
                                Conradi, Hermann

                                  Adam Mensch

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                                 Herman Conradi

                                  Adam Mensch

                Snde ist das Vergehen wider das Gesetz der Zukunft.
                                                                 Oskar Hnichen.

 La fahren, was dich traurig macht,
 Und was die Enge dir geboren -:
 In dieser groen Freudennacht
 Bleibt dir dein Genius unverloren

 Wir leben, mein geliebtes Weib -
 Und unser Leben athmet Flle -:
 Der Dinge unverstand'ne Flle
 Fiel ab vom nackten Gottesleib.

                           Oskar Hnichen zugeeignet.


Von einem Grabe komm' ich her. - Du weit,
Mein lieber Freund -: von welchem Grabe -
Du weit -: wie viele Trume, wie viel Glck -
Wie viele Vergangenheit ich da begraben habe ...
Von des vergessens Fluth unbersplt
Mahnt dieser Hgel noch im fernen Sden -
Da wir so gro gelebt, so stark gefhlt,
So hei gekmpft um uns'res Willens Frieden.
Ob wir ihn fanden -? Nun, mein lieber Freund -
Wir lcheln schmerzlich - doch wir lcheln eben -
Wir sind allein - wir haben nur noch uns -
So bleiben wir Zusammen fr das Leben ...
Der Regen klatscht an meine Fensterscheiben -
In's Nordland wieder wurden wir verbannt -
Getrost mein Freund! wir werden sdwrts treiben
In uns'rer Sehnsucht - uns'res Sieges Land!
Ein Grab zu hten gilt's. Mit weien Kerzen
Hat's unterweil der junge Lenz geschmckt -
Fr das Unsterbliche verglh'n die Kerzen -
Mit rothem Blut getauft der tiefsten Schmerzen
Ward uns der Geist, der Zukunftsfrchte pflckt. -


                                       I.

Es gab gerade die Zeit um die vierte und fnfte Nachmittagsstunde an einem
Mrztage. Der Wirth vom Caf Caesar stand hinter dem Buffet und zhlte Geld. Das
Klimpern und Klirren der Metallstcke klang deutlich zu dem Tische herber, an
dem Herr Dr. Adam Mensch und Herr Referendar Clemens von Bodenburg saen.
Bodenburg zog sich jetzt hinter den Figaro zurck. Nur ein Paar Gste noch
lebten da und dort im Lokal herum. Der Verkehr war im Ganzen geringfgig um
diese Stunde.
    Adam Mensch trank den letzten Schluck seines cognacgemischten Kaffees aus
und rckte seiner Brse auf den Leib.
    Kellner!
    Herr Doctor!
    Bitte zahlen!
    Jawohl!
    Der Kellner kam herangelaufen.
    Ein Kaffee - schwarz - und einen Cognac -
    Vierzig Pfennige!
    Adam gab einen Fnfziger hin: Bitte!
    Danke sehr!
    Der Kellner raffte die Zeitungen zusammen, die auf dem Tische und den
nchsten Sthlen herumlagen, bckte sich nach einem Journal, das ihm entglitten
war, und schleppte die papierne Brde von dannen. Adam Mensch stand auf, fuhr
sich mit der linken, etwas fieberfrostrothen Hand ber Stirn und Haar und griff
mit einer Bewegung, die nicht ganz frei von Pose war, nach seinem Ueberzieher.
    Der Kellner, der sich seiner Zeitungen entledigt hatte und eben um das
Buffet bog, strzte wieder auf Adam zu, um ihm beim Anlegen behlflich zu sein.
    Danke!
    Bitte!
    Da that sich die Thr des Caf's auf und eine Dame trat herein, machte ein
paar Schritte, blieb sodann stehen, wurde etwas verlegen, etwas roth, sah sich
fragend um, ging noch einen Schritt weiter - und blieb wiederum stehen.
    Das Buffet war jetzt leer, der Wirth zufllig abwesend.
    Nun tauchte vom hinteren Raume des Caf's der Zeitungskellner, ein kleiner,
beweglicher Gesell mit einem angenehm verkniffenen Gesicht, auf. Er trug eine
Zeitung in der Hand, die er der Dame bergab. Diese drehte sich, ohne ein Wort
zu sagen, um und verlie mit nicht ganz sicherem Schritt das Lokal. Adam
bemerkte, wie sie von den Blicken der meisten Gste zuvorkommend hinausbegleitet
wurde. Auch Herr von Bodenburg hatte seinen breitblttrigen Figaro sinken
lassen. Ganz niedliches Kind! urtheilte er schmunzelnd.
    Wer ist die Dame eigentlich -? fragte Adam den Kellner, der noch immer in
seiner Nhe stand und natrlich an der allgemeinen Aeugelei theilgenommen hatte.
Ich habe sie schon mehrere Male um diese Zeit hier gesehen, fuhr der Herr
Doctor fort.
    Ich glaube, Frulein Irmer heit sie - sie holt immer die Volkszeitung fr
ihren Vater - der hat nachabonnirt, berichtete der Kellner.
    So! Danke schn! Adieu, Herr von Bodenburg!
    Adieu, Herr Doctor!
    Adam Mensch ging langsam hinaus, Herr von Bodenburg sah ihm nach und
schttelte den Kopf. Sonderbarer Kerl! murmelte er. Kellner, nehmen Sie das
Schachbrett weg und bringen Sie mir noch - ach ja! ich wollte ja einmal Ihren
Absynth probiren - also bitte! ... rief der wackere Herr Referendar sodann
laut.
    Ja wohl -! -
    Adam hatte vor dem Caf nach rechts und links ausgeschaut, um die Spur von
Frulein Irmer - ja ja! so hie sie doch -? hatte der Kellner nicht diesen
Namen genannt? - wiederzufinden. Richtig! Da drben ging sie. Nud jetzt bog sie
um die Ecke. Sollte er ihr folgen? Aber warum? Hatte er einen Grund dazu -? Lie
er sich, indem er diesem spontanen Bedrfnisse nachgab und dasselbe in einen
bewuten Willensakt umsetzte, nur von einer zuflligen Stimmung, einer ersten
besten Laune leiten? Wollte er sich zerstreuen, auf andere Gedanken kommen, sich
den stechenden Schmerz in den Schlfen vergessen machen? Oder reizte ihn irgend
Etwas an diesem Weibe, das er schon fter im Caf Caesar gesehen ... dessen
aufgereckte Gestalt mit ihrer reservirten Halbflle seinem Auge wohlgethan? War
ihm dieses bleiche Gesicht mit der sonderbaren Kreuzung im Ausdruck, wenn seine
ursprngliche Herbheit und abweisende Strenge sich mit der momentanen
Verlegenheit, Scheu und Unsicherheit paarten - war es ihm anziehend? Adam war
noch nicht zu einem transparenten Ergebnisse gelangt, als er sich schon ber den
Fahrdamm schreiten und die Richtung nach jener einmndenden Strae nehmen sah,
um deren Ecke Frulein Irmer soeben verschwunden war.
    Einige Minuten spter hatte der grbelnde Herr Doctor die Dame dicht vor
sich.
    Frulein Irmer ging langsam, einfrmig, beinahe schwerfllig. Sie wandte
sich nicht nach rechts noch nach links, gerade aufgerichtet trug sie den Kopf
und mute, wie Adam aus ihrer Haltung schlo, stets in der Richtung ihres Weges
vor sich hinstarren - und doch ber all' die Menschen, die vor ihr hergingen
oder ihr begegneten, hinwegsehen, unberhrt von den lrmenden, zuckenden
Schatten, mit denen das unstte Leben sie umgab. Adam Mensch imponirte diese
Theilnahmlosigkeit immerhin ein Wenig. Und sie imponirte ihm vor allem darum,
weil seine eigene, sehr nervse und unruhige Natur sich von Jedwedem in Anspruch
nehmen lie, was auf sie eindrngte, auf Alles eingehen mute, was um sie herum
athmete, lebte und sprach.
    Nun fiel es ihm gerade ein, sich der Dame einmal bemerklich zu machen. Er
ging hart an ihr vorber, sah sie scharf von der Seite an und schritt ihr dann
voraus. Jetzt blieb er vor dem Schaufenster eines groen Delicatessengeschftes
stehen und wandte sich auffllig um, als er annehmen konnte, da Frulein Irmer
in seiner Nhe war. Er fixirte sie scharf und suchte ihr Auge festzuhalten. Die
Dame streifte ihn mit einem kurzen Blicke und sah dann ber ihn hinweg. Das
rgerte den Herrn Doctor ein Wenig. Er hielt sich jetzt in ihrer intimen Nhe
und folgte ihr dicht auf den Sohlen. Frulein Irmer wurde augenscheinlich
unruhig. Der Kopf senkte sich und drehte sich in kurzen, harten Bewegungen, bald
nach links, bald nach rechts. Sie hatte begonnen, von ihrem Begleiter Notiz zu
nehmen.
    Die Dmmerung wuchs. Die Schatten der auseinanderquellenden Nacht fielen
dichter und dunkler. Jetzt flammten die ersten Laternen auf.
    Eine Buchhandlung lag am Wege. Frulein Irmer trat in den Laden, Adam Mensch
folgte ihr nach einigen Secunden. Er hrte, wie sich die Dame mit etwas
belegt-ansgefranster Stimme Eugen Dhring's Werth des Lebens ausbat. Ihr
Gesicht trug wieder denselben Doppelausdruck, den es im Caf Caesar anzunehmen
pflegte.
    Adam bestellte flugs ein Exemplar desselben Werkes. Das mute doch
auffallen. Und es schien auch Frulein Irmer aufzufallen. Sie wandte sich zu
ihrem Nachbar um, schlug die braunen ernsten Augen gro auf ... und fragte mit
ihnen eine stumme, tiefe Frage, auf die Adam nur eine gleiche, stumme Antwort
wute, die fr ihn pltzlich nicht minder tiefen Inhalts war.
    Das Werk fand sich natrlich nicht auf Lager. Der Gehilfe erbat sich die
Adressen und versprach die Exemplare in sptestens acht Tagen besorgt zu haben.
    Hedwig Irmer - oder senden sie das Buch bitte direct an meinen Vater: Dr.
Leonhard Irmer, Herderstrae 7 III ...
    Danke verbindlichst, mein gndiges Frulein - soll geschehen! Und Sie, mein
Herr -?
    Dr. Adam Mensch, Gartenstrae 14 II ...
    Der Herr Doctor erhielt jetzt zwei verwunderte Blicke. Dem Gehilfen schien
ein Mensch, der Adam Mensch heien knnte, bisher unmglich gewesen zu sein.
    Auch Frulein Irmer war betroffen. Adam gab ihren Blick mit einem
diskret-ironischen Lcheln zurck. Die Dame wurde vorwiegend verlegen.
    Nun wandten sich die beiden zum Gehen. Adam ffnete die Thr und lie das
gndige Frulein zuerst hinaustreten. Dann folgte er schnell.
    Er konstatirte, da seine Nervenschmerzen nachgelassen hatten. Man mu nur
einmal in einer fremden Atmosphre herumvagabundiren und dem ehrenwerten Corpus
ein wenig Abwechslung gnnen: dann machts sich schon - monologisirte er still
vor sich hin. Instinctiv hatte er Frulein Irmers Spur, wieder aufgenommen. Aber
er war doch zweifelhaft. Sollte er noch weiter hinter der Dame hertrollen, wie
ein zitternder Gymnasiast hinter seiner in sich hineinkichernden Poussade,
hinter seiner Flamme - oder sollte er ihr seine Begleitung anbieten - oder
sollte er wieder umkehren und ruhig nach Hause stapfen -? Was hatte dieses
nrrische Nachlaufen fr Sinn! Uebrigens - die Adresse wute er ja, wenn er also
- - Herderstrae 7 III. - - ja! ja! - ach was! - wenn er - Unsinn! -
    Aber Adam ging noch immer dicht hinter der Dame. Man war allmhlich in einen
stilleren Stadttheil gekommen.
    Pltzlich fand sich Adam an der Seite Frulein Irmers vor! Er stutzte einen
Moment, verstand sich nicht und ... fragte schlielich, indem er etwas linkisch
und rathlos den Hut zog: Erlauben Sie, mein gndiges Frulein, da ich Sie -
    Keine Antwort.
    Verzeihen Sie, mein Frulein - aber Sie werden unschwer - -
    Ich verstehe Sie nicht, mein Herr! Was wollen Sie? - Verlassen Sie mich! -
    Mein Frulein -!
    Noch einmal - verlassen Sie mich - ich ersuche Sie dringend - oder ...
    Adam war pltzlich sehr selbstbewut und trotzig geworden. Er betippte
nachlssig seinen Hut, wandte sich ab, ging einige Schritte zurck, stampfte
einmal recht erbittert aufs Pflaster und lachte sehr indignirt. Was nun? Er
drehte sich noch einmal um. Und es dnkte ihn, als ob Frulein Irmer recht
langsam ginge - zudem - zudem noch gar nicht so besonders weit entfernt von ihm
wre - sollte sie doch - sollte er - - aber nein! - nichts da! - Unsinn! - - -
Adam schob sich entschlossen wieder um und wanderte nach Hause. Nach einer
halben Stunde stieg er die Treppen zu seiner Wohnung empor. Die Glieder waren
ihm schwer und die Schlfen schmerzten wieder heftiger. Und es fiel ihm ein, da
man doch im Grunde kaum Herr seiner Handlungen ist. Pltzlich, im wahren Sinne
unvorbereitet, hatte er vor einer kleinen Weile vor Frulein Irmer gestanden.
Wie war er an ihre Seite gekommen? Urtheil - Vorstellung - Willensimpuls -
Coordinationscentren - Muskelcontraction - - - Alles Blech! Adam wute nur, da
man einmal ebenso unvorbereitet eine ... Waffe in der Hand haben knnte - -
und da man unter Umstnden schon nicht mehr sein knnte, ehe man es berhaupt
bewut gewollt hatte. Aber ... aber aus dem Leben gehen, ohne ... Hedwig Irmer -
hm! - ohne! - ja! was denn: ohne? - ohne - ohne! ... Diese beleidigte Schne!
Sie einmal kssen -? Kssen? Pah! Zu geschmacklos! Aber ah! eigentlich stand
er doch noch sehr fest im Leben, noch so mitten darin! Und wie sicher er mit
beiden Fen noch auftrat! Wie ihm aus der engen Zone seiner
Augenblicksphantasieen heraus das Leben doch noch so ... so ... lebenswerth
erschien! Herr Gott! Und nur, weil er heute dieses Weib - dummes Zeug! Er hatte
wahrhaftig Ernsteres zu thun, als immer wieder auf derartige
U.-S.-W.-Weiblichkeiten 'reinzufallen. -
    Grauschwarze Dmmerungsflocken lagen im Zimmer. Es pochte. Die Wirthin
erschien, die flammende Lampe in der Hand. Nach einer kleinen Frist: - Sie
sehen recht bla aus, Herr Doctor -
    Hm! -

                                      II.


Wie einer seiner Vorfahren eigentlich dazu gekommen war, sich schlechtweg
Mensch zu nennen oder zu einem derartigen Besonderheitsmenschen sich ernennen
zu lassen, hatte Adam wirklich nicht ergraben und ergrnden knnen. Ja! Er hatte
sich alle Mhe gegeben, sotanes Geheimni zu entlarven, und manche Stunde war
darber vergrbelt worden. Uebrigens gefiel ihm sein Familienname, dieser Name,
der das Moment des Typischen und des Individuellen so intim vereinigte, der
ebenso originell und tiefsinnig, wie gewhnlich, oberflchlich und trivial war,
gar nicht bel. Und nicht bel pate objectiv und behagte seinem Besitzer auch
subjectiv der Vorname Adam - Adam Mensch: eine originelle Idee seines Vaters
war es doch gewesen, die Familienberlieferung, nach welcher jeder Erstgeborene
den Vornamen Gottfried erhalten sollte, zu durchbrechen und seinen Erstling
Adam zu taufen! Manchmal war der Name seinem Trger allerdings mehr eine Last,
denn eine Lust gewesen: zu den Zeiten, da er die Volksschule seiner kleinen
Vaterstadt besucht und mit Kameraden auf einer Bank hatte sitzen mssen, die an
sich wohl auch so etwas Aehnliches, wie ... wie Menschen eben gewesen waren,
sonst aber nur Richter, Schneider, Gernegro, Potschappel - und zuweilen selbst
Mller und Schulze geheien hatten. Da hatte denn sein Name den Fisch abgegeben,
nach dem die whlende Bubensippschaft die Angeln ihres tlpelnden Nrgelns
ausgeworfen. Das hakt sich fest in der Seele dessen, der frh von der groen,
breiten Durchschnittsstrae abzubiegen beginnt ... oder, wenn in jungen Jahren
auch noch nicht wirklich abbiegt, so sich doch schon mehr und mehr an die Rnder
der Strae schlngelt, auf da er dem Nebendickicht nher sei und besser und
deutlicher einen schmalen Einzelpfad durch die wuchernde Wildni fr sich
ersphe.
    Adam war in engen, drckenden, rohen Verhltnissen aufgewachsen. Sein Vater,
Gottfried Mensch, hatte einen Bckermeister vorgestellt. Ein Mann, verschwommen
an Leib und Geist, eigenwillig, aufbrausend, unstt in Stimmungs- und
Willensgegenstzen lebend, von schnurrigen Einfllen behaftet, nicht ohne eine
gewisse Eigenart und Kraft, aber ohne die Sicherheit, ohne die Lebensgarantie
der Beschrnktheit. Er hatte sich in seiner Natur ausgelebt - das heit: er
hatte nach Welt und Menschen nicht viel gefragt und nur dem bunten Bndel seiner
Neigungsstrme gefrhnt. Dabei war das Geschft natrlich heruntergekommen - und
unbewut, naturgemig-nothwendig, im Besitze des Muthes, Alles gehen zu lassen,
wie es geht, und dem konomischen Verderbensmoloch ruhig seine Giftzhne zu
lassen, hatte sich Meister Gottfried Mensch immermehr an den Alkohol
angeschlossen, welcher ihm allerdings weniger Trster war, als ein guter
Kamerad, der Feuer in die Seele go und wirbelnde Phantasie'n gebar. Und eines
Tages war dann das Delirium gekommen. Die Krmpfe und Wuthausbrche wuchsen an
Oftheit und Strke, aber es trat auch nicht allzuspt der Gehirnschlag ein, der
den Rasenden eines Abends ausblies. Adams Mutter hatte sich die
Kehlkopfschwindsucht anschaffen mssen. Vier Kinder waren da: zwei Knaben und
zwei Mdchen. Die Brut war nicht gesund. Adam mute sich in spteren Jahren noch
fter sattsam wundern, da er alle die Plackereien und Qulereien, die er hatte
auf sich nehmen mssen, ausgehalten, wenigstens einigermaen ausgehalten. Nun ja
doch! Brchig und in sich mannigfach auseinandergekeilt war er schon lngst. Das
Leben hatte ihm kein Stck gesunder Krafterde hingeschoben, auf da er fest in
sie hineinwurzele und aus ihr heraus drangvoll und sftereich treibe. Das war
sein ganzes Leben lang nur ein loses Wurzelhngen gewesen. Von seinem achten,
neunten, zehnten Jahre bis zu dem neunundzwanzigsten, in dem er nun stand ...
und das vielleicht noch nicht das letzte war, dessen Ring er sich eingrub.
    Nach dem Tode des Vaters hatte der Bckergeselle Karl Salge den Kopf
ordentlich in die Hhe gereckt und sich an's Meisterspielen gemacht. Das
Geschft versuchte wieder einen kleinen Lebensaufschwung. Dafr war denn die
Meisterin dankbar gewesen ... und hatte in einer Stunde der Freude, Hoffnung und
Seelenschwche dem drngenden Gesellen ihre Hand zugesagt. Die Hochzeit war auch
eines Tages still, glanzlos, verschmt gefeiert - und Herr Salge somit Meister
und Besitzer einer Bckerei geworden, die ihm, dem bisher armen Burschen, doch
immerhin eine gewisse Wrde gab und ein bewuteres Auftreten gestattete.
Ueberdies war ja die Meisterin todtkrank ... ihr Lichtlein brenzelte, zuckte und
knarrte schon leise ... lange konnte es nicht mehr brennen ... Eines Tages
erlosch es denn auch, und Herr Salge, der wacker gearbeitet hatte und dem es
auch gelungen war, seine Waare wieder mehr zu Ehre und Ansehen zu bringen,
heirathete seine Dienstmagd, mit der er sich schon vorher eingelassen hatte, und
die sich eine nicht ganz kmmrige Summe aus ihren frheren Dienstschaften
zusammengespart. Die Stiefkinder kamen natrlich frh aus dem Hause. Die Mdchen
muten sich nach ihrer Einsegnung bald nach auswrts verdingen, Gustav wurde zum
Nachbar Schlchter in die Lehre gethan: er konnte ja vielleicht dasselbe Glck
haben, wie sein Stiefvater. Adams nahm sich, als die Zeit dazu gekommen war,
einer seiner Lehrer an und verschaffte ihm einen Platz im Gymnasial-Alumnat der
nchsten greren Provinzialstadt: in dem Jungen schien etwas Mehr zu stecken,
als in seinen Geschwistern ... und des Experiments, das nothwendig war, um seine
etwaigen Fhigkeiten an's helle Licht der Sonne zu befrdern, war er ja immerhin
werth! Hie er doch nicht nur Mensch, noch dazu Adam Mensch - war er doch
schlielich auch ein Mensch und bot als solcher frtreffliche Gelegenheit,
christliche Nchstenliebe getreu nach dem Evangelium zu ben.
    Und nun kam die lange, drckende, ausmergelnde Leidenszeit Adams. Wie engten
ihn die Schulwnde ein! Wie gaben sie ihm so blutwenig Luft und Licht und
Freiheit und Wind! Wie langsam schleppten sich die Jahre hin - und wie viel
Fleisch von todten, crepirten Fischen wurde ihm als Geistesspeise zum
Hinunterschlingen vorgesetzt! Wie oft mute er sich verleugnen, sich demthigen,
zu Kreuze kriechen, um die Brosamen nicht zu verlieren, die man ihm bewilligt
hatte - und die man ihm Jahre lang so gern und so freudig gab!
    Aber die Stunde, da dieses Zusammenleben mit dem Buchstabendogma der
Kirchenlehrer, dieses Erkaltenmssen in den todten Schnee- und Eis- und
Gletscherregionen der galvanisirten Antike Ciceros und Vergils aufhrte, sie kam
doch. Und nun sprang das Thor auf - und der Mulus lief wie wahnsinnig vor Freude
im ostwindverkhlten Sonnenschein der jungen Mrztage herum ... und dachte nicht
daran, da er doch eigentlich verdammt wenig Aussicht bese, ein
rechtschaffenes Burschenleben auf der Universitt fhren zu drfen. Der
Glckliche, der mit Patent entlassene Strfling, dachte nicht daran, da in
naher Zukunft ein neuer Wermuthskelch wieder einmal - nicht an ihm vorbergehen
wrde - da er noch Jahre ... noch drei, vier Jahre lang rmlich und erbrmlich
wie die bewute Kirchenmaus wrde leben mssen - und die ganze Flle der Krfte,
die in ihm rang und stritt und nach Ausbruch und Bethtigung lechzte, wrde
entweder verleugnen, eindmmen, einsargen, kaltstellen, ersticken oder - in
ein Strombett lenken mssen, das seinen Lauf nach dem an materieller Ausbeute
gewi reicheren Meere des praktischen Lebens nimmt ...
    Und die Stunden, Wochen, Monate und Jahre kamen und gingen - und Adam Mensch
durchlebte sie: ein Sclave seiner Armuth und ein Freier zugleich. Die groe
Fluth des Lebens umbrandete ihn. Aber er hatte kaum einen Platz an der Tafel
dieses Lebens. Durch Ertheilen von Privatunterricht verdiente er sich
nothdrftig die paar Kreuzer, die dazu gehrten, um ihn berhaupt ber Wasser zu
erhalten. Manchmal, wenn es ihm gar zu hei in der Brust wurde, sprang er mitten
ins Leben hinein und spielte trotzig va banque. Dann staunte er wohl auch dieses
so bunte, so verwickelte Leben an, und es dnkte ihn bisweilen gar nicht so
schwer, Fu in ihm zu fassen und auf all das tausendfltig Kleine und Besondere,
das sich nun pltzlich vor ihm aufrollte, liebevoll einzugehen. In Stunden des
Taumels ri er ein verlorenes Weib an seine Menschenbrust und lachte und
schwelgte und weinte mit der Armuth und mit der Schmach. Sein philologisches
Brotstudium betrieb er mit bedeutendem Eifer: war es doch, beim Styx! der
einzige Weg, der ihn hinauffhren konnte in die Bergsiedeleien der geistig und
leiblich Vornehmen, der Bildungsidealisten! Mitunter machte er Schulden, und
die Docentenhonorare lie er sich mit liebenswrdiger Bereitwilligkeit stunden.
Er versuchte wohl auch die buntscheckige Sammlung seiner Talente: er schrieb
Leitartikel fr Zeitungen, machte Gelegenheitsgedichte, die ihm manchmal einige
Mark eintrugen, verbrach Recensionen philosophischer Werke fr akademische
Organe und hielt in studentischen Vereinen Vortrge ber culturgeschichtliche
Themata, dann und wann mit einem vagen Saumstreifen moderner politischer
Verhltnisse ... Einmal war es ihm auch geglckt, ein Theaterreferat ber eine
Sommertheaterbhne fr eine untergeordnete Zeitung zu erlangen: da lie er sich
denn die Gelegenheit zu allerlei Coulissenstudien nicht entgehen ... und ob es
wohl nicht vorgekommen war, da er sich mit dem ... Kusse einer Soubrette
bestechen oder belohnen lie ...? Auch im Strudel der studentischen
Kameradschaften trieb und wirbelte er eine Zeit lang herum - und so flo dieses
Stck Leben hin voll Wirrwarr, Zerrissenheit und Zerstcktheit ... Eines Tages
stand Adam vor dem Staatsexamen. Er gengte gerade noch den Prfungen - und
kroch eine kleine Frist spter in das Joch einer Hauslehrerstellung bei einer
adligen Gutsbesitzersfamilie. Seine beiden Zglinge erfreuten sich zwar einer
ganz braven Leibesgesundheit - mit der Kraft und Gesundheit ihres Geistes jedoch
war es ein Bissel schwcher bestellt - und so redliche Mhe sich Adam zuweilen
auch gab, dem edlen Blaublut die Geheimnisse des Accusativi cum infinitivo zu
erschlieen: im Grunde erreichte er nur verdammt Wenig mit seiner Abqulerei.
Nach zwei Jahren hing er den Prceptorrock an den Nagel und zog von dannen. Er
hatte sich wenigstens einige hundert Mark erspart und war somit in der Lage,
sich den Doctorhut, welchen zu tragen doch nun einmal unter Anderem auch in
das corpulente Pflichtenregister eines akademisch gebildeten Menschen gehrt,
zu kaufen. Fortan durfte er sich also mit Fug und Recht die sehr gewhnliche
Anrede Herr Mensch verbitten und die jedenfalls wohllautendere Herr Doctor
verlangen. -
    An dem Progymnasium einer kleineren Provinzialstadt absolvirte er sein
Probejahr. Hier wurde das Ma voll. Adam konnte durchaus nicht begreifen, warum
er seinen Schlern auer den interessanten Anfangsgrnden der lateinischen
Syntax auch noch die Schnheiten alttestamentlicher Mythen, Mrchen und
mindestens sonderbarer Opfergeschichten zu Gemthe fhren sollte. Zudem ekelten
ihn die kleinen und engen Verhltnisse dieser lobesamen Spieerwelt
unbeschreiblich an. Und so schnitt er das Tafeltuch zwischen sich und einer
soliden, gesicherten Zukunft entzwei - einer Zukunft, welche so gern eine der
reizenden Honoratiorentchter des Stdtels, allwo er ihren Brdern ein in
mancherlei Hinsicht doch etwas merkwrdiger Lehrer gewesen war, mit ihm getheilt
htte - sotanes Tafeltuch schnitt er also mitten durch - und lie sich auf den
curiosen Einfall kommen, ein ... moderner Mensch zu werden. -
    Hm! So war er denn wirklich ein moderner Mensch geworden. Und so sa er zu
dieser Stunde dort auf dem Sopha, zog seine Virginia-Cigarette mechanisch durch
die Lippen, gab den Qualm mechanisch von sich, prete ab und zu Zeige- und
Mittelfinger der linken Hand gegen die linke Seite seiner Schlfen und dachte
manchmal an Hedwig Irmer. Wie dumm ihm jetzt die Geschichte vorkam, die er vor
kaum einer Stunde mit dieser Dame in Scene gesetzt! Nein! Er wute es: er besa
kein ... wenigstens noch kein tieferes Interesse fr dieses Weib ... Ob er wohl
jemals in den Besitz dieses tieferen Interesses fr Frulein Irmer gelangen
wrde? Kaum ... Er konnte sich allerdings nicht trauen. Zuweilen berraschte ihn
sein sonderbar complicirtes Ich mit Thatsachen, die ihn in Erstaunen setzten. Er
htte eigentlich immer en vedette sich gegenber sein mssen. Doch
vorausbestimmen konnte er absolut Nichts. So mute er sich denn eben berraschen
lassen. Besa er Ellenbogen? O ja! Aber er gebrauchte sie nicht, sich Platz auf
der Welt zu verschaffen. Wollte er sie nicht dazu gebrauchen? Hm! War er
blasirt? Gt? Nein! Nein! Er kannte ja das Leben noch kaum. Es war ja
eigentlich noch gar nicht so lange her, da er aus dem Ei gekrochen. Ein paar
Eierschaalenrestchen hafteten ihm sicher noch an. Was verschlugs! Das Eine stand
jedenfalls fest: frei, ganz frei, keiner Machtsphre unterthan, keinem
Urtheilstribunal unterworfen mute er sein, wenn er wenigstens die Absicht
gebren sollte, sich - irgend einem Joche zu fgen. Er spielte wohl zuweilen,
mit dem Gedanken, aus diesem allmhlichen Zerfallen, Verwittern und Vermorschen
seiner Persnlichkeit an Kraft und Talent und Muth noch zu retten, was zu
retten wre, und mit den Resten und Stmpfen, die trotz ihrer
relativ-subjektiven Krglichkeit vielleicht noch zehntausend Mal bedeutender und
werthvoller waren, denn die zur Einheit gesammelt gebliebenen Fhigkeiten
manches unzersplitterten Durchschnittlers - mit ihnen also in eine normale und
genau abgesteckte Laufbahn einzubiegen. Ach! Adam wute so manches Mal sehr
genau, da er mit diesem Gedanken nur spielte. Konnte er sich zu dieser That der
Umkehr wirklich noch aufraffen? Hm! Hielt er die Umkehr denn berhaupt noch der
Mhe fr werth? Sein psychologisches Feingefhl sagte ihm doch wahrhaftig genau,
da man schlielich Alles gehen lassen mu, wie es geht. O ja! Man fat
Entschlsse. Aber man kehrt doch bald wieder in die Bahn zurck, der man eben
verfallen ist. Adam gehrte zur Sippe jener unglcklichen Naturen, bei denen
Willenskraft, Phantasie und nchterner Verstand gleiche Strke- oder gleiche
Schwchegrade besitzen. Wohl lst zeitweilig, gleichsam das eine
Persnlichkeitsmoment das andere in der Herrschaft ab. Jedoch sind diese
Menschen sehr oft nachdrcklichster Hochgefhle fhig, dabei alle Krfte sich zu
einheitlicher Strke zusammenschlieen - und darum mssen sie so oft auch die
Gegenwirkung auf diesen Aufschwung: eine allgemeine Gleichgltigkeit, eine
schwere, blutleere Herabgestimmtheit, ber sich ergehen lassen. Ist das nicht
eigentlich ihr - was man so nennt: ihr Normalzustand? Adam Mensch war sich
soweit klar ber sich, da er diese Wesenheit seiner Natur erkannt hatte und sie
zuweilen bercksichtigte, das heit: sich mit ihr trstete. Die klare Einsicht
in eine Thatsache hat ja immer etwas Trstendes - nicht wahr? Aber besttigte er
mit diesem Troste nicht sein Leben - seine Neigung zum Leben? War da nicht sein
Wille zum Leben thtig? Wohl doch. Und dann: hatte er das Leben eigentlich
schon genossen? Oefter packte ihn - oh! er erinnerte sich dessen! - ein wahrer
Heihunger auf das gewissenhafte, feierliche Genieen der buntesten, tollsten,
seltensten, sesten Lebensreize. Allein dieser Heihunger war im Grunde doch
sehr gegenstandslos. Wissenschaftlichen Ehrgeiz besa Adam nicht. Zur Liebe
hatte er nicht Geduld, nicht Ausdauer mehr. Erkenntniresultate befriedigten ihn
nicht, da er wute, da es ihm doch nicht gegeben war, dem
mystisch-metaphysischen Drange seiner Seele ganz zu gengen. Ja! Unberechenbar
in seinen Stimmungen, in seinen Neigungen und Launen; zersplittert in seinen
Krften; unbestndig, flackernd in erotischen Fragen, in der Leidenschaft
satt und unbefriedigt zugleich; mde, todtmde - und begeisterungsfhig wie ein
Jngling, der soeben mannbar geworden ist; angefressen von dem Skepticismus
seiner Zeit; unklar und wechselnd in seinen Bestrebungen; radical in seinen
Anschauungen; und wieder ber Alles bornirt, einseitig, engherzig, intolerant,
besonders hinsichtlich mancher gesellschaftlichen Formen und Gewohnheiten; - der
Volksseele mitunter in Allem so nahe und dem dargestellten Volke selber zumeist
in Allem so fern, so fremd; auf sich neugierig, ber sich erstaunt und seiner
selbst berdrssig; nicht wissend: Warum das Alles? Wozu? Wohin mit dem Allen?
Wo hinaus? Oder wo hinein? - Oft deklamatorisch, pathetisch, agitatorisch; oft
ironisch, cynisch, gezwungen geistreich, selten normal, selten schlicht,
einfach, gewhnlich, mittelmig, mittelhoch oder mitteltief -: also war es im
Allgemeinen bestellt um Adam Mensch - um diesen Menschensohn, der noch immer
in seiner Sophaecke sitzt, das letzte Stmpfchen seiner Cigarette an die Lippen
geklebt hlt - und an sich ... und manchmal auch an Hedwig Irmer denkt, an diese
Dame, die ihm vorhin eigentlich einen rechtschaffenen Korb gegeben hat, - die
ihm auch skandals gleichgltig ist - und in die er sich doch eigentlich so
etwas wie ... wie verlieben mchte, blo um Gelegenheit ... blo um einen
inneren Grund zu besitzen, ihr dann und wann noch ein Wenig zu schaffen zu
machen. -

                                      III.


Hedwig Irmer war die drei Treppen zu ihrer Wohnung langsam emporgestiegen. Sie
hatte beim Hinaufgehen fter inne halten, fter stehen bleiben und Athem
schpfen mssen. Was war ihr nur? Es lag ein Druck auf ihr, den sie sich nicht
erklren konnte. Schreckte sie auf einmal zurck vor der Enge, Einfrmigkeit und
Krglichkeit der Existenz, die sie mit ihrem halb gelhmten, halb blinden,
schwerhrigen Vater fhrte? Nun schon seit Jahr und Tag fhrte? Sie kam wieder
einmal drauen aus der Welt. Wohl war sie im Grunde sehr gleichgltig durch
diese sie umflirrende Welt gegangen. Sie besa nicht das Talent, sich in die
Herzen der Menschen hineinzudenken. Sie hatte nicht das Bedrfni, hinter jeder
Gesichtsmaske ein Schicksal zu suchen. Sie dachte an die Menschen eigentlich
kaum, sie dachte kaum an sich, sie lebte nur auf, besttigte sich nur, wenn sie
mit ihrem Vater in intim-wissenschaftlichen, zumeist philosophischen Verkehr
trat. Eine tiefere Tendenz ihrer Natur stellte dieses ernste Studium allerdings
auch nicht dar. Sie mute sich oft zwingen, zu den Bchern zu greifen, wenn
nicht eine unmittelbare Anregung dazu von ihrem Vater vorausgegangen war. Alle
diese Weisheiten der modernen Philosophie waren ihr ja so gleichgltig. Die
Strme ihrer Seele waren vorber. Ihr Blut war todt. Grenzenlos nchtern und
kahl lag das Leben vor ihr ... eine groe, de, handflache Ebene ... lag es vor
ihr ... wrde es vor ihr liegen, weiter und weiter - wenn sie es nicht eines
Tages freiwillig ausblies ... lag es vor ihr mit seinem kleinlichen Kampf ums
Dasein, seinen erbrmlichen Mhen und Sorgen, seinem reizlosen, einfrmigen, so
unendlich berflssigen Wellenschlage ... Immer dieselbe Mechanik, immer
dasselbe einschlfernde Surren der Spindel ... Hatte ihr die Philosophie ihres
Vaters diese Ruhe und Klte und Theilnahmlosigkeit gebracht? Damals, als sich
die Wasser der Katastrophe verlaufen, hatte er sie eingefhrt in seine
Gedankenwelt, in seine philosophischen Glaubensstze ... hatte er ihr Stille und
Trost durch die Erkenntni bringen wollen. Nun - und? Darber waren fast fnf
Jahre hingegangen. Die Strme ihrer Seele waren vorber, ihr Blut war todt, ihre
Natur eingefroren. Manchmal wohl ... manchmal raschelte pltzlich ein heier,
schwler Sehnsuchtshauch durch die drren Bltter der Resignationsphilosophie,
in der ihr Vater lebte und deren Resultate auch ihr einleuchten muten. Aber sie
konstatirte eigentlich diese Resultate nur vernunftsmig, sie besa nicht Grund
und Bedrfni, sich dieselben verinnerlicht zuzueignen.
    Hedwig hatte auf dem schmalen, engen, von einer blakenden Kchenlampe mit
angebrochenem Cylinder nothdrftig erhellten Corridor Hut und Mantel abgelegt,
war eine Sekunde vor einem kleinen, schmucklosen, halb erblindeten Wandspiegel
stehen geblieben, hatte flchtig an ihrem Haar geordnet ... und war sodann durch
die nchste Thr in ein Zimmer eingetreten, welches sich als Wohnzimmer zugleich
und Arbeitsgemach ihres Vaters benahm. Der Raum, mittelgro, einigermaen
behaglich eingerichtet, augenblicklich von einer milden Wrme durchfllt. Rechts
hinten in der Ecke, neben dem jetzt rouleaux- und teppichverhangenen Fenster,
stand der Schreibtisch ihres Vaters, ein ansehnliches, massiveichenes Gestell,
nach Einrichtung und Ausstattung mit dem ganzen Wirrwarr behaftet, den eine
starke geistige Thtigkeit, welche fr die kleinliche Krmerordnung der Dinge
keine Zeit hat, herausfordert und bestehen lt. Rechts vom Schreibtisch drckte
sich ein hohes Bcherregal an die Wand, in dessen Fchern es auch recht bunt
aussah. Frulein Hedwig besa entschieden wenig Sinn fr husliche Ordnung.
    In seinem Sessel vor dem Schreibtisch sitzt Doctor Leonhard Irmer. Er hat
sich zurckgelehnt, der Kopf hngt ein Wenig der Brust zu, die Arme liegen auf
den Lehnen des Sessels. Die Augen zumeist halb geschlossen, blinzelnd, fter
ganz berlidert. Das gedmpfte Licht der mit einem grnen Schirm bedeckten Lampe
fllt auf sein Gesicht. Dieses Gesicht hat einen groen, fesselnden Zug, einen
auergewhnlichen Stil. Leidend, sehr leidend erscheint es mit seiner mehr
krankhaft weien, denn verschossen angerthelten Farbe. Stirn gefurcht, um Nase
und Mund pointirte Schmerzensfalten. Hinter dieser hohen Stirn ist viel gedacht
worden, diese Unterpartie des Gesichts hat sich wohl oft genug fr ein bitteres,
ironisches Lcheln hergeben mssen. Ein gestutzter, weigrauer Bart liegt um
Kinn und Wangen. Das sprliche Kopfhaar vertheilt sich in einigen dnnen,
sprdfasrigen Strhnen ber die Platte.
    Guten Abend, lieber Papa! Hedwig begrt ihren Vater mit angenommener
Munterkeit.
    Guten Abend, mein Kind! Du bist recht lange heute ... Herr Doctor Irmer
spricht langsam, schleppend, halblaut, undeutlich. Mehr mit den Lippen, denn mit
dem inneren Munde.
    Findest Du, Papa? Ich bin etwas langsam gegangen - mag sein! Hier ist die
Volkszeitung. Soll ich Dir jetzt vorlesen oder nach Tisch? Das Buch von Dhring
war nicht vorrthig. Ich habe es bestellt. In acht Tagen werden wir's haben.
Brauchst Du's zu irgend einer Arbeit? ...
    Der Vater schttelt den Kopf.
    Na! dann schadet's ja nichts! Dann knnen wir ja warten. Emma holt wohl ein
zum Abendbrot? Schmerzt der Kopf noch so, Papa? Wenn Du Dich nur entschlieen
knntest, wieder einmal eine Strae zu gehen - die ewige Stubenluft thut Dir
nicht gut -
    Morgen vielleicht ... morgen, Hedwig ... Ich mchte Dir eigentlich noch vor
Tisch ... vor Tisch einige Zeilen dictieren - willst Du ... ja? ... Du weit: zu
dem Aufsatze Poesie und Philosophie in ihrem gegenseitigen Verhltni - aber
nachher - nachher strt uns doch das Essen wieder - - was steht denn heute in
der Volkszeitung ...?
    Hedwig rckt sich einen Stuhl neben den Sessel ihres Vaters, faltet die
Zeitung auseinander und liest zuerst die Telegramme.
    Vater und Tochter haben mit der Zeit ein eigenthmliches Verhltni zu
einander gefunden.
    Irmer ist ein hoher Fnfziger, Hedwig dreiundzwanzig Jahre alt. Sie hat
sich, allerdings mit einer gewissen Aeuerlichkeit, in die Anschauungen ihres
Vaters eingelebt, sie hat es gelernt, sich seinen Gewohnheiten zu fgen. Sie ist
seine Gehilfin, seine Schlerin, seine einzige, zuverlssige Lebenssttze
geworden. Die Strme ihrer Seele sind vorber, ihr Blut ist todt, sie braucht
sich nicht mehr zu bezwingen, sie kann alles mechanisch, alles hbsch
automatenhaft bewltigen. Ihr Vater fragt nicht viel darnach, ob sie sich zur
glubigen, wirklich berzeugten Anhngerin entwickelt. Er besitzt den Egoismus
des Kranken, des Leidenden, des Hlflosen. Er lebt ganz in der Welt seiner
Gedanken. Die andere Welt, der Mutterboden der geistigen, dnkt ihn so ziemlich
verschollen. Die Sphre der Idee hat fr ihn fast etwas Krperliches, formell
Reales angenommen. Er sinnt ber die Rthsel der Dinge nach. Er sieht, denkt,
trumt, visionirt, combinirt, gewinnt. Nichts ist ihm das Individuum mehr. Nicht
reizt es ihn mehr, individuelle Entdeckungen zu machen. Damit hat er
abgeschlossen. Ob er auch schon ber die Tendenz der Selbsterkenntni
hinausgekommen? Kaum. Er wird auch noch nicht wissen, wer er ist.
    Hedwig hat keine Neigung, sich ber ihren Vater zu wundern. Sie hat eben
berhaupt keine Neigungen mehr. Liebt sie ihren Vater? Er erhlt sie, sie darf
bei ihm wohnen, zusammenwohnen mit ihm in den wenigen, engen Rumen, fr die er
den Miethszins nothdrftig zusammenarbeitet. Ein paar Heller sind ihnen noch aus
frheren, volleren, runderen Zeiten geblieben. Die beiden Leute kommen
einigermaen aus. Hedwig kann sich sogar noch ein Dienstmdchen halten.
    Es ist ein farbloses, eintniges Leben, das sie lebt. Wird es ihr fter
nicht doch zu Sinn, als mte sie aufspringen, einmal laut ... laut aufschreien
- aufschreien, wie Jesus, ehe er am Kreuze verreckte - und dann hinausstrzen
aus dieser lhmenden Enge - irgendwohin - - irgend Etwas, von dem sie sich
bengstigend-unklar bezwungen fhlt, befriedigen -? In dieser dmonischen
Oscillation sich ausleben? ... Wird es ihr also nicht fter doch zu Sinn? Nein!
Sie kann sich nicht erinnern, von solchen elementaren Erschtterungen
heimgesucht zu sein. Vielleicht dann und wann einmal ein jhes Aufzucken - mehr
war's nicht - nein! mehr nicht. Manchmal sagt sie sich ganz klar und
vernunftsmig: dies und das im Leben mte doch eigentlich auch fr mich noch
einen Reiz besitzen, da es doch Millionen Andere auch reizt - in irgend einem
Strkegrade reizt -? Hm! Das Theater! Die Musik! Geht nicht durch die Trume
ihrer Nchte manchmal ein Schatten, der ihr in die Seele prickelt? Ist die Luft
nur voll von Stecknadeln? Da sitzt ein Stck comprimirten Lebens vor ihr - ihr
Vater. Ein Menschenalter liegt hinter ihm. Von allen Seiten ist das Leben zu ihm
herangekommen. Der nun Einsame besa einmal tausend Beziehungen. So viel
verrauscht, so viel vergilbt, vergessen, verschleppt und verloren! Freut sie
sich nicht doch darber, wenn ihr manchmal unter ihres Vaters Anleitung und
Fhrung ein Gedanke tiefer Eigenthum wird, eine Erkenntni ihr in schrferen
Linien aufgeht? So sonderbar ist ihr dann und wann. Etwas in klarer
Grenzbestimmung erfassen, macht ihr zeitweilig doch eine Art Spa, so etwas wie
Vergngen. Sie wei: darber vergit man sich am Besten und Leichtesten. Aber
sie wei auch: Stimmungen sind Blasen, die aufsteigen, sich eine Sekunde lang
irisfarben brsten und zerplatzen. Unhemmbar rollt der Grundstrom weiter. Zu der
und der Grundcombination haben sich die Molekle ihres Wesens
zusammengeschlossen. Sie bleibt, diese Combination; sie bestimmt ihr Leben. Von
ihr wird sie in Gedanken, Wort und That geleitet. Eine Bekehrung, eine
entscheidende Beeinflussung ist nicht mehr mglich. Das Schicksal vollzieht
sich. Hedwig wei, da ihr einmal eine berschumende Leidenschaft aus der Brust
gebrochen. Vor Jahren. Sind neue Ausbrche mglich? Aber Nichts strt ja ihre
Kreise. Sie war einmal ein sehr sinnliches Weib. Wie nchtern sie bleibt, wenn
sie jetzt an ihre Schmach denkt, wenn sie sich ihres Kindes erinnert! Wie kalt
sie bleibt, wenn es ihr einfllt, da dieses Kind ihr entrissen worden ist! Sie
hat es nicht geliebt. Nein! Sie hat es nicht geliebt. Sie hat auch den Vater
des Kindes nicht. Es ist ihr wirklich Alles gleichgltig, sehr gleichgltig. Die
Strme ihrer Seele sind vorber und ihr Blut ist todt.
    Hedwig ist bei dem Verzehren ihrer Sardellenleberwurst und bei dem
Hinunternippen ihres Glases Dresdener Tafelbiers sehr schweigsam gewesen. Sie
hat ihrem Vater die Bissen zurechtgeschnitten und selbst sehr mechanisch die
Speisen zu sich genommen. Nun streicht sie sich mit der Serviette ber den
kleinen, feinlippigen Mund und schellt. Emma tritt ein und deckt ab. Herrn
Doctor Irmer ist es nicht aufgefallen, da seine Tochter whrend des Essens so
verschlossen gewesen. Ihm ist es sehr gleichgltig, was fr Selbstbetrachtungen
sie anstellt. Er ist, ohne da er es eigentlich wei, so verbissen in seine Art,
geistig abgelst, hinweggesondert, zu existiren, da er kaum mehr im Stande, die
leichteste Spur eines subjektiven Zwiespalts zu vermuthen. Wenn es ihm gerade
einfllt, besttigt er sich, da er durch seine Philosophie seiner Tochter das
innere Gleichgewicht, das sie einmal verloren hatte, wiedergegeben. Und er fgt
wohl unwillkrlich noch als Ergebni hinzu, da Hedwig schon in ihrer Jugend
durch ein gewaltiges Wetter gehen mute, um frh zu Erkenntnissen kommen zu
knnen, die er sich erst in spteren Jahren zueignen durfte. So lt sich denn
aus All' und Jedem etwas Zweckmiges und individuell Verwendbares herausdenken.
    In den nchsten Stunden liest Hedwig ihrem Vater einige Kapitel aus
Hartmanns Phaenomenologie des sittlichen Bewutseins vor. -

                                      IV.


Gestern um die Mittagsstunde, als Adam eben zum Speisen gehen wollte, war er
mitten auf dem Marktplatze Herrn Traugott Quck in die Arme gelaufen. Sapristi!
hatte sich dieser Mensch doch gefreut! Adam htte es gar nicht fr mglich
gehalten. Er war beinahe ganz entsetzt gewesen ber diese Freudensprnge und
Hhnerhundscapriolen. Hatte er dem Manne denn jemals Gelegenheit gegeben, ihn
fr einen approbirten Freund von sich, wenigstens fr einen Freund seines
Hauses, zu halten -? Ih bewahre! Keine Spur! Es giebt Leute, die aus ehrbarer
menschlicher Lebenslangeweile immer guter Dinge, immer in der besten,
weltfreundlichsten Laune sind. Traugott Quck gehrte nicht ganz zu diesen
Stoikern des Optimismus, aber doch sehr theilweise. Er war halb und halb mit der
Couponscheere auf die Welt gekommen. Das giebt gewi ein ganz nettes und
bequemes Rundreisebillet durch's menschliche Leben ab. Traugott Quck sen. war
in einer schsischen Provinzialstadt Tuchmacher gewesen, hatte es aber in den
letzten Jahren seines gesegneten Erdenwallens fertig gekriegt, sich zum
Fabrikanten umzuzchten und in die Hhe zu schwingen. Man mu mit seiner Zeit
fortschreiten. Also hat man eines Tages die Pflicht, Fabrikant zu werden.
Das ist einfach.
    Traugott Quck sen. besa einen Sohn, an den er viel drangewandt hatte,
das heit: Viel Geld, viel Mhe, Geduld, Lebensspesen, Nachsicht - und
schlielich war es ihm auch nicht darauf angekommen, ein kleines Bndel
unerfllt gebliebener Hoffnungen an seinen eingeborenen Filius noch extra
dranzuwenden. -
    Nach dem Tode seines Vaters hatte es Traugott Quck jun. fr ntzlich
befunden, sich schon in jngeren Luften seines angenehm gesicherten Lebens zum
jovialen Menschen heranszufexen. Er hatte die Fabrik seines Vaters, deren
Mitinhaber er ein paar Jahre hindurch formell gewesen, nach dem Tode ihres
Begrnders schleunigst verkauft, war in die nchste grere Stadt versiedelt -
und verwaltete nun sein Vermgen, spekulirte ein Wenig zum Zeitvertreib, war
Mitglied einer bierbrulichen Aktiengesellschaft - er sa sogar in ihrem
Verwaltungsrathe! - und geno im Uebrigen sein Leben harmlos, einfach,
bescheiden, gemthlich, hchstens mit einem nur ganz kleinen, nur ganz sprden
Stich in's Raffinirte, befriedigte zeitweilig, wie es gerade kam, auch seine
geistigen Bedrfnisse, ging 'mal in's Theater, 'mal in's Concert, untersttzte
mit Vorliebe einen Verein, der es sich angelegen sein lie, fr Vermehrung der
ffentlichen Aborte und Retiraden Sorge zu tragen, trug einen groen,
monstrs-breitspurigen Siegelring mit schmutzig grnem Stein auf dem Zeigefinger
der rechten Hand - und fhrte gelegentlich 'mal ein paar mehr oder weniger
geistreiche Leute, zu deren Bekanntschaft er zumeist gekommen war, wie die
bewute Magd zu ihrem Kinde, in sein Haus ein, schmi߫ diesen Auserwhlten ein
kleines Frhstck oder ein delikates Souper, setzte ihnen, aus der
menschenfreundlichsten Stimmung von der Welt heraus, einen trinkbaren Wein und
ein rauchbares Kraut vor ... und arrangirte schlielich eine Scatpartie ... in
hheren, weiteren Abendstunden ... eine Scatpartie, bei der man gewhnlich ganz
zwanglos, ganz unter sich war ... und fr welche sich Adam Mensch mit der
Zeit beinahe so etwas wie ein kleines Fbel angezchtet hatte. Es waren
wirklich immer sehr nette, sehr amsante Abende gewesen ... diese spteren
Scatnchte bei Mister Traugott Quck ...
    Allerdings! in den letzten sechs Wochen war Adam Mensch nicht dazu gekommen,
in die gastfreundliche Burg seines jovialen Freundes einzukehren, dieses
Mannes, der schon seit erklecklicher Zeit gerade in seinen besten Jahren stand
und vermuthlich noch in Zukunft eine betrchtliche Weile also weiterstehen
wrde.
    Hatte Adam irgend ein ernsteres Etwas von dieser Einkehr zurckgehalten?
Nein. Er erinnerte sich nicht. Aber das Leben reit so hin und her, verzettelt,
verkrmelt und zerkrmelt so, ist so bei der Hand mit dem Entwegen, Verschieben,
Aufschieben, mit dem Ueberschatten und Vergrauen. Oder - ja doch! richtig! - so
war's -: irgendwo, irgendwann hatte er 'mal gehrt, im Caf oder in der Kneipe
oder sonstwo, da Frau Mbius, die alte Verwandte Herrn Quck's, welche dieser
als weibliche Reprsentationsfigur in sein Haus aufgenommen hatte, seit lngerer
Zeit leidend sei - na! und da war es ja sowieso ausgeschlossen, da - hm! - aber
ein Beileidsbesuch, ein Erkundigungsbesuch wre dann wohl erst recht geboten
gewesen ... Nun! Der Herr Doctor war denn auch gestern nett 'reingeplumpst - das
heit: nur vor sich selber. - Herr Quck schien die Geschichte nmlich gar nicht
ernsthaft capirt zu haben - war hbsch 'reingefallen also, als er sich nach dem
Befinden der Frau Mbius - es ginge ihr doch hoffentlich wieder besser? -
erkundigt und damit verrathen hatte, da er ziemlich sauber orientirt war -:
Ach Gott! die alte Schachtel! Die hat auch immer 'was! heute das, morgen das!
Na! sie hat wenigstens Zeit, ihre Krankheiten poussiren zu knnen. So hngt
Jedem sein kleines Privatvergngen an. Momentan ist sie brigens wieder auf dem
Damm ... Somit knnte denn morgen Abend, das war also heute Samstag, endlich
'mal wieder ein kleines Souper vor sich gehen, hatte Herr Quck nunmehr gemeint.
Lydia kme natrlich auch. Lydia -? Wer ist denn das -? - Ach so! Sie kennen
meine - sie will nmlich eine Cousine von mir sein, wenigstens hat's meine Tante
Wort - na! thun wir ihr den Gefallen! - mir kann's ja egal sein - Cousine hin,
Cousine her - aber ich sage Ihnen, Doctor -: so 'n Weib haben Sie berhaupt noch
nicht gesehen - - - Na! na! Herr Quck - Sie! - - - Ruhig! ruhig, mein
Lieber! Feudal, capital, pikant, Sie wissen ja, kennen ja die Litanei -
ei-genartig, emanci-pirt, capri-cis - was Sie wollen! Mit einem Wort -: 'n janz
jttliches Frauenzimmer! - Wird Ihnen gefallen. Spielt nmlich ooch so 'n
Bischen mit der Feder - verstehen schon! ... htte 's ja gar nich nthig, nicht
im Geringsten - ist ihr ooch nicht Ernst damit - bewahre! - blo - na!
Federwisch und Flederwisch und so weiter - junge Wittwe - lebt erst seit Kurzem
hier - hat wenig Umgang noch - will sich 'n Bissel zerstreuen - 's Leben
genieen - ganz hbsch vermgend - la ich mir gefallen - Alles solid bei ihr,
Doctor: - Geld, Fleisch, Lebensanschauung - und so weiter .... Warum also nicht
-? 'n Narr, der's menschliche Leben nicht so nimmt, wie's ist. - Habe brigens
schon mit ihr von Ihnen gesprochen - sie sagt: sie interessirte sich - -
    Um Gottes Willen -
    Was erschrecken Sie denn so -? Werden mir noch dankbar sein. Das heit,
lieber Doctor -: Sie sind in gewissen Dingen 'n kleener Schwerenther, ich wei
wohl - aber hier - -
    Sie haben die Vorhand, Herr Quck - versteht sich! - versteht sich! - wir
mogeln grundstzlich nicht - hatte Adam laut lachend eingerumt, zugestanden,
ganz und gar ohne inneren Rckhalt - und doch ein klein Wenig gndig, einen
Fingerhut voll Souvernitt in der Seele, eine Idee von oben 'runter ... Aber
er kannte ja diese Dame, dieses janz jttliche Frauenzimmer berhaupt nach gar
nicht. Also! War er etwa neugierig -? Quatsch. Seitdem er sich selber so oft als
pointenloser, interessant dekadirter Schlingel vorkam, hatte Adam ein wahres und
auch ganz aufrichtiges, ehrliches Entsetzen vor allem Neuen, Auergewhnlichen,
allem Ei-genartigen. Manchmal wenigstens pilzte sich das Abwehrgefhl prall
auf und energisch entgegen -: Alles! - nur das nicht! Dieser verfluchte
Exotismus! Das gewhnliche Leben ist ernst, schwer, traurig, elend, verworren,
monstrs, angenehm, lieblich, beseligend, berauschend genug. Ha! das
gewhnliche, das gewhnlichste Leben. Aber Adam hatte die Einladung Herrn
Qucks doch angenommen. Selbst-verstndlich! Sich so Etwas auch entgehen
lassen sollen! Ein patenter Abend: Wein, Cigarren, Scat, Souper, Weiber - da
bleibe der Teufel zu Hause! Lydia -? Nein! Sie reizte ihn nicht. Dieser dmliche
Kder. Vielleicht eine ganz angenehme Zugabe ... eine pikante Wrze - warum denn
nicht -? Also abwarten. Nur nichts erwarten. Hinterher ist man auch nicht
enttuscht. Enttuschungen verstimmen so. Und wenn man die Karten nachher doch
wieder in die Hand nimmt, in die Hand nehmen mu, sind sie mit einem Male so
klebrig, so schmutzig, so ... so ... so - abgespielt eben - man wei gar nicht -
man gewhne sich bitte! daran, allenthalben als das Selbstverstndlichste von
der Welt nur Dreck, Moder, Schwei, Staub, Koth, Schleim und andere Parfums ...
zu erwarten. Handschuhe. Hm! Handschuhe? Handschuhe sind doch eigentlich sehr
merkwrdige Dinger.
    Adam erinnerte sich wirklich nicht mehr, bei welcher Gelegenheit er Herrn
Qucks Bekanntschaft gemacht hatte. Ein ganz nettes Zeitweilchen war's immerhin
doch schon her. Aber das war ja jetzt sehr schnuppe. Der Zufall ist ein so
gediegener, ein so zuverlssiger Improvisator. -

                                       V.


