
                                Bleibtreu, Karl

                                   Grenwahn

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                                 Karl Bleibtreu

                                   Grenwahn

                              Pathologischer Roman

                                  Erster Band.

 Des Menschen Thaten und Gedanken, wit,
 Sind nicht wie Meeres wildbewegte Wellen.
 Die innre Welt, sein Mikrokosmos, ist
 Der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen.
 Sie sind nothwendig wie des Baumes Frucht
 Kein Zufall kann sie gaukelnd Dir verwandeln
 Hab ich des Menschen Kern erst untersucht
 So wei ich auch sein Wollen und sein Handeln
                                                                    Wallenstein.

                               Auch eine Vorrede.


Ich habe diesen Roman pathologisch genannt, ich htte ihn auch symbolisch
nennen knnen. Doch verschmhe ich es, mich ber den inneren Gehalt desselben zu
verbreiten. Die Ideen des Dichters sind keine blaen Abstrakta des Philosophen,
sie wollen sich selbst erklren wie lebende Wesen. Nur mchte ich vor einer
Fuangel warnen: erst im letzten Schlu (Buch XIII, 3. Band) wird der wahre Sinn
des Ganzen offenbar und man gewahrt vielleicht, da man bis dahin in einem
begreiflichen Irrthum schwebte. Diese Andeutung zu verstehen bleibt dem klugen
Leser berlassen, nach Beendung der Gesammtlektre.
    Natrlich tragen smmtliche Gestalten dieser freierfundenen Dichtung
lediglich ein typisches Geprge, fern jeder persnlichen Modell-Abschreibung,
die ja heut gewhnlich bei allen realistischen Romanen von angeblich
Eingeweihten herauspintisirt zu werden pflegt. Aus realistischer
Lebensabspiegelung entsteht eben eine Wahrheit, wahrer als die Handgreiflichkeit
der Auenwelt.

Von der Umwlzung, welche die gesammte Denkweise der deutschen Geisteswelt
innerlich umformte, ahnen unsere guten Leute und schlechten Musikanten nur
wenig. Unter den zahlreichen Zuschriften, welche mich seit Jahren als Stimmen
des eigentlichen Publikums ermuthigen, whle ich eine Stelle aus einem jngsthin
empfangenen Briefe:
    Was die Propheten dem alttestamentlichen Verheiungsvolk waren, das mssen
uns unsre wahren Dichter sein. Wie es dort Lgenpropheten gab, giebt es auch bei
uns Lgendichter. Alle Sensationsromanfabrikanten, alle sentimentalen
Liederdrechsler, alle Verherrlicher der Sinnlichkeit d.h. der bloen
Erscheinungswelt, alle Blaustrmpfeleien mit ihrer bertnchten
Alltagssittlichkeit - nenne ich Lgenpropheten. Nur wer im Ewigen webt und
athmet, wem alle Erscheinungsformen nur Symbole sind, wer alles Sinnliche aufs
Ewige bezieht und im Zeitlichen als solchem keinen Frieden findet, - nur dessen
Weltauffassung ist eine dichterische. Eine ernste Kunst ist die Poesie, ernst
und gro wie das Christenthum. Lang genug haben wir eine
heidnisch-griechisch-antike Aesthetik und Poesie gehabt. Zeit ist's, da wir
endlich eine christlich-germanisch-moderne Dichtung bekommen. Der Realismus ist
nicht eine Partei, eine Schule - was der wahre Realismus will, ist ewig. Es ist
ein totaler Umschwung in unsern bisherigen Anschauungen, der sich hier
vorbereitet. Die antike Aesthetik mit ihrem schn und hlich ist nichts; auf
den ewigen Gesichtspunkt, von dem aus man alles auffat, kommt es an.
    Das Denken allein fhrt eben so wenig zum Ziel, wie das Dichten allein,
sondern erst die Verschmelzung beider Krfte. Wer unzusammenhngende
Beobachtungen anhuft, wird nie zur Stoffbeherschung gelangen. Auch die
Leidenschaften gehorchen gleichmigen Gesetzen.

                             Der Geist der Zukunft.


Ich ahne, da in meiner Tiefe ruhen
Gedanken, wie die Welt sie nie getrumt.
Ich ahne, da allmchtig berschumt
Die Ueberkraft in meiner Seele Truhen.

Doch scheidet sich das Denken weit vom Thuen
Und meiner Plne Heer die Walstatt rumt
Und Corps an Corps auf seiner Lobau sumt,
Bis es ins Marchfeld rckt auf Eisenschuhen.

Dann, wenn die Erde Nacht und Schweigen decken
Und Blitze zucken und die Donner grollen,
Dann sto ich vor auf Wagrams Leichenacker.

Die Gre meiner Feuerschlnde rollen,
Als wollten sie die Todten auferwecken.
Wollt ihr denn ewig leben, feige Racker?

                                  Erstes Buch.



                                       I.

Ja, heut ist in Calais Probeschieen mit den neuen Sprenggeschossen und dem
neuen Gewehr! erluterte der wrdige Hafenoffizial, und indem er ein prfendes
Auge auf Graf Xaver warf, der seinem Gepcktrger soeben ein berflssig hohes
Trinkgeld reichte, fgte er dienstbeflissen hinzu: Die englischen Herren
Offiziere brauchen sich blos beim Herrn Colonel zu melden, dann knnen sie die
Revue in der Nhe besehn.
    So? brummte Krastinik, whrend sein gleichgltiger Blick ber das
vorbeidefilierende reitende Artillerieregiment hinglitt. Ich bin aber keiner.
Sein zweifelhaftes Englisch brgte auch dafr. Der Beamte verbeugte sich. Sein
Irrthum mochte fr die oberflchliche Beobachtung eines Franzosen verzeihlich
sein. Denn Graf Xaver Krastinik schien mit peinlicher Sorgfalt mglichst
englisch gekleidet, von dem glnzenden breitkrmpigen Cylinder bis zu den
hackenlosen knappanschlieenden Schnrenschuhen. Aber die untersetzte
breitschulterige Gestalt von kaum Mittelgre, die sonnenverbrannte Hautfarbe,
die tiefliegenden scharfen Augen unter hervorstehendem Knochenbau der Stirn, der
rthliche Vollbart und das braunrote kurzgeschorene Haar, endlich die markirten
Zge verriethen einen sarmatischen Typus. Auch soldatische Haltung konnte man
unmglich verkennen.
    Die Sonne blinzelte grell auf die Bohlen der Holzbrcke, welche zur
Landungsstelle, wo der Dampfer via Calais-Dover seine Opfer erwartet, hinlief.
Ohnehin verdrielich, fhlte sich der Graf peinlich berhrt, als ihm der dort
lauernde Beamte, ein stmmiger Kerl mit riesigem Knebelbart, die gewhnliche
Frage zuschnarrte: tes vous Franais? Da der Ueberraschte nicht sogleich
antwortete, fuhr der Inquisitor eindringlich in einem Athem fort: Are you
English? Votre nom, monsieur? Your name, sir?
    Gergert ber dies zudringliche Verhr, brummte der Graf zwischen den
Zhnen: My name is the devil, was dem hflichen Franzmann, der natrlich nach
zwanzigjhrigem Umgang mit Englndern die insularische Barbarensprache kaum
radebrechte, vollkommen gengend schien. Der Graf jedoch, der noch einen
fragenden Blick wahrzunehmen glaubte, schwang sich sofort zur Hhe der Situation
empor, indem er trocken beifgte: Et je suis Allemand.
    Dies bse Wrtchen erwies sich als Zauberformel. Augenblicklich lie man ihn
passiren, indem man wie vor einem schdlichen Reptil auswich. Allemand?! Ah!
Merci, monsieur! Der Beamte versetzte ihm einen unnachahmlichen Bckling
hflicher Grobheit, wie nur Franzosen diese widersprechende Mischung zu bereiten
wissen, indem er wthend seinen Schnauzbart und hernach noch unbarmherziger
seinen Henri-Quatre am Kinn zwirbelte, Krastinik lchelte hhnisch.
    Die Ueberfahrt erfolgte mit frischer Brise, die See ging bewegt, ein
Mousselin-Flor von Schaum kruselte sich ber ihren wogenden Busen, die Ste
kamen ruckweise. Eine Ammensage behauptet, da selbst englische Admirle
seekrank wrden, sobald sie den Kanal passirten. So wunderte sich denn Graf
Xaver, der weder die weithinschwingenden vollausgetragenen Wogen des Oceans noch
das wilde Rtteln der skandinavischen Nordsee kannte, nicht wenig, da er als
Landratte gelassen betrachten durfte, wie die schwarzhutigen und
gallig-gallischen Phystognomieen allmhlich nacheinander ins Grnliche
schillerten.
    Ein Chor barmherziger Schwestern sa allda, jede mit einem Napf in fromm
gefalteten Hnden, als beteten sie einen Rosenkranz. Alles spuckte und spokte
durcheinander. Man verschwand und ward nicht mehr gesehn. Ba erstaunte der
Osterreicher, als sogar die blondfleischigen oder blondbleichen Gesichter
Albions sich zusehends verzerrten, um dem Neptun Weihrauchopfer zu bringen,
whrend nur einige deutsche Wollhndler, wie massive Blcke in der Brandung,
unerschtterlich Stand hielten. Einer derselben belehrte Krastinik scharfsinnig
darber, da insulare Lage und jeweilige Seefahrerei nichts gegen die
Seekrankheit fruchte, fr welche die englischen Mgen durch hei verschlungenen
Pudding und anhaltende Brandybegieung veranlagt seien. Erst als die gleichsam
bereinander stehenden Segel der zahllosen, den Kanal passirenden Schiffe am
Horizont unterduckten und die runden Thrme von Dover emportauchten, fhlte
Xaver die erste Beklemmung. Denn angesichts des Shakespeare-Cliffs und der
andern Kreideriffe, die hier als Panzerbrnne die meerbeherrschende Brunhild
Albion umgrten, entwickelten sich vor seinen Augen verschiedene innere Krmpfe
- die Wellen brachen sich pltzlich mit besonderer Heftigkeit. Er erprobte jene
schlimmste Spielart der Seekrankheit, die kurz vorm Landen anhebt und drum auf
dem Lande noch tagelang fortdauert.
    Wie schwach wurde ihm aber erst zu Muth, als ihm an der Landungstreppe die
wie Befehle klingenden Fragen der wachthabenden Matrosen entgegensprudelten:
Charing Cro, Victoria Station, Ludgate Hille, Cannon Street?
    Nur mit Mhe begriff er den Sinn dieser Namen der vier
Haupteisenbahnstationen der Metropolis. Die verwirrende Schnelligkeit der
Aussprache glich sehr wenig der gemtlichen Conversation seines englischen
Sprachlehrers in Wien. Mit rasender Hast in einen Waggon des Charingero-Zuges
gedrngt, fhlte er sich alsbald, whrend die drei andern, am Strande dicht
aneinander gepreten, Zge zugleich losstarteten, wie mit Riesenhaken ber Thal
und Hhen hingerissen. War es doch der Infernal Train, der Hllenzug der
Chatam-Dover-Bahn!
    Die unertrgliche Hitze, das Ueberhasten mit der Halben Bordeaux und dem
halben Huhn in Calais, die Jhe und Fremdartigkeit der wechselnden Bilder, die
Hatz der unablssig weiterrasenden Lokomotive wirkten zusammen. Krastiniks
rthlichbrauner Teint spielte ins Purpurne hinber. Auf seiner breiten braunen
Stirn, von der die Schweitropfen perlten, traten die Adern hervor. Er bekam
Nasenbluten. Indem er sich abwechselnd die Nase und die Stirn trocknete,
verschwamm ihm Alles in einer unbestimmten Beleuchtung. Wie durch einen Nebel
hindurch, sah er die feinen Zge und die elegante Haltung der englischen Damen,
die ihm einer ganz andern hheren Race als auf dem Continent anzugehren
schienen, und die nach deutschen Begriffen auffallende schweigende Galanterie
der Mnner. Wie durch einen Nebel hindurch, hrte er Englisch und Franzsisch
wie eine Sprache durcheinanderparliren. Zeigt sich doch die innere unzerstrbare
Entente cordiale der zwei Westmacht-Vlker und ihr kaltverchtliches sich
Abschlieen gegen alle andern Nationalitten nirgends so deutlich, wie auf der
Reiseroute Paris-London.
    Ein Ruck weckte ihn aus seinen bewutlosen Betrachtungen auf - stop! Charing
Cro!
    Nachdem er noch whrend des Gepck-Wartens die unheimliche Spionage eines
zweideutig aussehenden Mnnchens, offenbar Detectiv, ausgehalten hatte, der in
ihm eine Aehnlichkeit mit irgend einem Industrieritter zu wittern schien, aber
durch seine hlflose Miene inmitten des ungeheuren Wirrwarrs dieser
Centralstation vom Gegenteil berzeugt wurde - gelang es ihm berraschend gut,
mit Zllnern, Gepcktrgern, Cabmen fertig zu werden. Wider alles Erwarten ging
ihm sein notdrftiges Stuben-Englisch glatt von der Zunge und sein durch die
Aufregung geschrftes Ohr verstand die rapide Sprechweise des Londoner Cockney's
ganz wohl. Auch als er seine Empfehlungskarte an den Besitzer eines vornehmen
Privathotels in Piccadilly abgab, ging ihm die Rede ertrglich von Statten. Zu
seinem Mivergngen bemerkte er nur, da der Millionr vor seinem continentalen
Grafentitel wenig Ehrfurcht zu empfinden schien und da auch dieser Busine-Mann
gentlemanlike Formen entwickelte. Wie viele Mrchen hatte Graf Xaver, der in der
Jugend nie ber die Gter seiner Familie in Ungarn und spter als Offizier nie
ber die engere sterreichische Heimat hinausgekommen war, aus dieser Reise
berichtigen mssen! Schon auf dem Bahnhof in Verviers fielen ihm kolossale
massige Wallonen und lange martialische Franzosen ins Auge. War das die
angeblich schwcher gebaute und zierliche Romanische Race? In Nordfrankreich
sahen die Leute fast germanischer aus und zeigten eine frischere Hautfarbe als
die Briten. Und diese Letzteren, die man ihm als schlenkernde Hopfenstangen ohne
Manieren geschildert hatte, entpuppten sich schon beim ersten Eindruck als
Gentlemen von wahrhaft musterhaftem Benehmen und zuvorkommender Hflichkeit, wie
man sie selten auf dem Continente findet.
    Als er das breite Trottoir von Piccadilly behaglich hinunterschlenderte, um
seinen ersten Abend auszunutzen, machte ein hinter ihm gehender Herr ihn mit
hflichem Ernst darauf aufmerksam, da seine Cravatte sich verschoben habe,
nickte aber nur freundlich, als Krastinik dankend den Hut zog. Erst stutzte
dieser - gewhnte sich aber durch Beobachtung bald an den englischen Gru des
nicht-Hutziehens, statt dessen man den unentbehrlichen Regenschirm, der selbst
bei schnstem Wetter hier nie daheim bleibt, zur Hutkrempe erhebt. - Spter auf
dem Oberdeck des ungeheuren blaugelben Omnibus, den er fr eine Strecke bestieg,
bot sein Nebenmann ihm freiwillig seine Lucifer-Matches an, als er Krastinik's
Cigarrenbedrfni merkte. Der biedre Graf verliebte sich auf den ersten Blick in
die englische Nation. Allerdings, am Anfang, als er zu Charing Cro ins Freie
gelangte, war ihm beklommen zu Muth gewesen, als das Brausen des Weltverkehrs
immer hher anschwellend an sein Ohr schlug. Da kreuzten sich mit gellem Pfiff
die Themsedampfer: ihr zischendes Schaufeln stimmte ein in das Poltern der
Omnibusse, mit riesigen Pecheronpferden davor auf Trafalgar Square. Ueber den
Dchern schnaubte das Dampfro; hin mit flatternder Dunstmhne, unter der Erde
donnerten seine ehernen Hufe. Und wie von hohem Riff, starrt Nelson von seiner
Sule in den Menschenstendel hinab, der das schwache Einzelschiff mitleidlos
umherschleudert, wo Parliamentstreet ihren Strom von Wagen und Fugngern auf
den Trafalgar Square ergiet.
    Auch hier im vornehmen Westend fehlte es ja nicht an wirbelndem Drang. Wo
Piccadilly mndet, bei Oxford Circus konnte Krastinik bewundern, wie der weise
Policemen nur mit der Beredsamkeit seiner Blicke und Handbewegungen
unauflsliche Wagenknuel entwirrt. Aber rckwrts schlendernd, empfing den
Neuling die vornehme Ruhe von Pall Mall. An der Terrasse, die zum St.
James'-Park hinabfhrt, sah er Mssiggnger vom feinsten Ton ghnend und
rauchend lehnen, unschlssig, ob sie die Clubs mit ihrer Gegenwart beglcken
oder im Criterion-Theater schneidige Klatschworte mit gleichgestimmten Seelen
austauschen sollten. Einige junge Fhnriche von der Garde in ihren
enganliegenden Rothjacken, die Mtzen aufs Ohr gestlpt wie studentische
Cereviskappen, die Reitgerte unter den Arm gesteckt, Brust heraus, Kopf zurck,
wandeln mit wehenden Schnurrbrten als triumphirende Ladies-Killer gen
Regentstreet.
    Wie die aristokratische Schnheit sich erst beim Kerzenlicht in voller
Toilette zeigt, so strahlt London erst in der Nacht im Diadem seiner Gasflammen.
Das ist die Zeit des Westend, wie der Mittag die Zeit der City. Und je trber
und rauher die Nacht, um so heller leuchten, um so wohnlicher winken Huser und
Lden. Die City wimmelt von Clerks und Ladendienern, die soeben ihre methodische
Arbeit mit dem Glockenschlag geschlossen haben.
    Vor den Theatern bummeln Leute, die zum ersten Mal diese Tempel besuchen und
mit hchster Aengstlichkeit sich ein Billet sichern wollen. Die Dining-Parlours
sind zum Brechen voll, lustig knistert das Feuer im Kamin und der gttliche Duft
solider Dinners verbreitet sich durch ganz Regentstreet und Piccadilly, zum
Aerger mder und hungriger Wanderer. Ganz Soho und Seven Dials lehnt an den
Hausthren, unter stillem Genu sogenannter Havannahs. Die Leute von
Coventgarden vor der Italienischen Oper setzen jedem ein Textbuch auf die Brust.
In den Vorstdten geht man nachbaren, Biere und Kuchen wandeln durch
Southwark. Die Policemen rcken in geschlossener Colonne, in ihre Nachtmntel
und ahnungsvolles Schweigen gehllt, nach der City ab, um die leeren Shops zu
bewachen. In Little Russel Street wird der erste betrunkene Kutscher aus seiner
Inn hinausgeworfen. Die Kellner im Caf Monico wissen nicht, wie sie diese
Menschenmasse bedienen sollen; in den kleineren Cafs sitzt ein Kreis von
Gentlemen comfortabel vorm Feuer und vierten Glase Sherry bei zugezogenen
Fenstervorhngen. Cromwell-, Brompton-, Glosterroad scheinen durch Wagenmassen
abgesperrt, bei Oxford Circus herrscht babylonische Sprachverwirrung und kein
rother Omnibusconducteur versteht die Injurien seines blauen Rivalen. Ein
schwler Dunst von Parfm, Cigarren und Champagner verbreitet sich ber
Haymarket: die nchtliche Lustbrse, mit bestimmtem Cours und nach
Nationalitten geordnet, wie die wirkliche Brse in Lombard-Street.
    Das Licht brennt blau, ist's nicht um Mitternacht? citirte Krastinik vor
sich hin. Ja, die Stunde der Geister und Gauner brach an, und ohne dem
gedruckten Sirenengesange eines wandelnden Mannes zu folgen, der noch so spt
die Annonce auf dem Rcken spazieren trug, da in Cremorne Gardens zum
unwiderruflich letzten Mal Fandango in trkischen Hosen getanzt werde, suchte
der mde Fremdling sein Lager auf.
    Schon frh am andern Morgen grtete er seine Lenden, zu wandeln von Dan bis
Bersaba. Piccadilly, das gestern Abend den koketten Putz seiner glnzenden Lden
entfaltet hatte, athmete jetzt Frische und Lebendigkeit, wie eine junge
Landpomeranze in ihrer ersten Season. Auf frisch begossenen Trottoirs zog eine
Karawane von Landmdchen nach Conventgarden-Markt hinauf, Frchte und Blumen und
Gemse bringend. Der feuchte Duft des Green- und Hyde-Park reinigte die Luft,
die noch nicht vom Straenverkehr durchseucht. Milchhndler begannen ihr
eintniges Geschrei, Fleischerkarren rasselten gen Tottenham Court Road,
Fischverkufer marschirten von der Themseseite her heran. Die unvermeidlichen
Stiefelputzer-Boys in rother Jacke postirten sich bereits an den Straenecken,
um jeden Vorbergehenden mit der Brste und flehendem Penny-Blick anzufallen.
Einige Straenjungen gaben ihre Anerkennung der ausgestellten Ewaaren so
unzweideutig zu erkennen, wo Auster- und Pastetenhndler ein Straenfrhstck
feilboten, da man ehrenrhrige Strafen an ihnen vollziehen mute. Durch den
Marmorbogen des Hyde-Park, wo als Schildwach der eiserne Herzog Wellington auf
eisernem Ro herniederstarrt, flutheten morgendliche Spaziergnger, Maiglckchen
im Knopfloch, den gelben Olivenstock als Gru-Stange benutzend. Knallrothe
Handschuhe mit breiten schwarzen Streifen schienen Mode - es fiel dem
Oesterreicher schwer aufs Herz, da er dieselben an seinem sonst tadellosen
Anzug vermite.
    Welch endlose Schnur von Ro und Reisigen! Blaue Bnder, gleich Preuens
loyalen Kornblumen, verknden, da man zu St. Sport von Epsom, dem
Nationalheiligen, wallfahrte. Heut war Derbytag. Ganz England scheint solches
Rennen nach einem geschftsmig, Uhr in der Hand, erledigten Pensum Vergngen.
    Krastinik bummelte noch eine Zeitlang hin und her, ber Knightsbridge nach
Brompton hinein. Die vielen Fisch- und Fleischbuden legten soeben ihre Waaren
aus. Dieselben verbreiteten jedoch einen solchen Blut-und Salzgeruch und die
Verkufergruppen brllten mit ihren Stentorkehren den eleganten Spaziergnger so
mitnig an, indem sie mit ihren nervigen nackten Armen und blutigen Schrzen
wenig appetitliche lebende Bilder stellten, - da Xaver sich hlfeflehend nach
einem Cab umsah, das langsam vorbeitrottete. Kaum hatte das immer wache Auge des
Rosselenkers ihn erspht, als auch der Peitschenstiel sich senkrecht in die
Lfte erhob zum Zeichen der Verstndigung, worauf mit einem krftigen, All
right, Sir! der hbsche rothgrnbemalte zweirderige Hansom heranscho. Das
geht fixer, wie die faulen Fiaker und Droschken des Kontinents! dachte der
Oesterreicher; laut wies er den Cabman an, ihn nach Bolton's Terrace zu
fahren. Es dauerte jedoch eine Weile, eh ihn der Mann verstand. Endlich rief er:
Ah, to Bolton's, I see, indem er Boltons wie Baltons aussprach. Noch
blieben dem Fremden die Geheimnisse des Cockney-Slang verschlossen, wonach 
paper wie piper und James wie Jimes lautet. - Dies war also Bolton's
Terasse. Eine nette freundliche Strae mit kleinen Vorgrtchen, jedes Haus mit
einer kurzen Treppe und zwei Sulen an der Thr versehen. Alles so glatt,
reinlich, frisch, wie ein Sinnbild des englischen Comfort.
    Als er vor einem der Huser das Cab entlie und die Treppe hinanstieg,
ffnete sich die Hausthr von selbst und ein alter Herr, gro, aber von etwas
gebckter Haltung, trat ihm entgegen. Beide umarmten sich.
    My dear fellow, rief Lord Dorrington frhlich, das ist gut, da Du da
bist. Ich sah Dich vom Erdgescho aus, wo wir essen, der Khle wegen. Komm nur
gleich hinunter, Lady Dorrington wird sich sehr freuen. Er hatte dies alles
Deutsch gesagt, unterbrach sich aber: But English is better for you! und
unterzog sich von nun ab der Mhe, das Kauderwelsch des radebrechenden
Fremdlings zu verstehen und zu corrigiren.
    Ein Blick in das edle Auge des altes Mannes gengte. Man erkannte sofort in
ihm einen jener seltenen Menschen, denen stete Rcksichtnahme auf Andere,
philanthropische Humanitt, zur andern Natur geworden.
    Ein Abglanz dieses Wohlwollens hatte sich sogar den un-englischen Zgen
seiner Gattin eingeprgt, so vllig sie von dem vornehmen Race-Typus des Lords
abstach. Obschon ihr Haar ergraut, schien die stattliche Matrone eine scharfe
Beobachtung der Lebensverhltnisse bewahrt zu haben. Ganz Weltdame.
    Sie begrte Xaver mit Wrme. Dieser kte ihr ehrerbietig die Hand. Darf
ich mich nach Ihrem Befinden erkundigen, gndige Tante?
    Danke, lieber Cousin, erwiderte sie mit stark sterreichischem Accent.
Ich lebe ja nun schon so lange in England, da ich mich vllig acclimatisirte.
Also willkommen hier! Ich sah Sie nicht, seit Sie so gro waren.
    Sie bezeichnete eine Minimal-Hhe mit der Hand. Was macht Ihr Bruder, der
Majoratsherr?
    Er sendet Lady Dorrington, geborene Grfin Krastinik, seine verbindlichste
Empfehlung. Uebrigens sehe ich ihn sehr selten. Wir haben verschiedene
Neigungen. Er betreibt auf seinen Gtern in Ungarn den edeln Sport der
Fuchsjagd. Ich schwitze in meiner Garnison als Kavallerieoffizier. Sie wissen,
ich bin krzlich bergetreten - war frher Ingenieurhauptmann, weil ich mich mit
Leib und Seele fr Kriegswissenschaft interessiere. Aber es ging halt nicht
mehr; meine Familie meinte, ein Krastinik gehre nur in die Kavallerie. Das
allein sei ritterlich, ich drfe doch nicht als bewaffneter Bcherwurm
hinvegetieren. Auch reizte mich selbst der noble Pferde-Sport (ich bin ein wenig
romantisch, gndige Tante) - kurz, so wre ich denn Rittmeister.
    Wie lange hast Du Urlaub? fragte Dorrington.
    Auf unbestimmte Zeit. Ich mu mich einmal auslften. Man verbauert ganz.
Und da hab' ich denn London als Ziel meiner Reise gewhlt, weil Ihr ja so gtig
waret, mich wiederholt anzufordern.
    Sie sind hier zu Haus, lieber Neffe!
    Das versteht sich, rief der alte Lord. Dein Vater, der General, war der
Intimus meiner Jugend, als ich noch als Attach bei der britischen Gesandtschaft
in Wien stand. Ich betrachte Dich wie einen Sohn.
    Ja und deswegen, fiel die praktische Lady ein, wollen wir uns auch mal
ein wenig mit Ihrer Zukunft beschftigen. Wie geht's Ihnen denn?
    Schlecht und recht, wie ein armer jngerer Sohn es verlangen kann. Xaver
zuckte mit vielsagendem Lcheln die Achseln.
    Oho, so! Nun, um Ihre Verhltnisse aufzubessern, wre ja doch das Bequemste
eine reiche Heirath. Wie, mon cher, sollten Sie nicht daran gedacht haben, als
Sie nach England gingen?
    Er machte eine abwehrende Bewegung. O nein. So sehr dies wnschenswerth
wre, verkaufen mag ich mich nicht!
    Lady Dorrington hob mit komischem Erstaunen beide Hnde empor. Verkaufen!
Welch' ein Wort! Sie sollen eben thun, wie tout le monde! Nur ruhig, Lieber, wir
werden das schon in die Hand nehmen. Ueberlassen Sie das meinem Takt!
    Xaver kte ihr verbindlich die Hand. Wie soll ich Ihnen danken fr das
Interesse, gndige Tante, das Sie mir entgegenbringen! Doch frs erste..
brigens wird das wohl auch kaum so leicht sein wie Sie denken.
    Das berlasse man mir! Ich denke doch, einem Grafen Krastinik stehen alle
Pforten offen! Und Lady Dorrington warf stolz das Haupt in den Nacken, als wre
sie der vereidigte und patentirte Anwalt fr alle Generationen Derer von
Krastinik. Apropos, haben Sie viele introductions nach London mitgebracht?
    Nicht eine. All solche Plne lagen mir ja ohnehin fern. Ich will nur einen
Monat hier zubringen, um mich zu erholen - das ist Alles. Ich gedenke gar nicht,
mich wieder in die Gesellschaft einzupferchen. Und im Sommer obendrein, wo sonst
in ganz Europa die Saison lngst endet! Wie drollig verschieden hier alles doch
ist!
    Lord Dorrington lachte leicht auf, die Lady lchelte. Nehmen Sie gleich
einen Hinweis und guten Rath, lieber Xaver: Finden Sie nichts drollig, was ihnen
hier auffllt. Das wre in England der grbste Versto. Bedenken Sie, da gerade
den Englndern alles drollig, vorkommt, was sie auf dem Continent sehen! Und
jeder Brite nimmt stillschweigend an, da man seine Sitten als etwas Superiores
ehrt und anerkennt. - Nun, wir werden Sie schon in gute Gesellschaft bringen.
    George, my dear, wandte sie sich an ihren Gatten, Nchsten Sonnabend ist
eine Garten-Parthie bei Egremonts. Sorgen wir dafr, da unser Freund eine
Einladung erhlt, nicht?
    Aha! machte der Lord, indem er verschmitzt ein Auge zudrckte.
    Well. Das soll geschehn.
    Der Graf verbeugte sich. Seine vornehme Reservirtheit verbot ihm, sich nher
zu erkundigen, wer Egremonts seien. Ich nehme das dankbar an. Heut Nachmittag
will ich noch eine Karte bei unserem Botschafter abgeben; dann ist mein
gesellschaftliches Tagewerk frs erste gethan.
    Man unterhielt sich eine Weile ber allgemeine Gegenstnde. Es zeigte sich,
da der schneidige Kavallerist neben der gebruchlichen Theilnahme fr Pferde
und Wettrennen als begeisterter Amateur der Musik und besonders der schnen
Litteratur seine freien Stunden widmete. Als er jedoch seiner Landsmnnin ein
Ungarisches Lied vorsingen wollte und sie eifrig dabei accompagnirte, schienen
ihre beiderseitigen Sprachkenntnisse im Magyarischen nur mangelhaft entwickelt.
Hatten sie doch ihr Lebenlang nur Deutsch gesprochen und auf ihren ungarischen
Gtern selten verkehrt. Dies hinderte aber nicht, da sie vllig darber
d'accord waren, die Deutschen seien eine malos arrogante und rohe Nation,
welche gedemthigt werden msse.
    Die armen Franzosen! seufzte Lady Dorrington wehmthig. Bismarck wollte
Deutschland einen - und dafr muten die Franzosen bluten. Und jetzt droht er
schon wieder! Dies Deutschland will nie Frieden halten.
    Hm! Der alte Lord runzelte die Stirn und schttelte den Kopf. Sein
englisches Gerechtigkeitsgefhl bumte sich auf. Er vermied jedoch, mit seiner
Frau, deren Bruder bei Knigsgrtz als Divisionr gefallen war, ber diesen
Punkt zu rechten.
    Lady Dorrington mute sich verabschieden, um eine nothwendige Visite zu
machen. Die beiden Mnner plauderten bei einer Flasche Portwein und griechischen
Cigaretten im Bibliothekzimmer weiter. Allerlei schnurrige und ernste
Erinnerungen erwachten bei dem alten Herrn, aus der Zeit seines Aufenthalts in
Wien, wo er als flotter Lebemann geglnzt hatte. Er erkundigte sich
angelegentlich, ob die sterreichischen Damen der groen Welt noch immer so
naiv-liederlich seien. So gab er eine Anekdote zum besten, wie in einem gewissen
Badeort die Damen am Fenster durch Operngucker zugesehen htten, wie ihre Herren
im See badeten. Dabei hatte die schne Grfin Mizi.., die in dem Rufe stand,
systematisch ihre Liebhaber zu wechseln, naiv ausgerufen: O, dies Jahr nehme
ich Dorrington! Man mochte wohl glauben, da er frher ein sehr schner Mann
gewesen sei - noch die Ruine wies darauf hin. Der gute alte Herr kicherte
behaglich mit wohlwollender Theilname fr die menschliche Schwche. Die Arme!
Sie ist nun auch schon lange todt!
    Allein, er wute auch ernstere Details aus seiner diplomatischen Carrire zu
erzhlen. Hatte er sogar Metternich noch gut gekannt, der ihm echten
Johannisberger oftmals vorgesetzt hatte. Auf den lie er nichts kommen.
Beeinflussen die persnlichen Verbindungen doch stets das objektive Urteil auch
bei urteilsfhigen Geistern.
    Und Lord Dorrington war ein Urteilsfhiger. Seine diplomatischen Spielereien
lagen lange hinter ihm. Jetzt hatte er sich der Wissenschaft gewidmet und der
Litteratur. In seinem Bibliothekzimmer hingen eine Reihe interessanter
Zeichnungen und Portraits von berhmten Dichtern aus jener groen Epoche der
englischen Litteratur zu Anfang des Jahrhunderts, die er in frher Jugend noch
miterleben durfte und aus welcher er viele Autographen bewahrte. Als Xaver mit
augenscheinlichem Eifer diese Sammlungen besichtigte, rief Dorrington, nachdem
er ihn eine Zeitlang aufmerksam betrachtet hatte, pltzlich: Et tu, Brute? Du
bist ja auch ein Poet?
    Der k.k. Rittmeister ward dunkelroth. Ich - ein Poet? stammelte er. Wie -
kommen Sie darauf?
    O! Ich lasse mich nicht beirren. Beichte mal: Bist Du nicht schon fters
mit dem Pegasus gestrzt?
    Ich kann nicht leugnen.. machte Jener zgernd.
    Siehst Du wohl!
    Aber wie.. errathen Sie das?
    O ganz einfach. Ich bin nmlich ein ganz altmodischer alter Kerl und
huldige immer noch fanatisch der Gall'schen Schdeltheorie, die jetzt ein
berwundener Standpunkt sein soll. Ja ja, ich bin bekannt und gefrchtet ob
meiner Manie, die Schdel zu untersuchen. Und doch hab' ich mich nie getuscht.
Habe Disraelis Schdel untersucht und Gladstones, und habe immer gesagt, da
trotz seiner Charakterfehler Disraeli noch die noblere Natur von den Beiden sei.
Da haben wir ja jetzt seit lange die Bescheerung mit diesem Gladstone! Dieser
eitle quack, dieser Charlatan und Doktrinr! Er schimpfte noch eine Zeitlang
auf den Verrter, dessen Haltung in der Irischen Frage ihn als Briten der
alten Schule entrstete.
    Und.. und, warf Xaver hin, der sehr aufmerksam zuhrte. Bei mir wollen
Sie erkannt haben ...
    Und ob! Hier der Winkel an den Schlfen ber den Augen, der Schnitt der
Augenbrauen.. la mich mal Deinen Kopf untersuchen!
    Halb lachend, halb interessirt, gab Jener seine Zustimmung. Dorrington
betastete seinen Hinterkopf genau, brummte eine Menge psychologisch -
physiologisch - physiognomischer Lehrstze durcheinander und constatirte aus
einer Reihe phrenologischer Dokumente: Zweifellos ein stark receptives, doch
auch productives sthetisches Organ vorhanden. Er verbreitete sich noch lange
ber diesen Punkt. Xaver war auffallend still geworden.

    Ein Dichter! sang es in ihm, als er nach Hause schritt. Ein Dichter!
schien das Echo seiner Tritte zu wiederholen, als er mit unbewut leichterem und
strkerem Schritt wie ein Triumphator dahinwandelte. Hatte er doch stets geahnt,
da etwas Besonderes in ihm schlummere. Stets war er einsam seinen Pfad frba
gewandelt. Auf der Kriegsschule hnselte man ihn als sauertpfisch; spter beim
Regiment galt er als ein Gentleman und als tchtiger Offizier, streng im Dienst,
aber im Offizier-Casino zhlte er durchaus nicht zu den beliebten Mitgliedern.
Die Damen fanden ihn interessant, aber etwas steif. Ein paar Verhltnisse mit
Damen der Aristokratie (dem Theater und Ballet hielt er sich fern, schon seiner
beengten Geldverhltnisse wegen) hatte er gelst, ohne dabei sein Herz beschwert
zu finden. Immer suchte er etwas, was ihm seine Umgebung nicht bieten konnte
Ich habe manchmal auch meine idealen Stunden, entgegnete er einmal bitter
einem Componisten, der ihm vorgestellt wurde und der wie blich von der
Vereinsamung des Knstlers in der rohen Welt jammerte. - Ein Dichter! So mute
es sein.
    Noch Abends beim Dinner im St. James Restaurant, wo er, das Parisian Dinner
zu 5 Shilling verschmhend, fr 3 Shilling ein opulentes Table d' hte zu den
Klngen einer Musikkapelle einnahm, grbelte er ber dies Thema weiter. Es
beschftigte ihn so, da er erst am andern Tage dazu kam, beim Botschafter
vorzusprechen.
    Dieser empfing ihn mit der Auszeichnung, die einem Krastinik gebhrte
(selbst wenn dieser halt nur ein jngerer Sohn war) und stellte sich vllig zu
seiner Disposition, wenn er ihm mit etwas dienen knne. Wnschen Sie vielleicht
bei Hofe vorgestellt zu sein, mein theurer Graf?
    Excellenz verzeihen, wenn ich auf die hohe Ehre verzichte. Ich bin
gleichsam auf der Durchreise in London..
    Gleichsam incognito. Verstehe. Excellenz sagten das mit einer so
eingefleischt wichtigen Amtsmiene, als ob hinter diesem Verstehen ein
wichtiges diplomatisches Geheimni stecke. Aber in die Gesellschaft wnschen
Sie doch wohl eingefhrt zu werden?
    Auch dies lehnte Krastinik ab. Als der verwunderte Gesandte aber in ihn
drang, wenigstens den Rout der herrschenden Saison-Schnheit mitzumachen, der
demnchst stattfinde - er sehe die Herzogin noch heut Abend und verbrge sich
fr sofortige Einladung -, sagte er zu.
    Sie plauderten noch einige Zeit ber - Nichts, wie nur geborene Aristokraten
dieses vornehme Ttteln in anmuthiger Ungezwungenheit verstehn.
    Zum Abschied empfahl ihm der Vertreter der vierten Gromacht, doch ja das
Kochbuch seines verehrten Kollegen, des deutschen Botschafters Graf Mnster, zu
studiren. Krastinik fhlte sich befriedigt, als er die Marmorstufen
hinabschritt, da er diese lstige Pflicht erfllt hatte.
    Seufzenden Herzens machte er sich sodann gen Regentsstreet auf und verfgte
sich zu Nicoll's, um einen Frack nach Londoner Schnitt mit Seidenaufschlgen zu
erwerben, die man dort vorrthig findet fr jedes erdenkliche Leibesma.
    Mit dem stolzen Bewutsein, da der Prinz von Wales einen hnlichen Frack
mit seinem allerhchsten Geschmack zu beehren geruht habe, wie wenigstens der
Atelier-Maitre versicherte, kehrte er heim.
    Dster philosophirte er ber die Hlichkeit dieses Kleidungsstcks, indem
er sich im Spiegel musterte. Dabei ertappte er sich bei dem Gedanken, der ihm
blitzschnell durchs Gehirn huschte: Dichter sollten sich poetischer kleiden!

                                      II.


Egremonts waren Sonnabend at home, wie ihn eine Karte belehrte, die fast
zugleich mit der Einladungskarte der Herzogin, bei welcher er anstandsgem eine
Karte abgeworfen hatte, bei ihm eintraf.
    Ein Billet seiner Tante und Gnnerin belehrte ihn, wer Egremonts seien. Mr.
Egremont ein vielfacher Millionr, der sich von seinem berhmten Verlagsgeschft
zurckgezogen und zur Ruhe gesetzt hatte. Die Tchter, Mi Alice und Mi Maud,
seien reizend.
    Xaver lchelte und verstand - so diplomatisch, wie der Herr Gesandte.
    Es war eine Garten-Parthie. Ein Theil der jungen Leute spielte
Lawn-Tennis, der andre sa im Kreise und bte sich im Flirting. Man reichte
nur Thee, Eis und Kuchen.
    Mi Alice, welche leicht errthete, als Lady Dorringtons Stimme hinter ihr
mahnte: Darf ich Ihnen meinen Neffen, den Grafen, vorstellen, verzog
unmerklich den Mund, als sie desselben ansichtig wurde. Sie hatte ihn sich
grer und schlanker gedacht, einen grflichen Husaren aus der Puta.
    Mi Maud hingegen rief sofort mit der ihr eigenen, nur einer englischen
Jungfrau anstehenden Kordialitt: Hocherfreut. Les amis de mes amis sont mes
amis. Mein Ideal, Lord Dorrington, den ich anbete, ist Ihr Freund - also! Dabei
schttelte sie ihm krftig die Hand.
    Sie war sehr gro und schlank. Ihr Teint wachsbleich, ihre schwarzen
Augenbrauen ber der Stirn zusammengewachsen. Wenn sie redete, enthllten ihre
Lippen eine Reihe blendender, scharfer, aber zu groer Zhne. Sie hatte etwas
stark Emancipirtes, obschon eine gewisse redliche Tchtigkeit sich in ihren
grogeformten Zgen aussprach, und war hochgebildet mit einem Strich in's
Blaue. Wenigstens dachte Krastinik gleich an die etwaige Farbe ihrer Strmpfe.
    Mi Alice war ebenfalls gro und leichtgebaut mit ziemlich platter, wenig
gewlbter Brust. Ihre weiblich zarten Zge stachen merklich von denen ihrer
Schwester ab und ihr rosiger Teint noch mehr, Ihr Kopf war klein und fein
gemeielt und das hinten  la Greque zusammengeknotete Haar hob die ovale runde
Form des zarten Schdelbaues noch mehr hervor. In ihren ziemlich kleinen Augen,
tiefblau, aber matt und glanzlos, lag ein zugleich kalt-kluger und schmachtender
Ausdruck, der einem Psychologen vielleicht nicht ganz behagt htte. Etwas
Migestimmt-Spleeniges und Blasirtes gab sich in ihrer ruhigen berlegten Art
so, als ob es sich um eine edle Schwermuth handele. Wenigstens fand dies
Krastinik, der von ihrem ladyliken Wesen ein wenig bezaubert wurde.
    Er schien berhaupt bezaubert. Denn er radebrechte aus Leibeskrften drauf
los und schnitt Complimente, die zwar dem Genius der englischen Sprache Trotz
boten, aber nichtsdestoweniger oder gerade wegen ihres un-englischen Klanges von
den Damen charming befunden wurden. Eine Freundin Mi Mauds nannte ihn nice,
eine Freundin Mi Alice's lovely, nachdem er auf die Frage, was ihm in England
am besten gefalle, die auf der Hand liegende Antwort gegeben: Die Ladies! Und
sobald erst die Ladies Jemanden als nice und lovely gestempelt, ist er als
Lwe anerkannt.
    Wenn Sie die Englnderinnen so sehr bewundern, sollten Sie eine heirathen,
fgte Lady Dorrington insinuirend bei. Mi Maud horchte auf und ihr Blick nahm
etwas Lauerndes an.
    Bald darauf erschien auch der Herr, des Hauses, welcher den Fremdling in ein
emsiges Gesprch verwickelte.
    Ja, Sir, es war der Stolz meines Hauses, sagte Mr. Egremont, ein kurzer
dicker Herr in weier Weste, indem er zwei Finger vorn zwischen zwei
Knopf-Oeffnungen besagter Weste steckte, und wrdevoll das kahle Haupt wiegte,
- meines Hauses sage ich, Sir, da bei mir die litterarischen Erzeugnisse der
britischen Aristokratie verffentlicht wurden. Man beehrte mich, Sir, mit
allgemeinem Wohlwollen. Bei mir hat Ihre Gnaden die Herzogin Fitz-Doodle ihre
Lyrischen Seufzer ertnen lassen. Auch erschienen bei mir fast alle Keepsakes -
rothseidener Einband mit Goldschnitt, sehr geschmackvoll -, in welchen sich die
poetischen Seelen der britischen Aristokratie ein Rendezvous gaben. Ja, Sir, wir
standen und stehen gleichsam in einer Familien-Verbindung zur ganzen Nobility
und Gentry, wir sind und waren die Hoflieferanten der britischen Aristokratie
fr geistige Nahrung, you know. - Wir werden wohl brigens selbst demnchst..
doch ich darf noch nichts sagen, bis Sache spruchreif.. kurz, ein Baronet-Titel
wird demnchst von Ihrer Majestt der Knigin verliehen werden.. hehe, hm! Ja,
Mr. Count de Rasteinik, ich freue mich, Sie in diesem Lande begren zu drfen.
Das unverletzbare Eiland der Weisen und Freien, wie Sr. Lordschaft, Lord Byron,
sehr treffend singen. Die britische Aristokratie, Sir, dieser Sttzpfeiler
unsrer gesegneten Constitution, gleicht jener Eiche der Freiheit..
    So schwatzte er ununterbrochen fort, bis Krastinik fast die Geduld ri. Auch
suchte er vergeblich, das consequente Englisch-Aussprechen seines Namens zu
corrigiren. Count de Rasteinik blieb er fr den freien Briten, welcher diese
Titelwrtchen ohne Unterla im Munde zurechtknetschte, als ob ihm das
Aussprechen eines continentalen Adelsnamens eine geheime Wollust bereite.
    Der hat ja Grenwahn! dachte der Graf, dessen vornehmes Gefhl dies
aufgeblasene Parvenuthum bedenklich beleidigte.
    Mr. Egremont, dessen Eitelkeit brigens von Lady Dorrington als
anerkennenswerthes Streben nach dem Hheren und lbliche Gesinnung patronisirt
wurde, trug sodann in grerem Kreise mit vieler Pomphaftigkeit die
architektonischen Absichten vor, welche er bei Erbauung eines Stammsitzes fr
seine kommende Adelsfamilie durchfhren wollte. Dies Ahnenschlo gedachte er im
Tudorstil auszubauen. Natrlich gem dem Stil der brigen alten Mansions der
britischen Aristokratie. Er mibrauchte dies Wort, als wolle er durchaus gegen
das zweite Gebot freveln: Du sollst den Namen Deines Gtzen nicht unntzlich
fhren.
    Und Sie, mein theurer Xaver? wandte sich Lady Dorrington mit aufmunterndem
Lcheln an ihren Neffen, Sie bauen ja wohl an Ihrem Schlo? Der Neubau wird
hoffentlich in groartigem Stile ausgefhrt?
    So groartig es unsre, wie Sie wissen, gndige Tante, sehr beschrnkten
Verhltnisse erlauben, erwiderte Jener, nicht ohne Verlegenheit.
    O versteht sich! Ihre Verhltnisse sind so bescheiden! rief sie lchelnd,
obschon dabei leicht errtend. Porphyrsulen am Portiko, wie ich hoffe. - Und
Ihr Marstall verlangt ja eine betrchtliche Renovirung. Der weitere Ausbau -
eine Tasse Thee, liebe Maud? Danke. Diese, welche selbst als Wirthin ein
Thee-Tablet umherreichte, sah, wie der Graf sich auf die Lippen bi und die
Stirne runzelte. Und der schreckliche Verdacht stieg in ihr auf, der mgliche
Freier mge gar wenig Geld besitzen. Demgem eine Art Glcksjger, der wohl auf
Erbinnen spekulirte. Durch einige schlaue Fragen, die sie that und die er arglos
beantwortete, schien ihr dieser Verdacht Gewiheit zu werden. Ihr kam er
berhaupt zu unbedeutend vor; sie beschlo daher, sich selbst mglichst aus dem
Spiele zu halten. Mochte Alice thun, was sie wollte.
    Nachher versuchte Xaver das edle Lawn-Tennis zu lernen, wobei die unreifen
jungen Klber - die Englnder werden erst mit 30 Jahren Mnner - ihn gutmthig
unterwiesen, mit groherzigem Mitleid dem Continentalen seine Unerfahrenheit zu
Gute haltend.
    Die Damen umringten den distinguished foreigner und sein Radebrechen
gefiel ihnen so wohl, da er der Hahn im Korbe schien und einen freundlichen
Eindruck zurcklie.
    Lady Dorrington beglckwnschte ihn ernsthaft zu seinem Succe߫, wie sie es
nannte, und lie verschiedene Ziffern ber die etwaige Mitgift der Egremonts
fallen.
    Xaver schwieg. Der alte Egremont mifiel ihm sehr. Der leidet ja an
Grenwahn! dachte er.

                                      III.


Auch der Ball bei der Herzogin mute berstanden werden. Die Gesellschaftsstunde
nahte. Wappenkronengezierte Karossen, vollgepackt mit Fracks und Ballroben,
rollten heran. Ihre Rder wurden bertnt vom Donnern der Messingklopfer, wenn
die gallonirten gepuderten Footmen vom Hinterbrett absprangen, indem sie ihre
weien Seidenstrmpfe, sammtenen Kniehosen und Schnallenschuhe vor dem
plebejischen Straenschmutze sorglich hteten. Der Portier ffnete unablssig,
und der Fremde erstaunte ba, auf den Teppichtreppen die Gste lagern zu sehn
nach guter Londoner Sitte, weil die engen Rume von der ungeheuren Zahl der
Geladenen bald berfllt. Eine hektische Rte schien auf jedem Gesicht zu
fiebern, die Luft scheint fieberhaft erhitzt. London gleicht einer
Schwindschtigen, die sich zu Tode tanzt. Die Ball-Menge,
dichtineinandergedrckt verschwamm in der Entfernung zu einer einzigen
schwarzflimmerigen Masse, wie eine dicke Hufung von Steinkohlen.
    Nachdem Krastinik die Herzogin begrt, welche am Eingang des Saales
hundertmal gegen jeden Eintretenden den Fcher schwenkte und ein verbindliches
Lcheln austauschte, fhlte er sich in den groen Drawing Room geschoben, wo
zwei tanzende Paare im denkbar schleppendsten Tempo sich drehten und beide Wnde
entlang eine dichte Masse von Herrn und Damen sich staute. Das Ganze machte
einen vllig physiognomielosen Eindruck. Mechanisch schien man Kravatte,
Lorgnon, Kopfputz und Schleppe zurechtzurcken, die Conversation stockte
gnzlich und nur ein halblautes Summen schwirrte durch den Saal.
    Krastinik sah sich verzweifelt in seiner Nhe um. Da ihm das Schweigen
unertrglich wurde, wandte er sich an einen zunchst Stehenden und stellte sich
mit einer Verbeugung vor: My name is Count Krastinik. Der Insulaner gefror
frmlich zur Salzsule. Anfangs schien er schlechterdings nicht zu begreifen,
was dieser Mensch von ihm wolle. Dann suchte er seinen steifsten Bckling aus
dem Lexikon der Anstandsformeln hervor und reckte, ohne weiter ein Wort zu
verschwenden, seinen Giraffenhals nach entgegengesetzter Richtung.
    Krastinik stutzte etwas, fate sich jedoch und versuchte die gleiche
Selbstvorstellung bei einem nchsten. Dieser starrte ihn feierlich an, rusperte
sich verlegen und murmelte: Oh indeed! Delighted. to be sure. Da er nun
selbst verpflichtet sei, seinen Namen zu nennen, schien ihm ganz unfalich.
    Mit dem Mut der Verzweiflung, scho der arglose Fremdling endlich auf einen
Herrn in indischer Uniform, von dessen bronzirtem Teint sein strohgelber
Schnurrbart pikant abstach, los. Der Herr hatte nach Pariser Sitte die Haare
vorn in die Stirn geklebt und unter der Manchette ein silbernes Armband nach
unten baumeln. Das mute ein Mann sein, der viel umhergekommen und continentale
Sitten kannte. So verbeugte sich denn Krastinik zum dritten Mal und schnarrte
verbindlich: My name is Count Krastinik, wobei er diesmal hinzufgte: Captain
in the Austrian service.
    Der also jhlings Ueberfallene schien doch ein wenig verblfft, doch gewann
er rasch seine Haltung und nickte mit gnnerhaftem Lcheln: Hchst erfreut.
Dann deutete er leicht auf sich und nannte sich: Sir Thomas de Mowbray, vom
Bombay Stabscorps.
    Das Eis war gebrochen. Ohne daher die stieren, verwunderten, ja
mibilligenden Blicke der Umstehenden zu wrdigen, verlautbarte sich der arme
Auslnder nach einer Pause in seinem stammelnden Englisch: 's ist sehr hei. 
Sehr hei, bekrftigte Jener trocken, als ob er eine nicht unbedeutende neue
Wahrheit entdecke. Und smmtliche Umstehende reckten die Hlse und murmelten -
einige bewegten, wie automatisch, lautlos die Lippen: Sehr hei.
    Graf Xaver fand diese geistvolle Bemerkung doch eigentlich nicht
abschlieend. Er versuchte also noch etwas geistreicher zu werden. Viele
Schnheiten! warf er hin mit der Miene eines Weltmannes, der sich ganz zu Hause
fhlt.
    Very! - Well - rather kam es zgernd aus dem Munde seines neuen Bekannten
und Krastinik merkte, wie ein gradezu mitrauischer Blick ihn streifte. Was
will der Mensch, wer ist er, wie hat er sich herverirrt? lag in diesem Blick.
Allein, eine kurze prfende Musterung schien ihn zu beruhigen, da der seltsame
Fremde in seiner Art ein Gentleman sei, und so setzte er denn die Unterhaltung
fort.
    Es war lehrreich zu beobachten, mit welcher souverainen Herablassung der
hehre Brite diese exotische Pflanze behandelte. Nicht etwa, als ob er eine
unartige Gleichgltigkeit und Geringschtzung affektirt htte - im Gegentheil.
Aber grade seine Liebenswrdigkeit, dies verchtliche Wohlwollen, mit welchem er
auf die oberflchliche Conversation des mhsam radebrechenden Grafen einging,
hatte etwas unsglich Beleidigendes. Manchmal wandte er sich bei einer
aufflligen Bemerkung des Fremden mit einem freundlichen und entschuldigenden
Lcheln zu den neben ihm Stehenden um, als wolle er sagen: Das sind nun die
sogenannten Continentalen. Da haben Sie ein Prachtexemplar des Foreigners!
Haben Sie Nachsicht! Was kann man von Barbaren verlangen? - O diese Auslnder!
Welche Verletzung der herkmmlichsten Sittlichkeit!
    Endlich ri Krastinik die Geduld. Fortwhrend sah er die Blicke der
Umstehenden, Umsitzenden und Umschwitzenden mit ruhiger Wrde auf sich gerichtet
und er fhlte, da sein Benehmen (er war allmhlich wienerisch lebhaft geworden)
miliebig auffiel. Als er gar den steifliebenswrdigen Sir Thomas de Mowbray
aufforderte, ihn doch einer Lady vorzustellen, welche diesen mit huldvollem
Neigen des Fchers begrt hatte, runzelte dieser leicht die Stirn und erstarrte
in unnahbarer Respektabilitt. Das war aber auch zu stark! - Krastinik prete
seinen Chapeau Claque an sich, absolvirte einen flchtigen Handshake mit Sir
Thomas, wand sich durch die Menge, empfing von der herzoglichen Wirthin am
Ausgang dasselbe krampfhaft stereotype Lcheln (sie erkannte ihn offenbar gar
nicht), warf unten im Parlour einen entsagenden Blick auf das fabelhaft
kostbare, aber nur auf Damen berechnete se Buffet und warf mit erleichtertem
Aufathmen seinen Ueberzieher um. Dann schritt er den Portiko hinaus, wobei er
einige auf der Treppe herumlungernde Gentlemen - die zu erstaunen schienen, als
er hflich den Hut zum Abschied zog - hinter sich murmeln hrte: Ein
Auslnder!
    Krastiniks cholerisches Temperament gerieth in gelinde Wuth. Als er in sein
Hotel zu so spter Stunde hineinfiel (alle Restaurationen waren ja lngst
geschlossen und nach sieben Uhr giebt's nirgends etwas Ordentliches mehr) kaute
er verdrielich an einem Beefsteak und wasserbegossenen gequollenen Erbsen -
wofr er nachher auf der Bill fnf Shilling berechnet fand.

                                      IV.


Als er aber am andern Morgen seinem alten Freunde Dorrington im Oxford- und
Cambridge Club, wo dieser ihn als Gast eingefhrt, sein Abenteuer erzhlte,
brach dieser in ein herzliches Gelchter aus. Ja, my boy, haben Sie denn keine
Ahnung, was fr einen ungeheuren Frevel wider englisches Decorum Sie begingen?
Hier stellt man sich nie selber vor, sondern der Wirth, nachdem er den Wunsch
beider Personen eingeholt, vermittelt das. Und die Dame grt stets zuerst -
auch auf der Strae, merk' Dir das! -, um zu zeigen, wen sie berhaupt kennen
will. Nun, wirst Dich schon daran gewhnen. Gutes Ale dies, was? Er wies auf
das schumende Gebru, das der stattliche Clubdiener, dessen ganzes Vokabularium
sich auf Yes, Sir! Please, Sir! zu beschrnken schien, mit feierlicher Wrde
eingo. Wird nur hier gebraut. Ist das Haus-Ale dieses Clubs allein. Sogar der
Wiener Bierknig Dreher hat sich hier daran delektirt.
    Als sie nachher, den prachtvollen Bibliothekraum durchschreitend, im
Smoking-Room ihren Mokka schlrften und den Schachspielern zusahen - (die
arbeiteten, ohne eine Silbe zu wechseln, nicht minder eifrig wie die
professionellen Spieler in Simpsons Cigar Divan am Strand, wo Zuckertort,
Steinitz und andere so oft mit Amateurs aus dem Schachclub in Arundelstreet
gespielt) - schlug Dorrington dem Grafen vor, mit ihm einer Mrs. O'Donnogan eine
Visite zu machen. Irlnderin. Schne junge Wittwe. Reich, gute Parthie.
    Meinethalben. Das kann nichts schaden, nickte Jener. Sie machten also den
call. Xaver war in der That erstaunt ber die weltgewandte Liebenswrdigkeit
der reizenden Dame, die eine Meisterin des Flirting schien und alle Knste der
Koketterie beherrschte. Sie besa einigen Esprit und offenbar die elegante
Salonbildung, welche die Englnderinnen auszeichnet, deren nervser
Halbbildungstrieb unersttlich nach allen geistigen Anregungen hascht - bei
ihren unleugbar greren intellectuellen Fhigkeiten, im Vergleich zu ihren
continentalen Schwestern, ein ganz natrlicher Vorgang.
    Uebrigens schien die pikante Dame ein wenig frei, franzsisch. Es
streifte fast an die Grenze des guten Tons, wie sie immer und immer wieder mit
ihrem Hndchen und ihrer Katze anmuthig liebelte. Sie hatte die Thiere
abgerichtet, sie regelrecht zu kssen, was sie mit ihren appetitlichen
Schnuzchen denn auch so artig bewerkstelligten, da den mnnlichen Zuschauern
dabei das Wasser im Munde zusammenlief.
    Uebrigens sprach Mrs. O'Donnogan ziemlich gelufig Deutsch, da sie natrlich
in jedem Punkte  la mode bleiben wollte. Auch betrachtete sie den
Oesterreichischen Hauptmann und Grafen mit aufmerksam neugierigen Augen, als
Lord Dorrington etwas ironisch auf dessen verstohlenes Dichterthum anspielte.
    Ja, er ist ganz weg! neckte der freundliche alte Herr, als er am Abend zum
Dinner seiner Gattin ihren Neffen und dessen Abenteuer mitgebracht hatte. Unsre
Irische Freundin hat ihn captivirt. Sein kugelfestes Herz steht in Flammen.
    Ich kann nicht leugnen, bekannte Krastinik unbefangen lachend, da ich
sie reizend finde. Dieses goldige Haar! Charming! O die se englische Sprache!
Sie allein drckt aus, -
    Was Sie empfinden? Lady Dorrington erhob sich nach englischer Sitte, um
die Herrn bei der Weinkaraffe allein zu lassen und oben im Drawing Room den Thee
zu bereiten. Goldiges Haar? Man denke! Ja, bei 3000 Pfund Rente findet sich das
Goldige von selbst. Eh bien, lieber George, sage unserm Freunde doch, was ich
darber denke. - Wissen Sie was, lieber Xaver? Zeigen Sie doch mal Ihre
poetische Geschicklichkeit! Sie schildern so feurig die Hunde- und
Katzen-Verliebtheit der schnen Frau. Machen Sie darber einen Vers und -
flsterte sie ihm halblaut ins Ohr, als er aufspringend ihr chevaleresk die
Thre ffnete, schicken Sie ihr's.
    Aber, gndige Tante!
    Das heit, fgte sie schelmisch drohend hinzu da Sie ja nie verrathen,
ich htte das empfohlen!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

                                    Madam,
    Es ist stets gefhrlich, wenn man einem Reimer den leisesten Wunsch
ausspricht, seine Verse sehen zu wollen. So sind wir, nous autres rimeurs!
Reicht man uns den Finger, nehmen wir die ganze Hand. Der arme Herzog Clarence
verlangte ein Glschen Malvasier und wurde in ein Fa gesteckt.
    Sie sahen sich genthigt, den Wunsch aussprechen zu mssen, da eine Probe
meiner Stmperei Ihren schnen Augen unterbreitet werde. Me voil! Da marschiren
schon acht Verszeilen heran, um Ihnen zu huldigen. So bekommen Sie einen bittern
Vorgeschmack der Lieder, die Ihrer vielleicht noch harren. Seien Sie mir nicht
allzubse, wenn ich Ihre Geduld auf eine so harte Probe stelle. Lady Dorrington
wrde mich schn auszanken, wenn sie erfhre, wie ich wegelagere. Unsereins
strzt sich eben auf jeden Leser, der Herzensgte genug besitzt, um gereimte
Ungereimtheit zu ertragen.
    Aber ich sehe, da meine Weitschweifigkeit sich sogar auf diesen Brief
ausdehnt. So gestatten Sie mir denn die Versicherung, da mein schlechtes
Gedicht wenigstens den einen Vorzug besitzt, ebenso aufrichtig und wahr zu sein,
als die Verehrung, mit der ich bin
                              Ihr ergebener Diener
                                                          Graf Xaver Krastinik.

    Das beigelegte Impromptu lautete:

Circe hat ein Thier einst verwandelt
Mnner, ihre Liebesglut zu khlen.
Minder grausam zwar hast du gehandelt,
Lssest Thiere menschlich fr Dich fhlen.
Doch wo Thiere selber lieben mssen,
La uns, Grausame, ihr Glck nicht schauen.
Da es Thieren nur erlaubt zu kssen,
Kann kein neidisch? Mannesherz erbauen.

    Es war sogar eine Uebersetzung in denkbar unbeholfenstem Englisch zugefgt:

Circe changed men, who dared speak of love,
To animals once with her magic staff.
Less cruel indeed your witcheries prove,
When your beauty's enchanting cup we quaff.

                                     u.s.w.

                                Geehrter Herr,
    Ich bin morgen Mittag at home. Einige Freunde nehmen bei mir ihr Lunch.
Vielleicht werden wir den Vorzug Ihrer Gegenwart haben? Sie sind freundlichst
geladen.
                                 Ihre ergebene
                                                             Ellinor O'Donnogan.
    P.S. Dank fr die hbschen Verse.

    Das Lunch bei der Tochter Grn-Erins gewann einen etwas abenteuerlichen
Anstrich durch die stark gewrzte Mischung der Gesellschafts-Pastete. Da war
eine fettige sddeutsche Sngerin, die sich einen italienischen Namen zugelegt
hatte.
    Da war ein kleiner Franzose mit endlosem Henri-Quatre, der trotz eines
halbjhrigen Aufenthalts in London nur die Phrase Fifteen years ago! gelernt
hatte und, als der Name Bulwer fiel, sofort von Boulevard zu plappern
anfing.
    Da war ein jugendlicher Plantagenbesitzer aus Cuba, der jedem Unglcklichen,
mit dem er nur drei Worte gewechselt, die echtesten der echten Havannas
meuchlings auf die Brust setzte - eine Magnaten-Gromuth, welche der davon
Betroffene meist verfluchte, sobald er drei Zge des kostbaren Gewchses
gekostet. Doch Don Rosetta's Etui ward niemals leer und fllte sich wie eine
Cisterne aus unbekannten Tiefen.
    Da war ein deutscher Maler, nicht ohne ein gewisses Sedan-Lcheln, das den
Reserveoffizier verrieth, welcher nichtsdestoweniger aus seiner tiefen
Verachtung gegen alles Deutsche kein Hehl machte.
    Da war der unvermeidliche junge Musiker jdisch-slavisch-deutscher Herkunft,
wie er blawangig und schwarzlockig in den Londoner Drawing-Rooms
schwarmgeistert.
    Er ist ein Bohemian, stellte ihn die patronisirende Wirthin mit
zweideutigem Wortspiel dem Grafen vor. (Bohemian bedeutet ja englisch sowohl
Bhme als Bohmien in der Pariser Bedeutung des Wortes.) Und Sie, Graf, Sie
sind ja auch ein Bhme, nicht? Das sind wir ja drei Bhmen! Denn ich, ich bin
eine richtige Bohemienne, ich liebe die Freiheit, die Bohme!
    Dabei rmpfte sie das aristokratische Adlernschen und ugelte mit
unbeschreiblichem Dnkel durch ihr Lorgnon, indem sie mit den drei
Gardeoffizieren tndelte, die auer einem dicken Parlamentsmitglied den Rest der
Gesellschaft bildeten.
    Das Lunch verlief recht lebhaft. Die Schildkrtsuppe mochte selbst einem
indischen Nabob schmecken und das Salmon-Steak einem Lordmajor der guten Stadt
London. Auch fr die Wittwe Cliquot schien die lebenslustige Wittwe von
verstndnivoller Sympathie beseelt. Der Champagner schmeckte Krastinik besser,
als im Hotel Hungaria beim Pester Wettrennen - - weiter gingen seine
vergleichenden Erinnerungen ja nicht, da ihm Paris noch ein Buch mit sieben
Siegeln.
    Gegen ihn war die schne Wirthin ziemlich khl und bte sich nur krftig in
allgemeinem Flirting, in welcher edeln Wissenschaft sie Meisterin vom Stuhl zu
sein schien. Es war, als wolle sie ihm andeuten, da sie seine etwaigen
Intentionen wohl verstehe, ihm aber keine Avancen machen wolle. Sie hbsch,
vermgend, Wittwe, von guter Familie - er, ein continentaler Graf, aber
vermuthlich wenig bemittelt, wenigstens nach englischen Begriffen. So leicht
ging es mit der Brautschau nicht. Man mute sich vorsehn.
    Nicht sonderlich befriedigt, kte Krastinik zum Abschied die Hand, was auf
sie als nicht-englisch zwar etwas befremdlich, aber nicht unangenehm wirkte -
(diese continentalen Sitten bewahren noch so etwas Romantisches!) - erhielt aber
die Erlaubni, sie so oft als mglich, whrend er London mit seinem Aufenthalt
beehre, zu besuchen. Dies mit vielsagendem Augenaufschlag.

    Krastinik trieb sich Wochen lang im Londoner Vergngungsleben umher. Er
speiste viel im Criterion Restaurant, nahm seinen Abendpunsch im Caf Monico,
schlenderte in Canterbury Hall und Cremorne Gardens umher, besichtigte Foot-Ball
Races im Windsor Park, bestand kleine Abenteuer im nchtlichen Haymarket, lie
sich im Krystallpalast von deutschem Orchester Hndel'sche Oratorien
vorblasen-und singen, schlo auch die vielen Museen und sonstigen
Wissensanstalten und Sammlungen Londons nicht von seiner Aufmerksamkeit aus.
    Zu Mrs. O'Donnogan kam er mittlerweile in ein freundschaftliches Verhltni
und schnitt ihr gewaltig die Cour. So las er ihr bald ein neues Impromptu vor,
das er auf sie verfat.

Ach, da ist schon Numero 70!
Ach, vor ihrer Thre bin ich!
Sie, in die mein Herz verliebt sich,
Ist so grausam und so minnig.
Nennt sich selbst Bohemienne.
Sagt, da Musiker und Grafen
Sie als echte Bhmen kenne,
Da drei Bhmen hier sich trafen!

    Bei Vorlesung dieser gutgemeinten Reime unterfing er sich jedoch, in aller
Ehrfurcht ihr die Thatsache zu unterbreiten, da der Bhmer-Graf in Wahrheit
einem der ltesten Adelsgeschlechter Oesterreichs angehre, welches manche
feldherrliche Heerestrommel (von der man nur hrt, wenn sie geschlagen wird) in
den Geschichtsannalen zu den Seinen zhle. Uebrigens sei er kein Bhme, sondern
ein ritterlicher Magyar.
    Das wirkte denn doch erheblich auf die kleine Frau und dmpfte die
beilufige Geringschtzung, mit welcher man in England auf continentale Grafen
herabzusehen pflegt.

                                       V.


Man hatte eine Landparthie zu Wasser nach Richmond gemacht - Krastinik,
Dorringtons, die O'Donnogan, Alice Egremont. Maud hatte sich entschuldigen
lassen: sie rumte vorsichtig ihrer Schwester das Feld.
    Die Sonne tauchte wie eine schwefelgelbe runde Glocke in die Themse und
schien dann zu versinken, wie ein umgestrzter Goldkelch, der seinen gldenen
Strahlenwein langsam verrinnen lt. Zwischen den schwarzgrnen Taxushecken von
Richmond Park blitzte noch hier und da eine grellrothe Centifolie auf; die
Fenster des Schlosses von Twikenham glnzten wie Rubinen.
    Als man an Pope's Villa vorber kam, rief Dorrington neckisch: Nun, spring'
aus Land, Dichter Xaver, wie Wilhelm der Eroberer, und k' den Uferrasen!
    Warum? gab Xaver etwas errthend zurck.
    Um die ganze englische Muttererde der Dichtung Dein Eigen zu nennen.
    Mrs. O'Donnogan und Mi Alice lachten verstohlen. Das Dichterthum des
grflichen Rittmeisters, welches durch Dorringtons wohlwollende Spe nun schon
lange bekannt geworden, amsirte sie.
    Die lebhafte Irin hnselte ihn ein wenig. Bei Mi Alice aber mischte sich
der Neugierde eine gewisse Verachtung. Wie vulgr! Wozu Verse schmieden! Damit
macht man sich nur lcherlich und verrth eine selbstber, hebende Einbildung.
In deutschen Bchern (Alice cultivirte letzthin das Deutsche besonders eifrig,
was ja auch ohnehin bei der englischen Gesellschaft in Mode kommt) fand sie
dafr die Bezeichnung Grenwahn.
    Kein Zweifel, der gute Graf litt etwas an Grenwahn.
    Nach dem Ausflug kam man in einer kleinen Villa in Chelsea am
Themse-Embankment zusammen, welche Dorringtons gehrte, die sie aber nur selten
bewohnten, und nahm dort auf dem Balkon den Thee ein. Alice hatte ihren Diener,
die O'Donnogan ihren Wagen dorthin bestellt, um sie abzuholen.
    Der Abend, der mit purpurnen Fittichen umherfchelte, bergo alle Wiesen
und Bume mit verschwenderischer Pracht.
    Eine rothe Weihrauchkerze auf dem Tabernakel der Schpfung! Krastinik
freute sich seiner Gleichnifindigkeit, eitel wie ein Poet von zwei Semestern.
Der wohlwollende Lordunterlie nicht, die Damen auf den Tiefsinn der
Krastinikschen Phrase aufmerksam zu machen, worauf auch Milady eine gehrige
Erluterung hinzufgte. Die sogenannte Poesie sollte als Mitgift-Kupplerin
herhalten.
    Eine eigenthmlich schwermthige Stimmung bemchtigte sich der kleinen
Gesellschaft. Selbst Mrs. O'Donnogan blickte ernst vor sich nieder.
    Wenn man bedenkt, da auf solchen Abend und auf jede Sonne die Nacht
folgt! sagte sie pltzlich.
    Ganz was ich eben dachte! hauchte Mi Alice.
    Pah, wer wei, ob die Nacht nicht der gesunde Schatten des Lichtes ist,
warf Lord Dorrington hin.
    So wie etwa der Tod den Schatten des Lebens bildet.
    Oder auch umgekehrt, seufzte die Lady halblaut.
    Sehr richtig, gndige Tante, meinte Krastinik.
    Vielleicht ist das Leben grade der leuchtende Schatten, den der Tod wirft.
Denn der Tod ist ja doch das eigentliche Sein, zu dem Alles zurckkehrt. Unser
Leben - mein Gott, was bedeutet denn das! Eine Art Traumbild zwischen Schlaf und
Schlaf, ein kurzes Nachtwachen.
    Niemand antwortete. Nach einer Pause hob der alte Lord an, mit leicht
zitternder Stimme: Ja, das sagst Du wohl so, lieber Xaver. Aber Du bist
eigentlich noch zu jung, um recht zu fhlen, wie wahr das ist, was Du sagst.
Blickt man so auf sein Leben zurck - well, wir sen und werden doch wohl nimmer
ernten. Dies ewige Sen bekommt man satt. Da dreht man sich ewig im
selbstumgrenzten Kreis gemeiner Freuden und gemeiner Leiden. Und diese ganze
Erde, die so strahlend vor uns liegt - nichts als der Spielball einer
unbekannten Gewalt, durch den Abgrund der Ewigkeit hingeschleudert.
    Wieder antwortete Niemand. Nur Mi Egremont hob nach einer Weile ihre
ernsthaften Augen zu dem greisen Sprecher auf und lispelte: Aber das Jenseits,
Mylord! Dies Wort rief gleichsam eine automatische Geistesschwingung in der
galanten Irlnderin wach und sie schmollte betrbt: Ach gehn Sie, Sie
Skeptiker! So mu man nicht denken, so soll man nicht denken.
    Dorrington zuckte ungeduldig die Achseln und starrte in die scheidende
Sonne. Pltzlich sprach seine Gattin:
    Und das Alles, ist noch nicht das Schlimmste. Aber auch wir Menschen
verstehn ja einander nicht. Mir ist, als ob keine Seele der anderen lehren
knnte, was ihr gelehrt ward, als ob kein Mensch den andern she wie er wirklich
ist, als ob kein Herz dem andern Herzen ganz bekannt wre.
    Und die beiden alten Leute seufzten, verloren in allerlei Erinnerungen.
    Ja, man kann sich nie aussprechen, Mi Alice sah den Grafen mit ihrem
ruhigem Lcheln an. Der Gedanke ist so viel tiefer als die Sprache.
    Und das Gefhl so viel tiefer als der Gedanke, hauchte die Irin. Meinen
Sie nicht auch, Graf?
    Die Abendsonne umspielte die schmalen Aeste und ber den Stamm selbst lief
der rthliche Schimmer fort, so da sein blasses Braun eine fast zimmethnliche
Frbung erhielt. Das sah gespenstig aus inmitten des goldig durchrispelten
grnen Laubwerks, durch das der Lichtball schlfrig blinzelte. Wie das
Schuppengewand einer Boa, schillerte die Themse in ihren Windungen. Dann hob
sich ein frischer Luftzug im Osten, der die grnen Epheuranken, welche vom
Grtchen her den Balkon umspannen, spielend blhte.
    Ja, ich meine das auch, erwiderte Krastinik ernst auf die bedeutungsvolle
Frage. Ein schattenhafter Vorhang liegt gleichsam zwischen uns und der brigen
Welt. Und unser tiefstes Vertrauen kann den Vorhang nicht entfernen.
    So und doch streben wir alle nach Sympathie fr einander? warf Alice
schchtern ein. Krastinik hatte sich erhoben und blickte fest auf die Sprecherin
nieder, ohne eine Antwort zu finden. Ueber das Antlitz des alten Lord glitt ein
sanftes wohlwollendes Lcheln:
    Nun ja, wir sind wie Sulentrmmer eines zerstrten Tempels, der einst
vereint war. Hoffen wir also, da wir in unsern spten Nachkommen uns vielleicht
einst wieder zusammenfgen werden. Aber wer wei wo, wie und wann?
    Krastinik kte seiner Tante die Hand und empfahl sich. - Wir sind heut
alle so fabelhaft geistreich gewesen, lachte die lustige Irin beim
Abschiednehmen auf.
    Ich bin ganz melancholisch. - Trifft man Sie nchste Woche auf dem Ball
beim Unterstaatssecretr, Herr Graf? Sie hatte schon ihr Fchen auf das
Trittbrett ihres Wagens gestellt, der auf sie wartete. Mi Egremonts Diener
holte sie gleichfalls pnktlich ab.
    Wohl kaum. Ich habe keine Einladung dazu.
    O! Soll ich - ich bin dort gut bekannt -
    Zu gtig, wehrte Jener khl ab. Ich drste gar nicht darnach, mir jeden
Abend die Beine in den Leib zu stehen - pardon! Ihre englischen Routs sind doch
gar zu ungemthlich.
    Mrs. O'Donnogan grte etwas pikirt, und bi mit erzwungenen Lachen in den
sauren Apfel des Refs. Er htte doch den Hochgenu, sie dort zu finden,
wrdigen sollen! So sind die Mnner.
    Graf Xaver beschlo, den Weg nach Hause zu Fu zurckzulegen, und schritt
rstig aus, indem er vor sich hinpfiff: Ach, ich hab' - sie ja nur - auf die
Schu - lter gek - t.
    Der Mond rollte durch das dunkelblaue Himmelsgewlbe und versilberte den
jungfrulichen Schnee der Wolkengebirge. Die Sterne tauchten in verschiedenen
Gruppen auf und Nebelschlangen stiegen von der Stromseite her wie aus
geheimnivollen Abgrnden empor, als htten sie sich nur vor dem Auge des Tages
versteckt gehalten.
    Indem er den balsamischen Hauch der Nacht in tiefen Zgen einsog, fhlte
Krastinik den Nerv der Erinnerung zuckend berhrt. Er fhlte sich ber Meer und
Land fortgerissen in die heimathlichen Karpathen, wo ihn so oft noch reinerer
Nchte Odem erfrischt.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Er dachte an das Panorama der amphitheatralischen Waldberge, mit den
rthlichen Felsblcken und dem Ahorngebsch, rther bemalt vom Abendroth; mit
den gelben Rinnen, welche reiende Wasser zurckgelassen, auf den dunkelblauen
schluchtzerrissnen Bergzinnen. Die Silberfden der Bergbche verweben sich zu
einem Schleier mit den blulichen Dunstwlkchen um des Berges Kuppe - gemahnend
an den Schleier um Jehovas Haupt, so er mit Erdgeborenen auf seinem Sinai redet.
O dort an rauhem Abend die Psse zu durchstreifen, bis der Nachtfrost, von der
Aluta aufqualmend, die Mhne des Rosses erstarren macht!
    Und nun, wie von inneren Ampeln erleuchtet, rthet sich der Berge Dom. Schon
hat der Sonnengott um die goldne Rstung sein Purpurgewand geschlungen und der
Goldzaum der Sonnenrosse, deren freurige Strahlenmhne den Himmel durchwogte und
deren Nster die Mittagsgluth versendete, ist lssig seiner Hand entfallen.
Jetzt faltet er die Scharlachbanner seines goldfransigen Zeltes ein und die
Lichtpfeile, die er vom Bogen des Horizontes nach allen Richtungen versendet,
kehren von selbst, wie des Indianers Wurfgescho, in seine Hand zurck, die den
Kcher der Dmmerung bereit hlt. Jetzt errthet die Braut seines Bogens, die
lchende Erde, unter seinem flammenden Abschiedsku. Sein leuchtender Fu
gleitet, einen schmalen Lichtstreifen hinfurchend, ber den Kamm der Hhen, um
jhlings in den Schluchten zu verschwinden, deren strmedurstigen Schlund das
greise Berghaupt wie einen Pokal an den kalten Schneemund setzt. - -
    Welch ein Gemlde!
    Ueberm dstern Buchenberg starrt die schroffe Spitze des Schuller, wie von
Geisterhnden aus gefrorenem Schnee geballt. In hundertgrtiger Zerklftung
dehnt sich der furchtbare Knigsstein. In der Mitte aber baut sich in gewaltiger
Herrlichkeit das Riesengestein des Butschetsch empor, ber weiten Geviertraum
seine steinernen Wurzeln breitend und zum ungeheuren Gebirgsstock sich thrmend
in breiter Masse. Mit seinen tiefen Schneerinnen im dunkeln Gneis der
Gebirgsschicht und mit der rundgewlbten Firn, scheint er ein Zauberdom mit
silberner Kuppel und silbernen Sulenthoren, aus schwarzem Marmorrumpfe gefgt.
In der weiteren Ferne aber zieht sich in erhabenem Umri die Kette der
Fogarascher Alpen, ber denen erst rosig und glhendroth, dann schwefelgelb und
violett die Sonne allmhlich verglimmt.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Ja, dort oben in der Stille einsamer Berge fllt alles Kleinliche, Unfreie
von der Seele ab, wie morsche Lumpen. Verjngt und neugeboren, steht der Mensch
dem All gegenber. - Was sollte er hier, in dem Parfm-Brodem des High Life?
Eine reiche Parthie ergattern? Seine hochmthig vornehme Natur empfand pltzlich
einen Ekel an diesem ganzen nichtigen Treiben. Ein Dichter wollte er werden.
Nun, das konnte ihm nur gelingen, wenn er sich rein badete von allem Wust und
Schmutz des Alltglichen - nicht hier, eingeklemmt im Pferch der Heerde. Wo
hatten die groen englischen Dichter des Jahrhunderts, Scott und Byron, ihre
Poesie gefunden? Droben auf den schottischen Haiden, wo Burns und Ossian
erstanden. Dorthin zog es ihn wie mit magischer Gewalt. Ihm war, als ob ein
Stern ber seinem Haupte stehe, der ihn zu dem Betlehem der Dichtung geleiten
wolle.
    Als er die Treppe seiner Wohnung hinanstieg, hatte er bereits seinen
Entschlu gefat. Solche pltzlichen unvorhergesehenen Entschlieungen waren ihm
von Jugend an eigenthmlich, fast ein Bedrfni gewesen.
    Schon am andern Morgen packte er, ging zu dem Tiket Office der Dampferlinie
nach Granton-Leith, erfuhr, da gerade diesen Abend ein Steamer abfahre, und
lste ein Retourbillet mit vierwchentlicher Gltigkeit. Dann schrieb er an Lord
Dorrington, um seinen pltzlichen Aufbruch zu entschuldigen, und bat, ihn
besonders den Damen empfehlen zu wollen. Leichten Herzens warf er sich endlich
in ein Cab und gelangte rechtzeitig nach St. Katharine Docks zu seinem Schiff.
    Das weie Hospital von Greenwich und die grne Marschflche von Gravesend,
die in der Ferne fast den Wasserspiegel gleich einer schwimmenden Seekrautinsel
zu berhren scheint, wichen hinter ihm eher zurck, als er sich seines khnen
Scenenwechsels recht bewut schien.

                                 Zweites Buch.



                                    Berlin!

