
                                  Boy-Ed, Ida

                                 Fanny Frster

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                                   Ida Boy-Ed

                                 Fanny Frster

                             Meiner lieben Freundin
                                        
                          Alexandra von der Gabelentz
                        geb. Freiin von Rothkirch-Trach
                                        
                       zur Erinnerung an manche frhliche
                           und manche ernste Stunde.

                                                                        I. B.-E.

                                 Erstes Kapitel


Sie wird nicht weinen, nein, sie wird nicht weinen, sagte Arnold von
Herebrecht vor sich hin und legte die Faust schwer auf das vor ihm ausgebreitete
Schriftstck. Dies trug ein kaiserliches Siegel und die Unterschrift des
Marineministers. Der Inhalt des Schreibens kam brigens dem Empfnger nicht
unerwartet; lngst wute man, da die Korvette Maria im Herbst eine
zweijhrige Reise anzutreten habe, um die neuen Kolonien zu besuchen, und dort
vielleicht so Schutz wie Besitzvermehrung bewirken solle. Auch da ihn, den
Kapitn zur See von Herebrecht, diesmal der Ruf treffen wrde, unter den das
Schiff begleitenden Offizieren zu sein, hatte er wohl vermutet, aber kein Wort
von dieser Voraussicht war ihm seinem Weibe gegenber von den Lippen gegangen.
Jetzt jedoch mute er ihr die Berufung, der schon nach acht Tagen die Trennung
zu folgen hatte, jetzt mute er sie ihr mitteilen. Er stand langsam auf, das
Papier knitterte unter seiner Faust, die er wie zur Sttze beim Erheben auf
Schriftstck und Tischplatte belassen. Er besann sich, wie er es ihr sagen solle
und was sie antworten wrde.
    Sie mag es lesen, entschied er sich endlich. Er fhlte es wohl, da ihr
dann Zeit bleibe, eine hfliche, ja vielleicht eine gtige Antwort zu finden,
whrend dem gesprochenen, raschen Wort Ich gehe ebenso rasch ein froher Ruf
folgen konnte.
    Die Thr, welche von dem Arbeitszimmer des Kapitns in das Wohngemach seiner
Frau fhrte, ging langsam auf, Adrienne, die am Fenster sa und nhte, hob nicht
einmal die tief auf die Arbeit geneigte Stirn. Herebrecht stand, am Thrpfosten
gelehnt, eine Weile still und berschaute das Bild, das ihm sein Weib, sein Kind
und sein Heim so boten.
    Die Stube hatte zwei Fenster, welche auf eine der engen und beraus
geruschvollen Straen Kiels sahen; Sonnenschein fand hier keinen Eingang, denn
wenn das Zimmer auch nicht nach Norden gelegen htte, wrde die
gegenberliegende nahe Flucht der hohen Huser doch jeden Sonnenstrahl abgewehrt
haben. Die Mbel, welche durch Form und Ueberzug verrieten, da sie hchstens
zwei Jahre alt sein mochten, waren ebenso weit von Eleganz wie von Drftigkeit
entfernt und zeigten in ihrer ganzen Anordnung jenen erschrecklichen
Allerweltsgeschmack, der es verbietet, aus dem Geprge eines Wohngemachs auf die
Liebhabereien der Bewohner zu schlieen. An der Hauptwand befand sich ein Sofa,
davor auf mig groem Teppich ein Tisch mit Decke und epheuumkrnzter
Alabasterschale, ber dem Sofa ein Bild der Knigin Luise von Richter; rechts
und links vom Tisch standen zwei nie bentzte Lehnsthle; dann an der einen Wand
ein verschlossenes Piano und an der andern ein Damenschreibtisch, dessen Platte
jedoch von peinlich symmetrisch geordneten Nippes besetzt war. Die Zwischenrume
an den Wnden waren von Sthlen ausgefllt, die so von allen vier Seiten ihre
Sitze und Vorderbeine steif von der Mauer dem Stubeninnern zukehrten wie in
einem Wartesaal, weniger zum Sitzen einladend, als ihr vorschriftsmiges Dasein
zeigend. Auf den beiden Fensterbrettern standen einige bltenlose Topfgewchse;
vor dem einen Fenster, zwischen den weien Gardinen, sa die junge Frau an einem
Nhtischchen und nhte, die Hand wie eine bezahlte Nhterin mit unermdlicher
Gleichmigkeit hebend und senkend.
    Dieses Bild, in immer derselben Frbung des sonnenlosen Lichts auf den
graubraunen Mbeln, dem dunklen Frauengewand und dem rtlichen Weiberkopf, sah
Arnold von Herebrecht so schon seit zwei Jahren, er mochte eintreten, zu welcher
Tageszeit er wollte. Nur einmal hatte es sich verndert: da fehlte die nhende
Frau vier Wochen an ihrem Fensterplatz, und als sie ihn wieder einnahm, stand
neben ihr eine Wiege mit dem schlummernden Shnchen. Das war jetzt ein
Vierteljahr her.
    Nun, da ihm dies einfrmige Gemlde eines regelmigen Frauendaseins
vielleicht zum letztenmal vor Augen trat, da vor seinem geistigen Auge schon das
farbenspielende Meer und die glhende Tropenwelt aufstiegen, sagte er sich
pltzlich: Es ist wahr, ihre Tage waren unendlich gleichtnig.
    Adrienne, sprach er, Du hast so oft eine Vernderung unseres Lebens
ersehnt, hier die Kunde einer sehr bedeutungsvollen.
    Er trat zu ihr und reichte ihr den Einberufungsbefehl. Sie nahm und las. In
ihr feines weies Gesicht stieg ein Errten. Es war das einzige Zeichen einer
innern Bewegung, denn mit einem ruhigen Aufblick ihrer dunklen Augen reichte sie
ihm das Papier zurck. Sie schwieg. Sein mnnliches Gesicht, das durch einen
groen Bart und peinlich straff aus der Stirn gebrstetes Haar ohnehin einen
Eindruck von Strenge machte, wurde noch herber, seine kurzsichtigen, scharfen
Augen kniffen sich zusammen, wie es seine Art war, wenn er jemand durchdringend
ansehen wollte.
    Du hast kein Wort?
    Was soll ich dazu sagen? fragte sie entgegen. Dein Kaiser ruft, es ist
Deine Pflicht und Dein Beruf, zu gehorchen.
    Freust Du Dich, da ich gehe? sagte er wider Willen halblaut und mit einem
gewissen Drngen in der Stimme. Sie sah ihn traurig an.
    Nein, antwortete sie, ich freue mich nicht. Wie sollte ich auch? Whrend
Du hier warst, konnte ich doch hoffen, da irgend ein Zufall, irgend eine
dienstliche oder andere Vernderung in Deinem Dasein auch das meine mit
freundlicher gestalten knne. Nun Du gehst, wird meine Abgeschiedenheit vollends
zur Klausur werden.
    Liebes Kind, sagte er mit Milde, ich will Dir nicht wiederholen, was wir
schon bis zum Ueberdru besprochen haben, da es nmlich durchaus unntig, ja,
da es geradezu eigensinnig von Dir war, auf all die kleinen Freuden des Lebens
verbittert zu verzichten, die doch auch andere Menschen in gleich unseren
bescheidenen oder noch bescheideneren Verhltnissen finden. Eine Aenderung von
auen erhoffen, hiee ein Wunder vom Himmel erwarten.
    Ja, rief sie, whrend allmlich zwei rote Fleckchen auf ihren Wangen
entbrannten, ja, es war ein Wahnsinn, dergleichen zu hoffen. Unabnderlich -
unabnderlich! Das ist das krchzende Wort, das mir jeder Tag zuschreit. Du
wirst in Deiner Berufslaufbahn den Schneckengang, den blichen, vorwrts gehen,
trotz allem Ernst, trotz aller Fhigkeit. Whrend wir noch jung sind, whrend
wir genieen knnten, heit es, mit der kleinen Gage reichen und noch davon zu
erbrigen, um Deinem Bruder Zuschsse zu gewhren. Du bist arm, ich bin arm, und
von keiner Seite haben wir Erbschaften zu erwarten. Nein, Arnold, ich wollte die
kleinen, kargen, lgnerischen, mhselig ersparten Vergngungen nicht, mit denen
andere in solcher Lage das Dunkel ihres Daseins erleuchten wie mit Talglichtern.
Ich will ein ganzes, ein helles, groes Glck.
    Sie brach in Thrnen aus und legte die Stirn auf die Fensterbank. Arnold
trat zu ihr und streichelte ihr mitleidig das Haar.
    Armes Kind, sagte er mit seiner tiefen Stimme, armes, irrendes Kind! Du
liebst mich nicht, deshalb kann Dich auch meine Liebe nicht reich machen.
    Du liebst mich? rief Adrienne mit bitterem Auflachen. Seltsame Art, mir
das zu zeigen. Frwahr, ein strenger, nie befriedigter Erzieher warst Du mir;
von Liebe, von jener heien, nie ermdenden Liebe, die ich getrumt habe und in
deren Glanz ich auch mit trockenem Brot htte zufrieden sein wollen, von jener
Liebe, die im andern den Gegenstand hchster Anbetung sieht, habe ich nie etwas
bemerkt.
    Weshalb htte ich Dich denn aber zur Gattin gewhlt? fragte er mit mehr
Sanftmut, als ihm sonst bei solchen Scenen eigen war.
    Weil Du ein gromtiger Mensch bist und das arme junge Ding Dich dauerte,
welches bei Deinem Vorgesetzten die unartigen Kinder beaufsichtigen mute und
sich ihr karges Brot selbst zu verdienen hatte, was ihr auch nicht an der Wiege
gesungen worden war. Und diese Deine Gromut blendete mich, ich sah in Dir einen
Helden und Gott ... bis ... ja, bis ich in der schnell geschlossenen Ehe
erkannte, da Du ein Pedant bist ... was sag' ich, ein Pedant? eine Statue ohne
Wrme, schn und mannhaft anzuschauen, aber kalt! sprach die junge Frau.
    Die Liebe eines Mannes, ich habe es Dir oft gesagt, kann sich nicht in
steten Versicherungen und Schwren, nicht in immer neuen Huldigungen und
Umwerbungen uern. Sieh, in unserer eisernen Zeit, in der Ueberflle von
Existenzen, wo immer eine die andere verdrngen mchte, weil ihrer zu viele sind
fr die Aufgaben der Menschheit, in unserer Zeit der Arbeit ist nur wenigen
Mnnern die Mue vergnnt, die Ritterlichkeit, die auch in ihrer Liebe wohnt,
dem Weibe so unermdlich zu zeigen, wie ihr Geschlecht mit natrlichem Wunsch zu
begehren gewohnt ist. Der Mann von heute mu von dem Weib von heute mehr
Vertrauen fordern, als unsere Vorfahren zu beanspruchen brauchten. Ihr mt uns
auch ohne immerwhrende Beweise glauben, und wir knnen von euch leichter
verraten werden. Bedenke die Einrichtungen des modernen Lebens und gib mir
Recht. Ich hatte in meinem angestrengten Dienst und meinen auerdienstlichen
wissenschaftlichen Arbeiten keine Zeit, mit Dir zu tndeln, ich mute auf Dein
Vertrauen zu meiner Liebe rechnen. Du aber mut hinwieder auf mein Vertrauen zu
Deiner Liebe zhlen, nun, da ich fern bin und Du mir weder Liebe noch Treue
augenfllig beweisen kannst. So, Hand in Hand, Vertrauen fest an Vertrauen
gefgt, so ist die Liebe der Menschen von heute, so sollte sie sein, und im
Getmmel des Daseinskampfes gengt ihr ein treuer Blick als Verstndigung.
    Auf seinem Gesicht lag ein feierlicher Ernst. Sein Weib neigte das Haupt.
Was sollte sie ihm antworten? Da er in der Zeit, wo er ihr diese und hnliche
lange, ohne Zweifel kluge und wahre Reden gehalten hatte, sie lieber htte
herzlich kssen und mit ihr scherzen sollen? Scherzen? Arnold? Undenkbare
Vorstellung! Kaum da sein Ernst je einmal durch ein Lcheln unterbrochen wurde.
    Und da ich Dich hufig tadelte, fuhr er liebevoll fort, das, mein Kind,
wirst Du mir danken, wenn dieser da, der sein Leben vorderhand noch verschlft,
ein erziehungsbedrftiger Mensch wird. Du hattest keine Mutter gehabt seit
Deinem zehnten Jahr, Du wuchsest in einer Pension auf, die Dein lterer, reicher
Stiefbruder aus Gnade bezahlte, denn auch Dein Vater war verarmt, noch ehe er
starb, und das groe Vermgen seiner ersten Frau ging auf deren einzigen Sohn
ber. Das verbitterte schon Deine Kinderseele. Und als dann auch Dein
Stiefbruder starb, wolltest Du von seiner Witwe, die ihn beerbte, keinen Heller
mehr nehmen. Du, selbst noch unerzogen, gingst schon in die Welt, andere zu
erziehen. So fehlten Deinem Wesen berall die letzten weiblichen Abrundungen. Es
war meine Pflicht, Dich darauf aufmerksam zu machen.
    Ja, sagte Adrienne mit jener pltzlichen Selbsterniedrigung, die zuweilen
weiblichem Trotz folgt und niemals wahrhaftig gemeint ist, ja, ich bin viel zu
dumm und zu jung fr Dich, und undankbar obenein.
    Er schttelte wie in Ungeduld verzagend den Kopf.
    Vielleicht wird Dir in der langen Trennung begreiflich, sprach er, da
wir doch besser fr einander passen und glcklicher mit einander sein knnen,
als es jetzt scheinen will.
    Beide Gatten schwiegen einige Minuten, dann fragte Adrienne mit ermdeter
und gleichgiltiger Stimme, bis wann Arnold sein Gepck an Bord haben msse und
ob Joachim vorher noch kommen solle.
    Nein, entschied der Kapitn nach kurzem Bedenken, abgesehen davon, da
wir in diesem Augenblick unntze Ausgaben vermeiden mssen, weil ich fr Dich
und das Kind Umsiedlungsplne habe, zu denen Du Geld brauchst, abgesehen also
davon, wrde dem guten Jungen nur das Herz schwer werden, wenn er ...
    Es wollte nicht heraus, dies: Wenn er she, wie frostig mein Weib mich eine
Reise um die Erde antreten lt.
    Adrienne verstand aber die unausgesprochenen Gedanken ihres Gatten. Sie
wute, da Arnold an seinem jngeren Bruder mit groer Liebe hing, die dieser
mit abgttischer Verehrung erwiderte. Demtig sagte sie:
    Du solltest ihn doch kommen lassen. Wenn Du fort bist, kann ich mich leicht
noch mehr einschrnken und so das Geld, was die Reise kosten wird, schnell
wieder sparen.
    Nein, meinte der Kapitn bedrckt, lassen wir das! Es ist mein Wunsch,
da Du whrend meiner Abwesenheit etwas mehr vom Leben siehst, als es bisher
geschehen konnte. Du wirst meine Gage wie jetzt regelmig empfangen, die
Kommandozulagen, welche wir auf Reisen beziehen, werden fr meine Bedrfnisse
gengen, Dir bleibt also, nach dem blichen Abzug fr Joachim, mein ganzer
Gehalt, was sonst fr mich, Dich und Baby reichen mute, fr euch allein, Du
kannst Dich einigermaen rhren.
    O Arnold, sagte sie traurig, dann wollen wir doch lieber das, was jetzt
weniger gebraucht wird, fr Baby zurcklegen.
    Wie Du willst, sprach er gtig, aber erinnere Dich, wenn Dir Wnsche
erwachen, meiner Einwilligung.
    Adrienne brach zum zweitenmal in Thrnen aus. Mir sind ja doch keine
Freuden bestimmt, sagte diese heftige Thrnenflut.
    Arnold glaubte alles gesagt zu haben, was in dieser neuen Wendung ihres
Lebens ihren Sinn zufrieden und gerecht machen konnte, und mit einem Seufzer
verlie er das Zimmer. Er nahm wieder seinen vorherigen Platz an seinem
Schreibtisch ein, legte sich Briefpapier zurecht und begann mit der
Unverzglichkeit, welche vielschreibenden Leuten eigen ist, einen Brief an
seinen Bruder; kaum da er die Unterschrift darunter gesetzt, schob er den Bogen
zurck und setzte die sichere, rasche Feder auf ein zweites Blatt, zu der Anrede
Hochverehrte Frau! Der Brief an seinen Bruder lautete:

                              Mein guter Joachim!
Was wir seit einiger Zeit erwarteten, wird Thatsache werden: in acht Tagen gehe
ich mit der Maria nach den neuen Kolonien, wahrscheinlich auf zwei Jahre. Ich
lade Dich nicht ein, vorher um Urlaub zu bitten, so sehr ich auch wnschte,
persnlich von Dir Abschied nehmen zu knnen. Du verstehst meine Grnde ohne
weiteres, wenn ich Dir sage, es ist mein Wunsch, da Adrienne eine Reise mache.
Leider Gottes, mein Junge, haben wir von Jugend auf gelernt, lernen mssen, uns
in alles zu finden, was unsere Armut uns verbot. Freilich weigert Adrienne sich
vorderhand und zeigt Neigung, in ihrer einem gewissen Trotz gegen die
Verhltnisse entsprungenen Apathie zu verharren. Aber dennoch hoffe ich, da
sie, wenn nicht frher, im kommenden Sommer Fanny Frster aufsuchen wird. Du
weit, ich habe die Stiefschwgerin meiner Frau nur ein einzigesmal,
gelegentlich meiner Hochzeit, gesehen, allein einen so bleibenden und
bedeutenden Eindruck von ihr empfangen, da ich von dem Verkehr mit dieser Frau
eine tiefgehende Wirkung auf Adrienne erhoffe. Um Dir die Wahrheit zu sagen, ist
meine Frau nach der Geburt unseres Jungen etwas trbselig geblieben; Blutarmut
und Nervositt haben die ohnehin an ihrem Gemt hngenden Schwergewichte noch
herabziehender gemacht, und ich bin sicherlich zu ernst und zu beschftigt, um
einer so jungen, gedrckten Frauenseele die Munterkeit zurck zu geben. Ich
lasse sie so allein zurck, da mir bangt. Was kannst Du ihr schlielich sein?
Ich bitte Dich wenigstens, schreibe ihr jede Woche und wirke auf sie ein, da
sie zu Fanny Frster geht, der ich noch heute in dieser Angelegenheit schreibe.
Ohne allen Zweifel wrde, wenn Adrienne nach Mittelbach geht, Fanny Frster Dich
einladen, Deinen sonst bei uns zugebrachten Urlaub bei ihr zu verleben. Nimm das
ohne Zgern an, Du kannst es, denn auf Mittelbach wird eine so groe
Gastfreundschaft gebt, da ein Besuch mehr oder weniger im Jahr nicht ins
Gewicht fllt. Adrienne hat in ihrem Herzen jene unpersnliche und doch so
persnlich wirkende Verstimmung gegen Fanny Frster, wie arme Verwandte es so
oft gegen die nchste Familie hegen, wenn diese reich ist. Kmpfe damit, besiege
das, steh ihr im Geiste bei gegen sie selbst.
    Adrienne wird Dir Deinen Monatszuschu, wie gewohnt, an jedem ersten
schicken. Sollte ihr oder unserem Kind etwas ankommen, nimmst Du Urlaub und
eilst zu ihr. Zu diesem Zweck lege ich hier eine lngst dafr ersparte Summe
bei.
    Leb wohl, mein Junge! Ob wir uns wiedersehen, wei Gott allein. Aber denke
nur an mich in Liebe und Freudigkeit, Joachim, denn das kannst Du. Hier zum
Abschied will ich's Dir sagen, da ich es voll anerkenne und achte, wie Du Dich
durch Dein junges Leben wacker geschlagen hast und tapfer an den Versuchungen
rechts und links vorbeigingst. Das ist nicht leicht, ich wei es, denn ich habe
es auch durchbeien mssen. Oft habe ich es bereut, da ich Dich Landwirt werden
lie, denn bei unserer Vermgenslosigkeit ist keine Aussicht, da Du zu Eigenem
kommst, auer durch eine reiche Heirat, und diese, wenn sie nicht durch tiefste
Herzensneigung bestimmt ist, widerrate ich Dir ernstlich. Bleibe, was Du warst:
ein Herebrecht, das heit ein Mann von Ehre. Und wenn ich nicht mehr heimkomme,
mache meinen kleinen Joachim auch dazu. Hab mein Weib, Deine Schwester, immer
lieb, wenn nicht aus eigener Wahl, so doch um meinetwillen. Im Leben und im Tod
Dein Arnold.

Und an Fanny Frster hatte er dann folgendes geschrieben:

                              Hochverehrte Frau!
Obschon unser ganzer Verkehr sich auf den Austausch von Glckwnschen beim
Jahreswechsel und Geburtstagen beschrnkte, ein lockerer Verkehr, der nur etwas
lebhafter wurde durch die herzliche Teilnahme, welche Sie meiner Frau nach der
Geburt des kleinen Joachim bezeigten, richte ich doch eine Bitte an Sie. Nicht
weil Sie die einzige Verwandte meiner Frau sind, sondern weil ich erkannt zu
haben glaube, da Sie mehr Verstndnis fr Situationen und Charaktere haben, als
andere Frauen aufzubringen vermgen, bitte ich Sie, nehmen Sie Adrienne fr die
Zeit meiner Abwesenheit in Ihren Lebenskreis auf. Ich gehe mit der Maria nach
den Kolonien, es kann zwei Jahre dauern. Sie wissen, da Adrienne sich innerlich
dagegen auflehnte, Ihren verstorbenen Gatten oder Sie zu lieben. Sie wollte
nicht dankbar sein. Aber nun, da Adrienne, wenn auch nur die Gattin eines armen
Kapitns, doch immerhin selbstndig ist, nun mgen sich leichter freundliche
Beziehungen zwischen Ihnen anbahnen. Keineswegs mchte ich Ihnen das Wagnis
zumuten, Adrienne in Ihr Haus aufzunehmen; meine Frau wrde eine so lang
dauernde Gastlichkeit doch wieder als Almosen empfinden. Aber ich denke, in der
Nhe Ihres Gutes mag es irgendwo ein Huschen oder in einem Pfarrhause ein paar
Zimmer geben, wo mein Weib sich mit Kind und Dienerin einmieten kann. So ist sie
doch in Ihrem Kreise und wird Ihrem Wesen nahe kommen. Vielleicht auch ergrnden
Sie, hochverehrte Frau, was es ist, an dem Adriennens Gemt krankt. Ihnen will
ich nicht verhehlen, da sie von einer Unzufriedenheit niedergedrckt ist, die
unmglich allein aus dem Umstand kommt, da wir in hchster Sparsamkeit leben
mssen. Ich bergebe Ihnen mein Weib in dieser ernsten Stunde. Wenn irgend
einmal in unvorherzusehenden Angelegenheiten Adriennens ein mnnlicher Rat und
Beistand ntig sein sollte, so ist es mein Bruder Joachim, der fr sie eintritt.
    In acht Tagen reise ich; ich wei, es wird mit der Erleichterung sein, da
ich vorher Ihre Zusage erhielt. Oder wenn Umstnde, die ich respektiren wrde,
auch ohne da Sie mir dieselben erklren, Ihnen Adriennens Aufenthalt in
Mittelbach nicht ratsam scheinen lassen, so werden Sie mir doch einen bessern
Rat, als ich mir selbst wte, in Bezug auf Adrienne zu geben wissen. Ich gre
Sie in tiefer Verehrung als Ihr ergebener
                                                         Arnold von Herebrecht.

Der Kapitn fhlte eine gewisse Erleichterung, nachdem er die beiden Briefe zur
Post getragen hatte. Seine Gedanken, die beinahe nur verstohlen bei der Reise
selbst zu verweilen gewagt hatten und sich bisher ausschlielich mit den
Zurckbleibenden beschftigten, eilten froh vorwrts. Herebrecht war seinem
Beruf mit einer ernsten Leidenschaft ergeben; er empfand diesen Reisebefehl als
freudige Auszeichnung und gehrte berhaupt zu den Menschen, die von einem Unmut
gegen sich und die Welt befallen werden, so lange sie einen Teil ihrer Krfte
nicht bis zur hchsten Leistungsfhigkeit anspannen drfen. Jede neue Aufgabe
bringt solchen Naturen eine ihnen sonst nicht eigene Art der Jugendfreudigkeit;
Adrienne, die im sinkenden Februarabend noch an ihrem Fensterplatz sa, ber
trostlosen Gedanken brtend, war nicht wenig erstaunt, den Gatten bei seiner
Rckkehr ein bekanntes Seemannslied vor sich hinpfeifen zu hren. Es war das
erstemal, da sich eine innere Frhlichkeit bei ihm laut uerte.
    Adrienne wollte eine bittere Bemerkung machen, aber ihr Herz schlug in
schmerzlicher Aufwallung so heftig, da ihr die Worte versagten.
    So, mein liebes Kind, sagte er, sich in eine Sofaecke setzend, an Joachim
und Fanny Frster habe ich geschrieben.
    Warum denn an Fanny?
    Komm hierher. Wir werden nicht lange mehr beisammen sitzen, la uns ein
Wort vernnftig sprechen, bat der Kapitn mit einem gemtlichen Tonfall der
Rede, der ihr auch neu war; aber die Wendung, ein Wort vernnftig sprechen,
kannte sie bis zum Ueberdru, es hie fr sie eine Strafpredigt.
    Wenn man seine Frau auf zwei Jahre verlt, dachte Adrienne, ihre Augen
dem Stckchen bleigrauen Himmels zuwendend das oben ber den Nachbarhusern zu
sehen war, wenn man geht, vielleicht auf Nimmerwiederkehr, spricht man von
Jammer, von Verzweiflung, aber gewi nicht ein vernnftiges Wort.
    Du antwortest nicht? Du kommst nicht? fragte er sanft.
    La nur, murmelte sie, ich hre ja auch hier.
    Seltsames Weib! dachte er; eine andere wrde sich jammernd an ihren
Gatten schmiegen. Sie bleibt steif und stumm am Fenster sitzen.
    Warum nimmt er mich nicht in seine Arme und zieht mich so mit Gewalt an
seine Seite? dachte sie; ach, ihm liegt nichts daran.
    Nach der Pause von Minuten, whrend welcher der schnell hereinbrechende
Abend alles im Zimmer schwarzgrau umdsterte, fragte Adrienne:
    Nun - Du wolltest ja ein vernnftiges Wort mit mir sprechen?
    Ja, ich wollte Dir die Vorteile fr Dich auseinandersetzen, die Dir eine
Uebersiedlung nach Mittelbach, in Fannys Nhe brchte.
    Das Mdchen trat mit der Lampe ein, stellte sie auf den Tisch und sagte,
whrend sie die Alabasterschale zum Piano trug:
    Der Kleine schreit, soll ich ihm noch einmal die Flasche geben?
    La nur, antwortete die junge Frau, ich thu' es selbst.
    Sie erhob sich. Ihre mittelgroe, berschlanke Gestalt bewegte sich in
schlechter Haltung, wie die jemandes, der sehr ermdet und ganz
widerstandsunfhig ist. In der Thr wandte sie sich halb um und sagte ber die
Schulter weg:
    Mache Dir keine Mhe; ich gehe nicht zu Fanny.
    Das war nicht der Ton, in dem eine Frau widerspricht, die sich streiten
will. Es war der Ton, den nur innere Unmglichkeit findet. Herebrecht seufzte.
    Die Apathie ist die Willensform der Schwachen, murmelte er vor sich hin,
sie ist schwerer zu brechen als alle Heftigkeit des Denkens und Handelns.
    Er beschlo, lieber nicht mehr auf diesen Punkt zurckzukommen, sondern der
Einsamkeit und den Briefen Joachims und Fannys berredende Kraft zuzutrauen.
    Nach drei Tagen kam von Fanny Frster eine Antwort, sie mute unverzglich
abgefat sein, denn das Gut Mittelbach lag in der Mark Brandenburg, zwei Stunden
von der nchsten Eisenbahnstation entfernt; die Postbefrderung geschah nur
einmal tglich, so brauchte jeder Brief, wie Arnold aus Erfahrung wute,
anderthalb Tage. Die Schnelligkeit der Antwort erfreute ihn, die Krze
derselben, als er dann das Couvert ffnete, befremdete ihn aber.
    Lieber Herebrecht, ich danke Ihnen fr Ihr Vertrauen. Schicken Sie mir nur
Adrienne, wann und so lange sie will.
                                                            Ihre Fanny Frster.

    Das war alles. Herebrecht ging an seinen Schreibtisch, in dem auch seine
Frau die wenigen Briefe verwahrte, die sie in ihrem Leben berhaupt bekommen
hatte oder noch bekam. Da waren die Briefe Frsters, des verstorbenen
Stiefbruders, so wenige an der Zahl, da man wohl sah, Frster hatte nur an die
kleine Stiefschwester geschrieben, wenn vierteljhrlich das Pensionsgeld
eingezahlt werden mute. Da waren auch Fannys Briefe - ein ganzes Paket.
Herebrecht lste das umschlieende Band und nahm Brief um Brief in die Hand.
    Die ersten, sehr langen Briefe, von der damals achtzehnjhrigen Braut
Frsters an dessen elfjhrige Schwester gerichtet, waren inhaltlich viel zu
hochgespannt, verworren und phantastisch fr das empfangende Kind gewesen,
strmten aber von dem leidenschaftlichen Wunsch ber, die Kleine in Liebe zu
gewinnen. Jahr um Jahr ging die Korrespondenz fort, Brief um Brief ward klarer,
gefater, krzer. Diese Briefe brachten Arnold, der durchaus nicht die Neigung
zu bildlichen Vergleichen hatte, dennoch auf eine seltsame Vorstellung: ihm
war's, als she er eine ganze Schar verschiedener Gestalten auf einer
schnurgeraden Allee dahinwandern und sich in der wachsenden, perspektivischen
Entfernung mlich zu einer einzigen verschmelzen. Und obschon Fanny Frster in
diesen Briefen niemals ein Wort von ihrem Innenleben verlor, soweit wenigstens
es von Freuden oder Schmerzen etwa berhrt gewesen sein mochte, so lie sich
doch aus all den schriftlichen Aeuerungen ein Schlu auf eine selten gesunde,
kraftvolle und zielsichere Charakterabrundung machen. Und so erschien, da seit
Jahren Fanny niemals ein Wort mehr als das Wesentlichste geschrieben, auch
dieses letzte kurze Briefchen nicht mehr befremdend.
    Die Frau sieht auch nicht aus, als ob sie viel weine oder viel grble; sie
sieht nach Thaten aus, dachte der Kapitn und bltterte sich in einem Album das
Bild Fannys auf, um es lange zu betrachten.
    Beim Mittagessen dieses Tages legte er seiner Frau schweigend das Briefchen
hin. Diese las es, ohne eine neuerliche widerstrebende Bemerkung zu machen; da
Fanny nicht viel bat und berredete, war ihr eine beruhigende Empfindung.
    Und so kam der Tag der Abreise heran. Das Leben im Hause zwischen den Gatten
war bis zur letzten Stunde das gewohnte, schweigsam bedrckte gewesen. Der
Kapitn war obenein in erhhter Weise beschftigt, teils dienstlich auf der sich
zur Afrikareise rstenden Korvette, teils mit der Ordnung seiner Papiere und
seinen literarischen Beziehungen. Er suchte und fand ein groes Blatt, dem er
Reisebriefe senden konnte. Diese Nebenbeschftigung des rastlos thtigen Mannes
galt der Sorge fr sein Kind, fr dessen Erziehung er schon jetzt alles
zusammenzusparen begann, was seine Feder ihm einbrachte. Adrienne bemerkte auch,
da ihr Gatte jetzt fter sinnend an der Wiege des kleinen Weltbrgers stand,
schweren Ernst im Gesicht. Sie zwang sich, keine Notiz davon zu nehmen. Aber
einmal, es war am vorletzten Tag, als der Kapitn lange stand und in die
dunklen, schnen und gleichwohl des lichtesbewuten Ausdrucks noch entbehrenden
Kinderaugen sah, schaute Adrienne doch zu ihm hinber.
    Arnold hatte seine Hand sorgfltig auf das haarlose Kpfchen gelegt. Er
seufzte tief. In seinen Augen war ein feuchter Schimmer. Es war das erstemal,
da Adrienne in diesen ernsten Augen Rhrung sah. Ihr Blick verdunkelte sich,
ihr Herz klopfte.
    Mein Sohn! sagte Arnold leise. Und dann wie zu sich selbst lauter: Kinder
brauchen viel Herzenswrme.
    Dann ging er schnell hinaus. Sein Weib verstand, was die Betonung auf
Kinder sagen sollte - es hie: sie knnen sich nicht wie ein Mann ohne
Herzenswrme behelfen. Ein Vorwurf, wieder ein Vorwurf, immer Vorwrfe und nie
die Erkenntnis, da er kein Echo verlangen knne, wo er keinen Ruf ergehen lie.
Sie weinte - es waren die selbstbetrgerischen Thrnen einer sich verkannt und
nicht geliebt glaubenden Frau.
    Nun, so lebe denn wohl, sagte der Kapitn am nchsten Morgen, die Stunde
ist da, ich gehe. Gott beschtze euch mir, da ich Dich und unser Kind
wiederfinde, wenn ich heimkehre.
    Er war sehr bleich und drckte die Hand seiner Frau mit schmerzhafter
Festigkeit. Adrienne war keines Wortes mchtig.
    Und wenn er sprechen lernt ... lehr ihn auch Papa sagen, flsterte er.
    Sie nickte heftig. Er umfate sie lange, innig. Auf ihre Stirn rann die
Thrne eines Mannes. Sie erschauderte. Eine unendliche, fassungslose Bewegung
ergriff sie, ihre Lippen lallten. Aber erst. als er schon, sich hastig dieser
Qual entreiend, an der Thr stand, kam der Ruf Arnold! aus ihrem Munde. Es
war ein Ruf hchster Angst. Er eilte zu ihr zurck, er umfate sie noch einmal,
und sein Gesicht an ihr Haar drckend, flsterte er:
    Versuche, da Du mich doch noch lieben kannst. Dann ri er sich wieder
los. Eine Thr fiel ins Schlo, ein Schritt verklang im Korridor, und alles war
stumm. Adrienne stand erstarrt. Thrnen rannen ihr unbewut aus ihren weit
geffneten Augen, dabei hatte sie das Gefhl, als knne sie nicht weinen.
    Ich will an die Landungsbrcke gehen, murmelte sie vor sich hin.
    Langsam kleidete sie sich fr den Ausgang an. Durch den khlen Februarmorgen
schritt sie dem Quai zu; je nher sie dem Hafen kam, um so mehr fand sie sich im
Gedrnge von Menschen, die dem gleichen Ziele zustrebten. An der Landungsbrcke
zeigte es sich, da diese gesperrt war, da von ihr aus noch durch eine kleine
Dampfbarkasse ein letzter Verkehr mit der Korvette stattfand. Adrienne dachte
nicht daran, sich als Offiziersgattin bei den wachthabenden Leuten zu melden, um
auf der Brcke, wo schon einige andere Damen standen, gleichfalls einen Platz zu
finden. Sie blieb im Gedrnge eingekeilt stehen; ein dicker alter Mann hinter
ihr, der um jeden Preis vorn am Quairand stehen wollte, weil er einen Sohn dabei
habe, wie er jedermann erzhlte, drngte und drngte und stie Adrienne
dergestalt mit sich fort, da sie sich endlich neben dem pustenden und
schimpfenden Alten hart am Eisengitter des Quais befand.
    Zu ihren Fen schob sich glitzernd Welle um Welle vorbei. Die weite Flche
der Meeresbucht, die sich am Ende der Stadt zum Hafen abrundet, war von
zahllosen Fahrzeugen belebt; kleine Dampfer schossen vom Kieler Ufer nach den
Schiffswerften von Gaarden und nach dem Fischerdorf Ellerbeck hinber. Schwarze
Khne mit geblhten rostbraunen Segeln kreuzten meerwrts; zwischen den Kolossen
der Kriegsschiffe verkehrten Boote und Barkassen, mit Matrosen bemannt; weit aus
der Stirn trugen diese die dunkelblauen Mtzen mit dem breiten Randreifen,
darauf zu lesen stand: Kaiserliche Marine; von ihrem tief entblten braunen
Halse fiel der blaue, wei umsumte Kragen. Und mitten in dem eiligen Leben auf
der stahlblau schimmernden Flche lag die Korvette. Von ihrem Hauptmast wehte
das Heimatwimpel, aus ihren Schloten wlkte sich schwarzbrauner Rauch auf, den
ein Windsto zuweilen mit widrigem Kohlendunst landwrts ber den
menschenbesten Quai niedersenkte. Hben und drben lagen die hgelartig
ansteigenden Ufer im khlen Lichtglanz der Sonne, und dort links hinunter sah
das Auge eine blaue, uferlose Ferne sich in einem blauen, leicht umdunsteten
Horizont verlieren.
    Nun scholl von Schiff zu Schiff ein Kommandosignal, Dampfpfeifen kreischten
auf. In den Raaen der stationirten Kriegsschiffe ward es lebendig wie in einem
Spinnennest. Unzhlige schwarze Gestalten kletterten darin umher, bis pltzlich
auf ein neues Kommando Mann an Mann dort auf den Tauen in strammer Linie stand,
als wre der feste Boden unter ihren Fen. So, im lebendigen Ehrenschmuck der
Matrosenreihen in ihrem Tauwerk, erwarteten die Schiffe die Abfahrt der Maria.
Wieder zerri ein hohler, langgedehnter Pfiff die Luft - ein Ton, der die Menge
am Ufer verstummen machte und fr tausend Herzen wie ein Weheruf erklang.
    Die Korvette schien sich zu bewegen. Atemlose Spannung erfate die Menschen,
die zuschauend standen. Da sank, langsam wie in wehmutsvollem Hinscheiden, das
Heimatwimpel von seiner stolzen Hhe herab; noch einmal wellte sich der lange
Stoffstreifen in der Luft aus, dann glitt er, im Fall sich ballend, am Seil
hernieder. Und zugleich sauste stolz, frei die deutsche Flagge empor, und nach
scharfem Blitz vom Nachbarschiff donnerten die Salutschsse ber die Bucht, von
Ufer zu Ufer widerhallend. Das hohle Krachen verschlang die Abschiedspfiffe der
Maria. Langsam und gro fuhr das Schiff davon. Die Matrosen in den
zurckbleibenden Schiffen, das Volk am Ufer - alles schwenkte Hte, Mtzen,
Tcher. Aus thrnengepreten Kehlen schrieen Tausende Hurra und vermischten das
Geschrei mit den Klngen der Nationalhymne, die eine Militrkapelle am Ufer
spielte. Ein unermelicher Lrm erfllte eine Minute lang die Lfte, das Leid,
die Freude, den Stolz, die Angst des Einzelnen verschlingend und sich doch
vermhlend zu einem Ruf, der ins Weltmeer und ber alle Lande hinausdonnerte,
den die deutsche Flagge da auf dem Ozean predigen wollte: Mit Gott fr Knig
und Vaterland!

                                Zweites Kapitel


Adrienne war zum erstenmal in ihrem Leben einsam. Ihre frhe Jugend war in einer
geruschvollen Pension verflossen; inmitten der lrmenden Gefhrtinnen hatte sie
sich allein gefhlt. Ihre jungen Mdchenjahre verlebte sie in vornehmen Husern
als Gesellschafterin oder Erzieherin; auch da umgab sie sich mit einer
unsichtbaren Mauer und glaubte sich allein, wie sie denn auch fortfuhr, ihr
Wesen abzuschlieen, sogar noch in der Ehe. Diese Art selbstgeschaffener
Einsamkeit, die sie aus Trotz knstlich sich aufrecht erhielt, war ganz
verschieden von dem ungestrten Alleinsein, zu dem sie sich jetzt gezwungen sah.
Sie konnte ihre Bitterkeit nicht damit sttigen, da sich der nebenan arbeitende
Gatte nicht um sie bekmmerte. Sie konnte niemand auf eine etwaige freundliche
Bitte antworten: Ich danke, ich mag nicht unter so viele Menschen gehen; es
forderte sie eben niemand zu einem Spaziergang, einem Theaterbesuch, einer
Ausfahrt auf. Sie brauchte ihr innerliches Alleinsein von keiner Umgebung mehr
abzutrotzen.
    Die Magd, eine gutmtige, beschrnkte Person, waltete ihres Amtes als Kchin
und Kindswrterin zugleich in tadelloser Gewissenhaftigkeit. Das Kind lebte sein
junges Pflanzendasein in gesunder Regelmigkeit weiter, das heit, es schlief
mehr als den halben Tag und lie sich in seinen wachen Stunden umhertragen,
wobei es sich die Welt mit ganz verstndnislosen Augen ansah. Neben dieser
geringen Arbeit war die sehr vereinfachte Kche bald besorgt. Auch schien es den
beiden Frauen nicht der Mhe wert, fr sich, in Abwesenheit des Herrn, viel zu
kochen. Adrienne fing an sehr schlecht zu leben und der Magd die ganzen
Kchenbestimmungen zu berlassen, welche diese nach ihren drflichen
Heimatgewohnheiten traf.
    Adrienne versuchte es, sich mit dem Kinde zu beschftigen. Es war ein
Vierteljahr alt und begann eben erst zu lcheln, ein Lcheln, welches natrlich
blo physischem Behagen entsprang. Adrienne hatte es sich anders gedacht, ein
Kind zu haben. Die schnen Redensarten, welche sie in Bchern gelesen und von
Frauen gehrt, die mit der Mutterliebe kokettirten, von dem ausfllenden,
entzckenden Glck, welches der Besitz eines Kindes gibt, schienen ihr erlogen.
Dieses kleine Menschenwesen bedurfte nur einer rein krperlichen Pflege, das
Kind hatte seine Mutter, die Mutter hatte das Kind noch nicht in geistigen
Besitz genommen, und dieser allein ist es, der Seelenfreuden und Seelensorgen
gibt. Wohl ergriff auch ihr Herz bange Furcht, wenn das Kind je zuweilen unruhig
oder fieberhaft war, das aber sind die mtterlichen Instinkte, die auch dem Tier
nicht fehlen. Manchmal trumte sie sich voraus, in die Zeiten, wo aus dem
schlummernden Bndelchen ein denkender Mensch, ein Mann geworden sein wrde.
Dann ward ihr Herz ergriffen von den bangen und seligen Ahnungen der
Mutterlasten. Sie erschauerte unter dem Bewutsein der tdlich ernsten
Pflichten, die ihr denkendes Kind ihr auferlegen wrde; sie sah ihren Sohn im
voraus als guten, bedeutenden Menschen oder als miratene Frucht am Baum des
Lebens. Sie schlief nchtelang nicht aus Sorge um ihres Kindes Zukunft; sie
kmpfte mit ihrem Sohn, sie lobte ihn, sie weinte um ihn, fhlte allen Stolz
einer glcklichen, alle Schmach einer unglcklichen Mutter.
    Und dann hielt ihr die Gegenwart nichts entgegen als ein kleines, dummes,
unerwachtes Lebewesen, das sich in den Armen der sorglichen, mit Kindern
vielgewandten Magd behaglicher fhlte als in den zarten, unsicheren Hnden der
Mutter.
    Nein, sagte sie sich dann, das Schnfrben hilft hier nichts: ein so
kleines Kind ist nur eine Versprechung auf die Zukunft, und mit Versprechungen
fllt man ein einsames Herz nicht aus.
    Adrienne war an eine rastlose Thtigkeit gewhnt. Sie hatte immer fleiig
sein mssen, in der Pension, bei fremden Leuten, in ihrer Ehe, denn Arnold
sprach viel von dem sittlichen Wert aller Arbeit, auch der Frauenarbeit, was
Adrienne als Mahnung zur Unermdlichkeit aufzufassen sich verpflichtet glaubte.
Weil nun so ihre Thtigkeit immer einem gewissen Zwang entsprossen war, hatte
sie sich schon von Kindheit an gewhnt, alle Erholung heimlich zu suchen. In der
Pension hatte sie gleich den anderen Mitschlerinnen heimlich gelesen; in ihrer
dienenden Stellung verbarg sie ebenfalls die Neigung; als Frau hatte sie
verstohlen in ein Buch geguckt, wenn Arnold und die Magd ausgegangen waren. Nun
hrte mit dem Zwang allmlich auch die Thtigkeit auf. Die immer fleiige Nadel
wurde seltener und seltener eingefdelt, aber da niemand ein Verbot oder nur
eine Frage ber das Lesen an Adrienne richtete, nahm sie auch kein Buch mehr zur
Hand.
    Die Inhaltlosigkeit der Tage und die geringe Nahrung steigerten die
Nervenerschlaffung der jungen Frau bis zur brtenden Schwermut.
    Ich mchte sterben, sagte sie eines Abends laut vor sich hin.
    Der einzige Tag, der neues Leben brachte, war der Sonntag. An diesem traf,
seit Arnolds Abreise, regelmig ein Brief von Joachim und einer von Fanny
Frster ein. Joachim war kein Federheld; seine Briefe erzhlten in einem
ungeschminkten, etwas bummeligen Ton allerlei kleine Erlebnisse aus seinem
gesellig bewegten Landleben, von denen er immer die Befrchtung aussprach, da
sie Adrienne langweilen mchten. In der That hatte sie auch keinerlei Teilnahme
fr seine Berichte als die des Neides, der die reicheren Lebenserscheinungen in
einem andern Dasein gegen die Armut derselben im eigenen hlt.
    Fr diejenigen, welche der Welt absterben, ist Neid der letzte Faden des
Zusammenhaltens, der erste, um wieder anzuknpfen.
    Fanny Frster schrieb nur immer kurz: Wann kommst Du? - Was macht Dein
Kind? - Schreibt Dein Mann, und was? Auf diese immer verschieden, aber immer
knapp eingekleideten Fragen antwortete Adrienne zuerst: Vielleicht - im Sommer
- oder zum nchsten Winter, und endlich - es waren inzwischen acht Wochen seit
Arnolds Abreise vergangen - ich komme nicht, ich tauge nicht unter Menschen.
    Darauf schrieb Fanny Frster nicht mehr. Aber das bemerkte Adrienne nur am
ersten Sonntag. In ihre Verlassenheitsekstase war eine neue Wendung getreten.
Ein Brief von Arnold, der erste, lange Brief, war die unmittelbare Veranlassung
dazu geworden. Der Kapitn beschrieb die Reise des Schiffes, welches zur Zeit,
da er den Brief verfate, in Alexandrien vor der Rhede lag. Er erzhlte so klar,
gefllig und doch grndlich, als sei der Bericht fr eine Zeitung bestimmt. Als
er von sich und seiner Reise alles Bemerkenswerte mitgeteilt, ging er zu
Adrienne und ihrer Einsamkeit ber. Er war zu nchtern und einsichtsvoll, um die
Tage seines Weibes durch das Mutterglck ausgefllt zu denken; alles, was in
dieser Richtung jetzt in Adrienne unter schweren Grbeleien vorging, war fr
ihn, den Mann, eine einfache und selbstverstndliche Thatsache. Er berhrte
diesen Punkt, ohne zu ahnen, da er ihr schon zu denken gegeben; er berhrte
ihn, um sie auf ihre Pflicht zu verweisen, sich schon jetzt fr die Zukunft
vorzubereiten.
    Man mu seinen Kindern so viel geben, als man im Vermgen hat. Wir knnen
unserem Sohn sehr viel mehr geben, als tausend andere, an Gtern Reichere im
stande sind. Wir besitzen eine Bildung des Geistes, die uns gestattet, auch
unserem lernenden und erkennenden Sohn noch berlegen zu bleiben. Die
fortschreitende Zeit wird freilich auch uns nicht den traurigen Augenblick
ersparen, wo wir unser Kind reifer, gebildeter und vielleicht anspruchsvoller
sehen, als wir es selbst sind; aber diesen Augenblick weit, weit hinaus zu
schieben und ihn dann von der piettvollen Erinnerung unseres Sohnes, da er uns
auch geistig alle Fundamente danke, bergoldet zu sehen, das sei unser
Bestreben. Werde Du seine erste Lehrerin; ich rste mich, sein Mentor zu werden,
wenn er Deinem Anschauungskreise entwchst. Zu dem Zweck bitte ich Dich, alle
Disziplinen, welche Du in Deinem Lehrerinnenberuf ben mutest, fortzubilden,
Dir das Neue anzueignen, wo es gut ist, Dich auch insbesondere mit den modernen
Sprachen zu beschftigen. Dieses wird zugleich Deine einsamen Tage ntzlich und
sittlich ausfllen und Dir innere Zufriedenheit geben.
    Adrienne lchelte herbe. Anstatt von Sehnsucht nach Weib und Kind zu
sprechen, sandte er ihr vom Bord des Schiffes aus noch Ermahnungen. Das war so
seine Art. Aber der stumpfe Gehorsam war Adrienne zur Gewohnheit geworden. Und
in der Wollust, aus dem Beschftigungsrat ihres Gatten eine Qulerei fr sich zu
gestalten, suchte sie sich zur Uebung dasjenige aus, was ihr in der Schule und
als Lehrerin die grten Mhen und Aergernisse gemacht, nmlich das
Franzsische. Sie hatte kein Sprachtalent, und obwohl sie mit einem sich oft bis
zur Verzweiflung steigernden Flei vollkommen die grammatische Seite der Sprache
beherrschen gelernt hatte und flieend las, war ihr das Sprechen und Lehren doch
immer eine unendliche Schwierigkeit gewesen.
    Sie beschlo, sich einige franzsische Bcher laut zu lesen und zu
bersetzen. In Arnolds Bibliothek fanden sich keine vor. Sie schickte die Magd
mit einem Zettel zur nchsten Buchhandlung.
    Als die Magd mit dem Baby auf dem Arm im Laden den Zettel abgab, in welchem
Frau Kapitn von Herebrecht einige neue franzsische Bcher forderte, sagte sich
der Commis, da eine junge Offiziersdame mit dem neu ohne Zweifel pikant
gemeint habe, und packte einige Bcher von Belot, Gyp und Guy de Maupasant ein,
nicht ohne auf der begleitenden Nota den Vermerk zu setzen, da die neue
wohlfeile Ausgabe von Zola, oeuvres compltes, durch sie zu beziehen sei.
    So kam Adrienne zu Bchern, zu einer Lektre, von deren Dasein sie bisher
keine Ahnung gehabt. So schlugen zum erstenmal die Laute aus einer verruchten,
zerfallenden Kultur an ihre streng verschlossen gewesenen Ohren. Kein Warner war
zugegen, der ihr das erste Staunen, das erste Errten htte deuten und ihr sagen
knnen: Das ist die durch Neugier gemilderte Entrstung - erkenne dies Gefhl
und la von diesen Bchern ab.
    Die peinliche, schamhafte Neugier wandelte sich schnell in ein Gefhl
brennender, fast schmerzlicher Spannung. Die Begier, immer weiter sich die
Schleier heben zu sehen von Seiten des Lebens, bis zu denen sich nicht einmal
ihre Phantasie verirrt gehabt hatte, ergriff ihre ganze Seele. Sie las und las.
Bis zum Morgen brannte das Licht vor ihrem Bette. Das Geschrei des Kindes, die
Fragen der Magd wurden zu Strungen.
    Die Dezenz des Lasters erscheint den Lasterhaften als der Ersatz fr
wohlanstndige Formen, fr die verlorene Sittlichkeit - die Phantasien eines
Unschuldigen und bisher auch Unwissenden gehen in das Riesengroe, Unfaliche
und suchen hinter dem, was ihm bekannt wird, noch immer Schrecklicheres.
    Adrienne zitterte, als seien die Snden der Welt auf sie gefallen. Sie
krankte an der Furcht, da dies alles Wahrheit sei, und an der Gier, zu
erfahren, ob hinter der Wahrheit noch eine andere, noch unmenschlichere sich
verberge.
    Von den durchlesenen Nchten, von steter Spannung aller Nerven wurden ihre
Wangen noch schmler, ihre Augen leuchtender. Kaum nahm sie sich Zeit, sich
sorgsam anzukleiden, ja, sie scheute vor dem Spiegel zurck, denn einmal, als
sie, ihr schnes Haar kmmend, den zarten weien Arm erhob, dachte sie: Wer
freut sich daran? und bebte vor Scham wegen dieses Gedankens.
    Einmal an einem der ersten Tage des Mai, der sich mit einer ppigen
Schnheit ber den deutschen Norden ausbreitete, wie man ihn in dieser Zone
selten geniet, einmal versuchte Adrienne, den Folterqualen zu entrinnen, unter
denen ihr Wesen bebte. Sie warf das Buch von sich und eilte in die Natur, um in
ihre erhitzte Brust reine, frische, weite Atemzge zu ziehen. Ihr Auge war
scheu, ihr Fu unsicher, sie kam sich vor wie aus einer Haft entlassen und doch
noch nicht genug gestraft.
    Am Ufer der Kieler Bucht standen jetzt die Buchen des Gehlzes von
Dsternbrook im jungen Laube. Der Sonnenschein rann durch das noch gelbliche und
undichte Blattwerk, so da die Wege von Licht- und Schattenflecken unruhig
gemustert schienen. Rechts vom Wege, vor der steil abfallenden Uferbschung und
zum Teil sich an dieser terrassenfrmig niedersenkend, befanden sich Grten und
vorn an der Strae in diesen weie Landhuser. Das Wasser blitzte in der Tiefe
auf. Es war eine Wonne und eine Pracht in dem Bild und in der von Syringenduft
durchsttigten Luft, da Adrienne sich von den Wundern des Frhlings wie betubt
fhlte. Wie selig muten heute die Menschen sein, die liebten und mit einem
frohen Genossen den Durst ihrer Herzen ganz stillen konnten. - Ein Bataillon kam
mit klingendem Spiel die Wald-und Villenstrae herabgezogen. Vorauf zahllose
Jungen, zu seiten mitmarschirende, lachende Menschen. Adrienne stand auf dem
Brgerstiege still.
    Die Trompeten schmetterten, die Trommel drhnte, vom Glockenspiel, das, mit
rot-weiem Pferdehaarbusch geschmckt, hinter dem Tambourmajor getragen wurde,
fielen einzelne Silbertne wie Schmuckperlen in die Flut der Tne. Die
Militrmusik spielte einen bekannten, sehr flotten, sehr bermtigen Marsch. Die
geheimnisvolle Macht, die eine schmetternde, frohe Weise ber ein wundes Herz
hat, zeigte sich auch hier wieder. Da werden pltzlich tausend unbestimmte
Wnsche wach, da fliet jede ungestillte Sehnsucht der Seele in einer
unendlichen Wehmut zusammen, da durchwallt das mde Blut ein Bedrfnis nach
ungewohnten, berauschenden Freuden. Zu viel, zu viel! Adrienne fhlte ihr Herz
zerreien. Sie stand und horchte gierig den verhallenden Klngen nach und floh
dann durch die Straen heim.
    Das Leben war ihr verschlossen - so wollte sie wenigstens ihr Gehirn mit den
Erzhlungen aus demselben betuben. Zurck zu den Bchern!
    Zu Hause lag ein Brief von Joachim auf dem Tisch. Sie schob ihn fort - er
machte ihr Unbehagen. Sie dachte daran, da auch Joachim ein Mann sei, und
schauderte in krankhafter Abneigung.
    Es war Mittagszeit. Adrienne setzte sich und lffelte mit der Rechten ihre
schlechte Wassersuppe aus, whrend ihre Linke einen franzsischen Roman hielt,
auf dessen Seiten sie eben die frivole Beschreibung eines Champagnerdiners las.
Ihre Wangen glhten. In ihrer Seele regte sich, tief, dunkel, wie in gesunde
Menschenseelen sich die Snde schleicht, eine frchterliche Empfindung: die des
Neides auf jene Weiber, von denen sie las. Und dabei dehnte eine unermeliche
Angst ihre Brust. Alle ihre Nerven waren angespannt wie zu einer Katastrophe.
    In diesem schwlen Augenblick trat die Magd ein. Adrienne erschrak so, da
sie krampfhaft aufschrie.
    Drauen ist eine Dame, sagte die Magd.
    Adrienne starrte sie mit offenem Mund an. Da erhob sich im Korridor eine
sonore, frohe Stimme und rief:
    Ich bin es!
    Adrienne kannte die wohltnende Altstimme nicht, aber sie schrie zum
zweitenmal auf, als die Dame nun in der Thr erschien.
    Es war Fanny Frster. Und es war, als htte jemand in einer dunklen Stube
pltzlich Licht gemacht.
    Fanny breitete die Arme aus, und die unglckliche Frau rettete sich hinein
wie in einen Hafen, schmiegte sich an Fanny, als stnde hinter ihr jemand, der
sie wieder in einen hlichen Sumpf zurckreien wolle.
    Armes Kind! sagte Fanny; ich dachte mir so was.
    Dabei ging ihr Auge ber die Wassersuppe und das sonnenlose Zimmer hin.
    Adrienne bebte so heftig, da Fanny sie liebevoll zum Sofa fhrte, wo sie
sich in eine Ecke warf, das Gesicht an den Polstern verbergend. Fanny hob
unterdes den herabgefallenen franzsischen Roman auf, sah hinein, blickte
kopfschttelnd auf Adrienne und klappte das Buch zu. Dann trat Fanny vor den
Pfeilerspiegel und nahm ihren schleierumwundenen Reisefilzhut ab.
    Sie strich mit ihren weien, wohlgeformten Hnden den welligen Scheitel
hinunter, doch erwies sich die Bemhung, das glanzlose, lockere Blondhaar zu
gltten, als nutzlos; es war immer ein wenig rauh bis in den dicken Knoten, der
in klassischer Weise ber dem schlanken Nacken sa. Fanny Frster hatte ein
Gesicht mit groen Zgen: eine gebogene Nase, eine breite Stirn, einen groen
Mund mit herrlich gezeichneten Lippen und wundervollen Zhnen und ein
hellbraunes Auge unter dunklen Brauen, mit einem raschen, klaren Blick. Diesen
groen, regelmigen Zgen wurde eben durch diesen Blick und ein besonderes
Lcheln jede Hrte genommen, und wer Fanny Frster zum erstenmal sah, empfing
stets den Eindruck, einer sehr schnen und ohne Zweifel bedeutenden Frau
gegenber zu stehen. Ihre Kleidung war von jener ausgesuchten Einfachheit, die
bei englischen Herrenschneidern sehr teuer erkauft wird. Trotzdem Fanny
geradenwegs von der Bahn und von einer weiten Reise kam, waren ihre Farben
frisch, ihr Lcheln munter, ihre Kleider sauber.
    Sie trat zurck an den Tisch.
    Hre, Kind, sagte sie mit dem unbefangensten Ton von der Welt, ich habe
Hunger, aber trotzdem keinen Appetit auf Wassersuppe. Sei gastlich, lade mich
ein, mit Dir irgendwo zu speisen, wo die Sonne uns in die Weinglser funkeln
kann.
    Adrienne hob ihren Kopf. Hatte Fanny denn kein Auge oder kein Gefhl fr
ihre sichtliche Verstrtheit? Desto besser, desto bequemer!
    Wo knnten wir ... wir beiden Frauen ... stotterte sie.
    Wo wir beiden Frauen ohne mnnlichen Schutz in ein Wirtshaus gehen
knnten? lachte Fanny. Ueberall dahin, wo wir uns ladylike benehmen. Setze Dir
einen Hut auf, wir nehmen einen Wagen und fahren nach Bellevue. Aber schliee
zuvor das Buch da weg. Wie kommst Du auf die Lektre?
    Durch Zufall ... ich wollte Franzsisch ben ... sagte die junge Frau, am
ganzen Leibe zitternd.
    Pfui Teufel! sprach Fanny mit krftiger Betonung; sich seine Phantasie
beschmutzen, ist eine grere Unreinlichkeit, als im Feuer der Leidenschaft
einen Sndenfleck auf seine Seele machen.
    Adrienne verbarg das unglckliche Buch und schlich hinaus, sich ihren Hut zu
holen. Unterdes besah Fanny sich alles im Zimmer auf das genaueste. Hiebei
entging ihr nicht der verschlossene Brief auf dem Tisch; sie hielt ihn prfend
zwischen den Fingern, als Adrienne wieder eintrat.
    Ist das Deines Schwagers Joachim Handschrift? Ich sehe das Herebrechtwappen
auf dem Couvert. Eine angenehme, schn flieende Schrift. Du scheinst nicht sehr
neugierig auf den Inhalt.
    Wir wollen den Brief mitnehmen. In der That interessirt es mich nicht
bermig, was Joachim mir von seinem Leben erzhlt. Wenn es Dich interessirt,
kannst Du auch Arnolds letzten Brief lesen, sagte Adrienne.
    Mich interessirt alles, antwortete Fanny.
    Wie kann das nur? fragte Adrienne erstaunt; mich lt das Wohl und Wehe
fremder Menschen kalt, und trotz unserer Verwandtschaft sind doch wir Dir
fremd.
    Fanny sah sinnend vor sich hin; es war ein Blick, wie ihn Menschen zuweilen
in ihre reichbewegte Vergangenheit zurckthun. Alles, was gewesen ist, erscheint
wie ein Gemlde, nicht in uns, sondern auer uns, und wir, die wir durch die
Zeit die richtige Standferne eingenommen haben, betrachten das Gemlde kritisch.
    Welche Oede wrde mein Leben sein, sprach sie endlich langsam, wenn ich
mir nicht einen Kreis, einen weiten Kreis von Pflichten zurecht gemacht htte!
Gott sei Dank, in mir liegen keine Krfte brach, ich lebe ein gesundes,
arbeitsames Leben. Und heiterer setzte sie rasch hinzu: Aber da Du nicht
denkst, ich bin eine sentimentale Nrrin, voll Welt-, respektive
Nchstenbeglckungsduselei. Weit Du, fr Heidenkinder in Afrika stricke ich
keine Socken, und wenn irgendwo in Spanien oder Italien ein Unglck passirt,
bleibt mein Herz zwar nicht kalt, aber meine Brse zu. Dafr aber gibt's in
meinem Dorfe keine Not und kein Leid auer dem, was der Tod schafft. Ich meine
immer, man solle mit seinen Hnden nicht weiter greifen wollen, als die Lnge
der Arme erlaubt.
    In Adrienne ging etwas Seltsames vor. Sie umarmte Fanny heftig und rief:
    Ich beneide Dich!
    Um Gottes willen, sagte Fanny erschreckt, mich! Und weshalb? Mich, die
sich erst knstlich schaffen mu, was Du vom Schicksal schon empfingst: liebe
Pflichten!? Du hast ein Kind, einen Gatten und obenein einen klugen, guten.
    Aber Du brauchst Dich nicht bevormunden zu lassen, Du kennst das Leben, die
Welt, Du bist frei, rief die junge Frau voll Leidenschaft.
    Nun, antwortete die andere, Du wirst mein Leben kennen lernen und mir
erst spter sagen, ob Du es mir neidest. Denn Dich zu holen, ist der einzige
Zweck meiner Reise. Jetzt komm ins Freie. Nur zuvor einen Blick in die
Kinderstube.
    In der Kinderstube besah Fanny sich den kleinen Joachim und meinte, ob man
von ihr erwarte, da sie ihn hbsch fnde, andernfalls wrde sie sich die
Freiheit nehmen, zu sagen, er she ebenso aus wie alle Babies von sechzehn
Wochen.
    Dann fuhren sie zusammen denselben Weg, den Adrienne vor einigen Stunden in
dsterer Stimmung gemacht. Wie anders war ihr jetzt zu Mute: an der Seite einer
Frau, die eine sorglose Heiterkeit entweder wirklich besa oder doch mit
unendlicher Anmut zur Schau trug, in einem bequemen Wagen an den Fugngern
vorbei, mit denen sie vorhin selbst im Staube gewandert, in der Gewiheit, ein
feines Diner mit interessanten Gesprchen zu genieen. Selbstverstndlich beging
Adrienne den Irrtum, diesen ganzen Wechsel dem Umstand zuzuschreiben, da Fanny
als reiche Frau sich jede Stunde angenehm machen knne. Aber wenigstens
verfhrte diese Betrachtung sie heute nicht zum Neid.
    Oben auf der Hhe von Dsternbrook liegt die Seebadeanstalt Bellevue; der
Blick beherrscht von hier aus die Bucht, die Fortifikationen und weit drauen
das Meer. Hier saen die Frauen, und wie Fanny es gewnscht hatte, stahl sich
durch die Krone der Linde, unter welcher sie speisten, ein Sonnenstrahl in ihr
bernsteinfarbiges Glas, darin Moselwein perlte.
    Fanny hatte in den Pausen zwischen den Schsseln Arnolds Brief gelesen und
reichte ihn jetzt der jungen Frau zurck.
    Das ist ein Mann, sagte sie aufatmend, ja, Du kannst glcklich sein.
    Voll Widerspruchsgeist bemerkte Adrienne mit einem herben Zug im Gesicht:
    Von Liebe steht nicht viel darin.
    Fanny lie die Gabel sinken, die sie eben zum Munde fhren wollte, und sah
ihr Gegenber ebenso erstaunt als traurig an.
    O, sagte sie schmerzlich, das verstehst Du nicht herauszulesen? Du fhlst
nicht, wie Du und die Sorge um Dich ihn ganz beschftigen? Armer Arnold!
    Bei diesem Bedauern regte sich in Adriennens Brust ein Gefhl von heftigem
Zorn gegen ihren Gatten. Und Fanny, die das auf dem zarten Gesicht kommen und
gehen sah wie Wolkenschatten ber ein sonniges Blachfeld, Fanny bereute ihre
Aeuerung. Sie war zu klug, um nicht zu wissen, da sie nicht offen auf Arnolds
Seite stehen drfe, wenn sie das ungesunde Gemt dieser Frau sich erschlieen
und heilen wollte.
    Nun wollen wir aber sehen, was Dein Schwager schreibt! sagte sie
ablenkend; Du siehst, ich bin neugierig wie ein Kind. Darf ich auch lesen?
    Nur zu! sprach Adrienne gleichgiltig; Du wirst die Beschreibung einiger
Festlichkeiten finden, die auf jenem Gut in ununterbrochener Reihenfolge vor
sich zu gehen scheinen, und dann wird Dir der Name Elly zehnmal begegnen - so
heit die Tochter des Hauses - und schlielich wird eine Ermahnung darin stehen,
heiter zu sein und Arnold oft zu schreiben.
    Was soll so ein junger Mensch denn auch anderes schreiben, lachte Fanny
gutmtig; die soziale Frage kann er nicht mit Dir lsen. Also da ist eine Elly,
deren Namen wir auf jeder Seite finden? Schau, schau!
    Er ist immer verliebt, bemerkte Adrienne, eine Mandel zerbrechend.
    Liebe Schwgerin, las Fanny halblaut, seit meinem letzten Brief -
unglaublich eigentlich, da es erst acht Tage sind - hat sich sehr viel
ereignet. Das Wichtigste sei gleich gesagt: Frulein Elly hat sich verlobt mit
einem unausstehlichen Krautjunker, welcher Ellys Papa das Gut abkauft. Natrlich
hrt damit meine Stellung als Volontr auf, die mir auch ohne den Gutsverkauf
sehr verleidet ist. Frulein Elly sieht nicht sehr glcklich aus. Arme Kleine!
Joachim Herebrecht ist aber ein armer Schlucker, er konnte dir nicht helfen.
Nun, liebe Adrienne, gilt es, eine neue Stellung suchen, und zwar endlich eine,
wo ich verdiene. Getrost knnte ich auf Grund meiner Kenntnisse die
Bewirtschaftung eines groen Gutes selbstndig bernehmen; es fragt sich nur, ob
ich einen unserer Standesherren bereit finde, mir eine solche Stellung
anzuvertrauen. Mache Dir aber keine Sorgen, schreibe auch Arnold nichts. Ich
kann hier bleiben, bis ich etwas anderes habe. Du hast mir lange nicht
geschrieben; la mich wissen, wie es Dir und dem Kleinen geht und ob Du krzlich
Nachrichten von Arnold hattest. Mit den innigsten Gren, Dein Joachim. Frage
doch 'mal bei Fanny Frster an, vielleicht wei die eine Vakanz, wo ich
einrcken knnte.
    Fanny lachte.
    Weshalb lachst Du? fragte Adrienne; ich finde es nicht sehr heiter, da
Joachim ohne Stelle ist. Arnold htte ihn nicht Landwirt werden lassen drfen;
es ist so aussichtslos.
    Ich lache, sagte Fanny belustigt, weil ich mir aus diesem herzlich
unbedeutenden Brief doch den ganzen guten, liebenswrdigen und vielleicht ein
bisserl leichtsinnigen Jungen zusammenkonstruire. Dieser Zwischenruf arme
Kleine! ist kstlich. Und dann lache ich, weil ihm im Postskriptum Fanny Frster
einfllt und weil diese eminent praktische Frau natrlich Rat wei.
    Wie, Du wtest eine Stelle?
    Ich schaffe ihm eine. Meine beiden Gter Mittelbach und Driesa habe ich
bislang von Mittelbach aus selbst verwaltet, mit Hilfe meines alten Freundes,
des Baron Lanzenau. Mancherlei Umstnde, von denen Du schon in Mittelbach
Kenntnis erhalten wirst, machen es wnschenswert, da Lanzenau nach Driesa
bersiedelt und sich so wenig wie mglich um Mittelbach kmmert. Weshalb soll
ich mir nicht die Bequemlichkeit gnnen, einen Verwalter zu nehmen? Ich werde an
Joachim schreiben. Er kennt mich zwar nicht, aber da Arnold eine gute Meinung
von mir hat, hoffe ich, Kredit bei Joachim zu besitzen. Zugleich hast Du ihn,
Deinen nchsten Verwandten, dann um Dich, setzte Fanny voll Eifer auseinander.
    Jedes Geschftsverhltnis zwischen Familienmitgliedern trgt den Keim von
Unfrieden in sich, sagte Adrienne zweifelnd.
    O, sprach Fanny, den Kopf schttelnd, ich bin ganz rcksichtslos, immer
und berall, denn das ist am bequemsten fr andere und mich.
    Da Du fr Joachim erst eine Stellung schaffst, gibt der Sache den Stempel
einer Wohlthat, grollte Adrienne.
    Keineswegs, versicherte Fanny, der alsbald nach dem schnellen Entschlu
schon hunderterlei Vorteile der neuen Ordnung einfielen. Meine Wirtschafterin
geht ohnedies, ich nehme keine neue, und anstatt wie bisher immer in den Feldern
umherzureiten, finde ich im Hause neue Aufgaben. Ich glaube auch, es wird
sparsamer fr mein Budget sein.
    Fanny verstummte pltzlich, und man sah es ihr unschwer an, da ihr
geschftiger Geist mit Plnen, Zahlen, Einteilungen eifrig arbeitete.
    Wie kann eine Frau, dachte Adrienne voll Staunen, die vermge ihres
Reichtums und ihrer Schnheit in der Welt glnzen knnte, sich in einem Leben
gefallen, das nicht mehr und nicht weniger ist, als ein Krautjunkertum ins
Weibliche bersetzt. Und sie stand nicht an, mit dem lehrhaften
Unfehlbarkeitsgeist, der noch von ihren Erzieherinjahren in ihr lebte, etwas
hochmtig auf Fanny herabzublicken. Doch Fanny fuhr mit einer schnellen Frage
aus ihren Grbeleien auf, mitten hinein in die berhebenden Gedanken der
Schwgerin.
    Treibt Joachim irgend eine Kunst?
    Ich wei nicht. Ich glaube, er singt, aber weit her wird es wohl nicht
sein. Warum?
    Nun, ich liebe Menschen, die ihre Muestunden schn auszufllen verstehen.
Ich mag, wenn das Reitkleid und die Wirtschaftsschrze ausgezogen sind, nichts
mehr von Rbsaatpreisen und Wollkonjekturen hren. Lanzenau ist musikalisch, ich
male etwas, der Pastor und seine Frau haben literarische Interessen, jeder sucht
teil an den Freuden des andern zu nehmen.
    So werde ich mich nicht bei Dir langweilen, sagte Adrienne, eine kleine
Beschmung niederkmpfend.
    Ich hoffe, nein. Doch das liegt durchaus in und an Dir selbst. Die
Fhigkeit zur Langeweile ist Naturanlage: mit Menschen, wie immer sie auch sein
mgen, langweile ich mich sehr selten, in der Natur nie; nur wenn ich im Zimmer
lange auf mich ganz allein angewiesen bin; und das ist auch, glaube ich, mehr
Ungeduld zur Bethtigung meines Seins, als gerade Langeweile. Du findest nur
Durchschnittsmenschen, aber diese in leidlich harmonischem Seelenleben.
    Wann reisen wir? fragte Adrienne glcklich. All ihr inneres Widerstreben
war schon in der Sekunde erstorben, als Fannys stolze Gestalt heiter ber ihre
Schwelle trat.
    Morgen, sagte Fanny, mit dem ersten Zug, dann sind wir mit Einbruch der
Nacht in Mittelbach.
    Die beiden Frauen stieen frhlich zusammen an. Und am spten Abend sa
Fanny, deren Nerven offenbar keine Ermdung kannten, noch im Gasthofzimmer am
Tisch, um einen ihrer bndigen Briefe zu schreiben.
    Mein lieber Kapitn, schrieb sie, ich bin in Kiel, um Ihre Frau nach
Mittelbach zu holen. An was Adrienne krankt, ist nicht schwer zu sagen. Sie hat
in ihrem Leben nur die Arbeit, den Ernst, die Tugend kennen gelernt und sie ist
neugierig auf die Kehrseite der Medaille; sie will den Genu, den Jugendbermut,
die Snde kennen. Allmutter Eva wird in ihr wach, aber das wird sie in jeder
Frau einmal. Ihr Weib ist bei mir, Sie knnen ruhig sein. Geht solche Krisis
gesund aus, kann der Mann nur dabei gewinnen.
    