Es war also heute Samstag Abend um die achte Stunde. Adam Mensch hatte sich
natrlich ein Paar neuer Glacs erstanden, die er mit groem Behagen, mit groer
Selbstgeflligkeit ber seine weien Hnde zog, als er die Treppe
hinunterschritt, um gen Quck-Heim zu wallfahrten. Der Herr Doctor trug
leidenschaftlich gern Glachandschuhe. -
    Es gab viel Unrast und Bewegung in den Lften. Die Zeit lief wieder einmal
dem Kalenderfrhling in die Arme - und dabei war einiger Windrumor,
verschiedentliches Strmen und Blasen und Pfeifen unumgnglich nothwendig. Aber
die Temperatur war noch kaum angelenzt. Der Wind kalt, schneidend, stechend, als
wirbelte er kleine, spitze Eiskristalle durch die Luft. Es hatte am Nachmittage
geregnet, und groe Pftzen standen auf den Straen. Das Pflaster hatte ein sehr
schmieriges, breiiges, klebriges Gesicht aufgesteckt. Die Gasflammen zuckten
nervs in ihren Glaskfigen hin und her und spiegelten sich unruhig in den
Pftzen wieder. Am Himmel war schlfrigdmmernde Mondhelle. Die Wolken zogen in
groen, unfrmigen Schwmmen und Schwrmen hin. Ab und zu lie sich die eine
oder andere herbei, den Mond gleichsam zu verschlingen. Und gleichsam von ihrem
Magen her flo ein weigelbes Feuer in alle ihre Glieder und durchleuchtete sie
blendend von innen heraus.
    Adam sagte sich, da dieser Aufruhr in der Natur ein kstliches
Frhlingssymbol sei. Und doch dnkte ihn dieser stechende Stecknadelwind
impertinent. Er klappte den Kragen in die Hhe und schob die frierenden Hnde
resignirt in die Rocktaschen. Ja! Es gehrte ein sehr biegsamer und an's Pariren
gewhnter Wille dazu, um an dieses Frhlingssymbol glauben zu knnen.
    Adam schlug den Rockkragen wieder nieder und drckte auf den Knopf der
elektrischen Klingel. Das Gaslicht lag dick auf dem gelben, funkelnden
Metallschild, das den Namen Traugott Quck eingravirt trug.
    Ein Diener ffnete. Er complimentirte den Ankmmling in den Vorsaal hinein
und war ihm beim Ablegen des Ueberziehers behlflich. Dann stie er die Thr zum
Salon auf.
    Adam trat ein. Herr Quck schnellte von einem Fauteuil auf und eilte seinem
Gaste entgegen.
    Willkommen, Herr Doctor -
    Guten Abend, Herr Quck -
    Darf ich Ihnen meine - ich sagte ja Ihnen gestern schon - Sie werden sich
erinnern - also meine Cousine - Frau Lydia Lange - vorstellen -?
    Herr Quck deutete auf eine Dame, die im Hintergrunde des Zimmers an einem
kleinen Ecktische stand und sich soeben umwandte. Ein aufgeschlagenes Album
wurde jetzt sichtbar.
    Herr Doctor Mensch -
    Adam verneigte sich sehr ceremoniell. Die Dame nickte kurz.
    Wollen Sie nicht Platz nehmen, Herr Doctor? -
    Wenn Sie gestatten -
    Adam warf sich in einen Fauteuil. Er knpfte seine Glac's auf und sah zu
der Frau hinber, die nher getreten war und jetzt am Sophatisch stand.
    Hm! Frau Lange besa allerdings Etwas, das - gewi! das eigenthmlich war,
das interessiren, das unter Umstnden sogar - hm! - sogar -
    Na! nur nicht gleich so hitzig! bremste Adam seine schmunzelnde
Zufriedenheit fest ... und gestand sich nun eine volle, die durchschnittliche
Mittelgre ein Wenig berragende Gestalt; einen, wie die Dame so dastand, durch
kleine, runde, gelenke Bewegungen mit den Armen, mit dem Kopfe, Elasticitt und
Geschmeidigkeit verrathenden Krperbau; eine prachtvoll durch das Corset zu
eleganter Wlbung herausgecurvte Brust; volle, warme Arme, die durch das glatt
und eng anliegende Kleid entzckend bestimmt hervortraten - einen breit und
gebrtchtig sich ausladenden Unterkrper - allerdings! derartige Frauen sind
sehr oft unfruchtbar - - und schlielich ein, wenn auch nicht gerade
durchgeistigtes, so doch sehr regelmiges Gesicht: feine, zierliche Nase,
kleiner, ppiger Mund, niedrige, weie, von einigen zwanglos herabfallenden
Ringeln des rothblonden Haars coquett berschattete Stirn - und ein Paar grauer,
merkwrdig unruhiger, verzettelt sich ausgebender Augen, die einen Moment gro
aufgeschlagen sind, um im nchsten wiederum halb berlidert zu werden.
    Das ist also unser berhmter Proletarier des Geistes - sagtest Du nicht,
liebe Lydia, da Du Dich fr den Ul-k - - pardon, Herr Doktor! - interessirtest?
Ich erzhlte Dir doch neulich davon ... nicht wahr - der Herr Doctor sieht gar
nicht so proletarierhaft aus, gar nicht so ...? -
    Frau Lydia Lange und Adam Mensch sahen sich scharf in die Augen. Dann
rmpfte die Dame ein Wenig das feine Nschen und meinte leichthin:
    Es kommt so oft vor, da man in Wirklichkeit doch das ist, was man sich -
einbildet -
    Aber Lydia - wehrte Herr Quck mit poussirlicher Erschrockenheit ab.
    Adam war einen kleinen Augenblick verblfft. Auf eine derartige ... hm!
immerhin paradoxe Conversation war er kaum gefat gewesen. Dann verzog er den
Mund zu einem nachsichtig-ironischen Lcheln und parirte ab:
    Sie haben so Unrecht nicht, gndige Frau. Aber ich mchte mir eine Lanze,
sogar eine warme Lanze, wie man zu sagen pflegt, fr die andere Seite Ihrer
Behauptungsmedaille - wie geschmacklos! dachte er bei sich, als ihm diese nette
Metapher entfahren war - zu brechen erlauben. - Es giebt nmlich in der That
auch Flle, wo ... wo ... nun sagen wir: wo man sich das nicht einbildet, was
man im Grunde - auch ... nicht ist -
    Herr Quck that sehr verwundert ber diese Art von Unterhaltung. Die Beiden
schienen ja sogleich beim ersten Sichbegegnen sehr energisch Notiz von einander
nehmen zu wollen. Er blickte erst zu Adam hinber, dann wandte er sich, eine
stumme Frage in den Augen, zu seiner Cousine hin.
    Diese mute auch ein wenig erstaunt sein. Wagte ... wollte ... dieser - nun
ja! der Herr hie ja curios genug thatschlich Mensch - - also wagte ...
wollte' dieser - Mensch ihr eine ... Impertinenz sagen? Das wre doch unerhrt
gewesen -
    Sie meinen damit, Herr Doctor -? kam es darum sehr indignirt von ihren
Lippen.
    Nun ... ich meine damit, gndige Frau, um mich Ihrer Urtheilsart
an-zu-schlieen - - noch einmal, wenn Sie gtigst gestatten, anzuschlieen - -
ich meine damit, da es Individuen giebt, die zu viel ... und zumeist zu viel
innerlich erlebt haben, als da sie nicht so weit ... also so weit unklar ber
sich sein sollten, um das zu behaupten, wofr sie keine direkten Beweise
besitzen ... redete sich Herr Doctor Adam Mensch sehr dunkel aus und zwar,
indem er sehr langsam, sehr gedehnt sprach ...
    Frau Lydia Lange war wie verwandelt. Sie lachte hell auf, zupfte unruhig an
ihrer Uhrkette und rief lustig: Das ist mir zu hoch oder zu tief Herr Doctor!
Das verstehe ich nicht -
    Ich eigentlich auch nicht, gndige Frau - versicherte Adam treuherzig. Er
mute nicht minder lachen.
    Traugott Quck sah ziemlich verdutzt aus. Da ffnete sich die Thre zum
Nebenzimmer und Frau Mbius trat ber die Schwelle. Adam begrte die Dame und
erkundigte sich sehr theilnehmend nach ihrem Befinden. Die alte Schachtel war
enorm gerhrt.
    Es ist Alles so weit fertig, Traugott - bemerkte sie nun zu ihrem Neffen -
wir knnten anfangen -
    Schn, liebe Tante! Aber Du vergit ganz - wir haben ja noch Frulein Irmer
und Herrn Referendar Oettinger geladen - - so mssen wir denn wohl noch einen
Augenblick warten - ich denke: die Beiden kommen noch. Oder haben sie in letzter
Stunde absagen lassen -?
    Nein! - aber es ist schon so spt - und der Braten -
    Die Geschichte wird ja immer famser, plauderte sich Adam zu und wollte
sich einreden, da er nicht im Mindesten verwundert wre. Also kannte Herr Quck
auch Hedwig - das heit -: jedenfalls ihren Vater -? Aber seit wann denn
eigentlich -? Na! ds war nun halt 'mal so! da lie sich Nix gegen machen - also
'mal zu, Kutscher, bis zur Pechhtte!
    Die Klingel schlug an. Die Thr ging auf und ein ... Herr trat in den Salon.
Herr Referendar Oettinger wurde den Anwesenden, soweit er ihnen unbekannt war,
vorgestellt.
    Adam musterte den Ankmmling mit scharfen Blicken. Er bemerkte, wie dessen
Augen sich sehr intim mit dem Erfassen von Frau Lydias menschlicher
Ausgedrcktheit beschftigten. Die streifte ihn mit einem kurzen Blicke, wandte
sich sodann wieder Adam zu und kehrte nochmals zum Gesicht Herrn Oettingers
zurck. Adam konnte sich eines verkappten Lchelns nicht enthalten. Aha! Sie
vergleicht! constatirte er stillvergngt. Wie doch die Weiber sofort an das
Aeuere, an die zufllige Erscheinung anknpfen! Pltzlich versprte er den
Blick Lydias anhaltend auf sich. Er reagirte naiv-brsk auf diese
augenscheinliche Zurechtweisung. Die Beiden verstanden sich. Und Adam mute sich
mit einer heiteren Befriedigung einrumen, da Frau Lange seine Gedanken
durchschaut hatte.
    Herr Referendar Oettinger besa im Ganzen sehr nichtssagende, sehr
nichtsthuende Zge. Ein mattrothes, ziemlich volles, prahlerisch gesundes
Gesicht. Das Haar mit zudringlicher, beleidigender Sauberkeit in der Mitte
gescheitelt. Ein sliches Gesellschaftslcheln um den unschnen, langweilig
breiten Mund. In Kleidung und Haltung natrlich tadellos, natrlich patent.
Ein discreter Moschusduft quoll von ihm aus durch den Raum.
    Frulein Irmer bleibt aber wirklich etwas lange - urtheilte Herr Quck,
der ziemlich hungrig sein mochte.
    Warten wir doch noch 'ne Sekunde! Wir werden doch nicht 'gleich verhungern
- schlug Frau Lydia sorglos vor. Sie erhielt einen etwas mibilligenden Blick
von ihrem Herrn Vetter.
    Sie kommen eben aus Italien, Herr Referendar -? fragte Herr Quck seinen
Gast, weniger aus Theilnahme oder objectivem Interesse, als aus dem Bedrfni
heraus, sich ber die peinliche Zwischenaktsfrist nach Krften hinwegzutuschen.
Er hatte wirklich redlichen Hunger.
    Ja -! Das heit - ich bin schon vier Wochen wieder in Deutschland ... Es
war ja ganz nett jenseits der Alpen - natrlich! Aber es gab doch 'n Bissel zu
viel - Schmutz ... Die Damen verzeihen, allein die Wahrheit ber Alles -
    Bravo, Herr Referendar! rief Adam ungenirt. Ihm kam das Gestndni und
zumal die Entschuldigungsphrase Herrn Oettingers beraus drollig vor.
    Der platzte dem Bravorufer mit einem ungndigen Blicke entgegen, in welchem
Blicke allerdings zugleich ein verhaltenes Erschrockensein lag. Frau Lydia trug
ein moquantes Lcheln um die Mundwinkel. Sie sah Adam an, der erwiderte ihren
Blick. Und Herr Oettinger, welcher dieses Herber und Hinber der Augen bemerkt,
schaute wirklich einen Moment lang rechtschaffen unzufrieden aus.
    Der Mrzwind schnob die Strae entlang. Das war ein wthiges Brausen, als
stnde das Herz des krperlosen Athemgottes in hellen Zornesflammen, als suchte
er etwas Verlorenes, das ihm entwischt wre ... und das er durchaus nicht wieder
finden knnte ... durchaus nicht ...
    Das Gesprch war pltzlich verstummt. Es schien, als htten die Menschen da
drinnen im Salon das Gefhl, den Unhold unbehelligt vorberrasen lassen zu
mssen.
    Das ist aber windig - unterbrach Frau Mbius die Stille. Die alte Dame
besa entschieden das Talent, zur rechten Zeit sehr richtige Bemerkungen zu
machen.
    Frhlingssymbol, gndige Frau -! erluterte Adam scherzend.
    Frau Lange verzog den Mund zu einem gegenstandslosen Lcheln.
    Es symbolt sich 'was, Herr Doktor -! urtheilte Herr Quck mit gezwungenem
Gesichtsausdruck. Sein Hunger schien entschieden wieder ein tchtiges Stck
gewachsen zu sein.
    In Palermo hatten wir einmal - - begann Herr Oettinger - da klang ein
spitzes, scharfes Luten auf.
    Das wird doch endlich Frulein Irmer sein - hoffte der Wirth des Hauses
brummig.
    Die Dame war es denn auch.
    Ich bitte um Entschuldigung, da ich so spt komme - mein Vater - - begann
Hedwig, als sie in den Salon getreten war und die Anwesenden kurz begrt hatte.
Ihre Stimme gab einen hastigen Sto, im Ausdruck tief, monoton, etwas
verschleiert, etwas heiser. Frau Mbius stellte ihr die beiden Herren vor, die
zum Souper mitgeladen waren. Frulein Irmer wurde ein Wenig verlegen, als sie
sich unvermuthet Adam gegenbersah. Der hatte sich erhoben und verneigte sich
unendlich passiv. Er freute sich im Stillen 'n Bein aus, da er sich vollkommen
beherrscht hatte.
    Nun darfst Du Deinen Willen haben, liebe Tante - wandte sich Herr Quck
gromthig zu Frau Mbius, die sich auch sofort nach dem Speisezimmer kehrte.
    Darf ich bitten -? lud der Wirth seine Gste ein.
    Adam sa zur Rechten Herrn Qucks, diesem zur Linken Herr Referendar
Oettinger. Neben letzterem Frau Lydia, also Adam schrg gegenber. Seine rechte
Nachbarin war Frulein Irmer. Frau Mbius, die kleine, purzlige Frau mit dem
harmlosen Gesicht - der goldene Kneifer, den sie bald aufsetzte, bald wieder von
dem Rcken der scharfgefalteten Nase herunterholte, nahm diesem Gesicht nichts
von seiner blasigen Teigheit - Frau Mbius rundete die kleine Gesellschaft
liebenswrdig ab.
    Adam war vollstndig ein Opfer der Situation geworden. Die Atmosphre
berhrte ihn auerordentlich sympathisch, stimmte ihn beraus einheitlich. Die
Gegenwart Frulein Irmers dnkte ihn ausnehmend pikant, kam ihm wie das Vorspiel
eines interessanten Abenteuers vor - eines Abenteuers, das ihm ein tchtiges Ma
bunter Reize zuwerfen mute. Da stand etwas bevor, das ihn mit einer kstlichen
Unruhe erfllte. Und Frau Lydia? Sie coquettirte doch ein klein Wenig mit ihm.
Auch das schmeichelte ihm. Seine Beziehungen zu ihr muten nicht minder Form und
Farbe, bestimmte Contouren annehmen: das ahnte, wute, hoffte er. Seine
Phantasie tndelte gern. Sie war augenscheinlich heute Abend in der besten
Laune. Zudem diese reichbesetzte Tafel, diese Flle von Eleganz, dieses
geschmackvoll zusammengeordnete Leben, diese behagliche Zwanglosigkeit - die
verhalten-gesummte Musik der Lstreflammen: das Alles prickelte sich ihm
berauschend in die Seele, schob und hob ihn ohne jede Absichtlichkeit ber sich
hinaus, lie ihn vergessen, was hinter ihm lag, was vor ihm lag, was er sich
selbst eigentlich war - nahm ihn ganz hin - zehrte ihn ganz auf ....
    Herr Quck a sehr tapfer drauf los. Der saftige Rehbraten mundete ihm
vortrefflich. Die Ouvertre: delicate grne Erbsen mit Beilage, hatte er
ziemlich unbehelligt vorbergehen lassen. Er schien sich an das Krperlichere
halten zu wollen.
    Nehmen Sie Rum oder Rothwein zum Thee, Herr Doctor -? fragte Frau Mbius
Adam.
    Danke sehr, gndige Frau! Ich habe mich schon mit Rum bedient -
    Ich giee mir immer Rothwein hinzu - gestand Quck.
    Und Sie, Herr Referendar -?
    Auch ich, gndige Frau, habe mir schon erlaubt, Rum vorzuziehen -
    Wie geht es Ihrem Herrn Vater, Frulein Irmer -? fragte der Wirth des
Hauses und schob ein ansehnliches Stck Rehrcken zwischen die Zhne.
    Frulein Irmer, die soeben nach ihrem Theeglase gegriffen, setzte es wieder
nieder und antwortete: - Papa war gerade in den letzten Tagen recht leidend -
hatte viel nervsen Kopfschmerz ... Er lt sich Ihnen brigens bestens
empfehlen, Herr Quck -
    Danke, liebes Frulein, danke -! Ich glaube, Ihr Herr Papa arbeitet zu viel
... er sollte sich mehr Ruhe gnnen ... das viele Denken strengt so an -
    Mag sein, Herr Quck - aber das ist nun einmal sein Leben - und ich glaube,
man kann die Gesetze, nach denen sich ein individuelles Leben regelt, nicht
ungestraft verletzen -
    Herr Quck kaute gerade an einem etwas heien Stck Bratkartoffel herum und
konnte darum nicht sogleich zu Wort kommen. Adam wandte sich zu seiner Nachbarin
hin -:
    - Wenn ich mich nicht irre, mein gndiges Frulein, hrte ich neulich - ich
erinnere mich freilich nicht gleich, wo? -, da Ihr Herr Vater auch - hm! auch
Bcher zu schreiben pflegt -? - Ich huldige zeitweilig leider auch dieser
tristen Praxis - es wre mir darum ganz interessant und zudem eine hohe Ehre,
Ihren Herrn Vater gelegentlich persnlich kennen lernen zu drfen -
Collegialitt ist zwar sonst nicht gerade -
    Papa ist, wie gesagt, sehr leidend ... wir leben sehr zurckgezogen ...
empfangen selten Besuche ... Papa ist so ungesellschaftlich geworden ... das ist
ja natrlich ... Aber wenn Ihnen daran liegt, Herr Doctor - - ich werde Papa
vorbereiten - -
    Hedwig hatte sehr kalt, sehr zurckhaltend, beinahe abweisend, gesprochen.
Es schien ihr persnlich gar nichts daran zu liegen, eine Beziehung zwischen
ihrem Vater und Herrn Doctor Mensch herzustellen oder hergestellt zu sehen.
    Sehr liebenswrdig, mein Frulein! dankte Adam reservirt und wollte sodann
fortfahren: Der Werth des Lebens -
    Da fiel Frau Lange ein: Pardon, Herr Doctor, wenn ich Sie unterbreche - ich
- ich -
    Frau Lange wute entschieden nicht recht, was sie eigentlich von Adam wollte
in diesem Augenblick. Es schien ihr nur unbequem zu sein, ihn und Frulein Irmer
in ein ernsthafteres, lngeres Gesprch kommen zu sehen.
    Als Adam die Worte - Werth des Lebens - ber die Lippen gebracht, war
Hedwig zusammengefahren. Er wird doch nicht - - -
    Ja! fuhr Frau Lydia fort, Sie haben, Herr Doctor -
    Darf ich Ihnen noch einmal Thee eingieen, Herr Referendar -? fragte Frau
Mbius an ...
    Wenn ich bitten darf, gndige Frau - -.
    Mir auch noch 'n Schluck, liebe Tante, ja -? bat Herr Quck.
    Recht gern, Traugott -
    Ich mache Ihnen mein Compliment, gndige Frau, hub Herr Oettinger an, -
Ihre Kche ist vorzglich! Ich habe selten ein so delikates Stck Fleisch - -
    Ach, bitte, bitte! ... wehrte Frau Mbius bescheiden ab.
    Uebrigens, wandte sich Lydia an Adam - sagen Sie, Herr Doctor: - sind Sie
denn immer so ... so steif ... so ceremoniell -? Ich hrte zufllig vorhin, als
Sie zu Frulein Irmer - Sie geben ja in der That keinen einzigen ... wie soll
ich sagen -? keinen ... keinen einzigen Naturlaut von sich -.
    Adam war ein Wenig verblfft. Er reichte gerade die Schssel mit
Bratkartoffeln seiner Nachbarin hin.
    Immer so -? wiederholte er befangen-mechanisch. Er wute nicht sogleich,
was er antworten sollte.
    Lydia lachte hell auf: - Aber, Herr Doctor-
    Aber, Lydia -! monirte verlegen-unwillig ihr Vetter.
    Herr Oettinger schmunzelte. Um diese se Freude ber Adams kleine Abfuhr
ein Wenig zu verhllen, griff er schnell nach seiner compote mle ...
    Adam hatte sich gefat. Er schlug die Augen gro auf und sah scharf zu Lydia
hinber. Dann kniff er den Blick etwas zusammen - und whrend ihm ein
wegwerfendes Lcheln Mund und Nase umkruselte, fragte er seine schne Gegnerin:
Wollen Sie es dem Schornsteinfeger verdenken, gndige Frau, da er sich
zuweilen ... wscht -?
    Frulein Irmer blickte ihren Nachbar erstaunt-erwartungsvoll von der Seite
an. Was meinte er damit -?
    Auch Frau Lange wute nicht recht, was sie von dieser Antwort denken sollte.
    Der Herr Referendar hielt das Gesicht gebeugt und stocherte mit dem kleinen
Lffel in seinem steifschleimigen Fruchtbrei herum. Seine rosigen,
wohlgepflegten Fingerngel glnzten.
    Adam legte Messer und Gabel ber seinen Teller und lehnte sich zurck. Er
sah Frau Lydia herausfordernd an.
    Herr Quck blickte bei seinen Tischgsten fragend herum und machte sich dann
an das Geschft, seinen goldgelben Rdesheimer zu verschenken.
    Pythius -! warf Lydia provokant hin.
    Pythius -? - Adam lachte. Nein! gndige Frau scherzen ... Ich wei ganz
genau, was ich will ... was ich gesagt habe ... Uebrigens gestehe ich recht gern
zu, da Ihnen meine Worte weniger dunkel -
    Heraklitisch dunkel - warf Herr Oettinger ein.
    Ganz Recht, Herr Referendar! ... also heraklitisch dunkel und rthselhaft
erscheinen wrden, wenn ich die Ehre gensse, von Ihnen nher gekannt zu werden
-
    Na! Dazu kann ja eventuell noch Rath werden - uerte Lydia offen und sah
Adam gro und coquett- an. -
    Hedwig machte ein ziemlich mdes und gelangweiltes Gesicht. Was wollten
eigentlich diese Leute von ihr -? Was gingen sie diese Menschen an -? Was hatte
sie in dieser leichtsinnig phosphorescirenden Welt zu suchen -? Nichts! Rein gar
Nichts! Vertrug sich berhaupt dieser Aufenthalt in einer Sphre, die ihr im
Grunde absolut gleichgltig ... ja! ja! ... ganz bestimmt! ... ganz bestimmt
absolut gleichgltig war - vertrug er sich berhaupt mit ihrer Weltanschauung -?
Nein! Sie that es nur ihrem Vater zu Gefallen, wenn sie zeitweilig in diesen
Kreisen verkehrte. Ihr Vater zwang sie allerdings nicht dazu, diesen lcherlich
leeren Formencultus mitzumachen. Aber er sah es im Grunde doch ganz gern. -
gewi! ideell, theoretisch verwarf er den Humbug ... aber so lebensklug war er
immerhin doch noch - schien er immerhin doch noch zu sein, da er sich und
seiner Resignation Nichts zu vergeben glaubte, wenn er seine Tochter den
Firlefanz bisweilen mitmachen lie. Hedwig sagte sich sehr klar, da ihr Vater
sich nur als Denker bethtigen konnte, wenn er lebte - wollte er aber leben,
mute er mit gewissen Verhltnissen klug und praktisch rechnen - sonst konnte er
eben einpacken. Oder - oder war sie heute Abend blo so bellaunig, so
verstimmt, wenigstens so gleichgltig, weil ihr Lydia unsympathisch? Weil ihr
Nachbar sie strte, dieser suffisante Doctor Mensch, der sich ihr neulich so
impertinent frech aufgedrngt hatte -? Aber nein! Diese Welt war nicht ihre Welt
- und sie durfte sich mit dem Bewutsein trsten, da sie dieselbe nur zuweilen
besuchte, um ihre eigene Welt - selbstverstndlicher zu finden.
    Prosit, meine Herrschaften -! lud Herr Quck ein und erhob sein Glas zum
Anstoen.
    Die Glser klangen zusammen.
    Frau Lydia hatte ihren Kelch zuerst an den Adams klingen lassen. Der
lchelte ironisch. Dann wandte er sich auffallend seiner Nachbarin zu. Er
begegnete ihrem mden, theilnahmslosen Blicke. Und er bemhte sich, diesen Blick
festzuhalten und ihm damit ein eigenes Feuer, einen besonderen, selbstndigen
Werth zu geben. Pltzlich stieg ein leises, diskretwolkiges Roth in Hedwigs
Gesicht.
    Lydia, welche diese kleine, berflssige Scene beobachtet hatte, war etwas
pikirt und kehrte sich mit nervser Pltzlichkeit zu ihrem Nachbar: - Wie lange
waren Sie in Italien, Herr Referendar -?
    Herr Oettinger, der soeben von seinem Weine getrunken, schluckte den
kstlichen Tropfen hinunter, jedenfalls zu hastig fr sein Gefhl, und
antwortete: Fnf Monate, gndige Frau! Gerade genug, um die Schnheiten und,
wie gesagt, auch - den Schmutz dieser Dorados der guten Nordlnder kennen lernen
zu knnen -
    Fnf Monate - wiederholte Lydia mechanisch und sah zu Adam hinber, der
zerstreut-gedankenvoll an seiner Serviette herumspielte.
    Wollen Sie nicht einmal von diesem Apfelsinencompot kosten -? wandte sich
Frau Mbius an Hedwig. Diese nahm dankend an, schpfte ein paar Lffel des
Nachtisches auf ihr Tellerchen und gab die kleine Terrine weiter an Adam.
    Herr Quck hatte wieder einmal an seinem Glase genippt und schnalzte
befriedigt mit der Zunge.
    Wissen Sie brigens schon, lieber Doctor - hub er jetzt zu Adam Mensch zu
sprechen an, - da meine verehrliche Frau Base auch - auch - schriftstellert -
das heit -
    Bester Traugott -
    Ich bin erstaunt, gndige Frau -, heuchelte Adam -: er wunderte sich doch
ein Wenig, da Herr Quck manchmal so merkwrdig taktfest im gesellschaftlichen
Lgenspiel sein konnte.
    Na! So schlimm ist das nicht - gab Lydia lachend zu - schwache Versuche,
die -
    Nette schwache Versuche, wenn man gleich 'ne moderne Bibel schreiben will
- flsterte Herr Quck mit drolligem Geheimnivollthun ber den Tisch -
    Das ist ja auerordentlich interessant - versicherte der Herr Referendar
-: eine moderne Bibel -
    Ja -? finden Sie? fragte Lydia neckisch-boshaft.
    Auf Ehre, gndige Frau -!
    Ich habe einen Gedanken, liebe Cousine - nahm Herr Quck wiederum das Wort
-
    Und das wre -? Du hast, wenigstens so weit ich es vorlufig beurtheilen
kann, so selten Gedanken, bester Herr Vetter - da ich wirklich gespannt bin -
    Sei doch nicht so ... so eigenthmlich liebenswrdig, Lydia - hre mich
doch erst an - vielleicht genge ich Deinen hohen Ansprchen ausnahmsweise doch
einmal - lie Herr Quck beleidigt-zurechtweisend verlauten ...
    Na! - nur nicht bse sein, Vetter! Ich widerrufe ja gern, wenn - -
    Also ... Ja! ... Wie wre es, wenn Du im Verein mit ... Herrn Doctor Mensch
Deine ebenso schne wie tiefe Idee ausfhrtest -? Der Herr Doctor ist wohl,
wenigstens soweit ich urtheilen darf - ich habe ja die Ehre, ihn schon seit
mehreren Jahren zu kennen - also der Herr Doctor mchte Dir ein ganz famoser -
verzeihen Sie gtigst, Herr Doctor, dieses etwas burschikose Beiwort - aber mein
Jugendfreund Saldern gebrauchte das Wort fter - und da habe ich es mir denn
auch un poco - -
    Ah! un poco! Ser Laut der schnen Fremde - - fiel Herr Oettinger
affektirt-pathetisch ein. Der Wein schien ihm die Zunge etwas schwippig gemacht
zu haben.
    Also auch etwas angewhnt - - ja! ... um den Satz endlich fertig zu bringen
- fuhr Herr Quck fort - ein ganz prchtiger Mitarbeiter sein ... Ich glaube
nmlich ehrlich, da das Buch Aufsehen machen - unter Umstnden sogar einen
sensationellen Erfolg haben wrde, wenn es nur erst ... erst fertig wre -
    Frau Lange sah zu Adam hinber. Der war immerhin etwas betreten. Diese
Wendung des Gesprchs kam ihm zu unerwartet. Sollte das den Weg bedeuten, auf
welchem sich seine Beziehungen zu diesem schnen Weibe, das ihn ausnehmend
reizte, anknpften ... enger zusammenfdelten -? Und ... und Hedwig? ... Er sah
sich zu ihr um. Frulein Irmer machte ein etwas malicises Gesicht. Die
Schmerzensfalten um die Nase waren schrfer hervorgetreten. Und doch lag in
diesem Gesicht zugleich ein Zug des Gespanntseins, der Neugier, der Theilnahme.
    Hm! ... hm! - begann Lydia. Sie wunderte sich ein Wenig, da Adam nicht
sogleich freudig und hingerissen auf den Vorschlag einging. Das rgerte sie.
    Ja! Ja! Der Gedanke ist ... ausnahmsweise wirklich nicht so bel ... Ich
danke Dir, lieber Vetter ... nur fragt es sich, ob ... ob der Herr Doctor - ich
- ich - gewi! - mir behagt die Idee sehr ... sehr ... ich finde sie ganz
ausgezeichnet, aber eben -
    Na! Mir gefllt sie natrlich auch - versicherte Adam brsk.
    Lydia stutzte. Der Ton, in welchem diese Worte gesprochen waren, mute ihr
auffallen. Sie wollte eben eine spitze Bemerkung loslassen - sie hatte
allerdings vorlufig blo das Gefhl, das thun zu mssen, ohne im Augenblick
schon zu wissen, wie sie die Unart dieses ... unverschmten Menschen rgen
sollte - als dieser, ein Wenig moquant-lchelnd, seine Worte wieder mit den
alten Farben der steif-gespreizt-ironischen Hflichkeit zu bemalen begann -:
Vorausgesetzt natrlich, gndige Frau, da Sie es der Mhe fr werth halten,
mich intimer in Stoff und Motiv einzufhren -
    Lydia war wieder vershnt. - Also Sie spielen mit -? fuhr sie lebhaft auf,
- das enchantirt mich aufrichtig, Herr Doctor! Sie sollen sehen -: wir kriegen
ein ganz prchtiges Gesch - - also - nicht wahr -? auf gute Kameradschaft!
Wahrhaftig der Stoff fngt wieder an, mich strker zu interessiren -
    Sie reichte ihre kleine, fleischige, ringblitzende Hand ber den Tisch zu
Adam hinber. Der brachte seine Finger mit der Sammthaut Lydias in eine
vornehm-zurckhaltende Berhrung. Frau Lange's Augen strahlten. Adam fragte
scherzend -: Theilen wir nun, gndige Frau, die Arbeit systematisch-? Dann
mchte ich mir das moderne neue Testament zur Bewltigung ausbitten -
    Wie wir's anstellen - nun! das werden wir ja noch finden, Herr Doctor! Sie
trinken vielleicht in den nchsten Tagen, wenn Sie ber sich verfgen knnen,
eine Tasse Thee bei mir -? Dann knnen wir ja das Problem in aller Ruhe einmal
nher anschauen. Aber warum erbaten Sie sich vorhin das neue Testament zur
Bearbeitung -? Ist Ihnen das alte -
    Das alte - hm! - das alte Testament, gndige Frau, ist mir, wenn ich offen
sein soll, ist mir ein Wenig zu ... zu semitisch ... Gewi! es hat gewaltige,
von der bewuten elementaren Poesie strotzende Capitel - aber -
    Ah! das freut mich, Herr Doctor! Sie scheinen auch Antisemit zu sein? -
fragte Herr Oettinger lebhaft - das einzig Vernnftige heute - versteht sich
...
    Ob ich gerade regelrechter Antisemit bin - Antisemit mit allen Chikanen - -
das - das wei ich eigentlich nicht recht, Herr Referendar ... Aber ich glaube
kaum ... Die Frage, die gewi eine moderne und zudem gewi auch eine sehr
brennende ist, bedeutet bei mir weniger eine neutrale Angelegenheit des
Intellekts mit dem Stempel der Selbstverstndlichkeit - selbstverstndlich aus
wirtschaftlichen, politischen, socialen, philosophischen und tausend anderen
Vernunfts-Grnden - als vielmehr eine Art von Herzensbedrfni ... Meine
Weltanschauung ist, den Haupttendenzen, der Polaritt meiner Natur gem, eine
vorwiegend sthetische ... Sogenannte Principien habe ich nicht, hchstens nur
in sehr schwachen Anstzen - sie liegen meiner Natur nicht ... und ich halte sie
darum fr geschmacklos und langweilig ... u.s.w. - aber verzeihen Sie! - ich bin
ganz abgeschweift - -
    Abgeschwiffen - Pflegte Otto von Saldern immer zu sagen - warf Herr Quck
lachend ein.
    Also! . ja! . - sehen Sie - nahm Adam das Gesprch wieder auf, halb zu
Lydia, halb zu Oettinger hingewendet - der groe Marx z.B. war auch ein Jude -
dann Lassalle- und nehmen wir Heine, Brne - -
    Marx? - Marx? - Ist das nicht - nicht der ... der -
    Ganz recht, Herr Referendar, der ... der - der groe Werthanalytiker
nmlich - Sie werden gewi seine Werke kennen, wenigstens seine Stze, seine
Resultate, seine Definitionen -
    Nein! - Gott sei Dank! nicht -
    Aber - Pardon! - Sie sind doch Jurist-
    Allerdings! Und ich mu zu meinem allergrten Bedauern bemerken, da ich
sehr - sehr viel jdische Collegen habe ... Diese Herren mgen die Thesen ihres
Heros besser kennen, als ich - ich bin streng - ich bin  tout prix monarchisch,
Herr Doctor - stockconservativ, wenn Sie wollen - mein Kaiser braucht blo zu
winken, so lege ich mit tausend Freuden mein Haupt auf den Block fr ihn - dulce
et decorum, pro imperatore mori, Herr Doctor! Heilig - heilig ist mir die
Regierung - unantastbar - -
    Unfehlbar - warf Lydia ein, die sich zurckgelehnt hatte und amsirt, ein
verhaltenes, halb spttisches, halb gutmthiges Lcheln im Gesicht, den
Versicherungen ihres Nachbars zuhrte.
    Jawohl, gndige Frau! In gewissem Sinne sogar unfehlbar ist mir die
Regierung! Und ich wre glcklich, sollte es mir vergnnt sein, dereinst einmal
ein guter Hter und Wahrer und Pfleger des Gesetzes zu werden - des Gesetzes,
das fr mich vorlufig nur einen Fehler hat - nmlich den, da es in mancher
Beziehung zu mild, zu tolerant ist. So sollte z.B. Jeder - ich whle das
Beispiel, weil mir gerade kein anderes einfllt - so sollte also Jeder, der im
ffentlichen Besitze einer Waffe gefunden wird, quasi als Mrder behandelt
werden, denn er hat, respective hatte es ja jeden Augenblick in der Hand, einen
seiner Mitmenschen das Leben, dieses hchste, kostbarste Gut, wie Sie mir
zugestehen werden, zu nehmen -
    Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Herr Referendar -? -? fragte Adam
belustigt.
    Wollen Sie nicht auch einmal den Kse kosten, Herr Doctor? bot Frau
Mbius, die aufmerksame Wirthin, an. Sie benutzte den Moment, wo das Gesprch
sich wieder gabeln zu wollen schien.
    Auch Hedwigs Gesicht hatte einige Ausdrucksgrade seines Ernstes verloren.
Auch ihr muten die Gestndnisse Herrn Oettingers etwas drollig und
schattentterig-bizarr vorkommen.
    Zweifeln Sie daran, Herr Doctor? - Ich bitte doch sehr ... Allerdings - Sie
scheinen mir in dieser Beziehung etwas laxere Ansichten zu haben - entgegnete
der Herr Referendar ein Wenig indignirt. Er fhrte sein Weinglas an die Lippen
und sah furchtbar moralisch entrstet aus.
    Laxere ... hm! - ich wei nicht, Herr Referendar, ob gerade laxere - -
jedenfalls ... hm! nun! jedenfalls modernere ... warf Adam mit einem kleinen
Anflug von Spott hin.
    Was verstehen Sie eigentlich unter modern, Herr Doctor? - Man hrt das Wort
heute so oft. Man kann sich gar nicht mehr retten vor ihm - fragte Lydia
dazwischen. Sie schien momentan ganz vergessen zu haben, da sie ja selbst eine
- moderne Bibel schreiben wollte.
    Ja! das ist schwer zu sagen mit einem Worte, gndige Frau ... begann Adam.
Auch ihm fiel der Umstand, da gerade Lydia ihn um eine Art von
Begriffsbestimmung gebeten, weiter nicht auf. Modern sein heit, heit, gndige
Frau - ja! also sagen wir - heit: sich auf Etwas vorbereiten, was Einen im
Grunde gar nichts angeht - - ich meine: auf Etwas, dessen Eintreten in die Welt
man sicher nicht erleben wird, das sich vielleicht erst in einer sehr fernen
Zukunft erfllt - modern sein heit aber zugleich: - bei dem Vorbereiten auf
dieses problematische Etwas ganz geflligst ... zu Grunde gehen - fuhr Adam
sodann mit einem sprden Stich ins Paradoxe und Bittere fort.
    Hedwig sah ihren Nachbar erstaunt-theilnehmend an. Herr Oettinger machte ein
verblfft-unglubiges Gesicht. Von Lydia erhielt Adam einen sehr eigenthmlichen
Blick. Und nun erkundigte sie sich etwas leichthin -: Gehrt das
Zu-Grunde-Gehen, wie Sie sich ausdrckten, Herr Doctor, absolut dazu -?
    Allerdings, gndige Frau, erwiderte Adam ernst, das gehrt dazu, wenn man
treu sein will ... und sich, wenigstens in der Hauptsache, in den Grundzgen, in
den Kernlinien seiner Natur, erkannt hat - das heit: wenn man wei, da man
nicht treu sein kann ... Der incarnirte Widerspruch ist immer Subtrahent -
    Herr Gott! Wieder einmal Pythius! Wenn Sie im Alterthum, zu Zeiten Frau
oder Frulein Pythia's gelebt htten, Herr Doctor, - ich bin fest berzeugt: aus
Ihnen und jener ehrenwerthen Dame wre ein Paar geworden ... scherzte Lydia
lachend.
    Meinen Sie, gndige Frau? - Ob aber die Concordanz immer addirt -?
    Himmlischer Vater! Nun fehlt blo noch das Multipliciren und Dividiren ...
Die armen vier Spezies! -
    Hedwig konnte sich nicht mehr verbergen, da Adam sie jetzt interessirte.
Und sie mute sich gestehen, da sie in ihrem Denken und Fhlen diesem
merkwrdigen Causeur unter den Anwesenden jedenfalls am Nchsten stnde. Das
machte sie immerhin eine Idee stolz und befriedigte sie. Tiefer in Anspruch
genommen wurde sie allerdings auch kaum, es war ihr nur lieb, da in das
Gesprch einmal ein paar khnere, neuere Tne hineinklangen.
    Sie scheinen nicht gerade religis zu sein, Herr Doctor-? interpellirte
jetzt Oettinger Adam.
    Religis? Sie etwa, Herr Referendar-? fragte Adam barsch entgegen.
    Ich - ich schmeichle mir allerdings, mein Herr, in gewissem Sinne religis
zu sein - ja! Gott sei Dank! noch religis zu sein - gab Oettinger etwas von
oben herab zur Antwort.
    Na! das ist kennzeichnend -: in gewissem Sinne - hm! -
    Herr Quck wurde unruhig: Prosit, meine Herrschaften! Die Glser klangen
wieder einmal zusammen. Und wieder lie Lydia das ihrige zuerst an das Adams
tnen.
    Dieser hatte pltzlich die ganze Situation, zumal sein Verhltni zu Frau
Lange, klar erfat und wandte sich jetzt mit einer aufflligen Wendung zu Hedwig
hin ... und zwar so beklemmend nahe, als wollte er dieser Dame Etwas ins Ohr
flstern. Hedwig sah verwundert auf. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Verstand
sie das Manver -?
    Ich muh doch bitten, Herr Doctor - nahm Oettinger das Gesprch wieder auf.
    Um was -? flegelte Adam.
    Ja! . Aber ... Gewi bin ich religis ... wenn auch - - wie ich mir schon
einmal zu bemerken erlaubte -: in erster Linie bin ich conservativ - und dieser
Standpunkt schliet ja ein mehr oder weniger intimes Verhltni zu den Satzungen
der Landeskirche ganz von selber ein - - ich klebe durchaus nicht am Dogma -
gehe sogar so weit, in gewissem Sinne - verzeihen Sie! - nun! wie soll ich
sagen? - ja! - frei - vielleicht modern zu sein - es ist wahr: ich besuche
selten die Kirche - vertrete aber als Jurist, als Gesetzeshter, ganz
entschieden die Ansicht, da die Masse der Religion bedarf - und sollte das -
Sie sehen, ich bin ganz aufrichtig - und sollte das auch nur nothwendig sein,
damit sie, die Plebs, der Mob, kurz: das Volk - damit dieses also stets in der
Gewalt, in den Hnden der oberen Zehntausend bleibt ... Ich bitte, in meinen
freimthigen Worten weiter keinen Cynismus zu suchen -
    Adam lchelte sehr ironisch.
    Er spielte mit den Fingern der rechten Hand an dem Griffe seines Weinglases
herum und warf nun mit gutmthig-boshaftem Gesichtsausdruck die Frage ber den
Tisch zu seinem Gegner hinber: Dann gehren Sie also, Herr Referendar, so
ungefhr zu den Leuten, die im Grunde als erste Autoritt ber sich ihren -
Cylinder anerkennen -?
    Frau Mbius sah recht erschrocken aus. Lydia lchelte wie zustimmend, lenkte
dann aber mit feinem Takte ab: Und die Cigaretten, Herr Vetter -?
    Traugott Quck verstand. Er erhob sich, warf dabei Adam einen nicht gerade
gndigen, kaum freundlichen und aufmunternden Blick zu und wnschte seinen
Gsten Gesegnete Mahlzeit! -
    Sie rauchen doch, Herr Referendar -?
    Oettinger starrte noch immer auf Adam hin. Es schien ihm unbegreiflich zu
sein, da dieser Mensch gerade ihm mit seinen Impertinenzen zu kommen wagte.
Sollte er die Beleidigung auf sich sitzen lassen -? Sollte er einen Skandal
provociren -? Er war unschlssig. Adam machte ein unschuldig-heiteres Gesicht.
Er wandte sich jetzt zu Frulein Irmer, die hinter ihrem Stuhle stand und
theilnahmslos vor sich hinsah, mit der Frage: Rauchen Sie auch, mein gndiges
Frulein?
    Nein! kam es kurz und schroff von Hedwigs Lippen.
    Wollen die Herren in mein Zimmer treten -? forderte Herr Quck auf.
    Man verbeugte sich ziemlich steif gegen einander.
    Lydia sah nach ihrer kleinen, goldnen Uhr. Schon Zehn durch! Um Elf kommt
mein Wagen -
    Um Elf schon -? fragte Frau Mbius, wohl nur, um berhaupt Etwas zu sagen.
    Wenn es Ihnen recht ist, Frulein Irmer, fahren Sie mit mir -? Wir wohnen
ja nicht weit auseinander. Ich werde Friedrich sagen, da er durch Ihre Strae
den Weg nimmt -
    Sehr liebenswrdig, Frau Lange, ich nehme mit Dank an -
    Aber was fangen wir nun an --? berlegte Lydia. Die Herren spielen
natrlich den unvermeidlichen Scat ... Ach! Wir armen Frauen -!
    Traugott spielt eigentlich selten Scat - bemerkte Frau Mbius schchtern.
    Ich werde mir wahrhaftig noch die Geheimnisse dieses verteufelten
Scatspiels beibringen lassen - man ist ja sonst rein verloren heute ... Ob der
Doctor Mensch auch spielt -? Er sieht gar nicht so aus ... Was meinen Sie,
Hedwig -?
    Warum sollte er nicht -? antwortete die Gefragte kurz, etwas
geringschtzig. Die beiden Frauen sahen sich an. Eine jede wute, was die andere
im Stillen dachte, was sie wissen wollte, zu hren verlangte, und was doch keine
von ihnen aussprach .... keine aussprechen mochte.
    Bitte, Cousine -! Herr Quck war aus dem Nebenzimmer getreten und hatte
eine Schachtel amerikanischer Cigaretten auf den Tisch gestellt.
    Versuchen Sie es doch auch einmal, Frulein Irmer -! forderte er halb im
Scherz, halb im Ernste auf. Die Damen rauchen heute alle ... Es ist so
fashionable ...
    Ich danke, Herr Quck -
    Lydia sa im Fauteuil und spie ganz respectable, weigelbe Rauchwolken durch
die Lippen. Sie hstelte ein Wenig.
    Wir spielen natrlich Scat, Lydia. Der Doctor ist nmlich auch ein
leidenschaftlicher Scatverehrer, wie er neulich versichert hat -
    So -?
    Lydias und Hedwigs Augen fanden sich wieder einmal.
    Aus dem Nebenzimmer klang gedmpftes Sprechen. So leise die Unterhaltung
gefhrt wurde - man hrte doch immer den gereizt-markirten Ton heraus.
    Hedwig hatte in einem Album geblttert. Jetzt sah sie auf und horchte
gespannt hinber.
    Lydia erschien sehr gleichgltig. Sie blies eine dicke, weigelbe Dampfwolke
nach der anderen vor sich hin. Im Zimmer machte sich schon das Cigaretten-Parfm
deutlich riechbar. Es war Frau Lange entschieden sehr behaglich zu Muthe.
    Herr Quck war nach dem Salon hinbergegangen. Er arrangirte den Scattisch.
Frau Mbius hatte sich nach der Kche begeben. Oettinger und Adam waren
natrlich gegen einander gerathen. Der Herr Referendar hatte den Herrn Doctor
bezglich dessen Bemerkung bei Tisch noch einmal interpellirt. Das htte kaum
unterbleiben drfen. Ich habe weiter nichts gethan, als gleichsam die
Quadratwurzel aus Ihren Aeuerungen gezogen, Herr Referendar. Ihr conservativer
Standpunkt mag ehrliche Ueberzeugung sein - das gebe ich sehr gern zu. Warum
auch nicht -? In Puncto der Religion gestanden Sie selbst ein, da Ihnen
dieselbe nur noch als ein Mittel in den Hnden der oberen Zehntausend erschiene,
das den Zweck hat, die Plebs geduckt und unterwrfig zu erhalten - Herrenmoral
und Sclavenmoral - Punktum -
    Aber bitte - das ist doch heute die Anschauung jedes gebildeten Menschen -
    Das wei ich recht gut. Der Standpunkt ist auch ein dieser gebildeten
Menschheit vollkommen wrdiger. Ich erlaube mir nmlich die Ansicht zu haben,
Herr Referendar, da diese famose Bildung und der bodenlose Indifferentismus in
religisen, philosophischen, knstlerischen Dingen heutzutage so ziemlich
identisch sind mit einander -
    Hm! . Mag sein! ... Aber bitte, Herr Doktor - wir kommen ganz von dem
Punkte ab, dessen Errterung mir momentan zumeist am Herzen liegt - Sie
gebrauchten bei Tisch ein Bild - einen Vergleich - ein - ei-n-e - nun! - es
bleibt Ihnen ja unbenommen, auch mich unter diese Indifferenten zu rechnen - -
    Pardon, Herr Referendar! Wenn mir das unbenommen bleibt, nun! so ist doch
die einfache Folge davon die, da ich Ihnen einen groen Respect vor dem -
Cylinder als dem Symbole der auf das Aeuerliche gestellten Bildung vindiciren
darf - die einfache Consequenz, nichts weiter -
    Ich glaube aber kaum, Herr Doctor, da es erlaubt ist, derartige etwas -
verzeihen Sie! - immerhin - immerhin etwas boshaft-gesuchte Consequenzen
ffentlich auszusprechen ... Ich kann - ja! ich mu das geradezu als eine
persnliche Beleidigung auffassen - und ich she mich genthigt, wenn Sie nicht
revociren - -
    Adam lachte: Beleidigung! - - revociren - - Sie scherzen, Herr Referendar!
Sie scherzen jetzt, wie ich vorhin - gescherzt habe - wir sind also quitt -
nicht -?
    Das ist eine sonderbare Auffassung, Herr Doctor -
    Herr Quck trat wieder ein.
    Wie schmeckt Ihnen das Kraut, Doctor -?
    Vorzglich, Herr Quck ... etwas schwer zwar-
    Ach! Nee! schwer -? Finden Sie auch, Herr Referendar -? Aber bitte, meine
Herren - - es ist Alles bereit - kommet und gehet ein in den Freudenhimmel,
allwo duftende Blumen in Flle wachsen - wo es Knige giebt und Frsten - -
    Auf Kartenblttern - famos, Herr Quck! Die Herren dieser Welt sind doch
eigentlich furchtbar witzige Kerle, da sie ihre Bilder auf Mnze und Karte
malen lassen ... immer noch malen lassen ... Wollen sie damit etwa sagen, -
symbolisch andeuten, da - da - - na! manchmal wirft man eben das Geld weg -
scherzte Adam.
    Still, Doctor, - das klingt ja ganz gefhrlich - Sie sind des Teufels -
wehrte Herr Quck erschrocken ab.
    Pflegen Sie das ... Geld auch so ... wegwerfend zu behandeln, Herr Doctor
-? fragte Oettinger.
    Man trat gerade in den Salon ein. Lydia hatte ihren Fauteuil im Speisezimmer
verlassen und stand jetzt am Spieltisch. Sie hielt die rndervergoldete
Scatkarte zwischen Daumen und Mittelfinger ihrer kleinen, weien, rechten Hand,
ungefhr in Schritthhe ber dem Tisch, und lie nachlssig, trumerisch,
gedankenabseits ein Blatt nach dem anderen auf die Flche niedertaumeln.
    Leider! erwiderte Adam, einen komisch-drolligen Ton des Bedauerns in der
Stimme.
    Lydia wandte sich um. Sie sah die Herren fragend an.
    Wo steckt denn Tante Mbius-? rgerte sich Herr Quck laut. Er schien
irgend ein Anliegen zu haben.
    Die wird wohl noch in der Kche sein - vermuthete Lydia.
    Es ist doch genug Wein da -? ... Nein! Wo die alte - ich htte beinah' was
gesagt - nur steckt -?
    Hedwig erschien im Rahmen der Thr. Sie sah sehr verschlossen und
gelangweilt aus.
    Die Damen werden entschuldigen - aber der Scat - dieses jttlichste aller
Spiele - - bitte, placiren Sie sich, meine Herren! Sie fhren Buch, Doctor,
nicht -? ... Also um die Ganzen - nicht wahr -? Sie geben, Herr Referendar -
bitte! Jngstes Semester - ich denke wenigstens - jenthigt wird nicht -
brigens so ein Sctchen - Teufel -! es geht doch Nichts drber! Ich bitte
nochmals die Damen um Entschuldigung -! Herr Quck war ganz Feuer und Flamme.
Und ein guter Tropfen dabei - fuhr er befriedigt fort ...
    Und schne Frauen! complimentirte Oettinger, indem er den Scat auslste -
    Lydia brannte sich eben eine neue Cigarette an. Hedwig hatte sich wieder ins
Nebenzimmer zurckgezogen. Das knisternde Umschlagen von groen Buchseiten drang
ab und zu herber.
    Sie reizen, Herr Doctor -
    Ich passe -
    Tourne -?
    Carreau! Carreau-Solo aus der la main! ...
    Die Karten flogen auf den Tisch. Man spielte sehr flott. Herr Quck
beschrieb beim Ausspielen immer erst einen Halbkreis mit seinem Blatte. Adam
warf seine Karten mit einem gewissen pathetischen Bogenschwung von oben
herunter, Oettinger lie sie nachlssig-grazis fallen.
    Einundsechzig! ... Teufel! ... Das Spiel war berhaupt gewagt. Ohne Renonce
in Pique - begann Herr Oettinger frohlockend ...
    Das fngt ja jut an - brummte Herr Quck, ein klein Wenig erbost. - Adam
schrieb an, dann mischte er die Karten. Sie langweilen sich gewi recht,
gndige Frau- fragte er zu Lydia hinber. Frau Lange hatte sich einen Fauteuil
in die Nhe des Ofens gerckt.
    Langweilen - warum, Herr Doctor -? Eine Cigarette ist eine vorzgliche
Gesellschafterin. Uebrigens - - Scat mut Du mir doch noch beibringen, lieber
Cousin! Wenn Ihr Mnner so versessen darauf sein knnt, mu das Spiel doch etwas
... Anziehendes, etwas Pikantes haben ...
    Gewi hat es das! versicherte Herr Oettinger eilfertig. Vielleicht drfen
wir Sie, gndige Frau, schon heute Abend in unsere kstlichen Geheimnisse
einweihen -?
    Na! na! wehrte Herr Quck erschreckt ab. Der Herr Referendar war doch
etwas zu galant! Sie hatten kaum angefangen zu spielen - und nun womglich erst
wieder das umstndliche Dociren - die langwierige Erklrung - und nachher dann
noch die ersten stmperhaften Spielversuche Lydias mitaushalten mssen - nein!
nein! - ganz undenkbar -!
    Aber Lydia war schon aufgesprungen. In der That - eine ganz prchtige Idee,
Herr Referendar - ich danke Ihnen! Ich mu Ihnen nmlich gestehen, Herr Doctor,
da Sie nicht so ganz Unrecht hatten mit Ihrer Vermuthung, da ich mich ...
langweilte ... Wir Frauen sind ja alle so ... so gedankenarm ...
    Adam erhielt einen herausfordernden Blick. Lydia war zu ihm hingetreten.
    Auch die Verfasserin der modernen Bibel - wenigstens die bessere Hlfte der
Firma -? fragte die schlechtere Hlfte boshaft-galant.
    Man braucht doch nicht immer Gedanken zu haben! schmollte Lydia neckisch.
    Aber, liebe Cousine - versuchte Herr Quck das drohende Scatverderben noch
einmal zu beschwren, einen zrtlich abrathenden Ton in der Stimme -
    Die Grundgesetze des Seats, gndige Frau - hub Oettinger an.
    Adam klappte mit pathetischer Resignation sein zierliches,
goldschnittgeziertes Rechnungsbchlein zu.
    Frau Mbius trat ber die Schwelle. Wo steckst Du nur in aller Welt, Tante
-? mute sie sich von ihrem Herrn Neffen etwas barsch anfahren lassen.
    In der Kche, lieber Traugott - Du weit ja: auf Marien ist kein Verla ...
Und die Herren wollten ja auch spielen - -
    Herr Quck leerte sein Glas. Ist denn noch genug Wein oben -? fragte er
rgerlich.
    Ich denke - antwortete Frau Mbius mit sanfter Gelassenheit.
    Man sprach nun viel und trank im Ganzen recht tapfer. Herr Quck hatte sich
einigermaen gefgt. Er wanderte im Zimmer auf und ab, die Hnde auf dem Rcken,
stellte sich gelegentlich an den Ofen, blies dicke, blauschwarze Rauchwolken aus
Nase und Mund. Ab und zu warf er eine humoristischkaustische Bemerkung in den
Spielunterricht, welchen Frau Lydia zu ertheilen, der Herr Referendar Oettinger
auf sich genommen. Frau Mbius lachte mit ngstlicher Aufrichtigkeit zu den
Bemerkungen ihres Neffen. Oettinger fhrte seine Schlerin sehr geschickt in die
schwierigen Scatprobleme ein. Und Lydia war eine gelehrige Schlerin. Es rgerte
sie nur ein Wenig, da Adam jetzt im Ganzen so zurckhaltend gegen sie war.
Wollte er demonstrativ merken lassen, da dieser erste beste Herr Referendar
gerade gut genug war fr die Rolle des Scatprceptors -? Pltzlich hatte sich
Adam erhoben und war in das Nebenzimmer verschwunden. Man plauderte im Salon
gerade sehr eifrig durcheinander. Herrn Quck schien der genossene Wein schon
recht tchtig angefranst zu haben. Auch Oettinger sprach schrfer und lauter als
gewhnlich, betonte unregelmig und falsch. Lydia war nicht minder unruhig.
Ihre Gedanken waren zerstckt, ihr Blut kochte auf. Alkohol und Nicotin hatten
sie aus den Geleisen der normalen Selbstbeherrschung geschleudert.
    Adam war zu Hedwig getreten.
    Diese hatte ihren rechten Oberarm weit, nachlssig, unkritisch, ber den
aufgeschlagenen Band, in dem sie geblttert, gelegt und den Kopf in die
Handhhlung gesttzt. Der linke Arm hing schlaff herunter. Der Blick
gedankengebannt oder phantasieverloren. Da fiel der Schatten einer fremden
Gestalt in ihren Kreis. Sie schrak zusammen.
    Adam trat ganz dicht an sie heran. Er athmete schwerer. Hedwig zog den
zurckgeglittenen Aermel bis zum Gelenk herunter und sah zu Adam empor,
erschreckt und doch zugleich fragend, erwartend - abweisend und doch zugleich
normal verwundert, unwillkrlich aufreizend.
    Aus dem Salon klang buntes, sich gegenseitig verhakendes Stimmengewirr. Aber
wie ferne, dumpfe, monotone Brandung dnkte es Adam. Die Situation nahm ihn ganz
hin. Jetzt allerdings schnellte die Stimme Oettingers scharf, zackig, hart in
die Hhe. Dann sprach Lydia auch lauter, auch artikulirter.
    Adam hatte nach der rechten Hand Hedwigs gehascht, sie hatte sie ihm mit
zufahrender Heftigkeit entzogen. Und doch neigte sie jetzt den Kopf ein Wenig.
Ein schmales Stck des weien, glnzenden Halses wurde sichtbar.
    Da packte es Adam. Es rttelte und schttelte an ihm, schlug ihm die Zhne
in die Nerven. Er wute nicht, wie es so jh, so bezwingend ber ihn kam. Der
Wein hatte sein Blut aufgejagt, hatte zuckende, von unten herauf bohrende
Flammen hineingeschmissen. Er war seiner nicht mehr mchtig. Es flimmerte ihm
roth vor den Augen. Er beugte sich nieder, sog sich eine Sekunde lang fest an
diesem weien, glnzenden Halse und lallte Frulein Irmer im nchsten
Augenblicke ein heies, leidenschaftliches - Hedwig! in's Ohr.
    Jetzt fuhr die Dame auf. Ihr Gesicht war wei, die Augen starr, gro
aufgerissen, ohne Pol.
    Durch den Salon kugelte sich gerade ein lautes Lachen. Herr Quck schien so
etwas wie eine Anekdote, wie einen guten Witz erzhlt zu haben.
    Hedwig -! wiederholte Adam dringend, bebend vor Erregung. Weib! ich liebe
Dich ja -! fuhr er wie im Taumel fort.
    Hedwig scho mit einem jhen Rucke in die Hhe.
    Ich mu Dich sprechen, Hedwig - la mich Dich nach Hause be-gleiten - bat
Adam mit mhsam geduckter Leidenschaft. Seine Stimme rasselte heiser, die Finger
zuckten.
    Ich danke, Herr Doctor - erwiderte Hedwig auffallend laut - ich fahre mit
Frau Lange - Und zugleich ging sie an ihm vorber, der Thr nach dem Salon zu.
    Verflucht! - knurrte Adam wthend vor sich hin, zugleich bedeutend
ernchtert. Dann begann er mit gemachter Hast in dem groen Bande zu blttern,
ber welchen Hedwig vorhin ihre Trumereien ... oder die Nachtfalter ihrer
schwarzen Schwermuth hatte hinflirren lassen.
    In dem Augenblicke, da Hedwig ber die Schwelle in den Salon trat, war dort
das Gesprch jh verstummt. Unwillkrlich, wie auf Verabredung, richteten sich
aller Augen auf sie. Was wollten diese Augen nur von ihr -? Was zwang die Leute
da, so pltzlich ihre vorher doch recht laute, auffallend laute Unterhaltung
abzubrechen -? Hatte man Hedwigs letzte, mit unwillkrlich gesteigerter Stimme
gesprochenen Worte verstanden - diese Worte, die sie allerdings halb bewut,
halb unbewut, in der Absicht, da sie gehrt wrden, so laut hinausgestoen -?
Lydia machte ein fast spttisches, beinahe beleidigendes Gesicht. Hedwig fhlte,
wie sie verwirrt, immer verwirrter wurde, wie ein unzurckdrngbar in die Hhe
siedendes Roth ihr ber Stirn und Wangen scho. Hlflos, haltlos irrten ihre
Blicke von Einem zum Anderen.
    Herr Quck, der sich schon vorhin bei Tische im Besitze des glcklichen
Talentes gezeigt hatte, einem Gesprche, das eine unwillkommene Wendung
genommen, ungezwungen eine andere zu geben, verstand es auch jetzt vorzglich,
durch eine an sich recht banale Bemerkung ber die peinliche Situation
hinwegzuhelfen.
    Aber! Frulein Hedwig - wir haben Sie ja ganz vergessen - ich glaube
entschieden, Sie sind zu kurz gekommen in Puncto des Weins - Sie mssen
nachholen - - und nun wollen wir wieder einmal anstoen, meine Herrschaften - wo
steckt denn nur wieder der Doctor -? - - Doctor! - Kommen Sie! - Prost! - Prost!
- Auf da meine innig verehrte Frau Base den auch in weiteren Kreisen mit Recht
so beliebten Scat, wie mein Busenfreund Saldern immer zu sagen pflegte, recht
bald capirt habe - auf da sie eine wrdige Partnerin werde, die ihrem wrdigen
Scatmentor Ehre mache - die - die - aber Prost! - Prost - meine Herren und Damen
- wollte sagen: meine Damen und Herren - und trinken Sie aus, Frulein Hedwig -
denn der Wein erfreut des Menschen Herz, sagt schon der alte Homer - oder irgend
ein anderer Zechkumpan hat also geweissagt - bravo, Doctor! - das war ein
Mnnerschluck - kommen Sie her: - Sie sollen 'gleich neue Fllung haben -
    Adam hatte sein Glas auf einen Zug geleert. Er sah dster, gergert aus.
Lydia coquettirte mit dem Referendar. Sie blickte ihn schwrmerisch, dankbar,
beinahe herausfordernd an. Adam's und Hedwig's Augen waren noch einmal kurz
aneinander vorbeigegangen. Beide wuten, da es nun ein Etwas fr sie gab, das
einer dem ander'n nicht restlos vergessen konnte.
    Da tnte das eckige Rasseln eines mit fast beleidigender Exaktheit
angefahren kommenden Coups von der stillen Strae her in's Gemach.
    Mein Wagen! fuhr Lydia auf.
    Nanu! Schon so spt? fragte Herr Quck verwundert. Er zog seine groe,
schwere, goldene Uhr.
    Gndige Frau -! bat Oettinger geschmeidig-vorwurfsvoll. Er war ganz selig.
Er glaubte an seine Zukunft. Er war berzeugt von seiner Unwiderstehlichkeit.
    Lydia blickte zu Adam hinber, der mit forcirter Ruhe seine Cigarre wieder
in Brand setzte. Adam sah nicht auf, obwohl er den Blick Lydia's deutlich auf
sich fhlte. Es war ihm, als ob ihm die Netzhaut pltzlich brennend hei wrde.
    Wenn Sie nun noch mit mir fahren wollen, liebes Frulein -? fragte Frau
Lange Hedwig, mit scharfer Betonung des noch -
    Wenn Sie gestatten -
    Die Damen verabschiedeten sich. Oettinger kte hingerissen Lydias Hand.
Dann wandte sich Frau Lange zu Adam ... und ohne ihm die Hand zu reichen, meinte
sie leichthin, gleichgltig: - Also, vergessen Sie unsere Verabredung nicht,
Herr Doctor -! Kommen Sie in den nchsten Tagen einmal zu einer Tasse Thee - -
wie wre es, wenn Sie mir schon etwas ... Fertiges mitbrchten - - vielleicht -
vielleicht eine Art von - - von ...nun! - vielleicht ein modernes ... hohes Lied
oder etwas Aehnliches - ja? - - Aber, pardon! - ich verga ganz - Sie baten sich
ja das neue Testament aus - nun! - ich berlasse Ihnen die Auswahl - es wre zu
nett, knnten wir 'gleich mit einem kleinen fait accompli an die Arbeit gehen -
    Lydia hatte die Worte langsam, zgernd herausgestoen, als fiele es ihr
schwer, sie zu sprechen - und doch zugleich in einem Tone, mit einem Accente,
der deutlich verrieth, da sie rgern, spotten, sich rchen, aber auch
stimulieren wollte.
    Adam verneigte sich stumm. Er behielt Hedwig im Auge, er verfolgte jede
ihrer Bewegungen. Diese verabschiedete sich mit einem oberflchlichen Grue von
ihm. Sie hatte den Kopf zurckgeworfen und sah sehr hochmthig aus.
    Frau Mbius zog sich bald zurck.
    Die Herren waren wieder allein. Der Scat konnte fortgesetzt werden. Und man
fhlte sich bald ganz unter sich. Die Unterhaltung wurde freier, die Worte
wurden nicht mehr abgewogen, nicht mehr peinlich bedacht, gewhlt, gesetzt. Adam
verhielt sich allerdings im Ganzen ziemlich schweigsam. Herr Quck sprudelte
verschiedene pikant gewrzte Anekdoten heraus und mute oft so herzlich ber
seinen eigenen Ulk lachen, da ihm die Brille berschweit wurde. Dann kramte er
sein groes, gelbseidenes Taschentuch heraus und putzte mit zwinkernden
Weinaugen ber die Glser hinweg. Die Hnde waren roth, etwas aufgeschwollen,
und ganz sicher gehorchten sie auch nicht mehr.
    Herr Oettinger erzhlte allerhand italienische Reiseabenteuer. Die
Ueberzeugung von seiner Unwiderstehlichkeit, die er heute Abend aus dem Benehmen
Lydias ihm gegenber folgern zu mssen geglaubt, verleitete ihn, seine an sich
recht harmlosen Geschichten mit khneren erotischen Pointen auszuschmcken. Der
Herr Referendar bekundete in seiner Weinlaune eine ganz respectable Phantasie.
    Man spielte sehr unregelmig ... und man erlaubte sich schon allerlei
kleine Freiheiten. Man guckte sich gegenseitig in die Karten und ignorirte khn
die Unantastbarkeit des Scats. Dabei wurde dem Weine wacker zugesprochen. Und
die Stunden schienen etwas Besonderes darin zu suchen, sich berschnell aus dem
Staube zu machen.
    Mit der Zeit wurde Adam matt, abgespannt. Er unterdrckte nur mhsam das
Ghnen, und Wein und Cigarren verloren immermehr ihre Reize fr ihn. Er trank
fter, nippte aber immer nur kleine Schlucke und kaute mechanisch den
Nicotinsaft aus seiner Cigarre heraus. Ab und zu warf er ein gleichgltiges Wort
in das Gesprch, welches Oettinger jetzt fast allein fhrte. Denn auch Herr
Quck kmpfte mit der berhandnehmenden Mdigkeit.
    Nach drei Uhr trennte man sich. Der Herr Referendar wankte und schwankte ein
Wenig. Adam nahm sich des armen Kerls an und schob seinen Arm unter den
Oettingers.
    Die Straen lagen in tiefer Stille. Ab und zu begegnete den einsamen
Nachtwandrern ein langsam heranspazierender Wchter. Manch' einer dieser edlen
Herren blieb breitspurig auf dem Trottoir stehen und beugelte kritisch die
vorberstapfenden Sptlinge. Der Herr Referendar konnte einige herzhafte
Redensarten ber diese zu-dringliche, ganz ver-fluchte O-cu-cular-Inspection
nicht unterdrcken. Er sprach berhaupt etwas laut, der ehrenwerthe
Cylinderenthusiast. Die Angstrhre sa ihm allerdings schief und verrtherisch
nach hinten geschoben auf dem jugendlichen Haupte, das der erste, zarte Flaum
einer discreten ... Platte zierte, wie Adam heute Abend mit dem banalen
Genugthuungsgefhl eines berechtigten Sarkasmus wahrgenommen.
    Feudales Weib, diese Lydia, nicht, Doctor -? phantasirte Herr Oettinger,
Gttergestalt - fescher Corpus - und dieser Busen - mchte wohl 'mal - nur 'mal
kssen diese L...l...ippen - - Ah! ... ah! .... ent-zckend! ... Uebrigens,
Doctor - - sind doch 'n famoser Kerl - - gehen so ein-ein-trchtig Arm in Arm -
wollen uns nur wieder ver-vertragen - ha ...ha ... Wollen nchstens 'mal Sect
kneipen zusammen - ja -? gloriose Idee - - bringen kleine Hedwig mit - na? ...
na? ... Verhltni anbndeln - - auch nicht bel - - auf Ehre! werde das
reizende Scheusal gelegentlich 'mal pou-pou-ssiren - - -
    Adam lie die Rede Oettingers Monolog bleiben. Er begngte sich, die kargen
Ueberreste seiner geistigen Wachbarkeitskrfte vor Allem zur Steuer ihrer nicht
mehr ganz seetchtigen Leibesfahrzeuge zu verwenden. Er hatte seine liebe Noth,
den Herrn Referendar von allzu intimen Berhrungen mit verschiedenen
Huserwnden zurckzuhalten.
    Pltzlich fhlte Adam das brennende Bedrfni, allein zu sein. Ein Gedanke
war in ihm aufgezischt, ein Wunsch war in ihm emporgesprungen, dessen Erfllung
der merkwrdigen, halb trumerisch-mden, halb bewegt-reizsuchenden Stimmung,
die ihn gekapert hatte, entsprach. Er wollte noch einmal durch die Strae gehen,
in welcher Hedwig wohnte, wollte noch einmal vor ihrem Hause stehen, noch einmal
zu ihrem Fenster hinaufschauen. Vielleicht ... vielleicht gab es hinter den
Gardinen, hinter den Vorhngen noch ein sptes, heimliches Leben, das ihm zarte
Zeichen, eine geheimnivolle, se Kunde brchte. Doch er mute allein sein. Und
ganz Egoist, suchte er dem schwer athmenden, prustenden, oft ausspuckenden
Oettinger begreiflich zu machen, da es das Beste wre, wenn er nun allein nach
Hause wanderte. Der Herr Referendar war schon viel zu acut ber sich
hinausgekommen, um eines krftigeren Widerstandes noch fhig zu sein. An der
nchsten Ecke machte sich Adam von ihm los und berlie ihn seinem Schicksal.
Man verabschiedete sich sehr kurz und abgerissen.
    Adam trottete eine Weile hin, ganz im Zwange seiner hpfenden
Gedankenschemen. Da merkte er, da er sich in der Richtung geirrt. Er mute
umkehren. Und am Besten wre es, wenn er die Strae, in die vor einer kleinen
Weile Oettinger hineingeschwankt, kreuzte. Wahrhaftig! Da drben auf der andern
Seite - da stapfte sein wackerer Zechgesell immer noch redlich frba. Adam
konnte sich nicht enthalten, mit verstellter, dumpf gurgelnder Stimme ein
diabolisch-mysterises Oettinger! ber den Straendamm hinberzuknurren. Der
geheimnivoll Angerufene wandte sich jh um und blieb stehen. Adam setzte seinen
Weg mit groen Schritten fort und kicherte leise in sich hinein.
    So! ... Nun war der Herr Referendar in den Schatten der Nacht hinter ihm
verschwunden. Adam schluckte mit Behagen den khlen Wind ein und setzte seine
Fe emphatisch auf die Asphaltflchen. Grell, in scharf abgekantetem Rhythmus,
hallte sein Gang wider. Einfrmig und unfrmlich lagen die Husermassen da.
Selten klebte sich in der Gegend der oberen Stockwerke ein magerer Lichtschein
an die Riesentafeln. Die Gasflammen hpften nervs in ihren Glaskfigen hin und
her. Es hatte geregnet. Ueber das Pflaster hin lagen hier und dort dunkelgelbe
Reflexe gestreut. Oefter leuchtete verschwommen-schmutzig ein Stck einer
angebrochen-verkmmerten Iris auf.
    Adam traf auf eine Brcke. Er lehnte sich eine kleine Frist hindurch ber
das Gelnder und sah auf das trge, gleichgltig hinschleichende Wasser hinab.
Ein nrgelnder, zupfender Wind pustete jetzt ber die Fluth hinweg. Und es nahm
sich aus, als wre der Spiegel mit einer Legion von kleinen, braungrnen
Schildkrtenrcken gepolstert.
    Nun stand Adam vor dem Hause, da Hedwig mit ihrem Vater wohnte. Aber oben
war Alles dunkel. Allenthalben tiefe, nur von den verhaltenen Athemzgen des
feuchten Nachtwindes monoton durchsummte, zaghaft durchmunkelte Stille.
    Und der einsame Wandrer setzte sein Wandern fort, das ihn endlich nach
seiner Klause fhren sollte. Verworrener Gedanken, einer dunklen Sehnsucht war
seine Seele voll. -

                                      VI.


Ah, lieber Doktor! Das ist ja famos von Ihnen, da Sie sich wieder 'mal sehen
lassen! Nun - wie gehts Ihnen? Viel gearbeitet? Aber Sie schauen immer noch sehr
angegriffen aus. Wie wre es heute mit der Revanchepartie? Htte Lust - Sie auch
- ja ...?
    Herr von Bodenburg hatte den Figaro aus der Hand gelegt und stocherte mit
dem Lffel auf ein Stck Zucker los, das er soeben in seinen Kaffee geworfen. Er
sah erwartungsvoll zu Adam Mensch auf.
    Verdammt windig heute. Bei einem Haar wre mir mein Hut in irgend 'n
Weltmeer oder in 'ne Pftze geflogen ... Macht der Krakehler von Frhlingswind
Aufhebens! ... Impertinenter Stachelbursche! ...
    Herr von Bodenburg lchelte.
    Adam warf sein Cigarrenetui auf den Tisch und rckte sich einen Stuhl
zurecht.
    Viel Zeit habe ich gerade nicht - wollte auch ein paar Zeitungen
durchfliegen - bringt der Figaro etwas Interessantes? Ach! die leidige
Gewohnheit! Man bt wahrhaftig nichts ein, wenn man das Zeug 'mal 'n paar
Wochen nicht ansieht. Alles Einbildung und Gewohnheit! So schleppt man eben die
Tage hin. Man lt sich immer wieder von seinen tristen Bedrfnissen
berrumpeln. Es ist geradezu tragisch, da der Mensch so im Zwange des
Trgheitsgesetzes steht. Ja! Wenn dieses retardirende Moment nicht wre - die
Menschheit - Sie wissen, wen ich meine - mte entschieden ein kleines Stck
weiter sein. Da es zum Beispiel noch sogenannte Frsten giebt! Unsereiner fat
sich an die Stirn - mssen denn einzelne Individuen so unheimlich weit voraus
sein? Diese Differenz! Oder nehmen Sie die Pyramide von Cheops. Sie kennen doch
die Saga von Cheops' Tchterlein? Nicht? Werde sie Ihnen gelegentlich 'mal
erzhlen. Pikant! sage ich Ihnen. Also dieser krystallisirte Despotismus - - so
und so viel Tausende von Jahren alt - und heute? Denken Sie an Ruland. Ja! ja!
der Hunger und die Peitsche. Man mchte sich vor tragikomischem Weltvergngen
manchmal in einen Bcklin'schen Meergreis verwandeln -
    Die Gallensteinablsung war nicht bel, Herr Doctor - aber ich mchte doch
vorschlagen, da wir - pardon! - nun - wenn auch gerade nichts Vernnftigeres,
so doch ... na! so doch etwas Amu-santeres vornhmen - also wie wre es mit der
Revanche? Wollen Sie? Kommen Sie! Ja?
    Meinetwegen denn, Herr Referendar, warum auch nicht? Wenn Sie durchaus
wollen! ... Aber - - jetzt ist es dreizehn Minuten nach Drei - ich mchte so
gegen Vier wieder auf meiner Bude sein! Mglich, da ich Besuch kriege - wenn
nicht - ich mu mal wieder ein paar Stunden concentrirt arbeiten ... In den
letzten Tagen viel freiwillig und unfreiwillig gebummelt ...
    Kellner! Das Schachbrett ...
    Jawohl!
    Was trinken Sie, Herr Doctor?
    Was? Ja - - ach! Kaffee? - Nee! Bringen Sie mir 'n Absynth!
    Sehr wohl!
    Die beiden Herren vertieften sich in ihr Spiel. Es wurde nicht viel
gesprochen. Adam spielte auch heute mit sehr getheilter Stimmung. Er wute die
Schwchen des Gegners nicht zu gebrauchen, er bersah seine eigenen Vortheile.
Mit groem Behagen dagegen schlrfte er seinen kupfergrnen Absynth.
    Kennen sie einen Referendar Oettinger, Herr von Bodenburg?
    Oettinger? Oettinger? Ja wohl! Sehr patentes Individuum - nicht? Elegant -
Cavalier - Lieutenantsscheitel - langweilige Visage - ja! ja! - bin ihm
gelegentlich 'mal vorgestellt - scheint mir nicht besonders viel los zu sein mit
dem Herrn. Kann mich allerdings auch irren. Was ist mit ihm? Haben Sie 'n
Rencontre mit ihm gehabt? Kartell schleifen? Ich stehe Ihnen zur Verfgung, Herr
Doctor!
    Sehr liebenswrdig, Herr Referendar! Adam lchelte discret. Dabei go er
seinem Absynth einen neuen Wurf Wasser zu. Das Getrnk schaute jetzt asbestgrn
aus. Bis zur Forderung direct kam es nicht. Ah pah! Komdianterei! Wre noch
besser! Wir begegneten uns nur neulich in einer Abendgesellschaft - waren beide
zum Souper geladen. Ich war wieder einmal nolens volens etwas bissig - Gott! die
Affre verlief sehr drollig. Auf dem Nachhausewege erklrte mich der Biedermann
fr einen famosen Menschen - sprach den Wunsch aus, demnchst 'mal Sekt mit mir
zu kneipen - der Knabe war allerdings schon stark angebohrt. Er schwankte sehr
hingebend und gab eine merkwrdige Vorliebe fr Huserwnde und Laternenpfhle
zum Besten ...
    So! ...
    Ich dachte, Sie kennten den Herrn zufllig nher. Es wre ja mglich
gewesen. Der gute Mann entwickelte bei Tisch seltsam praehistorische Ideen ...
ich war zuerst ganz verblfft. Und sein Standpunkt zur Religion - - es ist eine
Schmach, da dieses Gesindel, das geistig noch auf der primitivsten
Entwicklungsstufe steht - da diese ordinre Sippschaft - diese Larven und
Marionetten, diese Hohlhnse berhaupt Gelegenheit haben, ffentlich Proben
ihrer approbirten Bornirtheit abzugeben! Und eines Tages gehrt dieser
Lumpenbagage womglich noch hchst persnlich den sogenannten leitenden Kreisen
an! Ich verstehe den schreienden Unsinn - diese sociale Barbarei nicht!
    Ereifern Sie sich nicht so furchtbar, Doctor! Lassen Sie doch die guten
Leute! Lieber Himmel! Ich habe auch noch 'n ganzes Rudel derartiger vieilleries
auf Lager ... Das spart man sich so zusammen mit den Jahren ... Und wenn Sie
ehrlich gegen sich sein wollen -: Sie haben nicht minder Ihre Zpfe und
Vorurtheile! ... Uebrigens gardez!
    Gott sei's geklagt - ja! ich wei - ja doch! - meinetwegen! - also gardez!
haben Sie mir - aber was zu stark ist, ist zu stark! Man darf schlechterdings
nicht zu sehr in Schimmel und Grnspan verliebt sein ...
    Da ffnete sich die Thr, und Frulein Irmer trat in's Caf. Der
Zeitungskellner lief nach dem Schrnkchen in der hinteren Ecke des Lokals, in
welchem die ausgespannten Nummern vom Tage vorher aufbewahrt wurden. Nun
berreichte er der Dame das Blatt.
    Adam hatte Hedwig scharf fixirt. Als sie sich umwandte, hinauszugehen,
nachdem sie diesmal mit einem kurzen, leise hingeworfenen Dankeswort die Zeitung
in Empfang genommen, streifte sie Adam mit einem jhen, vorberschieenden
Blicke. Sie schrak ein Wenig zurck. Adam lchelte befriedigt. Hedwig hatte die
Thr zugeschlagen.
    Der Herr Doctor sprang auf, zog hastig seine Brse und warf das Geld fr den
Absynth auf den Tisch.
    Nanu!?
    Verzeihen Sie, Herr Referendar! Dispensiren Sie mich, bitte, heute - ja?
Diese Dame - Kellner! - ich traf sie neulich Abend dito bei dem bewuten Souper
- wo bleibt nur der Mensch? - Kellner! - sie spielt in die Geschichte hinein,
die ich Ihnen vorhin - - -
    Danke sehr, Herr Doctor! Fritz strich das Geld ein und schickte sich an,
beim Anlegen des Ueberziehers behlflich zu sein.
    - Die ich Ihnen vorhin von Herrn Oettinger erzhlte - mu sehen, da ich
das Weib abfange - lauter kleine Historien - ich bitte noch einmal um Verzeihung
- vielleicht morgen, wenn Sie - um dieselbe Zeit - ja? - aber ich mu mich
beeilen - auf Wiedersehen, Herr Referendar -
    Adam strmte hinaus.
    Das ist verdchtig, Herr Doctor - rief Bodenburg indignirt-belustigt dem
Flchtling nach.
    Na! bringen Sie mir auch noch 'ne Karaffe Absynth - wandte er sich sodann
an den Kellner, der noch immer in der Nhe des Tisches stand und sich jedenfalls
alle Mhe gab, die Situation zu begreifen. Er hatte ein bldsinnig-schluliches
Gesicht aufgesteckt.
    Noch ein Absynth -? Sehr wohl! - -
    Adam hatte sich in die unmittelbare Nhe Frulein Irmers zu machen gewut.
Er war erregt, sein Gang nicht ganz sicher, mechanisch sprach er immer wieder
allerlei Phrasen in sich hinein, mit denen er Hedwig, auf den Leib rcken
wollte. Als er bemerkte, da die Dame durch verschiedene, an sich kaum
auffllige, aber doch unwillkrlich fr Adam deutlich wahrnehmbare Zeichen der
Unruhe auf seine Gegenwart reagirte, wurde er ruhiger, rgerte er sich ber die
kindische Unsicherheit, erinnerte er sich der Stunden, wo er sich in seiner
Gleichgltigkeit so stark, so ruhig und unverwirrbar gefhlt hatte ... und
freute sich ber den Strom von psychischer Elektricitt, der zu dieser Frist von
ihm zu Hedwig ... und von ihr zu ihm zurck fluthete.
    Nun bog Frulein Irmer in eine Nebenstrae ein, die viel Vornehmes, Stilles,
Reservirtes, Selbstgengsames besa. In den kleinen Grten vor den Husern, die
zumeist Villenanstrich hatten, sah es peinlich sauber, regelmig, sehr leer
aus. Man hatte das Gefhl, als mten es die Bewohner dieser Strae unter ihrer
Wrde halten, der Auenwelt die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Man war
einander fremd und nahm mit sich allein frlieb. Es mochte in Wirklichkeit kaum
so sein. Aber diese menschenlosen Fenster mit den eleganten, kalten Vorhngen;
diese groen, schweren, massiven, mit stolzer Selbstverstndlichkeit
geschlossenen Thren; diese aufdringlichen und doch zugleich unsglich discreten
Namenschilder; die natrliche Leblosigkeit der Vor- und Zwischengrten: das
Alles gab der Situation den Ausdruck innerer Leere und Theilnahmslosigkeit.
    Adam war an die linke Seite Hedwigs getreten. Frulein Irmer vollzog
unwillkrlich einen kleinen Schritt nach rechts und sah ihren Verfolger finster,
zurckweisend an. Die ber der Nasenwurzel zusammengewachsenen Brauen waren
dicht an die Augenlider herangezogen.
    Verzeihung, mein gndiges Frulein, da ich so khn bin, mich zum zweiten
Male auf offener Strae Ihnen zu nhern. Nehmen Sie, bitte, heute meine
Begleitung an. Ich mchte Sie - ich fhle das Bedrfni - Sie erinnern sich der
kleinen ... der kleinen Scene, die sich neulich Abend zwischen uns abspielte - -
vergeben Sie mir meine eigentlich unverzeihliche Dreistigkeit - ja? ...
    Die ersten Worte dieser Ansprache an das Opfer seiner neulich bei Herrn
Traugott Quck improvisirten Liebeserklrung waren Adam sehr glatt und sicher
abgeflossen. Dann hatte sich die Stimme doch ein Wenig eingeklemmt, war ein
Wenig leiser, stockender geworden, war gleichsam gestolpert und hatte erst am
Schlu wieder mhelose Beweglichkeit und die intime Frbung der Aufrichtigkeit
gewonnen.
    Hedwig schwieg. Die beiden gingen eine kleine Weile schweigend neben
einander. Oefter sah Adam Hedwig von der Seite an, fragend, bittend, doch
zugleich auch merkwrdig amsirt - und dadurch ganz tchtig ironisch gestimmt.
    Frulein Hedwig - haben Sie kein Wort fr mich -?
    Mein Herr -!
    Hedwig -!
    Das klang bestimmt, dringend, entrstet, aber auch flehend, ein ehrliches
Betrbtsein verrathend.
    Ich verstehe Sie nicht -
    Adam fuhr auf. Er stampfte mit dem rechten Fue indignirt auf den Boden und
gab sich sehr ungesammelt. Mit nervser Hast knpfte er an seinen Handschuhen
herum.
    Sie wollen mich nicht verstehen, mein Frulein! Heiliger Nepomuk! Giebt es
denn heute auf Gottes Erdboden keinen Menschen mehr, dem man zwanglos, dem man
unmittelbar begegnen darf - dem man so gegenbertreten kann, wie es Einem gerade
ums Herz ist - wie man gerade Stimmung hat? - Ist denn heute das kleinste
Bichen Unmittelbarkeit verpnt? Soll man Nichts - gar Nichts improvisiren
drfen? - Soll man immer wieder erst die chinesische Mauer der dummen, urdummen
conventionellen Redensarten zwischen sich und seinen Nchsten schieben - soll
man auf Niemanden mehr stracks losgehen? Frulein Hedwig -
    Mein Name ist Irmer -
    Adam lachte aufgerumt. Bon! Irmer! Sehr liebenswrdig, mein gndiges ...
Frulein ... Irmer ...
    Mein Herr!
    Lassen Sie doch endlich einmal einen anderen Ton zwischen uns aufkommen!
bat Adam, einen neckisch-vorwurfsvollen Accent in der Stimme. Aufrichtig, ich
ertrage das nicht lnger! Sie kennen mich noch nicht. Sie wissen noch nicht, da
ich ein sonderbares Gemisch von ... von Naivett und ... und Raffinement bin.
Vielleicht coquettire ich auch schon zu sehr mit dem Bewutsein, da ich
coquettire - vielleicht bin ich in natura ... meerschendeehls - pardon! - also
sehr oft viel ehrlicher und wahrer, als ich mir einbilde. Ich interessire mich
nun einmal fr Sie. Sehr sogar! Sehr! Vielleicht bin ich auch schon ehrlich
verliebt in Sie - wei der Teufel! - liebe Sie womglich schon hagebchen
leidenschaftlich - - aber, Hedwig - ein Gestndni - verzeihen Sie! - aber ich
kann nicht anders - ich mu es Ihnen doch zum Besten geben - also: ich bin so
grenzenlos egoistisch, da ich vollstndig zufrieden bin, wenn ich durch ein
tieferes Interesse, durch eine heftigere Neigung fr ein weibliches Wesen,
vielleicht sogar durch eine strmische Leidenschaft, an mir selbst eine
Steigerung meines Ichs erfahre - auf Erwiderung meiner Gefhle rechne ich
eigentlich gar nicht - ich bedarf ihrer gar nicht - - ich will nur Gelegenheit
und Mglichkeit haben, mich auch nach dieser Richtung hin auszustrmen, so wie
ich mich auch in jeder anderen Beziehung, als fanatisch auf Unabhngigkeit und
Selbstndigkeit Versessener, vollkommen zwanglos, ungehemmt, rcksichtslos
ausleben will ... Verstehen Sie mich, Frulein Hedwig -?
    Ich denke! Aber was soll das mir -? Warum sagen Sie das mir -? Darin
verstehe ich Sie allerdings nicht -
    Warum ich Ihnen das sage, Hedwig? Nun, ich denke: das ist doch einfach
genug. Ich gestand Ihnen schon: Sie interessiren mich. Aber Sie sprechen nicht
allein zu meinem Blute ... nicht allein - offen heraus: zu meiner ... meiner
Sinnlichkeit. Ich bin, wie gesagt, ganz offen, Frulein Irmer. Ich wei absolut
nicht, warum man das nicht sein drfte. Wenn zwei Menschen, die sich bis dato
fremd waren, zusammentreffen, so sollten sie immer sogleich Wesensfragen
stellen. Und um so eher, wenn sie merken, da sie nicht ganz alltgliche Waare
sind. Ich liebe die Ueberraschungen ber Alles. Und da ich Sie leider nicht
damit berraschen kann, da ich Ihnen irgend ein auergewhnliches Geschenk
machte, Ihnen z.B. einen ausgestopften Hummer verehrte, oder etwas Aehnliches,
so lassen Sie mich Sie doch damit berraschen, da ich Ihnen allerlei curiose
Gestndnisse mache, welche das Fundament meiner Persnlichkeit angehen ... da
ich Ihnen allerlei Intimes aus meinem Seelenleben erzhle ... Ich mu allerdings
bemerken, da ich jenem Motive der Wesensfragen gegenber zumeist leider auch
nur Theoretiker bin - in Wirklichkeit bin ich schon viel zu gleichgltig und zu
verschlossen und zu selbstgengsam, um sotane Wesensfragen noch zu stellen ...
Manchmal fahre ich wohl den Ersten Besten unverhofft damit an und verblffe ihn.
Mein Gott! Warum soll man zuweilen seinem Nchsten nicht ein Flschchen
Salmiakgeist unter die Nase halten? Aber Ihnen gegenber, Frulein Hedwig, hatte
und habe ich jetzt noch das Gefhl, da ich Ihnen mit Fug und Recht sogleich in
der ersten Zeit unserer - Sie gestatten mir den Ausdruck! - also unserer
Bekanntschaft Dies und Das erzhlen darf, was Wesenhaftes meiner Natur ausmacht.
Ich sagte Ihnen schon: ich bin ein monstrser Egoist. Aber ich glaube beinahe,
da ich doch so intensiv fr Sie aufflammen knnte - vielleicht schon
aufgeflammt bin - da ich mich selber verge und mir in Folge dessen mit Grazie
und Wrde einbildete, da ich mich ganz von Ihnen htte auffress - pardon! das
fhrt Einem immer so 'raus! - Na ja! Und so weiter - Sie wissen schon .... Dabei
- hm! also dabei wrde es mir, vermuthe ich wenigstens, schliee ich wenigstens
aus erlebten, praktisch erfahr'nen Analogie'n, immer noch sehr gleichgltig
sein, ob Sie mein Feuer, meine Leidenschaft erwiderten, oder nicht. Ich glaube
in Ihnen einen in manchen Punkten wesensverwandten Menschen gefunden zu haben.
Lassen Sie uns ein Stck unseres Weges zusammengehen! Behalten wir uns
wenigstens im Auge! Lassen Sie uns natrlich mit einander verkehren - sprechen
und denken und fhlen wir nach Krften unmittelbar! Mein Gott! Ich wei gar
nicht, was uns daran hindern sollte, wenn wir erkannt haben, da diese kstliche
Zwanglosigkeit und Natrlichkeit allein unserer wrdig ist, weil sie uns
congenial ... weil sie uns in jeder Beziehung entspricht ...
    Hedwig schwieg zu dieser prachtvollen Auseinandersetzung. Sie verstand sie,
wenigstens im Groen und Ganzen, und mute Manchem darin zustimmen. Sie
constatirte auch mit einer gewissen inneren Befriedigung eine starke
Geistesverwandtschaft zwischen diesem khnen Herrn Doctor und sich. Und doch
strubte sie sich, laut zu uern, wie sympathisch sie sich ganz unten auf dem
Boden ihres Ichs berhrt fhlte. Vielleicht war sie durch die Einsamkeit, in der
sie mit ihrem Vater jahrelang gelebt, innerlich auch schon zu versteift und
verhrtet, um fr Dialektik noch die gehrige Geschmeidigkeit des Geistes zu
besitzen.
    So fgte Adam nach einer Weile, whrend welcher sie schweigend neben
einander hergeschritten waren, hinzu: - Darauf kommt es ja auch gar nicht an,
was man ist, sondern darauf: wie man das ist, was man ist ...
    Wollten Sie nicht einmal meinen Vater besuchen, Herr Doctor?
    Die Frage klang liebenswrdig, einladend. Unwillkrlich mnzte sie Adam zur
zustimmenden, Verstndni und verwandte Anschauung verrathenden Antwort auf
seine Auseinandersetzung um. Er freute sich darber, aber, merkwrdig und
erklrlich zugleich, veranlagte ihn diese Frage zu einer gespreizt-hflichen
Erwiderung: Gewi, mein gndiges Frulein! Ich werde mir mit Ihrer Erlaubni
demnchst die Ehre geben -
    Hedwig sah ihren Begleiter wegwerfend von der Seite an.
    Adam fing den Blick auf und erklrte ihn sich. Er lchelte.
    Hedwig!
    Herr Doctor -?
    Geben Sie mir den Arm - ja -?
    Ich danke! Ich gehe so freier -
    Gefhl ... Verstndni fr Freiheit - das Bedrfni derselben sind gewi
groe, schne, bedeutende Dinge ... Aber man darf eine Passion nicht in
uerliche, kleinliche Pedanterie'n und Willkrlichkeiten zersplittern -
    Ich bin brigens sogleich zu Hause -
    Hedwig! Wollen wir uns denn immer so fremd bleiben? . Ich habe Geduld,
unter Umstnden viel Geduld - aber ich bemerkte Ihnen schon-: ich mu zeitweilig
sehr despotisch sein -
    Ich bitte, Herr Doctor -
    Sind Sie mir noch bse von neulich? - Ich handle immer nur aus dem Rahmen
meiner Stimmung heraus -
    Darber brauche ich wohl nicht zu reden. - Aber hier sind wir ... Adieu!
    Sie maltrtiren mich geradezu, mein Frulein! Aber wie Sie ... wie Sie
wollen ... Also adieu! Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Vater! . Ich habe
die Ehre ... Adam lftete den Hut und verneigte sich sehr ceremoniell. Dann
blieb er noch einen Augenblick vor der geffneten Thr stehen. Auch Hedwig war
stehen geblieben. Beide sahen sich fest in die Augen. Um Adams Lippen kruselte
es sich wie ein verhaltenes Lcheln der Befriedigung.
    Als Hedwig Irmer die Treppen zu ihrer Wohnung hinaufschritt, war es ihr
pltzlich zu Sinn, als verstnde sie diesen Adam Mensch besser, als er sich
selbst verstnde. Und doch war ihre Welt eine so ganz andere, denn seine Welt. -
    Adam ging langsam nach Hause. Es war zwischen fnf und sechs Uhr. Die eben
aufkeimende Abenddmmerung des jungen Frhlingstages lie ihre ersten, leisen,
so wundervoll discreten, so entzckend verschmten Schatten spielen. -

                                      VII.


Adam Mensch waren einige Tage in ziemlich bldem Einerlei hingegangen. Er hatte
die physiologischen Nachwirkungen jener durchgenossenen Wein- und Spielnacht
ber sich ergehen lassen mssen. Eine unleidliche Gemthsdepression war jetzt
ber ihn gekommen. Eine peinliche Schwere hatte sich seiner bemchtigt, die wie
ein unaufrhrbarer Bodensatz auf dem Grunde seiner Seele lag. Eine Flle von
Gedanken und Gefhlen stieg in ihm empor, aber jede Einheitlichkeit fehlte und
jede Neigung, die Anlufe und Fragmente zu packen, zu vertiefen, zu erschpfen,
zu vollenden. Unheimlich scharf schaute er zeitweilig in Welt und Leben hinein,
und die Nachtseiten des Daseins erschlossen sich ihm in zermalmender Klarheit.
Er fhlte, wie ungeheuer weit er davon entfernt war, ein Kind der Stunde sein zu
knnen, ein von der mechanisch-regelmigen Erfllung einfacher Pflichten
befriedigter Mensch. Er sehnte sich nach einer neuen Umgebung, nach neuen
Verhltnissen, die ihn ganz herausforderten, die im Stande wren, ihn ganz
hinzureien. Er sehnte sich nach einem groen Schicksal, nach vollen, starken,
runden Gefhlen, nach einer gewaltigen Freude, einem erschtternden,
entscheidenden Schmerze. Alles in ihm war weit und verworren, Nichts eng, klar
umrissen. Und doch bebte er instinctiv vor einem groen Erlebni zurck. Er
wute nicht, in welcher Gestalt er es sich vorstellen, erwarten sollte. Aber er
wute auch zugleich, da er bei dieser nervsen Ueberreizung, bei dieser
pathologischen Abhngigkeit von seinem Organismus einem bedeutenden Schicksale
kaum gewachsen sein wrde. Rathlos stand er vor sich, hlflos tastete er an sich
herum, und schneidend uerte sich ihm die marternde Hoffnungslosigkeit seiner
Generation. Seiner Generation -? Adam sagte sich sehr klar, da es unter seinen
Altersgenossen verhltnimig nur Wenige gab, die seiner Art verwandt waren.
Aber diese Wenigen bedeuteten die ursprnglich geistig Bevorzugten. Ihre Krfte
fanden nur keine Sphre, in der sie sich zwanglos bethtigen konnten. Das
Sichabfinden, Sichanpassen, Sichhineinpressen oder Sichhinaufschrauben ekelte
ihn an, weil es ihn unnatrlich dnkte. Ja! Er fhlte unheimlich deutlich, da
er krank, unglcklich war ... wie so Mancher, mit dem ihn das Leben in seinen
Studienjahren zusammengefhrt hatte. Verschiedene Mitglieder des Kreises, in
welchem er damals eine Zeit lang verkehrte, hatten sich abgewandt, wie er
nachher gehrt, waren ein Stck zurckgegangen, waren zu Kreuze gekrochen,
arbeiteten in enger Umgrenzung, mit mden Herzen. Die Schlechtesten waren sie
gewi nicht, aber den Zwang, ihren Naturen bis ins Kleinste hinein treu sein zu
mssen, hatten sie in einem geringerem Grade besitzen drfen. Immerhin nach so
viel Drang, so viel Bethtigungsbegehren lebte in ihnen, da sie sich wenigstens
einigermaen mit dem begngen konnten, was ihnen zu eigen geworden, wenn es
ihnen nur gestattet war, ein klein Wenig ihrem Geiste und Wesen gem zu bilden
und zu formen. In stillen Stunden der Sammlung ... in Augenblicken, wo Stimmung
und Neigung vorhanden waren: zurckzuschauen, der gewesenen groen geistigen
Tapferkeit, der stolzen Kampfgewrtigkeit und bewuten Wehrhaftigkeit zu
gedenken, befiel wohl auch sie das Bewutsein, wie vergeblich, wie formlos ihr
jetziges Thun, wie schmachvoll ihre Capitulation sei ... Nun! Sie nutzten ihre
Kraft ab ... und das war genug. Die Masse regiert, sagte sich Adam, und die
groe Schlacht wird geschlagen werden. Wir sind auf neuen Wegen zu neuen Zielen.
Und doch! Wird Etwas bleiben, wenn das ... also das Volk losbricht? Die
herrschende Generation der Zukunft entwchst dem vierten Stande. Das werden
Alles sehr bornirte Leute sein, aber sie werden dafr oder darum sehr gesund,
sie werden sehr nchtern sein. Ueberreizung, unnatrliche Ueberheizung werden
ihnen im Ganzen fremd sein. Blut von unserem Blut -? Geist von unserem Geist -?
Dieses Blut ist faul und schwer und dick, und dieser Geist ist morsch und krank
und brchig. Verzichten wir! Leben wir uns aus! Auch so wirken wir, wenn es denn
einmal gewirkt sein mu - wirken nach natrlichen Gesetzen ... und wenn wir
blo unsere Kleider abtragen und unsere Sohlen ablaufen ... Der Schlag bedingt
den Gegenschlag. Aber das soll uns kein Trost sein, soll unser etwa mahnendes
Gewissen nicht beruhigen. Vielleicht mssen wir uns fr das groe
Zukunftsereigni aufsparen, unter dem die Erde in Krmpfen erbeben, in
fanatischen Zuckungen sich schtteln wird. Wir sind so gut wie ausgehhlt. Durch
Leidenschaften gebrochen, denen wir uns ergeben haben, weil wir nicht wuten,
wie wir besser unsere Zeit todtschlagen sollten. Wir waren rathlos geworden,
weil wir erkannt, da unsere Ideale Illusionen gewesen. Eine jede Brust hatte
den Kampf gegen die Convenienz, gegen die Tradition gekmpft ... wir hatten
nicht gesiegt, aber haben auch nicht verloren. Nun unterliegen wir, weil wir uns
haben zu alt werden lassen, um den physiologischen Einflssen des Alten noch
entrinnen zu knnen. Wir prunken wohl auch ein Wenig mit unseren Schmerzen und
noch mehr mit unserer Kraft: brechen, strzen zu knnen, energisch sein zu
knnen. Auch jetzt spielen wir noch Komdie. Aber wir wissen doch jetzt zugleich
sehr gut, da wir darauf verzichten muten, unsere besten Krfte intakt erhalten
zu knnen, unsere intensivsten Ausstrahlungen wirken zu lassen. Wir trugen den
Himmel, das ganze All in der Brust, aber wir bedrfen einer Generation, der sich
die Sterne verhllen, damit sie auf Erden nicht stolpere. Wir werden von der
abkhlenden Zeit frher oder spter gezwungen, unseren Frieden mit der Welt zu
schlieen. Aber wir sind doch unterlegen. Wir haben wirken mssen, und Pflichten
haben wir erfllt, obwohl es einmal eine Zeit gegeben hat, wo wir keine Pflicht
anerkennen zu drfen geglaubt. Wir haben scheinbar gehandelt und doch immer nur
gelitten. Wir waren Genies im Denken, Fhlen, Entwerfen, Trumen, Dulden. Nun
werden die Talente der That kommen, weil sie kommen mssen. Eigentlich bedauern
wir sie. Denn wir verstehen sie auch, sie, die fr uns kein Verstndni mehr
besitzen werden. Vielleicht beneiden wir sie doch ein Wenig. Denn sie athmen in
einer reineren Luft, und ein gesnderes Blut rollt durch ihren Leib.
    Diese Gedanken und Betrachtungen, diese mehr oder weniger gltigen und
richtigen Bruchstcksresultate waren zu dieser Frist auf- und niedergestiegen in
Adam. Ungelufig konnten sie ihm allerdings kaum sein. Er hatte sie, zumeist
schon in seiner kleinen Schrift Das Proletariat des Geistes, an der er ab und
zu einige Seiten schrieb, ausgesprochen.
    Merkwrdig, wie wenig er sich eigentlich mit Lydia und Hedwig beschftigte.
Er warf sich diese Gleichgltigkeit, diese Klte selbst vor. Aber es gelang ihm
doch nicht, ber sie hinauszukommen. Oefter fiel ihm wohl dieses oder jenes
Moment ein, das sich neulich bei dem Souper zwischen Lydia und ihm abgespielt,
das sich bei seinem letzten Zusammentreffen mit Hedwig ereignet - aber er mute
im Grunde mehr souvern darber lcheln, als da ihm diese Erinnerung ein
gewisses Behagen bereitete. Unmittelbar mit den Weibern in Berhrung gebracht;
durch eine zugespitzte, berdies vielleicht noch etwas auergewhnliche
Situation angeregt, konnte er leicht aufflammen, leicht aus sich herausgehen,
seine Natur in ihrer eigenwilligen Art sich uern lassen. Aber fr sich haften,
fr sich garantiren konnte er nicht. Sobald er aus dem Zwange der besonderen
Stunde wieder herausgetretreten, und sobald die nchsten Nachwirkungen vorber,
kehrte er unwillkrlich wieder sehr intim zu sich zurck, lebte er sich sehr
nachdrcklich wieder in seine eigene Welt hinein. Er dachte und sprach ja schon
in einem Jargon, der ganz schlielich nur ihm selber verstndlich war, er
gebrauchte Ausdrcke, Bilder, Gedankenverbindungen, operirte mit Anschauungen,
die an innerer Bedeutung und selbstndigem Curswerth entschieden verlieren
muten, wenn sie zu der glatten, abgetragenen, abgeschabten Sprache der
Auenwelt in Beziehung gebracht wrden.
    Eines Abends hatte sich Adam von einer stilleren, flssigeren Stimmung in
Beschlag nehmen lassen. Stunden eines klaren, krftigen Denkens waren
vorhergegangen. Eine gewisse, nicht gerade ganz triviale Zukunftshoffnung war in
seiner Seele emporgewachsen. Und wenn es wahr ist, hatte sich Adam schlielich
gesagt, da es ein Wesensmoment des Modernen ist, sich zuerst in gewaltigen,
ueren Fortschritten, in Errungenschaften mehr technischer Natur, darzustellen,
so wird zweifellos dieser Zeit wieder einmal eine Zeit der Verinnerlichung
folgen. Das Pathologische und Psychopathische unserer Tage wird sich in der
Zukunft zum normal Psychischen umwachsen. Man wird eine groe Flle von
Vorurtheilen und veralteten Anschauungen zusammenschlagen, wenn die Erkenntnisse
der Psychophysik erst Gemeingut grerer Massen geworden sind. Die Mystik ist
eines Tages vielleicht eine ganz gerechtfertigte Wissenschaft. Denken und Thun,
Urtheil und Handlung werden im Geiste einer humaneren Auffassung der Dinge,
einer toleranteren Anschauung der Welt und ihrer Verhltnisse ausgebt werden.
Nchterner vielleicht wird diese Menschheit der Zukunft sein, aber wohl auch
mavoller, aber wohl auch - gerechter. Der blutige Kampf ums Dasein, dieses
Ringen um Leben und Tod unserer Tage, wird gemildert und gesnftigt werden.
Erkennen, Ergrnden psychischer Gesetze: das ist die Hauptaufgabe der modernen
Forschung. Das Neue ist dabei, sich seine Formen zu schaffen, sich sein Nest zu
bauen. Wthende, satanische Strme werden an diesem Neste noch herumzausen. Aber
alle Strme wird es berdauern. Und einmal wird die Zeit gekommen sein, wo sich
das Neue heimisch fhlt in seiner Umgebung. Nicht mehr nach Wahrheit, nur noch
nach Wahrheiten wird die Menschheit ihre Columbusfahrten unternehmen.
    Adam kannte sich viel zu gut, als da er nicht htte wissen sollen, da
diese Stimmung sehr bald wieder abgeflossen sein wurde. Er spintisirte da vom
Allgemeinen aus ins Allgemeine hinein und dachte kaum daran, sich der Theilnahme
an jener wissenschaftlichen Pionirarbeit noch fhig zu erachten. Aber es war
seine Art, derartige leichtere, lebhaftere Stimmungen zu irgend einer kleinen,
spontanen That zu benutzen. Und so kam ihm jetzt der Gedanke, durch einen
gleichsam improvisirten, khn hingeworfenen Brief einmal unmittelbar an Lydia
heranzutreten. Wollte er damit das Gedeihen seiner ... Zukunftsernte frdern?
War es ihm Bedrfni, irgendwelche Hoffnungen und Erwartungen auf seine
Beziehungen zu Lydia zu setzen? Wollte er bewut diese Beziehungen pflegen, um
eines Tages Vortheile, die sie brchten ... etwa brchten, einheimsen zu knnen?
Diese psychologische Selbstinquisition belstigte ihn schon wieder ein Wenig und
fdelte seinen verknoteten Drang auseinander. Und doch fand er sich pltzlich
vor seinem Schreibtische sitzen und sich einen mit discretem Moschusparfum
getrnkten Briefbogen zurechtlegen. Und Adam faselte in seiner, in
khn-coupirtem Stil sich ausgerenkt vergliedernden Epistel so viel zerfahrenes
Zeug zusammen, da es ihn nachher, als er es noch einmal berflog, viel zu
geschmacklos dnkte, als da noch ein Witz dabei herauskme, wenn es nicht an
seine Adresse abgeschickt wrde. -

                                     VIII.


Adam wartete zwei Tage. Von Lydia kam keine Antwort. Hatte ihr die spontane
Auslassung mifallen? Jedenfalls doch! Aber was that das? Das war im Grunde so
nebenschlich, so belanglos. Ein Wenig allerdings war Adams Eitelkeit verletzt.
Und der Herr Doctor bedauerte wirklich aufrichtig, seinen bunten Augenblickskram
abgeschickt zu haben. Zudem war er heute wieder in einer ganz anderen Stimmung.
Seine normale Apathie hatte von Neuem Gewalt ber ihn genommen. Die Welt
rempelte ihn zu wenig an. Er mute Waffen klirren hren. Dann konnte er noch
aufflammen.
    Mittags beim Speisen fiel Adam ein, heute bei Doctor Irmer den
beabsichtigten Besuch zu machen. Mit Hedwig zusammenzutreffen - es hatte
immerhin Etwas fr sich. Und doch reizte es ihn auch eigentlich nicht. So
beschlo er denn zu der Stunde, wo Hedwig in Caf Caesar die Zeitung abzuholen
pflegte, also von Hause abwesend war, ihren Vater heimzusuchen. -
    Ist Herr Doctor Irmer zu sprechen -?
    Ich wei nicht ... der Herr Doctor - wen darf ich melden?
    Adam suchte seine Karte hervor und hielt sie dem Mdchen hin. Dabei warf er
einen kurzen, scharfen Blick auf das Dirndl. Das wurde ein Bissel verlegen und
errthete. Das Ding war nicht bel. Eine kleine, untersetzte, volle Gestalt.
Allerdings etwas lotterig und unsauber, von Spuren grober huslicher Arbeit
berset. Das Mgdlein wischte sich die rothen, unfeinen, unappetitlichen Hnde
an der dreckigen Schrze ab, ehe sie Adam die elegante, elfenbeingelbe
Visitenkarte zaghaft-tppisch abnahm.
    Der Herr Doctor lt bitten ...
    Das Mdchen ging auf dem schmalen, schattendurchdunkelten Corridor vor Adam
her. Der konnte sich nicht enthalten, einen Augenblick die Finger seiner
glacgantirten Rechten um den vollen, linken Oberarm der kleinen ancilla
amandissima zu spannen.
    Ein leises, Entrstung, Ueberraschung und heimliches, verhaltenes Vergngen
zugleich verrathendes Na! lie sich hren. Der Arm entschlpfte.
    Adam ging auf Herrn Doctor Irmer zu, der im Sessel vor seinem Schreibtische
sa und den Kopf halb zu dem Eintretenden hingewandt hielt.
    Verzeihen Sie, Herr Doctor, da ich mir die Freiheit nehme, Sie
aufzusuchen. Aber - nun - offen gesagt: Sie interessiren mich. Ich hatte neulich
die Ehre, Ihr Frulein Tochter gelegentlich eines Soupers bei Herrn Quck kennen
zu lernen. Und da erfuhr ich - (Adam improvisirte eben wieder einmal) - da
wir so etwas wie ... wie - verzeihen Sie! - das Wort ist eigentlich hlich,
aber man hat es nun einmal so an der Hand - da erfuhr ich also, da wir Collegen
wren. Sie haben auch schon verschiedene philosophische Schriften verffentlicht
- ich allerdings ... noch nicht - aber die Philosophie ist doch das Einzige
geblieben, was mir noch ein gewisses Interesse einflt. Im Uebrigen ... mein
Gott! Man wird alt und mde, nicht wahr? - blasirt ... nicht wahr? - gt ...
rt ...
    So ... so! ... Aber bitte ... nehmen Sie doch Platz, Herr Doctor ... Ich
habe leider keine Gewalt mehr ber mich ... kann mich nur wenig bewegen ... Sie
mssen mir schon erlauben, hier sitzen zu bleiben ...
    Die Worte waren leise, mhsam, fast ohne jede Tonfrbung gesprochen. Auf dem
bleichen Gesicht Herrn Irmers lag ein Ausdruck, der halb Hlflosigkeit, halb
Verlegenheit verrieth. Irmer war nicht gewhnt, Besuche zu empfangen. Zudem
befremdete ihn wohl auch die etwas burschikose Art, die abgebrochene
Gestndnihaftigkeit Adams.
    Adam schob seinen groen Schlapphut nachlssig ungenirt in ein Fach des
Bcherrcks und warf sich in die Sophaecke.
    Eine Pause entstand. Doctor Irmer blickte fragend, erwartend, verlegen zu
seinem Gaste hinber.
    Sie schriftstellern also auch? fragte er endlich.
    Schriftstellern? Mein Gott! Nun ja, wenn man's so nennen will ... Aber weit
ist's damit Gott sei Dank! nicht her - ich bin durchaus kein sogenannter
Schriftsteller von Beruf - um Himmelswillen - nein! ... nein! ... Ich habe Dies
und Das gemacht - einige Artikel philosophisch-kritischen, nationalkonomischen,
literarhistorischen Charakters fr Zeitungen zusammengestoppelt - ein paar
lngere Aufstze ber psychophysische Materien fr wissenschaftliche Fachbltter
geliefert - na! das ist aber auch Alles ... Allerdings ... nicht zu vergessen
die ulkigen Brochren, die mich momentan beschftigen ....
    Das war leichthin, nachlssig gesprochen, ohne weitere innere Theilnahme,
mit dem Accente halb ehrlicher, halb affectirter Selbstironie.
    Herr Doctor Irmer nickte mit dem Kopfe. Wiederum trat eine Pause ein. Was
wollten die beiden Menschen nur von einander?
    Adam musterte seine Umgebung. Zur Noth konnte man diese Einrichtung ja
behaglich nennen! Und doch athmete das Zimmer einen Geruch der Aermlichkeit aus,
der kaum verschleierten, kaum zu verkennenden Nchternheit, der Adam etwas
beklemmte. Er liebte den mit feinem, sthetisch durchgebildetem Geschmacke
angewandten Luxus. Er bewohnte selbst zwei sehr comfortabel ausgestattete
Zimmer, die ihn eigentlich mehr kosteten, als er nach seinen Verhltnissen an
Miethszins dafr htte ausgeben drfen. Aber es war ihm Bedrfni, in einer
vornehmen, eleganten, weichen, mit knstlerischem Verstndni arrangirten
Umgebung, die soviel als mglich alle trivialen, hyperboreischen Reibungen
berflssig machte, zu leben. In dieser Hinsicht besa Adam also auch sehr
epicureische Gelste.
    Was enthalten denn die Brochren, die Sie jetzt geschrieben haben, Herr
Doctor? fragte Irmer endlich.
    Ach Gott! das sind mehr feuilletonistische Stilbungen. Ich lege weiter
keinen Werth auf sie. Moderne, zeitgeme Themata brigens. Hoffentlich bringen
sie mir ein paar Dreier ein. In dem einen Hefte habe ich allerlei Pikanterie'n
ber das specifische Wesen des deutschen Gymnasiallehrers ausgekramt - - ich
hatte nmlich selbst einmal die Ehre, einem Prceptorencollegium anzugehren,
Herr Doctor - na! und da lernt man ja diese famose, menschliche ple-mle-Speise
kennen - in dem ander'n Hefte, das aber noch nicht ganz fertig ist, plaudere ich
ber - - oder sagen wir meinetwegen: liefere ich eine psychologische Analyse des
geistigen Proletariats von heute - modern, wie gesagt, zeitgem sind die Motive
jedenfalls ...
    Ja! ... Ja! ... versicherte Doctor Irmer zustimmend. Er sah vor sich hin.
Sein Gesicht nahm sich sehr nachdenklich aus. Zugleich etwas schmerzhaft
verzogen. Adam konnte sich des Gefhls nicht erwehren, da sein Gegenber
bedauerte, auf den Gedanken, derartige brennende Fragen zu behandeln, nicht
selbst gekommen zu sein.
    Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft, Herr Doctor -? fragte Irmer
drauflostolpatschend.
    Ich interessire mich aufrichtig fr die Dame, gestand Adam lachend. Sie
kennen die orientalische Methode, Herr Doctor, zwei Wesen zu copuliren, die sich
nie gesehen haben: so kommt es mir immer vor, wenn ich an mich und meine Zukunft
denke ... Schlielich ergeht es ja jedem Individuum also ... aber Unsereiner -
hm! nun! ich wiederhole: ich interessire mich sehr ... sehr ... fr meine ...
Zuknftige ...
    Ihr Frulein Tochter ist nicht zu Hause -? fragte Adam nach einer Weile.
Er hatte vergeblich einer Erwiderung Irmers auf seinen spaigen Vergleich
geharrt.
    Nein! . die macht sich um diese Zeit immer etwas Bewegung. Das arme Mdchen
kommt ja sonst nicht viel heraus. Hedwig ist mein Ein und Alles, ohne sie wre
ich vollstndig hlflos, sie liest mir vor - ich dictire ihr - ich habe sie ganz
in meine philosophische Weltanschauung eingefhrt. Ich glaube, sie hat
berwunden und die groe Lebensillusion erkannt ...
    Prost! wre es Adam beinahe ber die Lippen gefahren. Im letzten
Augenblicke hakte er das fatale Wrtchen noch zurck. Sie sind
Schopenhauerianer, Herr Doctor? vermochte er nun zu fragen.
    Nicht eigentlich ... Ich bin berhaupt kein Anhnger eines bestimmten
Systems - eben aus Philosophie ... Sie erinnern sich des Schiller'schen
Distichons ... Ich denke und forsche. Nur die Erkenntni ist real ...
    Gewi! Aber um erkennen zu knnen, bedarf man, abgesehen von der
psychischen Grunddisposition, einer gewissen inneren, durchgesiebten Flle, die
indentisch mit Stille und feiner, leise vibrirender, seelischer Gespanntheit ist
... Und der Besitz dieser Gespanntheit hngt doch vielfach von den ueren
Verhltnissen ab - von Verhltnissen, die man in der Erkenntni als werthlose
Illusionen verwerfen mu ... und die trotzdem die Bedingungen sind, sine quibus
intelligi non possit, nicht wahr? Das Reale ist vom Abstrakten abhngig, nicht
das Abstrakte vom Realen ...
    Hm ... hm ... Irmer fuhr sich mit den weien, schmalen, knochigen Fingern
seiner rechten Hand ber die hohe, durchfurchte, krankhaft ausgebleichte Stirn.
Und schlielich wissen wir doch Nichts - fgte er mit leiser, mder, umflorter
Stimme hinzu.
    Haben Sie's fertig gebracht, ganz zu verzichten, Herr Doctor? fragte Adam,
weniger, um das Gesprch zu vertiefen, als um es weiterzuspinnen. Es war ihm
pltzlich eine bezwingende Sehnsucht nach Hedwig in die Seele getreten. Er htte
heute zu gern noch einmal ihr trotzig-gleichgltiges Gesicht vor sich gehabt, zu
gern noch einmal den Blick ihres schweren, dunklen Auges herausgefordert. Also
durfte er die Unterhaltung um keinen Preis an der galoppirenden Schwindsucht
crepiren lassen.
    Ganz zu verzichten - das ist wohl aus psychologischen Grnden unmglich ...
Einige Nabelschnre drfen wohl nicht reien ...
    Aber warum denn berhaupt verzichten, Herr Doctor? Ich finde zeitweilig das
Leben dmonisch schn ... dmonisch berauschend ... ich glaube fast: sogar auch
in diesem Augenblicke ... Ja! Gewi! Es kann Einem jede Sekunde eine Dachziegel
auf den Kopf fallen ... und man luft immer Gefahr, irgend einen Fu oder irgend
ein Genick zu brechen ... Aber warum soll man den der menschlichen Natur
immanenten Leichtsinn - und nur er exportirt ja das Oel, welches die
schaurig-groben Reibungen des Lebens verringert - tragisch nennen, wie so viele
alte und junge Unglckstanten thun? Leben wir doch drauf los! Mag's doch kommen,
wie 's will! Eine geradezu fanatische Lebenssehnsucht krampft sich manchmal in
meinem Herzen zusammen. Es giebt ja namenlos viel Unglck und Elend auf der Welt
... ja! ... ja! . ich wei es recht gut ... Was die Armuth leidet, die nackte
und die versteckte, - es ist unsagbar ... Der Mensch liebt das
Vergleichungsverfahren. Das ist sein Grundelend. Ich wohnte einmal bei einer
Familie, wo die Frau Tag ein, Tag aus, vom frhen Morgen bis zum spten Abend,
weiter Nichts zu thun hatte, als Magd und Mutter zu spielen ... Unsereiner kann
die Enge, die Monotonie, die Schmucklosigkeit, das grenzenlos
Mechanisch-Marionettenhafte einer solchen Existenz gar nicht fassen. Und dabei
diese Bedrfnilosigkeit! . Es ist unglaublich, wie beschrnkt der
Anschauungskreis ist, in dem eine solche Kleinbrgerfamilie lebt! Immer
dieselben Pflichten, dieselben Arbeiten, dieselbe Beurtheilung des Lebens,
dieselben Sorgen, dieselben Gedanken, dieselben Worte, dieselben Eindrcke,
dieselben Gedanken- und Vorstellungsverbindungen! ... Und tglich die gleichen
Lebensbedingungen! ... Ich machte mir fter das, meinetwegen: das etwas
wohlfeile Vergngen, ganz meiner Natur gem, in meiner Art, in meinem Jargon
mit der Frau zu verkehren: sie verstand mich einfach nicht. Die Kluft, welche
individuelle Civilisation, eigene Geistescultur hier geschaffen, ist
unberbrckbar. Und doch kann ich nicht umhin, selbst von meinem Standpunkte
aus, der vielleicht ein Kirchthurmstandpunkt ist gegenber dem - halten Sie mir,
bitte! den Vergleich zu Gute, - also gegenber dem Dngerhaufenstandpunkte jener
Kleinweltsleute - vielleicht aber auch nicht! giebt es denn etwa einen einzigen,
wirklich competenten Mastab? - selbst also bei diesem Sehverhltni mu ich
etwas Heroisches in dem stillen Aufsichnehmen, in dem beinahe kritiklosen
Ertragen aller jener erbrmlichen Lebensumstnde sehen. Eine solche Frau aus dem
Volke bleibt mit ihren kleinen und ihr doch so wichtigen Sorgen um Wirthschaft
und Kinder fast immer hinter den Coulissen, kommt uerst selten auf die Bhne
des Lebens. Sie sorgt sich und qult sich den ganzen lieben Tag ab und opfert
schlielich auch den grten Theil der Nacht ihren Kindern ... jammert wohl auch
fter 'mal und sthnt auf - und arbeitet, trgt, ertrgt morgen doch wieder so
geduldig, wie sie gestern gearbeitet, getragen und ertragen hat ... Aber ich bin
ganz von dem abgekommen, was ich eigentlich sagen wollte. Jenes
Vergleichungsverfahren, das ich vorhin das Grundunglck der Menschheit nannte,
begiebt sich brigens auch bei den Mrtyrern der Beschrnktheit nicht ganz
seines Einflusses ... Aber hier, wo Alles noch einigermaen niet- und nagelfest,
wenn auch ungeheuer eng und klein ist; wo die Reifen nicht vom Fasse springen,
hchstens einmal aufknarren - hier ist zum Gebrauch der Comparation
verhltnimig wenig Zeit brig ... und wo sie unwillkrlich gebt wird - und
das geschieht allerdings ziemlich oft - macht sie bei der Lage der Dinge
hchstens eine bse Stunde, kaum einen bsen Tag ... Die entfesselte Noth, die
grollende, aussichtslose Armuth bietet der Phantasie einen viel fruchtbareren,
viel gnstiger prparirten Mutterboden. Doch ich bin immer noch nicht bei dem
angelangt, auf das anfangs hinauswollte. Also ... ja! ... warum durchaus - warum
partout, wie man im Deutschen sagt, verzichten, Herr Doctor? Ich mchte das
Leben noch einmal entfesseln ... noch einmal inbrnstig, leidenschaftlich an die
Brust reien ... wie ein weiches, saftiges, halb durchgebratenes Stck
Filetfleisch zwischen die Zhne schieben und tchtig draufloskauen ... Das mu
doch ganz kstlich sein! . Reisen ... abenteuern, sich neuen Eindrcken
berlassen ... von neuen Erlebnissen ganz hingenommen, ganz eingepkelt werden
... in eine neue Umgebung ... in neue Verhltnisse kommen ... gegen den Strom
jedweder Gewohnheit schwimmen ... natrlich schwimmen ... der Nchternheit durch
feinstes, epicureisches Lebensraffinement den Kopf zertreten ... Talent und
Glck besitzen, um groe, tiefe, volle Stimmungen provociren, genieen,
festhalten zu knnen -: ich denke mir, wenn man das so knnte, wie man das so
wollte, es mte diesem sogenannten Dasein doch Reiz, Gestalt, Werth verleihen
... Ich glaube: so blasirt - oder wenn nicht im Weltmannssinne des Wortes
blasirt, so doch: so gleichgltig ich gegen das Alles auch bin, was ich jetzt
besitzen, genieen ... oder mit forcirter Resignation verschmhen darf - ich
glaube: kme ich in eine Sphre hinein, wo ich allen meinen Launen und
Bedrfnissen frhnen, wo ich mir Natur- und Kunstgensse ... wo ich mir Frauen,
Wein, Spiel Sport, Luxus, kurz ein im groen Stile gehaltenes, im groen Stile
ausgegebenes, sthetisch feingeistig bestimmtes, reich nuancirtes Leben
gestatten drfte - ich wrde mit beiden Hnden zugreifen und mit liebenswrdiger
Bereitwilligkeit vergessen, da ich einmal in Schopenhauer'schem
Panillusionismus gemacht habe - das Mrchen von den Trauben, die man sauer
findet, weil sie zu hoch hngen, Herr Doctor - nicht? Und mir scheint zudem
auch: die individuelle Seelendisposition lt sich in jungen Jahren noch ganz
gehrig von den Verhltnissen, also auch von eventuell neuen Einflssen, die
wirkend werden, durchcorrigiren ... Man verbeit sich nun so oft in sich, weil -
nun, weil es Einem unbequem - ja! eben unbequem ist, mit der grten Freundin
der Menschheit, mit der dreimal heiligen, dreimal gebenedeiten Gewohnheit zu
rechnen, die Alles ebnet, Alles siebt, Alles schlichtet, Alles glttet und
vershnt .... Das ist gewilich wahr! .
    Irmer lchelte, halb gutmthig-belustigt, halb ironisch. Ich habe das
Gefhl, Herr Doctor, begann er sodann, nachdem er eine kleine Pause nach der
buntscheckigen Rede Adams hatte verstreichen lassen, - da das Alles gar nicht
Ihr Ernst ist ... Ich hre nicht gut ... und Sie sprechen auch nicht sehr laut,
aber mir kommt es vor, als ob Ihre Stimme etwas spttisch geklungen htte
vorhin. Nun ... ich habe eine andere Art ... wenn ich damit auch nicht gesagt
haben will, da ich nicht auch einmal so wie Sie gedacht, gewollt und gewnscht
htte ... das ist aber schon ein Weilchen her ... so ein paar Jahrzehnte. Gehen
Sie hinaus in die Welt, lieber Doctor! Sie sind noch jung ... Und wenn Sie lter
... alt - lter ist manchmal weniger, als alt - geworden sind, auf ganz
gewhnliche, hergebrachte Weise alt ... physiologisch khler und enger ... dann
kommen Sie wieder ... und Sie sind wieder Pessimist, wie es Kant, Schopenhauer,
Goethe, Humboldt und die ganze Gesellschaft von Kerlen, die Etwas bedeutet
haben, gewesen sind ... On revient toujours ... Sie verstehen - das ist auch in
der philosophischen Weltanschauung nicht anders. Der Pessimismus des Alters
unterscheidet sich von dem der Jugend nur dadurch ... oder wenigstens in der
Hauptsache nur dadurch, da ihm auch starke ethische Elemente legirt sind ...
    Hm! Ich mu allerdings gestehen, da es mit meinen ethischen Principien
ziemlich schlecht bestellt ist ... Aber ... verzeihen Sie, Herr Doctor ... da
kommt mir eine Frage - ich will im Himmelswillen nicht indiscret sein - nun -
also: finden Sie es mit Ihren ethischen Normen vereinbar, da Sie Ihr Frulein
Tochter, die jung ist, wie ich, und gewi Stimmungen, Bedrfnisse, Wnsche hat,
wie ich - ich schliee einzig und allein per Analogie - da Sie Ihr Frulein
Tochter also ganz in die Hnde Ihrer Entsagungsphilosophie liefern? - Halten Sie
diese Praxis fr absolut richtig -?
    Adam sah bei diesen, nicht ganz sicher und unbefangen gesprochenen Worten
auf die Fingerngel seiner rechten, nach innen gekrmmten, in Schrittweite dem
Gesicht genherten Hand - er hatte die Glacs, die ihm nicht besonders zu der
schlichten Umgebung zu passen schienen, schon vorher abgezogen - er sah auf die
Fingerngel seiner rechten Hand, als wollte er sich in den kleinen, glnzenden
Flchen spiegeln.
    Ah ... Hedwig! ... Nun ... Nun ... ich ... ich - meine Tochter hat schon
viel durchgemacht, Herr Doctor ... sehr viel. Ich glaube, es ist Zeit, da sie
zum Frieden kommt. Und dann ... warum soll ich's nicht gestehen? ... etwas
Egoismus ist meinerseits dabei wohl auch im Spiele. Ich bin, wie schon bemerkt,
gnzlich abhngig von meiner Tochter ... Wir arbeiten zusammen, sie liest mir
vor ... ich dictire ihr ... wenn sie mich verliee - ich knnte nicht
weiterleben ... Wenn sie der Welt noch einmal zum Opfer fiele - sie mte erst
mich ... erst meinen Sarg bei Seite schieben ... er wrde ihr den Weg versperren
... Das war noch leiser, noch unverstndlicher, undeutlicher gesprochen, als
gewhnlich. Irmer hatte das Haupt schwer, tiefgebeugt auf die Brust fallen
lassen ... als wrde es von den Henkersknechten des Schicksals niedergedrckt.
Der Mann schaute starr vor sich hin.
    Adam erhob sich und griff nach seinem Hute.
    Ich danke Ihnen, Herr Doctor, fr die Anregung, die Sie mir gegeben ... Und
hoffentlich ... hoffentlich ist es nicht das letzte Mal, das wir
zusammengeplaudert. Die Welt ist gemein ... ganz Recht! ... und die Menschen
sind Bestien ... sie schwatzen und klatschen und kritisiren und ... keifen und
... zucken die Achseln und treten einander todt ...

