
                          Ebner-Eschenbach, Marie von

                                   Unshnbar

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                           Marie von Ebner-Eschenbach

                                   Unshnbar

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Die Vorstellung des Fidelio war zu Ende; das Publikum strmte aus dem
Opernhause und zerstreute sich rasch nach allen Richtungen. Seit vierundzwanzig
Stunden fiel Schnee, emsig, unablssig, in groen Flocken; er lag schwer auf den
Dchern, verschleierte die Lichter in den Lampen, machte die Mhe der Wege
ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich. Geruschlos rollten die Equipagen vor;
in Pelze gehllte Mnner und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen. Ein paar
Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schnen in einen Komfortable mit
zerbrochenen Fenstern. Wie der Wind sauste ein Fiaker nach dem anderen davon.
Den Hut auf dem Ohr, den Schnurrbart gewichst, saen die Eigentmer des feschen
Zeugels etwas vorgebeugt auf ihrem Bock, in jeder Hand einen Zgel; und die
Pferde griffen aus und gaben her an Lebenskraft, was sie geben konnten, um grne
Majoratsherrchen, hochgeborene Reiteroffiziere und Sportsleute so geschwind als
mglich zum Spiel in den Jockeiklub zu bringen. An den Rand der Strae gedrngt,
rumpelten dichtbesetzte Gesellschaftswagen, von abgejagten Mhren geschleppt,
von schlaftrunkenen Kutschern regiert, den Vororten zu. Solide Brgersfamilien
gingen wohlverwahrt, mit geschrftem Appetit - man wird so hungrig im Theater -
nach Hause, wo ein krftiges Abendessen sie erwartete, oder begaben sich in eine
Restauration.
    Gemchlich, trotz des bsen Wetters, schlenderten einige Infanterieoffiziere
dem nchsten Kaffeehause zu. Ein kleines Fhnlein, aber tatendurstig und
eroberungssicher. Sie sprachen von den eleganten Damen in den Logen und von den
Tnzerinnen und den Pferden anderer. Ein Einjahrig-Freiwilliger, der Sohn
eines geadelten Bankiers, der sich ihnen angeschlossen hatte, sagte mit
Vorliebe: Wir Kavaliere und wir vom Turf. Da sein Sessel im vterlichen
Kontor das einzige Rlein war, auf dessen Rcken er es je zu einem Gefhl der
Sicherheit gebracht, verschwieg er.
    Die Herren wurden von einer jungen Lehrerin berholt, die eiligen Schrittes
die Wanderung nach ihrer Wohnung angetreten hatte. Ihr Mantel war fadenscheinig,
aber sie fror nicht; ihr Weg war weit und einsam, doch ihr bangte nicht. Sie
schwelgte im Nachgenu der Wonne, die ihrem kunstverstndigen Sinn eben geboten
worden. Es gab doch auch in ihrem schweren, harten Dasein Stunden der
herrlichsten Erhebung. Die Kraft, die sie aus ihnen geschpft, sollte lange
vorhalten. Wer das Manna fr die Seele auf Kosten des tglichen Brotes erwerben
mu, kann sich dieser holden Labung nicht oft erfreuen.
    In der Opernstrae war eine Arbeiterabteilung mit dem Aufrichten einer
Schneepyramide beschftigt, als ein Brougham, mit Rassepferden bespannt, im
feierlichen Trabe vorbeikam. Die Flammen eines Gaskandelabers erleuchteten einen
Augenblick das Innere des Wagens. Zwei Damen saen darin, die eine alt und von
krnklichem Aussehen, in dunklem Capuchon und berwurfe, die andere sehr jung,
sehr schn, barhuptig, mit klassischem Profil, ihre Gefhrtin um Kopfeshhe
berragend.
    Ho! rief der dicke Pferdelenker in lssig warnendem Tone den
Straenkehrern zu, und alle zogen sich zurck - nur einer nicht. Der sprang vor,
sah mit spttischer Vertraulichkeit zu dem Kutscher hinauf und zwang ihn
auszuweichen, was dieser tat, ohne den Kopf zu wenden, whrend der Diener neben
ihm murmelte: Wieder zurck aus Amerika und - Gassenkehrer? Gibt's denn dort
keine solche Anstellung?
    Gibt's gewi߫, lautete die Antwort, damit is ihm aber nit gedient. Will
uns hier aufpassen und Skandal machen, der Lump. - Diese Bezeichnung galt einem
schlank- und hochgewachsenen Burschen mit blassem Gesicht, eingefallenen Wangen
und groen dunkelbraunen Augen. Er trug zerlumpte Kleider; ein kleiner,
durchlcherter Hut, den er ins Genick zurckgeschoben hatte, lie die Stirn und
die trotz der Verkommenheit, die sie ausdrckten, noch hbschen Zge frei. Mit
frechem Behagen pflanzte er sich im Lampenscheine auf, und die junge Dame, die
den Kopf ans Wagenfenster neigte, unverschmt anstarrend, prsentierte er vor
ihr den Besen wie ein Gewehr.
    Die Equipage fuhr davon, die Arbeiter lachten: Schaut's den Wolfi an! und
Wolfi, den Zornigen spielend, rief: Dumme Bagage, was lacht's? - Was hab ich
getan?... Militrische Ehren erwiesen. Wem? - der Grfin Maria Wolfsberg, meiner
- meiner lieben Verwandten.
    Die so Bezeichnete hatte bei der Gebrde des Taglhners keine Miene
verzogen, doch verfrbte sie sich ein wenig und sagte mit beklommener Stimme zu
ihrer Begleiterin: Tante Dolph, hast du den Menschen gesehen? Im zerrissenen
Sommerrock, mit geplatzten Schuhen bei dieser Klte ...
    Oh, meine Liebe, der hat seinen Schnaps im Leibe, dem ist wrmer als mir,
erwiderte die Tante frstelnd.
    Hast du auch gesehen, was er getan hat?
    Ja, ja - ein Spavogel.
    Das ist kein Spavogel - das ist ein Feind, der uns hat.
    Der Grfin unterbrach sie: Hr auf. Du bist nervs. Dazu hat man in deinem
Alter noch kein Recht. Ein Betrunkener erlaubt sich einen Scherz - was weiter?
Man sieht es, wenn es einen unterhlt, sieht es nicht, wenn es einen verdriet -
darber nachdenken ist krankhaft.
    Maria schwieg. Sie lie sich nicht gern in einen Streit mit ihrer Tante ein,
weil sie regelmig den krzeren zog. Die Tante war klug und schlagfertig; ihr
Bruder, Graf Wolfsberg, nannte sie sogar weise und verehrte in der um viele
Jahre lteren Schwester seine Vertraute, Ratgeberin und Freundin. Sie hingegen
liebte auf Erden nichts als ihn. Krnklich von Jugend auf und sehr unabhngigen
Sinnes, hatte sie niemals einen Beruf zur Ehe in sich versprt und die
zahlreichen Bewerber um ihre unscheinbare Persnlichkeit und um ihr glnzendes
Vermgen einen nach dem anderen ohne Seelenkampf abgewiesen. Grfin Adolphine
oder Dolph, wie sie in der Familie genannt wurde, lebte seit langem auf ihrem
Gute der Pflege ihrer Rheumatismen und ihres Vermgens, das sie, bedeutend
vermehrt, ihrem Bruder zu hinterlassen gedachte. Als dieser Witwer wurde,
brachte sie ihm, seiner Bitte nachgebend, ein groes Opfer. Sie verzichtete auf
ihre Selbstndigkeit im eigenen Haushalte und machte sich zur Leiterin des
seinen. Da die Zeit kam, Maria in die Welt zu fhren, tat sie noch mehr: sie
entsagte der ihr notwendigen Bequemlichkeit und Ruhe und durchwachte manche
Nacht auf dem Balle, den schmerzenden Kopf mit Diamanten bedeckt und so
unvorteilhaft aussehend im groen Staat, da nicht einmal ihre Kammerfrau es
wagte, sie zu bewundern. Dabei langweilte sie sich grausam, langweilte sich
sogar, wenn sie die anderen durch ihren scharfen und sprudelnden Witz
vortrefflich unterhielt. Glcklicher Bertrand de Born, sagte sie, dem doch
die Hlfte seines Geistes ntig war. Ich wre froh, wenn ich nur fr ein Zehntel
des meinen Abnehmer fnde!
    Zu Hause angelangt, zog sich die Grfin in ihre Gemcher zurck, whrend
Maria in den Salon ihrer Wohnung trat. Jeden Abend erwartete sie hier einen
verehrten Gast - ihren Vater. Es geschah fast nie umsonst. So wenig Zeit das
hohe Staatsamt, das er bekleidete, und die Genusucht, der nachzugeben er
selbstverstndlich fand, ihm briglieen: die Stunde, mit der Maria ihren Tag
beschlo, wute er fr sie freizuhalten.
    Sie lie sich jetzt den Theatermantel von ihrer Kammerzofe abnehmen und
begann sogleich den Tee zu bereiten, zu dem alle Anstalten auf einem Tischchen
neben dem Etablissement getroffen waren.
    Maria widmete ihrer Beschftigung die grte Sorgfalt. Mit dem Vorsetzen
einer Tasse Tees hatte sie alle kindlichen Pflichten, die ihr Vater ihr
auferlegte, erfllt. Es wre ihr heier Wunsch gewesen, etwas fr ihn tun, ihm
etwas sein zu knnen; aber sie fhlte wohl, da die Ahnung eines solchen
Ehrgeizes im Herzen seiner Tochter ihn lachen gemacht htte. Er wollte sie
heiter und glcklich sehen, und wenn sie seine Fragen: Hast du dich
unterhalten? - Freut dich dies? - Freut dich jenes? mit Ja beantwortet hatte,
dann wich der strenge Ernst, der gewhnlich auf seinem Antlitz lag. Dank seiner
Gromut hatte sie ihre Wohnung in ein kleines Museum verwandeln knnen; fiel es
ihr aber ein, bei der Betrachtung eines Bildes, einer Bronze etwas von ihren
neuerworbenen Kenntnissen in der Kunstgeschichte durchblicken zu lassen, dann
wurde seine Miene so spttisch, da Maria verwirrt schwieg und sich beschmend
albern vorkam. Und der kostbare Blthner, mit dem er sie jngst berrascht und
der dort in der Ecke stand, eingehllt in weiche, indische Gewebe, noch hatte
sie seinem Spender nichts anderes darauf vorspielen drfen als Operettenarien
und Tanzmusik. Sie war nicht leicht abzuschrecken gewesen, hatte immer einen
bergang gefunden aus dem Trivialen ins Schne, aus dem Zerstreuenden ins
Erhebende - aber nach den ersten Takten schon wurde das gefrchtete Gute Nacht,
Maria gesprochen, und der Graf war aus dem Zimmer verschwunden. In solchen
Fllen pflegte sie sich nicht zu unterbrechen; es htte ihn, der sich in seinem
Hause gegen Rcksichtnahme wehrte wie ein anderer gegen Rcksichtslosigkeit,
sehr verdrossen. Nun blieb Maria in seiner Gegenwart bei dem Vortrage von
Arietten und Walzern. Die Musik, die ihrem Geschmack entsprach, bte sie aus vor
dem Bilde ihrer Mutter, das lebensgro an der Wand ber dem Piano hing. Du
httest deine Freude an mir gehabt, sprach sie in Gedanken zu ihr. Du httest
gewut, da ich nur zu wollen brauche, um eine Knstlerin zu werden. Aber ich
werde nicht wollen, ich darf nicht. Unsereins darf so etwas nicht. Httest du
das auch gefunden, Mutter?
    Ihr Blick haftete voll inniger Begeisterung auf dem edlen Angesicht, dem das
ihre so hnlich sah. Es war dasselbe reine Oval, dieselbe von kleinen Locken der
reichen, aschblonden Haare beschatteten Stirn. Sie bildete zwei kaum sichtbare
Hgel ber den feinen Brauen, den etwas tiefliegenden blaugrauen Augen. Es war
derselbe Schnitt der schlanken Nase, der leicht geschwellten Lippen und dieselbe
wahrhaft knigliche Gestalt. Aber ein anderer Geist offenbarte sich in jedem der
beiden schnen Wesen. Marias ganze Erscheinung bekundete Entschlossenheit,
Seelenstrke, Klarheit. Die Verstorbene hingegen hatte einen Ausdruck von
eigentmlicher Schwermut und hilfloser Schchternheit. Das Bild, aus dem sie
unvergnglich jung und lieblich herabsah, war in ihrem achtzehnten Jahre, dem
ersten Jahre ihrer Ehe, gemalt worden. Es stellte sie dar in einem weien
Spitzenkleide, mit bloem Halse, mit nachlssig herabhngenden Armen, eine
weie, kaum aufgeblhte Rose in der Hand. Den Kopf leicht vorgeneigt, schien sie
traumverloren zu lauschen. Maria besann sich noch, sie so gesehen zu haben im
Konzert, in der Oper, und auch wenn der Vater oder sie zu ihr sprachen.
    Aber diese freudigen Erinnerungen an die Mutter lagen fern, und die, die
sich an eine sptere Zeit knpften, waren unsglich traurig. Die Grfin, von
einer Gemtskrankheit ergriffen, war langsam hingesiecht. Immer teilnahmsloser,
immer schattenhafter wandelte sie stundenlang im Sommer durch den Garten, im
Winter durch die Zimmer und durch die Gnge, blieb manchmal horchend an einer
Tr stehen, machte eine Gebrde des Entsetzens und trat ihre Wanderungen stumm
und rastlos wieder an.
    Die ersten Symptome des Leidens sollten durch einen heftigen Schrecken
hervorgerufen worden sein, dessen Veranlassung niemand in Marias Umgebung kennen
wollte. Sie zweifelte nicht, da ein Geheimnis da verborgen liege, und lie
nicht nach in ihrem leidenschaftlichen Eifer, es zu entdecken. Ganz besonders
wurde ihre ehemalige Kinderfrau, die mit unbegrenzter und sklavischer Liebe an
ihr hing, mit Fragen von ihr bestrmt.
    Sag es mir, Lisette, geh, sag es mir, hatte sie einst gefleht und, so
geizig sie mit ihren Zrtlichkeiten war, ihren Arm um den Hals der Getreuen
geschlungen. Wenn du mich liebhast, sagst du's gleich, in dieser Minute ...
Wenn du es nicht sagst, dann wei ich, da dir nichts an mir liegt.
    Lisette sank in sich zusammen. Ratlos und verzweifelt starrten ihre grauen
Augen ins Leere, ihre Wangen wurden fahl, und ihre Lippen bebten. Wr ich doch
tot, jammerte sie, da mich das Kind nicht mehr fragen knnt.
    - Tot? - Maria trat weg von ihr und senkte den Kopf.
    Lisette hatte sich den Tod gewnscht. Sie, die nicht von ihm reden hren
konnte, die in jedem, der ihn nur nannte, ihren Feind sah, die das Leben als das
hchste aller Gter schtzte, noch soviel von ihm erwartete, die tanzen wollte
auf der Hochzeit Marias und Kinder des Kindes heranziehen, alle - und wenn ihrer
zwlfe wren!... Lisette hatte sich den Tod gewnscht!
    Das junge Mdchen war tief ergriffen und mute Trnen niederkmpfen, um laut
und vernehmlich sagen zu knnen: Ich werde dich nie wieder fragen.
    Maria hatte Wort gehalten. - Seitdem waren sechs Jahre vergangen.

                                       2


Der Vorhang des Nebenzimmers war mit leiser Hand zurckgeschoben worden, Lisette
erschien am Eingang und ihre sanfte, unterwrfige Stimme sprach: Maria, Kind,
darf ich herein?
    Du bist noch auf? lautete die vorwurfsvolle Erwiderung, und Lisette
entschuldigte sich: Hatte schon Nacht gemacht, schon lngst. Aber du weit, da
ich nicht einschlafen kann, bevor ich deinen Wagen ins Haus rollen hre.
    Wie lcherlich, versetzte Maria, wandte sich ab und nahm Platz in einem
Fauteuil.
    Lisette sttzte, nhertretend, den Arm auf dessen Lehne: Kann frher nicht
einschlafen. Und dann mu die Klara kommen und mir berichten - weh ihr, wenn sie
das einmal versumen wrde! -, sie ist da und lustig und guter Dinge. Heut
jedoch hr ich: Sie hat traurig ausgesehen ...
    Spionage! fiel ihr Maria ins Wort.
    Nenn's wie du willst, das ist mir gleich; nur glaube nicht, da du daran
etwas ndern kannst. - Also traurig ist das Kind? Ja, ja, ich seh's. Ihr Ton
wurde tief schmerzlich, in ihrem kleinen, spitznasigen Gesichte malte sich eine
peinvolle Bangigkeit. Was ist denn geschehen?
    Ach, Lisette, ich bitte dich, mach keine Geschichten. Was soll mir
geschehen sein? - Ich bin verstimmt, ja, aber aus einem Grunde, der dir keine
Sorgen machen wird.
    Wollen erst sehen. - Sprich, mein Vogerl, sprich, damit ich beruhigt zu
Bett gehen kann.
    Maria erhob den Kopf und sah der Dienerin, die sich zu ihr herabneigte, fest
und streng in die Augen: Die Menschen, die eine eiskalte Nacht wie diese im
Freien zubringen und hungernd und frierend die Straen fegen werden - die tun
mir leid.
    Lisette bumte sich lachend zurck. Nein, das Kind! - Nein, das ist zu arg.
Die Leute, die Gott danken fr den Schnee, den er vom Himmel fallen lt, damit
sie Arbeit kriegen, die sich nichts anderes wnschen als Arbeit, von klein auf
nichts anderes gewohnt sind als Arbeit, die bedauerst du! Sie wurde in dem
Lobgesang, den sie nun auf Marias goldenes Engelsherz zu erheben begann,
unterbrochen.
    Im Hofe, nach dem die Fenster der Komtessenwohnung gingen, war es laut
geworden. Pferdegetrappel lie sich hren, die Portiersglocke gab das
Herrenzeichen.
    Lisette verabschiedete sich, und Maria ging ihrem Vater bis an die Schwelle
entgegen; sie begrten einander mit einem Hndedruck.
    Guten Morgen und guten Abend, sprach Maria. Ich wollte nachmittags einen
Augenblick zu dir, aber Walter sagte, du habest Besuch.
    Dornach war bei mir und blieb so lange, da ich kaum Zeit gehabt habe,
Toilette zu machen zum Diner.
    Bei?
    Bei Frstin Alma.
    War's schn?
    Kannst dir's denken. Dreiig Personen, dreiig Grade und dreiig Gnge.
    Du bertreibst, wie immer, wenn es sich um ein Fest bei Alma handelt. Sie
kann tun oder lassen, was sie will, du tadelst alles. Und ich wei, wie peinlich
ihr das ist und wie groen Wert sie auf dein Urteil legt.
    Mit diesen Worten stellte Maria eine Tasse Tee vor den Grafen hin, der sich
in einen Lehnstuhl neben dem Tische niedergelassen hatte. Er warf einen
seltsamen, fast drohenden Blick auf sie, senkte ihn aber rasch, als er in den
Zgen seiner Tochter der vlligsten Unbefangenheit begegnete.
    Wolfsberg galt noch jetzt, da er sich in der zweiten Hlfte der Vierzig
befand, fr einen den Frauen gefhrlichen Mann. Er war mittelgro, von schlanker
und geschmeidiger Gestalt, ein berhmter Reiter und Jger. Einer gewissen khlen
und wrdevollen Zurckhaltung in seinem Wesen verdankte er den Ruf groer
Verllichkeit, der ihm zahlreiche Freunde erwarb. Seine Erziehung hatte er,
frh verwaist, in Deutschland, bei Verwandten seiner verstorbenen Mutter, im
Sinne des Wortes - genossen. Mit einer auerordentlichen Bildungsfhigkeit
begabt, war er mhelos ein guter Student gewesen, und es blieb auch spter sein
Ehrgeiz, jeden seiner Erfolge fr einen spielend errungenen gelten zu lassen.
Ich nehme das Leben nicht ernst, sagte er oft und machte dazu eine beinahe
finstere Miene.
    Eines aber gab es in diesem Leben, das er dennoch ernst nahm, und das war
seine Tochter und das Glck, das er ihr bereiten wollte in Gegenwart und
Zukunft.
    Maria, begann er, es hat sich heute jemand um die Erlaubnis bei mir
beworben, unser Haus besuchen zu drfen. Du wirst wohl erraten wer?
    Sie lchelte ihn freudig an: Felix Tessin.
    Tessin? - du scherzest.
    Es war nicht meine Absicht, erwiderte Maria und senkte bestrzt die Augen.
    Wie? Du knntest glauben, da ich Tessin angehrt htte, wenn er mir mit
einer solchen Zumutung gekommen wre?
    Warum nicht? fragte sie zgernd, und ihr Vater antwortete mit der
offenbaren Absicht, sich nicht in Errterungen einzulassen: Du solltest wissen,
was ich von ihm halte.
    Nun, recht viel. - Ein so geistvoller, begabter Mensch, dem du selbst eine
schne Zukunft voraussagst.
    Das heit, ich glaube, da er so ziemlich alles erreichen drfte, was er
anstrebt. Er ist ehrgeizig und klug, jagt hohen, aber nicht unerreichbaren
Zielen nach und kann um so leichter ankommen, da er sich wenig Skrupel macht in
der Wahl seiner Mittel.
    Vater!
    Nun?
    Das wre ja schrecklich.
    Er zuckte die Achseln. Tessin hlt sich gewi, wie heutzutage so mancher,
fr einen, der jenseits von Gut und Bse steht. Ein so ungewhnlicher Mensch, so
bezaubernd in seiner dunkeln Manfred-Schnheit, so verwhnt von den Frauen. Der
Graf sprach gelassen und spttisch, ohne da es im geringsten schien, als ob er
seine Tochter beobachte, und las doch in ihren bewegten Zgen, was ihn peinlich
berraschte - da er ein wenig spt kam mit seiner Warnung. Es galt mehr, als
einen flchtigen Eindruck verwischen, es galt eine Empfindung entwurzeln, weh
tun. Den Ellbogen auf den Tisch und die Hand an Stirne und Wange lehnend, fuhr
er ernsthaft fort: Wenn Tessin nicht ein Verwandter - der Freundin deiner
Mutter, wollte er sagen, brachte es aber nicht ber die Lippen, der Frstin
Alma wre, htte ich verhtet, da er dir vorgestellt werde. Indessen hat sie es
mir schwer genug gemacht, ihn, auer bei offiziellen Empfngen, von denen ich
einen Botschaftsrat nicht ausschlieen kann, von meinem Hause fernzuhalten. Die
gute Frstin wird eine Schwche fr ihn nicht los; sie vergit nie, da sie sein
Jugendtraum gewesen ist, seine erste und letzte ideale Liebe.
    Vor ihrer Verheiratung; ich habe davon gehrt.
    Vorher - nachher. Was htte er darum gegeben, an der Stelle seines lteren
Vetters, des Frsten Tessin, zu sein, der die Braut heimfhrte. - Es dauerte
eine Weile, bis er das zwecklose Schmachten satt bekam und eine praktische
Richtung im Leben und in der Liebe einschlug. Und heute knnen seine Huldigungen
ein junges Mdchen nicht mehr stolz machen. Sie teilt sich darein mit
Persnlichkeiten, mit denen sie gewi nichts gemein haben mchte.
    Zum Beispiel? fragte Maria erstickten Tones, und ihr Vater spttelte:
Nein wirklich, ich bekomme Respekt vor den Komtessensoireen. Man klatscht ja
dort nicht mehr, kmmert sich nicht mehr um das Tun und Lassen der jungen
Herren. Schade um ihre schnsten dummen Streiche, sie machen keinen Effekt. Was
wissen denn die Komtessen, wenn sie nichts wissen von Mademoiselle Nicolette,
dem Stern der ersten Quadrille?
    Maria war sehr bla gewesen, jetzt frbten sich ihre Wangen: Doch - sie
wissen viel und schwatzen noch mehr von ihr und vom Grafen ... Ich hre aber
nicht zu, wenn jemandem bel nachgeredet wird ... du hast mich das gelehrt. Sie
versuchte einen scherzenden Ton anzunehmen, es gelang ihr nicht, es war zu
schwer. Sie htte weinen und schluchzen mgen.
    Der Graf sah es, und es tat ihm leid, von einer schwchlichen Regung jedoch
hielt er sich frei. Es mute sein, mit dieser Neigung mute sie fertigwerden.
Auch ohne den entscheidenden Grund, der ihr unbekannt bleiben mute, wrde
Wolfsberg eine Heirat zwischen Maria und dem leichtfertigen Tessin nie gestattet
haben. Und so versetzte er: Die ble Nachrede trifft auch manchmal das
Richtige.
    Ein schwerer Seufzer stieg aus der Brust Marias. Du tust ihm vielleicht
Unrecht, wagte sie einzuwenden.
    Er ist unwahr und gewissenlos - unterbrich mich nicht - ich spreche von
jener Gewissenlosigkeit, die sich von der des Falschspielers oder des Diebes
unterscheidet wie das Ungreifbare vom Greifbaren ... Genug. Er wandte sich ihr
pltzlich zu und sah sie an: Du hast schlecht geraten. Der mich bat, ihm
Gelegenheit zu geben, von dir gekannt zu werden - denn dich zu kennen, behauptet
er -, ist Hermann Dornach.
    Sie bi sich auf die Lippen. Welche Ehre! Und was hast du ihm geantwortet?
    Da ich mit dir reden und ihm dann Bescheid geben will. Er wird bejahend
lauten, wenn du Rcksicht nimmst auf das, was ich wnsche. Du verbindest dich
damit zu nichts. Ich verlange nur: beobachte ihn, prfe dich. Er wird deine
Achtung gewinnen, aber die Sympathie allein gibt den Ausschlag, und - da stehen
wir an der Grenze unseres freien Willens. Der Verstand sagt, der klare Blick
sieht, hier ist ein Mensch, so vortrefflich, da eine brave Frau mit ihm
glcklich werden mu. Es ist kaum anders mglich, als da ihre Freundschaft und
Hochschtzung fr ihn sich allmhlich zur Liebe und Begeisterung steigert. Und
dort ist ein anderer, an dessen Seite sie Enttuschung auf Enttuschung zu
erwarten hat. Sie wird gewarnt, ahnt wohl selbst etwas davon - was hilft's? -
Ein dunkler Instinkt bleibt der Herr. Das Echte lt sie gleichgltig, und
unwiderstehlich fhlt sie sich zum Falschen hingezogen.
    Unwiderstehlich? Trotz und Zorn funkelten aus Marias Blicken. Wenn du das
auf mich anwendest, kennst du mich nicht.
    Hoho! sprach er, sehr zufrieden mit dem hervorgebrachten Eindruck. Da
bleibt mir nichts brig, als mich zu entschuldigen. Aber das mchte ich wissen -
ob du nie ausgelacht worden bist, wenn du die Verteidigung Mademoiselle
Nicolettes und ihres Gnners bernahmst? - Er ersparte ihr die Antwort, die sie
mhsam vorzubringen suchte. Und dann, warum hast du gesagt: Welche Ehre! als
ich dir die Botschaft Dornachs bestellte?
    Weil alle Welt es dafr ansehen wrde. Es ist ja unglaublich, wie sie es
mit ihm treiben. Die Papas und Mamas machen dem jungen Manne den Hof ... Oh,
wenn sie ihm die Tchter buchstblich an den Kopf werfen knnten - da she man
Komtessen fliegen!... Und die berbieten noch die Taktlosigkeit der Eltern, ihm
und seinem zweiten Ich, seiner Mutter gegenber ... Ich schme mich fr die
anderen ... Das alles ist so emprend und fr Dornach so demtigend, weil es so
unpersnlich ist und nur seinem Rang und seinem Reichtum gilt.
    Sie ereiferte sich und sprach mit einer Heftigkeit, die auer Verhltnis zu
deren scheinbarem Grunde stand.
    Peinlich berhrt, lenkte der Graf das Gesprch ab und brachte es erst spter
auf den Freier zurck, der, wie es bei ihm feststand, sein Schwiegersohn werden
sollte.
    Als er sie verlassen hatte, ging Maria zu Bette und konnte zum ersten Male
in ihrem Leben nicht sogleich einschlafen. Jedes Wort ber Tessin, das ihr Vater
gesprochen hatte, klang schmerzhaft in ihrer Seele nach. Die Erinnerung an alles
wurde lebendig, das Maria ein tolles Geschwtz genannt und dem sie ihr Ohr
verschlossen hatte. Nun aber wute sie, die Menschen, die von ihr der
Verleumdung angeklagt worden, die hatten recht, und ihr Vater hatte recht und
sie allein unrecht mit ihrer trichten Glaubensseligkeit, mit ihrer bel
angebrachten Bewunderung Tessins, mit ihrem Stolz auf sein ritterliches Werben
... Guter Gott, das war so unpersnlich wie die dem Grafen Dornach dargebrachten
Huldigungen. Ein ehrgeiziger Diplomat, ein praktischer Mann hatte gewnscht, der
Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg zu werden, und die dazu unerllichen
Schritte mit liebenswrdiger Formgewandtheit unternommen ... Das Herz war bei
dem Geschfte nicht im Spiele - wre auch nicht zu vergeben gewesen, es befand
sich bereits in anderweitigem Besitz.
    Ein Schwall von neuen Empfindungen brach ber Maria herein. Sie war die
Beute von etwas Fremdartigem und Unschnem, dem sie sich entreien wollte, und
wollen konnte sie noch, das sollte ihr Vater sehen - ihr Vater und noch ein
anderer ...
    Ihre Lider wurden schwer und schlossen sich. Ein Augenblick der Betubung,
dann fuhr sie auf ... Ob sie jetzt wute, was es heit: hassen?... Nein, nein
... sie fhlte nur ein tiefes Bedauern, wie wenn ihr ein Herrliches und Schnes,
an dem ihr das Herz gehangen hatte, verunstaltet worden wre. Er, den sie hoch
ber alle Menschen gestellt, unwahr und gewissenlos!
    Sie hrte noch vom Turme der nchsten Kirche zwei Uhr schlagen, dann schlief
sie ein und trumte, Tessin trete als Schneeschaufler verkleidet an ihr Bett,
prsentiere mit dem Besen und engagiere sie zum Kotillon. Sie folgte ihm durch
den Ballsaal und schmte sich ihrer Nachttoilette und ihrer nackten Fe. Auch
ihres Tnzers schmte sie sich, der in einem fort grinste und der wirkliche
Schneeschaufler war. Und wie sie ihn jetzt so recht ins Auge fate, entdeckte
sie etwas Merkwrdiges. Der zerlumpte Mensch erinnerte an ihren Vater, er hatte
wie jener die breite Stirn, die dichten, zusammengewachsenen Brauen. Maria
neigte sich zu ihm und sprach: Beim ersten Blick ist mir etwas an Ihnen
aufgefallen - ich wute nur nicht gleich, was es war ... Sie erwachte, lchelnd
ber diesen Traum und mit unglaublich leichtem Herzen fr ein junges Mdchen,
dem eben eine erste Illusion zerstrt worden. Es ist aus, dachte sie, ich htte
nicht geglaubt, da man so schnell mit einem Gefhl fertigwerden kann, das doch
wie Neigung ausgesehen hat ... Nein, nicht nur ausgesehen!... Die anderen wollen
belogen sein - warum aber mich selbst belgen?... Ich habe ihn geliebt, innig
und hei.
    Und aufschluchzend drckte sie ihr trnenberstrmtes Gesicht in das Kissen.

                                       3


Am nchsten Tage machte Hermann Dornach seinen ersten Besuch, wurde fr morgen
zu Tische geladen und brachte einige Abende im Familienkreise zu. Grfin Dolph
fand ihn charmant und unglaublich gescheit fr einen Majoratsherrn. Sie rechnete
es ihm hoch an, da er mit ihr, der bsen Zunge, die den meisten Scheu
einflte, so rasch vertraut wurde. Einfach die Folge seines guten Gewissens,
erklrte sie. Eine Anklage gegen ihn wre ein Schu ins Blaue; der sieht ruhig
zu, wie ich meine Pfeile spitze; er gehrt nicht zu den Leuten, denen vor mir
graut.
    Und wirklich schwand in ihrer Gegenwart die leise Befangenheit, die bei
einem Manne, den zu verwhnen alle Welt wetteiferte, fr den Laien so
befremdlich und dem Herzenskundigen eine Brgschaft echten Seelenadels war.
    Man sagte, diese Befangenheit sei die Folge der bertriebenen Strenge, mit
welcher er unter der Leitung seiner Mutter erzogen worden war. Die Grfin hatte
ein Gegengift anwenden wollen gegen die Kriecherei der Parasiten, des
Beamtenheeres, der Dienerschaft und gegen die grenzenlose Nachsicht eines
schwachen und krnklichen Vaters fr sein einziges Kind. Aber die Dosis war zu
stark gewesen und hatte nicht nur keine Selbstberhebung aufkommen lassen,
sondern auch kein rechtes Selbstvertrauen. Die Grfin sah den begangenen Fehler
ein und suchte ihn noch beizeiten gutzumachen. Sie hatte nach dem Tode des
Grafen die Vormundschaft ber Hermann, die sie tatschlich immer gefhrt, auch
formell angetreten und schenkte nun dem achtzehnjhrigen Jngling
uneingeschrnkte Freiheit. Ein kleiner Mibrauch derselben wre leicht verziehen
gewesen, kam aber nicht vor. Hermann besuchte landwirtschaftliche Schulen in
Deutschland und England, jagte Lwen in Nubien und Elefanten in Indien, diente
einige Jahre in einem eleganten Kavallerieregimente und widmete sich spter der
Verwaltung seiner Gter. Er war dreiunddreiig Jahre alt geworden, ohne in die
Lage gekommen zu sein, andere Schulden als die seiner Freunde bezahlen zu
mssen, ohne ein Mdchen verfhrt, ohne den Ruf einer Frau gefhrdet zu haben.
Und doch kochte das Blut in seinen Adern so hei wie in denen irgendeines seiner
Alters- und Standesgenossen, und doch hatte er in seinen wenigen
Liebesverhltnissen mehr echte und wahrhafte Empfindungen ausgegeben als sie
alle zusammengenommen in ihren zahllosen Zirkus- und Halbweltsabenteuern.
brigens erschienen ihm von dem Augenblick an, in dem er Maria kennenlernte,
seine ernsthaftesten Schwrmereien und Leidenschaften wie Kinderspiel.
    Es geschah auf einem Balle, den er aus Gehorsam gegen seine Mutter besucht
hatte. Er kam ja berhaupt nur aus Gehorsam zu ihr nach Wien, um dort in die
groe Welt zu gehen, wo er kein Vergngen fand und wo die Bemhungen um seine
Gunst ihn anekelten.
    Tante Dolph war Zeuge seiner ersten Begegnung mit Maria und dann selbst der
Gegenstand seiner eifrigsten und ehrfurchtsvollsten Aufmerksamkeiten gewesen.
Sie erinnerte sich pltzlich ihrer Jugendfreundschaft mit Grfin Agathe Dornach
und machte ihr einen Besuch, der bald erwidert wurde. Die alten Damen sagten
zueinander: Liebes Kind, und jede hatte das Gefhl ihrer berlegenheit ber
die gute Bekannte von einst, mit der sie spter auseinandergekommen war wegen
vllig verschiedener Anschauungen und gleich schroffer Unduldsamkeit. Agathe
berhmte sich, eine orthodoxe Katholikin zu sein; Dolph, ganz unglubig, lie
nicht gelten, da ein vernnftiger Mensch fromm sein knne, es wre denn ein
Dienstbote, ein Bauer oder ein Prinz. Agathe frchtete fr Dolphs ewiges Heil,
diese frchtete Agathens Bekehrungsversuche, die stets in der Behauptung
gipfelten, die Skepsis entstehe aus der Halbbildung, und weiter als bis zu einer
solchen brchten Frauen es nicht. Ob sich diese Gegenstze zwischen den beiden
Damen im Laufe der Jahre gemildert oder verschrft hatten, danach wurde jetzt
nicht gefragt und das Berhren heikler Punkte sorgfltig vermieden. Der Graf,
ein Konversationsknstler ohnegleichen, half spielend ber ein paar Abendstunden
hinweg; das Gesprch, das er beherrschte, wurde lebhafter gefhrt als das
zwischen den jungen Leuten am Teetisch nebenan. Maria war schweigsam, Hermann
nicht beredt. Er sagte aber dennoch viel, denn jeder seiner Blicke enthielt eine
glhende Erklrung der innigsten Liebe.
    Eines Tages nun geschah es, da Grfin Dornach sich bei Maria anmelden lie
und mit einer Miene eintrat, als ob sie die Schlssel des Himmels zu berreichen
htte. In wrdevoll gelassener Weise brachte sie im Auftrage Hermanns die
Anfrage vor, ob er um Marias Hand werben drfe.
    Dein Jawort wrde ihn beseligen, schlo sie, und du kannst es ihm getrost
geben. Ich schmeichle niemandem, am wenigsten mir selbst in meinem Sohne. Mein
Urteil ber ihn ist das eines jeden Unparteiischen und lautet: Es gibt keinen
vernnftigeren Menschen, keinen besseren, keinen edleren. Sie hielt inne, sie
wartete auf eine Erwiderung; da keine erfolgte, fuhr sie fort: Wenn deine
Mutter lebte, wrde ich mich zuerst an sie gewendet haben, und sie wre es, die
jetzt zu dir sprche. Nimm an, da es durch meinen Mund geschieht.
    Maria senkte die Augen, ihre Lippen zitterten, aber sie schwieg.
    Ein sicheres Glck bietet sich uns im Leben selten. Dem, der es einmal
abgewiesen hat, wird es schwerlich wiederkehren, fuhr die Grfin nach einer
Pause noch klter und frmlicher als frher fort. Indessen hast du recht zu
erwgen. Dein Zgern gefllt mir; es beweist, da du den Ernst des Schrittes
kennst, den andere junge Mdchen oft so leichtsinnig unternehmen. Ich habe
Vertrauen zu dir. Wenn ich deine Einwilligung, deine einfache Einwilligung mit
nach Hause nehme, so enthlt sie fr mich alle heiligsten Schwre, die ein
ehrliches Mdchen ihrem zuknftigen Gatten nur irgend leisten kann.
    Jawohl, das enthielte sie auch ... Ich bitte Sie -
    Wieder: Sie! Bleibe ich dir denn fremd? - Ich bitte dich, sage dem Grafen
Hermann - - eine unaussprechliche Bangigkeit bemchtigte sich ihrer; sie
blickte in das marmorblasse Gesicht der Grfin: - So lieblos wie die Tante,
dachte sie.
    Nun, was sag ich ihm?
    Da ich heute abends - Ihr kommt ja doch? - selbst mit ihm sprechen werde.
    Sie kte der Grfin, die sich ziemlich enttuscht erhob, die Hand und
begleitete sie bis zur Treppe.
    In ihr Zimmer zurckgekehrt, schritt sie lange in hoher Erregung auf und ab
und qulte sich mit der Frage: Warum will ich's tun? - Ist mein Grund nicht ein
verwerflicher?... Und dann setzte sie sich ans Klavier und spielte und wurde
allmhlich ruhiger. Und dann kam Tante Dolph und las ein Telegramm von Wilhelm
Dornach vor, einem Bekannten aus uralter Zeit, dessen Existenz sie lngst
vergessen hatte. Auf ein Gercht hin, das in seine lndliche Einsamkeit
gedrungen war, schickte der gute, dumme Mensch ihr seine Glckwnsche zur
Verlobung ihrer Nichte mit seinem Vetter.
    Die Grfin lachte ber die Eile des armen Teufels, seine geheuchelte Freude
an den Tag zu legen. Als nchster Anwrter auf das Majorat konnte der ganz
unbegterte und mit einer zahlreichen Familie gestrafte Mann doch nichts anderes
gewnscht haben, als da sein Vetter ledig bleibe. Ein insdiskreter Wunsch, ja,
aber der natrlichste von der Welt. Sie nahm Platz auf der Chaiselongue mit dem
Rcken gegen das Bild ihrer verstorbenen Schwgerin, das anzusehen sie berhaupt
vermied, klagte ber Kopfschmerzen und rieb die eingefallenen Schlfen mit
Klner Wasser. Sie war leidend und in gereizter Stimmung. Sogar als sie ihr
jetziges Lieblingsthema anschlug, das Lob Hermanns, geschah es mit einer
Beimischung von Spott.
    Heil der Frau, die er heimfhrt! rief sie aus, ihre Ehe wird freilich
sein wie jede, in der nur ein Wille herrscht.
    Sie beantwortete den erstaunten Blick Marias mit der Frage, ob denn Hermann
nicht von seiner Kindheit an gelernt habe, sich einer Weiberregierung zu
fgen?... Wie albern mte doch die Frau sein, die es nicht verstnde, einen so
vortrefflichen Elementarunterricht als Grundlage zu weiterer Ausbildung zu
bentzen! Gute Lehren, wie das anzufangen sei, kamen nun in Flle. Ernst
gemeinte wie spahafte und alles mit Beispielen erlutert. Man sehe das Ehepaar
Heinburg. Im Anfang war er ein Spieler und brachte die Nchte im Klub zu,
whrend sie daheim sa und weinte. Das hat sich nach und nach gendert - durch
ihr Verdienst! Jetzt spielt sie, und er weint. Und deine Freundin Emmy, die
sich zum Altar schleppen lie wie ein Lamm zur Schlachtbank und in ihrer Ehe
einen so guten sicheren Hafen gefunden hat, von dem aus sie allerlei
abenteuerliche Fahrten unternehmen kann in die strmische See!
    Ein Klopfen an der Tr lie sich hren, und Frulein Nullinger, die
Gesellschafterin Grfin Dolphs, schlpfte herein. Sie wurde von der Gebieterin
Nulle genannt, was sie emprte, und litt infolge ihres aufregenden Dienstes an
Nervositt. Obwohl sie jetzt nur die harmlose Meldung zu machen hatte, da die
Schneiderin gekommen sei und gesagt habe, sie knne nicht lange warten, zuckte
es dabei krampfhaft um ihren Mund.
    Schon gut, setzen Sie sich, erwiderte Dolph und fuhr fort, Freund und
Feind durch die Hechel zu ziehen. Sie nannte viele Namen ganz flchtig und
obenhin; an dem, der ihn trug jedoch, blieb ein Makel hangen, oder er wurde mit
einer Lcherlichkeit behaftet.
    Maria hrte ihr heute aufmerksamer zu als sonst und dachte: Sie hat wohl
recht. Was soll auch an den brigen Menschen sein, wenn Tessin nichts taugt? Und
Grfin Dolph, wie ein echter Schauspieler, den schon die Teilnahme eines
einzigen Zuhrers begeistert, bertraf sich selbst in ihrer fragwrdigen Kunst
und geriet in den kleinen Witz- und Bosheitsrausch, der ihr so gesund war. Ihr
Gesicht, das, wie sie selbst sagte, eine Karikatur der schnen Zge ihres
Bruders war, belebte sich, und ihre Kopfschmerzen verschwanden.
    Frulein Nullinger verlor endlich die Geduld und erhob sich, noch um eine
Schattierung hher gefrbt als gewhnlich. Ich werde der Schneiderin sagen,
sprach sie, da Frau Grfin jetzt lstern mssen und keine Zeit fr sie haben.
    Dolph lachte. Ach was, mein Lstern: ein gerader Kerl, der gleich Farbe
bekennt. Aber das Ihre!... Wenn Sie anfangen: Ich hab den oder die recht gern,
das ist, wie wenn ein Reiter sein Pferd zusammennimmt, bevor er ihm eins
hinaufgibt.
    Sie ging in munterster Laune, war auch spter bei Tische heiter und
anscheinend ganz wohl. Am Abend jedoch stellten sich pltzlich ihre
Kopfschmerzen wieder ein und zwangen die Leidende, ihr Zimmer aufzusuchen, kurz
bevor Hermann und seine Mutter gemeldet wurden. Ausnahmsweise hatte Wolfsberg zu
Hause gespeist und nachmittags im Salon den Damen Gesellschaft geleistet. Er
empfing die Grfin mit tausend Entschuldigungen seiner Schwester, die sehr zur
Unzeit unwohl geworden; Agathe uerte ihre Teilnahme mit ganz besonderer Wrme
und ersuchte den Grafen, sie zu ihrer Freundin zu geleiten, was alsbald geschah.
- Die jungen Leute blieben allein.
    Beiden stieg die Rte in die Wangen. Ihm schien die Gelegenheit zu einer
entscheidenden Unterredung plump und ungeschickt geboten; ihrer bemchtigte sich
ein peinliches Gefhl, halb Emprung, halb Bangigkeit. Regungslos stand sie da,
hatte die Brauen zusammengezogen und blickte ins Feuer des Kamins. Nach einer
Pause, die, je lnger sie dauerte, desto schwerer zu unterbrechen war, begann
Hermann bewegt und zagend: Meine Mutter hat mit Ihnen gesprochen, Grfin ...
Sie kennen die khne Frage, die ich so vermessen bin, an Sie zu stellen. Die
leiseste Hoffnung auf eine bejahende Antwort wrde mich beglcken ... Darf ich
sie fassen?
    Maria schwieg, aber sie wandte sich ein wenig und blickte ihn von der Seite
so fremd an, als ob sie ihn heute zum ersten Male she. Sein ueres war
ungemein gewinnend, sie mute es gestehen. Verstand, Gte, Geradheit sprachen
aus seinem hbschen Gesicht, leuchteten aus seinen treuherzigen Augen. Er trug
einen kleinen Schnurr- und Backenbart, die reichen braunen Haare waren kurz
geschnitten und lieen die edel geformte Stirn und die Schlfen frei. Seine
Gestalt hatte etwas Festes, Krftiges, und doch fehlte es ihr nicht an
mnnlicher Anmut.
    Antworten Sie mir, sagte er.
    Und sie, der Held im Kreise ihrer jungen Freundinnen, die Unerschrockene,
die ja mit sich selbst im reinen und fest entschlossen war, ihre Hand in die des
ungeliebten Freiers zu legen, flsterte nun bestrzt: Ich wei nicht ... ich
wei nicht -
    Ihre Verzagtheit ergriff und rhrte ihn; er machte sich Vorwrfe, er hatte
zu frh gefragt, er htte dem Drngen seiner Mutter nicht nachgeben, sich von
dem Entgegenkommen des Grafen nicht verleiten lassen sollen. Nun bemhte er
sich, seine bereilung gutzumachen: Sie sind noch unentschieden, nahm er
wieder das Wort, ich sehe es und finde es begreiflich. - berlegen Sie, prfen
Sie mich streng und lang. Ich mache es Ihnen nicht schwer - in meiner Seele gibt
es keine Abgrnde ...
    Mein Gott, nein, sprach Maria, das ist nicht ... nein, nein - und zwei
Worte, Anfang und Ende ihrer jungen Weisheit, kamen fast unhrbar ber ihre
Lippen ... Worte ihres Vaters, die er seiner gelehrigen Schlerin eingeprgt
hatte: Nur ruhig! - Dereinst, als sie sich in Verzweiflung ber die Leiche
ihrer Mutter geworfen ... und viel spter, auf der Jagd, als ihr scheuendes
Pferd dem Mhlstrom zugerast ... und dann auf ihrem ersten Ball, als sie, von
bermtiger Frhlichkeit ergriffen, so laut gelacht, so toll getanzt, immer
hatte sein eindringliches: Nur ruhig! sie zur Besinnung gebracht.
    Auch in diesem Augenblick erinnerte sie sich der vterlichen Mahnung nicht
umsonst und vermochte ihren abgebrochenen Reden mit einem Scheine von
Gelassenheit hinzuzufgen: Sie irren - ich bin entschlossen.
    Wozu?... Nein?
    Ja.
    Heil mir! rief er mit tiefinnerstem Jubel und ergriff ihre Hand, die sie,
wieder erfat von ihrer frheren Bangigkeit, aus der seinen zu lsen suchte. Er
aber hielt sie fest.
    Sie ist mein, mein kostbarstes Eigentum - und Ihr freies Geschenk, nicht
wahr, Maria? - Niemand hat Sie beeinflut, Sie htten sich nicht beeinflussen
lassen; Sie sind zu stolz, zu selbstndig.
    Doch, versetzte sie und erhob nun endlich ihr gesenktes Haupt. Nie in
ihrem Leben hatte sie einen Menschen so bewegt gesehen, und - merkwrdig - was
ihr als der Ausbund des Lcherlichen galt: ein Verliebter, dessen Empfindung
nicht vllig erwidert wird, kam ihr jetzt hchst ernsthaft vor und traurig
sogar, traurig fr sie. Er, mit seinem groen, wahrhaftigen Gefhl, er war der
Reiche und sie arm neben ihm. Doch, wiederholte sie leise, der Wunsch meines
Vaters hat Einflu auf mich gewonnen - im Anfang.
    Und spter, was bestimmte Sie spter, was bestimmt Sie jetzt? Seien Sie
aufrichtig gegen mich, Grfin, wie ich es immer gegen Sie sein werde. Was
bestimmt Sie ... ich ... ich wei, da es nicht Neigung ist. Mhsam hatte er
dieses Gestndnis vorgebracht, denn er tuschte sich nicht ber die Gefahr, die
es in sich schlo.
    Aber Maria lchelte, freudig fast: Da Sie es trotzdem mit mir wagen
wollen, das eben bestimmt mich ... Und das Vertrauen, das Sie mir beweisen - und
das Vertrauen, das Sie mir einflen.
    Dank! sprach er, und aus seinen ehrlichen blauen Augen leuchtete eine
wonnige Zuversicht. Das ist ein schner Bund: Ihr Vertrauen und meine
ehrfurchtsvolle Liebe! Eine solche Liebe reicht aus fr zwei gute Herzen, sie
hat eine mitteilende Kraft. Wissen Sie warum? Weil sie sich nie aufdrngt, sich
niemals ein Recht anmat. Ihr gegenber gibt es keine Pflicht, nur Gnade und
Wohltat. Und welche edle Frauenseele wrde nicht endlich gerhrt von ...
Genug!... unterbrach er sich, sonst verrate ich noch, da diese
Uneigenntzigkeit nichts ist als der grte Egoismus - der Egoismus, Sie
glcklich zu sehen.
    Mit beiden Hnden zog er ihre Hand an seine Lippen, an seine Brust. Maria
fhlte das ungestme Pochen seines Herzens, auf seinem Angesicht jedoch, das
sich ber das ihre neigte, lag Frieden, und es erschien ihr wie verklrt von
tiefster Seligkeit.
    Der schweigsame Mann wurde beredt; er fand fr seine Empfindung den
Ausdruck, der gewinnt, fr seine Gedanken das berzeugende Wort. Maria hrte ihm
zu und sagte sich: Er ist wahr und warm. - Und vielleicht war es das, wonach sie
sich sehnte von Kindheit an: Wahrheit und Wrme. Wohl hatte man sie vergttert
und verwhnt; aber wieviel Falschheit war bei dieser Vergtterung, die servile
Leute ihr erwiesen, wieviel - wenigstens uere - Klte bei der Verwhnung, die
sie von ihrem Vater und nun erst von Tante Dolph erfuhr.
    Der Ernst auf Ihrer Stirn, sprach Hermann, der hat mich bezaubert; er
ist, was ich zuerst an Ihnen geliebt habe, und jetzt wird es mein heies
Bestreben sein, ihn allmhlich zu zerstreuen. Sie sollen gefeit durchs Leben
wandeln, eingehllt in meine Liebe ... Ich bin zu glcklich, brach er aus -
ich verdien es nicht - was mte der sein, der Sie verdiente, Maria! Maria!
    Sie trat einen Schritt zurck, sie vermied den Blick voll leidenschaftlicher
Andacht, der den ihren suchte, und sprach: Nein, nicht so - Sie sind ja besser
als ich ... haben Sie Geduld mit mir.

