten, und das galt fr alt und jung, interessierte natrlich Rbezahl, von
dem jeder immer mehr hren wollte, bis Lehnert versprach, ihnen allen einen
Rbezahl in Holz zu schnitzen. Das knne jeder Schlesier, und er wolle sich fr
Portrthnlichkeit verbrgen, trotzdem er Rbezahl seit ber sechs Jahren nicht
mehr gesehen habe.
    Und gesagt, getan. Eine groe Fichtenflechte, die fr Haar und Bart zu
sorgen hatte, wurde von den benachbarten Ozark-Mountains herbeigeschafft, und
schon am nchsten Familienabende machte der alte Berggeist, dem L'Hermite ein
Paar rote Glasaugen eingesetzt hatte, seine Aufwartung und ging reihum und wurde
bestaunt und bewundert. Nur Maruschka erklrte, ihn nicht anfassen zu wollen;
der heilige Niklas sei es nicht, also sei es ein Gtze. Und mit dieser ihrer
naiven Erklrung behielt sie mehr recht, als sie selber erwartet haben mochte.
Denn kaum drei Tage nachdem man das Holzbild in die Halle gestellt hatte, lieen
sich mehrere Mennoniten von Nogat-Ehre bei Obadja melden und stellten den
Antrag, den Gtzen, der bereits Ansto in der Gemeinde gegeben habe, wieder
beseitigen zu wollen, ein Antrag, dem natrlich Folge gegeben und mit dessen
Ausfhrung: ein Autodaf drben im Parkgarten, Monsieur L'Hermite betraut wurde.
Ja, der Rbezahl ging in Flammen auf, aber diese Nachgiebigkeit machte die mal
zu Wort gekommenen Unzufriedenen nicht schweigen, seitens derer die Gelegenheit
benutzt und ber den Einzelfall hinausgreifend ganz allgemein bemerkt wurde: Das
kme davon, wenn man sein Haus zur Freisttte fr all und jeden mache - eine
Bemerkung, die sich brigens, sonderbar zu sagen, nicht so sehr gegen Lehnert
und Monsieur L'Hermite wie gegen Maruschka richtete, der es nichts half, das
unzweifelhaft harmloseste Mitglied der katholischen Kirche zu sein. Obadja nahm
daraus Veranlassung, am nchsten Sonntag im Betsaale eine Ansprache zu halten
und auf den Unterschied zwischen einem Gtzen und einem bloen Spielzeug
hinzuweisen. Auch gegen ein solches, ein Spielzeug, rigoros vorzugehen, verenge
den Sinn und verkmmere das Leben. Und was die Dinge angehe die nebenher noch zu
seinen Ohren gekommen seien, so sei sein Haus ein Haus des Friedens und der
darin herrschende Geist, nach seinem allerbestimmtesten Wunsch und Willen, ein
Geist des Ausgleichs und der Vershnung, ein Quell, der jeden labe, der da
durstig sei. Nach dieser Ansprache beruhigte man sich wieder in der Gemeinde.
Die schlesischen Geschichten aber mit ihrem verdeckten Heidentume, soviel hatte
dieser Protest doch gewirkt, wurden auf lngere Zeit vom Programm abgesetzt, und
fr Ruth lag wieder die Notwendigkeit vor, nach anderem Unterhaltungsstoff
auszusehen.
    Und bald war eine Hilfe gefunden, und zwar zumeist dadurch, da man
bereinkam, die Musikabende mit Leseabenden abwechseln zu lassen. Aber was
sollte man lesen? Erbauliches gab es jeden Tag bei der Morgenandacht; es war
also hchst wnschenswert, eine Lektre zu finden, am besten eine Romanlektre,
deren weltlicher und vielleicht selbst liebesgeschichtlicher Inhalt immer noch,
auch wenn Obadja der Vorlesung beiwohnte, fr zulssig angesehen werden konnte.
L'Hermite, mit dem ihm eigenen grotesken Ernst, proponierte Madame Bovary,
dann Nana, Vorschlge, die von Ruth und Toby, da das Renommee dieser Romane
selbst bis Nogat-Ehre gedrungen war, unter Heiterkeit niedergestimmt wurden -
eine Heiterkeit, dran auch Maruschka, wie an jeder Heiterkeit, teilnahm, ohne zu
wissen, um was sich's handelte. Flaubert und Zola fielen also, alles
Franzsische berhaupt, denn nur Englisches und Deutsches sollte Geltung haben,
und nachdem man auch noch einen zweiten Abend unter Namensnennung aller
mglicher alter und neuer Autoren und ihrer Werke verbracht hatte, kam man auf
Ruths und Tobys Vorschlag endlich berein, mit Bret Hartes kleinen Erzhlungen
und Pestalozzis Gertrud und Lienhardt abwechseln zu wollen. Gertrud und
Lienhardt wren ihnen zwar schon bekannt, aber damals seien sie Kinder gewesen,
und sie wollten jetzt sehen, ob es noch Stich halte, vor allem aber, ob zwischen
Lehnert und Lienhardt eine hnlichkeit sei und wer von beiden ihnen besser
gefalle.
    Mit Bret Harte fing man an, und The Luck of Roaring Camp ebenso wie die
Outcasts of Pokers Flat kamen gleich in der ersten Woche zum Vortrage.
Sonderbarerweise kannte niemand die Sachen, auch Lehnert nicht, trotzdem er
jahrelang in den Diggings und San Francisco gelebt hatte. Dafr aber kam diesem,
als es ans Kritisieren ging, sein Vertrautsein mit den kalifornischen Menschen
und Zustnden zustatten, derart, da er einfach als Autoritt angesehen und
selbst von Obadja, der all diesen Schilderungen mit grtem Interesse gefolgt
war, um seine Meinung gefragt wurde. Lehnert, zum ersten Mal in seinem Leben vor
solche Frage gestellt, geriet in eine gewisse Verlegenheit und wollte sich dem
Sprechenmssen entziehen. Als er aber kein Entrinnen sah, nahm er sich ein Herz
und sagte, da ihn alles tief ergriffen habe, besonders die Outcasts of Pokers
Flat, denn solche Figuren gb es in betrchtlicher Zahl in den Diggings. Alles
in allem aber fnd er doch, da der Erzhler um etliche Grade zu nachsichtig und
zu gelinde vorgegangen sei. Lg es so, wie Bret Harte die Dinge geschildert, so
wren alle diese sonderbaren Leute nichts als gescheiterte Prachtmenschen, bei
denen, je nach der Abstammung, der Gentleman oder der Hidalgo oder der Chevalier
in jedem Augenblick wieder zum Vorschein kommen msse. Was er indessen
persnlich kennengelernt habe, das seien, wenn auch mit gelegentlichen
Ausnahmen, nur Rowdies gewesen, Rowdies, die mit dem Bowiemesser besser als mit
dem Degen Bescheid gewut htten. Mit einem Wort, er fnde, da die
kalifornische Natur vorzglich getroffen, aber die kalifornische Menschheit doch
allzusehr verherrlicht sei. So vornehm seien die Leute nicht.
    Diese Worte Lehnerts fanden Zustimmung bei Obadja, noch mehr bei L'Hermite,
der nur hinzusetzte, man msse diese Schnfrberei mglichst milde beurteilen,
weil sie sich durch alles zge, was geschrieben wrde. Der groe Zola, dessen
neuestem Roman er erst neulich wieder in der Galveston-Gazette begegnet sei,
mache freilich Versuche, dem belstande beizukommen, aber immer noch schwchlich
und mit durchaus unausreichendem Mut. Erst die Herrschaft der Idee werde die
Lge beseitigen, zunchst aus dem Leben und hinterher auch aus der Literatur.
    Die nchste Woche begann mit Gertrud und Lienhardt.
    Wir wollen grndlich vorgehen, nahm Obadja gleich am ersten Abende das
Wort. Das heit, wir wollen auch die Vorrede lesen. Das sind schlechte Leser,
die von Vorreden nichts wissen wollen.
    Ich kenne nur langweilige, sagte L'Hermite.
    Das kommt vor, aber nicht immer. Unter allen Umstnden wollen wir's
versuchen. Lies, Ruth!
    Und nun nahm Ruth das Buch und schob die Lampe nach links.
    Es waren aber Mnner unter den Heiden, so begann sie, Mnner voll
Weisheit, die weit und breit auf der Erde ihresgleichen nicht hatten. Und diese
sprachen: Lasset uns zu den Knigen und ihren Gewaltigen gehen und sie lehren,
ihre Vlker glcklich zu machen. Und sie gingen auch. Und die Knige und
Gewaltigen, als sie die Lehre der Weisen gehrt, lobten die weisen Mnner und
gaben ihnen Gold und Seide, taten aber gegen ihre Vlker wie vorher. Und die
weisen Mnner wurden von dem Gold und der Seide blind, und nur einer war, der
verga nicht seines Worts und seiner Pflicht und gab dem Bettler seine Hand und
grte den Zllner samt dem Knecht und fhrte den Snder und den Verbannten in
seine Htte. Das sah das Volk und pries ihn um seines Ausharrens in der Liebe
willen.
    Ruth, als sie bis zu dieser Stelle gelesen, wollte rasch fortfahren, Obadja
nahm aber jetzt seinerseits das Wort und bemerkte, da er sich keine bessere
Vorrede denken knne, denn sie gbe das Leitmotiv fr das Ganze, welches Wort er
whle, weil es jetzt drben derartig Mode sei, da man's in jedem
Zeitungsblatt finde...
    Oui, oui, sagte L'Hermite. C'est le grand mot du grand Richard...
    Es ist, fuhr Obadja fort, ohne der Unterbrechung weiter zu achten, es ist
der richtige Taktaufschlag und lt dem Leser kaum Zweifel ber den Geist, aus
dem heraus das Ganze geschrieben ist. Und dieser Geist ist der republikanische
Geist. Und da derselbe hier lebendig ist, hier in dieser herrlichen alten
Schweizergeschichte, das ist ein Vorzug, dessen sich nur wenig deutsche Bcher
rhmen drfen. ber allen deutschen und namentlich ber allen preuischen
Bchern, auch wenn sie sich von aller Politik fernhalten, weht ein kniglich
preuischer Geist, eine kniglich preuische privilegierte Luft; etwas
Mittelalterliches spukt auch in den besten und freiesten noch, und von der
Gleichheit der Menschen oder auch nur von der Erziehung des Menschen zum
Freiheitsideal statt zum Untertan und Soldaten ist wenig die Rede. Darin ist die
schweizerische Literatur, weil sie die Republik hat, der deutschen berlegen,
und alle Deutsche, die, wie wir, das Glck haben, Amerikaner zu sein, haben
Grund, sich dieses republikanischen Zuges zu freuen.
    Alles nickte. Nur L'Hermite, der nichts Lcherlicheres als jene
Halbheitszustnde kannte, die sich Republik nennen, wiegte den Kopf mit
berlegener Miene hin und her und war froh, als auf Weiterlesen gedrungen wurde.
Ruth, weil sie lieber selbst las als zuhrte, sprach den Wunsch aus, fortfahren
zu drfen, und Obadja stimmte zu.
    Noch denselben Abend kam man ein gut Stck in die Geschichte hinein, die
bald wieder alt und jung ins Interesse zog. Voran in lebhafter Teilnahme stand
aber Lehnert, vielleicht, weil er aus vielem, was da erzhlt wurde, seine eigene
Lebensgeschichte heraushrte. Lienhardt, das war er selbst, und der bse Vogt,
der den armen Lienhardt geqult und zum Schlechten verfhrt, das war Opitz. Er
wollte immer mehr hren und war beinahe migestimmt, als man auf Obadjas Gehei
pltzlich abbrach und die Vorlesung bis auf den andern Abend vertagte.
Wenigstens das nchste Kapitel, das sich Niedriger Eigennutz betitelte, htt
er gern noch kennengelernt, und so nahm er denn, als man sich bald danach
zurckzog, das von Ruth auf einen Ecktisch gelegte Buch zur Befriedigung seiner
Neugier mit in sein Zimmer hinber und las bis Mitternacht. Dann schritt er noch
eine Zeitlang auf und ab, um seiner Aufregung Herr zu werden, und ffnete dabei
das Fenster und lehnte hinaus und sah nach dem in klaren Umrissen daliegenden
Gebirge hinber. Darber flimmerten die Sterne. Ihm war es, als erblick er die
Leiter, von der L'Hermite damals in jener Mond- und Spuknacht gesprochen hatte,
nur mit dem Unterschiede, da er, statt ihn ngstigender Schatten, Engel und
Lichtgestalten auf- und niedersteigen sah. Und nun schlo er das Fenster wieder
und sah Ruth, wie sie drben in halber Beleuchtung gesessen und in den
Lesepausen abwechselnd dem Vater und der alten Maruschka die Hand gestreichelt
hatte.
    Ja, wer so geboren wird, wen das Leben so wiegt und trgt... Armer Mensch
ich, arm und elend und verloren, wenn Gott nicht ein Wunder tut... Aber wie's
auch komme, doch gut, da ich das alles noch erlebt... Und wenn er ein Wunder
tte! Hab ich es verwirkt? Ist ein Wunder unmglich? Nie, sonst wr es kein
Wunder.
    Und er lebte sich in diese Vorstellung ein und legte sich's zurecht und sah
wieder heiter in die Zukunft. Unklare, verschwimmende Bilder von Besitz und
Glck und Ruhe stiegen vor ihm auf.

                          Sechsundzwanzigstes Kapitel


Ruth und Toby war es nicht entgangen, da Lehnert das Buch mit hinbergenommen
hatte; beide hatten sich darber gefreut und fast auch ber die Heimlichkeit,
mit der es geschah. Sie gestanden sich das, als sie tags darauf nach der
Morgenandacht die Treppe hinaufstiegen, um oben in Ruths Zimmer noch ein kurzes
vertrauliches Geplauder zu haben. Sie setzten sich einander gegenber und sahen
eine Weile Maruschka zu, die mit groen Holznadeln an einem mchtigen Wollshawl
strickte, whrend ein Rotfink im Zimmer hin und her flog. Zuletzt folgten die
Geschwister dem Hinundherfluge des schnen Tieres, und als es sich auf den
Ecktisch setzte, darauf Ruth gestern das Gertrud-und-Lienhardt-Buch gelegt
hatte, sagte diese:
    Sieh, Toby, da liegt das Buch wieder! So geschickt er es gestern
mitgenommen, so geschickt hat er es heute wieder hingelegt. Es mu gewesen sein,
als wir schon unten waren; er kam auch eine Minute zu spt, und der Vater sah
ihn an. Gib das Buch her, vielleicht hat er ein Zeichen eingelegt oder gar ein
paar Striche gemacht. Manche knnen das nicht lassen, und ich mchte beinahe
sagen, er sieht mir ganz danach aus.
    Toby, gehorsam, holte das Buch, und Maruschka mit dem langen weien
Wollshawl, der aber lngst aufgehrt hatte, wei zu sein, rckte nher heran,
weil sie neugierig war. Und nun begann Toby zu blttern, whrend ihm Ruth, die
sich von ihrem Platz erhoben hatte, neugierig ber die Schulter sah.
    Siehst du, lachte sie pltzlich auf, da kommen schon die Striche; wie
richtig ich meinen Mann erkannt habe! Das htte nicht mit rechten Dingen zugehen
mssen, wenn's anders gewesen wre. Wer Bcher heimlich mit fortnimmt, der macht
auch Striche hinein, und vielleicht sogar mit der Absicht, andere wissen zu
lassen, was ihm am besten gefallen hat.
    Woher weit du so was, Ruth?
    Einfach genug. Weil ich es selber ein paarmal so gemacht habe.
    Wo denn? Hier?
    Nein, in Halstead, in der Schule. Das ist aber gleich, la uns lieber
sehen, wieviel Striche wir finden. Hoffentlich nicht zu viele. Drei, vier, das
geht; sind es mehr, so wird es albern und sagt gar nichts mehr. Wieviel Stellen
sind es?
    Du hast gut geraten, gerade vier. Und folgen alle rasch aufeinander.
    Nun lies! Aber der Reihe nach.
    Toby bltterte wieder zurck und begann dann: Es mifiel ihr aber, da
ihrer so rhmend erwhnt wurde. Denn sie war bescheiden und demtig und grmte
sich ber den bloen Anschein von Eitelkeit.
    Hier sah Toby Ruth an und sagte: Da hat er an dich gedacht; das bist du.
    Ruth aber hielt ihm den Mund zu: Rede nicht so, Toby, wer wei, an wen er
gedacht hat. Und es pat nicht einmal; ich bin nicht demtig, und noch weniger
bin ich bescheiden. Aber la uns weitersehen!
    Nun denn. Ich sehe dir's an, du Gute, du kannst dich nicht verstellen.
    Das bist du wieder, Ruth.
    Ja, lachte diese jetzt. das kann ich wenigstens sein...
    Aber nun la uns nach einer etwas lngeren Stelle suchen, das sind ja alles
nur Zeilen... Sieh hier, das ist lnger, das wird sich verlohnen...
    Und nun las Ruth selbst, whrend sie sich im Lesen immer weiter ber Tobys
Schulter vorbeugte: Von Kindesbeinen an stak ihm zuviel Feuer in Blut und
Herzen, und die Mutter, anstatt dasselbe zu lschen und zu dmpfen, gefiel sich
darin, es anzufachen.
    Ach, das ist er, sagte Ruth und fuhr dann im Lesen fort: Er war ein
Trotzkopf und redete stundenlang kein Wort, wenn man ihm nicht tat, was er
wollte. Und hier, meine Lieben... ah, nun wird es lehrhaft, und der Prediger und
Erzieher kommt heraus..., hier mu ich innehalten und den Vtern und Mttern
meiner Gemeinde die groe Lehre der Auferziehung sagen: Bieget eure Kinder, ehe
sie noch wissen, was links oder rechts ist, zu dem, wozu sie gebogen sein
mssen. Und sie werden's euch bis ins Grab danken, wenn ihr sie zum Guten
gezogen und ins Joch des armen Lebens gebogen habt, noch ehe sie wissen, warum.
    Nun sage selbst, sagte Ruth, ist es nicht, wie wenn der Vater sprche? Da
drfen wir uns nicht wundern, da er so ganz besonders zu dem Buche hlt und zu
dem Manne, der es geschrieben: Pestalozzi! Sonderbarer Name und so gar nicht
deutsch.
    Nicht so deutsch wie Hornbostel, lachte Toby. Soviel kannst du nicht von
jedem Namen verlangen... Aber, und dabei nahm er das Buch, das er einen
Augenblick aus der Hand gelegt hatte, wieder auf, jetzt kommt die letzte
Stelle, die hat sogar zwei Striche und hier an der einen Stelle noch ein
Nebenstrichelchen.
    Nun gut. Nun lies du wieder! sagte Ruth. Und die Stelle mit dem
Nebenstrichelchen mut du betonen.
    Versteht sich.
    Und nun las Toby wieder.  ... Der Menschen Herzen mssen in Ordnung sein,
wenn sie glcklich sein sollen. Und zu dieser Ordnung kommen die Menschen eher
durch Not und Sorgen als durch Ruh und Freude, Gott wrde uns sonst mehr Freude
gegnnt und gegeben haben. Aber weil die Menschen ihr Glck nur ertragen knnen,
wenn ihr Herz zu vielen berwindungen gebildet und stark und standhaft und
geduldig geworden ist, so mssen wir's auch als notwendig erkennen, da, als
eine Staffel und Vorschule, soviel Not und Elend in der Welt ist.
    Du hast schlecht gelesen, Toby; von Betonung keine Rede. Lies noch mal,
lies die Stelle, wo der Nebenstrich steht!
    ... Aber weil die Menschen ihr Glck nur ertragen knnen...
    Ah, ich wei schon... Ich dachte mir's, da das die Stelle sein wrde...
    Warum gerade die, Ruth? Und dabei bist du rot geworden. Aber ich will
nichts gesagt und nichts gesehen haben... Und nun rcke nur wieder nher an
Maruschka heran und hilf ihr bei dem Shawl, sonst wird er erst fertig, wenn wir
ihren achtzigsten Geburtstag feiern.
    Unsinn, Torheit!
    Oder deine silberne Hochzeit. Und dabei gab er ihr einen Ku und sprang
rasch aus dem Zimmer.
    Was meint er nur? sagte Maruschka. Was will er sagen mit meinem
achtzigsten Geburtstag?
    Ach, liebe Maruschka, was er mit deinem achtzigsten Geburtstag sagen will,
das ist nicht schwer, das kann jeder verstehen. Ein achtzigster Geburtstag ist
ein achtzigster Geburtstag. Aber was will er sagen mit silberner Hochzeit? Was
soll das?
    Maruschka kam auf sie zu, das Wollvlies wie eine Schleppe hinter sich her,
und dabei gingen und klapperten die Nadeln: Was das heien soll, Ruth? Silberne
Hochzeit! Nun freilich, dein Vater hat nie so lange gewartet, oder auch nicht
gekonnt, weil der Tod immer dazwischenkam; aber du mut doch wissen, was eine
silberne Hochzeit ist?
    Gewi, Maruschka, gewi wei ich, was eine silberne Hochzeit ist. Aber er
sprach ja von meiner silbernen Hochzeit, und da mu ich doch fragen drfen, was
soll das? Erst mu ich doch eine Braut sein und dann eine Frau...
    Kommt Zeit, kommt Rat, sagte Maruschka. Du wirst eine Braut sein und auch
eine glckliche junge Frau. Und dann werden wir zuletzt auch eine schne
silberne Hochzeit haben. Ich bin dann fnfundachtzig oder etwas drber... Aber
wenn man warten kann, kommt alles.
    Ruth nahm der Alten Hand. Ach, Maruschka, ich will dir's nur gestehen, ich
wei alles, was Toby meinte... Die Tage hier vergehen so still, und das Leben
ist so gleich und arm.
    Und dabei seufzte sie.
    Nicht so, Ruth. Das kleidet dir nicht, dir kleidet blo Frhlichkeit und
Lachen. Und die Heilige Jungfrau, die hilft. Aber das darfst du dem Alten nicht
sagen, da ich dir von der Heiligen Jungfrau gesprochen habe. Das mag er nicht.
    Und nun lachte Ruth wieder.