Hlfreich ist der Mensch,
Edel und gut -
Doch zuweilen, wenn er gerade Durscht hat,
Suft er seines Nchsten Blut ...

    Eh bien! ... Das ist eine bekannte Geschichte ... Doch das ist der
Pessimismus der Jugend, der zwanziger Jahre ... Man findet Alles gemein, weil
man Alles noch zu allgemein findet ... finden mu ... Qu 'importe? Wenn ich
nicht zu sehr Ihre Kreise stre, Herr Doctor - -
    Bitte! ...
    Also auf Wiedersehen! ... Wollen Sie mich gtigst Ihrem Frulein Tochter
empfehlen ... Ich habe die Ehre! ...
    Adieu! ...
    Adam verlie das Zimmer. Auf dem Corridor athmete er einmal tief auf und
schaute unwillkrlich nach der feschen Dienstmaid aus. Er htte zu gern eine
kleine Abwechslung gehabt. Aber das Mdel blieb unsichtbar.
    Als Adam die letzten Treppenstufen hinunter schritt, betrat Hedwig den
Hausflur. Der Herr Doctor ging langsam an ihr vorber und grte sehr frmlich.
Die Dame nickte kurz.
    An der Thr wandte sich Adam noch einmal um. Frulein Irmer stieg ruhig die
Treppe hinauf.
    Adam gab einen kurzen, grellen, scharfen Pfiff von sich. Dann schlug er die
groe, schwere, ungefge Thr hinter sich zu. -
    Endlich war Nachricht von Lydia gekommen. Frau Lange schrieb mit kleiner,
schrger, nicht besonders gebter, kaum charakteristischer Schrift:

        Werther Herr Doctor! Wollen Sie morgen Abend die bewute Tasse Thee bei
        mir trinken -? Gegen acht Uhr - ja? Bitte, bringen Sie doch die Stimmung
        wieder mit, in der Sie den Brief geschrieben! Er hat mir viel Vergngen
        gemacht, trotzdem ich ihn wohl noch nicht ganz verstanden habe. Wir
        wollen ihn noch einmal gemeinschaftlich durchstudiren. Haben Sie Ihr
        Bibelcapitel fertig? Ich habe leider wieder sehr viel Abhaltung gehabt.
        Mit bestem Grue
                                                                   Lydia Lange.

    Oy sxedon ti meinte Adam schmunzelnd, befriedigt. Und er las das Billet
ein zweites Mal. -

                                      IX.


Am nchsten Tage schwankte Adam unaufhrlich in seinen Stimmungen hin und her.
Er wute wieder einmal nicht ein noch aus. Es war ihm wieder einmal das Talent
ganz abhanden gekommen, sich von der Widerspenstigkeit der Objecte anziehen,
belustigen zu lassen. Das kann doch zuweilen wirklich sehr amsant sein.
Zweifelte er an sich, an seinen Krften und Fhigkeiten? Er besa ein sehr
schlechtes Gedchtni fr sich. Eine erneute Stimmung nahm ihn immer so ganz
hin. Und war das gerade eine Stimmung marternder Geisteszerrissenheit, so mute
er ganz vergessen, da ihm einmal klarer, einfacher, unmittelbarer, praktischer
zu Sinn gewesen. Es lastete ein unerklrlicher Druck auf ihm, eine
gerechtfertigt-ungerechtfertigte Trauer ... eine peinigende, gegenstandslose
Betrbni ... kein schneidender Gethsemaneschmerz ... eine lhmende,
zusammenzwingende Schwere. Er hatte keine Freude daran, die kleinen Arbeiten des
Lebens auf sich zu nehmen. Nichts Groes erschtterte ihn, das kleine Gewrm
halber, angedeuteter Gefhle verleidete ihm das Leben, welches ihm doch manchmal
mit seinem bunten Wirrwarr, seinem unermdlichen Farben- und Formenspiel so
unendliche Reize bieten konnte. Warum sollte er heute Abend zu Lydia gehen? Es
war doch eigentlich nicht der geringste Grund dazu vorhanden. Gewi! Er wollte
ihr im letzten Augenblick noch abschreiben - das war das Gescheiteste. Er konnte
nicht fr sich gutsagen. Er hatte die Empfindung, als mte er heute Frau Lange
gegenber zu bizarr in seinem Betragen, zu willkrlich sein. Oder wrde ihn die
fremde, gewi vornehme, in eigener Ordnung ausgebaute Umgebung doch einengen?
Wrde seine zwar nicht besonders groe, aber noch immerhin gengende Fhigkeit:
Cavalier, Gesellschafter zu sein, hervortreten, sobald er Lydia gegenber stand?
Er hatte ja schon, wie er sich uerlich erinnerte, eine ganze Reihe derartiger
Jongleurkunststcke fertig gebracht. Aber Hedwig? Hedwig? Wie stand er zu ihr?
Liebte er sie? Er hatte sich allerdings sehr oft eingebildet, ein Weib zu lieben
- und er hatte sich fr dasselbe schlielich nur interessirt, ganz beilufig
interessirt. Er hatte Gefallen an ihm gefunden, irgend Etwas hatte ihn
gereizt: schnes Haar; schne Augen; gracise Beweglichkeit des Oberkrpers;
Halbflle der Gestalt; ein kurzer, entschiedener Tritt; oder Naivett des
Herzens; das Parfum geistiger Selbstndigkeit; Unbeholfenheit oder
Schlagfertigkeit ... Vorurtheilslosigkeit ... Coquetterie ... ehrliche oder
gemachte Verschmtheit ... oder so etwas Aehnliches ... Und Hedwig? Ja! Ja! Es
wurde ihm mit bezwingender Deutlichkeit klar: er liebte sie - liebte sie mit
all' der Glut und Leidenschaft, deren er noch fhig war ... die er noch fr sie
aus allen seinen frheren, engeren oder loseren Beziehungen und Verhltnissen
hatte retten mssen. Der Gedanke an sie hatte doch unwillkrlich - jetzt wurde
er sich dessen bewut - in den letzten zwei Tagen die stete Unterstrmung seines
Seelenlebens gebildet. Immer wieder war ihr Bild vor ihm aufgetaucht, manchmal
schrfer, deutlicher, manchmal unklarer, schwcher, linienmatter. Er hatte der
einzelnen Gelegenheiten gedenken mssen, die ihn mit ihr zusammengefhrt. Er
hatte sich die Worte ... das Herber und Hinber ... das bewegte Widerspiel der
Gefhle und Gedanken wiederholen mssen, die ihn in ihrer Gegenwart besessen,
die sie ihm zu verstehen gegeben, die sie ihn hatte ahnen lassen, oder die er
ihr anvermuthet. Er hatte viel an sie gedacht, viel ber sie nachgedacht ...
hatte sich gefragt: wo sie wohl in dieser Stunde wre ... was sie thte ... wie
sie jetzt ihr Verhltni zu ihrem Vater auffate ... ertrge ... ob er selbst
vielleicht schon eine kleine Rolle in ihrer Welt spielte? ... Aber was zog ihn
nur zu ihr hin? Reizte sie seine Sinnlichkeit? Eigentlich nicht. Seit jenem
Abend bei Herrn Quck, wo der Wein sein Blut aufgejagt, wo ihm Lydia's
Raffinement und Coquetterie brennendes Begehren in die Brust getropft ... mit
berechnender Grausamkeit langsam getropft hatte; wo er sich wohl nur aus Trotz
gegen das schne, verfhrerische Weib - wenigstens wie er sich heute einbildete
- Hedwig genhert - seit jenem Abend hatte deren Gegenwart oder die Erinnerung
an sie eine immer nur mit geringen Sinnlichkeitsaffecten verbundene Sympathie in
ihm ausgelst. Nun denn! - so mute es eben ihr Schicksal sein, was ihn reizte.
Oder etwa ihre Sprdigkeit? Ihre Art, kalt und bestimmt abzuweisen ... ihre wie
selbstverstndlich dargestellte ... Selbstndigkeit? Es war doch merkwrdig! Und
da! ... da schumte es auch in ihm auf ... da begehrte er pltzlich, diese
Ungeberdigkeit zu zhmen, diesen Trotz zu brechen, diese Klte zu bezwingen ...
Da wute er, wie s und berauschend es sein mte ... es wahr und wahrhaftig
sein wrde, diese herben Lippen zu kssen ... diesen verschlossenen Mund zu
kstlichen Gestndnissen zu bewegen ... Ein fanatischer Sehnsuchtsrausch war jh
ber ihn gekommen. Ein starkes Leben durchpulste ihn ... ein einziges Wollen
erfllte ihn ganz. Seine Phantasie umhing die Geliebte mit Reizen, die sie kaum
besa. Aus allen Poren strmte Adam der Drang ... quoll ihm das glhende
Begehren der entfesselten Leidenschaft heraus ... Aber da verflchtigte sich
auch die heie Sehnsucht des Blutes schon wieder. Eben war Adam noch der Gedanke
gekommen, da es doch eigentlich ganz praktisch sei, in dieser
sinnlich-empfnglichen Stimmung zu Lydia zu gehen. Hedwig ... oh! Die Erinnerung
an sie konnte seine Phantasie wohl mit tausend verfhrerisch-reizvollen Bildern
speisen. Aber die Wirklichkeit? Die Dame war doch eigentlich schon zu
eingefroren, zu steif, zu erkaltet. Und Adam liebte das Spontane, das
Tumultuarische am Weibe ... das pltzlich Hervorbrechende, elementar
Hinreiende. Und doch reizte ihn im Grunde ein Weib ... jedes Weib nur so lange,
als es sich ihm entzog, als es seine Selbststndigkeit mit starkem Nachdruck
aufrechterhielt. Die geringste Nachgiebigkeit khlte ihn ab ... khlte ihn
besonders dann sofort ab, wenn sie mit einer gewissen Apathie und gleichgltigen
Nachlssigkeit in Scene gesetzt wurde. Adam liebte es, Quellen aus Felsen zu
schlagen. Die erste strmische Glut, mit der das junge Wasser an's Licht trat,
reizte ihn. Nachher ... nachher wurde ihm das Wasser in der Regel bald ... bald
sehr, sehr langweilig. Er beobachtete es hchstens noch mit dem Interesse des
objectiven Wissenschaftlers. Nein! nein! Das war Unsinn - er liebte Hedwig nicht
... nicht im Mindesten. Wie war er nur in aller Welt darauf gekommen, sich das
einzubilden, sich das vorzudeclamiren! Es dnkte ihn nur pikant ... weiter
nichts als pikant, auf sie zu wirken, sie zu beeinflussen, sie zu beunruhigen
... in den zhen, trge geronnenen Lauf ihres verstockten und verkmmerten
Lebens allerlei neues, eckiges, strudelerweckendes Zeug hineinzuwerfen. Er
wute, da er das Weib eines Tages einmal kssen wrde. Vielleicht war er auch
im Stande, im Aufruhr der Stunde noch intimere Leidenschaftsbeweise zu
erzwingen. Und dann? Dann mute er die angebissene Frucht nach den Gesetzen
seines Organismus eben wegwerfen. Eine grausame Unzuverlssigkeit gehrte ihm an
Oh! Er wute: einmal hatte er mit dieser grenzenlosen Gleichgltigkeit nur
gespielt. Es war ihm pikant gewesen, sich ihren Besitz anzudichten, vorzulgen.
Und nun? Nun besa er sie wirklich - und die Brutalitt dazu, sie halb bewut,
halb unbewut vor sich und Anderen verleugnen zu knnen ... oder er prunkte mit
ihr. Und da gefiel es ihm fter, sie fr harmlose Coquetterie auszugeben, wo sie
doch wohl nur traurige Thatsache war. Nein! Frulein Irmer war Adam in diesem
Augenblicke nichts ... absolut nichts. Warum sollte er heute Abend also nicht zu
Lydia gehen? In seinem Spiegelschrnkchen trieb sich eine Anzahl verbrauchter
Glachandschuhe ... eine sehr niedliche Sammlung abgetragener Shlipse und
Schleifen herum. Die Sippschaft fiel Adam in die Augen, als er nach seiner Eau
de Cologne-Flasche suchte. Er nahm einen Handschuh zwischen die Finger und
betrachtete ihn sehr gedankenvoll. Das Leder war mrb, brchig, rauh, hier
schlaffer, dort hrter, steifer geworden .... wie gedrrt, runzelig
zusammengetrocknet. Die Farbe unreinlich, verschossen, stark verschmutzt.
Allenthalben geplatzte Nhte ... ein Knopf war abgesprungen, ein anderer lie
seinen schmutzig-gelben Messingscheitel todestraurig herabhngen. Warum schmeit
man das Gesindel nicht in die Lumpen? philosophirte Adam sehr tiefsinnig. Und er
dachte an sein Individuum. Ob ... hm! ... ob man seine Seele nicht einmal ...
nicht einmal - rasiren lassen knnte? - -

                                       X.


In tadellosem, schwarzem Gesellschaftanzuge; mit einem Gesicht, das halb mde
Gleichgltigkeit, halb obligate, gegenstandslose Neugier und Gespanntheit
ausdrckte, trat Adam Mensch einige Stunden spter in das Cabinet Lydias.
    Sie haben mich gerufen, gndige Frau - ich bin gekommen ...
    Ich danke Ihnen, Herr Doctor!
    Lydia hatte bei dem Eintreten Adams vor ihrem zartgliedrigen
Luxusschreibtische, der so gar nicht fr ehrliche, schwere Arbeit auf der Welt
zu sein schien, gesessen und war nun aufgestanden. Ein leiser Moschusduft lag im
Gemach. Auf dem Schreibtische brannte inmitten einer Flle eleganter Nippes,
inmitten einer zwanglos und doch geschmackvoll arrangirten Kleinwelt von
Statuetten, Photogrammen, Portraits, Goldschnittbndchen, lose
durcheinandergezetteltem Pergamentpapier, Muscheln und Steinen, eine
grnverhangene Broncelampe. Das mittelgroe Zimmer war von den Schatten
anheimelnder Dmmerung durchdunkelt. Die Umrisse der Mbel verschwammen, die
Farben und Muster der Teppiche und Decken hatten einen ernsten, schwarzbraunen
Ton angenommen.
    Lydia hatte die Lampe auf den kleinen, runden Tisch gestellt, der, umgeben
von einer Fauteuils-Corona, vor dem Sopha an der gegenberliegenden Breitseite
des Zimmers stand.
    Ich mu doch wohl fr etwas mehr Licht sorgen -
    Wenn ich bitten darf, gndige Frau ... diese Lichtstimmung ... es ist so
poetisch, dieses Zusammenflieen von Hell und Dunkel -
    Ja? Nun ... dann ... ich habe diese Beleuchtung auch sehr gern ... gerade
dieses clair-obscur ... Aber modern ... modern ist es doch eigentlich kaum, Herr
Doctor ... So mittelalterlich ... so romantisch ... Nun suchen Sie sich bitte
einen Fauteuil aus ... und dann will ich den Thee bestellen ... oder ... oder -
Emma wird ihn allerdings schon bereitet haben ... aber das thut ja nichts ...
sie mag ihn 'mal selbst probiren - ich schlage vor, Herr Doctor, da wir unsere
erste Sitzung mit einem Glase Steinberger Cabinet einweihen - ja ...?
    Gndige Frau - ich ... meinetwegen -
    Jetzt ist er schon so weit, da er meinetwegen sagt! fiel Frau Lange
neckisch ein. Diese Gnade, lieber Doctor! ... Ich danke Ihnen! ...
    Ich bitte ... Sie haben mich miverstanden, gndige Frau ...
    Lydia schellte. Ein Diener trat ein.
    Also einige Flaschen Steinberger, August, und sagen Sie Emma, sie mchte
auftragen.
    Denken Sie, Doctor, dieser junge Mann, dieser Weinapostel, heit August -
schrecklicher Name ... nicht? Aber er lt ihn sich nicht abgewhnen ... diese
Leute haben auch ihren Stolz ... Was will ich machen? So sehr ich mich empre -
ich mu mich schlielich fgen. Es bleibt mir nichts Anderes brig. Und der
Mensch ist doch sonst ganz tchtig und zuverlssig ...
    Adam antwortete nicht. Eine spitze, bittere Bemerkung lag ihm auf der Zunge.
Aber er unterdrckte sie. Da klagte ihm eine schne, vornehme Dame ihr Leid ...
ein Leid, das im Grunde wirklich auerordentlich schwer und herb war. Und sie
fand es der Mhe werth, an ein Nichts eine ganze Reihe von Worten zu
verschwenden. Wute sie wirklich nicht, da man sich manchmal noch in ganz ...
andere Dinge fgen mu?
    So schweigsam, Herr Doctor? Warum? Nein! ... heute Abend ... heute Abend
lieber nicht! ... Melancholisch? Nun ... vielleicht lst Ihnen der Wein die
Zunge ... Lassen Sie doch die alten, odiosen Gespenster! Bei meinem Vetter ...
neulich ... fiel es mir schon auf, da ... doch .... hren Sie! Drauen tobt der
April! Wir wollen uns recht gemthlich fhlen ... die letzte, karge
Wintergemthlichkeit ... es wird leider so bald auch auerhalb des Kalenders
Frhling ... und dann ...
    Und dann werden wir auf Ihrem Balkon sitzen, gndige Frau, und ... und -
und werden - -
    Und werden? Was Sie sich einbilden, Doctor! Doch ... pardon! ... Ja ... ich
hoffe auch - Mai ... Juni - nun! Wir wollen uns vornehmen, einen recht intimen
Frhling zu verleben ... einverstanden? ...
    Lydia! ... Adam war der Vorname Frau Lange's entfahren - er wute nicht,
wie ...
    Dummheit, Herr Doctor! Was fllt Ihnen ein! Wir sind doch zwei ganz
vernnftige Menschen! Nicht wahr? ... Was macht brigens Ihr Bibel-Capitel? ...
Nein! Wie mich Ihr hbscher Brief amusirt hat! - Aber was hat die Emma nur?
    Frau Lange schellte zum zweiten Male. In demselben Augenblicke trat das
Mdchen ins Zimmer, eine ziemlich umfangreiche Tablette nur mit Mhe vor sich
her balancirend.
    Was soll das nur heien, Emma! Du hast Dir wohl den Thee erst 'mal nher
besehen? ... Dazu war doch nachher auch noch Zeit! Und auch der ... der August
bleibt mit dem Weine - ich glaube gar, Ihr ... Emma! ... ich will nicht hoffen -
- Ihr fliegt alle Beide an die Luft - das kann ich Euch sagen ...
    Emma war roth geworden. Gndige Frau ... stotterte sie -
    Adams Auge weilte wohlgefllig auf der vollen, ebenmig abgerundeten
Gestalt des Mdchens. Das war nicht zu viel und nicht zu wenig. Diese Arme unter
dem straffen, enganliegenden Kleide ... diese Brust unter dem wie geschient
geschnrten Corset ... dieses frische, volle, nur etwas zu gleichmige, zu
runde Gesicht ... die Gelenkigkeit der Bewegungen ... der nicht unangenehme
Geruch frischgewaschenen, frischgestrkten Leinens, der von ihrer Kleidung
ausging -: mit dem Allen war Adam sehr einverstanden. Lydia bemerkte, wie
aufmerksam und augenscheinlich wie befriedigt der Herr Doctor das Mdchen
musterte.
    Sie sind ein Epicureer, Herr Doctor! sagte Frau Lange spttisch.
    Wieso, gndige Frau? Weil ich fr Ihre reiche Tafel kein Auge ... kein
Verstndni zu haben scheine? Verzeihen Sie! ...
    Sie gestehen also? ...
    Emma schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. An der Thr wute sie sich
noch einmal so zu drehen, da sie einen vollen Blick auf Adam werfen konnte.
    Emma! rief Lydia laut nach. Das Mdchen trat in den Thrrahmen zurck.
    August mag sich ein Wenig beeilen - und dann bring' die groe Lampe aus dem
blauen Salon herber ... Sie sollen Ihre Augen nicht zu sehr anstrengen, Herr
Doctor! fgte Frau Lange, zu Adam gewendet, ironisch hinzu.
    Adam und Lydia sahen sich fest an. Sie verstanden sich. -
    Aber ... Sie sind doch noch nicht fertig, Herr Doctor? Ich bitte Sie!
Wollen Sie nicht noch 'n Stck Fleisch nehmen? Bitte ... ja! Es ist delicat, wie
ich, ohne meine Kche rhmen zu wollen, sagen darf ... Ein Scheibchen Pkelrippe
- ja? Oder ein Wenig Dessert? Lassen Sie sich nicht nthigen! Schlimm genug, da
man selbst Ihnen gegenber die alten, abgestandenen Redensarten gebrauchen mu!
Aber Sie sind gar nicht originell! Sie bilden sich gar nichts auf sich ein! Und
- was das Schlimmste ist - Sie vergessen ganz, da Sie mich beleidigen, wenn Sie
mich zwingen, Sie nach der Art des ersten besten Durchschnittsmenschen zu
behandeln ...
    Ich bitte, gndige Frau! ... Ich habe gar kein Recht, etwas Besonderes
scheinen zu wollen, sintemalen ich gar nichts Besonderes bin ... Wenigstens
momentan ... In den letzten Wochen, wenn nicht Monaten, bin ich meinem ganzen
Denken und Fhlen nach ein verzweifelt alltglicher Mensch gewesen ... Ich finde
nichts Neues mehr ... ich erkenne Nichts mehr ... ich habe keine Interessen mehr
... ich bin gegen Alles grenzenlos gleichgltig ... Alles ist todt, verschttet,
ausgestorben in mir. Ein Druck liegt auf mir - ich sage Ihnen: furchtbar! Ganz
furchtbar! Und Nichts ... Nichts reit mich aus dieser Verstumpfung heraus ...
Ich glaube ... ich frchte: meine beste Zeit ... die Zeit, wo ich geistig aktiv
sein durfte ... wo ich fr tausend Reize empfnglich war ... wo ich nach allen
Seiten hin Anregung gab und Anregung empfing, ist vorber ... Und ... und
gewhnlich vermisse ich absolut Nichts. ... das ist das Entsetzlichste. Nur
manchmal, wie eben jetzt, werde ich mir dieser hagebchenen Leere und
Nchternheit bewut - und dann krampft's sich in mir zusammen - ach! ... Varus!
Varus! Gieb mir meine Legionen wieder! ...
    Lydia sah den ihr gegenbersitzenden Adam gespannt an. Sie hielt sein
Gesicht auch mit dem Auge fest, als August eintrat und den Wein brachte. Frau
Lange verstand den Herrn Doctor im Grunde wohl kaum. Aber mit dem feinen
Instinkt des Weibes fhlte sie, da ihr Gast da etwas aus seinem Seelenleben
preisgab, was fr ihn schmerzliche Wahrheit und Gltigkeit besa.
    Nun ... nun, Herr Doctor ... in diesem Sinne - - ich wollte durchaus keine
Beichte herausfordern ... verzeihen Sie, wenn ich Ihnen Gelegenheit zu einem
Miverstndni gab ... Bei meinem Vetter brigens ... neulich Abends
...erschienen Sie mir durchaus nicht so pessimistisch ... haben Sie inzwischen -
doch pardon! ... Und ... und damals empfing ich auch den Eindruck von Ihnen, da
man Sie durchaus nicht mit dem ersten besten Strohmann - bewundern Sie nur meine
Scatkenntnisse! - mir schien es also, als ob man Sie durchaus nicht fr einen
Strohmann des Lebens halten drfte ... Und darum meinte ich vorhin - - ach! ...
Wissen Sie brigens, Herr Doctor, da ich Ihnen eigentlich ... eigentlich ein
Wenig bse sein sollte? Sie -
    Lydia hatte sich erhoben und fllte die Glser. Dabei sah sie, am Tische
diskret eingewinkelt nach vornber gebeugt stehend, ihren Gast mit einem
reizenden Lcheln von der Seite an.
    Bse? Sie erschrecken mich, gndige Frau! Warum bse, wenn ich fragen
darf?
    Verstellen Sie sich nur nicht! Sie wissen ganz genau, was ich ... was ich
... meine - oder sollten Sie ... sollten Sie? Das wre doch zu naiv! . Nicht
wahr -?
    Ich bin immer noch rathlos -
    Vergessen wir den Wein nicht! ... Und nun lassen Sie Ihre Reserve ein Wenig
fahren, Herr Doctor - ja? Sie geben sich in der Unterhaltung so ohne Pathos ...
so - ich wei gar nicht ... ich liebe die Force, das Spontane ... das
Unberechenbare ... und Sie scheinen doch sonst das Zeug zu haben, ein eigenes
Gesicht zu machen ... einen eigenen Menschen vorzustellen - heute sind Sie so
conventionell - wie ich schon vorhin sagte ... so ... so ... nun! ... man
erwartet gar Nichts von Ihnen ... kurz: heute sind Sie ganz schrecklich, Herr
Doktor! ... Was fehlt Ihnen nur -?
    Mir? ... Nichts ... gar Nichts, gndige Frau! ... Im Gegentheil: ich fhle
mich sehr wohl ... sehr behaglich ...
    Nun! dann wollen wir 'mal anstoen - bitte!
    Die Glser trafen sich, aber auch die Augen. Schlumernde Flammen wurden da
geweckt, brachen heraus und zngelten heftig in einander.
    Also ... Sie wissen noch nicht -?
    Nein! Noch nicht, gndige Frau -!
    Lydia wandte sich ab. Sie nestelte an ihrer Uhrkette und sah nach dem
Schreibtische hinber.
    Wie geht es eigentlich Frulein Irmer, Herr Doctor? fragte sie nach einer
kleinen Pause leichthin, ohne Adam anzusehen.
    Jetzt hatte der Herr Doctor allerdings verstanden. In seinem Gesicht zuckte
es. Und da wandte sich ihm Frau Lange auch wieder voll zu. Sie bemerkte den
ironischen Zug um Adams Mund und Nase, bemerkte die etwas zusammengekniffenen
Augen. Ein sehr verzweigter, im Ganzen aber doch mehr angedeuteter, als
erschpfend ausgefhrter Gefhlscomplex: momentane Wuth ... Ha ... Zorn ...
Neid ... drngte sich ihr auf. Dieser Mensch konnte doch zu impertinent, zu
moquant sein. -
    Nun? fragte Frau Lange indignirt.
    Hedwig Irmer, gndige Frau ... - Adam setzte absichtlich, mit einer
kleinen, unscheinbaren und doch, wie er wute, nicht wirkungslosen Betonung den
Rufnamen voran - Hedwig Irmer - ja! ... habe ich die Dame denn seitdem - -
seitdem? - richtig! ich machte ihrem Vater neulich einen Besuch - und da -
    Gefllt Ihnen Hedwig, Herr Doctor -? Frau Lange hatte sich zurckgelehnt
und streckte die Hand nach ihrem Weinglase aus. Die wundervolle Plastik des
Armes trat berckend hervor. Der Aermel straffte sich zurck, und das volle,
runde Handgelenk schimmerte verfhrerisch auf in seiner frischen, gelbweien
Waizenfarbe. Nun hatte Lydia das Glas zum Munde gefhrt und blinzelte Adam ber
den Rand hin an.
    Warum sollte mir Frulein Irmer nicht gefallen -? erwiderte Adam
spttisch-nachlssig. Die Dame hat entschieden etwas sehr Eigenthmliches. Sie
scheint auch intellektuell nicht unbedeutend zu sein. - Allerdings! ein Bissel
zu viel triste, drre Abstractions-Philosophie hat sie unter der Anleitung ihres
Herrn Vaters wohl doch schon geschluckt. Unmittelbares ... Ursprngliches geht
ihr vollkommen ab. Ich glaube, man mu sich ... man mte sich erst durch einen
dicken Wall von Vorurtheilen und Voreingenommenheiten hindurcharbeiten - ganz
abgesehen von der seelischen Schwerflligkeit, die gar nicht zu brechen sein
wird -
    Hm! ...
    Adam sah Frau Lange an. Sie verstanden sich wieder einmal.
     ... Die gar nicht zu berwinden sein wird ... sein wrde - - wenn ... wenn
also ein seelisch einigermaen intimer Verkehr ermglicht werden sollte.
Interessant ist die Dame aber zweifellos. Nun ... es wird nachgerade Zeit, auf
Urwchsigkeit berhaupt zu verzichten. Man hat sie ja selbst lngst ... lngst
eingebt - es ist rabbiater Unsinn, sie immer wieder mit Pathos zu fordern und
zu erwarten. Wenn man bedenkt, wie bescheiden man eigentlich schon geworden ist!
Es ist mitunter rein zum Todtlachen! Das heit: man wird ... man ist unkritisch
geworden. Von welchen kargen, geradezu dmonisch kargen Reizen lt man sich nur
immer wieder kdern und bewltigen! Man studirt und liest und schreibt und
plaudert und verkehrt mit Menschen ... man besucht Gesellschaften, treibt sich
in Localen herum ... wie gesagt: fast ohne jede Kritik mehr ... ohne sich noch
darber klar zu werden, da man sich mit dem Allen doch eigentlich furchtbar vor
sich selber compromittirt! Gott sei Dank, da ich kein sogenannter Dichter bin!
Diesen Leuten sollen ja alle Creaturen auf Gottes Erdboden ... ob sie nun
vierbeinig oder zweibeinig oder x-beinig, wie der liebe Hummer, herumlaufen,
interessant sein ... Das schwatzt nmlich immer einer von diesen Herren Dichtern
dem ander'n vor: Du! Hre' mal! Du mut fr Alles Sympathie haben! Du mut
hinter Allem das rein Menschliche suchen, wie hinter dem Spiegel das
Quecksilber. Stbere nur - du wirst's schon finden, lieber Freund! Als ob der
sogenannte Dichter nicht auch geistige Selektionstendenzen bese! Nein! Es ist
oft zum Verzweifeln, wenn man sieht, was fr Phrasen heutzutage colportirt
werden auf der Welt! - - Schtzen Sie sich glcklich, gndige Frau, da Sie von
all' dem elenden Wirrwarr, von der colossalen Begriffsverwirrung, die sich
allenthalben breit macht, hier in Ihrem schnen buen retiro so wenig, so
blutwenig hren! ...
    Aber Sie wollten ja von Frulein Irmer sprechen, Herr Doctor ... Sie
begannen doch wenigstens in der Tonart - und nun sind Sie wieder einmal ...
wieder einmal bei mir angelangt - das ist doch -
    Wundern Sie sich darber, Lydia -? Das hatte Adam halb absichtlich,
zweckbewut, halb unabsichtlich, von seiner Stimmung, seiner momentan
auffahrenden Leidenschaft hingerissen, mit leiser, vibrirender Stimme
gesprochen.
    Die Beiden sahen sich an. Und Adam versuchte, Frau Lange's linke Hand -
Lydia sa rechts von ihm auf dem Sopha - zu erhaschen. Es gelang ihm. Lydia
hatte sich abgewandt. Sie athmete erregter. Einen Augenblick fhlte Adam die
kleine, warme, weiche Hand der schnen Frau zwischen seinen bebenden Fingern.
Ein heftiges Begehren durchschttelte ihn. Er bezwang sich. Und elegant zog er
Lydias Hand an seine Lippen. Frau Lange seufzte leise auf und erhob sich.
    Da haben Sie's, Herr Doctor: das Mdchen lt sich nicht wieder blicken. Es
ist unerhrt. Nun, ihre lngste Zeit ist sie hier gewesen, die Dame. Ich mu
doch 'mal selber nachschauen, wo sie eigentlich steckt. Verzeihen Sie - ich bin
sogleich zurck -
    Bitte sehr, gndige Frau ...
    Lydia verlie das Zimmer. Im nchsten Augenblick ffnete sie noch einmal die
Thr von auen und rief ins Cabinet zurck: Ich hatte ganz vergessen ... die
Cigaretten ... wollen Sie sich bedienen, Herr Doctor! - auf meinem Schreibtisch
- rechts ... neben dem Couverts-Carton ... steht die Schachtel ... fangen ...
fangen Sie nur Feuer -!
    Lydia lchelte berckend zu Adam hinber. Nur ein kleiner Raum lag zwischen
den beiden. Die Beleuchtung war allerdings zu schwach, um die Formen der schnen
Frau scharf und deutlich hervortreten zu lassen. Und doch flo ein
verfhrerischer Athem von dieser in der Thrffnung etwas nach vorn gebeugt
stehenden Gestalt zu Adam hin.
    Sehr liebenswrdig, gndige Frau ...
    Lydia verschwand wieder. Der Herr Doctor hatte sich erhoben. Er fhlte sich
sehr behaglich. Er stand einen Augenblick mitten im Zimmer still und dehnte und
reckte sich. Ein kleiner Drang zum Ghnen befiel ihn. Aber er unterdrckte ihn
tapfer. Das dnkte ihn denn doch zu undankbar. Mit groer Genugthuung sog er die
Atmosphre des elegant-gemthlichen Cabinets ein. Diese von der matten
Beleuchtung mehr durchdunkelte als erhellte Umgebung entsprach sehr intim seinen
Bedrfnissen und Neigungen, gebar ihm eine eigenthmlich reizvolle Stimmung. Und
das Begehren ward in ihm lebendig, dauernd unter solchen, in sich gesicherten
Bedingungen zu leben. Und Lydia? Adam sagte sich, da er ihrer pikanten, vollen,
reifen Frauenschnheit heute Abend zum Opfer gefallen war. Starken Eindrcken
war er ja so zugnglich ... wenigstens konnte er sich fr eine kurze Zeitspanne
ganz von ihnen aufzehren lassen. Nun! Er wollte den Genu der Stunde auskosten.
Wer wei, was ihm noch bevorstand! Oder sollte er selbst versuchen, mit starker
Hand in die Speichen seines kleinen Privatschicksalsrades zu fallen? Sollte er
versuchen, mit schnellem, khnem Griff das an sich zu reien, was ihm da aus dem
Dmmerungsschooe einer, wie es schien, nicht ungndigen Zukunft blendend
entgegengaukelte? Adam war unschlssig. Er konnte auch nicht anders, als
unschlssig sein. Noch zu amorph, noch zu unklar und verschwommen lag Alles vor
ihm. Und gerade die Ungewiheit war es ja, die ihn reizte, die ihm eine pikante
Berechtigung gab, Alles zu erwarten, Alles zu erhoffen. Nachher ... nachher,
wenn er seinen Sieg oder seine Niederlage erlebt hatte, war er ja wieder in die
kalte, schneidende Winterluft seiner radicalen Resignation, seiner brutalen
Gleichgltigkeit zurckgestoen. Doch auf die Dauer war ihm das Klima dieser
Eiszone unertrglich. So hatte sich mit der Zeit bei Adam das Bedrfni
herausgebildet, sich allerlei Mglichkeiten zu verschaffen, die seinen
Hoffnungen, seinen Erwartungen einen mglichst groen Spielraum gewhrten, ...
die bei einer gnstigen Combination zu Thatsachen werden konnten, welche fr
sein Leben entscheidend waren ... entscheidend nach der zukunftsichernden,
emporfhrenden, Alles versprechenden Seite hin. Vor der unmittelbaren Prfung
jener Mglichkeiten schrak Adam zurck. Er war nicht kleinlich, nicht feige.
Aber nach dem sen Morphiumgift eines gewissen, nicht besonders merkwrdigen,
aber auch nicht gerade alltglichen, im Uebrigen eigentlich sehr unschdlichen
Epicureismus hatte auch schon sein Blut - und war das auffallend? - heies
Verlangen tragen gelernt.
    Adam trank sein Glas leer und ging zu Lydias Schreibtisch hinber. Er
betrachtete einige Augenblicke sinnend das kleine, feine, entschieden
distinguirte, jetzt nur zu undeutlich beleuchtete Mbel. Nein! Das war Alles
viel zu zierlich, das war Alles viel zu geschmackvoll arrangirt, zu feingeistig
zusammengeordnet, um mehr, denn eine schne Dekoration zu sein. Diese engen,
flachen Schubksten waren nur dazu bestimmt, schmale, dnne, discret parfmirte
Briefchen, die wohl eine roth- oder blauseidene Schlinge einschnrt,
aufzunehmen. Diese kleine, dnne, feuchtbraun glnzende Platte ertrug hchstens
den reservirten Druck eines zrtlich-vorsichtigen Frauenarms, duldete wohl
gerade nur die Gegenwart eines Briefblattes, auf welches eine schne,
ringblitzende Damenhand allerlei Koseworte, ein schillerndes Wortgetndel,
krause Gedankenarabesken niedertropfen lt ... oder die Gegenwart eines
gracisen Goldschnittbndchens, in dem man blttert, um hier einen elegant
geformten Satz, dort einen geschmeidigen Reim aufzupicken, oder eine perlende,
schillernde Strophe, die leise eine Saite der Erinnerung anschlgt ... eine
Saite, die nun verhalten aufklingt ... und in zarten Schwingungen Bilder um
Bilder empordmmern lt ...
    An diesem Tische mu eine schne Frau wunderbar trumen und sinnen und
plaudern knnen ... Plaudern mit den Gestalten ihrer Trume, ihrer Phantasie'n
...
    Adam versprte wirklich Appetit auf eine gute Cigarette. Er bemchtigte sich
der Schachtel, die er leicht fand, und ging zum Sophatisch zurck. In demselben
Augenblick, wo er den braungelben, krausgeflockten Tabak ber der Lampe
anzndete, trat Lydia wieder ins Zimmer.
    Mit Ihrer Erlaubnis, gndige Frau, habe ich also soeben ... soeben Feuer
gefangen ...
    Bravo, Herr Doctor! Lydia lchelte, aber etwas gezwungen. Unmuth und
Aerger lagen auf ihrem Gesicht.
    Wie glcklich sind doch diese Menschen! lie Frau Lange jetzt verlauten -
Sitzen die beiden, August und Emma, seelenvergngt in der Kche zusammen und
schwatzen sich tausend Dummheiten vor ... Alles Andere wird ganz gemthlich
vergessen - die Leutchen scheinen rechtschaffen verliebt ineinander zu sein ...
Geschmacklos - finden Sie nicht auch, Herr Doctor? Diese dumme Plebejerliebe!
...
    Geschmacklos - warum, gndige Frau? Warum nennen Sie das Natrliche
geschmacklos? Und Sie finden doch auch, da die Menschen glcklich sind! Ja! Ich
glaube es beinahe auch: glcklicher sind sie, als Unsereiner ... Sie drfen so
viel ungenirter, so viel zwangloser, unmittelbarer, derber, ehrlicher sein!
Allerdings ... fr uns ist unter Umstnden ja gerade das Unnatrliche ...
glcklicherweise das Natrliche ... das Pikante, das Reizende, Anreizende,
Schaffende. Ich wenigstens liebe offene Thren nicht besonders ... Es ist so
langweilig, eins zwei drei sein Ziel zu erreichen ...
    Lydia hatte sich Adam gegenber auf einen Fauteuil niedergelassen und
zndete sich jetzt eine Cigarette an.
    Es klopfte.
    Herein!
    Emma brachte zwei Flaschen Wein und schickte sich an, das Geschirr
abzurumen. Das Mdchen sah sehr kleinmthig aus. Adam erhielt einige scheue,
unbeholfene Blicke. Lydia schien ganz von ihrer Cigarette engagirt zu sein. Eine
peinliche Stille lag im Zimmer. Emma hantirte unsicher, ihre Hnde zitterten.
Einige Male lie sie sehr unsanft das Geschirr zusammenklappern.
    Nun schmollt die Dame auch noch - begann Frau Lange, als das Mdchen das
Zimmer wieder verlassen hatte.
    Wie haben Sie eigentlich das Rauchen gelernt, gndige Frau? fragte Adam in
der Absicht, dem Gesprche eine andere Wendung zu geben.
    Wie? Komische Frage, Doctor! So viel ich mich erinnere, habe ich mich
diesem abscheulichen Laster schon sehr frh ergeben. Das heit -: geboren bin
ich mit einer Cigarette im Munde gerade nicht ... aber spter ... einige Jahre
darauf ... in der schnen, schnen Backfischzeit - da rauchten wir
Selektanerinnen eben alle ... Ueberhaupt, Doctor, Sie knnen sich keinen Begriff
davon machen, wie ... gescheit so eine hhere Tochter schon ist! ... Sie wei
... sie wei so Manches, das ... nun! das ... ich will nicht sagen: das sie
eigentlich noch nicht wissen sollte - - mein Gott! warum so heucheln, so prde
thun, so vorurtheilsvoll sein! ... aber ... sie wei doch offengestanden so
Manches, was man durchaus nicht erwarten sollte von einer solchen wohlerzogenen
jungen Dame ... Wir hatten damals einen kleinen, interessanten Amazonenclub
gestiftet - sous main! lieber Doctor! ... aber bitte! - schenken Sie meinem Wein
ein klein Wenig mehr Ihre Gunst - er ist doch nicht gerade schlecht - Prosit!
...
    Die beiden thaten einen tchtigen Zug. Unerwartet war durch den offenen,
burschikosen Ton, den Lydia angeschlagen, eine frischere, intimere Bewegung in
die Unterhaltung geflossen.
    Also Ihr Amazonenclub, gndige Frau -?
    Nein! ... Von dem will ich doch lieber stille sein ... Wir haben tolle
Geschichten gemacht - wei Gott! - aber bedienen wir uns nur wieder einmal des
bekannten Schleiers der christlichen Liebe -
    Gndige Frau! ... bat Adam sehr eindringlich. Das Thema interessirte ihn
aufrichtig. Er htte zu gern noch einige harmlose Einzelheiten aus sotanem
Capitel erfahren.
    Ih! Wie werd' ich denn, Herr Doctor! Und warum Ihre Neugier? Wir sind
allzumal Snder! Also ... spter - spter verheirathete ich mich. Mein seliger
Mann rauchte leidenschaftlich. Er konnte es nicht lassen, obwohl es ihm seiner
defekten Lunge wegen der Arzt streng untersagt hatte. Mein Mann sah es gern,
wenn Damen rauchten. Er hatte eine groe, freie, starke Seele, die anders
fhlte, als der Tro der beschrnkten Krmer- und Lakaienseelen. Er sah nichts
Beleidigendes, nichts Compromittirendes darin, wenn eine Dame ein Wenig
selbstndig im Denken und Handeln war ... ein wenig emancipirt, wie man zu sagen
pflegt. Schade, da er so frh gehen mute ... Nun kommt er nie wieder zurck
....
    Lydia hatte die letzten Worte mit leiser, stockender, zitternder Stimme
gesprochen. Sie war sehr nachdenklich geworden, beinahe weich, vielleicht so
etwas wie sentimental. Auf ihrem Gesicht stand ein Ausdruck ehrlicher Trauer,
eines beinahe zrtlichen Schmerzes. Adam stutzte. Nun wurde er doch verwirrt.
Das hatte er nicht erwartet. Er hatte sich so ganz daran gewhnt, Frau Lange als
... nun! ... eben gleichsam als jungfruliche Wittwe zu betrachten ... losgelst
von allen Beziehungen, die ihm etwa peinlich, unbequem htten sein, die ihm
hemmend htten werden knnen. Und jetzt bewies diese schne, verfhrerische Frau
pltzlich die innigste Theilnahme fr ihren verstorbenen Gatten. War ihre Trauer
echt, ihr Schmerz wahr? Oder coquettirte sie nur? Wollte sie ihn durch diesen
schluchzenden Schmerz nur reizen? Oder hatte sie ihren Mann wirklich ...
geliebt?
    Adam sog noch einmal an seiner Cigarette und legte den mrben, runzligen
Rest dann weg.
    Lydia fuhr auf. Sie strich sich mit den kleinen, schmalen Fingern der linken
Hand ber Stirn und Augen, prete die Hand einen Augenblick gegen die Brust und
griff nach ihrem Glase.
    Prost, Doctor! Nun wollen wir wieder vernnftig sein! Was kann das
schlechte Leben helfen! Es ist so dumm, ewig mit der Vergangenheit zu ... zu ...
nun ... Ihnen kann ich's ja sagen - Sie werden es wohl auch selbst gemerkt haben
-: ich habe nur coquettirt! Wahrhaftig! ich habe nur coquettirt! Verlassen sie
sich d'rauf! Ich wollte Sie 'n Bissel - was? - Sie glauben mir nicht? Sie
unschuldsvoller Engel Sie! Jawohl! Glauben Sie's nur! Ich bin eine ganz herzlose
Coquette! Ich bin ein sehr schlaues, listiges, berechnendes Weib! ... Nun thun
Sie mir aber den Gefallen - und sehen Sie nicht so - ich htte beinahe gesagt:
nicht so - dumm aus! Pardon! So Etwas ist Ihnen noch nicht vorgekommen? Ja! Ihr
Mnner! Ihr glaubt immer, Ihr httet die Originalitt allein gepachtet! So'n
armes, dummes Weib kann auch 'mal genial sein - warum denn nicht? Ihr seid durch
die Bank eben so eitel, wie wir! Es ist ja alles ganz gleich: der eine ist 'n
Trefle-Bube, der andere 'ne Carreau-Sieben - zu Kartenkunststcken mssen wir
alle herhalten ... Lassen wir die Todten ihre Todten begraben! Da haben sie
wenigstens Etwas zu thun! O ber dieses tiefsinnige Leben! Leben! Leben! Ich
lebe! Ich will leben! Ich vergehe vor Appetit auf das Leben! Mein lieber, guter
Mnne! Nicht wahr - Du bist Deinem kleinen Weibchen nicht bse, wenn es sich
noch 'n Bissel amusiren will auf dieser schnen Welt? Nein! nicht wahr? - Du
schlfst ruhig weiter und lt Dich gar nicht stren? Recht so, mein liebes
Kerlchen! Wir haben uns ja immer so gut vertragen! Doctor! Wollen wir morgen
frh beide nach Italien reisen? Ich halte es unter diesen Philistern hier nicht
mehr aus. Aber ... mein Gott! Was sehen Sie mich denn so erschrocken an? Ja, ja!
mein Herr! So ... so aufgerumt ... so offen und burschikos kann Frulein Irmer
nicht sein - wie? oder doch? Das gute, kleine Frulein! Nchstens mu ich es
doch wieder 'mal einladen! Die Dame macht sich nur immer so rar - kommt
eigentlich nie ... aber wenn Sie auch hier sind - -
    Gndige Frau! ...
    Na ja, Doctor! ... Was - der Wein ist gut? Ja, ja! Mein Mann hatte eine
feine Zunge. Mir ist ganz merkwrdig zu Muthe. Ich sehe pltzlich Alles so
unheimlich scharf - das Bedeutende lst sich krftig heraus - ich komme so
unheimlich nahe an die Dinge heran ... wei gar nicht ... gar nicht - - - haben
Sie, Doctor ... wollen wir nicht in dieser Stimmung - - - ganz sonderbar! -
haben Sie Nichts - Nichts - kein Gedicht oder so Etwas bei sich? ... Irgend
einen Dithyrambus der Freude - ich bin ja jetzt alles Kleine und Enge los - doch
richtig! Sie sind ja kein Dichter! Vorlesen? Nein! Nein! Das ist zu
abgeschmackt! Musik! Musik! Sie spielen auch nicht? Sie Barbar! Jetzt Beethoven
- oder noch besser Wagner - das Vorspiel zum dritten Akt vom Siegfried - die
Welt ist ja gewhnlich so eng und schwarz und schwer ... so karg und kmmerlich
- aber Doctor -!
    Auch ber Adam war es pltzlich mit berauschender Gewalt gekommen. Die
tolle, ekstatische Stimmung Lydias hatte ihn angesteckt, entzndet, hatte ihn
mitfortgerissen, trge, unbeholfen zuerst, nachdem sie ihn anfangs beinahe
angewidert, zurckgeschreckt hatte, nachdem sie ihn sehr ironisch und
spottlustig gestimmt - nachher aber unwiderstehlich ... Nun jagte er hin, und
der Taumel war in ihm. Der Wein ebnete den Weg, minderte die Reibung, glttete
die Geleise.
    Da hatte sich Adam von einem elementaren Zwange packen lassen mssen. Es
stie ihn wie mit einer bergewaltigen Faust von seinem Fauteuil herunter und
warf ihn vor die Fe Lydias. In diesem Augenblicke liebte er das Weib
fanatisch. Sein Denken war ausgelscht, sein ganzes Ich ein einziges groes,
dmonisches Gefhl ... ein einziges aufdampfendes Begehren. Adam hatte den Kopf
in Lydias Schoo gelegt und schluchzte, seine Arme hingen schlaff herab.
    Aber Doctor -! hatte Lydia mit unnatrlich leiser, halberstickter Stimme
hervorgestoen und mit jhem Rucke aufspringen wollen.
    Adam richtete seinen Kopf empor ... langsam, fast feierlich, beschwrend. In
seinen verthrnten Augen lag die heie Bitte, ihn nicht hinwegzustoen. Lydia
lste jetzt sanft ihren rechten Arm frei und strich leicht, lind, mit
liebkosenden Fingern ber Adams Haar. Der aber erbebte mchtig unter dieser
weichen, zrtlichen Berhrung.
    Im Zimmer war es still. Nur das Licht der Lampe surrte leise ... und
ungleich, heftig hastete der Athem der beiden Menschen, die, ganz hingenommen,
ganz berauscht von ihren verworrenen Gefhlen, eine kleine Weile in eng
zusammengeschmiegter Gemeinschaft beieinander waren. Zu dieser Zeit waren beide
gut, besser, denn sie je gewesen. Alles, was das Leben in ihnen verzerrt hatte,
war ausgeglichen. Flle und Kraft lebte in ihnen, Hoffnung, Sehnsucht, Erwartung
und eine mchtige Gespanntheit aller Sinne und Gefhle.
    Nun richtete Lydia das Gesicht Adams mit discretem Nachdruck zu sich empor.
    Steh auf, Adam! Wir waren einen Augenblick zwei dumme, thrichte Kinder -
jetzt wollen wir wieder vernnftig sein - ja? Komm! -
    Lydia! ...
    Na, was denn, Herr Doctor? Ich wei gar nicht - - lassen Sie mich! Bitte -
na? ... Die Worte waren mit zweideutiger Betonung gesprochen. Es schien Frau
Lange halb und halb mit ihrem Abwehren ernst zu sein ... und doch war ihr
vielleicht eine drngende, strmische, beharrliche Zrtlichkeit Adams noch mehr
willkommen.
    Lydia! bat Adam noch einmal, dringend, instndig ... vielleicht besa
seine Stimme auch einen Stich ins Drohende. Und doch hatte der Gefhlstumult in
seiner Brust schon bedeutend an Strke und Energie eingebt. Die gemacht
naiven, zudem, wie es ihn dnkte, nicht spottlosen Worte der schnen Frau hatten
Adam etwas ernchtert. Zugleich aber war ihm, wenn auch kaum in scharfen
Bewutseinslinien, der kluge Gedanke gekommen, die Situation, die sich ja nun
einmal in Scene gesetzt hatte, nach Krften auszuntzen ... natrlich soweit er
das unbeschadet seiner Mannesehre thun durfte.
    Sto' mich nicht von Dir, Lydia! Ich gehre ja ganz Dir - nur Dir allein!
Ich habe keinen Vater und keine Mutter mehr und habe keine Heimath mehr ...
Lydia! Ich liebe Dich grenzenlos -
    Unwillkrlich war Adam doch wieder wrmer, ehrlicher, natrlicher geworden.
Da lag er in einem eleganten Cabinet zu den Fen einer schnen Frau ... und er
durfte die Kleider dieser schnen Frau berhren ... ihre Hnde, ihre Arme ... er
fhlte ihren wrmeren Athem, er fhlte ihre heftig auf und nieder gehende Brust
- ja! ja! er liebte dieses Weib ... er begehrte es ... er lechzte nach seinen
Kssen - es ri ihn unaufhaltsam in die Arme dieser Frau - dieser - dieser - -
    Lydia! schrie er noch einmal auf - -
    Frau Lange schien nachgeben zu wollen. Sie lehnte sich einen Augenblick wie
gebndigt, wie besiegt, gegen die Rcklehne des Fauteuils - Adam sprang auf - -
nun schnellte auch Lydia empor - - die beiden standen sich hart, eng gegenber.
    Herr Doctor -!
    Aber noch gab Adam die Partie nicht verloren. Diese Frau trotzte ihm. Seine
ganze, widerspenstige, zu despotischem Imperium geneigte Natur brach nun durch.
Und doch lie er sich nicht vllig von seinem Zorne, seiner Wuth hinreien. Ein
unklares Gefhl sagte ihm, da eine gewisse sentimental-nachgiebige
Zurckhaltung sehr wirksam sein mte.
    Glaubst Du mir nicht, Lydia? - Habe ich das verdient -?
    Frau Lange schwieg, sie war einige Schritte nach rechts, mehr nach dem
Innern des Zimmers zu, getreten.
    Sie sind ein groer Phantast, Herr Doctor! nahm sie nun das Wort. Sie
bilden sich ein, da Sie mich ... mich ... lieben, wie Sie sagen - weiter Nichts
als Einbildung, mein Herr! Wir haben beide unser'n Stimmungen nachgegeben - wir
haben uns berrumpeln lassen - wir haben einen Augenblick getrumt - vielleicht
auch ... ganz schn getrumt - nun lassen Sie uns aber wieder wach sein - wir
wollen ein fettes Punctum hinter diese Scene machen - und wir wollen sie alle
beide so schnell als mglich vergessen -
    Adam wandte sich ab. Herzlos! knurrte er in ehrlicher Entrstung, im
Zwange eines ernsten, redlichen Schmerzes, durch die Zhne.
    Adam! fuhr Lydia auf. Der schnellte jhlings um. Sollte doch noch Hoffnung
sein? ... Sollte er heute Abend doch noch zu einem ... hm! ... zu jenem - Ziele
kommen ... zu jenem unklaren Ziele, das er zu erreichen ersehnte ... das ihn
lockte ... und vor dem er doch zurckschrak? - Leidenschaft und Berechnung
stritten in seiner Brust. Aber er beherrschte sich. Er nahm eine nachlssige,
ironische Haltung an. Die Hnde lehnte er hinter dem Rcken gegen die
Tischplatte und kreuzte die Beine.
    Gndige Frau -?
    Es ist genug -
    Lydia ging zu ihrem Schreibtisch hinber. Dort stand sie, Adam abgekehrt,
eine Weile starr, bewegungslos, wie in einen tiefen Strudel tumultuarisch
ringender Gedanken und Gefhle hinabgezogen.
    Sie erlauben mir noch eine Ihrer kstlichen Cigaretten, gndige Frau -?
    Lydia wandte sich langsam wieder um. Sie war sehr bleich. Von der Nase zum
Munde herunter zog sich eine scharfgeschnittene Falte, wie ein Signal bodenloser
Verachtung.
    Bitte sehr, Herr Doctor! Die Stimme klang mde und hhnisch zugleich.
    Sie sehen, gndige Frau ... das Feuerfangen ist gefhrlich ... und ... und
... undankbar ... stichelte Adam - aber es wird Zeit, da ich mich aufmache
... fuhr er fort und zog seine Uhr - Sie sind mde von den ... den
Anstrengungen des Abends - und es geht stark auf Mitternacht ... Gestatten Sie
darum, da ich mich empfehle. Und verzeihen Sie in Gnaden dem reumthigen
Snder! Ich danke Ihnen fr die schnste Stunde meines Lebens, verehrte Frau -
sie wird mir unvergelich bleiben. Ich habe nicht umsonst gelebt, da ich einmal
- doch pardon! Und nun geben Sie mir Ihre kleine, se Hand zum Abschied - ja?
Ich bitte -
    Lydia stand einen Augenblick unbeweglich. Dann streckte sie Adam langsam
ihre rechte Hand entgegen. Der zog diese entzckende, nur jetzt etwas
schweifeuchte Hand galant an seine Lippen und kte sie.
    Und nun gute Nacht, liebe, gndige Frau ... doch ... ach ja! was wird ...
was wird nun aus unserer modernen Bibel -? Soll sie fr immer - ungeschrieben
bleiben ... oder ...?
    Nun ... wir haben ja heute Abend ... wir haben ja ein Capitel aus ihr -
erlebt ... renken Sie's ein, Herr Doctor, und ... und bringen Sie's mir
gelegentlich ... ich bitte darum ... fr die Zukunft drfte es sich allerdings
kaum empfehlen - -
    Lydia versuchte ihre Worte in einem leichten, harmlos-liebenswrdigen Tone
vorzubringen. Aber es wollte ihr nicht so recht gelingen. Ihre Stimme klang
unsicher, hart, etwas heiser, verwalzt.
    - drfte es sich kaum empfehlen, da wir wieder so ... so plastisch
verfahren, wie es ... leider heute der Fall gewesen, ergnzte Adam - seien Sie
unbesorgt, gndige Frau! . Aber ... wenn Sie die Gelegenheit dazu ganz aus der
Welt geschafft wissen wollen - so berlassen Sie doch bitte das Motiv mir allein
- ich werde mir wahrhaftig alle Mhe geben, ein wahnsinnig schnes Buch zu
Stande zu bringen - und dieses wahnsinnig schne Buch, gndige Frau - nicht
wahr? - ich darf es Ihnen nachher widmen -?
    Sie tragen immer Siebenmeilenstiefel, Herr Doctor ... ... gewhnlich geht
doch Alles viel langsamer auf der Welt - warum denn nur immer so strmisch -?
    Frau Lange hatte das immer auffllig betont. Adam stutzte.
    Ah! Nun verstand er! Ja! ... erwiderte er mit sffisant-melancholischem
Tonfall, der Eine klappert schwerfllig mit Pantoffeln durch's Leben ... der
Andere durchsaust das reizende Dasein auf einem Bicycle. Da hat nun ein Jeder so
seine Art, so seine kleine Methode ... Verzeihen Sie noch einmal mein ... mein
... nun! mein Bedrfni, zuweilen sehr offen ... sehr wahr zu sein, Lydia ...
unpraktisch offen ... unangenehm wahr. Aber vielleicht haben Sie auch darin
Recht: dieses Bedrfni ist wohl auch weiter nichts, als - Einbildung. Und nun -
gute Nacht -!
    Gute Nacht -!
    Adam verlie schnell das Zimmer. Als er den Corridor betrat, kam August, der
schon gewartet zu haben schien, langsam auf ihn zugestapft. Ein Zug des
Unwillens, des Verdrusses, stand auf seinem Gesicht. Mit Mhe unterdrckte er
das Ghnen. Der Herr Doctor fhlte sich von der plumpen Geschmacklosigkeit
dieser rden Lakaienpflanze sehr peinlich berhrt.
    Der Diener geleitete ihn durch das Vorhaus zur Thr. Adam frstelte es. Er
schlug den Rockkragen in die Hhe.
    Gute Nacht, Herr Doctor!
    Gute Nacht! Eine Sekunde vorher noch das obligate Verdrcken eines
Silberlings. Nun donnerte dumpf krachend die schwere Thr hinter ihm zu. -
    Hallali! Jetzt seid Ihr wieder einmal aus einem Paradiese vertrieben,
Monsieur! - sprach zu sich selber der einsame Mensch, der da durch die khle,
windige Frhlingsnacht hinschritt. -

                                      XI.


Und wie der einsame Mensch durch die khle, windige Frhlingsnacht
weiterschritt, fand er Zeit, Gelegenheit und allmhlich auch immermehr wachsende
Stimmung, noch Nheres wie Ferneres mit sich und zu sich zu sprechen. Zunchst
ging der Herr Doctor allerdings eine kleine Weile sehr gedankenlos frba. Er
beschftigte sich, unter dem Drucke einer einfrmigen Mdigkeit leidend,
unwillkrlich mit allerhand sehr uerlichen Dingen. Er betrachtete ohne
Theilnahme den leicht berwlkten Himmel; sein Auge, nahm gleichgltig von den
paar Sternen Notiz, die da und dort schlfrig, mattblinzelnd auf die Erde
herunterguckten; der Menschen, die ab und zu, bald schneller, bald langsamer, an
ihm vorberstapften, achtete er nur mechanisch, er sann ihnen nichts nach, spann
ihnen nichts zu, vermuthete und verglich, verknpfte nicht, wie es wohl sonst
seine Gewohnheit war; die unklare, verworrene Welt der nchtigen Schatten, die
sich durch sprliches Gaslicht compromittiren lassen muten, reizte ihn nicht -
es war zunchst eine groe Leere, Stumpfheit und Gleichgltigkeit in ihm. Dann
fiel ihm Dieses und Jenes ein, was er vorhin ... was er vor einer ... vor zwei
Stunden mit Lydia erlebt hatte: einer Gesprchswendung erinnerte er sich ...
einer Frage ihrerseits, einer Antwort seinerseits - pltzlich sah er sich wieder
zu den Fen der schnen Frau liegen - er sprte den weichen Druck ihrer Hand,
er lie sich noch einmal von ihrer zarten Liebkosung durchbeben - er athmete das
Parfm ihrer Kleider ein - er sah wieder die erregt auf- und niedergehende Brust
vor sich - - dann stand er Lydia noch einmal gegenber,
nachlssig-herausfordernd an den Tisch gelehnt - hm! der Schlutrumpf mit seinen
kleinen, niedlichen Anhngseln: der Bibeldedication, dem eleganten Handku - er
war wirklich nicht bel! Aber was sollte er nun mit der Dame seines Herzens
anfangen? Wie verhielten sie sich zu einander? Hatte er noch Etwas zu erwarten -
oder war Alles vorbei - sollte er das Spiel verloren geben? Welches Spiel? Aber
- beim Zeus! - war ihm das Weib denn jetzt schon wieder gleichgltig? War seine
Liebe, seine Leidenschaft wirklich weiter nichts, denn schemenhafte
Augenblicksphantasie ... berflssige Einbildung gewesen? Waren seine Stimmungen
in derbster Thatschlichkeit weiter nichts - als eben die kosbarsten Stimmungen
von der Welt? Durfte er sich gar nicht mehr auf sich verlassen? Haftete Nichts
mehr in ihm? hatte der Impuls seiner Krfte so bedeutend eingebt - war er in
jeder Hinsicht so entscheidend herabgedrckt worden? Und Adam dachte eine
Sekunde daran, sich einmal den Proce zu zergliedern, unter dem die Menschen ...
andere Menschen, einfachere Individuen, die Durchschnittsmasse ... zu handeln
pflegen. Der Motiv entfiel ihm wieder, entwischte ihm. Es war wohl auch zu
complicirt und bedurfte einer ruhigen, objectiven, kritischen Secirstimmnng,
welche Adam jetzt kaum vorrthig bei sich fand. Das Bewutsein seiner
Unzuverlssigkeit in erotischen Angelegenheiten zerrte doch gewaltig an ihm. Es
machte ihn zuerst unruhig, es emprte ihn gegen sich, dann legte es sich als ein
schwerer, massiver Druck, lhmend und zusammenschnrend, auf ihn. Adam athmete
einige Male heftiger, er schttelte an sich herum - er wollte um jeden Preis das
Blei dieser trostlosen Starrheit aus seiner Seele los sein. Andere Gedanken
kamen nun. Ja! Ja! Und nochmals Ja! -: er mute sich andere, neue Verhltnisse
schaffen, unter denen er in Zukunft leben durfte. Ah! da erwartete er also doch
noch eine Erneuerung seiner Persnlichkeit - er hielt sie fr mglich - er
rechnete sogar schon mit ihr -? Oder that er das Letztere etwa nicht? Gewi that
er's! Er hatte noch lngst nicht  la Doctor Irmer auf das Leben verzichtet.
Nein, keine Spur davon! Er wollte leben: reich, unabhngig ... in einer Lage
leben, wo er nicht jeden Groschen dreimal umdrehen und besehen mute, ehe er ihn
ausgab - was er allerdings sonst auch nie that, was er aber eigentlich den
konomischen Privatgesetzen, unter denen er jetzt existierte, schuldig gewesen
wre - in einer Lage, wo er seinen Neigungen, seinen Passionen, seinen
Stimmungen zwanglos nachgeben durfte ... Eine reiche Heirath -: es war
schlielich das Einzige, was ihn aus dem Dreck der Enge, in welcher er stak,
herausretten konnte. Und ... und lag es nun nicht blos noch an ihm, in den Hafen
seiner sehr praktischen Wnsche einzulaufen? Lydia schien doch ein tieferes
Interesse fr ihn zu haben - das war aus ihrem ganzen Benehmen heute Abend zu
erkennen gewesen. Wirkten auch eine Portion Coquetterie ... und ein gut Theil
jener suffisant-gutmthigen Launenhaftigkeit, die sich eine junge, schne,
reiche, unabhngige Frau immer gestattet, mit - vielleicht lie sich die
Geschichte ... hm! ... die Geschichte ... lie sich dieses dumme
Interesse'-Gefhl doch vertiefen - vielleicht vertiefte es sich durch einen
starken Appell, den es erfhre, unwillkrlich! Adam sagte sich, da es vom
praktischen Standpunkte aus wahrhaftig unverzeihlich thricht wre, die Fden
wieder aus der Hand zu geben ... vom drren Sande des Lebens wieder verschleppen
zu lassen. Das war ja Unsinn, wenn er sich einbildete, Lydia zu lieben. Oh! Er
wrde gewi noch im Stande sein: angeregte, reizvolle, intime, vielleicht auch
leidenschaftliche, den ganzen Menschen erfllende und aufwhlende, wahnsinnig
schne Stunden mit ihr zu erleben ... ein Sclave ihrer Reize, ein dmonisch
Begehrender - - ein - ein - ein - nun was denn -? pah! nur eine einzige, groe,
drstende Sinnlichkeit - hm! ... wenn ... wenn er eben in der entsprechenden
Stimmung war ... wenn ihn eine bermchtige Kraft in den Strudel, in die
kreiende Gefhlsflle hineingeworfen ... Gewi! Er war noch fhig, sich das
gefallen zu lassen. Aber dauernd mit einem Weibe zusammenzuleben? Da lag der
Hase im Pfeffer. Nein! das konnte er von seiner Natur nicht verlangen. Warum
sollte er treu sein wollen, wo er wute, da er nicht treu sein konnte? Seine
Natur war schon viel zu differenzirt, schon viel zu sehr auf die verworrene,
verwirrende Masse der Lebensreize gestimmt. Er hatte es schon seit Jahren nicht
mehr der Mhe fr werth gehalten, kleinen Versuchungen gegenber unzugnglich zu
sein. In groe Versuchungen war er leider im Grunde noch gar nicht gefhrt
worden. Aber hat man berhaupt ein Recht, zwischen kleinen und groen
Versuchungen zu unterscheiden? Adam sagte sich, da sein Verhltni zu der Ehe
... seine persnliche Auffassung der Ehe im landlufigen Sinne, im Mund- und
Buchstabensinne, eine bodenlos unmoralische sei. Aber was that das? Er wollte
- hm! nun ja! - er wollte also Privatdocent werden - irgendwo ... in Van
Diemensland, Tokio oder Angra Pequena, das war egal ... Dazu bedurfte er reicher
Mittel. Broschren weiterschmieren ... Leitartikel fr conservative Zeitungen
zusammenlgen, das hatte nicht viel Werth. Das brachte nicht viel ein - und
konnte ihn zudem noch in Verhltnisse stoen, die Opfer von ihm forderten ...
Opfer, die er bei seiner ziemlich anspruchsvollen Natur kaum auf sich nehmen
konnte. Den Mrtyrer spielen - nein! Vielleicht hatte er es einmal vermocht. Vor
Jahren, vor vielen Jahren - heute vermochte er es sicher nicht mehr. Und sich
sonst zum Trger einer Rolle aufwerfen -? Es hatte nicht viel Zweck. Mag es den
Friseuren berlassen bleiben, auf vorberflatternde lange Haare lstern zu sein.
In sich sein - bei sich sein, in sich hineinleben, aus sich herausleben - darauf
kam es an. Ein paar kleine Zugestndnisse muten gemacht werden. Darauf kam es
ja aber auch nicht an. Doch ... sich ausleben ... in der Flle und Kraft, wie er
es sich einmal ertrumt, vor Jahren fr sptere Zeiten der Freiheit ertrumt
hatte - davon konnte wohl kaum mehr die Rede sein. Er fhlte oft eine so
furchtbare Leere in der Brust ... wie Einer, der an heftigem Schleimhusten
leidet, meint, seine Brust sei leer, ganz leer, ganz hohl. Und doch! Er mute
sich dieses Weib zu eigen machen, tausend Grnde zwangen ihn dazu. Er liebte
eigentlich die Menschen ... aber mit gewissen Vertretern sotaner Menschheit kam
er zeitweilig sehr ungern in Berhrung. Und dann um Gotteswillen keine Enge,
keine Beschrnkung, keine Noth! Die Noth stimmt Alles so herab ... entnervt ...
entseelt Alles ... hhlt aus ... zerfrit ... Nur nicht mechanisch vegetiren, wo
man das natrliche Recht besitzt, organisch zu leben. Was htte er davon, fragte
sich Adam, da er wute, wie Peter seine Wurst it und Paul seinen Furz lt?
Totalement Nix! Das ist ja Alles so gleichgltig. Aber das Volk - hm! das Volk -
das Volk! ... Man knnte mit seiner Hlfe unter Umstnden eine vorzgliche
Carrire machen! Socialdemokratischer Reichstagsabgeordneter! Donnerwetter! das
wre 'was? Nicht? Hm! Nur die Glachandschuhe mte man sich abgewhnen ... und
... und sich nicht mehr darber wundern, da es die Menschen fr eminent
berflssig halten, ihren geliebten Mitmenschen eine Lge nachzurechnen und
demonstrativ vorzuwerfen! ... Doch ... die Zukunftsidee des Proletariats - sie
wird und wchst - und sie siegt auch zweifellos einmal - aber ich - declamirte
sich Adam mit sonorem Pathos vor - ich ruhe mich doch von den Strapazen,
Dummheiten und Narrenspossen des Lebens wahrhaftig viel lieber  la Hamlet
zwischen den Beinen eines Weibes aus, als innerhalb der vier Wnde einer
monstrsen Gefngnizelle ... Und so kommt man denn allmhlich dahinter, da man
zu Allem und noch Verschiedenem auerdem verflucht untauglich ist! ...
    Aber - hielt sich Adam pltzlich selber auf - wie oft schon habe ich dieses
dumme, triste, oberfaule Zeug durchgewrgt! Es ist ja leider Alles so scandals
richtig, doch sollte man sich das Blech nicht zu oft vorkauen. Lassen wir wieder
einmal die Zukunft eben - Zukunft und die Gegenwart eben - Gegenwart sein! Das
Andere findet sich schon von janz alleene ... Trinken wir lieber noch 'n Glas
Absynth! Den ersten Schluck auf Lydias Wohl! Es lebe der Leichtsinn und seine
ehrenwerthe Amme -: die Allerweltsgleichgltigkeit! ...
    Adam sah nach der Uhr. Es war kurz nach Eins. So hatte er sich doch fast
eine Stunde in der Stadt herumgetrieben. Und was hatte er von der endlosen
Konversation mit seinem hchsteigenen Ich profitirt? Er hatte sich eine Reihe
tdtlich langweiliger Thatsachen vorerzhlt und war schlielich zu keinem
Resultate gekommen. Nun! das war ihm schon fter passirt. Darber brauchte er
sich nicht mehr zu rgern. Schlielich wrde er ja schon handeln, wir er mute -
wie er gezwungen sein wrde. Und das lie sich abwarten ... bequem abwarten.
    Adam orientirte sich. Er bemerkte, da er aus der stillen, vornehmen Gegend,
in der Frau Lange wohnte, unwillkrlich in die Mitte der Stadt seinen Weg
genommen. Da konnte es ja bis zum Wiener Caf nicht mehr weit sein. Nach einigen
Minuten hatte Adam sein Ziel erreicht. Er trat ein. Es war sehr schwl, dunstig
in dem groen, hellerleuchteten, vollbesetzten Raume. Die Gerche von Kuchen,
Kaffee, Cigaretten, Billardkreide, Menschenschwei schwammen in der dicken,
schweren, von schwarzblauen Rauchschwaden und Dunstpolstern durchlagerten Luft.
Dazu ein wirres, gesetzloses, unregelmiges Gesumme und Gebrause von
Menschenstimmen ... die Musik aneinandergeschlagener Tassen ... das schrille
Klappern der Lffel ... das kalkige Rollen der Billardblle ... Adam suchte nach
einem unbesetzten Tische. Er suchte vergebens. Da kam der Zahlkellner auf ihn
zugelaufen, nahm ihm Hut und Ueberzieher ab und machte ihn in seiner
souvern-zudringlichen, gleichgltig-interessirten Art auf einige leere Sthle
aufmerksam. Schlielich lie sich Adam an einem kleinen, runden, so ziemlich in
der Mitte des Cafs stehenden Tische nieder, an dem schon ein Herr und eine Dame
saen. Die Dame hatte Adam nun links neben sich, den Herrn sich gegenber. Er
betrachtete seine Nachbarn.
    Aber jetzt tauchte vorerst ein Kellner auf.
    Was darf ich bringen? ...
    Einen Absynth und 'n paar Cigaretten -
    So gut wie Deine Sorte, geliebte Lydia, monologisirte Adam leise, werden sie
wohl nicht sein ... aber Feuer zu fangen ... hm! ... dazu wird man sie wohl auch
noch bewegen knnen -
    Das kleine Weib hat ein verdammt hbsches Profil, constatirte der Herr
Doctor jetzt mit groer Befriedigung. Und Er dagegen! Stutzerhaft elegant, sehr
patent, sehr rasirt und tadellos frisirt. Aber wie dumm, wie ausgefahren war
dieses Gesicht! Der liebe Gott mute schlechterdings gerade am Asthma gelitten
haben, als er diesem Menschen da, seinen Odem in die Nase blies. Aber was so'n
Fatzke fr Glck hat! Das Mdel war wirklich sehr appetitlich. Die zollschmale,
im Gaslicht discret mattroth aufschimmernde, entzckend abgerundete
Fleischspanne am rechten Unterarm zwischen dem Aermel und dem brunlich gelben
Glachandschuh - Donnerwetter! war sie nicht zum Kssen -? Das schwarze, wellige
Haar, am Hinterkopfe zu einem vollen, schweren Knoten zusammengeflochten, unter
dem Hute noch deutlich sichtbar, mit selbstndiger Plastik hingestellt, ergnzte
prachtvoll die scharfen und doch feinen Zge des Profils.
    Die beiden schienen sich nicht viel zu sagen zu haben. Das kleine Weib sog
fter durch die zarten, sauberen Strohrhrchen an seinem Eiskaffee und schaute
sich sonst fleiig im Saale um. Adam bemerkte, wie der Dame von einigen Herren,
die hinten in der einen Ecke des Zimmers saen, zugenickt wurde. Die Cumpane
grinsten gergert-amsirt. Nun ja doch! Was wunderte er sich denn? Immer wieder
das alte Erstaunen und der alte Unmuth ... das alte Bedauern? Nun erhielt auch
Adam einmal das volle Gesicht seiner Nachbarin und einen kurzen, scharfen Blick
dazu. Jetzt wurde er von dem Herrn, dem Ritter und Liebhaber der reizenden
Donna, nachdrcklich fixirt. Der Her Doctor lie sich nicht aus der Contenance
bringen. Er bereitete sich sehr ruhig seinen Absynth, der unterweilen vor ihm
hingeschoben war, that einen vollen Zug und brannte sich
nachlssig-herausfordernd eine Cigarette an. Die erste Ladung Rauch blies er
seinem Gegenber etwas unhflich in's Gesicht. Der hustete ein Wenig, wurde
etwas roth, lie es auch an einem ziemlich wthigen Blicke nicht fehlen,
begngte sich sodann aber sehr praktisch damit, nach seinem Bierglase zu greifen
und ebenfalls einen derben Schluck zu thun, welcher Aktus sich fast so ausnahm,
als kme der fremde, zurckhaltende Herr Adam ein vorgekommenes Stck
pflichtschuldigst nach. Adam mute lcheln. Ich werde dir schon in anderer Weise
ein Stck vor- oder nachkommen, mein Lieber - warte nur noch ein Weilchen - bald
ist meine Kammer voll Sonne! ... Wahrhaftig! ich mchte dem gttlichen Paul
Heyse eigentlich eine Bierkarte schreiben! Adam mute sich ja doch vorlufig
noch mit seiner eigenen Wenigkeit unterhalten.
    Und wie er so behaglich dasa, jetzt einen Schluck Absynth zu sich nahm,
jetzt an seiner Cigarette zog, an seiner reizenden Nachbarin in aller Ehrbarkeit
herumschnffelte und ihren Liebhaber mit mitleidig-impertinenten Blicken
spickte, fiel es ihm pltzlich ein, da ihm vorhin bei seinem Selbstgesprche zu
mitternchtigster Stunde Hedwig gar nicht in den Sinn gekommen war. Das
frappirte ihn und doch wunderte es ihn eigentlich nicht. Was war ihm Hedwig,
wenn er vor Lydia auf den Knieen lag? Und was war ihm Lydia, wenn er Hoffnung
hatte, mit seiner schnen Nachbarin hier eine se, kstliche Nacht ... eine
Nacht berauschenden Minnespiels, genieen zu drfen? Und was wrde ihm dieses
Weib sein, wenn er morgen ein anderes fnde, das ihm noch grere, feinere,
heftiger lockende Reize entgegenbrchte -? Er suchte ja langst nicht mehr im
Weibe ein Weib ... ein besonderes, individuelles, ihm congeniales Weib - er
suchte nur noch das Weib, welches sich von jenem einem Weibe gerade soviel
geborgt hatte, da es ihm fr eine mehr oder weniger groe Spanne Zeit gengen
konnte. Und doch ... jenes eine Weib - waren die Tage schon vorber, da er
getrumt hatte, da er es finden wrde? Waren sie wirklich schon vorber oder
... oder trumte er jetzt noch zuweilen denselben dummen, einfltigen Traum? Das
wre doch zu geschmacklos. Die Jugend mit dem geschmeidigen Gehirn im Schdel
und dem frischen, unausgefahrenen Pumpwerk des Herzens - ja! die besitzt wohl
das Recht und die Kraft, zu abstrahiren ... Idealschemen zusammenzukneten: fehlt
ihr doch noch die ganze massive Flle des Lebens, der Erfahrung an den Objekten.
- Aber wie im sptgewordenen Menschen noch so Mancherlei rudimentr bleibt ...
liebliche Erinnerungen aus den Kindheitstagen animalischen Erdenlebens - so
nimmt der ltergewordene Einzelmensch nicht minder ... ganz unwillkrlich ...
noch dieses und jenes Moment aus seiner Kindheit in die spteren Tage mit
hinber: ein Ideal, eine harmlose Abstraktion ... einen Traum, der einmal so
frisch und so voll und so saftig gewesen ... und der sich nun - o! alle Farben
und Formen des Lebens allmhlich hat abstehlen lassen mssen ...
    Adam beugte sich vor und legte den Rest seiner Cigarette auf den
Aschenteller. Der Herr ihm gegenber erhob sich jetzt pltzlich mit einem
halblaut zu seiner Dame geknurrten Verzeih! und ging nachlssig-langsamen
Schrittes hinaus. Adam mute die Situation benutzen.
    Sie haben einen ganz vorzglichen Geschmack, mein gndiges Frulein -
begann er mit unwillkrlich ein Wenig stockender, undeutlich verschleierter
Stimme.
    Die Dame schien Adams Anrede vollstndig berhrt zu haben. Sie klopfte mit
dem Lffel sehr energisch an ihr Kaffeeglas und bestellte bei dem Kellner, der
herangestrzt kam, noch einen Eiskaffee. Mein Kind! Ich bitte Dich! Thu' doch
nicht so! Du hast Dich eben 'mal versehen! ... Dieser Fatzke! Dieses anlackirte
Rhinoceros - - kannst Du Dich denn nicht losmachen? Komm! Es ist viel
gescheiter, wenn wir beide heute zusammenschlafen - Adam hatte schon etwas
lauter und zudringlicher gesprochen. Die Apathie der Dame rgerte ihn. Aber das
kleine Weib rhrte und regte sich nicht. Es sa sehr steif, sehr abgewandt, sehr
unnahbar da.
    Jetzt kam das Getrnk. Noch ein Eiskaffee! Die schne Snderin beugte sich
grazis ber die beiden zarten, sauberen Strohrhrchen und zog sie zwischen die
schmalen, dnnen, blarothen Lippenlinien. Gerade dabei erhielt Adam einen
kurzen, uerst liebenswrdigen und aufmunternden Seitenblick.
    Der Herr Doctor hatte die Belagerung schon abbrechen wollen. Aber seine
Sache schien doch gar nicht so ungnstig zu stehen. Wenn nur der Mensch ... der
unbequeme Bursche noch ein paar Sekunden bleiben wollte, wo er war.
    Ihr Weiber scheint doch manchmal recht dumme Kerls zu sein! Auf den Ersten
Besten fallt Ihr 'rein! ... Also! ... Du gehst mit mir - nicht wahr -?
    Wie soll ich ihn denn los werden -? Heute mu ich schon ... morgen - wir
knnen uns ja irgendwo treffen -
    Ach was morgen! Heute! Es ist brigens schon lngst heute, mein Kind - und
wir thun sehr gut, wenn wir dieses ominse heute recht frh anfangen ... mir
wre es recht, wenn wir es auch - -
    Adam hielt pltzlich inne. Er hatte zufllig nach dem nchsten Billard
hinbergesehen und bemerkt, da dort der Ritter der Dame stand, anscheinend dem
Spiele zusah, in Wahrheit aber seine Auserwhlte und ihren neuen Galan scharf
beobachtete.
    Der Wrfel ist gefallen, Kind - Dein Herr und Knig hat schon Lunte
gerochen - die Sache wird sich sofort entscheiden -
    Um Gottes Willen -!
    Jetzt kam der gute Mann affektirt-nachlssig, die Hnde in den Hosentaschen,
im Gesicht einen Ausdruck furchtsamer Verbissenheit, nach seinem Stuhle
zurckgeschlendert. Er setzte sich langsam, nachdrcklich nieder, griff nach
seinem Glase und wrdigte die Dame seines Herzens keines Blickes.
    Adam aber Hub an, also zu ihm zu sprechen: Gestatten Sie, mein Herr, da
ich mich vorstelle! Mein Name ist Doctor Mensch. Ich sehe, da Sie geradeso ein
Anhnger der sogenannten freien Liebe sind - wie ich. Das heit: wohl ebenfalls
nur in der ... Praxis - denn theoretisch werden Sie aus gewichtigen, socialen
Grnden die freie Liebe ebenso sehr verwerfen - wie ich es thue. Nun ist aber
einer der Hauptparagraphen dieser praktisch angewandten freien Liebe, da das
Weib den Mann verlassen darf, sobald es seiner berdrssig geworden ist. Nun ist
aber die hier momentan zwischen uns sitzende junge Dame Ihrer so ziemlich
berdrssig geworden, wie sie mir soeben gestanden hat, und htte Lust, mir ihre
Gunst zuzuwenden. Ergo werden Sie nur consequent sein, mein Herr, wenn Sie die
Dame sofort freigeben und - mir berlassen. - Nicht wahr? - Sie begreifen -?
    Auf diesen feierlichen Appell schien der Herr allerdings nicht besonders
vorbereitet gewesen zu sein. Er machte ein mehr verblfftes, denn verwundertes
Gesicht und fuhr mit den Augen rathlos zwischen Adam und seinem ungetreuen
kleinen Weibe hin und her. Endlich knirschte er ein gepretes Mein Herr -!
heraus, dem gleich darauf ein ebenso heiseres Emmy -! folgte.
    Die Dame lie ihre beiden Kmpen sich balgen. Sie sa wieder sehr steif,
sehr reservirt, sehr unnahbar da. An den Nachbartischen war es auffallend
ruhiger geworden.
    Unverschmte Frechheit -!
    Aber ... mein Gott! Wnschen Sie denn noch etwas? wandte sich Adam mit
gemachtem Erstaunen an sein Gegenber. Die Sache mu Ihnen doch klar sein.
Uebrigens ... wenn Sie wirklich noch Wnsche haben sollten - hier ist meine
Karte -
    Adam warf eine Visitenkarte auf den Tisch, die sein Gegner sehr schnell zu
sich steckte und dafr die seine hinschleuderte.
    Ah ... mein Herr ... nun! ... wie ich sehe, sind Sie ... mein Gott! Sie
sind ja wirklich Kaufmann ... Vertreter der Firma ... Firma Dietz &amp; Sperling
... Seidenmanufactur ... Freiberg ... hm! ... Alle Hochachtung - doch ... nun -
das wird sich ja finden - also ... vorlufig - ich wre fr Sie ausnahmsweise zu
Hause ... doch - pardon! - noch eine Frage - sind Sie ... vielleicht sind Sie
Reserve-Officier? Es knnte ja doch sein, obwohl auf Ihrer Karte -
    Nein!
    Ich danke!
    Kellner! Zahlen!
    Sehr wohl!
    Ein Bier ...
    Fnfundzwanzig Pfennige - und zwei Eiskaffees -
    Die bezahle ich natrlich! erklrte Adam mit vorspringendem Pathos.
    Ah! Sehr wohl! Danke sehr! begriff der Kellner.
    Also - wir sprechen uns noch -
    Wird mir natrlich eine Ehre sein -
    Der geschlagene Held - ein patenter Jammerkerl! urtheilte ihm Adam
halblaut nach - verlie die Wahlstatt.
    Siehst Du, Kind - nun sind wir auf einmal entre nous! ... Die Geschichte
war doch sehr schnell arrangirt - nicht? Uebrigens - jeht fehlte nur noch, da
ein Dritter anspaziert kme und Dich wiederum mir abspenstig machte! Das heit:
so leicht sollte es ihm nicht werden - beileibe nicht! ... Aber ...la uns bald
aufbrechen - ja? Wir sind den Gttern eine Hekatombe schuldig ... Ich habe
Sehnsucht nach ... Dir, Kind! Mache! ... Komm! ... Trink Deinen Kaffee aus,
bitte! - wir gehen zu mir - da wird's gut sein ... und da werden wir Htten
bauen ...
    Eine kleine Frist darauf verlie Adam mit seiner kstlichen Kriegsbeute das
Lokal. Die beiden schritten Arm in Arm, eng aneinandergeschmiegt, durch die
stillen Straen dahin und plauderten miteinander und neckten sich und kosten,
als stellten sie vor ein brutlich liebend Paar. Und der Nachtwind strich um sie
herum und zauste zaghaft an ihnen und blies sie sanft an und lauschte auf die
Ouvertre der Liebesnacht, welche zwei Menschenkinder feiern wollten, die sich
vorher noch nie begegnet waren ... die der Gott der Stunde heute zusammengethan
... Es war zwischen zwei und drei Uhr. Der Himmel lie soeben sein starres,
gebundenes Schwarz in die erste hellere, mehr dunkelblaue Farbenwellung
hinberschlpfen. Der Schlummer des Lichts begann unmerklich leiser und leiser
zu werden. Bald mute es aufwachen und den ganzen Horizont berflammen.
    Adam aber verga in den weien Armen seiner Emmy Frau Lydia Lange, verga
die Betheuerungen und Schwre, die er ihr - waren denn unterweilen erst vier,
fnf Stunden vergangen? - schluchzend zugestammelt. Und er verga Frulein
Hedwig Irmer, dieses blasse, ernste Weib mit den schweren, dunklen Augen und dem
herben, langweiligen Schicksal. Der Stern einer unheimlich ungenirten Liebe
stand leuchtend zu Hupten seines Lagers ... seines Lagers, auf dem er so oft
allein, so oft verwaist geruht - stand, bis die rothe, ehrliche Morgensonne kam
und Emmys schwarzes Haar blulich aufschimmern lie. Die Schlfer aber
erwachten, blinzelten in den goldenen Glanz hinein, kten sich und kosten
miteinander in seltsamer Kurzweil. Das Licht wuchs und wuchs. -

                                      XII.