                                                            Ihre Fanny Frster.

    Der Inhalt dieser kurzen Zeilen erschien dieser Frau vollkommen gengend, um
sie ber das Weltmeer zu senden. Jede andere Frau htte hier acht und mehr
Seiten voll geschrieben. Aber Fanny ging mit dem beruhigten Gefhl zu Bett, sich
vollstndig ausgesprochen zu haben.

                                Drittes Kapitel


Auf der Strecke, die der Jagdzug von Hamburg nach Berlin alltglich mehrmals
durchrast, jagt er in stolzer Eile an kleinen Stationen vorbei. Diese, wie
Lazarus am Tisch des Reichen, fangen nur die Brosamen vom Weltverkehr auf, und
nur die Lokal- und Bummelzge schleppen Menschen und Gter den Knotenpunkten zu,
wo sich die Linien der eisernen Erdstraen kunstvoll verknpfen. Hier schttet
ein Zug seinen Inhalt in den andern aus; hier zerstiebt in alle Windrichtungen,
was meilenlang von einem pustenden Dampfro gemeinsam vorwrts gezogen wurde;
hier rennen Menschen wie Flchtlinge auseinander, die eben stundenlang eifrig
und angenehm zusammen plauderten, sich die Fahrt verkrzend; hier schlingen
ausgehungerte und verdurstete Mnner und Frauen heie, fettig riechende
Bahnhofskost, brhheien Kaffee, schumendes, berlaufendes Bier hinein; hier
ist ein Rufen, Luten, Schreien sondergleichen, das Geld klappert auf dem
blechernen Wechselbrett der Buffetire; Qualmgewlk ballt sich unter dem
Schutzdach des Perrons. Und wenn endlich der schrille Abschiedspfiff des
fertigen Zugs durch die Luft klagt, setzt alles sich erschpft und befriedigt in
seine Coupecken fest, der Inspektor sieht der dunklen Schlange nach, die mit
ihren Gliedern auf dem Geleise dahingleitet, bis sie sich drauen, fern vom
Bahnhof, in schwindelnde Eile setzt - dann ist eine Weile Ruhe, bis von der
andern Seite der feuerspeiende Kopf einer andern Zugschlange sich in den Perron
schiebt. So lrmt und jagt die Menschheit auf ihrem jetzigen Gefhrt durch die
Lande.
    Aber die kleinen Stationen stehen an den groen Bahnen wie verschchtert
neugierige Kinder. Von ihnen aus schauen noch sehnschtige oder bange Augen auf
die Fenster der vorberfliegenden Eilzugwaggons. Da ist jeder Ankommende oder
Abreisende noch ein Ereignis, das in Ursache und Wirkung besprochen wird, und
der Wartesaal mit seinem bescheidenen Bierausschank und dem Buffet, wo einige
Ksebrote unter einer Glasglocke trocknen, ersetzt den Bewohnern des nahen
Stdtchens, Fleckens oder Dorfes das Caf und die Brse der Grostdter. Die
Ankunft eines Zuges zu erwarten, ist Ziel fr manchen Erholungsspaziergang.
    Auf dem Perron einer solchen kleinen Station, die auf sonniger Flche
inmitten mrkischen Sandes lag, wanderte ein junges Mdchen hin und her. Die
Mittagssonne verkleinerte durch ihren hohen Stand den Schatten, den sonst das
rote Backsteingebude warf, bis zu einem schmalen Strich. In diesem
Schattenstrich an der Mauer sa der Bahnhofsinspektor auf der Bank und trocknete
eben den innern Rand seiner roten Mtze aus. Die Glasthr, die in den Wartesaal
fhrte, war innen mit einer Filetgardine geschmckt; zwischen ihr und dem Glas
surrten groe Brummer auf und ab. Rechts und links vom Gebude befanden sich in
jungen Gebschanpflanzungen die zum Bahnhof gehrenden Nebenrumlichkeiten;
zwischen diesem Gebsch und der Mauer des Haupthauses fhrten die Wege nach
hinten, wo die Landstrae zu vermuten war. Wenn das auf und ab wandelnde Mdchen
vorbeikam, sah sie immer da hinaus, wo wie im Ausschnitt das Bruchstck einer
Equipage zu sehen war. Die Vorderleiber der Pferde verbarg das Haus, die
Hinterrder des Wagens das Gebsch; man sah den auf seinem Bock schlummernden
Kutscher und die Pferdeschweife, die zuweilen aufschlugen, um Fliegen zu
verjagen, und hinter dem allem eine endlose Flche und einen zitternden Dunst
unter grell blauem Himmel.
    Endlich drang durch die Stille des Mittags ein zweitniges Glockensignal.
Der Inspektor sprang auf; um die Hausecke kam, krummbuckelig, mit mden Knieen,
der Perrondiener; die Wartesaalthr ffnete sich, und die Restaurationsfrau
erschien in derselben, auf dem Arm ihr Kind, dem sie gerade das Nschen
schneuzte.
    Ob die gndige Frau heute wohl kommt? fragte der Inspektor, auf das junge
Mdchen zutretend. Sie sind nun schon zum drittenmal hier, Frulein, und ich
frchte, wieder vergebens, denn eine Depesche haben wir bislang nicht befrdert,
und Sie wissen doch, wenn Frau Frster von Reisen heimkehrt, telegraphirt sie
stets vorher an den Baron Lanzenau.
    Der Bahnhofsinspektor hatte zugleich das Amt des Telegraphisten inne und war
somit genau ber den Depeschenverkehr der Umgegend unterrichtet.
    Das Mdchen sagte darauf etwas unfreundlich im Ton:
    Nun, das Unglck, die Fahrt einigemale vergebens zu machen, ist ja nicht so
gro.
    Damit wandte sie sich um und setzte ihr Wandern fort, deutlichst zeigend,
da ihr keinerlei Unterhaltung erwnscht sei. Der Inspektor wechselte darauf
einen Blick mit der Frau in der Thr, einen Blick, mit dem sie sich darber
verstndigten, da man ein so unhfliches Benehmen von Frulein Severina eben
gewhnt sei.
    Diese ging an das uerste Ende des Perrons und starrte vor sich hin. Sie
sah auf die im Sonnenschein gleienden Schienen, auf den gelben, grobkrnigen
Kies, der zwischen den Schienen die Holzschwellen kaum deckte, und dachte, mit
welchen Worten sie Fanny Frster am leichtesten sagen knne, was doch gesagt
werden mute.
    Severina war ein Mdchen, das niemals durch ihre Schnheit, aber immer durch
ihre Gestalt auffallen konnte, die, von mittlerer Gre, Linien von vollendetem
Ebenma aufwies. Ein reizender Fu zeigte sich unter dem kurzen Kleid, eine
schne Hand hielt herabhngend ein Paar Handschuhe. Das Gesicht zeigte die
Negerlippen eines breiten Mundes. Darber stand ein aufgestlptes Nschen. Unter
der niedrigen weien Stirn leuchtete ein dunkles, groes Augenpaar;
dunkelbraunes Haar war mit wenig Sorgfalt lose um den kleinen Kopf geordnet; die
starken Backenknochen, die breiten Kiefer gaben dem Gesicht beinahe etwas
Tierisches. Die unruhigen Augen sahen nun dem Zug entgegen, der jetzt endlich in
groer Kurve sich dem Perron nherte.
    Richtig, da beugte sich ein Kopf aus einem Coup, und gleich darauf streckte
sich eine Hand heraus und winkte mit dem weien Taschentuch.
    Severina lief neben dem Coup her, bis der Zug endlich stand, gerade am
andern Ende des Perrons. Dabei wurde sie seltsam bla.
    So warte doch, so warte doch, rief Fanny Frster aus dem Fenster.
    Der Inspektor eilte auch herbei und ri die Thr auf, der Fanny nun rasch
entstieg.
    Wir haben die gndige Frau schon gestern abend erwartet, bemerkte der
Inspektor.
    Ja, lachte Fanny, meine Schwgerin hat nicht meine Nerven. Wir muten in
Hamburg Aufenthalt nehmen. - Gib mir erst das Kind heraus, Adrienne. - Guten
Tag, Very. Nun, wo kommst Du denn her? Ist der Baron gestern abend hier gewesen?
Wie sieht's in Mittelbach aus, Mdchen? Deine Eltern wohl?
    Dabei ergriff sie mit der Rechten das Bndel von Tchern und Schleiern, in
welchem der kleine Joachim stak, prete es gegen sich und reichte die Linke
Adrienne hinauf. Diese, beraus bla und von Hitze ermattet, kletterte herab,
die Magd mit sehr vielem Handgepck folgte, und mit dumpfem Krach flog die
Coupthr wieder zu.
    Da stand die kleine Gesellschaft nun im Sonnenschein, Adrienne verzagt ber
die flache, schattenlose Gegend, Fanny ungeduldig, neue Nachrichten von ihrem
Heim zu hren, das sie seit fnf Tagen verlassen.
    Hier ist Severina, die Pflegetochter unserer Pastorsleute. - Meine
Schwgerin, Frau von Herebrecht. Aber nun sage, Very, wie kommt es, da Du mich
abholst?
    Meine Eltern haben Ihre Rckkunft mit groer Sehnsucht erwartet, sagte
Severina, mit ihren dunklen Augen einen so flehenden, bedeutungsvollen Blick auf
Fanny richtend, da diese augenblicklich fhlte, es sei etwas geschehen, wobei
man ihrer bedrfe. Sie drckte Severina stark die Hand.
    Gestern abend, fuhr Severina fort, fuhr ich mit Ihrem Wagen her; Sie
kamen nicht. Auch der Baron war vergebens hier. Er beschlo, eine Depesche
abzuwarten, aber ich bin, Ihre Verzeihung voraussetzend, heute wieder mit Ihrem
Wagen gekommen.
    Und das ist ein Glck, meinte Fanny freundlich, da wir nun gleich
heimfahren knnen und keinen Wagen aus Mhlen brauchen. Die arme Adrienne htte
auch vielleicht geglaubt, ihre letzte Stunde sei gekommen, wenn sie auf einem
Mhlener Bauernwagen durchschttelt worden wre.
    Mhlen war ein zu Fannys Gtern gehriges Drfchen, welches in unmittelbarer
Nhe der Station lag.
    Komm, sprach Fanny, den Arm des jungen Mdchens ergreifend, meine kleine
Kalenderheilige mu erst beichten. - Wir nennen Very manchmal so, weil sie einen
so furchtbar nach Weihrauch duftenden Namen hat, erklrte sie Adrienne.
Besteige Du einstweilen den Wagen und installire Dich mit Baby. - Guten Tag,
Christian, grte sie den Kutscher.
    Da Severina schwieg und neben Fanny mit sichtlichem Zgern einherschritt, so
fragte Fanny mit einigem Nachdruck:
    Nun? Was ist geschehen?
    Magnus ...
    Hat Dummheiten gemacht! setzte Fanny bestimmt dem von der andern zgernd
ausgesprochenen Namen hinzu.
    Leider gleich zwei auf einmal, sagte Severina finster, und Mama und Papa
geben nun einander schuld; Jedes behauptet, der andere habe ihn falsch erzogen.
    Nun, meinte Fanny, in dieser Behauptung ist das Recht auf Seite des
Vaters. Aber was hat denn unser Doktor Magnus Hesselbarth angestiftet?
    Er hat - gespielt und dann, es mag in der Leidenschaft des Verlierens oder
des Weinrausches gewesen sein, dann hat er ein Duell provozirt und ausgefochten,
welches seinem Gegner eine Stirnwunde und ihm einen Schu im linken Arm
einbrachte. Nun ist er heimgekommen wie ein Flchtling. Die Wunde will die
Pflege der Mutter schon ausheilen, aber die Spielschuld kann die Cassa des
Vaters nicht decken, berichtete das Mdchen.
    O weh, rief Fanny, das mag strmische Zeit bei euch gegeben haben!
    Ich bin ja da, alles auszubaden, sagte Severina mit groer Bitterkeit.
    Pfui, Very! schalt Fanny, ber deren Gesicht sich die Schatten
sorgenvoller Gedanken gebreitet hatten, in solchen Tagen sucht der Sorgende
sich eben gern einen Blitzableiter fr die ble Laune. Das ist menschlich, das
solltest Du verzeihen.
    So? fragte das Mdchen. Diese Menschlichkeit passirt doch nicht allen
Menschen. Als im vorigen Frhling die Elbe austrat und Ihnen die mhsam
kultivirten Fichtenschonungen verschlammte und versandete, Ihnen die Mhe und
Kosten von Jahren zerstrend, da hat kein Mensch ein ungeduldiges Wort von Ihnen
gehrt. Aber freilich, meine Pflegemutter ist auch eine fromme Christin, sie mu
in jedem Unglck das Strafgericht Gottes oder die Versuchung Satans beklagen.
    Was die Natur uns zufgt, zwingt uns unsere Ohnmacht, mit Geduld zu tragen.
Geduld mit Menschen haben, ist tausendmal schwerer, sprach Fanny milde. Aber
nun komm, mein Kind, la meine Schwgerin nichts von irgendwelcher Verstimmung
merken. Sie bedarf der Heiterkeit und soll nicht gleich herausfinden, da wir in
Mittelbach so wenig gegen Sorge und Leid versichert sind wie die Menschen
anderswo.
    Sie schritten beide auf den Wagen zu, in dessen einer Ecke Adrienne schon
lag, den aufgespannten Sonnenschirm ber sich, die mden Augen auf den fernen
Horizont gerichtet, zu dessen blauender Waldlinie eine endlose, pappeleingefate
Chaussee lief.
    Mssen wir bis dahin fahren? fragte sie.
    Gewi, meine Welt liegt, wie die Knigreiche im Mrchen, hinterm Wald.
Diese Roggen- und Hafergefilde, welche Dir ohne Zweifel sehr eintnig vorkommen,
sind Driesaer Grund und Boden, die Gruppe von Husern und Baumkronen da rechts
am Ende der Sehweite ist Dorf und Schlo Driesa. Mein Mittelbach fngt hinter
dem Wald an und geht bis an die Elbeufer. Mein Reich ist nicht klein. Joachim
wird zu thun bekommen.
    Der Wagen setzte sich in Bewegung; Adrienne war zu erschpft, Severina nicht
gewohnt zu sprechen; die Magd surrte ein Schlummerlied mit geschlossenen Lippen
und wiegte dabei das Kind im Arm. Lautlos gingen die Rder im Sande; Lerchen
stiegen mit zwitscherndem Gesang in die Hhe.
    Fanny, die lange still nachdachte, fuhr pltzlich wie erwachend empor, sah
Severina an, nickte ihr heiter zu und begann mit dem Kutscher ein Gesprch,
welches sich zum Entsetzen Adriennens um das Befinden einer zum Kalben stehenden
Kuh und eines krank gewesenen Pferdes drehte.
    Eine Fahrt von zwei Stunden, davon die letzte halbe Stunde sie durch einen
schnen Eichenwald fhrte, brachte sie nach Mittelbach. Adrienne war noch nie
auf dem Lande gewesen, sonst wrde ihr die Sauberkeit und Behbigkeit
aufgefallen sein, welche selbst die kleinsten Anwesen hier umgaben.
    Das Dorf gruppirte sich um eine Kirche, die aus einem von blhendem
Hollunder und breitkronigen Linden berschatteten Kirchhof aufragte. Nahe dem
Kirchhof befand sich im bunt blhenden Garten das Pastorenhaus. Nur ein weier
Spitz stand hinter der hlzernen Gitterpforte und bellte durch die Trallen den
vorberfahrenden Wagen an. Sonst schien das Haus von Bewohnern verlassen.
    Neben dem Pastorengarten bog eine tiefschattige Ulmenallee von der
Dorfstrae ab und fhrte geradewegs in fnf Minuten auf das Schlo zu. Das
Schlo verdiente im Grunde diesen stolze Baulichkeiten versprechenden Namen
keineswegs. Es war ein groes, breites Haus, das ber dem Parterre ein Stockwerk
und einen zweifensterigen Erker trug. Vor der grn angestrichenen Hausthr
befanden sich ein Beischlag, dessen Bnke je von einer Linde berschattet waren,
die wie zwei Schildwachen rechts und links vor der grau getnchten Hausmauer
standen.
    Schn ist er nicht, der alte Kasten, sagte Fanny mit einem Seufzer, und
ich liebe so die Schnheit. Aber um das Idealschlchen herzubauen, von welchem
ich trume, fehlt mir immer das Geld.
    Adrienne lchelte; sie glaubte nicht anders, als da dieser Seufzer ein
gewisses Kokettiren mit Sparsamkeit sei, denn da eine reiche Frau wie Fanny
ihren Wnschen Grenzen ziehen msse, schien ihr undenkbar.
    Da ist die ganze Gesellschaft, sprach Severina.
    Auf den Bnken im Beischlag saen drei Mnner und eine Frau. Sie sprangen
auf, als der Wagen hielt, und wollten alle zugleich den Schlag ffnen. Der
groen, bermig mageren Frau gelang es, die erste zu sein. Sie ergriff mit
ihren starkknochigen Hnden Fannys Rechte und sagte:
    Nein, so konnte Gott uns auch nicht strafen, er durfte Sie nicht lnger
fernhalten!
    Liebe Frau Pastorin, sprach Fanny, ihr die mageren Wangen streichelnd, die
aus einer unter dem Kinn geschlossenen schwarzen Tllhaube hervorsahen, liebe
Frau Pastorin, ich bin zum Glck ja noch zur rechten Zeit gekommen, Ihnen Ihre
Sorgen abzunehmen. - Gr Gott, Herr Pastor. Ah, da ist ja auch unser junger
Doktor Magnus. - Und Sie, Lanzenau, Sie sagen gar nichts?
    Kann ich denn dazu kommen, die liebe Hand zu kssen? fragte der Baron
Lanzenau lchelnd.
    Adrienne sa unterdessen ruhig im Wagen und beobachtete diese Menschen, mit
denen sie nun leben sollte. Vor allem fiel ihr der Baron Lanzenau ins Auge, ein
Mann, der seine Hnengestalt in ein enges Tricotjaquet und ganz enge Beinkleider
gesteckt hatte. Um seinen auffallend hohen und blendend weien Halskragen
schlang sich eine blauwei getupfte Krawatte, die in breiten Flatterenden ber
dem dunklen Jaquet herabhing. Sein Diplomatengesicht trug die Zier eines spitz
gedrehten Schnurrbartes, sein dunkles Haar war uerst glatt und auf jene
altmodische Art frisirt, welche in die Schlfen gesichtwrts je eine Haarlocke
vorschiebt.
    Das ist also der Mann, welcher seit meines Bruders Tod Fannys rechte Hand
war? Merkwrdig, er scheint doch noch in den Jahren, wo eine Heirat mit Fanny
ihm natrlich sein mute! dachte Adrienne.
    Die hagere Pastorin mit den Leichenbittermienen und dem tragischen Blick,
der rundliche, weihaarige Pastor mit dem rosigen Gesicht, schienen Adrienne
nicht sehr bemerkenswert, wohl aber blieb ihr Auge auf dem jungen Doktor Magnus
Hesselbarth, dem Pastorensohn, haften. Dieser hielt sich sehr im Hintergrund und
schaute sich seinerseits Adrienne neugierig an. Er hatte die Figur und Zge
seiner mageren dunklen Mutter; was jedoch bei ihr grob erschien, wurde bei ihm
zur mnnlichen Schnheit. Vor seinen dunklen Augen sa ein Kneifer ohne Band,
sein schwarzes Haar war kurz geschoren und stand wie eine Brste ber der Stirn
auf, in welche es in einer Schneppe hineinwuchs.
    Erst als Fanny alle begrt hatte, machte sie Adrienne mit ihren Freunden
bekannt. Jeder sagte ihr ein Wort des Willkommens.
    Ich freue mich, da Fanny endlich einmal die Nhe eines Familienmitgliedes
geniet, und hoffe, Sie werden sich lieb haben, sagte Lanzenau.
    Der Herr war mit Ihnen, als Sie den Entschlu faten, den Versuchungen der
Welt zu entfliehen und hieher zu kommen. Denn einer geht umher wie ein
brllender Lwe und suchet, wen er verschlinge, sprach die Pastorin mit einem
Seitenblick auf ihren Sohn.
    Dieser Sohn begngte sich, Adrienne die Hand zu kssen, sich zu verneigen
und zu versichern:
    Sehr erfreut, gndige Frau!
    Der alte Pastor aber drckte ihr fest die Hand und sprach:
    Willkommen, herzlich willkommen!
    Ach, rief Fanny, wie ist das Heimkehren schn, und dabei habe ich nicht
einmal Mann noch Kind! Was mu Arnold empfinden, wenn er von der Stunde seiner
Heimkehr trumt?
    Adrienne fhlte sich immer unangenehm berhrt, wenn ihr Gatte von Fanny
erwhnt wurde. Sie sah stets eine Mahnung, einen Vorwurf darin. Und der Ausdruck
von Verstimmung, der deswegen ber ihre Zge kam, entging in diesem Augenblick
dem jungen Doktor nicht, der die bleiche Frau fest im Auge behalten hatte.
    Deine Zimmer sind bereit, ich werde Dich hinbringen; aber ehe ich dann die
meinigen aufsuche, mchte ich mit Ihnen, Pastor, und Ihrer Frau sprechen, sagte
Fanny, erst zu ihrer Schwgerin und dann zu dem Ehepaar gewandt.
    Alle Verhandlungen werden bis nach Tisch verschoben, bestimmte Lanzenau;
wir wnschen vorerst die Festtafel gewrdigt zu sehen, die wir vorbereiteten.
Wenn die Damen Toilette machen wollen, finden Sie uns nachher im Speisesaal.
    Fgen wir uns, sagte Fanny heiter und nahm die junge Frau bei der Hand, um
sie in ihr Haus zu fhren.
    Die Freude, Dich wieder zu haben, leuchtet selbst von den Gesichtern Deiner
Dienstboten, bemerkte Adrienne, als sie an Fannys Arm die Treppe hinauf und den
langen Korridor entlang schritt; wie hast Du es angefangen, so geliebt zu
werden, und wie glcklich mut Du in dieser Liebe sein!
    Stille! gebot Fanny hastig; wie ich es anfing und ob ich glcklich darin
bin, das ist die Geschichte meines Daseins, und das bespricht sich nicht
zwischen Thr und Angel. Hier ist Dein Reich. Lebe zufrieden darin, das ist mein
einziger Wunsch.
    Die Frauen umarmten einander voll Herzlichkeit. Eine scheinbar grundlose
Rhrung bermannte beide.
    Und Du, kleiner Schelm, sagte Fanny, dem Kinde, das die Magd ihnen
nachgetragen, in die Backen kneifend, Du schreie mir die Wnde aus keiner
andern Veranlassung an, als um Lungengymnastik zu treiben.
    Wie schn es hier ist! rief Adrienne, die drei Zimmer durchschreitend,
welche Fannys Gte ihr auf das wohnlichste geschmckt. Das Wohnzimmer war
offenbar ganz neu eingerichtet; es zeigte dunkelblaue Farben und in allen
Mbelstcken strenge, geradlinige Formen; eine Unzahl von kleinen, bunten Nippes
und Luxusgegenstnden bergoldete den ernsten Charakter des Gemaches mit dem
Zauber der Behaglichkeit. Eine breite Glasthr fhrte auf einen Balkon, der, an
der Rckseite des Hauses gelegen, einen weiten Ausblick ber Park und Gegend
gewhrte.
    Ich dachte mir so, da zu der blassen, rothaarigen Frau ein Zimmer im
Renaissancegeschmack gehre, scherzte Fanny und eilte hinaus, sich dem Dank zu
entziehen.
    Adrienne trat auf den Balkon.
    Zu ihm hinauf ragten weitstige Lindenkronen, von rechts und links hemmte
dunkles Baumgewipfel den Blick, geradeaus schweifte das Auge ber weite
Rasenflchen, die von einem Weiher unterbrochen wurden. Und jenseits des Parkes,
der im englischen Geschmack angelegt war, blinkte ein breites, stahlglitzerndes
Band auf, das sich hinauf und hinab in sanften Windungen durch goldgelbe
Saatbreiten zog, so weit das Auge reichte. Es war die Elbe, die da ihre mchtige
Strae, vom Riesengebirge kommend, meerwrts zog. Die friedvolle und reiche
Landschaft, berzittert von der Mittagsglut eines verfrhten Sommertages,
verfhrte zum Trumen, und Adrienne stand so lange gedankenlos dort, bis die
dumpfen Schlge des Tam-Tam sie weckten. Es war das Signal zum Mittagessen.
    Aber der unmusikalische, lang nachdrhnende Ton dieses asiatischen
Signalinstrumentes erinnerte sie pltzlich auch an Arnold: er hatte Fanny
Frster das von frheren Reisen mitgebrachte Ding geschenkt. Immer er, auf allen
Wegen er, kein Gedanke ohne ihn - setzte sich die Abhngigkeit von ihrem Herrn
und Erzieher denn ewig fort?
    Mit finsterem Gesicht ging sie hinab, wo in dem groen Saal, der gerade
unter ihren Zimmern lag und sich auf eine Terrasse parkwrts ffnete, schon die
ganze Gesellschaft versammelt war. Fanny sah mit mibilligendem Erstaunen, da
ihre junge Schwgerin nicht die mindeste Bemhung gemacht hatte, ihr schlecht
sitzendes, zerdrcktes Reisekleid zu wechseln oder ein wenig aufzuputzen.
    Sie ist ganz apathisch, sagte sie leise zu Lanzenau, wir mssen ihre
Jugend aufwecken.
    Das Mahl verlief so heiter, als befnden sich hier nicht Menschen, deren
Existenz auf dem Spiel stand. Die Pastorsleute fhlten sich ihrer Sorgen ganz
ledig: Fanny war da und hatte Hilfe versprochen. Doktor Hesselbarth fhlte sich
nicht im mindesten vor Fanny genirt: sie kannte die Welt und verzieh wohl eine
schwache Stunde. Selbst Severina, die im Wagen schweigsam und verbittert
erschienen war, antwortete auf die jeweiligen Neckereien des Barons mit jh
aufsprhendem, schlagfertigem Witz, versank aber freilich ebenso rasch wieder in
ihre Stummheit, wenn ein Blick aus den groen Augen der Pastorin sie traf.
    Lanzenau hielt sogar eine Rede, eine wohlgesetzte, etwas umstndliche Rede,
die Fannys Wiederkehr und die neue Hausgenossin feierte. Man trank das Wohl der
beiden Damen in Sekt, Fanny rief ber das Glserklingen hinweg:
    Aber da wir auch des fernen Gatten nicht vergessen: Der Kapitn lebe
hoch!
    Der Doktor, sich an Adriennens mibehagliches Gesicht erinnernd, welches sie
vorhin bei der Erwhnung Arnolds gemacht, streifte mit schnellem Blick die junge
Frau, und unangenehmerweise bemerkte sie es. Ein helles Rot stieg ihr rasch ins
Gesicht.
    Das reichliche Mahl von vielen Schsseln, der starke Wein, die Aufwartung
durch die beiden weibehandschuhten Bedienten, dies alles drckte Adrienne
nieder, und sie dachte an die Wassersuppe, bei welcher Fanny sie getroffen.
Schlielich bemerkte sie auch, da sie noch einfacher angezogen war als selbst
Severina, deren dunkelblaues Perkalkleid wenigstens durch den tadellosen Sitz
und die uerste Sauberkeit schmuck aussah. Auch hatte das Mdchen in den
Grtel, der ihre wundervolle Taille eng umspannte, einen frischen Rosenstrau
gesteckt.
    Adrienne htte weinen mgen. Fanny wird sich meiner schmen, dachte sie
verzweifelt. Sie beschlo, sich nach Tisch zurckzuziehen und aus sich noch zu
machen, was ihr Kleidervorrat irgend gestattete. Dieser Entschlu, sich
zurckziehen zu wollen, pate in die Hausordnung, die Fanny alsbald verkndete.
    Nach Tische, sagte sie, bin ich in meinem Arbeitszimmer; wenn jemand mich
zu sprechen wnscht, findet er mich dort. Im brigen: allgemeine Siesta.
    Lanzenau wute, da dies fr die Pastorenfamilie gesagt war, und begab sich
alsbald auf die Terrasse, wo er in einem Schaukelstuhl zwischen einer Epheuwand
und einer Palmengruppe sein Schlfchen zu halten pflegte. Severina kehrte in das
Pfarrhaus zurck, nicht ohne da Fanny ihr nachgerufen htte, sie werde zum
Abend wieder hier erwartet, und so sah die Hausherrin sich mit der Familie
Hesselbarth allein, die ihr in der komischen Gefolgschaft des Gnsemarsches,
eines hinter dem andern, ins Arbeitszimmer folgte.
    Dieses Zimmer, nach vorn hinaus gelegen, war von den an der Hausfront
stehenden Linden so tief verschattet, da allezeit ein grnes Dmmerlicht
herrschte. An den vier Wnden, die einen groen, ganz quadratischen Raum
umschlossen, standen Bcherregale und Schrnke. Nahe dem einen Fenster befand
sich der Schreibtisch, ein vierbeiniger, schmuckloser Tisch, mit einem
Riesentintenfa, einer Schreibmappe und einem Haufen Haushaltungsbcher
belastet. Vor dem andern Fenster auch ein Tisch, auf dem allerlei Sckchen und
Schlchen mit Getreide- und Hlsenfruchtproben standen. Auerdem gab es noch ein
halbes Dutzend Rohrsthle in der Stube, darin der weie Fuboden mit Sand
bestreut war.
    Fanny nahm auf ihrem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz, die drei Hesselbarths
setzten sich im Halbkreis ihr zur Seite. Der Pastor faltete seine Hnde ber dem
Buchlein; ach, nach einem so guten Essen und nach einem so ausgezeichneten
Bordeaux war es wahrlich schwer, sich die ganze Sndenflligkeit des
leichtsinnigen Sohnes ins Gedchtnis zu rufen.
    Die Pastorin hatte auf den gelben Wangen rote Flecke. Ihre Gedanken jagten
wie ein Wirbelwind in ihrem Kopf umher, sie zrnte dem Sohn, dem sie diese
schwere Stunde verdankte. Sie wollte Fanny beweisen, da der Sohn eigentlich
blo das Opferlamm eines Mchtigeren sei, sie wollte dem Gatten nochmals zu
Gewissen bringen, da seine Erziehung an allem schuld sei. Aber aus ihrem von
Gedanken kreisenden Kopf gebar sich kein gesammeltes Wort; der Sohn hob statt
ihrer an, Fanny geradeaus ansehend:
    Severina wird Ihnen das Geschehene angedeutet haben, Frau Frster. Ich
sitze nicht hier, um mich zu entschuldigen, und die Hilfe, die wir von Ihnen
erbitten wollen, denke ich nicht dadurch zu erschleichen, da ich mich als Opfer
unglcklicher Verkettungen darstelle. Ich habe gefehlt; jugendlich, verzeihlich
vielleicht, wrde man sagen, wenn ich einen reichen Vater htte, der die
paartausend Mark Spielverlust ohne Empfindlichkeit zahlen knnte. Aber da ich
wute und immer dessen htte eingedenk bleiben sollen, da mein Vater nicht im
stande ist, mir dergleichen Schulden zu bezahlen, so wre mein Vergehen
unverzeihlich, wenn ich nicht den Willen und die Fhigkeit htte, den pekuniren
Schaden und den, welchen ich in Ihrer Achtung erlitt, gut zu machen.
    Der Pastor seufzte zustimmend. Die Pastorin, die ihre Hnde im Scho
gefaltet hielt, sagte schnell:
    Gewi, Magnus, Du hast gefehlt wider besseres Erkennen und Wollen. Der
Versucher kam ber Dich, und Du mutest ihm gehorchen. Das ist der Fluch, der
seit dem ersten Sndenfall auf uns allen ruht. Wir sind allzumal Snder und
mangeln des Ruhms, den ...
    Liebe Pastorin, sagte Fanny mit feinem Lcheln, Sie hrten, Magnus lehnt
es von vornherein ab, unter dem Druck jener mysterisen force majeur gehandelt
zu haben, die Sie seit seinen Knabenjahren immer als Entschuldigung fr alle
seine Thorheiten citirten. Wir haben schon an den alltglichen kleinen
menschlichen Unvollkommenheiten unserer Charaktere genug Stoff, um Adam und Eva
verantwortlich zu machen; suchen wir mit den Hauptnummern unseres
Sndenregisters niemand zu belasten als unsere eigene Willensschwche.
    Magnus lchelte Fanny an. Der Pastor seufzte zum zweitenmal zustimmend.
    Es war am Abend meines Doktorschmauses, begann Magnus; wir hatten stark
getrunken, erst so stark, wie es solche Gelegenheit in studentischen Kreisen mit
sich bringt, und dann noch strker, als mitten in unsere Frhlichkeit hinein mir
ein Brief der groen X.schen Verlagsbuchhandlung kam, die mit mir fest
kontrahirt ber eine von mir zu liefernde Uebersetzung und Bearbeitung mehrerer
griechischen Autoren zum Zweck einer Volksausgabe. Dies Ereignis ...
    Magnus, rief die Pastorin fieberhaft, und davon hast Du bislang
geschwiegen?! Diesen Trost, diese Entschuldigung uns vorenthalten! Was hab' ich
immer gesagt; wer hat nun recht?
    Dieser Umstand htte Dich vielleicht dahin gefhrt, liebe Mutter, mein
Vergehen als Verdienst aufzufassen, und das ging doch angesichts des Umstandes
nicht an, da Frau Frster uns helfen mu, soll kein Unglck, kein Skandal
geschehen, sprach Magnus mit jener liebevollen Lehrhaftigkeit, die erwachsene
Mnner den Schwchen der Mutter gegenber annehmen.
    Die roten Flecken auf den Wangen der Pastorin wurden dunkler. Ihr Herz
schlug heftig. Der Ton - der Ton von ihrem Magnus! Und von und mit Fanny sprach
er so voll Ehrfurcht! O, wenn sie doch unermelich reich wre, um alle Sorgen
selbst dem Sohn aus dem Weg zu schaffen, ihm alle Freuden der Welt zu
ermglichen! Diese Wonne Fanny berlassen zu mssen!
    Und weiter? fragte Fanny.
    Meine Frhlichkeit wurde Uebermut; ich sah mich schon berhmt als
unerreichten Uebersetzer, ich sah mich schon im Besitz der als Honorar fr die
in zwei Jahren zu liefernde Arbeit bedungenen fnftausend Mark. Als die Freunde
Bank auflegten, verschmhte ich zum erstenmal nicht, daran teilzunehmen. Mein
Verlust wuchs, meine Besinnung schwand. Endlich gab es Streit. Am andern Mittag
hatte ich die Wunde im Arm und fnftausend Mark Spielschulden.
    Ach, sagte die Pastorin und sah ihren Sohn bewundernd an, was mgen das
fr Aufregungen gewesen sein!
    Wenn Sie uns, teure Frau, die Summe vorstrecken wollen und sie mir
allmlich am Gehalt abziehen ..., begann der Pastor, der mit einer
unberwindlichen Sehnsucht nach seinem Lehnstuhl kmpfte.
    Halt, rief Fanny, Magnus soll sich allein aus der Klemme ziehen, in die
er sich hineingebracht. Er erhlt die fragliche Summe von mir und verschreibt
mir dafr sein Honorar. Und damit er nicht durch abermalige schwache Stunden in
noch Aergeres gert, schlage ich vor, da er seine Arbeit im Elternhause
vornimmt; da wird er billiger und ruhiger leben als in Berlin.
    Bravo! rief der Pastor erleichtert, weil die Sorge und die Unterredung
bald ein Ende hatten.
    Magnus ergriff die Hand Fannys und drckte sie mit wortloser Dankbarkeit. Im
Herzen der Mutter wallte neben der Freude, den Sohn bei sich zu behalten,
schnell der eiferschtige Gedanke auf, da Fanny am Ende ein besonderes
Interesse fr Magnus habe. Da die Dinge etwa anders werden konnten, als wie
Fanny sie ordnete, fiel berhaupt niemand ein. Was sie sagte, geschah immer.
    Hier trat ein Diener ein und meldete, da Wenzel und Riggers bten,
vorgelassen zu werden.
    Ah, sagte Fanny, da soll ich wohl den Schiedsrichter spielen wegen der
strittigen Wiese?
    Die Bauern bitten darum, antwortete der Diener; und hier, diese Depesche
ist eingelaufen.
    Fanny nahm die Depesche vom Tablet, erbrach und las sie, lchelte, wandte
sich zum Diener und sagte:
    Die Bauern knnen gleich vor. Ich rufe.
    Schnell, Magnus, mahnte sie dann, ich schreibe Ihnen einen Check fr mein
Berliner Bankhaus, morgen fahren Sie hin, ordnen Ihre Sachen und kehren
bermorgen zurck. Ist vom Duell etwas ruchbar geworden?
    Nein.
    Um so besser. Hier unterschreiben Sie den Schein.
    Magnus unterschrieb ein Papier, auf welchem Fanny Frster sich das Honorar
zueignete, das er von der Firma Soundso erhalten solle. Dagegen empfing er einen
Check, lautend auf fnftausend Mark.
    Unmittelbar nachdem die Familie Fannys Zimmer verlie, drngten sich die
zwei Bauern hinein, und auf dem Flur warteten noch weitere Leute.
    Ja, ja, die Frau ist ein Segen, murmelte der Pastor.
    Leider fehlt es ihr an der rechten Frmmigkeit, sagte die Pastorin
klagend. Als sie sah, da Magnus vom Zeugstnder auf dem Flur seinen Hut nahm,
fragte sie hastig: Wo willst Du hin? Wir sind eingeladen, den Tag hier zu
bleiben.
    Nur dies zu Hause in meine Kommode schlieen und mir ein Buch holen.
    La nur. Ich gehe eben, rief die Pastorin, der einfiel, da Magnus gestern
geuert habe, Severina besitze jene eigentmliche, temperamentvolle
Hlichkeit, die gefhrlicher sei als manche Schnheit. Und Severina war allein
in der Pfarre.
    So ging sie denn, und Vater und Sohn gesellten sich dem Baron auf der
Terrasse zu.

                                Viertes Kapitel


Es war am Abend dieses Tages. Adrienne sa mit einem Buch in der Hand auf der
Terrasse, wo Fanny mit dem Pastorenehepaar und Lanzenau schon seit sieben Uhr
Whist spielte. Die junge Frau begriff Fannys Geduld nicht; sie ihrerseits fhlte
sich schon nach einer Stunde so nervs vom Zusehen, da ihr das Aufstoen der
Karten auf die Tischplatte, wenn die Spieler ihre Stiche zusammennahmen,
jedesmal einen leichten Schreck verursachte. Und diese im Text sich ewig
gleichenden Bemerkungen der Spieler ber Bilder, Renoncen, Tricks und Rubber!
    Adrienne schielte zuweilen ber ihr Buch hinweg zum jungen Doktor
Hesselbarth hinber, der am andern Ende der Terrasse lesend sa. Doch schien
diesen das einfrmige Gerusch nicht zu stren. Er las mit einer Vertiefung, als
befnde er sich etwa allein in seinem Studirzimmer.
    Jedermann schien berhaupt in diesem Hause die unbegrenztesten Freiheiten zu
genieen, mit Ausnahme von Fanny, die offenbar ihre Aufgabe darin fand, sich von
den anderen ausntzen zu lassen. Nun, die Grnde fr diese unbegreifliche
Lebensgestaltung wrden sich ihr schon allmlich enthllen, dachte Adrienne und
erhob sich endlich, als sie fhlte, da ihre Ungeduld ber die Ausdauer der
Spieler sich bis zum Aerger darber steigerte, da niemand sich um sie
bekmmerte. Wenn doch wenigstens Severina dagewesen wre, allein diese war von
der Pastorin mit dem Bedeuten weggeschickt, sie msse zu Hause einhten, weil
die Magd einen Abendurlaub erbeten.
    Als Adrienne am Kartentisch vorbei ins Haus ging, nickte Fanny ihr zu und
fragte ausspielend:
    Willst Du nach Baby sehen? K es zur Nacht von mir.
    In der That hatte Adrienne ihr Kind aufsuchen und zusehen wollen, ob es
schlafe. Eine dunkle Sehnsucht war in ihr Herz gekommen, das Wesen zu liebkosen,
das einzige, welches ihr zu eigen gehrte. In Fannys Frage fand sie aber den
Vorwurf, da sie sich den ganzen Tag nicht um den Kleinen bekmmert habe, und
ging nun trotzig nicht hinauf, sondern durch den Saal ber den Flur, vorn hinaus
und setzte sich da in den Beischlag. Aber sie fand es bald langweilig, auf den
nun am Abend ganz unbelebten Hof zu sehen oder die dunkle Ulmenallee entlang zu
gucken, wo sich doch nichts Lebendes zeigte. Die Bauern lieben nach der sauren
Tagesarbeit im Freien, sich in Stube und Tenne auszuruhen. Spazierengehen in
wrziger Abendluft gehrt fr sie zu den unbegriffenen Luxusbedrfnissen des
Stdters.
    Adrienne ging um das Haus und durch schmale Seitenwege parkeinwrts. Der
Abend fing an, sich grau unter Stmmen und Buschwerk auszubreiten; als Adrienne,
schon fern vom Hause, einen das Rasenparterre durchschneidenden Pfad verfolgte,
sah sie auf der Terrasse Windlichter aufblitzen: offenbar setzten die
Kartenspieler ihre de Thtigkeit nun bei Beleuchtung fort.
    Die junge Frau hatte von der Ausdehnung des Parks und der Verschlungenheit
seiner Wege keine rechte Vorstellung. Sie glaubte, da alle Wege sie wieder dem
Hause zufhren mten, und ging langsam weiter und weiter. Pltzlich sah sie
nahe vor sich das Gebsch breit auseinander weichen, der Weg trat in ein
Halbrund ein, und dieses war abgeschnitten durch ein breites Wasser. Nahe am
Ufer, das von jungem Rhricht eingefat war, stand ein Holztisch und davor zwei
Bnke; Tisch und Bnke von jener einfachsten Art, die auf vier dnne
Baumstmmchen ein paar drftig behobelte Bretter nagelt. Adrienne ging durch das
feuchte Gras und setzte sich auf eine Bank, die Ellenbogen auf den Tisch, das
Kinn auf die gefalteten Hnde sttzend.
    Die flache, weite Gegend war nun ganz verschattet, rings um den Horizont
stand es wie eine Dunstmauer. Die Elbe schob Welle um Welle in sanfter Bewegung
vorwrts, im Schilfrohr am Ufer raschelte es zuweilen, ein Frosch sprang auf und
plumpste ins Wasser, sonst waren alle Tne des Lebens nah und fern erstorben.
Adrienne war von namenloser Furcht ergriffen. Hinter ihr der Park stand zwischen
ihr und der Welt wie eine schwarze Mauer, die zu durchbrechen sie sich um keinen
Preis getraut htte. Vor ihr hemmte der breite Strom die Flucht. Das
gegenberliegende Ufer, am Tag ein harmloses Rapsfeld, erschien jetzt wie ein
dsteres Land, aus dem jede Minute unbekannte Schrecknisse hervorbrechen
konnten.
    Nun erschien dort rechts hinauf ber dem Horizont, dessen Grenze brigens
schon lngst mit dem Lande in einer schwarzen, untrennbaren Finsternis sich
vermengt hatte, ein breiter roter Schein; - kein Schein eigentlich, denn die
kupferglnzende, schrg abgeflachte Scheibe, die da gespenstisch schnell
emporrckte, warf keine Strahlen. Wie ein umqualmter Feuerbrand ging der Mond am
schwarzen Himmel empor. Er erschien der gengsteten Frau wie ein groes,
strafendes Auge, ausschlielich auf sie gerichtet. Sie frchtete sich wie ein
kleines Kind allein im Dunkeln und schrie gell auf, als pltzlich ein fester,
rascher Schritt ihr nahe schon ertnte.
    Hallo - ist da jemand? fragte eine Stimme, welche Adrienne, erlst
aufatmend, fr die von Magnus erkannte.
    Ich bin es, sagte sie schchtern.
    Aber auch der Doktor hatte, nher kommend, an dem hellen Gewand und den
schmalen Umrissen Fannys Gast erkannt.
    Bewundern Sie auch den Mondaufgang, gndige Frau? fragte er.
    Ach nein, sprach sie weinerlich, ich habe mich nur hieher verirrt. Bitte,
bringen Sie mich zurck.
    Ich rate Ihnen, noch eine Viertelstunde auszuhalten. Wie der strahlenlose
Feuerball sich allmlich in lauter Silberglanz wandelt, das ist ein
berherrliches Schauspiel.
    Er setzte sich Adrienne gegenber; es war klar, er war hergekommen, dies
Schauspiel zu genieen, und ngstlich blieb die junge Frau sitzen. Sie war nicht
gewohnt, die Natur zu beobachten und zu genieen, und jene hundertfltigen
Schnheiten blieben ihr verborgen, die geschulte, schauensfreudige Augen sehen,
die gesammelte Sinne empfinden. Sie merkte jetzt nur, da es feucht aus dem
Rasen aufstieg und da es khl wurde.
    Er aber sah auf dem dunkeltnigen Bilde, das mlich von weilichen Lichtern
berhellt wurde, ein junges, schnes Weib, welches in seiner berzarten
Erscheinung wie die passendste Staffage in die Mondnacht gesetzt war. Der
Mondschein spielte um ein weies Gesicht, aus dem ein Paar groer Augen
unsglich trostlos himmelwrts schauten. Ueber dem Flubett schwebten weiliche
Nebel, die dampfend von der Wasserflche aufstiegen. Auf dem feuchten Rasen, auf
dem Laub der nchsten Bsche lag jener kalte Glanz, den das Nachtgestirn um sich
verbreitet, und in Schatten flog es zuweilen wie ein Demantschimmer schnell
vorber: Johanniswrmchen begannen da ihre Nachtlust.
    Nicht wahr, sagte Magnus, es ist schn?
    Sie nickte nur.
    Die Schnheiten unserer Gegend sind wie die Schnheiten eines tiefsinnigen
Werkes: man erfat sie erst durch Studium, sagte er.
    Ja, antwortete sie.
    O weh, dachte Magnus, das schne Bild deckt eine Oede zu! Ich habe den
ganzen Tag kein Wort gehrt, das auch nur auf die notdrftigste
Gedankenvegetation schlieen liee. Hinter der weien Stirn und dem rtlichen
Haar scheint steriler Boden.
    Dabei sah er unwillkrlich sein Gegenber ungenirt forschend an. Dieser
Blick war Adrienne unbehaglich, sie sagte mit einer gewissen Schrfe:
    Ich bin kein tiefsinniges Werk.
    So schnippisch kann nur eine unreife und unerfahrene Frau sein, deshalb
freute er sich der Antwort, denn ihm wohnte, wie den meisten jungen Gelehrten,
den Frauen gegenber ein Gefhl der Ueberlegenheit, um nicht zu sagen
Ueberhebung, inne.
    Verzeihen Sie, sprach er lchelnd, aber ich bin kurzsichtig, und da
erscheint mein Blick gleich unbescheiden, wenn ich jemand nahe ansehe.
    Haben Sie jetzt den Mond genug bewundert?
    Er sprang auf.
    Sie wnschen heimzukehren? Ich stehe zu Befehl!
    Adrienne ging hastig voran, aber kaum traten von rechts und links die
dichten Baumschlge an den engen Weg, als sie sich in so offenbarer Furcht nach
Magnus umwandte, da dieser ihr den Arm anbot.
    Ob wir Fanny noch bei dem schrecklichen Whist finden? sagte Adrienne.
    Pnktlich um halb zehn hrt er auf. Fanny verliert immer ihr Geld, nie ihre
Geduld dabei; man spielt um ein Geringes, aber Lanzenau und meine Mutter sind
verstimmt, wenn sie verlieren. Ihnen ist dies Spielchen Erholung, Vergngen,
mein Vater und Fanny bringen ein Opfer.
    Ums Himmels willen, Fanny scheint aller Welt Opfer zu bringen! rief
Adrienne. Dann zuckte sie zusammen: im Gebsch hatte es geraschelt. Magnus zog
ihren Arm zur Beruhigung fest an sich.
    Fanny? Ich wei nicht, ob man Thaten, die einem seelischen Bedrfnis
entspringen, noch Opfer nennen kann. Freilich, das Kartenspiel ist ein kleines -
aber sie bringt es Lanzenau, sagte Magnus.
    Lanzenau? Das sagen Sie mit einer Betonung, als wre er fr Fanny der
Gegenstand hchster Gte, bemerkte Adrienne; man sieht es nicht im
freundlichen Verkehr zwischen beiden. Aber dennoch frage ich mich, weshalb
heiraten sie einander nicht, und ist es mglich, da Fanny, so in ihren besten
Jahren, niemals den Wunsch haben sollte ... ich meine ... ich wollte sagen ...
warum sie wohl Witwe bleibt?
    Da fragen Sie mich zu viel. Seit ich ein Junge von zwlf Jahren bin, war
ich von der Schule, dann von der Universitt immer nur zum Besuch hier. Herrn
Frsters erinnere ich mich kaum, doch Sie wissen, man gewinnt mit der Zeit so
was wie ein retrospektives Verstndnis, und so verstehe ich auch jetzt, da mit
den Jahren die Lebensbilder, die ich hier im Ausschnitt sah, immer heiterer und
friedlicher wurden. Lanzenau war schon immer eine stehende Figur darin, auch zu
Frsters Zeiten. Damals gehrte ihm Driesa.
    Ah, sagte Adrienne mit dem Ausdruck unaussprechlichen Verlangens in Stimme
und Antlitz, wenn ich Fanny wre, lebte ich anders.
    Wie denn? fragte Magnus, der von diesem Ausdruck gepackt wurde.
    Ich wei nicht, wie, flsterte sie, nur mte jeder Tag eine neue Wonne,
ein anderer Genu sein.
    Magnus schwieg mit einigem Herzklopfen. Das also, das stand hinter der
weien Stirn! Die schnen Lippen waren nur so schweigsam, weil der Durst sie
zusammenprete!
    Es fiel Adrienne nicht auf, da er ganz verstummte. Sie hatte so viel zu
denken, da sie seiner Unterhaltung nicht bedurfte. So kamen sie vor der
Terrasse an.
    Dort rumte gerade ein Diener den Kartentisch ab, aus dem Gartensaal brach
ein Lichtstrom, man sah mitten in demselben Fanny und Lanzenau stehen, Lanzenau
schien aus einem Zeitungsblatt eine Notiz zu lesen. Magnus' Eltern waren nicht
mehr da.
    Ich habe mich schon vorhin von Fanny verabschiedet und gehe nicht mehr
hinein. Gute Nacht!
    Gute Nacht! sagte Adrienne und legte ihre kalte Hand in seine warme.
    Sie standen am Fue der wenigen Stufen, die zur Terrasse emporfhrten; im
Schein des Lichts, das vom Hause kam, sah Adrienne die braunen Augen Magnus' mit
jenem zudringlichen feurigen Blick auf sich gerichtet, den Mnner schnell fr
eine schne Frau haben, die ein Bedrfnis oder den Wunsch nach Trost gezeigt
hat, - dem Blick, den Wegelagerer auf eine scheinbar wenig verteidigte Beute
richten.
    Adrienne erzitterte - so hatte sie noch kein Mensch angesehen, und ihr blieb
auch alles Unbescheidene in dem Blick verborgen, sie bemerkte nur das Feuer, und
das gengte, sie fliehen zu lassen.
    Mit eilenden Fen lief sie ber Treppe und Terrasse in den Gartensaal.
    Gute Nacht, Fanny! sagte sie und wollte ihr im Vorbergehen die Hand
reichen. Fanny hielt sie fest, zog eine Depesche aus der Tasche, gab sie
Adrienne und machte:
    Pst! Lesen, aber nichts sagen.
    Adrienne las, was da der Blaustift des Bahnhofinspektors auf das
Depeschenformular hingeschrieben:
    Ich komme an dem gewnschten Tag.
    
                                                        Joachim von Herebrecht.