Das Leben wogte vielgestaltig mit Ebbe und Fluth. Aber die Stadtbahn berbrckte
und bertnte die Brandung mit ihren donnernden Flgen.
    Die Rauchwolken, bald senkrecht aufsteigend, bald sich kruselnd, schienen
vom elektrischen Licht der Pltze durchschimmert. Es war, als ob der Dmon des
elektrotechnischen Dampf-Jahrhunderts mit lsternem Fauchen die ihm geweihte
Sttte fieberhafter Geld-und Genugier als Schirmgeist umkreise; als ob die
Schlachtmusik seiner ehernen Lokomotivrder aufmuntere zu rstigem Fortwrgen im
Daseinskrieg, der in der Reichsweltstadt seine entscheidende Hauptschlacht
schlgt.
    Von den unruhigen Athemzgen der Lokomotiven erschttert, flackerten die
Lichtreflexe der Gasflammen wie unstete Irrlichter ber den schwarzen
Tiefenflchen der Kanle.
    Ein eigenthmlicher silberiger Schein zittert kegelfrmig ber den Trottoirs
oder ber den Sandwegen der Linden, wo elektrische Strahlencentren wirken.
    Wo ist das Gewimmel, wo der Lrm am rgsten? Am Alexanderplatz, wo aus den
Hallen und Bogengngen des Sedanpanorama-Restaurants es huscht und drngt? Am
Potsdamerthor, wo die grnen, rothgrnen und gelben Lichter der Tramway-Wagen
sich kreuzen? In der Passage, durch deren gelbe Steinmassen sich das elegante
Bummelleben der Linden dem burschikosen oder geschftlichen Treiben der
Friedrichstrae entgegenwlzt?
    Das weigelb-rthlich schillernde Uhr-Auge des Rathhausthurms - stier und
allsehend wie immer, als knne vor ihm das Verborgenste nicht in dunkle
Schlupfwinkel sich bergen - blinkt einsam ber die mhlich entschlummernde
Weltstadt hin. Nur die Wiener Cafs und wenige rthliche Laternen zweifelhafter
Spelunken glitzern noch. Letztere erlschen bald; alle Vorhnge Berlins werden
geschlossen. Alles so still. Das Museum und das Schlo in majesttischen
Schatten getaucht, von dem schwarzen faltigen Mantel der Nacht umwallt, dessen
sternbestickter Hermelinsaum ber den mondscheinhellen Lustgarten hinschleift.
Die ganze breite Front - rechts von der Schlobrcke, wo der Groe Kurfrst in
eherner Ruhe als Schutzgenius ber Altberlin hinschaut, und links vom Dom ber
den Schloplatz hin - eine schnurgerade Linie von Laternen. Sie laufen direkt am
Palais des greisen Kaisers vorber auf die Reiterstatue Friedrichs des Groen
zu, als ob sie Rauch von Schlter gren wollten. Sie pflanzen sich
ununterbrochen fort bis zum Brandenburger Thor, wo die Siegesgttin droben
Parade abzuhalten scheint ber diese Licht-Gardisten, die steif und stramm
zwischen den Menschen- und Wagenknueln Spalier bilden. Sinnbilder des
Preuenthums, so gut wie die Blcher, Scharnhorst und Yorks an der Hauptwache.

                                       I.


Eduard Rother befand sich in einer rthselhaften Stimmung, als er von Mnchen
abfuhr. Mehrere Monate lang war er dort stillvergngt durch die Bierkneipen
umhergebummelt, vom Hofbru ins Lwenbru, vom Achaz in die Scholastika, vom
Orlando di Lasso in den Rathskeller. Seine Collegen von der edlen Malerzunft
hatten wenig Weltschmerz an ihm bemerken knnen; nur ab und zu war ein Ausdruck
mivergngter Unruhe ber seine Zge gehuscht. Dann zuckte seine Lippe, seine
Augen zwinkerten und er hob unbewut die Hand nach der Schlfe, wie um etwas
fortzuscheuchen, das ihn mit grauen Fledermausflgeln umflatterte. Auch wollten
ihm Verschiedene angesehen haben, wenn ein Seufzer es unwillkrlich verrieth,
da er irgend eine unglckliche Liebe oder eine verrckte Leidenschaft mit sich
herumschleppe. Denn Gewissensbisse konnte man doch kaum vermuthen.
    Ein groer Genremaler erinnerte sich noch, da Rother nervs und verlegen
geworden sei, als man ihn gefragt habe, woher der famose Studienkopf stamme, den
ein Illustrirtes Blatt krzlich von ihm verffentlichte; ob dies Prachtexemplar
des weiblichen Kraftadels, Motiv aus Karl Stielers Hochlandsliedern einem
lebenden Modell abgelauscht sei.
    Einem andern Collegen, mit welchem er an den Ufern des Starnberger Sees
entlang gepirscht und weiterhin zu einer Sennhtte emporgeklommen war, hatte er
einmal, als sie so hoch ber allem Thlerqualm im Angesicht der Felskuppen und
der Abendrthe den Wein ihrer Feldflaschen schlrften, in weinerlicher Wehmuth
zugerufen: Sollte man nicht denken, da hier Alles, Alles unter Einem bergtief
versunken wre, was an kleinlichen Begierden und dummen Sentimentalitten uns in
der ungesunden Hitze und Hetze der Grostdte geqult hat! Aber nein - da! Das
qult mich noch hier! Damit hielt er seinem erstaunten Freunde eine
Photographie unter die Nase, welche eine weibliche Gestalt in einfachem dunkelm
Gewande darstellte.
    Sakra! Ist die aber hbsch! Gratulire zu Deinem Geschmack!
    Da Rother aber in seiner gewhnlichen sffisanten Manier jeder hbschen
Larve die Cour geschnitten und den Schwerenther gespielt hatte, so war
Niemandem auch nur der Gedanke gekommen, da diesen lebenseifrigen burschikosen
Kunstjngling bei seinen altbairischen Volksstudien zu seinem neuen Bilde Die
Sendlinger Schlacht ein innerer Ahasver begleite, der ihn nimmer loslie und
all seine Gedanken nur einem einzigen Drehpunkte zuschob.
    Nur sein intimster Mnchener Freund, der geniale Landschaftsmaler Knorrer,
war in einer vertrauten Stunde dem Modellgeheimni des weiblichen Studienkopfes
nahegerckt. Und so hatte er ihm denn noch beim Abschied auf dem Bahnhof
nachgerufen: Du! Da Du mir Deine Berliner Kaltbltigkeit behltst! Manchmal
mu man rcksichtslos gegen Andere sein - sei's diesmal gegen Dich selbst!
Willst? Da Du mir Dein Motiv nicht wieder aufsuchst! Ich rath's Dir! Such' ein
andres Modell! Schme Dich! Ein solcher Kerl und dies ewige Selbstgequle! La
fahren dahin! Sie war die erste nicht - und Du bist nicht der erste. - -
    Berlin! Das mchtige Rderwerk der heimathlichen Weltstadt sanfte und surrte
wieder verwirrend um ihn her. Das unverdauliche Kmmelbrot, mit Schmalz
beschmiert und mit Schinken belegt, das er eilig als Frhstck hinunterschlang,
in der Kutscherkneipe des Anhalter Bahnhofs, die ihm am nchsten lag, weil seine
Droschke dort grade hielt - muthete ihn so heimathlich berlinisch an! Billig und
schlecht und nur mrkischen Mgen verdaubar.
    Kaum in seinem Atelier wieder eingebrgert - er bewohnte eine behaglich
eingerichtete Junggesellen-Wohnung am Ltzowplatz, wenn auch nur aus Atelier und
Schlafzimmer bestehend, natrlich dritte Etage -, fhlte Rother den dmonischen
Zwang, unverzglich seiner Schwche nachzugeben und errthend den Spuren seiner
Liebe zu folgen. Ja, er mute sich vor sich selber schmen, er war sich seiner
Thorheit bewut, und doch!
    Von Erfolgen begnstigt, in uerlich befriedigenden Verhltnissen, fhlte
er sich rastlos von der rasenden Leidenschaft verzehrt, die in ihm ghrte und
gegen die er vergeblich anzukmpfen suchte. Er mute sie wiedersehn. Ja, sie,
das Modell seines neuen Bildes. Oh dies neue Bild! Er musterte es nochmals. In
Mnchen auf der Reise war es vollendet. Halb scheu, halb entzckt betrachtete er
jetzt sein Werk, als er die Leinwand aus der Verkappung enthlst und auf die
Staffelei gestellt hatte. Es stellte eine Baierische Buerin im halben
Naturzustande vor; soeben hat sie ihr Mieder abgeworfen und blickt schwerathmend
zum halboffenen Fenster hinaus, als ob sie etwas erwarte. Und sieh', dort ragt
auch schon ein mnnlicher Kopf ber das Fensterbrett empor - gleich wird ihr
Liebster nchtlicherweile in ihre Arme fliegen. Dieser mnnliche Kopf trug die
Zge Rothers selbst. Die Buerin aber, ein ppigschnes junges Weib mit
klassischen Zgen - - er verglich jene Photographie mit ihr, die er stets auf
dem Herzen mit sich trug: Ja, sie war erschreckend hnlich!
    Aus dem bairischen Hochland auf der Reise hatte er an sie geschrieben und
ihr versichert: Wenn die ganze Welt sie verleumde und ihr 'was nachsage, er
glaube fest an sie. Darauf hatte sie ihm sofort in einem reizenden Brief
geantwortet, aus welchen er ihr unverzglich nochmals geschrieben und ihr seine
Mnchener Adresse angegeben.
    Kaum dort angelangt, fand er bereits einen neuen Brief von ihr vor. Sie
hatte also ihren Maler nicht vergessen, der sie zuerst als Modell aufgesprt,
als sie, eben nach Berlin gelangt, einige Wochen als Buffetire eines Wiener
Cafs fungirt hatte. Zuerst hatte sie diesen neuen Beruf mit Eifer erfat.
Freilich sa߫ sie nur zu Kopf und Hnden. Gegen alle und jede Aktstudien
wehrte sie sich energisch. Und endlich erklrte sie, da das Modellstehen zwar
eintrglich, aber nicht anstndig sei, weil sie ewig von den Herrn Malern, ob
jung ob alt, mit zudringlichen Antrgen bestrmt werde. Da ziehe sie es denn
doch vor, wieder als Zahlkellnerin in einem Wiener Caf ihr Brot zu verdienen,
wo sie vor derlei sicher sei. Kurz vor Rothers Abreise hatte sie diesen Vorsatz
auch ausgefhrt und in einem belebten Lokal dieser Art in der Nhe des
Alexanderplatzes ihre neue Stelle angetreten, wo sich auch alsbald ihre
auffallende Schnheit als eine Zugkraft bewies. Rother, ihr platonischer Anbeter
- angeblich besa sie keine andern - war also mit der Wunde im Herzen
abgedampft. Und nun qulte ihn der Gedanke, was sie wohl von seinem
compromittirenden Bilde sagen werde, da sie doch niemals Alt gestanden und ihr
Krper von ihm gleichwohl mit so realistischer Deutlichkeit gezeichnet schien, -
so da, was bei ihm verliebte Inspiration, als Indiscretion aufgefat werden
konnte.
    Sie hatte ihn nach Mnchen benachrichtigt, da sie nach Treptow den Sommer
hinausgekommen sei, da ihr Wirth dort eine Filiale fr die dortigen
Sommerfrischler bernommen habe, wobei aber nur die Lieferung des Kaffees u.s.w.
ihm oblag, whrend der dortige Wirth Garten und Lokal als Besitzer weiterfhrte.
- -
    Es vergingen keine achtundvierzig Stunden, da nicht Rother pltzlich in dem
alten Caf wieder auftauchte. Der Wirth empfing ihn sehr hflich und fragte, ob
Herr Professor wisse, da Kathi in Treptow sei. Rother stellte sich unwissend,
merkte aber, da der Wirth recht wohl wute, da Kathi mit ihm correspondirt
hatte. Am andern Vormittag ging's also nach Treptow. Er suchte und fand das
Lokal.
    Als er eintrat - es ging durch einen offenen gallerieartigen Vorbau in den
gerumigen Garten hinaus - und sich rasch umblickte, sah er Kathi in schwarzem
Kleid mit einem Kellner an einem Tisch sitzen. Er blickte sie blitzschnell an -
und ber sie weg und schritt rasch in den Garten hinaus. Sie war feuerroth
geworden und stierte ihn sprachlos an, als sei er eine Geistererscheinung. Es
war auch ein berraschender Ueberfall, wahrhaftig. - Er placirte sich an einem
Tisch und befahl eine Zeitung, ohne nach ihr hinzuschielen. Sie lie sich jedoch
nicht blicken.
    Endlich ri ihm die Geduld und er kritzelte ein paar Worte auf ein Blatt
Papier, sie mge mal herauskommen. Der Kellner, dem er die Besorgung
aufgetragen, sagte ihm, Frl. Kreutzner sei in ihre Stube gegangen. Da drfe er
nicht hinein, wenn sie sich umziehe. Doch werde er ihr das Schreiben bergeben.
    Rother berlegte etwas, dann empfahl er sich, nachdem er noch rasch
gespeist, mit dem Bemerken, er werde in ein paar Stunden wiederkommen, und
pilgerte lange Zeit im nahen Park umher. Ihm war trotz alledem wohl zu Muth, da
die Aufregung sein Blut schneller rollen lie und er auf das Wiedersehen
gespannt war. Alle Vgel zwitscherten von brnstiger Sehnsucht, der heie
duftige Sommernachmittag lie alle Fibern seines Innern wollstig erzittern. - -
    Ja, die ist soeben nach Berlin gefahren, meldete der Oberkellner trocken.
    Was? Eduard wurde bleich vor Zorn.
    Nach dem Arzt, wie sie sagte. Sie ist krank. Den Zettel habe ich ihr aber
gegeben.
    Eduard verkannte nicht, da sie bei ihrer Krnklichkeit, von der sie ja
stets gemunkelt hatte - auch der Kellner versicherte ernsthaft, sie sei schon
lange leidend und erst eben von Bettlgerigkeit aufgestanden - - wohl des Arztes
bedrfen mochte. Gleichwohl schien es doch auffallend, da sie so gleichsam vor
ihm davon rannte.
    Er verlangte Schreibzeug und schrieb einen langen Brief, welchen er dann
nicht dem Kellner, sondern dem Postkasten anvertraute. Dieser war sehr energisch
und bestimmt gehalten: sie mge ihm sagen, was dies Benehmen zu bedeuten habe.
Sie solle nun erklren, ob sie wirklich Interesse fr ihn habe, wie man nach
ihren Briefen vermuthen mute. Und dergleichen mehr. Er erwarte von ihr binnen
wenigen Tagen Antwort.
    Eduard wartete. Aber die Antwort kam nicht. So entschlo er sich denn, nach
vier Tagen nochmals dorthin zu schreiben. Er werde drei Tage darauf um zwlf Uhr
am Eingang des Parkes auf sie warten. Wenn sie dann nicht komme, seien sie fr
immer geschieden.
    In heftiger Aufregung erschien er zur festgesetzten Zeit an jenem Orte. Es
war sengend hei. In jeder Vorbergehenden glaubte er sie nahen zu sehn. Aber
sie kam nicht. Endlich whnte er, sie habe einen andern Eingang gewhlt, und
rannte im Parke hin und her. Er fand junge Backfische der
Sommerwohnungs-Hautevole, die sich in einen Leihbibliothekschmker vertieften
und auf den vorbereilenden eleganten Fremden schmachtende Blicke warfen.
    Aber sie, die er suchte, fand er nicht. Es wurde spt und spter. Endlich,
nachdem er nochmals den halben Park von einem Eingang zum andern durchkreist,
gab er es auf und eilte in den nchsten Biergarten. Dort schrieb er einen
Zettel, worin er in barschem Tone anfragte, ob sie verhindert gewesen sei, und
sandte den Kegeljungen damit in das Lokal. Nach einer Weile kam derselbe mit der
Botschaft zurck: Die sei gar nicht mehr da!
    Eduard war zu Muthe, als ob die Erde unter ihm einstrze. Nicht mehr da! So
peinlich es ihm war, er mute sich vergewissern, ging also selbst hinber. Der
Oberkellner, ihn mit zweifelhaften Blicken messend, bekrftigte trocken, da
Kathi seit vorigen Dienstag - also seit genau acht Tagen - ausgerckt sei
und sich ihre Sachen habe nachschicken lassen.
    Ein gewisses Mitrauen sprach sich in Worten und Blicken aus und Eduard
fhlte, da man sein damaliges meteorgleiches Auftauchen mit Kathis Verschwinden
in Verbindung setzte. Seine Blsse und Bestrzung trotz seiner scheinbaren Ruhe
schien Jenen jedoch auf andre Gedanken zu bringen, und es wurde ihm durch den
herzugeeilten Koch sogar die Wohnung Frulein Kreutzners angegeben: In der
Gerichtsstrae. Dorthin hatte ein Dienstmann die Sachen abgeholt und ihre
Wohnung verrathen; dorthin war auch ein Brief, der vor acht Tagen angelangt,
befrdert.
    
    Eduard bi sich auf die Lippen, als der Mann ihn forschend ansah:
Augenscheinlich war sein Brief gemeint.
    Drauen auf der Pferdebahn erkundigte er sich, wie er am nchsten nach der
Gerichtsstrae komme. Eine Stadtbahnstation lag in der Nhe und er fuhr denn
dorthin.
    Seltsame Gedanken quirlten durch sein Hirn. Was bedeutete das Alles? An
demselben Tage, wo er erschien, verlie sie den Ort? Und zog sich ganz privat
zurck? Was bedeutet das! Ist das Fliehen vor der Liebe? Instinktiv oder
beabsichtigt? - Oder hatte vielleicht ein Andrer hierbei die Hand im Spiele?
    Station Wedding. - Die Gerichtsstrae, bald erreicht, lag in der grauen
Einfrmigkeit ihrer Miethskasernen schlfrig da und dehnte sich ordentlich in
der Mittagsgluth.
    Es war erstickend hei. In Schwei gebadet, trat er unter den kalten
Hofthorweg eines Hauses mit einer Reihe von Hintergebuden. Es trug die
angegebene Nummer. Einen Portier gab es nicht. Da er annahm, da sie allein
wohne, hoffte er ihren Namen an einer Thr zu finden, als er die engen
schmutzigen Treppen hinaufstieg. Doch tuschte er sich. Nur eine Thr, drei
Treppen rechts, trug gar keine Namensaufschrift, und obschon er dreimal
klingelte, ffnete Niemand Er irrte noch lange im Hofe umher, fragte bei drei
verschiedenen Portiers und Vicewirthen, endlich bei dem Hauptwirth, der auf die
Frage: ob hier ein Frulein Kreutzner wohne, eine kalt verneinende Antwort gab.
Offenbar hinterlie er mit seinem eleganten Rock einen sonderbaren Eindruck bei
den schmutzigen Kinderscharen auf Treppen und Hfen, die ihm verwundert
nachgafften.
    Die Hitze drckte auf sein Hirn. Asphalt- und Holzpflaster in der
Friedrichstadt schienen zu schwitzen, selbst die Steine erweicht zu sthnen. Was
machen! Ah, da blieb nur eins: er fuhr direkt in das Wiener Caf. Als er dort
erschien und seinen Schoppen Pilsener bestellt hatte, fragte er den dortigen
Kellner kurz, ohne weiteres Herumgerede: Seit wann ist denn die Kathi nicht
mehr hier?
    O schon seit vorigen Dienstag nicht grlte dieser. Seit sie der Kerl da
herausgenommen hat.
    Wer? Eduard fhlte sein Blut erstarren.
    Ach, davon wissen Sie nichts? Nun, der Eberhart.
    Wer ist denn das? Was wei denn ich davon?
    Nun, der hier immer um Kathi herum war. Ach, Sie kennen ihn ja! So Einer
mit Bart-Cotelettes, verstehn sie. Der war ja immer auch da, wenn Sie da waren.
    Jaja, ich erinnere mich, murmelte Eduard dumpf. Also der!
    Er war auch drauen in Treptow und hat sie da besucht. Na, nun hat sie ja,
was sie wollte.
    Pltzlich erschien der Wirth des Cafs, Herr Bammer, elegant geschniegelt,
wie gewhnlich. Derselbe schimpfte mit aller Kraft auf die pflichtvergessene
raffinirte Person, die ihn hchst unangenehm hineingelegt. Der ganze Hergang
war folgender gewesen.
    An jenem Dienstag vor acht Tagen war Kathi pltzlich erschienen und hatte
erklrt, da sie nie mehr nach Treptow hinausgehe. Der Alte dort sei immer
hinter ihr her, und wenn sie der zu Frieden lasse, komme der Junge. - Er,
Bammer, habe das fr faule Fische erklrt. Nachdem sich dann daraus ein Zank
entwickelt, sei sie still geworden und habe sich fr krank ausgegeben. Sie msse
zu ihrem Arzte gehn. Dann sei sie um fnf Uhr weggegangen und seitdem nicht
wieder gekommen. Eine nhere Nachforschung ergab jedoch, da sie einen
Dienstmann an Herrn Eberhart gesandt. Dieser Mann war ein reicher Holzhndler,
lie sich aber consequent Herr Hauptmann anreden, weil er zufllig in diesem
Range der Reserve angehrte. Ein boshafter Zufall hatte gewollt, da der
Buchhalter Bammers in der Reichensberger Strae wohnte, und dieser hatte Kathi
in aller Frhe dort aus dem Hause Eberharts kommen sehn.
    In wortlosem bleichem Grimm erhob sich Rother, nachdem er erfolglos versucht
den Gleichgltigen zu spielen, und wanderte heim. Erdrckend schwl lastete sein
Leben auf ihm, de und leer ghnte ihn ein Vacuum von Langeweile und Ekel an. Er
hatte innerlich seine ganze Leidenschaft und sein ganzes Gefhl auf eine Karte
gesetzt, und diese mit einem einzigen Va-Banque verloren. Wozu dies Leben! Die
Befriedigung der Eitelkeit, die man etwa Ruhm nennen knnte, dieser
erbrmliche Erfolg, den der Knstler erstrebt, widerte ihn an. Die Natur, je
mehr er sich in sie versenkte, blieb ihm immer mehr eine steinerne Maske. So
klammerte er sich denn mit letzter Kraft an dies erotische Gefhl. Hier lag die
geheime Truhe seines Innern, wo er all seine Schtze aufgespeichert. Und nun
hatte ein Dieb ihm Alles ber Nacht geraubt.
    Nein, nicht ein Dieb. Was war der einzelne Mensch, der einzelne Fall! Was
galt das ihm! Prfte er seine Gefhle und sondirte seine Motive, so mute er
sich gestehen, da er weder jenen groen Unbekannten hate noch das Weib selber,
sondern da ihm wiederum wie von je das erstickende Bewutsein mit neidischer
Wuth die Brust beklemmte, wie ohnmchtig der arme Knstler mit seinem Anspruch
auf Genu der Welt gegenberstehe.
    Der nichtigste Geselle, der Lieutenant mit der glatten Taille und der
Assessor mit dem Wirbelscheitel - von dem parfmduftenden Ladenschwengel und dem
goldklimpernden Banquier ganz zu schweigen - spielt in der Welt eine bessere
Figur, als der Knstler, der Federheld, der Musikus. Und gar erst beim Weibe!
Beim Weibe? Ja gewi giebt es weiblicher Wesen genug, die fr das Romantische
schwrmen, die sich von der Verehrung eines Musensohnes geblendet und
geschmeichelt fhlen - aber das Praktische siegt im letzten Augenblick ja doch
auch hier. Und wre es auch nicht so, den Knstler zwingt ja nun einmal sein
Kultus schner Sinnlichkeit, das sinnlich Schne zu begehren - selbst wenn es
sich in Gestalt einer Dirne darstellt. Und hier fhlte er sich durch ein
rthselhaft Zwingendes dmonisch an dies Mdchen geleitet, das nicht nur seine
Sinne, sondern auch sein Herz bis zum letzten Blutstropfen erglhen lie.
    Jetzt war diese Rose also verwelkt und gebrochen, der Wurm hatte sich in sie
hineingebohrt. Alles war aus. Eine tiefe Verzweiflung ber die Nichtigkeit all
seines Strebens und Lebens verdunkelte ihm die klare Vernunft. Sein Groll mute
sich in schmhenden groben Worten Luft machen. Und so lie er sich denn dazu
fortreien, in einem Caf Feder und Tinte fordernd, folgenden Brief nach der
Gerichtsstrae zu richten - denn sie wohnte in der That dort, wie er erfuhr; er
hatte nur nicht den Namen der Wirthin, Frau Lmmers, gewut.

                                 Liebe Kathi!
    Mit Vergngen habe ich erfahren, da Sie eine ganz gemeine Dirne geworden
sind. Nun kann ich ja machen, was ich will. Ich ersuche Sie aber, mir
unverzglich meine Briefe zurckzustellen, deren ich mich natrlich schme;
sonst werde ich mich an Ihren Aushlter halten mssen. Wenn Sie brigens mal
zwanzig Mark brauchen - die will ich schon fr Sie daran wenden.

    Aber als er nach Hause in sein einsames Atelier zurckgekehrt war, empfand
er tief die Wrdelosigkeit dieses Benehmens und sandte einge kurze Zeilen, in
edelem Ton gehalten. Sie schlossen: Es rcht sich Alles auf Erden.
    Er war wie wahnsinnig. Indem seine Phantasie sich geil und lstern ausmalte,
wie das prchtige Weib sich von jenem hheren Stallknecht ihre intimsten
Bedrfnisse besorgen lasse, ergriff ihn selbst eine verzehrende Begier.
    Nachdem er in schlafloser Nacht seine gramvolle Leidenschaft hin- und
hergewlzt, machte er sich am andern Morgen auf. Theils seine Leidenschaft
theils seine Eitelkeit, die einen Eklat frchtete, trieben ihn an, sie nicht
loszulassen, sondern auf ihrer Spur zu bleiben. Diesmal benutzte er die
Pferdebahn von der Weidendammer Brcke aus. Welch ein endloser Weg, die
Chausseestrae und die endlose Mllerstrae entlang! Aber er fand richtig das
Haus, und als er drei Treppen rechts im Vordergebude klingelte - ihm zitterten
die Kniee vor Erwartung, als er die schmutzig steile Treppe hinanstieg - ffnete
ihm diesmal eine anstndig aussehende Frau und bat ihn einzutreten, als er nach
Frulein Kreutzner fragte. Die Dame sei ausgegangen, um eine Stelle zu suchen.
Sind Sie nicht der Herr Agent, den sie erwartete? Rother brummte etwas
Ausweichendes vor sich hin und bat um Schreibzeug. Dann hinterlie er Kathi
einen Brief, er werde um fnf Uhr bei ihr vorsprechen. Er beschwre sie, auf ihn
zu hren. Ihr Schicksal liege in ihrer Hand; dies sei sein letztes Wort.
    Er fuhr direkt in das Caf Bammer zurck und schlrfte mit unbefangenster
Miene seinen Eierpunsch, whrend er aufmerksam horchte. Es erschien nmlich
nunmehr eine Gestalt auf der Bildflche, die von besonderer Wichtigkeit fr den
Fall sein konnte. Herr Wursteler, ein stets elegant gekleideter, schwarzhaariger
und wohlaussehender Dreiiger, wohnte bei seinem Freunde Bammer. Beide waren
Spiegesellen aus frhen Jugendtagen und hatten von einander Mancherlei zu
verschweigen. Wursteler frhnte einem kavaliermigen Mssiggang, obschon er
sich unter dem vieldeutigen Namen Agent herumtrieb. Er besa eine Gattin,
welche ziemlich hlich, aber anstndig aussah und, wegen eines kleinen Batzen
Geldes von dem flotten Schwerenther geehelicht, nun an chronischer Eifersucht
leiden mute. Hinter Kathi war er immer anbetend hergeschlichen, wie Bammer
einmal Rother lachend erzhlte, und pflegte ihr zrtlich Morgens aufzulauern,
wenn sie aus ihrer Stube ins Lokal hinunterkam, wofr er a sakrische Watschen
schon mehrmals geerntet hatte. - Nun ergab sich aber, da jene neue Wirthin
Kathis durch Wurstelers dieser empfohlen war und da Wurstelers, wie jetzt
herauskam und gestanden wurde, auf Kathis Kosten mit dieser die erste Nacht im
Grand Hotel zugebracht hatten, ehe sie zu der Wirthin Frau Lmmers, die ihre
Wohnung in der Gerichtsstrae eben erst gemiethet hatte, einzog. Ueber alles
Weitere fehlte hingegen auch Wurstelers jede Nachricht; sie brach hier ab.
    Auch tauchte jetzt die schwarze Emmy hinterm Buffettisch auf, wo einst Kathi
gethront, ihre holde Rivalin. Man sagte ihr nach, da sie Herrn Bammers stille
Schferstndchen theile und ihr Kammer-Riegel fr ihn nicht schliee. Es war,
wie sie Rother einmal geklagt hatte, die bekannte Verleumdung der Welt. Sie
begrte ihn nunmehr mit einem vielsagenden meckernden Kichern - sie lachte
immer gezwungen, wie mit dem Magen -, was Rother jedoch absichtlich nicht
verstand. Er that natrlich, als ob ihn das sehr lebhafte Gesprch ber Kathis
Schandthaten nichts angehe. Betreffs des Getroffenwerdens in der
Reichensbergerstrae hatte sie nmlich behauptet, in einem scharfen Brief an die
Wurstelers, da sie einfach ihre Wirthin, die ihre Schwester zum Grlitzer
Bahnhof brachte, begleitet habe.
    Die Sache ist auch noch nicht aufgeklrt, bemerkte Wursteler mit Emphase,
dahinter steckt auch noch etwas. Sie hat da irgend ein Verhltni.
    Ja, fiel Frau Wursteler ein, er hat ihr letzthin mehrmals Briefe
geschrieben. Er ist ja wohl in Mnchen. Rother horchte hochauf und bewegte sich
unruhig hin und her.
    Ja, jetzt soll er aber wieder hier sein, machte Wursteler, indem er
mglichst unbefangen aussah; Rother, der ihn beobachtete, vermochte durchaus
keinen lauernden Seitenblick aufzufangen. Neulich als sie von Treptow
hereinkam, sagte sie so etwas im Allgemeinen: Ich denke, er ist verreist und da
ist er wieder hier!
    So? fragte Rother mit etwas heiserer Stimme; er sprte eine gewisse
Trockenheit im Halse, als ob er sich in sengender Hitze durch Sandwsten halb
verschmachtet hinschleppe. Hat sie denn nie gesagt, wer das ist?
    Nein, fiel die schwarze Emmy geschwtzig plappernd ein. Nur etwas war da,
so'n Anzeichen. Sie hatte da so'ne Broche, mit einer Schlange drauf - die trug
sie immer allein von all ihren Schmucksachen.
    Ja richtig. Frau Wursteler warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu. Sie
sagte immer: Jajaja, das ist ganz 'was anders. Das trag' ich, weil es mich an
Jemand erinnert. Rother rusperte sich verlegen; Bammer aber, der sich eine
Zeitlang entfernt hatte und jetzt hinzukommend die letzten Worte hrte, fuhr
dazwischen:
    Larifari! Das ist Alles nur Verstellung. He, wie, sie leugnet gar nicht,
da sie sich mit dem Eberhard genossen hat?
    Ne, sagte der Kellner, der damals Rother zuerst aufgeklrt hatte. Traf
vorgestern den Eberhart an der Weidendammer Brcke, wie er zu ihr hinausfuhr. Er
hielt ein paar Rosen, die sie ihm geschenkt hatte.
    Rother fhlte, wie eine dunkle Blutwelle ihm rothsiedend zum Hirne drang. Er
bi sich auf die Lippen und schwieg. Die schwarze Emmy beobachtete ihn, die
Andern empfahlen sich aus irgend einem Grunde. Wursteler aber lie im
Vorbergehen an Rother halblaut die Worte fallen: Glauben Sie nur ja nicht
Alles, was hier gered't wird. Damit entfernte er sich hastig. Rother versank in
Nachdenken. Langsam glitten alle vergangenen Vorflle vor ihm vorber. Die
Thatsache ihres Fliehens vor ihm in Treptow, dann wieder die Mittheilungen der
Wurstelers - hier lag irgend ein Geheimni vor. Er grbelte und grbelte -
darber wurde es halbfnf. In zitternder Haft und unbeschreiblicher
Gemthsverwirrung machte er sich auf den Weg.
    Nun? fragte er in der Gerichtsstrae an der schon wohlbekannten Thr. Die
Wirthin schttelte den Kopf, er sei immer noch nicht gekommen. Und so stieg er
denn schweren Herzens wieder hinab. Er fhlte sich so mde, da er beim zweiten
Treppenabsatz sich athemschpfend ans Gelnder lehnte.
    Da pltzlich knarrte die Treppe von einem emporklimmenden Schritt: Wie von
einem elektrischen Schlag durchzuckt, fhlte Eduard: Sie war es! Sie, sein
Traumbild in einsamen Nchten!
    Ja, sie war es! Ihre prachtvolle Gestalt knapp von einem schwarzen einfachen
Gewand umschlossen. Als sie ihn erblickte, blieb sie einen Augenblick,
zusammenschreckend, stehn. Dann stieg sie etwas schwerfllig die Stufen bis zu
ihm empor. Er wartete, bis sie neben ihm stand, auffallend bleich, mit einem
finsteren harten Ausdruck der schnen Zge.
    Haben Sie mir nichts zu sagen?
    Sie gab keine Antwort und schritt an ihm vorbei, schweigend, mit erhobenem
Haupte. Ihm war buchstblich, als ob ihn ein schneidendes Schwert durchschnitte.
Mark und Bein erzitterten ihm. Und mit zitternder Stimme fragte er nochmals,
halb stammelnd und doch bemht, einen sicheren Befehlton festzuhalten:
Nochmals, haben Sie mir nichts zu sagen? Es ist mein letztes Wort.
    Aber ohne zu antworten stieg sie hher und hher, und ohne sich umzusehen,
stieg er hinab, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. In seinem Innern ghrte und
schumte Unaussprechliches durcheinander. Er traf am Abend einige jngere
Knstler, die ihm docirten, die Liebe sei etwas Unreifes, was unter die Fe
getreten werden msse. Doch mit finsterem Humor vertrat er dagegen die Ansicht,
nur durch erotische Leidenschaft werde Auerordentliches zu Tage gefrdert. Er
selbst docirte dabei ebenso weise als erfahrener Mann, wie die andern Jnglinge
mit der misogynischen Weisheitswrde. Aber eine Ahnung von der Lcherlichkeit
all dieser reifen Theorieen dmmerte ihm heimlich.
    Und siehe da, am andern Morgen erhielt er einen Brief, dessen
Adresse-Handschrift ihn schon erbleichen machte:

        Da ich Ihnen auf der Treppe keine Antwort gegeben, darf Sie wohl nicht
        wundern. Doch weil ich nicht herzlos sein kann, sende ich Ihnen diese
        wenigen Zeilen. Was ich diese Tage gelitten, wei nur ein guter Gott,
        vor dem allein ich mich zu verantworten habe. Ich wnsche Ihnen nur, da
        Sie solche Stunden nie kennen lernen, denn dann knnten Sie die einzig
        richtige Bedeutung des Wortes Verzweiflung fhlen. Vergessen werde ich
        die Beleidigungen nie und Gott gebe, da Ihnen in diesem Falle nicht
        Ihre eigenen Worte zur Wahrheit werden (es rcht sich Alles auf Erden)
        und wenn sich nie in Ihrem Leben Jemand mehr ber Sie lustig macht als
        ich es gethan, dann sind Sie der unbehelligste Mensch, den es berhaupt
        giebt. Nur bitte, lassen Sie mich aus dem Spiele, es sind dies die
        letzten Zeilen, die Sie von mir je bekommen, ich bin froh, wenn ich
        meine Ruhe habe.

    Rother war es, als gingen ihm Dolchstiche durch und durch, da er diese
einfachen Zeilen leidenschaftlicher Beredsamkeit durchlas. Ja, dachte er, ob die
Heerde Dich verbannte, Einer blieb Dir, wundes Reh. Ich, ich allein erkannte
dein besseres Ich und wenn Du zu bereuen hast, so wollen wir selbander die Reue
tragen. Aller Schmutz in deiner Seele zerstiebt vor meines Geistes Hauch.. Dies
Geheimni deiner Seele soll kein Anderer verstehn.
    Da erblhte ihm noch eine seltsame Ueberraschung. Sein Dienstmdchen meldete
ihm Herrn Schneidemhl. Dieser Herr fhrte eine ebenso merkwrdige als
fragwrdige Existenz. Seines Zeichens Bildhauer, ernhrte er sich von
Stukkaturarbeiten, die er fabrikmig betrieb, nebenbei aber nahm er mit
Vorliebe die Brsen seiner guten Freunde in Anspruch. So ahnte denn Rother
nichts Gutes, als sein Freund Schneidemhl ihn freudig wieder zurck in Berlin
bewillkommete. Seine Erwartungen wurden aber bertroffen; denn, nachdem
Schneidemhl seinen Schnurbart verlegen gestrichen, erffnete er, da Kathi
gestern bei ihm gewesen sei und erschrecklich lamentirt habe. Es ergab sich, da
der geniale Bayer (er war ein Landsmann Kathis) wieder mal umsonst den heiligen
Pumpus von Perusia, seinen Schutzpatron, um freigebige Huld ersucht hatte. Auch
der wrdige Cafwirth Bammer, den er tglich frequentirte, litt in dieser
Beziehung an Schwerhrigkeit. Aber Eine war nicht taub geblieben: das war Kathi,
die ihm schweren Herzens vierzig Mark geborgt hatte. Nun in ihrer Noth - sie
wute nicht wovon leben - forderte sie die Summe zurck und Schneidemhl fand
keinen anderen Ausweg, als Rother darum zu ersuchen. Dieser, natrlich tief
ergriffen von diesem neuen Beweis fr Kathis edle Gesinnung und von
Schneidemhls Schilderung, wie sie vor Schluchzen nicht habe reden knnen,
sandte sofort die Summe per Post an ihre Adresse mit einigen Zeilen voll warmer
Hingebung, worin er sich nochmals vertheidigte. - Ein unaufschiebbares Geschft
zwang ihn, am selben Abend nach Dresden zu reisen, wo er mit einem Kunsthndler
ein Geschft zu verhandeln hatte. Aber er wandelte dort wie im Traum umher. Als
er rein zufllig in ein schlechtes Haus gerieth, war es ihm unmglich, auch nur
einen Augenblick dort zu verweilen; er empfahl sich den fidelen Genossen, die
ihn dorthin gelockt, unter einem Vorwand. Ununterbrochen schwebte ihr Antlitz
vor seinen Augen, bleich und in Thrnen gebadet. Selbst die Venus von Milo htte
er in diesem Zustand nicht berhrt, wenn sich die Gttin selbst ihm zu Fen
geworfen. Seine Venus sa in einem einsamen Kmmerlein im Wedding und weinte
sich die Augen blind. Seine Reisetasche schnren, auf die Bahn strzen und um
Mitternacht zurckdampfen, war ihm das Werk eines willenlosen Instinkts. - -

        Diesmal mu ich meinem Entschlu untreu werden, indem ich Ihnen wieder
        schreibe und wenn ich Sie nicht kennen wrde und nicht wte, da Sie
        wankelmuthiger sind als ein Schilfrohr, wrde ich Ihnen sicher nicht
        mehr geschrieben haben. Vor allem meinen besten Dank fr Ihre
        Freundlichkeit in Betreff des Herrn Schneidemhl. Bse bin ich Ihnen
        trotz Ihrer mir unvergelichen Beleidigung nicht mehr und verzeihen thue
        ich es Ihnen aus ganzen Herzen, ich mte nicht menschlich fhlen
        knnen, wenn mir Ihre Zeilen gleichsinnig waren, aber Jemandes Freund
        oder besser Meiner knnen Sie nicht sein, denn ich wei genau, wenn
        heute Jemand zu Ihnen kommen wrde und Ihnen sagte, ich htte Dies oder
        Jenes gemacht, wren Sie zu neuen Beleidigungen fhig. Wenn ich Jemand
        gut bin, man knnte mir ber die betreffende Person alles
        Menschenmgliche sagen, mein eigenes Fhlen und Denken steht mir immer
        hher, ich wrde mir nie in dieser Beziehung eine Ble geben, fr das
        erste schon deshalb nicht, um Anderen nicht zu zeigen, da man darunter
        leidet, und zweitens, schlecht gemacht ist bald Jemand, aber gut machen
        das geht ja sehr schwer, manchmal auch gar nicht. Trsten Sie sich ber
        mein Schicksal es wird wohl wieder anders werden mit Gottes Hilfe. Herr
        Bammer hat mich zu schwer beleidigt, aber der ist auch kein Mensch.
        Gefhle giebt es bei ihm nicht und wenn, dann nur thierische. Ich war
        bei ihm, was Sie schon wissen, und da hat Er mir selbst gesagt, er hat
        beim Caffee Verluste gehabt, das heit sie brauchten in Treptow nicht
        mehr soviel als wie ich dort war und Bammer mute ihnen nun die Hlfte
        Bier abnehmen und da sagte Herr Bammer mit diesen Worten ich wollte mich
        rchen. Dies ist allerdings eine sehr edle Rache. Glauben Sie mir wohl
        Herr Rother wenn ich schlecht wre, dann wre ich es allerdings so, da
        Bammer von seiner Person aus mir was sagen knnte. Denn Jemand
        Schlechten schont man nicht und Bammer ist nicht der Mann, der dann
        Rcksicht kennen wrde. Aber fragen Sie ihn, ob Er mir was sagen kann,
        weil aber dies nicht der Fall war, mute Er es auf solche Art thun. Doch
        genug davon. Alles rcht sich selbst. Ich wollte erst aus Berlin, nun
        aber thue ich es gerade nicht, weil es B. gerne haben mchte. Zu
        frchten brauche ich mich nicht, aber wie schwer Er mir es macht in
        Berlin Stelle zu bekommen, mute ich schon manchesmal empfinden. Aber
        ich trotze doch, endlich wird mir das Geschick doch wieder freundlicher
        sein, nach jedem Regen wirds wiederum schn. Also keine Feindschaft mehr
        zwischen uns Beiden! Leben Sie wohl.
                                                                           K.K.

    So las er am Morgen bei seiner Rckkunft nach Berlin.
    Dieser Brief mit dem Ausdruck echten weiblichen Stolzes, naiver Offenheit
und rhrender Einfalt trotz einer gewissen Klugheit, Wrde und Originalitt, die
ihr auch in dem confusen und ungebildeten Stil mit den rhetorischen angelernten
Wendungen darin noch eigen blieb, brachte Rother zum Entschlu - zu einem
Entschlu, der lange genug in ihm herumrumort hatte.
    Er schrieb ihr in festem ruhigem Ton, da er nicht wankelmthig sei und ihr
einen uersten Beweis davon geben wolle. Ein so makelloses Mdchen, wie sie
sich mache, sei sie zwar auch nicht, obschon natrlich die Verleumdungen von ihm
nicht mehr geglaubt wrden. Jetzt aber wolle er ihr sagen, was er sagen msse,
da sonst sein ganzes Benehmen lcherlich sein wrde. Er liebe sie, liebe nicht
ihre Schnheit, sondern ihr ganzes eigentliches Wesen. Auch mge sie nicht
glauben, da er sich bei ihr ein Ideal zurecht mache. Aber grade so, wie sie
sei, sei sie nun einmal sein Ideal. In ihrer Art msse er sie ein ganz geniales
Weib nennen; denn des Mannes Genie stecke im Kopf, das des Weibes im Herzen. Nur
sie knne ihn glcklich machen. Die Mngel ihrer Bildung wrden sich schon
ausgleichen; und wenn sie ihn liebe, wrde ihr das ganz leicht fallen.
Jedenfalls aber knne nur sie ihn verstehen, wie nur er ihr Wesen verstnde, wo
so viel Romantisch-Poetisches sich mit so viel praktischer Klugheit mische.
    Kurz denn und rund heraus, er wolle sie heirathen, wenn sie noch etwas
warten wolle. Er glaube fest an seinen Stern und er glaube an sie.
    In drei Tagen wolle er sich ihre Antwort holen. Bis dahin sei er ihr
aufrichtiger und getreuer E.R. -
    Die Tage verstrichen ihm wirr und wst in steter Erregung. Der Tag kam;
leider hatte er am Abend eine Verabredung, zu welcher er sich einfinden mute.
    Er mute die Stadtbahn benutzen, welche ber Moabit im Kreise luft. Wie de
und traurig erschien ihm die Natur, trotz ihres Juli-Grns - die ersten Vorboten
des Herbstes zeigten sich mitten im Sommer, eine tiefmelancholische Stimmung lag
ber die Hgel und Haiden der mrkischen Sand-Umgegend Berlins ausgegossen.
Mitten im Sonnenschein frstelte ihn. Ein krankhaftes Gefhl durchzitterte
seinen nervsen Organismus, als sei er ein Stck verrostetes Eisen, das man auf
den Schutt werfen msse. Jeder andre Gedanke, jedes andre erstrebenswerthe Ziel
war vllig aus seinem Hirn wie weggebrannt. An der Schrze eines schnen Weibes
hing ihm das All. Wie ein Traum im Traum, spann es sich um ihn her. Seine Sinne
wirbelten; ihm schwindelte; seinen Magen und seine Eingeweide durchzog eine
seltsame Beklemmung, wie nahende Seekrankheit beim Schwanken eines Schiffes.
Denn so schien das Schiff des Lebens mit ihm zu schwanken.
    Station Wedding!.. Die Station, der lange Bretterzaun, der von ihr entlang
fhrte, die Gerichtsstrae mit ihrem holprigen Pflaster - alles das schien ihm,
in der schwlen Beleuchtung des Sommerabends, in seltsame Lichtreflexe getaucht,
wie ein wildfremdes symbolisches Etwas. Jeder Stein schien ihn mit lebendigen
Augen altklug anzustarren, als bese er den wahren Schlssel zu dieser
menschlichen Seelenpein; als stnde er in geheimnivoller Beziehung zu dem
Schicksal dieser liebeskranken Menschenpflanze, die dem festen Boden entrissen,
vom Wind entfhrt, ziellos, zwecklos, kraftlos, hinzusiechen verdammt.
    Ihm war, als ob er umsinken sollte; seine Kniee bebten, als er die
schmutzige steile Treppe hinanstieg. Aber er klingelte gefaten Muthes.
    Ist Frulein Kreutzner zu Hause?
    Gewi, sagte die Wirthin hflich. Bitte, treten Sie um hier ein. Ich
werde sie rufen; sie ist mal runtergegangen.
    Er sa am Fenster und starrte hinaus. Nach einiger Zeit ffnete sich lautlos
die Thr und sie trat ein. Sie ging langsam bis in die Mitte des Zimmers, ohne
die Augen aufzuschliessen, beide standen sich einen Augenblick stumm gegenber.
    Nun, was haben Sie nur zu antworten? fragte er ruhig.
    Ja, Herr Rother, sagte sie zgernd. Das geht nicht so schnell.
    Ja, bei mir mu aber Alles schnell gehn.
    Ja, ich.. aber bitte, bleiben Sie doch sitzen! Er sa; sie stand. Ihr
Gesicht war gerthet, ihr Ausdruck sehr ernst.
    Ist denn das wirklich Ihr Ernst? Ich habe nichts.
    Er sprang unwillig auf. Wenn Sie mir so kommen! Da Sie nichts haben, wei
ich doch selber.
    Aber Sie mssen mich doch aushren! sagte sie mit verlegenem Lcheln.
Nun, warten wir ein Jahr, und wenn Sie dann nicht anderen Sinns geworden sind -
nun, dann knnen wir uns heirathen ... Nun, was sagen Sie dazu?
    Wozu? fragte er absichtlich, als htte er nicht recht hingehrt.
    Zu dem, was ich gesagt habe.
    Ich bin's zufrieden. Beide sahen sich an.
    Nun.. aber Sie haben ja kein Feuer. Sie eilte rasch, ihm ein Zndholz fr
seine ausgegangene Cigarre zu reichen.
    Beide schwiegen eine Zeitlang. Pltzlich entfuhr es ihr wie unwillkrlich:
    So hngt das Alles zusammen? Aber so was! Sie lehnte sich ber den Stuhl
und sah nachdenklich vor sich nieder.
    Nun bitt' ich Sie aber, sagte er rasch, was haben Sie Herrn Wursteler,
von mir gesagt?
    Ich? Nichts, da ich wte!
    Nun, ich wrde mir eher die Hand abreien, eh ich das sonst erzhlte. Sie
haben gesagt, ich ... doch nein, sagen Sie, was meinten Sie denn damit, was Sie
sagten, als Sie von drauen hereinkamen?
    Was denn? Ich hab nur gefragt: War Rother schon hier?
    Sie haben meinen Namen genannt?
    Ja wohl.
    So so! machte er enttuscht. Dann ist's 'was Anderes. Eigentlich hab ich
nur daraufhin Ihnen das geschrieben, was ich schrieb. Dann freilich fllt das
fort.
    Was fllt fort?
    Nun, wenn das wahr war, Rother unterdrckte jede weitere Anspielung, so
wre es nicht recht von Ihnen gewesen, mit dem Eberhart zusammen zu kommen. Und
das thaten Sie doch?
    Ja, sagte sie verlegen, mit ernstem Ausdruck.
    So haben Sie fr den eine Neigung?
    Nicht die Spur! erwiderte sie halblachend. Ich hab mir nur gedacht, er
wre unter all den Andern noch mir der Anstndigste. Und darum schrieb ich an
ihn.
    Gut, ich kann verstehn, da Sie ihn einmal sahen. Siehe das zweitemal,
nachdem Sie meinen Brief erhielten, nun, das war gemein.
    Ja, ich hatte doch eigentlich keine Verpflichtung. Er lag vor sich nieder.
    Gewi nicht. Aber nach meinem Briefe muten Sie wissen, wie es mit mir
steht. Und daraufhin.. Zudem, warum sind Sie damals nicht nach Treptow
hinausgekommen?
    Ich frchtete mich. Anfangs wollt ich durchaus gehn; aber dann dacht ich
immer wieder, Sie spielten mit Bammer unter einer Decke zusammen.
    Ich! Wie konnten Sie so was denken!
    Ja, ich glaubt' es eben.
    Na, das war hbsch, wie ich da drauen umhergestiefelt bin, lachte er. Sie
lachte melodisch mit. Dann sagte sie aber ernst:
    Wie konnten Sie mir nur solch einen ordinren Brief schreiben!
    Nu, war denn der so schlimm?
    Ach so abscheulich! Sie schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen und
schauderte ordentlich.
    So, wo ist er denn?
    O ich habe ihn gleich verbrannt.
    Eine kurze Pause trat ein.
    Ueberhaupt, sagte sie pltzlich, auch Ihr letzter Brief.. da Einer so
was von mir denken kann, da ich nach Mnnern angle und aufs Geheirathetwerden
spekulire! Ich bin gar nicht heirathslustig, nein durchaus nicht. Noch vor ein
paar Wochen war ein Agent bei mir, der nur das anbot. Ich sollt einen
Kammerdiener heirathen mit 50,000 Thaler. Der hatte mein Bild gesehn und so ...
Aber ich hab's gleich abgeschlagen. Was soll ich denn mit so 'nem Alten!
    Ein eiferschtiger Groll ergriff Rother schon bei diesem Gedanken. Also gab
es wirklich solche!
    Wollen Sie mein letztes Bild sehen? fragte sie und machte ihr Album auf. -
Sie stand da, einen Champagnerkelch in der Hand, einen Herrn neben sich, einen
andern vor ihr am Boden knieend. Sie sah zwar verlockend ppig und pikant aus
mit dem sinnlichen Ausdruck ihrer Zge, aber so gemein, da Rother erschrak.
    Puh! sagte er das reine bayrische Biermensch! In die htt ich mich nie
verliebt. Und in der That war zwischen diesem Bild und dem ernsten
melancholischen Mdchen, das vor ihm stand, kaum eine Aehnlichkeit zu entdecken.
    Ja, das Bild darf nicht gezeigt werden. Die Herrn - es sind ein paar
Lieutenants - haben ihr Wort darauf geben mssen; eher that ich's nicht. Bammer
zwang mich dazu.
    So. Auch die andern Bilder da im Costm sind nicht hnlich. Sieh, der
sterreichische Offizier da.. wer ist das?
    Sie schwieg und lchelte verlegen.
    Aha, ist das der groe Unbekannte, der erste Amoroso?
    Nach einer Pause stie sie hastig, aber mit augenscheinlicher
Gleichgltigkeit hervor:
    Ja, den hab ich einst sehr gern gehabt.
    Herr Gott, dies stupide Gesicht! brummte er in sich und kopfschttelnd.
Halt, wer ist dies Dmchen da gegenber? Sie antwortete nicht. Ein
interessanter Kopf.
    Aber das bin ich ja!
    Sie? Er ma sie befremdet - keine Spur von Aehnlichkeit zwischen diesen
leidenden schmachtenden Zgen und dem ppig blhenden Weibe vor ihm. Da waren
Sie wohl noch sehr jung.
    I bewahre, die Photographie ist aufgenommen, grad als ich nach Berlin kam.
Ich sah sehr angegriffen aus.
    So, weshalb? Sie gab keine Antwort. - Er ergriff Hut und Stock. Ich mu
fort zu einer Verabredung. Also gut, adieu. Wenn der Eberhart Sie besucht ...
    Mich? Hier? Niemals. Ich hab es ihm untersagt. Und jetzt schreib' ich ihm,
da er fr mich eintreten soll gegen Bammer - nun, wir werden ja das Weitere
sehn.
    Schon gut. Ich sehe, da ich bei dem Allen nur eine lcherliche Rolle
spiele. Ich htte Ihnen nicht meinen Antrag gemacht, wenn nicht Wursteler mir
gesagt htte.. doch, wenn's auch nicht wahr ist: was ich schrieb, bleibt
bestehen. Aber ebenso, was Sie von dem Jahr warten gesagt haben. - Geben Sie mir
Feuer!
    Er hatte kurz, befehlend gesprochen. Sie eilte unterwrfig heran und brachte
es ihm, wie eine zrtliche Sklavin.
    Also wann wollen wir uns wieder sprechen?
    Ich werde Ihnen schreiben, weil jetzt natrlich in der ersten Zeit ich
mglichst vermeiden mu, mit Jemand zusammenzukommen. Aber mit Ihnen darf ich
natrlich jetzt eine Ausnahme machen.
    Mndliche Abmachung ist besser.
    Nein, es, macht mir Vergngen, Ihnen zu schreiben. Sie haben ja so viel
geschrieben; da kann ich doch auch schreiben, sagte sie freundlich.
    Schn. Also adieu.
    Er wandte sich elegant auf den Hacken um, nachdem er sich kalt verbeugt.
    Aber so geben Sie mir doch die Hand! klagte sie vorwurfsvoll.
    Er gab ihr nur die Fingerspitzen. Sie gab ihm bis zum Treppenabsatz das
Geleit und sah ihm nach. - -
    Mehrere Tage verstrichen, welche Rother in dem denkbar krankhaftesten
Zustand verbrachte. Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen oder vielmehr,
all seine Gedanken drehten sich unablssig um den Punkt des einen groen
Dilemmas:
    Wird sie ber mein Bild in Wuth gerathen und mich compromittiren? Wrden wir
Beide wirklich es durchsetzen, als Paar der Welt zu trotzen?
    Ich habe ihr gewissermaen falsche Vorspiegelungen gemacht oder besser, die
falschen Vorstellungen, die sie und alle Andern nhren, nicht zerstrt. Sie hlt
mich fr vermgend genug, um ihr ein comfortables Heim zu bieten. Glaubt doch
auch die Welt, da der Ruhm eines Knstlers seinen Einknften entspreche,
whrend grade hier meist das Verdienst und der Verdienst nicht im Einklange
stehen. Rother erbte allerdings einst von einem alten Erbonkel etwas Vermgen,
aber das stand noch in weiter Zukunft.
    Den Rest jenes Abends, als er von ihr zurckkehrte, hatte er in groem
Collegenkreis verbracht, wobei er am Abend in einem Caf verschiedene
langerwartete Zeichnungen von sich in illustrirten Blttern, mit groen
Lobeserhebungen verbrmt, vorfand. Das wre ihm frher wichtig und werthvoll
gewesen, jetzt lie es ihn vllig kalt. Die Sachen gewannen fr ihn hchstens
Werth, wenn sie ihr Auge darauf warf, soda er bei ihr an Ansehen wuchs. Wren
sie nur etwas frher erschienen - aber jetzt waren Zeichnungen und Ruhmposaunen
fr ihn ohne alle Bedeutung. Als er an jenem Abend heimkehrte, fand er
abschlgigen Bescheid betreffs einer akademischen Lehrstelle, um die er sich
beworben. Das allein htte ihn aufgeheitert: Er bedurfte eines festen Postens
und Einkommens, um ihretwillen. Seine Kunst mochte darunter leiden, ja zum
Teufel gehn, er selbst diese Brde als schwere Mhsal auf den freien
Knstlernacken laden - wenn sie nur glcklich, nur gerettet wurde! Er wollte
gern entbehren, wenn er ihr nur seidene Kleider stiften konnte. Ein Ku von ihr
schien mit hundert Dornenstichen nicht zu hoch bezahlt.
    Nach ein paar Tagen erhielt er folgendes Billett:

        Herr Rother! Es thut mir leid da ich Ihrem Wunsche uns irgendwo zu
        sprechen nicht nachkommen kann aus dem Grunde Sie wrden sich nur selbst
        compromitiren. Denn Herr Bammer hat eine neue Gemeinheit gegen mich ins
        Werk gesetzt. Diesen Morgen kam ein - - Kriminalbeamter! und fragte nach
        mir. Er zeigte mir einen anonymen Brief worin stand die Polizei mchte
        ein wachsames Auge auf mich haben ich wre bis 1. Juli in dem Caf in
        Stellung gewesen, wre ohne Grund fort und es sei zweifelhaft wovon ich
        lebe - - - - es sind einige Sachen in den Brief, die nur Bammer allein
        wissen kann, und ich kann schwren, da es die Schrift seines
        Buchhalters war. Ich hatte per Zufall ein Stckchen Papier mit der
        Schrift des letztgenannten. Wir verglichen die Schrift und der Beamte
        war nun auch meiner Meinung: ich wute wohl, da es rachschtige Leute
        giebt, aber da solche existiren, die nicht ruhen bis sie ihr Opfer
        vollends zu Grunde gerichtet haben, das glaubte ich nie und dies kann ja
        wohl noch geschehen. Was liegt mir an meinem Leben. Nahe daran war ich
        schon einmal. Heute bereue ich es da ich so feig war.
        Nun zur Sache: geweint hatte ich heute nicht, denn ich habe es allzu oft
        in letzter Zeit gethan, aber der Beamte mag wohl ohne Thrnen mein
        tiefes Leid erkannt haben und hatte Mitleid mit mir. Er trstete mich
        und meinte die Sache bleibt ganz still, ein Ehrenmann kann frei
        auftreten und braucht keine anonymen Briefe zu schreiben und brigens
        traut er meinem ehrlichen Gesicht. Ich hatte ihm dann auch noch den
        deutlichsten Beweis wovon ich es gezeigt (es schmerzt mich zu sagen),
        einige Versatzungen. Nun Herr Rother wissen Sie mein neuestes Erlebni -
        und nun bitte ich Sie dringend berlassen Sie mich gegenwrtig meinem
        Schicksal. Wenn es Gottes Wille ist, werden wir uns wohl wiedersehen,
        vermuthlich in besserer Zeit. Krnken Sie sich meinetwegen nicht, ich
        habe viel zu ertragen gelernt. Nun seien sie einstweilen bestens gegrt
        von Kathi K.

    Rother schrieb ihr auf diesen rhrenden Klageruf unverzglich, da dies ja
allen alleinstehenden Mdchen in Berlin passire, da die Polizei in dieser
Beziehung unumschrnkte Befugnisse hat. Sprechen msse er sie in jedem Fall. Sie
mchten sich also zufllig auf der Stadtbahn sprechen, im Coup selbst, um jede
Mglichkeit des Aufsehens zu vermeiden. In einem Nachsatz theilte er ihr mit,
da der Zahlkellner wieder allen Gsten erzhlt habe, die Schne Kathi mache
mit dem reichen Mhlenfabrikanten Eberhart ihre Hochzeitreise. Neulich sei sie
grospurig in einer Droschke I. Classe vorbergefahren. Was bedeute das? Nun
besser betrogen werden als betrgen!

    Sofort erhielt er folgende Epistel:

        Ihr Schreiben erhalten. Zrnen Sie mir nicht. Ich kann und will in
        meiner jetzigen Lage Niemand sehen. Klatsch ist genug schon. Ich will
        nicht noch mehr haben und brigens habe ich mich jetzt an den
        betreffenden Herrn gewendet. Der wird mir schon Ruhe verschaffen.
        Mglicherweise wird auch Bammers Mund gestopft. Was das ausfahren
        betrifft, kann am besten meine Wirthin Auskunft geben. Denn ich gehe
        hchst selten ohne sie fort. Betreffs Stellung habe ich mich auch schon
        bemht genug, jede Stunde ist mir die liebere, wo ich wieder zu thun
        habe, nun bitte ich Sie nochmals, sorgen Sie nicht um mich und vor allen
        Dingen lassen Sie sich nicht wieder in einen Klatsch verwickeln und
        glauben Sie an mir, ich werde Sie nie hintergehen.
        Auch suchen Sie kein Wiedersehen. Ueberlassen wir dies der Zeit.
                             Mit freundlichem Gru
                                                               Kathi Kreutzner.

    Er beruhigte sich damit. Freilich konnte er sich bei psychologischer
Beobachtung sagen, da diese Zeilen zwar die entschlossene Festigkeit des
tapferen Mdchens athmeten, aber die innige Gesinnung der frheren Briefe etwas
erkaltet zeigten. Doch nahm er dies Alles gelassen hin und trstete sich mit der
Zukunft. Nachdem er aufs heftigste gearbeitet fhlte er eines Tages das
Bedrfni, wieder in dem Caf Bammer aufzutauchen. Bammer selbst pflanzte sich
mit bertriebener Liebenswrdigkeit alsbald neben ihn hin, und whrend der
Knstler, scheinbar nur oberflchlich hinbotend, ein Frhstck hinterschlang,
begann Bammer sich nach allen Dimensionen ber die Verlogenheit Kathis zu
unterrichten. Sie habe seinem Buchhalter einen so ungemeinen Brief geschrieben,
da der alte Mann sich schmte, ihm zu zeigen, so schmutzig sei der Inhalt
gewesen.
    So was Unweibliches! Bammer schttelte mit groer Entrstung das Haupt.
Dann lenkte er auf das andere Gesprch zurck.
    Sie konnte sich nicht weibrennen. In der Gegend war kein Bahnhof und was
habe sie in so frher Morgenstunde dort zu suchen gehabt!
    Rother meinte trocken, er glaube nicht daran. Aber der andere begann mit
solcher Emphase weiter zu stochern, als wenn die Gefhle eines auf den Rost
Gelegten rauskmen.
    Wre es mglich, da er dennoch betrogen! Wie dieser nagende Zweifel ihn aus
allen Himmeln strzte!
    Er hatte sich stolz gefhlt, so lieben zu knnen. Das war der einzige Stolz,
der ihm nicht eitel und nichtig erschien. Und dies Geheimni seiner Seele sollte
Niemand kennen. Nur sie Beide sollten von sich wissen, eng verbunden bleibend,
heimlich versteckt vor der Welt. Und so hatte er sie dereinst zu sich emporheben
wollen. Was das schwache Herz geschworen, sollte halten der starke Geist. Ihre
Seele, die unverstandene, sollte die seinige verstehen lernen, bis beide Seelen
nur ein einziges gemeinsames Geheimni der Liebe bargen.
    Und nun, all seine hochherzigen Absichten heroischer Selbstverleugnung
vergeudet - an eine Schuldige, die ein falsches Spiel mit seinem Vertrauen
trieb?
    Er beschlo der Sache sofort auf den Grund zu gehn. Wirklich machte er sich
sofort auf den Weg; traf er auch wahrscheinlich sie selber nicht bei so frher
Tageszeit - es war drei Uhr -, so fand er doch sicher die Wirthin.
    Er grbelte sich immer mehr in heftige Erregung hinein. Mit zorngertheten
Wangen und hastigen Schritten strzte er den langen Bretterzaun entlang, der von
der Stadtbahnstation zur Gerichtsstrae hinfhrt. Bald hatte er das breite, hohe
Haus gefunden und klomm die steile Treppe hinan, auf welcher einige winselnde
schmutzige Kinder sich balgten. Wird er sie zu Hause finden! Wirklich, der
Zufall schien ihm gnstig. Hflich bat ihn die Wirthin einzutreten.
    Aber ich wei nicht, ob sie abkommen kann. Sie hilft mir beim Waschen und
ist nicht angezogen.
    Sagen Sie ihr, ich htte ihr etwas Wichtiges zu sagen.
    Nun gut, ich werde sie rufen.
    Er verbeugte sich stumm und nahm am Fenster Platz, nachdem er mit einem
kurzen Blick auf den Spiegel constatirt, wie bla er aussah. Nach einiger Zeit
trat sie ein mit heiterem Ausdruck und frhlichem Lcheln. Sie hatte sich
offenbar rasch umgezogen, trug ein elegantes Kleid, blau mit Rosablumen
gemustert. Guten Tag! sagte sie freundlich, indem sie heftig errthete.
    Guten Tag, erwiderte er trocken. Sie schrak auf und sah ihn an. Ja, fuhr
er unsicher fort, es ist mir peinlich genug gewesen, hierherzukommen. Aber es
mu sein. Ich wollte Sie bitten, mir zurckzugeben, was Sie schriftlich von mir
haben.
    Sie blickte ihn einen Augenblick sprachlos an. Dann sprach sie los: Ah,
daher blst der Wind! So war's gesagt. O ja, gut, hier, sofort, nehmen's Alles.
Sie kniete zu ihrem Koffer hin, ri ihn auf, kramte darin herum und hufte einen
Brief auf den anderen. Ihre Stimme gewann dabei einen eigenartigen Reiz in der
unwollenden Ironie des schmelzenden Tonfalles; der Zorn gab ihr eine
verschnernde Wrde des Ausdrucks.
    Rother stutzte und schwankte in einer gewissen Begeisterung. Mein Gott.
rief er, wenn man Sie hrt! Was soll ich glauben! Der Buchhalter hat Sie doch
daheim gesternmorgens gesehn.. und am Grlitzer Bahnhof haben doch gar nichts zu
suchen.
    Ich habe doch meine Wirthin begleitet.
    Ach, wer das glaubt!
    So? Natrlich! Sie ri die Thr auf: Frau Lmmers!
    Nun? machte diese, die in einer durch den Flur getrennten
gegenberliegenden Stube bei der Nhmaschine sa.
    Ach, kommen's doch mal einen Augenblick herein! Die Wirthin erhob sich und
erschien wirklich. Eine lngliche, magere Person mit einem ziemlich unschnen
bebrillten Gesicht, dessen Ausdruck aber sofort Vertrauen einflte. Ihre
Haltung entbehrte nicht einer gewissen gesetzten Wrde. - Bitte, Frau Lmmers,
sagen's doch dem Herrn, ob ich nicht mit Ihnen an jenem Morgen ausging. Die
Wirthin nickte ernsthaft und besttigte es mit kurzen klaren Worten. Da ihre
Aussage ehrlich war, las man auf ihrem Gesicht.
    Wir danken Ihnen. Rother verbeugte sich hflich, worauf die Frau sich
sogleich wieder diskret zurckzog. - Aber aus dem Haus Eberharts hat man Sie
doch so in der Frhe herauskommen sehn?
    Aber ich bitte, Sie, das war doch natrlich. Ich komme gerade vorbei an der
Wohnung von dem und habe so viel von seinem Anwesen gehrt. Da dacht ich: Ich
will doch mal einen Blick hineinwerfen. Das Hofthor stand offen - - ich bin auch
gleich wieder zurckgekommen. All das klang allerdings wahrhaft. Sie ging
hastig auf und ab und rief wie verzweifelt: Nein nein, wie sind die Menschen
doch schlecht! Sie wollen mich partout ins Unglck bringen, ob ich schuldig bin
oder nicht. Sehen Sie nur diese Gemeinheit! Sie ri eine Cassette auf und
zeigte ihm mehrere anonyme Briefe, worin ihr zu ihrer bevorstehenden Niederkunft
Glck gewnscht wrde. Das sei also die berhmte Tugend der Kathi!
    Aber der Schlimmste von Allen waren doch Sie! fuhr Sie mit echt weiblicher
Taktik fort, indem sie aus der Defensivstellung eiligst in die Offensive
berging. Herrgott, die Gemeinheit! Und das von Ihnen! O das that weh! Als ich
Ihren Brief bekam, den abscheulichen; da glaubte ich, ich mte vor Scham
sterben. Meine Wirthin kann Ihnen sagen, ich habe den ganzen Tag in einem fort
mich in Thrnen gewlzt. (Kathi liebte solche rhetorisch schmckenden
Redeblumen.) Als ich Sie da auf der Treppe sah, war mir, als mt' ich auf der
Stelle sterben. Meine Fe trugen mich kaum hinauf und oben fiel ich ohnmchtig
aufs Sopha. O, o!
    Wo ist denn der garstige Brief? fragte Rother verlegen.
    Das fragen's noch! Sofort verbrannt. - Ach, was ich gelitten habe! Ja, das
verge ich nie!
    Sei'n Sie doch nicht grausam, flsterte er mit grobem Vorwurf. Wie wir
jetzt mit einander stehn und was ich nachher gethan habe..
    Ja, das war sehr schn von Ihnen, sagte sie eifrig, schttelte aber mit
echtweiblicher Halsstarrigkeit den Kopf. Sehn sie, vergessen kann ich das
nicht.
    Nun, das werden Sie doch wohl mssen, sagte er in halb humoristischem Ton.
Als meine Frau.. Beide schwiegen. Sie setzte sich ihm gegenber und pselte an
einer Standuhr herum.
    Ja, schmollte sie halblaut, gewi, das war sehr brav und edel und schn,
und ich werd Ihnen das auch nie vergessen. Aber.. aber das fhl ich: Aus der
Sache zwischen uns wird doch nichts.
    Warum nicht?
    I wei nicht. Man hat so ein Vorgefhl.
    Nrrchen! sagte er freundlich und strich ihr ber die Stirnlocken. Sie
lachte wie ein Kind, sprang auf, zupfte ihn am Ohr und tanzte auf einmal in der
Stube mit ihm herum. Dann warf Sie sich wieder auf den Stuhl und kicherte
ausgelassen.
    Als er sich nach dem Stand ihrer Kasse dringend erkundigte, versicherte sie
mit Nachdruck, da der Erls aus dem Leihamt vllig fr sie genge und da sie
unter keinen Umstnden Geld annhme. Uebrigens habe sie wahrscheinlich eine
Stellung; ein Herr aus Hamburg sei dagewesen, der sie als Buffetdame in einem
groartigen Caf engagiren wolle.
    So, also weggehn von hier? fuhr er auf.
    Ja, sagte sie ernst. So schwer mir's wird, scheint mir das doch ganz
gut.. auch fr uns Beide, setzte sie nach einer Pause hinzu.
    Wieso?
    Nun, durch die Trennung merkt man erst, ob es wirklich.. ob es das Richtige
ist. Sie sah ihn fest an.
    Ich verstehe. Du hast recht. Er ging gedankenvoll ein paar mal auf und ab
und griff dann pltzlich zu Hut und Stock.
    Schon? fragte sie, halb neckisch, halb mit aufrichtigem Bedauern.
    Nun und die Briefe? Die behalt ich, gelt?
    Hm. Er hatte die Briefe schon vorher vor sich abgetheilt und steckte einen
Theil davon ein. Das kann hierbleiben. Aber da fehlen ja einige, z.B. der
letzte da..
    Die letzten hab ich alle verbrannt, sagte sie rasch.
    Aber la mir den einen aus Mnchen - mit dem Liedel dabei. Der war zu s.
Ja, Herr Rother, Ihr Schreiben versteh ich immer besser als Ihre Worte. Da ist
auch nicht einer Ihrer Briefe, den ich nicht mindestens zehnmal gelesen htte -
ach, das reicht nicht.
    Hm, machte er mit sanftem Lcheln. Und dann willst Du mir noch ableugnen,
Kathi, da Du fr mich ein leidlich tiefes Interesse hast?
    Sie errthete, verzog schmollend den Mund, blitzte ihn fast zrtlich mit
ihren groen Augen an und stlpte ihm pltzlich den Hut auf: Nu aber raus! -
    In diesem Augenblick steckte die Wirthin den Kopf durch die Thr und rief:
    Frulein, wir mssen aber jetzt an die Arbeit!
    Er empfahl sich den Damen cordial und ging von dannen, froher als er
gekommen. Es war verabredet worden, da er Beide einmal in der Woche ins Theater
fhren solle. Kathi strubte sich zwar bei den obwaltenden Zustnden dagegen,
berhaupt auszugehn - in ein bekanntes Garten-Etablissement am Weddingplatz, wo
sie sich die beiden Male mit Eberhart eine Stunde getroffen, wollte sie
begreiflicherweise nicht mehr gehn und kein andres anstndiges Restaurant war in
der Nhe. Doch mit Rother sollte natrlich eine Ausnahme gemacht werden.

    Als der Liebeskranke, der sich, wie ein Verdchtiger zum Ort der That, zum
Caf Bammer immer wieder hingezogen fhlte, daselbst eines Nachmittags
vorsprach, empfing ihn wieder eine neue Mordsgeschichte. Der Hamburger Wirth war
dort aufgetaucht, hatte sich viel nach Kathi erkundigt und wurde in den
lcherlichsten Farben geschildert. Auch schimpften einige frhere Anbeter
Kathi's - darunter ein studentischer Jngling von achtzehn Jahren der eines
Baron-Titels geno - gewaltig auf die verschlagene Jungfrau und malten ihre
Falschheit in grulichen Farben. Rother sagte kein Wort. Am andern Tage lud er
verabredetermaen die Damen zu einer Premire am Bellealliance-Theater ein,
erhielt aber die umgehende Antwort:

        Ihr Schreiben erhalten, doch leider kann ich Ihre freundliche Einladung
        fr Freitag nicht annehmen, weil ich mit meinem zuknftigen Prinzipal,
        welcher Sonnabend abreist, noch was zu besprechen habe und behufs dessen
        Obiger Frau Lmmers und mich eingeladen hat zu einem Abschiedsschoppen.
        Es grt bestens Kathi K.

    Dagegen war nun nichts zu sagen. Dennoch fhlte sich Rother bewogen, gleich
am Sonnabend Abend das Nhere ber den neuaufgetauchten Herrn - Kohlrausch war
sein werther Name - zu erfahren.
    Wer ist da? fragte eine sanfte melodische Stimme mit s girrendem Tone, -
als ob sie etwas Liebes erwarte.
    Ich! erwiderte er mit tiefer Stimme. - Er hrte einen unverstndlichen
Laut, dann ffnete sie und lud ihn ernsthaft ein, zu ihr hineinzutreten. Die
Wirthin sei ausgegangen. Sie trug einen geblmten bunten Schlafrock.
    Ich dachte, Sie wren schon auf und davon? sagte er kalten Tones.
    O nein, erst am fnfzehnten nchsten Monats.
    Und was treiben sie hier?
    Ich lebe in Verzweiflung, erwiderte sie achselzuckend.
    Brauchen Sie Geld?
    Nein, ich danke. -
    Sie setzte sich ans Fenster, eine Nharbeit in Hnden. Er schritt in der
Stube auf und ab, sich ab und zu neben ihr stellend. Sie plauderten wohl eine
Stunde lang von allen mglichen Dingen, wobei er ihr viel von seinem
Knstlerruhm vorprahlte. Sie hrte aufmerksam und schweigend zu, kluge
Bemerkungen dazwischenflechtend. - Nach einer kurzen Pause der Unterhaltung
bemerkte er, sie beobachtend, da ihr Ausdruck umwlkt und finster schien. Er
deutete darauf hin.
    Ach, ich habe mich wieder furchtbar rgern mssen, gab sie zur Antwort.
Da war so'n Kerl - Einer von denen die immer um mich herumgekrochen sind, - der
von meiner Wohnung erfahren von dem Zahlkellner bei Hause. Kommt der Mensch heut
hier herauf und schwindelt meiner Wirthin vor, er sei Agent und wolle mir eine
fette Stelle verschaffen. Kaum ist er bei mir, holt er ein Etui mit einem
goldenen Armband hervor und will mir das umlegen. Quatscht von seiner Liebe und
will mich gleich um die Mitte nehmen. Na, dem hab' ich heimgeleuchtet! Sie
lachte bitter in der Erinnerung.
    Was ist denn der? fragte Rother stirnrunzelnd.
    Ach natrlich so Einer, der nichts zu thun hat, der von seinem Gelde lebt!
- Ja, ebenso wie der Andre - Sie brach ab.
    Welcher Andre?
    Ich wei nicht, ob ich Ihnen das sagen soll. Nun, doch! Da ist so'n
ekelhafter reicher Jude, einer von der Maklerbrse - der verfolgt mich schon
lange mit seinen Antrgen. Sa immer im Caf am Buffet. Endlich hat er
herausgebracht, wo ich stecke, und nun bestrmt er mich jeden Tag mit Briefen.
Gestern hat er da geschrieben.. Sie zgerte, holte dann ein parfmduftendes
Billet hervor und verlas eine reizende Schlangenlockung zum Apfel der
Erkenntni, worin ihr goldene Berge versprochen, wenn sie sich von Herrn Mayer
aushalten lasse. Die eleganteste Wohnung stehe schon bereit zu ihrer Verfgung.
Ich will jeden Ihrer Wnsche erfllen, denn ich bin ein reicher Mann! schlo
das interessante Schriftstck. Geniren Sie sich nicht, liebes Kind, und kommen
Sie in die Arme Ihres Sie brnstig liebenden Mayer. Kathi schwankte zwischen
Lachen und Wuth, indem sie ausdrucksvoll die schwungvolle Werbung vortrug; die
Flgel ihrer klassisch geschnittenen Nase bebten nervs.
    Nun und was hast Du ihm geantwortet?
    O, ich sage Dir.. na, den Brief wird er nicht hinter den Spiegel stecken.
    Es war so dunkel geworden, da sie mittlerweile die Lampe anznden mute.
Ich hab' Durst, sagte sie der Hunger vergeht mir vor rger. Ich la mir von
unten ein Seidel holen - willst auch eins haben? Ja, thu mir den Gefallen,
kannst mal bei mir zu Gast sein.
    So saen sie gemthlich noch eine halbe Stunde und stieen auf treue
Kameradschaft an. Aber whrend er auf sie einredete, versank sie in tiefe
Gedanken. Grade so kam ihre auergewhnliche Schnheit zur besten Geltung. Aber
als er pltzlich sagte: Wie edel und gut Du jetzt aussiehst! da lachte sie auf
und es war kein schnes Lachen. - Man verabredete sich am nchsten Freitag zu
treffen. Er wollte absichtlich eine so lange Zeit verstreichen lassen bis zum
nchsten Wiedersehn. Der Contrakt mit dem Hamburger Wirth war wirklich
abgeschlossen; er lief auch bis zum 1. Januar; sie hatte ihm den Contrakt
vorgelesen, ihm auch gleich die Hamburger Adresse aufgeschrieben. Am 1.
September sollte sie die Stelle antreten. Es war ihm ja aus verschiedenen
Grnden nur zu recht. Rother konnte bis dahin die erste Oeffentlichkeit passirt
haben, whrend sie fern blieb.
    Als er nach Hause wanderte, fiel ihm wieder die Unvernderlichkeit des
ganzen Verhltnisses centnerschwer zu Herz. Nun, sie wollte es ja nicht anders;
bei den Umstnden gegen sie war ihre zeitweilige Entfernung auch nthig und fr
Rother selbst so angenehm; auch dir Probezeit fr die gegenseitige Neigung
schien vernunftgem. Und doch! Warum durfte er nicht offen sie an sein Herz
drcken, der ganzen Erde trotzend! Konnte er denn berhaupt sofort heirathen?
Was fr verfahrene Verhltnisse, was fr unheilschwangere Widersprche!

    Als er am Freitag dorthin fuhr, kaufte er unterwegs ein Rosenbouquet. Es war
ihm doch immer etwas beklemmend, in diese, so ganz der westlichen Cultur
entrckten Stadttheile den Zug nach dem Osten anzutreten. Um so unerfreulicher
wirkte es natrlich, als die Wirthin ihm ein Billet Kathis einhndigte:

        Herr Rother, leider kann ich Sie heute nicht sprechen, weil ich
        Nachricht bekomme, betreffs einer Stelle welche ich whrend der drei
        Wochen wahrscheinlich noch annehme. Nheres nchstens. Mit Gru
                                                               Kathi Kreutzner.

