
                              Suttner, Bertha von

                               Die Waffen nieder!

                       www.digitale-bibliothek.de/ebooks

&nbsp;
Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125: Deutsche Literatur von Luther
bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur
fr den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt.
Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der
Daten.


                               Bertha von Suttner

                               Die Waffen nieder!

                             Eine Lebensgeschichte

                                  Erster Band

                                  Erstes Buch

                                      1859

Mit siebzehn Jahren war ich ein recht berspanntes Ding. Das knnte ich wohl
heute nicht mehr wissen, wenn die aufbewahrten Tagebuchbltter nicht wren. Aber
darin haben die lngst verflchtigten Schwrmereien, die niemals wieder
gedachten Gedanken, die nie wieder gefhlten Gefhle sich verewigt, und so kann
ich jetzt beurteilen, was fr exaltierte Ideen in dem dummen, hbschen Kopfe
steckten. Auch dieses Hbschsein, von dem mein Spiegel nicht mehr viel zu
erzhlen wei, wird mir durch alte Portrts verbrgt. Ich kann mir denken, welch
beneidetes Geschpf die jugendliche, als schn gepriesene, von allem Luxus
umgebene Komte Martha Althaus gewesen sein mochte. Die sonderbaren - in rotem
Umschlag gehefteten - Tagebuchbltter jedoch, deuten mehr auf Melancholie, als
auf Freude am Leben. Die Frage ist nun die: war ich wirklich so thricht, die
Vorteile meiner Lage nicht zu erkennen, oder nur so schwrmerisch zu glauben,
da allein melancholische Empfindungen erhaben und wert seien, in poetischer
Prosa ausgedrckt und als solche in die roten Hefte eingetragen zu werden? Mein
Los schien mich nicht zu befriedigen, denn da steht's geschrieben:
    Oh, Jeanne d'Arc, - du himmelsbegnadete Heldenjungfrau, knnt' ich sein wie
du! Die Oriflamme schwingen, meinen Knig krnen und dann sterben - fr das
Vaterland, das teure.
    Zur Verwirklichung dieser bescheidenen Lebensansprche bot sich mir keine
Gelegenheit. Auch im Cirkus von einem Lwen als christliche Mrtyrerin zerrissen
zu werden - ein anderer (laut Eintragung vom 19. September 1853) von mir
beneideter Beruf - war mir nicht zugnglich, und so hatte ich offenbar unter dem
Bewutsein zu leiden, da die groen Thaten, nach welchen meine Seele drstete,
ewig ungeschehen bleiben mten, da mein Leben - im Grunde genommen - ein
verfehltes war. Ach, warum war ich nicht als Knabe zur Welt gekommen! (auch ein
in den roten Heften gegen das Schicksal oft vorgebrachter, fruchtloser Vorwurf)
- da htte ich doch Erhabenes erstreben und leisten knnen. Vom weiblichen
Heldentum bietet die Geschichte nur wenig Beispiele. Wie selten kommen wir dazu,
die Gracchen zu Shnen zu haben, oder unsere Mnner zu den Weinsberger Thoren
hinauszutragen, oder uns von sbelschwingenden Magyaren zuschreien zu lassen:
Es lebe Maria Theresia, unser Knig! Aber wenn man ein Mann ist, da braucht
man ja nur das Schwert umzugrten und hinauszustrzen, um Ruhm und Lorbeer zu
erringen - sich einen Thron erobern - wie Cromwell, ein Weltreich - wie
Bonaparte! Ich erinnere mich, da der hchste Begriff menschlicher Gre mir in
kriegerischem Heldentum verkrpert schien. Fr Gelehrte, Dichter,
Lnderentdecker hatte ich wohl einige Hochachtung, aber eigentliche Bewunderung
flten mir nur die Schlachtengewinner ein. Das waren ja die vorzglichen Trger
der Geschichte, die Lenker der Lnderschicksale; die waren doch an Wichtigkeit,
an Erhabenheit - an Gttlichkeit beinahe - ber alles andere Volk so erhaben,
wie Alpen- und Himalayagipfel ber Grser und Blmlein des Thales.
    Aus alledem brauche ich nicht zu schlieen, da ich eine Heldennatur besa.
Die Sache lag einfach so: ich war begeisterungsfhig und leidenschaftlich; da
habe ich mich natrlich fr dasjenige leidenschaftlich begeistert, was mir von
meinen Lehrbchern und von meiner Umgebung am hchsten angepriesen wurde.
    Mein Vater war General in der sterreichischen Armee und hatte unter Vater
Radetzky, den er abgttisch verehrte, in Custozza gefochten. Was mute ich da
immer fr Feldzugsanekdoten hren! Der gute Papa war so stolz auf seine
Kriegserlebnisse und sprach mit solcher Genugthuung von den mitgemachten
Campagnen, da mir unwillkrlich um jeden Mann leid war, der keine hnlichen
Erinnerungen besitzt. Welch eine Zurcksetzung doch fr das weibliche
Geschlecht, da es von dieser groartigsten Bethtigung des menschlichen Ehr-
und Pflichtgefhls ausgeschlossen ist! ... Wenn mir je etwas von den
Bestrebungen der Frauen nach Gleichberechtigung zu Ohren kam - doch davon hrte
man in meiner Jugend nur wenig und gewhnlich in verspottendem und verdammendem
Tone - so begriff ich die Emanzipationswnsche nur nach einer Richtung: die
Frauen sollten auch das Recht haben, bewaffnet in den Krieg zu ziehen. Ach, wie
schn las sich's in der Geschichte von einer Semiramis oder Katharina II.: sie
fhrte mit diesem oder jenem Nachbarstaate Krieg - sie eroberte dieses oder
jenes Land ...
    berhaupt, die Geschichte! die ist, so wie sie der Jugend gelehrt wird, die
Hauptquelle der Kriegsbewunderung. Da prgt sich schon dem Kindersinne ein, da
der Herr der Heerscharen unaufhrlich Schlachten anordnet; da diese sozusagen
das Vehikel sind, auf welchem die Vlkergeschicke durch die Zeiten fortrollen;
da sie die Erfllung eines unausweichlichen Naturgesetzes sind und von Zeit zu
Zeit immer kommen mssen, wie Meeresstrme und Erdbeben; da wohl Schrecken und
Greuel damit verbunden sind, letztere aber voll aufgewogen werden: fr die
Gesamtheit durch die Wichtigkeit der Resultate, fr den Einzelnen durch den
dabei zu erreichenden Ruhmesglanz, oder doch durch das Bewutsein der
erhabensten Pflichterfllung. Gibt es denn einen schneren Tod, als den auf dem
Feld der Ehre - eine edlere Unsterblichkeit, als die des Helden? Das alles geht
klar und einhellig aus allen Lehr- und Lesebchern fr den Schulgebrauch
hervor, wo nebst der eigentlichen Geschichte, die nur als eine lange Kette von
Kriegsereignissen dargestellt wird, auch die verschiedenen Erzhlungen und
Gedichte immer nur von heldenmtigen Waffenthaten zu berichten wissen. Das
gehrt so zum patriotischen Erziehungssystem. Da aus jedem Schler ein
Vaterlandsverteidiger herangebildet werden soll, so mu doch schon des Kindes
Begeisterung fr diese seine erste Brgerpflicht geweckt werden; man mu seinen
Geist abhrten gegen den natrlichen Abscheu, den die Schrecken des Krieges
hervorrufen knnten, indem man von den furchtbarsten Blutbdern und Metzeleien,
wie von etwas ganz Gewhnlichem, Notwendigem, so unbefangen als mglich erzhlt,
dabei nur allen Nachdruck auf die ideale Seite dieses alten Vlkerbrauches
legend - und auf diese Art gelingt es, ein kampfmutiges und kriegslustiges
Geschlecht zu bilden.
    Die Mdchen - welche zwar nicht ins Feld ziehen sollen - werden aus
denselben Bchern unterrichtet, die auf die Soldatenzchtung der Knaben angelegt
sind, und so entsteht bei der weiblichen Jugend dieselbe Auffassung, die sich in
Neid, nicht mitthun zu drfen, und in Bewunderung fr den Militrstand auflst.
Was uns zarten Jungfrulein, die wir doch in allem brigen zu Sanftmut und Milde
ermahnt werden, fr Schauderbilder aus allen Schlachten der Erde, von den
biblischen und macedonischen und punischen bis zu den dreiigjhrigen und
napoleonischen Kriegen vorgefhrt werden, wie wir da die Stdte brennen und die
Einwohner ber die Klinge springen und die Besiegten schinden sehen - das ist
ein wahres Vergngen.... Natrlich wird durch diese Aufhufung und Wiederholung
der Greuel das Verstndnis, da es Greuel sind, abgestumpft; alles, was in die
Rubrik Krieg gehrt, wird nicht mehr vom Standpunkte der Menschlichkeit
betrachtet - und erhlt eine ganz besondere, mystisch-historisch-politische
Weihe. Es mu sein - es ist die Quelle der hchsten Wrden und Ehren - das sehen
die Mdchen ganz gut ein: haben sie doch die kriegsverherrlichenden Gedichte und
Tiraden auch auswendig lernen mssen. Und so entstehen die spartanischen Mtter
und die Fahnenmtter und die zahlreichen, dem Offizierkorps gespendeten
Cotillonorden whrend der Damenwahl.

Ich bin nicht, wie so viele meiner Standesgenossinnen, im Kloster, sondern unter
der Leitung von Gouvernanten und Lehrern im Vaterhause erzogen worden. Meine
Mutter verlor ich frh. Mutterstelle an uns Kindern - ich hatte noch drei
jngere Geschwister - vertrat unsere Tante, eine alte Stiftsdame. Wir
verbrachten die Wintermonate in Wien, den Sommer auf einem Familiengute in
Niedersterreich.
    Meinen Erzieherinnen und Lehrern habe ich viel Freude gemacht, dessen
erinnere ich mich - denn ich war eine fleiige mit gutem Gedchtnis begabte, und
namentlich ehrgeizige Schlerin. Da ich meinen Ehrgeiz, wie schon bemerkt, nicht
damit befriedigen konnte, als Heldenjungfrau Schlachten zu gewinnen, so begngte
ich mich damit, in den Lektionen gute Zensuren davonzutragen und durch meinen
Lerneifer der Umgebung Bewunderung abzuzwingen. In der franzsischen und
englischen Sprache brachte ich es nahezu zur Vollkommenheit; von Erd- und
Himmelskunde, von Naturgeschichte und Physik machte ich mir so viel zu eigen,
als mir in dem Programm einer Mdchenerziehung berhaupt zugnglich war; aber
von dem Gegenstand Geschichte lernte ich noch mehr als von mir gefordert
wurde. Aus der Bibliothek meines Vaters holte ich mir dickbndige Historienwerke
hervor, in welchen ich in meinen Muestunden studierte. Ich glaubte mich
jedesmal um ein Stck gescheiter geworden, wenn ich ein Ereignis, einen Namen,
ein Datum aus vergangenen Zeiten meinem Gedchtnis neu einverleibt hatte. Gegen
Klavierspielerei - welche doch auch im Erziehungsplan aufgezeichnet stand - habe
ich mich standhaft zur Wehr gesetzt. Ich besa weder Talent noch Lust zur Musik
und fhlte, da mir darin keine Ehrgeizbefriedigung winkte. Ich bat so lange und
instndig, mir die kostbare Zeit, die ich an meine anderen Studien wenden
wollte, nicht fr das aussichtslose Geklimper zu krzen, da mich mein guter
Vater von der musikalischen Frohnarbeit freisprach. Zum groen Leidwesen der
Tante, welche meinte, ohne Klavierspiel gbe es keine eigentliche Bildung mehr.
    Am 10. Mrz 1857 feierte ich meinen siebzehnten Geburtstag. Schon siebzehn
lautet unter jenem Datum die Eintragung ins Tagebuch. Dieses schon ist ein
Poem. Es steht kein Kommentar daneben, aber vermutlich wollte ich damit sagen:
und noch nichts fr die Unsterblichkeit gethan. Diese roten Hefte leisten mir
heute, da ich meine Lebenserinnerungen aufzeichnen will, gar gute Dienste. Sie
ermglichen mir, die vergangenen Ereignisse, welche nur als verschwommene
Umribilder im Gedchtnis haften geblieben, bis in die kleinsten Einzelheiten zu
schildern, und ganze, lngst vergessene Gedankenfolgen oder lngst verklungene
Gesprche wrtlich wiederzugeben.
    Im nchstfolgenden Fasching sollte ich in die Gesellschaft eingefhrt
werden. Diese Aussicht entzckte mich aber nicht so auerordentlich, wie dies
gewhnlich bei jungen Mdchen der Fall ist. Mein Sinn strebte nach Hherem, als
nach Ballsaaltriumphen. Wonach ich strebte? Diese Frage htte ich mir wohl
selber nicht beantworten knnen. Vermutlich nach Liebe ... doch das wute ich
nicht. All diese glhenden Sehnsuchts- und Ehrgeiztrume, welche im Jnglings-
und Jungfrauenalter die Menschenherzen schwellen, und welche unter allerlei
Formen - Wissensdurst, Reiselust, Thatendrang - sich verwirklichen wollen, sind
doch zumeist nur die unbewuten Bestrebungen des erwachenden verliebten Triebes.
    In diesem Sommer wurde meiner Tante ein Kurgebrauch in Marienbad verordnet.
Sie fand es fr gut, mich mitzunehmen. Obgleich meine offizielle Einfhrung in
die sogenannte Welt erst in der kommenden Winterszeit stattfinden sollte, so
wurde mir doch gestattet, einige kleine Kurhausblle mitzumachen; - gleichsam
als Vorbung im Tanzen und Konversieren, damit ich in meiner ersten
Faschingssaison nicht gar zu schchtern und ungelenk auftreten mge.
    Doch was geschah auf der ersten Reunion, die ich besuchte? Ein groes
sterbliches Verlieben. Natrlich war's ein Husarenlieutenant. Die im Saale
anwesenden Civilisten schienen mir neben den Militrs wie Maikfer neben
Schmetterlingen. Und unter den anwesenden Uniformtrgern waren die Husaren
jedenfalls die glnzendsten; unter den Husaren schlielich war Graf Arno Dotzky
der blendendste. ber sechs Fu gro, schwarzes Kraushaar, aufgezwirbeltes
Schnurrbrtchen, weiglitzernde Zhne, dunkle Augen, welche so durchdringend und
zrtlich schauen konnten - kurz, auf seine Frage: Haben Sie den Cotillon noch
frei, Grfin? fhlte ich, da es noch andere, ebenso erhebende Triumphe geben
kann, wie das Bannerschwingen der Jungfrau von Orleans, oder das
Szepterschwingen der groen Katharina. Und er, der Zweiundzwanzigjhrige, hat
wohl hnliches empfunden, als er mit dem hbschesten Mdchen des Balles (nach
dreiig Jahren kann man schon so etwas konstatieren) im Walzertakt durch den
Saal flog; da dachte er wohl auch: Dich besitzen, du ses Ding, das wge alle
Marschallsstbe auf.
    Aber Martha - aber Martha! brummte die Tante, als ich atemlos auf meinen
Sessel an ihrer Seite zurckfiel, ihr mit den schwingenden Tllwolken meines
Kleides um den Kopf wirbelnd.
    O pardon, pardon, Tanti! bat ich und setzte mich zurecht. Ich kann nichts
dafr....
    Davon ist auch nicht die Rede - mein Vorwurf galt Deinem Benehmen mit
diesem Husaren - Du darfst Dich beim Tanzen nicht so anschmiegen ... und schaut
man denn einem Herrn so in die Augen?
    Ich errtete tief. Hatte ich etwas Unmdchenhaftes verbrochen? Mochte der
Unvergleichliche etwa eine schlechte Meinung von mir gefat haben? ...
    Von diesen bangen Zweifeln wurde ich noch im Verlauf des Balles befreit,
denn whrend des Souperwalzers flsterte mir der Unvergleichliche zu:
    Hren Sie mich an - ich kann nicht anders - Sie mssen es erfahren - heute
noch: ich liebe Sie.
    Das klang ein bischen anders angenehm, als Johannas famose Stimmen ....
Aber so im Weitertanzen konnte ich doch nichts antworten. Das mochte er
einsehen, denn jetzt hielt er inne. Wir standen in einer leeren Ecke des Saales
und konnten die Unterhaltung unbelauscht fortfhren:
    Sprechen Sie, Grfin, was habe ich zu hoffen?
    Ich verstehe Sie nicht, log ich.
    Glauben Sie vielleicht nicht an Liebe auf den ersten Blick? Bis jetzt hielt
ich es selber fr eine Fabel, aber heute habe ich die Wahrheit davon erprobt.
    Wie mir das Herz klopfte! Aber ich schwieg.
    Ich strze mich kopfber in mein Schicksal, fuhr er fort.... Sie oder
keine! Entscheiden Sie ber mein Glck oder ber meinen Tod ... denn ohne Sie
kann und will ich nicht leben.... Wollen Sie die Meine werden?
    Auf eine so direkte Frage mute ich doch etwas erwidern. Ich suchte nach
einer recht diplomatischen Phrase, die - ohne jegliche Hoffnung abzuschneiden -
meiner Wrde nichts vergbe, brachte aber weiter nichts hervor, als ein zitternd
gehauchtes Ja.
    So darf ich morgen bei Ihrer Tante um Ihre Hand anhalten und dem Grafen
Althaus schreiben?
    Wieder ja - diesmal schon etwas fester.
    O, ich Glcklicher! Also auch auf den ersten Blick? - Du liebst mich?
    Jetzt antwortete ich nur mit den Augen - doch diese, glaub' ich, sprachen
das allerdeutlichste Ja.

An meinem achtzehnten Geburtstage wurde ich getraut, nachdem ich zuvor in die
Welt eingefhrt und der Kaiserin als Braut vorgestellt worden war. Nach
unserer Hochzeit unternahmen wir eine Italienreise. Zu diesem Zweck hatte Arno
einen lngeren Urlaub genommen. Von einem Austritt aus dem Militrdienste war
niemals die Rede gewesen. Zwar besaen wir beide ziemlich ansehnliches Vermgen
- aber mein Mann liebte seinen Stand und ich mit ihm. Ich war stolz auf meinen
schmucken Husarenoffizier und sah mit Befriedigung der Zeit entgegen, da er zum
Rittmeister - zum Obersten - und einst zum Generalgouverneur vorrcken wrde....
Wer wei, vielleicht war er zu noch hheren Geschicken bestimmt: vielleicht
sollte er als groer Feldherr in der vaterlndischen Ruhmesgeschichte
glnzen....
    Da die roten Hefte gerade in der seligen Brautzeit und whrend der
Flitterwochen eine Lcke aufweisen, thut mir jetzt sehr leid. Verflogen,
verweht, in Nichts verflattert wren die Wonnen jener Tage freilich ebenso, wenn
ich sie auch eingetragen htte, aber wenigstens wre ein Abglanz davon zwischen
den Blttern festgebannt. Aber nein: fr meinen Gram und meine Schmerzen fand
ich nicht genug Klagen, Gedankenstriche und Ausrufungszeichen; die jammervollen
Dinge muten der Mit- und Nachwelt sorgfltig vorgeheult werden, aber die
schnen Stunden, die habe ich schweigend genossen. - Ich war nicht stolz auf
mein Glcklichsein und gab es daher niemand - nicht einmal mir selber im
Tagebuche - kund und zu wissen; nur das Leiden und Sehnen empfand ich als eine
Art Verdienst, daher das viele Grothun damit. Wie doch diese roten Hefte alle
meine traurigen Lagen getreulich spiegeln, whrend zu frohen Zeiten die Bltter
ganz unbeschrieben blieben. Zu dumm! Das ist, als sammelte Einer whrend eines
Spazierganges - um Andenken daran nach Hause zu bringen - als sammelte er von
den Dingen, die er auf dem Wege findet, nur das Hliche; als fllte er seine
Botanisierbchse nur mit Dornen, Disteln, Wrmern, Krten und liee alle Blumen
und Falter weg.
    Dennoch, ich erinnere mich: es war eine herrliche Zeit. Eine Art
Feenmrchentraum. Ich hatte ja alles, was ein junges Frauenherz nur begehren
kann: Liebe, Reichtum, Rang, Vermgen - und das Meiste so neu, so berraschend,
so staunenerregend! Wir liebten uns wahnsinnig, mein Arno und ich, mit dem
ganzen Feuer unserer lebensstrotzenden, schnheitssicheren Jugend. Und zufllig
war mein glnzender Husar nebenbei ein braver, herzensguter, edeldenkender
Junge, mit weltmnnischer Bildung und heiterem Humor (er htte ja ebensogut -
was bot der Marienbader Ball fr eine Brgschaft dagegen? - ein bser und ein
roher Mensch sein knnen) und zufllig war auch ich ein leidlich gescheites und
gemtliches Ding (er htte auf besagtem Balle ebensogut in ein hbsches
launenhaftes Gnschen sich verlieben knnen); so kam es denn, da wir vollkommen
glcklich waren und da infolgedessen das rotgebundene Lamento-Hauptbuch lange
Zeit leer blieb.
    Halt: hier finde ich eine frhliche Eintragung - Verzckungen ber die neue
Mutterwrde. Am ersten Januar 1859 (war das ein Neujahrsgeschenk!) ward uns ein
Shnchen geboren. Natrlich erweckte dieses Ereignis so sehr unser Staunen und
unsern Stolz, als wren wir das erste Paar, dem so was passierte. Daher wohl
auch die Wiederaufnahme des Tagebuchs. Von dieser Merkwrdigkeit, von dieser
meiner Wichtigkeit mute die Nachwelt doch unterrichtet werden. Ferner ist das
Thema junge Mutter so vorzglich kunst-und litteraturfhig. Dasselbe gehrt zu
den bestbesungenen und fleiigst bemalten Vorwrfen; dabei lt sich so gut
mystisch und heilig, gerhrt und pathetisch, naiv und lieblich - kurz ungeheuer
poetisch gestimmt sein. Zur Pflege dieser Stimmung tragen ja (sowie die
Schulbcher zur Pflege der Kriegsbewunderung) alle mglichen Gedichtsammlungen,
illustrierte Journale, Gemldegalerien und landlufige Entzckungsphrasen unter
der Rubrik Mutterliebe, Mutterglck, Mutterstolz nach Krften bei. Was
zunchst der Heldenanbetung (siehe Carlyles hero-worship) im Vergtterungsfach
Hchstes geleistet wird, das leisten die Leute in baby-worship. Natrlich blieb
hierin auch ich nicht zurck. Mein kleiner herziger Ruru war mir das wichtigste
Weltwunder. Ach, mein Sohn - mein erwachsener herrlicher Rudolf - was ich fr
dich empfinde, dagegen verblat jene kindische Babybestaunung - dagegen ist jene
blinde, affenmige, jungmtterliche Freliebe so nichtig, wie ein Wickelkind ja
selber gegen einen entfalteten Menschen nichtig ist....
    Auch der junge Vater war nicht wenig stolz auf seinen Nachfolger und baute
die schnsten Zukunftsplne auf ihn. Was wird er werden? Diese eben noch nicht
sehr dringende Frage wurde des fteren ber Rurus Wiege vorgelegt, und immer
einstimmig entschieden: Soldat. Manchmal erwachte ein schwacher Protest von
seiten der Mutter: Wie aber, wenn er im Kriege verunglckt? Ach bah ward
dieser Einwurf weggerumt - es stirbt ja doch jeder nur dort und dann, wie es
ihm bestimmt ist. Ruru wrde ja auch nicht der einzige bleiben; von den
folgenden Shnen mochte in Gottes Namen einer zum Diplomaten, ein anderer zum
Landwirt, ein dritter zum Geistlichen erzogen werden, aber der lteste, der
mute seines Vaters und Grovaters Beruf - den schnsten Beruf von allen -
erwhlen, der mute Soldat werden.
    Und dabei ist's geblieben. Ruru wurde schon mit zwei Monaten von uns zum
Gefreiten befrdert. Werden doch alle Kronprinzen gleich nach der Geburt zu
Regimentsinhabern ernannt, warum sollten wir unsern Kleinen nicht auch mit einem
imaginren Rang schmcken? Das war uns ein Hauptspa, dieses Soldatenspielen mit
einem Baby. Arno salutierte, so oft sein Bub auf den Armen der Amme ins Zimmer
gebracht wurde. Letztere nannten wir die Marketenderin, und was bei dieser das
Fouragemagazin hie, lasse ich erraten; Rurus Geschrei ward Alarmsignal
geheien, und was Ruru sitzt auf dem Exerzierplatz bedeutete, lasse ich
abermals erraten sein.

                                     * * *

Am 1. April, als am dritten Monatstage seiner Geburt (nur die Jahrestage zu
feiern htte zu gar zu seltenen Festen Anla gegeben), rckte Ruru vom Gefreiten
zum Korporal vor. An jenem Tage geschah aber auch etwas Dsteres; etwas, was mir
das Herz schwer machte und mich veranlate, es in den roten Heften
auszuschtten.
    Schon lngere Zeit war am politischen Horizont der gewisse schwarze Punkt
sichtbar, ber dessen mgliches Anwachsen von allen Zeitungen und allen
Salongesprchen die lebhaftesten Kommentare geliefert wurden. Ich hatte bis
jetzt nicht darauf geachtet. Wenn mein Mann und mein Vater und deren
militrische Freunde auch fters vor mir gesagt hatten: Mit Italien setzt es
nchstens etwas ab, so war das an meinem Verstndnis abgeprallt. Mich um
Politik zu kmmern, hatte ich gerade Zeit und Lust! Da mochte um mich herum noch
so eifrig ber das Verhltnis Sardiniens zu sterreich, oder ber das Verhalten
Napoleons III. debattiert werden, dessen Hilfe Cavour durch die Teilnahme am
Krimkriege sich zugesichert hatte; da mochte man immerhin von der Spannung
reden, welche zwischen uns und den italienischen Nachbarn durch diese Allianz
hervorgerufen worden - das beachtete ich nicht. Aber an jenem 1. April sagte mir
mein Mann allen Ernstes:
    Weit Du, Schatz - es wird bald losgehen.
    Was wird losgehen, mein Liebling!
    Der Krieg mit Sardinien.
    Ich erschrak. Um Gotteswillen - das wre furchtbar! Und mut Du mit?
    Hoffentlich.
    Wie kannst Du so etwas sagen? Hoffentlich fort von Weib und Kind?
    Wenn die Pflicht ruft ...
    Dann kann man sich fgen. Aber hoffen - das heit also wnschen, da einem
solch bittere Pflicht erwachse -
    Bitter? So ein frischer, frhlicher Krieg mu ja was Herrliches sein. Du
bist eine Soldatenfrau - vergi das nicht -
    Ich fiel ihm um den Hals ...
    O Du mein lieber Mann, sei ruhig: ich kann auch tapfer sein ... Wie oft
habe ich's den Helden und Heldinnen der Geschichte nachempfunden, welch
erhebendes Gefhl es sein mu, in den Kampf zu ziehen. Drfte ich nur mit - an
Deiner Seite fechten, fallen oder siegen!
    Brav gesprochen, mein Weibchen - aber Unsinn. Dein Platz ist hier an der
Wiege des Kleinen, in dem auch ein Vaterlandsverteidiger gro gezogen werden
soll. Dein Platz ist an unserem huslichen Herd. Um diesen zu schtzen und vor
feindlichem berfall zu wahren, um unserm Heim und unsern Frauen den Frieden zu
erhalten, ziehen wir Mnner ja in den Krieg.
    Ich wei nicht, warum mir diese Worte, welche ich in hnlicher Fassung doch
schon oft zustimmend gehrt und gelesen hatte, diesmal einigermaen als Phrase
klangen ... Es war ja kein bedrohter Herd da, keine Barbarenhorden standen vor
den Thoren - einfach politische Spannung zwischen zwei Kabinetten ... Wenn also
mein Mann begeistert in den Krieg ziehen wollte, so war es doch nicht so sehr
das dringende Bedrfnis, Weib und Kind und Vaterland zu schtzen, als vielmehr
die Lust an dem abenteuerlichen, Abwechslung bietenden Hinausmarschieren - der
Drang nach Auszeichnung - Befrderung ... Nun ja, Ehrgeiz ist es - schlo ich
diesen Gedankengang - schner, berechtigter Ehrgeiz, Lust an tapferer
Pflichterfllung!
    Es war schn von ihm, da er sich freute, wenn er zu Felde ziehen mte;
aber noch war ja nichts entschieden. Vielleicht wrde der Krieg gar nicht
ausbrechen, und selbst fr den Fall, da man sich schlage, wer wei, ob gerade
Arno wegkommandiert wrde - es geht ja doch nicht immer die ganze Armee vor den
Feind. Nein, dieses so herrliche, abgerundete Glck, welches mir das Schicksal
zurecht gezimmert hatte, konnte doch dieses selbe Schicksal nicht so roh
zertrmmern. - O Arno, mein vielgeliebter Mann - dich in Gefahr zu wissen, es
wre entsetzlich! ... Solche und hnliche Ergsse fllen die in jenen Tagen
beschriebenen Tagebuchbltter.
    Von da ab sind die roten Hefte eine Zeit lang voll Kannegieerei: Louis
Napoleon ist ein Intrigant ... sterreich kann nicht lange zuschauen ... es
kommt zum Kriege ... Sardinien wird sich vor der bermacht frchten und
nachgeben ... Der Friede bleibt erhalten ... Meine Wnsche - trotz aller
theoretischer Bewunderung vergangener Schlachten - waren natrlich inbrnstig
nach Erhaltung des Friedens gerichtet, doch der Wunsch meines Gatten rief
offenbar die andere Alternative herbei. Er sagte es nicht grad' heraus, aber
Nachrichten ber die Vergrerung des schwarzen Punktes teilte er immer
leuchtenden Auges mit; die hier und da, leider immer sprlicher werdenden
Friedensaussichten hingegen konstatierte er stets mit einer gewissen
Niedergeschlagenheit.
    Mein Vater war auch ganz Feuer und Flamme fr den Krieg. Die Besiegung der
Piemontesen wrde ja nur ein Kinderspiel sein, und zur Bekrftigung dieser
Behauptung regneten wieder die Radetzky-Anekdoten. Ich hrte von dem drohenden
Feldzug immer nur vom strategischen Standpunkt sprechen, nmlich ein Hin- und
Herwgen der Chancen, wie und wo der Feind geschlagen wrde und die Vorteile,
welche uns daraus erwachsen muten. Der menschliche Standpunkt - nmlich da,
ob verloren oder gewonnen, jede Schlacht unzhlige Blut- und Thrnenopfer
fordert, - kam gar nicht in Betracht. Die hier in Frage stehenden Interessen
wurden als so sehr ber alle Einzelschicksale erhaben dargestellt, da ich mich
der Kleinlichkeit meiner Auffassung schmte, wenn mir bisweilen der Gedanke
aufstieg: Ach, was frommt den armen Toten, was den armen Verkrppelten, was den
armen Witwen der Sieg? Doch bald stellten sich als Antwort auf diese verzagten
Fragen wieder die alten Schulbuchdithyramben ein: Ersatz fr alles bietet der
Ruhm. Doch wie, wenn der Feind siegte? Diese Frage lie ich einmal im Kreise
meiner militrischen Freunde laut werden - wurde aber schmhlich niedergezischt.
Das bloe Erwhnen von der Mglichkeit eines Schattens eines Zweifels ist schon
antipatriotisch. Im voraus seiner Unberwindlichkeit sicher sein, gehrt mit zu
den Soldatenpflichten. Also gewissermaen auch zu den Pflichten einer loyalen
Lieutenantsfrau.

Das Regiment meines Mannes lag in Wien. Von unserer Wohnung hatte man die
Aussicht auf den Prater, und wenn man da ans Fenster trat, wehte es sommerlich
verheiend herein. Es war ein wundervoller Frhling. Die Luft war lau und
veilchenduftend, und zeitiger als in anderen Jahren sprote das junge Laub
hervor. Auf die im kommenden Monat bevorstehenden groen Praterfahrten freute
ich mich unbndig. Wir hatten uns zu diesem Zweck ein kokettes Zeugel
angeschafft, nmlich einen Kutschierwagen mit einem Viererzug von ungarischen
Juckern. Schon jetzt, in diesen herrlichen Apriltagen, fuhren wir beinahe
tglich in den Prateralleen spazieren, aber das war nur ein Vorkosten des
eigentlichen Maigenusses. Ach, wenn nur bis dahin nicht etwa der Krieg
ausbrche! ...
    Na, Gott sei Dank - jetzt hat die Unentschiedenheit ein Ende! - rief mein
Mann, als er am Morgen des neunzehnten April vom Exerzieren nach Hause kam. Das
Ultimatum ist gestellt.
    Ich erschrak. Wie - was - was heit das?
    Das heit, das letzte Wort der diplomatischen Verhandlungen, welches der
Kriegserklrung vorausgeht, ist gesprochen. Unser Ultimatum an Sardinien
fordert, da Sardinien entwaffne - was dieses natrlich bleiben lt, und wir
marschieren ber die Grenze.
    Groer Gott! - Vielleicht aber entwaffnen sie?
    Nun dann wre der Streit auch beigelegt und es bleibt Frieden.
    Ich fiel auf die Knie - ich konnte nicht anders. Lautlos und dennoch heftig
wie ein Schrei, schwang sich aus meiner Seele die Bitte zum Himmel: Frieden,
Frieden!
    Arno hob mich auf: Du nrrisches Kind!
    Ich schlang meine Arme um seinen Hals und fing zu weinen an. Es war kein
Schmerzensausbruch, denn noch war ja das Unglck nicht entschieden - aber die
Nachricht hatte mich so erschttert, da meine Nerven zitterten und diesen
Thrnensturz verursachten.
    Martha, Martha, Du wirst mich bse machen, schalt Arno. Bist Du denn mein
braves Soldatenweiblein? Vergissest Du, da Du Generalstochter,
Oberlieutenantsfrau und - schlo er lchelnd - Korporalsmutter bist?
    Nein, nein, mein Arno ... Ich begreife mich selber nicht ... Das war nur so
ein Anfall ... ich bin ja doch selber fr militrischen Ruhm begeistert ... aber
ich wei nicht - vorhin, als Du sagtest, alles hnge von einem Worte ab, das
jetzt gesprochen werden soll - ein Ja oder Nein auf das sogenannte Ultimatum -
und dieses Ja oder Nein solle entscheiden, ob Tausende bluten und sterben sollen
- sterben in diesen sonnigen, seligen Frhlingstagen - da war mir, als mte das
Friedenswort fallen und ich konnte nicht anders, als betend niederknieen -
    Um dem lieben Gott die Sachlage mitzuteilen, Du Herzensnrrchen?
    Die Hausglocke ertnte. Schnell trocknete ich meine Thrnen. Wer konnte das
sein - so frh?
    Es war mein Vater. Derselbe kam hastig hereingestrzt.
    Nun, Kinder, rief er atemlos, indem er sich in einen Lehnsessel warf.
Wit Ihr schon die groe Nachricht - das Ultimatum ...
    Soeben habe ich's meiner Frau erzhlt.
    Sag' Papa, was meinst Du, fragte ich bange, wird der Krieg dadurch
abgewendet?
    Ich wte nicht, da ein Ultimatum jemals einen Krieg abgewendet htte.
Vernnftig wre es wohl von diesem italienischen Jammerpack, wenn es nachgeben
wrde und sich keinem neuen Novara aussetzte ... Ach, wre der gute Vater
Radetzky nicht voriges Jahr gestorben, ich glaube er htte, trotz seiner neunzig
Jahre, sich noch einmal an die Spitze seines Heeres gestellt und ich wre, bei
Gott, auch wieder mitmarschiert ... Wir zwei haben's ja schon gezeigt, wie man
mit dem welschen Gesindel fertig wird. Sie haben aber noch nicht genug daran,
die Katzelmacher - sie wollen eine zweite Lektion haben! Auch recht: unser
lombardisch-venetianisches Knigreich wird sich durch das piemontesische Gebiet
ganz schn vergrern lassen - ich sehe schon den Einzug unserer Truppen in
Turin.
    Aber Papa, Du sprichst ja, als wre der Krieg schon erklrt und als wrst
Du darber froh. Doch wie, wenn Arno mitgehen mu? Es standen mir schon wieder
die Thrnen in den Augen.
    Das wird er auch - der beneidenswerte Junge.
    Aber meine Angst - die Gefahr -
    Ach was, Gefahr! Man kommt vom Kriege auch nach Haus, wie Figura zeigt. Ich
habe mehr als eine Campagne mitgemacht, Gott sei Dank, bin auch mehr als einmal
verwundet worden - und bin doch am Leben, weil es mir eben bestimmt war, am
Leben zu bleiben.
    Die alte fatalistische Redensart! Dieselbe, welche fr Rurus knftige
Berufswahl hatte herhalten mssen und die mir auch jetzt wieder als ein Stck
Weisheit einleuchtete.
    Wenn etwa mein Regiment nicht beordert werden sollte - begann Arno.
    Ach ja, unterbrach ich freudig, das ist auch noch eine Hoffnung.
    Dann lasse ich mich versetzen, wenn mglich -
    Es wird schon mglich sein, versicherte mein Vater. He bekommt den
Oberbefehl und der ist mein guter Freund.
    Das Herz zitterte mir, aber dennoch konnte ich nicht anders, als diese
beiden Mnner bewundern. Mit welche frhlichem Gleichmut sie von einem kommenden
Feldzug sprachen, als handelte es sich um einen geplanten Spaziergang. Mein
tapferer Arno wollte sogar - auch wenn ihn die Pflicht nicht riefe - freiwillig
vor den Feind ziehen, und mein grodenkender Vater fand das ganz einfach und
natrlich. Ich raffte mich auf. Fort mit meinem kindischen, weibischen Bangen!
Jetzt galt es, mich dieser meiner Lieben wrdig zu zeigen, das Herz ber alle
egoistischen Befrchtungen erheben und nur dem schnen Bewutsein Raum geben:
Mein Gatte ist ein Held.
    Ich sprang auf und hielt ihm beide Hnde hin:
    Arno, ich bin stolz auf Dich!
    Er zog meine Hnde an seine Lippen; dann an den Vater gewendet, mit
freudestrahlender Miene:
    Das Mdel hast Du gut erzogen, Schwiegervater!
    Abgelehnt! Das Ultimatum abgelehnt! So geschehen in Turin am 26. April. Die
Wrfel gefallen - der Krieg ausgebrochen!
    Seit einer Woche war ich auf die Katastrophe gefat, dennoch versetzte mir
deren Eintreffen einen derben Schlag. Schluchzend warf ich mich auf das Sofa,
den Kopf in die Kissen verbergend, als mir Arno diese Nachricht brachte.
    Er setzte sich an meine Seite und trstete mich sanft.
    Mein Liebling, Mut - Fassung! Es ist ja nicht so schlimm ... in kurzer Zeit
kehren wir als Sieger heim ... Dann werden wir Zwei doppelt glcklich sein.
Weine nicht so, es zerreit mir das Herz ... fast bereue ich, da ich mich
engagiert habe, auf jeden Fall mitzugehen ... doch nein, bedenke: wenn meine
Kameraden hinaus mssen, mit welchem Recht drfte ich da zu Hause bleiben? Du
selber mtest Dich meiner schmen ... Einmal mu ich ja die Feuertaufe erhalten
- ehe das geschehen, fhle ich mich gar nicht recht als Mann und als Soldat.
Denk' nur, wie schn - wenn ich zurckkomme - mit einem dritten Stern am Kragen
- vielleicht mit einem Kreuz auf der Brust.
    Ich lehnte meinen Kopf an seine Achsel und weinte da weiter. Wie klein ich
doch wieder dachte: Sterne und Kreuze erschienen mir in diesem Augenblick als so
schaler Flitter ... Nicht zehn Grokreuze auf dieser teuern Brust konnten einen
Ersatz bieten fr die grause Mglichkeit, da eine Kugel sie zerschmettere ...
    Arno kte mir die Stirn, schob mich sanft beiseite und stand auf:
    Ich mu jetzt fortgehen, liebes Kind - zu meinem Obersten. Weine Dich aus
... wenn ich wiederkomme, hoffe ich, Dich standhaft und heiter zu finden - ich
brauche das, um nicht von trben Ahnungen beschlichen zu werden. Jetzt, in so
entscheidender Zeit, wird doch meine eigene kleine Frau nichts thun, mir den Mut
zu benehmen, meine Thatenlust zu dmpfen? Adieu, mein Schatz. Und er ging.
    Ich raffte mich auf. Seine letzten Worte klangen mir noch im Ohre nach. Ja
offenbar: meine Pflicht war nun die, seinen Mut und seine Thatenlust - nicht nur
nicht zu dmpfen, sondern nach Mglichkeit zu heben. Das ist ja die einzige Art,
wie wir Frauen unsern Patriotismus bethtigen knnen, wie wir des Ruhmes
teilhaftig werden drfen, den unsere Mnner auf den Schlachtfeldern sich holen
... Schlacht - felder - sonderbar, wie dieses Wort jetzt pltzlich in zwei
grundverschiedenen Bedeutungen mir vor den Sinn trat. Halb in der altgewohnten,
historischen, pathetischen, hchste Bewunderung erregenden Bedeutung, halb in
dem Ekelschauer der blutigen, brutalen Silbe Schlacht ... Ja geschlachtet
wrden sie auf dem Felde daliegen, die armen hinausgetriebenen Menschen - mit
offenen, roten Wunden - und unter ihnen vielleicht ... Mit einem laut
ausgestoenen Schrei dachte ich diesen Gedanken aus.
    Meine Jungfer, Betti, kam erschrocken hereingerannt. Sie hatte mich schreien
gehrt.
    Um Gottes willen, Frau Grfin, was ist geschehen? fragte sie zitternd.
    Ich blickte das Mdchen an: auch sie hatte rotgeweinte Augen. Ich erriet -
sie wute schon die Nachricht, und ihr Geliebter war Soldat. Mir war's, als
mte ich die Unglcksschwester an mein Herz drcken.
    Es ist nichts, mein Kind, sagte ich weich ... Die fortziehen, kommen ja
wieder zurck -
    Ach, grfliche Gnaden, nicht alle, antwortete sie, von neuem in Thrnen
ausbrechend.
    Jetzt trat meine Tante bei mir ein und Betti entfernte sich.
    Ich bin gekommen, Dir Trost zu sprechen, Martha, sagte die alte Frau, mich
umarmend, und Dir in dieser Prfung Ergebung zu predigen.
    Also weit Du? -
    Die ganze Stadt wei es ... Es herrscht groer Jubel, dieser Krieg ist sehr
populr.
    Jubel, Tante Marie?
    Nun ja, bei solchen, die kein geliebtes Familienglied mitziehen sehen. Da
Du traurig sein wirst, konnte ich mir denken, und darum bin ich hierher geeilt.
Dein Papa wird auch gleich kommen; aber nicht um zu trsten, sondern zu
gratulieren: er ist ganz auer sich vor Freude, da es losgeht, und betrachtet
es als eine herrliche Chance fr Arno, da er mitthun kann. Im Grunde hat er ja
auch recht ... fr einen Soldaten gibt's auch nichts Besseres, als den Krieg. So
mut auch Du die Sache betrachten, liebes Kind - Berufserfllung geht doch allem
voran. Was sein mu -
    Ja, Du hast recht, Tante, was sein mu - das Unabnderliche -
    Das von Gott gewollte - schaltete Tante Marie bekrftigend ein.
    Mu man mit Fassung und Ergebung ertragen.
    Brav, Martha. Es kommt ja doch alles so, wie es von der weisen und
allgtigen Vorsehung in unabnderlichem Ratschlu vorher bestimmt ist. Die
Sterbestunde eines Jeden, die steht schon von der Stunde seiner Geburt an
geschrieben. Und wir wollen fr unsere lieben Krieger so viel und inbrnstig
beten -
    Ich hielt mich nicht dabei auf, den Widerspruch, der in diesen beiden
Annahmen liegt: da der Tod zugleich bestimmt und durch Gebete abzuwenden sein
knne, nher zu errtern. Ich war mir selbst nicht klar darber und hatte von
meiner ganzen Erziehung her das vage Bewutsein, da man an so heilige Dinge
nicht mit Vernunftfragen herantreten drfe. Htte ich gar der Tante gegenber
solche Skrupel laut werden lassen, so wrde sie das arg verletzt haben. Nichts
konnte sie mehr beleidigen, als wenn man ber gewisse Dinge rationelle Zweifel
anstellte. Nicht darber nachdenken ist allen Mysterien gegenber
Anstandsgebot. Wie es die Hofsitte verbietet, an einen Knig Fragen zu richten,
so ist es auch eine Art lsterlichen Etiquettenbruchs, wenn man an einem Dogma
herum forschen und prfen will. Nicht darber nachdenken ist brigens ein sehr
leicht erfllbares Gebot, und bei diesem Anla fgte ich mich bereitwillig
darein; ich fing daher mit der Tante keinen Streit an, sondern klammerte mich im
Gegenteil an den Trost, der in dem Hinweis auf das Beten lag. Ja - whrend der
ganzen Abwesenheit meines Gatten wollte ich so inbrnstig um des Himmels Schutz
flehn, da dieser alle Kugeln im Fluge von Arno abwenden werde ... Abwenden? -
Wohin? Auf die Brust eines Andern, fr den doch wahrscheinlich auch gebetet
wird? ... Und was war mir im physikalischen Lehrkurs demonstriert worden, von
den genau zu berechnenden, unfehlbaren Wirkungen der Stoffe und ihrer Bewegung?
... Wieder ein Zweifel? Fort damit.
    Ja, Tante, sagte ich laut, um diese in meinem Geist sich kreuzenden
Widersprche abzubrechen, ja, wir wollen fleiig beten und Gott wird uns
erhren: Arno bleibt unversehrt.
    Siehst Du, siehst Du, Kind, wie in schweren Stunden die Seele doch zu der
Religion flchtet ... Vielleicht schickt Dir der liebe Gott die Prfung, damit
Du Deine sonstige Lauheit ablegst.
    Das wollte mir wieder nicht recht einleuchten, da die ganze, noch aus dem
Krimkriege herstammende Verstimmung zwischen sterreich und Sardinien, die
ganzen Verhandlungen, die Aufstellung des Ultimatums und die Ablehnung desselben
nur von Gott veranstaltet worden wren, um meinen lauen Sinn zu erwrmen.
    Aber auch diesen Zweifel auszudrcken, wre unanstndig gewesen. Sobald
jemand den lieben Gott in den Mund genommen, gibt das den daran geknpften
Ausspruch eine gewisse salbungsvolle Immunitt. Was die vorgeworfene Lauheit
anbelangt, so hatte dieser Vorwurf einige Begrndung. Tante Marias Religiositt
kam aus tiefstem Herzen, whrend ich mehr uerlich fromm war. Mein Vater war in
dieser Beziehung vllig indifferent, ebenso mein Gatte; also hatte ich weder von
dem Einen noch dem Andern Anregung zu besonderem Glaubenseifer erhalten. Mich in
die kirchlichen Lehren mit Begeisterung zu vertiefen, hatte ich auch niemals
vermocht, da ich dieselben berhaupt nur mit Anwendung des
Nichtdarbernachdenken-Prinzips unangefochten lassen konnte. Ich ging wohl
allsonntglich zur Messe und alljhrlich zur Beichte; auch war ich bei diesen
Ceremonien voll Ehrfurcht und Andacht; aber das Ganze war doch mehr oder minder
eine Art standesmiger Etiquettenbeobachtung; ich erfllte die religisen
Anstandspflichten mit derselben Korrektheit, wie ich auf dem Kammerball die
Figuren der Lanciers ausfhrte und die Hofreverenz machte, wenn die Kaiserin den
Saal betrat. Unser Schlokaplan in Niedersterreich und der Nuntius in Wien
konnten mir nichts vorwerfen, aber die von der Tante vorgebrachte Beschuldigung
war wohl berechtigt.
    Ja, mein Kind, fuhr sie fort, im Glck und im Wohlsein vergessen die
Leute leicht ihren Heiland - wenn aber Krankheit oder Todesgefahr ber uns und,
mehr noch, ber unsere Lieben, hereinbricht, wenn wir niedergeschlagen und in
Kmmernis sind -
    In diesem Tone wre es noch lange fortgegangen, aber da wurde die Thre
aufgerissen und mein Vater strzte herein!
    Hurrah, jetzt geht's los! lautete seine Begrung Sie wollen Prgel
haben, die Katzelmacher? So sollen sie Prgel haben - sollen sie haben!

Das war nun eine aufgeregte Zeit. Der Krieg ist ausgebrochen. Man vergit, da
es zwei Haufen Menschen sind, die miteinander raufen gehen, und fat das
Ereignis so auf, als wre es ein erhabenes, waltendes Drittes, dessen Ausbruch
die beiden Haufen zum Raufen zwingt. Die ganze Verantwortung fllt auf diese
auerhalb des Einzelwillens liegende Macht, welche ihrerseits nur die Erfllung
der bestimmten Vlkerschicksale herbeigefhrt. Das ist so die dunkle und
ehrfrchtige Auffassung, welche die meisten Menschen vom Kriege haben und welche
auch die meine war. Von einer Revolte meines Gefhls gegen das Kriegfhren
berhaupt, war keine Rede; nur darunter litt ich, da mein geliebter Mann
hinauszuziehen htte in die Gefahr, und ich in Einsamkeit und Bangen
zurckzubleiben. Ich kramte alle meine alten Eindrcke aus der Zeit der
Geschichtsstudien hervor, um mich an dem Bewutsein zu strken und zu
begeistern, da die hchste Menschenpflicht es war, die meinen Teuren abberief,
und da ihm hierdurch die Mglichkeit geboten wrde, sich mit Ruhm und Ehren zu
bedecken. Jetzt lebte ich ja mitten drin in einer Geschichtsepoche: das war auch
ein eigentmlich erhebender Gedanke. Weil von Herodot und Tacitus an bis zu den
modernen Historikern herab die Kriege stets als die wichtigsten und
folgenschwersten Ereignisse dargestellt worden, so meinte ich, da auch
gegenwrtig ein solches - knftigen Geschichtsschreibern als
Abschnittsberschrift dienendes Weltereignis im Gange war.
    Diese gehobene, wichtigkeitsberstrmende Stimmung war brigens die
allgemeine herrschende. Man sprach von nichts Anderem in den Salons und auf den
Gassen; las von nichts Anderem in den Zeitungen, betete fr nichts Anderes in
den Kirchen: wo man hinkam, berall dieselben aufgeregten Gesichter und die
gleichen lebhaften Besprechungen der Kriegseventualitten. Alles brige, was
sonst das Interesse der Leute wach hlt: Theater, Geschfte, Kunst -, das wurde
jetzt als ganz nebenschlich betrachtet. Es war einem zu Mute, als htte man gar
kein Recht, an etwas Anderes zu denken, whrend dieser groe
Weltschicksalsauftritt sich abspielte. Und die verschiedenen Armeebefehle mit
den bekannten siegesbewuten und ruhmverheienden Phrasen; und die unter
klingendem Spiel und wehenden Standarten abmarschierenden Truppen; und die in
loyalstem und patriotisch glhendstem Tone gehaltenen Leitartikel und
ffentlichen Reden; dieser ewige Appell an Tugend, Ehre, Pflicht, Mut,
Aufopferung; diese sich gegenseitig gemachten Versicherungen, da man die
bekannt unberwindlichste, tapferste, zu hoher Machtausdehnung bestimmte, beste
und edelste Nation sei: alles dies verbreitet eine heroische Atmosphre, welche
die ganze Bevlkerung mit Stolz erfllt und in jedem Einzelnen die Meinung
hervorruft, er sei ein groer Brger einer groen Zeit.
    Schlechte Eigenschaften, als da sind: Eroberungsgier, Rauflust, Ha,
Grausamkeit, Tcke - werden wohl auch als vorhanden und als im Kriege sich
offenbarend zugegeben, aber allemal nur beim Feind. Dessen Schlechtigkeit
liegt am Tage. Ganz abgesehen von der politischen Unvermeidlichkeit des eben
unternommenen Feldzuges, sowie abgesehen von den daraus unzweifelhaft
erwachsenden patriotischen Vorteilen, ist die Besiegung des Gegners ein
moralisches Werk, eine vom Genius der Kultur ausgefhrte Zchtigung.... Diese
Italiener - welches faule, falsche, sinnliche, leichtsinnige, eitle Volk! Und
dieser Louis Napoleon - welcher Ausbund von Ehrsucht und Intriguengeist! Als
sein am 29. April publiziertes Kriegsmanifest erschien, mit dem Motto: Freies
Italien bis zum adriatischen Meer - rief das einen Sturm der Entrstung bei uns
hervor! Ich erlaubte mir eine schwache Bemerkung, da dies eigentlich eine
uneigenntzige und schne Idee sei, welche fr italienische Patrioten
begeisternd wirken msse; aber ich ward schnell zum Schweigen gebracht. An dem
Dogma Louis Napoleon ist ein Bsewicht, durfte, so lange er der Feind war,
nicht gerttelt werden; Alles, was von ihm ausging, war von vornherein
bsewichterisch. Noch ein leiser Zweifel stieg in mir auf. In allen
geschichtlichen Kriegsberichten hatte ich die Sympathie und die Bewunderung der
Erzhler immer fr diejenige Partei ausgedrckt gefunden, welche einem fremden
Joche sich entringen wollte und welche fr die Freiheit kmpfte. Zwar wute ich
mir weder ber den Begriff Joch noch ber den so berschwnglich besungenen
Begriff Freiheit einen rechten Bescheid zu geben, aber so viel schien mir doch
klar: die Jochabschttelungs- und Freiheitsbestrebung lag diesmal nicht auf
sterreichischer, sondern auf italienischer Seite. Aber auch fr diese
schchtern gedachten und noch schchterner ausgedrckten Skrupel wurde ich
niedergedonnert. Da hatte ich Unselige wieder an einem sakrosankten Grundsatz
gerhrt, nmlich da unsere Regierung - d.h. diejenige, unter welcher man
zufllig geboren worden - niemals ein Joch, sondern nur einen Segen abgeben
knne; da die von uns sich losreien Wollenden nicht Freiheitskmpen, sondern
einfach Rebellen sind, und da berhaupt und unter allen Umstnden wir allemal
und berall in unserm vollen Rechte sind.
    In den ersten Maitagen - es waren kalte, regnerische Tage zum Glck;
sonniges, lenzfrohes Wetter htte einen noch schmerzlicheren Kontrast bewirkt -
marschierte das Regiment ab, welchem Arno sich hatte zuteilen lassen. Um sieben
Uhr frh ... ach, die vorhergehende Nacht ... war das eine frchterliche Nacht!
Wre der Teure auch nur auf eine gefahrlose Geschftsreise gegangen, die
Trennung htte mich unsglich traurig gemacht - Scheiden thut ja so weh - aber
in den Krieg! Dem Feuerregen der feindlichen Geschtze entgegen! ... Warum
konnte ich in jener Nacht bei dem Worte Krieg durchaus nicht mehr dessen
erhabene, historische Bedeutung erfassen, sondern nur dessen toddrohendes
Grausen?
    Arno war eingeschlafen. Ruhig atmend, mit heiterem Gesichtsausdruck lag er
da. Ich hatte eine frische Kerze angezndet und hinter einen Schirm gestellt:
ich konnte heute nicht im Finstern bleiben. Von Schlafen war ja fr mich ohnehin
keine Rede - in dieser letzten Nacht. Da mute ich ihm wenigstens die ganze Zeit
ins liebe Gesicht schauen. In einen Schlafrock gehllt, lag ich auf unserm
Bette; den Ellbogen auf das Kissen, das Kinn in die Handflche gesttzt, blickte
ich auf den Schlummernden herab und weinte still ... Wie lieb - wie lieb ich
Dich habe, mein Einziger - und Du gehst fort von mir ... Warum ist das Schicksal
so grausam? Wie werde ich leben ohne Dich? Da Du mir nur bald wiederkehrst! O
Gott, mein guter Gott, mein barmherziger Vater dort oben - la ihn bald
zurckkommen - ihn und alle ... La es bald Frieden sein? ... Warum kann es denn
nicht immer Frieden sein? ... Wir waren so glcklich ... zu glcklich wohl ...
es darf ja auf Erden kein vollkommenes Glck geben ... O Seligkeit - wenn er
unversehrt heimkehrt und dann wieder so an meiner Seite liegt und fr den
kommenden Morgen kein Abschied droht ... Wie er ruhig schlft - o Du mein
tapferer Schatz! Aber wie wirst Du dort schlafen? Da gibt es kein weiches, mit
Seide und Spitzen verhngtes Bett fr Dich - da mut Du auf harter, nasser Erde
liegen ... vielleicht in einem Graben - hilflos - verwundet ... Bei diesem
Gedanken konnte ich nicht anders, als mir eine klaffende Sbelhiebwunde auf
seiner Stirn vorstellen, von der das Blut herabsickert, oder ein Kugelloch in
seiner Brust ... und ein heier Mitleidsschmerz ergriff mich. Wie gern htte ich
meine Arme um ihn geschlungen und ihn gekt, aber ich durfte ihn nicht wecken;
er brauchte diesen strkenden Schlaf. Nur noch sechs Stunden ... tik - tak - tik
- tak: unbarmherzig schnell und sicher geht die Zeit jedem Ziele entgegen.
Dieses gleichgltige Tick - Tack that mir weh. Auch das Licht brannte ebenso
gleichgltig hinter seinem Schirm, wie diese Uhr mit ihrem blden regungslosen
Bronze-Amor tickte ... Begriffen denn all diese Dinge nicht, da dies die letzte
Nacht war? Die thrnenden Lider fielen mir zu, das Bewutsein schwand
allmhlich, und den Kopf auf das Kissen sinken lassend, schlief ich dennoch
selber ein. Aber immer nur auf kurze Zeit. Kaum verlor sich mein Sinn in die
Nebel eines formlosen Traumes, so krampfte mein Herz sich pltzlich zusammen und
ich erwachte durch einen heftigen Schlag desselben, mit dem gleichen
Angstgefhle, wie wenn man durch Hilferuf oder Feuerlrm geweckt wird ...
Abschied, Abschied! hie der Alarm.
    Als ich zum zehnten oder zwlften male so aus dem Schlummer auffuhr, war es
Tag und die Kerze flackerte noch. Man klopfte an der Thr.
    Sechs Uhr, Herr Oberlieutenant, meldete die Ordonnanz, welche Befehl
erhalten hatte, rechtzeitig zu wecken.
    Arno richtete sich auf ... Jetzt also war die Stunde gekommen - jetzt wrde
es gesprochen werden, dieses jammer-jammervolle Wort Lebwohl.
    Es war ausgemacht worden, da ich ihn nicht zur Bahn begleiten wrde. Die
eine Viertelstunde mehr oder weniger des Beisammenseins - auf die kam es nicht
mehr an. Und das Leid der letzten Losreiung, das wollte ich nicht vor fremden
Leuten blolegen; ich wollte allein in meinem Zimmer sein, wenn der Abschiedsku
getauscht worden, um mich auf den Boden werfen - um schreien, laut schreien zu
knnen.
    Arno kleidete sich rasch an. Dabei sprach er allerlei Trstliches auf mich
ein:
    Wacker, Martha! In lngstens zwei Monaten ist die Geschichte vorbei und ich
bin wieder da.... Zum Kuckuck - von tausend Kugeln trifft nur eine und die mu
nicht gerade mich treffen.... Es sind andere auch schon aus dem Krieg
zurckgekommen: sieh' Deinen Papa. Einmal mute es doch sein. Du hast doch
keinen Husarenoffizier in der Idee geheiratet, sein Handwerk sei die
Hyazinthenzucht? Ich werde Dir oft schreiben, so oft als mglich, und Dir
berichten, wie frisch und frhlich die ganze Campagne vor sich geht. Wenn mir
was Schlimmes bestimmt wre, so knnte ich mich nicht so wohlgemut fhlen ...
einen Orden geh' ich mir holen, weiter nichts.... Gib nur hier recht acht auf
Dich selber und auf unsern Ruru - der, wenn ich avanciere, auch wieder um einen
Grad vorrcken darf. Gr ihn von mir ... ich will den Abschied von gestern
Abend nicht noch wiederholen. ... Dem wird's einmal ein Vergngen sein, wenn ihm
sein Vater erzhlt, da er im Jahr 59 bei den groen italienischen Siegen dabei
gewesen. ...
    Ich hrte ihm gierig zu. Dieses zuversichtliche Geplauder that mir wohl. Er
ging ja gern und lustig fort - mein Schmerz war also ein egoistischer, daher ein
unberechtigter - dieser Gedanke wrde mir die Kraft geben, ihn zu berwinden.
    Wieder klopfte es an der Thre.
    Es ist schon Zeit, Herr Oberlieutenant.
    Bin schon fertig - komme gleich. Er breitete die Arme aus: Also jetzt,
Martha, mein Weib, mein Lieb -
    Schon lag ich an seiner Brust. Reden konnte ich nicht. Das Wort Lebewohl
wollte mir nicht ber die Lippen - ich fhlte, da ich bei uerung dieses
Wortes zusammenbrechen mute, und die Ruhe, den Frohmut seiner Abfahrt durfte
ich ja nicht vergllen. Den Ausbruch meines Schmerzes sparte ich mir - wie eine
Art Belohnung - auf das Alleinsein auf.
    Nunmehr aber sprach er es, das herzzerreiende Wort:
    Leb' wohl, mein alles, leb wohl! und drckte innig seinen Mund auf den
meinen.
    Wir konnten uns aus dieser Umarmung garnicht losreien - war es doch die
letzte. Da pltzlich fhle ich, wie seine Lippen beben, seine Brust sich
krampfhaft hebt ... und - mich freilassend, bedeckt er sein Gesicht mit beiden
Hnden und schluchzt laut auf.
    Das war zu viel fr mich. Ich glaubte wahnsinnig zu werden.
    Arno, Arno, rief ich, ihn umklammernd: Bleib, bleib! Ich wute, da ich
unmgliches verlangte, doch rief ich hartnckig: Bleib, bleib!
    Herr Oberlieutenant, kam es von drauen, schon hchste Zeit.
    Noch einen Ku - den allerletzten - und er strzte hinaus.

Charpie zupfen, Zeitungsberichte lesen, auf einer Landkarte Stecknadelfhnchen
aufstecken, um den Bewegungen der beiden Heere zu folgen und daraus
Schachaufgaben, in der Fassung von sterreich zieht an und setzt mit dem
vierten Zuge matt zu lsen trachten; in der Kirche fleiig um Schutz fr seine
Lieben und um den Sieg der vaterlndischen Waffen beten; von nichts anderem
reden als von den vom Kriegsschauplatz eingetroffenen Nachrichten: - das war es,
was meine und die Existenz meiner Verwandten- und Bekanntenkreise nunmehr
ausfllte Das Leben mit allen seinen brigen Interessen schien fr die Dauer des
Feldzuges sozusagen in der Schwebe; alles bis auf die Frage wie und wann wird
der Krieg enden? war der Wichtigkeit, ja beinahe der Wirklichkeit beraubt. Man
a, man trank, man las, man besorgte seine Geschfte, aber das alles galt
eigentlich nicht - nur eins war von vollgewichtiger Gltigkeit: die Telegramme
aus Italien.
    Meine grten Lichtblicke waren selbstverstndlich die Nachrichten, welche
ich von Arno selber erhielt. Diese waren sehr kurz gefat - das Briefschreiben
ist niemals seine starke Seite gewesen -; aber sie brachten mir doch das
beglckendste Zeugnis; noch am Leben - unverwundet. Sehr regelmig konnten
diese Briefe und Depeschen freilich nicht eintreffen, denn oft waren die
Verbindungen abgebrochen, oder - wenn es irgendwo zur Aktion kam - der
Feldpostdienst aufgehoben.
    Wenn so einige Tage vergangen waren, ohne da ich von Arno gehrt, und es
wurde eine Verlustliste verffentlicht - mit welchem Bangen las ich da nicht die
Namen durch! ... Es ist so spannend, wie fr den Losbesitzer das Durchsehen der
Gewinnnummern einer Ziehungsliste, aber in umgekehrtem Sinne: was man da sucht,
wohl wissend, da man (Gott sei Dank) die Wahrscheinlichkeit gegen sich hat, ist
der Haupttreffer des Unglcks ...
    Das erste Mal, als ich die Namen der Gefallenen durchgelesen - ich war eben
seit vier Tagen ohne Nachricht - und sah, da der Name Arno Dotzky nicht
darunter war, da faltete ich die Hnde und sprach mit lauter Stimme: Mein Gott,
ich danke Dir! Kaum aber waren die Worte geuert, so klang es mir wie ein
schriller Miton daraus nach. Ich nahm das Blatt wieder zur Hand und betrachtete
zum zweitenmal die Namenreihe. Also weil Adolf Schmidt und Karl Mller und viele
andere - aber nicht Arno Dotzky - geblieben waren, hatte ich Gott gedankt?
Derselbe Dank wre dann berechtigterweise von dem Herzen derer zum Himmel
aufgestiegen, welche fr Schmidt und Mller zittern, wenn sie statt dieser Namen
Dotzky gelesen htten? Und warum sollte gerade mein Dank dem Himmel genehmer
sein als jener? Ja - das war der schrille Miton meines Stogebetes gewesen: die
Anmaung und die Selbstsucht, die darin lag, zu glauben, Dotzky sei mir zu lieb
verschont geblieben, und Gott zu danken, da nicht ich, sondern nur Schmidts
Mutter und Mllers Braut und fnfzig andere ber dieser Liste weinend
zusammenbrechen ...
    Am selben Tag erhielt ich wieder von Arno einen Brief:

    Gestern gab's einen tchtigen Kampf. Leider - leider eine Niederlage. Aber
    trste Dich, meine geliebte Martha, die nchste Schlacht bringt uns den
    Sieg. Es war dies meine erste groe Affaire. Ich stand mitten in dichtem
    Kugelregen - ein eigenes Gefhl ... das erzhle ich mndlich - es ist doch
    furchtbar: die armen Kerle, die da um einen herum fallen und die man liegen
    lassen mu, trotz ihres klglichen Wimmerns. - c'est la guerre! Auf baldiges
    Wiedersehen, mein Herz. Wenn wir einmal in Turin die Friedensbedingungen
    diktieren, dann kommst Du mir nachgereist. Tante Marie wird indessen so gut
    sein, ber unsern kleinen, Korporal zu wachen.

Wenn der Empfang solcher Briefe die Sonnenblicke meines Daseins abgab - die
schwrzesten Schatten desselben waren meine Nchte. Wenn ich da aus selig
vergessendem Traum erwachte und mir die entsetzliche Wirklichkeit mit ihrer
entsetzlichen Mglichkeit vor das Bewutsein trat, so erfate mich schier
unertrgliches Leid und ich konnte stundenlang nicht wieder einschlafen. Die
Idee war nicht loszuwerden, da Arno in diesem Augenblick vielleicht sthnend
und sterbend in einem Graben lag - nach einem Tropfen Wasser lechzend -
sehnschtig nach mir rufend ... Nur damit konnte ich mich allmhlich beruhigen,
da ich mir mit aller Gewalt die Szene seiner Rckkunft vor die Einbildung rief.
Die war ja ebenso wahrscheinlich - sogar viel wahrscheinlicher, als das
verlassene Sterben - und da malte ich mir denn aus, wie er ins Zimmer
hereinstrmte und ich an sein Herz flge - wie ich ihn dann zu Rurus Wiege
fhrte und wie glcklich und froh wir dann wieder sein knnten....
    Mein Vater war sehr niedergeschlagen. Es kam eine schlimme Nachricht nach
der anderen. Zuerst Montebello, dann Magenta. Nicht er allein - ganz Wien war
niedergeschlagen. Man hatte zu Anfang so zuversichtlich gehofft, da
ununterbrochene Siegesbotschaften Anla zu Huserbeflaggung und Te deum Absingen
geben wrden; statt dessen wehten die Fahnen und sangen die Priester in
Turin.... Dort hie es jetzt: Herr Gott, wir loben Dich, da Du uns geholfen
hast, die bsen Tedeschi zu schlagen.
    Meinst Du nicht, Papa, frug ich, da, wenn noch eine Niederlage fr uns
kme, dann Frieden geschlossen wrde? In diesem Falle knnte ich wnschen, da
-
    Schmst Du Dich nicht, so etwas zu sagen?
    Lieber soll es ein siebenjhriger - soll es ein dreiigjhriger Krieg
werden, nur sollen schlielich unsere Waffen siegen und wir die
Friedensbedingungen diktieren. Wozu geht man denn in den Krieg, doch nicht dazu,
da er baldmglichst aus sei - sonst knnte man von vorherein zu Hause bleiben.
    Das wre wohl das beste, seufzte ich.
    Was ihr Weibervolk doch feige seid! Selbst Du - die Du so gute Grundstze
von Vaterlandsliebe und Ehrgefhl erhalten - bist jetzt ganz verzagt und
schtzest Deine persnliche Ruhe hher als die Wohlfahrt und den Ruhm des
Landes.
    Ja - wenn ich meinen Arno nicht gar so lieb htte! ...
    Gattenliebe - Familienliebe - das ist alles recht schn ... aber es soll
erst in zweiter Linie kommen.
    Soll es? ...

Die Verlustliste hatte schon mehrere Namen von Offizieren gebracht, die ich
persnlich gekannt hatte. Unter anderen des Sohnes - des einzigen - einer alten
Dame, fr die ich eine groe Verehrung empfand.
    An jenem Tage wollte ich die rmste aufsuchen. Es war mir ein peinlicher,
schwerer Gang. Trsten konnte ich sie doch nicht - hchstens mitweinen. Aber es
war eine Liebespflicht - und so machte ich mich denn auf den Weg.
    Vor der Wohnung der Frau v. Ullsmann angelangt, zgerte ich lange, ehe ich
die Glocke zog. Das letzte Mal, da ich hierher gekommen, war es zu einer
lustigen kleinen Tanzunterhaltung gewesen. Die liebenswrdige alte Hausfrau war
damals selber voller Lustigkeit. Martha, hatte sie mir im Laufe des Abends
gesagt, wir sind die beiden beneidenswertesten Frauen Wiens: Du hast den
hbschesten Mann und ich den trefflichsten Sohn. - Und heute? Da besa ich wohl
noch meinen Mann ... Wer wei? Die Bomben und Granaten flogen ja dort
unablssig; die letzte Minute konnte mich zur Witwe gemacht haben ... Und ich
fing vor der Thr zu weinen an. - Das war die richtige Verfassung fr solch
traurigen Besuch. Ich klingelte. Niemand kam. Ich klingelte ein zweites Mal.
Wieder nichts.
    Da streckte jemand bei einer anderen Flurthr den Kopf heraus:
    Sie luten umsonst, Frul'n - die Wohnung ist leer.
    Wie? ist Frau v. Ullsmann fortgezogen? Vor drei Tagen in die Irrenanstalt
berfhrt worden. Und der Kopf war hinter der zufallenden Thr wieder
verschwunden.
    Ein paar Minuten blieb ich regungslos auf demselben Flecke stehen und vor
meinem inneren Auge spielten sich die Szenen ab, die hier stattgefunden haben
mochten. Bis zu welchem Grade mute die arme Frau gelitten haben, bis da ihr
Schmerz in Wahnsinn ausbrach!
    Und da wollte mein Vater, da der Krieg dreiig Jahre whrte - fr das Wohl
des Landes ... wie viele solcher Mtter muten da noch im Lande verzweifeln?
    Aufs tiefste erschttert ging ich die Treppe herab. Ich beschlo, noch einen
anderen Besuch bei einer befreundeten jungen Frau abzustatten, deren Gatte
gleich dem meinen auf dem Kriegsschauplatz war.
    Mein Weg fhrte mich durch die Herrengasse an dem Gebude - das sogenannte
Landhaus - vorbei, wo der patriotische Hilfsverein seine Breaus untergebracht
hatte. Damals gab es noch keine Genfer Konvention, kein Rotes Kreuz, und als
Vorbote jener humanen Institutionen hatte sich dieser Hilfsverein gebildet,
dessen Aufgabe es war, allerlei Spenden in Geld, Wsche, Charpie, Verbandszeug
u.s.w. fr die armen Verwundeten in Empfang zu nehmen und nach dem
Kriegsschauplatz zu befrdern. Von allen Seiten kamen die Gaben reichlich
geflossen; ganze Magazine muten zur Aufnahme derselben dienen; und kaum waren
die verschiedenen Vorrte verpackt und fortgeschickt, da trmten sich wieder
neue auf.
    Ich trat ein; es drngte mich, die Summe, die ich in meiner Geldbrse trug,
dem Komitee zu berreichen. Vielleicht konnte dieselbe einem leidenden Soldaten
Hilfe und Rettung bringen - und dessen Mutter vor Wahnsinn bewahren.
    Ich kannte den Prsidenten. Ist Frst C. anwesend? fragte ich den Portier.
    Im Augenblick nicht. Nur der Vizeprsident Baron S. ist oben. Er zeigte
mir den Weg nach dem Lokale, wo die Geldspenden abgegeben wurden. Ich mute
durch mehrere Sle gehen, wo auf langen Tischen die Pakete an einander gereiht
lagen. Ste von Wschestcken, Cigarren, Tabak - und namentlich Berge von
Charpie ... Mir schauderte. Wie viel Wunden muten da bluten, um mit so viel
gezupfter Leinwand bedeckt zu werden? Und da wollte mein Vater, dachte ich
wieder, da zum Wohle des Landes der Krieg noch dreiig Jahre dauere? Wie viel
Shne des Landes mten da noch ihren Wunden erliegen?
    Baron S. nahm meine Gabe dankend in Empfang und erteilte mir auf meine
verschiedenen Fragen ber die Wirksamkeit des Vereins bereitwilligst Auskunft.
Es war erfreulich und trstlich zu hren, wie viel des Guten da geschah. Soeben
kam der Postbote mit eingelaufenen Briefen herein und meldete, da zwei
Schubkarren voll Sendungen aus den Provinzen abzugeben seien. Ich setze mich auf
ein im Hintergrund des Zimmers stehendes Sofa, um das Hereintragen der Pakete
abzuwarten. Dieselben wurden jedoch in einem anderen Raume abgegeben. Jetzt trat
ein sehr alter Herr herein, dem man an der Haltung den einstigen Militr ansah.
    Erlauben Sie, Herr Baron, sagte er, indem er seine Brieftasche hervorzog
und sich auf einen neben dem Tische stehenden Sessel niederlie, erlauben Sie,
da auch ich mein kleines Scherflein zu Ihrem schnen Werke beitrage. Er
reichte eine Hundertgulden-Note hin. Ich betrachte Sie alle, die Sie das
organisiert haben, als wahre Engel ... Sehen Sie, ich bin selber ein alter
Soldat (Feldmarschall-Lieutenant X. schaltete er, sich vorstellend, ein) und
kann es beurteilen, was fr eine enorme Wohlthat den armen Kerlen geschieht, die
sich dort schlagen ... Ich habe die Feldzge von anno 9 und anno 13 mitgemacht -
da hat's noch keine patriotischen Hilfsvereine gegeben; da hat man den
Verwundeten keine Kisten voll Verbandzeug und Charpie nachgeschickt. - Wie viele
muten da, wenn die Vorrte der Feldscherer erschpft waren, jmmerlich
verbluten, die durch eine Sendung, wie diese hier, htten gerettet werden
knnen! Das ist eine segensreiche Arbeit, die Eure - Ihr guten, edlen Menschen -
Ihr wit gar nicht, Ihr wit gar nicht, wie viel Gutes Ihr da thut! Und dem
alten Manne fielen zwei groe Thrnen auf den weien Schnurrbart herab.
    Drauen erhob sich ein Lrm von Schritten und Stimmen. Beide Flgel der
Eingangsthre wurden aufgerissen und ein Gardist meldete:
    Ihre Majestt die Kaiserin.
    Der Vizeprsident eilte zur Thr hinaus, um die hohe Besucherin, wie
geziemend, am Fue der Treppe zu empfangen, doch sie war schon im Nebensaal
angelangt.
    Ich schaute von meinem verborgenen Pltzchen mit Bewunderung nach der
jugendlichen Monarchin, die mir im einfachen Straenkleide beinahe noch
lieblicher erschien, als in den Prunkroben der Hoffeste.
    Ich bin gekommen, sagte sie zu Baron S., weil ich heute frh einen Brief
des Kaisers vom Kriegsschauplatz erhalten habe, worin er mir schreibt, wie
ntzlich und willkommen die Gaben des patriotischen Hilfsvereins sich erweisen -
und da wollte ich selbst Einsicht nehmen ... und das Komitee von der Anerkennung
des Kaisers in Kenntnis setzen.
    Hierauf lie sie sich von allen Einzelheiten der Vereinsthtigkeit
unterrichten und betrachtete eingehend die verschiedenen aufgestapelten
Gegenstnde.
    Sehen Sie nur, Grfin, sagte sie zu der sie begleitenden
Obersthofmeisterin, indem sie ein Wschestck zur Hand nahm, wie gut diese
Leinwand ist - und wie hbsch genht. Dann bat sie den Vizeprsidenten, sie
noch in die anderen Rume zu geleiten und verlie an seiner Seite den Saal. Sie
sprach mit sichtlicher Zufriedenheit zu ihm und ich hrte sie noch sagen: Es
ist ein schnes, patriotisches Unternehmen, welches den armen Soldaten -
    Den Rest verstand ich nicht mehr. Arme Soldaten - das Wort klang mir noch
lange nach, sie hatte es so mitleidsvoll betont. Ja wohl, arm; und je mehr man
that, ihnen Trost und Hilfe zu senden, desto besser. Aber wie - flog es mir
durch den Kopf - wenn man sie gar nicht hinschicken wrde in all den Jammer, die
armen Leute: wre das nicht noch viel besser?
    Ich verscheuchte diesen Gedanken ... es mu ja sein - es mu ja sein.
Andere Entschuldigung gibt es fr das Greuel des Kriegfhrens keine, als die das
Wrtlein mu߫ enthlt.
    Nun ging ich wieder meiner Wege. Die Freundin, die ich besuchen wollte,
wohnte ganz nahe vom Landhaus - auf dem Kohlmarkt. Im Vorbergehen trat ich in
eine Buch- und Kunsthandlung, um eine neue Karte Oberitaliens zu kaufen; die
unsere war von den fhnchengekrnten Stecknadeln schon ganz durchlchert. Auer
mir waren noch mehrere Kunden anwesend. Alle verlangten nach Karten,
Schematismen und dergleichen. Nun kam die Reihe an mich.
    Auch ein Kriegsschauplatz gefllig? fragte der Buchhndler.
    Sie haben es erraten.
    Das ist nicht schwer. Es wird ja beinahe nichts anderes gekauft.
    Er holte das Gewnschte herbei, und whrend er die Rolle fr mich in ein
Papier schlug, sagte er zu einem neben mir stehenden Herrn:
    Sehen Sie, Herr Professor, jetzt geht es jenen schlecht, welche
belletristische oder wissenschaftliche Werke schreiben, oder verlegen - es fragt
kein Mensch darnach. So lange der Krieg whrt, interessiert sich niemand fr das
geistige Leben. Das ist fr Schriftsteller und Buchhndler eine schlimme Zeit.
    Und eine schlimme Zeit fr die Nation, entgegnete der Professor, bei
welcher solche Interesselosigkeit natrlich geistigen Niedergang zur Folge hat.
    Und da wollte mein Vater - dachte ich zum drittenmale - da zum Wohle des
Landes dreiig Jahre lang ... So gehen Ihre Geschfte schlecht? mischte ich
mich jetzt laut in die Unterhaltung.
    Nur meine? Alle, fast alle, meine Gndige, antwortete der Buchhndler.
Mit Ausnahme der Armeelieferanten gibt es keinen Geschftsmann, dem der Krieg
nicht unberechenbaren Schaden brchte. Alles stockt: die Arbeit in den Fabriken,
die Arbeit auf den Feldern, unzhlige Menschen werden verdienst- und brodlos.
Die Papiere fallen, das Agio steigt, alle Unternehmungslust versiegt, zahlreiche
Firmen mssen Bankerott erklren - kurz, es ist ein Elend - ein Elend!
    Und da wollte mein Vater - wiederholte ich im Stillen, whrend ich den
Laden verlie.

Meine Freundin fand ich zu Hause.
    Grfin Lori Griesbach war in mehr als einer Hinsicht meine
Schicksalsgenossin. Generalstochter, wie ich, kurze Zeit an einen Offizier
verheiratet, wie ich, und - wie ich - Strohwitwe. In einem bertrumpfte sie
mich: sie hatte nicht nur ihren Mann, sondern auch noch zwei Brder im Krieg.
Aber Lori war keine ngstliche Natur; sie war vollkommen berzeugt, da ihre
Lieben unter dem besonderen Schutze eines von ihr sehr verehrten Heiligen
standen, und sie rechnete zuversichtlich auf deren Wiederkehr.
    Sie empfing mich mit offenen Armen.
    Ach, gr' Dich Gott, Martha - das ist wunderhbsch von Dir, da Du mich
aufsuchst. - Aber Du siehst gar so bleich und gedrckt aus ... doch keine
schlimme Nachricht vom Kriegsschauplatze?
    Nein, Gott sei Dank. Aber das Ganze ist doch so traurig -
    Ja so - Du meinst die Niederlage? Da mut Du Dir nichts daraus machen, die
nchsten Berichte knnen einen Sieg vermelden.
    Siegen oder besiegt werden - der Krieg an und fr sich ist schon
schrecklich ... Wre es nicht besser, wenn es gar keinen solchen gbe?
    Wozu wre denn da das Militr da?
    Ja, wozu? Ich sann nach. Dann gb' es keins.
    Was Du fr Unsinn sprichst! Das wre eine schne Existenz - lauter
Civilisten - mir schaudert! Das ist zum Glck unmglich.
    Unmglich? Du mut recht haben. Ich will es glauben - sonst knnte ich
nicht fassen, da es nicht schon lngst geschehen.
    Was geschehen?
    Die Abschaffung des Krieges. Doch nein: ebensogut knnte ich sagen, man
solle das Erdbeben abschaffen ...
    Ich wei nicht, was Du meinst. Was mich anbelangt, so bin ich froh, da
dieser Krieg ausgebrochen, weil ich hoffe, da sich mein Ludwig auszeichnen
wird. Auch fr meine Brder ist es eine gute Sache. Das Avancement ging schon so
langsam von starten, jetzt haben sie doch eine Chance -
    Hast Du krzlich Nachricht erhalten, unterbrach ich. Sind die Deinen alle
heil?
    Eigentlich schon ziemlich lange nicht. Aber Du weit, wie der Postverkehr
oft unterbrochen ist, und wenn man von einem heien Marsch- oder Schlachttag so
recht mde geworden, hat man auch nicht viel Lust zum Schreiben. Ich bin ganz
ruhig. Sowohl Ludwig als meine Brder tragen geweihte Amulette - Mama hat sie
ihnen selber umgehngt ...
    Wie stellst Du Dir denn einen Krieg vor, Lori, wo in beiden Heeren jeder
Mann ein Amulett trge? Wenn da die Kugeln hin und her fliegen, werden sie sich
harmlos in die Wolken zurckziehen?
    Ich versteh' Dich nicht. Du bist so lau im Glauben. Das klagt mir fters
Deine Tante Marie.
    Warum beantwortest Du meine Frage nicht?
    Weil in ihr ein Spott auf eine Sache liegt, die mir heilig ist.
    Spott? Nicht doch ... Einfach eine vernnftige Erwgung.
    Du weit doch, da es Snde ist, der eigenen Vernunft die Kraft zuzutrauen,
in Dingen urteilen zu wollen, die ber sie erhaben sind.
    Ich schweige schon, Lori. Du kannst recht haben: das Nachdenken und Grbeln
taugt nicht ... Seit einiger Zeit steigen mir so allerlei Zweifel an meinen
ltesten berzeugungen auf, und ich empfinde dabei nur Qual. Wenn ich die
berzeugung verlre, da es unbedingt notwendig und gut war, diesen Krieg zu
beginnen, so knnte ich jenen nicht verzeihen, welche -
    Du meinst Louis Napoleon? Das ist freilich ein Intrigant.
    Ob dieser oder andere - ich wollte unerschttert glauben, da es berhaupt
keine Menschen waren, die den Krieg veranlat haben, sondern, da er von selber
ausgebrochen - ausgebrochen wie das Nervenfieber, wie das Vesuvfeuer -
    Wie Du exaltiert bist, mein Schatz. La uns doch vernnftig reden. Also
hr' mich an. In kurzem wird die Campagne ein Ende haben und unsere beiden
Mnner kommen als Rittmeister zurck ... Ich werde den meinen dann zu bewegen
trachten, da er einen vier- oder sechswchentlichen Urlaub nehme, um mit mir
ins Bad zu reisen. Es wird ihm gut thun nach seinen ausgestandenen Strapazen und
auch mir, nach der ausgestandenen Hitze, Langeweile und Bangigkeit. Denn Du mut
nicht glauben, da ich gar keine Angst habe ... Es knnte doch Gottes Wille
sein, da einer meiner Lieben den Soldatentod finde - und wenn es auch ein
schner, beneidenswerter Tod ist ... auf dem Felde der Ehre ... fr Kaiser und
Vaterland -
    Du sprichst ja wie der erste beste Armeebefehl.
    Es wre doch schrecklich ... die arme Mama, wenn Gustav oder Karl etwas
zustoen wrde ... Reden wir nicht davon! Also, um uns von all dem Schreck zu
erholen, gilt es, eine amsante Badesaison durchmachen ... Am liebsten in
Karlsbad - dort bin ich einmal als Mdchen gewesen und habe mich gttlich
unterhalten.
    Und ich war in Marienbad ... Dort habe ich Arno kennen gelernt ... Aber
warum sitzen wir so mig da? Hast Du nicht etwas Leinwand zur Hand, da wir
Charpie zupfen? Ich war heute im patriotischen Hilfsverein und da kam - rate
wer?
    Hier wurden wir unterbrochen. Ein Diener brachte einen Brief herein.
    Von Gustav! rief Lori freudig, indem sie das Siegel brach.
    Nachdem sie ein paar Zeilen gelesen, stie sie einen Schrei aus; das Blatt
entfiel ihren Hnden und sie warf sich an meinen Hals.
    Lori - mein armes Herz, was ist's? fragte ich, tief ergriffen - Dein
Mann? ...
    O Gott, o Gott, sthnte sie. Lies selber ...
    Ich hob das Blatt vom Boden auf und begann zu lesen. Ich kann den Wortlaut
genau wiedergeben, denn in der Folge habe ich den Brief von Lori mir erbeten, um
dessen Inhalt in mein Tagebuch zu bertragen.
    Lies laut, bat sie - ich habe nicht zu Ende kommen knnen.
    Ich that nach ihrem Wunsche;
    Liebste Schwester! Gestern hatten wir eine heie Schlacht - das wird eine
groe Verlustliste geben. Damit Du - damit unsere arme Mutter nicht aus dieser
das Unglck erfhrt und damit Du sie langsam vorbereiten knnest (sag', er sei
schwer verwundet) schreibe ich Dir lieber gleich, da zu den fr das Vaterland
gefallenen Kriegern auch unser tapferer Bruder Karl zhlt. Ich unterbrach mich,
um die Freundin zu umarmen.
    Bis dahin war ich gekommen, sagte sie leise.
    Mit thrnenerstickter Stimme las ich weiter.
    Dein Mann ist unversehrt und so auch ich. Htte die feindliche Kugel doch
lieber mich getroffen: ich beneide Karl um seinen Heldentod - er fiel zu Anfang
der Schlacht, und wei nicht, da diese wieder - verloren ist. Das ist gar zu
bitter. Ich habe ihn fallen gesehen, denn wir ritten nebeneinander. Ich sprang
gleich ab, um ihn aufzuheben - nur noch einen Blick und er war tod. Die Kugel
mu ihm durch Herz oder Lunge gedrungen sein! es war ein schnelles, schmerzloses
Ende. Wie viele andere muten stundenlang leiden und mitten im toben der
Schlacht hilflos daliegen, bis sie der Tod erlste. Das war ein mrderischer Tag
- mehr als tausend Leichen - Freund und Feind - bedeckten die Wahlstatt. Ich
habe unter den Toten so manches liebe, bekannte Gesicht erkannt - das ist unter
anderen auch der arme - (hier mute die Seite umgewendet werden) der arme Arno
Dotzky - Ich fiel ohnmchtig zu Boden.

Jetzt ist alles aus, Martha! Solferino hat entschieden: wir sind geschlagen.
    Mit diesen Worten kam mein Vater eines Morgens auf das Gartenpltzchen
geeilt, wo ich unter den Schatten einer Lindengruppe sa.
    Ich war mit meinem kleinen Rudolf in mein Mdchenheim zurckgekehrt. Acht
Tage nach dem groen Schlage, der mich getroffen, bersiedelte meine Familie
nach Grumitz, unserem Landsitz in Niedersterreich, und ich mit ihr. Allein
htte ich ja verzweifeln mssen. Jetzt waren sie wieder alle um mich, wie vor
meiner Verheiratung: mein Vater, Tante Marie, mein kleiner Bruder und meine zwei
aufblhenden Schwestern. Sie alle thaten, was sie nur konnten, meinen Kummer zu
lindern, und behandelten mich mit einer Art Hochachtung, die mir wohlthat. In
meinem traurigen Schicksal lag fr sie offenbar eine gewisse Weihe, etwas, was
mich ber meine Umgebung erhob - selbst eine Gattung Verdienst. Neben dem Blute,
das die Soldaten auf dem Altar des Vaterlandes vergieen, bilden ja die am
selben Altar vergossenen Thrnen der beraubten Soldatenmtter, Frauen und Brute
die nchste heilige Libation. So war es auch ein leises Stolzgefhl - ein
Bewutsein, da es sozusagen eine militrische Wrde vorstellt, einen geliebten
Mann auf dem Felde der Ehre verloren zu haben, welches mir meinen Schmerz am
besten tragen half. Und ich war ja nicht die einzige. Wie Viele, Viele im ganzen
Land trauerten jetzt um ihre in italienischer Erde ruhenden Lieben ...
    Nhere Einzelheiten ber Arnos Ende sind mir damals nicht bekannt geworden;
man hat ihn tot aufgefunden, agnosziert, begraben, das war alles, was ich wute.
Sein letzter Gedanke war gewi zu mir und zu unserem kleinen Liebling geflogen,
und sein Trost im letzten Augenblick mu das Bewutsein gewesen sein: Ich habe
meine Pflicht - mehr als meine Pflicht gethan.
    Wir sind geschlagen, wiederholte mein Vater, dster, indem er sich neben
mich auf die Gartenbank setzte.
    Also wurden die Geopferten umsonst geopfert, seufzte ich.
    Die Geopferten sind zu beneiden, weil sie von der Schmach nichts wissen,
die uns getroffen hat. Aber wir werden uns schon noch aufraffen, wenn auch jetzt
- wie es heit - Friede geschlossen werden soll -
    Ah, Gott geb's! unterbrach ich. Fr mich Arme freilich zu spt ... aber
so werden doch tausend andere verschont.
    Du denkst immer nur an Dich und an die einzelnen Menschen. Aber in dieser
Frage handelt es sich um sterreich.
    Und besteht dieses nicht aus lauter einzelnen Menschen?
    Mein Kind, ein Reich, ein Staat lebt ein lngeres und wichtigeres Leben,
als die Individuen. Diese schwinden, Generation um Generation, und das Reich
entfaltet sich weiter; wchst zu Ruhm, Gre und Macht, oder sinkt und schrumpft
zusammen und verschwindet, wenn es sich von anderen Reichen besiegen lt. Darum
ist das Wichtigste und Hchste, was jeder Einzelne erstreben mu und wofr er
jederzeit gern sterben soll, die Existenz, die Gre, die Wohlfahrt des
Reiches.
    Diese Worte prgte ich mir ein, um sie am selben Tag in den roten Heften zu
notieren. Sie schienen mir so krftig und bndig dasjenige auszudrcken, was ich
in meiner Lernzeit aus den Geschichtsbchern herausgefhlt hatte, und was mir in
der letzten Zeit - seit Arnos Abmarsch - durch Angst und Mitleid aus dem
Bewutsein verdrngt worden war. Daran wollte ich mich wieder so fest wie
mglich klammern, um in der Idee Trost und Erhebung zu finden, da mein Liebster
um einer groer Sache willen gefallen, da mein Unglck selber ein Bestandteil
dieser groen Sache war.
    Tante Marie hatte wieder andere Trostgrnde zur Hand. Weine nicht, liebes
Kind, pflegte sie zu sagen, wenn sie mich in Trauer versunken fand. Sei nicht
so selbstschtig, denjenigen zu beklagen, dem es jetzt so wohl geht. Er ist
unter den Seligen und sieht segnend auf Dich herab. Noch ein paar schnell
verflossene Erdenjahre und Du findest ihn wieder in seiner vollen Glorie Fr
die, welche auf dem Schlachtfeld bleiben, bereitet der Himmel seine schnsten
Wohnungen ... Glcklich solche, die in dem Augenblicke abberufen werden, wo sie
eine heilige Pflicht erfllen. Dem sterbenden Mrtyrer steht der sterbende
Soldat an Verdienst am nchsten.
    Ich soll mich also freuen, da Arno -
    Freuen: nein - das wre zu viel verlangt. Aber Dein Schicksal mit demtiger
Ergebung tragen. Es ist eine Prfung, die Dir der Himmel schickt und aus der Du
gelutert und im Glauben gestrkt hervorgehen wirst.
    Also damit ich geprft und gelutert werde, mute Arno -
    Nicht deshalb - doch wer kann, wer darf die verschlungenen Wege der
Vorsehung ergrnden wollen? Ich sicher nicht.
    Obwohl mir gegen Tante Mariens Trstungen immer derlei Einwendungen
entschlpften, so gab ich mich im Grund der Seele doch gern der mystischen
Auffassung hin, da mein Verklrter jetzt im Himmel den Lohn seines Opfertodes
geniet, und da sein Andenken unter den Menschen mit der unvergnglichen Glorie
der Heldenhaftigkeit geschmckt ist.
    Wie erhebend - wenngleich schmerzlich - hatte die groe Trauerceremonie auf
mich gewirkt, welcher ich, am Tage vor unsrer Abreise, im Stefansdom beigewohnt.
Es war ein De profundis fr unsere auf fremder Erde gefallenen und dort
begrabenen Krieger. In der Mitte der Kirche war ein hoher Katafalk aufgestellt,
von hunderten brennender Wachslichter umgeben und mit militrischen Emblemen -
Fahnen, Waffen - geschmckt. Vom Chor herab klang das rhrend gesungene Requiem,
und die Anwesenden - meist schwarzgekleidete Frauen - weinten fast alle laut.
Und jede weinte nicht nur um den Einen, den sie verloren, sondern um alle
Anderen, die denselben Tod gefunden: sie hatten ja alle zusammen, die armen,
tapferen Waffenbrder, fr uns Alle, das heit fr ihr Land, fr die Ehre der
Nation ihr junges Leben hingegeben. Und die lebenden Soldaten, die dieser Feier
beiwohnten, - smtliche in Wien zurckgebliebenen Generle und Offiziere waren
da, und mehrere Compagnien Mannschaft fllten den Hintergrund - diese alle waren
gewrtig und bereit, ihren gefallenen Kameraden zu folgen, ohne Zaudern, ohne
Murren, ohne Furcht ... Ja, mit den Weihrauchwolken, mit dem Gelute und den
Orgeltnen, mit den in einem gemeinsamen Schmerz vergossenen Thrnen stieg da
sicherlich ein wohlgeflliges Opfer zum Himmel auf und der Herr der Heerschaaren
mute seinen Segen trufeln auf jene, denen dieser Katafalk errichtet war ...
    So dachte ich damals. Wenigstens sind dies die Worte, mit welchen die roten
Hefte der Trauerfeier beschreiben.
    Ungefhr vierzehn Tage spter als die Nachricht von der Niederlage bei
Solferino, kam die Nachricht von der Unterzeichnung der Friedensprliminarien in
Villafranca. Mein Vater gab sich alle mgliche Mhe, mir zu erklren, da es aus
politischen Grnden zwingend notwendig war, diesen Frieden zu schlieen; worauf
ich versicherte, da es mir auf jeden Fall erfreulich schien, wenn das bse
Kmpfen und Sterben ein Ende fand; aber der gute Papa lie es sich nicht nehmen,
mir entschuldigende Auseinandersetzungen zu unterbreiten:
    Du mut nicht glauben, da wir Angst haben ... Wenn es auch den Anschein
hat, als machten wir Konzessionen, wir vergeben unserer Wrde nichts und wissen
schon, was wir thun. Wenn es sich um uns allein handelte, so htten wir wegen
dieses kleinen Schachs in Solferino die Partie nicht aufgegeben. O nein, noch
lange nicht. Wir brauchten nur noch ein Armeekorps hinunter zu schicken und der
Feind mte Mailand schnell wieder rumen ... Aber weit Du, Martha, es handelt
sich um andere allgemeine Interessen und Prinzipien. Wir verzichten jetzt
darauf, uns weiter zu schlagen, um die anderen bedrohten italienischen
Frstentmer zu bewahren, welche der sardinische Ruberhauptmann samt seinem
franzsischen Henkersbeistand auch gern berfallen wollten. Gegen Modena,
Toskana - wo, wie Du weit, mit unserem Kaiserhaus verwandte Dynastien regieren
- ja sogar gegen Rom, gegen den Papst, wollen sie ziehen - die Vandalen. Wenn
wir nun vorlufig die Lombardei hergeben, so erhalten wir uns damit Venetien und
knnen den sditalienischen Staaten und dem heiligen Stuhl unsere Sttze
gewhren. Du siehst also ein, da wir aus rein politischen Grnden und im
Interesse des europischen Gleichgewichts -
    Ja, Vater, unterbrach ich, ich sehe es ein. Ach htten diese Grnde doch
schon vor Magenta gewaltet! fgte ich bitter seufzend hinzu. Dann, um
abzulenken, zeigte ich auf ein Bcherpaket, das heute aus Wien eingetroffen war.
    Schau' her: der Buchhndler schickt uns verschiedene Sachen zur Ansicht.
Darunter ein eben erschienenes Werk eines englischen Naturforschers, eines
gewissen Darwin: The Origin of Species - und er macht uns aufmerksam, da dies
besonders interessant sei und geeignet, epochemachend zu wirken.
    Er soll mich auslassen, der gute Mann. Wer soll sich in einer so wichtigen
Zeit, wie die gegenwrtige, fr derlei Lappalien interessieren? Was kann denn in
einem Buch ber Thier- und Pflanzenarten Epochemachendes fr uns Menschen
enthalten sein? Ja, die Konfderation der italienischen Staaten, die Hegemonie
sterreichs im deutschen Bunde: das sind weittragende Dinge; die werden noch
lange in der Geschichte bestehen, wenn von diesem englischen Buch da kein Mensch
mehr etwas wissen wird. Merk' Dir das.
    Ich habe es mir gemerkt.

                                  Zweites Buch



                                  Friedenszeit

Vier Jahre spter. Meine beiden - nunmehr siebzehn-und achtzehnjhrigen
Schwestern - sollten bei Hofe vorgestellt werden. Aus diesem Anla entschlo
auch ich mich, wieder in die Welt zu gehen.
    Die verstrichene Zeit hatte ihr Werk gethan und meinen Schmerz allmhlich
gelindert. Die Verzweiflung wandelte sich in Trauer, die Trauer in Wehmut, die
Wehmut in Gleichgltigkeit und diese endlich in erneute Lebensfreudigkeit. Ich
erwachte eines schnen Morgens zum Bewutsein, da ich eigentlich in einer
beneidenswerten, glckverheienden Lage mich befand: dreiundzwanzig Jahre alt,
schn, reich, hochgestellt, frei, Mutter eines allerliebsten Knaben, Glied einer
liebenden Familie - waren das nicht Bedingungen genug, um des Lebens froh zu
werden?
    Das kurze Jahr meines Ehelebens lag hinter mir wie ein Traum. Ja - ich war
in meinen schnen Husaren sterblich verliebt gewesen; ja - mein zrtlicher Mann
hatte mich sehr glcklich gemacht; ja - die Trennung hatte mir groen Kummer,
sein Verlust wilden Schmerz bereitet - aber das war vorbei, vorbei. So innig mit
meinem ganzen Seelenleben verwachsen, da ich eine Zerreiung nicht htte
berleben, nicht verschmerzen knnen, war ja meine Liebe nicht gewesen; dazu
hatte unser Zusammensein zu kurz gedauert. Wir hatten uns angebetet, wie ein
paar feurige Verliebte; aber Herz in Herz, Geist in Geist aufgegangen, in
gegenseitiger Hochachtung und Freundschaft fest verbunden, wie dies manche
Eheleute nach langen Jahren geteilten Leiden und Freuden sind, - das waren wir
beide nicht gewesen. Auch ich war ja sein Hchstes, sein Unentbehrlichstes
nicht; wre er sonst so frohgemut und ohne zwingende Pflicht - sein Regiment hat
niemals ausrcken mssen - fort von mir? Zudem war ich in den vier Jahren
allmhlich eine Andere geworden; mein geistiger Gesichtskreis hatte sich in
vielem erweitert; ich war in den Besitz von Kenntnissen und Anschauungen
gelangt, von welchen ich zur Zeit meiner Verheiratung keine Ahnung gehabt und
von welchen auch Arno - das wute ich jetzt zu beurteilen - sich keinen Begriff
gemacht und so htte er meinem jetzigen Seelenleben - wre er auferstanden - in
mancher Richtung fremd gegenber gestanden.
    Wieso diese Wandlung mit mir geschehen? Das ist so gekommen:
    Ein Jahr meiner Witwenschaft war verstrichen, die Verzweiflung - erste Phase
- in Trauer bergegangen. Aber noch in eine sehr tiefe, herzblutende Trauer. Von
einer Wiederanknpfung geselliger Verbindungen wollte ich durchaus nichts
wissen. Ich meinte, fortan msse mein Leben nur noch mit der Erziehung meines
Sohnes Rudolf ausgefllt sein. Nie mehr nannte ich das Kind Ruru oder
Korporal; die Babyspielereien des verliebten Elternpaares waren dahin; der
Kleine war mein Sohn Rudolf geworden, meines ganzen Strebens, Hoffens, Liebens
geheiligter Mittelpunkt. Um ihm einstens eine gute Lehrerin sein - oder doch, um
seinen Studien folgen und ihm eine Geisteskameradin werden zu knnen, wollte ich
selber so viel Wissen als mglich mir aneignen; zudem war Lesen die einzige
Zerstreuung, die ich mir erlaubte - so vertiefte ich mich denn von neuem in die
Schtze unserer Schlobibliothek. Namentlich drngte es mich, mein einstiges
Lieblingsstudium - die Geschichte - wieder aufzunehmen. In der letzten Zeit, als
der Krieg von meinen Zeitgenossen und von mir selber so schwere Opfer gefordert
hatte, war mein frherer Enthusiasmus stark abgekhlt worden und ich wnschte
denselben durch entsprechende Lektre wieder anzufachen. Und in der That, es
gewhrte mir manchmal einen gewissen Trost, wenn ich ein paar Seiten
Schlachtenberichte mit den daran geknpften Heldenverherrlichungen gelesen, zu
denken, da der Tod meines armen Mannes und mein eigenes Witwenleid als
Parzellen in einem hnlichen groen geschichtlichen Vorgang enthalten waren. Ich
sage manchmal - nicht immer. So ganz und gar konnte ich mich doch nicht mehr
in jene Stimmungen meiner Mdchenzeit zurckversetzen, wo ich es der Jungfrau
von Orleans htte gleich thun mgen. Vieles, vieles in den gelesenen
berschwnglichen Ruhmestiraden, welche die Schlachtenberichte begleiteten,
klang mir falsch und hohl, wenn ich mir zugleich die Schrecken der Schlacht
vergegenwrtigte - so falsch und hohl, wie eine als Preis fr eine echte Perle
erhaltene Blechmnze. Die Perle Leben - ist die wohl ehrlich bezahlt, mit den
Blechphrasen der geschichtlichen Nachrufe? ...
    Bald hatte ich den Vorrat der in unserer Bcherei vorhandenen historischen
Werke erschpft. Ich bat unseren Buchhndler, er mge mir ein neues
Geschichtswerk zur Ansicht schicken. Er schickte Thomas Buckles History of
Civilization. Das Werk ist nicht vollendet, schrieb der Buchhndler, aber
die beifolgenden zwei, als Einleitung dienenden Bnde bilden an und fr sich ein
abgeschlossenes Ganzes und ihr Erscheinen hat sowohl in England, als in der
brigen gebildeten Welt groes Aufsehen erregt; der Verfasser, so sagt man, habe
damit den Grundstein zu einer neuen Auffassung der Geschichte gelegt.
    In der That ja: - ganz neu. Mir war, nachdem ich diese zwei Bnde gelesen
und wieder gelesen, wie Jemandem zu Mute, der zeitlebens in einem engen
Thalkessel gewohnt und zum erstenmale auf eine der umgebenden Bergspitzen
hinaufgefhrt worden, von wo ein ausgestrecktes Stck Land zu sehen ist, mit
Bauten und Grten bedeckt, von endlosem Meere begrenzt. Ich will nicht
behaupten, da ich - die Zwanzigjhrige, welcher die bekannte oberflchliche
hhere Tchtererziehung zu teil geworden - das Buch in seiner ganzen Tragweite
verstand, oder - um obiges Bild beizubehalten - da ich die Erhabenheit der
Monumentalbauten und die Gre des Ozeans erfate, die vor meinen berraschten
Blicken lagen; aber ich war geblendet, war berwltigt; ich sah, da es jenseits
meines engen Heimatthales eine weite, weite Welt gab, von der ich bisher niemals
Kunde erhalten. Erst, als ich das Buch nach fnfzehn oder zwanzig Jahren wieder
las, und nachdem ich andere im selben Geist verfate Werke studiert hatte,
konnte ich mir vielleicht anmaen, zu sagen, da ich es verstehe. Doch eins
wurde mir auch schon damals klar: die Geschichte der Menschheit wird nicht - wie
dies die alte Auffassung war - durch die Knige und Staatsmnner, durch die
Kriege und Traktate bestimmt, welche der Ehrgeiz der einen und die Schlauheit
der anderen ins Leben rufen, sondern durch die allmhliche Entwicklung der
Intelligenz. Die Hof- und Schlachtenchroniken, welche in den Historienbchern an
einander gereiht sind, stellen einzelne Erscheinungen der jeweiligen
Kulturzustnde vor, nicht aber deren bewegende Ursachen. Von der
althergebrachten Bewunderung, mit welcher andere Geschichtsschreiber die
Lebenslufe gewaltiger Eroberer und Lnderverwster zu erzhlen pflegen, konnte
ich in Buckle gar nichts finden. Im Gegenteil, er fhrt den Nachweis, da das
Ansehen des Kriegerstandes im umgekehrten Verhltnis zu der Kulturhhe eines
Volkes steht: - je tiefer in der barbarischen Vergangenheit zurck, desto
hufiger die gegenseitige Bekriegung und desto enger die Grenzen des Friedens:
Provinz gegen Provinz, Stadt gegen Stadt, Familie gegen Familie. Er betont, da
im Fortschritt der Gesellschaft, mehr noch als der Krieg selber, die Liebe zum
Kriege im Schwinden begriffen sei. Das war mir aus der Seele gesprochen. Sogar
in meinem kurzen Innenleben war diese Verminderung vor sich gegangen; und wenn
ich oft diese Regung als etwas Feiges, Unwrdiges unterdrckt hatte, glaubend,
da ich allein mich solchen Frevels schuldig mache, so erkannte ich jetzt, da
dies bei mir nur der schwache Widerhall des Zeitgeistes war; da Gelehrte und
Denker, wie dieser englische Geschichtsschreiber, da unzhlige Menschen mit
ihm, die einstige Kriegsvergtterung verloren hatten, welche - wie sie eine
Phase meiner Kindheit gewesen - in diesem Buche auch als eine Phase aus der
Kindheit der Gesellschaft dargestellt war.
    Somit hatte ich in Buckles Geschichtswerke eigentlich das Gegenteil von dem
gefunden, was ich gesucht. Dennoch empfand ich diesen Fund als einen Gewinn -
ich fhlte mich dadurch gehoben, geklrt, beruhigt. Einmal versuchte ich mit
meinem Vater ber diese neugewonnenen Gesichtspunkte zu reden - aber vergebens.
Auf den Berg hinauf wollte er mir nicht folgen - das heit er wollte das Buch
nicht lesen - also war es aussichtslos, mit ihm von Dingen zu reden, die man nur
von dort oben aus wahrnehmen konnte.
    Nun folgte das Jahr - zweite Phase -, da die Trauer in Melancholie
bergegangen war. Jetzt las und studierte ich noch fleiiger. Das erste Werk
Buckles hatte mir Geschmack am Nachdenken gegeben und die Freuden eines
erweiterten Weltausblickes kosten gemacht. Davon wollte ich nun noch immer mehr
und mehr genieen, und so lie ich diesem Buche noch viele andere, im gleichen
Geist verfate, folgen. Und das Interesse, die Gensse, welche ich in diesen
Studien fand, trugen dazu bei, die dritte Phase eintreten - nmlich die
Melancholie schwinden zu machen. Als aber die letzte Wandlung mit mir vorging,
das ist, als die Lebenslust von neuem erwachte, da wollten mir auf einmal die
Bcher nicht mehr gengen; da sah ich auf einmal ein, da Ethnographie und
Anthropologie und vergleichende Mythologie und sonstige -logien und -graphien
unmglich meine Sehnsucht stillen konnten; da fr eine junge Frau in meiner
Lage das Leben noch ganz andere Glcksblten bereit hielt, nach welchen ich nur
die Hand auszustrecken brauchte ... Und so kam es, da ich im Winter 1863 mich
anbot, meine jngeren Schwestern selber in die Welt einzufhren und meine Salons
der wiener Gesellschaft ffnete.

Martha Grfin Dotzky, eine reiche, junge Witwe. Unter diesem vielversprechenden
Namen stand ich auf dem Personenverzeichnis der groe-Welt-Komdie. Und ich
mu sagen, die Rolle sagte mir zu. Es ist kein geringes Vergngen, von allen
Seiten Huldigungen zu empfangen, von der ganzen Gesellschaft gefeiert, verwhnt,
mit Auszeichnungen berschttet zu werden. Es ist kein geringer Genu, nach
beinahe vierjhriger Weltabgeschiedenheit pltzlich in einen Strudel von
allerlei Vergngungen zu gelangen; interessante, bedeutende Menschen kennen zu
lernen, an fast jedem Tage ein glnzendes Fest mitzumachen - und dabei sich
selber als den Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit zu fhlen.
    Wir drei Schwestern hatten den Spitznamen die Gttinnen vom Berge Ida
bekommen und die Erispfel lassen sich nicht zhlen, welche die verschiedenen
jungen Parisse unter uns verteilten; ich natrlich - in meiner oben erwhnten
Theaterzettelwrde reiche, junge Witwe war gewhnlich die Bevorzugte. Es galt
brigens in meiner Familie - und auch ein klein wenig in meinem eigenen
Bewutsein - als ausgemachte Sache, da ich mich wieder vermhlen wrde. Tante
Marie pflegte in ihren Homilien nicht mehr auf den Verklrten anzuspielen, der
dort oben meiner harrte, denn wenn ich in den kurzen Erdenjahren, die mich vom
Grabe trennten, mir einen zweiten Gatten angeeignet - eine von Tante Marie
selber gewnschte Eventualitt - so war dadurch die Gemtlichkeit des
himmlischen Wiedersehens mit dem ersten stark beeintrchtigt.
    Alle um mich herum schienen Arnos Existenz vergessen zu haben - nur ich
nicht. Obwohl die Zeit meinen Schmerz um ihn geheilt hatte - sein Bild hatte sie
nicht verlscht. Man kann aufhren um seine Toten zu trauern - die Trauer hngt
auch nicht vom Willen ab - aber vergessen soll man sie nicht. Ich betrachtete
dieses von meiner Umgebung gebte Todschweigen eines Verstorbenen als eine
zweite nachtrgliche Ttung und vermied es, den Armen auch noch totzudenken. Ich
hatte es mir zur Aufgabe gemacht, tglich zum kleinen Rudolf von seinem Vater zu
sprechen, und in seinem Abendgebet mute das Kind stets sagen: Gott, la mich
gut und brav sein, meinem geliebten Vater Arno zu Liebe!
    Meine Schwestern und ich amsierten uns kstlich - ich gewi nicht minder
als sie. Es war ja sozusagen auch mein Debut in der Welt. Das erste Mal war ich
als Braut und Neuvermhlte eingefhrt worden; da hatten sich selbstverstndlich
alle Kurmacher von mir fern gehalten, und was ist des Welt-Lebens hchster
Reiz, wenn nicht die Kurmacher? Aber sonderbar: so sehr es mir behagte, von
einer Schar von Anbetern umgeben zu sein, keiner von ihnen machte einen tieferen
Eindruck auf mich. Es lag eine Schranke zwischen ihnen und mir, die schier
unbersteiglich war. Und diese Schranke hatte sich durch die drei Jahre meines
einsamen Studierens und Denkens aufgerichtet. Alle diese glnzenden jungen
Herren, deren Lebensinteressen in Sport, Spiel, Ballet, Hofklatsch und, wenn es
hoch ging, in Berufsehrgeiz (die meisten waren Militrs) gipfelten, die hatten
von den Dingen, die ich in meinen Bchern von ferne erschaut und an denen mein
Geist sich gelabt, auch nicht die entfernteste Idee. Jene Sprache, von der ich
freilich auch nur die Anfangsgrnde kennen gelernt, von der ich aber wute, da
in ihr durch die Mnner der Wissenschaft die hchsten Fragen beraten und einst
gelst werden; jene Sprache war ihnen nicht nur spanisch, sondern -
patagonisch.
    Unter dieser Kategorie junger Leute wrde ich mir keinen Gatten whlen - das
stand fest. berhaupt hatte ich keine Eile, meine Freiheit, die mir so wohl
gefiel, wieder aufzugeben. Ich wute meine seinwollenden Freier so in Entfernung
zu halten, da keiner einen Antrag wagte und da auch niemand in der
Gesellschaft das kompromittierende Wort von mir sagen konnte: Sie lt sich den
Hof machen. Mein Sohn Rudolf sollte einst auf seine Mutter stolz sein drfen -
keinen Hauch des Verdachtes auf dem blanken Spiegel ihres guten Rufes vorfinden.
Wenn jedoch der Fall eintrte, da mein Herz von neuem in Liebe erglhte - es
konnte nur fr einen Wrdigen sein - dann war ich ja geneigt, das Anrecht,
welches meine Jugend noch auf irdisches Glck besa, geltend zu machen und eine
zweite Ehe einzugehen.
    Unterdessen - von Liebe und Glck abgesehen - war ich recht guter Dinge. Der
Tanz, das Theater, der Putz: an alledem fand ich lebhaftes Vergngen. Dabei
vernachlssigte ich weder meinen kleinen Rudolf noch meine eigene Ausbildung.
Nicht, da ich mich in grndliche Fachstudien vertiefte; aber ber die Bewegung
der Geister erhielt ich mich stets auf dem Laufenden, indem ich mir die
hervorragendsten neuen Erscheinungen der Weltlitteratur anschaffte und
regelmig smtliche Artikel, auch die wissenschaftlichen, der Revue des deux
Mondes und hnlicher Zeitschriften aufmerksam las. Diese Beschftigung hatte
freilich zur Folge, da die vorerwhnte Schranke, welche mein Seelenleben von
der mich umgebenden Junge-Herrenwelt abschlo, immer hher wurde - aber das war
schon recht so. Gern htte ich in meinen Salon einige Persnlichkeiten aus der
Litteraten- und Gelehrtenwelt zugezogen, allein dies war in der Mitte, in der
ich mich bewegte, nicht recht thunlich. Brgerliche Elemente werden der
sterreichischen sogenannten Societt nicht beigemischt. Namentlich damals;
seither hat sich dieser ausschlieliche Geist etwas gendert und es ist Mode
geworden, einzelnen Vertretern der Kunst und Wissenschaft seine Salons zu
ffnen. Zu der Zeit, von der ich spreche, war dies jedoch nicht der Fall; was
nicht hoffhig war - das heit was nicht sechzehn Ahnen aufzuweisen hatte - war
von vornherein ausgeschlossen. Unsere gewohnte Gesellschaft wre ganz unangenehm
berrascht gewesen, bei mir unadelige Leute anzutreffen, und htte nicht den
rechten Ton gefunden, mit solchen zu verkehren. Und diese selber htten meinen
mit Komtesseln und Sportsmen, mit alten Generlen und alten Stiftsdamen
gefllten Salon schon gar unertrglich langweilig gefunden. Welchen Anteil
konnten Mnner von Geist und Wissen, Schriftsteller und Knstler, an den ewig
gleichen Errterungen nehmen: bei wem gestern getanzt worden und bei wem morgen
getanzt wird - ob bei Schwarzenberg, bei Pallavicini oder bei Hof - welche
Passionen Baronin Pacher einflt, welche Partie Komte Palffy ausgeschlagen,
wieviel Herrschaften Frst Croy besitzt, was die junge Almasy fr eine
Geborene sei, ob eine Festetics oder eine Wenkheim, und ob die Wenkheim, deren
Mutter ein Khevenhller gewesen u.s.w. u.s.w. Das war nmlich so der Stoff der
meisten um mich herum gefhrten Unterhaltungen. Auch die geistvollen und
unterrichteten Leute, von welchen doch gar manche in unseren Kreisen sich fanden
- Staatsmnner und dergleichen - glaubten sich verpflichtet, wenn sie mit uns -
tanzender Jugend - verkehrten, denselben frivolen und inhaltslosen Ton
anzuschlagen. Wie gerne htte ich oft nach einem Diner mich in die Ecke begeben,
wo ein paar unserer vielgereisten Diplomaten, beredten Reichsrten, oder
sonstige bedeutende Mnner ber bedeutende Fragen ihre Meinung austauschten -
aber das war nicht thunlich; ich mute schon bei den anderen jungen Frauen
bleiben und die Toiletten besprechen, die wir fr den nchsten groen Ball
vorbereiteten. Und htte ich mich auch in jene Gruppe eingedrngt, sogleich
wrden die eben gefhrten Gesprche ber Nationalkonomie, ber Byrons Poesie,
ber Theorien von Strau und Renan verstummt sein und es wrde geheien haben:
Ach, Grfin Dotzky! ... gestern auf dem Damen-Pique-nique haben Sie bezaubernd
ausgesehen ... und Sie gehen doch morgen zum Empfang bei der russischen
Botschaft?

Erlaube, liebe Martha, sagte mein Vetter Konrad Althaus, da ich Dir
Oberstlieutenant Baron Tilling vorstelle.
    Ich neigte den Kopf. Der Vorstellende entfernte sich und der Vorgestellte
blieb stumm. Ich fate dies als eine Aufforderung zum Tanze auf und erhob mich
von meinem Sitz - mit gerundet aufgehobenem linken Arm, bereit, ihn auf Baron
Tillings Schulter zu lehnen.
    Verzeihen Sie, Grfin, sagte jener mit einem flchtigen Lcheln, das
blitzend weie Zhne aufdeckte, ich kann nicht tanzen.
    Ah so - desto besser, antwortete ich, mich wieder setzend. Ich hatte mich
ohnehin hierher zurckgezogen, um ein wenig auszuruhen.
    Und ich hatte mir die Ehre erbeten, Ihnen vorgestellt zu werden, gndige
Grfin, um Ihnen eine Mitteilung zu machen.
    Ich blickte erstaunt auf. Der Baron machte ein sehr ernstes Gesicht. Er war
berhaupt ein ernsthaft aussehender Mann - nicht mehr jung, etwa vierzig, mit
einigen Silberfden an den Schlfen - im ganzen eine vornehme, sympathische
Erscheinung. Ich hatte mir angewhnt, jeden Neuvorgestellten auf die Frage hin
prfend anzusehen: Bist Du ein Freier? - wrde ich Dich nehmen? Beide Fragen
beantwortete ich mir in diesem Falle mit einem schnellen Nein. Es fehlte dem
Betreffenden durchaus der verbindlich-anbetende Ausdruck, welchen alle jene
anzunehmen pflegen, die sich den Frauen mit sogenannten Absichten nahen; - und
die andere Frage fand schon durch seine Uniform verneinende Erledigung. Ein
zweites Mal wrde ich keinem Soldaten die Hand reichen - das hatte ich mir fest
vorgenommen. Nicht nur aus dem Grunde, um kein zweites Mal der schrecklichen
Angst ausgesetzt zu werden, den Gatten ins Feld ziehen zu sehen, sondern weil
ich seither ber den Krieg im allgemeinen zu Ansichten gelangt war, in welchen
ich unmglich mit einem Krieger htte bereinstimmen knnen.
    Oberstlieutenant von Tilling machte von meiner Aufforderung, sich neben mich
zu setzen, keinen Gebrauch.
    Ich will Sie nicht lange belstigen, Grfin. Was ich Ihnen mitzuteilen
habe, pat nicht in ein Ballfest. Ich wollte mir nur die Erlaubnis erbitten,
mich in Ihrem Hause einzufinden; knnen Sie mir gndigst einen Tag und eine
Stunde bestimmen, wann ich Sie sprechen darf?
    Ich empfange an Samstagen zwischen zwei und vier.
    Dann gleicht an Samstagen zwischen zwei und vier Ihr Haus vermutlich einem
Bienenstock, wo die Honigtrger aus- und einfliegen -
    Und ich als Knigin in der Zelle sitze, meinen Sie - das ist ein recht
hbsches Kompliment.
    Komplimente mache ich nie - ebensowenig als Honig, und so behagt mir die
samstgliche Schwarmstunde durchaus nicht; ich mu Sie allein sprechen.
    Sie reizen meine Neugier. Sagen wir also morgen Dienstag, um die gleiche
Stunde; ich werde fr Sie und sonst niemand zu Hause sein.
    Er dankte mit einer Verbeugung und ging.
    Eine Weile spter kam mein Vetter Althaus vorbei. Ich rief ihn zu mir, lie
ihn an meiner Seite Platz nehmen und verlangte Auskunft ber Baron Tilling.
    Gefllt er Dir? Hat er dir solch' tiefen Eindruck gemacht, da Du Dich gar
so angelegentlich erkundigst? Er ist zu haben - das heit er ist noch ledig.
Darum soll er aber doch nicht frei sein ... Man munkelt, da eine sehr hohe Dame
(Althaus nannte eine Prinzessin aus regierendem Hause) ihn durch zarte Bande an
sich fesselt - deshalb heirate er nicht. Sein Regiment ist erst seit kurzer Zeit
hierher versetzt worden, daher hat man ihm noch nicht viel in der Gesellschaft
begegnet - auch ist er, glaube ich, ein Feind von Bllen und dergleichen. Ich
habe ihn im adeligen Kasino kennen gelernt, wo er tglich ein paar Stunden
verbringt, aber gewhnlich im Lesezimmer in die Zeitungen, oder mit unseren
besten Schachspielern in eine Partie vertieft. Ich war erstaunt, ihn hier zu
treffen - da jedoch die Hausfrau seine Kousine ist, so erklrt sich seine kurze
Erscheinung auf dem Ball - er ist auch schon wieder weg. Nachdem er sich von Dir
empfohlen, sah ich ihn fortgehen.
    Hast Du ihn noch mehreren anderen Damen vorgestellt?
    Nein, nur Dir. Aber darum mut Du Dir nicht einbilden, da Du es ihm von
weitem angethan, und er deshalb verlangte, Dich kennen zu lernen: - Knnen Sie
mir nicht sagen, fragte er mich, ob eine gewisse Grfin Dotzky, geborene Althaus
- vermutlich mit Ihnen verwandt - hier anwesend ist? Ich mu mit derselben
sprechen. - Ja, antwortete ich, auf Dich zeigend, - dort in jener Ecke auf dem
Sofa - im blauen Kleide. - Ah, die? Seien Sie so gut, stellen Sie mich vor. -
Was ich denn bereitwilligst that, ohne zu ahnen, da ich Dich dadurch um Deine
Ruhe bringen wrde.
    So sprich doch keinen Unsinn, Konrad - meine Ruhe ist nicht so leicht zu
untergraben. Tilling? was ist das fr eine Familie? - ich hre den Namen zum
erstenmale.
    Aha, Du gibst nicht nach ... Ist das ein Glcksmensch! Ich habe mich durch
volle drei Monate, mit Aufwand aller meiner Bezauberungskrfte, in Deine Gunst
einzuschleichen versucht - vergebens. Und dieser kalte Oberstlieutenant - denn
er ist kalt und fhllos, la Dir das gesagt sein - kam, sah und siegte. - Was
Tilling fr eine Familie sei, fragtest Du? Ich glaube preuischen Ursprungs -
doch war schon sein Vater in sterreichische Dienste getreten - seine Mutter ist
auch Preuin - Du mut seinen norddeutschen Accent bemerkt haben.
    Ja, er spricht ein wunderschnes Deutsch.
    Natrlich - alles ist wunderschn an ihm. Althaus stand auf. Jetzt habe
ich gerade genug. Erlaube, da ich Dich Deinen Trumen berlasse; ich will
versuchen, mich mit Damen zu unterhalten, welche
    Dich wunderschn finden. Solche gibt es wohl genug.
    Ich verlie den Ball zu frher Stunde. Meine Schwestern konnten unter dem
Schutze Tante Maries noch bleiben und mich hielt nichts zurck. Die Lust am
Tanzen war mir vergangen, ich fhlte mich ermdet und sehnte mich nach
Einsamkeit. Warum? ... Doch nicht, um ungestrt an Tilling denken zu knnen? ..
Es scheint doch so - da ich noch um Mitternacht die roten Hefte mit Eintragung
der oben angefhrten Gesprche bereicherte und Betrachtungen daran knpfte, wie
folgt: Ein interessanter Mensch, dieser Tilling ... Die hohe Frau, die ihn
liebt, denkt jetzt wahrscheinlich an ihn ... oder vielleicht kniet er in diesem
Augenblick zu ihren Fen und sie ist nicht so allein - allein - wie ich. Ach,
jemand so recht innig lieben zu knnen ... es mte nicht eben Tilling sein -
ich kenne ihn ja nicht ... Nicht um Tilling beneide ich die Prinzessin, aber um
ihr Verliebtsein. Und je leidenschaftlicher, je wrmer sie ihm zugethan ist,
desto mehr beneide ich sie.
    Mein erster Gedanke beim Erwachen war wieder - Tilling. Ja richtig: er hatte
sich fr diesen Tag behufs wichtiger Mitteilungen bei mir angesagt. So gespannt,
wie auf diesen Besuch, hatte ich mich schon lange nicht gefhlt.
    Um die bestimmte Stunde gab ich Befehl, da mit Ausnahme des Erwarteten
niemand vorgelassen werde. Meine Schwestern waren nicht zu Hause Tante Marie,
die unermdliche garde-dame, hatte sie auf den Eislaufplatz begleitet.
    Ich setzte mich in meinen kleinen Salon - mit einer hbschen Haustoilette
von violettem Sammt angethan (violett steht Blondinen bekanntlich vorteilhaft),
nahm ein Buch zur Hand und wartete. Lang' habe ich nicht warten mssen: zehn
Minuten nach Zwei trat Freiherr von Tilling bei mir ein.
    Wie Sie sehen, Grfin, habe ich von Ihrer Erlaubnis pnktlich Gebrauch
gemacht, sagte er, mir die Hand kssend.
    Glcklicherweise, antwortete ich lchelnd, indem ich ihm einen Platz
anwies; ich htte sonst vor Ungeduld vergehen mssen, denn Sie haben mich
wahrhaftig in groe Spannung versetzt.
    Dann will ich gleich, ohne lange Einleitung, sagen, was ich zu sagen habe.
Da ich es nicht schon gestern gethan, geschah, um Ihre frhliche Stimmung nicht
zu trben -
    Sie erschrecken mich -
    Mit einem Wort: ich habe die Schlacht von Magenta mitgemacht -
    Und Sie haben Arno sterben sehen! schrie ich auf.
    So ist es. Ich bin in der Lage, Ihnen ber seine letzten Augenblicke
Bescheid zu geben.
    Sprechen Sie, sagte ich bebend.
    Zittern Sie nicht, Grfin. Wenn diese letzten Augenblicke so schrecklich
gewesen wren, wie bei so manchen anderen Kameraden, so wrde ich Ihnen sicher
nicht davon gesprochen haben: es gibt nichts Traurigeres, als von einem teueren
Toten zu erfahren, da er qualvoll gestorben - das ist aber hier nicht der
Fall.
    Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. Erzhlen Sie.
    Ich werde Ihnen nicht die leere Phrase wiederholen, mit welcher man
Soldatenhinterbliebene zu trsten pflegt. Er starb als Held, denn ich wei nicht
recht, was man damit sagen will; - den wirklichen Trost kann ich Ihnen aber
bieten: er starb, ohne an den Tod zu denken. Er war von allem Anfang berzeugt,
da ihm nichts geschehen werde. Wir waren viel zusammen und er erzhlte mir oft
von seinem Familienglck, zeigte mir das Bild seines schnen jungen Weibchens
und das seines Kindes; er lud mich ein, wenn nur einmal die Campagne aus sei,
ihn in seiner Huslichkeit zu besuchen. In dem Gemetzel von Magenta befand ich
mich zufllig an seiner Seite. Ich erspare Ihnen die Schilderung der
vorhergehenden Szenen - so etwas erzhlt sich nicht. Mnner, die kriegerischen
Geistes sind, werden mitten im Pulverdampf und Kugelregen von so einem Taumel
erfat, da sie eigentlich nicht wissen, was um sie vorgeht. Dotzky war ein
solcher Mann. Seine Augen sprhten, er zielte mit fester Hand; er war in vollem
Kriegsrausch, das konnte ich - Nchterner - sehen. Da kam ein Hohlgescho
geflogen und fiel auf ein paar Schritte Entfernung vor uns nieder. Als das
Ungetm platzte, strzten zehn Mann zusammen - darunter Dotzky. Es erhob sich
ein Jammergeschrei unter den Unglcklichen - aber Dotzky schrie nicht: er war
tot. Ich und noch ein paar Kameraden bckten uns zu den Getroffenen herab, um
ihnen, wenn mglich, Hilfe zu bringen. - Es war aber nicht mglich. Sie rangen
alle mit dem Tode, auf das greulichste zerrissen und zerfleischt, die Beute
schrecklichster Schmerzen ... Nur Dotzky, zu dem ich mich zuerst auf den Boden
gekniet, atmete nicht mehr; sein Herz stand still und aus der aufgerissenen
Seite quoll das Blut in solchen Strmen, da - wenn sein Zustand auch nur
Ohnmacht und nicht der Tod gewesen wre - es nicht zu befrchten stand, da er
wieder zu sich komme -
    Zu befrchten? unterbrach ich weinend.
    Ja - denn wir muten sie hilflos da liegen lassen: vor uns erklang wieder
das mordgebietende Hurra! und hinter uns strmten berittene Scharen heran,
welche ber diese Sterbenden hinwegsetzen wrden - glcklich der Bewutlose!
Sein Gesicht hatte einen ganz ruhigen, schmerzlosen Ausdruck - und als wir,
nachdem der Kampf vorber war, unsere Toten und Verwundeten auflasen, fand ich
ihn auf derselben Stelle, in gleicher Lage und mit dem gleichen friedlichen
Ausdruck. Das habe ich Ihnen sagen wollen, Grfin. Freilich htte ich das schon
vor Jahren thun knnen und, da ich nicht mit Ihnen zusammentraf, an Sie
schreiben - aber die Idee kam mir erst gestern, als mir meine Cousine sagte, sie
erwarte unter ihren Gsten die schne Witwe Arno Dotzkys. Verzeihen Sie, wenn
ich schmerzliche Erinnerungen wachgerufen; ich glaube doch eine Pflicht erfllt
und Sie von peinlichen Zweifeln befreit zu haben.
    Er stand auf. Ich reichte ihm die Hand:
    Ich danke, Baron Tilling, sagte ich, meine Thrnen trocknend. Sie haben
mir in der That ein wertvolles Geschenk gemacht: die Beruhigung, da das Ende
meines teueren Mannes frei von Schmerz und Qual war ... Aber bleiben Sie noch
ein wenig, ich bitte Sie ... Ich wollte Sie noch sprechen hren ... Vorhin, in
Ihrer Ausdrucksweise, haben Sie einen Ton angeschlagen, der in meinem Gemte
eine gewisse Saite vibrieren gemacht - ohne Umschweife: Sie verabscheuen den
Krieg?
    Tillings Gesicht verfinsterte sich:
    Verzeihen Sie, Grfin, sagte er, wenn ich Ihnen ber diesen Gegenstand
nicht Rede stehe. Auch bedauere ich, mich nicht lnger aufhalten zu knnen - ich
werde erwartet.
    Jetzt nahm mein Gesicht einen kalten Ausdruck an: vermutlich erwartete ihn
die Prinzessin - und der Gedanke war mir unangenehm.
    Da will ich Sie nicht zurckhalten, Herr Oberstlieutenant, entgegnete ich
kalt.
    Ohne nur die Erlaubnis zu erbitten, wiederkommen zu drfen, verbeugte er
sich und ging.