    Ein Geheimnis vor mir? fragte Lanzenau, scherzhaft drohend.
    Ja, sagte Fanny, das Geheimnis einer Verschwrung. Aber nun geh schlafen,
armes Kind, Du siehst ganz bleich und bernchtig aus. Ich bin auch mde, aber
ich habe noch einiges mit Lanzenau zu besprechen, wozu der Tag uns keine Mue
gab.
    Adrienne murmelte etwas davon, da sie in der That sehr abgespannt sei, und
war froh, sich von beiden verabschieden zu knnen.
    Kommen Sie, sprach Fanny; was wir uns zu sagen haben, knnen wir uns
drauen sagen. Die Nacht ist so wohlig khl.
    Sie ging auf die Terrasse hinaus und setzte sich in einen leichten
Schaukelstuhl; sie stemmte die Arme auf seine Seitenlehnen und die gekreuzten
Fe auf einen Schemel. Den Kopf weit zurcklegend gegen die Holzeinfassung der
rohrgeflochtenen Lehne, schaute sie zu dem neben ihr stehenden Lanzenau empor
und fragte:
    Nun?
    Lanzenau, der die Rechte sehr nahe an Fannys Kopf auf die Stuhllehne gelegt
hatte, strich mit der Linken seine Haarlocke gesichtwrts glatt. Fanny wute
ganz genau, da das bei ihm nervse Aufregung bedeutete.
    Wollen Sie nicht rauchen? fragte sie.
    Also ich werde eines Beruhigungsmittels bedrfen? fragte er mit einem
schwachen Lcheln entgegen. Nein, Fanny, ich will keines, sondern ich will
meinem Henker - wenn er wirklich als solcher vor mir sitzt - fest in die Augen
sehen; in diese grausamen, schnen Augen, die immer klar bleiben wie ein Himmel,
ber den nie ein Gewitter zieht.
    Er schob das Windlicht auf dem Tisch neben Fannys Stuhl etwas weiter fort,
nahm sich einen Sessel und setzte sich Fanny so nahe gegenber, als es ihre
jeweiligen schaukelnden Bewegungen nur irgend erlaubten. Mit vorgebeugtem
Oberkrper faltete er seine Hnde zwischen seinen Knieen, sah Fanny eindringlich
an und sagte:
    Dreimal, liebe Fanny, haben Sie seit dem Tode Ihres Gatten meine Werbung um
Ihre Hand abschlgig beschieden, aber jedesmal hat die Art der Abweisung, hat
Ihre liebevolle Gte nachher neue Hoffnung in mir genhrt. Die Jahre sind
darber hingegangen, ich habe keine mehr zu verlieren in dem Kampf um Glck;
jetzt mu es mein werden oder ich mu fr immer verzichten.
    Ja, seufzte Fanny, wir sind darber alt geworden.
    Nicht Sie, nicht Sie! Sie sehen aus, als zhlten Sie fnfundzwanzig Jahre.
    Sie wissen doch, Lanzenau, wenn man einer Frau von dreiig und darber
sagt, sie she aus wie fnfundzwanzig, so involvirt das Kompliment das
Gestndnis, da ihre dreiig Jahre ein Verbrechen sind.
    Fanny, sagte er ungeduldig, Sie wissen, diese Spitzfindigkeit ist mir
gegenber nicht am Platz.
    Sie sagen mir im Tone des Vorwurfs, knpfte sie mit pltzlichem Ernst an
seine Eingangsworte an, da mein Wesen Ihnen immer neue Hoffnung gegeben. Wie,
sollte es immer die bittere Folge eines abgewiesenen Antrags sein, da man einen
lieben, unentbehrlichen Freund aus seinem Leben verliert? Knnten Sie mich je,
knnte ich je Sie entbehren, so wie unser Dasein sich nun einmal gestaltet hat?
Lieber Lanzenau, als Sie das erstemal um mich warben, war Ihre Aussicht die
grte; ich schwankte. Und heute ist sie die geringste, denn heute wird mein
Nein! ein ganz bestimmtes sein. Ich htte es Ihnen schon vor meiner Abreise
geben knnen, aber Sie selbst baten um Antwort erst nach der Rckkehr. Glaubten
Sie wirklich, ich htte der fnftgigen Ueberlegung bedurft?
    Darf ich Sie bitten, mir klar zu machen, wie unsere gegenseitige
Unentbehrlichkeit mit Ihrer Abneigung, mich zu heiraten, in Einklang zu bringen
ist? fragte der Baron mit einer traurigen, mutlosen Stimme.
    Da es doch eine Zeit gab, wo keinerlei Abneigung bestand? setzte Fanny
leise hinzu. Ja, so htten Sie vollenden drfen; da Sie den Gedanken, die
peinliche Mahnung verschwiegen, ritterlich und gromtig wie immer, das legt mir
die Pflicht auf, selbst daran zu rhren.
    Er machte eine abwehrende Handbewegung.
    Nein, sagte sie hastig, einmal, einmal mu alles vom Herzen herunter.
    Ihre Augen bohrten sich in das nchtige Dunkel des Parkes, und sie sprach,
in Unbeweglichkeit verharrend, langsam und leise in die Nacht hinein, als se
kein Zuhrer ihr nahe gegenber, der mit scharfen, klugen Augen ihr jedes Wort
von den Lippen las.
    Ich wei es noch wie heute, als Sie zuerst dies Haus betraten. Es war nach
dem Tode Ihres Vaters, der Ihnen Driesa in hchster Unordnung hinterlassen. Sie
waren aus einem glnzenden, arbeitslosen Kavalierleben hieher geeilt, um Ihr
Erbe zu ordnen. Es fand sich, da der einzige Weg dazu der Verkauf des
Familiengutes war. Mein Mann wollte es erwerben, aber Ihr Wunsch, das geringe
Vermgen, welches Ihnen blieb, als Hypothek auf Driesa sicher zu stellen,
scheiterte an dem Eigensinn meines Mannes, der in diesem Ihrem Wunsch die
geheime Hoffnung Ihrerseits fand, eines Tages wieder Besitzer werden zu knnen.
Ich verstand, da Sie sich blo frchteten, Ihr Restchen Eigentum in wenig
Jahren zu vergeuden und da Sie den eigenen Grandseigneurangewohnheiten einen
gewaltsamen Zgel anlegen wollten; denn eine unkndbare Hypothek sicherte Ihnen
zeitlebens einen kleinen Zins, gengend fr ein bescheidenes Junggesellenleben,
aber sie verbot Ihnen jede Verschwendung.
    Und dies Ihr Verstehen fhrte uns zuerst zusammen. Ich sehe die junge
Priesterin der Vernunft noch vor mir, wie sie mir mit leuchtenden Augen und
beredten Lippen meinen Vorsatz lobte, wie sie mir versprach, bei dem Gatten fr
mich zu wirken, setzte Lanzenau warm hinzu.
    Ja, ich ereiferte mich fr Sie und Ihre Sache. In meinen inhaltslosen Tagen
war es der erste Gegenstand, fr den ich wirken konnte. Sie gaben mir zu thun,
und Sie, aus dem rauschenden Leben in diese unertrgliche Stille versetzt, Sie
fhlten es als Ihr Herrenrecht, der jungen, ungestmen Frau - die Cour zu
machen. Wir kokettirten mit einander, ohne das allergeringste fr einander zu
fhlen, - nur so faute de mieux.
    O Fanny, wie hart!
    Ja, sagte sie herbe, wir wollen ganz wahr sein. Gott sei Dank, da wir es
knnen, und da, wenn wir uns die Masken vom Gesicht nehmen, nur menschliche
Irrtmer, menschliche Flecken zu sehen sind, keine teuflischen Hlichkeiten.
Wir redeten uns ein, in einander verliebt zu sein, und das kam so: Ich war ein
Kind, als ich Frster heiratete, ein unfertiges Kind, das Herz voll berspannter
Gefhle, den Kopf voll bertriebener Ideen. Ich wollte lieben und geliebt sein
wie eine Julia, ich wollte arbeiten und schaffen als die gleichberechtigte
Genossin meines Mannes. Fr den ernsten, lteren, vielbeschftigten Frster
sollte ich aber nur das liebenswrdige Aufheiterungsmittel der Erholungsstunden
sein. Das war mir zu wenig. Ich war berzeugt, eine Frau werde entmndigt, wenn
man sie nicht als Wirkerin und Richterin in den groen Fragen der Zeit
heranzge. Den Wust von ungeordneten Gedanken, der hinter meiner
achtzehnjhrigen Stirn umherwhlte, nahm ich fr das Zeugnis bedeutender
Anlagen, die zu erkennen Frster nicht im stande sei. Manch wirklich
vernnftiger Wunsch erschien ihm thricht, weil die Form, in welcher ich ihn
vortrug, zu anspruchsvoll war. Vielleicht da ihm in der That die Fhigkeit oder
die Geduld abging, mich zu erziehen, zu verstehen - kurz, ich war bald ein
Musterexemplar von jener Gattung, die man unverstandene Frauen nennt, also ein
unntzliches, unausstehliches Geschpf. Fr solche Frauen sollte im
Strafgesetzbuch ein besonderer Paragraph stehen. Denn sehen Sie, bin ich, die
ich hier sitze - eine ziemlich vernnftige Frau, die in mannigfachen Pflichten
heiter ist und das Unvollkommene, das jegliches Dasein schlielich hat,
gleichmtig ertrgt - bin ich nicht dieselbe Fanny, die auch damals htte schon
Freude am Leben haben knnen und auch anderen htte zu machen vermgen? Das
bichen Vernunft, das heute zu Wort gekommen ist, sa doch schon immer in mir,
weshalb hatte ich es damals nicht ausgegraben?
    Liebste Fanny, sprach Lanzenau, der Wahn, nicht verstanden zu sein, ist
bei den jungen Frauen ein Durchgangsstadium, wie bei den Kindern das Ausfallen
der Milchzhne. Zum Durchbeien der hrteren Lebenskost wchst dann ein neues
Gebi.
    Mag sein. Nur hat der arme Frster gewi viel zu leiden gehabt.
Miverstehen Sie mich nicht, ich verliere mich nicht in falsche Reue, denn mit
ehrlichem Herzen habe ich auch damals ihn glcklich machen wollen; da ich in
den Wegen dazu irrte, ist Jugendschuld gewesen. Mangel an Erkenntnis entlastet
vor jedem Richter. Aber dann kamen Sie. Die unverstandene Frau bekam ihr
naturnotwendiges Attribut: den Trster. Es mag eine Komdie zum Lachen gewesen
sein mit uns beiden, Lanzenau. Sie langweilten sich in Driesa zum Sterben; der
kleinen, temperamentvollen Nachbarin einen Roman zu schaffen, erschien eine
standesgeme Abwechslung. Ich bespiegelte mein Selbst wohlgefllig in den
kleinen, tugendhaft bestandenen Versuchungen und redete mir in schlaflosen
Nchten ein, da Sie der Mann seien, der mich verstehe. Frster, der kluge,
wachsame, mag, wie ich jetzt zurckdenkend die Situation sehe, uns ausgelacht
haben in seiner schnen Sicherheit, da er immer der Herr bleibe. Genug -
Frster starb pltzlich, als unsere - Flirtation einem Gipfelpunkt zutrieb. Ich
erwachte und begriff, was ich verloren. In ernster Einsamkeit begann ich an mir
zu arbeiten. Ach, warum warten so viele Frauen und Mnner erst auf Katastrophen,
um ihre Selbsterziehung zu beginnen! Es gbe mehr glckliche Ehen, wenn das
anders wre, und auch Frster und ich htten glcklicher sein knnen. Ein Jahr
nach Frsters Tod boten Sie mir Ihre Hand. Sie waren in meiner Nhe geblieben,
aber die Erschtterung, welche auch Sie ber Frsters Tod empfanden, hatte Sie
den Ton der Ehrfurcht und Bescheidenheit mir gegenber gelehrt. Ich lehnte Ihren
Antrag voll innerer Zweifel ab. Warum?
    Nun - warum? fragte Lanzenau gespannt.
    Weil ich mir damals nicht klar war, ob mein Spiel mit Ihnen zu Frsters
Lebzeiten mich von Ihnen trennte oder mich zu Ihnen zwang. Deshalb sagte ich
damals: Noch nicht! Heute aber wei ich lngst, da mich das weder an Sie bindet
noch von Ihnen trennt. Solche Gefhle fr Wechsel anzusehen, die man in der
Zukunft einlsen mu, hiee mit Bewutsein den Irrtum als Lebensbestimmer
anerkennen und die reife Einsicht unter die Jugendthorheit stellen.
    Und weshalb wurde mein zweiter, mein dritter Antrag abgelehnt? fragte er.
    Fanny stand auf. Sie ging im spielenden Licht der Kerze hin und her, die
Bewegung ihrer Gestalt versetzte die Flamme hinter dem Glascylinder ins
Schwanken. Auch Lanzenau stand auf. Pltzlich blieb Fanny vor ihm stehen, fate
mit ihren beiden Hnden an seine herabhngenden Arme und sah ihn an, da er ber
den vernderten, leidenschaftlichen Ausdruck in ihrem Gesicht fast erschrak.
    Wie wir so neben einander herlebten, uns unwillkrlich, fast unmerklich,
zusammen zurechtfindend in den tausend Lasten und Pflichten, die Frsters Tod
auf mich warf und an denen Sie teilnahmen, als gehre sich das so, da fand es
sich nach und nach, da wir an einander Eigenschaften entdeckten, die wir mit
ruhigem Herzen achten konnten. Lanzenau, wie waren wir reich: anstatt ein Spiel
des Leichtsinns mit einem Fall in die Tiefe und dem nachfolgenden Ekel zu
beenden, blieb uns das schnere Los, uns als Menschen zu erkennen, die gemeinsam
das Hchste zu leisten vermgen, was Menschenwille berall leisten kann. Wir
arbeiteten zusammen in langen, segens- und mhevollen Jahren und sahen um uns in
dem Kreise, so weit unsere Pflichten und unsere Krfte reichen, Wohlstand,
Frieden und Glck erblhen. Und, Gott sei Dank, Anforderung und
Leistungsvermgen standen immer im Einklang. Wenn wir abberufen werden, drfen
wir uns zufrieden zur ewigen Ruhe begeben: jung waren wir Thoren, aber als wir
zu Verstand gekommen waren, suchten wir die hchste Sittlichkeit in der Arbeit.
    In ihren Augen standen Thrnen. Sie lie ihn los.
    Aber, Fanny, rief er erschttert, teure Fanny, dies alles darf ein Grund
mehr sein, mir Ihre liebe Hand zu geben. Aus der Achtung ist die Liebe
erwachsen, sie hat das schnste Fundament. Und in den gemeinsamen Aufgaben ruht
die Garantie zuknftigen Glcks.
    Nein, rief sie leidenschaftlich, nein, mein Freund! Nichts in mir zwingt
mich, diese schne Genossenschaft der Arbeit in eine andere Genossenschaft
umzuwandeln. In all diesen Jahren hat mich nie ein leidenschaftlicher Wunsch zu
Ihnen gezogen. Sie werden mir sagen: was die Vernunft anbietet, kann die
Vernunft ruhig annehmen, von Leidenschaft soll ja berhaupt keine Rede sein.
Aber das ist es: in dem gesunden, schnen Leben, das wir uns gestaltet, ist
meine Seele immer freier und jnger, immer glcksfhiger und glcksdurstiger
geworden, und nicht immer, mein Freund, habe ich mir unaufhrlich neue Pflichten
gesucht, um mein Arbeitspfund zu verwalten ... nein, ich habe mich auch oft -
betuben wollen. Sehen Sie, setzte sie mit schmerzlichem Lcheln hinzu, die
Unvollkommenheit, die Ungestilltheit ist noch in mir wie damals; aber ich wei,
da das gemeinmenschliches Los ist, ich erkenne, da man sich keine Zeit geben
darf, darber zu klagen, und nur in Stunden wie diese zwischen uns darf man
daran rhren.
    Sie stand am Gelnder der Terrasse und prete die geballten Hnde an ihre
Augen. Lanzenau trat zu ihr, nahm ihr sanft die Hnde vom Gesicht und legte den
Arm um ihre Schulter.
    Und ich, sagte er, sich zrtlich zu ihr beugend, ich kann durch meine
Liebe nicht das ntzliche, zufriedene Leben zu einem glckseligen verschnern?
Ich, Fanny, habe mehr und mehr mit leidenschaftlichen Wnschen an Sie gedacht,
es ist nicht die Vernunft, die um Sie wirbt, sondern die Liebe.
    Sie sah mit nassen Augen zu ihm empor. Ein unbeschreiblicher Ausdruck von
Schelmerei, Rhrung und Zrtlichkeit vergoldete ihr Gesicht.
    Es ist eine Lcherlichkeit, Lanzenau, sagte sie errtend, aber ich ...
ich ... meine zuweilen ... Sie wren zu alt fr mich. Ich sehe das Alter bei
Ihnen, Sie sehen es vielleicht auch bei mir. Das thut die Liebe nicht. Sehen Sie
... Ihre Schlfenlocken geniren mich. Eine andere Generation, eine, die vor mir
war, redet daraus. Ich bin eine Nrrin.
    Sie muten beide aus der Rhrung lachen. Und dabei wallte in seinem Herzen
die Hoffnung nur strker auf. Sie wies ihn ab - ja, aber aus ihren Gestndnissen
nahm er ihr unbegrenztes Vertrauen und zugleich die Gewiheit, da keine andere
Liebe ihr Herz beherrschte.
    Die Schlfenlocken knnen fallen, sagte er heiter.
    O nein! rief sie wie erschreckt. Und dann ernst: Ich glaube, Sie
verwechseln Ihre Gewohnheit mit Ihrer Neigung. Jeder Tag sieht uns vom Morgen
bis zum Abend zusammen, wir sind eine Familie. Sie haben vergessen, ob und wie
man ohne mich noch lebt und leben kann. Vielleicht haben Ihre Wnsche sich auf
mich gerichtet, weil meine stete Gegenwart Sie hinderte, andere Frauen zu
bemerken.
    So senden Sie mich fort, und ich will vom Ende der Welt zurckkommen mit
dem Bekenntnis: Fanny, ich liebe Dich!
    Nicht so weit sollen Sie, sondern blo nach Driesa, sagte Fanny, ihr altes
Gleichgewicht wiederfindend.
    Schnell von seiner Bereitwilligkeit, die Welt zu umschiffen, ernchtert,
fragte Lanzenau finster:
    Es ist Ihr Ernst? Und was soll in Mittelbach geschehen?
    Erstens sind Sie eingeladen, jeden Tag zum Speisen hieher zu kommen, was ja
fr Sie kaum einen Unterschied macht, da Sie jetzt jeden Vormittag nach Driesa
reiten; zweitens nehme ich einen Administrator fr Mittelbach, erklrte Fanny
und zog wieder die Depesche aus der Tasche. Da, sagte sie, so heit er.
    Joachim von Herebrecht, fragte er, der junge Schwager Adriennens? Und das
war so eilig, da es per Draht abgemacht werden mute?
    Sie hrte wohl die Bitterkeit in seiner Stimme, antwortete aber ruhig:
    Es galt, dem jungen Mann, der stellenlos und auf eigenen Erwerb angewiesen
ist, einen Wirkungskreis zu schaffen, der ihm, wenn er von hier weiter strebt,
als Empfehlung dienen kann. Seiner Jugend wird man, so lange seine Fhigkeiten
kein Versuchsfeld hatten, kaum einen verantwortlichen Posten anvertrauen. Hat er
sich auf Mittelbach bewhrt, wird leicht ein weiterer Weg gefunden. So habe ich
erwogen, und wenn ich finde, da das, was ich will, gut ist, scheint mir immer
die rascheste Entscheidung die beste.
    Lanzenau kte Fanny die Hand.
    Daran erkenne ich wieder meine Fanny. Mit raschem, klarem Handeln greift
sie wieder in eine Existenz und ffnet dieser sichere Bahnen. Nun denn, wenn
auch diesmal ich darunter zu leiden habe, kann ich Ihre Bestimmungen nur
billigen und werde morgen frh meine Schlafsttte aus dem Mittelbacher
Pastorenhause nach dem Driesaer Schlo verlegen. Ich thue das in der Hoffnung,
da unser kargeres Beisammensein auch Ihnen, Fanny, den Gedanken wecken und
festigen soll, da eine Trennung zwischen uns eine Unmglichkeit ist, da eine
Heirat zwischen uns nur eine logische Entwicklung der Thatsachen bedeutet.
    Fanny schttelte lchelnd den Kopf, wie man bei der Thorheit eines Kindes
thut, die man mibilligt, aber doch nicht strafbar findet.
    Sie begannen das Gesprch, indem Sie mir sozusagen ein Ultimatum stellten:
heute oder nie mehr! Und Sie endigen es mit dem Bekenntnis neuer Hoffnung.
    Ich kann nicht anders, sprach Lanzenau, ich fhle, da die Hoffnung
aufgeben, einfach das Leben oder doch die bisherige Daseinsform aufgeben heit,
und das bedeutet fr Menschen in einem gewissen Alter einen tdlichen Schlag.
Eine Erschtterung des Gemts kann einen Zwanzigjhrigen reifer und kraftvoller
machen - uns wrde sie in Greise wandeln. Gute Nacht, Fanny, ich gehe heiter,
denn mein Glaube, da Sie mein sind, steht fest wie die Sonne am Himmel!
    Fanny schttelte ihm die Hand. Er nahm seinen Hut, der auf dem Tische neben
dem Windlicht lag, und ging die Stufen hinab in den Park, wo er nach wenigen
Schritten in der Dunkelheit verschwand; dennoch blieb Fanny stehen, als she sie
ihm nach. Vor ihrem geistigen Auge schritt er dahin in seinem engen Wams, mit
seinem spitzen Schnurrbart, dem Monocle im linken Auge und dem hohen Hut auf dem
Kopfe. Sie sah seinen vorsichtigen, etwas steifbeinigen Gang, die zierliche Art,
wie er zwei Finger der Linken zwischen die Knpfe und die ganze Rechte auer dem
Daumen in die Seitentasche des Jaquets steckte, - eine Gestalt, die auf dem
Boulevard einer Weltstadt charakteristisch gewesen wre, die aber in der
Lndlichkeit von Mittelbach allezeit ein klein wenig an den alternden Bonvivant
der Bhne erinnerte. Dabei verhtete ein gewisses aristokratisches Etwas jeden
Eindruck von Lcherlichkeit.
    Fanny sah das alles ganz lebhaft vor sich und dachte zugleich mit
dankerflltem Herzen daran, wie hundertfach sie diesem Mann verpflichtet war,
wie sie ihn verehrte, liebte - ja liebte, etwa wie einen Vater oder lteren
Bruder. Aber das war ja wieder lcherlich von ihr. Sie nahm das Licht, ging
hinein, schlo hinter sich zu und schritt geradewegs auf den Spiegel los, der an
der einen Schmalwand des Saales zwischen zwei Sofas stand.
    Hier sah sie sich fest ins Gesicht.
    Fanny, du bist selbst eine alte Frau! sagte sie laut.
    Dann ging sie, ein lustig Lied auf den Lippen, dessen Tne sie zum Summen
dmpfte, mit heiterer Stirn in ihr Schlafgemach, um wie immer traumlos und fest
zu schlafen.

                                Fnftes Kapitel


Was, der Zug hlt nicht an der Station? fragte Joachim von Herebrecht am
Billetschalter eines Berliner Bahnhofes.
    Nein, nur die Lokalzge.
    Und wann geht der nchste?
    Morgen frh um sechs Uhr, sagte der Beamte und wandte sich von dem
erledigten Fall seinen anderen Obliegenheiten zu.
    Joachim stand eine Weile unbeweglich und strend im Menschengewhl des
Bahnhoftumultes, wie jemand, der fr den Augenblick ganz verdummt ist.
    Den Teufel auch, dachte er verdutzt, da trete ich mit einer
Unpnktlichkeit in den neuen Wirkungskreis. So was macht immer einen schlechten
Eindruck. Aber die Frauenzimmer htten doch auch in den Briefen, die der
Depesche folgten, ein Wort davon einflieen lassen knnen, da man nur mit dem
edlen Befrderungsmittel der Bummelzge in die Frsterschen Gefilde gelangen
kann. Na, wo Frauen regieren, kann man am Ende solche Vergelichkeit nicht
befremdlich finden und kann auch wohl darauf rechnen, da Unpnktlichkeit nicht
als Untugend angesehen wird.
    Damit beruhigte er sich, suchte ein Hotel in unmittelbarer Bahnhofsnhe auf
und lie sein Gepck gleich an der Eisenbahn. Der andere Morgen sah ihn sehr
bellaunig im Coup des ersten Zuges, der mit viel Gerusch und wenig Eile durch
den mrkischen Sand fuhr. Joachim, von Berufswegen zum steten Frhaufstehen
gezwungen, hate dasselbe doch grndlich und liebte an den Tagen, wo der Zwang
wegfiel, ein verlngertes Verweilen im Bett, bis zur Mittagsstunde womglich.
Und natrlich wrde nun kein Wagen an der Station sein und er konnte das
Vergngen genieen, ein paar Stunden durch den sonnigen Morgen zu Fu zu laufen.
    Diese Befrchtung besttigte sich, denn der Inspektor teilte an der Station
dem jungen Herrn mit, da gestern zum letzten Zug - zum letzten Bummelzug,
schaltete Joachim ein - der Wagen hier gewesen sei und da die fremde Dame, die
neuerdings auf Mittelbach wohne und Frau Frsters Schwgerin sein solle, darin
gesessen habe.
    Frau von Herebrecht? fragte Joachim unglcklich. Auch das noch!
    Ich wei nicht, wie die Dame heit; sie ist jung, sehr schlank und trug ein
weies Kleid und einen groen weien Hut.
    Natrlich - Adrienne!
    Joachim sagte, da man sein Gepck holen werde, und machte sich auf den Weg.
    Es mochte gegen zehn Uhr sein, und der Junimorgen lag mit blendendem
Sonnenschein ber den Feldern. Die lang aufgeschossenen Pappeln warfen
weitlufige Gitterschatten ber die Chaussee, deren Fahrdamm wie von
silbergrauem Staubpulver berschttet war. Von rechts und links drngte sich das
wogende Getreide an die Strae, ein erfrischender Wind fuhr ber die blulich
aufschimmernden Aehren des Sommerkorns. Joachim nahm den Hut ab, da der Wind
ihm die Stirn khle, und spannte einen blauleinenen Sonnenschirm, den er bisher
als Stock bentzte, ber sich auf. Das Wandern durch die reichtragenden Felder
ward ihm schnell zum Vergngen, er pfiff den Fledermauswalzer vor sich hin und
dachte nach, in einem abwechslungsreichen Durcheinander bald ber die Verlobung
der kleinen Elly, bald ber die Qualitten des Mittelbacher Bodens, bald ber
die Operette, die er vorgestern in Berlin gesehen hatte, und ber die Menschen,
die er in Mittelbach finden wrde. Viel Sorgen machte er sich um das alles
nicht.
    Sein aschblondes Haar, leicht ber der Stirn gelockt und ziemlich kurz
gehalten, krnte ein junges, offenes, frohes Mnnergesicht. Die blauen Augen
schauten hell um sich, die fein gebogene Nase - die Herebrechtsche Familiennase
- stand ber frischen, feinen Lippen, die ein blondes Schnurrbrtchen zierte.
Die Linie des Wangenprofils, die Form des festen Kinns, die Art, wie der Kopf
getragen wurde, gaben dem jungen Antlitz den Ausdruck von Stolz und Adel. Dazu
die sehr geschmeidige, mittelgroe Figur - man mute gestehen, Joachim konnte
mit dem Geprge zufrieden sein, das die Natur ihm gegeben.
    Er nherte sich, rstig ausschreitend, dem Wald, an dessen Saum ein Landweg
zwischen Knicken sich hinzog. Joachim sah da etwas, das seine Aufmerksamkeit
fesselte, und der Walzer auf seinen Lippen - er hatte inzwischen eine
Repertoirevernderung vorgenommen und war eben bei dem unsterblichen
Coakeswalzer - endete mit einem charakteristischen Pfiff. Der Pfiff hie in die
Sprache bersetzt: Pa auf, mein Junge!
    Nach dieser Selbstmahnung bestieg er den Meilenstein neben der nchsten
Pappel und sah dann auch genauer, da es eine reitende Frau sein mute, die
zwischen den Knicken entlang kam. Die sich hebende und senkende Bewegung eines
Kopfes mit schleierumwundenem Cylinderhut, konnte nur davon kommen, da die dazu
gehrige Person auf einem Pferde sa und Trab ritt. Und jetzt ein helles
Aufwiehern des Rosses.
    Joachim, der auf alles Weibliche eine ungemeine Neugier besa, eilte
vorwrts, um womglich da, wo Chaussee und Landweg sich schnitten, mit der
Reiterin zusammenzutreffen. Das wre nun selbst seinem schnellsten Gang nicht
mglich gewesen, aber die Reiterin sah, als sie die Chaussee berschreiten
wollte, den Herrn mit dem Sonnenschirm daherkommen. Sie hielt ihr Pferd an und
schaute dem Kommenden entgegen; eine so kultivirte Mnnererscheinung in
elegantem grauem Straenanzug, mit einem Schirm ber der Schulter, mochte wohl
zu auffllig um diese Zeit, auf dieser Strae, und vor allen Dingen als
Fuwanderer, sein.
    Aha, dachte Joachim, das ist natrlich Fanny Frster. Donnerwetter! Ich
dachte sie mir berhaupt lter.
    Herr von Herebrecht? rief Fanny ihm schon fragend entgegen. Sie htte sein
Gesicht berall wiedererkannt, nach dem Bilde, das Adrienne von ihm hatte.
    Zu dienen, meine Gndigste. Und da ich gleich mit einer Bitte um
Entschuldigung beginnen mu, ist nicht sehr angenehm. Indes hatte ich keine
Ahnung von der Eisenbahnverbindung, sagte Joachim.
    Das dachten wir uns, es ist unsere Schuld. Da Sie aber nun zu Fu daher
marschiren, ist wieder Ihre Schuld, denn eine Depesche htte den Wagen an die
Station gerufen, sprach Fanny, ihn mit herzlicher Freundlichkeit so unverhohlen
betrachtend, als wre ihr ein lieber Verwandter nach langer Trennung
wiedergekehrt.
    Gegen die Depeschenbefrderung ber Land habe ich ein in blen Erfahrungen
wurzelndes Mitrauen, antwortete er.
    Sie standen im khlen Schatten des Waldsaumes, und die Sonnenstrahlen hatten
hier noch nicht den Tau aus der Rasennarbe weglecken knnen. Es rauschte durch
die Kronen wie Meeresbrandung; der wohlige Gegensatz zur langen, heien
Wanderung war so gro, da Joachim tief befriedigt aufseufzte.
    Geht es immer durch den Wald?
    Bis beinahe zum Dorfe. Sie knnen nicht fehl gehen, die Chaussee schneidet
schnurgerade durch den Wald, und dann sehen Sie Mittelbach. Adrienne werden Sie
im Park mit ihrem Kleinen finden, vor einer Stunde habe ich sie da verlassen.
Ich wrde Sie begleiten, allein erstens ist es ein ungemtliches Zusammengehen -
einer zu Fu, der andere zu Pferd; sodann mu ich zu den Wiesen hin; die Leute
fangen heute beim Heuen an. Die Wiesen liegen da hinaus - sie zeigte mit der
Reitgerte rechts am Wald entlang - und bilden eine Art Scheide zwischen Driesa
und Mittelbach; das Flchen in der Mitte, das zur Elbe geht, bildet die Grenze.
Das zeige ich Ihnen alles morgen. Fr heute widmen Sie sich nur ganz Ihrer
Schwgerin. Adrienne kann Ihnen inzwischen Ihre Zimmer anweisen. Also - auf
Wiedersehen!
    Sie neigte sich und reichte ihm die mit einem Stulphandschuh bekleidete
Rechte, mit der Linken so lange Zgel und Gerte zusammenfassend. Joachim empfing
den freundschaftlichen Hndedruck, klopfte noch dem Pferd den Hals, sagte: Ein
schnes Tier! und verneigte sich, Abschied nehmend. Fanny nickte noch einmal.
    Er sah ihr eine Weile nach.
    Wie elastisch und stolz zugleich sie sich hlt. Famos! Sehr formell und
schwierig scheint sie nicht. Merkwrdig, mir ist es, als kenne ich sie schon
lange. Und wie schn ihr Auge und ihr Lcheln ist!
    So dachte Joachim mit einer Art von objektiver Bewunderung, als stnde er
etwa einem schnen Bilde gegenber, das er anstaunte, aber das ihn weiter nichts
anging.
    Noch froher schritt er frba. Fannys Emanzipation war wenigstens nicht in
unweibliche Manieren gekleidet. Joachim hatte merkwrdigerweise die vorgefate
Meinung, da Fanny eine selbstherrliche, emanzipationseifrige Person sei. Mochte
das, was er so beilufig dann und wann von ihrem selbstndigen Wirken, von ihrem
zielsichern Wesen gehrt, ihm unmerklich diese Ansicht beigebracht haben -
genug, er hatte das Vorurteil und war mit dem Vorsatz gekommen, sich nicht in
den Bereich ihrer Weltverbesserungsideen ziehen zu lassen und berall ihr
gegenber seine Selbstndigkeit zu bewahren. Es schien aber doch so, dem
Gesamteindruck des ersten Augenblicks nach, da sich werde mit ihr leben lassen.
    Da war das Dorf, die Kirche, die Pfarre. Er brauchte niemand um den Weg zu
fragen, die Ulmenallee wies diesen von selbst. Doch besann er sich, da seines
Bruders Frau mit seinem kleinen Neffen und Patchen im Park sein sollte. Kecklich
bog er gleich seitwrts um das Haus, mochte der Hofhund, der vorn an der Kette
lag, gleich in wtendem Gebell die Frechheit des Fremden beklffen.
    Ah, hinten sah das vornehmer aus als vorn, wo der altmodische Beischlag, die
dsteren Linden, das hohe Ziegeldach des Hauses und rechts und links am Hofe die
langgestreckten Scheunen dem Ganzen einen ernsten, unschnen Charakter gaben.
Hinten aber ffnete sich der prchtige Park, lud die mit grtnerischem Schmuck
umzierte Terrasse ein. Joachim folgte aufs Geratewohl einem Wege, der sich durch
Gebsch zur Parktiefe wand. Nicht lange, und ein weies Gewand schimmerte durch
das Grn. Nun hob er den Fu mit Vorsicht. Er wollte mit dem Uebermut seiner
fnfundzwanzig Jahre die Schwgerin erschrecken. War er doch der einzige, mit
dem Adrienne je lachte, denn seiner unverwstlichen Frohnatur widerstand ihre
Teilnahmlosigkeit nicht.
    Der Weg ffnete sich zu einer kleinen Rundung, in deren Mitte eine
Riesenfichte himmelan strebte. Eine Bank stand unter dem Baum, doch an der
andern Seite, so da die darauf Sitzende Joachim den Rcken oder vielmehr in
einer halben Wendung den Seitenumri ihrer Gestalt zeigte. Das Gesicht und Haar,
die man bei dieser Stellung auch in den Profilinien htte sehen mssen, waren
unter einem jener mchtigen Gartenhte aus weiem Musselin verborgen, die man
Helgolnder nennt und die mit ihrem niederfallenden Stoffteil selbst noch den
Nacken decken. Die Dame hatte ihre Ellenbogen auf den Rand des vor ihr stehenden
Kinderwagens gestemmt und drehte in den zusammen emporgehaltenen Hnden
mechanisch eine Rose. Es war ein hbsches Bild; durch die Baumverzweigungen
fielen einzelne Lichtflecke auf das im Schatten stehende weie Gewand.
    Joachim stand einige Sekunden und freute sich daran. Seine Gedanken flogen
nach dem fernen Weltteil zum geliebten Bruder. Was der fr eine Freude htte,
wenn er jetzt hier so lauschen knnte! Und wie voll und rund Adrienne geworden
war bei aller Schlankheit! Da sie eine so wunderbare Figur, so entzckende
Hndchen habe, war Joachim nie aufgefallen.
    Er schlich nher, und ber die Schultern der vor ihm Sitzenden hinweg
pltzlich ihre Hnde fassend, kte er sie mit khner Wendung ber das
Hutungeheuer hinweg auf den Mund. In der Sekunde oder vielmehr in dem Bruchteil
der Sekunde, welcher verstrich von da an, da Joachims Augen das Gesicht unter
der weien Umrahmung erfaten, bis er auch schon seine Lippen auf den Frauenmund
prete, war es blitzgleich ihm gewesen, als sei's ein fremdes Gesicht. Aber
Geberde und Lust zum Kusse waren in der winzigen Zeitspanne eines Herzschlags
nicht mehr aufzuhalten. Auch war Joachim nicht der Mann, seine Lippen zu
schlieen, wenn ein Frauenmund nicht weiter von ihnen war als kaum eines Fingers
Breite. So, halb im Irrtum, es sei Adrienne, halb im jhen Schreck, sie sei es
nicht, kte Joachim einen heien, blhenden Mund und starrte dann in zwei
dunkle, entsetzte Augen.
    In der Stummheit einer halben Minute, die zwischen den beiden sich verdutzt
Anschauenden brtete, war Joachim von dem angenehmen Bewutsein erfllt, da er
fr die Verwechslung nicht verantwortlich und gar nicht strafbar sei. Ja, er
schaute mit begreiflichem Interesse auf das Gesicht, das - er mute es sich
zugeben - nicht schn, aber unglaublich interessant war.
    Meine Gndigste, begann er endlich mit aller Mhe, sehr ernst auszusehen,
ich bitte um Vergebung. Aber Frau Frster sagte mir, Adrienne sei mit meinem
Neffen im Park, und da ich Grnde hatte, mir Adrienne in Wei gekleidet
vorzustellen, so war die Ueberrumpelung gewi verzeihlich.
    Also Herr von Herebrecht? fragte sie, ihn immer noch gro ansehend.
    Allerdings! Und soll ich auf die Gegenwart der Hausherrin warten, um in
feierlicher Vorstellung auch Ihren Namen, meine Gndigste, zu erfahren? fragte
Joachim in seinem flottesten Ton entgegen.
    Ich heie Severina, sagte sie und errtete tief.
    Merkwrdig - hat sie keinen weitern Namen? Ums Himmels willen, sollte es am
Ende eine Bonne oder so was sein? Dann knnte ich gleich noch einmal ... aber
nein, dazu ist sie zu ... ja ... wie denn? - zu apart, dachte Joachim.
    Ich gehre ins Pfarrhaus und habe Frau von Herebrecht Gesellschaft
geleistet, die eben gegangen ist, sich zum Essen anzukleiden, fuhr Severina
fort.
    Also das Pastorentchterlein! rief Joachim lachend; da mu ich mit
erhhter Eindringlichkeit um meines Ueberfalls willen Vergebung erflehen; denn
meine Begrung als fromme Gewohnheit werkeifriger Nchstenliebe aufzufassen,
drfte ...
    Drfte selbst einem Landpastor die Herzenseinfalt fehlen, fiel Severina
ihm in die Rede, ebenfalls lachend, aber wie ihn duchte, in etwas erregtem
Tonfall.
    Er sah ihr in die sprhenden Augen und hielt ihr die Hand hin.
    Schlagen Sie ein, darauf, da dieser kleine Vorfall unter uns bleibe und
unserem Verkehr - auf den wir doch wohl angewiesen sind - nichts von seiner
Harmlosigkeit nimmt.
    Sie legte ihre Hand in die seine.
    Er sah auf die khlen Finger nieder und unterdrckte mhsam die Bemerkung,
da es die schnste Hand sei, die er je gesehen. Severina sah aber den Blick der
Bewunderung, erglhend zog sie ihre Hand zurck.
    In diesem Augenblick schrie das Kind im Wagen kurz auf.
    O, ich Rabenonkel! rief Joachim; ich vergesse ber schnen Augen und
heien Lippen unsern Herebrechtschen Stammhalter.
    Das entfuhr ihm so, er schien berhaupt Severina ganz vergessen zu haben,
stand ber dem Wgelchen gebckt und plauderte dem Kleinen das unglaublichste
dumme Zeug vor. Das Kind sah mit groen, wundernden Augen zu dem fremden Mann
empor. Die liebevolle, wohllautende Stimme war ihm ein unterhaltendes Gerusch,
es blieb ganz stumm.
    Severina sah dem drolligen Bild zu. Joachim war entzckt, mehr als das, er
war stolz, in dem Kleinen ein so klugugiges, rundbackiges Wesen zu finden, und
erging sich in Ausdrcken der unbegrenzten Bewunderung. Schlielich war es ja
natrlich - Arnolds Sohn konnte kein Alltagskind sein. Und wie der Bengel Arnold
hnlich sah! Die ganze unendliche Liebe zum Bruder brach in leuchtender Wrme
aus dem fast kindischen Gebahren.
    Wie mu er ihn lieben! dachte Severina. Wer auch einen Bruder htte -
auch so geliebt wrde! fgte sie bitter fr sich hinzu. Ihre Augen hafteten
dabei mit einem seltsamen Gemisch von Teilnahme und Neid auf Joachim, der die
kleinen Fingerchen seines Neffen einzeln kte. Und pltzlich begegnete er
diesem Blick.
    Er schnellte in die Hhe.
    Was ist hier denn fr ein Lrm ... Joachim ... Joachim! rief Adrienne. Es
war das erstemal, da Severina die Stimme dieser Frau lebhaft erschallen hrte.
Mit einem Freudenruf sprang Joachim auf sie zu und fiel ihr um den Hals.
    Nun haben wir beide uns doch, da ist's leichter zu tragen, da Arnold weg
ist, sprach er.
    Du guter Junge! Und wie Du wohl aussiehst!
    Adrienne kte ihn. Dabei sah Joachim an ihrem Haupt vorbei auf Severina, so
bermtig, als wollte er sagen: Das haben wir schon abgemacht.
    Hat Arnold krzlich geschrieben?
    Nein.
    Kann der Junge schon Onkel sagen?
    Wo denkst Du hin! Noch nichts. Er ist ja noch kein halbes Jahr.
    Ich verstehe nichts von Babies.
    So ging das schnelle Reden hin und her. Severina fhlte sich namenlos
berflssig und ging schnell davon. Es sah wie eine Flucht aus, und ihr Herz
klopfte dabei.
    Er sieht aus wie das Glck und die Freude selbst, dachte sie, und ein
Zittern lief durch ihre Glieder.
    Warum geht sie? fragte Joachim.
    Sie denkt zu stren.
    Fr eine Pastorentochter sieht sie recht wenig zahm aus, sagte Joachim,
der Gestalt mit dem grazisen Gang eifrig nachsehend.
    Sie ist ein Pflegekind. Eine Verwandte der Frau Pastorin hatte das Unglck,
bei der Geburt einer Tochter zu sterben, ohne kundgethan zu haben, wer der Vater
sei. Severina, das Mdchen mit dem ernsten Kalendernamen, ist nun von der
Pastorin auferzogen und ausersehen, als Berin durchs Leben zu wandern. Aber
was von Natur einmal darin steckt: die Energie, die Liebe zum Schnen und
Anmutigen, der selbstndige Geist, das bringt kein fortwhrendes Predigen
heraus, erzhlte Adrienne.
    Armes Mdchen! rief Joachim, von starker Teilnahme ergriffen.
    Dank Fannys Eingreifen, dem die Pastorsleute nicht widerstreben knnen, ist
Severinas Bestimmung, eine asketische Betschwester zu werden, immer noch ihrer
Erfllung sehr fern. Fanny zieht das Mdchen viel in ihre Nhe, kleidet sie ganz
und gar, wenn auch einfach, so doch, wie Du siehst, sehr anmutig, und wenn sie
ausfhrt, ja sogar auf Reisen nimmt sie Severina mit. Dafr betet diese
natrlich Fanny an, als sei sie kein Weib, sondern ihr Gott.
    Das begreift sich.
    Aber nun komm ins Haus, in Deine Stuben.
    Joachim lie es sich nicht nehmen, den Kinderwagen zu schieben, Adrienne
ging neben ihm her.
    Langweilen werde ich mich hier nicht, dachte er zufrieden, so viel nette
Frauen! Erstens meine Schwgerin, sodann die Hausfrau, die offenbar ebenso gtig
als verstndig ist, und endlich das Mdchen mit dem Gesicht, das aussieht, als
knne aus Augen und Mund ein Flammenstrom sich ergieen ... du bist ein
Glckspilz.
    An der Terrasse kam ihnen die Magd entgegen, die den Kinderwagen an sich
zog. Joachim und Adrienne schritten durch den Saal, ber den Flur in die Zimmer,
welche fr den neuen Hausgenossen fertiggestellt waren. Sie lagen vorn, nach dem
Gutshof hinaus.
    Hier aus Deiner Wohnstube fhrt die Thr links in Dein Schlafkabinet,
rechts in die sogenannte Amtsstube, welche Fannys Audienz- und Arbeitszimmer
ist. Ihre Privatzimmer liegen gerade ber den Deinen, erklrte Adrienne.
    So ist es recht, scherzte er, das Auge der Regentin und ihres ersten
Ministers mu das Arbeitsreich jederzeit im Auge haben.
    Behaglich sah er sich in den einfachen, wohnlichen Rumen um. Als er dann
ber dem Sofa ein kleines, hbsch eingerahmtes Bild seines Bruders fand, drckte
er der Schwgerin gerhrt die Hand.
    An so etwas denkt nur eine Frau. Wie liebevoll ersonnen! Und ein
Epheukrnzchen ist darum.
    Ich that das nicht, sagte Adrienne verlegen; Fanny wei, da Du Arnold so
lieb hast.
    Joachim wollte alle Briefe lesen, die bislang von Arnold eingetroffen seien,
Adrienne holte sie herbei, man las und plauderte zusammen, dann wollte Joachim
auch ihre Wohnung sehen.
    Donnerwetter, sagte er oben, Fanny mu ebensoviel Geld als Gutmtigkeit
haben.
    Der gewisse Respekt, den wohlangewendeter Reichtum immer einflt, erfllte
schon Joachims Seele.
    So wurde es Mittag, und erst kurz vor der Essensstunde, die auf Mittelbach
um vier Uhr anberaumt war, konnte Joachim Fanny begren. Sie hie ihn nochmals
mit gtigen Worten willkommen und stellte ihn dem eben von Driesa
herbergekommenen Lanzenau vor, der seinerseits dem jungen Mann mit vterlichem
Wohlwollen die Hand schttelte.
    Wo ist denn das interessante Frulein, das ich heute morgen im Park sah?
fragte Joachim.
    Lanzenau und Fanny lchelten ber die unbefangene Art, sogleich nach dem
einzigen jungen Mdchen des Ortes sich zu erkundigen.
    Severina ist nach Hause gegangen, kommt aber mit der ganzen Familie heute
nachmittag her. Zur Feier Ihrer Ankunft mu unser kleiner Kreis sich doch
vereinen, sagte Fanny.
    Adrienne wurde rot. Der Gedanke, da Joachim mit dem jungen Doktor Magnus
Hesselbarth bekannt werden wrde, sich vielleicht gar mit ihm befreunden knne,
war ihr seltsam unbehaglich.
    Whrend des Speisens mute Joachim von dem Gut und der Familie erzhlen, wo
er bisher als Oekonomievolontr gelebt. Er that es mit heiterem Freimut. Fanny
neckte ihn sogar ein wenig mit der kleinen Elly, die in seinem Brief eine so
groe Rolle gespielt habe, und Lanzenau schenkte ihm allemal sein Glas voll,
wenn er es leergetrunken. Es war eine Art zrtlicher Protektion, mit der ihn
alle hier behandelten. Joachim empfand es angenehm, aber nicht auffallend; er
war es eben gewhnt, da alle Welt herzlich und frhlich mit ihm verkehrte. Gott
mochte wissen, woher das kam; er war innerlichst davon berzeugt, soweit ein
ganz ehrenhafter, braver Junge zu sein, aber was Bedeutendes hatte er nie
geleistet noch an sich gehabt, noch wrde er je dergleichen vollbringen. So
war's denn seine Pflicht, allen Menschen fr das gtige Entgegenkommen durch ein
mglichst lustiges und bescheidenes Wesen zu danken.
    Ein zu lieber, netter junger Mensch, sagte Fanny nach Tisch vergngt zu
Lanzenau.
    Ja, er ist das, was man einen liebenswrdigen Jungen nennt. Eins von den
Sonntagskindern, die einem das Herz erfreuen schon durch ihr bloes Dasein,
meinte Lanzenau.
    Als Fanny dann in ihrem Arbeitszimmer mit den Dorfbewohnern - davon tglich
der eine oder die andere erschien - deren Weh und Ach berlegte und verbesserte,
war es ihr eine angenehme Empfindung, nebenan jemand rumoren und pfeifen zu
hren. Joachim packte seine eben angekommenen Sachen aus. Als er damit fertig
war, klopfte er an und trat von seiner Wohnstube aus ein.
    Wir haben, meine gndigste Frau, begann er, mein Hieherkommen durch einen
Depeschenwechsel abgemacht. Vielleicht haben Sie selbst schon daran gedacht, da
es doch noch einige Punkte zu erledigen gibt, deren wichtigster wohl der ist,
den Umfang meiner Thtigkeit zu bestimmen.
    Fanny, die eben den letzten Bittsteller entlassen, drehte sich auf ihrem
Stuhl Joachim zu, steckte die Feder hinter das Ohr, trommelte mit den Fingern
der Rechten auf den Tisch, whrend sie die Linke in ihrem Scho ruhen lie, und
sagte eifrig:
    Natrlich, natrlich. Auch Ihr Gehalt ...
    Bitte, das ist vorerst nebenschlich. Das sag' ich aber nicht, weil ich in
lcherlichem Hochmut es peinlich empfnde, vom Geld als dem Lohn meiner Arbeit
zu sprechen, sondern weil die Arbeit selbst mir meiner Lage nach zunchst das
Wichtigste ist. Was mir notthut, um meine Laufbahn gut zu beginnen, ist ein
groes und verantwortliches Thtigkeitsfeld. Wenn Sie mir dies nicht anweisen
knnen, Frau Frster, so wre mein Hiersein herzlich berflssig. Ich bin
gekommen, gleich und freudig, weil ich mir dachte, wenn Sie mir nicht schaffen
knnen, was ich fordern mu, so werden Sie Adriennens Schwager gewi ein paar
Wochen als Gast behalten, bis er eine Stellung gefunden. Mich bei Ihnen,
verehrte Frau, in einer Zwitterstellung als Gast und Verwandter einerseits und
Gutsinspektor andererseits auf die faule Seite zu legen, wre eine - eine - ja,
eine Unanstndigkeit, die ich weder vor Arnold noch vor mir selbst verantworten
knnte.
    Fanny sah mit ihren groen, klugen Augen in sein Gesicht, das in diesem
Augenblick von mnnlichem Stolz durchleuchtet war.
    Ich habe vor wenig Tagen meinen Verwalter von Driesa entlassen mssen, weil
jener sich ein Gtchen im Mecklenburgischen gepachtet. Anstatt wieder fr Driesa
jemand zu suchen, ist Lanzenau hinbergesiedelt, ich reite jeden Morgen dahin.
Sie, mein lieber Joachim, sollen alleiniger Administrator von Mittelbach sein,
sagte Fanny herzlich. Sie werden eine Ueberflle von Obliegenheiten finden. Da
Sie, wenn dieselben erledigt sind, als Familienmitglied sich in meinem Heim zu
Hause fhlen mgen, ist natrlich mein Wunsch.
    Weshalb haben Sie mir nicht Driesa zugewiesen? fragte Joachim. Es wre
bequemer fr Sie gewesen.
    Gewi - ja, sagte Fanny etwas befangen. Aber da Lanzenau frher
Eigentmer von Driesa war und noch sein Vermgen darin stehen hat, so werden Sie
begreifen - da ein besonderes Interesse Lanzenaus ...
    Sie stockte. Das Lgen ging ihr nicht von der Zunge.
    Joachim war zufrieden. Als alleiniger Verwalter des groen Gutes fhlte er
sich vollkommen beruhigt wegen seiner Stellung. Fanny nannte ihm die Summe, die
sie sich als seinen Gehalt gedacht. Diese war durchaus in den Grenzen der fr
solche Stellung natrlichen Besoldung. Als Joachim in der ersten Sekunde ber
die Hhe derselben erschrecken wollte, erinnerte er sich in der zweiten, da
sein Freund Soundso, der das Gut des Grafen Soundso verwaltete, einen hnlichen
Gehalt bekomme. Die bei einer Frau so seltene Unbefangenheit, mit der Fanny auch
diesen Punkt erluterte, berhrte ihn sehr angenehm. Wahrlich, es schien, als
stehe sie allezeit ber den Dingen.
    Es fhrt ein Wagen in den Hof, bemerkte Joachim, zum Fenster hinsehend.
    Der Jagdwagen des Grafen Tai! rief Fanny und sprang auf. Geschwind schlo
sie Bcher und Geldnapf in die Schublade ihres Schreibtisches, aber noch ehe sie
damit zu Ende war, ffnete der Diener schon die Thr vom Flur her und meldete:
    Der Herr Graf!
    Tai folgte augenblicklich, Fanny streckte dem hohen, brtigen Mann beide
Hnde entgegen.
    Haben Sie einen Platz fr mich an Ihrem Abendtisch, teure Frau, und eine
Sttte fr mein Haupt zur Nacht?
    Beides. Fritz, rief sie dem Diener nach, das Zimmer fr den Herrn
Grafen!
    Der Graf, eine stolze Erscheinung, gut gewachsen und tadellos gekleidet, mit
jener Eleganz, die der letzten Mode zu folgen wei und doch das Geckenhafte
vermeidet, hatte ein sonnenverbranntes Gesicht, dessen untere Hlfte sich in
einem kurz gehaltenen dunklen Vollbart verbarg, ber den die flatternden Enden
des viel hellern Schnurrbarts hingen. Aus den nicht schnen, aber angenehmen
Zgen traten eine wohlproportionirte Nase und ein helles, adlerscharfes
Augenpaar hervor.
    Dies streifte jetzt Joachim, den Fanny alsbald vorstellte.
    Ich bin auf einer Rundtour. Weshalb? - spter. Fr jetzt bin ich nur froh,
da Sie daheim sind und nicht alle Fremdenstuben voll haben! rief Graf Tai.
    Sie wissen, ich lebe immer still fr mich weg. Nur im September ist es
lebendig hier.
    Meine Frau und meine Schwester senden tausend Gre - sie werden sich wie
alljhrlich im September einfinden, sagte der Graf. Leonore hatte die grte
Lust, mich heute zu begleiten, aber das mochte ich nicht wagen, Sie gleich mit
der Gattin zu berfallen.
    Sie htten es nur thun sollen. Frau von Herebrecht ist auch hier. Bitte,
lieber Joachim, benachrichtigen Sie Adrienne. Herr Graf wird sich in seinem
Zimmer vom Staub der Landstrae befreien wollen - Pastors werden auch inzwischen
kommen - also: Rendezvous auf der Terrasse!
    Tai kte Fanny die Hand und ging hinaus. Joachim sah dem eleganten Mann
mit dem langen rehfarbigen Paletot nach.
    Ist das der bekannte Konservative? fragte Joachim.
    Ja. Aber, bitte, sagen Sie Adrienne Bescheid.
    Zwei Stunden spter sa die ganze Gesellschaft um den Theetisch auf der
Terrasse. Der Samowar stand vor Severina, die den Thee einschenkte. Joachim sa
neben ihr und sah es als sein Recht und seine Pflicht an, ihr zu helfen, wie er
sich denn berhaupt immer unwillkrlich zu ihr gesellte, kraft der
Zusammengehrigkeit der Jugend. Die Pastorin strickte mit rasender
Geschwindigkeit. Adrienne lag in den Schaukelstuhl zurckgelehnt und hatte die
zarten Hnde im Scho gefaltet. Fanny nhte an einem Flanelljckchen. Die Herren
rauchten Cigarretten, mit Ausnahme des Pastors, der nur Erlaubnis tagsber zu
zwei Pfeifen hatte. Magnus sah von Zeit zu Zeit flchtig ber Adrienne hin,
schien aber sonst ganz beschftigt, respektvoll dem Gesprch zuzuhren, das Graf
Tai und Lanzenau leiteten.
    Es hatte sich sehr lange und lebhaft mit den neuen Kolonien beschftigt,
wozu Arnolds Reise die natrlichste Veranlassung gegeben. Adrienne konnte den
Binnenlandsbewohnern manche kleinen Dinge aus dem Leben der Marineoffiziere
erzhlen, die neu und interessant waren. Aber seit Graf Tai erzhlt hatte und
durch eine Notiz aus der Kreuzzeitung zu belegen wute, da das Kommando der
Offiziere und Besatzung der Maria schon klimatischer Verhltnisse wegen nach
einem Jahr abgelst werden wrde, seitdem war sie in Schweigen versunken, ein
Schweigen, das sowohl Fanny als Magnus auffiel.
    Sie scheint nicht glcklich darber, dachten beide. Und Magnus sah sie
darauf fters an.
    Die Pastorin warf, je angeregter Tai im Gesprch wurde, um so hufiger
einen Seitenblick auf den Whisttisch, der am andern Ende der Terrasse
aufgerichtet war.
    Wissen Sie, sagte Tai, da unser bisheriger Vertreter im Reichstag, der
alte von Behren, sein Mandat wegen Altersschwchlichkeit niederlegt und da wir
an eine Neuwahl denken mssen?
    Fanny sah ihn sehr mitrauisch an.
    Sind Sie deshalb gekommen? Tai nickte. O weh, sagte sie, mir wird
bange!
    Vor der Politik - das kennen wir, meinte Lanzenau, aber vielleicht ist
Tai nur gekommen, uns zu sagen, da er selbst das seit fnfzehn Jahren von
Behren innegehabte Mandat bernimmt.
    Keineswegs, erklrte Tai; ich werde meinem bisherigen Whlerkreis nicht
untreu. Schmettow will fr uns kandidiren, aber es ist ein sozialdemokratischer
Gegenkandidat zu frchten, der bekannte Schneider Mlding.
    Wie schade! seufzte Fanny; ehedem erbte es sich von Periode zu Periode
als Selbstverstndlichkeit fort, da Behren gewhlt wurde. Nun gibt es
Whlereien, die Leute bekommen mir Raupen im Kopf, der Wirt verdient. Unser
Idyll ist zerstrt. So kann der Frmmste nicht im Frieden leben, wenn es dem
bsen Nachbar nicht gefllt.
    Alle dem knnen Sie fr Driesa, Mittelbach und Ihre Vorwerke vorbeugen,
teure Frau, wenn Sie meinem Plan zustimmen. Versammeln Sie morgen Ihre Bauern,
halten Sie ihnen eine Rede und sagen Sie den Leuten, da sie unsern Kandidaten
whlen sollen. Bei der blinden Verehrung, welche man Ihnen zollt, werden uns die
hundertunddrei Stimmen Ihres Reiches bedingungslos zufallen.
    Ich, rief Fanny mit blitzenden Augen, ich sollte mich mit Politik
befassen? Niemals! Die Rede, welche ich den Leuten halten wrde, mchte ein
Unikum sein und Ihnen fr immer Stoff zum Lachen geben.
    Aber eine Frau mu doch Stellung nehmen zu den groen Fragen der Zeit!
rief Tai entgegen.
    Die groen Fragen der Zeit, das sind fr jede Partei nur ihre
Prinzipienreitereien.
    So wollen Sie uns patriotische Ziele und ehrliche Bemhungen absprechen?
    Keineswegs; aber ihr alle, von welcher Farbe ihr auch sein mgt, ihr kommt
mir oft vor wie Menschen, die einer Kugel nachschieben, die ohnehin schon rollt.
Viel unntzer Aufwand ist dabei, sagte Fanny.
    So haben Sie gar keine politische Ueberzeugung? So ist Ihnen die innere und
uere Entwicklung des Vaterlandes gleichgiltig? So wollen Sie, eine Frau von
hervorragender Intelligenz, teilnahmslos zusehen? Was soll man dann von den
minder Begabten, den minder Selbstndigen erwarten? Und berall sieht man doch
die Frauen aus den bisherigen Grenzen hinausstreben, sprach Graf Tai lebhaft.
    Das sind viele Fragen auf einmal, sagte Fanny ruhig, aber ich will sie
Ihnen kurz beantworten. Ob die Krze auch Bndigkeit ist, bleibe dahingestellt.
Ich halte mich gern an den Ursprung der Dinge, um sie recht zu verstehen. Da die
Natur nun einmal von Anfang an die groe Teilung der Daseinsaufgaben vorgenommen
und Mann und Weib je eine besondere Hlfte zugewiesen, so beuge ich mich kritik-
und willenlos vor der groen Meisterin. Gewi ist, da im Laufe der
Kulturentwicklung die Grenzen erweitert worden sind, die Wirkungs- und
Ideenkreis der Frau einschlossen - er ist gewachsen mit dem des Mannes, der
seinerseits, als die Frau sich mit Linnenweben und Kindertrnken begngte, auch
blo der Jagd und den primitivsten Staatsgeschften, dem brutalsten
Verteidigungskrieg oblag. Heute nimmt er an den grandiosen Formen des
Weltverkehrs, des politischen Lebens, der wunderbarsten Erfindungen, der
tausendfltigen Erwerbsthtigkeit als Mitwirkender oder Nutznieer oder
wenigstens als kritischer Zuschauer teil. Soll das Weib ihm wie einst Gefhrtin
sein, so mu auch sie die Vorgnge der Zeit verstehen, wie sie ohne Zweifel
damals verstehend zuhrte, wenn der Gatte vom Brenfang, von wilder Schlacht
erzhlte. Die Mehranforderung verfhrt nun viele, die natrlichen Grenzen zu
vergessen, und die Pflicht, zu begreifen, mit der Pflicht, zuzugreifen, zu
verwechseln. Das heit aber gegen ewige Gesetze sndigen.
    Lanzenau nickte, er kannte Fannys Glaubensbekenntnis wohl. Die Pastorin
nickte auch, dachte aber, da Fanny nur einfach htte sagen sollen, es stehe
schon in der Bibel, und alles andere sei Teufelsversuchung.
    So ordnen Sie das Weib dem Manne unter? fragte Magnus, in der Hoffnung,
ein Ja zu hren.
    Keineswegs, sprach Fanny, ungestrt an ihrem Jckchen weiternhend; das
ist, wenn es geschieht, eine ebenso groe Lcherlichkeit, als wollte man
beispielsweise sagen: Der Kaufmann ist wichtiger als der Landwirt, die
Bildhauerei hher als die Musik, die Luft ntiger als Wasser. Die
Verschiedenheit der Dinge gibt noch keine verschiedene Rangordnung. Jeder steht
vollfhig und unentbehrlich an seinem Platz. Aber da nur nicht die Pltze
verwechselt werden! Daraus entsteht Unheil.
    Joachim, der mit wachsendem Staunen den Aeuerungen der Frau zuhrte, die er
fr emanzipirt gehalten, rief hier: Aber Sie, verehrte Frau, Sie beweisen doch
durch Ihr eigenes Leben, da eine Frau ganz den Platz eines Mannes ausfllen
kann!
    Fanny, die gerade mit dem Fingerhut eine Naht auf dem Tisch glatt strich,
sah auf und ber den Tisch zu ihm hin.
    Beweisen? Ich? sagte sie. Gott bewahre, ich will nichts beweisen. Ich
lebe so, wie meine Individualitt es heischt, ich erflle meine Pflichten,
zwischen denen freilich manche sind, die sonst der Hausherr trgt; aber meine
Krfte reichen.
    Aber wenn Frster lebte, was htten Sie dann bei minderer Beschftigung mit
dem Ueberschu Ihrer Fhigkeiten angefangen? fragte Graf Tai, der im Grunde
von Fannys Ansichten entzckt war und nur fr seine augenblicklichen Zwecke gern
ein teilweises Zugestndnis vernommen htte.
    Ich wei nicht. Hoffentlich wre ich so gescheit gewesen, mir in der
Armenpflege und in der Ausbung meines bichen Maltalentes Beschftigung zu
machen. Sicherlich ist das Leben von Frauen, die mehr Leistungsfhigkeit haben,
als ihre Stellung in ihrem besondern Dasein von ihnen fordert, immer ein
gefahrvolles. Wenn sie durch Selbsterziehung oder durch einen liebevollen Gatten
dahin geleitet werden, ihren Pflichtenkreis gesund zu erweitern, sind sie
gerettet, andernfalls liefern sie einen starken Bruchteil zu den unverstandenen
und somit auf abschssigen Pfaden wandelnden Frauen. Gehen die Fhigkeiten aber
sehr weit ins Mnnliche hinber - die Natur liebte zu allen Zeiten solche
Spielarten - so mu die Frau eben ihren Ausnahmeweg gehen. Aber glauben Sie mir,
die George Elliot, die Angelika Kauffmann, George Sand, Maria Theresia, und wie
die groen Frauen auf den verschiedenen Gebieten heien, entbehrten das stille,
reine Glck des Weibes. Sie hatten auch das Glck, aber es trug das Antlitz
einer Sphinx, es hatte glhende, drohende Augen und ein bitteres Lcheln um den
Mund.
    Fanny war erregt geworden, und eine leichte Blsse lag ber ihrem Gesicht.
    Das rechte Glck kommt nur durch Glauben und Demut, murmelte die Pastorin,
auf Severina blickend, die mit groen Augen und gespannten Mienen zuhrte.
    Auch wird jede Frau, fuhr Fanny, zum Ausgangspunkt des Gesprchs
zurckkehrend, fort, wenn sie durch Verhltnisse gezwungen und durch Anlage
befhigt ist, aus der Stille des Hauses herauszutreten, immer zuletzt irgendwo
scheitern, und zwar nicht an Mangel von Verstand, sondern an Ueberschu von
Gefhl. Es kommt immer einmal eine Stunde, wo das Herz sie blind und ungerecht
macht.
    Das ist bei Ihnen nicht zu frchten, bemerkte Lanzenau etwas bitter. Fanny
sah ihn vorwurfsvoll an, lchelte aber sogleich wieder und scherzte:
    Wer wei! Niemand soll die Ruhe seines Herzens vor seinem Lebensabend
loben.
    Und das Ende vom Lied ist, sagte Graf Tai seufzend, da Sie ablehnen, in
die Wahlagitation fr unsern Kandidaten Ihr unentbehrliches Gewicht zu werfen.
    Allerdings, sprach Fanny lachend, mein Patriotismus ist der eines
Frauenzimmers. Ich liebe meinen Kaiser und sein Haus; htte ich Shne, wrde ich
sie stolz im Rock unseres Heeres sehen; meine Kasse ist allezeit offen fr
Zwecke, die der allgemeinen Wohlfahrt dienen. Und wenn Deutschland kleiner
wrde, mchte ich nicht mehr leben; aber die Regierungsgeschfte von irgend
einem Standpunkt rechts oder links zu bekritteln und zu verbessern, fhle ich
mich nicht berufen.
    So gestatten Sie mir, in einiger Zeit mit einigen Mitgliedern des
Wahlkomites wieder zu kommen, damit wir eine Versammlung abhalten knnen.
    Meinetwegen, lieber Tai!
    Unsere gute Pastorin sieht den Kartentisch mit einer gewissen Schwermut
an! rief Lanzenau. Was meinen Sie, Herr Pastor, wollen wir anfangen? Sie sind
von der Partie, Graf?
    Mit Vergngen!
    Ich trete aus, sagte der Pastor mit nicht allzu schwerem Herzen, denn er
kannte Tai als scharfen Spieler; auch stie die Gegenwart von Gsten immer ihre
billige Spieltaxe um.
    Bitte, nicht, Papachen, bat Fanny schmeichelnd, das Jckchen mu noch
fertig werden; Sie wissen, die Klassen ist noch zu schwach, selbst zu nhen, und
das Kind hat nichts anzuziehen - ich kann nicht spielen.
    Ihr eine Bitte abzuschlagen, war der Pastor nie im stande. Er setzte sich
mit dem Mrtyrerbewutsein, da die Geschichte ihn einen halben Thaler oder mehr
kosten knne.
    Adrienne und Magnus gingen langsam in den Park hinaus. Die Pastorin sah
ihnen unruhig nach.
    Nun geht er wieder mit Frau von Herebrecht, flsterte sie ihrem Manne zu.
    So lasse ihn doch. Er kann doch nicht wie ein kleiner Junge immer an Deiner
Schrze hngen, sagte der Pastor.
    Was haben Sie morgen fr ein Thema? fragte Tai. Ich denke in die Kirche
zu kommen.
    Sehr freundlich! sprach die Pastorin beglckt. Sie sah es immer als
persnliche Hflichkeit an, wenn man zu ihrem Gatten in die Kirche kam.
    Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und htte der Liebe
nicht, so wre ich wie ein tnendes Erz und eine klingende Schelle, sagte der
Pastor.
    Das schnste Thema! Lanzenau, wollen Sie eigentlich noch geben? fragte
Tai.
    Severina stand hinter Lanzenaus Stuhl, Joachim hinter dem des Pastors, ihr
gegenber.
    Ja, ein schnes Thema, sagte auch Joachim und sah das Mdchen an. Ihre
Augen schlossen sich halb, ihre Hnde umgriffen klammernd die Stuhllehne.
    Wollen wir nicht Adrienne und Ihrem Bruder folgen? fragte Joachim.
    Ach ja, sagte die Pastorin, den ersten Stich einnehmend, thut das.
    Sie gingen in den Park und dachten nicht daran, die beiden anderen
einzuholen. Joachim wollte Severina einmal ein bichen auf den Zahn fhlen,
das heit, sie zu Mitteilungen ber sich und ihr Leben veranlassen. Da sie in
seinem Interesse mehr als eben nur ein solches durch das nahe Beieinander der
hiesigen Existenzen genugsam erklrtes sehen knne, fiel ihm nicht ein, und da
er ihr zuweilen in die Augen sah und berhaupt ihr ein wenig die Cour machte,
war nach seiner Meinung das naturgeme und selbstverstndliche Verkehren
zwischen zwei lebensfrohen jungen Menschen.
    Sie haben es wohl nicht allzu leicht im Pfarrhause? fragte er.
    Alle meinen es gut mit mir; aber Sie wissen, auch die Hexenverbrenner
meinten es gut, sagte sie mit ihrem herben Lcheln. Mama wittert in mir die
schrecklichste Sndhaftigkeit und sieht bei allem meinem Thun Fallstricke des
Teufels. Das Ermahnen hrt nie auf. Papa hat Mitleid, er ist sehr gut. Das kommt
eben, Mama glaubt an Beelzebub und Papa an den lieben, gtigen Gott.
    Da wrde Frau Pastorin es auch als Beelzebubs Werk ansehen, da ich Sie
kte! rief er lachend.
    O, sprechen Sie nicht davon! flehte Severina erglhend.
    Warum nicht? War es so schrecklich? fragte er leichtsinnig. Sie trat an
einen Busch, der von wilden Rosen wie berst war, und ri einige Blten ab. Er
sah, wie ihre Hnde dabei zitterten.
    Wenn Fanny nicht wre, fuhr Severina dann mit etwas heiserer Stimme fort,
lebte ich vielleicht nicht mehr; ich wre verdurstet vor Sehnsucht nach
Sonnenschein. Aber sie - sie versteht, was meine Seele fllt und da ich bis an
das Ende der Welt fliegen mchte, um ...
    Um was? fragte Joachim, sich zu ihr beugend.
    Nein, wie konnte sie das sagen, wie nur schon so viel mit dem Manne
sprechen, den sie so wenig kannte; ihre Lippen schwiegen. Ja, bis an das Ende
der Welt mchte sie fliegen, um das lachende, ganze, sttigende Glck zu finden,
um zu erfahren, was das Glck denn eigentlich sei. Wie sie am Herzen zehrte,
diese gegenstandslose, unermessene Sehnsucht. Ihre Lippen schwiegen - aber ihr
Auge, das dunkle Feuerauge schlug sie voll zu Joachim auf.
    Der Blick rann ihm wie Flammenzngeln durch alle Adern.
    Er schwieg ein Weilchen, dann begann er von alltglichen Dingen zu reden,
dachte aber dabei mit einem schaurigen Behagen: Das ist ja der reine Dynamit.
    Unterdes wanderten Adrienne und Magnus mit langsamen Schritten unter
allerlei konventionellen Gesprchen weiter. Ganz im Gegensatz zu den beiden
jungen Menschen, die, sich selbst zu bewachen nicht gewohnt, schon nach den
ersten paar Worten Persnliches und Vertrauliches zu verhandeln das Bedrfnis
hatten, unterhielt Adrienne sich mit dem jungen Doktor ber seine Arbeiten und
den Gang seiner Studien. Er sprach viel Gelehrtes, das sie nur halb verstand,
und sie machte Zwischenbemerkungen, deren Mangel an Logik ihm nicht weiter
auffiel. Dennoch waren beiden Unterhaltung und Spaziergang von hohem Interesse.
Schlielich kamen sie auf die moderne Literatur zu sprechen, und Magnus fragte
nach diesem und jenem. Es fand sich, da Adrienne diejenige Kenntnis der
modernen deutschen Literatur hatte, welche ihr als Gouvernante ntig gewesen;
eine Kenntnis also, die sich in ziemlich einseitiger Richtung bewegte.
    Magnus bat um die Erlaubnis, den Damen zuweilen etwas vorlesen zu drfen.
    Wenn Fanny dabei ist, meinte Adrienne.
    Wir wollen sie nachher fragen.
    Das geschah beim Abendtisch, und Fanny fand den Vorschlag kstlich.
    Ohnehin fing ich an, mich zu vernachlssigen. Wir wollen zwei Nachmittage
in der Woche festsetzen und diese ordentlich ausntzen, so zwar, da ich,
whrend Magnus liest, meine Staffelei nehme und nach einander fr Arnold seine
Lieben portrtire: erst Adrienne, dann Joachim, zuletzt, wenn ich dergestalt in
Uebung bin, auch Baby.
    Eine Zeitausntzung, die Fanny hnlich sieht, sagte Lanzenau.
    Fanny setzte gleich, da morgen, als am Sonntag, nicht daran zu denken sei,
Montag fr diese Stunden fest.
    Als sie am Abend dieses Tages, nachdem Graf Tai sich zurckgezogen und auch
Lanzenau fortgeritten war, sich in ihr Zimmer begab, trat sie noch an das
Fenster. Durch die Lindenwipfel raunte der Nachtwind, sternenlos drohte die
wolkenschwere Finsternis. Sie dachte an das Heu auf ihren Wiesen und sah mit dem
Licht nach dem Barometer, das innerhalb des Fensters an der Holzverschalung der
Mauer angebracht war.
    Gefallen! murmelte sie.
    Pltzlich klang eine weiche und doch mnnliche Tenorstimme in die Nacht
hinaus.
    Fanny bckte sich vor. Unter ihr aus dem offenen Fenster brach ein
Lichtstrom und lag auf Lindenstamm und Hof als trauliches Zeugnis, da da unten
jetzt jemand hause. Dem Licht, das aus Menschenwohnungen in die Nacht fllt,
haftet immer ein eigener Zauber an. Es war Fanny unendlich behaglich,
hineinzusehen.
    Und wie Joachim sang - richtig - Adrienne hatte ja davon gesprochen. Er aber
dachte offenbar nicht daran, da vorn hinaus noch jemand schlafe und er also
vielleicht mit seinem Gesang stre.
    Nein, er strte auch nicht. Es war Fanny ein sehr wohliges Gefhl, zu Bett
zu gehen und dabei der schnen jungen Stimme zu lauschen, die, getragen und von
offenbarer Lust an der eigenen Klangschnheit erfllt, in die Nacht hinein das
Scheffel-Hentschelsche Lied sang:

Nun liegt die Welt umfangen
Von starrer Winternacht,
Was frommt's, da am Kamin ich
Entschwund'ner Lieb' gedacht?