    Eduard wunderte sich ein wenig, dachte sich aber nichts Arges dabei, und
lie seinen Rosenstrau in ihrem Wasserglase stehn. Angenehm war es ihm
natrlich nicht, den weiten Weg aus dem Vorstadtviertel zurckmachen zu mssen.
Dabei gerieth er halb zufllig in die Nhe des Caf Bammer und trank dort seine
Mlange, indem er eine heitere zufriedene Miene zur Schau trug. Ziemlich spt
erschien pltzlich der elegante Wirth und indem er Herrn Professor hflich
grte, warf er lachend hin:
    Wollen Sie die Kathi sehn? Die sitzt im Sedan-Panorama mit dem Kerl da aus
Hamburg zusammen.
    Ach was? machte Jener gleichmtig, aber er wurde bleich wie der Tod.
Bammer fuhr fort:
    Ich schlendre da ganz zufllig hinein. Und wen find ich? Meine Kathi!
Zrtlich umschlungen sitzt sie in einer Nische mit dem da zusammen. Sie erschrak
mrderlich, als sie mich sah; wollte sich noch ihr Haar in die Stirne streichen,
um sich unkenntlich zu machen. Aber ich lachte laut auf und ging an Beiden
vorbei.
    Nu, was wird da sein! Rother ermannte sich zu vertrauensvoller
Selbstberwindung. Das ist ja wohl ihr neuer Prinzipal. Dahinter braucht noch
nichts Schlimmes zu stecken.
    Ach natrlich! Herrgott, und wie verwstet sie aussah! Der Wirth lachte
laut auf und das Gesprch ber, Kathi gerieth wieder ins gewhnliche Fahrwasser.
- Ihm war, als ob der Sommerabend eisigen Tod verhauche, als ob de Finsternisse
langsam herniederwuchteten.
    Der so unerwartet Getuschte schlief die Nacht nicht. Gerade durch den
Zweifel der Untreue erregt, waren all seine Sinne aufgestachelt und des schnen
Weibes Besitz setzte ihn in brennenden Farben vor. So fate er nun den
Entschlu, der Sache auf den Grund zu gehen und sofort am andern Morgen sie zu
berfhren. Er fuhr dorthin. Frau Lmmers war nicht wenig erstaunt, ihn so
unerwartet erscheinen zu sehn. Doch klrte er sie gleich auf. Sie gab zu, da
Kathi spt nach Hause gekommen sei.
    Aha, sie hat wieder eine furchtbare Dummheit gemacht, sagte Rother
stirnrunzelnd hin. Sie war noch nicht aufgestanden. Als die Wirthin klopfte und
ihr ankndigte, Rother wolle sie um jeden Preis sprechen, - - verrieth ihre
antwortende Stimme Aerger und Furcht. Nach kurzem Parlamentiren wurde
ausgemacht, da er in einer halben Stunde wiederkommen solle, bis sie sich
angezogen habe.
    Er verbrachte die Zwischenzeit in einem nebenan liegenden Budikerkeller. Die
Leute dort, Arbeiter und kleine Handwerker beim Frhschoppen und Morgenimbi,
starrten ihn fragend und verwundert an, wie er einen Bittern nach dem Andern
hinuntergo. Er besah sich im Spiegel; wie bleich er war! Er fhlte Beklemmung
im Herzen oder vielmehr in der Magenhhle - man verwechselt ja so oft die
innigsten Gefhle ... Was wollen Sie denn so frh? fragte sie mit einer
Stimme, in der zugleich Zorn und etwas wie Furcht sich mischten. Da er sie nur
fest anschaute - sie hielt die Thr in der Hand -, fuhr sie hchst ungndig
fort: Ist dies eine Zeit, Besuche zu machen? Er zuckte mit den Achseln und
trat ruhig ein, indem er sie stets noch fest fixirte. Sie trug einen losen
Schlafrock und um den bloen Hals hatte sie ein schwarzes Tuch geschlungen. Die
Haut des Halses erschien gelblich und nicht fest genug. Seltsam, da Rothers
Knstlerauge dies in einem solchen Augenblick bemerkte. Sie sah berhaupt sehr
schlecht aus und hatte - Sieh da, es ist also richtig! sagte Rother laut,
indem er sie fest betrachtete.
    Was? fuhr sie unwirsch auf, hren Sie nicht auf, mich zu qulen?
    Blaue Rnder um die Angen! fuhr er finster fort, das stimmt.
    So, hab i blaue Rnder? Es zuckte humoristisch um ihre Lippen. Jo, dafr
kann i nix. Da mssen's dem lieben Gott bestellen, er soll's anders einrichten.
    Wie? machte er zurckfahrend, wollen Sie damit sagen -
    Nun, was haben's denn eigentlich wieder?
    Gestern im Sedan-Panorama, nicht wahr? herrschte er sie an. Sie stutzte
und sagte ernst:
    Ja, da war ich. Aber das konnt' ich doch nicht abschlagen. Wissen's, das
war mein Prinzipal. Er traf mich auf der Strae und drang so in mich - ich mut'
mitkommen.
    So und da hast Du zrtlich umarmt mit ihm gesessen? Sie fuhr entrstet
auf, mit bebenden Lippen.
    So, sieh einmal diese Gemeinheit! Am Buffet hab ich mit ihm gesessen, die
Buffetdame kann's Ihnen bezeugen, ganz offen; und nachher kam sein Freund, der
Horether Buchsing, dazu und dessen Frau. Ach, es ist emprend, diese
Verleumdungen! Als ob alle Welt nur mich zu beobachten htte.
    So ist das wirklich.. stammelte er unschlssig.
    I geb Ihn' mein heiliges Ehrenwort! rief sie, indem sie mit der abwrts
gekehrten Handflche eine bezaubernde Bewegung machte, die ihr eigenthmlich
war. brigens, glauben's auch nicht, wenn Sie wollen. I wei was wahr ist, und
das gengt mir.
    Es ist ja mglich, da Sie wahr reden. Aber ich will mich doch von Ihnen
trennen. Und darum bitt ich Sie, geben Sie mir zurck, was Sie brieflich von mir
haben.
    Ich hab nichts mehr, sagte sie strrig, indem sie sein Auge vermied.
    Das haben Sie damals auch gesagt. - Ich will es, betonte er, indem er sie
stirnrunzelnd ma. Ueber ihr Gesicht ging es wie eine convulsivische Zuckung.
Dann ffnete sie ihren Koffer und kramte darin: Hier! Da! Nehmen Sie Alles!
Weiter nichts mehr da. Hab Alles verbrannt! Sie, ffnete einen Parfmeriekasten
aus Alfenidesilber.
    Und siehe da, er fand dort einige Zeichnungen, die er vor seiner Abreise ihr
hinterlassen, hingesudelte Kritzeleien, die sie aber doch sorgfltig bewahrt
hatte, und einige Zeilen von seiner Hand aus frherer Zeit. Die Papiere, ganz
von Parfmgeruch durchsttigt - ohne eine Wort zu sagen, nahm er Alles an sich.
Sie stand dabei mit gekreuzten Armen, ohne sich zu rhren, den starren Blick auf
den Kasten geheftet.
    O mein Gott! rief er pltzlich aus. Ahnen Sie denn gar nicht, was ich
leide? Um Sie leide?
    Nun, was leiden's denn? fragte sie schnippisch, indem ein bitteres Lcheln
ihre Lippen schrzte.
    Was, ja was! Ich habe nie so etwas gefhlt, nie. Das kennen Sie eben nicht,
das ist die Liebe. Wei Gott, wenn Sie da drauen in Lumpen auf der Strae
umherirrten oder Ihr Gesicht von Pocken zerrissen wrde, ich liebte Sie noch
grade so. Ach ich rede so hin - das lt sich nur fhlen!
    Sie sah starr ins Weite und war sehr bla. Ihr Auge brannte wie von
unvergossenen Thrnen, mit einem trben Glanz.
    Haben Sie denn nun die Stellung? fragte er nach einer Pause. Sie
besttigte ihm trocken, da sie in ein Caf an der Jannowitzbrcke bis zum
ersten September eintreten werde, dessen Besitzer sie schon lange bestrmt habe,
zu ihm zu kommen. Und soll ich Sie dort besuchen?
    Wie Sie belieben, erwiderte sie ernsthaft nach einer Pause. Ich fordere
Sie nicht dazu auf. Es kann ja doch nur Schlimmes.. Sie wandte sich ab. Er
betrachtete sie noch einmal fest und schttelte den Kopf.
    Ja ja, die blauen Rnder um die Augen, Woher kommt das? Sie zuckte
ungeduldig die Achseln.
    Die Scham verbietet.. Unwillkrlich fiel sein Auge auf die Waschschssel,
- es lag ja noch Alles unaufgerumt umher - die er bisher noch nicht bemerkt
hatte. Da war ihm mit einmal Alles klar und mit einem gewissen Ach so! nahm er
Abschied. Beide nickten sehr schweigend zu.
    Wie hat die Natur das Weib doch bervorgetrieben. Zu wie falschen Schlssen
giebt ihr physischer Zustand Veranlassung! Der Mann ist oft aus Unbewutheit
ungerecht. Was ist berhaupt Wahrheit! - Wenn Jemand mit der Reinheit und Treue
eines Weibes spielt, so kann man achselzuckend zweifeln. Und wenn man ein Weib
der Untreue bezchtigt, ganz ebenso. Nicht nur die Beweise sind immer strikt
berzeugend, seien sie auch handgreiflich.
    So scho es Rother durch den Kopf, als er heimkehrte. Er fing an, ein
Lebensphilosoph zu werden - wenigstens war er auf dem rechten Weg dazu. Wie alle
wahren Weisen, wenn sie Andern vorwerfen, sie rgerten sich noch zu viel ber
Thorheit und Gemeinheit der Welt, bewahrte er natrlich die gleiche Nervositt
nichtsdestoweniger. Ein Windsto pltzlicher Erregung konnte das Kartenhaus
seiner neuerworbenen Fassung zusammenblasen.
    Er wartete volle acht Tage, whrend welcher Zeit er mit rasenden Eifer
arbeitete. Endlich lie es ihm keine Ruhe mehr. - Das Erscheinen des Stahlstichs
nach dem Bilde war immer noch von ihm verzgert worden. Dennoch schienen durch
jenes unvorsichtige Versehen einzelne Abzge in den Handel gekommen. Ihn qulte
die Ungewiheit, ob Kathi von einem ihrer zahlreichen Verehrer vielleicht
darber au fait gesetzt sei. - Am achten Tage lie es ihm keine Ruhe mehr. Er
nahm ein Bad, das in der Zerstreuung ein heies wurde, trotzdem nur kalte Bder
seinem gereizten Nervensystem ntzen konnten, und setzte sich auf die Stadtbahn
via Jannowitzbrcke. Als er das betreffende Lokal gefunden, zu seiner lebhaften
Verwunderung von Kathi keine Spur! Auch die Kellner wuten absolut nichts von
ihr zu melden. Er eilte in umliegende Lokale - nichts, aufs nchste Polizeiamt -
keine Ahnung. Er fuhr wieder zurck nach dem Caf Bammer. Auch dort wute
Niemand von irgend etwas. Nur wurde erzhlt, sie sei schon in Hamburg und der
Kohlrausch sei berall mit ihr gesehen worden. Einige sagen, bemerkte der
grienende Kellner, er habe sie gleich als Frau mit 'rber genommen.
    Als Frau? Sie meinen, da er sie heirathen wolle?
    Der Kellner fiel vor Erstaunen bald um. Heirathen? Wer heirathet denn solch
communes Mensch? Rother bi sich auf die Lippen und erbleichte. Wenigstens ich
jetzt die Wahrheit erfahren, dachte er. Wahrscheinlich ist sie setzt auf und
davon. Jedenfalls mu ich die Wirthin sprechen.
    Er hatte ein Schnitzel heruntergeschlungen. Ein galliger Geschmack stieg ihm
im Munde auf. Der zehrende Stimm erstickte ihn beinah. Es war unertrglich hei;
sein eleganter Anzug wurde mit Staub berieselt von heftigen Windsten, die hier
und da ber den Boden fegten. Hitze mit schneidendem Wind - ein Bild seiner
eignen Gemthsstimmungen ...
    Zu seinem Erstaunen rief die Wirthin, sobald sie seiner ansichtig wurde, mit
ernstem Gesicht Ich werde sie rufen. Bitte, treten Sie ein!
    Wie, ist sie noch hier? fragte er unsicher und zgernd.
    Ja gewi. Gedulden Sie sich ein wenig, ja?
    So sa er wieder auf der alten Stelle. Auf dem Tische lagen wieder die
Bcher umher, die sie mit dem Geschmack einer Salondame arrangirt hatte. Der
Trompeter von Skkingen, Karl Stielers Hochlandslieder, die Lurlei von
Julius Wolff, daneben ein Modemagazin das stark nach Parfm duftete. Auf der
Kommode stak im Wasserglase ein Rosenstrau: Als sein Auge darauf fiel, erkannte
er den seinen, den er vor acht Tagen gebracht. Noch immer war sie hier! Was
trieb sie denn!
    Ein fester rascher Schritt nherte sich. Sie trat ein, indem sie einen Korb
Wsche unter dem Arme trug. Ihre Wangen waren gerthet, ihre Stirn gerunzelt.
Sie sah ihn nicht an und fragte mit einer Stimme, die sicher und barsch klingen
sollte, aber vor Erregung zitterte: Was steht zu Ihren Diensten?
    Ich dachte, Sie htten uns schon lange verlassen, sagte er ruhig.
    Ja, ich geh auch jetzt bald, erwiderte sie rasch. Am ersten.
    Und warum sind Sie denn nicht in die Stellung gegangen?
    Warum? Weil mir's nicht pate. Weil - Sie sah in die Luft und zuckte
leicht die Achseln.
    Nun, weil -?
    Weil ich, so lange ich hier bin, lieber verhungern will, als in solcher
Stellung noch mal hier auftreten - damit der Skandal wieder von vorne angeht.
    Nun gut. Ich bin einfach deswegen gekommen: Es fiel mir auf, da Sie mir
neulich sonst Alles wiedergaben, aber meine eigentlich compromittirenden Briefe
nicht. Wie kommt das?
    Ich hab' sie nicht mehr.
    Knnen Sie mir das schriftlich geben?
    Ja, das fehlte noch! Wenn Ihnen mein Wort nicht gengt!
    Eine kleine Pause trat ein. Sie legte fortwhrend ihre Wsche zurecht, was
auf ihn einen eigenen einheimelnden Reiz ausbte. Ach, Du bist ja verrckt,
sagte er pltzlich halb rgerlich.
    So? gab sie resolut zur Antwort. Wenn ich verrckt bin (kann schon sein),
dann sind Sie wenigstens mit mir verrckt. Das ist ein Trost.
    Sie haben selbst gesagt, da Sie bsartig sind, hob er wieder an.
Deswegen will ich mich eben schtzen. Ich frchte mich vor Ihnen.
    Sie - vor mir? - Sie lachte leise auf. Vor mir haben Sie Ruhe; da mgen's
sicher sein. Sie trat ans Fenster und sah hinaus. O ich bin jetzt ganz ruhig.
Wenn Sie nur so glcklich wren wie ich! Bisher war ich gut, nun will ich recht
schlecht werden.
    Schmen Sie sich nicht - fuhr er auf.
    O wenn Sie mich beschimpfen wollen, da la' ich Sie allein. Ich geh' gleich
weg. Aber sie rhrte sich nicht vom Fleck.
    Ich fhle durchaus nicht das Bedrfni dazu. - Was wird nicht wieder Alles
ber Sie zusammengeredet! Sie sind schon nach Hamburg avisirt als Geliebte des
... Der hat das auch berall ausgesprengt.
    Sie sah ihn gleichgltig an und zuckte wieder ungeduldig die Achseln.
    Nun, wenn er das selber glaubt, ist's ja gut.
    Pah, das ist auch der richtige Hahurei, brummte er in den Bart.
    Was ist er? fragte sie aufmerksam.
    O ich meine, wenn Sie den heirathen wrden, knnten Sie nur gleich mit
einem Andern durchgehn.
    Er gab ihm hastig Feuer, als er sich eine Cigarette ansteckte. Dann sagte
sie gedankenvoll:
    Nun, mir soll knftig Keiner zu nahe kommen, das sag ich Ihnen.
    Welche Dummheit haben Sie doch gemacht! rief er aus. Dort knnen Sie doch
nicht bleiben. Da ist's ja viel zu langweilig. Und hier - welch ein Renommee
haben Sie nun hier! Ich bin ja doch der Einzige, der an Sie glaubt.
    Pltzlich wandte sie sich um: Sagen Sie, war Ihnen denn das wirklich Ernst,
da Sie mich heirathen wollten?
    Ja, sagte er fest.
    Und ist es noch?
    Ja, wiederholte er bestimmt.
    Nun gut denn. Ich gehe jetzt nach Hamburg. So will ich sehn, ob es mir dort
gefllt. Und dann werde ich Ihnen schreiben.
    Aber seien Sie aufrichtig.
    Ja, ich werde sehr aufrichtig sein.
    Nun, und dann?
    Ja, dann knnen wir uns heirathen ... Aber das sag ich Ihnen, wenn Sie mir
kommen und sagen, was man ber mich gesagt hat, dann krieg' ich Sie am Cravatl.
    Oho! Versuch das doch mal.
    Ach Du! Sie sah ihn schelmisch an. Du wirst ohnehin der rechte
Pantoffelheld. - Ja, machen's nur noch so groe Augen! Ich wei das.
    Man sieht, wie wenig Du mich kennst, sagte er gemessen. Versuch's doch
mal, mich am Kragen zu fassen, he? Nein, zanken werd ich nicht mit Dir; aber
machst Du mir Geschichten, so schie ich Dich einfach todt und mich nachher ...
Ueberhaupt - was ich mir hier sagen lassen mu! Htte mir eine Andre den
hundertsten Theil davon gesagt! Und wenn Du wtest, wie verwhnt ich bin! Er
fhlte wieder das Bedrfni, sich vor ihr ein mystisches Air zu geben.
    Ja, Du mut sehr verwhnt sein! lchelte sie, denn Du hast etwas an Dir,
als ob Du auf den Kpfen der Menschen spazieren gingest.
    Ach, Du begreifst ja noch gar nicht, wer ich bin, blhte er sich auf.
    Nun, was bist denn? koste sie. Sag mir's doch!
    Unwillkrlich fiel ihm die Sage von Merlin ein, dem die Nixe das eine
bannende Wort ablocken will. O ich meine nur so im Allgemeinen, brummte er
halblaut.
    Nun mu ich aber arbeiten. Du weit nicht, wieviel ich zu thun hab', sagte
sie rasch. Jetzt la mich allein.
    Gut denn, ich geh schon. Wann sehn wir uns also wieder, bevor Du
fortgehst?
    Am nchsten Montag um fnf Uhr. Und nun sag noch meiner Wirthin Adieu. Er
that es. Ach sieh, ich bin grer wie Du, lachte sie, indem sie an der
Thrschwelle sich auf ihren hohen Stiefel-Hacken erhob, welche alle weiblichen
Wesen der unteren Schichten fr das untrglichste Zeichen ladyliker Eleganz
halten.
    Noch was, Du mit Deinem Cothurn! Kindisch wie sie (wie er denn
unwillkrlich von diesem wundersamen neuen Umgangskreis in seiner ganzen
Lebensauffassung angesteckt wurde), ma er mit der Hand die Hhenflche ab,
indem seine Augenbrauenhhe mit ihrer Stirnhhe auf gleicher Linie lag.
    Schad't nichts. Wenn das Alles wahr ist, was fr ein groer Knstlehr (sie
sprach das Wort mit altberlinischem Accent) Du bist, so htt'st Du doch
wenigstens etwas in die Breite wachsen sollen. So kommt mir's vor, als ob ich
gar keinen ordentlichen Mann neben mir habe.
    Oho, das glaubst Du doch selber nicht! Jeder Zoll ein Mann! Dabei gab er
ihr einen Ku und drckte sie an sich.
    Ja, ich glaub's schon. Bist doch ein schneidiger Kerl, nselte sie
drollig, wie ein Dragoner in Civil.
    Alter Puselkopp! Damit klopfte er sie ber die Stirn und streichelte ihre
Haare. Dann schttelten sich Beide herzhaft die Hand und sie rief ihm bers
Gelnder nach: Alter Puselkopp, auf frohes Wiedersehn!
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    In gehobener Stimmung kehrte er heim und arbeitete mit zher
Entschlossenheit mehrere Tage lang ununterbrochen an seinem Bilde. Am Freitag
aber hatte er sich mit dem Componisten Henry Francis Annesley, einem jngeren
Freunde, verabredet, in einer Weinkneipe zusammenzutreffen.
    Annesley spielte sich als ein Bewunderer von Rothers originaler
Knstlerschaft auf und lauschte daher andchtig, als dieser ihm feierlich
docirte, wie er ein Bild Jesus und die Ehebrecherin untermalt habe, wobei er
tiefsinnig ber das Wesen des Christenthums sich uerte.
    Wer sich rein fhlt, der werfe den ersten Stein auf sie, dieser Spruch des
Heilands, in welchem die letzten Schranken durchbrochen werden, hatte Eduard
natrlich besonders imponirt. Und wie bequem lt sich der Sinn des leicht
mizuverstehenden Spruches zurechtstutzen: Ihr sei viel vergeben, denn sie hat
viel geliebt!!
    Nachdem sie also in erhabenen Gefhlen geschwelgt, endeten sie logisch und
naturgem mit dem schnen Triebe, einige Maria Magdalenen zu trsten. Eine
blaue Laterne, als sie ziellos ber die Strae schlenderten und sich in dem
belriechenden Gehege der weiblichen Asphaltblumen fortschoben, leuchtete ihnen
freundlich zur gastlichen Herberge.
    Das Caf Calcutta strahlte in seiner ganzen Pracht. An den Decken der
Wein-Stuben tanzten indische Bajaderen in schreiend grellen Farben und
betrchtlicher. Mrchen-Nacktheit. Vorn in der Hauptschenkstube hingen zwo
herrliche Gemlde: Nena Sahib der groe Nabob und Lord Clive, Eroberer von
Indien.
    Der Wirth, eine pikante Persnlichkeit mit aufgedunsenem Gesicht, gierigen
Augen, lsternen Lippen, schnffelnder Fuchsnase, aber immer elejant mit
Kneifer, schwarzem Leibrock und tadelloser Blondin-Frisur - der berhmte
Anekdotenerzhler Herr Strieseke, bot mit freundlichem Grinsen seine
Schnupftabacksdose den Ankmmlingen dar indem er zugleich mit wrdevollem
Bckling den Herren die Weinstuben empfahl.
    Die weibliche Bedienung, welche angeblich franzsisch, englisch, russisch,
magyarisch, chinesisch, ostafrikanisch und - indisch sprach, erschien auf der
Bildflche in bengalischer Beleuchtung und Bekleidung. Letztere etwas krglich
zugeschnitten. Doch wenn sie auch unten und oben ausreichender Gewandung
entbehrten, so schien dieses Armuthszeichen doch auf ihre sonstige Ernhrung
nicht von Einflu gewesen zu sein. Ihr offenbar ergiebiger Futterkorb hatte sie
meist so dickgemstet, wie eine deutsche Schriftstellerin in ausgeschnittener
Schriftstellertag-Tournre.
    Spanische Seidenmantillen und Spitzenschleier sowie rothe Fez mit blauer
Troddel auf dem Chignon sollten augenscheinlich das indische Lokalkolorit
veranschaulichen.
    Annesley schnitt eine dmonische Grimasse, strich genialisch einen
Haarbschel in die Stirn und pflanzte sich in einer malerischen Pose auf, als
wolle er eine Arie singen. Offenbar erwartete er, da smmtliche Weiber sofort
bei seinem Anblick auf den Rcken fallen wrden, mit dem schmachtenden
Aufschrei: Dieses blasse Gesicht ist mein Schicksal! Da jedoch nichts
Aehnliches eintrat und sein pantomimisches Ballet nur mit der zarten
Aufforderung belohnt wurde: Na, Blondchen, setze Dir man! Ist Dir unwohl?,
warf er sich mimuthig auf ein Kanapee, nachdem er seinen Schlapphut in die Luft
geschleudert und wieder aufgefangen. Ich werde mir ein Weib erkiesen, meinte
er groartig. - Um Gotteswillen nicht hier! Denken Sie doch, noch neulich der
Heilgehlfe - Was geht das Sie an? Das Zukunftsgenie bumte sich auf, in
seinen heiligsten Gefhlen gekrnkt. Uebrigens pumpen Sie mir bis bermorgen 10
Mark. Ich habe mein Portemonaie vergessen.
    Das Lokal duftete nach abgestandener Lderlichkeit und Eau de mille fleurs,
wie gewhnlich. Die Schenkheben - verkommen, aber nicht zu sehr - producirten
alsbald die berchtigten Porterflaschen  1 Mark, woran der Wirth 90 Pfennige zu
verdienen beliebt.
    Darf ich mir auch eins holen? Diese stereotype Frage hatte Eduard als
ausgepichter Mann der Erfahrung mit einem abwehrenden Grunzen beantwortet. Da
fiel sein Blick auf eine Jungfrau am Nebentische, die mit einem Kneifer auf der
Nase, einen keck berlegenen Ausdruck im Gesicht, ihn anstierte.
    Die da soll herkommen! - Mit einer grazisen Verengung huschte sie heran,
jedoch an Henry Francis Annesleys Seite, der sie gleichgltig musterte. Nachdem
sie erst Annesleys, dann Eduards Hut aufgestlpt und sich in allerlei niedlichen
Koketterieen gebt hatte, erffnete der nachlssig hintenber lehnende Maler in
schlfrigem Ton ein Wortgeplnkel. Annesley hatte sich mit der ihm eigenen
nervsen Unruhe in das Nebenzimmer geflchtet, wo er pltzlich dem blichen
Klavierspieler eine seiner Lieder-Compositionen mit Stentorstimme vortrug.
    Als sie nun zum Aufbruch rsteten und Eduard in einer Auswallung ungesunder
Generositt eine Mark Trinkgeld spendirte, fhlte sich Frulein Mary - so nannte
sich die Kneiferbehaftete - innig zu ihm hingezogen und bat ihn mit ihren
holdesten Schmeicheltnen, eine Flasche Wein mit ihr zu trinken. Halb zog sie
ihn, halb sank er hin. Annesley wnschte gute Verrichtung. Eine Collegin band
Eduardo die Mary dringend auf die Seele, da diese gerade kein Verhltni߫ habe,
und die zrtlichste Schwrmerei  16 Mark (Zwei Flaschen Gift  6 Mark 50
Pfennige und drei Portionen Oelsardinen, welche die gute Freundin so gerne a,
 1 Mark) entwickelte sich. Was thut man nicht, um in diesen distinguirten
Kreisen populr zu werden!
    Als Eduard sein Portemonnaie musterte, fand er leider nur 15 Mark darin und
wollte doch wenigstens 5 Mark fr weitere Auslagen behalten. Also deponirte er,
10 Mark zahlend, die Uhr. Frulein Mary erschien, nachdem er eine Viertelstunde
in grulichem Zug vor der Hausthr gewartet, mit einem wundersamen Strohhut,
dessen Krempe phantastische Blumen garnirten.
    Seltsame Menschennatur! Trotz seiner alles beherrschenden Liebe fr Kathi
wute ihn Mary derartig durch ihre stille Gluth zu bezaubern, da er in ihren
Armen sein Liebesweh gerne verga. Sie erzhlte ihm eilig ihr ganzes Leben (die
bliche Wahrheit und Dichtung) und betete ihn augenscheinlich an, wie dies bei
dem ersten Eindruck gegenseitiger Neigung so hufig ein freundlicher
Selbstbetrug gestattet. Als sie ihm eine Rhrgeschichte von ihren Augen
erzhlte, wie sie am Staar erblindet gewesen und dabei von dem Mitleid eines
Biedermannes untersttzt worden sei, der auch in der Blindheit ihr treuer Freund
blieb - da trug sie das Alles so reizend vor, da Eduard nicht umhin konnte, sie
auf die sen verkniffenen Augen zu kssen und sie mitleidig ans Herz zu
drcken. Nachdem er sie aber dann zrtlich Mein Brutchen genannt und sie mit
niedlichem Schmollen Ach, das sagst Du jetzt schon! gelispelt hatte, packte er
sie in eine Droschke, statt mit ihr nach Hause zu wandeln, wobei sie ihn noch
aus dem Wagenschlag wie wahnsinnig kte und ihn beschwor, sie morgen wieder
durch sein Erscheinen zu beglcken.
    Er lachte bitter in sich hinein, als er sich selbst in eine Nachtdroschke
warf und mit starkem Cigarrenqualme die Dnste des vergifteten Weines zu
verwischen suchte.
    Das ist der Mann! Whrend sie, die Eine, vielleicht ernsthaft an ihn dachte,
whrend die gebldete Kneifer-Jungfrau mit Eros Pfeil behaftet in ihr Bett
schlpfte, ghnte er verdrossen und mrrisch in die Nachtnebel hinein. Aber
einen komischen Gewissensbi sprte dieser schwchliche Halb-Idealist denn doch.
Der Instinkt brachte ihm das dem Menschen eingeborene Gefhl zur Geltung, da
eine Doppeliebe nebeneinander unmglich sei. Jede Verletzung monogamischer Treue
wird als ein Abfall vom natrlichen Ideal empfunden.
    Am andern Tage - Witterungswechsel war eingetreten, die ermdeten Nerven wie
der erhitze Magen hatten in der eisigen Nacht eine ungesunde Abkhlung erfahren
- rkelte er auf seinem Sopha, die Zeichnungen zu Kuglers Friedrich der Groe
von Menzel durchbltternd und versumte eine Entrstungs-Conferenz mit Collegen
in Sachen einiger Bildabweisungen durch die Jury der letzten Kunstausstellung.
Wre er aber rechtzeitig gegangen, so htte er den Brief nicht mehr erhalten,
der ihn auch den Abend zu bleiben bestimmte. Auf seine Frage, ob sie mit ihm in
Sardon's Theodora gehn wolle, hatte sie wieder zgernd erwidert: es ginge
nicht, nachdem sie so lange nirgendwohin ausgegangen. Dennoch wollte er hinaus
fahren und sie bestimmen, mit ihm ffentlich zu erscheinen, obschon Beide sich
wohl ber dies Wagestck klar sein mochten. Sie schrieb ihm aber jetzt:

        Drfte ich Sie bitten, statt Montag schon morgen Sonntag um vier zu mir
        zu kommen, da ich mit Ihnen noch ber eine Angelegenheit reden mchte.
        Mit herzlichem Gru Ihre K.K.

    Rother ging nun allein ins Residenztheater, um das byzantinische Ensemble
auf seine Kostm-Echtheit zu prfen. Sein gewhnliches Steckenpferd. - Dies Bild
einer Dirne, die sich bis zur Weltherrscherin emporringt, an der Seite eines vom
Karrenschieber zum Csar aufgestiegenen Justinian, rief ihm so recht die
originelle Urweib-Erscheinung Kathis in ihrer unheimlichen Voll-Kraft vor Augen.
Die Scene, wo Andreas seiner Verfhrerin flucht und Liebe und Ha bei ihm auf-
und abwogen, erschtterte ihn tief.
    Er dachte an seine eigene Theodora. Sollte auch er ihr einst fluchen?
Sollte bermchtiger Ha die Liebe besiegen? Nein, nein, sie war gut, sie war
edel. Er hatte es beim letzten Mal so recht erkannt.
    Warum mute ihm durch Vererbung so viel sinnliche Leidenschaft und zugleich
so viel reine aufopfernde Liebessehnsucht ins Herz gepflanzt sein! Was hilft die
geistige Begabung oder Charaktergaben in der Geschlechtsliebe, welche doch die
Spiralfeder aller Handlungen und das wichtigste Element des Lebens bildet?
Absolut nichts - beim Weibe wenigstens.
    Schnheit und Kraft gilt beim Weibe natrlich viel: sie nennt das gern
haben, wenn ihre physischen Begierden erregt. Rang und Reichthum gilt noch
hher. Einem Titel wiedersteht man schwer und einem vollen Goldsckel, der die
Vision des Luxus hervorzaubert, zu widerstehn, scheint kaum mglich. Ruhm -
schon viel weniger verlockend. Was ist Ruhm! Hchstens kann er sich in
gesellschaftliche Stellung umsetzen. Und gar der geistige Werth ohne Ruhm - ein
Nullwerth! Gte des Charakters? Taugt hochstens dazu, mit einer Art
herablassendem Mitleid in Fllen der Noth ausgenutzt zu werden.
    Der Schnste, Krftigste, Reichste und Vornehmste - der hat ja doch alleine
Chancen in der Welt wie in der Liebe, der Weise und Beste nie.
    Was ist also Liebe eigentlich? Ein Ding, das fr die Weisen und Guten nicht
pat, also ihrer unwrdig. Und doch leiden oft gerade sie am tiefsten unter
dieser Folter.
    Warum mu das Gefhl der Liebe sich grade an ein Geschpf wie das Weib
knpfen? Wie viel glcklicher scheint das Weib in dieser Hinsicht, da sie
wirklich das intellectuell und moralisch hoher stehende Element im Manne lieben
kann!
    Aber was helfen die Betrachtungen! Aendern die etwas an der Leidenschaft
selbst? Die bleibt, allen philosophischen Reflexionen zum Trotz. Die Liebe, wenn
zur wirklichen verzehrenden Leidenschaft entflammt, gehorcht immer nur der
Sinnlichkeit.
    Wre das schne Weib minder begehrenswerth gewesen, so htte Rother sicher
nicht bis zu solch selbstvernichtender Hingebung sich herabgelassen. Die Liebe
gleicht einer Furie selbstschtiger Selbstvernichtung, welche ihre hchste
Wollust im Zerfleischen der Ichsucht findet.
    Er stellte sich vor, ihr Gesicht werde von Runzeln zerfressen, ihr Busen
schrumpfe ein und sie huste schwindschtig. Auch dann noch glaubte er ihr
dieselbe, ja vielleicht eine noch tiefere Neigung bewahren zu knnen.
    Vielleicht keine Selbsttuschung. Um so schlimmer fr ihn, da er diese
Betrachtung ber das Wesen der Liebe wagte. Liebe wird erst dann mrderisch,
wenn sie die Sinnlichkeit berwunden zu haben glaubt: Dann ist sie in alle Adern
wie ein Giftstoff bergegangen. -
    Eduard arbeitete tapfer den ganzen Tag darauf los, seine peinigende Ungeduld
bezwingend bis ihn die Stunde rief.
    Das erste Mal, da er an einem Sonntag die alte liebe Fhrte ging. Die ganze
Friedrichs- und Chausseestrae hinauf wogte es in buntem Gewhl.
    Die Sonne schien hell; ihm war schwl und beklommen zu Muth, als die
Arbeiterbevlkerung des Weddings in Sonntagsrcken an ihm vorbeistrmte. Als er
wieder das alte rumpelige Haus betrat, schlug es Vier.
    Er kam also just zur Zeit. Gleichwohl bat ihn die Wirthin, sich zu gedulden;
Kathi kme gleich.
    Wieder sa er am Fenster und blickte auf die Strae hinab. Wie ihm das Herz
schlug! Die Erinnerung so mancher unseliger Stunden der Vergangenheit, die trbe
verrauscht oder thricht genossen, stieg, wie dampfender Nebel aus dem Moore,
wie eine bleiche Erynnienschaar, aus der Tiefe auf und huschte ber das grell
beleuchtete Trottoir der Strae da unten hinweg. Sein Herz lauschte dster den
Stimmen aus dem Abgrund und tauschte mit ihnen schwermthige Gre.
    Die Wirthin trat einmal ein und holte etwas, indem sie still vor sich
hinlchelte. - Endlich ging die Thr leise auf und sie trat ein. Sie trug den
geblmten Schlafrock, der ihre Gestalt so prchtig hervorhob. Schweigend ging
sie wie gewhnlich, ohne ihn anzusehn, bis in die Mitte des Zimmers.
    Danke, da Sie gekommen sind, sagte sie sanft mit einem ernsten schnen
Blick.
    Nun, in welcher Angelegenheit haben Sie mich zu sprechen?
    O in gar keiner. Ich wollte Sie nur noch mal wiedersehn. Vielleicht reis'
ich schon morgen. Und da wollt' ich doch den letzten Abend noch mit Ihnen
zusammen sein.
    Gut. Da hab ich Ihnen auch noch ein Rosenbouqet mitgebracht. Er nestelte
es aus dem Ueberzieher heraus und warf es auf die Kommode.
    Besten Dank! Sie stellte es in ein Glas Wasser und setzte lchelnd hinzu:
    Wer wei, fr wen das in Wahrheit gewesen ist! Das war am Ende gar nicht
fr mich!
    O doch, mein Engel. Und hier ist auch meine Photographie.
    Sie klatschte vor Vergngen in die Hnde. Ach, das ist schn! Dafr sag'
ich Ihnen doppelt Dank. - Sehn Sie, auf dem Bilde sind Sie sehr hbsch. Ja, so
sehn Sie gut aus.
    Und bekomm ich kein Bild von Dir?
    Ja, Sie sollen eins haben, sagte sie energisch und whlte in ihrem Album.
Im Kostm wollen's keins?
    O, um Gottes Willen nicht. Da die eine mit dem Buch!
    Ich hab zwar nur die eine und geb' sie sehr ungern. Aber Sie sollen sie
haben.
    Und was schreiben Sie darauf?
    Aber Sie drfen nicht zusehn.
    Nein doch! Er ging ans Fenster.
    Sie beugte sich ber die Photographie und kritzelte darauf. Wie wunderbar
schn sie war! Ihre Gesichtsfarbe hatte sich rosig gefrischt und ihre
braunblonden Haare leuchteten in einem undefinirbaren sauberen Glanze.
    Schreibe: Meinem Freunde, sagte er mit Nachdruck. Denn das bin ich
gewesen und das werde ich stets sein. Sie schrieb drauf los. Ach, fuhr er
fort Ich kenne die Welt: In drei Wochen hab ich Dich ganz vergessen. Und ich
habe so viel Abziehungen. Das kennt man ja. Vielleicht werden wir uns nie
wiedersehn.
    Aber was hab ich denn da geschrieben! fuhr es ihr pltzlich heraus, indem
sie mit einem humoristisch erstaunten Blick und reizendem Schmollen von der
Photographie aufschaute und ihn ansah.
    Nun, was denn?
    Nein, das drfen's nicht sehn! Wie der Wind war sie zur Thr hinaus und
kam mit einem Messer wieder, mit dem sie alsbald auf der Rckseite radirte.
    Was mag denn das wohl gewesen sein?
    O ich will's Dir sagen. Ich hatte geschrieben: Meinem lieben Qulgeist. Nun
schrieb ich Das. Sie reichte ihm das Bild auf der Rckseite hin. Meinem
liebsten Freunde zum Abschied gewidmet. Sie sagte es so ernst. Ein leichtes
Stirnrunzeln fltete ihre Stirn und schien sich gleichsam in der zarten
Rammsnase fortzusetzen, die sich eigenthmlich rmpfte.
    Das hast Du gut gemacht. Ja, Dein Freund bin ich und werde es bleiben.
    Eine Pause entstand, wo sich Beide stumm Auge in Auge maen.
    Sagen's, sagte sie rasch, Ist Dein Bild, wovon Du sprachst, schon
ausgestellt?
    Ja. Da! Ich hab zufllig ausgeschnitten bei mir, was drber geschrieben
ist. Er zog ein Zeitungspapier aus der Brieftasche. Sie las:

    Eine so meisterhafte Pinselfhrung ist geeignet, jede Kritik zu entwaffnen.
Der grandiose Realismus des Ganzen verblfft gradezu. Dies Werk wird einen
Markstein in der Geschichte der Berliner Kunst bilden und weithin Sensation
machen.

    Sie wiederholte nachdenklich und nachdrcklich den letzten Satz, gleichsam
mit ernstem Stolz, als ob sie an dem Erfolg theilhabe und Mitarbeiterin sei.
Eduard fand das entzckend. O, es haben's aber auch Andere verrissen! warf er
hin.
    Dies thut nix, urtheilte sie rasch. Was sehr gelobt wird, wird auch sehr
getadelt. Nun, haben's auch mal wieder auf mich Gedichte gemacht, wie? Da steckt
was Weies, kicherte sie mit reizender Schalkhaftigkeit, indem sie in sein
Notizbuch griff. Er litt nmlich stark an Dichteritis, die ihn wie eine geistige
Cholerine besonders im Sommer heimzusuchen pflegte. Es sprudelte jedoch etwas
Spontanes in diesen kunstlos ungequlten Ergssen und sie wren eines echten
Lyrikers,  la Professor Grf, nicht unwrdig erschienen.
    Ja. Ich war wthend und rgerlich. Darum schrieb ich das. Er las mit
Emphase folgenden Ergu verkniffenen Grenwahns:

Ein feiger Narr der Leidenschaft,
Verblendet taumelte ich hin.
Nun hat sich endlich aufgerafft
Mein wundzerriebener Mannessinn.

Du knntest mich vernichten, Weib?
Ich selber war's, der mich zerstrt.
Dem Weib im parfmirten Leib
Kaum eine Seele angehrt.

Dein seelenloser eitler Schwatz
Hat nie verdunkelt mein Gemth.
Der Liebe Opferqual mein Schatz,
Htt' mich auch ohne Dich durchglht.

An eigner Seelenschnheit siech,
Hinfiebern wir in holdem Wahn,
Bis wir ein Herz in jedem Viech,
In jedem Kothe Perlen sahn.

Nun la den Satan los in Dir,
Weil Einer Dich als Engel nahm!
Nur wisse eins, ich warne hier:
Der Lwe ist nicht immer zahm.

Und wisse jeder weise Wicht,
Den meine Narrheit tief entzckt:
Ein Schaf macht solche Streiche nicht,
Der Lwe nur ist oft verrckt.

Ich lache ob den abgeschmackten Laffen,
Die mich anglotzen mit den Bocksgesichtern.
Ich lache ob den Fchsen, die so nchtern
Und hmisch mich beschnffeln und begaffen.

So, Heinrich Heine, klang Dein gelles Lachen,
Als Dich des Pbels fader Hohn erniedert,
Als alberner Verderbni Hllenrachen,
Der Dummheit Heuchelei, Dich angewidert.

Wer edel denkt, wird ewig unterliegen,
Wer Liebe sucht, der Selbstsucht Wollust finden.
Und doch wird nie das Bse ihn besiegen,
Wei er den Thorenschmerz zu berwinden.

Nichts lebt, was wrdig ist geliebt zu werden
Mit eines Knstlerherzens heiliger Reinheit.
Betrogen wird, wer je vertraut auf Erden
Dem Wahn, man ndere menschliche Gemeinheit.

Doch nicht das Lachen kann Dir Ruhe bringen.
Es strke sich Dein Stolz durch Selbstbetrachtung!
Und jede Bosheit wirst Du niederringen
Durch Deines Mitleids gttliche Verachtung.

    Sie hrte aufmerksam zu, indem sie die Hand an den Mund und brachte und
leicht am Zeigefinger knabberte. Dabei sah sie ihn mehrmals strahlenden Auges
an. Durch Deines Mitleids gttliche Verachtung! wiederholte sie halb fr sich.
Spricht wie ein Heiliger. Sieh mal hier! sprang sie pltzlich auf und hpfte
an die Kommode, von der sie eine Schnur mit aneinandergereihten Georgsthalern
nahm. Gefallt Dir das?
    Er lie sie sinnend durch die Hand gleiten. St. Georg - glaubst Du an
solche Heilige noch?
    Jo, sagte sie ernsthaft.
    Nein, mein Kind, die Heiligen helfen nichts.
    Glaubst Du denn auch nicht an Christus?
    O ja, Christus lebt noch immer in jedem seiner Jnger. Jeder, der gut ist
und liebevoll, wird gekreuzigt als ein Stck Christus.
    Mu denn Jeder dabei gekreuzigt werden, wenn er liebevoll ist?
    Hm, ja. - Er kann aber trotzdem viel glcklicher sein, als die Andern. Denn
Mitleid und Erbarmen machen glcklich. Damit kommt man ber Vieles weg, wenn man
statt zu verurtheilen sagt: Wer sich rein fhlt, werfe den ersten Stein auf sie.
Und das wirkt auch allein. Die Snderin hat sicher nicht mehr gesndigt.
    So, hm? machte sie. Man sagt doch aber, selbst die Gerechten fielen
zehnmal an einem Tag.
    Das ist anders zu verstehn. Den strengen Mastab von Christus kann doch
kein Mensch erfllen. Er predigt: Wer die Ehe bricht, der soll des Todes sterben
sagt das Gesetz. Ich aber sage euch, wer nur ein Weib fleischlich begehrt, der
soll des Todes sterben. Und wenn das Gesetz den Todtschlger tdtet, so soll
schon der des Todes sterben, der seinen Nchsten hat. Wer sollte da nicht wohl
zehnmal des Tages fallen!
    Oder sonst was gut's, murmelte sie gedankenlos und kante an ihrem Finger,
indem sie ihn verstohlen anschielte.
    Also heut zum letztenmal! murmelte er.

Nun wirst Du ruhn fr immer,
Du mdes Herz. Hin ist der Wahn, der letzte,
Den ewig ich geglaubt.
Beruhige Dich! La diese
Verzweiflung sein die letzte! Kein Geschenk hat
Fr uns das Schicksal als den Tod. Verachte
Die grenzenlose Nichtigkeit des Ganzen.

    Diese Leopardischen Verse, die er halblaut vor sich hin gesummt, schienen
ihrer Stimmung besonders zuzusagen. Denn sie strzte eiligst zu ihrem Koffer und
entnahm demselben ein schwarzes Bchlein, worauf Poesie, zu lesen stund. Ach
bitte, schreib mir das ein!
    Was, hier? Er nahm das Bchlein und entfaltete es. Nur wenige Seiten
beschrieben. Auf der ersten, die er aufschlug, fiel ihm ein kleines Lied
entgegen, das er ihr einst gestiftet. Darunter: Erinnerung an E.R.
    Das hat mir zu gut gefallen, erklrte sie mit lieblichem Errthen. - Dann
kam da ein Gedicht auf Passau mit dem groen heiligen Dom und dem rauschenden
Inn. Von wem ist denn das nun?
    Von mir, sagte sie lchelnd.
    Oho! Und was haben wir denn hier?

Entfaltet gleichsam einer Rose,
Schaust Du aus lustigen Augen in die Welt hinein.
Ich rufe jetzt auf Wiedersehn,
Heut wo wir Zwei am Scheidewege stehn,
Ich schliee Dich in mein Herzkmmerlein.

    Reimen thut sichs zwar nicht, aber 's ist wahr.
    Donner und Doria, welch ein Poet! Der scheint ja eine fabelhafte
Leidenschaft fr Dich zu haben! Wer ist denn das nun wieder?
    Herr Kohlrausch, lispelte sie tieferrthend.
    So? Nun, da dank ich schn. Rother stand auf, warf das Buch auf den Tisch
und ging mit raschen Schritten auf und ab. Also seid ihr schon einig?
    Aber nein doch! Ich wei nicht, wie Sie mir vorkommen! rief sie ngstlich.
    Nun, das Zeug ist zu schlecht, als da er's abgeschrieben htte. Also hat
er's selbst gemacht. Also ist er sterblich verliebt. Und da Sie sich das
einschreiben lassen, zeigt noch mehr. Und da bilden Sie sich ein, Eduard Rother
wird sich neben dem Kerl da verewigen? Nein, meine Theure, das ist zu viel
verlangt. Am Ende bin ich doch Eduard Rother.
    Aber was Du doch immer gleich denkst! sagte sie ruhig. Wenn Dem so wre
und ich interessirte mich fr ihn, so wrde ich's Dir doch nicht gezeigt haben.
    Das ist wahr, gab er betroffen zu.
    Das kam einfach so. Er besuchte mich mal, als ich nicht hier war, und sah
meine Poesie-Sachen hier herumliegen, weil ich immer Ihre Sachen lese. Da hat er
nun gehrt, wie viel ich mir daraus mache, und hat mir darum solch ein
Poesiebuch geschenkt, und sich ganz ohne meinen Wunsch darin selbst zuerst
eingeschrieben.
    
    So, sagte er befriedigt. Meinethalben. Aber ich schreibe mich nicht hier
ein.
    Ja, ich mu nur machen, da ich Ihre Photographie in Sicherheit bringe,
fuhr sie piquirt auf, sonst nehmen's mir die auch noch weg. Bei Ihnen, Eduard,
ist Alles mglich.
    Er klopfte sie auf die Wangen und lachte. Aber ein ses wonniges Gefhl
einer gewissen huslichen Zusammengehrigkeit durchschauerte ihn bei diesem
traurigen Kohlen.
    Sie trat wieder ans Fenster und sah auf die Strae hinab. Ihr Busen hob und
senkte sich von schweren Seufzern.
    Dies Berlin hat mir nur Kummer gebracht und doch ist mir, als ob ich
sterben mte, nun ich's verlasse. Ich wei nicht warum.. sie stockte. Er
schwieg. Ach, was hab' ich Gott nur gethan, da ich so viel leiden mu.
    Da Du ein Weib bist und, noch schlimmer, ein schnes Weib! warf er
achselzuckend hin. Sie berhrte das.
    Ach, ich habe stets gehrt, da es bitter ist, fremdes Brot zu essen. Aber,
da es so bitter ist, habe ich nicht gewut. Wenig glckliche Tage habe ich in
meinem ganzen Leben genossen. Ach, in meiner Jugend, da hatte ich selber
Dienstboten und qulte die halbtodt mit meinen Launen. Und Eine hat mir auch mal
gesagt: Sie wnsche, da ich mal dasselbe durchzumachen htte. Nun, das hab' ich
durchgekostet. Pltzlich fing sie an zu weinen: Zwei heie Thrnen rollten ihre
schnen Wangen herab. Eduard wandte sich ab, um seine Erregung zu verbergen.
    Es dmmerte sehr stark. Die Uhr schlug drauen: schon halb neun Uhr! Wie die
Zeit rasch verflossen war! Die Wirthin klopfte an die Thr. Sie seufzte schwer
auf.
    Meine Wirthin wird ungeduldig. Wir sollten zusammen noch einmal spazieren
gehn in der Dunkelheit. Ich war den ganzen Tag nicht drauen.
    Also soll ich gehn?
    Ach nein, bleiben's noch ein bissel.
    Eine Pause trat ein. Sie versank in Gedanken, er ging langsam im Zimmer auf
und ab.
    Nun gut, sagte er endlich, Etwas hat Sie ja doch aus Passau weggetrieben
- damals als Sie ins Wasser gehn wollten, wie man mir drunten erzhlte.
    Ins Wasser? Nein, das ist nicht wahr. Sie sah mit einer gewissen
gelassenen Gleichgltigkeit in den dunkeln Himmel hinauf.
    Nun, wo ist denn Ihr Passauer Jngling da geblieben?
    Mein Passauer? Ich wei nicht, wovon Sie reden.
    Er drehte sich ungeduldig um. Nun, ich meine, Ihre groe Liebe da..
    Wer denn? Nein wirklich, ich wei nicht, was Sie meinen. Ich hab nie einen
Landsmann geliebt.
    Ich denke, einmal sollten Sie ja eine gute Parthie machen und Ihr Vater
hat's nicht gelitten?
    Ach Gott, was man da wieder geschwindelt hat! Nein, als ich nach Haus
zurck mute, da war Einer da, der mich heirathen wollte, ein Nachbar von uns,
ein junger Mann, der ein groes Fleischergeschft geerbt hatte. Der hielt um
mich an, er war - kurz - sie machte ein befriedigtes Gesicht - er wollte mich
haben. Aber ich mochte nicht.. und ein viertel Jahr drauf hat er eine Andre
geheirathet.
    Hm, sagte er, dann versteh ich nur das Alles nicht. Wer ist denn nun der
geheimnivolle groe Unbekannte, der..
    Sie schwieg.
    Sagen Sie's mir! Ich sehe, da Sie das qult. Nun, ich bin Dein einziger
Freund. Einer Freundin sagt man so was nicht. So sag mir's!
    Seine ernste Stimme hatte fr sie stets etwas dmonisch Zwingendes. Sie
wandte sich und sah ihn an Ihr Gesicht flammte und eine Thrne blitzte an ihrer
Wimper.
    Nun gut, so will ich Ihnen sagen, was noch nie Jemand gehrt hat. Aber Sie
werden es Niemanden sagen?
    Nie, meine Hand darauf!
    Sie hob mit stockender Stimme an, aber erzhlte ohne Befangenheit mit einer
gewissen gleichgltigen Ruhe: Ich war 17 Jahr alt, als ich nach Trient
geschickt wurde, um dort in einem Hotel, das einem Verwandten von uns gehrte,
bei der Wirthschaft zu helfen. Und da war ein Offizier vom Genie, dem alle Mdel
nachliefen. Ich glaube, das war's nur, was mich reizte.
    Aha! Und woher?
    Aus Ungarn.
    Ach was Teufel! So, und der waral so Deine groe Flamme?
    Ach, ich wei selbst nicht recht. Ich glaube gar nicht, da ich ihm so gut
war. Es war nur.. Eitelkeit.
    Weil er Hauptmann von Genie war? fragte er mit leichter Ironie.
    Nein, weil die Mdel ihm nachliefen. Ach, als die Geschichte 'rauskam und
mein Vater davon hrte und mich nach Haus befahl, da hat er geweint, viel mehr
wie ich - er, ein Mann und Offizier! Ein etwas verchtlicher Beigeschmack lag
bemerkbar in diesen Worten. Eduard mute, instinktiv fhlen, da sie eher mit
Ekel und Geringschtzung an diese Jugendliebe zurckdachte. Und dann.. aber Sie
drfen nie je zu Jemand ein Wort davon sagen, nicht wahr? Das wr abscheulich..
auf seine abwehrende Handbewegung fuhr sie rasch fort. Als er nun fortversetzt
wurde und ich fortmute, da glaubte ich meine Schande nicht berleben zu knnen.
Und nun that ich was ganz Verrcktes. Ich stand in der Nacht auf, nahm die
Streichholzschachtel, schabte von allen Streichhlzern den Phosphor ab, und
trank das mit Wasser. Aber meine Natur war krftiger als das Gift. Ich bekam nur
furchtbare Kopfschmerzen - das war Alles.
    So und weiter kam nichts? fragte er mit besonderer Betonung. Sie errthete
leicht und schttelte ernst den Kopf.
    Nicht das Geringste. Wieder trat eine Pause ein. Ach, sagte sie
pltzlich, ich glaube, ich hab ihn doch furchtbar gern gehabt.
    Und haben Sie weiter nichts von ihm gehrt?
    O ja. Er hat gesagt, da er mich heirathen wolle, wenn er pensionirt ist -
eher kann er's nicht.
    So? Wie alt ist er denn? fragte Eduard mit einer leisen Regung
eiferschtigen Mitrauens.
    Dreiundreiig.
    Ach Herrje! Da kann er ja noch lange lange nicht daran denken. Es wird ihm
auch ohnehin nie einfallen. Wieder klopfte drauen die Wirthin. Beide rhrten
sich noch immer nicht. Sie standen lautlos nebeneinander und blickten - sie auf
die dunkle Strae, er auf ihrem schnen gramzuckenden Mund.
    Ach, seufzte sie pltzlich, Ich habe Den auch vergessen. Ich bin
Niemandem gut, Niemandem.
    Danke! lchelte er und fuhr mit dem Finger ihre klassisch geschnittene
Nase entlang.
    Ach, ich meine nicht so.. flsterte sie verwirrt, Nur nicht so wie
damals..
    Nun und der Kohlrausch?
    Ach, das war nur Spa. Es kann sein, da ich hassen werde. Sie nahm die
Lampe, zndete sie langsam und stand, auf den Tisch gelehnt, nachdenklich da.
Wir mssen uns jetzt trennen. Meine Wirthin wird sonst bs.
    Soll ich mitkommen? fragte er zum Scherz.
    O ja wohl, lachte sie freundlich. In der Zeit knnen Sie ja was zeichnen,
wie?
    Nein, nein. Ich mu fort. Ich mu auch meine Uhr einlsen.
    Ihre Uhr? fragte sie rasch mit einem eigenthmlichen Aufblitzen der Augen.
    Nun ja, ich war Dir vorgestern untreu, mein Schatz, sagte er lchelnd.
Dabei mut' ich meine Uhr lassen, weil ich zu viel Geld zum Fenster
hinauswarf. Sie schmollte, aber ohne bs zu werden. Also gut denn, trennen wir
uns. Morgen Abend geht's fort?
    Ja. Ach, ich werde an diese Stube zurckdenken, so lange ich lebe, seufzte
sie. Die thrnenreichsten Stunden meines Lebens verbracht' ich hier. Und
dennoch.. mir wird der Ort stets theuer sein. Beide sahen sich ernsthaft an.
    Und unter welchen Umstnden geh ich weg - ach Gott! Sie sah wieder wie
geistesabwesend in die Luft. Nun, murmelte sie halb vor sich hin. Meine
Wirthin geduldet sich ja..
    Wie, brauchst Du Geld? fragte er hastig.
    Es ist mir nur um die Uhr.. stammelte sie verwirrt.
    Wie, hast Du die noch nicht einlsen knnen? Sagen Sie, wieviel Sie dazu
brauchen?
    Ach, nur 42 Mark.
    Hier sind sie. Er legte zwei Goldstcke auf den Tisch.
    O, besten Dank! Von keinem Andern wrd ich einen Pfenning annehmen. Der
Eberhart hat auch immer gefragt, ob ich Geld brauchte, und ich hab stets gesagt:
Ich brauch nichts. Nur von Ihnen..
    Nun, das versteht sich doch von selber.
    Ich werd es auch sobald wie mglich zurcksenden.
    Unsinn! Ich wei, da Sie das thun werden, obschon es gar nicht nthig ist.
- Da, steck's ein, damit es die Wirthin nicht sieht. Sein nobler Sinn strubte
sich dagegen den Begriff des Darlehns zwischen so Nahestehenden berhaupt als
vorhanden zu betrachten. Sie fhlte das instinktiv; ein schner und sanfter
Ausdruck veredelte ihre Zge, indem sie vor sich nieder auf die Tischecke
blickte und fortwhrend mit dem Bleistift an den Rand eines Modejournals
kritzelte, der schon mit hnlichen Hieroglyphen bedeckt war. - Schon wieder
klopfte die Wirthin. Kathi sagte aber diesmal nichts und athmete schwer.
    Das Kurze und Lange von all unsrer Papelei ist also, sagte er trocken,
indem er seinen Ueberzieher anzog und sich seinen Stock gesttzt
hochaufrichtete, was ich versprach, bleibt bestehen. Aber natrlich mu ja
Jeder von uns sein Leben selber ordnen. Er sprach noch so eine Weile, wobei er
sich in Parenthesen einlie und das Satz-Ende nicht fand, bis er sich
unterbrach: Holla, wo ist denn mein Hut? Er fand ihn und setzte ihn auf, indem
er lachend murmelte kann ohne ihn nicht weiterreden. In Wahrheit wollte er
sich im Hute besser ausnehmen, da er sein sonst lockiges Haar kurz vorher hatte
scheeren lassen.
    Sie aber stand noch immer in sinnender lauschender Stellung ber den Tisch
gebeugt und lachte nur leicht ber sein komisches Hut-Manver. Er hatte damit
auch die Beobachtung erzielt, da sie ihn gern ruhig in einem Zuge zu Ende
gehrt htte. So hob er denn wieder an: Was hinter uns liegt, darunter mach'
ich einen Strich. Die Vergangenheit ist fr Beide aus und zu Ende. Aber Deine
Zukunft gehrt mir und natrlich, wenn da was vorfllt ... Wre ich nur den
hundertsten Theil gegen andere Frauenzimmer so gewesen wie gegen Dich, so wrde
Jede fr mich die grte Zrtlichkeit bekommen haben. Sie zuckte leicht auf und
errthete, sich ber den Tisch beugend, indem ihr Busen sich hob. Natrlich,
was nun in Zukunft kommt ... wenn Du wirklich nicht so fr mich fhlst, wie ich
fr Dich - dann, ja dann kann ich nicht mehr mitspielen. Meine Selbstverleugnung
in materieller Hinsicht ist schon so gro, aber.. das kann ich nicht.
    Was steht denn hier? sagte sie pltzlich, gro und kindlich zu ihm
aufblickend, indem sie wie verwirrt das Modejournal von sich schob. Der ganze
Rand war mit dem Namen Eduard R. bekritzelt. Er sollte verstehen.
    Nrrchen! Er lchelte schwermthig. Hast Du Dich mal in Gedanken mit mir
beschftigt? Sie schnitt ein reizendes Gesicht. Eduard war eine einfache Natur,
aber er fhlte, da sie ihm in diesem Moment um den Hals fallen wollte. Er aber
bte tapfere Entsagung - theilweise aus Stolz und Berechnung, weil er wohl sah,
da seine Ruhe auf sie einen doppelt tiefen Eindruck machen mute, theils weil
er sich berhaupt zu solcher Liebesscene nicht gestimmt fhlte, da ihn ein
dringendes Bedrfni qulte und er doch diesen Hochmoment nicht durch eine
cynische Frage herabziehn durfte. (Kathi war mehrmals whrend der Zeit
hinausgepilgert.) So mischt sich der reinsten Romantik die erbrmlichste
Trivialitt der physischen Natur. Platonische Entsagungsgre aus hygienischer
Rcksicht.
    Also endlich denn lebwohl! Wenn es auch zwischen uns nichts werden sollte,
so wollen wir doch stets gute Freunde bleiben. Und darauf wollen wir uns die
Hand gehen - als gute Kameraden. Sie schttelten sich die Hand, indem sie
zaghafter, also liebevoller wie er, ihre breite Rechte in seine schmalen
blutlosen Finger legte und vor sich niedersah. Das Weinen schien ihr nahe.
Wieder machte sie ein Gesicht, als ob sie etwas erwarte - -. Aber er that es
nicht. Mit einem Seufzer nahm sie die Lampe und ffnete ihm die Thr. Bitte,
nimm auch Abschied von meiner Wirthin! bat sie. Diese sa im Nebenzimmer und
nhte. Sie sah rgerlich aus, weil der Abendspaziergang so verzgert wurde. Er
lftete den Hut und sie dankte etwas trocken. Also adieu! zgerte er auf der
Schwelle. Und Sie schreiben mir also dann gleich?
    Nein, Sie wollen doch zuerst schreiben?
    Ja wohl, gut. Aber erst nach einiger Zeit.
    Ich - ich mcht' Ihnen noch gern ein Andenken mitgeben. Wenn ich nur wte,
was!
    Das ist hbsch von Dir. Halt.. la mich noch mal Dein Poesiebuch sehn! Sie
trug die Lampe, welche ihr krftiger Arm straff emporgehalten, wieder zurck und
reichte ihm eiligst das Gewnschte. Er bltterte. Da stand noch ein Gedicht.
Von wem ist das?
    Auch von mir, sagte sie neckisch, mit funkelnden Augen.
    Pah, Unsinn.
    Auf Wort! Willst Du's haben? fragte sie hastig. Rei Dir's raus! Ich
schenk' Dir's. Er steckte es in sein Notizbuch. Die Wirthin hatte sich schon
angezogen; er durfte nicht lnger bleiben.
    Also nochmals adieu, adieu. Sie drckten sich zrtlich die Hand. Auf
Wiedersehn! Sie sagten es fast zugleich und mit derselben verhaltenen Innigkeit
des Tons.
    Er ri sich los und strzte die Treppe hinunter.
    Besonderen Seelenschmerz sprte er nicht. Eigentlich war er innerlich froh,
fr Monate seiner Leidenschaft entzogen zu sein, und doch schien ihm ein
geheimnivolles Weh durch alle Poren zu strmen.
    Die Wolken droben wichen nicht, gewitterliches Dunkel brach herein. Und die
Wolken im Herzen ballten sich zusammen in banger Schwere. Er sah nicht Wesen
noch Dinge um sich her, nur einen leeren Raum, in dem seltsame Schatten
huschten. Es durchrieselte ihn frostig, als ob der Mond ber ihm auf de
Ginsterhaide strahle oder auf ein mattfarbiges Meer, wo er verschlagen in leckem
Boot. Im Flstern der Abendwinde vernahm er einen unsagbaren Ton, der wie ein
ferner Harfenton entfloh - eine seltsame Variation ber die Melodie:

Ich liebe Dich so tief, so tief, so tief!
Das stand im letzten Brief. - -

    Sein erster Gedanke nach diesem Trennungsschmerz von Scheiden und Meiden
galt der Erledigung seines verhaltenen Bedrfnisses; sein zweiter, sobald er die
Stadtbahn bestiegen, der nochmaligen Lectre des Gedichtes.
    Es lautete, als wre es schlecht memorirt:


                                  Erinnerung.

Erinnerung, sie ist die Blume,
Von Jeglichem wohl gern gehegt.
In unsers Herzen Heiligthume
Hat sie ein guter Gott gelegt.
Oh! pfleg sie warm Dein ganzes Leben
Denn nur im Licht und Sonnenglanz
Im Strahl der warmen Freundessonne
Erblht die Blume voll und ganz.

Erinnerung blinkt am Lebenshimmel
Wohl Allen lieb als lichter Stern,
Sie bleibt bei uns, auch wenn wir einsam
Von Allem was wir lieben fern.
Weit ber Strme ber Zeiten
In Leid und Lust in Wort und Lied
Schlgt sie die luftigen lichten Brcken,
Drauf der Gedanke weiterzieht.

    Sind Sie leidend, Herr Rother? fragte der wrdige Herr Bammer, als Eduard
dort sein sptes Abendbrot verzehrte. Nicht? Sehn so bla aus. Gestern Abend
war einer von Ihren Freunden hier, der Herr Luckner. Wir haben lange
geplaudert.
    Was Sie sagen! versetzte Rother khl. Er konnte sich denken, da auch ber
Kathi alle Mordsgeschichten ausgepackt waren. Luckner, der talentvolle Maler
griechischer Interieurs  la Alma Tadema, schien der letzte, den er als
Mitwisser dieser Affaire gewnscht htte. Er empfahl sich bald und begab sich in
das Sumpf-Caf, wo seine Freundin Mary ihn mit Begeisterung empfing. Eine Rose,
die sie ihm geschenkt, hatte er aus absichtlicher Koketterie ins Knopfloch
gesteckt. Obwohl sie theure Weingste hatte, lie die von Eros' Pfeil Getroffene
dieselben sitzen und schmiegte sich an den Verzehrer eines Glases Bier, der
mittlerweile auch seine Uhr wieder eingelst hatte. Als sie aber immer
zudringlicher wurde, konnte er sich nicht verkneifen, aus einer halb braven halb
frivolen Laune das Bild Kathis hervorzuziehn, was natrlich Marys komische,
Eifersucht entflammte. Meinem lieben Freunde, las sie die Aufschrift. Nun,
wenn Du nur ihr Freund warst -! Er zuckte die Achseln. Ach Du willst mich ja
nur foltern! schluchzte sie beinah. Und indem sie ihn mit leidenschaftlicher
Zrtlichkeit umschlang, flsterte sie die Lieblings-Liebesphrase ihres
Kellnerinnenjargons: Bit Du meine Nauze? Er ging mit ihr nach Hause.
    Als er am andern Morgen heimkehrte, warf er noch in grauender Dmmerung eine
Zeichnung Kathis aus der Erinnerung aufs Papier - sie aufwrts blickend, whrend
eine Geniengestalt (mit ihm hnlichen Zgen) herniederschwebend einen
Lorbeerkranz auf ihre Stirne drckt; hinterher ein Gedicht, um seine wechselnden
Empfindungen abzulagern. Einen Augenblick bedachte er sich, dann packte er
Beides in ein Couvert und schrieb ein paar glhende Liebesworte dazu, die
Theure Khati anhoben und Ich konnte mein Blut fr Dich opfern endeten. Er
sagte darin, da all seine Krfte sich verdoppeln wrden, wenn sie sein wre,
da nur sie ihn von seiner Liederlichkeit durch seine reine Liebe fr sie
befreien knne und da sie allein ihn glcklich machen knne, wie er sie sicher
glcklich machen werde. Der Brief athmete reinste zarteste Liebe und nahm kein
Recht irgendwie voraus. Nur um eins beschwre ich Sie: Werfen Sie sich nicht
fort! Sie sind viel zu edel und vornehm angelegt, um sich einem Rausch der
Leidenschaft hinzugeben?
    Es lag zwar eine gewisse Brutalitt darin, ihr so unverhohlen mitzutheilen,
da er am Abend nach dem innigen Abschied von ihr, seiner wahren Liebe, einem so
gewhnlich sinnlichen Gelst nachgegeben - aber doch auch eine rhrende naive
Aufrichtigkeit, die dem geliebten Wesen, der Freundin seiner Seele, auch nicht
seine geheimsten Schwchen verbergen wollte.
    Das seltsame Gedicht lautete mit seiner Mischung von sentimentaler Hingebung
und Selbstherrlichkeit, die an Grenwahn streifte:

Wie kalt Du heute bist! sprach sie mit heiem Munde,
Der dftend stets an meinen Lippen hing.
Ja innen blutete geheim die alte Wunde:
Dein Bild durch meine Seele ging.

Dich hab ich nicht gekt, als ich die Hand Dir drckte
Mein Lebewohl hat stumm Dich angeschaut.
Doch ewig bleibst, wohin das Schicksal Dich entrckte,
Du meiner Seele angetraut.

Ja, eine Liebe giebt's, die einmal nur geboren,
Wie eine Perle nur die Muschel giebt.
Und ob ich hundertmal auch Liebe zugeschworen,
Ich habe einmal nur geliebt.

Ja, jeder neue Ku, den wild ich mit ihr tauschte,
Verschrfte einzig meiner Sehnsucht Pein.
Bei ihrer Liebesgluth, die gestern mich berauschte,
Durchfrstelt's kalt heut mein Gebein.

O Leben, schlechter Spa! O wechselnd Rad der Liebe!
Sie fhlt fr mich, was ich fr Dich gefhlt.
Was hab ich wachgekt der Hoffnung eitle Triebe,
Inde mein Herz von Qual zerwhlt?

My darling! seufzt sie leis, die Wimper lustbefeuchtet.
Jaja schon gut, mein interessantes Kind.
Den Dmon kenn ich wohl, der mir im Auge leuchtet
Und der Dein kluges Hirn umspinnt.

Nur Liebenswerthe sind's, die je mein Ku gesegnet,
Kein fades Herz sich mir zu eigen giebt.
Die Liebenswertheste allein, die mir begegnet,
Die Eine hat mich nie geliebt.

Die kluge Thrin hat der Liebespfeil getroffen,
Der tiefer sich und immer tiefer bohrt.
Auf meine Ksse mag sie ruhig weiter hoffen,
Mein Herz bleibt ewig ihr umflort.

Was soll man eben thun! Man sucht sich zu betuben
Und damit holla! Alles ist dahin.
Man mu die Motten frisch sich aus dem Aermel stuben
Und - aus den Augen, aus dem Sinn!

Doch wo mein Name tnt in ferner Zukunft Tagen,
Umzittert unsichtbar ein stolz Geheimni dich.
    Er war mein Freund, so raunt Dein Herz mit hherem Schlagen.
Geliebt hat er nur Eine - mich.

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Nun, wie war der Abschied? fragte die Wirthin an jenem Abend, als Kathi
sinnend und tief ergriffen in der Stube auf und abging.
    O sehr, sehr nett, versetzte diese hastig mit leidenschaftlich bewegter
halb erstickter Stimme. Er ist solch ein edler Mensch, das mu wahr sein. Und -
und ich hab ihn von Herzen gern. - -
    Der edle Mensch sa mittlerweile am andern Nachmittag, als Kathi und die
Wirthin letzte Einkufe in der Stadt machten - Kathi noch immer in inniger
bewegter Stimmung, - mit der edlen Mary in einem kleinen Wiener Caf, wo er sich
frher auch mit Kathi Rendevous gegeben hatte. Kneifer-Mary hatte ihre Wirthin
als Schutzgarde mitgebracht, um sich als anstndige junge Dame zu prsentiren,
und sah sehr blhend und jugendlich aus. Sie stellte ihr Verhltni߫ vor -
Herr..
    Mein Name ist Hase, gab er mrrisch zurck. Manchmal auch Meyer. Er war
uerst einsilbig und trocken. Marys Anspielungen, da sie spazieren fahren
mchte, fielen auf ganz unfruchtbaren Boden. In dem Glauben, da nur die
Anwesenheit der Wirthin ihn mistimme, wute sie dieselbe zu entfernen, nachdem
diverse Chokoladen vertilgt waren. Die Damen hatten notabene eine halbe Stunde
auf ihn warten mssen und er war auch nur erschienen wie er sagte, weil er es
versprochen hatte. Mary's Andeutungen, da sie nur fr ihn so weit weg von ihrer
Wohnung hierhergekommen sei und obendrein so lange gewartet habe - fr keinen
Andern - nahm Eduard ebenfalls mit ghnender Gleichgltigkeit entgegen. Deine
Gedanken sind weit weg, seufzte sie.
    Jawohl, brummte er finster.
    O ich wei wohl wo - bei ihr?! Er antwortete gar nicht. Stumm und
zerstreut begleitete er sie bis vor ihr Lokal, kaum darauf achtend, da
verschiedene Vorbergehende auf der Friedrichstrae ihn erkannten und grten.
Vornehm streifte er ihre Hand, lftete den Hut und bemerkte gar nicht ihren
vorwurfsvollen Blick, als er sich rasch von dannen trollte. Die Profanation
dieser Amour nebenher schien ihm doch zum Bewutsein gekommen.
    Sie gefiel ihm und sie liebte ihn. Aber er liebte sie halt nicht.
    Und dennoch, von Langeweile und Spleen geplagt kehrte er um neun Uhr Abends
wieder in dem Sumpflokal ein, wo sein Erscheinen als Verhltni߫, in das die
nrrische Mary verliebt war, Sensation erregte. Sie mute viel von ihm erzhlt
haben. Aber nachdem er eine Stunde vergeudet, begab er sich, allen Bitten seiner
Verehrerin zum Trotz, nach Hause. - - Um dieselbe Zeit nahm Kathi Abschied von
ihrer Wirthin am Lehrter Bahnhof.
     ... Und ja, so wird es denn auch wohl am Ende kommen: Ich werde ihn
heirathen. O wie schwer es mir wird, zu gehn, das wissen Sie nicht.
    Brauchen Sie auch wirklich kein Geld mehr, Kathi? fragte die gute Wirthin.
Sonst will ich's Ihnen leihen. Sagen Sie mir, ob Sie Geld haben!
    O wie knnen Sie mich so beleidigen! rief sie aus und wurde feuerroth. Es
blieb charakteristisch fr sie, da sie es als grbste Injurie empfand, wenn man
sich nach ihren Geldverhltnissen erkundigte. - Kurz vorher hatte sie freilich
ihre Wirthin in Verwunderung gesetzt durch eine hchst sonderbare pltzliche
Forderung. Sie hatte dieser nmlich, da sie ihr doch die Miethe schuldig blieb,
einen Pfandschein als Sicherheit bergeben, der eingelst werden sollte, wenn
sie das nthige Geld aus Hamburg sende. Nun fing sie auf einmal an. Ach
wissen's, liebe Frau Lmmers, geben's mir lieber den Pfandschein wieder zurck!
Die tchtige, ehrenfeste, aber welterfahrene Berlinerin rief natrlich stutzig:
Wie so, vertrauen Sie ihn mir nicht an? Und als Kathi feuerroth fuhr sie
heraus: Nein nein, besser ist besser!
    Sofort begann Kathi vor Wuth zu weinen. Also auch Sie! da auch Sie mir
mitrauen! so ging die Litanei fort, die aber vershnlich endete.
    Nun sa sie also endlich im Coup. Sie war standhaft und ruhig. Erst als der
Zug sich in Bewegung setzte und sie ihr thrnenberstrmtes Antlitz zum Fenster
hinauswandte, bemerkte man: sie weinte bitterlich.
    Was schmerzte sie denn so? Sie wurde ja ihre peinliche Existenz der letzten
Zeit los! sie fuhr ja ihrem verfhrerischen Prinzipal entgegen. Welcher Abschied
schmerzte sie denn so bitter?
    Eine Stimme in ihrem Innern antwortete. - -

                                 Drittes Buch.



                                       I.

                             Schottisches Tagebuch.

                           Von Abfahrt des Dampfers.

O penetranter Theergeruch,
O Brsten und o Wischer!
O Besen, Eimer, Lappentuch!
Das geht ja immer frischer.

Man sieht euch Meersshnen an,
Da ihr die Seife hasset,
Obwohl ihr hier euch Mann fr Mann
Mit Putzerei befasset.

Und warum alle diese Noth,
Ihr tiefverruchten Seelen?
Da ich zu rechter Zeit im Boot,
Dafr mt ihr mich qulen!

Ihr jagt aus jeder Position
Mich bis zum Steuerrade.
Ich lenke auf das Trockne schon
Zum Ufer meine Pfade.

Doch alle Psse, hier verliehn,
Und Flche, die es regnet,
Curiren praktisch meinen Spleen -
Meerbren, seid gesegnet!


                            Seefahrt nach Edinburg.

Anstauchen Verwicks zeitenmorsche Thrme
Grau ans der grauen Fluth. Darber nickt
Die stolze Rothkreuzflagge Albions.
Zwing-Caledonian und Schlssel Englands,
Sei mir gegrt wie jedem Grenzer einst!..
Die Woge klatscht in immer gleichem Takt
An dieser Felsen Nippen - Seegevgel
Umschwirrt in immer gleichem Flug die Gipfel.
Der Mond tritt aus den Wolken; und ein Licht
Ein geisterhaftes, wei und strahlend, wirft er
Hier auf Ruinen, ernst wie Nacht und Tod:
Tantallon Castle! Eule nur und Rabe
Sie nisten heut in deiner Mauerkrone,
Unheimlich krchzend langgedehnten Tones,
Wo einst des grauen Lwen Douglas Hhle ...
Am Hafen Dunbars fahren wir vorbei,
Dem alten Sitz des frstlichen Geschlechtes
Altcaledoniens, der Carls of March.
Wie heut die Buccleuchs, Hamiltons, Argyles,
So standen sich zur Seit' und gegenber
Die Douglas und die March in grauer Zeit -
Doch gegenber, wie zwei Pfeiler stehn,
Die Beide doch des Hauses Giebel sttzen.
Horch, welcher Sang schwillt feierlich empor
Zu Dunbars Zinnen aus den Feldgezelten?
Der salbungsvolle Psalm der Eisenseiten.
Der General kaltbltig mit dem Rohr
Der Feinde Stellung mustert. Pltzlich ruft er:
Der Herr hat sie in unsre Hand gegeben!
Da kommen sie herab, die Lesley-Mnner!
Von beiden Seiten schallt's begeistert-grimm:
Der Covenant! Jehova Zebaoth!
Da pltzlich flammt die Sonne hochempor
Auf Berg und Meer nach bleichen Nebelmorgen.
Seht, jetzo er erscheint, der alte Gott,
Und seine Feinde werden nun zerstreut.
Gewaltig geht das Wort von Mund zu Mund
Und jede Brust erhellt das Gotteszeichen
Und Cromwell ruft:Seht hin, sie fliehn, sie fliehn!
Wie Stoppeln sind sie nur vor unserm Schwert.
Drauf, Rstzeug, mit dem Herrn der Heeresscharen!
..Der groen Mnner Wort ist Gottes Wink:
Und schon beleuchtet diese Siegessonne
Der Schotten feige Flucht durchs Blachgefild -
Von Schwerte nicht, von Cromwells Geist geschlagen.

Heil, Edinburg! Da steigst du aus der Fluth
Im Schleier der Romatik - Holyrood
Und Schlo als Zacken in der Manerkron'!
Im Nimbus goldnen Morgensonne schon
Strahlt deiner Dichterfrsten Monument,
Der Dioskurensterne, wie getrennt
Als Schottlands Doppelglorie und Ruhm.
Glorreiche Veste einst der Wissenschaft,
Wo lang geherrscht der Muse heilige Kraft!
Nach deiner Shne neuem Griechenthum
Modern Athen gepriesen und benannt,
Dem auch im Anblick man dich hnlich fand.

    Waverley Station! Von Burns' Monument schweift der Blick zum Castle hinber,
hoch oben thronend mit seinen buntrckigen Hochlandsgarden, und von da durch die
schnurgerade breite Prince's Street ber die gewaltigen vierstckigen Huser
weg, welche die Ober-Stadt mit der Unter-Stadt verbinden, zu dem gothischen
Mnsterthurm, der Scott's Denkmal umhllt.

Bei dem wackern Brgermeister
In Kirkcaldy darf ich sitzen -
Im Balkon im Sessel heit er
Mich Inspiration erschwitzen!
Denn dort habe oft gesessen
Mit dem Toddy und der Pfeife
Carlyle, der hier unvergessen,
Und der oft hierher noch schweife.
Ha! Gleich wie der Pythia
Dreifu macht mich dieser Sessel
Zum Propheten schon beinah!
In der Nordsee Schaumeskessel
Starre ich bis auf den Grund,
Seh das Weltgeheimni klaffen
Bis in des Verderbens Schlund,
Wo die Parzen emsig schaffen.

    Kirkcaldy hat eine dnne Bevlkerung, dicke Magistrate, nur drei
Gefangenzellen und etliche unverbesserliche Trunkenbolde. Ich geno die Ehre,
einem der letzteren in einer der besagten Zellen (bei vorbergehender
Besichtigung, um Irrthmer zu vermeiden!) vorgestellt zu werden. Dies ntzliche
Mitglied der Gesellschaft verhie uns mit ausgezeichneter Hflichkeit eine
Empfehlung an den Hausherrn gewisser unterirdischer Regionen, mit dem er
augenscheinlich auf vertrautem Fue stand, und schnarchte in edler
Unabhngigkeit fort. Der Thierwrter - ich meine der Gefngnischlieer - konnte
sich hier nicht die gerhrte Bemerkung versagen, wie viel comfortabler dieser
Feuerwasseranbeter auf der Pritsche sich den Trumen seines fanatischen Cultus
hingeben knne, statt sich auf dem Straenpflaster herumzuwlzen.
    Uebrigens zeigte sich ein Herr aus Dundee sehr entrstet, als ich mich bei
einem Abendspaziergang durch die Gassen starke Betrunkenheit zu bemerken verma,
sintemalen es Saturday Evening und doch nur zwei total Ertrunkene (der Narr
in Was ihr wollt ist fr diesen Ausdruck verantwortlich) durch die Straen
schwammen. Andre Lnder, andre Sitten! Vielleicht eine Eigenthmlichkeit
schottischer Religiositt, den heiligen Tag durch eine Whisky-Taufe
einzuweihen! So kommen sie denn sicherlich mit rothen Nasen in die Kirche und
nseln Psalmen und schauen stolz herab auf die Heiden in der Welt da drauen.
Doch ihr dreimal am Tage Beten (nach jedem Mahl kniet jeder schottische Hausherr
mit seiner Familie nieder und beginnt ein halbstndiges Prayer!) lt ihnen
noch Zeit genug fr Gastfreiheit und Bildung. Der ruchloseste Poet wird nicht
aus der Bibliotek eines solchen Frommen ausgeschlossen; denn dieser bleibt ein
gebildeter Mann, obwohl er mit dem Papst in Rom an Unfehlbarkeit wetteifert.
Auch scheint seine Gastfreiheit schtzenswerther, als die hochmthig
prahlerische Freigebigkeit Englands. Schottland ist arm. Darum darf man nicht
verkennen, da die Religiositt des Schotten sich zwar auch in Formeln und
Riten, aber nicht minder in echter rechter kindness gegen seinen Nchsten
zeigt, die ihm ein Opfer, wie dem Englnder ein bloer Sport. Kein anziehender
Gesellschafter, der Schotte! Sehen wir einen Sprling der Grampians, so denken
wir unwillkrlich an einen grauen schottischen Regentag. Ein Fremder, den sie
mit Gte berschtten, wird sich im Leben nicht wohl bei ihnen fhlen. Sie
finden es nicht comfortabel, ihre Bildung zum Besten zu geben, und jammern
lieber ber das Wetter, natrlich ein unerschpflicher Unterhaltungsstoff.
    Geiz (Armuth!), Trunkenheit (Klima!), Pharisismus (Kirche!) mag man hier
als hufige Fehler finden, Frmmigkeit und Biedersinn als hufigere Vorzge,
tiefen Sinn fr Natur, Freiheit und Poesie als allgemeines Erbgut. Wie den
Griechen und Italienern der Sinn fr uere menschliche Schnheit angeboren, wie
die deutsche Race mit besonderer Empfnglichkeit fr Musik begabt scheint, so
mag man die ganze britische Nation getrost als das Volk der Poesie bezeichnen.
Diese nordischen Stmme brachten mit sich die germanische Empfnglichkeit fr
freie Natur, noch verstrkt durch ihr Leben als Jger und Krieger. Abgeschlossen
von der brigen Welt durch ihre insulare Stellung, bildete sich eine
beschrnkte, aber achtungswerthe Vaterlandsliebe in ihnen aus. Die langen Fehden
der Schotten und Angeln begeisterten sie fr kriegerischen Ruhm, und die
Normannen brachten ihnen den Cultus der Chevalerie. Heine wundert sich
affecktirt, da die Englnder den Shakespeare hervorbrachten. Das wirklich
Wunderbare wre, wenn irgend ein anderes Volk ihn hervorgebracht htte, oder
wenn die Schotten nicht ihren Scott und Burns besen. Und wie stolz sind sie
auf diese Zwei! Man wundere sich noch, da die Briten im Durchschnitt die
grten Dichter erzeugten! Kunst geht erstens nach Brot und zweitens nach Ruhm
d.h. bei Lebzeiten. Der Nachruhm freilich - wir Deutschen sind sehr freigebig
mit diesem werthvollen Artikel. Aber da ist noch ein Unterschied zwischen der
ghnenden Goethe-Pfafferei und der innigen herzlichen Liebe der Schotten fr
ihre Dichter. Der echte Scotchman hat drei hauptschliche Gedanken: Kirche,
Hochland und Sir Walter. Unsere Kirche, unsere Natur, unser Poet sind doch die
besten!
    Es scheint charakteristisch, da sie zwei Landstriche Sir Walters Land und
Burns' Land benennen. Trotz allem Traphic und Common Sense blieben die Briten
doch sicher naiver, natrlicher, poetischer und enthusiastischer, als die Leute
auf dem Continent.
    Kirkcaldy hat eine gerumige Kirche und will natrlich eine grere
bauen.Kirchenbauen scheint eine Epidemie in Grobritannien. Der Clergyman gilt
fr einen der besten Prediger in Midlothian und ist ein gebildeter Mann, der
lange Zeit in Berlin Theologie studierte und schlechtes Deutsch spricht, was
viel sagen will fr einen Briten. Uebrigens steht die gute Stadt in einem
gewissen Zusammenhang mit deutscher Sprache und Literatur, auch durch Seehandel
mit Deutschland, da sie in Verbindung steht mit dem grten German Scholar,
Thomas Carlyle, der hier als junger Schulmeister lebte. Dieser auerordentliche
Mann, der vielleicht noch mehr Bewunderer zhlte, wenn das Corybautengekreisch
seiner Verehrer nicht die Stimme ihres Gottes bertnte, bewahrte eine Vorliebe
fr diesen Aufenthalt seiner Jugendtage. Er besuchte, von seiner Seherhhle in
Chelsea aus, oft seinen ehemaligen Wohnsitz. Hier wandelte auch einst ein
anderer Prophet, Adam Smith, in seinem Garten am Meer, wo er seine wealth of
nations schrieb.
    Ja, und da wre nun Perth! Die Schne Stadt nennt es sich selbst,
alldieweil der Zauberstab des Dichters die Schne Maid von Perth
heraufbeschwor. Da hockt man nun in alterthmlicher Klause, in einer alten
lauschigen Inn, eine alte Chronik neben sich, worin Erbauliches von Leben und
Ende des schottischen Nationalheros William Wallace berichtet.
    Die Moncrieff-Ruine immer noch ragt, immer noch glitzert der Tay so klar,
da man die Kiesel auf seinem Grunde zhlt. Auf dem Anger, wo einst die beiden
Claus gefochten, tummeln sich heut Criket-Schlger und die Enkelinnen der
Schnen Maid von Perth - ach, sie lassen uns nur den Verfall alles Schnen
bedauern.
    Aber noch duften die herrlichen Blumenbeete der Stadt, noch duftet der
sagenlispelnde Wald.

Sagen rauscht der alte Park,
Und die alte Lady drinnen
Am Kamin erinnert stark
An die Scott'schen Huptlinginnen.

Um sie her sitzt all ihr Clan,
Und der ltste Sohn wird treten,
Wenn die Abendstunden nahn,
In die Mitte erst und beten.

Beten nach dem Abendbrod,
Mittag auch und Abendessen.
Ach, ich leide groe Noth,
Der ich Beten lngst vergessen.