                          Siebenundzwanzigstes Kapitel


Ende Oktober schlug das Wetter um, und nachdem bis dahin wundervolle Herbsttage
geherrscht hatten, stellten sich nun Sturm und Regen ein. Der vom Gebirge
herabkommende kleine Flu, der den ganzen Sommer ber mit nur wenig Wasser durch
Nogat-Ehre hingepltschert war, stieg pltzlich ber seine Ufer und
berschwemmte den etwas tiefer gelegenen Park. Zum Teil standen auch die Felder
unter Wasser, und nur mit groer Anstrengung hielt man die Verbindung mit dem
Stationshause von Darlington aufrecht, ohne welche Verbindung man von der Welt
abgeschnitten und ohne Zeitungen und Briefe gewesen wre. Die Wege zu den ber
das Tal hin zerstreuten Indianerdrfern aber blieben grundlos und der Mehrzahl
nach unpassierbar.
    So verlief eine Woche. Da lie endlich der Regen wieder nach, ein
auftrocknender Wind ging, und Anfang November, am Allerseelentag, war alles
wieder so weit passierbar geworden, da Bruder Krhbiel, der das Bekehrungswerk
und die Missionsschule bei den benachbarten Arapahos leitete, von dem kaum zwei
deutsche Meilen entfernten und unter der Herrschaft von Gunpowder-Face stehenden
groen Dorfe Navaconsin in Nogat-Ehre eintreffen und bei Obadja vorfahren
konnte. Das Gefhrt, in dem er kam, war freilich, um der schlechten Wege willen,
so primitiv wie mglich gewhlt worden und bestand aus einer ungefgen
Schlittenschleife, vor die zwei Khe gespannt waren. Ein alter, in eine dicke
Friesdecke gehllter Indianer, mit einem Zylinder auf dem Kopf, der mit dem
Tottoschen eine bemerkenswerte hnlichkeit hatte, hatte die Zgel in Hnden,
unmittelbar hinter ihm aber sa Bruder Krhbiel selbst in einem Schafpelz und
einer Otterfellmtze. Denn der austrocknende Wind, sosehr man sich seiner
freute, war doch von empfindlicher Klte.
    Krhbiel, steif und klamm geworden, suchte sich, so gut es ging, aus dem
Schlittenstroh herauszuwinden, eh er aber damit zustande kommen konnte, waren
auch schon Lehnert und Toby, die das Herankommen des Gefhrts vom Oberstock aus
gesehen hatten, ihm helfend zur Seite, halb von Diensteifer und
Menschenfreundlichkeit, halb auch von Neugier geleitet. Und diese Neugier
steigerte sich selbstverstndlich noch, als das Gesicht, das Bruder Krhbiel
alsbald aufsetzte, keinen Zweifel darber lassen konnte, da er eine
Trauerbotschaft berbringe. Volle Gewiheit aber kam erst, als Krhbiel, um
aufzutauen, vor das in der Halle flackernde Kaminfeuer gebracht worden war,
allwo man dann, nachdem inzwischen auch Obadja erschienen, des breiteren in
Erfahrung brachte, da Gunpowder-Face whrend der letzten Nacht gestorben sei.
Sein Tod sei der eines glubigen Christen gewesen, und die Bemerkungen derer, er
nenne keine Namen (aber jeder wute, da er L'Hermite meine), die nicht mde
geworden wren, den groen Huptling als einen unentwegten Heiden anzusehen,
seien jmmerlich zuschanden geworden. Er, Krhbiel, habe noch in der letzten
Minute verschiedene Fragen an ihn gerichtet, darunter auch die: Frchtest du
dich vor dem Tode?, worauf der nunmehr selig Entschlafene mit einem deutlichen
Nein und gleich danach auf die weitere Frage: Weit du, Gunpowder-Face, da
du durch Jesum Christum selig werden wirst?, mit einem noch deutlicheren Ja
geantwortet habe. Seine Bekehrung sei fest gewesen und in die Tiefe gegangen und
werde ganz zweifellos die segensreichsten Folgen in der vielfach noch im argen
liegenden Navaconsingemeinde haben. Als Krhbiel in seinem Berichte - dessen
wesentlichster Inhalt, die Todesnachricht selbst, sofort durch das ganze Haus
lief - bis an diese Stelle gekommen war, waren auch Ruth und Maruschka und
gleich danach Monsieur L'Hermite erschienen, alle begierig, etwas Nheres zu
hren, am begierigsten der Letztgenannte, der fr die groteske Gestalt seines
Paukenschlgers immer eine selbst ans Groteske streifende Vorliebe gehabt hatte.
L'Hermite war es denn auch, der am lebhaftesten darauf drang, in seines
Lieblings Krankheit oder sonstige Todesursache eingeweiht zu werden, was den
halb erstaunten Krhbiel, der sonst wenig fr den Franzosen brig hatte,
zunchst zu freundlicher Verneigung gegen denselben und dann zu Fortsetzung
seines Berichts veranlate. Gunpowder-Face, so teilte Krhbiel mit, sei vor zwei
Tagen, als das Unwetter nachlie, auf die Hirschjagd gegangen und bei der
Gelegenheit - und zwar sehr wahrscheinlich, weil das Gewehr infolge des immer
noch nassen Wetters versagt habe - von einem Dreizehnender aufgespiet worden.
Allerdings habe er noch in diesem bejammernswerten Zustande dem Hirsch eine
tdliche Wunde beigebracht, aber dieser endliche Sieg habe doch in der
Hauptsache nichts ndern und seinen Freund Gunpowder-Face nicht retten knnen,
trotzdem man ihn mit jeder erdenklichen Vorsicht nach Hause getragen und ihn
vierundzwanzig Stunden lang in Wundkrautabkochung gelegt habe und zuletzt sogar
in l.
    Comme des sardines, warf L'Hermite dazwischen. Krhbiel aber, der sich das
Ansehen gab, diese Bemerkung berhrt zu haben, glitt einfach zu dem
eigentlichen Zweck seines Kommens hinber und stellte nunmehr die Frage, wann
und wie der groe Huptling begraben werden solle. Sein Tod und noch mehr sein
Begrbnis mten das durch seinen bertritt eingeleitete groe Bekehrungswerk
vervollstndigen.
    
    Obadja nickte zustimmend, und nachdem noch ein gut Teil hin und her
gesprochen war, wurde beschlossen, da man am andern Tage die Fahrt nach dem
Indianerdorfe machen, auerdem aber, und zwar in Nachgiebigkeit gegen Monsieur
L'Hermites dreimal gestellten Antrag, sowohl die Kesselpauken wie die
Kirchenfahne mit hinbernehmen wolle. Von diesem Beschlusse (so war Obadjas
letztes Wort) sollten die Arapahos durch einen sicheren Boten sofort in Kenntnis
gesetzt werden, Krhbiel selbst aber solle bis morgen in Nogat-Ehre verbleiben,
um, wenn sich Mangel an Platz herausstelle, mit seinem Kuhgefhrt zur Aushilfe
herangezogen werden zu knnen.
    In Gemheit dieser Beschlsse wurde denn auch verfahren, und am andern
Mittage setzten sich, nach voraufgegangener Aufladung der mehrgenannten
Festrequisiten, von der Rampe her zwei Schlitten in Bewegung, auf denen Obadja
und Krhbiel, ferner Toby, L'Hermite und Lehnert und schlielich, zu allgemeinem
Erstaunen, auch der alte Totto Platz genommen hatte, der hier, zum ersten Mal
wieder, ein wohl mit den kettledrums zusammenhngendes Interesse zeigte.
Natrlich trug er seinen Sonntagsstaat und sa zur Seite des auch heute wieder
den Krhbielschen Schlitten lenkenden Arapahoindianers, also zwei hohe Zylinder
nebeneinander. Den andern Schlitten lenkte Toby. Beide fuhren langsamen
Schrittes und mahlten und matschten vorsichtig durch Schlamm und Tmpel hin.
    Um drei Uhr war man in dem groen Dorf und hielt vor dem Hause, darin
Gunpowder-Face gewohnt und das Zeitliche gesegnet hatte. Man stieg, so rasch es
ging, ab und trat gleich danach in einen groen qualmigen und nur sprlich
erleuchteten Raum, in dessen Mitte die Witwe des Toten den offenen Sarg, mit
zwei Fackeln zu Hupten, aufgestellt hatte. Was sich Obadja sofort bei seinem
Eintreten aufdrngte, war ein deutlich erkennbarer Gegensatz im Kreise der schon
Versammelten, unter denen einige, besonders Frauen und Kinder der nchsten
Anverwandtschaft, einen schmerzbewegten, beinah rhrenden Eindruck machten,
whrend andererseits allerlei dunkle Gestalten in den Ecken umherstanden, denen
man ansah, da ihnen das Erscheinen der weien Mnner aus Nogat-Ehre wenig
gefiel, auch nicht gefallen konnte, da von diesem Augenblicke an nur zu sicher
war, da ihnen der Tote, den ihre Zauberer in der Sterbestunde noch wieder
zurckerobert zu haben glaubten, nun doch entrissen werden wrde. L'Hermite
hatte seine Freude daran, whrend Obadja ehrlich zusammenschrak, nicht um seiner
selbst willen, er war furchtlos, wohl aber, weil er jetzt erst die Gefahr sah,
in der die Seele des erst neuerlich Bekehrten geschwebt haben mute. Das alles
aber ging vorber, und er begegnete fest und ruhig den feindlichen Blicken, die
sich auf ihn richteten. Dann, whrend er der Witwe Hand nahm, trat er mit dieser
zugleich an den Sarg und sagte: Seht her, so stirbt ein Christ! Er wanderte
lange Jahre durch Irrsal und Dunkel, bis ihm das Licht des Heilands und in
seinem Heilande das Licht der Erlsung leuchtete. Davon seht ihr einen Abglanz
in seinem Angesicht. Er starb in Frieden, und sein letztes Wort bekannte sich zu
dem neuen Glauben, den er, trotz vieler Gegnerschaft, aufrichtig ergriff und
ehrlich festhielt. Und nicht tot war dieser Glaube, nein, es war ihm gegeben,
diesen seinen Glauben auch zu bettigen. Er brach mit der Unsitte der
Vielweiberei, einer gehrte sein Haus (hier richtete sich sein Blick auf die
Squaw) und einer gehren seine Kinder. Er sah, sag ich, das Licht, und die
Finsternis fiel von ihm. Und nun hebet seine irdische Hlle, da wir sie
hinaustragen und sie betten in geweihter Erde, ber die der Spuk und die
Zauberer und die Hlle selbst keine Macht haben.
    Einige der Hintergrundsgestalten verfielen bei diesen Worten in ein Grinsen,
aber die, die mehr in vorderster Reihe standen, traten trotzdem an den Sarg
heran und hoben ihn und trugen ihn hinaus, whrend Obadja und all die andern aus
Nogat-Ehre folgten.
    Der christliche Begrbnisplatz war verhltnismig nah und lag an einem
Abhange, der den Raum zwischen dem Dorf und einem schmalen, auf der Hhe sich
hinziehenden Waldgrtel ausfllte. Das Wetter hatte sich vollkommen geklrt, und
nur das Gras, daran Regentropfen hingen, und mehr noch der Lehm, der hoch
aufgeschttet zu Hupten des Grabes lag, erinnerten an das Unwetter, das so
lange geherrscht hatte. Vorsichtig setzte man den Sarg auf ein paar ber die
Grube gelegte Bretterbohlen, und alle die, die zur Mennonitengemeinde gehrten,
traten nunmehr heran und stellten sich, wie schtzend, um das Grab, whrend alle
die, die noch zu Manito hielten und die Bekehrung ihres Huptlings nur mit
Widerwillen gesehen, weiter hinauf, am Waldrande hin, ihre Aufstellung genommen
hatten. Da standen sie, die meisten ein Tierfell um die Schulter, den Jagd- und
Kriegsspeer in der Hand, und folgten einigermaen ingrimmig dem Hergange, der
ihnen und ihrem Gotte den Huptling fr immer entreien sollte. Der heftige Wind
hatte sich schon seit einer Stunde gelegt, und statt der Sturmwolken zogen
einzelne, von der Sptnachmittagsonne durchleuchtete Nebelstreifen ber die
Wipfel der Bume hin.
    Obadja sah dem allem eine Weile zu. Dann gab er das Zeichen, und der Sarg,
um den man Tcher und Stricke gelegt hatte, glitt nun langsam in die Tiefe. Die
Squaw wollte nachspringen. Aber es war nur ein nicht allzu ernstlich gemeinter
Anlauf, den zu hindern der ihr zunchst stehende Bruder Krhbiel und ein
jngerer ihm unterstellter Missionar keine zu groe Schwierigkeit hatten. Und
nun trat Obadja bis dicht an das Grab heran und sagte: Die Sonne, lieben
Freunde, sinkt dahin, aber sie bettet sich nur, um desto schner wieder
aufzustehen. Und das ist unser Zeichen. Das ist das Zeichen, in dem wir siegen.
Auch du, Freund, wirst auferstehen von der Sttte, darin wir dich gebettet
haben. Es ist nur ein Gott, der sich eines jeden erbarmt und jeden, der an ihn
glaubt, einfhrt in die himmlischen Freuden. Und das ist der Christengott, unser
Gott, der Allmchtige, der Allgndige. Die aber, die sich zurckstellen bis an
den Waldrand hinauf, die sich ihm und seinem Worte stolz verschlieen und ihn
verhhnen, als ob er nicht der Allmchtige wre, die wird er heimsuchen, und
statt des Weidegrundes, auf den sie hoffen, werden sie Steine finden und einen
toten See, daraus die Flamme schlgt. So scheide denn, so fahre denn dahin! Der
Herr nehme dich auf in sein Reich und seinen Frieden und sei mit dir immerdar!
    In diesem Augenblicke fiel der von Krhbiel geleitete Kinderchor ein und
sang mit heller Stimme:

Herr und Heiland hier und dort,
Christus, Jesus, sei mein Hort,
Ohne dich werd ich vergehn,
Mit dir werd ich auferstehn -
Auferstehn, ja auferstehn.

In dieser Strophe, die Obadja mitsang, gipfelte die Feier, und als das Wort
auferstehn, und zuletzt sogar mit der Vorschlagssilbe ja, sich dreimal
wiederholt hatte, fiel L'Hermite mit den kettle-drums ein und schlug und
wirbelte so, da es seine Wirkung auch auf die bis dahin grtenteils spttisch
dreinschauenden Indianer nicht verfehlte, whrend Totto, mit glckseligstem
Gesichtsausdrucke, dreimal die Christusfahne senkte.
    Hiermit war das Begrbnis vorber, und alles kehrte nach dem Trauerhause
zurck, um hier einen Imbi zu nehmen. Auch die Manitoleute trieben den Zorn
ber das gebrannte Herzeleid, das ihnen angetan wurde, nicht bis zum Ha gegen
das gebrannte Wasser, schienen vielmehr umgekehrt ein lngeres Mahl, unter
Heranziehung einiger Whisky-Bottles, einnehmen zu wollen. Ebenso die Getauften,
die ganze Verwandtschaft von Gunpowder-Face, samt seiner Witwe. Nur alles, was
zu Nogat-Ehre gehrte, lehnte jedes lngere Bleiben ab, und die Sonne, die schon
beim Begrbnis niedrig gestanden hatte, war eben erst unter, als man die
Rckfahrt - abermals in zwei Schlitten, trotzdem Krhbiel zurckblieb - antrat.
In dem zweiten saen Lehnert und L'Hermite.
    Lehnert hing ernsten Betrachtungen nach, L'Hermite dagegen war voller
Behagen und fhlte sich, als ob er von einer melodramatischen Auffhrung
heimkme, darin mitzuwirken ihm vergnnt gewesen wre.
    Was war das eigentlich mit den Kienfackeln am Sarge? fragte Lehnert.
    Nichts, sagte L'Hermite, der sich eben die Pauke zurechtgeschoben und als
Rckenlehne hergerichtet hatte. Wenn man die Blessierten unter l legt, kann
man auch die Toten unter Kien legen. Pourquoi pas?
    Ich dachte, da es eine Bedeutung habe.
    Vielleicht. Aber ich habe in meinem betrbten Gemte keine Zeit, mich bei
solchen Nebensachen aufzuhalten. Ich kann, was mir wichtiger ist, das Bild und
die Sorge nicht loswerden, wie nun die Rothute, und besonders die ttowierte
Bestie, die gleich vornan am rechten Flgel stand, bemht sein werden, unseren
Freund ihrem Gott und ihrem Himmel zurckzuerobern, und ich wette, wenn Neumond
oder Vollmond ist, wird der Hokuspokus seinen Anfang nehmen, und sie werden dann
sein Grab mit frischem Hirschblut besprengen, wenn sie nicht das von frre
Krhbiel vorziehen. Au nom de Dieu, das wre was, und ich knnte mich, wenn das
mit dem Krhbiel was wrde, wahr und wahrhaftig entschlieen, den Weg auf dieser
Armensnderschleife noch mal zu machen.
    Das wird aber nicht geschehen, Monsieur L'Hermite. Krhbiel ist beliebt,
fast so beliebt wie Obadja.
    Nun, wenn sie Krhbiel nicht nehmen, dann vielleicht einen andern.
    Wen anders?
    Wer will sagen, wen? Vielleicht mich, vielleicht Euch, vielleicht Ruth. Ihr
drft nicht so zusammenfahren. Aber lassen wir das, es wird so schlimm nicht
kommen - der alte Rothaut-Furor ist hin. Aber dessen drft Ihr sicher sein, hin
oder nicht, sie werden nicht eher ruhen, als bis sie dem Segen, den ihm Obadja
mit ins Grab gegeben, ihr Paroli gebogen haben. Und ich sag Euch, solch
Hokuspokus ist nicht zu verachten, und wer wei, wie die Partie steht, wenn es
zum Letzten kommt. Und wenn ich mir dann ausmale, wie das Reien und Zerren um
meinen Freund Gunpowder-Face losgeht und wie Krhbiel, oder vielleicht auch
Obadja selbst, ihn als weies Schaf nach rechts und wie Manito ihn als schwarzes
Schaf nach links haben will, da kommt mir doch ein Weh und ein Bangen an. Und da
kenn ich nur einen, der ihn retten kann, und dieser eine bin ich. Und ich werde
dann zu Manito sagen: Retirez-vous! Den kenn ich, den hab ich wirbeln sehen. Und
die Kesselpauke steht gut mit der Posaune. Basta. Nehmt ihn nach rechts, ihr,
ihr Himmlischen! Und dann hat Camille L'Hermite ihn gerettet und nicht Krhbiel
und nicht Obadja... Ja, ja, Monsieur Lehnert, die Machtfragen liegen wunderbar,
und die Maus knabbert den Lwen frei.