Das Feuer will erlschen,
Das letzte Scheit verglht,
Die Flammen werden Asche,
Das ist das End' vom Lied.

Das End' vom alten Liede,
Mir fllt kein neues ein,
Als Schweigen und Vergessen -
Und wann verg' ich dein?

Fanny lauschte, lchelte und entschlummerte friedlich.

                                Sechstes Kapitel


Einige Wochen waren vergangen, die Natur stand in den satten Farbentnen des
Hochsommers. Auch auf Busch und Baum im Park hatten die langstieligen Schlinge
des Johannistriebes ihre gelbliche Farbe schon in so tiefes Grn verwandelt, da
man den neuen Zuwachs kaum noch vom ersten Laub unterschied. Auf den Beeten
blhten Georginen und Astern, korallenrot leuchtete hier und da aus dem Gezweig
die reife Vogelbeere. Erntewagen, hoch mit gelbem, schimmerndem Roggen beladen,
fuhren vorn in den Hof; das Leben des Tages fing mit dem Sonnenaufgang an und
endete mit dem Eintritt der Dunkelheit. Von Joachim bekamen die Damen wenig zu
sehen, er zeigte sich bei dem Mittagsmahl und abends noch ein Stndchen. Schon
morgens um vier Uhr hrte Fanny ihn pfeifend ber den Hof gehen, mit den Leuten
reden, zum Thore hinausreiten. Sie wachte regelmig davon auf, wenn er seine
Fensterlden aufstie, und horchte dann mit jenem Behagen, das man empfindet,
wenn man, selbst in wohliger Ruhe verweilend, den Lebensuerungen lieber
Menschen lauscht.
    Das Zusammenarbeiten mit Joachim war ihr geradezu ein Vergngen. Was
Lanzenau und sie sich mhsam mit der Zeit als Autodidakten in dem Beruf
angeeignet hatten, war Joachim das einfachste Abc seiner landwirtschaftlichen
Kenntnisse. Mit einer groen Schnelligkeit und Sicherheit seiner Entschlsse
verband er eine Art von Sorglosigkeit, die nur dem Bewutsein entspringen
konnte, da er seinen Aufgaben gewachsen sei. Dabei hatte er ein merkwrdiges
Talent, berall zu sein; auch die anfngliche Mistimmung der Leute, die nur
ungern Fannys persnliche Aufsicht entbehrten und sich stolz gefhlt hatten, da
ihre praktischen Ratschlge von der Herrin begehrt und gehrt worden seien, auch
die Mistimmung hatte er spielend berwunden. Nicht da er durch besondern
Vorsatz leutseligen Wesens das erreicht htte, bewahre, er hatte diese
Mistimmung berhaupt nicht bemerkt und sie ahnungslos durch sein immer gleich
heiteres Wesen, durch seinen gutmtigen Verkehrston entwaffnet. Morgens war er
der erste, abends der letzte, und Fanny bewunderte seine Elastizitt, die ihm
dann abends noch gestattete, die Damen auf allerlei harmlose Art, durch
Anekdoten, Neckereien, zum Lachen zu bringen oder gar zu singen.
    Lanzenau bemerkte zwar einigemale, da jetzt mehr Musik auf Mittelbach
gemacht wrde als frher, wo Fanny nur gelegentlich sein in der That nicht
gewhnliches Klavierspiel begehrte; aber schlielich sah er selbst ein, da die
Menschenstimme, wenn sie so schn, so wohlgebildet und zu Herzen gehend wie die
Joachims sei, doch die beste Seelenerquickung bleibe, und begleitete mit Freuden
die Vortrge des auch von ihm wohlgelittenen jungen Mannes. Lanzenau war durch
seinen neuen Wohnsitz nicht sehr gegen frher um Fannys Gesellschaft betrogen;
seine Ankunft war tglich fr ihn eine Freude, ward tglich freudig bewillkommt,
und da er Fanny von einer wahrhaft strahlenden, ja, beinahe bermtigen
Heiterkeit sah, fhlte er sich innerlichst hoffnungsfreudig und glcklich.
    Adrienne hatte frischere Farben und eine leise Rundung der Wangen bekommen,
zur Heiterkeit schien sie aber ein fr allemal keine Anlage zu besitzen, ihre
anfngliche Apathie war einer grern Beweglichkeit gewichen, doch hatte diese
den Charakter einer nervsen Unrast. Tagelang sah sie den kleinen Joachim,
welcher der Abgott seines Onkels und Fannys war, kaum an; dann kamen Tage, wo
sie zu dem Kind eine fieberische Neigung zeigte. Von Arnold war bengstigend
lange keine Nachricht mehr gekommen; aber nur Fanny oder Joachim strzten auf
den Postboten mit der Frage zu, ob er einen Brief aus Afrika habe.
    Die Lesestunden mit Magnus fanden regelmig statt und waren wenigstens fr
drei der Beteiligten von so groem Reiz, da es ihnen nicht auffiel, wie
teilnahmslos Severina dabei sa. Fanny malte mit einem wahren Feuereifer; ihr
technisches Knnen war aber keineswegs sicher genug, um ihr immer das Gelingen
zu verbrgen. Sie war bereits bei dem dritten Bild Adriennens, und dieses
endlich schien der Meinung aller nach zu gelingen. Adrienne sa ihr unbeweglich
gegenber, die Arme auf den Stuhllehnen, die Fe auf dem Schemel vorgestreckt,
das Auge ins Blaue gerichtet, den rtlichen Kopf leicht an das Rckenpolster des
Sessels gelegt. Magnus sa in einer Linie mit Fanny und las vor; Novellen von
Storm oder Heyse, zuweilen auch Gedichte oder eine jener monumentalen Novellen
von Konrad Ferdinand Meyer. Er hatte eine sonore Stimme und einen Vortrag, der
ebenso fern von falschem Pathos als von Einfrmigkeit war; auch verstand er die
schwierige Kunst, jedem Werk eine vom Inhalt geforderte besondere Frbung zu
geben durch ernstern oder leichtern Tonfall seines mnnlichen Organs.
    Adrienne hrte weltvergessen zu. Manchmal huschte jh durch ihr Gedchtnis
die Erinnerung an die unseligen Stunden, wo sie allein unlauterer Lektre
fieberhei oblag; dann ging ihr Auge scheu ber Magnus hin; ihr war's, als msse
er auf ihrer Stirne lesen, und schnelles Errten flog da wohl ber ihre feinen
Zge. Das sah Magnus und deutete es sich auf seine Weise; er richtete seinen
Vortrag ausschlielich an sie, und sie fhlte es wohl; auch war die Auswahl der
Lektre, die man ihm berlie, immer so, da Erzhlung oder Lied von einsamen
Frauenherzen und ihrem Erlser sang. Aber das mochte Zufall sein, denn die
Geschichte von der verbotenen Frucht ist die erste von aller Menschenkunde, sie
wird die letzte sein, sie ist das urewige Thema der Poesie.
    Zuweilen erschien es dem jungen Weibe dann traumhaft; da sa sie
unbeweglich, dem Bild als Modell zu dienen, das den Gatten erfreuen sollte, und
zugleich klang eines andern Mannes Stimme wie Tropfenfall, der einen Stein
hhlt, in ihr Ohr und kndete von Liebe und berauschendem Glck; dann zitterten
ihre Hnde, und sie schlo sekundenlang die Augen.
    Zuweilen ging Joachim an der Terrasse vorbei. Niemand als er selbst sah, da
Severina, die an dem Gelnder nhend sa, dann erblate und unfhig war, seinen
Gru zu erwidern. Fanny nickte ihm herzlich zu und dachte wohl kurz daran, da
sie sich auf die Zeit freue, wo sie, nach der Ernte, sein hbsches Gesicht
nachzubilden versuchen konnte.
    Joachim strubte sich zwar, wenn davon die Rede war. Er meinte, ihm fehle
die Geduld, so lange zu sitzen; auch sei es ihm kein Vergngen, bei Vorlesungen
zuzuhren, gegen die er eine unberwindliche Abneigung habe. Er begreife
berhaupt nicht, da eine so vortreffliche Frau wie Fanny ihre Nebenmenschen mit
ihrer Kunst qulen knne. Diese liebenswrdig vorgebrachten Ungezogenheiten
wurden von Fanny und Lanzenau herzlich belacht, und Lanzenau meinte, helfen
wrde es ihm nichts; in dem Punkt sei Fanny unerbittlich, wie sein im Salon
hngendes Portrt beweise.
    O, auf dem Portrt ist das Monocle sehr hnlich, sagte Joachim, weshalb
Fanny ihn mit dem Rosenstrau, den sie in der Hand hielt, scherzend schlug.
Joachim war der erste und einzige Mensch, den der Respekt nicht hinderte, Fanny
zu necken; das erschien ihr so neu als reizend. Von seinen Vorurteilen war er
mit jugendlicher Hitze in das Gegenteil, in die begeistertste Verehrung
gefallen. Fanny erschien ihm als der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit,
Schnheit, Gte, aller Klugheit, aller Liebenswrdigkeit, und er schaute zu ihr
auf wie zu einem hhern Wesen, natrlich auch aus der entsprechenden innern
Entfernung; er fhlte sich auch in seiner Thtigkeit und im Hause sehr
glcklich, um so mehr, als sein junges, leichtflammendes Herz sich angenehm
durch Severina beschftigt fhlte.
    Das Leben der Schlobewohner und der Pastorenfamilie war durch lange Jahre
ein so gemeinsames geworden, da kein Tag hinging, an dem man sich nicht sah.
Insbesondere Severina hatte sogar im Schlo einige bestimmte Obliegenheiten im
Hausstand, die freilich von Fanny nur deshalb erfunden waren, damit das
gedrckte Mdchen aus der Nhe ihrer predigenden Erzieherin komme. Joachim
begegnete ihr im Hause, auf dem Hofe, bei Fanny; aber er begegnete ihr auch im
Wald und auf Feldwegen, wenn sie im Auftrage Fannys oder des Pastors Kranke
besuchte oder nach eigener Neigung allein spazierte oder den kleinen Joachim im
Wgelchen ausfuhr, was sie als Gunst von Adrienne neuerdings oft erbat.
    Seltsamerweise, je hufiger sie sich trafen, je mehr hrte Joachim auf, ihr
in Gegenwart der anderen, wie er anfangs eifrig gethan, den Hof zu machen; das
fiel niemand auf, oder wenn doch, so dachte man hchstens, Joachim sei eben mit
der Werkeltagsthtigkeit und dem tglichen Zusammenleben in den gewhnlichen
Familienverkehrston zurckgekehrt. Nicht da bei diesen Begegnungen irgend etwas
Besonderes gesprochen worden wre, im Gegenteil wuten beide wenig zu sagen und
schritten meist blo eine Weile stumm neben einander, sich dann mit zgerndem
Hndedruck trennend. Es war eine stumme Spannung zwischen ihnen. Joachim dachte,
da diese Begegnung kein Zufall sei und ob das Mdchen ihn wohl wirklich liebe.
Severina bebte innerlich vor Scham, da sie sich nicht berwinden gekonnt und
ihm in den Weg gegangen, und vor Angst, da er irgend etwas sagen knne, was ihr
diese schweigende Qual glcklich oder unglcklich enden wrde.
    Um die Wonne des Lebens, die er jeden Tag neu empfand, voll zu fhlen,
gehrte fr Joachim ein Liebesroman dazu; dieser entspann sich ihm so anmutig,
so reizvoll; weshalb htte er eilen sollen, den Zauber zu brechen, der in sen
Zweifeln, ahnungsvollen Blicken liegt? Er drckte Severinas Hand und suchte ihre
Nhe und sagte nichts.
    Aber eine Stunde kam, da schlugen die Flammen aus ihren Augen ganz ber ihm
zusammen.
    Severina war mit dem Kind in den Wald gefahren, sie schob den leichten Wagen
vor sich her, mit eintnig rttelndem Gerusch drehten sich die Rder auf dem
festen Boden der Wege, manchmal raschelten sie durch das vorjhrige Buchenlaub.
Da wurde das goldbraune Blttergehuf auseinander gewhlt und zeigte die schwere
Nsse vom Tau der Nacht, die unter der schon trockenen Oberflche faulte. Nah
und fern trillerten die Vgel im Walde; der Friede und die Khle webten zwischen
den grauweien Stmmen.
    Das Kind im Wagen schlief, ein blulicher Schleier schtzte das Gesichtchen
gegen Fliegen. Severina schob gedankenlos weiter und weiter, bis sie an die
Waldesgrenze kam, aus deren mit Schlehen-, Hasel-und Hollunderbschen
bewachsenem niederem Erdwall auer der durchschneidenden Chaussee noch vielfach
schmale Wege ins freie Feld fhrten. In einer dieser kleinen Wegesffnungen
stand Severina und schaute auf das vor ihr sich ausbreitende Weizenfeld hin.
Rechts und links ging die groe Koppel mit dem wogenden Gold am Waldsaum
entlang, hob sich geradeaus in sanfter Welle und schrnkte so rings den Blick
ein.
    Severina setzte sich an den Rain, die Fe im schmalen, zur Zeit ganz
ausgetrockneten Graben, der den Erdwall vom Fupfad, vom Getreidefeld trennte.
Sie sa im hohen Grase, fast schlug es ber ihren Knieen zusammen. Vom
Schlehengebsch hinter ihr spielten im leisen Wind blhende Ranken des wilden
Hopfens herab, der hier das Buschwerk ppig durchspann. Severina verschrnkte
die Arme auf den Knieen und starrte mit vorgeneigtem Leibe finster in die
Aehrenflle. Aus dem gelben Saum nickte da und dort eine glhende Mohnblte
heraus. Manchmal scholl der zweitnige Ruf der Wachtel aus dem Korn, oder ein
Vogel flatterte mit kurzem, unsicherem Flug zwischen den Aehren auf und scho
wieder hinein.
    Ach, so hatte Severina schon Jahr um Jahr an derselben Stelle dasselbe Bild
der Welt, des Fleckchens Erde, das fr sie die Welt bedeutete, gesehen; es war
immer dasselbe gewesen, immer das Leben, das sich in gleichfrmiger Thtigkeit
abspann, immer zu Hause der gutmtige Vater, der Trost und milde Worte fr
alles, aber Hilfe fr nichts hatte, immer die rasche, viel scheltende, besorgte
und eiferschtige Mutter, die alle Jugendfrhlichkeit als sndhaft verbot, die
es verhinderte, da Severina wenigstens an Magnus einen Freund, einen
mitfhlenden Bruder gewann. Magnus durfte neben seiner Mutter niemand lieben,
darber wachte sie rastlos. Nun, das wird Magnus sich gefallen lassen, bis
einmal eines andern Weibes Liebe ihm ser ist als die seiner Mutter. Um
Severinas willen hat er keinen Grund, die Tyrannei zu durchbrechen; er ist ihr
immer freundlich, aber innerlichst gleichgiltig begegnet.
    Wann wird sich dies Leben einmal ndern, wie kann es sich ndern? Severina
ist jetzt zwanzig Jahre alt, und Fannys Gte ist das einzige gewesen, das
freundliche Abwechslung in die Tage brachte, die sich sonst htten eintnig in
den Grenzmarken eines Dorfes abgespielt - die Gte einer Fremden! Jeder Zufall
konnte ihr diese rauben oder wenigstens Fanny die Neigung nehmen, die Gte so
vielfach zu bethtigen. Frher hatte Severina oft gewnscht, die Pflegeeltern
mchten ihr erlauben, drauen selbst ihr Brot zu verdienen, aber das gab die
Pastorin nie zu; ihre Ueberzeugung war, da das Mdchen im Strudel der Welt
untergehen werde und da nur in einem Pfarrhause die fr sie zutrgliche Luft
sei. Heiraten? Der junge Pastor vom nchsten Gut, drben ber der Elbe, hatte
ihr wohl zu verstehen gegeben, da er bald in sein Haus ein christliches Weib
fhren msse, und die Mutter hatte schon oft stundenlang ber das Glck
gesprochen, welches fr die Tochter einer Verlorenen eigentlich ein unfaliches
Gnadengeschenk sei, wenn jener junge Geistliche wirklich als Werber kme.
Severina, die den herzensguten und liebenswrdigen Mann achtete, wenn gleich sie
den Gedanken, die Seine zu werden, unertrglich fand, hatte sich innerlich schon
in dumpfer Verzweiflung dazu gerstet.
    Aber nun schrie alles in ihr nein! tausendmal nein! Unauslschlich brannte
auf ihrem Munde die Glut, welche die Lippen Joachims dort entzndet. Sein
Gesicht, sein Lcheln, seine Stimme waren vor ihr Tag und Nacht. Alle Schnheit
der Natur erblate, alle Offenbarung der Kunst ward Gestammel, die Weihe des
Gottesdienstes ward inhaltlos gegen den brnstigen Gedanken an ihn, an ihn. Die
Welt war ihr untergegangen in seinem Dasein. Nur mit ihm konnte sie die Freude
daran, das Bewutsein davon zurckerlangen.
    Das war Wahnsinn, denn er ging eines Tages wieder aus ihrem Leben, in das er
so pltzlich, mit so viel Uebermut getreten, und dann?
    Severinas Augen wurden finster. O - wie lagen die kommenden Zeiten vor ihr!
Wie ein Marsch durch eine schatten- und quellenlose Steppe.
    Vielleicht, wenn nchstes Jahr der Weizen sich wieder goldete, befahl eines
andern Stimme, die Sensen zu schleifen; dann konnte Severina ber die Stoppeln
gehen und an den denken, der die Saat beschafft.
    Nein, das war nicht auszudenken. Das war der Tod!
    Sie erbleichte und schlug beide Hnde vor ihr Gesicht. Da schrie das Kind im
Wagen. Severina sprang auf, ri es heraus und nahm es auf ihren Scho. Das war
wie ein Teil von ihm. Er liebte es. Die Liebe, die sie dem Kind erwies, freute
ihn. Sie kte das Kind, das ihr entgegenlachte, und prete es an sich. Ihr Herz
war zum Zerspringen voll von stummen, heien Gestndnissen. Dies kleine
Menschenwesen, sein Liebling, umfing sie mit unermdlichen Zrtlichkeiten.
    Madonna mit dem Kinde, sagte Joachim. Er war am Waldsaum, der nah bei
Severinas Sitz eine Biegung machte, daher gekommen, den Reifestand der
Weizenkoppel zu prfen.
    Severina schrak zusammen und sah zu ihm empor. Das war kein Madonnenblick.
Ihn durchrann es. Aber die schnelle Regung durch einen ebenso schnellen
Vernunftgedanken bezwingend, setzte er sich mit frhlichem Wort neben Severina
in das hohe Gras. Das Kind, welches nun schon seine ganze Umgebung kannte,
jauchzte ihm entgegen und strebte mit Hnden und Fen aus ihren Armen in die
seinen.
    Wenn der Junge Sie sieht oder nur Ihre Stimme hrt, ist er nicht mehr zu
halten. Das kommt daher: Sie tollen am bermtigsten mit ihm herum und werden
noch einen schnen Wildfang aus ihm machen, sagte Severina lchelnd.
    Von Vater und Mutter her, frchte ich, steckt ihm zu viel Ernst und
Trbsinn im Blut; als mein Neffe aber mu er auch nach mir arten - lustig mu er
sein, das bring' ich ihm beizeiten bei, antwortete Joachim und hob das Kind mit
einer schwenkenden Bewegung hoch ber sich in die Luft. Der Kleine schrie vor
Vergngen auf.
    Ja, Adrienne hat kein Talent, sich am Leben zu freuen, bemerkte Severina.
    Sie aber auch nicht. Wenn Fanny nicht noch ein bichen Spa verstnde, wre
es ja vor Ernsthaftigkeit nicht mehr auszuhalten. Au - Junge - au - das ist mein
neuer Strohhut und das ist meine Frisur! Willst Du loslassen!
    Der Kleine hatte Joachims Hut erfat und einfach weggeworfen, dann fuhr er
mit seinen kleinen, rundlichen Fingerchen in Joachims blondes Haargelock und ri
und whlte und lachte vor Freude hell auf; dabei war der ganze kleine Krper so
lebendig, da Joachim ihn mit beiden Hnden vor einem Fall bewahren mute.
    Erretten Sie mich doch, knnen Sie so grausam zusehen, wenn der Junge mich
zum Kahlkopf macht?
    Severina lachte. Sie erhob sich halb, kniete auf ihrem bisherigen Sitz, und
da ihre Ellenbogen auf diese Weise in einer Hhe mit Joachims Kopf waren, machte
sie sich mit ihren beiden Hnden daran, die runden Fingerchen, die sich so fest
in die Locken gekrallt hatten, auseinanderzubiegen.
    Joachim hielt ganz still, und die kleinen Finger, die sich eben, der Gewalt
gehorchend, ffnen muten, schlossen sich immer wieder. Es war fr das Kind ein
Spiel. Severina war geduldig, ihre Hnde aber zitterten ein wenig, und Joachim
sa so ruhig, so atemlos, als belausche er mit allen seinen Sinnen die
Empfindung, welche ihm das Whlen der schnen Frauenhand in seinen Locken
verursachte. Pltzlich lie der Kleine los, ein groer Schmetterling schwebte
lautlos nahe vorber, nach ihm streckten sich die Hndchen. Severinas Hnde
sanken bleischwer herab. Joachim setzte das Kind vorsichtig neben sich ins Gras,
und alles blieb stumm und atemlos.
    Dann sah er Severina an, sie schlo die Augen und verharrte in ihrer
knieenden Stellung.
    Er nahm die beiden Hnde, die schlaff an ihrem Gewand niederhingen, und
kte jede wiederholt, zwischen jedem Ku zu Severina aufblickend. Pltzlich
drckte er sein Gesicht gegen ihr Kleid und schlang erschauernd seine Arme um
ihre Hften. So verharrte er wohl eine Minute lang, dann sprang er empor, fiel
ihr um den Hals und kte die zitternden Lippen, die sich ihm entgegen ffneten.
    Hast Du mich wirklich so lieb? flsterte er dazwischen. Und dann rief er
bermtig: Damals, der erste Ku hat Dich verfhrt!
    Sie konnte nicht scherzen und nichts sagen; ihr Gesicht war sehr bleich, aus
ihren dunklen Augen brach ein Glanz von unermelichem Glck, jeder Ku schien
ihr zu lau, jedes Wort zu armselig, um ihm zu sagen, wie sie ihn liebe. Die
Wonne dieses Augenblicks berstieg die Fassungskraft eines Menschenherzens. Ein
bldes Lcheln, von einem unartikulirten Laut begleitet, war Severinas einzige
Aeuerung.
    Das Kind, welches in den Graben hinabrollte, weckte wenigstens Joachim aus
seinem Rausch. Er setzte sich wieder mit dem Kindchen auf dem Scho und zog
Severina neben sich.
    Das ist eine schne Geschichte, sagte er lustig, wenn das Frau Pastorin
wte. Du groe Verfhrerin, Du hast Schuld!
    Severina lchelte traumbefangen.
    Im Grunde, fuhr er ernsthafter fort, sollte ich Dich sehr um Verzeihung
bitten; ich bin ein armer und zurzeit noch aussichtsloser Teufel. Auf solche
Ksse, wie wir eben gewechselt, sollte eine Verlobung folgen; ich mte meinen
Frack anziehen und zum Pastor gehen, Deine Hand zu erbitten, und das kann ich
noch nicht.
    O, rief Severina mit heiem Ausdruck, sprich nicht davon, denke nicht an
die Welt und was in ihr Sitte ist; ich liebe Dich, ich glaube an Dich, ich
warte! Wenn Du mich nur liebst, fllt das heimliche Glck mir die ganze Welt mit
Sonnenschein!
    Schwrmerin, sagte er gerhrt, so viel Liebe verdiene ich gar nicht.
    Sie saen und plauderten und lachten, wie nur Verliebte knnen; Joachim
bewunderte alle Reize, die Severina vor anderen voraus hatte, und selbst ihr
Gesicht mit den tatarischen Zgen erschien ihm von einer wilden und trunkenen
Schnheit. Endlich aber stieg die Sonne ber die Weizenkoppel und glhte zu der
kleinen Gruppe am Waldsaum hinber.
    Ich mu weiter, rief Joachim, das hat eine schne Zeitversumnis
gegeben!
    Sie nahmen Abschied, als glte es eine Trennung auf Wochen; dann ging er mit
seinen hastigsten Schritten an der Koppel entlang, den Weg fortsetzend, den er
dahergekommen, aber er schaute sich noch mehreremale um, der Lieben einen Gru
zu winken.
    Und dann schob Severina ihren Kinderwagen in den Wald zurck; sie ging wie
im Traum und erschrak, als sie sich zuletzt im Dorfe befand. Das Bewutsein, da
Sammlung ntig sei, berkam sie peinlich; sie sah sich fremd um, ihr war wie
einer Verirrten zu Mut.
    Aber da stand schon der Pastor in der Gitterpforte vor seinem Hause und
schaute nach ihr aus; man hatte auf sie gewartet. Er rauchte zwar seine lange
Pfeife, aber er hatte seinen schwarzen Gehrock an und ein reines weies Halstuch
um, das bedeutete Auergewhnliches. Severina atmete auf. Jedes Ereignis war
willkommen - nur heute nicht der alltgliche Trott des Tagewerkes.
    Mein Kind, sagte der Pfarrer, Graf Tai ist mit drei anderen Herren
gekommen, es gibt ein Diner auf dem Schlosse, Fanny hat nach Dir geschickt; aber
erst sollst Du der Mutter noch etwas helfen und Dich gleich auch umkleiden.
    Der ngstliche Tonfall in seiner Stimme verriet Severina, da die Pastorin
schon in Ungeduld vergehe; da gab es Schelte, viel Schelte, und das als erstes
nach der seligen Stunde?
    In Severina wallte es warm auf. Segen und Teilnahme konnte sie von niemand
erbitten, aber ein gutes, ein liebevolles Wort mute sie hren; sie legte ihr
Haupt an ihres Pflegevaters Schulter und ihren Arm um seinen Nacken.
    Papachen, sagte sie schmeichelnd, nicht wahr, Du hast mich ein wenig lieb
und mchtest, da ich noch 'mal im Leben glcklich wrde?
    Natrlich, natrlich; aber wie kommst Du auf die Frage, mein Kind? Und was
hast Du fr rote Backen? Aengstigst Dich wohl schon vor Mama? Na, Du weit, sie
meint es nicht so, und mit mir schilt sie auch 'mal, sagte der alte Herr
gutmtig. Siehst Du, schlielich haben wir's ja bei der Schelte besser als
Magnus bei der Gte.
    Severina lchelte glcklich. Ja, der alte Mann hatte sie vterlich lieb. Er
wrde sich freuen - dann, dann, wenn alle Welt erst wissen durfte ...
    Severina! rief eine heftige Stimme.
    Komme schon, rief sie zurck, ich will erst den Kleinen ins Schlo
bringen!
    Die Magd, die in der Pfarrkche gewartet hatte, kam aber schon um die
Hausecke und nahm den Kinderwagen.
    Severina ging hinein. In der Vorderstube sa die Pastorin, mit einer Brille
bewaffnet, und nhte mit der ihr eigenen rasenden Eile an einem schwarzen Kleid.
    Wo bleibst Du? Natrlich, unter dem Vorwand, das Kind spazieren zu fahren,
wird gefaulenzt. Faulheit ist der Beginn aller Laster, das haben wir bei Deiner
Mutter gesehen. Hier, der neue Sto mu noch in das Kleid vor Mittag, ich ging
ja schon zum Skandal damit.
    Severina nahm ihr Nhgeschirr und nhte darauf los; der Kleidersaum, an dem
sie nun beide arbeiteten, schwebte in ellipsenfrmiger Rundung zwischen ihnen,
das dazu gehrige Gewand bauschte sich erdwrts zwischen ihren Fen zusammen.
Aber da hatte die Pastorin ein Handtuch hingebreitet, damit es nicht Schaden
nhme.
    Was ziehst Du an? fragte die Pastorin.
    Wei.
    Immer den besten Staat. Eitelkeit ist der Anfang aller Laster, das haben
wir bei Deiner Mutter gesehen, und Du hast keinerlei Ursachen zur Eitelkeit,
Gott sei Dank; er hat darber gewacht, da der Versucher Dir keine Schnheit als
Teufelsangebinde gab.
    Geliebte, Du hast die herrlichste Gestalt, die schnsten Hnde, die
reizendsten Fchen, hrte Severina nachklingend in ihrem Ohr seine Stimme
sagen, und sie lchelte zu den bitteren Worten.
    Fanny liebt es, wenn ich in den Kleidern komme, die sie mir gab.
    Die Pastorin seufzte.
    Und Joachim sah am Mittag wohl, da Severina seinetwegen so festlich
angethan war mit einem Kleid von schaumig weicher weier Wolle, und da sie
seinetwegen eine Marschall-Nielrose an der Brust trug. Er liebte diese schweren,
duftenden Rosen sehr, die ihr Haupt melancholisch neigen.
    Sie hatten auch das Glck, neben einander zu sitzen, obgleich Joachim sich
wohl gehtet hatte, ihr den Arm zu geben; das that einer der Begleiter des
Grafen, und wenn sie auch nicht viel zusammen sprachen, so fand Joachim doch
unter dem Tisch das zierliche Fchen. Graf Tai nahm seine uerliche
Aufmerksamkeit in Anspruch, er wollte von Lanzenau und Joachim wissen, wie man
am besten fr heute abend eine Versammlung berufe. Die Bauern seien ja mit ihrer
Ernte fertig, und da die Arbeit auf den Feldern Fannys etwas frher aufhre,
muten beide Herren gestatten. Selbstverstndlich wurde das zugestanden; der
Pastor und Lanzenau wuten eine Menge Geschichten davon zu erzhlen, wie stark
der sozialdemokratische Kandidat inzwischen fr sich gewhlt habe.
    Joachim krzte infolge dessen seine Mittagsstunde ab und war schon wieder
verschwunden, als man auf der Terrasse den Kaffee nahm. Fanny entbehrte ihn und
fragte, wo er sei.
    Herr von Herebrecht wnschte die Stunde zu gewinnen, die heute abend
verloren geht, antwortete Severina, die Fanny gerade ein Mokkatchen
hinreichte.
    Fanny nahm sich Zucker.
    Er ist bereifrig, sagte sie verstimmt, die Leute wren die Stunde lang
auch ohne ihn fleiig gewesen.
    O Frau Frster, Sie haben schon vier Stcke Zucker - - die Tasse luft
ber, bemerkte das junge Mdchen.
    Fanny lachte ber ihre Gedankenlosigkeit.
    Der glckliche Herebrecht, sprach Tai, er wird entbehrt.
    Er ist das enfant gat unserer Damen, sagte Magnus scherzend, und er gibt
sich weniger Mhe ihretwegen, als unsereiner. Wenn ich zwei Stunden vorlese,
bekomme ich nicht so viel Dank, als wenn Herebrecht ein Lied singt.
    Lanzenau hatte Fanny erstaunt und aufmerksam angesehen, als sie nach Joachim
fragte.
    Am Abend fand im Dorfkrug eine Versammlung statt. Graf Tai steckte sich
einige mit Klnischem Wasser getrnkte Tcher in die Tasche, bat Fanny, eine
Flasche Cognac in den Krug zu senden, damit sie im Bedarfsfalle nicht vom Fusel
des Wirtes angegiftet wrden, und wanderte dann mit seinem Stab in das Lokal.
Der im Wirtshaus eine Treppe hoch belegene Tanzsaal war ausersehen, mit seinen
vier weien Kalkwnden die Scene zu umschranken. Von dem geweiten Plafond
hingen zwei doppelarmige Petroleumlampen herab, ber ihren schwitzenden und mit
Insekten beklebten Glasbehltern schwebten die blechernen Schirme, aus denen
oben die kurzen Glser mit der blackenden Flamme darin aufragten. Zum fettigen
Petroleumdunst gesellte sich der Duft von Thranstiefeln und jenes undefinirbare,
von Stoffwechsel und muffigen Kleidern erzeugte Ctwas, das man Leutegeruch
nennt. Die Estrade, wo sonst die Musik spielte, war fr die Herren als
Rednerbhne und Vorstandsbureau aufbewahrt. Wenn der hohe Graf Tai da an der
grngestrichenen Balustrade stand, ragte sein Scheitel genau bis zur Decke, und
Kalkteilchen fielen zuweilen in sein sorgfltig geordnetes Haar. Lanzenau sa
mit oben und betrachtete sich die enggedrngte Bauernschar, zuweilen sah er sich
auch mit eingeklemmtem Monocle Tai an; es belustigte ihn ungemein, diesen
eingefleischten Aristokraten vor diesem Zuhrerkreis zu sehen, und er bedauerte,
da Fanny sich das Schauspiel versagt hatte. Joachim und der Pastor befanden
sich zwischen den Zuhrern.
    Graf Tai fing seine Rede mit einem Hoch auf den Kaiser an, dann setzte er
Lanzenau durch einige glckliche, volkstmliche Wendungen, welche den Beifall,
ja, das wohlgefllige Gelchter der Leute erregten, in Erstaunen. Kaum aber ging
er zu den Einzelheiten des Wahlprogramms ber, kaum berhrte er die
Monopolfragen, das Armenbudget, die Kolonialpolitik, so erhitzte er sich an
seinem eigenen Vortrag, verga seiner Zuhrer Bildungsstufe und hielt eine Rede,
die im Parlament ohne Zweifel Aufsehen gemacht htte wegen ihrer flssigen Form
und ihrer geistreichen Hiebe gegen die anderen Parteien. In den kurzen
Kunstpausen nach den Schlagern sog Tai jedesmal aus dem gegen Mund und Nase
gepreten Tuch den erquickenden Duft des Klnischen Wassers ein und nahm einen
Schluck Cognac und Wasser.
    Der Schullehrer und der Dorfschulze, obschon sie auch nicht alles
verstanden, nickten sich, ihres Ansehens als kluge Mnner halber, mehrfach
beifllig und verstndnisvoll zu. Das Ende war, da man - teils aus Respekt vor
dem Grafen, der als leutseliger Herr und Frau Frsters Freund bekannt war, teils
infolge der unbewuten Reflexbewegung, die eine feurige Aeuerung, auch wenn sie
unbegriffen bleibt, immer hervorruft - da man in laute Hochs ausbrach. Tai
glaubte mit Erfolg gesprochen zu haben und setzte sich, sehr erhitzt, aber auch
sehr zufrieden nieder.
    Einer der Herren aus seiner Begleitung erhob sich und sagte zu den Leuten,
wer etwas zu sagen oder zu fragen habe, mge getrost sich melden. Eine unruhige
Bewegung entstand, man wechselte Flsterreden.
    Nun? fragte der Komiteherr aufmunternd.
    Da sagte eine Stimme aus der Menge:
    Wat de Schneider Mhling uns segt htt', wr ok nich von Papp'!
    Nmlich als vor vierzehn Tagen der Sozialdemokrat hier geredet hatte - es
war dasselbe Bild gewesen, bis auf die Gestalt des Redners - jubelten die guten
Mittelbacher diesem ebenso zu wie heute der Rede des Grafen. Die
Wahlagitationsreden hatten fr sie zunchst den Wert einer Unterhaltung, einer
auerordentlichen Unterbrechung des Werktagseinerlei.
    Aber eure Urteilskraft, meine Freunde, wird unterscheiden knnen zwischen
den Phrasen seiner und den thatschlichen Daten meiner Rede! rief Tai.
    Wieder murmelten die Leute unter einander, und endlich erhob sich das
geflsterte Bedenken, die heimliche Sorge zum lauten Wort. Der Name Fannys wurde
gehrt. Was sie von der Sache dchte, wollte man wissen. Graf Tai geriet in
keine geringe Verlegenheit, er kannte Fannys unbegrenzten Einflu, er wute, da
sie ein Ansehen geno, wie kein Gutsherr weit und breit bei seinen Leuten.
    Er antwortete, da Frau Frster es abgelehnt habe, sich in dieser Sache zu
uern, weil ihr als Frau das nicht zustehe, er verwnschte innerlich die
Gegenwart von Fannys Hausgenossen, ohne welche er wohl gewagt haben wrde,
Fannys Namen geschickt zu verwerten. Ob der Baron nicht sagen knne, wie die
Herrin denke. Nein, auch Lanzenau wute nichts zu sagen. Joachim, der pltzlich
von dem Wunsch angestachelt war, zu sehen, wie Fanny sich aus der Affaire ziehen
wrde, flsterte seinem Nebenmann zu, man solle doch hingehen und sie fragen.
    Nach einer Minute war dies das laute Geschrei, niemand wute, wer es zuerst
gesagt, der Gedanke schien in allen entstanden. Joachim drngte sich durch die
Menge und sprang, so schnell ihn seine Fe trugen, zum Schlo hinber. Hier
fiel er wie eine Bombe in die Gesellschaft der Frauen, die mit Magnus um den
Tisch saen. Magnus als Weltverbesserer und Philosoph, warm von der Universitt,
trumte von einem freien Zukunftsstaat, wie solcher allezeit nur in jungen
Kpfen existirt, und hielt es demzufolge fr unter seiner Wrde, der
Volksverdummungs- und Verknechtungsrede des Grafen zu lauschen; aber davon
sagte Magnus wohlweislich nichts.
    Was ist? rief Fanny erschreckt.
    Sie kommen, sie kommen! sagte Joachim.
    Wer?
    Die Leute! Sie sollen sagen, wer zu whlen sei, Graf Schmettow oder
Schneider Mhling.
    Adrienne und Severina lachten, ebenso Magnus, die Pastorin faltete entsetzt
die Hnde.
    Fanny erhob sich, den Ausdruck allergrten Mibehagens im Gesicht.
    Das ist stark. Gegen meinen bestimmten Willen! sagte sie.
    Vox populi, meinte Joachim lchelnd.
    Gndige Frau, rief der Diener, auf die Terrasse eilend, gndige Frau, der
Hof ist voll von Leuten, man will Sie sprechen!
    Ich bin nicht zu sprechen! rief Fanny in hchstem Zorn.
    Aber, teure Frau, jeder Widerstand ist nutzlos, das ganze Dorf ist eben zu
sehr gewhnt, nichts ohne Ihr letztes Wort zu thun, Sie sind jahraus jahrein
immer auf ihre Interessen eingegangen, aus der Gewohnheit ist ein Recht
geworden, nun fordert man, was Sie ursprnglich nur schenkten - Ihr reiferes
Urteil, sprach Joachim zuredend.
    Aber in diesen Dingen will ich keins haben, sagte Fanny verzweifelt,
wenigstens keins, das ber den Kreis meiner Lebensgenossen hinausdringt.
    Kommen Sie, Ihre Klugheit wird das rechte Wort finden. Joachim nahm ihren
Arm und legte ihn in den seinen. Er fhrte Fanny durch Saal und Flur nach vorn.
Auf dem Beischlag ergab sich ein natrlicher Standpunkt fr die unfreiwillige
Heldin dieses seltsamen Vorganges. Vor dem Beischlag stand Tai mit seinen
Begleitern und lchelte Fanny zu - wie sie ihm spter vorwarf - diabolisch
schadenfroh. Hinter Fanny drngten sich Adrienne, die Pastorin, Magnus, Severina
und Joachim.
    Letzterer konnte heimlich die Hand des jungen Mdchens fassen. Warm fhlte
er das Klopfen ihrer Pulse in seinen Fingern, und fester und fester umschlossen
diese die kleine, heie Hand, whrend sein Auge an Fannys Gestalt und Antlitz
hing, welch letzteres ihm nie so stolz und bedeutend erschienen war als in
diesem Augenblick.
    Adrienne lehnte an der niedern Mauer des Beischlags. Mute Magnus sich so zu
ihr drngen, wenn er etwas sehen wollte? Sie zitterte und verharrte still. Der
Pastorin jedoch entging es nicht, da Magnus der blassen Frau zu nahe kam, sie
zupfte ihn mahnend am Rock, worauf er einen verzweifelten Seufzer ausstie.
    Auf dem Hofe war es so dunkel, wie es an solchem Sptsommerabend nur irgend
sein kann, aber vorn auf die Mauern des Beischlags stellte der Diener ungeheien
die schnell entzndeten zehnkerzigen Tafelleuchter, aus den Scheunen und Stllen
rechts und links am Hofe trugen die Knechte schleunigst Stalllaternen herbei,
die, hoch auf Heugabeln getragen, hin und her baumelten. So entstand eine
phantastische Halbbeleuchtung, welche die versammelten paar Dutzend Menschen als
eine unabsehbare Schar erscheinen lie, nur Fanny stand im grellen Licht.
    Ihr Gesicht war bleich, sie sah khl ber die Menge hin und fragte:
    Was wollt ihr? Was soll der Aufzug?
    Ihre Altstimme hallte ber den nchtlichen Raum und wurde in den fernsten
Ecken gehrt.
    Wir wollen wissen, ob wir konservativ oder sozialdemokratisch whlen
sollen! schrieen einige.
    Es wurde Fanny wahrhaftig schwer, nicht knappweg konservativ zu antworten.
Die unglckliche Gegenberstellung sozialdemokratisch verursachte die
Aufwallung. Fr ihr Frauengefhl lag in dem Wort die Verdammung und Umstrzung
von allem, was sittlich und sthetisch ist, aber sie bezwang sich und sprach:
    Seit wann sind Reichstagswahlen ein Weibergeschft? Ihr seid Mnner und
mt wissen, was ihr wollt. Mein Amt als Gutsherrin und Kirchenpatronin habe ich
allezeit erfllt ...
    Hoch, Frau Frster! schrie die Menge.
    Aber was darber hinausgeht, fuhr Fanny fort, nachdem sie die
Unterbrechung, ohne eine Miene zu verziehen, angehrt, aber was darber
hinausgeht, ist vom Uebel.
    Sehr verstndig, eine seltene Frau! sagte der Schulmeister zum
Dorfschulzen.
    Aber Sie knnen doch sagen, ob wir dem Grafen Schmettow-Brunshagen oder dem
Schneider Mhling mehr vertrauen sollen! rief wieder eine Stimme.
    Wenn ihr mich fragt, was die bessere Sache sei, kann ich nicht antworten,
aber wenn ihr wissen wollt, wer der bessere Mann ist, dann will ich euch dies
sagen: der Schneider Mhling lebt von den Sammlungen, die seine
Gesinnungsgenossen unter sich veranstalten, also von der Arbeit anderer; er
zieht im Land umher, hlt Reden, it und trinkt gut, sein Weib und seine Kinder
leben in hchster Not in Berlin. Der Graf von Schmettow thut, wie ihr alle wohl
vom Hrensagen lange wit und ich euch besttigen kann, fr seine Brunshagener
unendlich viel Gutes, er hlt auf seine Kosten eine Schule und ein Krankenhaus,
er ist ein milder und gerechter Herr gegen seine Leute. Nun urteilt selbst, wer
der bessere Mann ist.
    Hoch, Graf Schmettow! Hoch, Frau Frster! riefen die befriedigten Leute
und schoben, sich wendend, dem Hofthor zu.
    Graf Tai trat zu Fanny und kte ihr die Hand.
    Ich dankte im stillen dem Zufall, der es fgt, da nicht unser Kandidat ein
flotter Lebemann und der Schneider ein katonischer Mustermensch ist, sonst
htten wir riskirt, den Schneider gelobt zu hren, sagte er lachend.
    Auch Fanny lachte, sie war mit sich zufrieden.
    Die Gesellschaft kehrte auf die Terrasse zurck, ein merkwrdiger Uebermut
ward in allen wach. Fanny beorderte Sekt und sagte, da man ihr Debt als
Rednerin feiern msse. Joachim bedauerte, da so wenig Damen zugegen seien,
sonst msse man einen Ball improvisiren. Aber die drei Anwesenden gengten,
meinte Magnus. Fanny lie die Lichter der Krone im Saal anznden.
    Aber Lanzenau, der htte spielen sollen, schien verstimmt und bestand
darauf, mit Pastors und den Gsten zwei Whisttische zu arrangiren. Fanny war
durchaus nicht aufgelegt. So setzten sich Lanzenau, Tai und einer der Fremden
zum Spiel mit dem Strohmann nieder, whrend das Ehepaar mit den anderen beiden
Fremden den zweiten Tisch nahm.
    Joachim aber bat und schmeichelte wie ein verzogener Knabe, da Fanny nur
einen, einen Walzer fr sie spielen mge. Adrienne hatte rote Backen und war
sehr vergngt; als auch sie bat und hinzusetzte, da sie fast noch nie getanzt,
gab Fanny gutmtig nach, doch nicht ohne zu sagen, da hier ja im September
genug Gelegenheit sei.
    So sa denn Fanny am Flgel, der an der einen Schmalwand des langen Saales
stand, und spielte den Fledermauswalzer. Sie sa im Profil dem Saal zugewendet,
und obschon ihre Blicke auf den Tasten lagen, bemerkte sie doch die beiden
vorbeidrehenden Paare.
    Was das fr ein Zauber in so einem Strauschen Walzer ist, er weckt
bacchantische Lust in denen, die seinem Rhythmus tanzend folgen, er umspinnt die
Seelen derer, die ihn spielen und hren, zuweilen mit tiefster Melancholie.
    Fanny wurde seltsam zu Mut, ganz traurig und verlassen, sie, die eben als
Mittelpunkt, als Herrin der ganzen Gegend auf eine Weise gefeiert worden war,
wie in der Form wenigstens noch nie eine Frau, sie sa als gute alte Tante hier
am Klavier, um den anderen ein Vergngen zu vermitteln. Fanny war gekrnkt, sie
htte weinen knnen, und noch seltsamer, ihr Verstand kontrollirte dieses
unlogische Gefhl und schalt es dumm, unverstndig; niemand wollte sie krnken,
am wenigsten die vier harmlos lustigen jungen Menschen und am allerwenigsten
Joachim, das wute sie; vielleicht dachte er in seiner groen Verehrung
berhaupt nicht daran, da man auch mit Fanny tanzen knne, und sie - sie bekam
eine unbndige, unberwindliche Lust, nur einmal mit Joachim herumzuwalzen.
Weshalb er berhaupt nicht sein Bedauern darber ausdrckte, da es unmglich
sei? Und dabei spielte sie unaufhrlich die sen, wiegenden Melodien, und dabei
tanzte Joachim rastlos mit Severina.
    Schlielich waren beide Teile ermattet, die Spielerin und die Tnzer. Da
ergriff Joachim ein geflltes Spitzglas mit Champagner und rief, es erhebend:
    Die gtigste und beste der Frauen, Fanny, die Einzige, soll leben!
    Er stie in der Runde an, die Spieler gesellten sich lachend zur Gruppe.
Fanny klang ihr Glas gegen das Joachims und sah ihm glcklich lchelnd in das
offene, jetzt von Ausgelassenheit strahlende Gesicht, dann fand Joachim sich zu
Severina, stie mit ihr an, unbemerkt vertauschten sie die Glser, und mit einem
heien Wechselblick trank jeder an der Stelle, die des andern Mund berhrt.

                               Siebentes Kapitel


Der Monat September war auf Mittelbach unweigerlich dem Vergngen gewidmet. Die
Ernte auf allen groen Gtern der Gegend war eingeheimst, der gesellige Verkehr,
der im Sommer fast schlummerte, begann mit dem Besuch in Mittelbach. Graf Tai
mit seiner Gemahlin und deren Schwester wohnten dann einige Wochen bei Fanny,
die eine entfernte Verwandte der beiden Damen war; ferner erschien als
regelmiger Gast ein Herr von Dren mit seiner Gattin. Beide Familien wohnten
zu entfernt, um nach etwaigen Festlichkeiten, wie die Gutsnachbarn pflegten,
abends wieder heimfahren zu knnen.
    Fanny erwies ihren Bekannten dann Gastfreundschaft im grten Stil. Bei
aller Freiheit, welche die Hausordnung jedem einzelnen lie, gestaltete sich das
Zusammenleben bei ihr doch unwillkrlich etwas anders als zum Beispiel beim
Grafen Tai, wo man sich im November versammelte. Da ein Hausherr fehlte, nahm
man erhhte Rcksichten auf die Hausfrau und die Damen berhaupt. Anstatt
ausgedehnter Billardpartien, langer Sitzungen im Rauchzimmer und dergleichen gab
es fr die Herren mehr Unterhaltung mit den Damen zusammen. Zwar gingen sie
zuweilen frh morgens unter Joachims Fhrung auf die Jagd - Lanzenau mute sich
oft davon fern halten, weil ein feuchter Morgen ihm unfehlbar einen leisen
Ischiasanfall brachte, doch war dies sein Geheimnis, und er gab vor, kein
Vergngen mehr an der Jagd zu finden - allein der brige Tag sah sie mit den
Damen bei Spazierfahrten, beim Lawntennies, am Schiestand, auf Kahnpartien. Zum
Diner, das in dieser Zeit um sechs Uhr stattfand, machten die Damen besondere
Toilette, wobei ein gewisser wetteifernder Luxus nicht fern blieb. Abends setzte
sich zuweilen jemand an den Flgel, zum Tanz aufzuspielen, oder es gab ein
Dilettantenkonzert, dessen Kosten Lanzenau, Joachim und die Schwester der Grfin
Tai, das Frulein von Grvenitz, trugen.
    In diesen rauschenden Tagen erwachte Adrienne zu neuem Leben; das war eine
Art zu sein, wie sie es getrumt hatte. Alles, was Sorge, Entbehrung,
Unfreundlichkeit, Langeweile hie, schien nicht zu existiren, man hatte keine
Zeit, ber seelische Zustnde zu grbeln, hier war nicht von Pflichten, von
Selbsterziehung, von Beschrnkung die Rede, all die verschiedenen Charaktere
lebten in heiterster Harmonie neben und mit einander, niemand schien irgend
einen lieben Eigenwillen zu opfern, und doch hatte jeder neben dem andern Platz.
    Seltsam, und sie und Arnold hatten nicht einmal in ihrer Einsamkeit zusammen
Platz gehabt, das mute unleugbar an Arnold gelegen haben, denn da sie hier
gegen niemand anstie, ja, im Gegenteil sich dem Kreis einfgte, als habe sie
immer in demselben gelebt, so war damit erwiesen, da ihm alle Schuld an ihrem
kalten Verhltnis zuzuschreiben sei. Adrienne uerte das einmal gegen Fanny,
als diese ihre Freude aussprach, die Schwgerin so aufblhen zu sehen.
    Aber, mein Kind, sagte Fanny ernst, die Gemeinsamkeit in einem Vergngen
ist doch ein ander Ding als die Gemeinsamkeit in einer Ehe. Die Anforderungen
fr die erste sind die leichtesten, die an Menschen gestellt werden knnen, man
braucht sich blo von seiner vorteilhaftesten Seite zu zeigen, was jeder schon
aus Eitelkeit thut. Die Anforderungen fr die zweite sind die schwersten, die an
uns ergehen knnen, da sollen wir just die unvorteilhafte Seite des andern mit
Demut und Liebe ertragen, was natrlich nur nglich ist, wenn wir uns
vorstellen, da der andere ja ebenso auch unsere Unertrglichkeiten geduldig
trgt. Zum Glck ist in rechten Ehen diese Erkenntnis dann die Meisterin, sie
brckelt hier und dort Schroffen ab, bis beide Charaktere glatt zusammenpassen.
    Adrienne bereute sogleich, von Fanny eine solche Belehrung herausgefordert
zu haben.
    Sie besa jetzt in Frulein von Grvenitz eine bessere und
verstndnisvollere Freundin. Das Frulein, noch jung genug, um von der Zukunft
irgend etwas Besonderes zu erwarten, und doch zu alt, um sich zu Severina oder
gar zu der lustigen kleinen Frau von Dren zu gesellen, hatte alsbald in
Adrienne die geeignete Zuhrerin fr ihre Erinnerungen und Phantasien erkannt,
die sie laut vorzutragen liebte. Sie war in jungen Jahren verlobt gewesen, der
Brutigam wurde indes vom Grafen Tai auf Wegen betroffen, die eine Verbindung
mit Lucy von Grvenitz unmglich machten. Lucy wollte selbst den Beweisen nicht
glauben, da ihr angebeteter Arthur nur mit ihrem Vermgen den Aufwand zu
bestreiten dachte, den eine berchtigte Tnzerin in der Residenz trieb. Mit
einer Zhigkeit, die bis zur Unwrdigkeit ging, hielt sie an ihm fest.
Glcklicher- oder unglcklicherweise fallirte damals der Bankier der alten Frau
von Grvenitz und brachte sie um den grten Teil ihres Vermgens.
Augenblicklich lste Arthur seine gegen den Willen der Familie noch heimlich
unterhaltenen Beziehungen zu Lucy.
    Diese, obschon anfangs wahrhaft trostlos, suchte spter in der Literatur
Trost; das gebrochene Herz blieb ihre Spezialitt, sie schrieb Romane, in
welchen viel von der Knechtung der Frau, der Notwendigkeit ihrer Befreiung und
der Gleichberechtigung der Geschlechter die Rede war; jeder Held sah brigens
aus wie ihr bleicher Arthur mit dem schwarzen Vollbart; ihre Romane hatten zur
Verzweiflung des Grafen Tai, dank einer gewissen Ueberschwenglichkeit,
Schnfrberei, lebendigen Phantasie und versteckten Sinnlichkeit, viel Erfolg.
    Das Frulein von Grvenitz also, die sich, nebenbei gesagt, auch zu Tai'
Verzweiflung nicht der Mode gem, sondern individuell kleidete, das heit in
rot- oder gelbseidenen Blusen und mit einer Goldspange im schwarzen Lockenhaar
einherging, whrend ihren Unterkrper ein weier oder schwarzer, faltiger
Seidenrock umwallte - das Frulein hatte sich an Adrienne geschlossen, ihr ihre
Mrtyrergeschichte der Vergangenheit und Gegenwart erzhlt und Adrienne auf den
Kopf zugesagt, da sie mit einem Manne nicht glcklich sein knne, der die
Barbarei habe, sein junges Weib zu verlassen. Die Zwangspflichten, die fr einen
tchtigen Mann aus seinem Beruf entstammen knnen, erkannte das Frulein nicht
an, ber so gemeine Fragen wie Broterwerb und die Ntigung, deshalb einen Beruf
zu haben, dachte sie nicht nach; natrlich gab ihr Adrienne zu, da ihrem Leben
allerdings die rechte Wrme fehle, aber ein volles Gestndnis ging ihr doch
nicht ber die Lippen.
    Alle anwesenden Mnner fand Lucy grlich, mit der einzigen Ausnahme von
Magnus.
    Es sind alle Barbaren! Dieser alte Geck von Lanzenau mit seinem
steifbeinigen Gang - ah, wie schritt mein Arthur stolz dahin! Dieser Herr von
Dren - sieht er nicht mit seiner geraden, abgestumpften Nase, seinen
Schlitzaugen und seinem auseinander gestrubten Schnurrbart aus wie ein Kater?
Ach, Sie htten Arthurs wundervollen Bart sehen sollen! Und dann Ihr Schwager!
Pardon - aber diese blonden Jnglinge mit dem plebejischen Vergngen am Dasein
sind mir entsetzlich, wenn ich an die interessante Schwermut meines Arthurs
denke! Haben Sie meinen Roman Erfrorene Herzen gelesen? Darin habe ich ihm ein
Denkmal gesetzt. Von Tai spreche ich nicht erst, dieser Tyrann meiner Tage wre
meines Hasses wrdig, wenn meine arme Schwester sich nicht einbildete, von ihm
glcklich gemacht zu werden. Lassen wir ihr die Illusion, sie kennt nichts
Besseres! Aber dieser junge Doktor Hesselbarth - ach, Adrienne, er hat so einen
gewissen Augenaufblitz hinter seinem Lorgnon. Adrienne, er gilt Ihnen, dieser
Aufblitz - Sie sind Magnus nicht gleichgiltig. Arme Freundin, dieser Mann wre
Ihrer wrdig, er verstnde Sie! Erwidern Sie sein Gefhl? O - Sie knnen mir
vertrauen, ganz vertrauen, ich will Sie und ihn schtzen gegen eine Welt von
Philistern!
    Aber wohin denken Sie, stotterte Adrienne bestrzt, ich bin verheiratet
und - und - und liebe meinen Mann.
    Lucy schlo die Freundin in die Arme, in stummer Rhrung ber den Heldenmut
des Herzens, das zu stolz war, Leiden zu gestehen.
    Magnus hatte seinerseits das ihm von Lucy geschenkte Wohlwollen bald
herausgefhlt und halb belustigt, halb, um diesen Typ eines Blaustrumpfs zu
studiren, fand er sich immer in ihrer Nhe ein, wo natrlich auch Adrienne meist
weilte.
    Die kleine Frau von Dren spottete darber und nannte sie die drei
Gebildeten. Fanny sah indes diese Intimitt mit heimlichem Unbehagen, ihr ein
Ziel zu setzen, daran war nicht zu denken; die einzige Hoffnung blieb, da der
skeptische und vernnftige Magnus allezeit das Gegengewicht zu den berspannten
Lebensanschauungen des Fruleins hergeben werde.
    Fanny war in dieser Zeit sehr glcklich.
    Ich wei nicht, sagte sie einmal zu Lanzenau, wie das so kommen mag -
seit vielen Jahren habe ich immer im September diese oder andere lieben Gste
gehabt, aber es hat mich nie so gefreut wie diesmal. Wie schn ist doch das
Leben, wenn man es mit guten Menschen teilen darf!
    Lanzenau blickte ihr beunruhigt in die strahlenden Augen, das
verhngnisvolle Fragewort: Ist auch einer unter uns, von dem der neue
Sonnenschein ausgeht? kam ihm zum Glck nicht von den Lippen, er bezwang sich.
    Ja, es ist schn, liebe Fanny, und es ist am allerschnsten, da Ihr
Glcksgefhl der innern Zufriedenheit ihrer Seele und der uern Klarheit Ihres
Lebens entspringt; mge das so bleiben, und mge ich allezeit meinen alten Platz
an Ihrer Seite behalten!
    O gewi, mein Freund, Sie sind mir der Nchste meinem Herzen. Sie wissen es
... bitte, bitte, Achim - ein Wort ...
    Joachim ging unfern mit Dren vorber, er lief auf Fanny, Fanny auf ihn zu.
    Nur ein Wort ... sind die Schiestnde in Ordnung?
    Dren, Joachim und sie besprachen die Einzelheiten des fr den Nachmittag
geplanten Wettschieens. Lanzenau stand vergessen von fern.
    Lanzenau schlo die Augen, er war bla geworden, langsam ging er tiefer in
den Park hinein, seine Fe trugen ihn nicht weit, er stand an einer Buche
still, legte die Handflchen gegen den Stamm und die Stirn gegen die Hnde.
    Unmglich, dachte er, unmglich! Es kann nicht, es soll nicht sein!
Vielleicht wird sie nicht erkennen, was jetzt in ihr keimt, es verdorrt im
Beginn, gewi, ganz gewi, denn er ist ein unbefangener Jngling, er wagte es
nicht einmal, davon zu trumen, das sieht man wohl. Sie mu blind bleiben, sie
mu!
    Er sthnte schwer.
    Nein, das nicht, nur das nicht! Sein Lebenlang neben Fanny hergehen, ohne
sie zu besitzen - ja, aber sie einem andern berlassen - nie! Sechzehn Jahre in
Treue einem Weibe gehren und dies Weib dann einem hbschen jungen Menschen
geben mssen? - Lieber diesen niederschieen wie ein Stck Wild.
    Aber wie - wenn der sie wieder liebte, wenn ein Tag kme, wo er ihre Neigung
merkte und dann - schon aus Vorteilsgrnden - sich erklrte? Aber nein, einer
Berechnung war Joachim nicht fhig. Doch welcher junge Mann wrde kalt und
unempfindlich bleiben, wenn eine Fanny ihn liebte?
    Lanzenau dachte an seine Jugend zurck, er lchelte schmerzlich. Joachim
mte kein Mensch von Fleisch und Blut, er mte eine Puppe von Zeug und
Hobelspnen sein, wenn er kalt bleiben sollte bei der Liebe einer schnen Frau.
    Und gab all seine Treue ihm denn ein Recht, von Fanny etwas zu fordern?
Seine Hand hatte sie mehrfach ausgeschlagen; durfte er erwarten, da sie
seinetwegen ihr Leben als Nonne beendigen wrde?
    Sie mu blind bleiben, dachte er, mit Gewalt sich zu vernnftiger Fassung
zwingend, aber ich mu hell sehen!
    An diesem Tage erschienen Gste aus der Nachbarschaft zu dem Wettschieen,
das Fanny anberaumt hatte. Die Schiestnde lagen neben der Parkgrenze am Ufer
der Elbe, man wanderte gemeinsam durch den Park dahin; es war bald nach dem
zweiten Frhstck und die Damen noch alle in ihren Morgenkleidern.
    Du bist reizend, flsterte Joachim Severina zu, die er jetzt zu ihrer
beider Qual immer nur in Gegenwart aller sehen konnte, hchstens gestattete
ihnen abends der Tanz oder eine Promenade im Park einmal die Gelegenheit zu
einem innigen Hndedruck, der der einzige Dolmetscher ihrer Sehnsucht bleiben
mute.
    Still! entgegnete Severina ebenso; was wagst Du?
    Herr von Dren ging an ihrer andern Seite, plauderte aber lebhaft mit der
Grfin Tai, die er fhrte und bei der er seit Jahren eine neckische
Courmacherei anzubringen suchte, die sie mit Humor und Grazie ermunterte, um sie
immer wieder zurckschlagen zu knnen. Joachim war deshalb unbesorgt.
    Ich vergehe, flsterte er weiter; kann ich Dich denn nie einmal in Mue
sehen?
    Severinas Kniee bebten. Wenn jemand ihr Geflster bemerkte!
    Bitte? fuhr er fort.
    Ach, wie leidenschaftlich, wie unsglich gern htte auch sie ihm einmal
wieder voll und hei ins Auge geschaut.
    Wann soll - wann kann ich?
    Heut abend, wenn im Pastorenhause alles schlft.
    Nein, mein Zimmer liegt neben dem der Mutter, sie wacht bei jedem Laut.
    Heut nach Tisch - im dunklen Park - an der Stelle, wo ich Dich zuerst
gesehen. Schleiche Dich weg, es sind so viele Menschen da, man vermit uns
nicht.
    Severina nickte stumm, ein schneller Blick fuhr wie ein sengender Blitz
zwischen ihnen hin und her.
    Das Gesprch ward dann unter den vier Zusammenwandernden durch eine Frage
Drens ein allgemeines. Sie kamen zuletzt am Schiestand an.
    Natrlich, sagte Frau von Dren lachend, mein Mann war zu sehr mit den
schnen Augen der Grfin beschftigt. Lieber Tai, ich glaube, wir raffen uns
doch noch zur Eifersucht auf.
    Lat das nur, sprach Dren, sein Weibchen um die Taille fassend, die
Niederlagen bei der gndigsten Grfin sind mir als Gegengewicht Deiner zu groen
Liebe sehr gesund, Du siehst, ich thue selbst das Mglichste, um mich vor
Eitelkeit zu bewahren.
    Auch eine Form der Selbsterziehung, meinte Tai heiter.
    An die Gewehre, meine Herrschaften, an die Gewehre! mahnte Lanzenau.
    Die Schiestnde, es waren ihrer zwei, zeigten sich dem Bedrfnis der
lustigen Gesellschaft angepat, an dem einen boten sich den Damen Ziele dar, wie
man sie in Schiebuden auf Jahrmrkten sieht, an dem andern konnten die Herren
ihre Zielsicherheit an einer Scheibe bewhren. Fanny hatte zwei Preise
gestiftet, fr die schufertigste Dame lag ein kostbares Jagdgewehr, fr den
besten Schtzen ein sehr wertvoller Spitzenfcher bereit.
    Man sieht, sagte Fanny, mich hat die ruchlose Absicht geleitet, die
Sieger in peinlichste Verlegenheit zu bringen, denn sie sollen ihren Preis einer
Dame respektive einem Herrn der Gesellschaft hier an Ort und Stelle verehren.
    Paris' Verlegenheit war ein kleiner Embarras gegen die Wahlschwierigkeit
des Fchergewinners, sagte Herr von Dren; zum Glck bin ich ein schlechter
Schtze und komme somit gar nicht in Gefahr, mir durch eine Huldigung viele
Feindinnen zu machen.
    Und was mich anbetrifft, rief Frau von Dren, erklre ich mich bei dem
Fcher hors de concurrence, hoffe hingegen, ber das Jagdgewehr verfgen zu
drfen!
    Auf dem Platz unter den alten Baumriesen, die zum Park gehrten, waren
Sthle, Tische und ein kleines Buffet errichtet. Adrienne und Frulein von
Grvenitz setzten sich zusammen; die erstere hatte nicht allzu viel Interesse an
dem Sport, die letztere fand Schieen eine kavaliermige Kunst, aber fr Damen
dnkte es sie selbst im Scherz abscheulich; jedesmal, wenn die Reihe, deren
Folge man ausgelost hatte, an sie kam, drckte sie zitternd, erst nach langem
Zureden und mit einem Schrei die harmlos geladene Flinte ab, natrlich mit
geschlossenen Augen ins Blinde hinein.
    Fanny und die Grfin Tai hatten keine ruhige Hand, Adrienne war berhaupt
kurzsichtig. So stritten Severina und Frau von Dren um den Sieg. Die Herren
sahen eifrigst interessirt zu, man lachte und wettete sogar.
    Triumphirend behielt die kleine Frau den Sieg, den sie sich prophezeit.
    Das Gewehr - das Gewehr!
    Erst sollen die Herren auch so weit sein, bestimmte Fanny.
    Es waren unter den Gsten aus der Nachbarschaft einige bekannte Schtzen.
Das Spiel, welches bisher nur Amusement gewesen, nahm sofort den Charakter eines
leidenschaftlichen Sports an. Magnus und Herr von Dren traten alsbald
freiwillig aus der Reihe. Mit Spannung, ja, mit einem fieberhaften Eifer wurden
die Schsse erwartet, beobachtet, notirt.
    Und Joachim traf mit spielender Leichtigkeit, ohne langes Wgen, jedesmal
den Kernpunkt.
    Es war am Ende nicht etwas so Erstaunliches, in einer Kunst, die
hauptschlich Uebung, sichere Hand und scharfes Auge erfordert, zu glnzen,
zumal fr einen Mann von Joachims Erziehung und Beschftigung; aber Fanny war
sehr stolz auf seine Fertigkeit und konnte sich nicht genug thun, sie zu
bewundern. Gewandtheit in solchen Knsten ist dem Mann in den Augen jeder Frau
vorteilhaft.
    Joachim sagte zuletzt, als die ganze Gesellschaft sich schon bewundernd um
ihn und einen der heutigen Nachmittagsgste drngte, whrend die anderen Herren
sich fr besiegt erklrten, da man so nie zur Entscheidung kommen werde und ob
sie nicht ein anderes Ziel nehmen wollten.
    Tai schlug vor, eine Visitenkarte auf einen hohen Stecken zu befestigen und
diesen im Felde weit hinter der Scheibe aufzupflanzen. Als man noch, aufgeregt
wie ber eine wichtige Sache, darber debattirte, flog eine Krhe aus den
Gipfeln der Parkbume in hohem Fluge schrg ber den Flu.
    Aufgepat! sagte Joachim, zielte - alles hielt den Atem an - und drckte
ab.
    Schwer scho das Tier durch die Luft herab in den breiten Strom.
    Ich ergebe mich, sprach Joachims Konkurrent, das wre ich nicht im
stande.
    Es ist nicht viel dabei, meinte Joachim.
    Das hab' ich mir gedacht, sagte Fanny triumphirend; Sie sind allen
berlegen.
    Lanzenau, der das hrte, lchelte bitter.
    Aber nun die Preise! rief Frau von Dren. Sie erhielt das Gewehr und
sprach zu ihrem Gatten: Du meinst natrlich, meine Schwche fr Dich gehe so
weit, da ich Dir und keinem andern dies Geschenk mache, aber die Stunde ist
gekommen, mich zu rchen; Graf Tai, empfangen Sie dies als Zeichen meiner
besondern Gunst.
    Meine Gndigste, ich werde mich bestreben, sie zu verdienen, und nehme dies
prnumerando als Lohn, sagte der Graf mit einer bertrieben tiefen Verneigung.
    Whrend dieses kleinen Vorgangs konnte Joachim sich entscheiden, welcher
Dame er den Fcher geben wolle, den Adrienne gerade in der Hand hielt und
verlangend besah, aber seiner Schwgerin konnte er doch unmglich das Geschenk
berreichen; es htte sich wohl geschickt, ihn Fanny, seiner gtigen Herrin, als
Huldigung zu Fen zu legen, aber er fand, da es im Grund ein Unsinn wre,
Fanny den Fcher zurckzugeben, den sie selbst angeschafft, obenein, da sie, wie
er zufllig wute, einen reichhaltigen Vorrat von Fchern in allen Formen und
Stoffen besa, und in Severinas Seele brannte das Verlangen, von seiner Hand vor
allen Anwesenden ausgezeichnet zu werden, das wute er, obschon er sie mit
keinem Blick ansah.
    Man bemerkte die Zweifel auf seinem Gesicht und lachte ihn aus.
    Darauf trat er an Fanny heran und fragte leise:
    Fnde unsere gndige Knigin es nicht am taktvollsten, wenn ich den Fcher
der einzigen Dame im Kreise schenke, die nicht im stande ist, sich einen solchen
zu kaufen?
    Das ist ein hbscher Gedanke, sagte Fanny, von seinem Zartgefhl entzckt,
sie wird ebenso berrascht als beglckt sein.
    Und Joachim berreichte der erglhenden Severina den Fcher mit einer so
frmlichen Verbeugung, als sei sie ihm wildfremd. Das wre nun niemand
aufgefallen und jeder htte die Frmlichkeit fr die komisch-feierliche Betonung
des Vorgangs genommen, wenn nicht Lanzenau allein, seit einiger Zeit Joachim
gegenber immer auf dem Beobachterposten, das fremd-hfliche Gesicht des jungen
Mannes um so sonderbarer gefunden htte, je mehr ihm vorher ein rascher Blick
aufgefallen war, mit dem Joachim und Severina sich begegneten.
    Er beschlo, fortan auch das Mdchen im Auge zu behalten, eine unbestimmte,
freudige Hoffnung beschlich ihn. Wenn diese beiden im Begriff wren, sich zu
finden oder wohl gar schon sich gefunden htten ... dann zog die Gefahr an ihm
vorber und ber Fannys Haupt dahin wie eine Wetterwolke, die mit fernem
Blitzgeleuchte droht, aber ihre Flammen nicht ber uns entladet.
    Der Zufall war ihm gnstig. Noch am selben Abend, als die Gesellschaft sich
im Saal, auf der Terrasse und im Spielzimmer zwanglos verteilt hatte und
Lanzenau suchend von einem Raum in den andern ging, sagte man ihm im Saal,
Frulein Severina sei auf der Terrasse, und auf der Terrasse, sie sei im Saal.
Nach Joachim, der auch fehlte, fragte er nicht, er ging ohne weiteres in den
Park.
    Es war stockdunkel, der Mond sollte erst spter aufgehen, Lanzenau verirrte
sich mit seinen sorgsam vorwrts tastenden Fen mehrmals auf einen Rasensaum
oder ein Blumenbeet, einmal geriet er auch in einen groen, wilden Rosenbusch,
die stacheligen Zweige, die wider seine Brust schlugen, verwickelten sich in die
Schnur seines Monocles. Ingrimmig versuchte er loszukommen, er ri und ri und
hatte nur den Erfolg, da die Schnur entzwei ging und am Busche mitsamt dem
Augenglas hngen blieb.
    Pltzlich hrte er in unmittelbarer Nhe Stimmen. Er erinnerte sich, da das
Gebsch von wilden Rosen dicht bei der groen Tanne mit der Rundbank sich
befand; aber die, denen die Stimmen gehrten, muten eben erst von der andern
Seite ankommen, sonst htten sie das Gerusch in den Zweigen gehrt, das seine
greifenden Hnde gemacht.
    Worte konnte Lanzenau nicht verstehen, Gestalten nicht einmal in den
Umrissen erkennen, nur das ward ihm alsbald aus den Lauten, die sein Ohr
vernahm, sehr deutlich, da ein Liebespaar dort sa. Aber wer sagte ihm, da es
nicht jemand aus dem Dorf oder jemand von den Dienstboten sei? Er zog sich
zurck und nherte sich auf dem direkten Weg dem Hause. Hier, wo das Licht den
Platz unter den Linden matt erhellte, lehnte er sich an einen Stamm und rauchte
geduldig eine Cigarrette. Wenn die, welche sich dort kten, ins Haus gehrten,
muten sie den Lichtkreis durchschreiten oder doch an seiner Grenze hinhuschen.
Und richtig - da floh ein weibliches Wesen in weiem Kleid vorbei und um das
Haus herum, wahrscheinlich, um vorn einzutreten. Severina allein trug heute
wei; und da kam auch Joachim, ganz gemchlich, eine Cigarrette im Munde,
schritt er mitten durch den hellsten Lichtschein gerade auf die Terrasse zu.
    Lanzenau atmete tief auf, ein Alp fiel von seiner Brust. Da die jungen
Leutchen ihre Liebe noch geheim hielten, war ja bei Joachims Vermgenslage ganz
natrlich, und da Fanny von dieser Liebe ganz allmlich Kenntnis bekam, so
vorsichtig, da ihre Gedanken sich daran gewhnten, ehe ihre Seele voll fr
Joachim aufflammte, das sollte seine, Lanzenaus, Sorge sein, auch nahm er sich
vor, all seine Verbindungen bis zur uersten auszuntzen, um fr Joachim eine
Administratorenstellung zu suchen, die diesen in den Stand setzte, Severina zu
heiraten. Vielleicht fand Fannys sichtliche Schwche fr Joachim voll
Befriedigung und Freude, wenn sie mtterlich fr ihn und seine Braut sorgen
durfte. Bei Fanny war kein Ding unmglich, wenn ihre Gefhle fr Joachim
vielleicht nur jenes Gemisch von Mtterlichkeit und weiblicher Zrtlichkeit
waren, dessen Grundton wunschlose Resignation ist, dann wollte Lanzenau ihr
beistehen, dies Gefhl ganz zu sttigen, und ihr helfen, ihn sehr glcklich zu
machen.
    Mit freudigem Herzen kehrte er in die Gesellschaft zurck.
    Alsbald, da er dort seine Meinung ber eine neue Photographie der Grfin
Tai abgeben sollte, vermite er sein Monocle. Jedermann half suchen, bis
Lanzenau sagte, es sei unntz, er habe es im Freien verloren.
    Am andern Morgen entdeckte Severina es am Rosenbusch, ein unnennbarer
Schreck berwltigte sie einen Augenblick, gegen Mittag fand sie Gelegenheit,
Joachim davon zu sagen, auch diesem war der Gedanke nicht sehr rosig, da
Lanzenau sie belauscht haben knne.
    Wenn er es Fanny sagt, meinte Severina zitternd.
    O, Fanny - das macht nichts, die hlt viel von mir, das merke ich wohl, sie
geht reizend mit mir um - wenn sie mich so Achim nennt, denke ich immer, meine
Mutter knnte es nicht gtiger gesagt haben, sprach Joachim mit nachdenklichem
Gesicht; aber es ist mir um Dich - wegen des Gezeters, das die Pastorin dann
ohne Zweifel anfngt, und es ist wegen Arnold, dem Adrienne es schriebe, er hat
schon so viel Opfer und Sorgen fr mich gehabt im Leben und ich bin ihm deshalb
Gehorsam schuldig, er aber hat mir oft aus Herz gelegt, mich nie zu binden, ehe
ich nicht eine Frau ernhren kann, damit strzte ich nur zwei Familien in Sorgen
und trbte meine und eines Mdchens Jugendfreude.
    Du bist nicht gebunden, rief sie heftig, ich will Dir und niemand eine
Last sein, habe mich nur eine Weile lieb, nachher sei frei - geh und la mich
sterben!
    Aber, Nrrchen, flsterte er, neu von ihrer Leidenschaftlichkeit entzckt,
wer spricht von solchen Dingen! Uebrigens ist es ja noch gar nicht ausgemacht,
da Lanzenau gerade am Rosenbusch stand, wie wir unter der Tanne saen. Gib mir
das Augenglas, wenn ich es ihm berreiche, soll die Situation zwischen ihm und
mir wenigstens klar werden.
    Herr Baron, sagte Joachim, als man bei einander stand, des Dieners
Meldung, da servirt sei, erwartend, Sie haben Ihr Glas gestern abend am
Rosenbusch verloren, hier ist es.
    Dabei sah er ihn herausfordernd an. Lanzenau zwinkerte mit den Augen sehr
lustig und sehr wohlwollend.
    Hat Severina suchen helfen? fragte er, und klopfte Joachim auf die
Schulter.
    Wenn sie es gethan htte, sagte Joachim halblaut, mit einem herzlichen
Bittton in der Stimme, dann wrden Sie gewi nicht die Indiskretion haben, es
irgend jemand zu erzhlen.
    Gewi nicht, gewi nicht, mein Lieber, ausgenommen, es wre zu eurem Glck.
Junge Leute in eurer Lebenslage knnen oft einen deus ex machina brauchen.
    Wenn Sie den Beruf in sich fhlen, diesen fr uns zu spielen, erwiderte
Joachim heiter, werde ich der letzte sein, es Ihnen zu verbieten; aber selbst
in diesem Falle mu ich ernstlich bitten, immer nur mir die Mitteilung einer
Thatsache zu berlassen, die mein Bruder durchaus von mir und durchaus an einem
geeigneten Zeitpunkt erfahren mu, soll sie ihn nicht verstimmen.
    Was blieb Lanzenau brig, als sein Wort zu geben; aber diese Fessel lie ihm
immer noch die Freiheit, dem jungen Paar der frdernde Schutzgeist zu sein und
auch Fanny unauffllig und indirekt zur Erkenntnis zu leiten.