                                       4


Sie wurden ein stilles und feierliches Brautpaar. Maria blieb khl und gemessen.
Dornach bekmpfte immer siegreich jede Regung seines berstrmenden Gefhls. In
der Gesellschaft erhoben sich Streitigkeiten, weil die einen behaupteten, er sei
ihr, und die anderen wissen wollten, sie sei ihm gleichgltiger. Dennoch erging
sich alle Welt in so berzeugten und gerhrten Glckwnschen, als ob Romeo und
Julia aus ihren Grbern auferstanden und im Begriffe gewesen wren, sich
huslich einzurichten.
    Unter den vielen Oberflchlichen, deren hohles Geschwtz geduldet und fr
deren als Teilnahme verkleidete Neugier gedankt werden mute, gab es aber doch
auch einige wohlwollende, treue Menschen, gab es vor allem Frstin Alma Tessin.
Maria liebte sie, verehrte ihre grenzenlose Herzensgte und war voll Mitleid mit
ihrer Befangenheit, die von Jahr zu Jahr zunahm. Die Frstin fragte Maria um
Rat, kte ihre Hnde, hatte in ihrer Gegenwart etwas Demtiges und Beschmtes,
das dem jungen Mdchen ein bergewicht ber die Frau, die beinahe ihre Mutter
htte sein knnen, frmlich aufzwang.
    Eines Vormittags kam Frstin Tessin zu Tante Dolph und fand dort das
Brautpaar. Maria schritt ihr entgegen, Hermann erhob sich. Alma sah ihn zum
ersten Male seit seiner Verlobung, und es geschah unerwartet. Auf ihrem zarten
Angesichte wechselten die Farben.
    Graf Dornach, sprach sie, ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, Ihnen
meinen innigen, meinen freudigen ... sie hielt inne, von unberwindlicher
Verwirrung ergriffen, und blickte beschwrend zu ihm empor: Erbarme dich, schien
sie zu sagen, sieh, was ich leide, und erbarme dich. Ihre stumme Bitte blieb
unerfllt. Er verbeugte sich, murmelte ein paar hfliche Redensarten und nahm
ihre Hand nicht, die sie ihm zitternd hatte reichen wollen und nun mit einer
Gebrde der Trostlosigkeit niedergleiten lie.
    Hermann nahm Abschied und ging.
    Das Herz Marias schwoll vor Unzufriedenheit mit ihm. Was berechtigte ihn zu
diesem ablehnenden Benehmen gegen ein Wesen, das ihr teuer war? - Almas
Verwandtschaft mit Tessin, flog es ihr durch den Kopf. Aber nein! Weder Dornach
noch irgend jemand konnte eine Ahnung von dem flchtigen Interesse haben, das
jener Mensch ihr eingeflt. Tessin war scheinbar nicht mehr um sie bemht
gewesen als zwanzig andere. Da sie ihm den Vorzug gegeben, blieb ihr sogar
gegen ihn selbst streng bewahrtes Geheimnis. Aber die Eifersucht sieht scharf -
der arglose Hermann verdankt ihr vielleicht einen Seherblick.
    Als er am Abend wiederkam und den wunderschnen Blumenstrau brachte, der
tglich aus den Gewchshusern von Dornach fr die knftige Herrin anlangte,
wies Maria die Gabe zurck: Vorher will ich wissen, was haben Sie gegen Alma?
    Er zgerte mit der Antwort: Sie ist mir ... Aufrichtigkeit ber alles,
nicht wahr? - Nun denn - sie ist mir unangenehm.
    Unangenehm? Verzeihen Sie, das begreife ich nicht - ausgenommen, Sie htten
die Kunst entdeckt, die Schnheit zu hassen und die Gte, rief sie herb, und er
erwiderte mit seiner gewohnten bescheidenen Gelassenheit: Ich habe nicht von
Ha gegen Frstin Tessin gesprochen, ich bewundere ihre Schnheit ...
    Sie sieht eben aus, wie sie ist, fiel Maria lebhaft ein; so blond, so
wei, so duftig, von so berirdischer Anmut umflossen habe ich mir in meiner
Kindheit die Engel vorgestellt.
    Seltsam war der Eindruck, den diese Worte auf ihn hervorbrachten; ein
Schatten von Verlegenheit flog ber sein Gesicht, und zugleich malte sich darin
die tiefste und liebevollste Rhrung.
    Ich will Sie heilen von Ihrer Abneigung, fuhr Maria fort. Das Mittel dazu
ist einfach: Sie mssen Alma besser kennenlernen, dann wird meine beste Freundin
auch die Ihre werden und bei uns ihr zweites Zuhause finden - wenn es Ihnen
recht ist.
    Es fiel ihm schwer, den Jubel, den dieses bei uns in ihm erweckt hatte, zu
unterdrcken; doch bezwang er sich und versetzte: Sie werden in Ihrem Hause
empfangen, wen Sie wollen, und tun und lassen, was Sie wollen; mir wird es recht
sein. Nehmen Sie jetzt die Blumen?
    Gern, und ich danke Ihnen, antwortete sie und dachte: Er ist ein
vortrefflicher Mensch, und ich werde ihn liebhaben wie einen Bruder.
    Dornach hrte nicht auf, seine Huldigungen mit der grten
Anspruchslosigkeit darzubringen. Seine erfinderischen Aufmerksamkeiten fr seine
Braut waren in seinen Augen das Selbstverstndliche; ein Zeichen der Zustimmung
von ihr, einen freundlichen Blick empfing er wie Himmelsgaben. Grfin Dolph
neckte und versicherte ihn, er beschme die ganze Tafelrunde: solch ein
altmodisch ritterlicher Brutigam wie er bereite dem Ehemann einen schweren
Stand.
    Hermann lachte und behauptete, da er nicht mehr sei und nicht mehr sein
wolle als korrekt. Maria habe ihm ihren Wahlspruch: Nur ruhig! anvertraut, er
halte sich an den seinen: Nur korrekt.
    Und so waren denn seine frstlichen Geschenke, so war der unerhrt
gromtige Heiratsbrief, den er ausstellte, so war jeder Beweis seiner
unbegrenzten Sorgfalt fr das Wohl und Behagen der Gegenwart und Zukunft seiner
Braut nur korrekt.
    Grfin Dornach benahm sich gegen die Verlobte ihres Sohnes ganz und gar in
seinem Sinne, der ihr pltzlich magebend geworden. Fr die von orthodoxem
Familiengeist beseelte Frau war der unmndige Junggeselle Hermann in den
respektswrdigen zuknftigen Stammhalter seines edlen Geschlechts verwandelt,
und der alten Generation kam nichts mehr zu, als - Platz machen. Agathe trat mit
groartigem Gleichmut vor der zurck, die nun an ihrer Stelle die erste im Hause
Dornach sein sollte. Sie legte zu deren Gunsten den Majoratsschmuck so
gleichgltig ab, als ob es sich um ein Paar getragener Handschuhe gehandelt
htte. Sie traf ihre Anordnungen zur bersiedlung aus dem Palais nach einem
Miethause in der Stadt, wo sie einige Wintermonate, und nach dem Witwensitze
Dornachtal, wo sie den grten Teil des Jahres zubringen wollte. Es war dies ein
trauriger Aufenthalt in rauher Gegend, zu Fen der Branecker Berge, und Hermann
versuchte in jeder Weise, seine Mutter abzuhalten, ihn zu beziehen. Sie sollte
in Dornach bleiben, in dem Flgel des Schlosses, den sie von jeher den drei
anderen vorgezogen. Dort hatte sie ihr kurzes Eheglck genossen, dort ein
Menschenalter hindurch als Gebieterin gehaust, dort sollte sie auch ferner
hausen in der Nhe ihrer Kinder, von ihnen geehrt, geliebt, aber unbehelligt.
Sie lie sich nicht erbitten, ihr Entschlu war unerschtterlich. Sie dankte
Gott, sagte sie, fr die endlich erlangte Gnade, ihr Leben in Ruhe und im Gebet
fr sich und die Ihren still zu Ende spinnen zu drfen.
    So tadellos auch alles war, was die Grfin tat und sagte, Maria vermochte
dennoch kein Herz zu ihr zu fassen; diese Tadellosigkeit wurde zu frostig
ausgebt. Das zurckhaltende Wesen ihres Vaters flte Maria Bewunderung ein,
weil sie voraussetze, da sich ein groer Reichtum hinter demselben verberge.
Die Zurckhaltung der Grfin aber schien ihr einen Mangel verdecken zu sollen.
Wenn sie nach einem Besuche bei der Mutter ihres Verlobten Abschied nahm,
erhielt sie einen Ku auf die Stirn, dessen eisige Klte sie vom Wirbel bis zur
Sohle durchschauerte.
    Einmal, da Grfin Dornach einen neuen Beweis ihrer ungeheuren
Selbstentuerung geben wollte, wagte Maria abzuwehren. Agathe lchelte, gab dem
olympischen Haupte einen kleinen Ruck ins Genick und sprach: Nimm es nicht zu
hoch, liebes Kind, es geschieht vielleicht nur fr die Grfin von Dornach.
    Am Abend vor der Hochzeit lie Graf Wolfsberg seine Tochter zu sich
bescheiden. Er erwartete sie, am Schreibtisch sitzend, in seinem groen
Fauteuil, den Kopf zurckgelehnt, die Beine gekreuzt, und berdachte, was er ihr
sagen wollte. Es war gar viel. - Da sie ihm ein braves und gehorsames Kind
gewesen, ihm auch nicht eine Stunde getrbt, da ihm der Abschied schwerfalle,
da er aber einen Trost finde in der festen Hoffnung, sie werde glcklich sein.
Und nun das Lob Hermanns und einige gute Ratschlge fr die Zukunft. Dem Grafen
war es eine ausgemachte, durch hundert Erfahrungen besttigte Tatsache, da jede
junge, unschuldige Frau sich in den Mann verliebt, der sie zuerst das Leben
kennenlehrt. - Maria wird keine Ausnahme machen, und er wollte ihr auf die Seele
binden, in ihrer Leidenschaft nicht selbstschtig zu werden und stets ihre Wrde
zu wahren. Die Treue, meinte er, die der Mann seiner Frau am Altare geschworen,
ist eine andere als diejenige, deren Schwur er von ihr empfing. Eine scheinbare
Vernachlssigung, eine flchtige Zerstreuung des Gatten wird von dem Weibe, das
sich selbst achtet, bersehen. Was ist ein kurzer Sinnenrausch, dem gewhnlich
klgliche Ernchterung folgt, im Vergleiche zu der unerschtterlichen, dankbaren
Anhnglichkeit an die verehrte Lebensgefhrtin, die niemals Nachsicht braucht,
aber immer Nachsicht bt ... ben soll - und weh ihr, wenn sie es nicht tut -
wenn sie, wie jene arme, einst von ihm angebetete Frau ...
    Der Graf seufzte tief, seine Stirn verfinsterte sich. Die schmerzlichste
Erinnerung seines Lebens war in ihm erwacht, und er suchte nicht wie sonst ihr
zu entfliehen ... Eine holdselige Gestalt stieg vor ihm auf: die Liebe seiner
Jugend, seine schwer errungene Frau ... Fr eine der Tchter des Hauses, welchem
sie entstammte, war Graf Wolfsberg kein ebenbrtiger Freier; sie gingen
frstliche Verbindungen ein oder blieben unvermhlt. Und dennoch hatte er sie
heimgefhrt, dem Vorurteil zum Trotze, weil er ihr heies Herz zu gewinnen
verstanden, weil sie, zur Entsagung gezwungen, gestorben wre und weil ihre
Eltern, die schwachen, trichten, sie nicht sterben lassen wollten ... Htten
sie es doch getan - welch einen sen und schnen Tod htte sie damals gehabt!
Sie htte aus dem Dasein scheiden knnen, unenttuscht, im frommen Glauben an
den Geliebten. Aber das wurde ihr nicht vergnnt. Sie sollte das rgste
kennenlernen, bevor sie scheiden durfte, den Zweifel an ihm, an seiner
Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Treue, an allem, was den Wert des Mannes
begrndet. Eine grliche Empfindung, die sie fr Verachtung hielt und die
Eifersucht war, bemchtigte sich ihrer. Sie heuchelte nun selbst, spielte die
Ahnungslose und forschte und beobachtete ihn und ihren Gast, seine Mitschuldige
und sein Opfer, die kleine Schlange Alma, die eben erst aus der Kinderstube in
ihre - freilich trostlose -Ehe getreten war, forschte und beobachtete und hatte
nur noch einen Wunsch, einen Gedanken, ein Ziel, die Schuldigen zu entlarven,
ihnen die Worte ins Gesicht zu schleudern: Feiglinge und Verrter! Da
erniedrigte sie sich zur Lauscherin an den Tren, da horchte, da erhorchte sie,
was ihr den Verstand raubte - -
    Ihre rast- und trostlosen Wanderungen begannen, ihre leichten Schritte
glitten durch das stille Haus und weckten mit ihrem kaum hrbaren Schall einen
nagenden, nie ruhenden Vorwurf. Er kam nach Jahren und Jahren dem Sinnenden noch
zum Bewutsein, und wenn auch nicht eben Reue, so erweckte er doch nicht mehr
die Emprung von einst.
    Im Zimmer nebenan lieen Stimmen sich vernehmen. Maria wechselte einige
Worte mit dem Kammerdiener, der sich's nicht hatte versagen knnen, heute mit
ganz besonderer Dienstbeflissenheit die Tren vor ihr aufzureien. Sie trat ein
und ging langsam auf ihren Vater zu: Du hast mich rufen lassen, es war
berflssig, ich wre ohnehin gekommen, ich habe dir noch viel zu sagen.
    Er lchelte: Ganz mein Fall dir gegenber. - Setz dich.
    Maria rckte einen Sessel in die Nhe des Schreibtisches und nahm Platz.
    Der Graf streifte sie mit einem Blicke; dann sah er hartnckig an ihr vorbei
ins Leere. - Das Ebenbild ihrer Mutter, dachte er, aber ihr Schicksal wird ein
anderes sein. In dieser schnen Hlle wohnt eine strkere Seele, ein krftigerer
Geist. Sie ist mein Kind ... mein liebes Kind, das ich jetzt hingebe ... Eine
pltzliche Wehmut erfate ihn, eine Art Mitleid mit sich selbst, das er
verspottete. Begann er vielleicht schon alt zu werden und sentimental?... Er
nahm sich zusammen, er richtete sich gerade auf: Morgen also -
    Morgen also, Vater - ein Beben lief durch ihre ganze Gestalt, sie beugte
sich, und seines abwehrenden Winkes nicht achtend, fiel sie vor ihm auf die Knie
nieder und schlang die Arme um seinen Hals. Einmal la mich dir danken, sprach
sie mit erstickter Stimme, einmal nur dir sagen: Ich danke dir fr alles.
    Ein trockenes Schluchzen entrang sich seiner Brust. Er prete sie an sich,
da ihr der Atem verging, er drckte seine Lippen auf ihre Haare, auf ihre Stirn
und zog sie immer und immer wieder an sein Herz.
    Endlich erhoben sich beide und gingen lange nebeneinander in ernstem
Gesprche auf und ab.
    Mitternacht war vorbei, als der Graf seine Tochter mit einem kurzen: Gute
Nacht, Maria, fortschickte. Sie stand schon auf der Schwelle, da rief er sie
zurck. Es drngte ihn, ihr ein letztes Geschenk, eine Erinnerung an diese
Stunde mitzugeben. Suchend sah er im Zimmer umher; sein Blick blieb auf einer
kostbaren, goldtauschierten Kassette haften, die auf einem Schranke stand: Nimm
das, es ist lngst dein Eigentum, es gehrte deiner armen Mutter.

                                       5


Bei der Vermhlung am nchsten Tage war alles mustergltig, das Arrangement des
Ganzen, die Haltung des Brautpaares, die Toilette der Braut, die Auffahrt vor
der Kirche, die Trauung, das Diner und die Equipage Dornachs, in der die jungen
Eheleute am Abend nach dem Nordbahnhofe fuhren. Sie hatten einen langsamen Zug
gewhlt, um nicht allzu frh am Morgen im Schlosse einzutreffen, wo ein
feierlicher Empfang ihrer wartete.
    Maria drckte sich in eine Ecke des Waggons. Ein Schauer der Angst hatte sie
durchrieselt, als die Tr zugeschlagen worden. Da war sie nun allein mit dem
Manne, der sie liebte und Herrenrechte auf sie besa. Gestern noch fhlte sie
sich strker als er; wie hatte sich das so pltzlich gendert - nun zitterte sie
vor ihm.
    Er bemerkte es wohl, und sein Herz schwoll vor Stolz und Glck. - Frchte
dich nicht, htte er ihr zurufen mgen, du bist mir so heilig, wie du mir teuer
bist ... Nicht dein Vater, nicht der Priester konnten dich mir schenken, das
kannst nur du allein, und um dieses hchste Gut will ich ringen und werben. Aber
er dachte: Nein, nicht Worte machen, beweisen! Und dann sprach er allerlei, und
zwar nichts Geistreiches. Vom Wetter, das morgen hoffentlich ebenso wunderschn
sein werde, wie es - unglaubliche Bestndigkeit fr den April! - die ganze Woche
hindurch gewesen. Wie ihn das freute, weil Dornach sich zum ersten Male vor
seiner Gebieterin im Sonnenglanze zeigen werde, dessen es sehr bedrfe, um nicht
einen gar zu dsteren Eindruck hervorzubringen. Er legte Kissen und Plaids
zurecht und bat Maria, sich's bequem zu machen und einige Stunden zu ruhen; sie
msse mde sein, und morgen gebe es wieder einen angestrengten Tag. Maria kam
seiner Aufforderung gern nach, sie wollte wenigstens tun, als ob sie schliefe,
wenn auch an Schlaf nicht zu denken war bei dem unheimlichen Gefhl, das sie
erfllte in der Nhe dieses Mannes - ihres Mannes. Von Zeit zu Zeit ffnete sie
die Augen ein wenig und sah zu ihm hinber, und immer begegnete sie seinem
unendlich liebevoll auf sie gerichteten Blick. Es war ein Ausdruck darin, der
sie allmhlich sicher machte: ihre Bangigkeit verschwand, ihre Lider wurden
schwer und schlossen sich. Was sie fr unmglich gehalten hatte, geschah: sie
fiel in tiefen, festen Schlaf.
    Die Sonne war seit einer Stunde aufgegangen, als Maria erwachte und auffuhr.
Hermann stand am Fenster und begrte sie mit einem frhlichen: Guten Morgen,
den sie ungemein verlegen erwiderte. Ihre Augen glnzten wie die eines
erwachenden Kindes, ihre Wangen waren gertet - wie gut vertrugen sich das junge
Tageslicht und ihre junge Schnheit!
    Hermann nahm sie bei der Hand und fhrte sie ans Fenster. Siehst du die
blaue Bergkette dort? sprach er; ihre Umrisse verschwimmen mit den blendenden
Farben des Horizonts. Vor ihnen, recht in ihrem Schutze, liegt eine Hgelreihe.
Siehst du sie?
    Ja, ja, und der Gegensatz ist hbsch zwischen dem dunkeln Berghintergrund
und den freundlichen Hgeln.
    Auf einem von ihnen erhebt sich ein graues Gemuer, das ist Schlo Dornach
... Es hat mir sonst ausbndig gefallen, aber neulich, bei meinem letzten
Besuche, da ich es mir als deine zuknftige Behausung dachte, fand ich's deiner
ganz unwert, das alte Eulennest.
    Maria protestierte nicht nur aus Hflichkeit; der Anblick des Schlosses, den
eine Krmmung des Weges ihr jetzt wieder entzog, war ihr herrlich erschienen.
    Sie rollten zwischen Wiesengelnden am Ufer eines wasserreichen Flchens
der Station entgegen, auf welcher die Eisenbahn verlassen wurde. Zu Wagen ging
es weiter bis zum ersten Forsthause auf Dornachschem Gebiet, wo Maria ungestrt
Rast halten und nur von ihren vorausgesandten Dienerinnen erwartet werden
sollte. Lisette hatte sich an deren Spitze gesetzt und durch ihre
menschenfresserische Laune bereits alle an den Rand der Verzweiflung gebracht.
Seit einigen Wochen befand sie sich im Schlosse, um der Einrichtung von Marias
Gemchern vorzustehen. Und nun war sie hierhergekommen, denn sie mute doch die
erste sein, die das arme, ihrer Obhut entrissene Kind begrte. Sie tat es wie
nach jahrelanger Trennung unter Trnenstrmen und Ausbrchen des Bedauerns;
Hermann gegenber jedoch hllte sie sich in gehssiges Schweigen. Er verbi ein
Lachen, bot seiner Frau den Arm und fhrte sie, die sich sanft von ihrer
Anbeterin und Tyrannin losmachte, in das Haus.
    Lisette strzte nach und erlebte eine neue Enttuschung. Die Herrin sprach
beim Umkleiden nicht ein Wort der Klage noch der Anklage. Und darauf hatte
Lisette gerechnet, um dem seit gestern in ihr gestauten Groll gegen die Roheit
und Unverschmtheit der frisch gebackenen Ehemnner die Schleusen zu ffnen. Sie
nahm es recht bel, da ihr keine Gelegenheit zu dieser Erleichterung geboten
wurde. Maria war heiter und blieb es whrend der ganzen Fahrt, die auf ihren
Wunsch bald fortgesetzt wurde. Der vierspnnigen Herrschaftsequipage zunchst
folgten Lisette und die Kammerfrau. Die erstere erhob sich oft in ihrem Wagen,
setzte die Brille auf und studierte, soviel es nur mglich war, die Miene ihres
Abgottes. Ihr schien der ungeratene frmlich begeistert dreinzuschauen, als man
an der Grenze der Ortschaft Dornach anlangte und die Bevlkerung der neuen
Mitbrgerin einen feierlichen Empfang bereitete. Dem Programme nach kein anderer
denn alle feierlichen Empfnge im guten Lande Mhren: Triumphbogen, Ansprachen,
Geschenke an Brot und Salz, Eiern, Hhnern, Enten, Gnsen und einem riesigen
Sugling aus Lebkuchen in farbigen Wickeln und garnierter Haube, Bllerschsse
und Vivatrufe. Ungewhnlich war nur die echte Herzlichkeit, welche diese
Kundgebungen beseelte, das Unbeholfene veredelte und dem Herkmmlichen das
Geprge des Neuen und Auerordentlichen gab.
    Du wirst von diesen Leuten sehr geliebt, sagte Maria zu Hermann.
    Weil ich sie liebe, erwiderte er vergngt. Wenn uns auf Erden etwas mit
Zins und Zinseszins zurckgezahlt wird, so ist es unsere Menschenliebe.
Ungeliebt durchs Leben gehen ist mehr als Migeschick, es ist Schuld.
    Auf dem Platze umlagerte eine dichte Menschenmasse den Eingang zur Kirche.
Unter dem Portal stand der alte Dechant mit seinen Kaplnen und den
Weihrauchfsser schwingenden Chorknaben. Als der Graf und die Grfin den Wagen
verlieen, um in das Gotteshaus einzutreten, verstummte das Jubelgeschrei der
Menge; die ehernen Stimmen der Glocken sprachen jetzt allein und begleiteten mit
ihrem Schalle den Segen, den der greise Priester auf die Hupter der jungen
Eheleute vom Himmel herabrief.
    Sie traten aus der Kirche, sie stiegen die breite Treppe langsam hinab. Alle
Blicke waren auf Maria gerichtet, mit plumper Neugier, mit Schchternheit, mit
staunender Bewunderung - in manchem Jnglingsauge glhte offenbare Verzckung
... Ob jung, ob alt indessen, ob weiblich oder mnnlich, auf all diesen
Gesichtern, die sich ihr zuwandten, las Maria den Ausdruck eines
geheimnisvollen, eines ererbten Leids. Und in ihr erwachte der Gedanke: Was dich
da anruft mit stummer und unbewuter Klage, das ist die nach Erlsung ringende
ewige Dienstbarkeit. Wir die Herren, sie die Knechte. Darbend an Leib und Seele,
verdienen sie - unser Brot, mhen sich, zur Erde gebeugt, jahrein, jahraus,
damit unser Geist frei und unbehindert auffliegen knne bis an die Grenzen des
Erkennens. Ohne ihre harte Arbeit keine Ruhe fr uns, kein Genu, nicht Kunst,
nicht Wissenschaft ...
    Am Fue der Treppe angelangt, hemmte sie pltzlich den Schritt und griff,
wie unwillkrlich schutzsuchend, nach dem Arme Hermanns. Er umschlang und hob
sie in den Wagen, voll Besorgnis nach dem Grund ihres pltzlichen Schreckens
fragend. Es ist nichts, versicherte sie, gar nichts.
    Und es war ja nichts - eine Sinnestuschung, ein seltsamer Streich, den ihr
Gedchtnis ihr gespielt. Sie hatte gemeint, mitten in dem Gewhl einen hhnisch
Lachenden zu sehen, der sie anstarrte, frech wie damals in jener Winternacht.
Zge, deshalb so widerlich, weil sie die eines verehrten Antlitzes entstellt
widerspiegelten. - Unsinn, sagte sie zu sich selbst. Wie kme der Mensch
hierher?
    Der peinliche Eindruck war entschwunden, verdrngt durch manchen schnen und
lieblichen und durch eine krftige Lebensfreudigkeit, die ihr ganzes Wesen
durchstrmte, als sie dahinflog im raschen Trabe der feurigen, schumenden
Pferde, auf sammetweicher, bergansteigender Strae zwischen majesttischen
Buchen. Jedem Blick in die Gegend, den zu tun die tief niederhngenden ste
gestatteten, bot sich ein anmutiges Bild. Die Landschaft mit ihren im ersten
Frhlingsgrn prangenden Wiesen und Baumgruppen, mit ihren Weihern und fleiig
rauschenden Bchlein glich einem wohlgehaltenen Parke.
    Und nun sah man zwischen hohen Wipfeln ein spitzes Dach, reich verzierte
Schornsteine und Giebel emporragen. Endlich war auch die Avenue erreicht, und da
stand Schlo Dornach, altersgrau und prchtig. Es war um die Zeit Pierre Nepveus
- die Sage wollte wissen, von ihm selbst - im Mischstile von Gotik und
Renaissance erbaut; ein stolzes Denkmal einst begrndeter und durch die
Jahrhunderte behaupteter Macht.
    Mit Kennerblicken betrachtete Maria den malerischen Bau; ihr knstlerischer
Schnheitssinn schwelgte in hchster Befriedigung. So umgeben sein ist ein
Glck, ein Glck von jeder Stunde ... Wie oft hatte sie als junges Mdchen die
Ruine im Walde zu Wolfsberg, die ihr Vater verfallen lie, in Gedanken
wiederaufgerichtet und geschmckt mit Trmen und Bildwerken und zierlichen
Erkern, da die Schpfung ihrer Phantasie beinahe so herrlich wurde wie die
Wirklichkeit, die ihr jetzt vor Augen stand.
    Mein Traum, rief sie aus, mein in Erfllung gegangener, noch berbotener
Traum!
    Auf dem breiten Kieswege vor dem Hause wimmelte es von Willkommrufenden.
    Der letzte Anprall, sprach Hermann, die Beamten und das Forstpersonal.
    Schon recht, erwiderte sie. Sage nur, wem gebhrt der erste Hndedruck?
Dem Hnen mit der lichtblonden Mhne an der Spitze des Heeres - nicht wahr? Sie
deutete auf einen groen, breitschulterigen Mann mit rotbraunem Gesicht und
hellen Haaren in zu engem Frack und zu weiter Krawatte. Zu seiner Rechten hielt
sich eine stattliche schwarzugige Dame, zu seiner Linken waren lebendige
Orgelpfeifen aufgestellt, acht Knaben, von denen der lteste ihm etwas ber den
Ellbogen, der jngste bis zum Stiefelschaft reichte und die alle so weie Kpfe
hatten wie er.
    Hermann winkte ihm von weitem zu: Dem gebhrt der erste Hndedruck, jawohl,
dem, meinem vortrefflichen Vetter Wilhelm.
    Der Vetter nickte und verbeugte sich und befahl seinen Buben auf das
brbeiigste, dasselbe zu tun, und seine Gattin tat es ungeheien.
    Glckstrahlend, Hand in Hand mit Maria, trat jetzt Hermann vor die Gruppe.
Da ist sie, rief er, da bringe ich sie ... und zu der brigen Versammlung
gewendet: Da ist sie, eure Gebieterin und die meine.
    Gott im Himmel, was hatte der Herr Graf angerichtet mit dieser berstrzten
Vorstellung! Nicht mehr und nicht minder als die unheilbarste Konfusion
hineingebracht in die so wohl vorbereitete, so beharrlich einstudierte
Begrungsfeierlichkeit. Einzelne Hochrufe ertnten, in die viel zu wenig
Stimmen einfielen.
    Sie htten losgehen sollen, fuhr der Kommandant der Feuerwehr den
Kommandanten der Veteranen an.
    Wie denn ich? Wenn der Wagen steht, hat's geheien. Ist er gestanden? Die
Herrschaften sind ja noch beim Fahren herausgesprungen. Aber alles eins: Feuer!
Feuer! sag ich - Sapperlot!
    Eine Salve wurde abgegeben, Fahnen wurden geschwenkt.
    
    An Euer grflichen Gnaden, flsterte der Herr Direktor dem Grafen Wilhelm
zu.
    An Sie, sprach der Herr Verwalter.
    An Ihnen, verbesserte der Herr Kanzleirat. - Aber Vetter Wilhelm,
erschttert in tiefster Mannesseele, wute kein Wort mehr von der schwungvollen
Anrede, die der Herr Schullehrer fr ihn verfat und ihm eingeprgt hatte, so
gut, so fest, da er eben noch voll Stolz gesagt: Du, Helmi, Sie, Herr Lehrer,
das sitzt da drinnen, das sitzt wie Eisen.
    Und jetzt war auf einmal alles herausgefallen.
    Umsonst die hllische Arbeit des Auswendiglernens, umsonst der Aufwand an
Todesngsten und berauschenden Hoffnungen, den der arme Autor gemacht, zerstrt
die Freude der guten Grfin, in bescheidentlicher Teilnahme einem Rednertriumphe
ihres Eheherrn beizuwohnen, wie er ihn erst neulich gefeiert, daheim auf der
Schiesttte. - In diesem allerwichtigsten Moment jedoch zuckte es nur unter
seinem dichten Schnurrbart und ber seine runden, glattrasierten Wangen, und
seine Augen, die eher klein als gro waren und dennoch ein Meer umfaten, ein
dunkelblaues Meer von Liebe, wanderten von Hermann zu Maria und von Maria zu
Hermann. Auf einmal rief er aus: Hermann, alter Mensch!... Gndigste Grfin,
hochverehrte Base - herzlichst willkommen. - Tusch! fuhr er den Lehrer an, der
sich genhert hatte, um ihm einzusagen, und die Dorfkapelle fiel ein,
trompetend, geigend und paukend.
    Hermann schlo den Vetter in die Arme, kte die Hand Grfin Helmis und gab
den Buben einen Wink, die Blumenstrue zu berreichen, die sie in Bereitschaft
hielten fr die neue Tante. Alle strzten auf sie los und hatten alle, vom Vier-
bis zum Vierzehnjhrigen, dasselbe Gesicht und waren einer so unbefangen und
zutraulich wie der andere. Warum denn nicht? Konnten sie sich nicht sehen
lassen, waren sie nicht schn in ihren neuen, von der Mutter genhten
Leinwandblusen und ihren von der Mutter frisch gewaschenen Gesichtern und heute
mit Zahnpulver geputzten Zhnen?
    Maria war gegen die ganze Familie so freundlich, wie eine vollkommen
elegante junge Dame es dem ausgesprochensten Landjunkertum gegenber nur irgend
sein kann. Sie entzckte das Ehepaar, sie entzckte jeden, der ihr vorgestellt
wurde und mit dem sie einige Worte wechselte. Ihre einfache und taktvolle
Leutseligkeit gewann ihr in der ersten Stunde die allgemeine Sympathie und
besiegte die Vorurteile der greisen Honoratiorenhupter, die dem zu erwartenden
neuen Regimente ziemlich bedenklich entgegengesehen hatten.
    Die alten Spitzen, wie die hheren Beamten von der lustigen Frau Adjunktin
genannt wurden, kehrten spt abends nach dem Souper im Schlosse in durch und
durch angenehmer Stimmung heim. Herren und Damen waren darber einig, da die
junge Grfin unbeschreiblich liebenswrdig und halt - eine Dame sei.
    Jeder Zoll eine Dame! rief der gebildete Kanzleirat. Und - eine Wrde,
eine Hhe ... Sie verstehen mich, Frau Verwalterin.
    Beim Abschied von seinen Verwandten fragte Hermann: Wann kommt ihr wieder?
- morgen?
    Wie wenn ihm ein schndes Unrecht zugemutet worden wre, fuhr Wilhelm
zurck: Was fllt dir ein ... in acht Tagen frhestens. Nicht wahr, Helmi?
    Um keinen Preis frher, versetzte diese, es ist ohnehin indiskret genug.
    Heut in acht Tagen also, es bleibt dabei.
    Bleibt dabei, wir kommen, natrlich ohne die Rangen ... Wirst du
schweigen? wetterte er seinen Erstgeborenen an, der sich erlaubt hatte, gegen
diesen vterlichen Beschlu zu murren. Die Rangen bleiben zu Haus, die Rangen
mssen lernen, mssen alles das lernen, was ich nicht gelernt habe, und das ist
viel.
    Er nahm Hansel, den Kleinsten, der lngst auf einem Kanapee eingeschlafen
war, auf den Arm und schritt so seiner Frau, die der Hausherr zum Wagen fhrte,
und seinen anderen voranmarschierenden Shnen nach.
    An der Tr, bis zu welcher Maria ihn begleitet hatte, blieb er stehen, sah
ihr in die Augen, und seine Wange an den Kopf des Kindes lehnend, sprach er:
Der achte! 's ist eine Nummer - ich genier mich manchmal - ich genier mich
eigentlich immer nachtrglich und im voraus, denn - wer wei - und wer kann
wissen, was noch nachkommt? - Aber, und jetzt ging ihm, zum wievielten Male an
diesem Abend hat er nicht gezhlt, das Herz ber, wenn auch doppelt so viele
nachkmen, als schon da sind, in jedem von ihnen wird ein braver Mensch
heranwachsen und ein treuer Freund Ihrer, das heit deiner zuknftigen Shne,
Frau Base, deren erstes Exemplar du uns ehebaldigst bescheren mgest.

                                       6


Du hast mich einem edlen und guten Menschen zur Frau gegeben, schrieb Maria an
ihren Vater in ihrem ersten Briefe aus Dornach. Das Wort Glck kam nicht ein
einzigesmal vor, aber aus jeder Zeile sprach Zufriedenheit. Maria hatte sehr
bald begriffen, da sie als die Frau Hermanns eine Aufgabe zu lsen haben werde,
die ihrem ernsten Sinn entsprach. Anders als in Wolfsberg gestalteten sich in
Dornach die Beziehungen zwischen dem Grogrundbesitzer und seinen kleinen
Nachbaren. - Dort herrscht eine Art bewaffneten Friedens, offene gegenseitige
Feindschaft; eingewurzelte Unredlichkeit und Arglist von seiten der Schwachen,
Starrsinn und unerbittliche Strenge von Seite des Starken.
    Ich will nur mein Recht, sagte der Graf und ging schonungslos vor in der
Erreichung dieses Rechtes.
    Das Recht? sagte Hermann. Mit welchem Rechte verlangt man einen Begriff
des Rechtes von Leuten, die sich immer nur der Gewalt beugen muten?
    Maria stimmte ihm bei. Sie war wie er ein Kind der neuen Zeit, das Gefhl
der Unertrglichkeit fremden Leids, fremder Not und ein heier Drang zu helfen
hatte auch sie oft ergriffen. Nun lag die Macht, ihm Genge zu tun, in ihrer
Hand. Sie empfand eine innige Dankbarkeit fr den, der sie ihr gegeben, unter
dessen Leitung sie dieselbe ausbte.
    Heute Dienstag und Familiendiner, sprach Hermann eines Morgens, in das
Frhstckszimmer tretend. Hast du nicht vergessen?
    Sie gestand es ein: Jawohl, vllig vergessen. - So wre seit unserer
Ankunft eine Woche vergangen?
    Eine volle Woche. Mir ist sie entschwunden wie ein glcklicher Augenblick
... Und dir, Maria? Nicht allzu langsam?
    Nein, nein, sagte sie leise.
    Er umfate sie mit beiden Armen. Wenn es so fortgeht, werden wir pltzlich
ein Paar alte Leute sein. Unvermutet wird uns einst das Alter berraschen; aber
ich frchte es nicht und auch nicht den Tod. Es ist schn zu sterben nach einem
schn erfllten Leben, in dem man nie irre geworden ist an seinem teuersten und
hchsten Menschen, wie ich es an dir nie werden kann.
    Was verstehst du darunter? Was ist der Inbegriff von allem, was du von mir
verlangst? fragte sie.
    Hermann sah ihr mit einem langen, verstndnissuchenden Blick in die Augen.
Du weit es ja, vorlufig nur - einen Tausch. Fr meine grenzenlose Liebe -
dein grenzenloses Vertrauen. Esprant mieux, wie das Motto Antoine Latours
gelautet.
    Maria senkte den Kopf. Du bist so gut, du hast die Geduld mit mir, um die
ich dich gebeten habe, flsterte sie nach kurzem Schweigen und verbarg
pltzlich ihr Gesicht an seiner Schulter.

Die Pferde! Deine Pferde aus Wolfsberg, lie jetzt die laute Stimme Lisettens
sich im Nebenzimmer vernehmen, und sie selbst schlich herein, lchelnd und
bissig, untertnig und grollerfllt wie immer in Hermanns Gegenwart, welcher in
ihren Augen nichts war als der mit einem Privilegium versehene Ruber des
Kindes. Sie hatte jede trbe Stunde vergessen, die sie in Marias Geburtsort
verlebt, und gab Wolfsberg hier im Hause fr das Gelobte Land aus. Jeder Brief,
jede Sendung, die von dort kam, wurde von ihr empfangen wie ein Gru aus dem
Aufenthalt der Seligen.
    Und der Georg hat sie gebracht, deine lieben Pferde, der alte Georg, der's
nicht erwarten kann, dir die Hand zu kssen, Frau Grfin, mein Kind, setzte sie
in schmelzendem Tone hinzu. - Dieselben Pferde, die sie ingrimmig gehat als
immerwhrende Gefahrbringer fr das Leben und die geraden Glieder Marias,
derselbe Georg, den sie verabscheut, weil er diese Pferde gesattelt hatte,
standen jetzt in Lisettens hchster Gunst.
    Sie sah aus dem Fenster dem Kinde nach, das voll Freude ber das
bevorstehende Wiedersehen seiner vierbeinigen Lieblinge an der Seite Hermanns
ber den Hof eilte. Ohne Hut, ohne Handschuhe, freilich, freilich, brummte
Lisette und berlie sich ihrer Gewohnheit, halblaut mit sich selbst zu
sprechen, sobald sie allein war: Wer schaut hier auf dich, du Vogel du, der
verliebte Graf gewi nicht, der denkt an nichts, sieht nichts, ist dumm und
blind vor lauter Verliebtheit.
    Sie begab sich in das Schreibzimmer, schellte und befahl dem Stubenmdchen,
der Frau Grfin das Vergessene nachzutragen. Dann fuhr sie in ihrer eine Weile
hindurch unterbrochenen Beschftigung fort. Diese bestand in dem Ausrumen eines
Rokokoschreibtisches aus Rosenholz mit Bronzeverzierungen und eingelegten
Vieux-saxe-Platten. Lisette wickelte unzhlige, sehr wertvolle Sachen und
Schelchen, Bonbonnieren, Dosen, Elfenbeinschnitzereien, Siegel, Flakons aus
ihren Papier- und Wattehllen und legte alles auf einem Tisch in der Nhe des
zierlichen Glasschrnkchens zurecht, das an der Wand hing und bestimmt war, die
kleinen Kostbarkeiten aufzunehmen. Fast jeder dieser Gegenstnde weckte in der
Alten eine wehmtige Erinnerung an dessen frhere Besitzerin, an Marias Mutter.
Es waren smtlich Geschenke des Grafen. Er hatte sie dereinst aus Paris, wo er
kurze Zeit in besonderer diplomatischer Mission in Verwendung gestanden, nach
Hause geschickt als Zeichen treuen tglichen Gedenkens. Und wie beglckten und
beseligten sie! Mit welchem Eifer suchte die junge Frau vor allem nach dem
flchtig bekritzelten Zettelchen, das diese Sendungen meist begleitete. Meist -
nicht immer ... und dann, war das sehnlichst Erwartete ausgeblieben, dann fehlte
dem Schnen der Reiz, und die Grfin beugte sich traurig ber ihr Kindlein: Er
hat uns heute nicht geschrieben, Maria ...
    Sie hat ihn zu liebgehabt. Freilich, freilich. - Lisette sann nach, ihre
Lippen verzogen sich zu einem tckischen Lcheln: Das wirst du ihr nicht
nachmachen, mein Vogerl, murmelte sie, du hast eine andere Natur. Wenn in
deiner Eh eins von euch vor lauter Lieb den Kopf verliert, wird's der andere
sein, nicht du.
    Worber lachst du? fragte Maria eintretend.
    Ach was, nur so - - ber den spaigen Heiligen da. Was ist das fr ein
Heiliger? Sie reichte der Gebieterin eine Dose, die mit einem Emailbildchen von
Petitot, einen jungen, weinlaubumkrnzten Faun darstellend, geschmckt war.
    Maria betrachtete es zum erstenmal aufmerksam; sie war keine Freundin der
Kunst im Kleinen und hatte diesen Bibelots nie ein besonderes Interesse
geschenkt. Nun aber bewunderte sie eingehend die feine Arbeit des franzsischen
Meisters, und wie sie dabei das Kstchen hin und her wandte, sprang bei einem
Druck ihres Fingers der Deckel auf. Die Dose barg einen goldenen, in
Seidenlppchen gewickelten Schlssel; Marien schien, die Zeichnung der Arabesken
seines durchbrochenen Griffes habe hnlichkeit mit der Tauschierung der
Kassette, die sie am Abend vor ihrer Vermhlung von ihrem Vater erhalten und an
welcher der Schlssel fehlte. - Doch hatte sie nicht Zeit, sich der
Zusammengehrigkeit der beiden gleich zu versichern, denn die Ankunft ihrer
Gste, die um ein Uhr, eine Stunde vor dem Mittagessen, eintreffen sollten,
stand bevor.
    Sie kamen auch richtig angefahren, auf die Minute, zwei Seelen und vier
Seelchen. Im letzten Augenblicke hatte Wilhelm sich erweichen lassen durch die
traurigen Gesichter, mit denen die jngeren Rangen den Vorbereitungen zur
Abfahrt der Eltern zusahen, und sie mitgebracht. Sie waren ja noch so dumm und
versumten nicht gar viel Lernerei. Vater und Mutter baten dringend, sich nicht
im geringsten um sie zu kmmern, sie nur im Garten herumlaufen zu lassen. Das
Vertrauen konnte man ihnen schenken, da sie sich in acht nehmen und nicht in
den Teich fallen wrden. Auf irgendwelche Bercksichtigung bei der Mahlzeit
hatten sie keinen Anspruch; sie waren zu Hause abgefttert worden, und berdies
hatte jeder sein Stck Brot im Sacke und konnte damit bequem aushalten bis zur
Heimkehr.
    Eine so ungastliche Behandlung sollten sie jedoch nicht erfahren, vielmehr
durften sie ihre Brotration den Pferden bringen; ihre Mutter und je zwei von
ihnen wurden von Maria in der Ponyequipage im Parke herumkutschiert, whrend die
zwei anderen dem Wagen nachrannten, um die Wette mit den Hunden. Bei Tische
erhielten sie ihre Pltze nebeneinander, saen kerzengerade und benahmen sich
musterhaft. Trefflich regiert von den kurzen Kommandoworten des Vaters und den
abmahnenden oder zustimmenden Blicken der Mutter, entfalteten sie bei aller
Dressur einen kleiner Rothute wrdigen Appetit.
    Maria hatte sich auf die Freuden des heutigen Familienfestes mit
uneingestandenem Grauen gefat gemacht, und jetzt erfllte sie mit Vergngen
ihre Hausfrauenpflichten und unterhielt sich beinahe. Nicht nur mit den Kindern.
Der biedere Mann, der, wie sie wute, den Unterhalt seiner zahlreichen
Nachkommenschaft schwer bestritt und ihrer etwaigen Vermehrung dennoch mit
naiver Ergebung entgegensah, die Frau mit dem Typus ihres hochadeligen Stammes
in den feinen Zgen, die sich ihrer abgearbeiteten Hnde so gar nicht schmte
und die Haube mit den gefrbten Bndern und das verschossene Foulardkleid so
tapfer trug, flten der neuen Verwandten die herzliche Wertschtzung ein, die
bei ihr eine sichere Vorbotin knftiger Freundschaft war.
    Bald nach Tische trennte man sich. Hermann und Wilhelm ritten nach einem
entlegenen Hof zur Besichtigung eines Baues, der dort aufgefhrt wurde. Grfin
Wilhelmine und ihre Kinder kollerten heim in ihrem krzlich neu lackierten, mit
Bauernpferden bespannten grnen Wgelchen.
    Maria blieb allein und wollte ihre Einsamkeit zu einer Wanderung durch den
Park bentzen und einen schnen Aussichtspunkt am Ende desselben erreichen, von
dem Hermann ihr gesprochen hatte. Sie nahm seine beiden Jagdhunde als Begleiter
mit; semmelfarbige, kurzhaarige, sehr kluge Tiere, die am Tage des Einzugs
Marias begriffen hatten: in Abwesenheit des Herrn gibt es jetzt eine Herrin. Auf
den Fersen folgten sie ihr, die Nasen gesenkt, mit tief herabhngenden Ohren,
und wenn sich's regte auf der Wiese, im Gebsch, im dunklen Schatten der Bume,
fuhren sie zusammen, hoben die Nasen in die Hhe, schnupperten, alle ihre Sehnen
spannten sich zum Sprunge. - Ein Anruf aber: Zurck! Lord, Fly, zurck! und
sogleich senkten sie die Kpfe und schritten dahin, gehorsam den Befehlen der
Menschen, widerstrebend den Gesetzen ihrer eigenen Natur.
    Es war ein khler Nachmittag; Maria ging rasch vorwrts, von einem wohligen
Gefhl der Freiheit beseelt. Daheim wre ihr verwehrt gewesen, einen weiten
Spaziergang allein zu unternehmen, und sie empfand einen groen Genu in der
Ausbung ihrer kaum erlangten Selbstndigkeit. Alles trug dazu bei, ihre
Wanderlust zu erhhen, der wolkenlose Himmel, der ber ihr blaute, die krftige
Luft, die, gewrzt mit Harzdften, vom Tanne hergestrichen kam, die
Frhlingslieder der Vgel in den Zweigen, die Schnheit der Sttte selbst, die
Maria durchschritt. - Sie kam sich vor wie in einem Zaubergarten, den
menschenfreundliche Geister pflegten. Sie hatten die Wege besandet, die Wiesen
geschoren, die Hecken beschnitten, die Brcklein ber den Bach gebaut. Sie
hatten die bewimpelten Khne am Ufer des Weihers befestigt, die Scheiben des
Fischerhauses blankgescheuert, da sie im Abendrot glnzten wie Gold, und waren
nach vollbrachtem Werke verschwunden ohne Spur.
    Wie wohltuend, wie entzckend schn ist es hier, sagte sich Maria, und
zugleich durchblitzt' es sie: Wenn Tessin jetzt dastnde und mich she in diesem
kleinen irdischen Himmelreich ...
    Sie hatte ihn verbannen wollen aus ihren Gedanken, es nicht vermocht und -
Frieden mit ihm geschlossen.
    Was war denn sein Verbrechen gewesen? - Hatte er sie zu tuschen gesucht, je
ein Wort von Liebe zu ihr gesprochen?... Und doch war sie beneidet worden um
seine Aufmerksamkeit und hatte sich beneidenswert gefhlt und sich nicht
Rechenschaft gegeben, worin seine Macht ber sie bestand.
    Die unbestimmte, unerklrliche Angst, von der sie manchmal ergriffen worden
in seiner Nhe, im Banne seiner Augen, durchrieselte sie; eine Ahnung kommenden
Leids beklemmte ihr die Brust.
    Sie war sich der Zeit nicht bewut, die verflossen, seit ihre Wanderung
begonnen hatte, und staunte, als sie, aus einem Fichtenhain tretend, die Sonne
schon tief zum Untergang geneigt sah. Mit verdoppelter Geschwindigkeit eilte sie
ihrem Ziele, einer Zirbelkiefer, zu, an deren gewaltigem Stamm eine leichte,
geschnitzte Wendeltreppe zu einer runden Altane emporfhrte, ber die der
mchtige Baum sein grnes Schirmdach breitete.
    Die junge Frau lief die Stufen hinan, um von der hohen Warte aus noch einen
letzten Blick des scheidenden Tagesgestirns zu erhaschen. Die Hunde folgten. -
Pltzlich schien ihr, als schwanke die Treppe ... sie blieb stehen, wartete, an
das Gelnder gelehnt - das Schwanken dauerte fort. Es war nicht durch sie
hervorgebracht. Dort oben mute jemand auf und ab gehen, langsam und wuchtig.
Einen Augenblick dachte sie an Flucht, es war doch gar zu einsam hier. Sogleich
jedoch verlachte sie die feige Regung, die sich ihrer hatte bemeistern wollen.
Wer konnte es sein? Ein Jger, im schlimmsten Fall ein Wildschtz. Aber wenn
auch, was hatte sie zu frchten?
    Die Hunde knurrten. Die Schritte hielten an, die ihren waren gehrt worden.
    Wenige Sekunden spter betrat sie die Plattform unter dem wtenden Gebell
Lords und Flys, die ihr vorangesprungen waren.
    Hoho, die Hunde! Rufen Sie die Hunde! kreischte eine erregte Stimme ihr
entgegen. - Der Mensch, der diesen Hilfeschrei ausgestoen hatte, prete den
Rcken an den Stamm des Baumes und fhrte mit dem Stock einen Schlag gegen seine
Angreifer, traf sie aber nicht.
    Maria hatte ihn auf den ersten Blick erkannt trotz der Vernderung, die mit
ihm vorgegangen war. Nicht in Lumpen wie in jener Winternacht, sondern gut
gekleidet, in einem lichten Sommeranzug, mit wohlgepflegtem Haar und Bart, wre
seine Erscheinung die eines auffallend hbschen Menschen gewesen ohne den
Ausdruck der Verwilderung und der Krankheit in seinem eingefallenen Gesicht.
    Auch Maria war bleich geworden: Hierher! befahl sie den Hunden, die sich
widerwillig fgten, und sprach in hartem Tone den Fremden an: Der Eintritt in
den Park ist nur den Hausleuten erlaubt. Was wollen Sie hier?
    Er hatte seine Sicherheit wiedergewonnen und beeilte sich, es zu beweisen.
Den Hut spttisch lftend, erwiderte er: Ich will dasselbe, was Sie wollen -
die Aussicht bewundern, die wirklich ganz reizend ist. Erfllen wir den Zweck
unseres Spaziergangs.
    Frechheit, murmelte Maria, und die Rechte gebieterisch ausgestreckt,
setzte sie laut hinzu: Fort!
    Entschuldigen Sie, versetzte er, ich bleibe. Ich habe mit Ihnen zu reden
und htte Sie um eine Zusammenkunft ersuchen lassen, wenn nicht der Zufall -
oder war es vielleicht ein geheimer Zug des Herzens? - Sie hierhergefhrt htte,
Frau Schwester.
    Maria stie einen dumpfen Schrei aus und wich zurck. Wie dieser Mensch sich
jetzt leicht verneigt hatte, war es in einer Art geschehen, mit einer Bewegung
des Hauptes, ihr so wohlbekannt, so lieb und sympathisch an einem andern ...
    Es beleidigt Sie, da ich mir erlaube, Ihnen diesen Namen zu geben, aber -
er gebhrt Ihnen und nicht durch meine Schuld ... Bleiben Sie doch, bat er, als
Maria, entsetzt und geqult, sich pltzlich zum Gehen wandte. Einmal mssen wir
uns aussprechen, warum nicht lieber heute als morgen. Was ich Ihnen zu sagen
habe, ist bald gesagt. - Unser Vater hat meine Mutter betrogen - wie die Ihre,
nebenbei bemerkt, brach er hhnisch aus.
    Lge! sprach Maria; er aber fuhr fort, ohne sich unterbrechen zu lassen.
    Ich mache ihm keinen Vorwurf, ich klage ihn berhaupt nicht an. Unser Vater
hat viel Geld auf mich verwendet - schade darum! -, mich erziehen, mir
Grundstze beibringen lassen wollen. Ganz vergeblich, denn - ich habe sein Blut
in meinen Adern. Da sein Sohn ihm gar zu gut nachgeraten, emprte den
vortrefflichen Mann. Endlich zog er seine Hand von mir ab ... Der Grund ist
eigentmlich - was? Er brach in ein Lachen aus, das allmhlich in ein heftiges
Husten berging. Auf dem Taschentuche, das er an die Lippen drckte, zeigten
sich dunkelrote Flecken. Da, sagte er, ich bin fertig. Zuviel Verschiedenes
kennengelernt im Leben, zuviel Vergngen und zuviel Elend. Jetzt bin ich fertig,
fertig, hrst du? Der schlechte Spa mit der Schneeschaufelei hat mir das letzte
Almosen vom Grafen eingebracht, das allerletzte! La mich nicht auf dem Stroh
sterben, gib mir ein Obdach, Frau Schwester.
    Sie starrte ihn an wie verloren. Lgen, Lgen! - ich glaube nicht - ich
glaube Ihnen nicht ...
    Wre freilich das Bequemste, wird aber nicht durchzufhren sein. Fragen Sie
nur den Grafen, meinen Schwager, der wei von mir, Wolfi Frster, nennen Sie
mich ihm nur. Ich will ihn sprechen, das heit euch, in der Fischerhtte am
Weiher, morgen vormittag zehn Uhr. Kommt gewi, ich knnte euch sonst
Unannehmlichkeiten bereiten. - Jetzt jagt der verfluchte Krankheitsteufel mich
heim nach dem Bauernhotel, in dem ich mich vorlufig einlogiert habe. Er
knpfte seinen Rock zu, Fieberfrste schttelten ihn. Auf Wiedersehen.
    Damit reichte er Maria die Hand, sie zog die ihre mit Abscheu zurck. O
Frau Schwester, rief er, du bist noch hochmtiger als unser edler Herr Vater!

                                       7


Hermann hatte die Erzhlung von Marias Abenteuer im Parke schweigend angehrt
und sich am nchsten Morgen zur Zusammenkunft mit Wolfi im Fischerhause
eingefunden.
    Ein Schwerkranker, vielleicht ein Sterbender, sagte er bei seiner
Rckkehr. Mag er nun sein, wer er will, wir knnen ihm die Aufnahme, um die er
bittet, vorlufig wenigstens nicht verweigern.
    Wir knnen - du meinst, wir drfen nicht, fragte Maria. So hat denn
dieser Mensch einen Anspruch ...
    Genausoviel Anspruch, unterbrach er sie, als wir Erbarmen mit ihm haben.
    Mir flt er keines ein, er ist zu keck, gab sie zur Antwort. Sie
erkundigte sich kaum nach dem, was fr ihn geschah, obwohl Lisette dem
hergelaufenen Gast eine ganz merkwrdige Teilnahme bezeigte. Es war ihm eine
kleine Wohnung im Hause einer Hegerswitwe angewiesen worden, das am Saume des
Waldes und doch nahe genug am Dorfe lag, um den tglichen Besuch des Arztes zu
ermglichen. Diesen, einen sehr gutmtigen und sehr neugierigen ltlichen Herrn,
beehrte Lisette mit ihrem Vertrauen. Sie saen nebeneinander am Bette des
Kranken, der in den ersten Tagen aus stumpfer Bewutlosigkeit nur auffuhr, um in
Fieberphantasien zu verfallen, in denen er lachte und schwatzte und alle
Geheimnisse seiner armen, verkommenen Seele ausplauderte.
    Der Doktor trank frmlich jedes seiner Worte. Frulein Lisette, sagte er
einmal, da werden verborgene Familienverhltnisse vor uns enthllt.
    Sie lchelte: Bin eingeweiht, Herr Doktor, und brauche mir darauf nichts
einzubilden. Wer das Haus kennt, kennt diesen wilden Sprling, der in Wolfsberg
zur Welt gekommen ist. Wre auch schwer zu verleugnen gewesen bei der
hnlichkeit und bei dem impertinenten Spektakel, den seine Mutter vor der
Hochzeit des Herrn Grafen gemacht hat - als ob nicht viele andere dieselben
Ansprche ... Na, darber ist nichts zu sagen ... brach sie pltzlich ab.
    Sagen Sie doch, Frulein, genieren Sie sich nicht und sagen Sie doch!
    Lisette erwiderte mit einem kleinen Achselzucken voll Koketterie: Knnen
sich selber denken. So ein Herr wie unser Graf, so eine Schnheit, kann der was
dafr, da ihm die Weiber nachlaufen? - 's ist ihre Sach und ihre Schuld. So ein
Herr wird sich nicht auf den heiligen Aloisius hinausspielen.
    Doktor Weise stimmte bei. Er htte gern einen recht nichtsnutzigen Witz
gemacht, um auf das alte Frulein den blendenden Eindruck eines Don Juan
hervorzubringen. Weil er aber von Natur ein keuscher Mann war, wollte ihm nichts
Frivoles einfallen.
    Lisette erneuerte den feuchten Umschlag auf Wolfis Stirn. Ein so hbscher
Bursche und soll schon sterben, seufzte sie. Recht traurig, aber im Grunde
doch das Beste fr ihn und auch fr die anderen.
    Der Doktor sah seinen Patienten, der jetzt ruhig atmete und sanft zu
schlafen schien, prfend an: Gut gebaut, krftig, kann sich noch eine Zeitlang
wehren.
    Wie lange zum Beispiel?
    Schwer zu erraten - mchte mich nicht vor Frulein blamieren - er
verbeugte sich galant -, ich glaube nur, bei vortrefflicher Pflege - in dieser
gesunden Luft - vielleicht noch zwei Jahre.
    Der Kranke schlug die Augen auf und blickte ihn zornig an: Esel, sagte er,
so laut er konnte, merken Sie nicht, da ich wach bin?
    Ich merke, da Sie Ihre Besinnung wieder haben, und gratuliere, sprach der
Arzt, nicht im geringsten beleidigt.
    Zwei Jahre - wieviel Tage sind das?... rechnen ... Wolfi begann langsam zu
zhlen, seine Stimme wurde immer schwcher, er schlief wieder ein.
    Schon bei Besinnung, flsterte Lisette, das htte ich nicht geglaubt. Das
ist eine schne Kur von Ihnen, Sie reien ihn am Ende gar noch heraus. Aber dann
ist das erste - diese Worte wurden von einer bezeichnenden Gebrde begleitet -,
abreisen.
    Wird schwerlich dazu kommen, Frulein, erwiderte der Doktor und verbeugte
sich noch galanter als vorhin.
    Lisette aber warf einen Blick in den kleinen Spiegel, der an der Wand ber
dem Schranke hing, und sagte zu sich: Ich wei eigentlich nicht, warum ich so
altmodische Hauben trage.
    Zur selben Stunde war Maria im Schlo an ihren Schreibtisch getreten mit der
Absicht, den letzten Brief Wolfsbergs zu beantworten. Ein Brief, reich an
ernsten und eigentmlichen Gedanken, voll tiefer Empfindung und Zrtlichkeit,
den sie mit Stolz und innerster Herzensbefriedigung gelesen und wieder gelesen.
Nie hatte ihr Vater so liebreich zu ihr gesprochen, wie er an sie schrieb; jetzt
frchtete er nicht mehr, sie zu verwhnen.
    Am Tische Platz nehmend, bemerkte sie, da die Kassette aus dem Nachlasse
ihrer Mutter neben die Mappe gestellt worden war.
    Eine alte Bekannte! Wie oft hatte Maria sie stehen gesehen, immer auf
demselben Platz im Zimmer ihres Vaters, und ihre feinen Ornamente betrachtet.
Jetzt holte sie den kleinen Schlssel, dessen Griff ihr in hnlicher Weise
durchbrochen und verziert geschienen hatte, aus der Emaildose und steckte ihn in
das Schlo. Er pate, wollte sich aber nicht drehen lassen. Viel Geduld und
Geschicklichkeit mute angewendet werden, bevor es gelang, der Deckel aufsprang
und der Inhalt zum Vorschein kam. Der bestand aus einem zerrissenen Heft, dessen
vergilbte Bltter mit einer zarten, feinen Schrift dicht bedeckt waren, und aus
alten, mit einer verblaten Schleife zusammengebundenen Briefen. Maria zog einen
derselben hervor. Ihr Vater hatte ihn als Brutigam an ihre Mutter gerichtet,
und die glhendste Leidenschaft sprach sich darin mit hinreiender Beredsamkeit
aus. Wie muten die Beteuerungen, diese Schwre berzeugt und beseligt haben!
Wie reich war das Leben, das durch die Liebe eines solchen Mannes geschmckt
worden! Und wenn auch frh erloschen, es hatte den kstlichsten, den seltensten
Inhalt gehabt - ein volles Glck.
    Maria griff nach einem der Bltter, auf denen sie die Schrift ihrer Mutter
erkannt hatte. Es hing mittelst eines Seidenfadens lose mit den anderen zusammen
und war, wie alle, ein Bruchstck. Das Ganze machte den Rest eines Heftes aus,
das einst ziemlich stark gewesen sein mochte. Verbogen und zerknittert fand sich
noch der Umschlag vor. Maria glttete ihn, so gut es ging. Er trug die mit
grtem Flei kalligraphisch ausgefhrte Aufschrift: Im Himmel und das Datum
1850. Aber die schnen Lettern waren durch Kreuz- und Querstriche verunstaltet,
recht wie mit kindischer Zerstrungslust, und eine unsichere Hand hatte sich
bemht, als Vignette einen Teufel hinzuzeichnen; die kaum zu entziffernden
Worte: Der Knig des Himmels und das Datum 1858 standen darunter.
    Maria las hier und dort einen Satz, eine Zeile; ihr Gesicht verfinsterte
sich; wie versteinert blickte sie nieder auf die verstmmelten Bltter. Die
stummen, toten Zeichen aber wurden lebendig und sprachen und gaben Zeugnis von
einem lngst eingesargten Schmerz. Der berwundene, der vergessene, da war er
aus dem Grabe auferstanden und sthnte erschtternd seine Klagen aus.
    Sie fanden einen qualvollen Widerhall in der Seele Marias. Nun war ihr
einmal wieder etwas zerstrt worden: ein beglckender Glaube ... Glaube? Nein,
ein Glaube, der auf einem Irrtum beruht, ist ein Wahn. Maria wre sehr gestimmt
gewesen, dem ihren nachzuweinen: das Knstlerische in ihrer Natur strubte sich
gegen die Zerstrung des Ideals, das ihr Vater ihr bisher gewesen war. Da fiel
ein Wort ihr auf, das am Rande eines der mihandeltsten Bogen des seltsamen
Tagebuches stand: WAHRHEIT, gro geschrieben, von einer leichten Arabeske
umschlungen.
    Maria blickte nicht mehr auf, bevor sie den Sinn der letzten ihr noch
halbwegs verstndlichen Zeile in sich aufgenommen hatte. - Dann kte sie die
Bltter innig und lange, trug sie zum Kamin, verbrannte sie und erwartete auf
den Knien das Verlschen der Flammen. Das Geheimnis der Toten blieb aufbewahrt
im Herzen ihres Kindes.
    Einige der aus dem Zusammenhang gerissenen Stellen, die sich dem
Gedchtnisse Marias fast vollstndig eingeprgt, lauteten:

Die Wahrheit verlange ich von dir. Du sollst nicht lgen. Treu sein,
festhalten, was dein Herz einmal ergriffen hat, kannst du nicht. Du bist schwach
und hilflos deinen Leidenschaften gegenber. Sei wenigstens wahr. Dem Schwachen
Bedauern, dem Lgner Verachtung.