Der Fasching war zu Ende. Rosa und Lilli, meine Schwestern, hatten sich
ungeheuer amsiert. Jede verzeichnete ein halb Dutzend Eroberungen; dennoch
befand sich keine wnschenswerte Partie darunter und der Rechte war fr keine
erschienen. Desto besser: sie wollten gern noch ein paar Mdchenjahre genieen,
ehe sie ins Ehejoch traten.
    Und ich? In den roten Heften stehen meine Faschingseindrcke folgendermaen
notiert:
    Ich bin froh, da die Tanzerei vorber ist. Es fing schon an, eintnig zu
werden. Immer dieselben Touren und immer dieselben Gesprche und immer ein und
derselbe Tnzer: - denn ob es nun der Husarenlieutenant X, oder der
Dragonerlieutenant Y, oder der Ulanenrittmeister Z ist - es sind doch die
gleichen Verbeugungen, die gleichen Bemerkungen, die gleichen Seufzer und
Blicke. Nicht ein interessanter Mensch darunter, nicht einer. Und der einzige
der allenfalls ... reden wir nichts von dem, der gehrt ja seiner Prinzessin.
Sie ist eine hbsche Frau, ja - zugestanden, aber ich finde sie sehr
unsympathisch.
    Obgleich der Fasching mit seinen groen Ballfesten zu Ende war, so hatten
die geselligen Vergngungen darum nicht aufgehrt. Soiren, Diners, Konzerte:
der Wirbel dauerte fort. Auch eine groe Liebhabertheatervorstellung ward in
Aussicht genommen - dies jedoch erst nach Ostern. Fr die Fastenzeit war doch
eine Migung in Vergngen geboten - nach Tante Maries Ansicht migten wir uns
lange nicht genug. Da ich die Fastenpredigten nicht regelmig besuchte, konnte
sie mir nicht recht verzeihen, und sie entschdigte sich fr meine Lauheit,
indem sie Rosa und Lilli zu allen berhmten Kanzelrednern schleppte. Die Mdchen
lieen sich das gern gefallen; einmal trafen sie in den Kirchen mit ihrer ganzen
gewohnten Koterie zusammen - Pater Klinkowstrm war ebensosehr Mode bei den
Jesuiten, als die Murska in der Oper, und in zweiter Linie waren sie ja auch
leidlich fromm.
    Aber nicht nur den Predigten, auch den Soiren hielt ich mich whrend jener
Fastenzeit ziemlich fern. Ich hatte pltzlich an geselligen Zusammenknften den
Geschmack verloren und liebte es, manchmal allein zu Hause zu bleiben - mit
meinem Sohn zu spielen, und wenn der Kleine zu Bett gebracht war, mich mit einem
guten Buch an das Kaminfeuer zu setzen und zu lesen. Zuweilen besuchte mich dann
mein Vater und verplauderte ein bis zwei Stunden bei mir. Natrlich kamen die
Feldzugserinnerungen dabei unablssig zum Vorschein. Ich hatte ihm Tillings
Bericht ber Arnos Ende mitgeteilt; er nahm die Geschichte jedoch ziemlich khl
auf. Ob einer mit Schmerzen oder ohne Schmerzen geendet, schien ihm eine ganz
nebenschliche Frage. Geblieben sein - wie der Tod auf dem Schlachtfelde heit
- war seiner Anschauung nach eine so rhmliche - durch ein so erhabenes Fatum
herbeigefhrte Sache, da die Details der dabei allenfalls ausgestandenen
krperlichen Leiden garnicht in Betracht kamen. In seinem Munde klang das
Geblieben stets wie die neidende Konstatierung einer besonderen Auszeichnung,
und die dem Bleiben nchstfolgende Annehmlichkeit war nach seiner Auffassung
offenbar das Blessiert-werden. Die Art und Weise, wie er von sich mit Stolz
und von den anderen mit Respekt erzhlte, da sie bei diesem oder jenem - nach
irgend einer Ortschaft benannten - Gefecht verwundet worden, lie einen ganz
vergessen, da das Ding eigentlich weh thun knne. Welch ein Unterschied mit der
kurzen Erzhlung Tillings: in der Schilderung der zehn Unglcklichen, welche,
von dem platzenden Gescho zerschmettert, in lauten Jammer ausbrachen - was lag
da fr ein anderer Ton erschtternden Mitleids darin! Ich habe Tillings Worte
meinem Vater nicht wiederholt, denn ich empfand instinktiv, da ihm dieselben
unsoldatenmig erschienen wren und seine Achtung vor dem Sprecher
beeintrchtigt htten, und das htte mich verdrossen; denn gerade der vielleicht
unsoldatische, aber sicherlich menschliche Abscheu, mit welchem er das
schreckliche Ende seiner Kampfgenossen geschaut und erzhlt, war mir ins Herz
gedrungen.
    Wie gern htte ich mit Tilling ber dieses Thema noch weiter gesprochen -
aber er schien meine Bekanntschaft nicht pflegen zu wollen. Seit seinem Besuche
waren vierzehn Tage vergangen und weder hatte er den Besuch wiederholt, noch war
ich ihm in der Gesellschaft begegnet. Nur zwei- oder dreimal auf der Ringstrae
und einmal im Burgtheater war ich seiner ansichtig geworden: er grte
ehrerbietig, ich dankte freundlich - weiter nichts. Weiter nichts? ... Warum
klopfte mir bei diesen Gelegenheiten das Herz, warum konnte ich dann stundenlang
die Gebrde seines Grues nicht aus dem Sinn bringen? ...
    Liebes Kind, ich habe eine Bitte an Dich. Mit diesen Worten trat eines
Vormittags mein Vater bei mir ein. Er hielt ein papierumwickeltes Paket in der
Hand, hier bringe ich Dir etwas mit, fgte er hinzu, das Ding auf einen Tisch
legend.
    Eine Bitte und ein Geschenk zugleich? lachte ich. Das ist ja Bestechung.
    So hre mein Anliegen, ehe Du mein Geschenk auspackst und von dessen Pracht
geblendet wirst. Ich habe heute ein langweiliges Diner -
    Ja, ich wei; drei alte Generle mit ihren Frauen.
    Und zwei Minister mit den ihrigen; kurz, eine feierliche, steife,
einschlfernde Geschichte -
    Da mutest Du mir doch nicht zu, da ich -
    Ja, ich mute es Dir zu, denn - da mich Damen mit ihrer Gegenwart beehren
wollen - mu ich doch eine Dame zum Honneursmachen haben.
    Dieses Amt hat ja Tante Marie bernommen?
    Die ist heute wieder von ihrem gewissen Kopfschmerz befallen; es bleibt mir
also nichts anderes brig -
    Als Deine Tochter hinzuopfern - wie dies schon andere Vter im Altertum -
z.B. Agamemnon mit Iphigenia - gethan? Ich fge mich.
    brigens sind unter den Gsten auch ein paar jngere Elemente: Doktor
Bresser, der mich in meiner letzten Krankheit so ausgezeichnet behandelt hat und
dem ich die Artigkeit einer Einladung erweisen wollte; ferner Oberstlieutenant
Tilling - Du wirst ja ganz feuerrot - was ist Dir?
    Ich? ... Es ist die Neugier: jetzt mu ich doch schauen, was Du mir
gebracht hast. Und ich begann, das Paket aus seiner Papierhlle zu lsen.
    Es ist nichts fr Dich - erwarte nicht etwa ein Perlenhalsband, Das gehrt
dem Rudi.
    Ja, ich sehe, eine Spielereischachtel - ah, Bleisoldaten! Aber Vater, das
vierjhrige Kind soll doch nicht -
    Ich habe schon mit drei Jahren Soldaten gespielt - man kann nicht frh
genug damit anfangen ... Meine allerersten Eindrcke waren Trommeln, Sbel -
exerzieren, kommandieren: auf die Art erwacht die Liebe zum Metier, auf die Art
-
    Mein Sohn Rudolf wird nicht unter die Soldaten gehen, unterbrach ich.
    Martha! Ich wei doch, da seines Vaters Wunsch -
    Der arme Arno ist nicht mehr. Rudolf ist mein alleiniges Eigentum und ich
will nicht -
    Da er den schnsten und ehrenvollsten Beruf einschlage?
    Das Leben meines einzigen Kindes soll nicht im Kriege auf das Spiel gesetzt
werden.
    Ich war auch ein einziger Sohn und bin Soldat geworden. Arno hat keine
Geschwister, so viel ich wei, und Dein Bruder Otto ist gleichfalls einziger
Sohn und ich habe ihn doch in die Militrakademie gegeben. Die Tradition unserer
Familie fordert es, da der Sprosse eines Dotzky und einer Althaus seine Dienste
dem Vaterlande weihe.
    Das Vaterland wird ihn weniger brauchen, als ich.
    Wenn alle Mtter so dchten!
    Dann gbe es keine Paraden und Revuen - und keine Mnnerwlle zum
Niederschieen - kein Kanonenfutter, wie der bezeichnende Ausdruck heit. Das
wre auch kein Unglck.
    Mein Vater machte ein sehr bses Gesicht. Dann aber zuckte er die Achseln:
    Ach, ihr Weiber, sagte er verchtlich. Zum Glck wird der Junge nicht um
Deine Erlaubnis fragen; das Soldatenblut fliet ihm in den Adern - Na, und Dein
einziger Sohn wird er ja nicht bleiben. Du mut wieder heiraten, Martha. In
Deinem Alter ist's nicht gut, allein sein. Erzhl' mir: giebt es keinen unter
Deinen Bewerbern, der vor Deinen Augen Gnade findet? Da ist zum Beispiel der
Rittmeister Olensky, der sterblich in Dich verliebt ist - er hat mir neulich
wieder vorgeseufzt. Der gefiele mir recht gut als Schwiegersohn.
    Mir aber nicht als Gatte.
    Da wre noch der Major Millersdorf -
    Und wenn Du mir den ganzen Militrschematismus hersagst - es ist vergebens.
Um wie viel Uhr findet Dein Diner statt - wann soll ich kommen? fragte ich, um
abzubrechen.
    Um fnf. Aber komm' um eine halbe Stunde frher. Und jetzt adieu - ich mu
fort. Gr mir den Rudi - zuknftigen Oberbefehlshaber der k. k. Armee.

Eine feierliche, steife, einschlfernde Geschichte - so hatte mein Vater sein
bevorstehendes Diner genannt; und so wrde ich die Ceremonie auch aufgefat
haben, wre nicht der eine Gast gewesen, dessen Nhe mich eigentmlich bewegte
...
    Baron Tilling war knapp vor dem Speisen gekommen; ich hatte daher, als er
mich im Salon begrte, nur zu einem ganz kurzen Wortaustausch Zeit gefunden,
und bei Tisch, wo ich zwischen zwei eisgrauen Generlen sa, war der Baron so
weit von mir entfernt, da ich ihn unmglich in die an unserem Tischende
gefhrte Unterhaltung ziehen konnte. Ich freute mich auf die Rckkehr in den
Salon; dort wollte ich Tilling an meine Seite rufen und ihn noch weiter
ausforschen ber jene Schlachtzene; ich sehnte mich darnach, noch einmal jenen
Ton zu hren, der mich das erste Mal so sympathisch berhrt hatte.
    Doch zur Ausfhrung dieses Vorhabens bot sich mir anfnglich keine
Gelegenheit; die beiden Eisgrauen blieben mir auch nach Tische treu und nahmen
an meiner Zeite Platz, als ich im Salon mich anschickte, den schwarzen Kaffee
einzugieen. Dazu gesellten sich noch, im Halbkreis, mein Vater, der Minister
***, Doktor Bresser - und auch Tilling, aber die sich entspinnende Unterhaltung
war eine allgemeine. Die brigen Gste, darunter smtliche Damen, lieen sich in
einer anderen Ecke des Salons nieder, wo nicht geraucht wurde; whrend in
unserer Ecke - auch ich hatte mir eine Cigarette angezndet - das Rauchen
gestattet war.
    Ob es denn nicht bald wieder losgehen wird? warf einer der Generle hin.
    Hm, meinte der andere, den nchsten Krieg werden wir mit Ruland haben,
denk' ich.
    Mu es denn immer einen nchsten Krieg geben? warf ich dazwischen, aber
niemand achtete darauf.
    Eher mit Italien, versicherte mein Vater. Wir mssen doch unsere
Lombardei zurckbekommen ... So einen Einmarsch in Mailand, wie im Jahre 49 mit
Vater Radetzky an der Spitze - das wollte ich doch noch erleben. Es war an einem
sonnigen Vormittag -
    Ach, die Geschichte vom Einmarsch in Mailand kennen wir alle, unterbrach
ich.
    Auch die vom braven Hupfauf?
    Ich schon - und ich finde dieselbe sogar hchst widerwrtig.
    Was verstehst Du davon?
    Lassen Sie hren, Althaus - wir kennen die Geschichte nicht.
    Das lie sich der Vater nicht zweimal sagen.
    Der Hupfauf also - vom Regiment Tiroler Jger - selber ein Tiroler, hat ein
famoses Stck'l aufgefhrt. Er war der beste Schtz', den man sich denken kann;
bei allen Scheibenschieen war er immer Knig - er traf fast jedesmal ins Ziel.
Was hat der Mann gethan, als die Mailnder revoltierten? Er erbat sich die
Erlaubnis, mit vier Kameraden auf das Dach des Domes zu steigen und von dort auf
die Rebellen herab zu schieen. Man hat's ihm erlaubt und er hat's auch
ausgefhrt. Die vier anderen, von welchen jeder einen Stutzen trug, thaten
weiter nichts, als ohne Unterla ihre Waffen laden und sie dem Hupfauf reichen,
damit dieser keine Zeit verliere. Und so hat er hintereinander neunzig Italiener
totgeschossen.
    Abscheulich! rief ich. Jeder dieser totgeschossenen Italiener, auf die
der oben aus sicherer Hhe zielte, hatte eine Mutter und eine Geliebte zu Haus
und hing wohl selber an seinem jungen Leben.
    Jeder war ein Feind, Kind; das ndert den ganzen Standpunkt.
    Sehr richtig, sagte Doktor Bresser; so lange der Begriff Feindschaft
unter den Menschen sanktioniert wird, so lange knnen die Gebote der
Menschlichkeit keine allgemeine Geltung erlangen.
    Was sagen Sie, Baron Tilling? fragte ich.
    Ich htte dem Manne einen Orden gewnscht, der ihm die tapfere Brust
geschmckt - und eine Kugel, die ihm das harte Herz durchschossen htte. Beides
wre verdient gewesen.
    Ich warf dem Sprecher einen warmen, dankbaren Blick zu; die anderen aber,
mit Ausnahme des Doktors, schienen von den eben gehrten Worten unangenehm
berhrt. Es entstand eine kleine Pause. Cela avait jet un froid.
    Haben Sie schon von dem Buche eines englischen Naturforschers Namens Darwin
gehrt, Exzellenz? wandte sich jetzt der Doktor an meinen Vater.
    Nein, nichts.
    Doch, Papa ... erinnere Dich nur: schon vor vier Jahren, als es eben
erschienen war, hat uns unser Buchhndler das Buch geschickt und Du sagtest noch
damals, es werde bald von aller Welt vergessen sein.
    Was mich betrifft, so habe ich's auch vergessen.
    Alle Welt hingegen wird dadurch ziemlich in Aufregung versetzt, sagte der
Doktor. Es wird aller Orten fr und gegen die neue Abstammungslehre
gestritten.
    Ach, Sie meinen wohl die Affentheorie? fragte der General zu meiner
Rechten. Davon war gestern im Kasino die Rede. Die Herren Gelehrten kommen oft
auf sonderbare Einflle - der Mensch soll ursprnglich ein Orang-Utang gewesen
sein!
    Allerdings, nickte der Minister - (wenn Minister*** allerdings sagte, so
war das ein Zeichen, da er sich zu einer lngeren Rede den Anlauf nahm), die
Sache klingt etwas komisch; doch kann dieselbe nicht als Scherz aufgefat
werden. Es ist eine nicht ohne Talent und mit dem Apparat fleiig gesammelter
Thatsachen aufgestellte wissenschaftliche Theorie, welche allerdings von den
Mnnern vom Fach schon gengend widerlegt worden, welche aber, wie alle
abenteuerlichen Ideen - so abgeschmackt dieselben auch seien - einen gewissen
Effekt hervorgebracht hat und ihre Verteidiger findet. ber Darwin zu
disputieren, ist Mode geworden. Es wird nicht lange dauern, so kann man das Wort
Darwinismus erfinden - allerdings wird dann die so benannte Theorie selber
schon aufgehrt haben, ernst genommen zu werden. Es ist ein Fehler, da die
Leute in Bekmpfung dieses englischen Sonderlings sich so erhitzen; dadurch wird
seiner Lehre eine Wichtigkeit beigelegt, die ihr nicht zukommt. Namentlich ist
es die Geistlichkeit, welche sich gegen die allerdings herabwrdigende Zumutung
zur Wehr setzt, da der nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Mensch jetzt
pltzlich als dem Tierreich entstammend gedacht werden soll, eine vom religisen
Standpunkte aus allerdings hchst anstige Annahme. Jedoch ist bekanntermaen
die kirchliche Verdammung einer unter dem Gewand der Wissenschaftlichkeit
auftretenden Lehre, nicht im stande der Verbreitung derselben Einhalt zu thun.
Dieselbe wird erst dann unschdlich, wenn sie von den Vertretern der
Wissenschaft ad absurdum gefhrt worden ist, was gegenber der Darwinischen
allerdings -
    Aber der Unsinn! unterbrach mein Vater, welcher frchten mochte, da noch
eine lange Kette von allerdings seine brigen Gste ermden konnte, der
Unsinn: vom Affen der Mensch! Da gengt doch wohl der sogenannte gesunde
Menschenverstand, um solche tolle Einflle abzuweisen - da braucht man doch
nicht erst gelehrte Widerlegungen ...
    Nun, fr gar so apodiktisch sicher mchte ich diese Widerlegungen doch
nicht halten, nahm nun der Doktor das Wort. Es haben sich zwar Zweifel
erhoben, aber die Theorie hat doch manches Wahrscheinliche fr sich und es wird
noch eine Zeit brauchen, bis die Gelehrten einig werden.
    Ich glaub' die Herren werden nie einig, bemerkte der General zu meiner
Linken, welcher in barschem Ton und in Wiener Dialekt zu sprechen pflegte, die
leben ja vom Disputieren. Ich hab' von der Affeng'schicht auch schon was g'hrt.
War mir aber zu dumm, um aufzupassen. Wenn man sich immer um alles Geschwtz
kmmern sollt', mit dem uns die Sterngucker und Graspflcker und
Froschhaxl-Untersucher ein X fr ein U vormachen wollen - da mt einem ja Hren
und Sehen vergehen. brigens habe ich neulich in einer illustrierten Zeitung dem
Darwin sein G'sicht g'sehen und das is selber so affenmig, da ich fast
glauben mcht, sein Grovater is  Schimpans g'wesen.
    Diesem letzten, den Sprecher sehr befriedigenden Witz lie derselbe ein
schallendes Gelchter folgen, in welches mein Vater aus hausherrlicher
Zuvorkommenheit einstimmte.
    Gelchter ist allerdings auch eine Waffe, sprach der Minister ernst, -
beweist aber nichts. Dem Darwinismus - ich bentze schon das neue Wort - kann
man doch auch ernsthafte, auf wissenschaftlicher Basis ruhende Argumente
siegreich entgegenstellen. Wenn man gegen einen Schriftsteller ohne Autoritt,
Namen wie Linn, Cuvier, Agassiz, Quatrefages anfhren kann, so mu dessen
System zusammenstrzen. Andererseits lt sich allerdings nicht leugnen, da
zwischen Mensch und Affe eine groe Stammeshnlichkeit besteht und da -
    Trotz dieser hnlichkeit ist die Kluft doch eine meilenweite, unterbrach
der sanfte General. Lt sich ein Affe denken, der den Telegraphen erfinden
knnte? Die Sprache allein erhebt den Menschen so weit ber das Tier -
    Entschuldigen Sie, Exzellenz, sagte Doktor Bresser, Sprache und
technische Erfindungen waren dem Menschen nicht ursprnglich angeboren - ein
Wilder wird auch heute noch keinen Telegraphenapparat konstruieren; das alles
sind Frchte langsamer Vervollkommnung und Entwickelung -
    Ja ja, lieber Doktor, versetzte der General, ich wei: Entwickelung ist
das Schlagwort der neuen Theorie - aber aus einem Knguruh entwickelt sich kein
Kameel ... und warum sieht man heutzutage keinen Affen Mensch werden?
    Jetzt wandte ich mich an Baron Tilling:
    Und was sagen Sie? Haben Sie von Darwin gehrt und zhlen Sie sich zu
seinen Anhngern oder - Gegnern?
    Gehrt habe ich ber diesen Gegenstand schon vieles, Grfin; aber ich kann
kein Urteil abgeben, denn das in Frage stehende Werk: The origin of species habe
ich nicht gelesen.
    Ich mu gestehen, sagte der Doktor, ich auch nicht.
    Gelesen habe ich es allerdings auch nicht, gestand der Minister.
    Ich auch nicht - ich auch nicht - ich auch nicht - kam es nun von den
Anderen.
    Aber, fuhr der Minister fort, das Thema wird so vielfach besprochen, die
Schlagwrter des Systems sind in aller Mund; Kampf ums Dasein - natrliche
Zuchtwahl - Evolution und so weiter, da man sich doch einen klaren Begriff
vom Ganzen machen kann und sich resolut auf die Seite der Anhnger oder der
Gegner stellen, zu welch' erster Kategorie allerdings nur umsturzliebende und
effekthaschende Heisporne gehren, whrend die kaltbltigen, nach positiven
Beweisen verlangenden, streng kritischen Leute unmglich einen anderen, als den
von so bedeutenden Fachgelehrten geteilten Standpunkt der Gegnerschaft einnehmen
knnen; ein Standpunkt, der allerdings -
    Nicht mit Sicherheit zu behaupten ist, wenn man denjenigen der
Anhngerschaft nicht kennt, ergnzte Tilling. Um zu wissen, was die
Gegenargumente wert sind, welche man, so oft eine neue Idee auftaucht, um sich
herum im Chor vorbringen hrt, mu man in diese neue Idee auch selber
eingedrungen sein. Gewhnlich sind es die schlechtesten und seichtesten Grnde,
die mit solcher Einstimmigkeit von den Massen wiederholt werden - und auf diese
hin fllt mir nicht ein, ein Urteil zu sttzen. Als die Lehre des Kopernikus
auftauchte, konnten nur diejenigen, die sich der Mhe unterzogen, die
kopernikanischen Berechnungen nachzurechnen, einsehen, da dieselben richtig
waren; die anderen, die ihr Urteil nach den Bannflchen richteten, welche von
Rom aus gegen das neue System geschleudert wurden -
    In unserem Jahrhundert werden, wie ich schon frher bemerkte, unterbrach
der Minister, wissenschaftliche Hypothesen, wenn sie irrig sind, nicht mehr vom
Standpunkte der Orthodoxie, sondern von demjenigen der Wissenschaft
abgefertigt.
    Nicht nur wenn sie irrig sind, versetzte Tilling, auch wenn sie sich
spter bewahrheiten sollen, werden neue Hypothesen anfnglich immer von einer
Zopfpartei unter den Gelehrten bestritten. Diese lt auch heute nicht gern an
ihren althergebrachten Anschauungen und Dogmen rtteln; gerade so wie damals
nicht nur die Kirchenvter, sondern ebenso die Astronomen gegen Kopernikus
geeifert.
    Wollen's damit behaupten, fiel der barsche General ein, da dem
verrckten Englnder seine Affenidee so richtig ist, wie da die Erd' um die
Sonn' herumlauft?
    Ich will garnichts behaupten, weil ich, wie gesagt, das Buch nicht kenne.
Doch nehme ich mir vor, dasselbe zu lesen; vielleicht - aber auch nur
vielleicht, denn meine einschlagenden Kenntnisse sind nur gering - werde ich mir
dann ein Urteil bilden knnen. Bis dahin mu ich mich darauf beschrnken, meine
Meinung auf den Umstand zu sttzen, da die Theorie auf verbreiteten und
leidenschaftlichen Widerspruch stt, ein Umstand, welcher mir allerdings eher
fr als gegen deren Richtigkeit zeugt.
    Du tapferer, gerader, heller Geist, apostrophierte ich in Gedanken den
Sprecher.

Gegen acht Uhr brachen smtliche Gste auf. Mein Vater wollte sie noch alle
zurckhalten und auch ich murmelte verbindlich ein paar gastliche Phrasen, wie
Doch wenigstens noch eine Tasse Thee? aber vergebens. Jeder brachte eine
Entschuldigung vor: der eine wurde im Kasino, der andere in einer Soire
erwartet; eine der Damen hatte ihren Logentag in der Oper und wollte den vierten
Akt der Hugenotten hren; die zweite erwartete noch Gste bei sich; kurz, man
mute sie - und nicht so ungern als es den Anschein hatte - ziehen lassen.
    Tilling und Doktor Bresser, die sich gleichzeitig mit den anderen erhoben
hatten, empfahlen sich zuletzt.
    Und was haben Sie beide noch Wichtiges vor? fragte mein Vater.
    Ich eigentlich nichts, antwortete Tilling lchelnd; da aber smtliche
Gste sich entfernen, wre es unbescheiden -
    Dasselbe gilt von mir, fiel der Doktor ein.
    Nun, dann lasse ich keinen von beiden fort.
    Ein paar Minuten spter hatten mein Vater und der Doktor am Spieltisch Platz
genommen und vertieften sich in eine Partie Piket, whrend Baron Tilling sich an
meine Seite zum Kamin setzte. - Eine einschlfernde Geschichte dieses Diner? -
Nein, wahrlich, angenehmer und anregender htte sich mir kein Abend gestalten
knnen - flog es mir durch den Sinn, und laut:
    Eigentlich sollte ich Ihnen Vorwrfe machen, Baron Tilling: warum haben Sie
nach Ihrem ersten Besuche den Weg in mein Haus vergessen?
    Sie hatten mich nicht aufgefordert, wiederzukommen.
    Ich teilte Ihnen doch mit, da an Samstagen -
    Ja, ja, zwischen Zwei und Vier ... Das drfen Sie mir nicht zumuten,
Grfin. Aufrichtig: ich kenne nichts Schrecklicheres, als diese offiziellen
Empfangstage. In einen mit fremden Leuten angefllten Salon eintreten; - sich
vor der Hausfrau verbeugen; - am uersten Ende eines Halbkreises Platz nehmen;
- Bemerkungen ber das Wetter austauschen hren und, wenn man zufllig neben
einen Bekannten zu sitzen kam, eine eigene Bemerkung hinzufgen; - von der
Hausfrau ber alle Hindernisse weg mit einer Frage ausgezeichnet zu werden, die
man eifrigst beantwortet, hoffend, da sich nun mit derjenigen, die man besuchen
wollte, ein Gesprch entspinnen werde - vergebens: soeben tritt wieder ein
anderer Gast ein, der begrt werden mu und der sich hierauf auf das nchste
leere Pltzchen des Halbkreises niederlt und - in der Meinung, das Thema sei
noch nicht berhrt worden - eine neue Bemerkung ber das Wetter in Umlauf
bringt; dann nach zehn Minuten - wenn abermals Besuchsverstrkung kommt,
womglich eine Mama mit vier heiratsfhigen Tchtern, fr die nicht genug Sessel
mehr frei wren - im Verein mit einigen anderen aufstehen, von der Hausfrau sich
empfehlen und gehen ... nein, Grfin, so etwas bersteigt meine ohnehin nur
schwachen geselligen Fhigkeiten.
    Sie scheinen berhaupt der Gesellschaft sich fern zu halten - man sieht Sie
nirgends. Sie sind ein Menschenfeind? ... Doch nein, diese Frage nehme ich
zurck. Aus manchem, was Sie sagten, habe ich herausgehrt, da Sie alle
Menschen lieben.
    Die Menschheit liebe ich, aber alle Menschen? - Nein. Es gibt zu viele
nichtswrdige, bornierte, selbstschtige, kaltbltig grausame darunter - die
kann ich nicht lieben, wenngleich ich sie bedaure, da ihnen Erziehung und
Umstnde nicht gestattet haben, liebwert zu sein.
    Umstnde und Erziehung? Der Charakter hngt doch hauptschlich von den
angeborenen Anlagen ab - meinen Sie nicht?
    Was Sie angeborene Anlagen nennen, sind doch weiter nichts als auch
Umstnde, ererbte Umstnde.
    Dann sind Sie der Ansicht, da ein schlechter Mensch an seiner
Schlechtigkeit unschuldig und darum nicht zu verabscheuen sei?
    Der Nachsatz ist durch den Vordersatz nicht bedingt: unschuldig wohl - aber
dennoch zu verabscheuen. Sie sind an Ihrer Schnheit auch unschuldig und darum
doch bewunderungswrdig.
    Baron Tilling! Wir haben angefangen, als zwei vernnftige Leute ernste
Dinge zu sprechen - verdiene ich da, pltzlich als komplimentenschtige
Salondame behandelt zu werden?
    Verzeihen Sie mir - so war es nicht gemeint. Ich habe nur das mir zunchst
liegende Argument gebraucht.
    Es entstand eine kleine Pause. Tillings Blick hing mit einem bewundernden,
fast zrtlichen Ausdruck an meinen Augen, die ich nicht senkte ... Ich wei
wohl, da ich htte wegschauen sollen - aber ich that es nicht. Ich fhlte meine
Wangen erglhen und wute, da, wenn er mich hbsch fand, ich in diesem
Augenblick noch hbscher erscheinen mute ... es war ein angenehmes,
bsgewissiges, verwirrendes Gefhl und dauerte eine halbe Minute. Lnger
durfte es nicht dauern; ich hob den Fcher vors Gesicht und vernderte meine
Stellung. Dann in gleichgltigem Tone:
    Sie haben vorhin dem Minister Allerdings eine vortreffliche Antwort
gegeben.
    Tilling schttelte den Kopf, als ob er sich aus einem Traume risse:
    Ich? ... Vorhin? ... Ich erinnere mich nicht. Im Gegenteil: mir scheint,
da ich rgernis gegeben habe, mit meiner Bemerkung ber den Springauf - Hopsauf
- oder wie der brave Schtze hie.
    Hupfauf.
    Sie waren die Einzige, der ich zu Dank gesprochen. Die Exzellenzherren
hingegen habe ich mit meiner, fr einen k. k. Oberstlieutenant hchst
unpassenden uerung natrlich verletzt ... hartes Herz, von einem, der so
braves Bestschieen auf den Feind leistet: Lsterung! Soldaten sind doch
bekanntlich - je kaltbltiger sie tten - desto gutmtigere Kumpane; es giebt
keine sentimentalere Rhrfigur im melodramatischen Repertoir, als den
schlachtenergrauten, weichherzigen Krieger: keiner Fliege knnte der stelzfige
Veteran etwas zu Leide thun.
    Warum sind Sie Soldat geworden?
    Mit dieser so gestellten Frage beweisen Sie, da Sie mir ins Herz geschaut
haben. Nicht ich - nicht der neununddreiigjhrige Friedrich Tilling, der drei
Feldzge gesehen, habe den Beruf gewhlt, sondern der zehn- oder zwlfjhrige
kleine Fritzl, der unter hlzernen Streitrossen und bleiernen Regimentern
aufgewachsen und den sein Vater, der ordensgeschmckte General, und sein Onkel,
der mdchenerobernde Lieutenant, aufmunternd fragten: Junge, was willst Du
werden? Was sonst als ein wirklicher Soldat, mit einem wirklichen Sbel und
einem lebendigen Pferd?
    Fr meinen Sohn Rudolf wurde mir heute auch eine Schachtel Bleisoldaten
gebracht - ich werde sie ihm nicht geben. - Doch warum - als der Fritzl zum
Friedrich sich entwickelt hatte, warum haben Sie da nicht einen Stand verlassen,
der Ihnen verhat geworden?
    Verhat? Das ist zu viel gesagt. Ich hasse den Zustand der Dinge, der uns
Menschen so grausige Pflichten auferlegt, wie das Kriegfhren; da dieser Zustand
nun aber einmal da ist - unvermeidlich da ist - so kann ich die Leute nicht
hassen, welche die daraus erwachsenden Pflichten auf sich nehmen und
gewissenhaft, mit Aufwand ihrer besten Krfte, erfllen. Wenn ich den
Militrdienst verliee, wrde darum weniger Krieg gefhrt? Gewi nicht. Es wrde
nur an meiner Stelle ein Anderer sein Leben einsetzen - das kann ich schon auch
selber thun.
    Knnten Sie Ihren Mitmenschen nicht in einem anderen Stande mehr Nutzen
bringen?
    Ich wte nicht. Ich habe nichts Anderes grndlich gelernt als die
Soldaterei. Man kann um sich herum immer Gutes und Ntzliches wirken; ich habe
Gelegenheit genug, den Leuten, die unter mir dienen, das Leben zu erleichtern.
Und was mich selber betrifft - ich bin ja sozusagen auch ein Mitmensch - so
geniee ich den Respekt, welchen die Welt meinem Stande entgegenbringt; ich habe
eine leidlich gute Karrire gemacht - bin bei den Kameraden beliebt, und freue
mich dieser Erfolge. Vermgen besitze ich keins, als Privatmann htte ich weder
die Mittel, anderen noch mir zu ntzen - aus welchem Grunde htte ich da meine
Laufbahn aufgeben sollen?
    Weil Ihnen das Totschlagen widerstrebt.
    Wenn es gilt, das eigene Leben gegen einen anderen Totschlger zu
verteidigen, so hrt die persnliche Ttungsverantwortung auf. Der Krieg ist oft
und ganz zutreffend ein Massenmord benannt worden, aber der einzelne fhlt sich
nicht als Mrder. Da mir jedoch der Kampf widerstrebt, da mir die
Jammerauftritte des Schlachtfeldes Schmerz und Ekel einflen - das ist wahr.
Ich leide dabei, leide intensiv ... aber so mu auch mancher Seemann whrend des
Sturmes von der Seekrankheit leiden, und dennoch, wenn er ein halbwegs braver
Kerl ist, hlt er aus auf Deck, und wagt sich, wenn es sein mu, immer wieder
hinaus ins Meer.
    Ja, wenn es sein mu. Mu der Krieg denn sein?
    Das ist eine andere Frage. Aber mitziehen mu der einzelne - und das giebt
ihm, wenn auch nicht Lust, so doch Kraft zu seiner Amtserfllung.
    So sprachen wir noch eine Zeit lang fort - in leisem Ton, um die
Piketspieler nicht zu stren - und wohl auch, um von ihnen nicht gehrt zu
werden, denn unsere getauschten Ansichten - Tilling schilderte noch einige
Schlachtenepisoden und seinen dabei empfundenen Abscheu, ich teilte ihm die von
Buckle aufgestellten Betrachtungen ber den mit steigender Civilisation
abnehmenden Kriegsgeist mit - diese Reden paten nicht fr die Ohren des
Generals Althaus. Ich empfand, da es ein Zeichen groen Vertrauens von seiten
Tillings war, mir ber dieses Thema so rckhaltlos sein Inneres aufzudecken - es
war da ein Strom von Sympathie von einer Seele zur anderen bergegangen ...
    Ihr seid ja dort in sehr eifriges Geflster vertieft! rief einmal beim
Kartenmischen mein Vater zu uns herber. Was komplottiert Ihr denn?
    Ich erzhle der Grfin Feldzugsgeschichten -
    So? Das ist sie schon von Kindheit an gewohnt. Ich erzhle dergleichen auch
zuweilen. Sechs Blatt, Herr Doktor, und eine Quartmajor -
    Wir nahmen unser Geflster wieder auf.
    Pltzlich, whrend Tilling sprach - er hatte seinen Blick wieder in den
meinen gesenkt und aus seiner Stimme klang so inniges Vertrauen - fiel mir die
Prinzessin ein.
    Es gab mir einen Stich und ich wandte den Kopf ab.
    Tilling unterbrach sich mitten in seinem Satz:
    Was machen Sie so ein bses Gesicht, Grfin? fragte er erschrocken; hab'
ich etwas gesagt, das Ihnen mifallen?
    Nein, nein ... es war nur ein peinlicher Gedanke. Fahren Sie fort.
    Ich wei nicht mehr, wovon ich sprach. Vertrauen Sie mir lieber Ihren
peinlichen Gedanken an. Ich habe Ihnen die ganze Zeit ber so offen mein Herz
ausgeschttet - vergelten Sie mir das.
    Es ist mir ganz unmglich, Ihnen das mitzuteilen, woran ich vorhin dachte.
    Unmglich? Darf ich raten? ... Betraf es Sie?
    Nein.
    Mich?
    Ich nickte.
    Etwas Peinliches ber mich, was Sie mir nicht sagen knnen? ... Ist es -
    Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf; ich verweigere jede weitere Auskunft!
Dabei stand ich auf und blickte nach der Uhr.
    Schon halb zehn .. Ich werde Dir jetzt adieu sagen, Papa -
    Mein Vater schaute von seinen Karten auf:
    Gehst Du noch in eine Soire?
    Nein, nach Hause - ich bin gestern sehr spt zu Bett gegangen -
    Und da bist Du schlfrig? Tilling, das ist kein Kompliment fr Sie.
    Nein, nein, protestierte ich lchelnd, den Baron trifft keine Schuld ...
wir haben uns sehr lebhaft unterhalten.
    Ich verabschiedete mich von meinem Vater und dem Doktor; Tilling bat sich
die Erlaubnis aus, mich bis zu meinem Wagen zu geleiten. Er war's, der mir im
Vorzimmer den Mantel umhing und der mir ber die Treppe hinab den Arm reichte.
Beim Hinuntergehen blieb er einen Moment stehen und fragte mich ernsthaft:
    Nochmals, Grfin, habe ich Sie etwa erzrnt?
    Nein - auf Ehre.
    Dann bin ich beruhigt.
    Indem er mich in den Wagen hob, drckte er fest meine Hand und fhrte sie an
die Lippen.
    Wann darf ich Ihnen meine Aufwartung machen?
    An Samstagen bin ich -
    Er verneigte sich und trat zurck.
    Ich wollte ihm noch etwas zurufen, aber der Bediente schlo den Wagenschlag.
    Ich warf mich in die Ecke zurck und htte am liebsten geweint - Thrnen des
Trotzes, wie ein erbostes Kind. Ich war auf mich selber wtend: wie konnte ich
nur so kalt, so unhflich, so beinahe grob mit einem Menschen sein, der mir so
warme Sympathie einflte ... Daran war diese Prinzessin schuld - wie ich die
hate! Was war das? ... Eifersucht? Jetzt blitzte mir das Verstndnis dessen
auf, was mich bewegte: ich war in Tilling verliebt - - - - Verliebt, liebt,
liebt rasselten die Rder auf dem Pflaster, Du liebst ihn, leuchteten mir die
vorberfliegendem Straenlaternen zu - Du liebst ihn, duftete es mir aus dem
Handschuh, den ich an meine Lippen fhrte - an der Stelle, die er gekt.

Tags darauf trug ich in die roten Hefte folgende Zeilen ein: Was mir gestern
die Wagenrder und die Straenlaternen sagten, ist nicht wahr, oder doch zum
mindesten sehr bertrieben. Ein sympathischer Zug zu einem edlen und gescheidten
Menschen: - ja; aber Leidenschaft? - nein. Ich werde doch mein Herz nicht so
hinschleudern an jemand, der einer Anderen gehrt. Auch er empfindet Sympathie
fr mich - wir verstehen uns in vielen Dingen; vielleicht bin ich die Einzige,
der er seine Gedanken ber den Krieg mitteilt - aber darum ist er noch lange
nicht verliebt in mich - und ebensowenig darf ich es in ihn sein. Da ich ihn
nicht aufforderte, mich an einem anderen Tage, als an den ihm so verhaten
offiziellen Empfangstagen zu besuchen, mochte wohl nach dem vorausgegangenen,
vertrauensvollen Gedankenaustausch etwas unfreundlich geschienen haben ... Aber
es ist vielleicht besser so. Wenn nur erst ein paar Wochen ber die geistigen
Eindrcke, die mich so tief erschttert haben, verstrichen sind, dann werde ich
Tilling wieder ganz ruhig begegnen knnen, mit der Idee vertraut, da er eine
andere liebt und mich harmlos an seinem freundschaftlichen und geistanregenden
Umgang erlaben. Denn es ist wahrhaft ein Vergngen, mit ihm zu verkehren - er
ist so anders, so ganz anders als alle anderen. Ich bin wirklich froh, da ich
das heute so gelassen konstatieren kann - gestern mute ich einen Augenblick
schon frchten, da es um meine Ruhe geschehen sei, und da ich die Beute
qulender Eifersucht wrde ... heute ist diese Furcht verflogen.
    Am selben Tage besuchte ich meine Freundin Lori Griesbach - dieselbe, bei
der ich den Tod meines armen Arno erfahren. Sie war unter den jungen Frauen
meiner Bekanntschaft diejenige, mit welcher ich am meisten und am intimsten
verkehrte. Nicht, da wir in vielen Hinsichten bereinstimmten, oder da wir uns
gegenseitig vollkommen verstanden - wie dies doch die Grundlage echter
Freundschaft sein soll; - aber wir waren als Kinder Gespielinnen, als jung
verheiratete Frauen Stellungsgenossinnen gewesen; hatten damals fast tglich
verkehrt und so war eine gewisse Gewohnheitsvertraulichkeit zwischen uns
entstanden, welche - trotz so mancher Grundverschiedenheit unserer Wesen -
unseren gegenseitigen Umgang zu einem recht angenehmen und gemtlichen
gestaltete. Es war ein gewisses, engbegrenztes Gebiet, auf dem wir uns
begegneten, aber auf dem waren wir einander aufrichtig gut. Ganze Seiten meines
Seelenlebens blieben ihr ganz verschlossen. Von den An-und Einsichten, zu
welchen ich in meiner stillen Studienzeit gelangt war, hatte ich ihr nie ein
Wort mitgeteilt und fhlte auch kein Bedrfnis dazu. Wie selten kann man sich
einem Menschen ganz geben! Das habe ich recht oft im Leben erfahren, da ich dem
einen nur diese, dem anderen nur jene Seite meiner geistigen Persnlichkeit
erschlieen konnte; da, so oft ich mit diesem oder jenem verkehrte, sozusagen
nur ein gewisses Register sich aufzog, die ganze brige Klaviatur aber stumm
blieb.
    Zwischen Lori und mir gab es der Gegenstnde genug, die uns zu stundenlangem
Plaudern Stoff boten: unsere Kindheitserinnerungen, unsere Kleinen, die
Ereignisse und Vorkommnisse unseres Gesellschaftskreises, Toilette, englische
Romane und dergleichen mehr.
    Loris Knabe, Xaver, war im Alter meines Sohnes Rudolf und dessen liebster
Spielkamerad; und Loris Tchterchen, Beatrix, damals zehn Monate alt, wurde
scherzweise von uns bestimmt, einst Grfin Rudolf Dotzky zu werden.
    Sieht man Dich endlich wieder! empfing mich Lori. Du bist ja in letzter
Zeit ganz Einsiedlerin geworden. Auch meinen knftigen Schwiegersohn habe ich
schon lange nicht die Ehre gehabt bei mir zu sehen - Beatrix wird das sehr bel
nehmen ... Jetzt erzhle, Kind, was treibst Du? ... Und wie geht es Rosa und
Lilli? Fr Lilli habe ich brigens eine interessante Nachricht, die mir mein
Mann gestern aus dem Kaffeehaus mitgebracht: es ist einer sehr verliebt in sie -
einer, von dem ich glaubte, er machte Dir die Kour ... doch das erzhle ich
spter. Was Du da fr ein hbsches Kleid hast - von der Francine, nicht wahr?
Das habe ich gleich erkannt - sie hat doch ein eigentmliches Cachet ... Und der
Hut von Gindreau? Steht Dir allerliebst ... Er macht jetzt auch Kostme, nicht
nur Hte ... auch mit ungeheurem Geschmack. Gestern Abend bei Dietrichstein -
warum bist Du nicht gekommen? - hatte die Nini Chotek eine Gindreausche Toilette
an und sah beinahe hbsch aus ...
    So ging es eine Zeit lang fort und ich antwortete im selben Tone. Nachdem
ich das Gesprch geschickt auf die in der Welt kursierenden Klatschereien
gelenkt, stellte ich in mglichst unbefangener Weise die Frage:
    Hast Du auch gehrt, da Prinzessin *** ein Verhltnis mit - mit einem
gewissen Baron Tilling haben soll?
    Ich habe so etwas gehrt - aber jedenfalls ist das de l'histoire ancienne.
Heute ist es eine allbekannte Sache, da die Prinzessin fr einen
Burgschauspieler schwrmt. Interessierst Du Dich etwa fr diesen Baron Tilling?
Du wirst rot? Da hilft kein verneinendes Kopfschtteln - beichte lieber! Es ist
ohnedies unerhrt, da Du so lang kalt und fhllos bleibst ... es wre mir eine
wahre Genugthuung, Dich einmal verliebt zu wissen ... Freilich, eine Partie fr
Dich wre Tilling nicht - da hast Du glnzendere Bewerber - er soll gar nichts
haben. Nun, Du bist selber reich genug - aber er ist auch zu alt fr Dich ...
Wie alt wre jetzt der arme Arno? ... Das war doch gar zu traurig damals ... den
Augenblick werde ich nie vergessen, da Du mir meines Bruders Brief vorgelesen
... Ja, es ist doch eine schlimme Einrichtung, der Krieg ... Fr manche - fr
andere ist er eine wunderschne Einrichtung: mein Mann wnscht sich nichts
sehnlicher, als da es bald wieder zu etwas kme; er mchte sich so gern
auszeichnen. Ich begreife dies - wenn ich ein Soldat wre, wrde ich mir auch
wnschen, eine Grothat machen zu knnen, oder doch in der Karriere vorwrts zu
kommen -
    Oder verkrppelt oder totgeschossen zu werden?
    Daran dcht' ich nie. Daran soll man nicht denken - und es trifft ja doch
nur die, denen es bestimmt ist. - So war es Deine Bestimmung, Herz, eine junge
Wittwe zu werden.
    Darum mute der Krieg mit Italien ausbrechen?
    Und wenn es meine Bestimmung ist, die Frau eines verhltnismig jungen
Generals zu sein -
    So mu es nchstens zu einem Vlkerkonflikt kommen, damit Griesbach schnell
avanciren knne? Du zeichnest der Weltordnung einen sehr einfachen Lauf vor. -
Was wolltest Du mir mit Bezug auf Lilli erzhlen?
    Da Euer Vetter Konrad fr sie schwrmt. Ich vermute, er wird nchstens um
sie anhalten.
    Das bezweifle ich. Konrad Althaus ist ein viel zu flatterhafter und toller
Bursch', um ans Heiraten zu denken.
    Ach, toll und flatterhaft sind sie ja alle und heiraten doch, wenn sie sich
vernarren ... Glaubst Du, da er der Lilli gefllt?
    Ich habe nichts bemerkt.
    Er wre eine sehr gute Partie. Wenn sein Onkel Drontheim stirbt, so erbt er
die Herrschaft Selavetz. Apropos Drontheim - weit Du, da der Ferdi Drontheim,
derselbe, der sein Vermgen mit der Tnzerin Grilli durchgebracht hat, jetzt
eine reiche Bankierstochter heiraten soll? - Nun - empfangen wird sie doch
niemand ... Kommst Du heute Abend zur englischen Botschaft? Wieder nicht?
Eigentlich hast Du recht - in diesen Gesandtschafts-Raouts fhlt man sich doch
nicht so ganz unter sich: es sind so viele fremdartige Leute dabei, von denen
man nicht sicher wei, ob sie comme il faut sind; jeder durchreisende Englnder,
der sich bei seinem Gesandten vorstellen lt, wird da eingeladen - wenn es auch
ein brgerlicher Gutsbesitzer, oder gar Industrieller oder so etwas ist. Ich
habe die Englnder nur in der Tauchnitz-Edition gern ... Hast Du Jane Eyre
schon ausgelesen? - nicht wahr, wunderhbsch? Wenn Beatrix zu sprechen anfngt,
werde ich ihr eine englische Bonne nehmen ... Mit der Franzsin des Xaver bin
ich gar nicht zufrieden ... Neulich bin ich ihr auf der Strae begegnet, wie sie
den Kleinen ausfhrte, und ein junger Mann - anscheinend ein Kommis - ging
nebenher, in angelegentlichstem Gesprch mit ihr. Pltzlich stand ich vor ihnen
- die Verlegenheit httest Du sehen sollen! berhaupt, mit den Leuten hat man
sein Kreuz! ... Da ist meine Jungfer, die hat mir gekndigt, weil sie heiratet -
jetzt, wo ich sie gewohnt war - es ist nichts unausstehlicher, als neue
Gesichter zum bedienen ... Was? Du willst schon fort?
    Ja, liebes Herz - ich mu noch einige unaufschiebbare Besuche machen ...
adieu.
    Und ich lie mich nicht bewegen auch nur noch fnf Minuten! zu bleiben,
obwohl die unaufschiebbaren Besuche erlogen waren. Sonst hatte ich es doch
stundenlang ausgehalten, solch' inhaltsloses Geplapper anzuhren und
mitzuplappern - aber an diesem Tage widerte es mich an. Eine Sehnsucht ergriff
mich: ... Ach nur wieder so ein Gesprch wie gestern abends - ach Tilling -
Friedrich Tilling ... Die Wagenrder hatten also doch recht mit ihrem Refrain!
... Es war eine Wandlung mit mir geschehen - ich war in eine andere Gefhlswelt
hinaus gehoben; diese kleinlichen Interessen, in welche meine Freundin so ganz
vertieft war: Toiletten, Bonnen, Heirats- und Erbschaftsgeschichten aus der
Gesellschaft - das war doch gar zu nichtig, zu erbrmlich, zu erstickend ...
Hinaus, hinauf in eine andere Lebensluft! Und Tilling war ja frei: die
Prinzessin schwrmt fr einen Burgschauspieler ... Die hat er wohl nie geliebt
... ein vorbergehendes - ein vorbergegangenes Abenteuer, weiter nichts.

Es verstrichen mehrere Tage, ohne da ich Tilling wiedersah. Jeden Abend ging
ich ins Theater und von da in eine Soire, in der hoffenden Erwartung ihm zu
begegnen, aber vergebens.
    Mein Empfangstag brachte mir viele Besuche, aber natrlich nicht den seinen.
Den hatte ich auch nicht erwartet. Es sah ihm nicht hnlich, nach seinem
bestimmten Grfin, das drfen Sie mir nicht zumuten und seinem am Wagenschlag
gesagten Ich verstehe - also gar nicht sich dennoch an einem solchen Tage bei
mir einzufinden. Ich hatte ihn an jenem Abend gekrnkt, das war gewi; und er
vermied es, mit mir zusammenzukommen, das war offenbar. Allein, was konnte ich
thun? Ich brannte danach, ihn wieder zu sehen, meine damalige Unfreundlichkeit
wieder gut zu machen und eine neue solche Plauderstunde zu erleben, wie jene in
meines Vaters Haus; eine Plauderstunde, deren Reiz mir jetzt noch hundertfach
erhht worden wre, durch das mir nunmehr klar gewordene Bewutsein meiner
Liebe.
    In Ermangelung Tillings brachte mir der nchstfolgende Samstag doch
wenigstens Tillings Cousine - dieselbe, auf deren Ball ich ihn kennen gelernt.
Als sie eintrat, fing mir das Herz zu pochen an; jetzt konnte ich doch
wenigstens etwas von demjenigen erfahren, der meine Gedanken so beschftigte.
Ich brachte es jedoch nicht ber mich, eine diesbezgliche Frage zu stellen; ich
fhlte, da ich nicht im stande wre, den gewissen Namen auszusprechen, ohne
verrterisch zu erglhen, und so unterhielt ich meine Besucherin von hundert
verschiedenen Dingen - unter anderen auch vom Wetter - aber nur nicht von dem,
was ich auf dem Herzen hatte.
    Ah, Martha, sagte jene unvermittelt, ich habe eine Post an Sie zu
bestellen: mein Vetter Friedrich lt Sie gren - er ist vorgestern abgereist.
    Ich fhlte, da mir das Blut aus den Wangen wich.
    Abgereist? Wohin? Wurde sein Regiment versetzt?
    Nein ... er hat nur einen kurzen Urlaub genommen, um nach Berlin zu eilen,
wo seine Mutter auf dem Sterbebette liegt. Der Arme, er dauert mich; denn ich
wei, wie er seine Mutter vergttert.
    Nach zwei Tagen erhielt ich einen Brief von unbekannter Hand, mit dem
Poststempel Berlin. Noch ehe ich nach der Unterschrift geschaut, wute ich, da
das Schreiben von Tilling kam. Es lautete:

                                        Berlin, Friedrichstr. 8, 30. Mrz 1863.
                                                                   1 Uhr nachts.
Teure Grfin! Ich mu Jemandem klagen ... Warum gerade Ihnen? Habe ich ein Recht
dazu? Nein - aber den unwiderstehlichen Drang. Sie werden mir nachfhlen - ich
wei es.
    Htten Sie die Sterbende gekannt. Sie wrden sie geliebt haben. Dieses
weiche Herz, dieser helle Verstand, diese heitere Laune, diese Hoheit und Wrde
- und das alles soll jetzt ins Grab - keine Hoffnung!
    Ich habe den ganzen Tag an ihrem Lager verbracht und werde auch die Nacht
ber hier bleiben - ihre letzte Nacht ...
    Sie hat viel gelitten, die Arme. Jetzt ist sie ruhig - die Krfte schwinden,
der Pulsschlug hat beinah schon aufgehrt ... Auer mir wachen noch ihre
Schwester und ein Arzt im Krankenzimmer.
    Ach, diese schreckliche Zerreiung: der Tod! Man wei doch, da er alle
fllen mu, und doch kann man's nie recht fassen, da er auch unsere Lieben
hinraffen darf. Was mir diese Mutter war, das vermag ich nicht zu sagen.
    Sie wei, da sie stirbt. Als ich ankam, heute morgen, empfing sie mich mit
einem Freudengeschrei:
    - Also doch - sehe ich Dich noch einmal, mein Fritz! Ich frchtete so, Du
kmst zu spt.
    - Du wirst ja wieder gesund werden, Mutter, rief ich.
    - Nein, nein - davon ist keine Rede, mein alter Bub'. Nimm diesem unseren
letzten Beisammensein nicht die Weihe durch die blichen
Krankenbettvertrstungen. Sagen wir uns Lebewohl -
    Ich fiel schluchzend an der Bettseite in die Knie.
    - Du weinst, Fritz? Schau, ich sage Dir auch nicht das ble Weine nicht. Es
ist mir lieb, da Dir der Abschied von Deiner besten alten Freundin leid thut.
Das brgt mir, da ich lange unvergessen bleibe -
    - Solang' ich lebe, Mutter!
    - Erinnere Dich dabei, da ich viel Freude an Dir gehabt. Auer der Sorge,
die mir Deine Kinderkrankheiten bereitet, und dem Bangen, whrend Du im Kriege
warst, hast Du mir nur glckliche Gefhle verursacht und hast mir Alles tragen
helfen, was das Schicksal mir Trbes auferlegt. Ich segne Dich dafr, mein Kind.
    Jetzt kam wieder ein Anfall ihrer Schmerzen ber sie. Wie sie jammerte und
sthnte, wie ihre Zge sich verzerrten - es war herzzerreiend. Ja, es ist ein
frchterlicher, grimmer Feind, der Tod ... und der Anblick dieser Agonie rief
mir alle Agonien ins Gedchtnis, welche ich auf den Schlachtfeldern und in den
Lazaretten gesehen ... Wenn ich denke, da wir Menschen bisweilen willkrlich,
frohgemut einander dem Tod entgegenhetzen, da wir der vollkrftigen Jugend
zumuten, diesem Feind sich willig zu ergeben, gegen den das mde und
gebrechliche Alter sogar noch verzweifelt ringt, es ist - niedertrchtig!
    Diese Nacht ist schaurig lang ... Wenn die arme Kranke nur schliefe - aber
sie liegt mit offenen Augen da. Ich verbringe immer halbe Stunden lang
regungslos an ihrem Lager, dann schleiche ich mich zu diesem Briefbogen, um ein
paar Worte zu schreiben - dann wieder zurck zu ihr. So ist es schon vier Uhr
geworden. Ich habe eben die vier Schlge von allen Glockentrmen hallen gehrt -
es mutet einem so kalt, so teilnahmslos an, da die Zeit stetig unbeirrt durch
alle Ewigkeit fortschreitet, whrend eben fr ein heigeliebtes Wesen die Zeit
aufhren soll - fr alle Ewigkeit. Aber je klter, je teilnahmsloser das All
sich zu unserem Schmerz verhlt, desto sehnschtiger flchten wir an ein anderes
Menschenherz, von dem wir glauben, da es mitfhlend schlgt. Darum hat mich das
weie Papierblatt, das der Arzt beim Rezeptschreiben auf dem Tische liegen lie,
herangelockt - und darum schicke ich das Blatt an Sie ...
    7 Uhr. Es ist vorbei.
    - Lebewohl, mein alter Bub'. Das waren ihre letzten Worte. Darauf schlo sie
die Augen und schlief ein. - Schlaf wohl, meine alte Mutter!
    Weinend kt Ihre lieben Hnde Ihr zu Tode betrbter
                                                             Friedrich Tilling.

Diesen Brief besitze ich noch. Wie verknittert und verblat sieht das Blatt
nicht aus! Nicht nur die verflossenen fnfundzwanzig Jahre haben diese
Verwitterung verursacht, sondern auch die Thrnen und Ksse, mit welchen ich
damals die lieben Schriftzge bedeckte. Zu Tode betrbt - ja - aber auch
himmelhochjauchzend war mir zu Mute, nachdem ich gelesen. Deutlicher - obwohl
kein Wort von Liebe darin stand - konnte kein Brief den Beweis erbringen, da
der Schreiber die Empfngerin - und keine andere - liebte. Da er in solcher
Stunde, am Sterbelager der Mutter, sein Leid nicht am Herzen der Prinzessin
auszuweinen sich sehnte, sondern an dem meinen - das mute doch jeden
eiferschtigen Zweifel ersticken.
    Ich berschickte am selben Tage einen Totenkranz aus hundert groen weien
Kamelien, mit einer halberblhten roten Rose drin. Ob er wohl verstehen wrde,
da die blassen, duftlosen Blumen der Dahingeschiedenen galten, als Symbole der
Trauer, und das glutfarbige Rschen - ihm? ...

Drei Wochen waren vergangen.
    Konrad Althaus hatte um meine Schwester Lilli angehalten und einen Korb
bekommen. Er nahm jedoch die Sache nicht tragisch und blieb wie zuvor ein
eifriger Besucher unseres Hauses und umschwrmte uns in den Salons der
Gesellschaft.
    Ich drckte ihm einmal meine Verwunderung ber seine unerschtterte
Vasallentreue aus:
    Es freut mich sehr, sagte ich, da Du nicht zrnst; aber es beweist mir,
da Dein Gefhl fr Lilli doch kein so heftiges war, wie Du vorgibst, denn
verschmhte Liebe pflegt boshaft und nachtrgerisch zu sein.
    Du irrst, verehrteste Frau Cousine - ich habe die Lilli rasend gern. Zuerst
glaubte ich, mein Herz gehre Dir; Du hast Dich aber so zurckhaltend kalt
erwiesen, da ich noch rechtzeitig die keimende Leidenschaft erstickte; dann
hab' ich mich eine Zeit lang fr Rosa interessiert; schlielich aber hat sich
meine Neigung bei Lilli fixiert - und dieser Neigung werde ich jetzt treu
bleiben - bis an mein Lebensende.
    Sieht Dir ganz hnlich.
    Lilli oder keine!
    Da sie Dich aber nicht will, mein armer Konrad?
    Glaubst Du, ich wre der erste, der einen Korb bekommen, der sich bei der
Selben einen zweiten und dritten geholt und beim vierten Antrag angenommen
wurde? - schon um der Zudringlichkeit ein Ende zu machen? ... Lilli hat sich
nicht verliebt in mich, eine nicht ganz erklrliche - aber immerhin eine
Thatsache. Da sie unter so bewandten Umstnden der fr so viele Mdchen
unwiderstehlichen Verlockung, Frau zu werden, widerstanden hat, und auf einen,
vom weltlichen Standpunkt annehmbaren Antrag nicht eingegangen ist, das gefllt
mir eigentlich sehr gut von ihr, und ich bin noch verliebter als zuvor. Nach und
nach wird meine Anhnglichkeit sie rhren und Gegenliebe erwecken; dann sollst
Du doch meine Schwgerin werden, liebste Martha. Hoffentlich wirst Du mir nicht
entgegenwirken?
    Ich? - o nein, im Gegenteil; mir gefllt Dein Verharrungssystem. So sollte
immer um uns geworben werden - mit Zeit- und Zrtlichkeitsaufwand - was die
Englnder to woe and to win nennen. Aber minnen und gewinnen: dazu geben sich
unsere jungen Herren wahrlich nicht die Mhe. Sie wollen ihr Glck nicht erst
erringen, sondern es mhelos pflcken, wie eine Blume am Wegesrand!
    Tilling war seit vierzehn Tagen nach Wien zurckgekehrt - so hatte ich
erfahren - doch kam er nicht zu mir. In den Salons konnte ich natrlich nicht
erwarten, ihm zu begegnen, da ihn seine Trauer von allem gesellschaftlichen
Umgang fern hielt. Doch hatte ich gehofft, da er zu mir kommen oder wenigstens
mir schreiben wrde; es verging aber ein Tag um den andern, ohne mir den
erwarteten Besuch oder Brief zu bringen.
    Ich begreife nicht, was Du hast, Martha, so sprach mich eines Morgens
Tante Marie an; Du bist seit einiger Zeit so verstimmt, so zerstreut, so, ich
wei nicht wie ... Du hast sehr, sehr unrecht, da Du keinem Deiner Bewerber
Gehr schenkst. Dieses Alleinsein - das habe ich zu allem Anfang gesagt - taugt
nicht fr Dich. Die Folge davon ist dieser Spleen, der Dich jetzt auszeichnet. -
Hast Du schon Deine sterliche Andacht verrichtet? Das wrde Dir auch gut thun.
    Ich denke, beides: heiraten und beichten, sollte aus Liebe zur Sache gethan
werden und nicht als Spleenkur. - Von meinen Bewerbern gefllt mir keiner, und
was das Beichten betrifft -
    So ist es hchste Zeit: morgen ist Grndonnerstag ... Hast Du Billets zur
Fuwaschung?
    Ja - Papa hat mir welche verschafft - aber ich wei wirklich nicht, ob ich
gehen werde.
    O das mut Du - es gibt nichts Schneres und Erhebenderes, als diese
Ceremonie ... der Triumph der christlichen Demut: Kaiser und Kaiserin auf dem
Boden rutschend, um die Fe armer Pfrndner und Pfrndnerinnen zu waschen -
symbolisiert das nicht so recht, wie klein und nichtig die irdische Majestt vor
der gttlichen ist?
    Um durch Niederknieen Demut sinnbildlich darzustellen, mu man sich eben
sehr erhaben fhlen. Es drckt aus: was Gott Sohn im Verhltnis zu den Aposteln,
das bin ich, Kaiser, zu Pfrndnern. Mir kommt dieses Grundmotiv der Ceremonie
nicht gerade demtig vor.
    Du hast so kuriose Ansichten, Martha. In den drei Jahren, die Du in
lndlicher Einsamkeit und mit Lesen schlechter Bcher zugebracht, hast, sind
Deine Ideen so verschroben geworden.
    Schlechte Bcher?
    Ja, schlecht - ich halte das Wort aufrecht. Neulich, als ich in meiner
Unschuld zum Erzbischof von einem Buch sprach, das ich auf Deinem Tisch gesehen
und das ich dem Titel nach fr ein Andachtsbuch hielt: Das Leben Jesu von einem
gewissen Strau - da schlug er die Hnde ber dem Kopf zusammen und rief:
Barmherziger Himmel, wie kommen Sie zu so einem ruchlosen Werk? Ich wurde ganz
feuerrot und versicherte, da ich das Buch nicht selber gelesen, sondern nur bei
einer Verwandten gesehen. Dann fordern Sie diese Verwandte bei ihrer Seligkeit
auf, diese Schrift ins Feuer zu werfen. Das thue ich hiermit, Martha. Wirst Du
dies Buch verbrennen?
    Wren wir um zwei- oder dreihundert Jahre jnger, so knnten wir zusehen,
wie nicht nur das Werk, sondern auch der Autor in Flammen aufginge. Das wre
wirksamer - momentan wirksamer - auch nicht fr lang' ...
    Du antwortest mir nicht. Wirst Du das Buch verbrennen?
    Nein.
    So kurzweg nein?
    Wozu lange Reden? Wir verstehen einander in dieser Richtung doch nicht,
mein liebstes Tantchen. La Dir lieber erzhlen, was gestern der kleine Rudolf
...
    Und damit war das Gesprch glcklich auf ein anderes, sehr ergiebiges Thema
gelenkt, wo es zu keiner Meinungsverschiedenheit zwischen uns kam; denn ber die
Thatsache, da Rudolf Dotzky das herzigste, originellste, fr sein Alter
vorgeschrittenste Kind der Welt ist - darber waren wir beide einig.
    Am folgenden Tag entschlo ich mich doch, der Fuwaschung beizuwohnen. Etwas
nach zehn Uhr, schwarz gekleidet, wie es sich fr die Karwoche ziemt begaben wir
uns, mein Schwester Rosa und ich, in den groen Ceremoniensaal der Burg.
Daselbst waren auf einer Estrade Pltze fr die Mitglieder der Aristokratie und
des diplomatischen Korps vorbehalten. Man war da also wieder unter sich und
teilte rechts und links Gre aus. Auch die Galerie war dicht gefllt:
gleichfalls Bevorzugte, welche Eintrittskarten erlangt hatten - aber doch etwas
gemischt, nicht zur Crme gehrig, wie wir da unten, auf unserer Estrade.
Kurz, die alte Kastenabsonderung und -bevorrechtung - anllich dieser Feier der
symbolisierten Demut.
    Ich wei nicht, ob den anderen irgendwie religisweihevoll zu Mute war; aber
ich erwartete das Kommende mit ganz derselben Empfindung, mit welcher man im
Theater einem angekndigten Spektakelstck entgegensieht. Ebenso gespannt, wie
man da - nachdem die Gre von Loge zu Loge getauscht, den aufzurollenden
Vorhang ansieht, schaute ich nach der Richtung, wo die Chre und Solisten des
bevorstehenden Schaugeprnges erscheinen sollten. Die Dekoration war schon
aufgestellt - nmlich die lange Tafel, an welcher die zwlf Greise und zwlf
Greisinnen Platz zu nehmen hatten.
    Ich war doch froh, gekommen zu sein; denn ich fhlte mich gespannt, was
immerhin eine angenehme Empfindung ist, und eine Empfindung, welche momentan von
kummervollen Gedanken befreit. Mein steter Kummer war der: Warum lt sich
Tilling nicht sehen? Jetzt hatte mich diese fixe Idee verlassen; was ich zu
sehen erwartete und wnschte, waren die kaiserlichen und die pfrndnerischen
Mitwirkenden der angesetzten Feier. Und gerade in diesem Augenblicke, wo ich
seiner nicht dachte, fielen meine Augen auf Tilling. Soeben nach beendeter
Messe, waren die Hofwrdentrger in den Saal getreten, gefolgt von der
Generalitt und dem Offizierkorps; ich lie meinen Blick gleichgltig ber alle
diese uniformierten Gestalten schweifen - dieselben waren ja nicht die Trger
der Hauptrollen, sondern nur zum Ausfllen der Bhne bestimmt - da pltzlich
erkannte ich Tilling, der gerade unserer Tribne gegenber Aufstellung genommen
hatte. Es durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag. Er sah nicht in unsere
Richtung. Seine Miene trug die Spur des in den letzten Wochen durchgemachten
Leides: es lag ein tieftrauriger Ausdruck in seinen Zgen. Wie gern htte ich
durch einen stummen, innigen Hndedruck mein Mitgefhl ihm ausgedrckt! Ich lie
meinen Blick hartnckig auf ihn geheftet, hoffend, da dies durch eine
magnetische Gewalt ihn zwingen wrde, auch zu mir aufzuschauen - aber vergebens.
    Sie kommen, sie kommen! rief Rosa, mich anstoend. So sieh doch hin ....
Wie schn! Wie ein Gemlde!
    Es waren die Greise und Greisinnen, angethan in altdeutsche Tracht, welche
jetzt hereingeleitet wurden. Die jngste von den Frauen - so hatten die
Zeitungen berichtet - war achtundachtzig, der jngste von den Mnnern
fnfundachtzig Jahre alt. Runzlig, zahnlos, gebckt; - ich konnte Rosas Ach wie
schn wahrlich nicht besttigt finden. Was ihr gefiel, war jedenfalls die
Verkleidung. Diese stimmte eigentlich auch vortrefflich zu der ganzen, von
mittelalterlichem Geist durchwehten Ceremonie. Die Anachronismen hier waren wir,
in unseren modernen Kleidern und mit unseren modernen Begriffen - wir paten
nicht in dies Gemlde.
    Nachdem die vierundzwanzig Alten ihre Sitze an der Tafel eingenommen hatten,
trat eine Anzahl goldgestickter und ordengeschmckter, zumeist ltlicher Herren
in den Saal: - die Geheimen Rte und Kammerherren; viele bekannte Gesichter -
auch Minister Allerdings befand sich darunter. Zuletzt folgten die
Geistlichen, welche bei der feierlichen Handlung fungieren sollten. Jetzt also
war der Einmarsch der Statisten vorber und die Erwartung des Publikums auf das
hchste gespannt.
    Meine Augen waren jedoch nicht so starr, wie diejenigen der brigen Zuseher,
nach jener Richtung geheftet, wo der Hof erscheinen sollte, sondern kehrten
immer zu Tilling zurck. Dieser hatte mich nunmehr gesehen und erkannt. Er
grte.
    Wieder legte sich Rosas Hand auf meinen Arm:
    Martha - ist Dir unwohl? Du bist pltzlich bla und rot geworden - schau'!
... jetzt! jetzt!!
    In der That: der Kapell- - will sagen der Oberceremonienmeister hob seinen
Stab und gab das Zeichen, da das Kaiserpaar nahe. Dies versprach nun allerdings
einen lohnenden Anblick, denn abgesehen davon, da es das hchste war - war es
sicherlich eins der schnsten Paare im Lande. Mit Kaiser und Kaiserin zugleich
waren auch mehrere Erzherzoge und Erzherzoginnen hereingekommen und jetzt konnte
die Feier beginnen. Truchsessen und Edelknaben trugen die gefllten Schsseln
herbei, und der Monarch und die Monarchin stellten dieselben vor die sitzenden
Alten hin. Das war wieder mehr Gemlde als je. Das Gerte und die Speisen und
die Art der Pagen, dieselben zu tragen, erinnerte an verschiedene berhmte
Bilder von Festgelagen im Renaissancestil.
    Kaum aber waren die Gerichte aufgestellt, so wurde die Tafel wieder
abgerumt, eine Arbeit, welche - gleichfalls als Zeichen der Demut - die
Erzherzoge verrichteten. Hiernach ward die Tafel hinausgetragen, die eigentliche
Effektscene des Stckes (was die Franzosen le clou de la pice nennen) - die
Fuwaschung - begann. Freilich nur eine Scheinwaschung, wie das Mahl nur ein
Scheinmahl gewesen. Auf dem Boden knieend, streifte der Kaiser mit einem Tuch
ber die Fe der Greise hinweg, nachdem der ihm assistierende Priester aus
einer Kanne scheinbar Wasser darber gegossen, und so rutschte er vom ersten bis
zum zwlften Pfrndner, whrend die Kaiserin - die man sonst nur so majesttisch
hochaufgerichtet zu sehen bekommt - in derselben demtigen Stellung, in welcher
sie ihre gewohnte Anmut brigens nicht verlie, die gleiche Prozedur an den
zwlf Pfrndnerinnen vornahm. Die begleitende Musik, oder, wenn man will, den
erklrenden Chor, bildete das gleichzeitig vom Hofburgpfarrer vorgelesene
Evangelium des Tages.
    Gern htte ich auf einige Augenblicke mitempfinden mgen, was in dem Geiste
dieser Alten vorging, whrend sie so dasaen, in der seltsamen Tracht, von einer
glnzenden Menge angegafft, den Landesvater, die Landesmutter - Ihre Majestten
- zu ihren Fen ... Wahrscheinlich wre es gar keine klare Empfindung gewesen,
die ich da nachgefhlt htte, wenn mir der gewnschte momentane
Bewutseinstausch gewhrt worden wre, sondern ein verwirrter, geblendeter
Halbtraum, ein zugleich frohes und peinliches, verlegenes und feierliches
Gefhl, ein vollstndiges Stillstehen der Gedanken in den ohnehin unwissenden
und altersschwachen armen Kpfen. Das einzige Wirkliche und Fabare an der Sache
mochte den guten Alten nur die Aussicht auf das rotseidene Beutelchen mit den
dreiig Silberstcken sein, welches jedem von Allerhchster Hand umgehngt wird
und auf den Korb voll Speisen, welchen man ihnen auf die Heimfahrt mitgibt.
    Die ganze Ceremonie war schnell zu Ende und gleich darauf leerte sich der
Saal. Zuerst zog sich der Hof zurck; hierauf entfernten sich alle anderen
Mitbeteiligten, und zugleich auch das Publikum von Estrade und Galerie.
    Schn war's, schn war's! flsterte Rosa mit einem tiefen Atemzug.
    Ich antwortete nichts. Eigentlich hatte ich keine Ursache, die Verwirrung
und Gedankerarmut der Festgreise zu bemitleiden, war mir doch selber das
Verstndnis der eben stattgehabten Feier ein ziemlich verschwommenes, und hatte
ich nur noch den einen Gedanken im Sinn: Wird er uns am Ausgang erwarten?
    Doch wir gelangten nicht so schnell zum Ausgang, als ich gewollt htte.
Zuerst hie es noch, mit fast smtlichen Estradezuschauern, welche gleichzeitig
mit uns ihre Pltze verlieen, Hnde schtteln und ein paar Phrasen tauschen.
Man blieb da im Stiegenhause in einer groen Gruppe stehen und es gab einen
frmlichen Morgenraout. Gr' Dich, Tini. - Bonjour, Martha. - Ah, Sie auch
da, Grfin? - Bist Du fr den Ostersonntag schon vergeben? - Guten Tag,
Durchlaucht, vergessen Sie nicht, da wir Sie Montag Abend zu einer kleinen
Tanzerei erwarten. - Warst Du gestern bei den Dominikanern in der Predigt? -
Nein, ich war im Sacr-coeur, wo meine Tchter eine Retraite machen. - Die
nchste Probe zu unserer Wohlthtigkeitsvorstellung ist Dienstag um zwlf Uhr,
lieber Baron, seien Sie ja pnktlich. - Die Kaiserin hat wieder superb
ausgesehen. - Hast Du bemerkt, Lori, wie der Erzherzog Ludwig Viktor immer zu
der Gtter-Fanny herberschielte? - Madame, j'ai l'honneur de vous prsenter
mes hommages. - Ah, c'est vous, marquis ... charme. - I wish you good
morning, Lord Chesterfield. - Oh, how are you? Awfully fine woman, your
Empress. - Haben Sie schon eine Loge gesichert fr die Vorstellung der Adelina
Patti? Ein ganz wunderbarer aufgehender Stern ... - Die Nachricht von der
Verlobung des Ferdi Drontheim mit der Bankierstochter soll sich also doch
besttigen - es ist ein Skandal!
    Und so schwirrte es hin und her. Ein unbefangener Horcher htte diesen
Gesprchen wohl kaum angemerkt, da sie der Nachstimmung einer eben verrichteten
Demutsandacht entsprangen.
    Endlich traten wir vor das Thor hinaus, wo unsere Wagen warteten und eine
Menge Volk versammelt war. Diese Leute wollten wenigstens diejenigen sehen,
welche so glcklich waren, den Allerhchsten Hof gesehen zu haben; sie konnten
dann ihrerseits als diejenigen, welche die Gesehenhabenden gesehen hatten,
wieder minder Bevorzugten sich sehen lassen.
    Kaum waren wir hinausgetreten, so stand Tilling vor mir. Er verneigte sich.
    Ich mu Ihnen noch danken, Grfin Dotzky, fr den herrlichen Kranz.
    Ich reichte ihm die Hand - aber konnte kein Wort sprechen.
    Unser Wagen war vorgefahren; wir muten einsteigen und Rosa drngte mich
vorwrts; Tilling fhrte die Hand an die Mtze und wollte zurcktreten. Da
machte ich eine heftige Anstrengung und sagte mit einer Stimme, die mir selber
ganz fremd klang:
    Sonntag zwischen zwei und drei, werde ich zu Hause sein.
    Er verneigte sich stumm und wir stiegen ein.
    Du mut Dich erkltet haben, Martha, bemerkte meine Schwester, als wir
davonfuhren; Deine Aufforderung klang furchtbar heiser. Und warum hast Du mir
diesen schwermtigen Stabsoffizier nicht vorgestellt? Ich habe noch selten ein
weniger aufheiterndes Gesicht gesehen.

Am bestimmten Tage und zur bestimmten Stunde lie sich Tilling bei mir anmelden.
Vorher hatte ich in die roten Hefte folgende Eintragung gemacht:
    Ich ahne, da der heutige Tag ber mein Schicksal entscheiden wird. Mir ist
so feierlich und bang, so s erwartungsvoll zu Mute. Diese Stimmung mu ich in
diesen Blttern fixieren, damit, wenn ich einst nach langen Jahren darin
blttere, ich mir recht lebhaft die Stunde ins Gedchtnis zurckrufen knne,
welcher ich jetzt so bewegt entgegensehe. Vielleicht kommt es ganz anders, als
ich denke - vielleicht auch genau so ... jedenfalls wird es mich einst
interessiren, zu sehen, wie weit Voraussicht und Wirklichkeit sich deckten. - -
- Der Erwartete liebt mich - das bewies mir sein am Sterbelager der Mutter
geschriebener Brief; er ist wiedergeliebt - das mu ihm das Rslein im
Totenkranz verraten haben ... Und nun kommen wir zusammen - ohne Zeugen - im
Innersten bewegt - er trostbedrftig - ich vom Wunsche zu trsten durchdrungen:
ich glaube, es wird gar nicht viel Worte geben ... Thrnen in unserer beiden
Augen, zitternd vereinte Hnde - und wir werden uns verstanden haben ... Zwei
liebende, zwei glckliche Menschen - ernsthaft, weihevoll, leidenschaftlich,
andchtig glcklich - whrend in der Gesellschaft die Sache gleichgltig und
trocken etwa so verkndet wird! Wissen Sie schon? die Martha Dotzky hat sich
mit Tilling verlobt - eine miserable Partie. ... Es ist zwei Uhr und fnf
Minuten - jetzt kann er jeden Augenblick eintreten. - Die Glocke ... dieses
Herzklopfen dieses Zittern, ich fhle, da - -
    So weit war ich gekommen. Die letzte Zeile ist mit beinahe unleserlichen
Buchstaben gekritzelt, ein Zeichen, da dieses Herzklopfen, dieses Zittern
keine bloe rhetorische Figur war.
    Voraussicht und Wirklichkeit deckten sich nicht. Tilling verhielt sich
whrend seines halbstndigen Besuches ganz zurckhaltend und kalt. Er bat mich
um Verzeihung fr die Khnheit, welche er gehabt, an mich zu schreiben; ich mge
dieses Beiseitesetzen der Etikette der Unzurechnungsfhigkeit zu gute halten,
welche einen Menschen in so schmerzlichen Augenblicken befallen kann. Dann
erzhlte er mir noch einiges von den letzten Tagen und aus dem Leben seiner
Mutter; aber von dem, was ich erwartet hatte - kein Wort. Und so wurde auch ich
immer zurckhaltender und klter. Als er sich zum Gehen erhob, machte ich keinen
Versuch, ihn zu halten und forderte ihn auch nicht auf, wiederzukommen.
    Und als er drauen war, strzte ich wieder zu den noch offen liegenden roten
Heften hin und schrieb den unterbrochenen Satz weiter:
    Ich fhle, da - alles aus ist ... da ich mich schmhlich getuscht habe,
da er mich nicht liebt und jetzt auch glauben wird, da er mir ebenso
gleichgltig ist, wie ich ihm. Beinahe abstoend habe ich mich benommen. Ich
fhle - er kommt nie wieder. Und doch enthlt die Welt keinen zweiten Menschen
fr mich! So gut, so edel, so geistvoll ist keiner mehr - und so lieb wie ich
Dich gehabt htte, Friedrich, so lieb hat Dich keine andere, Deine Prinzessin -
zu der Du zurckgekehrt zu sein scheinst - schon gewi nicht. Mein Sohn Rudolf,
Du sollst mein Trost und mein Halt sein. Fortan will ich von Frauenliebe nichts
mehr wissen; nur die Mutterliebe soll mir Herz und Leben ausfllen ... Wenn es
mir gelingt, einen solchen Mann aus Dir zu bilden, wie jener einer ist - wenn
ich einst von Dir so beweint werde, Rudolf, wie jener seine Mutter beweint, so
werde ich mein Ziel erreicht haben.
    Eigentlich eine thrichte Einrichtung, das Tagebuchschreiben. Diese stets
wechselnden, zerflieenden und neu erstehenden Wnsche, Vorstze und
Anschauungen, welche den Lauf des Seelenlebens bilden, durch aufgeschriebene
Worte verewigen zu wollen, das ist ein verfehltes Beginnen und bringt dem
lteren nachlesenden Ich die immerhin beschmende Erkenntnis der eigenen
Vernderlichkeit. Hier standen nun auf demselben Blatte und unter demselben
Datum, zwei so grundverschiedene Stimmungen verzeichnet: zuerst die
zuversichtlichste Hoffnung - daneben die vollstndigste Entsagung und die
nchsten Bltter sollten doch wieder ganz Neues berichten ...
    Der Ostermontag war vom herrlichsten Frhlingswetter begnstigt und die an
diesem Tage hergekommenermaen stattfindende Praterfahrt - eine Art Vorfeier des
groen Ersten-Mai-Corso, fiel besonders glnzend aus. Ich wei noch, wie dieser
Glanz, diese Fest- und Lenzwonne, die mich da umgab, mit der Traurigkeit
kontrastierte, welche mein Gemt erfllte. Und doch - ich htte meine
Traurigkeit nicht hergeben wollen - nicht wieder so heiteren, dabei aber leeren
Herzens sein, wie vor etwa zwei Monaten, als ich Tilling noch nicht kannte. Denn
wenn meine Liebe auch allem Anschein nach eine unglckliche war, so war es doch
Liebe - das heit eine Steigerung der Lebensintensitt: dieses warme, zrtliche
Gefhl, welches mein Herz schwellte, so oft das teure Bild mir vor das innere
Auge trat - ich htte es nimmer missen mgen.
    Da ich den Gegenstand meiner Trume hier im Prater, mitten im Gewhle
weiblicher Frhlichkeit zu Gesicht bekommen wrde, erwartete ich nicht. Und
doch: als ich einmal zerstreut die Blicke nach der Reit-Allee schweifen lie,
sah ich von weitem, die Allee in unserer Richtung herabgaloppierend, einen
Offizier in welchem ich sogleich - obschon mein kurzsichtiges Auge ihn nur
undeutlich ausnahm - Tilling erkannte. Als er nun in die Nhe kam und, zu uns
herbersalutierend, sich mit unserem Wagen kreuzte, da erwiderte ich seinen Gru
nicht nur mit einem Kopfnicken, sondern mit lebhaften Winken. Im selben
Augenblick war ich gewahr, da ich da etwas Unpassendes und Ungerechtfertigtes
gethan.
    Wem hast Du solche Zeichen gemacht? fragte meine Schwester Lilli: War es
etwa Papa? ... Ah, ich sehe, fgte sie hinzu, da spaziert ja eben der
unvermeidliche Konrad - dem galt Deine Handverrenkung?
    Dieses rechtzeitige Erscheinen des unvermeidlichen Konrad kam mir sehr
gelegen. Ich war dem treuen Vetter dankbar dafr und bethtigte diese
Dankbarkeit sofort:
    Schau, Lilli, sagte ich, er ist doch ein lieber Mensch und gewi nur
wieder Deinetwegen hier - Du solltest Dich seiner erbarmen, Du solltest ihm gut
sein ... O, wenn Du wtest, wie s es ist, Jemanden lieb zu haben, Du wrdest
Dein Herz nicht so verschlieen. Geh, mach ihn glcklich, den guten Menschen.
    Lilli schaute mich erstaunt an.
    Wenn er mir aber gleichgltig ist, Martha?
    So liebst Du vielleicht einen anderen?
    Sie schttelte den Kopf: Nein, niemand.
    O Du Arme!
    Wir fuhren noch zwei- oder dreimal die Allee auf und nieder. Aber
denjenigen, nach welchem meine Blicke jetzt sphend umhersuchten, sah ich kein
zweites Mal. Er hatte den Prater wieder verlassen.

Einige Tage spter, um die Nachmittagsstunde, trat Tilling bei mir ein. Er traf
mich jedoch nicht allein. Mein Vater und Tante Marie waren auf Besuch gekommen,
und auerdem befanden sich noch Rosa und Lilli, Konrad Althaus und Minister
Allerdings in meinem Salon.
    Ich hatte Mhe, einen berraschungsschrei zu unterdrcken: der Besuch kam
mir so unerwartet und so freudig erregend zugleich. Aber mit der Freude war es
bald vorber, als Tilling, nachdem er die Anwesenden begrt und sich auf meine
Einladung mir gegenber niedergesetzt hatte, in kaltem Tone sagte:
    Ich bin gekommen, Ihnen meine Abschiedsaufwartung zu machen, Grfin. Ich
verlasse in den nchsten Tagen Wien.
    Auf lange? Und wohin? Und warum? Und wieso? fragten gleichzeitig und
lebhaft die anderen, whrend ich stumm blieb.
    Vielleicht auf immer. - Nach Ungarn. - Zu einem anderen Regiment versetzen
lassen. - Aus Vorliebe fr die Magyaren, gab Tilling nach den verschiedenen
Seiten Bescheid.
    Indessen hatte ich mich gefat.
    Das war ein rascher Entschlu, sagte ich mglichst ruhig. Was hat Ihnen
denn unser Wien zu leid gethan, da Sie es auf so gewaltsame Weise verlassen?
    Es ist mir zu lebhaft und zu lustig. Ich bin in einer Stimmung, welche die
Sehnsucht nach einsamer Puta mit sich bringt.
    Ach was, meinte Konrad, je trber die Stimmung, desto mehr soll man
Zerstreuung suchen. Ein Abend im Carltheater wirkt jedenfalls erfrischender, als
tagelange beschauliche Einsamkeit.
    Das beste, um Sie aufzurtteln, lieber Tilling, sagte mein Vater, wre
wohl ein frischer, frhlicher Krieg - aber leider ist jetzt gar keine Aussicht
dazu vorhanden; der Friede droht sich unabsehbar auszudehnen.
    Was das doch fr sonderbare Wortzusammensetzungen sind, konnte ich mich
nicht enthalten zu bemerken: Krieg und - frhlich; Friede und - drohen.
    Allerdings, besttigte der Minister, der politische Horizont zeigt vor
der Hand noch keinen schwarzen Punkt; doch es steigen Wetterwolken mitunter ganz
unerwartet rasch auf, und die Chance ist niemals ausgeschlossen, da eine - wenn
auch geringfgige - Differenz einen Krieg zum Ausbruch bringt. Das sage ich
Ihnen zum Trost, Herr Oberstlieutenant. Was mich anbelangt, der ich kraft meines
Amtes die inneren Angelegenheiten meines Landes zu verwalten habe, so mssen
meine Wnsche allerdings nur nach mglichst langer Erhaltung des Friedens
gerichtet sein; denn dieser allein ist geeignet, die in meinem Ressort liegenden
Interessen zu frdern; doch hindert dies mich nicht, die berechtigten Wnsche
derer anzuerkennen, welche vom militrischen Standpunkt allerdings -
    Gestatten Sie mir, Excellenz, unterbrach Tilling, fr meine Person gegen
die Zumutung mich zu verwahren, da ich einen Krieg herbeiwnsche. Und auch
gegen die Unterstellung zu protestieren, als drfe der militrische Standpunkt
ein anderer sein, als der menschliche. Wir sind da, um, wenn der Feind das Land
bedroht, dasselbe zu schtzen, geradeso wie die Feuerwehr da ist, um, wenn ein
Brand ausbricht, denselben zu lschen. Damit ist weder der Soldat berechtigt,
einen Krieg, noch der Feuerwehrmann, einen Brand herbeizuwnschen. Beides
bedeutet Unglck, schweres Unglck, und als Mensch darf keiner am Unglck seiner
Mitmenschen sich erfreuen.
    Du guter, teurer Mann! redete ich im Stillen den Sprecher an. Dieser fuhr
fort:
    Ich wei wohl, da die Gelegenheit zu persnlicher Auszeichnung dem einen
nur bei Feuersbrnsten dem anderen nur bei Feldzgen geboten wird; aber wie
kleinherzig und enggeistig mu ein Mensch nicht sein, damit sein selbstisches
Interesse ihm so riesig erscheine, da es ihm den Ausblick auf das allgemeine
Weh verrammelt. Oder wie hart und grausam, wenn er es dennoch sieht und nicht
als solches mitempfindet. Der Friede ist die hchste Wohlthat - oder vielmehr
die Abwesenheit der hchsten belthat, - er ist, wie Sie selber sagten, der
einzige Zustand, in welchem die Interessen der Bevlkerung gefrdert werden
knnen, und Sie wollten einem ganzen groen Bruchteil dieser Bevlkerung - der
Armee - das Recht zuerkennen, den gedeihlichen Zustand wegzuwnschen und den
verderblichen zu ersehnen? Diesen berechtigten Wunsch groziehen, bis er zur
Forderung anwchst, und dann vielleicht sogar erfllen? Krieg fhren, damit die
Armee doch beschftigt und befriedigt werde - Huser anznden, damit die
Lschmannschaft sich bewhren und Lob ernten knne?
    Ihr Vergleich hinkt, lieber Oberstlieutenant, entgegnete mein Vater, indem
er gegen seine Gewohnheit Tilling mit seinem militrischen Titel ansprach,
vielleicht um ihn zu ermahnen, da seine Gesinnungen mit seiner Charge nicht
bereinstimmten. - Feuersbrnste bringen nur Schaden, whrend Kriege dem Lande
Macht und Gre zufhren knnen. Wie anders haben sich denn die Staaten gebildet
und ausgebreitet, als durch siegreiche Feldzge? Der persnliche Ehrgeiz ist
wohl nicht das einzige, was dem Soldaten Freude am Kriege macht, vor allem ist
es der nationale, der vaterlndische Stolz, der da seine kstliche Nahrung
findet; - mit einem Wort, der Patriotismus -
    Nmlich die Liebe zur Heimat? fiel Tilling ein. Ich begreife wirklich
nicht, warum gerade wir Militrs machen, als htten wir dieses, den meisten
Menschen natrliche Gefhl, allein in Pacht. Jeder liebt die Scholle, auf der er
aufgewachsen; jeder wnscht die Hebung und den Wohlstand der eigenen Landsleute;
aber Glck und Ruhm sind durch ganz andere Mittel zu erreichen, als durch den
Krieg; stolz kann man auf ganz andere Leistungen sein, als auf Waffenthaten; ich
bin zum Beispiel auf unseren Anastasius Grn stolzer, als auf diesen oder jenen
Generalissimus.
    Wie kann man einen Dichter mit einem Feldherrn nur vergleichen! rief mein
Vater.
    Das frage ich auch. Der unblutige Lorbeer ist weitaus der schnere.
    Aber, lieber Baron, sagte nun meine Tante, so habe ich noch keinen Soldaten
sprechen hren. Wo bleibt da die Kampfbegeisterung, wo das kriegerische Feuer?
    Das sind mir keine unbekannten Gefhle, meine Gndige. Von solchen beseelt,
bin ich als neunzehnjhriger Junge zum erstenmal zu Feld gezogen. Als ich aber
die Wirklichkeit des Gemetzels gesehen, nachdem ich Zeuge der dabei entfesselten
Bestialitt gewesen, da war es mit meinem Enthusiasmus vorbei, und in die
nachfolgenden Schlachten ging ich schon nicht mehr mit Lust, sondern mit
Ergebung.
    Hren Sie, Tilling, ich habe mehr Campagnen mitgemacht als Sie und auch
Schauderscenen genug gesehen, aber mich hat der Eifer nicht verlassen. Als ich
im Jahre 49 schon als ltlicher Mann mit Radetzky marschierte, war's mit
demselben Jubel wie das erste Mal.
    Entschuldigen Sie, Excellenz - aber Sie gehren einer lteren Generation
an, einer Generation, in welcher der kriegerische Geist noch viel lebendiger
war, als in der unseren, und in welcher das Weltmitleid, welches nach
Abschaffung alles Elends begehrt, und das jetzt in immer grere Kreise dringt,
noch sehr unbekannt war.
    Was hilft's? Elend mu es immer geben - das lt sich nicht abschaffen,
ebensowenig wie der Krieg. ...
    Sehen Sie, Graf Althaus, mit diesen Worten kennzeichnen Sie den einstigen,
jetzt schon sehr erschtterten Standpunkt, auf welchem sich die Vergangenheit
allen sozialen beln gegenber verhielt, nmlich den Standpunkt der Resignation,
mit der man das Unvermeidliche, das Naturnotwendige betrachtet. Wenn aber einmal
beim Anblick eines groen Elends die zweifelnde Frage Mute es sein? ins Herz
gedrungen, so kann das Herz nicht mehr kalt bleiben, und es steigt neben dem
Mitleid zugleich eine Art Reue auf - keine persnliche Reue, sondern - wie soll
ich sagen? - ein Vorwurf des Zeitgewissens.
    Mein Vater zuckte die Achseln. Das ist mir zu hoch, sagte er. Ich kann
Sie nur versichern, da nicht nur wir Grovter mit Stolz und Freude auf die
durchgemachten Feldzge zurckdenken, sondern da auch die meisten von den
Jungen und Jngsten, wenn befragt, ob sie gern in den Krieg zgen, lebhaft
antworten wrden: Ja gern - sehr gern.
    Die Jngsten - gewi. Die haben noch den in der Schule eingepflanzten
Enthusiasmus im Herzen. Und von den anderen antworteten viele dieses Gern, weil
dasselbe nach allgemeinen Begriffen als mnnlich und tapfer erscheint, das
aufrichtige Nicht gern aber gar zu leicht als Furcht gedeutet werden knnte.
    Ach, sagte Lilli mit einem kleinen Schauder, ich wrde mich auch frchten
... Das mu ja entsetzlich sein, wenn so von allen Seiten die Kugeln fliegen,
wenn jeden Augenblick der Tod droht -
    So etwas klingt aus Ihrem Mdchenmunde ganz natrlich, entgegnete Tilling,
aber wir mssen den Selbsterhaltungstrieb verleugnen ... Soldaten mssen auch
das Mitleid, den Mitschmerz fr den auf Freund und Feind hereinbrechenden
Riesenjammer verleugnen, denn nchst der Furcht wird uns jede Sentimentalitt,
jede Rhrseligkeit am meisten verbelt.
    Nur im Krieg, lieber Tilling, sagte mein Vater, nur im Krieg; im
Privatleben haben wir, Gott sei Dank, auch weiche Herzen.
    Ja, ich wei: das ist so eine Art Verzauberung. Nach der Kriegserklrung
heit es pltzlich von allen Schrecknissen: Es gilt nicht. Kinder lassen
manchmal diese Konvention in ihren Spielen walten. Wenn ich dies oder jenes
thue, so gilt es nicht, hrt man sie sagen. Und im Kriegsspiel herrschen auch
solche unausgesprochene bereinkommen; Totschlag gilt nicht mehr als Totschlag;
Raub ist nicht Raub - sondern Requisition; brennende Drfer stellen keine
Brandunglcke, sondern genommene Positionen vor. Von allen Satzungen des
Gesetzbuches, des Katechismus, der Sittlichkeit heit es da - solange die Partie
dauert - Es gilt nicht. Wenn aber manchmal der Spieleifer nachlt, wenn das
verabredete Gilt nicht fr einen Moment aus dem Bewutsein schwindet, und man
die umgebenden Scenen in ihrer Wirklichkeit erfat und dies abgrundtiefe
Unglck, das Massenverbrechen als geltend begreift, da wollte man nur noch eins,
um sich aus dem unertrglichen Weh dieser Einsicht zu retten: - tot sein.
    Eigentlich, es ist wahr, bemerkte Tante Marie nachdenklich, Stze wie: Du
sollst nicht tten - sollst nicht stehlen - liebe deinen Nchsten wie dich
selbst - verzeihe deinen Feinden -
    Gilt nicht, wiederholte Tilling. Und diejenigen, deren Beruf es wre,
diese Stze zu lehren, sind die ersten, welche unsere Waffen segnen und des
Himmels Segen auf unsere Schlachtarbeit herabflehen.
    Und mit Recht, sagte mein Vater. Schon der Gott der Bibel war der Gott
der Schlachten, der Herr der Heerschaaren ... Er ist es, der uns befiehlt, das
Schwert zu fhren, er ist es -
    Als dessen Willen die Menschen immer dasjenige dekretieren, unterbrach
Tilling, was sie gethan sehen wollen - und dem sie zumuten, ewige Gesetze der
Liebe erlassen zu haben, welche er, - wenn die Kinder das groe Haspiel
auffhren -, durch gttliches Gilt nicht aufhebt. Genau so roh, genau so
inkonsequent, genau so kindisch wie der Mensch, ist der jeweilig von ihm
dargestellte Gott. Und jetzt, Grfin, fgte er hinzu, indem er aufstand,
verzeihen Sie mir, da ich eine so unerquickliche Diskussion heraufbeschworen
und lassen Sie mich Abschied nehmen.
    Strmische Empfindungen durchbebten mich. Alles, was er eben gesprochen,
hatten mir den teuren Mann noch teurer gemacht ... Und jetzt sollte ich von ihm
scheiden - vielleicht auf Nimmerwiedersehen? So vor anderen Leuten ein kaltes
Abschiedswort mit ihm wechseln und damit alles zu Ende sein lassen? ... Es war
nicht mglich: ich htte, wenn die Thre sich hinter ihm geschlossen, in
Schluchzen ausbrechen mssen. Das durfte nicht sein. Ich stand auf:
    Einen Augenblick, Baron Tilling, sagte ich ... ich mu Ihnen doch noch
jene Photographie zeigen, von der wir neulich gesprochen.
    Er schaute mich erstaunt an, denn es war zwischen uns niemals von einer
Photographie die Rede gewesen. Dennoch folgte er mir in die andere Ecke des
Salons, wo auf einem Tische verschiedene Albums lagen und - wo man sich auer
Gehrweite der anderen befand.
    Ich schlug ein Album auf und Tilling beugte sich darber. Indessen sprach
ich halblaut und zitternd zu ihm:
    So lasse ich Sie nicht fort ... Ich will, ich mu mit Ihnen reden.
    Wie Sie wnschen, Grfin - ich hre.
    Nein, nicht jetzt. Sie mssen wiederkommen ... morgen, um diese Stunde!
    Er schien zu zgern.
    Ich befehle es ... bei dem Andenken Ihrer Mutter, um welche ich mit Ihnen
geweint -
    Oh Martha! ...
    Der so ausgesprochene Name durchzuckte mich wie ein Glcksstrahl.
    Also morgen, wiederholte ich, ihm in die Augen schauend.
    Um dieselbe Stunde.
    Wir waren einig. Ich kehrte zu den andern zurck und Tilling, nachdem er
noch meine Hand an seine Lippen gefhrt und die brigen mit einer Verbeugung
begrt, ging zur Thr hinaus.
    Ein sonderbarer Mensch, bemerkte mein Vater kopfschttelnd. Was er da
alles gesagt hat, wrde hheren Ortes kaum Beifall finden.

Als am folgenden Tage die bestimmte Stunde schlug, gab ich, wie anllich seines
ersten Besuches, Befehl, niemand anderen als Tilling vorzulassen.
    Ich sah der kommenden Unterhaltung mit gemischten Gefhlen
leidenschaftlichen Bangens, ser Ungeduld und - einiger Verlegenheit entgegen.
Was ich eigentlich ihm sagen wollte, das wute ich nicht genau - darber wollte
ich gar nicht nachdenken ... Wenn Tilling etwa die Frage an mich stellte: Nun
denn, Grfin, was haben Sie mir mitzuteilen - was wnschen Sie von mir? so
konnte ich doch nicht die Wahrheit antworten, nmlich: Ich habe Ihnen
mitzuteilen, da ich Sie liebe; ich wnsche, da - Du bleibst. - Aber in so
trockener Form wrde er mich wohl nicht verhren und wir wrden uns schon
verstehen, ohne solche kategorische Fragen und Antworten. Die Hauptsache war:
ihn noch einmal sehen - und wenn schon geschieden sein mute, so doch nicht ohne
vorher ein herzliches Wort gesprochen, ein inniges Lebewohl getauscht zu haben
... Bei dem blo gedachten Worte Lebewohl fllten sich meine Augen mit Thrnen.
-
    In diesem Augenblick trat der Erwartete ein.
    Ich gehorche Ihrem Befehle, Grfin und - Was ist Ihnen? unterbrach er
sich. Sie haben geweint? Sie weinen noch?
    Ich? ... nein ... es war der Rauch - im Nebenzimmer, der Kamin ... Setzen
Sie sich, Tilling ... Ich bin froh, da Sie gekommen sind -
    Und ich glcklich, da Sie mir befohlen haben zu kommen - erinnern Sie
sich? im Namen meiner Mutter befohlen ... Auf das hin habe ich mir vorgenommen,
Ihnen alles zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Ich -
    Nun - warum halten Sie inne?
    Das Sprechen wird mir schwerer noch, als ich glaubte.
    Sie zeigten mir doch so viel Vertrauen - in jener schmerzlichen Nacht, wo
Sie an einem Sterbebette wachten. - Wie kommt es, da Sie jetzt so alles
Vertrauen wieder verloren haben?
    In jener feierlichen Stunde war ich aus mir selber herausgetreten - seither
hat mich wieder meine gewohnte Schchternheit erfat. Ich sehe ein, da ich
damals mein Recht berschritten - und um es nicht wieder zu berschreiten, hatte
ich Ihre Nhe geflohen. ...
    In der That ja: Sie scheinen mich zu meiden. Warum?
    Warum? Weil - weil ich Sie anbete.
    Ich antwortete nichts, und um meine Bewegung zu verbergen, wandte ich den
Kopf ab. Auch Tilling war verstummt.
    Endlich fate ich mich wieder und brach das Schweigen:
    Und warum wollen Sie Wien verlassen? fragte ich.
    Aus demselben Grunde.
    Knnen Sie Ihren Entschlu nicht mehr rckgngig machen?
    Ich knnte wohl - noch ist die Versetzung nicht entschieden.
    Dann bleiben Sie.
    Er fate meine Hand - Martha!
    Es war zum zweitenmale, da er mich bei meinem Namen nannte. Diese beiden
Silben hatten einen berauschenden Klang fr mich ... Darauf mute ich etwas
erwidern, was ihm ebenso s klnge - auch zwei Silben, in welchen alles lag,
was mir das Herz schwellte, und meinen Blick zu ihm erhebend, sagt' ich leise:
    Friedrich!
    In diesem Augenblicke ffnete sich die Thr und mein Vater kam herein.
    Ah, da bist Du ja! Der Bediente sagte, Du seist nicht zu Hause ... ich aber
antwortete, da ich auf Dich warten wolle ... Guten Tag, Tilling! Nach Ihrem
gestrigen Abschied bin ich sehr berrascht, Sie hier zu finden -
    Meine Abreise ist wieder aufgehoben, Excellenz, und da kam ich -
    Meiner Tochter eine Antrittsvisite machen? Schn. Und jetzt wisse, was mich
zu Dir fhrt, Martha. Es ist eine Familienangelegenheit ...
    Tilling stand auf:
    Dann stre ich vielleicht?
    Meine Mitteilung hat ja keine solche Eile. -
    Ich wnschte Papa samt seiner Familienangelegenheit zu den Antipoden.
Ungelegener htte mir keine Unterbrechung kommen knnen. Tilling blieb jetzt
nichts Anderes brig, als zu gehen. Aber nach dem, was eben zwischen uns
vorgefallen, bedeutete Entfernung keine Trennung: unsere Gedanken, unsere Herzen
blieben bei einander.
    Wann seh' ich Sie wieder? fragte er leise, als er mir zum Abschied die
Hand kte.
    Morgen um neun Uhr frh im Prater, zu Pferd, antwortete ich rasch im
selben Tone.
    Mein Vater grte den Fortgehenden ziemlich kalt, und nachdem sich die Thr
hinter ihm geschlossen:
    Was soll das bedeuten? fragte er mit strenger Miene. Du lssest Dich
verleugnen - und ich finde Dich in tte--tte mit diesem Herrn?
    Ich wurde rot - halb in Zorn, halb in Verlegenheit.
    Was ist die Familienangelegenheit, welche Du -
    Das ist sie. Ich wollte Deinen Courmacher nur entfernen, um Dir meine
Meinung sagen zu knnen ... Und ich betrachte es als eine fr unsere Familie
sehr wichtige Angelegenheit, da Du, Grfin Dotzky, geborene Althaus, Deinen Ruf
nicht etwa verscherzest.
    Lieber Vater, der sicherste Wchter meines Rufes und meiner Ehre ist mir in
der Person des kleinen Rudolf Dotzky gegeben, und was die vterliche Autoritt
des Grafen Althaus anbelangt, so lasse mich in aller Ehrerbietung Dich erinnern,
da ich in meiner Eigenschaft als selbststndige Witwe derselben entwachsen bin.
Ich beabsichtige nicht, mir einen Liebhaber zu nehmen, denn das ist's, was Du zu
vermuten scheinst; aber wenn ich mich entschlieen wollte, wieder zu heiraten,
so behalte ich mir vor, ganz frei nach meinem Herzen zu whlen.
    Den Tilling heiraten? wo denkst Du hin? Das gbe erst eine rechte
Familienkalamitt. Da wre mir beinahe noch lieber ... nein, das will ich nicht
gesagt haben ... aber ernstlich, Du fhrst doch keine solche Idee im Schilde?
    Was wre dagegen einzuwenden? Du hast mir erst neulich einen
Oberlieutenant, einen Hauptmann und einen Major in Vorschlag gebracht - Tilling
ist nun gar schon Oberstlieutenant -
    Das ist das schlimmste an ihm. Wre er Civilist, so knnte man ihm die
Ansichten noch verzeihen, die er gestern vorgebracht hat; aber bei einem Militr
grenzen dieselben hart an Verrat ... Er mchte wohl gern seinen Abschied nehmen,
um ja nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, einen Feldzug mitzumachen, dessen
Strapazen und Leiden er offenbar frchtet. Und da er kein Vermgen besitzt, so
ist es eine ganz kluge Idee von ihm, eine reiche Heirat machen zu wollen. Ich
hoffe aber zu Gott, da sich zu diesem Zwecke keine Frau hergeben wird, welche
die Tochter eines alten Soldaten ist, der in vier Kriegen gefochten hat, und
bereit wre, heute noch mit Begeisterung auszurcken - und die Wittwe eines
tapferen jungen Kriegers, welcher auf dem Felde der Ehre einen ruhmvollen Tod
gefunden.
    Mein Vater, welcher whrend des Sprechens mit groen Schritten im Zimmer auf
und nieder ging, war hochgertet und seine Stimme zitterte vor Erregung. Auch
ich war im Innersten erregt. Das Phrasenwerk, das hohle Wortgeklingel, in welche
die Angriffe auf den Mann meiner Liebe eingekleidet waren, widerte mich an. Aber
ich fand keine Entgegnung. Da meine Verteidigung das bodenlose Unrecht, welches
Tilling hier geschah, nicht aufheben konnte, das fhlte ich. Wenn mein Vater die
gestern geuerten Ansichten so falsch beurteilte, so lag das eben an einem
gnzlichen Unverstndnis. Gegen die Gesichtspunkte, welche Tilling vertreten
hatte, war mein Vater einfach blind. Ich konnte ihn nicht sehend machen. Ich
konnte ihn nicht lehren, einen anderen ethischen Mastab - als den soldatischen,
der ja in General Althaus' Augen der hchste Mastab war - an die Gesinnungen zu
legen, welche jener als Mensch und Denker hegte. Aber whrend ich den eben
gehrten Ausfall gegenber so stumm dastand, da mein Vater wohl glauben mochte,
er habe mich beschmt und meine Absichten im Keime erstickt, fhlte ich mich
doppelt sehnschtig zu dem verkannten Manne hingezogen und in dem Entschlu
bestrkt, die Seine zu werden. Ich war ja zum Glck frei. Des Vaters
Mibilligung konnte mich allerdings betrben, allein mich von dem Zuge meines
Herzens zurckhalten, das konnte sie nicht. Und auch zu groer Betrbnis war
kein Raum in meiner Seele. Das wunderbare, das mchtige Glck, welches in der
letzten Viertelstunde sich mir erffnet hatte, war zu lebhaft, um daneben den
Verdru aufkommen zu lassen.

Am folgenden Morgen erwachte ich mit einem Gefhle, das demjenigen glich, mit
welchem ich jedesmal als Kind am Weihnachtstage und einmal als Braut an meinem
Vermhlungsmorgen erwachte: dieselbe unaussprechliche Erwartung, dasselbe
erregte Bewutsein, da heute Frohes, Groes bevorstand. Einige Mistimmung
brachte mir zwar die Erinnerung an die Worte, welche Tags vorher mein Vater
gesprochen - aber diesen Gedanken hatte ich schnell wieder verscheucht.
    Es war noch nicht neun Uhr, als ich am Eingang der Praterallee den Wagen
verlie und mein mit dem Reitknecht vorausgeschicktes Pferd bestieg. Das Wetter
war frhlingsduftend und mild - zwar sonnenlos, darum aber nur desto milder, und
Sonnenschein trug ich ohnehin im Herzen. Es hatte in der Nacht geregnet; die
Bltter prangten in frischem Grn und aus dem Boden drang feuchter Erdgeruch
herauf.
    Ich war kaum hundert Schritte die Allee hinabgeritten, als ich hinter mir
den Hufschlag eines in scharfem Trabe heransprengenden Pferdes vernahm.
    Ah, gr Gott, Martha - das freut mich, Dich hier zu treffen.
    Es war Konrad, der Unvermeidliche. Mich freute diese Begegnung gar nicht.
Nun freilich, der Prater war nicht mein Privatpark und an so schnen
Frhlingsmorgen ist die Reit-Allee stets gefllt: wie konnte ich nur so
ungeschickt sein, hier auf ein ungestrtes Stelldichein zu rechnen? Althaus
hatte seinem Pferd die Gangart des meinen annehmen lassen und schickte sich
offenbar an, der treue Begleiter meines Spazierrittes zu sein. Jetzt erblickte
ich von weitem Friedrich von Tilling, der in unserer Richtung die Allee
herabgaloppierte.
    Vetter - nicht wahr, ich bin Dir eine gute Verbndete? Du weit, da ich
mir Mhe gebe, Lilli fr Dich zu stimmen?
    Ja, edelste der Cousinen.
    Erst gestern abends habe ich ihr wieder Deine guten Eigenschaften gepriesen
... denn Du bist wirklich ein prchtiger Junge: gefllig rcksichtsvoll -
    Was willst Du nur von mir?
    Da Du Deinem Tiere einen Gertenhieb giebst und weiter trabst ...
    Schon war Tilling ganz nahe. Zuerst schaute Konrad ihn, dann mich an, und
ohne ein Wort zu sagen, nickte er mir lchelnd zu und strmte davon, als wre er
auf der Flucht.
    Wieder dieser Althaus! waren Tillings erste Worte, nachdem er Kehrt
gemacht, um an meiner Seite weiterzureiten. In seinem Tone und seinen Mienen
drckte sich deutlich Eifersucht aus. Das freute mich. Ist er bei meinem
Anblicke so ausgerissen, oder geht sein Pferd durch?
    Ich habe ihn weggeschickt, weil -
    Grfin Martha - da ich Sie gerade mit Althaus treffen mute! Wissen Sie
da die Welt behauptet, er sei in seine Cousine verliebt?
    Das ist wahr.
    Und werbe um ihre Gunst?
    Das ist auch wahr.
    Und nicht hoffnungslos?
    Nicht ganz hoffnungslos -
    Tilling schwieg. Ich schaute ihm glcklich lchelnd ins Gesicht.
    Ihr Blick widerspricht Ihren letzten Worten, sagte er nach einer Pause;
denn Ihr Blick scheint mir zu sagen: Althaus liebt mich hoffnungslos.
    Er liebt mich berhaupt nicht. Der Gegenstand seiner Werbung ist meine
Schwester Lilli.
    Sie wlzen mir einen Stein vom Herzen. Dieser Mensch war mit ein Grund,
warum ich Wien verlassen wollte. Ich htte es nicht ertragen knnen, sehen zu
mssen -
    Und was hatten Sie noch fr andere Grnde? unterbrach ich.
    Die Angst, da meine Leidenschaft zunehme, da ich dieselbe nicht lnger
wrde verhehlen knnen - da ich mich lcherlich mache und unglcklich zugleich
-
    Sind Sie unglcklich heute?
    O Martha! ... Ich lebe seit gestern in einem solchen Taumel der Gefhle,
da ich fast bewutlos bin. Aber nicht ohne Angst - wie wenn man gar zu s
trumt - da ich pltzlich wieder zu einer schmerzlichen Wirklichkeit erweckt
werde. Im Grunde ist ja meine Liebe doch aussichtslos ... Was kann ich Ihnen
bieten? Heute lchelt mir Ihre Huld und erhebt mich in den siebenten Himmel ...
Morgen - oder etwas spter - werden Sie mir die unverdiente Huld wieder
entziehen und mich in einen Abgrund der Verzweiflung strzen ... Ich kenne mich
selbst nicht mehr: wie hyperbolisch ich da rede - der ich sonst ein ruhiger,
besonnener Mensch, ein Feind aller bertreibungen bin ... Aber Ihnen gegenber
kommt mir nichts mehr bertrieben vor: in Ihrer Macht liegt es, mich selig und
elend zu machen ...
    Sprechen wir auch von meinen Zweifeln: die Prinzessin -
    O, ist dieser Klatsch Ihnen auch zu Ohren gekommen? Nichts - nichts ist
daran.
    Natrlich, Sie leugnen. Das ist Ihre Pflicht -
    Die betreffende Dame, deren Herz jetzt bekanntermaen in der Burg gefesselt
ist - auf wie lang? denn dieses Herz verschenkt sich hufig - die Dame wrde
auch den diskretesten Menschen nicht zu Grabesverschwiegenheit verpflichten -
also knnen Sie mir doppelt glauben. Und brigens: htte ich Wien verlassen
wollen, wenn jenes Gercht begrndet wre?
    Eifersucht kennt keine Vernunftschlsse: htte ich Sie hierher bestellt,
wenn ich gekommen wre, um meinen Vetter Althaus zu treffen?
    Es wird mir schwer, Martha, so ruhig neben Ihnen einzureiten ... Ich wollte
Ihnen zu Fen fallen - wollte wenigstens Ihre geliebte Hand an meine Lippen
fhren -
    Lieber Friedrich, sagte ich zrtlich, solche Ergsse sind nicht ntig -
auch mit Worten kann man huldigen, wie mit einem Kniefall und liebkosen, wie -
    Mit einem Ku, ergnzte er.
    Nach diesem letzten Worte, das uns beide elektrisch durchzuckte, schauten
wir uns eine Zeit lang in die Augen und erfuhren, da man auch mit Blicken
kssen kann ...
    Er sprach zuerst:
    Seit wann?
    Ich verstand die unvollendete Frage ganz gut.
    Seit jenem Diner bei meinem Vater, antwortete ich. Und Sie?
    Sie? Dieses Sie ist eine Dissonanz, Martha. Soll ich die Frage beantworten,
so werde sie anders formuliert.
    Und - - Du?
    Ich? Wohl auch seit demselben Abend. Aber so recht klar wurde es mir erst
am Sterbebett meiner armen Mutter ... Wie sehnschtig meine Gedanken zu Dir
flchteten!
    Das habe ich auch so verstanden. Du hingegen, hast die Sprache der roten
Rose nicht verstanden, welche zwischen den weien Totenblumen eingeflochten war,
sonst httest Du bei Deiner Ankunft mich nicht so gemieden. Ich begreife noch
jetzt den Grund dieses Fernhaltens nicht - und warum Du abreisen wolltest?
    Weil sich mein Gedanke nie bis zu der Hoffnung verstieg, da ich Dich
erringen knnte. Erst als Du mir bei dem Andenken meiner Mutter befahlst, zu Dir
zu kommen und zu bleiben befahlst - da habe ich verstanden, da Du mir gewogen
bist - da ich Dir mein Leben weihen drfe.
    Also, wenn ich nicht selber mich Dir an den Hals geworfen - Du httest Dich
nicht um mich bemht?
    Du hast eine groe Anzahl Bewerber - unter diesen Haufen wrde ich mich
nicht gemischt haben.
    Ach, die zhlen ja nicht. Die meisten haben es doch nur darauf abgesehen,
die reiche Wittwe -
    Siehst Du - mit diesem Wort ist die Schranke bezeichnet, die mich von der
Bewerbung abhielt: eine reiche Witwe - und ich - ganz ohne Vermgen. Lieber an
unglcklicher Liebe zu Grunde gehen, als von der Welt und namentlich von der
Frau, die ich anbete, dessen verdchtigt zu werden, wessen Du Deinen
Bewerbertro soeben beschuldigt hast.
    O Du Stolzer, Edler, Teurer! Ich wre brigens nicht im stande, Dir einen
niedrigen Gedanken zuzumuten ...
    Woher dieses Vertrauen? Eigentlich kennst Du mich ja so wenig.
    Und jetzt forschten wir einander noch weiter aus. Auf diese Frage seit
wann wir uns liebten, folgten nun die Errterungen warum? Was mich zuerst
angezogen, war die Art gewesen, in welcher er vom Kriege gesprochen. Was ich im
Stillen gedacht und gefhlt - glaubend, es knne kein Soldat ein Gleiches denken
und am allerwenigsten uern - das hat er mit grerer Klarheit gedacht, als
ich, strker gefhlt, - und ganz freimtig ausgesprochen. So sah ich, wie sein
Herz die Interessen seines Standes und sein Geist die Ansichten seiner Zeit
berragten. Das war's, was sozusagen die Grundlage meiner ihm geweihten Liebe
bildete - daneben gab es fr das aufgestellte warum noch unzhlige weil.
Weil er eine so hbsche, vornehme Erscheinung besa; - weil in seiner Stimme ein
eigens sanfter und doch fester Ton vibrierte; - weil er ein so liebender Sohn
gewesen; - weil -
    Und Du? Warum liebst Du mich? unterbrach ich meine Rechenschaftsablegung.
    Aus tausend Grnden und aus einem.
    La hren. Zuerst die tausend.
    Das groe Herz - der kleine Fu - die schnen Augen - der glnzende Geist -
das sanfte Lcheln - der scharfe Witz - die weie Hand - die frauliche Wrde -
der wunderbare -
    Halt ein! Das sollte so bis tausend fortgehen? Da sag' mir lieber den einen
Grund.
    Das ist auch einfacher, denn der eine in seiner Kraft und
Unwiderstehlichkeit umfat die anderen alle. Ich lieb' Dich, Martha, weil - ich
Dich liebe. Darum.