                                 Achtes Kapitel


Die Zeit der Unruhe im Schlo war auch fr die Pastorenfamilie eine
Unterbrechung der gewohnten stillen Thtigkeit. Die Tagesordnung ward verschoben
und begann noch frher als sonst, denn jeder mute die Nachmittagsstunden, die
an der Geselligkeit verloren gingen, einholen. Der Pastor arbeitete in der
Morgenfrhe an seinen Predigten, die er das ganze Jahr nicht mit so viel Eifer
und Frsorge verfate als jetzt, wo des Sonntags einige arge Weltkinder unter
seinen Zuhrern saen, in deren Herzen das Licht religiser Humanitt zu
entznden sein heiliges Bemhen war. In der That hatte er wenigstens den Erfolg,
da Herr und Frau von Dren, die behaupteten, die Kirchenluft sonst nicht
vertragen zu knnen, ihm gestanden, da seine gtige Art, die ethischen Lehren
der Bibel zu erklren, sie wirklich fessele, ja ergreife. Der kleine, stille
Mann lchelte dazu, im Leben durfte er sonst nicht viel sagen, hatte auch keine
Neigung dafr; aber auf der Kanzel konnte seine Frau nicht dreinreden - da
konnte sie seine Milde nicht mit apokalyptischen Dunkelheiten aufmischen.
    Die Pastorin verdoppelte in dieser Zeit ihre ohnehin zhe Arbeitskraft, da
Severina berhaupt nur morgens und abends noch in der Pfarre gesehen wurde,
sonst aber auf Fannys Befehl im Schlo blieb; sie arbeitete der Magd alles noch
einmal nach, was diese schon mit besten Krften gethan, sie nhte und strickte
und flickte Kleider und Sachen, die alle htten bis zum Herbst liegen knnen, da
niemand ihrer bentigte; aber es war ihr Bedrfnis, ja, ihre Wollust, mittags
abgearbeitet, auer Atem, ber die Lasten ihres Daseins klagen zu knnen; doch
in der tiefsten Arbeitsraserei fand sie immer noch eine Minute,
hinaufzuschleichen und bei Magnus einzutreten.
    Dieser fuhr dann unwillig und in seiner besten Arbeitsstimmung gestrt, mit
dem Kopf in die Hhe und fragte barsch, was es gbe. Sie wolle nur nachsehen, ob
er auch ein Glschen Wein oder ein Brtchen wolle, ob er auch nicht zu viel
arbeite, ob er die Rouleaux herabgelassen, damit ihm die Sonne nicht auf das
Papier scheine, was seinen kurzsichtigen Augen nicht zutrglich. Magnus seufzte
tief, zwang sich zur Geduld mit dieser qulenden Mutterliebe und dankte mit den
liebevollsten Worten, die er finden konnte, fr ihre Bemhung.
    Aber auch am Nachmittag, in Fannys Kreis, verfolgte ihn die Aufsicht der
Mutter, eine Aufsicht, die ebenso sehr Eifersucht wie Sorge war.
    An khlen Abenden machte es Magnus wtend, die Mahnung zu hren - vor so
viel jungen Damen - er solle den Rockkragen hoch schlagen. An heien
Nachmittagen rief die Mutter ihn aus dem Sonnenschein hinweg, in dem er auf dem
Rasen mit den Damen Crocket oder dergleichen spielte; bei Tisch lie sie ihn,
der immer mglichst weit von ihr weg sa, durch den Diener bitten, keinen
Gurkensalat zu essen.
    Ging er mit einer der Damen allein, konnte er sicher sein, da seine Mutter
ihm nachkam, zumal, wenn diese Dame etwa die lustige Frau von Dren oder
Adrienne war; der erstern traute sie zu, da sie ihr Magnus verfhren mchte,
die zweite war ihr ganz und gar unsympathisch. Eine Frau, die in der Abwesenheit
ihres Mannes tanzt, anstatt in Werken des Kirchendienstes den Panzer zu suchen
gegen die Anfechtungen der Welt - entsetzlich! Aber das sah Fanny hnlich,
dergleichen zu dulden. Nie, selbst gegen ihren Gatten nicht, wagte die Pastorin
ein Wort ber Fanny, aber in ihrem Herzen, ganz heimlich gestand sie sich, da
Fanny keineswegs so vollkommen sei, als jedermann sie pries; es war unleugbar
ihre, der Pastorin, Pflicht als Mutter, Magnus gegen diese weltlichen Einflsse
zu schtzen.
    Wenn Fanny diese kleinen Scenen beobachtete, in denen die ungemigte
Mutterliebe den jungen Gelehrten qulte, wechselte sie wohl mit dem seufzenden
Magnus einen Blick.
    Ja, sagte Magnus einmal, leicht ist die Bue nicht, die ich fr meinen
Leichtsinn trage.
    Sie wird auch nicht ewig dauern, trstete Fanny, das sehe ich wohl ein,
blieben Sie lange beisammen, verlren Sie die kindliche Geduld mit den Schwchen
Ihrer Mutter.
    Es ist ein bichen zu viel Liebe, die sie mir schenkt, klagte Magnus.
    Euch Mnnern ist der Grad einer Frauenliebe nie recht, er ist euch immer zu
niedrig oder zu hoch, scherzte Fanny.
    Frulein von Grvenitz kam zu diesem Gesprch, das Thema, welches Fanny mit
ihrer Aeuerung anschlug, war zu interessant fr das Frulein, als da sie es
nicht htte noch mit Magnus fortspinnen sollen, nachdem Fanny von der eben im
Saal erscheinenden Grfin angerufen worden war.
    Frulein von Grvenitz, die heute eine gelbe Bluse und einen weien Rock
trug, lehnte in malerischer Pose am Flgel, faltete ihre weien Hnde auf der
glnzenden Ebenholzplatte desselben und neigte ihr Haupt mit der Goldspange.
    Ach, sagte sie, wie klingt es absonderlich in Fannys Mund, das hohe, das
eine Wort; in ihrem Herzen, dem vielbegehrten, haben die Mnner gewi immer nur
den geringsten Grad von Liebe gefunden, sie ist nicht geschaffen, einem Glck zu
geben, sie geht in der Allgemeinheit auf - vor lauter Humanitt kann sie keinen
Mann lieben, wenn ich dagegen das tiefinnerliche Duldergemt meiner Adrienne
ansehe! Welch ein Schatz von Empfindungen! Wie viel Feuer verbirgt diese sanfte
Melancholie!
    Warum mir das? dachte Magnus, etwas beunruhigt, denn er war sich wohl
bewut, Adrienne ein wenig sondirt zu haben, das heit, in allerlei Gesprchen
ber philosophische Sentenzen und poetische Konflikte erforscht zu haben, ob sie
in ihrer Ehe unglcklich und auf der Suche nach jemand sei, der sie dafr
entschdigen solle.
    Und zu denken, fuhr das Frulein schwrmerisch fort, da diese zarte
Frauenblume am Rande eines Gletschers vegetiren mu!
    Die Pastorin zeigte sich in der Thr.
    Still, flsterte Lucy sich selbst zu, denn nur sie hatte gesprochen, Ihre
Mutter! Aber in Ihren Augen lese ich, da Sie noch gern mehr gehrt htten,
suchen Sie heute nachmittag die Gelegenheit, es drngt mich, offen gegen Sie zu
sein.
    Magnus hatte ein wenig Herzklopfen, das Frulein wollte ihn so heimlich und
wichtig sprechen? Sie war Adriennens Freundin? Was wollten die Frauen von ihm?
Er dachte nach, ob er sich irgendwie in Blick und Ton zu weit vorgewagt und ob
er nun eine Strafpredigt empfangen solle. Nein, zu einer Zurckweisung hatte er
keine Veranlassung gegeben, er wute bei alledem, was er Frau von Herebrecht
schuldig war.
    Eine begreifliche Neugier qulte ihn und veranlate ihn, an diesem Tage mehr
als sonst Adriennens Nhe zu suchen.
    Man hatte eine Ruderpartie beschlossen, die im Abendschein beginnen und beim
Mondesleuchten endigen sollte. Der selten schne Frhherbst lud ein, noch alle
Reize zu genieen, die er in diesem Jahr verschwenderisch bot.
    Paarweise ging man durch den Park zum Stromufer hinab. Magnus hatte Adrienne
den Arm geboten; seit einer Viertelstunde suchte seine Mutter, die mit Tai ganz
zuletzt ging, ihn einmal anzurufen. Der Graf, der wie alle ihre Schwche kannte
und in den Aeuerungen derselben sie zu stren ein Vergngen fand, lie sie
nicht dazu kommen, bis sie endlich ausrief, sie msse Magnus etwas von hchster
Wichtigkeit mitteilen.
    Magnus - Magnus!
    Unwillig schaute er zurck, trat aus der Reihe und berlie Tai, der
herzueilte, den Arm seiner Dame.
    Was willst Du, Mutter?
    Ich bitte Dich, Magnus - was hast Du nur den ganzen Tag mit der
langweiligen Frau?
    Also das war die Wichtigkeit, die Du mir mitzuteilen hattest? rief er mit
kaum unterdrckter Heftigkeit; Du erniedrigst mich vor der ganzen Gesellschaft
zum Schulbuben, Mutter, das ertrgt kein Mann! Du siehst, da auch andere Mnner
sich den Damen gesellen - soll mir denn verwehrt sein, was der einfachste Brauch
ist? Soll ich etwa wie ein Junge von drei Jahren immer nur Deinen Kleiderzipfel
fassen?
    Ich kann die Frau nicht leiden! sagte die Pastorin ebenso heftig.
    Natrlich - anstatt vernnftiger Grnde eine persnliche Abneigung als
Motiv des Verbotes - das ist rechte Weiberart, sprach er bitter. Welcher von
den Damen zu huldigen erlaubst Du mir denn?
    Seinen Hohn bemerkte sie gar nicht, sondern antwortete eifrig:
    Von den anwesenden keiner, sie sind allzumal Snderinnen und mangeln des
Ruhms, den ...
    Nun ist's genug, fiel Magnus ihr in die Rede; die Frau existirt berhaupt
nicht, der Du meine Aufmerksamkeit gnntest! Du reizest mich so lange, bis ich
Dir einmal aus purem Trotz eine Schwiegertochter zufhre, vor der Du Dich
bekreuzigst.
    Magnus, Magnus! flehte sie angstvoll hinter ihm her, aber er ging sehr
rasch, um die Gesellschaft wieder einzuholen, die Pastorin gab es auf und
schlich betrbt hinterdrein.
    In der allerhchsten und trotzigsten Erregung, in welcher Magnus sich
befand, schlug er nun erst recht einen Ton feuriger Huldigung Adrienne gegenber
an. Wahrhaftig, er bedauerte aufrichtig, da sie verheiratet sei, sonst htte er
sie, ohne darber nachzudenken, ob er sie liebe oder nicht, sofort um ihre Hand
gebeten, nur um seiner Mutter zu beweisen, da ein Weib einen Mann in gewissen
Dingen nicht bevormunden darf, und sei's gleich die eigene, sonst wahrhaft
verehrte Mutter.
    Adrienne war im strksten Grade dadurch beunruhigt, sie sah mehreremale ihre
Freundin hilfesuchend an, Lucy Grvenitz drckte ihr dann verstndnisinnig die
Hand, die drei waren natrlich in dasselbe Boot geraten, in welchem auer ihnen
noch Graf Tai, Frau von Dren und Severina saen, auch Joachim wollte mit
einsteigen, allein Fanny berief ihn zu sich in das andere Boot. Magnus' Eltern
blieben zurck, sie hatten die Herrschaften nur bis an das Ufer begleitet.
    Frulein von Grvenitz brannte auf den Augenblick, wo sie Magnus werde
unbeachtet sprechen knnen; sie, die sonst den Mondaufgang laut angeseufzt haben
wrde, hatte heute keine Augen fr die Zauber der Beleuchtung, die schnell vom
violetten Dmmerschein zur schwarzen Nacht berging; ja, als dann der rote
Vollmond aufging, als zge eine unsichtbare Hand eine glhende Kupferscheibe in
die Hhe, auch da bemerkte die Dame nur tiefsinnig:
    Was sind alle Wunder der Natur gegen die Rtsel einer Menschenbrust?
    Als man endlich wieder landete und Adrienne erleichtert aufatmete, da sie
von dem nahen Beieinander mit Magnus erlst sei, hielt es Lucy nicht mehr, sie
ergriff Magnus' Arm, zog ihn frmlich mit sich fort und schlug einen andern Weg
mit ihm ein, als den die brigen whlten.
    Mein Freund, begann sie mit bewegter Stimme, Sie sind erregt, darf ich
ahnen, weshalb?
    Magnus fhlte eine innere Wut in sich aufsteigen; wenn die Frauenzimmer doch
die Indiskretion lassen wollten, sich mit seinen Gefhlen zu beschftigen! Erst
seine Mutter - nun dieses altjungferliche Frulein mit dem keuschen
Augenniederschlag - zum Henker auch - es schien, als sei Adrienne von Drachen
bewacht, seinetwegen von einem ganzen Dutzend; wenn das bichen Courmacherei ihm
zu einem Kardinalverbrechen angerechnet werden sollte, mochte Frau von
Herebrecht ihrem Gatten nur gleich nachreisen, dahin, wo der Pfeffer wchst, so
sehr ihn die arme, kleine, tyrannisirte Frau auch dauerte.
    Da Magnus auf die innige Frage nur etwas Unverstndliches murmelte, fuhr das
Frulein fort:
    Teurer Magnus - Sie gestatten in dieser vertrauten Stunde die Anrede -
teurer Freund, migen Sie Ihre Verzweiflung, Sie sind geliebt, ich wei es! Und
schon aus schwierigeren Verhltnissen ist die Blume eines wahren Glcks
erblht.
    Ich - ich - bin geliebt? stotterte Magnus, von einer unheimlichen Furcht
befallen, da am Ende Lucy selbst ...
    Ja - von ihr - der zarten, holden Adrienne.
    Frulein Lucy stand im Mondenschein still, hob die dunklen Schwrmeraugen
zum Himmel und reichte beide Hnde dem fassungslosen Magnus.
    Dem war, als sei er verrckt geworden, er war geliebt - von Adrienne - und
sie lie es ihm sagen? Natrlich - von selbst, aus eigenem Sinn htte er das nie
zu fassen gewagt. Wie - so war sie doch eine schne, trostbedrftige Snderin?
Er verlor den Kopf, welcher junge Mensch an seiner Stelle htte das nicht
gethan?
    Geben Sie ihr das Glck, das sie in ihrer Ehe nicht finden kann - nie
finden wird, sagte Lucy, seine Hnde drckend, in allem Kampf werde ich mit
flammendem Schwert euch zur Seite stehen!
    Was wute Magnus davon, da es fr Frulein Lucy ein Bedrfnis war, wenn sie
nicht selbst etwas erleben konnte - was ja unter den Augen ihres Schwagers ein
fr allemal ausgeschlossen - wenigstens einen Roman fr andere einzufdeln und,
als Zuschauer teilnehmend, Kmpfe, Leid, Thrnen, Wonne mit zu genieen; er
hatte Lucy und Adrienne im vertraulichsten Verkehr gesehen und durfte es
glauben, wenn die eine ihm sagte, da die andere ihn liebe.
    O - ich - mir schwindelt! stotterte Magnus.
    Fassung, mein Freund, Fassung! mahnte Lucy milde.
    Stumm schritten sie weiter unter der Leitung des Fruleins, die ihm nur dann
und wann die Hand drckte und brigens wieder dem Hauptweg zustrebte.
    Dort fanden sie aber nicht mehr die Gesellschaft, die, durch keinerlei
romantische Zwiegesprche aufgehalten, dem Schlosse zugeeilt war, wo jeder in
seinem Zimmer noch Gewand und Hnde von den etwaigen Spuren der Kahnfahrt
befreite. Wenigstens waren Terrasse und Saal vollkommen menschenleer.
    Lucy trennte sich von Magnus, dieser ging, noch vollkommen betubt, unter
den Linden einigemale auf und ab, sein Auge suchte Adriennens Fenster, die Thr
aus ihrem Wohngemach nach dem Balkon stand auf, es war oben Licht.
    Ein toller Gedanke fate ihn. Wie, wenn sie wte, da Lucy ihm heute abend
von ihrer Liebe gesprochen - wenn sie nun wartete auf die Antwort, die er darauf
zu geben habe? Der Rausch in ihm stieg.
    Zum Unglck hrte er irgendwo aus dem Dunkel die Stimme seiner Mutter
Magnus, Magnus! rufen, wie auf der Flucht rannte er ins Haus, die Treppe
hinauf und klopfte an Adriennens Thr. Niemand war ihm begegnet. Adrienne, die
glaubte, da Lucy komme, rief herein.
    Magnus kam ber die Schwelle und zog die Thr hinter sich zu.
    Adrienne sa in einem der tiefen, hochlehnigen dunkelblauen Sthle, der
Schein der Lampe fiel voll auf ihr Gesicht, durch die offene Balkonthr und aus
der gleichfalls geffneten Thr des Schlafzimmers ghnte Dunkelheit.
    Sekundenlang starrten sich beide fassungslos an, dann kam der Mann nher,
nicht wie ein jubelnder Sieger, sondern wie ein Besinnungsloser.
    Er stand vor Adrienne, die wie gelhmt seinem unbegreiflichen Erscheinen und
Beginnen zusah; er nahm ihre Hand und murmelte:
    Ist es wahr, ist es wahr? Dann setzte er sich auf die Lehne des Stuhles,
neigte sein Gesicht auf ihr Haar und flsterte: Wie verdien' ich das?
    Adrienne schauderte, bog sich zur Seite und fragte mhsam:
    Was - was - beginnen Sie - wie kommen Sie hieher?
    Ich - ich wei nicht ... ich wollte ... und dann kniete er pltzlich neben
ihr und sah ihr trunken in die Augen, der Kneifer war ihm entfallen und sein
braunes Auge, ohne den Schutz des Glases, hatte einen zudringlichen Blick, der
verwirrte wie der Anblick von etwas Nacktem - Liebe heischen und Liebe geben.
    Sie sprang empor, ein Schrei blieb ihr in der Kehle stecken, sie streckte
beide Arme abwehrend aus, ihre Augen wurden unnatrlich gro, sie sahen in das
Medusenantlitz der Snde.
    Ein Chaos von Gedanken wirbelte in ihrem Kopf auf; alles, was sie damals in
der unglcklichen Zeit ihrer Einsamkeit in fieberdunstigen Bchern von der
Sigkeit der Snde gelesen, ward in ihr wach, alles, was sie von dem Fluch der
Snde ihr frheres Leben lang gehrt und gedacht, erhob sich drohend vor ihr.
    Zugleich fhlte sie dieselbe Spannung des Herzens, dieselbe aus Furcht und
Stolz gemischte Unruhe, die sie damals empfunden, als Arnold ihr sagte, da er
sie liebe.
    Der grte Reichtum aller Lebensempfindungen berwltigt die Frau, wenn sie
hrt, da sie geliebt wird, dieser Augenblick erhebt sie zur Knigin der
Schpfung und reicht ihr immer wieder die Krone der Jungfrulichkeit zurck.
    Adrienne zitterte, aber sie stie den Mann zurck, der, nicht wissend, was
er that, aufs neue in sie eindrang.
    Er sprach zu ihr. Was? Sie wuten es beide spter nicht mehr.
    Sie hatte ihr Angesicht mit den Hnden bedeckt und hrte nicht und dachte
nicht, aber sie fhlte - fhlte die teuflische Neugier, zu wissen, wie die Snde
schmecke.
    Und ob das Leben, das graue, nchterne, nachher wohl reichern Inhalt habe.
    Bleischwer legte es sich auf ihre Seele, da die Erkenntnis, einmal
gewonnen, nicht mit dem Preis des ganzen Daseins wieder rckgngig gemacht
werden knne. Und dann kam wieder das schreckliche Gelst ... sie war ihr so
bequem nahe, die reizende Zauberin, die Tausenden und Abertausenden das Leben
zum bunten, schimmernden Fest machte, sie brauchte blo die Hand auszustrecken
und die Schleier zu heben.
    O, die Neugier, die brennende, dmonische Neugier.
    Adrienne! beschwor Magnus' Stimme; Lucy hat es mir ja verraten - sonst
htte ich nie den Mut gefunden.
    Adrienne stand entgeistert, sie fhlte ihr Schicksal auf ihren Lippen, ein
Wort, und es wrde entschieden sein; ihr war's, als habe sich ihre Seele von
ihrem Krper getrennt, ihre Seele floh den Versucher und wute, da sie sprechen
wollte und sprechen mute: Hinweg! Aber daneben ging in seltsamem
Doppelbewutsein die Gewiheit, da ihre Lippen, wenn die stummen sich
erschlssen, dem flehenden Mann Gewhr sprechen wrden.
    Adrienne! flsterte er, sich an ihrer uern Marmorruhe immer toller
erhitzend.
    Da bewegten sich ihre Lippen, da wollte das Flsterwort des Verderbens laut
werden, und da regte sich's nebenan. Ein lallender Ton - wie ihn Kinder im
Schlaf ausstoen ...
    Adrienne schrie auf.
    Mein Kind - Arnold!
    Und mit der Pltzlichkeit, die dem Sprung einer Tigerin glich, strzte sie
auf das Kinderbett zu.
    Sie zerrte es heraus, das kleine, schlaftrunkene Wesen, sie trug es zum
Licht, legte es in den Stuhl, wo sie selbst vorhin gesessen, kniete vor ihm
nieder und las mit gierigen Augen in dem kleinen Gesicht.
    Sie sah nicht, da Magnus erst wie betubt stand, dann erwachend,
vernichtet, reuevoll sich neben sie drngte und ihres Kindes kleine, warme Hand
kte, da er dann fast taumelnd hinausfloh.
    Sie tastete an dem Krper ihres Kindes, ob es auch wirklich sei, sie fuhr
mit ihren Fingern ber die rundlichen Wangen. Was sie nie gesehen, offenbarte
sich ihr pltzlich, Arnolds Zge wiederholten sich in jedem Zug dieses kleinen
Gesichtes. Und zum erstenmal seit seinem Abschied stieg, einer jhen Flamme
gleich, riesengro der Wunsch in ihr auf, ihn hier zu haben, jetzt, in diesem
Augenblick, seine Verzeihung zu erlangen und von ihm zu hren, da er sie liebe.
    O, welche unbeschreibliche Wohlthat mte das sein, und ihm dann auch sagen
zu drfen: Arnold, ich liebe Dich!
    Ihre Lippen sprachen nach, was ihre Brust fast zersprengte. Das nie gesagte,
das von Arnold vergebens ersehnte, hrten jetzt die stillen Wnde:
    Arnold, ich liebe Dich!
    Und sie erschrak ber sich, als htte sie Irrsinniges gethan, sah bang das
Kind an, und mit einemmale lste sich die brennende Unruhe in einem
unermelichen Thrnenstrom. Sie legte ihr Haupt neben dem Kind auf das Polster
und weinte und weinte eine ungemessene Zeit.
    Und diese Thrnen flossen als unberbrckbarer Strom zwischen ihrem frhern
und ihrem neuen Sein.
    Adrienne! rief eine Stimme - eine tiefe, wohllautende Stimme.
    Adrienne sprang auf und warf sich an Fannys Brust, wieder kam ihr Fanny als
Erlserin.
    Was hast Du? fragte Fanny tief besorgt; sie hatte die junge Frau unten
vermit und kam, sie zu suchen.
    O, wre Arnold hier! klagte Adrienne weinend.
    Dieser Wunsch macht mich glcklich, ich hre ihn zum erstenmal! sprach
Fanny.
    Die Weinende drckte sich fester an sie.
    Ist irgend etwas vorgegangen, das Dich zur Erkenntnis fhrte, er sei Dein
Stab und Deine Sttze? fragte Fanny weiter.
    Strkeres Weinen war die Antwort.
    Pltzlich erinnerte sich Fanny, da unten Magnus aller Welt durch seine
Leichenblsse aufgefallen war, aber Fragen nach seinem Befinden mit erzwungener
Heiterkeit abwehrte. Und hatten nicht die Grvenitz, Magnus und Adrienne immer
zusammengesteckt?
    Kaum entstand der Verdacht, da die Erregung Adriennens von dieser Seite
angefacht sei, so hatte Fanny schon einen Entschlu gefat, der armen jungen
Frau in der Krisis beizustehen, ohne sie durch zudringliche Fragen zu beschmen.
    Nun, Herzchen, sagte sie im leichtesten Ton, beruhige Dich; das beste
Mittel gegen Heimweh ist dies: schreibe Deinem Mann einen langen, langen Brief
und schtte ihm Dein Herz aus, er liebt Dich so sehr - freilich, er sagt es
nicht - aber Du weit es ja doch; schreibe ihm und bleibe heute abend oben.
    Fanny wute doch immer das rechte Wort zu sagen. Dankbar, in Liebe zu ihr
aufwallend, umarmte Adrienne die Schwgerin.
    Fanny ging sehr ernst und langsam hinunter, trat dann aber vllig wie sonst
in den Saal ein und sagte, da Frau von Herebrecht nicht wohl sei; spter nahm
sie Magnus beiseite.
    Apropos, Magnus, Sie erinnern sich doch, da Sie sich mir sozusagen mit
Leib und Seele verkauft haben?
    Magnus wute nicht, was er von diesem Scherz denken sollte, denn er zitterte
seit dem Augenblick, wo Fanny zu Adrienne gegangen war.
    Allerdings, sagte er, mhsam ebenfalls einen scherzenden Ton findend, ich
bin Ihr Schuldgefangener; der Turm, in den Sie mich sperrten, ist weit genug,
aber heimliche Ketten sind doch darin. Wre nur erst der Augenblick da, wo ich
meine Arbeit vollendet und das Honorar habe, um den Schein aus Ihrer Hand zu
lsen.
    Was denken Sie, sprach Fanny, ihn lustig ansehend, wenn ich so wenig Wert
auf Ihre Gegenwart in Mittelbach lege, da ich Ihnen jetzt den Schein schenke
unter der Bedingung, da Sie morgen reisen? Unhflich - was? Aber ich meine,
hier haben Sie zu viel Abhaltung von der Arbeit.
    Hat Frau von Herebrecht meine Entfernung gewnscht? fuhr es Magnus heraus,
der Angstschwei stand ihm auf der Stirn.
    Also richtig! dachte Fanny. Adrienne? Nein, sagte sie unbefangen,
verwundert; was htte sie, die an allen meinen Freunden leider nur zu
teilnahmlos vorbergeht, an Ihrem Bleiben oder Reisen fr ein Interesse? Nun,
was denken Sie? Sie sind beleidigt, da ich Sie hier entbehrlich finde?
    Ich denke, sprach Magnus, aufatmend und Fanny voll in das kluge Gesicht
sehend, da Sie mit Menschen umherschieben wie ein Theaterdiener mit
Dekorationsstcken, aber Sie verstehen die Kunst, und es scheint, Sie haben
immer recht und wissen immer alles, wenn Sie es gleich nicht gestehen. Ich gehe,
wohin ich soll, ich nehme meinen Schuldschein zurck, wenn Sie es so wollen, das
sind, ich wei es, fr Sie kleinliche Nebensachen; machen Sie meinen Eltern
meine Reise und die Notwendigkeit dazu klar. Und ich habe ein Neidwort fr Sie -
es mchte ein weniger Aufrichtiger in einen Segenswunsch zum Abschied kleiden:
Sie sind so klug und klar fr andere, beneidenswerte Frau, und haben fr sich
selbst kein Klugsein ntig, bleibe Ihnen das!
    Fanny fhlte sich durch seine letzten Worte sehr bewegt und konnte sich das
nicht erklren.
    Adrienne aber sa und schrieb bis tief in die Nacht hinein einen Brief an
ihren Gatten, und dabei erging es ihr seltsam. Arnold, der ernste Mann, der sie
allezeit mit seinen vernnftigen Worten geplagt, verschwand vor ihr wie ein
Schatten, die pltzlich geborene Sehnsucht hatte ihr in unbestimmten Umrissen
einen Mann vorgezaubert, der so gtig war, alles zu verstehen, und so stark,
alles zu verzeihen, und so liebevoll, ihr ganzes, begehrliches, ungesttigtes
Herz zu fllen. Das Bedrfnis ihrer Seele, in dieser Stunde der Gefahr ganz in
einer andern, vollkommenen Seele aufzugehen, um sich blind zu machen gegen
Neugier und Versuchung, dies Bedrfnis war der Schpfer ihrer jh erwachten
Liebe zum fernen Gatten.
    Ein Gefhl, so trgerisch und haltlos wie ein Irrlicht und dennoch ein Licht
in der Nacht.
    So war alles, was sie schrieb und was aus ihrem Innern sich unwiderstehlich
herausdrngte, eigentlich nicht an Arnold gerichtet, es war ein Selbstgesprch
oder eine Phantasie an ein Trugbild.
    Und doch, wenn die Fieberspannung dieser Stunden gewichen sein wird und die
Bltter mit den heien Gestndnissen hinfliegen ber den Ozean, dann wird als
Erinnerung das Bewutsein bleiben, wie die Aussprache zu ihm alle Not beendigte,
und das Flackerfeuer der pltzlichen Liebessehnsucht wird doch tief im Herzen
Funken zurcklassen, und mlich, mlich wird sich daran die wahre,
unauslschliche Flamme echter Liebe entznden.
    Denn der jungen Frau ist es ergangen wie dem Unglubigen, der in der Stunde
der Todesnot zu Gott betet: seitdem wei er, da bei ihm und in ihm aller Trost
ist, und er sucht ihn nachher von freien Stcken.

                                Neuntes Kapitel


So glcklich Fanny durch die Gegenwart ihrer Gste gewesen, fhlte sie zu ihrer
eigenen Verwunderung dennoch eine erhhte Freude, als in den ersten Oktobertagen
ihr Haus wieder leer war.
    Auch die Einladung der Grfin Tai, wie immer den Monat November auf der
Taiburg zu verleben, lehnte Fanny ab. Erst als der Graf ihr vorstellte, da es
doch seit manchem Jahr bei ihnen Sitte gewesen sei, Fannys und ihrer Cousine,
der Grfin, Geburtstage, die auf dasselbe Datum, den 20. November, fielen,
zusammen zu feiern, erst da versprach sie, fr drei Tage zu kommen. Natrlich
hrte Lanzenau dies mit dem grten Unbehagen, denn fr ihn, der ebenfalls seit
Jahren der regelmige Novembergast des Grafen war, blieb ein Ablehnen
unmglich, wollte er sich nicht lcherlich machen, oder Fanny nicht
kompromittiren. Und zu seiner noch greren Verstimmung erhielt Joachim von
Herebrecht nur eine Einladung fr dieselben drei Tage, an denen auch Fanny nach
der Taiburg kommen wollte.
    Er sann und sann, wie er seinen Aufenthalt dort abkrzen knne, ohne
auffllig zu werden, und fand endlich, da Fanny alle ihre Bekannten zu einer
groen Jagd einladen msse, da der Wildstand berhandnehme und den Rbenfeldern
Schaden bringe. Fanny lie sich arglos bereden, und ehe die grfliche Familie
abreiste, war bestimmt worden, da alsbald nach dem doppelten Geburtstagsfest
alle Gste aus der Taiburg fr zwei Tage nach Mittelbach bersiedeln sollten,
um eine Treibjagd abzuhalten. Fannys Haus wrde zwar nicht ausreichen, um alle
zu beherbergen, allein eine Anzahl von Kavalieren konnte ganz gut im nahen
Dreisa bei Lanzenau wohnen. Nach dieser Jagd war es selbstverstndlich, da der
Baron dann nicht erst wieder nach Taiburg zurckkehrte.
    Also das Haus war fr jetzt von Gsten leer. Man konnte sich fr den Winter
rsten. Der groe Saal ward zugeschlossen, die Terrasse sah kahl aus, die Kbel
mit den Lorbeer- und Orangenbumen standen im Warmhause, das sich hinter den
Scheunen im Nutzgarten befand. Der Flgel war in das eine von den drei Zimmern
geschoben, die jetzt bewohnt wurden und davon das eine neben dem Saal parkwrts,
das andere an der Seitenwand des Hauses, das dritte vorn, dem Hofe zu, belegen
war. Die Rume gingen ineinander, das vordere Gemach diente zum Speisen, das
mittlere der Musik, und in dem Zimmer, von wo das Auge ber den sturmdurchtosten
Park schweifen konnte, versammelte Fanny am liebsten ihre Freunde um sich.
    Die Lese- und Malstunden hatten ihr zu sehr gefallen, um sie jetzt
aufzugeben, wo die Winterruhe in Feld und Haus ihr viel mehr freie Zeit lie.
Magnus, der treffliche Recitator, war nach der Residenz bersiedelt, zum groen
Jammer der Pastorin, die steif und fest glaubte, er habe sich ihrer Bevormundung
entziehen wollen und sich deshalb hinter Fanny gesteckt. Fanny lie sie bei
diesem heilsamen Glauben, in der Hoffnung, sie werde sich knftig
zusammennehmen; denn alles, was Magnus je an Leichtfertigkeit beging, hatte
stets seine tiefsten Wurzelfasern im Trotz gegen das ewige Bewachen, Ermahnen
und Befehlen.
    Es galt, einen Ersatz fr Magnus zu finden. Lanzenau als Vorleser zu denken,
war lcherlich, auch pflegte dieser der Mittagsruhe, wenn man lesen hren
wollte, und just diese Stunde mute es sein, weil Fanny das Licht zum Malen
brauchte. Joachim sagte, wenn er vorlesen solle, wrde er vorziehen,
auszuwandern. So mute Severina denn lesen, und es ging sehr gut.
    Jeden Mittag sah das groe, helle Zimmer das gleiche Bild zwischen seinen
Wnden. Fanny sa, mit einer enormen Schrze und Malrmeln umkleidet, eifrig vor
ihrer Staffelei, die an dem einen Fenster stand. Am andern sa ihr Opfer, wie
er sich nannte, Joachim, und hielt nie still.
    Adrienne und Severina saen in Joachims Nhe an einem Tischchen, erstere
machte Handarbeit. Und wie frher Magnus fr Adrienne gelesen, so las jetzt
Severina fr Joachim.
    Diese Gelegenheit, ihm die glhendsten Gestndnisse zu machen, ward ihre
Lehrmeisterin; sie las oft mit solchem Schwunge, mit so tiefinnerster Erregung,
da Fanny den Pinsel ruhen lie und fortgerissen zuhrte. Die melodische Stimme
tnte durch den Raum, in dem auch alles bereitet schien, einer weihevollen, der
Poesie gewidmeten Stunde den rechten Rahmen zu geben. Reichtum und Verstndnis
hatten ihn mit einer gewissen, zurckhaltenden Pracht geschmckt. Die
reichgefllten Blumentische, in denen Frhlingsblumen unter Fcherpalmen
blhten, fgten der Pracht die Anmut hinzu.
    Lanzenau meinte einmal im Scherz, Fanny sei da unvorsichtig und zettle etwas
an, wofr sie dann die Verantwortung trage. Das Hineinlesen in die Herzen sei
seit Francesca und Paolo da Rimini eine bekannte Form des Verliebens, und wenn
Severina und Joachim sich verliebten, msse Fanny als die Veranstalterin auch
fr das weitere sorgen. Dabei hatte er Fanny scharf angesehen. Aber sie sagte
mit der grten Ruhe:
    Ach - Unsinn! Joachim mu eine reiche Frau und Severina einen reichen Mann
haben. Joachim ist ja viel zu vernnftig und sie auch - dergleichen fllt ihnen
nicht ein.
    Es fiel nmlich Fanny nicht ein, an solche Mglichkeit zu denken. Die
Aeuerung glitt an ihrer Ahnungslosigkeit so ab, da sie nicht einmal bei der
nchsten Vorlesung mehr daran dachte.
    Joachim fhlte sich ungeheuer wohl bei der Sache. So dazusitzen und
ungefhrdet, durch das Medium irgend eines Poeten, sich von Severina in allen
Tonarten sagen zu lassen, da er unendlich geliebt sei, und das in Gegenwart der
beiden anderen Frauen hatte jedenfalls einen pikanten Reiz. Und das konnte noch
eine gute Weile so fortgehen, denn Fanny traf immer und immer nicht die Zge, in
denen sie mit der grten Vertiefung las. Wenn Joachim nicht zugegen war, schien
es ihr, als wisse sie sein Gesicht auswendig, und wenn er dann so vor ihr sa,
entdeckte sie jeden Tag etwas Neues in seinen Zgen, und jeder Zug erschien ihr
von vollkommener Schnheit.
    Das erste Portrt ward von allen fr so unendlich geschmeichelt und deshalb
nicht ganz hnlich erklrt, da sie ein zweites sogleich begann.
    So endete der Oktober und Lanzenau rstete sich mit schwerem Herzen zur
Fahrt nach der Taiburg. Freilich, verndert hatte sich hier nichts, Fanny war
noch ebenso unbefangen, fast naiv in den Aeuerungen ihres Wohlgefallens fr
Joachim, und diesen hatte er mehr wie einmal bei Zeichen heimlichen
Einverstndnisses mit Severina ertappt. Auch verhieen seine Bemhungen, fr
Joachim eine auskmmliche Stellung zu finden, Erfolg. Er hatte durch den Grafen
Tai erfahren, da die grflich Itzelburgischen Gter wahrscheinlich in
Administration kommen wrden, weil der Graf - ein einstiger Regimentskamerad
Lanzenaus bei den Gardes du Corps, wo beide bis zum Premier dienten - pltzlich
verstorben sei, die Erben aber erst in zehn Jahren majorenn wrden. Lanzenau
knpfte sofort die lngst erkalteten oder eingeschlafenen Beziehungen zu der
Familie des Verstorbenen wieder an und war gewillt, im Notfall selbst nach
Pommern zu reisen, um an Ort und Stelle fr seinen Schtzling zu wirken. Wenn
Joachim die Administration bekam, konnte er alsbald heiraten und sah sich bei
vernnftiger Wirtschaft nach zehn Jahren im Besitz eines Kapitals, welches ihm
gestattete, dann eine Pachtung anzufassen.
    Trotz all dieser Grnde zur Ruhe war Lanzenau dennoch von dumpfen Ahnungen
erfllt und reiste mit einem so sichtlichen Schmerz ab, da Fanny fast peinlich
davon berhrt wurde.
    Sie stand noch eine Weile in dem Beischlag vor ihrem Hause und schaute
seinem davonrollenden Wagen nach, dann ging sie lange im Park spazieren, eng in
das groe weie Wolltuch gewickelt, das sie um die Schultern geschlagen, als sie
Lanzenau an den Wagen begleitete. Ihre Fuspitzen stieen raschelnd die feuchten
gelben Bltter empor, sie ging, wie Kinder wohl im welken Laube gehen - das
Aufwhlen des melancholischen Herbstniederschlages gab ihr eine Beschftigung,
bei der sich gut nachdenken lie.
    Nachdenken? Worber? Ueber den neuen Umstand, da ihr Lanzenaus Abreise fast
eine Erleichterung schien? Welch ein Unrecht gegen den Treuen und wie
unbegrndet auch! Denn sein Benehmen gegen sie wa doch dasselbe gewesen, wie in
all den vielen, vielen Jahren, wo ihr seine unermdliche Freundschaft Wrme und
Inhalt in das einsame Leben getragen. Was hatte sich denn verndert? Fanny
fhlte ganz, da auch in ihrem Herzen die dankbare Anhnglichkeit fr den Freund
ihrer Jugend, den Genossen ihrer Irrtmer und ihrer als recht erkannten
Lebensaufgaben, unvermindert fortlebte, ja, um einen Ton wrmer geworden war
durch eine Art Mitleidsgefhl - und doch eine Vernderung?
    Durch die kahlen Baumwipfel sauste der Novemberwind. Sonnenstrahlen, gelb
und blank wie Messingglanz und so ohne Wrme, lagen auf dem braunfeuchten
Blattgehuf zu Fannys Fen und lieen darin bluliche Tinten aufschimmern. Auf
dem grnen, von welkem Laub berfleckten Rasen standen da und dort kleine
Holzksten - sie bargen die empfindlichen Coniferen gegen den Winterfrost. Wie
unlustig das aussah, und in der Pappel dort sa es schwarz voll und hob sich
jetzt wie ein auseinander flatterndes, vom Winde getragenes Laken in die Luft:
ein Schwarm Krhen, der gegen den hellblauen Himmel flog.
    Fanny fror; sie kehrte eilig zurck. Nahe dem Hause berflog ein helles
Freudenrot ihr Gesicht. Am Fenster stand Joachim mit seinem kleinen Neffen, den
er sich auf die linke Schulter gesetzt. Der Kleine schlug mit den Patschhndchen
gegen die Scheiben, da es bumste, Joachim lachte und nickte.
    Wie schnell war Fanny drinnen!
    Aber nun mu er fort, sagte Joachim, denn gleich nach Fannys Eintritt
meldete der Diener, da das zweite Frhstck servirt sei.
    Unser Kind - Fanny und Joachim nannten den Kleinen immer unser Kind -
kann hier bleiben, bestimmte Fanny.
    Er ist zu lebhaft, und wenn er schreit ... sagte Adrienne bedenklich.
    Was schadet's - Lanzenau ist ja fort, wir sind unter uns, sprach Fanny
heiter.
    Sie dachte nicht daran, da dieses unter uns Lanzenau, mit dem sie viele
Jahre gelebt, als Fremden von einer Gemeinsamkeit ausschlo, in der sie sich
erst seit wenig Monaten mit Adrienne und Joachim befand. Wre ihr selbst oder
den beiden das aufgefallen, wrde sie sich wahrscheinlich mit der Erklrung
geholfen haben, da ja Adrienne und Joachim ihre Verwandten seien.
    Fr jetzt freuten sie sich harmlos, da sie einmal den Kleinen selbst
fttern durften. Natrlich zerschlug er eine Tasse und sein Kleidchen wurde mit
Eigelb betrpfelt. Aber sie hatten noch nie so vergngt gefrhstckt wie heute.
Lanzenau freilich, der konnte den Kinderlrm nicht ertragen.
    Nach dem Frhstck kam Severina zum Vorlesen. Magnus hatte neue Bcher
geschickt, neue fr diese Gesellschaft, die, wie so viele Leser, das Neueste
kannten, aber die Perlen unbeachtet lieen, die schon vor einem halben oder gar
ganzen Menschenalter von Berufenen dem Volk geschenkt waren.
    Severina begann heute Ginevra und Lanzelot von Hertz vorzulesen.
    Das hohe Lied der Leidenschaft htte von keinen heieren Lippen vorgetragen
werden knnen. Severina verga sich und die Welt, sie las nicht mehr fr den
einen Geliebten. Die Naturgewalt der Liebe erstand vor ihr als etwas so
Uebermchtiges, da sie sich und ihre friedliche, stillglhende Neigung verga
und vor der Gottheit erbebte. So vergessen wir ob gewaltiger Naturereignisse die
Erschtterungen eigenen Seins, so erscheint unser Leben nichts gegen die
Ewigkeit. Das eine Kleine geht im Groen auf.
    Sie saen alle und lauschten atemlos. Fannys Augen hingen gro und leuchtend
an Severinas Lippen; Adrienne hatte die Hand ber ihre Augen gelegt; selbst
Joachim fhlte sich von dem Gedicht ergriffen. Die ritterlich khne und doch so
sndige Leidenschaft Lanzelots fr Ginevra, das Weib seines Knigs, entflammte
ihn zum Mitgefhl; er sah Ginevra, das glhende, schne, an den alten Artus
vermhlte Weib, vor sich - sie mute ausgesehen haben wie Fanny. So hoch, so
frauenhaft, so milde und das blonde Haupt so frei und kniglich. Severina las
von Mordreds Warnung, von des Knigs scheinbarer Jagdfahrt, von der
Zusammenkunft, die Ginevra und Lanzelot fr diesen Fall verabreden und zu dem
eine rote Rose das glckverheiende Zeichen sein soll. Sie las von dieser wilden
Nacht.
    Und dann heischte die Stunde fr heute ein Ende. Sie bedauerten es alle und
fanden lange noch nicht den heiteren Ton wieder. Fieberhei hatte sich ihnen das
Nachempfinden in die Adern gegossen.
    Freilich riefen die kleinen Obliegenheiten des Tages den einen an diese, den
andern an jene Beschftigung und das nahm allmlich der Erregung das persnlich
Ergreifende. Aber als Severina gegen Abend schied, ward sie ermahnt, ja andern
Tags recht zeitig zu kommen.
    Joachim brachte sie nach Haus. Das hatte sich so als Brauch eingeschlichen,
seit die Abende frh das Land deckten. Sie gingen immer auf einem Umweg.
Seltsamerweise war ihnen das Glck dabei so gnstig, da noch niemand sie dabei
ertappte. Joachim drckte Severinas Arm zrtlich an sich und sagte:
    Wie Du heute schn gelesen hast! - Wenn mir das jemand prophezeit htte,
da ich noch einmal ganz spiebrgerlich und gebildet beim Vorlesen zuhren
wrde wie ein Pensionsmdchen in der Literaturstunde! In meinen anderen
Stellungen bin ich in den Muestunden in die benachbarten Garnisonen geritten
oder habe mit dem Gutsherrn Billard gespielt, gejagt oder dergleichen.
    Ist es nicht hbscher so? fragte Severina.
    Freilich - weil Du dabei bist. Und wenn man so von all den verrckten
Menschen hrt, die die Liebe so tragisch nehmen und sich und anderen das Leben
damit sauer machen, freut man sich der eigenen, modernen Vernnftigkeit, sagte
Joachim behaglich.
    Die ganze Vernnftigkeit, die Du manchmal in diesem Punkt an Dir rhmst,
bemerkte Severina mit einem zrtlichen Lcheln, ist weiter nichts als Dein
ruhiges Glcksgefhl. Wenn Du frher zu lieben glaubtest, fandest Du fast immer
Entgegenkommen; stellte es sich dann heraus, da es blo eine beiderseitige
Tuschung gewesen war, trstetest Du Dich aus dieser Erkenntnis sehr schnell.

Die Liebe liebt das Wandern,
Gott hat sie so gemacht,
Von einer zu der andern,
Fein's Liebchen, gute Nacht!

sang Joachim halblaut.
    Und jetzt, fuhr Severina eifrig fort, wo Du zum erstenmal wirklich
liebst, mich, findest Du grenzenlose Gegenliebe. Du hast also gar keine
Gelegenheit zur Unvernunft! Aber das ist gewi, da auch ein stilles Glck, ein
vernnftiges Glck durch einen Querstrich ins bermenschlich Traurige umschlagen
kann. Wenn ich Dir untreu wrde, Du ertrgst es nicht. Und ich - ich strbe,
wenn Du mich verrietest.
    Sie hing leidenschaftlich an ihm.
    Aber, Kindchen, sagte er mimutig, Du weit, ich kann die berspannten
Redensarten nicht leiden. Ob ich Dir treu bleibe - Du mir - wer kann's
beschwren? Aber wir wollen es hoffen. Wenn wir erst verheiratet sind, macht
sich das von selbst.
    Severina zitterte. O, ber seinen leichten Ton! Aber gewi, es war nur der
Ton.
    Lanzenau sagt mir, erzhlte Joachim, da er Aussichten fr mich hat. In
drei Wochen kann es sich entscheiden. Dann soll Fanny aber die erste sein, die
es erfhrt, vor ihr schme ich mich der Heimlichkeit am meisten. Wie sie sich
wohl freut, sie ist so teilnehmend. Weit Du, bei der Geschichte mute ich immer
denken, da Ginevra gewi ebenso ausgesehen hat wie Fanny - es ist so das
heldenhafte Genre.
    Nein, bei all ihrer Schnheit finde ich dafr Fanny nicht ideal genug. Sie
ist viel zu klug und energisch, als da man sie sich als Type fr eine Ginevra
denken knnte.
    Sie sprachen noch einige Augenblicke von Fanny voll Anhnglichkeit und
Verehrung, wie sie immer thaten, und dann schieden sie. Joachim ging in der
angenehmsten Stimmung denselben Weg zurck. Dieser fhrte ihn durch den
Nutzgarten, im Warmhause sah er Licht. Der Grtner war dort, der die Oefen
zuschraubte und die Thren verschlo. Joachim trat ein. Der Schein der
Stalllaterne, die der Mann an den Ast eines Orangenbaumes gehngt hatte, lag
ungewi auf dem glnzenden Dunkelgrn der Lorbeeren und Orangen. Auf den Borden
an der schrg aufsteigenden, von Eisenstben durchkreuzten Glaswand stand Topf
an Topf Rosen, Kamelien und der keimende Frhlingsflor der Hyazinthen und
Maiblumen. Von dort her leuchteten zwei helle Rosenblten, der Stolz des
Grtners, der seiner Herrin gestern noch die so knstlich gezeitigten Knospen
gezeigt. Ohne Bedenken ging Joachim darauf zu und schnitt sie mit seinem
Taschenmesser ab. Er lachte den entsetzten Grtner aus und versicherte, da es
der Rosen wrdiger sei, im Zimmer der Herrin zu welken, als hier still zu
blhen.
    Ich wollte ihr morgen den Topf in den Blumentisch stellen, klagte der
Mann.
    Es sind noch fnf Knospen daran, gute Nacht! Pfeifend ging Joachim dem
Hause zu und trat in das Speisezimmer. Die Frauen waren nicht anwesend. Er legte
auf ihre Servietten je eine Rose und wartete.
    Fanny und Adrienne, als sie erschienen, freuten sich des Blumengrues sehr.
Da er nur durch einen Raub in Fannys Gewchshaus ermglicht war, nahm ihm
nichts von seinem Reiz. Man setzte sich heiter zusammen, Fanny befestigte die La
france-Rose in ihrem Knopfloch. Die Lampe brannte auf dem Tisch, rings war die
totenhafte Stille eines lndlichen Winterabends.
    Das Glcksgefhl, welches Fanny den ganzen Tag darber gehabt, da sie unter
sich seien, steigerte sich beinahe bis zum jubelnden Uebermut. Die Dienerschaft
auf Mittelbach hatte noch nie ein so vergngtes Lachen aus den Zimmern der
Herrschaft gehrt. Joachim spielte sich gewaltig als alleinigen Beschtzer und
Hausherrn auf, und das stand ihm reizend. Endlich setzte er sich an den Flgel
und sang und sang, als wollte er sein ganzes Herz ausschtten: all die
ungemessene Jugendlust, alle Liebesfreude, alles Ahnen tieferen Empfindens, das
er in Gedanken gern von sich wies, alles strmte er in Liedern aus. Bunt ging es
durch einander, Lustiges und Trauriges.
    Aber die Musik ist eine eigene Zauberin. Mit Schmeichelei fngt sie die
Seelen und fat sie dann mit ihrem Pathos. Der Uebermut entschlpfte unversehens
so dem Snger wie den Hrern, und Joachim reihte Lied an Lied von Schumann,
Brahms und Jensen.
    Und als er, sich selbst berauschend am Text und der Melodie, das Lied von
Jensen gesungen:

Lehn deine Wang' an meine Wang',
Dann flieen die Thrnen zusammen!
Und an mein Herz drck fest dein Herz,
Dann schlagen zusammen die Flammen.

Und wenn in die groe Flamme fliet,
Der Strom von unsern Thrnen,
Und wenn dich mein Arm gewaltig umschliet -
Sterb' ich vor Liebessehnen!

Da erschauerte Fanny. Die ganze Menschenohnmacht, die mit den heiesten Wnschen
vergebens strebt, ein vollkommen gesttigtes Glck zu genieen oder
auszudrcken, spricht sich in diesem Liede aus. Es ist der Notschrei des
Titanen, der Gttlichstes empfindet und verlangt und nie ganz auskosten kann.
    Als der letzte Ton verhallte, sagte sie mit bleichen Wangen:
    Heute nichts mehr!
    Joachim fhlte, da er so gut gesungen habe wie noch nie und da er mit
seinem Gesang Fanny erschtterte. Es freute ihn sehr, da er, der sich ihr
gegenber stets als unbedeutender junger Mensch fhlte, doch etwas knne, das
ihr eine Stunde ausflle.
    Auch Adrienne war tief ergriffen und verlie das Zimmer sogleich. Die
anderen sollten sie nicht weinen sehen - sie wrden erraten haben, da Adrienne
von einem unbestimmten Heimweh erfat sei. Von Heimweh? - nach ihrer sonnenlosen
grauen Stube in Kiel, oder nach dem Klang einer ruhigen, ernsten Stimme, in
welcher doch ein Ton mitbebte, der Joachims Sang so hnlich war?
    Fanny und Joachim blieben aber nicht mehr beisammen, whrend er den Flgel
schlo und die Noten ordnete, sagte sie ihm gute Nacht. Aber er lief in heiterer
Galanterie voraus, um ihr die Thr zu ffnen. Whrend sie an ihm vorbei schritt,
entfiel ihr die Rose. Er nahm sie auf und deklamirte in einer unwillkrlichen
Gedankenverbindung:

Ginevra, im Vorberwallen,
Lie eine rote Rose fallen.

Fanny lachte, lie ihm die Rose und ging in ihr Zimmer. Die Erregungen des Tages
bebten in ihr nach und lieen sie lange nicht schlafen.
    Lanzenaus Abreise, das schne Gedicht von Ginevra und Lanzelot, Joachims
Gesang - alles kam zurck und forderte seinen Teil abschlieender Betrachtung.
Und zuletzt hafteten ihre Gedanken auch bei Joachims Citat, als ihr die Rose
entfiel.

Ginevra, im Vorberwallen,
Lie eine rote Rose fallen.