In immerhin ziemlich prgnantem Einsiedlerstyle durchlebte Adam die nchsten
Tage und Wochen. Der zeitweilige Verkehr mit Emmy, die ihn fter besuchte, und
mit welcher er ab und zu kleinere Spaziergnge machte, hatte fr ihn kaum etwas
Anschraubendes, Bestimmendes, Ablenkendes, Hinauszwingendes. Emmy war doch ganz
feinfhlig und zurckhaltend.
    Wohl gestand sich der Herr Doctor mit leisem Bedauern ein, da ihm in dieser
Zeit der Stille und Ebbe alles geistig Grere, Bedeutendere, Imposantere fern
und versagt blieb. Aber dieses Bedauern war doch schlielich nur ein sehr
nchternes und oberflchliches. Adam versprte zuweilen einen Mangel, den er
sich halb unwillkrlich, halb knstlich, aus Erinnerungen und zuflligen
Vergleichen zwischen frheren, bewegteren Tagen und dem gleichmigeren Jetzt
zusammenbuk. Das war aber mehr eine correkte, etwas wehmthig angesprenkelte
Abstraktion, denn ein redlicher Vollschmerz.
    Adam hatte sich zwar vorgenommen, die Beziehungsfden zu Lydia nicht
leichtsinnig zu verschleppen ... aber wie er so von Tag zu Tag in seinem
Gefhls- und Gedankenleben vereinsamte ... selbstinniger und intimer wurde; wie
er die Kreise immer enger zog; wie sich ihm die uere Welt mehr und mehr zum
Accidenz vereinfachte, das verhltnimig nur selten von Emmy wieder zum
gleich- oder mehrwerthigen, unmittelbaren Object zurckgemnzt und ausgeglichen
wurde; wie er sich stets eingehender und reicheren Gewinn schpfend in das Motiv
der bewuten modernen Bibel versenkte: da trat unwillkrlich das persnliche
Gefhl, das Verstndni, das Interesse fr die Frau bedeutend zurck, verlor an
Kraft und verblate - fr die Frau, die ihm jenes Motiv in einer loseren Stunde
berantwortet - wie eine fr sie reizlose Frucht in den Schoo geworfen hatte.
Ideen, nicht zu alltgliche, nicht zu wohlfeile, dmmerten ihm auf, gewannen
Ausdruck und Umri ... und in dem specifisch modernen Momente des
wiedergefundenen Germanenthums glaubte er sich des bewegenden und entscheidenden
Gegensatzes der neuen Bibel zu dem semitischen Grundelemente der alten
bemchtigt zu haben. Eine bedeutende Reihe neuer, interessanter Perspektiven
ergab sich nun ... eine berreiche Flle von Gedankenkeimen scho auf - eine
Ernte von originellen, neuen Anschauungen, Auffassungen, zeitweilig recht
merkwrdigen Ahnungen, welche aber Adam mehr mit der diskreten Zurckhaltung
eines raffinirten Gourmand behandelte - eines Gourmand, der im unklaren
Bewutsein seines Reichthums schwelgt - und die er deshalb nur lssig, fast
gegen seinen Willen, weiterentwickelte und fortbildete ... Zugleich verstand er
es aber auch, eben als vorzglich geschulter Gourmand, jene Scheu vor dem klaren
Wissen um seinen Besitz als ein neues, pikantes Reizmoment in den Kreis seiner
geistigen Lust zu ziehen. -
    Eines Tages war Adam wieder einmal von Emmy um die Mittagsstunde abgeholt
worden. Sie pflegten dann zusammen zu speisen ... aus Piett und Anhnglichkeit
in jenem Caf, in dem sie sich kennen gelernt, eine Tasse Melange zu trinken ...
und nachher eine Weile zu promeniren. Sie tndelten und plauderten mit einander
... sie erzhlten sich Dies und Das ... sie langweilten sich fast ... und waren
doch eigenthmlich angeregt, wenn auch sanft nur und verhalten. Ab und zu lie
Adam, mehr zufllig denn absichtlich, ein ernsteres Wort fallen, das Emmy mit
drolliger Gewichtigkeit aufnahm und manchmal zum selbstndigen Gesprchsmotiv zu
machen versuchte. Adam verstand das kleine Weib und mute lcheln. O! Emmy wute
die Ehre zu schtzen ... die Ehre, mit Herrn Doctor Mensch verkehren zu drfen.
Sie war nicht unbeanlagt und gewi geistig nicht ganz bedrfnilos. Oefter schon
hatte sie Adam, halb im Ernste, halb im willkommenen Spae, den Vorwurf gemacht,
da er sie zu geringschtzig behandelte ... zu sehr die Geliebte ... zu wenig
den Menschen in ihr she. Aber war sie denn im Stande, den Untergrund seines
Gedankenlebens aufzuwhlen? Wenn sie zu ihm komme, sehe er immer so ernst aus
und sei so wortkarg, hatte sie sich beklagt, und studire immer in so vielen
Bchern oder kritzele auf einem groen Blatte Papier herum - mit ihr aber
plaudere er stets nur loses, leichtes Zeug - warum lese er ihr denn nicht einmal
aus einem seiner Bcher vor -? Emmy war wirklich zeitweilig ein zu spaiges
Ding. Einmal hatte Adam sie auf jenen Vorwurf hin in die Sophaecke gedrckt ...
hatte sehr sonderbar gelchelt ... ihre dnnen, schmalen Lippenbnkchen
unzweideutig versessen gekt ... und dann begonnen, an den Brustknpfen ihres
Jaquets zu nesteln -: das war seine ganze Antwort gewesen. O! Emmy hatte
verstanden - - ja! ja! Sie wute wohl, da sie ihm gefiel ... und das freute sie
auch tchtig, denn ihr gefiel dieser Herr Doctor nicht minder - aber ein klein
Wenig hatte sie es doch gergert, da er fter so gar nicht auf sie eingehen
wollte ... Nun! es war immerhin schon viel, da er sie mit feinstem Zartgefhl
behandelte ... nicht ... gar nicht, als wre sie auch ... auch so Eine - so
Eine, wie sie es ... im Grunde ja doch war.
    Nun ja! Kellnerin war sie gewesen - und jetzt privatisirte sie. Aber jeden
Augenblick konnte sie wieder irgendwo Stellung nehmen - schlielich wieder in
ein Geschft als Verkuferin eintreten ... oder als Putzmacherin,
Maschinennhterin, kalte Mamsell oder so etwas Aehnliches gehen - jedoch ...
war dazu nicht immer noch Zeit? Warum denn nicht? Jetzt lebte sie so
entschieden freier ... und Noth litt sie nicht. Sie hatte sich als Kellnerin
einige Batzen erspart - und ganz verdienstlos war das Privatisiren schlielich
doch auch nicht. Adam allerdings ... Adam war nicht besonders freigebig gegen
sie. Er bezahlte ja sehr oft fr sie ... er machte ihr kleine Geschenke - aber
der arme Kerl schien selbst nicht Allzuviel in die Milch brocken zu knnen. Und
dann hatte er selbst starke Bedrfnisse, brauchte einen ganz netten Haufen ...
und ... und verstand es berdies keine Idee, ein Bischen haushlterisch zu sein.
Wie? wenn - sie - ihm die - hm! - also die ... die Kasse - fhrte? Dann mten
sie aber zusammenwohnen - und das - ob das Adam wollte -? O! Emmy hatte schon
fter daran gedacht. Ihr wre es gewi recht gewesen. Sie hatte den Punkt auch
schon einige Male zur Sprache bringen wollen - und es war ihr doch schlielich
immer wieder nicht ber die Lippen gegangen. Warum nur nicht? Und er, Adam,
schien mit keinem Gedanken daran zu denken. Er machte sich wohl berhaupt nicht
besonders viel aus ihr - sonst htte er doch darauf wahrhaftig schon kommen
mssen! Er konnte sich doch an fnf Fingern abzhlen, da er nicht der Einzige
war, mit dem sie verkehrte ... Aber das schien ihm Alles furchtbar gleichgltig
zu sein. Emmy that es sehr weh, da sie fr Adam keine grere Bedeutung besa.
Und unwillkrlich hing sie sich in ihrem Innern um so fester an ihn,
beschftigte sich um so intimer mit ihm - rupfte zeitweilig mit groer, naiver
Gewissenlosigkeit andere Mnner um so nachdrcklicher, da ihr der, welcher ihr
der liebste war, nichts Entscheidendes, nichts Entschiedenes bieten kannte. O!
Eine starke, zrtliche Neigung fr Adam war allmhlich in der Brust Emmys
emporgewachsen.
    Und nun promenirten sie heute in dem kleinen Stadtpark. Nach dem Walde waren
sie lieber nicht hinausgegangen. Es sah aus, als ob es jeden Augenblick regnen
wollte. Die Luft ging khl ... ganz gewi zu khl fr die letzten Maitage. Die
Natur machte ein halb bekmmertes, halb gleichgltiges Gesicht. Adam erschien
sie wie verwittwet, wie verwaist. Da hatten alle Quellen eines ehelichen
Sonnenlebens zu sprudeln aufgehrt - ernst und zurckhaltend, wie in windstillen
Oktobertagen, stand Baum und Strauch da ... nur die prahlerischen
Farbensymphonie'n des Herbstes fehlten - aber Adam war es zu Sinn, als ob dieses
schwere, stumpfe, glanzlose Grn nicht echt - als ob es von den Cypressen der
ganzen Welt zusammengeborgt wre ....
    Der Herr Doctor war heute wieder einmal sehr schweigsam. Die Sprdigkeit und
Neutralitt der Natur zwangen ihn noch mehr in sich zurck. Es lastete kaum ein
besonderer Druck auf ihm. Und doch konnte er es nicht ber sich gewinnen, sich
in ein lngeres, zusammenhngendes Gesprch mit Emmy einzulassen. Ab und zu fiel
ein Wort, welches aber mehr aus dem Bedrfni heraus, das Peinliche und
Drckende dieser Stille zu vermindern, gesprochen wurde, als weil es an sich
bedeutend und berechtigt gewesen wre. Nicht im Banne irgend eines tieferen
Gedanken-oder Gefhlsmotivs befand sich Adam Allerlei krauses Zeug, an dem er
herumspann, war ihm nahe ... er kaute geistig an diesem und jenem Einfall ...
eine heie Sehnsucht packte ihn jetzt nach einer groen, gesammelten Stimmung
... nach einem intimen seelischen Erlebni ... Erinnerungen keimten auf ... er
konnte nicht begreifen, wie er pltzlich hierher kme ... er wute nicht, was er
mit diesem Weibe an seiner Seite eigentlich zu schaffen htte ... er hatte doch
ganz andere Pflichten zu erfllen ... eine ganz andere Mission war ihm doch
geworden - ha! aber welcher Art waren denn diese Pflichten -? Und welcher Art
war denn diese merkwrdige Mission -?
    Adam! Du bist heute unausstehlich! ... Emmy hatte nicht lnger an sich
halten knnen.
    Hm! . Unausstehlich ... warum, Kind? Ich trumte nur wieder einmal allerlei
dummes Zeug zusammen ... Du kennst ja meine Schwche ... Aber wir wollen bald
umkehren - ja? Ich mchte, solange es Tag ist ... so ... -lange es ... Tag ist -
hm! ... Emmy, weit Du: die Sonne ist eigentlich ein furchtbar berflssiges
Mbel - -
    Aber Adam! ...
    Was denn? . Sieh mal, wenn - also wenn - - denke Dir zunchst 'mal einen
Laubfrosch - -
    Einen Laubfrosch? ... Das wird ja immer hbscher - Emmy lachte sehr
aufgerumt.
    Und dann denke Dir eine Perrcke - -
    Eine Perrcke? Adam! Ich glaube, Du bist - -
    Und denke Dir drittens eine Schale Spargelsalat - -
    Aber nein! - sei still! ... das ist ja zum Verrcktwerden! ...
    Ja! - also - aber Du hast mich ganz aus dem Konzept gebracht - nun hr' zu:
wir setzen den jrasjrnen Laubfrosch in den Spargelsalat und decken die Perrcke
darber - jetzt rathe 'mal, was das ist? .
    Ich halte mir die Ohren zu ... sei still ... sei still! ... Emmy drckte
die Finger gegen ihre allerliebsten Ohrmuscheln und trippelte mit komischer Eile
einige Schritte voraus. Nun mndete der schmale Spazierpfad, auf dem die beiden
bis jetzt hingeschritten waren, in den breiten Hauptweg des Parkes aus.
    Quer ber den Alleedamm kam ein Herr auf das Paar zu.
    Ah! Herr Doctor! . Habe ich endlich einmal wieder das Vergngen - ich
dachte, Sie wren lngst nach unseren Kolonie'n als kaiserlich deutscher
Dolmetscher oder mit sonst 'nem Ulke chargiert ausgewandert ... Und nun ... hier
... auf altem Boden noch - dazu in reizender Damenbegleitung -
    Herr von Bodenburg hatte den Hut gezogen, mit eleganter Verbeugung seine
rechte Hand Adam entgegengestreckt und zugleich, ein Lcheln des Erstaunens und
der Genugthuung im Gesicht, einen kurzen, prfenden Blick auf Emmy geworfen.
    Ich begre Sie, Herr von Bodenburg - meine kleine, reizende Frau - Herr
Referendar von Bodenburg - stellte Adam jetzt mit drolliger Ernsthaftigkeit
vor.
    Helfen Sie mir, Herr Referendar - ich suchte meine Frau soeben ber die
inneren Beziehungen, in welchen ein Laubfrosch zu einer Schssel Perrckensalat
steht, aufzuklren - aber sie will mich durchaus nicht verstehen -
    Hm! hm! ... lchelte Herr von Bodenburg wohlwollend, herablassend, als
htte er recht gut verstanden, da es sich um einen barocken Spa handelte -
Perrckensalat - nicht bel, Herr Doctor -!
    Nicht wahr - Sie wissen, was ich meine? ... Natrlich wissen Sie's - dann
knnen Sie's mir vielleicht sagen, Herr Referendar? Ja? Ich bin mir nmlich in
diesem Augenblick selbst ein riesiges Rthsel ... Ich wei absolut nicht, was
ich mir unter Perrckensalat vorstellen soll - Goethe sagt zwar, die Welt sei
ein Sardellensalat, aber - aha! Lassen Sie uns nachdenken, meine Freunde! . Wir
finden sie - ich sage Ihnen: wir finden sie, die Lsung nmlich dieses Rthsels
... wir finden sie - ich wette um einen Korb Rderer, Herr Referendar, da wir
sie finden, die verdammte Hexe -!
    Adam lachte aus vollem Halse, unangenehm energisch, drhnend. Er schttelte
sich und lachte, da ihm die Thrnen ber die Backen liefen. Ein nervser
Lustigkeitskrampf war jh ber ihn gekommen. Emmy blickte erschrocken zu ihm
hinber. Herr von Bodenburg machte ein ehrlich verblfftes Gesicht, in welches
zugleich ein paar Unmuths- und Aergerslinien hineingeritzt waren. Eine
merkwrdige Unterhaltung - murmelte er.
    Also, meine Freunde - es wird Zeit, da die Gtterdmmerung endlich
losgeht! - Ich ersticke an diesem tristen Zuschauerjargon, den man immer
radebrechen mu ... Emmy! Sehen Sie, Herr Referendar - das ist nun auch so Eine
... ich habe das kleine, entzckende Weib neulich Abend einem berflssigen
Laffen abgejagt - aber glauben Sie wohl, da es bisher zum geringsten tragischen
Konflikte zwischen uns gekommen wre? . Keene Spur, Verehrtester! Es ist so
blutig langweilig auf der Welt - die Leidenschaft ist todt - und die groen
Gefhle sind pensionirt ... Lassen wir wir uns dito pensioniren, lieber
Mitmensch - -
    Sie sind heute in einer eigenartigen Stimmung, Herr Doctor!
    Was hast Du nur, Adam -?
    Ich? Nichts, Kind! Gar Nichts! Aber wollen wir nicht heimwrts ziehen, wie
die ... nun! ... Wie die bewuten Schwalben im Herbst? ... Meine Stunde
wenigstens ist gekommen ... Sie begleiten uns vielleicht, Herr Referendar -?
    Wenn Sie gtigst gestatten -
    Bitte sehr -
    Die drei kehrten um. Da kam ihnen ein offener, zweispnniger Wagen in
ziemlich scharfem Trabe entgegengefahren. Adam schnuzte sich gerade mit
ostentativer Umstndlichkeit. Er wischte sich eben zum letzten Male unter der
Nase weg, als der Wagen an ihm vorberfuhr. Unwillkrlich blickte er zu ihm hin.
Ah! Teufel! Das war ja Lydia!
    Mit verlegener Hast grte Adam. Er hatte im Augenblicke keine Zeit, ber
die Frage nachzugrbeln: Warum er denn jetzt nicht dort neben dieser schnen
Frau se ... neben dieser schnen Frau, die - die - hm! ... na ja! - und so
weiter ...
    Er fhlte das Auge Emmys auf sich liegen, nun lasten. Doch da setzte das
Pferdegetrappel pltzlich aus. Adam sah sich um, ungewollt und halb unbewut
erfreut, da er eine Gelegenheit erhielt, die unvermeidliche Frage Emmys noch
hinauszuschieben. Aber er war ihr doch eigentlich gar keine Rechenschaft
schuldig. Der Wagen hielt in einiger Entfernung ... und der Herr Doctor
bemerkte, wie sich Frau Lange ber den Schlag lehnte und ihn zu sich
heranwinkte. Er war unschlssig. Er wurde aufs Neue verlegen. Er warf scheue
Blicke auf Emmy und Herrn von Bodenburg, die ihn fragend, erstaunt ansahen.
    Erlaube, Emmy! . stie er endlich heraus - Pardon, Herr Referendar - ich
- ich ... bin sogleich zurck -
    Sind Sie frei, Herr Doctor? ... redete ihn Frau Lange an und streckte ihm
ihre kleine, volle, schwarzbehandschuhte Rechte entgegen. Dann steigen Sie
bitte ein - ich mu Ihnen einen Capitalspa erzhlen - Lydia machte ein sehr
vergngtes Gesicht, ihre Augen blitzten, ihr ganzes Wesen athmete Fllung,
Angeregtheit, den Drang: sich ausstrmen, sich mittheilen zu drfen.
    Adam war in peinlichster Verlegenheit. Er konnte doch Emmy unmglich stehen
lassen. Aber - nein! - das ging auch nicht! - zugeben durfte er doch auch nicht,
da er ... er der Ritter ... der Liebhaber dieser Dame wre - - er zgerte, er
wurde immer befangener - gndige Frau - stammelte er - -
    Ach so, Herr Doctor - nun ... wenn Sie engagirt sind - natrlich - dann
verzichte ich - - Ihre Dame - -
    Pardon! . Davon kann wohl keine Rede sein - ich begegnete vorhin dem Herrn
in Begleitung der Dame - ein Bekannter von mir, Referendar von Bodenburg - aber
ich ... ich ... ich mte mich doch erst entschuldigen und verabschieden, ehe
ich Ihrer liebenswrdigen Aufforderung folgen drfte - gestatten Sie also,
gndige Frau -
    Bitte! ... Das klang sehr gleichmthig ... es war eben nur mit den Achseln
gezuckt, kaum mit dem Munde gesprochen. Lydias frische, volle Stimmung schien
einen herzhaften Sprung erhalten zu haben.
    Als Adam vom Wagen Frau Langes zu Emmy und Herrn von Bodenburg, die,
vielleicht absichtlich mit feiner Diskretion, vielleicht unabsichtlich, in
entgegengesetzter Richtung weitergegangen waren, zurckschritt, freute er sich
im Stillen gar sehr, da er Lydia gegenber immerhin doch so schnell seine
Verlegenheit berwunden hatte ... und da es ihm allem Anschein nach vorzglich
geglckt war, sich durch eine krftige Lge aus der Klemme zu ziehen. Ein zart
nuancirtes Lcheln umkruselte seinen Mund. Hm! Wenn das Emmy wte! Nun! am
Ende verstand sie ihn vielleicht ... begriff sie vielleicht sehr gut, da man
eine ... eine Freundin ... une bonne camerade unter Umstnden einmal
verleugnen mu ... verleugnen mu einer Dame von Welt ... einer Dame aus der
feineren Gesellschaft ... einer Dame aus den hheren Stnden gegenber ....
Adam hatte Lust, vor Emmy jetzt sogleich die Karten aufzudecken. Der dumme,
kleinliche Gedanke verursachte ihm ein kstliches Behagen. Aber nun frchtete er
doch hemmende Weitlufigkeiten - und so entschuldigte er sich sehr kurz: er
mte leider aus Hflichkeit einer Einladung der Dame, - die er brigens sehr
gut kenne - einer Einladung, in ihren Wagen zu steigen, Folge leisten - nun! ...
Herr von Bodenburg wrde wohl die Gte haben, Emmy nach der Stadt
zurckzubegleiten -
    Emmy sah mit einem halb ironischen, halb traurigen Blicke Adam an.
Natrlich! Sie hatte ihn verstanden. Der Herr Referendar war entzckt. Ihm
gefiel das kleine Weib ausnehmend. Ha! . So Eine - Schwerebret! - so Eine
war schlielich auch einmal fr ihn zu Hause. -
    Haben Sie dem armen Mdchen den Laufpagegeben? Sie Grausamer! ... Lydia
lchelte wirklich beleidigend spttisch und sah ihrem Nachbar fest ins Gesicht.
    Gndige Frau! -
    Lgen Sie mir doch nichts vor, Herr Doctor! . Ich erkannte Sie lngst,
bevor Sie mich sahen ... Sie gingen auf der linken Seite der Dame - das sagt
doch genug - nicht wahr?
    Wenn Sie eine Zuflligkeit - eine pure Zuflligkeit - nun ja doch! ... so
besonders schwer ist es ja nicht, einen Menschen zu verdchtigen - Adam hielt
es fr praktisch, den Beleidigten zu spielen. Mit verschrnkten Armen so
dastehen ... sich nicht vertheidigen, obwohl man alles Recht auf seiner Seite
hat ... sich ruhig abschlachten lassen im sen Vollgefhl, da der Gegner ein
schreiendes Unrecht begeht, indem er sotanes Abschlachten eben vollbringt: oh! .
auch das kann Wollust ... beiende, betubende Wollust sein ...
    Herr Doctor - ich bitte Sie! ... Aber lassen wir das! . Was ... was gehen
mich Ihre Neigungen - Ihre ... Ihre Gewohnheiten - Ihre sonstigen ...
Beziehungen an! ... Ich wollte Ihnen einen famosen Spa erzhlen, den ich heute
frh erlebt habe - nun ... um es gerade heraus zu sagen: ich - ich habe mich -
heute frh verlobt ... Was? das ist doch gttlich - nicht? Und Sie sehen, wie
glcklich ich bin! ... Ich sage Ihnen: wie neugeboren! da wei man doch
wenigstens wieder, wozu man auf der Welt ist! Da hat man doch wieder einen
vollen Lebenszweck - und nun gratuliren Sie mir, lieber Freund -
    Adam war doch zusammengefahren. Das hatte er nicht erwartet. Einen
Augenblick dachte und fhlte er nichts. Wie gelhmt war er. - Dann zischte das
Leben wieder gewaltig in ihm auf. Eine scharfe Blsse bedeckte sein Gesicht, an
welchem jetzt alles Ungleichmige, was es besa, in greller Klarheit
hervortrat. Nun wurde er glhend roth, er zitterte an allen Gliedern, die
Sprache versagte ihm, er athmete gepret, der Blick seines Auges wurde unsicher
... es war ihm, als ob in seiner Brust eine Faust in die Hhe wachse und sich
mit aller Wucht in den Kehlkopfpresse - und doch sagte er sich, da er sich
beherrschen ... gewaltsam zur Ruhe zwingen mte, wenn er sich nicht vor Lydia
unsterblich blamiren wollte - er rgerte sich wthend ber sich ... er
verachtete sich ... er bemerkte entsetzt, da sich all' seine Willenskraft
pltzlich vollkommen machtlos erwies - endlich knirschte er ein heiseres, kaum
verstndliches Lydia -! hervor.
    Frau Lange hatte den Eindruck, den ihr Gestndni auf den Herrn Doctor
gemacht, sehr genau beobachtet. Sie freute sich zunchst auerordentlich ber
diese erschtternde Wirkung. Dann wurde sie sehr ernst. Wenn Adam von der
Nachricht, da sie sich verlobt habe, so furchtbar angefat wurde dann - - nun
dann mute sie fr ihn ... mute sie in seinem Leben doch eine grere Bedeutung
besitzen, als sie bisher geglaubt hatte. Diese Folgerung erfllte sie mit einem
gewissen Stolze. Sie wuchs vor sich ... und zugleich wuchs, vertiefte und
veredelte sich ihre Theilnahme fr Adam. Sie dachte an jene bewegte Stunde
zurck, da er vor ihr auf den Knieen gelegen und um ihre Liebe geworben ... Sie
konnte jetzt nicht begreifen, da sie ihn damals so spttisch abgewiesen ... so
souvern-mtterlich behandelt ... da sie selbst in jener Scene so oberflchlich
und uerlich gefhlt hatte. Sie htte ihn jetzt am Liebsten an die Brust
gezogen und gekt. Da war kein Zweifel mehr: er liebte sie - und sie? - Nun!
sie liebte ihn auch, diesen wunderlichen Menschen - sie liebte ihn, trotzdem er
ein ziemlich loser und unzuverlssiger Gesell zu sein schien. Pltzlich war es
ihr klar geworden ... und von dem ungestmen Drange ihrer Gefhle lieen sich
alle Zweifel und Bedenken bequem in eitel Dunst zerblasen. Die ganze
Lebhaftigkeit ihrer Natur machte sich geltend und war im Begriff, entscheidend
zu wirken. Allein! sie war doch zu feinfhlend ... und zu rcksichtsvoll gegen
die gute Sitte ... war zu sehr Weltdame, um sich hier auf offener Landstrae,
in Gegenwart ihres Kutschers, zwanglos gehen lassen zu knnen. Der Druck der
Situation engagirte sie und lste beinahe wieder eine ironische Stimmung in ihr
aus. Sie wute nicht, da Adam zumeist deshalb von ihrem Gestndni so betroffen
war, weil ihm damit im selben Augenblick eine ganze Zukunftswelt verkrachte. Er
hatte sich mit jher Ueberstrzung daran erinnern mssen, da er unendlich Viel
einbte, wenn ihm Lydia verloren ging. Nun ja doch! Er hatte durchaus nicht mit
zher Energie sein Ziel verfolgt. Er hatte, gewi seiner Natur gem, mehr mit
dem Gedanken gespielt, da Lydia eines Tages sein Weib werden knnte. Sie hatte
ihm ein heimliches, volles Behagen verursacht, diese unklare,
lienienverschwommene Zukunftsreserve ... Er war viel zu gleichgltig gegen seine
Zukunft, als da er unmittelbar fr sie einzutreten, fr sie zu arbeiten
vermocht htte. Sein Gedanken- und Gemthsleben war viel zu differenzirt, als
da er nicht eng an die Gegenwart htte anknpfen mssen. Und doch war es ihm
jetzt zu Sinn, als htte er Etwas verloren, was schon ganz sein eigen gewesen
...
    - Herr Doctor -! Lydia wute nicht recht ... sie war erschrocken,
verlegen, fast bekmmert - aber Alles nicht ganz rein, es zweifelte etwas
Unklares in ihr -
    Adam hatte sich gefat. Seine Stimme klang noch gepret und stockend, aber
uerlich nahm er sich doch bedeutend khler und ruhiger aus.
    Sie haben Recht, gndige Frau - da bleibt mir wirklich nichts weiter brig,
als Ihnen meine herzlichsten Glckwnsche auszusprechen -
    Ich danke Ihnen verbindlichst, Herr Doctor! . Lydia lchelte
schelmisch-ironisch.
    Dann schwiegen beide eine kleine Weile. Nun begann Lydia wieder, einen
schmollend-vorwurfsvollen Ausdruck in der Stimme: Aber Sie fragen ja gar nicht,
wer mein Auserwhlter ist?! Nehmen Sie in der That so wenig Antheil an mir? ...
    Ich bitte Sie, gndige Frau! Einem armen Burschen, der todeswund am Boden
liegt, ist es so ziemlich gleichgltig, wer ihm die Kugel in die Brust gejagt
hat - er wei nur, da man ihm das Aufstehen verleidet hat - antwortete Adam
mit affektirter Trauer und Resignation.
    Na - nehmen Sie's nur nicht zu tragisch, Herr Doctor! . Sie thun ja gerade
so, als ob ... nun! - jedenfalls sind Sie wieder einmal auf dem besten Wege,
Ihnen und mir Etwas vorzulgen -
    Sie sind doch eine unverbesserliche Zweiflerin, Lydia! . Das hatte Adam in
ehrlichstem Ernste, wirklich bekmmert, gesprochen.
    Ich will Ihnen reinen Wein einschenken, lieber Freund! Die Geschichte von
der Verlobung war natrlich nur ein Scherz ... Ich habe heute frh allerdings
einen Heirathsantrag erhalten - von - aber das ist Ihnen ja gleichgltig ... Ein
Major auer Dienst - nebenbei Weinhndler und Agent einer
Lebensversicherungsgesellschaft - natrlich von Adel - brigens 'n ganz
passabler Mensch - nur 'n Bissel zu alt ... 'n Bissel zu unbedeutend und ... und
'n Bissel zu verschuldet - hat mich schon seit Jahr und Tag mit seinen
Aufmerksamkeiten verfolgt - ist mir nachgereist - u.s.w. - u.s.w. - aber -
pardon! - das interessirt Sie ja nicht - also ... nun! - ich habe fr die Ehre
gedankt, Frau von ... von X oder Y zu werden ... Mein Name gefllt mir zu gut
... und meine Freiheit gefllt mir noch besser ... Sie werden mich verstehen,
Herr Doctor -
    So? - Glauben Sie, gndige Frau? -
    Adam hatte sehr kalt und gleichmthig geantwortet. Er vermied es, Lydia
anzusehen. Er wandte sich ab und schien die ihm gegenber liegende Front des
Parkes mit auerordentlicher Aufmerksamkeit zu betrachten. Seine Finger
trommelten mit nervs schwirrendem Nachdruck auf dem Wagenschlage herum.
    Der Wagen hatte das ganze Gehlz durchfahren und nherte sich jetzt - auf
einer anderen Seite - der Stadt. Die ersten Tropfen eines leichten Regens
rieselten nieder.
    Lydia war emprt. Eine verworrene Flle von Gedanken und Gefhlen
durchghrte sie. Sie wute nicht, wie sie ihrem Aerger, ihrer Erbitterung auf
eine besonders malizise Weise Luft machen sollte.
    Man kam der Stadt immer nher.
    Gestatten Sie, da ich hier aussteige, gndige Frau - begann Adam jetzt
und sah Lydia von der Seite an ...
    Ah! - Frulein Irmer ... gewi mit ihrem Vater! . Der Mann sieht sehr
leidend aus - er scheint doch recht hinfllig zu sein -
    Adam wandte sich schnell um ... und bemerkte, wie Herr Doctor Irmer, von
Hedwig gefhrt, langsam ... sehr langsam, zusammengebckt, mit dem Stocke in der
linken Hand unsicher vor sich hintastend, herankam. Adam grte mit zufahrend
pathetischer Hflichkeit ... und wurde dabei doch wieder ein wenig verlegen.
Aber zugleich machte ihm der harmlos-einfltige Gedanke wollstiges Vergngen,
da fr Hedwig die Thatsache, ihn in einem offenen Wagen an der Seite Frau
Lange's gesehen zu haben, zu einem neuen Grunde, sich mit ihm zu beschftigen,
werden mute - und da andrerseits sein auffallend hflicher Gru gegen Irmers
nicht ohne Eindruck auf Lydia bleiben konnte.
    Gestatten Sie, da ich hier aussteige, gndige Frau! ... wiederholte Adam,
als der Wagen kaum noch hundert Schritt von dem Ausgang des Parkes entfernt war
- und - fgte er leiser hinzu - wann werden Sie einmal fr mich zu Hause
sein, Lydia? Das geht so nicht weiter - das ertrage ich nicht lnger - die Sache
mu zur Entscheidung kommen - - oder - ja! - das ist besser - ich schreibe Ihnen
-
    Wie Sie wollen, Herr Doctor. Ich wei brigens nicht, was Sie mir - doch -
nebenbei bemerkt - ich verreise demnchst auf einige Wochen -
    Frau Lange lie halten. Adam stieg aus und zog den Hut.
    Adieu! ... Das klang entsetzlich kurz und schroff.
    Der Wagen rollte davon. Es regnete strker.
    Adam schlug die Richtung nach seiner Wohnung ein. Das leise Prickeln und
verhaltene Stechen der Regentropfen that ihm fast wohl. Bei einer solchen
Naturstimmung fliegen keine groen Gedanken auf. Da kann man, in sich
zusammengezogen, still vor sich hindenken, behaglich vor sich hinbrummeln. Und
Adam bemhte sich, eine reine, kstliche Heiterkeit im Gemth, ber das soziale
Verhltni nachzugrbeln, in dem ein Laubfrosch zu einer Perrcke und einer
Schale Spargelsalat steht. Ein Schwarm drolliger und putziger Gedankenbilder
umgaukelte ihn. Der Schlapphut hatte zwar eine tchtige Portion Nsse geschluckt
... nichtsdestoweniger kam der Herr Doctor sehr angeregt und aufgerumt nach
Hause. Lydia war ihm schauderhaft gleichgltig. -
    Er fand einen Brief von seinem Bruder vor, welcher schrieb, da er sich
verlobt htte. Adam las die nichtssagende, umstndlich-unbeholfene Epistel
flchtig durch und warf sie in den Papierkorb. Was ... wer war ihm sein Bruder?
Er hatte ihn seit Jahren nicht gesehen. Adam besa so gar kein Talent,
verwandtschaftliche Instinkte bei sich zu pflegen.
    Aber noch ein Brief war angekommen: eine sehr liebenswrdige Einladung von
Irmers fr bermorgen Abend: Zu einer Tasse Thee. Ah! So kommst Du also
wieder einmal an die Reihe, geliebte Hedwig - versetzte halblaut vor sich hin
dieser Mensch, um den sich ... andere Menschen zu reien schienen, sieh da!
das ist hbsch von Dir! ... Ihr wechselt Euch frwahr sehr nett ab, Kinder!
Lydia - Hedwig - Emmy - Emmy - Hedwig - Lydia - Hedwig - Lydia - Emmy -: ganz
annehmbar! Uebrigens - Emmy! Hm! Ich traue diesem Herrn von Bodenburg doch nicht
recht - er wird doch ... wird doch keinen ... Unsinn machen mit meiner kleinen
reizenden Frau -? Zu dumm, da Emmy ein so emancipatives Wesen ist - zu dumm!
Zum ersten Male war Adam so etwas wie eiferschtig ... wie eiferschtig auf die
unvermeidlichen, anderen Liebhaber seiner kleinen, reizenden Frau ...
    In der folgenden Nacht schlief er sehr unruhig. Er wachte fter auf - und so
oft er aufwachte, mute er daran denken, da dieser dumme Kerl von Referendar
und seine Emmy jetzt wohl in sem Minnespiel beieinander wren. Es war zum
Rasendwerden.
    Wahrhaftig! Nchstens werde ich mich auch noch in die Hure verliebt haben
... knurrte er einmal erbost vor sich hin. -

                                     XIII.


Und nun war die Stunde gekommen, da Adam sich aufmachen durfte, der Irmer'schen
Einladung Folge zu leisten.
    Um die Zeit, da der Nachmittag Miene zu machen begann, sich zum Abend
auszuwlben, war der Herr Doctor natrlich mit sich einig gewesen, nicht zu
Irmers zu gehen, sich noch entschuldigen zu lassen.
    Er war soeben erst nach Hause gekommen.
    Am Vormittage hatte er sich, von einer unertrglich zerfaserten und
zerkrmelten Stimmung geqult, fast aus seiner Wohnung geflchtet ... hatte er
sich geflchtet vor sich selber ... vor einem Gespenst ... vor der furchtbaren
Entdeckung, da er in dieser Stimmung Welt und Leben gegenber vollstndig
waffenlos wre. Die stille, kstliche Heiterkeit des Herzens, mit welcher er
gestern heimgekehrt war, hatte sich ihm bis auf den letzten, mageren Nachglanz
entzogen ... er verstand sie nicht mehr ... er konnte nicht begreifen, da er
sie besessen ... er verachtete sich, weil er das nicht begreifen, weil er keinen
Zusammenhang finden konnte ... und verachtete sich zugleich, weil er nach einem
Zusammenhange suchte ... weil er jener Stille des Gemths instinctiv Wert und
Bedeutung beilegte ... und er verachtete sich zum Dritten, weil er gestern im
Stande gewesen war, die unermeliche Schwere des Lebens zu vergessen ... und sie
heute fast mit dem Gefhle eines Menschen trug, der nach neuen Mitteln und Wegen
suchte, sich ber sie hinwegzutuschen ... eines Menschen, der am Liebsten vor
ihr geflohen wre ...
    Und so war er denn auch vor seiner Stimmung geflohen ... hatte sich mit
eintniger Nachdrcklichkeit eingeredet, da er einige Besorgungen, die er schon
lngst hatte machen wollen, nicht lnger aufschieben knnte ... war, von den
Eindrcken der Auenwelt bestrmt, berhuft, zerstreut, endlich auch etwas
ruhiger geworden ... hatte dann mit aufflligem Appetit zu Mittag gespeist ...
und schlielich den grten Theil des Nachmittags im Caf Caesar
verstumpftsinnt. Einmal war hier Herr von Bodenburg vor ihm aufgetaucht, hatte
sich aber mit merkwrdiger Eile sehr bald wieder empfohlen. Adam hatte lcheln
mssen: der Herr Referendar schien wahrhaftig ein bses Gewissen zu haben! Er
sollte die Emmy, die eben doch weiter nichts als auch so Eine war, nur ruhig
zu seinem Privatgebrauche engagiren - er, Adam Mensch, wrde nicht das Geringste
dagegen einzuwenden haben! Was war ihm denn diese schne Snderin mit dem
verzettelten Herzensleben und dem beschrnkten Intellekt? Dummheit, wenn Herr
von Bodenburg sich genirte - capitale Dummheit! Solch' ein kleines Weib ist doch
gleichsam nur eine lebendige Mnze ... es geht von einer Hand in die andere -
was weiter? - Und doch war er zusammengezuckt, als er sich Emmys Untreue, die er
selbst erst herausgefordert hatte, vorgestellt. Adam hatte sich an Emmys
Leidenschaftlichkeit ... an ihre Liebkosungen, an ihre Ksse erinnert ... an
ihre Umarmungen, die ihn fast erstickt ... Und wie s war es gewesen, als sie
ihm in jener Nacht im ersten Paarungstumult rhrend einfach zugestammelt: Ich
habe Dich gern, Adam! Und da war es wirklich hei in ihm emporgestiegen ...
eine unheimliche Exstase hatte ihn bis in seine kleinsten Organe hinein
durchsplt ... eine dampfende, lhmende Sehnsucht, nach Emmys schnem Leibe ...
nach ihren Kssen ... ihrem weichen, molligen Liebesgeplauder ... ihrer
kstlichen Routinirtheit im aufsaugenden Minnespiel, war jh zu ihm gekommen -
verflucht! Er hatte seine kstliche Lagergenossin verloren, weil er einem Weibe
nachgelaufen war, das ihm eine dumme Komdie vorgespielt! Er hatte sich auf die
Seite der Konvenienz, der Lge ... allerdings auch der Tugend geschlagen - und
hatte darber die Freiheit und die Ungebundenheit der vorurtheilslosen Snde
eingebt ... Er war doch ein Schaafskopf ersten Ranges gewesen ...
    Aber der Groll gegen sich selbst ... der Aerger ber seinen taktischen
Schnitzer hatte doch nicht entscheidend bei Adam nachgewirkt. Nun er zu Hause
war und sich mechanisch auf den Besuch bei Irmers vorbereitete, obwohl er
eigentlich entschlossen war, diesen Kelch an sich vorbergehen zu lassen, hatte
sich seiner das Gefhl einer entkrftenden inneren Leere und Nchternheit
bemchtigt. Alles widerte ihn an. Was sollte er in aller Welt heute Abend bei
Irmers! Wieder zu Hedwig die Fden hinberspinnen? Zur Abwechslung sich wieder
einmal von dieser Dame anregen oder aufregen lassen? Es war so berflssig ...
so unsglich berflssig.
    Apathisch lag Adam auf dem Sopha. Es dnkte ihn erschtternd komisch, da er
sich soeben einen frischen Kragen umgeknpft. Aber im nchsten Augenblicke
ertappte er sich schon dabei, wie er nach einem besonders drastischen und
impertinenten Motive suchte, mit dem er heute Abend Frulein Irmer traktiren
wollte. Adam wurde sich klar darber, da er das unnatrliche Verhltni, in
welchem heute das mnnliche und weibliche Geschlecht zu einander stehen, einmal
mit rcksichtsloser und, wenn nothwendig, mit cynischer Offenheit einer Dame
gegenber zur Sprache bringen mute. Und diese Dame abzugeben ... nun! - dazu
schien Frulein Irmer, dieses blasse, sprde, in einem engen Leben hinkmmernde
Weib, vorzglich geeignet zu sein. Es war jedenfalls so etwas wie eine That,
einmal mit der Brandfackel zu hantiren ... ein verlschendes Dasein noch einmal
den Traum von einem vollen, glhenden, ungehemmt vorwrtsstrmenden Leben
trumen zu lassen ...
    Aber auch dieser Vorsatz erschien dem Herrn Doctor sehr bald geschmacklos.
Wozu in aller Welt dieses doktrinre Geschwafele! Er erhob sich langsam,
nachlssig ... zog die Augenbrauen dicht ber der Nasenwurzel zusammen ...
machte ein sehr verchtliches Gesicht ... und suchte nach dem Messerchen, mit
welchem er seine Fingerngel pflegte.
    Wenn er gehen wollte, mute er brigens bald aufbrechen. Aber warum sollte
er denn gehen? Und doch ... mein Gott! - warum sollte er denn nicht gehen? Warum
nicht? Man thut so Vieles in dieser Welt, weil man absolut nicht wei, warum man
es nicht thun sollte ... Und zudem: es war ja auch schon zu spt, sich noch
entschuldigen zu lassen. Getrstet von dem Gedanken, da er ohne Verletzung des
gesellschaftlichen Anstandes jetzt nicht mehr ausbleiben konnte, machte sich
Adam auf den Weg zu Irmers. Er pfiff das unsterblich schne Komm herab, o
Madonna Theresa - leise vor sich hin, lste es einige Male mit Motiven aus
Wagners Fliegendem Hollnder und Siegfried ab ... und schluckte mit
verhaltener Wollust die schweren, schwlen Lfte des zusammendmmernden, letzten
Maiabends ein. Adam dachte nicht mehr an sich und verga, da er nicht wute,
wer er war ... was er von der Welt ... und was diese Welt von ihm wollte. -

                                      XIV.