Eiferschtig ist nicht das rechte Worte. Wrde ich sonst deinen Wolfi lieben?
Wrde ich sonst das Andenken seiner Mutter ehren? - Und ich htte Grund, auf sie
eiferschtig zu sein, denn sie hat dich mehr geliebt, als ich dich liebe; ich
htte dir nicht geopfert, was sie dir geopfert hat: ihre Eltern, ihre Heimat,
Ehre und Pflicht.
    Wenn meine Tochter erwachsen sein wird, werde ich ihr sagen: heirate nicht
aus Liebe. Man glaubt, vereint sein mit dem Geliebten, das ist der Himmel auf
Erden. Es ist nicht wahr. Was macht den Himmel zum Himmel? Da ein Gott darin
regiert und - - -

Wenn Gott nur so gut wre, wie wir sind gegen unsere braven Diener, dann htte
er mich erhrt. Habe ich nicht alle meine Pflichten getreu erfllt?... war ich
nicht glubig und fromm? Wenn Gott gut und gerecht wre, htte er mich gehrt.
Aber es ist berhaupt kein Gott im Himmel, nur ein Teufel, und der straft mich.

Geliebter, wenn die Jugend hinter uns liegen wird, wenn du zu mir zurckgekehrt
sein wirst und ich dir alles verziehen haben werde, dann lesen wir zusammen, was
ich jetzt schreibe, und reichen uns die Hnde und lachen - und weinen auch ein
wenig.

... da du Alma verleitest - sie hat ein Gewissen. Es schlft jetzt nur, du hast
es eingeschlfert, du weit, wie man das macht ... aber es wird erwachen, und
dann - - -
    Ich glaube es nicht, ich will es wissen, mich berzeugen, euch auflauern.
Ich bin jetzt ein Jger, ihr seid das scheue Wild ...

Manchmal frchte ich und manchmal hoffe ich den Verstand zu verlieren. Wir
werden mein Tagebuch nicht zusammen lesen, Geliebtester. Ich glaube, da ich es
zerreien mu. Die schne Schilderung der glcklichen Tage - schon fort. In
kleine, kleine Stcke gerissen und fliegen lassen von hoher Altane am Turm...
Wie sie stoben im Winde ... Woran habe ich gedacht? woran nur? An mein Glck
oder was? Ich wei nicht mehr ...

Bei dem nchsten Besuch, den Hermann im Hegerhause machte, begleitete ihn Maria.
Der Kranke erholte sich sehr langsam von dem letzten heftigen Anfall seines
Leidens. Er lag in tiefer Erschpfung dahin, halb wachend, halb schlafend, nahm
nur widerstrebend die Nahrung, die man ihm reichte, und zhlte ohne Unterla an
seinen Fingern, wieviel Monate, Wochen, Tage er noch zu leben habe. Die Rechnung
war ihm aber zu schwer und wollte nicht stimmen. Gegen alle, die ihm nahten,
Hermann nicht ausgenommen, legte er feindseliges Mitrauen, ein mrrisches und
schroffes Wesen an den Tag, das sogar die Geduld seines langmtigen Arztes sehr
oft erschpfte.
    Nur wenn Maria an sein Bett trat, glttete sich seine Stirn, er lchelte;
unter seinem kleinen schwarzen Schnurrbart schimmerten seine Zhne hervor, jung
und gesund wie die eines Kindes. In der Tiefe seiner dunklen Augen entzndete
sich ein unheimlicher Glanz: Frau - - - sprach er und machte eine lange Pause.
Frchtest du dich, frchtest du das Wort, das ich jetzt sagen knnte? fragte
sein boshafter und drohender Blick. Aber der ihre hielt ihn im Bann. Stolz und
kalt ruhte er auf ihm, und er murmelte verwirrt: Frau Grfin.
    Sie kam regelmig, aber nicht an bestimmten Tagen, wchentlich zweimal, auf
der Rckkehr von ihren Gngen durch das Dorf. Dort hatte sie die Armen und
Kranken besucht, war wohl auch in die Schule getreten und hatte einer
Unterrichtsstunde beigewohnt. Sie hatte getadelt, gelobt, mit vollen Hnden
gegeben und mit alledem nur eine Einfhrung ihrer Schwiegermutter
aufrechterhalten - nicht ganz in deren Sinn jedoch.
    Grfin Agathe hatte von den Leuten, denen sie Hilfe angedeihen lie, eine
Gegenleistung gefordert: Du bekommst das unter der Bedingung, fortan das
Wirtshaus zu meiden. - Du bekommst jenes unter der Bedingung, da du von heut ab
deine religisen Verpflichtungen pnktlich erfllst.
    Maria hingegen stellte nicht nur keine Bedingungen, sie lehnte sogar den
Dank ab, dessen meist berschwengliche uerungen ihr widerstrebten. So
verstimmte sie die Geistlichen und die Lehrer, die gewohnt gewesen waren, ihren
Teil von der grflichen Wohlttigkeit mittelbar einzuheimsen, und entwertete
ihre Geschenke bei den Empfngern. - Wie hoch soll denn angeschlagen werden, was
umsonst zu haben ist?
    Mit einer Hand geben und die andere zum Nehmen ausstrecken, sagte Maria zu
Hermann, ekelt mich an.
    Das versteh ich nicht, entgegnete er. Was diesen Menschen vor allem
anderen fehlt, was ihnen vor allem anderen beigebracht werden mu, ist das
Pflichtgefhl. Mit Wohltaten wirst du es nicht wecken.
    Wecke ich es, wenn ich ihnen einen Handel vorschlage, einen Tausch?
    Viel eher. Wenn du einem anderen Gutes tust und zum Preis dafr verlangst,
da auch er etwas Gutes tue, kannst du damit einen Begriff von Billigkeit in ihm
erwecken, eine Ahnung dessen, was Pflicht ist. Und wenn du das getan, hast du
ihm unendlich mehr gentzt als durch momentane Linderung seines Elends.
    Sie mute das gelten lassen und tat es gern. Es freute sie, von ihm
berwiesen zu werden, sich seiner greren Erfahrung zu beugen, seine schlichte
Lebensweisheit anzuerkennen. Ein schnes Leben lie sich an seiner Seite fhren,
ein ttiges und hilfreiches Leben. Fr alles fand sich Zeit darin, auch fr die
Pflege ihrer geliebten Kunst.
    Im Sptsommer sollte Graf Wolfsberg zu lngerem Aufenthalt bei seinen
Kindern eintreffen. Kurz vor dem Tage jedoch, an dem sie ihn erwarteten, kam
seine Absage. Er hatte die vorlufige Vertretung eines hohen Herrn an einem
fremden Hofe bernehmen und den Besuch in Dornach auf ein Vierteljahr
hinausschieben mssen.
    Der Gleichmut, mit dem Maria diese Nachricht empfing, setzte Hermann in
Erstaunen, wie schon lngst das Schweigen, das sie seit ihrer Verheiratung ber
Alma Tessin beobachtete. Ein Brief von ihrer einst besten Freundin, den er
selbst ihr gebracht hatte, war unbeantwortet geblieben. Hermann fragte nicht
warum. Er wollte seiner Frau eine peinliche Errterung ersparen; es lag ja klar
am Tage: der Zufall, den die Blinden blind nennen, hatte hier gewaltet und Maria
in Kenntnis von Dingen gesetzt, die ihr bisher sorgfltig verborgen worden.
    Der Herbst kam, die Weihnachtszeit rckte heran. Schnee und Eis bedeckten
die Wiesen und die Weiher, die Natur war tot - scheintot. Unter dem Herzen
Marias aber regte sich ein neues Leben und strebte frisch und krftig dem
Tageslicht entgegen.

                                       8


Ein banger Tag in Dornach.
    Die stattliche Frau, die seit einer Woche im Schlo wohnte, der die
Mahlzeiten auf ihrem Zimmer serviert wurden und die zum Verdru des
Kellermeisters mittags und abends eine Flasche Bordeaux vertilgte, weilte seit
zwei Uhr nachts am Bette der Grfin. Auf dem Bahnhofe wartete eine Equipage die
Ankunft des Schnellzugs aus Wien ab, mit dem der Herr Professor ankommen sollte.
Der Herr Doktor hatte sich in Lisettens jungfrulichem Gemache etabliert, und
wenn sich ein Gerusch auf dem Gange vernehmen lie, trat er hinaus und sprach
zu dem etwa Vorbeikommenden: Ich bin hier - da Sie's wissen - fr den Fall,
da ein Arzt ntig wre, da Sie wissen, wo er zu finden ist.
    Niemand hrte auf ihn, er war ganz uninteressant. Die gespannte
Aufmerksamkeit richtete sich ausschlielich auf die Frauen, denen Gelegenheit zu
irgendeiner Handreichung in der Nhe der Wochenstube gegeben war.
    Am Nachmittage mute Hermann sich's gefallen lassen, vom Schmerzenslager
seiner Frau, an dessen Ende er mit verstrtem Gesichte stand, durch Base
Wilhelmine entfernt zu werden.
    Jetzt waren sie in seinem Schreibzimmer, sein Vetter und er. Wilhelm hatte
mitten auf dem Diwan Platz genommen, sich vorgebeugt und beschftigte sich
damit, seine dicken roten Finger knacken zu machen. Hermann ging rastlos neben
dem Bcherschrank, der die Lngenwand einnahm, auf und ab und pfiff entsetzlich
falsch oder versank in ein dsteres Schweigen oder pflanzte sich vor Wilhelm hin
und starrte ihn an.
    Die Dmmerung war eingebrochen, der Kammerdiener erschien.
    Was willst du? fragte sein Herr.
    Die Lampe anznden.
    Wir brauchen keine Lampe, brachte Hermann mhselig hervor, und Wilhelm
dachte: Dem armen Kerl ist das Weinen nah.
    Heute, sagte er nach einer Pause, haben wir drei Marder in der Falle
gefangen, worauf sein Vetter erwiderte: Wieviel Uhr ist es?
    Fnf hat's just geschlagen.
    Dann mu ja um Gottes willen der Professor schon hier sein. Er schellte,
und es dauerte unglaublich lang, bis endlich ein Lakai eintrat und meldete, der
Herr Professor sei angelangt, und Lisette habe ihn zur Frau Grfin gefhrt.
    Eine Stunde verflo, in der die Zeit bleierne Wellen rollte und Wilhelm die
nutzlosen Versuche, Hermanns Gedanken abzulenken, aufgab. Pltzlich blieb dieser
stehen und lauschte. Er hatte die hastenden Schritte, die sich nahten, erkannt,
es waren die Wilhelminens. Sie ri die Tr auf. Das Nebenzimmer war hell
erleuchtet, und wie von strahlendem Goldgrund hob ihre Gestalt auf der Schwelle
sich ab. Hermann? rief sie fragend in das Dunkel hinein. Komm, Hermann, komm
- du hast einen Sohn!
    Und Maria ...
    Wohl, Gott sei Dank.
    Er strzte auf sie zu und hob die schwere Frau in seinen Armen in die Hhe
und jauchzte laut.
    Was heit denn das? sagte sie. Nimm dich zusammen. Sie ist noch matt.
Wenn du dich nicht zusammennimmst, darfst du nicht zu ihr.
    Oh - ich nehme mich ... er machte einen ungeheuren Aufwand an
Selbstberwindung, warf sich in die Brust, umschlang seine Base und zog sie mit
sich fort. Wilhelm, telegraphiere du an meine Mutter, an meinen
Schwiegervater, rief er noch atemlos zurck und durchma den ganzen Weg auf den
Fuspitzen, betrat Marias verhngtes Zimmer unhrbar wie ein Sylphe und htte am
liebsten Wolkenform angenommen, um ihr zu nahen.
    Sie lag ganz still, war bla - bla bis an die Lippen und sah unendlich mde
aus. Aber sie lchelte ihn an, glcklich, sanft und milde. Das Herz wollte ihm
bergehen vor Rhrung - doch sie hate es, bedauert zu werden; er durfte nichts
sagen, er kte nur leise ihre Hnde und blickte dabei mit einer gewissen
Verlegenheit nach einem weien Bndel aus Stoffen, Spitzen, Stickereien,
Bndern, das neben sie hingelegt wurde.
    Ich gratuliere Ihnen zu einem Prachtbuben, sprach der Professor, aus dem
Nebenzimmer tretend.
    Wo? stotterte Hermann, und Wilhelmine brach aus: Jesus Maria, da doch!
    Da - ganz richtig. Unter den Stickereien und Spitzen guckte etwas hervor.
Ein kleines braunrotes Gesicht, mit faltenbedeckter Stirn, mit lichtscheuen,
fest zugedrckten uglein, einer Nase, die mit unzhligen kleinen gelben
Pnktchen bedeckt war, und einem winzigen Mund. Es waren auch Pftchen zu sehen,
die unverhltnismig lange Finger hatten und die zartesten schmalsten Ngel.
Das also war der Prachtbub, das war der Sohn.
    Hermann wunderte sich und kte auch ihm die Hnde.
    Maria erholte sich langsam, und Doktor Weise, der nach der Abreise des
Professors Ordinarius geworden, wurde nicht mde, die grte Schonung zu
empfehlen. Besonders der Nerven. Nur keine Aufregung, Herr Graf, Frulein
Lisette, Frulein Klara, nur keine Aufregung! - Er freute sich, da die Taufe
nicht vor dem vierzehnten Tage stattfinden konnte, weil es dem Grafen Wolfsberg,
der durchaus selbst als Pate seines Enkels fungieren wollte, unmglich war,
frher einzutreffen.
    Der Graf schrieb oder telegraphierte tglich, und es schien Hermann, als ob
diese Botschaften ihres Vaters Maria peinlich berhrten. Zuletzt wagte er nicht
mehr, sie ihr mitzuteilen. Nun aber fragte sie allabendlich: Kommt der Vater?
und als endlich die Antwort lautete: Morgen, da flammte eine fiebernde Rte
auf ihren Wangen auf. Sie schlo die Augen, in kurzen, raschen Schlgen klopfte
ihr Herz, eine unnennbare Bangigkeit berkam sie.
    Was ist dir? fragte Hermann. Maria, was bekmmert dich? Es ist etwas, das
dich bekmmert und das du mir verschweigst.
    Sie seufzte tief auf. La es - bat sie, wir wollen nie davon sprechen.
Geh jetzt, es ist spt. Ich mu Ruhe haben und Krfte sammeln fr morgen.
    Natrlich, erwiderte er und befand sich schon auf den Fuspitzen und
schlug sein beliebtes Sylphentempo an.
    Maria winkte ihn zurck: Eines mchte ich dich bitten - bringe es dem Vater
vor. Das Kind soll Hermann heien, Hermann Wolfgang ... Verstehst du mich? Und
dir, Lieber, mge es nachgeraten.
    Er ging beseligt, er machte sich selbst zum Hter der Ruhe, nach der sie
verlangte. Mehr als Stille ringsumher vermochte er jedoch nicht herzustellen.
Eine so tiefe Stille, da Maria das Atemholen des Kindleins hren konnte, dessen
Wiege dicht an ihrem Bette stand. - Es war unerhrt brav, schrie gerade soviel,
als sich's fr einen zwei Wochen alten Jngling gehrt, sog seine Nahrung aus
der mtterlichen Brust und schlief und lchelte oft im Schlafe.
    Und der Anblick seines Friedens war die einzig wirksame Labung, die Marias
Seele empfangen konnte in dieser letzten Nacht vor dem Wiedersehen mit ihrem
Vater. Ein Wiedersehen und keines - es sollte ja ein anderer Mensch vor sie
treten, nicht der, den sie geliebt und angebetet, einer, der gelogen, betrogen
und gettet - einer, den sie gerichtet hatte.
    Am nchsten Morgen war er da, vllig unermdet, trotz der langen Reise. Den
Wagen, der ihn auf der Station erwartete, hatte er seinem Kammerdiener
berlassen und kam zu Fu an. Ein tchtiger Marsch in der tauigen Frhe war ihm
Bedrfnis gewesen nach zweien im Waggon verbrachten Nchten.
    Sein Schwiegersohn lief ihm entgegen, die beiden Mnner schttelten einander
die Hnde. Wolfsberg fragte zuerst nach Maria und dann unverzglich nach
Waschwasser und lie sich in die fr ihn bereiteten Zimmer fhren.
    Eine halbe Stunde spter stand er vor seiner Tochter, mit unnachahmlich
kunstvoller Nachlssigkeit gekleidet, duftend von Reinlichkeit und Eau de
Toilette, einen freudig gerhrten Ausdruck in seinem energischen Gesichte. Er
klopfte Maria auf die Wange und sagte, halb zu Hermann, halb zu ihr: Mager ist
sie geworden.
    Sie htte aufschreien mgen: Ich wei, was du getan hast, und werde es dir
nie verzeihen! - aber sein Anblick, seine Stimme, sein flchtiger Ku auf ihre
Stirn bten ihre alte Macht. Sie beugte sich ihr fast ohne Widerstreben. - Er
ist ja doch mein Vater, dachte sie.
    Der Graf schenkte seinem Enkel die gebhrende Aufmerksamkeit, setzte sich an
das Bett Marias und begann mit ihr zu sprechen, mehr von sich als von ihr,
offenherzig, vertrauensvoll, recht wie zu einem ebenbrtigen Geiste, dessen
Verkehr er lange und schwer entbehrt. Ihre Klte und Beklommenheit waren ihm
sofort aufgefallen. Er schrieb sie ohne weiteres der richtigen Ursache zu: Maria
hatte etwas, das ihn in ihren Augen herabsetzte, erfahren. Durch wen? - Um gegen
Hermann auch nur den Schatten eines Verdachtes zu hegen, war Wolfsberg zu sehr
Menschenkenner. Was liegt auch daran, dachte er, durch wen deine Illusionen ber
mich zerstrt wurden, du armes Kind, sie sind fort. Du mut lernen, mich zu
nehmen, wie ich bin, und einsehen, da du dennoch stolz auf deinen Vater bleiben
kannst. - Da entfaltete er seine ganze zielbewute Liebenswrdigkeit, stellte
sich in das hellste Licht - indem er einen Irrtum, irgendein begangenes Unrecht
eingestand. Mit der Miene eines Emporblickenden lie er sich zu ihr herab, die
er weit bersah. Galt es doch, einen erschtterten Einflu wiederzugewinnen,
eine schwankende Neigung wieder zu befestigen: zu erobern, mit einem Wort ...
    Wie ihm die Aufgabe gelang! - Wie seine Tochter, als er nach kurzem
Aufenthalte Schlo Dornach verlie, ihn liebte, mehr als je! Der Starke war
hilflos seinen Leidenschaften gegenber, gab das nicht Grund, ihn zu
bemitleiden? Und wer hatte seine Kmpfe gesehen? Mit so feinem Sinn fr alles
Edle begabt, was mute er leiden unter dem Bewutsein seiner Fehlbarkeit! Er
gehrt ja nicht zu denen, die sich feig ber ihre Mngel hinwegtuschen. Dieser
Selbsterkenntnis, sagte sie sich, war wohl auch seine harte Zurckweisung
Tessins entsprungen. Vielleicht fand er - in einer Hinsicht wenigstens -
zwischen dem und sich hnlichkeit ... Er wollte seine Tochter vor den
schmerzvollen Enttuschungen bewahren, die er ihrer Mutter bereitet hatte.
    Nach wie vor weihte Maria der Toten die frmmste und getreueste Erinnerung,
doch war sie in ihren Augen nicht mehr das Opfer eines Verbrechens, sondern die
Mrtyrerin eines unabwendbaren Schicksals, eine leidverklrte Heilige, vor deren
Bild sie in Andacht versank.
    Allmhlich kehrte ihre Heiterkeit zurck und wuchs mit dem Gefhle
zunehmender Kraft und wiedererlangter Gesundheit. Sie hatte es durchgesetzt, sie
nhrte ihr Kind selbst, obwohl das jetzt niemand mehr tut und selbst die rzte
ihr davon abgeraten. Aber sie wute wohl, was sie sich zutrauen durfte.
    Ihr Vetter Wilhelm trug eine Bewunderung fr sie zur Schau, die sich in den
ausbndigsten Aufmerksamkeiten uerte. Den ganzen Winter hindurch kam er
allabendlich, bei jedem Wetter, herbergeritten, machte halt im Schlohofe,
fragte: Wie geht's? und kehrte nach erhaltener Antwort heim auf seiner
kugelrunden Falbin. - Sobald die Wege wieder fahrbar geworden, kamen die
Familiendiners am Dienstag von neuem in Aufnahme.
    Nach dem ersten hatte Wilhelm seinen Vetter in eine Fensterecke gedrckt und
ihm geheimnisvoll zugeflstert: Deine Frau war bisher immer wunderbar -
gemtlich aber ist sie erst jetzt geworden. Das macht das Kind, ja, mein Lieber
... Man sagt: des Herzens Schrein - ganz falsch, es sind Schreine. Da und dort
steht einer offen von Jugend auf. Die anderen ffnen sich nach und nach - ich
spreche nur von guten Menschen natrlich - und den Schlssel zum wichtigsten
bringt manchmal ein Kindlein mit, in seiner kleinen Hand.
    In der Tat schien Maria ein ungetrbtes Glck in ihrer Ehe gefunden zu
haben. Und war sie nicht auch beneidenswert vor Tausenden? Vergttert und
angebetet von einem Manne, den sie innig wertschtzte, Mutter eines blhenden
Kindes, schn, ohne eitel, und hochbegabt, ohne ehrgeizig zu sein, reich genug
mit Glcksgtern gesegnet, um dem regsten Wohlttigkeitssinne Genge tun zu
knnen, gehrte sie zu den Auserwhlten des Schicksals. Sie selbst empfand es
als eine Pflicht, sich zu ihnen zu zhlen.
    Frher, als Hermann es gestatten wollte, hatte sie sich wieder in den Htten
der Armen eingefunden, aber mahnen und drngen mute er, bevor sie den Entschlu
fate, die Schwelle Wolfis nach langer Zeit von neuem zu berschreiten.
    Er war, kaum erholt von einem abermaligen heftigen Anfall seines Leidens,
dennoch aufgestanden, um sie zu empfangen, und kam ihr einige Schritte entgegen.
Ein greisenhafter Zug bildete sich um seinen Mund, als er sie anlchelte.
Endlich, Frau Grfin, sprach er mit schwacher und heiserer Stimme, endlich -
Sie sehen, es geht besser. Ihr groer Arzt gibt mir nur noch beilufig
fnfhundert Tage zu leben, aber ich beabsichtige, Ihnen lnger zur Last zu
fallen, als der Gelehrte sich's trumen lt, ich ...
    Hermann unterbrach ihn mit der Aufforderung, jetzt das Bekenntnis zu tun,
das er auf dem Herzen habe.
    Aber verderben Sie mir die Freude nicht, Frau Grfin, sprach Wolfi.
    Welche Freude?
    Die, zuzuhren, wenn Sie Klavier spielen ... Staunen Sie nur! Der elende
Kerl, der Wolfi, hat Sinn fr Musik - besonders fr diejenige, die Sie treiben.
Er klopfte mit der flachen Hand auf seine Brust. Balsam, Frau Grfin. - Ich
habe mich auf allerlei Umwegen in die Nhe des Schlosses geschleppt, bis zum
Gartenhaus hinter den Fliederbschen, und gelauscht ... Ja, das war Musik! Dabei
luft es einem kalt ber den Buckel, und das ist das Rechte. Ich hatte Ihnen
soviel Leidenschaft gar nicht zugetraut. - Sie haben es da, er griff ans Herz,
und in den Fingern, und ich htt es auch gehabt, wre gewi ein Knstler worden
... Aber hat's denn sein drfen?... Was, Knstler - Lump! Eine Satzung des
groen Grafen: Aus dem Knstler wird nichts, wenn nicht der Lump in ihm die
Begeisterung dazu gibt ... Also ich bitte um freien Eintritt in das Gartenhaus,
bitte auch, den Hunden und den Leuten aufzutragen, mich dort unbehelligt zu
lassen, wenn ich komme, was nicht gar zu oft geschehen wird. Aber ich darf? -
ich darf? wiederholte er ungeduldig.
    Maria zgerte: Ein versteckt lauschendes Publikum ist nicht angenehm.
    Flausen! was wissen Sie, wenn Sie spielen, von einem Publikum.
    Hermann legte seine Frsprache ein, und der Wunsch Wolfis wurde gewhrt.
    Von diesem Tag an verlngerte Maria ihre Besuche bei dem Kranken. Ein
Mensch, der sich noch Empfnglichkeit fr das Schne erhalten hat, kann nicht
ganz schlecht sein, meinte sie und betrachtete es als ihre Aufgabe, diese
Seele, die schon so bald vor den ewigen Richter gerufen werden sollte, zu
retten. Sie hielt den Zynismus, mit dem er ihre Vorstellungen aufnahm, fr eine
scheuliche Maske, und die Einwendungen, die er ihr machte, fr erbrmliche
Prahlereien.
    Eines Nachmittags fand sie ihn in groer Aufregung. Er war mit dem Lesen
eines Briefes beschftigt und empfing sie mit den Worten: Habe ich noble
Korrespondenten, he? Sehen Sie doch die Unterschrift.
    Sie las mit peinlicher Verwunderung Felix Tessin.
    Wolfi steckte den Brief ein. Ja, sprach er nachlssig, der antwortet
einem doch, erinnert sich doch der einstigen Jugendfreundschaft. - Sie lcheln
unglubig? Sie knnen den Gassenkehrer nicht vergessen, der hat Ihnen einen
unauslschlichen Eindruck gemacht. Aber dieser Episode meines bewegten Lebens
gingen andere voran ... Ei, ei - nun, was ist denn los? Er stockte.
    Maria hatte eine Art, den Kopf zu heben und Leute, die etwas taten oder
sagten, das ihr mifiel, dabei anzusehen, die den Kecksten in Verwirrung
brachte.
    Wolfi erfuhr es jetzt. Ohne Sorge! Wozu diesen Aufwand an Wrde? spttelte
er, ich denke nicht daran, mich in Details einzulassen, ich sage nur: Wir waren
befreundet. Felix und ich studierten in Heidelberg zusammen - fragt mich nur
nicht was -, wurden zusammen relegiert. Tessin kmmerte sich nicht um die Anzahl
der Ahnen, die einer hatte, sondern um die der Frauenherzen, die er bezwang, und
um die Klinge, die er fhrte. Die meine hat er schtzen gelernt bei jenem
berfall, den ein beleidigter Ehemann gegen ihn in Szene gesetzt hat ... Ja, wir
waren Freunde!
    Und einer des anderen wert, sprach Maria und wandte sich, um ihr Errten
zu verbergen. Wie hatte sie diese Worte sprechen knnen? War ihre Erbitterung
gegen Tessin nicht lngst berwunden?
    Sie stand auf und verlie das Zimmer.
    Lisette, von der sie sich hatte begleiten lassen, berhufte Wolfi mit
Vorwrfen, ehe sie der Gebieterin folgte.
    Er aber blickte aus dem Fenster der hohen Gestalt nach, die langsam hinter
den Bumen des Parkes entschwand, und murmelte zwischen den Zhnen: O Majestt,
meinen letzten Lebensfunken fr einen Flecken auf deinem Hermelin!

                                       9


Noch ein Herbst auf dem Lande, noch einmal die Weihnachtszeit in Dornach, die
Grfin Agathe bei ihren Kindern zubrachte, im Anblick ihres Enkels schwelgend.
Nach dem Neuen Jahre trennte man sich. Hermann und Maria fuhren zum
Winteraufenthalte nach Wien, Grfin Agathe kehrte in ihre Einde zurck, nicht
ohne die jungen Leute gemahnt zu haben, da es auch gegen die Gesellschaft
Pflichten zu erfllen gibt. Whrend des langen Witwenstandes der Grfin war kein
Fest gefeiert worden im alten Dornachischen Palast, den ein prachtliebender
Ahnherr der Gastfreiheit seiner Nachkommen erbaut. Allabendlich nur hatte sich
das schwere Tor vor der soliden Equipage einer Familienmutter oder der
ehrwrdigen Stiftskarosse geffnet und Glock zehn hinter ihr wieder geschlossen
unter den tiefen Bcklingen des ghnenden Portiers, der nach und nach zu der
berzeugung gelangt war, der Zweck des Lebens sei auszuruhen.
    Das sollte nun anders werden, viel grndlicher anders, als die Gebieter des
Hauses beabsichtigt hatten. Ihr Vorsatz, sich frei zu erhalten von dem Zwange,
alles mitzumachen, erwies sich als unausfhrbar; in kurzer Zeit waren sie von
dem Wirbel erfat. Die Welt sprach zu ihnen wie zu allen ihren Kindern: Gib dich
mir ganz, eine Halbheit kann ich nicht brauchen. Und Maria wenigstens tat der
Welt den Willen, und diese bereitete ihr dafr Triumphe von berauschender und
von denen, die sie als junges Mdchen gefeiert hatte, ganz verschiedener Art.
    Wenn sie frher die Summe dessen zog, was sie sollte, was von ihr verlangt
wurde, so lautete das Resultat: gefallen. Jetzt hingegen schienen alle Menschen
nur einen Wunsch, nur einen Ehrgeiz zu haben, den: ihr zu gefallen. Ein Lcheln,
ein freundliches Wort von ihr beglckte, die geringste Bevorzugung des einen
machte hundert Neider.
    Der erste Ball bei Dornach hatte ungeteiltes Lob geerntet, ein zweiter
Enthusiasmus erregt. Nun sollte ein dritter am vorletzten Faschingstag
stattfinden.
    Zu dem eine Einladung zu erhalten, bemhte sich jemand, der bisher die Nhe
Marias sorgfltig gemieden hatte: Felix Tessin. Sie war ihm anfangs dankbar
gewesen fr seine Zurckhaltung; doch sagte sie sich endlich, da in dieser
etwas viel Aufflligeres liege als in den banalen Huldigungen, die ihr von jung
und alt dargebracht wurden.
    Mit welchem Rechte machte er eine Ausnahme? War zwischen ihnen das geringste
vorgefallen, das ihm erlaubte, sich anders als alle anderen gegen sie zu
benehmen?
    Fast freute sie sich, als sie eines Tages seine Karte fand und ihm eine
Einladung zum Ball senden konnte. Es war Zeit, da er seine Sonderstellung
aufgab. Erst unlngst hatte Hermann gesagt: Tessin hat seine Niederlage noch
nicht verschmerzt, er grollt, und als Maria ihn staunend und bestrzt
angeblickt, ganz ruhig hinzugefgt: Vor einem braven Manne, den du mir
vorgezogen httest, wre ich zurckgetreten, vor Tessin nicht. Ich htte ihn
eher niedergeschossen als zugegeben, da er dich heimfhrt.
    Maria zwang sich mhsam eine gleichgltige Miene ab: Wie - du hast etwas
entdeckt von dem milungenen Versuch des Grafen Tessin, sich auf die einfachste
Weise den Einflu meines Vaters zu sichern? - Allen Respekt! Auer dir ist
dieser kleine diplomatische Fehlgriff niemandem aufgefallen.
    So war auch ich einmal scharfsichtig, hatte Hermanns Antwort gelautet.
Die Liebe tut Wunder.
    An dieses Gesprch erinnerte sich Maria oft, als die Stunde immer nher kam,
in der sie Tessin als Gast in ihrem Hause sehen sollte. Und welche Vorstze
fate sie nicht! Mit welcher Unbefangenheit wollte sie ihm entgegentreten und
sogleich den khl freundlichen Ton anstimmen, der von nun an zwischen ihnen
herrschen sollte.
    Der Faschingmontag kam heran. Es war neun Uhr; Maria hatte ihre Toilette
beendet und sich noch in das Kinderzimmer begeben, um dem Kleinen gute Nacht zu
sagen. Er erwachte, als sie sich ber ihn beugte, stie ein freudiges Lachen aus
und griff mit beiden Hnden nach dem glitzernden Diadem auf ihrem Haupte. Sie
wehrte ihm, kte ihn, schlferte ihn wieder ein und flsterte ihm zu: Du bist
doch mein Hchstes und Liebstes.
    Dann begab sie sich hinber nach den taghell erleuchteten,
blumendurchdufteten Festrumen ... Alles noch leer und still. Nur im
Wintergarten, in dem soupiert werden sollte, der Obergrtner aus Dornach und
seine Leute mit dem Ordnen einer Palmengruppe beschftigt. Und in der Galerie
der Haushofmeister, der mit so feierlichem Ernste, als ob er einem Ministerrate
prsidierte, den schwarzbefrackten Kammerdienern und den goldbetreten,
perckengeschmckten Lakaien seine Befehle erteilte.
    Im khlen Ballsaale ging Hermann mit dem Direktor der Kapelle, einem
berhmten und liebenswrdigen Knstler, in lebhaftem Gesprch auf und ab. Als
Maria sich nherte, blieben beide stehen, und der Musiker rief unwillkrlich
aus: Wie schn Sie sind, Frau Grfin!
    Nicht wahr? erwiderte sie, seine Bewunderung ebenso unbefangen hinnehmend,
wie er sie geuert hatte: Diese Spitzen - eine geklppelte Symphonie; das
Diadem, ein Meisterstck unseres Kchert, prchtig und doch leicht, ich spre es
kaum - lauter Geschenke meines Mannes ... Und seine geringsten, dachte sie.
Hatte er sich ihr nicht selbst vllig zu eigen gegeben? Sein erster und letzter
Gedanke gehrte ihr, und was ihr Leben schmckte und schn und reich machte, vom
Grten bis zum Kleinsten, war das Werk dieses Mannes, der im Besitz ihres
Selbst noch sehnschtig nach ihrer Liebe rang.
    Von unendlicher Dankbarkeit ergriffen, freute sie sich, so schn zu sein,
freute sich, da ihn heute viele glcklich preisen wrden. Strahlenden Auges
blickte sie in den Spiegel ... Sie konnte zufrieden sein mit sich. Nie hatte ein
Kleid ihr besser gestanden als dieses farbig-farblose, eine Mischung von Grau
und Lila, fr die die Sprache keine Bezeichnung hat. Das kostbare, goldgestickte
Spitzengewebe, das eben von ihr gerhmt worden, umgab die herrlich geformte
Bste, bildete eine schmale Spange zwischen der Schulter und dem Oberarm und
wallte, kunstvoll gerafft, vom Grtel nieder bis zu der langen, mit schwerem
Goldbrokat geftterten Schleppe. Die edle, in zarter Flle prangende Gestalt war
wie von einer goldenen Wolke umschimmert, und eine Wonne fr das Auge die
gelassene und stolze Anmut ihrer Bewegungen.
    Allmhlich fllten sich die Sle. bermtig oder abgespannt, mit vergngten,
erwartungsvollen oder mit gelangweilten Mienen wogten die Ankommenden herein.
Die paar hundert Menschen, welche die sogenannte groe Welt ausmachen, trafen
einmal wieder an einem und demselben Orte zusammen - Blte des Adels, Hupter
und Angehrige uralter Geschlechter, die ihr Blut rein erhalten hatten von jeder
Vermischung mit dem nicht Ebenbrtiger.
    Da stehen sie, eine groe Gruppe bildend, die in ihrer Art einzigen, die
berhmten Wiener Komtessen. Die Reden einiger sind so frei und so derb, da es
nicht leicht ist, die Harmlosigkeit zu ermessen, mit welcher sie gefhrt werden.
Slang und nichts weiter, das fliegt sie so an. Die spricht's ihrem Vater und
jene ihrem Bruder und eine der anderen nach. In Wahrheit aber sind sie
sorgfltig betreut worden, von ihrem ersten Atemzuge an behtet vor dem Anblick
des Hlichen und Schlechten, aufgewachsen in Unkenntnis des Elends und der
Schuld. Und jetzt fhrt man sie ein in das Leben, zu welchem das vergangene nur
eine Vorbereitung war; sie nhern sich seiner Schwelle, als wre sie diejenige
der Himmelspforte, und klopfen herzhaft an.
    Und die jungen Herren - smtlich studierte Leute, wenn auch nicht immer viel
mehr, als ntig ist, um die Offiziersprfung zu machen. So mancher von ihnen hat
auf der Schulbank neben dem Sohn des Schneiders oder des Branntweinbrenners
gesessen und manche sauer erworbene gute Klasse dem Ehrgeiz zu verdanken gehabt,
sich nicht regelmig von einem Plebejer berflgeln zu lassen. Ob sie jedoch
gedenken, das Erlernte baldmglichst wieder zu vergessen und nur noch ihrem
Vergngen zu leben, oder ob sie sich fhlen als angehende Marschlle,
Botschafter, Minister: dieselbe Zuversicht, da es die Welt nur gut mit ihnen
meinen knne, beseelt alle, und sie treten hinein wie junge Knige in ihr Reich.
    Schau, wie sie gren, sagte Hermann zu seinem Schwiegervater. Da hat
sich eben ein blhender Schwarm frischgebackener Leutnants und Attachs durch
die Menge gedrngt, um der Hausfrau seine Reverenz zu machen. Sie stehen
unbeweglich, nur die Arme werden noch etwas mehr gerndet, die Schultern noch
ein wenig hher emporgehoben als gewhnlich. Ein leichter Ruck, der Kopf neigt
sich - beileibe nicht zu tief! - eine Viertelsekunde lang - der Gru ist
abgefertigt.
    Modern, sprach Wolfsberg. Die Bursche sind alle nach demselben Rezept
eingetunkt und steif glaciert in Eleganz.
    Und soviel Gutes, das sich hinter den Faxen verbirgt, soviel Bravheit,
Tchtigkeit, Mut und - wie oft - Talent!
    Wenn sie nur damit etwas anzufangen wten ... Guten Abend, Frstin,
unterbrach er sich, das freundliche Kopfnicken einer wohlerhaltenen stattlichen
Dame mit tiefer Verbeugung erwidernd.
    Ich suche einen Platz auf der Estrade zwischen ein paar Nachbarinnen, die
nicht gar zu arg besessen sind vom mtterlichen Ballwahnsinn. Einen
Mauerfliegenplatz, mein lieber Graf, sagte sie lachend und in bester Laune,
obwohl sie wute: Beim ersten Geigenstrich wird es sie erfassen mit fast
unbezwinglicher Lust, sich noch einmal - ein allerletztes Mal - im Reigen zu
schwingen ... Ach! wenn sie sich nicht schmte vor ihrer siebzehnjhrigen
Tochter ...
    Die Ankunft des Hofes wurde gemeldet; Hermann eilte den hohen Gsten auf die
Treppe entgegen, und bald darauf erffnete Maria den Ball am Arme eines jungen
Erzherzogs.
    Whrend der ersten Tnze, umringt und umdrngt, in Anspruch genommen von
ihren Hausfrauenpflichten, hatte sie ihn noch nicht gesehen, an den sie seit dem
Beginn des Festes fortwhrend dachte. Pltzlich meinte sie seine Anwesenheit zu
fhlen. - Er ist da, sagte sie sich und erblickte ihn. Eine entsetzliche
Verwirrung bemchtigte sich ihrer. Seine dmonische Schnheit fiel ihr wie etwas
Neues auf.
    Er stand neben dem Fauteuil Grfin Dolphs, in eifrigem Gesprch mit ihr.
Eifrig ihrerseits, sie war lebhaft angeregt, ein leichtes Rot frbte ihre welken
Wangen, ein heiter satirisches Lcheln umspielte ihre Lippen, ihre scharfen Zge
waren von dem Ausdruck der Zufriedenheit erhellt, die sie nur im Verkehr mit
wirklich gescheiten Mnnern empfand. Tessin sprach wenig, aber jeder der kurzen
Stze, die er vorbrachte, schien eine Welt von Gedanken in dem verstndnisvollen
Geiste der Grfin zu wecken.
    Er brach das Gesprch ab, als sein suchender Blick dem Marias begegnete, und
kam auf sie zugeschritten. Sie wechselten einige Redensarten, er bat um die
nchste Polka.
    Ich gebe Ihnen die dritte - mit meiner Kusine Wolfsberg; sie hat, wie mir
eben anvertraut wurde, keinen Tnzer, antwortete Maria.
    Tessin verneigte sich und ging, um die Komtesse zu engagieren, eine der
Unbegabtesten ihres Geschlechts, fr die jeder Ball eine bung im Sitzen war.
    Der Kotillon, den Tessin mitmachte, bot ihm endlich die ersehnte, glcklich
wahrgenommene Gelegenheit zu einer Entschdigung. Scheinbar zufllig fhrte ihn
eine Wahltour mit Maria zusammen. Mit leidenschaftlicher Hast umschlang er sie.
Einmal wieder! sagte er so laut, da sie erschrak, und schon flogen sie dahin,
und ihr Atem mischte sich mit dem seinen, und sein Mund streifte ihre Haare, und
er drckte sie an sich und sprach: Ich habe Sie gemieden, Grfin - aus Sorge
fr meine Seelenruhe, und sie erwiderte mit einer Stimme, die ihr selbst fremd
klang und herb und unsicher war ... Nein, nein, so hatte sie ihm nicht begegnen
wollen: Und was sichert sie Ihnen jetzt?
    Nichts, aber ich will sie zu gewinnen - das heit zu befestigen suchen -
fern von Ihnen.
    Sie lachte: An welchem Ende der Welt?
    Statt zu antworten, flsterte er ihr zu, rasch und berstrzt: Es wre
schn gewesen, auch jetzt noch zu schweigen, wie ich geschwiegen habe, als man
mich bei Ihnen verleumdete - leugnen Sie doch nicht, kam er dem Einwande zuvor,
den sie erheben wollte -, verleumdete und Sie die Frau eines anderen wurden ...
Es wre heldenhaft gewesen, ich wei, schweigend in die Verbannung zu gehen -
aber zu so hoher Tugend vermag ich mich nicht aufzuschwingen, und Sie sollen
wissen ...
    Also wirklich in die Verbannung, unterbrach sie ihn; da bedaure ich ja
sehr die kleine Nicolette.
    Das htte sie nicht sagen drfen! Oh, wie sie das wute, als es zu spt, als
es schon gesagt war und spttischer Triumph aus den Augen des Herzenskundigen
leuchtete, der in ganz verndertem und leichtfertigem Tone fragte: Die Kleine -
Sie erinnern sich ihrer? War sie nicht nett?
    Sie sprach ihn nicht mehr an diesem Abend, den er ihr, den sie selbst sich
vergllt hatte, den sich ins Gedchtnis zurckzurufen ihr peinlich wurde. Sie
hrte, da er einen exotischen Posten angenommen hatte und sterreich und
Europa fr Jahre verlassen sollte, sehr bald wahrscheinlich, vielleicht schon in
einigen Wochen; der Zeitpunkt war noch nicht genau bestimmt.
    Fast tglich fhrte die ruhelose Geselligkeit, in der sie lebten, sie
zusammen. Sie trafen einander auf dem Eise, im Prater, bei Diners, in Soireen.
Und er, mit groer Geschicklichkeit, mit steter Beherrschung seiner selbst,
wute immer da zu sein, wo sie war, und sich dann mit allen auer mit ihr zu
beschftigen. Er machte auf das eifrigste der und jener koketten Frau in Marias
Gegenwart den Hof, er verschwendete die Schtze seines Geistes und seines Witzes
an irgendeine hbsche Dutzend-Komtesse.
    Das war so seltsam, so unerwartet nach seinem khnen Versuch einer Erklrung
auf dem Balle. Sie belchelte es, fand es kindisch, ihrer und seiner unwrdig
und nahm den Kampf dennoch auf, den er ihr bot. Allerdings beschftigte sie sich
dabei mehr als billig mit ihm, dachte an ihn - immer und immer! Anfangs rang sie
gegen diese trichte Besessenheit, dann erinnerte sie sich des groen Wortes:
Wir befreien uns von unseren Leidenschaften, wenn wir sie denken. - Von
unseren Leidenschaften - um wieviel eher denn von einer Marotte. berdies stand
Tessin am Morgen seiner Abreise; er einmal fort, und der kleine Krieg, den sie
miteinander gefhrt, und die Laune, die ihn heraufbeschworen hatte, waren
vergessen.
    Grfin Dolph, zu deren, wie sie selbst sagte, senilen Eitelkeiten es
gehrte, mit der Marquise du Deffand verglichen zu werden, nannte Tessin, der
sich regelmig in ihrem auswattierten, vor jedem Zuglftchen sorgfltigst
verwahrten Salon einfand, ihren Horace Walpole. Sie sang sein Lob in allen
Tonarten, und ein Massenchor von schnen Damen stimmte ein. Tessin war nie so
ausschlieend und siegreich in der Mode gewesen wie jetzt, da sein Nimbus
dadurch noch erhht wurde, da er einen Scheidenden umgab.
    Die aus berzeugung Unwissenden, die geschworenen Feindinnen der Geographie
begannen diese verachtete Wissenschaft zu pflegen. Landkarten von Asien fanden
nie dagewesenen Absatz in aristokratischen Husern, die Wege, die Tessin nehmen
sollte oder konnte, wurden mit farbigen Stiften auf denselben eingezeichnet.
Eine unerhrte Wanderlust regte sich pltzlich in hundert jungen weiblichen
Herzen.
    Es versteht sich von selbst, da die Abende bei der Grfin Dolph, die sonst
wenig Anziehungskraft besaen, bis zum Ende der Fastenzeit besucht wurden wie
ein Gnadenort. Die gastlich geffnete Zimmerreihe der groen Wohnung, welche die
Grfin im Hause ihres Bruders beibehalten hatte, stand fast leer, whrend das
Gela, in dem die Hausfrau ihren Gnstling empfing, immer berfllt war.
    Der Graf mied diese Gesellschaften, weil Tessin ihr Mittelpunkt war, und
Maria fand sich so selten ein, als unaufflligerweise geschehen konnte. Einmal
aber kam sie nach der Oper, begleitet von Hermann, und bald nach ihnen erschien
Wolfsberg. Er befand sich in schlechter Stimmung; um seinen Mund lagerte der
bse Zug, den Maria einst gefrchtet hatte und der ihr jetzt noch unangenehm
war, weil er eine Hrte verriet, zu welcher ein berlegener wie er sich gegen
Geringere nicht hinreien lassen durfte. Er schritt durch das Gedrnge bis in
die Nhe der Grfin Dolph, die in ihrem kissenreichen Lehnstuhl am Ende des
Zimmers ruhte und mit dem auf einem Taburett neben ihr sitzenden Tessin
scherzte. Ein kleiner Hofstaat von besonders eifrigen Anhngern umgab sie und
mischte sich gelegentlich in ihr Gesprch.
    Begum Somru und Dyce, sagte Wolfsberg im Vorbergehen zu seiner Tochter,
und sie versetzte: Nein, Stuwer &amp; Nachfolger - sie sprechen ein Feuerwerk.
    Der Graf reichte seiner Schwester die Hand, wrdigte einige der Damen seiner
freundlichen Beachtung und bemerkte erst nach einer Weile, da Tessin
aufgestanden war und der Erwiderung seines Grues harrte.
    Nun sah er ihn. Die Blicke beider Mnner kreuzten sich wie blanke Schwerter.
Der jngere senkte seine Augen nicht, und Wolfsberg sprach: Sind Sie
reisefertig? Seit vier Wochen, Exzellenz.
    Um so besser, denn Sie werden wohl kaum noch ebenso viele Tage hier
zubringen. Was meinen Sie?
    Immer das, was Euer Exzellenz meinen. In all und jedem, fiel die kleine
Grfin Felicitas Soltan, genannt Fee, ein, die zu den ausgesprochenen Lieblingen
Wolfsbergs gehrte. Er lauschte gern dem reichen Quell des Unsinns, der aus
ihrem hbschen Mund sprudelte, und fand, ihr Plaudern sei ein hchst anmutiges
Gerusch, bei dem er ausruhe. - Fee war reich und elternlos zu sechzehn Jahren
durch ihre Verwandten an einen viel lteren Mann verheiratet worden, der sie
zwei Jahre spter zur Witwe machte. Jetzt geno sie ihr junges Dasein und das
sich selbst erteilte Privilegium, alles zu sagen, was ihr durch den Kopf fuhr.
Es hatte viel Staub aufgewirbelt in diesem Fasching, da sie sieben
Heiratsantrge ausgeschlagen, weil sie, ihrer eigenen Behauptung nach, seit
ihrer Kindheit in Tessin verliebt war bis ber die Ohren. Jngst hatte er sich
einige Tage lang auffallend mit ihr beschftigt und vernachlssigte sie jetzt
wieder ebenso auffallend.
    Maria durchschaute sein Spiel. Sie wute wohl, wessen Befremden es erregen
sollte, und da es ohne weiteres eingestellt worden, als es seinen geheimen
Zweck verfehlt hatte.
    Jetzt rief die kleine Fee sie an und zwang sie, neben ihr Platz zu nehmen.
Hrst du, fragte sie, wie bald Tessin uns verlassen soll?... Ihr knnts euch
um ihn krnken, wenn's euch freut. Ich krnk mich nicht - ich reis ihm nach.
    Alle lachten, und Tessin sprach achselzuckend: Sie wren in grter
Verlegenheit, Grfin. Sie haben ja keine Ahnung von dem Wege, den Sie nehmen
mten.
    Fee zog ihr feines Kindergesicht in ernste Falten: Ich werd halt fragen,
ich werd auf die Bahnhf fahren, ich werd an jeden Stationschef schreiben in die
vier Weltteil.
    Immer schlimmer, versetzte Tessin, und seine Augen ruhten mit
unbarmherzigem Spotte auf ihr, denn nur im fnften leben Gelehrte, die Ihre
Schrift lesen knnen.
    Sie suchte nach einer Antwort und fand keine. Schau, wie er mit mir is,
flsterte sie ihrer Nachbarin zu. Ihr Mund verzog sich zum Weinen; sie sprang
auf und sprach mit einem Schluchzen in der Stimme: Das is hier eine Hitz, nicht
zum Aushalten!
    Maria folgte ihr. Sie traten beide ans Fenster; Fee prete ihre glhende
Stirn an die Scheibe. Trnen flossen ber ihre Wangen.
    Eine halbe Stunde spter verlie das Ehepaar Dornach die Gesellschaft und
wurde auf der Treppe von Tessin eingeholt.
    Ich begreife nicht, sagte Hermann zu ihm, wie du Freude daran finden
kannst, eine Frau, die dich liebt, lcherlich zu machen.
    Mich liebt? erwiderte Tessin mit einer weder durch diese Worte noch durch
den Ton, in dem sie gesprochen waren, gerechtfertigten Gereiztheit. Ein
Wetterfhnchen, das liebt?
    Der Tausend! - Du wirst doch niemandem aus seiner Unbestndigkeit einen
Vorwurf machen?
    Jedem den schwersten, sprach Tessin mit groem Nachdruck.
    Am folgenden Morgen erhielt Hermann ein Telegramm von dem Gewissensrat
seiner Mutter, Pater Schirmer. Er berichtete auf eigene Faust, da die Grfin -
wenn auch unbedenklich - erkrankt sei.
    Der Entschlu, am selben Abend zu reisen, war sogleich gefat. Die
Anordnungen dazu wurden getroffen, das Kind mit seiner Kamarilla unter der Obhut
Lisettens nach Dornach gesandt.
    Maria geleitete den Kleinen zur Bahn, nahm Abschied von Tante Dolph und
schickte ihrem Vater eine Zeile der Nachricht ins Ministerium. Nach Hause
zurckgekehrt, betrat sie das leere Kinderzimmer und verlie es schnell wieder -
es machte ihr einen peinlichen Eindruck. Sie ging zu Hermann hinber; er war zu
seinem Geschftsmanne gefahren und hatte gesagt, man solle ihn nicht vor der
Essenszeit, sieben Uhr, erwarten.
    