Vom Prater aus fuhr ich geradewegs zu meinem Vater.
    Die Mitteilung, die ich ihm zu machen hatte, wrde zu unangenehmen
Errterungen Anla geben, das sah ich voraus. Doch ich wollte diese
unausbleibliche Unannehmlichkeit sobald als mglich berstanden haben, und ihr
lieber noch unter dem ersten Eindruck meines eben erworbenen Glckes die Stirne
bieten.
    Mein Vater, der ein Sptaufsteher war, sa noch bei seinem Frhstck ber
den Morgenblttern, als ich in sein Arbeitszimmer eindrang Tante Marie war
gleichfalls anwesend und gleichfalls mit Zeitunglesen beschftigt.
    Bei meinem etwas ungestmen Eintritt blickte mein Vater berrascht von
seiner Presse auf, und Tante Marie legte ihr Fremdenblatt aus der Hand.
    Martha? So frh? Und im Reitkleid - was bedeutet das?
    Ich umarmte die beiden und sagte dann, mich in einen Lehnsessel werfend:
    Das bedeutet, da ich von einem Ritt im Prater komme, wo etwas vorgefallen
ist, das ich euch ohne Aufschub mitteilen wollte. Ich nahm daher nicht einmal
die Zeit, nach Hause zu fahren und Toilette zu wechseln -
    Also gar so wichtig und eilig? fragte mein Vater, indem er sich eine
Cigarre ansteckte. Erzhle, wir sind gespannt.
    Sollte ich weiter ausholen? Sollte ich Einleitungen und Vorbereitungen
machen? Nein: lieber kopfber mich hineinstrzen, wie man vom Springbrett sich
ins Wasser schwingt -:
    Ich habe mich verlobt -
    Tante Marie schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen und mein Vater runzelte
die Stirn:
    Ich will doch nicht hoffen - begann er.
    Aber ich lie ihn nicht ausreden: Verlobt mit einem Manne, den ich von
Herzen liebe und hochachte, von dem ich glaube, da er mich vollstndig
glcklich machen kann - mit Baron Friedrich von Tilling.
    Mein Vater sprang auf:
    Da haben wir's! Nach allem, was ich Dir gestern gesagt -
    Tante Marie schttelte den Kopf:
    Ich htte lieber einen anderen Namen gehrt, sagte sie. Erstens ist Baron
Tilling keine Partie er soll gar nichts haben; zweitens scheinen mir seine
Grundstze und Ansichten ...
    Seine Grundstze und Ansichten stimmen mit den meinen berein, und eine
sogenannte Partie zu suchen - darauf bin ich nicht angewiesen ... Vater - mein
Herzensvater, schau' nicht so bitter drein - verdirb mir das hohe Glck nicht,
welches ich zu dieser Stunde empfinde - mein guter, geliebter alter Papa!
    Aber Kind, antwortete er in etwas besnftigtem Tone, denn ein wenig
Zrtlichkeit pflegte ihn gleich zu entwaffnen: es ist ja eben Dein Glck,
welches ich im Auge habe. Ich knnte mit keinem Soldaten glcklich werden, der
nicht mit Leib und Seele Soldat ist.
    Du brauchst ja Tilling nicht zu heiraten, bemerkte Tante Marie ganz
zutreffend. Das Soldatentum ist das geringste, fgte sie hinzu; aber ich
knnte mit einem Manne nicht glcklich werden, der von dem Gott der Bibel in so
wenig ehrerbietigem Tone redet, wie neulich -
    Erlaube mir, Dich aufmerksam zu machen, liebste Tante, da auch Du
Friedrich Tilling nicht zu heiraten brauchst.
    Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, sagte mein Vater mit einem
Seufzer, indem er sich wieder niedersetzte. Natrlich wird Tilling quittieren?
    Darber haben wir noch nicht gesprochen. Lieber wre es mir freilich - aber
ich frchte, er wird es nicht thun.
    Wenn ich denke, da Du einem Frsten einen Korb gegeben hast, seufzte
Tante Marie, und jetzt, statt Dich zu erheben, wirst Du auf der
gesellschaftlichen Leiter herabsteigen!
    Wie unfreundlich Ihr beide seid - und Ihr behauptet doch, mich lieb zu
haben. Da komme ich zu euch - das erste Mal seit des armen Arno Tode - mit der
Nachricht, da ich mich vollkommen glcklich fhle, und anstatt Euch dessen zu
freuen, sucht Ihr allerlei Vergllungsgrnde hervor - und was fr welche:
Militarismus, Jehovah, soziale Leiter!
    Nach einem halben Stndchen war es mir doch gelungen, die alten Leute
einigermaen umzustimmen. Ich hatte mir - nach der Tags zuvor gehaltenen Rede zu
schlieen - den Widerstand meines Vaters viel heftiger gedacht. Vermutlich wurde
er auch, falls meinerseits bloe Absicht und Neigung vorgelegen htte, energisch
versucht haben, Absicht und Neigung zu ersticken; aber dem fait accompli
gegenber sah er wohl ein, da Widerstand nichts mehr ntzen konnte. Oder war es
doch der Einflu des berstrmenden Glcksgefhls, welches in meinen Augen
leuchten und in meiner Stimme beben mochte, das seinen Verdru verscheuchte und
woran er unwillkrlich freudigen Anteil nehmen mute? - kurz, als ich zum Gehen
aufstand und ihm adieu sagte, drckte er einen herzhaften Ku auf meine Wange
und versprach, noch am selben Abend zu mir zu kommen, um daselbst seinen
knftigen Schwiegersohn als solchen zu begren.
    Wie noch weiter jener Tag und der darauf folgende Abend verlief - schade,
da die roten Hefte es nicht verzeichnet haben. Die Einzelheiten sind nach so
langer Zeit meinem Gedchtnis entschwunden - ich wei nur noch, da es herrliche
Stunden waren.
    Zum Thee hatte ich den ganzen Familienkreis um mich versammelt und ich
stellte den Meinen Friedrich von Tilling als meinen Verlobten vor.
    Rosa und Lilli waren entzckt; Konrad Althaus rief: Bravo, Martha! - und
Du, Lilli, nimm Dir ein Beispiel daran! Mein Vater hatte seine frhere
Antipathie entweder berwunden, oder es gelang ihm, dieselbe mir zu liebe zu
verbergen; und Tante Marie war weich und gerhrt:
    Die Ehen werden im Himmel geschlossen, sagte sie, und jedem geschieht
nach seiner Bestimmung. Mit Gottes Segen werdet ihr glcklich werden und den
will ich unermdlich auf euch herabflehen.
    Auch mein Sohn Rudolf wurde dem knftigen neuen Papa vorgestellt, und es
war mir ein eigenes Wohl- und Weihegefhl, als der geliebte Mann mein geliebtes
Kind in seine Arme hob, es innig kte und sagte: Aus Dir, kleiner Bursch',
werden wir einen ganzen Mann machen.
    Im Laufe des Abends brachte mein Vater seine Idee in Betreff des Quittierens
zur Sprache:
    Sie werden jetzt vermutlich Ihre Karrire aufgeben, Tilling? Da Sie ohnehin
kein Freund des Krieges sind -
    Friedrich warf mit berraschter Miene den Kopf zurck:
    Meine Karrire aufgeben? Ich habe ja keine andere .... Und man braucht doch
kein Freund vom Kriege zu sein, um den Militrdienst zu leisten, ebenso wenig
als man -
    Ja, ja, unterbrach mein Vater, das sagten Sie schon neulich: ebenso wenig
als ein Feuerwehrmann ein Liebhaber von Feuersbrnsten zu sein braucht -
    Ich knnte noch mehr Beispiele anfhren: ebenso wenig als ein Arzt den
Krebs und den Typhus lieben, oder als ein Richter ein besonderer Verehrer von
Einbruchsdiebsthlen sein mu. Aber meine Laufbahn aufgeben? Was htte ich fr
eine Veranlassung dazu?
    Veranlassung wre, sagte Tante Marie, Ihrer Frau das Garnisonleben zu
ersparen - und die Angst zu ersparen, falls ein Krieg ausbricht .... Obgleich
diese Angst ein Unsinn ist; denn wenn es einem bestimmt ist, alt zu werden, so
lebt er lange, trotz aller Gefahren.
    Die genannten Grnde wren freilich gewichtig. Meiner knftigen Gefhrtin
die Unannehmlichkeiten des Lebens so viel als mglich fernzuhalten, wird ja mein
eifrigstes Bestreben sein; aber die Unannehmlichkeit einen Mann zu haben, der
berufs- und beschftigungslos wre, mte doch noch grer sein, als diejenige
des Garnisonlebens. Und die Gefahr, da mein Rcktritt von irgend jemand als
Faulheit oder Feigheit ausgelegt werden knnte, wre doch noch schlimmer, als
die Gefahren eines Feldzuges. Mir ist der Gedanke wirklich keinen Augenblick
gekommen .... Hoffentlich auch Ihnen nicht, Martha? (Vor Leuten hatten wir das
Du wieder eingestellt.)
    Und wenn ich es als Bedingung stellte?
    Das werden Sie nicht. Denn sonst mte ich auf das hchste Glck
verzichten. Sie sind reich - ich besitze nichts, als meine militrische Charge,
als die Aussicht auf knftige hhere Rangstufen - und diesen Besitz gebe ich
nicht her. Es wre gegen alle Wrde, gegen meine Begriffe von Ehre -
    Brav, mein Sohn ... jetzt bin ich ausgeshnt. Es wre Snd' und Schand' um
Ihre Laufbahn. Sie haben gar nicht mehr weit zum Obersten und bringen es sicher
zum General - knnen schlielich Festungskommandant, Gouverneur oder
Kriegsminister werden. Das giebt auch der Frau eine angenehme Stellung.
    Ich schwieg still. Um die Aussicht, Frau Kommandantin zu werden, war es mir
gar nicht zu thun. Am liebsten wre es mir gewesen, mit dem Manne meiner Wahl
das Leben in lndlicher Zurckgezogenheit zu verbringen; aber dennoch waren mir
seine eben geuerten Entschlsse lieb. Denn dieselben bewahrten ihn vor dem
Makel des Verdachtes, welchen mein Vater gegen ihn gehegt, und der ihn
sicherlich auch in den Augen der Welt getroffen htte.
    Ja, ganz ausgeshnt - fuhr mein Vater fort. Denn aufrichtig: ich glaubte,
es sei Ihnen hauptschlich darum zu thun .... nun, nun - Sie brauchen nicht so
wtend zu schauen - ich meine: nebenbei darum zu thun, sich ins Privatleben
zurckzuziehen, und da htten Sie sehr unrecht gethan. Auch meiner Martha
gegenber - die ist nun schon einmal ein Soldatenkind, eine Soldatenwitwe - und
ich glaube kaum, da sie einen in Civilkleidern auf die Dauer lieb haben
knnte.
    Jetzt mute Tilling lcheln. Er warf mir einen Blick zu, welcher deutlich
sagte: Ich kenne Dich besser, und antwortete laut:
    Das glaube ich auch: sie hat sich eigentlich nur in meine Uniform verliebt.

Im September desselben Jahres fand unsere Trauung statt.
    Mein Brutigam hatte sich fr die Hochzeitsreise einen zweimonatlichen
Urlaub erwirkt. Unsere erste Etappe war Berlin. Ich hatte den Wunsch geuert,
einen Kranz auf das Grab von Friedrichs Mutter niederzulegen und unsere Reise
mit diesem Pilgergang zu erffnen.
    In der preuischen Hauptstadt hielten wir uns acht Tage auf. Friedrich
machte mich mit seinen dort lebenden Verwandten bekannt und alle erschienen mir
als die liebenswrdigsten Leute von der Welt. Freilich - wenn man eben die
rosafarbenen Brillen trgt, durch welche man whrend der Honigwochen die
Auenwelt zu betrachten pflegt, da findet man alles lieb und schn. Zudem wird
neuvermhlten Paaren allseitig mit heiterer und freundlicher Zuvorkommenheit
begegnet: alles hlt sich fr verpflichtet, auf ihre ohnedies so blhenden Pfade
immer neue Rosen zu streuen.
    Was mir an den Norddeutschen besonders wohlgefiel, war die Sprache. Nicht
nur, weil dieselbe den Accent meines Mannes aufwies - eine seiner
Eigentmlichkeiten, in welche ich mich zuerst verliebt hatte - sondern weil sie
mir, im Vergleich zu der in sterreich blichen Redeweise, ein hheres
Bildungsniveau zu bekunden schien; oder vielmehr, nicht nur schien, sondern in
der That bekundete. Grammatikalische Verste, wie solche die Umgangssprache der
besseren wiener Kreise verunstalten, kommen in der guten berliner Gesellschaft
nicht vor. Die preuische Verwechselung des Dativ und Accusativ: Gieb mich
einen Federhut bleibt auf die unteren Klassen beschrnkt, whrend die in Wien
blichen Kasus-Fehler: Ohne Dir - Mit die Kinder hufig genug in den ersten
Salons gehrt werden. Gemtlich mgen wir immerhin unsere Sprache nennen und
dieselbe von den Auslndern auch so befunden werden lassen - eine Inferioritt
stellt sie jedenfalls vor. Wenn man Menschenwert nach der Bildungsstufe mit -
und welchen richtigeren Mastab gb' es wohl, als diesen? - so ist der
Norddeutsche um ein Stckchen mehr Mensch, als der Sddeutsche - ein Ausspruch,
der im Munde eines Preuen sehr arrogant klnge, und aus der Feder einer
sterreicherin sehr unpatriotisch erscheinen mag; - aber wie selten gibt es
eine ausgesprochene Wahrheit, die nicht irgendwo oder irgendwen verletzte ...
    Unser erster Besuch in Berlin - nachdem wir auf dem Friedhofe gewesen - galt
der Schwester der Verstorbenen. Aus der Liebenswrdigkeit und geistigen
Bedeutendheit dieser Frau konnte ich schlieen, wie liebenswrdig und bedeutend
Friedrichs Mutter gewesen sein mute, wenn sie Frau Kornelie von Tessow glich.
Letztere war die Witwe eines preuischen Generals und besa einen einzigen Sohn,
welcher damals eben Lieutenant geworden war.
    Einem schneren Jngling wie diesem Gottfried von Tessow bin ich in meinem
ganzen Leben nicht begegnet. Rhrend anzusehen war es, wie Mutter und Sohn an
einander hingen; auch darin schien Frau Kornelie hnlichkeit mit ihrer
verstorbenen Schwester gehabt zu haben. Wenn ich den Stolz sah, welchen sie
augenscheinlich in Gottfried setzte, und die Zrtlichkeit, mit welcher dieser
seine Mutter behandelte, so freute ich mich schon in Gedanken auf die Zeit, wo
mein Sohn Rudolf erwachsen sein wrde. Nur eines konnte ich nicht begreifen, und
ich uerte dies auch zu meinem Manne:
    Wie kann eine Mutter ihr einziges Kind, ihr Kleinod, einen so gefhrlichen
Beruf ergreifen lassen, wie den militrischen?
    Es gibt einfach Gedanken, liebes Herz, antwortete mir Friedrich, die
niemand denkt, naheliegende Erwgungen, die niemand anstellt. Ein solcher
Gedanke ist die Gefhrlichkeit des Soldatenberufes. Den lt man nicht
aufkommen: es liegt - so meint man - eine Art Unanstndigkeit und Feigheit
darin, diese Erwgung in Betracht zu ziehen. Es wird als so selbstverstndlich
und unvermeidlich angenommen, da diese Gefahr bestanden werden mu und
eigentlich fast immer glcklich bestanden wird (die Prozente der Gefallenen
verteilen sich auf die anderen), da man an die Todeschance gar nicht denkt. Sie
ist zwar da - aber das ist sie ja fr jeden Geborenen, und keiner denkt an den
Tod. In dem Verjagen lstiger Begriffe vermag der Geist Groes zu leisten. Und
schlielich: was kann ein preuischer Edelmann wohl fr eine angenehmere und
angesehenere Stellung haben als die eines preuischen Kavallerieoffiziers?
    Tante Kornelia schien auch an mir Gefallen zu finden.
    Ach, seufzte sie einmal -, da meine arme Schwester die Freude nicht
erleben sollte, solch eine Schwiegertochter zu besitzen und ihren Friedrich so
glcklich zu sehen wie er es jetzt an Deiner Seite ist. Es war immer ihr
sehnlichster Wunsch, ihn verheiratet zu sehen. Aber er stellte so hohe
Anforderungen an die Ehe -
    Es scheint nicht, Tantchen, da er mit mir vorlieb genommen ...
    A trap for a compliment nennen das die Englnder. - Ich wollte, mein
Gottfried knnte auch einst solchen Treffer machen. Ich bin jetzt schon
ungeduldig, Gromutterfreuden zu erleben. Doch da werde ich wohl noch lange
warten knnen: mein Sohn ist erst einundzwanzig Jahre alt.
    Er mag viele Mdchenkpfe verdrehen, sagte ich, viele Herzen brechen -
    Das sicht ihm nicht gleich: einen braveren rechtschaffeneren Jungen giebt's
nicht. Er wird einmal eine Frau sehr glcklich machen -
    So wie Friedrich die seine -
    Noch kannst Du das nicht wissen, liebes Herz; darber mssen wir nach zehn
Jahren wieder reden. In den ersten Wochen sind fast alle Ehen glcklich. Damit
will ich jedoch keinen Zweifel an meinem Neffen, noch an Dir ausgedrckt haben -
ich glaube selber, da Euer Glck ein dauerhaftes sein wird.
    Von Berlin aus begaben wir uns nach den deutschen Bdern. Meine kurze
Italienreise mit Arno - von der ich brigens nur eine ganz traumhafte Erinnerung
hatte - abgerechnet, war ich von Hause nie weggekommen. Dieses Kennenlernen
neuer Orte, neuer Menschen und neuen Lebens versetzte mich in gehobenste
Stimmung. Die Welt schien mir pltzlich so schn und noch einmal so interessant
geworden. Wre mein kleiner Rudolf nicht gewesen, den ich zurckgelassen hatte,
ich wrde Friedrich vorgeschlagen haben: La uns jahrelang so herumreisen, wie
jetzt. Besuchen wir ganz Europa und hernach die brigen Weltteile; genieen wir
diese Wanderexistenz, dieses ungebundene Umherstreifen; sammeln wir die
Reichtmer neuer Eindrcke und Erfahrungen. berall, wo wir hinkommen - und
seien uns Land und Leute noch so fremd - bringen wir ja durch unser
Beisammensein ein gengendes Stck Heimsttte mit. Was htte mir Friedrich auf
solchen Vorschlag geantwortet? Wahrscheinlich, da man es sich nicht zum Beruf
machen kann, bis an sein Lebensende hochzeitzureisen, da sein Urlaub nur zwei
Monate dauert und dergleichen vernnftige Sachen mehr.
    Wir besuchten Baden-Baden, Homburg und Wiesbaden. berall dasselbe
frhliche, elegante Treiben - berall so viele interessante Menschen aus aller
Herren Lndern. Im Umgang mit diesen Fremden wurde ich erst gewahr, da
Friedrich die franzsische und englische Sprache vollkommen beherrschte; dies
lie ihn in meiner Bewunderung noch um einen Grad steigen. Immer wieder
entdeckte ich neue Eigenschaften an ihm: Sanftmut, Heiterkeit, lebhafteste
Empfnglichkeit fr alles Schne. Eine Rheinfahrt setzte ihn in Entzcken und im
Theater oder Konzertsaal, wenn die Knstler Hervorragendes leisteten, leuchtete
ihm der Genu aus den Augen. Dadurch erschien mir der Rhein mit seinen Burgen
doppelt romantisch, darum bewunderte ich die Vortrge berhmter Virtuosen
doppelt.
    Diese zwei Monate vergingen leider viel zu schnell. Friedrich kam um
Verlngerung seines Urlaubs ein, wurde aber abschlgig beschieden. Das war mir
seit unserer Verheiratung der erste Moment des rgers, als dieses offizielle
Papier anlangte, welches im trockenen Stile unsere Heimkehr befahl.
    Und das nennen die Menschen Freiheit! rief ich, das beleidigende Dokument
auf den Tisch schleudernd.
    Tilling lchelte. O, ich bilde mir nicht im mindesten ein, frei zu sein,
meine Herrin, erwiderte er.
    Wenn ich Deine Herrin wre, knnte ich Dir befehlen, dem Militrdienst
Valet zu sagen und nur noch meinem Dienste zu leben.
    ber diese Frage waren wir ja einig geworden -
    Freilich: ich habe mich fgen mssen, doch das beweist, da Du nicht mein
Sklave bist - und das ist mir im Grunde recht, mein lieber, stolzer Mann!

Von unserer Reise zurckgekehrt, rckten wir nach einer kleinen mhrischen Stadt
- der Festung Olmtz - ein, wo Friedrichs Regiment in Garnison lag. Von
geselligem Verkehr war in dem Neste keine Rede, und so lebten wir beide in
vlliger Zurckgezogenheit. Auer den Stunden, die wir dem Dienst widmeten - er
als Oberstlieutenant bei seinen Dragonern, ich als Mutter bei meinem Rudolf -
widmeten wir uns gegenseitig nur einander. Mit den Damen des Regiments waren die
ntigen Ceremonienbesuche und Gegenbesuche ausgetauscht worden, aber auf nheren
Umgang lie ich mich nicht ein; es gelstete mich nicht im geringsten darnach,
bei Nachmittag-Kaffeegesellschaften Dienstbotengeschichten und Stadtklatsch zu
hren, und ebenso fern hielt sich Friedrich den Spielpartien des Obersten und
den Trinkgelagen der Offiziere. Da hatten wir Besseres zu thun. Die Welt, in der
wir uns bewegten - wenn wir des Abends zusammen beim brodelnden Theekessel saen
- die war von der Welt der Olmtzer Geselligkeitskreise sternenweit entfernt.
Sternenweit mitunter im buchstblichen Sinne - denn einige unserer liebsten
geistigen Ausflge waren nach dem Firmament gerichtet. Wir lasen nmlich
miteinander wissenschaftliche Werke und unterrichteten uns ber die Wunder des
Weltalls. Da durchstreiften wir die Tiefen des Erdballs und die Hhen der
Himmelsrume; da drangen wir in die Geheimnisse der mikroskopisch unendlichen
Kleinheiten und der teleskopisch unendlichen Fernen, und je grer die Welt vor
unseren Blicken sich entfaltete, in desto winzigere Dimensionen schrumpfte der
Olmtzer Interessenkreis ein. Unsere Lektren beschrnkten sich nicht auf
Naturkunde allein, sondern umfaten noch viele andere Zweige der Forschung und
des Gedankens. So nahm ich unter anderem zum drittenmal meinen geliebten Buckle
vor, um Friedrich mit diesem Autor bekannt zu machen, den er dann ebensosehr
bewunderte, wie ich; dabei vernachlssigten wir auch die Dichter und
Romanschriftsteller nicht, und so gestalteten sich unsere gemeinschaftlichen
Leseabende zu wahren Festen des Geistes - whrend unsere brige Existenz
eigentlich ein ununterbrochenes Fest des Herzens war. Tglich gewannen wir uns
lieber; was die Leidenschaft an Feuer einbte, das gewann die Zuneigung an
Innigkeit, die Achtung an Festigkeit. Das Verhltnis zwischen Friedrich und
Rudolf war der Gegenstand meines Entzckens. Die beiden waren die besten
Kameraden der Welt, und sie miteinander spielen zu sehen, war kstlich.
Friedrich war dabei von den zweien beinah der kindischere. Natrlich mischte ich
mich sofort auch in die Partie, und was da fr Dummheiten getrieben und geredet
wurden, das mgen uns die Weisen und Gelehrten verzeihen, deren Werke wir lasen
- wenn Rudolf zu Bett gebracht war. Zwar behauptete Friedrich, da er von Hause
aus kein besonderer Kinderfreund sei; aber einmal war der Kleine seiner Martha
Sohn, und zweitens war er wirklich lieb und herzig und schmiegte sich seinem
Stiefvater gar so zrtlich an. Wir machten hufig Plne ber die Zukunft des
Knaben. Soldat? ... Nein. Dazu wrde er nicht taugen, denn in unserem
Erziehungsplan wrde die Drillung zur Kriegsruhmliebe keinen Platz finden.
Diplomat! Vielleicht. Am wahrscheinlichsten aber Landwirt. Als knftiger Erbe
des Dotzkyschen Majorats, welches ihm von dem nunmehr sechsundsechzigjhrigen
Onkel Arnos einst zufallen mute, wrde es ihm Berufs genug sein, seine
Besitzungen rationell zu verwalten. Dann sollte er seine kleine Braut Beatrix
heimfhren und ein glcklicher Mensch werden. Wir waren selber so glcklich, da
wir gern fr die ganze Mitwelt, und fr die knftigen Geschlechter obendrein,
Schtze von Lebensfreude htten gesichert sehen wollen ... Dennoch verschlo
sich unsere Einsicht dem Elend nicht, unter welchem der grte Teil der
Menschheit seufzt und wohl noch durch manche Generation wird seufzen mssen:
Armut, Unwissenheit, Unfreiheit - so vielen Gefahren und beln ausgesetzt -
unter diesen beln das frchterlichste: der Krieg. Ach, wenn man beitragen
knnte, es abzuwlzen! Dieser seufzende Wunsch entrang sich oft unseren Herzen,
aber die Betrachtung der herrschenden Zustnde und Ansichten stellte solchen
Wnschen ein entmutigendes Unmglich entgegen. Leider - der schne Traum, da
es allen wohlergehe, und alle lange leben mgen auf Erden, lt sich nicht
erfllen - wenigstens nicht in der Gegenwart. Aber die pessimistische Lehre, da
das Leben ein bel sei, da es allen besser wre, sie wren nie geboren - die
war uns durch unser eigenes Dasein grndlich widerlegt.
    Zu Weihnachten unternahmen wir einen Abstecher nach Wien, um die Festtage im
Kreise meiner Familie zuzubringen. Mein Vater war nunmehr mit Friedrich vllig
ausgeshnt. Die Thatsache, da letzterer den Militrdienst nicht verlassen,
hatte die anfnglichen Zweifel und Verdchtigungen verscheucht. Da ich eine
schlechte Partie gemacht, das blieb freilich sowohl meines Vaters als auch
Tante Mariens berzeugung; andererseits muten sie aber auch die Thatsache
anerkennen, da mich mein Mann sehr glcklich machte, und das rechneten sie ihm
doch zu gute.
    Rosa und Lilli that es leid, da sie im kommenden Fasching nicht unter
meiner, sondern unter der weit strengeren Aussicht der Tante in die Welt gehen
sollten. Konrad Althaus war nach wie vor ein eifriger Besucher des Hauses, und
es wollte mir scheinen, als htte er in der Gnade Lillis einige Fortschritte
gemacht.
    Der heilige Abend fiel sehr heiter aus. Es ward ein groer Christbaum
angezndet und von einem zum andern wurden allerlei Geschenke getauscht. Der
Knig des Festes und der Meistbeschenkte war natrlich mein Sohn Rudolf; aber
auch alle brigen wurden bedacht. So erhielt Friedrich von mir einen Gegenstand,
bei dessen Anblick er einen Freudenschrei nicht unterdrcken konnte. Es war ein
silberner Briefbeschwerer in Gestalt eines Storches. Derselbe hielt einen Zettel
im Schnabel, auf welchem von meiner Schrift die Worte standen: Im Sommer 1864
bringe ich etwas.
    Friedrich umarmte mich strmisch. Wren die andern nicht dabei gewesen, er
htte sicherlich einen Rundtanz mit mir aufgefhrt.

Am ersten Feiertag versammelte sich die ganze Familie wieder bei meinem Vater
zum Diner. Von Fremden war nur Excellenz Allerdings und Doktor Bresser
anwesend. Als wir da in dem altbekannten Speisezimmer bei Tische saen, mute
ich lebhaft jenes Abends gedenken, wo uns beiden unsere Liebe zuerst deutlich
ins Bewutsein getreten. Doktor Bresser hatte denselben Gedanken:
    Erinnern Sie sich noch der Piketpartie, die ich mit Ihrem Herrn Vater
spielte, whrend Sie am Kamin mit Baron Tilling plauderten? fragte er mich.
Ich sah aus, nicht wahr, als wre ich ganz in mein Spiel vertieft, aber dennoch
hatte ich mein Ohr in Ihrer Richtung gespitzt und hrte aus dem Klang der
Stimmen - die Worte konnte ich nicht vernehmen - ein gewisses Etwas heraus,
welches in mir die berzeugung weckte: Die zwei werden ein Paar. Und wenn ich
Sie jetzt mit einander beobachte, so steigt mir eine neue berzeugung auf,
nmlich: Die zwei sind und bleiben ein glckliches Paar.
    Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Doktor. Ja, wir sind glcklich. Ob wir es
bleiben? Das hngt leider nicht von uns ab, sondern vom Schicksal ... ber jedem
Glck schwebt eine Gefahr, und je inniger das erste, desto grausiger die
letzte.
    Was knnen Sie frchten?
    Den Tod.
    Ah so. Der war mir gar nicht eingefallen. Ich habe zwar als Arzt fters
Gelegenheit, dem Gesellen zu begegnen - aber ich denke nicht daran. Der liegt ja
bei gesunden und jungen Leuten, wie das in Rede stehende glckliche Paar, in so
entrckter Ferne -
    Was ntzt dem Soldaten Jugend und Gesundheit?
    Verscheuchen Sie solche Ideen, liebste Baronin. Es ist ja kein Krieg in
Sicht. Nicht wahr, Excellenz, wandte er sich an den Minister, gegenwrtig ist
am politischen Himmel der mehrfach erwhnte schwarze Punkt nicht zu sehen?
    Punkt ist viel zu wenig gesagt, antwortete der Befragte. Es ist vielmehr
eine schwarze, schwere Wolke.
    Ich erbebte bis ins Innerste:
    Was? wie? was meinen Sie? rief ich lebhaft.
    Dnemark treibt es gar zu bunt ...
    Ah so, Dnemark, sagte ich erleichtert. Die Wolke droht also nicht uns?
Es ist mir zwar unter allen Umstnden betrbend, wenn ich hre, da man sich
irgendwo schlagen will - aber wenn es die Dnen sind und nicht die sterreicher,
dann flt mir das wohl Beileid, aber keine Furcht ein.
    Du brauchst Dich auch nicht zu frchten, fiel mein Vater lebhaft ein,
falls sterreich sich beteiligt. Wenn wir die Rechte Schleswig-Holsteins gegen
die Vergewaltigung Dnemarks verteidigen, so riskieren wir ja nichts dabei. Es
handelt sich da um kein sterreichisches Territorium, dessen Verlust ein
unglcklicher Feldzug herbeifhren knnte -
    Glaubst Du denn, Vater, da - wenn unsere Truppen ausmarschieren mten -
ich an solche Dinge, wie sterreichisches Territorium, schleswig-holsteinsche
Rechte und dnische Vergewaltigung dchte? Ich she blos eins: die Lebensgefahr
unserer Lieben. Und die bleibt gleich gro, ob nun aus diesem oder jenem Grund
Krieg gefhrt wird.
    Die Schicksale der Einzelnen kommen nicht in Betracht, mein liebes Kind, da
wo es sich um weltgeschichtliche Ereignisse handelt. Bricht ein Krieg aus, so
verstummen die Fragen, ob der oder der dabei fllt, oder nicht, vor der einen
gewaltigen Frage, was das eigene Land dabei gewinnen oder verlieren wird. Und
wie gesagt: wenn wir uns mit den Dnen raufen, so ist nichts zu verlieren dabei,
wohl aber unsere Machtstellung im deutschen Bund zu erweitern. Ich trume immer,
da die Habsburger noch einmal die ihnen gebhrende deutsche Kaiserwrde
zurckerlangen. Es wre auch ganz in der Ordnung. Wir sind der bedeutendste
Staat im Bunde! die Hegemonie ist uns gesichert - aber das gengt nicht ... Ich
wrde den Krieg mit Dnemark als eine sehr gnstige Gelegenheit begren, nicht
nur die Scharte von 59 auszuwetzen, sondern auch unsere Stellung im deutschen
Bunde so zu gestalten, da wir fr den Verlust der Lombardei reichen Ersatz
finden und - wer wei - so an Macht gewinnen, da uns die Rckeroberung dieser
Provinz ein leichtes wre.
    Ich blickte zu Friedrich hinber. Er hatte sich an dem Gesprche nicht
beteiligt, sondern war in eine eifrige lachende Unterhaltung mit Lilli
verwickelt. Ein stechender Schmerz schnitt mir durch die Seele: ein Schmerz, der
in ein Bndel zwanzig verschiedene Vorstellungen vereinte: Krieg ... und er,
mein alles, mute mit ... verkrppelt, erschossen ... das Kind unter meinem
Herzen, dessen angekndigtes Kommen er gestern mit solchem Jubel begrt - es
sollte vaterlos zur Erde kommen? ... Zerstrt, zerstrt - unser kaum erblhtes,
noch so reiche Frucht verheiendes Glck! ... Diese Gefahr in der einen
Wagschale, und in der anderen? sterreichisches Ansehen im deutschen Bund,
schleswig-holsteinische Befreiung - frische Lorbeerbltter im Ruhmeskranze des
Heeres - das heit ein paar Phrasen fr Schulvortrge und Armeeproklamationen
... und sogar das nur zweifelhaft, denn ebenso mglich wie der Sieg, ist ja die
Niederlage ... Und nicht nur einem vereinzelten Leid, dem meinen, wird das
vermeintliche vaterlndische Wohl entgegengestellt, sondern tausend und
abertausend einzelne im eigenen und im Feindeslande mten denselben Schmerz
einsetzen, der mich jetzt durchbebte ... Ach, war denn dem nicht vorzubeugen -
war's nicht abzuwehren? Wenn sich alle vereinten - alle Vernnftigen, Guten,
Gerechten - um das drohende bel zu verhten -
    Sagen Sie mir doch, wandte ich mich laut an den Minister, stehen die
Dinge wirklich schon so schlimm? Habt Ihr, Minister und Diplomaten, habt Ihr
denn solche Konflikte nicht zu vermeiden gewut, werdet Ihr deren Ausbruch nicht
zu verhindern wissen?
    Glauben Sie denn, Baronin, da es unseres Amtes ist, den ewigen Frieden zu
erhalten? Das wre allerdings eine schne Mission - aber unausfhrbar Wir sind
nur da, ber die Interessen unserer respektiven Staaten und Dynastien zu wachen,
jeder drohenden Verringerung ihrer Machtstellung entgegenzuarbeiten und jede
mgliche Suprematie zu erringen trachten, eiferschtig die Ehre des Landes
hten, uns angethanen Schimpf rchen -
    Kurz, unterbrach ich, nach dem kriegerischen Grundsatze handeln: dem
Feind - das ist nmlich jeder andere Staat - thunlichst zu schaden und, wenn ein
Streit entsteht, so lange hartnckig behaupten, da man im Recht ist, - auch
wenn man sein Unrecht einsieht, nicht wahr?
    Allerdings.
    Bis beiden Streitenden die Geduld reit und drauf losgehauen werden mu ...
es ist abscheulich!
    Das ist doch der einzige Ausweg. Wie anders soll denn ein Vlkerstreit
geschlichtet werden?
    Wie werden denn Prozesse zwischen einzelnen gesitteten Menschen
geschlichtet?
    Durch das Tribunal. Die Vlker unterstehen aber keinem solchen.
    Ebensowenig wie die Wilden, kam mir Doktor Bresser zu Hilfe. Ergo sind
die Vlker in ihrem Verkehr noch ungesittet und es drfte wohl noch lange Zeit
vergehen, bis sie dazu gelangen, ein internationales Schiedsgericht
einzusetzen.
    Dazu wird es nie kommen, sagte mein Vater Es gibt Dinge, die nur
ausgefochten und nicht ausprozessiert werden knnen. Selbst wenn man versuchen
wollte, ein solches Schiedsgericht zu errichten - die starken Regierungen wrden
sich demselben ebensowenig beugen, wie zwei Edelleute, von denen der eine
beleidigt worden, ihre Differenz zu Gericht tragen. - Die schicken einander
einfach ihre Zeugen und schlagen sich rechtschaffen.
    Das Duell ist aber auch ein barbarischer, unsittlicher Brauch -
    Sie werden's nicht ndern, Doktor.
    Ich werde es aber wenigstens nicht gutheien, Excellenz.
    Was sagst denn Du, Friedrich? wandte sich nun mein Vater an den
Schwiegersohn. Bist Du etwa auch der Ansicht, da man nach einer erhaltenen
Ohrfeige zu Gericht gehen soll und um 5 fl. Schadenersatz klagen?
    Ich wrde es nicht thun.
    Du wrdest den Beleidiger fordern?
    Versteht sich.
    Aha, Doktor - aha, Martha, triumphierte mein Vater, hrt Ihr? Auch
Tilling, der doch kein Freund des Krieges ist, gibt zu, ein Freund des Duells zu
sein.
    Ein Freund? Das habe ich nie behauptet. Ich sagte nur, da ich gegebenen
Falls selbstverstndlich zum Duell greifen wrde - wie ich es brigens auch
schon ein und das andere Mal gethan; gerade so selbstverstndlich, wie ich schon
mehreremale in den Krieg gezogen, und bei dem nchsten Anla wieder ziehen
werde. Ich fge mich den Satzungen der Ehre. Damit will ich aber keineswegs
gesagt haben, da diese Satzungen, wie sie unter uns bestehen, meinem sittlichen
Ideal entsprechen. Nach und nach, wenn dieses Ideal die Herrschaft gewinnt, wird
der Begriff der Ehre auch eine Wandlung erfahren: einmal wird eine erhaltene
Injurie, wenn sie unverdient ist, nicht auf den Empfnger, sondern auf den rohen
Geber als Schmach zurckfallen; zweitens wird das Selbstrcheramt auch in Sachen
der Ehre ebenso auer Gebrauch kommen, wie in kultivierter Gesellschaft die
Selbstjustiz in anderen Dingen thatschlich schon verschwunden ist. Bis dahin -
    Da knnen wir lange warten, unterbrach mein Vater. So lange es berhaupt
Edelleute gibt -
    Das mu auch nicht immer sein, meinte der Doktor.
    Oho, Sie wollen gar den Adel abschaffen, Sie Radikaler? rief mein Vater.
    Den feudalen allerdings. Edelleute braucht die Zukunft keine.
    Desto mehr Edelmenschen, bekrftigte Friedrich.
    Und diese neue Gattung wird Ohrfeigen einstecken?
    Sie wird vor allem keine austeilen.
    Und sich nicht verteidigen, wenn der Nachbarstaat einen kriegerischen
Einfall macht?
    Es wird keine einfallenden Nachbarstaaten geben - ebensowenig als jetzt
unsere Landsitze von feindlichen Nachbarburgen umgeben sind. Und wie der heutige
Schloherr keinen Tro bewaffneter Knappen mehr braucht -
    So soll der Zukunftsstaat des bewaffneten Heeres entraten knnen? Was wird
dann aus Euch Oberstlieutenants?
    Was ist aus den Knappen geworden?
    So hatte sich der alte Streit wieder einmal entsponnen und derselbe wurde
noch eine Zeit lang fortgesetzt Ich hing mit Entzcken an Friedrichs Lippen; es
that mir unsglich wohl, die Sache erhhter Gesittung von ihm so fest und sicher
vertreten zu sehen, und im Geiste verlieh ich ihm selber den Titel, den er
vorhin genannt hatte: Edelmensch!

                                  Drittes Buch



                                      1864

Wir blieben noch vierzehn Tage in Wien. Es war aber keine frhliche Urlaubszeit
fr mich. Dieses fatale Krieg in Sicht, welches nunmehr alle Zeitungen und
alle Gesprche ausfllte, benahm mir jede Lebensfreudigkeit. So oft mir etwas
von den Dingen einfiel, aus welchen mein Glck zusammengesetzt war - vor allem
der Besitz eines tglich teurer werdenden Gatten -, so oft mute ich auch an die
Unsicherheit denken, an die unmittelbare Gefahr, welche der in Aussicht stehende
Krieg ber mein Glck verhngte. Ich konnte desselben, wie man zu sagen pflegt,
nicht froh werden. Der Zuflligkeiten von Krankheit und Tod, von Feuersbrunst
und berschwemmungen - kurz, der Natur- und Elementardrohungen giebt es genug;
aber man hat sich gewhnt, nicht mehr daran zu denken, und lebt trotz dieser
Gefahren in einem gewissen Stabilittsbewutsein. Doch wozu haben die Menschen
sich auch noch willkrlich selbst verhngte Gefahren geschaffen, und so den
ohnehin vulkanischen Boden, auf den ihr Erdenglck gebaut ist, noch eigenmchtig
und mutwillig in knstliches Schwanken versetzt! Zwar haben sich die Leute daran
gewhnt, auch den Krieg als Naturereignis zu betrachten und denselben als
vertragsaufhebend in einer Linie mit Erdbeben und Wassernot zu nennen - daher
auch so wenig als mglich daran zu denken. Aber ich konnte mich in diese
Auffassung nicht mehr finden. Jene Frage: Mu es denn sein? von welcher einst
Friedrich gesprochen, die hatte ich mir mit Bezug auf den Krieg oft mit nein
beantwortet; und statt Resignation empfand ich dann Schmerz und Groll - ich
htte ihnen allen zurufen wollen: Thut es nicht! - thut es nicht! Dieses
Schleswig-Holstein und die dnische Verfassung - was ging denn das uns an? Ob
der Protokoll-Prinz die Grundgesetze vom 13. November 1863 aufhob oder
besttigte - was war denn das uns? Aber da waren alle Bltter und Gesprche nur
immer voll von Errterungen ber diese Frage, als wre das das Wichtigste,
Entscheidendste, Weltumwlzendste, was sich denken lt, soda die Frage:
Sollen unsere Mnner und Shne totgeschossen werden oder nicht? daneben gar
nicht aufkommen durfte. Nur einigermaen vershnen, wenn mir nmlich der Begriff
Pflicht so recht vor die Seele trat. Nun ja: - wir gehrten zum deutschen
Bunde und mit den verbndeten deutschen Brdern im Verein muten wir fr die
Rechte unterdrckter deutscher Brder kmpfen. Das Nationalittsprinzip war
vielleicht doch etwas, das mit elementarer Kraft Bethtigung erheischte - - von
diesem Standpunkte aus also mute es sein ... Beim Anklammern an diese Idee lie
der schmerzende Groll in meiner Seele ein wenig nach. Htte ich voraussehen
knnen, wie zwei Jahre spter diese ganze deutsche Verbrderung in bitterste
Feindschaft sich auflsen sollte; wie dann der Preuenha in sterreich noch
viel wtender angefacht wrde, als jetzt der Dnenha - so htte ich damals
schon erkannt, wie ich das seither erkennen gelernt, da die Motive, welche als
Rechtfertigung der Feindseligkeiten angefhrt werden, nichts als Phrasen sind,
Phrasen und Vorwnde.
    Den Sylvesterabend verbrachten wir wieder im Hause meines Vaters. Mit dem
Schlage zwlf erhob dieser sein Punschglas:
    Mge der Feldzug, welcher uns in dem neugeborenen Jahre bevorsteht, ein fr
unsere Waffen glorreicher werden - sprach er feierlich; - ich stellte mein
schon erhobenes Glas auf den Tisch zurck - und mgen unsere Lieben uns
erhalten bleiben! beschlo er.
    Jetzt erst that ich Bescheid.
    Warum hast Du bei der ersten Hlfte meines Toastes nicht angestoen,
Martha?
    Weil ich von einem Feldzug nichts anderes wnschen kann, als da er -
unterbleibe
    Als wir ins Hotel und in unser Schlafzimmer zurckgekehrt waren, warf ich
mich Friedrich um den Hals.
    Mein Einziger! Friedrich! Friedrich!!
    Er drckte mich sanft an sich:
    Was hast Du, Martha? Du weinst ... heute in der Neujahrsnacht? Warum denn
das junge 1864 mit Thrnen einweihen, mein Liebling? Bist Du denn nicht
glcklich? Habe ich Dich irgendwie gekrnkt?
    Du? O nein, nein, - nur zu glcklich machst Du mich, viel zu glcklich -
und deshalb ist mir bang.
    Aberglubisch, meine Martha? Stellst Du Dir auch neidische Gtter vor,
welche zu schnes Menschenglck zerstren?
    Nicht die Gtter - die unsinnigen Menschen selber beschwren das Unglck
auf sich herab.
    Du spielst auf den mglichen Krieg an? Es ist ja noch nichts entschieden,
wozu denn der vorzeitige Kummer? Wer wei, ob es zum Kampfe kommt, wer wei, ob
ich mitgehen mu? ... Komm her, mein Liebling, setzen wir uns - er zog mich
neben sich auf das Sofa - verschwende Deine Thrnen nicht an eine bloe
Mglichkeit.
    Schon die Mglichkeit ist mir schmerzlich. Wre es Gewiheit, Friedrich,
ich wrde nicht sanft und still an Deiner Schulter weinen - ich mte laut
aufschreien und aufjammern ... Aber die Mglichkeit, die Wahrscheinlichkeit, da
in dem anbrechenden Jahre Du mir mittelst Armeebefehl aus den Armen gerissen
wrdest - die gengt schon, mich in Bangen und Trauer zu versetzen.
    Bedenke, Martha, Du gehst ja auch selber einer Gefahr entgegen - wie mir
dies Dein Weihnachtsgeschenk so lieb verkndet hat - und doch denken wir beide
nicht an die grause Mglichkeit, welche jeder Frau im Wochenbette beinahe ebenso
hufig droht, wie jedem Manne auf dem Schlachtfelde ... Freuen wir uns des
Lebens und denken wir nicht an den ber unser aller Hupter schwebenden Tod.
    Du sprichst ja wie Tante Marie, Liebster - als ob unser Loos nur von der
Bestimmung abhinge und nicht von den Unvorsichtigkeiten, Grausamkeiten,
Wildheiten und Dummheiten unserer eigenen Mitmenschen. Wo liegt die unabwendbare
Notwendigkeit dieses Krieges mit Dnemark?
    Noch ist derselbe nicht ausgebrochen, noch -
    Ich wei, ich wei: - noch knnen Zuflligkeiten das bel verhten. Aber
nicht der Zufall, nicht politische Rnke und Launen sollten ber eine solche
Schicksalsfrage entscheiden, sondern der feste, aufrichtige Wille der Menschen.
Doch was ntzt mein es sollte nicht und es sollte - ich kann die Ordnung der
Dinge nicht ndern, nur darber klagen. Aber darin hilf mir, Friedrich -
versuche nicht, mit den landlufigen leeren Ausflchten mich zu trsten! Du
glaubst selber nicht daran - Du selbst erbebst vor edlem Widerwillen ... Nur
darin finde ich Genugthuung, wenn Du mit mir verdammst und beklagst, was mich
und unzhlige Andere so unglcklich machen soll.
    Ja, mein Herz, wenn es hereinbricht, das Verhngnis, dann will ich Dir
recht geben; dann will ich Dir den Schauder und den Ha nicht verhehlen, den mir
der anbefohlene Vlkermord einflt ... Aber heute la uns noch des Lebens froh
sein ... Wir haben einander ja - nichts trennt uns ... nicht die geringste
Schranke zwischen unseren Seelen! La uns dieses Glck genieen - so lange es
unser ist - mit Inbrunst genieen ... Denken wir nicht an die angedrohte
Zerstrung desselben ... Ewig kann ja keine Freude dauern. In hundert Jahren
ist's doch einerlei, ob wir lang oder ob wir kurz gelebt. Auf die Zahl der
schnen Tage kommt es schlielich nicht an, sondern auf den Grad ihrer
Schnheit. Die Zukunft bringe was sie wolle, mein vielgeliebtes Weib - unsere
Gegenwart ist so schn, so schn, da ich jetzt nichts fhlen mag, als seliges
Entzcken.
    Whrend er so sprach, schlang er seinen Arm um mich und kte mein an seiner
Brust ruhendes Haupt. Da schwand auch mir die drohende Zukunft aus dem
Bewutsein und auch ich versenkte mich in den sen Frieden des Augenblickes.

Am 10. Januar kehrten wir nach Olmtz zurck.
    Niemand zweifelte mehr an dem Ausbruch des Krieges. In Wien hatte ich noch
vereinzelte Stimmen vernommen, welche meinten, da die dnisch-holsteinische
Frage vielleicht doch noch auf diplomatischem Wege beigelegt werden knne; aber
in den militrischen Kreisen unserer Festungsbesatzung galt die
Friedensmglichkeit fr ausgeschlossen. Unter den Offizieren und ihren Frauen
herrschte eine aufgeregte, aber zumeist freudig aufgeregte Stimmung: Gelegenheit
zu Auszeichnung und Avancement in Sicht - zur Befriedigung des Thatendurstes des
einen, des Ehrgeizes des zweiten, des Gage-Erhhungsbedrfnisses des dritten.
    Das ist ein famoser Krieg, der sich da vorbereitet, sagte der Oberst, bei
dem wir nebst mehreren anderen Offizieren samt Gemahlinnen zu Tische geladen
waren, ein famoser Krieg, der auch ungeheuer populr sein wird. Keine Gefahr
fr unser Territorium - auch der Landbevlkerung erwchst kein Schaden, denn der
Kriegsschauplatz liegt auf fremdem Gebiet. Unter solchen Umstnden ist es
wirklich eine doppelte Lust sich zu schlagen.
    Was mich daran begeistert, sagte ein junger Oberlieutenant, ist das edle
Motiv: unterdrckte Rechte unserer Brder verteidigen. Da die Preuen mit uns
gehen, oder vielmehr wir mit ihnen, das sichert erstens den Sieg und zweitens
wird es die nationalen Bande noch enger verknpfen. Die Nationalittsidee -
    Reden Sie lieber nichts von der, unterbrach der Regimentschef etwas
strenge. Fr einen sterreicher schickt sich dieser Schwindel nicht wohl. Der
war's, der uns den 59er Krieg heraufbeschworen hat, denn auf diesem
Steckenpferd, ein italienisches Italien, ist ja Louis Napoleon stets
herumgeritten. Und berhaupt pat dieses ganze Prinzip nicht fr sterreich;
Bhmen, Ungarn, Deutsche, Kroaten - wo ist da das Nationalittsband? Wir kennen
nur ein Prinzip, das uns vereint, das ist die loyale Liebe zu unserer Dynastie.
Was uns also begeistern soll, wenn wir zu Felde ziehen, ist nicht der Umstand,
da wir fr Deutsche und mit Deutschen kmpfen, sondern da wir unserem
erhabenen und geliebten Kriegsherrn Heeresfolge leisten drfen. Es lebe der
Kaiser!
    Alle erhoben sich und thaten stehend Bescheid. Ein Funken Begeisterung fiel
auch mir ins Herz und erfllte es - einen Augenblick aufflammend - mit
wohlthuender Wrme. Eine und dieselbe Sache, eine und dieselbe Person lieben,
wenn man Tausend ist, das gibt eine eigentmliche, vertausendfachte
Hingebungslust ... Das ist's, was als Loyalitt, als Patriotismus, als
Korpsgeist die Herzen schwellt. Es ist nichts anderes als Liebe, und die wirkt
so mchtig, da einem das in ihrem Namen gebotene Werk des Hasses - das
allerscheulichste Werk des tdlichsten Hasses, der Krieg - als erfllte
Liebespflicht erscheint.
    Aber nur einen Augenblick hatte es in meinem Herzen so geglht, denn eine
strkere Liebe als die zu allen erdenklichen Vaterlndern und Landesvtern ruhte
in dessen Grunde - die Liebe zu meinem Mann. Sein Leben war mir doch das hchste
aller Gter, und wenn dieses aufs Spiel gesetzt werden sollte, konnte ich die
Partie - gelte es nun Schleswig-Holstein oder Japan - nur verwnschen.
    Die jetzt folgende Zeit lebte ich in unerhrtem Bangen. Am 16. Januar
stellten die Bundesmchte an Dnemark das Ansinnen, ein gewisses Gesetz, gegen
welches die holsteinische Stndeversammlung und Ritterschaft den Schutz des
Bundes anrief, aufzuheben, und zwar innerhalb vierundzwanzig Stunden. Dnemark
verweigerte dies. Wer wird auch so sich befehlen lassen? Diese Weigerung war
natrlich vorausgesehen worden, denn schon standen preuische und
sterreichische Truppen an den Grenzen postiert, und am 1. Februar berschritten
sie die Eider.
    So waren denn die blutigen Wrfel wieder gefallen - die Partie begann. Dies
veranlate meinen Vater einen Gratulationsbrief an uns zu richten.
    Freut Euch, Kinder, schrieb er. Jetzt haben wir doch Gelegenheit, die
erhaltenen Schlge von 59 wieder gut zu machen, indem wir den Dnen Schlge
geben Wenn wir von Norden siegreich heimkehren, so knnen wir uns auch wieder
nach Sden wenden: die Preuen bleiben unsere Alliirten, und dann knnen uns die
schbigen Italiener samt ihrem intriganten Louis Napoleon nicht mehr aufkommen.
    Friedrichs Regiment, zur groen Enttuschung des Obersten und des
Offizierkorps, war nicht zur Grenze entsendet worden. Dies brachte uns ein
vterliches Kondolenzschreiben ein:
    Ich bedaure aufrichtig, da Tilling das Pech hat, gerade bei einem Regiment
zu dienen, welches nicht berufen war, den so glorreich sich anlassenden Feldzug
zu erffnen; brigens besteht ja immer noch die Mglichkeit, da es zum
Nachrcken bestimmt werde, Martha wird der Sache freilich die gute Seite
abgewinnen und sich freuen, da ihr die Angst um den geliebten Mann erspart
bleibt, und auch Friedrich ist eingestandenermaen selber kein Freund des
Krieges; aber ich denke, er ist nur im Prinzip dagegen, das heit: es wre ihm
aus sogenannten humanitren Grnden lieber, wenn es zu keiner Schlacht kme; ist
es aber einmal dazu gekommen, so wollte er wohl auch lieber dabei sein, da regt
sich wohl die mnnliche Kampfeslust. Es sollte wirklich immer die ganze Armee
gegen den Feind geschickt werden; in solchen Zeiten zu Hause bleiben zu mssen,
ist fr den Soldaten doch gar zu hart.
    Trifft es Dich hart, mein Friedrich, bei mir zu bleiben? fragte ich,
nachdem ich den Brief gelesen.
    Er drckte mich an sein Herz. Diese stumme Antwort gengte mir.
    Aber was half's? Um meine Ruhe war es doch geschehen. Jeden Tag konnte der
Marschbefehl kommen. Wrde der unselige Krieg nur schnell zu Ende gefhrt! ...
Mit grtem Eifer las ich in den Zeitungen die Berichte vom Kriegsschauplatz und
wnschte hei, da die Verbndeten rasche und entscheidende Siege erfchten. Ich
gestehe es, der Wunsch war nicht vor allem ein patriotischer. Lieber war es mir
immerhin, wenn der Sieg auf unserer Seite blieb; aber was ich von diesem
erhoffte, war die Beendigung des Kampfes, ehe mein Alles in der Welt dahin
entsendet werde, in zweiter Linie erst der Triumph meiner Landsleute und in
allerletzter Linie die Interessen des meerumschlungenen Stck Landes. Ob nun
Schleswig zu Dnemark gehrte, oder nicht, was in aller Welt konnte mich das
anfechten? Und schlielich - was focht es die Dnen und die Schleswig-Holsteiner
selber an? Sahen denn die beiden Vlker nicht ein, da es nur ihre Lenker waren,
welche um Land- und Machtbesitz sich stritten, da es in diesem Fall zum
Beispiel nicht um ihr Wohl und Wehe, sondern um die Gelste des
Protokoll-Prinzen und des Augustenburgers sich handelte? Wenn mehrere Hunde um
ein paar Knochen sich raufen, so zerfleischen einander doch nur die Hunde; in
der Vlkergeschichte sind es aber meist die dummen Knochen selber, welche auf
einander losschlagen und sich gegenseitig zertrmmern, um fr die Rechte der sie
begehrenden Streiter zu kmpfen. Mich will Azor haben - und Auf mich hat
Pluto Anspruch - Ich protestiere gegen Karo's Fnge und Ich rechne es mir
zur Ehre, von Minka gefressen zu werden, sagen die Knochen. Dnemark bis zur
Eider, riefen die dnischen Patrioten. Wir wollen Friedrich von Augustenburg
zum Herzog, riefen die Loyalen von Holstein. Unsere Zeitungsartikel und die
Gesprche unserer Kannegieer waren natrlich alle von dem Grundsatz
durchdrungen, da die Sache fr welche Wir eingetreten, die gerechtere, die
einzig historisch entwickelte, die einzig fr Erhaltung des europischen
Gleichgewichtes erforderliche war. Natrlich wurde in den Leitartikeln und den
politischen Unterhaltungen in Kopenhagen das gegenteilige Prinzip mit gleichem
Nachdruck verfochten. Warum nicht gegenseitig die Rechte abwgen, um sich zu
verstndigen, und wenn dies nicht gelingt, eine dritte Macht zum Schiedsrichter
machen? Warum nur immer beiderseitig schreien. Ich - ich bin im Rechte. Sogar
gegen die eigene berzeugung schreien, so lange, bis man sich heiser geschrien
und losschlgt - die Entscheidung der Gewalt berlassend? Ist das nicht
Wildheit? Und wenn nun eine dritte Macht sich in den Streit mischt, so thut auch
sie es nicht mit Rechtserwgung und Urteilsspruch, sondern gleichfalls mit
Dreinschlagen? ... Und das nennen die Leute uere Politik? Auere und innere
Rohheit ist es - staatskluge Schildbrgerei - internationale Barbarei. - - -

Mit solcher Bestimmtheit fate ich wohl damals die Ereignisse noch nicht in
diesem Lichte auf. Nur momentan erwachten mir derlei Zweifel, und dann gab ich
mir Mhe, dieselben zu verscheuchen. Ich versuchte, mir einzureden, da das
geheimnisvolle Ding Staatsraison genannt, ein ber alle Privat- und namentlich
ber meine kleine Vernunft erhabenes, das Leben der Staaten bedingendes Prinzip
sei, und eifrig studierte ich in der Geschichte Schleswig-Holsteins nach, um
einen Begriff von dem historischen Recht zu erlangen, zu dessen Wahrung der
gegenwrtige Proze gefhrt ward.
    Da fand ich denn, da der fragliche Landstrich schon im Jahre 1027 an
Dnemark abgetreten worden war. Also haben eigentlich die Dnen recht; sie sind
die legitimen Knige des Landes ...
    Nun aber, zweihundert Jahre spter, wird das Land einer jngeren Linie des
Knigshauses zugeteilt und gilt nur noch als ein dnisches Fahnenlehen. 1326
wird Schleswig dem Grafen Gerhard von Holstein berlassen und die Waldemarsche
Konstitution verbrieft, da es nie wieder mit Dnemark so verbunden werden
soll, da ein Herr sei. Ah so, dann ist das Recht doch auf Seite der
Verbndeten: wir kmpfen fr die Waldemarsche Konstitution. Das ist wohl in
der Ordnung, denn wozu wren denn verbriefte Zusicherungen, wenn man sie nicht
aufrecht erhielte?
    Im Jahre 1448 wird die Waldemarsche Konstitution nochmals durch Knig
Christian I. besttigt. Also kein Zweifel; nie soll und darf wieder Ein Herr
sein. Was wollte da der Protokoll-Prinz?
    Zwlf Jahre spter stirbt der Herrscher von Schleswig kinderlos und die
Landstnde versammeln sich zu Ripen (gut, da man immer so genau wei, wann und
wo sich Landstnde versammelten: es war also 1460 zu Ripen) und proklamieren den
dnischen Knig zum Herzog von Schleswig, wogegen er ihnen verspricht, da die
Lande ewig zusammenbleiben sollen - ungeteilt. Das macht mich wieder ein wenig
konfus. Der einzige Anhaltspunkt ist noch das ewig zusammenbleiben.
    Aber die Verwirrung nimmt im weiteren Verlauf dieses historischen Studiums
fortwhrend zu, denn jetzt beginnt, trotz der Formel: ewig ungeteilt (das Wort
ewig spielt in politischen Vertrgen berhaupt eine niedliche Rolle) ein ewiges
Spalten und Teilen des Besitzes zwischen den Shnen des Knigs und
Wiedervereinen unter einem nchsten Knig und Grnden neuer Linien -
Holstein-Gottorp und Schleswig- Sonderburg - welche sich unter gegenseitigen
Verschiebungen und Abtretungen der Anteile abermals spalteten in die Linien
Sonderburg-Augustenburg, Beck-Glcksburg, Sonderburg-Glcksburg, Holstein-
Glckstadt - kurz, ich kenne mich gar nicht mehr aus.
    Aber nur weiter. Vielleicht begrndet sich das historische Recht, um welches
heute unsere Landesshne bluten mssen, erst spter.
    Christian IV. mischt sich in den dreiigjhrigen Krieg und die Kaiserlichen
und Schweden fallen in die Herzogtmer ein. Jetzt wird wieder (zu Kopenhagen,
1658) ein Vertrag gemacht, worin dem Hause Holstein- Gottorp die Oberherrschaft
ber den schleswigschen Anteil zugesichert wird, und da ist es endlich mit der
dnischen Lehenshoheit vorbei.
    Auf ewig vorbei. Gott sei Dank Jetzt finde ich mich doch wieder zurecht.
    Was geschieht aber durch Patent vom 22. August 1721? Einfach dies: der
gottorpsche Anteil von Schleswig wird der dnischen Monarchie einverleibt. Und
am 1. Juni 1773 wird auch Holstein dem dnischen Knigshause berlassen - das
Ganze gilt nun als dnische Provinz.
    Das ndert die Sache: ich sehe schon - die Dnen sind im Recht.
    Aber doch nicht so ganz. Denn der wiener Kongre von 1815 erklrt Holstein
fr einen Teil des deutschen Bundes. Dies aber wurmt die Dnen. Sie erfinden das
Schlagwort: Dnemark bis zur Eider und streben nach der totalen Besitznahme
des von ihnen Sdjtland benannten Schleswig. Hier hingegen wird das Erbrecht
des Augustenburgers als Losung gebraucht und zu deutschnationalen Kundgebungen
benutzt. Im Jahre 1846 schreibt der Knig Christian einen offenen Brief, worin
er die Integritt des Gesamtstaates als Ziel hinsetzt, wogegen die deutschen
Lande protestieren. Zwei Jahre spter wird vom Throne aus die vllige
Vereinigung nicht mehr als Ziel, sondern als fait accompli verkndet, worauf in
den deutschen Landen der Aufstand ausbricht Jetzt geht das Raufen los. Bald
siegen die Dnen in diesem Gefecht, bald die Schleswig-Holsteiner in einem
anderen. Dann mischt sich der deutsche Bund hinein. Die Preuen nehmen die
Dppeler Hhen; aber das macht dem Streit kein Ende. Preuen und Dnemark
schlieen Frieden; Schleswig-Holstein mu nun allein gegen die Dnen kmpfen und
wird bei Idstedt geschlagen.
    Der Bund verlangt nun von den Aufstndischen, da sie den Krieg
einstellen. Was sie denn auch thun. sterreichische Truppen besetzen Holstein,
und die zwei Herzogtmer werden getrennt. Wo ist nun das verbriefte ewig
zusammenbleiben hin?
    Aber noch immer ist die Angelegenheit nicht festgesetzt. Da finde ich ein
Londoner Protokoll, vom 8. Mai 1852 (gut, da man das immer so ganz genau wei,
unter welchem Datum die zerbrechlichen Vertrge gemacht wurden), welches die
Erbfolge Schleswigs dem Prinzen Christian von Glcksburg sichert. (Sichert ist
gut.) Jetzt wei ich doch auch, woher die Benennung Protokoll-Prinz stammt.
    Im Jahre 1854, nachdem jedes Herzogtum eine eigene Verfassung erhalten,
werden sie beide danisiert. Aber 1858 mu die Danisierung Holsteins wieder
aufgehoben werden. Jetzt ist diese geschichtliche Darstellung der Gegenwart
schon ganz nahe gerckt, aber noch immer ist mir nicht klar, wo die zwei Lande
rechtmig hingehren, und was eigentlich den Ausbruch des gegenwrtigen Krieges
veranlat hat.
    Am 18. November 1858 wird das famose Grundgesetz fr die gemeinschaftlichen
Angelegenheiten Dnemarks und Schleswigs vom Reichsrat genehmigt. Zwei Tage
darauf stirbt der Knig. Mit ihm erlischt wieder einmal eine Linie - nmlich die
Linie Holstein-Glckstadt, und als der Nachfolger des Monarchen das zwei Tage
alte Gesetz besttigt, erscheint Friedrich von Augustenburg (diese Linie htte
ich beinahe vergessen) auf dem Plan, erhebt seine Ansprche und wendet sich samt
der Ritterschaft um Beistand an den deutschen Bund.
    Dieser lt sofort durch Sachsen und Hannoveraner Holstein besetzen und
proklamiert den Augustenburger zum Herzog. Warum?
    Damit sind aber Preuen und sterreich nicht einverstanden. Warum? Das
verstehe ich heute noch nicht.
    Es heit, das Londoner Protokoll msse respektiert werden. Warum? Sind denn
Protokolle ber Dinge, die einem absolut nichts angehen, gar so respektabel, da
man sie mit dem Blut der eigenen Shne verteidigen mu? Da steckt wohl wieder
irgend eine verborgene Staatsraison dahinter ... Als Dogma mu man festhalten:
Was die Herren am grnen Diplomatentisch entscheiden, das ist die hchste
Weisheit und bezweckt die grtmgliche Frderung der vaterlndischen
Machtstellung. Das Londoner Protokoll vom 8. Mai 1852 mute aufrecht erhalten,
aber das Kopenhagener Grundgesetz vom 13. Januar 1863 mute aufgehoben werden,
und zwar binnen vierundzwanzig Stunden. Daran hing sterreichs Ehre und Wohl.
Das Dogma war ein bischen schwer zu glauben; aber in politischen Dingen, beinahe
noch williger als in religisen, lt sich die Masse von dem Prinzip des quia
absurdum lenken; auf das Verstehen und Begreifen wird von vornherein verzichtet.
Ist das Schwert einmal gezogen, dann bedarf es nichts mehr, als des Rufes
Hurrah und des heien Siegesdranges. Dazu ruft man nur noch den Segen des
Himmels auf den Kampf herab. Denn soviel ist gewi: dem lieben Gott mu daran
gelegen sein, da das Protokoll vom 8. Mai eingehalten und das Gesetz vom 13.
Januar zurckgenommen werde; er mu es so lenken, da genau so viele Menschen
verbluten und Drfer verbrennen, als es erforderlich ist, damit die Linie von
Glckstadt oder die von Augustenburg ber ein gewisses Stck Erde regiere ... O
du thrichte, grausame, gedankenlose, gngelbandgefhrte Welt! Das war das
Ergebnis meiner Geschichtsstudien.

Vom Kriegsschauplatze her kamen gute Nachrichten. Die Verbndeten siegten Schlag
auf Schlag. Nach den ersten Gefechten schon muten die Dnen das ganze Danewerk
rumen; Schleswig und Jtland bis Limfjord wurde von den Unseren besetzt und der
Feind behauptete sich nur noch in den Dppeler Schanzen und auf Alsen.
    Das wute ich alles so genau, weil auf den Tischen wieder die
stecknadelbespickten Landkarten auflagen, auf welchen die Bewegungen und
Stellungen der Truppen, je nach den einlaufenden Berichten, markiert wurden.
    Wenn wir jetzt auch noch die Dppeler Schanzen nehmen, oder wenn wir gar
Alsen erobern, sagten die Olmtzer Brger (denn niemand spricht so gern von den
kriegerischen Thaten per wir als diejenigen, welche niemals dabei waren),
dann sind wir fertig ... Jetzt zeigen doch wieder unsere sterreicher, was sie
knnen. Auch die braven Preuen schlagen sich prchtig - die beiden miteinander
sind natrlich unberwindlich. Das Ende wird sein, da ganz Dnemark erobert und
dem deutschen Bunde zugeteilt wird - ein glorreicher, glckbringender Krieg!
    Auch ich wnschte jetzt nichts sehnlicher, als die Erstrmung von Dppel -
je frher, je lieber - denn diese Aktion wrde doch entscheidend sein und der
Schlgerei ein Ende machen. Hoffentlich ein Ende machen, ehe Friedrichs Regiment
Marschbefehl erhielt.
    O dieses Damoklesschwert ... Jeden Tag beim Erwachen frchtete ich mich, da
die Nachricht gebracht werde: Wir marschieren ab! Friedrich war gefat darauf.
Er wnschte es nicht, aber er sah es kommen.
    Gewhne Dich an den Gedanken, Kind, sagte er mir. Gegen die unerbittliche
Notwendigkeit hilft kein Struben. Ich glaube nicht, selbst wenn Dppel fllt,
da der Krieg darum zu Ende sein wird. Die ausgesandte Doppelarmee ist viel zu
klein, um den Dnen eine Entscheidung aufzuzwingen; wir werden noch bedeutenden
Nachschub schicken mssen - und da wird auch mein Regiment nicht verschont
bleiben.
    Schon dauerte dieser Feldzug ber zwei Monate, und noch kein Resultat. Wenn
sich die grause Partie doch in einem Kampfe entscheiden wollte, wie bei dem
Duell. Aber nein: ist eine Schlacht verloren, so wird eine zweite geliefert; mu
eine Position aufgegeben werden, so wird eine andere behauptet, und so fort bis
zur Vernichtung des einen oder des anderen Heeres, oder zur Erschpfung beider
...
    Am 14. April endlich wurden die Dppeler Schanzen erstrmt.
    Die Nachricht ward mit einem Jubel aufgenommen, als wre hinter diesen
Schanzen das nunmehr eroberte Paradies gelegen. Man umarmte sich auf den
Straen: Sie wissen schon? Dppel! ... O unser tapferes Heer ... Eine unerhrte
Grothat! ... Jetzt danket alle Gott. Und in smtlichen Kirchen Absingung des
Tedeums; unter den Militrkapellmeistern emsiges Komponieren von
Dppelerschanzenmarsch, Sturm von Dppel-Galopp und so weiter.
    Die Kameraden meines Mannes und deren Frauen hatten zwar einen Tropfen
Bitterkeit in ihrem Freudenbecher; nicht dabei gewesen zu sein ... bei einem
solchen Triumph fehlen zu mssen - solches Pech!
    Mir verursachte dieser Sieg eine groe Freude; denn gleich darauf trat in
London eine Friedenskonferenz zusammen und vermittelte einen Waffenstillstand.
Welches freie Aufatmen dieses Wort Waffenstillstand doch gewhrt! ... Wie
mte die Welt erst aufatmen - dachte ich damals zum erstenmal - wenn es
allenthalben hiee: die Waffen nieder - auf immer nieder! Ich trug das Wort in
die roten Hefte ein. Daneben aber schrieb ich verzagt, zwischen Klammern:
Utopia.
    Da der Londoner Kongre dem schleswig-holsteinschen Kriege ein Ende machen
wrde, daran zweifelte ich gar nicht. Die Verbndeten hatten gesiegt, die
Dppeler Schanzen waren genommen - diese Schanzen hatten in letzter Zeit eine so
groe Rolle gespielt, da mir deren Einnahme als endgltig entscheidend erschien
- wie wollte Dnemark jetzt noch weiter sich behaupten? Die Verhandlungen zogen
sich unglaublich lange hin. Dies wre mir eine Qual gewesen, wenn ich nicht von
allem Anfang an die berzeugung gehabt htte, da das Ergebnis ein
befriedigendes sein msse. Wenn die Vertreter mchtiger Staaten, dabei
vernnftige, wohlmeinende Leute, sich zusammenthun, um ein so wnschenswertes
Ziel zu erreichen, wie Friedensschlieung, wie knnte das milingen? Desto
entsetzlicher war meine Enttuschung, als nach zwei Monate lang gefhrten
Debatten die Nachricht eintraf, da der Kongre unverrichteter Dinge wieder
auseinandergehe.
    Und zwei Tage spter kam fr Friedrich - der Marschbefehl!
    Zur Vorbereitung und zum Abschied hatte er vierundzwanzig Stunden Zeit. Und
ich war auf dem Punkte, niederzukommen. In der toddruenden, schweren Stunde, wo
eines Weibes einziger Trost darin besteht, den geliebten Mann neben sich zu
haben, wrde ich allein bleiben mssen - allein mit dem ber alles bangen
Bewutsein, da der geliebte Mann in den Krieg gegangen - wissend, da es ihm
ebenso schmerzlich sein mute, in solcher Stunde seine arme Frau zu verlassen,
als es mir schmerzlich sein wrde, ihn zu missen ...
    Es war am Morgen des 20. Juni. Alle Einzelheiten dieses denkwrdigen Tages
sind mir eingeprgt geblieben.
    Drauen herrschte drckende Hitze und um diese auszuschlieen, waren die
Rollvorhnge in meinem Zimmer herabgelassen. In leichte und lose Gewnder
gehllt, lag ich ermattet auf der Chaiselongue. Ich hatte die Nacht ziemlich
schlaflos verbracht, und jetzt hatte mir ein traumhafter Halbschlummer die Augen
geschlossen. Neben mir, auf einem Tischchen, stand eine Vase mit stark duftenden
Rosen. Durch das offene Fenster drang der Ton entfernter Trompetenbungen
herein. Das alles wirkte einschlfernd, dennoch hatte mich das Bewutsein nicht
ganz verlassen. Nur die eine Hlfte davon - die Sorgenhlfte - war mir
geschwunden. Die Kriegsgefahr und die mir bevorstehende Gefahr hatte ich
vergessen; ich wute nur, da ich lebte, da die Rosen - nach dem Rhythmus des
Reveille-Signals - betubend se Dfte hauchten; da mein geliebter Mann jede
Minute hereinkommen konnte und, wenn er mich schlafen she, nur ganz leise
trte, um mich nicht zu wecken. Und richtig: im nchsten Augenblick ffnete sich
die mir gegenberliegende Thre. Ohne die Lider zu heben - nur durch eine
linienbreite Spalte unter den Wimpern - konnte ich sehen, da es der Erwartete
war. Ich machte keinen Versuch, mich aus meinem Halbschlummer herauszureien -
dadurch htte ich mglicherweise das ganze Bild verscheuchen knnen, denn
vielleicht war die Erscheinung an der Thr nur ein fortgesetzter Traum, und
vielleicht trumte ich nur, da ich die Lider linienbreit geffnet ... Jetzt
schlo ich dieselben ganz und gab mir Mhe, weiter zu trumen, da der Teuere
nher kommt - sich herabbeugt und mir die Stirne kt ...
    So geschah es auch. Dann kniete er neben mein Lager nieder und blieb eine
Weile regungslos. Noch immer dufteten die Rosen und trarate das ferne Hornsignal
...
    Martha, schlfst Du, hrte ich ihn leise fragen.
    Da schlug ich die Augen auf.
    Um Gotteswillen, was ist's? rief ich, zu Tode erschreckt - denn das
Antlitz des an meiner Seite knieenden Gatten war von so tiefer Trauer
bergossen, da ich mit einemmal erriet, es sei ein Unglck hereingebrochen.
Statt zu antworten, legte er sein Haupt an meine Brust.
    Ich wute alles: Er mu fort ... Ich hatte den Arm um seinen Hals
geschlungen und so blieben wir beide eine Zeit lang stumm.
    Wann? fragte ich endlich.
    Morgen frh -
    O mein Gott - mein Gott!!
    Fasse Dich, meine arme Martha -
    Nein, nein, la mich jammern ... Mein Unglck ist zu gro - und ich wei -
ich seh' Dir's an: das Deine auch. So viel Schmerz, wie ich vorhin in Deinen
Zgen gelesen, habe ich noch in keines Menschen Angesicht gesehen.
    Ja, mein Weib - ich bin unglcklich. Dich jetzt lassen zu mssen, in einer
solchen Zeit -
    Friedrich, Friedrich, wir sehen uns nimmer - ich werde sterben ...

Es war ein herzzerreiender Abschied, der diese letzten vierundzwanzig Stunden
fllte ... Das war nun das zweite Mal im Leben, da ich einen teueren Gatten zu
Felde ziehen sah. Doch unvergleichlich schwerer war diese zweite Losreiung, als
die erste. Damals war meine und besonders Arnos Auffassung eine ganz andere,
primitivere gewesen: ich hatte das Ausrcken als eine alle persnlichen Gefhle
berwiegende Naturnotwendigkeit - er sogar als eine freudige Ruhmesexpedition
betrachtet. Er ging mit Begeisterung, ich blieb ohne Murren. Noch haftete etwas
von der Kriegsbewunderung an mir, die ich in meiner Jugenderziehung eingesogen;
noch fhlte ich dem Hinausstrmenden etwas von dem Stolze nach, welchen er
angesichts der groen Unternehmung empfand. Aber jetzt wute ich, da der
Scheidende eher mit Abscheu, denn mit Jubel an die Mordarbeit ging; ich wute,
da er das Leben liebte, welches er aufs Spiel setzen mute; da ihm ber alles
- ja, alles, auch ber die Rechtsansprche des Augustenburgers - sein Weib teuer
war, sein Weib, das in wenigen Tagen Mutter werden sollte. Whrend ich bei Arno
die berzeugung gehabt, da er mit Gefhlen schied, um die er immerhin zu
beneiden war, erkannte ich, da bei dieser zweiten Trennung wir beide gleiches
Mitleid verdienten. Ja, wir litten in gleichem Mae und wir sagten und klagten
es einander. Keine Heucheleien, keine leeren Trostphrasen, keine Prahlworte. Wir
waren ja eins und keines suchte das andere zu betrgen. Es war noch unser bester
Trost, da jedes seine Trostlosigkeit vom andern voll verstanden wute. Die
Gre des ber uns hereingebrochenen Unglckes suchten wir durch keine
konventionellen, patriotischen und heroischen Mntelchen und Lrvchen zu
verhllen. Nein - die Aussicht, auf Dnen schieen und hauen zu drfen, war ihm
keine, gar keine Wettmachung des Leides, mich verlassen zu mssen; im Gegenteile
- eher eine Verschrfung: denn Tten und Zerstren widert jeden Edelmenschen
an. Und mir war es kein, gar kein Ersatz fr mein Leid, da der Vielgeliebte
etwa um eine Rangstufe vorrcken knnte. Und falls das Unglck der gefhrlichen
Trennung noch zum Unglck der ewigen Trennung sich steigerte - sollte Friedrich
fallen - so war mir die Staatsraison, wegen welcher dieser Krieg gefhrt werden
mute, nicht im entferntesten erhaben und heilig dnkend genug, um solches Opfer
aufzuwiegen. - Vaterlandsverteidiger: das ist der schn klingende Titel, mit
welchem der Soldat geschmckt wird. Und in der That: was kann es fr die Glieder
des Gemeinwesens fr eine edlere Pflicht geben, als die, die bedrohte
Gemeinschaft zu verteidigen? Warum aber bindet dann den Soldaten sein Fahneneid
zu hundert anderen Kriegspflichten, als die der Schutzwehr? Warum mu er
angreifen gehen, warum mu er - wo dem Vaterlande nicht der mindeste Einfall
droht - wegen der bloen Besitz-und Ehrgeizstreitigkeiten einzelner fremder
Frsten, dieselben Gter - Leben und Herd - einsetzen, als ob es sich, wie es
doch zur Rechtfertigung des Krieges heit, um die Verteidigung des gefhrdeten
Lebens und Herdes handelte? Warum mute hier zum Beispiel das sterreichische
Heer ausziehen, um den Augustenburger auf das fremde Thrnchen zu setzen? Warum
- warum? - das ist ein Fragwort, welches an Kaiser oder Papst zu richten, an
sich schon hochverrterisch und lsterlich ist, welches dort als Irreligiositt
und hier als Illoyalitt gilt und welches nie beantwortet zu werden braucht ...
    Um zehn Uhr morgens sollte das Regiment ausrcken. Wir waren die ganze Nacht
aufgeblieben. Nicht eine Minute des uns noch beschiedenen Zusammenseins hatten
wir verlieren wollen.
    Es war so viel, was wir uns noch zu sagen hatten, und doch sprachen wir nur
wenig. Ksse und Thrnen waren es zumeist, welche beredter als alle Worte
sagten: Ich hab' Dich lieb und mu Dich lassen. Dazwischen fiel auch wieder ein
hoffnungsvolles Wort: Wenn Du wiederkommst ... Es war ja mglich ... es kommen
ja so viele heim. Doch sonderbar! ich wiederholte: Wenn Du wiederkommst und
bemhte mich, mir das Entzckende dieser Eventualitt vorzustellen, aber
vergebens: meine Einbildungskraft vermochte kein anderes Bild zu schaffen, als
des Gatten Leiche auf der Wahlstatt oder mich selber auf der Bahre mit einem
toten Kind im Arm ...
    Friedrich war von hnlichen trben Vermutungen erfllt; denn sein Wenn ich
wiederkomme klang nicht aufrichtig, und hufiger sprach er von dem, was
geschehen sollte, wenn ich bleibe.
    Heirate kein drittes Mal, Martha! Verwische nicht durch neue
Liebeseindrcke die Erinnerungen dieses herrlichen Jahres ... nicht wahr, es ist
eine glckliche Zeit gewesen?
    Wir lieen nun hundert kleine Einzelheiten, welche von unserer ersten
Begegnung bis zu dieser Stunde sich uns eingeprgt hatten, an unserem Gedchtnis
vorberziehen.
    Und mein Kleines, mein armes Kleines, das ich wohl nie an mein Herz drcken
werde - wie soll es getauft werden?
    Friedrich oder Friederike.
    Nein - Martha ist schner. Wenn es ein Mdchen ist, so nenne ich es mit dem
Namen, den sein sterbender Vater zuletzt -
    Friedrich - warum sprichst Du immer vom Sterben? Wenn Du wiederkommst ...
    Wenn ... wiederholte er.
    Als der Tag zu grauen begann, fielen mir die thrnenmden Augen zu. Ein
leichter Schlummer senkte sich auf uns beide; mit verschlungenen Armen lagen wir
da, ohne das Bewutsein zu verlieren, da dies unsere Scheidestunde war.
    Pltzlich fuhr ich auf und brach in lautes Sthnen aus.
    Friedrich erhob sich rasch:
    Um Gotteswillen, Martha, was ist Dir? ... Doch nicht? ... So sprich ...
Etwa? ...
    Ich nickte bejahend.
    War es ein Schrei, oder ein Fluch, oder ein Stogebet, das sich seinen
Lippen entrang? Er ri die Glocke und gab Alarm:
    Augenblicklich zum Arzt, zur Wrterin! rief er der herbeigeeilten Dienerin
zu. Dann warf er sich an meine Seite knieend nieder und kte meine
herabhngende Hand:
    Mein Weib, mein alles! ... Und jetzt - jetzt mu ich fort!
    Ich konnte nicht sprechen. Der heftigste physische Schmerz, den man sich
vorstellen kann, wand und krmmte meinen Leib und dabei war das Seelenweh doch
noch entsetzlicher, da er jetzt, jetzt fort mute und da er darber so
unglcklich war ...
    Bald kamen die Gerufenen herbei und machten sich um mich zu schaffen. Zu
gleicher Zeit mute Friedrich die letzte Vorbereitung zum Abmarsch treffen.
Nachdem er damit fertig geworden:
    Doktor, Doktor, rief er, den Arzt bei beiden Hnden fassend, nicht wahr -
Sie versprechen mir - Sie bringen sie durch? Und Sie telegraphieren mir heute
noch dort- und dahin? Er nannte die Stationen, welche er auf der Reise berhren
sollte. Und wenn eine Gefahr wre ... Ach, was hilft's? unterbrach er sich
selber - wenn auch die Gefahr die uerste wre, knnte ich denn zurck?
    Es ist hart, Herr Baron, besttigte der Arzt. Aber seien Sie unbesorgt -
die Patientin ist jung und krftig ... heut' abend ist alles berstanden und Sie
erhalten beruhigende Depeschen.
    Ja, Sie werden mir auf jeden Fall gnstig berichten, da ja das Gegenteil
nichts ntzen knnte ... Ich will aber die Wahrheit! Hren Sie, Doktor, ich
verlange Ihren heiligsten Ehreneid darauf: die ganze Wahrheit! Nur unter dieser
Voraussetzung kann eine beruhigende Nachricht mich wirklich beruhigen - sonst
halte ich alles fr Lge. Also schwren Sie.
    Der Arzt leistete das verlangte Versprechen.
    O, mein armer, armer Mann - schnitt es mir durch die Seele. - Wie, wenn
du heute noch die Nachricht erhltst, deine Martha liege im Sterben und darfst
nicht umkehren, ihr die Augen zuzudrcken ... Du hast wichtigeres zu thun: es
gilt des Augustenburgers Thronansprche. - Friedrich! rief ich laut.
    Er flog an meine Seite.
    Im selben Augenblick schlug die Uhr. Wir hatten nur noch ein paar Minuten
Zeit. Aber auch um diese letzte Frist wurden wir betrogen, denn wieder erfate
mich ein Anfall, und statt der Abschiedsworte konnte ich nur Schmerzenslaute
ausstoen.
    Gehen Sie, Herr Baron, brechen Sie diesen Auftritt ab, sagte der Arzt.
Solche Erregung ist fr die Kranke gefhrlich.
    Noch ein Ku und er strzte hinaus ... mein Wimmern und des Doktors letztes
nachklingendes Wort gefhrlich gaben ihm das Geleite.
    In welcher Stimmung mag er wohl geschieden sein? Darber gab das Olmtzer
Lokalblttchen am nchsten Tage Bescheid:

    Gestern verlie das -te Regiment unter klingendem Spiel und mit flatternden
    Fahnen unsere Stadt, um sich in dem meerumschlungenen Bruderlanden grne
    Lorbeeren zu holen. Helle Begeisterung erfllte die Reihen, man sah den
    Leuten die Kampfesfreude aus den Augen leuchten u.s.w., u.s.w. ...

Friedrich hatte vor seiner Abreise noch an Tante Marie telegraphiert, da ich
ihrer Pflege bedrfe, und sie kam einige Stunden spter bei mir an. Sie fand
mich bewutlos und in groer Gefahr.
    Mehrere Wochen schwebte ich zwischen Leben und Tod. Mein Kind war am Tage
seiner Geburt gestorben. Der moralische Schmerz, den mir der Abschied von dem
geliebten Manne verursacht hatte - gerade in dem Zeitpunkt, wo ich aller Krfte
bedurft htte, um den physischen Schmerz zu bewltigen - durch den war ich
widerstandsunfhig geworden, und es fehlte nicht viel, so wre ich unterlegen.
    Meinem armen Manne mute der Arzt, seinem eidlichen Versprechen gem, den
traurigen Bericht schicken, da das Kind gestorben und die Wchnerin in
Todesgefahr sei.
    Was die Nachrichten betraf, die von ihm anlangten, so konnten mir dieselben
nicht mitgeteilt werden. Ich kannte niemand und delirierte Tag und Nacht. Ein
sonderbares Delirium. Ich habe davon eine schwache Erinnerung in das
zurckgekehrte Bewutsein mit hinbergenommen - aber dies mit vernnftigen
Worten wiederzugeben, wre mir unmglich. In dem anormalen Wirbel des fiebernden
Hirns bilden sich eben Begriffe und Vorstellungen, fr welche die dem normalen
Denken angepate Sprache keine Ausdrcke hat. Nur so viel kann ich andeuten -
ich habe das phantastische Zeug in die roten Hefte einzuzeichnen versucht -: da
ich die beiden Ereignisse, den Krieg und meine Niederkunft, miteinander
verwechselte; mir war, als wren Kanonen und blanke Waffen - ich fhlte deutlich
die Bajonettstiche - das Werkzeug der Geburt und als lge ich da, das
Streitobjekt zwischen zwei aufeinander losstrmende Armeen ... Da mein Gatte
fortgezogen, wute ich; doch sah ich ihn in Gestalt des toten Arno, whrend
Friedrich an meiner Seite, als Krankenwrterin verkleidet, den silbernen Storch
streichelte. Jeden Augenblick erwartete ich die platzende Granate, welche uns
alle drei - Arno, Friedrich und mich zersplittern sollte, damit das Kind zur
Welt kommen knne, welches bestimmt war, ber Dnewig, Schlesstein und Holmark
zu regieren ... Und das alles that so unsglich weh und war so berflssig ...
Es mute doch irgendwo jemand geben, der es htte ndern und aufheben knnen,
der diesen Alp von meiner Brust und von der ganzen Menschheit mittelst eines
Machtwortes htte abwlzen knnen - und die Sehnsucht verzehrte mich, diesem
jemand mich zu Fen zu werfen und zu flehen: Hilf ab - aus Barmherzigkeit, aus
Gerechtigkeit hilf ab! - Die Waffen nieder - nieder!!
    Mit diesem Ruf auf den Lippen erwachte ich eines Tages zum Bewutsein. Mein
Vater und Tante Marie standen am Fue des Bettes, und beschwichtigend sagte mir
der erstere:
    Ja, ja, Kind, sei ruhig, - alle Waffen nieder -
    Dieses Wiedererlangen des Ichgefhls nach langer Geistesabwesenheit ist doch
ein eigentmlich Ding. Zuerst die frohe erstaunte Wahrnehmung, da man lebt und
dann die gespannte, an sich selber gerichtete Frage: wer man eigentlich sei ...
    Aber die pltzlich mit vollem Licht hereinbrechende Antwort auf diese Frage
verwandelte mir die eben erwachte Daseinslust in heftigen Schmerz. Ich war die
kranke Martha Tilling, deren neugeborenes Kind gestorben, deren Mann in den
Krieg gezogen war ... Seit wann? Das wut' ich nicht.
    Lebt er? Sind Briefe da? Depeschen? war meine erste Frage.
    Ja, es hatte sich ein ganzer kleiner Sto von Briefen und Telegrammen
angesammelt, welche whrend meiner Krankheit eingelangt. Zumeist waren es nur
Anfragen ber meinen Zustand, Bitten um tgliche, um mglichst stndliche
Benachrichtigung. Dies natrlich nur, solange der Schreiber an Orten sich
befand, wo der Telegraph ihn erreichen konnte.
    Man wollte mir nicht gleich erlauben, die Briefe Friedrichs zu lesen; - es
htte mich zu sehr aufregen und erschttern knnen, meinten sie, und jetzt, da
ich kaum aus dem Delirium erwacht, mute ich vor allem Ruhe haben. So viel
konnten sie mir sagen: Friedrich war bis jetzt unversehrt. Er hatte schon
mehrere glckliche Gefechte durchgemacht - der Krieg mte bald zu Ende sein;
der Feind behauptete sich nur noch auf Alsen; und war dies einmal genommen, so
wrden unsere Truppen - ruhmgekrnt - heimkehren.
    So sprach mein Vater trstend auf mich ein. Und Tante Marie erzhlte mir
meine eigene Krankheitsgeschichte. Es waren nun mehrere Wochen seit dem Tage
ihrer Ankunft vergangen, welcher zugleich der Tag war, an welchem Friedrich
schied und an welchem mein Kind geboren wurde und starb ... Daran war mir die
Erinnerung geblieben, aber was dazwischen lag: des Vaters Ankunft, die laufenden
Nachrichten von Friedrich, der Verlauf meiner Krankheit - von dem allen wute
ich nichts. Jetzt erst erfuhr ich, mein Zustand sei ein so schlimmer gewesen,
da die rzte mich bereits aufgegeben hatten und mein Vater gerufen worden war,
um mich ein letztes Mal zu sehen. An Friedrich waren die bsen Nachrichten
gewissenhaft geschickt worden, aber auch die besseren Nachrichten - seit einigen
Tagen nmlich gaben die rzte wieder Hoffnung - muten zur Stunde schon in
seinen Hnden sein.
    Wenn er selbst noch am Leben ist - warf ich mit einem schweren Seufzer
ein.
    Versndige Dich nicht, Martha, ermahnte die Tante; der liebe Gott und
seine Heiligen werden Dich nicht auf unser Flehen hin gerettet haben, um Dich
dann so heimzusuchen. Auch Dein Mann wird Dir erhalten bleiben, fr den ich, Du
kannst es mir glauben, ebenso hei gebetet habe, wie fr Dich ... sogar ein
Skapulier habe ich ihm nachgeschickt ... Ja, ja - zucke nur die Achseln - aber
schaden knnen sie doch keinesfalls, nicht wahr? Und wie viele Beispiele hat
man, da sie gentzt haben ... Du selber bist mir auch wieder ein Beweis, was
die Frsprache der Heiligen vermag - denn Du warst schon am Rande des Grabes,
glaube mir - da habe ich mich an Deine Schutzpatronin, die heilige Martha,
gewendet -
    Und ich, unterbrach mein Vater, welcher in politischer Hinsicht zwar sehr
klerikal gesinnt war, in praktischer Hinsicht jedoch durchaus nicht mit seiner
Schwester sympathisierte, ich habe aus Wien den Doktor Braun verschrieben, und
der hat Dich gerettet.
    Am nchsten Tage, auf mein dringendes Bitten, wurde mir gestattet, smtliche
von Friedrich eingelaufenen Sendungen durchzulesen. Zumeist waren es nur
zeilenlange Anfragen oder ebenso lakonische Berichte: Gestern Gefecht - bin
unversehrt. - Marschieren heute weiter - Depeschen zu adressieren nach * * *.
Ein lngerer Brief trug auf dem Umschlag den Vermerk: Nur zu bergeben, wenn
jede Gefahr vorber ist. Diesen las ich zuerst:

    Mein Alles! Ob Du dieses jemals lesen wirst? Die letzte Nachricht, die ich
    von Deinem Arzt erhalten, meldete: Patientin in heftigem Fieber: Zustand
    bedenklich, Bedenklich - den Ausdruck hat der Mann vielleicht aus Schonung
    gebraucht, um nicht zu sagen hoffnungslos ... Wenn Dir dieses eingehndigt
    wird, so weit Du ja, da Du der Gefahr entronnen bist; aber Du mgest denn
    nachtrglich erfahren, wie mir zu Mute war, whrend ich - am Vorabend einer
    Schlacht - mir vorstellte, da mein angebetetes Weib im Sterben liegt. Da
    sie nach mir ruft - die Arme nach mir ausstreckt ... Wir hatten uns ja nicht
    einmal ordentlich Lebewohl gesagt ... Und unser Kind, auf das ich mich so
    gefreut - tot! Und ich selber morgen - ob mich eine Kugel trifft? Wenn ich
    vorher wte, da Du nicht mehr bist, so wre mir die tdliche Kugel das
    liebste - aber wenn Du gerettet werden sollst - nein; dann will ich vom
    Sterben noch nichts wissen. Todesfreudigkeit, dieses widernatrliche, von
    den Feldpredigern uns stets angepriesene Ding, das kann ein glcklicher
    Mensch nicht empfinden - und wenn Du lebst und ich heimkomme, so habe ich
    noch unberechenbare Schtze von Glck zu beheben. O, welche
    Lebensfreudigkeit, mit der wir beide noch die Zukunft genieen wollten, wenn
    uns eine solche beschieden ist!
        Heute trafen wir zum erstenmal mit dem Feind zusammen. Bisher ging unser
        Weg durch eroberte Lnderstriche, aus welchen die Dnen sich
        zurckgezogen. Rauchende Dorftrmmer, zertretene Saaten, herumliegende
        Waffen und Tornister, durch Granaten aufgewirbelte Erde, Blutlachen,
        Pferdeleichen, Massengrber: - das sind die Landschaften und deren
        Staffage, durch welche wir hinter dem Sieger hergewandelt sind, um
        womglich neue Siege daran zu reihen, das heit neue Drfer anzuznden
        und so weiter ... Das haben wir nun heute auch gethan. Die Position ist
        unser. Hinter uns steht ein Dorf in Flammen. Die Einwohner hatten es zum
        Glck vorher verlassen. Aber in einem Stall war ein Pferd vergessen
        worden - ich hrte das verzweifelte Tier stampfen und schreien ... Weit
        Du, was ich that? das hat mir wahrlich keinen Orden eingetragen - denn
        statt ein paar Dnen niederzumachen, sprengte ich auf jenen Stall zu, um
        das arme Ro zu befreien. Unmglich: schon brannte die Krippe, schon das
        Stroh unter seinen Hufen, schon seine Mhne ... Da scho ich ihm zwei
        Revolverkugeln durch den Kopf - es fiel getroffen nieder und war von dem
        qualvollen Flammentod gerettet. Dann zurck in den Kampf, in den
        Mordgestank des Pulvers, in den wsten Lrm knatternder Schsse,
        strzenden Geblks, wtenden Kriegsgeschreies. Die Meisten um mich her,
        Freund und Feind, waren wohl vom Kriegstaumel erfat - ich aber blieb in
        unseliger Nchternheit. Zu Dnenha konnte ich mich nicht aufschwingen -
        was thaten die Braven, indem sie ber uns herfielen? weiter nichts als
        ihre Pflicht. - Meine Gedanken waren bei Dir, Martha ... Ich sah Dich
        auf dem Paradebette liegen, und was ich mir wnschte, war, da mich eine
        Kugel treffe. Dazwischen blitzte doch wieder ein Sehnsuchts- und ein
        Hoffnungsstrahl: Wie, wenn sie lebt? Wie, wenn ich heimkehrte? ... Das
        Gemetzel dauerte ber zwei Stunden und wir behaupteten, wie gesagt, das
        Feld. Der geschlagene Feind entfloh. Wir verfolgten ihn nicht. Auf dem
        Platze blieb uns Arbeit genug zu verrichten. Von dem Dorfe einige
        hundert Schritte entfernt und vom Brande unversehrt geblieben, steht ein
        groer Meierhof, mit zahlreichen leeren Wohnrumen und Stllen; hier
        werden wir die Nacht ber ausruhen und hierher haben wir unsere
        Verwundeten gebracht. Das Begraben der Toten bleibt auf morgen frh.
        Dabei werden natrlich wieder einige Lebendige verscharrt, denn der
        Starrkrampf nach Verwundungen ist eine hufige Erscheinung. Manche, die
        drben geblieben, ob tot, oder verletzt, oder auch unverletzt, werden
        wir ganz zurcklassen mssen; diejenigen nmlich, welche unter den
        Trmmern der eingestrzten Huser liegen. Die knnen dann hier, wenn sie
        tot sind, langsam vermodern; wenn verwundet - langsam verbluten, und
        wenn unversehrt - langsam verhungern. Und wir - hurrah! - knnen
        weiterziehen, in unseren frischen, frhlichen Krieg ... Der nchste
        Zusammensto wird wohl eine Feldschlacht abgeben. Allem Anschein nach
        werden sich zwei groe Armeekorps gegenberstehen. Dann kann die Zahl
        der Toten und Verwundeten leicht in die Zehntausend gehen; denn wenn die
        Kanonen ihres vernichtungspeienden Amtes walten, so werden beiderseitig
        die vorderen Reihen schnell weggefegt. Das ist ja eine wunderschne
        Einrichtung. Aber noch besser wird es sein, wenn einst die Schietechnik
        so weit vorgeschritten ist, da jede Armee ein Gescho abfeuern kann,
        welches die ganze feindliche Armee mit einem Schlag zertrmmert.
        Vielleicht wrde so das Kriegfhren berhaupt unterbleiben. Der Gewalt
        knnte dann - wenn zwischen zwei Streitenden die Allgewalt eine gleich
        groe wre - nicht mehr die Rechtsentscheidung berantwortet werden.
        Warum schreibe ich Dir dies alles? Warum breche ich nicht, wie es einem
        Kriegsmann ziemt, in begeisterte Lobeshymnen auf das Kriegshandwerk aus?
        Warum? Weil ich nach Wahrheit - und nach rckhaltloser uerung
        derselben - drste; weil ich jederzeit die lgenhafte Phrase hasse, - in
        diesem Augenblick aber - wo ich dem Tode so nahe bin; und wo ich zu Dir
        spreche, die Du vielleicht auch im Sterben liegst - es mich doppelt
        drngt, zu sprechen, wie es mir ums Herz ist. Mgen tausend Andere auch
        anders denken, oder doch anders zu sprechen sich verpflichtet dnken,
        ich will, ich mu es noch einmal gesagt haben, eh' ich dem Krieg zum
        Opfer falle: ich hasse den Krieg. Wrde nur jeder, der das Gleiche
        fhlt, es laut zu verknden wagen - welch ein drhnender Protest schrie
        da zum Himmel auf! Alles jetzt erschallende Hurrah samt dem begleitenden
        Kanonendonner wrde dann durch den Schlachtruf der nach Menschlichkeit
        lechzenden Menschheit bertnt, durch das siegesgewisse: Krieg dem
        Kriege!
                                                                 1/2 4 Uhr frh.
Obiges schrieb ich gestern nachts. Dann habe ich mich auf einen Strohsack gelegt
und ein paar Stunden geschlafen. In einer halben Stunde wird aufgebrochen, und
dies kann ich noch der Feldpost bergeben. Alles ist schon wach und rstet zum
Abmarsch. Die armen Leute: wenig Ruhe haben sie gefunden, nach der gestern
vollbrachten - wenig Krftigung zu der heute zu vollbringenden Blutarbeit ...
Vorhin habe ich noch einen Rundgang durch unser improvisiertes Lazareth gemacht,
welches hier zurckbleibt. Da sah ich unter den Verwundeten und Sterbenden ein
paar, denen ich es gern so gemacht htte, wie dem brennenden Pferde: ihnen eine
Gnadenkugel durch den Kopf gejagt. Da ist einer, dem der ganze Unterkiefer
weggeschossen ist; da ist ein anderer, der - Genug ... Ich kann nicht helfen -
niemand kann da helfen, als der Tod. Leider ist der oft so langsam ... Wer ihn
verzweifelt anruft, dem gegenber stellt er sich taub. Er ist anderweitig viel
zu sehr beschftigt, diejenigen hinzuraffen, die inbrnstig auf Genesung hoffen,
die ihn flehentlich anrufen: O verschone mich! Mein Pferd ist gesattelt - jetzt
heit es, diese Zeilen schlieen. Leb wohl! Martha - wenn Du lebst.

Zum Glck befanden sich in dem Briefpaket noch Nachrichten jngeren Datums, als
das eben angefhrte Schreiben ... Nach der in letzterem vorhergesagten groen
Schlacht hatte Friedrich berichten knnen:

    Der Tag ist unser. Ich bin unversehrt geblieben. Das sind zwei gute
    Nachrichten - die erste namentlich fr Deinen Vater, die zweite fr Dich.
    Da fr unzhlige andere derselbe Tag unzhligen Jammer gebracht hat, vermag
    ich nicht zu bersehen.

In einem andern Brief erzhlte Friedrich, da er mit seinem Vetter Gottfried
zusammengetroffen:

    Stelle Dir vor, welche berraschung: Wen sehe ich an der Spitze eines
    Detachements an mir vorber reiten? Tante Korneliens einzigen Sohn. Mu die
    Arme jetzt doch zittern ... Der Junge selber ist ganz begeistert und
    kampfesfroh. Ich sah es seiner stolzen, leuchtenden Miene und er hat es mir
    auch besttigt. Am selben Abend waren wir zusammen im Lager und ich lie ihn
    in mein Zelt rufen. Das ist ja herrlich, rief er entzckt, da wir fr
    dieselbe Sache kmpfen, Vetter - und nebeneinander! Hab' ich nicht Glck,
    da gleich im ersten Jahre meiner Lieutenantschaft Krieg ausgebrochen? Ich
    werde mir ein Verdienstkreuz holen. - Und die Tante - wie hat sie Dein
    Ausrcken aufgenommen? - Wie das nun schon 'mal der Mtter Brauch: mit
    Thrnen - die sie brigens zu verbergen suchte, um meine Lust nicht zu
    dmpfen - mit Segenswnschen, mit Kummer und mit Stolz. - Und wie war's Dir
    selber zu Mute, als Du zum erstenmale ins Gemenge kamst? - O wonnig,
    erhebend! - Du brauchst nicht zu lgen, mein Junge. Nicht der Stabsoffizier
    fragt nach Deinen pflichtschuldigen Lieutenantsgefhlen, sondern der Mensch
    und Freund. - Ich kann nur wiederholen: wonnig und erhebend. Schauerlich -
    ja ... aber: so groartig! Und das Bewutsein, da ich die hchste
    Mannespflicht erflle mit Gott fr Knig und Vaterland! Und dann: da ich
    den Tod, dieses sonst so gefrchtete und gemiedene Gespenst, hier so nahe um
    mich herum walten sehen, - seine Sense auch ber mir erhoben - das versetzt
    mich in eine eigene, ber die Gewhnlichkeit so erhabene, epische Stimmung
    ... Die Muse der Geschichte fhle ich uns zu Hupten schweben und unserem
    Schwert die Siegeskraft verleihen. Ein edler Zorn durchglht mich gegen den
    frechen Feind, der das Recht der deutschen Lande niedertreten wollte, und es
    ist mir ein Hochgefhl, diesen Ha befriedigen zu drfen ... das ist ein
    eigen, geheimnisvolles Ding, dieses Umbringendrfen - nein, Umbringen mssen
    - ohne ein Mrder zu sein und mit unerschrockener Preisgebung des eigenen
    Lebens ...
        So faselte der Knabe weiter. Ich lie ihn reden. Habe ich doch hnliches
        empfunden, als mich die erste Schlacht umtoste. Episch ja, da hat er das
        richtige Wort getroffen. Die Heldengedichte und Heldengeschichten,
        mittelst deren uns die Schule zu Kriegern aufzieht, die sind es, welche
        dann durch den Donner der Geschtze, durch das Blitzen der blanken
        Waffen und durch das Feldgeschrei der Kmpfer in unserem Hirn zum
        Vibrieren gebracht werden. Und die Auergewhnlichkeit, die
        unverstndliche Auergesetzlichkeit, in der man pltzlich sich befindet,
        die macht, als wre man in eine andere Welt versetzt ... es ist wie ein
        Ausblick von dem banalen Erdendasein mit seiner friedlichen,
        brgerlichen Ruhe, in ein titanisches Gewhl von Hllengeistern ... Aber
        mir war dieser Taumel bald verflogen und nur mhsam kann ich mich in die
        Empfindungen zurckdenken, wie sie mir der junge Tessow geschildert. Ich
        habe es zu frh erkannt, da der Schlachteneifer nichts
        bermenschliches, sondern - Untermenschliches ist; keine mystische
        Offenbarung aus dem Reiche Luzifers, sondern eine Reminiscenz aus dem
        Reiche der Tierheit - ein Wiedererwachen der Bestialitt. Nur wer sich
        bis zur wilden Mordlust berauschen kann, wer - wie ich das bei Manchen
        unter uns gesehen - mit weit ausgeholtem Hiebe den Schdel eines
        entwaffneten Feindes spaltet; wer zum Berserker - tiefer noch - zum
        blutdurstigen Tiger herabgesunken, der hat fr Augenblicke des Kampfes
        Wollust genossen. Ich nie - mein Weib - glaube es mir, ich nie.
        Gottfried ist entzckt, da wir sterreicher fr dieselbe gerechte Sache
        (was wei denn er? Als ob nicht jede Sache im Armeebefehl als die
        gerechte hingestellt wrde) wie die Preuen eingetreten sind. Ja, wir
        Deutsche sind doch alle ein einig Volk von Brdern. - Das hat sich schon
        im dreiigjhrigen Krieg - und auch im siebenjhrigen Krieg gezeigt,
        schaltete ich halblaut ein. Gottfried berhrte mich und fuhr fort:
        Freinander, miteinander besiegen wir jeden Feind. - Wie dann, mein
        Junge, wenn heute oder morgen die Preuen mit den sterreichern kmpfen
        und wir zwei als Feinde gegeneinander gestellt werden? - Nicht denkbar.
        Jetzt, nachdem unser beider Blut fr eine Sache geflossen, jetzt kann
        doch nie mehr ... - Nie mehr? Ich warne Dich vor den Ausdrcken nie und
        ewig in politischen Dingen. Was die Eintagsfliegen im Reiche der
        Lebewesen, das sind die Vlkerfeindschaften und Freundschaften im Reiche
        der geschichtlichen Erscheinungen. Ich schreibe das alles nieder,
        Martha, nicht, weil ich glaube, da es Dich - arme Kranke -
        interessieren knne; noch, weil ich Dir gegenber Betrachtungen
        anstellen will: aber ich habe eine Idee, da ich bleiben werde und da
        will ich nicht, da meine Gefhle unausgesprochen mit mir ins Grab
        versinken. Mein Brief kann - auch noch von anderen als Dir - gefunden
        und gelesen werden. Es soll nicht ewig verschwiegen und vertuscht
        bleiben, was sich im Geiste unbefangen denkender und menschlich
        fhlender Soldaten regt. Ich hab's gewagt, war Ulrich von Huttens
        Wahlspruch. Ich hab's gesagt -: mit dieser Gewissensberuhigung will ich
        aus dem Leben geschieden sein.

Die jngste der vorhandenen Nachrichten war vor fnf Tagen abgesendet worden und
vor zwei Tagen angekommen. Was kann in fnf Tagen - fnf Kriegstagen - nicht
alles geschehen sein? Sorge und Bangen ergriff mich. Warum war gestern, warum
heute kein Zeichen angelangt? O diese Sehnsucht nach einem Briefe - lieber noch
Telegramme -: ich glaube, kein von Fieberdurst Gequlter kann so nach Wasser
lechzen, wie ich damals nach einer Nachricht lechzte. Ich war gerettet; ihm
sollte die groe Freude werden, mich lebend zu finden, wenn - - immer dieses
wenn - dieses jede Zukunftshoffnung in der Knospe erstickende wenn!
    Mein Vater mute wieder abreisen. Nunmehr konnte er mich beruhigt verlassen
- die Gefahr war vorber und er hatte schon dringend in Grumitz zu thun. Ich
sollte, sobald ich hierzu die ntigen Krfte zurckerlangt, ihm dorthin mit
meinem kleinen Rudolf folgen. Der Aufenthalt in der frischen Landluft wrde mich
erst vollstndig herstellen knnen, und auch dem Kleinen frderlich sein. Tante
Marie blieb zurck; sie wollte mich weiter pflegen und dann mit mir zugleich
nach Grumitz fahren, wohin uns Rosa und Lilli schon vorangegangen waren. Ich
lie sie reden und fr mich Plne machen. Im Stillen nahm ich mir vor - sobald
ich nur halbwegs dazu fhig sein wrde - nach Schleswig-Holstein abzureisen.
    Wo Friedrichs Regiment in diesem Augenblicke sich befand, wuten wir nicht.
Es war unmglich, ihm eine Depesche zukommen zu lassen, und am liebsten htte
ich jede Stunde telegraphiert, um zu fragen: Lebst Du?
    Du mut Dich nicht so aufregen, predigte mein Vater, als er von mir
Abschied nahm, sonst bekommst Du gar noch einen Rckfall. Zwei Tage ohne
Nachricht: was ist das? Doch wahrlich kein Grund zur Besorgnis. Im Felde findet
man nicht berall Briefkasten und Telegraphenstationen - abgesehen davon, da
man whrend des Marsches und des Schlagens und des Ruhens gar nicht im stande
ist, zu schreiben. Die Feldpost funktioniert nicht immer regelmig; da kann man
leicht vierzehn Tage nachrichtslos bleiben, ohne da dies Schlimmes bedeutet. Zu
meiner Zeit habe ich oft noch lnger nicht nach Hause geschrieben und man war
darum nicht besorgt um mich.
    Wie weit Du das, Papa? Ich bin berzeugt, die Deinen haben fr Dich ebenso
gezittert, wie ich fr Friedrich zittere. Nicht wahr, Tante?
    Wir waren gottvertrauender als Du, antwortete diese; wir wuten, da,
wenn die gtige Vorsehung es so lenken wollte, da - ob wir nun Nachrichten
erhielten oder keine - Dein Vater zu uns zurckkehren wrde.
    Und wre ich nicht zurckgekehrt, alle Kuckuck, so waret ihr auch
vaterlandsliebend genug, um einzusehen, da eine so geringe Sache, wie eines
einzelnen Soldaten Leben in der groen Sache, fr die er es gelassen hat,
gnzlich verschwindet. Du, meine Tochter, bist lange nicht patriotisch genug
gesinnt. Aber ich will jetzt mit Dir nicht zanken ... Die Hauptsache ist, da Du
wieder gesund wirst, und Dich fr Deinen Rudi erhltst, um einen tchtigen Mann
und Vaterlandsverteidiger aus ihm heranzubilden.

Ich genas nicht so schnell, als man anfangs gehofft. Die fortdauernde
Nachrichtslosigkeit versetzte mich in solche bange Aufregung, da ich aus dem
fieberhaften Zustand eigentlich gar nicht herauskam, Die Nchte waren mit
schauerlichen Phantasien gefllt und die Tage vergingen in harrender Sehnsucht
oder trbem Hinbrten; dabei war es schwer, wieder zu Krften zu gelangen.
    Einmal, nach einer Nacht, da ich besonders schauderhafte Gesichte gehabt -
Friedrich - lebend unter einem Haufen von Menschen- und Pferdeleichen
verschttet - stellte sich sogar ein Rckfall ein, der mein Leben neuerdings in
Gefahr brachte. Die arme Tante Marie hatte ein schweres Amt. Sie hielt es fr
ihre Pflicht, mir unablssig Trost und Ergebung zuzusprechen und ihre Grnde -
namentlich die immer wiederkehrende Bestimmung hatten die Wirkung, mich aufs
hchste aufzubringen; und statt sie ruhig predigen zu lassen, lie ich mich zu
leidenschaftlichem Widersprechen, zu auflehnenden Klagen gegen das Geschick, zu
unumwundenem Versichern hinreien, da mir ihre Bestimmung als ein Unsinn
erschiene. Das Alles klang natrlich lsterlich, und die gute Tante fhlte sich
nicht allein persnlich verletzt, sondern zitterte auch fr meine rebellische,
jetzt vielleicht so bald vor den ewigen Richterstuhl gerufene Seele ...
    Nur ein Mittel gab es, mich fr einige Momente zu beruhigen. Das war, wenn
man mir den kleinen Rudolf ins Zimmer brachte. Du mein geliebtes Kind - Du mein
Trost, meine Sttze, meine Zukunft! ... so rief ich den Kleinen in meinem
Innern an, wenn ich ihn erblickte. Er blieb aber nicht gern in dem traurigen,
verhngten Krankenzimmer. Es war ihm wohl unheimlich, seine sonst so lustige
Mama jetzt unaufhrlich im Bette liegen zu sehen, verweint und bla. Er wurde
selber ganz niedergeschlagen, und so behielt ich ihn immer nur fr kurze
Augenblicke bei mir.
    Von meinem Vater kamen hufig Anfragen und Nachrichten. Er hatte an
Friedrichs Obersten und noch an mehrere Andere geschrieben, doch noch keine
Antwort erhalten. Wenn eine Verlustliste eintraf, schickte er eine Depesche an
mich:
    Friedrich nicht dabei.
    Ob ihr mich nicht vielleicht betrgt? fragte ich einmal die Tante. Ob
nicht schon lngst die Todesnachricht da ist - und ihr sie mir verhehlet?
    Ich schwre Dir ...
    Bei Deinem Glauben? bei Deiner Seele? ...
    Bei meiner Seele.
    Solche Versicherung that mir unsglich wohl, denn mit aller Macht klammerte
ich mich an meine Hoffnung ... Stndlich erwartete ich das Eintreffen eines
Briefes, einer Depesche. Bei jedem Lrm im Nebenzimmer stellte ich mir vor, da
es der Bote sei; fast bestndig waren meine Blicke zur Thr gerichtet, mit der
beharrlichen Vorstellung, da einer da eintreten msse, die beglckende
Botschaft in der Hand ... Wenn ich auf jene Tage zurckschaue, so liegen sie wie
ein langes, qualgeflltes Jahr in meiner Erinnerung. Der nchste Lichtblick war
mir die Nachricht, da abermals ein Waffenstillstand geschlossen worden sei -
das bedeutete diesmal wohl den Frieden. An dem Tage nach dem Eintreffen dieser
Neuigkeit stand ich zum erstenmale ein wenig auf. Der, Friede! Welch ein ser,
wohliger Gedanke ... Vielleicht zu spt fr mich! ... Gleichviel: ich fhlte
mich doch unsglich beruhigt: wenigstens brauchte ich mir nicht mehr tglich,
stndlich den tosenden Kampf vorzustellen, von welchem Friedrich vielleicht
gerade umgeben war ...
    Gott sei Dank, jetzt wirst Du bald gesund werden, sagte die Tante eines
Tages, nachdem sie mir geholfen, mich auf einen Ruhesessel niederzulassen, den
man mir zum offenen Fenster geschoben hatte. Und da knnen wir nach Grumitz
...
    Sobald ich die Kraft habe, reise ich nach - Alsen!
    Nach Alsen? Aber Kind, was fllt Dir ein?
    Ich will dort die Stelle finden, wo Friedrich entweder verwundet oder -
ich konnte nicht weitersprechen.
    Soll ich den kleinen Rudolf holen? fragte die Tante nach einer Weile. Sie
wute, da dies das beste Mittel sei, um meine trben Gedanken fr eine Zeit zu
verscheuchen.
    Nein, jetzt nicht - ich mchte ganz ruhig und allein bleiben ... Auch Du
thtest mir einen Gefallen, Tante, wenn Du in das Nebenzimmer gingest ...
vielleicht werde ich ein wenig schlafen. Ich fhle mich so matt ...
    Gut, mein Kind, ich will Dich in Ruhe lassen ... Hier auf dem Tischchen
neben Dir steht eine Glocke. Wenn Du etwas brauchst, wird gleich jemand zur Hand
sein.
    War der Brieftrger schon da?
    Nein - es ist noch nicht Postzeit.
    Wenn er kommt, so wecke mich.
    Ich lehnte mich zurck und schlo die Augen. Leisen Schrittes ging die Tante
hinaus. Dieses unhrbare Auftreten hatten sich in letzter Zeit alle Hausgenossen
angewhnt.
    Nicht schlafen wollte ich, sondern nur mit meinen Gedanken allein bleiben
... Ich befand mich in demselben Zimmer, auf demselben Ruhesessel, wie an jenem
Vormittage, wo Friedrich gekommen war, mir mitzuteilen: Wir haben
Marschbefehl. Es war auch eben so schwl, wie an jenem Tage, und wieder
dufteten Rosen in einer Vase neben mir, wieder tnten von der Kaserne
Trompetenbungen her. Ich konnte mich ganz in die Stimmung von damals
zurckversetzen ... Ich wollte, ich htte wieder so einschlummern knnen und
trumen, wie ich damals zu trumen whnte: da die Thr leise aufging und der
geliebte Mann hereintrat ... Die Rosen dufteten immer schwerer und durch das
offene Fenster hallten die fernen Tra - ra - - - allmhlich schwand mir das
Bewutsein der Gegenwart, immer mehr und mehr fhlte ich mich in jene Stunde
zurckversetzt - vergessen war alles, was seither vorgefallen, nur die eine fixe
Idee ward immer intensiver, da jetzt und jetzt die Thr sich ffnen msse, um
dem Teuren Einla zu gewhren. Zu diesem Zwecke mute ich aber trumen, da ich
die Augen halb offen hielt. Es war mir eine Anstrengung dies zu erzwingen, aber
es gelang - linienbreit hob ich die Lider und - -
    ... Und da war es, das ersehnte, das beglckende Bild: Friedrich, mein
geliebter Friedrich auf der Schwelle ... Laut aufschluchzend und das Gesicht mit
beiden Hnden bedeckend, fuhr ich aus meinem traumhaften Zustand auf. Mit einem
Schlag war es mir klar geworden, da dies nur eine Hallucination gewesen, und
das himmelshelle Glckslicht, welches von diesem Wahnbild ausgeflossen, lie mir
die hllenfinstere Nacht meines Unglcks nun desto schwrzer erscheinen.
    O mein Friedrich - mein Verlorener! sthnte ich.
    Martha, Weib -!
    Was war das? Eine wirkliche Stimme - die seine - und wirkliche Arme, die
mich strmisch umfingen ... Es war kein Traum: ich lag an meines Mannes Herzen.