                           Achtundzwanzigstes Kapitel


Nach dem Begrbnis von Gunpowder-Face, das noch mehrere Tage lang ein
bevorzugtes Gesprchsthema bildete, wurde die frhere Lebensweise wieder
aufgenommen und durch den ganzen November hin fortgesetzt. Obadja fehlte selten
an den nach wie vor stattfindenden Gesellschaftsabenden und war dabei von einer
Freudigkeit und Frische, die jeden, am meisten aber die Kinder in Erstaunen
setzte. Scherzworte wurden nicht nur gestattet, er erging sich sogar selber
darin. Einmal sprach Toby von der verwundersamen Vorliebe, die Monsieur
L'Hermite fr Gunpowder-Face gehabt habe. Nicht zu verwundern, sagte Obadja,
sie waren wie Ordensbrder, und ihr gemeinsames Gelbde war das Groteske. Bald
danach kam auch auf Kaulbars die Rede, der bei dem Begrbnis gefehlt habe. Wir
wollen ihn zum Huptling vorschlagen, sagte Obadja. Mistress Kaulbars gibt
eine gute Squaw.
    So vergingen, wie herkmmlich, die Abende, bis mit der Adventszeit ein
pltzlicher Wandel eintrat und Weihnachten auf die Tagesordnung kam. Nichts mehr
von Musizieren, noch weniger von Lesen, denn mit Gertrud und Lienhardt hatte
man lngst geendet. Ja, Buch und Notenblatt verschwanden, und statt ihrer lagen
groe Flanellstcke durch die Stuben hin zerstreut, Flanellstcke, daraus Kappen
und Kapuzen, und daneben bunte Lappen und Federn, aus denen Puppen fr die
Arapahokinder unter Bruder Krhbiels und fr die Cherokeekinder unter Bruder
Nickels Leitung angefertigt werden sollten. Alles war in Aufregung, am meisten
L'Hermite, der jetzt jeden Abend kam und nicht blo einen groen Eifer, sondern
auch eine groe Geschicklichkeit in Herstellung aller Arten von German Toys,
also von Hampelmnnern, Stehaufs und Sgebirnen an den Tag legte, nicht viel
anders, als ob er jahrelang Obermeister in einer thringischen Spielwarenfabrik
gewesen wre. Nicht minder gab er, weil er als Franzose dergleichen wissen
mute, fr die Puppen die Moden an, und wenn Maruschka eben erst eine  l'Empire
gekleidete Puppe bewundert hatte, erschienen auch schon andere mit Krinolinen 
la Eugnie oder mit Tournuren  la Zouave. Eine besonders hbsche, mit einer
Kasawaika und einer viereckigen polnischen Mtze, fhrte natrlich die
Bezeichnung  la Maruschka, bei deren feierlicher berreichung der
miteingeweihte Toby das Klavier aufschlagen und den Anfang von Noch ist Polen
nicht verloren zum besten geben mute.
    Das ging so bis zum elften Dezember. An diesem Tage trafen die beiden
Kaulbarse vom Vorwerk her ein, und wiewohl ihr Kommen im ersten Augenblick eine
Strung und fast einen Schreck verursachte, denn sie waren um ihrer
Neunmalweisheit willen bei niemand recht beliebt, so fand man sich doch schnell
ins Unvermeidliche und zog sie wohl oder bel mit in die kleine Tafelrunde
hinein. Ihr Erscheinen, das eigentlich auer aller Berechnung gelegen hatte,
hatte seinen Grund in einem zuflligen Ereignis, und zwar in einem Briefe, der
am zehnten Dezember vormittags bei Martin Kaulbars eingetroffen war und von
seiner in Berlin an einen Pantoffelmacher Hecht verheirateten Schwester Ida
herrhrte, bei deren Verheiratung es beilufig auf gut berlinisch geheien
hatte: die Kaulbars, nunmehrige Hecht, habe sich ber ihren Stand verheiratet.
Das alles lag jetzt dreizehn Jahre zurck, aus dem Pantoffelmacher von damals
war - brigens ohne irgendwelche Vernderung des Lokals, eines multrigen
Berliner Kellers - eine sogenannte Puppenschuhfabrik geworden, und aus eben
dieser Fabrik schrieb Schwester Ida unterm siebenundzwanzigsten November einen
lngeren Brief an ihren Bruder Martin, darin es gegen den Schlu hin wrtlich
lautete: Beinah, mein lieber Martin, htt ich vergessen, Dir von den Kindern zu
schreiben. Alle sind gut; es ist so was Kaulbarsiges drin, so was, ja, wie sag
ich, so was Eigentmliches und Apartiges, was wir ja alle haben und beinah auch
Deine Frau. Ulrike, unsere lteste, ist so gut wie erwachsen und kann jeden Tag
heiraten; in Amerika soll es ja schon mit zwlfe passieren, so sagt wenigstens
Hecht, was aber doch wohl zu frh ist und selbst in der Freiheit nicht vorkommen
sollte. Sophie, die zweite, hantiert am geschicktesten und is ein Daus im
Geschft und wird es wohl mal bernehmen. Und Philippinchen, die nun erst vier
ist und die wir Pippi nennen, klebt auch schon, und ich sage Dir, alles sauber
und akkurat, da es eine Freude ist, und ganz flink. Eigentlich war ich dagegen,
ich meine das mit Pippi, mit dem Namen, der mir ein bichen genierlich vorkam,
aber Hecht sagte: Warum nicht, Ida? Drben die bei Geheimrats heit Lolo, warum
soll unsere nicht Pippi heien? Und seitdem heit sie so. Recht hat er. Aber nun
mu ich schlieen, denn wir haben alle Hnde voll zu tun, weil wir zum Fest
diesmal eine Weihnachtsbude haben wollen, und Ulrike soll in der Bude sitzen und
verkaufen. Und bis dahin sind blo noch vierzehn Tage. Denn den elften fngt ja
der Weihnachtsmarcht an, das wirst Du wohl noch wissen, auch wenn Ihr drben
keinen habt. Denn wenn der Butag in Sachsen auch anders liegt als bei uns
(wobei ich die Sachsen eigentlich nich recht begreife), so denk ich mir doch:
Weihnachten ist berall gerade zu Weihnachten und auch in Amerika. Eben kommt
Pippi und will Goldpapier. Gott, mir brummt der Kopf, wie wenn schon Marcht und
Weihnachten wre... Am elften, wenn wir die Bude aufmachen, dann denkt an uns.
Es ist doch ein wichtiger Schritt, auch wegen Ulrike. Deine ewig unvernderte
Schwester Ida Hecht geb. Kaulbars.
    Dieser Brief, der trotz seiner in mehr als einem Stck anfechtbaren Adresse:
Herrn Martin Kaulbars aus Preuen (Kreis Ost-Havelland), zur Zeit in Nogat-Ehre
bei Darlington; Indien Trottoiry, Amerika... glcklich angekommen war, hatte
die bei dem Hinweis auf den elften Dezember ganz natrlich von einem
weihnachtsmarktlichen Gefhl ergriffenen Kaulbarse sofort mobil gemacht und nach
Nogat-Ehre hinbergefhrt, wo sie, wenn auch keinen Weihnachtsmarkt, so doch ein
paar weie Christenmenschen vorfanden, in deren Gesellschaft es am Heiligen
Abend immerhin besser war als auf dem Vorwerk und sich, wenn weiter nichts,
wenigstens ein paar Nsse vergolden und ein paar Lichter anznden lieen.

Kaulbars und Frau waren nun also wieder in Nogat-Ehre, vertrglicher und
umgnglicher als gewhnlich, was in einer gewissen Weihnachtsstimmung seinen
Grund hatte. Trotzdem war man im Oberstocke froh, sie nur an den ersten zwei,
drei Abenden erscheinen und sich bald danach auf ihr Kchen- und
Wirtschaftsdepartement beschrnken zu sehen. In Wirtschaft und Kche war ihnen
am wohlsten, weil sie sich hier am ntzlichsten machen konnten.
    Frau Kaulbars, die bei der alten Pfefferkchlerin Winkler in Neu-Ruppin ihre
Anlernejahre durchgemacht hatte, war in diesem Dienstverhltnis eine gute
Kuchen- und Pfefferkuchenbckerin geworden, die, wenn es sein mute, sogar
franzsische Zitronat-Gewrzkuchen backen konnte, was ihr schon beim vorjhrigen
Weihnachtsfeste, trotzdem Maruschka aus der Thorner Pfefferkuchengegend war,
einen Oberaufsichtsposten auf diesem Gebiete eingetragen hatte. Das wiederholte
sich jetzt, whrend er, Kaulbars, von der Mitte des Monats an, den Post- und
Reisedienst bernahm und aus Halstead, und selbst aus Denver, alles
herbeischaffte, was zu Geschenken und Bewirtung noch fehlte. Zugleich war ihm
aufgetragen, sich um Tischplatten, Stnder und Holzbcke zu kmmern, fr den
Fall, da der groe Tisch in der Halle nicht ausreichen wrde.
    So war die eigentliche Festwoche herangekommen; nur noch vier Tage standen
zur Verfgung, und doch fehlte noch immer die Hauptsache: der Baum. Ihn zu
beschaffen war jetzt hchste Zeit und fhrte zu Verhandlungen, in denen der von
seinen verschiedenen Missionen eben zurckgekehrte Kaulbars kategorisch
erklrte: So wie frher ginge das nicht, und von einer Zypresse, blo weil sie
auch Nadeln habe, knne diesmal keine Rede sein. Er habe schon das vorige Jahr
zu Obadja gesagt, Zypresse sei ganz gut und er habe nichts gegen Zypressen, aber
das Zypressige sei nun mal fr die Dodigen und nicht fr die Lebendigen, und
Weihnachten sei kein Kirchhof. Es mte partout eine propre Tanne sein, so was
Schlankes wie Miss Ruth, und wenn es eine Tanne nicht sein knne, na, denn eine
Kiefer oder eine Kussel. Irgendwas werde sich doch wohl finden lassen,
vielleicht schon drben im Park, und wenn nicht da, so doch oben im Gebirge.
    Es bedarf keiner Versicherung, da die Rede Kaulbars' (Obadja war nicht
zugegen) unter allseitiger Zustimmung aufgenommen und dabei festgesetzt wurde,
sofort ans Werk gehen zu wollen. Und wirklich, eh noch die Fluruhr zehn schlug,
fuhr auch schon ein auf niedrigen Rdern gehender, im brigen aber
langgestreckter und mit zwei starken Pferden bespannter Korbwagen vor, auf den
die schon in der Halle Wartenden aufstiegen. Es waren ihrer vier, zunchst Ruth
und Toby, die vorn auf einem Hckselsack Platz nahmen, dann Kaulbars und
Lehnert. Hinter und zwischen ihnen lagen Axt und Grabscheit und ein paar starke
Stricke zum Umwuchten, denn man hatte vor, nicht ein Bumchen, sondern einen
wirklichen Baum nach Hause zu bringen. Der fnfte von der Partie war Uncas. Er
sollte, nach aller Wunsch und Plan, eigentlich mit aufsteigen, denn der Weg war
weit; Uncas zog es aber vor, nebenherzutrotten, mutmalich, um auch heute
wieder, wie das seine Art war, einen Vorsprung zu gewinnen und dann Ruth, unter
Geblff und Freudengewinsel, an sich vorbeipassieren zu lassen. Obadja, nachdem
er brigens erst nach einigem Zgern seine Zustimmung zu der Fahrt gegeben
hatte, war mit auf die Rampe hinausgetreten, kte Ruth und gab Toby
Verhaltungsregeln. Er solle nicht zu hoch in das Gebirge hineinfahren und
berhaupt sich mit der Rckkehr beeilen, das Barometer sei stark gefallen, und
irgendwas wie Regen oder Sturm stehe mutmalich in Aussicht. Toby wisse ja, da
dergleichen oft schnell komme. Vor allem aber solle er nicht eigensinnig, unter
Zeitverlust und Fhrlichkeit, nach einer Tanne suchen; wenn solche nicht gleich
da sei, so solle er nicht vergessen, Kiefer oder Fichte tten es auch. Und damit
Gott befohlen. Und nun trat er wieder in den Flur zurck, und whrend Uncas,
berglcklich, mit dabeizusein, an den Pferden in die Hhe sprang, fuhr der
Wagen von der Rampe hinunter und mit einer kleinen Biegung nach rechts auf das
Waldgebirge zu.

Das Wetter war prachtvoll, dabei milde wie ein Frhlingstag, und ein von der
Wintersonne durchleuchtetes Gewlk, das ber den Kamm zog, steigerte nur die
Schnheit des Bildes und den Genu der Fahrt. Man sprach wenig, den wie
gewhnlich so auch heute ziemlich redseligen Kaulbars ausgenommen, der ber die
Kchenmdchen schimpfte, von denen eine gestern abend ein ganzes Blech voll
Pfeffernsse habe verbrennen lassen; seine Frau habe sich denn auch ber solche
Veraasung gar nicht beruhigen knnen. Aber das komme davon, wenn man lauter
spielrige Indianergren in die Kche nhme und keinen richtigen Backofen habe.
So blo, mit Eisenblech und Steinkohlen, womit sie jetzt alles machen wollten,
damit ginge so was nich - so 'n richtiger alter von Lehm, der aussh, als ob er
keinen Tag mehr leben knne, das sei die beste Sorte, da sei Verla drauf, und
von gleich Verbrennen und Schwarzwerden sei keine Rede nich. Aber das seien so
die verdammten Verbesserungen, die, bei Licht besehen, nie keine nich wren;
immer was Neues und dann wieder was Neues, und schon sein Vater selig habe
gesagt: Glaube mir, Martin, die Bockmhlen sind doch besser als die
hollndischen.
    In demselben Augenblicke, wo Kaulbars seinen Vater selig zitierte, stie er
mit dem Fu an das Grabscheit, das gerade vor ihm lag und mit seiner Spitze
zwischen Sohle und Oberleder eindrang. Das war ihm gar nicht recht, und er
sagte: Merkwrdig! Voriges Jahr hatten wir die Zypresse, heute haben wir das
Grabscheit. Immer wie Kirchhof und Dotengrber. Is doch wahrhaftig, als ob wir
aus so was gar nicht mehr rauskommen sollten.
    Die Geschwister hrten das alles, trotzdem sich die Rede nur an Lehnert
gerichtet hatte. Toby nahm Ansto daran und wandte sich und sagte:
    Nicht so, Mister Kaulbars. Die Dinge sind das, wofr wir sie nehmen, in dem
Glauben hat der Vater uns grogezogen, und Aberglauben und Vorbedeutungen oder
auch Stunden- und Tagewhlerei gehren nicht unter die Mennoniten und am
wenigsten nach Nogat-Ehre.
    Na, sagte Kaulbars, wenn es man wahr ist. Unser alter Rthnick war auch
gegen Aberglauben, und jeder gebildete Mensch is gegen Aberglauben. Aber die
Geschichte mit dem Anno 13 ber Eck gebrachten und dann heimlich unten in 'n
Keller eingebuddelten franzsischen Tambour, der, wenn was los war, immer
rumorte und trommelte, die hat er doch nich wegpriestern knnen, und die
Geschichte von Rotmtzeken, der immer aufs Dach sa, wo Feuer kommen sollte, ja,
sehen Sie, Mister Toby, die hat er auch nich wegpriestern knnen.
    Dummheit, sagte Toby.
    Nein, antwortete Kaulbars gereizt. Nich Dummheit. Man blo zu klug sein
ist Dummheit.
    So sprach man noch eine Weile weiter, bis Lehnert beschwichtigend einfiel
und lachend sagte, Rbezahl habe sich in Nogat-Ehre nicht halten knnen und sei
verbrannt worden, und wo sich Rbezahl nicht habe halten knnen, da wr auch
kein Platz fr den franzsischen Tambour und fr Rotmtzeken und auch nicht
einmal fr den Glauben an sie.
    Daraufhin wurde denn wieder Friede geschlossen, und die Fahrt ging weiter,
bis man nach anderthalb Stunden an dem ins Gebirge hineinfhrenden Eingange
hielt, keine tausend Schritt von dem hgelartigen Abhang entfernt, auf dem das
verfallene Fort O'Brien aufragte, dasselbe, das Lehnert noch zur Sommerzeit
besucht und von dem aus er seinen ersten Ritt ins Gebirge gemacht hatte. Lehnert
und Kaulbars stiegen ab, nahmen Axt und Spaten und wollten eben, am Wagen
vorbei, den schluchtartig ansteigenden Pfad weiter hinaufklettern, als Toby von
der Lust erfat wurde, mit dabeizusein.
    Ich mchte doch mit, wandte er sich fragend an Ruth. ngstigst du dich,
wenn du eine halbe Stunde allein bleibst?
    Ruth lachte. Vor wem sollt ich mich ngstigen? Am hellen lichten Tag. Es
mu gerade Mittag sein. Und Uncas ist bei mir. Der schtzt mich besser als ihr
alle zusammengenommen, du und Mister Kaulbars... und Lehnert, setzte sie
zgernd hinzu.
    Toby gab ihr die Leinen. Aber von einer merkwrdigen Furcht erfllt, oder
vielleicht auch, weil er sich Vorwrfe machte, drang er lebhaft in sie, nicht
von der Stelle weichen zu wollen, damit man sicher sei, sie hier wieder zu
finden, gerade hier. Und nun trennte man sich.
    In einer Stunde sind wir wieder da, sagte Toby.
    Sagen wir lieber zwei, setzte Kaulbars vorsichtig hinzu.