    Nun lehnte Maria etwas mde in ihrem Fauteuil am Schreibtisch. In dieser
ganzen letzten Vergangenheit hatte sie sich geklammert an die Liebe zu ihrem
Kinde, hatte jede Stunde, die ihr angestrengtes Weltleben ihr briglie, mit
Hermann zugebracht. Bald sollte sie nur fr diese beiden leben, durch nichts
zerstreut, durch nichts in Anspruch genommen sein als durch die berechtigten,
die heiligen Empfindungen, die in ihr Dasein getreten waren wie zum Ersatz
zweier anderer, vllig verwandelter: der anbetenden Liebe zu ihrem Vater, der
innigen Zuneigung zu der einzigen Freundin, die sie jemals zu haben geglaubt.
    Ich bin reich genug, sagte sie sich und hatte das Gefhl, da noch einige
Stunden vergehen mten, ehe sie zu dem vollen Genu dieses Reichtums kommen
knne. Dann wrde die unerklrliche Sehnsucht, die ihr jetzt immer und immer die
Seele beklemmte, verschwunden, und sie wrde frei sein - frei - -
    Die Tr des Salons, der an ihr Schreibzimmer grenzte, wurde geffnet, ein
Kammerdiener trat ein und fast zugleich mit ihm derjenige, den er anmeldete:
Graf Tessin.

                                       10


Entschuldigen Sie, Grfin, sagte er, am Eingang erscheinend und
stehenbleibend, da ich Ihnen nicht Zeit lasse, mich fortzuschicken. Ich hrte
aber, da Sie heute reisen, und habe noch dringend mit Ihnen zu sprechen.
    Es war unmglich, ihn abzuweisen in Gegenwart des Dieners. Maria ging dem
Besucher in den Salon entgegen und nahm Platz an einem Tischchen, auf dem ihre
Arbeit lag. Sie bot alle ihre Krfte auf, um eine unbefangene Haltung zu
bewahren, und wies Tessin einen Sessel ihrem Kanapee gegenber an.
    Gott im Himmel, wie fassungslos fhlte sie sich, wie seltsam war ihr zumute!
Die Zunge klebte ihr am Gaumen, eine eiserne Faust schnrte ihr die Kehle zu,
ihr Herz klopfte, ihre Pulse flogen - und diesen tollen Aufruhr ihres ganzen
Wesens brachte - Schmach und Verbrechen! - seine Nhe hervor.
    Er hatte das Wort genommen, und sie, nur mit sich selbst beschftigt, hrte,
ohne zu verstehen, ohne sich Rechenschaft von dem zu geben, was er sagte. Er bat
fr jemanden um Nachsicht und Schonung, er tat es in seiner eindringlichen,
bestrickenden Weise. So warm, so sanft, so bescheiden hatte ihn wohl noch
niemand bitten gehrt. Nichts Einschmeichelnderes auf Erden als der Klang seiner
Stimme. Der Name, der immer wieder auf seine Lippen kam, war der Almas.
    Pltzlich raffte Maria sich auf aus ihrem schweren Kampfe. Was wollen Sie
eigentlich? fragte sie rauh. Was soll ich fr Alma tun?
    Was ich fr sie erflehe.
    Und das ist?
    Oh - Sie schenken mir nicht einmal soviel Aufmerksamkeit als dem ersten
besten Bettler, der Sie auf der Strae ansprche, rief Tessin vorwurfsvoll.
Woran denken Sie? Immer nur an den Glckseligen, der durch Sie der Erste unter
den Menschen geworden ist. Ja, ja, ja! der ist der Erste, der sich rhmen darf,
das hchste Erdengut zu besitzen, eine Frau wie Sie.
    Er rhmt sich nicht, wandte sie ein.
    Tessin lachte: Es wre menschlich - und er hat die Verpflichtung, eine
Vollkommenheit zu sein, und wird ihr gerecht. Aber auch ein anderer, ein
Geringerer, dem sein Glck zugefallen wre, htte verstanden, sich dessen ebenso
wrdig zu machen ... Grfin, Grfin! - Mir selbst traue ich zu, da ich an Ihrer
Seite nicht nur gut, da ich sogar ein Vorkmpfer des Guten htte werden
knnen.
    Maria neigte sich ber ihre Arbeit und sprach: Man tut das Gute um des
Guten willen. Aus einem anderen Grunde getan ist es wertlos.
    Sie leugnen die Bekehrungen durch Heilige, durch Propheten, entgegnete
Tessin, die hinreiende Macht des Beispiels? - Ich gehre nicht zu den
Auserwhlten, die am Urquell schpfen. Ich bedarf einer Freundeshand, gromtig
genug, es fr mich zu tun und mir dann etwas mitzuteilen von der herrlichen Labe
... Der Wohltter des Menschen ist immer nur der Mensch. Ich gbe jeden
gttlichen Schutz und das sogenannte Walten und Vorsehen einer unendlichen
Weisheit um die Treue eines Herzens, das mich liebt, und beneidenswert wre ich,
wenn es mir freistnde den Tausch einzugehen ... Grfin, begann er nach kurzem
Schweigen wieder, so unwichtig ich Ihnen auch bin, haben Sie vielleicht doch
bemerkt, da eine groe Vernderung mit mir vorgegangen ist in der kurzen
schnen Zeit, in der ich gewagt habe, die Augen zu Ihnen zu erheben ... So voll
Ehrfurcht, so demtig und - so tricht khn ... Oh, wenn ich noch errten
knnte, bei dem Gestndnisse mte ich's - und eine dunkle Blutwelle stieg ihm
ins Gesicht -, denn ich hoffte, Sie zu erringen ... Kindisches Wagnis, nach
solchem Ziele zu streben. - Ein Verwandter Alma Tessins darf nicht der
Schwiegersohn des Grafen Wolfsberg werden. Ich htte es wissen und auf das
gefat sein sollen, was geschah.
    Was geschah?
    Ich wurde gestrichen aus den Reihen Ihrer Bewerber ... Meiner
Bewerber?... Sie htten um mich geworben?
    
    Sie wissen es nicht? Ihr Vater hat es Ihnen verschwiegen! rief Tessin
bitter und ironisch aus. Das ist Wolfsbergische Politik! Weder offenherzig noch
gerecht, aber klug. Warum Sie vor eine Wahl stellen, da man doch entschlossen
ist, Ihnen keine Wahl zu lassen? - ber Sie war verfgt; Sie waren, ehe Sie es
ahnten, dem Grafen Dornach versprochen. Versprochen? rief Maria mit
Entrstung aus.
    Sagen wir denn: bestimmt. ber mich schritt Ihr Vater einfach hinweg,
nachdem ich entwurzelt worden in Ihrer guten Meinung ... durch ihn - ich bitte,
leugnen Sie nicht -, durch ihn. Auf welche Weise, frage ich nicht. Das Leben
eines Weltmannes, der jede Mode berufsmig mitmacht, bietet Blen genug. Und
ich trage keinen Harnisch. Jeder gegen mich abgesandte Pfeil trifft meine
unbeschtzte Brust ... Sie aber, Grfin, - so weise, so gerecht, so hochherzig,
Sie hatten fr mich nicht eine Entschuldigung, nicht einen milden Gedanken. Sie
wandten sich von mir ab, stumm und verchtlich - ich werde die Art nie
verschmerzen, in der Sie sich von mir abgewandt haben!
    Sie war erschttert von seiner Anklage, sah ihn an und sprach, alle
Geistesgegenwart verlierend: Auch Sie blieben stumm - htten Sie damals
gesprochen. Jetzt ist es zu spt.
    Zu Ihnen gesprochen? fragte er rasch, ihre letzten Worte berhrend, zu
Ihnen, in deren Herzen nichts fr mich sprach? Nichts, sonst wrden Sie mich
nicht so leicht aufgegeben haben. Auch ist ein Verschmhter nicht immer
aufgelegt, sich zu rechtfertigen. Ein Verschmhter ist leicht gekrnkt, ist
reizbar. Nein, ich wollte warten, bis ich Ihnen zugleich sagen konnte: Leben Sie
wohl, und Ihnen wenigstens meine Uneigenntzigkeit beweisen. Unglaublich albern,
nicht wahr? Es ist zum Lachen. Das nennt man doch Torheit um Torheit begehen ...
Wahrhaftig, ich htte es anders angefangen, wenn ich nicht das Unglck haben
wrde - Sie zu lieben.
    Was sollte sie erwidern? Sie gab ihm recht im stillen. Ihr gegenber hatte
er seine Verfhrungsknste nicht ausgebt. Der Mann, von dem es hie, da er
sich nie vergeblich um Frauengunst bemht habe, nie von denen, die er verlie,
vergessen worden sei, ihr war er nie anders als bescheiden genaht. Sie konnte
ihm nicht widersprechen, als er von neuem begann:
    Sagen Sie mir, ob ein Gymnasiast sich gegen die stumm und hei Vergtterte
ungeschickter, blder htte benehmen knnen, als ich mich gegen Sie benahm?...
Vorbei! Mein freudenreiches Leben bleibt leer, ist nichts. Nun will ich's mit
dem Ehrgeiz versuchen, fuhr er mit einem tiefen Seufzer fort, dem
Auskunftsmittel so manches Gescheiterten. Wenn Sie einmal hren, da ich irgend
etwas geworden bin, das zu sein der Mhe wert scheint, dann erinnern Sie sich
dieser Stunde und wgen die Bedeutung ab, die uerer Glanz des Daseins fr mich
haben kann.
    Er hielt inne, er wartete, Maria schwieg. Schchtern beinahe kam Tessin nach
einer Weile auf seine erste Bitte zurck, sprach wieder von Alma: Haben Sie
Mitleid mit einer Unglcklichen, ein wenig Mitleid, Grfin. Sie selbst wagt es
nicht, Sie anzuflehen. Sie glaubt nicht einmal, an einem Orte mit Ihnen wohnen
zu drfen; sie vergrbt und verzehrt sich auf dem Lande in Einsamkeit und Reue
...
    Sie tut recht, unterbrach ihn Maria kalt und leise. Mit welcher Stirn
vermochte sie es frher, mit mir zu verkehren und - es ist unfabar - mit
hundert Menschen, die alle in Kenntnis waren von ihrer unshnbaren Schuld.
    Unshnbar? Ich meine, sie shnt.
    Mge sie es versuchen. Damit erhob sie sich, und er sprang auf: Sie
entlassen mich?
    Leben Sie wohl.
    Ihre Hand!... Reichen Sie mir zum Abschied die Hand. Ein paar Duellanten
reichen sich die Hand, wenn einer den anderen entwaffnet hat. Grfin Maria, ich
habe die grausamste Niederlage erfahren, ich habe alles verloren, Hoffnung, Mut,
Kraft. Sie haben sogar den elenden Stolz gebrochen, der mich noch aufrecht hielt
- aus Erbarmen, geben Sie mir die Hand! Seine Zhne knirschten, sein edles
stolzes Gesicht war leichenbla.
    Maria machte eine verneinende Bewegung mit dem Haupte. Nach einem letzten
fragenden, beschwrenden Blick verneigte er sich und trat aus dem Zimmer.
    Maria blickte ihm nach. Da war ja ein vollstndiger Sieg ber sich selbst
von ihr errungen worden; denn wahrlich, das Erbarmen, um das er gebeten hatte,
fllte ihre Brust zum Zerspringen, und s und wonnig wre es ihr gewesen, die
Hand zu erfassen, die er beim Abschied nach ihr ausstreckte, und ihm zu sagen:
Sie leiden nicht allein. Nehmen Sie diesen Trost mit sich.
    Aber sie hatte ihm die Hand nicht reichen drfen. Er wrde gefhlt haben,
da sie zitterte und eisig war, weil alles Blut zu dem aufrhrerischen Herzen
strmte, das ihm so toll entgegenschlug.

Knapp vor der Abfahrt des Zuges trafen Hermann und Maria auf dem Bahnhofe ein,
und wenige Minuten spter dampfte die Lokomotive durch die Halle.
    Ist das nicht Tessin? fragte Hermann, auf eine dunkle Gestalt deutend, die
im Schatten eines Pfeilers stand und den fortrollenden Wagen nachblickte.
    Maria hatte ihn lngst gesehen: Ja, es ist Tessin.
    Mit dem Gesicht eines Selbstmrders, versetzte Hermann. Er ist mir
unheimlich seit einiger Zeit.
    Es war wieder eine laue, schne Frhlingsnacht wie vor zwei Jahren, als sie
ihre Hochzeitsreise nach Dornach angetreten hatten. Maria drckte sich in eine
Ecke und schlo die Augen, und wieder, wenn sie sich ffneten, begegneten sie
dem treuen, liebevollen Blick des Mannes, der ber ihr wachte.
    Ihre Verstimmung war ihm sogleich aufgefallen. Er schrieb sie der
berstrzten Abreise zu, die allen eben jetzt besonders reichlich gebotenen
Vergngungen der Stadt ein pltzliches Ende machte, fand sie sehr begreiflich
und bedauerte, Marias Opfer egoistisch angenommen und zugegeben zu haben, da
sie ihn nach Dornachtal begleitete.
    Wenn wir meine Mutter getrost verlassen knnen, sagte er, fahren wir im
Mai nach Wien zurck zu den Rennen.
    Maria widersprach: Das wollen wir nicht tun, du hast kein Interesse daran,
und ich, glaube mir, ich sehne mich nach der Ruhe in Dornach. Dorthin wollen
wir, sobald die Mutter unserer nicht mehr bedarf. Nach Dornach, Lieber - dort
wird alles gut werden. Unwillkrlich, mehr zu sich selbst als zu ihm, waren die
letzten Worte gesprochen, und nicht mit Zuversicht - mit peinvollem Zweifel.
    Hermann ergriff ihre Hnde: Was soll erst gut werden? was ist nicht gut?...
Sprich, sag es mir, du mein alles, mein Kind und meine Gottheit. Beglckerin!
was fehlt dir zum Glcke?
    Sie entzog ihm ihre Hnde, um sie auf seine Schultern zu legen, und sah tief
in seine friedlichen Augen hinein: Mein Freund ... Mein Freund, wiederholte
sie und dachte daran, ihm alles zu gestehen, ihm zu sagen: Hilf - befreie mich -
ich ringe in entsetzlichen Banden. Es frit mir am Herzen, es ist ein sndiges
Mitleid, eine verbrecherische Sehnsucht. Hilf, hilf, rette mich vor dem Wirrsal,
in das ich geraten bin!
    Sollte sie so zu ihm sprechen?
    Eines Augenblicks Dauer, und sie staunte, wie der Einfall ihr hatte kommen
knnen. War denn nicht jede Gefahr vorbei? Was galt es noch zu bekmpfen? -
Einen Sturm von Empfindungen, dessen sie allein Herr werden wollte.
    Mir fehlt nichts, sagte sie, es sind Launen, Bester, die jeder Sterbliche
hat, du allein ausgenommen. Ich kann nur wiederholen, was ich dir schon als
Braut sagte: Habe Geduld mit mir.

Grfin Agathe empfing ihre Kinder, als sie am nchsten Tage kurz vor dem
Mittagessen bei ihr eintrafen, mit sehr absichtlich betonter berraschung. Sie
befand sich zwar noch zu Bette, aber nur aus Rcksicht fr die viel zu weit
getriebene ngstlichkeit ihres Hausarztes. Es sei ihr hchst unangenehm,
versicherte sie, den Kleinen allein in Dornach zu wissen - noch dazu ihretwegen.
Eine Einwendung lie sie nicht gelten und blieb dabei: Ohne seine Mutter ist
ein so junges Kind immer allein. Nur um mich keine Sorgen! Was der Herr
beschliet, haben wir in Demut hinzunehmen. Aber ich hoffe von seiner Gnade, da
er mein Gebet erhren und mich noch hier lassen wird, um meinen dritten Enkel zu
segnen. Drei mssen es sein. Einer fr Dornach, einer fr Gott, einer fr den
Kaiser.
    Majoratsherr, Priester, Soldat, murmelte Pater Schirmer, nickte dreimal
dazu, kreuzte seine kleinen Hnde ber dem Magen und guckte aus winzigen Augen
ber die runden Polster der Wangen mit einer wahren Flle von Wohlwollen und
Freundlichkeit vor sich hin.
    Die Grfin beruhigte sich erst, als Maria ein Telegramm nach Dornach
abgesandt hatte, in dem sie ihr Eintreffen fr den drittnchsten Tag ankndigte.
Hermann wurde gebeten, lnger zu bleiben. Es geschah auf Veranlassung Pater
Schirmers, der, mit dem Amte eines Sekretrs betraut, infolge seines Bestrebens,
jede Strung der Harmonie zwischen Gutsbesitzer und Gutsverwaltung
hintanzuhalten, einen verderblichen Schlendergang in der Leitung der Geschfte
geduldet hatte. Mit Schrecken war er sich des Unheils bewut worden, das seine
Ohnmacht angerichtet. Das Eingreifen der festen Hand Hermanns war notwendig.
    So kam denn Maria allein in Dornach an.
    Auf der Station wartete Wilhelm und empfing seine Base bewegt wie ein
Liebhaber. Er bestellte ein Willkomm-Lallen von seinem Prachtneffen, die
wrmsten Gre Helmis und Handksse der Rangen. Er konnte die schriftlichen
Nachrichten ber das Befinden Wolf Forsters, die Doktor Weise im Laufe des
Winters nach Wien geschickt hatte, besttigen. Der Patient war wohl genug, um
Dornach verlassen und die Fahrt nach einem Jagdschlchen Hermanns, das ihm zum
bleibenden Aufenthalt angewiesen wurde, unternehmen zu knnen. Er selbst freue
sich sehr darauf und spreche nur noch von seiner lang gehegten und mhsam
gebndigten Passion fr das lustige Waidwerk.
    Lauter Gutes, lieber Wilhelm, du bringst lauter gute Botschaft, sprach
Maria, und Trnen traten ihr in die Augen.
    Das Beste bringen Sie, rief er aus, Sie bringen sich.
    Wie sagst du? Sie!?
    Entschuldige! das macht der Respekt ... Nach so langer Trennung kommt es
mir ordentlich keck vor ... Er wurde verlegen und schwieg.
    Sie rollten im raschen Trabe der Pferde dahin.
    Durchsichtig blau und wolkenlos wlbte sich ber ihnen der Himmel. Im
Westen, in einer Einsattelung der Bergkmme, bildete die untergehende Sonne
einen blendenden Feuerherd und sandte ihre Strahlengre ber die keimende,
knospende, blhende Welt, die sie zu neuem Leben erweckt hatte.
    Ewig gelstes, ewig unlsbares Rtsel, Frhlingswunder! - Still lie Maria
es auf sich einwirken und betete die eine und einzige Kraft an, die webt und
treibt im Hlmchen auf der Wiese, widerhallt aus der tnenden Brust der
Nachtigall, unwiderstehlich lockt und ringt im Menschenherzen.
    Man war vor dem Schlosse angelangt, Wilhelm bestieg seinen Gaul und ritt
heim, nachdem er versprochen hatte, sich morgen als Pater familias in Dornach
einzufinden.
    Maria hielt ihr Kind in ihren Armen; sie kte und liebkoste es und
wiederholte ihr Sprchlein: Alles gut - lauter Gutes - -
    Ach, wenn der bittere Vorwurf nicht wre! der nagende, peinvolle Vorwurf
gegen einen Menschen, der nicht in ihrer, nein, in dessen Schuld sie stand,
unerbittlich grausam gewesen zu sein. Sie htte sich berwinden, ihm die Hand
reichen und sagen sollen - was hielt sie ab, welche Pflicht verbot es ihr? - :
Ich habe Sie geliebt. Dereinst, als ich noch frei war. Die Verhltnisse haben
uns getrennt. Nun wollen wir unsere Schuldigkeit als brave Menschen tun und beim
Wiedersehen nach Jahren, wenn die Empfindung, die uns jetzt noch bedrckt und
verwirrt, erloschen sein wird, einander als alte Freunde entgegentreten.
    Htte sie doch so gesprochen, so sprechen knnen! Schwche, Schwche, da
sie es nicht gekonnt. Jetzt bleibt der Stachel in ihrer Brust, der Tropfen Gift
in ihrem Blute. Sie sollte den Blick nie vergessen, den er ihr beim Scheiden
zugeworfen.
    Als sich Maria in ihr Schlafgemach begeben hatte, erschien Lisette, um gute
Nacht zu wnschen und eine Botschaft von Forster zu berbringen. Er geht also
fort, sagte sie, und lt dich bitten, instndig, da du morgen Klavier
spielst und dann hinkommst in den Pavillon. Er mcht sich gar so gern bei dir
empfehlen und dir auch den weiten Weg ersparen bis zur Hegerin. Wirst du
kommen?
    Ja.
    Noch etwas, denk dir. Heut hat er Besuch gehabt, der Wolfi. Ein Freund von
ihm, der eine weite Reise macht, hat sich hier aufgehalten von einem Zug zum
andern.
    Maria rckte den Schirm, der auf dem Tische stand, vor die Lampe. Wer?
fragte sie.
    Den Namen wei ich nicht. So ein hbscher groer; das Gesicht wie von einem
Italiener. Hat einen Backenbart, rabenschwarze, etwas gelockte Haare, die Nase
gebogen, das Kinn ausrasiert. Vielleicht kennst du ihn. Ich hab ihn zwar nie bei
uns gesehen.
    Nachdem die Alte sich entfernt hatte, durchwandelte Maria noch lange das
Zimmer und dachte dessen, den jede Minute, jede Sekunde weiter hinwegtrug von
ihr und der wohl auch wachte und litt wie sie und ihr grollte und zrnte ...
    Er war da gewesen, er hatte die Erinnerung an die Sttte, an der sie lebte,
mitnehmen wollen in seine freiwillige Verbannung. - Einen Tag nur - nur einen,
und sie htten einander noch gesehen und den Abschied nehmen knnen, den sie
sich in immer holderen, reineren Farben ausmalte.
    Der Morgen kam. - Das Kindlein wankte ebenso tollkhn wie unsicher an der
Hand der Wrterin in das Schlafgemach herein, dem Bette seiner Mutter zu und
jauchzte ihr entgegen ...
    Maria erhob sich nach wenigen Stunden eines unerquicklichen, durch wste
Trume gestrten Schlafes. Sie wollte ihr Tagewerk beginnen, aber sie hatte Blei
in den Gliedern, einen eisernen Reifen um den Kopf. Alles wurde ihr schwer,
alles versagte, sogar die getreue Kunst. Sie schlo das Klavier, nachdem sie
einige Akkorde angeschlagen hatte, eilte hinab ins Freie, umschritt das Haus und
wanderte durch einen Fliedergang dem Pavillon zu. Forster wartete ihrer dort;
sie wollte ihn treffen und durch den letzten, der den Scheidenden noch in der
Heimat gesprochen, eine Kunde von ihm haben.
    Sie war angelangt und berschritt die Stufen, die zum Pfrtchen des kleinen
Baues hinauffhrten, einer zierlichen und luxurisen Spielerei aus dem 18.
Jahrhundert. Er enthielt zwei durch Rundbogen getrennte Zimmer. Die Wnde und
die Mbel waren mit gelbem chinesischem Seidenstoff berzogen, die Fenster mit
demselben kostbaren Gewebe verhangen.
    Als Maria aus dem grellen Tageslicht in die goldige Dmmerung trat, schwamm
es ihr vor den Augen, und sie vermochte nicht, einen scharfen Umri zu
unterscheiden. Aus dem Nebenzimmer nahte jemand langsam und zgernd, wie ihr
schien. Forster, rief sie.
    Keine Antwort. Nach einer Weile erst ihr leise geflsterter Name.
    Maria erkannte die Stimme sogleich und schrie auf: Sie! Tessin strzte ihr
entgegen mit inbrnstig gefalteten Hnden ... sie streckte die ihren abwehrend
aus: Fort!... wie knnen Sie es wagen?... das ist Verrat. Gehen Sie!
    Er schttelte den Kopf: So nicht. Ich hab's versucht - es ist unmglich.
Entschlossenheit in jeder Bewegung, die Brauen drohend zusammengezogen, trat er
nher.
    Sie wich schweigend zurck und schritt dem Ausgang zu. Da warf er sich
zwischen sie und die Tr, und als Maria ans nchste Fenster rannte und es zu
ffnen versuchte mit bebenden Fingern, die den Gehorsam versagten, glitt ein
finsteres Lcheln ber seine Zge.
    Sie wollen Leute herbeirufen, tun Sie es doch. Der Gewalt mu ich weichen.
- Aber nicht lebendig ... das sage ich Ihnen - und Sie, er hob beteuernd die
Rechte, Sie glauben mir das.
    Wahnsinn, stammelte Maria, von Furcht und Schrecken durchbebt.
    Nein, Verzweiflung!... Was hab ich Ihnen getan? warum verachten Sie mich? -
Ich habe Sie unaussprechlich geliebt. Und was haben Sie mir getan? Sie haben
mich verschmht, mihandelt, wie ich nicht dulde, da man mich mihandle. Sie
haben die reinste Empfindung meines Lebens verkannt, mir gemeine Beweggrnde
zugeschrieben, mich verletzt, kalt und berechnend, an der empfindlichsten Stelle
meines Herzens -geben Sie mir Genugtuung! Er sah sie an, verstrt, in rasender
Erregung ... Aber pltzlich, wie durch Zaubergewalt beschwichtigt, sank er auf
das Knie.
    Was war denn geschehen?
    Eine von Angst gefolterte Frau, die mit ihren Trnen kmpfte, stand vor ihm.
Ihr Stolz war gebrochen; mit ersterbender Stimme sprach sie: Sie mssen fort.
    Ja, ja? er fate ihre widerstrebende Hand. Unter einer Bedingung ...
Geben Sie mir das Zeichen des Erbarmens, um das ich schon gefleht habe. Ich will
als Gnade empfangen, was mein Recht wre, was Sie mir schuldig sind fr alles
... auch fr den Mord des besseren Menschen, der in mir schlummerte, der
erwachen wollte unter Ihrem Einflu und den Sie gettet haben, als Sie mich
aufgaben.
    Immer heier bestrmte er sie, immer berzeugender strmte die Rede von
seinen Lippen, ein berauschender Hauch der Leidenschaft ging von ihm aus: Was
verlange ich denn? Ein Wort des Trostes mit auf den Weg, einen gtigen Blick,
einen Hndedruck ...
    Das durfte sie gewhren, das war es ja, wonach sie sich gesehnt hatte all
die Tage lang - vor dem Scheiden auf ewig ein Lebewohl in Frieden und
Vershnung.
    Seine Augen flammten zu ihr empor, sie neigte sich, ihr Blick ruhte in dem
seinen, und sie flsterte: Weil es unsere letzte Begegnung ist, Tessin, so
wissen Sie ... ich habe nicht leicht verzichtet. Sie sind mir nicht gleichgltig
gewesen ...
    Da brach er in jubelndes Entzcken aus: Endlich! Endlich! - Weich und
zrtlich, in wonniger Dankbarkeit prete er seine Stirn, seine Lippen auf ihre
Hand, und Maria, im schwersten Kampfe ringend, flsterte ihm leise zu: Nun
fort.
    Ganz verwandelt, auer sich, sprang er auf: Nein, und nein! - Du hast mich
geliebt, du liebst mich noch! Er zog sie in seine Arme und erstickte mit seinen
Kssen den Schrei, den sie ausstie.
    Sie wollte sich ihm entziehen - sie wollte sich retten - und lag an seiner
Brust, unwiderstehlich hingerissen wie von einer Naturgewalt.
    Zwei trunkene Menschen hatten kein Bewutsein mehr von Ehre, Pflicht und
Treue, ihnen versank die Welt und jegliches Erinnern.

Die Sonne stand im Scheitel, Maria war allein.
    Seit langem, langem - seit einer Ewigkeit ... Oder nicht? - war sie eben
erst verlassen worden beim Aufschrecken aus einem grlichen, seligen,
unmglichen Traum?...
    Sie sa da, die Hnde auf den Tisch gelegt, das Gesicht in die Hnde
vergraben, als die Tr geffnet und ein keuchender, pfeifender Atem hrbar
wurde.
    Wolfi schleppte sich herein, auf einen Stock gesttzt, und fiel schwer auf
den Diwan neben Maria hin. Er streckte die Beine aus, lehnte sich zurck und
sthnte: Da hab ich's. - Das war ein teurer Spa.
    Maria starrte ihn an, entsetzt ber sein Aussehen. Es war das eines
Sterbenden. Sie sind erschpft, der Weg hierher war Ihnen zu weit, sagte sie.
    Der Weg hierher? Er wollte lachen, doch kam nur eine Art Schluchzen aus
seiner Kehle. Das nicht, aber da ich Ihren Liebhaber durch den Wald hab fhren
mssen - damit er sich nicht verirrt. Und dann sein Dank ... Mich
niederzustechen hat er gedroht, weil ich nicht schwren wollte, mein Maul zu
halten. Ihm schwren, dem Menschen ohne Treu und Glauben.
    Maria war versteinert. So war sie in eine Falle gelockt worden. Tessin hatte
einen Vertrauten gehabt. Haben mssen. Natrlich - zu Gelegenheiten braucht man
Leute, die sie machen, Helfer, Hehler. Einen wie den Niedertrchtigen da ... Ihr
Herz stand still, als diese Gedanken sie so klar, so kalt durchblitzten. Kommt
der Tod? - Ach, kme er doch von selbst, da ich ihn nicht suchen mte - denn,
wie knnte sie jetzt noch leben?
    Md, md bin ich, sthnte Wolfi, ich liege schlecht - hilf ein wenig.
    Von Abscheu und Ekel ergriffen, rang Maria mit sich selbst, doch beugte sie
sich, er umklammerte ihren Nacken, sie fate ihn an den Schultern, legte ihn -
er kam ihr leicht vor wie ein Kind - der Lnge nach auf das Ruhebett und schob
Kissen unter seinen Kopf: Bleiben Sie so. Ich schicke den Arzt.
    Brauche ihn nicht - nicht ihn - dich allein - mir ist schon besser ...
Deine Sorgfalt tut mir wohl. - Wrst du immer gtig gegen mich gewesen - ich
htte dir vielleicht erspart - vielleicht ... Gewi wei man's nicht - ein
Mensch wie ich - er stockte, schwerer noch rang sich der Atem aus seiner Brust,
die roten Flecken auf seinen Wangen frbten sich dunkler. Nun ging eine seltsame
Vernderung in seinen Zgen vor; sie nahmen pltzlich einen milden, fast edlen
Ausdruck an.
    Du bist nicht mehr stolz, sprach er kaum vernehmbar, verachtest niemanden
mehr?
    Sie, mit herzzerreiender Klage, antwortete: Nur mich!
    Wirst du jetzt Bruder zu mir sagen?
    Bruder.
    Triumph ...! Seine letzte Kraft erschpfte sich in der Anstrengung, mit
welcher er dieses Wort hervorbrachte. Aus seinem Munde quoll ein Blutstrom, sein
Kopf, den er ein wenig erhoben hatte, sank in die Kissen.
    Maria stie einen Schrei aus: Zu Hilfe! Zu Hilfe! er stirbt!

                                       11


Die Hilferufe, die aus dem Gartenhause drangen, wurden zuerst von dem Kind eines
Arbeiters gehrt; es wagte sich nicht nher, holte aber Leute herbei. Diener
rannten nach dem Arzt. Als er kam, fand er die Grfin mit blutbespritztem Kleide
halb ohnmchtig zusammengesunken an der Leiche Wolfis. Sie war nicht zu bewegen,
von der Stelle zu weichen, bevor jeder denkbare Wiederbelebungsversuch
unternommen worden.
    Wie Doktor Weise vorausgesagt hatte, blieb alles vergeblich. Er durfte sich
auf seinen Frulein Lisette gegenber oft getanen Ausspruch berufen: eine
heftige Erhitzung und dergleichen oder einer der Zornanflle, denen Herr Forster
unterworfen war und bei denen er zu schreien pflegte wie besessen, knne einen
Blutsturz herbeifhren, whrend er vielleicht ein alter Mann geworden wre, wenn
er sich nur entschlossen haben wrde, jetzt schon den Duktus eines solchen
anzunehmen. Das Gelchter, mit dem der Patient diese Verheiung zu beantworten
pflegte, hatte den Doktor immer gekrnkt.
    Und krnkt mich noch, sagte er zu den Herrschaften Wilhelm, denen er am
Nachmittag in seinem Einspnner ein Stck Weges entgegengefahren war, um ihnen
pflichtgem zuerst von dem traurigen Ereignis in Dornach und den Umstnden,
unter welchen es stattgefunden, Mitteilung zu machen. Auch legte er ihnen die
Frage zur Entscheidung vor, ob nicht an die telegraphische Berufung des Herrn
Grafen gedacht werden solle, und zwar aus Rcksicht fr die Frau Grfin, die
sich infolge des ausgestandenen Schreckens in einem Zustande hochgradiger
Aufregung befnde.
    Sehr irritiert, wenn auch bemht, Selbstbeherrschung zu ben. Ich habe
unvermerkt den Puls gegriffen - kaum zu zhlen. Es wre nicht unmglich, da
sich da etwas entwickelte, sprach er mit dem traditionellen rztlichen
Kopfschtteln.
    Da sich was entwickelte? fragte Wilhelm, in hchster Bestrzung aus dem
Wagen springend, ergriff den Arm des Doktors und blickte angstvoll zu ihm empor.
    Je nun, versetzte dieser mit wichtiger Miene, ein leichter Typhus oder
etwa Entzndung - cordis basis - cordis conus ...
    Ist das gefhrlich? - - Hol der Kuckuck diese Namen, die niemand versteht
und die einem nur bang machen, wandte er sich an seine Frau. Sie war
gleichfalls ausgestiegen, an seine Seite getreten und suchte ihn zu trsten.
    Fasse dich, es wird nicht so schlimm sein. Aber die Buben meinte sie,
mssen wir nach Hause schicken.
    Freilich, und Wilhelm berblickte die Hupter seiner Lieben, die aus dem
weitlufigen Jagdwagen hervorguckten wie aus einem Pferche. Wenn ihrer zwei
waren oder drei, es ginge noch. Acht Stck in einem solchen Moment - unmglich.
Fahr sie heim, sprach er zu dem alten Kutscher, der sein ganzes Vertrauen
besa, weil er selbst zehn Kinder hatte.
    Eine Revolution, die im Wagen ausbrechen wollte, wurde durch wenige
Machtworte des Vaters und die sanften Vorstellungen der Mutter unterdrckt.
Willi, der lteste, erhielt die Erlaubnis, sich auf den Bock zu setzen und zu
kutschieren, die andern berlie man ihrer Enttuschung.
    Wilhelmine nahm den Platz nicht an, den ihr der Doktor neben sich in seiner
auf Rder gesetzten Muschel anbot. Sie schritt, ein immer treuer Kamerad, an der
Seite ihres tief bekmmerten Gatten dem Schlosse zu. In der Halle trafen sie
Lisette. Sie fahndete auf den Doktor, sie begriff ihn heute zum erstenmal nicht
ganz. Wie konnte er das Haus verlassen whrend eines sorgenerregenden
Unwohlseins Marias und eine so schne Gelegenheit versumen, sich unentbehrlich
zu machen. - Und wo blieb er denn jetzt?
    Ins Dorf ist er gefahren, antwortete Wilhelm und eilte die Treppe hinauf.
    Seine Frau folgte ihm und hatte Mhe, ihn zu bewegen, im Salon zu warten,
bis sie ihm Nachricht bringen wrde, ob die Kusine ihn sehen knne.
    Maria war in ihrem Schlafzimmer, das sie seit Stunden rastlos, mit raschen,
regelmigen Schritten durchma. Beim leisen Pochen Wilhelminens blieb sie
stehen und rief, als diese sich genannt hatte: Komm, komm! nach dir habe ich
mich gesehnt, deine Nhe ist mir ein Trost.
    Wr es so, vermcht ich dich zu trsten, armes, armes Kind! Sie fate ihre
Hand, drckte sie liebreich und kmpfte mit dem Bedauern und dem Schmerz, die
sie beim Anblick der Vernichtung und Trostlosigkeit im Gesichte Marias
berwltigen wollten.
    Ihrer mtterlichen Zrtlichkeit und berredungskunst gelang es endlich, die
Erschpfte zu bewegen, sich in einem Fauteuil niederzulassen und sogar etwas
Nahrung zu nehmen.
    Der heute gestorben ist, war mein Bruder, sprach Maria pltzlich. Weit
du es?
    Wilhelmine antwortete einfach: Jawohl, es ist ja kein Geheimnis daraus
gemacht worden.
    Und ich bin hart und stolz gegen ihn gewesen, begreifst du? - ich! Sie
brach in Trnen aus, sie schluchzte, die furchtbare Spannung ihrer Seele hatte
sich gelst.
    Allmhlich wurde sie wieder Herrin ihrer selbst, verlangte Wilhelm zu sehen
und geriet nur vorbergehend in heftige Aufregung, als er den Vorschlag machte,
an Hermann zu telegraphieren.
    Unter keiner Bedingung! - er wrde kommen.
    Und soll er nicht?
    Nein, die Mutter bedarf seiner. Ich schreibe ihm, setzte sie hastig hinzu,
verlat euch auf mich. - Niemand sonst schreibt ihm. Gebt mir euer Wort
darauf.
    Welche Frau! sagte Wilhelmine im Nachhausefahren zu ihrem Manne. Sie
beweist mir von neuem, da der ganz edle und gute Mensch sich nie genugtut. Ist
nicht das Auerordentliche fr den unglcklichen Forster geschehen? Nun, Maria
macht sich noch Vorwrfe. Dergleichen gibt einen Mastab fr den Wert einer
Seele. Welche Frau! Ich habe sie wie ein neuntes Kind in mein Herz geschlossen.
    Der Brief Marias an Hermann mute mit Ruhe und berlegung geschrieben worden
sein, denn in dem ausfhrlichen Telegramme, das Wilhelm am folgenden Abend von
seinem Vetter erhielt, sprach dieser nicht die leiseste Besorgnis um seine Frau
aus. Er bat Wilhelm, Anordnungen zur wrdigen Bestattung Wolfis zu treffen, und
hoffte, zu Ende der nchsten Woche in Dornach sein zu knnen.
    Die Leiche Forsters war kaum der Erde bergeben, und schon tauchten allerlei
Gerchte ber die unmittelbare Ursache seines Todes auf. Ein Jger behauptete,
ihn kurz zuvor gesehen zu haben, nahe an der Waldgrenze auf einem Fusteig, der
nach der Nordbahnstation fhrte. Er befand sich im Streite mit einem langen
Schwarzen, den der Jger aus der Entfernung fr den Adjunkten gehalten. Der
Adjunkt wurde zur Rede gestellt, konnte aber leicht nachweisen, da er sich am
selben Tage, zur selben Stunde im benachbarten Stdtchen befunden, wohin der
Herr Oberfrster ihn geschickt hatte, Grassamen einzukaufen. Offenbar irrte der
Jger in der Person des Individuums, mit dem Wolfi jngst in einer fr ihn
verhngnisvollen Weise verkehrt. Da es einen solchen Menschen gab, das
bezweifelte niemand.
    Es knnte, meinte der Doktor, wie immer vorbehaltlich, wohl ein Pascher
gewesen sein, durch welchen sich mein Patient hinter meinem Rcken vielleicht
Zigarren verschaffen wollte. Oder vielleicht ein Glubiger, der einen Versuch
machte, sein Geld einzutreiben.
    Lisette hingegen erklrte, bei ihr stnde es fest, da es derselbe
Schwindler gewesen, der - sie merkte ihm gleich etwas Verdchtiges an - den
armen, guten Jungen am Tage vorher ganz offenkundig besucht hatte und dann,
Gott wei warum, im geheimen wiedergekehrt sein drfte. Damit war aber noch
immer nicht Klarheit in die Sache gebracht. Und trotz aller Nachforschungen
blieb das Rtsel, wer der Fremde gewesen, in welchen Beziehungen er zu Forster
gestanden, ungelst.
    Maria hatte sich in eine an Stumpfheit grenzende Ergebung eingesponnen.
Mchten sie doch auf die Wahrheit kommen! - sie wrde nicht leugnen, sie wrde
sterben. In vermessener Zuversicht baute sie auf die Gnade des Allbarmherzigen.
Er wird sie zugrunde gehen lassen an dem Gefhl ihrer Schuld, sie ben, shnen
lassen durch den Tod. Es war ihr ein Trost, sich das zu wiederholen. Mit einem
Gefhl der Schmach wie dasjenige, das sie in ihrer Brust trgt, kann man ja
nicht leben ... Ihr steht etwas bevor, unfabar, das nicht auszudenken ist - das
Wiedersehen mit ihrem Manne. Sie wird seinen Blick nicht ertragen knnen, sie
wird ihn empfangen mit dem Gestndnis: Ich habe dich betrogen, einmal in einer
fluchenswerten Stunde, in schndem Taumel. Aber dich wieder betrgen, mit
Bewutsein und Berechnung; meinen entweihten Mund deinem Kusse bieten - das
werde ich nie.
    Er kam und war unsagbar glcklich, wieder da zu sein, und sie stand
regungslos vor ihm - und schwieg.
    Wie die anderen schrieb er ihr bles Aussehen, ihre dstere Stimmung dem
frchterlichen Eindruck zu, den der Tod Wolfis auf sie hervorgebracht hatte. Der
Doktor beglckwnschte ihn zu der Richtigkeit dieser Ansicht und gebrauchte
dabei viele Fremdwrter, wie es sich geziemt fr einen Landarzt, der eine
vornehme Patientin behandelt.
    Frulein Lisette nahm zu jener Zeit etwas Gehaltenes und Siegreiches in
ihrem Gang und ihren Gebrden an. Ihr Herz, das nie eine heiere Neigung gekannt
hatte als die zu dem Kinde, machte im Sptherbste Frhlingsrechte geltend. Sie
liebte, sie schmeichelte sich, geliebt zu werden; scharenweise umflogen ihre
Gedanken den teuren Gegenstand, und nur hier und da stellten sich einzelne von
ihnen bei der einst ausschlielich Verehrten und Verhimmelten ein. Lisette fand
es berflssig, ihre Leidenschaft zu verhehlen, und sprach unbefangen von dem,
der sie ihr einflte.
    Er schwebt halt immer auf meinen Lippen, sagte sie einmal schalkhaften
Tones zu der Gebieterin mitten in einem Bericht ber die Ankunft einer Sendung
Tischzeugs, in den sie den Doktor ungemein kunstvoll eingeflochten hatte.
    Wer? fragte Maria.
    Und nun legte die alte Jungfrau ihr lngst angekndigtes Gestndnis ab, und
die geringe Aufmerksamkeit, die ihr anfangs geschenkt wurde, steigerte sich
allmhlich, und pltzlich geschah das Auerordentliche - Maria lachte.
    Hermann, der eben eintrat, hrte es, und seine Freude kannte keine Grenzen.
Wer hat dich lachen gemacht? - Sie, Lisette? Goldene Lisette! - was soll ich
fr Sie tun?... Ich grnde ein Kammerdamenstift, und Sie werden Oberregentin.
Er strzte auf sie zu und kte sie auf jede Wange, da es schallte. Was hat
sie dir vorgebracht? wandte er sich an seine Frau, rckte einen Sessel neben
das Kanapee, auf dem sie sa, und nahm Platz. Ich will es wissen, ich will
Unterricht bei ihr nehmen.
    Maria fragte: Darf ich antworten, Lisette? und diese, ein klein wenig
verschmt, erwiderte: Ich bitt.
    Mit deiner Erlaubnis also. - Sie mchte den Doktor heiraten.
    Die Betroffenheit Hermanns, die Anstrengung, die er machte, sie zu
verbergen, die frhliche, unendliche Gte, die aus seinen Augen sprach und aus
dem unbezwinglichen und harmlosen Lcheln, das seinen Mund umspielte, erregten
von neuem Marias Heiterkeit.
    - So war es mglich, noch - ja, schon so bald konnte sie sich vorbergehend
zerstreuen lassen aus ihrer lastenden, berechtigten, ihrer gebotenen Seelenpein?
    Einmal lag sie des Nachts, wie so oft, wachend auf ihrem Lager, lauschte den
ruhigen Atemzgen ihres Mannes und sann und sann.
    Und jetzt drang durch die Stille aus dem Zimmer nebenan, in dem das Kind
schlief, ein heiserer Ton, ein lautes, rauhes Husten aus kleiner Brust an ihr
Ohr. Sie erhob sich sachte, warf ihr Morgenkleid um, glitt mit nackten Fen,
die Pantoffel in der Hand, ber den Teppich, trat bei dem Kleinen ein und schob
den Vorhang seines Bettchens zurck. Der Schein der Nachtlampe flackerte auf dem
glhenden Gesicht des Knbleins, es rchelte schwer im Fieberschlafe. Maria
weckte ihn und die Wrterin und leistete die erste Hilfe, whrend jene auf ihren
Befehl das Kindermdchen aufrttelte und nach einem Diener lutete, der den
Doktor herbeiholte. Dieser kam, sprach kein Wort, sondern handelte still und
energisch; er war in dieser Nacht ein Held an Mut und Besonnenheit.
Vorbergehend nur brachte ihn die Wrterin in Zorn, weil sie fassungslos
herumstrzte und durchaus den Grafen rufen wollte.
    Alberne Person, rief Weise, sich der Hflichkeit begebend, die ihn sonst
auszeichnete. Der Doktor verbietet es, der Doktor braucht keine Leute, die
Angst haben, im Krankenzimmer ... Da - so eine Ruhe! Das ist das Richtige, da
nehmen Sie sich ein Beispiel. Er deutete auf Maria, die das Knblein auf dem
Scho hielt.
    Wei in ihren schneeweien Gewndern, unverwandten Blickes jede Vernderung
beobachtend und anzeigend, welche bei dem Kleinen vorging, fhrte sie des
Doktors Anordnungen selbst aus und hielt ein stummes Gesprch mit ihrem Kinde.
-Willst du voran - mich drben zu erwarten? Ich folge dir bald nach. - Aber dein
armer Vater, soll ihm beides zugleich genommen werden - ein echtes Gut: du! und
ein wertloses, falsches, das er in seinem lauteren Glauben betrauern wird, als
wre es wirklich ein kstlicher Besitz gewesen?... Bleibe bei ihm, mein
Liebling, biete ihm berreichen Ersatz. - Sie drckte ihn an ihre Brust, und er
richtete seine groen Augen auf sie und murmelte: Liebe Mutter.
    Es geht besser, Doktor, nicht wahr? fragte Maria.
    Wenn nicht alle Zeichen trgen, gab er zur Antwort.
    Sie verstand ihn. Er gebrauchte wieder eine bedingte Redeweise; die ernste
Sorge, die ihn seiner kleinlichen Vorsicht untreu gemacht hatte, war
geschwunden.
    Am Morgen erst erfuhr Hermann, da sein Shnchen in Lebensgefahr gewesen sei
und da es gerettet war.
    Dir gerettet, dachte Maria, zu deinem Troste, wenn ich nicht mehr bei dir
sein werde. Sie war im reinen mit sich. Gott erhrte sie nicht, berantwortete
sie der Verzweiflung, so fate sie denn einen Entschlu der Verzweiflung.
    Ein schner Spaziergang im Walde fhrte bequem zu einer Burgruine hinan,
welche die Felsenspitze eines bis weit ber die Mitte mit Schmuck-Edeltannen
bewachsenen Berges krnte. Man konnte jedoch von der entgegengesetzten Seite auf
einem viel krzeren Wege zu der Ruine gelangen. Dieser ging ber einen schmalen,
gelnderlosen Steg und mndete am Fue des beinahe senkrecht abfallenden
Felsens, unweit von halbzerbrckelten, in den Stein gehauenen Stufen. Ein khner
und geschickter Kletterer durfte sie immerhin noch bentzen, um zur Kuppe zu
gelangen; wenn er nmlich schwindelfrei war. Sonst konnte ihm ein Blick zurck
in die Tiefe gefhrlich werden. Dasselbe Flchen, das einige hundert Schritte
weiter zwischen Wiesen dahinglitt als friedliches, mit Khnen befahrbares
Gewsser, wurde in der Enge zum Wildbach. Kochend und brausend stob der Gischt,
bildete Wirbel, drehte und drehte sich kreisfrmig, trichterfrmig, stieg auf in
Sulen aus Schaum, warf sich wieder wie toll in sein steiniges Bett und lockte
herab zur Teilnahme an seiner sprudelnden, unerschpflichen Lebenslust.
    In ihrem ersten Ehejahre hatte Maria die Ruine besucht. Angewandelt von
einer Regung der unbezhmbaren Freude an der Gefahr, von der sie in frher
Jugendzeit gar oft ergriffen worden, war sie die Felsentreppe herabgestiegen und
hatte den Steg festen und sicheren Ganges berschritten.
    Hermann, dem sie ihr Wagnis eingestanden, war erst durch ihr frmliches
Versprechen, es nie zu wiederholen, zu beruhigen gewesen. - Nun mute das
gegebene Wort gebrochen werden.
    Mit peinlich erfinderischer Genauigkeit malte Maria sich alles aus, sah sich
den Fu setzen auf den Steg und wandern und langsam mit Bedacht ausgleiten an
der rechten Stelle ... wanken, sinken, zerschellt werden an den ewig blanken,
ewig feucht glnzenden Klippen, die aus dem Wasser herausragten. Vorahnend gab
sie sich Rechenschaft von dem Schmerze Hermanns, er wrde nicht frei sein von
Groll - und das war recht. Ein reines Andenken zu hinterlassen, hatte die
Schuldige nicht verdient.
    Sie bereitete sich vor auf die entsetzliche Trennung von ihrem kleinen
Kinde, das der Mutter noch so sehr bedurfte, nahm Abschied von ihm Tag um Tag.
Morgen geschieht's, sagte sie sich, bis der Morgen kam, an dem sie begriff, da
sie nicht sterben knne, ohne einen zweifachen Mord zu begehen.
    Und davor schauderte sie zurck. Wohl lohte es in ihr auf: Begrabe die
Frucht des Frevels mit dir!... Aber tten, um zu shnen? - Noch war sie fromm
und glubig und fragte in ihrer Seelenqual: Wie wrdest du die Kindesmrderin
empfangen, ewiger Richter, Herr, mein Gott?
    Der mchtigste Instinkt im Weibe erhob seine gewaltige Stimme ... Vielleicht
auch rang der nun verzweifachte Lebenstrieb - ihr unbewut - gegen die
Vernichtung.
    Sie kam wieder auf den Ausweg zurck, der ihr zuerst als der
selbstverstndliche, der einzige erschienen war: Hermann alles zu gestehen, ihm
zu sagen: So bin ich, behandle mich, wie ich es verdiene. Ich ertrage deine Gte
nicht mehr, ich lechze nach Strafe, nach Bue. Die strengste wird die beste
sein, gnne sie mir, gnne mir das Labsal, zu ben. Sei unbarmherzig, nur
verehre mich nicht mehr.
    Und whrend sie in Gedanken also zu ihm sprach, rief ihr Verstand ihr zu:
Phrasen, hohle Worte! Du weit es wohl, da er dich nicht verstoen, dich nicht
der Geringschtzung preisgeben wird; er wird, auch wenn sein Glck den
Todesstreich durch dich empfangen, den Fu nicht auf deinen Nacken setzen,
Gesunkene. Er wird unerschtterlich bleiben in seiner Langmut. Von dir getrennt,
dir im Innersten entfremdet, wird er von anderen noch Achtung fr dich
verlangen. Dann hast du eine neue Last der Dankbarkeit auf dich geladen und
vergeblich das Beste zerstrt, woran sein Herz sich erquickt und seine Seele
sich erbaut. Du hast nichts zu verlieren, er alles. Du httest ihn umsonst
unselig gemacht ... Du darfst es nicht! - So tat sie das, wogegen alles Frhere
nicht zhlte. Sie vollzog den Betrug, der die Schande zu bemnteln hatte.
Hermann mute getuscht werden. Das war so leicht und darum gar so schlecht ...
Und geschah, und Maria duldete die Erniedrigung, die sie fr unausdenkbar
gehalten hatte, die ganze! Nichts ward ihr geschenkt - nicht der
Freudenausbruch, mit dem der hintergangene Mann die in tiefdunkler Nacht
gestammelte Kunde aufnahm, nicht seine erhhte Zrtlichkeit, nicht Wilhelms
gutmtige Scherze, nicht Helmis treue Teilnahme, nicht Grfin Agathens
feierliche Segenswnsche.
    Maria spielte eine jammervolle Komdie, heuchelte Interesse an
gleichgltigen Dingen, Freude an den harmlosen Vergngungen, den Landpartien und
Waldfesten, die Hermann und Wilhelm veranstalteten, um sie zu zerstreuen. Nicht
immer, aber doch meistens lie Hermann sich tuschen. All sein Glck ging von
dem Bilde aus, das er sich von ihrem Glcke machte.
    Sie aber lebte in der Liebe zu ihrem Kinde, pflegte eifrig ihre Kunst, die
sie nie schner und hinreiender als jetzt ausgebt hatte, und grbelte sich
allmhlich in eine eigentmliche Sophistik hinein. Die Shne, nach der sie rief,
lag gewi in der Einsicht, da es ihr verwehrt sei zu shnen. Der verdammende
Schicksalsschlu, der ber sie gefllt war, lautete: Du liebst die Wahrheit,
wandle in der Lge.