Wie in der letzten Abschiedsstunde unser Schmerz sich mehr in Thrnen und
Kssen, denn in Worten geuert hatte - so auch unser Glck in dieser
Wiedersehensstunde. Da man vor Freude wahnsinnig werden kann, ich fhlte es
deutlich, als ich den Verlorengeglaubten wieder fest hielt, als ich schluchzend
und lachend und erregungszitternd immer wieder den teuren Kopf mit beiden Hnden
fate, um ihm Stirn und Augen und Mund zu kssen, unverstndliche Worte
stammelnd ...
    Auf meinen ersten Jubelschrei war Tante Marie aus dem Nebenzimmer
herheigeeilt. Auch sie hatte von Friedrichs Rckkunft keine Ahnung gehabt und
bei seinem Anblick lie sie sich mit einem lauten Jesus, Maria und Joseph! auf
den nchsten Sessel fallen.
    Es dauerte lange, bis der erste Freudentaumel sich genug gelegt hatte, um
gegenseitigen Fragen und Gegenfragen, Mitteilungen und Berichten Raum zu lassen.
Dann erfuhren wir, da Friedrich in einem Bauernhause liegen geblieben war,
whrend sein Regiment weiter gezogen. Die Wunde war keine schwere gewesen,
dennoch hatte er mehrere Tage bewutlos im Fieber gelegen. Briefe waren ihm in
letzter Zeit keine zugekommen, und es war auch nicht mglich gewesen, solche
abzuschicken. Als er genesen, da war der Waffenstillstand bereits erklrt und
eigentlich der Krieg zu Ende. Nichts hinderte ihn, nach Hause zu eilen. Jetzt
schrieb und telegraphierte er nicht mehr und reiste Tag und Nacht, um so schnell
als mglich anzukommen. Ob ich noch am Leben, ob ich auer Gefahr war - das
wute er nicht. Er wollte sich auch gar nicht darum erkundigen - nur hin, nur
hin, ohne eine Stunde zu verlieren und ohne seiner Heimfahrt etwa die Hoffnung
abzuschneiden, da er sein Liebstes wiederfindet ... Und diese Hoffnung ward
nicht getuscht: jetzt hatte er sein Liebstes wiedergefunden: gerettet und selig
- ber die Maen selig ...
    Bald bersiedelten wir alle nach meines Vaters Landsitz. Friedrich hatte zur
Herstellung seiner Gesundheit einen lngeren Urlaub erhalten und die ihm vom
Arzt verordneten Mittel: Ruhe und gute Luft, konnte er am besten bei uns in
Grumitz finden.
    Das war ein glcklicher Nachsommer ... Ich erinnere mich keines
Zeitabschnittes in meinem Leben, der schner gewesen wre. Die endliche
Vereinigung mit einem lang ersehnten Geliebten mag wohl unendlich sein; aber
fast noch ser will mir die Wiedervereinigung mit einem schon halb
Verlorengegebenen scheinen. Wenn ich mich fr einen Moment in das Angstgefhl
zurck versetzte, welches mich vor Friedrichs Rckkunft erfllte, oder mir die
Bilder herauf beschwor, welche meine Fiebernchte geqult hatten - Friedrich,
allerlei Todesqual erleidend - und mich dann an seinem Anblick weidete, so
jubelte mir das Herz. Ich hatte ihn jetzt noch lieber, noch hundertmal lieber,
den wiedererlangten Gatten, und ich empfand seinen Besitz als einen immer
anwachsenden Reichtum. Schon hatte ich mich fr eine Bettlerin gehalten - und
jetzt: - die Freudenmillion war mein!
    Die ganze Familie war in Grumitz versammelt. Auch Otto, mein Bruder, brachte
seine Ferien bei uns zu. Er war jetzt fnfzehn Jahre alt und sollte noch drei
Jahre in der Wiener-Neustdter Militrakademie zubringen. Ein herziges
Brschchen, mein Bruder, und des Vaters Liebling und Stolz. Er sowohl, als Lilli
und Rosa fllten das Haus mit ihrer Lustigkeit. Das war ein ewiges Lachen und
Springen und Ball- und Raquette-Spiel und allerlei tolles Streiche-machen.
Vetter Konrad, dessen Regiment unweit von Grumitz in Garnison lag, kam so hufig
als mglich herbergeritten und hielt bei den Ausgelassenheiten der Jungen
wacker mit. Eine zweite Partei bildeten die Alten - nmlich Tante Marie, mein
Vater und einige als Gste bei uns weilende Kameraden des Letzteren. Unter
diesen wurde fleiig Karten gespielt, gemigte Parkpromenaden gemacht, den
Tafelfreuden gehuldigt und unabsehbar viel kannegegossen. Die eben
stattgehabten kriegerischen Ereignisse und die durch letztere durchaus nicht zum
Abschlu gebrachte schleswig-holsteinische Frage boten ein ergiebiges Feld
hierzu. Friedrich und ich lebten von den anderen eigentlich so ziemlich
abgeschieden - nur zu den Mahlzeiten trafen wir mit ihnen zusammen - und auch
das nicht immer. Man lie uns gewhren. Es galt als ausgemacht, da wir in einer
zweiten Auflage des Honigmondes uns befanden und uns Einsamkeit gebhre. Und wir
waren auch am liebsten allein. Nicht etwa, um, wie die anderen vermutlich
glaubten, in Honigmondesart zu schkern und zu kosen - dazu waren wir doch nicht
neuvermhlt genug; aber weil wir im gegenseitigen Umgang die meiste
Befriedigung fanden. Nach den krzlich durchgemachten schweren Sorgen konnten
wir die naive Munterkeit der Jugendpartei nicht teilen und noch weniger
sympathisierten wir mit den Interessen und Unterhaltungen der Wrdenspersonen,
und so zogen wir es vor - unter dem uns stillschweigend zuerkannten Privilegium
eines verliebten Paares - uns ein gutes Stck Abgeschiedenheit zu wahren. Wir
unternahmen zusammen lange Spaziergnge, mitunter Ausflge in die Umgebung,
wobei wir den ganzen Tag abwesend blieben; viele Stunden verbrachten wir zu
zweien im Bibliothekzimmer, und abends, wenn die verschiedenen Spielpartien in
Angriff genommen wurden, zogen wir uns in unsere Gemcher zurck, wo wir bei
Thee und Cigarette unsere vertraulichen Plaudereien wieder aufnahmen. Wir fanden
immer unendlich viel uns zu sagen. Am liebsten erzhlten wir einander von den
Trauer- und Schreckgefhlen, die wir whrend unserer Trennungszeit empfunden,
dies weckte die Freude unseres Wiederfindens immer aufs neue. Wir kamen berein,
da Todesahnungen und dergleichen nichts als Aberglaube seien, denn beide waren
wir seit der Stunde unseres Abschiedes von der Voraussicht erfllt gewesen, da
eins oder das andere sterben msse - und jetzt hatten wir uns wieder! Friedrich
mute mir genau alle die Gefahren und Leiden erzhlen, die er eben durchgemacht,
und die Greuelbilder des Schlachtfeldes und des Lazareths beschreiben, welche er
neuerdings in seine schaudernde Seele aufgenommen. Ich liebte den Ton des
Unwillens und des Schmerzes, der bei solchen Berichten in seiner Stimme
zitterte. Aus der Art, wie er von den Grausamkeiten sprach, deren Zeuge er im
Kriegsgetmmel gewesen war, hrte ich die Verheiung der Edelmenschlichkeit
heraus, welche berufen ist, erst bei Einzelnen, spter bei Vielen, endlich bei -
Allen die alte Barbarei zu berwinden.
    Auch mein Vater und Otto forderten Friedrich hufig auf, Episoden aus dem
stattgehabten Feldzuge zum besten zu geben. Freilich geschah dies in ganz
anderem Geiste, als wenn ich um eine solche Erzhlung bat, und in anderem Geiste
war dann auch Friedrichs Vortrag gehalten. Er begngte sich damit, die
taktischen Bewegungen der Truppen, die Ergebnisse der Gefechte, die Namen der
genommenen und der verteidigten Ortschaften zu berichten, einzelne Lagerscenen
zu beschreiben, Worte zu wiederholen, welche von den Heerfhrern gesprochen
wurden, und was dergleichen Kriegsmiscellen mehr sind. Sein Auditorium war
entzckt davon; mein Vater lauschte mit Genugthuung, Otto mit Bewunderung, die
Generle mit sachverstndiger Wichtigkeit. Nur ich konnte an dieser trockenen
Erzhlungsweise keinen Geschmack finden; ich wute, da dieselbe eine ganze Welt
von Gefhlen und Gedanken verschwieg, welche die berichteten Dinge in des
Erzhlers Seelengrund geweckt hatten. Als ich ihm einst unter vier Augen darber
einen Vorwurf machte, entgegnete er:
    Falschheit? Unaufrichtigkeit? Mangel an Meinungsmut? Nein, liebes Kind, Du
irrst - bloe Anstndigkeit ist es. Erinnerst Du Dich unserer Hochzeitsreise, -
unserer Abfahrt von Wien, das erste Alleinsein im Waggon - die Nacht im prager
Hotel? Hast Du die Einzelheiten jener Stunden jemals hier erzhlt - und jemals
Deinen Freunden und Verwandten die Gefhle und Regungen dieser Rosenzeit
geschildert?
    Nein, gewi nicht ... von solchen Dingen schweigt wohl jede Frau ...
    Nun siehst Du, es gibt auch Dinge, von welchen jeder Mann zu schweigen
pflegt. Ihr drft von Euren Liebesfreuden nichts berichten; wir nichts von
unseren Kriegsleiden. Ersteres knnte Eure Haupttugend - die Keuschheit -
blostellen; letzteres die unsere - den Mut. Die Wonnen der Flitterwochen und
die Schrecken des Schlachtfeldes: davon kann doch in gesitteter Gesellschaft
kein weibliches Weib, kein mnnlicher Mann etwas erzhlen. Wie? Du httest in
der Verzckung der Liebe se Thrnen vergossen - wie? - ich htte unter dem
Hieb der Todessense aufgeschrieen - wie knntest Du Dich zu solcher
Sinnlichkeit, wie drfte ich zu solcher Feigheit mich bekennen?
    Und hast Du geschrieen - hast Du gezittert, Friedrich? Mir kannst Du es
sagen. Ich verschweige Dir auch die Geheimnisse meiner Liebesfreuden nicht, so
magst Du -
    Dir das Todesbangen eingestehen, das uns Soldaten auf der Wahlstatt erfat?
Wie wre es denn anders mglich? Die Phrase und die Dichtung lgt darber hinweg
- die durch Phrase und Dichtung knstlich angefachte Begeisterung vermag sogar
den Naturtrieb der Selbsterhaltung momentan zu berwinden - aber nur momentan
... Bei den Rohen kann auch mitunter Mord- und Zerstrungslust die Angst um das
eigene Leben verscheuchen; bei den Ehrenfesten wird der Stolz vermgen, die
uere Kundgebung dieser Angst zu unterdrcken ... Aber wie viele habe ich
sthnen und wimmern gehrt, von den armen jungen Burschen - welche verzweifelnde
Blicke, welch todesfurcht-verzerrte Gesichter hab' ich gesehen - welche wilde
Klagen und Flche und flehendes Bitten vernommen!
    Und das hat Dir weh gethan, Du mein Guter, Milder?
    Oft zum Aufschreien weh, Martha. Und doch weniger, als es meiner
Mitleidsfhigkeit eigentlich entsprche ... ... Man sollte glauben, wenn man
beim Anblick eines vereinzelten Leidens von Mitgefhl ergriffen ist, da
vertausendfachtes Leid auch tausendmal strkeres Mitgefhl wecken mte. Aber
das Gegenteil tritt ein: die Massenhaftigkeit stumpft ab. Man kann den einen
nicht so heftig bedauern, wenn man um ihn herum 999 ebenso Unglckliche sieht.
Aber wenn man auch die Fhigkeit nicht hat, ber einen gewissen Grad von
Mitschmerz hinaus zu fhlen - zu denken und zu berechnen vermag man es doch, da
die unfabare Jammerquantitt vorhanden ist -
    Das vermagst Du und ein paar andere - doch die meisten denken und berechnen
nicht.
    Denken nicht. wiederholte er. Gott sei's geklagt, das ist an allen beln
schuld: die meisten denken nicht. - -

Es war mir gelungen, Friedrich zu dem Entschlusse zu bewegen, den Dienst zu
verlassen. Der Umstand, da er - nach seiner Verheiratung - noch ber ein Jahr
gedient und mit Auszeichnung einen Feldzug mitgemacht, schtzte ihn vor dem,
meinem Vater in der Brautzeit aufgestiegenen Verdacht, da die ganze Heirat nur
den Zweck hatte, seine Laufbahn aufgeben zu knnen. Jetzt, wenn der Friede,
dessen Prliminarien im Gange waren, geschlossen sein wrde, und da
voraussichtlich lange Jahre des Friedens bevorstanden - - jetzt hatte ein
Austritt aus dem Militrverband nichts Ehrverletzendes an sich. Zwar
widerstrebte es noch einigermaen Friedrichs Stolz, auf Stellung und Einkommen
zu verzichten, um, wie er sagte, nichts zu thun, nichts zu sein und nichts zu
haben; aber seine Liebe zu mir war doch ein mchtigeres Gefhl, als sein Stolz,
und er konnte meinen Bitten nicht widerstehen. Ich erklrte, ein zweites Mal
knne ich die Seelenangst nicht durchmachen, die mir die letzte Trennung
verursacht - und er mochte wohl selber solchen Schmerz nicht wieder auf uns
Beide herabbeschwren. Das Zartgefhl, welches vor seiner Verheiratung mit mir
ihn vor der Idee zurckschrecken lie, von dem Vermgen der reichen Frau zu
leben, das war jetzt nicht mehr im Spiele, denn wir waren so sehr eins geworden,
da zwischen mein und dein kein fhlbarer Unterschied mehr waltete, und
verstanden einander so gut, da er eine Mibeurteilung seines Charakters von
meiner Seite nicht mehr befrchten durfte. Der letzte Feldzug hatte zudem seine
Abneigung gegen die Mordpflichten des Krieges noch so sehr vergrert und das
rckhaltlose Aussprechen dieser Abneigung hatte dieselbe so gefestigt, da ihm
das Quittieren nicht nur als eine unserem huslichen Glcke gemachte Konzession,
sondern zugleich als eine Bethtigung seiner Gesinnung, als einen
berzeugungstribut erscheinen lie, und so versprach er mir, im kommenden
Herbste - bis dahin muten die Friedensverhandlungen doch beendet sein - seinen
Abschied zu nehmen.
    Wir planten, mit meinem, gegenwrtig im Bankhause Schmitt &amp; Shne
liegenden Vermgen ein Gut zu kaufen, an dessen Bewirtschaftung Friedrich
Beschftigung finden wrde. Damit sollte der erste Teil seiner Sorge nichts zu
thun, nichts zu sein und nichts zu haben, schon beseitigt werden. Fr das Sein
und Haben wrde auch Abhilfe geschaffen:
    Sein: k. k. Oberst a. D. und ein glcklicher Mensch - ist das nicht genug?
fragte ich Und haben: Du hast uns - mich und Rudi und - - die Kommenden ... ist
das nicht auch genug?
    Er schlo mich lachend in die Arme.
    Meinem Vater und den Anderen wollten wir von unseren Plnen vorlufig noch
nichts mitteilen. Jedenfalls wrden jene Einwnde erheben, Ratschlge erteilen,
Rgen aussprechen - und das war jetzt noch berflssig. Spter wrden wir uns
ber derlei hinauszusetzen wissen; denn wenn sich zwei alles in allem sind,
prallt jede fremde Meinung wirkungslos von ihnen ab. Diese gewonnene Sicherheit
fr die Zukunft erhhte noch den Genu der Gegenwart, welche sich ohnehin von
der Folie der durchgemachten schweren Vergangenheit so vorteilhaft abhob ... ich
kann es nur wiederholen: es war eine schne Zeit.
    Mein Sohn Rudolf, nunmehr ein siebenjhriger kleiner Mann, fing jetzt an
lesen und schreiben zu lernen, und seine Lehrerin - war ich. Ich htte keiner
Bonne die Freude gegnnt - was ihr brigens vermutlich gar keine gewesen wre
- diese kleine Seele langsam sich entfalten zu sehen und derselben die ersten
berraschungen des Wissens beizubringen. Oftmals war der Kleine unser Begleiter
auf unseren Spaziergngen und wir wurden nicht mde, die Fragen, welche seine
erwachende Wibegier an uns stellte, zu beantworten. Zu beantworten so gut und
so weit wir konnten. Auf Lgen lieen wir uns nicht ein. Wir scheuten uns nicht,
solche Fragen, auf die wir keinen Bescheid wuten - auf die kein Mensch Bescheid
wei - mit einem aufrichtigen das wei man nicht, Rudi zu beantworten.
Anfnglich geschah es, da Rudolf, mit solcher Antwort nicht zufrieden, seine
Frage nochmals bei Tante Marie, bei seinem Grovater oder bei - der Kinderfrau
vorbrachte, und da wurden ihm stets unzweifelhafte Aufschlsse zu teil.
Triumphierend kam er dann zu uns: Ihr wit nicht, wie alt der Mond ist? Ich
wei es jetzt: sechs tausend Jahre - merkt euch das. Friedrich und ich
wechselten einen stummen Blick. Ein ganzes Buch voll pdagogischer Klagen und
Bedenken lag in diesem Blick und diesem Schweigen.
    Besonders unliebsam war mir die Soldatenspielerei, welche sowohl mein Vater
wie mein Bruder mit dem Kleinen trieben. Die Begriffe von Feind und von
Dreinhauen wurden ihm beigebracht, ich wei gar nicht wie. Eines Tages kamen
wir dazu, Friedrich und ich, wie Rudolf mit einer Reitgerte unbarmherzig auf
zwei wimmernde junge Hunde einhieb.
    Das ist ein falscher Italiener, sagte er, auf das eine der armen Tierchen
ausholend, und das - auf das andere - ein frecher Dne.
    Friedrich ri dem Nationenzchter die Gerte aus der Hand:
    Und das ist ein herzloser sterreicher, sagte er, indem er ein paar
tchtige Schlge auf Rudolfs Schultern fallen lie. Italiener und Dne liefen
vergngt davon, und das Wimmern wurde jetzt von unserem kleinen Landsmann
besorgt.
    Bist Du mir bse, Martha, da ich Deinen Sohn geschlagen? Ich bin sonst
wahrlich nicht fr die Prgelstrafe eingenommen, aber Grausamkeit gegen Tiere
kann mich entrsten -
    Du hast recht gethan, unterbrach ich.
    Also nur gegen Menschen ... darf man ... grausam sein? fragte der Kleine
mitten in seinem Schluchzen.
    Auch nicht - noch weniger -
    Du hast doch selber auf Italiener und Dnen gehaut?
    Das waren Feinde -
    Die also darf man hassen?
    Und heute oder morgen - wandte sich Friedrich leise an mich - wird ihm
der Pfarrer sagen, da man seine Feinde lieben solle - o Logik! Dann laut zu
Rudolf: Nicht, weil wir sie hassen, drfen wir unsere Feinde schlagen, sondern
weil sie uns schlagen wollen.
    Und warum wollen sie uns schlagen?
    Weil wir sie - nein, nein, unterbrach er sich, aus diesem Cirkel find'
ich keinen Ausweg. Geh spielen, Rudi - wir verzeihen Dir - aber thu's nicht
wieder.
    Vetter Konrad machte, wie mir schien, einige Fortschritte in Lillis Gnade.
Es geht doch nichts ber Ausdauer. Ich htte diese Verbindung sehr gern gesehen,
und beobachtete mit Vergngen, wie die Blicke meiner Schwester froh
aufleuchteten, wenn von weitem der Hufschlag von Konrads Pferde sich vernehmen
lie, und wie sie seufzte, wenn er wieder davonritt. Er machte ihr nicht mehr
den Hof, das heit er sprach nichts von seiner Liebe, brachte seine Werbung
nicht von neuem vor - dennoch war sein Benehmen eine regelrechte Belagerung.
    Wie es verschiedene Arten gibt, eine Festung zu nehmen, so erklrte er mir
eines Tages, durch Sturm, - durch Hunger - so gibt es auch mehrfache Mittel,
ein Frauenherz zur Kapitulation zu bringen. Darunter eins der wirksamsten: die
Gewohnheit - die Rhrung ... Es mu sie doch rhren, da ich so beharrlich
liebe, dabei so beharrlich schweige und immer wiederkomme. Wenn ich ausbliebe,
risse das eine gewaltige Lcke in ihre Existenz; und wenn ich noch eine Zeit
lang so fortfahre, so wird sie ohne mich es gar nicht mehr aushalten.
    Und wieviel mal sieben Jahre gedenkst Du so um Deine Erkorene zu dienen?
    Das habe ich nicht berechnet ... so lange, bis sie mich nimmt.
    Ich bewundere Dich. Gibt es denn gar keine anderen Mdchen auf der Welt?
    Fr mich nicht. Ich habe mir die Lilli in den Kopf gesetzt. Sie hat ein
gewisses Etwas um die Mundwinkel, im Gang, in der Art zu sprechen, das mir keine
Andere ersetzen kann ... Du, Martha, bist zum Beispiel zehnmal hbscher und
hundertmal gescheiter -
    Danke -
    Aber ich wollte Dich nicht zur Frau.
    Danke.
    Eben weil Du zu gescheit bist - Du wrdest mich so gewi von oben herab
ansehen. Mein Kreuzchen am Kragen, mein Sbel, die Sporen imponieren Dir nicht.
Lilli hat doch Respekt vor einem streitbaren Mann - ich wei, sie betet das
Militr an, whrend Du -
    Ich habe doch zweimal Militrs geheiratet, erwiderte ich lchelnd.

Whrend der Mahlzeiten, an dem oberen Ende der Tafel, wo mein Vater und seine
alten Freunde den Ton angaben und wo auch ich und Friedrich saen - die Jugend
war am anderen Ende und unterhielt sich untereinander - wurde zumeist
politisiert; das war so der alten Herren Lieblingsgesprchsstoff. Die
schwebenden Friedensverhandlungen boten gengenden Anla zu dieser
Weisheitsentfaltung; denn da politische Errterungen die gediegenste und
ernster Mnner wrdigste Unterhaltung sei, das steht bei den meisten Leuten
fest. Aus Galanterie und in freundlicher Rcksicht auf meine weibliche
Verstandesschwche, sagte wohl mitunter einer der Generle: Diese Dinge knnen
unsere junge Baronin Martha kaum interessieren - wir sollten darber nur
sprechen, wenn wir unter uns sind, nicht wahr, schnes Frauchen?
    Aber dagegen verwahrte ich mich und bat ernstlich, das Gesprch
fortzusetzen. Ich nahm an den Vorgngen in der militrischen und diplomatischen
Welt wirklichen und gespannten Anteil. Nicht vom selben Standpunkt, wie diese
Herren; doch war mir daran gelegen, die dnische Frage, deren Ursprung und
Verlauf ich anllich des Krieges so aufmerksam studiert hatte, bis zu ihrem
endgltigen Abschlu zu verfolgen. Jetzt, nach diesen Kmpfen und Siegen, htte
es wohl entschieden sein sollen, was mit den fraglichen Herzogtmern zu
geschehen habe - aber immer noch schwebten die Fragen und die Zweifel. Der
Augustenburger - der famose Augustenburger, wegen dessen altbegrndeten Rechten
der ganze Streit entbrannt war - war er denn jetzt eingesetzt? Durchaus nicht.
Sogar ein ganz neuer Prtendent erschien auf dem Plan. Mit Glcksburg und
Gottorp und wie alle die Linien und Nebenlinien hieen, deren Namen ich mir
mhsam angeeignet hatte, war's noch nicht genug. Jetzt trat Ruland auf und
schob dem Augustenburger einen - Oldenburger vor. Das Resultat des Krieges aber
war bisher, da weder einem Glcks-, noch Augusten-, noch Olden-, noch sonst
einem-burger die Herzogtmer gehren sollten, sondern den verbndeten Siegern.
Folgendes, so erfuhr ich, waren die Artikel der eben im Gang befindlichen
Friedensunterhandlungen:
1) Dnemark tritt die Herzogtmer an sterreich und Preuen ab.
Damit war ich zufrieden. Die Verbndeten wrden sich nun natrlich beeilen, das
nicht fr sich, sondern fr einen anderen eroberte Land diesem anderen zu
bergeben.
2) Die Grenze wird genau reguliert.
Das wre auch ganz hbsch; wenn nur diese Regulierungen ein bischen mehr
Verharrungskraft htten; aber es ist ja erbrmlich, welche ewige Verschiebungen
solche blaue und grne Striche auf den Landkarten unaufhrlich zu erleiden
haben.
3) Die Staatsschulden werden nach dem Ma der Bevlkerung verteilt.
Das verstand ich nicht. Bis zu volkswirtschaftlichen und finanziellen Fragen
hatte ich mich in meinen Studien nicht aufgeschwungen; ich nahm an der Politik
nur sofern Anteil, als sie auf Krieg und Frieden Bezug hatte, denn dies war mir
- als Mensch und Gattin - Herzensfrage.
4) Die Kriegskosten tragen die Herzogtmer.
Das was mir wieder einigermaen klar. Das Land war verwstet worden, die Saaten
zertreten, dessen Shne gettet: einiger Ersatz gebhrte ihm doch - nun denn: es
durfte die Kriegskosten tragen.
    Und was gibt es heute Neues mit Schleswig-Holstein? fragte ich selber,
wenn das Gesprch noch nicht auf das politische Gebiet gelenkt worden war.
    Das neueste ist, berichtete am 13. August mein Vater, da Herr von Beust
an den Bundestag die Frage gestellt hat, mit welchem Rechte die Verbndeten sich
die Herzogtmer von einem Knige abtreten lieen, den der Bund gar nicht als
rechtmigen Besitzer anerkannt hatte.
    Das ist eigentlich ein ganz vernnftiger Einwand, bemerkte ich; denn es
hie ja doch, der Protokoll-Prinz sei nicht der legitime Herr der deutschen
Lande, und nun lat Ihr Euch feierlich von Christian IX. -
    Das verstehst Du nicht, Kind - unterbrach mein Vater. Eine Frechheit,
eine Chicane ist es von diesem Herrn von Beust, weiter nichts. Die Herzogtmer
gehren ohnehin schon uns, da wir sie erobert haben.
    Aber doch nicht fr Euch erobert? - es hie: fr den Augustenburger.
    Das verstehst Du wieder nicht. Die Grnde, welche vor Ausbruch eines
Krieges von den Kabinetten als Veranlassung desselben angegeben werden, die
treten in den Hintergrund, sobald die Schlachten einmal geschlagen worden. Da
bringen die Siege und Niederlagen ganz neue Kombinationen hervor; dann
vermindern und vermehren und bilden sich die Reiche in vorher ungeahnten
Verhltnissen.
    Also sind die Grnde eigentlich keine Grnde, sondern Vorwnde gewesen?
fragte ich.
    Vorwnde? nein - kam einer der Generle meinem Vater zu Hilfe. - Anlsse
vielmehr, Anste zu den Ereignissen, welche sich dann selbstndig nach Mastab
der Erfolge gestalten.
    Htte ich zu sprechen, sagte mein Vater, so wrde ich nach Dppel und
Alsen wahrlich zu keinen Friedensverhandlungen mich hergegeben haben - ganz
Dnemark htte man erobern knnen.
    Und was damit?
    Dem deutschen Bunde einverleiben.
    Du bist doch sonst nur spezifisch sterreichischer Patriot, lieber Vater -
was liegt Dir an der Vergrerung Deutschlands?
    Hast Du vergessen, da die Habsburger deutsche Kaiser waren und es wieder
werden knnten?
    Das wrde Dich freuen?
    Welchen sterreicher sollte dies nicht mit Freude und Stolz erfllen?
    Wie aber, meinte Friedrich, wenn die andere deutsche Gromacht gleiche
Trume nhrte?
    Mein Vater lachte laut auf:
    Die Krone des heiligen rmisch-deutschen Reiches auf dem Haupte eines
protestantischen Knigleins? Bist Du bei Trost?
    Wenn jetzt nur nicht, bemerkte Doktor Bresser, zwischen den beiden
Mchten ber das Objekt, fr welches sie vereint gefochten haben, ein Streit
entsteht. Die Elbprovinzen erobern - das war eine Kleinigkeit - aber was nun
damit anfangen? Das kann noch zu allerlei Verwickelungen Anla geben. Jeder
Krieg - was immer dessen Ausgang sei - enthlt unweigerlich den Keim eines
folgenden Krieges in sich. Ganz natrlich: ein Gewaltakt verletzt immer irgend
ein Recht. Dieses erhebt ber kurz oder lang seine Ansprche und der neue
Konflikt bricht aus - wird dann von neuem durch unrechtsschwangere Gewalt zum
Austrag gebracht - und so ins Unendliche.
    Einige Tage spter gab es wieder eine Neuigkeit. Knig Wilhelm von Preuen
stattete unserem Kaiser in Schnbrunn einen Besuch ab. uerst herzlicher
Empfang, Umarmung. Aufgehite preuische Adler. Von allen Militrkapellen
vorgetragene preuische Volkshymne. Jubelnde Hochrufe. Mir waren diese Berichte
wohlthuend, denn durch sie wurde die schlimme Prophezeiung Doktor Bressers zu
Schanden gemacht, da die beiden Mchte ber das gemeinschaftlich befreite
Lndchen miteinander in Streit geraten wrden. Dieser beruhigten Zuversicht
gaben auch allenthalben die Zeitungen Ausdruck.
    Mein Vater freute sich gleichfalls ber die freundschaftlichen Kundgebungen
in Schnbrunn. Aber nicht vom friedlichen, sondern vom kriegerischen Standpunkte
aus.
    Ich bin froh, sagte er, da wir nun einen neuen Alliierten haben. Mit
Preuen im Bunde, werden wir - ebenso leicht, wie wir die Elbherzogtmer erobert
haben - uns die Lombardei zurckholen knnen.
    Das wird Napoleon III. nicht zugeben, und mit dem wird sich der Preue auch
nicht brouillieren wollen, meinte einer der Generle. Es ist ohnehin ein
schlechtes Zeichen, da Benedetti, sterreichs rgster Feind, jetzt Gesandter in
Berlin ist.
    Aber sagt mir doch, Ihr Herren, rief ich, die Hnde faltend, warum
schlieen denn nicht die smtlichen gesitteten Mchte Europas einen Bund? das
wre doch das einfachste. ...
    Die Herren zuckten die Achseln, lchelten berlegen und gaben mir keine
Antwort. Ich hatte offenbar wieder eine jener Dummheiten ausgesprochen, wie sie
die Damen zu sagen pflegen, wenn sie sich in das ihnen unzugngliche Gebiet
der hheren Politik wagen.

Der Herbst war gekommen. Am 30. Oktober wurde zu Wien der Friede unterzeichnet
und somit war der Zeitpunkt da, wo mein Lieblingswunsch - Friedrichs Quittierung
- erfllt werden sollte.
    Aber der Mensch denkt und die Umstnde lenken. Es traf ein Ereignis ein -
ein schwerer Schlag fr mich - das unsere so froh gehegten Plne scheitern
machte. Einfach dies: das Haus Schmitt &amp; Shne brach zusammen und mein
gesamtes Privatvermgen war hin.
    Auch eine Folge des Krieges, dieses Fallissement. Nicht nur die Mauern, auf
welche sie gezielt sind, schieen die Karttschen und Bomben zusammen -: durch
diese Erschtterung fallen auch in weitem Umkreis Bankhuser und Kreditgebude
in Trmmer ...
    Ich war darum nicht - wie so manche andere - an den Bettelstab gebracht;
denn mein Vater wrde es mir an nichts fehlen lassen. Aber mit dem
Quittierungsplane war es jetzt vorbei. Wir waren keine unabhngigen Leute mehr;
jetzt war Friedrichs Gehalt unsere einzige selbstndige Hilfsquelle. Wenn mir
mein Vater auch eine gengende Zulage gewhren wrde - unter solchen Umstnden
war es ausgeschlossen, da Friedrich den Dienst verlasse. Ich selber konnte es
ihm nicht zumuten: welche Rolle htte er da meinem Vater gegenber gespielt?
    Es war nichts zu machen - wir muten uns fgen. Bestimmung htte Tante
Marie gesagt. Von der Krnkung, die ich ber diesen bedeutenden pekuniren
Verlust empfand - es handelte sich um mehrere Hunderttausend - wei ich nicht
viel zu berichten. Es finden sich nmlich in meinem Tagebuch keine weitlufigen
Eintragungen darber, und auch mein Gedchtnis - das seither so viel tiefer
schmerzende Eindrcke aufgenommen hat - weist von diesen Vorfllen keine sehr
lebhaften Spuren mehr auf. Ich wei nur, da mir hauptschlich um das schne
Luftschlo leid war, welches wir uns da gebaut hatten: Quittierung, Gutsankauf,
unabhngige, von der sogenannten Welt abgeschiedene Existenz; im brigen traf
mich der Verlust nicht gar so schwer. Denn, wie gesagt: mein Vater wrde mir bei
seinen Lebzeiten nichts abgehen lassen und hernach mir ein gengendes Erbe
hinterlassen; auch meinem Sohn Rudolf stand in Zukunft sicherer Reichtum bevor.
Eins trstete mich: es war ja nicht der mindeste Krieg in Sicht; man konnte gut
auf zehn bis zwanzig Friedensjahre hoffen. - Bis dahin! ...
    Schleswig-Holstein und Lauenburg waren im Vertrag vom 30. Oktober endgltig
an Preuen und sterreich zu freier Verfgung abgetreten. Diese beiden, nunmehr
die besten Freunde, wrden sich dieses Erfolges freuen, die hieraus erwachsenden
Vorteile brderlich teilen und keinen Grund finden, zu streiten. Nirgends - am
ganzen politischen Horizont - der berchtigte schwarze Punkt. Die Scharte der
in Italien erlittenen Niederlage war durch den in Schleswig-Holstein geholten
Waffenruhm gengend ausgewetzt, es lag also auch fr den militrischen Ehrgeiz
keine Veranlassung mehr vor, neue Feldzge heraufzubeschwren. In dieser
Hinsicht also war ich beruhigt. Da der Krieg vor so kurzer Zeit gewesen, fate
ich als Brgschaft auf, da derselbe sich nicht so bald wiederholen wrde. Auf
Regen folgt Sonnenschein und im Sonnenschein vergit man den Regen. Auch nach
Erdbeben und Vulkanausbrchen bauen die Menschen auf der Schuttsttte wieder
neue Wohnungen auf und denken nicht an die Gefahr, da die berstandene
Katastrophe sich wiederhole. Ein Hauptbestandteil unserer Lebensenergie scheint
in der Vergelichkeit zu liegen.
    Wir nahmen Winterquartier in Wien. Friedrich hatte nunmehr Beschftigung im
Kriegsministerium, eine Thtigkeit, die er dem Kasernendienst jedenfalls vorzog.
Dieses Jahr waren meine Schwestern mit Tante Marie den Fasching ber nach Prag
gezogen. Da Konrads Regiment gegenwrtig in der bhmischen Hauptstadt lag, war
doch nur eine Zuflligkeit? Oder sollte dieser Umstand einigermaen auf die Wahl
des Winteraufenthaltes Einflu gehabt haben? Als ich letztere Vermutung meiner
Schwester Lilli gegenber fallen lie, errtete sie tief und antwortete
achselzuckend:
    Du weit doch, da ich ihn nicht mag.
    Mein Vater bezog seine alte Wohnung in der Herrengasse. Er trug uns an, wir
mchten uns bei ihm niederlassen, da er gengend Raum dazu htte; wir zogen es
aber vor, allein zu leben, und mieteten am Franz-Joseph-Quai ein kleines
Mezzanin. Meines Mannes Gehalt und das mir von meinem Vater ausgestellte
Monatsgeld gengten fr unseren bescheidenen Haushalt reichlich. Auf abonnierte
Logen, Hofblle - berhaupt auf in die Welt gehen mute freilich verzichtet
werden. Aber wie leicht verzichteten wir da! Es war uns sogar angenehm, da
meine pekuniren Verluste dieses Zurckziehen rechtfertigten - denn wir liebten
die Zurckgezogenheit.
    Einem kleinen Kreise von Verwandten und Freunden blieb unser Haus immerhin
offen. Besonders meine Jugendfreundin Lori Griesbach besuchte uns oft, fter
beinahe, als mir lieb war. Ihre Gesprche, die mir schon frher stark
oberflchlich erschienen waren, fand ich jetzt gar ermdend schal, und ihr
Interessenhorizont, dessen Enge ich immer erkannt hatte, machte mir den
Eindruck, jetzt noch zusammengeschrumpfter zu sein. Aber hbsch war sie und
lebhaft und kokett. Ich begriff, da sie in der Gesellschaft so manchen den Kopf
verdrehte - und es hie, da sie sich nicht ungern den Hof machen lie. Was mir
nicht ganz angenehm war, war die Wahrnehmung, da ihr Friedrich sehr wohl gefiel
und da sie manche Blickpfeile auf ihn abscho, welche offenbar die Bestimmung
hatten, in seinem Herzen sitzen zu bleiben. Loris Mann, eine Zierde des
Jockeyclubs, des Rennplatzes und der Theatercoulissen, war bekanntermaen so
wenig treu, da eine kleine Rachenahme ihrerseits nicht allzustreng zu verdammen
gewesen wre; aber da Friedrich als Revanchemittel dienen sollte - dagegen
htte ich doch einiges einzuwenden gehabt ...
    Eiferschtig - ich? ... Ich wurde rot, als ich mich bei dieser Erregung
ertappte. Ich war ja seines Herzens so sicher ... Keine, keine auf der Welt
konnte er so lieben wie mich. Nun ja: lieben - aber eine kleine
Verliebtseinsflamme - die htte immerhin neben der mir geweihten, sanften Glut
aufflackern knnen ...
    Lori verhehlte mir gar nicht, wie sehr sie an Friedrich Gefallen fand:
    Hrst Du, Martha - Du bist wirklich zu beneiden um diesen charmanten Mann.
Oder: Bewache ihn nur ordentlich, Deinen Friedrich, denn dem setzen gewi alle
Frauenzimmer nach.
    Ich bin seiner Treue sicher, antwortete ich darauf.
    La Dich nicht auslachen - als ob treu und Ehemann nebeneinander
genannt werden knnten. Das gibt's nicht. Du weit, wie zum Beispiel mein Mann
-
    Mein Gott, vielleicht bist Du da auch falsch berichtet. Dann sind ja nicht
alle gleich -
    Alle, alle - glaube mir. Ich kenne keinen von unseren Herren, der nicht ...
Unter denen, die mir den Hof machen, sind mehrere verheiratet - was wollen die
nun? Offenbar nicht mich und nicht sich in ehelicher Treue ben.
    Sie wissen vermutlich, da Du sie nicht erhren wirst ... Und gehrt
Friedrich auch zu dieser Phalanx? fragte ich lachend.
    Das werde ich Dir doch nicht sagen, Gnschen. Es ist ohnehin sehr schn von
mir, Dich aufmerksam zu machen, wie gut er mir gefllt. Jetzt heit es nur, ein
wachsames Auge ffnen.
    Ich habe es schon weit offen, dieses Auge, Lori, und dasselbe hat bereits
mit Mibehagen verschiedene Koketterie-Angriffe Deinerseits wahrgenommen.
    Da haben wir's! So werde ich mich in Zuknnft besser verstellen mssen ...
    Wir lachten beide; dennoch fhlte ich, da - so wie hinter meiner scherzhaft
vorgebrachten Eifersucht eine wirkliche Regung dieser Leidenschaft sich verbarg
- so auch unter ihrer vermeintlich neckenden Rede ein Kern von Wahrheit lag.
    Loris Mann hatte den Schleswig-Holsteiner Feldzug nicht mitgemacht und das
verdro ihn sehr. Auch Lori rgerte sich ob dieses Pechs.
    So ein schner, siegreicher Krieg! klagte sie. Jetzt wre Griesbach gewi
um eine Stufe im Rang vorgerckt. Nun, das Trstliche ist, da bei einer
nchsten Campagne -
    Was fllt Dir ein? unterbrach ich. Dazu ist nicht die mindeste Aussicht.
Oder weit Du einen Anla? Wofr sollte denn jetzt ein Krieg gefhrt werden?
    Wofr? Darum kmmere ich mich wahrlich nicht. Die Kriege kommen und sind
da. Alle fnf oder sechs Jahre bricht immer wieder etwas aus - das ist so der
Gang der Geschichte.
    Es mssen aber doch Grnde vorliegen?
    Vielleicht ... doch wer kennt sie? Ich gewi nicht, und mein Mann auch
nicht. Warum schlgt man sich denn eigentlich dort droben, fragte ich ihn
whrend des letzten Krieges. Das wei ich nicht - ist mir auch ganz egal,
antwortete er achselzuckend. rgerlich ist nur, da ich nicht mit dabei bin,
fgte er hinzu. O, Griesbach ist ein echter Soldat. - Das warum und das wozu der
Kriege, das geht den Soldaten nichts an. Das machen die Diplomaten untereinander
ab. Ich habe mir nie den Kopf zerbrochen ber alle die politischen
Streitigkeiten. Uns Frauen geht es schon gar nichts an - wir wrden doch nichts
davon verstehen. Ist das Gewitter einmal losgebrochen, so heit es beten -
    Da es beim Nachbar einschlage und nicht bei uns, das ist freilich das
einfachste.

    Gndige Frau!
    Ein Freund - vielleicht auch ein Feind, gleichviel - ein Wissender, der sich
    nicht nennen will, benachrichtigt Sie hierdurch, da Sie betrogen werden.
    Auf die verrterischste Weise betrogen. Ihr scheinheiliger Mann und Ihre
    unschuldigthuende Freundin lachen Sie aus ob Ihres gutmtigen Vertrauens,
    Sie arme, verblendete Frau. Ich habe meine Grnde, den Beiden die Maske vom
    Gesicht zu reien. Nicht aus Wohlwollen fr Sie handle ich da, denn ich kann
    mir denken, da diese Entlarvung zweier geliebter Wesen Ihnen eher Schmerz
    als Gewinn bringen wird - aber ich bin Ihnen nicht wohlwollend gesinnt.
    Vielleicht bin ich sogar ein verstoener Anbeter, der sich rcht ... Was
    liegt am Motiv? Die Thatsache ist da, und wenn Sie Beweise wollen, so kann
    ich Ihnen dieselben liefern. Ohne Beweise wrden Sie einem anonymen Brief
    ohnehin keinen Glauben schenken. Beifolgendes Billet hat Grfin Gr***
    verloren.

Diese berraschende Epistel lag eines schnen Frhlingsmorgens auf unserem
Frhstckstisch. Friedrich sa mir gegenber, mit seiner Post beschftigt,
whrend ich Obiges las und zehnmal wiederlas. Das dem verrterischen Schreiben
beigelegte Billet war in einen Extra-Umschlag verschlossen und ich zgerte,
denselben aufzureien.
    Ich schaute zu Friedrich auf. Er war in ein Morgenblatt vertieft, doch mute
er meinen auf ihn gerichteten Blick gefhlt haben, denn er lie die Zeitung
sinken und mit seinem gewohnten lieben, lchelnden Ausdruck wandte er den Kopf
zu mir:
    Nun, was gibt's, Martha? Warum starrst Du mich so an?
    Ich mchte wissen, ob Du mich noch lieb hast?
    Schon lange nicht mehr, scherzte er. Eigentlich habe ich Dich nie recht
leiden knnen.
    Das glaube ich nicht.
    Aber jetzt sehe ich erst - Du bist ja ganz bla! Hast Du eine bse
Nachricht erhalten?
    Ich schwankte. Sollte ich ihm den Brief zeigen? Sollte ich vorher das
Beweisstck besehen, welches ich noch immer unerbrochen in der Hand hielt? Die
Gedanken schwirrten mir im Kopfe ... Mein Friedrich, mein alles, mein Freund und
Gatte, mein Vertrauter und Geliebter - knnte er mir verloren sein? Untreu - er?
Ach, ein momentaner Sinnentaumel, weiter nichts ... War da in meinem Herzen
nicht Nachsicht genug, um das zu verzeihen, zu vergessen, als nicht geschehen zu
betrachten? ... Aber die Falschheit! Wie, wenn auch sein Herz sich von mir
abwendete, wie, wenn er die verfhrerische Lori lieber hatte als mich? ...
    So sprich doch - Du bist ja ganz verstummt ... Zeige mir den Brief, der
Dich so erschreckt hat. Er streckte die Hand darnach aus.
    Da hast Du. Ich berlie ihm das schon gelesene Blatt; die Einlage behielt
ich zurck.
    Er berflog die angeberischen Zeilen. Mit einem zornigen Fluche zerknitterte
er das Blatt und sprang von seinem Sitze auf.
    Eine Infamie! rief er. Und wo ist das vermeintliche Beweisstck?
    Hier - noch unerffnet. Friedrich, sag' nur ein Wort und ich werfe das Ding
ins Feuer. - Ich will keine Beweise, da Du mich betrogen hast.
    O Du meine Einzige! ... Er war jetzt an meiner Seite und umschlang mich
strmisch - mein Kleinod! Sieh mir in die Augen - zweifelst Du an mir? Beweis,
oder kein Beweis - gengt Dir mein Wort?
    Ja, sagte ich und warf das Papier in den Kamin.
    Es fiel aber nicht in die Flammen, sondern blieb neben dem Roste liegen.
Friedrich hatte sich darauf hingestrzt und hob es auf.
    Nein, nein, das drfen wir nicht vernichten - ich bin zu neugierig ... wie
wollen es zusammen ansehen. Ich erinnere mich nicht, je Deiner Freundin etwas
geschrieben zu haben, was auf ein Verhltnis schlieen liee - welches nie
bestanden hat.
    Aber Du gefllst ihr, Friedrich ... Du brauchst nur Dein Taschentuch
hinzuwerfen -
    Glaubst Du? ... Komm, la uns dieses Dokument besichtigen. - Richtig: meine
Schrift! Ah, sieh her, es sind ja die zwei Zeilen, die Du mir selber vor einigen
Wochen diktiert hattest, als Deine rechte Hand verwundet war:
    Meine Lori, komm, ich erwarte Dich mit Sehnsucht heute um 5 Uhr Nachmittag.
                                                    Martha (noch immer Krppel).
Die Bedeutung der Klammer nach der Unterschrift hat der Finder des Billets nicht
verstanden ... Das ist wirklich ein komisches Quiproquo. Gottlob, da dieses
prchtige Beweismaterial nicht verbrannt ist - jetzt ist meine Unschuld am Tage.
Oder hast Du noch immer Verdacht?
    Schon seitdem Du mir ins Auge gesehen hast - nicht mehr. - Weit Du,
Friedrich, da ich sehr unglcklich gewesen wre - Dir aber doch verziehen
htte. Lori ist kokett, sehr hbsch ... Sag' - hat sie Dir nicht Avancen
gemacht? - Du schttelst den Kopf ... Nun freilich: hierin httest Du ein Recht,
ja beinah' die Pflicht, sogar mich anzulgen - ein Mann darf weder angenommene
noch verschmhte Frauengunst verraten.
    Du wrdest mir also eine Verirrung verzeihen? Bist Du nicht eiferschtig?
    Doch - auf herzqulerische Weise ... Wenn ich Dich mir vorstelle, einer
Anderen zu Fen, von den Lippen einer Anderen Seligkeit nippend ... gegen mich
erkaltet - jedes Begehren erstorben - das ist mir schrecklich. Dennoch - das
Ersterben Deiner Liebe frchte ich nicht - Dein Herz wird unter keinen Umstnden
mehr gegen mich erkalten, dessen fhle ich mich sicher - unsere Seelen sind ja
so verschlungen, aber -
    Ich verstehe. Du brauchst mir aber durchaus nicht zuzumuten, da ich fr
Dich fhle wie ein Ehemann nach der silbernen Hochzeit. Dazu sind wir doch noch
zu jung verheiratet - so weit das Feuer der Jugend (ich bin freilich schon
vierzig Jahre alt) noch in mir lodert, brennt es fr Dich. Du bist mir das
einzige Weib auf Erden. Und sollte in der That noch einmal eine andere
Versuchung an mich herankommen - ich habe den festen Willen, sie von mir
abzuwehren. Das Glck, welches in dem Bewutsein liegt, den Treueschwur bewahrt
zu haben; die stolze Gewissensruhe, mit der man sich sagen kann, da man den
festgeschlungenen Lebensbund in jeder Beziehung heilig gehalten - das alles
finde ich zu schn, um es durch einen vorbergehenden Sinnentaumel vernichten zu
lassen. Du hast berhaupt einen so vollstndig glcklichen Menschen aus mir
gemacht, meine Martha, da ich ber alles, was Berauschung, was Lust, was
Vergngen ist, so erhaben bin, wie der Besitzer von Goldbarren ber den Gewinn
von Kupfermnzen.
    Wie wonnig mir solche Worte ins Herz fielen! Ich war dem anonymen
Briefschreiber frmlich dankbar, da er mir zu diesem sen Auftritt verholfen.
Auch habe ich jedes Wort in die roten Hefte gesetzt. Hier kann ich die
Eintragung noch nachlesen, unter dem Datum 1/4. 1865. Ach wie weit - wie weit
liegt das alles zurck!
    Friedrich hingegen war gegen den Verleumder hchlichst aufgebracht. Er
schwor, herauszubringen, wer das Machwerk verfat, um den Thter gehrig zu
strafen.
    Ich erfuhr noch am selben Tage, was Ursprung und Zweck des Schriftstcks
gewesen; den Erfolg desselben - nmlich, da Friedrich und ich uns nunmehr noch
ein wenig nher gekommen - hatte der Urheber schwerlich vorausgesehen.
    Am Nachmittage ging ich zu meiner Freundin Lori, um ihr den Brief zu zeigen.
Ich wollte sie aufmerksam machen, da sie einen Feind habe, von welchem sie
flschlich verdchtigt wurde, und wollte mit ihr ber den Fall lachen, da mein
diktiertes Billet so mideutet worden.
    Sie lachte mehr als ich geglaubt
    Also bist Du ber den Brief erschrocken?
    Ja, tdlich. Und doch htte ich beinahe das inliegende Billet ungelesen
verbrannt.
    Da wre ja der ganze Spa milungen -
    Welcher Spa?
    Du httest am Ende noch geglaubt, da ich Dich wirklich betrge. La mich
bei dieser Gelegenheit Dir beichten, da ich in einer verrckten Stunde - es war
nach dem Diner bei Deinem Vater, wo ich neben Tilling sa, und weil ich zu viel
Champagner getrunken hatte - da ich da wirklich mein Herz so zu sagen auf einem
Prsentierteller ihm antrug -
    Und er?
    Und er mir noch rechtzeitig sagte, da er Dich ber alles liebe und fest
entschlossen sei, Dir bis zum Tode treu zu bleiben. Damit Du nun dieses Phnomen
desto besser schtzen lernen mgest, ist der ganze Spa gemacht worden.
    Von welchem Spa redest Du nur immer?
    Du weit ja doch: nachdem der Brief samt Einlage von mir kommt -
    Von Dir? ... Ich wei nichts.
    Hast Du denn das Begleitschreiben nicht umgewendet? Sieh her: hier steht ja
auf der Kehrseite der Name und das Datum: Erster April.

Nher gebracht - immer nher! Ich habe es erfahren, da die Annherungsfhigkeit
liebender Herzen zu jenen Dingen gehrt, die keine Grenzen haben - wie zum
Beispiel die Teilbarkeit. Man sollte glauben, ein Partikelchen sei schon so
klein, da es nicht kleiner gedacht werden knne, und doch: es lt sich noch in
zwei Hlften spalten; und man sollte glauben, zwei Herzen seien schon so
ineinander verschmolzen, da ein innigeres Einswerden nicht mehr mglich wre,
und doch: eine uere Einwirkung und noch fester und nher - immer nher -
umschlingen und durchdringen sich die Herzensatome.
    So hatte Loris ziemlich geschmackloser Aprilscherz auf uns gewirkt, und so
wirkte noch ein ueres Ereignis, welches kurz darauf eintrat. Ein heftiges
Nervenfieber nmlich, das mich sechs Wochen auf das Krankenlager warf. Ein an
sich zwar trbes Ereignis - und doch wie fruchtbar an glcklichen Erinnerungen
fr mich und wie einflureich auf den oben geschilderten Vorgang: das
Noch-nher-bringen von zwei so allernahesten Herzen. War es die Furcht, mich
zu verlieren, die mich dem Gatten noch teurer machte, oder war mir seine Liebe
nur noch offenbarer geworden durch sein Krankenwrter-Benehmen - kurz, whrend
dieses Nervenfiebers und nach demselben fhlte ich mich noch viel mehr und noch
viel sicherer geliebt als zuvor.
    Vor dem Sterben hatte ich mich auch wohl gefrchtet. Einmal, weil es mir
schrecklich leid gethan htte, ein Leben zu verlieren, das mir so reich an
Schnheit und Glck schien, und meine Lieben - Friedrich, mit dem ich so gern
alt geworden wre, Rudolf, den ich so gern zum Manne auferzogen htte, zu
verlassen; zweitens auch - nicht in Selbstsucht, sondern im Hinblick auf
Friedrich - war mir der Gedanke an den Tod entsetzlich, denn ich wute, so gewi
als man nur wissen kann, da der Schmerz, mich zu begraben, den Beraubten schier
unertrglich wre ... Nein, nein: glckliche Menschen und von teuern Wesen
geliebte Menschen knnen nicht Todesverachtung empfinden. Zu dieser gehrt vor
allem Lebensverachtung. Ich konnte auf meinem Lager, wo die Krankheit mit ihrer
tdlichen Gewalt mich umschwirrte, wie der Krieger auf dem Schlachtfeld von
Kugeln umschwirrt wird, mich so recht in die Empfindung solcher Soldaten
hineindenken, welche das Leben lieben, und welche wissen, da ihr Tod geliebte
Wesen in Verzweiflung strzen wrde.
    Nur das eine hat der Soldat vor dem Fieberkranken voraus: das Bewutsein
erfllter Pflicht, antwortete mir Friedrich, als ich ihm diese Gedanken
mitteilte. Doch darin gebe ich Dir recht: gleichgltig sterben, freudig
sterben, - was uns allenthalben zugemutet wird - das kann kein glcklicher
Mensch. Das konnten nur die aller Lebensnot Preisgegebenen in alter Zeit, die an
der Friedensexistenz gar nichts zu verlieren hatten, oder solche, die sich und
ihre Brder nur durch den Tod von Schmach und unertrglichem Joch befreien
knnen.
    Als die Gefahr berstanden war, wie geno ich da meine Genesung, meine
Wiedergeburt! Das war ein Fest - fr uns beide. hnlich dem Glcke bei der
Wiedervereinigung nach dem Schleswig-Holsteiner Kriege, aber doch anders. Dort
kam die Freude mit einem Schlag und hier nach und nach - und zudem, wir waren
uns ja seither wieder nher, immer nher.
    Mein Vater hatte mich whrend meiner Krankheit tglich besucht und viel
Besorgnis gezeigt; dennoch, ich wute, da er sich meinen Tod nicht bertrieben
zu Herzen genommen htte. Seine beiden jngeren Tchter hatte er viel lieber als
mich, und der Liebste von Allen war ihm Otto. Ich war ihm durch meine zwei
Heiraten, namentlich durch die zweite, und vielleicht auch durch meine ganz
verschiedene Denkungsart, einigermaen entfremdet. Als ich vollstndig
hergestellt war - es war Mitte Juni -, bersiedelte er nach Grumitz und forderte
mich lebhaft auf, samt meinem kleinen Rudolf mitzukommen. Ich aber zog es vor,
da Friedrich diensteshalber die Stadt nicht verlassen durfte, meinen
Landaufenthalt ganz in der Nhe von Wien zu nehmen, wo mein Mann mich tglich
besuchen konnte, und so mietete ich eine Sommerwohnung in Hitzing.
    Meine Schwestern - immer unter Tante Mariens Schutz - reisten nach
Marienbad. In ihrem letzten Brief aus Prag schrieb mir Lilli unter Anderem:
    Ich mu Dir gestehen, da Vetter Konrad anfngt, mir - gar nicht zuwider zu
    werden. Whrend so manchen Cotillons war ich in der Laune, wenn er nur die
    betreffende Frage gestellt htte, ja zu sagen. Er unterlie es aber, den
    entscheidenden Schritt im rechten Moment zu thun. Als es hie, da wir
    abreisen sollten, hat er zwar wieder einen neuen Antrag gemacht, aber da
    hatte ich einen neuen Anfall von Korbgeben. Das habe ich mir dem armen
    Konrad gegenber schon so angewhnt, da, wenn er das bekannte: Willst Du
    nicht doch meine Frau werden, Lilli? vorbringt, meine Zunge ganz von selber
    antwortet: Fllt mir gar nicht ein. Diesmal aber habe ich hinzugefgt: Frage
    in sechs Monaten nochmals an. Ich werde nmlich den Sommer ber mein Herz
    prfen. Sehne ich mich nach dem Abwesenden, verlt mich der Gedanke an ihn
    - der mich jetzt so ziemlich unablssig im Wachen und Trumen verfolgt -
    auch in Marienbad nicht; gelingt es dort und auch in folgender Jagdsaison
    keinem Anderen, Eindruck auf mich zu machen - dann hat des eigensinnigen
    Vetters Ausdauer gesiegt.
Um dieselbe Zeit schrieb mir Tante Marie: (Es ist zufllig der einzige Brief von
ihr, den ich aufbewahrt habe.)
    Mein liebes Kind! Das war eine ermdende Winter-Campagne: Ich werde nicht
    wenig froh sein, wenn Rosa und Lilli Partien gefunden haben werden. Gefunden
    htten sie deren zwar genug, denn wie Du weit, haben sie hier im Laufe des
    Faschings jede ein Vierteldutzend Krbe ausgeteilt - den perennierenden
    Konrad gar nicht mitgerechnet. Jetzt wird die Plackerei in Marienbad wieder
    anheben. Ich wre fr mein Leben gern nach Grumitz gegangen, oder zu Dir -
    und mu statt dessen die mhsame und undankbare Chaperon-Rolle bei den
    vergngungsschtigen Mdchen weiterspielen.
        Ich freue mich sehr, zu hren, da Du wieder ganz gesund bist. Jetzt, da
        die Gefahr vorber, kann ich Dir sagen, da wir sehr besorgt waren -
        Dein Mann schrieb uns eine Zeit lang so verzweifelte Briefe: jeden
        Augenblick frchtete er, Dich sterben zu sehen. Nun das war Dir, Gott
        sei Dank, nicht bestimmt. Die Novene, welche ich fr Deine Genesung bei
        den Ursulinerinnen abgehalten, hat vielleicht auch zu Deiner Rettung
        beigetragen. Der liebe Gott wird Dich fr Deinen Rudi erhalten. Gre
        mir den lieben Kleinen, und er soll nur immer recht brav lernen. Ich
        schicke ihm gleichzeitig ein paar Bcher: Das fromme Kind und sein
        Schutzengel - eine wunderschne Geschichte - und Vaterlndische Helden -
        eine Sammlung von Kriegsbildern fr Knaben. Man kann den Kleinen nicht
        frh genug Sinn fr derlei beibringen. Dein Bruder Otto z.B. war noch
        nicht fnf Jahre alt, als ich ihm schon vom groen Alexander, von Csar
        und anderen berhmten Eroberern erzhlte - und wie ist er jetzt fr
        alles Heroische begeistert - es ist ein Vergngen! Ich habe vernommen,
        da Du den Sommer in der Nhe von Wien bleiben willst, statt nach
        Grumitz zu gehen. Daran thust Du sehr unrecht. Die Luft in Grumitz wrde
        Dir viel besser bekommen, als die des staubigen Hietzing - und der arme
        Papa wird sich langweilen, so allein. Vermutlich willst Du Deines Mannes
        wegen nicht fort; aber mir will scheinen, da die Tochterpflichten doch
        auch nicht ganz vernachlssigt werden sollten. Tilling knnte ja doch
        bisweilen auch einen Tag nach Grumitz kommen. Gar so viel beieinander
        sein ist fr Eheleute nicht einmal gut - glaube meiner Lebenserfahrung.
        Ich habe bemerkt, da die besten Ehen diejenigen sind, wo die Gatten
        sich nicht immer gegenseitig auf dem Halse sitzen, sondern einander eine
        gewisse Freiheit lassen. Jetzt leb' wohl, schone Dich, damit Du keinen
        Rckfall bekommst, und berlege Dir das noch mit Hietzing. Der Himmel
        schtze Dich und Deinen Rudi! - Dies das aufrichtige Gebet Deiner Dich
        liebenden
                                                                    Tante Marie.
P. S. Dein Mann hat ja Verwandte in Preuen (zum Glck ist er nicht so arrogant
wie seine Landsleute), frage ihn doch, was man dort im allgemeinen spricht ber
die politische Lage. Dieselbe ist doch sehr bedenklich.

Dieser Brief meiner Tante brachte mir erst wieder ins Gedchtnis, da es eine
politische Lage gebe. Die ganze Zeit ber hatte ich mich nicht um derlei
gekmmert. Vor und nach meiner Krankheit hatte ich zwar, wie immer, viel
gelesen: Tag- und Wochenbltter, Reven und Bcher, aber die Leitartikel der
Zeitungen waren unbeachtet geblieben; seitdem ich nicht mehr die bange Frage
aufstellte: Krieg oder nicht Krieg, besa der inner- und auerpolitische
Klatsch kein Interesse fr mich. Erst anllich der Nachschrift des oben
angefhrten Briefes fiel mir ein, das Vernachlssigte einzuholen und mich nach
den gegenwrtigen Verhltnissen zu erkundigen.
    Was will denn Tante Marie mit diesem bedrohlich sagen, Du minder arroganter
Preue? frug ich meinen Mann, ihm den Brief zu lesen gebend. Gibt es denn
berhaupt jetzt eine politische Lage?
    Die gibt es - gerade so wie irgend ein Wetter - leider immer. Und dabei
ebenso vernderlich und trgerisch -
    Nun, so erzhle mir ... Spricht man etwa noch immer von den verwickelten
Elbherzogtmern? Sind die nicht abgemacht?
    Mehr als je spricht man davon. Nicht im geringsten abgemacht. Die
Schleswig-Holsteiner haben jetzt groe Lust, die Preuen - die arroganten, denn
das sind wir, dem neuesten Schlagwort gem - wieder ganz los zu werden. Eher
dnisch als preuisch, wiederholen sie eine ihnen von den Mittelstaaten gegebene
Losung. Und weit Du, wie das abgedroschene Meerumschlungen-Lied jetzt zur
Abwechselung gesungen wird:

Schleswig-Holstein stammverwandt
Schmeit die Preuen aus dem Land.

Und was ist's mit dem Augustenburger? Den haben sie doch? O sag' mir nicht,
Friedrich, da sie ihn nicht haben ... Wegen dieses einzig berechtigten
Thronerben, nach welchem die armen dnengedrckten Lande sich so gesehnt, mute
der ganze Krieg, der mich Dich - Dich! - htte kosten knnen, gefhrt werden!
La mir also wenigstens den Trost, da der ntige Augustenburg in seine Rechte
eingesetzt worden und ber die ungeteilten Herzogtmer regiert. Auf diesem
ungeteilt bestehe ich: das ist ein altes historisches Recht, das jenem seit
mehreren hundert Jahren verbrgt ist und dessen Begrndung ich mir mhsam genug
erforscht habe.
    Schlecht steht's um Deine historischen Rechtsansprche, meine arme Martha,
lachte Friedrich. Vom Augustenburger ist - auer in seinen eigenen Protesten
und Manifesten - gar nicht mehr die Rede!
    Von nun an fing ich wieder an, mich um die politischen Verwicklungen zu
bekmmen und erfuhr folgendes:
    
    Festgesetzt und anerkannt war - trotz des beim wiener Frieden gezeichneten
Protokolls - eigentlich noch gar nichts. Die schleswig-holsteinische Frage war
seither in allerlei Stadien gebracht worden, schwebte aber mehr als je. Der
Augustenburger und der Oldenburger hatten sich beeilt - nach der von seiten des
Glcksburgers erfolgten Abtretung -, beim Bundestag zu reklamieren. Und
Lauenburg verlangte strmisch, dem Knigreich Preuen einverleibt zu werden.
Niemand wute, was die Verbndeten nun eigentlich mit den eroberten Provinzen
anfangen wrden. Von diesen beiden Mchten selber mutete jede der anderen zu,
da jede die andere bervorteilen wolle.
    Was will nur dieses Preuen? Das ist nunmehr die von sterreich, von den
Mittelstaaten und den Herzogtmern stets aufgeworfene, Bses ahnende Frage.
Napoleon III. rt Preuen, es solle die Herzogtmer - bis auf das dnisch
redende Nordschleswig annektieren. Aber daran denkt Preuen vorlufig nicht. Am
22. Februar 1865 formuliert es endlich seine Ansprche dahin: Preuische Truppen
bleiben in den Landen; die letzteren haben ihre Wehrkraft zu Wasser und zu Land
mit Ausnahme eines Bundeskontingents Preuen zur Verfgung zu stellen. Der
Kieler Hafen wird in Besitz genommen: Post und Telegraphen sollen preuisch
werden und die Herzogtmer mssen sich dem Zollverein anschlieen.
    ber diese Forderungen rgert sich - ich wei nicht warum - unser Minister
Mensdorf-Ponilly. Und noch mehr - ich wei schon gar nicht warum - vermutlich
aus Neid, diesem Grundzug in Behandlung der ueren Angelegenheiten - rgern
sich die Mittelstaaten. Dieselben verlangen ungestm, der Augustenburger mge
eiligst, sofort, in die Verwaltung der Herzogtmer eingesetzt werden. sterreich
hat aber auch etwas zu sagen und sagt - indem es den Augustenburger als Luft
behandelt -, da es den Besitz des Kieler Hafens gern zugestehe, aber gegen die
Rekrutierung und Matrosenpresse sich verwahre.
    So wird unablssig fortgestritten. Preuen erklrt, da seine Forderungen
nur im Interesse Deutschlands gemacht werden, da es Annektierung gar nicht
verlange - Augustenburg mge, unter Gewhrung der gestellten Forderungen, sein
Erbrecht antreten; wenn aber diese notwendigen und billigen Ansprche nicht
befriedigt werden, dann - mit drohend erhobener Stimme - dann werde es
vielleicht gezwungen sein, mehr zu fordern. - Gegen diese drohenden erheben sich
sofort hhnische, hmische, hetzende Stimmen. In den Mittelstaaten und in
sterreich wird die ffentliche Meinung gegen Preuen und namentlich gegen
Bismarck immer mehr verbittert. Am 27. Juni tragen die Mittelstaaten darauf an,
von den Gromchten Auskunft zu verlangen, aber (Auskunftgeben ist auch nicht
diplomatischer Brauch, nur alles schn geheim) die Gromchte unterhandeln unter
sich. Knig Wilhelm reist nach Gastein, Kaiser Franz Joseph nach Ischl. Graf
Blome fliegt zwischen beiden hin und her und man einigt sich ber verschiedene
Punkte: Die Besatzung soll halb sterreichisch und halb preuisch werden.
Lauenburg wird - wie es ja selber wnschte - Preuen einverleibt. Dafr erhlt
sterreich eine Entschdigung von zweieinhalb Millionen Thaler. Dieses letztere
Ergebnis ist durchaus nicht im stande, mir patriotische Freude einzuflen. Was
soll den sechsunddreiig Millionen sterreichern - selbst wenn sie unter ihnen
verteilt wrde, was nicht geschieht - diese unbedeutende Summe ntzen? Wrde sie
die Hunderttausende ersetzen, die zum Beispiel ich bei Schmitt &amp; Shne durch
den Krieg verloren? Oder gar die Verluste derjenigen, die ihre gefallenen Lieben
beweinen? ... Was mich freut, ist ein am 14. August zu Gastein unterzeichneter
Vertrag. - Vertrag, das Wort klingt so friedensverheiend. Erst spter habe
ich die Erfahrung gemacht, da die internationalen Vertrge sehr oft dazu da
sind, um durch gelegentliche Verletzungen dasjenige herbeizuschaffen, was man
einen casus belli nennt. Da braucht denn nur einer den anderen des
Vertragsbruches anzuklagen und sofort springen - mit allem Anschein der
Verteidigung verbriefter Rechte - die Schwerter aus der Scheide.
    Mir jedoch gewhrte der Gasteiner Vertrag Beruhigung. Der Streit schien
beigelegt, General Gablenz - der schne Gablenz, fr welchen wir Frauen alle
leise schwrmten - ward Statthalter in Holstein; - Manteuffel in Schleswig. Auf
meine im Jahre 1460 erhaltene Lieblingszusicherung, da die Lande ewig zusammen
bleiben, ungeteilt, mute ich jetzt doch endgltig verzichten. Und was meinen
Augustenburger betraf, fr dessen Rechte ich mich so mhsam erwrmt hatte, so
geschah, da der Prinz einmal ins Land kam und sich von seinen Getreuen anjubeln
lie, worauf ihm Manteuffel bedeutete, da, wenn er noch einmal sich
unterstnde, ohne Erlaubnis in die Gegend zu kommen, er ihn unweigerlich
verhaften lassen mte. Wer das keinen guten Witz der Muse Klio findet, der hat
kein Verstndnis fr die Fliegenden Bltter der Geschichte.

Trotz des Gasteiner Vertrages wollte die Angelegenheit nicht zur Ruhe kommen,
und da ich nun - durch Tante Mariens Brief und die darauf erhaltenen Ausknfte
aufgeschreckt - nunmehr wieder regelmig die politischen Leitartikel las und
mich allseitig ber die herrschenden Meinungen erkundigte, so konnte ich die
Phasen des schwebenden Streites wieder genau verfolgen. Da derselbe zu einem
Krieg fhren wrde, frchtete ich nicht. Solche Prozefragen muten doch auf dem
Wege der Prozesse - nmlich durch Abwgung der Rechtsansprche und durch
hiernach zu fllendem Rechtsspruch - zum Austrag zu bringen sein. Alle diese
beratenden Minister- und Bundesversammlungen, diese unterhandelnden Staatsmnner
und freundschaftlich verkehrenden Monarchen, wrden doch mit diesen - im Grunde
so unwichtigen - Streitfragen fertig werden. Mehr mit Neugierde, als mit
Besorgnis folgte ich dem Gang dieser Angelegenheit, deren verschiedene Stadien
ich in den roten Heften notiert finde:

    1. Oktober 1865. In Frankfurt Abgeordnetentag, folgende Beschlsse gefat:
    1) Selbstbestimmungsrecht des schleswigholsteinschen Volkes bleibt in Kraft.
    Der Gasteiner Vertrag wird als Rechtsbruch von der Nation verworfen. 2) Alle
    Volksvertreter sollen den Regierungen, welche die bisherige Politik der
    Vergewaltigung fordern, alle Steuern und Anlehen verweigern.

    15. Oktober. Preuischer Kronsyndikus gibt sein Gutachten ber die Erbrechte
    des Prinzen Augustenburg ab. Der Vater desselben habe fr sich und seine
    Nachkommen, gegen eine Summe von anderthalb Millionen Speziesthaler auf die
    Thronanwartschaft verzichtet. Im wiener Frieden seien die Herzogtmer
    abgetreten - somit habe der Augustenburger gar nichts mehr zu beanspruchen.
Eine Frechheit, eine Anmaung - wird die in Berlin gefhrte Sprache genannt und
die preuische Arroganz wird zum Schlagwort. Gegen die mu man sich schtzen:
das wird allenthalben als Dogma aufgestellt. Knig Wilhelm scheint sich auf den
deutschen Viktor Emanuel aufspielen zu wollen. - sterreich hat die stille
Absicht, Schlesien zurck zu erobern. Preuen buhlt mit Frankreich.
sterreich buhlt mit Frankreich ... et patati et patat, wie die Franzosen
sagen ... Tritschtratsch heit es auf deutsch und pflegt in den Kaffeekrnzchen
der Kleinstdter, nicht eifriger betrieben zu werden, als zwischen den
Kabinetten der Gromchte.
    Der Winter brachte meine ganze Familie wieder nach Wien zurck. Rosa und
Lilli hatten sich in den bhmischen Bdern sehr gut unterhalten, aber verlobt
hatte sich keine. Konrads Aktien standen vortrefflich. In der Jagdsaison war er
nach Grumitz gekommen, und obwohl bei dieser Gelegenheit das entscheidende Wort
noch immer nicht gesprochen wurde, waren jetzt doch beide in ihrem Innern
berzeugt, da sie als ein Paar enden wrden.
    Auch zu diesen Herbstjagden war ich, trotz meines Vaters dringenden
Zuredens, nicht erschienen. Friedrich hatte keinen Urlaub erhalten, und mich von
ihm zu trennen, war ein Leidwesen, das ich mir ohne Notwendigkeit nicht
auferlegen mochte. Ein zweiter Grund, mich nicht auf lngere Zeit zu meinem
Vater zu begeben, war der, da ich meinen kleinen Rudolf nicht gern dem
grovterlichen Einflu berlie, denn dieser war dazu angethan, dem Kinde
militrische Neigungen einzuflen. Die Lust zu diesem Berufe, zu welchem ich
meinen Sohn durchaus nicht bestimmen wollte, war ohnehin schon in ihm geweckt.
Vermutlich lag's im Blute. Der Spro einer langen Reihe von Kriegern mu
naturgem kriegerische Anlagen zur Welt bringen. In den naturwissenschaftlichen
Werken, deren Studium wir jetzt eifriger denn je betrieben, hatte ich von der
Macht der Vererbung gelernt, von dem Wesen der sogenannten angeborenen
Anlagen, welche weiter nichts sind, als der Drang, die von den Ahnen
angenommenen Gewohnheiten zu bethtigen.
    Zu des Kleinen Geburtstag brachte ihm sein Grovater diesmal richtig wieder
einen Sbel.
    Du weit doch, Vater, sagte ich rgerlich, da mein Rudolf durchaus nicht
Soldat werden soll; ich mu Dich schon ernstlich bitten -
    Also ein Muttershnchen willst Du aus ihm machen? Das wird Dir hoffentlich
nicht gelingen. Gutes Soldatenblut lgt nicht: ... Ist der Bursch einmal
erwachsen, so wird er seinen Beruf schon selber whlen - und einen schneren
gibt es nicht, als den, welchen Du ihm verbieten willst.
    Martha frchtet sich, den einzigen Sohn der Gefahr auszusetzen, bemerkte
Tante Marie, welche diesem Gesprche beiwohnte; sie vergit aber, da, wenn es
einem bestimmt ist, zu sterben, ihn dieses Los ebensogut im Bett als im Krieg
ereilt.
    Also, wenn in einem Kriege hunderttausend Menschen zu grunde gegangen sind,
so wren dieselben auch im Frieden verunglckt?
    Tante Marie war um eine Antwort nicht verlegen.
    Diese Hunderttausend waren dann eben bestimmt, im Krieg zu sterben.
    Wenn aber die Menschen so gescheit wren, keinen solchen mehr zu beginnen?
warf ich ein.
    Das ist aber eine Unmglichkeit, rief mein Vater, und damit war das
Gesprch wieder auf eine Kontroverse gebracht, welche er und ich des fteren -
und zwar stets in denselben Geleisen - zu fhren pflegten. Auf der einen Seite
die gleichen Behauptungen und Grnde, auf der anderen die gleichen
Gegenbehauptungen und Gegengrnde. Es gibt nichts, worauf die Fabel der Hydra so
gut pat, wie auf das Ungetm: stehende Meinung. Kaum hat man ihm so einen
Argumentenkopf abgeschlagen und macht sich daran, den zweiten folgen zu lassen,
so ist der erste schon wieder nachgewachsen.
    Da hatte mein Vater so ein paar Lieblingsbeweise zu Gunsten des Krieges, die
nicht umzubringen waren.

1. Kriege sind von Gott - dem Herrn der Heerscharen - selber eingesetzt, siehe
    die heilige Schrift.
2. Es hat immer welche gegeben, folglich wird es auch immer welche geben.
3. Die Menschheit wrde sich ohne diese gelegentliche Dezimierung zu stark
    vermehren.
4. Der dauernde Friede erschlafft, verweichlicht, hat - wie stehendes
    Sumpfwasser - Fulnis, nmlich den Verfall der Sitten zur Folge.
5. Zur Bethtigung der Selbstaufopferung, des Heldenmuts, kurz zur
    Charaktersthlung sind Kriege das beste Mittel.
6. Die Menschen werden immer streiten, volle bereinstimmung in allen Ansprchen
    ist unmglich - verschiedene Interessen mssen stets aneinanderstoen,
    folglich ewiger Friede ein Widersinn.

Keiner dieser Stze, namentlich keins der darin enthaltenen folglich lt sich
stichhaltig behaupten, wenn man ihm zu Leibe rckt. Aber jeder dient dem
Verteidiger als Verschanzung, wenn er die anderen fallen lassen mute. Und
whrend die neue Verschanzung fllt, hat sich die alte wieder aufgerichtet.
    Zum Beispiel wenn der Kriegskmpe, in die Enge getrieben, nicht mehr im
stande ist, Nr. 4 aufrecht zu erhalten und zugeben mu, da der Friedenszustand
menschenwrdiger, beglckender, kulturfrdernder sei als der Krieg, so sagt er:
    Nun ja, ein bel ist der Krieg schon, aber unvermeidlich, denn: Nr. 1 und 2.
    Zeigt man nun, da er vermieden werden knnte, durch Staatenbund,
Schiedsgerichte u.s.w., so heit es:
    Nun ja, man knnte, wohl aber soll nicht, denn: Nr. 5.
    Jetzt wirft der Friedensanwalt diesen Einwand um und beweist, da, im
Gegenteile, der Krieg den Menschen verroht und entmenschlicht -
    Nun ja, das schon, aber - Nr. 3.
    Dieses Argument, wenn von den Verherrlichern des Krieges angefhrt, ist
schon das allerunaufrichtigste. Eher dient es jenen, die den Krieg verabscheuen
und die fr die grausige Erscheinung doch einen Grund, ein die Natur sozusagen
entschuldigendes Moment auffinden wollen; aber wer im Innern den Krieg liebt und
ihn erhalten hilft, der thut es sicher nicht im Hinblick auf das Wohlbefinden
entfernter Geschlechter. Die gewaltthtige Dezimierung der gegenwrtigen
Menschheit durch Totschlag, knstliche Seuchenbildung und Verarmung wird gewi
nicht veranstaltet, um von der knftigen die Gefahr etwaigen Mangelleidens
abzulenken; wenn menschliches Eingreifen ntig wre, um zum allgemeinen Wohle
bervlkerung zu verhten, so gbe es wohl direktere Mittel hierzu als
Kriegfhrung. Das Argument ist also nur eine Finte, welche aber meist mit Erfolg
angewendet wird, weil sie verblfft. Das Ding klingt so gelehrt und eigentlich
sehr menschenfreundlich - man denke nur: unsere lieben in einigen tausend Jahren
lebenden Nachkommen, denen mssen wir doch gengenden Ellbogenraum schaffen! -
Dieses Nr. 3 bringt viele Friedensverteidiger in Verlegenheit. ber solche
naturwissenschaftliche und sozialkonomische Fragen sind die wenigsten Leute
unterrichtet; die wenigsten wissen wohl, da das Gleichgewicht von Sterblichkeit
und Fruchtbarkeit von selber sich herstellt; da die Natur ber ihre Lebewesen
nicht die vernichtenden Gefahren bringt, um deren berzahl zu verhten, sondern
umgekehrt: da sie die Fruchtbarkeit derer erhht, die groen Gefahren
ausgesetzt sind. Nach einem Kriege z, B. steigt die Zahl der Geburten und so
wird der Verlust wieder ersetzt; nach langem Frieden und bei Wohlstande fllt
diese Zahl - und so tritt die bervlkerung - - dieses Wahngespenst - berhaupt
nicht ein. Das alles aber hat man nicht klar vor Augen; man fhlt nur
instinktiv, da das berhmte Nr. 3 nicht richtig sein kann und keinesfalls vom
anderen ehrlich gemeint ist. Da begngt man sich, das alte Sprichwort
anzufhren: Es ist schon dafr gesorgt, da die Bume nicht in den Himmel
wachsen und dann - nicht jenes Resultat haben die Machthaber im Auge ...
    - Zugegeben - aber Nr. 1.
    Und so nimmt der Streit kein Ende. Der Kriegerische behlt immer recht; sein
Rsonnement bewegt sich in einem Kreise, wo man ihm stets nachlaufen, ihn aber
nie erreichen kann. Der Krieg ist ein schreckliches bel, aber er mu sein. - Er
mu zwar nicht sein, aber er ist ein hohes Gut. Diesen Mangel an
Folgerichtigkeit, an logischer Ehrlichkeit, lassen sich alle jene zu schulden
kommen, welche aus uneingestandenen Grnden - oder auch ohne Grnde, blo
instinktiv - eine Sache vertreten und hier alle ihnen je zu Ohren gekommenen
Phrasen und Gemeinpltze benutzen, welche zur Verteidigung der betreffenden
Sache in Umlauf gesetzt worden sind. Da diese Argumente von den verschiedensten
Standpunkten ausgehen, da sie daher einander nicht nur nicht untersttzen,
sondern mitunter geradezu aufheben, das ist jenen einerlei. Nicht weil diese
oder jene Schlsse dem eigenen Nachdenken entsprungen und der eigenen
berzeugung gem sind, sind sie zu ihrer aufgestellten Behauptung gelangt,
sondern nur um diese letztere zu sttzen, gebrauchen sie auswahllos die von
anderen Leuten durchdachten Folgerungen.
    Das alles konnte ich mir zwar damals, wenn ich mit meinem Vater ber das
Thema Krieg und Frieden stritt, nicht so ganz klar machen; erst spter habe ich
mir angewhnt, den Verrichtungen des Geistes im eigenen und im Kopfe anderer
beobachtend nachzuspren. Ich erinnere mich nur, da ich immer hchst ermdet
und abgespannt aus diesen Diskussionen hervorging, und jetzt wei ich, da diese
Ermdung von dem Im-Kreise-nachlaufen kam, zu welchem mich meines Vaters
Streitweise zwang. Der Schlu war dann doch jedesmal ein seinerseits mit
mitleidigem Achselzucken gesprochenes Das verstehst Du nicht, welches - da es
sich um militrische Dinge handelte - im Munde eines alten Generals, einer
jungen Frau gegenber, gewi sehr gerechtfertigt klang.

Neujahr 1866. Wieder saen wir alle - bei Punsch und Faschingkrapfen - um meines
Vaters Tisch versammelt, als die erste Stunde dieses verhngnisvollen Jahres
schlug. Es war ein heiteres Fest. Zugleich mit Sylvester feierten wir eine
Verlobung: Konrad und Lilli. Als der Zeiger auf Zwlf wies und auf der Strae
einige Freudenschsse losgingen, umschlang mein unternehmender Vetter das neben
ihm sitzende Mdchen, prete - zu unser aller Staunen - einen Ku auf ihre
Lippen und fragte dann:
    Willst Du mich in 66?
    Ja - ich will, antwortete sie; ja - ich hab' Dich lieb, Konrad. Das war
nun von allen Seiten ein Glser-erklingen-lassen und umarmen und Hndeschtteln,
und Glck- und Segenwnschen ohne Ende:
    Das Brautpaar soll leben - Konrad und Lilli - hoch! - Gott segne eueren
Bund, Kinder - Gratuliere herzlichst, Vetter - Sei glcklich, Schwester und
so weiter und so weiter. Eine freudige und gerhrte Stimmung bemchtigte sich
unser aller. Vielleicht nicht bei allen ganz neidlos; denn so wie der Tod das
traurigste und bedauernswerteste Ereignis abgibt, so ist die Liebe - die zum
lebenschaffenden Bunde sanktionierte Liebe - das frhlichste und
beneidenswerteste. Ich konnte zwar von Neid nichts spren, denn mir war das der
neuen Braut erst verheiene Glck schon zum wirklichen und festen Besitz
geworden; es beschlich mich eher ein Gefhl des Zweifels: So ein vollkommenes
Glck, wie es mir von Friedrich bereitet wird, kann wohl der armen Lilli kaum zu
teil werden ... Konrad ist zwar ein allerliebster Mensch, aber - es gibt nur
einen Friedrich!
    Mein Vater machte dem Gratulationstumult ein Ende, indem er mit dem an
seinem kleinen Finger befindlichen Siegelring an das Glas klopfte und sich zum
sprechen erhob:
    Meine lieben Kinder und Freunde - sagte er ungefhr - das Jahr
sechsundsechzig fngt gut an. Mir bringt es schon in der ersten Stunde die
Erfllung eines Lieblingswunsches - denn auf den Konrad als Schwiegersohn hatte
ich es lange abgesehen. Hoffen wir, da dieses freundliche Jahr auch unsere Rosa
unter die Haube und euch - Martha und Tilling - einen Storchbesuch bringt ...
Ihnen, Doktor Bresser, soll es zahlreiche Patienten verschaffen - was zwar mit
den vielen Gesundheitswnschen, die heute ausgetauscht werden, nicht recht
klappt ... und Dir, liebe Marie, bescheere es - vorausgesetzt, da es Dir
bestimmt sei, ich kenne und ehre Deinen Fatalismus - einen Haupttreffer, oder
einen vollstndigen Abla, oder was Du Dir sonst wnschen magst; ... Dich, mein
Otto, beschenke es mit zahlreicher Eminenz zu Deiner Schluprfung und mit
allen mglichen soldatischen Tugenden und Kenntnissen, damit Du einst eine
Zierde der Armee und der Stolz Deines alten Vaters werdest ... Letzterem mu ich
doch auch einiges Gute zukommen lassen, und da dieser keine hheren Wnsche
kennt, als das Wohl und den Ruhm sterreichs, so mge das kommende Jahr dem
Lande einen groen Gewinn bringen - die Lombardei oder - was wei ich? - die
Provinz Schlesien ... Man kann nicht wissen, was sich da alles vorbereitet - es
ist gar nicht unmglich, da wir dieses, der groen Maria Theresia entwendete
Land den frechen Preuen wieder abnehmen ...
    Ich erinnere mich, da der Schlu von meines Vaters Trinkrede eine Klte
verbreitete. Die Lombardei und Schlesien - wahrlich, nach diesen fhlte niemand
unter uns ein dringendes Bedrfnis. Und der darunter versteckte Wunsch: Krieg
- also neuer Jammer, neue Todesqual - der stimmte schon gar nicht zu der weichen
Frhlichkeit, welche diese, durch einen neuen Liebesbund geweihte Stunde in
unseren Herzen wachgerufen. Ich erlaubte mir sogar eine Entgegnung:
    Nein, lieber Vater - fr die Italiener und fr die Preuen ist heute auch
Neujahr ... da wollen wir ihnen kein Verderben wnschen. Mgen im Jahre 66 und
in den folgenden alle Menschen besser, eintrchtiger und glcklicher werden!
    Mein Vater zuckte die Achseln!
    O, Du Schwrmerin, sagte er mitleidig.
    Durchaus nicht, nahm mich Friedrich in Schutz. Der von Martha
ausgedrckte Wunsch beruht nicht auf Schwrmerei - denn seine Erfllung ist uns
wissenschaftlich verbrgt. Besser und eintrchtiger und glcklicher werden die
Menschen bestndig - seit den Uranfngen bis auf heute. Aber so unmerklich
langsam, da eine kleine Spanne Zeit, wie ein Jahr, kein sichtbares
Vorwrtsschreiten aufweisen kann.
    Wenn Ihr so fest an den ewigen Fortschritt glaubt, warf mein Vater ein,
warum dann euer hufiges Klagen ber Reaktion, ber Rckfall in die Barbarei?
...
    Weil - Friedrich zog einen Bleistift aus der Tasche und zeichnete auf ein
Blatt Papier eine Spirale - weil der Gang der Civilisation so beschaffen ist
wie dieses ... Bewegt sich diese Linie, trotz ihrer gelegentlichen
Rckwrtskrmmungen, nicht sicher voran? Das beginnende Jahr kann freilich eine
der Krmmungen vorstellen, besonders wenn, wie es den Anschein hat, wieder ein
Krieg gefhrt werden sollte. So etwas schleudert die Kultur - in jeder, in
materieller wie in moralischer Beziehung - immer wieder um ein gutes Stck
zurck.
    Du sprichst nicht wie ein Soldat, mein lieber Tilling.
    Ich spreche von einer allgemeinen Sache, mein lieber Schwiegervater.
Darber kann meine Ansicht eine richtige oder falsche sein - ob sie nun eine
soldatische sei oder nicht, ist eine andere Frage. Wahrheit gibt es doch berall
nur eine ... Wenn ein Ding rot ist - soll es einer grundstzlich blau nennen,
wenn er eine blaue Uniform, und schwarz, wenn er eine schwarze Kutte trgt?
    Eine - was? Mein Vater pflegte, wenn ihm eine Diskussion nicht recht
genehm war, etwas Schwerhrigkeit hervorzukehren. Auf solches was die ganze
Rede zu wiederholen - dazu hatten die wenigsten Leute die Geduld und man gab den
Streit lieber auf.
    Noch in derselben Nacht, nachdem wir nach Hause gekommen, nahm ich meinen
Mann ins Verhr:
    Was hast Du meinem Vater gesagt? ... Da es allen Anschein habe, man wrde
sich in diesem Jahre wieder schlagen? Ich will Dich in keinen Krieg mehr ziehen
lassen, ich will nicht ...
    Was hilft dieses leidenschaftliche ich will, meine Martha? Du wrest doch
die erste, die es angesichts der Umstnde wieder zurckzge. Je wahrscheinlicher
ein Krieg vor der Thr steht, desto unmglicher wre es mir, um Entlassung
einzukommen. Unmittelbar nach Schleswig-Holstein wre es thunlich gewesen -
    Ach, diese elenden Schmitt &amp; Shne! ...
    Doch jetzt, wo sich neue Wolken ballen -
    Du glaubst also wirklich, da -
    Ich glaube, diese Wolken werden sich wieder verziehen - die beiden
Gromchte werden sich doch jener Nordlndchen wegen nicht zerfleischen. Aber
weil es nun einmal drohend aussieht, wrde ein Zurckziehen feige erscheinen.
Das leuchtet Dir wohl ein?
    Diesen Grnden mute ich mich fgen. Aber ich klammerte mich fest an das
Hoffnungswort Die Wolken werden sich verziehen.
    Mit Spannung folgte ich nunmehr der Entwickelung der politischen Ereignisse
und den darber in Zeitungen und Gesprchen kursierenden Meinungen und
Vorhersagungen. Rsten, rsten war jetzt die Losung. Preuen rstet im
Stillen. sterreich rstet im Stillen. Die Preuen behaupten, da wir rsten,
und es ist nicht wahr - sie rsten. Sie leugnen - nein, es ist nicht wahr: wir
rsten. Wenn jene rsten, mssen wir auch rsten. Wenn wir abrsten, wer wei,
ob jene abrsten? So schlug die Rsterei in allen mglichen Varianten an mein
Ohr. - Aber wozu denn dieses Waffengeklirre, wenn man nicht angreifen will?
fragte ich, worauf mein Vater den alten Spruch vorbrachte: Sie vis pacem, para
bellum: Wir rsten ja doch nur aus Vorsicht. - Und die Andern? - In der Absicht,
uns zu berfallen. - Jene sagen aber auch, da sie sich nur gegen unseren
berfall vorsehen. - Das ist Heimtcke. - Und sie sagen, da wir heimtckisch
seien. - Das sagen sie nur als Vorwand, um besser rsten zu knnen.
    Wieder so ein endloser Cirkel, eine sich in den Schwanz beiende Schlange,
deren oberes und unteres Ende zweifache Unaufrichtigkeit ist ... Nur um einem
Feinde zu imponieren, der den Krieg will, kann die rstende Schreckmethode etwa
des Friedens willen am Platze sein; aber zwei Gleichgesinnte, Frieden Wollende,
knnen unmglich nach diesem System handeln, ohne da Jeder fest berzeugt sei,
da der Andere mit leeren Phrasen lgt. Und diese berzeugung wird nur so fest,
wenn man selber hinter den gleichen Phrasen dieselben Absichten versteckt, deren
man den Gegner beschuldigt. Nicht nur die Auguren - auch die Diplomaten wissen
voneinander genau, was jeder hinter den ffentlichen Ceremonien und Redeweisen
im Sinne fhrt ...
    Das beiderseitige In-Kriegsbereitschaft-setzen dauerte die ersten Monate des
Jahres fort. Am 12. Mrz kam mein Vater freudestrahlend in mein Zimmer gestrzt.
    Hurrah! rief er. Gute Nachrichten -
    Abgerstet? fragte ich freudig.
    Warum nicht gar! Im Gegenteil, die gute Nachricht ist die: Gestern wurde
groer Kriegsrat gehalten ... Es ist wirklich glnzend, ber welche Streitmacht
wir verfgen ... da kann sich der arrogante Preue verstecken. - Mit 800 000
Mann sind wir stndlich bereit, auszurcken. Und Benedek, unser tchtigster
Stratege, wird Oberfeldherr mit unbeschrnkter Vollmacht ... Ich sag' Dir's im
Vertrauen, Kind: Schlesien ist unser, wenn wir nur wollen ...
    O Gott, o Gott, - sthnte ich - soll denn wieder diese Geiel ber uns
kommen! Wer - wer kann denn nur so gewissenlos sein - aus Ehrgeiz, aus
Lndergier -
    Beruhige Dich. Wir sind nicht so ehrgeizig - noch sind wir lndergierig.
Wir wollen - (das heit ich gerade nicht, mir wre die Wiedergewinnung unseres
Schlesiens schon recht) aber die Regierung will Frieden halten - das hat sie oft
genug versichert. Und der ungeheuere Stand unserer aktiven Armee, wie derselbe
aus den im gestrigen Kriegsrat dem Kaiser vorgelegten Mitteilungen sich ergibt,
wird allen anderen Mchten gehrigen Respekt einflen ... Preuen wird wohl zu
allererst klein beilegen und aufhren, das groe Wort fhren zu wollen ... Wir
haben, Gott sei Dank, in Schleswig-Holstein auch noch mitzureden - und werden
sicher nie dulden, da sich der andere Grostaat durch allzustarke
Machtausdehnung eine berwiegende Stellung in Deutschland erringe ... Da handelt
es sich um unsere Ehre, um unser prestige - vielleicht um unsere Existenz -
das verstehst Du nicht ... Das Ganze ist ja doch nur ein Hegemoniestreit - um
das miserable Schleswig handelt es sich am wenigsten - aber der prchtige
Kriegsrat hat deutlich gezeigt, wer den ersten Rang einnimmt und wer den Anderen
Bedingungen vorschreiben darf; die Nachkommen der kleinen brandenburger
Kurfrsten oder diejenigen der langen rmisch-deutschen Kaiser- Ich halte den
Frieden fr gesichert. Sollten aber die anderen dennoch fortfahren, sich
unverschmt und arrogant zu gebrden und dadurch einen Krieg unvermeidlich
machen, so ist uns der Sieg verbrgt und mit demselben ganz unberechenbare
Gewinne ... Es wre zu wnschen, da es losginge -
    Nun ja, das wnschest Du auch, Vater - und mit Dir wahrscheinlich der ganze
Kriegsrat! So ist's mir lieber, wenn das aufrichtig gesagt wird ... Nur nicht
diese Falschheit, dem Volke und den Friedliebenden zu versichern, da all die
Waffenanschaffungen und Heerverstrkungen und Militrkreditforderungen nur um
des lieben Friedens willen geschehen. Wenn ihr schon die Zhne zeigt und die
Fuste ballt, so flstert keine sanften Worte dazu - wenn ihr schon vor Ungeduld
zittert, das Schwert zu schwingen, so macht doch nicht, als legtet ihr aus
bloer Vorsicht die Hand an den Knauf ...
    So redete ich eine Weile mit bebender Stimme und steigendem Affekte fort -
ohne da mein verblffter Vater ein Wort erwiderte - und brach schlielich in
Thrnen aus.

Jetzt folgte eine Zeit der schwankenden Hoffnungen und Befrchtungen. Heute hie
es der Friede gesichert, morgen - der Krieg unvermeidlich. Die meisten Leute
waren letzterer Ansicht. Nicht so sehr, weil die Verhltnisse auf die
Notwendigkeit eines blutigen Austrages wiesen, als deshalb, weil, wenn das Wort
Krieg einmal gefallen, wohl noch sehr lange hin und her debattiert werden
kann, aber erfahrungsgem das Ende jedesmal Krieg ist. Das kleine, unscheinbare
Ei, welches den Casus belli enthlt, wird da so lange ausgebrtet bis das
Ungetm hervorkriecht.
    Tglich zeichnete ich in die roten Hefte die Phasen des schwebenden Streites
auf und so wute ich damals, und wei noch heute, wie der verhngnisvolle 66er
Krieg sich vorbereitet hat und wie er ausgebrochen ist. Ohne diese Eintragungen
wre ich wohl ber das betreffende Stck Geschichte in derselben Unkenntnis, in
welcher die meisten, inmitten der Geschichtsabspielung lebenden Menschen sich
befinden. Gewhnlich wei die groe Mehrzahl der Bevlkerung nicht, warum und
wie ein Krieg entsteht - man sieht ihn nur eine Zeit lang kommen - dann ist er
da. Und wenn er da ist, so frgt man schon gar nicht mehr nach den kleinen
Interessen und Meinungsverschiedenheiten, die ihn herbeigefhrt, sondern ist nur
noch mit den gewaltigen Ereignissen beschftigt, die sein Fortgang mit sich
bringt. Und ist er einmal vorber, so erinnert man sich hchstens der dabei
persnlich erlebten Schrecken und Verluste - beziehungsweise Gewinne und
Triumphe - aber an die politischen Entstehungsgrnde wird nicht mehr gedacht. In
den verschiedenen Geschichtswerken, welche nach jedem Feldzuge unter Titeln wie
Der Krieg vom Jahre - historisch und strategisch dargestellt - und dergleichen
erscheinen, werden alle vergangenen Streitmotive und alle taktischen Bewegungen
des betreffenden Feldzuges aufgezhlt, und wer dafr Interesse hat, kann in der
einschlgigen Litteratur sich Aufschlu holen; - aber im Gedchtnis des Volkes
lebt diese Geschichte gewi nicht fort. Auch von den Gefhlen des Hasses und der
Begeisterung, der Erbitterung und Siegeshoffnung, mit welchen die ganze
Bevlkerung den Anfang des Krieges begrt - Gefhle, welche sich in dem
Schlagwort uern: dieser Krieg ist sehr populr, auch davon ist nach ein paar
Jahren alles verwischt.
    Am 24. Mrz erlt Preuen ein Rundschreiben, worin es sich ber die
bedrohlichen sterreichischen Rstungen beklagt. - Warum rsten wir denn nicht
ab, wenn wir nicht bedrohen wollen? - Wie sollen wir? Es wird ja am 28. Mrz
preuischerseits verfgt, da die Festungen in Schlesien und zwei Armeekorps in
Bereitschaft gesetzt werden sollen ...
    31. Mrz. Gott sei Dank! sterreich erklrt, da smtliche umlaufende
Gerchte ber geheimes Rsten falsch seien; es falle ihm gar nicht ein, Preuen
anzugreifen. Er stellt daher die Forderung, da Preuen seine
Kriegsbereitschafts-Manahmen einstelle.
    Preuen erwidert: Es denke gar nicht im entferntesten daran, sterreich
anzugreifen, aber durch des letzteren Rstungen sei es gezwungen, sich auf
Angriff gefat zu machen.
    So wird der zweistimmige Wechselgesang unausgesetzt fortgefhrt:

Meine Rstung ist die defensive,
Deine Rstung ist die offensive,
Ich mu rsten, weil du rstest,
Weil du rstest, rste ich,
Also rsten wir,
Rsten wir nur immer zu.

Die Zeitungen geben die Orchesterbegleitung zu diesem Duo ab. Die Leitartikler
schwelgen in sogenannter Konjekturalpolitik. Es wird geschrt, gehetzt,
geprahlt, verleumdet. Geschichtswerke ber den siebenjhrigen Krieg werden
verffentlicht, mit der ausgesprochenen Tendenz, die einstige Feindschaft
aufzufrischen.
    Indessen, der Notenwechsel dauert fort. Unterm 7. April leugnet sterreich
nochmals offiziell seine Rstungen, spielt aber auf eine mndliche uerung an,
welche Bismarck gegen Krolyi gemacht htte, da man sich ber den Gasteiner
Vertrag leicht hinwegsetzen werde. - Also davon sollen die Vlkerschicksale
abhngen, was zwei Herren Diplomaten in mehr oder minder guter Laune ber
Vertrge sprechen? Und was sind das berhaupt fr Vertrge, deren Einhalten von
dem guten Willen der Kontrahenten abhngig bleibt und durch keine hhere
schiedsrichterliche Gewalt gesichert wird?
    Auf diese Note antwortet Preuen unterm 15. April, da die Anschuldigung
unwahr sei; es msse aber dabei beharren, da sterreich wirklich an den Grenzen
gerstet habe; dadurch sei die eigene Gegenrstung gerechtfertigt. Ist es
sterreich mit dem Nichtangreifen Ernst, so solle es zuerst abrsten.
    Hierauf das wiener Kabinett: Wir wollen am 23. dss. abrsten, wenn Preuen
verspricht, am folgenden Tage dasselbe zu thun.
    Preuen erklrt sich bereit.
    Welch ein Aufatmen! So wird denn trotz aller drohenden Anzeichen der Friede
erhalten bleiben! Diese Wendung verzeichnete ich freudig in die roten Hefte.
    Aber zu frh. Neue Verwickelungen stellen sich ein. sterreich erklrt, es
knne nur im Norden, nicht aber zugleich im Sden abrsten, denn dort sei es von
Italien bedroht.
    Darauf Preuen: Wenn sterreich nicht ganz abrstet, so wollen wir auch
gerstet bleiben.
    Jetzt lt sich Italien vernehmen: Es wre ihm nicht im entferntesten
eingefallen, sterreich anzugreifen, aber nach dessen letzter Erklrung werde es
allerdings Gegenrstungen machen.
    Und so wird das hbsche Defensivlied nunmehr dreistimmig gesungen.
    Ich lasse mich von dieser Melodie wieder einigermaen in Ruhe lullen. Nach
solchen lauten und wiederholten Versicherungen kann doch keiner angreifen, und
ohne da einer angreife, gibt es keinen Krieg. Das Prinzip, da nur noch
Verteidigungskriege gerecht seien, hat sich schon so sehr des ffentlichen
Bewutseins bemchtigt, da doch keine Regierung mehr einen Einfall in das
Nachbarland unternehmen darf; und wenn sich nur lauter Verteidiger
gegenberstehen, so knnen dieselben, so drohend sie auch bewaffnet, so fest sie
auch entschlossen seien, sich bis aufs Messer zu wehren - doch thatschlich den
Frieden nicht brechen.
    Welche Tuschung! Neben Offensive gibt es ja noch verschiedene andere
Arten, Feindseligkeiten zu erffnen. Da sind die irgend ein drittes Lndchen
betreffenden Forderungen und Einmengungen, die als ungerecht abgewehrt werden
knnen; da sind die alten Vertrge, die man fr verletzt erklrt, und fr deren
Aufrechterhaltung zu den Waffen gegriffen werden mu; da ist endlich das
europische Gleichgewicht, welches durch die Machterweiterung des einen oder
des anderen Staates gefhrdet werden knnte und daher gegen solche
Machterweiterung energisches Einschreiten erheischt. Uneingestandenermaen, aber
am heftigsten zum Kampfe treibend, wirkt der lang geschrte Ha, welcher
schlielich ebenso sehnschtig und naturgewaltig nach todbringendem Handgemenge
drngt, wie lang genhrte Liebe nach lebenschpfender Umarmung.
    Von nun an berstrzen sich die Ereignisse, Osterreich tritt so entschieden
fr den Augustenburger ein, da Preuen dies fr einen Bruch des Gasteiner
Vertrags erklrt und darin eine deutliche feindliche Absicht erkennt, was zur
Folge hat, da beiderseits aufs uerste gerstet wird und nun auch Sachsen
damit beginnt. Die Aufregung ist eine allgemeine und wird tglich heftiger.
Krieg in Sicht, Krieg in Sicht! verknden alle Bltter und alle Gesprche. Mir
ist zu Mute, als wre ich auf dem Meere und der Sturm im Anzug ...
    Der gehateste und geschmhteste Mann in Europa heit jetzt Bismarck. Am 7.
Mai wird auf denselben ein Mordversuch gemacht. Hat Blind, der Thter, jenen
Sturm dadurch abwenden wollen? Und htte er ihn abgewendet?
    Ich erhalte aus Preuen Briefe von Tante Kornelie, aus welchen hervorgeht,
da dort zu Lande der Krieg nichts weniger als gewnscht wird. Whrend bei uns
allgemeine Begeisterung fr die Idee eines Krieges mit Preuen herrscht, und mit
Stolz auf unsere Million auserlesener Soldaten geblickt wird, herrscht drben
innere Zerfahrenheit. Bismarck wird im eigenen Lande nicht viel weniger
geschmht und verleumdet, als bei uns; das Gercht geht, da die Landwehr sich
weigern werde, in den Bruderkrieg zu ziehen, und man erzhlt, da die Knigin
Augusta sich ihrem Gemahl zu Fen geworfen, um fr den Frieden zu flehen. O,
wie gern htte ich an ihrer Seite gekniet und alle meine Schwestern - alle - zu
gleicher That hinreien wollen. Das, das allein sollte aller Frauen Bestreben
sein: Friede, Friede - die Waffen nieder! Htte doch unsere schne Kaiserin
sich auch zu Fen ihres Gemahls geworfen und weinend, mit erhobenen Hnden, um
Entwaffnung gefleht! Wer wei? Vielleicht hat sie es gethan - vielleicht htte
der Kaiser selber auch gewnscht, den Frieden zu erhalten, aber der Druck, der
von den Rten, von den Sprechern, Schreiern und Schreibern kommt, dem kann ein
einzelner Mensch, - selbst auf dem Thron - nicht widerstehen.

Am 1. Juni erklrt Preuen dem Bundestage, es werde sofort abrsten, wenn
sterreich und Sachsen das Beispiel geben. Dagegen erfolgt von Wien geradeheraus
die Anschuldigung, da Preuen schon lange mit Italien einen Angriff auf
sterreich geplant habe, weshalb Letzteres sich nunmehr ganz dem deutschen Bund
in die Arme werfen wolle, um diesen aufzufordern, die Entscheidung in Sachen der
Elbherzogtmer zu bernehmen. Gleichzeitig wolle es die holsteinischen Stnde
einberufen.
    Gegen diese Erklrung legte Preuen Protest ein, weil dieselbe gegen den
Gasteiner Vertrag verstoe. Damit sei zum wiener Vertrag zurckgekehrt, nmlich
zum gemeinschaftlichen Condominat; folglich habe Preuen auch das Recht,
Holstein zu besetzen, wie es seinerseits den sterreichern den Besitz Schleswigs
nicht verwehre. Und zugleich rcken die Preuen in Holstein ein. Gablenz weicht
ohne Schwertstreich, aber unter Protest zurck.
    Vorher hat Bismarck in einem Rundschreiben gesagt: Von Wien hatten wir gar
kein Entgegenkommen gefunden. Im Gegenteil: es waren dem Knige von
authentischer Quelle Auslassungen von sterreichischen Staatsmnnern und
Ratgebern des Kaisers zu Ohren gekommen (Tritschtratsch), welche beweisen, da
die Minister den Krieg um jeden Preis wnschen (Vlkermord wnschen: welche
furchtbare Verbrechensanklage!), teils auf Erfolg im Felde hoffend, teils, um
ber innere Schwierigkeiten hinwegzukommen und um den eigenen zerrtteten
Finanzen durch preuische Kontribution aufzuhelfen. (Staatsklugheit.)
    Unterm 9. Juni erklrt Preuen dem Bundestag, derselbe habe kein Recht zur
alleinigen Entscheidung in der schleswig-holsteinischen Frage. Ein neuer
Bundesreformplan wird vorgelegt, nach welchem die Niederlande und sterreich
ausgeschlossen bleiben sollen.
    Die Presse ist nunmehr ganz kriegerisch und zwar, wie dies patriotische
Sitte ist, siegesgewi. Die Mglichkeit einer Niederlage mu fr den loyalen
Unterthan, den sein Frst zum Kampfe ruft, vllig ausgeschlossen sein.
Verschiedene Leitartikel malen den bevorstehenden Einzug Benedeks in Berlin aus,
sowie die Plnderung dieser Stadt durch die Kroaten. Einige empfehlen auch,
Preuens Hauptstadt dem Erdboden gleich zu machen. Plnderung, Erdboden
gleich machen, ber die Klinge springen lassen - diese Worte entsprechen zwar
nicht mehr dem neuzeitlichen Vlkerrechtsbewutsein, sie sind aber, von den
Schulstudien der alten Kriegsgeschichte her, an den Leuten hngen geblieben;
derlei ward in den auswendig gelernten Schlachtberichten so oft hergesagt, in
den deutschen Aufstzen so oft niedergeschrieben, da, wenn nun ber das Thema
Krieg Zeitungsartikel verfat werden sollen, solche Worte von selber in die
Feder flieen. Die Verachtung des Feindes kann nicht drastisch genug ausgedrckt
werden; fr die preuischen Truppen haben die wiener Zeitungen keine andere
Bezeichnung mehr, als die Schneidergesellen. General-Adjutant Graf Grnne hat
geuert: Diese Preuen werden wir mit nassen Fetzen verjagen. Mit derlei
macht man einen Krieg eben populr. So etwas krftigt das nationale
Selbstgefhl.
    11. Juni. sterreich beantragt, der Bund solle gegen die preuische
Selbsthilfe in Holstein einschreiten und das ganze Bundesheer mobil machen. Am
14. Juni wird ber diesen Antrag abgestimmt und mit neun gegen sechs Stimmen -
angenommen. O, diese drei Stimmen! Wie viel Jammer- und Wehgeheul hat diesen
drei Stimmen als Echo nachgedrhnt!
    Es ist geschehen. Die Gesandten erhalten ihre Psse. Am 16. fordert der Bund
sterreich und Bayern auf, den Hannoveranern und Sachsen, welche bereits von
Preuen angegriffen seien, zu Hilfe zu kommen.
    Am 18. ergeht das preuische Kriegsmanifest. Zu gleicher Zeit das Manifest
des Kaisers von sterreich an sein Volk und die Proklamation Benedeks an seine
Truppen. Am 22. erlt Prinz Friedrich Karl einen Armeebefehl und erffnet damit
den Krieg. Ich habe die vier Urkunden zur Zeit abgeschrieben; hier sind sie:
    Knig Wilhelm sagt:
    sterreich will nicht vergessen, da seine Frsten einst Deutschland
    beherrschten, will im jungen Preuen keinen Bundesgenossen, sondern nur
    einen feindlichen Nebenbuhler erkennen. Preuen, meint es, sei in allen
    seinen Bestrebungen zu bekmpfen, weil, was Preuen frommt, sterreich
    schade. Alte, unselige Eifersucht ist in hellen Flammen wieder aufgelodert;
    Preuen soll geschwcht, vernichtet, entehrt werden. Ihm gegenber gelten
    keine Vertrge mehr. Wohin wir in Deutschland schauen, sind wir von Feinden
    umgeben und deren Kampfgeschrei ist Erniedrigung Preuens. Bis zum letzten
    Augenblick habe ich die Wege zu gtigem Ausgleich gesucht und offen gehalten
    - sterreich wollte nicht.
Dagegen lt sich Kaiser Franz Joseph also vernehmen:
    Die neuesten Ereignisse erweisen es unwiderleglich, da Preuen nun offen
    Gewalt an Stelle des Rechtes setzt. So ist der unheilvollste Krieg - ein
    Krieg Deutscher gegen Deutsche - unvermeidlich geworden! Zur Verantwortung
    all des Unglcks, das er ber einzelne, Familien, Gegenden und Lnder
    bringen wird, rufe ich diejenigen, welche ihn herbeigefhrt, vor den
    Richterstuhl der Geschichte und des ewigen allmchtigen Gottes.
Immer der Andere ist der Kriegwnschende. Immer dem Anderen wird
vorgeworfen, da er Gewalt an Stelle des Rechtes setzen will. Warum ist es denn
berhaupt noch vlkerrechtlich mglich, da dies geschehe? Ein unheilvoller
Krieg, weil Deutsche gegen Deutsche. Ganz richtig: es ist schon ein hherer
Standpunkt, der ber Preuen und sterreich den weiteren Begriff
Deutschland erhebt - aber nur noch einen Schritt: und es wre jene noch hhere
Einheit erreicht, in deren Licht jeder Krieg - Menschen gegen Menschen,
namentlich civilisierte gegen civilisierte - als unheilvoller Bruderkrieg
erscheinen mte. Und vor den Richterstuhl der Geschichte rufen - was ntzt
das? Die Geschichte, wie sie bisher geschrieben wurde, hat noch niemals anders
gerichtet, als da sie dem Erfolge huldigte. Derjenige, der aus dem Kriege als
Sieger hervorgeht, vor dem fllt die historienskribbelnde Gilde in den Staub und
preist ihn als den Erfller einer Kulturmission. Und vor dem Richterstuhl
Gottes, des Allmchtigen? Ja, ist es denn dieser selber nicht, der stets als
der Lenker der Schlachten hingestellt wird - geschieht denn mit dem Ausbruch
sowohl als mit dem Ausgang jedes Krieges nicht eben dieses Allmchtigen
unverrckbarer Wille? O Widerspruch ber Widerspruch! Ein solcher mu sich eben
berall einstellen, wo unter Phrasen die Wahrheit versteckt werden soll, wo man
zwei einander aufhebende Prinzipien - wie Krieg und Gerechtigkeit, wie Vlkerha
und Menschlichkeit, wie Gott der Liebe und Gott der Schlachten - nebeneinander
gleich heilig halten will.
    Und Benedek sagt:
    Wir stehen einer Streitmacht gegenber, die aus zwei Hlften
    zusammengesetzt ist: Linie und Landwehr. Erstere bilden lauter junge Leute,
    die, weder an Strapazen und Entbehrungen gewhnt, niemals eine bedeutende
    Campagne mitgemacht haben. Letztere besteht aus jetzt unzuverlssigen,
    mivergngten Elementen, die lieber die eigene miliebige Regierung strzen,
    als gegen uns kmpfen mchten. Der Feind hat infolge langer Friedensjahre
    auch nicht einen einzigen General, der Gelegenheit gehabt htte, sich auf
    den Schlachtfeldern heranzubilden. Veteranen von Mincio und Palestro, ich
    denke, ihr werdet unter euren alten bewhrten Fhrern es euch zur besonderen
    Ehre rechnen, einem solchen Gegner auch nicht den leisesten Vorteil zu
    gestatten. Der Feind prahlt seit langer Zeit mit seinem schnellen
    Kleingewehrfeuer - aber, Leute, ich denke, das soll ihm wenig Nutzen
    bringen. Wir werden ihm wahrscheinlich keine Zeit dazu lassen, sondern
    ungesumt ihm mit Bajonett und Kolben auf den Leib gehen. Sobald mit Gottes
    Hilfe der Gegner geschlagen und zum Rckzug gezwungen sein wird, werden wir
    ihn auf dem Fue verfolgen und ihr werdet in Feindesland euch ausrasten und
    diejenigen Erholungen im reichlichsten Mae in Anspruch nehmen, die sich
    eine siegreiche Armee mit vollstem Rechte verdient haben wird.
Prinz Friedrich Karl endlich spricht:
    Soldaten! Das treulose und bundesbrchige sterreich hat ohne
    Kriegserklrung schon seit einiger Zeit die preuischen Grenzen in
    Oberschlesien nicht respektiert. Ich htte also ebenfalls ohne
    Kriegserklrung die bhmische Grenze berschreiten drfen. Ich habe es nicht
    gethan. Heute habe ich eine betreffende Kundgebung berreichen lassen und
    heute betreten wir das feindliche Gebiet, um unser eigenes Land zu schonen.
    Unser Anfang sei mit Gott. (Ist das derselbe Gott, mit dessen Hilfe Benedek
    versprochen hat, den Feind mittels Bajonett und Kolben zurckzuschlagen?
    ...) Auf ihn lat uns unsere Sache stellen, der die Herzen der Menschen
    lenkt, der die Schicksale der Vlker und den Ausgang der Schlachten
    entscheidet. Wie in der heiligen Schrift geschrieben steht: Lat eure Herzen
    zu Gott schlagen und eure Fuste auf den Feind. In diesem Kriege handelt es
    sich - ihr wit es - um Preuens heiligste Gter und um das Fortbestehen
    unseres teuren Preuens. Der Feind will es ausgesprochenermaen zerstckeln
    und erniedrigen. Die Strme von Blut, welche eure und meine Vter unter
    Friedrich dem Groen und wir jngst bei Dppel und auf Alsen vergossen
    haben, sollten sie umsonst vergossen sein? Nimmermehr! Wir wollen Preuen
    erhalten wie es ist, und durch Siege krftiger und mchtiger machen. Wir
    werden uns unserer Vter wrdig zeigen. Wir bauen auf den Gott unserer
    Vter, der uns gndig sein und Preuens Waffen segnen mge. Und nun vorwrts
    mit unserem alten Schlachtruf:
              Mit Gott fr Knig und Vaterland. Es lebe der Knig!


                                  Zweiter Band

                                  Viertes Buch

                                      1866

Und so war es denn wieder da - dieses grte alles denkbaren Unglcks - und
wurde von der Bevlkerung mit dem gewohnten Jubel begrt. Die Regimenter
marschierten aus (wie wrden sie wiederkehren?) und Sieges- und Segenswnsche
und schreiende Gassenjungen gaben ihnen das Geleite.
    Friedrich war schon vor einiger Zeit nach Bhmen beordert worden - noch ehe
der Krieg erklrt war, und gerade als die Dinge so standen, da ich
zuversichtlich hoffen konnte, der unselige, so geringfgige Herzogtmerstreit
werde sich gtlich beilegen. Diesmal also war mir das herzzerreiende
Abschiednehmen erspart geblieben, welches dem direkten In den Krieg ziehen des
Geliebten vorangeht. Als mir mein Vater triumphierend die Nachricht brachte:
Jetzt geht's los, war ich schon seit vierzehn Tagen allein. Und seit letzter
Zeit war ich auf diese Nachricht schon gefat gewesen - wie ein Verbrecher in
seiner Zelle auf Verlesung des Todesurteils gefat ist.
    Ich beugte den Kopf und sagte nichts.
    Sei guten Mut's, Kind. Der Krieg wird nicht lang dauern - ber heut' und
morgen sind wir in Berlin ... Und so wie er aus Schleswig-Holstein
zurckgekommen, so wird Dein Mann auch aus diesem Feldzug heimkehren, aber mit
viel grnerem Lorbeer bedeckt. Unangenehm mag es ihm zwar sein, da er selbst
preuischen Ursprungs ist, gegen Preuen zu ziehen - aber seit er in
sterreichischen Diensten steht, ist er ja doch mit Leib und Seel' einer von den
unsern ... Diese Preuen! Aus dem Bund wollen sie uns hinauswerfen, die
arroganten Windbeutel - das werden sie schn bereuen, wenn Schlesien wieder
unser ist, und wenn die Habsburger -
    Ich streckte die Hnde aus:
    Vater - eine Bitte: la mich jetzt allein.
    Er mochte glauben, da ich das Bedrfnis fhlte, mich auszuweinen, und da er
ein Feind aller Rhrscenen war, so willfahrte er bereitwilligst meinem Wunsch
und ging.
    Ich aber weinte nicht. Es war mir, als wre ein betubender Schlag auf
meinen Kopf gefallen. Schwer atmend, starr blickend sa ich eine Zeit regungslos
da. Dann ging ich zu meinem Schreibtisch, schlug die roten Hefte auf und trug
ein:
    Das Todesurteil ist gesprochen. Hunderttausend Menschen sollen hingerichtet
werden. Ob Friedrich auch dabei ist? ... Folglich auch ich ... Wer bin ich, um
nicht auch zu grunde zu gehen, wie die anderen Hunderttausend? - ich wollt' ich
wr' schon tot.
    Von Friedrich erhielt ich am selben Tag einige flchtig geschriebene Zeilen:

    Mein Weib! Sei mutig - hoch das Herz! Wir waren glcklich, das kann uns
    niemand nehmen, selbst wenn heute, wie fr so viele andere, auch fr uns das
    Dekret gefallen wre: Es ist vorbei. (Derselbe Gedanke, wie ich in meinen
    roten Heften: die vielen anderen Verurteilten.) Heute geht's dem Feind
    entgegen. Vielleicht erkenne ich drben ein paar Kampfgenossen von Dppel
    und Alsen - vielleicht meinen kleinen Vetter Gottfried ... Wir marschieren
    nach Liebenau mit der Avantgarde des Grafen Clam-Gallas. Von nun an giebt's
    zum Schreiben keine Zeit mehr. Erwarte Dir keine Briefe. Hchstens, wenn
    sich die Gelegenheit bietet, eine Zeile, zum Zeichen, da ich lebe. Vorher
    mchte ich noch ein einziges Wort finden, das meine ganze Liebe in sich
    fate, um es Dir - falls es das letzte wre - hier niederzuschreiben. Ich
    finde nur dieses: Martha! Du weit, was mir das bedeutet.

Konrad Althaus mute auch ausrcken. Er war voll Feuer und Kampfeslust und von
gengendem Preuenha beseelt, um gern hinauszuziehen; dennoch fiel ihm der
Abschied schwer. Die Heiratsbewilligung war erst zwei Tage vor dem Marschbefehl
eingetroffen. O, Lilli, Lilli, sprach er schmerzlich, als er seiner Braut
Lebewohl sagte, warum hast Du so lang gezgert, mich zu nehmen? Wer wei nun,
ob ich wiederkomme!
    Meine arme Schwester war selbst von Reue erfllt. Jetzt erst erwachte
leidenschaftliche Liebe fr den Langverschmhten. Als er fort war, sank sie
weinend in meine Arme.
    O warum habe ich nicht lngst ja gesagt! Jetzt wre ich sein Weib ...
    Da wre Dir der Abschied nur desto schmerzlicher geworden, meine arme
Lilli.
    Sie schttelte den Kopf. Ich verstand wohl, was in ihrem Innern vorging -
vielleicht klarer, als sie es selber verstand: sich trennen mssen bei noch
ungestilltem - vielleicht ewig ungestillt bleiben sollendem Liebessehnen; - den
Becher von den Lippen weggerissen und mglicherweise zerschellt sehen, ehe man
noch einen einzigen Trunk gethan - das mag wohl doppelt qulend sein.
    Mein Vater, die Schwestern und Tante Marie bersiedelten jetzt nach Grumitz.
Ich lie mich leicht bereden, samt meinem Shnchen mitzukommen. So lange
Friedrich fort war, schien mir der eigene Herd erstorben - ich htte es da nicht
ausgehalten. Es ist sonderbar: ich fhlte mich so verwitwet, als wre die
Nachricht von dem ausgebrochenen Kriege zugleich die Nachricht von Friedrichs
Tod gewesen. Manchmal, mitten in meine dumpfe Trauer, fiel ein lichter Gedanke:
Er lebt und kann ja wiederkommen - daneben aber stieg wieder die schreckliche
Idee auf: er krmmt und windet sich in unertrglichen Schmerzen ... er
verschmachtet in einem Graben - schwere Wagen fahren ber seine zerschossenen
Glieder weg - Mcken und Ameisen wimmeln auf seinen offenen Wunden; - die Leute,
welche das Schlachtfeld rumen, halten den erstarrt Daliegenden fr tot und
scharren ihn lebendig mit anderen Toten in die seichte Grube - hier kommt er zu
sich und - - -
    Mit einem lauten Schrei fuhr ich aus solchen Vorstellungen empor:
    Was hast Du nun wieder, Martha? schalt mein Vater. Du wirst noch verrckt
werden, wenn Du so brtest und aufschreist. Beschwrst Du Dir wieder so dumme
Bilder vor die Einbildung? Das ist sndhaft. ...
    Ich hatte nmlich fters diese meine Ideen laut werden lassen, was meinen
Vater hchlichst entrstete.
    Sndhaft, fuhr er fort, und unanstndig und unsinnig. Solche Flle, wie
sie Deine berspannte Phantasie ausmalt, die kommen mitunter - unter tausend
Fllen einmal - bei der Mannschaft - vor, aber einen Stabsoffizier, wie Deinen
Mann, lassen die Anderen nicht liegen. berhaupt, an solche Grauendinge soll man
nicht denken. Es liegt eine Art Frevel, eine Entheiligung des Krieges darin,
wenn man statt der Gre des Ganzen die elenden Einzelheiten ins Auge fat ...
an die denkt man nicht.
    Ja, ja, nicht daran denken, antwortete ich, das ist von jeher
Menschenbrauch allem Menschenelend gegenber ... Nicht denken: darauf ist
ohnehin alle Barbarei gesttzt.
    Unser Hausarzt, Doktor Bresser, war diesmal nicht in Grumitz; er hatte sich
freiwillig dem Sanittskorps zur Verfgung gestellt und war nach dem
Kriegsschauplatz abgegangen. Auch mir war der Gedanke gekommen: sollte ich nicht
als Krankenpflegerin mitziehen? ... Ja, wenn ich gewut htte, da ich in die
Nhe Friedrichs kme, da ich bei der Hand wre, falls er verwundet wrde, da
htte ich nicht gezgert; aber fr Andere? Nein, da gebrach es mir an Kraft, da
fehlte der Opfermut. Sterben sehen, rcheln hren - hundert Hilfeflehenden
helfen wollen und nicht helfen knnen, - den Schmerz, den Ekel, den Jammer auf
mich laden, ohne dabei Friedrich beizustehen - im Gegenteil, dadurch die
Chancen, da wir uns wiederfinden, vermindern, denn die Pflegenden begeben sich
auch in vielfache Todesgefahr ... nein, ich that es nicht. Zudem belehrte mich
mein Vater, da eine Privatperson, wie ich, zur Krankenpflege in den
Feldhospitlern gar nicht zugelassen wrde - da dieses Amt nur von
Sanittssoldaten oder hchstens von barmherzigen Schwestern ausgebt werden
drfe.
    Charpie zupfen, sagte er, und Verbandzeug fr die patriotischen
Hilfsvereine herrichten, das ist das einzige, was ihr fr die Verwundeten
leisten knnt, und das sollen denn meine Tchter auch fleiig thun - dazu geb'
ich meinen Segen.
    Und diese Beschftigung war es nun auch, welcher meine Schwestern und ich
viele Stunden des Tages widmeten. Rosa und Lilli verrichteten ihre Arbeit mit
sanft gerhrten und dabei fast freudigen Mienen. Wenn die feinen Fdchen sich
unter unseren Fingern zu weichen Massen huften, wenn wir die Leinwandstreifen
schn ordentlich bereinander gefaltet, so brachte dies den beiden Mdchen etwas
von den Empfindungen des barmherzigen Pflegeamtes: es war ihnen, als linderten
sie brennende Schmerzen und verhteten sie das Verbluten der Wunden; als hrten
sie die erleichterten Seufzer und shen die dankbaren Blicke der Gewarteten. Es
war beinah ein freundliches Bild, welches ihnen da von dem Zustand des
Verwundetseins vorschwebte. Die beneidenswerten Soldaten, welche, den Gefahren
des tobenden Kampfes entronnen, jetzt auf weichen, reinen Betten hingestreckt,
da gepflegt und gehtschelt werden, bis zu ihrer Heilung, grtenteils in halb
bewutlosen, kstlich-mden Halbschlummer gelullt, zeitweise wieder zu dem
angenehmen Bewutsein erwachend, da ihr Leben gerettet, da sie zu den Ihren
heimkehren und noch in fernen Zeiten erzhlen knnen, wie sie in der Schlacht
von X ehrenvoll blessiert worden seien.
    In dieser naiven Auffassung bestrkte sie denn auch unser Vater:
    Brav, brav, Mdels - heute seid ihr wieder fleiig ... da habt ihr wieder
vielen unsrer tapferen Verteidiger eine Freude gemacht! Wie das wohl thut, so
ein Pckchen Charpie auf der blutenden Wunde - ich wei was davon zu erzhlen:
... Damals, als ich bei Palestro den Schu ins Bein bekam - u.s.w., u.s.w.
    Ich aber seufzte und sagte nichts. Ich hatte andere Geschichten von
Verwundungen vernommen, als die, wie sie mein Vater zu erzhlen beliebte; -
Geschichten, welche sich zu den gebruchlichen Veteranenanekdoten verhalten,
ungefhr wie die Wirklichkeit elenden Hirtenlebens zu den Schferbildchen von
Watteau.
    Das rote Kreuz ... ich wute, durch welches auf das schmerzlichste
erschtterte Vlkermitleid diese Institution ins Leben gerufen ward. Seiner Zeit
hatte ich den darber in Genf gefhrten Verhandlungen gefolgt und die Schrift
Dunants, welche den Ansto zu dem Ganzen gegeben, hatte ich gelesen. Ein
herzzerreiender Jammerruf, diese Schrift! Der edle Genfer Patrizier war auf das
Schlachtfeld von Solferino geeilt, um zu helfen, was er konnte; und das, was er
dort gefunden, hat er der Welt erzhlt. Zahllose Verwundete, welche fnf, sechs
Tage liegen geblieben - ohne Hilfe ... Alle htte er retten mgen, doch was
konnte er, der Einzelne, was konnten die Anderen Wenigen diesem Massenelend
gegenber thun? Er sah solche, welchen durch einen Tropfen Wasser, durch einen
Bissen Brod das Leben htte erhalten werden knnen; er sah solche, die noch
atmend, in frchterlicher Eile begraben wurden ... Dann sprach er aus, was schon
oft erkannt worden, was aber jetzt erst Nachhall fand: da die Verpflegs- und
Rettungsmittel der Heeresverwaltung den Anforderungen einer Schlacht nicht mehr
gewachsen seien. Und das rote Kreuz ward geschaffen.
    sterreich hatte sich der Genfer Convention damals noch nicht angeschlossen.
Warum? ... Warum wird allem Neuen, wenn es noch so segensreich und einfach ist,
Widerstand entgegengesetzt? - Das Gesetz der Trgheit - die Gewalt des heiligen
Schlendrians ... Die Idee ist recht schn, aber unausfhrbar, hie es da -
auch meinen Vater hrte ich fters jene, whrend der Konferenz von 1863 von
verschiedenen Delegierten vorgebrachten Zweifelargumente wiederholen, -
unausfhrbar, und selbst, wenn ausfhrbar, so doch in mancher Hinsicht sehr
unzukmmlich. Die Militrbehrden knnten Privatmitwirkung auf dem Schlachtfelde
nicht angemessen finden. Im Kriege mssen die taktischen Zwecke der
Menschenfreundlichkeit vorangehen - und wie knnte diese Privatmitwirkung mit
gengenden Brgschaften gegen das Spionenwesen umgeben werden? Und die Auslagen!
Kostet der Krieg nicht ohnehin schon genug! Die freiwilligen Krankenwrter
wrden durch ihre eigenen stofflichen Bedrfnisse dem Proviantamt lstig fallen;
oder, wenn sie sich in dem besetzten Lande auch selber verproviantieren,
entsteht da nicht eine bedauerliche Konkurrenz fr die Heeresverwaltung durch
den Ankauf von fr die Verwaltung notwendigen Gegenstnden und die unmittelbare
Erhhung ihres Preises?
    O diese Behrdenweisheit! - So trocken, so gelehrt, so sachlich, so
klugheitstriefend und so - bodenlos dumm.

Der erste Zusammensto unserer in Bhmen befindlichen Truppen mit dem Feinde
fand am 25. Juni in Liebenau statt. Diese Nachricht brachte uns mein Vater mit
seiner gewohnten triumphierenden Miene:
    Das ist ein prchtiger Anfang! sagte er. Man sieht es: der Himmel ist mit
uns. Es hat was zu bedeuten, da die ersten, mit welchen diese Windbeutel zu
thun bekommen, die Leute unserer berhmten eisernen Brigade waren ... ihr wit
doch: die Brigade Poschacher, welche den Knigsberg in Schlesien so tapfer
verteidigt hat. Die wird's ihnen gehrig geben! (Die nchsten Nachrichten vom
Kriegsschauplatze aber ergaben, da nach fnfstndigem Gefecht diese in der
Avantgarde Clam-Gallas' befindliche Brigade sich nach Podol zurckzog. Da
Friedrich dabei war - ich wute es nicht, und da in derselben Nacht das
verbarrikadierte Podol vom General Horn angegriffen und dort bei hellem
Mondschein der Kampf fortgefhrt ward - das hab' ich auch erst spter erfahren.)
Aber herrlicher noch als im Norden, fuhr mein Vater fort, gestaltet sich der
Anfang im Sden. Bei Custozza ist ein Steg errungen worden, Kinder - so glnzend
wie nur einer ... Ich habe es immer gesagt: die Lombardei mu unser werden! ...
Freut ihr euch denn nicht? Ich betrachte den Krieg als schon entschieden; denn
wenn man mit den Italienern fertig geworden, welche doch ein regelmiges und
geschultes Heer uns gegenberstellen, da wird es uns mit den Schneidergesellen
weiter nicht schwer fallen. Diese Landwehr - es ist eine wahre Frechheit - und
es gehrt nur die ganze preuische Selbstberhebung dazu, um damit gegen
richtige Armeen ausziehen zu wollen. Da werden die Leute von der Werkstatt, vom
Schreibtisch hinweggerufen - sind an keinerlei Strapazen gewhnt, knnen also
unmglich als blut- und eisenfeste Soldaten im Felde stehen. Da seht einmal her,
was die wiener Zeitung in einer Originalkorrespondenz unterm 24. Juni schreibt.
Das sind doch gute Nachrichten:

    In preuisch Schlesien ist die Rinderpest ausgebrochen und wie man vernimmt
    in uerst bedrohlicher Art -

Rinderpest - bedrohliche Art - erfreuliche Nachrichten, sagte ich mit
leisem Kopfschtteln. Hbsche Dinge, ber welche man zu Kriegszeiten Vergngen
haben soll ... Es ist nur gut, da schwarzgelbe Schlagbume an der Grenze stehen
- da kann die Pest nicht herber ...
    Aber mein Vater hrte nicht und las das erfreuliche weiter:

    Unter den preuischen Truppen aus Neie herrscht das Fieber. Das ungesunde
    Sumpfland, die schlechte Verpflegung und die miserable Unterkunft der in den
    umliegenden Ortschaften aufgehuften Truppen muten solche Erscheinungen zur
    Folge haben. Von der Verpflegung der preuischen Soldaten macht sich der
    sterreicher keinen Begriff. Die Junker glauben dem Volk eben Alles bieten
    zu knnen. Sechs Lot Schweinefleisch fr den Mann, der an die forcierten
    Mrsche und sonstigen Strapazen nicht gewhnt worden, der Alles, nur kein
    abgehrteter Soldat ist.