Sie stiegen nun einen schmalen, tief eingeschnittenen Weg hinauf, der ziemlich
parallel mit dem lief, der auf Fort O'Brien zufhrte. Toby schritt voran, weil
er am besten Bescheid wute, Lehnert und Kaulbars folgten. Sehr bald
verbreiterte sich die Schlucht, wenn auch nicht viel, und zeigte zu beiden
Seiten allerlei Laubholz. Kaulbars, kein Bergsteiger und bald auer Atem, bat,
eine kleine Rast machen zu drfen, und so setzte man sich denn auf einen
Eichenstamm, der abgebrochen am Wege lag. Der Weg selbst war immer noch schmal
genug, und die Buchen, die bis dicht heran standen, wlbten mit ihrem kahlen
Gezweig beinah eine Laube. Aber berall waren offene Stellen, und als Lehnert
mit Hilfe derselben Umschau hielt, sah er, da der Mittagshimmel seine Blue
verloren hatte; die Sonne war fort, Wolken zogen, und in den hohen Kronen war
ein Wiegen und Wehen.
    Ich denke, wir eilen uns. Wenn mir recht ist, ist ein Wetter im Anzug; ich
schmecke Regen.
    Kaulbars, der immer widersprach, widersprach selbstverstndlich auch
diesmal. Alles in der Welt sei trgerisch und ohne Verla, aber das
Unverllichste sei doch das Wetterglas, und er seinerseits glaub an Regen immer
erst, wenn er schon da sei.
    Trotz dieser Rede brach er auf, weil er nicht hren wollte, er sei schuld.
    Der Weg blieb so ziemlich derselbe, und erst als man abermals tausend
Schritt oder mehr hher hinauf war, kam nach links hin eine groe Lichtung, eine
Waldwiese, darauf Gras und Huflattich und hohe Farnkruter standen, alles
winterlich vergilbt. Jenseits dieser Lichtung aber, die nicht breiter als
fnfhundert Schritt sein mochte, begann der eigentliche Hochwald, mchtige
Tannen, in die, soviel sich erkennen lie, Kiefern und auch einzelne Birken
eingesprengt waren. Auf diesen Hochwald wollte man jetzt zu; bevor man aber die
Lichtung, geschweige den jenseitigen Wald erreichen konnte, fielen schon
einzelne Flocken aus dem berallhin grau gewordenen Himmel. Noch federten sie
leicht ber die Bume hin, sprang aber, was oft geschah, der Wind um und trieb
die Schneewolkenmassen von der Ebene her an das Gebirge heran, so konnte sich's
ereignen, da in einer halben Stunde Wald und Wege verschneit waren.
    Lat uns umkehren, sagte Lehnert, der mit den Wettertcken im Gebirge am
besten vertraut war. Aber Toby hatte den Leichtsinn und bermut der Jugend, und
auch Kaulbars, als er erst wahrnahm, da Toby die Verantwortung bernehmen
wollte, mochte sich's nicht versagen, sich Lehnert gegenber mal wieder auf den
superioren Mann aus dem Glien hin auszuspielen, und erging sich in Bemerkungen,
in denen Worte wie feuerfest und man nich ngstlich wiederholentlich und mit
einiger Anzglichkeit vorkamen.
    So ging es denn wirklich weiter, schrg ber die Lichtung hin, und einige
Minuten spter, so hatte man den Waldrand erreicht, um den sich's handelte. Aber
es waren lauter starke Stmme, Stmme wie Masten, alles Jungholz fehlte, und so
blieb nichts brig, als ein Stckchen weiter waldeinwrts nach etwas Palicherem
Umschau zu halten. Richtig, da stand eine, wie man sie brauchte, schlank und nur
zweimannshoch und doch schon ein Baum, doch schon eine wirkliche Tanne. Toby,
der gern einen lebendigen Baum mit heimbringen wollte, begann emsig zu graben,
aber die groen Wurzeln umherstehender lterer Bume lieen ihn nicht recht von
der Stelle kommen, so da Lehnert, der wohl wute, da das eigentliche
Schneetreiben in jedem Augenblick beginnen knne, heftig und fast gewaltsam
dazwischenfuhr.
    Darauf knnen wir nicht warten, Toby. Wir mssen den Baum umhauen; das
spart Zeit. Von uns will ich nicht sprechen. Aber Ruth.
    Und dabei hieb er auch schon mit der Axt auf den Baum ein, whrend er dem
verdutzten und deshalb pltzlich zu Gehorsam geneigten Kaulbars zuschrie, den
Strick um das untere Gezweig zu legen und den Stamm mit aller Kraft
niederzuwuchten, was auch gelang. Schon beim fnften Axtschlage brach der Baum
dicht ber der Wurzel ab, und nun griff Lehnert zu, legte den Stamm ber die
Schulter und setzte sich, whrend Kaulbars und Toby folgten, auf die Waldwiese
hin in Bewegung, ber die man den Rckweg nehmen wollte, wie vorher den Hinweg.
Aber von der Waldwiese war nichts mehr zu sehen, und nur an dem bis dahin durch
die dichten Baumwipfel gehinderten, jetzt aber massenhaften und
undurchdringlichen Flockentanze lie sich erkennen, da man an der schrg zu
passierenden Lichtung angekommen sein msse.
    Vorwrts, kommandierte Lehnert. Solange wir die Flocken um uns her haben,
sind wir im Freien, und haben wir erst drben die Bume wieder, so finden wir
uns schon zurecht. Wo der Schnee durch den Wald hin am tiefsten liegt, da luft
der Weg. Vorwrts!
    Und die Tanne, die fr einen Augenblick zu Boden geglitten war, wieder auf
die linke Schulter nehmend, begann er aufs neue seinen Laufschritt und zog das
grne Gezweig durch den Schnee hin nach. Die Furcht war nur, in dem Flockentanze
die Richtung ber die Wiese hin zu verlieren; aber die Findigkeit, die Lehnert
von Jugend auf in derlei Dingen gelernt und gebt hatte, sorgte dafr, da der
Waldrand drben glcklich erreicht und bald auch die bergab steigende, durch
ihre Schneemasse leicht erkennbare Strae gefunden wurde. Hier freilich brach
er, erschpft vor Anstrengung und Aufregung, auf einen Augenblick wie ohnmchtig
zusammen. Aber schon im nchsten Momente stand er wieder da, rieb sich die
Stirne mit Schnee und lie nun Kaulbars und Toby gemeinschaftlich anfassen, die
jetzt nach dem Beispiel, das er ihnen gegeben, die Baumspitze nachschleiften. An
dem immer steileren Abfall merkten sie mit einer Art Sicherheit, da sie nicht
fehlgingen und in einer Viertelstunde, vielleicht noch schneller, wieder unten
am Abhang sein muten. Und wirklich, nicht lange mehr, so sahen sie's lichter
werden (das Unwetter hatte nachgelassen) und hrten, trotzdem der Schnee den Ton
dmpfte, wie Uncas mit immer lauter werdendem Geblff ihre Hoihorufe
beantwortete.
    Gott sei Dank! so klang es jetzt von ihrer aller Lippen, und zwei Minuten
spter, so war man aus dem Schluchtwege heraus und erblickte Ruth und das
Gefhrt, ohne da man lange danach gesucht htte. Denn es fielen jetzt keine
Flocken mehr, die Luft war klar geworden, und nur an der Schneemasse, die bis
hoch ber die Radachsen lag, sah man, wie mchtig eine halbe Stunde lang der von
der Ebene kommende Wind den Schnee gegen das Gebirge getrieben hatte.
    Gott sei Dank! wiederholte Toby, whrend er die Schwester umarmte. Das
wr uns beinahe ein teurer Baum geworden - ein teurer Baum und ein teures Fest.
Und welch ein Glck, da du tapfer ausgehalten hast! Wie htt ich vor den Vater
hintreten sollen! Aber das soll nicht wieder vorkommen, da ich dich so allein
lasse. Hast du dich gengstigt?
    Nein! Wenigstens nicht um mich. Wir htten den Weg gefunden, nicht wahr,
Uncas? Aber ihr, du! Nun, Gott sei Dank, es ist vorber.
    Inzwischen waren auch Kaulbars und Lehnert herangetreten und luden den so
mhsam eroberten Baum auf den Wagen. Es war aber noch zu frh dazu, ja, man
mute den Baum wieder herabnehmen, weil man sich berzeugte, da der Schnee,
drin der Wagen stak, erst fortgeschaufelt werden msse. Das bot Schwierigkeiten
genug, und um so mehr, als man in der Eile und Erregung das Grabscheit oben im
Walde hatte liegenlassen. Indessen Lehnert wute auch hier zu helfen. Er nahm
ein paar Bretter heraus, welche die Rckenlehne des Wagens bildeten, und begann
mit Hilfe derselben die Rder freizuschaufeln, wobei Kaulbars und Toby natrlich
halfen. Und nun konnte man das Gefhrt mit verhltnismiger Leichtigkeit wenden
und ihm die Richtung auf den Rckweg geben. Einen Augenblick noch, so setzte
sich Uncas an die Spitze, den Weg durch den Schnee hin aussprend, und ihm
folgend, mahlte das Fuhrwerk langsam heimwrts auf Nogat-Ehre zu.

                           Neunundzwanzigstes Kapitel


Erst um sechs Uhr - es war lngst dunkel geworden, und nur der Schnee leuchtete
- trafen unsere Freunde wieder in Nogat-Ehre ein, wo man ihrer Rckkehr seit
Stunden in banger Erwartung entgegengesehen hatte, selbst von seiten Obadjas, zu
dessen Lebensregeln es sonst gehrte, sich nicht mit Vorngstigungen zu qulen.
Seltsamerweise war es diesmal Maruschka gewesen, die, whrend all dieser Stunden
voll Angst und Sorge, das recht eigentliche Trosteswort gefunden hatte. Sie
seien ausgefahren, so hatte die gute Alte gesagt, um dem Christkind einen Baum
zu holen, und das Christkind werde die liebe Ruth auch schtzen. Denn Ruth sei
ein darling und ein pet, im Himmel geradesogut wie auf Erden, und die liebe
Jungfrau Maria - Maruschka verga in ihrer Aufregung ganz Obadjas Gegenwart -,
die liebe Jungfrau Maria wisse nur zu gut, da die alte Maruschka ohne Ruth
nicht leben knne, und werd ihr das nicht antun. So hatte Maruschka getrstet,
und Obadja, der wohl wute, was ein treues und glubiges Herz bedeute, auch wenn
es in der alten Irrlehre stecke und seine Gebete blo an die Heilige Jungfrau
richte, hatte der Alten Hand genommen und mit bewegter Stimme gesagt: Ja,
Maruschka, du hast recht. Das Christkind wird unsere Kinder schtzen. Zeuge
dieser Unterredung war auch L'Hermite gewesen, der schon seit Stunden unten war
und beinah noch ngstlicher als die beiden Alten nach dem Gefhrt auslugte, noch
ngstlicher, weil sein Vertrauen auf eine Hilfe von oben, trotzdem er eben ein
Christkind in Wachs bossiert und es einer gleichfalls von ihm herrhrenden
Jungfrau Maria in den Scho gelegt hatte, ziemlich gering war. Nebenher aber
verschwor er sich ein Mal ber das andere gegen diesen preuisch-hyperboreischen
Tannenbaumkultus, der an all dieser Angst und Sorge trichterweise schuld sei.
Warum es denn durchaus eine Tanne sein msse? Das sei nichts als eine btise
allemande, deren Vater oder Urahne niemand anders als dieser wohlgenhrte
Monsieur Luther sei, ein Mann ohne Taille, so recht der Typus eines Deutschen,
mit seinen Pffchen und seinem tte carre. Schade, da man ihn nicht zu Beginn
seiner Laufbahn verbrannt habe, denn Ruth sei wichtiger als Luther.
    Dieser Groll ber den Tannenbaumkultus hielt aber nicht vor, ja, ging rasch
in sein Gegenteil ber, als man, tags darauf, den Baum ohne Rcksicht auf seine
Wurzellosigkeit in eine mit kleinen Steinen und Erde gefllte Tonne gepflanzt
und beides, Baum und Tonne, neben dem in der groen Halle stehenden Etisch
aufgestellt hatte. Ihn hier auszuschmcken war, von Stund an, die Freude aller,
am meisten L'Hermites. Bis zu Mannshhe machte sich dies leicht, dann aber
muten Stehleitern aushelfen, um zunchst, und zwar oben an der Spitze des
Baumes, einen Weihnachtsengel anzubringen. L'Hermite, glcklich damit zustande
gekommen, blieb eine Viertelstunde lang oben in seiner Hhe, whrend welcher
Zeit Ruth und Maruschka hinaufreichten, was alles in den voraufgehenden Tagen
ausgeschnitten, vergoldet und versilbert worden war. Lehnert und Toby aber
beschftigten sich mittlerweile mit Herstellung einer transparenten Krippe, in
deren Vordergrund alle die bekannten auf Pappe geklebten Christnachtfiguren
standen. Nur einer der drei Knige aus dem Morgenland, der Alte mit dem Bart,
war von L'Hermite plastisch ausgearbeitet worden und sah aus wie Obadja. Das
alles geschah im groen Hause. Natrlich verhielt sich auch Mistress Kaulbars
nicht trge. Sie buk, tagaus, tagein, ihre Mandel- und Rosinenkuchen, auch
solche mit Ingwer und Kardamom, deren wrziger Duft, trotzdem das Kchenwesen im
Nebenhause lag, das ganze Vorderhaus durchzog. Zugleich rieb sie Mohnpielen und
beschftigte sich mit der Frage, wie Bierkarpfen auch ohne Bernauer Bier gekocht
werden knne. Wie sich denken lt, wurden auch Enten, Hhner und Gnse
geschlachtet, und Totto sa in der Wintersonne und rupfte das geschlachtete
Federvieh, das ihm die Arapahomdchen unter Lachen und kleinen Neckereien
bestndig zutrugen. Jeder im Hause nahm teil und freute sich, und am
vierundzwanzigsten frh erschienen auch noch die beiden Missionsschulen, die von
Krhbiel und die von Nickel. Denn fr die Kinder dieser beiden Schulen war ja
recht eigentlich das Fest.

Und nun war der Abend da, und Totto wurde beauftragt, um sechs Uhr an den groen
Schild zu schlagen. Das tat er denn auch. Und nicht lange, so kam man von allen
Seiten herbei: Maruschka, Ruth und Toby vom linken, Lehnert und L'Hermite vom
rechten Korridor her, whrend Mister und Mistress Kaulbars die verschiedenen
Mgde, Krhbiel und Nickel aber die Indianerkinder herbeifhrten, Knaben und
Mdchen, die man bis dahin im Tabernakel untergebracht und mit Tee bewirtet
hatte.
    Der groe Flur (Totto noch immer unter dem Tamtam) war vorlufig
Versammlungsplatz, und nun endlich ffnete Obadja die groe Tr, und whrend
einer der Lehrer auf dem Harmonium spielte, das man zu diesem Zweck aus Ruths
Zimmer heruntergeschafft hatte, trat alles in langem Zug in die Halle, wo der
Baum mit seinem Christengel und seinen Lichtern stand, vor allem aber ber die
lange Tafel hin die hundert Geschenke ausgebreitet lagen: in der Mitte die der
Hausgenossen und Gemeinde, links und rechts die fr die Cherokee- und
Arapahokinder. Die Freude zu sehen bildete doch die Hauptfreude. L'Hermite vor
allem war entzckt, gab jedem der kleinen Rothute, mnnlich wie weiblich, die
bedenklichsten franzsischen Namen, unter denen petit bougre von den mildesten
war, stellte dabei mehrere Jungen auf seine Schulter und blies ihnen ein Stck
auf einer Blechtrompete. Das Bewundertste blieben aber doch die Tiere der Arche
Noah, und Krhbiels und Nickels Anstrengungen, die Aufmerksamkeit der Kinder auf
die Krippe hinzulenken, waren nur von halbem Erfolg. Das Natrliche war und
blieb ihnen das Liebere, und so kam es denn, da sie von dem alten weibrtigen
Knig aus Morgenland, trotzdem sie lchelnd Obadja in ihm erkannt hatten, nicht
viel wissen wollten und immer wieder zur Arche Noah zurckkehrten. Im Flur wurde
mittlerweile das Abendbrot genommen. Aber schon nach kurzer Zeit begab man sich
wieder in die Halle zurck, wo jetzt von den Kindern Obadjas Lieblingslied
gesungen wurde:

Valet will ich dir geben,
Du arge falsche Welt,
Dein sndlich bses Leben
Durchaus mir nicht gefllt;
Im Himmel ist gut wohnen,
Hinauf steht mein Begier,
Da wird Gott ewig lohnen
Dem, der ihm dient allhier.

Obadja, der schon vorher mit seinen Hausgenossen am Kaminfeuer Platz genommen,
erhob sich whrend dieses Gesanges, alle mit ihm, sogar L'Hermite, der zwischen
Spott und Rhrung kmpfte. Dabei zog er die Stirn in immer krausere Falten und
versuchte hinter Gesichterschneiderei zu verbergen, was in ihm vorging. Als die
Kinder dann zum dritten Mal an Obadja vorberzogen, sangen sie die Schlustrophe
des schnen Liedes:

Schreib meinen Nam'n aufs beste
Ins Buch des Lebens ein,
Und bind mein Seel gar feste
Ins schne Bndelein
Der'r, die im Himmel grnen
Und vor dir leben frei,
So will ich ewig rhmen,
Da dein Herz treue sei.

Die zwei letzten Zeilen erklangen schon drauen im Flur und gingen, zur
Genugtuung Obadjas, der nicht nur ein Verstndnis, sondern auch eine Freude fr
den natrlichen Menschen hatte, sofort in Kinderlachen und heiterstes Geplauder
ber. Dann schritten alle, die Geschenke vorlufig noch auf dem Weihnachtstische
zurcklassend, bei klarem Sternenhimmel auf die Nachbargehfte von Nogat-Ehre
zu, wo man sie, je nach der Gre der Farmen, in greren und kleineren Trupps
unterzubringen wute. Nur die, die nach ihrer Lehrer Zeugnis die Besten waren,
blieben zur Auszeichnung und Belohnung in Obadjas Hause zurck und bezogen hier
ein paar Zimmer auf demselben Korridor, auf dem Lehnerts und L'Hermites Zimmer
gelegen waren.

Die Hausangehrigen ihrerseits, whrend die Mehrzahl der Kinder in den Farmen
verteilt wurde, blieben noch beisammen und gruppierten sich wieder um den Kamin.
Nur Mistress Kaulbars blieb in Bewegung, machte, vom Buffet her, die Wirtin und
erntete viel Lob und Zuspruch fr die von ihr bereiteten Weihnachtsgerichte.
L'Hermite fand die Mohnpielen un peu curieux, aber doch admirable und
erklrte, wenn's irgend ginge, sich auf diesem Wege milderer Observanz zum
Opiumesser heranbilden zu wollen, was er, ihm selber unerklrlich, bis diesen
Augenblick ungebhrlich versumt habe. Denn des Lebens Bestes sei doch immer das
Ins-Vergessen-Sinken, das lehre nicht blo le grand Buddha, sondern auch le
petit L'Hermite.
    Obadja lachte herzlich, gab ihm dabei die Hand und sagte: das knn ihm in
Nogat-Ehre nie und nimmer bewilligt werden; er werde hier vielmehr fortleben,
genau wie die Mohnpielen, un peu curieux, aber doch admirable. Was aber
wichtiger sei: wenn sich ihm (Obadja) das erflle, was er von ganzem Herzen
hoffe, so werde Camille L'Hermite dermaleinst auch an anderer Stelle nicht
vergessen sein. Schon die Wege des Lebens seien wunderbar, aber am wunderbarsten
seien die Gnadenwege. Wer die Gnade habe, der mhe sich umsonst, sie zu
verscherzen.
    L'Hermite lchelte, sei's, weil er im allgemeinen oder nur persnlich
allerlei Zweifel unterhielt, Obadja aber sah ber das Lcheln hin und fragte
Lehnert, der die zuletzt gesprochenen Worte gierig eingesogen, ob er das eben
von den Kindern gesungene Lied schon gekannt habe, das Valet will ich dir
geben.
    Ja, sagte Lehnert, er hab es gekannt, denn es habe dem Liederschatze seiner
heimatlichen Dorfkirche mit angehrt.
    Dann weit du auch wohl, von wem es ist?
    Nein.
    Aber das solltest du doch. Es ist nmlich ein Landsmann von dir, der es
gedichtet hat, und hie Valerius Herberger. Ein schner Name, nicht wahr? Denn
unsere Kirche soll eine Herberge sein, und der, der darin waltet, ein rechter
Herberger. Und ein solcher Herberger war unser Valerius auch wirklich. Ihr
Schlesier seid berhaupt bevorzugt in solchen Stcken, und ich mchte wohl, ich
knnte von meiner alten heimischen Weichsel- und Nogatgegend dasselbe sagen.
Aber wenn ich auch stolz bin auf meine Nogatheimat, so sind uns doch die Gaben,
die so viel bedeuten und so mchtig sind (auch fr die noch, die sich der
rechten Lehre rhmen drfen), versagt geblieben. Wir sind arm, und ihr seid
reich. Da habt ihr den herrlichen Mann, den Zinzendorf, denn die Sachsen und
Lausitzer sind schon wie halbe Schlesier, und da habt ihr den herrlichen Paul
Fleming und vor allem auch den Opitz.
    Lehnert verfrbte sich.
    Als er aber sah, da der Name voll Unbefangenheit gesprochen worden war, kam
er rasch wieder zu sich und folgte mit scharfem Ohre, whrend Obadja fortfuhr:
Und zu diesen Erwhlten unter euch, die nun dastehen als eine Sule der neuen
Kirche, zhlt auch der Valerius Herberger, und wie sein Glaube in seinen Liedern
lebt, so lebt er auch in seinen Werken. Und ich beuge mich vor diesem Manne.
Kein Mrtyrer, im Sinne der alten Kirche, hat er doch dem Tode Tag um Tag ins
Auge gesehen. Er war Prediger in Fraustadt in Schlesien, und in neun Wochen
starb die Stadt aus, denn der schwarze Tod ging in ihr um. Mehr als dreihundert
hat er persnlich unter Schulgesang mit bestatten helfen, und doch blieb er ohne
Furcht und Ekel. Manche Leiche begrub er mit dem Totengrber allein. Er ging
voran und sang; der Totengrber aber fhrte ihm die Leiche auf einem Karren
nach, an dem ein Glckchen hing, damit die Leute der Begegnung ausweichen
konnten. Sein Trost war: wer Gott im Herzen und ein gut Gebet und einen
ordentlichen Beruf hat und den Vorwitz meidet, dem kann der Teufel nicht
ankommen und die Seuche noch weniger.
    Ah, das ist schn, sagte Ruth. Obadja aber nickte Ruth zu und fuhr dann
fort: Und als die Seuche fort und aus dem Lande war, da schrieb er: Es war all
die Zeit ber, als ob ein Engel mit dem Schwert mein Haus verteidigt htte, so
da mir kein Leid widerfahren durfte. Und whrend dieser Zeit war es auch, da
er das schne Lied dichtete, das, wie's ihn aufrichtete, seitdem soviel tausend
andere mit aufgerichtet hat.
    Die Lichter am Baum waren schon lange vorher gelscht worden. Auch im Kamin
fiel das Feuer zusammen und glhte nur noch dunkel. Aber die goldnen Nsse
blinkten in dem tiefen Licht um so goldner, und der Christengel schwebte
darber.
    Ich denke, wir trennen uns, sagte Obadja. Ruth, singe mir noch einmal die
erste Strophe. Das soll heute mein Nachtgebet sein.
    Ruth tat, wie ihr geboten.
    Dann nahm Obadja das zunchststehende Licht, grte die noch Versammelten
und ging auf sein Zimmer zu.
    Auch die anderen erhoben sich bald.
    Ihr scheint bewegt, sagte Lehnert, als er sich an L'Hermites Tr von
diesem trennte.
    L'Hermite lchelte. Oui, oui. Mais cela n'importe rien. Wir sind
verpfuscht, cher Lehnert, verpfuscht durch die alte Legende. Heiland, Erlser.
Bah! Le grand Sauveur c'est l'ide.