                                       12


Im Sommer kamen Graf Wolfsberg und seine Schwester mit ihrer Gesellschaftsdame,
Frulein Annette Nullinger, nach Dornach. Beinahe auf dem Fue folgte ihnen,
ohne eingeladen zu sein, ohne sich angesagt zu haben, die kleine Grfin
Felicitas Soltan. Sie kam, um zu fragen, ob Tessin, wie er vor seiner Abreise
versprochen, an Grfin Dolph geschrieben habe, wie es ihm gehe, und besonders -
ob er sie gren lasse.
    Aber noch war kein Brief von ihm eingetroffen, und nur durch
Zeitungstelegramme wute man, da er auf seinem Posten angelangt und festlich
empfangen worden war.
    An einem schwlen Sonntagnachmittag hatten sich die Schlobewohner in einem
breiten offenen Zelte am Ufer des Teiches versammelt. Dichtes Buschwerk umgab
ihn ringsum, und hinter diesem ragten das hellgrne malerische Gezweig einzelner
Tulpenbume und aus weiterer Entfernung die dunkeln Gipfel eines
Balsamtannenhaines in das gleichfrmige, ruhig leuchtende Himmelsblau empor.
    Alle im Zelte Anwesenden, Frulein Nullinger und Hermann junior ausgenommen,
rauchten. Annette hatte nach und nach ihren Sessel bis zum Eingang vorgerckt;
dennoch schwebte tckischer Tabaksqualm ihr nach und machte sie hsteln, was
Grfin Dolph unabweislich rgte. Sie sa in der Tiefe des Zeltes in einem
ausgeftterten Strandsessel und hatte eine Haube auf, die ungemein an die
husliche Kopfbedeckung der franzsischen Knige im 15. Jahrhundert erinnerte.
    Nulle, sprach sie - Ich heie Nullinger, berichtigte das Frulein, ohne
sich umzuwenden.
    Nun denn, Nullinger, zwingen Sie sich doch nicht zu husten - aus purer
Affektation.
    Annette zuckte die Achseln und prete die Flchen ihrer feuchten Hnde
aneinander; ihre roten aufgeworfenen Lippen hatten das ihnen eigentmlich
nervse Beben.
    Fee nickte ihr bedauernd zu und seufzte: Ach, welche Hitze! Ist es immer so
hei bei Ihnen, Graf Dornach? Sie wiegte sich in ihrem Schaukelstuhle, hatte
die Augen halb geschlossen und lie wie todmde die Arme an beiden Seiten ihres
schlanken und zierlichen Krpers herabhngen.
    Graf Wolfsberg, den zu amsieren sie sich vorgenommen, war heute ein
undankbares Publikum. Er hatte nicht einmal bemerkt, da sie sein Lieblingskleid
angezogen, das weie, gestickte, mit der rosafarbigen Bbschleife. Bei Tische,
als sie, nur um ihm Spa zu machen, die heiligsten Geheimnisse ihres Herzens
auskramte, von ihren unbezahlten Rechnungen gesprochen, von ihrem Glauben an die
Zukunft des Spiritismus als Staatsreligion, von allerlei Skrupeln, die sie sich
machte - intim, ganz intim! -, hatte er kaum zugehrt. Und nun sa er seit einer
Stunde ernst und schweigsam neben ihr, und sie verzweifelte endlich daran, ihn
seiner blen Laune zu entreien.
    Hermann und Maria kannten den Grund seiner Verstimmung. Er war, indes die
anderen sich in der Kirche befanden, auf den Friedhof gegangen und hatte Wolfis
Grab besucht.
    Wozu? warum tut er solche Sachen, die ihn viel zu sehr angreifen? hatte
Dolph ihrer Nichte geklagt. Auch sie trachtete ihn zu zerstreuen und suchte
dabei die wirksamste Untersttzung, die des kleinen Hermann; sie war aber in
diesem Augenblick nicht zu haben. Das Knblein mhte sich gar eifrig, Steinchen,
die es gesammelt und auf den Scho seiner Mutter gelegt hatte, mit ihrer Hilfe
ins Wasser zu werfen. Seine Antwort auf die Einladung der Grotante, zu ihr zu
kommen, lautete entschieden verneinend, und die aufrichtigste Abneigung sprach
aus dem raschen Blicke, den er der alten Frau von unten herauf zuwarf.
    Grfin Dolph machte ihrem Unmut ber die Vergeblichkeit der Liebesmh, die
sie seit langem an dieses schne und entzckende Kind verschwendete, dadurch
Luft, da sie pltzlich von den Unannehmlichkeiten zu sprechen begann, die das
Landleben fr sie mit sich brchte.
    Etwas Schreckliches zum Beispiel, sagte sie, ist die Kontrolle, unter der
man mit seinen Kirchenbesuchen steht. Man kann sich keinen einzigen schenken,
und ich sag euch, noch ein Hochamt wie das heutige, und ihr knnt mich gleich
dabehalten in eurer Familiengruft. Und Sie, Nulle, das bitte ich mir aus,
placieren Sie sich am nchsten Sonntag nicht wieder in das Oratorium uns
gegenber. Sie stren mich, Sie rauben mir das bichen Andacht, das ich noch
habe, mit Ihren Ekstasen, vermischt mit belkeiten.
    Dieser Ausfall wurde von Frulein Annette mit ungewohnter Kaltbltigkeit
zurckgeschlagen. Wenn eine Andacht durchaus unter der anderen leiden msse,
sagte sie, mge es nur immerhin die minderwertige - die der Grfin sein.
    Fee klatschte ihr Beifall zu und gab ihr die Versicherung, sie sei die
gescheiteste Nullinger, die jemals hienieden gewandelt; dann stieg die kleine
Frau, von Hermann, der herbeitrat, untersttzt, in den am Ufer befestigten Kahn.
Losgemacht durfte er nicht werden. Sie wollte da bleiben, sich schaukeln auf der
khlen Flut und hren, wie sich die Konversation des Grafen Wolfsberg - von
weitem macht.
    Er lie sich endlich herbei, ihr einen Scherz zuzurufen, den sie ebenso
schlagfertig wie unpassend erwiderte. Der von ihrer Seite munter gefhrte Kampf,
der sich nun zwischen ihnen entspann, wurde durch das Eintreffen des Postpakets
unterbrochen.
    Maria verteilte die Zeitungen und die Briefe.
    Ist etwas fr mich da? - Fr mich? fragten Fee und Grfin Dolph.
    Ja. Maria schob der letzteren ein groes Schreiben zu.
    Von Tessin, sprach die Grfin. Von Tessin, wiederholte sie lauter und
schwenkte den Brief in der Luft. Fee, sieh her.
    Fr Fee, sagte Maria, und Hermann bernahm aus ihrer Hand eine ganze
Ladung Modejournale und Zeitschriften, die er in den Kahn reichte.
    Das sind Ihre unbezahlten Rechnungen, rief Wolfsberg. Geben Sie acht,
Grfin, Ihr Dampfer versinkt unter der Last.
    Felicitas war beim Nennen des Namens Tessin so rasch aufgesprungen, da ihr
kleines Fahrzeug in bedenkliches Schwanken geriet. Sie sank zurck, schrie und
warf sich so ungestm von einer Seite zur andern, als ob sie es darauf abgesehen
htte, den Kahn umkippen zu machen.
    Hermann zog ihn mit der breiten Seite dicht ans Land und sagte, halb
lachend, halb verdrielich: Ihr Leben ist gerettet, steigen Sie aus.
    Die bermtige strubte sich: Noch nicht! noch nicht! - ich will, da man
Tessin schreibt, ich sei fast ertrunken vor Freud, wie es geheien hat, da ein
Brief von ihm gekommen ist. Sie sind Zeuge, Frulein Nullinger, schwren Sie
darauf, ich bitte um einen ordentlichen Eid - ich bitte!
    Ei, ei, Frau Grfin, einen Spa mit so heiligen Dingen verstehe ich nicht,
rgte das Frulein.
    Nicht? - o weh! dann schwren also Sie, Graf Wolfsberg.
    Mechanisch antwortete der Graf: Ja, ja. Seine ganze Aufmerksamkeit war von
Maria in Anspruch genommen.
    Sie hatte einen Brief vor sich hingelegt, einen zweiten Brief von Tessin,
noch grer und gewichtiger als der an Grfin Dolph gerichtete, und war in der
Betrachtung der krftigen, leicht geformten Zge der Aufschrift versunken. In
ihrem Gesichte malte sich starres Entsetzen. Wenn diese wenigen Zeilen Tod und
Verderben verkndet htten, sie wrde nicht anders auf sie niedergeblickt haben.
    Nun schien sie zu fhlen, da die Augen ihres Vaters auf ihr ruhten, erhob
die ihren, sah ihn an - und senkte langsam das Haupt.
    Dieses kurze stumme Gesprch zwischen Vater und Tochter wurde von niemandem
beobachtet. Grfin Dolph schwelgte im Genusse der geistvollen Epistel ihres
Horace Walpole; Frulein Nullinger verfolgte teilnehmend das Schauspiel der
Rettung Fees durch Hermann. Trotz aller Possen, die dessen Heldin trieb, kam
es glcklich zum Abschlu.
    Hermann trat ins Zelt, blieb hinter dem Sessel Marias stehen, und ber ihre
Schulter blickend, las er von seinem Platze aus die Adresse des zweiten Briefes
Tessins: Herrn Wolfgang Forster.
    Es entspann sich eine Verhandlung darber, was mit dem Briefe zu geschehen
habe.
    Er ist so dick, meinte Fee, es stecken gewi noch ein paar andere drin,
die der Herr Forster hat bergeben sollen. Man mu ihn aufmachen.
    Grfin Dolph besttigte: Man mu ihn aufmachen, natrlich.
    Hermann jedoch erklrte, so gar natrlich kme ihm das nicht vor. Was sagst
du, Maria? fragte er und strich mit der Hand ber ihren Scheitel.
    Sie wandte sich, ergriff diese Hand und drckte sie an ihre Lippen. Das war
genug, um die heftigste Eifersucht des kleinen Hermann auf den groen zu wecken.
Das Kind schrie und strebte zu ihr empor, und sie hob es auf ihre Knie und
drckte ihr Gesicht an das seine.
    Noch hatte sie ihn, noch hatte sie eine Liebe, deren ganzen Wert sie zu
erkennen begann, nachdem sie sich ihrer unwert gemacht - die Liebe des besten
Mannes. Noch hatte sie die Achtung aller guten Menschen ... Eine kleine Weile,
ein Ri durch die dnne papierne Hlle da auf dem Tische - und alles ist vorbei,
und vor ihr ffnet sich die Hlle der Schande.
    Ihr Knblein schlingt die Arme um ihren Hals und sie die ihren um ihn. Doch
diese heiligste Umarmung schtzt sie nicht. Sie hrt nicht das zrtliche
Geflster der sen Kinderstimme - sie hrt eine andre, entsetzliche, die ihr
zuruft: Was schauderst du? - doch nicht vor dem, was im Gefolge der Wahrheit
kommt, nach der du geschmachtet hast und gelechzt? Da ist sie - begre sie.
Tu's, Armselige ... Oder war es doch nicht der Betrug, wovor du am bngsten
gezittert hast?... Wo ist jetzt dein Abscheu vor ihm?... Noch empfind ich ihn,
dachte Maria, kte das Kind und stellte es auf den Boden.
    Ich bin dafr, vernahm sie nun - Grfin Dolph sprach -, den Brief
aufzubrechen, um nachzusehen, ob er nicht wirklich andere enthlt, wie Felicitas
glaubt. Wenn ja, verteilt man sie, wenn nein, schicken wir dem Freunde morgen
seine zwlf Seiten, eng und zierlich, ein kleines Manuskript, ungelesen, weil
wir schon so hyperdiskret sind, zurck. Einverstanden, Hermann?
    Nein, lautete die Antwort, ich ffne keinen Brief, der nicht an mich
gerichtet ist. Er nahm ihn, reichte ihn dem Grafen Wolfsberg und sagte leise zu
ihm: Nimm ihn zu dir, mache mit ihm, was du willst, nur sei nicht mehr die Rede
davon. Alles, was Maria an Wolfi erinnert, greift sie furchtbar an. - Es ist
drckend hei hier im Zelt, setzte er, an seine Frau gewendet, hinzu. Komm ins
Freie, Maria.
    Er nahm ihren Arm, den sie ihm willenlos berlie, und geleitete sie hinweg.
    Nach dem Abendessen las Grfin Dolph der Gesellschaft das Schreiben Tessins
ganz meisterhaft vor. Etwas von allem war darin enthalten, Ernst und Scherz,
anschauliche Schilderungen von Land und Leuten, ein krftiger und rhrender
Ausdruck des Heimwehs, das ihn peinigte.
    Fee zog sich, sobald die Lektre beendet war, in ihre Gemcher zurck. Kurz
darauf begab sich auch Grfin Dolph, von Hermann und Frulein Nullinger
geleitet, zur Ruhe.
    Graf Wolfsberg blieb mit seiner Tochter allein.
    Hermann hat immer recht, sprach er nach einer langen Pause. Auch mir hat
es widerstrebt, den Brief an den unglcklichen Forster zu ffnen. Ich habe ihn
Tessin zurckgeschickt.
    Ich danke dir, Vater, erwiderte Maria mhsam und stockend. Ich htte aber
gewnscht, da Graf Tessin gebeten wrde, es bei diesem Versuch, mir Nachricht
von sich zu geben, bewenden zu lassen.
    Das soll geschehen.
    Sie hatten vermieden, einander anzusehen; nun pltzlich begegneten sich ihre
Blicke. Eine groe Zrtlichkeit, ein groes Mitleid sprach aus dem seinen. Er
streckte ihr die Hand entgegen, er wollte reden.
    Marias Mund verzog sich schmerzlich, und sie machte eine flehend abwehrende
Gebrde.
    Sehr lange hielt es Graf Wolfsberg in Dornach nie aus. Die werkttige
Barmherzigkeit, auf die seine Tochter sich ganz verlegte, widerstrebte ihm. Es
war ihm zu unangenehm, sagte er, an die Enttuschungen zu denken, die sie
erfahren werde, nicht jetzt, nicht in den nchsten Jahren, doch in fnf, in
zehn; und nicht durch den Undank, der unausbleiblich sei - Dank erwarte sie ja
nicht -, sondern durch die Erkenntnis, da ihr Bestreben, das materielle und
sittliche Elend der Leute zu verringern, nutzlos und in manchen Fllen schdlich
gewesen sei. Jedes Bestreben aber, dessen Resultat negativ bleibt, ist ein
unvernnftiges und demoralisierendes.
    Diese Leute - wenn er die Worte sprach, bi er die Zhne zusammen, und Ha
und Grausamkeit blitzten aus seinen Augen - sind faul, heimtckisch,
unverbesserlich. Es ist noch jeder gescheitert, der glaubte, im Guten auf sie
einwirken zu knnen. Ich habe ja nicht von Anfang an die Hnde in die Taschen
gesteckt und zugesehen, wie einer der Dummkpfe nach dem andern zugrunde geht
... Sie haben mich von meiner christlichen Barmherzigkeit kuriert, sie selbst!
    Weit du, Vater, warum ihnen das gelang? - Darf ich's sagen? fragte Maria.
    Nur zu!
    Weil du sie nicht liebst und sie das fhlen.
    Wohl mir und ihnen. So bin ich sicher vor einem Girondistenlose und sie vor
einer neuen Gelegenheit, zu zeigen, wie sie Liebe vergelten. La es gut sein!
kam er dem Einwand zuvor, den sie erheben wollte, wir zwei werden einander in
dieser Sache nicht berzeugen.
    Der Sommer war vorbei; auch Grfin Dolph und Felicitas hatten Dornach
verlassen. Die Zeit verging still und ereignislos. Maria, oft unwohl, erlaubte
nicht, da Rcksicht darauf genommen werde. Sie wute, da ihr nur eines
frommte: sich selbst vergessen, ihre Leidenskraft sthlen, indem sie die Leiden
der anderen milderte. Meine Wohltter, nannte sie die Hilfeheischenden. Das
Laster, das Unrecht, die Torheit fanden in ihr eine hartnckige Bekmpferin.
Ihrer unerschpflichen Langmut fehlte es nie an Gelegenheiten, sich zu ben. Und
nicht immer war es die Brde schweren Ungemachs, die mitzutragen sie eingeladen
wurde; es befand sich auch sehr leichtes Gepck darunter und lcherliche,
willkrlich aufgehalste Last.
    An einer solchen schleppte Lisette und machte unangemessene Ansprche an die
Teilnahme des Kindes. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, was Doktor Weise
hindere, um sie anzuhalten, sei die Angst vor einem Korbe.
    Er ist ein so zurckgezogener Mann und kommt zu nichts, vertraute sie
ihrer Gebieterin. Niemand schaut auf ihn. Seine Manschetten sind immer
zerdrckt, und den Hemdkragen hat er neulich gar umgekehrt eingeknpfelt
gehabt.
    Auer dem Wunsche, das Recht zu erwerben, fr die Manschetten und Hemdkragen
Weises zu sorgen, hatte sie noch den sehr groen, Frau Doktorin genannt zu
werden. Das ewige Frulein Lisette, Frulein hin und Frulein her, war ihr
schon so zuwider, sie konnte es nicht mehr hren. Geh, sprich du mit ihm, leg's
ihm nah, da ich ihn nehmen mcht, mit dieser Bitte schlo sie regelmig ihre
Herzensergieungen und erhielt jedesmal den Bescheid, da ihr Wunsch unerfllbar
sei.
    So blieb Lisetten am Ende nichts brig, als eigenmchtig einzugreifen in ihr
und des Doktors Geschick. Sie ersuchte ihn eines Morgens, sie mitzunehmen in
seinem Wagen, in dem er jetzt tglich zu einem Patienten nach dem nahen
Stdtchen fuhr; sie habe dort einige Weihnachtseinkufe zu besorgen.
    Weise war dazu bereit: Es ist mir schmeichelhaft, sagte er, als Lisette im
Pelzmantel und Capuchon neben ihm Platz nahm. Wo darf ich Sie absetzen? Dabei
lchelte er, aber nicht aus Wohlgefallen an ihrer ueren Erscheinung, sondern
ber den Einfall, da ihm noch nie eine Person vorgekommen sei mit einem so
ausgesprochenen Jahrmarktspuppengesicht.
    Auch Lisette lchelte. Denken Sie jetzt schon ans Absetzen? Das ist ja gar
nicht schn von Ihnen. Ihre Oberlippe zog sich in die Hhe, und es kamen kleine
Mauszhne zum Vorschein, die sehr gut gepflegt, aber ziemlich abgentzt waren.
Sie wurde nach und nach ganz deutlich in ihren Anspielungen und der Zaunpfahl,
mit dem sie winkte, keulenartig.
    Dem Doktor stiegen, wie er sich selbst gestand, gewisse Apprehensionen auf,
und er rckte so weit als mglich von ihr fort.
    Sie sah darin eine Aufforderung seiner Gastfreundschaft, sich's recht bequem
bei ihm zu machen, lehnte sich zurck und betrachtete sein Profil. Der Rand
seines weit hinausragenden Mtzenschirms und die Spitze seiner Nase standen in
senkrechter Linie. Mund und Kinn hingegen wichen, wie aus Respekt vor dem
bedeutenden Gesichtsvorsprung, jh zurck. Da fand die verwnschte
Zaghaftigkeit, mit der Lisette heute einmal fertigwerden wollte, ihren Ausdruck.
    Nach einigen einleitenden Reden meinte sie den Streich fhren zu drfen. Sie
tat es - der Doktor stellte ihr dieses Zeugnis aus, als er sich von dem
erlittenen Angriff erholt hatte - mit hochgradiger Dezenz, indem sie ihn fragte,
ob er nie daran gedacht habe, sich zu verndern.
    Doch, doch, vor Jahren einmal, seufzte er und zog, ohne es zu wollen, die
Zgel des lammfrommen Schecken an, der sogleich stehenblieb, sich aber auf den
Zuruf: Allons, Allons! wieder in Bewegung setzte.
    Und seitdem nicht mehr?... Das ist schad, und dann ist es auch traurig.
    Sie blinzelte schalkhaft zu ihm hinber, was ihn emprte und bengstigte. Er
kam sich so hilflos und ihr preisgegeben vor in unendlicher Einsamkeit. Soweit
das Auge reichte, war nichts zu sehen als Schnee und Schnee und nichts
Lebendiges wahrzunehmen als der Scheck, einige Krhen und das Frauenzimmer, das
ihm Avancen machte.
    Sie sprach viel, und alles, was sie sagte, war entweder schmeichelhaft fr
ihn oder fr sie, und ihm blieb nichts brig als entweder: Das Frulein sind zu
gtig, zu murmeln oder: Das Frulein haben recht.
    Ein solcher Mann, sprach sie nun milde, und hat keinen Herd.
    Entschuldigen, habe, habe, o einen vorzglichen, neuester Konstruktion.
    Einen huslichen, mein ich. Ein solcher Mann - und hat keine Frau.
    Oh, bitte, bitte - die habe ich auch.
    Frulein Lisette neigte sich so rasch zur Seite, da man es ein
Sich-zur-Seite-Werfen htte nennen knnen. Sie - Sie haben - eine Frau?
    Ja freilich, eine wunderhbsche.
    Wo?
    Bei ihren Eltern habe ich sie. Ich habe sie ihren Eltern aufzuheben
gegeben.
    Das heit, berichtigte Lisette, der pltzlich alles Zartgefhl abhanden
gekommen war, Sie haben sie fortgejagt?
    Bitte, bitte!... Eine so undelikate Maregel ergreift man nicht gegen eine
Dame, die man ohnehin unglcklich gemacht hat, indem man ihr etwas hchst
Fatales eingeflt.
    Seine Zuhrerin erschrak tdlich, sie dachte an Gift.
    Er aber flsterte: Antipatheia.
    Jesus! was ist denn das? rief Lisette.
    Ein inkurables und darum so pernizises Leiden, weil es den Menschen um
seine schnste Illusion bringt, um die des freien Willens. - Denken Sie sich
eine von den besten Absichten fr ihren Eheherrn beseelte Frau, die im
Augenblick, in welchem sie dieselben bettigen soll, von der heftigsten
Versuchung ergriffen wird, ihm etwas an den Kopf zu werfen ... und derselben nur
selten zu widerstehen vermag. - Dabei ser Empfindungen durchaus nicht unfhig
- o nein! wenn es auch dem Betreffenden nicht beschieden war, sie zu wecken,
auer - auf Distanz. In je weiterer Entfernung er sich von ihr befand, eine
desto hingebendere Gattin wurde sie ihm. So sprach er denn eines Tages zu ihr,
indem er sich an einen Dichter lehnte: Wie gut wre es, Carissima, wenn du, um
mich mehr zu lieben, dich fr immer von mir entferntest! - Sie tat es, und
seitdem fhren wir die musterhafteste Ehe. Haben vor kurzem brieflich unsere
silberne Hochzeit gefeiert.
    Das Frulein wollte ein etwas spttisches Bedauern ber diese Gattung von
Verhltnis uern - der Doktor aber meinte: Ein Gutes ist jedenfalls dabei:
dem Manne, der schon im Besitz einer Frau ist, kann niemand mehr zumuten, eine
zu nehmen.
    Lisette machte unerhrt alberne Augen und sprach nicht ein Wrtchen mehr.
Sie war so vernichtet, da sie ihre smtlichen Einkufe in der Stadt besorgte,
ohne zu handeln. Drei Wochen muten vergehen, ehe sie sich von ihrer
Enttuschung erholen konnte. Dann wurde das Kind wieder der Mittelpunkt ihrer
Interessen und das angebetete Opfer ihrer engherzigen Liebestyrannei.
    Wie am vorigen Jahresschlusse fand sich auch an diesem Grfin Agathe in
Dornach ein. Sie half die Christbume schmcken fr jung und alt, fr arm und
reich, in der Halle und im Saal.
    Dem Entznden der Lichtlein stand aber sie allein vor.
    Maria konnte nicht Zeuge der Freude sein, die vorzubereiten seit Wochen und
Wochen ihr hauptschliches Bemhen gewesen war. In der heiligen Weihnacht gab
sie einem zweiten Sohne das Leben. Er war so schmchtig und klein, wie der erste
gro und stark gewesen. Mit banger, unausgesprochener Besorgnis sah Hermann
seine Mutter an, als er mit ihr an die Wiege des Neugeborenen trat.
    Nein, sagte sie, er ist nicht schwach, nur zart. Er wird leben - zu
meiner Freude. Das wird der meine sein unter deinen Kindern. Weich, wie man sie
nie gesehen, versenkte sie sich in den Anblick des Knbleins und hielt die Hand
segnend ber ihn ausgestreckt. Er hat schwarze Augen, Hermann, die Augen deines
Vaters, und soll Erich heien wie dein Vater.
    Maria krnkelte lange, sie konnte dieses Kind nicht nhren; sie hatte fr
dasselbe nicht soviel Liebe wie fr das ltere. Sie verlangte nicht nach ihm,
widersetzte sich nicht, wenn man es forttrug aus ihrem Zimmer, und es
beunruhigte doch niemanden und stellte unerhrt geringe Anforderungen an seine
Umgebung. Es lag oft lange ganz still mit weit geffneten Augen.
    Fremde Augen hat's und das Gesicht der Mutter, entschied die Wrterin,
wenn jemand herauszubringen suchte, wem es hnlich sehe. - Eine Spur von der
Seelenpein, die sein Werden begleitet hatte, spiegelte sich wider auf seinem
kleinen Angesicht, und traurig staunend schien es zu fragen: So also sieht es
aus in eurer Welt?
    An Liebe litt es nicht Mangel. Hermann zerflo vor ihm in berquellendem
Erbarmen; alle Frauen im Hause schwrmten fr das Kind, das etwas ganz eigenes
hatte; sein Bruder verteidigte es wie ein kleiner Lwe vor den Ausbrchen ihrer
Zrtlichkeit und brachte es gleich darauf in Gefahr, von dem Ungestm der seinen
erdrckt zu werden.
    Der Winter verflo; Maria blieb mde und erschpft. Alle herbeigerufenen
rzte rieten, wie Doktor Weise es lngst getan, zu einem Aufenthalt von mehreren
Monaten in Italien.
    Die Kranke strubte sich gegen eine Entfernung von daheim, aber zum ersten
Male setzte Hermann dem Willen seiner Frau entschiedenen Widerstand entgegen,
und sie mute sich fgen.
    Grfin Agathe kam nach Dornach, um die Kinder in Abwesenheit der Eltern zu
betreuen; Hermann und Maria reisten. - Sie hatte schon vor Jahren mit ihrem
Vater das Land der Sehnsucht jedes knstlerisch Fhlenden besucht und fand nun
im Genusse der Wunder einer mrchenhaft reichen Natur und einer Welt, in der
Sterbliche Unsterbliches geschaffen haben, die Empfindungen ihrer Mdchenzeit
wieder. Wie oft atmete sie auf, frei und leicht, und sah ihr eigenes Bild so
rein, wie die Seele ihres Mannes es widerspiegelte. Ihre wankende Gesundheit
befestigte, ihr erschtterter Mut sthlte sich.
    Es war krankhaft, dachte sie, zu glauben, die Verirrung eines Augenblicks
knne nicht geshnt werden durch ein ganzes Leben der Rechtschaffenheit und
Pflichterfllung. Fort mit den Gespenstern einer abgeschworenen Vergangenheit.
Sie sind die Feinde eines Glckes, das ungetrbt zu erhalten ihre wichtigste
Aufgabe war, vor der alles andere zurcktrat, des Glckes Hermanns. Mit hoher
Freude erfllte sie der Anblick der seinen. Ihm aber durchsonnte ihre Heiterkeit
die Seele, er lebte von ihrem Leben.
    Wir sind auf unserer Hochzeitsreise, sagte er.
    Die Frau, die Mutter seiner Kinder kam ihm jetzt oft vor wie eine Braut,
doch nicht wie die khle, stolze, die sie einst war - wie eine liebende Braut.
    Und da kniete er vor ihr nieder und betete sie an. Einmal rief er aus: Ich
bin zu glcklich, ich verdien es nicht. Ich habe eine Schuld abzutragen, aber
statt sie einzufordern, berhuft mich das Schicksal mit immer neuen
Gnadengeschenken.
    Du httest eine Schuld abzutragen? fragte Maria. Die schwerste - einen
Frevel an dir. Ich habe um dich geworben, dein Ja erbettelt, obwohl ich wute,
freudig gibst du es mir nicht. Den ersten Ku, Geliebteste, hat ein Ungeliebter
auf deine Lippen gedrckt. Es war ein Verbrechen an dir - ein unshnbares.
    Sie schrak zusammen bei diesem Wort. Er nahm ihre Hnde zwischen die seinen:
Maria, wann werde ich, wie werde ich dafr bestraft werden?
    Nie, gar nicht, stammelte sie verwirrt und drckte ihren Kopf an seine
Brust.

Sie kehrten zurck. Es war Abend, als sie ankamen. Die Kinder schliefen. Hermann
blies die Wangen auf und hatte die Fustchen fest geballt. Er war gro und stark
geworden, ein Knblein wie ein junger, krftiger Baum. - Das kleine unechte
Reis, auf den reinen Stamm Dornach gepfropft, Erich, lag in leichtem Schlummer,
zuckte und ffnete die Augen, als seine Mutter ihm nahte. Sie war betroffen und
befangen von dem geheimnisvollen Reiz, der dieses Kind umwob, wandte sich rasch
und trat an das geffnete Fenster.
    Wrzige Dfte erfllten die Luft, melodisch rauschte es in den Bumen,
durchsichtige Schleier breiteten sich ber die Wiesen, leichter Rauch lag auf
den Hhen.
    Weit herber von der Strae, die zum Dorfe fhrte, vernahm man den Gesang
heimkehrender Feldarbeiterinnen. Nah und nher kamen die Klnge einer
schwermtigen slawischen Volksweise. Schon konnte man die letzten Worte des
Liedes unterscheiden:

Schnheit, dein Prangen,
Liebe, dein Glck,
Alles vergangen,
Kehrt nicht zurck.
Ewig treu,
Immer neu
Bleibt die Reu,
Bleibt die eisgraue Reu. -

                                       13


In der Nhe von Dornach, auf dem seit langem unbewohnten Gute Rakonic, hatten
sich zwei junge Ehepaare angesiedelt. Die Mnner waren Brder, die Frauen
Schwestern. Sie gehrten den vornehmsten Gesellschaftskreisen an und betrieben
den Sport als Beruf, mit angeborenem und energisch ausgebildetem Talent.
berdies gab es in etwas verwickelten Ehrensachen keinen hheren Richter als die
Grafen Clemens und Gustav und im Punkte echter Eleganz keine
nachahmungswrdigeren Vorbilder als die Grfinnen Carla und Betty Wonsheim. Es
gab auch in der weiten Welt nicht wieder vier Menschen von so vollkommener
bereinstimmung in ihren Lebensanschauungen, ihren Verhltnissen, ihrer
Bravheit, ihrer kindlichen Unwissenheit. Den Brdern sah man ihre nahe
Verwandtschaft sofort an. Beide waren mittelgro und breitschultrig, ihre
Scheitel schon etwas gelichtet; sie hatten ein uerst gelassenes Wesen,
sprachen langsam und in derselben bedchtigen Art. Im ueren der Schwestern
hingegen herrschte die grte Verschiedenheit. Carla, die ltere, schlank und
blond, glich der Schwindischen Melusine. Betty, braun, klein, neigte zur Flle
und unterzog sich infolgedessen einem ziemlich strengen Training. Sie rhmte
sich, nie anders als mit dem Springgurt geritten zu sein. Was hat man denn fr
einen Rapport mit dem Pferd, fragte sie, wenn man auf so einer Maschin von
einem Sattel oben sitzt? Ihre Lebhaftigkeit bildete einen angenehmen Gegensatz
zu dem gemessenen Benehmen ihrer Angehrigen. Sie war sehr verliebt in ihren
Clemens, und er lie sich ihre Zrtlichkeit gefallen und hatte, obwohl seit
einem ganzen Jahre verheiratet, noch nicht eine Untreue an seiner kleinen Frau
begangen. Gustav und Carla hingegen verkehrten miteinander mehr wie zwei gute
Gesellen denn als ein junges Ehepaar. Jedes brave eheliche Verhltnis endet mit
Freundschaft; sie ersparten sich den Umweg und fingen gleich bei der
Freundschaft an.
    Sobald die Fahnen auf den Trmen des Schlosses Dornach die Anwesenheit des
Herrn und der Frau vom Hause verkndeten, fanden Wonsheims sich dort ein und
wurden oft und gern gesehene Gste. Sie verlangten aber auch Erwiderung ihrer
Besuche, Teilnahme an ihren Interessen. Es verdro alle, wenn eine ihrer
Einladungen von Maria ausgeschlagen wurde, weil sie zu tun hatte. - Und was? -
Krippen errichten, ein Versorgungshaus bauen, ein Spital, und immer machen, als
ob sie dabeistehen mt - wenn das nicht Affektationen sind, meinten sie, dann
kennen wir uns berhaupt in solchen Sachen nicht mehr aus.
    Sie waren einmal von einem betrunkenen Taugenichts angebettelt worden, der
ihnen auf die Frage, woher er sei, geantwortet hatte: Aus Dornach.
    Wie - daher? Gibt's denn noch arme Leut in Dornach? Dort is ja der Himmel
fr die Armen.
    Der Taugenichts zwinkerte schlau und sprach in klglichem Tone: Fr den
armen Herrn Spitalsverwalter und Aufseher, und wie die liebe Bagage sich
titulieren lt ... fr die wird's wohl der Himmel auf Erden sein, die liegen
auf der faulen Haut und fressen sich an. Ein wirklich Armes hat's in Dornach
grad so schlecht wie berall.
    Das war Wasser auf die Mhle der Wonsheim, und sie fragten nicht, ob es aus
trber Quelle flo.
    Eines Tages, als wieder eine verneinende Antwort aus Dornach eintraf,
schnellte Betty den Brief, der die Absage enthielt, durch das offene Fenster,
da er weithin flog, die Luft mit der Kante durchschneidend. Der vierte Korb,
den die langweilige Person uns gibt! rief sie, und Clemens versetzte: Ihr
seids aber auch wie die Wanzen. Lat sie in Ruh!
    Just nicht! Sie darf nicht fort im Spital sitzen und sich mopsen. Man mu
sie ein bissel aufmischen.
    Bettys Meinung drang durch.
    Mischen wirs auf, erwiderten Gustav und Carla, und schon am nchsten
Morgen, in aller Gottesfrh, kam die Familie in Dornach angesprengt, um Hermann
und Maria zu einem Spazierritt aufzufordern.
    Es war ein hbscher Anblick, als sie im Schlohof hielten, die stattlichen
Herren und die anmutigen Frauen auf ihren schnen Rossen, an denen jede Sehne
Kraft und jeder Blutstropfen Adel war. In ihrer Begleitung befanden sich Flick
und Flock, ihre Doggen, die ernsten, klugen, die den Pferden wie angebunden im
jeweiligen Tempo dicht an den Hufen folgten. Sie sahen nicht rechts noch links,
sie kmmerten sich weder um einen aufschwirrenden Vogel noch um einen
aufgescheuchten Hasen; aber einen Blick, einen freundlichen Zuruf ihrer Herren
beantworteten sie mit Wonnegeheul und Freudensprngen. Jetzt waren sie
verdrielich ber die Unterbrechung ihres Morgenrennens.
    Verdammte Dahockerei! Wie lang soll's noch dauern? sagte Flick zu Flock.
    Riech nur, riech! erwiderte der, da kommen ja schon die Hunde mit ihren
Menschen. Den Boxl, den mcht ich durchbeuteln, da er nicht mehr wt, wo sein
grauslicher Kopf ihm steht. Er knurrte, seine Haare strubten sich.
    Boxl lief auf ihn zu, klein und frech, der ganze Hund eine impertinente
Frage: Was habt ihr bei uns zu suchen?
    Die Spuren meiner Zhne in deinem Fell, du Ratte, und Flock wollte auf ihn
losfahren. Aber sein Herr befahl: Kuschen! So drckte er denn die Augen halb
zu, leckte die Schnauze und wandte dem Hndelsucher, der nicht aufhrte, ihm die
grten Unannehmlichkeiten zuzuklffen, den Rcken.
    Flick setzte sich dicht an seine Seite, und die beiden streckten die Hlse,
wedelten mit den Schwnzen, ffneten die gewaltigen Rachen und ghnten laut und
herausfordernd.
    Inzwischen war die Einladung der Wonsheim angenommen worden. Maria ging,
sich umkleiden zu lassen, die Pferde wurden vorgefhrt: Hermanns brauner Wallach
und Marias in letzter Zeit arg vernachlssigter Liebling Hadassa.
    Fnfjhrig, mit feinem Kopf, schlankem Bug, breiter Brust, breitem Kreuz, -
tanzte sie einher auf elastischen, makellosen Fen. Sie war wie grauer,
wolkiger Marmor und rabenschwarz ihre sprliche Mhne und ihr an der Wurzel
spitz zulaufender Schwanz. Als sie die fremden Pferde erblickte, warf sie den
Kopf empor; ihre dunkelbraunen, aus dem mageren Gesicht vorquellenden Augen
sprhten; sie blies die Nstern auf, wieherte drohend und stieg pltzlich auf
den Hinterbeinen in die Hhe, da der kleine Groom, der sie fest an den Zgeln
hielt, in der Luft baumelte wie ein Taschentuch.
    Alle lachten. Maria trat heran und streichelte den Hals der Stute. Hadassa
jedoch, ihr Gebi kauend, im Sande scharrend, wich verdrossen vor der Gebieterin
zurck.
    Nervos? fragte die und schwang sich mit Hermanns Hilfe in den Sattel.
    Sie hatte nicht daran gedacht, den Tag mit einer Unterhaltung zu beginnen,
sich heute besonders viel vorgesetzt, war im ersten Augenblick unzufrieden
gewesen mit der eingetretenen Strung. Bald jedoch schien sie ihr eine Wohltat.
Erfrischend, belebend wirkte auf sie die rasche Bewegung in der tauigen Khle
des Morgens. Die Nebel sanken, die Sonne stieg hinter den Laubwldern empor, die
der Herbst schon bunt gefrbt hatte, und berglnzte ihr geschminktes Sterben.
    Die Reiter nahmen ihren Weg durch den Park. Sie kamen an dem Aussichtspunkte
vorbei, wo Marias erste Unterredung mit ihrem Bruder stattgefunden, wo sie die
ersten Worte mit ihm getauscht, der dem Verbrechen den Pfad zu ihr gebahnt
hatte.
    Vorbei - vorbei ... Trag mich hinweg, Hadassa! und sie fhrte unberlegt
einen Streich mit der Gerte ber die Schulter des aufgeregten Tieres. Hadassas
Emprung war grenzenlos. Sie bockte, schlug und gab ein Beispiel trotziger
Unbotmigkeit, das bei den anderen Pferden Nachahmung zu finden begann.
    Nichts mit ihr zu machen. Ich mu sie allein haben, sagte Maria. Wir
treffen uns beim Jgerhause. Und sich jede Begleitung, auch die Hermanns,
verbittend, lenkte sie vom Wege ab auf das nahe Sturzfeld, in dessen weichem,
tiefem Boden Hadassa sich mde rennen sollte. Ein grner Wiesengrund begrenzte
das Feld und bildete das Ufer des klaren, wasserreichen Flchens. Es war
dasselbe, das droben in den Bergen zu Fen der Burgruine so prchtig bermtig
durch die Felsenriffe tobte.
    Von weitem schon sah Maria seine glatte Oberflche blinken. Dort, auf
sanfter Bahn, im seichten Bette, hatte es ausgestrmt.
    Siehst du, Hadassa, fr noch ganz andere Wildheit als die deine gibt's nach
dem Auf- und Abwogen der Hochflut die ruhige Ebbe des Gleichgewichts. Du glaubst
nicht an deine Zhmung, du Tolle? Warte nur, du mut erst mde werden.
Vorgeneigt bis auf den Hals der Stute, lie sie ihr die Zgel. Ein rasender, ein
wonniger Ritt, ein Flug ber Grben und Hecken. - Hadassa sprt nicht mehr den
Boden unter ihren Hufen. Hadassa ist ein Adler, ist der Sturm; von ihr getragen
zu werden und soviel Leben, Kraft, Feuer deiner Laune unterworfen fhlen, dem
Drucke deiner Hand - das ist Seligkeit. - Leugne sie, wer sie nicht kennt ...
Marias Herz ffnete sich ihr mit Entzcken. Sie atmete erquickt und frei; sie
war einmal wieder glcklich und ruhig, und in ihrem Innern war Frieden ... ...
    Wo hatte sie den gesucht? - in der Pflichterfllung, im Wohltun, in ihrer
mit Begeisterung ausgebten Kunst. Alles vergeblich. Der Frieden der Seele ist
zu finden auf dem Rcken Hadassas, im wilden Genu eines sinnlosen Rennens und
Jagens. Das schumende Ro, die glhende Reiterin sind von demselben Rausche
erfat. Hadassa ist nicht zu ermden, nur zu erhitzen, Maria ihrer Herrschaft
ber sie nicht mehr so sicher wie frher. Um so schner - es lebe die Gefahr!
Aug in Aug mit ihr wird das Vergessen am tiefsten ...
    Da war es gedacht und der Zauber gebrochen. Des Vergessens gedenken heit ja
sich erinnern. Der Brust Marias entstieg ein Schrei und gellte unheimlich durch
die Stille. - Aber horch, es kam Antwort. Ein dumpfes, einfrmiges Gerusch, das
aus der Ferne herberdrang, gab sie. Dort am Ausgange der Waldschlucht stand
eine Mhle, und rastlos drehte sich ihr riesiges Rad, getrieben vom strzenden
Bach ... Vorwrts! auf sie zu ... Hadassa biegt nicht aus. Ein herbes Lcheln
verzog Marias Lippen. - Armselig sogar an Erfindung ist das Leben. Alles
wiederholt sich. Das ist ja wie vor Jahren, als sie, fast noch ein Kind,
demselben Tod, dem sie jetzt entgegenjagt, entgegengetragen wurde. Einem
hlichen Tod zwischen schwarzen, triefenden Speichen, und damals graute ihr vor
ihm - heute graut ihr nur noch vor dem hlichen Dasein ...
    Bleich, die Augen weit geffnet, nherte sie sich mit entsetzlicher
Geschwindigkeit ihrem Ziele.
    Da erfuhr sie etwas Seltsames. Ist das immer so vor dem Ende? - In alle
Seelentiefen fllt unendliches Licht; die Wurzeln des Fhlens und Tuns sind
enthllt. Seines tuschenden Schimmers entuert, erscheint das Blendwerk der
Sinne und der Phantasie als ein hliches Zerrbild. Aber die reine, von ihm
zurckgedrngte Empfindung prangt in herrlichem Glanze.
    - Nun wandeln zwei mutterlose Kinder die wohlbekannten Wege entlang, nun ist
das Herz des besten Mannes verwaist ... Warum? warum? Es htte nicht sein
mssen. - Schade um das vernichtete Glck!
    Maria! bertnte eine Stimme das Rauschen der Fluten, Maria! und sie,
pltzlich zurckgerufen in das Bewutsein der Wirklichkeit, fuhr zusammen und
ri die Zgel an.
    Hadassa bumte sich, dann stand sie gestreckt mit rauchenden Nstern, mit
zurckgelegten Ohren. Wo war sie hingeraten in ihrem nrrischen Lauf? Was fr
ein wasserspeiendes Ungeheuer war das, dem sie im Begriff gewesen in den Rachen
zu springen?...
    Sie erschrak, und zugleich freute sie sich, denn aus dem Winkel, wo das
brausende Scheusal sein Wesen trieb, kam ihr guter Kamerad und Stallnachbar, der
braune Bob, einher-getrabt.
    Auch er war aufgeregt, sein Reiter aber ganz ruhig, und der rief: Was
gibt's, ist sie durchgegangen?
    Maria stammelte ein undeutliches nein. Ihr war zumute wie einem auf der
Flucht ereilten Verbrecher. Mitten in fast bermenschlichem Ringen nach
Selbstbeherrschung erzitterte sie, von Schauern durchfrstelt. Die Augen
desjenigen, dem ihre letzten Gedanken gegolten, ruhten auf ihrem Angesicht.
Spiegelte es die Kmpfe wider, die sie eben durchgemacht?...
    Hermann hatte sein Pferd gewendet und ritt nun neben ihr an der Mhle
vorbei. Er neigte sich zu Maria, legte seine Hand auf die ihre und sagte: Du
bist ganz bla.
    Wirklich? Sie zog ihr Taschentuch und prete es an ihre Stirn.
    Mir war bang, Hadassa - sie hat heute einen bsen Tag - knnte an der Mhle
nicht allein vorber wollen. So bracht ich einen Begleiter.
    Aber wie kommst du hierher?
    Quer bers Feld. Du machtest einen Bogen, ich habe dir den Weg
abgeschnitten.
    Und noch Zeit behalten, mir in erhabener Bedchtigkeit entgegenzutraben?
Auch eine Leistung. Bravo, Bob! Sie klopfte den Hals des schwei- und
schaumbedeckten Pferdes: Ich liebe dich.
    Hermann lachte sie an: Der Glckliche, sein Herr beneidet ihn.
    Hat keinen Grund dazu, sagte sie ernst und warm.
    Er drckte ihre Hand, die er noch immer in der seinen hielt: Das sagst du
ja, als ob es dir leid tte, versetzte er im frheren Tone. Aus seinem Blicke
sprach lautere Seligkeit und weckte einen Widerschein in der Seele Marias.
    Was ihr vorhin gedmmert hatte, es durchdrang sie jetzt mit dem Lichte und
mit der Kraft sonnenklarer berzeugung. Das Beste und Hchste an ihr, das, worin
alle edlen Eigenschaften ihres Wesens gipfelten, war die langsam gereifte Liebe
zu diesem Manne.

                                       14


Von nun an lie sich Maria nicht mehr lange bitten dabeizusein, wenn etwas los
war bei Wonsheim. Aus der Rolle einer Zuseherin ging sie bald zu der einer
Mitwirkenden und endlich einer Anfhrerin ber. Schwungvoll wie eine Kunst,
nicht mit der Nchternheit eines Handwerkes wollte sie den edlen Sport betrieben
sehen. Den der Jagd zum Beispiel, an dem Carla und Betty leidenschaftlich Anteil
nahmen. Was man so vortrefflich auszuben versteht, soll auch schn ausgebt
werden.
    Machen wir ihnen eine Freude, sagte sie zu Hermann, lassen wir fr ein
paar Tage das Goldene Zeitalter der Jagd wieder aufleben, zaubern wir uns an den
Hof Augusts des Starken oder nach dem Jagdschlo Blankenburg. Veranstalten wir
ein Fest, bei dem einmal gezeigt wird, was das Haus Dornach vermag; denke nur,
da ich selbst es noch nie in seinem Glanze gesehen habe.
    Ein schweres Versumnis, erwiderte er, aber wir wollen es gutmachen.
    Die den, immer verhangenen Prunksle wurden dem Licht und der Luft
geffnet, und es zog wie ein Erwachen durch die Rume. Ein leises Knistern erhob
sich in dem alten Schnitzwerk und Getfel der Wnde, ein pltscherndes Gerusch
in den meergrnen, goldbefransten, vom Winde, der durch die Fenster drang,
geblhten Vorhngen und Draperien. Die Prismen der kristallenen Kronleuchter
schlugen lustig aneinander mit feinem, hellem Klang. Und erst auf dem Orchester
im Tanzsaale, wie ging es da zu! Da wurde gestimmt und gebt und Strauische
Musik einstudiert. Eine strmische Auferstehung fr die Streich-und
Blasinstrumente, die geruht hatten in ihren Srgen, seitdem sie der lngst
vergessenen Weise eines Menuets  la reine ihre Stimmen geliehen. Der greise,
immer mrrische Schlowrter, der sich als der eigentliche Schloherr
betrachtete, griff ungern genug auf Hermanns Befehl nach seinem Schlsselbund.
Und die eisenbeschlagenen Eichenschrnke in der Silberkammer lieferten die
Schtze aus, die ihr Hter sorgsam pflegte und geizig verbarg vor der Neugier
der Laien. Da kamen sie hervor und schmckten die Tafel im groen Speisesaal,
die phantastischen Aufstze und Trinkschiffe, die Nautilusschalen, die
romanischen Pokale und die gotischen mit ihren kleinen durchbrochenen Trmen,
Spitzbogen und Fialen. Kannen, Becher, Schsseln in bewunderungswrdig
getriebener Arbeit, mit Figurenreliefs, eingeschmolzener Emaillierung,
eingesetzten Edelsteinen, Triumphe der Goldschmiedekunst, die Hand Jannitzers,
Eisenhoidts, Dinglingers verratend, dieser bescheidenen Meister einer
Kleinkunst, aus deren Werksttten so viele groe Knstler hervorgegangen sind.
    Die Einladungen zu dem Feste waren im Stile des 18. Jahrhunderts verfat.
Die Cavaliere und Dames wurden gebeten, nach dem Kesseltreiben, das an der
Stelle des historischen Fuchsprellens abgehalten werden sollte, in
grnsammetener, mit Silber verschamerierter Kleidung beim Mahle zu erscheinen.
Zur Jagd selbst kamen die Gste natrlich in beliebigem Kostm: Je schbiger,
je schickiger!
    Carla und Betty Wonsheim, die das Wort erfunden hatten, brachten es zu
Ehren, sahen jedoch nicht vorteilhaft aus in ihren zerdrckten Hten, ihren
alten Paletots, kurzen Rcken und abgetragenen Schnrstiefeln.
    Wenn aber die Herren mit ihren ledernen Jagdhosen die Zimmer putzen lassen,
um ihnen jeden Schein von Neuheit zu benehmen, drfen die Damen nicht
zurckbleiben, und auch ihre Ausstaffierung mu die Spur von hundert blutigen
Schlachten gegen Haar-und Federwild tragen.
    Als die Gste versammelt waren, fand, frei nach Dbel, der Aufzug statt, den
Willy, Wilhelms Erstgeborener, mit dem bloen Hirschfnger in der Rechten
anfhrte. Ein ergtzliches Schauspiel, bei dem weder die Schar der Leute im
wilden Mannshabit noch der Knstler, der den pohlnischen Bock pfeifen
konnte, noch der Waidmann fehlte, der das Parforcehorn musikalisch zu blasen
verstand.
    Die Gesellschaft spendete reichlichen Applaus und bestieg in bester Stimmung
die Wagen, die sie nach dem Revier brachten, wo der erste Trieb stattfand. Der
letzte sollte die Jger am Nachmittag in die Nhe des Schlosses zurckfhren,
und diesen versprach Maria, den Bitten aller nachgebend, mitzumachen.
    Zur bestimmten Stunde verlie sie das Haus. Es war kalt, ein scharfer Nord
hatte sich erhoben, fegte den dnnen, harten Schnee in die Grben und Mulden und
blies von Zeit zu Zeit einen Schauer feiner Eisnadeln ber die Felder.
    Still und schweigend kamen die Jger heran, die flgelfhrenden an der
Spitze. Der Ordner befahl Halt, und nun teilte sich der Zug. In gleicher
Entfernung von dem anderen ging je ein Schtze zwischen zwei Treibern seinem
Stande zu.
    Seit ihrer Kindheit hatte Maria nicht mehr an einem Kesseltreiben
teilgenommen und nur einen verworrenen Eindruck davon behalten. Nun schritt sie
neben Clemens, dem sie schon am Morgen ihre Begleitung zugesagt hatte und der
ihr ganz merkwrdig vorkam. Eine heftige Aufregung spiegelte sich in seinem
sonst so phlegmatischen Gesicht; aber er blieb stumm.
    Der Kreis war geschlossen, die Jger begannen vorzurcken.
    Alles noch regungslos da drin in dem seichten, leicht beschneiten
Ackergrunde, der sich gleichmig senkt und dann wieder erhebt bis zur Einhegung
des Parkes.
    Die Hasen waren klug, sagte Maria. Sind alle fort, im Walde.
    Sind da, ducken sich nur, antwortete Clemens.
    Die Treiber begannen ihre Klappern zu rhren. Ein zerlumpter Junge in
durchlcherten Socken sprang vor Maria her, offenbar in der Absicht, von ihr
bemerkt zu werden. Er jagte auch wirklich einen Hasen auf. Dann rckten drei
andere nach, vier, sechs ... Der erste Schu knallte, ein groer, fetter Hase
strzte und blieb auf der Stelle.
    Das war die Betty, murmelte Clemens, und ein Ausdruck leidenschaftlichen
Neides umzuckte seinen Mund. Seine Hnde zitterten, er scho und fehlte, scho
wieder und traf, aber schlecht. Auf drei Lufen sprang sein Opfer dem nchsten
Nachbarn in den Schu. Nun nahm er sich zusammen, nun war er wieder er selbst.
Wohl dem Meister Lampe, der ihm kam, er hatte nicht lange zu leiden.
    Der Kreis wurde immer enger, es wimmelte von Wild. - Aus der Erde schien es
zu wachsen, erhob sich aus jeder Furche, sprang hinter jeder Scholle hervor,
wandte alle seine Finten vergeblich an, strzte herum im Wahnsinn der Angst,
schrie, da es einen Stein erbarmt htte - und Jgern Vergngen machte. Und erst
dem Volke! Welchen Feiertag begeht heute das Volk!
    Das feigste Tier, das vllig wehrlose zusammentreiben auf einen Fleck, damit
es dort lustig niedergeknallt werde, nachhelfen mit dem Stock, wenn das Gewehr
sein Werk nur halb getan, totmachen, so recht nach Herzenslust und noch Geld
dafr kriegen, das ist ein Gaudium fr den armen Mann und fr sein Kind eine
Schule, in der es etwas lernen kann.
    Der letzte Trieb, der schnste Trieb. Wer htte das erwartet! Die meisten
Herren und alle Damen wurden von einem Rausch ergriffen. Angesichts solcher
Massen Wildbrets wird der kaltbltigste Jger hitzig. Das Abc der Wissenschaft
geht ihm verloren; er zielt kaum mehr, kmmert sich nicht darum, ob das
Material zuschanden geschossen wird.
    Die Strecke bedeckt sich mit totem, verendendem, verstmmeltem Getier. Es
dngt den Boden mit seinem Schweie; es wird geknickt, erwrgt; die Treiber
binden ihm die Hinterlufe zusammen und beladen ihre Stcke mit der noch
zuckenden Beute.
    Maria hatte weggeblickt. Widerwillen, Ekel, ein groes Staunen erfllte sie:
die sich da ergtzen an den Qualen eines armseligen Geschpfs, das sind lauter
gute Menschen.
    Grfin, schauen S' her, rief Clemens mit seinem heitersten Lachen.
    Auf zehn Schritte von ihm hatte ein alter blinder Hase sich hingepflanzt und
machte ein Mnnchen. Beide Lffel waren ihm abgeschossen, und die Farbe lief
ber seine erloschenen Lichter. Er wischte sie mit den Vorderlufen langsam ab,
scht-telte sich, loste nach rechts und nach links, senkte traurig seinen
kugelrunden Kopf und sah unglaublich dumm aus.
    Den Gnadensto, ich bitte um den Gnadensto fr ihn, sprach Maria.
    Clemens gab Feuer. Der Hase lag und - unweit von ihm der kleine Treiber, der
aus vollem Halse schrie und ein Bein in die Hhe streckte.
    Patzer! rief Betty herber.
    Im selben Augenblick gab der Hornist das Zeichen zum Schlu.
    Maria war auf den Verwundeten zugeeilt, Clemens folgte ihr langsam nach.
Doktor Weise kam mit Riesenschritten heran. Er trug eine Mtze mit Ohrklappen,
stak in einem Pelze, der ihm die Form eines Schilderhauses verlieh, und war mit
doppelt soviel Jagdrequisiten behangen, als er htte verwenden knnen. Mhsam
kniete er neben dem Jungen nieder, untersuchte ihn genau und sprach: Ich
konstatiere, da dieser adolescentulus an der sura des linken Beines von einem
Schrot gestreift worden ist.
    Das ist alles, wirklich alles?
    Weise nickte: Alles.
    Nun erhob der Bursche ein Geschrei, gegen das sein frheres nur ein Suseln
genannt werden konnte. Er tobte und kreischte: Ich hab eins, der Herr Doktor
vergunnt mir's nit, der Herr Doktor lugt. Ich hab eins, ich hab ein Schrot und
krieg fnf Gulden!
    Immer die alte Komdie, sagte Clemens.
    Der Doktor aber sprach, nachdem er dem Patienten eine Maulschelle
verabreicht und sich mit Hilfe zweier Jger aufgerichtet hatte: Verzeihen, das
ist Ihre Schuld, Herr Graf. Wenn man jedem angeschossenen Treiber fnf Gulden
frs Schrotkorn bezahlt, darf man dann nicht staunen, da sich die Leute auf so
leichte Art etwas verdienen wollen.