    Dunkeld! Wohl sieht man hier vor seines Geistes Auge Vernam's Wald anrcken
auf Dunsinan, hier wo Macbeth verzweifelt wie ein Bar mit der Meute focht. Doch
mit leiblichen Augen sieht man hinter jedem Meilenstein pinselnde Ladies
aufgepflanzt. Ein Blick ber die Schulter der edlen Knstlerinnen - - kehrten
mir lieber Hochlandkhe den interessanten Rcken!
    Blair Athole, schon ein richtiger Hochlandweiler! Die Geflle des Bruar
wrden sich besser ausnehmen, wren sie nicht mit einer Hecke langbeiniger
Touristen garnirt, die mit verzweifelter Ausdauer Opernglser herumgehn lassen,
wie Wassereimer bei einer Feuersbrunst, als stnden sie hier auf schwerer
Pflichterfllung. Sie brummen Be-e-auti-ifu-ul! und kucken die Wolken an, sie
lesen laut von ihrem Guide-Book ab: Romantische Wasserflle!
    Seitwrts liegt der Pa von Killikrankie. Da die Truppen Wilhelm des
Oraniers hier total geschlagen wurden, scheint begreiflich, wenn man die
Position der Jakobiten bedenkt. Die Steilheit der Felswnde, die Schmalheit des
Passes und die Gefhrlichkeit des frheren Fupfades die Felsen entlang machen
es zu einem Platz, wo, wie Cromwell von einer Schlucht in Nord-Berwik sagte, 
ein Mann zum Aufhalten mehr werth ist, als zehn zum Vordringen. Fr gute
Schtzen, wie die Hochlnder, mu es bei der vortrefflichen Deckung nur ein
Scheibenschieen gewesen sein.
    Natrlich blieb dieser Jakobitensieg der Weltgeschichte sehr gleichgltig,
die ruhig weiter schreitet und Leute, wie die Stuarts, je rger sie gegen den
Arm des Schicksals zappeln, um so unerbittlicher ber Bord wirft.
    Da haben wir das Thal des Tilt. Dies Flchen hat sich einen Namen gemacht
durch seine unterthnige Petition an den Herzog von Athole. Dieser Nobleman,
der Besitzer von ganz Nord-Perthshire, konnte der Bitte des Genius unmglich
widerstehen, und so bauten denn die Worte von Robert Burns dem Flusse eine
Brcke.
    Es liegt etwas Anheimelndes in diesen Beziehungen zwischen Land und Dichter.
Keine Literatur scheint so wie die englische, wrtlich verstanden, mit dem Boden
verwachsen. Selbst Lord Byron, der kosmopolitischste der britischen Poeten,
bleibt hiervon nicht ausgeschlossen. Die Berge und die Seeen von Aberdeenshire
und das Schlo seiner Vter Newstead schweben ihm doch vertrauter vor, als die
Inseln seiner Corsaren. Unter den Englndern scheinen die Werke von Dikens ein
frmliches Guide-Boot seiner nur etwas zu gro gerathenen Heimathstadt. Aber wer
erreicht gar die beiden Dichterheroen Caledoniens in Besingung des Vaterlandes?
Kleine Lnder haben eben den Vorzug, die Heimathsliebe ungewhnlich zu erhhen.
Da ist wirklich kein Flu und Berg in Schottland, der nicht durch das Wort eines
Dichters dem ganzen Volke intim nahegerckt wre.
    Der Tilt verdient einen Besinger. Denn einen rebellerischeren kleineren Flu
kann man sich gar nicht denken. Mit lautem Hurrah kollert er die Waldhhe
herunter, schiet, als wenn's ihm Spa machte, ber alle mglichen Felsen
Purzelbume und luft statt wie ein ehrbarer gediegener Flu gradaus zu
marschiren mit provozirender Gelufigkeit schief und krumm, bald rechts bald
links, bald Ost bald West. Uebrigens scheint das Purzelbaumschieen ein
Erbfehler dieser ganzen Stromfamilie. Etliche dreiig Bche und Bchelchen
rennen, sich berstrzend, als wre ein allgemeiner Gathering ausgerufen, oder
rutschen von einer senkrechten Klippe mit Donnergepolter herab, sich unten
sammelnd um ihren Clanhuptling Tilt. Doch no more nonsense! Ernst, dster
ernst wollen wir sein, denn eine Reitpartie durch den Glen Tilt hat wenig
Scherzhaftes. Vor Allem die Fhrer scheinen davon berzeugt. Nur wenn das Pony
unsers Begleiters die wundersame Neigung entwickelt, nach rechts, wenn er links,
nach rckwrts, wenn er vorwrts will, zu lenken, nebst andern unedlen Spen
einer edlen Pferdenatur - nur dann zuckt ein zufriedenes Grinsen durch ihre
raubgierigen Geiervisagen - Holla! Da strauchelt mein Pony! Das kommt davon,
wenn Einem verleumderische Gesinnungen gegen die edlen Ruber des Gebirges auf
der Stirn geschrieben stehn. Ich habe wenigstens meinen Fhrer in Verdacht,
diesen Gertenhieb grade fr die Stelle, wo der groe Stein liegt, berechnet zu
haben. Aber auch diesem Pony ist nichts Gutes zuzutrauen. Das ist der wahre
Reprsentant des Hochlands. Halsstarrig, eigensinnig, faul und voll
humoristischer Tcke. Ein Jammer, da ihm kein Mac ber seinem krausen
schwarzen Stirnhaar geschrieben steht, damit man doch gleich wei, we Geistes
er sei! O dieser Gebirgssohn! Innerhalb fnf Minuten macht er fnf falsche
Tritte, die, wie er wei, ihm nichts schaden, aber seinen Reiter bis ins
Innerste erschttern. O Pony, Humor ist eine schne Gabe, aber deine nun endlich
abgestandenen (oder besser: abgerittenen) Spe von Hintenausschlagen, Wiehern,
Stillstehn, vor jeder Felsnase Schenen, jede Ginsterblume als gute Beute ansehn
- solche Scherze sind mir entschieden zuwider. Und noch dazu, wenn man an einem
schiefen Felsgrat, an dem die Natur leider das Gelnder vergessen hat, hintrabt
und der Strudel dreiig Fu unten brodelt. Das sind mir Humore! - Unser
Begleiter hat sich schon lang in sein Schicksal gefunden und bewundert die
Schnheiten der Natur eine halbe Meile hinter uns. Sein edles Ro leistet eine
Viertelmeile preuisch in der Stunde, immer noch alles Mgliche, wenn man
bedenkt, da es sein Frhstck, zweites Frhstck, Lunch und noch mal Lunch
whrend des Einherschleuderns am Wege findet. Glckliches Wesen! Wann wird uns
ein Lunch erblhen? Jeder Grashalm, den es kaltbltig pflckt, vermehrt die
Leere unsrer Mgen.

Hochlandpony, Hochlandfhrer,
Tckisch halsstarrige Viecher!
Proviant- und Brsensprer,
Schnffelnde Gepckberiecher!

Heimlich habt ihr aufgefressen
Aus der Tasche mir die Stullen.
Und das Sheltie unterdessen
Thut, als sh es einen Bullen.

Jeden Augenblick ausscharrt es
Und die schwarze Mhne schttelt
Ins Gesicht mir - o wie hart es
Mich am Abgrund weiterrttelt!

Warum stampfst du mit den Hufen?
Schont beginnt es rings zu dmmern.
Ach, den Spitz des Schfers rufen
Hrt man dort nach seinen Lmmern.

Knig ist der Hirtenknabe.
Ja, der sitzt recht in der Wolle.
Von des Porridge Abendgabe
Trumt der ernst Gedankenvolle.

    Da steht er gro und breit, in seinen dicken Wollenmantel und das Bewutsein
seiner Wrde gewickelt, der braunstirnige Hochlandschfer. Die zwei klugen Hunde
liegen zu seinen Fen, still und wachsam, ungleich dem lrmenden Gesindel der
Stdte, in ernster schweigsamen Pflichterfllung. Ja, der Schferhund des
Gebirges scheint der wahre Gentleman der Hunderace. Der fette feige
Newfoundlnder ist ein fauler Lord und die maulende keifende Dogge ein
pbelhafter John Bull. Aber der Schferspitz, unansehnlich an Gestalt, mig,
beobachtend, freundlich, aber nie schmeichelnd -: der Charakter, der den Wolf
von der Heerde wegbeit und nach dem verlorenen Lamm durch Dick und Dnn luft.
    Was die Schfer anbelangt, so scheinen dieselben durch die Schferpoesie
unschuldig in Verruf gekommen. Sie bleiben im Grunde ganz anstndige Menschen,
gerade so dumm und schmutzig, wie andre solide Bauern. Welche Entrstung mu das
Herz dieser Biedermnner erfllen, wenn sie vernehmen, mit welch romantischem
Firlefanz ihren groben Filzhut gerhrte Bnkelsnger umwanden! Ueberhaupt diese
Poeten! Jener Schferjngling, der so trumerisch vom Felsen in die Wolken
starrt, drfte eine Sndfluth sangbarer Lieder und populrer Balladen nach
sich ziehen, auch drfte er sich zu geflliger Composition empfehlen. Aber
welche Gefhle durchfluthen seine Brust? Legt er sich in Gedanken die Sonne als
goldne Krone zu? Oder fliegen Uhlandsche Knigstchterlein durch seine
schmachtende Seele? Oder ergeht sein zartbesaitetes Gemth sich in elegischer
Stimmung nach der alten Weise: Da droben auf jenem Berge? Verleumdung! Womit
haben diese praktischen Realisten es verdient, als des Idealismus verdchtig
denuncirt zu werden? Ein edler Zukunftstraum von Haferbrei erhebt sich vor
seiner schnen Seele; tief sinnend schttelt er das gedankenvolle Haupt in
gelindem Zweifel, ob Jenny ihn diesen Abend mit purer Milch bereiten wird oder
aber - die schne Aussicht auf die Wnste seiner Hmmel begeistert ihn zu diesem
logischen Gedankenschwung - mit fetter Sahne?! Um auf die besagten Hmmel
zurckzukommen, so pflegt dieser vierfige Hochlandsclan eine unpassende
Zudringlichkeit. Aus ihrer grasenden Beschaulichkeit aufgestrt, starren sie uns
mit dem dstern Blick gekrnkter Friedensunschuld an und schleudern uns ein
unheilverkndendes Blken nach. Herr Schfer putzt sich die Nase.
    Ade, du Schfer mein!
    Wir sind nun schon lange ber The Queen's Seat hinaus. Hier hat nmlich
Knigin Victoria auf einer Futour durch dies Thal geruht und der Herzog von
Athole lie hier ein erfrischendes Frhstck und zur besondern Befriedigung eine
reichhaltige Liqueursammlung serviren. Die meisten Wasserflle auch schon
passirt. Der Tilt wird immer breiter. Dieser Flujngling blieb brigens trotz
seines wsserigen Berufes eine ungewaschener Canadier, indem er sich einerseits
alle Nase lang in die Bsche schlgt, wo wir ihm nachlaufen mssen, andrerseits
sich nicht einmal eine anstndige Brcke zugelegt hat, trotz seiner
entschiedenen Neigung fr Ueberschwemmung und Austretung und berhaupt alle
Arten von Ausschreitungen. An einer Stelle haben wir also richtig mit Sack und
Pack, Ro und Reisigen, hindurch zu plantschen, wobei die Ponys ein auserlesenes
Vergngen im Bespritzen ihrer reitenden Opfer, in Folge gnzlich unberechtigten
Strauchelns, zu finden scheinen. Vertiefen wir uns bei kurzer Rast in ein
Butterbrod und die romantische Aussicht! Der Guide, ein erfahrener
Menschenkenner, scheint uns poetischer Gefhle fhig zu halten; er wirft uns
einen mitrauischen Blick zu und schlendert uns, in der Gewiheit seines
Verdachtes, die lauernde Frage ins Antlitz: Schmeckt Ihr Butterbrod, Sir? Ja,
der Barbar wagt es obendrein, zarte Andeutungen auf unsre Whiskyflasche
hinzuwerfen und eine groe Libation zu empfehlen, unter dem medicinisch
interessanten Vorwand, diese wsserige Umgebung erzeuge ihm immer eine
ausfallende Klte im Magen. Die Klte wird also curirt und dann eiligst weiter!
- In zarten Andeutungen sind Fhrer berhaupt gro. An der Forsthtte erlaubt
sich Guide I die bescheidene Anfrage, ob ich auch an das Lunch gedacht habe? An
der Ben Deary Kaskade wirst Guide II die Vermuthung so leicht hin, da ich zehn
Sandwichs mitgenommen htte. Nur Acht? Mibilligendes Husten. Vor den Shehallion
und Farragon Bergen erkundigte sich derselbe in theilnehmender Weise, ob besagte
Butterbrode sich einer Ausschmckung mit Schinken oder Ks erfreuten? Mit
Schinken. So! Allgemeine Befriedigung. Guide I frchtet nur, da der Senf
vergessen sei, und will sich freundlichst gleich selbst davon berzeugen. Wird
hflich untersagt. Mibilligung. Als sich die riesigen Proportionen von
Ben-y-Gloe entwickeln, entwickelt sich der Hunger der Biedermnner in dito
Proportionen. Dabei wird dem Whisky in unziemlicher Weise zugesprochen Bei den
Schiehtten des Carl of Fife angelangt, erscheint uns allen denn auch das
schwarze Torfmoor in einem eigenthmlich rosigen Lichte - unser Begleiter
schwingt sich sogar zu der Behauptung empor, es gbe hier eigentlich zwei Moore,
eins berm andern. Diese bedenkliche Doppelseherei wirkt entschieden ansteckend,
bis wir an dem Linn of Dee, dem berchtigten Wasserfall, der den kleinen Byron
beinahe verschluckt htte, beinahe selbst dies Schicksal erlitten htten. Das
kommt davon, wenn man zu genau in den Fustapfen des Genius wandelt. In dieser
Gegend verlebte bekanntlich der originellste Dichter des modernen Zeitalters
seine frhen Knabenjahre.
    Da sind wir schon in Braemar. Furchterweckende Phantome von Dandies und
feingeputzten Damen gleiten im Abendschatten an uns vorber, aber wir halten es
fr Hallucinationen unsrer erregten Sinne. Wir stecken ja mitten in der
Waldeinsamkeit. Groes Gebude - sieht so Hotelmig aus? Vom Pony steigen, in
die Vorhalle treten, mit dem Bauch eines enormen Oberkellners zusammenprallen
wird das Werk einer Minute. Schaudernd werfen wir entsetzte Blicke um uns her.
Ist's wahr, ist's mglich? Zwlf Kellner in Frack und weier Binde, mit
grauenhaften Scheiteln und distinguirtem Air, zwlf Gemeine und noch Se.
Excellenz besagter Oberkellner, nebst Frack, weier Weste, Cravatte und Glacs.
Zuviel!
    Man bedenke die Situation! Zwlf Stunden in der Wste auf den Verkehr mit
Ponys angewiesen, das Absonderungsbewutsein eines zweiten Manfred im Busen und
hier - zwlf Apostel der Etiquette, von denen der erste zarte Winke ber Table
d'hte, der zweite ber Schlafzimmer in erster, zweiter oder beliebiger Etage
fallen lt. Wir selber aber lieen mit Grandezza unser Gepck fallen,
schleuderten dem Bauch des glattrasirten Tyrannen einen vernichtenden Blick zu
und strzten uns mit dem Grimm eines Kannibalen ber das Supper. Das war die
Vergeltung! Alle Victualien verschwanden schonungslos vor dem Heihunger unsrer
Rache. Umsonst sandte der gastliche Leiter des Mahles wehmthige Blicke
gerechten Kummers den erschpften Schsseln nach. O er merkte jetzt mit
unheimlicher Ahnung, da sich Wstenshne mit dem dazu gehrenden Magen in seine
wohlgesitteten Hallen gedrngt - einen letzten unaussprechlichen Blick
verwundeten Anstandes warf er auf unsre bestaubten Rcke und Stiefel und ging
und ward nicht mehr gesehn. Ich aber a fr zehn streitbare Mnner, mit
unsglichem Wehgefhl.

Ohne Menschen fnfzehn Stunden!
Endlich hab an dieser Stell hier
Ich ein Manfredsthal gefunden!
Ach, am Ziel ragt ein Hotel hier!

La mich schaudernd rckwrts taumeln:
Ueber weien Kellnerwesten
Seh ich Tombak-Ketten baumeln!
Fort mit meines Traumes Resten!

    Auf nach Balmoral! Der Boden scheint eine malerische Sumpflache, die Sonne
hat den Schnupfen - oder, wie man hier zu Lande das interpretirt: Das Wetter
hlt sich doch noch!
    Rings strecken sich Felsen spitz in die Luft, wie ein Riesenfinger: andere
Kegel haben das Aussehen von Burgen, von deren spitzen Thrmchen die Tannen wie
grne Fahnen herunterwehen. Der Styl dieser Bklin'schen Naturcomposition
erinnert lebhaft an die Chaussee, von Reichenhall nach Berchtesgaden. An der
einen Seite fliet der Dee, welchem Lord Byron als Badeprmie die Reklame in
seine Werke einrckte: Ibreasted the billows of Dee's rushing tide. Vielleicht
hat auf dieser Bank von Stein der junge Dichter von Zukunft und Ruhm getrumt.
    Hier hat der erwachende Genius Byrons nicht nur seine Liebe zur Bergnatur,
sondern auch das erste Bewutsein der in ihm schlummernden Poesie eingesogen.
Das erste, Alles beherrschende Gefhl eines dichterischen Geistes, Bewunderung
der Schpfungsmysterien, war ihm in diesen Bergen aufgegangen. Darum sei mir
gesegnet und freudig begrt, wie ein Vetter des Parna, du weihaariger Riese
Lochnagar mit dem blauen Auge des wilden Bergsees hoch oben unter deiner
massigen Stirn! Zu deinen Fen stand die Wiege des Genius oder doch wenigstens
genauer gesprochen, seine Milchflasche. Hier liegt nmlich der nette Pachthof
Ballater, woselbst der junge Musagetes eine Milchkur geno. Die Milch ist immer
noch fr Geld und gute Worte zu erstehen, aber die Milch der Musen - -
    Auf der Bahn nach Inverne. Rechts lrmender Franzose, links hustende
Schwindschtige, auf allen Seiten Rauch und Hitze. Tiefmelancholische
Landschaft. Das trbe Mondlicht scheint sich auf dem Rcken der schwarzen
Hochlandkhe zu spiegeln, die aus ihren Hrden stumpfen Blicks dem Zuge
nachbrllen. Jeder Hgel trieft hier ordentlich von geschichtlichen Blut:
Hochlandmorde und Clangemetzel schienen hier stets an der Tagesordnung. Ankunft
in Inverne, einer dstern, zugigen, hchst verdchtig aussehenden Stadt. In dem
alten Castle soll den gnadenreichen Duncan Macbeths Dolch getroffen haben. Es
sieht mir auch ganz danach aus. Bei Culloden wurde hier anno 1746 der Prtendent
Karl Eduard total geschlagen.
    Weltschmerz und Schnupfen schauern mich an, auf diesen Grabkreuzen sinnend.

Fr Gott, fr Knig und Vaterland
Fiel mancher Narr bei Culloden.
Sein eisernes Kreuz als Denkmal stand
Schon lange hier im Boden.
Das Knzchen klagt Kiwitt, Kiwitt.
Komm mit, komm mit!

Du graues Alrunchen, Du Hochland-Guide,
Du kicherst so verdchtig.
Bist Du ein Uhu im Menschenkleid,
Umgehend mitternchtig?
Das Kuzchen klagt Kiwitt, Kiwitt!
Komm mit, komm mit!

    Bei der Steamerfahrt auf dem Caledonischen Kanal nach Oban bewhrt sich uns
die eingewurzelte Eigenthmlichkeit dieses Gewssers, sich stets mit Regen
begieen zu lassen. Soviel man unter der Nebel haube erkennen kann, bildet den
Glanzpunkt der Fahrt das Sichtbarwerden des hchsten schottischen Berges, Ben
Nevis, und des grten Wasserfalls der britischen Inseln, Falls of Foyers.
Zwischen Ginsterhgeln wlzt, der Foyer seine Fluthenmassen, bis er, durch ein
breites Felsenbecken hinabgleitend, pltzlich an einem Abgrund sich berstrzt
und aus einer Hhe von etwa 90 Fu fast senkrecht niederrollt. Die berstenden
Wogenblle donnern mit unglaublicher Kraft an die starren braunschwarzen
Felsgiganten und flattern in silberweiem Schaum, wie ein Lenkotheaschleier ber
die Ufer. Das furchtbare Zischen der sich bildenden Strudel, wenn die
herabrollenden Wassermassen unten im Strom durcheinanderwirbeln, wirkt
grauenerweckend. Der zerstiebende Schaum steigt in durchsichtigen
Krystall-Sulen wie Nebelqualm aus der Tiefe, welche im Contrast zu dem
schneeweien Fall rabenschwarz, erscheint. Aus den verschlungenen Schluchten,
aus allen Schlften und Hhlen drhnt ein unaufhrliches Echo nach. Ueber dem
eigentlichen Fall strzt noch ein zweiter kleinerer hernieder und wird mit
seinem strkeren Sohn - denn er erzeugt durch seine vorbereitende Kraft
hauptschlich die aufgehuften, sich dem grern Absturz zuwlzenden Wogen -
durch eine Aetherbrcke, einen in allen Farben schillernden Regenbogen
verbunden.

Der Schweif des Sturzfalls peitscht die Wand,
Wo seinem Geifer Grn entspriet.
Wie unterm Huf aufquirlt der Sand,
Schaum aufwrts schiet.

Wenn im Tunnel der Underground
Der Zug herdonnert blitzesschnell -
Wie hier, es mir im Ohre raunt:
Strz vor, Gesell!

    Dunstschemen schweben vom Glencoethal herber, als wren es Geister der
ermordeten Macdonalds und Camerons. Roth sinkt die Sonne hinter den blauen
Kuppen von Mull und wir sind in Oban. Dieser kleine gemthliche Seehafen
erinnert an das liebe Fairport des Alterthmlers. Das Axiom Time is money!
scheint hier ganz unbekannt. Der Mensch lebt, um Fische zu essen, sich zu
recken. Netze zu flicken, zu schnarchen, mal aus Gnade Fische zu fangen, bis
seine beschauliche Ruhe sich in ein seliges Ende hineinschnarcht. Glckliche
Phaken! Unvergeliche Morgen, wo ich, Bulwers Clifford in der Hand, einsam im
Walde lag, whrend nur fernes Lachen spielender Kinder zu mir heraufdrang oder
fern auf der Hhe eine lustige Mi abscheulich trllerte! Unvergeliche Mittage,
wo ich die Ruinen von Dunolly-Castle durchkletterte oder im Boote zum Angeln
hinausfuhr! Unvergeliche Abende und Nchte, wo die berfllte Strandpromonade
mich in ein Boot trieb und ich hinausfuhr, bis die Walzer der deutschen
Musikbande verhallten.

Doch unhrbare Melodie
Ertnt aus Inselschilf und Rohr -
Nur wem Natur ein Herz verlieh,
Der hrt sie, nicht das Ohr.

Viel Silberfurchen schnitt der Kahn,
Phosphorisch, lang, durchs Wogenthal,
Die Inseln auf der Wasserbahn
Verbindend durch den Strahl.

Die liegen rings so schwer und schwarz,
Wie Wallfisch und Leviathan.
Nur wrziger Duft von Fichtenharz
Uns meldet, da wir nahn.

Es flammt das rthliche Fanal,
Manch Schatten durch die Wipfel schwebt.
Sind's Hnen, deren Todtenmal
Sich hier erhebt?

Die Woge schwillt zum Katarakt.
Mit Kamm und Mhne schaumig grn,
Die Midgardschlange tanzt im Takt
Mit schneeigen Geifers Sprhn.

    Ade, Atlantischer Ocean! Schon jagen wir unter hinfegenden Regenschauern den
Loch Etive und Loch Awe entlang, in das Herz von Argyleshire. An allen Flecken
begegnen wir einem Aufruf des Marquis of Lorne (Schwiegersohn der Knigin) als
Clauhuptling zu einem Gathering, um die alten Tnze und Uebungen der
Hochlnder in Ausbung zu erhalten. Dies ist die Heimath Campbells und die
poetische Domaine Scotts. Wie wir so in Sturm und Wetter einsam dahinbrausten -
nur die schwarzen Hochlandbullen stierten und brllten uns von den schwarzen
Hochlandhgeln nach -, da ward es um mich lebendig von schauerlichen Bildern. An
der Bridge of Awe sah ich die weinende Hochlandwittwe, und drben im Pa of
Brander ihren erschlagenen Gatten, der da lag mit seinem ganzen Clan Mac Dougald
of Lorn. Majesttisch starrte der steil herniederstrzende Ben Cruachau in den
blutgetrnkten See und ber die Leichen zog rasselnd die Ritterschaft des
Niederlandsknigs Robert Bruce. In den klatschenden Wellen aber und dem
heulenden Wind, der mir den Hut vom Kopfe reit, hre ich rauschen und brausen
die melancholische Weise: We are landless, landless, landless, Grigalich. Und
die Schatten der Wolken, die ber die Landschaft jagen - sind es nicht die
verfehmten verfolgten Mac Gregors? Doch der Weih, der hoch berm See lustig sich
wiegt, scheint trotzig zu krchzen das Campbellsprichwort: 'T is a far cry to
Lochow! Dort in Glen Fruin vernehme ich im Klirren der Sensen das Wassenklirren
der Mac Gregor und Colquhouns, die hier vernichtet wurden bis auf den letzten
Mann. Ich sehe ein weies Wlkchen am Ufer des Ben Lomond emporsteigen - oder
ist es der Schleier Diana Bernons? Ein Seeadler stt rauschend in die Fluth -
oder ist es Rob Roy, der den See durchschwimmt?
    In Inversnaid geno ich die hohe Freude, eine mir besonders werthe
Reisegesellschaft wiederzusehen. Es waren dies die sogenannten Ereisenden,
eine hochinteressante Species. Auf keinem asthmaerzeugenden Aussichtspunkt
wchst diese Pflanzengattung - sie verschmht vergngliche Gensse. Aber beim
Breakfast, Lunch, Dinner - da sieht man sie den bleibenden Freuden des Daseins
sich mit uneingeschrnkter Hingebung widmen. Die Assimilationskraft, mit der sie
Roastbeef und Mutton in zahlloser Menge ihrem innern Selbst verschmelzen, hat
etwas Ehrfurchtgebietendes. Besonders Missus kann man sich gar nicht anders
vorstellen, als mir Messer und Gabel kriegerisch gerstet. Dabei haben wir sie
im Verdacht der Identitt mit jener Cokneydame, die krzlich, wie die
Touristensage meldet, einem Gentleman, der erwhnte, er habe gestern Ben Lomond
gesehen, die grandiose Antwort ertheilte: Ben - was? Stellen Sie mir Ihren
Freund doch mal vor!!1
    In Inversnaid strzt ein prachtvoller Wasserfall sich in den See. Hier hat
Wordsworth seine Hochlandmaid singen hren. Hier stand ich lange bis tief in
die Nacht und sah Gedichte, fr die mir die Worte fehlen. Den Loch Kathrine, die
Scenerie der Jungfrau vom See, mu man durch das optische Vergrerungsglas
der Scottschen Muse betrachten. Sonst ein recht gewhnlicher Teich.
    Hier bewundern wir auch das Gefngni߫ Robins des Rothen, einen spitzen
Felsen, auf welchem der Biedermann von oben her seine Opfer herablie, um in
dieser angenehmen Lage von ihnen unangenehme Bedingungen zu erpressen. Ach, die
Helden der Poesie entpuppen sich oft bei nchterner Betrachtung als ganz gemeine
Wegelagerer. - Der Dampfer landet. Weiter durch die Trossachs. Dies Stromthal
zeigt im Anfang einige Aehnlichkeit mit dem Sarne-Thal bei Botzen. Der Teith
schumt aber lange nicht so ungebrdig wie die muthwillige Sarne, und den ganzen
Weg bis Callander hat die Natur als stilles liebliches Idyll gedichtet.

Durch die Trossachs hr' ich schallen
Der Romantik Silberhorn.
Doch verschttet und verfallen
Ist der alte Sagenborn.

Ach, die Kutschen auf und ab
Rasseln hier in vollem Trab.
Menschen, wer kann euch entfliehen?
Wer sich, Prosa, deinem Staub entziehen?


                                Sterling-Castle.

Am Felsenwall der Forth vorbergleitet.
In blauem Duft die blauen Gipfel mischen
Sich mit der Himmelblue und dazwischen
Weit vor sich hin die Tannenforste spreitet
Der Benvenue. Dort Grau in Grau sich breitet
Ben Lomond, von dem Waldtalar umdunkelt.
Der blaue See von Menteith, ein Saphir,
Aus weier Uferfelsen Fassung funkelt.

Dort drben in dem den Thalrevier
Auf diesem grauen windumtosten Stein
Stand Bruces Banner hoch im Abendschein.
Und Scots, wha ha'e, so klingt es mchtig drein
Im Wind von allen Bergen in der Runde:
Das weiht die Stelle erst, das Lied ans Dichtermunde.




                                  Linlithgow.


Nicht mehr aus Scharten der Geschtze Mndung
Entgegenstarrt, kein Wart vom Thurme ruft.
Doch stets noch wlbt sich in erhabner Rundung
Der Sulenbogen in der sonnigen Luft.
Noch heute schwer und massig ragt der Wall,
Von Fenstern kaum erhellt, fast nischenlos;
Die dicken Zinnen kamen nicht zu Fall.
Der Brunnen ragt inmitt der Sle all',
Wenn auch das Wasser ihm versiegt im Schoos.
Ein Gartenhof liegt dorten wohlgepflegt,
Von schattigen Akazien eingehegt.
Die hohe Pappel ihren Schatten legt
Ueber den bunten Kies und manche Bank.
Das rosafarbne Marmorbecken trgt
Die Wassersule, durchsichtig und schlank,
Die oben sprhend auseinanderschlgt
In Silberfunken, die im Widerschein
Schillern wie eine Schnur von Edelstein
In Regenbogenfarben, wenn durchblitzt
(Wie die Koralle durch Krystalle glitzt)
Vom Widerschein des Beckens und vom Strahl
Der rosigen Sonne. So der Wind verstreut
Ringsum wei-rosige Blthen ohne Zahl,
Die einer weien Dolde Krone beut,
Millionenfach und ohne End' ernent.

Ja, einem Springbrunn gleicht dies Stdtchen heut,
Aus dem Erinnerung wie alter Wein
Zum Himmel steigt, erfrischend, glnzend, rein.


                                    Falkirk.

    Durch Falkirks Kirchhof schreit ich hin. Der liegt so tief und still,
    Und der gefallnen Todten hier mit Ernst ich denken will.
    Was sagt dies alte Monument? Sir Jon de Graeme hier liegt,
    Der Unbesiegte, den zuletzt der Tod nur hat besiegt.
    John Stuart of Bonkill neben ihm liegt in der dunkeln Gruft,
    Kein Horn die alten Streiter mehr an Wallaces Seite ruft.
    Sie fielen fr die Freiheit hier in Falkirks heier Schlacht
    Und ber ihre Leichen hin zog des Erobrers Macht.
    Doch auf der andern Seite ruhn die Brder Munro dort:
    Sie standen hier und fielen hier als ihres Knigs Hort.
    Ja, damals scholl zum andern Mal dumpf ber's Falkirk-Moor
    Der englischen und schottischen Geschtze Donnerchor.
    Die Clane drben warten nur noch auf das Hornsignal -
    Doch holla! wo steckt Hawley denn, Altenglands General?
    Dort drben liegt ein schnes Gut, nah dem Antoniuswall,
    Von Rom erbaut, zu dmmen einst der wilden Pieten Schwall.
    Hier in Callander Hause er sitzt und in ihr Auge blickt:
    Ein Herkules in Uniform, von Omphale umstrickt!
    Die schne Grfin Kilmarnok ihn witzig unterhlt.
    (Ihr eigner Gatte drben steht beim Prtendent im Feld.)
    Da klirren Stiefel auf dem Flur, die Ordonanz erscheint,
    Ganz feuerroth wie Heisporn Heinz: Es regt sich schon der Feind!
    Ich aber nicht! gemthlich brummt und grunzt der Commandant,
    Doch fnf Minuten spter klopft ein andrer Adjutant.
    Der Feind - Goddamn your eyes! Was Feind! Hier droht mein schner Feind!
    Den Schnurrbart zwirbelnd, wunders wie holdselig er sich meint.
    Horoh! Hagelwetter nicht so jhlings strzt herab,
    Als jetzt das Hochland niederfhrt vom Berg in vollem Trab.
    Wie Stcke Speck in Stcke haun sie die Dragoner schnell
    Und Schreck jagt ber Albion jung Charley der Rebell!..
    In Larbert Church da nebenbei schlft ein gereister Mann,2
    Der nach Gefahren mancherlei ein klglich End' gewann.
    Den Wilden und den wilden Leun geschickt entkam er oft,
    Ja selbst dem brennenden Simum entrann er unverhofft.
    Downstairs er eine Lady fhrt ganz ruhig ohne Arg -
    Er strauchelt, bricht sich das Genick und liegt nun hier im Sarg.
    Nicht weit davon ist Torwood Forst, wo William Wallace lag,
    Um auszuwetzen bald aufs neu die Schmach von Falkirks Tag.
    Hier sag' ich Falkirk Lebewohl, arm an Erinnrung nicht -
    Und schon verlischt mir in der Nacht der Eisenwerke Licht.


                                  Musselburgh.

Die alte Veste Musselburgh ist dies,
Umgeben rings von Wiesen lang gedehnt.
Auf diesem grnen Felde trafen einst
Die Hupter sich der Covenant-Partei
Mit Herzog Hamilton, des Knigs Rath.
Auch trabten ber diesen Plan dahin
Die Eisenseiten, lockend, doch umsonst,
Zum nahen Kampf den Schotten-General ...
Die Thrme drei Schlachtfelder berschaun:
Hier Pinkiehouse mit engem dicken Wall
Und rundem Erker und im runden Hof
Der wohlgebauten zierlichen Fontaine.
Hier war es, wo der Schotten Macht zerstob
Vor Englands Kraft und Kunst. - Ich hr' die Schlacht.
Lang wogt der Kampf. Ein wilder Knuel Alles,
Darin es quirlt gleich einem Felsenstrudel.
Wie Schaum empor aus diesem Wirbel spritzen
Zerhaune Federbsche oder Fahnen -
Wie Kiesel, die zerstubt vom Wogenschwall,
Splittern zerbrochne Lanzen, Helme, Schilde.
Die Schotten wanken nicht. Fr Schottland und
Die Knigin! - Wer ist der stolze Ritter,
Der nun vereint zum letzten schrfsten Sto
Die Shne Albions? Der Earl von Hertford.
Anprallt der Sturm, wie Giebach an den Fels,
Anschwillt der Kampf, wie Fluth mit Fluthen ringt,
Anschwillt wie Kataraktgetos der Lrm,
Und niederschwillt gleich einem Wassersall
Die Reiterei von England. Drauf und dran!
St. Georg fr Altengland und den Knig!
Sieg! Sieg! Gebrochen Caledoniens Macht!
Und Schottlands Blthe liegt geknickt im Feld! ...
Doch horch! Welche Droneten hr' ich dort
Von Carnbery hill? 's ist der Rebellen Schaar,
Vereinigt wieder ihre Knigin.3
In ihrer Mitte auf dem schwarzen Ro,
Das stolz zu tragen solchen Stolz, Er selbst.
De schne dstre Zge angehaucht
Vom Zeichen frhen Tods und dessen Stirn
Gerunzelt von nur halbbekmpfter Reue -
Er selbst, der Stuart kniglicher Spro,
Er selbst, der Douglas ritterlicher Sohn,
Der groe Bastard, Murray der Regent.
Der Reiter neben ihm, ein schwarzer Pardel,
Schwarz, schwarz an Seele wie an Haar und Auge,
Ist Morton. Dort der Riese, der sich wuchtig
Sttzt auf den Flammberg, tppisch wie ein Br
Ist Niemand anders, als der Lord von Lindsay.
Doch Jener, bleich wie dieser Birke Stamm,
An die er halb sich lehnt; und mit dem Auge,
Kalt-glnzend wie das Eis, das berdeckt
Den tckevollen Loch, mit blasser Lippe,
Die stets gekrmmt von einem Schlangenlcheln -
Wer knnt' es sein, als Ruthven, der Verrther?
Er scheint mit flammenrothem Bart und Locken
Dem Aberglauben wohl ein Sohn der Hlle.
Und sicher gleicht er, in dem Gegensatz
Zum Lwen Murray einem glatten Tiger,
Der Beute Blut schon schlrfend mit dem Auge.
Umsonst dort drben unter Waffen steht
Das Huflein treu-ergebener Vasallen,
Umsonst der Schurke Bothwell prahlt und schwrt.
Und schon auf ihrem weien Zelter naht
Die schnste Maid im Hoch- und Niederland,
Sich zu ergeben hier dem rauhen Arm
Der hhnenden und trotzenden Rebellen.
Und welche Zelte seh ich ragen rings
Auf Prestonpans' Gefilde? Bunt Gewimmel
Hben, wie drben! Feinde sicher stehn
Sich gegenber. Doch warum und wer?
Die Wache dort des einen Lagers zeigt
Des Knigs Scharlach. Bajonnette blitzen,
Dragoner trllernd bei den Rossen stehn
Und an dem Rohr der Kanonier sich reckt.
Es ist die Macht von England hier vereint,
Ro, Reisige und Geschtz, zur Gegenwehr
Und Unterdrckung des Rebellenschwarms,
Der selbst des wahren Knigs Heer sich nennt,
Der Hochlandsclane in des Stuart Sache.
Wie lustig und wie stolz Hannovers Heer!
Wie faul und stolz im Zelte schnarcht Jon Cope!
Der Morgen sehen wird ein andres Bild,
Wenn unter Doppel-Kriegsgeschrei der Schaaren:
Hier fr Hannover und den Knig George!
Hier fr die Stuarts und Carl Eduard!
Der Clane dichtgedrngte Masse strzt,
Gleich wie ein Felsblock aus dem Katapult,
Zermalmend durch die Linien der Rothen,
Bis nur ein Wald von Blitzen, die empor
Im Takte zucken und dann niederrasseln,
Sich ber'm Haupt der Streiter hebt und senkt:
Die tausend Claymores, die vernichtenden,
Durchhauend jhlings aller Ordnung Ketten.
Der Tartschen Drhnen und der Beile Krach,
Der scharfen Dolche Reiben an den Panzern,
Der Hochlandbchsen Knattern, das Geroll
Des Peletonfen'rs und der Donnerrohre,
Der Rosse Schnauben, Spruhn' der Bajonnette!
Und dann nur eine wirre wilde Flucht
Und alle Fahnen Englands sind zerbrochen
Und all sein Scharlach wird bestrmt von Blut!


                               Das Thal der Esk.

Roslyn, umschlungen von dem weichen Arm
Der sanften Esk, die lieblich kosend tanzt
Mit leichtem Schritte durch den grnen Rain!
Und ihre Silberstimme, halbgedmpft
Durchs mahnende Gerusch der greisen Fichten,
Den Berg hinan halb melancholisch schwebt,
Gleich Nachhall eines Lieds aus alter Zeit,
Das hier ein Minstrel sang in schnern Tagen.
Nicht besser waren jene Tage, nein,
Doch schner, als das alte Castle noch
Auf einem Inselberg in Stromes Mitte
Mit schroffen Felsenwnden, starren Wllen,
Gleich einer Wetterwolke berhing
Das Thal, verderbenschwanger. Durch die Buchen
Mein' ich das Erz Geharnischter zu hren.
Hier hat des Schloherrn rauhes Herz ergtzt
Das Sthnen der Gefangnen im Verlie,
Aufsteigend aus der Sttte der Verlornen,
Und ein brutales Lachen, wilder Chor
Der trunknen Zecher bertnte gellend
Das Sterbercheln. Doch am Fensterbogen
Winkt' ihrem Lord der Lady Seiden-Schrpe,
Wenn sein gepanzert schellenklirrend Ro
Den Pa erklomm - mit ihren Silberthrnen
Statt Silbers die Gefangnen ihres Herrn
Loskaufend oft, wie Tennyson's Godiva.
Hier lagerten der Knight und seine Mannen,
Auf schwarzen Brenfellen hingestreckt
Die riesenhaften Glieder, Tannen hnlich;
Ermdet von dem Waid- und Waffenwerk,
Die nassen Mntel am Kamine wrmend.
Hier ist die Brcke. Glorreich war die Stunde,
Glorreich der Tag, als schritten ber sie
Gefangen hin die Schergen des Tyrannen,
Des englischen Eroberers, gefesselt,
Ganz berwunden in der Freiheitsschlacht.
Wie war so purpurn da dein schneewei Kleid
Von falschem Southronblut, o muntre Esk!
Doch Blut verwischt sich, wie Erinnerung,
Und silbern, wie vor fnfmal hundert Jahren,
Sind deine Wellen. Ob der Mailandbrnne
Silber auch heut nicht mehr durchs Dickicht blitzt -
Das Schatzhaus der Natur bleibt unerschpft.

Die Esk sich wiegt in ihrer schmalen Schlucht,
Die ausgepolstert weich mit Farrenkrant
Und Moos und Binsen und verhangen dicht
Mit Weiden wie mit grnen Schlaf-Gardinen,
Gleich einem Kind in einem Himmelbett,
In sich zufrieden, sen Unsinn trllernd,
Und an die Wnde seiner Wiege klopfend
In holder Ungezogenheit. Halb Bach, halb Strom,
Halb Kind, halb Maid. Und blick' ich wieder hin,
Wie furchtsam sie an's Tageslicht sich wagt
Und trumerisch hinschleudert und aufs Neu'
In ihre Wlder flieht, so dnkt sie mir
Schier ein Poet, ein trumender Alastor,
Ganz abgesondert vom Gerusch der Welt,
Verlegen, wenn ein Blick auf ihn gerichtet:
Der unbeholfen drum die Sonne sucht
Und Worte murmelt unverstandnen Sinns;
Der zitternd bald die sanfte Stimme hebt
Und dann erschrickt vor seinem eignen Wohllaut;
Bald wieder sich verbirgt in seinem Hain.
Ja du bist ein lebendiges Gedicht,
Lieblich Gewsser, und die Dichter drum
Zu deinem Bord wallfahrteten schon frh.




                            Abschied von Edinburgh.


Wo des Castles Thrme schon
Mit der Fluth zusammenfallen,
Siehst den ewigen Schnee du drohn
Ueber Holyrood, Freund Allen?

Whisky-Lallen! Schlechter Witz!
Dieses sind ja Wscherinnen,
Welche grad auf Arthurs Sitz
Bleichen ihre Kinder-Linnen.

Schnaube, Dampfer! Schnaube nur,
Zeit, du gierig Ungeheuer!
Trag von hinnen ohne Spur
Mich von Allem, was mir theuer!

Lebewohl im Pfarrhaus bot
Ich den wirthlich holden Schwestern.
Lilie und Rslein roth
Dufteten mir, ach, noch gestern.

Mustertypen Beide sind
Jener stolzen Angelsachsen,
Die im Meer- und Alpenwind
An des Hochlands Grenze wachsen.

Wie Ginevra stattlich, bleich,
Hoch und stolz ist Frulein Jenny.
Ja, mich dnkt, ein Knigreich
Achtet sie fr einen Penny.

Schwanenlied.. ihr Lied erklingt
Bald nicht mehr - o Qualgedanke!
Nimmer sie als Lerche singt,
Nachtigall, unheilbar Kranke!

Mrchenwald, fahr wohl! Ob je
Ich euch Alle wiedersehe,
Klee und Schnee und Blthenschnee,
Mdchenrehang', zahme Rehe?

Ich stieg wohl ber den Hirtenwall
Vom dstern Pentlandhgel.
Da war die Melodie verstummt,
Wo Du noch weiltest am Flgel.

So wird auch die Erinnerung
In meiner Seele erklingen
Und mir Dein Bild im Traume nur
Zuweilen wiederbringen.

    Nur ein Lied klingt mir immer noch dumpf im Ohr wie das eintnige Brausen
der Seemuschel, die sich, das seegeborene Kind, zur Mutterwoge zurcksehnt. Das
ist das Echo der Windharfe, die in Fingals Hhle spielt. Ihr lauschte ich im
schwanken Kahn, als der Dampfer mich weit hinaustrug, eine Tagereise weit, zu
den Inseln Staffa und Jona.

Den schwarzen Fels grellgrnes Gras
Umwallt. Es lugen aus dem braunen Ginster,
Von weiem Schaume na,
Heidnische Leichensteine grau und finster.
Ein schmaler Pa,
Sich windend zwischen See und Klippenrand,
Fhrt steil entlang den dnenlosen Strand.

Hier wo sich Blcke spitz und stumpf
Wie Schiefertafeln aufeinanderschichten,
An den basaltenen Rumpf
Geklammert, strauchelnd wir die Schritte richten.
Es orgelt dumpf
Die Brandung, die des Wandrers Fu besplt,
Bis eine Hhle pltzlich sie sich whlt.

Umringt uns eine Kathedrale?
Die Salzfluth spiegelt den geschliffenen Chorgang.
Wie in Weihwasserschale,
Spritzt durchs Portal die Woge, im Emporgang
Zum Sturmchorale
Wie Orgelpfeifen hpfend. Gelb und roth
Der Sonne Inschrift auf den Nischen loht.

Dies Wunderrthsel ward gewebt
Als sein Symbol vom unbekannten Meister.
Ueber den Wassern schwebt
Noch heut der Werdehauch der Schpfungsgeister.
Doch was da lebt,
Lockt hier der Angler Tod mit gellem Pfiff.
Der Urkraft Schatzhaus ist dies Kirchenschiff.

    Weit drauen im freien Meer mute der Dampfer beilegen. Denn der Ocean sang
sein Schlachtlied, Mven kreischten klagend, die See ging hoch. Wir aber in
vollgepfropftem Boot, lustige kecke Londoner Sportsmen, schaukelten uns ins
Innere der Wasser-Hhle hinein. Den gefhrlichen Riff-Kanal passirend, gelangten
wir glcklich zurck zum Dampfer. Doch wenn schon das ins Boot Steigen beim
Abstoen und in See Stechen gefhrlich war, so kostete es schwere Mhe, uns alle
wieder an Bord zu bringen. Es gehrten feste Nerven dazu, genau in der Sekunde
aus dem Bootstern auf die eiserne Fallreeptreppe zu steigen, wo die Taue der
Matrosen das Boot herangerissen, das doch im nchsten Moment von einer Woge
zurckgerissen werden konnte. Als ich bei dem Gedrnge auf der Treppe seitwrts
ber Bord zu klettern suchte, machte das Schiff eine drehende Bewegung und nur
dem starken Arm eines John Bull verdankte ich es, da ich glcklich an Deck
gelangte. Man mu sich wahrlich wundern, da nicht unendlich mehr Unflle auf
See vorkommen. Jeder strengt eben alle Vorsicht und alle Krfte an. Doch wo wre
der Tod uns denn nicht nahe?

Der Regen sprht, das Steuer rollt,
Die Dne steigt, die Brandung hr ich schnauben.
Hier wurde Dienst gezollt,
Zuerst im ganzen Nord dem Christenglauben,
Der sich gewollt
Ein Heim erbauen in dem Mnster hier,
St. Columbans auf Eionas Revier.

In Trmmern morscht der greise Bau,
Epheu und Lolch umwuchern schon die Thrme.
Die Grille hpft im Morgenthau,
Der Eidechs schlpft. Heran, ihr Winterstrme
Ihr brachet rauh
Das Segel meines Lebens, und in Weh
Versink' ich, bitter schmeckt der Tang der See.

Ich kniee in der Brandung Gischt
Am Steinkreuz nieder, dessen Rumpf geborsten.
Die Midgardschlange zischt
Zu mir empor, wo meine Adler horsten.
Ein Narr nur fischt
Nach Wahrheitsperlen. Auch des Ruhmes Fels
Versinkt im Schlund des Acherontischen Quells.

Wenn diese Kette springt der irdischen Bedrngni,
Wenn diese Seele sprengt ihr thnernes Gefngni,
Was wird ihr Loos?
Sinkt endlich sie hinab ins Nichts, das schmerzenleere,
Versenkt sie sich ins All, dem Tropfen gleich im Meere?
O Meer, thu auf den tiefen Schoos!

Am Rand der groen Tiefe steh ich hier,
Die alles Seiende verschlingen wird,
Und mich durchzuckt ein lsternes Entzcken.
Aus dieser Brandung leuchtendem Gesprhe
Zaubere ich Lichtgestalten mir empor.
Mir ist, als schwebte ich im Weltenraum,
Wie ein Jehova, der die Rechte reckend
Die Sonnenscheibe vorlockt berm Nichts.
Und dann durchschauert mich ein andrer Wahn,
Als wre ich der letzte Erdensohn,
Der einer neuen Sintfluth bang entrinnt,
Wenn in der Wogen ungeheurem Schwall
Des Abgrunds Aufruhr immer lauter grollt.

Blick hier umher! Nach schwlem dunstigem Tag
Strahlt blendender der Sonnenuntergang:
Der Tod nach einem Leben trb und bang
Verklrt als Phnix sich erheben mag.
Des Luft-Talares Purpursaum berhrt
Die Erde fast und Traubenbche triefen
Herab, so scheint es, aus der Wolken Tiefen;
Manch rafaelisch Engelskpfchen ziert
Mit rosigem Fittich rings das Firmament.
Der Mensch, an Niedrigkeit und Hochmuth reich
Steht gegenber jedem Element,
Als wre Herrscher er und ist doch Knecht zugleich.


                                    Funoten

1 Ben schottisch: Berg. Englisch: Abkrzung von Benjamin. Bleibtreu,
Grenwahn.

2 James Bruce, der Abessynische Reisende. Nach einem Leben voller Abenteuer nahm
er in der That ein so elendes Ende.

3 Die Rebellen zwangen Maria Stuart 1567, sich ihnen zu ergeben.


                                      II.

Dies Tagebuch ist - wirklich - recht - interessant, lieber Xaver. Lady
Dorrington ghnte leicht, als die Lectre beendet.
    Ja, meinte Mrs. O'Donnogan. Nur die vielen Gedichte htte ich
weggewnscht. Das versteht man oft gar nicht! Das heit - natrlich - vielleicht
verstehe ich doch nicht Deutsch genug..
    O ich bitte. Krastinik verbeugte sich, etwas pikirt. Perlen vor die Sue!
dachte er respektlos. Er hatte bei seinem Versuch offenbar an Heine's
Reisebilder und Sterne's. Sentimental Journey gedacht. Etwas Einheitliches
kam dabei nicht heraus. Einiges klang frisch, Andres geziert. Der forcirte Humor
sowie die Trivialitt solcher gereimten Prosa wie Falkirk und hnlicher
Chronik-Reimereien stach unschn ab von der wirklichen poetischen Kraft
einzelner Parthieen. Aus allem aber athmete die Weltflucht eines mden
byronischen Weltbummlers und zugleich der Dnkel eines Menschen, der pltzlich
einer inneren Sendung bewut geworden: der Grenwahn einer noch unklar
ghrenden Begabung.
    Ja, offen gestanden, fiel Lord Dorrington ein. Ich htte gehofft, Du
wrdest uns irgend eine Novelle von schnen Hochlnderinnen mitbringen oder so.
    Ach ja! Mi Egremont sah ganz sehnschtig von ihrer Handarbeit auf.
    Eine Novelle! Du mein Gott, das schttelt man doch nicht so aus dem Aermel!
Allerdings habe ich etwas Aehnliches begonnen..
    Sieh da, sieh da, Timotheus! lachte der freundliche alte Herr, indem er
einen, lose am Schlu des elegant gebundenen Tagebuchs anliegenden, Papierbogen
ersphte. Dort steckt es wohl. Nun, lieber Poet, wie wre es denn, wenn wir
auch dies Getrnke kosteten?
    Ich wei nicht, ob.. Krastinik zgerte.
    Vortrefflich! rief Lady Dorrington, indem sie dem eintretenden Diener
zugleich, den Auftrag gab, Pale Sherry zu bringen. Das mu dem Dichter doch
sehr ntzlich sein, schon gleich beim Anfang seiner Arbeit ein Urtheil zu
hren.
    Ja, er mag dann ermessen, ob sie weitere Ausfhrung verdient, orakelte die
hbsche Irlnderin, indem sie mit zwo zarten Fingern das Theetchen zu den
zarten Lippen hob und langsam schlrfte, wobei sie zugleich, gleichsam
mechanisch, ein zartes Fchen vorstreckte.
    Das wirst Du gerade ermessen knnen, kleiner Salonpapagei! dachte Krastinik.
Aber die Dichtereitelkeit kitzelte ihn doch zu sehr, und als nun gar Mi Alice
Egremont ihre tiefen seelenvollen Augen mit ruhigstummer Bitte zu ihm aufschlug,
verbeugte er sich. Ich frchte nur, da Manches darin den Damen nicht gefallen
wird.
    Ei, kommen Sie, zieren Sie sich nicht! Lady Dorrington tippte befehlend
mit dem Zeigefinger auf seinen Arm. Diese Damen werden sich gewi sehr freuen.
Und prde sind wir auch nicht so, wie die Continentalen uns verschreien. Wie,
liebe O'Donnogan?
    Durchaus nicht, beeilte sich diese zu versichern.
    Na und brigens, raunte Dorrington ihm mit schelmischem Augenzwinkern zu,
wenn Zweideutiges oder auch Eindeutiges darin vorkommt, so brauchen sie's ja
nicht zu verstehen, weit Du. Sind mit dem Deutschen noch nicht so intim
bekannt. Mein Frau wird Dich auch nicht gleich fressen.
    Meinethalben, capitulirte Krastinik. Uebrigens sind's nur wenige Seiten,
sozusagen die Exposition des Ganzen. Also, meine Damen, diese schrecklich
naturalistische Novelle soll heien: Nachhlfe wird gesucht.
    Was fr ein sonderbarer Titel! Lady Dorrington schnitt ein etwas
befremdetes Gesicht, kreuzte aber die Arme, setzte die Fe auf einen Schemel
und schickte sich an, mit Spannung zuzuhren. Alice lie ihre Arbeit ruhen, die
O'Donnogan warf auf den Grafen einen Brillant-Blitz aus ihren holden Augen, und
dieser Musagetes beichtete den drei Grazien folgende poetische Snde.
    Da es ihm wie allen Dilettanten an einer ausgeprgten dichterischen
Physiognomie gebrach, so schien er naturgem auf die Nachahmung angewiesen.
Mehr nachempfindend als schpferisch beanlagt, lie er seine Vorbilder mit jedem
Tage wechseln. So suchte denn unser Eklektiker, von der Lectre Maupassant's
angeregt, diesmal im schlammigsten Fahrwasser des Zolaismus vorwrts zu steuern.

                            Nachhlfe wird gesucht.


    Es giebt eine doppelte Gattung unglcklicher Menschen: Solche dies es sind,
und solche, die sich so fhlen. Selten vereint sich Beides und das scheint eine
weise, Fgung der bekannten Vorsehung. Denn die Verbindung dieser Momente wrde
den Selbstmord zur allgemeinen Manie erheben.
    So giebt es denn nur nicht nur Tausende, die, von stetem Glck verfolgt,
eine ewige Melancholie mit sich herumschleppen, sondern auch bestimmte.
Lieblinge des Unglcks, die alle mglichen Miseren mit eselhafter Geduld zu
tragen wissen. Besonders die sogenannten Idealisten, eine Menschenrace, die mit
der Zeit in unsrem Jahrhundert aussterben und als Naturwunder secirt werden
wird. - -
    Der Guide des Zuges von Waverly Station, Edinburgh, nach Queensserry
schwenkte eben zum ersten Mal seine rothe Signal-Fahne, als ein schbig-genteel
aussehendes Individuum, mit einem altmodischen Ueberzieher und blauen
Brillenglsern geschmckt, keuchend und stolpernd an den Schalter strzte.
    Ein Billet II. Classe nach - nach - Herr, wonach denn? schrie der
ungeduldige Beamte. Ein verlegenes bldes Lcheln verdummte die Zge des
seltsamen Fahrgastes. Ich - ich glaube - vergessen, stammelte er schchtern
und sah sich wie hilfesuchend um.
    Ist der Mensch verrckt? schnaubte ein Dragoneroffizier, der ebenfalls
unpnktlich, athemlos nachdrngte. Wahrscheinlich wre der Vergeliche
hinausgeworfen, htte nicht eine wohlwollende Stimme hinter ihm ausgeholfen:
Nach Queensferry, nicht wahr? - Rasch, Schaffner. Hier ist's Geld. - Hier
nehmt's Billet, Mann, und bezahlt mich nachher. Sie verlieren ja doch sonst Ihr
Geld beim Aufzhlen. So. All Right. Come along, Mr. Goodenough. Damit ri der
Retter in der Noth den Andern Arm in Arm mit sich fort, schleuderte ihn sans
faon in ein Coup zweiter Classe und bestieg selbst ein solches mit der Nr. I.
    Was, Prevost?1 keuchte ihn der nachstrzende Dragoner beim Einsteigen an.
Ist das der bekannte Schriftsteller Goodenough? Htt's mein Lebtage nicht
geglaubt.
    Ja wohl, ja wohl, passirt gewhnlich! nickte Jener, ein Mann, dessen Zge,
die (sei es durch seine Beschftigung mit Hammelzchtung, sei es durch seine
Vorliebe fr Hammelbraten) eine eigenthmliche Aehnlichkeit mit diesem
britischen Nationalthier zeigten, von einem stereotypen wohlwollenden Lcheln
verklrt waren.
    Ist ja Ihr Unterthan, nicht, Prevost? fragte ihn ein gegenbersitzender
Herr - ein Landsquire aus Dundee mit dem Aeuern eines Methodisten.
    Ja, seit zwei Jahren! erwiderte der Gromchtige mit seiner mehligen
Stimme. Lebt bei uns - sehr abseits vom Verkehr natrlich. Wit Ihr, was
Goodenoughs erste Frage an mich war, als wir uns kennen lernten? Wie ich noch
immer Sonntags die Kirche besuchen knne!
    Der Junker mit dem schbigen umflorten Cylinder, dem tadellos schwarzen
Anzug und der Leichenbittermiene, schauderte gottesfrchtig.
    O das ist ja grauenhaft. Der Mensch ist ein Atheist?!
    Nicht grade das. Nur bis zur Tiefe des Freireligisen gesunken. Er ist kein
Christ mehr. Dabei ein schauderhafter Republikaner. Shelley ist sein Ideal.
    Gott erhalte den Knig! summte der Dragoner. Und ist doch sonst ein
gutmthiger Mensch, der kein Wsserchen trbt, nicht?
    O nicht auf dem Papier - da vergiet er Blut. Er ist ja so rother
Socialist, da er zwei Prozesse wegen politscher Pamphlete zu bestehen hatte -
und das will bei uns etwas sagen. Seine Brochre ber Frauenemanzipation und
freie Liebe wre ja beinahe unterdrckt, wegen sittlicher Bedenken der Polizei.
    Haarstrubend! Freie Liebe?! kreischte der Leichenbitter auf, der sich
einer betrchtlichen Hlichkeit befleiigte. Was versteht er darunter? Umsturz
aller huslichen Bande, Zerreiung des heimischen Heerdes?
    Nun, ich glaube nicht, da er seine Grundstze in der Praxis - fhlen
mchte. Denn er ist selbst seit einem Jahr sehr verheirathet.
    Aha! Das wird eine hbsche Huslichkeit sein.
    Freilich ist sie das, nickte der Prevost ernsthaft. Er soll jedem Fremden
von seiner Wally die Ohren vollschwatzen. Er ist im Grunde ein sentimentaler
Patron und hat eben nur von Allem berspannte Begriffe.
    Als man in Queensferry ausstieg, nahm der dicke Brgermeister den armen
Snder unter den Arm, mit dem er auf dem Fue gutmthiger Herablassung
verkehrte, und Beide, nach Hause wandernd, waren bald in ein Gesprch ber
ethische Dinge vertieft. Der Prevost klagte ber eine gottverlassene schottische
Landstadt, von der er vernommen, da dort 17 Public-houses der Trunksucht und
keine Kirche der Gottesfurcht Vorschub leisteten.
    Das wre Alles noch nicht so schlimm, meinte Goudenough. Aber denken Sie
an London! 6000 Personen in 11 Straen und 2 Hfen (Courts)! In einzelnen
kleinen Husern 50 - sage fnfzig - Insassen! Wo soll das hinfhren! Dies Elend
mu ja zu einer socialen Umwlzung hindrngen!
    In diesem Moment kamen sie an einem offenen Huschen vorbei, welches
Methodisten als abendliche Bethalle bentzten. Deutlich hrte man durch die
halbgeffneten Fenster die nselnde Stimme des Vortragenden:
    Behold! I came quickly. Thanks be to God which giveth us the victory
through our Lord Jesus Christ.
    (Siehe, ich nahe schnell. Dank Gott, der uns den Sieg verleiht durch unsern
Herrn Jesus Christ.) Goodenough lachte leise auf. Siehe ein Omen! Ich nahe
schnell. Wer wei?
    Der Prevost betrachtete ihn mit mibilligendem Kopfschtteln. Jaja, Sie
sind ein Unzufriedener, Sir. Sie locken gar noch Unruhstifter ins Land. Da ist
Ihr franzsischer Freund, Monsieur Thibaut, der jetzt Ihr drittes Wort bildet,
von dem Sie Jedermann erzhlen. Was ist eigentlich so Groes an ihm! Ein
Kritiker in Literaturgeschichte! Wr's noch ein Dichter!
    Wer einen Dichter ganz versteht, ist selbst einer, versetzte Jener eifrig.
    So! Und dieser verstndnivolle Wanderprediger einer revolutionren
Aesthetik soll uns arme Leute hier durch einen Vortrag begnstigen - auf Ihre
Veranlassung? Wovon soll doch seine Lectre handeln?
    Er wird sprechen ber die These von Wordsworth: Der Ursprung der Poesie ist
Emotion, welche sich in beschaulicher Ruhe an sich selbst erinnert.
    Du mein Gott, wie gelehrt! Und das sollen unsre guten Provinzialen
verdauen! Also morgen kommt dieser Phnix mit dem Dampfboot bern Firth of Forth
herber? - Ach, hier stehen wir vor Ihrer Schwelle. Gutnacht, Sir. Meinen Gru
an Mrs. Goodenough. - Sagen Sie doch, Liebster, predigen Sie Ihrer Gattin auch
Ihre verderblichen Theorieen von Freier Liebe?
    Goodenough lchelte berlegen. Ich verstehe den Stachel Ihrer Frage. Meine
Wally ist jedoch ber alle Schwachheiten eines unentwickelten Frauenkopfes
erhaben. Sie ist eine wahre Philosophin. Unsre Ehe fut auf der Harmonie der
Geister und Seelen. Selbstverstndlich bin ich fr stete Vereinigung zweier
Liebenden so lange sie sich lieben, und vor allem fr Monogamie. Denn wie ein in
Ruhe mit Appetit verzehrtes Brot nhrender wirkt, als ein in appetitloser Hast
hinuntergeschlungenes Beefsteak, so ist das stille Glck einer monogamischen Ehe
der Seele nahrhafter, als alle schwrmerischen Leidenschaften.
    Der Prevost sah den Sprecher whrend dieses weisen Vortrags mit unmerklichem
Lcheln an, warf einen Blick auf dessen fadenscheinige Gestalt und
spinnwebenartige Beine, wollte etwas sagen, verschluckte es aber und empfahl
sich mit freundlichem Gru.
    Goodenough wurde indessen, nachdem er den Messingklopfer der Hausthr
gerhrt, von der Magd mit einem bemutternden Grinsen in Empfang genommen, die
ihm seine Reisetasche abnahm und Madam! rief.
    Bald darauf ffnete sich die Thr des Parlours und eine gewaltige Dame
segelte herein. Ihr straffanliegendes schwarzes Sammtkleid lie ihre ppigen.
Formen einladend hervortreten und ihre pralle Fleischentwicklung hatte bereits
Kinn und Wangen mit massigen Fleischpolstern umgeben. Ihr vorstehender groer
Mund athmete Gutmthigkeit und Sinnlichkeit. Zwischen den vollen Lippen und der
derben graden Nase lag ein schwarzes Blthchen, das sich wohl durch Wohlleben
dort eingenistet hatte. Dies Wrzchen glich einer kunstgerecht aufgelegten
Mouche. Ihre Stirn war niedrig und von etwas schmutziger Farbe, ihr sonstiger
Teint lebhaft, aber nicht frisch. Ihre Hnde, einmal hbsch und klein gewesen,
verwandelten sich allmhlich in unfrmliche Fettklumpen. Jedenfalls schien sie
der Ceres und dann dem Bachus krftig geopfert zu haben. Die Flammen der Venus
werden hierdurch gar oft erstickt, doch wenn sie so unaufhaltsam durch feiste
Mstung genhrt werden, mssen sie endlich mit nachdrcklicher Gewalt einen
Gegenstand verzehren. Langsame Gluth glimmt am sichersten. Uebrigens war sie
nach neuester Pariser Mode gekleidet und hatte einen weien Burnus bergeworfen.
Die Philosophie mochte wohl diese eine kleine Schwche ihres Geschlechts in der
geistvollen Frau des gelehrten Mannes noch nicht verwischt haben.
    Goodenough, der sehr erschpft war, erhob sich schwerfllig und klagte,
indem er sie zrtlich umarmte, ber Bruststechen. Ein Schatten flog ber ihr
Gesicht. Dieser wich jedoch dem Ausdruck lebhafter Neugier, als er von Thibauts
morgiger Ankunft erzhlte. Beide sprachen dann noch allerlei ber Thibauts
Verdienste als bahnbrechender Kritiker. Goodenough hatte die Werke des Franzosen
bersetzt. Als er in sein Schlafzimmer hinaufstieg, rief er befriedigt: Ja, mit
Ihm vereint, vorwrts an neue geistige Zeugung!
    Ach, mit der geistigen Zeugung! Sie wute selbst nicht, wer in ihr diese
Worte kicherte. Auch sie schritt stattlich in ihr keusches Schlafgemach. Dort
zndete sie, sich entkleidend, eine Kerze an. Dabei fiel ihr Blick auf eine
danebenliegende, frische, noch von keiner Gluth um ihre Jungfrulichkeit
betrogene Kerze. Sie ergriff sie und betrachtete sie mit eigenthmlichen
Gefhlen, als wre sie ein Symbol des menschlichen Lebens. Ihr Busen hob sich in
ungestmer Wallung. Ja, diese gerumige Hlle eines weiten Herzens zu fllen,
diesen ghnenden Spalt, diese klaffende Lcke der Schpfung - -
    Mit einem leisen Sthnen bestieg sie ihr schwellendes Pfhl.

    So, weiter kam ich noch nicht! lchelte der grfliche Dichter ganz
unbefangen und klappte mit zufriedener Miene sein Buch zu.
    Nach Vorlesung des seltsamen Fragments trat eine verlegene Pause ein. Htte
er es in einem deutschen Salon verlesen, so drfte die boshaft cynische
Anspielung am Schlu ihm einen moralischen Hinauswurf eingetragen haben. Die
englischen Damen verstanden jedoch nur den allgemeinen Sinn, und selbst Lady
Dorrington, welcher die Unanstndigkeit einzelner Wendungen nicht entging, hielt
das Ende mehr fr albern als brutal. Die beiden Frauen sahen sich etwas betreten
an, Mi Egremont sah in ihren Scho. Der Lord hingegen schneuzte sich heftig und
verrieth hinter dem Taschentuch convulsivische Zuckungen. Auf einen verwunderten
Blick seiner Gattin stellte er jedoch die Taschentuch-Experimente ein und
uerte mit etwas unsicherer Stimme - er war sehr roth im Gesicht und schnitt
eine unnatrlich ernste Grimasse, indem er sich behaglich die Hnde rieb: Hm,
nicht bel als Debut. Vieles schien mir unverstndlich. Nein, nein, lieber
Freund, das ist doch nichts fr unsre Damen. Wir hatten etwas Poetischeres von
Ihnen erwartet. Und - hier prustete er pltzlich wieder los und nahm sein
Taschentuch zu Hlfe. Krastinik deutete kurz an, da er mit der
Philosophen-Gattin und dem Auslnder Thibaut schlimme Dinge vorhabe.

                                    Funoten


1 Brgermeister.


                                      III.

Bei Egremonts war Diner, an das sich spter ein kleiner Rout anschlo. Krastinik
begrte unter den Geladenen seinen Bekannten von jenem herzoglichen
Schreckensball, Sir. Thomas de Mowbray. Nach Tisch beim Thee trieb man hohe
Politik.
    Glauben Sie an den Krieg zwischen Frankreich und Deutschland? fragte Mr.
Egremont, indem er Krastinik eine Shilling-Havanna huldvoll berreichte.
    Zweifellos. Die beiden groen Maschinen heizen sich innerlich so lange, bis
sie pltzlich mit voller Dampfkraft aufeinanderprallen. Die daran zweifeln,
gleichen dem Vogel Strau, der den Kopf in den Sand steckt, um sich dem Feind zu
verbergen.
    Ich hoffe, Sir Thomas de Mowbray reckte sich, da diese Preuen nicht
wieder die armen Franzosen so unvorbereitet berfallen werden. Wodurch haben sie
gesiegt? Nur durch ihre kolossale Uebermacht und ihr berlegenes Gewehr, wie ich
noch krzlich in der Broschre eines franzsischen Artilleriecapitns las.
    Erlauben Sie, sagte Krastinik ruhig. Auch ich habe jenes thrichte
Machwerk verdaut. Wenn der Verfasser wirklich den groen Krieg mitgemacht hat,
so mag es um die militrische und sonstige Bildung des franzsischen
Offiziercorps bel bestellt sein. Wenn er, von seinem eigenen Unsinn betubt,
bona fide seine lgenhasten Albernheiten ausstreut, so mu die Masse des
franzsischen Volkes doch derlei Ungeheuerlichkeiten erst recht fr baare Mnze
nehmen.
    Ah, ich wute nicht, Sir, wunderte sich der englische Kamerad, da Sie
ein Bewunderer der Preuen seien. Sie nennen es lgenhafte Albernheiten, -
    Wenn der Herr Artilleriecapitn am Fieberdelirium der Spionenriecherei
leidet, wenn er von berlegenem Gewehr fabelt - obschon doch selbst jeder
Boulevardier wissen mte, wie sehr grade das Chassepot dem Zndnadelgewehr
berlegen war -, wenn er von der unvollkommenen kriegerischen Natur der
Deutschen redet und erzhlt, da diese jedesmal die Flucht ergriffen, sobald man
sich Mann an Mann mit ihnen kreuzte! Warum? Nun, weil wir tapfrer sind als sie,
wie dieser Bramarbas prahlt. Die Deutschen knnen nur wnschen, da man die
Rathschlge solcher Broschren befolgt: Das Losstrmen auf die kaltkltigen
Nordlnder, um sie mit dem Bajonett zu werfen, und besonders die
Massen-Bajonettattacken bei Nacht werden gewi zu empfehlen sein. So mag man den
Heeren Moltkes nur mit Lachen entgegentreten, wie die unverdrossenen
Chauvinisten lehren! Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten. - Meine Auffassung
setzt Sie in Erstaunen?
    Allerdings, ein wenig. erwiderte der Brite kalt.
    Man berschtzt Deutschlands Macht gewi, fiel Mi Maud Egremont ein, die
sich soeben zu den Herren setzte, um an dem Gesprch theilzunehmen. Ich bin
berzeugt, wenn franzsische Truppen erst mal den Rhein berschreiten, fllt der
Bundesstaat auseinander.
    Krastinik schttelte den Kopf. Tuschen wir uns nicht! Ein Auslnder hat
meist gar keinen Einblick in die wahren inneren Verhltnisse eines Staates. Weil
man im Deutschen Reichstag sich zankt, glauben die Fremden sozusagen an Keime
zum Brgerkrieg. Bedenken Sie, da Napoleon III. allen Ernstes 1870 auf die
Neutralitt der Sddeutschen rechnete. - Kurz, ich frchte, die Chauvinisten der
Patriotenliga, die Boulangers und Derouldes, machen sich um ihr Vaterland nicht
wohlverdient durch ihr windiges Gerede ber ihre Besieger, wodurch sie
eigentlich nur sich selbst herabsetzen, da diese miserablen Soldaten doch
Frankreich Stck fr Stck zerbrachen, obschon es den uersten Widerstand bis
zu gnzlicher Erschpfung ihnen entgegensetzte. Er entschuldigt hchstens, da
man in aller Einfalt das unpatriotische Verbrechen begeht, falsche Vorstellungen
und luftige Hoffnungen vorzuspiegeln. Nach solchen Reden und Brochren mu das
revanchelustige Volk ja glauben, da man heut mit mehr Recht, denn je, von einer
Militr- A Berlin reden knne. Wir wollen den Maulhelden nicht wnschen, da sie
die deutschen Bajonette in der Nhe schmecken lernen. Das Lachen wrde ihnen
dann wohl vergehn.
    Nun, eins knnen Sie doch nicht leugnen, wandte Mr. Egremont ein, da die
Deutschen stets ber eine groe Uebermacht verfgten.
    Hm, ich wei nicht. Wie steht es mit dieser angeblichen Uebermacht? In der
zweiten Hlfte des Feldzugs war sie durchweg (zweifach, dreifach, manchmal vier-
und fnffach) auf Seiten der Franzosen. Bei Weienburg, Wrth, Spicheren,
Gravelotte wurde die deutsche Ueberlegenheit an Truppen nicht nur aufgewogen
durch unerhrt starke Stellungen des Feindes, sondern an allen einzelnen
Entscheidungspunkten war die Uebermacht ganz auf franzsischer Seite. Bei
Vionville standen die Franzosen an den meisten Punkten mit sechsfacher
Uebermacht entgegen, so da ein deutsches Regiment gegen zwei Divisionen, eine
Brigade gegen ein und einhalb Armeecorps kmpfte; ja, am Abend, als alle
Verstrkungen eingetroffen, war Bazaine immer noch ums Doppelte berlegen. Und
nun Sedan! Darber herrschen vielfach falsche Begriffe. Mac Mahons Armee betrug
gegen 130000 Mann, was aus Addition des Schlachtverlustes, der Kapitulirenden
und der ber Belgien und Mezires Entkommenen sich leicht ergiebt. Von deutschen
Corps kmpften in der Schlacht selbst hchstens 150000 Mann. Da nun die
Franzosen im Innenkreis in dicken Massen standen, so haben sie zweifellos in der
Schlacht selbst berall Uebermacht gehabt gegen die dnnen Linien der Deutschen
auf der Peripherie. So zerrinnt das Mrchen von der deutschen Uebermacht ins
leere Nichts.
    Also war es die deutsche Fhrung, Count de Rasteinik. Egremont gab mit
groer Wichtigkeit das entscheidende Votum des freien Briten ab: Moltke ist der
erste Feldherr Europas.
    Hm. Krastinick schttelte leicht, den Kopf. Ob die Generale den
Lwenantheil des Sieges beanspruchen drfen, wei ich noch nicht einmal. So
vortrefflich die Kaiserlich Napoleonische Armee sich schlug, so war wohl auch
das Material der Deutschen in jeder Einzeltruppe ein besseres. Nicht auf dem
System Moltkes, wovon die Franzosen so viel Unklares trumen, nicht auf der
Fhrung des Groen Generalstabes, die ja ebenso gut Schnitzer machte wie die
franzsische Oberleitung, sondern auf der kriegerischen Natur der Deutschen
beruht der Erfolg Deutschlands. Er verbreitete sich noch weitlufig ber die
Autorittsmichelei, die immer nur oben das Verdienst sucht, und ber die
vllige Unfhigkeit der franzsischen Fhrung und Intendantur, trotz welcher
aber das kaiserliche Heer, wegen Geschicklichkeit und Bravour der Truppen
selbst, einen furchtbaren Widerstand leisten konnte. Das Alles war den Hrern
ganz neu und erregte unglubiges Staunen, was im Laufe des folgenden Gesprchs
sich zu einer gewissen Mibilligung steigerte. Wer etwas Neues sagt, gilt stets
fr paradox; wer liebgewordene Vorurtheile ber den Haufen wirst, fr arrogant.
    Well, sagte Mowbray, Bazaine nennt sich ja noch in seiner bekannten
Rechtfertigungsschrift den Besieger Preuens in den zwei schwersten Schlachten
des Jahrhunderts.
    Ja, er wagt sich damit zu brsten, erwiderte der Oesterreicher trocken,
obschon er damit hchstens das niedrige Niveau seines Begriffsvermgens zeigt.
    Hrt, hrt? Ein franzsischer Marschall..
    Abgesehen von der taktischen Unbestreitbarkeit der deutschen Siege, fuhr
Jener unverdrossen fort, wurden Vionville und Gravelotte ja zu schweren
strategischen Niederlagen..
    Hrt, hrt? Sie widersprechen sich da doch, Sir, fiel ihm Maud spitz ins
Wort und schien sich dieses Hiebes zu freuen. Sie verkleinern die preuische
Strategie und sagen nun doch selber..
    Pardon, Mi. Nicht die geniale Voraussicht des preuischen Hauptquartiers
erzielte diese Erfolge, welches z.B. bei Gravelotte die Entscheidung ganz an
falscher Stelle, statt bei St. Privat auf dem entgegengesetzten Flgel suchte.
Bazaines Auffassung seiner Lage am 16. August war von seinem Standpunkt aus ganz
richtig. Er wollte ja eigentlich gar nicht nach Verdun abmarschiren, wie
deutscherseits immer behauptet, sondern vor allem sich an Metz lehnen. Der
angebliche Plan des deutschen Obercommandos, die 200000 Mann starke Bazainesche
Armee in das fr uneinnehmbar gehaltene Metz hineinzudrngen, ist ihm erst
nachtrglich als von Anfang an bestehend untergeschoben. Der Plan schien auch so
unerhrt khn, da er kaum Erfolg versprach. Am 16. August, dem eigentlichen
Entscheidungstag des Feldzugs, ohne den das sptere Sedan unmglich war,
operirte man beiderseits so planlos wie irgend mglich und der ganze Ruhm
gebhrt den unbertrefflichen altpreuischen Truppen.
    Und Sedan? fragte Egremont.
    Glauben Sie denn etwa, ein Sedan wre mglich gewesen ohne die zwingende
Gewalt schicksalsschwerer Umstnde? Die deutsche Oberleitung, die auf Paris
vorrcken wollte, tappte ganz im Dunkeln und der gewagte Plan Mac Mahons, an der
Nordgrenze durchzuschlpfen, war beinahe geglckt - als man im letzten
Augenblick die Falle merkte und nun in unerhrten Gewaltmrschen an die Maas
eilte, die man nur deutschen Truppen zumuthen durfte. Uebrigens wird auch hier
Moltkes spezielles Verdienst etwas berschtzt. Der Befehl an die dritte Armee
zu der groen Rechtsschwenkung kam schon zu spt - htte nicht der
Generalstabschef dieser Armee, der alte Blumenthal, auf eigene Initiative hin
schon vorher die Rechtsschwenkung ausgefhrt. Diese Thatsache, ist freilich nur
sehr Wenigen bekannt. Trotzalledem aber fruchtete das Alles nichts, falls nicht
Mac Mahon so schandbar langsam marschirt wre. Aber auch da er an der Maas
ereilt wurde, ehe noch ein Theil seiner Truppen auf das jenseitige Ufer gelangt
war, htte ausgeglichen werden knnen, falls nicht Faillys Corps sich bei
Beaumont in so unerhrter Weise berfallen lie. Und selbst dies htte noch
verwunden werden knnen, wenn Mac Mahon nicht unbegreiflicherweise unter den
Wllen von Sedan htte abkochen lassen und sich achtundvierzig Stunden dort zur
Ruhe gesetzt htte. Ja, und selbst dann noch war, wenn auch nicht eine
schreckliche Niederlage, so doch die Kapitulation vollstndig zu vermeiden, wenn
man nur am Morgen oder Vormittag mit aller Macht auf Mezires abrckte. Unter
solchen Umstnden zu siegen, ist keine Kunst. In der Schlacht von Sedan selber
aber hat wieder nur die wundervolle Sicherheit und Energie der deutschen Truppen
selbst so glnzende Resultate ermglicht. - Was geschah aber nach Sedan? Vinoy,
der unrettbar verloren war, entkam mit seinem ganzen Heer und in dem nun vllig
waffenlosen entblten Frankreich marschirte Moltke so vorsichtig mathematisch,
da man Paris richtig nicht mehr berrumpelte, wie man so leicht konnte. Und am
Tag von Chtillon beim Eintreffen vor Paris, wo man notorisch die Stadt htte
nehmen knnen, fehlte es ganz an selbststndiger Initiative. Selbst Blcher
handelte 1815 beim Vormarsch auf Paris nach Waterloo viel genialer und darum
richtiger. Und wie anders wrde ein Napoleon handeln! Nein, Mac Mahon und
Bazaine waren nichts wie leidliche Routiniers der Taktik, sogenannte
Bataillegenerale - aber die preuische Fhrung riecht andrerseits immer wieder
nach der Studirlampe. Statt Napoleons Kriegskunst haben wir heut eine Kriegs
wissenschaft, ein Schachspiel mit hherer Mathematik!
    Eine Pause trat ein. Die Einen schienen das Gehrte verdauen zu wollen, die
Andern schienen, schon ungeduldig. Mowbray ghnte laut.
    Wie der aber arrogant ber Alles aburtheilt! flsterte eine Freundin Mi
Mauds dieser zu, welche zu der Gruppe getreten war und sich ber Mauds Stuhl
lehnte - ungeduldig, da dieser fesche Auslnder die Herrn durch gelehrte
Gesprche so lange von dem Thee der Damen fernhalte. Gar kein ladies-man!
    Hrt, hrt! verlautbarte sich Egremont gedehnt Uebrigens, wenn Sie
Bonaparten heranziehn, wrden nicht 100000 Mann, von ihm selber gefhrt, heut
von jedem beliebigen General mit 50000 heutigen Gewehren geschlagen werden?
    Ich glaube, Sie irren, Mr. Egremont. Krastinik befand sich in der
unglcklichen Lage, stets widersprechen zu mssen. Sie sind nicht Militr und
grade Laien fassen den Krieg zu mathematisch-mechanisch auf, wrdigen nie das
hauptschlich entscheidende psychologische Moment der Taktik. Eben weil sie dazu
geneigt sind, berschtzen sie die nur partielle Wirkung des Fernfeuers.
    Wie das? fragte Maud.
    Nun, erstlich ist die Wirkung des Massen-Schnellfeuers auf weite Entfernung
verhltnimig gering. Erfahrungen durch Verlustziffern des siebziger Krieges
lehren, da von 1000 Geschossen bei Massenfeuer auf Strmende selbst auf ganz
deckungsloser Flche mit rasanter Flugbahn erst eins trifft. Das groe Sicheln
beginnt erst auf 400 Meter Entfernung und steigert sich progressiv. Nun verfhrt
aber das Fernschieen, zumal jetzt beim Magazin-Gewehr, dazu, ununterbrochen
draufloszupaffen, so da beim fnfzigsten Schu (- bis zu 150 Schu kann man
hintereinander verknallen -) ein blindes zielloses Knattern eintritt. Das
berhitzte Gewehr droht zu springen. Indem er flschlich ein massenhaftes
Treffen seines massenhaften Kugelverbrauchs voraussetzt, macht ein unentwegtes
Vordringen des Feindes den Vertheidiger stutzig. Seine Nerven werden von dem
Rollen seines eignen Feuers erschttert, die Hand am Laufe fliegt, der Arm
zittert, er verliert jede Selbstbeherrschung und verschiet seine Munition: in
dieser Verfassung trifft ihn ein entschlossener khner Sturmlauf, der den
umfassenden Bleimantel nicht scheut. Der Angreifer hingegen empfngt durch
seinen Sturmlauf einen nervsen Elan. Er schiee nun erst, sobald er auf 400 bis
100 Meter herangekommen, im Vorgehen kaltbltig und ruhig. Noch hat er keinen
Schu gethan; seine Nerven sind noch nicht vom augenflimmernden Knall-Wahnsinn
(diesem selbstberschtzenden Grenwahn des modernen Hinterlader-Fuvolks!)
ergriffen; er pustet treffsicher und klaren Blicks in runden Salven sein
Nah-Feuer dem Feind ins Gesicht und bringt ihm in einem Zehntel der Zeit
strkere Verluste bei, als er whrend des ganzen Sturmlaufs erlitten. - Unter
diesen Umstnden bei gesunder taktischer Formation scheint also immer noch eine
gutgeschulte Truppe einer minder tchtigen berlegen, falls nur die Fhrung den
Unterschied der Waffe ausgleicht.
    Nur Wenige waren dieser lichtvollen Auseinandersetzung gespannt gefolgt.
Der schwatzt, als ob er ein Feldherrngenie wre! nselte Mowbray Mi Maud ins
Ohr. Ja, das lt sich Alles hren, brummte Herr Egremont. Ob aber in der
Praxis..
    Nun, Sie mssen's ja am Besten wissen, Sir Thomas, wandte sich der
Oesterreicher an diesen, nicht ganz ohne boshafte Nebenabsicht. Wie leicht
sprengten doch im Sudan die Mahdisten, blo mit Schwert und Schild bewaffnet,
die Magazingewehr-Vierecke der besten englischen Truppen!
    Ein unruhiges Ruspern lie sich vernehmen. Der Auslnder war doch auch gar
zu taktlos! Vom Sudan-feldzug zu reden - gradezu shoking, Mangel an
respectability!
    Mein Herr, die britischen Vierecke wurden keineswegsgesprengt, erwiderte
Mowbray schroff, indem er seinen Giraffenhals majesttisch reckte. Englische
Vierecke pflegen berhaupt nicht gesprengt zu werden. Krastinik zuckte
verstohlen die Achseln. Doch ein beiflliges Gemurmel belehrte ihn darber, da
man nicht ungestraft dem Grenwahn nationaler Ueberhebung auf die Zehen tritt.
Mowbray schien einen Augenblick zu zgern, ob er noch etwas hinzufgen solle,
platzte aber, ohne lange an dem Brocken glory zu wrgen, dann pltzlich los:
Uebrigens, Herr Graf, was Sie da vom Fernfeuer u.s.w. uerten, trifft
natrlich auf britische Truppen nicht zu. Nerven-Erschtterung ist bei uns
Insel-Leuten nicht zu befrchten; die haben Nerven von Stahl.
    Krastinik hatte sich zwar ba gewundert, an allen mit Reklameprospekten
beklebten Mauern, ja sogar in Anstalten fr ffentliche Nothdurft, Mittel gegen
nervous debility empfohlen zu sehen. Doch er bi sich auf die Lippen und
schwieg, bis der alte Egremont mit Wrde das unumstliche Dogma hinwarf: Well,
Sir, das werden Sie ja nicht bestreiten: Der englische Soldat ist der beste der
Welt. Sogar der deutsche Kronprinz hat auf einer Revne in Aldershot dies
geuert. Es stand in allen Blttern.
    Dann mu es freilich wahr sein, versetzte Krastinik ernsthaft, obschon er
gern etwas von Compliment aus Hflichkeit htte einflieen lassen. Dagegen
bemerkte er mit ruhiger Ironie: Ja freilich. Auch Napoleon soll so etwas auf
St. Helena einigen Englndern gesagt haben. Die englische Infanterie sei die
beste in Europa. Nur fgte er hinzu: Gott sei Dank, giebt's nicht viel davon.
    Auch diese Einschrnkung, deren Stachel man wohl fhlte, kam der britischen
Glory (dieser widerlichen Bastardschwester der franzsischen Gloire)
augenscheinlich ungelegen. Denn Mowbray fiel hastig ein: Doch haben diese
Wenigen ganz Europa geschlagen.
    Krastinik htte sich gern erkundigt: wo, und wrde in Sachen Waterloo dem
britischen Kameraden die Waterloo-Lectures des Colonel Chesney an der
Woolwicher Kriegsschule empfohlen haben. Doch behielt er wohlweislich sein
Wissen fr sich.
    Egremont ritt jetzt wieder sein pomphaftes Steckenpferd. Nachdem die
Britische Aristokratie durch das Toryministerium Salisbury wieder die Leitung
der auswrtigen Geschfte bernommen, werde Grobritannien aufs Neue die
entscheidende Rolle in Europa und speziell in dem kommenden Weltkrieg spielen.
Krastinik htete sich wohl anzudeuten, da man auf dem Continent ber die
Krmerpolitik ganz anders denke, und meinte auch, da England in Asien seine
Suprematie behaupten werde. Ueberhaupt berschtze man Rulands Macht bei
weitem, das wegen gnzlicher Verrottung der Verwaltung so spt mobilisiren
knne, da an einen erfolgreichen Offensivkrieg desselben gar nicht zu denken
sei. Dagegen sei man, wenigstens im groen Publikum, geneigt, Frankreichs in der
That furchtbare Macht jetzt zu unterschtzen. Ebenso sei Oesterreich bei all
seinen unteren Schden die drittgrte und -beste Militairmacht geblieben und
knne zur Noth allein mit Ruland fertig werden. Das Gesprch lenkte sich jetzt
auf den Nihilismus und von da auf hnliche Erscheinungen: Die Irischen
Dynamitverschwrer, die Deutsche Socialdemokratie, den Anarchismus. Nachdem man
hin- und hergeredet und auch die Millionen umfassende socialistische Liga. 
United Workmen, welche der englischen Gesellschaft Gefahr drohe, besprochen,
sagte Krastinik pltzlich: Ja, wir werden wohl Alle noch dranglauben mssen.
    Wie meinen Sie das? Der zur Ruhe gesetzte Bcher-Millionr blies die
Backen auf und steckte unwillkrlich die Hnde in die Hosentaschen.
    Ich meine, da wir Alle noch ins Gras beien werden und da die sociale
Revolution ein unabwendbar drohendes Gewitter ist.
    Mi Alice, die auch hinzugetreten war, stie einen allerliebsten kleinen
Schrei aus. Mowbray, der britische Leu, ermuthigte sie jedoch mit einem feurigen
Blick: Frchten Sie nichts, Mi. Noch wird es nicht an Mnnern fehlen, welche
die Gesellschaft zu schtzen wissen. Gott sei Dank giebt es noch Armeeen und
Offiziere zur Rettung der Staatsgewalt.
    Krastinik sah nicht den kokett zrtlichen Dankbarkeitsblick der reizenden
jungen Dame, sondern fuhr dster und etwas unwirsch drein: Bravo! So sprach man
auch vor der Franzsischen Revolution! Das sicherste Kennzeichen fr die
positive Gefahr scheint es mir aber, da man berall in der Guten Gesellschaft
von der socialen Revolution wie von einer Wahrscheinlichkeit schwatzt - grade so
wie damals die Grandseigneurs thaten. Welche schne Revolution werdet Ihr haben!
Kinder, ich beneide Euch! rief der Patriarch Voltaire als gefeierter Jubelgreis
der liberalen Jeunesse dore zu, die sich als schwrmende Schngeister eine
Revolution wie eine galante Oper dachten. Ach, er brauchte sie nicht zu
beneiden! Sie wurden ja Alle gekpft. Je mehr sie von Freiheit und
Brderlichkeit schwatzten, desto eher. Was half's dem Herzog von Orleans, da er
sich Brger Philipp Egalit nannte? Die Egalit verlangte darum doch seinen Kopf
- eben weil er Herzog gewesen war. Das kommt Alles viel schrecklicher wie man
denkt. Er sah vor sich nieder. Die Gesellschaft fhlte sich in der Verdauung
gestrt und ein reicher Brauer legte mit schmerzhafter Miene seine Hand auf die
weie Weste seiner Magenhhle.
    Sie machen Einem Angst und Bange, sagte Mi Maud mit ihrer scharfen
Stimme. Aber wie wre das Alles denn mglich? Wer will denn in Europa
Revolution auer den unteren Stnden? Man mag ja wohl einige sociale und
sonstige Uebelstnde abschaffen; aber darber hinaus geht Niemandes Wollen.
    Krastinik lachte leicht auf. Ja wohl, wer will Revolution! Die paar hundert
Jacobiner sind es gewesen, die ganz Frankreich tyrannisirten und die Besiegung
Europas organisirten. Und mit dem Abschaffen socialer Uebel auf gesetzlichem
Wege geht es, wie mit der Lawine, die aus einem Schneeball sich bildet und ins
Rollen kommt, bis sie im Abgrund verdonnert. Niemand wollte damals die Republik,
Jeder nur die Constitution. Aber es liegt in der Art der Monarchie, da sie ihr
abgerungene Beschrnkungen nie gutwillig trgt, sondern stets dagegen opponirt.
Ich, Aristokrat, Monarchist bis in die Knochen, Royalist, getreu meinem
kaiserlichen Herrn, wrde es nicht anders machen; wrde den Thron im Kampf gegen
die siegreiche Demokratie untersttzen. Diese aber ist wie der Tiger, der Blut
geleckt hat. Man gebe ihr nur den triftigen Vorwand, indem man ihr trotzt, und
sie springt von Stufe zu Stufe ihren letzten Ziele entgegen. Auch berstrzt
sich ja Alles in solchen Zeiten. In der berhmten Nachtsitzung des franzsischen
Adels vom 4. August 1789 wollte man auch mit einigen allgemeinen
Gleichheitstiraden beginnen und endete um 2 Uhr Morgens, nachdem man die
gesammten Privilegien und Feudalrechte mit eigener Hand vernichtete! - Uebrigens
doch bei alledem eine merkwrdige Nacht, fgte er nach einer Pause hinzu, da
Alles schwieg und sich betreten ansah. War ja verrckt, aber wird dem
franzsischen Adel doch ewig zur Ehre gereichen. Denn..
    Meine Herren, unterbrach ihn Mi Maud, indem sie sich hastig erhob: Ich
finde, das Gesprch nimmt eine zu ernste Wendung. Die Damen erwarten Sie
schmerzlich...
    Xaver empfahl sich bald. A queer little fellow! nselte Mowbray, indem er
ihm durch sein Monocle nach sah. Alice, der er die Cour schnitt, antwortete
nicht.
    Ein schrecklich geschwtziger altkluger Mensch. Lt Niemanden zu Worte
kommen, brummte Egremont, der mehrmals pompse Phrasen hatte verschlucken
mssen.
    Und was fr baroke Ansichten er hat! meinte, eine Freundin von Mi Alice.
    Und so von sich eingenommen! meinte eine Freundin von Mi Maud.
    Man begreift gar nicht.. sagte der fette Brauer, der die Hand auf die
weie Weste seiner Magenhhle, zu legen liebte. Ein Graf.. und so vulgr
radikale Ansichten!
    Ueberspannt!
    Revolutionr!
    Hm, you know.. Graf.. das bedeutet nicht viel auf dem Continent.. da ist
immer der Zehnte Graf.
    Hm, er ist ja wohl auch ein jngerer Sohn, warf Egremont nachdenklich hin.
    Ah, ein jngerer Sohn?! nselte Mowbray.
    Das erklrt mir Alles! entschied der fette Herr mit der weien Weste.
    Jngere Shne - hh - sind immer radikal.
    Kurz, a queer fellow! setzte Mowbray als letztes Punktum. Mi Alice
ermuthigte ihn durch einen schmachtenden Blick.
    Eine entscheidende gesellschaftliche Niederlage. A queer fellow - dieser
Spitzname hatte den fremden Eindringling fr immer gestempelt. Das kommt davon,
wenn man diese Auslnder, diese Foreigners, in die britische Respektabilitt
aufnimmt Sie zweifeln an der Unfehlbarkeit alles Englischen, sie reden von
unbequemen Sachen, welche die Verdauung stren. Sie verletzen die herkmmlichste
Sittlichkeit in ihrem wilden barbarischen Grenwahn.