                              Dreiigstes Kapitel


Frher als gewhnlich war man am anderen Morgen auf und nahm das Frhstck,
nachdem die Lichter am Baum noch einmal angezndet waren. Obadja las das
Weihnachtsevangelium und zog sich dann in sein Arbeitszimmer zurck, um sich
hier vorzubereiten, und zwar fr die Christpredigt. Diese war, neben der
Taufpredigt im September, die wichtigste Predigt im Jahre, zu der, schon weil
die Mennoniten von Nogat-Ehre auf viele Meilen in der Runde die einzigen waren,
die eine Gemeinde bildeten und einen Betsaal hatten, alles zusammenkam, was in
der groen Talmulde zwischen den Shawnee-Hills und den Ozark-Mountains an Jesum
Christum glaubte. Das waren, auer den Leuten von Station Darlington, ganz
besonders auch die Besatzungen von Fort Holmes und Fort Gibson, die bei der
Weihnachtspredigt nie zu fehlen und mit ihren bunten Uniformen die Kirche zu
beleben pflegten.
    Und sie fehlten auch heute nicht. berhaupt war es ein groes Andrngen, und
unter der nun winterlich entlaubten Akazien- und Lindenallee standen in langer
Reihe die Wagen, auf denen man herbeigekommen war. Einige fuhren auch auf die
zum Teil weit ausgebauten Farmen, mit deren Bewohnern man schon aus
Unterhaltungsbedrfnis auf dem besten Fue stand. Um zehn Uhr begann der Gesang,
bei dem Ruth wieder das Beste tat, und dann folgte Gebet und Predigt, die der
Alte mit gewohnter Geschicklichkeit nicht blo dem Tage, sondern auch den
Anschauungen seiner gemischten Zuhrerschaft anzupassen wute. Das Predigen ber
die Kpfe weg war nicht seine Sache. So lie er auch heut alles blo Lehrhafte
fallen, htete sich, vom geistigen Leibe Christi zu sprechen, und beschrnkte
sich darauf, in der schlichten Erzhlung von der Geburt des Heilands das schn
Menschliche zu betonen. Aus Not und Bedrngnis, aus Armut und Niedrigkeit sei
das Heil geboren worden, und der Krippe zu Bethlehem entstamme die Welterlsung.
Er verweilte hierbei, sprach aber trotzdem nur kurz, so da schon um elf Uhr der
Gottesdienst mit einem Vers aus dem Weihnachtsliede schlieen konnte, bei dessen
Verklingen Obadja den Saal als erster verlie. Dann folgte die Gemeinde, zuletzt
die Kinder, die diesen Augenblick mit Sehnsucht erwartet hatten und, vom Betsaal
in die Halle hinbergefhrt, hier mit kaum unterdrckter Aufregung ihre
Geschenke vom Weihnachtstische nahmen, um gleich danach unter Vorantritt
Krhbiels und Nickels ihren Rckweg in ihre Drfer anzutreten.
    Obadja hatte sich in sein Zimmer zurckgezogen, und eine halbe Stunde spter
erschien Ruth, um ihm das Frhstck zu bringen, das er um diese Zeit zu nehmen
pflegte. Sie setzte das Tablett vor ihn hin und wollte wieder gehen, aber er
hielt sie fest.
    Du bist so still, Ruth. Hast du mir nichts zu sagen?
    Nein. Oder doch nur das eine, das du lngst weit, da ich glcklich bin
und dich liebe.
    Und bist du glcklich?
    Ja.
    Sie sagte das mit einem Ton, der jeden Zweifel ausschlo. Und dann kte sie
seine Hand und verlie das Zimmer.

In der Halle, darin eben noch alles so laut und lebendig gewesen war, war jetzt
alles still, und diese Stille schien noch zu wachsen unter der Dunkelheit, die
herrschte. Denn es war ein grauer Tag, ein rechtes Weihnachtswetter. Nichts war
sichtbar als der weigedeckte Tisch, von dem jetzt die Geschenke verschwunden
waren, und daneben der Weihnachtsbaum, der wie ein dunkler Schatten in dem
allgemeinen Dmmer aufragte. Ruth wollte daran vorber, fuhr aber zusammen, als
ihr Lehnert, den der Baum bis dahin verdeckt hatte, pltzlich entgegentrat.
Indessen es whrte nicht lang; im nchsten Augenblick lachte sie wieder:
Lehnert, du hier? Du schleichst ja wie durch den Forst.
    Sie wute nicht, wie das Wort ihn traf, und setzte scherzhaft und in
wiedergewonnener guter Laune hinzu: Du darfst nicht vorher die goldnen Nsse
zhlen; dazu ist Zeit heut abend, wenn wir den Baum plndern. Und dafr mut du
Sorge tragen, da Maruschka das Beste kriegt, sonst ist sie traurig und weint.
    Lehnert versprach alles und fragte dann, ob der Vater in seinem Zimmer sei.
    Willst du zu dem?
    Ja.
    Und das heut am Weihnachtstag und gleich nach der Predigt? Ei, das mu
etwas Groes sein.
    Ist es auch. Ich will ihn um etwas bitten. Und hre, Ruth, dabei fllt mir
ein, du knntest mir Glck dazu wnschen.
    Wenn es etwas Gutes ist.
    Ich glaube, da es etwas Gutes ist.
    Nun denn von ganzem Herzen.
    Sie gab ihm die Hand, und whrend sie nach links hin und weit um den Tisch
herum auf den offenstehenden Flur zuschritt, schritt Lehnert auf Obadjas Zimmer
zu, von dessen Tr er den Vorhang zurckschlug.
    Obadja sa an seinem Arbeitstisch, genau wie damals, als Lehnert zum ersten
Male hier eintrat, und ganz wie damals gab er sich und seinem Stuhl eine rasche
halbe Wendung und sagte: Nun, Lehnert. Was bringst du? Nimm Platz!
    Lehnert setzte sich auch wirklich, schwieg aber befangen.
    Endlich war er seiner Verlegenheit Herr und begann damit, ihm fr die
heutige Predigt zu danken, am meisten aber fr das, was er gestern abend ber
den Valerius Herberger gesagt habe. Das hab ihn die ganze Nacht nicht schlafen
lassen. Er fhle, da das das rechte Leben sei: sich, mit Gott im Herzen, vor
dem Tode nicht zu frchten. Und solches Leben zu fhren, das sei so recht seine
Sehnsucht. Und wenn ihn der Teufel der Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit nicht
verblende, so mcht er wohl sagen drfen, er glaube, da er nicht blo die
Sehnsucht, sondern auch die Kraft dazu habe.
    Glaub's Lehnert, glaub's... Aber du wolltest mir etwas anderes sagen.
    Ja, besttigte Lehnert, das wollt ich... Und doch (so fuhr er fort) hab
er alles, was er eben ber den Herberger und ber sich selbst gesagt, erst sagen
mssen, denn nur daraus, da er auch so was wie der Herberger in sich fhle, nur
daraus km ihm der Mut zu dem, was er jetzt sagen wolle. Heraus mss' es; er
liebe Ruth, und wenn das vermessen und hoffnungslos sei, dann woll er fort, und
zwar lieber heut wie morgen...
    Und nun hielt er inne, gewrtig dessen, was Obadja sagen wrde.
    Der aber schwieg beharrlich und schien nur durch Blick und Handbewegung
andeuten zu wollen, da Lehnert weitersprechen mge. Da fiel denn auch alle
Furcht von ihm ab, und er lie sein Herz nicht blo reden, sondern ihm auch die
Zgel schieen. Er wisse wohl, da er ein schlechter Mensch und des Glckes, das
er begehre, durchaus unwrdig sei. Aber er wisse auch, da die Gnade gro sei,
so gro wie seine Reue. Wen Gott erwhlt habe (das seien Obadjas eigene Worte),
der knne straucheln und fallen, aber er falle nur, um durch Gott selbst wieder
aufgerichtet zu werden. Er hoffe, da dies auch sein Los sein werde.
Selbstgerecht und gewaltttig sein, das seien die Fehler seiner Jugend gewesen
und die Wurzeln des Verbrechens, um dessentwillen er seine Heimat habe meiden
mssen, aber er glaube sagen zu drfen, das alles liege jetzt weit zurck, und
seit dem Tage, der seine Bekehrung gebracht, steh es fest in ihm, da die
Reinheit und der Friede das einzige Heil seien. Das Friedenslied, das damals
gesungen worden sei, das hab ihn bekehrt, und wenn nicht das Lied, so die
Stimme.
    Und wenn nicht die Stimme, so Ruth, lchelte Obadja.
    Aber Lehnert sah das Lcheln nicht. Er hrte nur heraus, was freundlich
darin klang, und wiederholte mit Unbefangenheit: Ja, Ruth..., sie sei es, der
er alles schulde, und sie werd ihm auch dann noch das Glck bedeuten, wenn er
es, ihm nur zu begreiflich, in diesem Augenblicke fr immer hinschwinden she.
Denn Ruth, das wiss' er nur zu gut, sei weit ber ihn hinaus, eine Herrentochter
und eine Lady, whrend er in Not und Armut und in noch Schlimmerem grogezogen
sei. Das heimatliche Haus habe nichts fr ihn getan und die Schule nicht viel,
und alles, was er sei, das habe zu Gutem und Schlimmem das Leben aus ihm
gemacht. Er she hinauf zu Ruth. Aber seine Liebe sei gro und gleich gro sein
Wille, sie glcklich zu machen. Sein Wille und hoffentlich auch seine Kraft.
    Und nun sah er Obadja fest an und erwartete sein Urteil.
    Der Alte schwieg aber und begegnete seinem Blicke mit nichts als
freundlicher Ruhe. Dann erhob er sich, ging auf Lehnert zu und sagte: Wei Ruth
davon?
    Nein.
    Nun, dann gedulde dich, Lehnert! Es ist Rahel, um die du wirbst... Ich
werde dir Antwort sagen.

                           Einunddreiigstes Kapitel


Gedulde dich! Ich werde dir Antwort sagen. Hundertmal wiederholte sich's
Lehnert, und als Obadja am andern Morgen die Andacht gehalten und wie
herkmmlich ein Bibelkapitel gelesen hatte, hoffte Lehnert, da nun das Wort,
das ber sein Leben entscheiden sollte, gesprochen werden wrde. Aber das Wort
blieb aus, und er verzehrte sich tagelang darber, da es ausblieb. Er wurde wie
krank im Gemt und mied es nach Mglichkeit, mit Ruth und mehr noch mit Obadja
zusammenzutreffen. Als aber, ohne da ein Wort laut geworden wre, das neue Jahr
angebrochen war, war er entschlossen, mit dem Elend ein Ende zu machen und sich
wieder in sein altes Leben zurckzufinden.
    Das wr ihm nun freilich einfach unmglich gewesen, wenn die Haltung Obadjas
irgend etwas gezeigt htte, was auf Mistimmung oder gar auf belwollen und
Ablehnung htte gedeutet werden knnen. Aber eher das Gegenteil war der Fall.
Keine Begegnung verging, ohne da Lehnert wenigstens einen freundlichen Blick
erhascht htte, was noch wuchs, als Obadja sich berzeugte, da in der Tat keine
Heimlichkeiten zwischen den jungen Leuten existierten und Ruth ohne jede Ahnung
von dem Schritte war, den Lehnert getan hatte. So kehrte denn ein gewisser
Zustand der Ruhe, wenigstens uerlich, zurck, und Lehnert, wenn er jetzt, was
nur zu oft geschah, seines Weihnachtszwiegesprches mit Obadja gedachte,
verzichtete darauf, diesem Zwiegesprch nur das zu entnehmen, was ihm pate,
sondern erinnerte sich daran, da der Alte hinzugesetzt hatte: Es ist Rahel, um
die du wirbst. Das war, das sah er jetzt ein, mit gutem Bedachte gesagt worden,
und jedenfalls zu dem Zweck, ihn wissen zu lassen, da es einer langen Probezeit
bedrfe.
    Ja, der frhere Zustand der Ruhe kehrte zurck, und als der Winter auf die
Neige ging und der Frhling anbrach, wurden die Feldarbeiten, sowohl von
Nogat-Ehre wie vom Vorwerk aus, wohin Kaulbars und Frau zurckgekehrt waren, im
ganzen Umfange wiederaufgenommen. berall gab es ein Pflgen und Sen, und
Lehnert, bei Beaufsichtigung der Arbeit, war oft bis halben Weges nach
Darlington oder auch, nach der andern Seite hin, bis an den Abhang der Berge hin
in Ttigkeit. Auch Toby war mit Uncas viel drauen, um auf Hhner zu jagen,
welche Form der Jagd der Alte, trotz prinzipieller Bedenken, gelten lie, ja
geradezu begnstigte, da zu seinen kleinen Schwchen, ganz nach Patriarchen- und
Kirchenfrstenart, auch die gehrte, den Freuden der Tafel nicht abgestorben und
speziell in bezug auf Bekassinen ein Feinschmecker zu sein.
    Eine dieser Jagden auf Hhner hatte sich an einem schnen Mrztage bis an
eine fast schon zu Fen von Fort O'Brien gelegene Sumpfstrecke gezogen, und
Toby, gegen Abend mit reicher Ausbeute heimkehrend, zeigte sich entzckt von dem
landschaftlichen Anblick, den er kurz vor Beendigung seines Jagdausfluges von
dem Wallgange des halbverfallenen Forts aus gehabt habe; der ganze Hgelabhang
habe ihm den Anblick eines groen Blumengartens gewhrt, viel, viel schner als
irgend etwas der Art, was er je gesehen habe, denn in beinahe felderartigen
Streifen sei die ganze Schrgung mit Frhlingsblumen berdeckt gewesen, mit
Krokus und Konvallarien, mit Narzissen und Anemonen. Ruth, anfnglich unglubig,
war endlich doch von seiner Begeisterung mit hingerissen worden und hatte bei
dem abschlieenden Vorschlage, tags darauf eine Partie hinaus machen und auf der
von Palisaden umstellten Bastion ein Picknick abhalten zu wollen, Maruschka wie
selig am Arm genommen und war mit ihr durch die Stube getanzt. Zugleich aber
hatte sie sich vorsorglich erboten, den Vater nicht blo zur Zustimmung, sondern
selbst zur Teilnahme bewegen zu wollen, was ihr, wie sie wohl wute, nicht
schwer werden konnte, da sie seine Plne kannte, Plne, die sich seit lange
damit beschftigten, das Fort von der Regierung in Kauf zu nehmen und nach
erfolgtem Ausbau zum Mittelpunkt eines neuen Vorwerks zu machen. Ein solcher
Ausflug aber, so rechnete sie, wrd ihm erwnschte Gelegenheit bieten, die ganze
Sache mit unbefangenem Auge nochmals zu prfen.
    Und siehe da, Ruth hatte sich nicht verrechnet. Obadja war auf alles mit
bemerkenswerter Freudigkeit eingegangen, nur immer das eine zur Bedingung
stellend, da beide Kaulbarse mit aufgefordert werden mten, auerdem auch
Bruder Krhbiel, welcher letztere seit zwei Tagen in Nogat-Ehre war, um die nach
Gunpowder-Faces Tode noch immer in der Schwebe verbliebene
Huptlingserbfolgefrage endlich zum Abschlu zu bringen. Selbstverstndlich
hatte niemand Lust bezeigt, am wenigsten aber Ruth und Maruschka, das Vergngen
einer Landpartie mit Picknick an dieser ihnen ziemlich gleichgltig
erscheinenden Kaulbars- oder Krhbiel-Frage scheitern zu sehen, und so war denn
alles bewilligt und zwei Uhr als beste Stunde fr den Ausflug nach Fort O'Brien
festgesetzt worden.
    In zwei Wagen fuhr man rechtzeitig hinaus und fand die noch am Abend vorher
benachrichtigten Kaulbarse bereits am Eingang in die Bergschlucht vor, an einer
geschtzten Stelle, von der aus eine links einbiegende Steintreppe fast
unmittelbar bis nach Fort O'Brien hinauffhrte. Man begrte sich ziemlich
herzlich, denn selbst Nogat-Ehre kannte die Kunst der Verstellung, und als man,
oben angelangt, an ein Auspacken der seitens der Kaulbarse mitgebrachten und aus
Artigkeit gleich in erster Reihe mit hinaufgenommenen Krbe ging, berzeugte man
sich, da das Vorwerk den Hauptsitz um ein bedeutendes berflgelt habe. Topf-
und Blechkuchen, Mohnstriezel und Marmeladentpfe stiegen in solchen Mengen aus
der Tiefe der beiden Krbe herauf, als ob es sich um eine Verproviantierung von
Fort O'Brien oder, doch mindestens um einen unverlschlichen Eindruck auf
Maruschka gehandelt htte. Diese wurde denn auch nicht mde, der guten Frau
Kaulbars ihre Bewunderung auszudrcken und sie ein Mal ber das andere als my
dear Mistress Kaulbars anzusprechen.
    Aber nun ein Feuer, sagte Toby. Wir knnen nicht die Verwegenheit haben,
uns trocken durch diesen Kuchenberg hindurchessen zu wollen; daran wrde selbst
Maruschka scheitern. Also Kaffee, viel Kaffee, sonst sind wir verloren, und hier
unter dieser Ahornplatane, die nicht blo Schatten gibt, sondern auch warm und
behaglich unterm Winde liegt, hier wollen wir das Feuer machen. Ich denke, wir
holen uns alte Bretter aus dem Fort, das Jungholz hierherum ist noch zu na, und
wenn wir keine Bretter finden, nun, so brechen wir einen Pfahl heraus, sind
ihrer ja die Menge vorhanden, und auf Vernichtung von Staatseigentum werden wir
wohl nicht verklagt werden. Vater ist ja Obrigkeit und hat es in der Hand, gegen
uns vorzugehen oder es niederzuschlagen.
    Und so sprechend, trat er an die mit spitzen Pfhlen dicht umstellte
Brstung des alten Wallganges heran und versuchte mit aller Anstrengung, eine
der Palisaden herauszuwuchten; aber Bretter und drres Holz aus den hier und da
noch halbwegs geschtzten Rumen des Forts waren rascher zur Hand, und ehe man
noch die Nogat-Ehrener Picknickkrbe von den nach wie vor unten am Eingange der
Schlucht haltenden Wagen treppauf geschafft hatte, brannte auch schon das Feuer,
und drumherum standen ein paar umgestlpte Krbe, die nun als Sitz- und
Ehrenpltze fr Obadja und Maruschka dienten, whrend Krhbiel und Kaulbars und
bald auch Lehnert und L'Hermite sich ihrerseits begngten, etliche Steine
heranzutragen und diese mit Plaids und Tchern zu berdecken. Das war die
Hauptgruppe. Mistress Kaulbars aber, unter bestndigem Hin und Her die Wirtin
machend, kam wie gewhnlich auch heute nicht zur Ruhe - noch weniger freilich
die Geschwister, die voll Jubel den Palisadenzaun hinabkletterten, um sich in
den den Abhang berdeckenden Blumenfeldern zu vergngen, von denen Ruth jetzt
zugestehen mute, da sie noch viel, viel schner seien, als Toby sie
geschildert habe. Dabei bckten sie sich, um Strue zu pflcken, und erst als
man sie zurckrief, stiegen sie den Abhang wieder hinauf und liefen nun auf
Maruschka zu, der sie den ganzen Vorrat ihrer Blumen in den Scho warfen.
    Vierge aux fleurs, sagte L'Hermite, was Krhbiel, der darin eine
katholische Huldigung vermutete, mit sauersem Lcheln begleitete.
    Maruschka selbst aber war glcklich wie ein Kind, und in ihrem bermut ihrem
ihr gegenbersitzenden Freunde L'Hermite ein ganzes Narzissenbndel zuwerfend,
verlor sie stolpernd das Gleichgewicht und verschttete den Kaffee, den Mistress
Kaulbars ihr eben erst in einer dicken Fayencetasse prsentiert hatte.
    Tut nichts, trstete diese. Bringe gleich eine andere. Ja, liebe
Maruschka, wenn es nicht Snde wre, mte man's immer so machen, und mit
Absicht. Eigentlich schmeckt ja nur der erste Schluck, und auch nur, wenn er
hei ist, und auer dem alten Rthnick in Schwante hab ich keinen Menschen
gekannt, der fr kalten gewesen wre. Gott, wenn ich daran denke! Die Leute
sagten immer, er wolle noch schner werden, und brauchen konnt er's. Denn all
mein Lebtag hab ich solchen Flunsch und solche Lippe nich wiedergesehen wie
Rthnicken seine. War aber sonst eine Seele von Mann.
    Obadja lachte herzlich, und Ruth und Toby stimmten mit ein, und nur
L'Hermite, der sonst ein feines Ahnungsvermgen fr derlei Dinge hatte, konnte
diesmal nicht mit und fragte: Qu'est-ce que a: flounch? Aber ehe Lehnert ihm
antworten konnte, nahm er wahr, da Ruth noch keinen Platz habe, weshalb er sich
in der ihm eigenen Artigkeit rasch erhob, um ihr den seinigen als den
vergleichsweise besten anzubieten, weil vis--vis de Maruschka.
    Ruth dankte, nahm aber das Opfer nicht an und erklrte, fr sich selber
sorgen zu wollen. Dabei trat sie dicht an eine Palisade heran, dieselbe, daran
Tobys Krfte sich schon vorher versucht hatten, und mhte sich zunchst, einen
ziemlich groen Stein loszumachen, der dicht neben dem Palisadenpfahl
eingebettet lag. Ihre kleinen Hnde waren aber zu schwach, und so sprang denn
Lehnert herzu, um ihr bei dem Lockern des Steins nach Mglichkeit behilflich zu
sein. Und es gelang auch. Aber freilich im selben Augenblicke, wo der Stein sich
lste, fuhr eine Kreuzotter darunter hervor und bi Ruth in das Handgelenk,
dicht neben der groen Ader, und war dann im Nu die Palisade hinab und in dem
Blumengewirr verschwunden.
    Mit einem Schrei sank Ruth in die Knie und sagte, whrend sie die Hnde
faltete, mit unaussprechlich trauriger Stimme: Nun mu ich sterben.
    Aber kaum da sie diese Worte gesprochen hatte, so warf sich Lehnert neben
sie nieder, ergriff ihre Hand und sog mit einer leidenschaftlichen Gewalt, und
ehe sie's hindern konnte, das Gift aus der Wunde.
    Das Ganze war wie ein Blitz; Tod und Rettung nur ein Augenblick.
    Ruth aber verblieb in ihrer knienden Stellung und sagte: Nun stirbst du.
    Nein, Ruth, nein! Und wenn... Was liegt daran? Was liegt an mir?