Die Bltter sind berhaupt voll prchtiger Nachrichten. - Vor Allem die
Berichte vom glorreichen Custozza-Tage - Du solltest Dir diese Zeitungen
aufheben, Martha.
    Und ich habe sie aufgehoben. Das sollte man immer thun; und wenn ein neuer
Vlkerzwist heranzieht, dann lese man nicht die neuesten Zeitungen, sondern die,
welche von vorigem Kriege datieren, und man wird sehen, was all den
Prophezeiungen und Prahlereien und auch den Berichten und Nachrichten fr
Wahrheitswert beizumessen ist. Das ist lehrreich.

    
                        Vom nrdlichen Kriegsschauplatz.
Aus dem Hauptquartier der Nord-Armee wird unterm 25. Juni ber den Feldzugsplan
(!) der Preuen geschrieben: Nach den neuesten Nachrichten hat die preuische
Armee ihr Hauptquartier nach dem stlichen Schlesien verlegt. (Folgt in dem
gewhnlichen taktischen Stile eine lngere Aufzhlung der von dem Feinde
projektierten Bewegungen und Stellungnahmen, von welchen der Herr
Berichterstatter gewi ein klareres Bild vor Augen hatte, als Moltke und Roon).
Es scheint demnach in der Absicht der Preuen zu liegen, hierdurch den Vormarsch
unserer Armee gegen Berlin durch den eigenen zuvorzukommen, was ihnen jedoch bei
den getroffenen Vorkehrungen (welche unser Spezial- Korrespondent ebenfalls
genauer kennt, als Benedek) schwerlich gelingen drfte. Mit vollstem Vertrauen
kann man gnstigen Berichten von der Nord-Armee entgegen sehen, die, wenn sie
auch nicht so schnell, als die Sehnsucht des Volkes sie erwartet, einlaufen,
dafr aber um so bedeutender und inhaltsreicher sein werden.
        ... Einen hbschen Zwischenfall bei dem Durchmarsch sterreicher Truppen
        italienischer Nationalitt durch Mnchen, erzhlt die Neue Frankfurter
        Zeitung wie folgt: Unter den durch Mnchen gekommenen Truppen befinden
        sich Linienbataillone, sie wurden, wie die brigen durch die bayerische
        Hauptstadt gekommenen Truppen, in einem dem Bahnhof nahegelegenen
        Wirtschaftsgarten bewirtet. Jedermann konnte sich berzeugen, da diese
        Venezianer unter Jubel ihre Kampflust gegen die Feinde sterreichs
        kundgaben. (Vielleicht htte auch Jedermann denken knnen, da
        betrunkene Soldaten sich willig fr das begeistern, was ihnen zur
        Begeisterung angeboten wird.) In Wrzburg war der Bahnhof angefllt mit
        der Mannschaft eines sterreichischen Linien-Infanterieregiments. So
        viel wahrnehmbar, bestand die ganze Mannschaft aus Venezianern.
        Gleichfalls freundlich aufgenommen (das heit gleichfalls besuft),
        konnten die Leute nicht Ausdruck finden, ihre Freude und ihre Absicht,
        gegen die Friedensbrecher (von zwei kriegfhrenden Parteien ist die
        friedensbrechende stets die andere) zu kmpfen, aufs lebhafteste kund zu
        geben. Die Evivas nahmen kein Ende. (Sollte der auf den Bahnhfen sich
        herumtreibende, von Soldatengeschrei so erbaute Herr von Jedermann
        nicht wissen, da es nichts Ansteckenderes gibt, als Vivat-Rufen; - da
        tausend miteinander brllende Stimmen nicht den Ausdruck von tausend
        einmtigen Gesinnungen, sondern einfach die Bethtigung des natrlichen
        Nachahmungstriebes bedeuten?)

In Bhmisch-Trbau hat der Feldzeugmeister Ritter von Benedek die drei Bulletins
ber den Sieg der Sd-Armee der Nord-Amee bekannt gegeben und daran
nachstehenden Tagesbefehl geknpft:

    Im Namen der Nord-Armee habe ich folgendes Telegramm an das Kommando der
    Sd-Armee abgesendet: Feldzeugmeister Benedek und die gesamte Nord-Armee dem
    glorreichen durchlauchtigsten Kommandanten der tapferen Sd-Armee mit
    freudiger Bewunderung herzlichste Glckwnsche zum neuen ruhmvollen Tage von
    Custozza. Mit einem neuen glorreichen Siege unserer Waffen ist der Feldzug
    im Sden erffnet. Das glorreiche Custozza prangt auf dem Ehrenschild des
    kaiserlichen Heeres. Soldaten der Nord-Armee! Mit Jubel werdet ihr die
    Nachricht begren, mit erhhter Begeisterung in den Kampf ziehen, da auch
    wir sehr bald ruhmvolle Schlachtennamen auf jenes Schild verzeichnen und dem
    Kaiser auch aus dem Norden einen Sieg melden, nachdem eure Kampfbegierde
    brennt, den eure Tapferkeit und Hingebung erringen wird, mit dem Rufe: Es
    lebe der Kaiser!
                                                                       Benedek.

Auf obiges Telegramm ist folgende Antwort aus Verona telegraphisch in
Bhmisch-Trbau angelangt:

    Der Sd-Armee und ihres Kommandanten gerhrten Dank ihrem geliebten frhern
    Feldherrn und seiner braven Armee. berzeugt, da auch wir bald zu solchen
    Siegen werden Glck wnschen knnen.

berzeugt - berzeugt ......
    Lacht euch nicht das Herz im Leibe, Kinder, wenn ihr derlei Sachen leset?
rief mein Vater entzckt. Knnt ihr euch nicht zu gengendem patriotischen
Hochgefhle aufschwingen, um angesichts solcher Triumphe eure eigenen
Angelegenheiten in den Hintergrund zu drngen - um zu vergessen, Du, Martha, da
Dein Friedrich, Du, Lilli, da Dein Konrad einigen Gefahren ausgesetzt sind?
Gefahren, welchen sie wahrscheinlich heil entkommen und denen selbst zu
unterliegen - ein Los, das sie mit den besten Shnen des Vaterlandes teilen -
ihnen nur zu Ruhm und Ehre gereicht. Es gibt keinen Soldaten, der mit dem Rufe
Fr das Vaterland! nicht gern strbe.
    Wenn einer nach verlorener Schlacht mit zerschmetterten Gliedern auf dem
Felde liegen bleibt - entgegnete ich - und da ungefunden durch vier oder fnf
Tage und Nchte an Durst, Hunger, unter unsglichen Schmerzen, lebendig
verfaulend, zu Grunde geht - dabei wissend, da durch seinen Tod dem besagten
Vaterlande nichts geholfen, seinen Lieben aber Verzweiflung gebracht worden -
ich mchte wissen, ob der die ganze Zeit ber mit jenem Rufe gern stirbt.
    Du frevelst ... Du sprichst zudem in so grellen Worten - fr eine Frau ganz
unanstndig.
    Ja, ja, das wahre Wort - die aufgedeckte Wirklichkeit ist frevelhaft, ist
schamlos ... Nur die Phrase, die durch tausendfltige Wiederholung sanktionierte
Phrase, ist anstndig. Ich aber versichere Dich, Vater - dieses naturwidrige
Gern-sterben, welches da allen Mnnern zugemutet wird, so heldenhaft es dem
Aussprechenden auch dnken mag - mir klingt es wie gesprochener Totschlag.

Unter Friedrichs Papieren - viele Tage spter - habe ich einen Brief gefunden,
den ich ihm in jenen Tagen nach dem Kriegsschauplatz schickte. Dieser Brief
zeigt am deutlichsten, von welchen Gefhlen ich damals erfllt war.

    
                                                         Grumitz, 28. Juni 1866.
Teurer! Ich lebe nicht ... Stelle Dir vor, da in einem Nebenzimmer die Leute
beraten, ob ich in den nchsten Tagen gehenkt werden soll, oder nicht, whrend
ich drauen auf diese Entscheidung warten mu. In dieser Wartezeit atme ich wohl
- aber kann ich das leben nennen? Das Nebenzimmer, in welchem die Frage
entschieden werden soll, heit Bhmen ... Doch nicht, Geliebter, das Bild ist
noch nicht ganz zutreffend. Denn wenn es sich nur um mein Leben oder Sterben
handelte, so wre das Bangen nicht so gro. Denn mein Bangen gilt einem viel
teureren Leben, als dem eigenen ... Und sogar noch rgerem als Deinem Tode gilt
meine Angst - sie gilt Deiner mglichen Todesqual .... O, wre es doch nur schon
vorber, vorber! Kmen doch unsere Siege in rascher Folge - nicht der Siege,
sondern des Endes halber!
        Ob Dich diese Zeilen erreichen? Und wo und wie? Ob nach einem heien
        Schlachttage, ob im Lager, ob vielleicht im Lazareth ... auf jeden Fall
        thut es Dir wohl, Kunde von Deiner Martha zu erhalten. Wenn ich auch nur
        Trauriges schreiben kann - was anders als Trauriges kann in einer Zeit
        empfunden werden, wo die Sonne durch das groe schwarze Sargdeckeltuch
        verfinstert wird, welches fr das Vaterland aufgehit worden, damit es
        auf die Kinder des Landes herabfalle - dennoch bringen Dir meine Zeilen
        Labung ... denn Du hast mich lieb, Friedrich - ich wei es, wie lieb,
        und mein geschriebenes Wort freut und bewegt Dich, wie ein sanftes
        Streicheln meiner Hand. - - Ich bin bei Dir, Friedrich, wisse das: mit
        jedem Gedanken, mit jedem Atemzug, bei Tag und Nacht ... Hier in meinem
        Kreise bewege ich mich und handle und spreche mechanisch; mein eigenstes
        Ich - das ja Dir gehrt - das verlt Dich keinen Augenblick ... Nur
        mein Bub' erinnert mich, da die Welt mir doch noch etwas enthlt, was
        nicht Du heit ... Der gute Kleine - wenn Du wtest, wie er nach Dir
        fragt und sorgt! Wir zwei sprechen miteinander eigentlich von gar nichts
        Anderem, als von Papa. Er wei es wohl, der feinfhlige Knabe, da
        dies der Gegenstand ist, von dem mein Herz voll ist, und so klein er ist
        - Du weit es ja - ist er schon eine Art Freund seiner Mutter. Ich fange
        auch schon an, mit ihm zu reden, wie mit einem Vernnftigen, und dafr
        ist er mir dankbar. Ich meinerseits bin ihm dankbar fr die Liebe, die
        er Dir weiht. Es ist so selten, da Kinder ihre Stiefeltern gut leiden
        mgen, freilich ist an Dir auch nichts Stiefvterliches - Du knntest
        mit einem eigenen Jungen nicht zrtlicher, nicht gtiger sein, Du mein
        Zrtlicher, Gtiger! Ja die Gte - die groe, weiche, milde - die ist
        Deines Wesens Grundlage und - wie sagt der Dichter? - so wie der Himmel
        aus einem einzigen groen Saphir sich wlbt, so formt sich eines edlen
        Menschen Charaktergre nur aus einer Tugend - der Gte. Mit anderen
        Worten: ich lieb' Dich, Friedrich! Das ist ja doch immer der Refrain
        Alles dessen, was ich von Dir und Deinen Eigenschaften denke. So
        vertrauensvoll, so zuversichtlich lieb' ich Dich - ich ruhe in Dir,
        Friedrich, warm und sanft ... Wenn ich Dich habe - versteht sich. Jetzt,
        da Du mir wieder entrissen bist, ist's mit meiner Ruhe natrlich aus.
        Ach, wre der Sturm nur schon vorbei, vorbei - wret ihr doch in Berlin,
        um dem Knig Wilhelm die Friedensbedingungen zu diktieren! Mein Vater
        ist nmlich fest berzeugt, da dies des Feldzugs Ende sein wird, und
        nach Allem, was man hrt und liest, mu ich es wohl auch glauben.
        Sobald, mit Gottes Hilfe, der Feind geschlagen ist - so lautete ja
        Benedeks Aufruf - werden wir ihn auf dem Fue verfolgen und ihr werdet
        in Feindesland euch ausrasten und diejenigen Erholungen und so weiter.
        Was sind denn das fr Erholungen? Heutzutage darf kein Anfhrer mehr
        laut und unumwunden sagen: Ihr drft plndern, brennen, morden,
        schnden, wie dies im Mittelalter Brauch war, um die Horden anzufeuern;
        - jetzt knnte man ihnen als Lohn hchstens eine freigebige Verteilung
        von Erbswurst in Aussicht stellen; das wre aber etwas matt, also heit
        es verblmt: diejenigen Erholungen und so weiter. Dabei kann sich
        Jeder denken, was er will. Das Prinzip des in Feindesland zu findenden
        Kriegslohnes lebt im Soldatenstil noch fort ... Und wie wird Dir in
        Feindesland zu Mute sein, welches ja eigentlich Dein Stammland ist, wo
        Deine Freunde und Deine Vettern leben? Wirst Du Dich dadurch erholen,
        da Du Tante Korneliens hbsche Villa dem Erdboden gleich machst?
        Feindesland - das ist eigentlich auch so ein fossiler Begriff aus
        jenen Zeiten, wo der Krieg noch unverhohlen das war, was seine raison
        d'tre vorstellt; ein Raubzug; - und wo das Feindesland dem Streiter als
        lohnverheiendes Beuteland winkte ... Ich spreche da mit Dir, wie in den
        schnen Stunden, da Du an meiner Seite warst und wir, nach beendeter
        Lektre irgend eines fortschrittlichen Buches, miteinander ber die
        Widersprche unserer Zeitzustnde philosophierten, so einig, so einander
        verstehend und ergnzend. In meiner Umgebung ist Niemand, Niemand, mit
        dem ich ber derlei Dinge reden knnte. Doktor Bresser war noch der
        Einzige, mit welchem sich kriegsverdammende Ideen austauschen lieen,
        und der ist jetzt auch fort - selber in den verurteilten Krieg gezogen -
        aber um Wunden zu heilen, nicht um sie zu schlagen. Eigentlich auch ein
        Widersinn, die Humanitt im Kriege - ein innerer Widerspruch. Das ist
        ungefhr so, wie die Aufklrung im Glauben. Entweder, oder - aber
        Menschenliebe und Krieg, Vernunft und Dogma: das geht nicht. Der
        aufrichtige, lodernde Feindesha, gepaart mit gnzlicher Verachtung des
        menschlichen Lebens - das ist des Krieges Lebensnerv, gerade so wie die
        fraglose Unterdrckung der Vernunft des Glaubens Grundbedingung ist.
        Aber wir leben in einer Zeit der Vermittlung. Die alten Institutionen
        und die neuen Ideen wirken gleich mchtig. Da versuchen denn die Leute,
        welche mit dem Alten nicht ganz brechen wollen, welche das Neue nicht
        ganz erfassen knnen, Beides miteinander zu verschmelzen und daraus
        entsteht dieses verlogene, unkonsequente, widerspruchskmpfende,
        halbhafte Getriebe, unter welchem die wahrheits-, gradheits- und
        ganzheitsdurstenden Seelen so sthnen und leiden ... Ach, was ich da
        Alles zusammenschreibe! Du wirst jetzt kaum - wie in unseren friedlichen
        Plauderstunden - zu solch allgemeinen Betrachtungen aufgelegt sein: Du
        bist von einer grausigen Wirklichkeit umtost, mit der es sich abfinden
        heit. Wie viel besser wre es da, wenn Du sie hinnehmen knntest mit
        der naiven Auffassung alter Zeiten, da dem Soldaten das Kriegsleben
        eitel Lust und Wonne war. Und besser wre es, ich knnte Dir schreiben,
        wie andere Frauen auch, Briefe von Segenswnschen und zuversichtlichen
        Siegesverheiungen und Mutanspornungen ... Die Mdchen werden ja
        gleichfalls zum Patriotismus erzogen, damit sie zu rechter Stunde den
        Mnnern zurufen: Gehet hin und sterbet fr euer Vaterland - das ist der
        schnste Tod. Oder: Kehret siegend heim, dann wollen wir euch mit
        unserer Liebe lohnen. Inzwischen werden wir fr euch beten. Der Gott der
        Schlachten, der unsere Heere beschtzt, der wird unsere Gebete erhren.
        Tag und Nacht steigt unser Flehen zum Himmel auf und - gewi - wir
        erstrmen uns seine Huld: Ihr kommt wieder - ruhmgekrnt! Wir zittern
        nicht einmal, denn wir sind eurer Tapferkeit wrdige Genossinnen ...
        Nein, nein! - die Mtter eurer Shne drfen nicht feige sein, wenn sie
        ein neues Geschlecht von Helden heranziehen wollen; und mssen wir auch
        unser Teuerstes hingeben: fr Frst und Vaterland ist kein Opfer zu
        gro! Das wre so der richtige Soldatenfrauen-Brief, nicht wahr? Aber
        nicht ein Brief, wie Du ihn von Deiner Frau zu lesen wnschtest - von
        der Genossin Deines Denkens, von derjenigen, die den Groll gegen alten,
        blinden Menschenwahn mit Dir teilt ... O, ein Groll, so bitter, so
        schmerzlich - ich kann Dir's gar nicht sagen! Wenn ich sie mir
        vorstelle, diese beiden Heere, - zusammengesetzt aus einzelnen
        vernnftigen und zumeist guten und sanften Menschen, - wie sie auf
        einander losstrmen, um sich gegenseitig zu vernichten, dabei das
        unglckliche Land verheerend, wo sie als Spielkarten ihrer Mordpartie
        die genommenen Drfer hinschleudern ... wenn ich mir das vorstelle, da
        wollte ich aufschreien: So besinnt euch doch! ... so haltet doch ein!!
        Und von hunderttausend wrden auch neunzigtausend Einzelne sicher gerne
        einhalten; aber die Masse, die mu weiter wten. Doch genug. Du wirst es
        vorziehen, Nachrichten und Neuigkeiten von Hause zu hren. Nun denn -
        gesund sind wir Alle. Der Vater ist unausgesetzt in hchster Aufregung
        ber die gegenwrtigen Ereignisse. Der Sieg von Custozza erfllt ihn mit
        strahlendem Stolz. Es ist, als ob er denselben errungen htte.
        Jedenfalls betrachtet er den Glanz dieses Tages als so hell, da der auf
        ihn - als sterreicher und als General - fallende Abglanz ihn ganz
        glcklich macht. Auch Lori, deren Mann, wie Du weit, bei der Sd-Armee
        ist, schrieb mir einen Triumphbrief ber dasselbe Custozza. - Friedrich,
        erinnerst Du Dich, wie eiferschtig ich whrend einer Viertelstunde auf
        die gute Lori war? Und wie ich aus diesem Anfall mit verstrkter Liebe
        und verstrktem Vertrauen hervorging? ... O httest Du mich nur damals
        betrogen - httest Du mich doch mitunter ein wenig mihandelt ... da
        knnte ich Deine jetzige Abwesenheit wohl leichter ertragen - aber einen
        solchen Gatten im Kugelregen zu wissen! ... Nun weiter mit den
        Nachrichten: Lori hat mir in Aussicht gestellt, da sie mit ihrer
        kleinen Beatrix den Rest ihrer Strohwitwenschaft in Grumitz zubringen
        werde. Ich konnte nicht nein sagen - doch aufrichtig: mir ist
        gegenwrtig jede Gesellschaft lstig. Allein, allein will ich sein, mit
        meiner Sehnsucht nach Dir, deren Umfang ja doch Niemand Anderer ermessen
        kann ... Nchste Woche soll Otto seine Ferien antreten. Er jammert in
        jedem Briefe, da der Krieg noch vor und nicht erst nach seiner
        Offiziersernennung begonnen hat. Er hofft zu Gott, da der Friede nicht
        noch vor seinem Austritt aus der Akademie - ausbreche. Das Wort
        ausbrechen wird er vielleicht nicht gebraucht haben, aber jedenfalls
        entspricht es seiner Auffassung, denn der Frieden erscheint ihm jetzt
        als eine drohende Kalamitt. Nun freilich: so werden sie ja gro
        gezogen. So lange es Kriege gibt, mu man kriegliebende Soldaten
        heranziehen; und so lange es kriegliebende Soldaten gibt, mu es auch
        Kriege geben ... Ist das ein ewiger, ausgangsloser Cirkel? Nein, Gott
        sei Dank! Denn jene Liebe, trotz aller Schuldrillung, nimmt bestndig
        ab. Wir haben in Henry Thomas Buckle den Nachweis dieser Abnahme
        gefunden, erinnerst Du Dich? Aber ich brauche keine gedruckten Nachweise
        - ein Blick in Dein Herz, Dein edelmenschliches Herz, Friedrich, gengt
        mir zu dieser Beweisfhrung ... Weiter mit den Nachrichten: Von unseren
        in Bhmen begterten Verwandten und Bekannten erhalten wir allseitig
        Jammerepisteln. Der Durchmarsch der Truppen - auch wenn sie zum Siege
        gehen - verwstet schon das Land und saugt es aus; wie wenn erst noch
        der Feind vordringen sollte, wenn sich der Kampf in ihrer Gegend, dort,
        wo sie ihre Schlsser, ihre Felder besitzen, abspielen sollte? Alles ist
        fluchtbereit - die Habseligkeiten gepackt, die Schtze vergraben. Adieu
        den frhlichen Reisen in die bhmischen Bder; adieu dem friedlichen
        Aufenthalt auf den Landsitzen; adieu den glnzenden Herbstjagden und
        jedenfalls adieu den gewohnten Einknften von Pachtung und Industrien.
        Die Ernten werden zertreten, die Fabriken, wenn nicht in Brand
        geschossen, so doch der Arbeiter beraubt. Es ist doch ein wahres
        Unglck, schreiben sie, da wir just im Grenzland leben - und ein
        zweites Unglck, da Benedek nicht schon frher und heftiger die
        Offensive bernahm, um den Krieg in Preuen auszukmpfen. Vielleicht
        knnte man es auch ein Unglck nennen, da die ganze politische Znkerei
        nicht von einem Schiedsgericht geschlichtet worden sei, sondern dem
        Mordgewhle auf bhmischem oder schlesischem Boden (in Schlesien soll
        es, glaubwrdigen Reiseberichten zufolge, nmlich auch Menschen und
        Felder und Fechsungen geben) anheimgestellt wird. Aber das fllt
        Niemandem ein! Mein kleiner Rudolf sitzt zu meinen Fen, whrend ich
        Dir schreibe. Er lt Dich umarmen und unsern lieben Puxl gren. Das
        geht uns Beiden recht sehr ab, das gute lustige Pintschel - aber
        andererseits, es htte seinen Herrn so schwer vermit und Dir wird es
        eine Zerstreuung, eine Gesellschaft sein. Gre ihn von uns Beiden, den
        Puxel - ich schttle seine ehrliche Pfote und Rudi kt seine gute
        schwarze Schnauze. Und jetzt, fr heute leb' wohl, Du mein Alles!

Es ist unerhrt! ... Niederlage auf Niederlage! Zuerst das von Clam-Gallas
verbarrikadierte Dorf Podol erstrmt - bei Nacht, bei Mond- und Flammenschein
genommen - dann Gitschin erobert ... Das Zndnadelgewehr - das verdammte
Zndnadelgewehr mhte die unseren reihenweise nieder. Die beiden groen
feindlichen Armeekorps - das vom Kronprinzen und das vom Prinzen Friedrich Karl
befehligte - haben sich vereinigt und dringen gegen Mnchengrtz vor ...
    So klangen die Schreckensnachrichten, welche mein Vater ebenso heftig
jammernd vortrug, wie er jubelnd die Siegesnachrichten von Custozza berichtet
hatte. Aber noch schwankte seine Zuversicht nicht:
    Sie sollen nur kommen, Alle - Alle in unser Bhmen und dort vernichtet
werden, bis auf den letzten Mann ... Einen Ausweg, einen Rckzug giebt es dann
nicht mehr fr sie, wir schlieen sie ein, wir umzingeln sie .. Und das
entrstete Landvolk selber wird ihnen den Garaus machen ... Es ist nicht gar so
vorteilhaft, als man glauben mag, in Feindesland zu operieren, denn da hat man
nicht nur das Heer, sondern die ganze Bevlkerung gegen sich ... Aus den Husern
von Trautenau gossen die Leute aus den Fenstern siedendes Wasser und l auf die
Menschen -
    Ich stie einen dumpfen Laut des Ekels aus.
    Was willst Du? sagte mein Vater achselzuckend, es ist freilich grauenhaft
- aber das ist der Krieg.
    Dann behaupte wenigstens nie, da der Krieg die Menschen veredle! -
Gestehe, da er sie entmenscht, vertigert, verteufelt: ... Siedendes l! ...
Ach! ...
    Gebotene Selbstverteidigung und gerechte Rache, liebe Martha. Glaubst Du
etwa, ihre Zndnadelgeschosse thun den unseren wohl? ... Wie das wehrlose
Schlachtvieh mssen unsere Tapferen dieser mrderischen Waffe unterliegen. Aber
wir sind zu zahlreich, zu diszipliniert, zu kampftchtig, um nicht doch noch
ber die Schneidergesellen zu siegen. Zu Anfang sind gleich ein paar Fehler
begangen worden. Das gebe ich zu. Benedek htte gleich die preuische Grenze
berschreiten sollen ... Es steigen mir Zweifel auf, ob diese Feldherrnwahl eine
ganz glckliche war ... Htte man lieber den Erzherzog Albrecht hinauf geschickt
und dem Benedek die Sd-Armee bergeben ... Aber ich will nicht zu frh verzagen
- bis jetzt haben ja eigentlich doch nur vorbereitende Gefechte stattgefunden,
welche von den Preuen zu groen Siegen aufgebauscht werden - die
Entscheidungsschlachten kommen erst. Jetzt konzentrieren wir uns bei Kniggrtz;
dort - ber hunderttausend Mann stark - erwarten wir den Feind ... dort wird
unser nrdliches Custozza geschlagen!
    Dort wrde auch Friedrich mitkmpfen. Sein letztes, am selben Morgen
angelangtes Briefchen trug die Nachricht: Wir begeben uns nach Kniggrtz.
    Ich hatte bisher regelmig Kunde erhalten. Obwohl er in seinem ersten
Briefe mich darauf vorbereitet hatte, da er nur wenig werde schreiben knnen,
so hat Friedrich doch jede Gelegenheit bentzt, ein paar Worte an mich zu
richten. Mit Bleistift, zu Pferd, im Zelt - in flchtiger, nur mir leserlicher
Schrift, so schrieb er die aus seinem Notizbchelchen herausgerissenen, fr mich
bestimmten Bltter voll. Manche hatte er Gelegenheit abzuschicken, manche
gelangten erst spter, erst nach dem Feldzug in meine Hnde.
    Bis zur Stunde habe ich diese Andenken aufbewahrt. Das sind keine sorgfltig
stilisierten Kriegsberichte, wie sie Zeitungskorrespondenten ihren Redaktionen,
oder Kriegsschriftsteller ihren Verlegern bieten, keine mit Aufwand
strategischer Fachkenntnisse entworfene Gefechtsskizzen, und keine mit
rhetorischem Schwung ausgefhrte Schlachtgemlde, in welchen der Erzhler immer
bedacht ist, seine eigene Unerschrockenheit, Heldenhaftigkeit und patriotische
Begeisterung durchleuchten zu lassen. Alles dies sind Friedrichs Aufzeichnungen
nicht, das wei ich; was sie aber sind, das vermag ich nicht zu bestimmen. Hier
folgen einige:
    - - - - - - - - - - - - - -

                                                                     Im Bivouak.
    Ohne Zelte ... Es ist ja eine so laue, herrliche Sommernacht - der Himmel,
    der groe gleichgltige, voll flimmernder Sterne ... Die Leute liegen auf
    dem Boden, erschpft von den langen, ermdenden Mrschen. Nur fr uns
    Stabsoffiziere wurden ein paar Zelte aufgeschlagen. In dem meinen stehen
    drei Feldbetten. Die beiden Kameraden schlafen. Ich sitze an dem Tisch,
    worauf die geleerten Grogglser und eine brennende Kerze stehen. Beim
    schwachen flackernden Schein der letzteren (es weht von dem offenen Eingang
    ein Luftzug herein) schreibe ich Dir, mein geliebtes Weib. Auf mein Lager
    habe ich den Puxl hingelegt ... war der md', der arme Kerl! Ich bereue
    fast, ihn mitgenommen zu haben; der ist auch, was die unseren immer von der
    preuischen Landwehr behaupten: an die Strapazen und Entbehrungen eines
    Feldzugs nicht gewhnt. Jetzt schnauft er wohlig und s - ich glaube er
    trumt, wahrscheinlich von seinem Freund und Gnner Rudolf Grafen Dotzky.
    Und ich trum' von Dir, Martha ... Zwar bin ich wach; aber tuschend, wie
    ein Traumbild, sehe ich Deine liebe Gestalt in jener halbdunklen Zeltecke,
    auf einem Feldstuhl sitzen ... Welche Sehnsucht ergreift mich, dort
    hinzugehen und mein Haupt in Deinen Schoo zu legen. Ich thu' es aber nicht,
    weil ich wei, da dann das Bild zerflattern wrde ...
        Ich trat einen Augenblick hinaus. Die Sterne flimmern gleichgltiger als
        je. Auf dem Boden huschen verschiedene Schatten: es sind Nachzgler.
        Viele, Viele, blieben unterwegs zurck; jetzt haben sie sich, vom
        Wachtfeuer angezogen, hierher geschleppt. Aber nicht Alle - Manche
        liegen noch in einem entfernten Graben oder Kornfeld. Das war aber auch
        eine Hitze, whrend dieses forcierten Marsches! Die Sonne brannte, als
        wollte sie uns das Hirn zum Sieden bringen; dazu der schwere Tornister,
        das schwerere Gewehr auf den wundgewetzten Schultern ... und doch, es
        hat Keiner gemurrt. Aber hingefallen sind ein paar, und konnten nicht
        wieder aufstehen. Zwei oder drei erlagen dem Sonnenstich und blieben
        gleich tot. Ihre Leichen wurden auf einen Ambulanzkarren geladen. Die
        Juninacht, so mond- und sterndurchleuchtet, so warm sie auch ist, ist
        doch entzaubert. Man hrt keine Nachtigallen und keine zirpenden
        Grillen; man atmet keine Rosen- und Jasmingerche. Die sen Laute
        werden durch die scharrenden und wiehernden Pferde, durch die Stimmen
        der Leute und das Gerusch der Patrouillenschritte unterdrckt; die
        sen Gerche durch Juchten-Sattelzeug- und sonstige
        Kasernenausdnstungen berduftet. Aber das ist noch Alles nichts: noch
        hrt man nicht festende Raben krchzen, noch riecht man nicht Pulver,
        Blut und Verwesung. Das Alles kommt erst - ad majorem patriae gloriam.
        Merkwrdig, wie blind die Menschen sind! Anllich der einst zur
        greren Ehre Gottes entflammten Scheiterhaufen brechen sie in
        Verwnschungen ber blinden und grausamen, sinnlosen Fanatismus aus, und
        fr die leichenbeseten Schlachtfelder der Gegenwart sind sie voll
        Bewunderung. Die Folterkammern des finsteren Mittelalters flen ihnen
        Abscheu ein - auf ihre Arsenale aber sind sie stolz ... Das Licht brennt
        herab, die Gestalt in jener Ecke hat sich verflchtigt - ich will mich
        auch zur Ruhe legen, neben unseren guten Puxl. - - - - - - - - - - - -
        - - - Auf einem Hgel oben, in einer Gruppe von Generlen und hohen
        Offizieren, mit einem Feldstecher am Auge: das ist die an sthetischen
        Eindrcken ergiebigste Situation in einem Kriege. Das wissen auch die
        Herren Schlachtenmaler und Zeitungsillustratoren: bewaffneten Auges
        rundschauende Feldherren auf einer Anhhe werden immer wieder gezeichnet
        - ebenso oft, wie die an der Spitze ihrer Truppen auf einem mglichst
        weien, hochtrabenden Pferde voranstrmenden Fhrer, welche, den Arm
        nach einem rauchenden Punkt des Hintergrundes ausgestreckt, den Kopf zu
        den Nachsprengenden umgewendet, offenbar rufen: Mir nach, Kinder! Von
        der Hgelstation herab sieht man wahrlich ein Stck Kriegspoesie. Das
        Bild ist groartig und gengend entfernt, um wie ein richtiges Gemlde
        zu wirken, ohne die Schrecken- und Ekelhaftigkeiten der Wirklichkeit:
        kein flieendes Blut, kein Sterbercheln - nichts als erhaben prchtige
        Linien- und Farbeneffekte. Diese auf der langgestreckten Strae sich
        fortschlngelnde Heersule, dieser unabsehbare Zug von
        Fuvolkregimentern, von Kavallerieabteilungen und Batterien; dann der
        Munitionstrain, requirierte Bauernwagen, Packpferde und hinterher noch
        der Tro. Noch gewaltiger gestaltet sich das Bild, wenn auf der unter
        dem Hgel ausgebreiteten Landschaft nicht nur die Fortbewegung eines,
        sondern der Zusammensto zweier Heere zu sehen ist. Wie da die
        blitzenden Klingen, die flatternden Fahnen, die Uniformen aller Art, die
        sich bumenden Rosse gleich wildemprten Fluten durcheinander wogen;
        darber Dampfwolken, die an manchen Stellen zu dichten, das Bild
        verhllenden Schleiern sich ballen, und wenn sie reien, kmpfende
        Gruppen enthllen ... Dazu als Begleitung der durch die Berge rollende
        Lrm der Geschtze, von welchem jeder Schlag das Wort Tod - Tod - Tod -
        durch die Lfte donnert ... Ja, so etwas mag zu Kriegsliedern
        begeistern! Auch zu der Verfassung jener zeithistorischen Berichte,
        welche nach dem Feldzug verffentlicht werden mssen, bietet die
        Hgelposition gnstige Gelegenheit. Da lt sich allenfalls mit einiger
        Richtigkeit erzhlen: die Division X stt bei N. auf den Feind; -
        drngt ihn zurck; - erreicht das Gros der Armee; - starke feindliche
        Abteilungen zeigen sich an der linken Flanke des Korps u.s.w. u.s.w.
        Aber wer nicht auf dem Hgel durch den Feldstecher schaut, wer selber an
        der Aktion teilnimmt, der kann nie - nie etwas Glaubwrdiges ber den
        Fortgang einer Schlacht erzhlen. Er sieht, denkt und fhlt nur das
        Nchste; was er nachher berichtet, ist Konjektur zu deren
        Veranschaulichung er sich der alten Clichs bedient. He, Tilling,
        sagte mir heute einer der Generle, neben denen ich auf dem Hgel stand
        - Ist das nicht imposant? Ein Prachtheer, wie? Woran denken Sie eben?
        Woran ich dachte? Das konnte ich dem Vorgesetzten nicht gut sagen; ich
        antwortete also allergehorsamst etwas Unwahres. Allergehorsamlichkeit
        und Wahrheit haben ohnedies nichts miteinander zu schaffen. Letztere ist
        ein gar stolzes Wesen: von allem Knechtischen wendet sie sich
        verchtlich ab. - - - - - - - - - - - - - - - Das Dorf ist unser -
        nein, es ist des Feindes - und wieder unser - und abermals des Feindes,
        aber ein Dorf ist's nicht mehr, sondern ein rauchender Trmmerhaufen.
        Die Bewohner (war es nicht eigentlich ihr Dorf?) hatten es schon frher
        verlassen und waren geflohen. Zum Glck - denn der Kampf in einem
        bewohnten Orte ist gar etwas Frchterliches, denn da fallen die Kugeln
        von Feind und Freund mitten in die Stuben hinein und tten Weiber und
        Kinder. - Eine Familie war dennoch in dem Orte zurckgeblieben, den wir
        gestern genommen, verloren, wieder genommen und wieder verloren haben,
        nmlich ein altes Ehepaar und dessen Tochter - diese im Kindbett. Der
        Gatte dient in unserem Regiment. Er sagte mir's, als wir uns dem Dorf
        nherten: Dort, Herr Oberstlieutenant in dem Hause mit dem roten Dach,
        lebt mein Weib mit ihren alten Eltern ... Sie haben nicht fliehen
        knnen, die Armen ... mein Weib mu jede Stunde niederkommen und die
        Alten sind halb gelhmt - um Gotteswillen, Herr Oberstlieutenant,
        kommandieren Sie mich dorthin. - Der arme Teufel! er kam gerade
        zurecht, um die Wchnerin und das Kind sterben zu sehen; eine Bombe war
        neben dem Bette geplatzt ... Was mit den Alten geschehen - ich wei es
        nicht. Vermutlich unter den Trmmern begraben; das Haus war eins der
        ersten, welches in Brand geschossen wurde. Der Kampf auf offenem Felde
        ist schaurig genug, aber der Kampf inzwischen menschlicher Wohnsttten
        ist noch zehnmal grausiger. Strzendes Geblk, aufschlagende Flammen,
        erstickender Rauch - vor Angst tollgewordenes Vieh - jede Mauer Festung
        oder Barrikade, jedes Fenster Schiescharte ... Eine Brustwehr habe ich
        da gesehen, die war aus Leichen gebildet. Da hatten die Verteidiger alle
        in der Nhe liegenden Gefallenen aufeinandergeschichtet, um, so
        geschtzt, darber auf den Angreifer hinwegzuschieen. Diese Mauer
        vergesse ich wohl im Leben nicht: ... Einer, der als Ziegel diente -
        zwischen den anderen Leichenziegeln eingepfercht - der lebte noch,
        bewegte die Arme. - - - Lebte noch: das ist ein Zustand - im Krieg in
        tausend Varianten vorkommend - der die malosesten Leiden in sich birgt.
        Gb' es irgend einen Engel der Barmherzigkeit, der ber den
        Schlachtfeldern schwebte, er htte vollauf zu thun, den armen Wichten -
        Mensch und Tier - die noch lebten den Gnadensto zu geben. - - - - - -
        - - - - - - - - - Heute hatten wir ein kleines Kavalleriegefecht auf
        offenem Felde. Da kam ein preuisches Dragonerregiment im Trab einher,
        deployierte in Linie und, die Pferde fest im Zgel, den Sbel ber dem
        Kopf, ritten sie in kurzem Galopp gerade auf uns zu. Wir warteten den
        Angriff nicht ab, sondern sprengten dem Feind entgegen. Kein Schu wurde
        gewechselt. Wenige Schritte von einander brachen beide Reihen in ein
        donnerndes Hurra aus (Schreien berauscht: das wissen die Indianer und
        Zulus noch besser als wir), und so strzten wir aufeinander, Pferd an
        Pferd und Knie an Knie; die Sbel sausten in die Hhe und kamen auf die
        Kpfe nieder. Bald waren Alle zu dicht ineinander geraten, um die Waffen
        zu gebrauchen; da wurde Brust an Brust gerungen, wobei die scheu und
        wild gewordenen Pferde schnaufend strzten, sich bumten und um sich
        schlugen. Ich war auch einmal zu Boden und sah - das ist kein angenehmer
        Anblick - schlagende Pferdehufe eine Linie weit von meiner Schlfe
        entfernt. - - - - - - - - - - - - - - - Wieder ein Marschtag mit ein
        oder zwei Gefechten. Ich habe einen groen Kummer erlebt. Es verfolgt
        mich ein so trauriges Bild ... Unter den vielen Trauerbildern, die mich
        rings umgeben, sollte dies nicht auffallen, sollte mir nicht so weh
        thun. Aber ich kann nichts dafr: es geht mir nahe und ich kann es nicht
        loswerden ... Puxl - unser armes, lebensfrohes, gutes Pintschel - ach,
        htte ich ihn doch zu Hause gelassen, bei seinem kleinen Herrn, Rudolf!
        Er lief uns nach, wie gewhnlich. Pltzlich stt er ein jammervolles
        Geschrei aus ... ein Granatsplitter hat ihm die Vorderbeinchen
        abgerissen ... Er kann nicht nach - verlassen bleibt er zurck und lebt
        noch; vierundzwanzig und achtundvierzig Stunden vergehen und er lebt
        noch. - Mein Herrl - mein gutes Herrl, ruft er mir klagend nach, la den
        armen Puxl nicht da! und sein kleines Herz bricht ... Was besonders an
        mir nagt, ist der Gedanke, da das sterbende treue Geschpf mich
        verkennen mu. Er hat es gesehen, da ich mich umgewendet - da ich
        seinen Hilferuf vernommen haben mute, und doch so kalt und hart ihn
        liegen lie. Er wei es ja nicht, der arme Puxl, da einem zur Attacke
        vorstrmenden Regiment, aus dessen Reihen die Kameraden fallen und am
        Wege bleiben, nicht eines gefallenen Hndchens wegen Halt kommandiert
        werden kann. Von einer hheren Pflicht, der ich gehorchte, hat er keinen
        Begriff, und das arme, so treue Hundeherz klagt mich der
        Unbarmherzigkeit an ... Da man inmitten der groen Ereignisse und der
        Riesenunglcksflle, welche die Gegenwart erfllen, ber solche
        Kleinigkeiten sich betrben kann! wrden Viele - nicht Du, Martha -
        achselzuckend sagen. Nicht Du - ich wei, Dir tritt jetzt auch eine
        Thrne ins Auge um unseren armen Puxl - - - - - - - - - - - - - - -
        Was geschieht da? Das Exekutions-Peloton wird aufgestellt Ward ein
        Spion gefangen? Einer? ... Diesmal siebzehn. Dort kommen sie schon. In
        vier Reihen, je zu vier Mann, von einem Carr Soldaten umgeben,
        schreiten die Verurteilten, gesenkten Kopfes, daher. Dahinter ein Wagen,
        worin eine Leiche liegt und darauf sitzend, an die Leiche gebunden, der
        Sohn des Toten, ein zwlfjhriger Knabe - auch verurteilt ... Ich mag
        die Hinrichtung nicht sehen und entferne mich. Aber die Schsse habe ich
        vernommen ... Hinter der Mauer steigt eine Rauchwolke auf - alle hin,
        auch der Knabe. - - - - - - - - - - - - - - - - - - Endlich ein
        bequemes Nachtquartier in einem kleinen Stdtchen! Das arme Nest! ...
        Vorrte, die den Leuten auf Monate hinaus gengen wrden, haben wir
        ihnen durch eine Requisition fortgenommen. Requisition ... es ist nur
        gut, wenn man fr ein Ding einen hbschen, sanktionierten Namen hat. Ich
        war aber doch froh, das gute Nachtlager und das gute Nachtessen gefunden
        zu haben. Und - la Dir erzhlen: Schon wollte ich mich zu Bett legen,
        als mir meine Ordonnanz meldet: ein Mann von unserem Regiment sei da und
        verlange dringend, eingelassen zu werden, er bringe mir etwas. So soll
        er kommen. Der Mann trat ein. - Und als er wieder ging, da hatte ich ihn
        reich beschenkt und ihm beide Hnde geschttelt und ihm versprochen, fr
        sein Weib und Kind zu sorgen, falls ihm etwas geschhe. Denn was er mir
        gebracht hat, der Brave - das hat mir eine groe Freude gemacht und mich
        von einer Pein befreit, unter der ich seit sechsunddreiig Stunden litt
        - was er mir gebracht hat: das war mein Puxl. Verwundet zwar - ehrenvoll
        blessiert - aber noch lebend und so selig, wieder bei seinem Herrn zu
        sein, an dessen Benehmen er wohl erkannt haben mute, da er ihm mit dem
        Vorwurf der Lieblosigkeit unrecht gethan ... Ja, war das eine
        Wiedersehensscene! Vor Allem ein Trunk Wasser. Wie das schmeckte ... das
        heit, zehnmal unterbrach er das gierige Trinken, um mir seine Freude
        vorzubellen. Hierauf habe ich ihm seine Beinstummel verbunden, ihm ein
        schmackhaftes Souper von Fleisch und Kse vorgesetzt und ihn auf mein
        Lager gebettet. Wir haben Beide gut geschlafen. Des Morgens, als ich
        erwachte, leckte er mir nochmals dankend die Hand - dann streckte er
        seine Gliederchen, schnaufte tief auf und - hatte aufgehrt zu sein.
        Armer Puxl - es ist besser so! - - - - - - - - - - - - - - - Was habe
        ich heute Alles gesehen? Wenn ich die Augen schliee, tritt mir das
        Geschaute mit furchtbarer Klarheit vor das Gedchtnis. Nichts als
        Schmerz und Schreckbilder! wirst Du sagen. Warum bringen denn Andere vom
        Kriege so frische, frhliche Eindrcke mit? Je nun, diese Anderen
        verschlieen sich gegen den Schmerz und den Schreck - verschweigen sie.
        Wenn sie schreiben, wenn sie erzhlen, so geben sie sich berhaupt keine
        Mhe, die Erlebnisse nach der Natur zu schildern, sondern sie
        befleiigen sich, einst gelesene Schilderungen schablonenhaft
        nachzubilden und diejenigen Empfindungen hervorzukehren, welche als
        heldenhaft gelten. Wenn sie mitunter auch von Vernichtungsscenen
        berichten, welche den rgsten Schmerz und den rgsten Schreck in sich
        bergen, in ihrem Tone darf von Beiden nichts enthalten sein. Im
        Gegenteil: je schauerlicher, desto gleichgltiger - je abscheulicher,
        desto unbefangener. Mibilligung, Entrstung, Emprung? Davon schon gar
        nichts - da noch eher ein leiser Anhauch sentimentalen Mitleids, ein
        paar gerhrte Seufzer. - Aber schnell wieder den Kopf in die Hhe, das
        Herz zu Gott und die Faust auf den Feind. Hurrah und Trara! Da siehst
        Du nun zwei Bilder, die sich mir eingeprgt: Steile, felsige Anhhen -
        katzenbehend hinaufkletternde Jger; es gilt, die Anhhe zu nehmen; -
        von oben schiet der Feind herab. Was ich sehe, sind die Gestalten der
        emporstrebenden Angreifer und Einige darunter, die, von feindlichen
        Geschossen getroffen, pltzlich beide Arme ausstrecken, das Gewehr
        fallen lassen und, mit dem Kopf nach rckwrts sich berschlagend, die
        Anhhe hinabstrzen - stufenweise - von Felsvorsprung zu Felsvorsprung -
        sich die Glieder zerschmetternd. - - - - - - Ich sehe einen Reiter in
        einiger Entfernung schief hinter mir, neben welchem eine Granate platzt.
        Sein Pferd wirft sich zur Seite und drngt sich an das Hinterteil des
        meinen - dann schiet es an mir vorbei. Der Mann sitzt noch im Sattel,
        aber ein Granatsplitter hat ihm den Unterleib auf- und alle Eingeweide
        herausgerissen. Sein Oberkrper hlt mit dem Unterkrper nur noch durch
        das Rckgrat zusammen - von den Rippen zu den Schenkeln ein einziges
        groes, blutiges Loch ... Eine kleine Strecke weiter fllt er herab,
        bleibt mit dem Fu im Bgel hngen und das fortrasende Pferd schleift
        ihn auf dem steinigen Boden nach. - - - - - - - - - - - - - - - - - -
        Auf einem regendurchschwemmten und steilen Stck Weg staut sich eine
        Abteilung Artillerie. Bis ber die Rder versinken die Geschtze in den
        Schlamm. Nur mit uerster Anstrengung, schweitriefend und von den
        erbarmungslosesten Schlgen angefeuert, kommen die Pferde von der
        Stelle. Aber eins, schon todmde, kann nicht mehr. Das Hauen hilft
        nichts: es wollte ja - es kann nicht, es kann nicht. Sieht denn das der
        Mann nicht ein, dessen Hiebe auf den Kopf des armen Tieres hageln? Wre
        der rohe Wicht der Fuhrmann eines zu irgendwelchem Bau dienenden
        Steinwagens gewesen, jeder Polizist - ich selber - htte ihn arretiert.
        Dieser Kanonier jedoch, der das todbeladene Fuhrwerk vorwrts bringen
        sollte, der waltete nur seines Amtes. Das konnte aber das Pferd nicht
        wissen; das geplagte, gutmtige, edle Geschpf, das sich bis zu seiner
        uersten Lebenskraft angestrengt - wie mute das ber solche Hrte und
        ber solchen Unverstand in seinem Inneren denken? Denken, so wie Tiere
        denken, nmlich nicht mit Worten und Begriffen, sondern mit
        Empfindungen, desto heftigere Empfindungen, als sie uerungsunfhig
        sind. Nur eine uerung gibt es dafr: den Schmerzensschrei. Und es hat
        geschrien, jenes arme Ro, als es endlich zusammensank - einen Schrei,
        so langgedehnt und klagend, da er mir noch im Ohre gellt - da er mich
        die folgende Nacht im Traume verfolgt hat. Ein abscheulicher Traum
        brigens ... Mir war, als sei ich - - wie soll ich das nur erzhlen? -
        Trume sind so sinnlos, da die dem Sinn angepate Sprache sich schwer
        zu ihrer Wiedergabe eignet - als sei ich das Kummerbewutsein eines
        solchen Artilleriepferdes - nein! nicht eines, sondern von 100,000 -
        denn rasch hatte ich im Traum die Summe der in einem Feldzug zu grunde
        gehenden Pferde berechnet - und da steigerte sich dieser Kummer sofort
        ins hunderttausendfache ... Die Menschen, die wissen doch, warum ihr
        Leben der Gefahr ausgesetzt ist, sie kennen das Wohin? das Wozu? - und
        wir Unglcklichen wissen nichts, um uns ist alles Nacht und Grauen. Die
        Menschen gehen doch mit Freunden gegen einen Feind, wir aber sind rings
        von Feinden umgeben ... unsere eigenen Herren, die wir so treu lieben
        wollten, denen zu dienen wir unsere letzte Kraft aufbieten, die hauen
        auf uns nieder - die lassen uns hilflos liegen ... Und was wir nebstbei
        leiden mssen: Furcht, da uns der Angstschwei vom ganzen Krper rinnt;
        - Durst - denn auch wir haben Fieber - o dieser Durst, dieser Durst von
        uns armen, blutenden, mihandelten hunderttausend Pferden! ... Hier
        erwachte ich und griff nach der Wasserflasche: - ich hatte selber
        brennenden Fieberdurst. - - - - - - - - - - - - - - - Wieder einen
        Straenkampf - in dem Stdtchen Saar. Zu dem Lrm des Kampfgeschreies
        und der Geschtze gesellt sich das Krachen der Balken, das Strzen der
        Mauern. Es schlgt eine Granate in ein Haus und der durch das Platzen
        derselben verursachte Luftdruck ist so gewaltig, da mehrere Soldaten
        von den in die Luft geschleuderten Trmmern des Hauses verwundet werden.
        ber meinen Kopf weg fliegt ein Fenster - noch mit dem Fensterflgel
        dran. Die Schornsteine strzen herunter, Gypsbewurf lst sich in Staub
        und fllt die Luft mit einer erstickenden, augentzenden Wolke. Aus
        einer Gasse in die andere (wie die Hufe auf dem spitzen Pflaster
        klappern!) wlzt sich der Kampf und langt auf dem Marktplatz an. In der
        Mitte des Platzes steht eine hohe, steinerne Mariensule. Die Mutter
        Gottes hlt ihr Kind in einem Arm, den anderen streckt sie segnend aus.
        Hier wird weiter gerungen. Mann an Mann. Sie hauen auf mich drein - ich
        haue um mich herum ... Ob ich Einen oder Mehrere getroffen, ich wei es
        nicht: in solchen Augenblicken bleibt einem nicht viel Besinnung.
        Dennoch haben sich mir wieder zwei Flle in die Seele photographiert,
        und ich frchte, der Marktplatz von Saar wird mir ewig unvergelich
        bleiben: Ein preuischer Dragoner, stark wie Goliath, reit einen
        unserer Offiziere (einen schmucken, schmchtigen Lieutenant - wie viel
        Mdchen schwrmten wohl fr ihn?) aus dem Sattel und zerschmettert ihm
        den Schdel am Fue der Madonnensule. Die milde Heilige schaut
        unbeweglich zu. Ein Anderer von den feindlichen Dragonern, ebenso
        goliathstark, knapp vor mir, fat meinen Nebenmann an und biegt ihn so
        krftig im Sattel nach rckwrts, da ihm - ich habe es krachen gehrt -
        das Rckgrat bricht ... Auch dazu gab die Madonna ihren steinernen
        Segen.

    Von einer Anhhe aus bot sich den bewaffneten Augen der Stabsoffiziere
    heute wieder manch abwechselungsreiches Schauspiel. Da war zum Beispiel der
    Einsturz einer Brcke, whrend ber dieselbe ein Train von Wagen sich
    bewegte. Waren in den letzteren Verwundete? - ich wei es nicht - das konnte
    ich nicht erkennen. - Ich sah nur, da Alles - Wagen, Pferde und Menschen -
    in die an jener Stelle tiefen und reienden Fluten sank und dort verschwand.
    Das Ereignis war ein gnstiges - sintemalen der Wagentrain den Schwarzen
    gehrte. Ich denke mir nmlich in der eben gespielten Partie uns als die
    weien Figuren. Die Brcke war nicht zufllig eingestrzt; die Weien
    hatten, wissend, da der Gegner darber kommen sollte, die Pfeiler abgesgt
    - ein feiner Zug also.
        Ein zweiter Anblick hingegen, den man von derselben Anhhe aus
        beobachten konnte, bedeutete einen Schnitzer der Weien: Unser Regiment
        Khevenhller wird in einen Sumpf dirigiert, wo es nicht herauskann und
        bis auf Wenige niedergeschossen wird. Die Getroffenen fallen hin in den
        Sumpf ... Hier versinken, ersticken mssen - in Mund und Nase und Augen
        Schlamm - nicht einmal schreien knnen! ... Nun ja, zugestanden: es war
        ein Fehler desjenigen, der die Leute dorthin kommandiert hatte; aber -
        irren ist menschlich und der Verlust ist kein groer - stellt ungefhr
        einen geschlagenen Bauer vor; ein nchster genialer Zug mit Turm oder
        Knigin, und Alles ist wieder gut gemacht. Der Schlamm bleibt zwar in
        Mund und Augen der Gefallenen, aber das ist ja nebenschlich - das
        Tadelnswerte dabei ist der taktische Fehler; der mu durch eine sptere
        glckliche Kombination ausgemerzt werden, und dem betreffenden Fhrer
        knnen dann immerhin noch schne Orden und Befrderungen blhen. Da
        neulich unser 18. Jgerbataillon whrend eines Nachtkampfes durch
        mehrere Stunden auf unser Regiment Knig von Preuen scho, und man erst
        bei Tagesanbruch den Irrtum bemerkte; da ein Teil des Regiments Gyulai
        in einen Teich gefhrt wurde: das sind auch so kleine Versehen, wie sie
        eben in der Hitze der Partei auch dem besten Spieler passieren knnen.
        - - - - - - - - - - - - - - - Es ist beschlossen; wenn ich aus diesem
        Feldzug zurckkehre, so verlasse ich den Dienst. Alles Andere
        hintangesetzt - wenn man einmal eine Sache mit einem solchen Abscheu zu
        erfassen gelernt hat, wie der Krieg mir nunmehr einflt, so wre es
        unausgesetzte Lge, im Dienst dieser Sache zu verharren. Ehedem bin ich,
        wie Du weit, auch schon mit Widerwillen und mit verdammendem Urteil in
        die Schlacht gezogen, aber erst jetzt hat sich dieser Widerwille so
        gesteigert, diese Verurteilung so verschrft, da alle Grnde, welche
        mich frher bestimmten bei meinem Berufe auszuharren, aufgehrt haben,
        zu wirken. Die Gesinnungen, welche aus dem Jugendunterricht, vielleicht
        auch teilweise angeerbt - in meinem Innern noch zu Gunsten des
        Soldatentums sprachen, sind mir jetzt, whrend der zuletzt erlebten
        Greuel ganz verloren gegangen. Ich wei nicht, sind es die mit Dir
        gemeinschaftlich gemachten Lektren, aus welchen hervorging, da meine
        Kriegsverachtung nicht vereinzelt ist, sondern von den besten Geistern
        der Zeit geteilt wird; sind es die mit Dir gefhrten Gesprche, in
        welchen ich mich durch Aussprache meiner Ansichten und durch Deine
        Zustimmung in denselben gestrkt habe; - kurz. mein frheres dumpfes,
        halbunterdrcktes Gefhl hat sich in eine klare berzeugung verwandelt -
        eine berzeugung, die es mir fortan unmglich macht, dem Kriegsgott zu
        frhnen. Das ist so eine Wandlung, wie sie bei vielen Leuten in
        Glaubenssachen eintritt. Zuerst sind sie etwas zweiflerisch und
        gleichgltig, sie knnen aber noch mit einer gewissen Ehrfurcht den
        Tempelhandlungen beiwohnen. Wenn aber einmal aller Mystizismus
        abgestreift ist, wenn sie zu der Einsicht gelangen, da die Ceremonie,
        der sie da beiwohnen, auf Thorheit - auch mitunter grausame Thorheit,
        wie bei den religisen Opferschlachtungen - beruht, dann wollen sie
        nicht mehr neben den anderen Bethrten knieen, nicht mehr sich und die
        Welt betrgen, indem sie den nunmehr entgtterten Tempel betreten. So
        ist es mir mit dem grausamen Marsdienst ergangen. Das geheimnisvolle,
        berirdische, Andachtsschauer-erweckende, welches das Erscheinen dieser
        Gottheit auf die Menschen hervorzubringen pflegt, welches auch in
        frherer Zeit noch meinen Sinn umdunkelte, das ist mir jetzt vollstndig
        abhanden gekommen. Die Armeebefehl-Liturgie und die rituellen
        Heldenphrasen erscheinen mir nicht mehr als inspirierter Urtext; der
        gewaltige Orgelton der Kanonen, der Weihrauchdampf des Pulvers vermag
        nicht mehr mich zu verzcken: ganz glaubens- und ehrfurchtslos wohne ich
        der frchterlichen Kultushandlung bei und kann dabei nichts Anderes mehr
        sehen, als die Qualen des Opfers, nichts hren, als dessen jammervollen
        Todesschrei. Und daher kommt es, da diese Bltter, die ich mit meinen
        Kriegseindrcken flle, nichts Anderes enthalten, als schmerzlich
        geschauten Schmerz.

Die Schlacht von Kniggrtz war geschlagen. Wieder eine Niederlage! Diesmal, wie
es scheint, eine entscheidende ... Mein Vater berichtete uns diese Nachricht in
einem Tone, als htte er den Weltuntergang verkndet.
    Und kein Brief, keine Depesche von Friedrich! War er verwundet - tot? -
Konrad gab seiner Braut Nachricht: er war unversehrt. Die Verlustlisten waren
noch nicht angekommen; es hie nur, bei Kniggrtz gab es vierzigtausend Tote
und Verwundete. Und die letzte Nachricht, die ich erhalten hatte, lautete: Wir
begeben uns heute nach Kniggrtz.
    Am dritten Tage noch immer kein Zeichen. Ich weine und weine stundenlang.
Eben weil mein Kummer noch nicht ganz hoffnungslos ist, kann ich weinen; wenn
ich wte, da Alles vorbei ist, so gbe es fr die Wucht meines Schmerzes keine
Thrnen mehr. Auch mein Vater ist tiefgedrckt. Und Otto, mein Bruder, tobt vor
Rachsucht. Es heit, da jetzt in Wien Freiwilligen-Korps errichtet werden -
diesen will er sich anschlieen. Ferner heit es, Benedek solle seiner Stelle
entsetzt und statt seiner der siegreiche Erzherzog Albrecht nach dem Norden
berufen werden, dann gbe es vielleicht doch noch ein Aufraffen, ein
Zurckschlagen des bermtigen Feindes, der jetzt uns ganz vernichten wolle, der
im Vormarsch auf Wien begriffen sei ... Angst, Wut, Schmerz erfllt alle
Gemter; der Name die Preuen drckt Alles aus, was es Hassenswertes gibt.
Mein einziger Gedanke ist Friedrich - und keine, keine Nachricht!
    Nach einigen Tagen langte ein Brief Doktor Bressers an. Er war in der
Umgebung des Schlachtfeldes thtig, um zu helfen, was er helfen konnte. Die Not
sei grenzenlos, schrieb er, jeder Einbildungskraft spottend. Er hatte sich einem
schsischen Arzte, Doktor Brauer, angeschlossen, der von seiner Regierung
ausgesandt worden war, um nach dem Augenschein ber die Lage zu berichten. In
zwei Tagen sollte auch eine schsische Dame ankommen - Frau Simon, eine neue Mi
Nightingale - welche seit Ausbruch des Krieges in Dresdener Hospitlern thtig
gewesen, und welche sich erboten hatte, die Reise nach den bhmischen
Schlachtfeldern anzutreten, um in den umliegenden Hospitlern ihre Hilfe zu
leisten. Doktor Brauer und mit ihm Doktor Bresser wollten sich an dem bestimmten
Datum, sieben Uhr abends, nach Kniginhof, der letzten Station vor Kniggrtz,
bis wohin die Eisenbahn noch verkehrte, begeben und die mutige Frau daselbst
erwarten. Bresser bat uns, womglich eine Sendung von Verbandzeug und
dergleichen nach jener Station zu schicken, damit er sie dort in Empfang nehmen
knne.
    Kaum hatte ich diesen Brief gelesen, war mein Entschlu gefat: - die Kiste
mit Verbandzeug wrde ich selber bringen. In einem jener Spitler, welche Frau
Simon besuchen wollte, lag mglicherweise Friedrich ... Ich wrde mich ihr
anschlieen und den teuren Kranken finden, pflegen retten ... Die Idee erfate
mich mit zwingender Gewalt, so zwingend, da ich sie fr eine magnetische
Fernwirkung des sehnenden Wunsches auffate, mit dem der Geliebte nach mir rief.
    Ohne Jemandem aus meiner Familie meinen Vorsatz mitzuteilen - denn ich wre
nur auf allseitigen Widerspruch gestoen - machte ich mich ein paar Stunden nach
Erhalt des Bresserschen Briefes auf den Weg. Ich hatte vorgegeben, da ich die
von dem Doktor verlangten Dinge in Wien selber besorgen und expedieren wolle,
und so konnte ich ohne Schwierigkeit von Grumitz fortkommen. Von Wien aus wrde
ich dann meinem Vater schreiben: Bin nach dem Kriegsschauplatze abgereist.
Wohl stiegen mir Zweifel auf: meine Unfhigkeit und Unerfahrenheit, mein Abscheu
vor Wunden, Blut und Tod; aber diese Zweifel verjagte ich: was ich that, ich
mute es thun. Des Gatten Blick, flehend und gebietend, war auf mich gerichtet;
von seinem Schmerzenslager streckte er die Arme nach mir aus und: Ich komme,
ich komme, war das Einzige, was ich zu denken vermochte.
    Ich fand die Stadt Wien in unsglicher Aufregung und Bestrzung. Verstrte
Gesichter ringsumher. Mein Wagen kreuzte sich mit mehreren Wagen, welche mit
Verwundeten gefllt waren. Immer sphete ich, ob nicht etwa Friedrich darunter
sei ... Aber nein: sein Sehnsuchtsruf, der an meinen Fibern zerrte, drang von
weiter her - von Bhmen. Htte man ihn zurcktransportiert, so wre die
Nachricht davon gleichzeitig zu uns gelangt.
    Ich lie mich in einen Gasthof fhren. Von dort aus besorgte ich meine
Einkufe, expedierte den fr Grumitz bestimmten Brief, warf mich in einen
mglichst einfachen, strapazenfhigen Reiseanzug und fuhr nach dem Nordbahnhof.
Ich wollte den nchstabgehenden Zug benutzen, um rechtzeitig an meine Bestimmung
zu gelangen. Es war wie eine fixe Idee, unter deren Herrschaft ich meine
Handlungen ausfhrte.
    Auf dem Bahnhof herrschte reges - Leben - oder soll ich reges Sterben
sagen? Die Halle, die Sle, der Perron; Alles voll Verwundeter, Viele davon in
den letzten Zgen. Und ein massenhaftes Menschengewirre: Krankenpfleger,
Sanittssoldaten, barmherzige Schwestern, rzte; Mnner und Frauen aus allen
Gesellschaftsklassen, die da kamen, um nachzusehen, ob der letzte Transport
nicht einen von den Ihren gebracht; oder auch, um unter die Verwundeten
Geschenke, Wein, Cigarren u.s.w. zu verteilen. Das Beamten- und das
Dienstpersonal berall bemht, das vordringende Publikum zurckzudrngen. Auch
mich wollte man wieder fortschicken:
    Was wollen Sie? ... Platz da! ... Das berreichen von E- und Trinkwaren
ist verboten .. wenden Sie sich an das Komitee ... dort werden die Geschenke in
Empfang genommen ...
    Nein, nein, sagte ich, ich will abreisen. Wann fhrt der nchste Zug?
    Auf diese Frage konnte ich lange keine Auskunft erhalten. Die meisten
Abfahrtszge seien eingestellt, erfuhr ich endlich, da die Linie fr ankommende
Zge, die eine Ladung Verwundeter nach der anderen brachte, offen bleiben mute.
Passagierzge gingen heute berhaupt keine mehr ab. Nur einer mit
nachgeschickten Reservetruppen, und ein anderer zur ausschlielichen Benutzung
des patriotischen Hilfsvereins, der mehrere rzte und barmherzige Schwestern und
eine Ladung ntigen Materials nach der Umgebung von Kniggrtz abfhren sollte.
    Und da knnte ich nicht mitfahren?
    Unmglich!
    Immer deutlicher und flehender vernahm ich Friedrichs Hilferuf - und nicht
kommen knnen: es war zum verzweifeln!
    Da erblickte ich am Eingang der Halle Baron S., den Vize-Vorsteher des
patriotischen Hilfsvereins, denselben, den ich schon vom Kriegsjahre 59 her
kannte. Ich eilte auf ihn zu:
    Um Gotteswillen, Baron S., helfen Sie mir! Sie erkennen mich doch?
    Baronin Tilling, Tochter des General Grafen Althaus - gewi habe ich die
Ehre ... Womit kann ich Ihnen dienen?
    Sie expedieren einen Zug nach Bhmen ... lassen Sie mich mitfahren! Mein
sterbender Mann verlangt nach mir ... Wenn Sie ein Herz haben - und Sie beweisen
ja durch Ihre Thtigkeit, wie schn und edel Ihr Herz ist - so schlagen Sie mir
meine Bitte nicht ab!
    Es gab noch allerlei Zweifel und Bedenken, aber schlielich wurde meinem
Wunsche willfahrt. Baron S. rief einen der vom Hilfsverein entsendeten Arzte
herbei und empfahl mich, als Mitreisende, seinem Schutz.
    Bis zur Abfahrt war noch eine Stunde. Ich wollte den Wartesaal aufsuchen,
aber jeder verfgbare Raum war in ein Hospital verwandelt. Wo man hinblickte,
berall kauernde, liegende, verbundene, bleiche Gestalten. Ich mochte nicht
hinschauen. Das bischen Energie, das ich besa, das mute ich mir auf meine
Fahrt und auf deren Ziel aufsparen. Von aller Kraft, allem Mitgefhl, aller
Hilfeleistungsfhigkeit, die mir zu Gebote stand, durfte ich hier nichts
ausgeben; das gehrte nur ihm - ihm, der mich rief.
    Es war indes kein Winkel zu finden, wo mir der Jammeranblick erspart
geblieben wre. Ich hatte mich auf den Perron geflchtet und dort mute ich
gerade das rgste mit ansehen: die Ankunft eines langen Zuges, dessen smtliche
Waggons mit Verwundeten gefllt waren, und die Abladung der Letzteren. Die
leichter Blessierten stiegen selber aus und schleppten sich vorwrts, die
Meisten muten aber untersttzt, oder gar getragen werden. Die verfgbaren
Tragbahren waren gleich besetzt und die berzhligen Patienten muten bis zur
Rckkunft der Trger einstweilen auf den Boden gelagert werden. Vor meine Fe,
auf dem Platze, wo ich auf einer Kiste sa, legten sie Einen hin, der
unausgesetzt ein gurgelndes Rcheln ausstie. Ich beugte mich herab, um ihm ein
teilnehmendes Wort zu sagen, aber entsetzt fuhr ich wieder zurck und verbarg
mein Gesicht in beide Hnde - der Eindruck war zu frchterlich gewesen. Das war
kein menschliches Angesicht mehr - der Unterkiefer weggeschossen, ein Auge
herausquellend ... dazu ein erstickender Qualm von Blut- und Unratgeruch ... Ich
htte aufspringen und fliehen mgen, doch ward mir totenbel und mein Kopf fiel
an die hinter mir liegende Mauer zurck. O ich feiges, kraftloses Geschpf! -
schalt ich mich - was suche ich hier in diesen Jammersttten, wo ich nichts -
nichts helfen kann ... wo ich solchem Ekel unterliege ... Nur der Gedanke an
Friedrich raffte mich wieder empor. Ja, fr ihn, auch wenn er in solchem
Zustande wre, wie der Elende zu meinen Fen, knnte ich Alles ertragen - ich
wrde ihn noch umfangen und kssen, und aller Ekel, alles Grauen versnke in das
eine allbesiegende Gefhl - in Liebe - Friedrich - mein Friedrich, ich komme!
wiederholte ich halblaut diesen einen fixen Gedanken, der mich seit der Ankunft
des Bresserschen Briefes erfat und nicht mehr losgelassen hatte.
    Eine furchtbare Idee durchflog mein Hirn: Wie, wenn dieser - Friedrich wre?
Ich sammelte meine Krfte und blickte noch einmal hin: Nein, er war es nicht.

Die bange Wartestunde war doch auch vorbergegangen. Den Rchelnden hatten sie
fortgetragen. Legt ihn dort auf die Bank, hrte ich den Regimentsarzt
befehlen, den da kann man nicht mehr ins Spital bringen - er ist schon
dreiviertel tot. Und doch - diese Worte mute er noch verstanden haben, der
Dreiviertel-Tote, denn mit einer verzweiflungsvollen Gebrde hob er beide Arme
zum Himmel.
    Jetzt sa ich im Waggon mit den beiden rzten und vier barmherzigen
Schwestern. Es war erstickend hei und der Raum war mit einem Duft von Hospital
und Sakristei - Karbol und Weihrauch - erfllt. Mir war unsglich bel. Ich
lehnte mich in meine Ecke zurck und schlo die Augen.
    Der Zug setzte sich in Bewegung. Das ist so der Augenblick, wo jeder
Reisende sich das Ziel vergegenwrtigt, dem er entgegengetragen wird. fters
schon war ich auf dieser Strecke gefahren und da winkte mir die Ankunft in einem
gstegefllten Schlosse, in einem frhlichen Badeorte - auch meine
Hochzeitsreise - seliges Andenken - hatte ich auf diesem Weg gemacht, einem
glnzenden und liebevollen Empfang in der Hauptstadt Preuens (wie hatte
letzteres Wort doch seither einen anderen Klang bekommen!) entgegen. - - Und
heute? Was war heute unser Ziel? Ein Schlachtfeld und umliegende Lazarethe - die
Sttten des Todes und der Leiden. Mir schauderte.
    Gndige Frau, sagte einer der Arzte - ich glaube, Sie sind selber krank
... Sie sehen so bleich und leidend aus.
    Ich blickte auf. Der Sprecher war eine sympathische, jugendliche
Erscheinung. Vermutlich war dies die erste praktische Thtigkeit des kaum
promovierten Mediziners. Schn von ihm, da er seine ersten Dienste diesem
gefahr- und beschwerdevollen Amte widmete! Ich fhlte mich diesen Menschen, die
da neben mir im Waggon saen, dankbar fr die Linderung, welche sie den
Leidenden zu bringen im Begriffe standen. Auch den opfermutigen, wirklich
barmherzigen Schwestern zollte ich im Herzen Bewunderung und Dank. Doch was
brachte jeder dieser guten Menschen mit? Ein Lot Hilfe fr tausend Centner Not.
Die tapferen Nonnen muten wohl fr alle Menschen jene berwindungskrftige
Liebe im Herzen tragen, wie sie mich fr meinen Mann erfllte; so wie ich vorhin
empfunden, da, wenn der furchtbar entstellte und ekelerregende Soldat, der vor
meinen Fen rchelte, mein Gatte gewesen, aller Widerwille entschwunden wre -
so empfanden Jene wohl jedem Menschenbruder gegenber, und zwar durch die Kraft
einer hheren Liebe - diejenige zu ihrem erwhlten Brutigam Christus. Aber ach
- auch davon brachten die Edlen nur ein Lot! Ein Lot Liebe dorthin, wo tausend
Centner Ha gewtet ...
    Nein, Herr Doktor, antwortete ich auf die teilnehmende Anfrage des jungen
Arztes, ich bin nicht krank, nur ein wenig angegriffen.
    Ihr Herr Gemahl, so sagte mir Baron S., sei bei Kniggrtz verwundet worden
und Sie reisen dahin, ihn zu pflegen, mischte sich jetzt der Stabsarzt in das
Gesprch; wissen Sie, in welcher der umgebenden Ortschaften er liegt?
    Das wute ich nicht. Mein Ziel ist Kniginhof, antwortete ich; dort
erwartet mich ein befreundeter Arzt, Doktor Bresser -
    Den kenne ich ... er war an meiner Seite, als wir vor drei Tagen das
Schlachtfeld absuchten.
    Das Schlachtfeld absuchten ... wiederholte ich schaudernd - erzhlen Sie
-
    Ja, ja, Herr Doktor, erzhlen Sie! bat eine der Nonnen, unser Dienst kann
uns auch in die Lage bringen, bei solchem Suchen mitzuhelfen.
    Und der Regimentsarzt erzhlte. Den Wortlaut seiner Schilderungen kann ich
natrlich nicht mehr wiedergeben; auch sprach er nicht in einem Flusse, sondern
mit hufigen Unterbrechungen, und gleichsam widerstrebend, nur durch die
hartnckigen Fragen, mit welchen die wibegierigen Nonnen und ich ihn
bestrmten, zum Sprechen gezwungen. Die abgerissenen Erzhlungen riefen jedoch
eine geschlossene Reihe von Bildern vor mein inneres Auge, die sich dem
Gedchtnis so lebhaft eingeprgt haben, da ich dieselben noch heute an mir
vorberziehen lassen kann. Unter anderen Umstnden htte ich des Doktors
Schilderungen nicht so deutlich erfat und behalten - man vergit ja Gehrtes
und Gelesenes so leicht - aber das Erzhlte machte mir damals fast den Eindruck
von Miterlebtem. Ich war in einem Zustand hochgradiger Nervenanspannung und
Erregtheit; der fixe Gedanke an Friedrich, der sich meiner bemchtigt hatte,
bewirkte, da ich bei jeder der geschilderten Scenen mir Friedrich als
beteiligte Person vorstellte, und so sind sie mir wie selber durchgemachte
schmerzliche Erfahrungen im Geiste haften geblieben. In der Folge habe ich die
von dem Regimentsarzt mitgeteilten Ereignisse in die roten Hefte eingetragen -
so, als htten sie sich vor meinen eigenen Augen abgespielt:
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Die Ambulance ist hinter einem schtzenden Hgelrcken aufgerichtet worden.
Drben tobt die Schlacht. Der Boden zittert und es zittert die glhende Luft;
Dampfwolken steigen auf, die Geschtze brllen ... Jetzt heit es, Patrouillen
ausschicken, welche sich auf die Kampfpltze begeben, um die Schwerverwundeten
aufzulesen und hierherzubringen. Gibt es etwas heldenhafteres, als solchen Gang
mitten in den summenden Kugelregen hinein, an allen Schrecken des Kampfes
vorber, allen Gefahren des Kampfes ausgesetzt - ohne selber dessen wildem
Rausche sich hingeben zu drfen? Rhmlich ist dieses Amt - nach Kriegsbegriffen
- nicht. Bei der Sanitt - da dient doch kein fescher, strammer, schneidiger
Junge - da verdreht doch Keiner die Kpfe der Mdchen. Und Feldscheer - wenn
der auch heute nicht mehr so - sondern Regimentsarzt heit, der kann sich doch
mit keinem Kavallerielieutenant messen? ...
    Der Sanittskorporal kommandiert seine Leute nach einer Niederung, gegen
welche eine Batterie ihr Feuer erffnet hat. Sie gehen durch den grauen Schleier
des Pulverdampfes, und Staub und Erde, da, wo eine Kugel zu ihren Fen
einschlgt, wirbelt vor ihnen auf. Sie sind nur wenige Schritte gegangen, so
begegnen sie schon Verwundeten - leichter Verwundeten, die sich entweder einzeln
oder paarweise, einander gegenseitig untersttzend, zur Ambulance schleppen.
Einer fllt zusammen. Es ist aber nicht seine Wunde, die ihm die Kraft gebrochen
- es ist Erschpfung. Wir haben zwei Tage nichts gegessen - machten einen
forcierten Marsch von zwlf Stunden ... kamen ins Bivouak ... zwei Stunden
darauf Alarm und die Schlacht ...
    Die Patrouille geht weiter. Diese Leute finden selber ihren Weg und knnen
den zusammengebrochenen Kameraden mitnehmen. Die Hilfe mu Anderen, noch
Hilfsbedrftigeren aufgespart werden.
    Auf dem Steingerlle eines Hgelabhanges liegt ein blutiger Knuel. Es sind
ein Dutzend Soldaten. Der Sanittsunteroffizier bleibt stehen und legt ein paar
Verbnde an. Aber mitgenommen werden diese Verwundeten nicht; erst mssen die
geholt werden, die mitten auf dem Gefechtsfelde fielen - vielleicht kann man
diese hier beim Rckgang auflesen ...
    Und wieder geht die Patrouille weiter, dem Kampfplatz nher. In immer
dichteren Scharen wanken Verwundete heran, sich selber oder einander mhsam
fortschleppend. Das sind solche, die doch noch gehen knnen. Unter sie wird der
Inhalt der Feldflaschen verteilt, man legt ihnen eine Binde auf quellende Wunden
und weist ihnen den Weg nach der Ambulance. Und wieder geht es weiter. An Toten
vorber - an Hgeln von Leichen ... Vieler dieser Toten zeigen die Spuren
entsetzlichster Agonie. Unnatrlich weit aufgerissene Augen - die Hnde in die
Erde gebohrt - die Haare des Bartes aufgerichtet - zusammengeprete Zhne unter
krampfhaft geffneten Lippen - die Beine starr ausgestreckt, so liegen sie da.
    Jetzt durch einen Hohlweg. Hier liegen sie aufgeschichtet. Tote und
Verwundete untereinander. Letztere begren die Sanittspatrouille wie rettende
Engel und flehen und schreien um Hilfe. Mit gebrochenen Stimmen, weinend,
wimmernd, rufen sie nach Rettung, nach einem Schluck Wasser ... Aber ach - die
Vorrte sind fast erschpft, und was knnen die wenigen Menschen thun? Ein Jeder
mte hundert Arme haben, um da retten zu knnen ... doch Jeder thut, was er
kann. Da erschallt der langgezogene Ton des Sanittsrufes. Die Leute stutzen und
halten in ihren Handreichungen inne. Verlat uns nicht, verlat uns nicht!
flehen die Unglcklichen; doch wieder und wieder ruft das Hornsignal, welches,
von allem andern Getse unterscheidbar, deutlich in die Weite dringt. Da kommt
auch noch ein Adjutant herangesprengt: Mannschaft von der Sanitt? Zu
Befehl! erwidert der Korporal. Mir nach.
    Offenbar ein verwundeter General ... Da heit es gehorchen und die Anderen
verlassen ... Mut und Geduld, Kameraden, wir kommen wieder. Die es sagen und
die es hren, sie wissen, da das nicht wahr ist.
    Und wieder geht es weiter. Dem Adjutanten - der, voransprengend, die
Richtung weist - im Eilschritt nach. Da gibt es unterwegs kein Aufhalten, ob
auch von rechts und links die Weh- und Hilferufe ertnen, ob auch auf die
Eilenden selber manche Kugel fllt und Einen oder den Anderen hinstreckt - nur
weiter, nur vorber. Vorber an unter dem Schmerz ihrer Wunden sich krmmenden
Menschen, welche von ber sie hinjagenden Rossen zertreten, oder von ber ihre
Glieder fahrenden Geschtzen zermalmt wurden und welche, die Rettungsmannschaft
erblickend, in ihrer Verstmmelung sich ein letztesmal emporbumen: vorber,
vorber!

Das geht in den roten Heften noch seitenlang so fort. Was der Regimentsarzt von
dem Gang einer Sanittspatrouille ber das Schlachtfeld erzhlte, das enthlt
noch viele hnliche und rgere Dinge. So die Schilderung jener Augenblicke, da
mitten in die Pflegearbeit Kugeln und Granaten fallen, neue Wunden reiend; oder
wenn die Zuflligkeiten der Schlacht den Kampf und die Verbandpltze selber,
knapp an die Ambulancen bringen und das ganze Sanittspersonal, samt den rzten
und samt den Kranken, mitten in das Gewhl der ringenden oder fliehenden oder
verfolgenden Truppen gert; wenn scheue, ledige Rosse des Weges gerast kommen
und die Tragbahre umstrzen, auf welche man eben einen Schwerverwundeten
gebettet, der jetzt zerschmettert zu Boden geschleudert wird ... Oder dieses -
das grauenhafteste Bild von allen -: Ein Gehft, in welchem man hundert
Verwundete untergebracht, verbunden und gelabt hat. - Die armen Teufel froh und
dankbar, da ihnen Rettung geworden - und eine Granate, die das Ganze in Brand
schiet ... Eine Minute und das Lazareth steht in Flammen - das Schreien,
vielmehr das Geheul, welches aus dieser Sttte der Verzweiflung gellt und
welches in seinem wilden Weh alles brige Getse bertnt, das wird wohl Jenen,
die es hrten, ewig unvergelich bleiben ... Weh mir! Auch mir, obgleich ich es
nicht gehrt, bleibt es unvergelich - denn whrend der Regimentsarzt erzhlte,
war mir wieder, als wre mein Friedrich dabei, als hrte ich seinen Schrei aus
dem brennenden Marterorte heraus ...
    Ihnen wird bel, gndige Frau, unterbrach sich der Erzhler - ich habe da
Ihren Nerven wirklich zu viel zugemutet. -
    Aber ich hatte noch nicht genug. Ich versicherte, da meine vorbergehende
Schwche nur die Folge der Hitze und einer schlechten Nacht sei und wurde nicht
mde, den Andern auszuforschen. Es war mir immer noch, als htte ich nicht genug
gehrt, als wren von diesen geschilderten Hllenkreisen die letzten und
hllischsten noch nicht geschildert worden. Und wenn einmal der Durst nach
Grlichem erregt ist, so ruht man nicht, bis er nicht mit dem Grlichsten
gelscht worden. Und richtig: es gibt noch Schauerlicheres, als ein Schlachtfeld
whrend - das ist ein solches nach der Schlacht.
    Kein Geschtzdonner, kein Fanfarengeschmetter, keine Trommelwirbel mehr, nur
leises schmerzliches Sthnen und Sterbercheln. Im zertretenen Erdboden rtlich
schimmernde Pftzen, Blutlachen; - alle Feldfrucht zerstrt, nur hier und da ein
unberhrt gebliebenes, halmenbedecktes Ackerstck; die sonst lachenden Drfer in
Trmmer und Schutt verwandelt. Die Bume der Wlder verkohlt und geknickt; die
Hecken von Karttschen zerrissen ... Und auf dieser Wahlstatt Tausende und
Tausende von Toten und Sterbenden - hilflos Sterbenden! Keine Blten noch Blumen
sind auf den Wegen und Wiesen zu sehen, sondern Sbel, Bajonette, Tornister,
Mntel, umgestrzte Munitionswagen, in die Luft geflogene Pulverkarren,
Geschtze mit gebrochenen Laffetten ... Neben den Kanonen, deren Schlnde von
Rauch geschwrzt sind, ist der Boden am blutigsten; dort liegen die meisten und
verstmmeltsten Toten und Halbtoten - von Kugeln buchstblich zerrissen. Und die
toten und halbtoten Pferde - solche, die auf den Fen, welche ihnen geblieben
sind, sich aufrichten, um wieder hinzusinken, wieder sich aufstellen und wieder
hinfallen, bis sie die Kpfe heben, um ihren schmerzbeladenen Sterberuf
hinauszuschreien ... Ein Hohlweg ist mit in den Kot der Strae getretenen
Krpern ganz angefllt. Die Unglcklichen hatten sich wohl hierher geflchtet,
um geborgen zu sein - aber eine Batterie ist ber sie hinweggefahren - von
Pferdehufen und Rdern sind sie zermalmt ... Viele darunter leben noch - eine
breiige, blutige Masse, aber leben noch.
    Und noch gibt es Hllischeres als Alles dies: es ist das Erscheinen des
niedertrchtigsten Abschaums der kriegfhrenden Menschheit - der
Schlachtfeld-Hyne. Das schleicht herbei, das die Leichenbeute witternde
Ungetm, beugt sich ber Tote und noch Lebende herab und reit ihnen die Kleider
vom Leibe. Erbarmungslos. Die Stiefeln werden vom blutenden Bein, die Ringe von
der verwundeten Hand gezogen - oder um den Ring zu haben, wird der Finger
einfach abgeschnitten; und wenn sich das Opfer wehren will, dann wird es von der
Hyne gemordet oder - um nicht einst wieder erkannt zu werden - sticht sie ihm
die Augen aus ...
    Ich schrie laut auf. Bei des Doktors letzten Worten hatte ich die ganze
Scene wieder mitangesehen, und die Augen, in welche die Hyne ihr Messer
gebohrt, das waren Friedrichs blaue, sanfte, geliebte Augen ...
    Verzeihen Sie mir, gndige Frau, aber Sie haben es gewollt ...
    Ja , ja - ich will Alles hren. Was Sie da beschrieben haben, war die
Nacht, welche auf die Schlacht folgt - diese Scenen haben sich bei Sternenschein
abgespielt -
    Und bei Fackelschein. Die vom Sieger zum Durchsuchen des Schlachtfeldes
ausgeschickten Patrouillen tragen Fackeln und Laternen. Und rote Laternen ragen
an Signalstangen empor, um die Orte zu bezeichnen, an welchen fliegende
Hospitler errichtet worden sind.
    Und der nchste Morgen - wie zeigt der die Wahlstatt?
    Beinah noch frchterlicher. Der Gegensatz von dem helllchelnden
Tagesgestirn zu der grausigen Menschenarbeit, die es beleuchtet, wirkt doppelt
schmerzlich. Des Nachts hatte das ganze Schreckbild etwas
gespensterhaft-phantastisches, bei Tag ist es einfach - trostlos. Jetzt erst
sieht man die Massenhaftigkeit der umherliegenden Leichen: auf den Straen,
zwischen den Feldern, in den Grben, hinter Mauertrmmern; berall, berall
Tote. Geplndert, mitunter nackt. Eben so die Verwundeten. Diese, welche trotz
der nchtlichen Arbeit der Sanittsmannschaften noch immer in groer Zahl
umherliegen, sehen fahl und verstrt aus, grn und gelb, mit stierem,
stumpfsinnigem Blick; oder aber unter wtenden Schmerzen sich krmmend, flehen
sie Jeden an, der in die Nhe kommt, da er sie tte. Schwrme von Aaskrhen
lassen sich auf die Wipfel der Bume nieder und verknden mit lautem Gekrchz
das lockende Festmahl ... Hungrige Hunde aus den Drfern kommen herbeigerannt
und lecken das. Blut der Wunden. Noch sieht man einige Hynen, welche noch immer
hastig weiter arbeiten ... Und jetzt kommt das groe Begraben -
    Wer thut das? - Die Sanitt?
    Wie knnte die zu solcher Massenarbeit ausreichen? Die hat bei den
Verwundeten vollauf zu thun.
    Also kommandierte Truppen?
    Nein: herbeigeschafftes oder auch freiwillig heranlaufendes Gesindel:
Landstreicher, Leute vom Tro, welche sich bei den Marketenderbuden, bei den
Bagagewagen aufhielten, und welche jetzt neben den Bewohnern der Armenhuser und
der Htten von den Militrgewalten herbeigetrieben werden, um Grber zu graben -
recht groe, das heit - weite Grber, denn tief werden sie nicht gemacht. Dazu
wre keine Zeit. Dahinein wirft man die toten Krper - kopfber, kopfunter, wie
es gerade kommt. Oder man macht es so: ber einen aus Leichen gebildeten Haufen
wirft man ein bis zwei Fu hoch Erde hinauf; das sieht dann auch aus wie ein
Tumulus. Ein paar Tage darauf kommt ein Regen und splt die Hlle von den
verwesenden Leichnamen weg - aber was liegt daran? Die flinken und lustigen
Totengrber denken nicht so weit. Lustige und flotte Arbeiter sind sie, das mu
man ihnen lassen. Es werden da Lieder gepfiffen und allerlei zweideutige Witze
gemacht - ja mitunter tanzt eine Hynenrunde um das offene Grab. Ob in manchen
Krpern, die da hinabgeschleudert oder mit Erde verschttet werden, noch Leben
sich regt - darum kmmern sie sich auch nicht. Der Fall ist unvermeidlich, denn
Starrkrampf tritt bei Verwundungen hufig auf. Manch zufllig Errettete haben
von der Gefahr des Lebendig-begraben-werdens, der sie entronnen, erzhlt. Aber
wie Viele giebt es derer, die nichts erzhlen konnten? Wenn man einmal ein paar
Fu Erde ber dem Mund liegen hat, so mu man den Mund wohl halten. ...
    O mein Friedrich, mein Friedrich! sthnte es in meiner Seele.
    Das ist das Bild des nchsten Morgens, schlo der Regimentsarzt. Soll ich
noch weiter erzhlen, was den nchsten Abend geschieht? Da wird -
    Das will ich Ihnen sagen, Herr Doktor, unterbrach ich. In eine von den
beiden Hauptstdten der beteiligten Reiche ist die telegraphische Nachricht des
glorreichen Sieges angelangt. Da wurde vormittags - whrend des Hynentanzes um
die Gruben - in den Kirchen Nun danket Alle Gott gesungen und abends - da
stellt die Mutter, oder das Weib eines lebendig Begrabenen ein paar brennende
Kerzen auf den Fenstersims, denn die Stadt wird beleuchtet.
    Ja, gndige Frau, diese Komdie wird zu Hause aufgefhrt. Indessen, auf dem
Schlachtfeld selber ist mit dem zweiten Sonnenuntergang die Tragdie noch lange
nicht abgespielt. Auer Denjenigen, welche in die Lazarethe und in die Grber
untergebracht worden, gibt es noch die Ungefundenen. Hinter dichtem Gebsch, in
hohen hrenfeldern, oder zwischen Bautrmmern verborgen, sind sie den Blicken
der Krankentrger und Totengrber entgangen. Fr jene Unglcklichen beginnt nun
das Martyrium einer mehrere Tage und mehrere Nchte langen Agonie: in der
sengenden Hitze des Mittags, in den schwarzen Schauern der Mitternacht, gebettet
auf Steinen und Disteln, im scharfen Verwesungsgeruch der naheliegenden Leichen
und der eigenen faulenden Wunden, den festenden Geiern zur noch zuckenden Beute
...

Das war eine Reise! - Der Regimentsarzt hatte schon lange aufgehrt zu sprechen,
aber die Auftritte, welche er geschildert, fuhren unausgesetzt fort, vor meinem
inneren Auge sich abzuspielen. Um diesem mich verfolgenden Gedankenreigen zu
entgehen, schaute ich zum Wagenfenster hinaus und versuchte, im Anblick der
Landschaft Zerstreuung zu finden. Aber auch hier boten sich dem Blicke Bilder
des Kriegsjammers. Zwar hatte in dieser Gegend keine gewaltsame Verwstung
stattgefunden: es rauchte da kein zerschossenes Dorf, hier hatte der Feind
noch nicht gehaust; aber was hier nun wtete, ist vielleicht noch schlimmer:
nmlich die Furcht vor dem Feinde. Die Preuen kommen! die Preuen kommen! war
die Schreckenslosung auf der ganzen Strecke; und wenn auch im Vorbeifahren diese
Worte nicht zu hren waren, ihre Wirkung konnte man vom Wagenfenster aus
deutlich erschauen. berall auf allen Straen und Wegen fliehende, mit Sack und
Pack ihr Heim verlassende Menschen. Ganze Wagenzge bewegten sich landeinwrts -
gefllt mit Bettzeug, Hausgert und Vorrten. Alles sichtlich in grter Eile
aufgeladen. Auf demselben Karren kleine Schweine, das jngste Kind und ein paar
Kartoffelscke, nebenher, zu Fu, Mann und Weib und die greren Kinder: - so
sah ich eine auswandernde Familie auf einer nahen Strae sich fortbewegen. Wohin
gingen die Armen? Das wuten sie wohl selber kaum - nur fort, fort von den
Preuen. So flieht man das prasselnde Feuer oder die steigende Flut.
    fters brauste auf den Nebengeleisen ein Zug an uns vorber: - Verwundete,
immer wieder Verwundete; immer wieder die aschfahlen Gesichter, die verbundenen
Kpfe, die in der Binde getragenen Arme. Auf den Haltestellen besonders konnte
man an diesem Anblick in allen Varianten sich sattsam erlaben. Smtliche groe
und kleine Perrons, auf welchen man sonst das wartende Vlklein der Reisenden
frhlich umherstehen und -gehen sieht, waren jetzt mit liegenden und kauernden
Gestalten gefllt. Das sind die aus den umgebenden Feld- und Privatlazarethen
herbeigeschafften kranken Soldaten, welche den nchsten Eisenbahnzug abwarten,
der einen neuen Verwundetentransport befrdern kann. So mssen sie stundenlang
liegen - und wer wei, wie viel Transportierungen sie schon hinter sich haben?
Vom Kampffeld zum Verbandplatz, von da zur Ambulance, von dieser in ein
fliegendes Feldhospital, dann in die Ortschaft - jetzt zur Eisenbahn; und von
hier steht ihnen noch die Fahrt nach Wien bevor; dort vom Bahnhof zum Spital und
von da, nach so langen Leiden, vielleicht zum Regiment zurck, vielleicht zum
Friedhof ... Mir ward so leid, so leid, so schrecklich leid um die armen Teufel!
- ich htte zu jedem Einzelnen hinknien wollen und ihm Worte des Mitgefhls
zuflstern. Aber der Doktor lie mich nicht. Wenn wir an einer Station
ausstiegen, nahm er mich am Arm und fhrte mich in das Breau des Stationschefs.
Hierher brachte er mir Wein oder sonst eine Erfrischung.
    Die Schwestern walteten auch schon hier ihres barmherzigen Amtes. Sie
reichten den Verwundeten an Trank und Speise, was nur aufzutreiben war: aber
fters gab es nichts, die Vorrte in den Restaurationen waren zumeist erschpft.
Dieses Getriebe auf den Bahnhfen, namentlich auf den greren, machte mir einen
sinnverwirrenden Eindruck; es schien mir wie ein bser Traum. Dieses Hin- und
Herrennen, dieses wste Durcheinander - abmarschbereite Truppen - Flchtlinge -
Krankentrger - Haufen blutender und wimmernder Soldaten - schluchzende,
hnderingende Frauen -; Geschrei, barsche Kommandorufe - berall Gedrnge,
nirgends ein freier Durchgang - aufgeschichtetes Gepck, Kriegsmaterial,
Kanonen, abseits Pferde und brllendes Hornvieh - dazwischen das unausgesetzte
Gelute des Telegraphen - durchfahrende Zge, welche mit aus Wien anlangender
Reserve vollgefllt - vielmehr vollgepfropft - sind ... Nicht anders waren diese
Soldaten in den Wagen dritter und vierter Klasse - ja in Last- und Viehwaggons -
untergebracht, nicht anders wie Schlachtvieh. Und, im Grunde genommen, ich
konnte den Gedanken nicht unterdrcken; was waren sie denn anderes? Wurden sie
nicht auch zur Schlacht - wurden sie nicht auf den groen politischen Markt
geschleppt, wo mit Kanonenfutter - chair  canon - geschachert wird? Da rollten
sie vorbei. Tolles Gebrll - war es ein Kriegslied? - schallte heraus und
bertnte das rasselnde Gepolter der Rder; eine Minute - und der Zug war
verschwunden. Mit Windeseile trug er einen Teil seiner Fracht dem sicheren Tode
entgegen. Ja - sicherem Tode ... Wenn auch kein Einzelner von sich sagen kann,
da er sicher fllt, ein gewisser Prozentsatz von der Gesamtheit mu und wird
fallen. Zu Felde ziehende Heere, die sich auf der Heerstrae zu Fu oder zu Ro
fortbewegen: das mag noch eine gewisse antike Poesie an sich haben; aber der
moderne Schienenweg, das Symbol der nationenverbindenden Kultur, als
Befrderungsmittel der losgelassenen Barbarei: - das ist gar zu widersinnig und
abscheulich. Wie falsch klingt da auch das Telegraphengeklingel ... dieses
herrliche Siegeszeichen des menschlichen Intellekts, der es fertig gebracht hat,
den Gedanken mit Blitzesschnelle von einem Land zum andern zu leiten; alle diese
neuzeitlichen Erfindungen, welche bestimmt sind, den Verkehr der Vlker zu
frdern, das Leben zu erleichtern, zu verschnern, zu bereichern: die werden
jetzt von jenem altweltlichen Prinzip mibraucht, welches die Vlker entzweien
und das Leben vernichten will. Seht unsere Eisenbahnen, seht unsere Telegraphen
- wir sind civilisierte Nationen, prahlen wir den Wilden gegenber und benutzen
diese Dinge zur verhundertfachten Entfaltung unserer Wildheit ...
    Da mich lauter solche Gedanken qulen muten, whrend ich an den Stationen
auf das Weiterfahren unseres Zuges wartete - das vertiefte und verbitterte noch
mein Leid. Ich beneidete fast Jene, die da nur in naivem Schmerze die Hnde
rangen und weinten, die sich nicht im Zorn aufbumten gegen die ganze
Schauerkomdie - die Niemanden anklagten, nicht einmal jenen Herrn der
Heerschaaren, von dem sie doch glaubten, da er es sei, der das
hereingebrochene Unglck ber sie verhngt ...

Es war spt abends, als ich in Kniginhof anlangte. Meine Reisegefhrten hatten
an einer frheren Station bleiben mssen. Ich war allein - in Furcht und Bangen.
Wie, wenn Doktor Bresser verhindert worden wre, zu kommen? Was sollte ich dann
hier beginnen? Zudem war ich von der Fahrt wie gerdert, von den durchgemachten
Trauer- und Schauerempfindungen ganz entnervt. Wre nicht die Sehnsucht nach
Friedrich gewesen, so htte ich mir nur noch den Tod gewnscht. Sich hinlegen
knnen und einschlafen und nie wieder erwachen in einer Welt, in der es so
grausam und wahnsinnig zugeht! ... Nur eins nicht: am Leben bleiben und
Friedrich unter den Vermiten wissen!
    Der Zug hielt. Mhsam und zitternd stieg ich aus und nahm mir mein
Handgepck herab. Ich fhrte ein Handkofferchen bei mir, mit etwas Wsche fr
mich und Charpie und Verbandzeug fr den Verwundeten; auerdem eine
Reise-Toilettentasche. Die hatte ich so gewohnheitsmig mitgenommen, in dem
anerzogenen Glauben, da man gar nicht sein knne, ohne die silbernen Bchsen
und Kapseln, die Seifen und Wasser, die Brsten und Kmme. Reinlichkeit - diese
Tugend des Krpers, dasselbe, was Ehrlichkeit fr die Seele - diese zweite Natur
des Kulturmenschen: wie mute ich jetzt erst erfahren, da darauf in solchen
Zeiten ganz verzichtet werden mu. Nun ja - es ist ja nur folgerichtig: der
Krieg ist die Verneinung der Kultur, also mssen durch ihn alle Errungenschaften
der Kultur wegfallen; ein Rckschlag in die Wildheit ist er, also mu er alles
Wilde im Gefolge haben - darunter auch jenes, dem Edelmenschen so furchtbar
verhate Ding: den Schmutz.
    Die Kiste mit Material fr die Spitler, die ich in Wien fr Doktor Bresser
besorgt hatte, war mit den anderen Kisten des Hilfskomitees aufgegeben worden -
wer wei wann und wo dieselbe abgeliefert wrde? Ich hatte nichts bei mir, als
meine zwei Stck Handgepck und ein umgehngtes Geldtschchen, welches mit
einigen Hundertgulden-Noten gefllt war. Schwankenden Schrittes ging ich ber
die Schienen nach dem Perron. Dort herrschte, trotz der spten Stunde, dasselbe
Gewhle, wie auf den anderen Stationen, und immer dasselbe Bild: Verwundete -
Verwundete. Nein, nicht dasselbe Bild: rger noch. Kniginhof war ein Ort, der
mit diesen Unglcklichen berfllt war; es gab im ganzen Ort keinen unbelegten
Raum, und nun hatte man die Kranken scharenweise zur Eisenbahn gebracht, wo sie,
ganz notdrftig verbunden, berall umherlagen, auf der Erde, auf den Steinen ...
    Es war eine finstere, mondlose Nacht; der Schauplatz war nur durch drei oder
vier an Pfhlen befindliche Laternen beleuchtet. Erschpft und schlaf-, beinahe
todesschlafbedrftig, sank ich auf die freie Ecke einer Bank und legte mein
Gepck vor mir auf den Boden.
    Ich hatte vorerst nicht den Mut, mich umzusehen, ob unter den vielen
Menschen, die hier geschftig hin und her schossen, auch Doktor Bresser sei.
Fast war ich berzeugt, da ich ihn nicht finden wrde. Es gab ja zehn Chancen
gegen eine, da er verhindert worden zu kommen, oder da er zu einer anderen als
zur bezeichneten Stunde hier eintrfe; einen regelmigen Verkehr gab es ja
berhaupt nicht mehr: mein Zug war gewi viel spter eingetroffen, als in der
Fahrordnung verzeichnet stand. Ordnung: auch ein Kulturbegriff - mit dem war ja
ringsum gleichfalls gebrochen ...
    Mein Unternehmen erschien mir jetzt als ein wahnwitziges. Dieses
vermeintliche Rufen Friedrichs - glaubte ich denn sonst an derlei mystische
Dinge? - es entbehrte sicher aller Begrndung. Wer wei - vielleicht war
Friedrich auf dem Weg nach Hause - vielleicht auch tot - warum suchte ich ihn
hier? Eine andere Stimme begann jetzt nach mir zu rufen, andere Arme breiteten
sich mir entgegen: Rudolf, mein Sohn - wie wrde der nach der Mama gefragt
haben und nicht haben einschlafen knnen, ohne den mtterlichen Gutenachtku ...
Wohin wrde ich mich hier wenden, wenn ich Bresser nicht fnde? Und die
Hoffnung, ihn zu finden, war mir pltzlich so gering geworden, wie unter
hunderttausenden von Losen die Hoffnung auf einen Haupttreffer. Zum Glck hatte
ich mein Tschchen mit dem Gelde - der Besitz von Banknoten bietet immer
Auskunftsmittel. Unwillkrlich griff ich an die Stelle, wo das Tschchen hngen
sollte ... Groer Gott! Der Riemen, an welchem es befestigt gewesen, abgerissen
- das Tschchen fort - verloren! ... Welcher Schlag! Und doch, ich brachte es zu
keiner Anklage gegen das Schicksal; ich vermochte nicht, zu jammern: Zufall,
wie hart triffst du mich, denn in einer Zeit, wo rings das Unglck hagelte,
ber das eigene Unglckchen klagen, da htte man vor sich selber sich seiner
Selbstsucht schmen mssen. Und zudem: fr mich gab es nur eine schreckliche
Mglichkeit: Friedrichs Tod - alles Andere war nichts.
    Ich musterte alle Anwesenden: kein Doktor Bresser.
    Was nun beginnen? An wen mich wenden? Ich hielt einen Vorbergehenden an:
    Wo kann ich den Stationschef finden?
    Sie meinen den Dirigenten der hiesigen Krankenstation, Stabsarzt S.? Dort
steht er.
    Den hatte ich zwar nicht gemeint, aber vielleicht konnte er mir Auskunft
ber Doktor Bresser geben. Ich nherte mich der bezeichneten Stelle. Der
Stabsarzt sprach eben mit einem vor ihm stehenden Herrn:
    Es ist ein Elend, hrte ich ihn sagen. Man hat hier und in Turnau Depots
fr alle Hospitler des Kriegsschauplatzes errichtet; die Gaben strmen
massenhaft zu - Wsche, Lebensmittel, Verbandzeug so viel man will - aber was
damit beginnen? Wie abladen - wie sortieren - wie weitersenden? Es fehlt uns an
Hnden - wir wrden hundert rhrige Beamte brauchen -
    Schon wollte ich den Stabsarzt ansprechen, als ich einen Mann auf ihn
zueilen sah, in dem ich - o Freude - Doktor Bresser erkannte. In meiner Erregung
fiel ich dem alten Hausfreund um den Hals.
    Sie? Sie, Baronin Tilling? Was machen Sie denn hier?
    Ich bin gekommen, zu helfen, zu helfen ... Ist Friedrich nicht in einem
Ihrer Spitler?
    Ich habe ihn nicht gesehen.
    War mir diese Nachricht Enttuschung oder Erleichterung? - Ich wei es
nicht. Er war nicht da ... also entweder tot oder unversehrt ... brigens,
Bresser konnte unmglich alle Verwundeten der Umgebung erkannt haben - ich mute
selber alle Lazarethe absuchen.
    Und Frau Simon? fragte ich weiter.
    Die ist schon seit mehreren Stunden hier ... eine herrliche Frau! Rasch
entschlossen, umsichtig ... Jetzt ist sie eben beschftigt, die hier liegenden
Verwundeten in leerstehende Eisenbahnwaggons unterzubringen. Sie hat erfahren,
da in einem nahen Orte - in Horonewos - die Not am grten sei. Dort will sie
hinfahren und ich begleite sie.
    Ich auch, Doktor Bresser! Lassen Sie mich mitkommen. ...
    Wo denken Sie hin, Baronin Martha? Sie, so zart und verwhnt - derlei
harte, bitterharte Arbeit - -
    Was soll ich sonst hier thun? unterbrach ich. Wenn Sie mein Freund sind,
Doktor, helfen Sie mir mein Vorhaben ausfhren ... ich will ja Alles thun, jeden
Dienst verrichten ... Stellen Sie mich der Frau Simon als freiwillige
Krankenpflegerin vor und nehmen Sie mich mit - aus Barmherzigkeit, nehmen Sie
mich mit!
    Wohlan, Ihr Wille geschehe. Da ist die tapfere Frau - kommen Sie ...

Als mich Doktor Bresser zu Frau Simon gefhrt und mich derselben als
Krankenpflegerin vorstellte, nickte sie mit dem Kopfe, wandte sich aber sogleich
wieder ab, um einen Befehl zu erteilen. Ihre Zge konnte ich in dem
zweifelhaften Lichte nicht erkennen.
    Fnf Minuten spter waren wir auf der Fahrt nach Horonewos. Ein Leiterwagen,
der eben von dort Verwundete gebracht, diente uns als Fahrgelegenheit. Wir saen
auf dem Stroh, das vielleicht noch blutig war von der vorigen Fracht. Der
Soldat, welcher neben dem Kutscher sa, hielt eine Laterne, welche unstten
Schein auf unsere Strae warf. Bser Traum - bser Traum: immer mehr und mehr
hatte ich den Eindruck, einen solchen durchzumachen. Das Einzige, was mich an
die Wirklichkeit meiner Lage mahnte und was mir zugleich eine Beruhigung war,
war Doktor Bressers Nhe. Ich hatte meine Hand in die seine gelegt und sein
anderer Arm untersttzte mich:
    Lehnen Sie sich an mich, Baronin Martha - armes Kind, sagte er sanft.
    Ich lehnte mich an, so gut ich konnte, aber doch: welche Folterlage! Wenn
man sein ganzes Leben lang gewohnt war, auf schwellenden Sitzen, sprungfederigen
Wagen und weichen Betten zu ruhen, wie schwer fllt es da - zumal nach einer
ermdenden Tagereise, in einem schttelnden Leiterwagen zu sitzen, dessen harter
Brettergrund nur mit einer Lage blutfeuchten Strohs gepolstert ist. Und ich war
doch unverletzt - wie mu erst denen zu Mute sein, die mit zerschmetterten
Gliedern, mit hervorstehenden Knochensplittern auf solchem Fuhrwerk ber Stock
und Stein gejagt werden?
    Bleischwer fielen mir die Lider zu. Ein wehthuendes Schlfrigkeitsgefhl
peinigte mich. Bei der Unbequemlichkeit meiner Lage - alle Glieder schmerzten
mich - bei der Erregtheit meiner Nerven, war ja Schlaf unmglich; desto
grausamer wirkte das nicht zu bannende Schlafbedrfnis. Gedanken und Bilder, so
verworren wie Fiebertrume, wirbelten in meinem Hirn. Alle die Schauerscenen,
welche der Regimentsarzt erzhlt hatte, wiederholten sich vor meinem Geist,
teils mit den Worten des Erzhlers selbst, teils als die Gesichts- und die
Gehrsvorstellungen, welche diese Worte hervorgerufen hatten: ich sah die
schaufelnden Totengrber, sah die Hynen einherschleichen, hrte die
verzweifelten Opfer des in Brand geschossenen Lazareths schreien; und dazwischen
fielen, als wrden sie laut und in des Regimentsarztes Stimme gesprochen, Worte
wie: Aaskrhen, Marketenderbude, Sanittspatrouille. Das hinderte mich aber
nicht, daneben auch noch das Gesprch zu vernehmen, welches meine Wagengefhrten
halblaut miteinander fhrten:... Ein Teil der geschlagenen Armee flchtete nach
Kniggrtz, erzhlte Doktor Bresser. Die Festung aber war verschlossen und von
den Wllen wurde auf die Flchtigen geschossen - namentlich auf die Sachsen, die
man in der Dmmerung fr Preuen hielt. Hunderte strzten sich in die Wallgrben
und ertranken ... An der Elbe stockte die Flucht und die Verwirrung erreichte
den hchsten Grad. Die Brcken waren von Pferden und Kanonen so vollgestopft,
da das Fuvolk keinen Platz mehr fand ... Tausende strzten sich in die Elbe -
auch Verwundete ...
    Es soll entsetzlich sein in Horonewos, sagte Frau Simon. Alles von seinen
Bewohnern verlassen - Dorf und Schlo. Smtliche innere Rume zerstrt und doch
mit hilflosen Verwundeten angefllt ... Wie wohl wird den Unglcklichen die
Labung thun, die wir ihnen bringen! Aber es wird zu wenig - zu wenig sein!
    Und zu wenig auch unsere rztliche Hilfe, versetzte Doktor Bresser. Wir
mten unserer Hundert sein, um das Erforderliche thun zu knnen. Es fehlt an
Instrumenten und Medikamenten - und hlfen uns auch diese? Die berfllung
dieser Ortschaften ist derart, da der Ausbruch gefhrlicher Epidemien droht.
Die erste Sorge ist stets die, so viel Verwundete als mglich wegzubefrdern,
aber ihr Zustand ist zumeist ein so jammervoller, da kein Gewissen den
Transport auf sich nehmen kann ... sie fortschaffen heit, sie tten; sie
dortlassen, heit den Hospitalbrand herbeifhren - eine schwere Alternative! Was
ich in diesen Tagen - seit der Schlacht von Kniggrtz, Schauriges und Trauriges
gesehen, das bersteigt alle Begriffe. Sie mssen sich auf das Schlimmste gefat
machen, Frau Simon.
    Ich habe langjhrige Erfahrung und Mut. Je grer das Elend, desto mehr
steigt meine Willenskraft.
    Ich wei. Dieser Ruf ist Ihnen vorausgegangen. Ich hingegen, wenn ich so
viel Elend sehe, fhle allen Mut sinken und es stockt mir das Herz. Hunderte -
ja tausende von Hilfsbedrftigen um Hilfe flehen hren und nicht helfen knnen -
es ist grlich! In all diesen um das Schlachtfeld eiligst errichteten
Ambulancen fehlte es an Erquickungsmitteln; vor allem: kein Wasser. Die meisten
vorhandenen Brunnen sind von den Bewohnern unbrauchbar gemacht worden ... weit
und breit kein Stck Brot aufzutreiben ... Alle Rume, die ein Dach tragen:
Kirchen, Meierhfe, Schlsser, Htten, sind mit Kranken gefllt - alles, was
einem Wagen gleicht, wird mit einer Ladung Verwundeter weggefhrt ... Die
Straen bedecken sich nach allen Richtungen mit solchen Hllenkarren - denn
wahrlich, was da an Leiden auf Rdern rollt, das ist hllisch. Da liegen sie -
Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten - von Blut, Staub und Schmutz bis zur
Unkenntlichkeit entstellt, mit Wunden, fr die es keine menschenmgliche Hilfe
gibt, Klagetne, Schreie ausstoend, die nichts Menschliches haben - und doch:
die noch schreien knnen, sind die Beklagenswertesten nicht ...
    Da sterben wohl Viele unterwegs?
    Gewi. Oder wenn sie abgeladen worden - in irgend einem berfllten Raum -
enden sie still und unbemerkt auf dem ersten besten Bndel Stroh, auf welches
sie sich fallen lieen. Manche still - manche aber auch in verzweifeltem
Todeskampfe tobend und rasend, die haarstrubendsten Flche ausstoend ...
Solche Flche mute wohl jener Herr Twinnig aus London gehrt haben, welcher bei
der Genfer Konferenz folgenden Vorschlag machte: Wenn der Zustand eines
Verwundeten nicht die geringste Hoffnung der Heilung brig lt, wre es in
diesem Fall nicht angemessen, da man ihm erst den Trost der Religion spende,
ihm, so weit es die Umstnde gestatten, einen Augenblick der Sammlung lasse und
dann seiner Agonie auf die wenigst schmerzliche Weise ein Ende mache? Man
verhinderte dadurch, da er wenige Augenblicke spter stirbt, das Fieber im
Gehirn und vielleicht die Gotteslsterung auf der Zunge.
    Wie unchristlich! rief Frau Simon.
    Was? Das Gnadenstogeben?
    Nein - die Ansicht, da eine inmitten der unertrglichsten Martern
ausgestoene Lsterung der Seele des Gemarterten gefhrlich werden knne ... So
ungerecht ist der Gott der Christen nicht und sicher nimmt er jeden gefallenen
Krieger in Gnaden auf ...
    Mohammeds Paradies wird auch jedem Trken zugesichert, der einen Christen
erschlagen hat, entgegnete Bresser. Glauben Sie mir, geehrte Frau Simon, jene
Gottheiten alle, welche als kriegslenkend dargestellt werden und deren Beistand
und Segen die Priester und Befehlshaber den Kmpfern als Mordlohn versprechen,
die sind alle fr Lsterungen gleich taub wie fr Bitten. Sehen Sie dort hinauf:
jener Stern erster Gre, mit rtlichem Lichte - man sieht ihn nur alle zwei
Jahre ber unseren Huptern flimmern - oder vielmehr leuchten, er flimmert nicht
- das ist der Planet Mars - das dem Kriegsgott gewidmete Gestirn; jenem Gott,
der in der alten Zeit so gefrchtet und geehrt wurde, da er weit mehr Tempel
besa, als die Gttin der Liebe. Schon in der Schlacht bei Marathon, schon in
dem engen Pa der Thermopylen hat jener Stern dem Kampf der Menschen blutfarbig
vorgeleuchtet und zu ihm stiegen die Flche der Gefallenen auf; ihn
beschuldigten sie ihres Unglcks, whrend er ahnungslos und friedlich - damals
wie heute - die Sonne umkreiste. Feindliche Gestirne? ... die gibt es nicht. Der
Mensch hat keinen anderen Feind als den Menschen - der aber ist grimmig genug. -
Und auch keinen anderen Freund, setzte Bresser nach einer kleinen Pause hinzu.
Davon geben Sie selber ein Beispiel, hochherzige Frau, Sie sind -
    O Doktor! unterbrach Frau Simon. Schauen Sie - dort, der Flammenschein,
am Horizont ... sicherlich ein brennendes Dorf!
    Ich ffnete die Augen und sah den roten Schein.
    Nein, sagte Doktor Bresser - es ist der aufgehende Mond.
    Ich versuchte, eine bequemere Stellung anzunehmen und setzte mich ein wenig
auf. Fortan wollte ich vermeiden die Augen zu schlieen: dieser Zustand des
Halbschlafes mit dem Bewutsein des Nichtschlafens, worin die entsetzlichen
Phantasiebilder ihren wilden Reigen auffhrten - das war gar so qualvoll ...
lieber an dem Gesprche der beiden teilnehmen und mich von den eigenen Gedanken
losreien.
    Aber der Mann und die Frau waren verstummt. Sie blickten nach der Stelle, wo
nun wirklich das Nachtgestirn emporstieg. Und nach einer Weile fielen meine
Augen doch wieder zu. Diesmal war es der Schlaf. In der einen Sekunde, in der
ich fhlte, da ich einschlief, da die Welt um mich aufhrte zu bestehen,
empfand ich solche Wonne des Nichtseins, da mir selbst der Bruder meines
Beglckers - der Tod - ganz willkommen gewesen wre.
    Ich wei nicht, wie lange Zeit ich in dieser negativ-seligen
Existenzentrckung zubrachte - aber pltzlich und gewaltsam wurde ich
herausgerissen. Kein Lrm, keine Erschtterung war es, was mich geweckt hatte,
sondern ein Qualm unertrglich verpesteter Luft.
    Was ist das?!
    Gleichzeitig mit mir riefen auch die anderen diese Frage aus.
    Unser Wagen bog um eine Ecke und am Wegrand ward uns die Antwort. Vom Monde
hell beleuchtet, ragte da eine weie Mauer empor, vermutlich eine Kirchhofmauer.
Jedenfalls hatte sie als Schutzwehr gedient - am Fue derselben, aufgeschichtet,
lagen zahlreiche Leichen ... Der Verwesungsgeruch, der von diesen toten Krpern
aufstieg, war es, der mich aus dem Schlaf gerissen hatte. Als wir vorbeifuhren,
hob sich ein dichter Schwarm von Raben und Krhen kreischend von dem
Leichenhaufen empor, flatterte eine Zeit lang - wie schwarzes Gewlk gegen den
hellen Himmelhintergrund und lie sich dann wieder zum Schmause nieder ...
    Friedrich, mein Friedrich!!
    Beruhigen Sie sich, Baronin Martha, trstete mich Bresser; Ihr Mann
konnte nicht dabei gewesen sein.
    Der kutschierende Soldat hatte sein Gespann angetrieben, um schneller aus
dem Bereiche des mephitischen Dunstes hinwegzukommen; das Fuhrwerk rasselte und
stolperte dahin, als wren wir auf wilder Flucht. Ich glaubte, die Pferde gingen
durch ... zitternde Angst erfate mich. Mit beiden Hnden klammerte ich mich an
Bressers Arm; aber den Kopf mute ich zurck wenden, um dorthin, nach jener
Mauer zu schauen und - war es das tuschende Licht des Mondes, waren es die
Bewegungen der auf ihre Beute zurckgekehrten Vgel? - mir war es, als regte
sich diese ganze Schar von Toten, als streckten uns diese Leichname die Arme
nach, als rsteten sie sich, uns zu verfolgen ...
    Ich wollte schreien, aber die furchtgeprete Kehle versagte mir den Dienst.

Wieder bog der Wagen um eine Straenecke.
    Hier sind wir, das ist Horonewos, hrte ich den Doktor sagen, und er
befahl dem Kutscher, zu halten.
    Was beginnen wir mit der Frau? klagte Frau Simon - die wird uns eher ein
Hindernis sein - statt einer Hilfe.
    Ich raffte mich auf:
    Nein, nein, sagte ich - es ist mir jetzt besser ... Ich will Ihnen
helfen, so gut ich kann.
    Wir befanden uns inmitten des Ortes, vor dem Thore eines Schlosses.
    Hier wollen wir zuerst sehen, was sich thun lt, sagte der Doktor. Das
Schlo, von seinen Besitzern verlassen, soll vom Keller bis zum Dache mit
Verwundeten angefllt sein.
    Wir stiegen ab. Ich konnte mich kaum auf den Fen halten, strengte aber
meine uerste Kraft an, um dies nicht merken zu lassen.
    Vorwrts! sagte Frau Simon. Haben wir alle unsere Gepcksachen? Was ich
mitfhre, wird den Leuten Labung bringen.
    Auch in meinem Kofferchen befinden sich Strkungsmittel und Verbandzeug,
sagte ich.
    Und meine Handtasche enthlt Instrumente und Arzneien, fgte Bresser
hinzu, dann gab er den uns begleitenden Soldaten die ntigen Befehle: zwei
sollten bei den Pferden bleiben, die brigen mit uns kommen.
    Wir traten unter das Schlothor. Dumpfe Klagelaute von verschiedenen Seiten
... Alles finster - -
    Licht! Da macht doch vor allem Licht! schrie Frau Simon.
    O weh, alles mgliche hatten wir mitgebracht: Chokolade und Fleischextrakt,
Cigarren und Leinwandstreifen - aber an eine Kerze hatte niemand gedacht. Keine
Mglichkeit, das Dunkel, das uns und die Unglcklichen umgab, aufzuhellen. Nur
eine Schachtel Zndhlzel, welche der Doktor in der Tasche trug, half uns fr
einige Sekunden die schrecklichen Bilder zu sehen, welche diese Sttte des
Elends fllten. Der Fu glitt auf dem von Blut schlpfrigen Boden aus, wenn man
sich weiter bewegen wollte. Was nun? Zu den hundert Verzweifelten, welche hier
sthnten und seufzten, waren nur noch ein paar Verzweifelnde und Seufzende mehr
hinzugekommen: Was nun, was nun?
    Ich will das Haus des Pfarrers aufsuchen, sagte Frau Simon, oder sonst im
Dorfe Beistand holen. Kommen Sie, Doktor, geleiten Sie mich mit Ihren
Streichhlzern zum Ausgang zurck; und Sie, Frau Martha, bleiben indessen hier
-
    Hier, allein - im Finstern, inmitten dieser wimmernden Leute, in dem
erstickenden Geruch? Das war eine Lage! Mir schauderte bis in das Knochenmark.
Aber ich widersprach nicht.
    Ja, sagte ich - ich bleibe an dieser Stelle und warte, bis Sie mit Licht
zurckkommen.
    Nein, rief Bresser, indem er meinen Arm in den seinen schob, kommen Sie
mit - Sie drfen in diesem Fegefeuer nicht zurckbleiben - unter den vielleicht
fiebertollen Menschen.
    Ich war dem Freunde fr dieses Vorgehen dankbar und klammerte mich fest an
seinen Arm - das Zurckbleiben in diesen Rumen htte mich vielleicht wahnsinnig
gemacht vor Angst ... Ach, ich war doch ein feiges, hilfloses Geschpf, dem
Unglck und den Schrecken nicht gewachsen, in welche ich mich da begeben hatte
... Warum war ich nicht zu Hause geblieben? Dennoch, wenn ich Friedrich
wiederfnde? Wer wei, ob er nicht in diesen dunklen Rumen lag, die wir eben
verlieen? Ich rief - whrend des Hinausgehens - fter seinen Namen, aber das
gehoffte und gefrchtete Hier bin ich, Martha! ward mir nicht zurckgerufen.
    Wir traten wieder ins Freie. Der Wagen stand noch auf derselben Stelle.
Doktor Bresser entschied, da ich wieder aufsteigen solle.
    Frau Simon und ich gehen indessen im Dorfe Hilfe suchen, sagte er, und
Sie bleiben hier.
    Ich fgte mich gern, denn meine Fe konnten mich kaum tragen. Der Doktor
half mir aufsteigen und richtete mir mit dem umliegenden Stroh einen Sitz
zurecht. Zwei Soldaten blieben bei dem Wagen zurck. Die brigen wurden von Frau
Simon und dem Doktor mitgenommen.
    Nach einer halben Stunde ungefhr kam die ganze Expedition zurck.
Erfolglos. Der Pfarrhof zerstrt, wie alles Andere, und leer; smtliche Huser
Ruinen; nirgends ein Licht aufzutreiben gewesen: - es blieb jetzt nichts Anderes
brig, als den Anbruch des Tages abzuwarten. Wie viele von den Unglcklichen,
denen unser Kommen schon Hoffnung erweckt hatte und welche unsere Hilfe jetzt
noch htte retten knnen, wrden in dieser Nacht wohl sterben?
    War das eine lange, bange Nacht! Obwohl thatschlich nur noch drei bis vier
Stunden bis zu Sonnenaufgang vergingen, wie endlos muten uns diese Stunden
scheinen, deren Verlauf - statt durch die Pendelschlge einer Uhr - durch die
ohnmchtigen Hilferufe leidender Mitmenschen markiert war.
    Endlich dmmerte der Morgen. Jetzt konnte gehandelt werden. Frau Simon und
Doktor Bresser machten sich neuerdings auf den Weg, um vielleicht doch noch
einige der versteckten Dorfbewohner aufzustbern. Es gelang. Aus den Trmmern
krochen hier und da ein paar Bauern hervor - zuerst strrisch und mitrauisch;
als jedoch Doktor Bresser sie in ihrer Muttersprache anredete und Frau Simon mit
ihrer sanften Stimme ihnen zusetzte, lieen sie sich herbei, ihre Dienste zu
leihen. Es hie vor Allem, noch smtliche anderen versteckten Einwohner
auftreiben, damit sie bei der Arbeit behilflich seien: die umherliegenden Toten
begraben, die Brunnen in Stand setzen, um fr die Lebenden Wasser zu schpfen;
die auf den Wegen zerstreuten Feldkessel zusammensuchen, um Geschirre zu
schaffen; die Tornister der Gestorbenen und Gefallenen ausleeren und die darin
befindliche Wsche fr die Verwundeten verwenden. Jetzt kam auch ein preuischer
Stabsarzt mit Leuten und Hilfsmitteln an - und so konnte endlich mit einigem
Erfolg daran gegangen werden, den Unglcklichen Hilfe zu bringen. Nun war auch
fr mich der Augenblick gekommen, da ich vielleicht Denjenigen finden wrde, auf
dessen vermeintlichen Ruf ich die unselige Fahrt unternommen; dieser Gedanke
peitschte meine gebrochenen Krfte wieder einigermaen auf.
    Frau Simon begab sich in Begleitung des preuischen Stabsarztes vorerst in
das Schlo, wo die meisten Verwundeten lagen. Doktor Bresser wollte die brigen
Rume des Dorfes durchsuchen. Ich zog es vor, mich dem Freunde anzuschlieen und
ging mit diesem. Da Friedrich in dem Schlosse nicht lag, hatte der Doktor
bereits auf einem frheren Rundgang konstatiert.
    Wir hatten kaum hundert Schritte gemacht, als laute Klagerufe an unser Ohr
schlugen. Dieselben drangen aus dem offenen Thor der kleinen Dorfkirche. Wir
traten ein. ber hundert Menschen lagen auf dem harten Steinboden -
schwerverwundet, verstmmelt. Fiebernden und irrenden Blickes schrien und
jammerten sie nach Wasser. Schon an der Schwelle war mir zum Umsinken - ich
schritt aber dennoch die Reihen durch: ich suchte ja Friedrich ... Er war nicht
da.
    Bresser mit seinen Leuten machten sich bei den Armen zu schaffen; ich
sttzte mich an ein Seitenaltar und blickte mit unnennbarem Schaudern auf das
Jammerbild.
    Und das war der Tempel des Gottes der ewigen Liebe - das waren die
wunderthtigen Heiligen, welche da in den Nischen und an den Wnden fromm die
Hnde falteten und ihre Kpfe unter dem goldstrahlenden Glorienschein
emporhoben? ...
    O Mutter Gottes, heilige Mutter Gottes ... einen Tropfen Wasser ... erbarme
dich! hrte ich einen armen Soldaten flehen. Das hatte er zu dem buntbemalten,
tauben Bilde wohl schon tagelang vergebens gebetet. - O, ihr armen Menschen, ehe
ihr nicht dem Gebot der Liebe gehorcht, das ein Gott in eure Herzen gelegt hat,
werdet ihr immer vergebens die Liebe Gottes anrufen - so lange unter euch die
Grausamkeit nicht berwunden ist, habt ihr von himmlischem Mitleid nichts zu
hoffen ...