Ja! Es war doch recht hei bei Irmers ... in dem doch recht engen und niedrigen
Wohnzimmer, in welchem die Drei, Vater, Tochter und Adam Mensch, um den runden
Sophatisch beisammensaen und einen Imbi߫ zu sich nahmen ... also einen
kleinen Imbi, den Adam wirklich etwas frugal finden mute. Der Herr Doctor
dachte unwillkrlich an den vornehmen Stil, an die Eleganz von Lydia's
Wohnrumen zurck ... an die anheimelnde Lichtstimmung ... die behagliche,
geschmackvolle Flle, die sich im Arbeitscabinet Frau Lange's so wohlthuend dem
empfnglichen Geiste mittheilte ... an das diskrete Werben des taktvoll
arrangirten Reichthums um verstndnivolle Anerkennung - und ihn fror ein Wenig
in dieser Umgebung, die nur von dem wehmthigen Parfm der notdrftig
verhangenen, mhsam verschleierten Armut durchzittert wurde ...
    Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Hedwig schien verstimmt
zu sein. Ihr Gesicht war fast noch blsser und ernster, ihr Blut fast noch
schwerer, als sonst. Blulich schwarze Halbringe unter den Augen deuteten auf
schlaflos verbrachte Nchte hin. Die Pflichten der Wirthin erfllte sie mit
nervser Aufmerksamkeit. Adam fhlte sich sehr peinlich berhrt. Er sagte sich,
da Hedwig unter der reizlosen, kargen Unfruchtbarkeit, unter dem Druck und der
Enge ihrer Lage litt. Sie gab sich alle Mhe, es nicht merken zu lassen ...
besa aber eine viel zu sprde und ungeschmeidige Natur, um sich zwanglos hinter
das Pseudonym einer geraden, reinen, zugnglichen Stimmung verstecken zu knnen.
    Herr Doctor Irmer hustete viel ... einen kurzen, trockenen, heiseren
Stohusten. Er sah sehr zusammengedrckt und entwaffnet aus ... sehr muthlos und
ngstlich. Oefter prete er die langen, mageren, wachsgelben Finger der rechten
Hand gespreizt gegen die Brust ... und athmete fast sthnend.
    Papa hat sich vorgestern erkltet ... erklrte Hedwig mit einem kurzen,
nicht ganz beziehungslosen Seitenblick auf Adam. Der Herr Doctor verstand. Das
gndige Frulein hielt es also fr berflssig, auf Grund und Gelegenheit dieser
Erkltung nher einzugehen. Hm! . Sie waren sich ja begegnet. Adam mute sich
das Uebrige selbst sagen knnen. Das that er denn auch. Zugleich rgerte er sich
aber, da es Hedwig augenscheinlich vermeiden wollte, jene Begegnung selbst zu
berhren. Sie war so harmlos. Und doch war Adam nicht im Stande, das gewi nicht
heikle, hchstens etwas pikante und widerhakige Motiv zur Sprache zu bringen.
Vielleicht hinderte ihn die Rcksicht auf seinen leidenden Wirth daran. Oder
wollte er Hedwig nicht wehe thun? Schlielich entschuldigte er seine Feigheit
mit dem lhmenden Einflusse, den diese dunstige Krankheitsatmosphre auf ihn
ausbte. Gewi! Er htte viel gescheiter gethan, wenn er seiner Apathie
nachgegeben und sich in letzter Stunde noch entschuldigt htte. Das wre wohl
auch den beiden Menschen lieber gewesen, die da neben ihm saen und sich redlich
bemhten, das Unglck ihres Lebens zu verhllen ... und doch nicht Komdianten
genug waren, um das scheinen zu knnen, was sie nicht sein konnten ...
    Die Fenster standen offen. Auf der Strae war es still. Nur ab und zu
stolperte ein Wagen ber das Pflaster. Nun strich ein Luftzug herein, raschelte
in den Papieren auf dem Schreibtische, zupfte an der grnen Gardine vor dem
Bcherregal und gab der Lampenflamme ein kurzes, stechendes Zusammenzucken. Adam
fhlte sich mit einem Male sehr angeheimelt von dieser einfachen, mit verhalten
geschwtzigem Schweigen erfllten Umgebung. Eine gewisse Stimmung ... ein zartes
Fluidum rhrender Poesie lie sich schlielich auch aus dieser Gruppirung der
Atome herausfhlen ... Der Herr Doctor wurde wrmer ... er erinnerte sich
einiger Trumereien seiner Jugend ... einiger Trumereien, die ihm als Ideal ein
schlichtes, bcherberflltes Arbeitszimmer vorgegaukelt ... und er sa unter
seinen Schtzen, weltentrckt, weltentfremdet, unversuchbar ... aber viel Drang
zu suchen und forschen war in ihm ... und viel tiefe Herzensstille - und Adam
beneidete einen Augenblick seinen Wirth um die Enge und Weltabgekehrtheit seiner
Klause ... und um eine Natur, die sich in ihren besten Stunden durch ernste,
neutrale Betrachtung alles Seins und Werdens und gesammeltes Versenktsein in die
Rthsel des Kosmos erlsen durfte vom Staube und der beklemmenden Enge des
Daseins ... Oh! Er geno dieser groen Stunden manche nicht minder. Aber immer
wieder lie er sich in das Leben ... in dieses fade, ermdende, abflachende und
wurzelausrodende Werkeltagsleben hinausverfhren ... Und darum denn so oft
dieser Ekel ... und darum so oft diese namenlose, zermarternde Angst vor einem
Verhngnisse, das ber ihm schwebte - und dem zu trotzen er doch keine Waffen
besa ... keine Waffen mehr besa ... Nein! Er hatte nicht mehr die Kraft, mit
souverner Ironie auf das Leben zu verzichten - auf seine kargen Reize und
Freuden, welche er aufsuchte, um sie einfach hinzunehmen ... kaum, um sie mit
vollem, starkem, innerem Dabeisein zu genieen - und die er trotzdem so oft auch
mit wahnsinniger Wuth und Gier aufsuchte, um sich zu vergessen - um sich zu
betuben ... um seine harte Seelennoth ... das bohrende Grbeln ber die
Fruchtlosigkeit seines Arbeitens ... die Unzuverlssigkeit seines Temperaments
... die sociale Lge und Aussichtslosigkeit seiner Lage durch physische
Ausschweifungen abzustumpfen ...
    Wollen Sie nicht etwas Caviar nehmen, Herr Doctor -?
    Ich danke recht sehr -
    Eigentlich a Adam Caviar sehr gern. Aber der ihm von Frulein Hedwig
angebotene sah nicht besonders appetitlich aus ... schien doch schon ein Wenig
alt, trocken, zhe, salzig geworden zu sein.
    Aber etwas Wurst oder Kse oder etwas Beef nehmen Sie doch noch - ja? .
Bitte! .
    Wenn Sie gtigst gestatten - Adam bediente sich.
    Papa, Du vergit Dein Bier ganz ... willst du nicht 'mal trinken? . Es ist
zwar etwas warm ... unser Keller taugt nicht viel -
    Mir ist gar nicht recht, Kind ... Du weit ja ... und Bier - ich glaube, es
ist besser, wenn ich's stehen lasse - es knnte mich noch mehr reizen - gieb mir
bitte lieber noch einen Schluck Thee - obwohl Thee meinen Nerven - aber
verzeihen Sie nur, Herr Doctor! Wir haben's diesmal schlecht getroffen ... Sie
htten uns brigens schon lngst wieder einmal aufsuchen sollen ... Hedwig
sprach fter von Ihnen - ich bin heute leider sehr unplich - vorgestern fhlte
ich mich so wohl und frisch, wie lange nicht - und nun -
    Ein neuer Hustenanfall unterbrach die mhsam, schleppend, unter stoendem
Athmen hingelispelten Worte Irmers.
    Adam sah zu Hedwig hinber. Sie hatte sich zu ihrem Vater gekehrt und
wischte diesem mit einem frischen, leinenen Tuche den Schwei von der in
krankhafter Blsse glnzenden, dick berperlten Stirn. Jetzt fhlte sie den
unangenehm scharfen Blick Adams. Sie wurde unruhig ... in ihr Gesicht trat ein
seltsamer Ausdruck, der zugleich Scheu, Aengstlichkeit, Verlegenheit ... einen
leisen Aerger ber die Ungeschicklichkeit ihres Vaters ... und doch auch eine
gewisse Freude - aber worber? - verrieth.
    Was arbeiten Sie jetzt, Herr Doctor? fragte Irmer nach einer kleinen Weile
und sah mit mdem, erloschenem Blick zu seinem Nachbar hin.
    Ach Gott! Dies und Das! Es ist nicht der Mhe werth. Ich mache jetzt
anthropologische Studien - die sind werthvoller und ... nothwendiger - bemerkte
Adam kurz.
    Hedwig sah mit unsglich wehmthigem Blicke zu ihrem Vater hin.
    Eine lngere Pause entstand. Adam betrachtete mit sehr gemischten
Empfindungen die beiden Menschen, die da vor ihm saen. Er fhlte sich nicht
wohl bei ihnen - nein! Ihre Hlflosigkeit machte ihn nervs ... peinigte,
beklemmte ihn. Und doch appellirten sie, gewi ganz, ohne da sie es wollten, an
sein Mitleid. Sie erwhlten ihn unwillkrlich zum Vertrauten ihrer Schmerzen ...
und sie wandten sich, gewi nicht minder unbewut, an ihn um Hlfe ... um
Linderung ... Rettung ... Nun fiel es Adam schwer aufs Herz ... nun that es ihm
sehr weh, da er nicht helfen konnte ... Das Schicksal mute wieder einmal
seinen blichen Lauf nehmen. Eines Tages wrde Irmer sterben und seine Tochter
mittellos ... aussichtlos ... zukunftslos zurcklassen. Und doch war es
vielleicht das Beste, wenn der Vater bald starb ... und Hedwig bald in neue
Verhltnisse, in eine neue Umgebung eintreten mute. Hier verwelkte und
verkmmerte sie ganz ... an der Seite eines Sterbenden ... unter dem steten
Einflusse seiner Krankheit und seiner weltabgewandten Schattenphilosophie. Aber,
wie wrde es dieser sprden, schweren Natur drauen in der Welt ergehen ...
unter den Menschen, denen sie dienen sollte? Die Leute, die sichs gestatten
knnen, dienstbare Geister zu halten, verlangen offene, empfngliche
Charaktere ... Temperamente, die gleichsam mit groen, blanken Fensterscheiben
ausgestattet sind, durch welche das volle Licht der Sonne in breiten Massen
hereinfallen kann ... Adam sagte sich, da Hedwig sehr wenig Glck und Erfolg
unter den Menschen finden wrde. Sollte er aber darum sein Schicksal mit dem
dieses armen, hlflosen,verlassenen Weibes verknpfen? Er, der selbst schwer
genug an seinem eigenen Leben trug? Daran war doch nicht zu denken. Gesetzt
selbst, da er seinen sthetischen und metaphysischen Widerwillen berwand - da
er es fr eine ethische Forderung erkannte, der Verlassenen Sttze und
Zuflucht zu werden: schon aus materiellen Grnden war es ihm unmglich, diese
Forderung zu erfllen. Und dann -: schlielich das Opfer eines moralischen -
Hirngespinnstes werden? Da wurde ja alle Natrlichkeit ber den Haufen geworfen.
Da er Hedwig liebte - davon konnte ja nicht die Rede sein - ebensowenig, wie
davon, da er sich intimer an Lydia oder an Emmy gefesselt fhlte. Je nachdem
die Stunde die Stimmung brachte, dnkte er sich zu der einen oder anderen der
Damen hingezogen. Die Stimmung lief ab - und ber die Theilnahme triumphirte
wieder die alte, mde, einfltige, unfruchtbare und doch so praktische
Gleichgltigkeit ... Woher das nur kam? Das hatte wohl seinen Grund zumeist
darin, da seine feine, sthetische Natur zu hohe Anforderungen stellte ... da
sie zusammenzuckte, zurckfhr, sich unbefriedigt ... oft verwundet und
beleidigt fhlte, wenn einem, ob auch an sich noch so geringfgigen Bedrfnisse
nicht gengt wurde ... Oh! Er hatte es ja so oft in lteren und jngeren Tagen
mit Freunden und Bekannten durchgekaut, das ehrenwerthe Motiv von dem hehren
Frauen-Ideale, das sich ein Jeder zusammentrumt und zusammendichtet in der
groen Zeit seines geistigen und sinnlichen Aufwachens und Umsichgreifens ... in
der groen Zeit seiner ersten gewaltigen Jugendschauer! Und das beschworene
Bildni lt nicht von dir. Es folgt dir zur Seite berallhin ... es zwingt dir
Ma und Urtheil auf ... es beeinflut alle deine Beziehungen und
Verhltnisse zu den wirklichen, fleischgewordenen Tchtern der Erde -: das
dein Glck dereinst gewesen, ist dir zum Fluche geworden. Es rcht seine
Schattenexistenz, seine vage Unkrperlichkeit an dir ... es flt dir eine
brennende, namenlose Sehnsucht nach seiner Verkrperlichung in die Seele - die
reifsten, saftigsten Frchte giebst du aus der Hand, weil dein Auge auf der
Schaale einen leisen, winzigen Makel entdeckt, der dich beleidigt ... Aber warum
bauest du dir berhaupt, weltseliger, menschenglubiger Jngling, ein solches
despotisches hehres Frauen-Ideal auf -? Ja! Warum -?
    Doch nein! Das ging zu weit. Das war berflssig. Was sollten diese
tragikomischen Betrachtungen hier? Adam sagte sich nicht mehr klar, fhlte aber
instinktiv, da er auf diesem Wege wieder einmal zu jenem Gebiete gelangen
wrde, mit dem er sich so oft in lautem Wort und leisem Gedanken beschftigt:
eben zu dem leidigen Verhltnisse, in das die beiden Geschlechter zu einander
von Jugend auf durch Herkommen und Erziehung gestellt werden. Ach ja! Er hatte
dieses Thema heute Abend Frulein Irmer gegenber auf's Tapet bringen wollen!
Nun! Vielleicht kam die Gelegenheit dazu noch ...
    Adam fhlte Hedwigs fragenden Blick auf sich. Das hlflose, verlassene Weib
hatte pltzlich alle Konvenienz bei Seite geschoben. Nichts mehr lag zwischen
ihm und dem Manne, der ihm in ernstem, bewutem Schweigen gegenbersa. Nichts
mehr sollte nach diesem Blicke, der zugleich unendlich trostlos und unendlich
begehrend, zwischen ihnen liegen. Adam fhlte sich gewaltig ergriffen. Es wre
ein Frevel gewesen, ein Verbrechen an dem heiligen Geiste der Menschheit - an
den Adam allerdings in seinen besseren und greren Stunden doch noch glaubte -
lie er thatlos untergehen, was dem Untergange - trotz alledem unabnderlich
verfallen war ... Ja! Er wollte ... was wollte er? ... er wollte wenigstens sein
Gewissen salviren. Er wollte sich sagen knnen, da er Alles gethan htte, was
er zu thun vermocht habe. Er wollte der Selbstvorwrfe berhoben sein. Oder ...
wenn er jetzt beschlo, in das Schicksal Hedwigs einzugreifen - bestimmte ihn
dazu sein Egoismus ... seine geschmeichelte Eitelkeit ... die heie Bitte, die
in Hedwigs Blick gelegen ... das Versprechen, welches ihm dieser
brsterschtternde Blick nicht minder gegeben? Es stieg glhend auf in Adam ...
er htte das Weib, das ihm bisher immer so sprde, so zurckhaltend begegnet war
... und das sich jetzt in seiner Noth und Verzweiflung ihm ergeben wollte ...
gewi! sich ihn zu eigen geben wollte - er htte es an sich reien mgen - und
mit ihm zu Fen des armen Mannes strzen: dem Sterbenden zu schwren, da sein
Kind nicht verlassen wre, da er ber sein Kind liebend wachen werde in allen
kommenden Tagen ...
    Die Kuckucksuhr ber dem Sopha vermeldete glucksenden, mrrisch-verrosteten
Tones die neunte Stunde.
    Hedwig erhob sich leise seufzend und wnschte mit mder, klangloser Stimme
Gesegnete Mahlzeit!
    Adam war unschlssig. Sollte er noch bleiben oder sollte er lieber gehen?
Diesem Gefngni ... diesem Lazareth entfliehen? Sich drauen rein- und
freiathmen von den hier eingeschluckten Miasmen? Es war sicher das Gescheiteste.
Und doch gewann er es nicht ber sich, so hart abzubrechen ... so auffllig, so
indiscret zu zeigen, da sich ihm der Eindruck von Hedwigs stummer Augenbitte
schon wieder stark verwischt hatte.
    Adam versprte einen bezwingenden Appetit nach einer guten Cigarre. Doch ...
hier im Krankenzimmer wurde nicht geraucht. Er mute sich den Appetit schon
verkneifen. Das rgerte ihn ein Wenig. Und nun knurrte er sich im Geiste schon
wieder an, da ihn eine solche Bagatelle berhaupt rgern konnte. Allein er kam
nicht ber das peinigende Gefhl des Mangels hinweg. Was kmmerte ihn jetzt das
Schicksal Hedwigs? Und der Anblick dieses leidenden, zusammengedrckten Mannes
war ihm jetzt ber Alles lstig.
    Um die unbequeme Stimmungsscene zu wechseln, wandte sich Adam eine Andeutung
nach rechts und streifte mit mder, zgernder Hand die grne Gardine vom
Bcherregal zurck. Langsam drehte ihm Doctor Irmer sein bleiches, weies
Gesicht zu.
    Jh lie Adam die Gardine fahren. Er mute seinem Impulse folgen. Er konnte
nicht widerstehen. Er fhlte sich pltzlich auf's Tiefste durch die Geduld
beleidigt, mit der Irmer sein elendes Leben trug, weitertrug, weiterschleppte.
Nichts von Mitleid mehr und Verstndni war in ihm. Ein kochender Groll ber
dieses reizlose, werthlose Ertragen und Aushalten siedete pltzlich in seiner
Seele empor. Er konnte nicht an sich halten.
    Hedwig hatte mit dem Mdchen, welches die zusammengestellten Teller
abgeholt, das Zimmer verlassen. Sie trat in dem Augenblick wieder ein, als Adam
ihren Vater, ohne jede uere Vermittlung, barsch anfuhr: - Aber ich bitte Sie,
Herr Doctor - warum haben Sie diesem Hundeleben nicht schon lngst ein Ende
gemacht -?
    Hedwig blickte halb erschreckt, halb erstaunt zu Adam hinber, der, von
seiner Offenheit selbst ein Wenig betroffen, wieder an der grnen Gardine
zupfte. Ein leichtes Verlegenheitsroth stand doch auf seinem Gesicht.
    Irmer schien den psychologischen Proce, der sich in Adams Brust abspielte,
zu begreifen, zu durchschauen. Ein verhaltenes, nur markirtes, aber doch
unverkennbar souvernes Lcheln legte sich auf eine kleine Weile ber seine
scharfen Dulderzge.
    Sie tuschen sich, Herr Doctor, antwortete er nun mit seiner mden,
schleppenden, heiseren Stimme, - wenn Sie glauben, da Ihr Leben etwa weniger
elend sei, als das meine ... Ich leide nur sichtbarer, als Sie ... erkennbarer
fr jedes Laienauge - Sie - -
    Pardon! Ich fhle mich sehr wohl auf der Welt ... Aber verzeihen Sie mir
meine brutale Geradheit - es fuhr mir so heraus -
    - Als Sie mich wie ein Hufchen Unglck vor sich sitzen sahen - ich
begreife, Herr Doctor -
    Oh! stotterte Adam.
    Was ist's denn, da Sie noch an diesem Hundeleben festhlt, wie Sie sagen
-? Was denn -?
    Eigentlich nichts ... uneigentlich sehr viel - erwiderte Adam
gleichmthig. Er hatte seine volle Selbstbeherrschung wiedergewonnen.
    Mit dem uneigentlich - das ist so 'ne Sache! Nun - Sie werden sich wohl
ebenso tuschen, wie ich mich getuscht habe, als ich in Ihren Jahren war ...
Damals waren mir einzelne pessimistische Ahnungen und Stimmungen gleichsam
Surrogate, wenn's mit dem Leben selber einmal nicht recht klappen wollte ... So
wird's bei Ihnen auch sein. Aber Sie werden so sicher wie ich zu der Erkenntni
kommen, da Sie sich belogen - allerdings Ihrer psychischen Combination gem
belgen muten ... Das ist ja eben das sogenannte Glck der Jugend, da sie sich
an jedem Daseinsmomente zu sttigen vermag ... nach der Kette der Entwicklung
aber, dem logischen Zwange der Fortbildung, nichts fragt. Es giebt natrlich
noch Millionen andere Spielarten von Seelenanlage. Aber ich ging jetzt von der
meinen aus und von der Ihrigen, die, wenn ich mich nicht sehr tusche, der
meinen doch immerhin ziemlich verwandt ist ... Und darum werden Sie, Herr
Doctor, mit der Zeit, frher oder spter, zu denselben Resultaten kommen, zu
denen ich gelangt bin. Ihr Selbstbetrug besteht nur darin, da Sie Ihre
Weiterentwickelung jetzt noch nicht voraussehen knnen. Jawohl: knnen! Sie sind
fr Ihre Verblendung nicht verantwortlich - sie liegt in der Natur der Sache -
    Adam dnkte diese Ausfhrung Doctor Irmers gar seicht und oberflchlich. Was
sollte er darauf erwidern? Hatte denn Irmer gar nicht herausgefhlt, da er jene
barsch herausgeschleuderte Vorwurfsfrage in tiefstem Grunde nur an sich selber
gerichtet? Oh! Er war trotz seinen jungen Jahren in der Erkenntni߫ schon
weiter vorgeschritten, als dieser arme, eingekapselte Entsagungsfanatiker und
Kartoffelsuppenmeergreis glaubte. Ihre Seelenanlagen waren doch wohl unter sich
ausnehmend verschieden. Allein - es tickte ihn, den Unmndigen und Kurzsichtigen
zu spielen - sich so zu geberden, als coquettire er eigentlich nur mit seiner
Blasirtheit ... als sei er noch voll von flammendem Jugendfeuer ... als halte er
es wirklich noch der Mhe fr werth, fr ein Dutzend bedeutender Ideale
einzutreten.
    Hedwig hatte sich einen Stuhl an den Tisch gerckt und eine Hkelarbeit
vorgenommen. Sie hielt den Kopf ber die Arbeit gebeugt ... sah nur zuweilen zu
ihrem Vater auf ... und in ihrem Blick lag dann die ganze Sorge um den
Leidenden, zugleich aber auch, wie es Adam schien, ein Wenig Ungeduld, ein Wenig
Zorn. Selten schielte sie einmal zu Adam hinber. Blendend hob sich das weie
Garn von der kirschbraunen Tischdecke ab. Mit diesem dunklen Untergrunde, den
weien Fingern, dem blagelben Teint und dem schwarzen Haar Hedwigs bildete es
eine Farbengruppe voll einfach-bizarrer Plastik.
    Adam aber begann also zu sprechen - allerdings nicht ohne vorher noch einmal
im Stillen bedauert zu haben, da ihm keine gute Cigarre die Rede begleiten und
wrzen sollte -:
    Sie beurtheilen mich vielleicht doch etwas zu sehr nach sich, Herr Doctor -
verzeihen Sie, da ich sogleich mit einer deductio ad personam beginne. Es
klingt ein Wenig paradox, enthlt jedoch sehr viel Richtiges, wenn ich behaupte,
da wir, das heit: ich und verschiedene Andere meiner Generation - wir sind
brigens so frech, uns immerhin zu den Besten des jungen Nachwuchses zu zhlen!
- also da wir mit dem Momente - ich mchte beinahe sagen: angefangen haben, mit
dem Sie und mit Ihnen gewi Unzhlige Ihrer Generation aufhren. Ihre
Entwicklung hat sich den individuellen Verhltnissen gem, von denen Sie
ausgingen, ganz organisch, ganz normal vollzogen. Aber die unsere nicht minder.
Zu Ihren Resultaten sind wir in unserem Gedanken- und Gefhlsleben schon vor
Jahr und Tag gelangt. In einem Punkte mgen Sie allerdings Recht haben: die
Jugend, das heit: unsere allerdings vielfach ldirte, durchbrochene,
beeintrchtigte Krftegruppe, lt sich nicht verleugnen - sie mu sich nach den
natrlichen Gesetzen alles Geschehenen auslsen und in Handlungen umsetzen. So
arbeiten wir trotz all' unserer Mdigkeit ... und Blasirtheit - arbeiten ...
einmal zielbewut ... zumeist aber nur im Zwange jenes sogenannten
metaphysischen Stadiums, wo das Individuum ber sich hinausgeht ... wo sein
Wille waltet und wirkt, ohne jedoch eine klare Tendenz zu besitzen. So sind wir
denn vorwiegend auch in der Arbeit Aesthetiker - den ethischen Effekt bedingen
ja so wie so die Gesetze, nach denen der sociale Zellenverband funktionirt! .
Aber wir arbeiten eben ... wenn auch stets der Gefahr ausgesetzt, das uns eine
schwere, dunkle Stunde der Verzweiflung ... des erneuten Durchschauens ... der
gespanntesten Sammlung und klarsten Umsicht in alle Horizonte - da uns eine
solche Stunde, sage ich, die Waffe zur letzten, realsten und ... reellsten
Abfuhrthat in die Hand pret ... die Waffe, die wir als Sclaven kleinlicher
Umstnde und Verhltnisse so oft schon bei Seite werfen muten ... Es ist eben
nicht nur sehr gut mglich - es ist sogar beinahe selbstverstndlich, da eine
Erkenntni einmal so intensiv und berzeugend wirkt, da unter ihrem heien
Athem auch die letzte Rcksicht und Beanstandung dahinschmilzt ... Dann ist's
eben aus - dann heit es nur noch: tirez le rideau! La farce est joue! - wir
empfehlen uns auf gut Rabelais'sch ... Aber vor der Hand ist ja dieser letzte
Knalleffekt noch unvollbracht. Und wir mssen mit den Thatsachen rechnen ... so,
wie sie liegen. Wir sttigen uns durchaus nicht an jedem Daseinsmomente in dem
Sinne, wie Sie es vorhin meinten, Herr Doctor. Wir knnen uns eigentlich gar
nicht mehr begeistern. Wohl sind wir noch groer, starker Gefhle fhig ... eben
weil wir noch eine Flle gesammelter, groer, unverbrauchter Krfte besitzen.
Aber wir stellen diese Gefhle zumeist in den Dienst des Intellekts, wenn ich
mich so ausdrcken darf. Wir haben die historische Entwicklung der Philosophie
vom Dogmatismus ber den Skeptizismus zum Kritizismus in unserem individuellen
Sonderleben in schneidender Schrfe und Betonung durchgemacht. So sind wir - und
mag das noch so widerspruchsvoll klingen - hagebchene Individualisten -
geblieben ... und doch zugleich auch Positivsten und Phaenomenalisten geworden.
Sie haben sich gerade umgekehrt entwickelt, Herr Doctor. Und ... offen
herausgesagt: von der social-ethischen Bedeutung Ihres Resignationsstandpunktes
verspreche ich mir nicht viel - mgen Sie Ihre Anschauungen nun im Sinne
Schopenhauers, Hartmanns oder Mainlnders krnen ... Kann sein, da das
sogenannte Volk fr die Ethik eines Hartmanns eines Tages reif geworden ist -
ich wte nicht, ob ich mich darber freuen, oder ob ich es bedauern sollte ...
Sie sind Aristokrat, Herr Doctor - wir sind auch Aristokraten. Aber wir sind
Aristokraten der Zukunft ... vielleicht der nchsten - Sie drfen, hchstens
erst am jngsten Tage in die Urne greifen und das groe Loos der geistigen
Weltherrschaft ziehen ... Nun ja! Sie knnen uns bemitleiden ... Sie knnen ber
unsere Bescheidenheit ... ber unseren praktischen, realistischen Sinn mit
souverner Erhabenheit lcheln ... Wir verstehen Sie verhltnimig sehr gut,
Herr Doctor. Denn wir haben einmal mutatis mutandis Ihnen sehr hnlich gedacht
und gefhlt. Mein Gott! Die Entwicklung eines modernen Menschen, der
einigermaen auergewhnlich ... einigermaen ber den Durchschnitt hinausragt,
vollzieht sich ja verhltnimig sehr einfach. Das mit reichen Krften
ausgestattete Individium entfaltet sich gewhnlich in der ersten Zeit unter
relativ guten Bedingungen. Dadurch wird ein ebenso hochgradiger, wie einseitiger
Idealismus provocirt - ein Idealismus, der sich ber Alles gern in Thaten setzen
mchte ... dem aber Gott sei Dank! vorlufig noch alle Thaten allergndigst
geschenkt bleiben. Allmhlich kommt das arme-reiche Individuum mit der Welt in
Berhrung ... mehr und mehr. Natrlich stt es an allen Ecken und Enden an ...
findet allorts Widerspruch ... und zieht sich, in der Regel noch dazu sehr zart,
sehr fein, sehr sensitiv von Natur, wieder scheu zurck ... Aber der heien
Schwre, die es sich und Seinesgleichen in den groen Schwrmertagen seiner
Jugend gegeben hat, kann es nicht vergessen. So strzt es sich in die Welt
zurck ... und tritt jetzt gewhnlich sehr khn und selbstbewut auf - was dann
natrlich die Sippschaft der guten Freunde, getreuen Nachbarn und hnlicher
Consorten, die sich auch Menschen tituliren, brutal, anmaend und wei der
Teufel! wie noch nennen. So ein armes, wirklich ganz messianisch veranlagtes;
mit dem wthendsten Drange zu helfen, zu erhhen, zu vershnen, ausgerstetes -
von allen Weltrthseln gequltes ... von tausend Ahnungen, Stimmungen,
Erwartungen, Hoffnungen, Entsagungen ... von tausend Tendenzen ... von einer
Unzahl von Gefhlen, Gedanken und Problemen hin- und hergeschtteltes Individuum
wird dann gewhnlich nebenbei auch noch fr verrckt, unzurechnungsfhig,
unnormal, berspannt, pathologisch u.s.w. erklrt. Doch schiert es das im Ganzen
wenig - es hat eben genug mit sich selber und seinem Skeptizismus zu thun.
Manchmal wohl ... manchmal fhrt es auf in seinem Grimme und zertritt einer zu
unverschmt gewordenen Natter den Kopf. Natrlich wird es dabei stets
hchsteigenkrperlich in die bewute Ferse gestochen. Das Gift ist nicht gerade
tdtlich ... aber es macht doch mde, blasirt, welk ... blasirt vor der Zeit ...
es entkrftet, zehrt auf vor der Zeit ... Indessen - das arme, gemihandelte,
unverstandene Individuum wird dadurch zugleich auch so etwas wie weltklug ... Es
fllt in allerlei Schrullen und Grillen seiner Jugend zurck, kramt seinen
alten, verstaubten Idealismus wieder aus ... stutzt ihn ein Wenig modern auf:
vertieft, erweitert ihn hier ... verflacht ihn dort ... schlgt fr vorkommende
Flle eine Brcke nach Walhall - und pat sich doch im Groen und Ganzen in
einer stattlichen Reihe von Punkten der positiven Welt an ... versucht
mannigfache realpolitische Experimente, Kunststcke und Sperrenzchen -: jetzt
ist es glcklich in sein phaenomenalistisch-kritisches Zeitalter eingelaufen -
da heit: die Welt ist ihm furchtbar gleichgltig, aber es rechnet doch mit ihr
... es analysirt sie ... es findet sie sehr oft sehr abscheulich ... mitunter
aber auch wiederum zu den schnsten Hoffnungen berechtigend - es glaubt dabei
immer noch, da sich einige seiner neuaufgefrbten Ideale einmal erfllen werden
... es lebt sehr sthetisch-epicureisch - zugleich in gewisser Hinsicht sehr
moralisch ... interessirt sich stark fr alle mglichen nationalen und ...
internationalen Fragen, die jedenfalls immer sehr brennende sein mssen - -
kurz: das Individuum lebt ... erlebt ... trgt ... ertrgt ... leidet - arbeitet
...
    Adam unterbrach sich. Er wischte sich mit dem Taschentuche ber die
schweifeucht berlaufene Stirn und nippte an dem Bierglase, das Hedwig vorhin
wieder frisch gefllt hatte. Im Allgemeinen war er mit sich ganz zufrieden. Er
fhlte zwar sehr gut heraus, da er hier und da den Nagel durchaus nicht auf den
sogenannten Kopf getroffen hatte ... da mancher Wurf fehl gegangen ... da
mancher Hieb abgerutscht war ... Vieles hatte er, ein Opfer seiner
augenblicklichen, durchaus nicht so unbequemen, immerhin ganz gemthlichen
Situation, nur logisch aus der Erinnerung nachkonstruirt - Schwere, Tiefe und
Ernst seines Motivs keineswegs erschpft. Halb bewut, halb unbewut hatte er
hier ein Zuviel, dort ein Zuwenig gegeben ... manchen Accent falsch aufgesetzt
... Lichter und Farben fter etwas willkrlich vertheilt ... Aber das ist ja
schlielich unvermeidlich, trstete sich Adam. Im Monolog wie im Dialog ist die
Anknpfung und Fortfhrung der Gedankenreihe eine mehr oder weniger zufllige
... von der Associationsgewohnheit des Individuums abhngige ... Nicht die
innere Geschlossenheit und logische Unantastbarkeit des Gefges - vielmehr nur
die auftretende Masse und Flle wirkt ... das Pathos bedingt den Eindruck. Und
wute Adam auch, da er im Ganzen ohne Glanz und Schwung gesprochen - so ohne
all' und jeden Eindruck auf die beiden Menschen, die, eine besondere, fremde,
ihm mehr unsympathische, als sympathische Welt darstellend, ihm da
gegenbersaen, - ohne all' und jeden Eindruck auf sie glaubte er wohl doch
nicht geblieben zu sein.
    Aber welchen Eindruck hatte er denn eigentlich erzielen ... was hatte er
bekmpfen ... wofr hatte er eintreten wollen? Adam mute lcheln. Er kam sich
einen Augenblick fast wie ein Beamter einer hochwohllblichen
Missionsgesellschaft vor. Doch ... zu Ruinen von der Zukunft predigen? Aber das
war ja eben das Komische. Und nun stieg es also wieder wie Mittleid in ihm auf
... wie Mitleid vor Allem mit Hedwig, die verwelkte und verkmmerte ... und es
so gar nicht verdiente. Und eine Art von sentimental-cynischem Erlserdrang kam
ber ihn ... und er beschlo, um dieses Leben, dieses arme, verblhende Leben,
fr eine kleine Weile einen breiten, goldenen Sonnengrtel zu legen ... einen
Sonnengrtel erheuchelter Liebe ... Dann konnte die Kerze ja langsam
ausflackern, langsam verknisternd erlschen ....
    - Der Unterschied zwischen Ihnen und mir, begann jetzt Irmer, nachdem er
sich ein Wenig emporgerichtet und einmal tief aufgeathmet hatte, ist nur der,
da mein Resignationsstandpunkt mehr ein intellektualer ist, der Ihrige dagegen
nur einer des Herzens, des Gefhls, des Willens -
    - Das ist doch aber natrlich genug, bemerkte Adam entgegen - Sie
scheinen ganz zu vergessen ... Herr Doctor, da die Entwicklung des Individuums
doch eine ausgemacht psychophysiologische ist! Das Alter ist eben etwas total
Anderes, als die Jugend - sein specifisches Organ ist der Intellekt - Alter und
Jugend, deren specifisches Organ meinetwegen das Herz ist, um mich der
herkmmlichen Terminologie zu bedienen, verstehen sich im Grunde berhaupt nicht
... kommen sich nur durch gewisse logische Schlsse in Diesem und Jenem nher -
ebensowenig wie zum Beispiel der Kulturmensch unserer Tage seinen Urururahn, ich
meine die Sippschaft der sogenannten ersten Menschen, versteht ... der ersten
Menschen, bei denen das Gefhl jedenfalls auch das Primre gewesen ist - das
Gefhl, welches, in den ersten sprachlichen Tastversuchen objectivirt, zur
Ausbildung des Denkververmgens als eines Organes, wenn ich so sagen darf,
fhrte - was dann wiederum zurckwirkte und in seinem Reagens zur Differenzirung
der Sprache Anla gab ... Wenn es mglich wre - aus gesellschaftlichen und
socialen Grnden ist es eben unmglich -: dann sollten Alter und Jugend
hchstens eine Partie Scat miteinander spielen, sich aber um Gotteswillen nicht
auf irgendwelche tieferen Gesprche, auf wesentliche Debatten, kurz! auf einen
intimeren Verkehr miteinander einlassen - das ist ganz unfruchtbar und macht
zumeist nur bses Blut ... wenn ich auch nicht verkenne, da sich Alles nur per
Reibung entwickelt - und somit das Alter ein ganz brauchbares - Feuerzeug fr
die Jugend abgiebt ... Aber mit dem Kultus des Alters ... mit dem Respect, der
Ehrfurcht vor ihm ... mit der Rcksicht auf dasselbe - damit sollte doch im
Namen einer vernnftigen, keimkrftigen Zukunftsethik einmal grndlich
aufgerumt werden. Ruinen studirt man nur - betet sie aber nicht an - -
    Nun begreife ich allerdings Ihre erste Frage, Herr Doctor, erst vollstndig
- die Seite, die Sie eben berhrten, hatte ich bisher ganz auer Acht gelassen
-
    Adam fhlte sich von diesem Vorwurfe seines Wirthes - denn als etwas Anderes
konnten die Worte kaum aufgefat werden - sehr unangenehm berhrt. Nun blickten
ihn auch die ernsten, schweren Augen Hedwigs fragend und zugleich bittend an.
War er zu weit gegangen -? Eine Reihe vererbter, sogenannter Anstandsgefhle
nahm von ihm Beschlag. Aber er war einmal im Zuge. Und er sprte, wie er
lebendiger, wrmer, leidenschaftlicher geworden. Uebrigens - was wissen Herbst
und Winter eigentlich vom Frhling? Aber er - verkrperte er in seiner Natur
nicht alle vier Jahreszeiten zugleich? Und doch! Gab dieses Moment, wenn es
thatschlich existirte, nicht einen Widerspruch zu der von ihm Doctor Irmer
gegenber ausgesprochenen Anschauung ab? Es nahm sich fast so aus. Nein! Nein!
Die Jugend war noch voll in ihm - und was bedeutete denn seine
phnomenalistische Betrachtungsweise, wenn sie hier nicht Stich hielt?
    In einem Zuge trank Adam sein Bier aus. Gedankenverloren spielte er mit den
Fingern noch an dem Henkel des Glaskruges herum. Hedwig erhob sich, eine neue
Fllung zu besorgen. Zufllig ... wie zufllig berhrten sich beider Hnde. Sie
sahen sich an. Grte die Jugend die Jugend? Sie wollten wenigstens beide jung
sein. Das lag in diesem tiefen, sich einbohrenden Blick, mit dem sie umeinander
warben. Ein diskreter Luftzug strich zu den offenen Fenstern herein. Die Lampe
flackerte ein Wenig. Irmer lag wieder ganz zusammengesunken im Lehnstuhl und
hatte die Augen geschlossen. Adam fhlte sich von einem Schwarme heftiger,
unklarer Gefhle bestrmt. Es ging auf zehn Uhr.
    Langsam schlug Irmer seine Augen wieder auf und blickte ausdruckslos vor
sich hin.
    Willst Du Dich nicht lieber zurckziehen, Papa -? Du bist schlfrig -
fragte Hedwig.
    Adam erhob sich und bekundete damit, da er sich empfehlen wollte.
    Na! der Wink mit dem Zaunpfahl war eigentlich berflssig, knurrte er in
sich hinein, natrlich verstimmt von der Taktlosigkeit Hedwigs.
    Aber bitte, Herr Doctor- begann jetzt diese ... und brach dann jh ab. Sie
konnte Adam doch unmglich zum Bleiben auffordern. Der wute nicht recht, was er
machen sollte -
    Ja! bitte, Herr Doctor - leisten Sie meiner Tochter noch etwas
Gesellschaft! Wenn Sie gestatten - ich mchte allerdings doch lieber zu Bett
gehen - das ist so meine gewohnte Stunde - ich kann ja nicht viel schlafen - der
Husten - die Gedanken und manches ... manches Fremde haben Sie meinem alten
Kopfe heute doch aufgegeben, Herr Doctor ... Es ist mir Vieles aus meiner Jugend
wieder eingefallen ... ich htte Ihnen auch Dies und Das erwidern knnen - es
ist zu spt ... zu spt fr heute Abend ... und wohl auch zu spt - fr immer
... Ich mu der Jugend die Arbeit berlassen ... zu frh vom Leben gebrochen.
Auch Sie werden sich mde arbeiten ... mde ... mde ... Sie sind es ja jetzt
schon, wie Sie sagen. Aber arbeiten Sie sich Ihre Jugend erst tchtig herunter
von Seele und Leib ... und Sie kommen schlielich zu mir zurck - vielleicht von
einem anderen Punkte aus - vielleicht auf einem anderen Wege - aber gewi zu
demselben Ziele, zu dem die Weisen aller Zeiten noch zurckgekommen sind. Und
nun leben Sie fr heute wohl, Herr Doctor, und schenken Sie mir recht bald
wieder einmal die Freude Ihres Besuches. Ich denke, wir haben noch Mancherlei
miteinander auszumachen ...
    Hedwig fhrte ihren Vater, der mit Mhe einen Hustenausbruch unterdrckte,
hinaus. Adam war allein. Er trat an's Fenster und legte sich weit ber die
Brstung. Die Nacht war schwl. Am Himmel ein einfrmiges Wolkengewirr ...
schwere, blauschwarze Massen. Es schlug zehn Uhr. Mechanisch zhlte Adam die
sonor widerhallenden Schlge. Und er wute, da er die Entscheidung ber ein
Frauenschicksal in der Hand hielt. Das schmeichelte ihm ... das machte ihn ein
Wenig eitel ... ein Wenig stolz - und doch zugleich merkwrdig ngstlich und
beklommen. Er brtete eine Weile vor sich hin, in die schwarze, schweigende
Nacht hinein. Da fhlte er einen leisen Luftzug seinen Hals bestreichen. Hedwig
war wieder eingetreten. Er wandte sich um. - Mochten die Wrfel denn fallen. -
    Ich habe Ihrem Herrn Vater doch nicht weh gethan vorhin, mein gndiges
Frulein? Ich war einige Male allerdings ziemlich offen und geradezu - -
    Ach bitte, Herr Doctor! Uebrigens ... sagten Sie nicht selbst, da es keine
Brcke zwischen dem Alter und der Jugend gebe - da muten Sie doch offen und
geradezu sein - nicht ...?
    Sie zrnen mir doch, mein Frulein ... Ich hre es aus Ihren Worten heraus
- ich bedauere sehr - aber Geschichten, die Einem am Herzen liegen ... und die
Einem so sonnenklar sind - und die doch - - aber - - und dann nimmt man ja immer
nur ein winziges Moment aus der ungeheuren Flle der Gegensatzmotive heraus -
gerade das Moment, auf welches man durch eine, allerdings nur scheinbar
zufllige Ideenassociation trifft - so macht sich dem berall eine gewisse
Willkr breit - eine Willkr, die aber andrerseits auch wiederum das Leben in
allen seinen Aeuerungen bunter und reizvoller stimmt. Leider giebt es Naturen,
welche das Bewutsein, da Alles in der Welt nur successiv und Nichts simultan
geschieht, einfach wahnsinnig machen kann. Vielleicht gehre ich zu diesen
Naturen. Man hat sich fr ein Moment entscheiden mssen - man nimmt es heraus -
tausend andere drngen nach - die nchsten hat man schon in's Auge gefat - das
erste ist bewltigt - man will zum zweiten, das Einem schon entgegenblitzt,
greifen - und trifft auf ein ganz fremdes -: die Kombination ist unterweilen
eben eine vllig andere geworden. Das ist Tragik. Es lt sich nichts in der
Welt ganz erfassen - nichts erschpfen ...
    Eine kleine Pause entstand. Hedwig lehnte am Tische und nestelte
gedankenversponnen an ihrem Garnknuel herum. Auch Adam war an den Tisch
getreten. Er sah dem Spiel ihrer weien Finger zu. Bunte Gedanken flogen durch
seine Brust.
    Und ein bezwingendes Trumen kam ber ihn ... ein bezwingendes Trumen, das
doch zugleich ein helles und klares Wachen war. Und es ergriff ihn, zu diesem
Weibe zwanglos von dem zu reden, was ihn erfllte ... zwanglos, so wie es in ihm
aufstieg und von ihm sich lste. Nrrisch dnkten ihn die Schranken, die sich
die Menschen zwischen einander aufbauen. Mit einem leisen Fingerdruck stie er
sie nieder. Und er sprach zu dem Weibe, das neben ihm stand -:
    Nicht, Hedwig, so sind wir zwei Kinder derselben Generation. Und wir mten
uns doch eigentlich recht gut verstehen. Eine Flle gleichartiger Zeitkeime hat
Dich und mich befruchtet. Und doch sind wir so sehr entfernt von einander. Ich
stehe ja viel mehr im flieenden Leben, als Du. Deine Heimath ist enger - ich
habe im Grunde keine Heimath mehr. So sollte ich keine Schranken spren ... und
spre und finde allenthalben doch nur - Schranken. Das ist ein Widerspruch, an
dem ich noch zu Grunde gehe. Das Leben ist so wahnsinnig komplicirt. Und doch
hat Jeder, der sich nur ein Bissel in's allgemeine Daseinsgetriebe hineindenkt,
das Gefhl, als mte Alles ungeheuer einfach sein. Und - ja! - ja! - es wre in
Wirklichkeit auch Alles ungeheuer einfach - wenn es nur Menschen auf der Welt
gbe ... und nicht Zweibeinler, die ihr Menschenthum in die Zwangsjacke
einschnrender Formen und Vorurtheile versteckten ... Du bist am Morgen vom
langen Schlafe aufgewacht und sinnst nach, welche Trume Dir in der Nacht
erschienen waren. Die Erinnerung ist schroff und widerspenstig - und Du findest
keine Anknpfung. Der Tag nimmt von Dir Beschlag ... und er zwingt Dich ganz in
seinen engen und doch so weiten Kreis hinein. Da pltzlich lst ein zuflliges
Bild, das sich Dir vor's Auge schiebt im hellen Spiele der Tagesdinge, die
Erinnerung an eine Traumscene aus ... und sie fliegt an Dir vorber ... langsam
und doch zu schnell. Bald ist sie wieder aufgeschluckt von dem flieenden
Wirrwarrwandel der Tagesdinge. Auch die Seele hat einmal von der Einfachheit und
der Freiheit des Lebens getrumt. Aber dann kam das Leben selbst und lschte mit
seinem bunten Zuviel alle diese vagen Trume aus. Nur manchmal flattert noch ein
verlorener Traumfetzen durch Deine Welt der wirklichen Dinge und mahnt Dich an
einstige Sehnsuchten, Hoffnungen, Erwartungen, an einstige Gewiheiten.
Merkwrdig verstren diese Erinnerungen und strken doch zugleich. Schmerzlich
gebren sie Ideale. ... oder erneuern, vervollkommnen verblichene wieder und
verkmmerte. Wie ein metaphysisches Erzittern feinsten, sublimsten Nervenlebens
ist es in Dir ... wie ein Erzittern, das aber immer weitere Kreise schlgt und
immermehr hinein in den Fluthspiegel der realen Welt. So wird man wieder zum
bewuten Kmpfer, wo man vorher nur unfreiwilliger Arbeiter gewesen war. Der,
den sich die Welt unterworfen hatte, hat nun die Welt sich unterworfen. Und die
Zeit ist wahrhaftig dazu angethan, da man ein Kmpfer in ihr ist! Wie oft habe
ich sie schon packen wollen in ihrem innersten Nerv - diese merkwrdige Zeit -
unsere Zeit! Es gelingt mir nicht. Indizienkrumen sammeln ... Brocken ...
Steinchen ... Steinchen auf Steinchen kleben - das kann ich nicht. Von ihren
groen Strmungen lasse ich mich gar gern ergreifen. Vieles ... zu Vieles darf
... mu hier an uns rhren. Es gilt Mancherlei gutzumachen und noch Mehr
auszugleichen. Die moderne Wissenschaft ist fr einen sthetisch ... fr einen
knstlerisch veranlagten Geist ein Ungeheuer. Sie fordert stille, dauernde
Arbeit ... ein stetes Bemhtsein ... ein Wachbleiben durch viele einsame Nchte
hindurch und immer erfrischte Geduld. Wo sollen wir da hin mit unserem bis in's
Feinste nancirten Stimmungsleben ... mit unseren strmischen Affekten ... mit
den groen und kleinen - mit den ganzen und halben Wnschen unseres Blutes? Und
unser Auge liebt noch viel zu sehr das Sehen nach innen ... und ist noch so
ungeschickt im scharfen Erfassen der Auendinge, die doch jetzt so sehr alle
Welt beschftigen und so diktatorisch Respekt verlangen. Wir mssen die klare
Linienwelt der Antike und die verschwommene Flchenwelt der Romantik mit ihren
kosmischen Verallgemeinerungen und ihren radicalen Principien schon hinter uns
lassen ... und mssen uns schon bemhen, mit der nchternen Korrektheit des
Psychologen den Objecten auf den Leib zu rcken. Das wird uns vorwiegend
sthetisch angelegten Naturen recht ... recht schwer werden - aber das einzige
Heil fr uns wird es doch wohl sein. In diesem Sinne mssen wir uns unsere Zeit
analytisch zu unterwerfen suchen. In diesem Sinne mssen wir an ihre groen
Probleme herantreten. Gewaltiges bereitet sich vor ... eine neue Zeit liegt in
den Geburtswehen. Wo sind die unglcklichen Opfer, die jede Uebergangsepoche
fordert? Wir sind es, hier sind sie. All' unser Wnschen und Wollen gehrt der
Zukunft - wenigstens in unseren besten und grten Stunden - aber unserem Knnen
giebt Richtung und Ziel so oft nur die ererbte Vergangenheit. In diesem
Zwiespalt werden wir an uns irre, zweifeln ... verzweifeln wir hundert und
tausend Mal ... und kommen schlielich dazu, einen schrankenlosen
Individualismus zu kultiviren, einen Individualismus, der im Grunde doch nur ein
verunglckter, versetzter Sozialismus ist ... der aber zugleich die dumme
Angewohnheit hat, da er uns zerfleischt, aushhlt, entnervt ... Aber wir fhlen
so tief und sehen so scharf gerade in den Stunden, wo wir spren, da Alles in
uns auseinanderreit und aufbricht - und alle Irrthmer, Widersprche und
Vorurtheile der Welt erkennen wir nie klarer und bedauern wir nie aufrichtiger,
als gerade in diesen Stunden, wo die innere Zerklftung am heftigsten brennt. Da
sind wir zugleich Besiegte und Kmpfer - Kmpfer mit Siegeshoffnungen und
Anwartschaften auf Zukunftstriumphe. Nun ja! Wir werden unter unsglichen
Schmerzen zwischen dem Alten und dem Neuen hin- und hergezerrt ... aber wir
denken in diesen schweren Stunden doch darber nach, wie wir das Kommende am
Schrfsten erfassen ... wie wir das Moderne erschpfend definiren - und wir
erstaunen freudig ber die Flle der uns zustrmenden Begriffe, die im
Wrterbuche der Zukunft einen anderen Werth, einen anderen Inhalt, eine andere
Erklrung besitzen werden. Und sind uns auch nur Mosesblicke vorbehalten - wir
glauben an das Germanenthum, das seine hchste Mission: die Ueberwindung und
Knechtung des semitischen Geistes, erfllen wird - mag dann nachher der Konflikt
zwischen germanischem Nationalismus und europischem Internationalismus gelst
werden ... Allerdings! ein Bedenken drfen wir nicht verschweigen: vielleicht
kann der semitische Geist in seinen Wurzeln nur durch die gewaltsamen
Expropriationsakte der Zukunftsdemokratie ausgerodet und ausgerottet werden.
Ohne jene Gewaltakte wird es aber berhaupt nicht abgehen, wenn einmal der
Versuch gemacht wird, einige allzu hagebchene Unterschiede auszugleichen,
einige allzu freche Ungerechtigkeiten zu shnen. Und dieser Versuch wird allem
Anschein nach gemacht werden mssen. Am Ende dieses Jahrhunderts - wie wird es
da in Europa aussehen? Eins ist jedenfalls gewi: eine ganz ansehnliche, gar
nicht so minorenne Menge irriger Anschauungen und eingewurzelter Vorurtheile
wird dann beseitigt sein. Z.B. die von gewissen Zpfen und Perrcken heute noch
mit sperrangelweit aufklaffenden Mulern beanstandeten materialistischen
Auffassungen in puncto der Beurtheilung von sogenannten Verbrechern - berhaupt
von allen Gesetzesbertretern - sie werden natrliches Gemeingut Aller geworden
sein. Die Aera der seelischen Vertiefung und Erkenntni - des psychologischen
Verstndnisses wird gekommen sein. Die Mrchen vom freien Willen, von
persnlicher Schuld, von persnlicher Verantwortung - sie hat ein freier und
klarer und gegenstndlicher denkendes Geschlecht in die Rumpelkammer der
Vergangenheit geworfen. Oh! Es knnte immerhin eine Lust sein, in dieser neuen
Epoche zu leben! ... in dieser Zeit, wo auch die Schranken zwischen den beiden
Geschlechtern gefallen sein werden - diese dummen, einfltigen, nichtswrdigen
Schranken, die jeden natrlichen, naiven Verkehr zwischen Mann und Weib
unmglich machen ... Das wiedergeborene germanische Grundgefhl wird das
barbarisch unappetitliche, ber Alles ekelhafte Verhllen und Verschweigen, das
in der christlich-semitischen Auffassung der Sinnlichkeit die Hauptrolle spielt,
als brutal unsittlich erkannt und zurckgewiesen haben. Es wird - verzeihen Sie,
liebe Hedwig, meine Offenheit ... und lcheln Sie zugleich - - nein! wenden Sie
sich nicht ab und errthen Sie nicht! - beschmen Sie mich vielmehr und lcheln
Sie darber, da ich Sie um Entschuldigung bitte ... als htte ich das Gefhl
... das Bewutsein - was ich leider, offen gesagt, auch habe - da ich hier ein
unanstndiges, heikles Thema berhre, wo ich doch nur von den natrlichsten
Dingen der Welt spreche! - also - aber was wollte ich sagen -? Ja -!, es wird -
es wird - nein! es wird dann keine verbotenen Gensse - keine heimlich
grogezogene, versteckte Lsternheit - keine - also ... ich darf ganz offen sein
-? keine knstlich gezchtete Selbstbefriedigung mehr geben ... Unendlich Viele
Ihres Geschlechts werden von den scheulichsten, unertrglichsten Qualen befreit
sein - und unendlich Vielen meines Geschlechts wird der Gang durch die ... die
... also durch die Bordelle erspart bleiben - durch diese zweifelhaften
Rosenhage, welche bis dato Generation auf Generation absolviren mute. Von dem
furchtbaren Drucke, den uns die so grausam unnatrlichen Verhltnisse unserer
Zeit auf die Brust gewlzt, haben diese Menschen der Zukunft aufathmen drfen.
In dem klaren Erkennen der Natur, welche die Geschlechter zueinander zwingt,
werden sie die Gesetze ihres Lebens natrlich einrichten und gestalten ...
    Adam brach ab. Hedwig hatte ihren Platz am Tische, den sie bis dahin
unverndert innebehalten, bei der letzten Wendung, die Adam's buntfrmige Rede
genommen, verlassen und war an das offene Fenster getreten. Sie sttzte die
rechte Hand auf den Schreibtisch ihres Vaters.
    Adam fhlte sich doch ein Bissel beklemmt. Er bereute fast seine Offenheit
... er konnte jetzt seine Khnheit kaum begreifen ... er rgerte sich ber sich
und zugleich ber Hedwigs Prderie. Sie verstand ihn also doch nicht. Aber er -
verstand er sich denn noch in diesem Augenblick? Und doch htte er noch so
Manches auf dem Herzen gehabt und sehr gern noch eine kleine Weile weiterdozirt,
wie er sein breitspuriges, allerdings sehr doktrinres Schwatzen und Salbadern
im Stillen titulirte. Und nun wurde es ihm wieder zu Sinn, als wre Hedwig
weniger prde gewesen, als wre sie vielmehr von einem halb ehrlichen, halb
sentimentalen Mitleid mit sich selber ergriffen worden. Das stimmte ihn weich,
zrtlich, hingebend und verlangend - und er trat zu dem Weibe, dem er einen
Augenblick frher wiederum fast fremd gegenbergestanden hatte, ans Fenster -
ein dunkles Wollen und Mssen in der Brust. Adam trat dicht an Hedwig heran und
flsterte ihr leise zu, den Nachdruck der Innigkeit und Ergriffenheit in der
Stimme: Habe ich Dir wehgethan, Hedwig? Sei mir nicht bse -
    Hedwig hatte die linke Hand ber die Augen gelegt. Den Kopf hielt sie
gebeugt. Ein leises, verhaltenes Schluchzen ging jetzt von ihr aus. Adam athmete
schwer auf.
    Drauen lag die Nacht ... die letzte Mainacht ... ruhig, schwarz. Nur ein
nervses Erzittern der Schwle prickelte zuweilen durch die Luft.
    Adam Mensch versprte sich wieder einmal ganz im Zwange seiner Stimmung. Wie
ein unendliches Mitleid mit sich selber ergriff es auch ihn. Unklare,
halbfertige Sinnlichkeitsaffekte lsten sich in ihm aus. Diese nchtige Schwle
bedrckte ihn. Dieses schluchzende Weib qulte ihn ... und beglckte ihn doch
zugleich unsglich. Eine schicksals-mchtige, fanatische Nothwendigkeit bndigte
ihn jetzt zu Hedwig hin. Aber nein! Er durfte sich nicht berwltigen lassen. Er
dachte an Lydia, er dachte an Emmy. Ach! es ekelte ihn vor sich. Das war ein
wstes, wahnwitziges Hin- und Herirren von Einer zur Anderen ... ein
verzehrendes Suchen ohne eigentliche Absicht zu finden - zu finden, um dann
fest- ... festzuhalten. Und doch: hatte er nicht schon tausend Mal die Snden
bereut, die er nicht gethan? Er hatte Gewalt ber dieses Weib. Es war in seiner
Hand. Und er lechzte nach - wonach? Nach den sogenannten Freuden, den
Amusements der Liebe? Das nun weniger. Jedoch! Er unterlag. Er mute
nachgeben. Er mute das an sich reien, was ihm den Weg kreuzte und sich ihm
zuwandte. Er konnte ja auch gar nichts Gescheiteres thun. Und er nahm dem
weinenden Weibe die Hand von den Augen und raunte ihm zu: Ich habe Dich sehr
lieb, Hedwig ... weine nicht! ... Wir gehren doch zusammen! Komm!
    Adam! strubte sich Hedwig.
    Hast Du mich denn nicht ein Wenig lieb -? Die Worte waren leise, langsam,
stehend gesprochen, eine groe Traurigkeit und Bekmmerni verrathend ... und
wie eine schwere Enttuschung zugleich.
    Hedwig stand da, den Kopf gesenkt, ihre Hnde lagen auf dem Fensterbrett.
    Und Adam nahm diese kleinen, mageren, blagelben Hnde und zog an ihnen das
Weib, das er liebte, an seine Brust. Und er berauschte es mit glhenden,
stechenden Kssen. Die Lippen wollten nicht von einander lassen, und es war, als
wollten sich die Beiden gegenseitig das Leben aussaugen und auftrinken.
    Adam war es sehr mild und weich zu Sinn. Er hatte eine gute That vollbracht.
Er hatte diesem armen, eintnigen, farblosen Dasein ein groes Erlebni, eine
groe seelische Erschtterung gegeben.
    Hedwigs Arme umschlangen seinen Hals. Eine unendliche Hingebung und
Zrtlichkeit sprach und bat aus ihren verthrnten Augen.
    Nun haben wir uns doch gefunden - flsterte sie und legte den Kopf an
Adams Brust, als schmte sie sich ihrer Worte ... als wollte sie sich vor sich
selber verstecken.
    Jawohl! antwortete Adam sehr laut und lchelte eine Stecknadel lang
spttisch. Das kleine Weib war doch eigentlich etwas zu sentimental.
    Langsam lockerten sich Hedwigs Arme. Der Herr Doctor verstand. Hm! So leicht
zu verletzen? Aber da packte ihn auch wieder die Leidenschaft - und von Neuem
ri er das Liebste, was er zu dieser Frist auf der Welt besa, an sich und
erstickte es fast mit seinen Kssen und Umarmungen.
    Mein Weib! Mein ses, einziges Weib! stie er gepret hervor und zwang
Hedwig mit Ueberkraft zu sich heran ... bis ihnen der Athem abri und sie
langsam von einander lassen muten.
    Nun standen sie neben einander und sahen in die Nacht hinaus, die ruhig,
schwarz, schwl zwischen Himmel und Erde hing.
    Was soll mit uns werden, Adam -? kam es nach einer kleinen Weile leise von
Hedwigs Lippen.
    Adam antwortete nicht sogleich. Wute er denn etwa selbst, was mit ihnen
werden sollte?
    Du antwortest nicht - begann Hedwig wieder. Mhsam unterdrcktes
Aufschluchzen gab ihrer Stimme etwas Hartes, Rauhes, Gezacktes.
    Was mit uns werden soll, mein Lieb? Aber wir wissen doch, da wir zu
einander gehren! Ist das vorlufig nicht genug? Wollen wir uns die Schnheit
und Gre dieser Stunde durch kleinliche, philistrse und trivial-prosaische
Erwgungen stren lassen? Zwei Lebenslufte sind nun zusammengeflossen und haben
eine Richtung erhalten ... und ein Ziel ... Und ... nun ja! - aber wirklich,
meine Liebe - la das jetzt - ja? Wir sehen und sprechen ... und ... kssen uns
ja nun alle Tage ... und da werden wir wohl gelegentlich schon 'mal eine Stunde
finden, wo wir so einfltig und nchtern und ... und so kalt und trocken sind,
da wir auch einige unvermeidliche praktische Fragen erledigen knnen. Komm,
mein Lieb - gieb mir jetzt lieber noch einen recht herzigen Ku -!
    Hedwig trat einen Schritt zurck und wehrte sanft ab. Das ist es nicht,
Adam, was ich meine - das nicht. Wir mssen tiefer gehen. Ich wei: Du fhlst
den Zwiespalt ebenso gut, wie ich ... und willst ihn Dir wohl jetzt nur nicht
eingestehen. Du weit ebenso gut, wie ich, was uns trennt ... was uns immer
trennen wird. Deine jhe Leidenschaftlichkeit hat mich besiegt - ich habe Dir
nachgegeben. Es war ja auch nicht so schwer, mich zu besiegen. Denn ich habe
Dich nicht minder liebgewonnen, Adam. Zuerst - ja! - da hast Du mich abgestoen
... Du hast doch fter mein Feingefhl sehr beleidigt. Trotzdem habe ich mich
seit jenem Abend bei Quck strker und tiefer fr Dich interessiren mssen. Ich
ahnte zuerst ... und nachher wurde es mir immer klarer, da wir manches
Gemeinsame besen. Eine unglckliche Natur bist Du ... wie ich es bin. Ich kann
Dir in Vielem sehr gut und sehr fein nachfhlen, Adam. Ich verstehe Dich
vielleicht besser, als Du Dich selbst verstehst - jedenfalls ebenso gut. Nur
htte ich tapferer Dir gegenber sein sollen. Ich htte Dich um jeden Preis
abweisen mssen, Dein Werben und Betheuern nur fr das nehmen sollen, was es in
Wirklichkeit allein ist: ein Produkt Deiner Stimmung, die morgen wieder eine
ganz andere sein kann - ja! - sicher eine ganz andere ist, als sie es heute
gewesen. Nein! Bitte, lieber Adam! unterbrich mich jetzt nicht - la mich einmal
ausreden. Aber ich habe doch nicht widerstehen knnen. Das Jahrelang
verleugnete. Weib in mir konnte sich nicht lnger verleugnen. Ich fhlte noch zu
heftige Jugendbedrfnisse in mir ... und fhle sie noch. Du kannst jetzt mit mir
machen, was Du willst, Adam. Ich sage Dir das ganz offen. Und nicht etwa, um
Dich um Schonung zu bitten. Mein Schicksal liegt in Deiner Hand. Ach! Das
unnatrlich Niedergezwungene sprengt ja mit einem Rucke seine Ketten, wenn man
sie ihm nur ein Wenig lockert. Alle philosophischen Erziehungsversuche meines
Vaters sind vergeblich gewesen. Das Blut meiner Mutter - das sagt Alles. Ich bin
nicht zu dem Frieden gekommen, den mir mein Vater gegeben zu haben glaubt. Ich
verbarg und versteckte die letzten Funken meiner Jugend vor ihm - die letzten
Funken, die Du angefacht hast, Adam. Es war ja nicht schwer, sie vor dem alten
Manne zu verheimlichen. Er lebt ja nur in seiner Welt - und unsere engen,
kargen, farblosen Verhltnisse brachten es mit sich, da ich uerlich ruhig und
ernst und zufrieden erscheinen konnte. Und doch - und doch - Adam - trotz
alledem habe ich das Gefhl, da ich zu welk und zu alt bin fr Dich. La die
letzten Flammen erstorben sein - und ich falle ganz zusammen. Das traurige,
eintnige Leben, das ich seit Jahren habe fhren mssen und das ... wenigstens
anfangs ... dem innersten Grundzuge meiner Natur ganz entgegengesetzt war - mit
der Zeit pat man sich eben mehr und mehr an - dieses Leben konnte nicht ohne
abtdtende Einflsse auf mich bleiben. Ich bin nur ein Schatten noch von dem,
was ich einst war. Ich gehe durch die Welt ... durch die reale Welt der Sinne
wie im Traume ... Wie eine Nachtwandlerin ... ich habe kaum Fhlung mit dem, was
die Zeit bewegt. Nur ein dunkles Ahnen ... ein gewisser Instinkt sagt mir noch
Manches. Ich bin vielleicht keine verlorene Seele, aber sicher eine verlegene
... eine verwelkende und verkmmernde. Das ist Alles, Alles so traurig - so
unsglich traurig. Nun ich mich an Dir messen kann, fhle ich meine
Kraftlosigkeit doppelt. Aber auch Du, Adam - auch Du bist nicht gesund - ich
meine: bist nicht so, wie die Anderen - wie die Mehrzahl - die Masse. Robustes
und Dickhutiges - nein! das hast Du gar nicht. Du bist viel zu sein und zart
organisirt, um Dich in dieser rauhen Zeit so behaupten zu knnen, wie Du es wohl
verdientest. Wenn Du wirken ... noch wirken willst - wenn Du noch mit Deinen
Krften fr jene Ideale eintreten willst, die Du vorhin erwhntest, mu Dir die
Sonne scheinen ... mut Du in die volle, warme Mittagssonne gehen. Bei mir
findest Du nur Schatten. Wir beide zusammen - wir empfnden die Schwere und
Reizbarkeit unserer Naturen nur doppelt scharf - wir wren nur doppelt
unglcklich. An einer endlosen Kette unertrglichen Elends wrden wir zu
schleppen haben. Mit mir kannst Du Deine Krfte nicht flssig machen. Ich stehe
dem Leben zu skeptisch gegenber, obwohl ich es fast gar nicht kenne. Meine
Zweifel wrden auf Dich fallen ... wrden Dich hemmen, wenn Du einmal Deine
eigenen glcklich vergessen httest. Um fr Deine Ideale eintreten zu knnen,
mut Du mit neuen Illusionen rechnen drfen. Das ist mir sehr klar. Und um Dir
diese Illusionen zu schaffen, bedarfst Du der Flle, des Glanzes, des
Reichthums, der Dich aller kleinlichen Alltagssorgen berhebt und Dir die
grbsten Reibungen des Lebens beseitigt. Wenn Du nicht in den Besitz von Gold,
von Mitteln kommst, gehst Du unter. Ohne diese strkste Waffe im Leben
verblutest Du vor der Zeit. Nun sieh: wir beide - Du und ich - und ich
mittellos, wie Du - wir beide mit unseren mden Herzen und mden Sinnen ... mit
unseren feineren, aristokratischen, differenzirten Naturen - wir sollten uns nun
ordinr wie zwei gewhnliche Arbeiter ums tgliche Brot abplagen, damit wir
berhaupt nur leben knnten? Es ist zu viel Schatten um mich, Adam - zu viel.
Gar keine Sonne - gar keine. Der Kampf wrde uns aufreiben ... wrde uns mit
seinen Faustschlgen und Nadelstichen zu Tode martern. Und dann: ich kann meinen
armen, hlflosen Vater auch nicht verlassen. Ich bin gebunden. Verkehren - ja!
vielleicht knnen wir in Zukunft fter ... und intimer mit einander verkehren -
und es ergiebt sich vielleicht auch manches Gute aus diesem zeitweiligen
Verkehr. Und das Letzte, Adam - der letzte und schwerste und triftigste -
wenigstens vor der Welt triftigste Grund, warum ich Dir nicht angehren kann:
ich bin nicht die mehr, fr die Du mich wohl bisher gehalten hast - ich habe - o
Gott! - ich habe auch schon eine - Vergangenheit ...
    Adam hatte die Auseinandersetzung Hedwigs schweigend angehrt. Er hatte sie
einige Male unterbrechen wollen, auf ihre Bitten aber immer wieder an sich
gehalten. Ja! Gewi! Sie hatte in Vielem ... wohl schlielich in Allem Recht -
er mute ihr beistimmen, wenn er ehrlich gegen sie und gegen sich selber sein
wollte. Nur - nur mit der Erwhnung ihrer Vergangenheit - was hatte sie denn
damit sagen wollen? Ihre Schluworte hatten ihn doch frappirt. Eh bien - eine
Vergangenheit - eine Vergangenheit hat schlielich Jeder ... und es ist
immerhin besser, eine hinter sich, als eine vor sich zu haben ... Aber ... aber
es ist doch ... doch immerhin milich fr einen Mann, wenn eine Frau, mit
welcher er verkehrt - und die er ... die er also liebt - wenn eine solche Frau
eine Vergangenheit hat. Das kann unter Umstnden sehr weh thun. Aber es ist
eigentlich zu dumm ... zu dumm ... Sitzen denn diese verfluchten Vorurtheile so
fest - sind sie so eingewurzelt - so die ganze Natur durchtrnkend und
berklettend vererbt? Entsetzlich ist dieser Zwang des Gewesenen - und
lcherlich - ber alle Begriffe lcherlich dazu! Und doch - - und doch - - ach!
Wer hat schon gegen das ewig Gestrige, das allem Geborenen eingeimpft wird,
mit Erfolg gekmpft -?
    Adam athmete schwer. Er wollte einen leichten, lustigen, burschikosen Ton
anschlagen, aber es gelang ihm nicht.
    Eine Vergangenheit -? fragte er ebenso leise, wie Hedwig ihre letzten
Worte geflstert hatte.
    Ja! -
    Aber zum Teufel - nun brach der Grimm ber seine altehrwrdige Auffassung
bei Adam doch durch - aber zum Teufel, mein Lieb, - was geht mich denn Deine
sogenannte Vergangenheit an? Oder glaubst Du etwa, ich htte keine
Vergangenheit? Da irrtest Du Dich doch gewaltig-
    Du bist auch ein Mann, Adam - aber ich -
    Ach so? Na! das ist wieder einmal die bewute alte, aber Gott sei's
geklagt! ewig neue Geschichte! Dir ist verwehrt, was mir erlaubt ist? - Hm! das
kann vielleicht eine Formel aus dem Guten Tone - oder ein lobesamer Passus in
dem Moralexercitium eines philosophasternden Theologen sein - aber vernnftig
ist dieser ekelhafte Gemeinplatz - diese abgedroschene Trivialitt beileibe
nicht - und zwei Menschen wie Du und ich sollten sich am Allerwenigsten von
dieser capitalen Dummheit irre machen lassen. Habe ich nicht Recht -?
    Vielleicht, Adam - aber - -
    Aber? Ihr Weiber seid doch Alle ber einen Leisten! Und meine Hedwig ist um
kein Haar klger ... denkt um kein Haar freier, als die ganze andere
Gesellschaft! Nur so weiter, mein Lieb! Da wirst Du schon ganz vernnftig werden
mit der Zeit - pa 'mal auf -
    Adam! -
    Nun ja! . Oder htte ich Unrecht? Ich wte nicht ... Wenn das am grnen
Holz geschieht - -
    Adam! ...
    Pardon! Grnes Holz - - ich werde unangenehm - ich werde boshaft - verzeih,
mein Lieb! Aber im Unrecht bist Du doch. Ich htte ... wahrhaftig! ich htte
Lust, Dir 'mal einige pikante Gestndnisse zu machen - weit Du: pikant
hinsichtlich - - -
    Nein! - Nein, Adam! -
    Nicht? Aber warum denn nicht? Nun erst recht! ... Ich sehe: man mu auch
Dich noch erziehen, Hedwig - Dein Vater - -
    Ich ertrage es nicht, Adam - sei still! . bitte! ... Ja? ...
    Nun - wenn Du absolut willst - - aber sage mir nur - -
    Ich habe Dich so unendlich lieb, Adam - und - und - -
    Nun - und? Und, Hedwig -?
    Wenn - wenn - - ach, Adam - la mich doch! ... la mich! -
    Ich verstehe Dich nicht -
    Nun denn: Wenn Deine Vergangenheit in die - Gegenwart eingriffe - - Adam! -
ich ertrge es nicht! . Nein! ich ertrge es nicht. Ich bin nur ein Weib - nur
ein Weib, was Dich - -
    Aha! . Daher weht der Wind? Verzeih', da ich brutal bin, mein Kind! . Da
scheint doch eine Radicalcur sehr nothwendig zu sein - also -
    Adam! -
    Nun? .
    Du liebst mich nicht! -
    Sei ohne Sorge, Hedwig! Ich habe immer schne Formen ... und ... und
eigenartige Charaktere ... und ... und seltsame Schicksale geliebt - immer,
Hedwig! -
    Du bist furchtbar, Adam! -
    Furchtbar? Warum? -
    Du bist jetzt so ganz anders, als vorher -
    Oder Du ... aber -
    Adam unterbrach sich und wandte sich ab. Er legte sich weit ber die
Fensterbrstung, sah auf die stille Strae hinab - nur ein welliges
Wipfelrauschen summte von den Linden, die da unten standen, herauf - und blickte
empor zum Himmel. Im Nordosten hatten sich die Wolken zu schwarzen, gewaltigen
Polstern zusammengeknuelt. Die Luft war fast noch heier und schwler geworden.
Adam athmete tief auf. Ein Reichthum verhalten brennender Gefhle stand in
seiner Seele. Er htte so gern, an harmloseren Fden seiner Vergangenheit
angeknpft. Die Gegenwart zerschnrte ihn fast mit ihren Unklarheiten, mit ihren
verschwommen, zerrissen aufgurgelnden Geruschen. Nein! Nein! Das drngte sich
Alles zu dicht an ihn heran! Er sah sich um. Er sah diesen engen, frugalen Raum,
der eng und frugal blieb, ob ihn auch das gedmpfte Licht der Lampe anheimelnder
stimmte - - er sah dieses Weib an seiner Seite - dieses schluchzende Weib, das
ihn mit seiner thrichten Liebe qulte - - es war unertrglich! Ein Gedanke
befiel ihn.
    Hedwig! -
    Und nun noch einmal, aber in leiserem, ernsterem, bittendem Tone:
    Hedwig! -
    Die Angerufene richtete langsam den Kopf in die Hhe.
    Ich will Dir einen Vorschlag machen. Es ist so hei und so eng hier. Komm!
La uns noch ein Wenig hinausgehen! Drauen ... drauen wird uns freier werden -
ich ersticke hier fast ... und wir haben wohl noch so Manches miteinander zu
reden, mein Lieb! ... Komm! Ja -?
    Aber, Adam -! Hedwig wischte sich mit ihrem Taschentuche die Thrnen aus
den Augen und trocknete sich die Stirn. Nun nestelte sie mit den Hnden an ihrem
Haar herum und sah Adam erschrocken an.
    Nun ja! ... Erscheint Dir mein Vorschlag so ungeheuerlich? Mein Gott! Es
ist doch weiter nichts dabei! Wir gehen nachher noch in 'n Caf - ich mu noch
andere Menschen sehen ... mu auf andere Gedanken kommen - 'n bissel fremdes
Leben um mich spren - 'n Glas Absynth trinken - 'ne gute Cigarre rauchen - -
und ich dchte: auch Dir thte eine Abwechslung wohl ... Also komm! Ja -?
    Um diese Stunde, Adam -!
    Es ist eben erst Zwlf. Und dann - - ich wei nicht - Du bist doch in
meiner Gesellschaft! Da kann Dir doch weiter Nichts passiren ... In ein
Nachtcaf zu gehen - nun ja! es mag fr eine Dame, wie fr Dich, liebe Hedwig,
vielleicht nicht gerade, wie man sagt: anstndig sein - aber ich sollte doch
meinen: diese dummen Philisterflausen htten fr Dich weiter keine Geltung! Ich
wrde es wenigstens sehr bedauern, wenn Du noch in All' und Jedem mit den
verbohrten Anschauungen der alten Generation rechnetest. Also bitte -!
    Ich kann doch meinen Vater nicht allein lassen - -
    Der wird jedenfalls schlafen - und wenn er irgend welcher Hlfe bedarf - er
kann ja das Mdchen rufen -
    Aber was wrde Papa sagen -
    Immer neue Bedenken! Ihr Weiber habt das Talent, am allererbrmlichsten
Sandkorn festzurennen, wenn es Euch gerade 'mal in den Kram pat! Bist Du denn
um gar nichts anders, als die Andern, Hedwig -?
    Nein, Adam -
    Nicht? Das ist allerdings sehr schlimm -!
    Ich meine - Du miverstehst mich -
    Na! Wohl kaum -
    Und wie lange - wie lange wrden wir bleiben -?
    Gott! Das lt sich doch wahrhaftig auf die Secunde nicht bestimmen vorher
-
    Hedwig war unschlssig. Adams Vorschlag reizte sie immerhin. Diese schwle
Atmosphre lag auch auf ihr schwer und drckend genug. Die starke seelische
Aufregung ... der brennende, stechende Sinnlichkeitsaffekt, welcher sie vorhin
durchkrampft, hatte sie mde, abgespannt gemacht, wie zerschlagen, zerfasert,
zerrupft. Zu Bett gehen konnte sie in dieser fiebernden Stimmung kaum. Sie
athmete langgezogen auf. Aber ihr Vater - und weiter: wenn es zufllig Jemand
von den Hausgenossen bemerkte, da sie so spt noch wegginge - mit einem fremden
Herrn - und dann womglich erst mitten in der Nacht nach Hause kme - nein!
nein! - es war doch nicht mglich -
    Nun? Also -?
    Adam! Bitte - la mich hier! Thue es mir zur Liebe - ja? Ich wollte ja gern
- aber es geht wirklich nicht! Ich riskire zu viel -
    So? Du riskirst zu viel? Hm! Und das sagt ein Weib, das eine ... das eine -
Ver - na! ich htte beinah' was gesagt - verzeih' meine Derbheit, Hedwig! Aber
mir liegt eben viel daran - sehr viel sogar, da ich noch eine kleine Weile mit
Dir zusammen sein darf, mein Lieb! Wir haben uns eben erst gefunden - und sollen
nun schon wieder auseinandergehen! Das ist doch hart - nicht wahr -? sehr hart!
La Dich doch endlich erweichen, Kind! Soll ich Dich fufllig bitten? Mein
Stolz verbte es mir eigentlich - doch - wenn Du es durchaus willst - -
    La die Komdie, Adam! ... Aber sage mir noch Eins: wenn ich nicht mitginge
- was thtest Du dann -?
    Aha! ... die Frage ist nicht bel ... Schon der conditionale Conjunctiv
Imperfecti! ... Wenn ich nicht mitginge - Na! das ist ja quasi gewonnen Spiel!
... Uebrigens - wenn Du nicht mitgingst, Kind - ja! ... dann mte ich wohl
allein gehen. Eins plus Null bleibt Eins, nach Adam Riese. Aber Du knntest Dich
doch wirklich 'mal dazu bequemen, Hedwig, mehr als eine - Null zu sein ...
Willst Du -?
    Hedwig lchelte doch ein Wenig. Du bist drollig, Adam - antwortete sie.
    Das ist eine ganz neue Eigenschaft bei mir, mein Lieb! Du scheinst Talent
dafr zu haben, Entdeckungen zu machen. Vielleicht tftelst Du auch noch alles
mgliche Andere bei mir aus. Vielleicht manches ganz Lbliche und Brauchbare.
Das wre ja sehr nett. Ich bliebe sonst auch ein verzweifelt einseitiger
Bursche! Wahrhaftig! ich wre Dir sehr dankbar, wenn ich mich unter Deinem ...
Regimente noch ein Bissel vervollkommnete. Das knnte mir gar nichts schaden.
Kleine, weie Frauenhnde besitzen eine entzckende Fertigkeit darin, selbst aus
den reservirtesten, versteinertsten Felsenwnden noch neue Quellen zu schlagen
...
    Spotte doch nicht so, Adam -
    Ich spotte gar nicht -
    Also ... Du wrdest auch ohne mich noch in ein Caf gehen - nach dem
heutigen Abend noch Abwechslung ... Unterhaltung suchen -?
    Was bliebe mir denn weiter brig, Kind? Abwechslung - meinetwegen! ...
Unterhaltung - hm! - warum whlst Du nicht lieber gleich das wunderschne Wort
Vergngen? Ich liebe dieses Wort nmlich leidenschaftlich ... Man hrt es nur so
selten heute ... die Leute nehmen es so ungern in den Mund ... Also - Du kommst
mit -?
    Adam -!
    Dann leb' wohl, mein Lieb! Und nun gehren wir zusammen, Hedwig - nicht
wahr? Und die Dame meines Herzens ist in Zukunft nicht mehr so sprde, wie sie
es einmal gewesen! ... Aber - in Diesem und Jenem - in Diesem und Jenem -
exempla sind wieder einmal odiosa -: da lernst Du noch ein Wenig freier und
selbststndiger denken - gelt, Kind? Du thust mir den Gefallen - ja? Gr Deinen
Vater herzlich von mir! Und la mich nur machen! Ich werde schon einen
einigermaen annehmbaren modus vivendi fr uns finden. Es geht Alles, wenn man
nur ernstlich will. Sind wir erst einmal ... einmal ver - -
    Ach! belge Dich doch nicht so absichtlich, Adam - das kann ja nicht sein
-
    Belgen - der Ausdruck ist etwas ... etwas stark, Hedwig -
    Verzeih', Adam! Aber ich habe Dich ja so unsglich lieb! Du bist ja in all'
diesem Elend - in all' dieser entsetzlichen Noth mein einziger Halt - meine
einzige Hoffnung! Ich ertrage es nicht, Dich zu verlieren - ich ertrage es
nicht! Wenn Du mich verlieest, Adam - mich verlieest - - ich - ich - - o Gott!
- und doch ganz klar voraussehen mssen, da Du es thun wirst - - da Du es thun
wirst, Adam - da es doch so kommen wird - das ist zu viel - das geht ber meine
Kraft! Adam! Adam! oh! wie das in mir whlt und zerrt und sticht! - - Ich - ich
ersticke - Adam! - Und wenn es mein Unglck ist - -: ich kann dieses Leben nicht
mehr ertragen - ich will dieses Leben nicht mehr ertragen - ich - ich - - hier
hast Du mich - ich kann Dich jetzt noch nicht lassen - noch nicht - Alles emprt
sich in mir gegen diesen Zwang - die Jahre der Entsagung, der Erstarrung -: eine
einzige Viertelstunde des Glcke soll sie vergessen machen - eine einzige,
winz'ge Viertelstunde - - ich bin von Sinnen, Adam - - komm! - komm! - oder - -
nein! - nein! - das nicht - das doch nicht - doch nicht - - aber - aber - warte!
ich gehe mit Dir - ich komme mit - ich mu - ich mu - mag werden was will - -
    Adam war von diesem elementaren Leidenschaftsausbruche der Dame seines
Herzens ... von diesem Ausbruche, in dem sich eine tolle Hingebungswuth,
trunkenes Entzcken und eine fanatische Verzweiflung zugleich durchrangen ...
mehr betroffen, als erfreut. Er hatte sich mit dem Gedanken, allein zu gehen,
schon halb und halb vertraut gemacht. Ja! Er hatte sich seiner Freiheit
eigentlich schon gefreut ... und allerhand Erwartungen daran geknpft. Gewi!
Der Abend war ja noch ganz interessant geworden. Aber die letzten Scenen, die er
soeben durchlebt, legten Adam doch allerlei Verpflichtungen fr die Zukunft auf
- Verpflichtungen, die anzuerkennen, er sich im Grunde schon strubte - und die
erfllen zu wollen, es ihn doch merkwrdig reizte.
    Hedwig war nach dem Flurraume gestrzt. Nun stand sie im Rahmen der offenen
Thr, knpfte ihr Jaquet zu und setzte ihren Hut auf.
    Adam trat auf seine Braut zu. So gefllst Du mir, Kind! Das ist doch
Leidenschaft, Verve, Temperament! Das ist doch Muth -!
    Wo habe ich nur meine Handschuh' -?
    Ach was - Handschuhe! Heute Abend, Hedwig - ich bitte Dich!
    Willst Du die Lampe ausdrehen -?
    Wenn Du fertig bist -
    Und recht leise, Adam - ja -? Tritt recht leise auf, damit Papa Nichts
hrt! Es wre entsetzlich, wenn er - - Hedwigs Stimme ging doch wieder etwas
heiser und stockend, stolpernd, sie fieberte gleichsam.
    Adam lie einen halbfertigen Seufzer fahren. Es war ihm gar nicht behaglich
zu Sinn. Seine arme, unvorsichtig hingeopferte Freiheit! Das kleine Wesen that
ihm sehr leid. -
    Die Treppenstufen knarrten und knackten recht impertinent. Adam tappte und
tastete sich unbeholfen vorwrts. Er wurde rgerlich. Nun blieb er stehen,
suchte nach seinem Feuerzeuge und lie ein Streichholz aufflammen.
    Um Gotteswillen! - lsch aus - schnell! fiel Hedwig ... wie zum Tode
erschrocken ... ein.
    Na aber - das ist doch - knurrte der gemaregelte Herr Doctor. Und neues
Dunkel war um die Beiden zusammengeronnen. Sie standen auf einem Treppenabsatze.
    Nimm Dich in Acht, Adam - falle nicht! - es ist hier etwas steil -
    Der siegreiche Entfhrer hatte indessen ganz andere Gedanken. Er suchte
recht intime Fhlung mit seiner Herzallerliebsten zu gewinnen. Er legte seinen
Arm um ihre schlanke, vielleicht ein Wenig zu schlanke Taille und prete das
Weiblein in wthender Glut an sich.
    La mich -! nicht hier- strubte sich Hedwig. Adam -!
    Endlich standen sie auf der Strae. Es war so still. Der Hausschlssel ging
schwer und kreischte mit belegter Stimme. Schlaftrunken bltterte der Nachtwind
im schwarzgrnen Laube der Linden. -
    Gieb mir den Arm, mein Lieb!
    Wo gehen wir hin, Adam -?
    Nun - ich denke: wir athmen uns erst 'mal recht tchtig aus - die Luft ist
zwar schauderhaft dick und hei, aber doch nicht ganz so drckend, wie bei Euch
oben. Und nachher - nachher knnen wir ja in ein Caf spazieren - vielleicht ist
auch noch 'ne Weinstube auf - -
    Du bist berall bekannt -?
    Hier und da -
    Du verkehrst wohl viel in den Cafs -?
    Das macht sich so ... mein Gott! Dann und wann ... Man geht 'mal mit
Ander'n hin, 'mal allein - es ist ja berall nicht viel zu holen ... Man
langweilt sich ... spielt eine Partie Billard - liest 'ne Zeitung - am
Angenehmsten ist es noch, wenn man eine oder ... oder auch ... mehrere Damen bei
sich hat - die gehren nun einmal zum Besuchsinventar derartiger Lokler ...
    Nach einer kleinen Pause lie sich Hedwig leise vernehmen, und ihre Stimme
hatte den Tonfall des Vorwurfes, der Anklage: Und da willst Du jetzt mich
hinfhren, Adam, wo Du wohl schon fter mit - mancher anderen Dame gewesen bist
-?
    Aber Hedwig! Du bekommst Rckflle! Die Sache ist doch einfach die - wir
geben doch wei Gott! kein ganz gewhnliches, kein ganz communes Verhltni
zusammen ab! Du weit ja: ich habe die ehrlichsten Absichten von der Welt Dir
gegenber! Ob da nun aber so 'n paar Menschen angetanzt kommen und uns mit
demselben niedrigen Ma messen, das sie bei sich selber anzulegen gewohnt sind -
mein Gott, das kann uns doch furchtbar gleichgltig sein! Da Du an innerem
Werth verlrest, wenn Du Dich an einen Tisch mit Menschen setz'st, welche so
etwas wie - meinetwegen! wie: stigmatisirt, gebrandmarkt, die ausgestoen sind
von der Gesellschaft - das glaubst Du doch selber nicht, Hedwig! Ich htte
brigens nicht gedacht, da in der Praxis das Nachwirken von Anschauungen, die
Du intellektuell, theoretisch, lngst zum alten Eisen geworfen hast - nicht wahr
das hast Du doch gethan? - da dieses Nachwirken noch so intensiv bei Dir wre!
Es geht ja mir zum Theil auch noch so - gewi! Aber darum gerade rgert mich
diese Inconsequenz, rgert mich dieser Zwiespalt doppelt - bei mir - und leider
auch bei Anderen ...
    Leider? -
    Nun ja! Man htte genug mit sich selber zu thun, wenn man's ernst und
gewissenhaft nhme! Aber da bindet man sich auch noch Peter und Paul, Hinz und
Kunz vor - drechselt sie hbsch unter's Mikroskop -
    Du ging'st doch jetzt von mir aus - und ich - -
    Verzeih! Hedwig! Was ber meine engste persnliche Sphre hinausgeht, wird
mir immer 'gleich zum prinzipiellen Motiv -
    Das verstehe ich nicht recht -
    Das verstehst Du nicht? Du - meine kleine Philosophin -? Und es ist doch so
dmonisch einfach! Allein jetzt - nein! - die Geschichte wrde zu gelehrt.
Lassen wir den Unsinn! Wir wollen lieber ein Wenig plaudern ... une petite
causerie anspinnen ... uns ein Wenig amsiren - wir wollen uns lieber recht von
Herzen freuen, da wir beisammen sind, Hedwig ... so recht ungestrt beisammen
sind - in Liebe und Eintracht ... eng aneinandergeschmiegt ... einherwandeln
drfen - da wir zrtlich sein drfen ... sehr zrtlich sogar, mein Lieb - und
kein neidisches Mnnlein und kein neidisches Weiblein gelbgergert uns zuschauen
kann - wir wollen lieber - - brigens, Hedwig - hast Du denn noch gar keine
Gewissensbisse - hm?
    Gewissensbisse -?
    Nun ja! Wenn Dein armer Papa nun doch etwas merkte! - nun doch Lunte rche,
da sein braves Tchterlein bei Nacht und Nebel auf und davon gegangen ist - -
    Aber Adam! -
    Verzeih', mein Lieb! Teuflisch, da ich Dir damit komme - ich, der - - aber
ach! es ist mein Verhngni, das zu martern und zu qulen, was ich liebe! Und je
mehr ich so ein menschliches Wesen liebe, desto mehr mu ich es peinigen.
Schrecklich, aber wahr? Diese schne Eigenschaft haben mir alle Weiber -
    Weiber! Adam! - Weiber! -
    Nun ja! Weiber! Oder beleidigt Dich das Wort -?
    Es klingt so hlich -
    Hlich? Finde ich nicht im Geringsten! Mir klingt es sehr voll, dick,
rund, massiv - zudem recht deutsch -
    Was wolltest Du vorhin sagen -?
    Nun ja! . also: meinen Hang, mich zeitweilig ein Wenig  la monsieur diable
aufzuspielen, haben wir bis jetzt alle ... meinetwegen also ... wie Du willst:
alle Damen, mit denen ich in den Luften der Zeit enger ... intimer verkehrt
habe, zum Vorwurf gemacht - und doch hat sich die ganze Gesellschaft mit der
grten Bereitwilligkeit von mir rgern lassen - ich sage Dir: Stunden- - Tage-
- Wochenlang rgern lassen -
    Du hast wohl schon viel Damenverkehr gehabt?
    Aha! Kstlich, Hedwig, da Du Dir die Frage doch nicht verkneifen kannst!
Ich habe sie lngst erwartet. Viel Damenverkehr? Na! Es geht immer noch. Soll
ich ausfhrlicher sein? Wenn es Dir daran liegt - von Herzen gern! Die Sache
macht mir selber Spa! Riesigen Spa sogar -
    Die beiden Nachtwandrer waren in den engeren Lichtkreis einer Laterne
getreten. Adam prfte den Gesichtsausdruck seiner Dame. Aber er konnte beim
besten Willen die Wirkung seiner Worte auf Hedwigs Zgen nicht deutlich
erkennen. Sie hielt den Kopf gebckt und einen knappen Winkel nach rechts
gewandt. Diese Abkehrung mute Adam fr eine stumme Abweisung halten. So rgerte
ihn die Abweisung. Und der Aerger lste wiederum eine grere Flle des Dranges
in ihm aus - des teuflichen Dranges, vor seiner Herzallerliebsten einmal alle
... oder wenn nicht alle, so doch immerhin eine schwere Menge interessanter ...
pikanter Trmpfe auszuspielen. Sein fahriges Vagantenleben ... diese
berflssige, gottlose Irrfahrt des Leibes und der Seele, hatte ihm sotane
Trmpfe ja in verschwenderischem Reichthum zugeloost.
    So still, Hedwig? Woran knabbert denn wieder 'mal Dein kleiner Querkopf -?
    Ach la mich! -
    Ueber diese Tne verfgst Du also auch, Kind? Ich htte sie bei Dir kaum
gesucht. Wenn meine schne Freundin, Frau Lydia Lange - diese Dame von Welt ...
diese vornehme Frau ... dieses edle Weib - oder wenn ... wenn meine kleine Emmy
also schmollt - dann - -
    Deine Emmy? - Was? - -
    Nun ja! . Das ist nmlich ein wunderhbsches und dazu ein uerst
vorurtheilsloses Kind - ein Weltkind - ein Kind der Snde - wie Du willst,
Hedwig, - aber entzckend, sage ich Dir, entzckend - leider von Natur ebenso
zur Untreue und Unbestndigkeit angelegt, wie ich - ich habe wirklich sehr
pikante Stunden mit dem emancipirten Frulein verlebt, kann ich Dir sagen -
    Aber Adam! Nein! Ich gehe keinen Schritt weiter mit Dir! - Das sagst Du
mir?! Waren denn alle Deine Worte vorhin Lgen -?
    Lgen? Warum Lgen? Ich habe Dir doch soeben nur ein harmloses historisches
Faktum mitgetheilt - da auch ich so etwas wie eine Vergangenheit besitze - nun!
- ich habe mir schon erlaubt, Dir vorhin davon Andeutungen zu machen, dchte
ich. Oder hast Du's berhrt? Das wre schlimm -
    Die Vergangenheit scheint aber noch stark genug Gegenwart bei Dir zu sein
... erwiderte Hedwig, sehr entrstet und sehr erbittert, wie es schien.
    Vergangenheit und Gegenwart lassen sich bekannntlich nicht haarscharf
trennen von einander - ja! im Grunde berhaupt nicht trennen - seien wir nicht
so hagebchen unlogisch, mein Lieb! Alles Gewesene wirkt nach. Wie sollten wir
sonst Rassenfeindschaften, Krebsgeschwre, Knochenverkalkungen und allerlei
seelische Blutvergiftungen erklren? Wir schleppen die Bagnokugel unserer
speziellen Vergangenheit Alle mit herum. Das Ding wchst sogar noch ... wchst
mit jeder Stunde, jeder Minute ... Was ist denn Gegenwart schlielich Anderes,
als aufgesummte Vergangenheit -?
    Dann ist es ein Verbrechen, Adam, das ein Jeder von uns an sich und dem
Andern begeht, wenn wir noch lnger mit einander verkehren -
    Nimm doch die Sache nicht so tragisch, Hedwig! Du kommst aus Deiner Sphre
- ich aus meiner. Die Lauflinien unseres Lebens haben sich gekreuzt ... haben
sich fr uns durch einen Zufall gekreuzt. An sich war es ja durch die
Voraussetzungen - und die Vergangenheit ist auch in der Welt der neutralen
Objekte immer Voraussetzung der Gegenwart - an sich war es also bedingt, da wir
uns begegneten. Gewisse Neigungen und Tendenzen zogen den Einen zum Andern hin.
Es ist ja Alles nur nothdrftigste Anpassung in der Welt! Und weil das so ist -
nun, darum muten wohl jene Neigungen und Tendenzen schon einmal vorher durch
andere Erscheinungen, die ihnen einigermaen Wurzelbedingungen boten, provocirt
und ausgelst werden. Ich nun fr meine Person - - aber ich habe Dir ja schon
gesagt, Hedwig, da ich immer schne Formen, merkwrdige Schicksale und
eigenartige Charactere geliebt habe ... Ich konnte nicht anders - und ich werde
nie anders knnen. Und wirklich - Du darfst es glauben, Hedwig -: meine kleine
Emmy hat einen wundervollen Leib ... ist auch sonst nicht bel - nur eben viel
geistiges, tieferes, verinnerlichtes Verstndni darf man nicht von ihr erwarten
- das - -
    O Gott! machst Du mich unglcklich, Adam! Das kann Dir berhaupt nie
verziehen werden. Wenn ich mich nicht so an Dich klammern mte - - habe doch
nur ein wenig Mitleid mit mir -!
    Hedwig schluchzte laut auf. Adam schttelte rgerlich den Kopf. Das Weib ist
berreizt, sagte er sich. Es mu 'mal ordentlich befriedigt werden. Und doch
schmeichelte es seiner Eitelkeit, da er so leidenschaftlich geliebt ... so
brennend begehrt wurde. Jene Doppelstimmung des abweisenden Aergers und des
unwiderstehlichen Dranges, entgegenkommend, liebevoll, zrtlich zu sein, befiel
ihn.
    Wir wollen einen Strich durch unser Vergangenheitsconto machen, Hedwig -
wenigstens fr heute Abend respektive heute Nacht ... Ich werde mir alle Mhe
geben, in Zunkunft nicht mehr an die schne Frau Lydia zu denken ... und meine
reizende Emmy soll auch den Laufpa bekommen. Das kleine Ding hngt zwar sehr an
mir. Aber ich hoffe, sie wird sich schon mit dem Prachtkerl von Bodenburg,
meinem eminenten Freunde, trsten. Die beiden scheinen sich brigens bereits
gefunden zu haben. Verteufelt! Wenn ich mir denke, da dieser Bursche - dieser
... dieser - ich finde gar keine Worte vor Wuth ... ach! sie konnte so lieb, so
zrtlich sein - so ... na! Schwamm drber! ... Hin ist hin - und nobel mu die
Welt zu Grunde gehen! Ich habe Dich ja jetzt, Hedwig - lassen wir also die
schne Snderin schwimmen und halten wir's mit der Tugend! ... Und weiter noch
in die Vergangenheit zurck: die Soubrette ... die Chansonettensngerin ... die
Choristin ... die zweite Liebhaberin - die kleine Katze war nur etwas zu
eiferschtig - Ida, die Kellnerin - Pauline, die Conservatoristin -
Donnerwetter! das Kind konnte verblffend offen und geradezu sein! - Auguste,
die Kindergrtnerin - Helene, die Confektioneuse - die schwarzzpfige Maxel, die
so etwas wie eine Collegin von Emmy war - Ottilie, die pralle Jdin mit den
polirten Sammetaugen und dem Teint, der wie gekochtes Hhnerfleisch aussah -
Toni, das frwitzige, verliebte Tchterlein des Herrn Polizeicommissars - - mein
Gott! die Proskriptionsliste will gar kein Ende nehmen ... Wie viel vergeudete
und verschwendete Zeit! Wie viel verzettelte, verpuffte Kraft! Wie viel
zerquirlte Stimmung! Wie viel berflssig verlottertes Geld! Und doch -: man hat
wenigstens Etwas erlebt! Etwas erlebt, von dem tausend andere Pomadenheilige
keenen blauen Dunst haben! War's auch im Grunde immer wieder dasselbe -: man hat
seinen psychologischen Blick doch bedeutend geschrft - man hat die Weiber -
verzeih', mein Lieb! - einigermaen kennen gelernt - man ist hinter unendlich
viele Schliche und Coulissengeheimnisse des Lebens gekommen - summa summarum:
ich bereue mein fahriges Zigeunerleben keineswegs. Ich habe manche unvergeliche
Stunde durchlebt .... manches volle, groe, ganze Gefhl genossen - ich habe
manchen brennenden Schmerz durchkosten mssen ... ich habe manche wahre Thrne
flieen sehen ... und manche wohl auch selbst geweint - meine Erinnerungen
werden einmal ... in spteren Tagen ... sie werden dann kaum nchtern, kaum
glanzlos und kalt sein - der Einkaufspreis, um den ich sie erstanden, thut mir
nicht leid. Es trocknet brigens nichts schneller auf der Welt, als so eine
kleine, heie, salzige Thrne. Und doch thut jede Trennung weh - man begegnet
sich so selten noch einmal im Leben, wenn man's mit dem Auseinandergehen
wirklich ernst genommen hat ... Und das ist auch sehr gut. Aber jede Trennung
reit doch zugleich ein Partikelchen Herz mit fort. Nun! wir Mischlinge der
Romantik und des modernen Realismus haben ja Vorrath in dieser Beziehung - wir
leiden ja Alle an einem gewissen trop de coeur ... Oder wrden wir uns sonst so
furchtbar interessant vorkommen, wie es thatschlich der Fall ist? Wrden wir
sonst so eifrig an uns herumspintisiren und herumtfteln, herumschnffeln und
uns von hinten und von vorn begucken und behorchen? Wren wir sonst solche
capitalen Narren und machten durch eine ewige Analysirungswuth aller Worte, die
wir sprechen, aller Handlungen, die wir in Scene setzen - machten wir dadurch
unsere Beziehungen zu einander ... unter einander ... zu den denkbar
unerquicklichsten von der Welt -? Ach! Was sind wir doch fr unsagbar dumme
Kerls! Indessen! welche Wollust, so ein interessanter Narr sein zu drfen!
Uebrigens, Hedwig - damit ich nicht allzu sehr in Deiner Achtung sinke -: ich
habe nmlich auch mit sogenannten edlen Frauen verkehrt! Diese edlen Frauen -
nein! das sind wirklich zu putzige Wesen! Das Mrchen von ihnen hat mich immer
sehr amsirt. Doch das ist 'n Capitel, das sich auch zu einem ganzen Buche ...
einem corpulenten Foliobande erweitern liee. Und der ganze Band wrde
schlielich nichts weiter enthalten, als einen einzigen ... allerdings sehr
respektablen Beitrag zur Dummheit und psychischen Kurzsichtigkeit des Menschen.
Merkwrdig! Ich habe immer mehr Kraft, mehr Natur, mehr echte Wahrheitssucht und
aufrichtige Lebensbezeugung - mehr naives, ungebrochenes Aussichherausleben in
jenen Frauenkreisen gezwungen, die durch allerlei Verhltnisse ... persnliche
Sonderbedingungen, uere Einflsse u.s.w., dahin gefhrt waren, sich zu
freieren Anschauungen, zu freieren Sitten und Gewohnheiten bekennen zu mssen.
Das ist aber doch auch ganz natrlich. Je grer die Bewegungssphre, desto
grer damit der Spielraum der Krfte. Nichts herrlicher, als eine Kraft, die
sich tchtig nach allen Seiten hin ausleben darf. Da liegt doch Musike drin, wie
die braven Leute vom dritten, vierten und ... fnften Stande zu sagen pflegen.
Aber da kommen andere Leute ... eine nicht minder ble Sippschaft ... brechen
die Kraft ... und sind nun heidenfroh, da sie sich einbilden knnen, sie htten
diese arme, schimpfirte Kraft in den Dienst der Anstndigkeit und wie die
Larifaritugenden dieser Hundeseelen sonst alle noch heien mgen, gezwungen -
und sie haben sie doch nur gemibraucht und verstmmelt ... Unbeschnitten kommt
ja Keiner durch's Leben. Aber man sollte uns doch nicht zu enge Zellen ... nicht
zu enge Kfige anweisen. Indessen - schlieen wir diesen Speech, mein Lieb!
Riechst Du nicht die Klaue des Weltverbesserers? Du darfst stolz sein auf Deinen
Herzallerliebsten, Kind! Wenn ich erst 'mal den bewuten Punkt gefunden habe,
hebe ich den ganzen Krimskrams von Kosmos ... ... das ganze Mehltpschen ... die
ganze Wrmerschssel von Weltall aus den Angeln. Verla Dich drauf! Vorlufig
allerdings wird nur mein Appetit auf eine gute Cigarre immer barbarischer. Wenn
Du ein Nachtcaf absolut nicht goutiren kannst, gehen wir meinetwegen in eine
Weinkneipe! La 'mal sehen! Es ist jetzt zehn Minuten nach Eins. Bis Zwei sind
ja die meisten Lokale dieses Genres auf. Das nchste - ja -! komm -! Gehen wir
zu Engler! Man trinkt dort eine wenigstens einigermaen annehmbare Marke
Liebfrauenmilch. Damenbedienung mut Du allerdings mit in den Kauf nehmen. Es
scheint doch noch loszugehen heute Nacht. Eben blitzte es - hast Du gesehen?
Aha! Der obligate Wind! Nur nicht so eilig, ihr Herren und Damen da oben! Bitte
- rechts! Und nun sei mir nicht bse, Hedwig! Sei mein kleines, herziges,
lustiges Weib! Kommt Zeit, kommt Rath! Vielleicht auch Heirath, wie der Kalauer
trstet. Und gieb mir noch einen Ku, Kind - bitte -!
    Adam kte sein Weib und drckte es fest an sich. Die edelsten, redlichsten
Vorstze, Absichten, Gewiheiten und Hoffnungen erfllten zu dieser Frist seine
Brust. -
    Es blitzte wieder. Nach einer kleinen Weile rollte ein schwacher Donner
nach. Heftiger kam der Wind angeblasen. Die ersten Tropfen fielen. Die beiden
Wandrer beschleunigten ihre Wanderung.
    Und wenn der Wirth nun schon zu hat -? fragte Hedwig ngstlich.
    Das wre eine feudale Frechheit von dem Menschen - diktirte Adam rgerlich
- aber ich glaube nicht - - wir sind brigens gleich da. Triumph! Es ist noch
Licht - dort! kurz vor der nchsten Ecke die groe, weie Lichttraube - siehst
Du: die Welt ist noch gar nicht so heruntergekommen, wie es oft den Anschein
hat! Auch mit den Objekten lt sich noch reden! Es wre wahrhaftig fatal
gewesen, nach einem Caf zurckrennen zu mssen - denn von einem Droschkengaul
ist natrlich wieder 'mal kein Ohrzipfel zu vernehmen. -
    Ach Gott! Wenn das Wetter nur nicht zu arg wrde - Papa wird schon lngst
aufgewacht sein und nach mir rufen. Adam - bitte, lieber Adam, bring' mich
wieder nach Hause! Wenn Papa - ich habe ihn schon einmal - ich kann ihm nie
wieder vor die Augen kommen - - o Gott! es ist zu entsetzlich! Mein armer, alter
Vater -!
    Ich verstehe Dich, Hedwig - erwiderte Adam ernst - aber - zur Umkehr ist
es jetzt wirklich zu spt! Du mut Dich schon zu fassen suchen. Und weine doch
nicht so - Du hast ja mich! Vertraue mir doch ein Wenig, mein Lieb! Man darf
wirklich nicht zu sentimental sein im Leben! Wir knnen das Neue so oft - so
unendlich oft nur durch Aufopferung des Alten erkaufen - es ist nun einmal so -
Du mut Dich an den Gedanken gewhnen, so herb und hart er auch sein mag -
    Der Regen ging eben in den hergebrachten Gewitterrhythmus ber, als die
beiden das Lokal erreicht hatten.
    Guten Abend, Herr Doctor - begrte der Wirth, Herr Engler, sich hflich
verneigend die Eintretenden - das war aber die allerhchste Zeit! Noch ein paar
Minuten spter - und - - nicht wahr? man sollte es gar nicht glauben: wir haben
doch eigentlich noch gar keine besonders heien Tage gehabt - und nun knallerts
schon los - es scheint 'n ganz hbsches Gewitterchen werden zu wollen -
    In hartem, scharfem Blauwei prallte jetzt der Wiederschein eines Blitzes
gegen die schwarzen Fensterscheiben. Aber im Innern des Raumes konnte er bei der
runden Lichtflle, die sich hier ausgab, nicht recht zur Geltung kommen. Ein
drhnender Donner rollte unmittelbar hinterher.
    Mein Gott -! schrak die Kellnerin zusammen, die mit der Weinkarte zu Adam
hingetreten war.
    Das Hat eingeschlagen! versicherte Herr Engler sehr bestimmt. Er schien
sich auf derartige Prophezeihungen zu verstehen.
    Adam wischte mit dem Taschentuche die Sternchenzeichnungen von seinen
Kneiferglsern, die der Regen dort aufgemalt hatte.
    Wo wollen Sie Platz nehmen, Herr Doctor -? Vielleicht hier auf dem Sopha,
mein Frulein -?
    Ja! Bitte, Hedwig! Uebrigens mein Lieblingsplatz - nicht wahr, Herr Engler?
Haben so manches Glas hier geschluckt ... in angenehmster Gesellschaft ... tempi
passati! Nun mssen wir halt vernnftig werden. - Aber schne Stunden waren's
doch -!
    Der Wirth schmunzelte. Er warf einen kurzen, scharfen Blick auf Hedwig. Und
er sah sehr nachdenklich aus - als zhlte er im Geiste alle die Damen zusammen,
mit denen sein lieber Stammgast, der Herr Doctor Mensch, schon bei ihm
eingekehrt war und hier in dieser traulichen Ecke gesessen ... getrunken ...
geplaudert ... gekost ... und wohl auch einmal gekt hatte. Aber diese Dame da
- die sah doch gar nicht danach aus, da sie - hm! ... Nee! so'n blasses,
ernstes, mageres Frauenzimmer - ohne Feuer und Leben - Herr Engler konnte sich
keinen Vers darauf machen ... Der Herr Doctor halte doch sonst einen besseren
Geschmack bewiesen! Was ihm nur heute eingefallen war? Ja! Als er noch mit der
Dame da drben ... mit der Dame, die heute Abend am ander'n Ende des Zimmers an
dem runden Marmortischchen mit dem eleganten Herrn zusammensa - - ja! als der
Herr Doctor Mensch noch mit diesem amusanten Dmchen verkehrte - die beiden
schienen ja jetzt nichts mehr von einander wissen zu wollen - wie das nur
gekommen war? - - da - ja da - - aber Herr Engler htete sich gar sehr, auch nur
den kleinsten und harmlosesten seiner Ketzergedanken auszusprechen
    Also eine Liebfrauenmilch -! bestellte Adam und sah sich im Lokale um.
    Eine Liebfrauenmilch! bestellte die Kellnerin weiter an den Wirth, der
darauf in ein Nebenzimmer verschwand.
    Adam drckte die Glser seines Kneifers dicht an die Augen heran. Irrte er
sich denn - oder? Aber das war ja nicht mglich! Das konnte ja nicht sein! Der
Herr da drben - und die ... die Dame an seiner Seile - das waren doch nicht -
waren doch nicht - - und jetzt sah der Herr zu ihm herber - und nickte er ihm
nicht zu? Teufel! Wahrhaftig! Nein! Aber doch! Gtiger Heiland von
Plundersweilen! Das war wirklich Herr von Bodenburg - und die Dame an seiner
Seite war - die Dame war wirklich Emmy! Na! Eine kstliche Bescheerung!
Vorzglich! Ganz vorzglich! ...
    Adam schnitt sein ernstestes Gesicht und grte wieder. Er fhlte, da er
Emmy seine sie ironisirende Verachtung zeigen mte und sich zugleich vor Hedwig
nicht verrathen drfte.
    Hm! das war aber so'ne Sache mit dem sich nicht verrathen drfen! Warum denn
nicht? Und da kam auch schon sein Dmon angekrochen und kitzelte ihn. Er hatte
seine kleine Braut heute Abend ja schon sattsam gergert. Und mehr als gergert:
er hatte sie gepeinigt, gemartert, geqult - er hatte sie eigentlich scandals
behandelt. Das that ihm leid - gewi! Aber was sollte er jetzt mit ihr reden?
Sie hatten sich heute ja schon gegenseitig die lngsten und tiefsten und
ernsthaftesten Vortrge von der Welt gehalten! Ein pikanter Nachtisch war kaum
zu verachten. Und jetzt tuschelten die Beiden drben so impertinent auffllig.
Es ging gewi ber Hedwig her - man kritisirte gewi die neue Dame seines
Herzens ... diese Dame, die mit ihrem herben, verschlossenen Wesen, ihrer
sprden Zurckhaltung, so gar nicht in diese Umgebung pate ... in diese
Umgebung, die nur gewohnt war, ein Helles, lustiges Lachen zu hren ... und
blitzende Augen zu sehen ... und die kstliche Melancholie des verschwiegenen
Minnespiels zu studiren, welches in immer wieder neuer Gestalt zu erfinden und
zu bethtigen, das geheime Einverstndni zweier Liebenden so unermdlich ist
und so unbertrefflich ...
    Die Kellnerin brachte den Wein und schenkte ein. Ein paar gelbweie Tropfen
fielen auf die weie Tischdecke. Das kleine Frulein war ein Bissel unaufmerksam
gewesen. Sie hatte nicht auf den Wein geachtet, sie hatte Hedwig inspizirt. Sie
schien sich ein Urtheil bilden ... sich ber Etwas klar werden zu wollen. Adam
versprte den Zusammenhang. Er mute lcheln. Wie die Hunde, dachte er. Aber
cosi fan tutte. Sie mssen sich erst beschnffeln, beschnuppern - obgleich sie
ganz genau wissen, welch' Geistes Kinder sie sind ...
    Adam war unschlssig. Sollte er einmal zu den beiden hinber schlendern ...
das Pikante der Situation noch um einige Grade steigern ... und dann mit grtem
Gleichmuth das verfhrerische Gebru hinabschlrfen? ...
    Wie heien Sie, mein Frulein? fragte er vorerst die Kellnerin. So thut
man so oft etwas Ueberflssiges, so lange man nicht wei, ob man das weniger
Ueberflssige nicht fr das noch mehr Ueberflssige halten soll.
    Melitta! antwortete die Dame.
    Donnerwetter! Melitta! Die Kellnerinnen werden immer vornehmer, Sie
gefallen mir brigens, Melitta - wollen Sie nicht 'n Glas mittrinken? -
    Das Mdchen blickte fragend auf Hedwig, die sich zurckgelehnt hatte und
finster, beinah drohend zu Adam hinbersah. Der fhlte sich sehr unbehaglich.
Konnte denn die Dame nicht einmal aus sich herausgehen, nicht einmal in einen
lustigeren, leichteren Ton miteinstimmen? Das Leben etwas zwangloser, etwas
kritikloser nehmen? Immer dasselbe gleichsam festgefrorene Abweisungs- und
Entsagungspathos - es wird etwas langweilig auf die Dauer. Jawohl! Es kann sogar
sehr langweilig werden. Wie? Wenn er jetzt neben Emmy se ... und sein leckeres
Weiblein an diesem kstlichen Goldwein nippte und ihm dabei ber den Rand des
Glases hin zublinzelte mit seinen lustigen, lockenden Augen ... so
verfhrerisch-verheiungsvoll zublinzelte - wie? wre da nicht ein ser,
berauschender Genu ... eine beseligende Traumstimmung ... ein solider
Augenblick des Glcks, der Illusion ... zwischen Gliedern an der Lebenskette,
die entwaffnet haben und entwaffnen werden, weil sie in nchterner,
durchschauender Erkenntni beschlossen sind? In Gesellschaft von Naturen  la
Hedwig warf selbst der goldenste, gttlichste Wein keine bunten, sammtenen
Lichter ber das dumme, rohe, rauhbeinige Leben.
    Der Regen prasselte mit derselben trockenen Dreistigkeit immer noch nieder
... und mit den rothgelben Lstreflammen des Saales coquettirten noch immer die
weiblauen Blitze. Aber der Donner nahm sich schon mehr Zeit ... schien schon
vorwiegend mde geworden zu sein. Er humpelte langsamer hinter den schieenden
Flammen her ... und sein Poltern klang bedeutend gemthlicher.
    Na! das scheint ja noch 'mal gndig ablaufen zu wollen - meinte Herr
Engler und trat an den Tisch heran, hinter dem Adam und Hedwig saen. Melitta
entfernte sich, ernstlich gekrnkt, wie es schien, einen bsen Blick auf Hedwig
werfend.
    Ja! . erwiederte Adam zerstreut ... und schwang sich dann zu der Frage
auf: Wie lange haben Sie noch auf, Herr Wirth?
    Bis halb Drei ... Drei - so genau lt sich das nicht nehmen. Je nachdem
das Local besetzt ist. Wie Viele kommen nicht erst kurz vor Thoresschlu -!
    Gewi! Na! da drfen wir ja noch 'ne Weile sitzen! Wie spt haben wir's
denn jetzt?
    Es geht auf Zwei! Nehmen Sie sich nur Zeit, Herr Doctor! Noch 'n Stndchen
- dann mssen wir aber Schicht machen -
    Bitte, Hedwig, trink doch! Ich glaube, Du bist noch beim ersten Glase! Nimm
Dir an mir ein Beispiel! Nicht wahr, Herr Wirth - bei einer Flasche
Liebfrauenmilch habe ich es noch nie bewenden lassen -?
    Ja! Ja! Es sind wohl meistenteils ... mehrere ... Flaschen geworden ...
Aber da waren Sie auch - wie soll ich sagen? - da gings flotter - lustiger her -
da -
    Pst! drohte Adam, halb im Ernste, halb im Spae. Nix ausplaudern, mein
Lieber -!
    Du brauchst Dir gar keinen Zwang aufzulegen, Adam! Du weit doch - wir
haben uns ja ber diesen Punkt ausgesprochen - warf Hedwig ein, Aerger und
Verbitterung in der Stimme.
    Sie sehen, Herr Engler: so ein Pantoffelheld ist man nun glcklich
geworden! Ja! Die Liebe! Die Liebe! Die kriegt Alles fertig und krmmt selbst
den trotzigsten Nacken - scherzte Adam gezwungen ... - aber ganz hast Du mich
noch nicht gebndigt, liebe Hedwig - ganz noch nicht -
    Bitte, la das! -
    Herr Engler entfernte sich. Er konnte den Doctor nicht begreifen. Wollte
der's denn wirklich nur noch mit den Philistern halten? Und der wrdige
Weinwirth glaubte Grund genug zu der Befrchtung zu besitzen, ber kurz oder
lang einen seiner besten Stammgste zu verlieren - und das wrde doch sehr fatal
sein.
    Adam fhlte sich immer ungemthlicher. Hedwig war so wortkarg ... starrte in
Einem fort vor sich hin - und schien mehr an ihren verlassenen Vater zu denken,
als an den Geliebten, der ihr zur Seite sa - eine lebendige, begehrende und
gabenbereite Gegenwart ... der mit kstlichem Weine den Bund ihrer Herzen feiern
wollte heute Nacht ... der die Stimmung fr orgiastisches Draufgehn wachsen und
wachsen sprte in sich ... wachsen mit dem genossenen Weine und der
vorenthaltenen Genugthuung des Leibes, die immer heier und brnstiger um ihr
Recht warb ... Adam verbi sich rein in seinen Aerger ber Hedwigs Sprdigkeit.
Er trank immer hastiger, wurde immer nervser, suchte die Mdigkeit, die
manchmal mit eingeriemter Schlinge an seinen Gelenken zerrte, durch krampfhafte
seelische Sprnge und Erschtterungen zu verscheuchen. Nun schnappte ein
leichter, discreter Rausch nach ihm: verhangene Fernsichten schlossen sich auf
... und tagsber verschttet gebliebene Gedanken, Stimmungen, Erinnerungen kamen
zu ihm, flink, geschwind, behend wie Eidechsen, aus Rissen und Spaltungen, darin
sie geschlummert hatten ...
    Adam fhlte den Blick Emmys anhaltend auf sich. Er konnte nicht widerstehen.
Das Ungewhnliche der Situation reizte ihn zu sehr. Verzeih, Hedwig! Ich mu
erst 'mal zu meiner Emmy hinber - entschuldigte er sich leise, verlegenhastig,
und erhob sich.
    Zu seiner Emmy? Hedwig fuhr zusammen und schaute Adam nach, wie er, ein
klein Wenig unsicher, durch das Zimmer schritt und an den Tisch trat, an
welchem, ihnen gegenber, allerdings in betrchtlicher Entfernung, ein Herr und
eine Dame saen. Sie hatte die beiden Menschen dort bisher kaum beachtet. Und
nun entpuppte sich die Dame als seine Emmy! Nein! das war zu viel! Am Liebsten
wre sie aufgesprungen und zum Lokale hinausgeflohen. Unwillkrlich horchte sie
darauf, ob der Regen nachgelassen. Es schien so. Aber die Dachrinnen
pltscherten das Wasser immer noch mit heftigem Affekt auf das Pflaster ... es
tropfte und quirlte noch allenthalben. Und jetzt blitzte es auch noch, wenn auch
schwcher, wie mde und gelangweilt. Das Gewitter ghnte schon. Das grauweie
Morgenlicht machte sich immer breiter und spielte immer zudringlicher durch die
Vorhnge ins Zimmer, welches dadurch einen Stich ins sndhaft Uebernchtigte,
ins klebrig Unreinliche erhielt.
    Hedwig versuchte es, die Scene, die sich jetzt am Tische da drben
abspielte, weiter nicht zu beobachten. Sie versprte auf einmal das brennende
Bedrfni, sich zu betuben. Vielleicht wusch ihr der Wein das Bewutsein der
Schmach, die ihr widerfahren war, aus der Seele. Und sie splte hastig einige
Glser furchtsam gelber Liebfrauenmilch hinab. -
    Adam streckte die Hand Herrn von Bodenburg entgegen. Guten Abend, Herr
Referendar! Guten Abend, Emmy! Ich freue mich, da ich Sie einmal wiedersehe.
Und noch dazu unter diesen pikanten Verhltnissen ... in diesem sen
Nebeneinander ... Darf ich einen Augenblick Platz nehmen -?
    Bitte!
    Adam fhlte sich pltzlich sehr souvern und spottlustig aufgelegt. Ihn
dnkte, er htte die beiden Menschen da vollstndig in der Hand - und ein klein
Wenig mit ihnen zu spielen, mte ein Kapitalvergngen sein, das er sich nach
den Zeiten der Drre, die er soeben mit Hedwig durchlebt, wohl leisten drfte.
Der genossene Wein, der ihm schon eine vage Andeutung von Rausch angeheftet,
machte nicht minder seinen stachelnden Einflu gelten.
    Nun, mein gndiges Frulein, wie gefllt Ihnen eigentlich mein neuer
Nachfolger im Amte - oder darf ich ihn nur fr meinen Stellvertreter halten -?
    Adam sog nachlssig an seiner Virginia. Sie war wieder einmal ausgegangen.
Die Dinger sind wie die Weiber: man mu sie in Einemfort poussiren ... sonst
gehen sie aus ... das heit: sie gehen in ein anderes Lager ber. Ich will
brigens damit beileibe nicht gesagt haben, Herr Referendar, da bei Ihnen
Nordpoltemperatur herrschte - witzelte Adam und hielt sich ein brennendes
Streichholz vor die Cigarre.
    Ich verstehe Sie nicht, Herr Doctor - erklrte Herr von Bodenburg pikirt.
    Prost, Clemens! versuchte Emmy sehr diplomatisch zu trsten und
abzulenken, dabei warf sie einen Blick auf Adam, als wollte sie sagen: Siehst
Du, so intim sind wir schon! Etsch!
    Prost, Emmy! kam Herr von Bodenburg nach und fuhr, als er das Glas wieder
niedergesetzt, fort: Ich mu Sie wirklich bitten, Herr Doctor -
    Mein Gott, Herr Referendar - Sie werden mir doch gestatten, Sie ein wenig
zu bewundern! Und das thu' ich mit dem redlichsten Gemthe von der Welt!
Vorgestern - es war doch vorgestern? - ja! - vorgestern also - na! da noch durch
die Brust geschossen - ich meine: ohne weiter'n weiblichen Anhang - und heute
schon auf stolzen Rossen - ich gratulire herzlichst -
    Emmy wurde unruhig und sah Adam an, wie drohend und zugleich gtlich
abrathend, in diesem Stile fortzufahren.
    Der Herr Doctor lchelte.
    Verzeihen Sie, mein Herr - so viel ich sehe, befinden Sie sich doch selbst
in Damengesellschaft - wenn ich nicht irre, ist Ihre Begleiterin die Dame, die
wir fter im Caf Caesar -
    Sie haben ganz richtig gesehen, Herr Referendar, aber das hindert doch
nicht - ich meine: wenn ich auch momentan versehen bin - Sie werden doch nicht
glauben, da ich so verzweifelt einseitig sei, um - nun! - nun! - ich versichere
Sie, mein Herr: ich halte es fr meine Pflicht, mich auch noch fr ... wie soll
ich sagen? - fr verflossene Liebschaften ein Wenig zu interessiren ... Die
armen Mdels! Wenn ihnen eine kleine, harmlose Enttuschung in der Brust
herumrumort, laufen sie dem Ersten Besten in die Arme ... wie der verzweifelte
Skorpion ins Feuer ...
    Dem Ersten Besten - mein Herr -!
    Clemens -! Ich bitte Dich! Prost!
    La mich! - Dem Ersten Besten - was soll das heien -?
    Nun wird der auch noch katholisch! Adam! ... pardon! ... Herr Doctor -!
    Sie wnschen, mein gndiges Frulein -?
    Das gndige Frulein wnscht gar nichts, aber ich wnsche -
    Was denn? fragte Adam jovial, mit grter Seelenruhe.
    Da Sie sich menagiren - sonst -
    Sonst -?
    Ich she mich gezwungen -
    Herr Engler war hinzugetreten. Ich bitte Sie, meine Herren - Sie werden
doch nicht - - es ist brigens Feierabend, meine Herren!
    Darf ich bitten? - ich mchte Kasse machen - bemerkte Melitta. Dabei sah
sie Emmy an und schielte dann zu Hedwig hinber. Das arme, verlassene Weib
schien ihr jetzt sehr leid zu thun.
    So eilig, Herr Wirth? fragte Adam und erhob sich.
    Es ist halb Drei durch - sehen Sie doch: es ist schon ganz hell drauen -
    So? Gute Nacht, Emmy! Und im Uebrigen, Herr Referendar - thun Sie, was Sie
nicht lassen knnen! Ich stehe Ihnen zur Verfgung -
    Nun! Das Weitere wird sich morgen finden -
    Adieu -
    Emmy konnte sich doch nicht enthalten, ein zaghaft geflstertes Adieu! zu
antworten.
    Mein Herr! Pardon! - Herr von Bodenburg eilte Adam nach. Der wandte sich
um.
    Darf ich Sie um Angabe Ihrer Wohnung bitten? - ich wei nicht mehr genau -
    Hier ist meine Karte - meine Wohnung steht dabei - bitte! .
    Danke verbindlichst -!
    Die Herren verneigten sich und gingen auseinander.
    Verzeih, mein Lieb - eine kleine, humoristische Scene! Hat natrlich weiter
nichts auf sich ...
    Hedwig war durch die Spannung, mit welcher sie trotz alledem unwillkrlich
den Vorgang beobachtet, der sich soeben zwischen Adam und dem fremden Herrn
abgespielt - und durch den mit nervser Hastigkeit genossenen Wein bedeutend
aufgelockert. Das Paradoxe, Bizarre ihrer Lage war ihr erst eigentlich jetzt zum
Bewutsein gekommen. Und fast reizte sie schon das Abenteuerliche daran und
dnkte sie ausnehmend pikant. Sie gewann dem, was so neu, so auerordentlich
war, schon Geschmack ab. Es fiel zu sehr aus dem Zusammenhange ihres bisherigen
Lebens heraus. Und zugleich wuchs in ihr das Bewutsein der inneren Flle ...
der Flle von Erlebnissen, die ihr in wenigen, zusammengedrngten Stunden
zugeflossen waren. Ihr Leben stand an einem Wendepunkte ... ... war vielleicht
nur durch die frivole Laune eines Vabanque-Spielers dahingefhrt worden - aber
sie liebte nun einmal diesen Vabanque-Spieler, sie hatte sich ihm ergeben und
sie mute ihm weiterfolgen. Gleichgltig, wohin. Groe Stunden schieben enge
Sphren auseinander und verrcken die Mastbe. Ein schnaubendes Whlen und
Bohren in der Enge ists und zugleich eine weltenzusammenraffende Gipfelschau.
Fast war Hedwig auf ihre Zukunft neugierig, naiv neugierig. Das Bild ihres
verlassenen Vaters trat zurck und verblate jhlings in die Vergangenheit
hinein. Sie freute sich darber und gedachte seiner wie eines Todten, dessen man
sich nicht mehr deutlich zu erinnern vermag ... und auch nicht mehr deutlich zu
erinnern die Pflicht hat ...
    Ihr werdet Euch doch nicht -? - -
    Gott! wir kitzeln uns vielleicht 'n Bissel! Solche kleinen Scherze, wie
mein verflossener Busenfreund, Herr Kakatus Maximilian Ritter von
Stmpellstrunk, zu sagen flegte, das Stereotypen-Mnnchen, wie wir den Knaben
seiner festgefror'nen Redensarten wegen immer nannten - solche kleinen Scherze
also erhalten die Gesundheit und befrdern die Verdauung. Es ist brigens
ziemlich tiefsinnig, sich wegen einer ... einer femme pour tous eine Rippe zu
zerbrechen respektive sich eine zerbrechen zu lassen ...
    Also der Dame ... Deiner ... Deiner Emmy wegen, Adam -?
    Die Damen, mein Lieb, fr die oder deren wegen sich Helden, wie wir,
schlagen - diese Damen - - nun! glaubst Du etwa, Hedwig, da ich fr Dich
eintreten wrde - das heit - ich meine - -
    Wenn mich nun Jemand beleidigte -?
    Ich wrde den Kerl niederschlagn - aber wahrhaftig nicht auf den Unsinn des
patentirten Mords 'reinfallen! Bei Damen dagegen  la Emmy, die Alles darauf
ankommen lassen, lt man eben auch Alles darauf ankommen - genau so zweideutig,
wie der Charakter dieser Frauenzimmer ist das Duell - genau so! - ein Capitel
aus den Demimondiana des Lebens, mein Lieb - weiter nichts! Dort Alternativen -
hier auch! Aber nun la uns gehen! Die theure Donna Melitta wartet schon. Trink'
aus, bitte! Sieh, wie hell es schon geworden ist! Wir gehen der Frhe entgegen,
dem Morgen - der Sonne! Wenn sich nur der Staub der Nacht nicht so in meine
Poren eingefressen htte! Komm! Und nun wollen wir allen Unrath aus der Seele
splen ... und weiter nichts sein, als zwei harmlose Wesen, die sich zu Tode
wundern mchten, da sie hier auf dem dummen, hkrigen Erdrcken Stehauf! und
Duckdichnieder! spielen mssen ... die ba erstaunt sind, da sie nicht
gelegentlich herunterrutschen von dem Kugelwrmchen - und die manchmal, wie zum
Beispiel jetzt, mit dem ganzen Hokuspokus doch von Herzen einverstanden sind!
Nicht wahr? mein Lieb - das Leben ist doch schn! doch! doch! doch! -
Allerdings! dieses doch! ist sehr verdchtig -!
    Adam hatte an Frulein Melitta den Wein bezahlt und war nun Hedwig beim
Anziehen des Jaquets behlflich.
    Herr von Bodenburg und Emmy gingen in diesem Augenblicke vorber.
    Emmy warf einen kurzen, vorwurfsvollen Seitenblick auf Adam, der, hinter
Hedwig stehend, nickte ihr zrtlich-ironisch zu. Er wute ja: Herr von Bodenburg
war nur ein Interims-Verhltni߫.
    Die Luft hatte sich kaum abgekhlt. Der Morgen war dick und schwer, der
Himmel mit aufgebauscht massigen, gelbgrauen Wolkenlagern berzogen. Der Tag
schien recht mrrisch und einsilbig werden zu wollen. Es war kaum Stimmung in
diesem Wetter. Das junge, wachsende Licht drckte sich nur in breiten,
verschwommenen Massen auseinander. Oefter kam ein warmer Wind angeblasen und
furchte die Pftzen, die auf den Fahrdmmen standen. Er klopfte sanft auf die
Bsche und Bume und schttelte einen kleinen, kitzelnden Regen hngen- und
sitzengebliebener Tropfen herunter.
    Adam fhlte sich doch etwas bernchtigt. Eine groe Spannung wohnte kaum
noch in seiner Seele. Er mute fter ghnen, so Vieles war ihm sehr
gleichgltig, er sehnte sich nach einigen Stunden tiefen Schlafes. Er wre jetzt
so gern allein gewesen. Wenn sich noch die Sonne gemeldet htte! Oft schon war
er in seinem Leben heimgegangen, wenn sie in der Frhe gekommen war. Dann waren
ihm ihre ersten Scheinversuche immer so lieb gewesen, so anheimelnd. Junges,
erstes Licht hat so etwas putzig Stolperndes, naiv Drauflosgehendes, es ist noch
so viel Reinheit und Schmelz und Kritiklosigkeit in ihm. Und wenn sich das
junge, erste Licht mit seinen blitzenden Silbergliedern gegen die Scheiben
oberer Huserfronten legte, hatte Adam oft ber dieses Kecke, Backfischige dabei
redlichen Ernstes lcheln mssen. Heute war Alles trb und zusammengeronnen,
wenn auch unendlich hingebend und weich ... muntere, begehrende Menschen zum
Lager lockend und ladend, zum gemeinsamen Lager. Aber Adam fhlte sich eben
ermattet, wie steif verholzt und zusammengedrckt, klebrig verfilzt, hier und da
in seinen Gelenken berflssig unterbunden, und dazu aufgelegt, so viel als
mglich kraftverwaisten Herzens zu vernachlssigen. Auch das Weib an seiner
Seite zu vernachlssigen, das er aber doch nicht gut um diese frhe Stunde
allein nach Hause gehen lassen konnte. Eine Auseinandersetzung mit Hedwigs Vater
war unvermeidlich. Auch er muhte dabei sein. Ja! diese Auseinandersetzung wohl
eigentlich selbst einleiten. Das fiel ihm jetzt erst ein. Fatal und unbequem
war's doch. Nun! - da er das auf sich nehmen mute, konnte er die paar Schritte,
die ihm noch bis zu einem gewissen, an sich selbstverstndlichen Ziele zu gehen
blieben - dann konnte er sie nur getrost gehen. Hedwig wrde wohl nicht minder
im Sinne haben, die letzte Hand an ihr gemeinsames Werk mitanzulegen. Dann
stimmte dieses Capitel wenigstens einigermaen und erlebte eine Art Ende und
Abschlu. Also vorwrts!
    Ich bin doch etwas mde! begann Adam stockend und ghnte dazu ein Ghnen,
das nicht recht aus sich herauskommen wollte.
    Bring mich nach Hause, Adam! bat Hedwig leise. Sie wute selbst nicht
recht Bescheid in sich in diesem Augenblicke. Auch sie war abgespannt, und nach
dem Hochschwung des kleinen Weinrausches, den ihr die goldene Liebfrauenmilch
und die miterlebte Plnkelei zwischen den beiden Herren eingeflt, litt sie
jetzt nur um so mehr unter der wiederkehrenden Mdigkeit. Aber zu ihrem Vater
zurck? Um diese Stunde? Doch wohin sonst? Etwa mit Adam herumspazieren, bis der
Tag sich ganz breit gemacht hatte und die Menschen glaubten, es mit ihm wagen zu
knnen? Oh! sie gingen beide schon so langsam und sehnten sich beide nach Ruhe
und Rast!
    Adam lachte mit forzirter Heftigkeit. Hedwig! Ich soll Dich nach Hause
bringen -? Das ist mehr als naiv, mein Kind! Hrst Du die Nachtigallen schlagen?
Nun! die schlagen uns etwas Anderes und Vernnftigeres vor. Wir promeniren erst
noch ein Weilchen - siehst Du: hier sind wir ja gleich am Parke - die Wege
werden allerdings verdammt matschig und breiig sein - na! wir wollens nur 'mal
versuchen - also wir schlucken noch ein Wenig die Morgenluft ein - machen uns 'n
bissel frischer und dehniger, sehniger, beweglicher - nicht wahr, Kind? -
plaudern noch ber Dies und Das - und nachher - nachher kommst Du mit zu mir,
mein Lieb - und schlfst Dich bei mir tchtig aus - und morgen respective heute
frh gehe ich zu Deinem Papa und sage ihm ganz vergngt, da uns bermthigen
Menschenkindern der kleine Extra-Streich urfamos bekommen wre! Dein Papa wird
doch auch in praxi Philosoph genug sein, um unsere That, in der sich die Natur
einmal so recht ausgelebt hat, nicht mit der Krmerelle zu messen. Meinst Du
nicht auch -?
    Mit zu Dir gehen - nein, Adam, das thue ich auf keinen Fall! erklrte
Hedwig sehr bestimmt und umschritt, zu Boden blickend, eine braungraue
Wegpftze, die sich in der Mitte des schmalen, glitschrigen Parksteges ber
Gebhr breit hingegossen hatte.
    Das thust Du nicht -? Nun! was denken das gndige Frulein dann zu thun -?
fragte Adam, hhnisch-verdrielich. Er war doch im Grunde nur berechtigt, seiner
Sache gewi zu sein. Warum also berflssige Weitlufigkeiten? Unglaublich! Aber
die Weiber!
    Du hast doch gehrt - ich will nach Hause gehen -
    Um diese Stunde? Frh genug ist es allerdings. Aber wir sind schon von
heute, mein Frulein, und nicht mehr von gestern. Es ist 'n viertel Vier.
Sonderbar! Pltzlich genirst Du Dich nicht mehr! Und gester Abend -
    Aber Du mut doch begreifen, Adam, da ich nicht mitgehen kann! Und selbst
- wenn auch - nein! nein! - -
    Ah! Wenn auch! Was denn nun noch, Hedwig -?
    Nein! nein - -!
    Hedwig hatte sich von Adam losgemacht und war stehen geblieben. Sie lie den
Kopf auf die Brust herabhngen und streckte mit zusammengeschobenen Fingern die
Hnde vor sich hin.
    Ich kann nicht -! stie sie gepret hervor.
    Gieb mir nur einen einzigen, vernnftigen Grund an -
    Adam! Von Einem zum Ander'n reit Du mich -
    Ist Dir das Tempo zu schnell? Mit Schnecken um die Wette zu laufen - das
ist allerdings reizlos fr mich ... Ueberdies mute es so kommen! Warum sollen
wir die Reise nicht an einem Tage machen? Das Leben ist so kurz. Man darf sich
nicht zu viel Zeit nehmen. Nicht auf jeder Zwischenstation aussteigen. Nun komm!
Hake Dich wieder ein! Bitte! Und sei meine kleine, vernnftige Hedwig! Ja -?
    Lieber Adam -!
    Aber, Kind - warum strubst Du Dich denn immer noch? Unerklrlich! Du
kannst doch beim besten Willen jetzt nicht nach Hause gehen - siehst Du denn das
gar nicht ein? Was sollen wir noch ewig debattiren darber! La Dich doch
berzeugen! Du verdirbst mir den letzten Rest von Stimmung! Mir war etwas viel
Schneres eingefallen. Na! Nicht gerade eingefallen. Ueber Manches htten wir
wohl noch zu sprechen, Hedwig - ber manches Wichtige, Tiefe, Intime. Und wenn
wir uns jetzt recht zusammennhmen - und uns so recht jung und rein, krftig und
ungebrochen zu fhlen versuchten - und so recht allein und auf uns nur
angewiesen - mir schwebt noch Dies und Das vor ... dmmert zu mir herber - ich
mchte Dir aus meinem Leben erzhlen ... Erinnerungen auffrben - Erinnerungen
anderer Art, als vorhin, wo ich Dir von Deinen ... Deinen - Vorluferinnen -
pardon! - also - - aber bitte! - Komm zunchst! Hedwig! Komm! Komm! Komm! Komm!
Mach' doch! Und thu' mir den Gefallen und weine nicht wieder! Ein furchtbar
schwerer Gterzug bist Du! Donnerwetter! Die Locomotive mu eine Puste haben -
    Adam versuchte zu scherzen und machte ein gezwungen heiteres Gesicht. Warm
blies ihn der feuchte Frhlingswind an. Adam nahm den Hut ab und lockerte das
zusammengedrckte Haar auf. Nun ghnte er laut. Zgernd, verdrossen fhrte er
die Hand zum Munde. Er blinzelte mden, verschwommenen Blickes zu Hedwig
hinber, die ein paar Schritte vorwrtsgegangen und dann wieder wie rathlos,
zweifelnd, suchend, unentschlossen und doch zugleich auch direkt abweisend
stehen geblieben war. Der Tag war schon tchtig gewachsen. Das Licht
differenzirte Bume, Bsche, Strucher schon um Vieles zwanglos-nachdrcklicher.
Das Einzelne gewann mehr und mehr seine Grenzen, lie seine Farben spielen,
schuf sich seine Umgebung. So objektivirt das Licht. Nacht, Schatten, Dmmerung
sind immer subjektiv. Am Meisten aber die Dmmerung. -
    Nein! Der Druck in den Augenwinkeln war unertrglich. Und die Glieder wurden
dem Herrn Doctor immer steifer, zher, widerspenstiger. Es war schon viel
Selbstverstndliches in ihm. Er hatte grndlich abgewirthschaftet. Sollte er das
Weib lieber doch nach Hause bringen ... zu seinem verlassenen Vater ... und
seinem Schicksale berantworten? Es war ja schlielich Alles so egal. Aber -
besonders ehrenhaft und muthig wre es doch wohl nicht gewesen. Allerdings - wie
berreden, berzeugen, da -? Ach! die Geschichte war verdammt langweilig und
hausbacken geworden. Selbst wenn er das kleine Weib wirklich noch mit nach Hause
schleppte und diese lobesam-labslige Tragikomdie in einer gewissen Mausefalle
ihren sen Abschlu fand - besonderen Reiz hatte der Gedanke kaum noch fr ihn,
seine Sinnlichkeit lie den Kopf hngen und welkte - er war nicht mehr im
Stande, Etwas zu finden, das er tief durchfhlen konnte. Nur ungeduldig konnte
er noch sein. Er hatte ein starkes, fein ausgebildetes Verstndni- und
Bedrfniorgan fr alles Weibliche - aber schlielich wird jedes sotane
Weibliche doch blutig langweilig ...
    Na - wie denken das gndige Frulein -?
    Adam -!
    Wir wollen nicht wieder in krampfhafte Dialoge verfallen, Hedwig! Das ist
auch so'n weltlufiger Irrthum, als ob man mit Gesprchen und Verhandlungen
irgend Etwas ausrichtete! Wir monologisiren ja Alle nur - reflektiren ber
unsere hchst eigenhirnigen Triebe, Neigungen, Krfte, Tendenzen - und so
weiter. Das versteht sich Alles ganz von selber. Oder auch nicht. Das ist aber
ganz Dasselbe. Widersprche giebts nmlich gar nicht. Im Grunde durchaus nicht.
Blo auf der Oberflche. Die Oberflchen drngen, stoen, reiben, balgen sich.
Das nennen wir denn begriffenes Leben. Das wesentliche Leben ist natrlich das
Unbegreiflich-Unbegriffene. Das sind nmlich die verdammten Dinger an sich.
Daraus folgt, mein Lieb, da es nmlich ganz schnuppe ist, ab Du hier stehen
bleibst, oder ob Du mitgehst - ob Du nach Hause frba wandelst oder bei mir
campirst, meine reizende Kameradin - ob Du - - na! ich will nur ruhig sein - ich
htte nmlich beinahe wieder 'mal 'was Knalliges losgelassen ... Gott verdamm
mich! - bin ich zusammengehauen von den Strapazen des Abends und dieser
glorreichen Nacht! Ja! Ja! -:

So'n klenet bisken Liebe -
Ach! det macht viel Plsir -
Een Leben ohne Liebe -
Det wre nischt for mir ... -

was ich mir allerdings unterthnigst zu bezweifeln erlaube. Een Leben ohne Liebe
drfte viel empfehlenswerther ... jedenfalls viel gesnder sein. Aber was soll
die ganze Schwatzerei! Wir gehen direkt zu meiner Wohnung - nicht, Hedwig? Das
ist am Gescheitesten -
    Seit einigen Minuten waren die beiden wieder neben einander
vorwrtsgeschritten. Hedwig sah Adam von der Seite an.
    Adam -!
    Nun -?
    Ach! es ist schrecklich!
    Immer noch? Du bist poussirlich, Kind!
    Du weit nicht -
    Ich wei nicht -? Was denn -?
    Nicht wahr: Du lt mich aber allein bei Dir - ich meine: allein - ja - ich
- ich ruhe mich nur ein Wenig aus auf deinem Sopha - dann -
    Selbstverstndlich - wenn Du es durchaus wnsch'st - ich dachte allerdings,
da wir -
    Oh mein Gott -!
    Was ist denn nur so furchtbar -?
    Meine - Ver - - ich bin ja schon - Adam! ich habe ja nichts mehr ... zu -
ver ... l - - Das war leise ... wie mit unsglicher Ueberwindung
herausgesthnt.
    Adam war doch zusammengezuckt. Hm! Er htte ein derartiges Gestndni nach
Allem, was vorausgegangen war, allerdings erwarten mssen. Und nun berhrte es
ihn - ja! wie denn eigentlich? peinlich? schmerzlich? Fhlte er sich genirt -
oder machte ihn die an sich kaum bedeutsame Thatsache nur schulbubenhaft
verlegen? Schlielich schwang er sich zu folgender hervorragender Antwort auf:
    Das kann Dir nur zur Ehre gereichen, Hedwig! - Und Dein ... hast Du - Dein
... Kind? -
    Starb kurz nach der Geburt -
    Nun ... da hats Dir der liebe Gott doch bequem genug gemacht -
    Adam!
    Verzeih! Aber ich - sieh 'mal: ist nicht jedes Wesen beneidenswerth, das
bald nach seinem Kommen wieder weggeht ... weggehen darf? . Es ist so s,
mitten in der Nacht ... nach stundenlangem Schlafen ... einmal aufzuwachen ...
Man horcht gespannt in die surrende, athmende Finsterni hinein - fhlt sich
unsglich angenehm mde - und dmmert langsam wieder ein ... Es verlohnt sich
schon, die Augen einmal aufzuschlagen, wenn man so entzckend schnell und s
wieder einschlafen darf ... Aber nun hoffe ich, ist der letzte Weigerungsgrund
hinfllig geworden, Hedwig - ich wei sehr wohl, was Du mir hast andeuten wollen
- komm! gieb mir den Arm endlich wieder - wir wollen uns etwas beeilen -
    Hedwig sah Adam an ... und fgte sich langsam zgernd. Vielleicht doch nicht
zu ungern. - - - - - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Endlich! rief Adam, tief aufathmend, aus und warf die Schlssel auf den
Tisch. Nun mach' Dir's bequem, mein Lieb! Deine Kleider wirst Du schon irgendwo
unterbringen. Aber zunchst wollen wir erst 'mal die Fenster hbsch zumachen ...
und der neugierigen Welt ein Schnippchen schlagen ...
    Die Vorhnge waren zusammengezogen. Das Morgenlicht, das schon recht
deutlich und grenzen-reiend im Zimmer gestanden, war wieder zu anheimelnder,
welliger Dmmerung graugeronnen. Adam warf einen Blick in den Spiegel. Seine
Augen waren glanzlos, sein Gesicht verquollen und unnatrlich gerthet.
    Ja! Ja! das kommt von so 'was! . spttelte er halblaut vor sich hin. Nun
schlo er sein Cyklinder-Bureau auf und warf dabei einen Blick seitwrts auf
Hedwig.
    Aber, Kind! Willst Du denn da an der Thr stehen bleiben? Gefllts Dir so
wenig bei mir? Es ist doch gar nicht so bel hier! Leg Deinen Hut ab, bitte - Du
hast nun einmal A und B gesagt - jetzt mut Du das ABC auch ganz hersagen -
davon hilft Dir weder Gott noch Teufel los! Sieh' mich 'mal an, Hedwig! Na?
Willst nicht? Immer noch so ernst und traurig? - Mein Lieb!
    Das hatte Adam in fast innigem Tone gesprochen. Er war zu Hedwig hingetreten
und begann jetzt sehr discret, bescheiden und nicht ungewandt, der Dame seines
Herzens allerlei kleine Zofendienste zu leisten. Er nahm ihr den Hut ab, knpfte
ihr Jaquet auf, zog es ihr aus und zupfte und nestelte an den engansitzenden
Handschuhen herum, bis er zuerst den einen, dann den ander'n entfernt hatte.
Hedwig lie Alles ruhig mit sich geschehen. Sie war sehr bla, die Lippen hatte
sie fest zusammengepret, die Augen waren ber die Hlfte von den Lidern belegt.
Adam hing ihr Jaquet an seinem Kleiderhalter auf. Diese Apathie verdro ihn. Er
hatte nun sein kleines Weib im Fangeisen - aber die Geschichte kam so gar nicht
in Flu ... schien im Gegentheil pyramidal langweilig und langwierig werden zu
wollen.
    Hedwig kauerte sich auf ein Streifchen Sopharand hin. Adam zwang sich zu
einem helleren, anregendem Tone.
    Bitte, Hedwig, sei nicht so stumm und zurckhaltend! Nicht so furchtbar
starr und bewegungslos! Du bist doch die Herrin hier! Siehe! Dein Ritter und
Knecht wird es sich auf dieser schreiend rothen Damastcauseuse bequem machen!
Aber Dir, seiner Knigin, hat er ein frstliches Lager aufgeschlagen! Komm und
staune! .
    Adam theilte die Portire auseinander und erwartete, da Hedwig zu ihm hin
und mit ihm in sein Schlafcabinet treten wrde. Aber die Dame rhrte sich noch
immer nicht. Unwillig lie Adam die Vorhangfalten fahren. Er setzte sich neben
Hedwig auf das Sopha, zog sie ein Wenig tiefer auf den Sitz zurck, legte seinen
linken Arm um ihre Hfte und bog sanften Nachdrucks mit der rechten Hand ihr
Gesicht zu sich heran.
    Hedwig -!
    Sie suchte sich langsam von ihm loszumachen. La mich, Adam -!
    Fllt mir gar nicht ein! Und folgst Du nicht willig, so brauch' ich Gewalt
- -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Nun Adam auf dem Sopha lag und sich nach Belieben recken und dehnen konnte;
nun die Eindrcke der Auenwelt auf eine geringe Anzahl, die sich wohl noch
bewltigen lie, zusammengeschmolzen waren ... nun er das Weib, welches er
liebte, in so enger, intimer Nhe bei sich fhlte; nun er es mit seinen Armen
umschlingen und kssen durfte, siedete das Blut, dessen Leidenschaft schon
erstorben war, noch einmal zischend in die Hhe - und alle geschlechtlichen
Instinkte des Mannes lechzten danach, durch das Weibe erfllt und befriedigt zu
werden. - -
    Endlich legten sich ihre Arme wie ein zerschnrender Ring um seinen Hals.
    Adam -! -
    Hedwig -! -
    Die Natur lt ihrer nicht spotten. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das Licht wuchs und wuchs. Die Beiden aber lagen beieinander und genossen
die Sigkeit verdienten Schlafes. Wohl war ihr Schlaf nur flach und dnn, wie
eine Linnendecke, die jeder Windhauch aufscheucht und blht ... dnn wie ein
Lindenblatt, das der junge, bermthige Morgenwind ansuselt ... Sie begegneten
sich so oft in den Bewegungen ihrer Glieder und erweckten sich zu neuem
Liebesleben. Dann wieder ein mhliges Ablassen von einander ... ein neues
Mdewerden und Eindmmern ... und ein Neuerwachen. Sie sahen sich in die Augen,
trugen keimende Ksse auf die Lippen und pflckten die sen, berauschenden
Frchte. Aber nun wollen wir schlafen, Geliebter - - Ja, Hedwig! Aber erst -
- - Nein! La, Bester! Mich friert so! ... - Mir ist erstickend hei! ich
dampfe - und Adam kte diskret die Brust seiner Geliebten ... diese Brust, die
so wei und so elastisch war, wie ein weichgekochtes, nervs vibrirendes Ei ...
    Unerschpflich ist die Phantasie genieender Liebe ... unermdlich wei sie
neue Reize aufzuspren und auszukosten.
    So schliefen sie in den wachsenden Tag hinein. Es wurde lebendig auf dem
Vorsaal, man lief hin und her und sprach jetzt lauter, jetzt leiser. Die bunte
Welt der Gerusche durchstach so oft die zarte Schaale ihres Schlafes. Manches
nahmen sie wohl mit hinber in die gaukelnden Traumfetzen, die sie gebren
muten. Auch von der Strae herauf sprach das Leben, das die vernnftigen
Menschen wieder in Angriff genommen hatten, so oft in ihre zusannnenknospende
Rast hinein. Fliegen surrten um sie herum und schreckten sie auf. Und immer
heier wurde es auf dem gemeinsamen Lager.
    Hedwig schlummerte. Leise und langsam gingen ihre Athemzge. Adam sttzte
den Kopf auf seine rechte Hand und betrachtete die Schlafende. Ihre Haut war
nicht rein ... und jetzt merkwrdig durchfaltet und angerunzelt. Das Haar hatte
sich verschoben und sich zu hlicher Unordnung zusammengeknult. Unangenehm
scharf traten die Backenknochen hervor, die Wangeneinfaltungen leicht
berschattend. Auf der Oberlippe erglnzten im klaren Lichte der wahren Sonne
einige blulich schwarze, indiskrete Hrchen. Doch schn war der Leib dieser
widerspenstigen Snderin, etwas mager wohl, aber sehnig und zusammensaugender
Krfte reich. Und dabei gedachte Adam der Huldinnen, die alle schon hier neben
ihm gelegen ... das Haupt in dieses ... in dieses selbe Kissen geschmiegt ...
und er verglich ihre Reize, so gut er sich ihrer erinnerte, und durchkostete
noch einmal in nachlssigem Aufstbern und Zusammenschren alle die Freuden und
Entzckungen, die er hier schon genossen, so oft schon genossen ... Dieselben
Verfhrungsfaktoren ... dieselbe dampfende Entzndung ... derselbe Genu ...
dasselbe Resultat ... derselbe Ekel ... ach! ein so dummes, so wahnsinnig dummes
und einfltiges Genarrtwerden! Die Natur macht nicht viele Worte, ihre Sprache
ist so blutarm. Sie wiederholt sich immer und plagiirt sich selber mit denselben
Wendungen. Und immer wieder mu man auf den armselig geistlosen Kder
'reinfallen. Aber es ist, als ob sie, die domina natura, stets den Intellekt so
lange knebelte und vergewaltigte, bis sie mit der Brandung des entzndeten
Blutes ihr erhabenes Ziel erreicht hat. Und dann? Dann lt sie stillvergngt
die genasfhrte Kreatur rsoniren. Das letzte Wort behlt sie doch ... behlt
sie immer und berall. -
    Adam schlich sich leise von Hedwigs Seite, fuhr in die Hosen und schlrfte
in sein Arbeitszimmer hinber. Er trank ein paar Schlucke abstoend lauwarm
gewordenen Wassers, ri die Fenster auf und schaute ... bei seiner sehr
primitiven Morgentoilette mit affektirter Ungenirtheit ... auf die Strae hinab,
zum Junihimmel hinauf, der in sattem Stahlblau flimmerte. Es war um die neunte
Stunde ... drunten hatte sich das Leben schon ganz hbsch eingerichtet.
Schwerfllige Lastwagen schoben sich langsam mit widerlichem Geknarr vorber. Da
lief sein Barbier vorbei - wenn es dem Kerl nur nicht etwa einfiel, jetzt schon
anzutanzen! Viel Staub und Dunst gab's ... und Menschen, die ihre Hte in der
Hand trugen und sich mit groen, massigen Taschentchern die Stirnen wischten.
Ach! Adam fhlte sich sehr miserabel. Er schauderte vor dem zurck, was ihm der
Tag noch bringen wrde, bringen mute. Da im Nebenzimmer schlief das Weib, das
er ... nun! das er liebte, und das er genossen hatte. Se, selige Stunden waren
es doch gewesen. Einsame Stunden, da sie sich wie herausgelst dnken durften
aus dem Zusammenhange der Menschen und der Dinge. Nun forderte die geistlose
soziale Seite des Lebens wieder ihr Recht. Sich einzurenken, sich wieder auf
seinen bestimmten Platz in Reih und Glied zu stellen, das galt es nun wieder.
Nach rechts und links vertreten und verantworten, was man in khner Absonderung
gewagt und gethan hat. Ach! Die Scene mit Hedwigs Vater, die dem Herrn Doctor
bevorstand! Das war allerdings sehr peinlich. Und wenn er sich noch wohler und
freier gefhlt htte! Aber holprig und langsam war sein Denken, mhsam
vorwrtskriechend und nur ganz obenhin die Dinge des Lebens betastend. Immer
beschftigte ihn nur das Nchste. Alle seine Bewegungen waren schwerfllig,
trge, vollzogen sich widerwillig. Eine filzige Zhigkeit und zugleich eine
nervse, unregelmige Bewegungssucht, eine zitternde Unruhe spukten in seinen
Gliedern, die wie dicker Brei gern in ihren Lagen verharren wollten und diese
doch stetig zu wechseln strebten. Seine Hnde waren schwammig und aufgequollen,
seine Gesichtslinien an einzelnen Stellen, um Augen und Nase herum, schrfer
markirt und zugleich widerlich verwischt. Die Lippen trocken, sprde, auf der
Zunge stand ein fader, drrer, kiesig prickelnder Sandgeschmack, die Stirn
brannte von einem pressenden Drucke. Oefter mute Adam ghnen, aber seine Kiefer
schienen alle Biegsamkeit und Spannung verloren zu haben. Die Kopfhaut
schmerzte, als wre sie von einem Heere engzusammenstehender Stecknadeln
durchlchert. Zu jeder Handlung mute sich Adam besonders zwingen. Alle
Reibungen des geistigen und des thatschlichen, praktischen Kleinlebens reizten
ihn mit gesteigerter Intensitt. Dabei besa Nichts ein tieferes Interesse mehr
fr ihn ... und Alles, was ihn sonst zum Denken, Bedenken, Betrachten
herausforderte, hatte Wert, Inhalt, Form und Farbe verloren.
    Adam wusch sich Gesicht und Hnde und schellte.
    Im Nebenzimmer raschelte es. Ein langer Seufzer zitterte herber.
    Dann rief eine mde, heisere Stimme, wie gebrochen, Adam -!
    Gleich, mein Lieb! Einen Augenblick!
    Es klopfte. Herein! Das Mdchen kam und brachte den Kaffee.
    Morgen, Herr Doctor!
    Morgen! Und bringen Sie bitte noch 'ne Tasse, Ida!
    Noch 'ne Tasse?
    Ja! Ist das so merkwrdig? Ich habe Besuch -
    Das Mdchen sah sehr verblfft aus. Es starrte Adam einen Augenblick an.
    Aber ist denn das noch nicht vorgekommen, so lange Sie hier sind -? fragte
Adam unwirsch-ungeduldig.
    Nee! In den acht Tagen, wo ich -
    Na, also bitte -!
    Jetzt schien dem kleinen, frisch vom Lande importirten Besen doch ein
Licht auszugehen. Er verzog den Mund und grinste tolpatschig-schnippisch.
    Rindvieh! knurrte ihm Adam nach und trat in's Nebenzimmer.
    Hedwig sa im Bett, hatte die Arme gegen die unter der Decke herausgezogenen
Kniee gestemmt und die Hnde vor das Gesicht gedrckt.
    Adam rckte sich einen Stuhl an das Bett heran und streichelte seinem Weibe
liebkosend Haar und Hals.
    Nun - wie fhlt sich die gndige Frau? Mir ist nicht so besonders - ich
wei nicht, aber -
    Hedwig nahm die Hnde von den Augen. Langsam wandte sie ihr Gesicht mit den
bleichen, bernchtigten Zgen und dem schweren, verthrnten Blick Adam zu. Das
arme Weib schien ganz muthlos, ganz hin zu sein. Sich im Bette eines fremden
Mannes zu finden - ihm mute doch auch die Scham in der Seele brennen -
    Mein Lieb-!
    Das berlebe ich nicht, Adam! Mein armer - armer Vater -!
    Nur Muth, Hedwig! Es wird schon schief gehen - pardon! wollte sagen: es
wird sich Alles schon machen. Schlimmsten Fall's - also - Du hast ja immer -
hast ja immer an mir Halt und Sttze! Wir werden's schon berstehen. Es wird
noch Alles gut werden - la nur jetzt den Kopf nicht zu tief hngen, Kind! . Und
komm! steh' auf! Du kannst hier ganz ungenirt Toilette machen. Alles Nthige
wirst Du finden. Es wre ja nicht das erste Mal, da eine Da - - - man ist fr
solche Flle eben vorbereitet, wie es sich geziemt ... Der angefgte Nachsatz
sollte wie ein harmloser Scherz klingen und war doch eine unwillkrlich
beabsichtigte Bosheit. Der Herr Doctor mute sich in dieser Richtung leider nur
zu oft gehen lassen. Es war beinahe, als ob nur die vasamotorischen Nerven
diesen Reflex auslsten, und der Wille nicht einmal die Freiheit mehr besa,
unfrei zu sei.
    Soll ich Dir den Kaffee herberbringen, mein Lieb?
    Hedwig antwortete nicht. Adam benutzte ihr Schweigen und ging auf kleinen,
wohlberechneten Umwegen in sein Arbeitszimmer zurck. Es war ihm zwar zu Sinn,
als ob er sich so etwas wie gedrckt htte. Aber da drinnen bei dem
unglcklichen Weibe hatte er sich doch zu unbehaglich gefhlt. Und er war schon
so nervs heute.
    Er go sich eine Tasse Kaffee ein und trank das Gebru, das nur noch lauwarm
war, in hastigen Zgen hinter. Ein merkwrdiger Durst qulte den Herrn Doctor
schon zu dieser frhen Morgenstunde. Und Adam vergegenwrtigte sich mit stiller
Resignation, in der er doch aber immerhin ein Wenig zungenschnalzend schwelgte,
welche Last er auf sich genommen ... und er erinnerte sich, wie so ganz anders
er mit Emmy diese morgendliche Nachfeier genossen hatte - wie dieses schne
Kind der Snde an den letzten verklingenden Melodien einer dithyrambischen
Liebesnacht zu schlecken verstanden. Kstliche, unvergeliche Stunden! Und heute
-?
    Adam lag in der Sophaecke und kaute an einer Virginia-Cigarette, die gar
nicht schmecken wollte. Im Schlafzimmer ging man auf und ab. Schritte
schlrften, Kleider raschelten, das Waschwasser pltscherte. Aber Alles so
langsam und eintnig, so strrisch-verglast, so leblos-mechanisch. Adam besa
ein sehr feines Gehr. Das war die Nuance der Trauer, der muthlosen
Gleichgltigkeit. Ach! Und das wirkt so ansteckend ...
    Es wurde an die Stubenthr geklopft.
    Herein!
    Herr Doctor, 'ne Dame ist drauen, die Sie sprechen will -
    'Ne Dame -?
    Ja!
    Hat sie denn ihren Namen nicht genannt -?
    Nee! Sie sagte man blo, sie mte Sie sofort sprechen -
    Nun - ich lasse bitten -
    Emmy stand auf der Schwelle.
    Emmy -!
    Verzeih', Adam, da ich so frh - ich komme - Ihr wollt Euch - -
    Sie war sehr verwirrt und verlegen, die schne Snderin - eine Erscheinung,
die Adam noch gar nicht bei ihr beobachtet hatte.
    Sie stand noch immer an der Thr und irrte unsicheren Blickes im Zimmer
herum, schlug nun die Augen nieder und vermied es, Adam anzusehen. Jetzt
entdeckte sie zufllig Hedwigs Hut, der auf einem Stuhl neben dem Sopha lag.
    Adam entging es nicht, wie sie erschreckend zusammenfuhr. Er lchelte.
    Du hast, Adam -
    Was denn, Emmy? Aber bitte - willst Du Dich nicht setzen? Und willst Du mir
nicht den Grund Deines Kommens nennen? Es mu doch ... mu doch etwas Besonderes
vorliegen - nicht? - oder sollte ich mich irren -?
    Du hast Besuch -?
    Besuch? Das ist der Hut meiner Frau, Emmy -
    Deiner Frau -?
    Nun ja natrlich! Was weiter? Soll ich sie Dir vorstellen? Warte eine
Secunde - sie macht noch Toilette ... Wir sind etwas spt nach Hause gekommen
und ... und haben etwas lange geschlafen ... Uebrigens! wie geht es denn dem
Herrn von und zu Bodenburg? Du kommst doch gewi von ihm -?
    Adam -!
    Emmy war dicht an Adam herangetreten und sah ihn mit groen, blitzenden
Augen fest an. Zorn und Entrstung brannten in diesem Blick. So spricht die
Leidenschaft, die eine erlittene Schmach rchen oder die etwas Verlorenes
wiedergewinnen will.
    Adam konnte sich dem berauschenden Parfm dieser Leidenschaft nicht
entziehen. Da quoll ihm Blut und Leben in ungestmem Rhythmus entgegen. Da
athmete ein Weib vor ihm, dessen Leib seine Reize und Schnheiten wunderbar
diskret und bestimmt zugleich durch das knappansitzende Kleid zu verrathen
wute.
    Er trat einen Schritt zurck. Und nun mute er doch wieder lcheln. Fade!
Wollte ihn die Dame etwa berrumpeln -?
    Nun? - fragte er ungeduldig-pikirt.
    Du hast mich in die Arme dieses Menschen getrieben - -
    Ich? - Aber Kind, da mu ich doch -
    Oder etwa nicht -?
    Liebe Emmy! Das ist doch - ich - ich denke, es ist Dein Metier, heute mit
dem und morgen mit dem zu ... zu - verkehren - -?
    Und das sagst Du mir -?
    Emmy hatte sich abgewandt. Sie war glhend roth geworden. Vielleicht aus
Scham und Entrstung zugleich. Nun empfand Adam doch wieder so Etwas wie Mitleid
mit ihr. Aber er wute auch nicht sofort, was er antworten sollte
    Darf ich Ihnen eine Cigarette anbieten, mein Frulein -?
    Emmy richtete langsam den Kopf in die Hhe. Ein sehr trauriger,
vorwurfsvoller Blick stand in ihren schnen Augen.
    Sie haben ganz Recht, Herr Doctor - es ist allerdings mein Metier - -
    Aber bitte! lassen wir doch das! Ich mchte heute frh ... so am ersten
Morgen quasi nach meiner ... nach meiner Hochzeit also ... ich mchte mich da
nicht gleich wieder auf alle mglichen Scenen einlassen - Sie verstehen, mein
Frulein -
    Auf alle mglichen Scenen - so? Scenen - ganz recht! ... Nun, Herr Doctor
-
    Ja -?
    Sie wollen sich mit Herrn von Bodenburg - schlagen? ...
    Schlagen? Hui! Mir wird janz jruselig. Uebrigens - 'mal sehen ... kann wohl
sein! Warum schlielich auch nicht? Ich erwarte vorlufig erst seinen Zeugen -
und dann - -
    Sie werden das Duell ablehnen, Herr Doctor -!
    Ablehnen? Wie kommst Du mir denn vor, Emmy? Diese Sprache - ich - ich
verstehe Sie nicht, mein Frulein -
    Adam -! Das war sehr innig, sehr rhrend, sehr stehend herausgestoen.
    Im Nebenzimmer wurde heftig ein Stuhl gerckt. So hat sich eine Hand
krampfhaft auf eine Lehne gelegt. Die Finger krallen sich fest, pressen sich
immer fester. Jetzt schleudern sie den Stuhl im Affekte, der seinen Siedepunkt
erreicht hat, von sich Die nervse Spannung lt nach ...
    Die Beiden sahen sich an.
    Denken Sie an ... an Ihre - Frau - bat Emmy leise, mit zitternder,
stockender Stimme -
    Hm!
    Das hatte ich Ihnen sagen wollen -
    Ich danke Ihnen, mein Frulein -
    Adieu -!
    Adieu -!
    Emmy wandte sich nach der Thr um, in deren Nhe sich die ganze Scene
abgespielt hatte. Einen letzten Augenblick noch zgerte sie jetzt. Und nun
kehrte sie Adam noch einmal ihr volles Gesicht zu. Thrnen standen in ihren
Augen, um den Mund zuckte es schmerzlich.
    Und da kam es ber Adam. Es gebar sich ihm pltzlich das Gefhl, als verlre
er Unersetzliches, wenn er Emmy jetzt gehen liee. Und doch - er durfte sie
nicht zurckhalten. Er war ja gebunden. Er hatte ja eine bestimmte Pflicht zu
erfllen. Dieses Verhltni mute also endgltig abgebrochen werden. Es liegt
eine so groe Wollust in diesem Abbrechen und Entsagen ... eine so berauschende
Wollust, eine so nahrhafte Trauer, eine so merkwrdig fruchtbare Wehmuth ...
Aber noch einen Ku! Einen letzten Ku! Und dann Abschied nehmen - Abschied
nehmen fr immer von diesen schnen, schnen Reizen! Nun mag die Erinnerung
kommen - und genossene Wonnen in stillen Stunden ausschmckend noch einmal
durchkosten ... all' das Liebesgeplauder wiederholen und all' die tndelnden,
losen, neckischen ... halb ernsten, halb spaigen Gesprche, die zwei Menschen
zu einander gesprochen, die sich einen Augenblick liebgehabt ....
    Adam kte Emmy auf die Stirn.
    Verla mich nicht, Adam! - hrte er sich mit bebender, gleichsam in
hchster Angst sich anklammernder Stimme zuflstern.
    Es raschelte in den Falten der Portire. Adam trat zurck. Emmy verlie
schnell das Zimmer. -
    Der Herr Doctor stand vor seinem Sophatische, auf dem es trostlos verworren
aussah, und suchte Etwas, irgend Etwas, er wute wirklich nicht, was. Seine
Finger tappten zwischen den Bchern, Manuskripten, Zeitungen hin und her,
griffen nach einem losen Blatt, nach einem Schlssel, einer Cigarrenspitze,
einem Bleistifte ... jetzt nach der kleinen Morphiumflasche, die sich in intimer
Nachbarschaft bei Meynerts Lehrbuch der Psychiatrie niedergelassen ... und
stellten Alles wieder hbsch gewissenhaft an seinen Platz zurck. Nun fiel Adam
die Cigarettenschachtel in's Auge. Er nahm sich eine frische Virginia heraus und
pendelte sie gedankenbeklommen zwischen den Fingern hin und her. Jetzt mochte
Emmy unten sein. Ob er ihr noch einmal nachblicken sollte? Ein letztes Zunicken?
Ein letzter Gru? ... Sie wrde jedenfalls zu seinen Fenstern heraufsehen -
vielleicht, da er - - nein! nein! Nicht coquettiren mit der Vergangenheit, die
ein fr alle Mal abgethan sein sollte! Es mute ja sein. Da nebenan ... die Dame
da in seinem Schlafzimmer - zum Teufel! Es war gegen alle Vernunft und Ordnung,
aber es war einzig und allein anstndig, wenn er ihr treu blieb ... Auch das
mute eben sein. Es ist hchst empfehlenswerth, im Prinzip keine Pflichten
anzuerkennen ... und in der Praxis mglichst viele zu erfllen ...
    Hedwig! Bist Du fertig? Dann komm bitte! Der Kaffee wird in der That ganz
kalt -
    Keine Antwort. Adam gab der Cigarette Feuer und trat in's Nachbargemach.
Himmeldonnerwetter - da soll denn doch - -
    Die Luft war hei und dunstig hier. Eine wste Unordnung, von dem brutalen
Sonnenlicht bis in's Kleinste hinein entwirrt und umrissen, machte sich
allenthalben breit. Hedwig sa an dem einen Fenster, hatte den linken Arm auf
das Brett gesttzt und das Kinn in die Handhhlung gelegt. Sie starrte, wie von
einem einzigen dumpfen, massiven Schmerze zusammengezwungen, ausdruckslos durch
die Scheiben. Das schwarze, schmucklose Kleid gab der ganzen Gestalt etwas
unendlich Trauriges, unsglich Herbes und Abgewelktes.
    Willst Du nicht? bat Adam leise, innig. Er war hinter den Stuhl Hedwigs
getreten und hatte ihr Gesicht sanft zu sich emporgezogen. Komm, meine kleine
Frau!
    Hedwig seufzte laut auf.
    Und verzeih' diese dumme Strung vorhin! Das war recht geschmacklos. Siehst
Du: da hattest Du gleich so'n Stckchen rabbiater Vergangenheit! Aber es ist
vorbei. Ich habe es definitiv ad acta gelegt. Du kannst wirklich ganz ruhig sein
-
    Was wird mein Vater sagen? kam es darauf langsam und unheimlich
abgewickelt deutlich von ihren Lippen.
    Adam fuhr auf. Er hatte im Stillen wohl auf einen neuen, pikant-harmlosen
Disput gerechnet ... der gewi nicht ohne reizvolle Pointen geblieben wre! Und
nun wieder die alte Geschichte mit ihrem Vater, an die er am Liebsten gar nicht
erinnert sein wollte. Nimm mir's nicht bel, Hedwig - aber immer und ewig nur
Dein Vater! Ich hab's Dir ja schon gesagt: ich gehe nachher zu ihm hin und setze
ihm die ganze Sachlage ruhig und denkbar correkt auseinander. Dann werden wir ja
sehen ... Vor Elf kann ich allerdings nicht. Bis dahin mu ich schon warten ...
mu eben erst sehen, ob sich Herr von Bodenburg mit seiner kindischen Geschichte
meldet. Ist das glatt, wird sich das Andere auch finden. Dein Papa ist doch kein
Unmensch. Ich begreife nicht, warum Du Dich darum so furchtbar absorgst und
abgrmst ... Die Situation ist ein Wenig auergewhnlich - ich gestehe es zu -
das ist aber auch Alles. Sie mag nicht alle Tage vorkommen - nun ja! Aber ich
danke auch dafr, alle Tage Sauerkohl und Bratwrstel essen zu mssen. Es sind
schon ganz andere Geschichten aus dieser Welt passirt - sei doch nicht zu klein,
Hedwig! Wir wollen nicht jeden Kram mit dem Pathos der geschichtlichen
Mundvllerei-Tragdie ausstaffiren - immer und immer wieder dieselben Phrasen,
dasselbe nausabonde, urtriste Gequatsche! Seien wir klar und nchtern, wie es
unsere Zeit verlangt - ich hasse diese banausische Sentimentalitt, diese
schleimige Gefhlsduselei ... Komm! Ich kann Dir zwar momentan nicht Beef und
weiche Eier vorsetzen, wohl aber miserablen Kaffee und ein Brdchen mit
Sardellenbutter. Das ist auch Poesie, Kind! Nun - das wird hoffentlich Alles
anders und besser werden, wenn Du erst 'mal meine kleine Hausfrau bist - nicht
wahr -?
    Hedwig war aufgestanden. Sie legte ihre Hnde auf Adams Schultern, barg das
Gesicht an seiner Brust und weinte leise in sich hinein.
    Ich habe ja nur Dich noch auf der ganzen weiten Welt, Adam - habe Mitleid
mit mir! bat sie mit thrnenerstickter Stimme.
    Adam drckte sein Weib zrtlich an sich.
    Und nun saen sie wieder beisammen auf der schreiend rothen Damast-Causeuse.
    Adam nippte an seiner Cigarette, Hedwig trank ab und zu einen Schluck kalten
Kaffees und fhrte ein butterbestrichenes Semmeleckchen zum Munde. Sie sprachen
wenig zu einander. Das war keine besonders behagliche Frhstcksstimmung. Ob
Hedwig wohl viel Talent dafr besa, die sehende, sorgende Hausfrau zu spielen?
Sie schien nur immer noch ber das Eine, das Schicksal ihres Vaters,
nachzugrbeln. Da Adam vor einer etwaigen Pistolenmensur stand, durch welche,
wenn sie vor sich ging, ihr Verhltni zu ihm eine andere, unter Umstnden ihr
keineswegs gnstige Wendung erhalten konnte, - das hatte sie augenscheinlich
ganz vergessen. Oder erachtete sie es unter ihrer Wrde, auch in dieser
Beziehung eine Bitte fr sich bei Adam einzulegen, nachdem schon ... Emmy fr
sie gebeten hatte? ...
    Es lag ein beraus discreter, nur scheu angedeuteter Moschusduft im Zimmer
... eine liebe Hinterlassenschaft Emmys. Dazu das brenzlichte Parfm der
Cigarette. Adam hatte allerlei kleine, dumme, trge, saugrsslige ...
berflssige Gedanken ...
    Es war schon ber elf Uhr.
    Nun knnte sich der edle Trovatore eigentlich melden! bemerkte Adam
verdrielich. Er hatte sich eben das Gesprch, das er mit Herrn Doctor Irmer zu
fhren gedachte, in den Hauptpunkten zurechtgelegt ... und htte es am Liebsten
sofort vom Stapel gelassen. Das Memoriren und Rekapituliren war so beunruhigend
und peinlich. Nur neue Bedenken und Mglichkeiten gebar es, welche das Motiv
immer wieder beeinfluten und verschoben.
    Da schlug die elektrische Klingel an.
    Ist Herr Doctor Mensch zu sprechen -? hrte Adam eine rauche,
belegt-fettige, wie verbogene Stimme fragen.
    Das Mdchen gab Bescheid. Es klopfte an die Stubenthr.
    
    Hedwig zuckte zusammen. Vielleicht eine Nachricht von ihrem Vater -? ...
eine Anfrage von ihm bei Adam, ob - -? ...
    Herein -!
    Ein Herr trat in's Zimmer. Herr Doctor Mensch -?
    Ja! Und darf ich fragen - - Adam hatte sich erhoben.
    Mein Name ist von Schnauzl. Habe die Ehre, von Herrn von Bodenburg - -
Herr von Schnauzl stockte. Er warf einen fragenden Blick auf Hedwig, die ihn mit
ngstlicher Spannung, zugleich uerst verlegen und genirt, ansah.
    Adam fand den Zusammenhang.
    Sei so gut, mein Lieb, und la uns einen Augenblick allein -
    Hedwig entfernte sich.
    Nun -? fragte Adam, einen Ton beleidigender Abweisung und Ungeduld in der
Stimme.
    Herr von Bodenburg -
    Wollen Sie sich nicht setzen, Herr von ... von -
    Von Schnauzl! Danke verbindlichst!
    Herr von Schnauzl geruhte, mit steifer Nachlssigkeit ein Fleckchen Causeuse
fr seine dreidimensionale Leiblichkeit in Anspruch zu nehmen.
    Also fhlt sich Herr von Bodenburg wirklich beleidigt? Aber mein Gott! -
wodurch denn nur -?
    Herr von Bodenburg, mein verehrter, langjhriger Freund - wir waren
Kompennler und spter zusammen aktiv in Gttingen -
    So -?
    Ja! versicherte Herr von Schnauzl mit unwillkrlicher Treuherzigkeit ...
und fuhr dann fort: Herr von Bodenburg war also vorhin bei mir und ersuchte
mich, Ihnen eine Pistolenforderung ... fr den Fall, da Sie nicht revociren und
depreciren - natrlich in Gegenwart der bei der betreffenden Scene betheiligt
gewesenen Personen - also vor Allem in Gegenwart der Dame, mit welcher mein
Freund -
    Ah! In Gegenwart meiner Emmy -?
    Adam war doch unverbesserlich. War das nun Absicht gewesen - oder hatte er
wirklich ganz vergessen, da sich Hedwig im Nebenzimmer befand und sicher auf
jedes Wort, das hier gesprochen wurde, aufmerksam hrte? Aber ... schlimmsten
Falls ... wenn es sich - vor ihr - nicht anders drehen und wenden lie:
schlimmsten Falls konnte er den faux pas als eine kleine, harmlose Rache
hinstellen - ganz bewut beabsichtigt - das war doch noch etwas pikant - warum
hatte sie sich denn heute so ganz und gar nur von der Sorge um ihren Vater
erfllen lassen? - und ihn so gut wie gar nicht bercksichtigt? .
    Verzeihung! Ihrer Emmy, sagen Sie ... hm! - fragte Herr von Schnauzl
verblfft und pikirt zugleich.
    Ja! Natrlich! Die Mtresse des Herrn Referendars war vorher - meine
Mtresse - ist es quasi eigentlich noch! Die Dame war vor einer Stunde bei mir
... Aber darf ich bitten, fortzufahren -
    Herr von Schnauzl war ein paar Finger breit aus dem Geleise gekommen. Da
warfen sich ihm einige Momente mir nichts dir nichts zwischen die Beine, auf die
er schlechterdings nicht im Geringsten gerechnet hatte, als er sich zur
Erfllung der ehrenvollen Mission, die ihm von Seiten seines verehrten Freundes
aufgeschultert war, vorbereitet. Aber schlielich - das war ja seine Sache
nicht. Mochte die Dame doch - - er hatte nur die Forderung zu berbringen ...
respektive den Shneversuch einzuleiten.
    Doch ... das hat mit dem, was mir hier zunchst obliegt, direkt nichts zu
thun. Ich bin nur beauftragt, Ihnen, Herr Doctor -
    Von Revociren und Depreciren kann natrlich keine Rede sein - fiel Adam
barsch ein. Die ganze Geschichte langweilte ihn schon ganz gehrig. Was wollten
denn nur in aller Welt diese Idioten von ihm -?
    Ja - dann -
    Verzeihen Sie, Herr ... Herr von Schnuzl - pardon! - Schnauzl - durch
welches Wort - hm! - welchen Ausdruck, welche Gesprchswendung fhlt sich denn
eigentlich Ihr Herr Mandant beleidigt -?
    Sie haben, wie mir Herr von Bodenburg mittheilte -
    Darf ich Ihnen eine Cigarette anbieten -?
    Danke verbindlichst! Aber verzeihen Sie - ich mu doch bemerken, Herr
Doctor -
    Ja -?
    Da Sie den Ernst der Stunde ein Wenig zu unterschtzen scheinen -
    Meinen Sie? - Ach nee! Doch - offengesagt -: - ich finde die ganze
Geschichte dmonisch kleinlich, albern, berflssig, trivial ... und vor Allem
emprend langweilig ... Gestatten Sie brigens, da ich mir ein Exemplar meiner
Virginia zu Gemthe ziehe. Hoffentlich finden Sie nicht, da unser ehrenwerther,
blutrother Pistolenspeech durch ein paar blaue Rauchwolken entweiht wird - ich
meine im Gegentheil: derartige Akte drfen des Weihrauchs nicht entbehren - sie
mchten sonst zu nchtern und zu schamlos nackt sein -
    Herr von Schnauzl war etwas unruhig geworden. Er wute nicht recht, wie er
diesen Herrn Doctor nehmen sollte ... Sollte er sich durch diese Art der
Gesprchsfhrung auch beleidigt fhlen und ... und die ganze Verhandlung
abbrechen? Grund genug dazu hatte er schlielich erhalten durch die
hhnisch-moquante Art, mit welcher der Gegner seines Freundes sich aufspielte.
Aber er hatte ja noch nicht einmal die Forderung selbst normirt - und darum - -
    Adam hatte sich in den Sessel geworfen, der vor seinem Cylinder-Bureau
stand, und betrachtete sein schrges Gegenber.
    Herr von Schnauzl machte ihm durchaus keinen sympathischen Eindruck. Das
ganze Wesen dieses wrdigen Jnglings athmete eine gewisse Freude darber, das
er auf der Welt war ... und da diese Welt nun gezwungen wurde, ihn ernst zu
nehmen ... Von der Wichtigkeit seiner momentanen Mission schien der mittelgroe,
wie durch eine unnatrliche Gliederverkrzung corpulent gewordene Herr ganz
auerordentlich durchdrungen zu sein. Sein volles, mhrenrothes Gesicht hatte
etwas Verschobenes, Zusammengedrcktes, gleichsam versetzt Asthmatisches,
zugleich etwas unbeholfen Bckisches, schnaufend Einhackendes, das eminent
komisch wirkte. Auf beiden Seiten der prachtvoll gewlbten Nasenkuppel zogen
sich abwrts zu dem gewhnlich breiten Munde zwei markante Falten, wie
Pftzenrinnsale in Miniatur-Ausgabe. Das Kinn war ungefg und schwulstig, die
Stirn schmal und niedrig, hkrig, mit Hitzblthen betupft, die Ohren auffallend
klein, das kurze, rthlich blonde Haar so elegant und peinlich correkt frisirt,
wie es bei seiner verschchterten Sprlichkeit nur irgend mglich war. Hm!
Idealisirter Bierhuhn-Stil. -
    Herr von Bodenburg fhlt sich durch eine Aeuerung Ihrerseits, die Sie zwar
nicht direkt an ihn gerichtet haben, die er aber dem ganzen Zusammenhange nach
auf sich beziehen mute - also dadurch, da Sie von dem Ersten Besten, sprachen,
in dessen Arme - ich glaube, so drckten Sie sich aus - -
    Ach ja! Ich erinnere mich ... Nun, - ich wei schon - also wie gesagt -:
auf eine weitere, revocirende Erklrung lasse ich mich nicht ein. Des Kuriosums
halber: Herrn von Bodenburgs Forderung -?
    Adam war ungeduldig geworden und aufgesprungen. Er hatte die Komdie mit
diesem dummen Jungen satt. Lcherlich! Im Nebenzimmer hrte er Hedwig hastig,
aufgeregt hin- und hergehen. Die Erwartung der Entscheidung ihres Schicksals
schien sie mit immer wachsender nervser Unruhe zu erfllen, je lnger sich
diese Entscheidung hinausschob. In der nchsten halben Stunde stand er vor ihrem
Vater und hatte mit diesem eine ungleich ernstere und wichtigere
Auseinandersetzung zu bestehen. Was gingen ihn da diese Krautjunker an, die
nichts Anderes zu thun zu haben schienen, als sich in das erbrmlichste Zeug von
der Welt, in den conventionellsten Phrasenschnickschnack festzubeien? Eine
Unverschmtheit, ihr lcherliches Nichts hier vor ihm zu einer Haupt-und
Staatsaktion aufzublhen!
    Die Forderung Herrn von Bodenburgs: also auf Pistolen - fnfzehn Schritt
Distance - zweimaliger Kugelwechsel - mit Zielen -
    So? Danke sehr! Im Uebrigen also theilen Sie Herrn von Bodenburg nur
geflligst mit, da ich seine Forderung nicht annehme -
    Nicht -?
    Nein -!
    Und darf ich fragen, aus welchem Grunde -?
    Aus welchem Grunde? Hren Sie 'mal, lieber Herr -: ich wre wohl kaum
verpflichtet, Ihnen meine Grnde auseinanderzusetzen. Es wrde uns auch zu lange
aufhalten, bin pressirt. Ich sage Ihnen nur, da ich durchaus kein prinzipieller
Gegner des Duells, speciell der Pistolenmensur, bin - durchaus nicht! Aber ich
halte zunchst Herrn von Bodenburg in keiner Weise fr den Menschen, der wrdig
wre, da ich ihm mit der Waffe in der Hand gegenbertrte -
    Ich mu doch bitten Herr Doctor! Ich bin hier sein Vertreter ... gleichsam
in dieser Angelegenheit mit ihm identisch - und ich wrde nun doch endlich
gezwungen sein mich selber als beleidigt zu betrachten, wenn - -
    Das sollte mir leid thun, Herr von ... Schnauzl - ich wrde es aber nicht
ndern knnen. Uebrigens wenn Sie mit Ihrem Mandanten identisch sind - warum
kommt er denn da nicht selber zu mir? Wre er vorhin anstatt zu Ihnen zu mir
gegangen, htte er - na! da htte er eben unsere liebe Emmy, den kleinen,
reizenden Zankapfel, bei mir antreffen knnen. Wir htten dann jedenfalls sehr
bald Frieden geschlossen. Frauen entzweien zwar leicht und wohl in gewissen
Fllen auch nicht gerade ungern - haben aber doch auch wieder einen riesigen
Vershnungstic ... Die Emmy war ganz auer sich vor Aufregung ... Nun - und dann
-
    Ja! Ihre weiteren Grnde -?
    Ich lasse mich nur mit - verzeihen Sie! - nur mit Meinesgleichen ein -
Herrn von Bodenburg aber fr Einen Meinesgleichen zu halten - ja! - es strubt
sich Etwas in mir dagegen - ich glaube brigens wirklich - ich kann's mir
wenigstens nicht anders erklren - Sie werden wohl besser orientirt sein -
kennen ihn ja nher - nicht? Ihr Herr Mandant krnkelt auch 'n Bissel am
modernen Grenwahn -? Sich mit mir - na! - hren wir damit auf - nix fr ungut,
Herr von Schnauzl - ja! - also - und dann ... dann schlage ich mich noch, wenn
ich die Ueberzeugung habe, da ich fr etwas Prinzipielles eintrete ...
eintreten mu. Kindische Lappalien indessen -
    Sie lehnen die Forderung also definitiv ab -?
    Ja! - Auerdem giebt es noch einen Fall -
    So wollen Sie mir wenigstens besttigen, da ich Ihnen die Forderung Herrn
von Bodenburgs berbracht habe -
    Mit Vergngen! Wnschen Sie eine schriftliche Erklrung -?
    Nein! Ich danke. Die mndliche Dcharge gengt mir ... Ich empfehle mich!
Adieu!
    Ich habe die Ehre! Adieu! -
    Adam trat zu Hedwig in's Schlafzimmer.
    Und nun will ich mich fertig machen und zu Deinem Vater gehen, mein Lieb.
Verzeih die Verzgerung - die dumme Geschichte lie sich aber nicht fixer
abwickeln. Mein Gott! Was habe ich seit gestern Abend bis heute Mittag nicht
schon fr Scenen erlebt! Das geht auf keine Brenhaut. Und eine immer schner
als die andere! Na! Nchstens werde ich meine Memoiren schreiben. 'S wird Zeit.
Aber der Hauptcoup kommt noch. Hm! Doch auch dieser Kelch wird sich wohl noch
austrinken lassen. Himmel, hast du keine Flinte! Mir ist doch immer noch nicht
wohler. Diese dummen, stechenden Hitzeschauer! Die Luders springen an Einem auf
und ab, als wre man 'ne Kletterstange. Wie gefiel Dir brigens der Herr von
Schnauzl? Eine unglaubliche Leineweberseele! Nee! So'n Trauerweiderich! Eh bien!
Unser'm Herrgott darf als Generallandwirth auch der zweibeinige Viehbestand
nicht fehlen ... Es wird Einem manchmal wirklich zu schwer gemacht, nach
Buddha's Recept Mitleid mit allem Erschaffenen zu haben -
    Und habe Nachsicht mit meinem armen, alten Vater, Adam! Er wird sehr
unglcklich sein ... Ach! Das htte ich ihm doch nicht anthun sollen ... Wenn Du
ihn nur noch - wenn er nur noch - o Gott! der Gedanke knnte mich wahnsinnig
machen, da - - und diese Angst - diese furchtbare Angst -! Und bitte fr mich
bei ihm, Adam -!
    Fr Dich? Fr uns, Hedwig! Am Meisten aber fr mich. Denn ich habe ihm sein
Kind genommen. Und nun leb' wohl, mein Lieb! Wo hab' ich nur meine Handschuhe?
Du kannst unterdessen ganz ruhig hier bleiben - Du bist ganz ungenirt. Nimm Dir
'n Buch vor und lie 'n Bissel! Da Daudets Tartarin! Der drollige Kerl wird Dich
aufheitern. Ich komme sofort zu Dir zurck. Es wird sich schon Alles ordnen
lassen. Adieu -!
    Adieu, Adam! - Und - und - -
    Die Beiden kten sich. Hedwig wandte sich laut aufschluchzend ab. -
    Adam ging langsam die Treppen hinunter. Das Gehen wurde ihm schwer. Er
fhlte sich doch noch recht unbehaglich, so unruhig, schwl, wie
charpiezerzupft. Wie ein Trumender ging er langsam durch das Leben der Strae.
Er konnte sich nicht in das Treiben der Dinge um ihn herum hineinfhlen. Alles
gurgelte hohl und dumpf an ihm vorber, huschte und flirrte wie Schatten an ihm
vorbei. Eine dicke, unerklrliche, nur matt transparente Schicht trennte ihn von
Allem, was ihn umgab ... eine Schicht, die er fast physiologisch als eine
schwankende, gallertartige, milchweie Substanz wahrnahm. Er war ganz auf sich
angewiesen, auf sich zurckgedrngt, in sich hineingeschoben. Das Alles, was da
vor ihm, neben ihm, hinter ihm geschah, hatte keine Beziehungen zu ihm, ging ihn
nichts an, das Alles verstand er nicht. Und nach einer halben Stunde ging er
wiederum sehr langsam die Treppe zu Irmers Wohnung hinauf. In seinen Schlfen
stach und zerrte es heftig. Nun stand er schwer athmend oben und hatte das
blanke, messinggelbe Namensschild vor sich und daneben den kleinen, weien,
flachaus gehhlten Porzellanknopf der elektrischen Klingel. Pfui! Wie der Kerl
mit seiner eingedrckten Glatze grinste! Adam stand vor der Entscheidung. Er
horchte einen Augenblick gespannt, ob er hinter dieser Thr verdchtige,
auffllige Geruschzeichen wahrnhme. Es war Alles todtenstill. Das stimmte ihn
noch ernster, schwerer, machte ihn noch muthloser, erfllte ihn mit bangen
Ahnungen, Erwartungen, qulenden Vermuthungen, steigerte seine Unruhe und
Aufregung. Endlich raffte er sich auf und drckte mit forzirter Heftigkeit auf
diesen ekelhaften, kleinen, weien, flach ausgehhlten Porzellanknopf. Scharf
und schneidend, wie unerbittlich, schlug die Glocke an. Adam zuckte zusammen.
Dort die Treppenstufen, welche er noch, indem er sich die peinliche
Rechtfertigung ersparte, vor einer halben Minute htte unbehelligt zurckgehen
drfen - diese dummen, lcherlich selbstverstndlichen und neutralen
Treppenstufen waren ihm jetzt ein verbotenes Reich, das verboten blieb, so hei
er es auch ersehnte ... Er dachte daran, wie er sich heute Nacht an der Seite
Hedwigs an diesem Gelnder hinuntergetastet. Da waren sie dem Leben, der
Freiheit, dem Genu entgegengegangen. Und nun stand er hier und stellte sich zur
Abrechnung mit dem Vater, dem er sein Kind genommen. Aber jetzt wurde eine Thr
zugeschlagen - Schritte schlrften heran - die innere Thrklinke ging nieder -

                                      XV.


- Und die Thr that sich auf. -
    Herr Doctor Irmer zu sprechen? fragte Adam das Mdchen mit halblauter,
stolpernder Stimme.
    Das Gefhl beherrschte ihn ganz, da er im nchsten Augenblicke vor seinem
Richter stehen wrde. Es war so altfrnkisch, dieses anklagende, bengstigende
Gefhl, Adam emprte sich auch ganz gewaltig gegen das Rudiment aus seinen
Kindertagen, wie er es affektirt geringschtzig nannte, aber es war doch da, war
doch in ihm, es lie sich weder durch einen brutalen Gewaltakt des Willens noch
durch ein logisches Raisonnement hinwegdisputiren. Adam hatte alles
Selbstbewutsein, alle Ueberlegenheit verloren. Er abstrahirte allerdings aus
der Erinnerung, da er seine ganze Sicherheit wiedergewinnen wrde, sobald er
erst mitten im Feuer stnde und es zu starken Individualittsreibungen gekommen
wre - er hatte diese seelische Erscheinung so oft schon an sich erlebt. Nur das
Unklare, Ungewisse erregte ihn, whlte ihn so auf, machte ihn so ngstlich und
furchtsam. Seine Phantasie trieb Alles auf, zog sogleich die letzten
Schlufolgerungen, zeigte Alles von der unertrglichsten Seite, malte Schwarz in
Schwarz. Adam hatte auf dem Boden seiner Natur sehr bedeutende Neigungen fr ein
beschauliches Knstlerleben. Ader frh war er in allerlei Miverhltnisse
gerathen, die seinen anfangs ziemlich schwachen, nachher immermehr gewachsenen
Widerspruch herausgefordert. Wenn es irgend anging, lebte er mit der Welt am
Liebsten in Frieden, das heit: hielt er sich diese feudale Welt zehn Schritt
vom Leibe -: um damit den erforderlichen, gnstigen Beobachtungsstandpunkt zu
gewinnen, wie er sich mit liebenswrdiger Schalkhaftigkeit vorlog. Aber zugleich
war doch in seine Natur ein heftiger, fahriger, unruhiger,
widerspruchsschtiger, bekehrungswthiger Zug gekommen, der ihn immer wieder
mitten in die Dinge hineinri ... und mit der Zeit seiner ganzen Persnlichkeit
immermehr etwas Herausforderndes, abweisend Kritisches, Aetzendes gegeben hatte.
Ein gewisser Leichtsinn, dessen Keim Adam jedenfalls von seinem Vater ererbt;
eine behende Sorglosigkeit ermglichten es ihm dann fter, eine Weile
seelenvergngt in Verhltnissen auszuhalten, die sehr unerquicklich und peinlich
werden muten, wenn sie sich zuspitzten. Adam war sich dieses unangenehmen Endes
auch klar bewut. Seine Phantasie war ja sehr werklustig und
bertreibungskundig, sehr ausmalungsbeflissen. Aber er hielt es nicht der Mhe
fr werth, Versuche zu machen, um jenes unangenehme Ende abzuwenden oder, war
das nicht mglich, wenigstens abzuschwchen. Er war nicht einmal im Stande, sich
auf widerwrtige fnfte Akte vorzubereiten, wenn sie durchaus unvermeidlich
waren. Er lie sie, fter beinahe etwas wie Neugier und Gespanntheit in der
Seele, getrost an sich herankommen. Dann fiel er ihnen zunchst zum Opfer, indem
er, unmittelbar vor ihnen stehend, heftig zurckschrak. Schlielich wurde er
mitten in einen solchen fnften Akt hineingeschoben ... und machte sich's mit
der Zeit ganz bequem darin. Alle Widerstandskrfte wurden in ihm ausgelst, er
hatte sich allenthalben zu verantworten, zu vertheidigen, er mute erklren und
aufklren - und that das im vollen Bewutsein seiner geistigen Flle, Kraft und
Ueberlegenheit. Er sah ja immer tiefer und schrfer, fhlte strker und klarer,
als alle die Kreaturen, die es fr ihre Pflicht hielten, sich mit breitspuriger
Wichtigthuerei an ihm abzuwursteln. Er lachte auf die Zwerge herab, mute sich
aber ihren lppischen Resultaten fgen ... so oft fgen ... wenn er eben auch
die uere Mglichkeit behalten wollte, ab und zu den Riesen zu spielen.
    Nun stand Adam wieder einmal, in gewisser Hinsicht ein unsicherer
Kantonist, vor einer Entscheidung. Sie war ihm beraus lstig und unbequem. Er
bebte vor ihr zurck. Wer konnte wissen, welche Folgen diese Auseinandersetzung
mit Hedwigs Vater fr ihn haben wrde! Wenn Alles sehr milich fr ihn ablief -
zu verwundern war's nicht. Gar nicht. Wenn er nur vorher wte, ob Irmer ihm
recht aufgebracht entgegentreten wrde! Geschhe das - nun! dann wrde er schon
zu antworten wissen. Explosionen liebte Adam. Sie erleichtern so ... und bleiben
in der Regel so hbsch in der ungefhrlicheren Peripherie ... machen so oft den
Kern einer Sache - einer Schuld, die geshnt; einer Snde, die gercht
werden soll - ganz vergessen. Explosionen sind sehr praktisch. -
    Ich wei nicht, ob der Herr Doctor - begann das Mdchen zgernd,
beklommen. - Adam bemerkte unwillkrlich, da sein Gegenber recht bekmmert,
wie starkverweint um die Augen herum, aussah. Es hatte so gar keine deutlicheren
Farben im Gesicht.
    Ist er sehr leidend -? Dann knnte ich ja - wenn auch - - es wre mir doch
wichtig - -
    Ja! Der Herr Doctor ist sehr leidend - er liegt zu Bett - er hat sich
wieder hinlegen mssen - aber Sie kommen gewi von wegen unseres Freileins - -
    Ja! Ja! Nun machen Sie doch! Fhren Sie mich an sein Bett - oder - Hedwig
wartet - -
    Hed ... Mein Gott! Dann kommen Sie nur! Aber ich wills doch lieber dem
Herrn Doctor erst sagen - bitte treten Sie so lange ein -
    Und nun stand Adam wieder in dem Zimmer, in welchem er gestern Abend so
Vieles erlebt hatte, was fr ihn bedeutsam und entscheidend geworden war.
    Dort an dem Fenster - nein! es war doch eigentlich zu nrrisch! - dort hatte
er sich seine ... seine Braut erobert. Es hatte ihn Mhe genug gekostet. Nun! Er
hatte ja seinen Lohn dahin. Er hatte erreicht, was er halb bewut, halb unbewut
gewollt hatte.
    Aber nein! Das konnte sich ja unmglich Alles so ereignet haben, wie er da
glaubte - das wre ja der pure, blanke Wahnsinn gewesen -!
    Quatsch! Seine Phantasie war wieder einmal mit ihm durchgegangen. Sie hatte
doch sonderbare Passionen, diese merkwrdige Phantasie! Manchmal wurde sie ganz
unheimlich. Diese Vexierspiele streiften schon an .... an - natrlich an
Verrcktheit ...
    Adam strich sich mit der Hand ber Augen und Stirn. Und doch - aber nein!
nein! Und noch zehntausendmal nein! Er wartete ja auf das gndige Frulein, dem
er einen conventionellen Besuch ... eine ganz formelle, gleichgltige Visite
machen wollte - na! die Prinzessin lie ein Wenig lange auf sich - auf sich ...
warten - nun knnte sie doch eigentlich ... nun knnte sie doch eigentlich
kommen! Was dachte sie sich denn? Er stahl doch wahrhaftig seine Zeit nicht -
    Adam fhlte sich arg beleidigt. Er wollte es ihr schon zu verstehen geben,
dieser - -
    Da ffnete sich die Thr und Doctor Irmer trat ins Zimmer, langsam, ganz
langsam. Es machte ihm sichtbar Mhe, die Thr hinter sich nachzuziehen.
    Adam starrte den Eintretenden wie eine rthselhafte, ganz unerklrliche
Erscheinung an. Was war denn das? Nun sollte er sich auf einmal zwischen Traum
und Leben entscheiden. Was sollte er denn fr Leben, was fr Traum halten?
    Unwillkrlich pate Adam Auge, und Intellekt mehr und mehr dem Phnomen, das
er da vor sich sah, an. Ob es nun Tuschung, ob es Wahrheit war - er kam
schlielich doch so weit, da er so ziemlich unverworren mit der Thatsache, die
sich ihm grell aufdrngte, die er sich aber doch noch nicht ganz zu eigen machen
konnte, rechnete
    Irmer hielt sich den um ihn herumschlotternden Schlafrock in der Bauchgegend
mit der linken Hand zusammen. Die ganze Gestalt war geknickt, gebrochen, beraus
hlflos. Der Kopf hing auf die Brust herab, wie von der Klammer eines
unwiderstehlichen Zwanges heruntergepret. Das Gesicht war bleich und welk,
seine Furchen und Falten traten erschreckend scharf hervor. Das sprliche, mehr
wasserfarbene als graublonde Haar stand in ungeordneten Bscheln auf dem
Scheitel herum. Dazu mde, todte Augen und rothentzndete Lider.
    Herr Doctor - - begann Adam leise, stockend, ganz rathlos ... und trat
einen Schritt zur Seite.
    Irmer nickte nur schwer mit dem Kopfe, ein Nicken wie das eines
Bldsinnigen, der nicht wute, was man von ihm wollte. Der schwerleidende Mann
schlich quer durch das Zimmer nach der Ecke hin, wo sein Schreibtisch stand.
Langsam lie er sich in seinen breiten, wackeligen Sessel fallen.
    Sie kommen - knpfte er mit seiner mden, amorphen, hkrig-verschleierten
Windstimme an, nachdem er einige Male schwer, pfeifend geathmet hatte -
    Ich komme, Herr Doctor, um Ihnen Nachricht von Ihrer Tochter zu bringen -
Hedwig ist bei mir - -
    Ist - bei - Ihnen - so! So -!
    Ja! Und nun verzeihen Sie uns, Herr Doctor - mir und meiner Braut -
    Ihrer - Braut! Hm! Ja! - Ja! - Mein armes Kind -
    Herr Doctor -!
    Adam athmete wie von einem schweren Drucke befreit auf. Gott sei Dank! Nun
schien es doch zum offenen Kampfe kommen zu wollen. Da erhielt er ja unter
Umstnden Gelegenheit, seine ganze Dialektik zu entfalten. Nur sich nicht so
wehrlos von halb verschwiegenen, halb angedeuteten Vorwrfen, von Anklagen, die
tropfenweise durchsickern, martern lassen mssen - -
    Mein armes Kind! Sie haben es mir genommen - -
    Ja! Ich wei es. Und ich nehme auch alle Schuld auf mich. Ich werde zu
shnen versuchen, was ich verbrochen habe - wenn das, was ich gethan, wirklich
ein Verbrechen war -
    Adam war trotzig geworden. Das schleppte sich so langsam hin. Die Flamme
fra sich so widerstrebenden Zahnes, wie strrisch-gelangweilt, unter der
Oberflche fort. Das war alles so neblig, so schleimig. Er mute seinen Gegner
durch eine Khnheit, ja! durch eine - Unverschmtheit herausfordern, wenn
Schwung und Stil in diese vage Abrechnung kommen sollte.
    Irmer hob seine linke Hand, die schielend und unbestimmt auf dem
Schreibtische gelegen, schwerfllig in die Hhe und lie sie schnell wieder
niederfallen, als bese er keine Macht mehr ber Muskel und Gelenk. Dazu
schttelte er ein Wenig den Kopf, sagte aber weiter Nichts.
    - 's scheint Ihnen nichts daran zu liegen, Herr Doctor, da wir uns nher
aussprechen - nahm Adam wieder das Wort, einen hochfahrenden Ton in der Stimme.
Ich hatte allerdings erwartet, da - nun! vielleicht ist es besser, wenn wir
einfach mit der vorliegenden Thatsache rechnen. Ich bin auch damit zufrieden.
Die Frage ist jetzt also die, ob Sie gestatten, da Hedwig so lange zu Ihnen
zurckkehrt, bis ich in der Lage bin, sie als mein eheliches Weib ... - also ...
meinetwegen -: heimzufhren ... Das kann noch eine Weile dauern - darber knnen
noch einige Monate hingehen - ich mu mir erst eine Situation schaffen, die mir
erlaubt - -
    Mein Kind! Mein Kind! Meine einzige Hoffnung - meinen einzigen Halt nehmen
Sie mir, Herr Doctor ... haben Sie mir genommen ... was soll ich nun noch hier?
Es ist ja Alles fr mich vorbei - Alles werthlos geworden. Blut und Jugend sind
strker gewesen, als alle meine Einflsse ... als alle Erfahrungen und
Erkenntnisse, die ich Hedwig einzuflen gesucht, durch die ich sie mit der Zeit
immermehr gefeit glaubte. Ich habe ja doppelt ... Doppeltes verloren. Ich mache
Ihnen keinen Vorwurf. In dieser langen, schlaflosen Leidensnacht, die ich hinter
mir habe - mge Ihnen das Schicksal solche Nchte ersparen, Herr Doctor! - in
dieser Nacht ist mir auch wieder so Manches eingefallen, was Sie gestern Abend
in unserem Gesprche geuert ... da ist mir erst klar geworden, wie Sie
Verschiedenes eigentlich gemeint haben. Vieles wird so verstndlicher. Was
zwischen Ihnen und meinem armen Kinde sonst noch vorgefallen ist - das mgen Sie
vor sich selber verantworten ... beide ... gegenseitig. Ich will wenigstens
versuchen, Herr Doctor, Ihnen zu vertrauen. Man urtheilt ja immer nur aus der
Enge bestimmter, vorliegender Verhltnisse heraus. Wenn Hedwig von mir gehen
will - und sie hats ja bewiesen, da sie 's kann - - ich mu mein Kind ziehen
lassen - ich habe nicht das Recht zu verlangen, da es bei einer Ruine, die man
nur studiren, aber nicht anbeten soll, wie Sie gestern Abend sagten, Herr Doctor
- da es da noch mehr verkmmern soll, als es vielleicht schon ist. Ich bin
heute Nacht, als ich ... beim Ausbruch des Gewitters ... nach meiner Tochter
rief - und sie nicht kam - und ich dann entdecken mute, da sie mich verlassen
hatte - - - nachher dann - da habe ich - da kamen dann Stunden, wo ich um Vieles
wieder menschlicher geworden bin, wenn ich so sagen darf ... Auch mein Trost in
der Philosophie - meine Gewiheit, durch philosophisches Denken und Anschauen
erlst zu sein, die Phnomene des Lebens berwunden zu haben, war wohl ein
schwerer Irrthum, eine furchtbare Illusion, eine grausame Selbsttuschung ... Es
ist ja Alles nur Nervenanlage. Bion - Seneka - Spinoza - sie forderten - nichts
Unnatrliches von ihrem Organismus, wenn sie entsagen wollten ... sie waren
darauf gestimmt. Wir Modernen sind Stmper, Materialisten, Epikureer ... und wir
bleiben es, mgen wir uns nun drehen und wenden, wie wir wollen. Wenn wir in
spterem Alter auf Dieses und Jenes verzichten, so sind wir eben zu stumpf
geworden, um es noch begehren zu knnen. Das hat Alles seine natrlichen,
psychophysiologischen Grnde. Nun ich mein Kind verloren habe, bin ich ganz
wehrlos geworden fr's Leben. Und wenn Hedwig auch wieder zu mir zurckkehrte -
- ich habe doch das Gefhl eines ungeheueren Risses, der durch unser Verhltni
gegangen ist und der nicht zu heilen wre. Um gegen Sie aufstehen zu knnen,
Herr Doctor ... um Ihnen leidenschaftlich zrnen - mit Ihnen um mein verlorenes
Kind kmpfen zu knnen - dazu bin ich zu mde und schwach geworden. Es ist
nichts mehr mit mir. Ich habe keine Kraft mehr in Leib und Seele - - hchstens
noch so viel, um diesem Jammer ein schnelles Ende machen zu knnen. Und so weit
bin ich heruntergekommen, da ich es nicht einmal mehr aus Liebe zum Tode,
sondern nur aus Furcht vor dem Leben thun wrde. Das schmerzt auch. Noch ein
anderer Grund kommt hinzu. Da ein Brief - ich soll - - aber das verliert ja dann
auch seine Berechtigung, wenn - - es ist ganz gut, Herr Doctor, da Sie sich
Hedwigs annehmen ... Sie mgen sehen, wie Sie beide zusammen mit dem Leben
fertig werden ...
    Irmer brach ab. Er hatte die letzten Stze mit fast ganz unverstndlich
gewordener Stimme gesprochen, nur noch mhsam aus sich heraussickern lassen.
Adam hatte mit aller Macht aufmerken mssen, um seinen ... Schwiegervater auch
nur einigermaen zu verstehen. Er war nun doch so etwas wie erschttert und
ergriffen. Zugleich aber auch skandals verstimmt. Hm! Hatte er denn nicht,
allerdings nur ganz im Stillen gehofft, da es zu einem regelrechten Kampfe um
Hedwig zwischen diesem Manne da und ihm kommen wrde? - Und hatte er nicht die
... die teuflische Absicht gehabt, in diesem Kampfe - freiwillig zu unterliegen?
Ja! Gewi! Diese Absicht wre teuflisch gewesen und ruchlos - warum auch nicht?
- wenn er sie verwirklicht htte. Aber er htte sich in seiner sehr gefhrlichen
Situation kaum anders helfen knnen. Liebte er denn Hedwig? War ihr Besitz
denn eine Lebensfrage fr ihn? Scheibenschieen! Und nun war von einer
ehrlichen Auseinandersetzung keine Rede. Der Herr da verzichtete, er begngte
sich mit einer Reihe sentimentaler Lamentationen und wehmthiger Betrachtungen -
und Adam sah sich durch die Zusammenknotung der Verhltnisse mit einem Male
gezwungen, das Leben von einer Seite ernst zu nehmen, mit der seine sublim
vibrende Natur bis dahin nur gespielt; ber die sie nur gespttelt; die sie nur
sehr aus der Entfernung herausgefordert hatte. Das war recht fatal. Aber
andrerseits war es doch unmglich, da er jetzt pltzlich zurckhalte, andere
Saiten aufzog und seinem liebenswrdigen, willfhrigen Schwiegerpapa in
ausfhrlicher Rede zu Gemthe fhrte, da es fr beide Parteien wahrlich am
Besten wre, wenn er auf die Ehre, eben sein Schwiegerpapa zu werden,
verzichtete - nicht? das war doch ganz unmglich! Adam wurde dem alten,
hlflosen, gebrochenen Manne ernstlich gram. Er schalt ihn den rgsten Egoisten
von der Welt. Denn wenn er nicht immer nur an sich und seine eigenen Schmerzen
dachte, mute er doch einsehen, da eine Ehe ... und selbst nur eine auf lngere
Dauer gemnzte wilde Ehe ... zwischen seiner Tochter und diesem
unzuverlssigen Weltkinde nach Allem, was dieses Weltkind mit naiver Offenheit
ber sich ausgeplaudert und verrathen hatte - wenn nicht eine direkte
Unmglichkeit, so doch mindestens eine Verrcktheit erster Gte sein wrde ...
ein Stckchen unglaublich geschickt inscenirter Unnatur! Aber das begriff der
Mann nicht ... und Adam besa nicht den Muth, es ihm klarzumachen. So blieb ihm
vorlufig nichts weiter brig, als in den sauern Hering zu beien, der ja eine
ganz vortreffliche Katerspeise abgeben soll. Aber vielleicht wollte und wute
das Schicksal doch noch eine andere Lsung dieses pikanten Problems. Es galt
sich in Geduld zu fassen ... und zunchst in der Maske des beschrnkten
Biedermanns weiterzutragiren. Aber zugleich versprte Adam trotzdem ein gewisses
Mitleid mit diesem Manne, dem er sein Kind genommen hatte ... ein Mitleid, das
ihm allerdings sehr unbequem war. Denn ob es ihm auch nur mit leichtem, losem
Geschnr die Gelenke umhing - es hemmte ihn doch, es destillirte ihm eine
peinliche Unsicherheit ab, es nthigte ihm eine tolpatschige Arroganz auf und
machte sein Auftreten halb frei und hochfahrend-zwanglos, halb eckig, verlegen
und beklommen.
    So gestatten Sie denn, Herr Doctor, da Hedwig - -
    Ja! Ja! Ich will mein Kind doch noch einmal wiedersehen, ehe - -
    Es wird noch Alles gut werden - versuchte Adam lauen Herzens zu trsten
... und fuhr dann lauter, bestimmter fort: Und nun geben Sie mir die Hand - und
lassen Sie mich die Ueberzeugung mitnehmen, da Sie uns verziehen haben, Herr
Doctor ... Und nehmen Sie in diesem Sinne Ihr Kind, meine Braut ... unsere
Hedwig auf - Sie werden sehen: wenn ich erst der Dritte in Ihrem Bunde bin - das
wird ein neues, sonniges Leben geben! . Und wenn Sie dann noch durchaus
weitermachen wollen in Ihrer Entsagungsphilosophie - nun! dann helfe ich Ihnen
dabei nach bestem Wissen und Gewissen, Herr Doctor -
    Adam lchelte. Er war zu Irmer hingetreten und streckte ihm, von hei
aufquellender Sympathie bermannt, seine beiden Hnde zum Abschiedsgrue
entgegen. Langsam kam dieser mit den mageren, knochigen Fingern seiner rechten
Hand herbei: einen Augenblick lagen die Hnde ineinander. Ein zahmer,
fleischloser Druck. Ueber Irmers drre, furchige, rechte Backe lief flink wie
ein Muslein eine kleine kugelrunde Thrne. - -
    Adam sagte sich, da er sich nach diesem unerquicklichen Speech wohl einen
kleinen Abschwiff zur Aufbesserung seiner Stimmung gnnen drfte. Hedwig
erwartete ihn zwar. Aber was verschlug's! Ob ihr eine Viertelstunde frher oder
spter das bittersaure Chinin des Resultats eingelffelt wurde - das war
schlielich egal. Nein! Jetzt gleich die ganze Geschichte noch einmal von vorn
bis hinten durchzukauen - das konnte kein Mensch von ihm verlangen ... das war
entschieden grausamer, als neben einem Lastwagen hergehen mssen, der mit
schmunzelnder Behaglichkeit ber holpriges Pflaster durch eine stille Strae
knarrt ...
    Adam suchte absichtlich die prallbrtende Mittagssonne auf. Ach! Diese Glut
war so wohlthuend! So ganz, so massiv, so angenehm prickelnd und discret
durchbratend dabei! Der Herr Doctor hatte sein nervses Frsteln immer noch
nicht ganz berwunden.
    Schlielich lief er in Caf Csar ein. Er lie sich eine Flasche Sodawasser
und einen kleinen Cognac bringen und vertiefte sich in das leckere
Literaturgetndel des Gil Blas. -
    Und nun sa Adam wiederum auf der schreiend rothen Damastcauseuse neben
seiner Hedwig und spielte mit den schlanken, weien Fingern ihrer linken Hand.
    Aber lange, Adam! - hatte ihm Hedwig stockend und mit
ngstlich-vorwurfsvollem Blicke entgegengerufen, als er endlich zur Thr
hereingetreten war.
    Lange? - Ach nee! Ich komme direkt von Papa -
    Und -? Ein gepretes Athmen. Sodann, leise, beklommen: Und verzeiht er
mir, Adam -?
    Der warf seinen Hut auf den nchsten Stuhl und setzte sich zu seiner Braut.
    Natrlich, Kind! Und warum sollte er auch nicht? Papa ist vernnftig. Ich
habe ihm erklrt, wie Alles gekommen ist. Gott! Mir erscheint die ganze
Geschichte heute immens harmlos. Was haben wir denn weiter verbrochen! Ein paar
kleine ... nun! meinetwegen ein paar pikante Fakta, die man sonst erst nach der
Hochzeit zu erledigen pflegt - die haben wir schon in die Ouvertre verlegt. -
c'est tout! Dein Papa ist Sprachphilosoph genug, um das Wesen einer Prolepsis zu
verstehen -
    Ja! . Aber - - meinte Hedwig ngstlich -
    Komm! forderte Adam aus. Ich will Dich hinbegleiten, Kind - Du bleibst
noch eine kleine Weile bei Papa - wir haben schon Alles geordnet - nachher
grnden wir uns ein eigenes Nest - nicht wahr? Ich werde schon einen tchtigen
Baumeister abgeben - pa auf -!
    Hedwig senkte den Kopf. Adam starrte gedankenabseits vor sich hin. Nun hob
das Weib das Gesicht zu seinem Geliebten auf ... und viel Hingebung, Sanftmuth,
natrliche Unterordnung, guter Wille und viel zrtliches Flehen lag jetzt in den
Zgen dieses bleichen, schmalen Gesichts.
    Adam kte sein Weib. -
    Und er geleitete Hedwig zu ihrer Wohnung. Sie standen vor der Hausthr.
Hedwig zgerte. Sie frchtete sich jetzt am hellen, leuchtenden Tage vor den
Rumen, die sie zum letzten Male in spter, nchtiger Stunde betreten htte. Und
nachher oben ihr Vater - das erste Sich-Gegenberstehen - die ersten Worte - -
    Adam wurde ungeduldig. Er wute ganz genau, was in Hedwig vorging. Aber
Alles drngte in ihm danach, endlich einmal frei aufzuathmen. Immer und ewig
Schleim und Leim und Angst, Kopfhngerei, Unsicherheit - zum Kuckuck - er hatte
genug! So wurde er mitleidslos, fast brutal.
    Also adieu, mein Lieb! Und nun sei recht sanft zu Papa! Ich komme, wie
gesagt, heute Abend ... sptestens morgen frh. Wir wollen uns jetzt recht oft
sehen - nicht wahr -?
    Ja! . Hedwig seufzte tief auf. Die beiden trennten sich endlich. -
    Als Adam die Strae hinunterschritt, warf er, unbekmmert um die
verwunderten Gesichter der vorberwandelnden Mittagsmenschen, seine Arme von
sich und prfte seine Muskeln. Er reckte und dehnte sich nach allen Seiten,
knirschte sich gleichsam mit starkem krperlichem Wohlbehagen um seine eigene
Axe herum. Hei! das war eine Lust! Und dieses Freiherausschnaufendrfen aus
voller, tiefer Brust! Hei! das that wohl! Noch einmal so nachdrcklich setzte
Adam seine Fe auf das Pflaster. Unwillkrlich horchte er an sich hernieder.
Nein! Nein! Es klirrten da unten noch keine Ketten um seine Knchel. Noch war er
frei. Und er wollte frei bleiben. -
    Er stand ber Allen, die da an ihm vorbergingen. Er war nicht verpflichtet,
ein Opfer ihrer lcherlichen Subalternmoral zu werden ... Nein! Bei Gott nicht!
Er stand ber Allen. Und darum, glaubte er, htte er ein Recht zu seiner
Freiheit. -

                                      XVI.


Den Nachmittag ber hielt sich Adam zu Hause. Es war ihm zu Sinn, als mte er
einmal wieder recht tchtig bei sich einkehren, auf sich zurckgehen, in sich
hineingehen, Vieles lichten und sichten, was in der Hochfluth der letzten Tage
sich verdunkelt, verschoben und verwirrt hatte. Er klopfte nach Diesem und Jenem
bei sich an. Schmerzlich ergriff es ihn und erfllte ihn zugleich mit einem
stillen Zorn, der sich gleichsam lautlos nach innen verblutete, als er so oft
keine Antwort erhielt. Da war er wieder, der sthetisch-metaphysische Schmerz
seines Lebens. Und doch geschah ihm eigentlich nur, was er verdiente. Alle
einfachen, groen, stillen Trost- und Beruhigungsnadeln waren ihm abhanden
gekommen. Es war ihm unverstndlich, wie es noch Krfte geben sollte, welche
ber die Alltagsmisre mit ihren kleinen, aber raffinirten Stacheln
hinwegtrsten konnten. Und er war ihr mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele
verfallen, dieser dummen, tristen Alltagsmisre. Kleinlich und eng war sein
Denken und Thun geworden, von der Stunde bestimmt, fr die Stunde gemnzt. Er
beschftigte sich allerdings zuweilen mit Motiven, die ihrem inneren Werthe und
Wesen nach hinausgingen ber die einfltigen Grenzen des Augenblicks. Aber er
that das eigentlich nur noch ganz mechanisch und ohne sich der weiteren
Geisteszonen bewut zu werden, in welchen er dann ja athmete. Er zog eben die
Karre fort, die ihm einmal die Kombination der Verhltnisse und die Tendenzen
seiner Natur anvertraut oder aufgehalst hatten. Es war so viel rauchig graue
Abenddmmerung, so viel wasserfarbene Verstummheit in ihm.
    Sein Erlebni mit Hedwig Irmer dnkte ihn ein abgeschmackter, insipider
Traum. Es zerrann ihm Alles so unter den Fingern. Das konnte ja nicht sein, das
war ja pure Einbildung. Und doch war er sich zugleich klar darber, da die
Komdie noch nicht ihr Ende erreicht hatte. Und er erwartete dieses Ende mit
einem gewissen kaltbltigen Trotz, whrend er jetzt mit einem merkwrdigen
Epikureismus in der Zwischenaktspause schwelgte. Das war auch so ein Zug seiner
Natur, der sich mit der Zeit herausgebildet. Unangenehme Lebenspillen
verschluckte Adam gern in Unterbrechungen. Schon die Thatsache einer solchen
Unterbrechung, schon die Mglichkeit, sie zu constatiren, hatte fr ihn einen
gewissen Reiz.
    Er kramte Dies und Das aus sich heraus. Aber das lag Alles so todt vor ihm.
Da gab es nur noch mit dickem, gelbem Rost bedeckte, unfahrbar gewordene Geleise
zwischen den einzelnen Resultaten des inneren Lebens. In seiner Beziehung zur
Auenwelt kam sich Adam ganz sonderbar verrenkt und verbogen vor. Unmgliche
Formenspiele, auffallende Farbenmischungen, bizarre Phantasie'n glhten langsam
in seinem Gehirne auf. Dabei fhlte er zugleich eine trge, zhe innere Leere
und eine tiefverstimmende Unfruchtbarkeit Eine leise, prickelnde Unruhe zittere
durch seine Brust, eine nervse Ungeduld, eine Unzufriedenheit, die zugleich
aufgehoben und vermehrt, genhrt, gepflegt sein wollte. An Hedwig dachte Adam
mit immer wachsendem Widerwillen. Er stellte sich die Enge eines kleinen
Haushalts vor. Er schauderte zurck. Schlielich, wenn es nicht anders ging,
wollte er doch lieber an ihrer Vergangenheit Ansto nehmen. Es blieb ihm wohl
kein anderes Mittel brig, sich dieser verhaten Kette zu entledigen.
Schmachvoll war's, aber er mute sich eben der Waffen bedienen, die er in Hnden
hatte.
    Seine Beziehung zu Lydia war ihm eine exakte Thatsache, die er nchtern und
kalt, hchstens mit einem kleinen Aufwand von Selbstironie, kritisirte. Ganz
gewi! Er wrde es unter Umstnden fertig kriegen, Lydia frischweg zu heirathen.
Das wrde berhaupt wohl das Ende ... und das gewi sehr vernnftige und
wnschenswerthe Ende von dem ganzen Liede sein. Dabei brauchte er ja Emmy nicht
zu verlieren. Hm! Auf lngere, intimere Gedanken an Emmy ertappte sich Adam
fter. Da mute doch eine tiefe, nachhaltige Sympathie vorhanden sein, eine
geheimnivolle Strmung elektrischen Seelenfluidums. Ihre Anhnglichkeit rhrte
ihn und schmeichelte ihm. Er htte sich brigens ihretwegen schon einmal mit dem
ehrenwerthen Ritter von Bodenburg schieen knnen. Warum nicht? Na! Die Chose
war abgethan. Die grere Bewegungsfhigkeit, die im Umgange mit Emmy gewahrt
blieb, sie war es wohl, die ihn vor Allem zu ihr hinzog. Und dann hatte sie sich
in der auszehrenden Luft, in der sie lebte ... in dieser Luft, die ihre Opfer
und Kreaturen mit der Zeit doch so grenzenlos berechnend stimmt, da hatte sie
sich im Groen und Ganzen eine gewisse immerhin delikate Unabgegriffenheit,
Unmittelbarkeit, Schmelz und natrliche Gefhlsrhythmen zu erhalten gewut.
Ueberdies war sie ein prchtig gebautes Weib, die kstliche Mitte zwischen Lydia
und Hedwig - und das war doch wahrhaftig nicht ihr geringster Vorzug. -
    Adam bltterte in einem Bndel von Papieren und Manuscripten, die er
mechanisch einem Schubfache seines Schreibtisches entnommen hatte. Er zerrte
einige lose Bltter heraus und begann, ohne besondere Absicht, gleichsam nur ein
Opfer seiner Augen, die zufllig keine andere Blickflche fanden, zu lesen:
    Ich bin bewegt, in tiefster Seele bewegt. Noch am spten Abend, da ich
schon frohlockt, da sich das Auge dieses Tages schlieen will - dieses Tages,
der so inhaltslos, so todt, fahl und verkommen vor mir liegt; an dem ich fast
nur gewesen bin - am Ende dieser verlorenen Stunden erbebt und erzittert noch
einmal der Fluthspiegel meiner Seele ... Und sie nimmt willig die Bilder auf,
meine Seele, und gestaltet sie aus, die sich ber ihren Spiegel gebeugt ...
    Ich war in der lrmenden Welt drauen und habe gelebt, wie die Anderen ....
Ich war so gleichgltig, wie sie - oder auch so hingenommen, so beschftigt,
ging so auf, wie sie, in den kleinen Tagesinteressen ... Ich habe wohl
allenthalben ber das Geschaute mancherlei Eigenes und unbestochen Identisches
mir zusammengedacht - aber ich irrte doch planlos und haltlos durch das
Labyrinth der Zeitlichkeit, und wenig Spannung und Berhrung fhlte ich mit den
Wesenskrften, mit dem Grundgranite des Daseins ... Ich hatte mich nicht gehen
lassen wollen - ich war nur noch unfest, schwankend gewesen, und die Stokraft
der Versuchung hatte leichten Kauf mit mir gehabt. Ich war hineingewirbelt
worden ins Treiben. Ich war nicht mehr sehend und selbstndig geblieben. Der
psychologische Vorgang ist ja durchsichtig genug. Aus physischen Bedingungen war
ich nachlssig oder unfhig - und so erfolgte auf die vereinheitlichende
Anspannung die Reaktion mit ihrer zerfasernden Zerstreuung. Das ist's eben, was
mich oft so namenlos traurig stimmt: gegen eingewurzelte Gewohnheiten und
Eigenheiten sind wir im Ganzen machtlos - wir stehen so gut wie waffenlos dem
Hochdrucke ihres Einflusses gegenber. Und der Wechsel von Hoch und Nieder, von
Auf und Ab, ist so naturbedingt! Auch hier triumphirt das Fragment. -
    Aelter werden und mit den Jahren an Kraft und Ruhe und Ma wachsen, heit
weiter nichts, als verzichten, sich beschrnken, halb bewut - halb
gewohnheitsmig, physiologisch-bedingt unbewut. Prahle Keiner mit seiner Ruhe
und Sicherheit. Ob nicht in den Tagen einer ungestmen Ghrung der Blick doch
weiter trgt? Im Spiegel der Ewigkeit schrumpfen die Bilder der Zeitlichkeit
bedenklich zusammen. Das Genie der Jugend bedeutet ein lngeres Senkblei, denn
das Talent des Alters.
    In dem psycho-physiologischen Gesetze von Wirkung und Gegenwirkung und in
dem fortdauernden Einflsse unausrottbarer Wesenswurzeln, von denen Jeder ein
Rudel besitzt, liegen die Grenzen und Hemmnisse, vor denen alles Grere und
Bedeutendere des Lebens zerbrckelt. Zu den unausrottbaren Wesenswurzeln aber
zhle ich den Zug zum Leichtsinn, von dem sich auch in das schwerste Gemth eine
Unze hineingemischt hat. -
    Es ist nicht allzuschwer, alle Aeuerungen des Lebens auf bestimmte einfache
Formeln zurckzufhren. Aber es gehrt ein leichter, glcklicher Sinn dazu, sich
von der Flle der Erscheinungen nicht immer wieder verblffen, nicht immer
wieder entmuthigen und entwaffnen zu lassen.
    Ich besiege ein Objekt, indem ich es fein suberlich durchschaue, erkenne.
Erkennen ist nur Anerkennen - und umgekehrt. Es besiegt mich, dieses Objekt,
indem es auch auf mich weiter wirkt, nachdem ich es mir geistig unterworfen
habe. So bin ich Herr und Sklave zugleich. Das darf mich wurmen und freuen, denn
ich habe doch immer gesiegt, wenn auch gleichsam nur negativ. Aber vielleicht
sind darum die Schmerzen darber, da ich den Einflu nicht nach meinem Ermessen
tilgen kann, nur um so heftigere ...
    Organismus ... System..: Alles gesetzmig Entwickelte,
Zusammengeschlossene, Abgerundete hat grere Lebenskrfte in sich, als das
Verzettelte, Aphoristische. Aber systematische Ordnung und innere Harmonie,
Schnheit organischen Zwanges und natrlicher Einheit sind nicht immer dasselbe.
Lcken werden stets aus dem Wesen aller Dinge heraus nothwendige, gleichsam
wiederum negative Verknpfungsglieder sein. Und ist nicht das erste Wesensmoment
der Harmonie auch gegeben in dem Zusammenstrmen aller Tendenzen nach einem
Mittelpunkte? -
    Und wieder einmal bin ich tief bewegt. Heie, jhe Schmerzen schieen durch
meine Seele, und die Stacheln einer zhen Reue drcken sich tief, tief ein. Soll
ich das Leben anklagen? Soll ich mich schwankendes Rohr anklagen? Am Kleinen,
Kleinlichen und Gemeinen hafteten meine Augen, und ich lie in stiller
Ergebenheit unaufhrlich Tage um Tage jenen dnnen, seinen, grauen Staub auf
mich niederrieseln, den das blde, monotone, im Banne des Augenblicks befangene
Alltagsleben aufscheucht, in gewaltigen Wogen durch die Lfte blst und schiebt
und ber Alles sich ausstreuen lt ... Wenige wehren sich dieses
einschlfernden Staubregens. Ganz lt er sich berhaupt nicht fernhalten. Aber
in manchen Naturen lebt doch der Drang, einmal mit imposanter Zusammenraffung
aller Leidenschaften und Krfte die Kruste von sich zu schtteln, um wieder eine
Weile in einer Sphre verjngter Seelenfreiheit, verjngten Menschenthums athmen
zu knnen. Wieder wird dieser Staub fallen ... da giebts kein Entrinnen - und
unangetastet bleibt Keiner der Sterblichen. Wieder wird er fallen, leise wird er
sich ber die ppig wuchernde, strotzend blhende, mit satter Kraft
empordrngende Willens- und Sehnsuchtslandschaft deiner zrnenden, rebellirenden
Brust breiten - leise wird er sich dichten und hufen und ganz gemach wirst du
wieder eingereiht, lieber Spiegesell und unfreiwilliger Spagesell, in die
Riesenlegion der Alltagskinder, die da sich bcken und schicken und der Sterne
vergessen und aller gewaltigen Wunder im Himmel und auf Erden, deren inbrnstige
Beachtung und zrtliche Betrachtung sie emporrisse aus der Kleinheit und Enge
und inneren Gelhmtheit ihrer Existenz .... Aber auch ich - auch ich lag im
harten Banne des Staubes, und matt schlug mein Herz, langsam kroch mein Blut - -
- - -
    - -langsam kroch mein Blut sprach Adam leise nach und legte die Bltter
apathisch aus der Hand. Das scheint doch fter vorzukommen, fuhr er fort -
auch heute kriecht sotanes Blut wieder verflucht langsam. Es liegt so viel
Staub und Moder in allen Ecken und Winkeln herum ... und zugleich ist mir doch,
als wre meine Bude 'mal ordentlich reine gemacht ... und keine Spur einer
stimmungsvollen Unordnung zurckgeblieben ... Teufel! Warum ist man auch ein so
unleidlicher Individualittsfex geworden! Ich wei ganz genau: ich leide an
versetztem Thatendrang. Ich finde die Sphre nicht, in der allein ich wirken
knnte. Das ist mein tragisches Schicksal. Nun ja! - warum auch nicht? Meine
Augen sind zu sehr auf das Lesen nach innen gestimmt. Sie sind zu wenig zur
Entwickelung der Fhigkeit gekommen, sich der vorberflieenden Erscheinungswelt
in allen Lagen und Graden anzupassen. Mein kleines irdisches Unglck ist, da
ich mich nicht in Beziehung zum Nicht-Ich, zur Auenwelt fasse, sondern dieses
ominse Nicht-Ich immer in Beziehung zu mir. Im Uebrigen bin ich 'n Mensch, der
zwar im Groen und Ganzen wei, was er will, aber es sehr oft sehr langweilig
findet, das zu wollen, was er wei. Zu viel nebelhafte Zknftelei rumort in
meiner Brust herum. Das macht mich der Gegenwart gegenber mde, apathisch,
blasirt. Uebrigens ... wer brgt mir denn dafr, da die Atmosphre, die ich mir
geschaffen, und in der ich mit einer gewissen souvern-aristokratischen Wollust
athme, nicht in letzter Hinsicht einer tiefeingewurzelten, durch Naturanlage
bedingten Scheu vor dem Leben ihr Dasein verdankt? Woher sonst die fter
ausbrechende, krampfhafte Sucht, sich auf das Leben zu strzen, es vampyrwthig
auszusaugen, auszukosten, zu brutalisiren? Und im Genu, der allerdings
merkwrdig genug zuweilen ein sehr behaglicher, zu vollstndigem Selbstvergessen
einlullender sein kann - im Genu doch wiederum so oft auch dieser Ekel und
Abscheu ... oder diese bittere, tiefschmerzliche Freude, da man eben auch zu
genieen versteht, verstehen gelernt hat, wo alle Selbsterfllung nur in
neutraler Entsagung bestehen sollte! Ach! Ewig karambolirt die
individual-sthetische Seite meiner Natur mit der sozial-ethischen. Oder wre es
nicht sozial-ethisch im weitesten, tiefsten Zukunftssinne: ein Bekenner der
absoluten Philosophie, der Philosophie der Erlsung zu sein -? Und als solcher,
ein Glied in der socialen Verbandskette, nach rechts und links ein lobesames
Beispiel zu geben? Anderer Willenspotenzen zu glorreicher Nacheiferung zu
entznden? Und doch! Gerade die Aeuerungen meiner sthetischen Natur sind im
Grunde nicht minder sozial. Ich hatte einmal einen Reformatorentic in mir. Der
ist todt. Wenigstens meerschendheels todt. Nun mchte ich mich gern auf den
naiven Knstler hinausspielen. Ich wre ganz vergngt, wenn das so ginge.
Allerdings ... den Dichter in mir habe ich grndlich erwrgt. Donnerwetter! Da
fllt mir ein: habe ich nicht 'mal ber dieses ulkige Motiv Etwas
zusammengeschmiert? Ich erinnere mich: damals war's mir bitter ernst um die
Sache. Heute - ich mchte das Geschreibsel doch 'mal wieder lesen - hm! -
Stimmung - Stimmung is zwar nich - aber eben:

Ich trufle gern des Wein's goldgelbe Tropfen
In rothe Rosen, die auf Grbern blh'n -

    Holla! Ja! den Wein wird spter Frau Lydia nachliefern - - wo stecken nur
die ominsen confessions d'un pauvre enfant ... enfant ... enfant ... d'un
pauvre enfant de la future -?
    Endlich hatte Adam sie gefunden, diese confessions - und er las -:

                            Selbsttod des Dichters.