                           Zweiunddreiigstes Kapitel


Lehnert wurde tags darauf von einem heftigen Fieber befallen, und alle
frchteten fr sein Leben. Ruth und Maruschka waren in Trnen, und L'Hermite,
der den regelrechten rzten mitraute, sacrete durch das Haus hin und hielt
Reden, selbst zu Totto, ber den zu frhen Tod seines Freundes Gunpowder-Face,
des einzigen, der noch, nach Indianerweise, den Mut gehabt habe, jedes Fieber
durch Hineinschieben in einen Backofen zu heilen, und berhaupt der beste Doktor
in den ganzen United States gewesen sei. Jeder klagte, selbst Martin Kaulbars,
der freilich seiner glcklichen Beanlagung nach nicht umhin konnte, seiner Klage
zugleich etwas von einer Anklage beizumischen. Das Gift auslutschen sei der
reine Unsinn und sollte blo so was sein; ausbrennen, das sei das richtige, das
wisse jedes Kind, und wenn man einen alten Nagel in das Kaffeefeuer oder auch
blo in die noch glimmenden Kohlen gelegt htte, so wre das fr Miss Ruth das
beste gewesen und fr den guten Schlesier auch. Nu werd er wohl dran glauben
mssen. Und ob Miss Ruth durchkme, das wre auch noch soso. Aber das kme
davon, wenn man von nichts wisse und in allem zurck sei.
    Zum Glck kam es anders, und alle Herzensnot Ruths und alle Neunmalweisheit
Martin Kaulbars' erwiesen sich als ungerechtfertigt. Das Fieber, das Lehnert
heimgesucht hatte, hatte mit dem Gift nichts zu schaffen und war einfach eine
Folge groer Aufregung und hinzugetretener Erkltung gewesen, so da am dritten
Tage schon der aus der Nachbarschaft von Fort MacCulloch herbeigerufene Doktor
Morrison die Versicherung einer vollstndigen Genesung geben und
selbstverstndlich an dem Fest- und Freudenmahl, das Obadja denselben Abend noch
veranstaltete, teilnehmen konnte.
    Lehnert war sehr glcklich und empfing, als nun alle Sorgen abgetan waren,
noch einmal die Danksagung der Familie. Sein Glck wuchs aber noch, als am
andern Morgen Obadja das Gebet sprach, worin es mit besonderer Betonung hie,
da die Liebe der einzige Lohn fr treues Dienen sei. Und gleich danach nahm der
Alte die Bibel und las: Und Jakob gewann die Rahel lieb und sprach: Ich will
dir sieben Jahre um Rahel dienen. Und Laban antwortete: Es ist besser, ich gebe
sie dir denn einem andern. Also dienete Jakob um Rahel sieben Jahr, und deuchten
ihn, als wren es einzelne Tage, so lieb hatte er sie.
    Ruth errtete. Denn ohne da ein Wort zwischen ihr und Obadja gesprochen
worden war, wute sie doch nur zu wohl, da der Vater in ihrem Herzen gelesen
hatte.
    Oben umarmte sie Maruschka, und die gute Alte sagte: Nun wird alles gut, du
stirbst nicht, und er stirbt nicht. Doktor Morrison hat mir alles gesagt, und
ich hab es ihn auch noch schwren lassen, was doch immer sicherer und besser ist
als euer bloes Ja und Nein. Schwren ist doch noch was Besonderes und macht
alles erst fest. Und nun werdet ihr glcklich sein. Ich habe mir unten im Garten
schon eine Myrte gezogen, und wenn Toby das Getreide nach Galveston bringt, mu
er mir auch ein Kleid mitbringen, ein rotseidnes. Ich habe darauf gespart,
solange du lebst.

Ja, Lehnert war glcklich, und nur eines war, was ihm fehlte: sich ber sein
Glck aussprechen knnen. Er fhlte, so widerstrebend er sich dies auch
eingestand, noch kein rechtes Recht dazu, denn das Wort, das ihm Obadja
verheien hatte, war noch immer ungesprochen geblieben, und so hielt er es denn
einfach fr seine Pflicht, in Zurckhaltung und Schweigen zu verharren.
    Vielleicht, da er trotz dieses starken Gefhls von dem, was sich vorlufig
einzig und allein fr ihn zieme, sein Schweigen dennoch durchbrochen htte, wenn
ihm L'Hermite, sein treuer Gefhrte, mit etwas mehr Neugier entgegengekommen
wre. Dieser vermied es aber offenbar, irgendeine Frage zu tun, ja zeigte sich,
wenn nicht alles tuschte, geradezu sorglich beflissen, einem solchen Gesprch
aus dem Wege zu gehen. Lehnert zerbrach sich den Kopf darber, und zu der Pein
des Schweigenmssens gesellte sich alsbald auch noch die Frage, warum L'Hermite
seinerseits jede Frage vermeide. Von Neid oder Eiferschtelei konnte keine Rede
sein, das lag nicht in L'Hermites Charakter oder war etwas lngst berwundenes,
und wenn dieser, wie ganz augenscheinlich, der Liebe seines Freundes zu Ruth
trotzdem nicht froh wurde, so mute was anderes vorliegen, was ihn zu diesem
Gefhl und einer daraus erwachsenden ablehnenden Haltung bestimmte. Das
Unhehagen, das Lehnert ber diese Wahrnehmung empfand, war so gro, da er
schlielich, allen entgegenstehenden Selbstgelbnissen zum Trotz, doch den
Entschlu fate, sich bei nchster Gelegenheit Gewiheit darber zu verschaffen.
    Diese Gelegenheit bot sich denn auch bald. Es war ein Musikabend gewesen,
und Ruth hatte Lehnerts und auch L'Hermites Wunsch nachgegeben und ganz zum
Schlusse noch einmal das Friedenslied vorgetragen, das sie, whrend der
Septemberfesttage, so schn und fr Lehnert so entscheidungsvoll gesungen hatte.
Dieser war denn auch, hnlich wie damals, von den Liebesworten und mehr noch von
Ruths Stimme ergriffen worden und hatte Trnen im Auge, als das Lied schwieg.
Auch L'Hermite war bewegt, und beide, wie wenn sie gewillt gewesen wren, sich
den eben gehabten Eindruck durch Maruschka nicht stren zu lassen, brachen
frher als gewhnlich auf und gingen in ihren Korridor hinber. Einen Augenblick
schwankten sie hier, wohin sich wenden, aber L'Hermites Zimmer, berhaupt das
bevorzugtere, ward auch heute gewhlt, und nach rechts hin eintretend, nahmen
beide Platz, Lehnert auf einem Schaukelstuhl, L'Hermite, wie gewhnlich mit
untergeschlagenen Beinen, auf seinem Arbeitstisch, den Schraubstock neben sich.
    Eh bien, sagte L'Hermite, whrend er eine kleine Eisenstange aus dem
Schraubstock herauszog und damit zu spielen begann, eh bien, Lehnert, was
gibt's? Ich glaube, Ihr wollt mir etwas sagen.
    Ja, seit lange schon.
    Nun denn.
    Ich liebe Ruth.
    L'Hermite lchelte. Wer nicht?
    Ah, ich versteh... Ihr findet es anmalich (L'Hermite schttelte den Kopf)
oder vielleicht ein Unrecht.
    Ni l'un ni l'autre.
    Oder Ihr meint, sie liebe mich nicht?
    Au contraire.
    Nun, was dann?
    Mon cher Lehnert, und L'Hermite setzte sich in eine Art Positur, Ihr
kennt meinen Katechismus und wit, da der Pfaffengott nicht darin vorkommt.
    Lehnert nickte.
    Gut denn, es gibt also keinen Gott, wenigstens nicht fr mich. Aber, mon
cher ami, es gibt ein Fatum. Und weil es ein Fatum gibt, geht alles seinen Gang,
dunkel und rtselvoll, und nur mitunter blitzt ein Licht auf und lt uns gerade
so viel sehen, um dem Ewigen und Rtselhaften, oder wie sonst Ihr's nennen
wollt, seine Launen und Gesetze abzulauschen.
    Nun?
    Und ein solches Gesetz ist es auch: wenn man erst mal heraus ist, kommt man
nicht wieder hinein. Und da hilft kein Hoherpriester und kein Prophet, und wenn
es Obadja selber wre, gleichviel ob der alte oder der neue. Das Fatum ist eben
strker, und es ist das beste, cher Lehnert, Ihr lebt Euch mit diesem Gedanken
ein. Ich hab es getan. Und wenn Euch das auch glckt, so werdet Ihr wenigstens
eines davon haben, dasselbe, was ich davon gehabt habe: das Glck der
Einsamkeit. Ihr steht dann von Stund an ber dieser armen Komdie, die Welt und
Leben heit.
    Lehnert starrte ihn an.
    L'Hermite aber, dessen Bewegungen immer nervser wurden, fuhr fort: Gebt
Ruth auf. Ihr kriegt sie nicht. Und wenn morgen die Hochzeit sein soll und die
gute Frau Kaulbars so viel Kringel und Krausgebackenes bckt, da der Fettgeruch
bis zu Krhbiel und den Arapahos hinberzieht und unserem Freunde
Gunpowder-Face, der dergleichen liebte, noch in seinem Grab umkitzelt - ich sag
Euch, Lehnert, Ihr kriegt sie doch nicht, Ihr fallt tot vorm Altar nieder. Und
wenn nicht Ihr, so Ruth. Glaubt mir, es soll nicht sein. Es ist da so was
Merkwrdiges in der Weltordnung, und Leute wie wir - Pardon, ich sage mit
Vorbedacht wie wir -, die nimmt das Schicksal, der groe Jaggernaut, unter die
Rder seines Wagens und zermalmt sie, wenn sie glcklicher sein wollen, als sie
noch drfen.

                           Dreiunddreiigstes Kapitel


Lehnert, als er nach diesen Worten in sein Zimmer zurckkehrte, war wie vom
Blitz getroffen, doppelt, weil er sich, wenn auch mit Widerstreben, gestand, aus
dem Munde L'Hermites nur das gehrt zu haben, was ihm eine innere Stimme selber
schon zugerufen hatte. Was unheimlich seinen Freund umschlich, umschlich auch
ihn, immer wieder war es da. Warum war er so miterschttert gewesen, als der mit
dem Kreuz auf der Brust in jener Sommernacht bei L'Hermite ins Fenster gesehen,
und warum lag da wer am Weg, als er, am Tage danach, von Fort O'Brien aus zum
ersten Mal ins Gebirge hinaufritt? Sinnestuschung? Nein. Gewissen. Es half
nicht Reue, nicht Beichte; was geschehen war, war geschehen, und im selben
Augenblicke, wo nur noch ein Schritt, ein einziger, ihn von seinem Glcke zu
trennen schien, sah er, da dieser Schritt ein Abgrund war.
    Er konnte keine Ruhe finden und zermarterte sein Gehirn mit dem, was kommen
msse. So verging ihm die Nacht, und erst gegen Morgen schlief er ein.
    Nicht lang. Aber so kurz der Schlaf gewesen war, doch war es, als wren ihm
Kraft und Mut zu gutem Teile zurckgekehrt, und als er das Fenster aufstie und
Frhlingsluft und Morgensonne hereindrangen, lsten sich die Vorstellungen, die
sich whrend der Nacht, als wren es Gespenster, seiner Seele bemchtigt hatten,
wie die Nebel auf, die drben am Gebirge hinzogen. Eine Schuld lag auf ihm; aber
hie es nicht in dem Gebet, das Christus selbst uns gelehrt, und vergib uns
unsere Schuld? Und wenn Christus so gelehrt und geboten hatte, so mute doch
auch eine Mglichkeit der Erhrung sein und bei rechter Demut und Zerknirschung
auch wohl eine Gewiheit. So sann er weiter, und als er sich's zurechtgelegt und
bei der Morgenandacht das Auge des Alten so fest und freundlich wie nur je zuvor
auf sich ruhen gefhlt hatte, war alles, womit L'Hermite ihn - und was schwerer
war, er sich selber - gengstigt hatte, besiegt und verschwunden.
    L'Hermite, der wohl sah, was in der Seele seines Freundes vorging, vermied
es, auf seine dstere Prophezeiung zurckzukommen, ja schlug umgekehrt einen
halb heiteren Ton an, der darauf aus war, die Wirkung seiner Worte wieder
abzuschwchen. Ob die Welt eine Welt der Wunder sei, das msse schlielich
dahingestellt bleiben, aber da die Welt eine Welt der berraschungen sei, das
sei nur zu gewi. Mit aller Berechnung sei nicht viel getan. Es gbe Regeln,
freilich, aber der Ausnahmen seien so viele, da es sich, ganz wie beim
Unterricht im Englischen (und er spreche da aus eigner trauriger Erfahrung),
eigentlich nicht recht verlohne, die Regeln zu lernen. Und was nun speziell die
guten Schicksalsgttinnen anginge, so htten sie Launen wie alle Weiber, und die
alten erst recht.
    Und dabei bot er Lehnert eine Zigarette.
    Der wute wohl, da das alles nur so hingesprochen war, um ihn zu beruhigen,
aber sosehr er dies durchschaute, so trug es trotzdem nicht wenig dazu bei,
seine Hoffnungen neu zu beleben.
    Auch Obadjas wachsend freundliche Gesinnung gab ihm viel von seiner alten
Freudigkeit und Frische zurck, was aber dies Gefhl der Frische vielleicht am
meisten belebte, das war, da sich Tobys in letzter Zeit eine wahre Jagdpassion
bemchtigt hatte, zu deren Befriedigung, wie sich denken lt, niemand
geeigneter erschien als Lehnert, der die Tugenden eines guten Schtzen mit denen
eines erfahrenen Bergsteigers in sich vereinigte. Dies letztere war die
Hauptsache. Denn von einem bequemen Absuchen, wie frher, an den
niedriggelegenen Smpfen und Teichen hin, war schon lange keine Rede mehr,
vielmehr ging es, bei jeder sich bietenden Gelegenheit, hoch ins Gebirge hinein,
und Weihen und Bussarde wegschieen oder auch wohl einen Bartgeier beschleichen,
das war jetzt das Jagdvergngen, nach dem Toby drstete.
    Der Alte mibilligte das alles und wrde dagegen eingeschritten sein, wenn
er nicht Tobys Charakter gekannt htte, der alles mit Feuereifer angriff, aber
nur, um es, nach kurzer Zeit schon, wieder fallenzulassen. Hierin fand er seine
Beruhigung und lie es gehen und war zufrieden, wenn Lehnert, was freilich bei
den sich mehrenden Feldarbeiten immer seltener geschah, den wenigstens zunchst
noch in seiner Jagdpassion beharrenden Toby auf seinen Ausflgen begleitete.

So war Ende Mai gekommen, und Toby verlangte danach, einen Steinadler zu
schieen, der (er wute genau die Stelle, wo) hoch im Gebirge nistete. Dann aber
wollt er zu dem Neste hinaufklettern und die zwei Jungen ausnehmen und
groziehen, um sie den Zoological Gardens in Galveston zum Geschenk zu machen.
Bei seiner letzten Anwesenheit daselbst war er nmlich eitel und unvorsichtig
genug gewesen, dem Vorstande des Gartens ein solches Versprechen zu machen, und
hielt nun die Durchfhrung fr Ehrensache, worin er sich sogar von seiten Ruths
bestrkt sah.
    Und nun war es zwei Tage vor Sonntag Exaudi, den letzten Tag im Monat, da
sich Toby zu diesem Fange rstete. Lehnert, der aufs Feld mute, konnte nicht
mit, weshalb - wie schon bei frheren Gelegenheiten - ein junger Arapahoindianer
fr ihn eintrat, ein Schwestersohn von Gunpowder-Face, der, erst bei Krhbiel
und dann in der Missionsschule zu Halstead erzogen, seit seiner Rckkehr von
dort ein besonderer Liebling von seiten Ruths und Tobys war. Er hie Shortarm,
weil er, infolge eines Armbruchs, einen etwas zu kurzen Arm hatte.
    Beide, Toby und Shortarm, waren sehr frh, schon bald nach Mitternacht,
aufgebrochen und hofften mit Sonnenaufgang oben und sptestens um Mittag in
Nogat-Ehre zurck zu sein. Aber die vierte Stunde war schon heran, ohne da sich
Toby gemeldet htte. L'Hermite, von Ruth und Maruschka, die sich zu ngstigen
begannen, ins Vertrauen gezogen, ging in Lehnerts Zimmer hinber, um von dort
aus nach dem Gebirge hin Ausschau zu halten, aber, so klar der Tag war, auf der
ganzen zwischengelegenen Strecke war zunchst fr ihn niemand sichtbar, bis er
nach einer Weile Lehnerts gewahr wurde, der auf dem vom Vorwerk nach Nogat-Ehre
fhrenden Feldwege langsam herangeritten kam und zufllig nach dem Fenster
seiner Wohnung hinaufsah. Die Sonne, die stark blendete, lie den ruhig
Herantrottenden anfnglich bei seinem Aufblick nicht viel erkennen, als er aber
eine Weile danach den mit seinem Kppi winkenden L'Hermite deutlich bemerkte,
wurd er stutzig und setzte sich, whrend er seinem Pferde die Sporen gab, in
einen rascheren Trab. Und nun war er heran und erfuhr von dem in der Flurhalle
seiner bereits harrenden Freunde, da man Tobys halber in Sorge sei. Sie
sprachen noch, als auch Obadja hinzutrat und seiner Unruhe, der er bis dahin
nicht hatte nachgeben wollen, einen allerlebhaftesten Ausdruck gab. Die Wanduhr
schlug halb. Halb fnf. Auch Ruth und Maruschka waren die Treppe herabgekommen,
und die gute Alte weinte heftig. Das kme davon, wenn man einer Kreatur die Brut
wegnehmen wolle oder es doch litte. Dann wrden einem selber die Jungen
genommen. Und sie seien alle schuld, alle, sie selber, weil sie den Toby nicht
besser erzogen, und am meisten Obadja, der der Herr sei und der Vater und der
Priester. Und er werde wohl Hals und Beine gebrochen haben, der arme Toby, und
sie she schon, wie man ihn hereinbringe. Gott sei Dank, da seine Mutter nicht
mehr lebe, fr die wre das der Tod gewesen. Und dann umarmte sie Ruth und
setzte sich auf die unterste Treppenstufe, wo sie viele Paternoster vor sich hin
sprach und die Perlen ihres Rosenkranzes unaufhrlich durch die Finger gleiten
lie. Sonst schwieg alles, und doch war es eine Szene voll immer wachsender
Aufregung. Lehnert fuhr, berlegend, mit der Hand ber die Stirn, L'Hermite
pfiff, und Obadja richtete sein Auge nach oben. Zwischen ihnen hin und her aber
lief Uncas und winselte, und wenn er vor Lehnert stand, setzte er sich und sah
ihn an und schien zu fragen: Wo ist Toby? Das kluge Tier wute: der allein
kann helfen; ihr anderen seid nichts.
    In diesem Augenblicke tat Ruth einen Schrei; Shortarm war die Rampe
heraufgekommen, atemlos, und auf Obadja zustrzend, warf er sich vor dem Alten
aufs Knie und sagte: Master Toby...
    Is dead?
    No, not dead; but he lost his way. We missed us. I couldn't find him.
    Und nun erzhlte er mit zitternder Stimme, da Toby, dicht neben einem
Vorsprung, auf einige dort auf dem Grat zusammengewrfelte Steintrmmer
hinaufgestiegen, aber nach einer halben Stunde und lnger noch immer nicht
zurckgekommen sei. Auch kein Hilferuf. Nichts. Da sei er selber
hinaufgeklettert. Aber kein Toby da. Tot knn er nicht sein. Denn es sei nicht
hoch gewesen und keine Gefahr. Aber er sei weg. Er msse sich in den Felsen oder
weiter unten im Walde verirrt haben.
    Obadja rang nach Fassung. Seine Tage waren gezhlt. Wenn das der Ausgang
war, da ihm Gott den Jungen nahm, den Erben, fr den er gelebt hatte...
    Und sonst so ruhig und berlegen, war er jetzt wie ratlos und schritt auf
und ab. Ich will beten, sprach er vor sich hin. Aber Gebete... Gott will
nicht blo Gebete... Wir sollen auch tun, mittun. So will es Gott. Dann hilft
er... Lehnert... Dear... Alles, alles.
    Und dabei nahm er Lehnerts Hand.
    Und ber Lehnerts Zge flog es wie ein Glanz von Glck, und er fhlte
deutlich, der Tag, der ber ihn entscheiden msse, sei nun gekommen. Er ging auf
Shortarm zu, ri ihm Gewehr und Jagdtasche von der Schulter und sagte: Komm,
Uncas!
    Und vor Freude heulend, sprang das schne Tier in die Hh und folgte dem
voranschreitenden Lehnert.
    L'Hermite sah dem Freunde nach. a ira... Wird es? Non.