In drei Slen des Schlosses wurden die Gste magnifique traktieret. Hermann
erhob sich und leerte sein Glas auf aller braven Jger Gesundheit. Die
Hifthrner bliesen, und zum Finale lieen die Jgerburschen das Waldgeschrei
ertnen.
    Es war das stilvollste Fest, das man denken konnte, und mit weit mehr
historischer Treue ausgerichtet, als der grte Teil der Gesellschaft zu
wrdigen verstand. Doch freute sich jeder an der entfalteten Pracht, am Reichtum
und Geschmack der Kostme.
    Besondere Bewunderung erregte Carla Wonsheim, die entzckend aussah in ihrem
grnen, mit weiem Atlas ausgeschlagenen Sammetgewand und dem dunkeln
Federbarett auf ihrem hbschen Kopfe. Sie schien in einem Diamantenregen
gestanden zu haben, denn sie war vom Scheitel bis zu den Fen mit einzelnen
dieser funkelnden Edelsteine wie bersprht.
    Wen stellen Sie vor? fragte eine junge, schlanke Landedel-frau mit
auffallend schnen Augen, Baronin Wlasta Wynohrad. Die Damen Wonsheim waren ihr
wie Sterne aufgegangen an ihrem beschrnkten Horizont, und sie kannte keinen
hheren Ehrgeiz, als in der Nhe ihrer Idole geduldet zu werden.
    Wen ich vorstelle? - das wei die Frau vom Haus, gab Carla zur Antwort,
die hat unsere Kostme vorgeschrieben.
    Das meine nicht! Ich lasse mir nichts vorschreiben. Ich bin die Pfeife,
nach der bei mir alles tanzt. 18. Jahrhundert, Jagdkostm - va bene. Das weitere
ist meine Sache.
    Carla lie einen unvertrauten Blick ber die Toilette der Baronin gleiten
und dachte: Nicht recht prsentabel, die brave Frau.
    Diese zog ihre mageren Schultern in die Hhe, streckte den langen Hals und
lie die Freudenbotschaft von ihren Lippen schweben, da sie den nchsten Winter
in Wien zubringen werde.
    So? sprach Carla.
    Ja, ja, und ich werd schon oft zu Ihnen kommen und Sie bitten, da Sie sich
meiner annehmen. Die Wiener Socit ist sehr unfreundlich gegen neue
Erscheinungen.
    Nur, wenn sie un-comme-il-faut sind.
    Na, das ist natrlich - gegen die bin ich geradeso ... Aber je, da schauen
Sie her! die Wilhelmischen fangen schon an zu tanzen. Komm ... Oh weh!
unterbrach sie sich, jetzt hab ich mich wieder versprochen, ich bitt um
Verzeihung!
    Ihre Entschuldigung wurde mit einem Kopfnicken quittiert. Sie lie sich
dennoch nicht abschrecken. Gehen wir in den anderen Saal, sprach sie und schob
zutunlich ihren Arm unter den der Grfin.
    Der Tausend, lachte die, wir sind ja sehr intim, wir zwei! Davon hab ich
noch gar nichts gewut.
    Wlasta errtete bis an die Ohren, und Carla fuhr unbarmherzig fort: Warum
denn nicht? als Nachbarn auf dem Lande;das hat keine Konsequenzen - in der
Stadt, mein ich. Man ist dort schrecklich in Anspruch genommen. Ich knnt Ihnen,
sehen Sie, liebe Baronin, nicht einmal eine Stunde geben, zu der ich zu treffen
bin.
    Die Baronin war nahe daran, von einem Herzkrampf ergriffen zu werden. Sie
rang nach Atem und brachte mit niedergeschlagenen Augen und gebrochener Stimme
die Worte hervor: Ich bin eine geborene Zastrisl.
    Nein, was Sie sagen! erwiderte Carla mit heiterem Erstaunen ber diese
blendende Enthllung. Dann ging sie, gefolgt von ihrem sehr dster gewordenen
Schatten, auf Maria zu, die, umringt von einigen uerst beflissenen Herren, auf
einem Sofa, der offenen Tr des Tanzsaales gegenber, sa.
    Die Baronin, sprach sie, mchte wissen, wen ich vorstelle.
    Du bist, lautete die Antwort, die lebendige Nachbildung eines Portrts
der Gemahlin des Herzogs Rudolf von Braunschweig-Lneburg.
    Lneburg? Hab mein Lebtag nichts von dem Neste gehrt.
    Ich auch nicht, aber jetzt merk ich mir's, sprach Betty, die gleichfalls
herangetreten war und die Hand auf Marias Schulter legte. Man wird so gelehrt
in Dornach. Es geschieht alles mgliche fr die Bildung der Gste. Das heutige
Fest, zum Beispiel, hast du, wett ich, nur arrangiert, um uns hinterrcks etwas
aus der Geschichte beizubringen und aus der Geographie.
    Solche Lektionen kann man sich schon gefallen lassen, fiel Carla ein, und
Betty rief: Oh, wie hab ich mich unterhalten! Es war furchtbar lustig.
    Und was denn am lustigsten? fragte Maria.
    Die Jagd natrlich. Ich hab einunddreiig Hasen geschossen und einen
Fuchsen, den mir brigens mein schuneidiger Mann abdisputieren will. Und du
hast dich doch auch unterhalten?
    Auf der Jagd nicht.
    Die kleine Frau war auerordentlich erstaunt: Wie kann das sein?
    Es ist mir eingefallen, da wir uns an Qualen ergtzen. Der Anblick der
jmmerlich zugerichteten Tiere hat mich verstimmt.
    Entschuldigen Sie, Grfin, das ist Empfindelei, sprach ein jugendlicher,
etwas affektierter Diplomat.
    Behauptet die Gedankenlosigkeit, versetzte Maria halblaut, wie zu sich
selbst redend.
    In ihm aber brodelte es vor Unwillen; fast wre er aufgefahren. Gestern erst
hatten einige seiner hier anwesenden Freunde von Marias Unnahbarkeit gesprochen,
und er hatte sich in die Brust geworfen und mit offenkundiger Absicht gesagt:
Ja, ja, ihr zu gefallen ist nicht leicht. Man mu eben geistreich sein.
    Und jetzt, und noch dazu in Gegenwart der Zeugen seiner Prahlerei:
Gedankenlosigkeit! Er wollte eine schlagende Antwort geben, da ihm aber nichts
besonders Passendes einfiel, entschlo er sich zu schweigen. Die kleine
Beschmung, die er erlitten hatte, war verschmerzt, als Carla sich mit den
Worten zu ihm wandte: Ich bin Ihnen noch einen Walzer schuldig vom Fasching
her. Soll ich bezahlen?
    Sehr geschmeichelt erhob er sich und wirbelte mit ihr davon.
    Vetter Wilhelm aber, der bei Wonsheim in hohen Gnaden stand, mute mit Betty
tanzen, um zu ben fr den schmachvollen Verdacht, den er geuert hatte, da
sie mde sei.
    Was? md - ich?... Ich bestell mir ein Pferd her um sechs Uhr frh und mach
noch einen Ritt von ein paar Stunden.
    Wilhelm lachte: Ganz wie ich, damals, als ich noch Leutnant war bei Kaiser
Nikolaus-Husaren.
    Maria blickte sinnend, mit immer unbeweglicher werdenden Augen, in das
Gewhl frhlicher, geputzter Menschen, und was sie sah, war seltsam. - Das
glnzende Bild goldbetreter Herren, von Juwelen strotzender Damen, des
altertmlichen Prunkgemachs, worin sie sich bewegten, wurde durchscheinend und
verschwand schemenhaft von einem tief dunklen Hintergrunde. In dem war ein
Brausen und Grollen, wie es drut im sturmgepeitschten Meer. Die Wellen trmten
sich bis zum Himmel, strzten in unermeliche Tiefen, stiegen wieder empor, um
wieder zu sinken, ein ewiges Auf und Nieder.
    Und ein Wehgeheul entrang sich diesem grausen Getmmel gejagter, jagender,
verschlingender, verschlungener Wellen: denn sie bestanden aus Tier- und
Menschenleibern; sie waren das gequlte Geschlecht der Lebendigen, und der
Ozean, der diese Fluten rollte, war ein Ozean des Leidens ...
    Manchmal erglnzte hoch am Horizont ein blinkender Stern, und Millionen von
Menschenherzen erhoben sich, sehnschtige Augen tranken lechzend sein zitterndes
Licht. Aber nicht lange, und sie wuten: Der ihnen dort erglommen, der
verheiende Schein, war nur ein Widerschein des Trostverlangens, der Hoffnung -
in ihrer eigenen Brust.
    Und weiter rollt der Ozean des Leidens seine sthnenden Fluten.
    Aber sieh! - was kommt auf ihnen dahergeschwommen?... In bewimpeltem
Schifflein eine lustige Schar bermtiger Mnner und Frauen. Sie scherzen, sie
spielen, sie liebeln und fahren sorgenlos hin - demselben Ende zu, das der
Gepeinigten wartet ...
    Woran denkst du? fragte pltzlich eine sanfte Stimme. Maria schrak auf wie
aus einem Traume. Helmi stand neben ihr.
    Und andere kamen, und der Diplomat machte ihr auf Tod und Leben den Hof, und
Clemens Wonsheim fhlte mit Mibehagen, da er einmal wieder im Begriff sei,
sich in die Frau eines seiner Bekannten zu verlieben, und sagte sich selbst:
Unsinn, dabei schaut wirklich nix heraus.
    Einmal im Laufe dieser Nacht trat Maria an die Glaswand des Altans und schob
den Vorhang zurck. Da lag vor ihr die weite, beschneite Landschaft,
weischimmernd, heller als der Himmel. Oh, diese anbetungswrdig schne und doch
peinerfllte Erdenwelt ... Dein Werk, du unbegreiflicher, unbekannter Gott ...
Sie besann sich eines Spruchs, den sie in einem alten Buch gelesen, und der
lautete:

Als Vorsehung magst du ihn hassen,
Den Knstler mut du gelten lassen.

Einst hatten diese Worte ihr religises Gefhl verletzt ... Einst!

                                       15


Das Fest in Dornach rief eine Reihe mehr oder minder glcklicher Nachahmungen
hervor. Es gab Blle auf allen Schlssern der Umgebung, sogar bei Wilhelms wurde
getanzt, zum ersten Male, seitdem sie Haus hielten. Spter kam der Eissport in
Aufschwung, und man huldigte ihm auf das eifrigste. Da zeigte sich Gustav
Wonsheim in seinem Glanze.
    Wenn's friert, sagte Carla, dann kommt mein Mann in Feuer.
    Er fuhr wie ein Norweger auf dem Schneeschuh bergab und bergan; er verstand
die Eispike zu gebrauchen wie ein Hollnder; auf dem Eislaufplatz beschmte er
den Amerikaner Haynes. Seine Unermdlichkeit im Veranstalten immer neuer
Wintervergngungen im Freien war erstaunlich.
    Im Dezember dieses Jahres gewann er, ohne Notiz davon zu nehmen, die Herzen
von sechzehn benachbarten Damen;doch wandten sie sich im Februar fast alle von
ihm ab, als ihn Hermann bei einem tollkhnen Schlittenrennen glorreich besiegte.
    Die Zeit verrann. Von Woche zu Woche wurde in Dornach und in Rakonic die
Abreise nach Wien verschoben und endlich ganz aufgegeben. Die Balzjagden hatten
begonnen, die Herrschaften fuhren fort, sich auf dem Lande prchtig zu
unterhalten.
    Maria fhrte ein eigentmliches Doppelleben. Heute eine zweite Elisabeth von
Thringen, morgen eine Vollblut-Sportslady, die das starke Geschlecht oft
bertraf an Khnheit und Schneid.
    Ein Mordsweib, die Dornach, sagte Clemens seufzend zu seinem Bruder. Und
Gustav erwiderte zwischen zwei Zgen seiner Zigarette: Das wei der Teufel!
    Clemens lie sich in seinem Fauteuil hinabgleiten, streckte die Beine weit
aus und legte den Kopf zurck. Wie sie gestern so scharf hereingfahren is!
sprach er. Auf einmal ruft die Betty sie an. Ein Ruck - und die Braun' stehn
wie die Mauern.
    Ich sag's ja, als four-in-hand-Kutscher kommt ihr keiner nach.
    Das Aug, die Hand und - die Ruh.
    Der Kerl, der Hermann, der hat ein Mordsglck mit der Frau.
    Dem Beneideten indessen schien das, was die hohe Zustimmung der Nachbarn
erweckte, ein unheimliches Wunder. Er suchte sich die leidenschaftliche
Zerstreuungssucht Marias als einen Rckschlag gegen ihre frhere Melancholie zu
erklren. Pendelschwingungen der Seele, von dem uersten zu jenem, die nichts
sind als Vorbereitungen zur Rckkehr in ihre schne, wohltuende Gleichmigkeit.
    Eines Morgens kam Maria heim nach wildem Ritte durch die kaum wegsam
gewordenen Wlder. Aus ihren schweren Flechten, die sich nicht vllig unter den
Hut hatten zwngen lassen, standen die Spitzen der Haare hervor, glnzend wie
Seide; unbndige Lckchen kruselten sich ber den aufgeregt funkelnden Augen,
die schlanken Nasenflgel zitterten, zwischen den leicht geffneten Lippen
blinkten die weien Zhne hervor. Hastig berichtete sie von einer neuen
Verabredung mit Wonsheims fr den Abend.
    Eine Regung der Eifersucht durchzuckte das Herz ihres Mannes; doch machte er
sich sogleich einen Vorwurf daraus. Du hast dich unterhalten? fragte er.
    Oh, kniglich! gab sie zur Antwort, und er strich leise ber ihre
gerteten Wangen: Den nchsten Winter verleben wir in der Stadt, wenn es dir
recht ist. Auf dem Lande haben wir zu wenig Ruhe, was meinst du?
    Was du meinst, gab sie zur Antwort, und seine unausgesprochene Rge
verfehlte nicht ihre Wirkung.
    Maria besann sich auf sich selbst. Ein Wort Hermanns hatte sie aus dem
Rausche geweckt, in dem sie eine Art von Frieden gefunden.
    Nun wollte sie mehr als seinen Schein, sie wollte ihn selbst wiedergewinnen,
den echten Frieden, ohne den das Leben nutzlos und tricht ist.
    Sie begann ihn zu suchen im Buch der Bcher, in den Worten der Schrift, die
sich nicht an die kalte Tugend wenden, die fr den reuigen Snder gesprochen
sind. Ihm gelten diese Verheiungen, dem armen Zllner, der benden Magdalena
ffnen sich Vaterarme.
    Maria erflehte und erhielt Entshnung durch den Mund eines ehrwrdigen
Priesters und blieb vor sich selbst - unentshnt.
    Was hilft Ihre Verzeihung, mein Vater, wenn ich mir nicht verzeihen kann?
fragte sie, und der alte Seelenhirt erwiderte:
    Hat meine Tochter vergessen, da es die Verzeihung des Allbarmherzigen ist
und nicht die meine, die sie in der heiligen Beichte empfngt?
    Wenn es die Verzeihung Gottes ist, warum fhle ich ihre Segnungen nicht?
Warum trete ich von dem Tische des Herrn mit so schwerem Herzen hinweg, als ich
ihm nahte?
    Ihr Gewissensrat holte vergeblich Trostgrnde ohne Ende aus dem
unerschpflichen Born des Glaubens hervor, dessen treuer Bekenner er war.
    Sie lag vor ihm auf den Knien im Beichtstuhl der Schlokapelle, das
Angesicht mit den Hnden bedeckt, und schluchzte.
    Der Priester lie einen Blick voll Wehmut ber die Ringende gleiten und
sagte nach langem Besinnen: Die Wege des Herrn sind unerforschlich. Es ist
schon vorgekommen, da ein reiner Mensch mit Zulassung Gottes in der Versuchung
unterlegen ist. Das geschieht, damit dieser Mensch sich nicht berhebe in seiner
Tugend. Er fiel, ja, aber - dem Allgtigen zu Fen, dessen er im Frevelmute
vergessen und zu dem die Reue ihn zurckgefhrt. Dort liegt er fortan in Demut
und Zerknirschung, einer von denen, die dem Herzen des Ewigen nherstehen als
hundert Gerechte.
    Er gab ihr seinen Segen. Sie erhob sich stumm, und nie wieder klagte sie ihm
ihr Leid.
    Der alte Geistliche aber beugte seinen kahlen Scheitel in frommer Einfalt
vor dem Bilde des Gekreuzigten bis zur Erde und sprach ein heies Dankgebet: Sei
gepriesen, da du auf die Lippen deines unwrdigen Dieners die Worte legtest,
die eine Seele vor der Verzweiflung gerettet haben.
    Maria ging von nun an ihren Weg allein und suchte nicht mehr nach Betubung
oder Sttze. ueren Gleichmut hatte sie endlich errungen, der half ihr die
schwere Seelenpein verbergen, ja, er wuchs mit ihrem Streben nach
Vervollkommnung. Sie war nachsichtslos gegen sich selbst, wenn es die Erfllung
auch der geringsten Pflicht galt - und hatte gegen ihre erste und hchste
gesndigt. Sie trug das verfeinertste Rechtsgefhl in der Brust, und - neben ihr
wuchs die Frucht des Unrechts auf; ein Eindringling, ein kleiner Dieb, der
geno, was ihm nicht zukam. ber ein schmerzliches Mitleid ging die Empfindung
Marias fr das Kind nicht hinaus.
    Aber Hermann, Vater und Sohn, schienen ihm die Zrtlichkeit ersetzen zu
wollen, die seine Mutter ihm versagte. Der vierjhrige Majoratserbe, ein groer,
stmmiger Junge, der so khn und stolz einherging, als ob die Erde ihm gehrte,
zerschmolz vor dem Kleinen in Liebe und Ergebenheit. Seiner Natur nach
kriegerisch und immer aufgelegt, zum Schlage auszuholen mit seinen Fustchen,
entfaltete er jeder Laune seines Nachgeborenen gegenber eine erstaunliche
Geduld. Er parierte seine hlzernen Pinzgauer im sausendsten Galopp, wenn Erich
mit Trnen in der Stimme rief: Genug, die Pferde sind schon md.
    berlegen lchelnd sah Hermann zu, wie sein Bruder die Gule unter einer
Gartenbank vor ihm versteckte, sie ftterte und sie zudeckte mit dem
Taschentuch.
    Der Groe beschtzte den Kleinen bei hundert Gelegenheiten; dieser
beschtzte die Hunde vor Hermanns derben Zrtlichkeiten. In solchen Fllen gab
es Pffe; doch immer war's der Schwache, der sie versetzte.
    Ein festes Band zwischen den Geschwistern war die Freude am Erzhlen des
einen, die Freude am Zuhren des andern. Es glnzte etwas wie Verehrung in
Erichs Augen, wenn er den Geschichten seines Bruders lauschte. Diese hatten eine
merkwrdige hnlichkeit untereinander und handelten immer wieder von der Wste,
vom Sturm und von den Lwen. Manchmal, wenn sich die Wste so unermelich
dehnte, da sie grer wurde als die Wiese drben hinter dem Bach, und wenn der
Sturm es zu wild trieb und die Lwen zu blutdrstig wurden, da berlief's den
Kleinen; sein Gesichtchen zog sich in die Lnge, er verschrnkte seine Finger
krampfhaft ber den Knien und lie den Kopf auf die Brust sinken.
    Glcklich ber den Erfolg seiner Erzhlungskunst, warf Hermann den Kopf in
die Hhe und rief: Und ich werd hingehen und die Lwen totschieen!
    Das war der Hhepunkt seines Triumphes, und er geno ihn ungestrt, bis
eines Tages der Kleine aufsprang, die Arme ausbreitete und vllig begeistert
sprach: Und Erich wird zuerst hingehen und wird den Lwen zu essen geben.
    Von Stund an begann er, den Gedanken an die Reise zu den Lwen mit einer
weit ber seine Jahre gehenden Beharrlichkeit nachzuhngen. Der Richtung
zugewandt, die Hermann als diejenige bezeichnet hatte, in der die Lwen wohnen,
konnte er ganz in Gedanken versinken und still und freudig lcheln, als ob die
schnsten Bilder vor ihm auftauchten.
    Seine Mutter bekmpfte den Hang zur Trumerei in dem Knblein. Sie lehrte
ihn spielen; sie zrnte, wenn sie ihn mig fand. Doch selbst ihr Zrnen war ihm
Glck und Gnade, sie beschftigte sich ja mit ihm. Er hrte ihr zu, stand wie
ein Bildsulchen und blickte mit seinen strahlenden Augen andchtig zu ihr
empor.
    Maria hielt den liebewerbenden Blick des Kindes nicht lange aus.
    Sie trat fort von ihm, sie fragte sich schaudernd: Sieht denn niemand auer
mir diese entsetzliche hnlichkeit? - Niemand, antwortete ihr die Unbefangenheit
der Ihren, der Fremden, eines jeden, der dem Kinde nahte und in Bewunderung des
reizumwobenen Geschpfchens ausbrach.
    Sein besonderer Verehrer war der Doktor, obwohl er sonst gesunden Kindern
keine Beachtung schenkte. Der Herr Graf Erich soll, wie ich hre, geistlich
werden, sagte er zu Lisette, die lange mit ihm geschmollt, es aber zuletzt
aufgegeben hatte, weil er so gar nichts davon bemerkte. Da prophezeie ich
Ihnen, aus dem macht man keinen Domherrn. Der bleibt nicht im Lande - der wird
ein heiliger Reisender, ein Missionr. Schon jetzt ein Menschen- und Tierfreund
und dazu einen unwiderstehlichen Zug hinaus ins Universum.
    Die gute Helmi und Wilhelm sagten oft, da sie sich einen Neunten gefallen
lieen, wenn er ein Seitenstck zu Erich wre: So poetisch schne Kinder sind
gewhnlich krnklich, dieser aber sieht aus und befindet sich wie ein Cherub.
    Den Vergleich hatte zuerst Grfin Agathe angewendet. Sie entri sich des
bevorzugten Enkels wegen frher als sonst ihrer klsterlichen Einsamkeit. Den
scherzenden Vorwurf Hermanns, er htte nie geahnt, da sie so schwach und
nachsichtig sein knne, wie sie es gegen seinen zweiten Sohn war, lie sie sich
gern gefallen. - Er erinnerte eben an seinen Grovater.
    Die Grfin hatte das festgestellt, und es blieb fr die Mitglieder der
beiden Huser Dornach ein Familiendogma, was soviel heit als ein Satz, an dem
der gesunde Menschenverstand und die tiefste Einsicht zuschanden werden.
    Als der Fasching heranrckte, mahnte die Mutter Hermanns ihn und Maria von
neuem an ihre Pflichten gegen die Gesellschaft. Graf Wolfsberg, mit Geschften
berhuft und dadurch an Wien gebunden, sehnte sich nach seiner Tochter. Grfin
Dolph schrieb:

Ihr seid noch zu jung, um ganz zu verlandeln. Kommt, obwohl hier nicht viel los
ist. Die Menschen werden immer dmmer und ihre Manieren immer schlechter. Frher
wute ich genau, ob ich mit einem Fiaker rede oder mit einer Komte, jetzt irre
ich mich alle Augenblick. Ob es noch junge Herren gibt, werdet wohl Ihr
erfahren; eine alte Frau, bei der man etwas Geist, den Erbfeind dieser Rasse,
vermutet, kann sie fr ausgerottet halten. - Ich gehe mit dem Gedanken um,
literarische Abende zu veranstalten, aber - die Literaten sind smtlich
Atheisten - meine Nulle ist dagegen. Um diese Seele sind wir im Streite, der
liebe Gott und ich. Ich glaube, ich werde sie ihm berlassen.
    Euere Wonsheim haben mich besucht. Beide Mnner sind in Dich verliebt,
Maria, zwei Waschbren, die den Morgenstern anschmachten. Sobald von Dir
gesprochen wird, schnappen ihre Gesichter in die Falten der Demut ein.
    Die besseren Hlften Wonsheim fangen an sich zurckzuziehen. Aus Grnden,
die man - wahrscheinlich um ber ihre bitterliche Prosa hinwegzutuschen -
interessante nennt.
    Liebes Kind, mein Horace Walpole beschmt sein Urbild;er schreibt mir nicht
nur bewunderungswrdige und ergtzliche, sondern auch liebevolle Briefe.
Freilich wagt er nicht viel dabei, auf diese Entfernung. Das ist mein Schicksal.
Der einzige gescheite Junggeselle auf Erden und - Meere zwischen uns. Immer die
alte Geschichte, alles Wiederholung auf dieser Erde, die ja selbst keine
Originalschpfung des lieben Herrgotts, sondern nach einem vom Teufel
verfertigten Modell ausgefhrt ist. Ich hab's aus sicherer Quelle.
    Und nun sage ich Euch nochmals: kommt! reit Euch los von Eueren Ifflndern,
Wilhelm und Helmi, die ich gre, und von Euerem Euer Geld, Euere warmen Suppen
und Jacken liebenden Volke.
    Zuletzt die Tagesneuigkeit: Alma ist in Wien. Wir hrten, da sie
einschrumpfe vor Langeweile auf ihrer Burg im Wald. Da schrieb ihr Dein Vater
die Barmherzigkeitslge: Ihre Freunde vermissen Sie, warum halten Sie sich fern?
Sie antwortete: Ich werde mich ewig fernhalten, und - war da.

Wirst du sie sehen? fragte Hermann.
    Maria errtete bis an die Stirnhaare: Ja.
    So kannst du ihr verzeihen?
    Ich?... Wie kme es mir zu ... Und irgendwem? verbesserte sie sich, in
Verlegenheit gebracht durch sein Befremden ber diese Worte. Wer ist so rein,
wer steht so hoch, da er sich anmaen drfte zu sagen: Ich verzeihe fremde
Schuld.
    Wenige Wochen spter begegnete sie Alma auf einem Balle, begrte sie
zuerst, empfing am folgenden Tage ihren Besuch und erwiderte ihn.
    Frstin Tessin dankte mit Trnen in ihren noch immer schnen Augen.
    Die Freundschaft Marias war der stolze Besitz gewesen, auf den sie sich
berufen konnte in ihrem Kampfe zwischen ihrer Furcht vor der Meinung der Welt
und ihrer Liebe zu Wolfsberg. Zwei starke Empfindungen in einem schwachen
Herzen, das nicht vermochte, der einen zu trotzen oder die andere aufzugeben. So
hatte sie sich durchs Leben gewunden, beraus hflich, beraus gtig, in jedem,
der ihr nahte, einen Richter sehend, den sie zu bestechen suchte. Als Maria
begonnen hatte sie zu meiden, da war ihr, als ob die letzte Hlle gerissen
worden wre von ihrem durchsichtigen Geheimnisse. Jetzt aber hatte ihre
Beschtzerin sich wieder eingefunden, und sie fhlte sich nach Mglichkeit neu
hergestellt in den Augen der Menschen, deren Urteil bei ihr die Stelle des
Gewissens vertrat.
    Graf Wolfsberg uerte sich ber die Wiederanknpfung des Verkehrs zwischen
seiner Tochter und Alma weder zustimmend noch mibilligend. Man geriet langsam
in die alten Geleise zurck. Wolfsberg spttelte zeitweilig ein bichen ber
die gute Frstin; Maria verteidigte sie, wenn auch nicht so warm wie einst.
    Die Wahrnehmung Tante Dolphs erwies sich als richtig;beide Wonsheim liebten,
gnzlich hoffnungslos, die Frau Nachbarin vom Lande. Diese hatte seit einiger
Zeit bedeutend ausgespannt, aber trotzdem war und blieb sie - in der Stadt, wo
sich unzhlige Gelegenheiten zu Vergleichen boten, sah man das erst recht -
schn, elegant und sympathisch wie niemand.
    Die Brder gingen einzig und allein ihretwegen in die Welt. Betty und Carla,
krzlich Mtter geworden, hteten das Haus. Glckwnsche zu ihrer jungen
Vaterschaft wiesen die Wonsheim zurck: Ich bitt Sie, es sind ja nur Mdeln.
    Der gute Kerl, der Hermann, bekam einen Sohn nach dem anderen, und sie
bekamen - Mdeln. Sie suchten Trost fr dieses klgliche Resultat in allerlei
Zerstreuungen.
    Zu denen gehrte der Spa߫, den der Umgang mit Fee ihnen machte. Sie waren
ihre Vertrauten, sie erzhlte ihnen alles und das brige. Zum Beispiel, da sie
eine berseeische Korrespondenz fhre und das Leben jetzt sehr ernst nehme, ja
sogar, wie ein gewisser Jemand, der ihr magebend war - von der
Schokoladenseite. Da sie mit dem Gelde umgehen lerne und ihre Rechnungen nicht
selten mit eigener - natrlich behandschuhter - Hand bezahle. Den Kurszettel
lese sie Tag fr Tag. Es knne auf einmal dazu kommen, da man gezwungen sei,
Obligationen zu verkaufen, um die Kosten einer weiten Reise, die vielleicht gar
eine Hochzeitsreise sein werde, zu decken.
    Grfin Dolph, bei der Fee den grten Teil ihrer Zeit zubrachte und die
ebenso tief in ihre Geheimnisse eingeweiht war wie die Brder Wonsheim, machte
ihr keinen Vorwurf aus ihrer Plauderhaftigkeit.
    In der Welt, die nur eine erweiterte Familie ist, wei ohnehin jeder alles
von jedem, sagte sie eines Abends zu Fee in Marias Gegenwart.
    Glaubst du das wirklich? fragte diese. Ich meine, die Welt und die
Familie wissen so gut wie nichts von ihren Mitgliedern. Ich wenigstens, brach
sie pltzlich aus, habe eine Vorliebe fr ihre Zurckgesetzten und eine heilige
Scheu vor ihren Vergtterten.
    Dann mitraue dir selbst, erwiderte Dolph.
    Vielleicht tu ich's, sprach Maria.
    Die Tante zuckte die Achseln, scheinbar gleichgltig, in ihrem Innersten
jedoch regte sich ein stiller, immer wieder auftauchender unbequemer Zweifel:
Sollte Tessins Liebe nicht unbelohnt geblieben sein?... Pah! wer dem
Unwiderstehlichen nicht widersteht, ist entschuldigt, setzte sie in Gedanken
hinzu und sprach: Das sind, verzeih, krankhafte bertreibungen.
    Selten nur lie sich Maria zu dergleichen uerungen hinreien. Sie wurden
ihr von der Angst ihres Herzens erpret, von der verzweifelten Versuchung: Komm
der Entdeckung zuvor - jede Stunde kann sie herbeifhren - der Zufall, der
geheimnisvolle Weltbeherrscher, den keine Macht der Erde abzuwenden vermag.
    Das waren schwere Augenblicke, aber Maria hatte doch auch Zeiten des inneren
Friedens - diejenigen, in denen es ihr gelang zu vergessen. Mit weisem Bedacht,
mit unendlicher Mhe bte sie sich im Erlernen dieser groen, fr so manchen
seelenbefreienden Kunst.
    Sie lebte in der Gegenwart, der Linderung des Leids, das ihr nahte, der
schchternen Liebe zu ihrem Manne, der mit Wonne und Qual ausgebten Sorgfalt
fr ihre Kinder. Oft wiederholte sie sich das Trostwort: Ein ganzes Dasein der
Rechtschaffenheit mu eine Stunde der Verwirrung aufwiegen knnen ... Knnen? -
erhob der peinigende Zweifel in ihrer Brust seine Stimme -, vielleicht, wenn
dieses Dasein nicht so s wre, wenn die Folgen der Verirrung nicht verkrpert
atmeten.

                                       16


Im Laufe des Winters hatte Grfin Agathe fters den Wunsch ausgesprochen, ihre
Kinder und Enkel unmittelbar nach ihrem Aufenthalt in der Stadt bei sich zu
sehen. Sie kamen, und die Grfin verlangte immer von neuem eine Verzgerung der
Abreise ihrer Gste. Erichs wegen - das Kind hatte es ihr angetan. Oft blickte
Hermann ihr nach, wenn sie, viel lter aussehend, als sie war, steif und
feierlich dahinschritt, den Kleinen an der Hand, den sie ins Herz geschlossen
hatte und dem gegenber sie es so bitter empfand, da ihr die Gabe, mit Kindern
umzugehen, versagt geblieben.
    Dem Kinde war unheimlich zumute bei dieser stummen Liebe. Was sollten die
Spaziergnge, die nirgends hinfhrten und whrend welcher nicht einmal eine
Geschichte erzhlt wurde? Erich machte schwache Versuche, seine Hand aus der der
Gromutter zu lsen, aber dann sagte sie: Bist du nicht gern bei mir, Erich?
    Er unterdrckte aus Angst das Nein, das ihm auf den Lippen schwebte, und
fragte nach einer Weile ganz verlegen: Und was werden wir jetzt spielen?
worauf die alte Dame, nach einigen milungenen Versuchen, sein Interesse auf
einen vorbeischwirrenden Vogel oder auf eine Blume am Wege zu lenken, ihn zur
Kinderfrau zurckfhrte.
    Es war schon Sommer, als die Familie endlich in Dornach eintraf. Auf den
Wiesen trocknete die erste Mahd. Betubend fast dufteten die blhenden Linden;
die Saaten standen hoch, die Vgel flogen zu Neste.
    Aus dem Wagen, in dem die letzte Strecke zurckgelegt wurde, riefen die
Kinder jedem Vorbergehenden jubelnd zu: Wir sind da, wir sind wieder da!
    Ein eggendes Buerlein ri sein Gespann zusammen, da die Kummete den
Pferden bis an die Kpfe rutschten, und schwenkte freudig den Hut. Weiber, die
Gras sichelten am Raine, richteten sich auf und grten unbeholfen: Kommt ihr
einmal nach Haus? - Wir haben schon geglaubt, wir sehen euch nimmer, sprach
eine kleine, schiefe mit langen Armen. Und eine bildhbsche, schlanke zog das
Kopftuch ber die Augen, stemmte die Fuste in die Seiten und wand sich vor
Lachen - aus lauter Vergngen. Die Schule spie eben ihren ganzen Inhalt an
mnnlichen und weiblichen Besuchern aus. Ein ohrenzerreiendes Geschrei erhob
sich, Mtzen flogen in die Luft, am Ausgange des Vorgrtchens entstand ein
groes Gedrnge. Der Herr Katechet fuhr aus der Haustr wie aus der Mndung
einer Bombe mitten hinein in die lrmende Schar. Mit gebter Hand teilte er
rechts und links Klapse aus und grte dazwischen auf das ehrerbietigste zu den
Herrschaften hinber.
    Hermann befahl anzuhalten, man wechselte einige Worte, die ganze Schule
wurde fr den nchsten Sonntag zu einem Kinderfest im Parke geladen, und die
Equipage fuhr davon. In ihrer Begleitung ritt seit der Ankunft auf der
Bahnstation ein Einjhrig-Freiwilliger vom zwlften Dragonerregimente. Ein
schner, groer Mensch, hellblond, blauugig, mit gutmtigem Kindergesicht. Es
war Willi, Wilhelms ltester, auf einem mchtigen Braunen, einem Geschenk
Hermanns.
    Der junge Mann hatte im Vorjahre ein glnzendes Zeugnis der Reife erworben,
stationierte jetzt in der Nachbarschaft und sollte im Herbst unter der strengen
vterlichen Zucht von der Pike auf anfangen in der Wirtschaft zu dienen. Ihm kam
es zu, einzuspringen fr seinen Vater, im Falle dem heute oder morgen die Kraft
versagen sollte, den Unterhalt zu schaffen fr die Seinen. Und mehr als den
Unterhalt, nach Wilhelms Begriffen sogar den Wohlstand. Immer waren seine Kinder
satt vom Tische aufgestanden, immer ward jedem der acht Rangen Gelegenheit
geboten zu lernen, von frh an schon in die Bahn einzulenken, auf die seine
Neigung und sein Talent ihn trieben. Und die Urheberin der Mglichkeit, ihnen
soviel zu bieten, das war die gute heimatliche Erde, die alles hergab, was ein
getreuer Sohn und Pfleger von ihr verlangen durfte.
    In schweren Zeiten, die dem Landwirt nicht erspart bleiben, hatte sich
Wilhelm manchmal dazu bequemen mssen, die mit erfinderischer Delikatesse
dargebotene Hilfe seines Vetters anzunehmen. Aber es geschah so widerstrebend,
da Hermann immer die Geduld verlor: Was soll das? Du beleidigst mich ... Meine
brderliche Liebe nimmt er an, ja; meine armseligen Groschen - ah, Gott
bewahr's, nein, die nicht! da wird protestiert. Warum, mcht ich doch wissen,
warum?
    Weil ich den nicht mag, dem ich etwas schuldig bin, antwortete Wilhelm und
bekam einen blauroten Kopf. Nicht mag, hol ihn der Kuckuck, ich sag's, wie's
ist! Wenn mir einer unter die Arme greift, komm ich mir vor wie ein Bub. So bin
ich. Mach mich anders, wenn du kannst.
    Das allerdings konnte Hermann nicht, und ganz gut und herzlich wurde Wilhelm
erst wieder, nachdem er die bei seinem nchsten Verwandten und besten Freund
eingegangene Schuld abgetragen hatte. Ja, er war unverbesserlich und Hermann der
letzte, der zum Prediger in der Wste, zum Prediger berhaupt taugte. Wenn etwas
seinen Spott reizte, war's der Hang zur Hofmeisterei, von dem die meisten Leute
erfllt sind, den sie aber ins Gewand einer Tugend kleiden und fr Teilnahme
ausgeben. Hermann vermochte nicht einmal einen Fehler, unter dem er litt, an
Menschen, die er wert hielt, zu rgen.
    So schwieg er auch lange dazu, da Maria ihr liebliches zweites Shnchen
auffallend gegen den lteren, den selbstndigen, von Kraft strotzenden Knaben
zurcksetzte, und verbarg ihr sein schmerzliches Befremden bei jedem Zeichen der
Ungleichheit in ihrer Empfindung fr ihre Kinder.
    Sie ahnte vielleicht nichts davon. Die Vernderung in ihrer ganzen Art und
Weise, wenn sie sich von dem Kinde zu jenem wandte, ging vor - ihr selbst
unbewut. Wenn aber unbewut, warum geschah es dann, da Maria eine manchmal dem
Kleinen gespendete Zrtlichkeit wie einen an ihrem Erstgeborenen begangenen Raub
anzusehen schien, den sie hundertfach zu vergten suchte?
    Danach fragte er sie endlich doch, und ihre Antwort war ein so peinlich
verwirrter Blick, da Hermann dachte: Sie gibt sich Rechenschaft von ihrer
Ungerechtigkeit, bekmpft gewi das Gefhl, das sie dazu treibt, und wird es
auch besiegen.
    Um diese Zeit bersiedelte Fee, die sich krzlich im Gefolge Tante Dolphs in
Dornach eingenistet, zu ihren Freunden Wonsheim.
    Prchtige Leut, die da drben, sagte sie, es is aber vor Langerweil bei
ihnen nicht auszuhalten. Immer nur die Familie Wilhelm, immer nur Eintracht,
immer nur Liebe - und noch dazu eine, bei der man nicht beteiligt is ... Nein,
ich dank!
    Die Brder gaben zu berlegen, ob es nicht recht praktisch wre, abermals
aufzumischen. Ein Versuch, der gemacht wurde, fand jedoch wenig Anklang. Es
stellte sich bald heraus, da die amsanteste Person im Hause Dornach in diesem
Augenblicke die alte Dolph war. Sie hatte wenigstens eine gehrige
Leidenschaft fr das Lawn-Tennis, den einzigen Sport, den die fad gewordenen
Nachbarn nicht aufgehrt hatten zu pflegen. Ihre Kopfschmerzen qulten sie auf
dem Lande weit mehr als in der Stadt; unter allen Dingen, die sie anfeindete,
nahm die Zugluft einen hervorragenden Platz ein, trotzdem aber konnte sie beim
Tennis stundenlang ausdauern in ihrer Rolle als Schiedsrichter, als drakonisch
strenger Umpire.
    Weil sie dabei Gelegenheit findet zu seckieren, dachte Frulein Nullinger.
    Wenn die Gesellschaft Wonsheim in ihrer Stage-coach zum Spiel nach Dornach
fuhr, mute sie sich's nicht selten gefallen lassen, der unwissenden Bevlkerung
zum Gegenstand einer nicht schmeichelhaften Aufmerksamkeit zu dienen. Die Herren
in ihren hohen weien Filzhten, weien Jongleuranzgen, weien
Zwirnhandschuhen, die Damen schrzenumgrtet wie die kleinen Schmiede von
Demavend, den Brustlatz geschmckt mit grellfarbigen heraldischen Emblemen,
wurden oft fr eine Truppe Seiltnzer gehalten.
    Natrlich waren sie samt und sonders im Tennis von einer Strke, die sie
berechtigt htte, die englische Partie mitzuspielen. Hermann und Maria gaben
ihnen wenig nach, und da kamen denn Serien vor, die kein Ende nahmen. Sogar die
Gegner muten einander bewundern, nur der Umpire war nie ganz
zufriedenzustellen.
    Trotzdem mit unvergleichlicher Grazie haarscharf ber das Netz serviert, mit
fast nie fehlender Sicherheit aufgenommen wurde, ein Ball oft dreiigmal hin und
her flog, bevor er zu Boden fiel, lie sich Tante Dolph dennoch nur zu einem
bedingten Lobe herbei.
    Recht gut, meine Kinder; fr eine einheimische Leistung gar nicht bel. Im
Auslande wrdet ihr abblitzen ... Schreit nur, ich kann euch nicht helfen. Ganz
krzlich hatte ich den Besuch eines Fruleins van Nieuwenhuis-Kabeljau, die
erste Tennisspielerin der Welt. Die trgt einen Handschuh Nr. 61/2 an der
linken, einen Handschuh Nr. 8 an der rechten Hand und ist, sage ich euch, so
schief wie eine im Umkippen begriffene Treck-Schuite vor lauter
Raketenschwingen. Das nenn ich bung, und nur so erlangt man die Meisterschaft.
    Und einen Buckel, erwiderte Fee; der mcht mich doch genieren.
    Dilettantin! diese Jufvrouw ist stolzer auf ihn als ein Held auf seine
Narben.
    Hat auch alle Ursach, erklrte Betti Wonsheim, betrachtete ihre rechte
Hand und schmeichelte sich im stillen: Etwas grer als die linke ist sie, Gott
sei Dank, doch schon.
    Vor der Abfahrt der Gste wurde noch Verabredung fr den morgigen Nachmittag
genommen, an dem ein Waldfest stattfinden sollte. Grfin Dolph gab es am
Marienfeiertag im August.
    Sie fand ntig, sich dankbar zu erweisen fr die vielen Freundlichkeiten,
die sie bereits in der Gegend genossen hatte. Meine Einladung zu einem
Plsierchen, wie man vorzeiten in Wien sagte, ist nichts anderes als eine
Retourchaise, meine Herrschaften Wilhelm und Wonsheim; sie soll euch einen
kleinen Teil des Vergngens wieder hereinbringen, das mir eure Liebenswrdigkeit
schon bereitet hat.
    Gro und klein versprachen sich Wunder. Das Waldfest - Fee hatte der guten
Nullinger das Geheimnis herausgelockt - bildete nur einen Vorwand, um Hermann
und Maria fr eine Weile vom Schlosse zu entfernen. Bei der Rckkehr wartete
ihrer eine groartige berraschung, zauberhafte Beleuchtung des Schlosses und
des Gartens, Feuerwerk, von Stuwer in Person angeordnet.
    Ort und Stunde des Stelldicheins wurden bestimmt. Man beschlo, um vier Uhr
nachmittags beim ehemaligen Vogelherd zusammenzutreffen. Die meisten wollten
einen Umweg durch den Wald nehmen und zuerst die Burgruine ersteigen. Tante
Dolph und Helmi zogen es vor, bei den Kindern zu bleiben, die mit ihrer
Begleitung direkt zum Uhuhaus geschickt werden sollten.
    Es war ihr Lieblingsplatz im Walde und zu Wagen in einer halben Stunde
leicht erreichbar. Die verlassene, von Schlingpflanzen berwucherte Vogelhtte
erweckte das groe Interesse Hermanns und Erichs. Sie rttelten an der
verschlossenen Tr, sie guckten mit heier Neugier und leisem, kstlichem
Gruseln durch die winzigen, hinter Drahtgittern halb erblindeten
Fensterscheiben. Wer recht lange und recht aufmerksam schaute, wer den
Augenblick erwischte, in dem der Wind das Gezweige der Bume bewegte und ein
Sonnenstrahl durch das geborstene Dach in den dunklen Raum dringen konnte - der
sah etwas: die Trmmer eines Ofens und eines Lerchenspiegels, Netze, von Musen
zernagt; sah ein Wiesel, das von einem Loch in der Wand zum anderen huschte, und
auf einer morschen Stange einen Uhu. Und der bse Raubvogel hatte nur noch einen
Flgel und ein Glasauge, und das war frchterlich und sandte gelbe Blitze aus,
sooft ein Streiflicht darber hinglitt ... Oh, die Htte unter den Erlen barg
Erstaunliches! - nur zum Glck keine Gefahr mehr fr Finken und Meisen und
Rotkehlchen, und wie sie alle heien, die kleinen Snger. Getrost durften sie
sich jetzt niederlassen auf die Zweiglein, die auf und ab schaukelten unter der
leichten Last. Singt, trillert, jubelt und schwingt euch wieder auf,
durchschneidet die Lfte und kehrt heim zu euren Jungen. Ihr habt nicht mehr den
Tod oder die Gefangenschaft zu frchten.
    Die Htte lag wunderschn, von Waldungen umringt und nur gegen Morgen frei.
Da breitete sich ein grner Wiesengrund, da sah man den klaren, breiten Bach
erschimmern und durch die Felsschlucht als Wildbach toben; da stiegen rechts von
der Schlucht die bemoosten Steinriesen empor, deren einer die alte Burg trug.
Heute noch, in ihrem Verfall, erhob sie sich stolz und herrschend.
    Die Wonsheim waren bereits fortgefahren, als Frulein Nullinger md und
abgehetzt erschien. Sie war zweimal zur Post gelaufen, hatte im Auftrage ihrer
Grfin neun Telegramme gewechselt mit Sacher &amp; Demel und eben erst die
Versicherung erhalten, da alles Bestellte aufgegeben sei und morgen pnktlich
eintreffen msse. Als sie erfuhr, da eine Partie nach der Burg stattfinden
werde, erklrte sie, dabeisein zu wollen.
    Ich habe mich lngst gesehnt, das Schlo zu besuchen, sprach sie zu ihrer
Gebieterin, Sie kennen meine Vorliebe fr das Mittelalter.
    Sagen Sie doch: Schwrmerei. Sie stellen sich das so poetisch vor, wie die
edlen Ritter mit wehenden Helmbschen ber reisende Kaufleute herfielen, sie
erschlugen und beraubten. Wie sie sengend und brennend das Land durchzogen, dem
Bauer die Pferde vom Pfluge wegstahlen und ihm, wenn er sich wehrte, die Haut
ber den Kopf zogen. Wie sie das Haus des schwcheren Nachbarn zerstrten, sein
Weib an den Trpfosten hingen, seine Tchter entfhrten, wenn sie schn waren
natrlich, und in ihr verruchtes ... hm, hm, sie rusperte sich, schleppten. -
Sie wren vielleicht auch entfhrt und geschleppt worden. Nulle.
    Frau Grfin, fiel ihr diese ins Wort, ich mu mir verbitten ...
    Nichts da! Sie htten sich nichts verbeten. Sie htten Schrpen gestickt
fr Ihren schwarzgelockten Ritter und htten an seiner Seite, der Minne
pflegend, gesessen vor dem Burgverlies, aus dem das Gewinsel der auf faulem
Stroh verfaulenden Gefangenen zu Ihnen gedrungen wre.
    Das Frulein erhob sich: Es ist genug, Frau Grfin, ich sage sogar, es ist
zuviel.
    Da haben wir's, jetzt ist sie beleidigt, seufzte Dolph; ja, meine Liebe,
Sie drfen nicht schwrmen fr die Ritterzeit. Dazu ist die Haut Ihres Herzens
zu fein geraten.
    Bei Einbruch dieser Nacht wurde in Dornach und dessen Umgebung gar hei
gebetet.
    Lieber Gott, flehte Fee, auf den Knien liegend vor ihrem Bette, lieber Gott,
du weit alles, du weit auch, da Tante Dolph heute einen Brief von Tessin
bekommen hat. Gib, lieber Gott, da in dem Briefe steht: Ich hab immer eine
Schwche fr die Kleine gehabt und will sie heiraten.
    Lieber Gott, murmelte Frulein Nullinger, knpfte ihre Nachthaube fest und
zog die Decke ber die Ohren, lieber Gott, Heilige Jungfrau, alle heiligen
Mrtyrer, gebt mir Geduld mit meiner Grfin. Sie ging noch weiter und verlangte,
sogar etwas Liebe fr ihre Peinigerin empfinden zu knnen. Aber diese Bitte
wurde selbst im Himmel indiskret gefunden und blieb unbercksichtigt.
    Inbrnstig gestaltete sich das Abendgebet der Jngsten im Hause Wilhelm. Der
sechsjhrige Rudi sprach es vor: Du bist so gut fr die Kinder, lieber Gott,
gib, lieber Gott, weil du so gut bist, da morgen ein schner Tag ist.
    Bis in die Nacht hatte drckende Hitze geherrscht; jetzt erhob sich, erst
sanft, dann immer krftiger, eine khle nrdliche Strmung. In den Wipfeln der
Bume begann es zu rauschen, allerlei Stimmen sprachen durcheinander; es sthnte
wonnig und lachte im Gest und stie laute Schreie aus. Labung, Labung!
flsterten die wehenden Zweige. Massige Wolken, die sich bequem hingelagert
hatten rings am Horizont, stoben pltzlich aus ihrer Ruhe auf. Aus dicken
Knueln in lange Strhne verwandelt, jagten sie zuletzt ganz dnn und
durchsichtig davon.
    In unbestrittener Herrlichkeit stand der Mond am Himmel, als Willi sich
einige Stunden nach Mitternacht der elterlichen Behausung nherte. Er ritt im
Schritt ber den gepflasterten Hof. In den niederen, mit Schindeln gedeckten
Stallungen an beiden Seiten schliefen noch Menschen und Tiere. Ein Hund, der auf
einer Schwelle ganz zusammengerollt lag, knurrte im Traume; dann schwieg wieder
alles; sogar das Brnnlein vor dem sogenannten Schlosse hatte sein Rauschen
eingestellt. Das tat dem jungen Soldaten weh. Hatte er doch die Zulage, die sein
Onkel Hermann ihm gab, auf die Anschaffung einer neuen, schnen steinernen
Muschel fr das Brnnlein verwendet. Und jetzt war's versiegt. - Die
Wasserleitung einmal wieder schadhaft geworden, sagte er zu sich selbst, und
kein Geld da, um sie herstellen zu lassen.
    Armes Brnnlein, armes, geliebtes Vaterhaus! Selbst im alles verklrenden
Mondlicht wollte sich's nicht hbsch machen mit seinen kahlen Mauern, drftigen
Bogenfenstern und dem steilen, Wellenlinien bildenden Dach. Als einziger Schmuck
diente ein hlzerner Balkon, dessen schiefe Sulen und wackeliges Gelnder sich
unter ppig wucherndem wildem Wein verbargen.
    Leise pochte Willi ans Tor, um niemanden auer den auch Portiersdienste
versehenden Grtner zu wecken, bergab ihm das Pferd und trat ein.
    Am nchsten Morgen begrten seine jubelnden Brder einen Tag von unerhrter
Pracht und wuten wohl, wem zuliebe er so geworden war.
    In Dornach lief der kleine Hermann vom Vater zur Mutter und von der Mutter
zum Vater. Er hatte nirgends Ruhe und war entzckend in seinem Eifer und seiner
Ungeduld. Weit du, Erich, sprach er, ihn strmisch umarmend, wir gehen heut
so spt schlafen wie die groen Menschen. Wir gehen zum Uhu. Und was wirst du
dort tun? fragte Tante Dolph.
    Ich werd halt schauen.
    Und dann?
    Dann werd ich laufen, laufen auf der Wiese, so geschwind, da man mich gar
nicht sieht ... so geschwind - er machte groe Augen, hob die Arme ber den
Kopf und strengte sich an, einen drastischen Vergleich zu finden, so geschwind
-
    Wie der Teufel, kam die Tante ihm zu Hilfe, er aber machte eine
geringschtzige Gebrde und sagte: Oh, viel schneller!
    Sie klopfte ihm lachend die Wange; sie, die Kinder nicht leiden konnte, weil
sie Lrm machen und die Tren offen lassen, hatte eine Schwche fr diesen
Groneffen. Das echte Aristokratenkind, erklrte sie. Aus reiner, gesunder
Rasse, vom ersten Atemzuge an gut genhrt, gut bewohnt, gut gewaschen, wei
nicht, was Furcht ist, und nicht, was Geiz ist, schlgt drein, wenn's gilt, und
gibt, wenn's gilt, das Hemd vom Leibe. Mut, Wohlwollen, Gte - er hat alle
Tugenden, die mir fehlen - darum lieb ich ihn.
    Frulein Nullinger blickte sie ganz verdutzt an und dachte: Merkwrdig, sie
hat doch bisher kein Herz gehabt, sollte ihr eines gewachsen sein?