    - Diese Stunde, da ich ausathmen will; da ich Alles von mir werfen will,
was mich an eine unzulngliche Welt bindet, an eine Welt voller Gemeinheit und
engster Bedingung - diese groe Stunde schwillt an und wchst und dehnt sich zu
einer Ewigkeit. Noch einmal steigt Alles vor mir auf, was ich gethan und was ich
nicht gethan. Was ich nicht gethan! das ist's! das ist's! Warum habe ich so
Vieles, so unzhlbar Vieles nicht gethan? Warum hatte ich es thun wollen? Es
drngt mich, einen Punkt zu finden, von dem aus ich hellstes, unverflschtes
Licht empfange - der die verworrenen Zickzackwege, die ich im Suchen und
Schaffen gegangen bin, berstammt und harmonisch in sich gliedert. Oh! knnte
ich doch Alles in ein Wort zusammenfassen! Aber dieses eine Wort erinnerte mich,
selbst wenn ich es gefunden htte, nur an eine unendliche Anzahl anderer Worte -
und so wrde es mir als bedingtes Glied in der Kette keinen einzigen, letzten,
groen, absoluten Trost geben. Die Harpyen der nackten Wirklichkeit, der
lebendigen Lebensverlockung, sitzen mir immer noch auf den Fersen. Ja! Und hier
finde ich den Muth und vor Allem, denke ich, das Wort, das mich erklrt und mich
erlst!. Zu Vieles und zu Groes - zu Gewaltiges und schrankenlos
Ueberirdisches, Uebermenschliches hab' ich gewollt und in tausend glorreichen
Visionen und Stimmungen geahnt und gedacht ... Aber da mir die gemeine Welt
mein Fhlen und Nachfhlen und feinstes Hineinfhlen in das Getriebe der Ideen
plump verleiden mute, indem sie mich zu dem Drange des Handwerkers erzog: das
bermenschliche, Unsagbare mit den kargen Elementen, mit den lcherlich
nothdrftigen Werkzeugen, die wir besitzen, festhalten und bannen zu wollen! Oh!
Wie noch in dieser meiner letzten, meiner heiligsten Stunde der Stachel der
Weltreize in meine zusammenschauernde Seele sticht! Fassen das Unfabare! Oh!
Ich hatte eine Furcht vor der Uebermittelung meiner reinsten Seelenkrfte an die
Strmungen freier, urgeborener Ideen! Ich hatte eine Furcht - denn die
Sclavenkette umschlotterte meine Fe, wenn ich in die Bezirke trat, wo die
Freiheit athmete und mit kosmischen Reizen um mich warb. Durchschaut - so bis
auf Kern und Axe hatte ich alles Irdische, alles irdisch Lockende und Blendende,
Betubende und Werbende durchschaut - und doch warf mich immer und immer wieder
der Drang - die Selbsttuschung in die Arme einer brutalen Selbstentfremdung.
Wie habe ich - nun, da ich am Ende stehe, sehe ich Alles doppelt scharf und
doppelt deutlich! - wie habe ich von der ersten Stunde an, da ich die Flgel
meines Geistes zu lften versuchte, mich einengen und umdrngen lassen mssen
von dem gemeinen, landlufigen, kalten, nchternen Regelwerke der Welt! Nun da
ich frei wurde, schiebt die Vergangenheit ihre langen, tastenden Finger nach in
die Gegenwart - in die Zukunft, die ich mir darum vorenthalten will. Ja! Ich
sterbe an der Flle der Snden, zu denen mich die Vergangenheit gezwungen hat. -
Und diese Snden verdunkeln und verqualmen mir die Gegenwart, und ihr schwarzes
Nachtgewlk zieht mir nach in die Bezirke meiner Zukunft - zge mir nach - ich
verspre es an der Schwere meines Athems! - wollte ich mich eben sclavisch an
eine neue Zukunft verkaufen. Aber ich habe es satt, grndlich satt, dieses
Sichhinschleppen an drren, nackten, morschen Spalieren. Ich habe es satt, immer
weiter den Hymnus mitzugrhlen, der das Fragment der bedingten Zeitlichkeit
apotheosirt! Den groen, allmchtigen Ring schlieen! Schlieen! Soll meine
Seele weiter Nichts sein, denn ein Heerd, darauf die Flammen der durchschauten
Unzulnglichkeit tanzen? Soll das der hchste Triumph des bohrenden
Menschengeistes sein, da er in letzter Instanz seine Unzurechnungsfhigkeit,
seine Unzusammenfassungsfhigkeit constatirt? Soll ich immer und immer wieder
auf dem drren, ausgedienten Droschkengaule einer nchternen, verrosteten Logik
an das Rthselwesen der letzten Dinge heranstolpern? Aber erkenne ich denn mehr,
wenn mich das schneeweie Araberro der Intuition an die Schranken herantrgt?
Ist Intuition mehr, als der gleichsam enthymematische Carrireritt einer
berwundenen und darum zwanglos-reflectorisch sich bethtigenden, also in
gewissem Sinne einer wiedergeborenen Logik -? Oh! Mde bin ich der steten
Selbstverblendung und Selbstentfremdung! Ein Tropfen reiner Aethererkenntni -
und ein Ozean gemeiner, bedingter und bedingender Werkeltagstrumereien! Ich
erkenne, da dieses Verhltni ein unwrdiges ist. Und nicht duftet dieser
Wahrheitstropfen fein und s, wie kstliches Rosenl und befeuchtet die Zunge
meines Geistes wie Honigbalsam -: bitter vielmehr mundet er wie Chinin: denn
selbst zu den Gipfeln hinauf tnt das verworrene Gerusch des Marktgetriebes in
den Thlern ... Ich bin ein Wesen, das im Werden tiefste, bitterste Qual - das
nur im Sein Stille und Andacht und Sabbathsgenugthuung findet. Denkend betasten
darf ich wohl die Bundeslade des Seins. Aber nimmer soll ich sie schauen mit den
Augen meiner befriedigten, in sich wahrheitsgesttigten Seele ... Ich habe nicht
Lust, lnger den irdischen Procehansl abzugeben. Das Spiel der Krfte ist wohl
ein frtreffliches Ding - aber manch' Einer findet es abgeschmackt, langweilig,
dieweil es nur seine Arme und seine Beine wnscht, die Himmelsflgel aber seines
Geistes zusammenschrumpfen und sich thatlos entfedern lt. Kleinsein mit dem
Gewrm - und sich behagen am Farbenspiel des Regenbogens mit einem kleinen
Aufblick einer verschchterten, verkmmerten Menschen seele: das ist der Lauf
der Welt. Ich aber habe den Drang und die stolze Sehnsucht, auf den
Brckenstufen dieses Regenbogens zu dem Reiche des ewiglich Unbedingten
emporzuklimmen. Dahin strmen die Wnsche meiner Seele. Und ich ging auf den
Markt, und auf meine Freiheit war ich bedacht, indem ich mit dmonischer
Zrtlichkeit das Bewutsein meines Gegensatzes grosugte. Oh! Ich
Culturbursche! Ich pflckte die Orangen der Snde, wie die Anderen; ich spann
die feinen und groben Fden der Lge wie die Anderen; - und heimisch wurde ich
im Alphabet der Hinterlist und Gemeinheit, wie kein Zweiter. Und es ekelte mich
vor mir und ich ging in die Einsamkeit. Aber nachwirken sprte ich den Giftathem
der Welt - ich war gemnzt - und ich besudelte die keusche Majestt der
Einsamkeit. Ich ward ein tragischer Zwerg. Ich wollte mich ber mich erheben,
indem ich mich vor mir erniedrigte. Aber der Markt der verbogenen, verlogenen
und befangenen Zeitlichkeit hatte schon das Brandmal in meine Schcherseele
gedrckt, das Brandmal, das da verrieth: auch ich habe schon in seinem Solde
gesndigt. Und ein Zweites offenbarte mir die Einsamkeit mit zermalmender
Deutlichkeit: die grenzenlose Unzulnglichkeit meiner Kunst! Sprechen wollte ich
mit feurigen Zungen - und ich stammelte wie ein unmndiges Kind. Erheben wollte
ich mich auf den Flgeln der Morgenrthe - und ich watschelte dahin, wie eine
fluglahme Ente. Selige Ahnungen, Offenbarungstrume schossen durch mein Hirn -
ein taumelnder Drang fluthete empor - und ich krmmte mich ohnmchtig unter der
Befangenheit meiner Aeuerungskrfte. Zu gro fr den Markt und zu klein fr die
Einsamkeit - und doch auch wieder zu gro selbst fr die Einsamkeit, deren
letzte Resultate ich intuitiv vorwegnehme - sie knnte mir schlielich nur eine
Schaale kleinerer Mittelerkenntnisse zusammenhufen! - dort verachtend, hier
verzweifelnd - dort sehend, hier blind - und doch zugleich auch sehend -
nchtern und trunken in Einem: so schliee ich ab, da sich in mir Alles
vollendet und beschlossen hat, was innerhalb dieser engen Bedingnisse sich
vollenden und beschlieen kann. Mit bermenschlichen Ahnungen ausgerstet - im
letzten Lebensmomente noch einmal durchschttelt von den Cyclonen einer Himmel
und Erde durchstrmenden Leidenschaft - - nun stiller schon und klarer - - nun
ganz gelutert - gehe ich dahin, wo ich sein werde, wenn ich nicht mehr bin ...
Noch einmal locken mich die Reize der Natur - aber ich erinnere mich, da ich
schon verlernt habe, mich von ihrer nackten Keuschheit naiv rhren zu lassen -
ich dachte schon zu viel. Noch einmal locken mich Liebe und Schnheit.. Aber ich
erinnere mich, da ich alle Liebeswonne gekostet habe und sie doch - vergessen
konnte - und Weibesschnheit dnkt mich nun so unwerth, so niedrig, so reizlos.
Noch einmal lockt mich des Lebens ganzer Wirrwarr - aber ich erinnere mich, da
mir das Auf und Nieder als solches niemals gengt hat - da ich je und je nach
dem Endsinn gesucht - und da ich ihn nimmer gefunden, fortsuchen wrde - ein
armer rthselgepeinigter Frager und Rufer und Taster. Nein! Nein! Das Schwimmen
hat keinen Sinn, wenn Einer sein Ziel, seine Landungsschwelle nicht wei, nicht
kennt. Ich berlasse es lieber den Klglingen, dieses Schwimmen - den
Klglingen, die das Denken verlernt, und den Dmmlingen, die keines Zieles
bedrfen in ihrer geistigen Armuth. Und nun reden sie noch vom Stolze und dem
Freimuth und der Heiterkeit der Weisen, die Alles erkannt und durchschaut haben
und dennoch leben, weiterleben und weiterschreiten, der Stunde heiter
entgegenharrend, die sie von hinnen ruft. Ich frage Euch, ihr Weisen, was wartet
ihr auf diese Stunde? Wollt ihr dem groen Enteignungsprocesse der Natur nicht
zuvorkommen? Ihr Kleingeister! Wer hat denn die Wahrheit dieses
Enteignungsprocesses gefunden? Eure Erkenntni, welche die Natur berwunden hat.
Und Ihr habt den Zusammenhang erkannt - und wollt Euch dennoch dem klaren
Resultate entziehen? Soll ich das Feigheit nennen oder Selbstverblendung? Oh!
Ihr habt nichts Groes erkannt, wenn Ihr behauptet: Nur im Werden erhelle sich
das Sein. Ich habe eine satte Angst und Bangni um Euch: wenn das Stndlein
ruft, werdet Ihr noch nicht zu Ende sein mit Eurer kleinen Leidenschaft fr das
Werden und Wachsen mit der Natur - sie wird Euch mit der Keule der anagkh aufs
Haupt schlagen, diese letzte, nothwendige Stunde - Ihr aber werdet verdutzt und
verblfft, Ihr werdet unfertig sein - und das Evangelium von der
Naturberwindung durch das Naturbegreifen wird Euch nicht ganz erfllen. Geht!
Ihr seid nicht vom Geschlechte der Starken und Freien - vom Geschlechte der Gott
- und Weltverchter! Ihr seid Schwchlinge, Ihr seid Memmen und Lgner. -
    Ich aber bin stark und frei, weil ich erkannt habe, da ein Jeglicher sein
eigener Richter sein soll - und da ein Jeglicher die groe Pflicht hat, sich
das Todesurtheil zu sprechen, wenn er die Erkenntni empfangen hat! Ich habe
berwunden. Nicht schmerzlos. Aber ich ward wunschlos. -

                                       *
                                      * *

    Adam lehnte sich zurck. Er fhlte sich doch merkwrdig ergriffen. Er
athmete tief auf. Mit herber, schneidender Wucht warf sich der Gegensatz
zwischen dem Einst und dem Jetzt auf ihn. Und nun scho es durch seine Brust wie
ein brennender Strom von Wuth und Scham vor sich. Ja! das waren
Lebensquintessenzen, an sich erfahrene, unwiderlegliche, in tiefstem Grunde alle
Werdenskrfte bercksichtigende Wahrheiten. Und es war ihm einmal so ernst
gewesen um diese Wahrheiten. Sie hatten ihn so ganz erfllt. So ganz. In einer
groen Stunde hatte er sie herausgeschttelt und aufs Papier gefetzt mit dem
glhenden Enthusiasmus des Triumphators, der berwunden hat, der wunschlos
geworden ist. Wunschlos! Wunschlos? Oh nein! Nicht wunschlos. Denn er hatte ja
weitergelebt. Er hatte es ja nach dieser gewaltigen Vereinheitlichung der
Erkenntni doch vermocht, weiterzuleben. Und was heit weiterleben anderes,
als Zeit, Lust, Gelegenheit finden, tausend neue Wnsche zu gebren und nach
ihrer Erfllung zu trachten? Das hatte er gethan. Und es war ihm auch gar nicht
so schwer geworden, das zu thun. Als die Begeisterung der Stunde vorber, als
das Seherauge sich geschlossen, hatte ihn die klammernde Nesselwelt der kleinen
Alltagspflichten wieder eng und compromilstern gestimmt. Das Verrath an sich
zu nennen - nun! ein Schwrmer konnte sich diesen tauben, unfruchtbaren Luxus
wohl gestatten. War er aber ein Schwrmer? War er's geblieben? Kaum. Er war doch
in Vielem recht praktisch, recht positiv geworden. Er hatte doch wieder Gefallen
daran gefunden, tiefinnerste Genugthuung, von rothen Frauenlippen reife Ksse zu
pflcken, Frauenreize mit vollendeter Virtuositt, mit feinster sthetischer
Differenzirtheit zu genieen. Nein! die Psalmen und Dithyramben, die der groe
Lyriker, der Frhling, zu singen wute, sie tnten nicht wirkungslos an ihm
vorber. Er verstand die einfach-ppige, massive Epik des Sommers ... und
schwelgte in den Elegie'n des Herbstes, deren transparente Faschingsbuntheit ihn
entzckte. Mit der Sonne, der vollen, goldenen Sonne, war er nach und nach in
ein ganz leidliches Verhltni gekommen. Er liebte ein gutes Glas Wein, eine
gute, mittelschwere Felix-Brasil-Cigarre, eine gute Virginia-Cigarette. Und ob
auch die brutale Welt der Objecte seiner Epidermis und dem, was dahinterstak,
manchmal recht impertinent mitspielte und zusetzte - Adam hatte sich fast so
Etwas wie Humor und kaustisches Behagen angeschafft. Er studirte sich mit
coquetter Selbstironie und kmmerte sich doch um das Elend der Masse, das sein
weiches Herz zeitweilig mchtig ergriff. Er klgelte pdagogische
Weltbeglckungssysteme aus, trumte von einem europischen Staatenbunde,
studirte tapfer Sociologie, und hielt es der Mhe fr werth, Broschren ber den
deutschen Gymnasiallehrer, dem er herzlich gram war ... er hatte den Kerl eben
gar sehr in der Nhe kennen gelernt ... und ber das Proletariat des Geistes zu
schreiben. Er hielt es der Mhe fr werth, sich immer leidenschaftlicher als
Germanen zu fhlen, die Poesie und historische Gewaltigkeit des deutschen
Kaiserthums zu begreifen ... und den Juden glhender, immer glhender, wilder,
fanatischer zu hassen ... mit unschnem fressendem, persnlichem Hasse. Das
war's: Adam hatte sich eben weiterentwickelt, er war ein natrliches Opfer
seiner Fortentwicklung geworden. Einmal hatte er sich auf den Sternenpolstern
und in den Hngematten des Kosmos herumgerkelt und ausgeflegelt. Einmal war
sein Seelenleben ein breiter, ungetheilter Strom gewesen, in dem sich das ganze
Universum gespiegelt. Da hatte er es leicht gehabt, zu erkennen und zu
durchschauen. Nun hatte sich nach dem natrlichen Gesetze der geistigen
Organspaltung sein Seelenleben differenzirt, und der groe, breite, ungetheilte
Strom seines Inneren hatte sich in unzhlige Flsse und Fllein, Bche und
Rinnsale zersplittert und aufgelst, darin sich nur noch zerbrochene Theile und
Theilchen des Universums spiegeln und wiederfinden konnten. Wo einmal ein
einziges, groes, gesammeltes Interesse geherrscht, das den Tod bedingen mute,
wenn es im rechten Augenblicke verstanden, ausgelst und in die That umgesetzt
wurde, da herrschten jetzt tausend kleinere Sonderinteressen, die das Leben in
sich schlssen. Ja! Er mute leben. Er hatte den Tod versumt. Er war zum Leben
verurtheilt.
    Adam erhob sich. Das Bewutsein, da er nun leben mute, erfllte ihn mit
schneidender Bitterkeit. Oder -? Aber nein! Jetzt war der Selbstmord, der
Selbsttod, kein Resultat mehr, kein entscheidender Gewinn - nur noch ein
Zufall, vielleicht gelegentlich die Folge einer zuflligen Nervenberreizung.
Das war recht hausbacken und hatte so gar nichts Imposantes.
    Adam trat ans Fenster, ffnete weit die Flgel und lehnte sich ber die
Brstung. Weich und geschmeidig, einschmeichelnd strich die Frhlingsluft. Leise
begann es zu dmmern. Da unten auf der Strae warf das Leben ... dieses Leben,
das es so unbertrefflich versteht, sich bei den Creaturen der Erde als
intimster Hausfreund einzuquartiren ... noch groe, breite, prunkende Blasen.
    Und Adam beschlo, sich von diesem Leben da unten auf der Strae, zu welchem
er verurtheilt war ... ja nun einmal unwiderruflich verurtheilt war, auf
andere, gescheitere Gedanken bringen zu lassen.
    Lost paradise knurrte er vor sich hin, als er die Treppen hinunterschritt.
Er wollte auch Abendbrot essen. Und nachher natrlich - nicht zu Hedwig gehen. -

                                     XVII.


Am anderen Morgen erhielt Adam einen Brief von Hedwig. Irmers Mdchen hatte ihn
schon sehr frh in seiner Wohnung abgegeben. Hedwig schrieb:
    Lieber Adam! Warum bist Du heute Abend nicht gekommen, wie Du versprochen
hattest? Ich habe Dich so sehnschtig erwartet. Bis gegen Zehn. Nun ist es fast
Elf. Ich bin ganz allein, Papa ist schon zu Bett - ich kann nicht anders: ich
mu Dir noch schreiben. Es ist mir so schwer, so schwer ums Herz. Bitte komme
morgen frh bestimmt. Ach Adam! Ich habe ja nur Dich noch - und wenn Du mich
verlt, wre es mein Tod. Aber nein! - nicht wahr? - Du bleibst Deiner Hedwig
gut? Papa ist sehr unglcklich. Das htten wir doch nicht thun sollen. Er hat
mich freundlich aufgenommen, er weinte, als ich kam, und hat mir gar keine
Vorwrfe gemacht. Er hat aber den ganzen Nachmittag fast kein Wort weiter
gesprochen. Nur einen Brief hat er mir gezeigt, der heute frh angekommen war.
Es ist zu schrecklich. Mir will das Herz brechen, wenn ich daran denke, was fr
Schreckliches uns bevorsteht. Ich bin immer noch zu aufgeregt, um Dir Alles in
klarem Zusammenhange mittheilen zu knnen. Vor Papa habe ich alle meine innere
Angst verbergen mssen, um ihn nicht noch trauriger zu machen. Papa hat nmlich
einmal - es ist schon mehrere Jahre her - fr einen guten Bekannten, einen
Ingenieur, der krnklich war und auf den Rath seines Arztes ein Bad besuchen
sollte, aber keine eigenen Mittel dazu besa, fr den hat Papa eine Brgschaft
von 1000 Mark geleistet, die sich Ferdinand, so hie der Ingenieur, von einem
ihm bekannten Bankier geliehen hatte. Papa war damals noch Universittslehrer in
der Schweiz und uns ging es ganz gut. Ferdinand - ach! Adam - es wird mir so
schwer, Dir das zu schreiben, aber Du mut es doch einmal erfahren, war mein
Verlobter und ist der Vater meines Kindes, das bald nach seiner Geburt starb.
Verdamme mich nicht, Geliebter. Ich habe gefehlt, aber ich habe hart ben
mssen dafr. Ich kann Dir jetzt nicht die ganze Tragdie schreiben. Ich bin zu
aufgeregt dazu. Ferdinand war damals im Bade. Dann kam der Bruch, der
unvermeidlich war. Ich will Dir das Alles mndlich noch mittheilen, wenn Du es
wissen willst. Spter, bald nach meiner Niederkunft, sind wir hierher
bergesiedelt. Die Verhltnisse zwangen uns dazu. Papa war nicht beliebt bei
seinen Collegen, hatte keine Protektion und wurde nicht befrdert. Und dann kam
mein Fehltritt hinzu. Nun erhielt Papa heute Morgen einen Brief von jenem
Bankier, der schrieb, da Herr Pfeiffer, eben mein damaliger Brutigam, nach
langem Siechthum krzlich am Lungenschlage gestorben wre, aber ohne da er in
den vier Jahren, die seitdem verflossen wren, seine Schuld zurckgezahlt htte.
Er htte immer Geduld und Nachsicht mit dem Kranken gehabt, nun mte er sich
aber an den Brgen halten, was ihm wohl Keiner verdenken knnte. Aber wo soll
Papa das Geld hernehmen? Wir leben hauptschlich nur von dem, was er und ich
verdienen. Unsere Verhltnisse sind, wie Du weit, sehr beschrnkt. Ich mute
Dir das mittheilen, damit Du weit, woran Du bist. Es bleibt uns nichts weiter
brig, wenn der Herr auf sein Recht besteht, als unsere paar Sachen zu
verkaufen. Es ist zu schrecklich. Was soll dann aus uns werden? Auch Du kannst
uns wohl nicht helfen, lieber Adam. Ich bin zu unglcklich und wei nicht, wie
das drohende neue Unglck abgewendet werden soll. Aber nun gute Nacht,
Geliebter. Behalte lieb Deine arme Hedwig.
    Nachschrift. Papa ist auch sehr unglcklich, ganz gebrochen, er spricht fast
gar nicht und brtet nur immer vor sich hin. Wenn er sich nur kein Leid anthut.
Das ertrge ich nicht. Bitte komm morgen bestimmt, lieber Adam.
    Adam faltete den Brief, der ihn kaum aufgeregt hatte, zusammen, steckte ihn
ruhig wieder in sein Couvert zurck und warf ihn in einen halboffenstehenden
Kasten seines Schreibschrankes Dann ging er nachdenklich in seinem Zimmer auf
und ab.
    Das war ja klar: Das Geld mute geschafft werden. Diese lumpigen tausend
Mark! So'n dummer, windiger Fetzen! Was? Wie mancher blaubltige Jngling mochte
wohl seiner Mtresse ein monatliches - - Unsinn! - monatliches - ein
halbmonatliches, womglich wchentliches Nadelgeld von tausend Mark leisten!
Und an dieser pauvren Summe, an dieser tristen Bagatelle sollte die Existenz
einer Familie zerschellen - eben daran, da sie nicht aufzubringen war? Nee! So
'was Lcherliches lebte nicht noch 'nmal! Uebrigens - das war also die ... die
sogenannte Vergangenheit dieser Dame? Wie harmlos! Sie hatte sich mit einem
Ingenieur eingelassen - und die Sache hatte sich auf dem seit Adam, dem
Paradiesler, nicht mehr ungewhnlichen Wege zu der blichen Fortsetzung
verstiegen - det war Allens. Iroartig!
    Wo lag da nur die Pointe? Das war so grenzenlos alltglich, eine
langweilige, hebeammenhafte Spukgeschichte ohne weiteren Spiritus. Um
Gotteswillen! Einzelheiten - um keinen Preis der Welt! damit sollte sie ihn nur
verschonen! Nachher hatte sie sich dann ihm hingegeben - und er war auf sie auch
regelrecht reingefallen - d.h. hatte sich regelrecht mit ihr verlobt - hatte
ihr regelrecht die sogenannte Ehe versprochen - und - und - - - aber war denn
diese kleine, unscheinbare Hedwig wirklich etwas Anderes, als die frtreffliche
Emmy, die aus der Sache allerdings so etwas wie ein Geschft machte, aber doch
immerhin Liebe und Lust zu ihrem Berufe besa? Doch - das war ja vorlufig
alles Nebensache. Es kam zunchst nur darauf an, die paar Groschen in die Bude
zu schaffen. Aber wie? An wen sollte er sich wenden? fragte sich Adam. Bekannte,
die eines solchen Opfers fhig gewesen wren, besa er nicht. Zu seinen
Verwandten engerer und weiterer Kategorie hatte er auch so gut wie gar keine
Beziehungen mehr. Ha! Etwa Lydia? Nun! dieser Dame war es ja schlielich ein
Leichtes, war es ja ein Kinderspiel, das Geld aufzubringen. Aber -: sich bei
Frau Lange darum bemhen - sie schriftlich oder womglich gar mndlich darum zu
bitten - ging das an? Er htte doch die ganze Situation correct
auseinandersetzen mssen und konnte unmglich seine Beziehungen zu Hedwig
verschweigen dabei - diese Beziehungen eben, die er ja um jeden Preis abbrechen
wollte. Das war des Pudels Kern. Eine merkwrdige Wandlung ging zugleich in Adam
vor. Er bekam pltzlich einen ganz gehrigen Respect vor dem Gelde und seiner
Macht. Und als Gemahl Lydias - ei! da hatte er ja Wnschelruthe und Waffe
zugleich in der Hand. Hm! In seinem sentimentalen, idealistischen Dusel htte er
es schlielich gar noch fertig gebracht, sich mit Hedwig auf einen gemeinsamen
Guerrillakrieg um die Brocken und Brosamen des klebrigen Kleinlebens
einzulassen. Es war ganz gut - und in gewissem Sinne zugleich auch sehr
tiefsinnig und symbolisch - da durch sie selbst ein Moment in die Affre
eingefhrt wurde, das ihn stutzig machte, das im Stande war, ihn auf seine
wahren Vortheile hinzuweisen. Die lagen aber wahrhaftig nicht in einer Ehe mit
... eben mit einer Dame von Vergangenheit. Fr diesen Adel mute er sich
bedanken, wenn er sein Glck im Auge haben und seine Zukunft bedenken wollte.
Uebrigens - die Idee war gar nicht so bel, war im Gegentheile ganz famos: er
verschaffte Irmers das Geld und - kaufte sich damit los. Natrlich! So lie sich
die Geschichte dengeln - und Jeder machte seinen Profit dabei. Zudem waren ja
auch noch tiefere psychische Grnde vorhanden, aus welchen eine Ehe mit Hedwig
ein Experiment sehr problematischen Charakters war. Ergo! Warum sollten denn
diese tieferen psychischen Grnde nicht auch mitzusprechen haben? Man hatte
sie einmal ein Bissel ignorirt - eh bien! einmal darf man sich das schon
erlauben. Aber um so deutlicher nur fhlt und begreift man hinterher, da jene
Grnde berechtigt sind und bercksichtigt werden mssen, wenn man keine
unfreiwilligen Karrikaturen in die Welt setzen will.
    Also er - Adam - besorgte die Loskaufungssilberlinge. So viel stand fest. Es
war nur die Frage: wie? Ja! Wie -?
    Aber eigentlich war es ja doch am Bequemsten, sich an Frau Lange zu wenden.
Am Bequemsten? Das allerdings gerade nicht. Allein was blieb ihm denn weiter
brig, als dieses Experiment zu machen, wenn er von der Leimruthe, auf der er
vorlufig wirklich verflucht festsa, berhaupt herunterwollte -? Doch nein! Das
war doch Unsinn. Hatte er Frau Lange gegenber denn nur ein Fnkchen von Recht
zu dieser Bitte? Und dann -: wollte er seine Beziehungen zu Hedwig nicht
aufdecken, mute er es sich gefallen lassen, da Lydia annahm, selbst wenn er
uerlich noch so glaubwrdige Ausflchte versuchte -: er selber sei der
eigentlich Bedrftige - und in diesem Lichte durfte er unter keiner Bedingung
vor ihr stehen, am Allerwenigsten, wenn er an seinen Hoffnungen, sie noch einmal
als seine - nun! eben als seine Gattin zu sehen, festhielt - was ja in seiner
Absicht lag. Wie also aus der schweinemig impertinenten Zwickmhle
herauskommen? Es war wieder 'nmal rein zum Verzweifeln. Donner und Doria! Jetzt
ging Adam ein Talglicht auf. Er wollte doch - jawohl! und jetzt stand's
unwiderruflich fest - er wollte doch die gndige Frau um die Lumperei anrempeln.
Er wollte ein Mrchen von einer Arbeiterfamilie, die am Abgrunde ihres socialen
Verderbens stnde - die ein Opfer unglcklichster Verhltnisse geworden wre
- und zweifellos zu Grunde ginge, wenn sich im letzten Augenblicke nicht noch
ein Menschenfreund ihrer annhme - also ein derartiges pikantes Mrchen wollte
er erfinden - er konnte von seinem Talente zum Komdianten die exakte
Durchfhrung der Rolle ruhig erwarten - und vor Lydia als freiwilliger Advokat
der Armuth auftreten -: erstens wrde, calculirte der Herr Doctor, die Thatsache
der Noth als solche ihr weiches Herz rhren und sie zum Herausrcken der Summe
bewegen - und tausend Mark waren wirklich nicht zu viel: es galt ja die Existenz
einer ganzen Familie neu zu begrnden! - und dann mute er doch, wenn er sich so
als Anwalt des socialen Elends vor ihr gerirte, damit entschieden Eindruck auf
sie machen - das war klar. Ergo - los denn! 'rin ins Verjniegen! -
    Einen Augenblick dachte Adam noch an Herrn Quck. Aber nein! Dieser Mensch,
der also mit der Couponscheere auf die Welt gekommen war, besa kein Verstndni
fr das Unglck Anderer. Wohl mglich, da Herr Quck ihm, Adam, aus
persnlicher Gewogenheit die Summe lieh - aber der brave Mann blieb trotzdem der
Herr Vetter von der Frau Lydia - und wer wei! - - es ist jedenfalls immer
besser, immer praktischer und in der Regel auch bequemer, mit dem Egoismus und
den ordinrsten Lebensinstinkten seiner Nchsten lieber etwas zu viel, als zu
wenig zu rechnen. Ohne Andeutungen Frau Lange gegenber wrde es bei Herrn Quck
doch nicht abgehen. Andeutungen jedoch - na! was da unter Umstnden fr ein
edler Brei herauskommen kann, wenn man sotane Andeutungen sich selber berlt
-: Adam hatte das etzliche Male auf sehr kitzliche Art erfahren mssen in seinem
Leben und an seiner hchsteigenen Person dazu. Also Vorsicht! Eines Tages,
darauf mute er sich gefat machen, fand er sonst seinen Weg zu Lydia in einen
rechtschaffenen Nesselacker verwandelt - und fr die Posaunenengel seiner
Hoffnungen und Erwartungen konnte er dann nur getrost ein halbes Dutzend
tchtiger, dauerhafter Srge bestellen, die auf den Lute-Apparat fr den Fall
eines Scheintodes aus bestem Wissen und Gewissen verzichten durften ... Das
Mrchen vom kaltgewordenen Ofen, vom zerbrochenen Uhrweiser, von den
abgespielten Skatkarten ... Die Pointe blieb halt berall dieselbe.
    Nun - dann also auf zum Tournier mit Lydia! Noch einmal schrak Adam auf das
Heftigste zurck. Er glaubte sein zhes Festhalten an dem Gedanken, da gerade
er das Geld fr Irmers zu beschaffen htte, schon als ide fixe ansehen zu
mssen. Eigentlich ging ihn das Alles ja gar Nichts an. Was mischte er sich da
in fremder Leute Angelegenheiten -? Warum war er nur so erpicht darauf, sich die
Finger zu verbrennen -? Und doch! Es rumorte wirklich schon zu toll in ihm herum
- es wucherte in ihm und wuchtete sich auf ihn, es fra sich immer fester bei
ihm ein -: er mute vor Lydia - und eben gerade vor Lydia - ein so delikates
Motiv wie das vorliegende es war, - Geldgeschichten sind ja immer delikat! -
endlich einmal aufs Tapet bringen -: das ging ohnedem gar nicht mehr ab, das war
nun schon zur innersten Nothwendigkeit geworden. Im erotischen und im pekuniren
Problem -: in beiden hanget ja das ganze Gesetz, und die p.p. ehrenwerthen
Herren Propheten hangen dazu in diesem erhabenen Dualismus ... Und
schlielich: kam bei seinem Dukatenspeech mit Donna Lydia etwas Positives
wirklich nicht heraus -: zu einer psychologischen Studie pikantester Natur wrde
die Scene am Ende doch auswachsen ... und an psychologischen Studien kann ein
junger Mann, der's Leben erst noch kennen lernen will, gar nicht genug machen.
Psychologische Studien sind bekanntlich furchtbar lehrreich. Und so'n feudaler
Kerl, wie Adam Mensch also einer war - na! in dieser Beziehung gab es auch fr
ihn noch Manches zu probieren. Adam Mensch war in der Wurzel seines Wesens sehr
bescheiden. Er hielt ziemlich Wenig von sich, zuckte oft in ehrbarster
Geringschtzung die Achseln ber sich. Aber darum dachte er zeitweilig eben nur
um so geringer von den Anderen. Hatte er etwa kein Recht dazu? -

                                     XVIII.


Kurz nach drei Uhr, also nicht zu der blichen Besuchsstunde, lie sich Adam bei
Frau Lange melden. -
    Es war ihm whrend des Essens und besonders whrend einer kurzen Promenade
durch den Stadtpark, den er von seinen Spaziergngen mit Emmy her sehr lieb
gewonnen hatte, unertrglich klar geworden, da das Verlobungsproject mit Lydia
eine wahnsinnig groteske Ungeheuerlichkeit bedeutete - eine Ungeheuerlichkeit,
die sich vielleicht heraufbeschwren, vielleicht sogar unmittelbar in Scene
setzen lie, die aber herauszufordern er heute nicht die mindeste Stimmung und
nicht den mindesten Muth besa. Dagegen fhlte er den Muth in sich, wenigstens
momentan, dagegen reizte es ihn wirklich immer mehr, Frau Lange direkt zu
bitten, ihm die lumpigen tausend Mark zu leihen. Das war doch in der That - Adam
sagte es sich immer wieder - so etwas wie eine social-psychologische Studie, so
etwas wie ein social-ethisches Experiment. Er trat eben als Anwalt der Armuth
auf und klopfte an die Pforten des Reichthums mit der Bitte um Hlfe - mit
dieser Bitte, zu welchen die bedrngte Armuth eine heilige Berechtigung, eine
heilige Verpflichtung besitzt. Auf eine mehr oder weniger interessante,
jedenfalls nicht ganz alltgliche und nicht ganz pointenlose Scene durfte sich
Adam berdies gefat machen. Ah! Lydia wrde zuerst verblfft sein. Und dann?
Das war eben die Frage. Doch diese Frage mute ja sofort ihre Beantwortung
finden.
    Adam wurde in das Cabinet Frau Lange's gefhrt. Er mchte einen Augenblick
verzeihen, die gndige Frau kme sogleich, bedeutete ihm das Mdchen und
verschwand wieder.
    Adam sah sich um. Da stand er also wieder einmal auf der Wahlstatt, auf der
er neulich so bedeutungsvolle Stunden durchlebt hatte. Aber heute - wie war
heute Alles so glanzlos und nchtern! Dabei berall ein Ton der Unordnung, ein
Accent der Verkramtheit. Jene einschmeichelnde, anheimelnde Demi-jour-Stimmung,
die ihn neulich so unwiderstehlich bestrickt hatte, und die er noch so klar in
der Erinnerung bewahrte, war nicht mehr mit dem dnnsten Haarstrichlein
angedeutet. Und doch stiegen ihm wie leichte Schaumblschen allerlei
Erinnerungen auf. Er dachte daran, da damals in dem Fauteuil dort Lydia
gesessen ... da er, ganz im Joche seiner emporgeschumten Stimmung, vor ihr
gekniet, ihr schluchzend seine Liebe zugestammelt - da er - - aber das war ja
Alles glcklich vorber, die Augenblicksextase dnkte ihn jetzt unbegreiflich
und ber alle Begriffe abgeschmackt - die gndige Frau wollte ja auch abreisen -
er wrde also vorlufig keine Gelegenheit wieder bekommen, diese Rume zu
betreten ... und allen sentimentalen Erinnerungsanwandlungen wurde damit Gott
sei Dank! jedwede neue Nahrung entzogen.
    Endlich trat Lydia ein. Sie sah ein ganz klein Wenig derangirt aus, ihr
Gesicht war ungleich gerthet, wie das eines Menschen, der sich fter und
andauernd gebckt hat. Ihre freundlichen Zge schienen Adam etwas gemacht und
gezwungen.
    Verzeihen Sie, Herr Doctor, da ich Sie so lange warten lie - aber ich bin
eben dabei zu packen - morgen frh will ich endlich auffliegen - meine Abreise
hat sich schon um einige Tage verzgert - aber bitte, nehmen Sie wieder Platz -
ich freue mich doch, Sie noch einmal bei mir zu sehen ... Wie geht es Ihnen -?
    Ich bitte um Verzeihung, gndige Frau, da ich zu so ungelegener Stunde -
aber ich wute auch nicht, da - - ich will mich auch nicht lange aufhalten -
nur - -
    Bitte, bitte, Herr Doctor! . Sie wissen ja, Sie sind mir immer willkommen
... Uebrigens, wenn Sie das trstet: ich - ich erwartete eigentlich Ihren Besuch
- ich nahm ihn als selbstverstndlich an, nachdem Sie mir das letzte Mal, wo wir
uns sahen - -
    Ja! Ich versprach Ihnen zu kommen, gndige Frau - Sie sehen: ich habe mein
Wort gehalten, wenn auch - -
    Wenn auch -?
    Adam schwieg eine kleine Weile und fuhr sich mit der Hand ber die Stirn. Er
war da in ein zweideutiges Fahrwasser gerathen. So ging das Spiel nicht weiter.
Er trieb einem Ziele zu, das ihn jetzt nicht im Geringsten reizte. Oder doch?
Dnkte ihn diese Frau noch immer begehrenswerth? Sie schien auf etwas
anzuspielen, das zwischen ihnen einmal mehr oder weniger deutlich zur Sprache
gekommen war. Vielleicht legte sie der ganzen Geschichte doch mehr Werth und
Bedeutung bei. Vielleicht war sie doch tiefer engagirt. Nun! das konnte ihm ja
nur schmeichelhaft sein. Und augenblicklich war es ihm gewi auch nur gnstig,
wenn diese Dame, die ihm einen Dienst leisten sollte, strkere Sympathien fr
ihn hegte.
    Adam wurde ganz ruhig und sicher. Mit klarer Stimme begann er: Ich bin
gekommen, gndige Frau, Sie um eine Geflligkeit zu bitten -
    Und die wre -? fragte Lydia, neugierig und erstaunt zugleich. So redet
doch kein Mann, der um eine Frau ... um eine Frau, die er ... die er - liebt - -
-
    Nun wollten die Worte dem Herrn Doctor doch nicht so glatt ber die Lippen
schlpfen. Er zauderte, er hustete verlegen, er athmete kurz, gepret, eine
Reihe von Wendungen und Fassungen schwirrte ihm durch den Kopf, er prfte sie
mechanisch, indem er sie sich leise objectivirte, er konnte sich nicht
entscheiden, er war nicht im Stande, die prgnanteste Fassung herauszufinden.
Schlielich stotterte er halblaut, nur einige Silben durch eine unnatrliche
Betonung scharf heraushebend: Es ist mir doch peinlich, gndige Frau - ich wei
nicht, wie Sie meine Bitte auffassen werden - -
    Schieen Sie doch nur los, Herr Doctor - wir werden ja sehen - wenn ich
irgend im Stande bin - -
    Adam erinnerte sich pltzlich, da er im Namen der Armuth um die Hlfe des
Reichthums werben sollte, da er dazu eine heilige Berechtigung bese - er
wute, da nur das tiefeingewurzelte Bewutsein von dem Egoismus, der
Engherzigkeit und Kleinlichkeit der Menschen, mit denen er allenthalben, sein
ganzes Leben hindurch, hatte rechnen mssen, ihn auch hier muthlos und verlegen
gemacht - aber es kam ja schlielich nur auf den Versuch an, es handelte sich ja
schlielich nur um ein social-ethisches Experiment, um eine psychologische
Studie, um Nichts, um gar Nichts weiter - und er gewann bei nahe den khlen
Ernst, die souverne Sicherheit des Forschers wieder.
    Sie ermuthigen mich, gndige Frau - also denn ohne Umschweife herausgesagt
-: ich brauche tausend Mark - knnen Sie - knnen Sie mir die Kleinigkeit leihen
-?
    Auf diese sehr materielle Wendung des Gesprchs war Lydia allerdings nicht
gefat gewesen. Feinere Naturen fhlen sich durch eine brutale, noch dazu
unvorbereitete Berhrung von Geldfragen immer compromittirt. Da aus einer
etwaigen Verbindung zwischen ihr und Adam, der, wie sie wute, so etwas wie ein
armer Teufel war, letzterem allerlei sehr reale, sehr realistische Vortheile
erwachsen wrden: daran hatte sie natrlich schon gedacht - und der Gedanke
hatte sie auch nicht weiter genirt, er hatte ihr im Gegentheil eine gewisse
Befriedigung und einen gewissen Stolz eingeflt. Im Uebrigen war sie zu eitel,
um nicht zu glauben, da sie selbst ihres Besitzes und ihrer Stellung in der
Gesellschaft entkleidet, Werth und starke Anziehungskraft genug fr Adam bese.
Das waren Prmissen, ber welche man getrost schweigen, die man getrost
unerrtert lassen konnte, denn sie waren eben allzu selbstverstndlich.
    Und nun rckte Adam pltzlich unvermuthet mit einem Motive heraus, das an
greller Betonung des Materiellen nichts zu wnschen brig lie.
    Lydia war sehr betroffen. Was sollte sie erwidern? Mechanisch schlo sie,
da Adam sich jedenfalls in einer sehr prekren Situation befand. Er hatte gewi
Schulden contrahirt, die bezahlt sein wollten, er hatte Verpflichtungen
bernommen, die er einlsen mute. Und er wandte sich an sie, weil er
anderweitig - - ja! - mein Gott! - standen ihm denn keine anderen Wege offen,
besa er keine anderen Mittel - oder waren alle Quellen schon erschpft -? War
sie seine letzte Hoffnung -?
    Mitleid, starkes, verstehendes Mitleid quoll in ihr auf. Und doch hatte sie
zugleich das Gefhl, als wre sie von etwas unangenehm Klebrigem, Schmutzigem
berhrt worden. Die Lage des Herrn Doctor war sicher beraus prosaisch. Und
Lydia versprte einen kleinen Hang zur Romantik in sich. Das pate so gar nicht
zusammen, ihr Hang und nackte Bedrfnihaftigkeit Adams.
    Sie setzen mich in Erstaunen, Herr Doctor - sagte sie endlich, unsicher
und stockend - ich hatte nicht erwartet, da - -
    Das war allerdings vorauszusetzen, gndige Frau - verzeihen Sie, bitte noch
einmal, meine Khnheit, doch die Noth - -
    Geht es Ihnen so schlecht -? unterbrach Lydia, jetzt von ehrlichster,
schnell ausbrechender, aufs Helfen gestimmter Theilnahme ergriffen.
    Mir -? Mir -? Ah so! . Hm! Verstehe schon bemerkte Adam mit feinem,
ironischem Lcheln - Sie haben mich nicht ausreden lassen, gndige Frau - Ihr
gutes Herz ging mit Ihnen durch - also ich wollte ... wollte nicht von meiner
Noth, sondern von der Nothwendigkeit sprechen, die mich zwingt - -
    Ist das nicht dasselbe? fragte Lydia, ein Wenig pikirt ...
    Pardon! Ich glaube kaum ... die Sache ist nmlich auerdem noch die, da
ich das Geld nicht fr mich brauche, sondern - -
    Ah! ... Aber fr wen dann, wenn ich fragen darf -?
    Lassen Sie das, bitte, mein Geheimni bleiben, gndige Frau -
    Wie Sie wollen, Herr Doctor ... doch mu ich Ihnen nun bemerken, da damit
die Sache auch aufgehrt hat, mich zu interessiren. Ihnen - Ihnen persnlich
htte ich vielleicht - ja! sicher geholfen, denn Sie sind - sind mir - - doch
das - das gehrt nicht hierher - - fr Menschen dagegen, die mir vollkommen
fremd und unbekannt sind, habe ich kein so starkes Interesse, da ich fr sie
Opfer bringen knnte ... Meine ehrliche Meinung, Herr Doctor -!
    Lydia hatte sich von dem Stuhle, auf dem sie seit dem Beginn des Gesprchs
gesessen, erhoben und war an ihren Schreibtisch getreten. Sie stand da, den Kopf
ein Wenig geneigt, die volle, elegante Bste prachtvoll zum Ausdruck gebracht.
Sie hatte ein kleines, glsernes Lineal ergriffen, mit welchem sie auf einem
Briefbeschwerer herumtrommelte.
    So -! sagte Adam kalt und herb und erhob sich ebenfalls. Gndige Frau
scheinen allerdings sehr merkwrdige moralische Prinzipien zu haben -
    Wieso -? Lydia schnellte herum und hielt Adam mit groen, funkelnden Augen
fest.
    Wieso -? Na! mein Gott, das ist doch einleuchtend! Wenn Sie so subjektiv,
so willkrlich sind in der Ausbung Ihrer Menschenpflicht, so mchte ich beinahe
glauben - verzeihen Sie gtigst meine Keckheit! - da Sie berhaupt gar nicht
wissen, was eigentlich - -
    Herr Doctor -!
    Gndige Frau -?
    Sie scheinen gewisse ... unartige Gewohnheiten nicht loswerden zu knnen
... Schon damals - Sie werden sich erinnern - -
    In Adam scho es in die Hhe. Es kreite und ghrte und quoll in ihm, er
wute, da sie heranzog, da sie kam, vor der er sich nicht retten, der er nicht
entrinnen konnte, wenn sie die Arme nach ihm ausstreckte, sie zerrte immer
heftiger an ihm, die heie, erstickende Wuth, sie zog das Blut aus seinem
Gesicht, er wurde bleich, seine Glieder flogen, er zitterte am ganzen Leibe, er
mute sich an den Tisch klammern, um sich aufrecht zu erhalten, er klammerte
sich immer fester, er wute: - wenn er loslie - wenn er loslie, wrde ihn der
Katarakt seiner Wuth auf dieses Weib peitschen, wrde er sich auf dieses Weib,
das ihn beleidigt, das ihn mit seiner vagen, erbrmlichen Andeutung, seinem
kleinlichen Vorwurf zu Tode gekrnkt hatte - er wrde sich auf diese Creatur -
was war sie denn ihm gegenber? was denn? - strzen mssen, um sie zu - ja! zu
erwrgen - und davor - o Gott! davor bebte er instinktiv doch zurck - nein!
nein! nicht nachgeben! nicht nachgeben - nicht das letzte Restchen halbklarer
Besinnung fahren lassen - -
    Lydia hatte die Vernderung, die mit Adam vorgegangen war, unter heftigem
Erschrecken wahrgenommen. Sie war zusammengezuckt, war vom Schreibtisch nher
ans Fenster getreten, sie frchtete sich, sie berlegte, ob sie nicht schellen,
ob sie nicht Hlfe herbeirufen sollte - hatte sie denn noch einen
Zurechnungsfhigen vor sich -? Einen Menschen, der bei Besinnung war -? War das
nicht das Delirium der Wuth, des Jhzorns, der sein Opfer packt und zerfleischt
-? Und sie war eine wehrlose Frau - - aber der Scandal - -
    - Sind Sie unwohl geworden, Herr Doctor -? sickerte es jetzt mhsam ber
ihre Lippen -
    Adam fate sich. Er lie sich langsam vom Tisch los, dmpfte seinen
keuchenden Athem, trat nher an Lydia heran, die unwillkrlich immer weiter nach
dem Fenster zu zurckwich, legte die wie festgeschraubte Schienen
aneinandergekrampften Arme ber die Brust - -
    - Unwohl wre ich, glaubst Du, Weib? stie er heiser heraus - ei! Und wie
unwohl! Aber ich sage Dir: - das ist eine ganz verdammte Lge, die nur ein
Schurke zusammenkneten kann! Mir ist so wohl, so dmonisch sauwohl, sage ich
Dir, Weib, wie mir in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen ist! Aber Du - Du -
Du sollst zittern! Warte nur! Ha! Es ist zum Andiedeckespringen! Zum Todtlachen!
Zum - zum - - Du wagst es, mich zu beleidigen - Du spielst Deine kleine,
egoistische Seele gegen mich aus - Du wagst es, mir mit Deinen abgestandenen
Phrasen von Anstand und Gutem Ton zu kommen, wo ich Dich um Erfllung Deiner
allerordinrsten Menschenpflicht angehe - wo ich als Anwalt der Armuth vor Dir
stehe, der Du mit Deinem verfluchten Mammon helfen sollst - ha! da kehrst Du die
feine Dame 'raus - und verbittest Dir ein Benehmen - ein Benehmen - - zum
Teufel! Warte nur! Es werden schon eines Tages Andere kommen, die anders mit Dir
reden, die eine andere Sprache im Munde fhren - warte nur, Weib! Und sie werden
Dich nicht so sanft anfassen, mein Tubchen - Du wirst Deine zarten Ohren schon
an die drhnende Musik gewhnen mssen, die ihre ungeschlachten Stimmen und ihre
zerschmetternden, groben Fuste machen! Warte nur! Sie werden sich schon mit
Deinem Prunk ihre Blen decken, sie werden Deinen Plunder schon zerschlagen,
ihre Frostgeschwre und ihren Hungertyphus damit auszucuriren - warten Sie nur,
meine Gndige! Das wird ein netter Hexensabbath werden, sage ich Ihnen - ein
Hexensabbath, da es eine Art hat! - und alle Ihre egoistische Willkr - Ihre
sthetischen Geschmacksfexereien werden zum Teufel gehen - - und ich werde bei
dem Rummel mit beisein, ich, gndige Frau, ich - verlassen Sie sich drauf! - ich
werde die Lumpen und Vagabunden - die ganze losgelassene Volksfurie in Ihren
Lgentempel hetzen - warten Sie nur -! es wird sich Alles schon machen - das
soll ein Gaudium werden - na! wir werden Euch Eure brutale Selbstsucht schon aus
den Gedrmen 'rausklopfen - Ihr sollt Anderes zu denken bekommen, Ihr
verwahrlostes Champagnergesindel! Eure ruchlosen Lebensspielereien werden wir
Euch grndlich abgewhnen - aber ganz grndlich! - Und ich danke Ihnen, gndige
Frau, fr diese Stunde - ich danke Ihnen - ich wei jetzt ganz genau, sage ich
Ihnen - jetzt endlich ganz genau, wo meine Pflicht liegt und wo mein Platz ist!
Leben Sie wohl! Wir haben uns noch nicht das letzte Mal gesehen - -
    Immer nher war Adam an Lydia herangerckt, bis sich die beiden dicht
gegenberstanden. Nun kehrte er sich mit einem harten Rucke ab und ging nach der
Tiefe des Zimmers zu, der Thre entgegen.
    Lydia fuhr auf, fuhr auf wie aus einem schweren, schwlen Traum gestoen.
Sie strich sich mit der linken Hand ber Augen und Stirn - ja! hatte sie denn
wirklich getrumt? War das ein Spuk gewesen, oder doch nackte, klare
Wirklichkeit? War denn das ihr Zimmer? Doch wohl. Aber - nein! das konnte ja
nicht sein. Das Alles war nur eine wste Phantasie - dieser Mensch sollte es
gewagt haben - -?
    Widerstandslos hatte sie die Fluth der Drohungen und Anklagen, die aus dem
Munde des zrnenden Mannes da vor ihr herausscho, ber sich hingehen lassen.
Wie gelhmt, gebndigt war sie gewesen, fest in sich verhakt und
zusammengezwungen. Er hatte sie berwltigt. Jetzt fhlte sie eine schneidende
Zwiespltigkeit in sich, es zerrte krampfhaft an ihr herum. Aber wer war denn
dieser Mensch? Derselbe, der sich vor ihr immer nur als interessanter, blasirter
Schwchling aufgespielt? Und nun diese jh ausgebrochene Leidenschaft! Oder war
das um Verzweiflung - blutende Verzweiflung an sich, an der Welt gewesen? Sie
wute nicht ein noch aus Sie emprte sich gegen die Vergewaltigung, die ihr
widerfahren war, - und doch schauerte sie wie in brennender Wollust zusammen,
denn sie hatte den, den sie liebte, zum ersten Male hoch ber sich gefhlt, sie
sah nun zu ihm auf - nein -! sie konnte ihn nicht gehen lassen - und doch! Ach!
Es war eine zu groe Zwiespltigkeit in ihr. Und jetzt - - jetzt -
    Adam hatte die Thr ausgerissen -
    Herr Doctor -! schrie ihm Lydia nach, einige Schritte vortretend -
    Der Angerufene blieb doch unwillkrlich stehen und drehte sich langsam in
halber Wendung um.
    Gestatten Sie, bitte, noch einen Augenblick - nur ein Wort noch - begann
Lydia tief aufathmend. Sie reckte sich in die Hhe, die ganze Figur straffte
sich, wohl war sie ein Wenig bleich, sie wollte jetzt erst recht bewute
Weltdame sein.
    Was soll's? polterte Adam erbost. Ich dchte, ich wre fertig mit Ihnen
-
    Aber ich noch nicht mit Ihnen, Herr Doctor! Ich habe Ihre - nun! Ihre -
Declamation hingenommen, ohne ein Wort der Erwiderung -
    Declamation -? ohne Erwiderung? - ich sage Ihnen, gndige Frau: das war
auch das Gescheiteste, was Sie thun konnten - unterbrach Adam mit grobem,
ungeschlachtem Sarkasmus -
    Nun - darber liee sich am Ende noch streiten-
    Wre verdammt berflssig! Aber ich mag nicht mehr -
    Bitte! Nur noch einen Augenblick! Und werden Sie nicht von Neuem
beleidigend, mein Herr! Sie werden zugeben, da ich im Rechte gewesen wre, wenn
ich Ihnen schon nach Ihren ersten Worten vorhin die Thre gewiesen htte -
    Warum haben Sie's nicht gethan -? Dann htte ich mir meine Lungenstrapaze
eben erspart -
    Es ist gut, da Sie die Geschichte jetzt auch etwas weniger pathetisch -
schon etwas nchterner auffassen - Lungengymnastik - -
    Gndige Frau -!
    Na ja! Thatsache ist jedenfalls, da ich mit riesiger Geduld - -
    Wenn Sie mir nichts Wichtigeres zu sagen haben - um das Zeug anzuhren - -
    Herr Doctor -! Nun dann gleich meine Frage! Sie wollen mich doch nicht
glauben machen, da - - Sie werden doch selbst so viel Psychologe sein, um sich
sagen zu knnen: ich mte ja ein Geschpf von einer Beschrnktheit ohne
Gleichen sein, wenn -
    Aber nun kommen Sie doch endlich mit der Pointe - ich wei absolut nicht,
worauf das Alles hinauslaufen soll - ich habe keine Zeit, um - -
    Sie sind - Lydia war sehr ruhig und khl geworden - hier als Armenanwalt
vor mir aufgetreten - bitte, sagen Sie mir: welche direkten Grnde haben Sie
dazu veranlat - -?
    Welche direkten Grnde? Nun, ich denke, ich htte Ihnen das sattsam
vorgerechnet -: meine moralischen Anschauungen - meine ethischen Principien - -
    Hm! . Und Sie tuschen sich wirklich nicht selbst, Herr Doctor -? Was hat
Sie auf einmal so in den Harnisch gebracht, wo Sie doch, so viel ich mich
wenigstens erinnern kann, frher - -
    Jawohl! Frher! - Kommen Sie nur so! Das sieht Ihnen hnlich! 'N Weib! Nun
ja! Aber ich bin eben Gott sei Dank! ein And'rer geworden - ich - ich bin - -
Adam war doch etwas unsicher, kleinlaut, betreten geworden. Lydia merkte diese
zarte Nuance sehr fein heraus. Sie wurde khner. Und jetzt zuckte eine
Vermuthung in ihr auf, kurz, jh, schieend und so unmittelbar, da sie fast
unverknpft, selbstndig erschien, aber darum nur um so nachdrcklicher zwang,
um so mehr und um so schneller berzeugte.
    Ich werde Ihnen sagen, Herr Doctor, wem Sie mit dem Gelde helfen wollen -
und damit sind dann auch die bewuten direkten Grnde blogelegt - -
    Nun -? fragte Adam, halb ehrlich-neugierig, halb verlegen, jedenfalls sehr
peinlich berhrt, so etwas wie geheimes Schuldbewutsein in der Brust.
    Sie wollen das Geld fr - fr - Irmers haben -?
    Nun -? Und wenn das der Fall wre - - antwortete Adam berlaut, mit
affektirtem Trotz -
    Sie - Sie lieben Hedwig Irmer -? Lydia hatte doch sehr leise gesprochen.
    Aha! Jetzt spielen Sie das Gesprch auf ein Gebiet hinber, gndige Frau,
das Ihnen allerdings angenehmer sein mchte, als die Distel- und Nesselfelder,
die ich Ihnen - na! - - ich sage ja - nee! zu kstlich! zu kstlich -! Uebrigens
'n bekannter Weiberkniff - -
    Bitte! Beantworten Sie meine Frage -
    Liegt Ihnen wirklich so viel daran, gndige Frau -? Nun denn: Wenn das auch
der Fall wre - wenn ich Hedwig Irmer - liebte - was wre dann? Was hat das
damit zu thun, da - -
    Was dann wre, Herr Doctor -? Hm -! Dann wren Sie nicht nur mit mir
fertig, wie Sie sich vorhin auszudrcken beliebten - dann wre ich allerdings
auch mit Ihnen fertig - -
    Lydia stand hinter der Lehne eines Fauteuils, an welcher sie sich jetzt mit
ihren kleinen, vollen Hnden fest anhielt. Die ganze Gestalt war in sich
zusammengesunken, wie von einem tiefen, seelischen Schmerze berwltigt.
    Sie auch mit mir - sprach Adam leise nach und fuhr sich mit der linken
Hand ber die Stirn.
    Und eine jhe, gewaltige Wandlung erfate ihn. Wie ein Ri klaffte es durch
die Dnste und Nebel, in die er sich hineinphantasirt hatte. Dieses Weib da
liebte ihn - und er - er liebte in diesem Augenblicke auch das Weib, er liebte
es hei, leidenschaftlich, bis zum Wahnsinn, bis zur Verzweiflung. Das Andere,
was er da vorhin zu ihr gesprochen hatte - das war ja Alles nur Einbildung,
Humbug, elender Mumpitz gewesen, tristes Phrasengequatsche, fadenscheiniges
Blendwerk. Er ein socialer Vergeltungsfanatiker? Es war zum Lachen, zum
Todtlachen. Er liebte die Schnheit und den Glanz, die heitere Vornehmheit und
die geschmackvolle Pracht, den verstndnivoll arrangirten Luxus, die
bestechende Form und den zwanglos, elegant gesammelten Inhalt. Und jetzt bot
sich ihm zum letzten Male dieses Glck an, dieses Glck, das seinem Wesen und
seiner Gestalt nach ihm einzig congenial war. Er sollte die Hand, die sich ihm
lockend entgegenstreckte, zurckweisen, weil es eine Armuth gab, die darbte, ein
Elend, das litt, eine Noth, die nach Rache schrie? Was ging ihn diese Armuth an?
Was dieses Elend? Was diese Noth, die nach Rache schrie? Was diese
problematische Rache? Nichts, Nichts, Nichts. Hier ein Weib, das ihn liebte,
hier Schnheit und Flle, Unabhngigkeit und Sorglosigkeit, hier alle
Instrumente zur Erzeugung feiner Stimmungen, alle Waffen fr Erwerbung groer
Gensse und Erlebnisse - dort ein Haufen Lumpen, Schmutz, Unrath in brutaler,
nackter Nchternheit, stinkende Fulni, Dunst, Moder, Schwei, Staub, Dreck - -
und er zweifelte noch, was er whlen sollte? Er zauderte noch? Und alle Wunden,
die ihm das kleine, enge, allenthalben hemmende Leben, dem er sich je und je
hatte unterwerfen mssen, geschlagen und die nur ein galgenhumoristischer
Leichtsinn nothdrftig hatte vernarben lassen ... sie brachen wieder auf und
bluteten in erneuter Frische. Aller Demthigungen, Zugestndnisse und
Kapitulationen, die er hatte auf sich nehmen mssen, und die er weiter und
weiter wrde auf sich nehmen mssen, wenn er die uere Niedrigkeit seines
Lebens nicht abschttelte und von sich warf, gedachte er, und es ergriff ihn ein
ungestmes Grauen vor ihnen und ein zehrendes, bohrendes Mitleid mit sich
selber. Die Bataillone der Zukunft - mochten sie ruhig weitermarschiren, nher
und nher heran - noch war ihre Stunde nicht gekommen, noch standen sie nicht
auf dem Kampfplatze, bereit zu vergelten, zu strzen und neu zu grnden - und
unterweilen lie sich noch eine Spanne Zeit gewinnen, da man glcklich sein
durfte im Schooe der Schnheit und Leidenschaft - und einen Traum trumen
durfte in irdischer Trunkenheit, wohl einen flchtigen und vergnglichen, aber
auch hinreiend schnen und unvergelichen Traum. Nachher das Erwachen - was
ging ihn das jetzt an? Jetzt? Nichts, nichts, nichts - -
    Adam schritt langsam auf Lydia zu ... und als er dicht hinter ihr stand,
sprach er mit leiser, gepreter, heiser vibrierender Stimme: Verzeih' mir,
Lydia - ich - ich war von Sinnen vorhin - ich wute nicht - - ach! Du weit
nicht, wie unglcklich ich bin - -
    Und Lydia sah zu ihm auf, feucht schimmerte es in ihren Augen - Ja! Du mut
sehr unglcklich sein, Adam - sagte sie ebenso leise ... Dann wischte sie sich
mit ihrem zarten, weien Battisttaschentuch die Thrnen aus den Augen, legte
ihre kleinen, vollen Hnde auf Adams Schultern und sah ihm fest, klar ins
Gesicht und sprach: Ich will Dich gesund und glcklich machen, Adam. Du sollst
nicht mehr suchen, Du sollst gefunden haben. Ich wei, Du liebst Hedwig Irmer
nicht. Das hast Du vorhin nur so gesagt, um - - ich aber liebe Dich, Adam -
bleibe bei mir. Willst Du - ja? - willst Du -?
    Lydia -!
    Sie kte ihn auf den Mund, sehr scheu, verschmt und hastig. Aber jetzt
geh' - sprach sie nun - ich reise morgen frh gegen Elf ab - komm nach dem
Bahnhof, wenn Du kannst - ja? Wir sehen uns bald wieder -
    Adam wandte sich langsam ab. Seine Glieder waren ihm sehr schwer, er wollte
gehen.
    Ach ja! Das Geld! rief ihn Lydia noch einmal zurck. Er hatte die delikate
Angelegenheit allerdings ganz vergessen mssen. Es steht Dir natrlich zur
Verfgung - sofort, wenn Du willst. Geh bitte zu meinem Banquier, Behrendt &amp;
Comp., Adalbertstr. 12 - warte! ich schreibe ihm gleich 'n paar Worte -
    Wie gebrochen schwankte Adam eine kleine Frist spter zum Zimmer hinaus. -
Hatte er das bessere Theil erwhlet? - - -
    Endlich bog er in die Strae ein, wo das Comptoir von Behrendt &amp; Comp.
lag. Langsam war er aus seinem Taumel, seiner einschnrenden Hingenommenheit und
Befangenheit wieder zu sich zurckgekommen, war er wieder nchterner und
einfacher, klarer geworden. Die Kritik erwachte und die kritische
Entscheidungsfhigkeit, aber nur erst in eckigen, unbeholfenen Sprngen, in
vagen, unsicheren Andeutungen. Adam stapfte mit verbogenen Schritten vorwrts,
er nickte fter vor sich hin, warf den Kopf mit nervsem Accent nach rechts,
nach links, und malte mit den Hnden allerlei geheimnivoll-unverstndliche
Figuren in die Luft. Er wute: es hatte sich ihm da etwas Unerwartetes ereignet,
sein Leben war scharfen Ruckes um eine Ecke geschossen und in eine andere, ganz
andere Richtung eingelaufen. Aber er trug Scheu, sich in das Neue, das ihm
zugefallen war, zu vertiefen, er constatirte es nur, halb widerwillig, halb
erfreut darber und auf seine Fortsetzung gespannt. Zumeist trieb es ihn, den
nchsten, zunchstliegenden Vortheil aus dem ihm widerfahrenen Glcke zu ziehen.
Er hatte ja Irmers helfen wollen. Dieser Gedanke hatte die tiefste Furche in
seinem Gehirn gegraben. Es zog und zerrte an ihm, wie aus einer unergrndlichen
Tiefe seiner Seele zu ihm sprechend und ihn lenkend. Also erst 'mal bei dem Esel
von Banquier auschwirren und das Geld erheben. Das ging sehr glatt, beinahe zu
glatt fr Adams Gefhl. Dem Herrn Doctor wre eine kleine, reelle Abwechslung
sehr willkommen gewesen.
    Adam rannte sporenstreichs nach dem nchsten Postamte, schrieb vier
Anweisungen und zahlte die tausend Mark an die Adresse Hedwig Irmers ein. Er
konnte das Geld gar nicht schnell genug loswerden. Nun athmete er auf. Das war
der Kaufpreis. Da lag er. Der Postbeamte strich die dreiig Silberlinge
gleichgltig ein. Er war frei. Tausend Mark - das war auch immerhin eine ganz
anstndige Summe als Abschlagszahlung auf - nun! eben auf gewisse etwaige
Alimente ....
    Adam stand wieder auf der Strae. Er wute nicht, was er mit sich anfangen
sollte. Nach Hause gehen mochte er nicht. Ein heftiger Ekel vor seiner Wohnung
ergriff ihn. In dieser hin- und hervibrirenden, zerklfteten Stimmung konnte er
ja doch nicht arbeiten. Er war nicht fhig, sich zu sammeln. Er wute, wenn er
zu Hause se, in der Einsamkeit seines Zimmers, wrde seine Unrast noch wachsen
und wachsen. Die Enge, die Stille wrden ihn erdrcken. Immer nur wrde an ihm
zerren, wrde in ihm whlen, was er tagber erlebt ... zerren, whlen in
schneidender Eintnigkeit, mit symmetrischem, unertrglichem, schauderhaft
correctem Despotismus. Aber wie sollte er seine Unrast auslsen? Eine leise
Sehnsucht nach etwas Neuem, Unerlebtem, Abenteuerlichem durchzitterte seine
Brust. Er htte sich so gern vergessen machen lassen, er suchte Betubung, und
war's auch gemeine, geschmacklose Betubung.
    Es war zwischen sieben und acht Uhr. In den Straen lag dunstige Wrme,
beklemmende Stickluft, heie, brasige Stimmung. Der Himmel war unrein,
unreinlich, abstoend zerquirlt und verzettelt, hier ein Ballen schmutziggrauer
Wolken mit matter oder dunkler gefrbten Rndern, die von tdtlicher Langweile
zu triefen schienen, dort eine Spanne Wolkenlosigkeit von der blaugrnen
Bleifarbe des Nelkenkrautes. Allenthalben breite, auf- und niederfluthende
Menschenstrme, behagliches Schlendern und gleichsam geltes Hinschieen.
Hunderte von entlassenen Arbeitssclaven, die aus ihren Slen und Hhlen kamen
und eine karge Stunde der Freiheit genieen wollten. Aus dem Innern steinerner
Thorwege und Hansfluren, aus geffneten Kellerfenstern quoll feuchte, kalte
Luft.
    Adam lie sich von der Masse mit forttreiben. Es war ihm gleichgltig wohin.
Es war ihm schon recht so. Er hatte kein Ziel: das Schwimmen mit dem Strome kam
ihm heute auerordentlich gelegen. Es dnkte ihn auch so passend zu der
gesammten Verfassung seiner Verhltnisse, der schnurrigen Beschaffenheit seiner
Lebenssituation, so, wie sie heute von einer schnen Frau eingerenkt und
bestimmt war. Es galt, sich bei Zeiten daran zu gewhnen, da man einen festen
Punkt gewonnen hatte, von dem aus man sich dem realen, lebendigen Leben einfgen
und einordnen sollte.
    Jetzt versprte Adam einen zaghaft zupfenden Hunger in sich. Und auch die
Neigung zu einem guten, schweren Glase Bier streckte verstohlen ihre kleinen,
warmen, mahnenden, bittenden Fingerchen aus. Aber wohin sollte er gehen? Die
Lokale, die er gewhnlich besuchte, waren ihm momentan ber Alles verhat. Er
konnte es nicht ber sich gewinnen, eins oder das andere aufzusuchen. Jetzt nur
keine bekannten Rume, die, gegenstndliche Erinnerungskeime, von irgend welchen
Erlebnissen zu erzhlen wuten! Und jetzt nur keine bekannten Gesichter! Es aber
mit einer Bierwirthschaft aufzunehmen, die ihm noch fremd war, davon hielt ihn
eine starke, unerklrliche Scheu zurck, vielleicht ein Mitrauen gegen neue
Objecte, denen er sich bei seiner nervsen Zerfahrenheit und geistigen
Ungleichmigkeit zur Zeit nicht gewachsen fhlte. Er mute ber sich lcheln,
konnte sich aber nicht zwingen, aus seiner lcherlichen Unentschlossenheit
herauszugehen. So trollte er weiter. Und jetzt bog er pltzlich in eine Thr
ein, die zu einem Lokale fhrte, in dem er frher fter verkehrt hatte. Er wute
nicht, wie er so jh und unvermittelt dazu kam, hier einzutreten. Er schttelte
den Kopf und ffnete mechanisch die Thr. Nun stand er im Zimmer und suchte nach
einem Platze.
    Es war ein Restaurant ziemlich untergeordneten Ranges. Im Winter gab es
Tingeltangel hier, und Adam war einige Male mit Bekannten hier 'reingefallen, um
sich den geschmacklosen, stumpfsinnigen Ulk anzusehen.
    Im vorderen Theile des Raumes lag noch Abendhelle, spinnendes, merkwrdig
keusches Zwielicht. Hinten in der Nhe des Buffets brannte schon eine trbe,
gelangweilte Gasflamme. Sie schien sich ziemlich anachronistisch vorzukommen.
    An den rohen, mit beleidigender Bestimmtheit aneinandergestellten Tischen
saen ein paar Gste. Gesprochen wurde nicht viel. Ab und zu klapperte ein
Bierseidel. Die Athmosphre war warm, schweidunstig, dazu der impertinent
scharfe Gestank von schlechten Cigarren.
    Adam setzte sich an den ersten besten Tisch in der Mitte des Zimmers. Aus
dem Hintergrunde, aus der Nachbarschaft des Buffets, kam eine Kellnerin auf ihn
zu.
    Sie wnschen -? fragte sie mrrisch, abstoend.
    Ein Bairisch und 'was zu essen -
    Ein belegtes Brtchen, Frankfurter Wrstchen, Aal in Gele oder -? -
    Bringen Sie mir 'n belegtes Brtchen -
    Mit Wurst, Schinken, Kse -?
    Ach Gott, das ist gleichgltig ... also meinetwegen mit Kse, Schweizerkse
- es ist ja ganz egal - - nur 'n Bissel hurtig, mein Frulein - -
    Die Kellnerin begngte sich, eine verchtliche Kopfbewegung zu machen und
ging ab. Jetzt stellte sie das Bier vor Adam hin und zndete eine zweite
Gasflamme an.
    Adam schrg gegenber, am Nebentische, sa ein junger Kerl, der darauf zu
brennen schien, sich mit dem neuen Ankmmling in ein Gesprch einzulassen. Er
war augenscheinlich nicht mehr ganz nchtern. Seine Hnde zitterten, wenn er
nach dem Glase griff, er fuhr unruhig auf seinem Stuhle hin und her und
tolpatschte unbeholfen an seinem Cigarrenstummel herum, den er schon ganz
zerkaut und zerdrckt hatte.
    Ick bin Sie man nmlich heute nur in absentia hier ... lallte er jetzt zu
Adam hinber - eigentlich bin ick sozusagen von Hause aus, wissen Se, gelernter
Klempner, aber Sie mssen doch zugeben, wenn Unsereener mit Bismarcken oben ...
na! wie heet nur das Nest ... ja! in Stralsund Theolojie studirt hat - -
    Greifswald wollen Sie wohl sagen - bemerkte Adam lchelnd und nahm sein
Ksebrtchen in Empfang, das ihm eben die Kellnerin mit brutaler Nachlssigkeit
hinschob.
    Ein klein Wenig hflicher drftest Du auch sein, mein Kind - das knnte
wahrhaftig nichts schaden - -
    Das zur Ordnung gerufene Frulein warf ihrem Kritiker nur einen finsteren,
drohenden Blick zu und setzte sich an den Nebentisch. Sie sagte kein Wort.
    Wat meenen Se? . Greifs ... Greifswald? Mir solls Recht sin ... hhh ...
ick bin ja heute, mssen Se wissen, nur in absentia hier - und wenn Eener mit
Bismarcken Theolojie studirt hat, kann er ooch wohl cen kleenet Wrtchen
mitreden in de Weltgeschichte, verstehen Se mich! ... Habe ich etwa nicht Recht
-? ...
    Na! und wie haben Sie Recht, mein Bester! Ich bin nmlich auch blo in
absentia hier - wir sind ja Alle nur in absentia auf der Welt - -
    Na! Ick habe doch also Recht! . Sage ick denn det nich -? .
    Meinetwegen! Aber jetzt lassen Sie mich geflligst mit Ihrem Quatsch
zufrieden, lieber Mitmensch - ja -?
    Der brave Klempnergeselle war sehr verschchtert. Er sah Adam gro,
erschrocken an, setzte dann ein bldes Verlegenheitslcheln, das ironisch und
pfiffig sein sollte, auf seine hlichen, scharfen Zge, die gelblichgrau und
runzlig waren wie rauhe Elephantenhaut, und tastete unsicher nach seinem Glase.
    Und ick bin man doch blo in absentia hier ... det sage ick und dabei
bleibe ick - murmelte er in seinem Kauderwlsch von reinem Schriftdeutsch und
Berliner Dialect vor sich hin ...
    Bringen Sie mir noch 'n Glas! commandirte Adam nach einer Weile, whrend
der er sein frugales Brtchen und den ersten Krug des ziemlich warmen und
abgestandenen Bieres bewltigt hatte.
    Jetzt setzte sich die Kellnerin mit an seinen Tisch. Sie sah ihn mit ihren
kalten, dunklen Augen fest an.
    Was habe ich Ihnen nur gethan, mein Frulein -? fragte Adam, dem diese
energische Musterung unangenehm, unbequem war.
    Das Mdchen schttelte ein ganz klein Wenig den Kopf und fixirte Adam ruhig
weiter.
    Wollen Sie die Blume trinken -?
    Ich danke -
    Jetzt spielte Adam den Beleidigten. Er sah das kleine, knurrige Weib
herausfordernd an. Dabei bemerkte er, da die Donna kein uninteressantes Gesicht
hatte. Die Zge waren nur etwas scharf, herb, zu nuancirt gefaltet, die Haut
zerrissen und pors, als ob sie frher stark geschminkt worden wre.
    Neue Gste kamen. Handwerker mit den breitspurigen Gerchen ihrer
Werksttten, Arbeiter: gebckt, gekrmmt, nachlssig, schleppend und
schwerfllig im Gang, unreinlich, abgeschunden, zerrissen, ruig, allenthalben
mit Fabriksspuren und Arbeitsnarben best, in den Gesichtern Gleichgltigkeit,
Stumpfsinn, oft auch zehrenden Gram, der sich in den Physiognomie'n seinen
bestimmten Ausdruck geschaffen, hier und da Spuren einstiger Intelligenz, aber
stark verwischt und verkmmert. Ab und zu erschien wohl auch Einer, der nach
Kleidung und Benehmen einer besseren Gesellschaftsklasse angehrte. Das
Sprechen wurde lauter, schriller, die Stimmen vermischten und verwirrten sich.
Jetzt brannten alle Gasflammen, das letzte Streifchen, das letzte Pnktchen
mden, graublauen Abendlichts war aufgezehrt. Man hatte in den Eingeweiden der
Huser keine Zeit, auf das vllige Hinsterben des Tages zu warten. Der konnte
sich drauen auf der Strae, wo die breiten, schwarzen Schatten lagen, auf dem
Felde, im Walde mit der siegenden Finsterni abfinden. Hier lechzte das Leben
nach neuen Krystallen. Verblutende lt man allein. Auch das Licht, das
verblutet. Und so bleibt es keusch und makellos. -
    Hinter dem Busset war der Wirth erschienen. Die Kellnerin lief auf und ab.
Sie behandelte die Gste schroff, herb. Das gefiel Adam. Er lie sie nicht aus
den Augen. Sie mute das fhlen. Oefter, mit jhem, unvermitteltem Rucke, sah
sie sich nach ihm um. Er fing ihren Blick lchelnd, ironisch, wie in halber,
kopfnickender Genugthuung lchelnd, auf. Sie zuckte zurck ... und sah doch
wieder zu ihm hinber. Wohl streng und finster ... und doch dnkte es Adam
zuweilen, als lge ein heies, namenlos heies und brnstiges Flehen in diesem
Blick - eine erschtternde Bitte um Hlfe ... Rettung ... Erlsung .... So blieb
er sitzen ... und trank - ihr zu Gefallen. Sie interessirte ihn jetzt. Wieder
Eine ... wieder Eine ... wieder Eine ... Aber es war nun einmal so. Und er
konnte sich des geheimnivoll zwingenden, immer wachsenden Eindruckes nicht
erwehren. Und er trank weiter - ihr zu Gefallen. Sie sah ihn so eigenthmlich
an, wenn sie ein frisches Glas Bier vor ihm hinstellte. Und jetzt waren gerade
alle Gste versorgt, und sie hatte einen freien Augenblick. Sie wandte sich
langsam nach Adam um. Der winkte ihr mit den Augen. Sie trat zu ihm hin und
beugte sich zu ihm nieder. Gesicht lag neben Gesicht, Adam hrte ihr heftiges,
hastiges Athmen. Wie heit Du -? raunte er ihr leise zu.
    Leni. Bleib' noch 'n Bichen hier - ich mu Dir nachher 'was sagen - -
    Und er blieb und blieb und trank und trank weiter - ihr zu Gefallen. Er
fhlte, wie das schaale, abgestandene Zeug Gewalt ber ihn gewann, wie seine
Gedanken krzer, eckiger, springender wurden, seine Bewegungen schwerer,
ungelenker ... er starrte fter vor sich hin, secunden-, minutenlang, das
Sprechen und Schreien und Klappern um ihn herum rann zusammen zu einem schweren,
dumpfen, summenden Gerusch, jetzt war es ihm pltzlich einmal, als ob er sich
einen Augenblick vorher ganz vergessen hatte, er hatte eine Secunde lang nicht
existirt, er hatte stumpf vor sich hingebrtet und war doch zugleich ganz
ausgelscht gewesen, nun rollte er sich wieder auf und gliederte sich, straffte
sich ... und da zngelte Leni's Blick wieder zu ihm herber ... und bat ihn ...
und fragte ihn ... und flehte ihn an ... und sie kam zu ihm, berhrte leise sein
Haar, liebkoste ihn ... und bog seinen Kopf zu sich in die Hhe und schaute in
seine Augen mit ihren kalten, dunklen, menschenanklagenden Augen. Und er blieb
und blieb und trank und trank weiter: dieses warme, abgestandene, zhschleimige
Gesff weiter - ihr zu Gefallen, ihr zu Liebe -
    Nun lief das Lokal mit all' dem zechenden, schreienden Menschengesindel, was
sich da zufllig in ihm zusammengefunden hatte, um Adam im Kreise herum. Das war
fatal. Er hatte die bewute Contenance verloren. Nur eine Prise frischer Luft
konnte hier mildern.
    Der Angezechte hatte eine gewisse Furcht vor dem Aufstehen. Immer wieder
sank er in sich zusammen und blieb sitzen. Endlich, ohne da er es noch einmal
bewut gewollt hatte, schnellte er mit einem verbogenen Rucke in die Hhe und
tastete schwerfllig-ungelenk nach seinem Hute. Die Kellnerin kam auf ihn
zugelaufen.
    Was habe ich -? fragte Adam mit schwerer, unsicherer Zunge.
    Du willst schon gehen -? Warum denn -?
    Mir ist nicht wohl ... Das ist auch 'n Dunst - 'ne Luft - 'n Gestank - hier
- nicht zum Aushalten! . Also wie viel Bier? . Und ... und ... das ... das Brt
- chen -?
    Leni rechnete mrrisch zusammen. Sie hatte wieder ihr erstes, abweisendes,
verchtlich achselzuckendes Benehmen angenommen. Adam warf das Geld auf den
Tisch. Das Weib war ihm jetzt verflucht gleichgltig. Nur 'raus aus dieser
entsetzlichen Bude! Er hatte keine Zeit, den Beichtvater zu spielen ... oder
verpflichtende Zrtlichkeiten sich abschmeicheln zu lassen.
    Adieu! Ich komm morgen wieder -
    Ach Du! Geh' nur! Du bist ooch nicht anders -
    Du wirst ja sehen, da ich Wort halte - -
    Meinetwegen brauchst Du nich zu kommen -
    Nu denn nich, meine Theure! Adieu!
    An der Thr sah sich Adam noch einmal um. Das war ein graues, widerlich
verqualmtes, schwerfllig hin- und herschaukelndes Bild, was er da vor sich
hatte. Leni war verschwunden, wie hinweggenommen, verschluckt. Nein! doch nicht.
Da hinten am Buffet flirrte ihre rothe Taille in falbem, verhangenem Scheine.
Und jetzt kam das matte Flmmchen wieder nher und wurde grer, krperlicher.
Adam stie die Thr auf.
    Die Luft auf der Gasse war nicht viel frischer. Oefter lief ein kleiner,
khlerer, sanft athmender Wind vorber, der Adam wohl that. Er wurde bald
ruhiger, sicherer, klarer. In den Lften schwamm noch die letzte, die
allerletzte, fast farblose Erinnerung an das weie Licht des Tages. Bald kam der
Mond herauf. Mit einer leisen, discreten Helle berhufte er zaghaft den Himmel.
Einige Tropfen fielen, bald hrte der Regen wieder auf. Adam stapfte weiter und
lie sich alle Stimmungserscheinungen der anbrechenden, schwlen Sommernacht
gefallen.
    Die Straen waren leerer geworden, das Leben stiller, heimlicher,
verhaltener. Adam ward es ganz sonderbar zu Sinn. Er kam sich so grenzenlos
allein, vereinsamt vor, wie ausgesetzt, wie ausgestoen. Er empfand Mitleid mit
sich in dieser groen Einsamkeit. Sein Weg ging durch kleine, enge Straen und
Gassen. Selten begegnete ihm ein Mensch, ein unbekannter, aus den Schatten des
Abends auftauchender Mensch, ein Einzelner, vielleicht auch ein Vereinzelter,
oder Zwei oder Drei. Vor einer Thr, unter einem Fenster, stand wohl auch hier
und da ein Prchen und flsterte. Adam zog vorber. Manchmal wunderte er sich im
Stillen ber das, an dem er vorberzog, wunderte sich ber die warme,
geschmeidige Sommernacht, ber dies und das aus der Welt und dem Menschenleben,
was ihm gerade als schrferer Gedanke, in schrferem Bilde zufiel und aufging,
wunderte sich langsam ber die bunten Erlebnisse seiner letzten Tage. Er
wunderte sich mit der intimen und tolpatschigen Naivett des Kindes. Er lchelte
verstohlen vor sich hin und that sehr geheimnivoll. Er war sehr glcklich.
    Nun trieb er durch eine breitere, hellere, belebtere Strae. Und wieder kam
das Gefhl grenzenloser Vereinsamtheit ber ihn, jetzt noch strker,
bezwingender, noch mehr niederwuchtend und einschnrend. Oefter war es ihm, als
mte er einen Schrei ausstoen, einen kurzen, harten Schrei ... einen dunklen,
verlorenen Ruf durch die Nacht, einen Ruf der Sehnsucht ... einen Schrei
brennender Herzensverzweiflung. Unter den Menschen, die da ihm entgegenkamen,
die da an ihm vorbergingen, mute doch so Mancher sein, der ihn verstehen
wrde, wenn er ihm seine Brust ffnete, der sich zu ihm gesellen, der mit ihm
weitergehen wrde, wenn er seine Sehnsucht und sein heimliches Weh erfahren. Oh!
Wenn er riefe - gewi! sie wrden kommen, froh, da sie Einen und Andere
gefunden, die ihresgleichen wren. Aber er ging weiter, in sich versunken, der
Ruf erstickte und erstarb in seinem Munde, er schrie nicht, er hatte nicht den
Muth dazu.
    Der Mond war durchgebrochen. Mit seiner goldgelben, massiven, durch ihre
scharfe Plastik und Umrissenheit geradezu aufdringlichen Flle stand er in einem
See flimmernden, stahlblauen Aethers. Ihm zu Hupten und zu Fen, an seinen
Flanken hatten sich vielgestaltige, ungefge Wolkengruppen hingelagert, mchtige
Wlste und Kmme, Schichten, mit sich emporstrubendem oder herabfaserndem,
braungelb beleuchtetem Gestreif. Stetig wechselte das Bild, die Formen
verschwammen in einander und schoben sich zusammen, gewaltige Thierleiber
wuchsen heraus, Drachengestalten und Krokodile mit klaffenden Rachen, Wlle mit
Burgen quaderten sich empor ... und in gigantischen Umrissen quollen nicht zu
verschwollene Profile von ungeheueren Menschengesichtern auf ...
    Aber solange Adam mit den Augen der groen Himmelsscene entgegenging, stand
der Mond unangetastet, wie in selbstverstndlicher Souvernett, inmitten seines
flimmernden, stahlblauen Aethersees. Und um ihn herum, von seinem gelbweiem
Lichte bergossen, das imposante Spiel der Phaenomene, die wurden, waren,
gewesen waren und wiederum wurden. -
    Adam sah nach der Uhr. Es ging auf die elfte Stunde. Nun dachte er daran,
sich heimwrts zu schlagen. Er war eigentlich recht abgespannt, er hatte gar
nicht mehr Alles beisammen, worber er sonst verfgte. Und doch fate ihn ein
unklares Gefhl an und hielt ihn zurck. Mechanisch trollte er sich weiter. Es
war ihm, als ob er vor sich selber immer mehr erlsche, als ob sich alles
Geistige in ihm verstofflichte und zur Epidermis hinaustriebe, hinauseiterte. Er
mute ber diese Wahrnehmung lachen, der Vorgang dnkte ihn zu dumm.
    Nun war er mit einem Male in die Nhe des bewuten Parkes gekommen. Es zog
ihn hinein, da drinnen mochte es noch mehr Leben geben, als hier auf den
schmalen Gassen der Vorstadt. Und pltzlich sehnte er sich nach dem Leben, wie
es sich im zrtlichen Widerspiel zweier Menschen, die auf einander gestimmt
worden, erfllt. Das war wohl ein kleinliches, schwchliches Gefhl. Er warf es
von sich und suchte nach neuer Speise des Geistes. Er dachte an Lydia, die ja
seine Braut sein sollte. Er blieb mitten auf dem Wege stehen, blinzelte zum
Monde hinauf, der eben die Finsterni einer breitleibigen Wolke berwunden hatte
und wieder in seinen flimmernden, stahlblauen Aethersee scho. Adam gab sich
alle Mhe, Lydias Gesicht im Geiste deutlich vor sich zu schauen. Es gelang ihm
nicht, manchmal blitzte es vor ihm auf, jetzt glaubte er sie deutlich zu fassen,
wie sie zu ihm sagte: Ja! Du mut sehr unglcklich sein, Adam -, aber nur eine
Sekunde war's, Alles verschwamm wieder, die Linien der Zge wollten sich in der
Erinnerung nicht zurckgewinnen lassen, und auch der Ton ihrer Stimme, auf den
Adam horchte, ganz still, mit verhaltenem Athem horchte, flirrte nur in
undeutlichen: Surren an ihm vorber. Wie weit war sie ihm, wie wenig intim und
unverlierbar gehrte sie ihm, wie nachlssig hatte er im Geiste ihren Besitz
gehtet!
    Hier und da, von den Bnken her in den Waldnischen, an den Wegen, an den
breiten und schmalen Pfaden, gab es leise flsternde Stimmen. Menschen zu Zweien
und Mehreren, schritten still an Adam vorber, manchmal war's dem, als trumte
er, als wre er emporgehoben und schwebte dahin, so leicht erschien ihm auf
kurze Spannen das Gehen im dnnen, feinen Staubmehle des Weges. Es war doch
Alles sehr merkwrdig auf der Welt, man konnte darber still vergngt lcheln,
alles Vielfltige, Zerrissene und Vertheilte stand jenseits dieses verschollenen
Reiches, in dem man so ganz vergessen durfte, da es sehr rauhe Reibungen gab
und so viele Ecken, Kanten und Spitzen, an denen man sich verwunden sollte.
    Nun setzte sich Adam auf eine Bank, die gerade leer war. Er dehnte behaglich
die Beine weit vor sich hin, steckte die Hnde in die Hosentaschen und brtete,
nur die leisesten Wirbel in der Seele, vor sich hin, das kleine Stck Ringsum
mehr von unten herauf anblinzelnd. Vor ihm lag eine groe Wiese, hoch, dicht,
ppig standen die Grser und Kruter, darber plnkelte ein dnner,
zartwolkiger, grauweier Nebel, dazu das blasse, verschmt tastende Aschenlicht
des Mondes. Von jenseits der Wiese, aus einem Garten wohl hinter der dortigen
Waldwand, kam verhaltene Musik, der Wind schob verzettelte Tne vernehmbarer dem
Lauschenden heran, der Ruf eines Nachtvogels stieg aus den Lufthhen nieder. Nun
schwieg die Musik. Ein zusammengeschmiegtes Prchen, das sich in brnstiger
Hingegebenheit mehr trug als fhrte, schleifte sich, laut athmend und erregt
tuschelnd, vorbei, es verschwand im Walde. Durch die Grser und Kruter der
Wiese strich ein murmelnd aufbltternder und raschelnd niedersegnender
Nachtwind. Adam war ganz allein, berantwortet den sanften Gewalten der schwlen
Sommernacht. Er wurde mde, sprach in bunter Willkr Allerlei vor sich hin, fuhr
wieder empor, betastete mit halblauten Worten seine verworrenen Gedanken,
schttelte den Kopf und lie sich vom Schlafe wiederum bermannen ...
Unterweilen wuchs die Sommernacht, Adam Mensch schlief, im Walde, auf einer Bank
am Wege, als htte er, wie Unzhlige seiner Brder und Schwestern, keine andere
Sttte, da er sein Haupt niederlegen knne. Und er war doch heute erst im
Schooe der Schnheit und des Reichthums eingekehrt. -
    Eine Stunde wohl sa so Adam in sich zusammengekrmmt da und schlief. Nun
mochte ein khlerer Athemzug des Nachtwindes an ihm gezupft und ihn geweckt
haben. Er schlug die Augen langsam auf, starrte verblfft seine Umgebung an und
richtete sich aus seiner halbliegenden Stellung immermehr in die Hhe.
Allmhlich kam ihm das Bewutsein seiner Situation. Er lchelte ein klein Wenig,
war aber doch sehr mrrisch und suchte nach einer beienden Glosse auf sich. Er
fand keine krftige, pointirte Wendung, die geistige Mnzkraft schien, sich ihm
ganz entzogen zu haben. Seine Glieder waren schwer und steif, ein prickelndes
Frsteln durchzitterte ihn, seine Augen brannten, seine Stirn war hei, dicht
ber den Augen lag ein harter Druck mit trockenem, mechanischem Schmerze. Nun
zog er den Hut, der sich arg verschoben hatte, in seine gewhnliche Lage zurck,
knpfte seinen Rock zu und stand auf. Das Gehen wurde ihm schwer, er konnte den
Kopf nicht bewegen, wie er wollte, der Hals war ganz gesteift. Adam sah nach der
Uhr, es war nach Mitternacht. Er suchte nach einer Cigarre, gleichsam um auer
sich etwas Fremdes, etwas Anderes zu haben, Etwas, das ihn begleitete, das diese
Einsamkeit, diese grenzenlose Einsamkeit, die ihn zu erdrcken drohte,
zerstreute, unterbrach, verscheuchte, wenigstens mit ihm theilte. Er hatte
keinen Genu an der Cigarre, aber das rothe, runde Auge ihrer Brandsttte
trstete ihn. Mit groen, eiligen Schritten suchte er aus dem Bereiche des
Waldes zu entkommen. Die groe, monotone, aber ergreifende Poesie der
Sommernacht bewegte ihn nicht mehr. Die leidende Creatur konnte nicht ber sich
hinausgehen.
    Nun war er wieder in der Stadt, er hatte das Pflaster wieder unter den
Fen, die flankirenden Huser schienen, wie ein geheimnivoller Schutz, eine
innige Beruhigung auszuathmen. Die lhmende Dumpfheit, die auf ihm gelegen
hatte, wich zurck, das Nervenleben erhhte sich wieder, die Sinne wachten auf,
das Leben pulste von Neuem, wenn auch immer matt noch und stockend. Das heftige
Laufen hatte ihn angestrengt, eine schwle, schweiige Schwere lag in seinen
Gliedern. Jetzt wollte Adam endlich nach Hause gehen. Es war Zeit dazu.
Allerdings, ob er wrde schlafen knnen, bezweifelte er. Er fieberte immer noch
stark, stechende Hitzeschauer liefen an seinem Leibe auf und nieder. Wie
mechanisch aufgezogen stapfte er vorwrts. Die Cigarre war ausgegangen, er
konnte sich nicht dazu bequemen, sie wieder in Brand zu setzen, er bedurfte
ihrer schlielich auch nicht mehr. Jetzt ging er eine breite Strae hinunter,
die am Tage, besonders in den spteren Nachmittagsstunden, die belebteste der
Stadt war. Am Himmel gab es immer noch sanfte, discrete Mondhelle, die Laternen
brannten eine um die andere, still, kleinlaut, vertrumt standen die gelbroten
Flammen in ihren weien Glasbauern. Da und dort tauchte noch ein Mensch auf, ein
spter Zecher, eine satte oder suchende Vagantin, zuweilen auch ein kleiner
Schwarm behaglich plaudernder Nachtwandler. Allerlei leises, verworrenes
Gerusch summte um Adam herum, ein kleiner Bursche mit einem Korbe verwelkter
Blumen, verwelkter Veilchen und Rosen, lief ihm in den Weg, beinahe wre er ber
das Kind gestolpert, das ihn mit seinen groen, blden Augen im blassen,
hlichen, frh entwickelten und zerfalteten Gesicht erschrocken ansah. Adam
mute einem jhen Einfalle folgen, er kaufte sich ein verwelktes, nur noch ein
schmutziges Parfm ausathmendes Veilchenstruchen und warf ein Markstck in den
Korb. Die blauschwarzen Blumen zog er mit unendlicher Genugthuung ins Knopfloch
und lief weiter. Eine groe, bohrende Leere war in ihm, nur manchmal scho ein
Ballen verworrener Vorstellungen und Gedanken empor, dann dnkte ihn das Leben
unertrglich schaal und berflssig, es erschien ihm als ein Dmon, als ein
Ungeheuer, und der Ekel vor ihm stellte sich in einem zusammenschnrenden,
inneren Krmpfe dar. Wieder berfiel ihn das Gefhl seiner Einsamkeit, Alles
hatte sich von ihm losgesagt, er war allein, ganz allein. Er wute, da er vor
einem groen Unglck stnde, er bi sich fest hinein in die Furcht vor diesem
geheimnivollen Unglck, er glaubte an dieses Unglck, er schauderte zurck, der
Dmon wurde immer gewaltiger in ihm. Alles war ihm reizlos, er verzweifelte. Die
Leidenschaften seiner Seele verachtete er, die Lge seiner Existenz ging ihm in
schneidender Schrfe auf, vor seiner Verlobungskomdie mit Lydia spuckte er aus,
er fhlte sich herabgewrdigt, er hatte ein dumpfes, unklares Gefhl, als wre
er bis auf den Tod beleidigt, als knnte er nach der Schmach, die ihn getroffen,
die er sich hatte gefallen lassen, nicht mehr leben. So kam er auf den Tod. Er
dachte an den Tod, er haschte nach klaren, scharfen Eindrcken vom Tode, er
wollte sein Bild zwischen die Zhne des Geistes ziehen und knirschend zermalmen.
Sie sollte ihm nichts mehr anhaben, die fahle, zerlcherte Larve. Aber er konnte
das stachlige Gefhl wurmender Todesfurcht nicht los werden, all' sein
Anstemmen, sein Empren war vergeblich, schlielich summte er mit verhalten
gellender Wut vor sich hin: O Thanatos, o Thanatos, wie schwarz sind deine
Bltter - Er frchtete den Tod, er liebte das Leben, die Bewegung, das
beflgelte Blut. Pltzlich erschien ihm das Leben sehr werthvoll, er fand mit
auffallender Geschicklichkeit tausende seiner Reize, seiner feineren,
geistvolleren Freuden. Er beschlo, sich das Leben um jeden Preis zu wahren,
selbst wenn er ein Lump, ein Ehrloser, ein Verbrecher darber werden sollte.
Zuweilen hatte er wohl in trister Entsagungsphilosophie gemacht. Er mute jetzt
ber diese Bubenstreiche lachen. Er lachte laut, unheimlich laut. Wnsche,
Begierden, Hoffnungen, khne, bedeutende Hoffnungen sproten auf in seiner
Brust. Er wollte leben, wollte leben um jeden Preis. Was? Entsagen, ohne
genossen zu haben? Da wre der Tod ein schlechter Witz ohne Pointe. Ah! das
verachtete Leben rcht sich. Adam war damit einverstanden. Er wollte sich an
sich selber rchen. Und doch durchschaute er den ganzen, brutalen Egoismus des
Weltapparats: die Reize und Freuden des Lebens schoben sich wieder zurck vor
ihm, weit, weit in einen dmmerungsverschwommenen Hintergrund zurck. Vor sich
sah er jetzt nur steinichte Wege, ziellose Bahnen. Das Andere lag ja Alles nur
in der bestechenden Nhe, war Augenblicksgenu aus geschwollener Brse, mit
vollen, kauenden Backen. So dumm! Und doch gabs groe, unabhngige, gebundene
Krfte hier und da in besonderen Menschenherzen, die nach kosmischer
Ungebundenheit lechzten. Dabei lebten sie sich aus und entfalteten seltene
Schauspiele. War's nicht der Mhe werth, da Zuschauer zu sein? Auch nicht,
schlielich auch nicht. Auch nicht der Mhe wert. Und dem Adam eben noch in
instinctivem Daseinsgefhl zugejauchzt, das ihn werthvoll gednkt und
begehrenswerth, verwarf er jetzt und verachtete er. Eine groe, trbe Leere war
in ihm ... und sein Interesse am Weibe, das immer so gro und so stark gewesen,
und sein Interesse an der Kunst und an der Natur mit ihren magischen Trostreizen
zerstubte, zerfiel und erstarb in dieser Stimmung, wo er nur noch lebte, weil
zufllig ber seinen Organismus noch keine andere, fremde, uere Macht Herr
geworden.
    Adam ging an einem Nachtcaf vorber. Sollte er eintreten? Er hatte oft dort
gesessen, hatte manchen Scat mit Kameraden und Kumpanen dort gedroschen, manchen
faulen Witz gerissen und eine schwere Menge Unfltereien angehrt. Sollte er
eintreten? Es hatte keinen Zweck. Diese Talmireize des Lebens sind wirklich zu
blde und zu geschmacklos. Er ging weiter. Eine hellerleuchtete Bahnhofsuhr kam
in Sicht. Es war Eins durch. Adam blieb stehen. Eine gewaltige Sehnsucht packte
ihn, eine fanatische Sehnsucht in die Ferne hinein. Wenn er sich jetzt in den
ersten besten Zug warf und hinausfuhr, war er all' den dummen, rden Krempel
los, hatte er alle diese abgeschmackten Lgen hinter sich, verschwamm Alles,
schlug Alles zusammen hinter ihm. Da war die Thr. Eine Pforte zu auch einer
Zukunft. Er schttelte wehmtig den Kopf. Ach! Er stak zu tief, zu tief im
Schlamme dieses verworrenen Lebens. Nun wollte er nach Hause gehen, endlich nach
Hause, auf dem krzesten Wege. Er bog in eine schmale Gasse ein, die an ihrem
Ende breiter wurde. Da links war eine Lcke, wenigstens eine Art von Lcke, eine
auffllige Unterbrechung. Ein Haus wurde abgerissen. Einen wsten Schutthaufen
gab's, grauschwarz nahm sich's in der falben Monddmmerung aus, Balkenkpfe
ragten aus dem massiven Wirrwar mit den stumpfen Grenzen ihrer plumpen Formen
heraus, verschiedene wie geschundene Mauerreste standen herum, herabfaserndes
Rohrwerk lugte aus einer verwinkelten Hausecke. Und da war auch noch eine Tapete
sichtbar, eine grnschwarze Tapete. Adam war ber die Barrire, in deren Mitte
eine trbe, verschlafene Oelfunzel blinzelte, geklettert und versuchte, sich so
weit als mglich der Wand zu nhern. Es war ihm ein ungestmes Zucken, ein
nervses Prickeln in den Fingern, es trieb und zwang ihn unwiderstehlich, die
Tapete zu betasten. Aber der Schutt war zu hoch und zu rissig, zu klftig, er
mute umkehren. Und da kam ihm der Gedanke: wie sieht die Tapete in deinem
Arbeitszimmer aus -? Er besann sich, besann sich, er konnte sich der Farbe nicht
erinnern. Der Gedanke, die dumme, einfltige Frage hatte ihn gepackt und lie
ihn nicht wieder los. Sie keilte sich fest in seinem Gehirne. Er dachte nichts
anderes mehr, er fragte sich nur immer und immer wieder nach der Tapete in
seinem Arbeitszimmer ... wie sie ausshe ... wie sie ausshe ... wie sie ausshe
- diese Tapete ... diese Tapete ... diese Tapete ...?
    So lief er weiter, seiner Wohnung zu, je nher er ihr kam, um so mehr eilte
er, die Schwere seiner Glieder war noch gewachsen, sie war fast unertrglich
geworden, seinen Kopf fhlte Adam wie eine schwere, amorph verquollene Masse, er
glaubte, ein dumpfes, knurrendes Kreisen in seinem Schdel zu verspren, Alles
war in ihm erstorben, todt, wie aufgesogen von dem Einen, das er wie eine
materielle Last in seinem Gehirn empfand ... wie aufgesogen von der Frage, die
immer wiederkam und ihn ganz ausfllte - von der Frage nach der Farbe seiner
Tapete ... Und er lief weiter in die Nacht hinein und keuchte halblaut vor sich
hin: Tapete ... Tapete ... Tapete ...
    Nun stand er vor dem Hause, in dem er wohnte. Er sah unwillkrlich zu seinen
Fenstern hinauf. Oben war Licht.
    Adam schrak zusammen. Wer war da oben? Wer war in seinem Zimmer? Wer
erwartete ihn da? Wer? Wer? Wer? Wer lauerte auf ihn? Ah! Das Unglck! Jawohl,
das Unglck, das er schon den ganzen Abend ber geahnt hatte! Oder der Tod? Oder
der Wahnsinn? Wer sa da hinter diesen blaerleuchteten Scheiben ... auf einem
Fauteuil ... auf dem Sopha ... irgendwo in seinem Zimmer -? Wer kauerte unter
dem Tische, auf dem Teppich? Wer? Wer? Wer -?
    Aber es konnte ja nicht sein. Es war eine Tuschung. Er schlich sich ber
den Fahrdamm, leise, ganz leise, als ob ihn Keiner hren sollte ... auch jener
Unbekannte nicht, der da oben hinter den blaerleuchteten Scheiben sa, auch
jener unbekannte Gast nicht ... und schaute noch einmal empor. Aber der matte
falbe Lichtschein blieb, er blieb, in derselben discreten Strke, in derselben
monotonen Gleichmigkeit, er blieb und blieb ... und blieb ... und kein
Schatten lief dort oben hinter den Scheiben vorbei ...
    Adam athmete tief auf. Er frchtete sich wohl noch? War er denn ein Mann
oder ein schlottriger Bube? Mochte ihn doch dort oben erwarten, wer wollte, wer
Lust dazu hatte - ha! er frchtete sich nicht, gewi nicht ... er wrde jetzt
hinaufgehen und sich mit eigenen Augen berzeugen ... und dem Eindringling
entgegentreten ... und sich ihm zum Kampfe stellen, wenn's sein mute - ja! -
wenn's sein mute -
    Adams Hnde zitterten doch stark, als er das Schlsselloch suchte. Nun ging
er die Treppen in die Hhe, langsam, schwer athmend, immer langsamer, er
schleppte sich hinauf, es lag eine dumpfe, schwere, unabwlzbare Furcht auf ihm.
Die Heimchen zirpten, auf den Stufen winselten blauschwarze, schwindschtige
Mondscheinschatten.
    Nun stand er auf dem Corridor, dicht vor seiner Thr. Er horchte. Es war
Alles still, Alles todtenstill hinter dieser Thr. Nichts regte sich, bewegte
sich. Adam athmete schwer. Ein eingekrallter Druck wrgte an seiner Kehle. Ha!
Frchtete er sich denn immer noch? Nein! Nein! Er brauchte ja blo diese Thr
aufzureien ... und er wute, wer ihn erwartete ... er sah Den, der die Hnde
nach ihm ausstreckte ... Es war zum Todtlachen! Er frchtete sich! Und jetzt
pltzlich kam ihm der Gedanke an die Tapete wieder, an die Farbe seiner Tapete.
Ha! Was ging ihn der an, der da hinter dieser Thr sa und ihn erwartete?
Nichts! Nichts! Er wollte ja nur wissen, wie die Tapete in seinem Zimmer ausshe
- es war das Einzige, was ihn noch auf der weiten, weiten Welt interessirte -
Alles andere war ihm so gleichgltig, so furchtbar gleichgltig - - und wenn der
Tod ... und wenn der Wahnsinn ... und wenn irgend ein Unglck mit fletschenden
Zhnen hinter dieser Thr sa und auf ihn lauerte - was verschlug's? Ha! War
denn das nicht schon der Wahnsinn, diese Wuth, die in ihm brannte und bi und
fra, diese Wuth, die Farbe seiner Tapete, auf die er sich nun einmal nicht
besinnen konnte, zu erfassen? War denn das nicht schon der pure, blanke
Wahnsinn? Also denn los! Bebend legte Adam die Hand auf die Klinke und ri die
Thr auf.
    Das Zimmer lag in stillem Frieden. Auf dem Tische brannte ruhig die Lampe.
Auf dem Sopha sa Emmy. Sie war gegen die Lehne zurckgesunken und schlief.
Langsam und ruhig, tief, sicher, gesund ging ihr Athem. Auf dem Tische lag ein
aufgeschlagenes Buch.
    Adam zog die Thr mechanisch hinter sich zu und blieb dicht an der Schwelle
stehen. Mit groen, starren Augen schaute er auf die friedliche Idylle hin, die
in klaren Linien, in scharfer Plastik vor ihm lag. Ein Fenster war offen, ein
warmer Nachthauch suselte flsternd herein, leise knisterte das Licht der
Lampe.
    Adam athmete tief auf. Er nahm den Hut ab und fuhr sich mit der linken Hand
ber Augen und Stirn. Es war ihm, als glitte Etwas von ihm nieder, fiele von ihm
ab, er glaubte, eine wirkliche, gegenstndliche Erleichterung zu verspren, er
war physisch entlastet, er fhlte sich pltzlich freier und beweglicher, seine
Glieder waren flssiger geworden. Der Spuk, vor dem er sich wie ein unmndiger
Knabe gefrchtet, vor dem er gezittert, war zerronnen, er war gerettet. Ein
unendlich wohlthuendes Gefhl der Geborgenheit kam ber den Gefolterten und
Abgehetzten.
    Adam stand immer noch dicht an der Schwelle. Unwillkrlich scheute er sich,
durch das Zimmer zu gehen, er wollte Emmy, die tief und fest zu schlafen schien,
nicht aufwecken, er sog sich fest an dem Bilde, das sein Auge schaute, sog sich
fest mit der heien, intimen, ungestmen Dankesinbrunst des Geretteten. Er
frchtete, durch einen lauten, zu lauten Schritt die holde Phantasie zu
verscheuchen - und dann, das wute er, war er ja wieder ihr verfallen, der
zerschnrenden Furcht - und ihm, dem zerwhlenden Wahnsinn. Nun wurde Emmy
unruhig. Das in ihre Umgebung neu eingetretene Moment lockerte wohl die Decke
ihres Schlafes. Ihr Kopf rutschte einige Male, wie suchend, wie in der Absicht,
sich zu entwirren und sich einem anderen, dem wirklichen Leben wieder
anzupassen, hin und her, der Mund, der vorher ein klein Wenig geffnet gewesen,
schlo sich, nun schlug sie die Augen auf, noch einmal fielen die Lider nieder,
jetzt wurden sie abermals mit jhem Rucke emporgezogen, die weit geffneten
Augen starrten Adam wie eine fremde, unheimliche Erscheinung an. Das Weib
schnellte empor, sank wieder zurck -: Adam! - Mein Gott! Ich habe wohl
geschlafen -? Aber Du bist lange geblieben -! - Wo bin ich denn nur -? -
    Bei mir, Emmy - und ich danke Dir, da Du hier bist - Das hatte Adam in
fast feierlichem Tone gesprochen. Er war mit steifen, correcten Schritten durch
das Zimmer geschritten, als wre er zum Automaten eingedrillt. Emmys Blicke
waren erstaunt seiner Curve gefolgt. Es lag ein stummer Schrecken, der sich nur
noch nicht ordentlich hervorwagte, in ihren Augen.
    Ich habe lange auf Dich gewartet - begann sie leise, zaghaft - sei mir
nicht bse, Adam - nachher bin ich wohl eingeschlafen - ich hatte erst gelesen -
aber ich hatte keine Ruhe mehr - Du httest doch 'mal zu mir kommen knnen, Du
Bser -
    Adam stie ein rauhes, gezacktes, blechernes Lachen aus: Ah! zur Mtresse
dieses - dieses - na! wie heit denn der Bengel -? - also na ja! - Was? h! das
wre famos gewesen! ... Da mut Du Dir aber andere Liebhaber aussuchen,
Zerlinchen! ... Ich bin zu gut fr so 'ne verfluchte Hurenbagage, wie Ihr alle
zusammen - -
    Adam! Mein Gott! was ist Dir denn-? Ist Dir was passirt -? Und was starrst
Du denn die Tapete so an? Mein Gott! Das ist ja furchtbar - Du bist ja - - Adam
-!
    Emmy war aufgesprungen und stand jetzt zwischen der einen Sophalehne und dem
Tische. Sie war bla geworden, zitterte und mute sich rechts und links mit den
Hnden festhalten.
    Aus der Tiefe des Zimmers schlich Adam auf den Zehen der Wand zu. Der Leib
war vornbergebeugt, der Kopf zwischen die Schultern gezogen, die ganze Gestalt
trug die krampfhafte Gespanntheit eines Irrsinnigen. Zufllig war sein Blick
vorhin auf die Tapete ber dem Sopha gefallen, war einen Moment dort haften
geblieben. Und da war die Erinnerung aufgezuckt und hatte ihm den Gedanken
zurckgebracht, der ihn auf seiner Irrfahrt so mde gehetzt. Ha! das war's ja!
Das hatte er ja wissen wollen - alles Andere - die Furcht vor dem dunklen Etwas,
das da oben auf ihn lauerte, war ja nichts gewesen - nichts - nichts - gar
nichts - gegenber dieser frchterlichen Neugier auf die Farbe seiner Tapete ...
Und nun hatte er die Tapete vor sich. Ha! Die Bestie konnte ihm nun nicht mehr
entschlpfen, er wrde sie schon kriegen - ha! jetzt mute sie Farbe bekennen -
jetzt war sie geliefert! - Nichts half ihr mehr - nichts -! -
    Emmy wollte sich Adam entgegen werfen. Er schleuderte sie auf die Seite und
strzte sich auf die Wand. Mit geballten Fusten trommelte er wie ein Verrckter
auf der Tapete herum, da es verschlucktdumpf von der Steinmauer widertnte, er
krallte die Fingerngel ein und kratzte gerippte Fetzen herunter. Seine Hnde
schmerzten ihm nicht, seine Augen waren weit aufgerissen und brannten in
unstter Flamme. Ha! Also diese dummen, lehmgelben Fratzen hast du, Bestie -
und drunter ein so bldes, schauderhaftes Grau - ha! wie diese schnen gelben
Bltter und Ranken - und - und die kleinen niedlichen Figrchen - - na ja! - na
ja! - - hahaha - ach! - diese Mtzchen - hhh - diese Mtzchen - und - und ...
d- d- d- da - b ... b ... bildet sich - bildet sich ... hhh ... es ist zum
Todtschreien - Todtschreien - Todtschreien - Todtschreien - zum Todtschreien! -
na ja! na ja! - denke du - du Weib! - Weib! - Weib! nun denke 'mal: da bilden -
bilden sich diese bezechten Ara - arab ... b ... b ... b ... besten noch was
druf in - zu dumm! - zu dumm! - und das ist also das Ganze - ach! ach - mir ist
grenzenlos elend ums Herz - das ... das Denken hat sie mir verbrannt - die
verfluchte Bestie - und nun ist's wieder 'mal nischt - nischt - gar nischt - - -
ab - so - lut nischt! Ach! Ist das langweilig - -
    Adam sickerte sich aus, verstummte nun, schob sthnend die Arme ber
einander, prete sie taumelnd gegen die Wand und legte den Kopf darauf, als wre
er mde, todtmde, als wollte er von all dem elenden, verwirrenden Lebenskram
nichts mehr hren und sehen -
    Emmy hatte sich gefat. Zuerst war sie von einer lhmenden Furcht befallen
worden. Die Worte waren ihr im Munde stecken geblieben, sie hatte diese Scene
eines unzweifelhaften Irrsinns nicht unterbrechen knnen. Nun raffte sie sich
auf - wie gut war es doch, da sie hier war, da sie ihrem Drange, Adam zu sehen
und zu sprechen, ob er sie gestern auch impertinent genug behandelt hatte, doch
noch nachgegeben! Sie zuckte zusammen bei dem Gedanken, wie furchtbar es gewesen
wre, wrde Adam heute allein, sich selbst berlassen geblieben sein. Leise trat
sie zu ihm hin: - Komm, Adam! Sei wieder gut! Du bist krank - Du hast Fieber -
was geht Dich die dumme Tapete an! Komm! Setz' Dich hierher aufs Sopha - komm! -
neben mich ... Du bist so hei - soll ich Dir kalte Umschlge machen -? Du wirst
sehen: es wird bald besser werden, wenn Du Dich nur ruhig hltst ... Und siehst
Du: ich bleibe bei Dir - ja -? Willst Du -?
    Sie hatte den Kranken sanft bei den Armen gefat und aufs Sopha gezogen.
Mde, ganz entkrftet und haltlos lehnte Adam das Haupt zurck. Er schlo die
Augen. Er fhlte sich unsglich elend, er htte weinen mgen, nun schluchzte er
leise auf. Und doch war es ihm ein liebes, stilles Trostgefhl, da Emmy in
seiner Nhe war.
    Die hatte das Fenster geschlossen und die Vorhnge zusammengezogen. Nun ging
sie nach dem Schlafzimmer hinber und suchte nach Leinen fr die kalten
Umschlge. Sie kam mit dem Waschbecken zurck, rckte einen Stuhl neben das
Sopha und begann ihr Liebeswerk. Die Snderin war zur Samariterin geworden.
    Allmhlich wurde Adam ruhiger, das unendlich wohlthuende Gefhl der
Geborgenheit kam wieder ber ihn. Er trumte leise vor sich hin, schlief wohl
fter auch einmal eine kleine Weile, dann sickerte er wieder zum Leben, zum
annhernden Begreifen seiner momentanen Lage zurck. Einmal flsterte er Leni
vor sich hin. Emmy hatte sich neben ihn gesetzt, sie sah ihn mit ihren groen,
dunklen Augen traurig an, manchmal strich sie leise, liebkosend mit ihrer
kleinen, glatten, khlen Hand ber seine Stirn oder lie diese kleine, feste,
khle Hand seiner Hand, die immer wieder nach ihr suchte ... Die liebe Trsterin
hatte das Buch wieder vorgenommen und las ab und zu ein paar Zeilen. Oefter
blinzelte sie Adam von seiner verdmmerten Sophaecke aus an und geno mit leisem
Behagen die hellen, klaren Linien ihres schnen Profils. Da sie ihn alle
verlassen hatten, war ihm die Snderin treu geblieben. Nun tickte es ihn aber
doch nieder, verhalten war ihm der arge Gedanke gekommen, er konnte ihn nicht
unterdrcken, nicht hinunterschlucken, mit einem matten, ironischen Lcheln
begann er: Du bist wohl eigentlich gekommen, Emmy - - Du hast wohl gedacht - -
ja! siehst Du - dazu bin ich heute nun doch zu schwach - haha - ich - ich - na!
warte nur - wir holen's nach, mein Liebchen -
    Aber Adam -! Was fllt Dir ein -!
    Nu ja! Gestern habe ich Dich doch so quasi 'rausgeschmissen - und heute
kommst Du - aber es ist doch brav von Dir, Du armes, verrathenes Kind - brav -
na warte! - morgen - morgen - -
    Sei still, Adam! Thu' mir den Gefallen! Wir reden morgen davon ... Aber
willst Du nicht lieber zu Bett gehen -? Hier kannst Du doch nicht bleiben ...
Ja? - Komm! Ich fhre Dich hinber ... Nachher rcke ich mir 'n Sessel neben
Dein Bett und wache bei Dir ... Das ist das Beste - komm!
    Adam gab nach. Es war ihm auch so gleichgltig, was mit ihm geschah. Emmy
brachte ihn zu Bett. Sie war um ihn herum, wie eine Mutter, die ihr krankes Kind
wartet und pflegt und besorgt in sichere Hut birgt. Mit feiner Discretion, mit
tactvollster Gewandtheit brachte sie den Erschpften auf sein Lager zur Ruhe.
Dann zog sie einen Fauteuil neben sein Bett und setzte sich zu ihm. Leise kte
sie ihn auf die Stirn und gab seinen heien, schweiigen, teigigen Fingern ihre
kleine, glatte, khle, feste Hand zurck. Nun schlaf' s, Geliebter, und
trume von mir - flsterte sie ihm leise zu und fhlte, wie sie errthete. Wie
gut war es, da er sie nicht sah und nicht dieses Errthen bemerkte! Adam
lchelte matt. Schon zogen die letzten verworrenen Tagesgedanken von ihm. Bald
war er eingeschlafen. Leise entzog sie ihm ihre Hand und lehnte sich zurck.
Allerlei buntes Zeug schwirrte und flog noch durch ihren Kopf, sie starrte noch
eine Weile vor sich hin in die dmmrige Nacht. Dann fielen auch ihr die Augen
zu. -
    Drauen huschten die ersten, scheuen Frhlichter ber den Horizont. -