                                     * * *

Was ich an diesem selben Tage noch Alles sehen und erfahren mute!
    Nicht wieder erzhlen, das wre freilich das Einfachste und Verlockendste.
Man schliet die Augen und wendet den Kopf ab, wenn gar zu Grauenhaftes sich
ereignet - auch das Gedchtnis hat die Fhigkeit zu solchem Augenschlieen. Wenn
doch nichts mehr zu helfen ist - was lt sich an der starren Vergangenheit
ndern? - wozu sich und die Anderen mit dem Whlen in dem Entsetzlichen qulen?
    Wozu? Das werde ich spter sagen. So viel nur jetzt: ich mu.
    Mehr noch. Nicht nur mein eigenes Gedchtnis will ich anstrengen - meine
Auffassungskraft reichte an die Wucht der Geschehnisse gar nicht heran -; ich
werde noch hinzufgen, was andere Zeugen jener Scenen - was Frau Simon, Doktor
Brauer und der schsische Feldhospital-Kommandant, Doktor Naundorff, (man
vergleiche des letztgenannten erschtterndes Buch Unter dem roten Kreuz)
berichtet haben.
    Wie in Horonewos, so hatte die Hlle noch in vielen anderen der umliegenden
Ortschaften ihre Filialen. So war es in Sweti, in Hradeck, in Problus. So in
Pardubitz, wo, als es die ersten Preuen besetzten, ... ber tausend
Schwerverwundete, Operierte und Amputierte umherlagen, teils sterbend, teils
schon gestorben, Leichen zwischen Verscheidenden und solchen, welche ihr Ende
ersehnten. Viele nur in blutigen Hemden, da man nicht einmal wissen konnte,
welches Landes Kinder sie waren. Alle die, welche noch Spuren des Lebens in sich
trugen, schreiend nach Wasser und Brot, sich krmmend unter den Schmerzen ihrer
Wunden, und um den Tod gleichwie um eine Wohlthat flehend.
    Ronitz, so schreibt Doktor Brauer in seinen Briefen, Ronitz, dieser
Ort, dessen Bild bis in meine Sterbestunde vor meinem Gedchtnisse stehen wird,
Ronitz, wohin ich am 6. Tage nach der mrderischen Schlacht von den Johannitern
geschickt wurde und wo das grte Elend, welches sich menschliche
Einbildungskraft vorzustellen vermag, noch an diesem Tage herrschte. Ich fand
daselbst unsern R. mit 650 Verwundeten, welche in elenden Scheunen und Stllen,
ohne Verpflegung, mitten unter Toten und Halbtoten, teilweise seit Tagen in
ihrem eigenen Kote lagen. Hier war es, wo ich nach Errichtung des Grabhgels des
gefallenen Oberstlieutenants v. F. so von Schmerz berwltigt wurde, da ich
eine Stunde lang die heiesten Thrnen vergo und mich trotz des Aufwandes
meiner ganzen moralischen Kraft kaum zu fassen vermochte. Obgleich ich als Arzt
gewohnt bin, menschliches Elend in allerlei Gestalt zu erblicken und in der
Ausbung meines Berufes es lernte, den Jammer der gequlten menschlichen Natur
zu ertragen, so entquollen doch in der That hier meinen Augen unaufhaltsame
Thrnen. Hier in Ronitz war es, wo ich am zweiten Tage, als ich erkannte, da
unsere Krfte solchem Elend nicht gewachsen seien, den Mut verlor und zu
verbinden aufhrte. - - -
    ... In welchem Zustand waren diese 600 Mnner (diesmal spricht Doktor
Naundorff). Es ist unmglich, dies mit Wahrheit zu schildern. An den noch immer
offenen Wunden saugten Mcken, mit denen sie bedeckt waren; im Fieber funkelnde
Blicke irrten forschend umher und suchten nach irgend einer Hilfe - nach Labung,
nach Wasser, nach Brot! Mantel, Hemd, Fleisch und Blut bildeten bei den Meisten
eine widerliche Mischung. Wrmer begannen sich darin zu erzeugen und
einzufressen. Ein abscheulicher Geruch erfllte jeglichen Raum. Alle diese
Soldaten lagen auf der nackten Erde, nur Wenige fanden etwas Stroh, auf welches
sie ihre elenden, verstmmelten Krper betten konnten. Einige, welche nur
lehmigen, durchgeweichten Boden unter sich hatten, sind in dem Schlamme
desselben halb versunken; sie vermgen nicht, sich aus ihm emporzuarbeiten;
Andere liegen in einer Pftze grulichen Schmutzes, den zu beschreiben jede
Feder sich struben mu.
    ... In Masloved - so erzhlte Frau Simon - ein Ort von ungefhr fnfzig
Nummern, lagen - acht Tage nach der Schlacht - 700 Verwundete. Nicht sowohl ihr
Jammergeschrei als ihre trostlose Verlassenheit drang zum Himmel empor. In einer
einzigen Scheune waren allein 60 dieser Unglcklichen aufgeschichtet. Eine jede
ihrer Wunden war an sich schon schwer, durch den hilflosen Zustand, den Mangel
an Pflege und Nahrung waren dieselben hoffnungslos geworden; fast Alle waren
brandig. Zerschossene Glieder bildeten nur noch faulende Fleischstcke,
Gesichter nur noch eine mit Schmutz bedeckte, zerronnene Blutmasse, in welcher
eine unfrmliche schwarze ffnung den Mund vorstellte, welchem grliche Tne
entquollen. Die fortschreitende Verwesung trennte ganze abgestorbene Teile von
diesen elenden Krpern. Lebendige liegen neben Toten gebettet, die in Fulnis
berzugehen beginnen und fr welche die Wrmer sich rsten.
    Diese sechzig Menschen, so wie der grte Teil der brigen, lagen seit einer
Woche auf derselben Stelle. Ihre Wunden waren entweder gar nicht, oder nur in
unzureichender Weise verbunden worden; seit dem Tage der Schlacht lagen sie,
unfhig sich von der Stelle zu bewegen, nur mangelhaft genhrt, ohne
hinreichendes Wasser. Unter sich ein durch Blut und Unrat verfaulendes Lager, so
verbrachten sie acht Tage! Lebendige Leichname, durch deren zuckende Glieder
eine vergiftete Blutwelle nur noch trge ihren Umlauf vollendet. Sie hatten noch
nicht sterben knnen, und doch - wie durften sie erwarten, je wieder lebendig zu
werden? Was ist dabei des Staunens werter - beschlo Frau Simon diesen Bericht
- die unendliche Lebenskraft der menschlichen Natur, welche das erduldet und
noch zu atmen vermag, oder der Mangel an zureichender Hilfe?
    Das Staunenswerteste ist - will mich bednken - da Menschen einander in
solche Lage bringen, - da Menschen, die so etwas gesehen, nicht kniend
hinsinken und den leidenschaftlichen Eid schwren, gegen den Krieg zu kriegen:
da sie nicht - wenn sie Frsten sind - das Schwert von sich schleudern oder -
wenn sie keine Macht besitzen - nicht fortan ihr ganzes Wirken, in Wort und
Schrift, in denken, Lehren und Handeln dem einen Ziele widmen: Die Waffen
nieder!
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Frau Simon - sie nannten sie die Lazareth-Mutter - war eine Heldin.
Wochenlang hatte sie in jenen Gegenden geweilt und alle Drangsale und Gefahren
ertragen. Hunderte sind durch sie gerettet worden. Tag und Nacht arbeitete,
schaffte, befehligte sie. Bald verrichtete sie die demtigsten Dienste an den
Krankenlagern, bald kommandierte sie Transporte oder requirierte Lebensmittel.
Wenn sie an einem Orte Hilfe geschafft, so eilte sie ohne Rast an einen andern;
sie lie aus Dresden eine reiche Sendung kommen und fhrte dieselbe, trotz allen
entgegenstehenden Schwierigkeiten, nach den Punkten, welche der Hilfe bedurften;
sie bernahm die Vertretung der patriotischen Vereine auf bhmischem Boden und
errang sich da eine Stellung gleich derjenigen, welche Florence Nightingale in
der Krim eingenommen.
    Und ich? Gebrochen, trostlos, von Schmerz und Ekel berwltigt - nichts habe
ich zu helfen vermocht. Schon in der Kirche - unsere erste Etappe - fiel ich auf
den Stufen jenes Marienaltars erschpft zusammen und Doktor Bresser hatte alle
Mhe, mich wieder aufzurichten. Von dort schleppte ich mich an seiner Seite eine
Strecke weiter und wir kamen in eine solche Scheune, welche ein Bild bot, wie es
Frau Simon beschrieben. In der Kirche wenigstens war ein weiter Raum, wo die
Unglcklichen neben einander lagen, hier aber waren sie auf- und ineinander
geschichtet - haufen- und knuelweise; in die Kirche waren doch Pflegende -
vielleicht ein durchmarschierendes Sanittskorps - gekommen, welche zwar
mangelhafte, aber doch einige Hilfe geboten hatten; hier aber waren lauter ganz
ungefunden Gebliebene - eine krabbelnde, wimmernde Masse halbverfaulter
Menschenreste ... Erstickender Ekel packte mich an der Kehle, bitterster Jammer
am Herzen - mir war als fhlte ich Letzteres entzwei brechen - und ich stie
einen gellenden Schrei aus. Dieser Schrei ist das letzte, was mir von jener
Scene in Erinnerung geblieben.

Als ich wieder zur Besinnung kam, befand ich mich in einem fahrenden
Eisenbahnwagen. Mir gegenber sa Doktor Bresser. Als er gewahrte, da ich die
Augen geffnet und erstaunt und forschend um mich schaute, ergriff er meine
Hand:
    Ja, ja, Frau Martha, sagte er, dies ist ein Koupee zweiter Klasse - Sie
trumen nicht. Sie sind hier in Gesellschaft einiger leichtverwundeter Offiziere
und Ihres Freundes Bresser, und wir fahren nach Wien.
    So war es. Der Doktor hatte einen Transport Verwundeter von Horonewos nach
Kniginhof gebracht, und von dort war ihm ein anderer Transport zur Befrderung
nach Wien anvertraut worden. Mich Ohnmchtige - in der doppelten Bedeutung des
Wortes ohnmchtig - hatte er mitgenommen und brachte mich nach Hause. Ich hatte
mich auf jenen Sttten des Elends als vllig unntz und unfhig erwiesen, als
ein Hindernis und eine Brde; Frau Simon war sehr froh, als Doktor Bresser mich
fortschaffte. Und ich mute zugeben, da es so am besten war. Aber Friedrich? -
Ich hatte ihn nicht gefunden. Gott sei Dank - da ich ihn nicht gefunden: so war
noch nicht alle Hoffnung tot: und htte ich gar den geliebten Mann unter jenen
Jammergestalten erkennen mssen - ich wre wahnsinnig geworden! Vielleicht wrde
ich zu Hause einen Brief meines Friedrich vorfinden ... Diese Hoffnung - nein,
Hoffnung ist zu viel gesagt: der Gedanke an diese bloe Mglichkeit - go mir
einen Balsam in die wunde Seele. Ja wund - wund fhlte ich mein Inneres ... Das
Riesenweh, welches ich gesehen, hatte mir so tief ins eigene Herz geschnitten,
da mir war, als sollte es nie mehr ganz geheilt werden knnen. - Auch wenn ich
meinen Friedrich wiederfnde, auch wenn mir eine lange Zukunft von Glanz und
Liebe bescheert wrde, knnte ich denn jemals vergessen, da so viele andere
meiner armen Menschenbrder- und -Schwestern so unsgliches Unglck tragen
mssen? So lange tragen mssen, als sie nicht zur Einsicht kommen, da dieses
Unglck nicht Verhngnis, sondern Verbrechen ist. - -
    Ich schlief beinahe whrend der ganzen Fahrt. Doktor Bresser hatte mir ein
leichtes Narkotikum eingegeben, damit ein langer und fester Schlaf meine durch
die Erlebnisse von Horonewos so erschtterten Nerven wieder einigermaen
beruhige.
    Als wir auf dem wiener Bahnhof ankamen, stand schon mein Vater da, mich
abzuholen. Doktor Bresser, der an Alles dachte, hatte nach Grumitz
telegraphiert. Ihm selbst wre es nicht mglich gewesen, mich dahin zu
begleiten, da er seine Verwundeten in das Hospital zu bringen hatte und dann
unverzglich wieder nach Bhmen zurckkehren wollte.
    Mein Vater umarmte mich schweigend und auch ich fand kein Wort zu sagen.
Dann wandte er sich an Doktor Bresser.
    Wie soll ich Ihnen danken? Htten Sie nicht diese kleine Verrckte in
Schutz genommen - -
    Aber der Doktor drckte uns eilig die Hnde.
    Ich mu weg, sagt er, ich habe Dienst. Kommen Sie glcklich nach Hause.
Die junge Frau braucht Schonung, Excellenz ... ist stark erschttert worden ...
keine Vorwrfe, kein Ausfragen ... schnell ins Bett: ... Orangenbltenwasser ...
Ruhe, Adieu! Und fort war er.
    Mein Vater legte meinen Arm in den seinen und fhrte mich durch das Gedrnge
dem Ausgang zu. Da stand wieder eine lange Reihe von Ambulanzwagen. Wir muten
eine Strecke zu Fu gehen, um zu der Stelle zu gelangen, wo unser Wagen wartete.
    Die Frage: Ist mittlerweile Nachricht von Friedrich gekommen? stieg mir
wiederholt zu den Lippen empor, ich fand aber nicht den Mut, sie auszusprechen.
Endlich - wir waren schon ein Stck gefahren und mein Vater war noch immer stumm
- brachte ich dieselbe hervor:
    Bis gestern Abend nicht, lautete die Antwort. Mglich, da wir heute
Nachricht finden. Ich bin nmlich schon gestern, gleich nach Empfang des
Telegramms, zur Stadt gefahren. Ach, hast Du uns Angst gemacht, Du nrrisches
Ding! Auf die Schlachtfelder fahren, dem grimmigen Feind entgegen - diese Leute
sind ja wie die Wilden ... Durch ihre Spitzkugelsiege sind sie ganz berauscht
... und berhaupt: disziplinierte Soldaten sind sie ja nicht, diese
Landwehrleute - von solchen kann man sich auf die rgsten Unthaten gefat
machen, und Du - eine Frau - lufst da mitten hinein; Du - nun der Doktor hat
mir verordnet, Dir keine Vorwrfe zu machen -
    Wie geht es meinem Sohne Rudolf?
    Der schreit und heult nach Dir, sucht Dich im ganzen Haus, will nicht
glauben, da Du weggereist seiest, ohne ihm einen Abschiedsku zu geben. Und
nach den Anderen frgst Du nicht? nach Lilli, Rosa, Otto, Tante Marie? Du kommst
mir berhaupt so teilnahmslos vor -
    Wie geht es Allen? Hat Konrad geschrieben?
    Gut geht es Allen. Von Konrad kam gestern ein Brief - es ist ihm nichts
geschehen. Lilli ist selig. Du wirst sehen, von Tilling wird nchstens auch gute
Nachricht eintreffen. Leider ist in politischer Hinsicht nichts Gutes zu
erwarten. Du hast doch von dem groen Unglck gehrt?
    Welches? ... Ich habe in der Zeit gar nichts Anderes gesehen, als groes
Unglck.
    Ich meine Venetien - unser schnes Venetien fortgeschleudert - dem
Intriganten Louis Napoleon auf dem Prsentierteller gereicht! Und das nach
solchen glnzenden Siegen, wie wir sie bei Custozza errungen haben ... Statt
unsere Lombardei zurckzunehmen, auch noch unser Venedig hingeben! Freilich,
dadurch sind wir die Feinde im Sden los, haben auch den Louis Napoleon fr uns
und knnen jetzt mit aller Wucht fr Sadowa Rache nehmen, den Preuen aus dem
Lande hinauswerfen, ihn verfolgen und uns Schlesien holen. Benedek hat groe
Fehler begangen, jetzt aber wird der Oberbefehl in die Hnde des glorreichen
Feldherrn der Sdarmee gelegt ... Du antwortest nicht? Nun denn, so will ich
Dir, immer nach Bressers Verordnung - Ruhe lassen.
    Nach zweistndiger Fahrt kamen wir in Grumitz an.
    Als unser Wagen im Schlohof einfuhr, strzten uns die Schwestern entgegen.
    Martha, Martha - riefen Beide schon von weitem: Er ist da!
    Und nochmals - am Wagenschlag
    Er ist da, Martha!
    Wer?
    Friedrich, Dein Mann.

Ja - so war es. Erst gestern, spt am Abend, war Friedrich mit einem
Verwundetentransporte von Bhmen nach Wien und von dort hierher gebracht worden.
Er hatte eine Kugel in das Bein bekommen, eine Wunde, die ihn augenblicklich
dienstunfhig und pflegebedrftig machte, die jedoch gnzlich ungefhrlich war.
    Aber auch die Freude ist schwer zu ertragen. Die mir von meinen Schwestern
so unvorbereitet zugerufene Nachricht: Friedrich ist da wirkte ebenso, wie die
Schrecknisse der vergangenen Tage: sie raubte mir die Besinnung.
    Man mute mich aus dem Wagen in das Schlo tragen und zu Bett bringen. Hier
verbrachte ich - war es die Nachwirkung des Narkotikums, war es die Heftigkeit
des Freudenschlages? - mehrere Stunden in bald schlafender, bald delirierender
Bewutlosigkeit. Als ich zu mir kam und mich in meinem Bette sah, da glaubte
ich, da ich aus einem schweren Traum erwachte und da ich von Grumitz gar nicht
fortgekommen war. Der Brief Bressers, mein Entschlu nach Bhmen abzureisen,
meine Erlebnisse dortselbst - die Rckfahrt, die angekndigte Heimkehr
Friedrichs: Alles nur getrumt ...
    Ich blickte auf. Am Fue des Bettes stand meine Kammerjungfer.
    Ist mein Bad bereit? fragte ich, ich will aufstehen.
    Jetzt strzte aus einer Ecke des Zimmers Tante Marie hervor:
    Ach Martha, armer Schatz, bist Du endlich wach und bei Sinnen - Gott sei
Dank! Ja, ja, steh auf - und ja, ja, nimm Dein Bad, das wird wohl thun ... wenn
man so von Straen- und Eisenbahnstaub bedeckt ist, wie Du -
    Eisenbahnstaub - was meinst Du denn?
    Schnell, steh' auf - Netti, richten Sie Alles vor. Friedrich vergeht schon
vor Ungeduld, Dich zu sehen.
    Friedrich, mein Friedrich!!!
    Wie oft hatte ich in den letzten Tagen diesen Namen so schmerzlich
ausgerufen - aber jetzt war es ein Jubelruf - denn nunmehr hatte ich verstanden;
es war kein Traum; ich war fortgewesen und heimgekehrt und sollte den Gatten
wiedersehen!
    Eine Viertelstunde spter trat ich bei ihm ein. Allein. - Ich hatte mir
ausgebeten, da Niemand mit mir komme. Bei unserem Wiederfinden sollte kein
Dritter anwesend sein.
    Friedrich! - Martha! Ich war auf das Ruhebett hingestrzt, auf dem er
lag und schluchzte an seiner Brust.
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Es war dies das zweite Mal im Leben, da mir der geliebte Gatte aus den
Gefahren des Krieges zurckgegeben ward.
    O, die Seligkeit, ihn wieder zu haben! Wie kam ich, gerade ich dazu, mitten
aus der Schmerzensflut, in der so Viele untergegangen, an ein sicheres,
glckliches Ufer gelangt zu sein? Wohl Denen, die in solcher Lage freudig den
Blick zum Himmel heben und dem Lenker oben warmen Dank emporsenden; durch diesen
Dank, den sie, weil er demtig gesprochen wird, auch fr demtig halten, von dem
sie gar nicht ahnen, wie anmaend und selbstberhebend er im Grunde ist, fhlen
sie sich entlastet; damit haben sie fr den ihnen verliehenen Vorzug, den sie
Huld und Gnade nennen, nach ihrer Meinung gengend quittiert. Ich war das nicht
im stande. Wenn ich an die Elenden dachte, die ich an jenen Jammersttten
gesehen, und an die beklagenswerten Mtter und Frauen dachte, deren Lieben von
demselben Schicksal, das mich begnstigt hatte, in Qual und Tod gestrzt worden
- da konnte ich unmglich so unbescheiden sein, diese Begnstigung als eine
gttlich beabsichtigte anzunehmen, fr die ich berechtigt wre, zu danken. Mir
fiel ein, wie neulich einmal Frau Walter, unsere Haushlterin, mit einem Besen
ber einen Schrank fuhr, worauf eine Schar zuckerwitternder Ameisen wimmelte -
so fegte das Schicksal ber die bhmischen Schlachtfelder weg; - die armen
schwarzen Arbeiterinnen waren zumeist zerdrckt, gettet, verstreut, nur Einige
blieben unversehrt. Wre es wohl von Diesen vernnftig und angemessen gewesen,
wenn sie der Frau Walter dafr innigen Dank emporgesendet htten? ... Nein, ich
konnte durch die Freude des Wiedersehens, so gro diese auch war, das Weh aus
meinem Herzen nicht vollstndig bannen - ich konnte nicht und wollte nicht. Zu
helfen war ich nicht im stande gewesen; verbinden, pflegen, warten - wie jene
barmherzigen Schwestern, wie die tapfere Frau Simon es gethan - dazu hatten
meine Krfte nicht gereicht. Aber die Barmherzigkeit, die aus Mitgefhl besteht,
die habe ich den armen Mitgeschpfen doch angedeihen lassen und die durfte ich
nicht, in egoistischem Vollvergngen, ihnen wieder entziehen - ich durfte nicht
vergessen.
    Aber wenn auch nicht frohlocken und danken - lieben, den Wiedergefundenen
hundertfach zrtlich in mein Herz schlieen: das durfte ich wohl ...
    O Friedrich, Friedrich! wiederholte ich unter Thrnen und Liebkosungen,
habe ich Dich wieder!
    Und Du wolltest mich suchen und pflegen? Wie heldenhaft und wie thricht,
Martha!
    Thricht, ja - das sehe ich ein. Die rufende Stimme, die mich fortzog, war
Einbildung, war Aberglaube, denn Du riefst mich nicht. Aber heldenhaft? Nein.
Wenn Du wtest, wie feig ich mich dem Elend gegenber erwies! Nur Dich - nur
wenn Du dort gelegen - htte ich pflegen knnen. Ich habe Entsetzliches gesehen,
Friedrich, was ich nie vergessen werde. O unsere schne Welt, wie kann man sie
nur so verderben, Friedrich? Eine Welt, in der zwei Wesen einander so lieben
knnen, wie ich und Du - in der solches Feuerglck lodern kann, wie unser
Einssein - wie mag die nur so thricht sein, die Flammen des tod-und
jammerbringenden Hasses zu schren?
    Ich habe auch etwas Entsetzliches gesehen, Martha - etwas, das ich nie
vergessen kann. Denke Dir - auf mich losstrzend, mit gehobener Klinge, - es war
whrend eines Kavalleriegefechts bei Sadowa - auf mich losstrzend - Gottfried
von Tessow.
    Tante Korneliens Sohn?
    Derselbe. Er hat mich zur rechten Zeit erkannt und senkte die bereits
hiebbereite Waffe -
    Da hat er eigentlich gegen seine Pflicht gehandelt, wie? Einen Feind seines
Knigs und Vaterlandes verschont - unter dem nichtigen Vorwand, da derselbe ein
lieber Freund und Vetter sei ...
    Das arme Brschchen! Kaum hatte er den Arm sinken lassen, so sauste ein
Sbel ber seinem Kopf ... Es war mein Nebenmann, ein junger Offizier, der
seinen Oberstlieutenant schtzen wollte und -
    Friedrich hielt inne und bedeckte sein Gesicht mit beiden Hnden.
    Gettet? fragte ich schaudernd.
    Er nickte.
    Mama, Mama! kam es vom Nebenzimmer her und die Thr wurde aufgerissen. Es
war meine Schwester Lilli, den kleinen Rudolf an der Hand.
    Verzeih', da ich euer Wiedersehen-tte--tte stre, aber Dieser da
verlangt gar zu strmisch nach seiner Mama.
    Ich eilte dem Kind entgegen und prete es leidenschaftlich an mein Herz. -
Ach die arme, arme Tante Kornelie!

Noch am selben Tag kam der aus Wien telegraphisch gerufene Chirurg im Schlosse
an und nahm Friedrichs Wunde in Behandlung. Sechs Wochen uerste Ruhe - und die
Heilung wrde eine vollstndige sein.
    Da mein Mann den Dienst quittieren wrde, das stand nun bei uns Beiden
fest. Natrlich konnte dies erst nach Beendigung des Krieges ausgefhrt werden.
brigens konnte man den Krieg fglich als beendet betrachten. Nach dem Verzicht
auf Venedig war der Konflikt mit Italien beseitigt, Napoleons Freundschaft war
gewonnen und man wrde im stande sein, mit dem nordischen Sieger einen
glimpflichen Frieden abzuschlieen. Unser Kaiser selbst wnschte sehnlichst, dem
unglcklichen Feldzug ein Ende zu machen und wollte nicht noch seine Hauptstadt
einer Belagerung aussetzen. Die preuischen Siege im brigen Deutschland, so der
am 16. Juli stattgefundene Einzug der Preuen in Frankfurt a/M., verliehen dem
Gegner einen gewissen Nimbus, der - wie alle Erfolge - auch bei uns zu Lande
Bewunderung erzwang und eine Art Glauben weckte, da es eine geschichtliche
Mission sei, welche da von den Preuen mittelst gewonnener Schlachten ausgefhrt
wurde. Das Wort Waffenstillstand - Frieden war nun einmal gefallen, und da
konnte auf dessen Verwirklichung ebenso sicher gerechnet werden, wie man in
Zeiten, wo die Drohung des Krieges einmal ausgesprochen, ber kurz oder lang auf
den Ausbruch des Krieges rechnen mu. Selbst mein Vater gab jetzt zu, da unter
den obwaltenden Umstnden ein Aufheben der Feindseligkeiten angemessen wre; die
Armee war geschwcht, die Uberlegenheit des Zndnadelgewehres mute anerkannt
werden und ein Vormarsch der feindlichen Truppen nach der Hauptstadt, die
Beschieung Wiens und nebstbei auch die Zerstrung von Grumitz: das waren
Eventualitten, welche auch meinem kampflustigen Herrn Papa nicht sonderlich
zulchelten. Sein Vertrauen in die Unbesiegbarkeit der sterreichischen Truppen
war durch die Thatsachen denn doch erschttert worden; und es ist berhaupt eine
Neigung des menschlichen Geistes, von den laufenden Ereignissen anzunehmen, da
sie serienweise auftreten: da auf Erfolg wieder Erfolg, auf Unglck wieder
Unglck folgen msse. Besser also, in der Unglcksserie innehalten - die Zeit
der Genugthuung und der Rache wrde schon kommen ...
    Rache und immer wieder Rache? Jeder Krieg mu einen Besiegten aufweisen und
wenn dieser nur in einem nchsten Krieg Genugthuung finden kann, einem nchsten,
der natrlich wieder einen genugthuungheischenden Besiegten schaffen wird - wann
nimmt das ein Ende? Wie kann Gerechtigkeit erlangt, wann altes Unrecht geshnt
werden, wenn als Shnemittel immer wieder neues Unrecht angewendet wird? Keinem
vernnftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecken mit Tinte, lflecken mit
l wegputzen zu wollen - nur Blut, das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen
werden!
    Die in Grumitz obwaltende Stimmung war allgemein eine dstere. In der
Ortschaft herrschte Panik: die Preuen kommen, die Preuen kommen war auch
hier - trotz den von mancher Seite gehegten Friedenshoffnungen - immer noch die
ausgegebene Angstparole, und die Leute verpackten und vergruben ihre
Kostbarkeiten; auch bei uns im Schlosse hatten Tante Marie und Frau Walter dafr
gesorgt, da das Familiensilber in ein geheimes Versteck gebracht werde. Lilli
war in steter Sorge um Konrad, von welchem jetzt seit einigen Tagen die
Nachrichten ausgeblieben waren; mein Vater fhlte sich in seiner patriotischen
Ehre gekrnkt und wir beide, Friedrich und ich, trotz des still in unseren
Herzen ruhenden Glckes ber unsere Wiedervereinigung, waren von dem
miterlebten, so heftig mitempfundenen Unglck der Zeit auf das schmerzlichste
erschttert. Und von allen Seiten flo diesem Schmerze immer wieder neue Nahrung
zu. In smtlichen Zeitungsberichten, in allen Briefen aus Verwandten- und
Bekanntenkreisen nichts als Klage und Trauer. Da war ein Brief von Tante
Kornelie, welche ihr Unglck noch nicht kannte, worin sie in so rhrenden Worten
von der Furcht sprach, ihr einziges Kind etwa verlieren zu mssen - ein Brief,
ber den wir Zwei bittere Thrnen vergossen. Und wenn wir abends im Kreise
beisammen saen, da gab es nicht heiteres, scherzgewrztes Geplauder, Musik,
Kartenspiel und anregende Lektre, sondern immer nur - gesprochen oder gelesen -
Geschichten von Jammer und Tod. Wir lasen nichts anderes als Zeitungen und diese
waren mit Krieg und nichts als Krieg gefllt, und was wir sprachen, bezog
sich meist auf die Erfahrungen, welche Friedrich und ich von den bhmischen
Schlachtfeldern zurckgebracht hatten. Meine Abreise dahin wurde mir zwar von
Allen sehr bel genommen, dennoch lauschten sie gespannt, wenn ich von den
dortigen, teils selbsterlebten, teils mitgeteilten Ereignissen erzhlte. Rosa
schwrmte fr Frau Simon und schwor, falls der Krieg andauern sollte, sich der
schsischen Samariterin anzuschlieen Dagegen protestierte natrlich unser
Vater: Mit Ausnahme der barmherzigen Schwestern und der Marketenderinnen, hat
kein Frauenzimmer im Krieg 'was zu suchen ... ihr seht ja, wie untauglich unsere
Martha sich erwiesen hat. Das war ein unverzeihlicher Streich von Dir, Du tolles
Kind - Dein Mann sollte Dich noch nachtrglich dafr zchtigen. Friedrich
streichelte meine Hand: Ja, eine Thorheit war's - aber eine schne. - Wenn ich
von den Schrecknissen, die ich selber gesehen, oder die mir meine Reisegefhrten
mitgeteilt, in gar zu unverhllter Weise sprach, wurde ich oft von Tante Marie
oder von meinem Vater rgend unterbrochen: Wie kann man so abscheuliche Dinge
wiederholen? Oder: Schmst Du Dich nicht, als Frau, als zarte Dame, so
hliche Worte in den Mund zu nehmen? Als ich gar eines Abends von den
Verstmmelten sprach und das Los derer beklagte, die im Namen des Mannesmuts,
der Manneszucht und der Mannesehre in den Krieg getrieben, von dort zurckkehren
mssen, ihrer Mannheit auf ewig beraubt - - Martha! Vor den Mdchen!!! sthnte
Tante Marie, im Tone der hchsten sittlichen Entrstung.
    Da ri mir die Geduld:
    O ber eure Prderie - und o ber eure zimperliche Wohlanstndigkeit!
Geschehen drfen alle Greuel, aber nennen darf man sie nicht. Von Blut und Unrat
sollen die zarten Frauen nichts erfahren und nichts erwhnen, wohl aber die
Fahnenbnder sticken, welche das Blutbad berflattern werden; davon drfen
Mdchen nichts wissen, da ihre Verlobten unfhig gemacht werden knnen, den
Lohn ihrer Liebe zu empfangen, aber diesen Lohn sollen sie ihnen zur
Kampfesanfeuerung versprechen. Tod und Ttung hat nichts unsittliches fr euch,
ihr wohlerzogenen Dmchen - aber bei der bloen Erwhnung der Dinge, welche die
Quellen des fortgepflanzten Lebens sind, mt ihr errtend wegschauen. Das ist
eine grausame Moral, wit ihr das? Grausam und feig! Dieses Wegschauen - - mit
dem leiblichen und mit dem geistigen Auge - das ist an dem Beharren so vielen
Elends und Unrechts schuld! Wer nur erst den Mut htte, hinzuschauen, wo
Mitgeschpfe in Leid und Elend schmachten und den Mut htte, ber das Geschaute
nachzudenken -
    Ereifere Dich nicht, unterbrach Tante Marie, wir knnen doch nicht, so
viel wir auch zuschauen und nachdenken wollten, das bel von der Erde
wegschaffen - dieselbe ist nun einmal ein Jammerthal und wird es immer bleiben.
    Das wird sie nicht, entgegnete ich und behielt so doch das letzte Wort.

Die Gefahr, da Frieden geschlossen wird, rckt immer nher, klagte eines
Tages mein Bruder Otto.
    Wir saen eben wieder um den Familientisch - Friedrich auf seinem Ruhebett
daneben - und es hatte jemand aus der Zeitung die Nachricht vorgelesen, da
Benedetti in Bhmen angekommen sei - offenbar mit der Sendung betraut,
Friedensvorschlge zu unterbreiten.
    Nichts frchtete mein kleiner - er war zwar schon gro, doch hatte ich die
Gewohnheit ihn so zu nennen - mein kleiner Bruder so sehr, als da der Krieg ein
frhzeitiges Ende nehme und da es ihm nicht beschieden wre, den Feind aus dem
Land zu jagen. Es war nmlich aus Wiener-Neustadt die Nachricht erfolgt, da,
falls die Feindseligkeiten wieder aufgenommen wrden, dann bei der nchsten, am
18. August folgenden Ausmusterung nicht nur die Zglinge des letzten, sondern
auch mehrere des vorletzten Jahrganges sogleich in aktiven Dienst treten
drften. Diese Aussicht versetzte den jungen Helden in Entzcken. Gleich aus der
Akademie in den Krieg - welche Wonne! hnlich freut sich eine
Pensionatsschlerin hinaus in die Welt - auf den ersten Ball. Sie hat tanzen
gelernt - der Neustadter Schler lernte schieen und fechten -; sie sehnt sich,
unter einem angezndeten Kronleuchter, in festlicher Toilette, bei
Orchesterklang, ihre Kunst zu entfalten, und er sehnt sich nicht minder nach der
schmucken Uniform und nach dem groen Kanonenkotillon.
    Der Vater war ber dieses soldatische Feuer seines Lieblings natrlich hoch
erfreut:
    Sei ruhig, mein tapferer Junge, erwiderte er auf Ottos Seufzer ber den
drohenden Frieden, und klopfte ihm beifllig auf die Schulter; Du hast ein
langes Leben vor Dir. Wenn auch jetzt der Feldzug zu Ende wre, in den nchsten
Jahren mu es doch wieder losgehen.
    Ich sagte nichts. Seit meinem letzten Ausfall gegen Tante Marie hatte ich,
auf Friedrichs Weisung, den Vorsatz gefat und ausgefhrt, die leidigen
Streitereien ber das Thema Krieg mglichst zu vermeiden. Es konnte ja zu nichts
fhren, als zu Bitterkeiten; und seitdem ich die Spuren der grausigen Geiel mit
eigenen Augen gesehen, hatte sich mein Ha und meine Verachtung des Krieges so
vertieft, da mir jede Verteidigung desselben wie eine persnliche Beleidigung
in die Seele schnitt. Mit Friedrich waren wir ja einig: er wrde austreten; und
darber war ich auch im klaren: mein Sohn Rudolf wrde in keine militrische
Anstalt gethan, wo die ganze Erziehung darauf eingerichtet ist - und
folgerichtig eingerichtet sein mu - in den Jnglingen die Sehnsucht nach
kriegerischen Thaten zu wecken. Ich forschte meinen Bruder einmal aus, was denn
so die Ansichten seien, welche den Schlern in Bezug auf den Krieg beigebracht
werden. Aus seinen Antworten ging ungefhr folgendes hervor: Der Krieg wird als
ein notwendiges bel hingestellt (also doch bel - ein Zugestndnis dem Geiste
der Zeit), zugleich aber als der vorzglichste Erwecker der schnsten
menschlichen Tugenden, die da sind: Mut, Entsagungskraft und Opferwilligkeit,
als der Spender des grten Ruhmesglanzes, und schlielich als der wichtigste
Faktor der Kulturentwickelung. Die gewaltigen Eroberer und Grnder der
sogenannten Weltreiche - die Alexander, Csar, Napoleon - werden als die
erhabensten Beispiele menschlicher Gre angefhrt und der Bewunderung
empfohlen; die Erfolge und Vorteile des Krieges werden auf das lebhafteste
herausgestrichen, whrend man die in seinem Gefolge unabweisbar eintretenden
Nachteile - Verrohung, Verarmung, moralische und physische Entartung - gnzlich
mit Stillschweigen bergeht. - Nun ja; nach demselben System ward ja auch in
meinem - im Mdchenunterricht vorgegangen; dadurch war in meinem kindlichen
Gemt die Bewunderung fr die Kriegslorbeeren entstanden, die mich einst
beseelte. War ich doch selber von Bedauern erfllt gewesen, da mir nicht, wie
den Knaben, die Mglichkeit winkt, solche Lorbeeren zu pflcken, - konnte ich es
nun einem Knaben verargen, da ihn diese Mglichkeit mit Freude und mit Ungeduld
erfllte?
    Und so antwortete ich denn nichts auf Ottos Klageruf, sondern setzte ruhig
meine Lektre fort. Ich las, wie gewhnlich, eine Zeitung und diese war - auch
wie gewhnlich - mit Berichten vom Kriegsschauplatz gefllt.
    Da ist eine interessante Korrespondenz eines Arztes, der den Rckzug
unserer Truppen mitgemacht hat ... soll ich laut lesen? fragte ich.
    Den Rckzug? rief Otto. Das mchte ich lieber nicht hren. Ja, wenn es
die Geschichte vom Rckzug des verfolgten Feindes wre -
    Es nimmt mich berhaupt Wunder, bemerkte Friedrich, da jemand etwas von
einer mitgemachten Flucht erzhlt; das ist eine Kriegsepisode, ber welche die
Beteiligten zu schweigen pflegen.
    Ein geordneter Rckzug ist noch keine Flucht, fiel mein Vater ein. Da
hatten wir einmal im Jahre 49 - es war unter Radetzky -
    Ich kannte die Geschichte und verhinderte deren Abrollung, indem ich
unterbrach:
    Dieser Bericht war an eine medizinische Wochenschrift eingesendet, daher
nicht fr militrische Kreise bestimmt. Hrt zu.
    Und ohne weiter um Erlaubnis zu fragen, las ich die Stelle vor:
    - - Um vier Uhr fingen unsere Truppen zu retirieren an. Wir rzte waren
noch vollauf beschftigt mit dem Verbinden der Verwundeten - deren Zahl einige
Hundert - welche noch der Abfertigung harrten. Pltzlich sprengte Kavallerie auf
uns heran und strmte neben und hinter uns ber Hgel und Felder - gleichzeitig
Artillerie- und Fuhrwesenwagen - gegen Kniggrtz zu. Viele Kavalleristen
strzten und wurden von den nachstrmenden Pferden vllig zerstampft. Wagen
fielen um und zerdrckten die sich dazwischen drngenden Fugnger. Wir wurden
vom Verbandplatze, der pltzlich verschwand, auseinandergeworfen. Man rief uns
zu Rettet euch. Inmitten dieses Geschreies hrte man noch den Donner der Kanonen
und Granatsplitter fielen in unsere Massen. So wurden wir von der Menge
fortgedrckt, ohne zu wissen, wohin. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen.
Meine alte Mutter ... meine heigeliebte Braut, lebt wohl! ... - Pltzlich
hatten wir Wasser vor uns; rechts einen Eisenbahndamm, links einen Hohlweg,
vollgestopft mit schwerflligen Requisitions- und Verwundetenwagen, und hinter
uns noch eine unabsehbare Reihe von Reitern. Wir wateten durch das Wasser. Jetzt
kam Befehl, die Strnge der Pferde abzuschneiden, die Pferde zu retten und die
Wagen zurckzulassen. Auch die Wagen mit den Verwundeten? Ja - auch die. Wir
Fugnger waren der Verzweiflung nahe; wir wateten wiederholt bis ber die Knie
im Wasser, in der Angst, jeden Augenblick niedergestoen zu werden und zu
ertrinken. Endlich gelangten wir in einen Bahnhof, der wieder ganz verrammelt
war. Viele durchbrachen die Verrammlung, die anderen sprangen darber hinweg -
ich lief mit Tausenden Infanteristen hinterher. Jetzt kamen wir zu einem Flu -
durchwateten ihn; dann sprangen wir ber Palissaden, gingen abermals bis an den
Hals ber einen zweiten Flu, kletterten ber Anhhen hinauf, sprangen ber
gefllte Bume und langten um 1 Uhr nachts in einem Wldchen an, wo wir vor
Erschpfung und Fieber niedersanken. Um 3 Uhr marschierten wir - das heit ein
Teil von uns, ein anderer Teil von uns mute zurckbleiben, da zu sterben -
marschierten wir, noch triefend vor Nsse und Klte, weiter. Die Drfer alle
leer - keine Menschen, keine Lebensmittel, nicht einmal Trinkwasser - die Luft
verpestet. Tote auf den zerstampften Getreidefeldern, kohlschwarze Krper, die
Augen aus den Hhlen - - -
    Genug, genug! schrieen die Mdchen.
    Solche Sachen sollte die Censur gar nicht erlauben, bemerkte mein Vater.
Es knnte einem die Freude an dem Soldatenstand verleiden -
    Und besonders die Freude an dem Krieg, das wre wirklich schade, schaltete
ich halblaut ein.
    berhaupt, fuhr er fort, die Fluchtepisoden sollten diejenigen, welche
dabei waren, anstndigerweise verschweigen, denn es ist wahrlich keine Ehre, ein
allgemeines sauve qui peut mitgemacht zu haben. Der Wicht, der mit dem Rufe
Rettet euch das erste Signal zum Reiaus gibt, sollte sofort niedergeschossen
werden. Ein Feiger ruft es und tausend Tapfere werden dadurch demoralisiert und
mssen mitlaufen.
    Gerade so, entgegnete Friedrich, wie wenn ein Tapferer Vorwrts! ruft,
tausend Feige voranstrmen mssen - und dabei auch wirklich von momentaner
Tapferkeit durchglht werden. Es lassen sich die Menschen berhaupt nicht so
scharf in mutige und mutlose trennen; sondern ein jeder hat seine mehr oder
minder kouragierten, sowie mehr oder minder feigen Augenblicke. Und besonders,
wo es sich um Scharen handelt, hngt jeder einzelne von dem Zustand seiner
Gefhrten ab. Wir sind Herdengeschpfe und werden von Herdengefhlen beherrscht.
Wo ein Schaf hinberspringt, springen die anderen nach; wo einer Hurrah
schreiend voransprengt, schreien die anderen nachsprengend mit; und wo einer die
Flinte ins Korn wirft, um zu laufen, laufen die anderen auch. In dem einen Fall
wird die tapfere Truppe laut gepriesen, im zweiten wird ber ihr Vorgehen -
geschwiegen, und es sind doch dieselben Leute. Ja, dieselben Menschen sind es,
die je nach der Masseneinwirkung mutig oder mutlos sich gebrden und fhlen.
Nicht als anhaftende Eigenschaften sind Tapferkeit und Furcht zu betrachten,
vielmehr als Gemtszustnde, gerade so wie Frhlichkeit und Trauer. Ich bin
whrend meines ersten Feldzuges einmal in den Wirbel einer solchen wilden Flucht
geraten. In den offiziellen Aufzeichnungen des Generalstabs wurde das Ding zwar
als wohlgeordneter Rckzug mit einigen Worten abgethan - es war aber eine
richtige Deroute. Das tobte und kollerte und raste fort, in namenloser
Verwirrung: die Waffen, die Tornister, die Tschakos und die Mntel wurden
weggeschleudert - kein Kammondowort mehr zu hren - keuchend, schreiend,
verzweiflungsgepeitscht, stoben die aufgelsten Bataillone dahin, der
nachsprengende und nachfeuernde Feind hinterher ... Das ist unter den vielen
grausamen Phasen des Krieges die grausamste: wenn die beiden Gegner nicht als
Kmpfer, sondern als Jger und Wild fungieren. Hier kommt fr den Jger die
roheste Mordlust, fr das Wild die bitterste Todesfurcht zum Vorschein. Gehetzt
und furchtgespornt, geraten die Verfolgten in eine Art Delirium; all die
anerzogenen Gefhle und Gesinnungen, welche den in den Kampf sich Strzenden
beleben - Vaterlandsliebe, Ehrgeiz, Thatendurst - die gingen dem Fliehenden
verloren. Ihn erfllt nur noch ein zu ganzer Gewalt entfesselter Trieb und zwar
der heftigste, der ein lebendes Wesen beherrschen kann: der
Selbsterhaltungstrieb. Dieser steigert sich - je nher die Gefahr - bis zum
hchsten Paroxysmus der Qual. Auch wer solches niemals durchgemacht, kann - wenn
anders er die Extasen der Liebeswonnen kennt - sich einen Begriff von jener
Schmerzenswut machen. Was fr den auf das uerste aufgestachelten Gattungstrieb
der Augenblick der Wollust ist, das ist fr den Erhaltungstrieb - gleichgradig,
nur auf dem anderen Ende der Skala - der Augenblick, da das erschpfte Wild
unter den Fngen der Meute zusammenbricht.
    Aber Tilling! kam es nun wieder in vorwurfsvollem Tone von Tante Marie -
Vor den Mdchen! Worte wie Wol-
    Und vor einem Jngling, fgte mein Vater ebenso vorwurfsvoll hinzu, vor
einem angehenden Soldaten, Worte wie Todesfurcht -
    Friedrich zuckte die Achseln:
    Ich wrde raten, entgegnete er, aus dem Lexikon vor allem das Wort Natur
zu streichen.

Friedrichs Genesung machte sichere Fortschritte. Auch die fiebernde Welt drauen
schien ihrer Gesundung nher zu kommen: immer fter und immer lauter ward das
Wort Friede gesprochen. Der Vormarsch der Preuen, welche auf ihrem Wege keinen
Widerstand mehr fanden und welche ber Brnn - dessen Schlssel der
Brgermeister dem Knig Wilhelm berreicht hatte - ruhig gegen Wien zogen,
dieser Vormarsch glich eher einem militrischen Spaziergang, als einem Kriegszug
- und am 26 Juli wurde denn auch richtig zu Nikolsburg ein Waffenstillstand mit
Friedensprliminarien abgeschlossen.
    Eine groe Freude erlebte mein Vater an der eingelaufenen Nachricht von
Admiral Tegethoffs Sieg bei Lissa. Italienische Schiffe in die Luft gesprengt -
der Affundatore zerstrt: welche Genugthuung! Ich konnte mich an dem Entzcken
nicht so recht beteiligen. berhaupt konnte ich nicht recht verstehen, warum -
da Venetien doch schon abgetreten war - warum diese Seeschlachten berhaupt noch
geliefert wurden. Aber so viel ist gewi, ber das Ereignis brach - nicht nur
bei meinem Vater - sondern in allen Wiener Blttern, der hellste Jubel aus. Der
Ruhm eines kriegerischen Sieges ist etwas durch Jahrtausende lange Tradition zu
solcher Gre Aufgebauschtes, da auf die Kunde eines solchen fr das ganze Volk
ein Stolzanteil entfllt. Wenn irgendwo ein vaterlndischer General einen
fremden General geschlagen hat, so wird jedem einzelnen Angehrigen des
betreffenden Staates gratuliert, und da jeder hrt, da sich alle anderen freuen
- was allerdings erfreulich ist - so freut sich schlielich in der That ein
jeder. Heerdengefhle wrde das Friedrich genannt haben.
    Ein anderes politisches Ereignis jener Tage war, da sich sterreich nunmehr
dem Genfer Vertrage anschlo:
    Nun - bist Du jetzt zufrieden? fragte mein Vater, als er diese Nachricht
gelesen; - siehst Du ein, da der Krieg, den Du immer eine Barbarei nennst, mit
der fortschreitenden Civilisation immer humaner wird? Ich bin ja auch fr das
menschliche Kriegfhren: den Verwundeten gebhrt die sorgfltigste Pflege und
alle mgliche Erleichterung ... Schon aus strategischen Grnden, welche
schlielich in Kriegssachen doch das Wichtigste sind; durch eine gehrige
Behandlung der Kranken knnen sehr viele in kurzer Zeit wieder kampffhig und in
die Reihen zurck versetzt werden.
    Du hast recht, Papa: wieder brauchbares Material - das ist die Hauptsache
... Aber nach den Dingen, die ich gesehen, kann kein rotes Kreuz ausreichen -
und htte es zehnmal mehr Leute und Mittel, - um das Elend abzuwehren, welches
eine Schlacht im Gefolge hat -
    Abwehren freilich nicht, aber mildern. Was sich nicht verhten lt, mu
man eben zu mildern trachten.
    Die Erfahrung lehrt, da eine ausreichende Milderung nicht mglich ist. Ich
wollte daher, der Satz wrde umgekehrt: Was sich nicht mildern lt, soll man
verhten!
    Es fing bei mir an, eine fixe Idee zu werden: Die Kriege mssen aufhren.
Und jeder Mensch mu beitragen, was er nur immer kann, auf da die Menschheit
diesem Ziele - sei's auch nur 1/1000 Linie - nher rcke. Die Bilder wurde ich
nicht mehr los, die ich da oben in Bhmen geschaut. Besonders des Nachts, wenn
ich aus festem Schlafe auffuhr, fhlte ich jenes wunde Weh im Herzen, und
zugleich im Gewissen eine Pflichtmahnung - als erteilte mir jemand den Befehl:
Verhindere, verhte, duld' es nicht! Erst wenn ich vollends wach geworden und
mich besann, was ich war, kam mir die Einsicht meiner Ohnmacht: Was soll denn
ich verhindern und verhten knnen? Da knnte mir einer ebensogut angesichts des
flut- und sturmdrohenden Meeres befehlen: Duld' es nicht! Schpfe es aus! - Und
mein nchster Gedanke war - besonders wenn ich seine Atemzge hrte - war ein
tiefglckliches: Friedrich hab' ich wieder, und ich versenkte mich in diese
Vorstellung, so lebhaft als nur mglich; da legte ich den Arm um den neben mir
Liegenden, auch auf die Gefahr, ihn aufzuwecken, und kte ihn auf den Mund.
    Mein Sohn Rudolf hatte eigentlich recht, auf seinen Stiefvater eiferschtig
zu sein - dieses Gefhl war nmlich seit letzter Zeit im Herzen des Kleinen
erwacht. Da ich von Grumitz abgereist war, ohne ihm adieu zu sagen, da ich bei
meiner Rckkunft nicht zuerst ihn zu umarmen verlangt; - da ich berhaupt fast
den ganzen Tag nicht von des Gatten Seite wich - das alles zusammengenommen
hatte das arme Brschchen veranlat, mir eines schnen Morgens weinend an den
Hals zu sinken und zu schluchzen:
    Mama, Mama, Du hast mich gar nicht mehr lieb!
    Was sprichst Du fr Unsinn, Kind?
    Ja ... nur ... nur Pa-pa ... Ich ... ich will gar nicht ... gro werden,
wenn Du mich ... nicht mehr magst ...
    Nicht mehr mgen? Dich, mein Kleinod! - Ich kte und herzte das weinende
Kind. - Dich, mein einziger Sohn, mein Stolz, meine Zukunftsfreude! Ich habe
Dich ja so, ich habe Dich ja ber - nein, nicht ber alles, aber so unendlich
lieb.
    Nach diesem kleinen Auftritt war mir die Liebe zu meinem Buben wieder
lebhafter zum Bewutsein gekommen. In der letzten Zeit war ich in der That von
der Angst um Friedrich so sehr eingenommen gewesen, da der arme Rudolf ein
wenig in den Hintergrund gedrngt worden.
    Die Plne, welche wir miteinander, Friedrich und ich, fr die Zukunft
schmiedeten, waren folgende: nach Beendigung des Krieges Austritt aus dem
Militrdienst und Zurckziehung nach einem kleinen, billigen Ort, wo Friedrichs
Obersten-Pension und meine Zulage gengen konnten, unseren kleinen Haushalt zu
bestreiten. Wir freuten uns auf dieses einsame, selbststndige Beisammensein,
wie ein Paar junge Verliebte. Durch die zuletzt durchgemachten Ereignisse hatten
wir wieder so recht gelernt, da wir uns gegenseitig die Welt bedeuteten. Der
kleine Rudolf war brigens aus dieser Gemeinschaft nicht ausgeschlossen. Seine
Erziehung sollte als eine Hauptaufgabe unsere geplante Existenz ausfllen. Nicht
mig und zwecklos wollten wir die Tage dahinleben; da hatten wir unter Anderem
eine ganze Liste von Studien aufgestellt, die wir gemeinschaftlich pflegen
wollten. Unter den Wissenschaften war es namentlich ein Zweig der
Rechtswissenschaft, nmlich das Vlkerrecht, dem sich Friedrich ganz besonders
zu widmen vornahm. Er beabsichtigte, fern von allen utopistischen und sentimalen
Theorien, die praktische, die reale Seite des Vlkerfriedens zu untersuchen.
Durch die Lektre Buckles - zu welcher ich ihm den Ansto gegeben - durch die
Bekanntmachung mit den neuesten naturwissenschaftlichen Errungenschaften, welche
ihm durch die Bcher Darwins, Bchners und Anderer geoffenbart worden, hatte
sich ihm die berzeugung erschlossen, da die Welt einer neuen Erkenntnisphase
entgegen geht; und diese Erkenntnis in mglichster Flle sich anzueignen, das
schien, ihm nunmehr - neben den Freuden der Huslichkeit - Lebensinhalt genug.
    Mein Vater, der von unseren Absichten vorlufig nichts wute, machte ganz
andere Zukunftsplne fr uns:
    Du wirst jetzt ein junger Oberst sein, Tilling, und in zehn Jahren bist Du
sicher General. Bis dahin wird schon wieder ein Krieg ausbrechen und Du kannst
das Kommando eines ganzen Armeekorps - oder, wer wei? die Wrde eines
Generalissimus erlangen, und es wird Dir vielleicht das groe Glck beschieden,
sterreichs Waffen wieder zu ihrem vollen - momentan verdunkelten - Glanz zu
verhelfen. Wenn wir einmal das Zndnadelgewehr, oder vielleicht noch ein
wirksameres System eingefhrt haben, dann werden wir die Herren Preuen schon
drunter kriegen.
    Wer wei, meinte ich, vielleicht wird die Feindschaft mit Preuen
aufhren, vielleicht schlieen wir einst mit ihnen ein Bndnis -
    Mein Vater zuckte die Achseln:
    Wenn nur Frauen nicht ber Politik reden wollten! sagte er verchtlich.
Nach dem Vorgefallenen mssen wir die bermtigen zchtigen, wir mssen den
anektierten (so nennen sie's - ich sage geraubten) Staaten wieder zu ihrem
zertretenen Recht verhelfen, das erfordert unsere Ehre und das Interesse unserer
europischen Machtstellung. Freundschaft - Allianz mit diesen Frevlern?
Nimmermehr. Auer sie kmen demtig gekrochen.
    In diesem Fall, bemerkte Friedrich, wrde man wohl den Fu auf ihren
Nacken setzen; Bndnisse sucht und schliet man nur mit Jenen, die einem
imponieren, oder die gegen einen gemeinschaftlichen Feind Schutz leisten knnen.
In der Staatskunst ist Egoismus das oberste Prinzip.
    Nun ja, gab mein Vater zurck, wenn das ego Vaterland heit, so ist
solchem Egoismus doch alles Andere unterzuordnen, so ist doch Alles erlaubt und
geboten, was dem Interesse dieses Ichs dienlich erscheint.
    Es ist nur zu wnschen, entgegnete Friedrich, da im Verkehr der
Gemeinwesen dieselbe erhhte Gesittung erlangt werde, welche im Verkehr der
Einzelnen den rohen, faustrechtlichen Ich-Kultus verdrngt hat, und die Einsicht
immer mehr Platz greife, da die eigenen Interessen auch ohne Schdigung der
fremden, vielmehr im Verein mit diesen, am wirksamsten zu frdern sind.
    Was? fragte mein Vater, die Hand ans Ohr legend.
    Natrlich mochte Friedrich seinen langen Satz nicht wiederholen und
erlutern - und die Diskussion war zu Ende.

Ich komme morgen 1 Uhr nach Grumitz, Konrad.
    Den Jubel kann man sich vorstellen, den diese Depesche bei Lilli hervorrief.
So entzckt und freudig wird wohl kein anderer Ankmmling empfangen, wie einer,
der aus dem Kriege heimkehrt. Freilich war es in diesem Falle nicht auch, wie es
in den betreffenden Balladen und Kupferstichen am liebsten dargestellt wird:
die Heimkehr des Siegers; aber die menschlichen Gefhle der liebenden Braut
lieen sich von den patriotischen nicht beeintrchtigen, und htte Vetter Konrad
die Stadt Berlin genommen - ich glaube, es htte dies die Herzlichkeit von
Lillis Empfang nicht zu steigern vermocht.
    Ihm natrlich wre es lieber gewesen, wenn er mit siegenden Truppen
heimgekehrt wre; wenn er dazu beigetragen htte, seinem Kaiser die Provinz
Schlesien zu erobern. Indessen: berhaupt sich geschlagen zu haben ist ja fr
den Soldaten schon eine Ehre, auch wenn er der Geschlagene - ja sogar der
Gefallene ist; Letzteres ist ganz besonders rhmlich. So erzhlte Otto, da in
der Wien-Neustdter Akademie auf einer Ehrentafel die Namen aller jener Zglinge
eingetragen sind, welchen der Vorzug zu teil wurde, vor dem Feinde zu bleiben.
Tu  l'ennemi, sagt man in Frankreich, und es ist dies dort zu Lande - wie
berall - eine, besonders bei den Ahnen, sehr geschtzte Eigenschaft. Je mehr
man in seiner Familie Vorfahren aufweisen kann, die in Schlachten - gleichviel
ob gewonnenen oder verlorenen - ihr Leben gelassen haben, desto stolzer ist der
Enkel darauf, desto mehr Wert kann er auf seinen Namen, desto weniger Wert darf
er auf sein Leben legen. Um sich getteter Ahnen wrdig zu zeigen, mu man an
der Tterei - an der aktiven und passiven - seine helle Freude haben.
    Nun, desto besser, da, so lange es Kriege gibt, doch auch Leute vorkommen,
welche darin Erhebung, Begeisterung, ja sogar Genu finden. Die Zahl solcher
Leute wird jedoch tglich geringer, whrend die Zahl der Soldaten tglich grer
wird ... wohin mu das endlich fhren?
    Zur Unertrglichkeit.
    Und wohin fhrt diese?
    So weit dachte Konrad nicht. Seine Auffassung stimmte noch vortrefflich zu
der bekannten Lieutenantsarie aus der weien Dame: Ha, welche Lust, Soldat zu
sein, ha, welche Lust ... Wenn man ihn reden hrte, konnte man ihn frmlich um
die Expedition beneiden, welche er eben mitgemacht. Mein Bruder Otto war auch
von solchem Neide ganz erfllt. Dieser aus der Blut- und Feuertaufe
zurckgekehrte Krieger, der in seiner Husarenuniform von jeher schon so
ritterlich ausgesehen und jetzt auch noch mit einer ehrenvollen Schramme ber
das Kinn geziert war, der mitten im Kugelregen dringewesen, der vielleicht so
manchem Feind den Garaus gegeben - der erschien ihm jetzt von einem heldenhaften
Nimbus umstrahlt.
    Es war keine glckliche Campagne, das mu ich zugeben, sprach Konrad,
dennoch habe ich ein paar herrliche Erinnerungen davon mitgebracht.
    Erzhle, erzhle, drngten Lilli und Otto.
    Ich kann da nicht viel Einzelheiten erzhlen - das Ganze liegt hinter mir
wie ein Taumel ... das Pulver steigt einem ganz sonderbar zu Kopfe. Eigentlich
beginnt der Rausch oder das Fieber - das kriegerische Feuer mit einem Wort -
schon beim Abmarsch. Zwar ist der Abschied vom Liebchen schwer gefallen - es war
das eine Stunde, welche das Herz mit weichem Weh erfllte - aber wenn man einmal
drauen ist, mit den Kameraden, dann heit es: jetzt wird an die hchste Aufgabe
gegangen, welche das Leben an den Mann stellen kann, nmlich das geliebte
Vaterland verteidigen ... Als dann die Spielleute den Radetzky-Marsch
intonierten und die seidenen Falten der Fahnen im Winde flatterten: ich mu
gestehen, in diesem Augenblick htt' ich nicht umkehren mgen - auch in den Arm
der Liebe nicht ... Da fhlte ich, da ich dieser Liebe nur dann wrdig wre,
wenn ich da drauen an der Seite der Brder meine Pflicht gethan ... Da wir zum
Siege marschierten, bezweifelten wir nicht. Was wuten wir von den abscheulichen
Spitzkugeln? Die allein waren an den Niederlagen schuld - ich sag' euch, die
schlugen in unsere Reihen ein wie Hagel ... Und auch schlechte Fhrung hatten
wir - der Benedek, ihr werdet sehen, wird noch vor ein Kriegsgericht gestellt
... Attakieren htten wir sollen ... Wenn ich jemals Feldherr wrde - meine
Taktik wre: angreifen, immer angreifen, das Prveniere spielen, ins
feindliche Land einfallen ... Das ist ja auch nur eine Art, und zwar die
schwerere, der Verteidigung:

Mu es sein - komm zuvor, komm zuvor,
Im rcksichtslosen Angriff liegt der Sieg.

    sagt der Dichter. - Doch das gehrt nicht hierher: mir hatte der Kaiser den
Oberbefehl nicht bergeben, also bin ich auch an den taktischen Mierfolgen
unschuldig - - die Generle sollen sehen, wie sie sich mit ihrem obersten
Kriegsherrn und wie mit ihrem eigenen Gewissen abfinden - wir Offiziere und
Truppen haben unsere Pflicht gethan; es hie sich schlagen, und wir haben uns
geschlagen. Und das ist ein eigenes Hochgefhl ... Schon die Erwartung, schon
diese Spannung, wenn man auf den Feind stt und wenn es heit: jetzt geht es
los ... Dieses Bewutsein, da in dem Augenblicke ein Stck Weltgeschichte sich
abspielt - und dann der Stolz, die Freude am eigenen Mut - rechts und links der
Tod, der groe, geheimnisvolle, dem man mnnlich trotzt -
    Ganz wie der arme Gottfried Tessow, murmelte Friedrich fr sich ... nun
ja - es ist ja dieselbe Schule -
    Konrad fuhr mit Eifer fort:
    Das Herz schlgt hher, die Pulse fliegen, es erwacht - und das ist die
eigentliche Verzckung - es erwacht die Kampflust, es lodert die Wut - der
Feindesha - zugleich die brennendste Liebe fr das bedrohte Vaterland, und das
Voranstrmen, das Dreinhauen wird zur Wonne. Man fhlt sich in eine andere Welt
versetzt, als die, in der man aufgewachsen, eine Welt, in der alle die gewohnten
Gefhle und Anschauungen in ihr Gegenteil verwandelt worden sind: das Leben wird
zum Plunder, Tten wird zur Pflicht. Die Ehre, das Heldentum, die groartigste
Selbstaufopferung sind allein noch brig, alle anderen Begriffe sind in dem
Gewirre untergegangen. Dazu der Pulverdampf, das Kampfgeschrei ... ich sage
euch, es ist ein Zustand, der sich mit nichts Anderem vergleichen lt.
Hchstens kann einem dieses selbe Feuer auf der Tiger- oder Lwenjagd
durchlodern, wenn man der wildgewordenen Bestie gegenbersteht und -
    Ja, unterbrach Friedrich, der Kampf mit dem toddruenden Feind, der
heie, sehnende und stolze Wunsch, ihn zu berwinden, erfllt mit einer eigenen
Wollust - pardon, Tante Marie - wie ja alles, was das Leben erhlt oder
weitergibt, von der Natur durch Freudenlohn gesichert wird. So lange der Mensch
von wilden - vier- und zweibeinigen - Angreifern bedroht war und sich nur durch
Erlegung derselben das Leben fristen konnte, ward ihm der Kampf zur Wonne. Wenn
uns Kulturmenschen im Kriege mitunter noch dieselbe Lust durchrieselt, so ist
dies eine angeerbte Reminiscenz. Und damit jetzt, wo es in Europa weder Wilde
noch Raubtiere gibt, uns jene Wonne nicht ganz entgehe, haben wir uns knstliche
Angreifer geschaffen. Da heit es: Pat auf: ihr habt blaue Rcke und die dort
drben haben rote Rcke; sobald dreimal in die Hnde geklatscht wird, verwandeln
sich fr euch die Rotrcke in Tiger, whrend fr jene ihr Blaurcke zu wilden
Bestien werdet. Also Achtung: Eins, zwei, drei - Sturm geblasen - Attake
getrommelt - - jetzt kann's losgehen - fret euch auf! - Und haben sich
zehntausend, oder je nach dem gesteigerten Heeresstand, hunderttausend
Kunsttiger unter gegenseitigem Kampfeswonne-Geheul bei Xdorf aufgefressen, so
gibt das die historisch zu werden bestimmte Xdorfer Schlacht; die
Hndeklatscher versammeln sich alsdann um einen grnen Kongretisch in Xstadt,
regeln auf der Karte verschobene Grenzmarken, feilschen ber
Kontributionsbetrge, unterschreiben ein Papier, welches in die
Geschichtsjahrbcher als der Xstdter Frieden eingetragen wird; klatschen
abermals dreimal in die Hnde und sagen den briggebliebenen Rot- und
Blaujacken: Umarmt euch, Menschenbrder!

In der Umgebung waren berall Preuen einquartiert, und jetzt sollte auch
Grumitz an die Reihe kommen.
    Obgleich der Waffenstillstand schon in Kraft und der Friede beinahe
gesichert war, so hegte die Bevlkerung noch allgemein Angst und Mitrauen. Die
Idee, da die Pickelhauben-Tiger sie zerreien wrden, wenn sie knnten, war den
Leuten nicht so leicht wegzunehmen; die drei Handschlge von Nikolsburg hatten
die Wirkung der drei Handschlge der Kriegserklrung noch nicht aufzuheben
vermocht, und nicht ausgereicht, um dem Landvolk in den Preuen wieder
Menschenbrder sehen zu machen. Der bloe Namen des gegnerischen Volkes bekommt
zu Kriegszeiten eine ganze Schar von hassenswerten Nebenbedeutungen - es ist
nicht mehr der Gattungsnamen einer augenblicklich bekriegten Nation, es wird
synonym mit Feind und fat allen Abscheu in sich, den dieses Wort ausdrckt.
    So geschah es, da die Leute in der Gegend zitterten, wie vor einbrechenden
Wlfen, wenn ein preuischer Quartiermeister daher kam, um Unterkunft fr einen
Truppenteil zu schaffen. Bei Manchen uerte sich neben der Furcht auch der Ha,
und diese whnten, eine patriotische Pflicht zu erfllen, wenn sie einem Preuen
'was zu leide thaten - wenn sie aus einem Versteck heraus dem Feind eine
Flintenkugel sandten. Es war dies fters vorgekommen, und wenn man den
Schuldigen fate, wurde er ohne viel Umstnde hingerichtet. Diese Beispiele
bewirkten, da die Leute ihren Ha verbissen und die einquartierten Soldaten
ohne Widerstand aufnahmen. Dann gewahrten sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen,
da der Feind eigentlich aus lauter gutmtigen, freundlichen und ehrlich
zahlenden Mitmenschen bestand.
    Eines Morgens - es war in den ersten Tagen des August - sa ich im Erker des
Bibliothekzimmers und schaute durch die offenen Fenster hinaus. Von hier hatte
man einen weiten Fernblick ber die Gegend. Mir war's, als she ich von weitem
einen Reitertrupp, der sich auf der Landstrae nach unserer Richtung bewegte.
    Preuische Einquartierung, war mein erster Gedanke. Ich setzte ein im
Erker stehendes Fernrohr zurecht und schaute nach dem betreffenden Punkt.
Richtig: eine Gruppe von ungefhr zehn Reitern mit wehenden schwarz-weien
Fhnlein an den Lanzenspitzen. Darunter ein Fugeher - im Jagdanzug. Warum ging
der so zwischen den Pferden? ... Ein Gefangener? ... Das Glas war nicht scharf
genug - ich konnte nicht erkennen, ob der vermeintliche Gefangene nicht etwa
einer unserer Forstbeamten war.
    Doch es hie, die Schlobewohner von dem kommenden Verhngnis in Kenntnis
setzen. Ich verlie eilig das Bibliothekzimmer, um meinen Vater und Tante Marie
aufzusuchen. Ich fand sie beide im Salon:
    Die Preuen kommen, die Preuen kommen! meldete ich atemlos. Man ist immer
froh, eine wichtige Nachricht als Erster mitteilen zu knnen.
    Hol' sie der Teufel, war meines Vaters wenig gastliche uerung, whrend
Tante Marie das Richtige traf, indem sie sagte:
    Ich will sogleich der Frau Walter Befehle zu den ntigen Vorbereitungen
geben.
    Und wo ist Otto? fragte ich. Den mu man benachrichtigen und ihn warnen,
da er nicht etwa seinen Preuenha leuchten lasse ... da er mit den Gsten
nicht unhflich sei.
    Otto ist nicht zu Hause, antwortete mein Vater, er ist heute frh auf
Rebhhner ausgegangen. Du httest ihn sehen sollen, wie schmuck ihm der
Jagdanzug steht ... das wird ein prchtiger Bursch' - an dem hab' ich meine
Freude.
    Indessen wurde es im Hause laut; man hrte hastige Schritte und aufgeregte
Stimmen.
    Sie kommen schon, die Windbeutel! seufzte mein Vater.
    Die Thr wurde aufgerissen und Franz, der Kammerdiener, strzte herein:
    Die Preuen, die Preuen! rief er in dem Tone, wie man Feuer, Feuer!
ruft.
    Die werden uns nicht fressen, bemerkte mein Vater mrrisch.
    Aber sie bringen einen mit, fuhr der Mann mit zitternder Stimme fort,
einen Grumitzer - ich wei nicht wer - der auf sie geschossen hat - und wer
soll auf solches Pack nicht gern schieen? ... aber der ist verloren. -
    Jetzt vernahm man den Laut von Pferdegetrampel mit Stimmengewirr vermengt.
Wir traten auf den Flur und schauten durch die nach dem Hof gehenden Fenster.
Soeben kamen die Ulanen hereingeritten und in ihrer Mitte - mit trotzigem,
bleichem Gesicht - Otto, mein Bruder.
    Der Vater stie einen Schrei aus und eilte die Treppe hinab. Mir stand das
Herz still. Was da bevorstand, war entsetzlich. Wenn Otto wirklich auf die
preuischen Soldaten geschossen hatte - und das sah ihm sehr hnlich - ... ich
vermochte den Fall gar nicht auszudenken ...
    Dem Vater nachzugehen, fehlte mir der Mut. Trost und Beistand in allen
Kmmernissen suchte ich stets nur bei Friedrich. Also raffte ich mich auf, um
mich in Friedrichs Zimmer zu begeben. Ehe ich jedoch dahin gelangte, kam mein
Vater wieder zurck, und Otto hinter ihm. An ihren Mienen sah ich, da die
Gefahr vorber war.
    Das Verhr hatte folgendes ergeben: der Schu war zufllig losgegangen. Als
die Ulanen herangeritten kamen, wollte Otto sie von der Nhe sehen; er lief
querfeldein, stolperte, fiel am Straengraben nieder und dabei entlud sich sein
Gewehr. Im ersten Augenblick war die Aussage des jungen Jgers von den Leuten
bezweifelt worden; sie nahmen ihn in ihre Mitte und brachten ihn als ihren
Gefangenen in das Schlo. Als sich aber herausstellte, da der Jngling der Sohn
des General Althaus und selber ein Militrzgling sei, lieen sie seine
Rechtfertigung gelten. Der Sohn eines Soldaten und selber angehender Soldat,
wird auf gegnerische Soldaten wohl im ehrlichen Kampfe, nicht aber zur Zeit der
Waffenruhe und nicht meuchlings schieen. Auf diese Worte meines Vaters hin,
hatte der preuische Unteroffizier den jungen Menschen frei gegeben.
    Und bist Du wirklich unschuldig? fragte ich Otto, bei Deinem Preuenha
wrde es mich nicht wundern, wenn -
    Er schttelte den Kopf:
    Ich werde hoffentlich im Leben noch genug Gelegenheit haben, antwortete
er, ein paar solchen draufzuschieen - aber nicht aus dem Hinterhalte - nicht,
ohne auch meine Brust ihren Kugeln auszusetzen.
    Brav, mein Junge! rief mein Vater, von diesen Worten entzckt.
    Ich konnte das Entzcken nicht teilen. Alle diese Phrasen, in welchen mit
dem Leben - dem der anderen und dem eigenen - so geringschtzig und prahlerisch
herumgeworfen wird, haben mir einen widerlichen Klang. Doch war ich von Herzen
froh, da die Sache so abgelaufen. Wie entsetzlich wre es doch fr meinen armen
Vater gewesen, wenn diese Leute den vermeintlichen Missethter ohne weitere
Umstnde gleich abgestraft htten. Da wrde der unselige Krieg, von dem unser
Haus bisher verschont geblieben, es doch noch ins Unglck gestrzt haben ...
    Die betreffende Abteilung war richtig gekommen, Quartier zu machen. Schlo
Grumitz war ausersehen, zwei Oberste und sechs Offiziere des preuischen Heeres
zu beherbergen. Im Dorfe sollte die Mannschaft untergebracht werden. Zwei Mann
wurden im Schlohof als Wache aufgestellt.
    Ein paar Stunden nach den Quartiermachern zogen die unfreiwilligen und
ungeladenen Gste schon bei uns ein. Wir waren seit mehreren Tagen auf den Fall
vorbereitet gewesen und Frau Walter hatte dafr gesorgt, da alle Gastzimmer und
-Betten bereit standen. Auch der Koch hatte gengende Vorrte herbeigeschafft
und der Keller barg eine erkleckliche Anzahl voller Fsser und alten Flaschen:
den Herren Preuen sollte es bei uns an nichts fehlen.

Als sich an diesem Tage die Schlogesellschaft auf das Zeichen der Tischglocke
im Salon versammelte, bot dieser ein glnzendes und lebensfrohes Bild. Die
Herren - bis auf Minister Allerdings, welcher augenblicklich unser Gast war -
smtlich in Uniform; die Damen in Putz. Seit langer Zeit hatten wir uns zum
erstenmal wieder aufgedonnert; Lori namentlich - die kokette Lori - welche am
selben Tag von Wien gekommen war, hatte auf die Nachricht hin, da fremde
Offiziere anwesend seien, ihre schnste Toilette ausgepackt und sich mit
frischen Rosen geschmckt. Gewi war es darauf abgesehen, dem einen oder dem
anderen Vertreter des feindlichen Heeres den Kopf zu verdrehen. Nun meinethalben
mochte sie smtliche preuische Bataillone erobern - aber Friedrich unbehelligt
lassen ... Lilli, die glckliche Braut, trug ein lichtblaues Kleid; Rosa -
wahrscheinlich auch sehr froh, wieder einmal jungen Kavalieren sich zeigen zu
knnen - war in rosa Mousseline gehllt; nur ich in der Ansicht, da Kriegszeit,
auch wenn man niemanden zu betrauern hat, immer Trauerzeit sei, hatte eine
schwarze Toilette angelegt.
    Ich erinnere mich noch an den eigentmlichen Eindruck, den es mir machte,
als ich an jenem Tag den Salon, in welchem die brigen schon versammelt waren,
betrat. Glanz, Heiterkeit, vornehmer Luxus - die geputzten Frauen, die schmucken
Uniformen: welcher Kontrast zu den noch vor so kurzer Zeit gesehenen Bildern von
Jammer, Schmutz und Schrecken. Und die Glnzenden, Heiteren, Vornehmen selber
sind es ja, welche freiwillig den Jammer in Scene setzen, welche nichts thun
wollen, ihn abzuschaffen, welche, im Gegenteil, ihn glorifizieren und mit ihren
Goldborten und Sternen den Stolz bekunden, den sie darein setzen, die Trger und
Sttzen des Jammersystems zu sein! ...
    Mein Eintritt unterbrach die in den verschiedenen Gruppen gefhrte
Unterhaltung, da mir nun unsere preuischen Gste smtlich vorgestellt werden
muten; - - zumeist vornehm klingende Namen auf - ow und auf witz; viele
von und sogar ein Prinz - ein Heinrich, ich wei nicht der wievielte, aus dem
Hause Reu.
    Das also waren unsere Feinde! Vollendete Gentlemen mit den geschliffensten
Gesellschaftsformen. Nun freilich: das wei man ja, wenn heutzutage mit einer
benachbarten Nation Krieg gefhrt wird, so hat man es nicht mit Hunnen und
Vandalen zu thun; aber doch: es wre viel natrlicher, sich den Feind als eine
wilde Horde vorzustellen, und es gehrt eine gewisse Anstrengung dazu, ihn als
ebenbrtigen Kulturbrger aufzufassen. Gott, der du die Widersacher derer, die
dir vertrauen, durch die Kraft deiner Verteidigung zurckwirfst, hre uns, die
wir um deine Erbarmnisse flehen, gndig an, damit wir nach der unterdrckten Wut
des Feindes dir in Ewigkeit danken knnen. So hatte allsonntglich der
Grumitzer Pfarrer gebetet. Wie mute da die Gemeinde sich den wtenden Feind
vorstellen? Gewi nicht so, wie diese hflichen Edelleute, die jetzt den
anwesenden Damen den Arm boten, um sie zu Tische zu fhren ... berdies hatte
Gott diesmal das Gebet der Anderen erhrt und unsere Wut unterdrckt - der
schumende, mordgierige Feind, der durch die Kraft der gttlichen Verteidigung
(wir nannten es zwar Zndnadelgewehr) zurckgeworfen worden, das waren ja wir -
O du heiliger Widersinn! ... Das waren so ungefhr meine Gedanken, whrend wir
an der mit Blumen und Fruchtschalen reich geschmckten Tafel uns in bunter Reihe
niederlieen. Auch das Silber war auf des Hausherrn Befehl aus dem Versteck
wieder hervor geholt. Ich sa zwischen einem stattlichen Obersten auf - ow und
einem schlanken Lieutenant auf - itz. Lilli selbstverstndlich an der Seite
ihres Brutigams; Rosa war von dem prinzlichen Heinrich zu Tisch gefhrt worden,
und der bsen Lori war es doch wieder gelungen, meinen Friedrich zum Nachbar zu
haben. Nur zu! Eiferschtig wrde ich doch nicht werden: - er war ja mein
Friedrich, am meinsten ...
    Es wurde sehr viel und sehr heiter gesprochen. Die Preuen fhlten sich
offenbar hchst vergngt, nach den durchgemachten Strapazen und Entbehrungen
wieder einmal an wohlbesetzter Tafel und in guter Gesellschaft zu festen; und
das Bewutsein, da der berstandene Feldzug ein siegreicher gewesen, trug
jedenfalls dazu bei, ihre Stimmung zu heben. Aber auch wir, die Besiegten,
lieen von Groll und Beschmung nichts merken und bemhten uns, die mglichst
liebenswrdigen Hauswirte zu spielen. Meinem Vater mute dies zwar - wie ich
seine Gesinnungen kannte - einige berwindung kosten, aber er fhrte seine Rolle
mit musterhafter Courtoisie durch. Der niedergeschlagenste war Otto. Seinem in
der letzten Zeit genhrten Preuenha, seiner Sehnsucht, den Feind aus dem Land
zu jagen, ging es sichtlich gegen den Strich, diesem selben Feind nun hflichst
Pfeffer und Salz hinberreichen zu mssen, statt ihn mit dem Bajonett
durchbohren zu drfen. Dem Thema Krieg wurde im Gesprch sorgfltig ausgewichen;
die Fremden wurden von uns behandelt, als wren sie unsere Gegend zufllig
besuchende Vergngungsreisende, und sie selber vermieden es noch ngstlicher,
auf die Sachlage - da sie nmlich als unsere berwinder hier hausten -
anzuspielen. Mein junger Lieutenant versuchte sogar recht angelegentlich, mir
den Hof zu machen. Er schwor auf Ehre und auf Taille, da es nirgends so
gemtlich sei, wie in sterreich, und da daselbst (mit seitwrts abgeschossenem
Zndnadelblick) die reizendsten Frauen der Welt zu finden seien. Ich leugne
nicht, da ich mit dem schmucken Marssohne auch ein wenig kokettierte; es
geschah, um der Lori Griesbach und ihrem Nachbar zu zeigen, da ich gegebenen
Falles mich einigermaen rchen knnte ... aber der da drben blieb ebenso ruhig
- wie ich es im Grunde meines Herzens eigentlich auch war. Vernnftiger und
zweckmiger wre es jedenfalls gewesen, wenn mein schneidiger Lieutenant
seine mrderischen Augengeschosse auf die schne Lori gezielt htte. Konrad und
Lilli, in ihrer Eigenschaft als Verlobte (solche Leute sollte man eigentlich
immer hinter Gitter setzen), wechselten ganz auffllig verliebte Blicke und
flsterten und stieen heimlich miteinander ihre Glser an und was dergleichen
Salonturteltauben-Manver mehr sind. Und, wie mir schien, noch eine dritte
Flirtation begann da sich zu entspinnen. Der deutsche Prinz nmlich - Heinrich
der so und so vielte - unterhielt sich auf das Angelegentlichste mit meiner
Schwester Rosa und dabei malte sich in seinen Zgen unverhohlene Bewunderung.
    Nach aufgehobener Tafel begab man sich in den Salon zurck, in welchem jetzt
der angesteckte Kronleuchter ein festliches Licht verbreitete.
    Die Terrassenthr stand offen. Drauen war die laue Sommernacht von mildem
Mondlicht durchflutet. Ich trat hinaus. Das Nachtgestirn warf seine Strahlen auf
die heuduftenden Rasenflchen des Parkes und spiegelte sich silberfunkelnd auf
dem im Hintergrunde ausgedehnten Teich ... War das wirklich derselbe Mond,
welcher mir vor kurzer Zeit den an eine Kirchhofsmauer gelehnten, vom
kreischendem Raubgevgel umkreisten Leichenhaufen gezeigt hatte? Und waren das
dieselben Leute drinnen - eben ffnete ein preuischer Offizier den Flgel, um
ein Mendelssohnsches Lied ohne Worte vorzutragen - waren das dieselben, die vor
kurzem noch mit dem Sbel um sich schlugen, um Menschenschdel zu spalten? ...
    Nach einer Weile kamen auch Prinz Heinrich und Rosa heraus. Sie sahen mich
nicht in meiner dunklen Ecke und gingen an mir vorber. Jetzt standen sie, an
das Gelnder gelehnt, nah, sehr nah nebeneinander. Ich glaube sogar, der junge
Preue - der Feind - hielt die Hand meiner Schwester in der seinen. Sie sprachen
leise, dennoch drang einiges von des Prinzen Rede zu mir herber: Holdseliges
Mdchen ... pltzliche, sieghafte Leidenschaft ... Sehnsucht nach huslichem
Glck ... Wrfel gefallen ... aus Barmherzigkeit nicht nein! ... Fle ich Ihnen
denn Abscheu ein? Rosa schttelt verneinend den Kopf. Da fhrt er ihre Hand an
seine Lippen und versuchte, den Arm um ihre Mitte zu schlingen. Sie, die
Wohlerzogene, entwindet sich rasch.
    Ach, mir wre es beinah lieber gewesen, wenn mir der sanfte Mondstrahl da
einen Liebesku beleuchtet htte ... Nach all den Bildern des Hasses und des
bitteren Jammers, die ich vor kurzem hatte schauen mssen, wre mir jetzt ein
Bild von Liebe und ser Lust wie etwas Vergtung erschienen. -
    Ach - Du bist es, Martha!
    Jetzt war Rosa meiner gewahr geworden - zuerst sehr erschrocken, da Jemand
diese Scene belauscht, dann aber beruhigt, da nur ich es war.
    Im hchsten Grade verlegen und bestrzt war jedoch der Prinz. Er trat an
mich heran:
    Ich habe Ihrer Schwester soeben meine Hand angeboten, gndige Frau. Legen
Sie gtigst ein Wort fr mich ein! Meine Handlungsweise wird Ihnen Beiden etwas
rasch und khn erscheinen. Zu einer anderen Zeit wrde ich wohl auch berlegter
und bescheidener vorgegangen sein - aber in den letzten Wochen habe ich es mir
angewhnt, schnell und keck voranzusprengen - da war kein Zgern noch Zagen
erlaubt ... und was ich im Kriege gebt, das habe ich jetzt unwillkrlich in der
Liebe wieder ausgefhrt ... Verzeihen Sie - und seien Sie mir gndig. Sie
schweigen, Komtesse? Verweigern Sie mir Ihre Hand?
    Meine Schwester kann doch nicht auch so rasch ber ihr Schicksal
entscheiden, kam ich Rosa, welche tiefbewegt und abgewandten Hauptes dastand,
zu Hilfe. Ob unser Vater seine Einwilligung zur Heirat mit einem Feinde geben,
ob Rosa die so pltzlich eingeflte Neigung auch erwidern wird - wer kann das
heute wissen?
    Ich wei es, antwortete sie und reichte dem jungen Manne beide Hnde hin.
Er aber ri sie strmisch an sein Herz.
    O, ihr nrrischen Kinder! sagte ich und zog mich leise einige Schritte
zurck, bis zur Saalthr, um zu wachen, da - wenigstens in diesem Augenblick -
Niemand herauskomme.

Am folgenden Tag ward die Verlobung gefeiert.
    Mein Vater leistete keinen Widerstand. Ich htte geglaubt, da sein
Preuenha es ihm unmglich machen wrde, einen der feindlichen Krieger und
Sieger in seine Familie aufzunehmen; aber sei es, da er die individuelle von
der nationalen Frage gnzlich trennte - (ein gebruchliches Vorgehen: Ich hasse
Jene als Nation, nicht als Individuen hrt man hufig beteuern, obschon es
keinen Sinn hat, ebensowenig Sinn, als wollte Einer sagen: Ich hasse den Wein
als Getrnk, aber jeden Tropfen verschlucke ich gern - doch vernnftig braucht
ja eine landlufige Phrase nicht zu sein - im Gegenteil) sei es, da der Ehrgeiz
die Oberhand gewann und eine Verbindung mit dem frstlichen Hause Reu ihm
schmeichelte; sei es endlich, da die so romantisch geuerte, pltzliche Liebe
der jungen Leute ihn rhrte: kurz, er sprach ein ziemlich bereitwilliges Ja.
Weniger einverstanden war Tante Marie. Unmglich! war ihr erster Ausruf. Der
Prinz ist ja lutherischer Konfession. Aber schlielich trstete sie sich mit
der Aussicht, da Rosa ihren Gatten wahrscheinlich bekehren werde. Im Herzen
Ottos grollte es am tiefsten. Wie, wollt ihr, sprach er, wenn wieder Krieg
ausbricht, da ich meinen Schwager aus dem Land verjage? Aber auch ihm wurde
die famose Theorie von dem Unterschied zwischen Nation und Individuum erlutert
und - zu meinem Staunen, denn ich habe sie nie begriffen - er begriff sie.
    Wie schnell und leicht man doch unter freudigen Umstnden das durchgemachte
Elend vergit! Zwei Liebespaare - oder, ich kann es khnlich sagen, drei, denn
Friedrich und ich, die Vermhlten, schwrmten nicht viel weniger freinander,
als die Verlobten - also so viele Liebespaare in der kleinen Gesellschaft, das
ergab doch eine glcksgehobene Stimmung. Schlo Grumitz war in den folgenden
paar Tagen eine Sttte der Heiterkeit und Lebenslust. Allmhlich fhlte auch ich
die Schreckensbilder der vergangenen Wochen aus meinem Gedchtnis entweichen.
Nicht ohne Gewissensbi wurde ich gewahr, wie mein vor kurzer Zeit noch so
brennender Mitschmerz in manchen Augenblicken ganz entschwand. - Von der
Auenwelt klang wohl noch immer Trauriges herber: die Klagen der Leute, die in
dem Kriege Hab und Gut oder teuere Hupter verloren; Nachrichten von drohenden
Finanzkatastrophen, von ausbrechenden Seuchen: die Cholera, hie es, habe sich
unter den preuischen Mannschaften gezeigt - sogar in unserem Dorfe wurde ein
Fall signalisiert - freilich ein zweifelhafter: Es wird die Ruhr sein - die
tritt ja jeden Sommer auf, trstete man sich. Nur immer verjagen - die trben
Gedanken und die bsen Befrchtungen: Es ist nichts - es ist vorbei - es
wird nichts kommen - das ist so leicht gedacht. Man braucht nur eine heftig
schttelnde Kopfbewegung zu machen und die unliebsamen Vorstellungen sind
verscheucht ...
    Hrst Du, Martha, sagte mir eines Tages die glckliche Braut, dieser
Krieg war freilich etwas Schauderhaftes, aber ich mu ihn doch noch segnen. Wre
ich ohne ihn so malos glcklich geworden, wie ich es jetzt bin? Htte ich
Heinrich jemals kennen gelernt? Und er - htte er jemals eine so liebende Braut
gefunden?
    Nun gut, liebe Rosa, ich will gern diese Auffassung mit Dir teilen: - es
mgen eure zwei beglckten Herzen gegen die vielen tausende gebrochenen in die
Wagschale fallen ...
    Nicht nur um Einzelschicksale handelt es sich, Martha. Auch im Groen und
Ganzen bringt der Krieg - fr Jene, die siegen - einen groen Gewinn, also einem
ganzen Volke. Man mu Heinrich darber reden hren. Er sagt, Preuen stehe jetzt
gro da - in dem Heere herrsche allgemeiner Jubel und begeisterte Dankbarkeit
und Liebe zu den Feldherren, die es zum Siege gefhrt ... dadurch ward der
deutschen Gesittung, dem Handel, oder sagte er dem deutschen Wohlstand - ich
wei nicht mehr genau ... die historische Mission ... kurz, man mu ihn reden
hren.
    Warum spricht Dein Brutigam nicht lieber von eurer Liebe, statt von
politischen und militrischen Dingen?
    O wir sprechen von Allem - und Alles, was er sagt, klingt mir wie Musik ...
Ich fhle es ihm so gut nach, da er stolz und selig ist, diesen Krieg fr Knig
und Vaterland mitgefochten -
    Und sich dabei als Beute ein so verliebtes Brutchen geholt zu haben,
ergnzte ich.
    Dem Vater gefiel sein knftiger Schwiegersohn sehr gut - und wem htte der
prchtige junge Mensch nicht gefallen sollen? Er erteilte ihm jedoch seine
Sympathie und seinen Segen unter allerlei Verwahrungen und Vorbehalt:
    Sie sind mir als Mensch und Soldat und als Prinz in jeder Hinsicht
schtzenswert, lieber Reu߫ so sagte er zu wiederholten Malen und in
verschiedenen Redewendungen, aber als preuischer Offizier kann ich Sie
natrlich nicht leiden und ich behalte mir - trotz aller Familienverbindung -
das Recht vor, nichts so sehr zu wnschen, als einen kommenden Krieg, in welchem
sterreich die jetzige berrumpelung tchtig heimzahlt. Die politische Frage ist
von der persnlichen ganz zu trennen. Mein Sohn wird einst - Gott walte - da
ich's erlebe - gegen das Land Preuen zu Felde ziehen; ich selbst, wenn ich
nicht zu alt wre und wenn mein Kaiser mich dazu beriefe, bernhme gleich ein
Kommando, um Wilhelm I. und besonders, um Ihren arroganten Bismarck zu
bekriegen. Dies verschlgt nicht, da ich die militrischen Tugenden der
preuischen Armee und die strategische Kunst ihrer Fhrer anerkenne und da ich
es ganz natrlich finden wrde, wenn Sie im nchsten Feldzug, an der Spitze
eines Bataillons, unsere Hauptstadt erstrmen wollten und das Haus anznden
lieen, in welchem Ihr Schwiegervater wohnt - kurz -
    Kurz, die Konfusion der Gefhle ist eine heillose, unterbrach ich einmal
eine solche Rhapsodie - die Widersprche und Gegenstze verschlingen einander
darin wie die Infusorien in einem faulenden Wassertropfen ... So geht es immer,
wenn widerstreitende Begriffe zusammengepfercht werden. Ein Ganzes hassen und
seine Teile lieben; - als Mensch so und als Landesangehriger so denken wollen -
das geht nicht: entweder - oder. Da lobe ich mir den Botokudenhuptling: der
empfindet fr die Anhnger eines anderen Stammes - von denen er nicht einmal
wei, da sie Individuen sind - weiter nichts, als den Wunsch, sie zu
skalpieren.
    Aber Martha, mein Kind, solche wilde Gefhle passen doch nicht zu dem
gesitteten und humaner gewordenen Stand unserer Kultur.
    Sage lieber, der Staub unserer Kultur pat nicht zu der aus alten Zeiten
uns berkommenen Wildheit. So lange diese - das heit so lange der Kriegsgeist
nicht abgeschttelt ist, lt sich unsere vielgepriesene Humanitt nicht
vernnftig vertreten. Denn Du wirst doch Deine eben gehaltene Rede, in welcher
Du dem Prinzen Heinrich versicherst, da Du ihn als Schwiegersohn lieben und als
Preuen hassen willst, als Menschen hochschtzen und als Oberlieutenant
verabscheuen, da Du ihm gern Deinen vterlichen Segen gibst und zugleich ihm
das Recht einrumst, gelegentlich auf Dich zu schieen - verzeih', lieber Vater,
aber diese Rede wirst Du doch nicht fr vernnftig ausgeben?
    Was sagst Du? Ich versteh' kein Wort ...
    Die beliebte Schwerhrigkeit hatte sich wieder rechtzeitig eingestellt.

Nach wenigen Tagen wurde es wieder still auf Grumitz. Unsere Einquartierung
mute abziehen und auch Konrad wurde zu seinem Regiment befohlen. Lori Griesbach
und der Minister waren schon frher abgereist.
    Die Hochzeit meiner beiden Schwestern ward auf den Oktober verlegt. Beide
sollten am selben Tage in Grumitz getraut werden. Prinz Heinrich wollte den
Dienst verlassen; jetzt nach diesem glorreichen Feldzuge, in welchem er sich
Befrderung geholt, konnte er dies leicht thun, um sich auf seinen Lorbeeren und
seinen Besitzungen auszuruhen.
    Der Abschied der zwei Liebespaare war ein schmerzlicher und glcklicher
zugleich. Man versprach, sich tglich zu schreiben, und die sichere Aussicht auf
das nahe Glck lie das Scheideweh nicht recht aufkommen.
    Sichere Aussicht auf Glck? ... Die gibt es eigentlich nie - doch zu
Kriegszeiten am allerwenigsten. Da schwebt das Unglck so dicht wie
Heuschreckenschwrme in der Luft; und die Chancen, auf einem Fleckchen zu
stehen, welches von der niedergehenden Geiel verschont bleibt, sind gar
geringe.
    Freilich - der Krieg war aus. Das heit, man hatte erklrt, da der Frieden
geschlossen sei. Ein Wort gengt, die Schrecknisse zu entfesseln, und da meint
man wohl auch, ein Wort knne gengen, dieselben sogleich wieder aufzuheben -
doch dies vermag kein Machtspruch. Die Feindseligkeiten werden eingestellt, aber
die Feindseligkeit dauert fort. Der Samen fr knftige Kriege ist gestreut und
die Frucht des eben beendigten Krieges entfaltet sich weiter: Elend,
Verwilderung, Seuchen. Ja, da half kein Leugnen und Nicht-dran-denken mehr: -
die Cholera wtete im Lande.
    Es war am Morgen des 8. August. Wir saen Alle um den Frhstckstisch unter
der Veranda und lasen unsere eben eingelaufenen Postsachen. Die zwei Brute
fielen auf die an sie gerichteten Liebesbriefe her - ich bltterte in den
Zeitungen. Aus Wien die Nachricht:

    Die Cholera-Sterbeflle mehren sich bedenklich; nicht nur in den Militr-
    auch in den Civilspitlern sind schon viele Erkrankungen signalisiert, die
    als echte cholera asiatica bezeichnet werden mssen, und die energischsten
    Maregeln werden allenthalben ergriffen, um der Verbreitung der Epidemie zu
    steuern.

Ich wollte die Stelle laut vorlesen, als Tante Marie, welche den Brief einer
Freundin aus einem Nachbarschlosse in Hnden hielt, erschreckt aufschrie:
    Entsetzlich! Betti schreibt mir, da in ihrem Hause zwei Personen an der
Cholera gestorben sind und jetzt auch ihr Mann erkrankt sei.
    Excellenz, der Lehrer wnscht zu sprechen.
    Hinter dem Diener trat auch schon der Gemeldete heran. Er sah bleich und
verstrt aus:
    Herr Graf, ich zeige ergebenst an, da ich die Schule schlieen mu.
Gestern sind zwei Kinder erkrankt und heute - gestorben.
    Die Cholera? riefen wir.
    Ich denke wohl ... wir mssen's beim Namen nennen. Die sogenannte Ruhr,
welche unter den Soldaten, die hier einquartiert wurden, ausbrach und der schon
zwanzig Mann erlegen sind - es war die Cholera. Im Dorf herrscht groer
Schrecken, denn der Doktor, der aus der Stadt hierher gekommen, hat unverhohlen
gesagt, da die schreckliche Krankheit nunmehr zweifellos die hiesige
Bevlkerung ergriffen hat.
    Was ist das? fragte ich aufhorchend - man hrt luten.
    Das ist das Sterbeglcklein, Frau Baronin, antwortete der Schulmeister.
Es wird wohl wieder Jemand in den letzten Zgen liegen ... Der Doktor hat
erzhlt, da in der Stadt die Sterbeglocke gar nicht mehr aufhrt zu erklingen
-
    Wir blickten einander Alle in der Runde an - stumm und bleich. Hier war er
also wieder - der Tod - und Jeder von uns sah dessen kncherne Hand nach dem
Haupte eines Teuern ausgestreckt.
    Fliehen wir! schlug Tante Marie vor.
    Fliehen, wohin? entgegnete der Lehrer. Ringsum ist ja das bel schon
verbreitet.
    Weit, weit weg - ber die Grenze -
    Da wird wohl ein Cordon errichtet werden, ber den man nicht hinauskann -
    Das wre ja entsetzlich! Man wird doch die Leute nicht hindern, ein
verseuchtes Land zu verlassen?
    Gewi - die gesunden Gegenden werden sich gegen Einschleppung verwahren.
    Was thun, was thun?! Und Tante Marie rang die Hnde.
    Den Willen Gottes abwarten, antwortete mein Vater mit einem tiefen
Seufzer. Du bist doch sonst so bestimmungsglubig, Marie - ich verstehe Deine
Fluchtsehnsucht nicht. Eines jeden Menschen Schicksal erreicht ihn, wo er immer
sei ... Aber immerhin - mir wre es auch lieber, wenn ihr Kinder abreisen wrdet
- und Du, Otto, da Du mir kein Obst mehr anrhrst.
    Ich werde sogleich an Bresser telegraphieren, sagte Friedrich, da er uns
Desinfektionsmittel sende ...
    Was dann spter folgte, ich kann es nicht mehr in seinen Einzelheiten
erzhlen, denn die Frhstckstisch-Episode war die letzte, die ich zu jener Zeit
in die roten Hefte eingetragen. Nur aus dem Gedchtnis kann ich die Ereignisse
der nchsten Tage berichten. Furcht und Bangen erfllte uns Alle, Alle. Wer
knnte zur Zeit der Epidemie nicht zittern, wenn man unter teuern Wesen lebt?
ber dem lieben Haupte eines Jeden schwebt ja das Damoklesschwert - und auch
selber sterben, so furchtbar und so unntz sterben - wem sollte der Gedanke
nicht Grauen einflen? Der Mut besteht hchstens darin, nicht daran zu denken.
    Fliehen? Diese Idee war mir auch gekommen - besonders, meinen kleinen Rudolf
in Sicherheit zu bringen ...
    Mein Vater, trotz allem Fatalismus, bestand auf der Flucht der Anderen. Am
kommenden Tage sollte die ganze Familie fort. Nur er wollte bleiben, um seine
Hausleute und die Einwohnerschaft des Dorfes in der Gefahr nicht zu verlassen.
Friedrich erklrte auf das Bestimmteste, auch bleiben zu wollen, und da war mein
Entschlu gleichfalls gefat: von des Gatten Seite wrde ich freiwillig nimmer
weichen.
    Tante Marie mit den beiden Mdchen und mit Otto und Rudolf sollten
schleunigst abreisen. Wohin? - das war noch nicht bestimmt - vorlufig nach
Ungarn, so weit wie mglich. Die Brute widersetzten sich durchaus nicht,
sondern halfen emsig packen ... Sterben - wenn in naher Zukunft die Erfllung
heier Liebessehnsucht, das heit verzehnfachte Lebenswonne winkt, das hiee ja
zehnfach sterben.
    Die Koffer wurden in den Speisesaal gebracht, damit, unter der Beihilfe
Aller, die Arbeit schneller von statten gehe. Ich brachte einen Pack von Rudolfs
Kleidern auf dem Arm herbei.
    Warum thut das nicht Deine Jungfer? fragte der Vater.
    Ich wei nicht, wo die Netti steckt ... ich klingelte ihr schon mehrere
Male und sie kommt nicht ... So bediene ich mich lieber selber -
    Du verdirbst Deine Leute, sagte mein Vater aufgebracht und er gab einem
anwesenden Diener Befehl, das Mdchen berall zu suchen und augenblicklich
hierher zu fhren.
    Nach einer Weile kam der Ausgesandte zurck - mit verstrter Miene.
    Die Netti liegt in ihrem Zimmer ... sie ist ... sie hat ... sie ist ...
    Kannst Du nicht sprechen? donnerte ihn mein Vater an. Was ist sie -?
    - Schon - ganz schwarz.
    Ein Schrei kam aus unser Aller Munder: Und so war es denn da - das grause
Gespenst - in unserem Hause selber ...
    Was nun thun? Konnte man das unglckliche Mdchen hilflos sterben lassen?
Aber, wer sich ihr nahte, holte sich fast sicher den Tod - und nicht nur sich -
er gab ihn dann wieder den Anderen weiter. - Ach, so ein Haus, in welches die
Seuche eingezogen, das ist, als wre es von Rubern umzingelt, oder als stnde
es in Flammen - berall, an allen Ecken und Enden - auf jedem Schritt und Tritt
- grinst der Tod. - -
    Hole augenblicklich den Arzt, befahl mein Vater zunchst. Und ihr,
Kinder, beschleunigt eure Abfahrt ...
    Der Herr Doktor ist seit einer Stunde nach der Stadt zurckgefahren,
antwortete der Diener auf meines Vaters Weisung.
    Weh ... mir wird bel! kam es jetzt von Lilli, welche bis in die Lippen
erbleichte und sich an eine Sessellehne anklammerte.
    Wir sprangen ihr bei:
    Was hast Du? ... Sei nicht thricht ... das ist die Angst ...
    Aber es war nicht die Angst, es war - kein Zweifel: wir muten die
Unglckliche auf ihr Zimmer bringen, wo sie sogleich von heftigen Erbrechungen
und den brigen Symptomen ergriffen wurde - es war an diesem Tage der zweite
Cholera-Fall im Schlosse.
    Entsetzlich war es anzuseher, was die arme Schwester litt. Und kein Doktor
da! Friedrich war der Einzige, der, so gut es ging, das Amt eines Solchen
versah. Er ordnete das Ntige an: warme Umschlge, Senfteig auf den Magen und an
die Beine - Eisstckchen - Champagner. Nichts half. Diese fr leichte
Choleraanflle ausreichenden Mittel, hier konnten sie nicht retten. Wenigstens
gaben sie der Kranken und den Umstehenden den Trost, da etwas geschah. Nachdem
die Anflle nachgelassen, kamen die Krmpfe an die Reihe - ein Zucken und Zerren
der ganzen Gestalt, da die Knochen krachten. Die Unselige wollte jammern: sie
konnte nicht, - denn die Stimme versagte ... die Haut wurde blulich und kalt -
der Atem stockte - -
    Mein Vater rannte hnderingend auf und nieder. Einmal stellte ich mich ihm
in den Weg:
    Das ist der Krieg, Vater! sagte ich. Willst Du den Krieg nicht
verfluchen?
    Er schttelte mich ab und gab keine Antwort.
    Nach zehn Stunden war Lilli tot. - Netti, das Stubenmdchen war schon frher
gestorben - allein auf ihrem Zimmer; wir Alle waren um Lilli beschftigt gewesen
und von der Dienerschaft hatte sich Niemand in die Nhe der schon ganz
Schwarzen gewagt ...
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Mittlerweile war Doktor Bresser angekommen. Die telegraphisch verlangten
Medikamente brachte er selber. Ich htte ihm die Hand kssen mgen, als er
unerwartet in unsere Mitte trat, um den alten Freunden seine aufopfernden
Dienste zu weihen. Er bernahm sofort den Oberbefehl des Hauses. Die zwei
Leichen lie er in eine entfernte Kammer schaffen, sperrte die Zimmer ab, in
welchen die Armen gestorben und unterzog uns Alle einer krftigen
desinfizierenden Prozedur. Ein intensiver Karbolgeruch erfllte nunmehr alle
Rume, und heute noch, wenn mir dieser Geruch entgegenweht, steigen jene
Cholera-Schreckenstage vor meinem Geiste auf.
    Die geplante Flucht mute ein zweites Mal unterbleiben. Schon stand am Tage
nach Lillis Tode der Wagen bereit, welcher Tante Marie, Rosa, Otto und meinen
Kleinen fortfhren sollte, als der Kutscher - von dem unsichtbaren Wrger
erfat, wieder vom Kutschbock absteigen mute.
    Also will ich euch fahren, sagte mein Vater, als ihm diese Nachricht
gebracht wurde. Schnell - ist Alles bereit? ...
    Rosa trat vor:
    Fahret, sagte sie - ich mu bleiben ... ich ... folge der Lilli - -
    Und sie sprach wahr. Bei Tagesanbruch wurde auch diese zweite junge Braut in
die - Leichenkammer gebracht.
    Natrlich war in dem Schrecken dieses neuen Unglcksfalles die Abreise der
Anderen nicht ausgefhrt worden.
    Mitten in meinem Schmerze meiner tobenden Angst, ergriff mich auch wieder
der tiefste Zorn gegen jene Riesenthorheit, welche solches bel freiwillig
heraufbeschwrt. Mein Vater war, als sie Rosas Leichnam hinausgetragen, in die
Knie gefallen, den Kopf an die Mauer ...
    Ich trat hin und packte ihn beim Arme:
    Vater, sagte ich - das ist der Krieg.
    Keine Antwort.
    Hrst Du, Vater? - Jetzt oder nie: willst Du jetzt den Krieg verfluchen?
    Er aber raffte sich auf:
    Du erinnerst mich daran ... dieses Unglck will mit Soldatenmut getragen
werden ... Nicht ich allein! das ganze Vaterland hat Blut- und Thrnenopfer
bringen mssen -
    Was hat denn dem Vaterland Dein und Deiner Brder Leid gefrommt? Was
frommen ihm die verlorenen Schlachten, was diese beiden geknickten Mdchenleben?
- Vater - o thue mir die Liebe: fluche dem Krieg! Sieh her, ich zog ihn zum
Fenster hin - eben wurde auf einem Karren ein schwarzer Sarg in den Hof gerollt:
sieh her - das ist fr unsere Lilli - und morgen ein gleicher fr unsere Rosa
... und bermorgen vielleicht ein dritter - und warum, warum?!
    Weil Gott es so gewollt, mein Kind -
    Gott - immer Gott! ... Da sich doch alle Thorheit, alle Wildheit, alle
Gewaltthtigkeit der Menschen stets hinter diesem Schilde birgt: Gottes Wille.
    Lstere nicht, Martha, jetzt lst're nicht, da Gottes strafende Hand so
sichtbar -
    Ein Diener kam hereingerannt:
    Ex'lenz - der Tischler will den Sarg nicht in die Kammer tragen, wo die
Komtessen liegen - und Niemand traut sich hinein -
    Auch Du nicht, Feigling?
    Ich kann nicht allein -
    So werde ich Dir helfen - ich will meine Tochter selber ... Und er schritt
zur Thr. Zurck! schrie er mich an, da ich ihm folgen wollte. Du darfst
nicht mit - Du darfst mir nicht auch noch sterben ... und denke an Dein Kind!
    Was thun? Ich schwankte ... Das ist das qulendste in solchen Lagen; nicht
einmal zu wissen, wo die Pflicht liegt. Leistet man den Kranken und den Toten
die Liebesdienste, zu welchen das Herz drngt, so schleppt man den Keim des
bels wieder weiter und bringt den anderen, den noch verschonten, die Gefahr.
Man wollte sich opfern, wei aber, da man mit diesem Wagnis auch andere
hinzuopfern wagt.
    ber solches Dilemma kann nur eines hinaushelfen: mit dem Leben abschlieen
- nicht nur mit dem eigenen, sondern auch mit demjenigen seiner Teuren; -
annehmen, da alle zu Grunde gehen - und eins dem anderen, so lange es geht, in
den Leidensstunden beistehen. Rcksicht, Vorsicht - das alles mu aufhren:
Zusammen! - an Bord eines untergehenden Schiffes - Rettung gibt es keine -
halten wir uns umfangen, eng, recht eng aneinander - bis zum letzten Augenblick
- und: schne Welt, ade!
    Diese Resignation war ber uns alle gekommen; die Fluchtplne hatte man
aufgegeben; jeder ging an jedes Kranken und an jedes Toten Lager; sogar Bresser
versuchte nicht mehr, uns dieses Verhalten - das einzig menschliche - zu wehren.
Seine Nhe, sein energisches, rastloses Schalten gab uns das einzige
Sicherheitsgefhl: wenigstens war unser sinkendes Schiff nicht ohne Kapitn.
    Ach, diese Cholerawoche in Grumitz! ... ber zwanzig Jahre sind seither
vergangen, aber noch schaudert es mir durch Mark und Bein, wenn ich daran
zurckdenke. Thrnen, Wimmern, herzzerreiende Sterbescenen - der Karbolgeruch,
das Knochenknarren der Krampfbefallenen, die ekelhaften Symptome, das
unaufhrliche Geklingel des Totenglckleins, die Begrbnisse - nein:
Verscharrungen - denn in solchen Fllen gibt es keinerlei Trauerpomp; - die
ganze Lebensordnung aufgegeben: keine Mahlzeiten - die Kchin war gestorben -
kein Schlafengehen des Nachts - hier und da ein stehend eingenommener Bissen,
und in den Morgenstunden ein sitzendes Einnicken. Drauen, wie eine Ironie der
gleichgltigen Natur, das herrlichste Sommerwetter, frhlicher Amselschlag,
ppiges Farbenglhen der Blumenbeete ... Im Dorfe ununterbrochenes Sterben - die
zurckgebliebenen Preuen alle tot. Ich bin heute dem Totengrber begegnet,
erzhlte Franz der Kammerdiener, wie er mit einem leeren Wagen vom Friedhof
zurckfuhr. Wieder ein paar hinausgeschafft? habe ich ihn gefragt. Ja, wieder
sechs oder sieben ... alle Tag' so ein halb' Dutzend, manchmal auch mehr ... es
kommt auch vor, da einer oder der andere im Wagen drin noch a bissl muckst -
aber thut nix - nur 'nein in die Gruben mit die Preuen!
    Am folgenden Tage starb der Unmensch selber und ein anderer mute sein Amt -
zur Zeit das angestrengteste im Ort - bernehmen. Die Post brachte nur trbes;
von berall her Nachrichten ber das Wten der Seuche und Liebesbriefe - ewig
unbeantwortet zu bleibende Liebesbriefe - von dem nichts ahnenden Prinzen
Heinrich. An Konrad hatte ich, um ihn auf das frchterliche vorzubereiten, eine
Zeile geschickt: Lilli sehr krank. Er konnte nicht augenblicklich kommen - der
Dienst hielt ihn zurck. Erst am vierten Tage kam der Unselige ins Haus
gestrzt:
    Lilli? rief er - ist es wahr? Unterwegs hatte er das Unglck erfahren.
    Wir bejahten.
    Er blieb unheimlich still und thrnenlos. Ich habe sie viele Jahre
geliebt, sprach er nur leise vor sich hin. Dann laut:
    Wo liegt sie? - Auf dem Friedhofe? ... Ich will sie besuchen ... lebt wohl
... sie erwartet mich ...
    Soll ich mitkommen? trug ihm jemand an.
    Nein, ich gehe lieber allein.
    Er ging - und wir sahen ihn nicht wieder. Am Grabe der Braut hat er sich
eine Kugel durch den Kopf gejagt.
    So endete Konrad Graf Althaus, Oberstlieutenant im 4. Husarenregiment, im
siebenundzwanzigsten Lebensjahre.
    Zu einer anderen Zeit htte die Tragik dieses Vorfalls viel erschtternder
gewirkt, aber jetzt: wie viele junge Offiziere hatte der Krieg unmittelbar
weggerafft - diesen mittelbar. Und in dem Augenblick, als wir von der That
erfuhren, war in unserer Mitte ein neues Unglck ausgebrochen, das unsere ganze
Herzensangst in Anspruch nahm: Otto - meines armen Vaters angebeteter, einziger
Sohn - war von dem Wrgeengel gepackt.
    Die ganze Nacht und den folgenden Tag dauerte sein Leiden - unter
wechselndem Hoffen und Verzagen - um sieben Uhr abends war alles vorbei.
    Mein Vater warf sich auf die Leiche mit einem so markerschtternden Schrei,
da es das ganze Haus durchdrhnte. Wir hatten Mhe, ihn von dem Toten
fortzureien. Ach, und dieser Schmerzensjammer, der jetzt folgte: heulende,
brllende, rchelnde Laute der Verzweiflung waren es, die der alte Mann
stunden-und stundenlang ausstie ... Sein Sohn, sein Stolz, sein Otto, sein
alles!
    Auf diese Ausbrche folgte pltzlich starre, stumme Apathie. Dem Begrbnis
seines Lieblings hatte er nicht beiwohnen knnen. Er lag auf einem Sopha
regungslos und - beinahe schien es - bewutlos. Bresser ordnete an, da er
entkleidet und zu Bett gebracht werde.
    Nach einer Stunde schien er sich zu beleben. Tante Marie, Friedrich und ich
waren an seiner Seite. Er schaute eine Zeit lang mit fragendem Blick herum, dann
setzte er sich auf und versuchte zu sprechen. Doch brachte er kein Wort hervor
und rang mit schmerzverzerrtem Gesicht nach Atem. Da begann es hin zu schtteln
und zu werfen, als wre er von jenen schauerlichen Krmpfen befallen, welche die
letzten Symptome der Cholera sind, und doch hatten sich vorher keine der anderen
Erscheinungen bei ihm gezeigt. Endlich brachte er ein Wort hervor: Martha.
    Ich fiel kniend an der Bettseite nieder:
    Vater, mein teurer, armer Vater! ...
    Er erhob seine Hand ber meinem Scheitel:
    Dein Wunsch ... sprach er mhsam - sei erfllt ... ich flu- ich verflu-
    Er konnte nicht weiter reden und sank in die Kissen zurck.
    Mittlerweile war Bresser herbeigekommen und gab auf unser ngstliches Fragen
Bescheid:
    Ein Herzkrampf hatte meinen Vater gettet.
    Das Frchterlichste ist, sagte Tante Marie, nachdem wir ihn begraben, da
er mit einem Fluch auf den Lippen verschied.
    La das gut sein, Tante, beruhigte ich sie. Wenn dieser Fluch erst von
Aller - Aller Lippen fiele, so wre das der Menschheit grter Segen.

Das war die Cholerawoche von Grumitz! In einem Zeitraum von sieben Tagen zehn
Bewohner des Schlosses dahingerafft: Mein Vater, Lilli, Rosa, Otto, meine
Jungfer Netti, die Kchin, der Kutscher und zwei Stalljungen. Im Dorfe starben
in derselben Zeit ber achtzig Personen.
    Wenn man das so trocken hersagt, klingt es wie eine beachtenswerte
statistische Notiz; wenn es in einem erzhlenden Buche steht - wie ein
bertreibendes Phantasiespiel des Autors. Aber es ist weder so trocken wie das
Eine, noch so schauerromantisch, wie das Andere, es ist kalte, greifbare,
trauerreiche Wirklichkeit.
    Nicht Grumitz allein war in unserer Gegend so hart mitgenommen worden. Wer
in den Annalen der nachbarlichen Ortschaften und Schlsser, nachblttern will,
knnte daselbst viele hnliche Flle von Massenunglck finden. Da ist zum
Beispiele - in der Nhe des Stdchens Horn - das Schlo Stockern. Von der
Familie, die es bewohnte, sind in der Zeit vom 9. bis 13. August 1866,
gleichfalls nach Abmarsch der preuischen Einq artierung, vier Mitglieder - der
zwanzigjhrige Rudolf, dessen Schwestern Emilie und Bertha, Onkel Candid - und
auerdem fnf Personen Dienerschaft - der Seuche erlegen. Die jngste Tochter,
Pauline von Engelshofen, blieb verschont. Dieselbe hat sich in der Folge mit
einem Baron Suttner vermhlt - auch sie erzhlt heute noch mit Schaudern von der
Cholerawoche in Stockern.
    Es war damals eine solche Trauer- und Sterberesignation ber mich gekommen,
da ich stndlich erwartete, der Tod - in dessen Zeichen das Land seit zwei
Monaten stand - werde nun mich selber und meine anderen Lieben dahinraffen. Mein
Friedrich - mein Rudolf: ich beweinte sie schon im voraus. - Doch, bei alledem,
mitten in meinem Harme, hatte ich doch se Augenblicke. Das war, wenn ich an
meines Gatten Brust gelehnt, von ihm liebend umschlungen, mein Leid an seinem
treuen Herzen ausweinen durfte. Wie sanft er da - nicht Trost-, aber Worte des
Mitschmerzes und der Liebe zu mir sprach, es wurde mir dabei so warm und weit
ums eigene Herz ... Nein, die Welt ist nicht so schlecht - mute ich
unwillkrlich denken - die Welt ist nicht ganz Jammer und Grausamkeit: es lebt
in ihr das Mitleid und die Liebe ... freilich erst in einzelnen Seelen, nicht
als allgltiges Gesetz und als obwaltender Normalzustand - aber doch vorhanden;
und so wie diese Regungen uns zwei durchglhen, mit ihrer milden Rhrung selbst
diese Schmerzenszeit versend - so wie sie noch in vielen anderen, ja in den
meisten Seelen wohnen, so werden sie einst zum Durchbruch gelangen und das
allgemeine Verhalten der Menschenfamilie beherrschen: die Zukunft gehrt der
Gte.
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Wir verbrachten den Rest des Sommers in der Nhe von Genf. Es war Doktor
Bressers berredungskunst doch gelungen, uns zur Flucht aus der verseuchten
Gegend zu bewegen. Anfangs strubte ich mich dagegen, die Grber der Meinen so
rasch zu verlassen und war berhaupt, wie gesagt, von solcher Todesergebung
erfllt, da ich ganz apathisch geworden und jeden Fluchtversuch fr unntz
hielt; - aber schlielich mute Bresser dennoch siegen, als er mir vorhielt, da
es meine Mutterpflicht sei, den kleinen Rudolf so gut wie mglich der Gefahr zu
entreien.
    Da wir als Zufluchtsort die Schweiz gewhlt, geschah auf Friedrichs Wunsch.
Er wollte sich mit den Mnnern bekannt machen, welche das Rote Kreuz ins Leben
gerufen und an Ort und Stelle ber den Verlauf der stattgehabten Konferenzen, so
wie ber die weiteren Ziele der Konvention sich unterrichten.
    Seinen Abschied vom Militrdienst hatte Friedrich eingereicht, und
vorlufig, bis zur Erledigung des Gesuches, einen halbjhrigen Urlaub erhalten.
Ich war nun reich geworden, sehr reich. Der Tod meines Vaters und meiner drei
Geschwister hatte mich in den Besitz von Grumitz und des smtlichen
Familienvermgens gesetzt.
    Sieh her, sagte ich zu Friedrich, als mir vom Notar die Besitzdokumente
bermittelt wurden. Was wrdest Du dazu sagen, wenn ich den stattgehabten Krieg
nun preisen wollte, wegen dieses durch seine Folgen mir zugefallenen Vorteils?
    Dann wrst Du meine Martha nicht! Doch - ich verstehe, was Du sagen willst.
Der herzlose Egoismus, der sich ber materiellen Gewinn zu freuen vermag,
welcher aus dem Verderben Anderer sprot - diese Regung, die der Einzelne, wenn
er wirklich niedrig genug ist, sie zu fhlen, doch sorgfltig zu verbergen
trachtet - zu der bekennen sich stolz und offen Nationen und Dynastien: Tausende
sind unter unsglichem Leid zu Grunde gegangen - aber wir haben dadurch an
Territorium, an Macht gewonnen: dem Himmel sei Preis und Dank fr den
glcklichen Krieg.
    Wir lebten sehr still und zurckgezogen in einer kleinen, am Ufer des Sees
gelegenen Villa. Ich war von den durchgemachten Ereignissen so gedrckt, da ich
durchaus mit keinem fremden Menschen Umgang haben wollte Friedrich respektierte
meine Trauer und versuchte gar nicht, das banale Mittel Zerstreuung dagegen
vorzuschlagen. Ich war es den Grumitzer Grbern schuldig - das sah mein
zartfhlender Gatte wohl ein - ihnen eine Zeit lang in aller Stille
nachzuweinen. Die der schnen Welt so rasch und grausam Entrissenen sollten
nicht auch noch der Erinnerungssttte, die sie in meinem trauernden Herzen
hatten, ebenso rasch und kalt beraubt werden.
    Friedrich selber ging oft in die Stadt, um dort den Zweck seines hiesigen
Aufenthaltes, das Studium der Rote-Kreuz-Frage zu betreiben. Von den Ergebnissen
dieses Studiums habe ich keine klare Erinnerung mehr; ich fhrte damals kein
Tagebuch, und so ist mir meist wieder entfallen, was mir Friedrich von seinen
betreffenden Erfahrungen mitteilte. Nur eines Eindruckes erinnere ich mich
deutlich, den mir die ganze Umgebung machte: die Ruhe, die Unbefangenheit, die
heitere Geschftigkeit aller Leute, die ich zufllig sah - als lebte man mitten
in friedlichster, gemtlichster Zeit. Fast nirgends ein Echo von dem
stattgehabten Krieg, hchstens in anekdotischem Tone, wie wenn derselbe ein
interessantes Ereignis mehr abgegeben htte - weiter nichts - das neben dem
brigen Europaklatsch vorteilhaft Gesprchsstoff lieferte; - als htte das
grausige Kanonendonnern auf den bhmischen Schlachtfeldern nichts Tragischeres
an sich, als eine neue Wagnersche Oper. Das Ding gehrte nunmehr der Geschichte
an, hatte einige Landkarten-Umnderungen zur Folge - aber dessen Schauerlichkeit
war aus dem Bewutsein geschwunden - in das der Unbeteiligte vielleicht niemals
gedrungen ... vergessen, verschmerzt, verwischt. Ebenso die Zeitungen - ich las
zumeist franzsische Bltter: - alles Interesse auf die fr 1867 sich
vorbereitende pariser Weltausstellung, auf die Hoffeste in Compigne, auf
litterarische Persnlichkeiten (es tauchten ein paar neue vielbestrittene
Talente auf: Flaubert, Zola), auf Theaterereignisse: eine neue Oper von Gounod -
eine von Offenbach der Hortense Schneider zugedachte Glanzrolle u. dgl.
gerichtet. Das kleine pikante Duell, welches die Preuen und sterreicher l-bas
en Bohme ausgefochten, das war schon eine etwas verjhrte Angelegenheit ... O,
was drei Monate zurckliegt oder dreiig Meilen entfernt ist, was nicht im
Bereich des Jetzt und des Hier sich abspielt, dort reichen die kurzen
Fhlhrnchen des menschlichen Herzens und des menschlichen Gedchtnisses nicht
hin.
    Gegen Mitte Oktober verlieen wir die Schweiz. Wir begaben uns nach Wien
zurck, wo die Abwickelung der Verlassenschaftsangelegenheiten meine Anwesenheit
erheischte. Nach Erledigung dieser Geschfte beabsichtigten wir, uns auf lngere
Zeit in Paris niederzulassen. Friedrich fhrte im Sinn, der Idee der
Friedensliga nach Krften die Wege zu ebnen, und er war der Ansicht, da die
bevorstehende Weltausstellung die beste Gelegenheit biete, einen Kongre der
Friedensfreunde zu veranstalten; auch hielt er Paris fr den geeignetsten Ort,
eine internationale Sache wirksam zu vertreten.
    Das Kriegshandwerk habe ich niedergelegt, sagte er, und zwar habe ich das
aus einer im Kriege selber gewonnenen berzeugung gethan. Fr diese berzeugung
nun will ich wirken. Ich trete in den Dienst der Friedensarmee. Freilich noch
ein ganz kleines Heer, dessen Streiter keine andere Wehr und Waffen haben, als
den Rechtsgedanken und die Menschenliebe. Doch Alles, was in der Folge gro
geworden, hat klein und unscheinbar begonnen.
    Ach, seufzte ich dagegen, es ist ein hoffnungsloses Beginnen. Was willst
Du - Einzelner - erreichen, gegen jenes mchtige, jahrtausendalte, von Millionen
Menschen verteidigte Bollwerk?
    Erreichen? Ich? ... Wahrlich, so unvernnftig bin ich nicht, zu hoffen, da
ich persnlich eine Umgestaltung herbeifhren werde. Ich sagte ja nur, da ich
in die Reihen der Friedensarmee eintreten wolle. Habe ich etwa, als ich beim
Kriegsheer stand, gehofft, da ich das Vaterland retten, da ich eine Provinz
erobern wrde? Nein, der Einzelne kann nur dienen, Mehr noch: er mu dienen. Wer
von einer Sache durchglht ist, der kann nicht anders, als fr sie wirken, als
fr sie sein Leben einsetzen - wenn er auch wei, wie wenig dieses Leben an und
fr sich zum Siege beitragen kann. Er dient, weil er mu: nicht nur der Staat -
auch die eigene berzeugung, wenn sie begeistert ist, legt eine Wehrpflicht
auf.
    Du hast recht. Und wenn endlich Millionen Begeisterter dieser Wehrpflicht
gengen, dann mu jenes von seinen Verteidigern verlassene, jahrtausendalte
Bollwerk auch zusammenfallen.
    Von Wien aus machte ich eine Pilgerfahrt nach Grumitz - dessen Herrin ich
nun geworden. Doch ich betrat gar nicht das Schlo. Nur auf dem Friedhof legte
ich vier Krnze nieder und fuhr wieder zurck.
    Nachdem meine wichtigsten Geschfte geordnet waren, schlug Friedrich eine
kleine Reise nach Berlin vor, um der beklagenswerten Tante Kornelie einen Besuch
zu machen. Ich willigte ein. Fr die Dauer unserer Abwesenheit bergab ich
meinen kleinen Sohn der Aufsicht Tante Mariens. Letztere war durch die
Ereignisse der Grumitzer Cholerawoche unbeschreiblich niedergedrckt. Ihre ganze
Liebe, ihr ganzes Lebensinteresse bertrug sie jetzt auf meinen kleinen Rudolf.
Ich hoffte auch, da es sie ein wenig zerstreuen und aufrichten werde, das Kind
eine Zeit lang bei sich zu haben.
    Am 1. November verlieen wir Wien. In Prag unterbrachen wir unsere Reise, um
zu bernachten. Tags darauf, statt die Reise nach Berlin fortzusetzen, machten
wir eine neue Pilgerfahrt.
    Allerseelentag! sagte ich, als mein Blick auf das Datum eines mit dem
Frhstck in unser Hotelzimmer gebrachten Zeitungsblattes fiel.
    Allerseelen - wiederholte Friedrich. Wieviel arme Tote hier auf den nahen
Schlachtfeldern, denen nicht einmal dieser Grber-Ehrentag zu gute kommt - weil
sie keine Grber haben ... Wer wird sie besuchen?
    Ich sah ihn eine Weile schweigend an. Dann halblaut:
    Willst Du? ...
    Er nickte. Wir hatten uns verstanden, und eine Stunde spter waren wir auf
dem Weg nach Chlum und Kniggrtz.