                                       17


Am Saume des Kiefernwaldes, durch den ein breiter Weg zur Ruine fhrte, trafen
Hermann und Maria, begleitet von Frulein Nullinger, die Wonsheim mit Fee und
Wilhelm mit Willi und den zwei nchsten Anwrtern. Den letzteren hatten ein paar
tchtige Ackergule den Gefallen erwiesen, sie hierherzutragen in einem Galopp,
der ringsum den Boden lockerte.
    Die Damen waren bereits aus dem Wagen gehpft, Wilhelm und seine Shne
abgestiegen, nur Gustav und Clemens saen noch zu Pferde und parlamentierten mit
ihren Frauen, die es ntig gefunden, als Touristinnen zu erscheinen. Sie trugen
leichte Hte mit blauen Schleiern, fufreie Kleider aus Sommerloden,
Schnrstiefel aus Juchten, dicke Strmpfe aus Ziegenhaaren und ber den
Schultern Gummimntel aus lichtgelbem Oriental-India-Cloth.
    Schaun's her, Grfin, sagte Clemens zu Maria, nicht ohne geheimen Stolz,
wie die sich anglegt haben. Und was ihnen nicht wieder einfallt. Jetzt wollens
auf dem schlechten Fusteig zur Burg hinaufkraxeln.
    Weil man von dort so eine schne Aussicht hat, sagte Carla.
    Und weil's gefhrlich ist, fiel Betty ein.
    Und so poetisch, nicht wahr, Frulein Nullinger? Das ist etwas fr Sie,
sprach Fee mit gutmtigem Scherze. Ich biet Ihnen meinen Arm, ich bring Sie
hinauf, ich schwr's!
    Frulein Nullinger machte einen Bckling, so tief, als ob sie sich
niedersetzen wollte, und nahm, in nervser Dankbarkeit zerflieend, den gtigen
Vorschlag an.
    Der Kutscher mit dem Wagen, die Reitknechte mit den Pferden wurden nach dem
Versammlungsplatz geschickt. Wilhelm erteilte seine Befehle in ungewohnt
mrrischer Art und brummte dazwischen vor sich hin: Unsinn! was das fr ein
verfluchter Unsinn ist ... sich einen solchen Weg auszusuchen, das ist keinem
anderen eingefallen als dem Willi ...
    Voraus, Einjhriger! Sie fhren an, sprachen die Damen, winkten den
Zurckbleibenden einen Gru zu und traten ihre Wanderung an.
    Wilhelm zgerte einen Augenblick, dann folgte er ihnen, um seinen Willi zu
berwachen. - Der verdammte Bursch hpft herum wie auf Springfedern; schneidet,
scheint mir, schon die Cour ... Und gleich dreien auf einmal. Wart, Kerl, dir
geh ich nicht von der Seite.
    Und was machen denn Sie, Grfin? fragte Gustav.
    Ich gehe auch zu Fu, aber auf dem guten Wege, antwortete Maria heiteren
Tons und nahm den Arm ihres Mannes.
    Da werden wir halt langsam vorausreiten. Und sie setzten sich in Bewegung
auf ihren zwei berhmten Vollblutrappen.
    Alle auf und davon. Gibt's etwas Unhflicheres als unsere Gste? scherzte
Hermann.
    Wir sind's; wir lassen sie gar so ungehindert ziehen.
    Und bleiben allein, was das Schnste ist auf der Welt, begann er nach
einer kleinen Weile wieder. Wenn ich denke, da es Leute gibt, die sagen: die
Liebe vergeht - und glauben sie zu kennen, die Narren! Die meine ist heute, was
sie in der Stunde war, in der ich dir zum ersten Male begegnete und von dir
nichts wute als deinen Namen.
    Er umschlang sie fest; Seite an Seite schritten sie dahin. Die Reiter waren
ihren Blicken entschwunden; eine groartige Einsamkeit herrschte, eine
zauberhaft belebte Stille. ber den Huptern der Bume webte glhender
Sonnenschein, khle Schatten wallten zu ihren Fen. Unabsehbar schien der Wald
sich zu breiten, ein heiliger, ein geweihter Raum, der, von Liebenden betreten,
sie frei macht von dem strenden Gedanken an die Auenwelt, von dem Bewutsein
der verrinnenden Zeit.
    Maria hatte sich sanft losgemacht; sie trat vor Hermann hin und blickte ihm
ernsthaft in die Augen. Ich aber, begann sie pltzlich, liebe dich alle Tage
mehr. Und meine Liebe - sieht. Im Gegensatz zu der meinen, die wohl blind
ist?
    Unleugbar, versetzte sie und zog ihn wieder an sich.
    Da rief er aus: Es lebe meine blinde Liebe! Die Nacht, mit der sie mich
umgibt, ist nicht wie eine andere; 's ist eine hellschimmernde Nacht. Sie zeigt
mir den guten Geist meines Hauses, die Trsterin des Betrbten ...
    Und so weiter! unterbrach sie ihn mit erzwungenem Lachen. Lassen wir das,
ich bitte dich, Hermann -
    Nun denn, nein; kein Wort zu deinem Preise. Wie fang ich's aber an, zu
verschweigen, wovon mein Herz voll ist? Du forderst von mir Verstellung, du
immer und unverbrchlich Wahrhaftige! Er ergriff ihre beiden Hnde, sie
zitterten in den seinen: Was bewegt dich so? - sag es deinem besten Freunde ...
Sieh, manchmal - ich will dir's gestehen, manchmal ist mir - wenn du wie jetzt
meinen Blick vermeidest, bei meiner Berhrung erbebst, als ob deine Seele ein
Geheimnis berge, ein rtselhaftes Gefhl, eine schmerzliche Erinnerung - was
wei ich?... Ist das Tuschung, Maria, Torheit, Frevel an dir? - - Gib Antwort.
    Sie stand wie versteinert. Aufrecht die knigliche Gestalt, den Kopf
erhoben, als biete sie ihn dem niederzuckenden Blitzstrahle dar, kaum atmend,
die Lider gesenkt, ein unausgesprochenes Wort auf den leise zuckenden Lippen.
    Und sie war schn in dieser feierlichen Regungslosigkeit, mit diesem demtig
stolzen Ausdruck einer gefolterten Heiligen.
    Der Mann, der sie vergtterte, starrte sie beschmt und reuig an. War das
nicht ein Zweifel an ihr, den er mit seiner lange unterdrckten und nun
unbedacht hingeworfenen Frage ausgesprochen hatte?
    Und wenn du recht httest? sagte Maria in einem Tone, so herb gewrgt, als
ob er ihr die Kehle zerschnitte.
    Worin? - Du hast mich miverstanden ...
    Nimm an, da ich schuldig wre gegen dich, fuhr sie fort, mhsam und
unterdrckt wie frher. Nimm es an.
    Was soll ich annehmen - das Unmgliche?... Erst doch verrckt werden ...
Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn. Ich begreife dich nicht ... Warum
diese unntige Grausamkeit?... Auf welche entsetzliche Probe stellst du mich?
    Probe? wiederholte sie. Wrde deine Liebe sie bestehen, die schwerste,
schrecklichste ... Und wenn geschehen wre - wovon ich sprach - was ttest du?
    Sie blickte unverwandt zur Erde nieder; sie fhlte nur, da er seine Hand
mit festem Drucke auf ihren Arm legte. - Und nun sprach er, und seine Stimme
hatte wieder ihren tiefen, sanften Klang, und seine Worte kamen aus dem
unerschpflichen Borne seiner Gte: Wenn geschehen wre, was du nicht einmal zu
nennen vermagst, dann wre mir genommen, was meinem Dasein den Wert gibt; aber
lieben wrde ich dich doch, und zu dieser unberwindlichen Liebe kme noch ein
grenzenloses Bedauern. Ich kenne dich und wei, da du zugrunde gehen mtest am
Bewutsein einer Schuld.
    O dieser Glauben, so stark und treu wie das Herz, das ihn hegte und das sie
brechen gewollt, um das ihre zu erleichtern! - Du darfst nicht! schrie es in ihr
auf. Du hast betrogen - lge! Dein Recht auf Wahrheit ist verwirkt.
    Komm, sagte Hermann, indem er sich auf einen moosber- wachsenen, im
weichen Waldboden halb versunkenen Stein niederlie. Du mut erst ausruhen und
wieder heiter werden, ehe wir den anderen folgen. Da ist eigens fr uns ein
wunderbares, sammetnes Kissen ausgebreitet. Komm zu mir!
    Da bin ich, sagte sie, lie sich vor ihn hingleiten, legte die gefalteten
Hnde auf seine Knie und warf sich an seine Brust. La mich, es tut mir wohl,
in Demut zu dir aufzublicken.
    Wir haben einander recht geqult, und ich bin schuld an allem mit meinen
trichten Grbeleien, sagte er. Verzeih!
    Ich - dir? Mein Freund, mein guter Engel, da du mir einmal einen Grund
dazu geben knntest! Tu es doch. Lehre mich die Wonne kennen, dir etwas
verzeihen zu drfen.
    Ich danke dir fr die vortreffliche Absicht, rief er mit komischer
Bestrzung; ich will ihr Gelegenheit geben, sich zu bettigen ... will
wenigstens einen Versuch machen.
    Er wird milingen. Sie umfing ihn mit ihren Armen und verschrnkte ihre
Finger um seinen Nacken. Sieh mich an, deine Augen sind wie deine Seele. Sieh
mich an mit diesem segnenden Blick. Wie fromm bin ich! der Wald wird zum Tempel,
und ich bin ein armes Menschenkind, und du bist der Priester, der es zum Heile
fhrt an seiner starken Hand.

                                       18


Auf der Burg herrschte schon ein sehr reges Treiben, als Hermann und Maria
herannahten. Frulein Nullinger, die rter aussah denn je und vor Erhitzung
frmlich geschwollen, war die erste, die sie erblickte.
    Da sind sie, da ist das reizende Paar, rief sie. Bitte, den Herrn Grafen
zu betrachten. Es ist hold zu sehn, wie die Sonnen seines Herzens ihm im Auge
untergehn. Und wie er heute wieder dem Bilde, das wir uns von Held Siegfried
machen, hnlich sieht!
    Ja, ja, Sie haben nicht unrecht, seine Frau ist aber nicht die Kriemhild,
sondern die Isolde, sagte Fee und lief den Ankommenden entgegen, die sich bald
darauf in Gesellschaft ihrer lustigen Gste befanden und mit ihnen die Grotaten
anstaunen konnten, zu denen Willi durch die Gegenwart dreier junger und schner
Damen begeistert wurde.
    Er spazierte eben von der Zinne eines Turmes zur anderen auf einem zu deren
Sttze angebrachten Sparren. Seine Brder, angeeifert durch sein Beispiel,
kletterten wie Katzen an den alten Mauern empor.
    Wilhelm stand unten und ballte die Fuste. Alle meine Buben haben den
Teufel im Leib, wenn es heit, sich produzieren vor einem weiblichen Publikum,
sprach er zu Hermann. Gar nicht gut so was. Aus solchem Holz schnitzt man
Schrzenknechte.
    Hermann klopfte ihm auf die Schulter: Das glaubst du ja selbst nicht,
Alter, und die Wonsheim lchelten und sahen den tollkhnen Unternehmungen der
Burschen mit Beschtzermienen zu. Betty jammerte, da sie kein Mann geworden,
was doch einzig und allein das richtige sei; Frulein Nullinger schwelgte in
Entzcken, machte sich nichts daraus, da ihr buntes Musselinkleid bei der
Aszension sehr gelitten hatte, und baute in Gedanken die ganze Burg wieder
auf. Die zerstrten Zingel stiegen aus dem Boden und umfaten wie einst die
Tore, den Zwingolf, die Zugbrcke, den Burhurdierplatz, auf dem geharnischte
Ritter Lanzen brachen. Sie stellte die Pforte wieder her und die zum herrlichen
Palas hinauffhrenden Greden.
    Carla und Gustav, denen sie versicherte, die dames chte-laines htten
alle ausgesehen wie die blonde Grfin Wonsheim, hrten ihr aufmerksam zu. Gustav
staunte ber soviel Gelahrtheit und wute nicht, ob er sie lcherlich finden
oder bewundern sollte. Obwohl von der Richtigkeit aller Aussagen Annettens
berzeugt, widerstrebte es ihm, das merken zu lassen, und so sprach er zwischen
jeder Pause, die sie machte: Gehen S' weg!
    Ach, und diese Luft! dieses Ozon! schwrmte das Frulein. Da ich mich
hier etablieren knnte!
    Etablieren Sie sich, soviel Sie wollen, erwiderte Fee, die hinzugetreten
war. Aber rechnen Sie nicht auf mich beim Aufstieg. Sie sind siebenzehnmal
ausgerutscht - ich hab's gezhlt. Mein rechter Arm, an den Sie sich angekrampelt
haben wie eine Ertrinkende, ist kaputt. - Sie werden fett, mit Respekt zu
sagen.
    Frulein Nullinger zog den Atem ein und streckte sich, um schlanker
auszusehen: Wenn ich Fett ansetze, kann es nur vor Kummer sein. Das geschieht,
jawohl - ich bin der lebende Beweis, sagte sie nicht ohne Bitterkeit.
    Fee entschuldigte sich: Nun, nun, nehmen Sie mir's nicht bel.
    Die Gesellschaftsdame schwor, da sie eher sterben als der Frau Grfin etwas
belnehmen wrde, worauf Fee sie umarmte und sprach: Sie sind halt nicht
verwhnt, Sie gute Haut, Sie liebes, altes Nullerl.
    Clemens war inzwischen auf einen Felsvorsprung getreten und rief, auf die
Wiese jenseits des Baches deutend: Daher kommt's, da hat man eine schne
Aussicht, auf die Tante Dolph, auf deine Buben, Wilhelm, die dort herumwimmeln,
und auf die Jausen.
    Und auf einen wackeligen Steg, fiel Hermann ein. Wie oft habe ich den
schon abreien lassen, immer wird er wieder aufgerichtet, sogar jetzt bei
Hochwasser.
    Das nderst du nicht, solange der Holzschlag dauert oben im Gebirg, sprach
Wilhelm. Den Umweg von zweihundert Schritten ber die Brcke macht dir ein
Holzknecht nie.
    Ich wrde ihn auch nicht machen, rief Fee, besonders wenn jemand, der mir
lieb ist, am anderen Ufer stehen mcht. Aber schauts nur, schauts, die Aussicht
ist wirklich der Mh wert. Lassen wir uns unterdessen die Aussicht schmecken.
    Alle umringten sie. Auf der Wiese trafen einige Diener unter der Leitung
Helmis Vorbereitungen zu einem ungemein reichlichen five o'clock tea. Die
Gefrigen unter den jungen Herren verfolgten diese Ttigkeit sehr aufmerksam,
whrend die anderen die Seltsamkeiten zu ersphen suchten, welche der Vogelherd
barg.
    Grfin Dolph war am schattigen Waldesrand im Wagen sitzengeblieben. Sie
freute sich, ihren Liebling Hermann die Luferknste ausfhren zu sehen, die er
ihr bereits angekndigt hatte. Er rannte bis zu den Weiden am Ende der Wiese und
wieder zurck, die Kreuz und die Quer, recht wie ein Fllen, das seine junge
Kraft austoben will.
    Auf einmal blieb er stehen, hob den Kopf, sah zur Burg empor, und als er
dort oben auf dem Berge seine Eltern erblickte, streckte er ihnen die Arme
entgegen und warf ihnen Ksse zu:
    Ich seh euch, Vater, Mutter, ihr seid kleinwinzig, er ma an seinem
Finger, so klein!
    Seine Stimme drang nicht bis hinauf; man sah nur die herzigen Gebrden,
unter denen er sich dem Ufer nherte, rhmte den Prachtbuben, winkte ihm Gre
zu. Clemens machte ein Sprachrohr aus seinen Hnden und rief: Komm her, wenn's
d' Courage hast.
    Pltzlich stie Maria einen Ruf des Schreckens aus, und Hermann, ber den
Abgrund gebeugt, schrie aus allen seinen Krften: Fort vom Wasser ... Geh
zurck!
    Das Kind schien einen raschen Entschlu gefat zu haben, es lief dem Stege
zu. Die alte Wrterin, die sich in seiner Nhe gehalten hatte, hinter ihm her,
stolpernd, keuchend.
    Die brigen Kinder waren aufmerksam geworden. Ein und derselbe Impuls
durchzuckte alle. - Dem Hermann nach zum Steg ... Und fort stoben sie, Wilhelms
siebenjhriger Hansel an ihrer Spitze.
    Es dauerte einige Zeit, bevor Helmi mit Hilfe der Bonne und der Diener die
Flchtlinge wieder eingefangen. Eben auch hatte die Wrterin sich Hermanns zu
bemchtigen gewut; der Widerstand, den er ihr entgegensetzte, schien bereits
berwunden, als es ihm gelang, sich mit einem heftigen Ruck loszureien und zu
entrinnen.
    Ich hab Courage! Vater, Mutter, ich komm zu euch! Er lief und lief, und
alle, die ihm von der Wiese her nachgeeilt kamen, blieben weit hinter ihm
zurck.
    Nun schimmerte sein weies Kleidchen durch die Zweige der Weiden, und nun
erschien er auf dem Steg.
    Im selben Augenblick strmte Hermann der Felsentreppe zu und die jhe Steile
ihrer verwitterten Stufen hinab.
    Lautlos folgte ihm Maria, und rasch wie ein Pfeil war Willi an ihrer Seite.
    Aber auch von den brigen besann sich keiner, den schwindelnden Pfad zu
betreten. Keiner dachte an das, was er wagte. Ein Gefhl nur durchzitterte alle,
dieselbe Angst, derselbe Wunsch ... Sie glitten, sie wankten, fanden das
Gleichgewicht wieder und rannten weiter. Eines Pulsschlags Dauer hielten sie
inne in ihrem khnen Beginnen.
    Sorglos schreitend war das Kind bis zur Mitte des Steges gelangt,
triumphierte laut und forderte seine Verfolger heraus:
    Jetzt fangt mich, jetzt! sah sich um, beschleunigte seinen Lauf,
strauchelte, strzte - Alle anderen berholend, erreichte Hermann das Ufer. Den
Blick unverwandt auf das Kind gerichtet, das, ohne unterzusinken, von der
Strmung fortgerissen wurde, warf er den Rock ab, strzte sich in die Flut und
hatte im nchsten Augenblick den Kleinen erfat.
    Hermann auf dem Fue waren Wilhelm und Clemens gefolgt. Der erste voll
Geistesgegenwart, wissend, was er wollte, der zweite halb wahnsinnig vor
Bestrzung ber die Folgen seines verhngnisvollen Scherzes.
    Wilhelm lief mit Blitzesschnelle der Brcke zu. Neben dieser war ein Kahn
ans Land gezogen, junge Baumstmme lagen da aufgeschichtet, zur Herstellung der
Vogelhtte bestimmt. Nach einem von denen griff Wilhelm, lie ihn aber fallen,
als Clemens einen Flohaken entdeckte und an sich nahm, der im Kahn geborgen
oder vergessen worden. Rascher, als Worte schildern, eilten beide zurck und
langten glcklich an der Stelle an, wo sich Hermann mit bermenschlicher Kraft
gegen die andringenden Fluten behauptete.
    Nher! um Gottes willen, nher! schrien Wilhelm und Clemens ihm zu, und
jeder hielt die Stange fest mit beiden Hnden, und sie reichten sie ihm hin,
soweit sie konnten. Er griff nach ihr - verfehlte sie ...
    Da sprang Clemens ins Wasser, kmpfte sich vor bis ans uerste Ende der von
Wilhelm allein nur mhsam im Gleichgewicht erhaltenen Stange und wagte einen
verzweifelten, einen vergeblichen Rettungsversuch. Schon hatte die
Riesenschraube des Wirbels Vater und Sohn umklammert und ri sie hinunter und
warf sie mit wildem Toben wieder empor, keuchend, schaumbedeckt ... Ein letztes,
ein grausiges Ringen. - - Erschpft, berwunden, erbarmungslos an die Riffe
geschleudert, suchte Hermann noch sein Kind mit seinem Leibe zu decken.
    An beiden Ufern drngten Leute zur Unglckssttte heran;diesseits alle, die
Hermann nachgeeilt waren, jenseits seine Diener, Kutscher, Lakaien, zufllig
vorberkommende Arbeiter. Nicht einer unter ihnen, der nicht helfen mchte, der
es nicht versucht mit leidenschaftlichem Eifer.
    Nur Maria, Hermanns Namen auf ihren Lippen, ihm nachstrebend mit rasender
Sehnsucht in die Todesgefahr, blieb regungslos. Ihre ganze Seele war in ihren
unnatrlich weit geffneten Augen, in dem Blick, mit dem sie ihm nachstarrte ...
Auf einmal war ihr, als sei es Nacht geworden - ihre Pulse stockten, sie wankte
und lag in zwei fest um sie geschlungenen Armen. - Carla Wonsheim hielt sie
aufrecht, Betty lag schluchzend zu ihren Fen und umklammerte ihre Knie. -
Jemand betete laut - aus der Feme drang verworrenes Gerusch von Stimmen.
    Dorthin - aus halber Bewutlosigkeit erwachend - eilte Maria. Menschen,
immer mehr Menschen liefen zusammen. Einige trugen eine schwere Last und legten
sie hin - - o wie sanft und vorsichtig ...
    Nun ist's, als ginge eine freudige Bewegung durch die Menge: Der Doktor!
schreit ein atemlos daherrennender Diener, der Heger bringt ihn, er war bei
dessen krankem Kinde.
    Beim Nahen Marias tritt lautlose Stille ein. Alle Leute treten stumm vor ihr
zurck ... Ein einziger, halb entkleidet, triefend, kommt an sie heran, windet
sich winselnd und sthnend. Er fat den Saum ihres Kleides: Treten Sie auf
mich! Ich hab's getan, ich hab ihn gerufen, ich Verdammter, dumm wie ein Tier
... Zertreten Sie den hohlen Schdel, zertreten Sie mich! heulte er und grub
sein Gesicht in das Gras zu ihren Fen.
    Maria wich ihm aus. Sie hatte die Leblosen erblickt, die klaffende Wunde auf
Hermanns Stirn, das fahle Angesicht ihres Knaben. Da bumte sie sich zurck, hob
die gerungenen Hnde gen Himmel und sank nieder mit einem entsetzlichen
Wehelaut:
    Tot?... Beide tot?
    Niemand gab Antwort, und sie raffte sich zusammen, und ber Hermann gebeugt,
bedeckte sie seine Brust mit ihren Kssen und rief: Er lebt, Doktor - sein Herz
schlgt, ich hab es gefhlt ...
    Der Arzt, der, wenn auch vllig hoffnungslos, noch nicht aufgehrt hatte,
Wiederbelebungsversuche an dem Kinde vorzunehmen, antwortete mit einer
verneinenden Gebrde.
    Sie aber drckte ihren Mund auf den des Entseelten und hauchte ihm ihren
Atem ein, bis er versagte, ohne die leiseste Regung des seinen zu wecken. Und
nun begriff sie, da sie ihn verloren hatte. Wieder strzte sie sich ber ihn
... aber pltzlich, gestemmt auf seine Schulter, hob sie den Kopf empor und
scho einen Blick voll bebender Scheu nach ihrem Sohne ... Der auch? sthnte
sie mit einer Stimme, in der alles zusammengepret schien, was die Menschenseele
an Schmerz zu fassen vermag: Mein Kind auch!
    Dem Wahnsinn nahe, betete sie, bettelte um ein Wunder.
    Als sie heimkehrten, die vor wenigen Stunden froh und glcklich das Haus
verlassen hatten, funkelten ihnen Hundert-tausende farbige Lmpchen entgegen. In
einem Meer von Licht prangend, empfing Schlo Dornach seinen toten Herrn.

                                       19


Maria hielt allein die erste Nachtwache bei ihren Toten. Man hatte die Hand des
Kindes aus der seines Vaters nicht zu lsen vermocht, und so ruhten sie
nebeneinander auf einem Lager und sollten auch in einem Sarge ruhen. Ihre
bleichen Gesichter trugen keine Spur des letzten schweren Kampfes. Maria hielt
die beiden umfangen. Sie lag an sie geschmiegt, bleich und stumm wie sie, aber
ohne ihren Frieden. Einen Trost nur hatte sie in ihrer Vernichtung und empfand
ihn, whrend sie ihr Haupt an das stille Herz drckte, an dessen lebensfreudigem
Schlag all ihr Glck gehangen.
    Wohl ihr, da ihm das Bitterste erspart, da sein Glaube an sie
unerschttert geblieben war bis ans Ende. Dank der geheimnisvollen Kraft, die
das Wort, das ihn elend gemacht htte, sooft sie es aussprechen wollte,
zurckgedrngt in ihre Brust. Nun war er eingegangen zur ewigen Ruhe,
unerschttert in seiner seligen Zuversicht.
    Im anstoenden Zimmer befand sich Lisette und unterdrckte ihr Schluchzen,
um von der Herrin nicht gehrt und fortgewiesen zu werden. Einmal wagte sie sich
leise bis zur Tr heran und sphte durch das Schlsselloch.
    Maria sa neben dem Bette, unbeweglich in den Anblick der Ihren versunken,
mit einem Ausdruck von so herzzerreiender Trauer, da Lisette zurckfuhr. -
Nein, das ertrug sie nicht, das konnte sie nicht sehen ...
    Am Morgen endlich pochte sie und trat, als nach einer Weile keine Antwort
kam, ungeheien bei ihrer Gebieterin ein, rief sie an und sagte: Es ist Tag!
    Maria schreckte auf: Schon Tag?
    Ja, mein armes Kind; und du mut fort. Die Herren sind da ... Du weit -
und der Graf Wilhelm.
    Der hatte mit Helmi an der Tr gestanden. Seine Augen waren rot und
geschwollen, seine Lippen zuckten. Er konnte nicht sprechen und lehnte sich
hilflos an seine Frau. Der Doktor und Willi kamen, und hinter ihnen trat
schchtern Erich ein, der mit beiden Hnden einen groen Strau weier Rosen
festhielt.
    Der Grtner hat mir gesagt, ich soll das dem Hermann bringen, sprach er zu
seiner Mutter. Hermann, da hast du.
    Er legte die Blumen auf das Bett, und auf dessen Rand gesttzt, hob er sich,
so hoch er konnte, und streckte den Hals und spitzte die Lippen, um seinen
Bruder zu kssen. Doch erreichte er ihn nicht und fragte: Warum hast du heute
nicht bei mir geschlafen? - Jetzt erblickte er den Vater, der sich auch nicht
rhrte, dessen Augen auch geschlossen waren ...
    Ganz bestrzt trat er zurck. Warum schlafen sie so lange? rief er
pltzlich aus. Sie sollen aufwachen, Mutter, sag ihnen, da sie aufwachen
sollen!
    Maria beugte sich zu ihm nieder und schlo ihn in ihre Arme. Die ersten
Trnen, die sie seit gestern geweint hatte, fielen auf das Haupt ihres
Shnchens.

Wilhelm nahm es auf sich, Grfin Agathe die Kunde des furchtbaren Verlustes, den
sie erlitten hatte, selbst mitzuteilen. Helmis Bitten brachten ihn dazu. Sie
wollte ihn fort haben von der Unglckssttte, ihn zwingen, in der Ausbung einer
schweren Pflicht Herr seines Schmerzes zu werden.
    Frher, als man gedacht hatte, kehrte er zurck. Er war Tag und Nacht
gefahren, teils Lokalbahnen benutzend, teils mit Bauernpferden, und meldete die
Ankunft der Grfin fr den nchsten, den Morgen der Beisetzung an.
    Wie hast du sie gefunden? fragte Maria abgewandten Blickes.
    Rtselhaft - eine Heilige oder ein Stein, erwiderte Wilhelm und erzhlte,
da die Grfin noch in der Kirche war, als er um neun Uhr frh in Dornachtal
ankam. Der neue Beichtvater, ein junger, hochgewachsener, streng aussehender
Herr, empfing ihn und nahm seine Unheilsbotschaft mit kaltem Erstaunen auf. Er
hatte den Herrn Grafen nicht gekannt, nur von ihm gehrt. In dem Moment hate
ihn Wilhelm; im nchsten htte er ihm um den Hals fallen mgen, weil er sich
anbot, die alte Dame auf die Nachricht des Unglcks, das sie getroffen hatte,
vorzubereiten. Wilhelm wartete im Zimmer des Geistlichen, der ihn rufen lassen
sollte, sobald es Zeit war ... Das geschah nach einer halben Stunde ... Groer,
guter Gott! - Sie sa ruhig in einem hochlehnigen Fauteuil, der Geistliche auf
einem Sessel neben ihr, die Augen gesenkt, ein triumphierendes Lcheln auf
seinen kargen Lippen. Die Grfin, wei wie ein Linnen, hielt einen Rosenkranz
zwischen ihren Fingern, die vllig leblos aussahen.
    Dank, sprach sie, da du dich selbst hierherbemht hast, lie Maria
bitten, sie zu erwarten, und ersuchte ihn, sich nicht aufzuhalten, sie wisse,
wie notwendig er in Dornach sei. Ihr Wagen, der ihn nach dem Frhstck zur Bahn
bringen solle, sei bereit.
    Kein Wort von ihrem Sohne, von ihrem Enkel. Erst als Wilhelm Abschied nahm,
fragte sie nach Erich und flsterte mit einem dankbaren Aufschlagen der Augen
zum Himmel: Den hat mir Gott gelassen!
    Bei diesen Worten zuckte Maria zusammen und schlug die Hnde vor das
Gesicht.
    Bald nach Wilhelm war Graf Wolfsberg eingetroffen, gebeugt, gealtert. Wenige
Menschen durften sich rhmen, seine Liebe zu besitzen; die beiden, die morgen
begraben werden sollten, hatte er geliebt. Aber auch die Vernderung, die mit
seiner Tochter vorgegangen war, ergriff und erschtterte ihn. Er hrte nicht auf
sie angstvoll zu betrachten, erwies sich hilfreich, stand ihr bei in ihrem
traurigen Totendienst. Einmal zog er sie pltzlich an sein Herz, so zrtlich wie
am Tage vor ihrem Scheiden aus dem Vaterhaus: Lebe, sprach er, du hast auf
Erden noch etwas zu tun.
    Sie erhob den Blick zu ihm und erwiderte entschlossen: Ja, Vater, ja!

Grfin Agathe wurde von Wolfsberg und Maria unter dem Portal erwartet. Sie stieg
aus dem Wagen und nach stummer Begrung, jede Untersttzung abwehrend, die
Treppe hinauf. Oben wandte sie sich geradenwegs dem Kapellenzimmer zu, in dem
seit Jahrhunderten die Grafen von Dornach ihre letzte Rast hielten.
    Der schwarz ausgeschlagene Raum war dicht gefllt mit weinenden,
schluchzenden Menschen. Als die alte Dame eintrat, war's, als ob ein Eishauch
die Luft durchwehe; alle Trnen stockten, nicht eine Klage mehr wurde laut.
    Aufrechten Ganges, hoheitsvolle Ergebung in den strengen Zgen, wohnte die
Grfin den Trauerfeierlichkeiten bei. Erstarrt in ihrem Gram, klagte sie nicht,
verlangte nicht nach einer Schilderung des Ereignisses, das ihr den Sohn und den
Enkel geraubt hatte. Der Herr hat sie gegeben, der Herr hat sie genommen, der
Name des Herrn sei gelobt, war alles, was sie sich und ihrer Schwiegertochter
zum Troste sagte. Aber sie setzte hinzu: Der gleiche Schmerz verbindet. Sie
lie Maria fhlen, da die geliebte Gattin ihres Sohnes ihr auch nach dessen
Tode wert geblieben war.
    Tante Dolph hatte sich in den jngstverflossenen Tagen unsichtbar gemacht.
Doktor Weise mute ihr absolute Ruhe und Luftvernderung verordnen.
    In ihr ging etwas Ungewhnliches vor - sie wurde bei der Erinnerung an den
kleinen Hermann von Wehmut erfat, nicht heftig allerdings, aber doch
bengstigend fr die alte Egoistin, wie ein Unwohlsein fr einen Menschen, der
immer gesund war. Sie gestand es ihrem Bruder und verhehlte ihm auch nicht ihren
leisen Groll gegen Maria, deren Unglck das Mitleid herausforderte - ein der
Grfin unbequemes Gefhl.
    Mich mitzufreuen, nicht mitzuleiden bin ich da. Warum soll die Traurigkeit
sich ausbreiten?... Ich weiche ihr aus. Wenn das abscheulich gefunden wird, mu
ich mich darein fgen. Kann ich fr meine Natur? Die Rebe weint, die Distel
nicht, sagte sie und reiste ab.
    In dem schwer heimgesuchten Hause, dem sie den Rcken gekehrt, gab es aber
doch einen Glcklichen. Das war Erich; selig ging er umher wie ein aus der
Verbannung in das ersehnte Heimatparadies Zurckgekehrter. Seine Mutter liebte
ihn jetzt, wie sie den armen Hermann liebte, der noch immer schlafen mute. Sie
hob ihn auf ihren Scho und berhufte ihn mit Zrtlichkeiten.
    Und das Kind, in wonniger berraschung, ein wenig verlegen, lie in stillem
Entzcken all diesen Liebessegen ber sich ergehen.
    Einmal nahm sie ihn mit in die Gruft, und vor der mit Krnzen behangenen
Nische, die den Sarg ihres Mannes und ihres Erstgeborenen barg, kniete sie
nieder.
    Erich, sprach sie, seine beiden Hndchen in ihre Hnde fassend, Erich, du
wirst gro werden und gut und gescheit. Dann sollst du an deine Mutter denken
und an das, was sie dir heute sagt.
    Der Kleine lehnte seine Stirn an ihre Wange: Was sagt sie?
    Sieh dich um. Wo sind wir?
    In der Gruft.
    Und wer schlft in der Gruft?
    Mein Vater und mein Bruder.
    Und noch viele, viele ihnen verwandte, gute Menschen. Merke dir, Erich,
vergi es nicht, erinnere dich, wenn du gro sein wirst, wo und wann deine
Mutter dir gesagt hat: Verzeih mir, mein Kind ... verzeihe mir! - Wirst du dir
das merken, Kind?
    Erich schlang seine Arme um ihren Hals und antwortete fest und
zuversichtlich: Er merkt sich's.
    Als sie ins Schlo zurckkehrten, kam Wolfsberg ihnen entgegen.
    Es ist Zeit, sagte er zu Maria. Deine Schwiegermutter und Wilhelm
erwarten dich. Wenn du aber nicht stark genug bist ...
    Sie unterbrach ihn: Ich habe mir Strke geholt, bergab den Knaben der
seiner harrenden Wrterin und ging mit ihrem Vater nach den Zimmern der Grfin.
    Das Testament des Verstorbenen war vor der Beerdigung in Gegenwart Wilhelms
und Wolfsbergs mit den blichen Frmlichkeiten erffnet worden. Sein Hauptinhalt
war eine Huldigung fr Maria, und Wolfsberg hatte gezgert, ihr den ergreifenden
Wortlaut dieser letzten Botschaft mitzuteilen. Heute, am dritten Tage nachdem
Hermann zur ewigen Ruhe bestattet worden, sollte es geschehen. Seine Mutter
hatte den Wunsch ausgesprochen, Zeugin zu sein.
    Die Grfin empfing Maria und Wolfsberg im Salon ihrer Witwenwohnung im
Schlosse. Ein hohes Gemach mit gelblichen Stuckwnden, groen Marmorkaminen, bis
zur Decke reichenden Spiegeln in kannelierten Goldrahmen und steifer
Empireeinrichtung. Die Fenster, die einen weiten Ausblick ber den Park
gewhrten, standen offen, und hereindrang das Licht der untergehenden Sonne und
die wrzige Luft, die vom Walde hergestrichen kam.
    Einen dsteren Gegensatz zu diesem freundlichen Raume bildete die alte Dame
mit ihren schwarzen schleppenden Gewndern, mit dem aschfahlen Angesicht, dem
die Leiden und Seelenkmpfe der letzten Tage tiefe Spuren eingeprgt hatten.
    Sie erhob sich ein wenig aus ihrer Sofaecke, als Maria auf sie zukam, und
streifte dabei ein kleines Bauer mit einem ausgestopften Vgelchen auf den Boden
hinab. Ehe jemand ihr zuvorkommen konnte, hatte sie sich danach gebckt und das
Spielzeug wieder auf seinen frheren Platz gestellt.
    Erich hat es herbergebracht, sprach sie, und vergessen, als du ihn rufen
lieest.
    Maria ergriff die Hand, die sie ihr reichte, beugte sich tief, kte sie
innig und hei und zog sie immer wieder an ihre Lippen, als ob es ein schweres
Scheiden gelte.
    Nun, mein Kind, nun, ermahnte die Grfin, Fassung, ich bitte dich. Wir
wollen die Worte des teuern Vorangegangenen hren, standhaft wie Glaubende und
Hoffende.
    Wilhelm hatte die Zeit ber stumm dagesessen, in das Schriftstck vertieft,
das er vorlesen sollte.
    Beginne, sagte die Grfin.
    Er rckte seinen Sessel nher zu ihr. Ihm gegenber hatte sich Maria
niedergelassen. Ihr Vater nahm Platz an ihrer Seite.
    Wilhelm las mit bewegter, leiser Stimme, und der greisen Zuhrerin neben ihm
bemchtigte sich allmhlich ein lange nicht mehr gekanntes Gefhl, eine sanfte
und wehmtige Rhrung.
    Vor vielen Jahren hatte ein Unvergessener in seinem Letzten Willen so von
ihr gesprochen, wie Hermann von dem Weibe seines Herzens sprach. Mit dem
gleichen Vertrauen hatte er sie geehrt, indem er ihr so viele Rechte ber den
Sohn, soviel Freiheit in der Verwaltung des Vermgens gewahrt, als das Gesetz
nur irgend zulie. Fast mit den Worten seines Vaters schrieb Hermann:

Weil ich das wahre Wohl meiner Kinder im Auge habe, unterwerfe ich sie in allem
und jedem den Bestimmungen ihrer Mutter. Sie sind damit einer Vorsehung
anbefohlen, die weise ist, gerecht und treu.

Ein qualvolles Wimmern rang sich aus Marias Brust.
    Wilhelm hielt inne.
    Weiter, sagte die Grfin nach einer kleinen Pause.
    Mit erstickter Stimme fuhr er im Lesen fort und warf von Zeit zu Zeit einen
verstohlenen Blick nach Maria. Sie rang die Hnde auf ihren Knien, aus ihren
marmorblassen Zgen sprach rettungslose Verzweiflung.
    Wilhelm war zu Ende gekommen. Am Schlusse hie es:

Je besser und tchtiger meine Kinder werden, mit je hellerem Blick sie die Welt
und die Menschen beurteilen lernen, desto festere Wurzeln wird in ihnen die
berzeugung schlagen: Es gibt auf Erden eine hchste Einsicht und Gte - in
unserer Mutter hat sie sich verkrpert.
    Ich lebe gern und hoffe noch lange zu leben und zu meinen Shnen noch
manches Wort sprechen zu knnen. Dir aber, Maria, ob ich jung, ob alt sterbe,
dir werde ich immer nur eines zu sagen haben: Ich danke dir!

Die Augen Grfin Agathens hatten sich leicht gertet; teilnehmend wandte sie
sich Maria zu.
    Die Frau, die eine solche Liebe besessen und verloren hatte, stand ihr nahe
und sollte ihr immer nahestehen. Meine Tochter, sagte sie zu ihr, ich teile
den Glauben meines Hermann. Sein teuerstes Vermchtnis, sein liebes Kind, ist
geborgen in deiner Hut. Gott strke dich und segne unsern kleinen
Majoratsherrn. Sie streckte die Rechte aus, um sie auf den Scheitel Marias zu
legen.
    Diese sprang auf. Was tust du? Ich verdien es nicht ... Behandelt mich, wie
ich es verdiene, rief sie leidenschaftlich aus, stockte einen Augenblick und
setzte dann herben Klanges hinzu: Erich ist nicht erbfhig.
    Maria! - stieen die anderen hervor. Derselbe Gedanke war allen zugleich
gekommen ...
    Nein, nein, ich bin nicht wahnsinnig, ich wei, was ich rede. Ich kann die
Lge nicht mehr ertragen. Der ist tot, dem zuliebe ich es getan habe.
    Auer sich fate Wolfsberg ihre Schulter mit eisernem Griff: Was getan?
    Geheuchelt - mich halten lassen fr das, was ich nicht war:fr treu.
    Er stie sie von sich und sprang auf; auch die Grfin stand da,
emporgerichtet in ihrer ganzen Hhe.
    Nicht treu? eine Dornach nicht treu?... Nein, keine Dornach. Du bist nicht
aus unserem Blut - Ehebrecherin! schleuderte sie Maria zu und fhrte
unwillkrlich das Taschentuch an ihre Lippen, die sie beschmutzt fhlte, nachdem
sie das Wort ausgesprochen hatten ... Erich nicht der Sohn meines Sohnes ...
und ich - und ich!... Mit einem grellen, kurzen Lachen sank sie in die Kissen
zurck, halb ohnmchtig, stumm und starr.
    Du lgst, Maria! rief Wilhelm. Bebend vor Wut trat Wolfsberg vor seine
Tochter hin: Deine Entschuldigung? fuhr er sie an.
    Sie sah ihm ruhig in die zornig flammenden Augen, und aus den ihren sprach
eher ein Vorwurf als eine Abbitte. Ich hatte mich gerettet aus eigener Kraft,
htte sie ihm antworten knnen. Da ri mich die Hand deines Sohnes ins
Verderben.
    Deine Entschuldigung? rief er von neuem, dieses Mal leiser, dringender,
sehr betroffen ber ihre wunderbare Gelassenheit. Du hast eine Entschuldigung.
    Keine, erwiderte sie.
    Unmglich, fiel Wilhelm ein. Wenn du gefehlt hast, htte ein Engel
gefehlt und ... pltzlich hielt er inne.
    Die Tr neben dem Sofa war geffnet worden. Aus dem Zimmer Grfin Agathens
kam Erich heraus und auf sie zugelaufen. Gromutter, wo ist der kleine Vogel?
fragte er und legte seine gekreuzten nackten rmchen auf ihren Scho.
    In ihrem Herzen erglomm ein letzter Funken der Liebe zu diesem holdseligen
Kinde, sie sah ihn mitleidsvoll an; dann wies sie ihn hinweg.
    Er aber forderte ungestm: Den kleinen Vogel! Gromutter, gib! gib! und
klammerte sich an sie.
    Da schttelte sie ihn ab, wie wenn etwas Unreines sie berhrt htte. Geh!
befahl sie hart. Ihr Gesicht war verzerrt, ihre Hnde ballten sich krampfhaft:
Geh!
    Erich, erstaunt, bestrzt, wurde ber und ber rot; seine Mundwinkel zogen
sich herab; er sah noch von der Seite nach dem Vogelbauer und rang mit dem
Weinen, in das man ihn ausbrechen hrte, sobald er das Zimmer verlassen hatte.
    Maria blieb regungslos. Ihr Vetter Wilhelm beobachtete sie in unsglicher
Spannung und wartete sehnlich, da sie sprechen und die Verleumdung zurcknehmen
werde, die sie gegen sich selbst ausgestoen hatte ... Aus welchem Grunde? was
bezweckte sie damit?... Die Gedanken wirbelten durcheinander in seinem
brennenden Kopf, es hmmerte in seinen heien Schlfen. Nach Khlung ringend,
trat er ans Fenster.
    Lau strmte die Luft ihm entgegen und weckte ein flsterndes Gerusch in den
Wipfeln der Bume. Schwalben umkreisten das Haus. Weie Tauben schwangen sich
von einem Pilasterkapitl schwirrenden Fluges auf und verschwammen im Blau wie
Flckchen.
    Wilhelm!
    Er sah sich um, die Grfin hatte seinen Namen gerufen.
    Der alte Stamm Dornach ist erloschen, sprach sie feierlich und erbleichte
unter dem Eindruck, den ihre eigenen Worte in ihr hervorriefen. Gott schtze
den jngeren Stamm und vor allem dich, dessen Haupt.
    Er taumelte zurck: Ich!... Ich?...
    Du hast den nchsten Anspruch. Ist dir das neu? fragte Wolfsberg voll
Bitterkeit.
    Ich werde ihn nicht geltend machen, nie!
    Als ob du die Wahl httest.
    Du wirst tun, was deine Pflicht ist und was du tun mut, sagte die Grfin.
    Mu? erwiderte er heftig, und was wir jetzt gesprochen haben, mu
weltbekannt werden - und zu der Erklrung, die hier abgegeben worden ist, mu
das Gesetz seinen Segen geben - Er hielt inne, ein erlsender Gedanke war in
seinem Geiste aufgestiegen: Das Gesetz gibt ihn nicht!... Vor dem Gesetz ist
das in der Ehe geborene Kind rechtmig und sein Erbe unantastbar.
    Grfin Agathe fuhr auf: Sein Erbe?... das Gesetz?... Es gibt ein Gesetz,
welches das Kind der Snde beschirmt, wenn es die Hand ausstreckt nach fremdem
Gut?
    Ohne Sorge! fiel Wolfsberg ein. Er war bla geworden, Schweitropfen
perlten auf seiner Stirn. Das Kind wird Dor-nachisches Eigentum nie berhren,
es wird erzogen werden, wie es ihm zukommt, und einst, mndig geworden, seine
Verzichtleistung unterschreiben mit dem Bewutsein, es vollziehe eine leere
Frmlichkeit. Dafr steh ich.
    Und ich, sprach Maria, und Wilhelm rief ganz auer sich:Und du!... So
gibst du deinen Namen der Lsterung preis. Hast du das auch bedacht?
    Sie hatte ein trostloses Lcheln: Guter Wilhelm, du wirst doch mich nicht
schonen wollen - eine Schuldige, die mehr als berwiesen, die gestndig ist ...
Ich habe jahrelang Liebe und Ehrfurcht erduldet mit dem Bewutsein meines
Unwerts - - das war schwerer ...
    Worte, leere Worte, versetzte starr, unerbittlich die Grfin. Wenn es dem
Ewigen gefallen htte, meinen Sohn zu erhalten, wrdest du weitergelebt haben in
Lge und Trug.
    Nicht mehr lange, sprach Maria mit sanftem, eindringlichem Beteuern,
glaube mir. Der kleinste dem - - dem unrechtmigen Kinde gewhrte Anspruch
htte mir die Zunge gelst, und dann wre ich vor Hermann gestanden, wie ich
jetzt vor seiner Mutter stehe, und htte gefragt - ihre Stimme wurde fast
unhrbar: Darf ich dir Lebewohl sagen?
    Eine ablehnende Gebrde war die Antwort der Grfin, Wilhelm aber ging auf
Maria zu und sagte vorwurfsvoll: Lebewohl? Du willst uns verlassen; was fllt
dir ein? - Wir lieben dich - meiner Helmi bist du wie eine Tochter - bleibe bei
uns, zieh zu uns in unser schlichtes Haus - bleibe bei uns! Er klopfte auf
seine Brust. Du hast einen Freund, der dich verehrt und noch mit seinem letzten
Hauche wiederholen wird: Wo die gesndigt hat, da wre ein Engel gefallen.
    Maria drckte dankbar seine Hand. Wir sehen uns wieder, brachte sie mhsam
hervor, in Wolfsberg, wo mein Vater mich und das Kind aufnehmen wird. Nicht
wahr, Vater?
    Ich komme nicht mehr nach Wolfsberg, erwiderte er rauh. In dieser Stunde
verleugnete sich seine Liebe zu ihr.
    Maria! rief Wilhelm, wir werden jeden Tag segnen, den du uns schenkst.
Bleibe bei uns!
    Es kann nicht sein - du wirst das einsehen, sagte sie. Ihre Wangen hatten
sich langsam gefrbt und glhten nun fieberhaft.
    Zum zweiten Male wandte sie sich an ihren Vater: Nimm uns dennoch auf!
    Er zuckte mit den Achseln und antwortete: Was bleibt mir anderes brig?