                                      XIX.


Als Adam erwachte, lag die Sonne in breiten Licht-und Wrmemassen im Zimmer. Die
Luft war schwl, schweidurchdnstet. Adam hob den Kopf aus den Kissen und sah
sich um. Allmhlich kehrte ihm die Erinnerung zurck, er entsann sich, wie es
gekommen war, da Emmy da im Sessel, kaum einen Schritt von ihm entfernt, sa
und schlief. Ach ja! Das war gestern ein bser Tag gewesen und ein wster Abend.
Aber nun war der Spuk verflogen, das kleine Weib da hatte seine letzten
schwarzen Schatten zu verscheuchen gewut. Adam fhlte sich heute wohler, im
Ganzen gestrkt und gekrftigt, wenn er auch noch eine trge Schwere und
Mattigkeit in den Gliedern versprte und einen heftigen Schmerz im Hinterkopf.
Auch das Genick war steif geworden, jede Bewegung zuckte stechend in den
Schlfen nach. Adam beschlo, leise aufzustehen. Die Zeit lief auf Neun, es war
also schon spt genug. Aber Emmy konnte noch ruhig weiter schlafen. Ihr Athem
ging tief und langsam. Der Kopf ruhte in halber Wendung nach links zwanglos an
der Lehne, auf der Stirn standen ein paar kleine Schweitropfen. Die Decke war
ihr von den Knieen auf den Teppich hinabgeglitten, die obersten Knpfe des
Kleides waren ihren Oeffnungen entschlpft, discret schimmerte das Wei vom
Spitzenbesatze des Hemdes durch den schmalen Spalt.
    Adam erhob sich, kleidete sich nothdrftig an und schlich nach seinem
Arbeitszimmer hinber. Er ffnete das Fenster, unten auf der Strae trieb rstig
das Leben. Da drben auf der anderen Seite hatte er gestern Abend ... hatte er
heute Nacht gestanden, und nach hier hinaufgestarrt. Und jetzt lag der helle Tag
da unten, und allerlei buntes Menschenvolk zog an der Sttte vorber, da er noch
vor ein paar Stunden - denn lnger war's doch nicht her - gestanden,
mutterseelenallein gestanden, mutterseelenallein in der schweigenden Nacht. Und
doch dnkte es ihn, es wre das schon lange, lange her, viele, viele Jahre. Er
war heute ein so ganz Anderer, wohl war kaum das Bewutsein intimer Flle in
ihm, aber doch durchzitterte es ihn wie eine Ahnung, da es in ein anderes
Geleise eingelenkt. Dies und das kam noch zu ihm in seiner stillen Morgenschau
an losen Erinnerungen, die Erlebnisse der jngsten Tage mitbrachten. Hui! Er war
ja auch Brutigam, glcklicher Brutigam ... und das war jedenfalls das
Curioseste von Allem, worauf er sich in dieser Stunde besinnen mute.
    Nun bestellte er sich seinen Kaffee und machte Toilette. So viel Zeit war
gar nicht mehr brig. Um elf Uhr fuhr der Zug, mit dem Lydia abreisen wollte -
und - nein! ... es ging wohl doch nicht an, da er die Abschiedsscene versumte.
Er mute sich schon bei Zeiten an den obligaten Bi in den bewuten saueren
Apfel gewhnen.
    Da schlug die Glocke der elektrischen Klingel heftig an. Adam horchte
erstaunt auf. Das mute etwas Besonderes zu bedeuten haben. Im nchsten
Augenblick wurde auch schon die Thr seines Zimmers aufgerissen und Hedwig
strzte herein.
    Adam war nicht im Stande, ein Wort hervorzubringen. Er starrte das Weib an,
das todtenbla, keuchend, mit fliegenden Gliedern, verstrten Mienen, unstet
umherirrenden Augen vor ihm stand. Er sprang nicht hinzu, als Hedwig jetzt
schwankte, zusammenbrechen zu mssen schien und sich nur noch im letzten
Augenblick am nchsten Thrpfosten festklammerte.
    Adam -! stie sie aufsthnend heraus - mein Gott -! ich kann nicht mehr -
da ist zu viel - mein Vater - o Gott! - mein armer Vater ist - ist - todt ...
oh - -
    Das Aufkreischen der Stimme bei dem Worte todt ri Adam aus seiner
Erstarrung. Zuerst wute er nicht, was dieser kurze, schneidende Laut ihm sagen
sollte, jetzt wurde ihm sein Inhalt pltzlich klar - nein! das war ja nicht
mglich - nicht mglich -
    Hedwig -! Besinne Dich -! O Gott! Das kann ja nicht sein - kann ja nicht
sein -
    Todt -! wiederholte das Weib nur, leise, dumpf, der Kopf war haltlos auf
die Brust herabgesunken, die gro aufgerissenen Augen stierten vor sich hin -
    Adam war zu Hedwig hingetreten - komm -! sagte er leise - besinne Dich,
Hedwig -! Das ist ja nicht mglich - komm zu Dir - hier setz' Dich nieder - soll
ich Dir 'n Schluck Wasser bringen - es ist nur so warm - oder etwas Rum - ich
habe auch Portwein - warte -
    Nein -! nein -! La doch, Adam, la doch -! wehrte Hedwig mit merkwrdig
hastiger, eindringlicher, im Ton ganz vernderter Stimme ab -
    Adam rollte den Sessel in ihre Nhe. Dabei bemerkte er, da Emmy's Hut auf
dem Plschsitze lag. Das war doch recht fatal. Aber schon hatte er den Hut, ohne
da er es eigentlich gewollt htte, ergriffen und auf den Tisch gelegt. Hedwig
war mechanisch seinen Bewegungen gefolgt.
    Was hast Du da -? fragte sie mit rauher, zerrissener Stimme.
    In diesem Augenblick schlug Emmy die Portire auseinander und trat ein. Adam
sah sich halb unwillig, halb erfreut nach ihr um.
    Ah! Auch das noch -? schrie Hedwig auf und schlug die Hnde vor die Augen.
Sie schwankte. Adam und Emmy strzten hinzu, hielten sie auf und legten sie
langsam, behutsam in den Sessel.
    Das arme Weib schluchzte einmal tief auf, dann sank es zusammen.
    Schnell Eau de Cologne her -! rief Emmy und rieb der Ohnmchtigen Schlfen
und Stirn ein, als Adam das Wasser gebracht hatte.
    Nach einer Weile kam Hedwig wieder zu sich und schlug die Augen auf. Mit
jhem Schrecken erkannte sie ihre Umgebung, erkannte sie Emmy neben sich - sie
wollte sich emporraffen, sie hastete mit den Hnden an den Lehnen hin und her -
gehen Sie -! lassen Sie mich -! sthnte sie - rhren Sie mich nicht an -
    Na! hab' Dich nur nicht so -! fuhr es Adam barsch heraus, dem die ganze
Scene schon sehr unbequem geworden war. Er drehte sich ein Wenig ab und setzte
das Glas Portwein, das er in der Hand gehalten, unwillig auf den Tisch.
    Emmy war unwillkrlich einen Schritt zurckgetreten. Sie sah Adam
traurig-fragend an, sie wute nicht, ob sie bleiben oder gehen, ob sie die
beiden allein lassen sollte, oder - oder -? - sie war ganz rathlos. Das arme,
gefolterte Weib da vor ihr im Sessel that ihr sehr leid, sie erkannte es aus der
Engler'schen Weinkneipe wieder, sie fhlte sich zu ihm hingezogen, sie sagte
sich, da Adam Beziehungen, jedenfalls sehr intime Beziehungen zu ihm htte -
und wie ein Gefhl von Ha ... von Ha - wie ein heies, wthendes Erpichtsein
auf Rache und Vergeltung an dem Herzlosen scho es ihr brennend auf in der
Brust.
    Wieder versuchte Hedwig aufzustehen, sie sttzte sich krampfhaft auf die
niedrigen Seitenwnde des Fauteuils, aber sie war zu schwach, sie sank wieder
zurck.
    Beruhigen Sie sich doch, liebes Frulein - bat Emmy leise, zaghaft - mein
armer Vater - sthnte Hedwig -
    Adam stand daneben, es war ihm sehr unbehaglich zu Muthe, er mute es wohl
doch glauben, da Irmer nicht mehr lebte, aber er konnte das hlflose Wesen da
doch jetzt unmglich ersuchen, ihm nhere Auskunft zu geben - und er schrak auch
davor zurck, jetzt Einzelheiten zu erfahren, er fhlte, da sie ihn qulen,
aufregen wrden ... und er hatte nicht den Muth, er war zu feige, um sich die
Kraft zuzutrauen, die engeren Umstnde von Irmers Tode einigermaen ruhig
hinzunehmen. Aber Etwas mute doch geschehen, die Situation stockte peinlich, er
mute doch auch ein Wort zu finden wissen, auszusprechen wissen, er mute doch
Hedwig zeigen, da er mit ihr litte, da ihr Schmerz auch der seine wre, da
sie auf sein vollstes Verstndni zu rechnen htte ... Und da erinnerte er sich,
da er ihr gestern die tausend Mark geschickt, sie hatte sie wohl noch nicht
erhalten, aber es mute doch beruhigend auf sie wirken, wenn sie die Thatsache
erfhre, damit war doch wenigstens eine Sorge ihr von der Seele genommen. Und
doch zgerte er, es nahm sich so auffllig aus, jetzt mit dem Gelde zu kommen,
aber die Frage glitt ihm schon wider Willen ber die Lippen: Hast Du das Geld
bekommen, Hedwig -?
    Die Gefragte schlug langsam die Augen zu ihm auf, starrte ihn erst eine
Weile verstndnilos an, dann fragte sie mechanisch, mit dumpfer, verschleierter
Stimme, als wte sie nicht, was sie sich unter seiner Frage denken sollte: -
Geld -? - was fr Geld -?
    Nun, die tausend Mark, von denen Du mir schriebst - ich habe sie gestern an
Dich abgehen lassen - erwiderte Adam, einen gewissen Ton des Stolzes und der
Befriedigung in der Stimme. Auch Emmy mute er damit imponiren.
    Hedwig starrte immer noch zu ihm in die Hhe, sie wute nicht, was er
meinte, sie verstand ihn nicht - tausend Mark -? wiederholte sie ebenso
mechanisch, sie schttelte ein Wenig den Kopf - was wollte er nur von ihr -?
    Na ja! fuhr Adam rgerlich auf - Du hast mir doch des Langen und Breiten
davon geschrieben - erinnerst Du Dich denn nur gar nicht -?
    Tausend Mark -? Hedwig schttelte wieder den Kopf. Pltzlich fragte sie,
aber eigentlich nur ganz gleichgltig: - wo hast Du denn das Geld her -? Sie
schien durchaus keine Antwort darauf zu erwarten.
    Adam zuckte zusammen. Zuerst verblffte ihn diese Frage. Er war nicht gefat
gewesen auf sie. Nun scho ihm ein teuflischer Gedanke durch den Kopf. Wr's
nicht am Besten, jetzt sofort - und auch vor Emmy sogleich! - zwei Fliegen mit
der bewuten einen Klappe zu schlagen? Mit der Wahrheit herauszurcken? Den
Zusammenhang aufzudecken? Diesem Weibe, das da hlflos und gebrochen, entstellt,
baar aller Reize der Jugend und der Kraft, vor ihm im Sessel lag - diesem Weibe,
das er nicht liebte, mit dem er kaum Mitleid empfand, das er jetzt fast so etwas
- so etwas wie - verabscheute - war's nicht am Besten, diesem Weibe ruhig zu
gestehen, wie ... woher er die tausend Mark sich verschafft -? Wer sie ihm
gegeben hatte -? Ah! Oder war es doch eine Grausamkeit, eine brutale
Grausamkeit, der Wahrheit jetzt, unter diesen Verhltnissen, in dieser Stunde,
die Ehre zu geben -? Nein! Er brachte es doch nicht ber's Herz. Nein! doch
nicht! Aber - einmal mute es ja doch sein Einmal ja doch! Und wenn nicht heute,
so morgen! Dieses verfluchte Aufschieben! Immer und ewig diese berflssige
Rcksicht! Die brutale Rcksichtslosigkeit gegen Andere und gegen das eigene
feige, zimperliche und noch dazu erzegoistische Schonungsgefhl ist das einzige
Fortschritts- und Entwicklungsprincip im Leben. So? Wirklich? Also - also
drckte Adam alle zarteren Gedanken die ihm aufstiegen, gewaltsam nieder und
fragte noch einmal mit affektirter Ruhe, im Grunde aber nur, um innerlich mit
dem letzten Reste seiner Rcksicht und Scheu, auf welche seine Natur
ursprnglich allein gestimmt war, fertig zu werden -:
    Woher ich das Geld habe -? Hm! - jetzt erfolgte eine letzte, kurze Pause,
dann stie er tonlos, stockend, doch zugleich mit sehr forcirter Bestimmtheit
heraus: Nun! von meiner - Braut -
    Aber wie um eine unmittelbare Antwort Hedwigs zu verhindern oder doch in
irgend einer Weise abzuschwchen, erluterte er hastig: - das heit - das heit
- vorher - ehe - das kam natrlich so - -
    Von wem -? fragte Emmy unwillkrlich und sah Adam erschrocken an. Der war
froh, da er durch Emmys Zwischenfrage wenigstens uerlich einen anderen
Partner, zu dem er sprechen konnte, bekommen hatte - war froh, da die
Auseinandersetzung nicht unmittelbar zwischen ihm und Hedwig stattzufinden
brauchte. Eine gewisse Rcksicht, zu der er sich Hedwig gegenber immerhin
unwillkrlich htte bequemen mssen, durfte er nun fallen lassen. Und das war
ihm sehr lieb. Denn der barsche, ungeschlachte, rauhbeinig-rcksichtslose Ton,
den er anschlagen wollte, verdeckte viel besser sein inneres Widerstreben, seine
innere Zaghaftigkeit, die er trotz aller Anstrengung nicht loszuwerden
vermochte.
    Von meiner Braut, wenn Sie nichts dagegen haben, mein Frulein -!
wiederholte also Adam laut, trotzig. Er sah dabei Emmy herausfordernd an und
stellte sich, als bemerkte und fhlte er den Blick trostlosen Entsetzens nicht,
mit dem Hedwig ihn anstarrte.
    Ein schwles, beklemmendes Schweigen war eingetreten. Adam wollte schon die
Gelegenheit benutzen, sich von dem unmittelbaren Kriegsschauplatze unauffllig
ein Wenig in den Hintergrund ... vielleicht in's Nebenzimmer ... zu schwindeln -
als Hedwig pltzlich mit einem jhen, krampfhaften Sprunge in die Hhe fuhr, auf
Adam losstrzte und aufkreischte: - was hast Du da gesagt -? Sag's noch 'nmal!
Mein Gott! Bin ich denn verrckt -? Bin ich denn wahnsinnig -? Und dann ein
heiserer, erschtternder Nothschrei, der bewies, da sie den Zusammenhang so
ziemlich errieth -: Adam -!
    Der wich einen Schritt zurck, Hedwig -! stotterte er, Emmy sprang hinzu,
fate die Taumelnde und versuchte, sie wieder auf den Sessel hinabzuziehen.
    Aber es war, als ob pltzlich eine fremde Kraft ber das arme, unglckliche,
in seinem tiefsten Elende aufschreiende Weib gekommen wre: es schleuderte Emmy
bei Seite, klammerte sich mit seinen dnnen, mageren Fingern am linken Arme
Adams fest und kreischte ihm entgegen: Ah! Ich wei - ich wei - Canaille! Ich
verstehe Dich, Du Schuft! Loskaufen hast Du Dich wollen - hast mir mein
Sndengeld hinschmeien wollen, weil Dir eine andere besser gefllt - weil Du
mich satt hattest - weil - weil - - o Gott! - Und Alles habe ich Dir gegeben -
habe Dir geglaubt - und nun behandelst Du mich wie - wie - - nun giebst Du mir
'n Futritt - was hab' ich Dir gethan, da Du mich so wegwirfst - so zertrittst
-? - Meinen Vater hast Du ermordet, meinen armen, alten, unglcklichen Vater -
nichts war Dir heilig - nichts - nichts - Alles hast Du mit Fen getreten -
meine - meine Ehre - meine - ach! Aber ich war ja schon so Eine, nicht wahr -?
schon so Eine, wie die da, wie die Dirne da, die man mit Geld abfindet, wenn man
sie los sein will - allmchtiger Gott! nur 'n Wahnsinniger kann Deine
Verruchtheit begreifen - und ich schleppe mich her zu Dir - von der Leiche
meines Vaters weg - an Allem verzweifelte ich - ich hatte Dich nur noch - nur
noch Dich - ja -! - und - und nun verleugnest Du mich - und jagst mich hinaus -
nun sagst Du Dich von mir los - Alles verlt mich - Alles - Alles - - Canaille!
- Auch mich hast Du auf'm Gewissen - hier! das letzte Wort meines todten Vaters
an Dich - todt ist er - ja! - todt - todt - todt - todt - hrst Du - - ich
mchte mich zerreien, um das Furchtbare nur zu begreifen - und ich - o Gott! -
ich kann's nicht fassen - kann's nicht - kann's nicht - ach! ich mu wohl schon
wahnsinnig sein, da ich nicht ersticke an meiner Verzweiflung - -
    Adam hatte einen Augenblick geglaubt, unter der Anklage des verzweifelten
und verrathenen Weibes zusammenbrechen zu mssen. Er wute, da er die schweren
Vorwrfe, die ihm da entgegengeschleudert wurden, verdiente. Sie waren alle so
gerecht. Ja! er hatte das Weib berredet, ihm zu Willen zu sein. Er hatte wohl
auch allerlei Verpflichtungen bernommen, hatte verschiedene Versprechungen
gemacht - aber das Alles doch eigentlich nur, ohne sich desselben besonders
bewut zu werden, beinahe nur aus einer communen Laune, aus einer durch
besondere Umstnde geschaffenen Stimmung heraus, vielleicht in frivolem
Leichtsinn, aber doch ganz den Gesetzen und Methoden seiner Natur gem, die
derartige Weibergeschichten mit einer ihr organischen Oberflchlichkeit,
Nebenschlichkeit, Gleichgltigkeit behandelte; die sich moralisch dadurch
nicht im Geringsten tiefer verpflichtet fhlte; die das Alles nur als
unvermeidliches Lebensaccidenz auffate. Er konnte nicht anders, es war ihm ganz
selbstverstndlich, da er hier die Treue brach, um dort von Neuem Treue zu
versprechen, er besa im Grunde gar kein Talent zur hausbackenen Treue, das
spielte sich alles viel zu weit drauen auf der Peripherie seiner Persnlichkeit
ab, als da er es vermocht htte, sich fr irgend eine begangene Untreue
besonders verantwortlich zu fhlen. Er gab sich eben so, wie es gerade seiner
Stimmung entsprach. Reagirte ein Anderer darauf, so mochte der das hbsch selber
verantworten. Er war viel zu wenig bornirt, um sich in eine Leidenschaft
festbeien zu knnen. Hedwig war also gar nicht berechtigt zu ihrer Anklage. Und
dieses Bewutsein lste ein starkes Gefhl des Aergers und der Entrstung in
Adam aus, er ri mit einem brutalen Rucke ihre eingekrallten Finger von seinem
Arme los, schleuderte den Arm von sich, packte ein zerknittertes Papier, das
Hedwig ihm immer noch mit der anderen Hand starr entgegenhielt, und warf es auf
den Tisch, trat einige Schritte zurck und machte ein sehr wthendes Gesicht.
Was wollte denn das Weib von ihm -? Lcherlich, sich auch nur einen Augenblick
von seinen bldsinnigen Vorwrfen verblffen zu lassen! Glaubte es etwa, ihn auf
diese Weise wieder zu gewinnen? Da konnte sich die Dame doch gewaltig schneiden!
Oh! Sie hatte ja lngst alle Reize fr ihn verloren.
    Und doch konnte sich Adam nicht ganz dem Eindrucke ihrer in furchtbarster
Seelenangst herausgeschrieenen Anklagen entziehen. Er hatte ihr nun einmal sein
Wort gebrochen, so gut wie sein Wort gebrochen, sie zieh ihn mit Recht der
Absicht, sich mit dem Golde von ihr loszukaufen, sie hatte ihn, darin
durchschaut, obwohl er doch eigentlich schon vorher entschlossen gewesen war,
Irmers die tausend Mark auf irgend eine Weise zu verschaffen, ehe ihm, zumeist
wohl nur in dem Bestreben, einen Namen fr die Sache zu finden, der Gedanke
gekommen war, sein Thun im Sinne eines Rckkaufes seiner Freiheit aufzufassen.
Es war schlielich im tiefsten Grunde blutige Selbstironie gewesen - und dafr
sollte er sich jetzt abkanzeln lassen, als wre er ein Hallunke ersten Ranges?
Und dennoch kam er von einem unklaren Schuldgefhl nicht los. Die Wuth, die er
in sich aufkochen sprte, brach nicht aus, seine Entrstung zersplitterte sich,
sein Aerger verzettelte sich, schlielich knirschte er nur ein paar banale
Redensarten, wie verrckte Faselei - - thut mir leid, aber es ist nun einmal
so - - wer kann wider seine Natur? - heraus, zuckte die Achseln, lchelte
spttisch, steckte mit forcirter Gleichgltigkeit den zerknitterten Brief Irmers
in seine Rocktasche und wandte sich ab - - - -
    Hedwig war wieder in den Sessel zurckgetaumelt, ihre Finger waren
ineinandergekrampft, sie schluchzte leise. Emmy stand neben ihr, sie hielt den
Kopf ein Wenig gebeugt, ihr Gesicht war ungleich gerthet, sie sah aus, als wre
sie in tiefe, starre Gedanken versunken, ihre Augen lagen in Thrnen.
    Adam sah sich noch einmal nach den Beiden um, es schien, als wollte er Etwas
zu ihnen sagen, aber er zuckte wieder nur in willkommener Resignation die
Achseln, knurrte verchtlich - hysterische Weiber - vor sich hin und ging
auffallend langsam ins Nebenzimmer.
    Ptzlich fuhr Hedwig wieder auf. - ich mu fort - ich ersticke hier - fort
zu meinem Vater - der wartet auf mich - der will mich mitnehmen - - heiserte
sie zischelnd vor sich hin, jetzt stand sie, sie schwankte haltlos hin und her,
Emmy wollte sie umfassen. Bleiben Sie noch, liebes Frulein - bat sie leise,
da fuhr Hedwig herum, sie starrte Emmy mit groen, verglasten Augen an, nun
lachte sie gellend auf, warf ihre mageren Arme mit krampfiger Wuth um Emmys
Hals, ri die an sich heran, strzte rcklings mit ihr in den Sessel und lallte
ihr mit erstickter, gebrochen gellender Stimme zu: - Du -! Du -! Weit Du: ich
bin nmlich auch so Eine, wie Du - auch so Eine, weit Du - Dein Liebster hat's
mir gezeigt - ei! - ei! - hat's mir gezeigt, wie man's macht - siehst Du: nun
mut Du mich mitnehmen - ja? willst Du -? Nun bringst Du mir schne Herren - ja!
- ja! - ei! - ich kann's auch - Dein Liebster hat mirs gezeigt - ja! - das war
schn - - und ich soll Dir auch 'n Gru bestellen von meinem todten Vterchen -
der hat gesagt: ich sollt's nur so machen, wie Du - da km' ich anstndig durch
die Welt, weit Du - ja! ja! ja! ja! - und htte alle Tage gut zu essen, weit
Du, hat mein todtes Vterchen gesagt - und das wre 'n Wonne, hat er gesagt -
wenn der Mond scheint - und die weien Gardinen werden roth, blutroth - und die
Katzen schreien - und die Musik spielt - spielt - und wir tanzen dazu, mein
Liebster und ich - wir tanzen - tanzen - tanzen - immer toller und toller und
toller - bis - bis - und dann geht die Sonne auf - und der Tag - und der Tag -
-
    Emmy war es endlich gelungen, sich aus der Haft der Arme, die sie
einschnrend umklammert hatten, loszumachen. Sie war brandroth im Gesicht, sie
athmete gepret, sie wollte Adam rufen, denn sie hatte ja eine Wahnsinnige vor
sich, aber kein Laut lste sich aus der Kehle, es war alles wie zugequollen in
ihr, wie verschttet, Hedwig kicherte leise vor sich hin, nun trllerte sie:
tam - tam - taramtam - tam - tam - taramtam - - pltzlich sprang sie auf, ihre
Augen brannten, die ganze Gestalt war krampfhaft gespreizt -: ich bin
wahnsinnig - schrie sie - ich mu fort - sie packte ihren Hut, den ihr Emmy
vorhin abgenommen hatte, und strzte zur Thr hinaus - -
    Adam hatte gehrt, wie die Thr zugeschlagen wurde. Er war aus seinem
herumtastenden Brten aufgefahren und erschien jetzt unter der
auseinandergeteilten Portire.
    Sie ist fort -? fragte er - allein -?
    Emmy antwortete nicht. Sie stand, noch immer aufs Tiefste erschttert, neben
dem Fauteuil und starrte vor sich nieder. Sie hatte die Hnde bereinander auf
die Fauteuillehne gelegt und nickte wie in tiefem Traume vor sich hin. Warum
bist Du nicht mitgegangen -? fragte Adam von Neuem, unwillkrlich besorgt um
Hedwig, zugleich unwillig ber Emmys berfliges Versteinertsein.
    Die drehte ihm langsam ihr Gesicht zu. Sie sah ihn fragend, verwundert an,
als mte sie sich erst auf die Bedeutung seiner Worte besinnen. Nun hatte sie
wohl begriffen - ich gehe 'gleich - Du wirst mich 'gleich los sein - - sagte
sie leise und sah sich im Zimmer um, als suchte sie etwas, ihr Jaquet oder ihren
Hut.
    So hab' ichs nicht gemeint - das weit Du - erwiderte Adam rgerlich -
aber es knnte ihr 'was passiren - und da wre es besser, sie htte Jemanden in
ihrer Nhe, der - -
    Ihr ist schon genug passirt - sagte Emmy laut, bestimmt und sah Adam mit
groen, herausfordernden Augen an -
    Meinst Du -? fragte der sarkastisch - Du mut's ja wissen - ja! Ihr
Weiber! - Eine wie die Andere - Nun fing die auch noch an - sogar die - na! da
hrte denn doch Verschiedenes auf -
    Jetzt stand Emmy vor Adam. Sie machte ein sehr feierliches Gesicht, es sah
aus, als wollte sie Abschied fr immer von ihm nehmen, ihm ein letztes Lebewohl
sagen.
    Adam wurde es unbehaglich. Hab' Dich nur nicht so -! wehrte er eifrig ab -
bitte, Emmy, keine neuen Sentimentalitten - keine neuen Scenen -! Ich habe
schon an der einen genug - verschone mich - ja? Uebrigens - wie spt haben wir's
denn? Zehn durch. Ich habe meiner Braut versprochen, gegen Elf am Bahnhofe zu
sein - sie verreist - und da kann ich doch nicht gut - also - wenn Du noch einen
Augenblick warten willst, komm' ich 'gleich mit -
    Wie heit denn Deine Braut -? fragte Emmy leise, befangen, sie konnte die
Frage doch nicht unterdrcken.
    Lydia natrlich -! Wie sonst -? Lydia Lange! Jene Dame - Du wirst Dich
erinnern - der wir 'mal begegneten, weit Du - es ist ja noch gar nicht so lange
her - im Park, an dem Tage, wo Du - jetzt wirst Du Dich sicher daran erinnern -
wo Du die Bekanntschaft des Herrn von Bodenburg machtest, die so wichtig fr
Dich werden sollte - also die Dame ist's - nun weit Du's - was macht denn
brigens der kleine Pistolenschker -? Gehts ihm gut? Natrlich! Diesem Gesindel
gehts immer gut. Hast Du Deinen Trovatore gestern nicht gesehen? Warst nicht mit
ihm zusammen -? fragte Adam mit bissigem Lachen.
    Emmy wandte sich ab und erwiderte kein Wort. Sie hatte erst einen Augenblick
Lust, sich nach dem Verlaufe der Duellgeschichte zu erkundigen. Aber sie
unterdrckte die Frage. Sie htte nach tieferer Theilnahme ausgesehen, und
obwohl sie diese Theilnahme immer noch fr Adam empfand, jetzt vielleicht
unwillkrlich strker als je - denn ein mit ihr rivalisirendes Moment war ja aus
seinem Leben gestrichen - sie wollte sie doch nicht zeigen, in diesem Augenblick
erst recht nicht, um keinen Preis der Welt. Uebrigens ging ja auch schon daraus,
da Adam kein Wort von dem Duell wieder erwhnt hatte, hervor, da die
Geschichte in irgend einer Weise erledigt sein mute. Und es erbitterte sie, da
sie in den letzten Tagen so oft so berflssig um Einen gebangt hatte, der es
nicht verdiente - um einen Blasirten, einen Unzuverlssigen, einen Herzlosen - -
    Nun gingen die Beiden unten auf der Strae neben einander her. Eine lngere
Weile schwiegen sie. Hatten sie sich nichts mehr zu sagen? Oder scheuten sie
sich, auf ein Thema zurckzukommen, das ebenso unerquicklich war, wie undankbar?
Und doch lastete nicht minder peinlich auf Jedem der Druck, den das Schweigen
des Anderen ihm auferlegte. Vielleicht aus diesem Grunde, vielleicht auch, weil
es ihn doch drngte, Emmy noch dies und das zu sagen, begann Adam endlich,
leise, langsam, sprungweise, zugleich absichtlich einen Accent der Bitte und
Abbitte in der Stimme, als redete er, wie von einem tiefen Traume besessen, nur
zu sich -: Sei mir nicht bse, Emmy! Siehst Du: das mute ja Alles so kommen.
Das hat ja Alles seine tiefen, tiefen Grnde. Kennst Du mich? Weit Du, wer ich
bin -? Nein! Ich kenne mich zwar selber ebenso wenig. Oft bin ich ganz erstaunt
ber mich. Ich weit nicht, wer ich bin. Ich ahne mich nur. Ja! Aber ich ahne
mich eben wenigstens doch. Nicht immer, doch manchmal mit brennender Schrfe und
Annherung. Dann ist Alles so voll in mir, so weit, so gro, so gewaltig, dann
bin ich nicht mehr, dann hat mich etwas Unerklrliches, Geheimnivolles in sich
aufgenommen, mein Leben strmt in stolzem Drange, ein sanftes, unendlich
wohlthuendes Fieber durchprickelt mir Leib und Seele, Alles in mir ist Dank,
Inbrunst, Hingenommenheit, Flle, Begeisterung, Gre ... Aber diesem unendlich
Sen, dem ich dann gehre, das mich dann ganz aufgezehrt hat -: ihm einen Namen
geben - diesem verklrten Sein, da Sehnsucht und Erfllung zugleich in mir ist,
eine Formel, ein Schema, eine Rubrik fr den Tagescurs auf den Leib schreiben -
nein! das kann ich nicht. Wenn ich mit Euch, Ihr anderen Menschen, Ihr
Auenmenschen, mit einem sogenannten Bekannten, einem Kameraden, mit irgend
einem Weibe zusammen bin - mein Gott! dann bin ich Gesellschaftsthier, meinem
tieferen Ich entfremdet, dann rede und denke und scherze und lache und rgere
ich mich und raisonnire, schimpfe, schwadronire, debattire, diskutire, spreche
ich ganz wie Ihr, nach dem berhmten Muster socialer Individuen, im Jargon des
Alltags, der Strae, der Kneipe, des Gesellschaftszimmers ... Was wollt Ihr!
Mich kennt Ihr nicht. Das heit: jenes Wesen eben, in welchem ich zuweilen sein
darf. Aber nun sieh: gerade das Bewutsein, da ich zuweilen ein Anderer sein
darf, das giebt meinem ganzen Leben doch eine groe Zwiespltigkeit, eine ewige
Unruhe, das macht mich so oft mrrisch, melancholisch, unzuverlssig,
unberechenbar, ungeduldig, ungeniebar, das wirft mich aus einer Stimmung in die
andere. Ich strze mich in Gensse, die fr mich keine Gensse sind, aber ich
mu sie immer wieder aufsuchen, weil ich mich loswerden will, weil ich mich
betuben will - ich suche sie auf, diese faden Gensse, obwohl ich mich vor
ihnen ekele, obwohl ich sie verachte ... Ich habe eben berhaupt kein Organ fr
alle diese gerhmten plebejischen Freuden. Aber ich mache mit ... und ich bin
zuweilen nicht der schlechteste und zurckhaltendste Cumpan - das wirst Du aus
Erfahrung wissen ... Mein Pech ist nur, da Ihr Alle mit mir wie mit einer
gewhnlichen Werkeltagsmnze rechnet - und ich bin, Gott sei's geklagt! oft zu
feige oder oft auch zu gleichgltig, um gegen diese Unverschmheit, zu der ich
Euch brigens ein gewisses Recht gar nicht abspreche, zu protestiren. Ich lache
Euch oft im Stillen aus, verachte Euch bodenlos, mache aber doch ganz gemthlich
mit, gehe auf Euch und Euere abgestandenen Lebensspe und Interimsmtzchen ein
- um nachher mich selber desto mehr auszulachen ... Ja! Ja! Diese einsamen
Stunden der Sammlung, der Rckschau, der Reue, des Beisichseins! Da erlebt man
'was! Manchmal allerdings auch Nichts. Und dann geht man wieder hinaus, die
Menschen kommen zu Einem oder man sucht sie auf, man plaudert mit ihnen, man
langweilt sich mit ihnen, man rempelt sie an, man klappert mit ihnen zusammen,
die Zungen balgen sich, zuweilen wohl auch die gesammten ehrenwerthen
Leiblichkeiten - und so gehts fort, einen Tag wie alle Tage ... Man wird lter,
enger, die Ausschweifungen, die doch nur die Folgen von groen, elementaren
Jugendleidenschaften der Seele waren, rchen sich, die Nerven rebelliren, man
merkt: es geht mit dem ganzen Kerl bergab ... Na! Und man lt's halt gehen ...
Was bleibt Einem auch brig! Nur manchmal, erst seltener, dann hufiger, tauchen
so allerhand verflucht faule, weil arg philistrse Gefhle und Wnsche auf, die
groen Stunden werden immer seltener, man schmilzt sich unwillkrlich immer
natrlicher und zwangloser der Masse ein, in so vielen Punkten geht das
Sonderbewutsein ganz flten, man sehnt sich nach einem engeren Kreise, einer
festeren Scholle, einer gesicherteren Sttte, allwo man in Frieden leben,
vielleicht auch noch 'n Bissel schaffen und wirken und nachher in Frieden
sterben darf, nachdem man noch Dies und Das von der Welt und ihren Reizen
genossen hat und einigermaen soweit zufrieden, ist, um nicht allzuviel von
einem problematischen anderen Leben noch erwarten zu mssen ... Das ist so ein
Resultat, zu dem man kommt, eine der schnen und holden Erfahrungen, die man an
sich macht. Eine andere Erfahrung, die bei solchen verwickelten und zerdrselten
Persnlichkeiten, wie Unsereiner nun einmal eine ist, auftritt - und noch dazu
mit jener ersten oft in intimster, rtlicher und zeitlicher Nachbarschaft, ist
die, da man die individuelle Differenz mit der Gesellschaft, der Menge, der
Masse festhlt, ja erweitert, steigert ... Man sagt sich von einer Anschauung
nach der anderen, an welcher die Gesellschaft ihrer lumpichten Fortexistenz
halber festhalten zu mssen glaubt, los - kritisirt Alles und man verwirft
Alles, Formen, Ideen, Einrichtungen, Anschauungen, Gewohnheiten ... Ist man sich
in Diesem und Jenem noch nicht klar darber, ob man Ja! oder Nein! dazu sagen
soll - wei der Teufel! - man hat doch eine instinktive Abneigung dagegen ...
Oft begngt man sich mit dieser instinktiven Abneigung, man verwirft, weil man
einmal im Zuge ist, zu verwerfen - und kommt so zu einer Paralyse des
Seelenlebens, die entsetzlich ist und auf die Dauer unertrglich. Mit der Zeit
wird man aber auch hierin stumpfer und gleichgltiger. Man wird berhaupt mde
und lethargisch. - Das ist schon kein Pessimismus mehr, das ist regelrechte
Dcadence und Auflsung des ganzen Menschen. Vielleicht befinde ich mich schon
in diesem verheiungsvollen Stadium des inneren Lebens. Und so bin ich denn,
eben in Folge dieser kstlichen Reife meiner Natur, im Stande, vernnftig zu
werden - ich komme auf einem zweiten Wege zu demselbem Resultate - das heit:
ich versuche mir die Mittel zu schaffen, jenes vernnftige Leben fhren zu
knnen - in meinem Falle: ich verheirathe mich reich. Das ist der bequemste
Modus. Nicht wahr -? Das wirst Du zugeben mssen, Emmy. Und dann knnte ja auch
die Mglichkeit eintreten, da sich jene bewuten, theoretischen Erkenntnisse
und radikalen Anschauungen bei mir so festsetzten, da sie unwillkrlich zur
reflektorischen Auslsung von ihnen entsprechenden Handlungen fhrten - und zu
solchen abnormen Handlungen, die Einen sofort in den allerdirektesten Bruch mit
der Gesellschaft bringen wrden, kann sich nur der versteigen, der es aus
ueren, also aus materiellen Grnden nicht nthig hat, nach der Sanktionirung
seiner Handlungen von Seiten der Gesellschaft zu fragen. Sonst - mte er auf
diese Sanktionirung sehen, mte er mit diesem Moment rechnen - du lieber
Himmel! - wenn er seinem Jammer nicht selbst ein redliches Ende setze - er wrde
in der That sehr bald zerrieben und zermalmt, zerrissen, zerquetscht werden ...
Also heirathe ich meine Lydia - nicht wahr? - nun begreifst Du ... Ob ich das
Weib liebe - ich wei es nicht. Vielleicht, vielleichter auch nicht. Es ist ja
Alles Stimmung bei mir, Emmy, Alles ... Und Hedwig -? Ja wohl! Sie dauert mich,
sie thut mir leid, sogar sehr leid - aber was will ich machen -? Im Grunde ist
sie selbst schuld an ihrem Unglck. Ich habe ihren Vater und sie sattsam ber
meine Anschauungen, Gewohnheiten, ber die Art meines Handelns aufgeklrt. Es
ist ja wahr, da ich sie sozusagen in Versuchung gefhrt habe. Warum hat sie mir
aber nicht widerstanden? Sie konnte nicht, sie mute aus Grnden, die bei ihr
gltig waren und sie zwangen, unterliegen. Sie ist eben auch nicht
verantwortlich zu machen, nur mu sie eben als Object, in dem und an dem sich
Etwas ereignete, auch die Folgen dieser Ereignisse tragen. Das mssen wir eben
Alle. Was kann ein Getreideacker dafr, da ein Gewitter ber ihn niedergeht? Er
mu die Folgen hinnehmen, mu sich zerstampfen lassen, mu seine Aehren opfern
... So springt die Natur mit uns Allen um - und uns bleibt blo die statistische
Recapitulation, die sauerse Resignation - nichts weiter. - C'est tout. Das ist
Alles, aber auch andrerseits - gerade genug. Siehst Du, Emmy, Du bist doch
vielleicht das einzige Weib von allen Weibern, mit denen ich in der letzten Zeit
verkehrt habe, dem ich tiefer zugethan gewesen. An Dir hnge ich vielleicht
sogar jetzt noch am Meisten. Ich habe neulich eine schlaflose Nacht Deinetwegen
gehabt. So 'was ist immer verdchtig. Und wenn ich nun also hingehe und mich mit
einer anderen ... einer anderen Dame verbinde, die - verzeih'! - die keine so
Eine ist - wenn ich ins andere Lager desertire - - nun, so thue ich das eben und
eigne mir damit eine ganze Reihe von Vortheilen zu - aber warum ich es thue,
siehst Du - das wei ich eigentlich trotz aller kritischen Analysen im Grunde
doch nicht ... ich bin mir ja schon viel zu gleichgltig. Das Leben reizt mich
nicht mehr. Es ist mir ganz klar: schlielich bin ich dasselbe, was Du bist, nur
ins Mnnliche bersetzt, seelisch ganz dasselbe ... Ich bin psychisch ebenso
vielseitig und ebenso ... einseitig, wie Du, eben so wenig bornirt, wie Du - nur
bin ich verhltnimig freier, als Du, uneingeschrnkter in meinen Gedanken und
Handlungen. Mich respectirt die Gesellschaft, mich erkennt sie an - Dich nicht.
Ich darf mir Alles oder doch sehr Vieles gestatten, Du nicht. Mir erlaubt sie,
eines Tages ihr selber gegenber womglich eine Herrscherrolle zu spielen ...
Aber - und das ist die sehr ernste und traurige Kehrseite der Medaille - aber
ich bin, eben weil ich so wenig Schranken zu respectiren hatte, tausend Mal
rger zerfetzt und zerfasert als Du ... Du bist noch wrmerer, bestndigerer
Gefhle fhig - ich kaum ... Bei mir flackerts, flammts wohl noch jh,
leidenschaftlich, auf - aber es verfliegt auch wieder - und es verfliegt halt
ebenso schnell, wie es gekommen war. Ich wei, da Du mich liebgehabt hast, Emmy
- vielleicht hast Du mich auch noch 'n Bissel lieb, trotzdem mir Hedwig so
schwere und harte Anklagen in's Gesicht geschleudert hat ... Du hast fr die
Arme unwillkrlich Partei genommen - ich begreife das Alles sehr gut. Und doch -
ich wei es - ich ersehe es aus Deinem ganzen Betragen mir gegenber - Du wirst
mir wohl den psychologischen Blick dafr zutrauen - und doch, sage ich, schmerzt
es Dich auch Deinetwegen - und vielleicht am Meisten Deinetwegen - da ich Lydia
heirathen will. Aber zwischen uns liegt die Sache doch anders und einfacher,
dcht' ich. Wir knnen ja unser Verhltni nach wie vor aufrecht erhalten. Ich
wei zwar nicht, ob wir hierbleiben werden nach unserer Verheirathung, Lydia und
ich. Aber wre das der Fall -: was hindert uns beide, Emmy, unseren Verkehr
ruhig fortzusetzen -? Nichts. Du bist doch nun einmal so Eine - verzeih'! ich
wollte Dich nicht krnken - aber die uere Thatsache bleibt doch bestehen. Und
ich bin froh genug, da ich Dich damals dem Freiberger Seidenfritzen, der sich
brigens nie wieder gemeldet hat, abgejagt habe. Also bitte - wenn Du mich nur
ein Wenig gern hast, wirst Du schon einwilligen. Und dann, wenn die Tage
gekommen sind - na! Du weit schon: dann erinnerst Du mich an die Zeit, da ich
jung und frei war ... da ich Dich liebte ... und mich manchmal in meinem Elend
unsglich reich und stolz gefhlt habe ... Aber nun mu ich wirklich machen, da
ich zum Bahnhof komme ... Sonst provocire ich 'gleich den ersten Sturm - und
dazu - ist's spter auch noch Zeit ... Also Adieu, Emmy! Ich schreibe Dir -
    Adam strmte hinweg, Emmy blieb unwillkrlich stehen, verblfft ber die
jhe Verabschiedung. Dann ging sie mechanisch weiter. Ihm ist's ja doch nicht
Ernst, meinte sie im Stillen und wurde sehr traurig. Sie dachte noch an dies und
das, was sie von Adams langer Erklrung behalten hatte. Manches glaubte sie zu
verstehen, aber auch so Vieles nicht. Er war ein merkwrdiger Mensch, so ganz
anders, als die Anderen, mit denen sie sonst verkehren mute. Er behandelte sie
eigentlich recht wegwerfend, man konnte nie klug aus ihm werden, er war heute so
und morgen so. Manchmal mute sie ihn bewundern, wenn sie ihn auch nicht
verstand, sie fhlte, da etwas Neues und Groes aus ihm sprche, sie fhlte,
wie er innerlich hoch ber ihr stand. Oefter stie sie das gerade wieder von ihm
ab, sie sehnte sich nach Ihresgleichen, sie war dann froh, auch einmal mit einem
einfacheren, oberflchlicheren Menschen verkehren zu drfen - und doch trieb es
sie immer wieder zu ihm hin, seine Rthselhaftigkeit, seine Unberechenbarkeit,
seine Blasirtheit reizten sie, sie fhlte sich oft nicht wohl in seiner Nhe -
und doch war sie leidenschaftlich gern mit ihm zusammen, er hatte eine
merkwrdige Macht ber sie, eine Gewalt, der sie sich manchmal zu entziehen
suchte und wohl auch mit schwerer Mhe einmal entzog - und der sie doch immer
wieder verfiel. Emmy sah sehr beklommen der Zukunft entgegen. -
    Adam hatte seine Uhr befragt, es war wirklich hchste Zeit. Er trabte nach
dem nchsten Droschkenhalteplatz, warf sich in das erste beste klapprige
Ungethm und rasselte davon. -
    Am Portal der Vorhalle stand ein Weib, das Rosen feil hielt. Adam ri eine
gelbe Rose aus seinem Korbe, warf der runzligen, abschreckend hlichen Hexe
einen Fnfziger in die dreckige, verkrmmte, wie von einem Erdhufe berwachsene
Hand und strzte nach dem Perron.
    Es hatte schon zum zweiten Male gelutet. Die Wagenthren waren schon
zugeschlagen, hie und da den Zug entlang gab es hastig-laut plaudernde, unter
lebhaftem Gestenspiel sich ausgebende - oder leicht stockend, beklommen
sprechende Gruppen, auf- und niederrennende Schaffner, in der Ferne, gerade
unter der groen Uhr, die rothe Mtze des dienstthuenden Beamten, an den
Wagenfenstern da und dort ein Gesicht, gleichgltig oder ernst, weil es
vielleicht einen Abschied, einen schmerzlichen Abschied, gilt ... Adam sphte
herum, jetzt entdeckte er seine Braut, die sich aus dem Fenster eines Wagens
zweiter Klasse lehnte und ihm zuwinkte. Der Wagen stand ziemlich weit vorn, nahe
an der Lokomotive.
    Ein helles Freudenlcheln huschte ber Lydias Gesicht, als sie Adam im
letzten Augenblick doch noch vor sich sah. Sie hatte schon alle Hoffnung
aufgegeben. Sie war ganz traurig geworden, sein Wegbleiben hatte sie verstimmt,
am liebsten wre sie wieder ausgestiegen. Nun war er doch noch gekommen. Das war
so gut von ihm. Sie sah ihn zrtlich an, als er vor ihr stand, vor Aufregung
kein Wort ber die Lippen bringen konnte und ihr nur stumm die Rose reichte.
    Du siehst recht bla aus, Adam - bemerkte Lydia besorgt und fhrte die
Rose mit den kleinen, glattbehandschuhten Fingern der rechten Hand an ihre
zarte, weie Nase. Sie sah fragend auf ihren Verlobten nieder.
    So -? Mir war heute frh auch nicht ganz wohl - antwortete Adam hastig -
und wie geht es Dir, Lydia -? fuhr er dann fort, nachdem er einmal tief Athem
geholt -
    Ich danke -
    Und wie lange willst Du mich allein lassen -?
    Ich komme bald zurck - vielleicht eher, als es Dir lieb ist - -
    Lydia -!
    Meine Adresse schreibe ich Dir - also Friedrichroda - ich mu erst sehen,
ob ich Privatlogis nehme, oder -
    Und schreib' mir, bitte, recht bald und recht viel - ja? Zu schade, da Du
jetzt gerade - - bleib' nicht zu lange, Lydia -? bat Adam leise -
    Es war ihm pltzlich sehr weich ums Herz geworden. Nun seine Braut in der
Flle und Reife ihrer Kraft und Schnheit vor ihm stand, loderte die
Leidenschaft zu dieser Frau wieder in ihm auf. Ja! Er liebte sie doch - und sie
allein. -
    Es lutete zum dritten Male. Die Lokomotive pfiff, langsam setzte sich der
Zug in Bewegung.
    Die Hnde der beiden hatten zum letzten Male in einander gelegen, fest,
zrtlich. Dabei hatten sie sich voll in die Augen gesehen. Sie gehrten nun
zusammen und sie muten sich schon treu sein. - -
    Das weie Taschentuch Lydias statterte immer noch, Adam schwenkte den Hut.
Der weie, hin- und herzitternde Punkt verschwamm nun und verblate mehr und
mehr, jetzt war er ganz und gar von der Entfernung aufgeschluckt. Der Perron war
leer geworden. Adam blieb noch einen Augenblick stehen, blickte vor sich hin,
freute sich, da Lydia diskret die Geldgeschichte auch nicht mit der kleinsten
Andeutung wieder berhrt hatte, dann wandte er sich um, ging langsam durch die
Vorhalle dem Ausgang zu und stieg langsam die Steintreppe hinunter, die vom
Bahnhofsportal auf die Strae fhrte. Er befand sich in einem seelisch sehr
merkwrdigen Zustande. Lydias Abreise stimmte ihn beinahe sentimental, that ihm
beinahe weh. Er wunderte sich darber und schttelte den Kopf. -

                                      XX.


Nun kamen stillere Tage fr Adam. Er ging nicht viel aus, er sa oft stundenlang
auf seinem Zimmer, er spann seine losen, verzettelten Gedanken in der Sophaecke,
er las dies und das ohne inneren Zwang, ohne besondere geistige Genugthuung. Der
Juni war sehr hei, trotzdem berlief Adam oft ein leises, stachliges Frsteln,
besonders gegen Abend stellte sich gewhnlich ein heftigeres Fieber ein, sein
Schlaf war dnn, unruhig, von schwlen, bizarren Trumen erfllt. Frh fhlte er
sich oft matter und hinflliger, als er den Abend vorher gewesen war. Endlich
nahm er Chinin ein, da wurde es besser, das Fieber trat weniger akut auf,
schlielich blieb es ganz weg.
    Lydia hatte Adam bald nach ihrer Ankunft in Friedrichroda geschrieben. Er
hatte den lieben, zrtlichen Brief mit seiner zartstrichigen Schrift, seinen
pikanten stilistischen Inkorrektheiten, seinen versteckten Liebkosungen oft
genug gelesen, wieder und wieder. Lydias Hingebung schmeichelte seiner
Eitelkeit, er verga, welchen Umstnden er schlielich ihren Besitz verdankte,
es kam so weit, da er sich unwillkrlich einredete, er htte sie sich errungen,
und er war stolz auf diesen Erfolg. Aber dennoch verschob er es von Tag zu Tag,
Lydia zu antworten. Dieses Hinausschieben machte ihm ein pikantes Vergngen,
gewhrte ihm einen angenehm prickelnden Reiz. Hatte er erst geschrieben, so war
damit auch die momentane Situation erschpft - und der Genu, der in dem
Bewutsein lag, da sich Lydia um so mehr und um so intimer mit ihm beschftigen
wrde, je lnger seine von ihr ersehnte Erwiderung ausblieb, hrte dann auf.
Vielleicht wirkte bei seinem Zgern auch mit, da ihm das Bild seiner Braut
schon ein Wenig verblat, da er schon etwas in den Hintergrund getreten war,
da der Einflu ihrer reifen Frauenschnheit unter der Trennung doch schon
gelitten hatte. Er mute sich das eingestehen und rgerte sich darber. Aber er
konnte nichts dagegen machen. Er gab sich oft alle Mhe, Lydias Bild in Klarheit
und Frische vor sein geistiges Auge zu rufen, aber es wollte ihm nicht gelingen,
nur Schemen kamen und vage Andeutungen. Dann konnte er nicht begreifen, da nun
in Zukunft er ihr und sie ihm angehren sollte, da sie Beide hingehen sollten,
um sich ihren lieben Mitmenschen als ein zusammengehriges Paar vorzustellen.
Das war Alles so drollig, so wunderbar, das konnte nicht sein, das widersprach
doch so ganz den Gesetzen, unter denen zu leben er sich gewhnt hatte. Er
ertappte sich auf dem Gedanken, auf dem leisen, geheimen Wunsch, da seine Braut
so lange als mglich in Thringen bleiben mchte. Er wollte sich jetzt nicht von
ihr stren lassen, er gewann seine Einsamkeit tglich lieber, und doch hatte er
in diesen Tagen eigentlich gar Nichts vor sich, er vegetirte mehr mechanisch
dahin, als da er bewut lebte, als da er jetzt eine Individualitt sein
durfte, die sich in ihrer reichen Subjektivitt selbst genug ist.
    Manchmal beunruhigte ihn das Schicksal Hedwigs doch sehr. Zuerst zuckte er
bei jedem Anschlagen der Glocke zusammen, er frchtete, der Postbote wrde in
sein Zimmer treten und ihm die tausend Mark zurckbringen, deren Annahme die
Adressatin verweigert htte. Aber der sonst so Willkommene blieb aus, blieb aus
einen Tag nach dem anderen - und Adam war das in diesem Falle ganz recht, er
beruhigte sich wieder. Hedwig hatte das Geld also angenommen, ihre Lage hatte
sie wohl dazu gezwungen, aber warum sollte er Bedenken tragen, sein Thun als
eine Art von Shne aufzufassen? Es ist ja nun einmal so auf der Welt, da
seelische Verletzungen durch materielle Buacte wieder ausgeglichen werden
knnen. Und doch kam ihm der Gedanke an den Tod Irmers immer wieder, er vermied
es mit ngstlicher Scheu, eine Zeitung zur Hand zu nehmen, in der er etwa eine
Notiz darber finden konnte. Irmers Brief, den er in einer besonders nervsen
Stunde aufgebrochen und in zitternder Hast flchtig berflogen hatte, nachdem er
ihn schon unzhlige Male in Hnden gehabt, aber stets wieder bei Seite gelegt,
hatte er sofort verbrannt. Er hatte ihn los sein wollen ... und triumphirend
hatte er vor dem Huschen Asche gestanden, die von ihm noch brig geblieben war.
In einer stillen Sommernachtsstunde hatte er sich weit zum Fenster hinausgelehnt
... und die Asche in alle Winde verstreut ... Und doch blieb eine Stelle des
letzten Vermchtnisses Irmers hasten in seinem Gedchtni, sie tauchte immer
wieder auf, mochte er sie auch mit aller Gewalt niederdrcken und zurckdrngen,
sie kamen wieder, immer wieder, jene ernsten, schweren, beschwrenden Worte: -
Ich lasse mein Kind in Ihren Hnden zurck, Herr Doctor - und ich wei, Sie
werden niemals vergessen, was sie ihm schuldig sind. Ich vertraue Ihnen und
sterbe ruhig - - Adam sagte sich ganz klar, da er Hedwig gegenber eine
Schurkerei begangen, wenigstens eine Schurkerei im Sinne der gltigen Moral der
Masse, er fand schlielich auch hhere ethische Gesichtspunkte, die ihn
trsteten und freisprachen, aber es fruchtete wenig, das Neue war noch zu dunkel
in ihm, noch zu theoretisch, zu vergeistigt, die alten thrichten
Katechismusgefhle waren doch noch zu stark. Und sie klagten ihn Tag fr Tag
aufs Neue an. Nein! wenn Hedwig noch einmal in sein Leben trte, wollte er nicht
zurckweichen vor ihr. Sie aber aufzusuchen - dazu hatte er nicht die Kraft und
nicht den Muth. Und dann auch: sie verachtete ihn gewi schon so sehr, da sie
seine Nhe gar nicht ertragen wrde. Was sollte er also sie und sich qulen-? Es
war berflssig. -
    Einmal dachte Adam auch an den Selbstmord. Das war zu komisch. Hatte er denn
ganz vergessen, da er zum Leben verurtheilt war? Hatte er das nur einen
Augenblick vergessen knnen -? Ja! Es war doch mglich gewesen. Merkwrdig!
Merkwrdig! Oh! Und er besa ja nicht einmal mehr die Gre und die Gewalt der
Seele, die schmerzlich sen Wollustschauer eines Galaselbstmords genieen zu
knnen. Das kritische Delirium hatte Alles zermalmt, Alles, Alles. Ja! Ja! das
war das curiose Mrchen von der Analyse und von der Synthese, die sich so gut zu
vertragen wissen ... Adam lchelte. Das Leben hatte ihn wieder. -
    Eines Morgens fhlte er sich besonders behaglich. Er hatte gut, besser
wenigstens, denn gewhnlich, geschlafen, schleimige Trume hatten ihn verschont,
er fhlte sich strker, freier, flssiger, auf das Spiel der Menschen und Dinge
... und auf das Mitspielen gestimmter. Er trank seinen Kaffee und rauchte mit
groem Genu seine Morgencigarette. Er lehnte sich zurck und dachte an Lydia.
Er nahm sich vor, ihr heute zu schreiben, ganz bestimmt zu schreiben, sie knnte
sonst leicht auf allerlei Gedanken kommen - und das hatte sicher seine
Schattenseiten und Nachtheile fr ihn. Er verdankte ihr doch eigentlich recht
Viel, es wre barbarisch dumm gewesen, leichtsinnig wieder fahren zu lassen, was
sie ihm aus Liebe entgegengebracht. Ja! Nun er sich zum ersten Male wieder
werkthtiger aufgelegt fhlte, fand er seine Brutigamsschast uerst famos und
praktisch. Es ist gut, wenn der Mensch eine reiche Partie macht. Adam wurde
mit der Partie, die er gemacht hatte, immer einverstandener. Er nahm sich vor,
unter der Hand bei einem kaufmnnischen Auskunftsbureau einmal genauer nach den
Vermgensverhltnissen Lydias zu recherchiren - das war doch sehr von Belang fr
ihn. In den letzten Tagen war ihm berdies fter ein Gedanke zurckgekehrt, mit
dem er schon vor Jahren gespielt, der sich aber wieder verflchtigt hatte, weil
damals zu seiner Verwirklichung blutwenig Aussicht, weil blutwenig Material
vorhanden gewesen war. Nun stand die Sache scholl anders. Jetzt durfte er schon
mit grerem Rechte an sein geliebtes Paedagogium der Zukunft denken. Und Adam
beschlo, sich, demnchst einmal ernstlich daran zu machen, die Grundprincipien
dieses seines Paedagogiums der Zukunft zu entwerfen. -
    Auf die Tage der ueren und inneren Strme und Katastrophen sollten die
Tage ernster, gesammelter, shnender Arbeit folgen. Ja! Er wollte arbeiten,
besa er doch noch Ideale! Vielleicht noch zwei, vielleicht sogar noch drei,
vielleicht auch nur noch eins. Er vermied es, sich zu fragen, wie dieses eine,
dieses letzte Ideal hiee, wie es beschaffen wre, in welcher Richtung es lge
-? Er wute, da er diese Frage vermied, und das beunruhigte ihn. Und doch
freute es ihn zugleich, da er sich berhaupt noch entschlieen konnte, im
Dienste eines Ideals zu arbeiten. Ja! Er wolle arbeiten. Und war das im
tiefsten Grunde auch nur eine Resignation - schlielich bedeutete dieser
Entschlu doch auch eine Hoffnung auf die Zukunft und eine Brgschaft fr die
Zukunft. Adam zweifelte daran wenigstens nur dann und wann.
    Im Uebrigen wurde er von Tag zu Tag mehr und mehr guter Dinge. Er kostete
die kargen, letzten Zeitlufte seiner Freiheit in sanfter Behaglichkeit aus.
Der Sommer war so schn, die Rosen blhten, bald mute es auch Levkojen und
Reseda geben. Und sonst - na! Ick bin ja man ooch blo in absentia uff der
Welt - trstete sich Adam - der brave Klempnergeselle behielt doch Recht.
    Auf welcher Welt werden wir einmal nicht in absentia dasein -?
    Adam hatte gut fragen. Die Antwort war ihm ja doch furchtbar schnuppe. -

                                     Ende.