                                 Viertes Buch.


Bitu meine Nauze? flsterte Mary in ihrem Kellnerinnen-Jargon, indem sie ihre
Arme zum Abschied um Rothers Hals schlang. - Adieu, mein Schatz.
    Rother warf sich in eine Droschke, nachdem er die ihre bezahlt, um sie
allein nach Hause fahren zu lassen. - Der Droschkengaul trug ihn langsam durch
die lautlose Winternacht. Ein sonderbarer Geruch haftete an seinen Kleidern, wie
auf einer Wange der Bi oder die Nsse eines allzufeurigen Kusses haften bleiben
- ein Geruch, wie ihn ein transpirirender Mdchenkrper ausstrmt, dessen
Schwei durch die Blumen und den Parfm der Kleider einen durchdringenden
wollstigen Duft empfngt.
    Rother befand sich in einem Zustand willenlos mechanischer Apathie. Der
Trieb zum Produciren schien ihm ganz verloren gegangen. Er bummelte in den
Spelunken herum, wie ein von mechanischen Fden, gezogener Automat. Bei Marys
Freundinnen verlieh man ihm den Spottnamen der Trompeter, da Scheffels
Skkinger Aventre diesen Weibern meist gelufig ist - sie wollten damit das
Knstlerisch-Ideale bezeichnen und griffen daher, als Mary schwrmerisch von
ihrem neuen Freunde meinte, er sei so s und lieb wie der Trompeter von
Skkingen, diese Bezeichnung auf.
    Immer neue Flaschen Wem trinken, gilt als Bedingung eines innigen
Verhltnisses in diesen Lokalen, wenn der Wirth sie vterlich sanctioniren und
die Kolleginnen ein Auge zudrcken sollen. Das fngt auf die Dauer an, lstig zu
werden.
    Aber Rother fhlte, wie sehr der Mensch ein Sklave der Gewohnheit wird, aus
der man sich nur gewaltsam herausreien kann. Auch behielt Mary in ihrer
spanischen Mantille und ihrem Spitzenschleier fr ihn etwas Aristokratisches
und es besteht nun einmal ein lhmend Zwingendes in verliebter Herzenssympathie.
Die Freundschaft mit einem Weibe wird fr den Mann in den Widerwrtigkeiten des
Lebens stets einen unerklrlichen Balsam besitzen, und wre das Weib selbst eine
Schenkmamsell. In dieser Beziehung zeigt sich die unverwischbare Allgewalt der
Geschlechtssympathie. Mary hatte ihren Amant, wie das so blich, ihrer
Zimmer-Wirthin (Comment-Mutter) vorgestellt, welche ihr mtterliches Urtheil
dahin abgab, da der Herr mit dem hbschen Gesicht, so blaue treue Augen habe,
also zu cultiviren sei.
    Marys Wnsche betreffs Einlsung ihrer versetzten Uhr, und dergleichen mehr,
fielen bei Rother auf fruchtbaren Boden; ihre Droschken nach Hause bezahlte er
ihr pflichtschuldigst, aber sie selbst besuchte er selten. Es schien mit der
Zeit mehr ein gewisses Mitleid, was ihn an sie kettete, indem er ihre Neigung
fr eine wirklich tiefere hielt. Hierin irrte er auch nicht, wohl aber, wenn er
ihrer Versicherung Glauben schenkte, sie habe sonst kein ernsthaftes
Verhltni߫ nebenbei.

    Ja, war denn das wirklich er, Rother, der sich, wie ein Ladenschwengel oder
ein halbwchsiger Student mit seiner Kneipmamsell oder Confectioneuse, mit einem
thrichten Bierba-Mdel umhertrieb, die zufllig in ihn verliebt war und ihren
Mund unersttlich mit der Mahnung Ku߫ ihm entgegenspitzte? Und das Alles nur,
um die nagende Sehnsucht und Erinnerung zu betuben!
    War das denn nicht eine Profanation seiner wirklichen wahren Liebe fr jene
Andere, die er sich doch mit Leib und Seele als Braut erkoren? Und dabei
liebelte er nebenbei noch mit der Dienstmagd der Wirthsleute, wo er wohnte! Kein
Zweifel, sein ganzes Wesen war in kindskpfische Sinnlichkeit aufgelst, er
schien von einem erotischen Teufel besessen. Diesen Teufel kann man nur
austreiben durch Beelzebub, den obersten der Teufel. Und so keimte denn in
Rother der knstlerische Grenwahn um so strker hervor, jemehr seine Farben
auf der Palette trockneten und der Pinsel nervs seiner Hand entglitt.
    Stundenlang auf einem Divan ausgestreckt, eine Virginia nach der andern
schmauchend - manchmal aus Apathie nur an dem Strohhalm derselben kauend, ohne
den Rattenschwanz anzuznden -, fing er an, ber seiner verkannten
knstlerischen Bedeutung zu brten.
    Aber statt diese mit dem Pinsel zu beweisen, griff er zur Feder. Wegen
leidlichen Stils geschtzter Correspondent einer Kunstchronik, verri er nunmehr
rcksichtslos alle Lebenden. Adolf Menzel sei nur ein Vorlufer des
Naturalismus. Da sehe man dagegen die Warzen der drei alten Weiber in der Kirche
an, mit denen Meister Laibl uns beschenkte - dafr gebe er, Eduard Rother, den
ganzen Rafael!
    Doch auch dies Gezanke um eine Kunst-Revolution vermochte seine innere
Unrast nicht zu stillen.
    Wer irgend eine Handlung beging, die ihn schdigen oder lcherlich machen
kann, wird ewig von den Dmonen einer ungewissen Furcht umhergesagt. Wie oft
verwirklicht die Furcht sich nicht und wie oft tritt die gefrchtete
Unannehmlichkeit grade an einer Stelle auf, wo man sie nicht erwartet! Wie oft
rumt das Schicksal oder der Zufall eine Reihe von Gefahren, die uns drohten,
aus dem Wege, und wie oft schafft er neue Hemmnisse, an die man nicht denken
konnte!
    Wie sollte es denn Alles enden! Nachdem eine etwas khlere Ueberlegung seine
blinde Leidenschaft abgeschwcht, legte er sich diese Frage tglich vor. Was fr
entsetzliche Schranken thrmten sich vor ihm auf. Was fr Kmpfe mute er
bestehen, wenn er sie wirklich heirathen wollte! Aber er hatte sein Wort
gegeben, er war ein Gentleman, und - er liebte sie. Mit hartnckiger Festigkeit
blieb er an dem Verabredeten haften, mit jenem falschen Stolz, den schwache
Naturen fr Strke ausgeben.
    Vier bis fnf Wochen waren verflossen, sie hatte nichts von sich hren
lassen. Nun, das war ja die Verabredung. In der letzten Woche hatte er sich
aufgerafft und wie ein Held mit Anspannung aller Krfte gearbeitet. Immer nur
einen Gedanken dabei im Auge, Ruhm und Geld zu erlangen - fr sie. Es gelang.
Seine Freunde, welche die Composition seines Bildes (Kohlenzeichnung) General
Hoche stirbt in Folge geschlechtlicher Excesse betrachten durften, erklrten es
einstimmig fr genial. Beim Nachhausegehen wunderten sie sich gegeneinander aus,
wie dieser Kerl sich herausgemacht habe. Daher schien auch wohl die Unruhe,
die krankhafte Blsse und Nervenschwche, die man seit seiner Rckkehr aus
Mnchen an ihm bemerkt, zu erklren. Natrlich, sein Bild ging ihm im Kopf
herum.
    So war denn doch etwas bei all dem Jammer herausgekommen. Im Fieber hatte er
gebummelt, im Fieber blitzschnell die Idee dieses Bildes gefat, im Fieber Tag
und Nacht daran gearbeitet - Liebes- und Arbeitsfieber hatten einander
untersttzt.
    Und in diesem Hochgefhl setzte er sich hin und schrieb an sie einen langen
Brief. So lange hatte er sich bezwungen, sein Herz zum Schweigen gebracht - nun
schttete er ihr sein Herz aus in glhenden brennenden Worten, wie nur ein
Knstler es vermag. Ja, er mute ihr Alles, Alles sagen, was ihm an den
Eingeweiden fra, in den Schlfen hmmerte. - -
    Wie, noch keine Antwort? Eine Woche verging. Ein pltzlicher Einfall fhrte
ihn wieder in das Caf Bammer zurck, das ihm Zeuge so vieler innerer Qualen
gewesen. Der geschniegelte Wirth zeigte sich hocherfreut, Herrn Professor
wiederzusehen. Dabei brachte er das Gesprch wiederum auf die berchtigte Kathi.
Ob Rother etwas davon wisse. Keine Spur? - Nun, neulich sei der Eberhart (Herr
Professor wrden sich der Geschichte von damals wohl noch erinnern) bei ihm
gewesen. Habe Der auf sie geschimpft. Das sei ein abgefeimtes Mensch. Er htte
sie ja gern gebraucht und ihr dann einen Tritt vor den holden ... gegeben (wie
sich Bammer geschmackvoll ausdrckte), aber sie habe ihn nur an der Nase
herumgefhrt und ihm ein schmhliches Geld gekostet. Das ist doch wohl kaum
wahr, stammelte Rother, bleich vor Wuth.
    Mein heiliges Ehrenwort! (Wirthsleute und Demimonde haben stets ein
heiliges Ehrenwort - doppelt hlt gut). Bammer redete noch eine Weile so fort
und erzhlte, Wursteler sei soeben aus Hamburg zurckgekehrt. Der sei als Agent
in einer Geschftsreise dort gewesen und habe doch mal Kathi besuchen wollen.
Na, der habe schne Geschichten zu erzhlen!
    Rother wollte sie nicht hren und verbat sich weiteren Klatsch. Zu Hause
aber sandte er nochmals einen eingeschriebenen Brief nach Hamburg, der geschickt
entworfen war und mit Ernst Aufklrung und endliche Entscheidung verlangte. - -
    Er starrte wild in seinem Atelier umher. Eine Verachtung all seines Besitzes
ergriff ihn, des materiellen wie des geistigen - denn all sein Begehren und
Sehnen war ja nur in dem einzigen Gegenstand seiner Leidenschaft concentrirt.
Wozu diese schngeschnitzten Sthle, diese persischen Teppiche, diese rothen
Karawanserei-Vorhnge, diese krystallene Ampel, diese Stukkatur des Getfels,
diese brokat-purpurgestreiften Papiertapeten, dieser Rokoko-Bcherschrank mit
der umfangreichen Bcherei voll von eleganten Einbnden illustrirter
Prachtwerke? Wozu das Alles? Wozu sein Haben und sein Wissen und sein Knnen und
sein sauer erworbenes bischen Ruhm in echter Kunst! Viel besser, er htte sein
Geld dazu angewandt, sich ein Reitpferd zu kaufen und die neueste Mode zu
cultiviren, um ihr zu gefallen. Was echte Kunst! Geschfte htte er machen,
sich zum Damenportraitmaler, Unsterblichkeitsverleiher von Spitzen-und
Sammtmantillen ausbilden sollen - dann htte er gehrig Geld zusammengescharrt
und Ruhm bei dem Marktpbel errungen. Geld fr sich selber brauchte er zwar
wenig, - aber er htte dann fr sie mehr brig gehabt. Wozu all dieser
berflssige Atelier-Luxus und all diese verdammten Bcher und Bilder! Als ein
Kleid von Lyoner Seide, als ein Armband fr sie htte das vergeudete Kapital
weit besser seinen Zweck erfllt! Was waren alle Kunsterzeugnisse und alle
Naturschnheiten neben einem Rmpfen ihrer klassischen Nase, einem Zucken ihres
gttlichen Mundes, einem schelmischen Aufzucken ihrer Augensterne!
    Sie, sie - und die ganze brige Welt wiegt federleicht auf dieser Wagschale.
    So schleuderte ihn der Furor Aphrodisiacus immer tiefer in die Verzweiflung
hinein.
    Eine neue Phase der Selbstqulerei begann. Er durchmusterte seine Mappen mit
Skizzen seiner Bilder und betrachtete die vollendeten Werke, die er sich wegen
Mangels an Kufern an die Wand hngen durfte. Ueberall fand er grobe Fehler;
auch die Verschneidungen der Illustrationen, die an illustrirte Familienjournale
geliefert, und die Mngel der Photographieen nach seinen Bildern entgingen ihm
nicht. Selbst der schlechte Firni auf einem seiner vollendeten Opera an der
Wand rgerte ihn.
    Zu flchtig, zu rasch, zu viel! mute er sich immer sagen. Andrerseits mu
man mit tausend Zuflligkeiten kmpfen. Ein Bild wurde ihm einmal auf der
Treppe, als es zur Kunstausstellung auf den Cantianplatz wandern sollte, vom
Trger fallen gelassen und bel ldirt. Durch einen ausgefhrten Carton hatte
der kleine Bube des Portiers, der in seinem Atelier bei einer Reinemacherei in
seiner Abwesenheit spielte, mit einer groen Latte, wie man sie zum Anlehnen des
Armes beim Malen benutzt, ein brettes Loch gestoen. Ueberall alberne
Widerwrtigkeiten, berall Aerger und Qungelei, selbst wenn man sein Aeuerstes
darangesetzt.
    Hier diese Armverzeichnung, dort jene unrichtige Verkrzung. Hier htte die
coloristische Stimmung durch eine geringe Aenderung sehr gewinnen knnen, dort
hat ein zu grell gegriffener Ton die ganze Einheitlichkeit des Colorits
verdorben. Und was in der Kunst einmal geschah, ist nicht mehr zu repariren. O
die Kunst, welche Folter! Wie ist sie unerlernbar, und je hher das Ziel
gesteckt, desto schwerer! Und hinterher die naseweisen Redensarten des Publikums
und gar der Recensenten, wo sich Jeder nur an die aufflligen Mngel und Wenige
an die auffallenden Vorzge klammern!
    Allerdings mute er sich bekennen, nachdem er sich drei Tage lang in diese
Selbstqulerei eingewhlt, da die Verbesserungen und Umnderungen, die er
vornehmen wollte, im Grunde wenig nderten. Bei Manchem hatte er obendrein die
praktischen Verhltnisse nicht bedacht, als er in seinem Verbesserungs-Delirium
pltzlich an einige Besitzer seiner Werke schrieb, man mge ihn an den alten
Sachen knstlerische Verschnerungen versuchen lassen. Man erwiderte ihm
hflichst, da dies jetzt zu spt sei, da man das Werk in dieser Form
liebgewonnen habe, da eine Umnderung selten eine Verbesserung sei. Es ist ein
Fluch des Knstlers, da seine Werke stets nur in der Form fortleben sollen, die
er ihnen zuerst verlieh. Keine Verbesserung wird genehmigt. Und ebenso qult die
Betrachtung den Knstler, nachdem er sich ber etwaige Fehler und nothwendige
Verbesserungen das Gehirn zermartert, da im Grunde genommen diese Fehler gar
nicht so strend wirkten und vielleicht sogar einen gewissen Reiz besaen,
whrend das nutzlose Grbeln darber nur zeitraubend sein konnte.
    Was einmal geschehn, ist nicht mehr zu ndern.
    Es giebt Autoren, die sich ewig ber die Druckfehler rgern, welche sie -
und bekanntlich immer neue - in ihren Bchern entdecken. Ebenso geht es mit den
Fehlern berhaupt. Nach solchem Mastab wrde bei jeder Leistung das nonum
prematur in annum nthig sein. Allerdings giebt es Momente, wo dem Knstler die
ungeheure Pein, Entsagung und Arbeitskraft, wie in eine Masse zusammengeballt,
berwltigend nahercken, welche sein Beruf von Jugend an erfordert. Nichts auf
der Welt lebt, was sich den Leistungen des wahren Knstlerthums vergleichen
liee, und nichts wird verhltnimig so wenig belohnt. Wenn schon die
erfolgreiche Arbeit so viel Opfer kostet, wie viel mehr erst die erfolglose,
erfolglos in knstlerischem oder in roh materiellem Sinne! Welche namenlose Qual
liegt in dem Gedanken, da eine Arbeit nur deswegen nicht zur Vollendung reiste,
weil der Knstler sich allzu Schwerem und Hohem zugewandt? Und wie oft sind
knstlerische Fehler, die spter unreparirbar erscheinen, aus einfachen brutalen
Nothwendigkeiten der realen Verhltnisse hervorgegangen! Nur der Feldherr, der
Alles an Alles zu setzen gewohnt ist und oft an reinen Zuflligkeiten scheitert,
kennt den gleichen Grad unstillbaren Kummers und Aergers.

    Am Tag nach Absendung seines Briefes trieb es ihn, nochmals das
Unglcks-Caf aufzusuchen. Bammers Worte gingen ihm im Kopf herum. Vielleicht
konnte ihm Wursteler doch Nheres sagen. Er traf am Buffet die schwarze Emmy.
Bammer war ausgegangen. Sie sah sehr mager und leidend aus. Er unterhielt sich
oberflchlich mit ihr. Ihr Befinden schien so schlecht, ihre Stimmung so
gedrckt, da sie ihrem Herzen Luft machen mute. So begann sie denn (nach der
Regel, Qui s'excuse, s'accuse) ob der Verleumdung der Welt zu klagen. Man
halte sie fr die Geliebte Herrn Bammers. Und doch sei dem nicht so u.s.w.
    Pltzlich erschien Herr Wursteler. Frher etwas kaduk gegen Herrn
Professor, entfaltete er diesmal eine ordentliche Cordialitt, setzte sich
vergngt an dessen Tisch und wurde ganz familir.
    Nun, waren Sie schon in Hamburg? fragte er.
    Ich? Wie sollte ich dahin kommen?
    Nun, Kathi sagte es mir.
    Rother war auf der Hut. Vorsichtig suchte er den Unbefangenen zu spielen.
Wer von Beiden wrde den Andern zuerst aufs Glatteis fhren?
    Wursteler klatschte mit hundert Pfaffenkraft drauf los.
    Kohlrausch sei ruinirt, miserabler Geschftsman, Pleite stehe vor der Thr,
und so ging es fort. Rother streute nur ab und zu ein So? ein, regte sich auch
nicht, als Wursteler erzhlte, ganz Hamburg halte sich auf ber das Verhltni
von Kathi zu Kohlrausch. Er wolle sie heirathen. Na, ich habe Kathi gewarnt!
Da Du Dich nicht mit dem Windikus einlt, sagt' ich! - Na, Sie wollen sie ja
heirathen.
    Wer sagt das? fuhr Rother auf.
    Wer denn anders als Kathi? Wursteler that sehr verwundert. Ihre erste
Frage, als sie mich sah, war: Was macht Herr Rother? Und dann hat sie mir
gesagt: Der will mich heirathen!
    Rother lachte gezwungen auf und murmelte etwas von Frecher Lge! Er mge
so was mal im Scherz ... Aber als er ging, sah er in dem frechen Gesicht des
Catilinariers die verchtliche Frage: Glauben Sie, Sie tuschen mich? Solch ein
junger Mann und krftiger Malermeister, und solch eine Sentimentalitt fr so
Eine! - (Bammer und Wursteler hegten den wthenden Ha ungesttigter Begier fr
das Weib, das ihrer Brunst entronnen war.)
    Rother aber setzte sich hin und schrieb stehenden Fues einen fulminanten
Brief. So viel sah er ein - hier lag doch etwas vor, er mute Gewiheit haben.
Sein ganzer Stolz bumte sich auf. Ihm war, als ob er auf tausend Ngel und
Nadeln trete, als ob seine Nervenstrnge blutig entzweirissen. Morden oder
selbstmorden, sich umbringen oder einen Andern - - sein Zustand grenzte aus
Hysterische. Ein ekelvoller Dunst und Brodem schien vor seinem Hirn zu
schwimmen, halb ohnmchtig fiel er aufs Sopha zurck - - Othellos wirres Lallen
von den Verfinsterungen fiel ihm ein. Aber diese halb unbewute
Ideen-Association wirkte zugleich als Gegengift. Wie ein Rasender sprang er auf
und reklamirte dumpfknirschend vor sich hin, mit stoweisem Herausstrmen des
rhetorischen Flusses, da Salvini und Rossi an ihm ihre Freude gehabt htten:

So soll mein blutiger Sinn in wthigem Gang
Nie rckschaun noch zur sanften Liebe ebben,
Bis eine vollgengend weite Rache
Dies Weib verschlang.

    Sein Brief strotzte von Beleidigungen mitleidiger Verachtung. Zugleich aber
beging er in der Raserei den groben Fehler, schwere Injurien gegen Kohlrausch -
er nannte ihn Louis - und grenwahnsinnige Betonungen seiner Wrde
einzuflechten. Die Liebe ist ja ganz nett, schlo diese verrckte Epistel,
aber der Ruhm steht mir doch noch hher.
    Der Ruhm des guten Eduard Rother! -
    Aber sobald der Brief abgesandt, befielen ihn wieder Skrupel. Sollte es
wirklich wahr sein? Konnte sie so rasch vergessen? War ihr Fu so glitschrig
geworden auf ihrer schlpflichen Laufbahn, da sie unaufhaltsam dem Abgrund
entgegentrieb? Da er sich umsonst dagegenstemmte? Da sie gleichgltig ber ihn
wegtrat?
    Hat sie wirklich vergessen, da ein Mensch lebt, der sie retten mchte? Ja,
mchte sie denn gerettet sein? Und weshalb will sie nicht? Ist sie denn ganz
verderbt? Nein, das kann ich Niemandem zugestehn. Wenn ich es glaubte, wrde ich
wahnsinnig werden. Nein, es ist nicht so. Ich mu das wissen. Denn warum liebe
ich sie sonst so bermchtig, mit so unzhmbarem Instinkt? Warum, ja warum? doch
liebe ich sie, werde sie ewig lieben.
    So wurde diese schwache sinnliche Natur hin- und hergerissen.
    Bald sah er sie in seinen Armen mit lstern brutalem Ausdruck und malte
sich's herrlich aus, diese rde Urnatur zu einer Dame wenigstens uerlich zu
entwickeln. Dann sah er sie wieder in ihrer naiven Anmuth, ihn neckisch und
liebenswrdig gngelnd.
    Was konnte nun geschehn! Sein Brief mute Alles entscheiden. Er befand sich
in fieberhafter Erregung. Die nchste Post kam - richtig, ein Brief von ihr.
Eine geprete Resedablthe lag dabei.

        Ihre beiden Briefe habe ich erhalten, da Sie so lange keine Antwort
        erhielten darf Sie wohl nicht wundern wenn Sie wie Sie oft sagten mit
        mir fhlen - - - mir geht es bis jetzt hier ganz gut, was die Zukunft
        bringt wei ich nicht; mein Sinn ist stets vernderlich; bitte thun Sie
        mir den einzigen Gefallen und horchen Sie auf keinen Klatsch! Die
        Wahrheit habe ich Ihnen gesagt und hoffentlich glauben Sie mir mehr als
        bewuten klatschschtigen Zungen; Bescheid ber meine Gesinnungen kann
        ich Ihnen bis jetzt noch nicht geben. Denn wenn ich auch nicht an die
        Aufrichtigkeit Ihrer Gesinnungen zweifele, kann ich mir bis jetzt doch
        noch nicht recht vorstellen, da dies - bald zur Wahrheit werden knnte.
        Doch Schicksalsbestimmung erfllt sich auch ohne menschliche Mhe (daran
        glaube ich) hoffentlich auch Sie. Ich will Ihnen nun nicht mehr lnger
        Ihre kostbare Zeit rauben und gre Sie auf weiteres bestens.
                                                                       Kathi K.

    Lange starrte er auf den Brief. Er suchte zwischen den Zeilen zu lesen.
Jedenfalls stand ihm eins fest: Die Berichte Wurstelers konnten unmglich
Wahrheit sein. Denn falls sie dann immerhin zu einem solchen Briefe fhig war,
so htte in ihr jedes Schamgefhl erstickt sein mssen.
    Sie hatte also seinen letzten Brief noch nicht erhalten. Was nun thun? Was
wird sie nun schreiben? Sollte er bereuen, was er geschrieben? Nein. Das mute
die Entscheidung bringen.
    Ah, da kam sie. Er brauchte nur einige Stunden zu warten, als ein andrer
Brief von ihr eintraf.

        Vor allem Andern bitte meinen gestrigen Brief als nicht empfangen zu
        betrachten und dann theile ich Ihnen in diesem meinem letzten Schreiben
        mit, da ich keinen Brief mit Ihrer Handschrift je mehr annehmen werde,
        denn ich wte wahrhaftig nicht warum ich stets die Zielscheibe Ihrer
        Grobheiten sein soll, oder glauben Sie etwa durch Ihren ehrenwerthen
        Antrag (auf den ich aber schon im Stillen verzichtet hatte, nebenbei
        bemerkt) dieses Recht erworben zu haben? Nein, mein lieber Herr, hier
        haben Sie sich in der Adresse geirrt, ich bin gar nicht heirathslustig,
        namentlich in diesem Falle - - beruhigen Sie sich und denken Sie so
        wenig an mich, wie ich an Sie, dann erlsen Sie eine arme Seele aus
        ihrer Qual. Sie sagten, Sie wollen mich retten - - ngstigen Sie sich
        nicht um mich und verwerthen Sie Ihre Menschenfreundlichkeit zu besseren
        Zwecken - wenn ich auch untergehe wie Sie meinen, haben Sie jedenfalls
        die Beruhigung, nicht zu meinem Untergang beigetragen zu haben. Zu guter
        Letzt sage ich Ihnen nur noch:
        Wer niemals hinter der Thr gestanden, sucht keine Anderen dahinter, ich
        nehme bestimmt an, da Sie Herrn Kohlrausch gar nicht kennen und bringen
        es fertig solche Beleidigungen auszustoen - - wenn Sie Etwas
        zurckhaltender wren, wrde man von dem guten Ton, den Sie so sehr
        rhmen, eine bessere Meinung haben; nun gut, Alles rcht sich auf
        Erden.

    Dieser nicht nur verlogene, sondern geradezu rohe Brief, welcher trotz des
Tones beleidigter Unschuld darin eine tiefe seelische Gemeinheit athmete - mit
der Absicht, groben Treubruch und schlimme Dinge hinter den Coulissen zu
verstecken - htte gleichwohl Rothers hartnckigen Glauben an sein Ideal nicht
zu erschttern vermocht, wenn nicht zugleich ein andrer Brief aus Hamburg
eingetroffen wre. Dieser war von Herrn Kohlrausch, dem ominsen Deux ex machina
in hchsteigner Person.
    Dies originelle Schriftstck zierte einen Quartbogen, mit einer mchtigen
Druckfirma-Ueberschrift nebst Stempel, und verlautbarte sich also:

                Herrn Rother.
                        Berlin.
        Obwohl ich schon frher erfuhr, in welcher erbrmlichen Weise Sie mich
        grundlos beleidigten, so rechnete ich solche Wuthausbrche auf Conto
        Ihres jhzornigen, von Eifersucht durchtriebenen Hirns z.B. die
        Bezeichnung: Galgenvogelvisage! Heute aber haben Sie mich in einer Weise
        durch Briefe an Frl. K. beleidigt, da ich Sie ersuche, mir mit
        Postwendung sofort mitzutheilen, warum Sie sich zu solchen scheulichen
        Injurien vergessen konnten - welche Sie schwer vor Gericht ben mssen.
        Ehe ich Sie an jene Beleidigungen erinnere, betone ich noch, da Frl. K.
        vorlufig bei mir ein hochgeachtete und sehr gut behandelte
        Geschftssttze ist und also durch deren Hiersein Ihrerseits kein Grund
        zum Groll gegen mich vorhanden, da ja das Frulein durch ihren Flei bei
        mir - einem ersten Geschfte Hamburgs - ihr wohlverdientes Brot finden
        mu - da dieselbe doch nur auf diese uerst ehrliche Weise ihr Brot
        verdienen kann. Der Krze wegen bitte ich mir sofort darauf zu
        antworten, wieso ich solche gemeinen Insulten nur verdiente?
        Selbstredend war es Pflicht des Frl. K. als erste Person im Geschft,
        mir vorstehende Injurien mitzutheilen, ohne dabei den brigen Inhalt
        dieses Schmutzbriefes zu verrathen. Wie Sie sich zu dieser peinlichen
        Affaire stellen, theilen Sie mir sofort mit.
                                   Ergebenst
                                                                     Kohlrausch.
        P.S. Von Pleite kann keine Rede sein, da ich wegen zu hoher Pacht das
        Geschft aufgebe und 1. Januar nach Berlin bersiedele.

    Auer sich vor Zorn, schleuderte der so schmhlich Verrathene sofort einen
Brandbrief nach dem theuren Hamburg an der Elbe, worin er mit tzender Ironie
die Sachlage beleuchtete und zugleich Herrn Kohlrausch ermahnte, als Nachfolger
in Kathis zarter Freundschaft gtigst deren schuldige Miethe bei Frau Lmmers zu
entrichten. Die Undankbarkeit der verehrten Dame berhebe ihn jeder
Verpflichtung.

    Alles wird gelenkt von dem einen groen Gesetz der Lge.
    Alle Gedanken, und htten sie dein ganzes Ich durchwogt, strzen endlich in
Vergessenheit hinab. Nur der Tod, der Alles Lgen straft, ist kein Lgner. O ihr
Todten, ihr schlaft so sanft, so selig, weil euch keine Lge mehr trifft! Was
ihr wit, ihr und der Wurm, - das allein ist Wahrheit.
    Die Erde lchelte brutlich am ersten Maientage. Da umarmte sie ein
nachtentsprossener Teufel und sie gebar den Menschen. Nur einen Trost bietet ihm
die Mutter Erde, wenn er verzweifelnd an ihren Busen sinkt: Ihr ewiger
Blthentod, ihres Sommers Sterbequal mahnt ihn, da auch er ins Nichts verwehen
wird, da endlich sich zwischen ihn und seinen bsen Vater schieben wird - der
Tod.
    Eduard erwachte aus unruhigem Schlaf mit einem seltsamen Gefhl
unaussprechlichen Bangens. Seltsam, eine einsame Thrne brach ihm von der
Wimper. Welches Leid hatte sie geboren, welch ein Glck war ihm genommen? Doch
nicht jene Hoffnung, auf die er so ganz verzichtet? Und ihm ward pltzlich, als
ob er lngst gestorben sei. Diese Thrne weinte wohl seine Seele, die noch immer
zgernd an ihrem eignen Grabe verweilt.
    Was wollte diese todte Seele noch hier auf Erden? Verga sie noch etwas zu
sagen? Jenes dmonische thrichte se Weib - hatten sie Beide nicht vergessen,
eine letzte Frage zu tauschen, eine Frage, was Wahrheit und was Lge gewesen an
dieser schicksalsvollen Liebe?
    Da klingelte es drauen. Der Postbote brachte einen Brief. Ein Krampf schien
Eduard zu durchzucken, als er die Handschrift sah. Von ihr? Und er las:

        Jeder guten That einen Dank, meinen herzlichsten sage ich Ihnen. Sie
        haben ihn wohl verdient, doch ein guter Gott gebe, da Ihnen dies Rosen
        bringt, wnschen thue ich es Ihnen allerdings nicht, aber bitte sagen
        Sie mir doch sind Sie jetzt ruhig und getrstet? nun ich wnsche es,
        aber Sie sind es doch nicht ich wei es; wenn Sie aber glauben durch
        Ihre von edlem Gemth zeugende Denuncirung mich ruinirt zu haben, dann
        tuschen Sie sich doch ein wenig. Die Welt ist noch so gro und
        vielleicht giebt es auch noch ein Pltzchen, wo mich Ihre - - nicht mehr
        findet; jedenfalls haben Sie hier meine Existenz vernichtet; denn ich
        bin viel zu stolz an einem Orte zu bleiben, wo mein Stolz eine solche
        Niederlage erlitten; ich bitte sagen Sie nur doch, was Sie fr einen
        Grund hatten mich so zu vernichten? habe ich Ihnen jemals geschworen?
        Sie haben mir so oft Ihre Hilfe angeboten; ich habe sie nur im uersten
        Falle in Anspruch genommen, mir ist ganz andere Hilfe geboten worden;
        doch ich glaube der Erste beste Jude wre nicht so verfahren; ich habe
        keine Seele auf der Welt welche mir hilft, sondern nur solche wo ich
        helfen kann, ich habe es auch gethan und mich leider nicht vorgesehen,
        da ein Fall eintreten knnte, wo ich es selber nothwendig brauche; ich
        habe in letzter Zeit in Berlin in Verhltnissen gelebt, die ich meinem
        rgsten Feind nicht wnsche.
        Doch gut Jemand der fhig ist (noch dazu ein so genialer groer Geist
        wie Sie) Jemanden so zu ruiniren besitzt keinen Funken Gemth, ich habe
        heute bitter geweint nicht meinetwegen was liegt an mir, aber da es
        Jemanden giebt der so niedrig denkt - ich wre einer solchen
        Handlungsweise niemals fhig - was ich in Zukunft mache wei ich noch
        nicht, nun knnte es vielleicht werden was Sie so sehr zu befrchten
        scheinen, - meine Ehre, Alles ist mir genommen, kmmern thut sich auch
        Niemand um mich, nun gut, freuen Sie sich Ihrer Ernte. Was meine Schuld
        bei Fr. L. betrifft, wird schon beglichen werden, bis jetzt habe ich
        noch keine Schulden gemacht und das knnte auch Besseren als mir
        passiren.
        Nun beht Sie Gott, wie es auch ist und kommen mag, mein Herz haben Sie
        doch nicht gebrochen.

    Rother gerieth in Verzweiflung. Jeder Vorwurf brannte in ihm nach. Allein,
war er so schuldig? Was hatte er denn gethan? Im Grimm eines schndlich
Verrathenen, hatte er sich hinreien lassen, gefhrlicher Drohung gegenber,
selbst eine nicht allzu reinliche Waffe zu brauchen. Was sollte er denn thun,
diesem Gruelwust von Gemeinheit gegenber?
    Ihm fiel ein, da es vielleicht angezeigt wre, in das alte Unglckshaus in
der Gerichtsstrae hinauszupilgern. Vielleicht hatte die alte Zeugin ihres
seltsamen Verhltnisses, Frau Lmmers, etwas Besonderes erfahren. So fuhr er
denn dort hinaus, so peinlich er diesen Weg bisher zu vermeiden wute, der ihn
wie ein Calvarien-Weg der Erinnerung mit Dornen stach. Ein glcklicher Zufall
wollte, da er die Frau zu Hause traf. Sie grte ihn mit einem freundlichen
Lcheln und lud ihn ein, in die alte gute Stube zu treten. Hier, wo einst -!
    Ihr kleines Tchterchen, den Finger im Mund, krabbelte am Rock der Mutter,
whrend diese zu entschuldigen bat, da sie an einem Mantel weiternhe. Nein,
sie hatte von Kathi nichts gehrt, nichts Nheres wenigstens. Diese sandte ihr
gestern berraschenderweise das noch schuldige Geld fr die Miethe. Vorher hatte
sie ihr einmal eine groe Photographie geschickt, im Kostm, dabei jedoch
einen Rembrandt-Hut auf dem Kopf.
    Sehn Sie, da!
    Rothers Herz stand ordentlich still, als er die geliebten Zge wieder so
nahe vor sich sah. Er bi sich auf die Lippen, als er das Bild niederlegte,
indem er unwillkrlich die Augen senkte. Ob er vor sich selber oder vor den
Augen des Bildes (halb sinnlich-frivol halb vornehm-sentimental) sein Auge
niederschlug, wute er es selber?
    Die Frau benutzte die Gelegenheit, sich auszuklagen. Sie that es aber in
einer anstndigen und mavollen Weise, die den Verdacht gnzlich ausschlo, als
wolle sie etwa ein pekunires Mitleid ihres Besuchers in irgend welcher Weise
erpressen.
    Wissen Sie, Herr Rother, gestand sie. Ein so sonderbares Liebespaar, wie
Sie und Kathi hab' ich noch nie gesehn. Nachher hat sie immer so furchtbar
geweint, wenn Sie fort waren: immer rothe Augen und immer Zank.
    Hat sie denn dann auf mich geschimpft? fragte er trocken.
    Aber nein doch! Sie lie nie 'was auf Sie kommen. Ach, sie ist ein gutes
Mdchen. Und so fromm! - Freilich - sie hielt inne, dann nach einigem Zgern
erzhlte sie die seltsame Geschichte mit dem Pfandschein beim Abschied. Ach und
ich selber hab' es so nthig! Ganze Tage haben wir Beide so schlecht gelebt!
Nun, jetzt hat sie ja aber doch die Miethe bezahlt! Rother schwieg. Er dachte:
warum! Nicht so ganz freiwillig. Jeder Mensch, und sei er noch so verschmitzt,
verrth sich irgend einmal. Offen gestanden, Herr Rother - aber nehmen Sie's
nicht bel!
    Bitte, reden Sie nur!
    Das hab ich nie recht begriffen, das Sie Kathi nicht aus all dem Elend
gleich herausrissen.
    Sie wollte ja nicht! warf Rother verdrossen hin. Ich hab's ihr oft genug
angeboten.
    Ja, ja, das hat sie mir auch gesagt, und nur von Ihnen wrde sie vielleicht
'was nehmen, aber lieber auch nicht, bis nicht Alles entschieden sei. Um sich
nicht zu binden! dachte Rother.
    Als ein echt frauenhafter Zug fiel es ihm auf, da Frau Lmmers ihm
behaglich erzhlte, wie sie mit Kathi wegen Bandwurms beim Arzt gewesen sei und
diese sich vorm Arzt und ihr haben ausziehen mssen. Da habe der Arzt auch
bekannt: So 'ne Riesennatur habe er noch nie bei einem Weib gesehn. Eine wahre
Pracht! Dabei blinzelte sie ihn verstndniinnig an.
    Trotzdem diese lsterne Erwhnung ihm in die Eingeweide drckte, runzelte
Rothers besserer Theil leicht die Stirn. Es schien ihm widerlich, sich solche
Dinge hier wieder vorzugaukeln, wo der schmutzig-fleischliche Theil der Liebe
bei ihm gnzlich durch sentimentale Hingebung weggeschmolzen war.
    Die Frau entwarf dann wieder ein rhrendes Bild von ihren eigenthmlichen
Verhltnissen. Sie mute einen Mann ernhren, den sie nicht bei sich wohnen
lassen konnte wegen seiner ewigen Betrunkenheit, und ihr Kind dazu; das Alles
mit Nhen und Schneidern! Rother schaute in Abgrnde des socialen Lebens hinein,
von denen er in diesem Mae nie eine Ahnung gehabt. Das tchtige brave Weib!
    Ihn durchzuckte der Gedanke: Wre es nicht das Beste, wenn ich hier zu
dieser Frau zge, mit Sack und Pack? Um sie zu untersttzen, weil sie sonst doch
nichts annehmen wrde in dem peinlichen Ueber-Stolz solcher verschmten Armen? -
Andrerseits mute er bitter lcheln, wenn er die Naivett in den Fragen der Frau
bedachte. Auf der einen Seite ahnte die Frau bei ihrem niedrigen socialen
Bildungsgrad natrlich gar nicht die sonstige gesellschaftliche Stellung eines
Mannes wie Rother; auf der andern Seite nahm sie offenbar an, da Rothers
pekunire Verhltnisse ihm gestattet htten - - konnte er sie denn wirklich
einfach unterhalten, ohne irgend welchen Entgelt, aus purem Edelmuth? Er hatte
noch anderweitige Verpflichtungen, und ein Knstler -! Mein Gott, heut im
Ueberflu, morgen von der Hand in den Mund lebend! Fr seine Gattin konnte er
sich wohl opfern, fr seine, Geliebte allenfalls auch - aber einfach aus purem
Edelmuth, um betrogen zu werden - - wog denn er selbst, wog seine Kunst denn gar
nichts, da er Alles und Jedes htte opfern mssen fr dies eine Wesen, diese
eine Leidenschaft?
    Sehen Sie, da lese ich eben die Geschichte von der schnen Nherin! sagte
Frau Lmmers beim Abschied, indem sie ein Heft in gelbem Umschlag, natrlich
einen Colportageroman, hochhielt. Dabei mu man immer an Kathi und Sie denken!
    Rother lchelte bitter. - -
    Hat ein phantasiereicher und dabei bedeutender Mensch (und Bedeutendheit ist
fast immer mit starker Einbildungskraft und groer nervser Erregbarkeit
verbunden) in irgend einer Beziehung ein schlechtes Gewissen, d.h. ist er sich
einer Handlung bewut, deren Bekanntwerden ihn lcherlich, verchtlich oder gar
strafbar erscheinen liee, - so ist er im Zustande besonderer nervser
Ueberreiztheit fhig, aus kleinsten unbedeutendsten Anlssen bestimmte
Anspielungen und drohende Uebel herauszulesen. Vllige Niedergeschlagenheit und
zitterige Befrchtung, indem die aus nichts Schreckgespenster bildende Phantasie
ihm Gefahren vormalt, welche im allerschlimmsten Falle drohen knnten, macht
aber dann, sobald er sich energisch zusammenrafft, einer ebenso siegessicheren
Furchtlosigkeit Platz. Dem Schlimmsten stolz ins Auge sehend, schpft er aus
seinem inneren Machtbewutsein die entschlossene Festigkeit, allem und jedem die
Spitze zu bieten. Einem weinerlichen Schwanken in schwachen Stunden unterworfen,
wie wenige, wird er nach Durchkmpfung solcher Schwche, sofern sein Innerstes
nur rein und markig blieb, strker als zuvor. Das kostbare Gut der Ruhe wird nur
so erworben. Die Wenigsten besitzen es und doch ist das Abwarten, an sich
Herankommenlassen die grte aller Klugheiten; die hchste Weisheit aber, im
Krieg wie im gewhnlichen Leben, zu wissen, wann man angreifen und wann sich
angreifen lassen, wann man schweigend dulden und wann man zurckschlagen soll.
    Vielleicht wurde ein Skandal daraus! Was konnte es nicht fr Scenen geben!
    Er rannte umher wie ein Rasender. Der Gedanke an die Mglichkeit, da seine
Briefe in den Hnden jenes Menschen gemibraucht werden knnten, da man hinter
seinem Rcken, ohne da er es ahnte, auf diese Weise gegen ihn vorgehen mochte,
- peinigte ihn mit tausend Nadelstichen des Argwohns.
    Wer wei, ob nicht jede Waffe gegen ihn gewandt wurde, und der Bursche nun
aus Rache kein Mittel scheute!
    Warum hatte er nur die letzten Briefe geschrieben! Alles sprach gegen ihn -
allerdings nur mit Umschreibungen und indirekt! Er konnte ja freilich sagen, er
habe so geschrieben, weil er annahm, Kohlrausch werde die Briefe auffangen.
Konnte er dies Letztere feststellen, so hatte er immer noch die Trumpf-Karte,
jenen wegen Brieferbrechens schwer zu belangen.
    Er schritt vor dem Spiegel auf und ab, und dachte des Augenblicks, wo er ihr
entgegentreten wrde. Wrde sie ohnmchtig werden? Wrde sie still warten oder
den Kohlrausch rufen, so da eine Zwiesprache unmglich wre? Der Wille zum
Leben, der Liebestrieb, tobte wieder bermchtig in ihm. - Er besuchte, Annesley
und fand einen Kranken im Bette, der ihm gestand, da er wieder in unerhrter
Weise an einem selbstzerstrenden Laster leide. Der Adonis war sichtlich
abgemagert; sein Auge glanzlos glsern, gelb seine Wangen. Aus unglcklicher
Liebe habe er sich, wie ein Andrer dem Trunk, dieser Ausschweifung ergeben.
    Seien Sie glcklich! sagte Eduard. Ich im Gegentheil werde immer straffer
und eherner und ersticke beinah an unbefriedigter Sehnsucht nach einem
bestimmten Geschpf. Links ein Abgrund, rechts ein Abgrund - und ich in der
Mitte!
    Sie unterhielten sich noch eine Weile ber das Weltweh und jammerten sich
etwas vor. Jedoch verabsumte Annesley nicht, nebenbei naiv seine Ruhm-Geschfte
zu besorgen. Er beschftigte sich nmlich gerade damit, pseudonym (er hatte es
bis auf zwanzig Pseudonyme gebracht, von denen er die Hlfte als Componist, die
andre Hlfte als Selbst-Kritiker in Musikzeitungen verbrauchte) seine neusten 
Lieder ohne Worte von Ralf dem Schnen nach allen Richtungen der Windrose
auszuposaunen. Es war dies eine Bethtigung des Weltekels, wobei er regelmig
seinen vterlichen Freund Rother zu Rathe zog. Dieser, schwach und schwchlich
auch in seiner aufsprudelnden Gutherzigkeit, die ihn zu lcherlichem Uebereifer
fr etwaige Genossen und Schtzlinge verleitete, lief nmlich seit lange umher
und pries den neuen Mozart. Er schmuggelte sogar die Partituren Annesleyscher
Lieder auf Salon-Bechsteins ein und verfhrte Sngerinnen dazu, das berhmte
Lied Leise blht mir im Gemth Blmlein wunderblau, wozu der Componist selbst
den Text geliefert (Gewidmet dem von ihm hochverehrten Voll-Knstler und
einzigen anstndigen Gentleman Europas, E.R.), in Gesellschaften vorzutragen.
    Um Abwechslung in ihr heutiges Jammerduett zu bringen, erzhlte ihm Annesley
grauenhafte Dinge aus seiner frhsten Vergangenheit. Der reine Lord Byron, der
von schrecklichen Geheimnissen fabelt. Manchmal empfand Rother, trotz seines
liebevollen Wohlwollens, den leisen Wunsch, seinen Hut zu ergreifen und sich aus
dem Staube zu machen, - da der Wunderknabe allzu sonderbare Selbstanklagen
auftischte. Doch wirkte das Alles zuguterletzt nur komisch, da man es unmglich
fr wirklich erlebt halten konnte. Um den Unglcklichen aus seiner
Selbstmordstimmung zu reien, forderte ihn Rother auf, mit ihm einen
Nachtkneipen-Bummel zu machen. Mit genialischen Kraftmensch-Schritten wandelte
alsbald der neue Mozart neben ihm her, wobei er oft eine drollige Anhnglichkeit
an den Tag legte und sich mit begeisterter Handbewegung als Rothers Schatten,
Rothers Hndchen bezeichnete. - - Als Rother sich am anderen Morgen in seinem
Bett schlfrig dehnte, beschlich ihn das Gefhl einer gewissen seelischen
Behaglichkeit. Die Wollust wirkte bei ihm wie eine homopathische Kur fr die
ermattende Liebes-Ausleerung idealer Sehnsucht.
    Sobald er sich also der gemeinen Begierde hingegeben, entwich die ganze Pein
seinem Innern und die uerste Gleichgltigkeit ergriff ihn. Verschwunden war
der ganze entschlossene wilde Kampftrieb der unglcklichen Liebe, und vllige
Vergessenheit, kaltes Lethe, flo ber ihn hin. So vllig bleibt der Mensch von
seinen psychischen Nervenzustnden abhngig. Die Abtdtung der Nerven fhrt die
Abtdtung der Leidenschaft mit sich: Wille und Leidenschaft schwchen sich in
genau entsprechender Weise.
    Wer starken Willen hat, hat auch starke Leidenschaft. So bestimmen sich
Beide gegenseitig und behindern sich theils, theils beflgeln sie einander.
Beide aber sind abhngig vom Nervensystem. Selten wird daher ein Kummer sofort
durch Arbeit berwunden. Es mu eine Schwchung des ganzen Menschen durch
Extravaganz vorhergegangen sein. Gift wird nur durch Gegengift paralysirt.
    Nachdem der Geist durch Aufregung der Nerven die Sehaftigkeit echter
Arbeitskraft eingebt, fhlt er dann pltzlich diesen Trieb zurckstrmen. Die
Arbeit geht mit maschinenhafter Leichtigkeit von Statten. Was vorher schwer
schien, wird jetzt federleicht. Das Stoen der aufgeregten Gedanken, das
vielfltige Durcheinander, bei dem es fortwhrend heit: Was zuerst beginnen!
hat aufgehrt und mit grter Ruhe wird die Arbeit durchgefhrt.
    Er beschlo, ruhig sein Kreuz auf sich zu nehmen, das Kommende abwartend.
    Das Einbohren in bestimmte Schmerzen, krankhaft in Ursache und Wirkung, wird
wesentlich durch die Umstnde und die Verhltnisse von Nerven und Magen
hervorgerufen. Nach Tische, nach einem tchtigen Spaziergang drfte es einem
gesunden Organismus schwerfallen, sich weltschmerzlichen und galligen
Trumereien hinzugeben. Es sieht sich Alles verschieden an, mit leerem, oder mit
vollem Magen.
    Eduard war fest davon berzeugt, da ihm aus alledem die furchtbarsten
Folgen erwachsen wrden. Er schwebte in einer gewissen unbestimmten Angst vor
irgend etwas Peinlichem oder Verderblichem, das ihn treffen sollte.
    Unaufhrlich strmte er mit groen Schritten im Zimmer auf und ab, bis ihm
die Wadenadern schwollen und er sich mde aufs Sopha werfen mute, indem er
dstere Gedanken hin- und herwlzte.
    Er sollte Spieruthen der Lcherlichkeit laufen; sein Name kam an die
Oeffentlichkeit in komischem Sinne; sein wahnsinniger Heirathsantrag wurde
ruchbar: sein naturalistisches Mal-Prinzip wurde dem Spottepreis gegeben, seine
vielen Feinde warteten ja nur darauf. So zermarterte er sein Hirn und schdigte
seine Gesundheit, statt kalt und gelassen dem Kommenden ins Auge zu blicken.
Allerdings kam ihm stets der Schlugedanke zu statten, mit dem er seine
Befrchtungen besnftigte. Mit unerschtterlichem Stolze wollte er der Welt
Trotz bieten. Und auch ihr, wenn sie ihn verrieth. Der ganze Hochmuth des
Knstlers brach sich wieder Bahn in ihm. Was konnte ihn treffen, welcher
boshafte oder zrnende Blick ihm seine Ruhe rauben, welche Beschmung ihm das
Blut in die Wangen treiben, - ihm, der als Knstler eine exceptionelle,
Lebensauffassung besa, welche alle kleinlichen Rcksichten der gewhnlichen
Gesellschaftsmoral und Respektabilitt weit unter sich sah! Den Kopf konnte es
ja nicht kosten!
    So wogt es in der Seele auf und ab. Was noch eben furchtbar drohend
erschien, so lange drauen der Wind pfiff und Nervenermattung im Hirne Grillen
erzeugte, erscheint im nchsten gefahrlos und gleichgltig. Ein gewisser
unverzagter Trotz allen Gefahren und Unannehmlichkeiten gegenber, verbunden mit
vorhergehender doppelter Aufregung durch Phantasie-Vergrerung des Drohenden,
ist ein Merkmal bedeutender Geister. So sah der General Bonaparte seine Lage oft
verzweifelter an, als seine Unterfeldherrn - aber trat die Gefahr nun wirklich
nahe, so war er der Einzige, der sie abzuwenden wute.
    Seine Unvorsichtigkeit peinigte ihn scharf genug, indem sein Argwohn sich
berall von Sphern umzingelt whnte, die seine schwachen Seiten belauerten. Es
scheint ein trauriges Erbtheil ungewhnlicher Menschen, da sie ohne direkt
eitel zu sein, doch stets whnen, die Welt interessire sich selbst aus Bosheit
fr ihre Person und ersphe daher ihre Schwchen. Aber die Welt kennt ihre
eigenen kleinen Lcherlichkeiten und fat den bedeutenden Menschen gar nicht als
so exceptionell auf, wie er sich selber. Sie lacht daher ber seine Thorheiten,
wie sie ber die eines beliebigen Andern lachen wrde, so da der Hauptstachel
fortfllt: Sie mit seine Thorheit gar nicht nach dem Mastab seiner geistigen
Bedeutung. Und wie leicht vergit die Welt das Gute wie das Bse!
    Ein eigentmlicher Spleen ergriff ihn. Alles Wissen, Lernen und Knnen
schien ihm nutzlos. Er verfluchte jede Minute, die er an ein Buch vergeudet,
jede Arbeit, die nicht aus direkten Erwerb und Erfolg in der Welt hinauslief.
Eine lcherliche Sucht machte sich in ihm geltend, die Gedanken rastlos auf
nchstliegende Ziele zu concentriren und jedes Umherschweifen derselben
abzuweisen. Er verga nur darber, da jede Meditation ein Ausruhen und
Entlasten des Gehirns bedeutet und daher der Gedankenthtigkeit nutzt, und da
berhaupt jede noch so fernliegende Gedankenreihe irgend eine Vorstellung
heraufbeschwrt, die sich an ein nherliegendes Ziel werthvoll anknpfen lt.
    Jetzt aber, als die alte rmische Lampe seines Ateliers ihr freundliches
Licht um ihn her verbreitete und er, die schweren arabischen Vorhnge vor
Fenster und Thren niederlassend, fern allem Lrm in stiller Beschaulichkeit vor
seiner Staffelei sa, durchdrang eine eigenthmliche wohlige Wrme sein
Seelenleben. Wie ein instinktiver Blitzstrahl der Erkenntni, fhlte er die
groe Wahrheit, da all die hunderttausend Ueberflssigkeiten, Nichtigkeiten,
Unannehmlichkeiten, Tuschungen, Krnkungen, Irrwege, Zeitvergeudungen und
Albernheiten des Lebens von Kindesbeinen an, deren Erinnerung auf einen
hamletisch grbelnden Geist von krankhafter Sensitivitt als unertrglicher Wust
und Ballast drckt, nthig und in sich ntzlich erscheinen, um eben die
spezifische Individualitt aufzubauen. Die Individualitt aber ist aller Dinge
einzig Wesenhaftes und stellt sich siegreich der berwltigenden Flle der
sogenannten Wirklichkeit, dieses groen Scheinlebens, gegenber.

    Es lie ihm doch keine Ruhe. Etwas mute ja doch geschehn. Schon Weihnachten
vorber! Vor Neujahr trafen die Hamburger Feinde ja doch sicher ein. Sollte er
zu Frau Lmmers eilen, bei welcher sie jedenfalls Wohnung nahm? - Da ri ihn ein
Brief aus aller Ungewiheit.

        Nach erfolgter Ankunft in Berlin theile Ihnen mit, da Frulein
        Kreutzner whrend ihres vorbergehenden Aufenthaltes in Berlin unter
        meinem pershnlichen Schutze steht und ich etwaige Anfechtungen
        Ihrerseits mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln bekmpfen werde -
        ebenso auch zudringliche Besuche und Briefe von Ihnen ohne jede
        Rcksicht beseitigt werden. Sobald ich mich in meiner Wohnung
        eingerichtet bin, werde Sie bitten, mir in Gegenwart von Frulein K.
        pershnliche Genugthuung fr Ihre mir gewidmete Insulte zu zu geben -
        nach diesem werde ich nicht verfelen Ihnen meine Referenzen bekannt zu
        machen, damit Sie wissen, da ich bin
                                                          Maximilian Kohlrausch,
                                               Inhaber echter Bier-Restaurants.

    Das erste Gefhl Rothers nach Lectre dieses originellen Opus trieb ihn zu
einer starken Zwerchfellerschtterung. Das ist ja der reine Grenwahn! O
Maximilian, der letzte Ritter!
    Das zweite Gefhl hingegen trieb ihn instinktiv, seinen starken Stock zu
ergreifen, als wolle er sofort eine krperliche Zchtigung vollstrecken.
    Den dritten Antrieb endlich vollzog er sofort, indem er gelbe Handschuhe
anzog, seinen Cylinder aufstlpte, den Pelzkragen in den Nacken schob und in
voller Gala nach der Gerichtsstrae hinausfuhr. - Frau Lmmers empfing ihn mit
langem Gesicht. Ja ... sie ist hier. Sie habe sich aber in ihrem Zimmer
eingeschlossen. Wiederholtes Ersuchen um eine Unterredung hatte keinen Erfolg.
Sie lie ihm sagen, sie sei ihm nicht bse, aber sprechen knne sie ihn nicht.
    Rother berwand sich und ging. - Er machte die blichen Neujahrsvisiten er
versuchte auch wieder zu arbeiten. Aber das gelang nicht. Ihm war zu Muth wie
Einem, der zu starke Cigarren geraucht. Stundenlang lag er mig auf dem Sopha,
und wie Blei lag es in seinen Gliedern. Eine Art seelischer Impotenz entkrftete
ihn. Statt zu arbeiten, brtete er wieder ber seinen alten Arbeiten, fand diese
bald ganz elend, bald erwog er, wie wenig seine Bedeutung gewrdigt sei. Dann
kam es wieder ber ihn, wie ein Jhzorn des Grenwahns, da er alle Papiere und
Zeichnungen um sich her zerri und wie ein Raubthier im Kfig umhertollte.
Stundenlang um Mitternacht trottete er auf dem nakalten Trottoir in
schneidendem Strichwinde die Friedrichstrae entlang und lie die
Nachtwandlerinnen vor sich Revue passieren, als ob der schnde Sumpfgeruch
dieser Asphaltblumen seine Nerven strken knne. Das blulich-weie Licht der
Laternen, das Grau in Grau der Husermassen schien ihm ein Abbild seines den
grauen Innern, in dem es von grellen verlschenden Straenlichtern zuckte.
    Mit einem krftigen Entschlu ermannte er sich nochmals sein Glck zu
versuchen, indem er sie berraschte. Er fuhr hinaus. Die Sonne ging grade unter.
    Durch den eigenthmlichen Reflex des Schnees und der schneeathmenden
Winterluft erschienen rothe Backsteinmauern wie zu zartem Rosa abgetnt. Wo
hingegen die Sonne darauf funkelte, blitzten braun oder gelb angestrichene
Erkerfronten und Thren in grellstem Gelb, durch den Gegensatz der ringsumher
gehuften glitzernden Schneemassen.
    Am Himmel hing eine dicke rthliche Wolke wie ein Thurm, der vornbergeneigt
herabzustrzen droht. Das Rothe lste sich in eine halb zinnoberrothe halb
schwefelfarbene Mischung. Es war, als ghre die Wolke gleichsam von innerem
Brand.
    Wie ein Riesengeier strich eine andre Wolke schwarz und breit am Horizonte
hin. Auch sie spreitete ihre Schwingen, als wolle sie senkrecht herniederstrzen
- wie, der Condor der Cordilleren, der als Punkt berm Haupte des Wanderers
schwebt, immer grer und grer hinabschiet.
    So sah er die Dinge in einem seltsam deutungsvollen Licht, hnlich der
Luftmalerei der Impressionisten oder Turner's englischen Landschaften. Das
nervse Auge, mit unnatrlich zarter Netzhaut die Naturvorstellungen in sich
auf.
    Ja, da war das alte Haus! Da war die alte Treppe, aus deren moderig
staubigen Winkeln ihm ein Stck Vergangenheit entgegenkreischte. Rieselte nicht
sein Herzblut verstohlen aus jeder Stufenritze?
    Er klingelte. Richtig, nicht die Thre von rechts, wo Frau Lmmers wohnte,
sondern die links nach Kathis Zimmer ffnete sich. Ein Frsteln lief ihm
unwillkrlich den Rcken entlang. Ja, das war Schicksal!
    Wer ist da? fragte die altvertraute Stimme. Ihm stand das Herz einen
Augenblick still, dann strmte das Blut mit rasender Gewalt zurck.
    Ich, Rother! sagte er mit fester Stimme.
    O! Es schien, als ob sie mit einem unartikulirten Laut zurckflchte.
    Ich will und mu Sie sprechen. Sie verhielt sich still. Er erhob die
Stimme: Hren Sie nicht?
    Ja doch, flsterte sie.
    Er glaubte durch die Wand hindurch zu sehn, wie sie athemlos an der Thr
lehnte.
    Wissen Sie, was der Kerl da, der Kohlrausch, mir gestern geschrieben hat?
Keine Antwort. Ich frage, ob Sie das wissen?
    Nein, sagt sie, der ist ja in Hamburg.
    Nein, der ist hier.
    Davon wei ich nichts.
    Gut, also ffnen Sie. Wir wollen ein letztes Wort miteinander reden.
    Das knnen wir ja auch so.
    Dummes Zeug! Wollen Sie aufmachen oder nicht?
    Machen's nur keinen solchen Lrm! Die Leute werden noch kommen. Was soll
ich berhaupt reden! Ich habe Ihnen ja doch immer gesagt.. ein ironischer Klang
lag in den Worten.
    Ach Sie! Halten Sie den dummen Mund! fuhr es ihm heraus.
    Nun, dann kann ich ja gehn! rief sie heftig und ging - er hrte die Thr
des Zimmers hinter ihr zuschlagen. Er wartete noch einen Augenblick und pochte.
Dann ging er geruschvoll die Treppe hinab. Aber als er bis zur nchsten
Straenecke gelangt war, fiel es ihm schwer aufs Herz, da er den Weg umsonst
gemacht und ein Gesprch ja doch nothwendig sei. Kurz resolvirt kehrte er um.
Wieder klingelte er. Sie kam.
    Verzeihen Sie meine Grobheit, sagte er mit gemessenem Ton Ich will ja
ganz ruhig mit Ihnen reden. Es ist das Beste fr uns Beide. Sprechen wir uns
nicht vorher aus, so kann allerlei Unglck kommen. - Hren Sie mich? fragte er
nach einer schweren Pause, da sie nicht antwortete.
    Ja. Aber ich kann nicht aufmachen und meine Wirthin ist ausgegangen und hat
mich abgeschlossen.
    Larifari, so werde ich nachher wiederkommen. Wann?
    In einer Stunde. Aber geben Sie mir Ihr Wort, da Sie mich nicht
beschimpfen wollen. Ich knnte es nicht ertragen.
    Gut, ich gebe es. Adieu. - -
    Es war ein frostiger windiger Abend. In einer Kneipe der Mllerstrae trank
er sich Wrme zu und poussirte die Kellnerin, ein Mdchen von besserer Sorte,
die ihn anschmachtete. Er erinnerte sich noch spter daran, wie ihm das in einem
solchen Moment mglich blieb. So begegnet sich ewig der bitterste Ernst mit dem
Leichtsinn, wie mit der ritterlichsten Romantik die nackte Prosa. Hatte er doch,
ehe er zu seiner Gttin emporstieg, stets erst dafr gesorgt, da er sich eines
gewissen menschlichen Bedrfnisses vorher entledigt hatte, damit es ihn bei dem
langen Gesprch da oben nicht stre. Das ist der Mensch mit seiner Doppelnatur,
das ist das menschliche Leben ... Sie ffnete wortlos, er trat wortlos ein. Erst
als er Stock und Cylinder ablegte, seinen Paleot anbehaltend - es war bitterkalt
in der Stube -, brummte er mrrisch: Guten Abend!
    Dito, murmelte sie finster. Sie trug einen Schlafrock, hatte sich aber
dick mit einem Plaid umwickelt und litt an starkem Schnupfen. Im Uebrigen sah
sie bla aus, mit rothen Flecken auf der Backe.
    Die hin- und herwogenden Anklagen und Mittheilungen stellten alsbald die
Affaire Wursteler in einem ganz anderen Lichte dar. Grade dieser hatte vielmehr
auf die Frage Kathis, was Rother treibe, geantwortet: Ach, der ist ja total
verrckt! und ihn andauernd den albernen Anstreicher genannt. Auch war die
Mittheilung Kathis der will mich heirathen nur im tiefsten Vertrauen erfolgt.
Was nun Kohlrausch anbelangt, so sei das ein sehr anstndiger Mensch u.s.w.
    Hm, das ist ja mglich meinte Rother. Er hat aber auf mich einen sehr
ungnstigen Eindruck gemacht.
    So? Nun, auf mich grade umgekehrt, sagte sie mit ruhigem Lcheln und
zeigte ihm, auf dem Tische stehend, seine Photographie.
    Rother schttelte den Kopf. Diese Physiognomie, ohnehin unangenehm konnte
wahrlich mit ihrem Schwerenther-Ausdruck kein sonderliches Vertrauen erwecken.
Ja, Sie sind auch immer so hochfahrend! Und er ist doch ein sehr gebildeter
Mann.
    Ach was und schreibt unorthographisch! Nun, das mag ja sein wie es will. -
Ich will mit der ganzen Geschichte nichts mehr zu thun haben. Zwischen uns ist
ja natrlich Alles aus.
    Das ist es, sagte sie ernst. Ich mte Sie verachten, wenn Sie jetzt noch
...
    Ueberhaupt.. er trat nahe an sie heran und betrachtete sie: jeder Funken
von Leidenschaft schien bei ihm verkohlt. Er fhlte sofort, da die Entfernung
sie ihm allzusehr verschnert hatte, um nicht beim Wiedersehn Enttuschung zu
finden, und da die sinnliche Begierde bei ihm erloschen war. Doch schien in der
That eine auffallende Vernderung zum Schlechten mit ihr vorgegangen. Selbst
ihre Stimme bekam einen gewissen butterigen fettklebrigen Ton, den er frher nie
bemerken konnte. Sie haben sich sehr zu Ihrem Nachtheil verndert.
    Sie lachte etwas bitter. Aber gar nicht! Das sind so Einbildungen.
    Nein doch! Ich begreife absolut nicht, wie ich so weit gehen konnte.. Mir
ist, als wre ich verrckt gewesen und gesund geworden. Was habe ich denn an
Ihnen gefunden! In demselben Moment ging ihm der seltsame Contrast durch den
Kopf, wie er frher in seiner Verliebtheit sie gewissermaen als Naturwunder von
Schnheit ber sich gestellt hatte. Und nun stand er da, elegant und
geschniegelt, mit glnzendem Cylinder und gelben Handschuhen, in vornehmer
sicherer Haltung, und sie in ihrem alten Schlafrock mit ihrem Schnupfen sah
verstaubt, abgebraucht und gewhnlich aus.
    Ja, das ist Ihre Sache, meinte sie trocken Ich kann nichts dafr. Von
Ihren Phrasen verstehe ich nichts. Ich bin nur ein einfaches Mdchen.
    Ach! Frher sprachen Sie anders. - Das liegt so in der Zeit. Das sogenannte
Retten der Gefallenen! Ich habe Sie retten wollen - voil tout!
    Danke schn. Ich bin noch nicht gefallen. Ob das so in der Zeit liegt, wei
ich nicht. Sie jedenfalls - nun, Sie haben sich doch damit lcherlich gemacht.
Und ein hliches Lcheln krmmte ihre Lippe.
    Meinen Sie? sagte er ruhig. Was denken Sie wohl, wenn nun Alles
herauskme, wenn ich Ihre Wirthin als Zeugin vorriefe?
    O, Frau Lmmers, sagte sie, indem sie gesenkten Kopfes auf- und abging;
sie hatte bis dahin, hinter der Lehne eines Sessels aufgesttzt, gestanden. Wie
die auf Ihrer Seite ist, das glauben's gar nicht. Was die mir Vorwrfe macht!
    Nun also! Die Welt wrde, wenn sie von meiner Verrcktheit hrte, anfangs
lachen und sagen: So sind mal die Knstler - siehe Proze Grf. Aber sobald sie
alle Umstnde erfhre, dann wrde das Urtheil ganz anders lauten. Man wrde
sagen: Der Mann hat zwar sehr edel gehandelt, aber er war auch ohnehin durch das
Benehmen des Weibes dazu vllig berechtigt; man kann ihm durchaus nicht Thorheit
zum Vorwurf machen. Allein Ihre Briefe.. man wrde nur sagen: Was fr ein
abscheuliches Geschpf!
    Sie schwieg und sah vor sich hin. Convulsivische Zuckungen durchfurchten ihr
Gesicht.
    Ja, was soll denn daraus werden! Wenn Herr Kohlrausch nun kommt.. Sie
betonte den Herrn Kohlrausch immer mit einem gewissen feierlichen Ton, in dem
nicht nur zrtliches Interesse, sondern auch eine Art Ehrfurcht vibrirte:
Offenbar war der groe Windikus in ihren Augen ein bedeutendes Geschftsgenie -
jedenfalls der Mann ihrer Wnsche.
    Der steckt ja schon in Berlin. Auch der Poststempel war von hier.
    O nein, der ist noch in Hamburg. Kommt erst in acht Tagen. - Wenn Sie
schlau sind, kann Der doch auch schlau sein. Der kann doch auch durch einen
Freund das Billet an Sie gesandt haben.
    Sieh einmal! Also ein juristischer Dolus. Und vorhin sagen Sie mir, er habe
Ihnen gewaltsam meinen Brief mit den Injurien weggenommen.- Na, der Mann liegt
mir ja aus Messer geliefert und ich rufe Sie selbst als Zeugin auf.
    Oho! sagte sie trotzig. Ich sag' doch nichts aus oder widerrufe.
    Na, fiel er schneidig ein, indem er den Cylinder aufsetzte. So will ich
also beschwren, da Sie selbst mir dies angekndigt haben, also als Zeugin
meineidig werden wollen. Das giebt auch eine schne Handhabe. Er wute sehr
wohl, da alles Das nicht so viel bedeutete, wie er draus machte; aber er wollte
ihr heilsame Angst einjagen. Das gelang auch vollstndig. Sie brach beinahe in
Thrnen aus. Als nun vollends die Wirthin erschien, welche von Wurstelers kam
und erzhlte, da die schwarze Emmy nun wegen ihrer bevorstehenden Niederkunft
durch Bammer dort aus dem Hause geworfen werde, entwickelte sich ein ganz
gemthlicher wechselseitiger Klatsch und Rother drckte Kathi zum Abschied die
Hand: Wenn wir uns wiedersehn, als gute Freunde und Kameraden - und weiter
nichts! Er ging leichten Herzens von dannen, kneipte den Abend mit etlichen
Collegen, die einen Verein fr naturalistische Malerei. Ehrenprsident: Max
Liebermann in Paris grnden wollten, und sprte einen wahren Juchzertrieb, als
er sich leichten Herzens schlafen legte - nach der abspannenden erschpfenden
Nervenqual der letzten Zeit.
    Er blickte hinaus in die Mondnacht. Marmornes Schweigen lastete ber dem
monderhellten Schnee.
    Doch er hatte sich getuscht. Pltzlich erhielt er von ihr einen langen
Brief, worin sie ihn bat, ihr Bild zurckzusenden.

        Da es nun doch einmal sein mu, fing sie an erlaube ich mir noch
        einige Zeilen zu schreiben, um einigermaen eine Erklrung
        herbeizufhren. Da ich mich neulich damals nicht sprechen lie drfen
        Sie nicht so schwer auf die Waagschale legen namentlich wenn Sie an die
        letzten Ereignisse denken. Da Sie mich schwer und fast unverzeihlich
        beleidigt haben drften Sie wohl einsehen. Da Sie aber ein bedeutender
        Mann sind und ich Sie als solchen respektire und Sie, gewissermaen
        ehrenhaft gegen mich gewesen sind, will ich Sie nach Mglichkeit Ihrer
        Ungewiheit entreien. Wie Sie sich wohl erinnern werden, habe ich Ihnen
        stets gesagt stets gesagt wir passen nicht zusammen, weil unser Stand zu
        verschieden ist. Frher oder spter htten Sie Ihren Migriff eingesehen
        und wer htte darunter am meisten gelitten natrlich ich und Sie wren
        natrlich auch unglcklich da ich Ihnen nicht diejenige Neigung
        entgegenbringen knnte, welche zum Glck erforderlich ist. Ich suchte
        stets Sie von dieser meiner Meinung zu berzeugen. Nun was blieb mir
        Anders brig als der Zeit zu vertrauen welche Sie von Ihrem Irrthum
        abbringen sollte, weil meine schon erwhnte Meinung ber die Zukunft
        mich keinen Augenblick verlie und ich immer mein und Ihr Unglck vor
        Augen hatte. Wenn Sie glauben, da nur Sie mich vor meinem Untergang
        retten knnen, drften Sie wohl doch ein wenig im Irrthum sein; ich bin
        zweiundzwanzig Jahre alt geworden ohne auf schlechte Wege gerathen zu
        sein, das kann ich mir selbst sagen und ich danke Gott fr dieses
        Bewutsein. Was Leute klatschen dagegen kann sich Niemand verwahren und
        deshalb hoffe ich, da ich auch in Zukunft im Stande, sein werde, weine
        Selbstachtung zu erhalten. Nun komme ich zum eigentlichen Zweck meines
        Schreibens, ich mchte nmlich in Frieden scheiden und deshalb bitte ich
        Sie diese Zeilen, als gengende Erklrung hinzunehmen und gegen mich
        keine Feindseligkeit zu hegen wie auch ich gegen Sie nicht. Doch da in
        Zukunft unsre Wege auseinandergehen bitte ich mir mein Bild
        zurckzusenden. Nun bitte denken Sie ber die Geschichte nach, dann
        werden Sie mich nicht verdammen.