                                       20


Das Stammschlo Wolfsberg war ein schwerflliges steinernes Bauwerk mit dsteren
Bogenhallen, feuchten Gngen, klafterdicken Mauern. Der Graf hatte es einst mit
groem Aufwand bewohnbar machen und einen Teil davon in altertmlichem Stile
einrichten lassen, whrend der andere allen Anforderungen entsprechen sollte,
die heutzutage an den Landaufenthalt reicher und gastfreier Leute gestellt
werden. Spter, nach dem Tode seiner Frau, bereute er die romantische Laune, die
ihn verleitet hatte, seinen Wohnsitz in einer unwirtlichen Gegend zu nehmen, in
der Nachbarschaft einer Dorfbevlkerung, der alle Laster der Armut anhafteten.
Er lie Dolph und Maria monatelang allein; seine Besuche wurden immer krzer,
und nach der Verheiratung seiner Tochter kam er berhaupt nicht mehr nach
Wolfsberg.
    Das Schlo erhob sich auf einem stumpfen Hgel, der noch zu Anfang des
Jahrhunderts dicht bewaldet gewesen war. Ein geldbedrftiger Vorfahr hatte die
Bume fllen und den Grund nicht mehr aufforsten lassen. Wasserrisse bildeten
sich, die fruchtbare Erde wurde von Regengssen fortgeschwemmt und der tonige
Sandstein, der nun zutage kam, allmhlich von einer kmmerlichen Vegetation
bedeckt. Hie und da ragte der schiefe und narbige Stamm einer Fhre mit
graugrnen Nadelbscheln an den drren Zweigen aus dem Gestein hervor, und wo
ein Quellchen rieselte, gab es ppig wuchernde Moose. Wurzeltriebe der uralten
Steineichen, die oben vor dem Pfrtnerhause standen, schmckten sich mit
Blttern. Kampanellen und Eriken wuchsen aus dem Schutt.
    Da die Wasserderchen nicht ganz versiegten, dankte man dem Baumreichtum
des Schlogartens. Hinter seiner weitlufigen, vieleckigen Einfassungsmauer, die
sich stellenweise bis zur halben Hhe des Hgels zog, breiteten sich herrliche
Wiesen, und sogar von Blumen und von Gewchshusern, in denen sie berwinterten,
erzhlte man im Dorfe. Ein Verkehr zwischen diesem und dem Schlosse bestand
nicht. Unfrieden herrschte zwischen beiden, seitdem die Gemeinde die ersten
Wohltaten, die der Graf ihr erwiesen, mit Undank gelohnt hatte. Was sich an
Nrgeleien erdenken lt, das tat man einander an.
    Dem Grafen, in dessen Sinne die Gutsverwaltung sich dem Volke gegenber
benahm, weihte es seinen vollsten Ha, whrend das Andenken der verstorbenen
Herrin in Ehren gehalten wurde. Ein Gemisch von Wahrheit und von bswilliger
Erfindung hatte sich als Tradition in der Gegend erhalten. Niemand bezweifelte,
da die Grfin den Mihandlungen erlegen war, die sie von ihrem Gatten erdulden
mute, und jetzt wandelte sie als Gespenst durch die Gnge, schlich an seine Tr
und lauschte. Eines Nachts hatte er ihr geisterhaftes Auge gesehen, wie es
durchs Schlsselloch sphte. Nun verfolgte ihn dieses Auge und starrte ihm
entgegen aus jedem Winkel des Hauses. Kein Wunder, da er es nicht aushielt in
Wolfsberg; kein Wunder, da seine frechen Diener sich nach und nach gebrdeten
als Herren im fremden Eigentum.
    Das Telegramm des Grafen, welches das Eintreffen Marias zu lngerem
Aufenthalte ankndigte, entthronte mit einem Schlage ein halbes Dutzend
Usurpatoren und entfesselte einen Sturm von unwilligen Fragen: Was hat sie hier
zu suchen? Warum bleibt sie nicht dort, wohin sie gehrt?
    Keinem willkommen, kehrte Maria mit Erich und ihrem kleinen Gefolge in die
Heimat zurck.
    Die windbrchige Akazienallee, die zum Schlosse fhrte; das
Muttergottes-Kapellchen daneben am Fue der Anhhe, von vier Winterlinden
umgeben; den weiten Ausblick, den man im Steigen ber die Felder und Hutweiden
gewann, bis zu dem Steinbruche, und tief im Hintergrunde den dunkeln Nadelwald -
das alles hatte sie geliebt. - Und wie kahl, welch ein Ausbund von Traurigkeit
erschien es ihr jetzt!
    Wo sind denn die Wiesen, wo sind denn die Berge? rief Erich, als er am
Morgen nach der Ankunft aus dem Fenster blickte. Er ging mit Lisette in das Dorf
und kehrte ganz entrstet zurck.
    Sie sind hier sehr unartig, erzhlte er, sie geben keine Antwort, wenn
man sagt: Guten Morgen, und ein Bub hat mir, er senkte die Stimme und flsterte
seiner Mutter ins Ohr: die Zunge herausgestreckt.
    Sie kennen dich noch nicht, erwiderte sie ihm; warte nur, bald werden sie
so freundlich mit dir sein wie die Kinder in Dornach.
    Aber diese Prophezeiung erfllte sich nicht. Im Gegenteil; als der Grund der
Entfernung Marias aus Dornach bekannt wurde, lieen es auch die Erwachsenen,
besonders die Weiber, an Gehssigkeiten gegen das Kind nicht fehlen. Ein
Schimpfwort wurde ihm zugerufen, sooft er sich zeigte, nach dessen Bedeutung er
zu Hause vergeblich fragte, und als er mit seiner Mutter davon sprach, traten
Trnen in ihre Augen. Sie hatte gemeint, nach dem Scheiden von Dornach knne ihr
nichts mehr weh tun, und nun gab es doch noch Stacheln, die vermochten, ihr ins
Herz zu dringen.
    Als sie nach Geringschtzung gedrstet, hatte sie nicht bedacht, da ihr
schuldloses Kind sich mit ihr darein werde teilen mssen.
    Sie begann zu werben um die Gunst der Elenden und Mitleidlosen. Sie brachte
Hilfe und lie sich nicht abschrecken durch das Mitrauen und durch den kaum
verhehlten Hohn, mit dem ihre Gaben aufgenommen wurden. Wenn Erich ber die
Bauernkinder klagte, wies sie ihn ab: Sie knnen nicht dafr, bedauere sie;
niemand sagt ihnen: seid gut.
    Wr auch schad drum, mit denen mt man eine andere Sprache reden! fiel
Lisette zornschnaubend ein. - Sie htte so gern jede Beleidigung, die Maria oder
das Kind erfuhren, mit Feuer und Schwert gercht. - Ihres Respekts vor dem
Grafen Wolfsberg entledigte sie sich nach und nach vollstndig und uerte
ungescheut, wie es sie empre, da er nicht kommt, sich seiner Tochter
anzunehmen und dem schlechten Beamten- und brigen Volk den Standpunkt
klarzumachen - mit der Hundspeitsche! schrie sie und schlug auf den Tisch.
    Es war ihr unfabar, da die flehentlichen Bitten Wilhelms und seiner Frau,
Maria besuchen zu drfen, von ihr unerhrt blieben, und sie wurde nicht mde,
ihren Unwillen darber kundzutun.
    Glaube mir, erhielt sie endlich zur Antwort, es wrde mich verwhnen,
mich weich machen. Maria prete die flachen Hnde an ihr Gesicht, dann hob sie
den Kopf in ihrer alten stolzen Weise. Ich aber mu standhaft bleiben.
    Sie bewahrte einen unerschtterlichen Gleichmut; sie schien blind und taub,
wenn sie herausfordernden Mienen begegnete, wenn sich bei ihrem Anblick ein
beleidigendes Zischeln erhob.
    Eines Tages im Sptherbste fhrte ihr Weg sie zu einer einzeln stehenden
Htte, deren uralte Bewohnerin von aller Not befreit war seit der Anwesenheit
der Grfin in Wolfsberg. Gekrmmt wie ein Bogen sa sie auf der Bank an ihrer
Tr und lud Maria ein, neben ihr Platz zu nehmen. Sie begann damit, sich zu
beklagen, da die Kleidungsstcke, die sie aus dem Schlo erhalten hatte, nicht
ganz nach ihrem Geschmack ausgefallen waren, sagte aber zuletzt doch einige
Worte des Dankes.
    Auf ihren Stock gesttzt, blickte sie zu Maria hinauf, die, von Abscheu
ergriffen vor der affenartigen Hlichkeit der Alten, unwillkrlich die Augen
schlo.
    Ja, was Sie jetzt anders geworden sind, da Sie sich um uns kmmern,
sprach die Greisin; wie Sie noch zu Haus waren, ist Ihnen so was nicht
eingfallen ... Sie lchelte schadenfroh. Na, wir werden Ihnen schon losbeten,
meine Tochter und ich; den anderen knnen Sie schenken, soviel Sie wollen, die
beten doch nicht fr Sie ... die schimpfen nur ... Was die aber selber tun, das
sollen Sie von mir hren, hochgrfliche Gnaden, damit, wenn sich einer getraut,
Ihnen etwas ins Gesicht zu sagen, Sie ihm's tchtig zurckgeben knnen.
    Sie erzhlte. Sie lieferte die Geheimnisse der Bewohner ihres Dorfes aus. Es
war eine haarstrubende Sittengeschichte, und die alte Sibylle erfand nicht.
Ihre Enthllungen trugen das Geprge der Wahrheit, einer Wahrheit freilich, die
Schritt hielt mit den dunkelsten und ausschweifendsten Phantasiegebilden.
    Maria unterbrach das Weib im schnsten Flu ihrer Rede und erhob sich. -
Welche Greuel, dachte sie; nein, so httet ihr nicht werden mssen, ihr
Bejammernswerten! Ihr httet nicht in diesen Sumpf zu geraten brauchen, in dem
ihr jetzt versinkt. Nur wenige Einsichtige und Barmherzige unter denen, die
durch Jahrhunderte unumschrnkt ber euch geherrscht, und sie wrden euch zur
Erkenntnis des Guten gefhrt haben. Sie besaen die Macht, warum nicht auch die
Gerechtigkeit, die Uneigenntzigkeit, das liebreiche Herz?
    Als ein Kind ihres Stammes fhlte Maria sich mitschuldig an dem
himmelschreienden Versumnis und war doch die letzte, die Ersatz dafr zu
leisten vermochte. Sie konnte schenken - raten, belehren, bessernd einwirken
konnte sie, die Bemakelte, nicht. Um die Menschen zu ihrem wahren Heile zu
fhren, bedarf es einer reinen Hand.
    Sie eilte hinweg wie gejagt und durchwachte die Nacht ruhelos und fiebernd.
In dem groen, kapellenartig gewlbten Schlafgemach, das sie mit Erich bewohnte,
hingen zwei Meisterwerke Benczurs, die Bilder Hermanns und seines Sohnes. Grfin
Agathe hatte sie fr ihre Schwiegertochter malen lassen, und sie waren das erste
gewesen, das Wilhelm seiner verehrten Base nachzuschicken befahl aus Dornach.
Die geliebten Gestalten schienen lebendig aus ihren Rahmen zu treten; ihre
treuen, freundlichen Augen die Augen Marias zu suchen und ihr zu folgen, wohin
sie sich wandte. Sie sank an ihrem Bette zusammen; ihre ganze Seele flammte auf
in der verzehrenden, ewig empfundenen, ewig vergeblichen Sehnsucht all der
Unglcklichen, die ihr Liebstes berleben: Einmal nur noch deine Stimme hren,
einen Ku auf deine Lippen drcken, nur einmal noch.
    Oh, dieses immer geforderte, nie erlangte, nie verschmerzte eine letzte Mal!
    Alles still im Haus und auch drauen alles still. Ausnahmsweise hatte der
Sturm seine Flgel gefaltet und sein wildes Lied verstummen lassen. An dem
Geiste Marias zogen die stillen Tage ihres ersten, noch unbewuten Glckes
vorbei. Sie versenkte sich in die Erinnerung an jede im Verkehr mit ihrem
Gatten, ihrem Freunde, verlebte Stunde.
    Er hatte sein bei der Verlobung gegebenes Wort treulich gehalten, was sie
fr ihn tat, immer als Gnade angesehen, was er fr sie tun durfte, als sein
bestes Glck. Und seine Art und Weise gegen sie war nur der hchste Grad dessen,
was er allen Menschen zuteil werden lie. Sie erhob ihre Augen und ihre Hnde zu
seinem Bilde und tat einen stummen Schwur: Die Welt soll dich nicht ganz
verloren haben, deine Gte, deine Langmut sollen fortleben; ich will dienen um
das Recht, sie auszuben in deinem Sinn; ich will mir das Vertrauen der
Leidenden und Irrenden verdienen.
    In diesem Jahre kam der Winter besonders frh und streng mit seinen kurzen
Tagen, seinem dmmerigen Lichte, mit Eis und Schnee. Wochenlang von dem Verkehr
mit der Auenwelt abgeschnitten, suchte Maria, wenn ein Postpaket endlich ins
Schlo befrdert werden konnte, immer zuerst nach Briefen von ihrem Vater - und
nicht selten umsonst. Frstin Alma, Carla und Betty schrieben voll Zrtlichkeit;
Wilhelms wiederolten immer inniger ihre stehende Bitte, sprachen immer wrmer
ihre Sehnsucht nach einem Wiedersehen aus. Tante Dolph sandte unpassend
schneidige Berichte ber das Treiben in der Gesellschaft, whrend Wolfsbergs
Briefe so unpersnlich als mglich nur Fernliegendes berhrten.
    Am Abend, wenn Sturm und Frost Maria im Hause ge-fangenhielten, setzte sie
sich ans Klavier und spielte, und sehr oft kam Erich, rckte einen Sessel
herbei, stieg hinauf und hrte unendlich aufmerksam zu. Das Kind schien eine
Ahnung zu haben von der Schnheit der Phantasien, die unter den Fingern seiner
Mutter hervorquollen. Sein dunkler, leuchtender Blick ruhte mit ehrfurchtsvollem
Staunen auf ihr und senkte sich fast scheu, wenn sie zu ihm hinsah.
    Einmal pltzlich hielt sie inne, nahm ihn auf ihren Scho und drckte ihn an
sich. Er streichelte und kte ihre Wangen, wollte sprechen, wrgte aber die
Frage, die ihm schon auf den Lippen schwebte, wieder hinunter.
    Was hast du? Was willst du? sprach Maria.
    Ich mcht so gern ... so gern mcht ich ... er stockte wieder und fuhr
nach einer Weile zgernd fort: Ich wei, Mutter, wie man nach Dornach geht. Vom
Schlafzimmer sieht man den Weg, Lisette hat mir ihn gezeigt ... Sie hat gesagt,
das arme Dornach ist ganz verlassen und wird noch lang verlassen bleiben. Ist es
weit nach Dornach, liebe Mutter?
    Sie nickte schweigend: Ja.
    Ich mcht aber doch nach Dornach, begann er wieder, entschlossener
werdend. Hermann wird mir von den Lwen erzhlen. Dornach ist nicht so weit wie
die Lwen.
    Doch! rief sie mit schneidendem Schmerzensklang. Dornach ist weiter als
alles, ist unerreichbar!
    Am folgenden Morgen, da Lisette beim Eintreten in das Zimmer der Gebieterin
ausrief: Wie bla du bist, wie bel du aussiehst! mute Maria eingestehen, da
sie sich mde und unwohl fhlte.
    Lisette bemerkte nur: Es mu arg sein, wenn du's selber sagst, aber sie
setzte etwas ins Werk, was sie schon seit lngerer Zeit geplant hatte, und
vertraute im Laufe des Tages dem Stubenmdchen, da sie heute einen Coup
ausgefhrt, einen ausgezeichneten Coup.
    Die Krnkung Marias ber das Wegbleiben des Grafen, die wenigstens sollte
ein Ende nehmen. Lisette wute recht gut, was sie zu tun hatte, um ihn ins
Bockshorn zu jagen.
In der Stunde, in der Maria ihr schweres Gestndnis abgelegt, hatte ihrem Vater
ein schreckliches Bild von dessen mglichen Folgen vorgeschwebt. Der Name seiner
Tochter der Schmach preisgegeben, nie wieder genannt, ohne die Erinnerung an
einen Skandal zu wecken ... Und er mit hineingerissen in die Schande, seine
glnzende Stellung vernichtet.
    Aber siehe! als er sich anschickte, die groe Welt als ein Ausgestoener zu
fliehen, kam sie ihm entgegen, huldvoller denn je. Seltsamerweise hatte Maria
die ffentliche Meinung gewonnen durch die heroische Geringschtzung, die sie
ihr bewies. Die groe Welt verzieh, statt zu verdammen, sie tat ein briges -
sie bewunderte. Tonangebende Damen erklrten, Grfin Dornach werde stets in
ihrem Hause willkommen sein.
    Was der Teufel, willkommen! rief Betty Wonsheim aus, kniend wrde ich sie
auf meiner Schwelle empfangen.
    Und wie stimmte Carla ihr bei! und welches unaussprechliche Mitleid erfllte
die Seele Frstin Almas und wagte nicht, sich laut zu uern, aus Furcht vor dem
Schein einer begreiflichen Sympathie mit der Schuldigen und mit der Schuld. Fee,
die sich einen famosen Reisewagen hatte bauen lassen - Gott wei, wo, Gott wei,
wann man ihn brauchen wird! -, konnte es nicht erwarten, ihn zu probieren. Eine
Fahrt ber Land, mit eigenen Pferden, mit vielmaligem Einkehren und wunderbarem
Schlueffekt: pltzlichem Sturz in die Arme ihrer berraschten, ihrer liebsten,
ihrer angebetenen Freundin - das wre etwas gewesen, recht nach dem Herzen der
kleinen Fee.
    Die strengsten Richter fand Maria in ihrer Familie.
    Bei mir hat sie abgewirtschaftet, sagte Grfin Dolph geradeheraus zu
Frulein Nullinger.
    Die Gesellschafterin erwiderte nicht ohne geistlichen Hochmut: Darber wird
sie sich trsten - im Himmel, der die groe Berin erwartet.
    Was Sie sagen - der Himmel?... Kann sein brigens. Es gibt ja einen fr die
Einfltigen. Sie hat eine Dummheit gemacht, um einen Fehler zu reparieren; das
mag dort Anerkennung finden.
    Das Frulein spielte alle Farben von Dunkelrot bis zu Violett: Mein ganzes
Innere ist emprt ...
    Gegen mich? fragte Grfin Dolph mit souvernem Lcheln. Oh, wie grausam!
- nein, ich bitte Sie, kein Wort mehr, haben Sie Erbarmen, ich wei ja, da
meine Empfindungen nur Hunde sind gegen die Ihrigen.
    So scharf ihr eigenes Urteil ber Maria war, die Hrte ihres Bruders suchte
sie zu mildern, weil er darunter litt. Was nimmst du ihr im Grunde bel? sagte
sie einmal - da dein Blut und das Blut ihrer Mutter in ihren Adern rinnt. Nun,
Verehrtester, ich kann den Gebrauch, den sie davon gemacht, nicht unbescheiden
finden. Sie hat geheiratet, berlege nur, mit der Neigung zu Tessin im Herzen,
sie hat - ich kenne sie - jeden Gedanken an ihn von sich gewiesen. Aber die
abgewiesenen Erinnerungen und Gefhle, das ist bei Leuten eueres Schlages wie
zurckgeschobener Sand oder Schnee; es huft, es huft sich, es wird ein Berg
und strzt euch bei der ersten Gelegenheit ber dem Kopf zusammen.
    Diese Frau, murmelte Wolfsberg, und - dieser Mann!
    Grfin Dolph verzog den Mund mit unbeschreiblichem Spotte:
    Soll ich alte Jungfer dir sagen, da die Krone der Liebe nicht wie die von
Mazedonien dem Wrdigsten bestimmt ist? - Das wre eine langweilige Welt, in der
nur Tugendhelden Eroberungen machen wrden. Ich bitte dich, hr auf dich zu
qulen. Ewig zrnen kannst du nicht, und einen Groll, den man endlich doch
fahren lassen mu, soll man je eher je lieber aufgeben.
    Die Zeit verflo, die ersten Frhlingstage kamen, der Verkehr zwischen Vater
und Tochter beschrnkte sich immer noch auf einen sprlichen Briefwechsel.
    Da erschien eines Vormittags Grfin Dolph im Arbeitszimmer ihres Bruders.
Ihr linkes Auge war zusammengezogen und zwinkerte trb und matt. Sie hatte ihre
Mrz-Rheumatismen, die ganz besonders bsen, in der Stadt herumkutschiert und
kam von einem Abschiedsbesuch bei Wonsheims. Es ging nicht gut in dem Hause. Auf
den dringenden Rat ihrer rzte verreisten die zwei Ehepaare fr lngere Zeit.
Clemens brauchte Zerstreuung um jeden Preis. Der Arme war seit dem entsetzlichen
Unglck, das er verschuldet, als er sinn- und gedankenlos den Ehrgeiz eines
Kindes zum unseligsten Wagnis aufgestachelt, in ernster Gefahr, gemtskrank zu
werden.
    Er denkt natrlich nicht daran, Maria vor Augen zu treten, die beiden
Frauen aber mchten unbeschreiblich gern Abschied von ihr nehmen. Geht das, was
meinst du? fragte die Grfin.
    Ich wei nicht, gab er zur Antwort.
    Sie ist etwas unwohl.
    Wer?
    Nun, Maria.
    Hat sie geschrieben?
    Nicht sie. Lisette, der alte Angstwurm, hat hinter ihrem Rcken einen Brief
an Doktor Hofer ergehen lassen, und der ist sofort nach Wolfsberg abgereist.
    Der Graf sa an seinem Schreibtisch, hielt eine Feder in der Hand und tippte
heftig mit der Spitze auf ein bereits ausgefertigtes Schriftstck: Was das fr
bertreibungen sind!
    Er hat sich nicht lange aufgehalten, war heute schon bei mir und voll
Ingrimm ber die schlechten Verkehrsmittel bei uns zulande. Sie rckte nher an
den Kamin, in dem ein Holzfeuer brannte. Drei Patienten haben mit dem Sterben
auf ihn gewartet; sobald sie expediert sind, kommt er zu dir.
    Er htte gleich kommen sollen, versetzte Wolfsberg ungeduldig. Warum bin
ich der letzte, der von alledem etwas erfhrt?
    Damit du dir nicht unntige Sorge machst ... ganz unntige! Es ist nichts
von Bedeutung. Die Hlfte von dem, was der Arzt ihr gesagt, hatte sie
vergessen, vergessen wollen, und von der anderen Hlfte verschwieg sie ihrem
Bruder das meiste. Ihre Schmerzen waren fast unleidlich geworden. Leb jetzt
wohl, sprach sie, ich mu anticipando ausruhen, habe Gesellschaft heute abend,
die ganze Menagerie, wie Madame de - de, wie hie sie nur? sage, nun, die im 18.
Jahrhundert, als Paris noch an der Spitze der Kultur stand und das Kaffeehaus
Europas war - die ... ich hab vergessen, wie sie hie, mein Gedchtnis geht
flten. Auch eines der vielen Anzeichen des hereinbrechenden Greisentums. - Ja,
mein Lieber, halte dich an die Nachkommen, die Zeitgenossen sterben einem weg.
Du kannst ber Nacht ein Bruder ohne Schwester sein.
    Sie fand fr gut, das zu sagen, wre jedoch sehr erstaunt gewesen, wenn man
ihr geglaubt htte.
    Als sie fort war, fuhr Wolfsberg ins Ministerium, prsidierte einer Sitzung,
empfing Besuche - alles wie immer. Und dabei hatte er unaufhrlich die
Empfindung eines Zusammenpressens der Kehle. Gegen Abend kam er heim, begann
rastlos auf und ab zu wandern in seinem Zimmer und horchte jedem Glockenzeichen.
Eine schwere, alt machende Stunde verschlich. Da endlich wurde die Tr vor dem
Herrn Professor aufgerissen.
    Er war ein Mann in den Fnfzigen, krftig und untersetzt, mit ansehnlicher
Glatze, aber noch dunklen Haaren. Der treuherzige Ausdruck seines schnen,
glattrasierten Gesichtes, sein gerades Wesen gewannen ihm auf den ersten Blick
ein Vertrauen, das er durchs Leben hindurch zu rechtfertigen wute.
    Der Graf ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hnde: Lieber Herr
Professor, Sie Getreuer - Sie waren dort - ich danke Ihnen.
    Nix z'danken, erwiderte Hofer trocken - er bediente sich manchmal durchaus
ernsthaft des Wiener Dialekts - und seine kleinen braunen Augen fest auf
Wolfsberg richtend, fuhr er fort: War meine verdammte Schuldigkeit, mich nach
ihr umzusehen, wre - mit Verlaub - auch die Ihre, Herr Graf. Sie und ich, wir
kennen sie gleich lang, und wir knnten es wissen, da die Frau einige
Aufmerksamkeit verdient.
    Wolfsberg wischte sich die Stirn. Es hat sich viel verndert, Freund. - Zur
Sache! Wie geht es ihr? Er lehnte mit dem Rcken am Fenster, der Arzt stand vor
ihm.
    Merkwrdige Frage, sagte er. Nein, da auch fr Sie die alte Regel pat:
Willst du Genaues erfahren ber deine Allernchsten, so frage nur bei fremden
Leuten an. Hm, hm! - Hat zuviel ausgestanden, die Frau. Wissen Sie was, Herr
Graf? Hren Sie jetzt auf zu schmollen, es knnte Sie sonst reuen, er klopfte
ihm auf den Arm.
    Doktor, Herr Professor ... mich reuen ... Sie sehen zu schwarz ... Ihr
einziger Fehler.
    Ich sehe, was Sie sehen werden. Reisen Sie morgen, machen S' a bisserl an
Ordnung auf Ihrem Rittergschlo, bleiben Sie aber nicht lang und kommen Sie dann
nicht zu bald wieder hin. Auch Ihre Besuche wrden die Kranke ...
    Die Kranke?
    ... aufregen, und jede, selbst die geringste Gemtsbewegung kann von den
schlimmsten Folgen fr sie sein. Es ist ja ganz gut, sie so hinduseln zu lassen
und zu beschrnken auf den Umgang mit ihrem Kind. Wenn sie recht haushlt mit
ihren Krften, wird es vielleicht mglich werden, sie im Herbst nach dem Sden
zu bringen. Aber, er erhob drohend den Zeigefinger, das Bewutsein mu sie
haben, da ihr niemand etwas nachtrgt. Ihr gebhrt Bewunderung. Wer die Frau
krnkt, begeht eine Todsnde. Das sage ich Ihnen.
    Eine halbe Stunde spter kndigte der Graf seiner Schwester an, da er mit
dem Nachtzuge nach Wolfsberg abreise, und lie packen. Das Essen, das ihm in
seinem Zimmer serviert wurde, blieb unberhrt. Er schickte einige Zeilen an
seine Behrde und warf die Antwort ungelesen auf den Tisch. In seinem Sessel
zurckgelehnt, starrte er vor sich hin. Da, auf dieser Stelle hatte sie gekniet,
den Kopf an seinem Herzen ... Pltzlich, unwillkrlich falteten sich seine
Hnde. Der Mann, dem der Glaube nur als ein Kappzaum galt fr die Menge und als
unentbehrlicher Trost fr die Enterbten dieser Erde, betete zu dem Gott der
Liebe und des Erbarmens, dessen er in Jahren nicht gedacht. Erhalte sie mir,
schrie er zu ihm empor. Das war alles, was er zu sagen wute in seiner Pein -
Anfang und Ende seiner Beredsamkeit: Allmchtiger, erhalte sie mir!
    Am nchsten Tage traf er in Wolfsberg vor dem Telegramm ein, das ihn
ankndigen sollte. Die berraschung der Dienerschaft, das Geschrei Lisettens,
die eben in den Hof trat, als er hereinfuhr, belehrten ihn darber.
    Der Herr Graf! das ist aber etwas! rief die Alte, tat aufs uerste
verwundert und beantwortete seine Frage nach Maria mit den hastig gesprochenen
Worten: Bei den Pinien ... im Garten ... ich mu nur bitten ... ich will sie
vorbereiten ...
    Er hrte sie nicht an. Whrend im Schlo und im Beamtenhaus alles
durcheinanderrannte und die feindlichsten Elemente sympathisch zusammentrafen in
dem Verdru ber seine Ankunft, schritt er eilig der groen Baumgruppe am
sdlichen Ende des Gartens zu. - Wie war alles verwildert! Die Wege
grasberwuchert, die Wiesen von Unkraut zerfressen, die Gebsche unbeschnitten;
ihre kahlen, schwachen Stmmchen in die Hhe gewachsen, lauter Lichtungen statt
der ehemaligen schattigen Gnge. Von weitem schon erblickte er seine Tochter.
Sie sa auf einer Moosbank unter den mchtigen Stmmen - durchsichtig bla,
schmal in ihrem schwarzen, eng anliegenden Kleide - und sah dem Kinde zu, das
sich eifrig mit dem Bau einer kleinen Grotte beschftigte. Ihr Vater war schon
nahe bei ihr, als sie seine Schritte knistern hrte auf dem mit dichten
Schichten abgefallener Nadeln bedeckten Grunde und den Kopf erhob.
    Maria! rief er aus, und Trnen traten ihm in die Augen.
    Sie stand auf, wollte sprechen, auf ihn zueilen, sank aber stumm zurck mit
einem unendlich dankbaren Lcheln.
    Er neigte sich zu ihr herab und drckte einen langen Ku auf ihre Stirn. Sie
flsterte etwas Unverstndliches, ihre Nasenflgel bebten, ihre Lippen waren
halb geffnet, sie zogen die Luft hrbar atmend ein.
    Wolfsberg setzte sich zu ihr. Htte ich doch gewut ... sagte er, warum
nicht ein Wort schreiben ... Wie unrecht. Von Rhrung bermannt, zog er ihre
Hnde an seinen Mund und kte sie und sprach leise: Niemand liebt dich, wie
ich dich liebe, und niemand hat dir so weh getan.
    Alles war ihm Vorwurf, ihr abgehrmtes Aussehen, ihr verwahrloster Wohnort,
das Fremdtun Erichs, der sein Spiel unterbrochen hatte und ihn ernst und fragend
ansah, ohne ihn zu begren.
    Auf einmal blitzte es freudig auf in den Augen des Knbleins. Er trat an
seine Mutter heran. Schau dorthin, sagte er, legte sein Hndchen flach an ihre
Wange und zwang sie, den Kopf zu wenden. Die Sonne ging unter; ihre letzten
waagerechten Strahlen schimmerten durch die Stmme der Bume, das Angesicht des
Kindes flammte in ihrem Widerschein; goldene Lichter spielten auf seinen
dunkeln, leicht gelockten Haaren.
    Wolfsberg betrachtete ihn mit schmerzlicher Bewunderung. Nun, was ist mit
dir? begann er. Du siehst mich ja gar nicht an. Kennst du mich nicht mehr?
    O ja - o ja! gab Erich zur Antwort, senkte den Kopf und wandte seine ganze
Aufmerksamkeit einem Kfer zu, der an einem Grashalm emporzuklimmen suchte.
    Auch Maria wagte nicht aufzublicken. Die Erinnerung an den Abscheu, mit dem
Grfin Agathe das Kind von sich gestoen hatte, durchzitterte sie, und sie
murmelte: Verzeih ihm, er ist so scheu geworden in der Einsamkeit.
    Wir wollen ihn schon zutraulich machen, sagte ihr Vater und streckte dem
Knblein die Rechte entgegen. Schlag ein, kleiner Wolfsberg, schlag ein, mein
Enkel. Auf gute Freundschaft!
    Der Graf blieb einige Zeit daheim, und alle, die in seinem Dienste standen,
erfuhren, wie begrndet ihr Schrecken ber seine Ankunft gewesen war. Er ging
streng ins Gericht; seinen unverschmtesten Ausbeutern, seinen aufgeblasensten
Wrdentrgern brach der Angstschwei aus, als er, ohne die Stimme zu erheben,
mit geschlossenen Zhnen zu ihnen sprach: Weh euch, wenn ich bei meiner
Wiederkehr nicht jedes Versumnis eingebracht finde, hundertfach.
    Seine Abreise verschob er von Tag zu Tag. Er hatte Erich liebgewonnen; er
beschftigte sich mehr mit ihm, als er mit Maria getan, da sie noch in so zartem
Alter stand. Halbheit war seine Sache nicht. Er wollte den Enkel, den er
anerkannt, von aller Welt anerkannt sehen und ihn fr eine glnzende Zukunft
erziehen. Als er jedoch seine ehrgeizigen Plne vor Maria entwickelte, traf er
auf Widerstand. Sie strebte fr Erich das Gegenteil von allem an, was ihrem
Vater wnschenswert erschien; ja, sie forderte von ihm das feierliche
Versprechen, da ihr die entscheidende Verfgung ber ihr Kind bewahrt bleibe im
Leben und im Tode.
    Zweifelnd und erschrocken sah er sie an, aber eine andere Antwort als ja
hatte er auf einen von ihr geuerten Wunsch nicht mehr.
    Ihre unerschtterliche Gelassenheit bewegte ihn in allen Seelentiefen. Es
schien ihm die Gelassenheit einer halb Abgeschiedenen, die nicht mehr wnscht
noch hofft. Ihre Mutter, in ihrem letzten Lebensjahre, hatte in ruhigen Stunden
denselben Ausdruck stiller Trostlosigkeit gehabt. Maria war jetzt das
vollkommene Ebenbild der unglcklichen Frau, und Wolfsberg schauerte manchmal
zusammen, wenn sie ihm unerwartet entgegentrat.
    Am Abend vor seiner Abreise waren sie aus dem Salon, in dem der Tee genommen
worden, in den anstoenden Erker getreten. Aus seinen hohen schmalen Fenstern
sah man ber die Bume des Gartens, ber das Dorf hinweg auf eine von Trmmern,
die aus dem Steinbruch herabgerollt, teilweise bedeckte Hutweide. Die Dmmerung
war eingebrochen, und in ihrem tuschenden Scheine meinte man einen ungeheuren
Friedhof vor sich zu sehen. Wolfsberg blickte lange gedankenvoll hinaus. Ein
letztesmal suchte er Maria zu berreden, ihren dstern Aufenthalt mit dem auf
einem seiner Gter in Tirol oder in sterreich zu vertauschen: Wo du mir
leichter erreichbar wrest und auch Tante Dolph, der die Reise hierher zu
beschwerlich ist, dich besuchen knnte. Und die anderen, die vielen, die dich
lieben. Was mir nur die kleine Fee alles aufgetragen hat! Sie droht, wenn du ihr
durchaus nicht erlaubst zu kommen, es ohne deine Erlaubnis zu tun.
    Gib es nicht zu! rief Maria flehend aus. Eine tiefe Rte spielte auf ihren
Wangen. Ich kann niemanden sehen, lieber Vater. La mich hier vergraben, tot
fr alle sein, nur so ertrage ich das Leben.
    Zur Abfahrt Wolfsbergs versammelten sich seine Angestellten mit ihren nicht
immer besseren Hlften im Schlohofe. Auch der Vorsteher der Gemeinde war da.
Der Graf hatte derselben einen Teil ihrer Schulden abgenommen, gegen seine
berzeugung, aber auf Marias Frbitte. - Er kam mit ihr und mit Erich die Treppe
herab, beantwortete die devoten Kratzfe und Knickse der seiner Harrenden mit
einer ablehnenden Gebrde, umarmte seine Tochter, kte und segnete seinen Enkel
und sprang in den Wagen.
    Maria blieb regungslos stehen und sah ihm nach. Pltzlich bemerkte sie, da
auch die brigen sich nicht vom Flecke gerhrt, sondern in untertniger Haltung
erwarteten, von ihr entlassen zu werden. - Die freche Feindseligkeit hatte sich
in eine kriechende verwandelt.

Ein Jahr nach dem Tode Hermanns schrieb Tessin an Maria. Seine Versetzung auf
einen hheren, wieder berseeischen Posten sollte noch im Laufe des Jahres
erfolgen; er kam, bevor er ihn antrat, fr einige Zeit in die Heimat zurck. In
bewegten, tiefe, unwandelbare Liebe atmenden Zeilen bat er um die Gunst eines
Wiedersehens und knpfte daran eine Hoffnung, die vielleicht zu khn war, um in
Erfllung zu gehen. Doch lebe er von ihr, und auf sie verzichten mssen wre
sein Untergang.
    Maria las mit Schrecken und Grauen. So war die Vergangenheit nicht begraben?
So streckte sich die Hand des Urhebers ihrer unshnbaren Schuld noch immer nach
ihr aus? Die Stunde der Erniedrigung stieg wieder auf vor ihrem geistigen Auge -
unfabar, ein hllisches Rtsel ... Ihr Herz stand still, ihre Zhne schlugen
zusammen ... Mit dem Aufgebot aller ihrer Kraft trat sie zum Schreibtisch und
richtete hastig einige Zeilen an ihren Vater:

Antworte fr mich - du weit alles ... Hilf, rette mich vor diesem Menschen,
schtze mich vor der Gefahr, jemals wieder von ihm zu hren.

Sie schlo den Brief Tessins in den ihren und schickte damit einen Reitenden,
dem sie selbst die grte Eile auftrug, nach der Post.
    In Gedanken begleitete sie ihren Boten. Jetzt konnte er beim Steinbruch sein
und jetzt an der Brcke, und wenn er tchtig jagte, kam er noch zurecht zur
Abfahrt des Postkarrens. - Und der brauchte dann vier Stunden, bis er zur
Eisenbahnstation gelangte. Vier volle Stunden ... Wenn nur die vorber wren,
sie wrde leichter atmen.
    Jetzt also, dachte sie, ist der Brief auf der Bahn, als die Schlouhr zehn
schlug.
    Sie hatte die Leute zur Ruhe geschickt und ging nun rastlos in ihrem
Schlafzimmer auf und ab, bis sie endlich todmde auf ihr Lager sank, neben dem
das kleine Bett Erichs stand. Er schlief fest und sah gescheit und lieblich aus.
Seine Mutter schpfte Mut und Kraft aus seinem Anblick, ihre Besorgnisse
schienen ihr mit einem Male tricht. Was lag daran, ob die Antwort auf den
Brief, der ihr zugeflogen war wie ein Pfeil aus dem Busche, einen Tag frher
oder spter kam? - - Was lag daran? - Sie sprach sich Vernunft zu; sie schalt
die Schwche des Willens, der nichts vermochte ber das Treiben aufgeregter
Nerven, ber das tolle Pochen des Herzens. Gegen Morgen fiel sie in leisen,
durch wirre Trume gestrten Schlaf und erwachte, in kalten Schwei gebadet. Sie
stand mhsam auf und schickte Erich mit seiner Wrterin in den Garten. Zu Mittag
kam er wie gewhnlich zur Unterrichtsstunde in das Erkerzimmer, wo Maria ihn
erwartete.
    Mutter, rief er, es ist jemand angekommen, ein Herr, mit den Schimmeln
vom Postmeister, und der eine hinkt.
    Sie war aufgefahren, hatte einen raschen Blick nach der Tr geworfen, als ob
sie entfliehen wollte, und war dann auf ihren Platz zurckgesunken. Jemand
angekommen, wiederholte sie. Weit du wer?
    Nein, er wute es nicht.
    Aber sie wute es ... Tessin hatte ihre Antwort nicht abgewartet - er war
gekommen.
    Die Tr, die vom Gang in das Nebenzimmer fhrte, wurde aufgerissen. Man
vernahm Lisettens kreischenden Ausruf: Jesus! Herr Jesus! - Ich darf
niemanden vorlassen, sprach ein Diener laut.
    Mutter, rief Erich, warum schreien sie so da drauen? Er breitete seine
Arme aus und stellte sich schtzend vor sie hin:
    Frchte dich nicht!
    Und jetzt polterte sehr aufgeregt Lisette herein: Nein, denk dir nur ...
Graf Tessin nennt er sich, und ich schwre darauf, es ist derselbe ... Aber was
ist dir denn?...
    Maria war aufgestanden; ihr Gesicht hatte einen fremden Ausdruck angenommen.
Finster und kalt sah sie den eintretenden Tessin an, der bei ihrem Anblick
totenbla wurde.
    Erich strzte ihm entgegen: Fort, du, fort, wir wollen dich nicht ... und
drohend erhob er die Faust.
    Die Lippen Tessins verzogen sich; er lchelte das Kind an mit einem Gemisch
von Verlegenheit und Spott; er wnschte sich weit weg von hier, er verfluchte
seine Ungeduld.
    In liebevoll gehegter Erinnerung hatte er Maria immer nur so vor sich
gesehen, wie sie war in der sesten und siegreichsten Stunde seines Lebens. Er
hatte die schnste Frau in Gedanken tausend- und tausendmal in seinen Armen
gehalten. Das wahnsinnige Verlangen nach ihr, das ihn oft in der Fremde
ergriffen, wuchs von Minute zu Minute, seitdem er den Boden der Heimat betreten
hatte. Er zweifelte nicht - sie liebte ihn noch; sie hatte immer nur ihn
geliebt; sie wartete seiner mit ebender Sehnsucht, mit der er ihr
entgegengestrebt - -
    Und nun war's erreicht; er stand am Ziel, und was es ihm bot, war eine
grausame Enttuschung, die zu verbergen ihm die Fassung fehlte. Langsam trat er
nher und verbeugte sich stumm.
    Maria winkte Lisetten, den Knaben fortzufhren. Er strubte sich, mute aber
gehorchen. Am Ausgange noch wandte er sich um und warf einen Blick voll Trotz
und Mitrauen auf Tessin.

                                       21


Maria sah dem Kinde nach. Funken flimmerten vor ihren Augen; ihr war, als ob die
Wand, an der sie lehnte, schwankte; als ob die kleinen runden Scheiben der
Erkerfenster wie Kreisel wirbelten, platzten wie Seifenblasen ... Sie bi sich
in die Lippen, sie wollte standhaft bleiben, sie wollte die Herrschaft behaupten
ber ihre schwindenden Sinne. - Einmal wieder rief ihr die Erinnerung das alte
Zauberwort zurck: Nur ruhig!
    Wie drfen Sie es wagen? stie sie pltzlich hervor. Was wollen Sie?...
Warum haben Sie meine Antwort nicht abgewartet?
    Welche Frage ... erwiderte er, betroffen ber diesen unerwarteten Empfang.
Aus Ungeduld, aus Sehnsucht.
    Nach dem, was Sie hier erwartet?... Oh!
    Was mich hier erwartet? Sie meinen den Schmerz, Sie leidend zu finden -
und furchtbar verndert, setzte er in Gedanken hinzu.
    Die widersprechendsten Gefhle kmpften in ihm, Mitleid, Groll, Trotz und
Wehmut. Ihm schien jede Gunst erreichbar und jedes Glck - sollte er das seine
nun suchen im Besitz einer verwelkten Frau?... Aber - es war doch sie! sie, die
ihm die heftigste Leidenschaft seines Lebens eingeflt hatte ... Er fhlte von
neuem ihren bestrickenden Einflu und berlie sich ihm. Das Bewutsein eines
begangenen Frevels an diesem armen Weibe erwachte und zugleich - nur Lgner
behaupten, da er gromtiger Regungen unfhig sei - der Vorsatz, seine Schuld
wiedergutzumachen.
    Noch immer hatte er dagestanden, den Hut in der Hand, und nahm jetzt
unaufgefordert Platz, Maria gegenber. Allmhlich fand er die Zge, die ihm so
teuer gewesen, in diesem bleichen Gesichte wieder. Es trug die Spuren von
schweren Seelenqualen, die um ihn erduldet worden ... ein nicht geringes Genge
fr seine Eitelkeit. - Tessin sprach einige Worte der Rhrung und des Bedauerns;
sich selbst jedoch sagte er: Sie ist jung, sie wird genesen, sie wird wieder
aufblhen in meinen Armen; ich will der Gott sein, unter dessen Hauch ihre
Wangen sich von neuem frben, ihre Lippen lcheln werden, der sie auferweckt und
zurckfhrt zu allen Daseinswonnen.
    Er begann ihr seine unvernderte Liebe zu beteuern; er erzhlte von der
Kunst, die er angewendet hatte, um sich immer in Kenntnis von allem zu erhalten,
was sie betraf. So wute er denn auch von ihrer hochherzigen Verzichtleistung
und schwur, da er den Anspruch, der ihm daraus erwuchs, geltend machen werde.
    Mit einer Art stumpfer Ergebung ertrug Maria seine Nhe, seinen unverwandt
auf sie gerichteten Blick. Der ihre blieb so abwesend, so leer, da sich Tessin
eines Zweifels an der leichten Ausfhrbarkeit seiner gttlichen Sendung nicht
erwehren konnte. In gereiztem, unwillkrlich herausforderndem Tone schlo er:
Sie haben Ihrem Sohne den Namen genommen, der ihm vor dem Gesetz zukam; das
kann nur in der Absicht geschehen sein, ihm dafr den Namen zu geben, der ihm in
Wahrheit gehrt - den meinen.
    Jetzt machte sie eine heftig abwehrende Bewegung: Ihm Ihren Namen geben und
Ihnen dadurch ein Recht auf das Kind - Ihnen? Sie beugte sich vor. In ihren
Augen hatte sich eine Flamme der Verachtung entzndet, die ihn traf wie ein
glhender Pfeil.
    Er zuckte zusammen, er rang nach Fassung und rief dennoch fassungslos aus:
Grfin ... Maria, Sie haben mich geliebt!
    Sie neigte den Kopf, eine brennende Rte flog ber ihre Wangen: Ich habe
geglaubt, Sie zu lieben, und Sie - sind schlau gewesen, Sie haben es verstanden,
einen Brand des Schuldbewutseins gegen Sie in meine Seele zu werfen ... Dann
haben Sie sich einen Spiegesellen geworben, und mit seiner verrterischen Hilfe
sind Sie gekommen und haben mich berrascht, gemeiner, ehrloser als ein Dieb,
und ich habe mich an Sie weggeworfen ... Und nachdem das Unwiderrufliche
geschehen, nachdem die Schuld begangen war ... eine Schuld, die von den Trnen
der Reue so wenig weggesplt werden kann wie der Fels von der Welle, die zu
seinen Fen brandet ... dann ist mir der Mann, neben dem ich bisher hingegangen
war wie eine Blinde, teurer geworden von Tag zu Tag ... Er hat mich die Liebe
kennengelehrt, die ewig ist; er, in dessen Seele die reinste Gte und Treue
vereinigt waren ... Und diese Empfindung in einem Herzen, das seiner unwrdig
geworden ... Das seltenste, kstlichste Glck vergeudet - um welchen Preis! Ein
Schauer des Ekels durchrieselte ihre Glieder.
    Im Innersten entrstet, uerlich jedoch starr und unbeweglich, hatte Tessin
ihr zugehrt. Wie er sie jetzt hate, die Trin, die sich - um ein geringes zu
spt - in ihren Mann verliebt hatte; wie er sie lcherlich fand mit ihrer
Sentimentalitt und ihrer krankhaften Reue! Eine kleine Abkhlung tat not, und
so murmelte er denn hhnisch: Wie mssen Sie mir geflucht haben.
    Nur mir ... Sie sind ohne Rechtsgefhl; ich hatte es und tuschte dennoch
das edelste Vertrauen, betrog - - um Sie!
    Ihr Blick glitt ber ihn hin, und er sprte ihn wie etwas Krperliches, das
von ihm herunterwischte: allen Wert, alles Selbstbewutsein, alle eingebildete
Herrlichkeit ... Er knirschte, er meinte Notwehr ben zu mssen, und dazu war
ihm jedes Mittel gut.
    Sie regen sich auf, sprach er frostig. Wollen Sie sich tten?
    Nein, ich will leben, um mein Kind zu erziehen ... Ich will es lehren,
rechtschaffen sein und wahr und stark; ein Feind alles dessen, was glnzt und
scheint und lgt ... Er soll ... ihr keuchender Atem stockte.
    Sagen Sie es doch kurz heraus, rief Tessin mit bitterem Lcheln. Er soll
das Gegenteil von dem werden, wofr Sie mich halten ... Glck auf, Grfin - mge
die Erziehung gelingen. Nur rate ich Ihnen: seien Sie nicht zu rde - manche
Lektion schlgt deshalb nicht an, weil sie in gar zu schonungsloser Weise
gegeben wurde.
    Maria hatte ihr Haupt gesenkt, sah vor sich hin und nickte nur zerstreut zu
seinen Worten. - Er soll auch - begann sie, nie erfahren, da Sie sein, sein
- es war ihr unmglich, es auszusprechen. Sie bleiben immer fr ihn ein
Fremder!... Das fordere ich, darber werde ich wachen, dabei mu es bleiben,
wenn ich nicht mehr da bin, ihn zu beschtzen vor Ihrem Einflu, Ihrem Beispiel
... Ein Fremder. Schwren Sie mir - - oder nein - versprechen Sie mir ... Aber
nicht, wie euresgleichen einer Frau etwas verspricht, einer Frau, der gegenber
Ehrlosigkeit nicht entehrt ... Warum? warum? - Vielleicht weil sie euch nicht
zur Rechenschaft ziehen kann. Sie zitterte und bebte, und es schien, da er
eine gewisse Befriedigung empfand ber ihre malose Aufregung. Er war die
gelassene, kaltbltige berlegenheit selbst, er war krftig und gesund, seine
Nerven waren von Stahl.
    Grfin, sagte er in ermahnendem Tone, Sie wollen etwas von mir und hren
nicht auf, mich zu beleidigen. Ist das klug?
    Maria griff mit beiden Hnden an ihre Stirn. Unklug! jammerte sie, ganz
tricht und unklug ... Verzeihen Sie mir ... Es klang schrill, wie ein der
innersten Natur, dem widerstrebenden Willen mit bermchtiger Gewalt
abgerungener Schrei: Verzeihen Sie mir und erfllen Sie meine Bitte.
    Er tat, als wenn er sich besnne, und sagte nach einer Weile:
    Es soll geschehen.
    Maria fiel rasch ein: Bei allem, was Ihnen - - aber was ist Ihnen heilig?
setzte sie entmutigt hinzu.
    Jetzt wurde seine Miene ernst und berzeugt: Die Erinnerung an die Stunde,
die Sie aus Ihrem Leben tilgen mchten und die ich nicht tauschen wrde gegen
alle Erdengter. Bei dieser Erinnerung verspreche ich's. Er stand langsam auf.
Ein wilder Wunsch, sie an sich zu reien, sie noch einmal an seine Brust zu
pressen, ergriff ihn.
    Da erhob sich auch Maria, und sie standen Aug in Auge.
    Spter, als er alles, was er je angestrebt, errang, das Glck sich an seine
Fersen heftete, Unternehmen und Gelingen fr ihn eins geworden schien, gedachte
er manchmal jenes seltsamen, stummen, kurzen Kampfes zwischen ihm und einer
zarten, sterbenden Frau - in dem er unterlegen war.
    Sie hatte nach der Tr gewiesen, und er hatte sich bezhmt und Gehorsam
geleistet.
    Maria blieb aufrecht ... sie mute aufrecht bleiben. - Wenn sie sich jetzt
verriete, sie sich selbst, welche Torheit wre das ... Nein, sie tut es nicht,
sie will nicht, sie ist stark.
    Die Tr ffnet sich wieder, Erich kommt hereingelaufen. Mutter! ruft er,
der Herr ist schon fortgefahren.
    Ja - jawohl - -
    Und jetzt spricht Lisette, die dem Kind gefolgt ist: Merkwrdig, nein, wie
merkwrdig!... Felix Tessin - den Namen kenn ich nicht, aber den Menschen ...
Was hat der nur gewollt? Ich mcht darauf schwren, da es derselbe ist, der
zuletzt beim armen Wolfi war.
    Es wird so sein - stammelte Maria unverstndlich -, Bruder und Schwester
durch ihn gemordet - und sie strzte leblos zusammen.
    Lange Zeit verging, bevor ihr Bewutsein wiederkehrte. Im jhen Schrecken
hatte Lisette an den Professor, an Wolfsberg, an Wilhelm telegraphieren lassen:
Grfin erkrankt, gleich kommen. Halb sinnlos raufte sie sich die Haare und
hrte nicht auf zu schreien: Sie ist tot, mein Kind ist tot! Bei dem ersten
Zucken jedoch, das durch den Krper der Ohnmchtigen lief, bei dem ersten
Aufschlagen ihrer Augen machte Lisettens Verzweiflung der unerschtterlichsten
Zuversicht und Hoffnungsfreudigkeit Platz.
    Mit Mhe sprach Maria einige Worte: La Wilhelm und Helmi kommen, gleich,
hrst du? - gleich! Eine erdrckende Angst schien auf ihr zu lasten: sie
verlangte nach dem Kinde, und als man es ihr brachte, erkannte sie es nicht und
hielt es fr den kleinen Hermann. Da bist du, murmelte sie, das war ein
tiefer Schlaf ... Oh, wie habe ich mich nach meinem Erstgeborenen gesehnt!
    Es wurde Nacht; die Kranke lag regungslos Ein Eiskbel war an ihr Bett
gestellt worden; Lisette und Klara erneuerten abwechselnd die Umschlge auf
ihrer Stirn.
    Sie sieht uns nicht, seien Sie sicher, Frulein, flsterte das
Kammermdchen. O Gott, und ihre Augen! - wie blaue Flammen mit Schleiern
davor.
    Auf dem Tische stand eine verdeckte Lampe; der schwache Lichtkreis, den sie
an die Decke warf, fesselte den Blick Marias. In dem bleichen Schimmer bildeten
sich flutende Wellen, und ein weier Schwan zog ber sie hin, und in den Lften
erklang eine liebliche Musik. Die verstummte pltzlich; ein Stern war vom Himmel
gefallen, und der Stern war ein Weib, und entsetzliche Ungeheuer zerfleischten
es ... Hunderte von Fratzen, Kpfe ohne Leiber schwebten heran, Augen ohne
Kpfe, die vielen Augen, die sich in die ihren bohrten. Sie frchtete sich
nicht, sie fand das alles natrlich. Natrlich auch, da sie auf ihrem Bette lag
und zugleich dort oben stand in dem webenden Schein an der Seite Hermanns. Er
deutete auf sie und sagte: Ich seh dein Herz, es blutet, und es hat einen
schwarzen Fleck, einen kleinen, kleinen Fleck, der verfinstert die Welt.
    Drauen heulte der Sturm, umpfiff das Haus, schleuderte Regengsse gegen die
Scheiben der Fenster, rttelte an den Angeln, warf sich gegen das Tor, das
sthnend Widerstand leistete.
    Lisette sprach: Das verwnschte Wetter! Es hlt dich wach, mein armes
Kind!
    In Dornach ist es still, versetzte Maria - und nach einer Pause: Glaubst
du? - glaubst du es, liebe Alte?
    Was soll ich glauben? was wnschest du, das ich glauben soll?
    Da sie mich dort dulden werden in der Gruft?
    Wie du nur sprichst!
    Staub bei Staub, aber - wie wunderbar ... Sie machte einen Versuch, sich
zu wenden: Der eine ist gekommen -
    Wer denn? ich verstehe dich nicht.
    Du hast ihn doch selbst gebracht, erwiderte sie leise mit einem Schatten
von Ungeduld, sein Vater schickt ihn, er soll mich nach Dornach fhren ...
meinem lieben Dornach - sie lchelte glckselig, als sie den Namen nannte -,
zu meinem Hermann ... dahin, wo er jetzt ist ... Wir werden liegen, Hand in
Hand, hinter den Steinen. Nicht ein Laut wird zu uns dringen, nicht eine Stimme
... nicht einmal die Stimme des Gewissens ...
    Sie phantasiert, und ich sage Ihnen, man mu um den Geistlichen schicken,
flsterte Klara Lisetten zu. Von der wurde sie rauh angelassen.
    Ja, just phantasieren wird sie! das fllt ihr ein. - Sie spricht aus dem
Schlaf, hat's von klein auf getan.
    Maria versank in einen dumpfen Halbschlummer, aus dem sie von Zeit zu Zeit
auffuhr, um nach Wilhelm und Helmi zu rufen. Gegen Morgen wurde sie ruhiger, und
so fand sie der herbeigeholte Bezirksarzt. Als er hrte, da Professor Hofer
stndlich erwartet werde, uerte er den Wunsch, mit dem berhmten Arzt
zusammenzutreffen, und nahm sich vor, spter wiederzukommen. Seine Meinung ber
den Zustand der Kranken behielt er fr sich; etwas zu verordnen, fand er
berflssig.
    Lisette triumphierte. Gab dieses Benehmen des Doktors ihr recht oder nicht?
Wre er so fortgegangen, ohne sich auszusprechen, ohne nur ein Rezept
aufzuschreiben, wenn er die geringste Besorgnis htte?
    Sehr gelegen kam ihr in dieser Stunde ein Antworttelegramm aus dem Hause des
Professors, welches meldete, er sei fr drei Tage verreist. So hatte sie noch
Zeit, ihre Aufforderung zu widerrufen, und brauchte sich nicht wieder von ihm
die alte Furchtputzen schelten zu lassen.
    Der Optimismus Lisettens besa eine mitteilende Kraft. Im ganzen Schlosse
herrschte Frhlichkeit. Der Kastellan setzte die unterbrochenen Singlektionen
seines Zeisigs wieder fort und werkelte ihm unermdlich das Liedchen vor: Wenn
ich am Morgen frh aufsteh ... Die Mnner traten wieder fest auf, die Frauen
schlugen lrmend die Tren zu; alles kehrte ins alte Geleise zurck.
    Maria hatte sich auf das Ruhebett tragen und dieses an das Fenster rcken
lassen. Sie war erschpft und halb betubt und glaubte immer den Wagen, der
Wilhelm und Helmi brachte, hereinrollen zu hren.
    Nimm doch Vernunft an, ermahnte Lisette, sie knnen noch nicht da sein,
trotz der Relais, die der Verwalter geschickt hat; auer es wre ein Wunder
geschehen, oder - sie htten einen Extrazug genommen.
    Eine dieser Mglichkeiten mute eingetreten sein, denn gegen Abend waren die
Ersehnten da, begleitet von Doktor Weise. Mit heiteren Mienen liefen ihnen die
Diener entgegen und verkndeten, es gehe besser, es gehe gut.
    Lisette kam die Treppe herabgestrzt; sie warf sich beinahe auf die Knie vor
dem Ehepaar und umarmte beinahe den Doktor. Das vergelte der liebe Gott den
Herrschaften, da Sie sich so beeilt haben ... Jetzt wird sie glcklich sein.
Unablssig zum Vorwrtsschreiten anspornend, machte sie den Wegweiser ber die
Treppen und Gnge.
    Sie gehen zuerst, sprach Wilhelm zum Doktor, und bestimmen, ob die Grfin
uns sehen darf.
    Er lie die Einwendungen Lisettens nicht gelten; sie mute sich bequemen,
Weise anzumelden, der auch sofort vorgelassen wurde, whrend Wilhelm und Helmi
im Nebenzimmer warteten. Er vllig verstrt, sie sorgenvoll, gebeugt, mit
blassen Wangen. Die trstlichen Versicherungen, mit denen sie empfangen worden,
flten ihnen wenig Vertrauen ein. Sie erbebten, als Lisette endlich erschien.
    Nur kommen, nur kommen! Sie fragt nach den beiden Herrschaften und nach
niemandem sonst, rief sie und entfernte sich diskret.
    Nun denn in Gottes Namen, sagte Wilhelm, und Helmi legte sachte die Hand
auf die Klinke. Da trat ihnen Weise aus der Tr entgegen.
    Nichts zu machen, flsterte er tief betrbt, eine Herzruptur, worunter
man sich freilich nicht vorstellen darf - nun, mit einem Wort: es ist aus.
    Wilhelm taumelte, wie wenn ihn jemand vor die Brust gestoen htte.
    Aber - sie lebt noch ...
    Noch, ja, noch, und Weise schob den Trflgel zurck.
    Maria lag gerade ausgestreckt. Das letzte Tageslicht warf seinen bleichen
Glanz ber ihre von der erhabenen Majestt des Todes schon verklrten Zge.
Umflossen von der goldigen Pracht ihrer Haare ruhte ihr Haupt in den Kissen, und
sie machte eine vergebliche Anstrengung, es zu heben, als Wilhelm und Helmi
eintraten. Diese strich mit zitternden Fingern ber die Hand der Kranken.
    Dank, da ihr kommt ... Dank und eine Bitte - sprach Maria. Ihr seht, ich
darf nicht leben fr das Kind ... ich darf auch nichts abtragen von meiner
Schuld ...
    Du hast sie geshnt, o Gott im Himmel, wie geshnt! rief Helmi.
    Gebt, nicht geshnt - das htt ich nie gekonnt ... Schwer ist mit solchem
Bewutsein das Leben ... und schwer der Tod ...
    Wilhelm begann leise, dann brach es wie ein Schrei aus seiner Brust: Nein,
nein, du wirst nicht sterben!
    Doch - und ihr, gute Eltern, ihr habt um einen Sohn mehr - den meinen ...
Ja? Beide schluchzten: Ja.
    Helmi bettete den Kopf der Kranken etwas hher, und Marias Blick ruhte auf
ihr mit einem Ausdruck wie aus einer andern Welt.
    Und nun lie sich durch die tiefe Stille das Herannahen eines Wagens
vernehmen. Hufschlag und Peitschenknall erschallten vor dem Tor; es wurde
zurckgeschoben in seinen eisernen Schienen, und drhnend rollte ein wuchtiges
Gefhrt herein.
    Maria hatte aufgehorcht. Der Vater ... mein armer Vater, sagte sie. Angst
und Sorge malten sich in ihrem sterbenden Gesichte, ein banges Flehen war in
ihrer Stimme: Wilhelm, Helmi - in meinem Schreibtisch - ein Brief an euch -
enthlt mein Testament ... das Kind bewahren vor jedem anderen Einflu - vor
jedem ... Schwrt mir -
    Sei ruhig, sprach Wilhelm, und jetzt klang sein Ton sicher und fest, wir
bernehmen, wir allein, die Verantwortung fr diese Seele.
    Mein armer Vater! wiederholte Maria. Das Glck ist nicht, wo er es sucht.
Gut sein ist Glck, einfach, selbstlos und gut, wie Hermann, wie ihr ... Erich
soll dereinst in Wolfsberg das Werk fortsetzen, das ich hier im Geiste meines
Hermann begonnen habe ... in dem ich unterbrochen ward ... er soll ... Wo ist
Erich? fragte sie laut.
    Da erscholl ein helles Lachen. Er kommt, und wer noch? sprach jemand, die
Schwelle berschreitend - und ins Zimmer flatterte Fee, Erich an der Hand: Da
ist sie, da ist deine kleine Fee; jetzt wirf sie hinaus, wenn du's bers Herz
bringst. Sie war an das Ruhebett herangetreten, prallte pltzlich zurck und
sthnte: Oh! - Oh!
    Maria sah sie an, ein mattes Lcheln irrte um ihren Mund und begrte diese
Abgesandte des Lebens, die da hereingedrungen war, so lieblich, so frisch und
rosig mit ihrem Lachen wie Lerchenschlag.
    Von einer feigen Regung ergriffen, wollte Fee entfliehen, aber sie
bemeisterte sich, sie blieb, hob Erich zu seiner Mutter empor, nahm sanft und
zrtlich ihren Arm, legte ihn um den Hals des Kindes und stammelte: Du hast ihn
gerufen.
    Kleine Fee, sagte Maria, leb wohl, liebe kleine Fee.
    Nun war es vorbei mit der Fassung der jungen Frau. Sie warf sich ungestm an
Marias Brust und brach in einen Sturm von Klagen und Trnen aus. Wilhelm machte
die Sterbende frei von ihr, er wollte Fee hinwegfhren; sie ri sich los, sank
auf ein Kissen am Ende des Zimmers, wo sie sich wand in krampfhaften Bemhungen,
ihr Schluchzen zu unterdrcken.
    Lisette kam, Erich zu holen, und empfing den Dank ihrer Herrin fr lange
Treu. - Auch du bist diesen edlen Menschen empfohlen ... sie werden dich nicht
trennen von dem Kinde ... Hab es nicht zu lieb ... wie du dein groes Kind
gehabt hast, arme Alte.
    Niemanden mehr so lieb, und sie kte die teure Hand ihrer einen und
einzigen mit heien, bebenden Lippen. Jeder Nerv an ihr zuckte; sie hielt es
nicht aus, nahm Erich, der, stumm und bestrzt, kaum zu atmen wagte, und trug
ihn fort.
    Helmi war niedergekniet: Maria, Vielgeliebte, flehte sie leise, geh nicht
unvershnt aus dem Leben, erflle deine Christenpflicht ... Bereite dich vor, an
das Herz des Allgtigen zu sinken.
    Des - Allgtigen?
    An den du glaubst - -
    An den ich glaube?... sehnschtig hauchte sie es nach. - Alles verloren,
Helmi - den Glauben an die Vorsehung ... den Glauben selbst an meinen freien
Willen ... Und doch nur einen Wunsch ... Ihre letzte Kraft erschpfte sich in
den Worten: Oh, htte ich nie ein Unrecht getan!

Das an Wolfsberg abgesandte Telegramm wurde ihm nach dem Gute Grfin Dolphs, wo
er sich zu kurzem Besuche eingefunden hatte, nachgeschickt. Dort traf es ihn am
spten Abend. Er reiste sofort ab. Ein Schnellzug brachte ihn auf die erste
Station der Lokalbahn, die ihn weiterbefrdern sollte. Da begann die Qual des
Wartens von einem Bettelzug zum andern, des Einherhumpelns hinter einer
kriechenden Lokomotive. - Wolfsberg kam in Versuchung, hinauszuspringen und
nebenherzulaufen, um wenigstens das Gefhl zu haben: Es geht vorwrts!... Dann
wieder griff es ihm wie mit eisernen Klammern in die Brust: Warum so eilig?
Wonach hastest du? - Er hatte die Gewiheit, da ihn ein Leid erwartete, dem er
nicht gewachsen war. Gefoltert von Angst und Ungeduld, kam er mittelst einer
elenden Fahrgelegenheit auf der letzten Post vor Wolfsberg an. Dort konnte ihm
nur noch ein abgejagter Reitgaul zur Verfgung gestellt werden. Auf den schwang
er sich, trieb ihn wtend an und lie an dem unglcklichen Tier seine zornige
Verzweiflung aus.
    Es dunkelte, als er im Dorf ankam. Das einfrmige Gebimmel des
Totenglckleins schallte ihm entgegen. Leute standen in Gruppen beisammen, ein
ganzer Zug wandelte ber den Feldweg dem Schlosse zu ... Noch ein Stockhieb auf
die Flanke des erschpften, keuchenden Pferdes; es griff aus, fiel, sprang auf
und brach im nchsten Augenblick vllig nieder. Der Reiter machte sich los aus
den Bgeln. Ein stechender Schmerz am Fue hemmte seine Schritte, er schleppte
sich dem Zuge nach. Vier Lichter schwankten an dessen Spitze, und weiliche
Rauch-wlkchen umqualmten sie. Wolfsberg verbi seinen Schmerz, strebte weiter
mit grimmigem Bemhen und rief: Halt! halt! Komm einer und helfe mir!
    Seine Stimme blieb ungehrt von den ihre Kirchengebete murmelnden Wallern.
Am Gartentor waren die Lampen entzndet worden. Der Geistliche im Ornat,
Kirchendiener und Chorknaben mit Laternen und Weihrauchfssern schritten vorber
in den Hof.
    Wartet! Helft mir! rchelte Wolfsberg todesbang.
    Dieses Mal wurde er gehrt. Der Zug hielt, die Leute sahen sich um; sie
konnten lange nichts unterscheiden in der Dunkelheit, bis pltzlich ein Bursche
sprach: Es is der Graf, dort beim Feldstein steht er, dem is was gschehn.
    Einer flsterte es dem andern zu - doch mehr tat keiner. Endlich erbarmte
sich ein alter, krppelhafter Mensch, ging hin und sttzte und fhrte ihn.
    Beinahe zugleich mit dem Priester trat Wolfsberg in das Sterbezimmer. Die
Zimmer waren weit geffnet. Am Himmel schwebte eine finstere Wolke; sie glich
einem riesigen Vogel mit weit ausgespreizten Flgeln. Der von ihr verhllte Mond
warf eine Flle silbernen Lichtes ber eine Stelle am Horizont. Auf dieser
ruhten Marias schon gebrochene Augen. Dort, wo es hell war, wo der verklrende
Schimmer sich breitete - lag Dornach.