Ja, das that Ginevra - als Zeichen, da der Geliebte in der Nacht kommen drfe.
Wie unbedacht, wie leichtsinnig, ja wie unpassend war es von Joachim gewesen,
das zu citiren. Aber natrlich, das waren in jenem Augenblick nur Worte ohne
Sinn gewesen, und er hatte gar nicht daran gedacht, welche Bedeutung sie im
Gedicht haben. Sie lchelte in ihre Kissen hinein.
    Wie reich doch jetzt die Tage waren! Neben der Arbeit und Aufsichtsfhrung
in Haus und Feld und Scheunen blieben genug Stunden, dem frohen Beisammensein
gewidmet. Was war doch frher in diesen Stunden geschehen? Fanny erinnerte sich
nicht. Es schien, als habe es frher gar keine Erholungsstunden gegeben.
    Das Licht flackerte auf und schreckte Fanny von den Grenzen des
Halbschlummers zurck. Sie erhob sich halb und lschte es, fiel zurck und
schlief ein.
    Ganz gegen ihre Gewohnheit trumte sie - buntes, sinnloses Zeug. Aber
endlich siegten die beiden Eindrcke, die heute am mchtigsten gewesen: Fanny
trumte, sie sei Ginevra und Lanzelot se zu ihren Fen und snge: Lehn deine
Wang' an meine Wang'. Ein unendliches Glcksgefhl berwltigte sie. Das Lied
aus seinem Mund, der flehende Liebesblick aus seinem Auge bezwang sie ohne
Widerstreben. Sie sank in die Arme, die sich ihr entgegen ffneten und vermhlte
sich dem geliebten Mann. Vom Uebermae der Wonne erschrak ihr Herz und in diesem
Schrecken erwachte sie.
    Lanzelot war im Traum eins mit Joachim gewesen. Sie begriff mit wachem
Geiste, da sie im Traum sich Joachim ergeben.
    Fanny erkannte, da ihr Leib und Seele in Liebe zu Joachim entbrannt seien.
    Sie barg ihr Angesicht im Kissen ihres Lagers und weinte. Sie fhlte, da in
dieser Stunde all ihr dunkles Glckssehnen, von dem sie einmal zum Freunde
gesprochen, zielbewut geworden. Sie fhlte, da ihr Leben in diesem Augenblick
einen neuen, einen einzigen Inhalt bekommen habe: Joachim!
    Und mit freudigem Stolz gestand sie sich, da alles, was sie zu geben habe,
des besten Mannes nicht unwert sei. Alles, was ihre unermdliche Kraft sich in
den vergangenen Jahren geschaffen, das arbeitsreiche, gesunde Leben, die
eigentmliche und so viel verehrte Herrscherstellung, die sie in der Gegend
einnahm, die treue Anhnglichkeit ihrer nchsten Untergebenen, der Reichtum, den
das Schicksal ihr in den Scho geschttet und den sie weise und wohlthtig
zugleich verwaltet, alles, alles hatte nun dadurch erst rechten Wert und
Bestimmung erhalten, da sie es dem geliebten Mann zu Fen legen konnte.
    Ein frommes Gebet entstieg ihrer Brust. Sie dankte Gott, da sie sich dieser
Stunde reinen Herzens freuen knne, da sie ihr Glck ohne Bangen empfangen
drfe, denn es treffe ihre Seele nicht im Uebermut, es habe sie gefunden nach
langen Jahren ehrlicher Selbstbezwingung.
    Und dann streckte sie sich wieder und lag ganz still. Nicht um zu schlafen -
nein, um in glcklichem Wachen an alles zu denken, was nun kommen knne, kommen
msse.
    Auch nicht von fern streifte ihre Seele die Furcht, da Joachim nicht ganz
dasselbe fhle wie sie. Mit der Erkenntnis, da sie ihn liebe, war wie ein
Himmelswunder die zweifelsfreieste Gewiheit in ihr Herz gekommen, da er schon
lange harre, das Glck aus ihrer Hand zu empfangen. O, und es sollte ihm werden,
reich und kniglich, wie nur sie es ihm geben konnte.

                                Zehntes Kapitel


Was sind die khnsten und seligsten Entschlsse der Nacht gegen die nchternen
Wirklichkeiten des Tages!
    Als Fanny am nchsten Morgen Joachim sah, zitterten ihr die Kniee, die
Stimme schien ihr versiegt, Flammenglut deckte ihr Antlitz. Aber er war
unbefangen heiter wie immer.
    Und unter der Dienerschaft des Hauses war groes Erstaunen: Frau Frster gab
verkehrte Befehle! Frau Frster verga oft, was sie vor einer Viertelstunde
angeordnet! Wenn man sie anredete, fuhr sie erschreckt auf! Und sie ritt allein
bei regnerischem Windwetter aus! Und die Pastorsleute waren neulich abgewiesen
worden - zum ersten, unerhrt Aufsehen erregenden mal - weil Frau Frster
Kopfweh habe! Was bedeutete das?
    Was bedeutet das? fragte sich auch Severina, als Fanny beim Vorlesen nicht
mehr malen konnte, berhaupt nicht mehr stillsitzen zu knnen schien. Was
bedeutete das, da Fanny sie nicht immer aufforderte: Komm morgen wieder! War
das Gedankenlosigkeit? Und warum dann diese Gedankenlosigkeit? Was beschftigte
sie so ganz? Oder wollte sie Severina nicht mehr so oft mit Joachim
zusammenkommen lassen? Hatte sie das heimliche Verlbnis entdeckt und billigte
es nicht? Aber dann entsprach es Fannys Art, dies offen zu sagen und Severina
sowie Joachim eine Vernunftrede zu halten. Was bedeutete das also?
    Mit dem Instinkt des liebenden Weibes, das im tiefsten Herzen wei, der
Geliebte sei kein Fels, sondern ein unergrndliches Meer mit vernderlichem
Wogenschlag, mit dem Instinkt, der sich an der Sorge schrft, fhlte Severina
pltzlich, da es bedeuten knne, Fanny liebe Joachim.
    Sie hatte nicht die Klugheit Lanzenaus, der sich gesagt, daran rhren,
heit Flammen schren; sie hatte die eiferschtige Todesangst ihrer Jugend und
ihres Temperaments.
    Joachim, sagte sie eines Tages, als sie sich in Adriennens Wohnzimmer
befanden, whrend die junge Frau nebenan das schreiende Kind besnftigte,
Joachim, merkst Du nicht, da Fanny ganz verndert ist?
    Wieso verndert?
    Nun, sie wird immer dunkelrot, wenn Du eintrittst.
    In diesem Augenblick kam Adrienne herein, holte aus einem Schrank ein
frisches Kleidchen und sprach dabei von den Schmerzen, die der arme Schelm von
den Zhnen habe.
    Whrenddessen standen die beiden mit pochendem Herzen am Fenster.
    Severina fhlte ihres bis zum Halse hinauf schlagen. Was wird Joachim
antworten? Hat er es auch schon bemerkt? Hat es Eindruck gemacht?
    Die Eifersucht, die immer ihre Schlge zurckfhrt gegen diejenigen, welche
sie auszuteilen meinen, hatte Severina zu einer frchterlichen Unvorsichtigkeit
fortgerissen, von deren Tragweite freilich in diesem Augenblick nichts zu spren
war.
    Kaum hatte Adrienne das Zimmer wieder verlassen, so wiederholte Severina
ihre Frage:
    Nun - hast Du nichts bemerkt?
    Joachim schwieg noch einen Herzschlag lang.
    Ach - Unsinn! sagte er dann mit einem fast rgerlichen Gesicht.
    Wenn man einen Funken vor sich niederfallen sieht, erschrickt man immer.
    Von dieser Stunde an bemerkte auch Joachim, da Fanny sich ganz verndert
habe. Die natrlichste Rckwirkung dieser Vernderung war, da Joachim etwas
Unfreies bekam. Wie sollte ihn die Frage nicht beschftigen, weshalb Fanny
zuweilen bei seinem Eintritt erglhte, und wie sollte das Grbeln darber ihn
nicht verhindern, mit Severina den alten Ton einer Zrtlichkeit anzuschlagen,
die alle Gedanken ausschlielich auf die Eine, Geliebte gerichtet gehalten.
    Mit steigender Unruhe bemerkte Severina eine ganz neue Zerstreutheit an ihm,
sah auch, da er beflissener um Fanny war als vordem. Anstatt die Neugier in
seiner jungen und ungefesteten Seele unberhrt zu lassen, - denn eine
natrliche, von Eitelkeit und von Verehrung fr Fanny gesteigerte Neugier war
es, die Joachim zunchst erfat hatte - anstatt also die unberhrt zu lassen,
beging sie die Thorheit, Joachim durch Vorwrfe und Fragen zu beunruhigen, ja,
ihn geradezu zu verstimmen. Es gab kleine Scenen zwischen den heimlich
Verlobten, die Joachim anfangs dadurch zu beendigen suchte, da er heftig
erklrte, wenn Fanny ihm denn ein wrmeres Interesse schenke, habe er nur
dankbar dafr zu sein und es durch erhhte Verehrung zu vergelten. Spter aber
ging er von der Heftigkeit, mit der er das Recht der Neigung und
ehrfurchtsvollen Gegenneigung zu beweisen suchte, zu der schroffen Behauptung
ber, alles bestnde nur in Severinas Einbildung, Fanny sei gar nicht verndert.
Und eben in dem Mae, wie diese Vernderung offenbarer wurde, bestritt er sie
mehr und mehr. Und Joachim, ohne sich dessen bewut zu sein, halb aus Trotz
gegen Severina, halb aus noch unerkanntem Verlangen, Fannys aufleuchtendes Auge
zu sehen, fing an, alle seine Zeit Fanny zu widmen, und das war im November so
ziemlich der ganze Tag.
    Fannys Wesen war in dieser Zeit von dem Sonnenschein eines unaussprechlichen
Glckes durchglht. Die Gewiheit, da sie geliebt werde, ward ihr nie
erschttert. Sie war zu sehr mit sich selbst beschftigt, um Severinas bleiche
Wangen und unruhige Augen zu bemerken.
    So kam der Tag heran, an dem Fanny und Joachim nach der Taiburg fahren
sollten. Ein Tag, an den Severina mit allen Qualen eines eiferschtigen Herzens
dachte, denn dann wrden Joachim und Fanny allein viele Stunden im Wagen
zusammensitzen, und Adrienne wollte durchaus nicht mit.
    Mir ist nicht nach Festen ums Herz. Wenn ich erst einen Brief von Arnold
habe, finde ich vielleicht die innere Freiheit, heiter zu sein. Lat mich still
bei meinem Kinde, bat sie, und dagegen etwas zu sagen, wre Fanny die letzte
gewesen.
    Severina mute fr die wenigen Nchte im Herrenhause schlafen; der Pastor
und seine Frau sollten am Tage bei den einsamen Frauen sein. So glaubte Fanny
alles auf das beste bestellt zu haben.
    Zwei Tage vor ihrer Abfahrt hllte sich die Welt in einen frhen
Winterschnee, der so andauernd und so dicht auf die leicht gefrorene Erde fiel,
da es offenbar ward, aus der Wagenreise wrde eine lustige Schlittenfahrt
werden. Das machte Fanny Spa.
    Es gibt eine lustige Fuhre, sagte sie, voran Achim und ich im Schlitten
mit den Juckern, hinterher der Kartoffelschlitten mit den Braunen als
Gepckdroschke.
    
    Joachim staunte ber den Riesenkoffer, den Fanny in den Flur schaffen lie.
    Soll alles, was da drin ist, in drei Tagen angezogen werden? fragte er.
    Natrlich, sagte Fanny, ich gehe darauf aus, mit einigen Gersonschen
Kleiderwundern Erfolg zu haben.
    Sie, die Einfache, nie Geputzte, hatte sich in die Mhe des Nachdenkens
gestrzt, was ihr am schnsten stnde. Severinas Hnde zitterten, als sie Fanny
beim Einpacken half, und ihr Herz klopfte, als sie jetzt Joachim darber
scherzen hrte. O, es war nur seinetwegen, nur um ihm zu gefallen.
    Und sie war wieder so verblendet, ihm das zu sagen, ihm daraus einen Vorwurf
zu machen - einen blinden, ungerechten Vorwurf. Die letzte, hastige Minute, die
ihnen ein Zufall zum unbeachteten Abschied gnnte, ward ihr und ihm dadurch
verbittert. Er fhlte Severinas Liebe gleich einer Tyrannei auf sich lasten, und
sie litt unter seiner Unfreundlichkeit in einem unbeschreiblichen Grade.
    Die ganze Hausbewohnerschaft, die Pastorsleute, Adrienne und Severina
standen im Flur und auf dem Beischlag, als die lustige Fuhre abging.
    Die Jucker, die Joachim selbst lenkte, trugen stolze schwarzweie
Rohaarbschel auf den nickenden Kpfen und eine schwarzwei gestreifte Decke,
die sich an den Schlitten schlo, in der Fahrt sich wie ein Segel blhte und die
Schlitteninsassen vor umherspritzender Erde oder aufgestiebtem Schnee
beschtzte.
    Joachim hatte eine Pelzmtze auf dem Blondhaar und einen mchtigen Pelz an.
Seine Hnde staken in pelzgeftterten Fahrhandschuhen. Fannys Gesicht guckte
gleichfalls aus dem hochgeschlagenen Kragen ihres Wagenpelzes; auf ihrem Kopf
sa ein Sealskinbaret. Sie sahen, als sie nun auch das Pantherfell ber ihre
Kniee gedeckt hatten, gerade aus, als wollten sie direkt nach Sibirien fahren.
    Trotzdem gab die Pastorin noch tausend Ratschlge und trotzdem lief Adrienne
noch nach einem Cognacflschchen. Severina hrte den lachenden Abschied mit
stummer Verzweiflung an. Wie diese unntzen Reden vom glcklichen Hinkommen,
vielmals Gren, nicht Erklten, keinen Wind schlucken, wie sie ihre Ungeduld
erregten! Wie gleichgiltig, wie alltglich, wie fade war das alles!
Unertrglich! Die eine Warnung, die einzige, rief ihnen niemand zu!
    Und alles andere war so verchtlich daneben. Da fuhren sie hin. Sie winkten
lachend zurck. Die Glckchen an den Rohaarbschen klingelten silbern. Die
Decke blhte sich. Da fuhren sie und hinterher glitt das hliche Lastgespann.
Es war, als ob zwei auf Nimmerwiederkehr auszgen und gleich ihren Hausrat
mitnhmen. Fort - da - und da - noch ein letztes Winken. Und Severinas Glck
fuhr auf gleitendem Schlitten, auf glatter Bahn in die Welt hinein. Kam es ihr
wieder? Sie ging mit stummen Lippen und in schweigender Qual, in der Einsamkeit
den Mut zur Hoffnung zu suchen.
    Wer kennt nicht die Schnheit der Welt, wenn sie in ppiger Sommerschwle
farbenprchtig ihre Reize enthllt? Wer kennt nicht die zarten Zauber der Natur,
wenn sie in der Frhlingsjugend ihre ersten grnen Schleier ber die Fluren
hinbreitet? Ueberall ist die Schnheit zu Hause: sie thront unter den Palmen
Siziliens und schaut aus glhenden Augen ber das blaue sdliche Meer; sie sitzt
auf den grauen Felsenschroffen der Alpen und sieht mit ehernem Antlitz zum nahen
Gewlk empor; sie wandelt mit stillen, freundlichen Blicken unter den
Buchenwldern des Nordens, am schilfbesumten Ufer langsam flieender Flsse
entlang. Aber nie ist sie so unbegreiflich, so geisterhaft schweigsam, als wenn
sie ber den unermelichen Schneegefilden der norddeutschen Ebene schwebt. Da
ist ihr Wesen Majestt, aber es ist nicht die stolze Majestt des Lebens, es ist
die erhabene der Ruhe.
    Weit und breit kein Farbenton als der silberweie. Selbst dort am Horizont
der Waldsaum, der sonst blulich schimmert, ist von frischen Schneelasten wei
beschttet. Die Knicke, welche die Landstrae einfassen, gleichen niedrigen
weien Mauern.
    Lautlos schlagen die raschen Pferdehufe auf die schneegepolsterte Strae,
lautlos gleiten die Schlitten in der Spur. Das lustige Klingkling der Glckchen
ist der einzige Ton, der laut wird. Der andere Schlitten, auf dem die Jungfer
bei den Koffern sitzt und mit dem Kutscher schwatzt, ist lngst zurckgeblieben.
    Jetzt nhern sie sich einem Dorf. Der Rauch wlkt sich weilich gegen den
blauen Himmel; die Schornsteine, denen er entsteigt, haben da, wo sie im Dache
wurzeln, einen kleinen dunklen Kreis um sich, den die Wrme in den Schnee
getaut. Der Schnee liegt locker, dick und wei auf den schrg abfallenden
Dchern; die der Strae zugewandten Huserseiten gucken mit ihren Fenstern aus
dem Schneerahmen wie alte Frauengesichter aus weien Tllmtzen. Aus den Pappeln
fliegen Raben auf. Ein Bauernwagen mit dampfenden Pferden zieht langsam vorbei.
Das eintnige Gerusch des Dreschflegels klingt aus einer Scheune und aus dem
Schulhause der plrrende Gesang der Kinder. Der Schulmeister, der zum Fenster
hinaussieht, grt - er hat die Mittelbacher erkannt.
    Vorber! Und wieder das weite, stumme, geisterhafte Land.
    Und Fanny und Joachim haben noch kein Wort zusammen gesprochen, kein
einziges. Ihr ist es lange nicht aufgefallen, und er hat geschwiegen in
Verlegenheit, was er sagen soll, wie er am besten den unbefangen lustigen Ton
trifft, der sonst zwischen ihnen blich ist. Dann ist ihr das Schweigen wie eine
se Bengstigung auf die Seele gefallen, und zuweilen hat sie mit schnellem
Auge das liebe Angesicht gestreift. Er hat den Blick gefhlt - jedesmal. Und das
Schweigen ist auch ihm immer beklemmender geworden. Er wei, er fhlt es, da
das Weib an seiner Seite ihn liebt. Dies Bewutsein klopft in seinen Pulsen,
schnrt ihm die Kehle zu - er wei, wenn er jetzt spricht, das Alltglichste,
das Einfachste, wird der Ton, sein Ton, ber den er keine Herrschaft mehr hat,
auch ihr seine Erregung verraten. Und von Minute zu Minute wird es schwerer, das
Schweigen zu brechen.
    In der hellen Einde ringsum sind sie so allein. Das Schweigen wird zur
Qual. Er wei, da er mit einem Blick, mit einem Wort ein Gestndnis hervorrufen
kann, und er hat nicht mehr die Kraft, dies zu wollen oder nicht zu wollen.
Alles ist aus seinen Gedanken wie gelscht, auer der Spannung, die ihn ganz
beherrscht: was wird geschehen, was wird das erste Wort sein, das Fanny spricht?
    Wer will ihn verdammen? Die Spannung wird unertrglich. Irgend etwas soll
und mu geschehen. Wenn er so noch drei Stunden neben der schnen Frau sitzen
soll, so nahe, da ihr Gewand seine Fe deckt, da ihr Ellenbogen zuweilen den
seinen streift, da ihr Parfm ihn umduftet, und immer dazu dies gewitterschwle
Schweigen, dann, so ist ihm, dann knnte er wahnsinnig werden.
    Er will ein Ende machen und lustig schwatzen, damit sie sieht, da er kein
solcher Narr ist, zu denken, eine Fanny knne ihm, dem Unbedeutenden, ihr Herz
geben. Sie soll meinen, da ihm so etwas im Traum nicht einfllt. Auch
durchzuckt es ihn flchtig, da er Severina das schuldig sei.
    Er wendet sich zu ihr. Sekundenlang bleibt ihm noch jeder Laut in der Kehle
stecken. Dann kommt eine leere Frage heraus, aber in zitterndem Ton.
    Sind Sie auch kalt, Fanny?
    Sie erhebt die Augen zu ihm und sieht ihn an. Seine Worte hat sie gar nicht
verstanden, aber der langsame, zrtlich eindringliche Tonfall seiner Stimme
macht, da ihr der Atem stockt. Sie lchelt mit feuchten Augen.
    Er schlingt die Zgel um den linken Arm, fhrt aus seinen riesigen
Handschuhen, sucht unter dem Pantherfell ihre Hand, streift auch dieser den
Handschuh ab und sagt, ihre kalten Finger zwischen seine warmen nehmend, mit
derselben bedeckten, unbeherrschten Stimme:
    Sie haben so kalte Hnde, Fanny.
    Ihre Finger zittern in den seinen. Ihr Auge sucht hilflos seinen Blick.
    Fanny ...
    Er stockt. Es wird dunkel vor seinen Augen; ihm ist, als ob alles Blut ihm
in die Pupillen trte.
    Fanny, was ist Ihnen? murmelt er.
    Sie schttelt den Kopf lchelnd, mit nassen Blicken und fat seine Hnde
fester.
    Haben Sie mich lieb, Fanny?
    Sie antwortet nichts. Aber sie neigt ihren Kopf gegen seine Schulter und
legt ihre Arme um seinen Hals.
    Dabei hat es an den Zgeln einen heftigen Ruck gegeben und die Pferde
stehen.
    Fanny! ruft er, die Welt vergessend.
    Er kt ihren Mund.
    Und da springt die Flamme aus ihrem Herzen hervor und sie sagt es ihm mit
tausend beredten Worten, wie sie ihn liebt, wie sie bereit ist, ihm alles zu
geben, ihre Gegenwart und ihre Zukunft.
    Das Gebude eines unfalichen Glcks steigt vor Joachim auf. Sein rasches
Blut wallt in heien Wnschen Fanny entgegen. Dankbarkeit, berwltigte
Eitelkeit vielleicht und seine berschumende Jugendkraft rauben ihm alle
Besinnung. Kein flchtigster Gedanke fhrt ihn jetzt zu Severina zurck. Er
glaubt, da alles, was er je empfand, ein Irrtum war und da der Inhalt dieser
Stunde die Wahrheit ist. -
    Unterdes kam der andere Schlitten der Herrschaft nach; das Luten der
Glckchen, deren auch die beiden Braunen trugen, schreckte die Glcklichen auf.
    Joachim ergriff die Zgel, Fanny schmiegte sich an ihn und weiter ging die
sausende Fahrt. Aber nicht mehr so schweigsam wie zuvor.
    Welche Thorheiten sind thricht genug, um von den Lippen verschmht zu
werden, die sich eben im Kssen gebt; welche Worte sind zu gro, um nicht von
Herzen gewhlt zu werden, die sich eben dem Glck erschlossen?! Fanny und
Joachim plauderten und lachten in dem Vollrausch ihrer neuen
Zusammengehrigkeit.
    Als sie endlich die Taiburg erblickten, sagte Fanny:
    Eins, Geliebter, verzeihe mir: da ich Dich nicht schon heute der ganzen
Gesellschaft als meinen knftigen Gatten vorstelle. Freilich, es wird mir
unmglich sein, mein Glck zu verbergen; mgen sie denken, was sie wollen. Aber
die Rcksicht auf Lanzenau verbietet mir, eine Verlobung zu verkndigen, die
einen herben Schmerz fr ihn bedeutet.
    In Joachims Gesicht ergo sich jh dunkle Rte. Lanzenau, der von seiner
Beziehung zu Severina wute - Severina - o Gott, wenn Fanny das erfuhr! Und wenn
Severina erfuhr - eine groe Angst beklemmte sein Herz.
    Was ist Dir? fragte Fanny angstvoll. Und einen ganz verkehrten Schlu auf
den Grund seiner sichtlichen Bestrzung machend, fuhr sie im Ton einer heiligen
Versicherung fort:
    Sei gewi, da Lanzenau niemals von mir die mindeste Hoffnung empfing, mich
je die Seine zu nennen. Wenn dies auch nur im entferntesten der Fall wre,
kannst Du sicher sein, mein Achim, da ich lieber auf alles Glck verzichtet
htte, ehe ich ihn durch einen Wortbruch gekrnkt haben wrde.
    Diese Worte vermehrten Joachims Verwirrung. Gewaltsam fate er sich und
sagte:
    Ich war von anderen Gedanken bestrzt. Spter will ich sie Dir vielleicht
gestehen. Aber wird Dir niemand Deine Wahl verargen? Fanny Frster und der
junge, unbedeutende, arme Schlucker, der Dir nichts bringt als seinen schnen
alten Namen! Und auch auf diesen legst Du kaum Wert, denn ich wei, Du schtzest
den Adel gering; man bot ihn Dir schon an und Du schlugst ihn ab.
    Ah, dachte Fanny, wieder in neuen Irrtum fallend, das war's, seine Armut
fiel ihm ein und da vielleicht gar Krmerseelen denken knnten ...
    Deshalb ging sie liebevoll auf seine Schlubemerkung ein, die er nur
gemacht, um irgend eine Ablenkung zu finden.
    Du irrst, mein Herz, sagte sie; ich schtze einen schnen alten Namen
sehr. Allein den modernen Adel finde ich abgeschmackt. Wenn sich heute jemand
auszeichnet durch wissenschaftliche oder knstlerische Thaten oder durch
Leistungen auf staatlichem, wirtschaftlichem oder humanem Gebiet, dann adelt ihn
diese Leistung mehr und hebt ihn stolzer aus der Masse des Volkes hervor, wie
jedes von oder jede Baronisirung knnte. Die Aristokratie der Thaten ist in der
Geschichte der Kulturvlker immer die allererste. Aber ich verachte deshalb den
alten Geburtsadel nicht; im Gegenteil finde ich es sehr schn, wenn einem von
Geburt her schon das Bewutsein berkommt: Mein Geschlecht war seit
Jahrhunderten gut erzogen, gut ernhrt.
    Die reine Darwinistin! warf Joachim scherzend dazwischen.
    Aber dasselbe Bewutsein kann sich in vornehmen Brgerfamilien entwickeln,
zumal wenn einzelne Glieder derselben sich in der vorhin erwhnten Weise
auszeichneten. In der Frsterschen Familie war es seit Generationen heimisch;
ich bin eine von Grvenitz, weit Du, allein ich habe immer das Gefhl gehabt,
da Fanny Frster ein Name sei, der ebenso - ja, ehrlich gesagt - imponirender
klnge als Fanny von Grvenitz.
    Du hast ihm den hchsten Glanz gegeben, sagte Joachim, ihre Hand drckend.
    Siehst Du, Dein Arnold denkt wie ich. Er begngt sich nicht mit dem
ererbten Namen Herebrecht, er will diesem neuen Glanz hinzufgen, sprach Fanny
weiter.
    Nur ich als Krautjunker von Profession, scherzte Joachim, mu so ruhig im
Dunkeln weiter wurzeln.
    O, rief Fanny erglhend, Du sollst sehen, was wir noch alles zusammen
Segensreiches wirken werden. Graf Tai ist in unserem ganzen Bezirk der
angesehenste, mchtigste und thtigste, auch erfolgreichste Landwirt und Patron;
er pflegte bisher zu scherzen, da ich allein seine Rivalin sei. Du und ich
zusammen mssen dasselbe, mssen mehr leisten als er. Sie sollen alle einmal
begreifen, da ich meinen zweiten Lebensgefhrten klug whlte. Ja, auch das
thrichte Herz kann klug whlen. Und dabei sah sie ihn stolz und voll Liebe an.
    Mag kommen, was will, dachte Joachim mit dem blinden Mute jemandes, der
sich in ein brennendes Haus gestrzt hat, so vieler Liebe gegenber bleibe ein
Felsen hart!
    Das letzte Gesprch hatte ihnen beiden wenigstens die uere Ruhe
zurckgegeben, als sie in den Hof der Taiburg einfuhren, sahen sie scheinbar
mit ihren gewhnlichen heiteren Gesichtern in die Welt.

                                 Elftes Kapitel


Die Taiburg war ein massiver alter Bau, der mit seinen beiden niedrigen, runden
Trmen, die den breiten Mittelbau flankirten, gewaltig aus dem flachen Lande
aufstieg. Er war in einer Zeit gebaut, da die brutale Kraft herrschte, moderne
Nachkommen des alten Geschlechtes hatten ihm mit groem Aufwand seinen
barbarischen Charakter erhalten. Doch blinkten jetzt aus der riesigen
Mittelfront, anstatt der einstigen Schiescharten und Luftklappen, zahlreiche
Fenster aus romanischer Bogenwlbung. Von den zackigen Zinnen der beiden
Zwingertrme wehten Fahnen; eine in den Landesfarben, die anderen mit dem
Taiwappen.
    Das Portal, an dem eine Anfahrt vorbeifhrte, befand sich im Mittelbau. Man
mute um einen Weiher herumfahren, der sich vor dem Schlo ausbreitete. Jetzt
deckte ihn eine dnne Eisschicht und die Gruppe der Trauerweiden, die an seiner
einen Seite stand, senkte ihre kahlen Zweige so tief herab, da einige davon im
Eise mit fest gefroren waren. Rechts und links schrnkten den Blick hohe Tannen
ein, die wie eine Mauer standen und ihre breiten, schneebeladenen Zweige bis zum
Boden niederlegten.
    Ein dsteres, majesttisches Bild in den Farben des Winters und des Todes.
    Schon als Fannys Schlitten den Halbkreis um den Weiher machte, erschienen im
Portal Gestalten. Ein Durcheinander von Stimmen empfing sie, ein Dutzend Hnde
streckten sich Fanny entgegen. Joachim fhlte sich jh aus der Zweiseligkeit
herausgerissen - nun stand er wieder daneben, als untergeordnete, jngere und
keinerlei ungewhnliche Aufmerksamkeit erfordernde Persnlichkeit.
    Der Gedanke durchfuhr ihn, wenn Fanny ihn jetzt als ihren knftigen Gatten
nannte - der herzliche, aber immerhin flchtige Hndedruck des Grafen wrde sich
schnell in die grte Beachtung verwandeln. Ein heimlicher Stolz schwellte sein
Herz. Fanny liebte ihn - hatte in Demut - in der natrlichen Demut des liebenden
Weibes vor dem Geliebten - zu ihm aufgesehen. Er durfte sich allen berlegen
fhlen.
    Lanzenau war mit einer an ihm ganz seltenen Beweglichkeit um Fanny bemht -
er war glcklich, sie unverndert, mit freiem Blick, mit liebevollem Lcheln zu
sehen. Ihm war's, als mte sie ganz verndert sein, wenn inzwischen sich etwas
ereignet htte - er verfiel in der Wiedersehensfreude in die thrichte Logik,
da, weil sie ihr selbes Lcheln habe, sie auch noch ihr unbefangenes Herz haben
msse.
    Graf Tai fhrte Fanny auf ihr Zimmer, wo die Grfin und Lucy von Grvenitz
ihrer warteten; Joachim sah sich von einem jungen Vetter des Grafen in Beschlag
gelegt. Die ganze Halle wimmelte von Menschen, es mochten gegen zwanzig Gste in
der Taiburg sein. Und die Halle, in deren Tiefe in einem Riesenkamin den ganzen
Tag Holzkltze flammten, diente allen wie den Gsten eines Hotels zum Rendezvous
und Geschftsplatz. Hier war der Briefkasten, hier traf man den Hausmeister,
wenn man von ihm etwas wollte, hier gingen die Herren rauchend auf und ab, wenn
das Wetter eine Promenade im Freien verbot, hier schkerten die jungen Damen
miteinander, wenn sie ihren Uebermut in Gegenwart der zarten Grfin oder der
alten Mutter des Grafen nicht genug auslassen konnten.
    Joachim bersah sogleich, da bei dem Hinundher von Menschen in diesem Hause
Fanny ihm so gut wie verloren sei. Nur mit einem einzigen Blick konnten sie sich
darber verstndigen - er sah, da auch Fanny unter dem Gedanken litt.
    In dem Turme rechts waren die Fremdenzimmer fr die Damen, in demjenigen
links fr die Herren. In den wenigen, aber gerumigen Gastzimmern, die im
Mittelbau noch neben den Schlafrumen der grflichen Familie brig waren, hatte
man die Ehepaare untergebracht. Diese, auf der Taiburg schon lange bliche
Einteilung rief alljhrlich einige wohlfeile Witze ber diese Scheidung und die
bekannte beim jngsten Gericht hervor, die auch Joachim hren und belachen
mute, als der Vetter ihn nach dem Zimmer brachte, wo er wohnen sollte.
    Dann unterhielt ihn der Vetter Heini, wie alle Welt diesen nannte, noch
von den jungen Damen, sagte ihm, da die beiden Comtessen Sieburg kalberig
seien, insbesondere Lulu mit den Sommersprossen und den wsserigen Augen,
whrend Fifi noch manchmal ein vernnftiges Wort rede; da Frulein von Meerheim
eine verteufelte Hexe sei, ein pikanter, kleiner, schwarzhaariger Mops, und da
... Joachim hrte noch allerlei Namen und noch allerlei Unterweisungen, dankte
aber seinem Schpfer, als Vetter Heini ging. Vetter Heini ging in seinen groen
englischen Schuhen - er trat natrlich mit den Hacken zuerst auf - und seinem
nachlssig eleganten Gang, die Hand in der Hosentasche, zu den jungen Damen
hinab, um ihnen zu sagen, da Herr von Herebrecht ein liebenswrdiger Mensch
scheine. Vetter Heini hatte einen steifen Halskragen von ungewhnlicher Hhe um,
trug einen weiseidenen Plastron, kurz geschorenes Haar und zwei
Landwehrstrippen - jene schreckliche Bartform, welche fr einen Gommeux
unerllich ist. In dieser Zustutzung, die er fr seine magere weiblonde
Erscheinung unwiderstehlich vorteilhaft glaubte, spielte er immer inmitten der
Damen den Unentbehrlichen, Vielgeliebten, aber philosophisch Abgehrteten. Er
hatte es fr seine Pflicht gehalten, Joachim das fhlen zu lassen.
    Joachim aber hatte nur die Strung empfunden. Eine rasende Ungeduld
bemchtigte sich seiner, als er allein war. Alles in ihm drngte zu Fanny hin.
Welch erbrmliches Dasein, dieses Leben in der Konvention der Gesellschaft! Ob
Fanny sich nicht auch nach ihm sehnte? Wenn sie doch htten weiter durch die
stillen Lande fahren knnen - so wie vorhin. Immer weiter und die Welt und alle
Erinnerungen vergessen und die se Gegenwart ganz, ganz auskosten. Nicht voraus
denken - nicht fragen: Was kommt morgen? Heute nur, heute die schnsten Augen
liebevoll auf sich ruhen fhlen, heute nur an dem gewhrenden Munde hngen.
    Wenn sie, anstatt nach der Taiburg zu den vielen Menschen, lieber nach
Berlin gefahren wren, dort im Gewhl unterzutauchen, und, einsam mitten im
Lrm, selige Tage verlebt htten? Warum war ihm der Gedanke nicht im Schlitten
gekommen? Fanny htte eingewilligt - sie hatte ja niemand von ihrem Kommen und
Gehen Rechenschaft zu geben.
    Diese Vorstellung ergriff ihn wie ein Fieber. Gewi, in dem ungestrten
Beisammensein htte er auch die Stunde und den Mut gefunden, ihr von Severina zu
beichten, und alles wre klar gewesen, ehe sie nach Mittelbach zurckkehrten.
Fanny htte entscheiden knnen, welcher von beiden er gehren solle. Nun duchte
er sich ein Opfer der Verhltnisse. Hier konnte er Fanny nichts beichten; hier
mute er froh sein, wenn sich berhaupt nur eine heimliche Stunde fr sie beide
fand.
    Pltzlich hrte er nebenan laut sprechen; es war Lanzenaus Stimme. Die Wnde
waren dnn, man hatte sie in dem groen Raum aufgefhrt, um kleine Gemcher aus
dem gewaltigen Turmrund zu schaffen.
    Fragen Sie, ob die gndige Frau mich empfangen will, hrte er Lanzenau
sagen.
    Joachim horchte gespannt. Nach einer ganzen Weile, die gengt haben mochte,
da ein Diener vom linken zum rechten Turm hin und her ging, trat jemand bei
Lanzenau ein und eine hfliche Domestikenstimme sagte:
    Die gndige Frau bedauert. Sie wnschen bis zum Djeuner zu ruhen.
    Ohne Zweifel, die Frage war an Fanny ergangen, die Antwort kam von ihr.
    Armer Lanzenau! Meinetwegen wirst Du nicht empfangen, dachte Joachim mit
unsglichem Triumphgefhl.
    War Frau Frster allein? fragte Lanzenau wieder.
    Nein, die Jungfer kramte im Schlafzimmer der Gndigen den Koffer aus und
Frulein von Grvenitz war bei Frau Frster im Salon.
    Es ist gut, Sie knnen gehen.
    Ah, dachte Joachim glcklich, man hat Fanny ein besseres Logis gegeben -
er sah sich in seinem einfachen Zimmer um - sie hat einen Salon, sie erteilt
dort Audienzen, man kann zu ihr gehen.
    Dabei fiel ihm ein, da er ihr Etui mit ihrem Brillantencollier in der
Brusttasche seines Pelzes hergebracht habe, weil Fanny es nie in ihrem Koffer zu
transportiren pflegte.
    Das werde ich ihr bringen, dachte er, es wird sich schon eine Zeit dazu
finden heute.
    Und in der That, sie fand sich.
    Vorerst aber wechselte Joachim seine Kleider und ging in die Halle hinab, wo
Vetter Heini ihn mit den jungen Damen bekannt machte. Vetter Heini war bisher
der Einzige gewesen; zu den Tanzfesten kamen von dem Nachbarstdtchen die
Offiziere des dort garnisonirenden Regiments, in den anderen Zeiten mute er
allein die jungen Mdchen unterhalten. Kein Wunder, da der Zuwachs an
Herrengesellschaft sehr willkommen war und Joachim von den ihm gnstigen
Umstnden Vorteil hatte. Als die Glocke in der Halle zum Frhstck lutete, war
er schon bon camarad mit allen, insbesondere aber mit der kleinen Meerheim, die
blo auf Joachim gewartet hatte, um den - heimlich von ihr zum Gatten
ausersehenen Heini - eiferschtig zu machen. Als Fanny die Treppe herab kam, sah
sie mit Vergngen, da Joachim mit der Jugend schon auf bestem Fu stand.
    Die Hausordnung in der Taiburg forderte, da alle Gste sich um halb zwei
zum gemeinsamen Frhstck versammelten. Nachher stand es in jedermanns Belieben,
seine Zeit bis zum Mittagessen um sechs Uhr zu verbringen, wie er wollte. Es war
heute von einer Schlittenfahrt die Rede, aber es schien, als sollten die jungen
Damen nur Herrn und Frau von Dren, sowie den Hausherrn dazu bereit finden.
Fanny und Joachim hatten ja von frh um acht Uhr bis um zwlf des Mittags im
Schlitten gesessen. Die Grfin und ihre Schwester muten fr den morgigen
Doppelgeburtstag viel vorbereiten. Die Herren zeigten keine Lust.
    Joachim bemerkte, da Lanzenau an Fanny die Bitte richtete, ihr dann vor
Tisch ein Stndchen zu schenken, aber Fanny sagte, da sie ganz schlferig von
der langen Schlittenfahrt sei. Lanzenau war davon sichtlich verstimmt, als er
nach dem Frhstck mit Joachim den Korridor entlang ging. Auch Joachim sagte,
da er schlafen wolle.
    Der Baron warf sich in seinem Zimmer auf die Chaiselongue, da es krachte.
Er deckte sich die Schlafdecke ber die Beine, wickelte dasjenige, in welchem
ihn die Ischias zuweilen plagte, besonders ein und nahm ein Buch. Aber die
hypochondrischen Plaudereien von Amyntor, an denen er sich sonst mit einer Art
grimmigem Behagen sttigte, konnten ihn heute nicht fassen. Von unten her klang
Pferdewiehern, Glckchenklang, Stimmenruf, dann lutete die kleine Reihe der
Schlitten davon. Die Gesellschaft hatte in der That ihren Plan ausgefhrt.
    Bald nachher ging nebenan die Thr. Lanzenau horchte: war jemand zu Joachim
gekommen, oder war dieser gegangen? Alles still! Wo konnte er hingegangen sein?
- Er hatte doch von Mdigkeit gesprochen.
    Lanzenau schrak zusammen. Zu Fanny? Ach, Unsinn! Zu Fanny, mit der er heute
viele Stunden im Schlitten gesessen, die er auf Mittelbach jeden Tag so oft und
so lange er gewollt sprechen konnte? Wohin denn? Schlielich - was ging es ihn
an?
    Lanzenau zndete sich eine Cigarrette an und las weiter. Es ging nicht, die
unbegreifliche Unruhe verzehrte ihn. Dann fiel ihm etwas ein. Natrlich - so war
es: der Rittmeister von Meerheim, der martialische Vater des pikanten,
schwarzhaarigen Mopses war ein fanatischer Skatspieler - der hatte sich ohne
Zweifel Heini und Joachim gepret und sie saen zu dritt in Heinis oder in des
Rittmeisters Zimmer.
    Eine Weile hielt Lanzenau das aus. Es dunkelte - alle Geister der Ungeduld
erhoben sich von neuem. Da kamen auch die Schlitten zurck; also mehr wie eine
Stunde war vergangen. Es wurde laut in den Korridoren, alle Welt ging, um
auszuruhen, oder sich zu Tisch anzukleiden.
    Durch die Thrspalte fiel Licht; ein leiser Schritt ging drauen vorbei: der
Diener hatte die Lampen in den Korridoren entzndet. In Lanzenaus Gemach war
jene tiefe Dmmerung, die vom Schnee drauen einen letzten trgerischen grauen
Schein borgt, ehe sie zur schwarzen Nacht versinkt. Wenn in Fannys Zimmer auch
diese Dunkelheit herrschte - wenn dort im Schatten zwei flsterten - zwei
Augenpaare sich nahe, ganz nahe anblitzten? ... Lanzenau fhlte, da ein kalter
Ohnmachtsschwei an seinem Krper hinab ging.
    Er ertrug es nicht mehr, er sprang auf. Die Glieder gehorchten der
jugendlichen Hitze des Kopfes nicht so leicht; ein Schmerzgefhl ri durch sein
Bein.
    Er ging nach Heinis Stube. Niemand rief: Herein! alles war still. Der
Rittmeister wohnte ein Stockwerk hher.
    Ah - schon auf der Treppe hrte Lanzenau die rauhe Stimme lachen und eine
andere dazu. Er klopfte an, trat ein; da sa der Rittmeister mit Heini beim
dampfenden Grog, den er wunderbarerweise zu allen Tageszeiten und zwischen allen
Getrnken vertrug. Der Rittmeister auf einem Ledersofa, die Ellenbogen auf dem
Tisch, die eine Hand an der riesigen pfeifenkopfartigen Cigarrenspitze, die
andere am grauen Schnauzbart. Heini ihm gegenber rittlings auf einem Rohrstuhl,
auf dessen Lehne er die Arme verschrnkte.
    Der Rittmeister hielt in seinem Bericht eines unglaublichen
Kriegserlebnisses inne und rief Lanzenau entgegen:
    Ein dritter Mann! Vous tes le bienvenu, monsieur le baron! Heini, die
Karten! Wollen Sie einen Grog, Lanzenau?
    Lanzenau war recht nach Grogtrinken und Skatspielen zu Mute. Aber wenn er's
auch abwies, mute er doch erst niedersitzen und wenigstens die Geschichte
hren, die der Rittmeister wieder von vorn anfing und die Vetter Heini heute zum
zehntenmal mit schallendem Gelchter belohnte, blo dem Mops zu liebe. Der
Rittmeister fhlte sich dadurch so angeregt, da er Lanzenau, als dieser dann
gehen wollte, noch am Rockknopf festhielt, damit der sich erst erzhlen lasse,
wie es mit der Reiterattake da und da gewesen.
    Wre nicht endlich Herr von Dren erschienen, um zu sehen, ob er sich hier
bei einem gemtlichen Skat von der Unterhaltung mit den Comtessen Sieburg
erholen knne, die im Schlitten zu fhren sein Los gewesen, so htte die
Erlsung fr Lanzenau nie geschlagen. Er ging wieder in den ersten Stock hinab,
durchschritt den endlosen Korridor und stand mit Herzklopfen vor Fannys Thr.
    Nur herein! rief Fanny, und als er schon auf der Schwelle stand: Alle
Welt gibt sich in meinem Zimmer Rendezvous.
    Fannys Zimmer war von einer groen Lampe sehr hell beleuchtet; die Herrin
sa auf dem Sofa, neben ihr Frau von Dren; die Grfin, Lucy und Joachim standen
am Tisch und betrachteten Adriennens Bild, welches Fanny der Grfin mitgebracht.
Also doch Joachim! Aber nicht allein, in der zahlreichsten Gesellschaft, ganz
wie es hier blich war, wo die Gste um diese Zeit sich wohl in dem Zimmer der
einen oder des andern einfanden. Lanzenau atmete auf.
    Ich bin ein Narr, sagte er sich, whrend seine Pulse sich rasch ebneten.
    Den Blick voll schwrmerischen Mitleids sah er nicht, den Lucy auf ihn
richtete, und wenn er ihn gesehen, htte er ihn sich kaum zu deuten gewut. Und
die Deutung war doch diese: als Lucy vor einer Viertelstunde das Zimmer
betreten, nach ihrer zerstreuten Art ohne anzuklopfen, mute es ihr klar werden,
da sie strend und berraschend kam. Fanny war ihr strmisch um den Hals
gefallen und hatte sie gebeten, zu schweigen, hatte ihr gesagt, da aus
bekannten Rcksichten sie noch der Gesellschaft ihre Verlobung mit Joachim
nicht mitteilen knne.
    Lucy war entzckt, ein romantisches Geheimnis zu wissen, bedang sich aus,
nachher erzhlen zu drfen, da sie die Vertraute gewesen, und fand es besonders
interessant bei dieser Liebe, da Fanny lter sei als Joachim.
    So hatte Joachim denn auch fr seine Liebe zu Fanny einen Mitwisser, wie
Lanzenau die zu Severina kannte. Das hmmerte ihm in den Schlfen und machte ihn
ganz ratlos.
    Gleich nach Lucy traten dann die Grfin und Frau von Dren ein und halfen
unbewut, ein harmloses Bild zu stellen, das fr heute wieder Lanzenaus tiefe
Sorge bertubte.
    Bei Tische wurde viel geflstert und gekichert. Die Jugend sollte am Abend
rasch ein Festspiel einstudiren, das Lucy zu Ehren ihrer Schwester und Fannys
gedichtet. Dies Festspiel pate zwar nicht mehr auf die Situation, denn es
stellte Fanny als selbstherrliches, freies, die Liebe und Mannesknechtschaft
verschmhendes Weib in Gegensatz mit der zarten, liebenden Grfin, die als
Gattin und Mutter ihren Wirkungskreis begrenze; hiebei fiel auf Fanny alle
Glorie und auf die Grfin nur einiges notgedrungene Lob. Aber einstudirt mute
es werden und die Vernderung war - so trstete sich Lucy - ja niemand weiter
bekannt. Joachim mute mitwirken.
    So kam es, da die lteren Glieder der Gesellschaft sich diesen Abend von
der Jugend absonderten und in ruhigen Gesprchen um den Theetisch saen. Fanny
zeigte sich seltsam zerstreut, und wie Lanzenau ihr so gegenber sie prfend
betrachtete, fiel es ihm auf, da sie doch - doch verndert sei. War es
inzwischen geschehen, oder war's ihm heute frh entgangen?
    Das Licht eines groen, geheimnisvollen Glcks strahlte aus ihren
trumerischen Augen, diesen Augen, die sonst durch ihren raschen, gesammelten
Blick gebietend wirkten. Und um ihren Mund lag ein Zug - ein nie gesehener,
unerklrlicher.
    Die Thr vom Salon der Grfin nach dem groen Saal stand auf. Die junge Welt
erschien dort, begngte sich aber, herein zu nicken und etablirte sich um den
groen runden Tisch unter dem Kronleuchter zu irgend einem Spiel.
    Fanny fhlte es wie einen Schmerz, da Joachim zwischen den jungen Mdchen
blieb. Aber natrlich - wie konnte er anders, er mute thun, was Vetter Heini
that. Und wie lustig er mit der kleinen Meerheim war und schon so vertraut.
    Auch die anderen richteten ihre Beobachtungen auf das Bild, welches sich im
Rahmen der Thr anmutig genug bot.
    Der junge Herebrecht ist ein selten liebenswrdiger Mensch, sagte Graf
Tai, insbesondere die Herzen der jungen Damen scheinen ihm nur so zuzufliegen.
Ina Meerheim ist ja ganz aus dem Huschen.
    Natrlich, sprach Lanzenau, whrend er sein Augenglas einklemmte, um auch
seinerseits hinzusehen, natrlich, dieser auerordentliche junge Mann reitet
wie der Teufel, schiet wie ein Freischtz und tanzt wie ein Lieutenant -
erhabene Eigenschaften genug, um alle Weiber verrckt zu machen.
    Der bittere, ja, fast gehssige Spott in diesen Worten war so auffallend,
da alle sekundenlang schwiegen. Graf Tai klopfte Lanzenau lchelnd auf die
Schulter.
    Und nebstbei, mein Lieber, ist er fnfundzwanzig Jahre alt, whrend wir die
Ziffer in wenig Jahren umgekehrt haben. Das mu uns nicht neidisch machen.
    Diese gutmtige Zwischenbemerkung ward von Lanzenau nicht vernommen. Er sah
in Fannys Gesicht; das war ganz bleich und ihm mit starren Augen zugewandt. Und
jetzt sagte sie, scharf, herbe, mit dem Ausdruck jh erwachter Feindseligkeit
gegen Lanzenau:
    Sie vergessen, hinzuzufgen, da Herr von Herebrecht der pflichtgetreueste
und thtigste Arbeiter in seinem Beruf, da er der zrtlichste und dankbarste
Bruder ist und da er es bis heute verstanden hat, sich von allen
Verschwendungen fern zu halten, zu denen junge Leute unseres Standes sonst
tausendfach verfhrt werden.
    Ihre Blicke wurzelten ineinander, drohend, fest. Lanzenau begriff, da Fanny
ihrer Liebe zu Joachim sich bewut geworden und da auch Joachim darum wisse,
da sie ihn verteidigte, weil sie zu ihm gehrte.
    Er erhob sich. Dunkle Rte stieg langsam in sein Gesicht. Ihm schwindelte -
er mute sich wieder setzen, aber nur einige Sekunden; dann stand er auf und
ging hinaus.
    Was war das? fragte die Grfin betroffen.
    Ich wei es nicht, antwortete Fanny mit blassen Lippen, jedenfalls eine
Thorheit.
    Die Gesellschaft, obgleich oder vielleicht weil sie ohne Ausnahme die Sache
durchschaute, ging rasch zu einem andern Gesprch ber. Beim Abendtisch, zu dem
Lanzenau sich entschuldigen lie, setzte die Grfin Joachim neben Fanny.
    Als Joachim nach Lanzenau fragte, sagte Fanny leise, da sie sich
seinetwegen mit dem Baron scharf gestreift. Eine erneute Angst berfiel Joachim.
Gott - wenn Lanzenau ihn verriete! Fanny mte ihn verachten, und doch ... er
konnte nicht anders, ihm war's, als habe er einer Macht gehorcht, die strker
war als sein Gegenwille.
    Die tiefe Sorge, die ihn befallen, kam in tausendfach verstrkter Gewalt
wieder, als er zur Nacht allein in seinem Zimmer war. Und er, der in seinem
ganzen Leben nur Briefe geschrieben, wenn eine Zwangslage ihn ntigte, er setzte
sich hin und schrieb an Severina.
    Alles war still im weiten Schlo. Die Lampe brannte vor Joachim auf dem
Tisch, die behagliche Wrme, die aus den heien Luftrhren durch das Kamingitter
strmte, hielt jedes Nachtfrsteln fern. Von nebenan klang ein tiefer, sgender
Ton - Vetter Heini schlief da den Schlaf des Gerechten, an der andern Seite war
Totenstille. Dort wachte vielleicht Lanzenau auf ruhelosem Lager.
    Dieser Gedanke bermannte Joachim pltzlich; er legte sein Gesicht in seine
Hnde und seufzte tief. Seinetwegen hatte Fanny mit dem treuesten aller Freunde
scharfe Worte gewechselt. Seinetwegen ... o, es war nicht auszudenken. Das
Gefhl seiner Unwrdigkeit durchschtterte ihn; und doch fand er keinen Ausweg.
    Endlich fate er sich und schrieb:
    Schreiben Sie an Adrienne oder an Severina, da wir nicht, wie es seit
Wochen geplant war, am Tage nach meinem Geburtstag nach Mittelbach zurckkehren.
Der starke Schnee verhindert die beabsichtigte Jagd; da aber heute abend alle
Anzeichen von Tauwetter vorhanden sind, schlgt Tai vor, da wir dasselbe
abwarten. Somit bitte ich, da alle Vorbereitungen zur Aufnahme der Gste wie
zum Jagddiner um einige Tage hinausgeschoben werden. - Das war die Bestellung,
welche Fanny mir beim Abendtisch gab nach den gemeinsam gepflogenen Beratungen.
Ich richte sie Dir aus, Severina, weil ich noch mehreres hinzuzufgen habe.
    Joachim hielt inne und lchelte in bitterer Selbstverspottung ber den
Ausdruck: weil ich noch mehreres hinzuzufgen habe. Als wenn es sich etwa um
das Men handelte, welches es beim Jagdessen geben sollte.
    Wenn Du diese Zeilen zu Ende gelesen haben wirst, bist Du vielleicht nicht
mehr im stande, mich zu lieben. Aber mein Herz ist so beunruhigt, da ich
wenigstens versuchen will, es Dir gegenber zu erleichtern. Liebe Severina, ich
sagte Dir immer, da ich Deine heftige Neigung nicht verdiene. Ich kann nicht
treu sein, so gern ich mchte. Ich liebe Dich, bei Gott, es ist keine Lge; aber
sage mir, kann man zwei Frauen zugleich lieben? Gewi, wirst Du sagen, aber auf
verschiedene Art. Aber das ist es eben, ich kann keinen Unterschied entdecken.
Wenn ich an Dich denke, zerreit es mein Herz wie Vorwurf und Sehnsucht, und
wenn ich an sie denke ... ach, ich wage kaum auszudenken. Severina, hilf mir;
was soll ich thun? Ich werde noch an diesem Dualismus zu Grunde gehen. Wie
konnte das nur alles so kommen, und wie konnte ich, der ich bisher allezeit dem
strengen Auge meines Arnold frei zu begegnen vermochte, wie konnte ich etwas
thun, das er heftig verdammen wrde? Und doch, es mag Dir wie Verblendung
klingen, doch ist es nur namenloser Zweifel, der mich erfllt, aber kein
Schuldbewutsein.
    Schreibe mir umgehend wieder. Vielleicht kannst Du mir den Schlssel zu alle
dem geben.
                                                  Dein unselig-seliger Joachim.

    Etwas erleichtert legte er sich schlafen.
    Wer kann in die letzten Falten einer Menschenseele blicken. Regte sich da
bei Joachim vielleicht die Hoffnung, da Severina ihn frei gbe?
    Seine Gedanken suchten nach Beispielen, die ihn entlasten und seine
Herzensgeteiltheit als nicht so etwas Unerhrtes darstellen sollten. Ihm fiel
Schiller ein, der ebenfalls in Doppelliebe fr zwei Schwestern entbrannte.
Whrend er sich zu vergegenwrtigen suchte, was er darber schon alles gelesen
und da Schiller die unbedeutendere Schwester geheiratet, beruhigte er sich
vollends.
    Und die Gegenwrtigen haben immer recht. Fanny erstand vor ihm und die
Stunde, die er heute mit ihr verlebt, bis Lucy kam. Fanny hatte jetzt Rechte -
alle Rechte an ihn; das Schicksal und Fanny hatten entschieden.
    Selig erschauernd stammelte er ihren Namen.