                           Vierunddreiigstes Kapitel


Lehnert ging in starkem Schritt auf das Vorwerk zu, bog aber, eh er heran war,
nach rechts hin in einen Querpfad ein, der, in seiner Verlngerung, fast
parallel mit der an Fort O'Brien vorberfhrenden Schlucht ins Gebirge
hinaufstieg. Oben wollt er dann den Kamm entlang gehen und von den hchsten
Punkten aus Umschau halten. Er war von einem festen Vertrauen erfllt, da er
Toby finden wrde, wenn nicht unterwegs, was freilich das wnschenswerteste, so
doch in Nhe der weit vorspringenden Felspartie, die, wegen der mit Vorliebe
darauf nistenden Adler, schon von alter Zeit her den Namen Eagles Point fhrte.
Jeder Punkt an dieser Stelle war ihm, nach den vielen gemeinschaftlichen
Jagdausflgen der letzten Monate, ziemlich genau bekannt, was aber sein
Vertrauen noch strkte, war der Umstand, da, etwa tausend Schritt von Eagles
Point entfernt, ein noch hherer Kegel aufragte, der kurzweg der Look-out hie
und nicht blo wundervolle Fernblicke, sondern einen genauen und leichten
Einblick in die nchstgelegenen Felspartien, am besten aber in die von Eagles
Point gewhrte. Von diesem Look-out aus mut er Toby sehen oder ihn abrufen
knnen, denn dieselbe klare Luft, die das Sehen erleichterte, trug auch den
Schall fort. Er mute ihn finden, und ber den an Fort O'Brien vorberfhrenden
Weg wollt er dann mit ihm zurck... Aber wenn er ihn nicht fand? Er mochte den
Gedanken nicht ausdenken.
    Es war um die siebente Stunde, da er an der Stelle hielt, wo der
Look-out-Kegel erst in miger Schrgung, dann aber, einen Knick, eine Stufe
machend, in beinah senkrechter Steile anstieg. Am Fue der gesamten Felsmasse,
Sockel wie Spitze, sprang ein Quell und fiel in einen ausgehhlten Stein. Und
hier bckte sich Lehnert, um zu trinken, und stieg dann den unteren Absatz bis
zu dem Einknick hinauf. Er war mde geworden und htte hier gern eine kleine
Weile gerastet, um neue Kraft fr die letzte und schwerste Strecke, den
eigentlichen Kegel, zu sammeln; aber die Sonne stand schon tief, und so war denn
keine Zeit mehr zu verlieren, wenn er noch, mit Hilfe des Tageslichts, einen
leidlich guten Einblick in die Spalten und Klfte haben wollte. So warf er denn
die Jagdtasche beiseite, die ihm beim Klettern blo hinderlich gewesen wre, und
stieg ohne Sumen hher hinauf. Uncas wollte mit. Es war aber zu steil und zu
glatt fr ihn, und unglcklich, seinem Herrn nicht folgen zu knnen, blieb er
auf dem breiten Rande, den der Einknick bildete, zurck und legte sich mit
vorgestreckten Pfoten neben die Jagdtasche. Da er etwas zu hten hatte, schien
ihm ein Trost.
    Der Aufstieg ging besser, als von Lehnert erwartet war. Die Steile zeigte
sich freilich betrchtlich, aber berall waren Spalten und Risse, die dem Fu
einen Halt gaben, und an mehr als einer Stelle stand Zwergholz und hier und da
selbst ein Busch, daran er sich halten und mit nicht allzuviel Schwierigkeit
hinaufziehen konnte. Die ganze Hhe betrug keine hundert Fu, und ehe fnf
Minuten um waren, war er oben und geno eines wundervollen Umblicks. Zur Linken,
unmittelbar ber dem Kamm, in einer Art Quer- oder Giebelstellung, stand der
Sonnenball und go seine Glut derart ber die ganze lange Berglinie hin aus, da
beide Seiten des Kamms in einem hellen Lichte lagen. Weiter abwrts freilich
herrschte schon Dmmerung, was brigens nicht hinderte, da Lehnert die weite
Talmulde, bis zu den Shawnee-Hills hin, berblicken konnte.
    Das da drben mute Fort Holmes sein, und die vereinzelt aufblinkenden
Lichter im Tal bezeichneten die Linie, wo die Bahn lief. Und zuletzt weilte sein
Blick auf Nogat-Ehre. Da lag es. Das erste Haus, das war Obadjas, da wohnte
Ruth, und er grte hinber. Ja, einen Augenblick verga er fast, um was er hier
war, und erst als er sich's wieder in die Seele zurckgerufen, rief er Tobys
Namen. Aber nur das Echo antwortete.
    So vergingen Minuten. Alles blieb still. Das ber den Kamm hin ausgebreitete
Licht erlosch, und Lehnert fhlte, da es keinen Sinn mehr habe, auf seiner
Felshhe zu verweilen. Und so wollt er denn rasch wieder hinab, um wenigstens
vor Beginn vlliger Dunkelheit noch bis Eagles Point zu kommen, wo, wenn das
Rufen vergeblich blieb, Uncas ihm Beistand leisten und in dem Gestrpp
umhersuchen konnte. Fand er ihn nicht, und seine frhere Zuversicht hatte ihn zu
nicht kleinem Teil verlassen, so wollt er nach dem Vorwerk zurck und am andern
Morgen von dort aus das Suchen erneuern. Ohne Toby nach Nogat-Ehre
zurckzukehren erschien ihm unmglich.
    Er hatte sich die Stelle gemerkt, wo er aufgestiegen war, und an eben dieser
Stelle wollt er auch - schon der ziemlich vielen Strucher und Zwergbsche
halber - wieder zurck. Die waren ihm eine Hilfe, wenn er ins Gleiten und
Glitschen kam. Und wirklich, es schien fast, als ob diese seine Vorsicht sich
lohnen solle. Zwei-, dreimal, beim Ausrutschen, hatte er zufassen und sich
halten knnen, auch der Gewehrkolben kam ihm mehr als einmal zupa, und bis zu
der Stelle hin, wo Uncas die Jagdtasche bewachte, waren keine dreiig Fu mehr.
Auch die Steile war hier geringer, und so gab er denn die Vorsicht auf, die er
bis dahin gebt hatte. Freilich nicht zu seinem Heil. Denn mit einemmal kam er
in ein halbes Strzen, und weil zufllig kein Strauch mehr da war, dran er sich
klammern konnte, scho er, wie von einer Rutschbahn, mit aller Gewalt auf den
Plateaurand nieder und mute froh sein, unterwegs auf eine stumpfe Steinkante zu
stoen, die den Sturz einigermaen aufhielt. In der Tat, die Erschtterung, als
er auf dem Plateaurand ankam, war nicht allzu gro, ebensowenig empfand er einen
Schmerz, und so stand er denn auf dem Punkt, sich zu dem den jhen Absturz
hemmenden Stein des Anstoes aufrichtig zu beglckwnschen, als er bei dem
Versuche, sich aufzurichten, erkennen mute, da der Stein des Anstoes wohl
geholfen, aber doch noch mehr geschadet habe. Mit der Hfte gegen den Stein
fahrend, war der Hftknochen aus dem Gelenk gesprungen. Er erhob sich mit
uerster Anstrengung, aber nur, um im selben Augenblick wieder
zusammenzubrechen. Jetzt kamen auch Schmerzen, begleitet von einer schweren
Ohnmacht, und als er nach einiger Zeit (er wute nicht wie lange) wieder
erwachte, standen schon die Sterne am Himmel.
    ber sich die Sterne und unten die Lichter von Nogat-Ehre, sonst alles
dunkel um ihn her. Dazu kam ein Frsteln. Er hing sich mhsam die neben ihm
liegende Jagdtasche um und schob sich seitwrts bis an eine Stelle, wo ein
Erlenbusch stand, verkrppelt, mit halb am Boden ausgestrecktem Gezweig. Unter
dies Gezweige kroch er. Es gab ihm Schutz gegen den Nachtwind; Uncas legte sich
neben ihn, und die Wrme tat ihm wohl. Und als Mitternacht heran war, schlief er
ein.
    Er schlief mehrere Stunden, und die Sonne stand schon ber dem Horizont, als
er aufwachte. Die Schmerzen hatten nachgelassen, aber das Bewutsein seiner Lage
packte ihn jetzt mit doppelter Gewalt. Gewi, da man im Laufe des Tages nach
ihm ausziehen, ja, da Freund L'Hermite den ganzen Arapahostamm aufbieten werde,
nach ihm zu suchen. Gewi, gewi. Und sie wrden ihn auch finden. Aber wann? Bis
dahin war es vielleicht um ihn geschehen. Und wenn es so kommen soll, wenn kein
Entrinnen, dann, du Vater im Himmel, mach es rasch, la es rasch vorber sein.
    Das war das Morgengebet, mit dem er seinen Tag einleitete.
    Die Sonne zog herauf, immer hher, und als es Mittag war, meldete sich
Hunger und bald auch ein brennender Durst. Er durchsuchte die Jagdtasche nach
etwas, das ihn erfrischen mochte, aber er fand nichts als etwas Brot, das ihm
widerstand. Und so warf er's dem Hunde hin. Der aber winselte nur und kroch
wieder zu Lehnert heran und leckte ihm die Hand.
    Lehnert freute sich dieses Liebeszeichens und streichelte das schne Tier.
Und mit eins scho es ihm durch den Kopf: Uncas, du kannst mich retten, du bist
klug. Und nun hre gut zu. Sieh, wenn du jetzt nach Hause trabst, zu Ruth, zu
Miss Ruth, hrst du, dann kannst du sie hierherfhren, und dann finden sie mich
und dann retten sie mich. Und nun auf!
    Uncas hatte jedes Wort verstanden, aber er schttelte nur den Behang und
streckte sich still wieder nieder und sah Lehnert an. Und dieser las aus dem
treuen Auge mit Schrecken heraus: Ich bleibe.
    Geh, Uncas! Lauf! Fort!
    Und als alles nichts half, nahm er das Gewehr und stie nach ihm. Und bald
danach erhob sich Uncas auch wirklich und trabte langsam und ohne sich umzusehen
den unteren und verhltnismig wenig steilen Teil der Felspartie hinab. Lehnert
sah ihm nach, und ein Hoffnungsschimmer umleuchtete seine Stirn. Aber keine
Viertelstunde, so war der Hund wieder da. Er war nur bis an den Quell gegangen
und hatte getrunken, und kaum wieder frisch, war er auch frisch wieder in seiner
Pflicht und seinem Vorhaben. Und kurzum, da war er wieder.
    Es soll also sein, sagte Lehnert, ber den pltzlich eine volle Ergebung
in sein Schicksal kam. Es ist Gottes Wille... Komm, Uncas... Es ist mir eine
schne Lehre, die du mir gibst: Treue halten und tun, was recht ist.
    Und er verfiel alsbald in ein fieberhaftes Trumen und wurd erst wieder
wach, als ein Luten aus dem Tale heraufdrang. Es war die Glocke, die sonst zum
Gottesdienst lutete. Sie wollen mir ein Zeichen geben. Und ich will ihnen
antworten, so gut ich kann.
    Und dabei nahm er das neben ihm liegende Gewehr und scho, und der Rauch zog
am Gebirge hin, und das Echo trug den Schall immer weiter und weiter und
vielleicht bis hinunter zu Tal.
    Er horchte nach, bis es verklang. Und nun schwieg es, und im selben
Augenblicke war es ihm, als hre er von weit her einen Ruf: Hilfe.
    Wessen Stimme war das?
    Er richtete sich auf und horchte noch einmal hinber, und einen Moment
berkam ihn der Gedanke, da es Toby sein knne.
    Nein, es war ein anderer, der rief... Gut... Ich bin fertig... Ich komme.
    Und nun fiel er mit dem Kopf auf das Lager zurck, das er sich gemacht
hatte.

                           Fnfunddreiigstes Kapitel


Zwischen den Feldern hin huschte was. Was es war, war nicht deutlich erkennbar,
das Korn stand zu hoch, und die Dmmerung war noch zu dicht. Aber jetzt kam ein
gemhter Wiesengrund, der ganz zuletzt zwischen den Maisfeldern und dem Dorfe
lag, und nun lie sich's erkennen, da es Uncas war, der in Sprngen auf
Nogat-Ehre zujagte. Nur noch das Stck Parkland und die Brcke war zu passieren.
Und nun war er heran und gab einen lauten Blaff, zwei-, dreimal, und sprang dann
an dem Erdgescho in die Hh und kratzte an den Lden, die das Fenster von
Obadjas Zimmer schlossen.
    Obadja stand auf und warf einen Pelzrock ber, den zu tragen er sich in den
langen Wintertagen von Dakota gewhnt hatte. Dann ging er hinaus auf den Flur,
den Hund einzulassen. Aber Uncas sprang ihm schon entgegen, weil L'Hermite - der
sich fr alle Flle halb angekleidet aufs Bett geworfen hatte - schneller als
Obadja zur Hand gewesen war. Gleich danach kamen auch Ruth und Maruschka die
Treppe herab und mit ihnen Toby; Toby, der noch am selben Abend, wo Lehnert auf
die Suche nach ihm ausgezogen, wohl und munter und jedenfalls vllig unverletzt
heimgekommen war. Und ein wunderlicher Anblick war es, den die Halle jetzt bot.
Front- und Hoftr standen auf, und von beiden Seiten her fiel ein fahles
Dmmerlicht ein, whrend das Licht in der herabhngenden Flurlampe zu
verschwelen begann. Am bemerkbarsten aber und jedenfalls am lautesten war Uncas.
Er lief hin und her und sprang empor und beschftigte sich vor allem mit Ruth,
an deren Kleid er zerrte, wie um zu zeigen, da sie folgen solle.
    Jeder wute, was geschehen, und war erschttert. Am meisten Toby, der, wenn
auch schuldlos, die Veranlassung von all dem war, was jetzt auf jedem lastete.
L'Hermite schritt auf und ab, die Hnde  la Zouave in den weiten Beutelhosen,
das Kppi zurck. Toby aber nahm ihn beiseit und fragte, was er zu dem allem
denke.
    Pas beaucoup de bien.
    Und was?
    La mort sans phrase.

Obadja fate sich zuerst und gab, als er sah, da Uncas, wie um die
einzuschlagende Richtung anzugeben, immer wieder auf die Steinbrcke zulief,
kurze Weisungen fr das, was zunchst zu tun sei. Toby solle mit Shortarm und
einem andern Indianer, Yellow Cat, von dem bekannt war, da er wie eine Katze
kletterte, zunchst nach dem Vorwerk aufbrechen und dort die weitere Fhrung an
Kaulbars abtreten. Er, Obadja, so sehr er es wnsche, knne sich dem Zuge nicht
anschlieen, das wrde nur Hindernisse schaffen.
    Und keine fnf Minuten mehr, so brach denn auch Toby mit den zwei Gefhrten
auf, Uncas abwechselnd vorantrabend und dann wieder an Tobys Seite. Von
L'Hermites Begleitung war all die Zeit ber mit keinem Worte die Rede gewesen,
was in einer Art aberglubischen Vorstellung von seiten Obadjas seinen Grund
hatte. L'Hermite, wenn es sich um Leben und Sterben handelte, hatte keine
glckliche Hand, was niemandem klarer war als ihm selbst, weshalb er denn auch
sein Ausgeschlossensein von dieser Expedition als etwas durchaus
Selbstverstndliches ansah und sich begngte, sich Miss Ruth anzuschlieen, als
diese mit der alten Maruschka wieder die Treppe hinaufstieg. Oben angekommen
aber trat er, statt in sein eigenes Zimmer, in das von Lehnert, um von hier aus
- weil es den Blick auf das Gebirge hatte - dem Zug eine Weile nachzusehen. Eine
gute Strecke konnt er es auch und sah deutlich, wie Uncas seine Freude bezeigte,
da man ihn endlich verstanden.
    Ist noch Hoffnung...? Keine. Seine Geschicke haben sich erfllt.
    Es war vier Uhr, und die Sonne stieg eben herauf, als Toby mit seinen zwei
Gefhrten auf dem Vorwerk eintraf. Das Ehepaar Kaulbars war schon auf und nahm
eben seinen Morgenkaffee.
    Kaulbars erhob sich sofort, um seines Herrn Sohn zu begren und ihn zur
Teilnahme am Frhstck einzuladen. Aber Toby dankte, nahm auch nicht Platz und
beschrnkte sich darauf, in aller Krze mitzuteilen, um was sich's handle.
Leider sah er nicht die Wirkung davon, auf die zu rechnen er ein Recht hatte,
was ihn auf einen Augenblick ernstlich verdro und doch eigentlich nicht
verdrieen durfte. Leute hergeben und vorherbestimmte Tagesarbeit unterbrechen,
das konnte bei Kaulbars in erster Reihe nur Verstimmung wecken, weil er ganz und
gar und in besonders hohem Grade zu jenen ausgesprochenen Bauer- und
Landwirtsnaturen gehrte, die, wenn ihnen Vater und Mutter whrend der Ernte
sterben, zunchst nur unter dem Gefhle stehen: Vater und Mutter htten sich
auch eine bessere Zeit aussuchen knnen. Als indessen dies erste selbstische
Gefhl in unserem Kaulbars berwunden war, war er nicht blo gutwillig, sondern
vor allem auch umsichtig in all seinen Anordnungen und whlte neben allerlei
Rettungsmaterial, das man mutmalich brauchen wrde, zugleich drei seiner besten
Leute zur Verstrkung des nun von ihm zu fhrenden Zuges aus. Auch eine Leiter
samt einer Schtte Stroh nahm er mit, weil er, ganz im Gegensatze zu L'Hermite,
der bestimmten Ansicht war, da der Verunglckte, verwundet oder nicht, noch am
Leben sein msse; dreiig Stunden knne man's aushalten, und Tobys Bemerkung,
da Uncas ihn sicher erst verlassen habe, als es mit ihm vorbei gewesen, wollt
er nicht gelten lassen. Der Hund sei klug, aber doch blo ein Hund und eine
unvernnftige Kreatur. Und reden kann er doch am Ende nich.
    Es war gegen sechs Uhr, als man oben war und eine kurze Rast nahm. Im Tale
lag noch ein Nebel, aber dnn und niedrig, und man sah die Huser von
Nogat-Ehre, die mit ihren Dchern darber hinausragten. Und da war wieder
Station Darlington, und wo der Qualm schwarz ber dem weien Nebel hinzog, da
kam der Zug heran, der groe Expretrain von Galveston. Alles lie sich deutlich
erkennen. Aber es war nicht Zeit zu solchen Betrachtungen. Uncas, solange die
Rast dauerte, jagte bestndig hin und her, immer auf denselben Punkt zu, so da
Toby nun in aller Bestimmtheit wute, wohin man die Schritte zu richten habe.
    Er ist auf den Look-out hinaufgestiegen, um nach mir auszusehen. Und bei
dem Aufstieg ist er verunglckt.
    Auf den Look-out also schritten sie zu, Kaulbars voran. Und nur noch wenige
Minuten, so waren sie bis an den Fu der Felspartie gekommen und tranken hier
aus dem Quell (denn es war, trotz frher Stunde, schon hei) und stiegen nun
hher hinauf bis auf den Einknick, von dem aus der eigentliche Kegel anhob.
    Und nun hatte man die Stufe glcklich erreicht und schritt um den mig
breiten Rand, den sie bildete, herum. Das erste, was man sah, war der Brotrest,
den Lehnert auf ein paar Schritt Entfernung dem Hunde zugeworfen, den dieser
aber nicht berhrt hatte.
    Hier mssen wir ihn finden, sagte Toby, und das Zweigwerk eines ziemlich
blattreichen, am Fue des Kegels festeingewurzelten Gebsches zurckschlagend,
sah er den, dem die Suche galt. Unwillkrlich lie er das Gezweig, das er in
Hnden hielt, wieder zurckfahren, und seine Augen fllten sich mit Trnen.
Konnt es anders sein? Der da lag, war gestorben um ihn, um seinetwillen. Und er
sprach ein kurzes Gebet, whrend die andern noch zurckstanden. Und nun nherte
sich auch Shortarm und brach die weit vorgestreckten Zweige fort, und gleich
nach ihm traten alle heran und schlossen einen Halbkreis und blickten auf den
Toten. Er sah ernst aus, aber nicht von Schmerzen verzerrt oder entstellt, und
hatte die Jagdtasche unter dem Kopf; - neben ihm lag das Gewehr, und ein kurzes
Jagdmesser, das er noch in seiner letzten Stunde gebraucht haben mute, war mit
der Klinge in den Sand gestoen. Sein Rock war halb geffnet, und man sah ein
zusammengefaltetes Zeitungsblatt, das er in die Rockffnung wie in eine
Brusttasche gesteckt hatte. Darber ruhte seine linke Hand, auf deren Oberflche
man geronnenes Blut sah, aber nur wenig, wie von einem kleinen Ri mit dem
Messer. Und nun bckte sich Toby, um das Zeitungsblatt zu nehmen, auf das der
Tote, wie's schien, in seiner letzten Stunde seine letzten Worte geschrieben
hatte. Zwischen den Fingern der rechten Hand hielt er noch ein zugespitztes
Holzstbchen. Was er aber geschrieben, das lautete: Vater unser, der du bist im
Himmel... Und vergib uns unsere Schuld... Und du, Sohn und Heiland, der du fr
uns gestorben bist, tritt ein fr mich und rette mich... Und vergib uns unsere
Schuld... Ich hoffe: quitt.