Welch ein Anblick!
    Eine Elegie Tiedges kam mir in den Sinn:

Welch ein Anblick! Hierher, Volksregierer!
Hier bei dem verwitternden Gebein
Schwre, deinem Volk ein sanfter Fhrer,
Deiner Welt ein Friedensgott zu sein.

Hier schau' her, wenn dich nach Ruhme drstet,
Zhle diese Schdel, Vlkerhirt,
Vor dem Ernste, der dein Haupt, entfrstet,
In die Stille niederlegen wird.

La im Traum das Leben dich umwimmern,
Das hier unterging in starres Grauen;
Ist es denn so lockend, sich mit Trmmern
In die Weltgeschichte einzubauen?

Leider ja, es ist verlockend, so lang die Weltgeschichte - das heit Diejenigen,
welche sie schreiben - die Heldenstandbilder aus Kriegstrmmern aufbauen, so
lang sie den Titanen des Vlkermordes Krnze reichen. Auf den Lorbeerkranz
verzichten, dem Ruhme entsagen, wre edel - meint der Dichter? Erst werde das
Ding, auf das zu verzichten so wohlthtig erschiene, seines Nimbus entkleidet
und kein Ehrgeiziger wird mehr darnach greifen.
    Es dmmerte schon, als wir in Chlum ankamen und von da, Arm in Arm, in
schweigendem Schauer, dem nahen Schlachtfelde zuschritten. Es fiel ein mit ganz
kleinen Schneeflocken gemischter Nebel und die kahlen Aste der Bume bogen sich
unter dem schrill klagenden Pfeifen eines kalten Novemberwindes. Massen von
Grbern und Massengrber rings umher. Aber ein Friedhof? Nein. Da hatte man
keine mden Lebenspilger zur Ruhe friedlich hingebettet, da wurden mitten in
ihrem jugendlichen Lebensfeuer, in ihrer vollsten Manneskraft strotzende
Zukunftsanwrter gewaltsam niedergeworfen und mit Grabeserde berschaufelt.
Verschttet, erstickt, auf ewig stumm gemacht - alle die brechenden Herzen, die
blutig zerfetzten Glieder, die bitterlich weinenden Augen - die wilden
Verzweiflungsschreie, die vergeblichen Gebete ...
    Einsam war es auf diesem Kriegsacker nicht. Viele, Viele hatte der
Allerseelentag hierhergebracht - aus Freundes- und aus Feindesland - welche
gekommen waren, auf der Sttte niederzuknieen, wo ihr Liebstes gefallen. Schon
der Zug, mit dem wir gekommen, war mit anderen Trauernden gefllt gewesen - und
so hatte ich schon mehrere Stunden lang um mich jammern und klagen gehrt. Drei
Shne - drei Shne ... einer schner und besser und lieber als der andere - habe
ich bei Sadowa verloren! erzhlte uns ein ganz gebrochen aussehender alter
Mann. Noch mehrere andere der Wagengenossen mischten ihre Klagen dazu: um den
Bruder, den Gatten, den Vater. - Aber von allen diesen hat mir keiner solchen
Eindruck gemacht, wie das thrnenlose, dumpfe Drei Shne, drei Shne! des
armen Alten.
    Auf dem Felde selbst sah man von allen Seiten, auf allen Wegen schwarze
Gestalten gehen, oder knien - oder mhsam weiter schwanken, mitunter laut
aufschluchzend zusammenbrechen. Es waren nur wenig Einzelgrber da, nur wenig
inschrifttragende Kreuze oder Steine. Wir bckten uns und entzifferten, so gut
das Dmmerlicht es noch gestattete, einige Namen.
    Major von Reu vom 2. preuischen Garderegiment.
    Vielleicht ein Verwandter vom Brutigam unserer armen Rosa, bemerkte ich.
    Graf Grnne - Verwundet 3. Juli - gestorben 5. Juli ...
    Was mag er in den zwei Tagen gelitten haben! ... Ob das wohl ein Sohn des
Grafen Grnne war, der vor dem Krieg den bekannten Satz geuert: Mit nassen
Fetzen werden wir die Preuen verjagen? Ach wie wahnwitzig und frevlerisch, wie
schrill mitnig klingt doch jedes vor dem Kriege gesprochene Aufreizungswort,
wenn man sich's an solcher Stelle wiederholt! Worte: - weiter nichts -
Prahlworte, Hohnworte, Drohworte - gesprochen, geschrieben und gedruckt - die
nur haben dieses Feld bestellt ...
    Wir gehen weiter. berall mehr oder minder hohe, mehr oder minder breite
Erdhgel ... auch da, wo der Boden nicht erhaben ist, auch unter unseren Fen
modern vielleicht Soldatenleichen - - -
    Immer dichter rieselt der Nebel:
    Friedrich - setze doch Deinen Hut auf: Du wirst Dich erklten.
    Friedrich aber blieb unbedeckt - und ich wiederholte meine Mahnung kein
zweites Mal.
    Unter den Leidtragenden, die hier umher wandelten, befanden sich auch viele
Offiziere und Soldaten; wahrscheinlich solche, die den heien Tag von Kniggrtz
selber mitgemacht und jetzt an die Stelle gepilgert waren, wo ihre gefallenen
Kameraden ruhten.
    Jetzt waren wir an den Platz gelangt, wo die meisten Krieger - Freund und
Feind nebeneinander - begraben lagen. Der Platz war - wie ein Kirchhof -
umfriedigt. Hierher strmte die grte Anzahl der Trauernden, denn auf dieser
Stelle war es am wahrscheinlichsten, da die von ihnen Beweinten da begraben
seien. An dieser Umfriedigung knieten und schluchzten die Beraubten, hier hingen
sie ihre Krnze und ihre Grablaternen auf.
    Ein groer, schlanker Mann, von vornehmer jugendlicher Gestalt, in einen
Generalsmantel gehllt, kam auf den Tumulus zu. Die Anderen wichen von der
Stelle ehrerbietig zurck und ich hrte einige Stimmen flstern:
    Der Kaiser ...
    Ja, es war Franz Joseph. Der Landesherr, der oberste Kriegsherr war es, der
da am Allerseelentag gekommen war, fr seine toten Landeskinder, fr seine
gefallenen Krieger ein stilles Gebet zu verrichten. Auch er stand unbedeckten,
gebeugten Hauptes da, in schmerzerfllter Ehrerbietung vor der Majestt des
Todes.
    Lange, lange blieb er unbeweglich. - Ich konnte mein Auge nicht von ihm
wenden. Was mochten fr Gedanken durch seine Seele ziehen - was fr Gefhle
durch sein Herz, welches doch - das wute ich - ein gutes und ein weiches Herz
war? Es berkam mich, als knnte ich ihm nachfhlen, als knnte ich gleichzeitig
mit ihm die Gedanken denken, die seinen gesenkten Kopf durchkreuzten:
    ... Ihr, meine armen Tapferen ... gestorben ... und wofr? ... Wir haben ja
nicht gesiegt ... mein Venedig! Verloren ... so Vieles, so Vieles verloren ...
auch euer junges Leben ... Und ihr habt es so opfermutig hergegeben ... fr mich
... O knnte ich es euch zurckgeben! Ich, fr mich, habe ja das Opfer nicht
begehrt - fr euch, fr euer Land, ihr meine Landeskinder, seid ihr in diesen
Krieg gefhrt worden ... Und nicht durch mich ... wenn es auch auf meinen Befehl
geschehen - hab' ich denn nicht befehlen mssen? Nicht meinetwillen sind die
Unterthanen da - nein, ihretwillen bin ich auf den Thron berufen ... und jede
Stunde wre ich bereit, fr meines Volkes Wohl zu sterben ... O, htte ich
meinem Herzensdrang gefolgt und nimmer ja gesagt, wenn sie Alle um mich herum
riefen: Krieg, Krieg! ... Doch - konnte ich mich widersetzen? Gott ist mein
Zeuge, ich konnte nicht ... Was mich drngte, was mich zwang - ich wei es
selbst nicht mehr genau - nur so viel wei ich - es war ein unwiderstehlicher
Druck von auen - von euch selber, ihr toten Soldaten ... O wie traurig,
traurig, traurig - was habt ihr nicht Alles gelitten und jetzt liegt ihr hier
und auf anderen Wahlsttten - von Karttschen und Sbelhieben, von Cholera und
Typhus hingerafft ... O htte ich nein sagen knnen ... du hast mich darum
gebeten, Elisabeth ... O htte ich's gesagt! Der Gedanke ist unertrglich, da
... ach, es ist eine elende, unvollkommene Welt ... zu viel, zu viel des
Jammers! ...
    Immer noch, whrend ich so fr ihn dachte, haftete mein Auge an seinen
Zgen, und jetzt - ja es war zu viel, zu viel des Jammers - jetzt bedeckte er
sein Gesicht mit beiden Hnden und brach in heftiges Weinen aus.
    So geschehen am Allerseelentag 1866 auf dem Totenfelde von Sadowa.

                                  Fnftes Buch



                                  Friedenszeit

Die Stadt Berlin fanden wir in hellem Jubel. Jeder Ladenschwengel und jeder
Eckensteher trug ein gewisses Siegesbewutsein zur Schau. Wir haben die Andern
drunter gekriegt: das scheint doch eine sehr erhebende und unter der ganzen
Bevlkerung verteilbare Empfindung zu sein. Dennoch, in den Familien, die wir
aufsuchten, fanden wir so manche tiefniedergeschlagene Leute, solche nmlich,
welche einen unvergelichen Toten auf den deutschen oder bhmischen
Schlachtfeldern liegen hatten. Am meisten frchtete ich mich, Tante Kornelie
wiederzusehen. Ich wute, da ihr herrlicher Sohn Gottfried ihr Abgott, ihr
Alles gewesen, und ich konnte den Schmerz ermessen, der die arme beraubte Mutter
jetzt erdrcken mute - ich brauchte mir nur vorzustellen, da mein Rudolf, wenn
ich ihn grogezogen htte ... nein, den Gedanken wollte ich gar nicht ausdenken.
    Unser Besuch war angesagt. Mit Herzklopfen betrat ich Frau von Tessows
Wohnung. Schon im Vorzimmer bekundete sich die im Hause herrschende Trauer. Der
Diener, der uns einlie, trug schwarze Livree; im groen Empfangszimmer, dessen
Sitzmbel mit berzgen bedeckt waren, war kein Feuer angezndet und die Spiegel
und Bilder an den Wnden waren smtlich mit Flor verhngt. Von hier wurde uns
die Thre nach Tante Korneliens Schlafzimmer geffnet, wo sie uns erwartete.
Dasselbe, ein sehr groer, durch einen Vorhang - hinter welchem das Bett stand -
geteilter Raum, diente Tante Kornelie jetzt als bestndiger Aufenthalt; sie
verlie nie mehr das Haus, auer um allsonntglich in den Dom zu gehen - und nur
selten das Zimmer, nur tglich eine Stunde, welche sie in Gottfrieds gewesenem
Studierkabinett verbrachte. In diesem war Alles auf derselben Stelle stehen und
liegen geblieben, wie er es am Tage seiner Abreise verlassen. Sie fhrte uns im
Laufe unseres Besuches hinein und lie uns einen Brief lesen, den er auf seine
Mappe gelegt:

    Meine einzige, liebe Mutter! Ich wei ja, meine Herzliebste Du, da Du nach
    meiner Abfahrt hierherkommen wirst - und da sollst Du dieses Blatt finden.
    Der persnliche Abschied ist vorbei. Desto mehr wird es Dich freuen und
    berraschen, noch ein Zeichen zu entdecken, noch ein letztes Wort von mir zu
    hren, und zwar ein frohes, hoffnungsvolles. Sei guten Muts: ich komme
    wieder. Zwei so aneinander hngende Herzen, wie die unseren, wird das
    Schicksal nicht auseinander reien. Meine Bestimmung ist es, jetzt einen
    glcklichen Feldzug zu berstehen, Sterne und Kreuze zu erringen - und dann:
    Dich zur sechsfachen Gromutter machen. Ich ksse Deine Hand, ich ksse
    Deine liebe sanfte Stirn - o Du aller Mtterchen angebetetstes.
                                                                Dein Gottfried.

Als wir bei Tante Kornelie eintraten, war dieselbe nicht allein. Ein Herr in
langem, schwarzem Rocke, auf den ersten Blick als Pastor erkenntlich, sa ihr
gegenber.
    Die Tante erhob sich und kam uns entgegen; der Pastor stand gleichfalls von
seinem Sitze auf, blieb aber im Hintergrunde stehen.
    Was ich erwartet, geschah: als ich die alte Frau umarmte, brachen wir beide,
sie und ich, in lautes Schluchzen aus. Auch Friedrich blieb nicht trockenen
Auges, indem er die Trauernde an sein Herz drckte. Gesprochen wurde in dieser
ersten Minute gar nichts. Was man sich in solchen Augenblicken - beim ersten
Wiedersehen nach einem schweren Unglcksfall - zu sagen hat, das drcken Thrnen
vollstndig aus ...
    Sie fhrte uns an ihren Sitzplatz zurck und wies uns nebenstehende Sessel
an. Dann, nachdem sie die Augen getrocknet:
    Mein Neffe, Oberst Baron Tilling, - Herr Militroberpfarrer und
Konsistorialrat Mlser, stellte sie vor.
    Stumme Verneigungen wurden gewechselt.
    Mein Freund und geistlicher Berater, ergnzte sie, der es sich angelegen
sein lt, mich in meinem Schmerze aufzurichten -
    Dem es aber leider noch nicht gelungen ist, Ihnen die richtige Ergebung,
die richtige Freudigkeit des Kreuztragens beizubringen, geschtzte Freundin,
sagte Jener. Warum mute ich eben einen neuerlichen, so mattherzigen
Thrnenergu sehen?
    Ach, verzeihen Sie mir! Als ich meinen Neffen und seine liebe junge Frau
zum letzten Male sah, da war mein Gottfried - Sie konnte nicht weiter reden.
    Da war Ihr Sohn noch auf dieser sndigen Welt, allen Versuchungen und
Gefahren ausgesetzt, whrend er jetzt in den Scho des Vaters eingegangen ist,
nachdem er den rhmlichsten, seligsten Tod fr Knig und Vaterland gefunden hat.
Sie, Herr Oberst, wandte er sich nun an meinen Mann, der Sie mir eben auch als
Soldat vorgestellt wurden, knnen mir helfen, dieser gebeugten Mutter den Trost
zu geben, da das Schicksal ihres Sohnes ein neidenswertes ist. Sie mssen es
wissen, welche Todesfreudigkeit den tapfern Krieger beseelt - der Entschlu,
sein Leben auf dem Altar des Vaterlandes zum Opfer zu bringen, verklrt ihm
alles Scheideweh, und wenn er im Sturm der Schlacht, beim Donner der Geschtze
sinkt, so erwartet er, zu der groen Armee versetzt zu werden und dabei zu sein,
wenn der Herr der Heerschaaren droben Heerschau hlt. Sie, Herr Oberst, sind
unter Jenen zurckgekehrt, welchen die gttliche Vorsehung den gerechten Sieg
verliehen -
    Verzeihen Sie, Herr Konsistorialrat - ich habe in sterreichischen Diensten
gestanden -
    O ich dachte ... Ah so ... entgegnete der Andere ganz verwirrt ... Auch
eine prchtige, tapfere Armee, die sterreichische. - Er stand auf. Doch ich
will nicht lnger stren ... die Herrschaften wollen gewi von
Familienangelegenheiten sprechen ... Leben Sie wohl, gndige Frau - in einigen
Tagen will ich wieder kommen ... Bis dahin erheben Sie Ihre Gedanken zu dem
Allerbarmer, ohne dessen Wille kein Haar von unserm Haupte fllt und welcher
Jenen, die ihn lieben, alle Dinge zum Besten dienen lt, auch Trbsal und Leid,
auch Not und Tod. Ich empfehle mich ergebenst.
    Meine Tante schttelte ihm die Hand:
    Hoffentlich sehe ich Sie bald? Recht bald, ich bitte -
    Er verneigte sich gegen uns Alle und wollte der Thre zuschreiten.
    Friedrich aber hielt ihn auf:
    Herr Konsistorialrat - drfte ich eine Bitte an Sie richten?
    Sprechen Sie, Herr Oberst.
    Ich entnehme Ihren Reden, da Sie ebensosehr von religisem, wie von
militrischem Geist durchdrungen sind. Da knnten Sie mir einen groen Gefallen
erweisen -
    Ich horchte gespannt auf. Wo wollte Friedrich nur hinaus?
    Meine kleine Frau hier, fuhr er fort, ist nmlich mit allerlei Skrupel
und Zweifel erfllt ... sie meint, da vom christlichen Standpunkte aus der
Krieg nicht recht zulssig sei. Ich wei zwar das Gegenteil - denn nichts hlt
mehr zusammen als der Priester- und der Soldatenstand - aber mir fehlt die
Beredsamkeit, dies meiner Frau klar zu machen. Wrden Sie sich nun herbeilassen,
Herr Konsistorialrat, uns morgen oder bermorgen eine Stunde der Unterredung zu
schenken, um -
    O sehr gern, unterbrach der Geistliche. Wollen Sie mir Ihre Adresse? ...
Friedrich gab ihm seine Karte und es wurde sogleich Tag und Stunde des erbetenen
Besuches festgesetzt.
    Hierauf blieben wir mit der Tante allein.
    Gewhrt Dir der Zuspruch dieses Freundes wirklich Trost? fragte sie
Friedrich.
    Trost? Den gibt es fr mich hienieden nicht mehr. Aber er spricht so viel
und so schn von den Dingen, von welchen ich jetzt am liebsten hre - von Tod
und Trauer, von Kreuz und Opfer und Entsagung ... er schildert die Welt, die
mein armer Gottfried verlassen mute, und von welcher auch ich mich wegsehne,
als ein solches Thal des Jammers, der Verderbnis, der Snde, des zunehmenden
Verfalles ... Und da erscheint es mir denn weniger traurig, da mein Kind
abberufen worden. - Er ist ja im Himmel und hier auf dieser Erde -
    Walten oft Hllengewalten, das ist wahr - das habe ich jetzt wieder in der
Nhe gesehen, erwiderte Friedrich nachdenklich.
    Hierauf wurde er von der armen Frau ber die beiden Feldzge ausgefragt,
wovon er den einen mit - den andern gegen - Gottfried mitgemacht. Er mute
hundert Einzelheiten anfhren und konnte dabei der beraubten Mutter denselben
Trost geben, den er einst mir aus dem italienischen Kriege gebracht: nmlich,
da der Betrauerte eines raschen und schmerzlosen Todes gestorben sei. Es war
ein langer, trauriger Besuch. Auch die ganzen Einzelheiten der schaurigen
Cholerawoche habe ich da wiedererzhlt und meine Erlebnisse auf den bhmischen
Schlachtfeldern. Eh' wir sie verlieen, fhrte uns Tante Kornelie noch in
Gottfrieds Zimmer, wo ich beim Durchlesen des oben angefhrten Briefes - von dem
ich mir spter eine Abschrift erbat - von neuem bittere Thrnen vergieen mute.

Jetzt erklre mir, sagte ich zu Friedrich, als wir unseren vor Frau von
Tessow's Villa wartenden Wagen bestiegen, warum Du den Konsistorialrat -
    Zu einer Konferenz mit Dir gebeten? Verstehst Du nicht? ... Das soll mir
als Studienmaterial dienen. Ich will wieder einmal hren - und diesmal notieren
- mit welchen Argumenten die Priester den Vlkermord verteidigen. Als Fhrerin
des Streites habe ich Dich vorgeschoben. Einer jungen Frau geziemt es besser,
vom christlichen Standpunkte aus Zweifel ber die Berechtigung des Krieges zu
hegen, als einem Herrn Oberst -
    Du weit aber, da wir solche Zweifel nicht vom religisen, sondern vom
humanen Standpunkt -
    Diesen mssen wir dem Herrn Konsistorialrat gegenber gar nicht
hervorkehren, sonst wrde die Streitfrage auf ein anderes Feld verlegt. Die
Friedensbestrebungen der Freidenkenden leiden an keinem inneren Widerspruch, und
gerade der Widerspruch, welcher zwischen den Satzungen der Christenliebe und den
Geboten der Kriegsfhrung besteht, wollte ich von einem militrischen
Oberpfarrer - d.h. also von einem Vertreter christlichen Soldatentums -
erlutern hren.
    Der Geistliche stellte sich pnktlich ein. Offenbar war ihm die Aussicht
verlockend, eine belehrende und bekehrende Predigt vorbringen zu knnen. Ich
hingegen blickte der Unterredung mit etwas peinlichen Gefhlen entgegen, denn es
fiel mir darin eine unaufrichtige Rolle zu. - Aber zum Wohle der Sache, welcher
Friedrich fortan seine Dienste geweiht, konnte ich mir schon einige berwindung
auferlegen und mich mit dem Satze trsten: Der Zweck heiligt die Mittel.
    Nach den ersten Begrungen - wir saen alle Drei auf niederen Lehnsthlen
in der Nhe des Ofens - begann der Konsistorialrat also:
    Lassen Sie mich auf den Zweck meines Besuches eingehen, gndige Frau. Es
handelt sich darum, aus Ihrer Seele einige Skrupel zu bannen, welche nicht ohne
scheinbare Berechtigung sind, welche aber leicht als Sophismen dargelegt werden
knnen. Sie finden z.B., da das Gebot Christi, man solle seine Feinde lieben
und ferner der Satz: Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen in
Widerspruch zu den Pflichten des Soldaten stehen, der ja doch bemchtigt ist,
den Feind an Leib und Leben zu schdigen -
    Allerdings, Herr Konsistorialrat, dieser Widerspruch scheint mir unlslich.
Es kommt auch noch das ausdrckliche Gebot des Dekalogs hinzu: Du sollst nicht
tten.
    Nun ja - auf der Oberflche beurteilt, liegt hierin eine Schwierigkeit;
aber wenn man in die Tiefe dringt, so schwinden die Zweifel. Was das fnfte
Gebot anbelangt, so wrde es richtiger heien (und ist auch in der englischen
Bibelausgabe so bertragen) Du sollst nicht morden. Die Ttung zur Notwehr ist
aber kein Mord. Und der Krieg ist ja doch nur die Notwehr im Groen. Wir knnen
und mssen, der sanften Mahnung unseres Erlsers gem, die Feinde lieben; aber
das soll nicht heien, da wir offenbares Unrecht und Gewaltthtigkeit nicht
sollten abwehren drfen.
    Dann kommt es also immer darauf hinaus, da nur Verteidigungskriege gerecht
seien, und ein Schwertstreich erst dann gefhrt werden darf, wenn der Feind ins
Land fllt? Die gegnerische Nation aber geht von demselben Grundsatz aus - wie
kann da berhaupt der Kampf beginnen? In dem letzten Krieg war es Ihre Armee,
Herr Konsistorialrat, welche zuerst die Grenze berschritt und -
    Wenn man den Feind abwehren will, meine Gndige - wozu man das heiligste
Recht hat, so ist es durchaus nicht ntig, die gnstige Zeit zu versumen und
erst zu warten, bis er uns ins Land gefallen, sondern es mu unter Umstnden dem
Landesherrn frei stehen, dem Gewaltsamen, Ungerechten zuvorzukommen. Dabei
befolgt er eben das geschriebene Wort: Wer das Schwert nimmt, soll durch das
Schwert umkommen. Er stellt sich als Gottes Diener und Rcher ber den Feind,
indem er trachtet, Denjenigen, der gegen ihn das Schwert nimmt, durch das
Schwert umkommen zu lassen -
    Da mu irgendwo ein Trugschlu stecken, sagte ich kopfschttelnd, diese
Grnde knnen doch unmglich fr beide Parteien gleich rechtfertigend sein -
    Was ferner den Skrupel betrifft, fuhr der Geistliche fort, ohne meine
Einrede zu beachten, da der Krieg an und fr sich Gott mifllig sei, so fllt
dieser bei jedem bibelfesten Christen weg, denn die heilige Schrift zeigt zur
Genge, da der Herr dem Volke Israel selber befohlen hat, Kriege zu fhren, um
das gelobte Land zu erobern, und er verlieh seinem Volke Sieg und Segen dazu. 4.
Mose 21, 14 ist die Rede von einem eigenen Buche der Kriege Jehovas. Und wie oft
wird in den Psalmen die Hilfe gerhmt, die Gott seinem Volke im Kriege
angedeihen lie. Kennen Sie nicht Salomos Spruch (22, 31):

Das Ro steht gerstet fr den Tag der Schlacht,
Aber von dem Herrn kommt der Sieg.

    Im 144. Psalm dankt und lobt David den Herrn, seinen Hort, der seine Hnde
lehrt streiten und seine Fuste kriegen.
    So herrscht denn der Widerspruch zwischen dem alten und dem neuen
Testament: der Gott der alten Hebrer war ein kriegerischer, aber der sanfte
Jesus verkndete die Botschaft des Friedens und lehrte Nchsten- und
Feindesliebe.
    Auch im neuen Testament spricht Jesus im Gleichnis Lukas 14, 31 ohne
jeglichen Tadel von einem Knig, der sich mit einem anderen Knig in den Krieg
begeben will. Wie oft gebraucht auch der Apostel Paulus Bilder aus dem
Kriegsleben. Er sagt (Rmer 13, 4), da die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst
trgt, sondern Gottes Diener und ein Rcher ist, ber den, der Bses thut.
    Nun also - dann liegt in der heiligen Schrift selber der Widerspruch, den
ich meine. Indem Sie mir zeigen, da derselbe in der Bibel auch zu finden ist,
rumen Sie ihn nicht weg.
    Da sieht man die oberflchliche und zugleich anmaende Urteilsweise, welche
die eigene, schwache Vernunft ber Gottes Wort erheben will. Widerspruch ist
etwas Unvollkommenes, Ungttliches; indem ich also nachweise, da ein Ding in
der Bibel vorkommt, ist der Beweis erbracht, da es in sich - mag es der
menschlichen Einsicht noch so unverstndlich sein - keinen Widerspruch enthalten
kann.
    Wenn nicht vielmehr durch das Vorhandensein des Widerspruchs der Nachweis
gefhrt wre, da die betreffenden Stellen unmglich gttlichen Ursprungs sind.
Diese Antwort schwebte mir auf den Lippen, doch habe ich sie unterdrckt, um das
Streitobjekt nicht gnzlich zu verrcken.
    Sehen Sie, Herr Konsistorialrat, mischte sich jetzt Friedrich in das
Gesprch; noch viel krftiger als Sie, hat ein Oberststckhauptmann im 17.
Jahrhundert die Zulssigkeit der Kriegsgreuel durch Berufung auf die Bibel
dargethan. Ich habe mir das Schriftstck aufgehoben und auch meiner Frau schon
vorgelesen, sie wollte sich aber mit dem darin ausgesprochenen Geiste nicht
befreunden. Ich gestehe, mir kommt das Ding auch etwas - stark vor ... und ich
mchte gern Ihre Ansicht darber hren. Wenn Sie erlauben, so bringe ich das
Dokument. Er holte aus einem Schubfach ein Papier hervor, entfaltete es und
las:

    Der Krieg ist von Gott selbst inventieret und den Menschen gelehret worden.
    Den ersten Soldaten setzte Gott ein mit einem zweischneidigen Schwert vor
    das Paradies, um dem ersten Rebellen, Adam, solches zu verbieten. Im
    Deuteronomium ist zu lesen, wie Gott sein Volk durch Moses zum Sieg
    encouragieren lt und ihnen sogar seine Priester als Avantgarde gibt. Das
    erste Stratagema ward der Stadt Hai beigebracht. In diesem Judenkrieg mute
    die Sonne zwei ganze Tage aneinander am Firmament stehend leuchten, damit
    der Krieg und die Victori konnte persequieret und viele Tausende erschlagen
    und die Knige aufgehenkt werden. Alle Kriegsgreuel sind vor Gott gebilligt,
    denn die ganze heilige Schrift ist voll davon und beweiset genugsam, da der
    rechtmige Krieg von Gott selber inventieret ist, da also ein jeder Mensch
    von gutem Gewissen in demselben dienen, leben und sterben kann. Seine Feinde
    mag er verbrennen oder versengen, schinden, niederstoen oder in Stcke
    zerhauen - es ist Alles recht, mgen Andere daran judizieren was sie wollen;
    Gott hat in diesen Stcken nichts verboten, sondern die grausamsten
    Manieren, Menschen umzubringen, gebilliget.
        Die Prophetin Deborah nagelte dem Kriegsobersten Sissara den Kopf am
        Erdboden an. Gideon, der von Gott verordnete Fhrer des Volks, rchte
        sich an den Obersten zu Senhot, die ihm etwas Proviant verweigert
        hatten, soldatisch: Galgen und Rad, Schwert und Feuer waren zu schlecht;
        sie wurden mit Dornen gedroschen und zerrissen - gleichwohl war es recht
        vor den gttlichen Augen. Der knigliche Prophet David, ein Mann nach
        dem Herzen Gottes, inventierte die grausamsten Martern ber die schon
        berwundenen Kinder Ammon zu Rabboth: er lie sie mit Sbeln
        zerschneiden, mit eisernen Wagen ber sie fahren, zerschnitt sie mit
        Messern, zog sie herdurch wie man Ziegelsteine formieret, und also that
        er in allen Stdten der Kinder Ammon. Ferner hat -

Das ist greulich, das ist abscheulich! unterbrach der Oberpfarrer. Nur einem
rohen Sldling aus der verwilderten Zeit des 30 jhrigen Krieges sieht es
gleich, solche Beispiele aus der Bibel heranzuziehen, um darauf die Berechtigung
der Grausamkeit gegen den Feind zu sttzen. Wir verknden jetzt ganz andere
Lehren: im Kriege darf weiter nichts erstrebt werden, als die Unschdlichmachung
des Gegners - bis zum Tode - ohne bswillige Absicht gegen das Leben eines
Einzelnen. Tritt solche Absicht, oder gar Mordlust und Grausamkeit gegen
Wehrlose ein, dann ist das Tten im Kriege gerade so unmoralisch und unzulssig
wie im Frieden. Ja, in vergangenen Jahrhunderten, wo Landknechtsfhrer und
fahrendes Volk den Krieg als Handwerk betrieben, da konnte der
Oberststckhauptmann solches schreiben; aber heutzutage wird nicht fr Sold und
Beute und nicht ohne zu wissen, gegen wen und warum, zu Felde gezogen, sondern
fr die hchsten idealen Gter der Menschheit - fr Freiheit, Selbstndigkeit,
Nationalitt - fr Recht, Glaube, Ehre, Zucht und Sitte ...
    Sie, Herr Konsistorialrat, warf ich ein, sind jedenfalls sanfter und
menschlicher als der Stckhauptmann; Sie haben daher aus der Bibel keine Belege
fr die Statthaftigkeit der Greuel - an welchen unsere mittelalterlichen
Vorfahren und vermutlich noch mehr die alten Hebrer - ihre Lust hatten -
beizubringen; aber es ist doch dasselbe Buch und derselbe Jehova, der nicht
sanfter geworden sein kann, von dem aber Jeder nur so viel Besttigung sich
holt, als zu seiner Anschauung pat.
    Auf dieses hin erhielt ich eine kleine Strafpredigt ber meinen Mangel an
Ehrerbietung dem Worte Gottes gegenber und ber meinen Mangel an Urteil bei
dessen Auslegung.
    Es gelang mir jedoch, das Gesprch wieder auf unser eigentliches Thema
zurckzuleiten und jetzt erging sich der Konsistorialrat in lange, diesmal
ununterbrochen bleibende Ausfhrungen ber den Zusammenhang zwischen
soldatischem und christlichem Geiste; er sprach von der religisen Weihe, die
dem Fahneneid innewohnt, wenn die Standarten mit Musikbegleitung feierlich in
die Kirche getragen werden unter der Ehrenbedeckung zweier Offiziere mit
gezogenem Degen; da tritt der Rekrut zum erstenmale ffentlich mit Helm und
Seitengewehr auf und zum erstenmale folgt er der Fahne seines Truppenteils, die
jetzt entfaltet ist vor dem Altare des Herrn, zerfetzt wie sie ist und
geschmckt mit dem Ehrenzeichen der Schlachten, in der sie getragen worden ...
Er sprach von der allsonntglichen kirchlichen Frbitte: Beschtze das
knigliche Kriegsheer und alle treuen Diener des Knigs und des Vaterlands.
Lehre sie, wie Christen ihres Endes gedenken und la dann ihre Dienste gesegnet
sein zu Deiner Ehre und des Vaterlandes Besten. Gott mit uns, fhrte er weiter
aus, ist ja auch die Inschrift auf der Grtelschnalle, mit der der Infanterist
sein Seitengewehr sich umgrtet, und diese Losung soll ihm Zuversicht geben. Ist
Gott mit uns - wer mag wider uns sein? Da sind auch die allgemeinen Landes-,
Bu- und Bettage, die beim Beginn eines Krieges ausgeschrieben werden, damit das
Volk im Gebete des Herrn Hilfe erflehe, zugleich in der getrosten Hoffnung auf
seinen Beistand und im Vertrauen auf den durch diesen Beistand zu erlangenden
glcklichen Ausgang. Welche Weihe liegt fr den ausziehenden Krieger darin - wie
mchtig hebt dies seine Kampfes- und seine Todesfreudigkeit! Er kann getrost,
wenn ihn sein Knig ruft, in die Reihen der Kmpfer treten und auf Sieg und
Segen fr die gerechte Sache rechnen: Gott der Herr wird dieselben unserem Volke
ebensowenig entziehen, wie einst seinem Volke Israel, wenn wir nur zu ihm betend
die Arbeit des Kampfes thun Der innige Zusammenhang zwischen Gebet und Sieg
zwischen Frmmigkeit und Tapferkeit ergiebt sich leicht - denn was kann mehr
Freudigkeit im Angesicht des Todes gewhren, als die Zuversicht, wenn im
Schlachtgewhl die letzte Stunde schlgt, vor dem himmlischen Richter Gnade zu
finden? Treue und Glauben in Verbindung mit Mannhaftigkeit und Kriegstchtigkeit
gehren zu den ltesten Traditionen unseres Volkes.
    In diesem Ton ging es noch lange fort: bald in liger Milde, gesenkten
Hauptes, mit sanftem Tonfall von Liebe, Himmel, Demut, Kindlein, Heil und
kstlichen Dingen; - bald mit militrischer Kommandostimme, bei stolz in die
Brust geworfener Haltung, von strenger Sitte und strammer Zucht - scharf und
schneidig - Schwert und Wehr. Das Wort Freude wurde nicht anders als in den
Zusammensetzungen Todes-, Kampfes- und Sterbensfreudigkeit gebraucht. Vom
feldprobstlichen Standpunkt scheinen eben Tten und Gettetwerden als die
vornehmsten Lebensfreuden zu gelten. Alles brige ist erschlaffende, sndhafte
Lust. Auch Verse wurden deklamiert. Zuerst das Krnersche:

Vater, du fhre mich!
Fhr' mich zum Siege, fhr' mich zum Tode!
Herr, ich erkenne deine Gebote.
Herr, wie du willst, so fhre mich,
Gott ich erkenne dich!

Dann das alte Volkslied aus dem 30 jhrigen Kriege:

Kein sel'grer Tod ist in der Welt,
Als wie vom Feind erschlagen,
Auf grner Au', im freien Feld,
Darf nicht hren gro Wehklagen.
Im engen Bett, da einer allein
Mu an den Todesreih'n,
Hier aber find't er Gesellschaft fein -
Fallen wie Kraut im Maien.

Ferner das Lenausche Lied vom kriegslustigen Waffenschmied:

Friede hat das Menschenleben
Still verwahrlost, sanft verwstet,
Wie er seiner That sich brstet,
Alles hngt voll Spinneweben ...
Ha! nun fhrt der Krieg dazwischen,
Klafft und ghnt auch manche Wunde,
Ghnt man selt'ner mit dem Munde.
Kampf und Tod die Welt erfrischen.

Und schlielich noch das Wort Luthers:

    Sehe ich den Krieg an als ein Ding, das Weib, Kind, Haus, Hof, Gut und Ehre
    schtzt und Frieden damit erhlt und bewahrt, so ist er eine gar kstliche
    Sache.

Nun ja - sehe ich den Panther als eine Taube an, so ist der Panther ein gar
sanftes Tierchen, bemerkte ich ungehrt.
    Gern htte ich auch auf seine poetischen Ergsse die Verse Bodenstedts
entgegnet:

Ihr mgt von Kriegs- und Heldenruhm
So viel und wie ihr wollt verknden,
Nur schweigt von eurem Christentum,
Gepredigt aus Kanonenschlnden.
Bedrft ihr Proben eures Muts,
So schlagt euch wie die Heiden weiland,
Vergiet so viel ihr mt des Bluts,
Nur redet nicht dabei vom Heiland.
Noch glubig schlgt das Trkenheer
Die Schlacht zum Ruhme seines Allah,
Wir haben keinen Odin mehr,
Tot sind die Gtter der Walhalla.
Seid was ihr wollt, doch ganz und frei,
Auf dieser Seite wie auf jener,
Verhat ist mir die Heuchelei
Der kriegerischen Nazarener.

Aber unser kriegerischer Nazarener sah nicht, was in meinem Geiste vorging; er
lie sich in seinem Redeflu nicht irre machen und als er sich empfahl, da hatte
er das Bewutsein, mich zweier Dinge berfhrt zu haben; da der Krieg vom
christlichen Standpunkte aus ein gerechtfertigter - und an und fr sich eine
kstliche Sache sei. Durch diesen rhetorischen Sieg seiner Berufspflicht
nachgekommen zu sein und damit dem fremden Herrn Obersten einen betrchtlichen
Dienst erwiesen zu haben, war ihm sichtlich sehr befriedigend, denn als er sich
zum Gehen erhob und wir ihm unseren Dank fr die bereitwillige Bemhung
aussprachen, erwiderte er abwehrend:
    Es ist an mir, Ihnen zu danken, mir die Gelegenheit geboten zu haben, durch
mein schwaches Wort, dessen ganze Wirksamkeit dem vielfach herangezogenen Worte
Gottes zuzuschreiben ist, solche Zweifel zu verscheuchen, welche sowohl der
Christin, als der Soldatenfrau nur qulend sein muten. Der Friede sei mit
Ihnen!
    Ach! sthnte ich, nachdem er sich entfernt hatte, das war eine Qual!
    Ja, das war es, besttigte Friedrich. Besonders unsere Unaufrichtigkeit
war mir nicht behaglich - die falsche Voraussetzung nmlich, unter welcher wir
ihn zur Entfaltung seiner Beredsamkeit bewogen haben. Einen Augenblick drngte
es mich, ihm zu sagen: Halten Sie ein, hochwrdiger Herr, ich selber hege die
gleichen Ansichten gegen den Krieg, wie meine Frau, und was Sie sprechen, soll
mir nur dazu dienen, die Schwche Ihrer Argumente nher zu untersuchen. Aber ich
schwieg. Wozu eines redlichen Mannes berzeugung - eine berzeugung, die noch
dazu die Grundlage seines Lebensberufes ist - verletzen?
    berzeugung? - bist Du dessen sicher? Glaubt er wirklich die Wahrheit zu
sprechen, oder bethrt er seine Soldatengemeinde absichtlich, wenn er ihr den
sicheren Sieg verspricht, durch den Beistand eines Gottes, von dem er doch
wissen mu, da er von dem Feinde gerade so angerufen wird? Diese Berufungen auf
unser Volk, auf unsere, als die einzig gerechte Sache, die zugleich Gottes
Sache ist, die waren doch nur mglich zu einer Zeit, da ein Volk von allen
brigen Vlkern abgeschlossen, sich fr das einzig Daseinsberechtigte, das
einzig Gottgeliebte hielt. Und dann diese Vertrstungen auf den Himmel, um desto
leichter die Hingebung des irdischen Lebens zu erlangen, alle diese Ceremonien -
Weihen, Eide, Gesnge - welche in der Brust des in den Krieg Befohlenen die so
beliebte Todesfreudigkeit (mir graut vor dem Worte) erwecken sollen, ist das
nicht -
    Alles hat zwei Seiten, Martha, unterbrach Friedrich. Weil wir den Krieg
verwnschen, erscheint uns Alles, was ihn sttzt und verschnt, was seine
Schrecken verschleiert, hassenswert.
    Ja, natrlich, denn dadurch wird das Gehate erhalten.
    Nicht dadurch allein ... Alte Einrichtungen stehen mit tausend Fasern
festgewurzelt, und so lang sie da waren, war's doch auch gut, da diejenigen
Gefhle und Gedanken bestanden, durch die sie verschnt - durch die sie nicht
nur ertrglich, sondern sogar beliebt gemacht wurden. Wie viel armen Teufeln
half jene anerzogene Todesfreudigkeit ber das Sterbensweh hinweg; wie viel
fromme Seelen bauten vertrauensvoll auf die ihnen vom Prediger zugesicherte
Gotteshilfe; wie viel unschuldige Eitelkeit und stolzes Ehrgefhl ward nicht
durch jene Ceremonien geweckt und befriedigt, wie viel Herzen schlugen nicht
hher bei den Klngen jener Gesnge? Von allem Leid, das der Krieg ber die
Menschen gebracht hat, ist doch wenigstens jenes Leid abzurechnen, welches
wegzusingen und wegzulgen den Kriegsbarden und den Feldgeistlichen gelungen
ist.

Wir wurden von Berlin sehr pltzlich wieder abberufen. Eine Depesche meldete
mir, da Tante Marie schwer erkrankt sei und uns zu sehen wnsche.
    Ich fand die alte Frau von den Arzten aufgegeben.
    Jetzt ist die Reihe an mir, sagte sie. Eigentlich gehe ich recht gern ...
Seit mein armer Bruder und seine drei Kinder hingerafft wurden, hat es mich
ohnehin auf dieser Welt nicht mehr gefreut - von diesem Schlag konnte ich mich
nie mehr erholen ... Drben werde ich die Andern wiederfinden ... Konrad und
Lilli sind dort auch vereint ... es war ihnen nicht bestimmt, auf Erden vereint
zu werden ...
    Wre zu rechter Zeit abgerstet worden - wollte ich zu widersprechen
beginnen, aber ich hielt mich zurck: mit dieser Sterbenden konnte ich doch
keinen Streit anheben und doch nicht an ihrer Lieblingstheorie Bestimmung zu
rtteln versuchen.
    Ein Trost ist mir, fuhr sie fort, da wenigstens Du glcklich
zurckbleibst, liebe Martha ... Dein Mann ist aus zwei Feldzgen zurckgekehrt -
die Cholera hat euch verschont - es hat sich deutlich erwiesen, da ihr bestimmt
seid, miteinander alt zu werden ... Trachte nur, aus dem kleinen Rudolf einen
guten Christen und einen guten Soldaten heranzuziehen, damit sein Grovater noch
da oben seine Freude an ihm haben mge ...
    Auch darber schwieg ich lieber, da ich fest entschlossen war, aus meinem
Sohne keinen Soldaten zu machen.
    Ich werde unaufhrlich fr euch beten ... damit ihr lange und zufrieden
lebt. -
    Natrlich hob ich den Widerspruch nicht auf, da eine unverrckbare
Bestimmung durch den Einflu unaufhrlichen Betens zum Guten gelenkt werden
solle, doch unterbrach ich die Arme, indem ich sie bat, sich mit Sprechen nicht
anzustrengen, und erzhlte ihr, um sie zu zerstreuen, von unseren schweizer und
berliner Erlebnissen. Ich berichtete, da wir auch mit Prinz Heinrich
zusammengekommen und da derselbe in seinem Schlopark dem Andenken der ebenso
schnell gewonnenen als wiederverlorenen Braut ein Marmordenkmal aufrichten
lasse.
    Nach drei Tagen, ergeben und gefat, mit den selbstverlangten - andchtig
empfangenen Sterbesakramenten versehen, entschlief meine arme Tante Marie; - und
so waren denn alle die Meinen, Alle, in deren Mitte ich aufgewachsen, von der
Erde geschieden ...
    In ihrem Testament war als Universalerbe ihres kleinen Vermgens mein Sohn
Rudolf eingesetzt und zum Vormund - Minister Allerdings bestellt.
    Dieser Umstand brachte mich nun in hufige Berhrung mit diesem einstigen
Freunde meines Vaters. Er war auch ziemlich der Einzige, der unser Haus
besuchte. Die tiefe Trauer, in welche mich die Grumitzer Unglckswoche versetzt
hatte, brachte es selbstverstndlich mit sich, da ich ganz zurckgezogen lebte.
Unser Plan, nach Paris zu bersiedeln, konnte erst ausgefhrt werden, wenn alle
meine Geschfte in Ordnung gebracht waren, was jedenfalls noch einige Monate in
Anspruch nehmen mute.
    Unser Freund, der Minister, welcher wie gesagt, beinahe unseren einzigen
Umgang bildete, hatte in der letzten Zeit seinen Abschied genommen oder
bekommen, - das habe ich nie ergrnden knnen - kurz, er hatte sich ins
Privatleben zurckgezogen, liebte es aber noch immer, sich mit Politik zu
beschftigen. Er wute stets das Gesprch auf dieses sein Lieblingsthema zu
lenken und wir gaben ihm auch willig die Replik. Da sich Friedrich jetzt so
eifrig mit dem Studium des Vlkerrechts befate, so war ihm jede Diskussion
willkommen, welche dieses Gebiet streifte. Nach dem Speisen (Herr von Allerdings
- wir bezeichneten ihn unter uns immer mit diesem Spitznamen - war zweimal
wchentlich bei uns zu Tisch geladen) pflegten die beiden Herren sich in ein
langes politisches Gesprch zu vertiefen, wobei mein Mann es jedoch vermied,
dieses Gesprch in die ihm so verhate Kannegieerei ausarten zu lassen, sondern
bemht war, dasselbe auf verallgemeinernde Standpunkte zu lenken. Hierin konnte
ihm Allerdings allerdings nicht immer folgen, denn in seiner Eigenschaft als
eingewurzelter Diplomat und Breaukrat hatte er sich angewhnt, die sogenannte
praktische Politik oder Realpolitik zu betreiben - ein Ding, welches ja nur
auf die nchstliegenden Sonderinteressen gerichtet ist und von den theoretischen
Fragen der Gesellschaftskunde nichts wei.
    Ich sa daneben, mit einer Handarbeit beschftigt und mischte mich nicht in
das Gesprch, was dem Herrn Minister ganz natrlich schien, denn bekanntlich ist
fr Frauen die Politik ja viel zu hoch; er war berzeugt, da ich dabei an
andere Dinge dachte, whrend ich - im Gegenteil - sehr aufmerksam zuhrte, da es
meines Amtes war, mir so gut als mglich den Wortlaut dieser Dialoge in das
Gedchtnis zu prgen, um dieselben hernach in die roten Hefte einzutragen.
Friedrich machte von seinen Gesinnungen kein Hehl, obwohl er wute, welche
undankbare Rolle es ist, gegen das allgemein Geltende sich aufzulehnen und Ideen
zu vertreten, so lange dieselben noch in jenem Stadium sind, wo sie - wenn nicht
als umstrzlerisch verdammt - so doch als phantastisch verlacht werden.
    Ich kann Ihnen heute eine interessante Nachricht mitteilen, lieber
Tilling, sagte der Minister eines nachmittags mit wichtiger Miene. Man geht in
Regierungskreisen, das heit im Kriegsministerum, mit der Idee um, auch bei uns
die allgemeine Wehrpflicht einzufhren.
    Wie? Dasselbe System, welches vor dem Krieg bei uns so allgemein geschmht
und verspottet wurde? Bewaffnete Schneidergesellen und so weiter? ...
    Allerdings hatten wir vor kurzer Zeit ein Vorurteil dagegen - aber es hat
sich bei den Preuen doch bewhrt, das mssen Sie zugestehen. Und eigentlich -
vom moralischen Standpunkt - selbst vom demokratischen und liberalen Standpunkt,
fr welchen Sie ja mitunter zu schwrmen scheinen - ist es doch eine gerechte
und erhebende Sache, wenn jeder Sohn des Vaterlandes, ohne Rcksicht auf Stand
und Bildungsstufe, die gleichen Pflichten zu erfllen hat. Und vom strategischen
Standpunkt: htte das kleine Preuen jemals siegen knnen, wenn es die Landwehr
nicht gehabt htte - und wre diese bei uns schon eingefhrt gewesen, wren wir
jemals besiegt worden?
    Das heit also, wenn wir ein greres Material gehabt htten, so htte dem
Feinde das seine nichts gentzt. Ergo - wenn berall die Landwehr eingefhrt
wird, ist sie fr Niemand mehr zum Vorteil. Das Kriegsschachspiel wird mit mehr
Figuren gespielt, die Partie hngt aber doch wieder von dem Glck und der
Geschicklichkeit der Spieler ab. Ich setze den Fall, alle europischen Mchte
fhren die allgemeine Wehrpflicht ein, so bliebe das Machtverhltnis genau
dasselbe - der Unterschied wre nur der, da, um zur Entscheidung zu gelangen,
statt Hunderttausende, Millionen hingeschlachtet werden mten.
    Finden Sie es aber gerecht und billig, da nur ein Teil der Bevlkerung
sich opfere, um die hchsten Gter der Andern zu verteidigen, und diese Anderen,
zumal wenn sie reich sind, ruhig zu Hause bleiben drfen? Nein, nein - mit dem
neuen Gesetz wird das aufhren. Da gibt es kein Loskaufen mehr - da mu Jeder
mitthun. Und gerade die Gebildeten, die Studenten, solche, die etwas gelernt
haben, die geben intelligente und daher auch sieghafte Elemente ab.
    Bei dem Gegner sind dieselben Elemente vorhanden - also heben sich die
durch gebildete Unteroffiziere zu gewinnenden Vorteile. Dagegen bleibt -
gleichfalls auf beiden Seiten - der Verlust an unschtzbarem geistigen Material,
welches dem Lande dadurch entzogen wird, da die Gebildetsten - diejenigen,
welche durch Erfindungen, Kunstwerke oder wissenschaftliche Forschungen die
Kultur gefrdert htten - in Reih' und Glied als Zielscheiben feindlicher
Geschtze aufgestellt werden.
    Ach was - zu dem Erfindungmachen und Kunstwerkproduzieren und
Schdelknochen-Untersuchungen - Alles Dinge, welche die Machtstellung des
Staates um kein Quentchen vergrern -
    Hm!
    Wie?
    Nichts, bitte, fahren Sie fort.
    - dazu bleibt den Leuten noch immer Zeit. Sie brauchen ja nicht ihr ganzes
Leben lang zu dienen - aber ein paar Jahre strammer Zucht, die thun sicherlich
Allen gut und machen sie zur Ausbung ihrer brigen Brgerpflichten nur desto
befhigter. Blutsteuer mssen wir nun einmal zahlen - also soll sie unter Allen
gleich verteilt werden.
    Wenn durch diese Verteilung auf den Einzelnen weniger kme, so htte das
etwas fr sich. Das wre aber nicht der Fall - die Blutsteuer wrde da nicht
verteilt, sondern vermehrt. Ich hoffe, das Projekt dringt nicht durch. Es ist
unabsehbar, wohin das fhrte. Eine Macht wollte dann die andere an Heeresstrke
berbieten und endlich gbe es keine Armeen mehr, sondern nur bewaffnete Vlker.
Immer mehr Leute wrden zum Dienst herangezogen, immer lnger wrde die Dauer
der Dienstzeit, immer grer die Kriegssteuerkosten, die Bewaffnungskosten ...
Ohne miteinander zu fechten, wrden sich die Nationen durch Kriegsbereitschaft
alle selber zu grunde richten.
    Aber lieber Tilling, Sie denken zu weit!
    Man kann niemals zu weit denken. Alles was man unternimmt, mu man bis zu
seinen letzten Konsequenzen - wenigstens soweit, als der Geist reicht,
auszudenken wagen. Wir verglichen vorhin den Krieg mit dem Schachspiel - auch
die Politik ist ein solches, Excellenz, und das sind gar schwache Spieler,
welche nicht weiter denken als einen Zug, und sich schon freuen, wenn sie sich
so gestellt haben, da sie einen Bauer bedrohen. Ich will den Gedanken, der sich
unablssig steigernden Wehrmacht und der Verallgemeinerung der Dienstpflicht
sogar noch weiter ausspinnen, bis zu der uersten Grenze - bis zu jener
nmlich, wo das Ma bergeht. Wie dann, wenn, nachdem die grten Massen und die
uersten Altersgrenzen erreicht sind, es einer Nation einfiele, auch Regimenter
von Frauen aufzustellen? Die Anderen mten es nachahmen. Oder Kinderbataillone?
Die Anderen mten es nachahmen. Und in der Bewaffnung - in den
Zerstrungsmitteln - wo wre da die Grenze? O dieses wilde, blinde
In-den-Abgrundrennen!
    Beruhigen Sie sich, lieber Tilling ... Sie sind ein rechter Phantast. Sagen
Sie mir ein Mittel, den Krieg abzuschaffen, so wre es allerdings ganz gut.
Nachdem aber das nicht mglich ist, so mu doch jede Nation trachten, sich
darauf so gut als mglich vorzubereiten, um sich in dem unausweichlichen Kampf
ums Dasein (so heit das Schlagwort des jetzt so modernen Darwin, nicht wahr?)
die grte Gewinnchance zu sichern.
    Wenn ich die Mittel, Kriege aufzuheben, vorschlagen wollte, so wrden Sie
mich noch einen rgeren Phantasten schelten, einen sentimentalen, von
Humanittsschwindel (so heit doch das beliebte Schlagwort der Kriegspartei?)
angekrnkelten Trumer! ...
    Allerdings knnte ich Ihnen nicht verhehlen, da zur Erreichung eines
solchen Ideals aller praktischer Untergrund fehlt. Man mu mit den vorhandenen
Faktoren rechnen. Dazu gehren die menschlichen Leidenschaften, die Rivalitten,
die Verschiedenheit der Interessen, die Unmglichkeit, sich ber alle Fragen zu
einigen -
    Ist auch nicht ntig: wo die Zwistigkeiten beginnen, hat ein Schiedsgericht
- nicht aber die Gewalt - zu entscheiden.
    Einem Tribunal werden sich die souvernen Staaten, werden sich die Vlker
niemals fgen wollen.
    Die Vlker? Die Potentaten und Diplomaten wollen es nicht. Aber das Volk?
Man frage es nur, bei ihm ist der Friedenswunsch glhend und wahr, whrend die
Friedensbeteuerungen, die von den Regierungen ausgehen, hufig Lge,
gleinerische Lge sind - oder wenigstens von den anderen Regierungen
grundstzlich als solche aufgefat werden. Das heit ja eben Diplomatie. Und
immer mehr und mehr werden die Vlker nach Frieden rufen. Sollte die allgemeine
Wehrpflicht sich verbreiten, so wrde in demselben Mae die Kriegsabneigung
zunehmen. Eine Klasse von fr ihren Beruf begeisterter Soldaten ist noch
denkbar: durch ihre Ausnahmestellung, die als eine Ehrenstellung gilt, die ihr
fr die damit verbundenen Opfer Ersatz geboten; aber wenn die Ausnahme aufhrt,
hrt auch die Auszeichnung auf. Es schwindet die bewundernde Dankbarkeit, welche
die Heimgebliebenen den zu ihrem Schutze Hinausgezogenen weihen - weil es ja
Heimgebliebene berhaupt keine mehr gibt. Die kriegsliebenden Gefhle, die dem
Soldaten immer untergeschoben - und damit auch hufig erweckt werden, die werden
dann seltener angefacht; denn wer sind diejenigen, die am heldenmtigsten thun,
die am heftigsten von kriegerischen Grothaten und Gefahren schwrmen?
Diejenigen, die davor schn sicher sind - die Professoren, die Politiker, die
Bierhauskannegieer - der Chor der Greise, wie im Faust. Nach dem Verlust der
Sicherheit wird dieser Chor verstummen. Ferner: wenn nicht nur jene dem
Militrdienst sich widmen, die ihn lieben und loben, sondern auch alle jene
zwangsweise dazu herangezogen werden, die ihn verabscheuen, so mu dieser
Abscheu zur Geltung kommen. Dichter, Denker, Menschenfreunde, sanfte Leute,
furchtsame Leute: alle diese werden von ihrem Standpunkte aus das aufgezwungene
Handwerk verdammen!
    Sie werden diese Gesinnung aber wohlweislich verschweigen, um nicht fr
feige zu gelten - um sich hheren Orts nicht der Ungnade auszusetzen.
    Schweigen? Nicht immer. So wie ich rede - obwohl ich selber lange
geschwiegen habe - so werden die Anderen auch mit der Sprache herausrcken. Wenn
die Gesinnung reift, wird sie zum Wort. Ich einzelner bin vierzig Jahre alt
geworden, bis meine berzeugung die Kraft gewann, sich im Ausdruck Luft zu
machen. Und so wie ich zwei oder drei Jahrzehnte gebraucht - so werden die
Massen vielleicht zwei oder drei Generationen gebrauchen, aber reden werden sie
endlich doch.

Neujahr 67!
    Wir feierten Sylvester ganz allein, mein Friedrich und ich. Als es zwlf Uhr
schlug:
    Erinnerst Du Dich des Trinkspruches, fragte ich seufzend, den mein armer
Vater voriges Jahr um diese Stunde ausgebracht? Ich wage es gar nicht, Dir jetzt
Glck zu wnschen - die Zukunft birgt mitunter so unerwartet Frchterliches in
ihrem Scho und noch kein Mensch hat solches abzuwenden vermocht ...
    So benutzen wir die Jahreswende, Martha, um, statt vorauszudenken,
zurckzuschauen in das eben verflossene Jahr. Was hast Du, meine arme, tapfere
Frau da Alles leiden mssen! So viele Deiner Lieben begraben ... und jene
Schreckenstage auf den bhmischen Schlachtfeldern -
    Ich bedauere nicht, die dortigen Greuel gesehen zu haben - wenigstens kann
ich nunmehr mit der ganzen Kraft meiner Seele an Deinen Bestrebungen
teilnehmen.
    Wir mssen Deinen - unseren Rudolf dazu erziehen, diese Bestrebungen weiter
durchzufhren; in seiner Zeit wird vielleicht ein sichtbares Ziel am Horizont
aufsteigen - in unserer schwerlich. - Wie die Leute auf den Straen lrmen - die
bejubeln doch wieder das neue Jahr, trotz der Leiden, welche ihnen das - ebenso
eingejubelte - alte gebracht. O diese vergelichen Menschen!
    Schilt sie nicht zu sehr ob dieser Vergelichkeit, Friedrich. Mir fngt auch
schon an, das vergangene Leid wie traumhaft aus dem Gedchtnis zu entflattern
und was ich gegenwrtig empfinde, ist das Glck der Gegenwart, das Glck, Dich
zu haben, Einziger! Ich glaube auch - wir wollen zwar nicht von der Zukunft
sprechen - aber ich glaube, wir haben eine schne Zukunft vor uns ... Einig,
liebend, selbstndig, reich - wie viel herrliche Gensse kann uns das Leben noch
bieten: wir werden reisen, die Welt kennen lernen, die so schne Welt ... Schn,
solange Frieden herrscht, und der kann jetzt viele, viele Jahre ausdauern ...
Sollte doch wieder Krieg ausbrechen, so bist Du nicht mehr daran beteiligt ...
auch Rudolf ist nicht bedroht, da er nicht Soldat werden soll ...
    Wenn aber, wie Minister Allerdings berichtet, jeder Mensch wehrpflichtig
sein wird -
    Ach, Unsinn. - Was ich also sagen wollte: wir reisen, wir ziehen uns in
Rudolf einen Mustermenschen auf, wir verfolgen unser edles Ziel der
Friedenspropaganda, und wir - wir lieben uns!
    O Du mein holdes Weib! ... Er zog mich an sich und kte mich auf den
Mund. Es war das erste Mal, nach all der Trennungs-, Schreckens- und Trauerzeit,
da sich der milden Zrtlichkeit seiner Liebkosungen wieder eine Flamme
beimischte - eine Flamme, die mich mit ser Glut umloderte. Vergessen war
Krieg, Cholera, Allerseelen in dieser seligen Sylvesternacht und - - unser am 1.
Oktober 1867 geborenes Tchterchen haben wir Sylvia getauft.
    Der Fasching desselben Jahres brachte wieder Blle und Vergngungen aller
Art. Natrlich nicht fr uns - meine Trauer hielt mich von allen solchen Dingen
fern. Was mich aber wunderte, war, da nicht die ganze Gesellschaft solchen
rauschenden Treiben entsagte. Es mute doch beinah in jeder Familie ein
Verlustfall vorgekommen sein; aber, wie es scheint, man setzte sich darber
hinaus. Zwar blieben einige Huser geschlossen, namentlich in der Aristokratie,
aber an Tanzgelegenheiten fehlte es der Jugend nicht und natrlich waren die
beliebtesten Tnzer Diejenigen, welche von den italienischen oder bhmischen
Schlachtfeldern heimgekehrt; und am meisten gefeiert wurden die Marineoffiziere
- namentlich die Mitkmpfer bei Lissa. In Tegethoff, den jugendlichen Admiral
(wie nach dem Feldzug von Schleswig-Holstein in den schnen General Gablenz) war
die halbe Damenwelt verliebt. Custozza und Lissa, das waren berhaupt die
beiden Trmpfe, welche in jedem Gesprch ber den abgelaufenen Krieg ausgespielt
wurden. Daneben Zndnadelgewehr und Landwehr - zwei Institutionen, welche
schleunigst eingefhrt werden sollten und knftige Siege waren uns verbrgt.
Siege - wann und gegen wen? Darber sprach man sich nicht aus; aber der
Revanchegedanke, der jede verlorene Partie - wenn es auch nur eine Kartenpartie
ist - zu begleiten pflegt, der schwebte ber allen Kundgebungen der Politiker.
Wenn wir auch selber nicht wieder gegen Preuen losziehen wrden, vielleicht
wrden es Andere auf sich nehmen, uns zu rchen. Allem Anschein nach wollte
Frankreich mit unseren berwindern anbinden und da knnte ihnen so manches
heimgezahlt werden - das Ding hatte in diplomatischen Kreisen sogar schon einen
Namen; La revanche de Sadowa. So teilte uns Minister Allerdings befriedigt
mit.
    Es war zu Anfang des Frhjahrs, da wieder so ein gewisser schwarzer Punkt
am Horizont aufstieg - eine sogenannte Frage. Auch die Nachrichten von
franzsischen Rstungen verschafften den Konjektural-Politikern das so beliebte
Krieg in Sicht. Die Frage hie diesmal die Luxemburger.
    Luxemburg? Was war denn das wieder so weltwichtiges? Da mute ich erst
wieder Studien anstellen, wie einst ber Schleswig-Holstein. Mir war der Name
eigentlich nur aus Supps Flotte Burschen gelufig, worin bekanntlich ein
Graf von Luxemburg sein ganzes Geld verputzt, putzt, putzt ... Das Ergebnis
meiner Forschungen war folgendes:
    Luxemburg gehrte nach den Vertrgen von 1814 und 1816 (ah, da haben wir's:
Vertrge - da lt sich schon ein Vlkerproze daraus ableiten - eine hbsche
Einrichtung, diese Vertrge) - gehrte laut Vertrag dem Knig der Niederlande
und zugleich dem deutschen Bunde. Preuen hatte in der Hauptstadt das
Besatzungsrecht. Nun hatte aber Preuen im Juni 1866 seine Teilnahme am alten
Bund gekndigt, wie sollte es jetzt mit dem Besatzungsrecht gehalten werden? Da
war sie, die Frage. Der prager Frieden hatte ja ein neues System in Deutschland
eingesetzt und mit diesem war die Zusammengehrigkeit mit Luxemburg aufgehoben -
warum behielten dann die Preuen ihr Besatzungsrecht? Allerdings - das war
verwickelt und konnte am vorteilhaftesten und gerechtesten durch Abschlachtung
neuer Hunderttausende geschlichtet werden - das mu doch jeder einsichtige
Politiker zugeben. Dem hollndischen Volke hat niemals etwas an dem Besitz des
Groherzogtums gelegen; auch dem Knig Wilhelm III. lag nichts daran, und er
htte es gern fr eine Summe in seine Privatkasse an Frankreich abgegeben. Da
begannen nun geheime Verhandlungen zwischen dem Knig und dem franzsischen
Kabinett. Recht so: Geheimnis ist ja der Kern aller Diplomatie. Die Vlker
drfen von den Streitigkeiten nichts wissen - kommen diese erst zum Austrage, so
haben sie das Recht, dafr zu bluten. Warum und wofr sie sich schlagen - das
ist Nebensache.
    Ende Mrz erst macht der Knig die Nachricht offiziell und am selben Tage,
als er sein Einverstndnis nach Frankreich telegraphiert, wird der preuische
Gesandte im Haag davon unterrichtet. Daraufhin beginnen Unterhandlungen mit
Preuen. Dieses beruft sich auf die Garantie der Vertrge von 1859, auf
Grundlage deren das Knigreich Holland bestand. Die ffentliche Meinung (wer ist
das, die ffentliche Meinung? Wohl die Leitartikelschreiber?) in Preuen ist
entrstet, da das alte deutsche Reichsland losgerissen werden soll; im
norddeutschen Reichstag - am 1. April - werden ber diesen Gegenstand feuerige
Interpellationen gestellt. Bismarck bleibt zwar ber Luxemburg kalt,
veranstaltet jedoch bei dieser Gelegenheit Rstungen gegen Frankreich, was
natrlich wieder franzsische Gegenrstungen zur Folge hat. Ach, wie ich diese
Melodie schon kenne! Damals zitterte ich sehr, da ein neuer Brand in Europa
ausbreche. An Schrern fehlte es nicht: in Paris Cassagnac und Emile de
Girardin, in Berlin Menzel und Heinrich Leo. Ob denn solche Kriegshetzer nur
eine entfernte Ahnung haben von der Riesenhaftigkeit ihres Verbrechertums? Ich
glaube kaum. Um jene Zeit war es - ich habe das erst viele Jahre spter erzhlen
gehrt - da Professor Simon dem Kronprinzen Friedrich von Preuen gegenber
ber die schwebende Frage uerte:

    Wenn Frankreich und Holland bereits abgeschlossen haben, so bedeutet das
    den Krieg.
        Worauf der Kronprinz in heftiger Erregung und Bestrzung erwiderte: Sie
        haben den Krieg nicht gesehen ... htten Sie ihn gesehen, so wrden Sie
        das Wort nicht so ruhig aussprechen ... Ich habe ihn gesehen und ich
        sage Ihnen, es ist die grte Pflicht, wenn es irgend mglich ist, den
        Krieg zu vermeiden.

Und diesmal wurde er vermieden. In London trat eine Konferenz zusammen, welche
am 11. Mai zu dem erwnschten friedlichen Resultate fhrte. Luxemburg ward als
neutral erklrt und Preuen zog seine Truppen fort. Die Friedensfreunde atmeten
auf, aber es gab Leute genug, welche sich ber diese Wendung rgerten. Nicht der
Kaiser der Franzosen - dieser wnschte den Frieden - aber die franzsische
Kriegspartei. Auch in Deutschland erhoben sich Stimmen, welche das Verhalten
Preuens verurteilten: Aufopferung eines Vollwerks, Wie Furcht aussehende
Nachgiebigkeit und dergleichen mehr. - Auch jede Privatperson, welche auf den
Rechtsspruch des Gerichtes hin auf irgend einen Besitz verzichtet, zeigt solche
Nachgiebigkeit - wre es besser, sie beugte sich keinem Tribunal und schlge mit
den Fusten drein? Was die Londoner Konferenz erreicht, das knnte in solchen
strittigen Fragen immer erreicht werden, und den Staatenlenkern wre jene
Vermeidung immer mglich, die der nachnachmalige Friedrich III., Friedrich der
Edle, die grte Pflicht genannt.

Im Mai begaben wir uns nach Paris, um die Ausstellung zu besuchen.
    Ich hatte die Weltstadt noch nicht gesehen und war von der Pracht und dem
Leben derselben ganz geblendet. Namentlich damals - das Kaiserreich stand auf
seinem hchsten Glanzpunkte und smtliche Kronentrger Europas hatten sich da
zusammengefunden - namentlich damals bot Paris ein Bild frhlichster und
friedenssicherster Herrlichkeit. Nicht wie die Hauptstadt eines Landes, sondern
wie die Hauptstadt der Internationalitt erschien mir damals die - drei Jahre
spter von ihrem stlichen Nachbar bombardierte - Stadt. Alle Vlker der Erde
hatten sich in dem groen Champ de Mars-Palaste zu den friedlichen - einzig
ntzlichen, weil schaffenden und nicht zerstrenden - Kampf des Wettbewerbs
versammelt; so viel Kunstwerke und Gewerbewunder waren hier zusammengetragen,
da sich in jedem Beschauer der Stolz regen mute, in so vorgeschrittener, immer
noch weiteren Fortschritt versprechender Zeit zu leben; und neben diesem Stolz
mute natrlich auch der Vorsatz entstehen, den Gang solcher genuspendenden
Kulturentwickelung nicht mehr durch brutales Vernichtungswten zu hemmen. Diese
hier als Gste des Kaisers und der Kaiserin versammelten Knige, Frsten und
Diplomaten konnten doch bei all' den ausgetauschten Hflichkeiten,
Freundlichkeiten, Glckwnschen nicht daran denken, nchstens mit ihren
Gastgebern oder untereinander Todesgeschosse zu tauschen? ... Nein: ich atmete
auf. Dieses ganze blendende Ausstellungsfest schien mir die Brgschaft, da
jetzt eine ra von langen, langen Friedensjahren begonnen. Hchstens gegen einen
Mongolenberfall oder so etwas dergleichen konnten diese civilisierten Leute
noch das Schwert ziehen, aber gegeneinander? - das erlebten wir wohl nimmermehr.
Was mich in dieser Auffassung bestrkte, war die Mitteilung, die mir ber einen
Lieblingsplan des Kaisers gemacht wurde: allgemeine Abrstung. Ja, das stand bei
Napoleon III. fest - ich habe es aus dem Munde seiner nchsten Verwandten und
Vertrauten -: bei nchster passender Gelegenheit wrde er smtlichen
europischen Regierungen den Vorschlag unterbreiten, ihren Heeresstand auf ein
Minimum herabzusetzen. Das lie sich hren - das war wohl eine vernnftigere
Idee, als diejenige einer allgemeinen Heeresverstrkung. Damit wre die bekannte
Forderung Kants erfllt, welche in Paragraph 3 der Prliminar-Artikel zum
ewigen Frieden also formuliert ist:

    Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhren.
    Dieselben bedrohen andere Staaten unaufhrlich mit Krieg durch die
    Bereitschaft, immer dazu gerstet zu scheinen, reizen diese an, sich
    einander in Menge der Gersteten, die keine Grenzen kennt (o prophetischer
    Weisenblick!) zu bertreffen, und indem durch die darauf gewendeten Kosten
    der Friede endlich noch drckender wird, als ein kurzer Krieg, so sind sie
    selbst Ursachen von Angriffskriegen, um diese Last los zu werden.

Welche Regierung konnte einen Vorschlag, wie der Franzose ihn plante, ablehnen,
ohne sich als eroberungsschtig zu entlarven? Welches Volk wrde gegen solche
Ablehnung nicht revoltieren? Der Plan mute gelingen.
    Friedrich teilte meine Zuversicht nicht:
    Vor Allem bezweifle ich, sagte er, da Napoleon diesen Vorsatz auch
aufrichtig hegt. Und wenn auch: der Druck der Kriegspartei wrde ihn an der
Ausfhrung hindern. berhaupt werden die Throninhaber an der Bethtigung
solcher, aus der Schablone fallender groer Willensmeinungen von ihrer Umgebung
immer gehindert. Zweitens lt sich einem lebenden Wesen nicht so mir nichts,
dir nichts befehlen, da es aufhre zu sein. Da setzt es sich zur Wehr.
    Von welchem lebenden Wesen sprichst Du?
    Von der Armee. Dieselbe ist ein Organismus und als solcher
lebensentfaltungs- und selbsterhaltungskrftig. Gegenwrtig steht dieser
Organismus gerade in seiner Blte, und wie Du siehst - das allgemeine Wehrsystem
soll ja auch in anderen Lndern eingefhrt werden - ist er eben im Begriffe,
sich mchtig auszubreiten. -
    Und dennoch willst Du dagegen ankmpfen?
    Ja, aber nicht, indem ich hintrete und ihm sage: Stirb, Ungeheuer! denn auf
das hin wrde mir besagter Organismus kaum den Gefallen erweisen, sich tot
hinzustrecken. Sondern ich kmpfe dagegen, indem ich fr ein anderes, noch ganz
schwach aufkeimendes Lebensgebilde eintrete, welches, indem es an Kraft und
Ausdehnung zunimmt, das andere verdrngen soll. Da ich in solchen
naturwissenschaftlichen Metaphern spreche - daran bist Du ursprnglich schuld
Martha. Du warst es, welche mich zuerst verleitete, die Werke der modernen
Naturforscher zu studieren. Dadurch ist mir die Einsicht aufgegangen, da auch
die Erscheinungen des sozialen Lebens nur dann in ihrer Entstehung verstanden
und in ihrem knftigen Verlauf vorausgesehen werden knnen, wenn man sie als
unter dem Einflu ewiger Gesetze stehend auffat. Davon haben die meisten
Politiker und hohen Wrdentrger keinen blauen Dunst - das lbliche Militr
schon gar nicht. Vor einigen Jahren wre es mir auch nicht in den Sinn
gekommen.
    Wir wohnten im Grand-Htel auf dem Boulevard des Capucines. Dasselbe war
zumeist mit Englndern und Amerikanern gefllt. Landsleute trafen wir nur
wenige: der sterreicher ist nicht reiselustig. Wir suchten brigens auch keinen
Anschlu: meine Trauer war noch nicht abgelegt und wir hegten keinen Wunsch nach
geselliger Unterhaltung. Meinen Sohn Rudolf hatte ich natrlich bei mir. Er war
jetzt acht Jahre alt und ein wunderbar gescheites Mnnchen. Wir hatten einen
jungen Englnder aufgenommen, der bei dem Kleinen halb Hofmeister-, halb
Kindermdchenstelle vertrat. Zu unseren langen Stationen im Ausstellungspalast,
sowie auch unseren zahlreichen Ausflgen in die Umgebung, konnten wir den Rudi
doch nicht immer mitnehmen und die Zeit des Lernens war ja auch schon fr ihn
gekommen.
    Neu - neu - neu war mir diese ganze hier erschlossene Welt! All' die von den
vier Himmelsgegenden zusammengekommenen Menschen, von berall her die reichsten
und vornehmsten; diese Feste, dieser Aufwand, dieses Gewimmel ... ich war
frmlich betubt davon. Aber so interessant und genureich es mir auch war,
diese berraschenden und berwltigenden Eindrcke in mich aufzunehmen, so
sehnte ich mich im Stillen doch wieder aus dem Getse hinaus, nach irgend einem
abgelegenen, friedlichen Pltzchen, wo ich mit Friedrich und meinem Kinde -
meinen Kindern, ich sah ja wieder Mutterfreuden entgegen - in ruhiger
Zurckgezogenheit htte leben knnen. Es ist doch sonderbar - ich finde es in
den roten Heften fters besttigt -, wie in der Abgeschlossenheit die Sehnsucht
nach Ereignissen und Thaten, nach Erlebnissen und Vergngungen entsteht und
mitten in diesen wieder die Sehnsucht nach Einsamkeit und Ruhe.
    Von der groen Welt hielten wir uns fern. Nur bei unserem Gesandten
Metternich hatten wir einen Besuch abgestattet und dabei erwhnt, da wir
unserer Familientrauer wegen keine Einfhrung bei Hofe und in die Gesellschaft
wnschten. Dagegen suchten wir die Bekanntschaft einiger hervorragender
politischer und litterarischer Persnlichkeiten; teils aus persnlichem
Interesse und zu geistiger Anregung, teils im Hinblick auf Friedrichs Dienst.
Trotz der geringen Hoffnungen, die er auf einen greifbaren Erfolg seiner
Bestrebungen hatte, verlor er diese niemals aus dem Auge, und er setzte sich mit
verschiedenen einflureichen Personen in Verkehr, von welchen er Frderung
seiner Sache, oder mindestens Auskunft ber deren Stand erhalten konnte. Wir
haben uns damals ein eigenes Bchelchen angelegt - wir nannten es
Friedenspolitik - in welches smtliche, auf diesen Gegenstand bezgliche
Urkunden, Notizen, Artikel u.s.w. abschriftlich eingetragen wurden. Auch die
Geschichte der Friedensidee, soweit wir von derselben Kenntnis erlangten, haben
wir da zu Protokoll gebracht. Daneben die Aussprche verschiedener Philosophen,
Dichter, Juristen und Schriftsteller ber Krieg und Frieden. Es war bald zu
einem stattlichen Bndchen herangewachsen und im Lauf der Zeit - ich habe diese
Buchfhrung bis auf den heutigen Tag fvrtgesetzt - sind sogar mehrere Bndchen
daraus geworden. Wenn man das mit den Bibliotheken vergleicht, die mit Werken
strategischen Inhalts gefllt sind, mit den ungezhlten tausenden von Bnden,
welche Kriegsgeschichte, Kriegsstudium und Kriegsverherrlichung enthalten, mit
den militrwissenschaftlichen und militrtechnischen Lehrbchern und Leitfden
ber Rekrutenabrichtung und Ballistik, mit den Schlachtenchroniken und
Generalstabsberichten, Soldatenliedern und Kriegsgesngen: ja dann freilich
knnte einen der Vergleich mit den paar Heftchen Friedenslitteratur kleinmtig
machen - vorausgesetzt, da man die Kraft und den Gehalt - namentlich den
Zukunftsgehalt - eines Dinges nach dessen Ausdehnung bemessen wollte. Wenn man
aber bedenkt, da eine Samenkapsel in sich die virtuelle Mglichkeit birgt,
einen Wald entstehen zu machen, der ganze, ber weite Felder ausgedehnte
Unkrautmassen verdrngen wird; - und ferner bedenkt, da die Idee im Reiche des
Geistes dasselbe ist, was das Samenkorn im Reiche der Pflanzen - dann braucht
man um die Zukunft einer Idee nicht besorgt zu sein, weil sich bisher die
Geschichte ihrer Entfaltung in einem kleinen Heftchen aufzeichnen lt.
    Ich will hier einige Stellen anfhren, wie sie unser Friedensprotokoll im
Jahre 1867 aufwies. Auf der ersten Seite stand ein gedrngter historischer
berblick:

    Vierhundert Jahre vor Christus schrieb Aristophanes eine Komdie: Der
    Frieden, in welcher eine humanitre Tendenz vertreten ist.
        Die griechische - spter nach Rom verpflanzte - Philosophie vertritt das
        Streben nach menschlicher Einheit - von Sokrates an, welcher sich
        Weltbrger nennt, bis zu Terenz, dem nichts Menschliches fremd und
        zu Cicero, der die caritas generis humani als den hchsten Grad der
        Vollkommenheit hinstellt. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung
        erscheint Virgil und sein berhmtes 4. Hirtengedicht, welches der Welt
        den ewigen Frieden voraussagt, unter dem mythologischen Gewande des
        wiedererstandenen goldenen Zeitalters. Im Mittelalter versuchten die
        Ppste fters, sich als Schiedsrichter zwischen den Staaten einzusetzen,
        aber vergebens. Im 15. Jahrhundert kam ein Knig auf die Idee, eine
        Friedensliga zu bilden. Es war dies Georg Podiebrad von Bhmen, der den
        Kmpfen von Kaiser und Papst ein Ende machen wollte; er wandte sich
        dieserhalb an Ludwig XI. von Frankreich, welcher auf diesen Vorschlag
        jedock nicht einging. Zum Schlu des 16. Jahrhunderts fate Knig
        Heinrich IV. von Frankreich den Plan einer europischen
        Staatenfderation. Nachdem er sein Land von den Schrecken der
        Religionskriege befreit, wollte er fr alle Zukunft die Duldung und den
        Frieden gesichert sehen. Er wollte die sechzehn Staaten, welche Europa
        bildeten (Ruland und die Trkei zhlten noch zu Asien), in einen Bund
        vereint wissen. Jeder dieser sechzehn Staaten htte zwei Abgeordnete zu
        einem europischen Reichstag zu schicken gehabt; diesem aus 32
        Mitgliedern bestehenden Reichstag wre die Aufgabe zugefallen, den
        religisen Frieden zu gewhrleisten und alle internationalen Konflikte
        zu schlichten. Wenn nun jeder Staat sich verpflichtete, den Entschlssen
        des Reichstages sich unterzuordnen, so war damit jedes Element eines
        zuknftigen europischen Krieges verschwunden. Der Knig teilte diesen
        Plan seinem Minister Sully mit, der denselben begeistert ausnahm und
        sofort mit den anderen Staaten zu verhandeln begann. Schon war Elisabeth
        von England, schon der Papst und Holland und mehrere Andere gewonnen;
        nur das Haus sterreich wrde Widerstand geleistet haben, weil ihm
        territoriale Konzessionen abgefordert worden wren, in die es nicht
        gewilligt htte. Ein Feldzug wre ntig gewesen, um diesen Widerstand zu
        brechen. Die Hauptarmee htte Frankreich gestellt, welches von
        vornherein auf jede Gebietserweiterung verzichtete: einziger Zweck des
        Feldzugs und einzige dem Hause sterreich aufzulegende Friedensbedingung
        wre der Beitritt zum Staatenbund gewesen. Schon waren die
        Vorbereitungen getroffen und Heinrich IV. wollte sich selber an die
        Spitze des Heeres stellen, als er am 13. Mai 1610 - unter der Mordwaffe
        eines wahnsinnigen Mnches fiel. Keiner von seinen Nachfolgern und kein
        sonstiger Souvern hat diesen glorreichen Plan zur Erlangung des
        Vlkerglckes wieder aufgenommen. Die Regenten und Politiker blieben dem
        alten Kriegsgeist treu; aber die Denker aller Lnder lieen die
        Friedensidee nicht mehr fallen. Im Jahre 1647 wird die Sekte der Quker
        gebildet, deren Grundlage die Verdammung des Krieges bildet. Im selben
        Jahre verffentlichte William Penn sein Werk ber den zuknftigen
        Frieden Europas, indem er sich auf den Plan Heinrichs IV. sttzt. Zu
        Anfang des 18. Jahrhunderts erscheint das berhmte Buch La paix
        perptuelle von dem Abb de St. Pierre. Gleichzeitig entwickelt
        denselben Plan ein Landgraf von Hessen und Leibnitz schreibt einen
        gnstigen Kommentar dazu. Voltaire macht den Ausspruch: Jeder
        europische Krieg ist ein Brgerkrieg. Mirabeau, in der denkwrdigen
        Sitzung vom 25. August 1790, sagt folgende Worte: Vielleicht ist der
        Augenblick nicht mehr entfernt, da die Freiheit, als unumschrnkte
        Herrscherin ber beide Welten, den Wunsch der Philosophen erfllen wird:
        die Menschheit von dem Verbrechen des Krieges zu befreien und den ewigen
        Frieden zu verknden. Dann wird das Glck der Vlker das einzige Ziel
        des Gesetzgebers sein, der einzige Ruhm der Nationen. Im Jahre 1795
        schreibt einer der grten Denker aller Zeit, Immanuel Kant, seine
        Abhandlung Zum ewigen Frieden. Der englische Publizist Bentham
        schliet sich den immer zunehmenden Reihen der Friedensvertreter -
        Fourrier, Saint-Simon u.a. - mit Begeisterung an; Beranger dichtet Die
        heilige Allianz der Vlker; Lamartine La Marseillaise de la Paix. In
        Genf stiftete der Graf Cellon einen Friedensverein, in dessen Namen er
        mit allen europischen Herrschern in propagandistische Korrespondenz
        tritt. Aus Amerika, Massachusetts, kommt der gelehrte Grobschmied,
        Elihu Burritt, daher und streut seine Oliven-Bltter und sein Funken
        vom Ambo߫ in Millionen Exemplaren in die Welt und fhrt 1849 den
        Vorsitz in einer Versammlung der englischen Friedensfreunde. In dem
        Pariser Kongre, welcher dem Krimkrieg ein Ende machte, hielt die
        Friedensidee ihren Einzug in die Diplomatie, indem dem Vertrage eine
        Klausel beigesetzt ward, welche bestimmt, da die Mchte sich
        verpflichten, bei knftigen Konflikten sich vorangehenden Vermittelungen
        zu unterstellen. Diese Klausel enthlt ein dem Prinzip des
        Schiedsgerichts dargebrachte Anerkennung, - befolgt wurde sie aber
        nicht. Im Jahre 1863 schlug die franzsische Regierung den Mchten vor,
        einen Kongre zu veranstalten, bei welchem die Grundlage zu allgemeiner
        Abrstung und zu einverstndlicher Verhtung knftiger Kriege gelegt
        werden sollte.

Recht sprlich die Eintragungen, die zu jener Zeit mein Protokoll fllten! Das
ist spter anders geworden. Sie beweisen aber, da die Mglichkeit des
Weltfriedens schon von altersher ins Auge gefat worden war. Nur vereinzelt, von
groen Zwischenrumen getrennt, erhoben sich die Stimmen und verhallten - nicht
nur unbeachtet, sondern zumeist auch ungehrt. Mit allen Entdeckungen, allem
Fortschritt, allem Wachstum geht's nicht anders:

Naht von ferne sich der Frhling,
Zwitschert's da und dort hervor,
Rckt er weiter in das Land ein,
Schmettert's laut im groen Chor.
So im weiten Kreis der Zeit
Flstert's lang schon da und dort,
Kommt der richtige Moment
Stimmen Alle ein sofort.

                                                                       (Mrzrot)
Und wieder nahte meine schwere Stunde.
    Aber diesmal wie so anders, als zu jener Zeit, da Friedrich mich verlassen
mute - um des Augustenburgers willen. Diesmal war er an meiner Seite, auf des
Gatten richtigem Posten: durch seine Gegenwart, durch seinen Mitschmerz der
Gattin Leiden mildernd. Das Gefhl, ihn da zu haben, war mir ein so beruhigendes
und glckliches, da ich darber das physische Ungemach beinah verga.
    Ein Mdchen! Das war unseres stillen Wunsches Erfllung. Die Freuden, die
man an einem Sohne hat, die wrde uns ja der kleine Rudolf bieten; jetzt konnten
wir dazu auch noch diejenigen Freuden erleben, welche so ein aufblhendes
Tchterchen seinen Eltern verschafft. Da sie ein Ausbund von Schnheit, von
Anmut, von Holdseligkeit sein wrde, unsere kleine Sylvia, daran zweifelten wir
keinen Augenblick.
    Wie wir beide nun ber der Wiege dieses Kindes selber kindisch wurden, was
fr se Albernheiten wir da sprachen und trieben, das will ich gar nicht
versuchen zu erzhlen. Andere als verliebte Eltern verstnden es doch nicht, und
alle solche sind wohl selber grad' so toll gewesen.
    Wie das Glck doch selbstisch macht! Es folgte jetzt eine Zeit fr uns, in
der wir glcklich alles Andere - was nicht unser huslicher Himmel war - gar zu
sehr vergaen. Die Schrecken der Cholerawoche nahmen in meinem Gedchtnis immer
mehr die Gestalt eines entschwundenen bsen Traumes an, und auch Friedrichs
Energie in Verfolgung seines Zieles lie einigermaen nach. Es war aber auch
entmutigend: berall, wo man mit jenen Ideen anklopfte - Achselzucken,
mitleidiges Lcheln, wo nicht gar Zurechtweisung. Die Welt will, wie es scheint
- nicht nur betrogen, sondern auch unglcklich gemacht werden. So wie man ihr
Vorschlge unterbreiten will, das Elend und den Jammer fortzuschaffen, so heit
das Utopie, kindischer Traum, und sie will nichts hren.
    Dennoch lie Friedrich sein Ziel nicht gnzlich aus den Augen. Er vertiefte
sich immer mehr in das Studium des Vlkerrechts, setzte sich in brieflichen
Verkehr mit Bluntschli und anderen Gelehrten dieses Zweiges. Gleichzeitig - und
zwar mit mir in Gemeinschaft - betrieb er auch fleiig andere, namentlich
naturwissenschaftliche Studien. Er plante, ber den Gegenstand Krieg und
Frieden ein greres Werk zu schreiben. Doch ehe er sich an die Ausfhrung
machte, wollte er durch lange und eingehende Forschungen sich dazu rsten und
schulen. Ich bin zwar ein alter k. k. Oberst, sagte er, und die meisten
meiner Alters- und Ranggenossen wrden es verschmhen, sich mit Lernen abzugeben
... man hlt sich gewhnlich fr unbndig gescheit, wenn man ein ltlicher Mann
in Amt und Wrden ist - ich selber, vor einigen Jahren, hatte auch solchen
Respekt vor meiner Person ... Nachdem sich mir aber pltzlich ein neuer
Gesichtskreis aufgethan, nachdem ich einen Einblick in den modernen Geist
gewann, da berkam mich das Bewutsein meiner Unwissenheit ... Nun ja, von
alledem, was jetzt auf allen Gebieten an neuer Erkenntnis gewonnen worden, davon
hat man ja in meiner Jugend gar nichts - oder vielmehr das Gegenteil gelernt. Da
mu ich jetzt - trotz der Silberfden an den Schlfen - wieder von vorne
anfangen.
    Den Winter nach Sylvias Geburt verbrachten wir in aller Stille in Wien. Im
folgenden Frhjahr bereisten wir Italien. Weltkennenlernen gehrte ja auch zu
unserm neuen Lebensprogramm. Frei und reich waren wir, nichts hinderte uns, es
auszufhren. Kleine Kinder sind zwar auf Reisen ein wenig lstig, aber wenn man
gengendes Personal von Bonnen und Wrterinnen mitfhren kann, so lt es sich
schon machen. Ich hatte eine alte Dienerin zu mir genommen, welche einst meine
und meiner Schwester Kindsfrau gewesen, dann einen Wirtschaftsbeamten geheiratet
hatte und jetzt verwitwet war. Diese Frau Anna war meines vollsten Vertrauens
wrdig und in ihren Hnden konnte ich meine kleine Sylvia mit voller Beruhigung
zurcklassen, wenn wir - Friedrich und ich - auf mehrere Tage unser
Hauptquartier verlieen, um Ausflge zu machen. Ebensogut war Rudolf bei Mr.
Foster, seinem Hofmeister, aufgehoben. Doch geschah es hufig, da wir den
achtjhrigen kleinen Mann mit uns nahmen.
    Schne, schne Zeiten! ... Schade, da ich damals die roten Hefte so stark
vernachlssigte. Gerade da htte ich so viel des Schnen, Interessanten und
Heitern eintragen knnen: aber ich habe es unterlassen, und so sind mir die
Einzelheiten jener Jahre meist aus dem Gedchtnis entschwunden: nur in groen
Zgen kann ich mir noch ein Bild davon zurckrufen.
    In das Friedensprotokoll fand ich Gelegenheit, eine erfreuliche Eintragung
zu machen. Es war dies nmlich ein Zeitungsartikel, gezeichnet B. Desmoulins,
worin der franzsischen Regierung der Vorschlag gemacht wird, sich an die Spitze
der europischen Staaten zu stellen, indem sie das Beispiel gbe, abzursten.

    So wird sich Frankreich das Bndnis und die aufrichtige Freundschaft aller
    Staaten sichern, welche dann aufhren wrden, sich vor Frankreich zu
    frchten, dessen Mithilfe sie bentigten. So wrde sich die allgemeine
    Entwaffnung von selber einstellen, das Prinzip der Eroberung wre auf immer
    aufgegeben und die Konfderation der Staaten wrde ganz natrlich einen
    obersten Gerichtshof internationaler Gerechtigkeit bilden, welcher im stande
    sein wird, auf dem Wege des Schiedsrichteramtes alle Streitigkeiten zu
    schlichten, welche der Krieg niemals zu entscheiden vermocht. Indem es so
    handelte, wrde Frankreich die einzig reelle und einzig dauerhafte Kraft -
    nmlich das Recht - auf seine Seite gebracht, und dem Menschengeschlecht auf
    ruhmreiche Weise eine neue ra erffnet haben. (Opinion Nationale 25. Juli
    1868.)

Beachtung hat dieser Artikel natrlich wieder nicht gefunden.
    Im Winter 1868 bis 1869 kehrten wir nach Paris zurck und diesmal - auch von
dieser Seite wollten wir das Leben kennen lernen - strzten wir uns in die
groe Welt.
    Es war ein etwas ermdendes, aber fr einige Zeit doch recht genureiches
Treiben. Wir hatten - um ein Zuhause zu haben - uns ein kleines mbliertes Hotel
im Viertel der Champs Elises gemietet, wo wir unseren zahlreichen Bekannten,
bei denen wir tglich zu irgend welchen Festen geladen waren, auch manchmal
revanche bieten konnten. Von unserem Gesandten beim Tuilerienhofe eingefhrt,
waren wir fr den ganzen Winter zu den Montagen der Kaiserin vergeben; auerdem
standen uns die Huser smtlicher Botschafter offen, so wie die Salons der
Prinzessin Mathilde, der Herzogin von Mouchy, der Knigin Isabella von Spanien
und so weiter. Auch viele litterarische Gren lernten wir kennen - den grten
freilich nicht, denn dieser, ich meine Viktor Hugo, lebte in der Verbannung;
doch sind wir Renan, Dumas, Vater und Sohn, Octave Feuillet, George Sand, Arsne
Houssaye und einigen Anderen begegnet. Bei dem Letztgenannten haben wir auch
einen Maskenball mitgemacht. Wenn der Verfasser der Grandes dames in seinem
prachtvollen kleinen Hotel der Avenue Friedland eines seiner venetianischen
Feste gab, so war es Gewohnheit, da daselbst die wirklich groen Damen unter
dem Schutze der Maske sich in der Nhe die kleinen Damen - bekannte
Schauspielerinnen u. dgl. - besahen, welche hier ihre Diamanten und ihren Witz
funkeln lieen.
    Wir waren auch sehr fleiige Theaterbesucher. Mindestens dreimal wchentlich
verbrachten wir die Abende entweder in der italienischen Oper, wo Adelina Patti
- eben mit dem Marquis de Caux verlobt - die Zuhrerschaft entzckte, oder im
Thtre Francais, oder auch in einem der kleineren Boulevard-Theater, um
Hortense Schneider als Groherzogin von Gerolstein oder andere Operetten- und
Vaudeville-Berhmtheiten zu sehen.
    Es ist doch sonderbar, wie, wenn man in diesen Wirbel des Glanzes und der
Unterhaltungen gestrzt ist, wie einem diese kleine groe Welt pltzlich so
schrecklich wichtig vorkommt und die darin waltenden Gesetze von Eleganz und
chic (damals hie es noch chic) eine Art ganz ernsthaft genommener Pflichten
auferlegen. Im Theater einen geringeren Platz einnehmen, als eine
Prosceniumsloge; in den Bois mit einem Wagen sich zeigen, dessen Gespann nicht
tadellos wre; auf den Hofball gehen, ohne eine von Worth unterschriebene 2000
Franks-Toillette zu tragen; sich zu Tische setzen (Madame la baronne est servie
...), auch wenn man keine Gste hat, ohne sich von dem wrdevoll amtierenden
matre d'hotel und einigen Lakaien die feinsten Gerichte und edelsten Weine
auftragen zu lassen: - das wren alles arge Verste ...
    Wie leicht - wie leicht geschieht es einem, wenn man von dem Rderwerk
solcher Existenz erfat worden, da man alle seine Gedanken und Gefhle auf
dieses im Grunde gedanken- und gefhllose Treiben verwendet; da man darber
vergit, Anteil zu nehmen an dem Gang der wirklichen Welt da drauen - ich meine
das Universum - und an dem Bestande der eigenen Welt da drinnen - ich meine das
husliche Glck. Mir wre es vielleicht so ergangen - aber davor schtzte mich
Friedrich. Er war nicht der Mann dazu, sich von dem Strudel der Pariser haute
vie hinreien und verschlingen zu lassen. Er verga ber der Welt, in der wir
uns bewegten, weder das Universum, noch unseren Herd. Ein paar Vormittagsstunden
blieben uns nach wie vor der Lektre und der Familie geweiht, und so brachten
wir das grte Kunststck fertig, neben dem Vergngen auch das Glck zu pflegen.
    Fr uns sterreicher hegte man in Paris viel Sympathie. Oft wurde in
politischen Gesprchen auf eine Revanche de Sadowa angespielt, so gewi als
mte die uns vor zwei Jahren geschehene Unbill wieder gut gemacht werden. Als
ob sich berhaupt derlei wieder gut machen liee! Wenn Schlge nicht anders zu
tilgen sind, als wieder durch Schlge - dann kann das Ding ja niemals aufhren.
Gerade meinem Mann und mir, weil dieser beim Militr gewesen und den bhmischen
Feldzug mitgemacht, gerade uns glaubten die Leute nichts Angenehmeres und
Hflicheres sagen zu knnen, als eine hoffnungsvolle Anspielung auf die
bevorstehende Sadowa-Rache, welche bereits als ein geschichtliches, das
europische Gleichgewicht sicherndes und durch politisch-diplomatische
Vorkehrungen gesichertes Ereignis behandelt wurde. Eine bei nchster Gelegenheit
den Preuen zu gebende Schlappe war eine vlkerpdagogische Notwendigkeit. Die
Sache wrde nicht tragisch ausfallen ... nur so etwas den bermut gewisser Leute
dmpfen. Vielleicht gengte zu diesem Zwecke auch schon diese an der Wand
hngende Peitsche: sollte der bermtige etwa kecke Anwandlungen bekommen, so
war er ja gewarnt, da sie auf ihn heruntersausen werde - die Revanche de
Sadowa.
    Wir lehnten natrlich solche Trstungen entschieden ab. Altes Unglck wird
durch neues Unglck nicht verwischt, ebensowenig als altes Unrecht durch neues
Unrecht getilgt werden kann. Wir versicherten, da wir keinen anderen Wunsch
hegten, als den nunmehrigen Frieden nicht mehr gebrochen zu sehen.
    Dasselbe war - so behauptete er wenigstens - auch der Wunsch Napoleons III.
Wir verkehrten so viel mit Personen, welche dem Kaiser ganz nahe standen, da
wir gengend Gelegentheit hatten, dessen politische Gesinnungen, wie er sie in
vertraulichen Aussprchen laut werden lie, kennen zu lernen. Nicht nur, da er
den momentanen Frieden wnschte, er hegte den Plan, den Mchten allgemeine
Abrstung vorzuschlagen. Aber um dieses auszufhren, fhlte er sich
augenblicklich nicht sicher genug im Innern des Landes. Eine groe
Unzufriedenheit kochte und ghrte unter der Bevlkerung, und in der nchsten
Nhe des Thrones gab es eine Partei, welche darzustellen bemht war, da dieser
Thron nicht anders zu festigen wre, als durch einen auswrtigen glcklichen
Krieg: so eine kleine Triumphpromenade am Rhein, und der Glanz und Bestand der
napoleonischen Dynastie wre gesichert. ll faut faire grand meinten diese
Ratgeber. Da der Krieg, welcher im vorigen Jahre ber die Luxemburger Frage in
Aussicht stand, vereitelt worden, war jenen sehr unlieb: die beiderseitigen
Rstungen waren schon so schn gediehen, und jetzt wre das Ding berstanden ...
Aber auf die Lnge sei ein Kampf zwischen Frankreich und Preuen doch
unvermeidlich ... Unaufhrlich ward in dieser Richtung weitergehetzt. Doch nur
ein schwaches Echo drang von solchen Dingen zu uns. Dergleichen ist ja man
gewhnt, in den Zeitungen anschlagen zu hren - so regelmig, wie die Brandung
an der Kste. Dabei braucht man noch nicht an den Sturm zu denken; man lauscht
ganz ruhig der Musikkapelle, die am Strande ihre lustigen Weisen spielt - die
Brandung gibt nur einen leisen, unbeachteten Grundba dazu ab.

Das glnzende, von Vergngungsmhen berbrdete Treiben erreichte seinen
Hhepunkt in den Frhlingsmonaten. Da kamen noch die langen Bois-Fahrten in
offenem Wagen, die verschiedenen Gemldeausstellungen, Gartenfeste,
Pferderennen, Picknick-Ausflge hinzu - und bei alledem nicht weniger Theater,
nicht weniger Visiten, nicht weniger groe Diners und Soiren, als mitten im
Winter. Wir begannen schon stark, uns nach Ruhe zu sehnen. Diese Art Leben hat
eigentlich nur dann den wahren Reiz, wenn Koketterie- und Liebschaftsgeschichten
damit verbunden sind. Mdchen, welche eine Partie suchen, Frauen, die sich den
Hof machen lassen und Mnner, die Abenteuer wnschen - fr solche bietet jedes
neue Fest, bei welchem man dem Gegenstand seiner Trume begegnen kann, ein
lebhaftes Interesse - aber Friedrich und ich? ... Da ich meinem Gatten
unwandelbar treu war, da ich mit keinem Blick einem anderen gestattete, sich
mir mit verwegenen Hoffnungen zu nahen - das erzhle ich ohne jeglichen
Tugendstolz. Es ist doch ganz selbstverstndlich. Ob ich unter anderen
Verhltnissen auch all den Verlockungen widerstanden htte, denen in solchem
Vergngungswirbel hbsche junge Frauen ausgesetzt sind - das kann ich ja nicht
wissen; wenn man aber eine so tiefe und so vollbeglckte Liebe im Herzen trgt,
wie ich sie fr meinen Friedrich empfand, da ist man doch gegen alle Gefahr
gepanzert. Und was ihn anbelangt: war er mir treu? Ich kann nur so viel sagen:
ich hab' es nie bezweifelt.
    Als der Sommer ins Land gezogen kam, der grand-prix vorber war und die
verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft Paris zu verlassen begannen - die
einen nach Trouville und Dieppe, nach Biarritz und Vichy, die Anderen nach
Baden-Baden, die Dritten auf ihre Schlsser - Prinzessin Mathilde nach St.
Gratien, der Hof nach Compigne - da wurden wir mit Aufforderungen, das gleiche
Reiseziel zu whlen und mit Einladungen nach den Landsitzen bestrmt; aber wir
waren durchaus nicht gesonnen, die eben durchgemachte Luxus- und
Vergngungscampagne des Winters auch noch ins Sommerliche zu bertragen. Nach
Grumitz wollte ich vor der Hand nicht zurckkehren: ich frchtete zu sehr das
Wiedererwachen der schmerzlichen Erinnerungen; auch htten wir dort - der vielen
Verwandten und Nachbarschaften wegen - nicht die gewnschte Einsamkeit gefunden.
So whlten wir denn abermals als Aufenthaltsort einen stillen Winkel der
Schweiz. Wir versprachen unseren pariser Freunden im nchsten Winter
wiederzukommen, und traten vergngt, wie ferienreisende Schler, unsere
Sommerfahrt an.
    Was nun folgte, war wirklich eine Erholungszeit. Lange Spaziergnge, lange
Lesestunden, lange Spielstunden mit den Kindern und keine Eintragungen in die
roten Hefte - letzteres ein Zeichen von Sorglosigkeit und Seelenruhe.
    Auch Europa schien damals so ziemlich sorgenlos und ruhig zu sein.
Wenigstens sah man nirgends schwarze Punkte. Selbst von der berhmten Revanche
de Sadowa hrte man nichts mehr verlauten. Den grten Verdru, den ich damals
empfand, der war mir durch die seit einem Jahr bei uns in sterreich eingefhrte
allgemeine Wehrpflicht bereitet. Da mein Rudolf einst werde Soldat sein mssen
- das konnte ich nicht fassen. Und da phantasieren die Leute von Freiheit!
    Ein Jahr Freiwilliger - trstete mich Friedrich - das ist nicht viel.
    Ich schttelte den Kopf:
    Und wre es nur ein Tag! Keinen Menschen sollte man zwingen knnen, ein
bestimmtes Amt, das er vielleicht hat, auch nur einen Tag zu bekleiden, denn an
diesem Tag mu er das Gegenteil von dem, was er fhlt zur Schau tragen, mu
beschwren, das mit Freuden zu thun, was er verabscheut - kurz, er mu lgen -
und meinen Sohn wollte ich vor Allem zur Wahrhaftigkeit erziehen.
    Dann htte er um ein paar hundert Jahre spter geboren werden mssen,
Liebste! erwiderte Friedrich. Ganz wahr kann nur ein ganz freier Mann sein:
und mit diesen Beiden - Wahrheit und Freiheit - ist's noch schlecht bestellt in
unseren Tagen, das wird mir - je mehr ich mich in mein Studium vertiefe - desto
klarer.
    Jetzt, in unserer Weltabgeschiedenheit, hatte Friedrich zu seinen Arbeiten
doppelte Mue und er oblag denselben mit wahrem Feuereifer. So glcklich und
zufrieden wir in der Einsamkeit lebten, so blieben wir doch bei dem Entschlusse,
den folgenden Winter wieder in Paris zu verbringen. Diesmal aber nicht in der
Absicht, uns zu belustigen, sondern nur fr unsere Lebensaufgabe einigermaen
praktisch zu wirken. Dabei hegten wir zwar nicht die Zuversicht, etwas zu
erreichen - aber wenn einem auch nur die Mglichkeit des Schattens einer Chance
geboten scheint, fr eine Sache, die man als die edelste Sache der Welt erkannt
hat, etwas leisten zu knnen, so empfindet man es als unabweisliche Pflicht,
diese Chance zu versuchen. Wir hatten nmlich, wenn wir in unseren traulichen
Gesprchen die pariser Erinnerungen rekapitulierten, auch jenes Planes des
Kaisers Napoleon gedacht, der uns durch die Mitteilungen seiner Vertrauten zu
Ohren gekommen - des Planes, den Mchten Abrstung vorzuschlagen. Daran knpften
wir unsere Hoffnungen und unsere Projekte. Friedrichs Forschungen hatten ihm die
Memoiren Sullys in die Hnde gespielt, in welchen der Friedensplan Heinrichs IV.
mit allen Einzelheiten verzeichnet stand. Davon wollten wir dem Kaiser der
Franzosen eine Abschrift zukommen lassen; zugleich wrden wir versuchen, durch
unsere Verbindungen in sterreich und Preuen diese beiden Regierungen auf die
Vorschlge der franzsischen Regierung vorzubereiten; ich konnte dies durch
Minister Allerdings bewerkstelligen, und Friedrich besa in Berlin einen
Verwandten, der in einflureicher politischer Stellung und bei Hofe sehr gut
angeschrieben war.
    Im Dezember, als wir nach Paris bersiedeln wollten, wurden wir jedoch daran
gehindert. Unser Schatz - unsere kleine Sylvia erkrankte. Das waren bange
Stunden! ... Natrlich traten da Napolen III. und Heinrich IV. in den
Hintergrund: unser Kind im Sterben!
    Aber es starb nicht. Nach zwei Wochen war alle Gefahr vorbei. Nur untersagte
uns der Arzt, mit der Kleinen whrend der rgsten Winterklte zu reisen. Wir
verschoben demnach unsere Abfahrt auf den Monat Mrz.
    Diese Krankheit und diese Genesung - die Gefahr und die Rettung -, wie
hatten die unsere Herzen erschttert und dieselben - ich htte dies nicht mehr
fr mglich gehalten - einander wieder nher gebracht! Gemeinschaftliches
Zittern vor einem grlichen Unglck, welches man besonders wegen der
Verzweiflung des andern frchtet, und gemeinschaftlich geweinte Freudenthrnen,
wenn dieses Unglck abgewendet, das vermag gar mchtig zwei Seelen in eine zu
verschmelzen.

                                 Sechstes Buch



                                    1870/71

Vorahnungen? Die gibt es nicht. Paris htte sonst, als wir an einem sonnigen
Nachmittag des Mrz 1870 dort anlangten, mir keinen so heiteren,
lustversprechenden Eindruck machen knnen. Man wei es heute, was damals in
krzester Frist derselben Stadt fr Schrecknisse bevorstanden - aber mich
beschlich nicht das mindeste trbe Vorgefhl.
    Wir hatten schon im Voraus - durch den Agenten John Arthur - dasselbe kleine
Palais gemietet, welches wir im letzten Jahre bewohnt, und an der Einfahrt
desselben erwartete uns auch unser vorjhriger matre d'hotel. Als wir, um zu
unserer Wohnung zu gelangen, ber die elysischen Felder fuhren - es war eben
die Bois-Stunde - da begegneten wir mehreren unserer alten Bekannten und
tauschten frhliche Wiedersehensgre. Die vielen kleinen Veilchenkarren, welche
um diese Jahreszeit in den Straen von Paris herumgerollt werden, fllten die
Luft mit tausend Frhlingsversprechungen; die Sonnenstrahlen funkelten und
spielten regenbogenfarbig in den Springbrunnen des Rundplatzes und hefteten
kleine Fnkchen an die Wagenlaternen und das Pferdegeschirr der zahlreichen
Gefhrte. Unter Anderen fuhr auch die schne Kaiserin in einem  la Daumont
bespannten Wagen an uns vorbei und winkte, mich erkennend, einen Gru mit der
Hand.
    Es gibt so einzelne Bilder und Scenen, die sich in das Gedchtnis
einphotographieren und -phonographieren, samt den sie begleitenden Empfindungen
und einigen gleichzeitig gesprochenen Worten. Schn ist doch dieses Paris!
rief damals Friedrich aus, - und meine Empfindung war ein kindisches
Sichfreuen auf den kommenden Aufenthalt. Htte ich gewut, was mir, was dieser
ganzen, in Glanz und Heiterkeit getauchten Stadt bevorstand - - -
    Diesmal vermieden wir es, uns, wie im verflossenen Jahre, in den Strudel
weltlicher Vergngungen zu werfen. Wir erklrten, keine Balleinladungen annehmen
zu wollen und hielten uns von den groen Empfngen fern. Auch das Theater
besuchten wir nicht mehr so hufig - nur wenn irgend ein Stck besonderes
Aufsehen machte - und so kam es, da wir die meisten Abende allein oder in
Gesellschaft weniger Freunde, in unserem Heim verbrachten.
    Was unsere Plne in Bezug auf des Kaisers Abrstungsidee betraf, so kamen
wir eigentlich schlecht damit an. Napoleon III. hatte zwar seine Idee nicht ganz
aufgegeben, aber der jetzige Moment - hie es - sei zu deren Ausfhrung durchaus
ungeeignet. In der Umgegend des Thrones war man sich bewut, da dieser Thron
nicht auf gar festen Fen stand; eine groe Unzufriedenheit kochte und ghrte
im Volk, und um diese niederzuhalten, wurden alle Polizei- und Censurmaregeln
verschrft - was nur um so grere Unzufriedenheit zur Folge hatte. Das einzige,
so sagten gewisse Leute, was der Dynastie neuen Glanz und Bestand geben knnte,
wre ein glcklicher Feldzug ... Dazu lag freilich keine nahe Aussicht vor, aber
von Abrstung sprechen, wre ganz und gar gefehlt; dadurch wrde ja der ganze
Nimbus der Bonaparte zerstrt, welcher ja auf dem Ruhmeserbe des groen Napoleon
beruhte. Auerdem war uns auch auf unsere Anfragen aus Preuen und sterreich
kein ermunternder Bescheid geworden. Man war da in die ra der Vergrerung der
Wehrmacht (das Wort: Armee begann aus der Mode zu kommen) getreten und da
fiele das Wort Abrstung als grober Miton hinein. Im Gegenteil, um die
Segnungen des Friedens zu erhalten, mute man die Wehrkraft nur recht steigern
- den Franzosen war nicht zu trauen ... den Russen auch nicht ... den Italienern
schon gar nicht; die fielen gleich ber Triest und Trient her, wenn sich
Gelegenheit dazu bte - kurz, nur schn fleiig das Landwehrsystem pflegen.
    Die Zeit ist nicht reif, sagte Friedrich, wenn wir solche Mitteilungen
erhielten. Und die Hoffnung, da ich in Person das Reifen der Zeit
beschleunigen knne oder gar die ersehnten Frchte daran sprieen sehe - die mu
ich vernnftiger Weise wohl aufgeben ... Was ich beitragen kann, ist gar winzig.
Aber von der Stunde an, da ich dieses Winzige als meine Pflicht. erkannt, ist es
mir doch zum Grten geworden - also harre ich aus.
    Wenn auch vorlufig das Entwaffnungsprojekt ins Wasser gefallen war, eine
Beruhigung hatte ich doch: es war kein Krieg in Sicht. Die bei Hofe und auch in
der Bevlkerung vorhandene Kriegspartei, welche da meinte, da die Dynastie in
Blut aufgefrischt werden sollte und da dem Lande wieder ein Portinchen Ruhm
erwachsen msse, die mute auf Angriffsplne und auf den verlockenden kleinen
Feldzug um die Rheingrenze verzichten. Denn Frankreich besa keine Verbndeten;
im Lande herrschte groe Trockenheit, Futtermangel war vorauszusehen, man mute
die Militrpferde verkaufen, nirgends eine schwebende Frage, das
Rekrutenkontingent ward vom gesetzgebenden Krper herabgesetzt, kurz - so
erklrte bei dieser Gelegenheit von der Tribne herab Ollivier: der Friede
Europas ist gesichert.
    Gesichert. Ich freute mich ber dieses Wort. In allen Zeitungen ward es
wiederholt und viele Tausende freuten sich mit mir. Was kann es denn fr die
meisten Menschen besseres geben, als gesicherten Frieden?
    Wie viel diese Sicherheit aber wert war, die da am 30. Juni 1870 von einem
Staatsmann verkndet worden, das wissen wir heute Alle. Und das htten wir auch
schon damals wissen knnen, da derlei staatsmnnische Versicherungen - welchen
das Publikum immer wieder mit gleich naivem Vertrauen lauscht - doch keine, gar
keine Brgschaft enthalten. Die europische Lage weist keine schwebende Frage
auf, darum ist der Friede gesichert: - welche schwache Logik! Die Fragen knnen
ja jeden Augenblick herangeschwebt kommen; - erst wenn man fr diesen Fall ein
anderes Mittel in Bereitschaft hielte, als den Krieg, erst dann wre man gegen
Krieg gesichert.

Wieder zerstreute sich die pariser Gesellschaft nach allen Windrichtungen. Wir
aber blieben - Geschfte halber - zurck. Es hatte sich uns nmlich ein
auerordentlich vorteilhafter Ankauf geboten. Durch die pltzliche Abreise eines
Amerikaners war ein kleines erst halbvollendetes Hotel in der Avenue de
l'Imperatrice feil geworden, und zwar um einen Preis, der nicht viel mehr
betrug, als die zur Ausschmckung und Einrichtung des Objekts bereits verwendete
Summe. Da wir nun einmal die Absicht hatten, auch in Zukunft einige Monate des
Jahres in Paris zu verbringen und da der betreffende Kauf zugleich ein
vortreffliches Geschft war, so schlossen wir den Handel ab. Die Fertigstellung
wollten wir selber berwachen und zu diesem Behuf blieben wir in Paris. Die
Ausschmckung eines eigenen Nestes ist zudem eine so genureiche Arbeit, da wir
dafr die Unannehmlichkeit, den Sommer in der Stadt zu bleiben, gern auf uns
nahmen.
    brigens blieb uns auch in geselliger Beziehung noch Ansprache genug. Das
Schlo der Prinzessin Mathilde, St. Gratien, ferner Schlo Mouchy, dann Baron
Rothschilds Besitzung, Ferrires, und noch mehrere andere Sommersitze unserer
Bekannten lagen in der Nhe von Paris, und ein- oder zweimal wchentlich
statteten wir bald da, bald dort einen Besuch ab.
    Es war, ich erinnere mich, im Salon der Prinzessin Mathilde, da ich zum
erstenmale von der Frage hrte, die zur schwebenden werden sollte.
    Die Gesellschaft sa - nach dem Gabelfrhstck - auf der Terrasse, mit dem
Ausblick nach dem Park. Wer Alles da war? Dessen kann ich mich nicht mehr
entsinnen - nur zwei der anwesenden Persnlichkeiten sind mir im Gedchtnis
geblieben; Taine und Renan. Die geistvolle Herrin von St. Gratien liebte es,
sich mit litterarischen und wissenschaftlichen Gren zu umgeben.
    Die Unterhaltung war eine sehr rege und ich kann mich erinnern, da es meist
Renan war, der das Wort fhrte, geistsprhend und witzig. Wie man unglaublich
hlich sein kann und dabei doch unglaublichen Zauber ausben, davon ist der
Verfasser des Leben Jesu ein merkwrdiges Beispiel.
    Jetzt fiel das Gesprch auch auf Politik. Fr den spanischen Thron werde ein
Kandidat gesucht ... Ein Prinz von Hohenzollern solle die Krone erhalten ... Ich
hatte kaum hingehorcht, denn was konnte es mir, was konnte es Allen hier
Gleichgltigeres geben, als der spanische Knigsthron und Derjenige, der darauf
zu sitzen kme? Doch da sagte Jemand:
    Ein Hohenzoller? Das wird Frankreich nicht dulden.
    Das Wort schnitt mir in die Seele, denn was heit dieses nicht dulden?
Wenn das im Namen eines Landes gesagt wird, so sieht man im Geiste die dieses
Land personifizierende Riesenjungfrauen-Statue mit trotzig zurckgeworfenem
Kopfe und mit der Hand am Schwertesknauf.
    Doch es wurde bald wieder auf ein anderes Gesprchsthema bergegangen. Wie
folgenschwer diese spanische Thronfrage noch werden sollte, das ahnte unter uns
noch Niemand. Ich auch nicht, natrlich. Mir war nur das anmaende das wird
Frankreich nicht dulden als ein Miton im Gedchtnis haften geblieben und damit
zugleich die ganze umgebende Scenerie.
    Von nun an sollte die spanische Thronfrage immer lauter und aufdringlicher
werden. Tglich wurde der Raum grer, den sie in den Zeitungen und in den
Salongesprchen einnahm und ich wei, da sie mich in hohem Grade langweilte;
diese Hohenzollern-Kandidatur: man konnte bald gar nichts Anderes hren. Und mit
einer Entrstung wurde davon gesprochen, als knnte Frankreich nichts
Beleidigenderes widerfahren; die Meisten durchschauten es als eine von Preuen
ausgehende Provokation zum Kriege. Es ist doch klar - hie es - Frankreich
konnte die Sache nicht dulden; wenn also die Hohenzollern darauf bestehen, so
ist das die reine Herausforderung. Das verstand ich nicht. brigens war ich ohne
Sorge. Wir erhielten Briefe aus Berlin, worin uns von wohlunterrichteter Seite
mitgeteilt wurde, da man bei Hofe nicht den mindesten Wert darauf lege, da die
spanische Krone einem Hohenzollern zufalle. Wir beschftigten uns demnach weit
mehr mit unserem Hausbau, als mit der Politik.
    Aber allmhlich wurden wir doch aufmerksam. So wie vor dem Sturm ein
gewisses Bltterrascheln durch den Wald geht, so raschelt es vor dem Krieg von
gewissen Stimmen durch das Volk. Nous aurons la guerre - nous aurons la
guerre! das tnte durch die pariser Luft. Da erfate mich unsgliches Bangen.
Nicht um die Meinen - denn wir sterreicher waren ja vorlufig aus dem Spiele;
im Gegenteil: uns sollte ja mglicherweise Satisfaktion geboten werden - die
bekannte Sadowa-Rache. Aber wir hatten es verlernt, den Krieg vom nationalen
Standpunkt aus zu betrachten, und was er vom menschlichen, vom edelmenschlichen
ist - das wei man ja. Das drcken folgende Worte aus, die ich einst aus dem
Munde Guy de Maupassants gehrt:

    Quand je songe seulement  ce mot la guerre - il me vient un effarement,
    comme si l'on me parlait de sorcellerie, d'inquisition, d'une chose
    lointaine, finie, abominable, contre nature. ...

Als die Nachricht eintraf, da Prim dem Prinzen Leopold die Krone angetragen,
hielt der Herzog von Grammont im Parlament eine mit groem Beifall aufgenommene
Rede, ungefhr nachstehenden Inhalts:

    Wir mischen uns nicht in fremde Angelegenheiten, aber - wir glauben nicht,
    da die Achtung vor den Rechten eines Nachbarstaates uns verpflichtet, zu
    dulden, da eine fremde Macht, indem sie einen ihrer Prinzen auf den Thron
    Carls V. setzt, zu unserem Schaden das bestehende Gleichgewicht der Krfte
    von Europa (O dieses Gleichgewicht - welcher kriegsdurstige Heuchler hat
    diese hohle Phrase erfunden?) stre und die Interessen, die Ehre Frankreichs
    in Gefahr bringe.

Ich kenne ein Mrchen von George Sand, genannt Gribouille. Dieser Gribouille hat
die Eigenheit, wenn Regen droht, sich aus Furcht vor dem Nawerden in den Flu
zu strzen. Wenn ich hre, da der Krieg angetragen wird, um drohenden Gefahren
vorzubeugen, so mu ich immer an Gribouille denken. Wohl htte ein ganzer
Hohenzollernstamm sich auf Carls V. und noch auf verschiedene andere Throne
setzen knnen, ohne Frankreichs Interessen und Frankreichs Ehre nur den
tausendsten Teil von dem Schaden zuzufgen, der ihnen aus dem klugen Das knnen
wir nicht dulden erwachsen ist.

    Dieser Fall, fuhr der Redner fort, wir hegen die feste Zuversicht, wird
    nicht eintreten. Wir rechnen in dieser Beziehung auf die Weisheit des
    deutschen und auf die Freundschaft des spanischen Volkes. Sollte es anders
    kommen - dann, meine Herren, werden wir wissen, stark durch Ihre
    Untersttzung und die der Nation, unsere Pflicht ohne Schwanken und ohne
    Schwche zu thun. (Strmisches Bravo.)