    Trotz der mannigfachen Entstellungen und Uebertreibungen betreffs des
springenden Punktes dieser ganzen Romeo- und Julia-Affaire, stak in dem Briefe
dennoch eine gewisse Wrde und Anstndigkeit, die ihn erfreute. Denn es
bereitete ihm eine tiefe Genugthuung, da dies Weib trotz alledem und alledem
seiner Liebe nicht unwrdig schien. Auch wurde in der besonnenen Ruhe dieses
Schreibens der Grenwahn des Weibes, das seine so viel umworbene Schnheit
begreiflicherweise als Angelpunkt der Schpfung betrachtet, wohlthtig gedmpft.
    Und doch! Was galt hier ihre anstndige Gesinnung, da sie doch ganz in
Hnden ihres Mephistopheles lag. Und gegen den mute man sich schtzen, durch
sie selbst.
    Er sann lange nach. Pltzlich kam ihm eine Idee. Sie kam ber ihn wie eine
Offenbarung. Sein Freund, der Genremaler Knorrer, hatte ihm krzlich aus Tirol
geschrieben, wo er eine Studienreise machte. Dabei hatte er bemerkt, da er von
Anfang Januar ab in Roveredo einige Wochen zubringen werde, um eine dortiges
altes Bild zu copiren. Roveredo! Der Name hatte ihn durchzuckt, er dachte an
Kathis eigene Enthllungen. Ja, er mute Gewiheit haben, ob die Sache richtig
sei. Es konnte als Gegenwaffe dienen. Sie selbst konnte ja alles ableugnen, was
sie ihm erzhlt. Und wenn er im letzten Nothfall dort nachforschte, so wrde,
sie schon Mittel finden, Alles todtzuschweigen. Was konnte bis dahin ihm nicht
ohnehin fr Schaden erwachsen, falls dieser Kohlrausch in seinem eigenen
Liebeswahnsinn ...
    Kurz entschlossen, sich an diesen Strohhalm zu klammen, telegraphirte er an
Knorrer nach Roveredo. Ein langes Telegramm, worin er Alles andeutete und diesen
bat, ihm Gewiheit zu schaffen, ob in Trient eine Kathi Kreutzner mit einem
Hauptmann vom Genie u.s.w. Wo dieser jetzt stehe. - - -
    Er malte nun ruhig an seinem Bilde fort.
    Siehe da, am zweiten Abend nach Absendung seines Telegramms nach Roveredo,
erhielt er einen saugroben Brief des p.p. Kohlrausch, worin ihm dieser
ankndigte, er werde sich jetzt hier mit Frl. Kreutzner einrichten und nun
wegen der ihm und ihr zugefgten Beleidigungen Schritte thun.
    Rother antworte nicht. Er wartete auf das Antwort-Telegramm aus Roveredo. Es
kam. - Genaues konnte ihm sein Freund nicht mittheilen. Allein, so viel hatte er
in Erfahrung gebracht: Der betreffende Hauptmann vom Genie, dessen man sich an
Ort und Stelle noch wohl erinnerte, sei spter zur Cavallerie bergetreten. Sein
Name sei: Graf Xaver Krastinik. - -
    Ohne Verweilen verschaffte sich Rother von einem befreundeten Offizier eine
Rangliste der Oesterreichischen Armee. Richtig! Bald hatte er den Namen
gefunden. Ein ungarisches Husarenregiment, Garnison bei Pest. Ohne Verzug
telegraphirte Rother an das Regimentskommando, Rckantwort bezahlt, ob er den
Herrn dort treffen und sprechen knne.
    Seine fieberhafte Nervenaufregung steigerte sich bis zu Appetit- und
Schlaflosigkeit. Er hatte sich in die Geschichte so hineingeredet und
hineingelebt, da ihm sein ganzes Leben daran zu hngen schien. Und war es nicht
so? Stand seine Liebe nicht auf dem Spiel? Doch die war ja verloren. Nein, nun
galt es seinen Namen. Die Schande, die Lcherlichkeit! Sein reizbares Ehrgefhl
berwand das nicht; nein, daraus mute noch Schlimmeres erfolgen. Man trieb ihn
zum Aeuersten, so wehrte er sich. Ob das Mittel ganz anstndig sei, diese Frage
kam hier nicht in Betracht; hatte man nicht ehrlos an ihm gefrevelt? Man wehrt
sich am besten, indem man selbst zuschlgt. Die beste Vertheidigung ist der
Angriff. - Ob man ihm antworten wrde? Er sollte nicht lange in Zweifel sein.
    Ueberraschend schnell, mit ungarisch ritterlicher Liebenswrdigkeit, ward
ihm Antwort. Graf Krastinik sei auf Urlaub, nach England verreist. Seine Adresse
wisse stets, wie er beim Regiment hinterlassen habe: Lord Dorrington, Boltons
Terrace, London.
    Rother besann sich nicht einen Augenblick. Auch dies Hindernis noch - sei's!
Hatte er die Sache einmal so verzweifelt ernst genommen, so wollte er sie
durchfhren. Was hatte er sonst auch noch fr Interesse am Leben! Einer Erholung
bedurfte er so wie so; Geld genug hatte er gerade; so ging er am besten allen
Unannehmlichkeiten zu Haus aus dem Wege. Wenn ihm jener Kerl etwa persnlich
eine Droh- und Daumschrauben-Visite macht! (Er sah eben Alles in vergrertem
Mastab und dsterm Lichte.) Wozu noch zgern!
    Schon der andre Morgen sollte ihn auf der Fahrt nach Hamburg sehn. Die
nchste Route, die ber Belgien und Calais, mochte er nicht whlen, wegen der
drohenden Kriegsgerchte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Den letzten Abend vorher hatte ihn Annesley besucht, der wie gewhnlich
seine Hlfe in irgend einer musikalischen Angelegenheit beanspruchte, um dann
wie gewhnlich emphatisch zu versichern: Ihr Wohlwollen ist der einzige
Sonnenstrahl in meinem nchtigen Sein. Ich armer Verfaulter und Siecher aus
diesem Hunde Erdball! Sie sind ein vollkommener Gentleman, Sie sind -
    Schon gut, unterbrach ihn sein Gnner, der diese Aufwallungen schon
kannte. Kommen Sie man 'raus aus der guten Stube und an die frische Luft! Sonst
jammern wir uns Beide wieder 'was vor!
    Es war noch frh am Tage, gegen 6 Uhr. Auf der Leipzigerstrae vor dem
blauweien Schilde des Weihen-Stephan (jenem historisch merkwrdigen Lokal, wo
einst der grenwahnsinnige Oppositionsfhrer des Reichstags von einigen
angezechten Ulanenoffizieren offiziell hinausgegrault wurde) stie Rother auf
ein Paar, das in schweigender Gre lustwandelte.
    Ah, Servus! Man grte sich. Rother stellte den hochbegabten Componisten
Henri Francis Annesley den beiden Herrn vor: Herr Karl Schmoller, Herr
Friedrich Leonhart. Annesley machte groe Augen, die zwo Dioskuren der
litterarischen Revolution zu erschauen.
    Ah, sehr erfreut, nickte der groe Schmoller gndig, indem ein sliches
Lcheln seinen brtigen Mund umspielte. Schon viel gehrt von Freund Rother
ber Ihre Begabtheit.
    Annesley kratzfute stumm und wunderte sich ba. In seiner Knabenphantasie
hatte er sich groe Schriftsteller immer  la Apollo gedacht. Und nun -!
    Schmoller sah ihm aus, wie der Inspektor einer Gasfabrik. Er trug Ringe an
den Fingern, einen spitzgedrehten schwarzen Schnurrbart, als wre er bei Graf
Perpoucher in die Lehre gegangen, und einen behbigen Havelock. Sein stechendes
grnliches Marderauge funkelte unter einer ungeheuren blauen Brille, wegen
mangelnder Kurzsichtigkeit aus Gelehrsamkeitsrcksichten. Seine berhngende
Stirn dachte sich wlbig in Etagen ab und bildete einen spitzen Winkel, aus
welchem die lstern witternde breitnstrige Nase vorsprang. Sein dito
vorspringender breitwulstiger Mund (offenbar ein naturalistischer Witz der
Natur, um das bseste Schandmaul anzudeuten) athmete einen halb versteckten
halb dreisten Trotz. Eine unheimliche Energie verschnte gleichsam diese bizarre
Voltaire-Physiognomie. Dabei schien er beraus satt und wohlgenhrt, als ob er
fr all den Hunger, den er in seinen socialen Romanen schilderte, ein derbes
Gegengewicht in seiner Person suche. Er rchte gleichsam seine Enterbten durch
seinen Dichterappetit. Obschon ein Klner Kind, vertauschte er gern sein
niederrheinisch Platt fr Spreeathener-Dialekt. Diesen hatte er gelernt von
seinem frheren Intimus Fritz Erdmann, dem deutschen Zola - jenem
naturalistischen Epiker, dem es im Deutschen Reich zu enge wurde, weswegen er
vor geraumer Zeit nach Amerika durchging. Jetzt erbte Schmoller von ihm den
Titelrang eines deutschen Zola als Nummer 2.
    Und sagen Sie, sind Sie wirklich der ber-hmte Leonhart? fragte Annesley
naiv. Also so sehen Dichter aus?
    Leonhart schien auf sein Aeueres wenig Sorgfalt zu verwenden. Seine
rthlichen Haare zottelten sich, als wren sie selten gekmmt, und seine
auffallend aristokratischen Hnde starrten trotz ihrer zartweien Hautfarbe von
Schmutzflecken. Sein mdchenhaft zarter Teint wurde durch diverse Sommersprossen
reizvoll belebt und an sein Kinn schien ein zersaustes Ziegenbrtchen angeklebt,
das so stoppelig, aussah, wie brandige ausgeraufte Aehren. Auch machte seine
unscheinbare drftige Figur einen wenig imponirenden Eindruck. Sein blaues Auge,
unter feingeschnittenen Brauen an einer starkgewlbten breiten Schlfe, schaute
verschleiert mde drein. Nur ab und zu kam ein belebterer Ausdruck in dies
stille Gesicht, dessen ruhige Miene andeutete, da sie nicht Alles sehen lasse,
- als ob geheim unter der Oberflche ghre, was Niemand ersphen soll.
    Sie bogen durch die Behrenstrae ein. Hehe, da is ja das Wein-Restaurant
mit den Gobelins und geschnitzten Mbeln, Hochelejant! rief Schmoller der
Joviale. Hier schaart sich ab und zu die famseste Klatschgesellschaft von tout
Berlin zusammen.
    Jaja, die Lsterschule! murrte Leonhart. Unter dem Vorwand eines
collegialen Schppchens! Jetzt haben sie's damit, die Modelle meiner Figuren zu
beschnffeln. Da werden die abenteuerlichsten Mrchen aufgetischt, jeder braut
eine besondere Version. Jaja, die guten Freunde! - In den Geld-Taschen und Hosen
der Dichter herumzuriechen, ist des deutschen Schreibmichels Lust! Ihre
ungewaschenen Finger in alles Persnliche stecken, - das nennen diese jungen
Lait' von's Geschft ihre litterarischen Verbindungen pflegen.
    Ob X. wirklich dem Y. so viel gepumpt hat? Ob A. wirklich so hohes Honorar
pro Bogen bekommen hat wie er auf Ehrenwort schwadronirt? Wieviel Gehalt hat B.
bei der Tagespost? Ob man ihn wohl da hinausdrngen kann? Sehen Sie, so wlzt
das tiefsinnig anregende Gesprch sich eintnig fort, wie die Ritter-Dramen des
Herrn von Alvers. Er hielt inne, um Athem zu schpfen.
    Na und ob! fiel Schmoller ein, der vor Ungeduld brannte, sich seines
animus injuriandi zu entladen. Denk' doch nur an deinen gemeinschaftlichen
Freund Boris von Lappezinsky. Salon-Statist! Wechselt fortwhrend seine Wohnung,
weil er die Miethe schuldig bleibt! Hat eine anstndige junge Dame verfhrt - (
sie hat mir's selbst erzhlt, fgte er in tugendhafter Entrstung ein) - und
sitzen gelassen!
    (So etwas kommt bei uns nicht vor! brummelte Leonhart ironisch.)
    Dieser Mensch! Schmoller griff sich an die Haare, da sein
Bourgeois-Cylinder, den er als groer Volksmann pflichtschuldigst bevorzugte,
sich in den Nacken verschob. Jotte doch, Boris von Lappezinsky! Er schttelte
sich, als bereite ihm dieser Name, den er langgedehnt herausqulte, einen
Hochgenu. Boris, Boris, mein Junge, Mann des Popo-Scheitels und der
Pomade-Kleberei, hausirst Du immer noch mit Deinen blutrnstigen
Colportage-Romanen? Haben Se nix e dichten?
    Ich finde diese amsanten Skizzen aus der Guten Gesellschaft besser, als
manches modeberhmte Geschmier.
    Schuster, bleib bei Deinem Drama-Leisten! schnarrte Schmoller giftig. Was
Du wohl von Romanen verstehst!
    Indianergeschichten fr groe Kinder erzhlen, ist die Aufgabe anderer
Realisten. Es ist nicht die meine. - Du vermochtest mich eben nie zu
erfassen, ertnte feierlich der Bierba des Menschheits-Regenerators.
    Hihi, kicherte sein Mephisto, Ne, Dich versteht man nur in Chalda. Wie
schriebst Du doch neulich so treffend ber die conventionellen Phrasen der
Culturmenschheit? So berkleistert die Form, dieser drftige Umschlag-Shawl
der Aesthetik, den inhaltlichen Beweis des elementaren Persnlichkeitsgefhls!!
Herr, dunkel ist der Rede Sinn. Strze Dir man nicht in Unkosten!
    Ueber das asketische Mnchsgesicht des kleinen litterarischen Luther flog
eine hektische Rthe und eine heftige Antwort schwebte ihm auf der Zunge. Aber
er zuckte nur vielsagend die Achseln. Grenwahn platzte hier auf Grewahn.
    Beide gebten Schimpf-Majore machte es augenscheinlich nicht im geringsten
verlegen, vor den beiden Fremden ihre schmutzige Wsche triefend auszuringen.
    Lappezinsky -, fuhr Schmoller unbeirrt fort, aber diesmal schmollte ihm
Leonhart dazwischen:
    Ein a - anstndiger Mensch! Es kam ordentlich seufzend mit einem Uf
heraus, wie eine Schwergeburt der Selbstberwindung. Denn am liebsten brauchte
er den Kosenamen Schurke, sobald ihm Jemandes Nase mifiel.
    Ach was, fauler Mumpitz! schimpfte Schmoller fort. Ein Ohrwurm ist er!
Gentlemnnische Manieren wissen ja diese Adligen immer herauszubeien. Er ist
immer hflich und liebenswrdig, aber in seinem hbschen glatten Gesicht lauert
ein Zug von rcksichtsloser Brutalitt!
    Ach, la doch das Physiognomieenlesen! suchte Leonhart abzubrechen. Das
verstehn ohnehin die Wenigsten.
    Oller Optimiste! Wenn Dir man blo Einer um den Bart geht, ist er bei Dir
ein Ehrenmann.
    (Oho! dachte Jener. Man kann ein Grobian und doch ein Schurke sein.)
    Neulich hat er Dich mir gegenber schlechtgemacht. Macht sich lustig ber
Dich, dieser kleine dumme Hannefatzke. Er mchte gern ein Realist sein hat er
gesagt, und ist doch stets ein Romantiker. Dabei hat er von Deiner alten dummen
Weiber-Geschichte geschwatzt - Du weit schon, von Der da - er machte eine
imaginre Handbewegung. Als ob er 'was davon wte!
    Ungefhr so viel wie Du, trumpfte Leonhart ihn trocken ab: Nmlich gar
nichts. - Uebrigens, wenn er mich fr romantisch hlt, ein unbeschreibliches
Lcheln huschte ber das bleiche vornehme Gesicht so ist das auch noch weiter
kein Verbrechen. Lassen wir das!
    Annesley und Rother, um welche sich die beiden Dioskuren im Gefhl ihrer
Wichtigkeit gar nicht mehr bekmmert hatten, folgten nicht ohne Mibehagen dem
Gesprch, das sich nunmehr einem Herrn Peter von Schnapphahnitzkoy zuwendete,
von welchem Schmoller ehrenrhrige Dinge erzhlte. Sein Genosse erklrte
achselzuckend, da er den Herrn nicht kenne.
    Sagen Sie, fragte der componistiche Wunderknabe leise. Klatschen diese
groen Dichter immer so?
    Rother zuckte die Achseln und gab keine Antwort.
    Eine Art Menschenauflauf hemmte ihre Schritte.
    Aus der Italienischen Weinkneipe unter den Linden strmte soeben eine ganze
teutonische Horde urdeutscher Studenten heraus. Sie umringten einen dicken
kurzen Herrn in Frack, weier Binde und hohem Cylinder, der wie ein hherer
Subalternbeamter oder wie ein strammer Unteroffizier aussah - fr den
Oberflchlichen, whrend den Tieferblickenden eine gesunde Mnnlichkeit in
seinem gutmthigen Gesichte anzog.
    Adalbert von Alvers! flsterte Rother von scheuer Ehrfurcht.
    Es war wirklich dieser groe Bhnenbeherrscher, dessen Muse immer bereit,
dem Apell jeder Tagesfrage zu gehorchen und in weihevollen Hymnen jede beliebige
Festlichkeit zu feiern - vom neunzigsten Geburtstag des Kaisers bis herunter zum
Jubilum irgend eines Geisteskoryphen. Er fhrte soeben die festgeschlossene
Cohorte seiner Getreuen in die zweite Auffhrung seines neuen Dramas, welches
von der Kritik schmhlich mitgenommen war. Bei einer solennen Kneiperei in der
alten Stammwiege des Alversschen Ruhmes, der italienischen Weinstube, hatte man
heut Tod und Verderben allen Unglubigen geschworen, welche gegen den nationalen
Dramatiker aufmucken wrden. Bei jedem Todten, der auf der Bhne als Leiche
liegen blieb, sollte sich ein Begeisterungssturm von Gallerie und Parterre aus
entfesseln. Nach dem dritten Akt aber wollte man, laut Verabredung, ein
furchtbares Bardengebrll Alvers, Alvers! Alvers 'raus! stiften, das sich
fortissimo bis zum Fescharren und Stampfen steigern sollte. Ehe die
Schauspieler fr den leider nicht im Hause anwesenden Dichter danken knnten,
wrde sich dann der Hohe selbst in seiner Loge erheben und gndig dem
verehrlichen Publiko seine Kneifer-Verbeugung zuschlenkern. So dachte man der
bsen Kritik schon noch beizukommen!
    Wenigstens stellten dies Alles die drolligen Dichterdioskuren so dar, welche
von Jedermann irgendwelche Mordsgeschichte zu erzhlen wuten. Im Vorbergehen
hrte man, whrend die Verschwrer im Sturmmarsch an ihnen vorbeidefilirten, den
groen Dichter selbst die bedeutenden Worte uern:  ... Das ist es, meine
Herren, was ich in Ihnen begre: die Wiedergeburt des germanischen Geistes
durch begeisterte Jugend. Sie, die Blthe der Nation, Sie nur verstehen mich zu
wrdigen. Ja, was sind sie, all die Andern! Nur das nationale germanische Drama
... Der rauhe Wind verschlang unbarmherzig den Rest. Die vier Flaneure sahen
sich an.
    Grenwahn! flsterte Rother.
    Dieser Mensch! schrie Schmoller, indem er sich mit theatralischer Geste an
die Stirne fuhr. Was versteht denn Der! Alberner Bumbum! Dem mu die Muse
stramm stehn, wie ein Rekrut! Leonhart schwieg. Rother knpfte noch die
Bemerkung daran, da in der Malerei Adolf von Werther diesem kniglich
preuischen Strebertypus als Pendant entspreche. Ja, von! Da liegt's!
Schmoller fuchtelte wthend mit beiden Hnden umher. Das von macht diese Kerle
berhmt. Hehe, neunundneunzig Karossen halten soeben vorm Hofschauspielhaus, wie
ich hre. Das ganze Geheimrathsviertel und die ganze Garde sind angetreten, um
einen Dichter von und zu, einen von ihre Leut', zu bespeicheln. Pfui Deibel!
Was, wie, Leonhart, zwei Kerle wie wir, die hunderttausendmal mehr werth sind,
als die ganze Bande zusammen ... Leonhart schwieg.
    Rother stie Annesley mit dem Ellbogen an. Grenwahn! murmelte dieser,
halb trumerisch.
    Wo speisen wir, meine Herren? fragte Leonhart.
    Welche Frage! Siehe Annonce-Spalten der Berliner Tagesstimme! Wo speisen
Sie? Bei Schwanzer. Hier wren wir ja. Steigen wir man immer runter,
Herrschaften! docirte der gewiegte Lokalspezialist Berlins als Autoritt mit
Selbst-Patent.
    Man stieg also in den gerumigen Keller hinab und nahm Platz. Kellnehr!
Eine Portion Erbsensuppe mit Schweinsohren, aber hbsch zerkaut! Ne, nicht doch,
ich versprach mich man nur. Kellnehr! Ein Eisbein mit Sauerkohl! Ganz frisch,
sagen Sie? Na selbstredend, kennen wir, oller Pappenheimer.
    Leonhart vermochte nicht, sich diesem culinarischen Realismus anzuschlieen,
und begngte sich mit einer Portion Seemuscheln: das Pikante zog ihn immer an.
Nachdem Annesley die ganze Speisekarte durchstudirt, verkndete er pltzlich
groartig sein dringendes Bedrfni nach einem Dutzend Austern nebst Champagner.
Obschon Rother keineswegs so cavaliermig fhlte, wie sein liebes Zukunftsgenie
in spe, so mute, er doch wohl oder bel in seiner gewhnlichen schwchlichen
Weichherzigkeit nachgeben und mithalten.
    Schmoller gerieth sofort ber den Sekt und die Austern, auf welche er geile
Blicke warf, in die tiefste sittliche Entrstung. Dieser Mensch! raunte er
seinem Genossen ins Ohr. Scheint ein verzogenes Muttershnchen, das noch nicht
ins Leben hineingespuckt hat. Wollen ihn mal schrauben. - Sie, junger Herr, hob
er pltzlich an, warum heien Sie eigentlich Francis Henry Annesley? Sie
sprechen doch ganz dialektfrei. Sind Sie Englnder?
    Mein Urgrovater war ein Amerikaner, klrte ihn der Angeredete feierlich
auf, als belehre er ber eine wichtige historische Thatsache.
    Und seither ist Ihre Familie nach Deutschland verzogen? Ihre Frau Mutter
war wohl auch eine Deutsche? Ja? Na, dann frage ich man blo, warum Sie sich
Henry Francis taufen lieen, statt ganz gemthlich Heinrich Franz. Jaja, versteh
schon. Waren vorsichtig in der Wahl Ihrer Namen, wie Ihrer Eltern. So'n bischen
Englisch klingt doch gar zu schn. Hat so'n vornehmes Lster, hehe. Nichts fr
ungut. - Also Sie sind Lieder-Componiste? Oalle Achtung.
    Ein sehr begabter, ermahnte Rother mit leisem Vorwurf. Er fhlte sich
beleidigt, da man seinen Schtzling an-ulkte.
    Mindestens. Ein verrcktes Sumpfhuhn sind Sie doch, lieber Herr Rother! Das
heit, pardon, Sie verstehen, ich bin eine ehrliche Haut, die jedem die Wahrheit
sagt. Fragen Sie meinen Freund Leonhart! Dieser brummte ber seinen Seemuscheln
etwas Unverstndliches.
    Nein, wie Sie doch immer fr Andre ins Zeug gehn! Ordentlich rhrend. - Ja,
Herr Annesley, er hat uns schon viel die Ohren vollgeschwrmt - in Ihnen soll ja
riesig viel Musike thronen. Schner Kerl, der Francis Henry, interessantes
Aeuere - was, Leonhart? Dieser grunzte, wieder etwas Unverstndliches; der
ehrliche Biedermann aber hatte mit dieser biedern Aeuerung das Herz des
Wunderknaben fr immer gewonnen. Werden, wie ich hre, eine Prachtausgabe Ihrer
Compositionen Lieder unglcklicher Liebe veranstalten - mit Illustrationen von
Paul Thumann, nicht?
    (Schlagsahne! Rother schttelte bei dem Namen des eleganten Damenzeichners
unwillig den Kopf.)
    Ohne den Spott Schmollers zu merken, folgte Henry Francis Annesley eifrig
der Lockpfeife: Allerdings, Herr Schmoller. Ich plane auch eine Prachtausgabe
meiner Symphonie Kinder des Leids, Opus 21.
    Mu Ihnen aber ein schweres Geld kosten, meinte Schmoller theilnehmend,
der rasch berechnete, da man sich einen so vermgenden Jngling warmhalten
msse.
    Ach ja! rief der Beklagenswerthe. Ich war stets ein Opfer meines idealen
Strebens. Wer die ganze, hohle jmmerliche Erbrmlichkeit der aus Perfidie,
hirnverbranntem Neid, tollem Grenwahn, gemeinster Klatschsucht,
polizeiwidriger Cliquenheulmeierei zusammengesetzten Weltverhltnisse kennen
gelernt hat - puh!
    Sehr richtig! sagte Schmoller und machte ein ernsthaftes Gesicht.
    Wo ist neidlose Anerkennung wahren Verdienstes, der Wunderknabe warf das
Adonishaupt in den Nacken, wo Ehrfurcht vor allem Groen, Heiligen und Schnen,
wo Charakter, Manneswrde!
    Sehr richtig!
    Jener aber bte sich rstig fort in deklamatorischer Rhetorik:
    Wer vermag in diesem bodenlosen Sumpf des Egoismus festen Fu zu fassen!
Wer noch einen Funken Moral und Ehre im Leibe hat, wendet entrstet sich ab von
diesem Bilde schamloser Herzens- und Gemthsverrohung, verzweifelnd an allen
idealen Instinkten. Ja, man mte die Leier des Gesanges zu allen Teufeln werfen
-
    Warum thun Sie es denn nicht? unterbrach ihn pltzlich im betubendsten
Wortschwall die boshafte Zwischenfrage. Sie kam aus dem Munde Leonharts, der ihn
seit geraumer Zeit mit festen Blicken ma, als ob er an ihm etwas studiren
wolle. Annesley verstummte und bi sich auf die Lippe, whrend ein tckisches
Blinzeln in seinem Auge verrieth, da er Leonharts Meinung sehr wohl verstanden
habe.
    Meine Lieder, hob er wieder an, sind sturmbewegte Trauerflre, tiefste
Herzensseufzer. Durch die Berhrung mit der All Natur entsteht jenes Stimmungs
Fluidum, welches der brnstigen Sehnsucht nach dem Ur Schoo entspringt. Ja,
meine Herren, die Musik - sie ist die hchste der Knste, vergeistigte Materie,
die vom Rohstofflichen bis auf den kleinstmglichsten Erdenrest sich losgelst.
Die in der Stunde der Gnade empfangene Melodie der Seele, der individuelle
Stimmungsduft der Empfngni, die krystallklare Spiegelung der dmonischen
Regungen der Seelenorgane in der ganzen Skala der Affekte vom hchsten Jubel bis
zum tiefsten Leid ... er wollte noch einige Phrasen hinzufgen, verhaspelte
sich jedoch und verschlang rasch eine Auster.
    Kannst Du Dir den Bauch halten vor Lachen? Ich platze! raunte Schmoller
wieder seinem Freunde zu, der mrrisch vor sich hinstarrte. Sehr, sehr schn
gesagt, mein lieber Herr Francis Henry Annesley, sagte er laut mit tiefem
Brustton der Ueberzeugung. Grade auf Ihre Prachtausgabe bin ich ungemein
gespannt. Haben Sie schon einen Verleger?!
    Diese ominse Frage schien bei dem neuen Mozart eine mitnende Seite zu
berhren. Denn er runzelte die Stirn und zog dann aus seiner Brusttasche einen
gedruckten Prospekt, welchen er der andchtig lauschenden Gemeinde mit
hochtrabend nselndem Tone verlas. In demselben wurde versichert: Ralf der
Schne (in Klammer: Pseudonym fr Henry Francis Annesley) sei nach dem Urtheil
aller Autoritten absolut genial zu nennen. Beigefgt waren einige Recensionen
des berhmten Musikreferenten Eugen Dstergang und des bekannten Kunstkenners
Harald Theopol Mokamaute, wonach die Pantheistischen Lieder unseres Henry
Francis Annesley zweifellos vom Hauch der Unsterblichkeit umweht seien. Diese
Musik schwebe gleichsam in der mondblauen Luft zu mrchenblasser Sternenpracht
empor.
    Ikarus, Ikarus, Jammer genug! warnte Leonhart halblaut.
    Sagen Sie - Mokamaute? forschte Schmoller mit unnatrlichem Ernst. Wrde
Mokka-Schaute nicht besser klingen? Wer ist eigentlich dieser Herr? Habe noch
nie davon gehrt.
    Ich wohl - nmlich von Ihren zwanzig Pseudonymen, Herr Annesley. Leonhart
stie ein kurzes hartes Gelchter aus. Ach, so lassen wir doch den Quatsch!
Der Wunderknabe scho aus ihn einen wthenden Blick, in dem eine unheimliche
Tcke schillerte. Sprechen wir endlich von interessanten Dingen. Wie denken Sie
ber Ruland? Ich meine, die neuen Attentatversuche der Nihilisten, meine
Herren. Aber Schmoller hielt ihm mit komischen Schrecken den Mund zu:
    Raus! Will der Spitzbube hier gelehrte Gesprche mimen. - Ne, schwatzen wir
man ganz gemthlich weiter!
    (Klatschen und schimpfen! dachte Rother.)
    Ja, mein lieber Mister Annesley, ich freue mich lebhaft, in Ihnen einen
Nachfolger der Schumann und Schubert, sozusagen den Letzten Lyriker, kennen zu
lernen. Fahren Sie auf diesem lblichen Wege nur so fort, dann wird Ihnen der
Lorbeer (halblaut zu Leonhart: und Zelle Nr. 1 in Dalldorf) nicht entgehen. Und
erschttelte meuchlings dem Letzten Lyriker die schmchtige Hand mit seiner
Brentatze. Wie Rother erzhlt, verfgen Sie ja auch noch ber eine schne
Gottesgabe die des Menschen Herz erfreut: einen sanften lieblichen Tenor.
    Wollen Sie mich mal hren? Der Wunderknabe lie sich das nicht zweimal
sagen. Zum Entsetzen seines Freundes Rother und smmtlicher Gste erhob er
pltzlich seine Stimme und sang So - la - mi - fa mit fabelhafter Bravour
herunter.
    Aber nein, das geht nicht, meine Herrn! betheuerte der Wirth, der von
seiner blichen Skat-Parthie in der Ecke aufsprang und herbeieilte. Sie graulen
mir ja alle Gste fort.
    Annesley setzte sich, unmuthig seine Mhne schttelnd. Lcherlich! So
geht's immer. Nirgends ist Raum fr das Ideale.
    Und die Eitelkeit, ergnzte Leonhart.
    Schmoller wand sich in inneren Krmpfen. Sehr, sehr brav. Ich ehre in Ihnen
den neuen Amphion, rief er, Lachthrnen in der tremulirenden Stimme. Sie
knnten Steine erweichen. - Dieser Me-nsch! flsterte er zu Leonhart hinber.
Den bring' ich in meinen neuen Roman. Der Wein-Reisende in Musike! Das ist ja
das reine Pendant zu den Literatur-Studenten der Jngsten Deutschland.
    Als ob er auf sein Stichwort gelauert htte, wandte sich hier der
Wunderknabe, der nach Leonharts boshafte Ergnzung ber irgend etwas zu sinnen
schien, an diesen mit der erfreulichen Frage:
    Haben Sie schon Veilchenthals Epigramm auf Sie gelesen in der neuesten
Nummer des Zeitgeist?
    Ach Gott! lchelte dieser. Was geht es den Mond an, ob ein Kter ihn
anbellt! Der selige Lasalle sagte so richtig in seiner Broschre gegen Julian
Schmidt: Die kleinsten Kter pflegen mit Vorliebe an Monumenten ihr Wasser
abzuschlagen.
    Hihi! Der Wunderknabe grinste dmonisch. Mond und Monument ist gut. Hihi,
er redet ja eben darin von Ihrem, widrigen Selbstlob' - hihi, er nennt Sie den
Gernegro, dem Dunst und Dnkel das Hirn verdrehte und der seine Kindertrompete
- hihi - hlt fr die Posaune des Weltgerichts.
    Ach, Sie sind zu freundlich. Ich staune ber Ihr Gedchtni, parirte der
Dichter kalt. Vielleicht lernen Sie auch mein neuestes Epigramm auswendig:




                                  Grenwahn.


Der Esel vertraut es dem Schafe,
Das blkte fromm Mumuh.
Sie schrieen sogar aus dem Schlafe
Gar manche Ziege und Kuh.
Der Fuchs und der Wolf mit Trauern
Das Thier in der Wste besahn.
Der - Lwe ist zu bedauern:
Er leidet an Grenwahn!

    Eine kurze Pause entstand. Auf diese schneidende Tiefquart wute Annesley
nur ein dummes Hihi zu kichern und wandte sich daher, um abzulenken, mit
heuchlerischer Theilnahme an Rother: Auch ber Ihr neues Bild, lieber Freund,
ist ein abscheuliches Epigramm verffentlicht. Ich kann es auswendig. Auch die
neulichen abscheulichen Bosheiten des Dr. Drechsler-Caballo im Stu gegen Sie
habe ich verwahrt. Sie knnen diese wichtigen Dokumente bei mir nachlesen. Soll
ich das Epigramm -
    Nein, unterlassen Sie das! unterbrach ihn Leonhart stirnrunzelnd. Sie
scheinen ja ein ordentliches Arsenal aller Injurien gegen Ihren Freund und
Gnner anzulegen.
    Whrend Annesley wieder ein verlegenes Hihi herausqulte, belobigte
Schmoller gndig Leonharts Epigramm. Sehr schneidig. Knnte nicht machen. Habe
berhaupt noch nie einen Vers gemacht. Wenn ich ein Gedicht sehe, mu ich schon
lachen. - Ja, meine Herrn, er nahm einen behaglichen Schluck Kulmbacher, hier
sitzen die zwei bestgehaten Leute in Berlin. Gefrchtet mu man sich machen;
das ist die Hauptsache. - Dieser Veilchenthal! Dieser Me-nsch!
    Na, der hat doch wenigstens ins Leben hineingespuckt, insinuirte Rother
lchelnd.
    Haha, sehr gut. Knnte sogar selbst als Spucknapf dienen. Ein Mensch mit
einem solchen Flecken - Sie wissen doch! Und er wrmte zum tausendsten Mal eine
alte Weibs-Geschichte auf, wobei er einige verfngliche Situationen, die dabei
mitgespielt haben sollten, recht drollig zum Besten gab.
    Ach was! Leonhart schlug unmuthig mit der Faust auf den Tisch. Lat doch
endlich die faule Sache ruhn. Wir sind allzumal Snder und mangeln des Ruhms.
    Na, der mangelt doch nicht des Ruhms! lachte Schmoller. Freilich, was fr
ein Ruhm!
    Aber Rother, der aufmerksam zugehrt hatte und sehr still geworden war,
stimmte Leonhart eifrig bei. Ist denn das ein solches Verbrechen, da Einer aus
Leidenschaft fr ein Weib ...
    Das will ich meinen! rief Leonhart. Seht Euch doch einen Kerl wie
Napoleon an. War denn dem seine Josephine 'was Bessers? Da hab ich ein paar neue
Bcher gelesen von einem gewissen Imbert de St. Amand ber das Leben der
Brgerin Bonaparte. Du mein Gott! Um solch eine liebenswrdige Kokette, solch
ein sinnliches Durchschnittsweib, hat das grte That-Genie aller Zeiten Blut
geschwitzt! Der ganze berhmte Feldzug in Italien wird an der Hand
unwiderleglicher Dokumente zu einem Delirium des erotischen
Geschlechtsparoxismus. Bonaparte wollte berhmt werden und siegen, blo damit
ihn dies Weib liebe! Als er unter dem Triumphbogen Mailands einzog, war er der
einzige Traurige in seinem siegreichen Heer. Meine Frau ist krank oder treulos,
sagte er todtenbleich zu Marmont. Ihr Medaillon ist auf meiner Brust zerbrochen.
Als er sie gewaltsam aus Paris schleppen lie, wobei sie sich mit Hnden und
Fen strubte und weinte, als ging's zum Schafott, - gerieth er in eine
erhabene Raserei, als die Oesterreicher ihn bei Befriedigung seines
Liebestaumels strten. Und als seine Frau, die er den Gardasee entlang schickte,
um sie aus dem Schlachtbereich zu schaffen, ihm Jammerbriefe schickte, ihre
Eskorte wrde von den Oesterreichern verfolgt und man habe auf sie geschossen, -
schleuderte er in einem Anfall genialen Wahnsinns seine Blitze mit der
unnatrlich verzehnfachten Kraft eines Irren umher, so da er im Feldzug der
Fnf Tage die ganze sterreichische Uebermacht Schlag auf Schlag
auseinanderstubte. Vor Arkole, als ihn ganz Europa fr verloren hielt und die
Armee ihn im Zelt verzweifelt ber seiner Rettung brtend glaubte, sa er und
schrieb verrckte Eifersuchtsbriefe an seine Frau: Frchte den Dolch Othellos!
Briefe, welche die naive Kokette in ihrem Salon vorlas und dazu lachte: Il est
drle, Bonaparte! Grade in diesem erotischen Delirium kam das Genie ber ihn wie
ein Strahl und er beschlo den berhmten Uebergang aufs andre Ufer der Adige,
wodurch seine ganze Lage eine andre Wendung bekam. - Spter blieb's geradeso. In
den Laufgrben von St. Jean d'Acre, gigantische Plne nebenbei im Hirne wlzend,
lamentirte er umher und belstigte seine Adjutanten mit Jeremiaden und
Klatschereien ber Josephinens Untreue, ber die er sich lang und breit mit
seinem eigenen Stiefsohn Eugen unterhielt. - Kurz, meine Herrn, ungewhnliche
Menschen sind in dieser Beziehung immer verrckt und die erotische Leidenschaft
ist der beste Stachel der Genialitt. Er htte noch so fortdocirt und besonders
die Episode mit der polnischen Grfin zum Besten gegeben, wegen deren die
Schlacht von Eylau verloren ging - aber Schmoller ghnte laut. So zog er es denn
vor, um sich einen anstndigen Rckzug zu sichern, zur Retirade zu eilen.
Whrend er diesem natrlichen Bedrfni frhnte urtheilte sein Waffengenosse,
Kamerad Schmoller, wohlwollend:
    Hat etwas gelernt, dieser Leonhart. Aber mit seinem Napoleonschwindel mu
er mir vom Leibe bleiben. Das ist auch bei ihm so ein Stck Grenwahn. Wissen
Sie nicht, er hlt sich selbst so fr eine Art kleinen Napoleon, haha! Spricht
pro domo. - Ja, ich sagte eben, brach er ab, als Leonhart wieder erschien, Du
bewunderst Deinen Kleinen Korporal zu viel. Was der gethan hat, kannst Du auch -
wenn Du so viel Glck hast wie er. Prost! Dabei zwinkerte er mit einem Auge die
Andern an, als wolle er ihnen seine tiefe Ironie andeuten. Gleichwohl klangen
seine Worte ganz sauertpfisch-bieder.
    Napoleon war doch ein dmonisches altes Haus! machte der Wunderknabe
seiner unklaren Gedankenghrung Luft.
    Sehr richtig, lieber Herr von und zu Annesley, munterte ihn Schmoller mit
slichem Lcheln auf. Sie sind ja auch eine dmonische Natur.
    Ich? Hihi. Glaub's auch. Sehn Sie, darum hng' ich auch jetzt die ganze
Componirerei an den Nagel. Ich entsage fr alle Zeiten der schpferischen
Production. In wilden Rhythmen, fessellos und frei, hat mein Herz gefiebert.
Doch nun fiebert mein Dmon der Bhne zu. Nicht eher finde ich Ruhe, bis das
Parkett des kniglichen Opernhauses mir athemlos lauscht. Die ganze
Producirerei, meine Herrn, ist heut nichts. Damit wird weder Ruhm noch Geld
verdient. Die Epoche der Schpferkraft ist dahin. Heute findet nur der
reproducirende Knstler seinen goldnen Boden. Und ich, meine Herrn, brauche das.
Ich gestehe es offen: Ich brauche Ruhm und Genu. Sie sehen mich, ich bringe
alle ueren Mittel mit! Schmoller trat Leonhart auf den Fu. Die Weiber
mssen zu meinen Fen schmachten, da ich gleichsam in Makartscher Flle
schwelgen kann. Dabei grinste sein Gesicht ordentlich von verzehrender
Wollustgier. Ich bin eben eine dmonische Natur!
    Eine neronische, meinen Sie wohl? ergnzte Leonhart ruhig. Ich will Ihnen
auf den Kopf sagen, was Sie sind: Ein Dilettanten-Wtherich. O welch ein
Schauspieler stirbt in mir! mgen Sie auf Ihren Grabstein setzen. Wren Sie auf
dem Thron geboren, so wrden Sie der Zwillings-Bruder eines Ludwig II. sein. Mit
verzckter Thrnenseligkeit und Schmerzenswollust Rom in Brand stecken, und dazu
freie Rhythmen drechseln - oder die Cirkus-Gladiatoren und Bestien sich das Fell
von den Knochen reien lassen, um in tragische Kothurnstimmung zu gerathen - das
wre so Ihr Gusto! ... Der unheimliche Jngling lehnte sich mit affektirtem
Staunen zurck und sah ihn erstaunt an: Nein, sind Sie aber ein Menschenkenner!
Zweifellos leide ich an erblicher Paranoia und nervser Psychose. Er theilte
dies mit so sinniger Beschaulichkeit mit, als spreche er von einem Schnupfen.
Doch freilich, eine so complicirte Natur wie mich vermgen Sie doch wohl noch
nicht voll zu begreifen. Wenn Sie mich nher studirten ...
    Dazu sind Sie mir zu unbedeutend, frchten Sie nichts, beruhigte ihn Jener
trocken. Glauben Sie brigens, das sogenante Dmonische wr' was Besonderes?
Alle Uebergangsepochen sind davon durchseucht. Immer dieselben Symptome
herostatischen Grenwahns. Die Anarchisten, die Attentter, die angeblich ihren
inneren Stimmen gehorchen, sind heut blo die Nachfolger hnlicher
Schwachmatikusse in der Renaissance, wo man, wenn nicht Csar, durchaus
Tyrannenmrder Brutus oder Anarchist Catilina werden wollte. Gegen solche
dmonischen Instinkte ist freilich schwer anzukmpfen.
    Die hundert Spanier in der Riesenstadt Mexiko, welche Kortez zurcklie,
strzten beim Neumond-Fest auf den Goldschmuck der Mexicaner los, blind fr
alles Andere, toll von Gier, und richteten ein Blutbad an. Sie muten wissen, ja
sie wuten es beim Thuen selbst, da sie schwer dafr zu ben hatten. Aber sie
konnten nicht anders: Gold- und Blutgier rissen sie fort. Der Tiger wei auch
recht gut durch Instinkt, wenn er ein Schiff auf dem Ganges anfllt, da er
dabei umkommt, da eine Gewehrkugel ihn dabei treffen mu. Aber er thut es doch!
Jede Leidenschaft ist unzurechnungsfhig, so auch die eines ganzen Zeitalters,
wie die der Renaissance und unsrer Tage - und diese dmonische Leidenschaft
heit: Grenwahn, von Sich-reden-machen um jeden Preis!
    Rother hatte schon bezahlt, weil er fand, das Gesprch nehme eine
ungemthliche Wendung, und Annesley gerieth wirklich in nervse Unruhe - wie
gewhnlich, wenn es auf Mitternacht gehe, erklrte Rother. So brach man denn
auf.
    Drauen vor der Thr, als man von der Kellertreppe auftauchte, schritt grade
ein Paar vorber, - gewaltig ausholend, als solle Alles ihrem schweigenden
Platz Da! Luft machen, - bei dessen Anblick die zwei Dichterdioskuren in ein
schallendes Gelchter ausbrachen.
    Seht ihn euch an, seht ihn euch recht an, Kinder! schrie Schmoller Der
Eine von diesen Bourgeois ist der graue Drechsler-Caballo vom Stu - der Sie
auch angeulkt hat, Rother, wie Jeden, der Saft und Kraft im Marke hat. In seiner
ungeschorenen langen Simsonmhne steckt sein ganzer Ulk, wie eine Laus. Er
leidet an Reim-Darmverschlingung und Schimpf-Diarrhoe. Ihm soll der weise Merlin
prophezeit haben: Eine Delilah werde ihm mit der groen Scheere des
Fenilleton-Sitzredacteurs Doctor Gotthilf Kleisterpott das Haupthaar stutzen.
Die Gelehrten sind aber noch uneinig, ob die Prophezeiung auf Frau Doctor
Bergmann, Chef-Dame der Tagesstimme, oder auf die Dichterin Ulla Wank hindeutet.
Hehe, altes Erbstck, olles Inventar! grlte er den majesttisch Enteilenden
nach. Und der Andre - dies fettige Oelgesicht! Jttlicher Joethe, wer sollte
Dir nicht kennen! Die Familie Schreibold! Fnfzigtausendste Jubilumsauflage!
Dieser Mensch! hat ins Berliner Leben noch kaum hineingespuckt!
    Sie waren whrend dieser Ciceronianischen Invective bis vor den
Reichsadler gelangt. Soeben spazirten ein paar Mgdelein, offenbar dort
mimende Tingeltangelleusen, zum Thor heraus und begaben sich auf den Heimweg -
eine kleine Junge und eine dicke Alte. Bei dieser Lichterscheinung zuckte
Annesley krampfhaft zusammen und fate Rothers Arm, indem er den Gttinnen
nachstierte. Sie ist's! flsterte er theatralisch mit einer Grabesstimme.
    Herr Gott, beruhigen Sie sich doch, alter Junge! trstete ihn Rother
freundlich. Schmoller aber, der die Scene beobachtet hatte, verabschiedete sich
eilig; er habe noch eine Verabredung: Fahren Sie sowohl als auch! Komm,
Leonhart! - Denk Dir doch nur, rief er, als sich die beiden Paare nach
verschiedenen Richtungen von einander entfernten, das ist ja die bewute
unglckliche Flamme dieses Grenwahnsinnigen, der den wilden Englnder macht.
Die mssen wir mal ausholen. Das ist Die, - erinnerst Du Dich, wie Rother uns
das Gedicht vorlas, Text und Musik von Fedor Waschlapply (zu Deutsch: F.H.
Annesley), mit dem Refrain: Jetzt wei ich es, wir sehen nie uns wieder?
Vorwrts! Sie blieben den beiden Chansonneusen auf dem Fu, bis sie dieselben
erreichten.

Mein schnes Frulein, darf ich's wagen,
Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen -

zum Caf National nmlich? fragte Schmoller grazis. Wie wr's, Kleine, he?
    Ach Sie! Was wollen Sie denn eigentlich!
    Mit Dir der Morgenrthe entgegenwandeln, o Aurora! Leonhart umfate
burschikos die Hfte der Alten. Na Sie aber doch! Aurora in Oel!
    Lassen Sie meine Tante in Ruhe! kreischte die Kleine.
    Nun macht keine Geschichten, Kinder. Ich spendire sogar einen
Sherry-Cobler! verhie Leonhart. Dem vermag kein asphaltenes
Straenpflaster-Herz zu widerstehn - und so saen sie denn alsbald in der
ungesunden Stickluft der nchtlichen Markthallen fr Weiberfleisch.
    Du, Maus, Du hast ja einen Liebespickel! Bist Du nicht mein kleiner
schneidiger Fritze? knpfte die Kleine cordial an, indem sie Leonhart ins Knie
kniff.
    Sage mal, liebes Kind, hob Schmoller an, ich habe nmlich von Dir gehrt
- von einem verstorbenen Freund.
    Ach Falle! Das kennt man.
    Nein, auf Taille! - Von Henry Francis Annesley.
    Ach Jemine, is der todt? Die Kleine hob einen Augenblick die Lippen von
dem Lutsch-Halm ab, mit dem man den Sherry-Cobler auszuschlrfen pflegt.
    Ja. Sage mal, Du sollst ja Jungfrau gewesen sein, als er Dich verfhrte?
Die beiden Damen lieen einen hysterischen Lachkrampf befrchten. Na gewi. Er
hat doch auf Dich ein Lied in Musike gesetzt Die Reue, worin er von den Furien
seines Gewissens und Deiner geknickten Unschuld redet.
    Die kleine Dame war auer sich. Meine Unschuld soll der Stiesel man ja in
Frieden lassen! Fr den is das nichts. Der kooft den alten Fritzen doch nich.
    Na, aber ich bitte Sie, Ihr intimes Verhltni ...
    Was, intim?! Sie haben wohl einen Vogel. Nich mal mein Freund is er
jewesen. Der alberne Stiesel mit all seine faule Redensarten! Retten hat er mir
wollen - so 'ne Qualmtute! Mit keinem Herrn hab ich mich so gelangweilt! Der sa
ja man blo immer da und starrte mir an.
    Schmoller konnte sich nicht mehr halten; er brllte vor Lachen. Leonhart
schttelte wehmthig den Kopf:
    Immer die alte Geschichte. Zu lcherlich, um tragisch, zu tragisch, um
lcherlich zu sein.
    Die beiden Damen nahmen jedoch Schmollers cynisches Gelchter sehr bel, da
sie den Grund nicht verstanden. Na, Sie scheinen mir ooch ein oller Nassauer!
Lachen Sie man ber Ihnen selber - das is jesund!
    Leonhart kannte seinen erhabenen Freund zu lange, um sich noch zu wundern,
da Schmoller, statt zu lachen, wthend losdonnerte:
    Was, Sie wollen hier frech werden und Bilder rausstecken? Wissen Sie, wen
Sie vor sich haben? Fr was halten Sie mich?
    Fr einen Schornsteinfegermeister! kicherte die Kleine schnippisch.
Schmoller wurde dunkelroth vor Wuth.
    Da! da! Lesen Sie! Er rie seine Brieftasche heraus und entfaltete einen
Pack Zeitungsbltter, wo Recensionen ber sein sociales Sittenbild Die
Enterbten roth angestrichen waren, indem er mit der flachen Hand auf die
betreffenden Stellen schlug. Da! Das bin Ich! Der deutsche Zola! Ja wohl, Sie
freches Mensch! Wissen Sie das wohl?
    Leonhart empfahl sich in aller Eile, worber sich Kamerad Schmoller wieder
mrderlich erboste. Das ist auch Einer, der an seinem Messias zum Judas wird!
lallte er mit geballter Faust. Leonhart lachte. Offenbar hatte der groe
Sittenmaler wieder zu viel getrunken; er konnte nicht viel Spirituosen
vertragen, weil er so viel ins Leben hineingespuckt hatte, was gewi sehr
angreifend gewesen war.
    Wie? hrte man ihn drohen, als der Aufseher des Cafs erschien und um Ruhe
bat. Sie wollen, mir den Mund verbieten? Ich bringe Alles in meinem nchsten
Roman ...
    Ach, bringe Dich doch mal selbst hinein, alter Junge, dachte Leonhart, als
er frba schritt.
    Dieser Original-Figur ist Deine Feder selbst allein gewachsen.
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    Obschon Annesley durchaus noch in der Bodega oder sonstwo ein anstndiges
Glas Wein trinken wollte, um den Abend cavaliermig zu schlieen, widerstand
Rother, so willig er sich stets vom Egoismus seines Schtzlings terrorisiren
lie, diesmal dessen Wnschen. Er msse fr die Reise morgen frisch bleiben.
Annesley trippelte neben ihm her, ein gut Stck aus seiner Richtung ausbiegend,
um Rother auf dessen Heimweg zu begleiten. Groe Federflocken schttelten sich
auf die nchtlichen Straen herab und breiteten einen weien Teppich, der den
Schmutz des Tages verwischte. Rother, stets aus Empfindsamkeit und unbewuter
Eitelkeit eine warme Gesinnung Anderer fr ihn muthmaend, fhlte sich gerhrt,
da der Wunderknabe ihn so anhnglich durchs schlechte Wetter begleitete.
    Nun gehn Sie nur nach Hause, lieber Freund. Es ist sehr hbsch von Ihnen,
da Sie mich am letzten Abend, wo wir beisammen sind, nach Hause bringen. Aber
Sie werden sich erklten ... scheiden wir hier!
    Ja, das wollt' ich eben sagen, sagte der treue Freund. Ach beilufig, ich
suche noch nach etwas ewig Weiblichem - knnen Sie mir vielleicht noch zwanzig
Mark borgen? Rother sah ihn an und lchelte bitter. Nun, das ist doch nichts
fr einen Mann wie Sie. Sie wissen ja, Sie kriegen's immer bermorgen wieder.
    Es war dies Annesleys Manier, trotz seines eigenen vollen Beutels - er
wollte offenbar stets Rothers Freundschaft prfen. Dieser lachte herzlich und
wohlwollend:
    Darum reiten Sie mit mir durch Nacht und Wind? - Na, da! Er reichte ihm
das Goldstck. Also adieu!
    Ja und die Prachtausgabe meiner Kinder des Leids widme ich Ihnen. - Glauben
Sie nicht, da mir das ntzen wird?! Bei Ihrem groen Anhang ...
    Rother antwortete nicht und hustete. Sehn Sie, so drcke ich Ihnen meinen
Dank vollauf aus - fr so manches Gute, da Sie an mir gethan haben.
    Rother antwortete nicht. Er dachte an die Feindschaften und Verleumdungen,
die er sich wegen des kleinen Nero zugezogen. An den Bruch mit Collegen, welche
ihm seinen hochbegabten Schtzling als ohnmchtigen Charlatan schimpfirten. An
all die Stunden, wo er die morsche verrottete Seele aufgerichtet. An seine
vterlich aufmunternden Gesprche mit Annesleys Tante (bei der dieser wohnte)
ber alle Leiden, welche der grenwahnsinnige Wicht derselben verursachte;
einmal hatte er in einem Wuthanfall seines Weltwehs auf sie ein thtliches
Wrge-Attentat versucht. Er dachte an die seelische Blutvergiftung, welche, ihm
der Umgang mit diesem brnstig nach Weltlust schmachtenden Weltverchter zuzog,
der seinem Persnchen ein ideales Martyrium anlog, um desto brnstiger der
Befriedigung unersttlicher Eitelkeit und Ichsucht zu frhnen. An die
Selbstschwchungs-Manie, welche der begnadigte Stimmungsfritze um sich
verbreitete, alles Mnnliche und Reale als unpoetisch verpnend - was auf
Rothers receptive schwchlich-empfngliche Natur den gefhrlichsten Einflu
gehabt hatte. An seine ganze geistige Vormundschaft diesem naseweisen
undankbaren Knaben gegenber. Schon hatte ihm Leonhart mitgetheilt, da Annesley
mit Rothers Todfeind, dem Kunstkritiker Doctor Kratzenthal, hinter dem Rcken
seines Gnners gegen diesen conspirire. In einer Gesellschaft habe er sich von
dem Maler Adolf von Werther sogar mit Hochgenu erzhlen lassen, Rother schwebe
schon lange am Rande der Lcherlichkeit - ohne dagegen zu opponiren.
    Damals hatte Rother darauf nicht geachtet; es widersprach seiner nobeln
Natur, gleich das Schlimmste zu glauben. Jetzt aber, wie von einem pltzlichen
Blitz erleuchtet, lag der Charakter dieses Pseudo-Weltschmerzlers (Pessimystiker
sind immer die schlausten Geschftsleute) ihm bis in die innersten klaffenden
Spalten vor Augen.
    Wissen Sie, brach Annesley das Schweigen, whrend sie an einer zugigen
Ecke zgernd stillhielten, ich bin immer noch ganz paff ber diesen Leonhart.
Das ist ja ein ganz communer Bursche, ohne alle Vornehmheit. Hatte mir den immer
gedacht als ein enfant gt, als einen Lwen der Berliner Salons - wissen Sie,
so eine Art Lord Byron. Nein, diese Enttuschung! Ein ganz schmutziger
gewhnlich aussehender Dutzendlitterat, so ein richtiger Scribeler und
Schmierfink!
    Hm, nein! Rother war, wie alle bildenden Knstler, aufs Beobachten von
Physiognomieen eingeschult. Er sieht eigentlich doch recht bedeutend aus.
    Wie, sind Sie toll? Diese unbedeutende Erscheinung, diese mittelmige
Figur! - Und was fr eine schlotkerige Haltung! Wie er schon dasitzt! Und dabei
dieser Grenwahn! Sie Lump, prahlen Sie doch nicht so! wollte ich ihm schon
zurufen, hihi.
    Rother besann sich vergeblich, ob Leonhart geprahlt htte. Es war
bezeichnend, da Schmollers offenkundige Ueberhebung wegen ihrer Pbelhaftigkeit
Niemanden beleidigte, whrend Leonharts stiller Hochmuth jede verkniffene
Eitelkeit verletzte.
    Denken Sie an meine Worte, stie Annesley hervor, Der wird noch mal vor
Grenwahn im Irrenhause enden! Dabei rollte er so dmonisch seine Augen, da
Rother sofort die bekannte Wahrnehmung einfiel, da Geisteskranke immer die
Andern ihrer eignen Laster und Fehler bezchtigen. Indem er im kalten Licht des
Wintermonds einen festen prfenden Blick auf den unheimlichen Jngling warf, las
er jetzt, worber seine Gutmthigkeit sich weggetuscht, mit psychologischer
Klarheit. Dieser lauernde verschleierte Blick, die studirt sanfte verschleierte
Mollstimme, das unnennbare Weltleid dazu gerechnet, ergaben ihm das Resultat:
    Zu allem fhig.
    Also ich komme nicht weiter mit. Adieu! rief der ideale Schmerzenreich.
Wenn wir uns nicht wiedersehn sollten, wnsch' ich Ihnen ein besseres Loos, als
das meine auf diesem Hundeerdeball. Ich habe keine Empfindung mehr. Verzeihen
Sie also, wenn ich Ihr freundschaftliches Liebeswerben Rother runzelte die
Stirn, nicht immer gleich warm erwidern konnte. Ich schleppe mein Martyrium
weiter auf meiner Dornenbahn. Ja, htte man in andere Lebenskreise meine
strebende Jugend gestellt! In alle Hhen und Tiefen wre mein bescheidener Geist
gedrungen. Doch - Arma parata fero! Durch Nacht zum Licht! Wir stehen im
sausenden Kampfe der Zeit, eine Welt in Waffen wider uns! O selig, Blutzeuge des
Lichtes zu sein! So mein Urtheil ber die Welt. Ich habe mich Ihnen heut ganz
erschlossen. Uebrigens drfte demnchst mein Tagebuch erscheinen: Aufzeichnungen
eines verrckten Musikers, natrlich pseudonym. Darin werden Sie schreckliche
Dinge aus meiner Vergangenheit finden. Ich sage Ihnen ... er machte dabei eine
Handbewegung, indem er die Stimme dmpfte, als vertraue er einem Geheimbndler
schaurige Staatsgeheimnisse an. Hier finden Sie den Schlssel zum Verstndni
meiner Irrsal. Ja, wre ich als Lord geboren wie der selige Byron! Aber so!
Leben Sie wohl! Falls ich nicht in einer Kaltwasserheilanstalt meine
Gemthskrankheit heilen mu, bitte ich alle Briefe nach Venedig zu adressiren,
wohin ich im Frhjahr reise. Nachher mache ich wohl mit meiner Tante eine
Tourne durch alle Badeorte Deutschlands, um meine Prachtausgabe zu verbreiten
und mich als Snger probeweise hren zu lassen. Man sagt mir, Niemann werde alt;
ich drfte wohl an seine Stelle treten. So phantasirte der eisige Egoist in
seiner brennenden Eigenliebe drauf los; seinen Freund hatte er lngst vergessen.
Doch was fr eine Zugluft hier! Er hielt sich das Taschentuch vor den Mund.
Meine Stimme, meine Stimme! Ich mu sie schonen. Also glckliche Reise, lieber
Freund!
    Der unheimliche Jngling stolzirte mit langen Beinen in die Nacht hinein.
Rother lachte bitter - jenes messerscharfe Lachen, das wie ein Dolch in die
Seele sticht und schrfer brennt als Thrnen. Die Menschenwste dehnte sich vor
ihm hin - de, de, de.
    Am andern Vormittag, als er eben seinen Koffer in die Droschke steckte, die
ihn zum Lehrter Bahnhof trug, erhielt er noch ein parfmirtes Billetdoux von
Henry Francis Annesley, in eigenthmlich gemessenem Stil:

                Hochgeehrter Herr,
        Bei unserm gestrigen Beisammensein entschlpften mir allerlei
        Andeutungen betreffs eines Bchleins, das pseudonym in Leipzig soeben
        erschien. Ich erlaubte mir, verzeihen Sie, eine kleine Mystifikation.
        Das Bchlein ist nicht von mir, sondern von einem Studienfreunde aus der
        hiesigen Musikalischen Hochschule (Conservatorium). - Ergebenst grt
        Ihro Genie Gnaden der Adonis und Schmerzens-Lazarus
                                                         Henry Francis Annesley.

        P.S. Vielleicht interessirt es Sie zu vernehmen, da ich im Laufe
        nchsten Frhjahrs ein Concert im Leipziger Gewandhaus veranstalten
        werde. Sie erwhnen das wohl gelegentlich in Ihren etwaigen
        Privat-Correspondenzen nach Deutschland. Auch darf ich wohl darauf
        rechnen, da Sie, falls Sie von London ber dortige Gallerieen an eine
        Kunstzeitung correspondiren, auch meiner Wenigkeit irgend wie dabei
        gedenken werden. Sie wissen, wie dankbar ich Ihnen bin.
        P.P.S. Anbei eine soeben erschienene Recension ber das oben erwhnte
        Bchlein.

        Dieser Zeitungsausschnitt lautete:

    Tagebuch eines verrckten Musikers von F.H. Hummerscheere. Obschon ein
literarisches Erstlingswerk, athmet es die Reife des Genies. Hier wird die
erbliche Nervenkrankheit oder Paranoia mit wunderbar pathologischem Realismus
zergliedert. Herrlich sind die Streiflichter, welche auf den groen
unglcklichen Monarchen Ludwig II. fallen, den Hummerscheere so schn anredet:
Du warst ein Kind und ein Genie. Hummerscheere ist auch ein Meister der
Satire; das beweist die drollige Figur des liebeskranken Malers Emil Knothe.
                                                       Harold Theopol Mokamaute.

    Rother zerri das Gewsch mit einer Miene des Ekels. Das war selbst seiner
Sentimentalitt zu viel. - Den Sinn des Unbegreiflichen verstand er freilich
erst spter, als ihm das Tagebuch vor Augen kam und er in dem Maler Emil
Knothe lauter Aeuerungen und Zge von sich selbst wieder erkannte, die ihm der
liebe Wunderknabe whrend ihrer Intimitt abgelauscht. Was interessirte ihn
berhaupt jetzt das Alles! Auf nach London!

    Leonhart bummelte langsam frba. Der Gedankengang, den er damals in der
Kneipe abgebrochen, setzte sich unabgerissen wieder fort: Er dachte an das Leben
Napoleons. Wie oft verschmilzt sich erotische Leidenschaft mit dem politischen
Schicksal, wie oft bestimmt ein Weib durch den verliebten groen Mann die
Geschicke der Welt!
    Es wre ein tragikomischer Spa, die Briefe des eiferschtigen Siegers von
Italien an die Citoyenne Bonaparte neben die Eifersuchtsbriefe der Kaiserin
Josefine an den Sieger von Austerlitz und Jena, der ihr verbot mit ihm ins Feld
zu reisen, um erotisch frei zu sein - kurz, die Zeugnisse eines durch
physiologisch-psychologische Processe genau umgestlpten Liebesverhltnisses
nebeneinander zu drucken. O Mann, o Weib! Dies Weib, das er fr sein Schicksal,
fr sein Spieler-Glck hielt - verstie er, um die Tochter der Habsburger an
seine Seite zu fesseln, mit welcher ihn Schritt fr Schritt Fortuna verlie, so
wie die Elende ihn selbst verlassen hat. Was er als Opfer seines persnlichen
Glckes seinem Ehrgeiz zur Sttigung hinwarf, grade das schuf den Sturz seiner
Herrschaft. Er scheuchte sein altes Glck, sein geliebtes Schicksal, von seiner
Seite - das Schicksal rchte sich.
    Ueber dem Schlchen Malmaison stand sein kaiserlicher Stern zuerst nah dem
Zenith. Dort verlebte er mit Josefine den Honigmond seiner Allmacht als Erster
Consul. Und eben dort erlosch sein Stern, hier hauchte sie ihren letzten Odem
aus - er folgte. Eh er sich England berlieferte, verweilte er die letzten Tage
dort - in der Todtenkammer, die einst sein Ehegemach gewesen. Im nie endenden
Orkan seines Lebens war dies die letzte Oase, die ihn einlullte mit der Fata
Morgana vergangenen Glcks. So verbindet sich Alles in rthselhaftem Kreislauf,
Anfang und Ende. Das Schicksal der Liebe, die Liebe des Schicksals. Erhaben der
Ruhm, erhabener die Liebe.
    Welch ein Traum, dies Leben! welch ein Traum, von dem die Aeonen
weitertrumen werden!
    Dem Sieger von Italien schwenkte man einst eine Siegesfahne entgegen, worauf
die Schlachten der Armee von Italien eingeritzt. Am Ziel seiner Laufbahn aber
schwebte ber seinem Haupte geisterhaft eine schwarze Trauerfahne - darauf
stunden sie eingegraben in blutigen Lettern, die Schlachten der Groen Armee:
Marengo, Austerlitz, Jena, Friedland, Wagram, Borodino, Dresden - Leipzig, Laon,
Waterloo! Der Mensch ist Nichts, sein Schicksal Alles. Er war das Schicksal
selbst und hatte sich erfllt.
    Er fiel, aber die Erde wurde sein Monument. Mit einem einzigen Sprunge
schwang er sich hoch auf des Sieges Donnerwagen und sein Triumph durchblitzte
die schwle Erde.
    Welch ein Mensch! Die Sporen seiner Stiefel bohrte er der trgen Menschheit
in die Weichen, aus ihrem Schlamme peitschte er sie auf als Gottesgeisel, er
fuhr dahin auf seinem fahlen Renner wie der Todesengel der Apokalypse, er ri
die Schollen auf wie eine brennende Pflugschar fr den Samen der Zukunft. Ja, er
hat dem Heros den Charlatan, dem Lwenherz den Falstaff, der Wahrheit die Lge
gepaart; er war ein Gigant mit thnernen Fen. Aber mit alledem hat er der Welt
gezeigt, was ein einzelner Mann vermag vermge des hchsten Herrscherrechts, das
von Gott selber begnadet, kraft der Souverainitt des Genies.
    Mag sein, er war ein falscher Messias und wurde an sich zum Judas. Aber sein
Schicksal wollte es so. Er folgte einfach dem eingeborenen Dmon seiner
Bestimmung, der ihn unaufhaltsam fortri. Ein Grerer denn er war ber ihm -
wer sich von ihm gerufen fhlt, kann nicht widerstehen.
    Ja, er war der feurige Wetterstrahl, der die stickig dumpfe Atmosphre des
morschen Europa von einem Ende zum andern durchzuckte, der durch den
Gewitterhimmel der Revolution leuchtete wie eines Racheengels Flammenschwert.
Der Orkan, mit dem er die Welt durchrttelte, durchtobte ihn selber und
schleuderte ihn wie eine entfesselte Naturgewalt ber zerstampfte Vlkerleichen
hin. Millionen fluchten ihm, Millionen wurde sein Name ein Talisman der
Begeisterung. Man kann das Eine nicht loben, das Andere nicht tadeln. Denn er
war wie ein blindes taubes Naturgesetz, wie eine eiserne Nothwendigkeit. Das
Splitterrichtern der neidischen Mittelmigkeit, der zwerghafte Neid verklagt
ihn vor dem Richtstuhl der Geschichte. Aber er hatte der Welt in sich ein Ideal
gegeben, in der bermenschlichen Symbolik seines Schicksals - das gilt mehr wie
alle Ideologie. - - -
    Als ob der Zufall zu den Reflexionen Leonharts einen geheimen Zusammenhang
beanspruche, stie dieser pltzlich nahe an der Potsdamer Brcke auf ein
seltsames Paar. Ein auffallend kleiner Mann, genau so gro wie Napoleon gewesen,
schritt heftig gesticulirend neben einem Riesen her, der demthig auf seine
Worte wie auf prophetische Weissagungen zu lauschen schien.
    Sieh da, Doctor Paulus!
    Der kleine Herr blieb stehn und erwiderte Leonharts cordialen Gru mit einer
Verbindlichkeit, welche etwas Gezwungenes und Verlegenes nicht verleugnen
konnte. Ah, entzckt Sie mal wieder zu sehn. Wollen eben in den Caf Boulevard.
Kommen Sie mit? - Erlauben Sie, da ich die Herrn bekannt mache - doch Sie
kennen ja wohl Herrn -
    Berthier? Gewi. Der Groe verneigte sich, zustimmend, da man sich kenne.
    Berthier?! Hahaha! lachte Doctor Paulus auf. Nein, Beuthin. Mein
ehrlicher Beuthin als Generalstabschef - nicht bel.
    Verzeihen Sie, Herr Beuthin, ich versprach mich Ideen-Assoziation! Weil Sie
so 'was Napoleonisches haben, lieber Doctor.
    Doctor Paulus lachte kurz auf und schritt mit einem leichten imperatorischen
Kommen Sie! den beiden Anderen voran. Leonhart, der sich anschlo, um einen
Schlummerpunsch zu genieen, beobachtete ihn heimlich. Paulus war sehr elegant
gekleidet, nach englischer Mode, einen breitkrmpigen Cylinder neuesten Londoner
Stils auf dem interessanten Haupt. Obschon weit unter Mittelgre von Statur,
schien er nervig und muskuls. In seinen klar und scharf geformten Zgen lag
etwas unverkennbar Fchsisches. Doch erinnerte er noch mehr an einen
scharfsprenden behenden Jagdhund. In seinem Wesen trat eine hastige nervse
Unruhe hervor, als ob er stetig auf einen Fang laure. Seine breite, aber glatte
niedrige Stirn, sein stechendes Auge, seine scharfe schnarrende Stimme konnten
fr den gebten Physigonomiker wenig Vertrauen erwecken. Ein Solcher htte auf
den ersten Blick in diesem verdammt schneidigen Kerl einen ausgezeichnet
praktischen Kopf, jedoch ohne hhere geistige Veranlagung, erkannt. In seinen
krftig brutalen Kinnladen, seinem massiven Kinn verrieth sich eine eiserne
Energie.
    Als Leonhart die Bekanntschaft des Doctor Paulus machte, fhrte dieser eine
ziemlich dunkle Existenz als eine hhere Art von Abenteurer. Er hatte als Doktor
promovirt mit einer Disputation ber die Schelling'sche Philosophie, die zwar
nichts Positives beibrachte, sich aber durch tzende Kritik und schneidende
Logik hervorthat. Seither trieb er sich in Berlin umher, ohne da Jemand wute,
wovon er lebe. Er erzhlte stets merkwrdige Geschichten aus seiner Londoner
Vergangenheit, wie er als man of fashion drei Jahre lang sein ererbtes Vermgen
aufgezehrt habe. Englisches Halbblut mtterlicherseits, behauptete er sogar eine
hypothetische Verwandtschaft mit einem bekannten britischen Staatsmann. Von
seiner Londoner Aera wollte er auch die Vorliebe fr Brandy mitgebracht haben. 
Let's have a drink! bedeutete bei ihm, wie sich Leonhart erinnerte, das
Hinunterstrzen etlicher Glser Cognac. Auch im Biere leistete er Groes.
Leonhart lernte ihn zuerst kennen, als der rhrige Streber eine Zeitung grnden
wollte. Diese Idee schien jedoch mehr als Lockvgelei berechnet und zerann
spurlos im Sande. Im Feudalen Klub trat er als stndiger Gast mit stolzer
Sicherheit auf. Einmal klagte er Leonhart gegenber voll Entrstung, da der
Klub-Vorsitzende Graf Brme, der sogenannte Mephisto mit der schwarzen
Ledermappe (in welcher alle Collekten-Geheimnisse der Konservativen Partei
schlummerten), ihn erst spter, nachdem er mit einem fremden Herrn eine
Viertelstunde am Tisch gesessen, nselnd vorgestellt: Da es nun ja doch nicht
mehr zu umgehen ist: - Sr. Excellenz Minister von X. - Doctor Paulus. Noch
mancher andren Ueberhebung hatte Graf Brme (der hochwohllbliche Ordensjger
und Kammerherr, der sich vom einfachen von zum Baron und nachher zum
Grafen emporschwang und die unerwartete Millionen-Erbschaft eines Onkels durch
tausenderlei Geldgeschfte und schmutzigen Geiz noch vermehrte) sich gegen den
kleinen Paulus schuldig gemacht. Das kerbte dieser ihm grndlich an, und sobald
er ein groer Mann geworden, mute Brme dafr ben.
    Ein groer Mann - ja, das wurde er bald genug.
    Leonhart gehrte zu den Wenigen, die es voraussahen. Sein tiefer
psychologischer Scharfblick sagte ihm, da aus dieser kleinen Schlange sich ein
geflgelter Drache entpuppen werde. Er erkannte eine moderne
Conquistadoren-Natur und sprach es Anderen gegenber aus, die ihn darob
belchelten. Doch die Ereignisse sollten ihm berraschend Recht geben. Paulus
warf sich in die Colonialbewegung und klomm hier binnen krzester Frist zu den
hchsten Hhen des Erfolges empor. Meisterhaft verstand er es, seine Freunde
auszuntzen und ihnen dann einen Tritt zu versetzen. Intrigant vom Scheitel bis
zur Sohle, liebte er die Taktik, alle Leute gegen einander zu hetzen und als
beliebige Werthe auszuspielen. Vortrefflich berechnet wirkte auch sein Verhalten
gegen seinen frheren herablassenden Gnner Graf Brme. Er warf nmlich durch
einen Staatsstreich diesen alten Herrn spornstreichs aus dem Vorstand der
Teutonischen Monopol-Colonial-Actiengesellschaft hinaus, in den sich Brme wie
gewhnlich hineingeschmuggelt hatte: Das kindliche Vergngen, seinen Namen als
Comit bei allen unpassenden Gelegenheiten gedruckt zu lesen, schien ihm gar zu
s! Sobald nun Paulus seiner kleinlichen Nachsucht Genge gethan, hob er den
Zerknirschten sammt seiner schwarzen Ledermappe huldvoll wieder auf und bugsirte
ihn aufs neue an hervorragender Stelle in den Vorstand. Der grfliche Mephisto
fhlte sich berwunden. Feig und demthig dem Strkeren gegenber, wie alle
brutalen Naturen, kroch er jetzt den groen Mann bereitwillig an und wurde sein
ergebenster Sclave. Paulus brauchte einen grflichen Namen bei seiner
Actien-Unternehmung und Brme, den er aus diesem Grunde auf allen
Geschftsreisen als Adjutanten mit sich als Brenfhrer herumschleppte, sonnte
sich gern in der Ruhmessonne, die den schneidigen Colonial-Pfadfinder
umstrahlte. Dieser erlaubte ihm sogar, einzelne Catilinarier auf
Gesellschafts-Unkosten in weien Stoffen, als Colonialreisende auszursten,
damit Brme in allen Straen das Naturwunder ausschreien konnte (auch Leonhart
geno von ihm diese werthvolle Mittheilung): Er, Brme, rste auf seine Kosten
Reisende aus. - -
    Ich erlaube mir ... hob der Gewaltige an, indem er sein Cognac-Glschen
grend gegen Leonhart schwenkte, sobald sie sich auf einem Sammetsopha des Caf
Boulevard niedergelassen. Haben uns ja so lange nicht gesehn.
    Sie sind mittlerweile ein groer Mann geworden. Dachte mir's immer. Aber
eine so glnzende Carriere wie Ihre ist mir doch wirklich in meiner Praxis noch
nicht vorgekommen.
    Paulus lachte kurz auf, als ob er das Gesagte fr berflssig halte. Schien
ihm seine Carrire jetzt doch ganz selbstverstndlich. Und Sie, lieber Herr
Leonhart? Haben inde viel publizirt, nicht? Ach, wer kommt heut zum Lesen!
    Das hat man schon zu Adams Zeiten gesagt, um sich zu entschuldigen! warf
jener bitter ein.
    Ja, mag sein. Doch wirklich, das ist heut ein trauriger Beruf. Ich bitt'
Sie, kann man denn davon leben like a gentleman? - Wissen Sie was, Sie sollten
doch mal Ihre schneidige Stahlfeder in den Dienst unsrer patriotischen Sache
stellen. Wollen Sie? Ich lade Sie hiermit feierlich ein, als Gast der
Teutonischen Monopol-Kolonial-Actiengesellschaft, er sttigte sich mit Behagen
an dem volltnenden Titel, bei uns in Afrika zu verweilen. Wir stellen Ihnen
groe Bltter zur Verfgung fr Berichte. Allerdings, haha, er zwinkerte
verstndnivoll mit den Augen, wrde man von Ihrer wohlbekannten
Unpartheilichkeit erwarten, da Sie gerecht, aber wohlwollend ber unsere
Verhltnisse urtheilen. Natrlich unpartheilich, unpartheilich! Nun, was sagen
Sie dazu?
    Das liee sich hren, meinte Leonhart sinnend. Er htte gern einmal dem
ganzen Europa-Krempel Valet gesagt.
    Gut. Basta. Herr Beuthin! Der hochgewachsene Generalsekretr der
Teutonischen Monopol-Colonial-Aktiengesellschaft fuhr auf den herrischen Wink
des kleinen Mannes zusammen, murmelte wie unbewut Zu Befehl und ri eine
gelbe Brieftasche heraus. Notiren Sie! Herr Doctor Leonhart wird fr uns
wirken. - Ach und wie hochpoetisch! fuhr er fort. Diese Gebirgsscenerieen,
diese Meeresufer! Sie werden dort Stoff in Flle finden. Schreiben Sie uns ein
Colonial-Epos!
    Nicht bel! lachte der Dichter. Die neuen Conquistadoren, eine Heldenmr
in zwlf Gesngen. Da soll ich wohl mit Ihrer Expedition ins Innere beginnen,
wie? Der boshafte Klang dieser Frage entging dem Gewaltigen. Leonhart wute
nmlich, da er gar nicht an Land gekommen und fieberkrank an Bord geblieben
war, als man an der Kste in seinem Namen drauflosannektirte und entdeckte.
Spter aber, als er sich wirklich einer Expedition angeschlossen und angeblich
Vertrge mit Sultanen beschworen hatte, war er frhzeitig umgekehrt, weil den
Strapazen nicht gewachsen. Seine Gefhrten wollten sogar einen Mangel an
persnlichem Muthe bei ihm bedauert haben.
    Arglos schwadronirte Paulus jedoch drauf los und schlo sein Jagdlatein
nochmals mit der groartigen Aufforderung: Ein fr allemal, sind Sie hiermit
eingeladen. Beuthin! Der maschinenhafte Berthier notirte gehorsam. Tragen Sie
in Ihr Merkbchlein ein: Herr Friedrich Leonhart ist permanenter Ehrengast der
Teutonischen Monopol-Colonial-Actiengesellschaft. Die Reise dorthin kostet nur
1300 Mark; noch neulich sandten wir auf unsere Kosten einen jungen Maler, um
Skizzen zu entwerfen.
    Zu Reklame-Zwecken?
    Gewi. Ich bin immer offen, wie Sie wissen. Sobald Sie erst bei uns in
Uhahuba sind, steht Ihnen Alles zur Verfgung, Betrachten Sie sich dort wie zu
Hause, mein theurer Herr Leonhart. (Das mochte nun freilich seine Schwierigkeit
haben, da berhaupt noch kein Haus in Uhahuba stand, wie Paulus am besten wute.
Das nchste Blockhaus in der Nhe eines pantherreichen Dschungels empfahl sich
auch recht freundlich als Sommeraufenthalt.) Haben Sie die Sache zur genauen
Kenntni genommen, Herr Beuthin? schnarrte er im Commandotou.
    Zu Befehl, Herr Doctor, murmelte sein dienstbeflissener Berthier. Der
Gestrenge, lchelte holdselig und schwenkte ein neues Cognacglschen: Ich
erlaube mir ... auf Ihr Spezielles! Sagen Sie, neulich hat ja unser Freund
Doctor Wurmb ber Ihr neues Werk eine begeisterte Besprechung losgelassen.
(Studire brigens grade das Werk; kaufte es natrlich. Das ziemt sich. Nein,
keinen Dank! Die Bcher seiner Freunde kauft man.) Freute mich recht, weil es
sich um Sie handelte. War aber sonst ... hm ... nicht besonders geistreich
geschrieben, wie? Da Leonhart nicht mit der Sprache herauswollte, fuhr er eilig
fort: Nun, jedenfalls war es verdienstlich, da er fr einen Mann wie Sie in
die Schranken trat. Ach ja, in all meinen praktischen Beschftigungen beneide
ich Sie um Ihre ideale Thtigkeit. Sie wissen, ich studirte frher exacte
Philosophie. Noch heute brte ich in meinen Muestunden ber die Skala der Lust-
und Unlust-Empfindungen.
    Welche sich gegenseitig aufheben.
    Ach nein, doch wohl nicht! Paulus stie einen elegischen Seufzer aus. Die
Unlust-Empfindungen berwiegen durchaus.
    Da ich nicht wte! Die Unlust wird selbst zur Lust, als Bethtigung des
Willens zum Leben, worin Lust und Unlust gleichwerthig. Man mu nur die Wonne
des Leids in sich ausbilden.
    Sie habe ich natrlich bei meinem allgemeinen Urtheil nicht im Auge
gehabt, versetzte der Gestrenge, sich leicht verbeugend. Schopenhauer sagt,
die Genies seien stets abnorm. Sie als abnorme Natur darf ich nicht in den Kreis
meiner Betrachtung ziehen.
    Leonhart stutzte zuerst, dann wollte er sich innerlich vor Lachen auf dem
Fuboden rollen. Offenbar ging der praktische Cyniker von dem richtigen
Grundsatz aus, da jeder Mensch eine unglaubliche Menge Schmeichelei vertragen
knne; ahnte aber bei seiner Menschenverachtung nicht, da es auch
Menschenkenner geben knne, die ihn selbst durchschauten. Doch seltsam! Whrend
er ironisch lchelte, fhlte sich der junge Dichter dennoch angenehm von dieser
geschickt applizirten Flatterduse gekitzelt.
    Bei mir, versicherte der groe Colonialpriester mit dsterem Stirnrunzeln
und weltschmerzlichem Stimmfall, berwiegen die Unlust-Empfindungen stets -
soviel wei ich. Kellner, einen Eierpunsch!
    Ei, dachte Leonhart, nachdem er aller Welt durch seine rcksichtslose
Streberei Unlust-Empfindungen bereitet, sitzt er hier dick und fett am Biertisch
und philosophirt ber die Unlust! - Paulus schien jedoch wirklich von
sentimentaler Aufwallung bermannt.
    Ach, mein Freund, schon allein ... Die Weiber! Und nun fing er an,
englisch - Leonhart, der sehr gut Englisch sprach, begnstigte diese Affektation
- von seinen Liebesgeschichten erzhlen. Man mute denken, da hier
Erstaunliches vorlag, wenn man ihm Glauben schenkte. Verlobte Mdchen aus guter
Familie besuchten ihn in einer Wohnung und verriethen seinetwegen ihre Brugams,
Aerzte oder Assessoren - zur beliebigen Auswahl.
    Jaja, Leonhart wiegte nachdenklich den Kopf. Der Geist bt eben
dmonische Anziehungskraft auf die Frauen aus.
    Hm, ja, aber eben nur der praktische Geist, schnarrte Paulus rasch, als ob
er einen Eingriff in seine Privatrechte zurckweise. Die Energie - das
imponirt. Das Weib verachtet den unpraktischen Idealismus. Tata, das Dichten und
Denken! Die Energie - das ist die Hauptsache.
    Energie! Glauben Sie etwa, da nicht die hchste Energie erforderlich ist,
wie Goethe ein Leben lang die Idee des Weltwerkes Faust mit sich herumzutragen
und unablssig daran mitzureifen? Offen gestanden, wr' ich ein Genie, wie Sie
sagen - kraft der inneren Untheilbarkeit des Genies, das ja Alles kann, was es
anpackt mcht' ich mich dann wohl verpflichten, unfhigen Gegnern gegenber die
Campagne Bonapartes von 1796 zu leisten - aber den Faust zu schreiben mchte
wohl ber meine Krfte gehen.
    Ah! Na! Darber lt sich streiten. Paulus sprang rasch von dieser Frage
ab, die ja seine Eitelkeit kaum interessiren konnte, und fing statt dessen an,
eine schreckliche Mordsgeschichte zu berichten. Er theilte Leonhart im Vertrauen
mit, da er heut frh ein Duell gehabt habe. Er sei mit einer Dame, einer
schnen Dame, in einem Caf gewesen. Da habe ein Dandy am Nebentisch anzgliche
Bemerkungen ber ihn und die Dame verlautbart. Er gleich hin - schneidig
Rechenschaft verlangt - verweigert - Forderung - sofort am andern Morgen im
Grunewald. Und da hab ich ihm nun heut Morgen eine Kugel ins Bein geschossen!
schnarrte er, indem er zugleich eine unnachahmliche Miene des Bedauerns und
gekrnkter Wrde annahm.
    Leonhart starrte ihn sprachlos an. Glaubte der kleine Mann denn wirklich,
da solche Fabeln, die in sich als unmglich zerfielen, Anklang finden konnten?
Eigentlich lag doch eine beleidigende Geringschtzung fr Den darin, dem er
solche wilde Mre auftischte. Als sein Blick zugleich auf den Chef des
Colonial-Generalstabs fiel, der mit gehorsamem Maschinengesicht die englische
Conversation, von welcher er kein Wort verstand, ber sich ergehen lie, -
ergriff den Dichter ein solcher Ekel, da er sich pltzlich empfahl. Der groe
Mann biederte ihn beim Abschied verbindlich an, brach aber seinem Seden
gegenber los: Ist das ein widerwrtiger Mensch! Ich machte noch gestern dem
Wurmb Vorstellungen, wie er den Menschen so berschtzen knne. Sein neues Buch
-
    Herr Doctor haben es gekauft?
    Ich? Gott soll mich bewahren!
    Aber Sie uerten doch vorhin ...
    Gewhnen Sie sich dies doch endlich ab, Beuthin, schnarrte der kleine Mann
in seinem vernichtendsten Nasalton, Sie miverstehen mich immer. Nicht mit
Augen gesehn hab' ich das dumme Buch. Dies Gedichteln berhaupt! Als ob wir
nicht schon an den ollen Klassikern bergenug htten! - Uebrigens, denken Sie an
meine Worte, der Mensch wird noch im Irrenhause enden. Will die Campagne von
1796 auch machen - ein Mensch, der nicht mal Militr ist. Haarstrubend! Der
pure Grenwahn! - Was, wie, sind Sie nicht auch meiner Ansicht, Sie?
    Zu Befehl, Herr Doctor, stammelte der hochgewachsene Chef des Generalstabs
mit der gelben Notiztafel, unter dem Blick seines Empereurs erzitternd in seines
Nichts durchbohrendem Gefhl. Dieser aber fing in kreuzfideler Stimmung zu
trllern an: Mutter, der Mann mit dem Coaks ist da!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Was fr ein Mensch, dieser kleine Duodez-Napoleon! dachte Leonhart, indem er
sich zu Haus entkleidete. Aber was fr ein Beweis, wozu man es bringen kann mit
Glck und strebernder Energie! Waren Napoleons Anfnge denn anders? War er
minder verlogen und grundsatzlos? Ist dies nun Gre?
    Und da der Dichter also sann, umspann sein Hirn ein wundersamer Traum.
Gewaltig sah er an sich vorberwallen - wie Banquo's Knigsschatten, im Hermelin
vermummt - die Schatten der vergangenen Thaten, die man als Gre pries. Doch
was ist Gre?
    Ihm war, als sehe er ihn vor sich, den Korsen. Bleichfarbig, hager wie dem
Grab entstiegen, von Wuchs weit unter dem gewohnten Ma, von straffem Haar das
Haupt umwallt, aus dem ein schicksalmchtiger Blick, dolchscharf wie blauer
Stahl, dmonisch blitzt. Er ist allein und hungert. Jener Name, der einst die
Himmelswlbung erschttern wird, blieb im Sturm der Zeit noch ohne Echo. Die
bunte Menge rennt an Ihm vorber, auf den einst die Aeonen schauen werden, nur
verchtlich musternd die Knechtsgestalt des unbekannten Gottes.
    Und dennoch ist er ja glcklich, in dem Bewutsein innerer Allmacht gro,
der kleine Bonaparte! Gro war er ja als Knabe schon, da er dem Windeswehn und
Meeresrauschen der Heimathinsel lauschte - er, aller Trumer Grter,
Shakespeare der That, dem all sein Leben zu einer Schicksalsdichtung ward.
    Horch, wie Posaunen schmettert's durch die Lfte! Der Aar der Weltgeschichte
rauscht herab, empor aus ruhmvoller Verborgenheit reit es den groen
Unbekannten, Diogenes aus seiner Bettlertonne, empor zum Sonnenfluge Alexanders.
Die Brcke Lodi's und die Brcke von Arkole zimmert er zusammen zu einer
riesigen Xerxesbrcke auf der er weiter nun und weiter strmt zum Orient-Ufer
Alexandrias, wo sich sein Ahn, der Welteroberer, ihm hnlich an Jugend und
Gestalt, ein ewiges Mal gesetzt.
    Marengo! jauchzt die Erde siegestoll, und dann ununterbrochen, allbetubend,
gellt der Legionen Tuba: Heil dem Csar! Austerlitz, Jena, Wagram, Borodino!
    Ja, das ist Gre - ist dies das Glck?
    Horch, welch neuer grauenvoller Ton! Ein Trauermarsch von Millionen
Trommeln, gerhrt von florumwundenen Schlgeln auf eisumstarrter Steppe,
geleitet nun zu Grab den Kaiseraar, den mit zerfetzter Trikolorenschwinge von
seiner Sonnenhhe dasselbe Schicksal bleiern niederwuchtet, das ihm zum Flug die
Schwingen straffte. Das ist der Trauermarsch, der einst Beethovens Sehergeist
entquoll, als ihm der allbewltigende Anblick des neugebornen corsischen Messias
die Symphonie Heroika entprete. Doch da sich Jener als Judas am Ideale freier
Menschlichkeit entschleierte, auf dem allein die wahre Gre wurzelt, verbannte
er den Namen Bonaparte aus seiner Gtter Tempel. Ob auch die Welt, die schnd
erbrmliche, die Sclavenheerde, die der Tag regiert, die frher dich mit Fen
trat, nun feige dir die Fe leckt und dich als gro߫ anstaunt, du eherner
Kolo - hohl bist du innen doch wie tnend Erz, du hast die Liebe nicht, die
Liebe nicht, die Liebe nicht zum ewig Liebenswerthen - du bist verworfen von
Schiller und Beethoven! Abtrnniger, du bist nicht gro.
    Er ist nicht gro? Blickt her, ihr groen Seher, aufs ferne menschende
Eiland, wo Prometheus einsam festgeschmiedet am Fels im Meer! Was wogt durch
diese Seele wohl, bis sie gesnftigt, wie nach dem Sturm der wrackbeste Ocean!
Dies stolze unruhvolle Herz, dies Meer, in das Vulkane sich gebettet, snftigt
sich nun und dehnt sich weltenweit und ruhig wird's in ihm. Aus dem Giganten,
der den Ossa auf den Pelion gethrmt, wird nun ein Gott, ein ruhig stolzer Gott,
der im Bewutsein seiner Ewigkeit mit unsterblich hehrem Leiden auf das
Vergngliche herniederschaut.
    Jetzt bist du gro! Wie einst der arme Unbekannte gro - jetzt, jeder Macht
entkleidet, allein dem Schpfer gegenberstehend, allein in deiner Ble,
Mensch! Kleiner war der Kaiser, als einst der arme Lieutenant. Da er auf Throne
als Schemel sich sttzte, als Molochgtze der Gloire, war er kleiner als jetzt,
wo er einsam an dem Grabstein seiner Gre lehnte, wieder allein mit den Trumen
seiner Jugend, allein mit seinem Genie. Abgefallen sind Purpurtoga und goldner
Lorbeerkranz und ellenhoher Kothurn, die Rolle Csars ist ausgespielt. Alles
Andre war nur ein Fiebertraum im Scheintraum dieses Lgenlebens. Marengo,
Austerlitz - das sind nur Namen, gelallt vom Weltgeist im Delirium - Kaiserthum,
Weltreich und Gloire, das Gift von Fontainebleau und Elbas Schmach, der Flug gen
Notredame, der Donnerschlag von Waterloo - alles nur Schatten, die der Wahn
erzeugte, Leiden und Freuden eines Fiebertraums.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Und auch aus diesem Traum fuhr der junge Dichter empor, dem Traum der
Wahrheit. Verstand er die Wahrheit, die ihm aus dem Abgrund des Unbewuten
mchtig entgegenquoll? Verstand er, da Alles Irdische nichtig sei, keines
Lchelns werth und keiner Thrne? Da nur Eines wahr und echt bleibt im
kreisenden Wechsel der Dinge: Das groe Ich, die kleine Welt umfassend?
    O hte, hte dich, junger Gott! so hrte er entschlummernd eine unsichtbare
Stimme. Reie dir nicht das Ewige aus wundem Herzen! La den Fittich deiner
Seele nicht hinschleifen im Staube, nicht frech emporkriechen an deines Geistes
Postament das niedere Gewrm! Sei gro! Selbst im Orkan bewahre die kalte Wonne
innerer Ruhe, wie Alpen ihren Schnee! Schttle den eitlen Grenwahn ab, der die
wahre Gre vergiftet! Sei gro!
    Mit einem Lcheln entschlummerte der Trumer. Wie des Mondes goldiges
Strahlenl die Gewsser snftigt, so gossen diese Gedanken Frieden in sein
dunkles Sein. Noch im Schlaf trugen seine Zge den Ausdruck stolzer
Unbeugsamkeit. Ein groer Mann oder ein groer Narr zu werden - beides war in
seine Hand gelegt.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Rother fuhr hinein in den reinen kaltklaren Wintermorgen mit verkmmertem
welken Herzen. Dem Ideale innerlichst geweiht, verdammte ihn ein Dmon, nach
Sinnlichem zu schmachten. Am Abgrund taumelnd, verlor er sich selber und
schleppte, gemein nun mit Gemeinem, die innere Kette seines Wahnsinns mit, wie
der Galeerensclave seine Fessel. Genu! Drngt nicht nach Genu jedes Wesen? Und
nur dem Idealisten - ach, nur ihm soll der Schmerz als Genu gengen. Wer aller
Gabea zum Genusse bar, dem blht nur noch ein Islandmoos am Kraterrande:
Entsagung.
    War er denn schuldig? Hatte eigene Schuld ihn verstrickt in lcherlichen
Wahn? Nein, das Schicksal einzig hatte es so gefgt, das tief in ihn gepflanzt
den Keim der Leidenschaft, die selbstvernichtend zugleich vernichtet, was sie
wild erstrebt.
    Hre den Winterwind, wie er brausend hinheult ber die den Felder! Aus dem
Schnee heben sich die dunkeln Strucher, wie Kuchenbrocken aus einer Schicht von
Sahne und Zucker. Fern ist noch die lenzliche Stunde, wo diese kahlen Aeste sich
mit hellgrnen Knospenspitzen besetzen werden, freundlich angelacht von der
warmbestrahlenden Mittagssonne. In diese brachen Flchen, noch des Winters ganze
frostige Starre athmend, werden sich kleine Inseln greller Grasstriche
einsprengen. Ob auch droben in den Wipfeln noch Alles todt und kahl, drunten
schiet das Gras in ppiger Flle empor. Immer hher zngeln und klettern die
Keimtriebe des Frhlings hinan, bis sie auf den Kronen der Wlder ihr grnes
Laubpanier ausstecken und siegesfroh schwenken ber die junge Welt. Die
Sonnengluthen werden goldig glitzern, als wolle die Natur Hochzeitfackeln
entznden, und alle Vgel werden jubiliren, wenn der groe Naturmaler die
Palette anlegt und beginnt, die Natur zu untermalen.
    Ja, das Alles wird sein. Aber noch ist er nicht da, der Frhling, noch
herrscht der Winter. Der Wind heult ein Sterbelied der Vergnglichkeit in tollem
Vernichtungsdrang, wo er durch chzende Wlder psalmirt. Und im Winde vernahm
Rother ein Sterbercheln, das ihn durchschauerte wie das seiner eigenen Seele,
die Selbstmord an sich beging. Ihm war, als mte er aufschreien nach oben: O
Geist der Schnheit, verla mich nicht! Wie flammte einst sein Herz zum Reinen
empor, wie schaute er tief ins Herz des Alls! Und nun - ein Federball
erbrmlicher Triebe. Das Weib, die Quelle der bsen Lust, des Satans
Stellvertreterin, hatte ihn fortgedrngt vom Lichte, der Hlle zu. Wie Herodias
mit des Tufers blutigem Haupt, tanzte der Liebesdmon um ihn her mit seinem
blutenden zuckenden Herzen, dem lebendigen Leibe entrissen.
    Das Weib? War das Weib so schuldig? Hatte er sich nicht selbst entmannt?
Wahnsinniger, Unglckseliger! Dein Grenwahn ist's, der sich aufbumt gegen
dein winziges Leid eines versagten Genusses? Wie Othello nhrst du deine
Eifersucht mit deinem beleidigten Hochmuth und mchtest schumen wie er: Mit
meinem Lieutenant! Was fr Tugenden besitzest du denn, eitler Wurm, die dir ein
Recht geben, mit Deinem Schicksal zu hadern? La die vergngten Motten an der
ewigen Lampe des Daseins zirpend verbrennen - du aber lerne begreifen, da die
Schlge des Schicksals den Symplegaden gleichen, den schwimmenden Felsen, von
denen die Griechen fabeln: Mechanisch, von Zeit zu Zeit, klappen sie zusammen
und zermalmen das Schiff, das zwischen ihnen hindurch will. Einzelvlker und
Einzelleben - zermalmt, je wie es die Umstnde des Zufalls wollen! La dein
Klagen, la dein Fragen, was du dem Schicksal gethan! Der Weltgeist, der das All
durchfluthet und glorreich durch die Pulse jedes Helden strmt, hat Besseres zu
thun, als sich um deine moralische Schwindsucht zu kmmern. Ueberwinde dich,
unterwirf dich, und wenn du dich selber zchtigst durch deinen Grenwahn, so
verstehe Ihn und danke Ihm!