                          Sechsunddreiigstes Kapitel


Der Rckweg war sehr beschwerlich, und die zehnte Stunde war schon heran, als
man am Vorwerk anlangte. Toby war dagegen, den Zug gleich unmittelbar bis nach
Nogat-Ehre hin fortzusetzen, und der sonst immer widersprechende Kaulbars war
diesmal derselben Meinung, hinzusetzend: es ginge nicht, ihn so blo auf einer
Leiter heranzutragen; alles msse seine Ordnung haben; und auf einer Leiter sei
keine Art und keine Ordnung nich.
    So wurde denn beschlossen, Shortarm und Yellow Cat nach Nogat-Ehre hin
vorauszuschicken, einfach mit der Meldung, da man Lehnert gefunden habe.
    Nach diesem Beschlusse machten sich die beiden Indianer sofort auch auf den
Weg und waren um Mittag wieder zurck, mit einer Bahre, darauf Lehnert nunmehr
gelegt wurde, bedeckt mit einem ebenfalls mitgebrachten Bahrtuch, in das ein
groes silbernes Kreuz eingestickt war. So stand er noch bis gegen Abend auf
einer Scheunentenne. Dann aber brach man auf nach Nogat-Ehre. Wie Totto sie
kommen sah, begann er zu luten, aber nur Obadja ging dem Zuge bis auf die Rampe
entgegen; mit ihm L'Hermite. Ruth und Maruschka mochten nicht Zeuge sein.
    Von der Rampe trug man die Bahre bis vor den Altar. Und nun schlug Totto die
Decke zurck und kniete nieder und sagte, whrend er des Toten Hand streichelte:
Poor man... dead... quite dead. Und dann sang er vor sich hin, was keiner
verstand.

Wo bestatten wir ihn? Das war die Frage, die denselben Abend noch das Haus
beschftigte. L'Hermite drang mit sonderbarem Ernste darauf, den Toten zu den
Arapahos zu schaffen und ihn neben Gunpowder-Face zu begraben, das wrde einen
Eindruck machen, mehr als Krhbiels Schul- und Katechismusstunden, und er,
L'Hermite, gensse dabei des Vorzugs, seine beiden besten Freunde
zusammenzuhaben: eine Rothaut und einen Prussien. Es war barock, wie alles, was
er tat und sagte, aber es klang so herzbeweglich, da niemand Ansto daran nahm.
Endlich sagte Obadja: Er soll der erste drben in unserer Gruft sein. Ich
wollte den Zug erffnen. Aber er kommt mir nun zuvor.
    Und dabei glitt sein Auge zu Ruth und Toby hinber, die beide zustimmend
nickten.

Am zweiten Tage danach erfolgte Lehnerts Beisetzung; Krhbiel und Nickel waren
mit ihren Schulen gekommen und sangen. Dann sprach Obadja, diesmal nicht der
Bibel, sondern dem Leben des Valerius Herberger seinen Text entnehmend. Alle
wrden sich noch erinnern, was er am Christfest ber den Valerius Herberger,
diesen treuen Diener seines Gottes, gesagt habe, der dem Tode Tag um Tag ins
Auge gesehen, durch nichts gehalten und getragen als durch den Spruch: Wer Gott
im Herzen hat, dem kann der Teufel nichts anhaben. Und eben das seien auch die
Worte gewesen, die damals auf Lehnert einen so tiefen Eindruck gemacht htten,
so tief, da er anderen Tages zu ihm gekommen sei und ihm gesagt habe: Ja, es
sei so, und er fhle deutlich, da nur das ein rechtes Leben sei, sich, mit Gott
im Herzen, vor dem Tode nicht zu frchten, und solches Leben zu fhren sei seine
Sehnsucht; und wenn ihn der Teufel der Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit nicht
ganz verblende, so mcht er wohl sagen drfen, er glaube, da er nicht blo die
Sehnsucht, sondern auch die Kraft zu solchem Leben habe... - Und diese Kraft,
meine Lieben, er hat sie gehabt und hat sie besttigt und ist gestorben, wie
seine Sehnsucht war. Denn einen andern zu retten, den er liebte, das hat ihm den
Tod gebracht. Dieser Tod war schwer, aber er war auch ein Ausgleich und eine
Shne. Das hat er selbst empfunden, und in diesem Glauben und in der Hoffnung,
da seine Schuld getilgt sei, wie sein letztes Wort uns bezeugt, ist er
gestorben.
    Und nun sangen die Kinder wieder:

Valet will ich dir geben,
Du arge falsche Welt,
Dein sndlich bses Leben
Durchaus mir nicht gefllt;
Im Himmel ist gut wohnen,
Hinauf steht mein Begier,
Da wird Gott ewig lohnen
Dem, der ihm dient allhier.

Alle waren bewegt und befriedigt, sogar Kaulbars. Als er aber schlielich auf
seinem Vorwerk ankam und von seiner Frau gefragt wurde, wie's denn eigentlich
gewesen sei, kam doch etwas vom alten Adam wieder in ihm heraus, und so mut er
denn wieder nrgeln, wie's nun mal seine Natur war. Ja, Rse, wie soll es
gewesen sein, hob er an, es war ja soweit alles ganz gut. Aber als der alte
Herr von Bredow begraben wurde, war nicht halb soviel los. Sie haben immer
zuviel von ihm gemacht, und eigentlich war es, wie wenn ein Prinz begraben
wrde. Und Obadja, denk ich, wird nu woll auch noch Landestrauer ausschreiben.
Was zuviel is, is zuviel... Und Miss Ruth, na, die weinte, da es ein Jammer
war, und die alte Pollacksche schrie, als ob sie der Bock stiee. Und der
verrckte Franzose, den httst du sehen sollen. Der stand da, geradso, als ob er
lebendig mit eingemauert werden sollte. Und wenn sie ihn mal kriegen, na, denn
kann so was auch immer noch kommen.

Um dieselbe Nachmittagsstunde aber, wo Kaulbars diese Betrachtungen seiner Frau
gegenber anstellte, sa Obadja an seinem Arbeitstisch und schlo einen lngeren
Brief mit der geschnrkelten Aufschrift: An den Kirchen- und Gemeindevorstand zu
Wolfshau bei Krummhbel in Schlesien (Prussia).
    Der Brief selbst aber lautete:
    Dem verehrlichen Kirchen- und Gemeindevorstande zu Wolfshau (Krummhbel)
habe ich in nachstehendem die Pflicht, das Hinscheiden ihres Ortsangehrigen
Lehnert Menz bekanntzugeben. Er starb hier am 1. Juni d. J. und wurde den 4. in
unserer Familiengruft zu seiner letzten Ruhe bestattet. ber sein Vorleben und
seine Schuld war ich durch ihn selbst unterrichtet, aber ebenso war ich, von dem
Tage seines Eintritts in unser Haus an, auch ein Zeuge seiner Reue. Seine
Tchtigkeit bei der Arbeit, seine kleinen gesellschaftlichen Gaben, seine Demut
und Bescheidenheit (wohl erst durch den Gang seines Lebens erworben), vor allem
aber seine gute Sitte, machten ihn zum Liebling unseres Hauses, und es war
beschlossen, ihn, noch im Laufe dieses Sommers, meiner Familie nher zu
verbinden: die Hand meiner Tochter Ruth, die er durch seinen Mut und seine
Geistesgegenwart gerettet hatte, war ihm zugesprochen. Alles lie eine
glckliche Zukunft erwarten. Als er mir aber auch den auf einem Jagdausfluge
begriffenen und in eine gefhrliche Lage geratenen Sohn erhalten wollte, war es
ihm, nach Gottes unerforschlichem Ratschlu, vorherbestimmt, diese neue
Liebestat mit seinem Leben zu bezahlen. Im eifrigen Suchen nach dem, den er in
unserem Gebirge verirrt glaubte, glitt er einen steilen Bergkegel, den wir den
Look-out nennen, herab und verletzte sich dabei derart (der Hftknochen sprang
aus dem Gelenk), da er unfhig war, sich von der Unglcksstelle fortzubewegen,
geschweige denn seinen Rckweg nach unserem Dorfe hin zu finden. Und in
Einsamkeit ist er dort oben gestorben, nicht ohne da sich zu seinem
krperlichen Schmerz auch noch der Schmerz des Gewissens gesellt htte, wie
seine letzten Worte mit aller Bestimmtheit bezeugen. Wir fanden ihn den zweiten
Tag, hoch auf dem Kamm des Gebirges, tot, mit einem in die Brusttasche
gesteckten Zettel, auf den er, nachdem er sich eigens die Hand mit seinem Messer
geritzt, all das mit Blut niedergeschrieben, was ihm in seiner letzten schweren
Stunde das Herz bewegt hatte. Das Holzstbchen, das ihm dabei gedient, hielt er
noch in seiner Rechten. Die niedergeschriebenen Worte aber lauten: Vater unser,
der du bist im Himmel... Und vergib uns unsere Schuld... Und du, Sohn und
Heiland, der du fr uns gestorben bist, tritt ein fr mich und rette mich... Und
vergib uns unsere Schuld... Ich hoffe: quitt. Mir aber, der ich, neben der
Meldung vom Tode des Lehnert Menz, auch diese seine letzten Worte zu Ihrer
Kenntnis zu bringen hatte, sei es gestattet, hinzuzufgen, da ich der
berzeugung lebe, seine Bue habe seine Schuld geshnt: Hoffnung lt nicht
zuschanden werden.
    Eines verehrlichen Kirchen- und Gemeindevorstandes zu Wolfshau (Krummhbel)
ganz ergebenster Obadja Hornbostel, Prediger und Vorstand der Mennonitengemeinde
zu Nogat-Ehre, Indian-Territory. U. St.

                          Siebenunddreiigstes Kapitel


Es war grad am Johannistage, da dieser Brief Obadjas in Krummhbel eintraf und,
nach einigem Schwanken, wer denn eigentlich als Adressat anzusehen sei (denn es
gab keinen Kirchen- und Gemeindevorstand von Wolfshau), von dem neuen Arnsdorfer
Pastor unter Herzuziehung von Exner und Gerichtsmann Klose geffnet und gelesen
wurde. Selbstverstndlich in groer Aufregung, an der alsbald das ganze Dorf
teilnahm, vor allem die Wolfshauer. Wer irgend konnte, nahm Abschrift von dem
Brief, auch Exner und Klose, da das Original zu den Akten mute.
    Das war am Johannistag 1885.
    Drei Tage spter kam auf der Krummhbler Chaussee, von Schmiedeberg her, ein
Zweispnner herauf, hinten mit einem auf die Pritsche geschnallten groen
Reisekorb, vorn aber mit einem obeliskartig aufgerichteten Lederkoffer. Halb in
Deckung dieses Koffers, und zugleich Schulter an Schulter mit dem Kutscher, sa
ein kleiner Herr in einem modischen, grau-und braunmelierten Reiseanzug und
sprach dann und wann lebhaft in den mit drei Damen besetzten Fond des Wagens
hinein. Alle schienen heiter und ausgelassen. Aber wer sie waren, lie sich
nicht deutlich erkennen, da sich die Damen mit ihren Sonnenschirmen und der
kleine Herr sogar mit einem graukattunenen Regenschirm gegen die Sonne
schtzten. Eins nur war gewi, sie konnten nicht fremd an dieser Stelle sein;
das sah man an ihren Bewegungen und lebhaft vorgestreckten Zeigefingern, wenn
sie den einen oder anderen Punkt wiedererkannten.
    So kamen sie bis an den ziemlich steilen Abhang, der von der Untermhle her
zum Dorfe hinauffhrt, und bogen nach Passierung dieser von allen Hauderern und
Lohnkutschern gefrchteten Stelle glcklich, an der Schmiede vorber, in die
Dorfstrae ein. Und nun hielten sie vor der Schneekoppe, wo sie schon erwartet
zu werden schienen, denn alles stand in der Tr, um sie zu begren, auch Marie,
die seit den mittlerweile verflossenen sieben Jahren noch etwas korpulenter,
aber, trotz aller Korpulenz, nur eleganter und hbscher geworden war. Endlich
wurden auch die Schirme zugeklappt, die rotseidnen wie der kattunene, und jeder
sah nun, da es Espes waren.
    Ja, es waren Espes, die, nach Begrung der gesamten Exnerfamilie, sofort
auf die offene Halle zuschritten und hier an ihrem Stammtische Platz nahmen.
    Nun, Marie, da sind wir wieder. Alles unverndert; herrlich! Und Sie
selber! Immer jnger geworden... Wenn ich Sie bitten darf, Marie: vier Schnitzel
und zwei Kulmbacher. Und zwei Himbeerlimonaden... Oder haben die Damen
vielleicht andere Befehle? Geraldine, vielleicht Mosel und Erdbeeren?
    Espe sagte das alles sehr forsch und zeigte sich berhaupt verwandelt, sogar
in seiner Haltung seiner Frau gegenber, was ihm gut stand und als ein Resultat
der groen Ereignisse der letzten zwei Jahre - er war Geheimer geworden -
angesehen werden konnte. Das eigentlich Ausschlaggebende lag aber erst ganz
kurze Zeit zurck und bestand darin, da ihm, beim letzten Ordensfeste, die
dritte Klasse behndigt worden war, bei welcher Gelegenheit (ein Glck kommt nie
allein) der an ihn herantretende Kronprinz mit der ihm eignen Freundlichkeit
gesagt hatte: Was Tausend, Espe, auch hier? Wie geht es? Freue mich sehr -
Huldbeweise, zu denen sich bei Geraldine nach und nach die ganz richtige
Betrachtung gesellt hatte, da das Eheliche, bei mavollen Ansprchen,
eigentlich angenehmer und besser als das ewige Gehabe sei, das, bei Lichte
besehen, wenig Vergngen und blo viel Klatschereien einbringe. Sie lachte jetzt
mitunter ber die zurckliegenden Zeiten und sagte, wenn sie mit Espe, whrend
Selma den Tee machte, eine Partie Besique oder Rabouge spielte: Espe, du
knntest mir wohl mal einen Ku geben. Das tat er denn auch und war glcklich
ber seine verbesserte Stellung, seine Frau und seine Kinder, die, beilufig,
seit sie gro und erwachsen waren, ihrem Namensgeber womglich noch unhnlicher
sahen als frher. Im brigen hatte er, wie alle Leute, die mit vierzig schon
fast wie Siebziger aussehen, nicht im geringsten gealtert und war beinah
lebhafter und gesprchiger als frher. Ach, da ist ja auch der Springbrunnen,
wandte er sich an die beiden Tchter. Und da der Mittagsstein. Und da die
Koppe. Sieh nur, Selma, wie scharf profiliert; welche Silhouette!
    Die Mdchen kicherten, weil sie die Schwche des Vaters kannten, auf Reisen
und an ffentlichen Orten immer zu Fremdwrtern zu greifen, waren aber sonst,
was die Silhouette betraf, ganz derselben Meinung und suchten ihrerseits nach
den Teichrndern und ob man, bei dem klaren Wetter, vielleicht die Schneegruben
und die Groe Sturmhaube sehen knne.
    In dieser Weise setzte sich das Gesprch fort und ward erst unterbrochen,
als Marie mit dem Tablett kam und die Couverts aufstellte, wie sich denken lt,
mit besonderer Artigkeit gegen die Rtin, deren dominierende Stellung ihr aus
frherer Zeit her noch sehr wohl in Erinnerung war. Ebenso fand sie fr die
Fruleins, die, weil beide sehr hbsch, seit lange schon ein Gegenstand
hochfliegendster mtterlicher Plne waren, die allerschmeichelhaftesten Worte.
Marie verstand das.
    Espe selbst wurde bei diesem Tischgesprch nur gestreift, was darin seinen
Grund hatte, da er - sonst ein guter und freudiger Esser - heute das sich
vorbereitende Frhstck eigentlich nur als eine Strung ansah und fortfuhr, mit
seinem Opernglas an den Bergen entlang zu suchen. Ah, da ist ja auch das
Gehnge. Und da rechts, wenn mein Glas mich nicht tuscht, steht so was wie ein
Denkmal; das mu ungefhr die Stelle sein, wo sie damals den Opitz gefunden
haben. Sagen Sie, Marie, wie steht es denn damit? Ist es noch immer nicht
heraus? War es der Menz (so hie er ja wohl), oder war er's nicht?
    Ja, Herr Rat, er war es... Oder Herr Geheimer... Ich wei nicht recht, aber
ich habe gehrt...
    Bitte, bitte, Marie.
    Nun denn, Herr Rat, der Lehnert Menz war es. Seit drei Tagen wissen wir es
gewi. Und Herr Exner hat auch eine Abschrift genommen.
    Eine Abschrift? Wovon?
    Von dem Brief, der hier ankam. Aus Amerika. Den Namen hab ich vergessen.
    Ei, da bin ich doch neugierig, Marie. Kann man den Brief nicht lesen?
    O gewi, gewi. Ich werd es in der Kche der jungen Frau Exner sagen und
Ihnen den Brief bringen, das heit die Abschrift. Es ist alles sehr rhrend, und
alle sind wieder fr ihn und gegen Opitz, und die alte Frau Bhmer hat sogar
geweint.

Eine Viertelstunde spter waren Espes in alles eingeweiht. Der Geheimrat hatte
klglicherweise den Brief erst berflogen, weil man doch nicht wissen knne...
dann aber alles vorgelesen, Zeile um Zeile, und war, was ihm nicht leicht
passierte, wenigstens vorbergehend, in eine nicht geringe Bewegung geraten, von
der er sich erst, als er den Brief an Marie zurckgab, durch die Bemerkung frei
zu machen suchte: Ich sehe hier Namen und nehme an, da es eine vidimierte
Abschrift ist.
    Diesmal kicherten die Mdchen nicht und waren vielmehr ganz bei Lehnert und
Ruth.
    Ruth, sagte Selma zu Frida. Welch hbscher Name!
    Ja. Und wie geschaffen fr eine Liebesgeschichte. Httest du ihn nehmen
mgen, Selma?
    Gewi htt ich. Und noch dazu drben in Amerika, wo man nicht das Aussuchen
hat. Aber wenn auch, wer sich fr einen Freund opfert, opfert sich auch fr eine
Braut, und darauf kommt es an. Er mu ganz ungemein schneidig gewesen sein.
    Espe, der das pltzlich in ihm lebendig gewordene Mitleid lngst wieder den
Forderungen staatlich-gesellschaftlicher Sicherheit untergeordnet hatte, nahm
Ansto an diesen Gewagtheiten seiner Tochter, ganz besonders aber an dem Worte
schneidig.
    Du weit, Selma, da ich das nicht liebe. Vor allem aber solltet ihr ber
das Nebenschliche die Hauptsache nicht vergessen. Es ist hier formell und
materiell gefehlt und nichts in die rechten Wege geleitet worden. Soviel ich
wei, haben wir, wie mit anderen zivilisierten Staaten, auch mit Amerika
Kartellvertrge. Daraufhin mute die Spur dieses Lehnert Menz verfolgt und auf
seine Auslieferung bestanden werden. Er gehrte vor die Geschworenen und nach
seiner Verurteilung (die wohl nicht ausbleiben konnte) vor Krauts, den wir ja
jetzt, ich will nicht sagen auf Requisition, aber doch auf behrdlichen Antrag,
auch in den Provinzen haben knnen. Was heit quitt? Wer das Schwert nimmt, soll
durch das Schwert umkommen; das ist quitt. Der Staat, wenn ich mich so
ausdrcken darf, ist in diesem Fall in seinem Recht leer ausgegangen, und die
Justiz hat das Nachsehen. Und das soll nicht sein und darf nicht sein. Ordnung,
Anstand, Manier. Ich bin ein Todfeind aller ungezgelten Leidenschaften.
    Ach, Espe, la das, sagte die Rtin.
    Und Bilder anderer Tage standen auf einen Augenblick wieder vor Geraldinens
Seele.