                                Zwlftes Kapitel


Das war ein Leben am andern Tag! Fanny und die Grfin standen im Mittelpunkt
desselben. Liebe und Verehrung kam von allen Seiten, in hundertfltigen Beweisen
auf beide eingestrmt. Es war natrlich, da die Grfin als Gutsherrin und
Schlofrau auch mannigfachen Pflichten zu gengen hatte, Deputationen aus dem
Dorfe, die Schulkinder, die Dienstboten und dergleichen zu empfangen
verpflichtet war, whrend Fanny auch einige stillere Stunden hatte, wo sie sich
in ihrem Zimmer der eingehenden Betrachtung ihrer Geschenke widmen konnte.
    Ihr Gemach glich einem Blumengarten. Die Gste des Schlosses hatten zum Teil
aus Berlin ungeheure Blumengebude kommen lassen. Von Mittelbach war ein
Schlitten angelangt, der dort schon in der Nacht weggefahren sein mute; er
brachte Briefe, Gre und Blumen von daheim. Lucy von Grvenitz hatte Fanny ein
Gedicht gemacht; die Grfin gab Fanny jedes Jahr eine grere Geldsumme zu dem
Feierabendhaus, das Fanny auf Mittelbach fr alte Tagelhner bauen wollte;
Fanny erwiderte dies Geschenk stets mit einem Gemlde irgend eines modernen
Meisters fr die Galerie des grflichen Schlosses. Lanzenau brachte Fanny immer
ein frmliches Magazin von kleinen Luxusgegenstnden fr ihre Person und ihre
Zimmer dar. Auch diesmal war er vorher in Berlin gewesen, dergleichen zu
besorgen.
    Er reichte Fanny zum Glckwunsch still bewegt die Hand, und sie, ergriffen
von seinem gealterten Gesicht, sagte mit thrnenden Augen:
    Unter allen Umstnden - in allen Lebenslagen - ich bin und bleibe Ihre
schwesterliche Freundin!
    Lanzenau schwieg. Aber sein heftiger Hndedruck war Antwort genug.
    Nein, heute nicht - heute nicht ihr den Dolch in das freudige,
glckvertrauende Herz stoen. Er konnte es nicht, obgleich er sich in der
langen, bangen Nacht vorgenommen, ihr zu sagen, da der, den sie liebe, nicht
mehr frei sei.
    Vielleicht gab es sogar noch einen Weg, ihr jeden heftigen Sto zu ersparen.
Wenn er mit Joachim sprche, wenn es noch gar nicht zu Erklrungen gekommen
wre? Wrde sie den Verlust eines Mannes nicht leichter ertragen, den sie nur
erst in ihren Hoffnungen, nicht in Wirklichkeit besessen? Gewi - Lanzenau
wollte mit Joachim reden.
    Da begegnete er ihm im Korridor, er wollte ohne Zweifel auch Fanny
gratuliren gehen, denselben Weg, den Lanzenau eben gemacht.
    Auf ein Wort, Herebrecht!
    Ich bitte, sagte Joachim, nachher. Erst will ich Fanny zum Geburtstag
Glck wnschen.
    Joachim hatte eben dem Mittelbacher Schlitten den Brief an Severina zur
Besorgung gegeben und war ganz froh.
    Er sagte Fanny; das fiel Lanzenau schmerzlich auf. Aber dann besann er
sich; das war schon lange geschehen; sie waren ja sozusagen verwandt durch
Adrienne.
    Gut, antwortete Lanzenau, ich bin in der Bibliothek und erwarte Sie.
    So legte er Joachim den Zwang auf, nicht zu lange bei Fanny zu bleiben. Das
fhlte dieser wohl und von neuem wollte Unruhe durch seine Adern schleichen.
    Aber die entfloh wie Nebel vor dem Sturm, als er Fanny sah, wie sie dastand,
umgeben von der Blumenpracht, und ihm entgegenlchelte, befangen fast wie ein
Mdchen und doch mit dem Glutblitz des Weibes in den Augen.
    Fanny, sagte er tief bewegt, ich bringe Dir nichts als meinen heien
Wunsch, da ...
    Er stockte. Er ihr Glck wnschen, er, um den sie weinen und leiden wrde,
wenn sie wte ...
    Fanny ergriff seine Hnde.
    Du hast Dich mir gegeben, Deinen ganzen Menschen, sprach sie feierlich,
ihn mit leuchtenden Augen ansehend, das ist das Gnadengeschenk, welches das
Schicksal mir noch schuldete.
    Geliebte! sagte er mit zitternder Stimme und kte ihren Scheitel.
    Ja, fuhr sie mit dem Pathos hchster Leidenschaft fort, ja, es war mir
das schuldig. Die Welt glaubte, ich sei glcklich, weil alle meine Krfte froh
und mit Segen sich bethtigen konnten. Die Welt glaubte, nur mein Verstand,
nicht mein Herz brauche Beschftigung. Aber ich fhlte tief innen immer, da mir
die Krone des Weibes fehlte. Ich hatte noch niemals geliebt. In meiner Ehe mit
Frster hat die erschpfende, die alles duldende Liebe gefehlt, was sonst wie
ein Traum an Sehnsucht durch mein Herz zog und sich uerte, war Selbstbetrug.
Du bist meine Wahrheit, mein Leben, mein Glck.
    Fanny, sagte Joachim - seine Augen waren na und er drckte ihre Hand
dagegen - Fanny, und doch war Deine Wahl eine Verirrung.
    Nein, rief sie flammend, tausendmal nein! Ich habe nicht gewhlt, Du bist
mir gegeben. Es gibt keine Wahl, wo ein gewaltiges Naturereignis alles in uns
und um uns erschttert. Ich mute Dich lieben! Da gibt es keine Fragen nach
Alter, nach Stand, nach Gaben, nach Vermgen - selbst nicht nach Gte, nach
Herz. Man liebt - und wenn es sein mu, erhebt die Liebe den Geliebten aus dem
Staub und lehrt ihn, wrdig und gro zu sein. Dafr ist sie die Gottheit, welche
die Welt beherrscht.
    Joachim war auer sich. Er sank vor ihr nieder und barg sein Gesicht in den
Falten ihres Kleides, whrend seine Arme ihre Hften umschlangen.
    Heie Dankbarkeit hatte ihn berwltigt, und die Erkenntnis, da dieses
groe Herz ihn auch geliebt haben wrde, wenn es alles gewut htte, ihn noch
lieben wrde, wenn es die Wahrheit erfhre.
    Ich aber, fuhr Fanny fort, whrend ihre triumphirende Sprache sich zu
liebevollem Flstern senkte, ich aber brauche Dich nicht zu mir zu erheben. Du
bist jung und rein und gut.
    Sie legte ihre Hnde zrtlich auf sein blondes Haar. So blieben sie lange,
und so klang die hohe Erregung in sanften Schwingungen aus.
    Ein frommes, schnes Gefhl im Herzen, ging Joachim dann in die Bibliothek
hinab. Was auch immer der Baron ihm sagen wollte, nach dieser Stunde hatte er
den Mut, alles zu verteidigen, was er gethan.
    Lanzenau sa in einem der tiefen grnen Polstersthle am Zeitungstisch und
schien in der Revue des deux mondes zu lesen. Sonst war niemand in dem
viereckigen, ganz von Bcherregalen umschrankten Raum anwesend. Durch das
einzige gardinenlose Fenster sahen die kahlen Aeste der Parkbume herein.
    Lanzenau deutete schweigend auf den Stuhl ihm gegenber. Joachim setzte sich
und faltete die Hnde auf den Zeitungen vor ihm.
    Lanzenau suchte erst mit einiger Umstndlichkeit aus seiner Brusttasche ein
Papier heraus. Als er es hatte, legte er es sorgsam vor sich auf die Revue,
klemmte sein Augenglas wieder ein, das ihm bei Joachims Eintritt entfallen, und
begann hstelnd:
    Sie werden sich erinnern, lieber Herebrecht, da ich Ihnen versprach, fr
Sie nach einer auskmmlichen Stellung Umschau zu halten, damit Sie Ihr kleines
Brutchen baldigst vor der Welt als solches verkndigen und heimfhren knnten.
    Allerdings, sagte Joachim sehr ruhig und mit sehr festem Blick, allein
ich wei nicht, ob Frulein Severina zur Stunde noch gestatten wrde, da Sie
sie meine Braut nennen.
    Lanzenau wute nicht recht, was er aus der Antwort machen sollte.
    Hm, sprach er mit erknstelter Scherzhaftigkeit, kleine Zwistigkeiten
zwischen Liebenden, das kommt vor. Das gleicht sich aus. Jedenfalls wollte ich
Ihnen sagen, da meine Bemhungen nicht erfolglos waren; ich bekam heute die
Nachricht, da Ihnen hier, dabei berreichte er Joachim das Papier, hier die
Administration der Itzelburgischen Gter angetragen wird. Sie ersehen aus der
Zuschrift, da die pekuniren Vorteile fr Sie auerordentlich sind und die
Thtigkeit Ihren Ehrgeiz befriedigen mu. Man erwartet in vierzehn Tagen Ihren
Entschlu und dann so bald als mglich Ihren Antritt. Ich gehe wohl nicht fehl,
wenn ich annehme, da es fr Sie hier kein Besinnen gibt und da Sie nicht
zgern werden, der Gesellschaft, sowie insbesondere Frau Frster Ihre neue
Stellung und Ihre Verlobung zu verkndigen.
    Da war Fannys Name heraus und der Zweck der langen Rede verraten.
    Joachim verneigte sich artig gegen Lanzenau.
    Nehmen Sie meinen Dank, Herr Baron. Dieses Resultat Ihrer Bemhungen fr
mich ist wahrhaft berraschend. Aber in einem Punkt irren Sie sich. Ich bin
keineswegs in der Lage, sogleich meine Entscheidung zu treffen, und also auch
nicht im stande, mich schon der Gesellschaft als Administrator des
Itzelburgischen Gterkomplexes vorzustellen.
    Lanzenau tupfte sich mit seinem weiseidenen Taschentuch die Stirn.
    Nun denn, wenn auch nicht der Gesellschaft, so doch Frau Frster, sagte er
mit beginnender Ungeduld.
    Gerade Frau Frster braucht am wenigsten von einer Sache zu erfahren, die
ihr Vernderungen in der eigenen Oekonomie in Aussicht stellen. Hier soll sie
ihre Gedanken von Wirtschaftssorgen frei halten, sprach Joachim mit einer
Unbefangenheit, ber die er sich selbst wunderte.
    Nun denn, sagte Lanzenau und erhob sich steif, wenn Sie mich durchaus
nicht verstehen wollen, sei es gerade herausgesagt: Ich finde, da es Ihre
Pflicht ist, Frau Frster von Severina zu sprechen.
    Auch Joachim stand auf. Eine Minute lang sah er nachdenklich vor sich
nieder. Es ging ihm durch den Kopf, da der Mann da Fanny liebte und ein Recht
zu haben glaubte, ber ihr Glck zu wachen, da er ihr viele Jahre mehr wie ein
Vater oder ein Bruder gewesen. Und wieder dachte er, da es fr sie alle
vielleicht am besten sein wrde, wenn er jetzt sein Herz vor Lanzenau
ausschtte. Zur Selbstlosigkeit des alternden Mannes hatte der junge Sieger
alles Vertrauen. Aber diese Erwgungen, die aus seinem kindlich-ehrlichen Herzen
kamen, wichen einem verderblich aufwallenden Trotz. Er that das Verkehrteste und
sagte mit erhobenem Haupt:
    Bei allem Dank, welchen ich Ihnen schulde, Herr Baron, kann ich nicht
umhin, zu finden, da Ihre Teilnahme an meinem Geschick den Charakter der
Zudringlichkeit annimmt.
    Lanzenau schrak zurck, als habe er eine Ohrfeige bekommen.
    Das ihm! Das seinem Herzen voll banger Sorge! Whrend er nach einem Worte
rang, das Joachim treffen sollte, ohne dies Gesprch in einen peinlichen Streit
ausarten zu lassen - denn Lanzenau verlor auch in diesem Augenblick seine
Besonnenheit nicht - fuhr Joachim fort:
    Sie haben mir damals Ihr Wort gegeben, Herr Baron, nicht eher ber die
Sache zu sprechen, als bis ich selbst es Ihnen gestatte. Ich erwarte, da Sie
Ihr Wort halten, das Wort eines Edelmannes.
    Sie scheinen dem Prinzip zu huldigen, da das Worthalten immer fr andere
bindend ist und nicht fr Sie selbst. Denn Sie, so scheint es mir, sind auf dem
Weg oder des Willens, Frulein Severina Ihr Wort zu brechen, sprach Lanzenau
mit bitterem Lcheln.
    Einer unglcklichen Eingebung folgend, die ihre Rettung in einer
erbrmlichen Wortklauberei vorspiegelte, sagte Joachim schnell:
    Sie irren, Severina hat mein Wort nicht; ich habe ihr im Gegenteil einmal
ausdrcklich gesagt, da ich noch nicht um sie werben knne.
    Lanzenau sah ihn stumm, geradezu entsetzt an.
    Ah, begann er dann, tief aufatmend, ich sehe, Herr von Herebrecht, Sie
sind aus einer andern Generation wie ich. Zu meinen Zeiten bedurfte es in
solchen Dingen nicht solcher Hinterthren. Nicht allein das Wort, auch das Thun
und Lassen band uns. Wenn Sie nur einen feierlichen Ringwechsel und ein
Eheversprechen vor Zeugen als bindend fr Ihre Ehre und Ihr Herz betrachten,
dann allerdings haben Sie einen so weiten Spielraum fr Ihre Tndeleien, da ich
darauf verzichten mu, mich fr den Verlauf derselben zu interessiren. Eins
aber, eins hren Sie: Wenn Sie es sich sollten beikommen lassen, eine Frau in
das Bereich dieser Ihrer Tndeleien zu ziehen, eine Frau, welche ich verehre -
nicht wie eine Heilige, nein hher, wie den Inbegriff von aller menschlichen
Frauengte und Frauengre, dann, mein Herr, wrde ich Sie aus dem Weg dieser
Frau zu entfernen wissen, und sollte ich Sie niederschieen wie ein fremdes
Wild, das meinen Garten verwstet.
    Mit einer Wrde, die fern von jeder uerlichen Leidenschaft war, aber
dennoch in ihrer eisernen Festigkeit verriet, da der Mann im stande sei, zu
vollfhren, was er drohte, kamen diese Worte von Lanzenaus Lippen. Und als er
sie gesprochen, ging er hinaus, langsam, etwas steifbeinig, wie er immer ging.
    Wie vom Donner gerhrt blieb Joachim zurck. Sekundenlang stand er starr.
Dann warf er sich in einen Lehnsessel und legte den Kopf auf seine Arme vor sich
auf den Tisch.
    Welcher Dmon hatte ihm denn all die abweisenden und frivolen Worte auf die
Zunge gebracht? Was mute Lanzenau von ihm denken, fr welchen Schurken ihn
halten?
    Tausend Plne durchjagten sein Gehirn. Wenn er Lanzenau forderte? Welch ein
theatralischer Zug! Nein, vor seine unfehlbare Pistole durfte er Fannys Freund
nicht stellen. Wenn er Lanzenau nacheilte und ihn zum Vertrauten machte? Jetzt,
nach dieser Scene konnte der nur solches Vertrauen kalt zurckweisen und wrde
denken, die Angst habe es Joachim abgerungen.
    O Fanny, Fanny! Seine Liebe stieg in all dieser Not!
    Wenn Lanzenau doch trotz des gegebenen Wortes mit ihr sprche? Dann blieb
Joachim nur eins brig: eine Kugel in die Schlfen.
    Schauer durchrannen ihn. Sein Arnold stand vor ihm. Der wrde um ihn weinen.
O, das schne, das junge Leben lassen? Warum? Weil sein Herz, sein
unverstndliches, geteiltes Herz Fannys Liebe erwidern mute wie vorher
Severinas?
    Welche Rtsel ein Menschenleben! Wenn einem Mann sein Weib wegstarb und er
whlte sich die zweite Frau, die er vielleicht schon gesehen oder gekannt, da
die erste noch lebte, dann war das ganz in der Ordnung. Und auch der hatte doch
beide geliebt, wenn er ehrlich war, ein Gatte nach dem Gesetz und der Moral.
    Entschuldigte, ja billigte denn blo der zeitliche Zwischenraum die
zwiefache Liebe? War das nicht im Grunde doch dasselbe?
    Sein junger Kopf und sein grendes Gemt konnten nichts begreifen, nichts
beurteilen. Dumpf fhlte er nur, da aus den fr ihn hergebrachten Ehrbegriffen
heraus ihm nichts blieb als freiwilliger Tod. Er sthnte laut und vergrub sein
Gesicht tiefer.
    Eine leichte Hand berhrte seine Schulter. Er erschrak wie ein nervses
Frauenzimmer und wandte sein bleiches, hohlugiges Gesicht. Die kleine Meerheim
stand hinter ihm, das magere, grazise Figrchen vorgebeugt, wie jemand, der
heimlich und wichtig etwas mitteilen will. Aber auch sie erschrak vor seinem
Aussehen.
    Um Gottes willen, wie sehen Sie aus! Na, ich kann mir schon denken -
gestern abend noch auf Heinis Stube spt getrunken - heute morgen grlichen
Drehwurm. Ja, Heini mu heiraten. Ich werde mich noch aus reiner Nchstenliebe
bequemen mssen.
    Joachim bemhte sich, zu lcheln, und fragte, was sie hergefhrt.
    Lcheln Sie nicht, sagte das zartgewachsene, aber sehr starksinnige
Soldatenkind, ein Lcheln auf einem so seekranken Gesicht erweckt in mir eine
furchtbare Ideenverbindung mit der Milchpflaumensuppe in meiner Pension. Also,
ich habe Sie gesucht, um Ihnen zu sagen, da ich mich heute morgen mit Heini
gestritten habe, was Sie wohl schon wissen.
    Nein, er wute nichts.
    Das ganze Schlo spricht ja davon; ich bin mit Papa und ihm ausgeritten und
allein wiedergekommen, weil Papa ihm beistand. Sie mssen mir heute furchtbar
die Cour machen - ja, wollen Sie? Heini fordert Sie dann vielleicht, aber das
schadet nichts, das ist sehr interessant, und ihr knnt an einander
vorbeischieen.
    Nun mute Joachim doch lachen. Aber es hatte einen eigenen, spttischen
Klang.
    Was fr eine Narrheit! Also der kleinen, schwarzhaarigen Person sollte er
zum Schein die Cour machen, whrend in seinem Herzen Tod und Leben rangen? Und
diese und ein Dutzend anderer thrichter Anforderungen konnten die nchsten Tage
noch an ihn stellen. Mit Heini trinken, mit dem Rittmeister Skat spielen, der
Tochter hofiren, der Grfin hflich ergeben sein, Lucys vertrauliche Andeutungen
ertragen, mit dem Grafen ber Obstkulturen sprechen und bei alledem Lanzenaus
Augen auf sich fhlen - zu viel, zu viel! Unmenschlich!
    Fort von hier - in die Welt hinaus!
    Er versprach mit heiem Gesicht dem bermtigen Frulein, ihr so zu
huldigen, da Heini ihn noch vor Mitternacht mit allen mglichen Todesarten
bedrohe. Dann lief er davon und pochte an Fannys Thr. Er wollte ihr gleich
sagen, da er fort msse.
    Die Jungfer kam und bedauerte, ihre Gndige mache eben zum Diner Toilette.
    Dadurch ward Joachim erst wieder daran erinnert, da ja heute Fannys
Geburtstag und ein groes Fest im Schlosse sei. Heute konnte er nicht fort, das
war gewi.
    Nun galt es, sich sammeln und fassen. Vielleicht konnte er Fanny im Gewhl
des Balles doch ein Wort sagen, da er gern einige Tage nach Berlin wolle.
    Das Schlo fllte sich mit Gsten. Wagen von den Nachbargtern und aus der
nchsten Garnison kamen angefahren. Beim Diner, wo die Bestimmung der Grfin ihm
eine Comtesse Sieburg gesellt, sah er eine der glnzendsten und vornehmsten
Gesellschaften, in die er je getreten war. Und, o Erstaunen, auch die kleine
Elly, die Tochter seines vormaligen Chefs, war mit ihrem neuvermhlten Gatten,
dem Krautjunker, zugegen. Das Ehepaar war, wie er spter erfuhr, auf einem
Nachbargut bei Verwandten zum Besuch. Das hatte gerade noch gefehlt! Damals, als
er bei ihrem Vater als Volontr lebte, hatten sie sehr fr einander geschwrmt.
Das konnte er vor sich nicht ableugnen.
    Heute, als sie ihn von weitem erkannte, erglhte ihr Gesicht, aber er
streifte sie mit khlem Blick und bemerkte zum erstenmal, da sie recht
unbedeutend gewachsen sei. Wie anspruchslos, wie jung mute er doch damals
gewesen sein!
    Oben am Tisch sa seine - seine Fanny! Die erste in dieser glnzenden
Versammlung! Die am meisten Gefeierte! Ein Freund des Grafen hielt eine Rede auf
die Grfin; es war das landlufige Ma von Lob darin und mit dem landlufigen
Ma von Begeisterung ward sie aufgenommen. Und dann hielt ein anderer eine Rede
auf Fanny Frster, voll Entthusiasmus und voll Heiterkeit. Es ward von ihrem
humanen Wirken gesprochen, von all den Gaben, die die Natur ber sie
ausgeschttet, und von der weisen Klugheit, mit der sie selbst sich ihre Grenzen
ziehe. Die Wahlrede, die sie damals gehalten, ward in ihrem offenen
Eingestndnis von Frauenbescheidenheit als Muster fr manchen klugredenden
Parlamentarier aufgestellt. Frohes Lachen ging dazu um den Tisch, und nun
stimmte alles jubelnd in Fannys Wohl ein.
    Joachims Herz schwoll an. Und sie liebte ihn allein!
    Nachher beim Tanze gelang es ihm, sie an seinen Arm zu bekommen. Er lie sie
nicht los, als der Tanz zu Ende war - ein Walzer, den sie weltvergessen getanzt.
Er ging mit ihr durch den Saal und durchwandelte alle Rume. Einmal gab ein
groer Spiegel ihnen ihre Gestalten zurck. Joachim sah die schne Frauengestalt
im Glase, wie sie, von silberschimmernder weier Seide umflossen, das Haupt
schmucklos, aber um den herrlichen Nacken eine Schnur funkelnder Steine, sich
leicht an seinen Arm schmiegte.
    Wie Du schn bist! flsterte er; und das alles ist ganz und schrankenlos
mein.
    Ich habe mich beinahe geschmt, sagte sie, ihm in die Augen sehend, all
dies Gewoge von Spitzen und Atlas, zugestutzt nach den neuesten Modeknsten, um
mich zu hngen. Aber ich war so kindisch - ich wollte sehr schn sein. Das ist
nun die Frau, die sie vorhin so groartig anredeten.
    Es gibt Schwchen, welche einem Weibe besser stehen als starre Tugend. Von
der eben eingestandenen fhlte Joachim sich fast zu Thrnen gerhrt.
    Fanny, sagte er, o Fanny, wie hab' ich Dich lieb!
    Es war der Laut eines unaussprechlichen, wahren Gefhls. Fanny sah ihn an;
sie schwiegen.
    In diesem Augenblick ging Lanzenau mit dem Rittmeister an ihnen vorber und
sah sie an. Joachim lief ein Frsteln ber den Rcken.
    Liebe, sagte er, Fanny weiter fhrend, ich mu fort von hier. La mich,
ich bitte Dich.
    Fort? Wohin? Weshalb?
    Auf die hastig hervorgestoenen Fragen erwiderte er:
    Ich ertrage es nicht, jetzt, wo mir das Herz von dem unaussprechlichsten
Glck erfllt ist, mit so vielen gleichgiltigen Menschen zusammen zu sein, vor
ihnen meine Liebe zu verbergen.
    So wollen wir sie verknden.
    O nein, sagte er erschrocken, nur das nicht! La uns in der Stille Deines
Hauses sehen, wie wir Lanzenau vorbereiten. Und dort auch, Geliebte, habe ich
Dir eine Beichte abzulegen, die vielleicht meinen Wert in Deinen Augen sehr
herabmindert.
    Sie sah forschend, doch keineswegs beunruhigt in sein Gesicht, auf dem sich
deutlich eine groe, innere Unruhe widerspiegelte. Es war der kluge, berlegene
und im voraus verzeihende Blick, mit dem eine Mutter das Schuldbekenntnis ihres
Sohnes erwartet.
    Du Kind, sprach sie, als ob ich mir nicht denken knnte, welcher Art
Deine Beichte sein wird. Ein junger Mann wird selten fnfundzwanzig Jahre alt,
ohne einige Herzenstuschungen durchgemacht zu haben. Wenn Du willst, so
beichte, aber meinetwegen kannst Du auch schweigen. Ich habe erst Rechte an Dein
Leben, seit Du mich gekt. Aber sprich, wo willst Du denn hin?
    Sie waren bei ihrem Rundgang durch die Zimmer gekommen, wo die Kartenspieler
saen, und betraten nun wieder den Saal. Hier setzte Fanny sich auf einen Diwan
zwischen zwei Thren, um, wenn auch nicht ungesehen, so doch ungehrt ihr
Gesprch mit Joachim fortzufhren. Joachim blieb vor ihr stehen.
    Also, wohin?
    Lanzenau hat mir die Administration der Itzelburgischen Gter verschaffen
wollen. Er gab mir heute einen bezglichen Antrag der Vormundschaft. Zum Schein
ging ich auf die Offerte ein, da vierzehntgige Frist zum Entscheid vorbehalten
ist. Ich knnte hinreisen, an Ort und Stelle alles einzusehen. Es wre unter
anderen Umstnden ja wie der Gewinn des groen Loses gewesen, eine glnzende
Existenzsicherung auf zehn Jahre.
    Lanzenau war ja sehr besorgt, Dich von mir zu entfernen, sagte Fanny
traurig. Reise - das wird ihm zunchst als Dank fr seine Bemhungen wohlthun.
Und dann kehre nach Mittelbach zurck, wenn auch wir dort eintreffen, also in
fnf oder sechs Tagen. Aber ich werde zu jedermann davon sprechen; Du bist ja im
Besitz dieser Stellung eine groartige Partie fr die jungen Damen.
    Sie lachte. Aber er hatte das Gefhl, da es ihr unbewut doch lieb sei, ihn
dergestalt als einen Mann hinstellen zu knnen, der auch ohne ihren Reichtum
einer Frau wie Fanny eine wrdige und auskmmliche Lebensstellung zu schaffen
vermge. Ein feines Rot stieg langsam in sein Gesicht.
    Wie Du meinst! sprach er leise.
    Morgen frh kannst Du reisen. Heute bist Du noch mein, flsterte sie und
sah ihn mit tief verheiendem Blick an.
    Fanny!
    Hier erscholl die Musik zu einem neuen Tanz, und von allen Seiten kehrten
die Herren und Damen in den fast leer gewesenen Saal zurck.
    Mit ihrem Alleinsein inmitten der Menge war es aus.
    Noch bevor man auseinander ging, wurde Lanzenau von mehreren Seiten darauf
angeredet, da dem jungen Herebrecht die vielumworbene Administratorenstellung
angeboten sei. Er hrte auch Fanny darber sprechen, ruhig und voll freundlicher
Anteilnahme an den Aussichten des jungen Mannes.
    So hatte seine Mahnung doch gentzt? Hatte Joachim doch gesprochen? Und
Fanny war so ruhig? War denn alles, was Lanzenau beobachtet zu haben glaubte,
eine Tuschung gewesen?
    Jedenfalls konnte er wieder Hoffnung fassen und sah sich durch nichts
gezwungen, sein Wort gegen Joachim zu brechen.
    Joachim reiste ab, um die Gesellschaft erst in Mittelbach wieder zu treffen;
Fanny war auch in seiner Abwesenheit ungemein heiter, doch konnte Lanzenau nicht
verkennen, da sie jedem lngeren Gesprch mit ihm auswich. Auch beobachtete er,
da sie mit besonderer Ungeduld den tglichen Postboten erwartete, und sich aus
der Halle mit einer leisen Enttuschung, die sie jedoch zu verhehlen bestrebt
war, aus dem Kreise der anderen Briefempfnger zurckzog; fr sie war kein Brief
gekommen. Joachim schrieb nicht.
    Aber das war natrlich: Fanny getrstete sich dessen, indem sie sich sagte,
da sie keine Korrespondenz verabredet hatten.
    Endlich - am letzten Tag! Ihre zitternden Finger erbrachen den Brief.
Lanzenau beobachtete sie, es war ihr alles einerlei. Sie lehnte an einer der
Karyatiden, welche den Sims des riesigen Kamins in der Halle trugen.
    Was war das - schrieb so Joachim? In ihren Ohren brauste es. Kein Wort von
Liebe, von Sehnsucht? Fremd alles, wie der erste Brief, den sie empfing, ehe sie
ihn kannte?
    Was schreibt Herebrecht? fragte Lanzenau etwas heiser neben ihr.
    Sie reichte ihm den Brief. Lanzenau las zu seiner tiefinnersten
Befriedigung:
    Hochzuverehrende, gndige Frau! Das Reisen, allein, durch eine
tauschmutzige norddeutsche Gegend, ist nicht inspirirend genug, um einen zur
Berichterstattung anzufeuern. Meine Stimmung war melancholisch genug, als ich
so, zwischen wildfremde, nach Pelz und Feuchtigkeit riechende Menschen
eingepfercht, im Eisenbahnwagen sa. Die Lendemain-Stimmung nach dem
unvergelichen Ball, werden Sie sagen. Mag sein, der Kontrast war gar gro.
Ueber das, was ich in Itzelburg vorgefunden, berichte ich Ihnen und dem Herrn
Baron von Lanzenau besser mndlich. Alles stellt sich sehr verlockend dar. Ich
wollte nur heute pflichtschuldigst melden, da ich am bestimmten Tag zurckkehre
und es hchst wahrscheinlich so einrichten werde, Sie und die ganze
Gesellschaft, die mit Ihnen fhrt, unterwegs zu treffen. Auf Wiedersehen! Ihr
treuergebener J. von Herebrecht.
    Whrend Lanzenau las, fand Fanny ihr Lcheln und ihre Glcksstimmung wieder.
    Er hat die Nachfrage Lanzenaus vorausgesehen, dachte sie, und deshalb so
fremd geschrieben. Das war sehr klug.
    Ihre glubige Seele ahnte nicht, da Joachim hundertmal versucht hatte,
geliebte Fanny zu schreiben, da aber die Buchstaben ihn wie Gespenster, wie
Lgen, wie etwas, das nicht von ihm kam, anstarrten und da er endlich, trotzdem
vom rasenden Wunsch erfllt, zu ihr zu sprechen, in der khlen Form der
Verehrung einige banale Redensarten aufs Papier geworfen.
    Und weiter irrte ihr Herz sich, wenn es freudig ber seine Verheiung
schlug, sie unterwegs zu treffen. Er will zugleich mit mir wieder in mein Haus
einziehen, dachte sie.
    Joachim aber bebte davor zurck, Severina allein wiederzusehen. Deshalb
wollte er mit allen anderen ankommen.

                              Dreizehntes Kapitel


Die beiden Frauen auf Mittelbach verlebten unterdes keine freudigen Tage. Beide
verschlossen, beide wenig gesprchsbedrftig, wie sie waren, befanden sie sich
in einer gewissen Verlegenheit einander gegenber. Ihr Verkehr war bisher der
freundlichste und friedfertigste gewesen, aber ihm hatte die Gelegenheit so zur
Vertraulichkeit wie zur Reibung gefehlt. Severina hatte immer einen
bescheidenen, entgegenkommenden Ton gegenber Adrienne, denn diese war ihr
beinahe als Arnolds, des lteren Bruders Joachims Frau, eine Respektsperson.
Adrienne war dem jungen Mdchen dankbar fr all die Mhe und Liebe, die sie an
das Kind verwandte; im brigen fiel es ihr nicht entfernt ein, in Severina mehr
zu sehen als einen Schtzling von Fannys, nach so vielen Seiten hin wirkender
Gromut.
    Das fhlte Severina wohl heraus und ihre herbe Seele verschmhte es, sich in
dieser Zeit des Alleinseins Adriennen ins Herz zu schmeicheln, gerade weil sie
ihr knftig verwandtschaftlich nahe zu treten hoffte.
    So gingen sie denn still neben einander her. Hchstens beschftigte Adrienne
sich einmal so weit mit dem Mdchen, da sie sie gegen die Pastorin in Schutz
nahm. Diese bentzte Fannys Abwesenheit, um Severina wieder mehr zur Lektre
frommer Bcher anzuhalten, sie mit tausend kleinen Qulereien in ruhelose
Bewegung zu bringen.
    Und Severina, durch jahrelanges Geduldben lngst gewohnt, mit stoischer
Ruhe zuzuhren, Severina ertrug jetzt das Wesen ihrer Pflegemutter nicht.
    Ihr Herz zitterte, ihre Nchte waren schlaflos vor Sorge um ihn. Daneben war
ihr all der Kleinkram des Lebens unertrglich. Wenn die Pastorin so bei ihnen
sa und endlose Beispiele erzhlte von blen Folgen, die Mangel an Demut, die
Eitelkeit und Vergngungssucht bei irgend welcher Trine oder Lise aus dem
Pfarrsprengel gehabt, dann quoll in Severinas Herzen eine Ungeduld auf, ein
Zorn, eine Raserei beinahe, da sie sich htte mit einem Schrei auf die monoton
redende Frau werfen knnen, um ihr den Mund zuzuhalten.
    Wenn sie, die Verwaiste, die Einsame doch ein Herz gehabt htte, sich wild
daran auszuweinen.
    Und die Eine, die Gute, die ihrer darbenden Seele bisher das Brot der Gte
und Teilnahme gereicht, die Eine war vielleicht gerade im Begriff, ihr, der
Armen, das einzige Gut zu stehlen. Unbewut zu stehlen - ganz gewi, unbewut.
    Wenn Fanny hier wre! Ohne Besinnen htte Severina zu ihren Fen gefleht,
ihr den Geliebten nicht zu rauben. Und Fanny war nicht die Frau einem armen
Mdchen weh zu thun. Was konnte ihr denn Joachim mehr sein als der Gegenstand
flchtigen Wohlwollens!
    Und dann kam Joachims Brief.
    Severina erhielt ihn vom Kutscher des Schlittens zugesteckt. Er solle ihn
heimlich abliefern, sagte der Mann, der auch von Fanny den mndlichen Bescheid
der vernderten Dispositionen mitbrachte. Sie trug ihn zwei Stunden in ihrer
Kleidertasche umher, ehe sie die Einsamkeit fand, ihn zu lesen, die Einsamkeit
ihrer Schlafstube.
    Sie las. Sie verstand nicht. Ihr ganzes Wesen war wie gelhmt.
    So lag sie eine lange, furchtbare Nacht unbeweglich, mit starren Augen ins
Dunkle schauend, nicht im stande, etwas zu denken. Sie wute nur, da sie nicht
ohne ihn leben knne.
    Als sie am andern Morgen zum Vorschein kam, erschrak das ganze Haus.
Severina hatte verzerrte Zge.
    Ich habe Kopfweh, sagte sie. Ich will spazieren gehen.
    Sie lief einige Stunden im Freien umher. Ihr Weg fhrte sie an der Htte
einer alten Taglhnerfrau vorbei, die seit Jahren gelhmt war und von Fanny und
der Pfarre aus unterhalten wurde. Sie hatte die Frau oft besucht und mit ihrem
Leiden Mitleid gefhlt. Nun berkam sie eine seltsame Neugier, wie sich ihre
eigene Not mit dem Elend der Alten messen lasse.
    Die lag in ihrem sauberen Bett, im sauberen Stbchen, las in der Bibel und
trank daneben einen krftigen Haferschleim, den man ihr schon heute aus der
Herrenkche geschickt. Die uerste Zufriedenheit leuchtete von dem guten
Gesicht der Alten.
    Wie geht es, Mutter Holten?
    Gut, Frlein; immer so gut, wie unser Herrgott es irgend einrichten kann.
Wie lieg' ich hier, bei dem tauigen Wetter, so warm und trocken und satt, und
manch einer luft mit bloen Fen auf der Landstrae umher.
    Habt Ihr denn keine Schmerzen? fragte das Mdchen.
    O ja. Aber das Reien am Leibe hlt man geduldig aus, wenn das Herz man
seinen stillen Frieden hat, sagte die Alte mit beschaulicher Ruhe im
Faltengesicht.
    Wenn nur das Herz seinen stillen Frieden hat! Am Bett der Alten
niederknieend, legte Severina ihr Gesicht in das rotwei gewrfelte Federbett.
Eine seltsame Neidempfindung zog durch ihr Herz. Sie htte lieber auch da liegen
mgen, gelhmt, alt, arm, aber hinausgehoben ber jeden heien Wunsch.
    Hinter ihr ffnete sich die Thr - der Pastor kam, um der Alten seinen
tglichen Besuch zu machen. Befremdet sah er seine Pflegetochter hier in einer
Stellung, die auf den ersten Blick eine vollkommene Fassungslosigkeit verriet.
    Severina, rief er mit sanfter Mibilligung. Sie sprang empor und warf sich
an seine Brust. Da war doch noch eine treue, stille, liebevolle Seele, die
allezeit Mitleid mit ihr gehabt. An dieser Brust war sie nicht blo geduldet,
hielt sie kein heier Irrtum fest, da war ihr die Heimat.
    Aufschluchzend klammerte sie sich dort an.
    Was ist Dir, mein Kind? Mutter Holten, was ist vorgefallen? fragte der
Pastor erschreckt.
    Ich wei nicht, sprach die Alte, nicht minder erstaunt, das Frulein so
fassungslos zu sehen, in deren Gesicht sie sonst nur eine gleichsam widerwillige
Freundlichkeit oder mrrische Verschlossenheit gekannt.
    Nun, Severina - welchem Vorkommnis gelten Deine Thrnen? Hat etwa die
Mutter ...
    Severina richtete sich auf und strich die Haare aus dem heien roten
Gesicht.
    Nein, sagte sie hastig, mit scheu abschweifendem Blick, nein. Es ist
nichts. Zuweilen berkommt es mich, da ich nirgendwo in der Welt ein Recht zum
Dasein habe und da ich eines Tages auch die Heimat verlieren kann, die eure
Gte mir gewhrt. Und in solchen Stimmungen denke ich, da Mutter Holten es
besser hat als ich. Das Dach ber ihrem Haupte ist ihr eigen, und ihr
krperliches Elend klopft so laut an die Herzen der Mitmenschen, da diese ihr
nie Trost und Linderung vorenthalten werden. Das sind die heilbaren Schmerzen,
die jeder sieht!
    Der Pastor sah ihr tief in die Augen, indem er mit seiner Hand unter ihr
Kinn griff.
    Alle Schmerzen sind heilbar, meine Tochter, auer denen, welche den
Nachwirkungen begangener Snden entspringen, und davor bewahre Dich Gott! sagte
er ernst. Grundlosen Trauerstimmungen sich hinzugeben, ist eine Schwche, in
die nur ein nicht gesundes Herz verfllt. Woran krankt das Deine?
    Severina fate sich mit Gewalt.
    An Undankbarkeit, sprach sie mit einem Versuch zu lcheln, denn ich
konnte vergessen, da Deine Liebe mein armes Dasein immer gtig ertragen hat.
    Der Pastor drckte ihr die Hand. Er fate diese Aeuerung als eine
Hindeutung auf, da Severinas armes Dasein von der Pastorin bekanntlich nie
gtig ertragen werde und es war ihm zweifellos, da seine Frau die
Pflegetochter wieder durch irgend eine Bemerkung schwer gedemtigt habe.
Natrlich war dann die Sache zu heikel, um dem Grund von Severinas Erregung
nher nachzuforschen. Er begngte sich mit einigen allgemeinen
Beruhigungsworten.
    Severina fhlte sein Miverstndnis heraus. Damit ward es ihrem Bewutsein
wieder lebendig, da es eine Schranke zwischen ihr und dem guten alten Mann gab,
die sie verhinderte, ihr gequltes Herz durch Vertrauen zu erleichtern. Sie
konnte ihn nicht zum Mitwisser einer Sorge machen, von der die Pastorin keine
Ahnung haben durfte.
    Alle ihre Erregung erstarrte in pltzlichem Trotz gegen Gott und die
Menschheit. Sie warf den Kopf zurck und ging hinaus, ohne selbst der Alten noch
einmal zuzunicken.
    Der Pastor seufzte. Ja, dieser jungen Seele war nicht zu helfen. Die Saat
der Milde und Geduld, die er immer darin auszustreuen bemht gewesen, konnte
nicht aufgehen, wie ein scharfkantiger Pflug ackerte die Zunge der Pastorin das
neubeste Feld immer wieder um.
    Severina aber ging ins Schlo zurck, von einem mechanischen Gedanken
beherrscht, dessen selbstverachtende Bitterkeit ihre Lippen fast wie im Spotte
hob und allen ihren Zgen einen in diesem Gedanken erstarrten Ausdruck gab.
    Was liegt an mir? Ich bin zum Elend geboren, dachte sie.
    Da es vielleicht in ihrer Macht sei, durch liebevolle Worte, durch einen
beredten Brief, in den sie ihre ganze Gefhlsgewalt hineinlegen knne, mahnend
vor Joachim hinzutreten, fiel ihr gar nicht ein. Ihre Betubung war so gro, da
sie sich nicht einmal wehrte. Ihr einziger Wunsch war, da man sie ungestrt
lassen mge.
    Aber das schien ihr wenigstens heute nicht beschieden. Kaum betrat sie die
Schwelle, als Adrienne aus der nchsten Zimmerthr ihr entgegenstrzte.
    O, wie habe ich auf Sie gewartet! Bitte - der Kleine ist krank - es scheint
so - ich bin auer mir. Aber vielleicht tuscht es mich. Sie kennen das.
    Severina fhlte zwei heie, weiche Hnde ihre eisige Rechte umklammern.
Sekundenlang ging ihr ein befriedigendes Gefhl lsend durch das Herz. Das Kind
krank? Joachims Abgott? Da war es ja, das groe Unglck, das diesen dumpfen
Zustand der Angst zerri wie ein Blitzstrahl die Nacht. Willkommen, Krankheit
und Tod! - Dann durchzuckte sie jhe Angst um das Kind. Die auflodernde
Grausamkeit erlosch vor dem Schreckgedanken einer Gefahr fr seinen Liebling.
    Wir wollen sehen, sagte sie heiser.
    Unten im Wohnzimmer sa die Kindsmagd und hatte den Kleinen auf dem Scho.
Schon kniete die vorauf geeilte junge Mutter wieder vor ihm und sah ihm bang in
die Augen.
    Diese waren gro und glasig, whrend die Bckchen purpurn glhten. Das Kind
lag ganz teilnahmslos und atmete kurz.
    Whrend Severina ber ihm gebeugt stand und es mit scharfen Augen
betrachtete, fing es an, den Kopf hin und her zu drehen, die Hnde zu ballen,
die Beinchen kurz zusammenzuziehen.
    Das Kind hat Krmpfe, sagte Severina kurz. Adrienne schrie auf.
    Zahnkrmpfe, setzte die alte Magd hinzu, da hilft nichts gegen als
Sympathie. Vielleicht ist im Dorf jemand, der besprechen kann.
    Unsinn, sprach Severina finster, Zahnkrmpfe gibt es nicht. Dies ist eine
Kinderkrankheit wie andere auch. Wir wollen das Kind nach oben tragen. Holen Sie
Schnee herein; es mu kalte Umschlge auf den Kopf bekommen.
    Sollen wir die Pastorin nicht holen? fragte Adrienne bang.
    Nein, nur die nicht, sagte Severina hart. Sie wird Ihnen vorrechnen, da
Sie krzlich irgendwelche Snde begangen haben mten und da dies die Strafe
dafr sei. Sie wird auch die kalten Kompressen fr ein unerlaubtes Eingreifen in
das Strafgericht Gottes halten.
    Adrienne folgte zitternd, mit gesenktem Haupte dem Mdchen, welches auf
starken Armen vorsichtig das zuckende Kind trug.
    Und nach dem hastigen Hinundher der ersten Hilfsmanahmen, nachdem ein
Knecht mit dem Jagdwagen zum Arzt gefahren war und ein Kbel mit Eisstcken und
Schneewasser neben dem Kinderbett stand, saen die beiden Frauen in totenhaftem
Schweigen neben dem kleinen Kranken.
    Severina brtete darber, wie das Wiedersehen mit Joachim sein werde, wenn
das Kind da in seiner stummen Qual vorher stirbt, und ob sein Herz dann lernen
werde, wie schmerzlich es sei, zu verlieren, was man liebt.
    Adrienne aber sah unverwandt auf ihr Kind. Der Anfall war vorber, die sonst
so weichen Zge des Kleinen trugen in scharfen Linien die Spuren der
Erschtterung und machten es ganz alt. So hatte es eine merkwrdige Aehnlichkeit
mit seinem Vater, und diese Aehnlichkeit steigerte die Angstgefhle im Herzen
des jungen Weibes.
    Wenn nur jemand da wre, der aus tiefster Seele mit ihr sorgte, mit ihr
bangte! Ach - so ganz, so mit allen Fibern konnte das nur einer, der Eine, der
fern, weltfern war. Aber doch mute es eine Wohlthat sein, Fannys kluges Auge
mit an dem Bette wachen zu sehen, in Joachims Gesicht die groe Sorge um den von
ihm so geliebten Knaben zu lesen. Das Mdchen da an der andern Seite des Lagers
sa wie ein Bild von Stein; auf ihren erstarrten Zgen war nichts zu lesen,
weder Sorge noch Mitleid.
    Eingeschchtert, Adrienne wute selbst nicht wodurch, wagte sie lange nicht,
die Bitte an Severina zu richten: Schreibe an Fanny. Als sie es endlich doch
gethan, erhob das Mdchen sich augenblicklich und ging in das Wohnzimmer
nebenan.
    Hier sa sie lange ber einem Briefbogen brtend, die Feder verkehrt in der
Hand.
    Fanny rufen, das hie Joachim rufen, die tdlichste Entscheidung
herbeirufen.
    Sie stand wieder auf, ging lange hin und her und sagte zuletzt, mit dem Auge
scheu Adrienne vermeidend:
    Der Kleine wird gewi morgen besser sein. Was sollen wir Fanny die Ferien
stren, die sie sich so selten gnnt?
    Die junge Frau atmete auf. Ja, wenn Severina glaubte, da er morgen besser
sei ... sie konnte es beurteilen, sie war seit frher Jugend mit der
Krankenpflege vertraut.
    In der That kehrten die Anflle nicht wieder. Der Arzt kam und zeigte sich
ganz unbesorgt und mit den von Severina getroffenen Maregeln einverstanden. Den
ganzen folgenden und die nchsten beiden Tage schien es, als sei jede Angst
thrichte Uebertreibung. Da der Kleine nicht a und so schnell abmagerte, wie
nur so kleine Kinder pflegen, war wohl die natrlichste Folge der berstandenen
Leiden.
    Zuweilen ward Adrienne von jher Unruhe ergriffen. Wir wollen es doch Fanny
schreiben, meinte sie dann. Aber Severina wute es ihr immer auszureden und
endlich konnte man schon Tag und Stunde von Fannys Wiederkehr ausrechnen, da, so
meinte selbst der Pastor, da wre es ja doppelt alarmirend fr Fanny gewesen,
wenn man sie kurz vor ihrer ohnehin erfolgenden Heimkehr beriefe.
    Whrend man sich im Hause rstete fr die zahlreichen Gste, die nun
folgenden Tags mit der Herrin einziehen sollten, wachte Adrienne, bla und
hohlugig, am Bett ihres Knaben, der an diesem Nachmittag einen schwachen
erneuten Krampfanfall bestanden hatte. Alle mit Gewalt zurckgedrngte Angst
kehrte, bis zu wahnsinniger Unruhe gesteigert, in ihr Herz zurck. Und niemand
war bei ihr, diese Not zu teilen. Selbst Severina ging im Hause unermdlich
treppauf, treppab, mechanisch ihr Teil Pflichten an den Festvorbereitungen
erledigend. Welch eine Vorstellung - morgen sollten alle Rume dieses Hauses von
frohem Lrm widerhallen und hier rang ihr Kind zwischen Leben und Tod? Nein, das
konnte Fannys Wille nicht sein. Und pltzlich erschien es Adrienne, als seien
Severinas Weigerungen, zu schreiben, geflissentlich und von geheimen Grnden
bestimmt gewesen. Eine ungeheure Aufregung bemchtigte sich ihrer, und in
derselben wurde sie pltzlich wie hellsehend - von jener Art Hellseherei, welche
wohl die Wahrheit, aber diese in falscher Beleuchtung sieht. Severina liebte
Joachim, und sie wollte nicht, da er kommen solle, um seinen Liebling sterben
zu sehen, um an seinem Lager mit zu leiden - fr Mnner ist ein jher Schlag
immer ertrglicher als langsames Hinqulen. So war es.
    Wie eine Irre entfloh das junge Weib dem Zimmer und lie das Kind allein.
Sie lief zum Hause hinaus und ber den abenddunklen Hof in die Stlle. Dort
beschwor sie den Kutscher, noch heute, jetzt in dieser Minute einen Reitknecht
nach der Taiburg zu schicken. - Das ginge nicht, der wrde erst um zehn Uhr
ankommen. - Nun, so mge er dort nchtigen. Nein, es ginge durchaus nicht, denn
morgen frh um fnf mten die Wagen hinber, um die Frau und ihr Gepck zu
holen.
    So schicken Sie die Schlitten jetzt fort. Dann kann Frau Frster am frhen
Morgen hier sein, sonst wird es Nachmittag. Und sagen Sie, da mein Sohn so
krank sei - so krank, da er sterben knne.
    Der Kutscher versprach, da er thun wolle, was mglich sei, blo um die
junge Frau zu beruhigen, denn fr ihn war es oder schien es doch unmglich, die
Pferde noch anzuspannen, die heute schon Stroh nach der nchsten Garnisonstadt
gefahren hatten.
    Adrienne kehrte etwas gefater in ihre Zimmer zurck. Wann auch immer Fanny
kam, Gste wrde sie nun keine mitbringen. Als sie wieder an das Bett trat, lag
der Kleine in heftigen Zuckungen. Ihr Schreckensschrei gellte durch das Haus.
Severina und die Dienstboten kamen herzugelaufen.
    Alles umstand in schweigender Sorge das Bett, vor dem die Mutter auf den
Knieen lag. Adrienne winkte heftig - sie wollte allein bleiben.
    Sie wute, da ihres Kindes letzte Lebensstunden begonnen hatten. Man lie
ihr den Willen und entfernte sich, der Diener lief von selbst zum Pastor,
Severina blieb im Wohnzimmer sitzen.
    Eine bange Viertelstunde verstrich. Der Pastor und seine Frau traten ein.
Der alte Mann streichelte mit seiner weichen Hand Adriennens Haar und sagte
nichts; sie legte ihr Haupt an ihn, als sei sie mde, und verharrte knieend. Die
Pastorin setzte sich an das Bett, nahm ihre Brille hervor und schlug das
Gesangbuch auf, das sie aus der Tasche zog.
    Mit ihrer harten, lauten Stimme begann sie zu lesen:

So komm, geliebte Todesstund',
Komm, Ausgang meiner Leiden!
Ich seufze recht von Herzensgrund
Nach jenen Himmelsfreuden.
So komm, o Tod, nur bald heran,
Ich warte mit Verlangen,
Im weien Kleide angethan,
Vor Gottes Thron zu prangen.

Adrienne stand langsam auf. Ihre starren Augen waren mit einem Blick des Grauens
auf die gleichmtig lesende Frau gerichtet. Sie hob die Hand gegen die Thr mit
deutender Geberde.
    Ich - ich will das - nicht hren, lallte sie.
    Die Pastorin sah mit fassungslosem Entsetzen auf die junge Frau. Nach einer
Weile sagte sie bestimmt:
    Wenn Sie sich der trstlichen Spendung des Wortes unseres Herrn - Herrn
entziehen wollen, ist es meine Pflicht, sie Ihnen aufzudrngen. Und ohne
weiteres fuhr sie fort:

Herr Jesu, deine Liebe macht ...

Hinaus! schrie Adrienne auf, ich will allein mit der sterbenden Seele meines
Kindes sein!
    Herr, mein Gott, betete die Pastorin mit gefaltet erhobenen Hnden, hre
nicht auf dieses irrenden Schfleins Wahngeschrei!
    Da geschah etwas ganz Unerwartetes. Der Pastor nahm seine Frau beim Arm und
sagte halblaut:
    Du siehst, es ist nicht allen Herzen willkommen, Dich als Dolmetsch bei dem
Hchsten zu haben. Mitfhlen ist hier mehr als vorbeten.
    Sie sah ihn an - beinahe wild, jedenfalls so emprt, da es ihr an Fassung
gebrach, ihren Platz zu behaupten.
    Herr, murmelte sie endlich, mache nicht mich verantwortlich fr seine
Fahrlssigkeit im Glauben.
    Geh heim, sagte der Pastor, und wenn Du willst, bete dort.
    Zorn im Herzen, Zorn in den erregten Mienen und berhastigen Geberden ging
sie, aus der Not eine Tugend machend und sich sagend, da ihre eigene Seele
Gefahr laufe, wenn sie hier weile. Severina, die am Thrpfosten stand, lie sie
mit bitterem Lcheln vorbei.
    Soll ich auch gehen? fragte der Pastor sanft.
    Adrienne schttelte den Kopf und ergriff seine Hand, um sie, gleichsam
liebkosend, gegen ihre Wange zu drcken. Er nickte vterlich liebevoll, dann
setzte er sich auf den Platz, den seine Frau innegehabt.
    An wie vielen Totenbetten hatte er nicht schon so gesessen? Suglinge,
Kinder, Jnglinge, Frauen, Greise hatte er sterben sehen. Hundertmal hatte er
dem Tode in das geheimnisvolle Gesicht geschaut. Seine Geheimnisse hatte auch er
nicht entrtselt, aber seine Schrecken hatte ihre Macht verloren. Es war immer
dasselbe Bild, immer thaten sich im Leben der Zurckbleibenden Lcken auf, die
ewig unausfllbar schienen, und immer schlo die Zeit diese Lcken lind und
fest. Er hatte noch keine unheilbaren Schmerzen gesehen, darum waren ihm die
Schmerzen keine Strafen von Gott, sondern Prfungen, und darum griff er weder
mit druendem, noch lehrendem, noch trstendem Wort ein. Aber er weinte mit den
Leidenden, denn er begriff immer, da sie die Gre ihres Jammers berschtzen
muten, weil die Kenntnis des Trostes ihnen noch vorenthalten war. So sa der
greise Mann auch hier und teilte mit ehrlichem Herzen den Jammer der jungen
Frau. Er grbelte weder darber, warum dies Leid gekommen, noch wozu es gut sei;
er dachte nur daran, es ihr tragen zu helfen. Und Adrienne fhlte dieses fromme,
menschliche Mitleid und empfand seine Nhe als Wohlthat.
    Die Nacht ging weiter, das Kind rchelte schwer. Wider ihren Willen hatte es
Severina herangezogen, sie stand am Fuende des Bettes und horchte auf den
rasselnden, heiseren Atem.
    Adrienne sah stumm und thrnenlos auf das sterbende Kind.
    Ihr ganzes Leben und das ihres Gatten zogen an ihr vorber. Eine hnliche
Existenz, wie die ihre gewesen, wre auch diesem Kinde geworden. War da denn so
viel Grund zu jammern? Tag um Tag und Jahr um Jahr den Eigenwillen bezwingen,
die angeborenen Wnsche und Daseinsbedrfnisse kasteien, jede Freude sich karg
bemessen, jeden Herzschlag bang belauschen, ob er nicht ber die Grenze des
Erlaubten geht und bei all den tausendfachen, kleinen und durch ihre Unsumme ins
zentnerschwere wachsenden Opfern, doch nichts erreichen als ein mittelmiges
Dasein - mittelmig an ueren Gtern, mittelmig an Stellung in den
Ehrenabstufungen der menschlichen Gesellschaft, mittelmig an Befriedigung der
Herzenssehnsucht, mittelmig sogar in dem landlufigen Ma verzeihbarer Snden
- war das alles wert, ein Leben zu wnschen? Und wenn wirklich dieses Kindes
Laufbahn glanz- und freudevoller geworden wre, als die seiner Eltern, selbst
dann, was verlor es? Vielleicht nur wenige sorglose Jugendjahre, denn mit dem
ersten unerfllten Wunsch kommt der erste Stachel in die Menschenseele. Was
verlor er sonst? Die Liebe? O, ihm blieb die Erfahrung erspart, da es in der
Liebe keine glckssonnigen Ewigkeiten gibt, da sie in der Freiheit unter den
Erschtterungen nie ganz gesttigter Leidenschaft qualvoll leidet, da sie in
den Fesseln der Ehe ihre Zauber verliert durch das Zwanggebot gedankenloser
Treue. Die Ehre? Ihm blieb die Erfahrung erspart, da man mit reinen Hnden und
Fen zu langsam auf der schlpfrigen Leiter des Erfolgs emporklimmt, und da es
das Gemt verbittert, andere schneller oben zu sehen, die auf dem Wege ihre
Seelen nicht mit dem Schwergewicht des Anstandes und der Gewissenhaftigkeit
behngt hatten.
    Und wenn eine gtige Laune des Geschicks ihm gleich von allen Reizen des
Lebens die bestrickendsten immer dargeboten - eins, ein Schreckliches htte ihm
kein Gott nehmen knnen: das Altwerden, das Sterben im Leben. Die Grausamkeit
wre ihm nicht erspart worden, mit einem jungen, genuschtigen und genufhigen
Herzen, mit zitternden Gliedern und weiem Haar zuzusehen, wie andere, mit
vielleicht rmerem Herzen aber braunen Locken das Spiel des Lebens neu begannen,
das fr ihn vorbei war ...
    Was verlor er?
    Nur einige Morgenrten weniger sendeten ihre Strahlen auf sein Bett und
diese, die sich eben fahlrot durch die Spalten der Fenstervorhnge schlich -
diese war seine letzte.
    Das Nachtlicht war erloschen. Winterklte, verschrft durch das Frsteln,
das durch unausgeruhte Glieder schleicht, durchrttelte die junge Frau.
    Licht! murmelte sie.
    Severina ging zu den Fenstern und lie das Licht des tagenden Wintermorgens
herein.
    Da sah das junge Weib wieder deutlich das Gesicht des sterbenden Kindes. Es
sah noch wie sein Vater aus.
    Adrienne sthnte laut.
    Sie hatte viele Stunden nicht an ihn gedacht. Wo war er? Fern, ahnungslos
hatte er in schwler Tropennacht vielleicht traumlos und tief geschlafen, und
hier verging derweil in Staub sein einziges Glck. Ein Entsetzen ohnegleichen
ergriff die Seele des Weibes. Wenn er heimkehrte und sein Kind von ihr
verlangte! Ihr war's, als sei sie seine Mrderin. Und die Stunde fiel ihr ein,
wo die Versuchung an sie trat, die Ehre des fernen Gatten zu verraten. Dies war
die Strafe. Um ihrer Snde willen mute es sterben. Wenn Arnold heimkam und
Gericht hielt!
    Das Kind - sein Kind - seine Liebe - sein Lebenszweck tot? Was gab es dann
noch in seinem harten Dasein, ihn zu erquicken, ihn zu trsten? Nichts -
liebeleer, armselig, sonnenlos waren alle seine Stunden.
    Barmherziger Gott, la meinem Kind das Leben!
    Ja, das Dasein lohnt sich, es ist reich, es ist ein Segen, jede Entsagung
verkehrt sich zur Wonne, jede Arbeit zur Lust - wenn man fr ein Kind, fr ein
Kind leben darf.
    Barmherziger Gott, la meinem Kind das Leben!
    Wie schwer Arnold sich damals von ihm ri, wie sein mnnliches, ernstes
Gesicht von Thrnen na war! Entsetzlich - wie wrde er weinen, wenn er anstatt
seines Kindes nur ein Grab fand? Und wo war die Liebe, die starke, mutige,
selbstlose Liebe, die allein ihm Trost bringen konnte?
    Adrienne warf sich in die Kniee. Sie betete, ihre Lippen aber lallten statt
der Gebete: Arnold - Arnold - Und so immer fort wie eine Irre, und dabei
hingen ihre Augen gierig am rchelnden Kindermund. Ein letzter Atem pfiff aus
der kleinen Brust, die Glieder streckten sich lang und das Kpfchen sank mit
offenem Mund und offenen Augen schwer zurck.
    Da schrie das junge Weib noch einmal auf:
    Arnold - Arnold - ich - liebe - Dich.
    Und in schwerem, dumpfem Fall fiel sie bewutlos zu Boden.

                              Vierzehntes Kapitel


Auf der Landstrae fuhren in scharfem Trabe zwei Wagen hinter einander her. Der
erste war Fannys Landauer, in dem zweiten sa ihre Jungfer neben den Koffern und
sah mit dem traurigsten Gesicht in die Landschaft hinein. Sie hatte ihr Herz bei
einem der Diener in der Taiburg zurckgelassen und vergegenwrtigte sich noch
einmal, wie vornehm und gebildet der Geliebte erscheine, und hielt das Zeugnis
seiner Bildung - Schillers Werke in einem Band, die er ihr als Andenken
geschenkt - zwischen den gefalteten Hnden wie ein Gesangbuch. Sie erinnerte
sich auch, da er ihr anempfohlen habe, in traurigen Stunden darin zu lesen, und
schlug sich Don Carlos auf. Doch gleich die ersten Worte:

Die schnen Tage von Aranjuez sind nun vorber
Und Sie, mein Prinz, verlassen es nicht heiterer als zuvor,

ergriffen sie so, da sie sich in die Ecke setzte, um zu schluchzen.
    Im Landauer saen Fanny und Graf Tai, ihnen gegenber auf dem Rcksitz
Lanzenau und Joachim. Tai hatte darauf bestanden, seine Freunde nach Mittelbach
zu begleiten, um sich gleich die genauesten Nachrichten ber das Befinden des
Kindes zu holen. Joachim war in demselben Augenblick in der Taiburg angelangt,
als Fannys Wagen eintrafen und mit ihnen die Donnerkunde von der tdlichen
Erkrankung des Kleinen. Eine Stunde spter fuhr man ab, von der ganzen, teils
enttuschten, teils mitfhlenden Gesellschaft an den Wagen geleitet.
    Die vier Gefhrten sprachen wenig zusammen. Fanny sa, in ihren Pelzmantel
gewickelt, in eine Ecke gedrckt und verfolgte mit den Augen die vorbeiziehenden
Bume oder Telegraphenstangen am Wege. Ihr Herz war so voll Sonnenschein und
Glck, da sie sich Mhe geben mute, an die Kunde von Krankheit oder Tod zu
glauben.
    Joachim sah schlecht aus, berwacht und bleich, wie jemand, der viele Nchte
durchtollt oder durchsorgt hat. Sein Gemt war wie betubt, eine Welt von Sorgen
hatte sich auf seine Brust gewlzt: Fanny - Severina - das sterbende Kind - ihm
war, als mten die nchsten Stunden den Tod auch fr ihn bringen.
    Graf Tai glaubte, da es seine Pflicht sei, die von Angst gelhmten Geister
seiner Freunde zu ermuntern; er fragte Joachim nach den Resultaten seiner Reise
auf die Itzelburgischen Gter und ob er sich bei seinem zweimaligen
Durchpassiren der Residenz in Berlin amsirt habe. Darauf erzhlte Joachim, da
er eine kleine Frist zur Entscheidung ber die Annahme der Stellung sich
vorbehalten, um nicht den Schein zu erwecken, er sei in der Lage, mit beiden
Hnden zugreifen zu mssen. In Berlin habe er sich vortrefflich amsirt.
    So flo mhsam ein Gesprch bald mit Joachim, bald mit Lanzenau hin wie eine
Quelle, die sich nur schwer durch Gestrpp ihren Weg bahnt. Und der Tag drauen,
den sie durch die Wagenfenster sahen, war auch nicht darnach angethan,
verstimmte Seelen zu erhellen.
    Ueber der schneefreien, leichtgefrorenen Erde stand ein gleichmig
hellgrauer Himmel, vollkommen sonnenlos und doch von jener blendenden Schrfe
des Lichts, wie ihn nur der Norden kennt. An den drren Knicken sa das braune
Laub der Hainbuchen, der Wind rasselte darin; an den dnnstigen Kronen der
Ebereschen saen zum Teil noch die roten Beeren am bltterlosen Gezweig. Ueber
die endlosen Stoppelbreiten rechts und links von den Wegen ging hie und da ein
Pflug; dazwischen schoben sich Felder, welche die keimende Wintersaat schon mit
leisem Grn berschleiert hatte.
    Ein vorzgliches Jagdwetter, bemerkte Tai, schade um den zerstrten
Plan.
    O, sagte Fanny und sah Joachim trostreich an, ich hoffe, da die Kunde,
die uns ward, erst von der Angst Adriennens und dann vom Kutscher noch
bertrieben ward und da der Kleine schon bald so wohl ist, da wir nach
Herzenslust jagen knnen.
    Gewi, meinte auch Lanzenau, wenn der liebe Junge ernstlich krank wre
und in der That, wie der Kutscher erzhlte, seit beinahe acht Tagen zu
Besorgnissen Veranlassung gab, htte doch Severina oder der Pastor geschrieben.
Oder hatten Sie inzwischen irgendwelche Nachrichten von Frulein Severina?
    Ich - nein. Wie sollte ich? sagte Joachim verwirrt.
    Wie sonderbar! dachte Fanny befremdet und sah Lanzenau fragend an; wie
sollte Severina dazu kommen, an Joachim ... wie kann Lanzenau das voraussetzen?
    Und zu ihrer noch greren Befremdung sah sie Joachims Gesicht in Glut
aufflammen. Was bedeutete dies Errten?
    Eine Unruhe, ein Gefhl kam ber sie, das noch kein Gedanke, keine Vermutung
war, sondern nur eine dunkle, lhmende Empfindung.
    Da fuhren sie auch schon in den Hof des Herrenhauses ein, da hielt der Wagen
schon vor der Thr. Sekundenlang war ihnen allen, als seien ihnen die Fe zu
schwer, um auszusteigen. Ein gewisses Etwas im Gesicht jenes Knechtes dort, der
stillstand, um der Herrschaft zuzusehen; das Gesicht des Dieners, der das
Hausthor ffnete; die verhngten Fenster, die man trotz der erwarteten Rckkunft
der Hausbewohner zu lften vergessen - dies alles gab ihnen jh die schaurige
Empfindung, die jeden befllt, der ein Haus des Todes betritt.
    Fanny war die erste, die herauskam.
    Nun? rief sie.
    Der Diener trat zurck, um sie vorbei zu lassen, und senkte schweigend den
Kopf.
    Das Kind - das Kind? fragte sie mit stockendem Herzschlag. Sie hatte
begriffen und fragte doch. Schon stand auch Joachim neben ihr, und da ihnen
wieder keine Antwort wurde, wuten sie alles.
    In der nchsten Minute ri Fanny oben die Thr auf und hielt die arme junge
Mutter in ihren Armen. Joachim strzte mit einem Jammerruf neben der kleinen
Leiche nieder, die schon feierlich zugerichtet, mit allen Blumen, die das
Treibhaus nur gegeben, umkrnzt, mitten im Zimmer aufgebahrt stand.
    Adrienne weinte leidenschaftlich, ihr Schmerz hatte Thrnen und Worte, und
sie klagte in Fannys Armen von den Stunden der Angst, die sie erlitten, von der
namenlosen Sehnsucht, die ihr Herz nach dem Gatten, dem Ahnungslosen, Geliebten
ergriffen habe. Ja, sie wandte sich, neu erschttert, dem jungen Mann zu, der,
das Gesicht in beiden Hnden verborgen, heftig schluchzte.
    Sich an ihn lehnend, ihn mit beiden Armen umschlingend, flsterte sie unter
Thrnen:
    Was wird unser Arnold sagen!? Er wird noch heute, noch morgen und viele
Wochen von seinem Liebling trumen und nicht wissen, da wir ihn verloren
haben.
    Warum hast Du mich nicht gerufen, damit ich bei Dir und ihm sein konnte?
Nun kann ich Arnold nichts von der letzten Stunde seines Kindes sagen. Ich war
fern - o Gott - vielleicht gerade in einem leichtsinnigen Vergngen verstrickt!
klagte Joachim.
    Kommt, sagte Fanny weinend, qult euch nicht so. Wir wollen nicht an das
Unabnderliche, Gewesene denken, sondern voraus, an unsern armen Arnold.
    Sie hatte gefhlt, da endlich in dem Herzen der jungen Frau die rechte
Gattenliebe erwacht war, und wute, da die Sehnsucht nach ihrem Manne der
gesundeste Begleiter des natrlichen Kummers sein werde. - Adrienne antwortete
auf Joachims Frage:
    Severina verhinderte mich, euch zu rufen.
    Joachim erschrak so, da er zitterte; er hielt sich an dem Rand des kleinen
Sarges fest und sah starr auf das stumme Kind hernieder.
    So hatte er seine Pflicht erfllt, seines Bruders Weib und Kind mannhaft
beizustehen, dafern Leid und Not sie treffen sollte. In der schrecklichsten,
bangsten Stunde ihres Lebens waren sie ohne den Halt und Trost seiner Liebe
gewesen. In den letzten, erstickenden Minuten der Todesnot hatte er nicht als
Wchter am Bette des Kindes gesessen, und warum nicht?
    Severina hatte nicht den Mut gehabt, ihn zu sehen. Wegen seiner
wankelmtigen Liebestndeleien hatte er dem geliebten und gefrchteten Bruder
gegenber sich diese Schuld, diese nie verzeihbare Unterlassungssnde
aufgeladen.
    Er blieb wie versteinert.
    Fanny, nachdem sie noch lange liebevoll mit Adrienne gesprochen, zog sich
zurck, nicht ohne mit leiser Hand Joachims Rechte geliebkost zu haben. Doch er
schien diese ihre Berhrung nicht zu bemerken.
    Lanzenau hatte unterdes seine Anordnungen getroffen, nicht nach Driesa
weiterzufahren, sondern mit Tai hierzubleiben. Beiden schien es klger, in der
steten Nhe der Trauernden zu sein und diese durch ihre Gegenwart vor allzu
heftiger Hingabe an den Kummer zu bewahren, denn sie wuten beide, da Fanny
alles mitfhlen wrde, als sei ihr selbst ein Kind gestorben.
    Lanzenau sprach auch mit Severina einige liebevolle Worte, er sagte ihr, da
Joachim in wenig Tagen der Inhaber einer vielbeneideten Stellung sein wrde und
da man dann, wenn nur erst der frische Gram Adriennens ein bichen verwunden
sei, an Verlobung und Hochzeit denken knne. Er wunderte sich, da Severina dies
mit dem Gesicht einer Sphinx anhrte, steinern und rtselhaft im Ausdruck.
    Dann zog er sich mit Tai in ihre Zimmer zurck, wo beide Herren allein ihr
Mahl nahmen und sich die Zeit mit Schachspiel krzten.
    Nachdem Fanny sich ein wenig besonnen und erfrischt hatte, kehrte sie zu
Adrienne zurck, schickte Joachim fort, damit er mit dem Pastor das Ntige wegen
der Beerdigung verabrede, die sie auf den nchsten Abend bestimmte, und
versuchte ihr mglichstes, die junge Frau zu berreden, da sie sich ein wenig
zu Bett lege.
    Komm in mein Zimmer, das Mdchen kann so lange den Kleinen bewachen. Du
mut jetzt Deine Gesundheit doppelt schonen, denn wenn Arnold heimkehrt, soll zu
dem Kummer ber sein Kind nicht die Sorge fr sein Weib kommen.
    Endlich halfen diese in allen Formen wiederholten und vernderten
Vorstellungen, und Adrienne, die in der That vom Wachen und Weinen ganz
entkrftet war, lie sich in Fannys Bett legen, worauf Fanny dann ging, um
endlich, endlich ein Wort mit Achim reden zu knnen.
    Dieser war, nach schnell beendetem Geschft beim Pastor, ins Haus
zurckgekehrt und sa in jenem Wohnzimmer, wo Fanny ihn portrtirte und wo
Severina ihnen das wilde Lied von Ginevra und Lanzelot gelesen. Er starrte zum
Fenster hinaus in den winterlichen Park, in dessen Wegen kleine Wirbel welker
Bltter entlang tanzten, und dachte, ob es nicht ein Traum gewesen, da vor
wenig Tagen noch Fanny, schn, vielgefeiert und geehrt, sich ihm zu eigen
gegeben.
    So fand ihn Severina, die ihn seit seiner Ankunft noch nicht gesehen.
Langsam kam sie auf ihn zu, ihre Augen wurzelten ineinander. Sie konnten beide
nicht sprechen, den beiden schlug das Herz bis zum Halse hinauf, und die heie
Erregung der Angst schnrte ihnen die Kehle zu. Jeder frchtete, vom andern sein
Todesurteil zu hren, Joachim, da sie sagen wrde: Ich verachte Dich, und
sein ganzes Wesen wallte doch auf im Wunsche, sie zu kssen, Severina, da er
sagen knne: Ich liebe Fanny allein, und doch htte sie ihr Leben dafr
gegeben, noch einmal an seinen Lippen zu hngen.
    Severina, murmelte er endlich, kannst Du mir verzeihen? Bei Gott, es ist
keine Lge, ich liebe Dich!
    Severina atmete tief; es klang wie ein Seufzer. Eine seltsame Hrte breitete
sich pltzlich ber ihre Zge.
    Du wirst Fanny die Wahrheit sagen, sprach sie hart, die Wahrheit, da Du
mein bist.
    Wie kann ich das? sagte er verzweifelt; Fanny einen Schmerz zufgen -
Fanny, der ich so vielen Dank schulde?
    Das httest Du Dir ins Gedchtnis rufen sollen, ehe Du ihr Herz betrogst.
    Es ist kein Betrug.
    Severina zuckte die Achseln.
    Was soll denn werden? fragte sie.
    Habe nur Geduld, ich mu ja einen Ausweg finden.
    Hier trat Fanny ein. Dasselbe unbestimmte Gefhl von Angst, das sie im Wagen
schon empfunden, kehrte zurck, als sie die beiden allein mit Spuren tiefer
Erregung im Gesicht fand. Es stieg, als Severina rasch, ohne ein Wort oder Blick
an sie zu richten, hinausging.
    Was hat Severina? fragte sie.
    Nichts. Was sollte sie haben? fragte er befangen entgegen.
    Fanny trat zu ihm, legte ihm beide Hnde auf die Schultern und sah ihn tief
an.
    Ich hatte Severina gefragt, wie alles gekommen und verlaufen sei mit der
Krankheit des Kleinen, antwortete er, errtend auf diesen Blick.
    Nein, dachte Fanny, das wre zu schlecht - lgen - mir Aug' in Auge. Das
kann er nicht.
    Aber sie sprach doch noch - all ihre Liebe lag in den schmeichelnden Lauten
ihrer Stimme - sie sprach doch noch:
    Nicht wahr, Du hast Vertrauen zu mir, Du weit, da meine Liebe so gro
ist, Dir alles zu verzeihen, nur das Verbrechen der Unwahrheit nicht?
    Ihn wandelte das Gelst an, ein befreiendes Gestndnis abzulegen, er fhlte
beinahe gewi, da sie vergeben werde und doch sein guter Engel bleiben wrde.
Aber seine Liebe - nein, die wrde sie dann nicht mehr annehmen. Und wie ein
Blitzstrahl fiel die Erinnerung an die erlebten gttlichen Stunden entzckend in
sein Blut.
    Fanny, flsterte er aufwallend, ich liebe Dich.
    Das war ihr Antwort und Gelbde genug. Die Wahrheit sprach aus seinen
aufblitzenden Augen.
    Sie senkte den Blick, der sich von Glcksthrnen trbte, und legte ihren
Kopf gegen seine Schulter. Sie bedachten nicht, da sie am Fenster standen und
da, wer drauen ging, sie so sehen konnte.
    Drauen aber gingen Tai und Lanzenau, die noch vor der nahen Dmmerung
einen Spaziergang machen wollten, da der Baron von der langen Wagenfahrt am
Morgen ganz steif zu sein behauptete. Sie sprachen gerade von der Mglichkeit,
unter den ostelbischen Grundbesitzern ein gemeinsames Vorgehen bezglich der
notwendigen Flukorrektion anzuregen, und Tai hielt in dem ihm eigenen
wohlgerundeten Periodenbau einen Vortrag ber die Frage, als habe er den ganzen
Kreistag vor sich, als Lanzenau einen eigentmlichen Ausruf that.
    Ein gurgelnder, halberstickter Laut kam von seinen Lippen. Tai sah ihn
entsetzt an und dachte, der Baron bekme einen Schlag. Sein farbloses Gesicht
war blulich geworden, sein Mund stand auf, die Augen waren starr.
    Was ist Ihnen, Lanzenau? Hren Sie doch! Tai legte den Arm um ihn.
    Lanzenau atmete schwer, wollte weiter gehen, doch knickten ihm die Kniee
ein.
    Das ist ja ein Unglckstag. Lanzenau - was ist Ihnen?
    Nichts, lallte er.
    O - da sehe ich zum Glck Fanny und Herebrecht am Fenster - sie sind auf
uns aufmerksam geworden, sagte Tai erleichtert.
    Alsbald kam Joachim durch den Saal ber die Terrasse herbeigelaufen. Doch
als er Lanzenau mit sttzen wollte, fand dieser in bermenschlicher Bezwingung
seine Krfte wieder und wehrte dem jungen Mann mit einem solchen Blick des
Hasses, da selbst Tai davor erschrak.
    Der arme Lanzenau, dachte der Graf, whrend, auf seinen Arm gesttzt,
dieser mit ihm dem Haus zuschritt und Joachim, bla und scheu, folgte, der arme
Kerl - leidet an Ischias, an schlagartigen Blutstockungen und an allen mglichen
anderen mementi mori und plagt sich noch obenein mit Eifersucht.
    Fanny eilte dem Freunde schon besorgt entgegen und geleitete ihn in das
Wohnzimmer, wo er sich auf die Ottomane legen mute und von ihr mit starken
Weinen, kalten Kompressen und dergleichen gepflegt wurde.
    Der Anfall ging schnell vorber, aber Lanzenau gnnte sich die schmerzliche
Wollust, von ihr so sorgfltig bewacht zu werden. Er lag still und lang
ausgestreckt; seine Gestalt war bis zur Brusthhe mit Fannys trkischem Shawl
bedeckt, sein Monocle hing an der schwarzen Schnur seitwrts herab, in dem
kleinen runden Glas, das an dem bunten Stoff lag, blinkte der Lampenschein vom
Tisch her wider. Lanzenau sah mit halbgeschlossenen Augen hinber, wo Fanny mit
Tai still Zeitungen las. Das zeitweilige knitternde Umschlagen der groen
Papierflche der Klnischen war der einzige Ton, der durch das ruhige Zimmer
ging. Sehr oft hob Fanny das Auge und sah aufmerksam zu dem Leidenden hinber.
Der beobachtete jeden dieser liebevollen Blicke und erregte sich immer
schmerzlicher davon.
    So gut, so selbstvergessen war sie in der Freundschaft, welche unermeliche
Schrankenlosigkeit mute ihr Gefhl in der Liebe haben! Und das alles hatte sie
weggeworfen an diesen flatterhaften Jngling.
    Lanzenau glaubte sich wieder ganz wohl, ganz khl und klar; und doch irrten
seine Gedanken fiebernd umher. Bald dachte er grollend an Joachim, der oben bei
seiner Schwgerin sa und an den fernen Bruder schrieb, bald stellte er sich
vor, was Fanny sagen wrde, wenn sie von dem Verrat erfuhr. Es wrde sie tten -
gewi, das wrde es. Nichts wrde sie so schwer treffen, nicht einmal, wenn
Joachim pltzlich strbe, als sich belogen zu sehen. Immer fieberischer dachte
Lanzenau darber nach, auf welche Weise man Joachim von Fanny trennen knne,
ohne da sie erfhre, warum.
    Joachim mute sterben, das stand zuletzt fr Lanzenau fest. Aber wie? Ihn
zum Duell fordern? Der junge Mann war der bessere Schtze, und da es um Leben
und Tod ging, wrde er den Gegner einfach niederschieen. Aber sterben mute er
- sterben. Um seinen Tod durfte Fanny weinen, nicht um seinen Verrat.
    Er sthnte. Sofort erhob Fanny sich und erneute den kalten Umschlag auf
seiner Stirn.
    Lieber Lanzenau, sagte sie mit ihrer zrtlichsten Betonung, Ihre Stirn
brennt, Sie sollten lieber ins Bett gehen.
    Ja - ja, stotterte er und versuchte mhsam, sich zu erheben.
    Tai sprang herzu und sttzte ihn.
    Morgen wird es besser sein, sagte Lanzenau heiser.
    In der That schien er am nchsten Tag fr den oberflchlichen Blick ganz wie
sonst. Er war bei all den traurigen Vorgngen gegenwrtig, die ein Begrbnis mit
sich bringt, ja, gab noch selbst Anordnungen, um die Feierlichkeit desselben zu
erhhen.
    An diesem Tage traf auch, der erste seit vielen, vielen Wochen, ein Brief
von Arnold ein. Es erschien allen wie eine barmherzige Fgung des Zufalls, und
Adrienne begrte es ekstatisch wie ein Zeichen von Gott; sie verga, da sie
sich allesamt schon lange ausgerechnet hatten, es msse um den ersten Dezember
herum ein Brief kommen.
    Die junge Frau las die teure Botschaft in Fannys Gegenwart, und diese
beobachtete schweigend die dunkle Glut hchster Erregung, die in Adriennens
Gesicht beim Lesen stieg.
    Mein geliebtes Weib, schrieb der Kapitn, Du wirst bis jetzt drei Briefe
von mir empfangen haben. Ich schrieb sie alle voll von Liebe und Sehnsucht nach
Dir und unserem sen Knaben. Aber sieh, seit kurzem fat mich oft ein seltsames
Bangen. Habe ich fr diese Liebe denn auch so deutliche Worte gefunden, da sie
Dir offenbar ward? Habe ich nicht damals, als wir noch zusammen sein konnten,
auch gefehlt, indem ich zu sehr in mich verschlo, was doch mein ganzes Wesen
fllte? Ich forderte von Dir, Du solltest meine Art vertrauend verstehen, aber
um das zu fordern, htte ich erst in Deiner Sprache mit Dir reden sollen,
begreifen mssen, da das Herz eines jungen Weibes reichlicher und ausfhrlicher
der Neigung des Gatten versichert sein will.
    Wie mir diese Erkenntnis so kam? Du erwartest vielleicht, da ich Dir irgend
ein romantisches oder gefahrvolles Erlebnis berichte, das an meiner Seele also
rttelte. Nichts dergleichen! Du weit, es liegt nicht in meiner Natur, uere
Vorgnge auf mich einwirken zu lassen, es mu sich alles von innen heraus mir
entwickeln und sich mir aus meiner Erkenntnis als Wahrheit aufdrngen. So wuchs
mir auch aus dem Kern des unbefriedigten Wunsches, nur einmal Dein rtliches
Haar und Dein liebes blasses Gesicht zu sehen, mit tausend Zweigen die
fortrankende Sehnsucht hervor. Und dann kam der Gedanke, ob Dir eine
schmerzlich-liebe Ahnung wohl von meinem Sehnen etwas sage. Unser Abschied fiel
mir ein. Jede herbe, sonnenlose Stunde ward wach, die wir schon erlebt. Nein -
ich fhlte, meine Sehnsucht konntest Du nicht erraten, denn Du glaubtest nicht
an meine Liebe.
    So wuchs es weiter. Einmal sagte ich mir: Der Prediger auf der Kanzel wird
nicht mde, den Glauben zu verknden; der Lehrer in der Schule hat die
nimmerlstige Geduld, Unwissende zu belehren; tausendfltig mssen wir in
unserem Beruf oder in unseren Verpflichtungen als Mitglieder der menschlichen
Gesellschaft gleichgiltige Dinge wieder und wieder sagen, und ich war zu stolz,
Dir das Wichtigste, das Heiligste so lange zu wiederholen, bis Du es glaubtest?!
    Mein Weib - ich liebe Dich; und wenn ich erst bei Dir bin, werden auch meine
Lippen die rechten Worte finden, es Dir zu verknden. Frher, als wir scheidend
dachten, kehre ich heim. Im Frhling wird die Besatzung abgelst. In den
beifolgenden Tagebuchblttern findest Du alles Wissenswerte ber unsern hiesigen
Aufenthalt; sie sind zum Mitteilen fr Fanny Frster und meinen Joachim
bestimmt, den ich mit Freuden bei euch wei. Mein kleiner Joachim kann noch
nichts von mir empfangen, weder Mitteilung noch Gru; aber Du, mein Weib, Du
drcke ihn an Dein Herz und liebe ihn doppelt.
    Meine Adrienne - wirst Du mir glauben, mich verstehen? Noch einmal sage ich
Dir: Ich liebe Dich.
    Dieses Blatt kam aus Sansibar und trug das Datum des 27. September. Es war
an demselben Tag geschrieben, an welchem damals Adrienne ihren
leidenschaftlichen Brief mit dem Ruf der Liebe und Reue an ihn gerichtet hatte,
und dieser Brief mochte auch gerade in diesen Tagen in seine Hnde gekommen
sein.
    Weinend wiederholte Adrienne die Weisung ihres Gatten, das Kind an ihr Herz
zu drcken, und Fanny hatte alle Mhe, sie zu beruhigen.
    Der Kummer und die Thrnen der jungen Frau ngstigten Fanny aber nicht, es
war eine gesunde und natrliche Art, den Gram zu uern. Und unter den Thrnen
sah Fanny schon die Morgenrte eines knftigen, wirklichen und dauernden Glcks
fr Adrienne und Arnold von Herebrecht.