                                 Zweiter Band.

 Eternity! Demand no direr name,
 Descend and follow me down the abyss!
                                                                        Shelley.

                                 Fnftes Buch.



                                       I.

Rother hatte sich soeben per Boot an Bord der Libra, eines englischen
Steamers, via London, verfgt, der auf der Rhede in St. Pauli lag. Von dem
schmutzigen Werft her scholl wster Lrm. Tonnen rollten ins Wasser, Kisten
wurden mit eisernem Krahn aufs Verdeck gehoben, Spne flogen umher. Ueber die
Kajtentreppe rieselte Seifenwasser. Besen, Eimer, Brsten und Wischer und
Pumpen arbeiteten an allen Luken und Bnken umher. Der Steward roch nach
Zwiebeln, die Stewarde nach Spirituosen und die Bootsleute nach Theer.
    Hamburg! Die uralte Kultur, die von seinem Mnster herunternickt, verbindet
sich mit der neumodischen Eleganz seiner Bazar-Colonaden zu einem anregenden
Bilde. Die Brcken - Kandelaber verglden mit ihren Lichtern die Silberfurchen
der rastlosen Schraubendampfer, welche das trge Alster-Bassin und die Elbe
durchsgen. Der unentwirrbare Mastenwald mit den Flaggen aller Zonen am Quai
ersetzt die Militrkasernen der Kaiserstadt: Hamburg, der drittgrte Handelsort
Europas, reprsentirt die deutsche Seemacht und sein hanseatisches Wappen
erzwang sich Achtung, ehe die rothschwarzweie Fahne des Deutschen Reichs nach
China und Australien wehte.
    In der Nacht vor Abfahrt, ehe die Anker gelichtet wurden, geno Rother eine
hbsche Ueberraschung. Man ri ihn aus dem Schlaf und zwei belaussehende
Individuen brllten ihn um Pa und Legitimationspapiere an. Da Rother bei der
Schnelligkeit seiner Abreise an so etwas nicht hatte denken knnen, wre er
beinah dingfest gemacht worden. Was, kein Militrpa? Keine Heimathspapiere?
Vergeblich entschuldigte er sich, da er das vergessen habe und nur eine kurze
Spritztour nach dem perfiden Albion machen wolle.
    Ach, Sie wollen wohl lieber gleich nach Amerika? Zum Glck fanden sich in
Rothers Notizbuch Visitenkarten und Briefe, die seine Identitt feststellten,
und sein verduseltes Wesen sowie die Constatirung seines Malerberufes beruhigte
die Geheimpolizisten ber seine vllige Ungefhrlichkeit. A thoughtless fellow
lachten sie drauen dem Steward zu.
    Die an Bord befindlichen Englnder betrachteten den Vorgang mit vergngtem
Blick: Ein freier Insulaner braucht nirgendwohin einen Pa. S ist's, vom
sichern Hafen singt schon Lukrez. Rother aber fluchte in sich hinein und
dachte: Jahr fr Jahr wandern Hunderttausende nach Amerika, um sich der Tyrannei
der dreijhrigen Wehrpflicht zu entziehen. Erst wenn man am eigenen Fleisch den
beengenden Druck unseres Polizei- und Militrstaates erfahren, begreift man so
manche unpatriotische Gesinnung. Unglckliches Europa!

    Als Rother die Themse hinaufglitt und am Quai (Pier) vorm Greenwich Hospital
die lustwandelnden Invaliden der englischen Marine mit den Mtzen gren sah,
beschlich ihn der Gedanke, da er selbst ein Invalide des Lebens sei, kaum ehe
er den Lebenskampf begonnen. Die Manie des Versemachens, an welcher er seit dem
Proze Grf, angesteckt durch die schmachtende Lyrik jenes betagten Knstlers,
noch gefhrlicher krnkelte, befiel ihn pltzlich und der Anfall ging erst
vorber, nachdem er folgendes Verslein in sein Notizbuch gekritzelt:

Ich lebe von der Hand zum Mund,
Zum Munde der Pistole -
Ich seufze tglich, ob mich denn
Noch nicht der Teufel hole.

So friste ich mir langsam hin
Ein seelensieches Dasein -
Wird denn die wahre Behaglichkeit,
Der Tod, nicht endlich nah sein?

O trge Themse, wie so trg
Der Mittag auf dir brtet!
Das Schlchen hier das Hospital
Und dies den Pier behtet.

Behten mu ja dieser Pier
Die invaliden Matrosen.
Doch wer behtet mich denn hier,
Den Schwachen, Heimathlosen?

    Der neuangekommene Fremdling stand pltzlich, die Stufen zum Tageslicht
emporsteigend, auf der Station der unterirdischen Eisenbahn am Euston Square,
einem Knotenpunkt des Metropolitan Traphic. Wie er so an dem Thorpfeiler der
Station lehnte, die Reisetasche schwerfllig herunterhngend und mit blden
Augen das Gewhl des Marktes anstaunend, machte er in der That eine jmmerliche
Figur. Er glich einem Kind, das zum ersten Mal in die Schule gebracht, den
Daumen verlegen im Mund, vor dem Herrn Lehrer steht. Oder einem Hlfsvikar, der,
in eine fashionable Gesellschaft versetzt, mit unbehlflichen Kratzfen die
Buche der rckwrts Stehenden bedroht. Oder einem Zaghaften der am Schwimmseil
zappelt - kurz, er fhlte sich so wenig gemthlich, da Vorbereilende ihn
angrinsten. Ein freundlicher feinaussehender Herr fragte ihn zwar sehr hflich
und zutraulich, wohin er wolle, was ihn fehle, ob er ihm, als einem Fremden
behlflich sein solle - aber Rother war doch nicht grn genug, um das deutliche
Hem, Hem! und Augenwinken eines zufllig in der Nhe befindlichen Herrn und
das noch deutlichere Take care, Sir! eines Zweiten mizuverstehen - so machte
er sich sehr brsque von dem liebenswrdigen Fremdenfhrer los und steuerte aufs
Gradewohl in den Strudel hinein.
    Euston Road mit seiner Fortsetzung Marylebone, der Hauptavenue zum Regents
Park, bildet eine Zweigader von Tottenham Court Road, dieser Pulsader des
Krmerverkehrs oder, derber ausgedrckt, diesem Rinnstein des hauptstdtischen
Schmutzes. Die beiden durch ihre blen Ausdnstungen berchtigten Stationen
Euston- und Gowerstreet Station verpesten von zwei Seiten her die Atmosphre,
die Tramways und drei Omnibuslinien kreuzen sich und eine schmutzige aufgeregte
Menschenmasse wlzt sich von hier nach Pentonville und City Road hinauf. Rechts
schleppte ein Fleischerknecht einen ber und ber mit Blut bespritzten Bengel am
Kragen ber die Strae, den er beim Diebstahl dingfest gemacht (d.h. halb
todtgeschlagen) hatte. Links schrie ein Antiquar nach dem Policeman, weil ein
Bcherfreund mit geschicktem Griff einen Roderick Random von den ausgelegten
Bchern entwendete. Leider war der Policeman eben beschftigt, einen aufgeregten
Japanesen zu beschwichtigen, dem ein frecher Austernjunge anzgliche
Bemerkungen ber seinen Zopf nachgekichert hatte.
    Rother passirte Gowerstreet und sah eine Menge Neger in weien Halsbinden
nach University College hinaufeilen und auf der andern Seite mehrere Sieche nach
University Hospital hinaufbefrdern. Die respektable Stille der groen Boarding
House-Strae beruhigte ihn etwas, bis er, von dem unertrglichen Geruch von
Bloomsbury Street begrt, Oxford Street in seiner vollen Glorie vor sich liegen
sah. Er htte die Strae passiren mssen - aber das gegenberliegende Labyrinth
der ehemaligen Rookery St. Giles erfllte ihn mit ahnungsvollem Schauder. So
trieb er denn willenlos mit dem Strom High Holborn hinunter, aus dem Gebiet der
Modelden in das Revier der groen Ausverkufer. Auf Holborn Viadukt
angelangt, hatte er schon zwanzig Pffe davongetragen, weil er sich nicht daran
gewhnen konnte, im Zuge auf der rechten Seite zu marschiren. Das nachdrckliche
On the right hand, Sir! war einmal von einem so grimmigen God damn your eyes!
 begleitet, da Rother nur zu wohl bemerkte, er befinde sich keineswegs in
einer altenglischen Puritanerstadt, wo Schwren als Gipfel der Snde gilt.
    Schwindelnd lehnte er sich an das Brckengelnder und starrte von oben in
den belebten Farrington Road hinab, der rechts unten in Blakfriars Bridge
mndet. Dort die Themse mit hundert Booten und Dampfern, das Menschengewimmel
auf Brcken und Straen - und ber alle Dcher hin hier oben der ungeheure nie
endende Marsch nach der City! London, bekanntlich ganz auf Hgeln gebaut, senkt
sich hier pltzlich hinab, weswegen das Wunderwerk des Riesenviadukts mitten
ber die Strae weg gelegt wurde, so da hier in der That zwei Stdte ber
einander stehen.
    So schreitet hier Eins ber das Andre fort, so wirbelt Alles durcheinander
mit nie stockender Schnelligkeit, ein Rad der Maschine greift in das andre, und
ein verschrumpelter abgebrauchter verbogener Stift wie ein gewisser
Weltverbesserer Eduard Rother - was ntzt er hier? Er wird zur Seite geworfen.
Dort ist die Themse - das ist der Abort fr verbrauchtes Material.
    Starre nicht so grndlich nach der Themse hinber, mein Lieber. Studire auch
nicht die Straen da unten. Wer zu lange in Wasserflle starrt, fllt oft
kopfber hinein. Neulich besah sich ein Brger vom London Monument aus den
Hllenstrudel unter sich und London Bridge schien ihm so einladend, da er vor
lauter Verwirrung und Schwindel gemthlich von der Sulenspitze herunterfiel und
in kleinen Atomen unten anlangte - unstreitig die einfachste Manier, um den
Daseinsschwindel los zu werden, ein groartiges Verstndni und Bekenntni der
oben erluterten Stift-Theorie.
    Da drben ragen durch den Nebel die Mastspitzen ber und hinter den
Huserreihen schwankt das Takelwerk der in den Docks gebetteten
Kauffartheischiffe. Das ist die Welt, die groe Welt, der Ocean, von dem der
Londoner Menschenocean ein Spiegelbild. Alles regt und rhrt sich, der Sturm
braust und die Wellen branden, zerschlagen die Lebensschiffe und ertrnken die
Schwimmer - wozu wren sie sonst Wellen? Die wenigen Leuchtthrme und Riffe
halten's noch aus - aber die schwachen Khne kentert der erste Windsto.
    Rother schauderte. Er eilte die dstere Newgatestreet hinauf; eine Glocke
lutete. Schon in Euston Road hatte ihn eine Glocke gerhrt; es war die Glocke
des Magdalenenstifts in Marylebone. Hier aber hatte die Glocke einen dstern
wehvollen Klang: es war die Todtenglocke in St. Sepulchre's Church, denn in
Newgate Prison wurde ein Mrder hingerichtet. Aber gleichgltig, kalt und ruhig
wlzten sich die Massen vorber, kaum da Einer horchend das Haupt erhob - wen
interessirt das Schicksal des Einzelmenschen? Weiter, weiter!
    Auch Rother horchte nicht mehr, sondern schritt stumpf und taub vorwrts.
Und, was er erlauscht hatte, war Miklang: Die menschliche Snde, das
menschliche Weh, und die lieblose Hrte der Welt. Htte er besser zu lauschen
verstanden, so wren ihm diese zwei Glocken wie Engelstimmen erklungen, wie zwei
Genien der Menschenseele, aufsteigend ber dem Qualm und Schmutz der
Gesellschaft: Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.
    Er war an Peels Standbild angelangt; da ward's ihm zu viel.
    London scheint mit einer so lcherlichen Geschmacklosigkeit und cynischen
Verachtung des Aeuern gebaut, da diese Unfrmlichkeit abstoend wirken mte,
wre sie nicht so imposant. Die Dinge sind hier durcheinandergewrfelt und
aufeinandergethrmt. Die Stadt gleicht jenen riesenhaften Ruinen der Vorzeit,
Ninive, Babylon, Luxor, bei denen man jetzt eine thurmhohe Sphinx, einen Fels in
Portraitform, hngende Grten und Riesenmauern langweilig und zusammenhangslos
durcheinandergeschttelt und -gepurzelt sieht.
    Newgatestreet endet in einem Winkelmarkt und pltzlich ffnet sich gradaus
die groartigste Handelsstrae der Welt, Cheapside, diese ewige Beresinabrcke.
Und rechter Hand an ein paar elenden kleinen Husern ist eine Art Durchbruch
gelegt. Dort stehn drei knallgrne Bume; ber sie und die Dcher weg hngt
schlfrig die Riesenkuppel von St. Pauls - so da man unwillkrlich frchtet:
Wenn dieser Dom mal ber Cheapside zusammenschlge! Als wre die Peterskirche
vor eine halb abgetragene Lehmmauer placirt, an der ein paar Maurer
herumfaullenzen.
    Aber was kmmert das London, ob der Fremde den Dom in guter Aussicht sehen
mchte! Fr das Schne hat man hier keine Zeit.
    Rother spielte nicht mehr mit. Er wagte die schchterne Frage an einen
Policeman (da man ihm wie gewhnlich die Lge eingeprgt hatte, da jeder auf
eine Anfrage antwortende Londoner ein Spitzbube sei), wo Tavistock Tavern liege.
Lchelnd berichtigte ihn der Mann, da sei er hbsch vom Wege abgekommen,
miethete ihm ein Cab - und fortrasselte der erschpfte Wandrer.
    Wie geistesabwesend starrte er in das sich stauende Wagengewhl, welches
London Bridge nach dem Westend zurckwarf. Ein eigenthmliches Grauen befiel
ihn.

    Er wollte sich gleich mit eins an die englische Kche gewhnen. So a er
denn nach der Mok Turtle Suppe zu viel Beef und dann zu viel Fisch und strzte
zwei Krge des bittern Ale herunter. Das konnte sein vergrmter Magen nicht
vertragen, und als er die Treppe zu seiner Stube emporstieg, mute er ein
Rhrstck von Kotzebue auffhren. Nun war fr heute sein Entschlu, Krastinik
aufzusuchen zerstrt. Man redet viel von Willenskraft, doch die hngt ab vom
Magensaft.
    Es giebt Augenblicke, wo die widerlichen kleinen Fatalitten des tglichen
Lebens fr den Geist unertrglich werden. Rother erwachte mit einem Gefhl
wahnsinnigen Hasses - gegen wen und warum? Er wute es kaum. Er empfand ein
Gefhl des Erstickens, als ob sich kalte Hnde um seinen Hals krampften, und
zugleich quoll ihm eine irrsinnige Wuth bis zum Munde, als wolle er bersten vor
verzweifelter Wuth. Knnte man doch das ewig Unsichtbare, den unsichtbaren
Wrger, mit beiden Fusten packen und es schtteln und wrgen und ihm ins
grausame Gesicht schreien: Warum wrgst Du mich langsam und pressest mir den
Athem aus?
    Er ermannte sich jedoch wirklich und fuhr nach Scotland Yard, der
Central-Polizeistation, wo man ihm nach endlosem Radebrechen und Nachforschen
richtig die Adresse Krastiniks angab. Allein fr heute wagte er noch nicht, die
Angelegenheit zu unternehmen.
    Er irrte den Tag ber in der Stadt umher, lunchte im South Kensington
Museum, wo ein biedrer Schweizer sein gutes Deutsch benutzte, um ihm beim joint
of beaf den doppelten Preis unter einer geschmackvollen Ausrede abzufordern,
und nahm in der City sein abendliches Dinner ein. Das Salmon-Steak und die
Cotellets frisch vom Roste her hoben seine Lebensgeister endlich wieder und so
schwamm er denn durch die hellerleuchteten Straen langsam weiter, indem er sich
behaglich von den Wogen des Menschenmeeres umherschlendern lie. Unkundig des
Weges, verirrte er sich in Gegenden, wo er keinen Policeman traf. Alles de,
de. Ein freundlicher Mann brachte ihn auf den Weg, fing aber unterwegs an, von
seiner versetzten Uhr zu reden, die nebenan im Pfandhause liege; er selbst msse
sofort nach Victoria Station, weil seine Mutter irgendwo auf den Tod lge. Ob
Rother ihm nicht 2 Sovereigns vorschieen wolle. Dieser war eine einfache Natur,
aber keineswegs thricht. So erwiderte er denn: My dear, that's the regular old
trick! und schritt eilig auf einen an der Straenecke auftauchenden Policeman
zu, dessen Nhe den Uhr-Verpfnder zu panischem Rckzug bewog.
    Nachdem er am Themse-Durchbruch der Strand-Strae dem Lyceum Theater
gegenber auf die Stromseite hinausgelangt, bummelte er wieder nordwrts nach
Holborn hinauf. Es war nakalt, Bier- und Fischgeruch duftete aus den
abgelegenen Tavernen. Als Rother in einem Austernladen eine ganze Flasche Port
(fast 8 Glser) hinuntergesplt, sah er Alles in Portwein-rosigem Lichte. Durfte
es ihn daher Wunder nehmen, da er am Morgen beim Aufstehen das Portemounnaie in
seiner Hose vermite, nebst einem Theil seiner Baarschaft! Trumte ihm oder
hatte eine Priesterin der Venus Vulgivaga sich nicht lebhaft nach seinen
Trumen erkundigt und unter zrtlichem Darling! Chrie! ihn eine halbe
Stunde lang begleitet bis vor seine Hausthr?
    Er glaubte die Brse vielleicht in einem Omnibus verloren zu haben und
suchte daher einige Omnibus-Endpunkte auf, um nach dem ehrlichen Finder zu
forschen. Die wrdigen Kondukteure und Kutscher rauchten jedoch dem Hlflosen
nur seine Cigarren auf, um welche sie ihn zartfhlend anbettelten, weil die
Gentlemen aus Hamburg so guten Tabak htten und lachten ihn hinterher aus. Als
Einer sich sogar zu practical jokes verstieg und ihm auf den Rcken klopfte,
da ihm alle Gebeine schlotterten, empfahl sich Rother unwirsch und hrte hinter
sich das lachende Urtheil: Ganz grn. Kennt nicht die Welt.
    Doch am nchsten Tage berwand er all seine Schwche und machte sich nun
wirklich gen Pimlico, South Belgravia, auf, wo Krastinik wohnen sollte.
    Ein gelbgrauer braustiger Nebel lastete ber den zahllosen rothen
Schornsteinen, die wie zackige Drachenkmme aus dem Meere Londons auftauchen.
Rother fragte einen Arbeiter nach dem Weg, der an dem Eisengitter eines Hauses
lehnend seine Thonpfeife schmauchte. Ah, ein Foreigner? machte dieser mit
geringschtzigem Schmunzeln und setzte ihm in herablassendem Ton auseinander,
wohin er sich zu richten habe.
    Er fand das Haus, die Nummer.

                                      II.


Krastinik hatte sich fast ganz von der Welt zurckgezogen. Zu Weihnachten
verbrachte er ein paar Wochen bei einem Verwandten Dorringtons auf dem Lande, um
den blichen Plumpuding und Puter in altenglischer Weise zu genieen. Aber
selbst die Jagd behagte ihm nicht mehr. Alles Weltliche langweilte ihn. Eine
ungeheure Revolution durchtobte alle Fibern seines Innern, gestaltete ihn um,
stellte seine ganze frhere Weltanschauung auf den Kopf. Jener namenlose Ekel
vor allem Aeuerlichen ergriff ihn, der so oft den Idealisten wie eine Art
Mieselsucht befllt. Eine verzehrende Sehnsucht, dem Idealen nachzustreben, im
Reich des Geistes sich heimisch zu machen, durchfieberte sein ganzes Denken.
Ich bin ein Dichter! dies Hochgefhl wurde ihm an sich noch keineswegs zum
Hochgenu, weil er seine bisherige Bedeutungslosigkeit sich ehrlich gestand.
Sollte er auf Pump bei der Unsterblichkeit leben, wie mancher windige Geselle?
Nein, einlsen wollte er den Wechsel, den er auf sich selbst gezogen.
    Nachholen galt es, was er versumt, da er seine ganze Jugend vergeudet, den
schnsten Theil seines Lebens verprat und verschwendet, ohne seinen wahren
Lebensberuf auch nur zu ahnen. Nun er denselben erkannte und erkor (konnte die
Phrenologie denn lgen?), wollte er Herz und Nieren nur diesem einem Ziele
weihen.
    Er stand spt gegen Mittag auf, von Schlaflosigkeit und Trumen
dichterischen Schaffens gepeinigt. Morgens im Bette wlzte er tausend Plne;
selbst das Aufstehen und sich Ankleiden als etwas Physisches strte ihn. Er
schlang sein Frhstck hinunter, und ohne der Wirthin Zeit zu lassen, seine
Stube aufzurumen, machte er sich an die Arbeit, las und schrieb. Gegen Abend
wanderte er weit hinaus in die City, um sein Dinner irgendwo aufzustbern, da im
Westend nur wenige Restaurationen liegen. Auch brauchte er einen langen
Spaziergang, um die Sfte der stockenden Maschine zurechtzurtteln.
    Oft langte er zu spt an, da nach 8 Uhr dort nichts Warmes mehr zu bekommen,
und mute sich mit Ueberbleibseln begngen. Oder er wanderte wieder ins Westend
zurck, um in einer Conditorei (wie man dies nur in England kennt) ein
franzsisches Ragout oder die blichen Hammelrippchen zu bestellen. Seine
unnatrliche Lebensweise verschlimmerte sich derartig, obschon er nur selten vom
Theater oder aus Gesellschaften heimkehrte, da er manchmal erst gegen 11 Uhr
Nachts, ja noch spter, sein Mittagsbrot einnahm. Er magerte sichtlich ab und
Dorrington, der sich wiederholt bemhte, ihn seinem Einsiedlerleben zu
entreien, erschrak jedesmal, wenn er ihn wiedersah.
    Jede Nacht geno der Graf beim Heimkehren das Vergngen, am Belgrave Road
durch eine Kette von Nachtwandlerinnen, welche die ganze Breite des Weges
sperrten, der Freiheit eine Gasse zu brechen. Auch wute er einzelne
handgreifliche Verehrerinnen abweisen, die mit ihrer gewhnlichen Angriffstaktik
den krummen Griff ihres Regenschirms in seiner Achselhhle festhakten. Er aber
schritt, unangefochten von fleischlichen Regungen, in einsamer Majestt durch
all den Schmutz hindurch, halb erhaben halb lcherlich, ein Ritter von der
traurigen Gestalt.
    Bis um Mitternacht geschlossen wurde, irrte er im Hyde Park oder St. James'
Park hin und her. Der Regen sickerte durch Moos, Farnkruter und tropische
Gewchse. Das silberne Boot des Mondes durchfurchte die Wolken, die sich
burghnlich in zackigen Umrissen am trben Horizonte ballten. Die Giebel von
Bukingham Palace umwob der nchtige Trauerflor. Im melancholischen Wasser
spiegelten sich spukhaft die Sterne. Auf den sammetweichen Wiesen, deren
Smaragdgrn der funkelnde Morgenthau des Frhlings wie mit Demanten best, wo
Hammelheerden behaglich wiederkuend geweidet, wo ihm oft das
sonnenstaubdurchrieselte Laub der Eichen ein rosiges Antlitz mit goldigem Haar
als englisches Ideal seiner Trume heraufgezaubert hatte - dort lagerten jetzt
ber geschmolzenem Schnee schwarz und schwer immer tiefere Schatten.
    Bleierne Mdigkeit lastete auf dem Einsamen. Manchmal fuhren seine Finger
ber sein bleiches vornehmes Gesicht in seltsam mechanischem Takt - dann war
ihm, als ob er trume, als ob er sein vergangenes nutzloses Leben nur getrumt.
War er Kavalier, Dandy, Offizier gewesen? War er nicht stets ein einsamer
Grbler wie jetzt, ein verkappter Dichterdenker incognito? Immer verhater wurde
ihm sein bisheriges Leben - sollte er in dasselbe zurckkehren, wenn sein Urlaub
abgelaufen? Konnte er das noch, selbst wenn er wollte? Aber was dann! Vermgen
hatte er ja nicht, ein jngerer Sohn. Wovon leben! Er hatte sich von seiner
Appanage soviel zusammengespart, um diese Reise machen zu knnen. Davon konnte
er vielleicht noch bis Herbst hier leben. Sein Urlaub, den er auf unbestimmte
Zeit gesundheitshalber genommen, um dessen Verlngerung er erfolgreich
eingekommen war, gestattete ihm das. Aber was dann!
    Er schien sich der Beklagenswertheste der Menschen. Als ihn einmal eine
Nachtwandlerin, die am Park-Laue entlang pirschte, manierlich und ohne
Zudringlichkeit fragte, was die Uhr sei - vielleicht, um einen Austausch schner
Seelen anzuknpfen, vielleicht auch nicht - herrschte er sie, aus seinen
Gedanken aufgestrt, an: Was geht Sie die Uhr an bei Ihrem Handwerk? Geh und
arbeite! Die Frau wich zaghaft zurck und murmelte: Bitt' um Verzeihung! Dann
seufzte sie, kaum hrbar, indem sie sich abwandte: Arbeite! Gebt mir Arbeit!
Krastinik, der arme Edelmann, dessen bermig hohe Trinkgelder allen Kellnern
den Grafen verrathen sollten, stutzte. Der Kavalier fhlte sich getroffen.
Dann eilte er der infortunate lady (wie die Englnder es taktvoll nennen) nach
und drckte ihr, ohne zu sprechen, eine halbe Krone in die Hand. Jaja, wie oft
sprachen ihn nicht Greisinnen, welche Zndholzschachteln in den Bar-Rooms
verkauften, auf sein nobles Gesicht hin an und murmelten dazu mit der
eigenthmlichen ruhigen Anstndigkeit, welche man in England so oft beim
niedersten Volke bewundert, ihr Busine-Sprchlein: Sie htten zwei Tage nichts
gegessen. - Doch der vornehme Herr fhlte sich unglcklicher als sie Alle! Gebt
mir Arbeit! hallte es in ihm wieder. Arbeit, die keine standesgeme Sclaverei,
Arbeit fr meinen erwachten Geist. Geh und arbeite! Sich selbst mute er das
zurufen. Sollte er lnger verschmachten in thatlosem Trumen?
    Seine Gesprche mit dem alten Freund und Mentor Lord Dorrington (Lady
Dorrington's weltlicher Sinn pate dem Neffen lngst nicht mehr) konnten nicht
dazu dienen, ihn aufzumuntern. Der alte Herr litt an einem Unterleibsleiden, das
er zwar standhaft ertrug, sich aber dafr an seinem widerspenstigen Corpus durch
grmliche Sentenzen rchte.
    Ach, liebes Kind, wenn erst die Verdauung gestrt ist, dann ist Alles zum
Teufel. Das menschliche Leben hat drei Stadien: Erst denkt man nur an die Liebe,
dann nur ans Essen, dann nur an die Verdauung. Da hab' ich mal auf meinen
Streifereien im steirischen Hochland einen Spruch gefunden - er stand an einem
gewissen Ort - der gefiel mir so, da ich mir ihn notirt hab. Und der alte Herr
citirte mit schadenfrohem Schmunzeln:

Die Pfaffen, die sich Gtter nennen,
Sie mssen all' in dieses Haus.
Doch wenn sie nicht verdauen knnen,
Dann ist es mit der Gottheit aus.

    Krastinik lachte hellauf: Das ist wirklich druckfhig!
    Sehr oft kam das Gesprch auf militrische Dinge. Der Lord hatte in jngeren
Jahren (noch nicht zur Lordschaft avancirt, sondern als sehr ehrenwerther Mr.
Dorrington) bei der Garde-Artillerie gedient. Seinen uerst liberalen radikal
aufgeklrten Gesinnungen schien jedoch das gesammte Soldatenspielen nur ein
nothwendiges Uebel. Mit der Ironie eines erfahrenen Skeptikers beobachtete er
die Wettlage auf dem Continent, welcher sich mehr und mehr zu einem einzigen
Heerlager zu verwandeln schien.
    Ja, lieber Xaver, Militarismus und Socialismus - das sind die beiden groen
Sachen. Scylla und Charibdis. Alles Andere wird dazwischen zermalmt.
    Krastinik schwieg eine Weile. Sie haben den Krim-Krieg mitgemacht. Warum
erzhlen Sie so ungern aus Ihrer militrischen Carrire?
    Dorrington zuckte die Achseln. Ja, Du hast eben noch keinen Krieg
mitgemacht, mein Lieber.
    Waren Sie nie ehrgeizig?
    Ach Gott! Dorrington lachte leicht auf; dann nickte er vor sich hin, wie
in Erinnerungen verloren. Haha, da war's z.B. in der Schlacht bei Inkerman. Da
fhrt die Batterie eines Rivalen vor mir ber eine Schlucht an den Feind heran.
Sehn Sie, Herr Major! riefen meine Offiziere. Mir haben hier den ganzen Angriff
abgeschlagen und nun nimmt der uns die Ehre vorweg! Es kochte in mir, aber ich
bezwang mich und gebot dem Stabstrompeter das Signal zu blasen: Halt an, halt
an! Da kommt mein Oberst vorber und brllt aus voller Kehle: Um Gotteswillen,
Herr Major, sind Sie toll? Der will grade auffahren und Sie lassen Halt an
blasen? Kaum hat er's gesprochen, da kommt auch schon jene Batterie zurck,
grulich zerschossen; hatte gleich Kehrt machen mssen. Aber bei dem Wahnwitz
war die Hlfte der Bemannung vom Schtzenfeuer des Feindes gefallen, ehe sie nur
zum Abprotzen kam. Haha, Dorrington lchelte bitter, nachher, als der Befehl
kam: Das Ganze avanciren, ging ich grad bis zu jener Stelle vor. Wir konnten
nicht weiter; so dicht standen die Truppen aneinander und so voll lag's von
Todten und Verwundeten in der Schlucht. Ich lie Halt machen und Karttschen
einsetzen. Ja, da lagen die Artilleristen von jener Batterie noch umher, die so
nutzlos vom Ehrgeiz ihres Chefs geopfert. Ich kann Dir sagen, lieber Junge, aus
den Augen der Sterbenden leuchtete ein wahrer Ha. - So sieht der militrische
Ehrgeiz aus, so!
    Krastinik wiegte nachdenklich sein Denkerhaupt. So! Sie haten also Ihr
Metier?
    Wie man's nimmt. Ein Kamerad toastete mal auf mich bei 'ner Offiziersmesse:
Ein seltsamer Kerl, der Dorrington. In der Schlacht an der Alma hrt ich ihn
commandiren: Drittes Geschtz, Feuer! Ach, die armen Menschen! Fnftes Geschtz,
Shrapnell laden! Gott, dies Elend!
    Krastinik schwieg nachdenklich; allerlei Gedanken wirbelten ihm im Kopf
herum. Der Plan, seinen Abschied zu nehmen, trat ihm nah und nher.
    Zersetzend wirkten auf ihn auch Discussionen ber erotische Dinge, die er
mit seinem Mentor pflog, der wie alle frheren Lebemnner nicht gut auf die
Liebe zu sprechen war.
    Seine geschwtzige Wirthin hatte dem Grafen eine seltsame Mr erzhlt, als
sie ihm seine Flasche Porter zum Lunch um vier Uhr brachte. In der nchsten
Porter-Filiale hatte ein junger Mann eine Banknote wechseln lassen. Der Chef der
Handlung warf zufllig einen nheren Blick darauf und entdeckte zu seiner
Ueberraschung ein Zeichen, das er auf Banknoten, die durch seine Hnde liefen,
zu machen pflegte - ein blicher Usus der Londoner Geschftsleute bei dem
Umsichgreifen geflschten Papiergeldes. Die Nummerzahl der Banknote aber
belehrte ihn, da dieselbe am selben Tag von ihm beim Wechseln einer greren
Summe an eine ltere Dame bergeben war, die in derselben Strae wohnte. Das
erregte seinen Verdacht. Er zog einen Detective ins Vertrauen und lie den
jungen Mann beobachten, da dieser sich wiederholt in der Gegend blicken lie.
Und was ergab sich als Resultat? Da die Banknote freilich nicht entwendet,
sondern von der Dame (verheirathet und ber erotisches Alter lngst hinaus)
nebst manchem anderen Smmchen dem Jngling gespendet worden war - fr gewisse
Dienste.
    Krastinik, eine ursprnglich romantische Natur, fand mehr und mehr Gefallen
an der naturwissenschaftlichcynischen Auffassung seines Freundes. Eine glhende
Schnheitstrunkenheit hatte auch Dorrington's Gemth in der Jugend beherrscht.
Er verstand die duftige Wonneberauschung, welche Krastinik's Sinne gefangen
hielt, indem er den Liebreiz des Weibes und die Holdseligkeit der Natur wie ein
sich innerlich Bedingendes zugleich empfand. In den Tiefen sester Geheimnisse
schwelgte einst auch er. Doch mit sanftelegischen Herbstgefhlen ward sich der
Alternde bewut, da der rosige Mai und der goldene Sommer fr immer ihm
entschwunden seien. Diese blutvolle Erinnerungssehnsucht schied so schwer vom
Genusse und wollte kaum entsagungsstille werden, wenn auch mildere Klnge
ehelichen Friedens in ihm nachtnten, wie abendliche Glocken.
    Jaja, belehrte er grmlich seinen jungen Freund. Um das weibliche ewig
Leibliche dreht sich Alles. Erst mut Du Deine Papierseiten mit erotischem Oel
beschmieren: dann wird sich das Leben schon von selbst darauf abmalen lassen.
Aber nie ohne diese Untermalung mit erotischem Sekkativ. (Er kannte letzteren
Kunstausdruck als Amateur, der gern in den Studios umherbummelte, um als
gefrchteter Kenner bei jeder Ausstellung der Royal Academy of Arts zu
kritteln.) Beilufig, die O'Donnogan beklagt sich, Du besuchtest sie gar nicht
mehr. Nun und Egremonts? Er werde nchstens mal wieder dort vorsprechen, sagte
der Graf. Ja ja, die holde Alice! Wie ein Lmmlein steht sie da in weiem
Gewande und - scheert Gimpel. Eine Meisterin der vielverheienden
Herumschmachterei, the little flirt. Na, nichts fr ungut, begtigte er, als
Krastinik, auf dessen Arm er sich lehnte, unwillig aufzuckte. Wir alten Leute
sind derb!
    Wie befindet sich denn Mr. Egremont?
    Ach, der ist vllig verrckt vor Pompositt. Jetzt hat er den culinarischen
Grenwahn. Will aus dem Saft von Kibitzeiern, Spargel, Hummer und Austern eine
Pasteten-Sauce construiren, die seinen Namen verewigen soll. Er will sie
Jubilumspastete taufen, zu Ehren der Knigin Victoria. Gastronomische
Streberei! Da Gott erbarm!
    Kraftinik stattete dem zur Ruhe gesetzten Beherrscher des geistigen Lebens
der Britischen Aristokratie einige Tage darauf einen Besuch ab und schnitt Mi
Alice, die wieder tiefsinnig gemthvoll in ihre kluge Ruhe gewickelt dasa,
gewaltig die Cour. Man wurde sehr warm.
    Sie mssen nicht so liebenswrdig sein! Das wird mir gefhrlich, fltete
das sanfte Amphibienweibchen mit ihrer molluskenhaften Anschmiegsamkeit. Die
Heuchelei mancher Frauennaturen grenzt an Genialitt. Denn sie scheint
naiv-unbewut.
    Da wurde Mowbray gemeldet und ein eigenthmliches Lcheln flog ber Alice's
zarte Zge, indem sie in ihren weichen Fauteuil und ihre Musselinrobe gleichsam
versank. Krastinik empfahl sich sofort. Dieser Geck war ihm unertrglich.
    Er begann, ber seine Gefhle ernstlich mit sich zu Rathe zu gehen.
    Wenn er Maud und Alice sah, waren sie ihm gleichgltig; so wie sie ihm aus
dem Gesichtskreis entschwanden, ergriff ihn heftige Neigung fr sie. Auch der
umgekehrte Fall trat ein, da er in ihrem Beisein voll Verliebtheit strotzte und
spter khl verga.
    Alles nur Scheinliebe. Der, Modelle und Anregungen, suchende, Egoismus des
Knstlers herrschte bereits so mchtig in ihm, da er, sobald ihm ein
anziehendes weibliches Wesen in den Weg kam, sich gleichsam Rechnung von deren
Vorzgen und seiner etwaigen Liebesbegierde fr sie ablegte.
    Die O'Donnogan war ihm gnzlich zuwider geworden. Lebemnner, die einige
Haare verloren haben, werden selten von koketten Wittwen und lteren Salondamen
gereizt.
    Seine Liebesbedrfnisse wuchsen ins Krankhafte. Zwei Ideale schwebten ihm
vor. Entweder eine durch Erotik bis zur Schwindsucht Verlebte, die sich Frieden
suchend an ihn schmiegte. Oder ein zartes keusches Wesen. Ja, er liebte Alice,
dies reine vornehme Geschpf - wie er sie sich ausmalte. Jeder unreine Gedanke
mute sich in ihrer Nhe zu edelster Ritterlichkeit lutern. Man mag
Leidenschaft fr eine Kokette empfinden, aber wahre Liebe wird stets nur
Ergebni von Achtung und Vertrauen.
    Er hate diesen Lassen, den Mowbray. Der war gewi ein Rou und die sind nie
zu bekehren. Erst mgen ihn Keuschheit und Herzensgte reizen, spter aber wird
er stets das Experiment als hchste Wollust versuchen, die Reinheit mit seiner
eigen Gemeinheit zu beflecken.
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    Dabei stieg seine innere Unruhe. Eine nervse Psychose bemchtigte sich
seiner.
    Krastinik war einer von denen, die in jeder Lage zum Extremen neigen und
schwerfllig auf demselben Punkte beharren. Er konnte stundenlang im Bette
faulenzen, gleich jenem spleenigen Englnder, der sich die Kehle abschnitt, um
sich nicht jeden Morgen ankleiden zu mssen. Und ebenso konnte er unmig
arbeiten, sobald ihn der Trieb dazu ergriff. Nur da diese fieberhafte
Ausschweifung des Geistes nie nachhaltig blieb. Denn er dachte nie an wahre
Kunst, sondern nur an Befriedigung seiner Eitelkeit. Er litt noch stark an
Weltlust, ohne es zu wissen, und sprach von seinem Idealismus, wie der Beamte
von staatlicher Ordnung predigt, weil er an seinen Gehalt denkt. Der Kunst aber
mu man sich ganz allein hingeben. Sie will keine andern Gtter neben sich. Zu
dieser Hhe gelangt man erst nach strenger Selbstschulung.
    Krastinik fing fortwhrend Neues an, statt Eines auszufeilen. Skizzenhaft
Unausgefhrtes hufte sich. Er wlzte Plan auf Plan im Kopf und wiederholte sich
die Entwrfe unablssig hintereinander - ohne da er die Kraft fand, einen zu
beginnen. Damit hing es logisch zusammen, da er in seiner ausschweifenden
Phantasie whnte, sich in Besitz aller Gensse setzen zu knnen, und hinterher
eine pomphafte Uebersttigung empfand, als habe er schon allen Ruhm, den er
heihungrig in weiter Ferne ersehnte, vollauf genossen. Er htte in seinen
Trumen einen Heirathsantrag der Knigin Victoria als ganz natrlich
hingenommen. Wie heilsam, da das Leben diese Voraus-Blasirtheit durch sein
langsames Tempo zchtigt. - Die dichterische Zukunftsmusik wlzte sich in seinem
Gehirn hin und her und jedes Motiv hinderte das andere. Alles blieb Fragment, da
Krastinik noch nicht die Fhigkeit gelernt hatte, sich auf etwas Bestimmtes zu
concentriren in Genu und Arbeit. - Unter seinen Stoffen, die sich
durcheinanderschoben, schien ihm keiner der rechte. Zaudre eine Sekunde, so wird
eine Stunde daraus. Wer zupft und trdelt oder (wie ein Autor von einem
Druckfehler, der ihm drohend entgegengrinst) sich von jeder Kleinigkeit
hypnotisirt fhlt, - der verlasse nur die thtige Laufbahn. Man mu sich auch in
den kleinen Gewohnheiten des Lebens eine forsche Genialitt aneignen. Wer ewig
am Ufer zaudert, eh er ins Flubad springt, holt sich nur einen Schnupfen.
    Sein Spleen wurde immer widerlicher. Er rgerte sich ber jeden Penny, den
er zu viel gab; ber jede zerkaute Cigarrenspitze, deren Nikotin er unachtsam
seinem Speichel zugefhrt; ber jedes zhe oder zu ausgebratene Beafsteak.
Mangelte ihm der Appetit oder war die Verdauung gestrt, so forschte er als
echter Krankheitshypochonder nach den Grnden dieses schweren Unglcks. Selbst
in der Vergangenheit stocherte er herum, wie ein Lumpensammler in mffigem
Kehricht. Er erinnerte sich, da er als Knabe viel in eisigen Kellereien des
Heimathschlosses mit den Shnen des Kastellans Versteck gespielt, noch hei vom
gegenseitigen Haschen - das hatte sicher seiner Lunge tuberculose Keime
eingeimpft! Warum hatte er einst dies und das gethan, dies und das unterlassen!
Er grollte noch nachtrglich Personen, die ihn im Comfort gestrt.
    So wurde er ein regelrechter Genu- und Gesundheitsjger, wie alle Leute,
die ihre Begierden weder ganz zhmen noch ganz sttigen; halbgesttigt, brechen
diese stets unvermuthet neu hervor und schwchen den Willen. Statt mit
unfruchtbarem Genrgel die Zeit zu verschwenden, htte er aus Prinzip lderlich
werden sollen. Denn so wie man den physischen Schmerz vergit, sobald man sich
zwingt, nicht daran zu denken - genau so den moralischen.
    Aber Krastinik hielt Lderlichkeit fr unter seiner Wrde; und je mehr er
krperlichen Sport trieb (Boxen, Schwimmen, Marschiren), um sich aufzumuntern,
desto sublimer und ernster wurde er. Ach, fr ihn wre etwas stupide Lebenslust
der gesundeste Sport geworden. Fr den Nebel der Sentimentalitt giebt's nur ein
probates Mittel: Den Rausch der Ausschweifung. Der Strom der Pein und der Strom
der Lust quellen im Gefhlsleben nebeneinander. Dmmt man den einen, bricht der
andere hervor.
    Am Ende nahm seine widerliche Hypochondrie so bedrohlich zu, da sie eine
Art Verlustwahn nhrte. Er bildete sich manchmal geradezu ein, da ihm dieser
Omnibus-Conducteur beim Wechseln Sixpence, jener Kellner eine halbe Krone zu
wenig zurckgegeben habe. Dann glaubte er steif und fest, da er in Inverne
zwei Guineas vergessen habe, die er vorm Schlafengehn unter den Spiegel gelegt
haben wollte.
    Seine Seele verkleinerte sich gleichsam in grmlichem Egoismus. Er verglich
seine physische Natur mit derjenigen eines Laffen wie Mowbray und glaubte, da
hchste brutale Kraft auch hchstes Glck bedinge. Er beneidete die Englnder
also um ihr Klima und ihre Erziehung, welche ihnen eine so berlegene physische
Elasticitt verliehen, und hielt sich selbst in demselben Mae vom physischen
Glck entfernt. Und wie ein solcher unwirscher Neid seine leibliche Maschine
nicht verbessern, sondern nur die Sfte stocken machen konnte - so peinigte er
sich noch mehr, indem der Neid auf die so weit berlegenen Glcksgter seiner
englischen Umgebung ihn zu verkniffener Geldgier fhrte. Da er nun diese durch
Erwerb nicht befriedigen konnte, so keimte in ihm the good old gentlemanly vice
, der Geiz. Er fing an, innerlich den Mammon anzubeten. Htte ihm ein
Erie-Prinz ein Douceur angeboten, seinen Namen unter einen faulen
Actienschwindel zu setzen - er htte sich in gewissen Augenblicken wirklich dem
Teufel verschrieben, er, von Natur so vornehm und ehrenhaft! Etwas der Sache
wegen thun, schien ihm jetzt hchste Thorheit. Sein litterarisches Talent, an
das er fest glaubte, sollte ihm einfach dienen, goldne Eier zu legen. Er wollte
Sensationsromane schreiben, wie Gregor Samarow, Lustspiele wie G.v. Moser,
dessen Krieg und Frieden er in noch rgerer Adaptirung auf einer Londoner
Bhne kennen lernte. Jedes hhere Streben schien in ihm erloschen.
    Mit einem gehrigen inneren Ruck machte er sich also wirklich an die Arbeit.
Er arbeitete an jener Novelle Nachhlfe wird gesucht, deren seltsame
Exposition er einst dem Damen-Areopag bei Dorrington verlesen hatte. Dabei fiel
es ihm jedoch schwer auf die Seele, da ihm dies kein deutsches Familienjournal
drucken werde; und er beschlo daher, uerst abzudmpfen - mglichst
salonfrivol und beileibe nicht cynisch zu werden, auf da die schne Leserin
schamhaft hinter dem Fcher kichern knne, ohne sich uerlich verletzt zu
fhlen.
    Die Arbeit schritt rstig vor. Allein die Gestalt des Idealisten Goodenough
machte ihm bei seinem jetzigen Gemtszustand und materialistischen Prinzip viele
Schwierigkeiten. Er wollte diese Figur ja nicht der Lcherlichkeit, sondern dem
Mitleid empfehlen, und dies wollte nicht recht gelingen. Htte er nur irgend ein
Modell gefunden!
    Whrend dieser Arbeit stachelte ihn ein Wahngebilde, das er fr Wahrheit
hielt. Die so stark aufmunternden Worte, die Alice bei ihrem letzten
Beisammensein gefltet, schienen ihm die Gewhrung sen Lohnes zu versprechen.
Enthielten sie nicht ein halbes Gestndni tieferer Neigung? Der Unerfahrene
ahnte gar nicht, da in England sogar wirkliche engagements, ehe sie offiziell
geworden, noch nichts Bindendes zu bedeuten haben. So setzte sich denn bei ihm
eine Art Reflex-Liebe fest, indem er sich steif und fest einredete, ihr
Schmachten entspringe einer unbefriedigten Liebessehnsucht. Aber ob fr ihn?
Wohl fiel ihm ein, da vielleicht Mowbray - doch nein, nein, diesen Gedanken
verwarf er. Wie konnte ein so ernstes kluges Wesen an solch einem nichtssagenden
schnen Mann Gefallen finden!
    Allein, diese Eifersucht bohrte ihm den Stachel der eingebildeten
Reflexliebe noch strker ein. Ja, wenn er unwillkrlich argwhnte, sie habe ihn
am Ende zum Narren, dann erst recht. Ha der Liebe, aus dem Zorn gekrnkter
Eitelkeit hervorgegangen, verstrkt gerade darum die Gefhle, weil die
Selbstsucht mit tangirt wird. Haben doch Ha und Liebe, die so nahe beieinander
schlummern, denselben Ursprung.
    Er war also allen Ernstes verliebt. Die Leidenschaften sind ja vllig
unbewut und stehen nicht in unserem Belieben, sondern bilden sich gleichsam
mechanisch.
    Um seinen Traum nicht zu zerstren und weil er einmal gelesen hatte,
Abwesenheit und scheinbare Klte vermehre die Liebe (eine jener Regeln, die
lauter Ausnahmen zult), mied er Egremonts drei Wochen lang. Auch um seine
Arbeit zu frdern, wie er denn fast gar nicht ausging. Nun trieb es ihn wieder
dorthin.
    Aber zu seinem Befremden empfand er alsbald, da ihm, obschon sehr hflich
aufgenommen, eine auffallende Klte entgegenwehte. Mi Maud warf ein paar mal
spitze Bemerkungen hin, als er von seiner Schriftstellerei plauderte: Ja, heute
schreibe Jedermann. Alice schien sehr gelangweilt und gleichgltig. Als er
gereizt den Schmollenden spielte, verstand sie ihn gar nicht.
    Er war auer sich. Dazu, hatte er jetzt seit vielen Tagen sein Herz mit
schnen Gefhlen kasteit, dazu - -
    Nichts ist belehrender und charakter-festigender, nichts aber auch
verwundender fr die Eigenliebe, als die seltsame Ueberraschung, sich in einem
befreundeten Hause berflssig zu finden. Die Abstufungen von pltzlicher Klte
zu allmhlicher Khle sind weniger verletzend, als die Erkenntni, da unsre
Abwesenheit keineswegs bemerkt oder gar schmerzlich empfunden wurde.
    Der Bankerotteur glaubt, Jeder werde ihn zur Thre hinauswerfen - im
Gegentheil! Man ist gespannt, zu erfahren, was ein solcher Herr eigentlich von
uns will. Du hast Deine Frau geprgelt wie stadtkundig? Das glaubst Du in jedem
Antlitz zu lesen? Eingebildeter Narr! Wir haben Alle ganz Anderes zu bedenken.
    Aber whne doch auch nicht, man habe, weil Du vier Wochen abwesend warest,
sich gefragt: Mein Gott, was fehlt ihm, warum kommt er nicht? - Dein leerer
Platz ist alsbald wieder gefllt und im nchsten Cafhaus hat man sich einen
neuen Freund geholt.
    Hervorragende Naturen sind nicht eitler, wie mittelmige. Sie sind meist zu
hochmthig oder im besten Falle zu stolz dazu. Dennoch leiden sie meist, weil
die Einbildungskraft und zugleich die Rcksichtnahme auf das liebe Ich
vorherrscht, an dem Grenwahn, sich fr besonders gehat oder geliebt zu
halten. Nichts kann daher eine solche Seele strmischer erregen und einen
tiefern Abgrund in ihr aufreien, als die entwrdigende Gleichgltigkeit, mit
der man sie auf dasselbe Niveau mit ihrer Umgebung herabzieht. Eine Ahnung von
der Unmglichkeit der wahren Liebe und von der Schwierigkeit, verstndnivolle
Theilnahme fr die volle eigne Bedeutung zu finden, geht ihnen auf.
    Zu Hause fand er die Karte eines Herrn vor, der in einer Stunde wieder
vorsprechen wollte. Eduard Rother, Maler? Hm, den Namen las ich schon fter.
Aus Berlin? Was will der von mir? - Meinethalben, ich bin zu Hause.

                                      III.


Ei, das ist ja eine ganz vertrakte romantische Geschichte! Krastinik hatte
aufmerksam zugehrt, nur hier und da den Erzhlenden durch neugierige oder
verwunderte Ausrufe unterbrochen. Er betrachtete forschend Rothers etwas
drftige Figur und krankhaftes Knstlergesicht. Wei der Teufel! scho es ihm
durch den Kopf, das ist ja das prchtigste Modell zu meinem Goodenough!
    Nein, die Kathi! Ich hatte sie ja lngst vergessen. Wer nimmt so 'was
ernst! Long, long ago! Ich war halt Offizier. In jeder Garnison haben die
Meisten irgendso was. Wer htte das gedacht! - Ja, mit dem Allen hat es seine
Richtigkeit, lieber Herr. Aber nun sagen Sie mir, was ich eigentlich dazu thun
soll?
    Nun, das liegt doch klar auf der Hand, sagte Rother zuversichtlich. Ihr
Zeugni ...
    Mein Zeugni! Krastinik lachte hellauf. Aber, mein Gott, sie wird sich
doch wohl nicht fr eine keusche Jungfrau ausgeben?
    Ja freilich thut sie das.
    Hm, hm. Und da soll ich ... Offengestanden, das ist doch eine
abenteuerliche Geschichte. Und Sie setzen sich wirklich aufs Schiff und suchen
mich auf? Donnerwetter, mu Ihnen aber die Affaire am Herzen liegen. Uebrigens,
wissen's, Herr Kamerad, - wir sind ja Kameraden von Kathis Gnaden, haha -, an
eine ffentliche Erledigung der Sache glaub' ich nicht. Wer droht, thut nichts -
das wei man ja.
    Man sagt so. Aber da giebt's auch Ausnahmen. Wenn dieser Kohlrausch
wirklich mit Kathi in Berlin groartig auftreten will, so mu er nach dem vielen
vergangenen Skandal irgendetwas Mohrenwsche verben, sich mit ihr, der
verleumdeten Jungfrau, in die Brust werfen ... Sie verstehn.
    Ja, ich verstehe. Nun begreif ich allerdings. Ganz so
abenteuerlich-verrckt, wie es auf den ersten Blick scheint - verzeihn Sie, Herr
Kamerad - ist Ihre Reise hierher nicht. Auch versteh ich wohl, Sie wollten dem
ersten Radau (so nennt ihr's Berliner, gelt?) aus dem Wege gehn, sich erholen,
Ihren Geist ablenken. So weit wr' das in Ordnung. Aber was ich dazu thun soll
... was Sie wollten, haben's erfahren. Die Sache stimmt.
    Nun, so bezeugen Sie mir das. Sie sehen ein, welchen Werth Ihr Zeugni fr
mich hat.
    Nein, die Umstnde sind doch sonderbar. Ich soll gegen ein Mdel zeugen,
das ich ... verfhrt habe - das garstige Wort mu heraus. Nein, ds geht uns
goar nix an, singen die Wiener. Lassen's mich aus! Es wr' unritterlich,
uncavaliermig ...
    So? Aber mich als schuldlosen Idealisten in solcher Patsche stecken lassen,
wr' ritterlich? fuhr Rother auf. Ueberhaupt, galant und ritterlich - das sind
so zwei Begriffe, auf die das Weib immer mit Glck spekulirt. Ist ein schwacher
Mann nicht schwcher als ein starkes Weib? Verdient ein guter Mann nicht mehr
Schonung als ein schlechtes Weib? Das Weib ist nicht schwach, weder physisch
noch geistig noch moralisch, und kann hundertmal brutaler und gemthsroher sein,
als der Mann. Ritterlich - da lassen's mich aus. Er stand in der Erregung auf
und schritt hastig in der Stube umher.
    Krastinik betrachtete ihn. Der reine Goodenough, dachte er, der getuschte
Idealist, der nachher Pessimist wird. Auerdem machten Rothers Worte auf ihn
einen bedeutenden Eindruck. Er fand viel Wahres darin: Welcher Mann oder welche
Frau stimmte nicht bei, wenn einer vom gleichen Geschlecht ber das andere
Geschlecht schimpft! Auch dachte Krastinik unwillkrlich an Alice; dunkle
Befrchtungen ergriffen ihn. Er konnte sich in Rothers Lage versetzen und sah
dessen nervse Zerrttung in einem ganz anderen Lichte. Man belchelt solange
die Thorheiten des lieben Nchsten, bis man sich selbst davon getroffen fhlt.
    So bat denn Krastinik seinen neuen Bekannten, fr heut die Sache ruhen zu
lassen. Morgen sei auch noch ein Tag und das Weitere werde sich finden. Rother
mge mit ihm speisen; er wolle sein Wegweiser fr den Abend sein und ihm London
zeigen. Jener dankte tiefgerhrt und der Oesterreicher versicherte, es sei ihm
hochinteressant, einen Berliner kennen zu lernen. Zudem habe er so lange keine
Deutschen mehr gesehen, da er sich entsinne, wie er einst im Thal von Braemar,
auf einem Felsen zur Seite der Chaussee sitzend, ein vorbergehendes Paar habe
unvermuthet Deutsch reden hren und blitzschnell gedacht habe: Look here, those
are Germans! keineswegs: Ah, deutsche Landsleute! So vllig habe er verlernt,
deutsch zu denken, trotzdem er fr sich so viel Deutsch schreibe. Wie entzckt
sei er also, mit einem deutschen Gentleman zu plaudern!
    Den Trieb der Stammeszusammengehrigkeit empfindet man erst im Auslande ganz
oder lernt ihn, falls man Kosmopolit war. Nur Lumpe und Abenteurer verlernen ihn
dort nach dem Grundsatz: Ubi bene, ibi patria. Vaterland! Undenkbares Geheimni,
unverstndliche Liebe! Ist die Welt umsonst unendlich? Ist jeder Flug ins
Ausland eine Verbannung? Sind wir nur fr einen Flecken geboren und jedem andern
Lebensklima fremd?

                                      IV.


Krastinik und Rother wurden binnen wenigen Tagen die besten Freunde. Letzterer
hatte bald bemerkt, da er es mit einem Original zu thun habe, und Ersterer
studirte heimlich seinen neuen Bekannten als Modell seiner Novelle. Die reine
Wahlverwandtschaft. Beiden war, als htten sie sich lange gekannt: Sie schienen
auf dem besten Weg, Inseparables zu werden - wie Krastinik es ausdrckte, der
als Aristokrat immer noch in grulichen Fremdwrtern sprach und das gute
deutsche Wort Unzertrennliche fr phrasenhaft und formlos gehalten haben
wrde.
    Von der sonderbaren Affaire, die sie zusammengefhrt, sprachen sie nur
wenig. Rother meinte freilich, er msse nun abreisen, und bitte den Grafen, sich
zu entschlieen. Allein dieser wich noch immer aus: Kommt Zeit, kommt Rath.
    Also er solle ein schriftliches Zeugni in Form eines Privatbriefes an
Rother ablegen, das ihm als Waffe gegen die weibliche Tckeboldin diene?
    Besser wre also wohl ein mndliches Zeugni?
    Ja, darauf wagte Rother nicht zu hoffen. - Nun, man knne ja nicht wissen,
was noch geschehe. Warum solle Krastinik nicht selbst einen Abstecher nach
Berlin machen?
    Eigentlich erinnert mich die ganze Geschichte an den berhmten Proze Grf.
Na, jene Bertha scheint denn doch ein viel schlimmeres Kaliber als unsre Kathi.
Herrgott, hat Die eine Reklame aus ihrem Proze herausgeschlagen! Nun,
Theuerster, wenn nicht Kathi, so will ihr Herr Prinzipal jedenfalls diesem
Beispiel folgen. Freilich, was liegt denn da weiter vor! Gar nichts. Sie sind ja
ein junger lediger Mann - ob Sie a bissel lcherlich werden, das schad't nix.
Und wenn ich erst fr die Wahrheit Ihrer Angaben zeuge - - nein, nein, wie
komisch ist das Alles! Haben Sie auch Gedichte an Ihre Flamme gemacht  la
Grf?
    Rother errthete. Er konnte ja nicht leugnen, da Grf's lyrisches Tagebuch
ber seine ideale Bertha auch ihn angesteckt hatte. Es schien ihm gleichsam mit
dazu zu gehren. Als Krastinik, seine Verlegenheit bemerkend, in ihn drang, zog
Rother sein Notizbuch und vertraute ihm drei Lieder an, die sich auf der
Ueberfahrt nach London als Stoseufzer ihm entpret hatten.

Nie entweicht aus meinem Auge
Deine herrliche Gestalt.
Und auch Du kannst nie entrinnen
Meiner Augen Allgewalt.

Ewig flammt in mir Dein Auge,
Und in ewigem Zauberbann
Folgt durchs Leben Dir mein Auge,
Nur das Grab Dich retten kann.

Weit Du, was ser als die Liebe ist,
Und ser als des Ruhmes eitle Mache?
Es ist der Ha, der sich am Bsen mit:
Gerechte Rache!

Du, die auf mich geschnellt der Tcke Pfeil,
Du bist verdammt und ich, Dein Teufel, lache.
Ich war Dein Engel und Dein Seelenheil.
Gerechte Rache!

Starb der Stolz tiefinnen Dir,
Mag ihn Eitelkeit ersetzen.
Starb die Liebe, Sinnengier
Mag Dir das Gefhl ergetzen.

Immer hher steige ich
Sonnempor auf Aetherschwingen.
Nur das Haupt hier neige ich,
Dir den letzten Gru zu bringen.

    Krastinik hatte aufmerksam zugehrt. Ei den Kukuk, Sie Hallodri! Sie
scheinen mir ein begnadeter Lyriker. Das ist selbsterlebt, selbsterlebt, aus dem
Innern gequollen!
    Ach bitte, nicht so! wehrte Rother bescheiden ab. Es ist ja nicht mein
Metier. Ich fhle nur ab und zu das Bedrfni, auszusprechen, was mich qult.
    Hm, hm! Der Graf blies nachdenklich blaue Ringel aus seiner Trabuco.
Sagen Sie mir doch ... verkehren Sie viel in Berlin in sogenannten
litterarischen Kreisen?
    O ja. Ich kenne Manchen.
    Ei, da knnten Sie sich bei mir revanchiren.
    Wie das?
    Sie wrden mir einen groen Dienst erweisen, falls Sie ... Der Graf
stockte, setzte mehrmals an, dann ging er entschlossen in media res, indem er
Rother ausfhrlich seine merkwrdige Lage und seine literarischen Plne
anvertraute. Dieser staunte.
    Endlich fhlte der grfliche Autor sogar das dringende Bedrfni, dem Maler
etwas von seinen Produktionen zu verlesen. Er lege (natrlich) den bekannten
hohen Werth auf das Urtheil eines so hochgebildeten Mannes. Da habe er sich
z.B. in die mystische Ehescheidungsgeschichte Lord Byrons vertieft und sei zu
seltsamen Schlssen gelangt. Ob Rother ihn ermuntere, folgenden Anfang eines
projektirten Romans fortzusetzen. Auf Rothers Bitte, die wirkliches Interesse
verrieth, las er nun folgende Schnitzel ab. Eins seiner gewhnlichen Fragmente,
die nie ein fertiges Ganze werden wollten.

    Ist Mrs. Leigh zu Haus? fragte ein langer gentlemanlike dreinschauender
Herr, welcher hastig in den Portiko getreten war, den Haushofmeister mit vor
Aufregung vibrirender Stimme.
    Ja wohl, Sir. Jedoch wei ich nicht, ob sie so frh empfngt oder berhaupt
heut' empfangen kann. Die traurige Nachricht, Sie wissen ... Alles geht drunter
und drber. In der That zeigte der Haushalt deutliche Spuren von Unordnung, wie
irgend ein untoward accident sie zu bewirken pflegt.
    Natrlich, nickte der Besucher, indem eine heftige Bewegung seine
mnnlichen Zge berflog. Ganz London ist in Allarm. Man hlt sich auf der
Strae an. Freilich, solch ein sensationeller Aktschlu - das liebe Publikum!
Aber wir, die wir so viel tiefer - Er brach hastig ab und drngte den Portier
bei Seite. Bitte lassen Sie mich sofort ein. Es ist von hchster Wichtigkeit
fr Mrs. Leigh.
    Mr. Hobhouse, wenn ich nicht irre? fragte der zgernde Diener mit einer
respektvollen Verbeugung.
    Gewi. Melden Sie, es handle sich um den Verstorbenen - fr Mrs. Leigh ist
das wohl genug.
    Es schien in der That so. Athemlos eilte der Mann zurck und ffnete hastig
die Thr des Parlours, wo schon an der Schwelle eine Dame mittleren Alters dem
Besucher entgegenkam. Sie trug Trauerkleidung, ihre Augen schienen von
anhaltendem Weinen trb. Wortlos drckten sich Beide die Hand. - - - - - - - -
    Und so erklre ich auf meine Ehre Mr. Hobhouse erhob sich feierlich,
sowohl zur Bekrftigung als zum Zeichen seines Aufbruches da es nrrische
alberne Dokumente sind und da sie vernichtet worden mssen. Wir haben Beide die
Pflicht - Sie als nchste Verwandte des Verewigten und als das ihm theuerste
Wesen, ich als sein ltester und bester Freund - das Aeuerste zu diesem Behuf
zu versuchen. Ich eile unverzglich zu Mr. Moore, um das Ding herauszulootsen.
Leben Sie wohl!
    Und - und diese Autobiographie - mein Bruder hat sie mir niemals erwhnt -
    Das glaub ich wohl! murmelte Hobhouse bitter in Parenthese.
    Was enthielt sie denn?! In Betreff der - der Scheidung nmlich? Oder - Ein
eigenthmlicher Ausdruck der Spannung, halb lauernd, halb ngstlich, straffte
hier die mden Zge Mrs. Leigh's.
    Hm, hm - Mr. Hobhouse dehnte seine Worte auffallend. Erinnere mich nicht
so genau. Viel Unsinn. Adieu.
    Was bedeutete der seltsame Blick, den Beide an der Thre wechselten?
Argwohn? Mitrauten sie einander?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    In dem Drawing Room Mr. Murray's, des groen Verlegerfrsten, in
Albemarlestreet, befand sich eine Gesellschaft von sechs Personen in heftigem
Disput. Den Salon schmckte eine Reihe von Bildern, Portrts berhmter
Schriftsteller, deren Werke bei Murray erschienen waren. Standen doch drunten im
Portiko zwei bemerkenswerthe Bsten, auf welche weisend der Verleger mit
gerechtem Stolz zu uern pflegte: Die Werke dieser beiden groen Mnner sind
hier verffentlicht. Der Eine war the Duke, der Herzog, der eiserne Herzog
Wellington, dessen Depeschen (dispatches) vom spanischen Krieg bei Murray
erschienen. Der Andere ein weit erlauchterer Geist, dessen Ruhm die Welt
bedeckte und der soeben, die Lyra des Dichters mit dem Schwert des
Freiheitskmpen vertauschend, den Heldentod fr eine glorreiche Sache gestorben
war. Aber die Skulptur schien diesem wunderbaren Antlitz nicht gerecht zu
werden. Das merkte man so recht, wenn man das Meisterwerk von Philipps, ein
Portrt im Rembrand'schen Stil, ber dem Kamin des Salons auf die Streitenden
herniederschauen sah. Unwillkrlich fuhr Jeder zurck, von einem seltsamen
Schauer ergriffen, wenn er auf die harmonische und bermenschliche Schnheit
jener Formen blickte, die im Leben einen Genius des Jahrhunderts beherbergt und
jetzt von diesen bernatrlichen Krften verlassen. Wie der Gott des nimmer
fehlenden Bogens, der Gott des Lichtes und der Poesie, die Sonne in
Menschengestalt, Phbus Apollo, blickt er wie aus berirdischen Fernen nieder.
Als dieses Antlitz im Theater della Scala in Mailand vor dem vornehmkhlsten
Kritiker Frankreichs (Stendhal) an einer Logenbrstung auftauchte, verga er,
dem Schwanengesang Desdemonas zu lauschen, und blickte auf dies Wunderbild bis
zuletzt. Ja, gesteht er, ich war einen Augenblick enthusiasmirt. Nie hab' ich
Aehnliches getrumt. Stets wenn man das Wort Genie nennt, taucht dieser sublime
Kopf in meiner Erinnerung empor. Es war das gttliche Bewutsein der Kraft. Und
dennoch - so lieblich dies Lcheln, das in so joviales Gelchter wie das eines
frhlichen Schulknaben umschlagen konnte, so offen und frei der stolze Blick -
auf der Majestt dieser hohen Stirn thront unsterbliche Trauer. Man gedenkt an
den Lucifer, den Lichtbringer der Erkenntni, vor dem Byrons Kain erstarrte:
Wer naht dort? Die Gestalt gleicht der der Engel, doch wehmuthsvoller, dsterer
ist der Anblick dieser Erscheinung vergeistigtester Geisteskraft. Was schaudre
ich? Was frchte ich ihn mehr als andre Geister? Doch scheint er ja viel
mchtiger als sie alle, und schner, aber doch nicht halb so schn, als er einst
war und als er werden knnte. ..... Unter den sechs Versammelten standen sich
zwei Parteien gegenber. Die bemerkenswertheste Persnlichkeit, ein kleiner Mann
von sympathischem Aeuern, war kein Geringerer als Thomas Moore, der
Nationaldichter Irlands. An seiner Seite stand Mr. Murray, der Chef des groen
Verlagsetablissements, und sein Sohn und Thronerbe. Ihnen gegenber Ion Cam
Hobhouse, Baronet (spter Lord Broughton), als Testamentsvollstrecker und
intimster ltester, Freund des Todten. Neben ihm zwei Weltmnner, Colonel Doyle
als Vertreter der separirten Wittwe und Mr. Wilmot Horton als Vertreter der
Schwester. Der Streit nahte seinem Ende. Die Hartnckigkeit des hochangesehenen
Mannes, welcher einzig und allein die Interessen seines verewigten Freundes
verfocht, untersttzt vom - ihm selbst sehr gleichgltigen - Interesse der
Wittwe, trug den Sieg davon. Folgendes war das Resum, welches Mr. Hobhouse mit
scharfer Bestimmtheit und Klarheit vom Stapel lie: Die Sache steht demnach so.
Der Verstorbene hat in Venedig an Mr. Moore seine Autobiographie geschenkt und
spter aus Italien noch Vervollstndigungen gesendet. Dies Dokument wurde, auf
besonderen Wunsch des Dichters, von seinem Verleger Mr. Murray aus Moore's
Hnden fr 2000 Pfd. Sterl. gekauft, mit dem Recht der Verffentlichung. In
seinem letzten Lebensjahr vor seiner Abreise nach Missolunghi ward aber mein
Freund von wiederholten Zweifeln heimgesucht, ob die Publikation seinem Rufe
zutrglich sein wrde. Ich versichere auf mein Ehrenwort und gesttzt auf
vorgelegte Briefe, da mein Freund die Absicht hatte, die Dokumente
zurckzukaufen. Ich protestire also mit aller Energie als Testamentsvollstrecker
des Verewigten gegen eine Publikation, die seinem Ruhme hchst nachtheilig sein
kann. Ich halte das betreffende Manuscript fr eine seiner ganz unwrdige
Leistung und Handlung. Die nchste Verwandte, die Schwester meines Freundes, die
ehrenwerthe Augusta Leigh, ist festiglich derselben Ansicht. Die Wittwe vertritt
aus guten Grnden denselben Standpunkt. - Zu diesem Zweck hat der nun durch uns
zur Erkenntni der Sachlage gekommene Mr. Moore die betreffenden 2000 Pfd.
Sterl. hiermit zur Rckzahlung angetragen. Sie aber, Mr. Murray, sind durch Ehre
und Rcksicht auf das Andenken des illstren Todten, unseres gemeinsamen
verblichenen Freundes, gezwungen, die Dokumente hier in unserer Gegenwart vor
Zeugen zu verbrennen. Daran ist kein Zweifel mehr. - -
    Eine Viertelstunde spter brannte der letzte Papierstreifen zu Asche. Mit
einem Schauer dsterer Befriedigung glaubte der sensitive Moore auf den Zgen
des Portrts ein triumphirendes Lcheln zu bemerken. - -
    Beim Hinabsteigen in den Flur aber flsterte er leichthin in Hobhouse's Ohr:
Unleugbar war die Schilderung der Scheidungsgrnde in jenen Dokumenten eine
partheiische und voreingenommene. Aber - obwohl augenscheinlich mit bestem
Wissen des Autors geschrieben - glauben Sie, da diese Dokumente wirklich die
volle Wahrheit enthielten?
    Das wei ich nicht, war die kalte Antwort.
    Ich meine, halten Sie so gewhnliche und simple Ursachen wie
Charakterunterschied u.s.w. fr die Hauptgrnde dieser berhmten Scheidung?
    Mit gefater Klte blickte der lange Britte auf den kleinen Poeten herab,
als er unerschtterlich ruhig antwortete: Ich wei nicht - vielleicht.
    Aber Moore lie noch nicht nach. Sie wissen, da ich gegen sie wahrlich
keine freundlichen Gefhle hege und meinem edeln Freund stets die Heirath
abrieth. Aber, Mr. Hobhouse, Ihre eigene Animositt gegen diese Frau - ist sie
nicht durch Kenntni irgend eines Faktums vermindert?
    Hobhouse zuckte die Achseln und machte eine abwehrende Bewegung: Ich wte
nicht.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Hier schliet die Einleitung, die zugleich den Epilog bildet, schaltete
Krastinik ein. Jetzt beginnt die eigentliche Erzhlung der
Ehescheidungsgeschichte, welche nun Schritt fr Schritt in Byrons Vergangenheit
zurckleitet.