Von da ab beginnt die Kriegshetze in der Presse. Besonders ist es Girardin,
welcher seine Landsleute nicht genug anfeuern kann, die unerhrte Khnheit,
welche in dieser Thronkandidatur liege, gehrig zu zchtigen. Es wre gegen alle
Wrde Frankreichs, wenn es da nicht sein Veto einlegte ... freilich, Preuen
wird nicht nachgeben, denn es ist ihm daran gelegen, dem Wahnsinnigen, den Krieg
heraufzubeschwren. Durch seine Erfolge von 1866 berauscht, glaubt es, jetzt
auch ber den Rhein seine Sieges- und Raubeszge machen zu drfen - aber da sind
wir da, Gott sei Dank, solche Gelste den bermtigen Spitzhelmen zu vertreiben
... In diesem Tone geht es fort. Napoleon III. zwar, wie wir durch ihm
nahestehende Personen erfahren, wnscht nach wie vor die Erhaltung des Friedens;
aber in seiner Umgebung finden die Meisten, da ein Krieg jetzt unvermeidlich
sei, da - da man im Volke ohnehin mit der Regierung unzufrieden - das Beste,
was man thun knne, um sich den Respekt des ruhmschtigen Landes zu sichern, ein
glcklicher Krieg wre: il faut faire grand.
    Nun wird in der Runde bei anderen europischen Kabinetten ber die
Angelegenheit angefragt. Jedes erklrt, da es den Frieden wnsche. In
Deutschland wird ein aus Volkskreisen stammendes Manifest verffentlicht,
welches unter Anderen auch von Liebknecht unterzeichnet ist, worin es heit:
der bloe Gedanke an einen deutsch-franzsischen Krieg sei ein Verbrechen. Bei
dieser Gelegenheit erfahre ich und kann es in mein Friedensprotokoll eintragen:
da eine groe Verbindung mit hunderttausenden von Mitgliedern existiert,
welche die Abschaffung aller Vorurteile des Standes und der Nation zum
Programmpunkt erhoben hat.
    Benedetti erhlt die Mission, den Knig von Preuen aufzufordern, da dieser
dem Prinzen Leopold die Annahme der Krone verbiete. Knig Wilhelm befand sich
augenblicklich zur Kur in Ems - Benedetti begibt sich dahin und erhlt am 9.
Juli eine Audienz.
    Wie wird der Ausgang sein? Ich erwarte die Nachricht mit Zittern.
    Die Antwort des Knigs lautet einfach: da er einem volljhrigen Prinzen
nichts verbieten knne.
    Diese Antwort versetzte die Kriegspartei in triumphierende Freude: Also man
will es darauf ankommen lassen? ... Man will uns bis aufs uerste reizen? Das
Haupt des Hauses sollte einem Mitglied desselben nichts verbieten und gebieten
knnen? Lcherlich! Das ist offenbar abgemachtes Komplott: die Hohenzollern
wollen sich in Spanien festsetzen und dann von Osten und Sden unser Land
berfallen. Und das sollten wir abwarten? Die Demtigung sollten wir uns
gefallen lassen, da man unseren Protest nicht beachtet? Nimmermehr: wir wissen,
was die Ehre, was der Patriotismus uns gebeut ...
    Immer lauter und lauter, immer unheimlicher rascheln die Sturmesvorboten.
Da, am 12. Juli kommt eine Botschaft, die mich mit Entzcken erfllt: Don
Salusto Olozaga zeigt offiziell der franzsischen Regierung an, da Prinz
Leopold von Hohenzollern, um keinen Vorwand zu einem Krieg zu bieten, auf die
Annahme der angebotenen Krone verzichtet.
    Nun Gottlob: die ganze Frage war ja damit einfach weggerumt. Die
Nachricht wird um 12 Uhr Mittags in der Kammer mitgeteilt und Ollivier erklrt,
da dies das Ende des Streites sei. Am selben Tag wurden jedoch (offenbar die
Ausfhrung frherer Befehle) Truppen und Material nach Metz dirigiert und in
derselben Sitzung macht Clement Duvernois folgende Interpellation:
    Was haben wir fr Brgschaften, da Preuen nicht wieder hnliche
Verwickelungen heraufbeschwrt, wie diese spanische Kronkandidatur? Dem mu
vorgebeugt werden.
    Schon wieder regt sich Gribouille: Es knnte - vielleicht - einmal - ein
leiser Regen uns na zu machen - drohen: also schnell in den Flu gesprungen! -
Und abermals wird Benedetti nach Ems geschickt, diesmal den Knig von Preuen
aufzufordern, da er dem Prinzen Leopold ein- fr allemal und fr alle Zukunft
verbiete, auf die Kandidatur zurckzukommen. Kann wohl auf solches
Vorschreiben-wollen einer Handlung, zu welcher der Aufgeforderte nicht einmal
befugt ist, etwas Anderes erfolgen als ungeduldiges Achselzucken! Das muten
Diejenigen doch wissen, welche die Anforderung stellten.
    Am 15. Juli wieder eine denkwrdige Sitzung. Ollivier verlangt einen Kredit
von fnfhundert Millionen fr den Krieg. Thiers stimmt dagegen. Ollivier
entgegnet: er nehme die Verantwortung vor der Geschichte auf sich. Der Knig von
Preuen habe sich geweigert, den franzsischen Botschafter zu empfangen und dies
durch eine Note der Regierung angezeigt. Die Linke verlangt diese Note zu sehen
Die Majoritt verbietet tumultuarisch und durch Abstimmung die Vorzeigung des
(wahrscheinlich gar nicht existierenden) Dokuments. Diese Majoritt bewilligt
Alles, was die Regierung fr den Krieg fordert. Solche patriotische
Opferwilligkeit, die da ohne Zaudern das Verderben bewilligt, wird natrlich
wieder mit den bereitliegenden Phrasenclichs gehrig bewundert.
    16. Juli. England macht Versuche, den Krieg zu hindern. Vergebens ... Ja,
gbe es eingesetzte Schiedsgerichte - wie leicht und einfach wre da ein so
geringfgiger Konflikt gehoben.
    19. Juli. Der franzsische Geschftstrger in Berlin berreicht der
preuischen Regierung die Kriegserklrung.
    Kriegserklrung. Die vier Silben sprechen sich ganz gelassen aus. Was ist's
auch weiter? Der Beginn einer uer-politischen Aktion, und so nebenbei eine
halbe Million Todesurteile.
    Auch dieses Aktenstck habe ich in die roten Hefte eingetragen. Es lautete:

    Die Regierung Sr. Majestt des Kaisers der Franzosen konnte den Plan, einen
    preuischen Prinzen auf den spanischen Thron zu erheben, nur als ein
    Unternehmen gegen die territoriale Sicherheit Frankreichs betrachten und hat
    sich daher gentigt gesehen, von Sr. Majestt dem Knige von Preuen die
    Versicherung zu verlangen, da eine hnliche Kombination mit seiner
    Zustimmung nicht wieder vorkommen werde. Da Se. Majestt diese Zusicherung
    verweigert und im Gegenteil unserem Gesandten erklrt hat, er gedenke sich
    fr dieses Vorkommnis die Mglichkeit vorzubehalten, die Umstnde zu
    befragen, so hat die kaiserliche Regierung in dieser Erklrung des Knigs
    einen Hintergedanken erkennen mssen, welcher fr Frankreich und fr das
    europische Gleichgewicht (da haben wir's schon wieder, das berhmte
    Gleichgewicht: Seht dieses Wandbrett mit den kostbaren Schalen darauf - es
    schwankt - die Schalen knnten herunterfallen - also schlagen wir hinein
    ...) bedrohlich ist. Diese Erklrung hat einen noch schwereren Charakter
    erhalten durch die Mitteilung, welche dem Kabinett gemacht wurde, von der
    Weigerung, den Gesandten des Kaisers zu empfangen und mit ihm neue
    Auseinandersetzungen einzuleiten (also durch solche Dinge: mehr oder minder
    freundlichen Verkehr zwischen Regenten und Diplomaten, wird das Schicksal
    der Vlker bestimmt ...). Infolgedessen hat die franzsische Regierung es
    fr ihre Pflicht (!) gehalten, ohne Verzug an die Verteidigung (ja, ja,
    Verteidigung - niemals Angriff) ihrer verletzten Wrde, ihrer verletzten
    Interessen zu denken, und entschlossen, zu diesem Zwecke alle Maregeln zu
    ergreifen, welche von der ihr geschaffenen Lage geboten werden, betrachtet
    sie sich von jetzt an als im Zustand des Krieges mit Preuen.

Zustand des Krieges ... Bedenkt Derjenige, der auf dem grnen Tuch seines
Schreibtisches dieses Wort zu Papier bringt, da er seine Feder in Flammen
getaucht hat, in blutige Thrnen, in Seuchengift? ...
    Also wegen eines fr einen vakanten Thron gesuchten Knigs und infolge einer
zwischen zwei Monarchen gepflogenen Unterhandlung war diesmal der Sturm
entfesselt? Sollte Kant doch recht haben mit seinem ersten Definitivartikel zum
ewigen Frieden:
    
     Die brgerliche Verfassung in jedem Staate soll republikanisch sein?

    Allerdings fielen durch Verwirklichung dieses Artikels manche Kriegsursachen
weg, denn die Geschichte zeigt, wie viele Feldzge dynastischer Fragen willen
unternommen wurden, und alle Einsetzung monarchischer Gewalt beruht ja nur auf
glcklicher Kriegfhrerschaft; indessen: auch Republiken sind kriegerisch. Der
Geist ist es, der alte, wilde, der in den Vlkern - seien sie nun in dieser oder
jener Form regiert - Ha und Rauflust und Siegesehrgeiz anfacht.
    Ich erinnere mich, welche eine ganz eigentmliche Stimme mich selber in
jener Zeit erfate, da der deutsch-franzsische Krieg sich vorbereitete und dann
losbrach. Diese Gewitterschwle vorher, dieses gewaltige Sturmwehen nach der
Erklrung ... Die ganze Bevlkerung war in Fieber, und wer kann solcher Epidemie
sich entziehen? Natrlich - nach altem Brauch - wurde der Beginn des Feldzuges
schon als Siegeszug betrachtet, das ist ja so patriotische Pflicht. A Berlin -
 Berlin! jubelte es durch die Straen und von den Imperialen der Omnibusse
herab; die Marseillaise an allen Ecken und Enden: Le jour de gloire est arriv!
In jeder Theatervorstellung mute die erste Schauspielerin oder Sngerin - in
der Oper war es Marie Sa - im Jeanne d'Arc-Kostm vor die Rampe treten und
fahnenschwingend dieses Kampflied singen, welches vom Publikum stehend angehrt
und bisweilen mitgesungen wurde. Auch wir haben das eines Abends mit angesehen,
Friedrich und ich, und auch wir muten von unseren Sitzen uns erheben. Muten
nicht aus uerem Zwang, wir htten uns ja in den Hintergrund der Loge
zurckziehen knnen - sondern muten, weil wir elektrisiert waren.
    Siehst Du, Martha, erklrte mir Friedrich, solcher Funke, der da von
Einem zum Anderen springt und diese ganze Menge in einem vereinten und erhhten
Herzschlag erheben macht - das ist Liebe -
    Meinst Du? Es ist doch ein hassendes Lied:

Da ihr unreines Blut
Unsere Furchen trnke - -

Thut nichts: vereinigter Ha ist auch eine Form von Liebe. Wo sich Zwei oder
Mehrere in einem gemeinsamen Gefhl zusammenthun, da lieben sie einander. La
nur einmal einen hheren Begriff, als den der Nation, nmlich den der Menschheit
und der Menschlichkeit, als gemeinsames Ideal aufgefat werden, dann -
    Ach wann wird das sein? seufzte ich.
    Wann? Das ist sehr relativ. Im Verhltnis zu unserer Existenzdauer - nie;
im Verhltnis zu derjenigen unseres Geschlechtes - morgen.

Wenn ein Krieg ausgebrochen ist, so spalten sich alle Anhnger der neutralen
Staaten in zwei Lager; die Einen nehmen fr diesen, die Anderen fr jenen Teil
Partei; es ist da wie eine groe schwebende Wette, bei der Jeder mithlt.
    Wir Beide, Friedrich und ich, mit wem sollten wir sympathisieren, wem den
Sieg wnschen? Als sterreicher waren wir patriotisch vollkommen berechtigt,
unsere berwinder aus dem vorigen Kriege diesmal als berwundene sehen zu
wollen. Ferner ist es auch naturgem, da man Jenen, in deren Mitte man lebt,
von deren Gefhlen man unwillkrlich aufgesteckt wird, die grere Sympathie
zuwendet - und wir waren ja von Franzosen umgeben. Dennoch: Friedrich war
preuischer Abkunft, und waren nicht auch mir die Deutschen, deren Sprache ja
die meine ist, stammverwandter als ihre Gegner? Auerdem war die Kriegserklrung
nicht von den Franzosen aus so nichtigem Grunde - nein, nicht Grunde, Vorwande -
ausgegangen, muten wir daher nicht einsehen, da die Sache der Preuen die
gerechte war, da diese nur als Verteidiger und dem Zwang gehorchend, in den
Kampf zogen? Und war die Einmtigkeit nicht erhebend, mit welcher die vor Kurzem
noch sich befehdenden Deutschen sich jetzt zusammenscharten? Sehr richtig hatte
Knig Wilhelm in seiner Thronrede vom 19. Juli gesagt:

    Das deutsche und das franzsische Volk, beide die Segnungen christlicher
    Gesittung und steigenden Wohlstandes gleichmig genieend, waren zu einem
    heilsameren Wettkampfe berufen, als zu dem blutigen der Waffen. Doch die
    Machthaber Frankreichs haben es verstanden, das wohlberechtigte aber
    reizbare Selbstgefhl unseres groen Nachbarvolkes durch berechnete
    Mileitung fr persnliche Interessen und Leidenschaften auszubeuten -

Kaiser Napoleon erlie seinerseits folgende Proklamation:

    Angesichts der anmaenden Ansprche Preuens haben wir Einsprache gethan.
    Diese ist verspottet worden. Vorgnge1 folgten, welche Verachtung fr uns
    zeigten. Unser Land ist dadurch tief aufgeregt und augenblicklich erschallt
    das Kriegsgeschrei von einem Ende Frankreichs zum andern. Es bleibt uns
    nichts mehr brig, als unsere Geschicke dem Lose, welches die Waffen werfen,
    zu berlassen Wir bekriegen nicht Deutschland, dessen Unabhngigkeit wir
    achten. Wir haben die besten Wnsche dafr, da die Vlker, welche das groe
    deutsche Volkstum ausmachen, frei ber ihre Geschicke verfgen. Was uns
    betrifft, so verlangen wir die Aufrichtung eines Standes der Dinge, welcher
    unsere Sicherheit verbrge und unsere Zukunft sicher stelle. Wir wollen
    einen dauerhaften Frieden erlangen, begrndet auf die wahren Interessen der
    Vlker; wir wollen, da dieser elende Zustand aufhre, bei dem alle Nationen
    ihre Hilfsquellen aufwenden, um sich gegenseitig zu bewaffnen.

Welche Lektion, welche gewaltige Lektion spricht aus diesem Schriftstck, wenn
man es mit den folgenden Ereignissen zusammenhlt! Also um Sicherheit, um
dauernden Frieden zu erlangen, wurde dieser Feldzug von Frankreich unternommen?
Und was ist daraus entstanden? - L'anne terrible und dauernde - noch immer
dauernde - Feindschaft. Nein, nein: - mit Kohle lt sich nicht wei frben, mit
asa foetida nicht Wohlgeruch verbreiten und mit Krieg nicht Frieden sichern.
Dieser elende Zustand, auf den Napoleon anspielte, wie hat der seither sich
noch verschlimmert! Es war dem Kaiser Ernst, voller Ernst mit dem Plane, eine
europische Abrstung anzubahnen, ich habe es durch seine nchsten Verwandten
mit Bestimmtheit erfahren; aber die Kriegspartei hat ihn gedrngt, gezwungen -
und er gab nach ... Dennoch konnte er sich nicht enthalten, in der
Kriegsproklamation selber seine Lieblingsidee anklingen zu lassen. Es sollte
deren Verwirklichung nur hinausgeschoben sein. Nach dem Feldzug - nach dem
Siege ... sagte er sich zum Trost. Es ist anders gekommen.
    Auf welcher Seite also unsere Sympathien standen? Wenn man dazu gelangt, den
Krieg an und fr sich zu verabscheuen, wie das bei Friedrich und mir der Fall
war, so kann das echte, naive Passionieren fr den Ausgang eines Feldzuges
nicht mehr eintreten; die einzige Empfindung ist eben die: Htte er nur nie
begonnen - dieser Feldzug - und wre er nur schon aus!
    Ich glaubte nicht, da der gegenwrtige Krieg lange dauern und bedeutende
Folgen haben werde. Zwei oder drei gewonnene Schlachten hier oder dort und man
wrde sicherlich parlamentieren und dem Ding ein Ende machen. Um was schlug man
sich denn eigentlich? Um gar nichts. Das Ganze war mehr eine Art
Waffenpromenade, von den Franzosen aus ritterlicher Abenteuerlust, von den
Deutschen aus tapferer Verteidigungspflicht unternommen; ein paar getauschte
Sbelhiebe und die Gegner wrden sich wieder die Hnde reichen ... Thrin, die
ich war! Als ob die Folgen eines Krieges im Verhltnis zu den Ursachen seines
Entstehens blieben. Der Verlauf ist es, der die Folgen bestimmt.
    Gern htten wir Paris verlassen, denn der ganze von der Bevlkerung gezeigte
Enthusiasmus berhrte uns hchst peinlich. Aber der Weg nach Osten war nunmehr
versperrt; auch hielt uns der Bau unseres Hauses zurck - kurz: wir blieben.
Geselligen Umgang hatten wir beinahe keinen mehr. Alles, was nur konnte, hatte
Paris geflohen und unter den obwaltenden Umstnden dachte auch unter den
Zurckgebliebenen keiner daran, Einladungen auszuteilen. Nur einige unserer
Bekannten aus litterarischen Kreisen, die noch anwesend waren, suchten wir
fters auf. Gerade in dieser Phase des beginnenden Krieges war es Friedrich
interessant, die betreffenden Urteile und Ansichten der hervorragenden Geister
kennen zu lernen. Da war ein ganz junger Schriftsteller, der spter zu solcher
Berhmtheit gelangte Guy de Maupassant, von dessen uerungen: die mir aus der
Seele gesprochen waren, ich einige in die roten Hefte eintrug:

    Der Krieg - wenn ich nur an dieses Wort denke, so berkommt mich ein
    Grauen, als sprche man mir von Hexen, von Inquisition - von einem
    entfernten, berwundenen, abscheulichen, naturwidrigen Dinge. Der Krieg -
    sich schlagen! Erwrgen, niedermetzeln! Und wir besitzen heute - zu unserer
    Zeit, mit unserer Kultur, mit dem so ausgedehnten Wissen, auf so hoher Stufe
    der Entwickelung, auf der wir angelangt zu sein glauben - wir besitzen
    Schulen, wo man lernt zu tten - auf recht groe Entfernung zu tten, eine
    recht groe Anzahl auf einmal.
        ... Das Wunderbare ist, da die Vlker sich dagegen nicht erheben, da
        die ganze Gesellschaft nicht revoltiert bei dem bloen Worte Krieg.
        Jeder, der regiert, ist ebenso verpflichtet, den Krieg zu vermeiden, wie
        ein Schiffskapitn verpflichtet ist, den Schiffbruch zu vermeiden. Wenn
        ein Kapitn sein Schiff verloren hat, wird er vor ein Gericht gestellt
        und verurteilt, falls man erkennt, da er sich Nachlssigkeit zu
        schulden kommen lie. Warum wird die Regierung nach jedem erklrten
        Kriege nicht gerichtet? Wenn die Vlker das verstnden, wenn sie sich
        weigerten, ohne Grund sich tten zu lassen - dann wre es mit dem Kriege
        aus.

Und Erneste Renan lie sich also vernehmen:

    Ist es nicht herzzerreiend, zu denken, da Alles, was wir Mnner der
    Wissenschaft in fnfzig Jahren aufzubauen bestrebt waren, mit einem Schlage
    zusammengestrzt ist: die Sympathien zwischen Volk und Volk, das
    gegenseitige Verstndnis, das fruchtbare Zusammenarbeiten. Wie ttet ein
    solcher Krieg die Wahrheitsliebe! Welche Lge, welche Verleumdung des einen
    Volkes wird nun nicht aufs Neue in den nchsten fnfzig Jahren von dem
    anderen mit Begierde geglaubt werden und sie fr unabsehbare Zeiten
    voneinander trennen! Welche Verzgerung des europischen Fortschrittes! In
    hundert Jahren werden wir nicht wieder aufrichten knnen, was diese Menschen
    an einem Tage heruntergerissen haben.

Ich hatte auch Gelegenheit einen Brief zu lesen, den Gustave Flaubert in jenen
ersten Julitagen, als eben der Krieg ausgebrochen war, an George Sand
geschrieben hat. Hier ist er:

    Ich bin verzweifelt ber die Dummheit meiner Landsleute. Die
    unverbesserliche Barbarei der Menschheit erfllt mich mit tiefer Trauer.
    Dieser Enthusiasmus, der von keiner Idee beseelt ist, macht, da ich sterben
    mchte, um ihn nicht mehr zu sehen. Der gute Franzose will sich schlagen: 1)
    weil er sich durch Preuen herausgefordert glaubt; 2) weil der natrliche
    Zustand des Menschen die Wildheit ist; 3) weil der Krieg ein mystisches
    Element in sich hat, das die Menschen fortreit. Sind wir wieder zu den
    Rassenkmpfen gekommen? Ich frchte es ... Die schrecklichen Schlachten, die
    sich vorbereiten, haben nicht einmal einen Vorwand fr sich. Es ist die
    Lust, sich zu schlagen, um sich zu schlagen. Ich beklage die gesprengten
    Brcken und Tunnels. Alle diese menschliche Arbeit, die verloren geht! Sie
    haben gesehen, da ein Herr in der Kammer die Plnderung des Groherzogtums
    Baden vorgeschlagen hat. Ach, da ich nicht bei den Beduinen sein kann!

Ach, rief ich, als ich diesen Brief zu Ende gelesen, da wir nicht
fnfhundert Jahre spter geboren sind - das wre noch besser als die Beduinen.
    So lange werden die Menschen nicht mehr brauchen, um vernnftig zu werden,
entgegnete Friedrich zuversichtlich.
    Das war jetzt das Stadium der Proklamationen und der Armeebefehle.
    Immer wieder die alte Leier und immer wieder das zu Beifall und Begeisterung
hingerissene Publikum. ber die in den Manifesten verbrgten Siege wird
gejubelt, als wren dieselben bereits erfochten.
    Am 28. Juli erlie Napoleon III. vom Hauptquartier in Metz folgende Urkunde.
Auch diese habe ich eingetragen - nicht etwa aus geteilter Bewunderung - sondern
aus Zorn ber das ewig gleiche hohle Phrasenwerk.

    Wir verteidigen Ehre und Boden des Vaterlandes. Wir werden siegen. Nichts
    ist zu viel fr die ausharrenden Anstrengungen der Soldaten Afrikas, der
    Krim, Chinas, Italiens und Mexikos. Noch einmal werdet ihr beweisen, was
    eine franzsische Armee vermag, die von Vaterlandsliebe durchglht ist.
    Welchen Weg immer wir auerhalb unserer Grenzen einschlagen, wir finden dort
    die ruhmreichen Spuren unserer Vter. Wir werden uns ihrer wrdig zeigen.
    Von unseren Erfolgen hngt das Schicksal der Freiheit und der Civilisation
    ab. Soldaten - thue Jeder seine Pflicht und der Gott der Schlachten wird mit
    uns sein.

Le Dieu des armes durfte natrlich nicht fehlen. Da die Fhrer besiegter
Heere schon hundertmal dasselbe gesprochen, das hindert die Anderen nicht, bei
jedem neuen Feldzug wieder dasselbe zu sprechen und damit dasselbe Vertrauen zu
wecken. Gibt es etwas krzeres und schwcheres als das Gedchtnis der Vlker?
    Am 31. Juli verlt Knig Wilhelm Berlin und erlt nachstehendes Manifest:

    Indem ich heute zur Armee gehe, um mit ihr fr die Ehre und fr die
    Erhaltung unserer hchsten Gter zu kmpfen, erlasse ich eine Amnestie fr
    politische Verbrecher. Mein Volk wei mit mir, da Friedensbruch und
    Feindschaft nicht auf unserer Seite waren. Aber herausgefordert, sind wir
    entschlossen, gleich unseren Vtern und in fester Zuversicht auf Gott den
    Kampf zu bestehen zur Errettung des Vaterlandes.

Notwehr, Notwehr: das ist die einzig statthafte Art des Ttens; daher rufen
beide Gegner: Ich wehre mich. Ist das nicht Widersinn? - Nicht so ganz - denn
ber Beiden waltet eine dritte Macht, die Macht des berkommenen alten
Kriegsgeistes. - Nur gegen den sich zu wehren, sollten alle sich verbnden ...
    Neben den obigen Manifesten finde ich in meinen roten Heften eine
Eintragung, mit dem sonderbaren Titel berschrieben:

    Htte Ollivier die Tochter Meyerbeers geheiratet, wre da der Krieg
    ausgebrochen?

Die Sache verhielt sich so. Unter unseren pariser Bekannten befand sich auch der
Litterat Alexander Weill, und dieser war es, der obige Frage aufwarf, indem er
uns Nachstehendes erzhlte:
    Meyerbeer suchte einen talentvollen Mann fr seine zweite Tochter und seine
Wahl fiel auf meinen Freund Emile Ollivier. Ollivier ist Witwer. Er hat in
erster Ehe die Tochter Liszts geheiratet, die der berhmte Pianist von der
Grfin d'Agoult (Daniel Stern) hatte, mit der er lange Zeit im ehelichen
Verhltnis lebte. Diese Ehe war sehr glcklich und Ollivier hatte den Ruf eines
tugendhaften Ehemannes. Er besa kein Vermgen, aber als Redner und Staatsmann
war er schon berhmt. Meyerbeer wollte ihn persnlich kennen lernen und zu
diesem Zwecke gab ich - es war im April des Jahres 1864 - einen groen Ball, dem
die meisten Celebritten der Kunst und der Wissenschaft beiwohnten und wo
natrlich Ollivier, der von mir von der Absicht Meyerbeers unterrichtet war, die
erste Rolle spielte. Er gefiel Meyerbeer. Die Sache war nicht leicht in Gang zu
bringen. Meyerbeer kannte die unabhngige Originalitt seiner zweiten Tochter,
die nie einen anderen Gatten als den ihrer freien Wahl ehelichen wrde. Es wurde
verabredet, da Ollivier nach Baden komme, um dort dem Mdchen zufllig
vorgestellt zu werden, als Meyerbeer pltzlich vierzehn Tage nach diesem Ball
starb. Ollivier war es - erinnern Sie sich? - der ihm im Nordbahnhof eine
Trauer- und Lobrede hielt. Nun behaupte ich, ja, ich bin dessen sicher: htte
Ollivier die Tochter Meyerbeers geheiratet. der Krieg zwischen Frankreich und
Deutschland wre nicht ausgebrochen! Hier meine plausiblen Beweise. Vorerst
htte Meyerbeer, der das Kaisertum bis zur Verachtung hate, nie seinem
Tochtermann erlaubt, Minister des Kaisers zu werden. Man wei, da, wenn
Ollivier der Kammer gedroht htte, eher seine Demission zu geben, als den Krieg
zu erklren, dieselbe Kammer nie den Krieg erklrt htte. Der gegenwrtige Krieg
ist das Werk dreier intimer Stuben- und Geheimminister der Kaiserin, mit Namen:
Jerome David, Paul de Cassagnac und Duc de Grammont. Die Kaiserin, von dem
Papste aufgereizt, dessen religise Puppe sie ist, wollte diesen Krieg, an
dessen Sieg sie nicht zweifelte, um die Nachfolge ihres Sohnes zu sichern. Sie
sagte: C'est ma guerre  moi et  mon fils! und die drei obengenannten
ppstlichen Anabaptisten waren ihre geheimen Werkzeuge, um den Kaiser, der
keinen Krieg wollte, und die Kammer durch falsche und verhehlte Depeschen aus
Deutschland zum Krieg zu zwingen!
    Das nennt man Diplomatie! unterbrach ich schaudernd.
    Hren Sie weiter, fuhr Alexander Weill fort. Den 15. Juli sagte mir
Ollivier, den ich auf der place de la concorde antraf: Der Friede ist gesichert
- eher gbe ich meine Demission. Woher nun kam es, da derselbe Mann einige Tage
spter, statt seine Demission zu geben, den Krieg selbst d'un coeur lger, wie
er in der Kammer sagte, erklrte?
    Leichten Herzens! rief ich mit neuem Schauer.
    Hier liegt ein Geheimnis, das ich aufklren kann. Der Kaiser, fr den das
Geld nie einen anderen Wert hat, als um Liebe und Freundschaft sich zu erkaufen
- er glaubt, wie Jugurtha in Rom, ganz Frankreich wre feil, die Mnner wie die
Weiber - hat die Gewohnheit, wenn er einen Minister annimmt, der nicht reich
ist, ihn durch ein Geschenk von einer Million Franken nher an sich zu fesseln.
Daru allein, der mir dieses Geheimnis entdeckte, lehnte dieses Geschenk ab:
timeo Danaos et dona ferentes. Und er allein, nicht gebunden, gab seine
Demission. So lange der Kaiser zauderte, erklrte sich Ollivier, mit der
goldenen Kette an seinen Meister gefesselt, neutral - eher fr den Frieden.
Sobald aber der Kaiser von seiner Frau und ihren drei ultramontanen Anabaptisten
berrumpelt ward, erklrte sich auch Ollivier fr den Krieg und entseelte sich
lebendig mit leichtem Herzen und - voller Tasche.2

O Monsieur, o Madame - welches Glck, welche groe Nachricht! Mit diesen Worte
strzten eines Tages Friedrichs Kammerdiener und hinter ihm der Koch in unser
Zimmer. Es war am Tage von Wrth.
    Was gibt's?
    An der Brse ist eine Depesche angeschlagen: wir haben gesiegt. Die Armee
des Knigs von Preuen ist so gut wie vernichtet ... Die Stadt schmckt sich mit
dreifarbigen Fahnen - es soll heute Abend illuminiert werden.
    Im Laufe des Nachmittags stellt sich jedoch heraus, da die Nachricht eine
falsche - ein Brsenmanver - war. Ollivier hlt von seinem Balkon aus eine
Ansprache an die Menge.
    Nun - desto besser. Wenigstens wrde man nicht beleuchten mssen. Diese
Freudenkundgebungen anllich vernichteter Armeen - d.h. anllich zahlloser
zerrissener Leben und gebrochener Herzen - das htte in mir auch wieder den
Flaubertschen Wunsch erweckt: Ach wr' ich doch bei den Beduinen!
    Am 7. August Unglcksbotschaft. Der Kaiser eilt aus St. Cloud nach dem
Kriegsschauplatz. Der Feind ist ins Land gedrungen. Die Bltter knnen ihrer
Entrstung ber die Invasion nicht heftig genug Ausdruck geben. Der Ruf 
Berlin! - duchte mir - bedeutete doch auch beabsichtigten Einfall - doch daran
war nichts entrstendes; - da aber die stlichen Barbaren in das schne,
gottgeliebte Frankreich einzufallen sich unterstanden: das war schier Wildheit,
Frevel - dem mute rasch gesteuert werden.
    Der interimistische Kriegsminister erlt ein Dekret, da alle rstigen
Brger von dreiig bis vierzig Jahren, welche der Nationalgarde noch nicht
angehren, derselben sofort einverleibt werden mssen. Es bildet sich ein
Ministerium der Landesverteidigung. Die bewilligte Kriegsanleihe von fnfhundert
wird auf tausend Millionen erhht. Ganz herzerfrischend ist es, wie opferfhig
die Leute ber das Geld und das Leben der Anderen stets verfgen. Eine kleine
finanzielle Unannehmlichkeit macht sich dem Publikum zwar sogleich fhlbar: wenn
man Banknoten wechseln will, mu man dem Wechsler zehn Prozent zahlen - es ist
nicht so viel Gold vorhanden, als die Bank von Frankreich Noten ausgeben darf.
    Und jetzt, deutscherseits Sieg auf Sieg ...
    Die Physiognomie der Stadt Paris und ihrer Einwohner verndert sich. Statt
der stolzen, prahlerischen kampfesfrohen Laune tritt Bestrzung und grimmiger
Zorn ein. Immer mehr verbreitet sich das Gefhl, da eine Vandalenhorde ber das
Land niedergegangen - etwas Schreckhaftes, Unerhrtes, wie etwa eine
Heuschreckenwolke oder sonst eine Naturplage. Da sie mit ihrer Kriegserklrung
diese Plage selber heraufbeschworen, da sie dieselbe fr unerllich hielten, -
damit ja nicht etwa ein Hohenzollern in ferner Zukunft auf die Idee kommen
knne, um den spanischen Thron zu werben - das hatten sie vergessen. ber den
Feind kommen entsetzliche Mrchen in Umlauf. Die Ulanen, die Ulanen: das hat
einen phantastisch-dmonischen Klang, beinahe als hiee es das wilde Heer. In
der Einbildung der Leute nimmt diese Truppengattung ein teuflisches Wesen an. Wo
immer von der deutschen Kavallerie ein khner Streich ausgefhrt wird, wird er
den Ulanen zugeschrieben - eine Art Halbmenschen, ohne Sold, darauf angewiesen,
von Beute zu leben. Neben den Schauergerchten entstehen aber auch wieder
Triumpfgerchte. Das Erfolgvorlgen gehrt mit zu den Chauvinistenpflichten.
Natrlich: der Mut mu aufrecht erhalten werden. Das Gebot der Wahrhaftigkeit -
wie so viele andere Sittengebote - verliert seine Gltigkeit im Kriege. Aus der
Zeitung Le Volontaire diktierte mir Friedrich folgende Stelle fr meine roten
Hefte:

    Bis zum 16. August haben die Deutschen schon 144 000 Mann verloren, der
    Rest ist dem Verhungern nahe. Aus Deutschland ziehen die letzten Reserven
    herbei, la landwehr et la landsturm; alte Mnner von 60 Jahren mit
    Feuersteingewehren, an der rechten Seite eine ungeheure Tabaksdose, an der
    linken eine noch grere Schnapsflasche, im Munde eine lange thnerne
    Pfeife; keuchend unter der Last des Tornisters, auf welchem die Kaffeemhle
    und in welchem der Fliederthee nicht fehlen darf, ziehen sie hustend und
    sich schneuzend vom rechten an das linke Rheinufer, Diejenigen verfluchend,
    welche sie den Umarmungen ihrer Enkel entrissen haben, um sie dem sicheren
    Tode entgegen zu fhren. - Was die deutscherseits gebrachten
    Siegesnachrichten anbelangt - so sind dies die bekannten preuischen Lgen.

Am 20. August verkndet Graf Palikao in der Kammer, da drei gegen Bazaine
vereinte Armeekorps in die Steinbrche von Jaumont geworfen wurden. (Sehr gut!
Sehr gut!) Zwar wei niemand, was das fr Steinbrche seien, und wo selbe
gelegen sind; und wie sich die drei Armeekorps darin verhalten, das macht sich
auch niemand klar; aber von Mund zu Mund geht die frohe Botschaft: Sie wissen
schon? ... In den Steinbrchen ... - Ja, ja, von Jaumont. Keiner uert einen
Zweifel oder eine Frage; es ist, als ob Alle aus der Gegend von Jaumont gebrtig
wren und die armeeverschlingenden Steinbrche so gut kennten, wie ihre Tasche.
Um diese Zeit tauchte auch das Gercht auf, der Knig von Preuen sei aus
Verzweiflung ber den Zustand seines Heeres verrckt geworden.
    Man hrt nur noch Ungeheuerlichkeiten. Die Aufregung, das Fieber der
Bevlkerung nimmt stndlich zu. Der Krieg l-bas hat aufgehrt, als
Waffenspaziergang betrachtet zu werden; man fhlt, da die losgelassenen
Gewalten jetzt Furchtbares ber die Welt bringen - es ist nur noch von
vernichteten Heeren, von wahnsinnigen Fhrern, von teuflichen Horden, von Kampf
bis aufs Messer die Rede. Ich hre es donnern und grollen - was sich da erhebt,
ist der Sturm der Wut und der Verzweiflung. Der Kampf um Bazaille bei Metz wird
geschildert, als wren dort von den Bayern die unmenschlichsten Greuel verbt
worden.
    
    Glaubst Du das, fragte ich Friedrich, glaubst Du das von den gutmtigen
Bayern?
    Es mag ja sein. Ob Bayer oder Turko, ob Deutscher, Franzose oder Indianer:
der sich seines Lebens wehrende und zum tten ausholende Krieger hat allemal
aufgehrt menschlich zu sein. Was in ihm geweckt und gewaltsam aufgestachelt
worden, ist ja eben die Bestie.

Metz gefallen ... So lautete an jenem Tage die zwar noch verfrhte aber einige
Zeit spter doch zur Wahrheit gewordene Nachricht, die in der Stadt wie ein
einziger groer Schreckensschrei widerhallte.
    Mir ist die Nachricht von der Einnahme einer Festung eher eine Erleichterung
bringende Botschaft; denn ich denke: das gibt doch eine Entscheidung. Und
darnach nur - da die blutige Partie aus sei - nur darnach geht mein Sehnen.
Aber nein: nichts ist noch entschieden - es sind ja noch mehr Festungen da. Nach
einer Niederlage heit es nur, sich aufraffen und doppelt krftig entgegenhauen
- das Glck der Waffen kann ja wechseln Ja wohl, bald dort, bald hier kann der
Vorteil sein; wre dabei nur nicht auf beiden Seiten der sichere Jammer, der
sichere Tod.
    Trochu fhlt sich veranlat, den Mut der Bevlkerung durch eine neue
Proklamation zu heben und beruft sich darin auf einen alten Wahlspruch der
Bretagne: Mit Gottes Hilfe fr das Vaterland. Das klingt mir nicht eben neu -
ich mu hnlichem schon in anderen Proklamationen begegnet sein. Es verfehlt
eben seine Wirkung nicht: die Leute sind begeistert. Jetzt heit es, Paris in
eine Festung umwandeln.
    Paris Festung? Ich kann den Gedanken nicht fassen. Die Stadt, welche Victor
Hugo la villelumire genannt, welche der Anziehungspunkt der ganzen
civilisierten, reichen, Kunst- und Lebensgenu suchenden Welt ist, der
Ausgangspunkt des Glanzes, der Mode, des Geistes - diese Stadt will sich nun
befestigen, das heit sich zum Zielpunkt feindlicher Angriffe, zur Scheibe der
Beschieung machen, sich allem Verkehr abschlieen und sich der Gefahr aussetzen
in Brand geschossen oder ausgehungert zu werden? Und das thun diese Leute de
gait de coeur, mit Opfermut, mit Freudeneifer, als gelte es die Vollbringung
des ntzlichsten, edelsten Werkes? Mit fieberhafter Hast wird an die Arbeit
geschritten. Es mssen Wlle fr Aufstellung von Mannschaften gebaut werden und
Schiescharten eingeschnitten; ferner vor den Thoren Graben ausgehoben,
Zugbrcken angelegt, Deckwerke neu errichtet, Kanle berbrckt und mit
Brustwehren angeschttet, Pulvermagazine gebaut, und auf der Seine eine
Flottille von Kanonenbooten aufgestellt werden. Welches Fieber von Thtigkeit,
welcher Aufwand von Anstrengung und Flei; welche riesige Kosten von Arbeit und
Geld! Wie das Alles, fr Werke der Gemeinntzigkeit verwendet, erfreulich und
erhebend wre - aber fr den Zweck der Schadenzufgung, der Vernichtung - welche
nicht einmal Selbstzweck, sondern strategischer Schachzug ist - es ist
unfalich!
    Um einer voraussichtlich langen Belagerung widerstehen zu knnen,
verproviantiert sich die Stadt. Bis jetzt - allen Erfahrungen gem - hat es
noch keine uneinnehmbaren Festungen gegeben; die Kapitulation ist stets nur eine
Frage der Zeit. Und immer wieder werden Festungen errichtet, immer wieder werden
sie mit Vorrten versehen, trotz der mathematischen Unmglichkeit, sich auf die
Dauer vor Aushungerung zu schtzen.
    Die getroffenen Maregeln sind groartig. Es werden Mhlen eingerichtet und
Viehparks angelegt, aber schlielich mu der Augenblick doch kommen, wo das Korn
ausgeht und das Fleisch verzehrt ist. Aber so weit denkt man nicht; bis dahin
ist der Feind ber die Grenze zurckgedrngt oder im Land vernichtet. Der
vaterlndischen Armee schliet sich ja das ganze Volk an. Alles meldet sich zum
Dienst oder wird dazu herangezogen; so werden zur Besatzung von Paris smtliche
Feuerwehrleute des Landes berufen. In der Provinz mag es unterdessen brennen -
was liegt daran? So kleine Unglcksflle verschwinden, wo es sich um ein
National-desastre handelt. Am 17. August sind schon 60 000 Pompiers in die
Hauptstadt eingerckt. Auch die Matrosen werden einberufen, und tglich bilden
sich neue Truppenkrper unter verschiedenen Namen: volontaires, claireurs,
franctireurs ...

In immer beschleunigterer Bewegung folgen einander nun die Ereignisse. Aber nur
noch kriegerische Ereignisse. Alles Andere ist aufgehoben. Rings um uns wird
nichts Anderes mehr gedacht als mort aux Prussiens. Ein Sturm des wilden
Hasses sammelt sich an; noch ist er nicht losgebrochen, aber man hrt ihn
rauschen. In allen offiziellen Kundgebungen, in allem Gassenlrm, in allen
ffentlichen Vorkehrungen - immer nur das eine Ziel: mort aux Prussiens. All'
diese Truppen, regelmige und unregelmige, diese Munitionen, diese nach den
Befestigungen drngenden Arbeiter mit ihren Werkzeugen und Karren, diese
Waffentransporte: alles was man sieht und was man hrt, das deutet in Formen und
in Tnen, das blitzt und poltert, das funkelt und tost mort aux Prussiens! -
Oder mit anderen Worten - dann klingt es freilich wie ein Ruf der Liebe und
durchglht auch weiche Herzen - pour la patrie! - aber es ist dennoch
dasselbe.
    Ich fragte Friedrich:
    Du bist doch preuischer Abstammung - wie berhren Dich diese von allen
Seiten laut werdenden feindlichen Gesinnungen?
    Dieselbe Frage hast Du schon im Jahre 1866 an mich gerichtet - und damals
antwortete ich Dir - wie auch heute - da ich unter diesen Hassesuerungen
nicht als Landesangehriger, sondern als Mensch leide. Fasse ich die Gesinnungen
der Leute hier vom nationalen Standpunkt auf, so kann ich ihnen nur recht geben;
sie nennen es la haine sacre de l'ennemi - und diese Regung bildet einen
wichtigen Bestandteil des kriegerischen Patriotismus. In diesem einen Gedanken
gehen sie nun auf: ihr Land von dem feindlichen Einfall wieder zu befreien. Da
sie die Einfallenden durch ihre Kriegserklrung gerufen - das vergessen sie. Sie
haben es ja auch nicht selber gethan, sondern ihre Regierung, welcher sie aufs
Wort geglaubt, da sie es thun mute, und jetzt verlieren sie keine Zeit mit
Vorwrfen, mit Erwgungen, wer das Unglck heraufbeschworen; es ist nun einmal
da und alle Kraft, alle Begeisterung wird darauf verwendet, es wieder
abzuwenden, oder mit sorglosem Opfermut vereint zu Grunde zu gehen. Glaube mir,
es liegt viel edle Liebesfhigkeit in uns Menschenkindern, schade nur, da wir
sie in den alten Feindschaftsgeleisen vergeuden ... Und drben, die Gehaten,
die einfallenden, die rothaarigen, stlichen Barbaren - was thun die? Sie sind
herausgefordert worden und sie dringen in das Land derjenigen ein, welche das
ihre zu berfallen drohten:  Berlin,  Berlin! Erinnerst Du Dich noch, wie
dieser Ruf die ganze Stadt durchschallte, sogar von den Dchern der Omnibusse
herab?
    Nun marschieren jene nach Paris! Warum rechnen ihnen das die  Berlin-Rufer
als Verbrechen an?
    Weil es keine Logik und keine Gerechtigkeit geben kann in jenem
Nationalgefhl, dessen oberster Grundsatz der ist: Wir sind wir - das heit die
ersten, die anderen sind Barbaren. Und jener Vormarsch der Deutschen von Sieg zu
Sieg flt mir Bewunderung ein. Ich bin doch auch Soldat gewesen und wei, was
an dem Begriffe Sieg fr ein Zauber haftet, welcher Stolz, welcher Jubel da
hineingelegt wird. Ist es doch das Ziel, der Lohn fr alle gebrachten Opfer, fr
den Verzicht auf Ruhe und Glck, fr das eingesetzte Leben.
    Warum bewundern aber die berwundenen Gegner, die ja doch auch Soldaten
sind und wissen welcher Ruhm den Sieg begleitet, warum bewundern die ihre
berwinder nicht? Warum heit es niemals in einem Schlachtbericht der
verlierenden Partei: Der Feind hat einen glorreichen Sieg errungen!?
    Weil - ich wiederhole es - der Kriegsgeist und der patriotische Egoismus
die Verneinung aller Gerechtigkeit ist.
    So kam es - ich sehe es aus allen unseren in den roten Heften eingetragenen
Gesprchen aus jenen Tagen - da wir an gar nichts anderes dachten, denken
konnten, als an den Verlauf des gegenwrtigen Vlkerduells.
    Unser Glck, unser armes Glck - wir hatten es, aber wir durften es nicht
genieen. Ja, alles besaen wir, was uns einen lieblichen Himmel auf Erden
schaffen konnte: grenzenlose Liebe, Reichtum, Rang, den herrlich sich
entwickelnden Knaben Rudolf, unser Herzenspppchen Sylvia, Unabhngigkeit, reges
Interesse an der Welt des Geistes ... aber das alles war wie hinter einen
Vorhang gestellt. Wie durften, wie konnten wir an unseren Freuden uns laben,
whrend um uns alles litt und zitterte, schrie und tobte? Das ist, als wollte
man es sich recht gtlich thun an Bord eines sturmgepeitschten Schiffes.
    Ein theatralischer Mensch, dieser Trochu, berichtete mir Friedrich eines
Tages - es war am 25. August - Was wurde heute fr ein Effekt-Coup ausgefhrt?
Darauf verfllst Du nimmer.
    Die Frauen zum Militrdienst einberufen? riet ich.
    Um Frauen handelt es sich wohl, aber sie sind nicht einberufen - im
Gegenteil.
    Also die Marketenderinnen abgeschafft - oder die barmherzigen Schwestern?
    Noch immer nicht erraten. Abschaffung ist zwar dabei - und
Marketenderinnen, insofern sie den Becher der Lust reichen, und barmherzig - in
gewissem Sinn - sind die Abgeschafften auch; kurz - ohne weitere Charade: die
Demimonde wird ausgewiesen.
    Und das hat der Kriegsminister verfgt? Welcher Zusammenhang? -
    Ich finde auch keinen, aber die Leute sind ber die Maregel entzckt.
Einmal sind sie immer froh, wenn etwas geschieht: von jeder neuen Verordnung
erwarten sie eine Wendung, wie manche Kranke, die jedes angewandte Mittel als
mgliches Heilmittel begren. Wenn das Laster aus der Stadt getrieben ist -
meinen die Frommen - wer wei, ob dann der offenbar erzrnte Himmel nicht wieder
seine Huld ber die Bewohner ergiet? Und jetzt, da man sich auf die ernste,
entbehrungsvolle Zeit der Belagerung vorbereitet, was sollen da die tollen,
verschwenderischen Hetren? So erscheint den meisten - die Betroffenen
ausgenommen - die Maregel als eine wrdevolle, moralische und nebstbei noch
eine patriotische, da eine groe Anzahl dieser Frauen Fremde sind.
Englnderinnen, Sdlnderinnen, ja sogar Deutsche - vielleicht Spioninnen
darunter! Nein, nein, jetzt hat die Stadt nur Platz fr ihre eigenen Kinder und
nur fr ihre tugendhaften Kinder!
    Am 28. August kam es noch schlimmer. Wieder eine Ausweisung: binnen drei
Tagen hatten alle Deutsche Paris zu verlassen.
    Das Gift, das ttliche, langwirkende, welches in dieser Maregel lag, davon
hatten die Rezeptschreiber wohl keine Ahnung: damit war der Deutschenha
geweckt. Wie lange dieses Unglck noch ber den Krieg hinaus furchtbare Frchte
tragen sollte - das wei ich heute. Von da ab waren Frankreich und Deutschland -
diese zwei groen, blhenden, herrlichen Lnder nicht mehr zwei Nationen, deren
Heere einen ritterlichen Zweikampf ausfochten: in das ganze Volk drang der Ha
fr das ganze gegnerische Volk. Die Feindschaft ward zu einer Institution
erhoben, die sich nicht auf die Dauer des Krieges beschrnkt, sondern als
Erbfeindschaft ihren Bestand unter kommenden Geschlechtern sichert.
    Ausgewiesen - binnen drei Tagen die Stadt verlassen mssen -: ich hatte
Gelegenheit zu sehen, wie hart, wie unmenschlich hart dieser Befehl manche
brave, harmlose Familie traf. Unter den Geschftsleuten, welche uns zu der
Ausstattung unseres Heims Waren lieferten, befanden sich mehrere Deutsche: ein
Wagenfabrikant, ein Tapezierer und ein Kunsttischler. Seit zehn bis zwanzig
Jahren in Paris niedergelassen, wo sie einen huslichen Herd gegrndet, wo sie
sich durch Heirat mit Parisern verschwgert hatten, wo sie alle ihre
geschftlichen Verbindungen besaen - und jetzt muten sie fort, binnen drei
Tagen fort, ihr Haus verschlieen; alles verlassen, was ihnen lieb und gewohnt
war; ihr Vermgen, ihre Kundschaft, ihren Erwerb einben - - Bestrzt kamen die
armen Wichte zu uns gerannt und teilten uns das Unglck mit, das sie betroffen;
auch die Arbeit, die sie eben fr uns zu liefern im Begriffe waren, mute
eingestellt, die Werksttte geschlossen werden. Hnderingend und mit Thrnen in
den Augen klagten sie uns ihr Leid: Ich habe einen kranken alten Vater, sagte
der Eine, und meine Frau sieht tglich ihrer Niederkunft entgegen und in drei
Tagen mssen wir fort? - Ich habe keinen Sou im Hause, jammerte der Andere,
alle meine Kunden, die mir Geld schulden, werden nicht so schnell ihre
Verpflichtungen einhalten, und ich selbst kann nun meine Arbeiter, welche
Franzosen sind, nicht auszahlen - noch acht Tage und ich htte eine groe
Bestellung erledigt, die mich zum wohlhabenden Mann gemacht htte - und jetzt
mu ich alles im Stiche lassen ...
    Und warum, warum war Alles das ber die Armen hereingebrochen? Weil sie
einer Nation angehrten, deren Heer erfolgreich seine Pflicht that, oder weil -
um in die Ursachenkette weiter zurckzugreifen - weil ein Hohenzollern
vielleicht in Zukunft einen angetragenen spanischen Thron anzunehmen sich
einfallen lassen knnte ... Nein, auch dieses weil ist nicht bei der letzten
Ursache angelangt, dasselbe deckt nur den Vorwand, nicht die Ursache zu jenem
Kriege. -
    Sedan! Kaiser Napoleon hat seinen Degen bergeben.
    Die Nachricht berwltigte uns. Da war denn richtig eine groe,
geschichtliche Katastrophe eingetreten. Die franzsische Armee geschlagen - ihr
Fhrer schwach und matt, so war die Partie denn aus - von Deutschland glnzend
gewonnen. Aus, aus! jubelte ich; gbe es schon Leute, die das Recht htten,
sich Weltbrger zu nennen, die knnten heute ihre Fenster beleuchten; gbe es
schon Tempel der Humanitt, aus diesem Anla mten Tedeums gesungen werden -
die Schlchterei ist aus!
    Frohlocke nicht zu frh, mein Schatz, mahnte Friedrich. Dieser Krieg hat
schon lange nicht mehr den Charakter einer auf dem Brette der Schlachtfelder
gekmpften Partie - die ganze Nation kmpft mit. Fr eine vernichtete Armee
werden zehn neue aus dem Boden gestampft.
    Wre denn das gerecht? Es sind doch nur deutsche Soldaten ins Land
gedrungen, nicht das deutsche Volk - also kann man ihnen nur wieder franzsische
Soldaten gegenberstellen.
    Da Du immer wieder an Gerechtigkeit und Vernunft appelierst - Du
Unvernnftige - einem Rasenden gegenber. Frankreich rast vor Schmerz und Zorn,
und vom Standpunkt der Vaterlandsliebe ist sein Schmerz heilig, sein Zorn
gerechtfertigt. Was sie nun auch verzweifeltes thun - persnliche Ichsucht ist
nicht dabei, sondern hchster Opfermut. Wenn nur die Zeit schon da wre, wo die
Tugendkraft, die dem Menschenverbande innewohnt, von der Vernichtungsarbeit ab-
und der Beglckungsarbeit zugewendet wrde! Aber dieser unselige Krieg hat uns
von diesem Ziele wieder ein gutes Stck zurckgeschleudert.
    Nein, nein - ich hoffe, der Krieg ist jetzt zu Ende.
    Wenn auch (was ich brigens bezweifle), es sind die Saaten zu knftigen
Kriegen gestreut - und wre es nur die Hassessaat, welche die Ausweisung der
Deutschen enthlt. So etwas wirkt weit ber das lebende Geschlecht hinaus.
    Der 4. September. Wieder ein Gewaltakt, ein Leidenschaftsausbruch - und
zugleich wieder ein Heilmittel zur Rettung des Vaterlandes: der Kaiser wird
abgesetzt. Frankreich erklrt sich als Republik. Was Napoleon III. und seine
Armee gethan: es gilt nicht. Fehlgriffe, Verrat, Feigheit - das Alles haben
einige Personen - der Kaiser und seine Generle - verbrochen; das hat nicht
Frankreich gethan, dafr ist es nicht verantwortlich. Indem der Thron gestrzt
ward, hat man die Bltter, worauf Metz und Sedan verzeichnet stehen, einfach aus
dem Buche von Frankreichs Geschichte herausgerissen. Jetzt erst wird das Land
selber Krieg fhren, wenn anders Deutschland es wagt, die verruchte Invasion
fortzusetzen ...
    Wie aber, wenn Napoleon gesiegt htte? fragte ich, als mir Friedrich obige
Mitteilungen gemacht.
    Dann htten sie seinen Sieg und seinen Ruhm als des Landes Sieg und Ruhm
aufgefat.
    Ist das gerecht?
    Kannst Du Dir diese Frage denn nicht abgewhnen?
    Meine Hoffnung, da die Katastrophe von Sedan den Feldzug zu seinem Ende
gebracht, mute ich bald schwinden sehen. Alles um uns geberdete sich
kriegerischer als je. Die Luft war mit wildem Groll und heier Rachgier geladen.
Groll gegen den Feind und beinahe ebenso gegen die gestrzte Dynastie. Die
Schmhreden, die Pamphlete, die jetzt auf Kaiser und Kaiserin und auf die
unglcklichen Feldherrn regneten, die Verdchtigungen und Verleumdungen, der
Schimpf, der Spott -: es war ekelerregend. Damit glaubte die rohe Menge die
ganze Niederlage vom Lande auf ein paar Menschen abzuwlzen; und nun diese
Menschen zu Boden lagen, bewarf man sie mit Kot und Steinen - und jetzt erst
wrde das Land es zeigen, da es unberwindlich sei.
    Die Vorbereitungen zur Verschanzung von Paris werden eifrig fortgesetzt. Die
Gebude in dem Gefechtsbereich der Haupt-Enceinte werden gerumt oder gar
eingerissen. Die Umgebung wird zur Einde. Truppen von Menschen ziehen von
drauen mit ihrem Haushalt in die Stadt. O diese traurigen Zge von Wagen und
Packpferden und beladenen Menschen, die da die Trmmer ihrer aufgestrten Herde
durch die Straen wlzen! Das hatte ich schon einmal in Bhmen gesehen, wo das
arme Landvolk vor dem siegenden Feinde floh, und nun mute ich in der
frhlichen, glnzenden Weltstadt das gleiche Jammerbild erschauen - es waren
dieselben ngstlichen, trben Mienen, dieselbe Mhseligkeit und Hast, dasselbe
Weh.
    Endlich, Gottlob, wieder einmal eine gute Nachricht: Durch englische
Vermittelung angeregt, wird in Ferrires eine Zusammenkunft zwischen Jules Favre
und Bismarck veranstaltet. Da wrde man doch zu einer Einigung, zu einem
Friedensschlu gelangen!
    Im Gegenteil! Die Kluft wird jetzt erst recht offenbar. Schon seit einiger
Zeit wird von den deutschen Zeitungen die Besitznahme von Elsa-Lothringen
befrwortet. Man will das ehemals deutsche Land sich wieder einverleiben. Das
historische Argument fr den Anspruch auf diese Provinzen zeigt sich nur
teilweise haltbar, daneben wird das strategische Argument vorgebracht: als
Bollwerk bei voraussichtlichen, zuknftigen Kriegen unentbehrlich. Und
bekanntlich sind ja die strategischen Grnde die hochwichtigsten, die
unumstlichsten - daneben darf sich ein ethischer Grund erst in zweiter Linie
geltend machen. - Andererseits: die Kriegspartie war von Frankreich verloren
worden; war es nicht billig, da dem Gewinner ein Preis zufiel? Htten im Falle
ihres Erfolges die Franzosen nicht die Rheinprovinzen sich aneignen wollen? Wenn
der Ausgang eines Krieges nicht fr den einen oder den anderen Teil
Gebietserweiterung zur Folge haben soll, wozu wird dann berhaupt Krieg gefhrt?
    Unterdessen lt das siegreiche Heer im Vormarsche sich nicht abhalten: die
Deutschen sind schon vor den Thoren von Paris. Die Abtretung Elsa-Lothringens
wird offiziell verlangt. Dagegen erhebt sich der bekannte Ausspruch: Keinen
Zoll unseres Territoriums - keinen Stein unserer Festungen - (pas un pouce -
pas une pierre).
    Ja, ja - tausend Leben - nur keinen Zoll Erde. Das ist der Grundgedanke des
patriotischen Geistes. Man will uns demtigen, riefen die franzsischen
Patrioten, eher wird sich das erbitterte Paris unter seinen Trmmern begraben.
    Fort, fort! entscheiden wir jetzt. Wozu ohne Notwendigkeit in einer
belagerten fremden Stadt verbleiben, wozu unter Leuten leben, die von keinen
anderen als Ha- und Rachegedanken erfllt sind, die uns mit scheelen Blicken
und oft mit geballten Fusten betrachten, wenn sie uns deutsch reden hren?
Freilich, ohne Schwierigkeiten konnten wir jetzt nicht mehr aus Paris, aus
Frankreich hinaus; man hatte berall Gefechtsgebiete zu passieren, der
Eisenbahnverkehr war fr Privatreisende hufig verschlossen; unseren Neubau im
Stiche lassen, war auch nicht angenehm, aber gleichviel: unseres Bleibens war
nicht mehr. - Eigentlich waren wir schon viel zu lange dageblieben; die
Erregungen, die ich in letzter Zeit durchgemacht, hatten mich so stark
erschttert, da meine Nerven darunter litten. Ich wurde hufig von
Schttelfrost und ein paarmal auch von Weinkrmpfen befallen.
    Schon waren unsere Koffer verpackt und Alles zur Abfahrt bereit, als ich
wieder einen Anfall bekam, diesmal so heftig, da ich ins Bett gebracht werden
mute. Der herbeigeholte Arzt erklrte, da ein Nervenfieber oder gar eine
Gehirnentzndung im Anzug sei und man vorlufig nicht daran denken drfe, mich
den Strapazen einer Reise auszusetzen. -
    Ich lag lange, lange Wochen darnieder. Nur eine sehr traumhafte Erinnerung
ist mir von dieser ganzen Zeit geblieben. Und sonderbar: eine se Erinnerung.
Ich war doch schwer krank und Trauriges und Schauriges trug in dem Orte meines
Aufenthaltes - eine belagerte Stadt - unaufhrlich sich zu und dennoch, wenn ich
daran zurckdenke: es war eine eigentmlich freudenvolle Zeit. Freuden, ja, so
recht intensive Freuden, wie Kinder sie zu empfinden pflegen. Die
Gehirnkrankheit, die ich durchgemacht, die fast immerwhrende Abwesenheit oder
doch nur halbe Anwesenheit des Bewutseins machte, da alles Denken und
Urteilen, alles Erwgen und berlegen aus meinem Kopf geschwunden war und nur
ein vager Daseinsgenu zurckblieb, wie solcher - wie gesagt - von Kindern,
namentlich von zrtlich gewarteten Kindern, empfunden wird ... An zrtlicher
Wartung fehlte es mir nicht. Der Gatte, besorgt und liebend, unermdlich, war
Tag und Nacht um mich. Auch die Kinder brachte er hufig an mein Lager. Was mein
Rudolf mir alles vorerzhlte! Ich verstand es meist nicht, aber seine liebe
Stimme erklang mir wie Musik; und das Zwitschern unserer kleinen Sylvia, unserer
Herzenspuppe, wie s belustigte mich erst das. Da gab es hundert kleine Scherze
und Einverstndnisse zwischen Friedrich und mir ber das Gebahren unserer
Tochter ... Worin diese Scherze bestanden, das wei ich auch nicht mehr; aber
ich wei da ich lachte und mich freute - ganz unbndig. Jeder der gewohnten
Spe schien mir der Gipfel der Witzigkeit und je fter wiederholt, desto
witziger und kstlicher. Und mit welcher Wonne ich die gereichten Trnkchen
schlrfte: da bekam ich tglich zur bestimmten Stunde eine Limonade - so etwas
gttertrunkhnliches habe ich whrend meines ganzen gesunden Lebens nicht
gekostet - und allabendlich eine opiumhaltige Arznei, deren sanfteinschlfernde,
in bewuten Schlummer wiegende Wirkung mich mit einem Gefhle seliger Ruhe
durchrieselte. Dabei wute ich, da der geliebte Mann an meiner Seite war, mich
htend und wahrend als seines Herzens teuerster Schatz. Der Krieg, der drauen
vor den Thoren wtete, von dem wute ich beinahe nichts mehr; und wenn mir doch
zuweilen eine Erinnerung davon aufblitzte, so betrachtete ich das Ding als etwas
so fern liegendes, so mich durchaus nicht berhrendes, als spielte es sich in
China oder auf einem anderen Planeten ab. Meine Welt war hier in diesem
Krankenzimmer - in diesem Rekonvalescentenzimmer vielmehr, denn ich fhlte mich
genesen - dem Glck entgegen.
    - - - - - - - - - - - - - - -
    Dem Glcke? Nein. Mit der Genesung kam auch das Verstndnis wieder und die
Auffassung des grlichen, das uns umgab. Wir waren in einer belagerten,
hungernden, frierenden, jammererfllten Stadt. Der Krieg wtete noch fort.
    Inzwischen war der Winter hereingebrochen, eisigkalt. Jetzt erfuhr ich erst,
was whrend meiner langen Bewutlosigkeit alles vorgefallen. Die Hauptstadt des
Bruderlandes, Straburg, die wunderschne, die echt deutsche, die
kerndeutsche Stadt ist beschossen worden; ihre Bibliothek zerstrt, im Ganzen
fielen 193 722 Schsse - vier oder fnf in der Minute.
    Straburg ist genommen.
    - Das Land gert in wilde Verzweiflung - jene Verzweiflung, welche in
Raserei und Wahnsinn ausartet. Man schlgt im Nostradamus nach, um darin
Prophezeiungen der jetzigen Ereignisse zu finden, und neue Seher lassen sich mit
Weissagungen vernehmen. rger noch: Besessene treten auf: es ist wie ein
Rckfall in mittelalterliche, hllenfeuer-durchzuckte Geistesnacht ...
    Knnte ich zu den Beduinen! rief Gustav Flaubert. Knnte ich in das
halbbewute Traumland meiner Krankheit zurck! so klagte ich. Jetzt war ich
wieder gesund und mute all das erfahren und erfassen, was Grauenvolles um uns
vorging. Da begannen wieder die Eintragungen in die roten Hefte und ich finde
folgende Notizen vor:

1. Dezember. Trochu setzt sich auf den Hhen von Champigny fest.
2. Dezember. Hartnckiges Gefecht um Brie und Champigny.
5. Dezember. Die Klte wird immer strenger. Ach, die zitternden, blutenden,
    armen Wichte, die drauen im Schnee gebettet - sterben. Auch hier in der
    Stadt wird furchtbar an Klte gelitten. Der Verdienst ist auf Null gesunken.
    Kein Feuerungsmaterial zu beschaffen. Was gbe Mancher drum, wenn er nur ein
    paar Stckchen Holz da htte - und wre es der gewisse Thron von Spanien ...
21. Dezember. Ausfall aus Paris.
25. Dezember. Eine kleine Abteilung preuischer Kavallerie wird aus den Husern
    der Ortschaften Troo und Soug mit Flintenschssen begrt (das ist
    Patriotenpflicht). General Kraatz befiehlt die Zchtigung dieser Ortschaften
    (das ist Kommandantenpflicht) und lt brennen. Anznden lautet das
    Kommandowort, und die Leute - vermutlich sanfte, gutmtige Bursche -
    gehorchen (das ist Soldatenpflicht) und legen den Brand an. Die Flammen
    schlagen zum Himmel und die armen Heimsttten strzen krachend ein ber Mann
    und Weib und Kind - ber fliehende, weinende, brllende und brennende
    Menschen und Tiere.

O du frhliche, o du selige, o du heilige Weihnachtszeit!

Soll Paris nun ausgehungert werden, oder auch beschossen?

    Gegen letztere Annahme strubt sich das Kulturgewissen. Diese
ville-lumire, dieser Anziehungspunkt aller Vlker, diese glnzende Sttte der
Knste - mit ihren unersetzlichen Reichtmern und Schtzen bombardieren wie die
erste beste Citadelle? Nicht denkbar; die ganze neutrale Presse (so erfuhr ich
spter) protestiert dagegen. Die Presse der Kriegspartei in Berlin hingegen
ermuntert dazu: das sei das einzige Mittel, den Krieg zu Ende zu fhren und die
Seinestadt erobern - welcher Ruhm! Die Proteste brigens sind es gerade, welche
gewisse Kreise in Versailles bestimmen, diese strategische Maregel - weiter ist
ja eine Beschieung doch nichts - zu ergreifen. Und so geschah es, da ich
unterm 28. Dezember mit zitternden Zgen niederschrieb:
    Es ist da ... Wieder ein dumpfer Schlag ... Eine Pause - und wieder -
    Weiter schrieb ich nicht. Aber ich erinnere mich genau der Empfindungen
jenes Tages. In dem Es ist da lag neben dem Schrecken eine gewisse Befreiung,
eine Erleichterung, ein Nachlassen der beinah schon unertrglich gewordenen
Nervenanspannung. Was man so lange teils erwartet und befrchtet, teils fr
menschenunmglich gehalten - es war nun da.
    Wir saen beim Gabelfrhstck (das heit wir aen Brot und Kse - die
Lebensmittel waren schon karg), Friedrich, Rudolf, der Hofmeister und ich, als
der erste Schlag erdrhnte. Wir Alle erhoben betroffen die Kpfe und wechselten
Blicke. Sollte dies? ...
    Aber nein - es war vielleicht ein zugefallenes Hausthor oder sonst etwas.
Nun war ja Alles still. Wir nahmen das vorhin unterbrochene Gesprch wieder auf,
ohne nur des Gedankens zu erwhnen, welchen jener Ton in uns erweckt hatte. Da -
nach drei bis vier Minuten - kam es wieder. Friedrich sprang auf:
    Das ist die Beschieung, sagte er, und eilte ans Fenster.
    Ich folgte ihm. Von der Strae drang ein Gemurmel herauf, Gruppen hatten
sich gebildet: die Leute standen und horchten oder wechselten erregte Worte.
    Jetzt kam unser Kammerdiener in das Zimmer gestrzt - zugleich erklang eine
neue Salve.
    Oh monsieur et madame - c'est le bombardement!
    Zu der offenen Thr herein drngten nunmehr smtliche anderen Diener und
Dienerinnen bis herab zum Kchenjungen. Bei solchen Katastrophen - Kriegs-,
Feuer- oder Wassernot - da fallen alle gesellschaftlichen Schranken, da laufen
alle Bedrohten zusammen. Viel mehr als vor dem Gesetze, mehr noch als vor dem
Tode - der in seinen Bestattungsceremonien solche Standesunterschiede kennt -
fhlen sich Alle gleich vor der Gefahr. C'est le bombardement - c'est le
bombardement! Jeder, der zu uns in das Zimmer herbeigeeilt kam, stie diesen
selben Ruf aus.
    Es war entsetzlich - und dennoch, ich erinnere mich genau meiner Empfindung:
ein gewisses bewunderndes Erschauern, eine Art Genugthuung, etwas so Gewaltiges
zu erleben, mitten drin zu sein in dieser schicksalsschweren Begebenheit und vor
der eigenen Lebensgefahr dabei nicht zu erbeben. Die Pulse schlugen mir, ich
fhlte etwas wie - wie soll ich's nennen? - Stolz des Mutes.

Das Ding war brigens weniger schauervoll, als es im ersten Augenblick
geschienen. Keine brennenden Gebude, keine angstschreienden Menschenhaufen,
keinen unaufhrlich die Luft durchschwirrenden Bombenhagel - sondern immer nur
dieses dumpfe, ferne, von langen und lngeren Zwischenrumen getrennte Rollen.
Man fing nach einiger Zeit beinahe an, sich daran zu gewhnen. Die Pariser
whlten als Spaziergangsziel solche Punkte, von welchen aus man die Kanonenmusik
besser hren konnte. Hier und da fiel ein Gescho auf die Strae und platzte,
aber wie selten kam Einer dazu, zufllig in der Nhe zu sein. Zwar fielen manche
ttliche Bomben herab, aber in der Millionenstadt hrte man von diesen Fllen
nur so vereinzelt, wie man auch sonst gewohnt ist, unter den Lokalnachrichten
seiner Zeitung verschiedene Unglcksflle zu vernehmen, ohne da es einem
besonders nahe ginge: Ein Maurer von einem vierstockhohen Gerst gefallen oder
eine anstndig gekleidete Frauensperson sich ber das Brckengelnder in den
Flu gestrzt u. dgl. m. Der eigentliche Kummer, der eigentliche Schrecken der
Bevlkerung, das war nicht das Bombardement: das waren der Hunger, die Klte,
die Not. Aber eine solche Nachricht von einem unheilbringenden Gescho hat mich
tief erschttert. Dieselbe kam in Form einer schwarzumrandeten Traueranzeige ins
Haus:

    Herr und Frau N. geben Nachricht von dem Tode ihrer zwei Kinder Franois (8
    Jahre alt) und Amlie (4 Jahre, welche eine durch das Fenster fliegende
    Bombe erschlagen hat. Um stille Teilnahme wird gebeten.

Stille Teilnahme! Ich stie einen lauten Schrei aus, nachdem ich das Blatt
berflogen. Ein Gedanke, ein mit Blitzesschnelle vor meinem inneren Auge
erscheinendes Bild zeigte mir den ganzen Jammer, der in dieser schlichten
Traueranzeige lag .. ich sah unsere beiden Kinder, Rudolf und Sylvia - nein, es
war nicht auszudenken!
    Die Nachrichten, die man erhlt, sind sprlich; alle Postkommunikation
natrlich unterbrochen; nur durch Brieftauben und Luftballons wird mit der
Auenwelt verkehrt. Die Gerchte, die allenthalben auftauchen, sind der
widersprechendsten Art. Man meldet siegreiche Ausflle, oder man verbreitet die
Kunde, da der Feind schon im Begriffe sei, Paris zu erstrmen, um es an allen
Ecken anzuznden und dem Erdboden gleich zu machen; oder man versichert, da,
ehe man einen einzigen Deutschen in die Mauern dringen liee, die Kommandanten
der Forts sich selber und ganz Paris in die Luft sprengen wrden. Es wird
erzhlt, da die smtliche Bevlkerung des Landes, namentlich aus dem Sden (le
midi se lve) ber die Belagerer im Rcken herfllt, um ihnen den Rckzug
abzuschneiden und sie bis auf den letzten Mann zu vernichten.
    Neben den falschen Nachrichten gelangen auch einige wahre - deren
Richtigkeit sich spter besttigte - bis zu uns. So von einer auf der Strae von
Grand Luce dicht an Le Mans ausgebrochenen Panik, wobei Greuelthaten sich
zutrugen: auer Rand und Band gekommene Soldaten warfen Verwundete aus den
bereitstehenden Eisenbahnwaggons, um an deren Stelle Platz zu nehmen.
    Von Tag zu Tag wird es schwerer, Lebensmittel zu beschaffen. Die
Fleischvorrte sind erschpft; es gibt schon lngst keine Rinder und Schafe mehr
in den angelegten Viehparks; bald sind auch alle Pferde verzehrt, und es beginnt
die Periode, wo die Hunde und Katzen, die Ratten und Muse, schlielich auch die
Tiere des jardin des plantes, selbst der so beliebte, arme Elephant als Speise
dienen mssen. Brot ist beinah nicht mehr zu erlangen. Stunden- und stundenlang
mssen die Leute vor den Bckerlden in der Reihe harren, um ihre kleine Ration
zu bekommen, doch die meisten gehen leer aus. Erschpfung und Krankheiten machen
reiche Todesernte. Whrend gewhnlich in der Woche 1100 Menschen starben, weisen
die pariser Sterbelisten jetzt wchentlich 4-5000 auf. Tglich also ungefhr 400
unnatrliche Todesflle - das heit also Morde. Wenn auch der Mrder kein
Einzelner war, sondern ein unpersnliches Ding, nmlich der Krieg, so sind es
darum nicht minder Morde. Wen traf die Verantwortung? Etwa jene
parlamentarischen Grosprecher, welche in ihren Hetzreden mit stolzem Pathos
erklrten - wie dies Girardin in der Sitzung vom 15. Juli gethan - da sie die
Verantwortung eines Krieges vor der Geschichte auf sich nhmen? Knnen denn
eines Menschen Schultern stark genug sein, solche Verbrechenlast zu tragen?
Gewi nicht. Es fllt auch Niemandem ein, die Prahler nachtrglich beim Wort zu
nehmen.
    Eines Tages, es war um den 20. Januar herum, kam Friedrich, von einem Gang
durch die Stadt heimgekehrt, mit erregter Miene in mein Zimmer.
    Nimm Dein Eintragebuch zur Hand, meine eifrige Geschichtsschreiberin! rief
er mir zu. Heute gibt es einen wichtigen Posten. Und er warf sich in einen
Sessel.
    Welches meiner Bcher? fragte ich. Das Friedensprotokoll?
    Friedrich schttelte den Kopf:
    O, mit dem ist's wohl fr lange Zeit vorbei. Der Krieg, der jetzt gefochten
wird, ist zu gewaltiger Natur, um nicht kriegerisch fortzuwirken. Auf der Seite
der Besiegten hat er einen solchen Vorrat von Ha- und Rachesaaten ausgestreut,
da daraus eine knftige Kampfernte hervorwachsen mu; und andererseits hat er
fr den Sieger solche groartige umwlzende Erfolge zu stande gebracht, da dort
eine gleich groe Saat von kriegerischem Stolze aufgehen wird.
    Was ist denn so Bedeutendes geschehen?
    Knig Wilhelm wurde in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Es gibt
jetzt ein Deutschland - ein einiges Reich - und ein mchtiges Reich. Das gibt
einen neuen Abschnitt in der sogenannten Weltgeschichte. Und Du kannst Dir
denken, wie aus dem neuen, aus Waffenarbeit hervorgegangenen Reiche diese Arbeit
hoch in Ehren gehalten sein wird. Die beiden vorgeschrittensten Kulturlnder des
Festlandes sind es also hinfort, welche den Kriegsgeist pflegen werden - das
eine, um den erhaltenen Schlag zurckzugeben; das andere, um die errungene
Machtstellung zu bewahren; hier aus Ha, dort aus Liebe; hier aus
Vergeltungssucht, dort aus Dankbarkeit - gleichviel: klappe Dein
Friedensprotokoll nur zu - auf lange Zeit hinaus stehen wir unter dem blutigen
und eisernen Zeichen des Mars.
    Deutscher Kaiser! rief ich - das ist wahrlich groartig. Und ich lie
mir die Einzelheiten dieses Ereignisses erzhlen.
    Ich kann doch nicht umhin, Friedrich, sagte ich, mich ber diese
Nachricht zu freuen. So ist die ganze Schlachtarbeit doch nicht verloren
gewesen, wenn daraus ein neues groes Reich hervorgegangen.
    Vom franzsischen Standpunkt aber doppelt verloren ... Und wir beide htten
wohl das Recht, diesen Krieg nicht einseitig - von der deutschen Seite - zu
betrachten. Nicht nur als Menschen, sogar nach engerem, nationalem Begriffe
htten wir das Recht, die Erfolge unserer Feinde und Unterwerfer von 1866 zu
beklagen. Und dennoch, ich gebe mit Dir zu, da die erreichte Vereinigung des
zerstckelten Deutschlands eine schne Sache ist; da diese Bereitwilligkeit der
brigen deutschen Frsten, dem greisen Sieger die Kaiserkrone zu reichen, etwas
Begeisterndes, Bewundernswertes hat. Es ist nur schade, da eine solche
Vereinigung nicht aus friedlichem, sondern aus kriegerischem Werke
hervorgegangen ist. Wie also, wenn Napoleon III. die Herausforderung des 19.
Juli nicht abgesendet htte, wre da in den Deutschen nicht genug
Vaterlandsliebe, nicht genug Volkskraft, nicht genug Einigkeit gelegen, um aus
sich heraus dasjenige zu bilden, worauf sie jetzt ihren Nationalstolz setzen
werden: Ein einig Volk von Brdern? - Jetzt werden sie jubeln - des Dichters
Wunsch ist erfllt. Da sie vor kurzen vier Jahren einander in den Haaren
gelegen, da es fr Hannoveraner, Sachsen, Frankfurter, Nassauer und so weiter
keinen rgeren Habegriff gab als Preuen - das wird zum Glck vergessen sein.
Dafr aber der Deutschenha, hier zu Lande, wie wird der nunmehr gedeihen!
    Mir schauderte.
    Das bloe Wort Ha - begann ich -
    Ist Dir verhat? Du hast recht. So lange dieses Gefhl nicht recht- und
ehrlos gemacht wird, so lange gibt es keine menschliche Menschheit. Der
Religionsha ist berwunden, aber der Vlkerha bildet noch einen Teil der
brgerlichen Erziehung. Und doch gibt es nur ein veredelndes, ein beglckendes
Gefhl hienieden - das ist die Liebe. Nicht wahr, Martha, davon wissen wir etwas
zu erzhlen?
    Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und blickte zu ihm auf, whrend er
mir zrtlich das Haar aus der Stirne strich.
    Wir wissen, fuhr er fort, wie s es ist, wenn im Herzen so viel Liebe
wohnt - fr einander, fr unsere Kleinen, fr alle Brder der groen
Menschenfamilie, denen man so gern, so gern das drohende Leid ersparen wollte
... Aber sie wollen nicht.
    Nein, mein Friedrich - so umfassend ist mein Herz doch nicht. Die Hassenden
alle kann ich nicht lieben.
    Aber doch bemitleiden?
    In dieser Weise plauderten wir lange weiter. Ich wei es noch heute so
genau, weil ich damals fters - neben den kriegerischen Ereignissen - auch
Bruchstcke unserer daran geknpften Gesprche in die roten Hefte eintrug. An
jenem Tage haben wir auch wieder einmal von der Zukunft gesprochen: jetzt wrde
Paris kapitulieren mssen, der Krieg hatte ein Ende - und dann konnten wir
wieder mit gutem Gewissen glcklich sein. Da berschauten wir die
Gewhrleistungen unseres Glcks. In den acht Jahren unserer Ehe nicht ein
hartes, nicht ein unfreundliches Wort - so viel mit einander durchgelitten und
durchgenossen - so war unsere Liebe, unser Einssein derart befestigt, da eine
Abnahme nicht mehr zu frchten war. Im Gegenteile: - nur stets inniger wrden
wir uns aneinander schlieen - jedes neue gemeinschaftliche Erlebnis gbe
zugleich ein neues Band ab. Wenn wir erst ein paar weihaarige alte Leutchen
geworden - mit welcher Freude konnten wir da auf die ungetrbte Vergangenheit
zurckblicken, welch' goldig-milder Lebensabend lag dann noch vor uns! ...
Dieses Bild von dem glcklichen alten Prchen, das wir einst abgeben sollten,
hatte ich mir so oft und lebhaft vorgestellt, da es sich mir ganz deutlich
eingeprgt und sogar im Traum sich wiederholte, wie etwas wirklich Geschehenes.
Mit verschiedenen Einzelheiten: Friedrich mit einem Sammtkppchen und einer
Gartenscheere ... ich wei selber nicht warum, denn niemals hatte er Lust zur
Grtnerei gezeigt, und von einem Hauskppchen war schon gar nie die Rede
gewesen; - ich mit einem sehr kokett gesteckten schwarzen Spitzentuche auf dem
silberweien Haar, und als Umgebung eine vor der untergehenden Sommersonne warm
erleuchtete Parkpartie; dazu lchelnd getauschte freundliche Blicke und Worte
wie: Weit Du noch? ... Erinnerst Du Dich, damals als -

Viele der vorangehenden Bltter habe ich mit Schaudern und mit berwindung
geschrieben. Nicht ohne inneres Entsetzen vermochte ich die Auftritte zu
schildern, die ich auf meiner Fahrt nach Bhmen und whrend der Cholerawoche in
Grumitz mitgemacht. Ich habe es gethan, um einer Pflichtmahnung zu gehorchen.
Ein geliebter Mund hat mir einst den feierlichen Befehl erteilt: Falls ich
frher sterbe, mut Du meine Aufgabe bernehmen, fr das Friedenswerk zu
wirken. - Wre mir dieses bindende Gehei nicht geworden, nimmer htte ich es
ber mich gebracht, die Schmerzenswunden meiner Erinnerungen so schonungslos
aufzureien.
    Jetzt bin ich aber bei einem Erlebnis angelangt, das ich berichten, nicht
aber schildern will - nicht kann.
    Nein ich kann nicht, kann nicht!
    Ich habe es versucht: zehn halbbeschriebene, zerrissene Bltter liegen auf
dem Boden neben meinem Schreibtisch - ein Herzkrampf befiel mich - die Gedanken
stockten oder kreisten wild in meinem Hirn - - ich mute die Feder wegwerfen und
weinen, bitter, heftig, klglich weinen, wie ein Kind.
    Jetzt, einige Stunden spter, nehme ich meine Aufgabe wieder vor. Aber auf
die Beschreibung der Einzelheiten nachstehenden Geschehnisses, auf Mitteilung
dessen, was ich dabei empfunden - mu ich verzichten.
    Die Thatsache gengt:
    Friedrich - mein Einziger! - ward - infolge eines bei ihm gefundenen
berliner Briefes der Spionage verdchtigt ... von einer fanatischen Rotte
umringt  mort -  mort le Prussien! - vor ein Patriotentribunal geschleppt -
- am 1. Februar 1871 - - - - - - - - standrechtlich erschossen.

                                     Epilog



                                      1889

Als ich zum erstenmale wieder zu Bewutsein gelangte, war der Friede geschlossen
- die Kommune berstanden. Monatelang hatte ich - von meiner treuen Frau Anna
gepflegt - in einer Krankheit dahingelebt, ohne zu wissen, da ich lebe. Und was
es fr eine Krankheit war - ich wei es heute noch nicht. Meine Umgebung nannte
es zartsinnig: Typhus; ich glaube aber, da es einfach - Wahnsinn war.
    So ganz dunkel erinnerte ich mich, da die letzte Zeit mit Vorstellungen von
knatternden Schssen und lodernden Brnden gefllt war; vermutlich vermengte
sich da mit meinen Phantasien die in meiner Gegenwart besprochenen Ereignisse
der Wirklichkeit, nmlich die Kmpfe zwischen Versaillern und Kommunarden, die
Brandlegungen der Petroleusen. -
    Da - als ich meine Vernunft wieder erlangte und mit dieser auch das
Verstndnis meines tiefen Unglcks: da ich da mir kein Leid angethan oder da
der Schmerz mich nicht ttete, das lag wohl an dem Besitze meiner Kinder. Durch
diese konnte, fr diese mute ich leben. Noch vor meiner Krankheit - an dem Tage
selber, an dem das schreckliche ber mich hereingebrochen - hat mich Rudolf am
Leben erhalten. Ich war laut jammernd auf die Knie gesunken, indem ich
wiederholte: Sterben - sterben! ... Ich mu sterben! Da umfaten mich zwei
Arme und ein bittendes, schmerzhaft-ernstes, wunderliebes Knabengesicht sah mich
an:
    Mutter!
    Bis dahin hatte mich mein Kleiner nie anders als Mama genannt. Da er in
diesem Augenblick - zum erstenmale - das Wort Mutter gebraucht, das sagte mir
in zwei Silben: Du bist nicht allein - du hast einen Sohn, der deinen Schmerz
teilt - der dich ber alles liebt und ehrt, der Niemand hat auf dieser Welt, als
dich - verla dein Kind nicht, Mutter!
    Ich prete das teure Wesen an mein Herz; - und ihm zu zeigen, da ich
verstanden hatte, stammelte auch ich:
    Mein Sohn, mein Sohn!
    Zugleich erinnerte ich mich meines Mdchens - seines Mdchens, und mein
Entschlu, zu leben, war gefat.
    Aber der Schmerz war zu unertrglich: ich verfiel in geistige Nacht. Und
nicht nur dieses eine mal. Im Lauf der Jahre - in immer lngeren Zwischenrumen
- blieb ich Rckfllen von Tiefsinn unterworfen, von welchen mir dann in
genesenem Zustande gar keine Erinnerung blieb. Jetzt, seit mehreren Jahren, bin
ich schon ganz frei davon. Frei von der bewutlosen Schwermut heit das, nicht
aber von bewuten Anfllen bittersten Seelenschmerzes. Achtzehn Jahre sind seit
dem 1. Februar 1871 vergangen, aber der tiefe Groll und die tiefe Trauer, welche
die Tragdie jenes Tages mir eingeflt - die kann keine Zeit - und lebte ich
hundert Jahre - verwischen. Wenn auch in letzter Zeit die Tage immer hufiger
sich einstellen, da ich, von den Begebenheiten der Gegenwart eingenommen, an das
vergangene Unglck nicht denke, da ich sogar die Freude meiner Kinder so lebhaft
mitempfinde, da mich selber noch etwas wie Lebensfreude durchwallt, so vergeht
doch keine Nacht - keine - in der mich mein Elend nicht erfate. Das ist etwas
ganz eigentmliches, das ich schwer beschreiben kann, und das nur solche
verstehen werden, welche hnliches an sich erfahren haben. Es deutet wie auf ein
Doppelleben der Seele. Wenn auch das eine Bewutsein, im wachen Zustande, von
den Dingen der Auenwelt so eingenommen sein kann, da es zeitweilig vergit, so
gibt es in der Tiefe meiner Persnlichkeit noch ein zweites Bewutsein, welches
jene schreckliche Erinnerung immer mit dem gleichen treuen Schmerz bewahrt; und
dieses Ich - wenn das andere eingeschlafen - macht sich dann geltend, rttelt
das andere gleichsam auf, um ihm sein Leid mitzuteilen. Allnchtlich - es drfte
immer um dieselbe Stunde sein - erwache ich mit einem unsglichen Wehgefhl ...
Das Herz krampft sich zusammen und mir ist, als sollte ich bitter weinen,
klglich schluchzen. Das dauert so einige Sekunden, ohne da das aufgeweckte Ich
noch wei, warum jenes andere unglckliche gar so unglcklich ist ... Das
nchste Stadium ist dann ein weltumfassendes Mitleid, ein voll schmerzlichsten
Erbarmens geseufztes: O ihr armen, armen Menschen! Da nun sehe ich unter
hageldichten Mordgeschossen aufschreiende Gestalten zusammenbrechen - und jetzt
erst erinnere ich mich, da auch mein Liebstes so zusammenbrach ...
    Aber im Traume, sonderbar: da wei ich nie etwas von meinem Verlust. Da
geschieht es hufig, da ich mit Friedrich spreche und verkehre, als wre er
noch am Leben. Ganze Auftritte aus der Vergangenheit - aber keine trben -
spielen sich da ab: das Wiedersehen nach Schleswig-Holstein; die Scherze an
Sylvias Wiege; unsere Futouren in den schweizer Bergen; unsere Studienstunden
ber geliebten Bchern und hier und da jenes gewisse Bild im Abendsonnenschein,
wo mein weihaariger Mann mit seiner Gartenscheere die Rosenzweige stutzt - -
Nicht wahr, lchelt er mir zu, wir sind ein glckliches altes Paar? - - -
    Meine Trauerkleider habe ich niemals abgelegt - selbst am Hochzeitstage
meines Sohnes nicht. Wer einen solchen Mann geliebt, besessen und verloren - so
verloren - dessen Liebe mu auch strker sein als der Tod, dessen Rachegroll
kann nimmer erkalten.
    Aber wen trifft dieser Zorn? An wem sollte ich Rache ben? Die Menschen,
welche die That vollbracht, trifft nicht die Schuld. Der allein Schuldige ist
der Geist des Krieges und diesem nur knnte mein - allzuschwaches -
Verfolgungswerk gelten.
    Mein Sohn Rudolf stimmt mit meinen Gesinnungen berein - was ihn aber nicht
hindert, natrlich, alljhrlich die Waffenbungen mitzumachen und was ihn nicht
hindern kann, wenn morgen der ber unseren Huptern schwebende europische
Riesenkrieg ausbricht, an die Grenze zu marschieren. Und dann werde ich es
vielleicht noch einmal sehen mssen, wie mein Teuerstes auf der Welt dem Moloch
hingeopfert - wie ein liebegesegneter Herd, an welchem meinem Alter Ruhe und
Friede winkt, in Trmmer geschlagen wird.
    Werde ich das noch erleben mssen und dann unwiederbringlich dem Wahnsinn
verfallen, oder werde ich den Triumph der Gerechtigkeit und Menschlichkeit noch
sehen, der jetzt, gerade jetzt in weitverzweigten Bndnissen und in allen
Schichten der Vlker so sehnsuchtskrftig nach Bethtigung ringt?
    Die roten Hefte - mein Tagebuch - weisen keine weiteren Eintragungen auf.
Unter das Datum 1. Februar 1871 habe ich ein groes Kreuz gemacht, und damit
schlo auch meine Lebensgeschichte ab. Nur das sogenannte Protokoll - ein blaues
Heft - welches Friedrich mit mir angelegt und in das wir die Phasen der
Friedensidee aufgezeichnet haben, ist seither mit einigen Notizen bereichert
worden.
    In den ersten Jahren, welche dem deutsch-franzsischen Krieg folgten, htte
ich - abgesehen von meinem geisteskranken Zustande - kaum Gelegenheit gehabt,
eine Friedenskundgebung zu verzeichnen. Die zwei einflureichsten Nationen des
Festlandes schwelgten in Kriegsgedanken: die eine im stolzen Rckblick auf die
errungenen Siege, die andere in sehnender Erwartung einer bevorstehenden
Revanche. Allmhlich legte sich der Wogengang dieser Gefhle. Diesseits des
Rheins wurden die Standbilder der Germania etwas weniger angejubelt und jenseits
diejenigen der Stadt Straburg mit weniger Trauerfloren geschmckt. Da, nach
zehn Jahren, konnte die Stimme der Friedensjnger wieder gehrt werden.
Bluntschli, der groe Vlkerrechts-Gelehrte - derselbe, mit welchem mein
Verlorener sich in Verbindung gesetzt - war es, der bei verschiedenen
Wrdentrgern und Regierungen sich deren Ansicht ber den Vlkerfrieden
einholte. Damals fiel des schweigsamen Schlachtendenkers bekannter Ausspruch:
Der ewige Frieden ist ein Traum - und nicht einmal ein schner Traum.
    Je nun: wenn Luther den Pabst gefragt htte, was er von einem Abfall von
Rom hlt, die Antwort wrde da auch nicht reformationsfreundlich ausgefallen
sein, schrieb ich damals neben Moltkes Worte in das blaue Heft.
    Heute gibt es fast Niemand mehr, der diesen Traum nicht trumte oder der
dessen Schnheit nicht zugeben wollte. Und auch Wache gibt es - ganz helle
Wache, - welche die Menschheit aus dem langen Schlaf der Barbarei erwecken
wollen und thatkrftig, zielbewut sich zusammenschaaren, um die weie Fahne
aufzupflanzen. Ihr Schlachtruf ist: Krieg dem Kriege; ihr Losungswort - das
einzige Wort, welches noch im stande wre, das dem Ruin entgegenrstende Europa
zu erlsen - heit: Die Waffen nieder! Allerorts - in England und Frankreich,
in Italien, in den nordischen Lndern, in Deutschland, in der Schweiz, in
Amerika - haben sich Vereinigungen gebildet, deren Zweck es ist, durch den Zwang
der ffentlichen Meinung, durch den gebieterischen Druck des Volkswillens die
Regierungen zu bewegen, ihre zuknftigen Streitigkeiten einem - durch sie selber
vertretenen - internationalen Schiedsgericht zu bermitteln und so ein fr
allemal an Stelle der rohen Gewalt das Recht einzusetzen. Da dies kein Traum
keine Schwrmerei ist, beweisen die Thatsachen: Alabama, die Karolineninseln
und mehrere andere Fragen wurden auf diese Art schon beigelegt. Und nicht nur
Leute ohne Macht und Stellung - wie einst der arme Grobschmied - sind es
nunmehr, welche sich zu diesem Friedenswerk zusammenthun, nein:
Parlamentsmitglieder, Bischfe, Gelehrte, Senatoren, Minister stehen auf den
Listen. Dazu noch jene Partei, deren Anhnger schon nach Millionen zhlen, die
Partei der Arbeiter, des Volkes, auf deren Programm unter den wichtigsten
Forderungen der Vlkerfrieden obenansteht. - Mir ist das alles bekannt (die
Mehrzahl der Leute erfhrt es nicht), weil ich mit jenen Persnlichkeiten im
Verkehr geblieben bin, mit welchen Friedrich im Hinblick auf sein edles Ziel
Verbindungen angeknpft hatte. Was ich durch diese ber die Erfolge und Plne
der Friedensgesellschaften erfahren, das ward getreulich in das Protokoll
eingetragen.
    Die letzte dieser Eintragungen ist folgender Brief, den auf eine
diesbezgliche Anfrage der Prsident der in London ihren Hauptsitz habenden Liga
an mich geschrieben hat:

                                             International Arbitration and Peace
                                            Association. London 41, Outer Temple
                                                                      July 1889.
    Madame,
    You have honoured me by inquiring as to the actual position of the great
    question to which you have devoted your life. Here is my answer: At no time,
    perhaps, in the history of the world, has the cause of peace and goodwill
    been more hopeful. It seems that, at last, the long night of death and
    destruction will pass away; and we who are on the mountain top of humanity,
    think that we see the first streaks of the dawn of the kingdom of Heaven
    upon earth. It may seem strange, that we should say this at a moment, when
    the world has never seen so many armed men and such frightful engines of
    destruction ready for their accursed work: - but when things are at their
    worst, they begin to mend. Indeed, the very ruin which these armies are
    bringing in their train, produces universal consternation; and soon the
    oppressed Peoples must rise and with one voice say to their rulers: Save
    us, and save our children from de famine which awaits us, if these things
    continue; - Save Civilisation and all the triumphs which the efforts of wise
    and great men have accomplished in its name; save the world from a return to
    barbarism, rapine and terror!
        What indications, do you ask, are there of such a dawn of a better
        day? Well, let me ask in reply, is not the recent meeting at Paris of
        the Representatives of one hundred Societies for the declaration of
        international concord, for the substitution of a state of law and
        justice for that of force and wrong, an event unparalleled in history?
        Have we not seen men of many nations assembled on this occasion and
        elaborating with enthusiasm and unanimity, practical schemes for this
        great end? Have we not seen, for the first time in history, a Congress
        of Representatives of the parliaments of free nations declaring in
        favour of treaties being signed by all civilised States, whereby they
        shall bind themselves to defer their differences to the arbitrament of
        equity, pronounced by an authorised tribunal instead of a resort to
        wholesale murder. Moreover, these representatives have pledged
        themselves to meet every year in some city of Europe, in order to
        considor every case of misunderstanding or conflict, and to exercise
        their influence upon Governments in the cause oft just and pacific
        settlements. Surely, the most hopeless pessimist must admit that these
        are signs of a future, when war shall be regarded as the most foolish
        and most criminal blot upon man's record? Dear Madam accept the
        expression of my profound esteem.
                                                     Yours truly Hodgson Pratt.3

Die interparlamentarische Konferenz, auf welche Hodgson Pratt anspielt - die
erste dermalige Versammlung, welche die Geschichte aufweist - ward von Jules
Simon prsidiert. Hier ein Bruchstck aus seiner Erffnungsrede:

    Ich bin glcklich, in diesen Rumen die autorisierten Vertreter der
    Friedensfreunde verschiedener Nationen gegenwrtig zu sehen. Eine gewisse
    Anzahl hat sich eingefunden. Ich wollte, es wre eine Menge, oder ich wollte
    auch, die Zahl wre kleiner, aber es wre dies, statt eines freiwilligen -
    ein offizieller diplomatischer Kongre. Aber was wir nicht mit Gesetzeskraft
    verfgen knnen, dazu knnen wir doch wirksam beitragen. Als Vertreter der
    verschiedenen Staaten knnen wir von der grten Gewalt, die es gibt -
    nmlich die Gewalt, die uns von unsern Whlern bertragen ist - den
    vortrefflichsten Gebrauch machen. Sie sollen es wissen, meine Herren, die
    Majoritt unseres Landes ist friedensfreundlich. Lassen Sie mich denn in
    bereinstimmung mit den Franzosen Sie Alle aus tiefstem Herzensgrunde
    willkommen heien etc. etc.

Die bei dieser Konferenz anwesenden Mitglieder der dnischen, spanischen und
italienischen Parlamente haben beschlossen, im Verlauf der nchsten Sessionen
ihren betreffenden Regierungen den Antrag auf Einsetzung internationaler
Schiedsgerichte vorzubringen. Die nchste interparlamentarische Konferenz soll
im Juli 1890 in London zusammentreten.
    Auch ein Frstenmanifest findet sich in dem blauen Heft - datiert Mrz 1888
- ein Manifest, aus welchem endlich - mit altem Herkommen brechend - statt des
kriegerischen, ein friedlicher Geist hervorleuchtete. Aber der Edle, der jene
Worte an sein Volk erlassen, der Sterbende, der mit dem Aufwand seiner letzten
Kraft nach dem Szepter griff, das er handhaben wollte, als wr's einen
Palmenzweig - der blieb machtlos an das Schmerzenslager gefesselt, und nach
kurzer Frist war Alles vorbei ...
    Ob sein Nachfolger - der begeisterungsglhende, der groes wollende - sich
fr das Friedensideal begeistern wird?? Nichts ist's unmglich.

Mutter, willst Du bermorgen Deine Trauerkleidung nicht ablegen?
    Mit diesen Worten trat heute morgens Rudolf in mein Zimmer. Fr bermorgen
nmlich - 30. Juli 1889 - ist die Taufe seines erstgebornen Sohnes angesetzt.
    Nein, mein Kind, antwortete ich.
    Aber bedenke, an einem solchen Freudenfeste wirst Du doch nicht traurig
sein - warum also das uere Zeichen der Trauer beibehalten?
    Und Du wirst doch nicht aberglubisch sein und frchten, das schwarze Kleid
der Gromutter knne dem Enkel Unglck bringen?
    Das wohl nicht - aber es stimmt nicht zu der umgebenden Frhlichkeit. Hast
Du denn einen Eid geschworen?
    Nein - es ist nur ein gefater Vorsatz. Aber ein Vorsatz, der an ein
solches Andenken sich knpft - Du weit, was ich meine - der nimmt die
Unverbrchlichkeit eines Eides an.
    Mein Sohn neigte das Haupt und beharrte nicht weiter.
    Ich habe Dich in Deiner Beschftigung gestrt ... Du schreibst?
    Ja - meine Lebensgeschichte. Ich bin gottlob zu Ende. Das war das letzte
Kapitel. -
    Wie willst Du den Schlu Deiner Geschichte geben? Du lebst ja noch - und
sollst noch viele Jahre, viele glckliche Jahre unter uns verbringen, Mutter!
Mit der Geburt meines kleinen Friedrich, den ich dazu erziehen werde, die
Gromama anzubeten, beginnt ja wieder ein neues Kapitel fr Dich.
    Du bist ein gutes Kind, mein Rudolf. Ich mte undankbar sein, wenn ich an
Dir nicht Stolz und Freude htte ... und ebenso stolze Freude macht mir meine -
seine holde Sylvia: ja, ich gehe einem gesegneten Alter entgegen. Ein milder
Abend - aber die Geschichte des Tages ist doch aus, wenn die Sonne
untergegangen, nicht wahr?
    Er antwortete nur mit einem stummen, mitleidsvollen Blick.
    Ja, das Wort Ende unter meiner Biographie ist berechtigt. Als ich den
Entschlu fate, dieselbe zu schreiben, beschlo ich zugleich, beim 1. Februar
1871 abzubrechen. Nur, wenn Du mir auch noch durch den Krieg entrissen worden
wrest, was ja so leicht htte geschehen knnen - zum Glck warst Du zur Zeit
des bosnischen Feldzuges noch nicht wehrpflichtigen Alters - nur dann htte ich
mein Buch noch verlngern mssen. Doch so wie es ist, war es schon schmerzlich
genug zu schreiben.
    Und wohl auch - zu lesen ... bemerkte Rudolf, in der Handschrift
bltternd.
    Das hoffe ich. Wenn dieser Schmerz nur in einigen Herzen thatkrftigen
Abscheu gegen die Quelle des hier geschilderten Unglcks weckt, so werde ich
nicht vergebens mich geqult haben.
    Hast Du aber auch alle Seiten der Frage beleuchtet, alle Argumente
erschpft, den Wurzelkomplex des Kriegsgeistes analisiert, die
wissenschaftlichen Grundlagen gengend aufgebaut? Hast Du -
    Mein Lieber, wo denkst Du hin? Ich habe ja nur sagen knnen, was sich in
meinem Leben - in meinen beschrnkten Erfahrungs- und Empfindungskreisen
abgespielt. Alle Seiten der Frage beleuchtet? Gewi nicht! Was wei ich z.B. -
ich, die reiche, hochgestellte - - von den Leiden, die der Krieg ber die Massen
des Volkes verhngt? Was kenne ich von den Plagen und bsen Einflssen des
Kasernenlebens? Und die wissenschaftlichen Grundlagen? Wie komme ich dazu, in
konomisch-sozialen Fragen bewandert zu sein, und diese sind es - so viel wei
ich nur - welche schlielich alle Umbildungen bestimmen ... Keine Geschichte des
vergangenen und zuknftigen Vlkerrechts stellen diese Bltter dar - eine
Lebensgeschichte nur.
    Frchtest Du nicht eins? Man merkt die Absicht und -
    Verstimmt wird man doch nur durch eine durchschaute Absicht, die der
Urheber schlau zu verbergen meinte. Die Meinige aber liegt unverhohlen zu Tage -
ist sie doch mit drei Worten schon auf dem Titelblatt verkndet.

Die Taufe hat nun gestern stattgefunden. Diese Feier gestaltete sich zu einer
doppelt glckverheienden, denn meine Tochter Sylvia und ihres kleinen Neffen
Taufpate - den wir schon lange heimlich im Herzen trugen -: Graf Anton Delnitzky
- haben sich bei dieser Gelegenheit verlobt.
    So bin ich durch meine Kinder rings von glcklichen Verhltnissen umgeben.
Rudolf, seit sechs Jahren in den Besitz des Dotzkyschen Majorats gelangt und
seit vier Jahren mit der ihm von Kindheit an bestimmt gewesenen Beatrix,
geborenen Griesbach - dem wunderlieblichsten Geschpft, das man sich vorstellen
kann - verheiratet, sieht nur durch die Geburt eines Erben seinen sehnlichsten
Wunsch erfllt. Kurz: beneidenswerte, glnzende Lose.
    Ein im Gartensaal eingenommenes Diner versammelte die Taufgste. Die
Glasthren standen offen und die Luft des herrlichen Sommernachmittags strmte
rosenduftend herein.
    Neben mir, an unserer Tafelrunde, sa Grfin Lori Griesbach, Beatrixens
Mutter. Dieselbe ist nunmehr Witwe. Ihr Mann fiel in der bosnischen Expedition.
Sie hat sich den Verlust nicht stark zu Herzen genommen. Keinesfalls trgt sie
ewige Trauer. Im Gegenteile: diesmal ist sie mit granatrotem Brocat und
brillantenem Geschmeide angethan. Sie ist gerade so oberflchlich geblieben, wie
sie es in ihrer Jugend war. Toilletenfragen, ein paar franzsische und englische
Moderomane, Gesellschaftsklatsch: das gengt noch immer, ihren Horizont zu
fllen. Selbst das Kokettieren hat sie nicht ganz gelassen. Auf junge Leute hat
sie es zwar nicht mehr abgesehen, aber ltere, hohen Rang oder hohes Amt
bekleidende Persnlichkeiten sind vor ihren Eroberungsgelsten nicht sicher.
Gegenwrtig, scheint mir, hat sie Minister Allerdings aufs Korn genommen. Dieser
hat brigens seinen Namen gewechselt: wir nennen ihn jetzt, eines neu
angenommenen Ausdruckes halber Minister Andererseits.
    Ich mu Dir ein Gestndnis machen, sagte mir Lori, nachdem ich mit ihr auf
des Tuflings Gesundheit angestoen. Bei dieser feierlichen Gelegenheit, da wir
unseren beiderseitigen Enkel getauft haben, mu ich Dir gegenber mein Gewissen
entlasten. Ich war ganz ernstlich in Deinen Mann verliebt.
    Das hast Du mir schon fters gestanden, liebe Lori.
    Er blieb aber stets ganz gleichgltig.
    Auch das ist mir bekannt.
    Du hattest doch einen goldtreuen Mann, Martha! Dasselbe kann ich von dem
meinigen nicht behaupten. Aber nichtsdestoweniger: es hat mir sehr leid gethan
um Griesbach. Nun - er starb eines glorreichen Todes, das ist mein Trost ...
Freilich ist das eine langweilige Existenz als Witwe. Besonders, wenn man lter
wird ... so lange man Freier und Kourmacher hat, ist die Witwenschaft nicht ohne
... aber jetzt, ich versichere Dich, es wird einem in der Einsamkeit ganz
melachonisch ... Bei Dir ist das etwas Anderes: Du lebst bei Deinem Sohn - aber
ich verlange mir gar nicht, bei der Beatrix zu bleiben ... Sie verlangt es sich
brigens auch nicht: Schwiegermutter im Haus, das thut nicht gut; denn man will
doch im Hause die Herrin sein ... Zwar rgert man sich mit den Dienstboten, das
ist schon wahr; aber wenigstens kann man ber sie befehlen. Du darfst es mir
glauben: ich wre gar nicht abgeneigt, noch einmal zu heiraten. Natrlich eine
Vernunftheirat mit irgend einem gesetzten -
    Minister oder so etwas - unterbrach ich lchelnd.
    O Du Schlau - Du durchblickst mich schon wieder! Du - schau dorthin:
bemerkst Du denn nicht, wie der Toni Delnitzky in Deine Sylvia hineinredet? Das
ist ja kompromettant.
    La gut sein. Die Beiden sind auf dem Wege von der Kirche hierher einig
geworden. Sylvia hat es mir anvertraut - morgen wird der junge Mann bei mir um
ihre Hand anhalten.
    Was Du nicht sagst? Nun, dann kann man ja gratulieren! Soll zwar mitunter
ein leichter Vogel gewesen sein, der schne Toni ... aber das sind sie ja Alle -
das geht schon nicht anders und wenn man bedenkt, welche prchtige Partie er
ist ...
    Das hat meine Sylvia nicht bedacht: sie liebt ihn.
    Nun, desto besser - das ist eine schne Zugabe in die Ehe.
    Zugabe? Es ist das Um und Auf.
    Einer der Gste, ein k. u. k. Oberst a. D., klopfte an sein Glas und: oh
weh - ein Toast! dachten wohl die meisten, indem sie ihre Sondergesprche
unterbrachen und sich seufzend anschickten, dem Redner zu lauschen. Es war aber
auch zum seufzen; dreimal blieb der Unglckliche stecken und die Wahl seiner
vorgebrachten Wnsche war nicht minder unglcklich. Der Tufling wurde
gepriesen, in einer Zeit geboren worden zu sein, in der das Vaterland bald Shne
brauchen werde ... Mge er einst ruhmreich wie sein mtterlicher Urgrovater,
wie sein vterlicher Grovater das Schwert fhren ... mge er selbst viele Shne
zeugen, die ihrerseits dem Vater und den Vtern Ehre machen, und wie so viele
der auf den Feldern der Ehre gebliebenen Vter ... Vter - fr die Ehre des
Landes ihrer Vter - ihrer Vter und Vatersvter siegen oder - kurz: Friedrich
Dotzky lebe hoch!
    Die Glser klirrten, aber die Rede hatte nicht gezndet. Da dieses kaum ins
Dasein getretene Leben jetzt schon auf die Totenliste kommender Schlachten
gesetzt wurde, machte keinen freundlichen Eindruck.
    Um dieses dstere Bild zu verscheuchen, fhlte sich einer der Anwesenden
veranlat, die trstliche Bemerkung vorzubringen, da die gegenwrtigen
Konjunkturen einen lngeren Frieden verbrgten, da der Dreibund -
    Damit war das allgemeine Gesprch wieder glcklich auf das politische Gebiet
gebracht und Minister Andererseits ergriff das Wort.
    In der That (Lori Griesbach hing an seinem Munde), es liegt zu Tage: die
Wehrtchtigkeit, welche wir erreicht haben, ist etwas Groartiges und drfte
alle Friedensbrecher abschrecken. Das Landsturmgesetz, welches alle tauglichen
Staatsbrger vom 19. bis 42., die einstigen Offiziere sogar bis zum 60 -
Lebensjahre zum Kriegsdienst verpflichtet, erlaubt uns, beim ersten Aufgebot
allein 4 800 000 Soldaten aufzustellen. Andererseits lt sich nicht leugnen,
da das wachsende Mehrerfordernis, welches von der Heeresverwaltung in Anspruch
genommen wird, schwer auf der Bevlkerung lastet, und da die zur ausgiebigen
Schlagfertigkeit des Reiches erforderlichen Manahmen im umgekehrten Verhltnis
zur Frage der Regelung der Finanzlage stehen; es ist aber andererseits erhebend,
mit welchem opferfreudigen Patriotismus die Volksvertreter stets und allerorts
die von dem Kriegsministerium geforderte Mehrbelastung bewilligen; sie erkennen
die von allen einsichtigen Politikern zugegebene, durch die
Wehrhaftigkeitsentfaltung der Nachbarstaaten und durch die politische Situation
bedingte Notwendigkeit, alle anderen Rcksichten dem eisernen Zwang der
militrischen Krftigung unterzuordnen.
    Der leibhaftige Leitartikel! bemerkte Jemand halblaut.
    Andererseits fuhr aber fort:
    Umsomehr, als dadurch ja eine Brgschaft geschaffen wird fr die Erhaltung
des Friedens. Denn, indem wir in traditionellem Patriotismus zur Sicherung der
Grenzen es der unausgesetzten Steigerung der Wehrkraft unserer Nachbarstaaten
gleichthun, erfllen wir eine erhabene Pflicht und hoffen, etwa drohende
Gefahren auch fernerhin zu bannen. So erhebe ich denn dieses Glas auf dasjenige
Prinzip, welches, wie ich wei, unserer Baronin Martha so sehr am Herzen liegt -
ein Prinzip, das auch die Signatarmchte der mitteleuropischen Friedensliga
hochhalten, und ich fordere Sie auf, mit mir anzustoen: Es lebe der Frieden!
Mge seine Wohlthat uns noch recht lange erhalten bleiben!
    Darauf trinke ich nicht, sagte ich. Der bewaffnete Friede ist keine
Wohlthat ... und nicht lange soll uns der Krieg verhtet bleiben, sondern immer.
Wenn man sich auf die Meerfahrt macht, soll die Zusicherung nicht gengen, da
recht lange das Schiff an keiner Klippe zerschelle. Da die ganze Fahrt
glcklich berstanden werden, darnach wird der ehrliche Kapitn trachten.
    Doktor Bresser, noch immer unser bester Hausfreund, kam mir zu Hilfe:
    In der That, Excellenz, knnen Sie an den ehrlichen, aufrichtigen
Friedenswillen Jener glauben, die mit Leidenschaft, mit Begeisterung - Soldaten
sind? Die Alles, was den Krieg gefhrdet - nmlich Abrstung, Staatenbund,
Schiedsgericht - nicht nennen hren wollen? Knnte denn die Freude an Arsenalen
und Festungen und Manvern und dergleichen bestehen, wenn diese Dinge wirklich
nur als das betrachtet wrden, wofr man sie ausgibt: als Vogelscheuchen? Also,
damit man sie niemals brauche, der ganze Kostenaufwand ihrer Herstellung! Die
Vlker mssen ihr ganzes Geld hergeben, um an den Grenzen Befestigungen zu
machen, in der Absicht, sich ber die Grenzen hin Kuhndchen zuzuwerfen? Zu
einer bloen Friedens-Aufrechterhaltungs-Gendarmerie lt sich das Militr nicht
herabdrcken - der oberste Kriegsherr wird doch nicht einem Heer von ewigen
Kriegsvermeidern vorstehen sollen? Hinter dieser Maske - der si vis
pacem-Maske - blinzeln die einverstndlichen Blicke, und die jedes Kriegsbudget
bewilligenden Abgeordneten blinzeln mit.
    Die Volksvertreter? unterbrach der Minister. Man kann den Opfermut doch
nur loben, dessen diese in ernsten Zeiten niemals ermangeln und welcher in der
einhelligen Votierung der entsprechenden Gesetze erhebenden Ausdruck findet.
    Verzeihen Sie, Excellenz, diesen einhelligen Stimmabgebern wollte ich einem
nach dem andern zurufen: Dein Ja wird jener Mutter ihr einziges Kind rauben; -
deines bohrt jenem armen Wicht die Augen aus; - deines schiet eine
unersetzliche Bcherei in Brand; - deines zerstampft das Hirn eines Dichters,
der deines Landes Ruhm gewesen wre ... Aber ihr habt dieses Ja votiert, um
nur ja nicht feige zu scheinen - als ob man gerade nur fr sich die Assentierung
frchten mte. - Seid ihr denn nicht da, um des Volkes Willen zur Geltung zu
bringen? Und das Volk will die produktive Arbeit, will die Entlastung, will den
Frieden ...
    Ich hoffe, lieber Doktor, bemerkte der Oberst bitter, da Sie niemals
Abgeordneter werden; das ganze Haus wrde Sie auspfeifen.
    Mich dem auszusetzen, wrde schon beweisen, da ich nicht feige bin. Gegen
den Strom zu schwimmen erfordert die sthlerne Kraft.
    Wenn aber der Ernstfall eintrte und man stnde unvorbereitet da?
    Man bereite einen Rechtszustand vor, der den Eintritt des Ernstfalles
unmglich mache. Denn was dieser Fall sein wird, Herr Oberst, von dem kann
heutzutage kein Mensch einen klaren Begriff fassen. Bei der Furchtbarkeit der
gegenwrtig erreichten und noch immer steigenden Waffentechnik, bei der
Massenhaftigkeit der Streitkrfte wird der nchste Krieg wahrlich kein ernster,
sondern ein - es gibt gar kein Wort dafr - ein Riesenjammer-Fall sein ... Hilfe
und Verpflegung unmglich ... Die Sanittsvorkehrungen und Proviantvorkehrungen
werden den Anforderungen gegenber als die reine Ironie sich erweisen; der
nchste Krieg, von welchem die Leute so gelufig und gleichmtig reden, der wird
nicht Gewinn fr die Einen und Verlust fr die Anderen bedeuten, sondern
Untergang fr Alle. Wer hier unter uns stimmt fr diesen Ernstfall?
    Ich allerdings nicht, sagte der Minister; Sie auch nicht, lieber Doktor -
aber die Menschen im Allgemeinen ... Auch unsere Regierung nicht, dafr kann ich
gutstehen - aber die anderen Staaten. ...
    Mit welchem Rechte halten Sie andere Leute fr schlechter und
unvernnftiger als sich und mich? Da will ich Ihnen ein kleines Mrchen
erzhlen:
    Vor der geschlossenen Pforte eines schnen Gartens, gar sehnschtig
hineinschauend, stand ein Haufen Menschen, tausendundeiner an der Zahl. Der
Pfrtner hatte den Auftrag, die Leute hereinzulassen, falls die Mehrzahl unter
ihnen den Einla wnschte. - Er rief den Einen herbei: Sag' - aber aufrichtig -
mchtest Du herein? - O ja, ich schon, aber die andern Tausend sicher nicht.
Diese Antwort schrieb der kluge Pfrtner in sein Notizbuch. Dann rief er einen
Zweiten. Der sagte dasselbe. Wieder trug der Kluge unter die Rubrik ja die
Ziffer 1, unter die Rubrik nein die Ziffer 1000 ein. Das ging so bis zum letzten
Mann. Dann addierte er die Zahlen. Das Ergebnis war: 1001 ja, ber eine Million
nein. So blieb das Thor verschlossen, denn das nein hatte eine erdrckende
Majoritt. Und das kam daher, weil Jeder, statt nur fr sich, auch fr die
Anderen antworten zu mssen glaubte.
    Allerdings, sprach der Minister nachdenklich, und wieder schlug Lori
Griesbach bewundernde Augen zu ihm auf - es wre allerdings eine schne Sache,
wenn die einstimmige Votierung einer Entwaffnungsvorlage stattfinden wrde; -
aber andererseits, welche Regierung wird es wagen, den Anfang zu machen?
Allerdings gibt es nichts Wnschenswerteres als Eintracht: aber andererseits:
wie kann man, so lange menschliche Leidenschaften, Sonderinteressen u.s.w.
bestehen, dauernde Eintracht fr mglich halten?
    Erlauben Sie, nahm jetzt mein Sohn Rudolf das Wort. Vierzig Millionen
Einwohner eines Staates bilden ein Ganzes. Warum also nicht mehrere hundert
Millionen? Soll das mathematisch und logisch beweisbar sein: so lange
menschliche Leidenschaften, Sonderinteressen u.s.w. bestehen, knnen wohl 40
Millionen Leute darauf verzichten, sich untereinander zu bekriegen - drei
Staaten sogar, wie gegenwrtig der Dreibund, knnen sich verbnden und eine
Friedensliga bilden - aber fnf Staaten knnen dies nicht, drfen dies nicht?
Wahrlich, wahrlich: unsere heutige Welt gibt sich fr ungeheuer klug aus und
belchelt die Wilden - und doch: in manchen Dingen knnen auch wir nicht bis
fnf zhlen.
    Einige Stimmen erhoben sich: Was? Wild? - Das uns - mit unserer
berfeinerten Kultur? Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts?
    Rudolf stand auf:
    Ja, wild - ich nehme das Wort nicht zurck. Und so lange wir uns an die
Vergangenheit klammern, werden wir Wilde bleiben. Aber schon stehen wir an der
Pforte einer neuen Zeit - die Blicke sind nach vorwrts gerichtet, Alles drngt
mchtig zu anderer, zu hherer Gestaltung ... Die Wildheit mit ihren Gtzen und
ihren Waffen - schon schleuderten sie Viele von sich. Wenn wir der Barbarei auch
noch nher sind als die Meisten glauben, so sind wir vielleicht auch der
Veredlung nher als Viele hoffen. Schon lebt vielleicht der Frst oder der
Staatsmann, der die in aller knftigen Geschichte als die ruhmreichste,
leuchtendste der Thaten geltende That vollbringen wird, der die allgemeine
Abrstung durchsetzt. Schon strzt jener Wahn zusammen, kraft dessen der
Staatsegoismus einen so tuschenden Anschein von Berechtigung hat - der Wahn,
da der Schaden des Einen den Nutzen des Anderen befrdere ... Schon dmmert die
Erkenntnis, da die Gerechtigkeit als Grundlage alles sozialen Lebens dienen
soll ... und aus solcher Erkenntnis wird die Menschlichkeit hervorblhen, die
Edelmenschlichkeit, wie Friedrich Tilling zu sagen pflegte ... Mutter, hier
dieses Glas trinke ich dem Andenken Deines ewig unvergessen Geliebten und
Betrauerten, dem auch ich Alles verdanke, was ich denke und was ich bin. Und aus
diesem Glase - er warf es an die Wand, wo es zerschellte - wird kein anderer
Trunk mehr gemacht und heute - zu des Neugeborenen Tauffest wird kein anderer
Toast mehr gesprochen, als dieser: es lebe die Zukunft! Ihre Aufgaben zu
vollbringen, dazu wollen wir uns sthlen - nicht: unserer Vatersvter - wie die
alte Phrase lautet - wollen wir trachten, uns wrdig zu zeigen - nein: unserer
Enkelsshne! ... Mutter - was ist Dir? unterbrach er sich. Du weinst? ... Was
siehst Du dort?
    Mein Blick war nach der offenen Glasthr gerichtet. Die Strahlen der
untergehenden Sonne umwoben einen Rosenbusch mit zittergoldigem Dunst und davon
sich abhebend - in lebenswahrer Deutlichkeit - mein Traumbild: Ich sehe die
Gartenscheere flimmern - das weie Haupthaar glnzen ... Nicht wahr - lchelt
er zu mir herber - wir sind ein glckliches altes Paar?
    Weh' mir! - - -

                                    Funoten


1 Diese Vorgnge wurden 18 Jahre spter wie folgt beurteilt. In seinem Werk ber
den Feldzug von 1870 schreibt General Boulanger: Aprs avoir obtenu une
satisfaction lgitime, nous avons voulu imposer une humiliation au roi de
Prusse; nous en sommes venus  prendre une attitude diplomatique agressive,
presque inconsciente. La renonciation formelle du Prince Leopold de Hohenzollern
nous tait acquise, nous avions en outre l'assentiment du roi de Prusse  cette
renonciation. La rparation tait suffisante car elle demeurait sur le domaine
respectif des interts de la France, des droits de le France et des obligations
du chef de la famille Hohenzollern. Nous devions nous en tenir l. Notre
gouvernement poussa plus loin. Il voulut un engagement catgorique du roi
Guillaume pour l'avenir. En portant si haut ses prtentions il deplaait l'objet
et le terrain du litige. Il en faisait une provocation directe au souverain de
la Prusse.

2 Briefe hervorragender Mnner an Alexander Weill. (Zrich, Verlagsmagazin.)

3 Gndige Frau. Sie haben mich mit einer Anfrage ber die gegenwrtige Lage der
groen Sache beehrt, der Sie Ihr Leben geweiht haben. Hier ist meine Antwort: Zu
keiner Zeit in der Weltgeschichte stand die Sache des Friedens so hoffnungsvoll
wie heute. Es will scheinen, da nun endlich die lange Nacht des Totschlags und
der Zerstrung aufhren soll, und wir, die wir auf der Bergeshhe der Menschheit
stehen, glauben, da wir die ersten Strahlen des Himmelreichs auf Erden sehen.
Es mag sonderbar klingen, da wir dies zu einer Zeit sagen, da die Welt wie nie
zuvor mit bewaffeten Mnnern angefllt ist und mit Schreckensmaschinen, die zu
ihrem fluchwrdigen Werke bereit stehen; - aber wenn die Dinge zum schlimmsten
gelangt sind, beginnen sie, sich zum bessern zu wenden. In der That, der Ruin,
den diese Riesenheere nach sich ziehen, bringt allgemeine Konsternation hervor:
und bald mssen die bedrckten Vlker sich erheben und mit einer Stimme ihren
Lenkern zurufen: Rettet uns und rettet unsere Kinder vor der Hungersnot, die
uns droht, wenn die Dinge so fortgehen; - Rettet die Civilisation und alle
Errungenschaften, welche in ihren Namen von groen und weisen Mnnern vollbracht
worden sind; rettet die Welt vor einem Rckfall in Barbarei, Raub und Schrecken.
Welche Anzeichen gibt es, fragen Sie, da solche bessere Zeiten herankommen?
Nun denn, frage ich als Erwiderung, ist nicht die eben in Paris stattgehabte
Begegnung der Delegierten von mehr als hundert Gesellschaften behufs Erklrung
internationaler Eintracht und Einsetzung eines Zustandes der Gerechtigkeit und
Gesetzlichkeit an Stelle des Gewaltzustandes ist dies nicht ein in der
Geschichte noch nie dagewesenes Ereignis? Haben wir da nicht Mnner aus allen
Nationen versammelt gesehen, die mit Begeisterung und Einstimmigkeit praktische
Vorschlge zu dem groen Ziele durchgearbeitet haben? Haben wir nicht auch - zum
erstenmale in der Geschichte - einen Kongre von Parlamentsmitgliedern
verschiedener Staaten gesehen, welche sich zu Gunsten von Vertrgen erklrten,
denen sich alle zivilisierten Staaten anzuschlieen htten und durch welche sie
sich verbindlich machten, die Schlichtung ihrer Streitigkeiten dem Schiedsspruch
eines autorisierten Tribunals zu berantworten, statt ihre Zuflucht zu
Massenmord zu nehmen.
berdies: Diese Parlamentarier haben sich verpflichtet, alljhrlich in irgend
einer europischen Stadt zusammenzutreten, um jeden zu Miverstndnissen oder
Konflikten Anla gebenden Fall zu untersuchen, und ihren Einflu auf die
Regierungen zu gunsten von gerechten und friedlichen Lsungen geltend zu machen.
Das sind doch - dies mu der rgste Pessimist auch zugeben - Anzeichen einer
Zukunft, in welcher der Krieg als die verbrecherischeste Thorheit betrachtet
werden wird, welche die Menschheitsgeschichte aufzuweisen hat.
Genehmigen Sie, gndige Frau, die Versicherung meiner tiefsten Verehrung.
                                                                   Ihr ergebener
                                                                  Hodgson Pratt.