                              Fnfzehntes Kapitel


Wenn Sie mich noch haben wollen, sagte Graf Tai am Tage nach dem Begrbnis
des Kindes, so bleibe ich noch. Um die Wahrheit zu sagen: Lanzenau macht mir
den Eindruck eines Menschen, der nicht alle seine fnf Sinne richtig beisammen
hat. Ich kann kein Gesprch vernnftig mehr mit ihm zu Ende fhren, er ist wie
ein Berauschter, der keinen logischen Gedankengang hat, sondern irgend einer
thrichten Idee nachbrtet.
    Wir wollen nach dem Arzt schicken, sprach Fanny erschreckt, wenn Lanzenau
nur keinen Schlaganfall oder dergleichen bekommt.
    Bewegung im Freien mchte ihm besser sein als alle Medizin. Wie wre es,
wenn wir einen kleinen Streifzug unternhmen, um fr unsern Tisch einen
Rehrcken zu erjagen? schlug der Graf vor, der aus der eigenen Lust an der Jagd
die Meinung fate, es msse fr jedermann die beste Erholung sein.
    Wir knnen Lanzenau ja fragen, doch bezweifle ich bei seiner Anlage zur
Ischias, da er zustimmt, meinte sie bedenklich.
    Ich bitte Sie - bei dem herrlichen Jagdwetter!
    Das herrliche Jagdwetter war ein nebelgrauer Tag, an dem weder Wind noch
Sonne die dichten Dunstschleier zwischen den Bumen zerstreute, die am frhen
Morgen im Rauhreif standen und ihren Schmuck zusehends verstrkten.
    Zu Fannys Erstaunen ergriff Lanzenau den Vorschlag mit Hast. Es war
selbstverstndlich, da Joachim bei der Partie sein mute, und zu Tai'
unendlicher Befriedigung zogen die drei im winterlichen Jgerschmuck eine Stunde
spter waldwrts.
    Fanny sah ihnen lchelnd nach und dachte, da weniger die Sorge um Lanzenau
den Grafen zum Bleiben bewogen als die Unmglichkeit, eine so gute Jagd ungejagt
zu lassen. Auch beruhigte sie der Umstand sehr, da Lanzenau, der dies Vergngen
so gar nicht liebte, sich auschlo. Trotzdem schickte sie einen reitenden Boten
zum Arzt.
    Die drei Jger fanden den Wald wie eine ungeheure, auf die Erde gelagerte
weigraue Wolke mit schwarzen, senkrechten Streifen durchschossen. Das
weibereifte Gewipfel hob sich kaum von dem Nebeldunst ab. Das welke Laub am
Boden war an der Oberflche von leichtem Frost gekraust, wenn der schreitende
Fu in diesen Winterteppich hineinstie, zeigte sich das braune Blattwerk von
Nsse schwer. Der Atem dampfte vor den Lippen der Mnner und bereifte ihre
Brte.
    Lanzenau hatte die Hnde in seinem Jagdmuff eng zusammengefaltet und ging
steifbeiniger denn je; ihn fror entsetzlich, auch konnte er dem raschen Schritt
des Grafen kaum folgen. Ihn rgerte die lustige Jagdgeschichte, die Tai
erzhlte; alles in der Welt erschien ihm unbedeutend und nebenschlich. Er
dachte nur an eines, an das Schwert, das an einem Haar ber Fannys Haupt hing.
Joachim hrte wenigstens mit der Miene leidlichen Interesses zu, aber er sah
dster und gedrckt drein.
    Endlich kamen sie an die Stelle, wo der Rehbock, auf den sie fahndeten, zu
wechseln pflegte, und Joachim wies den beiden anderen ihre Stnde an.
    Lanzenau stand an dem Stamm einer riesigen Buche. Rings umgab ihn das dichte
Unterholz, aus dem er mit halbem Leibe ragte. Die feierliche Stille und das
weie Licht im bereiften Wald legten sich wie eine Beklemmung um seine Brust,
auch blendete ihn die stechende, helle Luft, die hell ohne Klarheit war. In sein
Gehirn kam jene seltsame Gedankenlosigkeit, die einen befallen kann, wenn lange
Zeit eine schreckliche Idee ber Verstand und Gemt herrschte und beide bis zur
Unfhigkeit der Empfindung betubte. Mitten hinein in diese Minuten des blo
mechanischen Daseins fiel ihm eine Erinnerung - ein Wort nur - er wute nicht,
woher es ihm kam.
    Ein Sto, und er verstummt.
    Es gehrte auch Musik zu den Worten - er hrte sie deutlich singen. Frost
lief ihm ber den Rcken hinunter. Ha, welch ein Augenblick! Richtig, das sang
Pizarro in Fidelio. Er erinnerte sich, da ihm jedesmal, wenn er diese Arie im
Theater gehrt hatte oder am Klavier vernahm, derselbe Frost den Rcken hinunter
gelaufen war. Was fr ein Unsinn, da ihm hier und jetzt die dmonische Musik
einfiel.
    Es knackte in den Zweigen. Er schrak zusammen und lauschte wieder auf das
Wild.
    Dabei summte es in ihm: Ein Sto, und er verstummt! Unertrglich!
    Wieder ein leises Krachen, wie vom leichten Tritt des grazilen Tieres auf
drrem Astwerk. Und da - das Graubraune dort - wie der Rcken eines lagernden
Rehes. Er legte an und scho. Der Rauch wlkte auf und verzog sich. Lanzenau
ging, sich mhsam bahnbrechend durch verschrnktes Gezweig auf die Stelle zu. Da
lag, anstatt eines erlegten Wildes ein groer Feldstein. Lanzenau stieg das Blut
ins Gesicht: was war das denn mit seinen Augen?! Und nun, vom Aerger, begann das
Flimmern in der Luft vor ihm erst recht arg zu werden.
    Aber da - da wurde es laut. Es brach durchs Unterholz, nun sah er's gewi
und konnte den jammervollen, unglaublichen Schu von eben auswetzen. Die Bchse
an der Wange - die zitternde Hand am Hahn - es blitzt - das bluliche Wlkchen
flockt sich empor. Aber zugleich ein Schrei - kein Schrei aus dem Rachen eines
verendenden Tieres, nicht dieser unsglich wehvolle Laut, der sich dem sonst
stummen Geschpf als letzter Schrei der Lebensnot entringt - nein, ein Schrei
wie aus einer Mnnerkehle.
    Lanzenau steht entgeistert - wankt - packt mit der Faust in das nchste
Buschwerk. Er will hingehen, seine Fe heben sich nicht. Er will rufen, seine
Lippen lallen.
    Da kommt es von der andern Seite. Tai wird sichtbar, die hohe Gestalt
nhert sich rasch unter den weien Baumkronen.
    Lanzenau bebt, da seine Zhne auf einander schlagen. Er wird mir sagen,
da ich ihn erscho! denkt er und sieht dem Grafen mit entsetzten Augen
entgegen. Doch der hemmt pltzlich den eiligen Fu, er bckt sich, er kniet
nieder und ruft etwas Erschrecktes.
    Da bezwingt Lanzenau sich und schreitet hin mit eingeknickten Knieen, den
Fu bei jedem Tritt hoch aufhebend.
    Und nun steht er Tai gegenber, zwischen ihnen liegt Joachim am Boden.
    Tai hebt den Blick und sieht Lanzenau an. Ihre Augen wurzeln fest und lange
in einander. Wie einer Macht gehorchend, die ihn zwingt, murmelt Lanzenau:
    Was Sie denken, ist nicht wahr; der Schu war ein unglcklicher Zufall.
Und dabei hrt er es laut singen: Ein Sto, und er verstummt!
    Tai wendet noch immer nicht den Blick.
    Bei Ihrer Ehre?
    Bei Gott und meiner Ehre - ja!
    An Joachims Schulter frbt sich die graue Joppe dunkel, man sieht, eine
Flssigkeit saugt sich im rauhen Wollstoff weiter und weiter.
    Schnelle Hilfe thut not, sagt Tai, ich eile ins Dorf, ein paar Leute zu
holen. In zwanzig Minuten kann ich zurck sein.
    So blieb Lanzenau allein mit dem Verwundeten. Er nahm seinen Jagdmuff, den
er an einer Schnur um den Hals trug, und schob ihn vorsichtig unter den blonden
Kopf. Dann sttzte er sich auf seine Bchse und blickte stehend auf sein Opfer
nieder.
    Dieselbe Gedankenlosigkeit von vorhin kam wieder mit ihrer totenhaften Leere
ber ihn, und immer hrte er dabei die entsetzlichen Worte mit der dstern
Melodie.
    Pltzlich erschrak er, da seine Pulse stockten. Joachim schlug die Augen
auf. Sie sahen sich stumm an. Die Lider sanken ihm nieder. Mhsam hob er sie zum
zweitenmal.
    Tai oder Sie? murmelte Joachim.
    Ich! sagte Lanzenau.
    Joachim schlo die Augen und blieb unbeweglich. Es schien, als wollte ihn
zum zweitenmal Bewutlosigkeit bermannen. Lanzenau beugte sich zu ihm und
sagte:
    Es wird sofort Hilfe kommen. Wie ist Ihnen?
    Die Schulter, murmelte er, es brennt.
    Nach einigen weiteren stummen Minuten kam der Graf, atemlos vom Laufen. Er
hatte vier Tagelhner aus dem Dorf mit, die eine breite Heuleiter trugen, auf
der ein blauwei gewrfeltes Stck Bettzeug lag. Man hob Joachim auf diese
seltsame Tragbahre, und im Schritt ging es zurck.
    Tai berichtete, da er einen Jungen, der ihm gerade in den Wurf gekommen,
beauftragt habe, Fanny zu benachrichtigen, da selbst ins Herrenhaus Kunde zu
bringen und von da die Hilfe zu holen eine Verzgerung bedeutet htte.
    Wohl hatte der Junge den Auftrag ausgefhrt, aber er konnte den erschreckten
Frauen nicht sagen, wen ein Unfall betroffen habe und welcher Art dieser
gewesen. Fanny und Severina fragten hin und her; sie begriffen, da es Tai
gewesen sein mute, der den Jungen geschickt, denn die abgefragte
Personalbeschreibung pate nur auf diesen. Also war Lanzenau im Wald erkrankt.
    O, das war auch wohl zu denken gewesen; wie konnte er berhaupt nach seinem
vorgestrigen Befinden solches Unternehmen wagen?!
    Warum habe ich ihm nicht abgeraten! klagte Fanny.
    Aber sie war nicht die Frau, sich in thatenlosen Jammerreden zu ergehen; sie
trieb die Dienerschaft zu Vorbereitungen an und eilte selbst, mit Severina im
Wohnzimmer Platz zu schaffen fr ein Bett, da es ihr nicht geraten schien, den
Kranken die Treppe hinauf tragen zu lassen.
    Wir mssen uns sehr eilen, sie knnen in einer halben Stunde hier sein,
sagte sie, die Zeit nach der Ankunft des Boten ungefhr berechnend. Aber was sie
nicht mit berechnen konnte, waren die zehn Minuten, die der Junge gebraucht
hatte, um die von Tai zur Anspornung des Eifers erhaltenen Groschen beim Krmer
in Bonbons umzusetzen und einige davon zu verzehren.
    So geschah es, da der traurige Zug ber den Hof daher kam, ohne da schon
jemand ausschaute, und das Haus betrat, ohne da die im hinteren Wohnzimmer
eifrig hantirenden Frauen aufmerksam wurden. Die Dienerschaft, die herzulief,
war nicht wenig erstaunt, da der Herr Baron, den man vom Schlage gerhrt
whnte, aufrecht neben der Bahre schritt, auf welcher - o, wie betrbend! - der
junge Herr lag. Was wrde Frau Frster fr einen Schreck bekommen! Man wies
die Trger nach dem Wohnzimmer, wohin sie durch den Gartensaal gelangten, und
alles drngte sich mit jenem Instinkt nach, der aus Mitleid und Neugierde
zusammengesetzt ist.
    Lanzenau hatte bis hieher die Kraft gehabt, sicher einherzugehen; nun er vor
Fannys Angesicht erscheinen sollte, schwindelte ihm; er lehnte sich neben der
Thr an die Wand und barg das Gesicht in der Hand. Die Thr that sich auf, Fanny
und Severina standen sekundenlang in der Regungslosigkeit, mit welcher man auf
eine schmerzliche, schon halb geahnte Wahrheit wartet. Wenn Lanzenau tot wre
... Graf Tai sah so ernst, so bleich aus - Fanny zitterte.
    Die Trger lieen ihre Bahre vorsichtig nieder. Da wurden vier Augen starr
und weit - unter dem Tuch, welches das Gesicht und die Gestalt des Liegenden
verbarg, stahl sich ein blonder Haarschopf hervor - Fanny bewegte sich vorwrts,
auf die Bahre zu - bla wie der Tod - langsam - langsam.
    Und da gellte ein Schrei durch das Zimmer. Severina hatte ihn ausgestoen.
Sie strzte neben der Bahre nieder, sie ri das Tuch von seinem Angesicht, sie
warf sich ber ihn.
    Joachim - Joachim!
    Sie schttelt ihn. Er sthnt leise.
    Stirb mir nicht!
    Er schlgt die Augen auf - ihr Angesicht ist ber dem seinen.
    Sei ruhig, mein Herz - es - ist - nicht schlimm! Und von der ungeheuren
Anstrengung dieser Worte fllt er wieder in die Mdigkeit zurck, die bis an die
Grenze der Bewutlosigkeit geht.
    Eine frchterliche Stummheit legt sich ber all die vielen Menschen.
    Tai denkt, da es seine Pflicht ist, zu Fanny zu treten und seinen Arm
schtzend um sie zu legen. Aber er wagt es nicht, sein Herz erschrickt vor ihrem
Angesicht.
    Die Dienerschaft starrt bang die geliebte Herrin an; sie hat es von der
Jungfer vernommen, die mit in der Taiburg war, da der junge Herr wohl bald
berhaupt der Herr sein werde, und sie hat sich seitdem heftig unter einander
gestritten, denn einige von ihnen haben den jungen Herrn mit dem Frulein
gesehen! Die Jungfer weint und mchte hinlaufen, um ihrer gtigen Frau die Hand
zu kssen. Sie wagt es nicht, denn die steht da wie ein Bild von Stein.
    Wie lange die Stummheit dauert, niemand kann es sagen.
    Da bewegt Fanny Frster sich. Sie schreitet vorwrts, alles weicht vor ihr
zurck, sie aber sieht niemand. Und niemand wagt ein Wort an sie, nicht einmal
Tai. Die Majestt des Unglcks hat sie auf unerreichbare Gletscherhhen
gehoben. Ihr Gesicht ist wie der Tod und das Licht in ihren Augen erloschen.
    So schreitet sie auch an Lanzenau vorber, er aber sieht ihr nach mit
gramvollen Blicken; er wei, da jetzt das Schwert in ihrem Herzen sitzt.

Fanny ging in ihr Zimmer; ihre Fe trugen sie aus Gewohnheit die Treppe hinauf.
Sie setzte sich auf das Sofa und faltete ihre Hnde auf den Knieen. In sich
zusammengesunken sa sie so und sah vor sich hin. Keine Thrne kam aus ihren
Augen. Stunden verrannen. Kein Laut drang aus den anderen Rumen hieher, die
Ruhe des Todes herrschte. Wer drauen auf dem Korridor vorber mute, schlich
wie an einem Schlafenden behutsam vorbei.
    Die Dmmerung kam, das Tageslicht wich zurck, das Gest der Lindenkronen
vor dem Fenster verfrhte im Gemache noch die Dunkelheit.
    Leise ffnete sich die Thr, Fanny merkte es nicht. Erst als Lanzenau vor
ihr stand und halblaut sagte: Fanny!, erst da hob sie ihr Gesicht zu ihm, ein
weies, ausdrucksloses Gesicht.
    Fanny, ich mchte mit Ihnen sprechen, sagte er bittend.
    Wer hat mir noch etwas zu sagen? fragte sie.
    Waren diese tonlosen, rauhen Laute Fannys Stimme? Er setzte sich neben
Fanny; er dachte ihre Hand in die seine zu nehmen, aber ihre Hnde lagen
unbeweglich, gefaltet auf ihren Knieen.
    Er suchte nach Worten. Was zuerst und wie am zartesten sollte er zu ihr
sprechen? Da fragte sie:
    Ist er tot?
    Es berlief ihn wie ein Schauder. Sie hatte gefragt, als wenn sie etwa
sagte: Regnet es?
    Ist er tot? Noch einmal so.
    Nein, sagte Lanzenau langsam; der Arzt, der fr mich berufen worden war,
kam und fand den unerwarteten Patienten nur vom Blutverlust sehr geschwcht; die
Kugel lie sich leicht aus dem Fleische des Oberarms entfernen, die Wunde wird
sich schnell schlieen, ein Knochen ist nicht verletzt. Tai und Adrienne teilen
sich in die Pflege; es sind keine Veranstaltungen ntig gewesen, als ein
antiseptischer Verband und Eis auf den Kopf. Adrienne wollte zu Ihnen, ich habe
es verhindert.
    Er konnte aus keiner Bewegung entnehmen, ob Fanny ihm zuhrte.
    Sie fragen nicht, teure Fanny, wie das Unglck geschah!
    Fanny schwieg.
    Ihnen das zu sagen bin ich gekommen, fuhr er fort; ich wartete die
Dmmerung ab, weil ich nicht den Mut hatte, im Tageslicht Ihr Gesicht zu sehen.
- Ich, Fanny, ich habe auf ihn geschossen.
    Nach einer kurzen Pause sagte sie mit derselben fremden, unnatrlichen
Stimme:
    Sie haben recht daran gethan!
    Er erschrak so sehr, da ihm eine Weile die Stimme versagte.
    Fanny, begann er, sich bezwingend, ich mu Ihnen etwas Schreckliches
gestehen: ich hate diesen Mann, seit ich wute, da Sie ihn mit Ihrer Liebe
beglckten. Ich sah Sie und ihn vorgestern am Fenster, und er kte Sie. Er
aber, ich wute es lange, hatte auch mit dem Mdchen von Liebe gesprochen. Da
kam es ber mich - es war nicht so klar wie ein bestimmter Plan, nicht einmal
ein Gedanke - es kam wie ein dunkler Wunsch in meine Seele, da er sterben mge,
damit Sie lieber seinen Tod als seinen Verrat beweinen mchten. Ich wei gewi,
da ich in diesem dunklen Wunsch den Vorschlag zur Jagd annahm. Alle
Unglcksflle, die bei solchen Gelegenheiten vorgekommen, fielen mir ein: wenn
Tai sich irrte - wenn Joachims Bchse ihm in der Hand platzte - lauter
sonderbare, unwahrscheinliche Sachen. Ich dachte auch nach ber alles, was nach
solchem Unglcksfall geschehen konnte. Und als ich allein im Walde stand, da
kam's mir pltzlich: wie, wenn meine Hand ihn niederstreckte unter der Maske des
Zufalls? Es war ein fiebernder Gedanke, kein Entschlu - bei Gott, noch kein
Entschlu! Und als mein getrbtes Auge, meine zitternde Hand erst einen Stein,
dann Joachims graubraunen Jagdrock fr das Tier, das wir jagten, genommen, da -
da begriff ich, da ich in Gedanken ein Mrder gewesen, da die Gedankensnde
mir als That angerechnet werden msse, weil ein Zufall sie wahr gemacht. Nicht
vor anderen Menschen - nicht vor Tai, der mich darum befragte - nein, aber vor
Ihnen, Fanny, vor Ihnen bin ich schuldig, denn ich wollte Ihnen das Liebste
tten, das die Erde fr Sie trgt, und ich bedachte nicht, da auch an seiner
Leiche der Verrat noch offenbar werden wrde, wie er an seiner Wunde offenbar
geworden. Verzeihen Sie mir?
    Sein Ton war matt geworden, die lange Erzhlung hatte ihn sehr gemartert.
    Nein, sagte Fanny vor sich hin, nein, ich verzeihe Ihnen nicht, da Sie
ihn nicht in sein Herz geschossen haben.
    Fanny, teure Fanny, seine unbedachte Jugend verdient nicht die Wucht Ihres
Hasses, rief Lanzenau entsetzt. Sie werden diesen Schmerz berwinden. Was
konnte Ihnen der junge, unbedeutende Mann sein? Eine sthetische Aufwallung! Sie
werden ihn vergessen.
    Sie schwieg.
    Fanny, sagte er leise, o Fanny, wie habe ich Dich lieb!
    Es war der Trost, den sein Herz ihr zu bieten hatte, ihr das zu sagen. Sie
aber lste ihre Glieder aus der erstarrten Ruhe, sie fuhr zusammen. Wie
widerwrtig ihr das klang - und einst dasselbe, ganz dasselbe Wort aus Joachims
Mund so s.
    Wie leer sind Liebesworte! Nur in dem Mund, aus dem sie gehen, wohnt der
Zauber.
    Fanny warf sich zu Boden und legte ihr Gesicht auf die Kissen des Sofas.
    Haben Sie ihn so sehr geliebt, Fanny? fragte Lanzenau erschttert. Was
fanden Sie an ihm?
    Sie erhob ihr Gesicht; es war so dunkel, da man es nur wei schimmern sah,
ohne ihre Zge zu erkennen.
    Was er mir war? Wie ich ihn erkor? fragte sie leise, als richte sie an
keinen Menschen, sondern an ein unsichtbares Wesen das Wort, warum gerade ihn -
vor so vielen, vielen, die der hchsten Liebe, der hchsten Bewunderung wert
waren? Ich wei es nicht. Wunder kann man nicht erklren. Ich mute. In ihm
fhlte ich mich vollkommen als Weib, ihm glckselig unterthan. Die Vergangenheit
mit ihrem ganzen Inhalt an Arbeit und Freude, die Zukunft mit ihrem ganzen
Inhalt an Gram ist nichts. Ich habe nicht gelebt auer in den Stunden, wo ich
mit ihm war. Sein Wert? Dagegen der meine? Handelt die Liebe mit Werten?
    Fanny, flsterte er, so knnen, so werden Sie ihm verzeihen. Severina mu
entsagen.
    All sein Ha, seine wahnsinnige Eifersucht erstarb in der wachsenden Angst,
sie zu Grunde gehen zu sehen.
    Nein, sagte Fanny mit eisernem Ausdruck, ich hasse ihn!
    Er schwieg. Was konnte er noch sagen? Er fhlte, ihr Herz glich erstarrter
Lava. Worte konnten sie nicht wieder schmelzen.
    Lange sa er stumm, whrend sie neben ihm kniete. Endlich erhob sie sich und
schritt an das Fenster.
    Er wollte sich unhrbar entfernen; Einsamkeit, dachte er, sei ihr das
willkommenste. Aber sie vernahm ihn doch und fragte, als er schon die Thrklinke
fate, ohne sich zu wenden:
    Wei sie es?
    Er verstand - ob Severina von dem Doppelspiel wisse?
    Noch nicht - so viel ich wei.
    Lat ihr den Glauben, sagte Fanny mit erstickter Stimme. Aber es war doch
der alte, milde, erbarmende Ton darin, der verkndete, da die Fanny von ehedem
nicht ganz gestorben sei. Lanzenau fhlte, da seine Augen na wurden.
    Er ging. Fanny blieb am Fenster stehen. Nach einer Weile klopfte es, und
gleich darauf trat die Jungfer herein, stellte eine Lampe und Thee auf den Tisch
mitten im Zimmer. Lanzenau hatte sie geschickt und ihr befohlen, kein Wort zu
sprechen, sowie sich sofort und schweigend zu entfernen. Das treue Mdchen
folgte dem Befehl, nicht ohne auf die regungslose Gestalt der Herrin einen Blick
tiefer Sorge zu werfen.
    Als sie hinaus war, wandte Fanny sich um und ging an den Tisch.
    Ihr Gaumen brannte, ihre Lippen waren trocken; sie schenkte sich eine Tasse
Thee ein und fhrte dieselbe, sie wie ein henkelloses Gef mit den Fingern
umspannend, zum Munde. Sie fhlte nicht, da die heie Brhe durch das dnne
Svresporzellan brannte.
    Pltzlich ward die Thr aufgerissen, Severina kam herein.
    Fannys Finger krampften sich zusammen, die feine Tasse zerdrckend, und mit
den Scherben go sich der glhende Trank an Fannys Gewand herab.
    Er schlft endlich, sagte Severina, dicht an Fanny herantretend; nun lie
es mich nicht lnger. Ich mu Sie fragen, ob Sie ihn mir wirklich nehmen
wollen?
    Die glanzlosen, mden Augen Fannys hafteten auf dem Gesicht des Mdchens.
    Das also war sie, die er vor ihr geliebt. Fannys Seele hatte alle Energie
verloren, sie wunderte sich nicht einmal.
    Er schrieb es mir, fuhr Severina fort, mit funkelnden Blicken Fanny
messend, er klagte mir, ob es denn mglich sei, da ein Herz zugleich zwei
Frauen umfassen knne, er legte in meine Hnde die Entscheidung. Er rechnete
vielleicht auf meinen Edelmut, ich sollte ihn freigeben, damit er der Gatte der
reichsten und angesehensten Frau werden knne.
    Da regte sich etwas in Fannys Herzen; durch die Erstarrung ging es wie ein
Ri. Sie fhlte ganz deutlich, da dieses Mdchen ihn nicht so tief, so
grenzenlos blind liebte, wie sie selbst es gethan. Es war niedrig von ihr,
Joachim der Berechnung zu verdchtigen, und - das fhlte Fanny auch - solche Art
Unlauterkeit hatte nie in Joachims adeligem Sinn Platz gehabt.
    Severina, sagte Fanny leise, ist denn an mir nur Geld und Stellung
liebenswert?
    Das Mdchen erschrak und verfiel von der auftrotzenden Zornesstimmung
unvermittelt in den grten Jammer. Fannys Ton hatte sie tief erschttert. Sie
fiel ihr aufweinend um den Hals. Fanny stand wie eine Statue.
    Lassen Sie ihn mir. Er ist so schwach. Er wird thun, was Sie befehlen. Sie
haben so viel in der Welt. Ich habe nichts als ihn.
    Dieses Mdchens ganze Jugend, von ihren frhen Kinderjahren her, wre
freudlos und liebearm gewesen, wenn Fannys Gte ihr nicht alles, alles ersetzt
htte, was sonst ein geduldiges Mutterherz einem Mdchen geben kann. Hundertmal
war das Gelbnis ewiger Dankbarkeit von ihren Lippen gegangen, die Versicherung
der anhnglichsten Liebe, der Wunsch, da einmal eine Gelegenheit kommen mge,
diese Liebe zu bethtigen.
    Um Fannys Lippen schlich ein Lcheln. Nun kam auch nicht einmal in leisester
Aufwallung der Gedanke in Severinas Herz, um Fannys willen zu entsagen, nicht
einmal ein Gedanke des Mitleids kam, da doch auch Fanny leide.
    La mich allein, sagte sie, das Mdchen von sich wehrend, morgen ist auch
ein Tag und morgen ...
    Morgen? drngte Severina fragend, als Fanny stockte.
    Morgen will ich mit ihm sprechen, flsterte sie, und dabei ging ein
sonderbares Licht in ihren Augen auf.

                              Sechzehntes Kapitel


Joachim lag auf dem fr Lanzenau im Wohnzimmer hergerichtet gewesenen Lager. Er
fhlte sich, abgesehen von einer natrlichen Mattigkeit infolge des
Blutverlustes, ganz wohl. Irgend jemand leistete ihm immer Gesellschaft.
Lanzenau erschien am frhen Morgen und setzte sich zu ihm. Der ltere Mann hatte
dem jngeren dasselbe unumwundene Gestndnis abgelegt wie Fanny. Joachim
versteckte dabei sein Gesicht in den Kissen und murmelte nachher, des Barons
Hnde drckend:
    Ich allein - ich bin an allem schuld.
    Whrend dann Lanzenau an dem Bette sa und es berdachte, was seit Monaten
um ihn geschehen, in ihm vorgegangen, vollzog sich die Wandlung vollends, die
gestern in seinem Herzen begonnen, als er in Fannys schrecklich verwandeltes
Gesicht gesehen. All seine eiferschtige Liebe verklrte sich zu dem
selbstlosen, einzigen Wunsch, Fanny glcklich zu sehen. Wenn er sein Alter dann
auch nur an ihrer Freundschaft wrmen durfte, das war ihm genug.
    Lieber Herebrecht, sagte er einmal, knnte sich nicht alles so lsen, da
aus Ihnen und Fanny ein Paar wrde? Severina mit ihren zweiundzwanzig Jahren
wird berwinden. Aber sie - aber sie?! O, ich kenne sie, die spte Leidenschaft
wird sie tten.
    Sie haben mir beide ihr Herz entzogen, sprach Joachim schwach, ich fhle
es. Severina ging gestern stumm und drohend um mein Lager - und sie ist noch gar
nicht hier gewesen.
    Er wagte nicht einmal Fannys Namen zu nennen.
    Sie wird nachher kommen. Sie hat es Severina gestern abend gesagt.
    Adrienne und Graf Tai kamen, um nach dem Patienten zu sehen. Die junge Frau
hatte nun auch alles erfahren, und ihr Blick war ernst, fast khl. Joachim
fhlte es mit Scham. Tai, dessen lebhafte Natur sich nicht in die allgemeine
gedrckte Stimmung finden konnte, scherzte mit dem Verwundeten. Severina kam mit
ihrem Pflegevater dazu; die lebhafte Teilnahme, die der Pastor zeigte, gab
Severina die Gelegenheit, sich in die fernste Zimmerecke zurckzuziehen, ohne
Joachim zu begren.
    Aber ihre Augen hingen unausgesetzt an ihm, der bei ihrem Eintritt stark
errtete.
    In das menschengefllte Zimmer trat nun Fanny. Wie mit einem Schlag erstarb
jedes Gesprch. War es mglich - konnte eine Nacht voll Gram eine Frau, die in
der Vollblte ihrer Schnheit geprangt, so altern? Die Zge scharf, die Farben
gelbgrau, die Augen hohl machen?
    Joachim schlo die Augen.
    Ich bitte, sagte Fanny laut und ganz sicher, da der Leidende nicht von
so vielen Personen auf einmal besucht wird. Lieber Herr Pastor, warten Sie vorn,
es ist mglich, da Herr von Herebrecht Ihnen nachher etwas zu sagen hat.
Lanzenau, Sie bleiben wohl.
    Das hie doch ohne Zweifel, da alle bis auf den Baron das Zimmer verlassen
sollten. Tai hatte Erbarmen mit Severina und fhrte sie.
    Joachim lag da mit wachsbleichem Gesicht; er wagte nicht die Augen zu
ffnen, denn er fhlte, da sie neben seinem Lager stand und ihn betrachtete.
Ja, mit den brennenden Augen, die noch keine Thrne geweint, stand sie und sah
ihn an.
    Joachim!
    Er erschrak vor dem Anruf und schlug den Blick zu ihr auf.
    Fanny, stammelte er, Fanny, vergib mir! Ich war Deiner Liebe nicht wert,
das habe ich Dir immer gesagt. Ich bin schlecht und undankbar. Aber ich wei
nicht - ich konnte nicht anders - ich liebte Dich auch -
    Und Severina auch, schlo sie mit bitterem Lcheln. Sage, wie es kam, da
Du ihr von Liebe sprachst.
    Ich - ich sah, stotterte er, ich sah, da sie mich liebte ...
    Und da war ich nicht im stande, ihr Gegenliebe zu versagen! Und Du sahst,
da ich Dich liebte ... und so hast Du es schon frher bei einem Dutzend gesehen
und wirst es noch bei einem Dutzend sehen und immer wieder lieben. So ist Dein
Herz kein Herz, es ist nur ein Echo! rief sie, endlich der stummen Qual
Befreiung in harten Worten gebend.
    Fanny! mahnte Lanzenau.
    Gut, sagte sie, schon wieder zusammensinkend, ich habe nichts zu fragen
als dies: die Stunde der Entscheidung ist gekommen; welche von uns beiden wird
Dein Weib sein?
    Fanny! rief Lanzenau entsetzt.
    Joachim sah Fanny an. Ihre Blicke brannten ineinander. Man hrte keinen
Atemzug. Lanzenau, der dicht neben Fanny stand, beobachtete diese ineinander
wurzelnden Blicke. Er las etwas darin - etwas, vor dem er zitterte. Es war, als
ob in diesem bangen Schweigen der uralte Kampf Mann gegen Weib ausgefochten
wrde. Es war, als flammte die Verachtung des Weibes aus ihren Blicken, das
alles hingegeben und fr ihren hchsten Besitz nichts eingetauscht als die
Kenntnis, wie Strohfeuer brennt und erlischt. Es war, als trotzte aus seinen
Augen das Mannesrecht.
    Vielleicht, sprach sie endlich mit grausamer Hrte, ist fr Dein
schwankendes Herz die Entscheidung heute noch ein zu bitterer Kelch, den Du
lieber nicht trnkest. Aber ich will ihn Dir doch reichen.
    Sie richtete sich hher auf und legte ihren Arm in den Lanzenaus, als solle
der sie in der nchsten Minute fortfhren.
    Lieber Freund, sagte sie, Sie haben die Gte, nachher an die
Vormundschaft der jungen Grafen Itzelburg zu schreiben, da Herr von Herebrecht
die ihm angebotene Administratorstelle annimmt und daselbst eintreffen wird,
sobald nur irgend der Zustand einer kleinen Verwundung, die er bei der Jagd
erhalten, ihm zu reisen gestatte. Auch bitte ich Sie, unsern Herrn Pastor darauf
vorzubereiten, da Herr von Herebrecht noch heute um die Hand seiner
Pflegetochter anhalten wird. Der Pastorin mag man sagen, da ich mein frher
gegebenes Versprechen, Severina auszusteuern, selbstverstndlich so glnzend
erfllen werde, als es mir nur irgend mglich ist; habe ich doch das Vergngen,
sie in den Kreis meiner Verwandten treten zu sehen.
    Sie sprach, als sei Joachim nicht zugegen; sie ging, als hre sie nicht
seinen jhen Verzweiflungsruf:
    Fanny - Fanny!
    Er blieb allein in der malosesten Erregung, unfhig, aus Bett gefesselt.
Und ihm war es in diesem schrecklichen Augenblick, als habe er nur Fanny allein
geliebt, als knne er ohne sie nicht leben. Sie aber war gegangen, Verachtung im
Herzen, und nie - das fhlte er, nie wrde sie ihn wieder vor ihr Angesicht
lassen. Er wollte sich erheben - ihr nach - ihr nach. Allein die von der
Aufregung gesteigerte Schwche warf ihn ohnmchtig zurck.
    Lanzenau fhrte die teure Freundin seines Lebens schweigend in ihr Zimmer
zurck. O, wie sie ihm dies Schweigen dankte! Von Schritt zu Schritt fhlte er
ihre Hand sich schwerer auf ihn sttzen. Oben endlich fiel sie bleich und
kraftlos in ihre Sofaecke.
    Er stand vor ihr und sah sie mit tiefstem Mitleid an.
    Mute es sein? fragte er. Wird Severina ihn so glcklich machen, als Sie
es gethan htten?
    Nein, sagte sie, nein; das ist die Rache, die mich sttigt. Ganz
glcklich wird er niemals sein. Immer und berall wird der Gedanke an mich
zwischen ihm und seinem Weibe stehen.
    Ist das unsere edelsinnige Fanny? rief er.
    Ich bin ein Weib, nur ein Weib, sprach sie vor sich hin; wre ich es
noch, wenn ich mich in dieser Stunde mit grorednerischem Pathos ber mein Leid
erheben knnte? Ist es eine grenzenlose Schwche oder eine schreckliche Kraft -
die Kraft, mit jeder Faser echt zu empfinden - genug, ich fhle, da dieser
Schlag die Wurzel meines Lebens getroffen hat.
    Sie sagte das alles so eintnig, als sprche sie nur, um ihn nicht durch
Schweigen so sehr zu ngstigen.
    Nein, Fanny, sagte er, einen Entschlu fassend, das darf nicht sein. Sie
beurteilen das ganze Geschehnis hart, so hart, wie Frauen immer ber Mnner
urteilen, weil sie nicht verstehen, die ausgleichende Vershnung zwischen den
natrlichen Rechten beider Geschlechter zu finden. Charakter, Ehre, Herz, alles
hat Joachim in Ihren Augen verloren, weil sein noch junges Blut, seine noch
nicht ausgetobten Jahre nicht die Kraft hatten, die Liebe zu verschmhen, die
ihm von zwei Seiten zugleich entgegengebracht wurde.
    Sie nehmen ihn in Schutz - Sie, sein voriger Feind? Blo vielleicht, weil
Sie meinen, es gilt hier, Ihr ganzes Geschlecht zu verteidigen fr das, was ja
alle Tage vorkommt? bemerkte Fanny herbe.
    Ja, alle Tage! Sollte das nicht ein wenig fr die Entschuldbarkeit
sprechen? Lassen Sie sich sagen, da es tausend und abertausend Mnner gibt wie
Joachim, liebenswrdig, berufstchtig, und die sehr erstaunt wren, wenn man
ihnen sagte: Sie haben ehrlos gehandelt, weil Sie nicht aufrichtig waren. Diese
hegen den selbstverstndlichen Begriff von der Liebe, da sie sich ihrer berall
freuen drfen, so lange sie ihre Jahre des Austobens haben. Sie werden niemals
eine Lge aussprechen, niemals mit einem Herzen spielen, das heit also, niemals
Gefhle heucheln. Aber ihre Liebesversicherungen sind nur die momentanen
Wahrheiten der auflodernden Sinne. Der natrliche Egoismus verhindert es, da
sie sich einen rechten Begriff davon machen knnen, wie die bei ihnen erloschene
Flamme noch schmerzlich im Herzen des Weibes fortbrennen knne. Die Treue ist
ihnen ein Zukunftsbegriff, in dem sie aber einmal leben werden, denn er bedeutet
ihnen das Gesetz, wenn Du erst einmal verheiratet bist, hrt dies Getndel auf.
Sie werden die besten, liebevollsten Ehemnner und tragen ihre Frauen auf
Hnden, schon des bloen Umstandes wegen, weil sie ihnen nur durch die Heirat
erreichbar waren. Deshalb drfen Sie Joachim verzeihen, da er Severina vor
Ihnen liebte, da ihr Bild noch nicht ganz aus seinem Herzen entwich, als das
Ihre hineintrat. Denn Sie sind die Unerreichbare, Sie wird er treu anbeten, wenn
Sie vermhlt sind. Darum, teure Fanny, rauben Sie sich nicht trotzig das Glck,
auf das Sie so lange warteten.
    Fanny erhob sich langsam. Sie legte ihre Hnde auf seine Schultern und sah
ihn gramvoll an.
    Treuer, gromtiger Mann, sagte sie, nun versteh' ich Deine Beredsamkeit;
Du sprichst fr ihn, nur damit ich glcklich werde. Sie schlo die Augen. Einen
Herzschlag lang setzten ihre Pulse aus, dann sprach sie, es ging nur wie ein
Hauch an des Freundes Ohr vorber: Es ist hoffnungslos. Es ist Severina, die
ihm noch alles zu geben hat - nicht - ich - ich nicht.
    Unwillkrlich, als msse er sie retten und schtzen, fate er sie in seine
Arme. Sie barg ihr Gesicht an seiner Schulter, und Thrnen, die ersten Thrnen
strzten aus ihren Augen.
    Fanny, sagte er mit zitternder Stimme, teure Fanny, bedenke Dein ganzes
Leben, all Dein ntzliches Wirken und wie Deine Augen ber so viele sonnenlose
Existenzen Licht verbreiten. La uns nicht allein - lebe fr uns. Wir wollen
Dich alle doppelt lieben.
    Sie weinte heftiger.
    Ich wei nicht, ob ich das Leben noch tragen kann.

                             Siebenzehntes Kapitel


Der Winter war vergangen, langsam, als sei er nicht vier Monate, als sei er vier
Jahre lang gewesen.
    Joachim hatte sich lngst in seiner neuen Heimat eingelebt und rstete sich
nun, zu seiner Hochzeit nach Mittelbach zurckzukehren, nach demselben
Mittelbach, das er anfangs Dezember, kaum genesen, verlassen und seitdem nicht
wiedergesehen. Aber Severinas Briefe unterrichteten ihn mit der peinlichsten
Genauigkeit von allen Vorgngen dort. Er wute, da die Pastorin von der Stunde
an, da Severina die Braut eines Edelmannes war und fr ihr knftiges Leben die
Aussicht auf auskmmliche Verhltnisse hatte, ihre Pflegetochter mit anderen
Augen ansah, ihre demtigenden Sittenpredigten nicht mehr hielt und diese
glckliche Geschickswendung als eine Belohnung ansah, die der liebe Gott ihr,
der opferfreudigen Pflegemutter, geschickt. Er erfuhr auch, da Magnus durch
einige wissenschaftliche Aufstze viel Erfolg gehabt habe, Weihnacht zu Hause
gewesen sei und von Adrienne mit einer besonderen, ernsten Auszeichnung
behandelt worden wre, was Magnus durch die hchste Ehrfurcht im Benehmen
erwidert habe. Lanzenau sei sehr krnklich, man spreche von Teplitz und fr
nchsten Winter vom Sden.
    Wie ihm das alles gleichgiltig war! Seine Augen suchten in Severinas Zeilen
immer nur nach einem Namen! Und wenn dieser genannt war, rgerte er sich ber
alles, was in Verknpfung damit berichtet wurde. Er fehlte nie, dieser eine
Name.
    Fanny habe mit verschwenderischer Hand eine Aussteuer beschafft, die fr ein
grfliches Haus gengen wrde, aber Fanny habe nichts selbst ausgesucht, nichts
geprft. Entgegen ihren sonstigen vernnftigen und geschickt wachsamen
Gewohnheiten beim Einkaufen habe sie alles unbesehen beordert und nachher auch
kaum einen gleichgiltigen Blick dafr gehabt. Fanny fahre nicht mehr aus; wenn
die Familie Tai kme, was ungewhnlich oft geschehe, bleibe sie freudlos und
gleichgiltig. Weder lese, noch musizire, noch male man mehr im Schlosse. Die
Tage gingen so de hin, Fanny habe nur unendliche Frsorge fr Lanzenau, andere
Menschen schienen fr sie nicht vorhanden. Fanny sei sehr gealtert, Fanny sei
sehr elend - und so immer Fanny und Fanny.
    Eine dmonische Verwandlung ging in der Brust des jungen Mannes vor. Mit
bedrcktem Gewissen war er abgereist, lange peinigte ihn der unerfllt
gebliebene Wunsch, Fanny noch einmal zu sehen, einen vergebenden Blick von ihr
zu erhalten. Dann fing ein leiser Groll ber ihre Unerbittlichkeit an, sich in
ihm zu regen. Weiter wurde schon ein Vorwurf daraus, da Fanny eine solche Sache
so tragisch nehme und sich das Leben damit vergifte. Beinahe fand er es
geschmacklos von einer Frau mit Fannys Verstand. Dann glaubte er, da sie sich
so gebrochen zeige, sei wie ein steter Hinweis auf seinen Leichtsinn, und fand
ihre Haltung nicht im Verhltnis zu dem Geschehenen. Wenn alle Frauen und alle
Mnner einen vorbergehenden Glcksrausch nachher mit einer solchen
Lebensjeremiade bezahlen wollten oder sollten, mte die Erde ja einem
Trauerhause gleichen. Und endlich war es ihm, als ob er sie hasse; und mit immer
grerer Gier suchte er in Severinas Briefen ihren Namen und eine Bemerkung, die
ihm immer wieder das Recht gab, ihr zu zrnen, sich ber sie zu rgern.
    Der Gedanke an sie wurde ihm ganz zuwider. Eine frchterliche Grausamkeit
gegen sie erfllte sein ganzes Herz.
    Wenn er daran dachte, da er sie bei der Hochzeit sehen werde, peinigte ihn
brennende Neugier, wie sie sich dabei benehmen werde.
    In manchen Stunden ergriff ihn eine Art sentimentales Bedauern; wenn Fanny
mit der Welterkenntnis einer groen Dame, mit dem weiten Blick einer
klugerfahrenen Frau ihren gewi natrlichen Schmerz niedergedrckt und versucht
htte, zu verzeihen, wie gut Freund htte man da bleiben knnen - gewi, gut
Freund frs Leben. Das war so schade und lediglich Fannys Schuld, da man nun
getrennt war wie durch einen heiflieenden Lavastrom.
    Aber immer verstummten alle diese angewiderten oder bedauernden Empfindungen
sehr schnell. Sie wurden eben nur gelegentlich der Briefe hervorgerufen; im
brigen war Joachim guter Dinge. Alle seine Wnsche und Plne waren nur auf das
Weib gerichtet, das er im Frhling sein nennen wrde.
    Und Fanny?
    Was Severina von ihr schrieb, waren die Resultate dessen, was Fannys
Umgebung an ihr beobachtet. In Fannys Herz konnte niemand sehen; da sie in den
langen Winternchten eine alte Frau geworden war, schien ihr selbst nicht bewut
zu sein. Sie uerte sich nie ber ihr verndertes Aussehen und gab nie durch
Klagen ber ihr Befinden zu der Vermutung Anla, als sei etwa ein krperliches
Leiden die Last, an der sie schleppe. Adrienne und Severina hatten ihr alle
Pflichten der ber Haus und Hof wachenden Herrin abgenommen, ohne da Fanny es
bemerkt zu haben schien. Ihren Bauern erteilte sie keine Audienzen mehr,
Vorgnge in den Familien der Dorfbewohner, selbst die leidvollsten, erweckten
ihr keine Teilnahme. Wie und womit sie eigentlich ihre Zeit ausfllte, wute
niemand zu sagen, Fanny selbst am wenigsten.
    Lanzenau, der in der That ernstlich krnkelte, trug sich mit schweren
Sorgen. Wie sollte das enden? Und was sollte eines Tages aus Fanny werden, wenn
er davonginge? Er erwartete irgend eine Katastrophe vom Tage der Hochzeit, und
so sehr er sie anfangs gefrchtet, so sehr riet er endlich dazu, die Rckkehr
des Kapitns von Herebrecht nicht abzuwarten. Er wute Adriennens Widerstreben
zu beschwichtigen, denn diese hatte Joachim das Versprechen abgenommen, mit der
Heirat zu warten, bis Arnold heimkme, was Ende Mai geschehen sollte. Sie selbst
sah ein, da jede Entscheidung wohlthtiger fr Fanny sein werde, als dies
stumme Erstarren in undurchdringlicher Gedankenverlorenheit. So wurde das Fest
denn auf die Mitte des April festgesetzt.
    Man sprach in Fannys Gegenwart erst zaghaft und dann, als sie kein
Anteilszeichen gab, lebhafter davon, in welcher Art die Hochzeit stattzufinden
habe. Zuletzt hatte Lanzenau den Mut, Fanny geradeaus zu fragen, ob sie wnsche,
da Adrienne, die Pastorsleute und vielleicht er selbst mit der Braut nach
Joachims Wohnsitz reisen, um daselbst die Trauung vorzunehmen.
    Nein, sagte Fanny mit ihrer so mde gewordenen Stimme, aber mit unbewegtem
Gesicht, nein. Ich will, da die Trauung hier in der Kirche sei und da dann
ein Mahl im Pastorenhause statthabe.
    Von da an schien wieder etwas Leben in Fannys Brust zu kommen. Sie wies
Severinas schchterne, dankbare Liebkosungen nicht mehr herbe zurck, sondern
sah ihr manchmal mit einem sonderbaren Ausdruck des Mitleids ins Gesicht. Sie
zeigte auch dem alten Freunde eine erhhte Teilnahme, die mit einer
schmerzlichen Zrtlichkeit gemischt war, wie man vor einem nahen Abschied sie
noch zeigt.
    So kam der Tag heran, an dem Fanny und Joachim sich wiedersehen muten.
Joachim traf erst am Abend zuvor ein, nahm das ihm bereitete Quartier im
Pfarrhause und zeigte eine frhliche, vollkommen unbefangene Brutigamsmiene.
Jedermann war zu taktvoll, ihm von Fanny zu reden, und weil er nicht nach ihr
fragte, so schien es, als existire sie gar nicht fr diesen Kreis von Menschen,
die ihr ohne Ausnahme so viel verdankten.
    Severina hatte wohl den Mut gehabt, in Briefen an der Sache zu rhren,
darber zu sprechen, hier in Fannys Nhe fehlte ihr die Unbefangenheit, denn ihr
Herz war von einer verzehrenden Unruhe erfllt, da Fannys Anblick genge,
Joachims Herz abermals in Zwiespalt zu bringen. Wenn er erst mein Gatte ist,
gelobte sie sich mit der finsteren Entschlossenheit ihrer eiferschtigen Natur,
werde ich ber ihn wachen.
    Wie eine Erlsung kam ihr denn auch die Botschaft von Fanny, da diese
wegen eines Unwohlseins nicht an der Vorfeier im Pfarrhause teilnehmen knne,
auch aus dem gleichen Grund auf das morgige Festmahl verzichten msse und nur
bei der Trauung zugegen sein knne. Bei der Trauung - dann war Joachim schon ihr
Gatte, dann hatte schon der Schullehrer von Mittelbach in seiner Eigenschaft als
Standesbeamter sie zusammengegeben.
    Whrend im Pfarrhause alles von frhlicher Unruhe war, sa Fanny allein in
ihrem Zimmer am Fenster. Ihre Jungfer hatte gefragt, was fr ein Kleid sie
bereiten solle. Dasselbe, antwortete ihr Fanny, was sie in der Taiburg an ihrem
Geburtstag getragen. Das Mdchen wagte keine Einwendungen, wenngleich es ihr
unbegreiflich war, wie die Herrin bei der einfachen Trauung in der Dorfkirche
eine so prchtige Ballkleidung tragen mochte. Fanny lchelte, als das Mdchen
gegangen war.
    Sie fhlte ganz klar, da es kindisch und kleinlich war, ihn durch ihr
Gewand an jenen Tag erinnern zu wollen, da er ihr gesagt: Fanny, wie habe ich
Dich lieb.
    Sie fhlte sich aber so erniedrigt, da ihr Geist mit krankhaftem Bemhen
hundert verschiedene Plne ausbrtete, wie sie ihm fr alle Zeiten sein Leben
vergllen knne. Und in diesem monatelangen Grbeln war endlich immer wieder die
Vorstellung in ihr erstanden, da ihr Tod, in den sie seinetwegen gegangen, ihm
als Vorwurf auf der Seele lasten werde, so lange er atme. Endlich war in ihrem
kranken Gemt diese Vorstellung zur fixen Idee geworden. Ihre Gedanken waren
davon gesttigt und beruhigt. Sie wartete auf seinen Hochzeitstag wie auf den
Tag der Befreiung.
    Nun sa sie hier und harrte der Stunde. Adrienne und Lanzenau waren auf
ihren Wunsch im Pfarrhause. Sie wollte allein in die Kirche gehen. Die
Morgenstunden schlichen entsetzlich langsam.
    Fanny dachte pltzlich an jenen ersten Abend, an welchem Joachim unter ihr
in die Nacht hinaussang und sie oben lauschte.

Die Flammen werden Asche,
Das ist das End' vom Lied,
Das End vom alten Liede,
Mir fllt kein neues ein,
Als Schweigen und Vergessen -
Und wann verg' ich dein?

Mit peinvoller Deutlichkeit erinnerte Fanny sich an seine Stimme, deren Klang
sie lange in ihrem Gedchtnis vergebens gesucht. Jetzt, mit den Worten des
Liedes, das er damals gesungen, ward der Nachhall in ihrem Ohr lebendig, so
lebendig, als stnde Joachim vor ihr und sprche zu ihr mit seiner lieben,
lustigen Stimme. Vor Schrecken stockten ihre Pulse; ein Schauder durchrann sie.
    So neu, als wre alles erst in dieser Stunde geschehen, stand das Rtsel,
das unfabare, dieser Art Mannesliebe wieder vor ihr.
    Das Mdchen kam mit dem Festkleid. Fanny lie sich schmcken, ohne weiter
auf das acht zu geben, was die leisen Hnde der Jungfer mit ihr machten. Diese
treue Person aber ging von dem Wunsche aus, da ihre Herrin durch die Pracht
ihrer Erscheinung dem jungen Herrn beweisen solle, was er verscherzt. Sie
behngte Fanny mit so viel Diamanten, als diese nur irgend besa, und ordnete
ihr Haar mit groer Knstlichkeit.
    Dann mute sie Fanny in die Kirche begleiten. Der sonnige Apriltag beschien
die festlichen Vorrichtungen, Tannenreiser hatte man auf den Weg vom
Pastorenhause bis zum Kirchenportal gestreut, welches von Guirlanden umkrnzt
war.
    Fanny trat gerade und aufrecht ber die Schwelle. Ihre Schleppe fegte die
Tannenreiser mit sich. Sie ging bis an den Altar und stellte sich dort neben den
Sesseln auf, die fr das Brautpaar bestimmt schienen. Sie sah wei und kalt aus
wie ein Steinbild.
    Die Kirche war von den Dorfbewohnern gefllt; von der Hochzeitsgesellschaft
war noch niemand zugegen. Allmlich erschienen diese: benachbarte
Pfarrerfamilien, einige Verwandte der Frau Pastorin, Lanzenau und Adrienne. Alle
kannten Fanny, hatten von ihrem Unwohlsein gehrt und wollten mit
Flsterfragen nach ihrem Befinden an sie herantreten. Aber sie stand und sah so
unbeweglich gerade vor sich hin, da man glaubte, sie wnsche hier an diesem
geheiligten Ort keine profane Unterhaltung.
    Die Orgel erbrauste. Fanny wandte ihr Gesicht langsam dem Eingange zu; sie
wollte den Schreck auf seinem Gesicht lesen, wenn er sie erblickte.
    Joachim und Severina traten Arm in Arm ein. Sie hatte ihr Haupt unter dem
Schleier geneigt, ihr Gesicht war von vergossenen Thrnen gertet. Joachim trug
den Kopf frei erhoben; er war etwas bla, aber sein Auge blickte ruhig und fast
gleichgiltig auf Fanny. Seine heftige Abneigung gegen sie war in diesem
Augenblick nicht rege, denn alle seine Gedanken waren bei dem Weibe, das er
besitzen sollte, nicht bei derjenigen, die schon sein gewesen.
    Nur als er vor dem Altar stand und sich Fanny nahe gegenber sah, dachte er
mit einer Art Wohlwollen, da es doch vernnftig von ihr sei, anstatt Scenen zu
machen, ruhig als unbefangene Zeugin zu erscheinen. Da sie das Gewand von
damals trug, bemerkte er nicht, da sie elend und gealtert aussah, erregte in
seiner Brust eine flchtige Empfindung, die man vielleicht htte eine eitle
nennen knnen.
    Fanny stand erstarrt und sah auf ihn. Sein Anblick war ihr wie eine
Offenbarung, sein junges, hbsches Gesicht, seine geschmeidige Figur, sein
offener Blick - er selbst noch ganz er selbst, so wie sie ihn geliebt! Ihr
wahnwitziger Ha war jh erstorben; die knstlich grogezogene Unwahrheit
entfloh vor seiner Gegenwart. Sie begriff, da sie ihn noch liebte!
    Fanny erzitterte. Wird er nicht noch einmal ihrem Blick begegnen? Der Pastor
begann die Predigt. Joachim schien zuzuhren. Auer der milden Greisenstimme
regte sich kein Laut in der Kirche. Durch die Bogenfenster hinter dem Altar
brach der volle Sonnenschein. Die Tannenreiser dufteten harzig. Ein Hauch wie
der eines unendlichen Friedens lag ber dem Gotteshause und der Versammlung
darin.
    Fanny fhlte es, und es umschlich sie wie Wehmut; sie seufzte laut, ohne
sich dessen bewut zu sein. Darber erhob Joachim erschreckt das Auge zu ihr,
und ihre Blicke trafen sich. Der Seufzer hatte ihn gergert, und sein Blick war
feindselig.
    Sie erkannte es - sie wankte, fate sich und stand wie vorher.
    Die liebevolle Stimme scholl predigend weiter. Fanny hatte ihre Hnde
gefaltet; sie sah langsam ber die ganze Gemeinde hin; es fehlte niemand aus dem
Dorfe. Fanny kannte jedes Gesicht. Alle Augen hatten schon dankbar und
verehrungsvoll auf sie geschaut, und alle Augen wrden weinen, wenn ... Ihr
Blick ging ber Adrienne. Die sa still gefat, ihr Schmerz um das Kind erstarb
mehr und mehr in der Hoffnung auf den nahenden Gatten. Eine neue, blhende
Kinderschar wird die beiden in wenig Jahren umspielen, froh und glcklich werden
sie sein. Fannys Reichtum knnte ihnen das Leben erleichtern ... aber Fanny hat
kein Testament gemacht, und ihr Geld geht an fremde, ferne Leute ber, wenn sie
heute ... Und da ist Lanzenau. Armer, treuer Freund, fr alle Entsagung
verdiente er wenigstens, da seine letzten Lebensjahre von zrtlicher Frsorge
durchwrmt wrden, und wie allein ist er in der Welt, wenn Fanny aus ihr geht. -
    Sie hob den Kopf stolzer und stolzer. Ja, vielen war sie ntzlich gewesen im
Leben; sie hatte ihre Krfte nicht vergraben, sondern ihr Pfund redlich
verwaltet. Ihr Geschick hatte sie auf hervorragenden Platz gestellt, und sie
hatte bewiesen, da auch eine Frau die Aufgaben erfllen kann, die sonst das
Leben an Mnner stellt.
    Und nun fiel sie doch dem gemeinen Frauenlos zum Opfer. Es war einmal so in
der Welt und blieb unabnderlich: bis an die Zhne bewaffnet kmpft Geschlecht
gegen Geschlecht, und es ist die geheimnisvolle Laune der Natur, da sie in
diesem Kampf den Mann Sieger bleiben lt. Einerlei, ob das Weib klger, besser,
ntzlicher, wichtiger auf ihrem Platz ist als der Alltagsmann, dem sie
unterliegt, sie unterliegt, blo weil sie Weib ist, er siegt, blo weil er Mann
ist.
    Eine Vision erstand vor Fannys Auge. Es war ihr, als stehe ein Cherub vor
ihr, der in einer Wagschale ihr Dasein gegen das Joachims abwog. In ihre Schale
fielen alle Dankesthrnen, die man ber ihrer arbeitsamen, segenspendenden Hand
geweint, all ihr ntzliches Wirken im Umkreis ihrer Pflichten, alle die
selbstlosen Freundesthaten, die sie an den Ihrigen gethan, und all das deckte
ganz die eine Schwche ihres rasch und urteilslos entflammt gewesenen Herzens
zu, und ihre Schale neigte sich schwergewichtig, die andere Schale aber flog
leicht in die Hhe - nein, sie beide konnten nicht zusammen gewogen werden.
    Thrnen verdunkelten Fannys Augen. Mu es denn sein? fragte sie sich in
stummer Qual, mu ich denn unterliegen, blo weil ich ein Weib bin? Es regte
sich etwas in ihr - etwas, das nach Befreiung, nach Erhebung schrie; etwas, das
sich wild dagegen emprte, dem Mann den Sieg zu lassen; etwas, das ihr zuraunte,
sie kmpfe fr ihr Geschlecht, wenn sie fr sich kmpfe.
    Ihr Herz klopfte. Unvermittelt, wie ein Blitzstrahl, fiel ein Licht in
Fannys Seele. Ein unnennbarer Stolz dehnte ihr ganzes Bewutsein. Eine neue
Kraft kam ber sie - die Kraft, wrdig zu leiden.
    Sie fhlte, da Joachim sich innerlich ganz von ihr gelst hatte und da sie
nicht aufhren knne, ihn zu lieben, aber die Wrde haben msse, ihr Leben nicht
unter das seine zu stellen.
    Ihr Auge haftete wieder auf dem Geliebten, ruhig, gro, erhaben.
    Die Predigt war zu Ende, Joachim und sein Weib knieten auf der Schwelle des
Altars nieder, um den Segen zu empfangen.
    Dann erklang die Orgel, und die hellen Knabenstimmen sangen vom Chor
hernieder.
    Ueber Fannys Angesicht lag ein Schein von unirdischer Gre. Sie sah dem
Sonnenstrahl zu, der auf Joachims blondem Haupte lag; und als Joachim sich
wieder erhob und ergriffen, doch in diesem Augenblick tief ergriffen, sich Fanny
nahte, vielleicht um ein Wort der Vergebung zu stammeln, vielleicht um einen
gromtigen Segenswunsch zu hren, da nahm sie seine Hand.
    Ihre Lippen wollten sprechen, aber die Stimme fand nicht die Kraft zu lautem
Ton. So sah sie ihn an, lange und tief, und dann lie sie seine Hand fallen.
    Sie trat von ihm hinweg, erfate die kalten Hnde ihres alten Freundes und
sagte, ihm gro ins Auge sehend:
    Ich will leben!