            Meine theure Lady Byron!
        Der Apotheker und Arzt Lord Byron's nahm sich die Freiheit, den
        Instruktionen Ew. Ladyschaft folgend, denselben zu besuchen, mit der
        Intention, ihm Luftwechsel und Landaufenthalt anzurathen, jedoch den
        heimlichen Zweck im Auge haltend, den geistigen Gesundheitszustand des
        distinguirten Patienten festzustellen. Dr. Le Mann hat nun wohl selbst
        Ew. Ladyschaft die Mittheilung gemacht, da er nicht den geringsten
        Anhalt zu der Annahme gestrter Gehirnfunktionen gefunden hat. -
        Nichtsdestoweniger ersuchte mich Lady Nol, in Gemeinschaft mit Dr.
        Baillie, dem berhmten Mediciner, Sr. Lordschaft eine Visite zu
        demselben Zwecke zu widmen. Zu unserer peinlichen Ueberraschung schien
        der edle Lord gar bald mit einer seines Genius wrdigen Einsicht und
        Beobachtung die Absicht zu erkennen und, nachdem er uns in gemessener
        Weise kundgegeben, da unsere Fragen ihm sonderbar frivol und
        zudringlich erschienen, bot er den sichersten Beweis seiner gesunden
        Geistesverfassung: Er befahl nmlich - um es deutlich zu sagen - dem
        Lakaien, diesen ungeladenen Besuchern ber die etwas steile Treppe
        hinabzuleuchten. Vllig berzeugt von der Abwesenheit jeder
        Geistesstrung bei dem edlen Lord, erlaube ich mir die Betonung der
        Thatsache damit zu verbinden, da die durchaus unentschuldbaren
        Rauheiten im Benehmen desselben Ew. Ladyschaft gegenber doch durchaus
        nicht diejenige Grenze erreichen, wo eine Scheidung nothwendig scheint.
        So hoffe ich mich mit Sir Samuel Romilly, dem Sachwalter des edlen
        Lords, in Verbindung setzen zu drfen, da es sich hier einfach um einen
        Vershnungs-Fall handelt und wir leicht ein gtliches Uebereinkommen
        treffen werden. - Ew. Ladyschaft direkten Befehlen entgegensehend,
        bleibe ich
                          Ihr ganz ergebenster Diener
                                                                Dr. Lushington.

    In diesem geheimnivollen Stil eines Wilkie Collins ging die Sache nun
weiter, bis die Advokatencorrespondenz mit einem mystischen Abendbesuch Lady
Byrons bei ihrem Anwalt Lushington abbrach, worauf derselbe erklrte: nach einer
neuen Mittheilung, die ihm erst jetzt offenbart sei, bestehe er auf sofortiger
Scheidung.
    Und der Grund? fragte Rother hastig.
    Ja, sehen Sie! Krastinik blinzelte pfiffig, als wre er schon ein
alterprobter Schlauberger und Sensationswtherich, der zur Abwechselung mal die
Geheimnisse Mi Braddons in zwanzig Bnden sammelt. Da steckt eben der Haken!
    Rother, dessen litterarischer Geschmack ber den eines gebldeten Lesers
in Deutschland nicht hinausging, fand diesen Anfang unendlich vielversprechend.
Wie spannend! Nein wie spannend! rief er einmal ber das andere.
    Ich bin berzeugt, Herr Graf, jeder Redakteur wrde Ihnen nach einem so
spannenden Anfang das Werk aufs Geradewohl bestellen.
    Meinen Sie? fragte Krastinik halb geschmeichelt halb zweifelnd.
    Bestimmt. Unsre Romane werden immer langweiliger, man schlft bald ein.
Eugen Sue mag ja kein Ideal sein, aber man liest so etwas doch hundertmal
lieber, als unsre deutschen Sachen ohne Handlung und Spannung.
    Jaja, die Handlung ist dem Verleger die Hauptsache und dem Publikum auch,
gab Krastinik zu, das wei ich wohl. Was kauf' ich mir fr die lange
Psychologie, nicht?
    Natrlich. Sie sind zum Romancier geboren. Sie Glcklicher! Da knnen Sie
bald ein reicher berhmter Mann werden. Und dazu Ihr Name, Herr Graf! Wir haben
schon verschiedene Grafen und Grfinnen, die schreiben. Wenden Sie sich gleich
an die groe Firma Hallberger in Stuttgart. Ich kann Ihnen vielleicht eine
Empfehlung geben, da ich mit Ueber Land und Meer in geschftlicher Verbindung
stehe als Illustrator.
    Meinen Sie also wirklich? Der edle Xaver fiel mit Heihunger ber den
ehrlich gemeinten Kder her. Nun, da wr' es wohl das Beste, wenn ich mal
selbst in Berlin Umschau hielte und mich mit Blttern und Bcherfirmen in
Verbindung setzte?
    Ja, das kam Rother grade gelegen. Mit glhenden Farben malte er seinem neuen
Freunde die Aussichten, die ihm winkten. Auch entwarf er ein lockendes Gemlde
von Berlin.
    Ganz entscheiden wollte sich Krastinik noch nicht, doch neigte er sich dem
Entschlu der Abreise zu, - um so mehr es ja in seiner Natur begrndet lag,
hastige pltzliche Entschlsse zu treffen.
    Doch bat ihn Rother, als er ihn an jenem Tage verlie, nun definitiv sich zu
entscheiden, da er bestimmt bermorgen nach Berlin zurckreise. - -
    Da half dem Grafen ein Wink des Schicksals aus seinem Dilemma. Denn, eben im
Begriff sich fr einen erneuten Besuch bei Egremonts zurechtzuputzen, erhielt
er, auf elegantem Velinpapier mit Goldschrift gedruckt, die freudige Nachricht
von dem geistigen Schutzpatron der Britischen Aristokratie, da seine Tochter
Alice sich mit Sir Thomas de Mowbray verlobt habe.
    Einen Augenblick fhlte sich Krastinik wie niedergeschmettert. Das Blatt
entfiel seiner Hand, er sank auf einen Stuhl und starrte lange vor sich hin.
Dann erhob er sich und strmte ins Freie.
    Wie lange er so umhergewandert, planlos, irr, durch Parks und Straen, - er
wute es nicht. Es war nach Mitternacht, als er, wie aus einem Traum erwachend,
an dem Eingang einer Underground-Station stillhielt. Mechanisch lste er ein
Billet, stieg die Stufen hinab, wo an jeder Seite lange Holztreppen in die
ungeheure Halle hinabfhrten, und wartete auf seinen Zug.
    In dieser Nacht war er ein Andrer geworden. Der Stahl der Hrte verschmolz
sich dem ideellen Silber und dem materiellen Kupfer seiner Seele. Ueber die
Falschheit der Welt kann man nur lachen. Ihr zrnen und sich ber sie grmen,
heit ihr allzuviel Ehre erweisen.
    Der letzte Nachtzug brauste mit rothfunkelndem Laternenauge heran. Die
hlzernen Wnde und Treppen der Underground-Station blickten so drr trbselig
drein. Droben auf der Oberwelt heulte ein eisiger Wind. Matt blinzelten die
Ampeln. Nur wenige Passagiere trotteten vorber.
    Krastinik dachte an eine Nacht auf dem groen Bahnhof zu Perth. Nebel ber
den fernen Bergen, er ganz allein auf einer Bank. Vor ihm auf und ab spazierend
nur ein amerikanischer Tourist mit Frau und Schwester, ber der Schulter den
buntgewrfelten Tartanplaid, der hier als Touristenmode gilt. Er hatte den Mann
recht von Herzen beneidet, den Glcklichen mit zwei weiblichen Wesen an der
Seite - er so ganz allein, fern der Heimath, einsam wie eine Distel auf
Lammermoors Haide, auf die der Hochlandregen niedertruft.
    Und dann kam ihm wieder die Erinnerung an eine Nacht in der ungarischen
Puta hinter Growardein, wo der Eisenbahnzug pltzlich hielt. Man hatte sich
verfrht oder versptet und ein entgegenkommender Zug wurde signalisirt. So
hielt man bange zehn Minuten an derselben Stelle. Die Schaffner liefen mit
Laternen drauen auf und ab, unabsehbar dehnte sich zu beiden Seiten die
Wstenei und aus den Smpfen kreischten unheimlich Wildgnse und Reiher im
dunkeln Rhricht.
    Am andern Tage theilte Krastinik seinem Kameraden mit, da er sofort
morgen Abend mit ihm nach Berlin abreisen werde und bereits gepackt und die
Bill bei seiner Wirthin erledigt habe. Zugleich machte er sich auf, um
Dorringtons diese Mittheilung zu machen. Er lie natrlich den Grund von Rothers
Kommen im Dunkeln, that, als sei dies ein alter Bekannter aus Wien her, und
entwickelte die litterarischen Grnde, die ihn nach Berlin trieben.
    Sogar Lady Dorrington billigte, was sie eine zeitweilige und geschickte
Entfernung nannte. Sie uerte sich sehr erbost ber Mi Alice's schmachtende
Falschheit, wie Frauen stets dasselbe Benehmen ihrer Schwestern shoking finden,
das sie selber doch unter Umstnden als echte Frauen in gleicher Weise betreiben
wrden. Weltklug rieth sie ihrem Neffen, erst aus Berlin seinen Glckwunsch
darzubringen: da er schon verreist gewesen sei, ohne zu seinem Bedauern sich
Egremonts empfehlen zu knnen, von pltzlichen wichtigen Affairen abberufen.
    Man mu seinen Rckzug decken und seine Niederlage bemnteln, mein armer
Xaver. Dieser bi sich auf die Lippen.
    ... Krastinik schlug Rother gegenber jetzt einen forcirt jovialen Ton an.
Er glaube, es werde sich diesem alles zum Guten wenden. Uebrigens mge er nicht
alle Hoffnung auf Kathi aufgeben. Der kleine Fleck in der Vergangenheit - was
schade das! Das bliebe ja unter ihnen drei - in der Familie. Sie sei ja sonst
offenbar ein ganz famoses Weib. Rother liebe sie doch nun mal. Also nicht
nachlassen!
    I was schadet's denn! Ich beneide Sie darum. Enden Sie als Gatte einer
dicken Gastwirthin, einfach lebend mit einem ruhigen Weib, die sich bescheiden
von Ihnen bilden lt. Solch ein derbes dummpfiffiges Kchenmensch pat grade
fr Sie - Sie idealen Schwachmatikus, verzeihn Sie. Damit werden Sie eine gute
Brut erzeugen - Darwinische Zuchtwahl.
    Hren Sie in mir den kundigen Thebaner! Sie meinen, die Leute werden sich
ber Sie moquiren? Pah, was geht Sie die Gesellschaft an! Sie Glcklicher, Sie
haben ja keine Rcksichten zu nehmen wie ich. Lgen dann die Neidhammel, die
sich ber Sie mokiren, nur in Ihrem Ehebett!
    Ja, nur los, ich gebe Ihnen meinen Segen! Nur hten Sie sich, da Sie nicht
wie als Freier auch als Mann den blden Corydon spielen - solcher
Sentimentalitt sind die Weiber und nun gar solche Weiber bald berdrssig.
    Aber Rother wollte jetzt von solchen Predigten nichts hren. Stumpf und
begierdelos, schien er in nrgelnde Apathie versunken. Hatte er zu viel von dem
ungewohnten London Fogg, dem dicken Nebel geschluckt?
    Ich will ewig reisen, und wenn ich auf Reisen bin, rgere ich mich ber die
tausend Plackereien, die damit verbunden, warf er mrrisch hin.
    Pah, Sie sind jetzt eben in krankhaft grmlichem Zustand. Glck und Unglck
wechseln, ebenso die Stimmungen der Seele in ewigem Ebben und Fluthen. Diese
ewige Unzufriedenheit ...
    Nein, nein, es scheint noch etwas Anderes: ich leide an einer
Nervenschwche, die sich als unbestimmte Angst uert. Ich frchte alles
Mgliche: Schmerz, Arbeit, Ueberarbeitung. Ja, ich bin berarbeitet; ich glaube,
ich mu in eine Kaltwasserheilanstalt. Ewig bohre ich mich in unliebsame
Erinnerungen ein, frchte mich - ich wei selbst nicht wovor.
    Ja, das scheint ernstliche Psychose, unterbrach ihn Krastinik wohlmeinend.
Sie mssen 'was fr sich thun. Spleen ist schlimmer als alle Ueberarbeitung.
Die frchtet nicht der wahre Knstler. Seine Stimme nahm unwillkrlich einen
salbungsvollen Klang an, als ob er sich bereits mit dem wahren Knstler
identisicire. Ja, jede Minute benutzen, das ist das einzig Wahre, und ganz
allein auf sich und den lieben Gott stehn. Lassen Sie doch die Qungeleien!
    Wer von Beiden war wohl der Dmmere? Der Eine litt an unbefriedigter
Ruhmsucht, der Andre an unbefriedigter Liebe. Krastinik kam sich aber gar
schneidig und bedeutend vor, weil ihm Alice's sogenannte Falschheit nicht das
Herz brach und ihm der Kopf von Ehrgeiz-Plnen brummte. Er erklrte jetzt, das
wahre Glck in der Selbstbefriedigung vollbrachter Pflicht und Arbeit entdeckt
zu haben, und citirte als Wahlspruch ein Impromptu:

Gebt mir Donner, gebt Orkane.
Nur nicht diese Windesstille
Auf dem Lebensoceane.
Denn zu kmpfen liebt der Wille.

    Jaja, es ist wunderbar wie eine erfllte Pflicht beglckt. Willenskraft,
Energie - darin liegt Alles, hob Krastinik wieder an. Aber wie schwer ist's,
sich zu erheben! Die Indianer in Mexico bleiben in ihrem eigenen Kothe liegen,
wie mir ein Reisender jngst erzhlte. Man prft ja Aehnliches jeden Morgen im
warmen Bett. Und in den alten Adam nicht zurckzufallen, wie unmglich! Da ist
nun die Gesellschaft mit ihren tausend albernen Kleinlichkeiten! Haben Sie eine
ungeschickte Verbeugung gemacht, so rgern Sie sich - nicht? Und wenn Sie alle
Weisheit der Vorsehung im Leibe htten! Statt aber schiefes Betragen zu bessern,
erzielt man bei sich nur unfruchtbaren Aerger. So doktert man an Allem herum und
spintisirt sich sogar vergangene Uebel schlimmer aus, als sie waren.
    Rothers Mimuth stieg nur durch diese Vernnftelei. Wenn man Andern seine
Noth klagt, beweisen sie sogleich, dies sei nur eigene Schuld gewesen.
    Eine Hlle auf Erden! Tausend Nadelstiche! Und Willenskraft - als ob's
einen Willen gebe! Wir werden unsre Thorheiten nicht los - die sind uns vererbt,
und angeboren. Wie wir einmal hereinfielen, werden wir's stets. Wen einmal ein
Weib dupirte, der wird stets aufs neue dupirt. Ich merke das, ich fhle das.
    Wohl wahr. Aber aus allem Miglckten kommt doch irgendwas Geglcktes. Aus
der Jagd nach dem Glck hat sich wohl Mancher schon Philosophie geholt.
    So schwatzten sie immer weiter fort in die Nacht hinein. Je mehr man
abfhrt, desto besser die Verdauung, meinen manche Leute. Je mehr man schwatzt,
desto reger die geistige Verdauung. Aber sie fhrt gar leicht zu geistigem -
Durchfall.
    Die Empfindsamkeit ber die Weltmisre bte auf Rother eine vergiftende
Wirkung: Sie bekehrte ihn zum Materialismus. Die elenden Erbrmlichkeiten einer
unidealistischen Weltanschauung wuchteten ihn vllig nieder, wie denn wahrer
Idealismus erst durch innere Ueberwindung des Materialismus errungen werden mu.
Die Verzweiflung des Idealismus fhrt zum Leben, der materialistische
Pessimismus zum Tod.
    Krastinik ermahnte ihn eindringlich beim Mittagessen, wo Beide wenig Appetit
entwickelten, doch der Welt und ihren dummen Spottgrimassen dreist ins Auge zu
sehn. Auerdem sei zehn gegen eins zu wetten, da kein Mensch von Rother's
Kathi-Tollheit etwas ahne.
    Ach, die Welt wei Alles, selbst unsre Lgen, seufzte Rother.
    Meinen Sie? Meinethalben. Jeder mu eben sehn, wie er's treibe. Nie ist ein
Mensch durch Disput mit Gegnern berzeugt, nie durch Andrer Warnung und Geschick
bekehrt. Lebensklugheit suchen ist umsonst - sie ist wie das Glck, wie das
Gefhl des Behagens, einfach da.
    Beide versanken in ein dstres Sinnen.
    Wie konnte ich nur -! fuhr es Rother heraus. Ich mu mich schmen.
Unerwiderte Leidenschaft fr ein ppiges Weib ist doch lcherlich.
    Das finde ich nicht. Ob nun physisch oder psychisch, Hingebung ist immer
schn. Nur egoistische Sinnlichkeit ist sndig. Ja, Du lieber Gott, die Liebe
wird wie jedes Laster eine Krankheit, der man frhnen mu.
    Ja, es ist gleichsam ein Faulheitszustand, aus dem man sich nicht aufraffen
kann. Und die Strafe der Faulheit bleibt ja nie aus, in tausend albernen Formen,
als Abhngigkeit von allen Auendingen. Nur das Innere, wenn man sich dorthin
zurckzieht, ist fehlerlos whrend die Auenwelt unaufhrlich Fehler bringt.
    Sehr wahr. Ach, Flei ist die hchste Weisheit, Arzenei, Rettung, Genu
zugleich. Ja, wenn man sich einreihen knnte in die Schaar jener Knstler und
Denker, die vor uns gestrebt und gewirkt!
    Und statt dessen bohre ich mich ein auf einen Fleck in ewigem Brten ber
Nichtigem! Der gesunde Mensch sollte lieber jeden Tag als eine freie Gabe
betrachten, fr die er danken mu. Ja, was sind wir alle fr thrichte elende
Zeitvergeuder!
    Wie die Feuerpfeile, welche die Hindoohs durch die Luft schieen, um den
Pfad ihrer Barken zu lenken, so beleuchtet manchmal eine jh aufzuckende
Augenblickserkenntnis die Nacht unklarer Empfindung.

    Am Sptnachmittag (sein Zug ging abends, Route ber Vlieingen)
verabschiedete sich Xaver von seinem vterlichen Mentor. Dieser begleitete ihn
eine Strecke weit nach Haus zurck.
    Also Du reisest mit Deinem neuen Freund! Gut, gut, auf Wiedersehen hier im
Herbst. Dorrington klopfte seinem jungen Freund auf die Schulter und sah ihn
mit jenem herzlichen Wohlwollen an, das den Grundzug seiner edeln Natur bildete.
Ich verliere Dich ungern lange. In meinem Alter! Wer wei, ob man sich
wiedersieht! Ich fr meinen Theil gehe jetzt bald aufs Land. Ein Buchenwald mit
seinen weien Stmmen macht einen ruhigen Eindruck. Was soll mir all der
Kultur-Kaleidoskop!
    Ich schreibe Ihnen jede Woche zweimal, mein theurer vterlicher Freund. Nie
werde ich Ihre Gte vergessen.
    Ach, tutut! Larifari! Ich hab' Dich gern und will Dir wohl und Dich zu
frdern macht mir Vergngen. Das ist der reine Egoismus!
    Sie und Egoismus! lchelte Krastinik.
    Pah, Egoismus ist die Triebfeder all unsrer Handlungen. Man schwatzt von
Philanthropie - was soll das! Das Wohlthun erregt dem Einen ein eben solches
Lustgefhl, wie dem Andern die Befriedigung seiner Bosheit.
    Ja, wenn Sie's so nehmen! Aber was bleibt denn da brig! Wo finge dann die
Tugend an! Verfeinerter Egoismus steckt natrlich in Allem. Der Mrtyrer am
Brandpfahl pflegt den verfeinerten Egoismus, sich ber die Welt erhaben zu
fhlen. Auch das ist ein Lustgefhl.
    Sehr gut. Dorrington wiegte beistimmend sein ehrwrdiges Haupt. Du fngst
an, zur Erkenntni zu gelangen. Fahre so fort!
    Aber nein doch! Sie als Prediger der Selbstsucht - das widerspricht ja
Ihren eignen Theorieen. Und berhaupt, mir scheint diese kalte Vernnftelei doch
anfechtbar. Ist der Mensch nicht von Natur gut, selbstvergessend? Sobald man
Jemand ertrinken sieht, heit uns der Instinkt nachspringen, also etwas
Unselbstisches. Erst die Berechnung und Ueberlegung lt uns stillestehn. Wie
kommt das? Des normalen Menschen Gewissen ist also von Natur edel und gut.
    Gewissen? Was ist das? Die Philosophie hat lngst festgestellt, die
Psychologie lngst deducirt, da dies Gewissen uns anerzogen wird.
    Das glaub ich nimmermehr. Das Gewissen ist der groe Unbekannte, der
unbekannte Gott, etwas Transcendentales. Dies ethische Prinzip ist jedem
Menschen eingeboren.
    Dann ist's also doch nicht transcendental. Was wird dann damit, wenn der
Mensch stirbt?
    Das knnen wir nicht wissen - wenigstens, sobald wir die Unsterblichkeit
leugnen.
    Das Gewissen soll also jedem Menschen eigen sein. Dann trge es ein
individuelles Geprge. Und doch soll's ein allgemeines Prinzip sein?
    Es ist kein individuelles Prinzip. Sondern das Gewissen, das Unbekannte,
Unbewute, ist das Prinzip der Existenz selbst. Es lebt in jedem Lebewesen als
ein Theil des groen ethischen Gesammtprinzips. So erklre ich mir das.
    Und doch tritt ja das Gewissen bei jedem Lebewesen verschieden auf, je nach
Erziehung und Abstammung. Der Eine hat ein zartes, der Andre ein hartes
Gewissen. Und seine Gebote - ndern sie sich nicht nach Zeit und Ort? Was bei
uns als Verbrechen gilt, mag im Orient oft Sitte gewesen sein.
    Mglich. Ich erinnere mich, da ich als Kind weinend zu meiner Mutter kam,
weil ich mit Steinen werfend unversehens einen Vorbergehenden getroffen hatte.
Es war nicht Furcht vor Strafe, sondern die Reue, einen Menschen verletzt zu
haben.
    Gute Race! erklrte Dorrington kaltbltig. Die Knaben des Pbels, welchen
Thierqulerei einen Hochgenu bereitet, wrden in solchem Fall ber Deine
Dummheit lachen. Es ist alles Abstammung.
    Freilich, gute Race - hm, hm! Wer wei, ob unser Idealismus - ich war mein
Lebtag ein eben solches Kind und bedaure in Dir meine eigne Schwche - nicht
eine physisch schlechte Race andeutet! Unsre Eltern haben an einer Art Psychose
gelitten, an allzu zarter Feinheit des Nervensystems, waren nicht normal gesund
d.h. brutal-egoistisch, als wir gezeugt und geboren wurden. Der Idealismus ist
eine Krankheit; davon la' ich mich nicht abbringen.
    Meinethalben! Krastinik seufzte tief auf. Aber was hilft's, das zu
wissen! Damit kommen wir keinen Schritt weiter. Wir mssen ja doch das Leben
ertragen, wie's einmal ist, und unsre idealen Forderungen verkneifen.
    Ja, bis der Tod uns kneift. Der Alte ghnte leicht und schttelte sich,
wie in einem Gefhl des Unbehagens. Und um's ertrglicher zu machen, hat man
sich die Mr von der Unsterblichkeit erfunden. Das ist auch so eine Art
Grenwahn des Menschen. Endlich sollte die Naturwissenschaft ihn doch belehrt
haben, was fr ein Wurm er ist. Wahrhaftig, man sollte denken, da Dein
eingeborenes Prinzip beim Menschen nichts andres als der Grenwahn ist!! Erst
dachte er sich Sonne, Mond und Sterne um seine winzige Erde hertanzen und
schneiderte sich einen Gott zurecht, der nur fr ihn und seine Bedrfnisse da
war! Jetzt mu er wohl oder bel einsehn, da sein Erdklumpen nur einen Punkt im
Universum vorstellt. Darwin hat ihm endlich zu Gemthe gefhrt, da er nur ein
hher entwickeltes Thier sei. Und trotz alledem hlt sich der veredelte
Menschenaffe immer noch fr einen hochwohlgeborenen Grandseigneur, an dem Sonne,
Mond und Sterne ein ganz besonderes ehrfrchtiges Wohlgefallen haben!
    Sie bertreiben. Der Graf lchelte etwas ironisch. Wre dem so, so wrde
der veredelte Menschenaffe wohl etwas mehr in seiner persnlichen Auffhrung
danach streben, vor Sonne, Mond und Sternen mit Ehren Parade zu stehn! Uebrigens
- ber diese Descendenztheorie lt sich noch streiten. Lngst hat mich einfache
Logik gelehrt, da der Uraffe, von dem wir abstammen uerst verschieden gewesen
sein mu von dem Urahnen des eigentlichen Affengeschlechts. Warum hat nur der
Menschenaffe solche Fortentwickelungsfhigkeit gehabt und warum ist der Affe,
wie wir's am Gorilla und Schimpanse heut sehn, nach Aeonen immer derselbe
geblieben? Der Menschenaffe war eben ein Genie. Denn Genie scheint mir keine
concrete Fhigkeit, sondern eine Art Baccillus, der im Gehirn bei der Geburt
steckt und sich langsam je nach den Umstnden fortbildet oder auch nicht. Der
Eine wird ein groer Mann, der Andre ein Verbrecher. Wie mancher Handlungscommis
knnte ein Clive, wie mancher Midshipman ein Nelson werden, wenn die Umstnde
ihn begnstigen! Csar Borgia wurde kein Csar: er hatte kein Glck. Sulla der
Glckliche! Csar und sein Glck! O die Rmer waren kluge Leute. Der
Menschenaffe hatte Glck und hatte Genie. Der Ur-Gorilla aber hatte ein
Durchschnittsgehirn und weder Glck noch Initiative. - Nein, nein, unsere
Verwandtschaft mit dem Affengeschlecht scheint mir nur uerlich und kann nur
dem Oberflchlichen imponiren.
    Sieh, sieh! spottete Dorrington. Da haben wir den menschlichen Grenwahn
in optima forma. Uebrigens, brach er ab, indem er nachdenklich vor sich hin
blickte, vielleicht verdanken wir unserm Grenwahn auch unser bischen Gre.
Man mu an sich glauben. Goethe sagte sogar, da noch kein rechter Kerl an
seiner Unsterblichkeit gezweifelt habe.
    Ja, mit dem Grenwahn ist das ein eigen Ding. So mssen z.B. Mohamed,
Christus, Buddah sich fr bermenschen ausgeben, weil die Menschen nur die
Person, nie die Sache sehn und daher ohne dies das Groe in ihnen nicht siegen
knnte. Solch ein Grenwahn scheint also nothwendig, wird sogar zur Tugend!
    Krastinik schwieg betroffen. Diese Auffassung kam ihm sehr gelegen und
leuchtete ihm ein. Doch warf er hin:
    Grenwahn scheint fast immer gepaart mit hochmthiger Verkleinerung der
Andern.
    Nun ja, das ist eben der natrliche Egoismus, aus dem ja auch der
Grenwahn hervorgeht.
    Sei also der Grenwahn der Groen berechtigt - wie aber entschuldigt man
die Einbildung der Kleinen?
    Ach, denken wir auch hier menschlich! Nur die Lumpe sind bescheiden. Was
wren wir ohne Hoffnung! Ein solcher Grenwahn ist oft Selbsterhaltungstrieb.
Dagegen ist nichts zu sagen. Ein solcher Glaube trstet einen armen Teufel im
Kampf ums Dasein; der Glaube an seine innere Bedeutendheit hlt ihn aufrecht.
    Beide blieben an einer Wegebiegung stehn, um sich zu trennen. Sie hatten
sich schon die Hnde geschttelt und hielten sich noch immer bei der Hand.
    Schon gut, aber man macht sich doch lcherlich -
    Weil die Eitelkeit der Andern sich ber unsre Eitelkeit rgert? Nun ja, man
mu es nicht herauskommen lassen. Das ist ungeschickt. Die Hochmthigsten sind
die, welche ihren Hochmuth nicht mit Worten zeigen. - Na, es soll mich wundern,
wie Du in der Hauptstadt des deutschen Geistes mit all den groen Geistern
auskommen wirst. Meinen Segen hast Du dazu! Lebwohl - mein Junge, lebwohl!

                                 Sechstes Buch.



                                       I.

Bei seiner Rckkehr hatte Rother folgenden Brief gefunden:

                Geehrter Herr,

    Verzeihen Sie, da ich es wage, diee Zeilen an Sie zu schreiben, es ist ja
nur betreffs meines Bildes, um dessen Rckgabe ich Sie einst bat. Ich wei, da
Sie mir zrnen. Denn wenn Sie Charakter haben, mssen Sie das thun, denn Ursache
haben Sie vollauf, und eben weil ich das annahm, glaubte ich damals nicht eine
wunde Saite bei Ihnen zu berhren, Erinnerungen bei Ihnen wachzurufen - - wenn
ich Sie um Rckgabe meines Bildes bat, weil ich Selbes fr Sie lngst wertlos
whnte und auerdem sind Sie in ganz Deutschland der einzige Besitzer eines
Bildes in die Genre, da ich seiner Zeit blo drei machen lie und die zwei
andern in Hnden meiner Familie sind.
    Da ich nun aber aus Ihren Zeilen ersehen da Ihnen noch ein klein wenig an
dem Bilde liegt behalten Sie es als Erinnerung an eine traurige Zeit fr Sie und
mich und wenn es Ihnen manchmal aus versehen in die Hnde kommt, urtheilen Sie
nicht zu strenge ber da Original, welches auch ein schlagendes Herz in der
Brust hat und auch recht deutlich fhlt was wohl und wehe thut ... Mit dem
Kohlrausch bin ich fertig fr ewige Zeiten mein Ohr wird beleidigt wenn ich von
ihm hre. Fragen Sie mich nicht wie es gekommen, sondern ziehen Sie den
Charakter dieses K. in Betracht. Dann knnen Sie sich selbst Antwort geben. Nun
sende ich Ihnen meinen letzten Gru und wnsche Ihnen all das gute was man
Jemand wnscht, fr den man die grte Achtung im Herzen hegt

    Rother sttzte sein Haupt in beide Hnde. Groe Thrnen quollen aus seinen
Augen und jede Thrne brannte.
    Dann strzte er sich auf sein Schreibzeug und entwarf in einem Zuge
folgenden Brief:
    Verzeihen Sie, wenn Ihr Brief mich drngt, auf einige Punkte desselben noch
einmal zu antworten.
    Htte ein Mann diesen Brief mit seiner ruhigen Vornehmheit der Gesinnung, in
ehrlichem Eingestehen eigener Verschuldung und doch Bewahrung der eigenen Wrde,
geschrieben, so wrde ich nicht anstehen zu urtheilen: Diesen Brief hat ein
Gentleman geschrieben.
    Sie tuschen sich aber in zweierlei Dingen.
    Sie meinen, ich msse auf Sie bse sein, wenn ich Charakter htte.
Charakter zeigt sich aber nicht in kleinlichem Nachtragen, sondern in
gromthigem Verzeihen und vor allem in Beherzigung des franzsischen
Sprchworts: Alles verstehen heit alles verzeihen. - Ich bin eigentlich nie
bse gegen Sie gestimmt gewesen, sondern habe nur Mitleid und Bedauern
empfunden. Da ich wie gewhnlich auf den ersten Blick den Charakter jenes K.
durchschaute, ist ja natrlich; da Sie meine Warnung so sehr berechtigt finden
muten, freut mich wahrlich nicht, sondern betrbt mich tief. Es ist aber ein
altes Porrecht der Frauen, oft den erbrmlichsten Wicht dem Besten vorzuziehen.
Schwachheit, dein Name ist Weib.
    Wenn Sie aber whnen, da ich jedes Interesse fr Sie verloren htte, so
irren Sie sich leider sehr ber die Tiefe der Empfindung, welche Sie mir
eingeflt haben. Stolze Naturen wie die meine, welche innerlich stets einsam
sind, pflegen Liebe und Ha nicht tglich wie ein Hemd zu wechseln. Die
landlufige Verliebtheit ist, bei Mnnern wenigstens, eine Sache, die mit Essen
und Trinken auf einer Stufe steht. Solche Liebe ist Eitelkeit und
Sinnlichkeit, wenn sie nicht Wahnsinn ist. Bei meiner groen Geringschtzung der
weiblichen Natur habe ich das stets nur als Spiel und Sport betrachtet und
behandelt. Bei Ihnen aber liegt die Sache anders. Ich glaube kaum, da ich je
wieder fhig bin, hnlich selbstlose Gefhle fr irgend ein weibliches Wesen zu
hegen. Die Liebe hat ein sehr sicheres Warum, sie ist ein Naturtrieb. Ich
zweifle daher nicht, da Sie eine naturnothwendige Ergnzung meiner Natur
geworden wren.
    Doch das Leben ist rauh und erbarmungslos, und die Verhltnisse meist
unberwindlich, - wenn sie es auch im uersten Nothfall fr Menschen von meiner
Energie niemals sind. Doch - geschehn ist geschehn und vorber ist vorber.
    Doch werden Sie begreifen, da nach solchen Erlebnissen ein vlliges
Vergessen unmglich ist und da ich, wann und wo ich Sie auch je im spteren
Leben wiedersehen mag, Sie niemals ganz gleichgltig fr mich sein werden,
ebenso wie Sie nie meinen Namen lesen werden, ohne da ein seltsames
Erinnerungsgefhl Sie beschleicht.
    Jedenfalls aber danke ich Ihnen herzlich fr Ihren Brief, und danke Ihnen,
da Sie mir grte Achtung im Herzen bewahrt haben. Ich erwiedere diese
Achtung und bleibe Ihr schweigender Freund, der Ihnen fr alle Zukunft
aufrichtige Theilnahme ohne alles Nebeninteresse heimlich bewahrt und Ihnen mehr
Glck und Seelenfrieden wnscht, als Ihr Schicksal es bisher Ihnen bescheert
hat.
    Schon wollte Rother diesen Brief absenden - natrlich an die alte Adresse in
der Gerichtsstrae -, als sein Blick zufllig auf das Couvert fiel, das er
natrlich nach Erkennung der Handschrift sofort erbrochen hatte, ohne den
Poststempel zu beachten. Jetzt fiel ihm dieser ins Auge: - Hamburg! Was
bedeutete das? Sie hatte sich dieses Kohlrauschs entledigt und ging nun dennoch
nach Hamburg zurck?!
    Ohne zu zgern, eilte er sofort zu Frau Lmmers.
    Diese empfing ihn mit grter Verlegenheit.
    Sie habe Herrn Rother aufgesucht, um ihm Mittheilung zu machen - obschon sie
ihn ja kaum kenne, sei dies doch ihre Pflicht gewesen. Und nun grade mute sie
erfahren, da er verreist sei!
    Worum es sich handele? O ganz einfach. Erstlich wollte Kathi durchaus nicht
dulden, da Rother in Ungelegenheiten gebracht werde, und erklrte, dabei werde
sie nie gegen ihn zeugen. Und dann, sobald sie unter den dringenden Umstnden
mit Kohlrausch wirklich Ernst machen wollte, habe sich dieser unter allerlei
Vorwnden glatt wie 'n Aal zurckgezogen. Endlich sei es klar geworden, da er
im Grunde auch nur darauf spekulirt hatte, das schne Mdchen herumzukriegen.
Endlich in einer heftigen Scene, als sie ihm Vorwrfe machte, erklrte er brutal
gradheraus, da es ihm nicht einfallen werde, ein Mdel ohne einen Pfennig in
der Tasche zu heirathen. In einer Aufwallung wahnsinniger Wuth hatte sie ihn
darauf geohrfeigt, ihm die Thr gewiesen und einen heiligen Eid geschworen, sie
wolle ihn niemals wiedersehn. - Stundenlang, erzhlte Frau Lmmers, habe sie
sich auf dem Sopha in Weinkrmpfen gewlzt und immer wieder gerufen: Das ist
die Strafe! O Rother, Rother!
    Daraufhin sei sie, die Wirthin, heimlich zu Rother gegangen. Als sie dann
Kathi mittheilte, was sie gethan - worber diese aufgefahren sei: Ich sterbe
vor Scham! - habe diese, sobald sie erfuhr, Rother sei nach England gereist
(also jedenfalls fr lange), sich wrdig gefat. Das freue sie. Er sei nun
wenigstens erlst und gerettet. Nie werde sie ihm mehr unter die Augen treten
knnen.
    Was aber nun! Wovon leben! Wieder die alte Geschichte, wie im vorigen
Sommer! Einen ihrer alten Verehrer beglcken - ja, dazu war noch immer Zeit.
Aber ehe sie das that, eher sterben!
    Da fhrte ihr in einem Caf der Zufall einen jungen eleganten Herrn in den
Weg, mit dem sie in ein Gesprch kam. Ja und was wollen Sie! In den hat sie
sich verliebt! Und nun ist's obendrein ein sehr reicher junger Herr. Kurzum -
    Kurzum! - Aha! Es war Rother, als ob eine andre Stimme so dumpf aus ihm
antworte. Und da sind sie nun sozusagen auf der Hochzeitsreise?
    Ja natrlich! Hier htt' ich das Verhltni nie geduldet und Kathi selbst
wollte nicht - hier wre sie ja doch leicht ausgesprt worden. Wohin sie sind,
wei ich nicht recht. Doch glaube ich - Sie zgerte.
    Nur heraus mit der Sprache!
    Ich hrte mal, wie er viel von Norwegen erzhlte, wo er hin wollte. Das sei
jetzt bei den Herrn Touristen so beliebt. Und sie lie sich viel von ihm
erzhlen darber.
    Stimmt. Poststempel Hamburg. Und ... und - wie heit ihr neuer Amoroso?
    Frau Lmmers zgerte. Ja, ich wei nicht ... Sie mssen mir versprechen,
mich nie zu verrathen ...
    Mein Ehrenwort.
    Also gut. Er heit Eugen Wolffert.
    Eugen Wolffert! Der Sohn des Kommerzienrath Wolffert - des
Waffenfabrikanten, des fortschrittlichen Reichstagsabgeordneten?
    Derselbe.
    Rother stand einen Augenblick regungslos. Es durchschauerte ihn jhlings der
Gedanke, da es wohl gar keinen Zufall gebe, sondern alle Dinge innerlich aus
Nothwendigkeit in einem abgezirkelten Kreise zusammenlaufen. Berg und Thal
kommen nicht zusammen, aber wohl die Menschen in Berlin.
    Er fate sich jedoch rasch und that mglichst unbefangen. Da die Sache nun
also endlich aus und zu Ende sei, befriedige ihn. So sei Kathi denn besorgt und
aufgehoben. Somit empfehle er sich Frau Lmmers und danke ihr fr die vielen
Unannehmlichkeiten, deren sie dieser Geschichte halber sich unterzogen.
    Zu Hause steckte er sich eine Cigarre an und berlie sich Trumereien, die
an seine Vergangenheit anknpften.
    Eugen Wolffert! Ja, den hatte er gekannt. Er dachte an eine Episode seines
Jugendlebens zurck, an den Tag seiner Abiturientenprfung.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Der wrdige Pdagoge hatte gesprochen, ordnete seine weie Kravatte, schob
seine Brille zurecht und erglnzte von dem milden Lcheln vterlichen
Wohlwollens. Die Mtter, vllig berwltigt von den klassischen Citaten und
Rhrung, weinten bitterlich. Die Schwestern starrten - nicht nach dem speziellen
Bruder, sondern seinen speciellen Collegen. Die Vter versuchten ergriffen
auszusehen. Kurz, alles ging so zu, wie es seit grauer Vorzeit bei
Abiturientenentlassung herkmmlich ist. Leider schienen die nicht ganz
gewhnlichen Charaktere, wie Director Sprengler es so schn ausgedrckt hatte,
der drei Aspiranten des ffentlichen Lebens am wenigsten sanfteren Gefhlen
zugnglich. Der Eine lehnte mit verschrnkten Armen (eine Stellung, die er zur
uersten Entrstung des Pedells und der jngeren Schulamtscandidaten whrend
der letzten fnf Minuten kaltbltig behauptet hatte) an einem Pfeiler in der
Haltung stolzer Gleichgltigkeit. Der Andere blickte dem Lehrer seiner
unerfahrenen Jugend, die Augen halb geschlossen, in die Reuer der Beredsamkeit
strahlenden Brillen, - mit dem kahlen und mitleidigen Lcheln, das sich bei
nherer Besichtigung wie verchtlicher Hohn ausnahm. Der Autokrat der Aula
schien brigens an diese verrtherischen Anzeichen eines schlechten Gemths
durch langjhrige Erfahrung gewhnt.
    O, er fhlte es, der absolute Dynast, mit gerechtem Groll: dies war nicht
mehr das Lcheln des Trotzes sondern das triumphirende Lcheln des Befreiten vor
seinem frheren Kerkermeister.
    Dieser Jngling nimmt ein schlechtes Ende! murrte der wohlwollende Seher
einem grauhuptigen Oberlehrer der Anstalt zu - dem wohlbekannten Dr. Mffich,
welchem jene von der gelehrten Welt mit solchem Beifall aufgenommene Abhandlung
ber den Bart des Sokrates gelang. Recte! versetzte dieser graue Trojaner.
Die Jugend wird immer verderbter!
    Und welch schlechte Manieren! wisperte der schne Dr. Luc, welcher einen
Essay - beileibe nicht Dissertatio, heute wird die Wissenschaft modern und
elegant, Schlafrock wird unschicklich selbst fr Metaphysiker, und die
schlafmtzigste Grndlichkeit wirft sich in Frack und Glacee - ber die
Superioritt des franzsischen Geistes verbrochen hat: ein Thema, das ihm bei
einem gerechten deutschen Publikum groe Sympathien gewann. Luc war auch mal in
Paris gewesen und litt am Grenwahn der Gallomanie.
    Der dritte Jngling entfaltete indessen die Talente eines Satelliten. Erst
versuchte er die stolze Nonchalance von Nr. 1, dann die sardonische Grimasse von
Nr. 2 nachzuffen. Schwankend zwischen der Verehrung zwei so illstrer
Vorbilder, ghnte und grinste er in schnem Wechsel, bis er endlich, ermdet von
seinen erfolglosen Anstrengungen, das Kennzeichen seiner wahren Natur
entwickelte, nmlich den trumerischen Blick phantastischer Duselei.
    Der groartige Ritus der Entlassung war nun zu beendigen durch den
ehrenvollen Akt des Hndeschttelns mit dem einstigen Despoten. Der
Gleichgltige schttelte mit jovialer Herablassung, der Trumerische wie ein
verlegenes Kind, und der Hhnische mit einer beleidigenden kalten Hflichkeit.
    Dann wandte sich der wohlerzogene junge Mann mit einem halb natrlichen,
halb affektirten Ghnen zu seinen zwei Freunden, welche mittlerweile ihren
Familien eine zarte Erffnung ber einen zu haltenden Soff bereitet hatten,
den die drei Abiturienten fr den Abend verabredet hatten. Fr ihn selbst schien
keine Familie anwesend. - Sie standen allein in der Vorhalle der Aula. Eh bien!
 rief der Gleichgltige, offenbar die Hauptperson dieses Kleeblatts, all
right? Grten wir denn unsre Lenden und wandeln in das gelobte Land, wo Bairisch
und Kutscher in Strmen flieet! - So leb' denn wohl, Du altes Haus! Herr
Pedell, unsre Ueberzieher! Und hier, lieber Herr, ein kleines Souvenir fr so
viele Mhe!
    Danke, danke, Herr Wolffert! kratzfute der gerhrte Herr Baum, drei
Thaler bis ins Herz hinein fhlend, danke Sie vielmals! War mich immer eine
groe Ehre, einem so seinen jungen Herrn gefllig zu sein! Ich hatte, drf ich
woll sagen, stets een Auge auf Ihnen! Viele Mhe - hehe! Des drfen Sie woll
sagen! Schon - alleine -
    Die Carcer! lachte der junge Mann frhlich. O mu ich denn auch Dich
verlassen, Wiege meiner Jugend? Wann war's denn das letzte Mal, lieber Herr
Pedell?
    Na, wissen Sie, mir ducht, als Sie Herrn Schulamtskandidaten Specht so
frech - ds will sagen, ich meine - so kavaljeremang traktirten! Die Geschichte
mit das Fenster!
    Ich kann mich wirklich nicht erinnern! behauptete der Schwerenther. Er
wollte es gern noch einmal hren.
    N, ds mu man sagen? Nich erinnern? Vier Stunden Brummen? Ds heit - ich
erinnere mir, gebrummt haben Sie nicht, aller jejrlt haben Sie janz laut Steh
ich auf finstre Mitternacht und andere jefhlvolle und patriotische Jesnge und
- juter Jott! - jejessen haben Sie! Ich erinnere mir, der Career glich Sie einer
Ewaarenhandlung!
    Bravo! Kapitales Gedchtnis! - He, Leonhart! Der Hhnische hrte auf
diesen Namen. Willst Du nicht ber die Functionen der Erinnerung in den
Gehirnen der Masse philosophiren? Hier Herr Baum hat ein tief entwickeltes
Stullengedchtni!
    Und ein Trinkgeldgedchtni dazu! Ich habe nie daran gezweifelt: Seine
Freuden der Erinnerung!
    Na, was ds anbelangt, Herr Leonhart, so gaben Sie mich mindestens nich
ville Jelegenheit, dies Jedchtni zu exerciren!
    Der erboste Pedell war offenbar schon lange von der Insolenz dieses Leonhart
gereizt. Er riskirte lieber sein Trinkgeld zu verlieren; vielleicht wute er,
da er doch keins bekam.
    Unsinn, lieber Herr Baum! lachte Wolffert. Er meint's nicht so! Er
insultirt Leute manchmal nur, weil es so seine Gewohnheit ist. Keine bse
Absicht! Er versuchte augenscheinlich den Protektor zu spielen. Und nun, um
auf den besagten Hammel zurckzukommen -
    Sie meenen den Specht? Nu, sehn Sie, die Sache war Sie die: Die
Klassenfenster stehen offen. Und Monsieur Specht - nach drei Thaler Trinkgeld
darf man schon was riskiren! - kommt in die Prima, wo er ja nischt zu suchen
hat, und kreischt: Fenster zu! Sie da! Und damit meint er Ihnen, Herr Wolffert,
insofern als Sie zunchst das Fenster standen, sehn Sie -Sie da, sagt er machen
Sie mal die Klappe zu! Ds traf Ihnen. Und Sie sagen, sehen Sie: Herr, den ich
nicht zu kennen die Ehre habe - ds war frech, entschuldigen Sie mir, aber ds
war frech! (Frech bedeutet: tapfer und brav, im Schuljargon) Sie sollen Ihre
Lehrer kennen. Sehn Sie! - Also: Ehre habe! sagen Sie machen Sie lieber selbst
Ihre Klappe zu!!
    Das war riesig frech! jubelte der Trumerische und warf einen Blick tiefen
Respekts auf seinen vom Bewutsein edler Frechheit strahlenden Freund.
    Oder bitten Sie mir erst! sagen Sie. Man bittet in anstndige Jesellschaft!
- Na, das Jesicht von Spechten knnen Sie sich man selber imaschuiren!
    (Baums klassische Studien bereichern seinen Wortschatz mit Gebilden einer
seltsamen Sprache, welche von Gelehrten der Tertia fr Chaldisch erklrt wird,
mit Anklngen an das Etruskische.) Roth, wie ein Puter schreit er: Sie
impertinenter Flegel! sagt er Ihren Namen! - Hehe, impertinenter Flegel! sagt er
- entschuldigen Sie mir, aber ds war stark! Impertinent ist stark!
    Wurde noch nie einem Primaner geboten! bemerkte der Hhnische, mit
schmunzelnder Befriedigung, da man selbst diesem Heros so was bieten konnte!
    Lachen Sie nicht! rief Wolffert jedoch mit herrischer Stimme, roth vor
Zorn. Ich werde diesen vulgren Burschen spter zurecht setzten! Bei Philippi
sehen wir uns wieder!
    Na gut Impertinenter Flegel! sagt er also -
    Sie brauchen es nicht wiederholen!
    No, nee! Entschuldigen Sie mir - hm! hm! Imper - das war stark! Ihren
Namen! sagt er. Sagen Sie: Mein Name ist Wolffert! Ich bin sonst ein sehr
hflicher Mensch! Aber, wenn ich mit Grobianen - hehehe! Das war frech. Das wird
sich finden! schreit er. Und es fand sich, da Sie sich im Career fanden! Na,
frech war es doch!
    Danke fr diese Erinnerungen einer schnen Seele und besonders Ihre
erluternden Bemerkungen! Adieu, lieber Herr! Muh i denn, mu i denn zum Stdtle
hinaus und Du mein Schatz bleibst hier? Hat mich sehr gefreut, Ihre langjhrige
Bekanntschaft gemacht zu haben!
    Ileichfalls! Ileichfalls, Herr Wolffert! Erhalten Sie mich Ihr schtzbares
Wohlwollen! - Ihr Diener, meine Herrn!
    Empfangen Sie die Segenswnsche eines kindlichen Herzens! Leonhart klopfte
ihm gravittisch auf die Schultern, Lieber Baum, wachsen und blhen Sie und
mgen wir - wer von uns beiden wnscht's am innigsten - uns nimmer wiedersehn!
Er verschwand ohne Trinkgeld.
    Impfpudtanz! (Sollte heien: Impudenz), murmelte der verletzte Kastellan.
Redensarten hat er immer, die man nicht braucht, aber nie einen Dreier! Der
Trumerische gab eine Mark und sagte simpel Adieu. Der Pedell, welcher den Wert
jedes Menschen richtig taxirte, dankte ihm kaum. Nur Unverschmtheit flt den
niederen Stnden Achtung ein.
    Die Drei schritten rasch, um sich warm zu laufen, Arm in Arm vorwrts.
    Die langweilige Geschichte wre also endlich vorber! hob Leonhart an.
Nun steht noch der Einjhrige wie ein Gespenst vor meinem ahnenden Geist. Der
Schuljunge ist todt, todt, todt! Das todt tirilirte er mit einem Juchzer in
die Luft hinaus.
    Pah, was sind Unteroffiziere und drei Millionen Donnerwetter, multiplizirt
mit einer Erbswurst, fiel der gewaltige Wolffert mit seiner blichen gezierten
Genie-Pupperei ein, im Vergleich zu den Impertinenzen dieser Schulmeister! -
Juchhe, ich bin so hungrig, als wre heut nicht der feierlichste Moment meines
Erdenwallens. Erst gezchtet und auf die Lebensweide geschickt, wie Hmmel mit
Zeugni Strichen auf dem Rcken! Dann auf die Thierschau geschickt und
hartgeritten beim Militr und wieder mit Zeugnissen aus dem Militrdienst
entlassen! Dann mit Zeugnissen vor den Altar getrieben und dann selig verstorben
und beerdigt - mit Zeugnissen!
    Sehr gut. Leonhart lachte laut und bitter auf. Wieviel Papiergepck ein
Mann auf die Reise ber'n Styx mit sich bringt! Wieviel Zeugnisse man braucht,
um ehrlich sterben zu knnen!
    Rother schwieg und lauschte nur entzckt auf die krankhaft sprhende
Lustigkeit dieser phosphorescirenden Nichtse. Mit der gleichen widerlichen
Affektation, an die er heut nur mit verchtlichem Lcheln zurckdenken konnte,
feierten sie dann ihr Abschieds-Convivium, wobei natrlich Wolffert wieder als
Prses und Matador strahlte. Sie hatten sich dann mit dem Versprechen getrennt,
auch im spteren Leben (jeder von ihnen ging vorerst verschiedene Pfade:
Wolffert als forscher Corpsstudent nach Heidelberg, Rother auf die Malerakademie
nach Dsseldorf, Leonhart nach seiner Heimat in Quedlinburg am Harz)
zusammenzuhalten. Wie es gewhnlich bei solchen Versprechen geht, hielt es
keiner. Anfangs hatte man noch ab und zu von einander hren lassen. Bald erlosch
jedoch jede Verbindung. - Leonhart und Rother hatten sich erst spt in Berlin
wiedergetroffen, beide mittlerweile bekannte Namen in ihrem Fach geworden.
Wolffert war fr sie ganz verschollen.
    Sohn eines sehr reichen Mannes, des Kommerzienrats Wolffert,
(Waffenfabrikant und fortschrittlicher Reichstagsabgeordneter), benutzte der
bezaubernde Eugen natrlich diese natrlichen Vorteile, um vorerst das Leben zu
genieen. Er lebte in Paris, London, Rom und tobte sich aus, ging dann nach
Amerika. Nachher warf er sich auf naturwissenschaftliche Studien mit demselben
Eifer, wie er frher Rudern, Schwimmen, Fechten, Reiten und hnlichen Sport
cultivirt hatte, und glaubte in der Chemie den Schlssel zum Weltrtsel entdeckt
zu haben. Allein, er brachte es auch hierin zu nichts und der himmelstrmende
Titane in Glacs, der auf der Schule sich als neuer Mirabeau von den
Commilitonen anstaunen lie, entpuppte sich, wie so viele Genies der
Flegeljahre, als ein hchst gewhnlicher Dilettant und Weltbummler. Wer htte
damals prophezeit, da der blasse sffisante Leonhart ein berhmter Dichter und
der trumerisch schchterne Rother ein sehr bekannter naturalistischer Knstler
werden knne! Aber auf den schneidigen eleganten Wolffert - ja, auf den htte
Jeder geschworen, da etwas Auerordentliches in ihm stecke! Und nun nichts, gar
nichts - ein reicher junger Mann, der den Namen seines Vaters fhrte - der Sohn
seines Vaters!
    Ach, Rother erinnerte sich mit wehmthiger Ironie an verschiedene
Wunderkinder, in welchen die Herrn Schulmeister neue Sulen der Wissenschaft
geahnt hatten, - besonders einen gewissen neuen Mommsen. Ach, dem jungen
Doctor war er krzlich begegnet. Wie hatte nicht er selbst den frher
bewundert! Und nun mit seinen welt- und leidgeschrften Augen sah er einen
kmmerlichen philistrsen Durchschnittsmenschen in dieser jungen Leuchte der
Wissenschaft - ein Menschlein, grade gut genug, um in alten Pergamenten zu
bffeln und Inschriften mit seiner blden Brille zu entziffern.
    Eugen Wolffert! Eine unaussprechliche Verachtung ergriff ihn bei diesem
Namen. Dann keimte allmhlich ein dsterer Ha in ihm empor. Ein solcher
Halb-Mensch, der nie wahrhaft gelitten, nie wahrhaft gelebt, nie wahrhaft
gestrebt, geschweige denn gewirkt - ein solcher Eunuch geschwtziger
Pseudo-Bildung kreuzte seinen Weg und nahm ihm, was sein durch das Recht der
Liebe und des Leids. Wie er auf der Schule durch seine imponirende
Aeuerlichkeit den unscheinbaren bescheidenen Rother niedergedrckt, so sollte
er auch jetzt den Sieg davontragen?

                                      II.


Krastinik hatte sich sofort nach seiner Ankunft in Berlin durch Rother
verschiedenen Litteraten vorstellen lassen. Einigermaen ber die Verhltnisse
aufgeklrt, mit Empfehlungen versehen, machte er sich nun sofort daran, seine
Feder-Versuche auszubeuten. Seine Lyrika lagen wohlgeordnet in einer Mappe und
er gedachte sich einen Verleger zu sichern, indem er vorerst einige Proben in
einem Journal placirte. Er ahnte zwar sehr wohl, da der deutsche Biedermann
grundstzlich keine Gedichte liest; allein er meinte mit Recht, da es zum Debut
eines ordentlichen Autors gehre, ein Bndchen Gedichte, womglich in Maroquin
mir Goldschnitt, herauszugeben. Rother hatte ihm einen eben etablirten jungen
Mann bezeichnet, der sein vterliches Erbteil auf diesem nicht mehr
ungewhnlichen Wege zu verputzen dachte und am Laster des Bcherdruckens mit
geschmackvollen und stilvollen Einbnden (nebst Inhalt als Beilage) litt. Um
denselben zu kapern, beschlo also der leidlich schlaue Graf, die Redaktion des
Bunten Allerlei anzusuchen, deren Chef an der fixen Idee litt, Talente zu
entdecken - falls ihm dies nichts kostete und der Autor sich seine Protektion
gefallen lie.
    Doctor Gotthold Ephraim Wurmb empfing den Grafen mit verbindlicher
Hflichkeit, gemigt durch eine gewisse steife Zurckhaltung. Er war ein
ziemlich behbig aussehender Herr von untersetzter Statur und duftete stark nach
Moschus. Seine geblhten Nasenflgel zeugten fr Aufgeblasenheit und versteckte
Brutalitt. Seine breiten lsternen Lippen umspielte eine berlegene Ironie, die
auf den tieferen Beobachter als recht gezwungen wirkte. Seine blonden Haare
strubten sich ber einer breiten Denkerstirn und sein schmaler blonder
Ziegenbart versteckte nur halb ein wohlgenhrtes Pfaffenkinn. Unter seiner
Brille funkelten ein Paar mausgraue Aeuglein listig in die Welt hinein, die
unter Umstnden tckisch genug schillern konnten.
    Unendlich durchdrungen von der Wichtigkeit seiner Stellung und dem Gewicht
seiner Autoritt, empfand er doch mit der echten Unterwrfigkeit des
Parvenu-Plebejers einen angenehmen Kitzel, einen Grafen von so berhmtem altem
Adel bei sich antichambriren zu sehen.
    Die Gedichte eines Grafen Krastinik zu verffentlichen, konnte dem Bunten
Allerlei in jedem Fall nur als Folie dienen.
    Ja, sagte er, geschtzter Graf, Ihre Verse haben mir wohlgefallen, gewi.
Ich erkenne in denselben jene wohlthtige Mischung von Idealismus und Realismus,
welche ich vertrete. Lesen Sie darber die trefflichen, vornehm gehaltenden
Artikel eines Heinrich Edelmann und Rafael Haubitz, welche ich fters bringe.
Der Graf erinnerte sich, etwas davon gelesen zu haben. Es ward ihm von alledem
so dumm, als ging ihm ein Mhlrad im Kopfe herum. Es kam ihm vor, als ob hier
lauter offene Thren eingerannt und truisms, wie die Englnder
selbstverstndliche Trivialitten nennen, mit hochtrabendem Wortschwall
vorgekut wrden. Doch lag dies ja vielleicht an seiner laienhaften schwachen
Einsicht. Doctor Wurmb fuhr fort: Die sogenannten Realisten sind meist bloe
Rhetoriker. Hten Sie sich vor diese, vor allem vor Friedrich Leonhart, den ich
frher zum Schaden des Blattes protegirte! Den kennen Sie nicht? Nun, Sie werden
ihn noch kennen lernen in seiner ganzen Gre. Der Schrecklichste der Schrecken
ist Leonhart in seinem Groenwahn, - Apropos, kennen Sie meine Ausgewhlten
Gedichte? Krastinik mute verneinen. Ah! Nun, ich gehre nicht zu denen, die
ihre Werke hausiren tragen. In vornehmer Absonderung von dem groen Haufen der
Journalisten verschmhe ich jegliches persnliches Hervordrngen. Doch, ich darf
es sagen, Herr Graf, meine Gedichte mssen Sie kennen lernen. Hier liegt grade
zufllig ein Prospekt, der in 100000 Exemplaren vom Verleger versandt wird!
Hier, lesen Sie ihn! Sie finden darin Urteile jeder Schattirung ... sogar
Leonhart hat darber geschrieben. Er drckte dem Fremdling ein gelbes Plakat in
die Hand. Die horrende Rechnung von achthundert Mark, die der Verleger ihm grade
heute ber den Prospekt gesandt, zeigte er freilich nicht.
    Eigentlich mibillige ich auch diese vornehme Art der Reklame, Todfeind
jedes Humbugs wie ich bin. Doch, mein Gott, wenn der Verleger durchaus will!
    Krastinik bekrftigte, da dies gar keine Selbstreklame sei. Im Vergleich
dazu erzhlte Wurmb einige Schaudergeschichten von dem dreisten Selbstlob eines
Leonhart und Consorten.
    Ich sage nochmals, hten Sie sich vor dem, Herr Graf! Beim dritten Mal, wo
Sie mit ihm zusammen sind, gerathen Sie in Zank mit ihm - passen Sie auf! Also
Ihre Gedichte drucke ich alsbald. Es ist zwar eigentlich bei mir Grundsatz, die
Autoren, ehe Sie Aufnahme im Bunten Allerlei finden, etwas zappeln zu lassen,
das Letzte begleitete er mit humoristisch seinsollendem Lachen, damit dieselben
energisch dem Ziel entgegenstreben, des Bunten Allerlei und seines erlesenen
Mitarbeiter-Kreises wrdig zu werden. Es mag Ihnen arrogant scheinen, bester
Herr Graf, aber ich versichere Sie, die Leute kommen zu mir mit einer
Beharrlichkeit, die mich tief rhrt. Keine Ablehnung schreckt sie ab. Man hat
eben Vertrauen zu mir, wie denn zwischen mir und meinen Mitarbeitern und dem
Publikum ein herzliches Verhltni besteht. Ich hoffe, mein lieber Herr Graf,
er hatte sich im Verlauf seiner Ansprache ordentlich in einen gndigen Ton
hineingeredet, da ich Ihnen die Spalten des Bunten Allerlei offen halten
werde. Sie sind nun glcklich Mitarbeiter geworden und es wird nur an Ihnen
liegen, ein intimes Verhltni anzubahnen. Wie gesagt, Ihre Gedichte drucke ich
ausnahmsweise sofort. Da er dies ausnahmsweise nur deshalb that, weil der Name
Graf Krastinik ihm imponirte, verschwieg er freilich. Man mu die Leute nicht
bermthig machen. Auch als der Graf sich empfahl, verabschiedeten ihn die
hochtnenden Worte: Es mag Ihnen arrogant erscheinen, aber in meiner Schule hat
sich schon mancher ungeschliffene Diamant polirt. Unter mir haben sich Kritiker
und Dichter, wie Heinrich Edelmann, Rafael Haubitz und so weiter, entwickelt.
Selbst Leonhart schlug unter mir einen besonnenen Ton an. Eine unpartheiliche
Central-Leitung schwebt gleichsam ber den Ereignissen der Kunst und Litteratur
in der Redaction des Bunten Allerlei. Dies schien ein dringendes Bedrfni in
unserer Zeit des Selbstlobs, der Reklame, des eiteln Grenwahns. Ja, es mag
Ihnen arrogant erscheinen, mein bester Herr Graf, allein ich bin der geborene
Redacteur!! Mit bescheidenem Stolze darf ich mir dies selbst gestehn. Also
Adieu, auf Wiedersehn!
    Noch auf der Treppe summte es in Krastiniks Kopf von Buntem Allerlei und
geborenem Redacteur und hnlichen Chosen. Er hatte es nie in seiner Einfalt
fr mglich gehalten, da man sich der Redacteurschaft in einer Weise rhmen
knne, als sei dies eigentlich etwas viel Hheres als Dichter- und Knstlerthum.
Er wute noch nicht, da bei dem Worte Schriftsteller den deutschen Biedermann
der Menschheit ganzer Jammer anpackt, eine Art horror vacui. Hingegen
Redacteur - wie anders wirkt dies Zeichen auf ihn ein! Das erinnert so an
feste Anstellung und andere ersprieliche Dinge. Wie sollten die Redacteure
daher in ihres Werthes durchbohrendem Gefhle nicht tief auf die Schreiber
herabschauen, deren Manuscripte sie zum Druck befrdern!
    Also eine neue Spezies - der Redacteur-Grenwahn! dachte Krastinik.

                                      III.


Mitten in seiner Ungewiheit, ob er sich bezwingen oder noch weiter sich um
Kathi kmmern solle, erhielt Rother einen langen Brief seines Mnchener
Freundes, des genialen Genremalers Knorrer. Der Brief lautete:

                Lieber Kamerad!

    Ich sitze hier in der Nhe von Meran, in Ulten. - Bis zum Gardasee war ich
in den Frh-Frhling Sdtirols hineingebummelt. Hei, Frh-Frhling, sanfte
Himmelstochter! Wie berall ein neues Wesen aus Allem weht und flstert! Die
Stelle am Bache, wo das Vergimeinnicht deutungsvoll uns mahnen soll, wird erst
geahnt. Froh erstaunt schleicht man hin durchs Brautgeheimni der Natur.
    Verzeih diesen lyrischen Schwulst! Aber hier wird man, hol mich' der Teufel,
par ordre de Mufti ein poetischer Duselfritze. 's ist doch hier alles wie
sonstwo auch. Das Weibervolk (aha, da kommt's! hr' ich Dich lachen), das
Weibervolk, meine spezielle gyptische Plage, ist doch hier dasselbe wie
berall.
    Ein groes Mutterschaf ohne andre Bestimmung, als - -, das dabei von
therischen Gefhlen blkt! Meine Wirthin geilt mich an. Ihr Mann sei u.s.w. Die
Natur ist eine infame Kupplerin. Man gruselt sich heimlich vor der ganzen
Schmutzerei. O ich fhle es: Keuschheit allein macht stark. Und diese
stumpfsinnige Selbstverstndlichkeit, womit diese Cochonnerien sich in Scene
setzen! Meine Aufwrterin hier, ein uerlich anstndiges Mdchen, nahm einen
Zehn-Gulden-Schein verstndniinnig entgegen und besucht mich Nachts. Nachher
gestand sie mir, sie nahe dem Kap der guten Hoffnung, und da komme es auf Einen
mehr oder weniger nicht an. Jaja, das sind so unsre kleinen Ehebrche!
    Pfui, Pfui darber! Und neben uns klebrigen Erdwrmern diese leblose Natur
in ihrer vornehmen Ruhe, so keusch, so ernst, so stolz!
    Von Mori fuhr ich nach Riva an den Gardasee - wie wurde mir da!
    Diese grauen Kalkfelsen, die senkrecht in die wunderbare Blue des
Seespiegels hineinstrzen! Diese Schneefden, sich von den Bergen, die noch wie
spitze Zuckerhte herbernicken, in die Rebenterrassen hineinschlngelnd! Rings
das feine Silbergrau der zierlichen Olivenbltter, das helle Grn der
Maulbeerbume, das frische Weinlaub, der saftig derbe Ton des Citronenbaumes.
Und auch unser heigeliebtes Feigenblatt hngt berall in seiner fnfzackigen
Helle, wie ein Panier der Unnatur, eine Selbstironie der Natur. Das Alles von
einem durchsichtigen silbrigen Schleier umsponnen, der sich ber See, Bergkette,
Maisfelder, Villen und Bastionen schlingt. Riva's kleine Festungswerke bilden
die letzte Grenzmark Oesterreichs, der Dampfer auf dem See bedeutet schon
italienischen Boden.
    Ach, man schwelgt in malerischen Motiven. Mein Skizzenbuch fllte sich, ich
male jetzt hier in Ulten nach meiner dortigen Studie den Ponale-Fall am
Gardasee.
    Weie Gartenmauern. Feurig glhende Rosen. Moosbewachsene Mhlen.
Dunkelugige Bbchen und Mdel in entzckend schmutzigen Rckchen, die uns eine
Bastonada auf die Fusohlen versprechen, falls wir ihnen nicht einen Soldo
verabreichen. Mchtige Stier-Fuhrwerke, Schiffe im Hafen, alte brckelnde Thrme
und Thore. All das hart an die Felsen angeklext, deren groartige Linien der
Schpfungsmeister so klassisch componirte. Hier und da in die Landschaft ein
paar spitze Cypressen mit ihren dunkeln pyramidenfrmigen Laubkegeln oder ein
Huschen mit rothem Dach oder ein zerfallenes Gemuer als ornamentale Sprengsel
hineingesetzt. Wirkt wahrhaftig, als habe die Natur hier mal im grten Stil der
Renaissance (denk' an den landschaftlichen Hintergrund aus Cadore's Gebirgen in
Tizian's Gemlden!) ein monumentales Landschaftsbild kunstvoll angelegt. Welcher
pastose Farbenvortrag, wie markig auf die Aether-Leinwand des Horizonts
aufgetragen, und dann wieder wie fein mit dnnem Pinselvortrag abgetnt! Aber so
gar nicht Impressionalistisch, wei der Teufel! Dicke Massen Bleiwei mit dem
Spachtel nebeneinander kleben und dann unter einer falsch gewertheten
Perspektive der Lichtreflexe mit Finger und Pinsel dran herumschmieren - das
verschmht diese italienische Natur. Sie hat doch einen ganz besonderen antiken
Charakter, diese sonnendurchgohrene Italia, einen gewissen altrmischen
Faltenwurf ihrer Toga, den ihr Germania mit ihren Tannenzpfen nicht nachmacht.
Man merkt hier berall den Michelangelesken Formensinn, die klare Wrde
Rafael'scher Composition, die markig satte Farbentiefe der Venetianer.
    Sogar die Weiber - - (ah, da sind sie wieder! lacht mein Freund Eduard,
nicht?) - Da sah ich in Trient, eskortirt von einem schlangenugigen Abbate (o
wieviel Grandezza und Weltgeschichtlichkeit steckt in jedem italienischen
Pfaffen!) eine fette Wildsau mit lstern schmatzenden Lippen, aber doch einem
groen Zug im Profil. Aber die Tochter - ah, diese ungesuchte Vornehmheit einer
alten Race, einer uralten Cultur, im italienischen Typus! Diese versteckte
schlfrige Glut, diese schwrmerische Inbrunst, diese gttliche Faulheit und
glckliche Beschrnktheit in den sen Augen! - -
    Die Tyrolerinnen sind rohe Tpferwaare dagegen. Da hast ein Liedl zum
Fidibus-Anstecken!


                              Das goldne Dachl.

Keusche Margaretha Maultasch,
Landesmutter und Regent,
Deines Innern Lcken stopfte
Nur ein ganzes Regiment.
Neidisch schaut Dein goldnes Dachl
Jede Jungfrau in Tyrol -
Liebevolles Gretchen Maultasch,
Warft, vielleicht nur ein Symbol!

    Weit, man kommt wahrhaftig hier in die Stimmung zur Dichteritis hinein -
hier, wo die alten Minnesnger geweilt, wo immer noch ein Geigenstrich,
stahlscharf wie von Volker's Fiedelbogen, ber die Thler hinzutnen scheint;
hier wo Walter von der Vogelweide geboren, dem seine Heimathstadt Bozen endlich
ein Denkmal gesetzt. Ich liebe Bozen. Ich liebe diesen Fruchtmarkt, diesen
dunklen Wein in Krystallflaschen (die l-verpichten Stroh-Amphoras in Wlschland
sind freilich einem Knstlerauge anheimelnder), diese Mischung von echtem
Risotto und Mehlkndelei - soll heien: von Italienischem und
Tyrolisch-Bajuvarischem. Ich liebe die bogigen schattenkhlen Arkaden der heien
Thalkessel-Stadt. Ich liebe den spitzen Thurm auf dem groen Platz, der sich in
den Aether bohrt mit all den Spitzbogen und Schildereien mittelalterlichen
Meiels, wenn der Mond an ihm vorbeischifft mit dem Wolkensegel. Wie reist er so
schnell! Eben stand er noch links, nun steht er rechts vom Thurm. Wie, Nrrchen?
Nicht der Mond, wir selber reisen ja. Die Erde kreiste und uns alle ri er fort,
der Sturm des tauben Weltgesetzes, whrend wir sicher zu ruhen whnen beim
Schppchen Wein! Holla, Kamerad, es ist doch zum - zum metaphysisch werden. So
spielt er mit uns Kegel, wahrhaftig, der groe Unbekannte, der Welt-Regisseur,
der die Coulissen verschiebt und die Aktschlsse arrangirt und die Stichworte
soufflirt!
    Die Stichworte! Ja, da komm' ich nun auf eine tolle Geschichte. Den groen
Mnnern gelten solche Rollen-Stichworte zum Auf- und Abtreten doch zumeist. Und
da ist nun hier, wo ich heut grad sitze, in Ulten, ein solches Stichwort
gefallen. 's ist eine seltsame Geschichte und ich will sie Dir erzhlen. Wei
der Henker, die Sache klingt mir so plausibel und der Stoff ist so patent, da
ich in einer Frhlingslaune mal den Pinsel wegwarf und sie Dir ganz
schriftstehlerig demonstriren werde. Vielleicht bringst den Krempel irgendwo an
in eurem geschftsmigen Berlin, wo man goldne Eier legt und gackert und bei
jedem winzigen Ei ein Wesens macht, als msse ein Phnix herauskriechen. Da hast
meine Stmperei - lies sie halt als Kamerad und College als ein ulkiges G'spa
Deines handfesten Knorrer.
    Man knnte mein Geschreibsel etwa berschreiben:


                      Der Jugendtraum eines groen Mannes.

    Es war Mai in Ulten, diesem entlegenen Seitenthale Merans, wo der thauige
Hauch der grnen Schluchten an die Nordalpen erinnert. Im Mitterbad zogen die
Gste ein, um die Glieder in dem vitriolischen Eisenwasser der berhmten Quelle
zu erfrischen.
    Der Mai und Sdtirol - die zwei Dinge gehren zusammen. Die ersten rothen
Pfirsichblten flackern unter den duftwarmen Bogengngen der Grten auf, die
Wiesen gleien in blendendem Smaragd, und die Schatzkammern Knig Laurins, den
die Sage hier sucht, thun sich in den Nebengewlben auf.
    Von allen Hhen donnerten Bllerschsse, die sich im schlfrigen Echo der
Thler melodisch fortsetzten, aber die Holzhuser erzittern machten.
Glockenklnge durchschwammen die stille, heibrtende Morgenluft. Von der Kirche
her mahnten Orgel und Posaunen, das heute das groe Freudenfest der katholische
Kirche, Frohnleichnam, sei. Rings auf den sanft Bergpfaden wand sich die
Prozession entlang, mit bunten Fahnen und quirlendem Weihrauch.
    An der Hecke des Gartens am Wirthshaus des Badedorfes, wo die Rosen in
dichtem Flore einander grten und Gluthnelken, Schwertlilien und Windrosen
farbig im leisen Morgenwinde wogten, schritt ein einsamer Wanderer entlang,
abseit dem Festlrm der Prozession.
    Die Wolken standen in glnzenden Lichtballen ber den Bergen, wo
sptgefallener Schnee unzerichmolzen glitzerte. Sie glichen einer Lawine, welche
vom trkisblauen Aether sich auf die winzigen Joch herabsenkt. Der Silberdunst,
welcher wie Weihrauchdampf in Becken und Schalen zwischen den Abhngen sich
gestaut hatte, lste sich. Und ber dem bunten Mummenschanz da unten flammte die
Hostie der Schpfung, flammte die Sonne empor.
    Die ganze Landschaft funkelte in der verschwenderischen Gluth des Maimorgens
wie eine Goldmine. Ein ungeheures Netz von goldigem Dunste und zartem
Sonnenstaub, dessen Millionen Maschen millionenfach wie ein Meer von
Leuchtkfern und Glhwrmchen auf- und niederzitterten, spann sich in
verwirrendem Strahlentanz ber die Matten. Es schien ein wundersamer
Feenschleier, den die Natur sich in dieser blumigen Einsamkeit gewoben - als
harre sie, in zchtige Brutlichkeit vermummt, auf ihren Liebsten, den alles
belebenden Sonnengott.
    Aber von alledem sah der Wanderer nichts. Hastig, wie von innerer Unruhe
gepeinigt, schritt er dahin, weit ausholend mit den mchtigen Gliedern, da die
Eidechsen, die hier in Rudeln listig ugelnd ihre zierlichen Schuppen sonnten,
nicht rasch genug in die Steinabhnge senkrecht hinuntergleiten und sich im
rankenden Epheu verstecken konnten. Nur eine alte Eidechse trotzte selbst dem
Stckchen, das der Wanderer mechanisch schwang, so da der Kies umherstubte.
Auf einem Felsblock hockend, stierte sie den groen Menschen mit boshafter
Ironie an. Errieth er den bemitleidenswerthen Geisteszustand des gromchtigen
Thierbruders? Machte sie als erfahrenes, vielgereistes, khles Schuppenwesen
sich ber die thrichte Krankheit des menschlichen Sugethiers lustig und
verglich damit die stille Seligkeit amphibienhafter Klte? Ach ja, Eidechsen
sind nicht verliebt, sie lieben nichts als den Sonnenschein und nahrhafte
Insekten. Eidechsen sind gar glcklich.
    Der junge Mann in stdtischer Kleidung gehrte sicher nicht zum Ort, er war
Curgast. Kein Tiroler, wohl nicht einmal ein Sddeutscher. Seine eckigen und
doch strammen Bewegungen lieen auf einen Sprling unsres Nordens schlieen.
Seine Gestalt erschien hnenhaft. Der Held war wohlgewachsen, von Schultern
breit und Brsten, von Beinen war er lang, gleich dem grimmen Hagen. Und war
auch sein blondes Haar keineswegs gemischt mit einer greisen Farbe, so konnte
man die schne Bezeichnung und schrecklich von Gesichte in gewissem Sinne wohl
auf seine Zge deuten. Denn ein seltsam berraschender Ausdruck hartnckiger
Entschlukraft und unbeugsamer Energie ballte diesen Mund so ehern, blhte die
Nstern der kurzen etwas aufgeworfenen Nase, prgte sich in dem massiven Kinn
aus. Aber noch etwas mehr, wie diese Eigenschaften rcksichtsloser Activitt,
blitzte in dem hellblauen durchdringenden Auge unter buschigen Wimpern hervor.
Dieser Blick hatte etwas Fascinirendes, wie berhaupt die ganze Erscheinung des
Menschen. Trotz der markigen Festigkeit des Ausdrucks lie sich jedoch
keineswegs ein damit gepaarter trumerisch-weicher Zug verkennen, der auf reich
entwickeltes Gemthsleben und Empfindungsvermgen schlieen lie. Jeder
Einsichtige mute sofort erkennen, da eine ungewhnliche Originalnatur in
diesem etwa vierundzwanzigjhrigen Jngling schon durch die Erscheinung sich
anzeige Etwas eminent Mnnliches sprach aus diesem Auge, das selbst, wenn
ungebundener Humor in den Mundwinkeln zuckte, von einer eigenthmlichen
meertiefen Schwermuth umdunkelt schien - jener bekannten Melancholie bedeutender
Menschen in frher Jugend.
    Indem er rastlos die Hecke umkreiste, lugte er fortwhrend nach einem
Fenster des Wirthshauses hinauf. Umsonst, es blieb verschlossen.
    Der Morgen wandelte hher am Himmel empor. Die Mehrzahl der
Prozessionswaller kehrte heim durch die Dorfgasse, welche die Mdchen des Zuges
mit Blumen bestreut hatten. Ein schwerer Tritt lie sich vor dem Wirthshaus
hren, die Thr ward aufgerissen, zugleich hrte der Horchende einen scharfen
Wortwechsel, nachher ein Gerusch, als ob ein Protestierender unsanft
hinausgeworfen wrde. Dann wurde die Thr zugeschlagen. - Aber es blieb nicht
still, sondern eine jammernde Stimme lie sich in einem halblauten
Selbstgesprch vernehmen, indem sie nher und nher zu des Lauschenden
Standpunkt vorberkam. Wie, was? War das nicht der Badhiesl aus St. Paukraz,
der immer als Botenlufer von Obermals (Meran) der eifrige Vermittler der
Liebeskorrespondenz gewesen, welche der junge Norddeutsche mit der schnen
Bewohnerin dieses Ultener Wirthshauses, Josefa Holzner, der Wirthstochter,
unterhielt? Hren wir!
    's is a Snd und a Schand! jammerte der Hinausgeworfene vor sich hin.
Solch 'an Staatskerl und solch a fein's Madli! Himmelherrgottsakerment, das
reut euk (euch) noch. - Ach und gar so gut 'zahlt hat er mich!
    Badhiesl! rief der junge Mann hastig. Was hast? Dieser aber fuhr
erschrocken auf, starrte seinen Auftraggeber einen Augenblick trostlos an und
stie dann krampfhaft hervor:
    Rausg'schmissen hat mi der Alte. Aussi is, aussi! Und damit macht er als
weichmthiger Naturbursche sich pltzlich auf die Hacken und lief davon.
    Tief aufathmend blieb der Norddeutsche vor der Schwelle des Wirthshauses
stehen. Er hatte so etwas geahnt. Wre es mglich, da der alte Holzner die
grenzenlose Ehre, deren man ihn wrdigen wollte, verschmhte? Schwiegervater
eines preuischen Junkers zu werden - giebt es eine sere Aussicht?!
    Wie lange hatte der junge Junker mit sich selbst gerungen, ehe er zu dem
Entschlu kam:
    Josefa Holzner, das schnste Mdchen in Ulten, die Perle von Tirol - sie mu
sein eigen werden, koste es was es wolle. Vor zwei Jahren hierher verschlagen,
hat ihn der goldne Pfeil Amors aus ihren Augen durchbohrt. Und er ist regelmig
wiedergekommen, Jahr fr Jahr - und jetzt wei er's: Sie oder keine!
    Sie liebt mich wieder, so sollt ich doch denken. Ja, sie thut es. Und ob
uns strkere Schranken trennen, als die Mainlinie leider Sd- und Norddeutsche
spaltet - diese Schranken will ich wenigstens brechen, wenn ich auch die
Deutschen nicht eins machen kann. Die Kerls alle, meine Nebenbuhler, diese
schmachtlappigen Zierbengel von Kurgsten, die um sie herumschwenzeln - ich hab
sie alle eingeschchtert und 'rausjejrault. Holla, ich bin ein Mann! So will ich
denn jetzt das letzte und uerste thun. Meine Geliebte wird Josefa nicht, denn
ich liebe sie. Meine Frau soll sie werden, und ob all' meine hochadligen Sippen
und Magen sich vor Schreck die Hlse ausrecken! Qu'est que cela, la noblesse?!
Was ist's mit dem Adel. Meine Mutter ist eine Brgerliche, gar keine Geborene.
Sie nennen mich junkerhaft - weil ich stolz bin, nicht auf meine Junkerei,
sondern auf meine Mannheit. Ja, ich bin preuischer Junker, ich ehre den Adel,
dessen Glied ich bin - aber der wahre Adel, der steckt im Menschen selbst. Im
Volke steckt die wahre Kraft. Bildung - ich pfeife was drauf! Ob Josefa
franzsisch parliren und das Klavier stmpern kann, das ist mir gleichgltig.
Sie ist schn, sie ist klug, sie ist gut und ich liebe sie. Das ist genug ...
Ja, Kampf wird's kosten. Aber ich will ihn schon durchfechten, ich! Ich hab'
Schneid' genug, mir allein durchs Leben zu helfen. Habt's a Schneid'! sagen wir
hier, wir Tyroler. - Nun so lat doch seh'n, was der Alte will.
    Er hatte am vorigen Abend an den Alten per Badhiesl geschrieben, als dieser
ihm gedroht, man werde nun Josefa einsperren und ihr jeden Umgang mit ihm
untersagen, er wolle in allen Ehren um ihre Hand werben. Er bitte hiermit ihm
Josefa zur Frau zu geben, und werde dankbar dafr sein! Nach der
Frohnleichnamprocession werde er sich die Antwort holen.
    Was mute ihn, einen obskuren mrkischen Adligen ohne Vermgen und
Konnexionen, aufgewachsen in altererbten nichtigen Vorurtheilen des sogenannten
Standesgefhls und Kastenunfugs, dieser Entschlu gekostet haben, der
vielleicht seine ganze Zukunft zerri! War er sentimental oder poetisch?
Gott bewahre! Eine eminent praktische Natur. Aber er trug jene elementare
Leidenschaft in sich, welche bedeutende Menschen besonders in der Liebe zu
Thorheiten verleitet, die mittelmigen Durchschnittsnaturen stets erspart
bleiben. Ob praktisch oder poetisch, ob Dichterling oder
Staatshmorrhoidarius bleibt sich gleich - auf die Bedeutendheit kommt es an.
Sentimental! Das Genie ist nie sentimental, aber es scheint fr kleinlich
rechnende Gemther darum oft etwas Kindlich-Jugendliches und darum Lcherliches
auszustrahlen, weil es den Mastab einer eigenen Wahrheit und Wahrhaftigkeit in
sich beschlossen fhlt und daher die Anschauungen der Welt verachtet. Das Genie
ist nie lcherlich, denn es ist sein eignes Gesetz. Es stellt einen geistigen
Vollblutmenschen andrer Ordnung dar, der das ewig Menschliche in hherer Form
und energischer zum Ausdruck bringt, als die andern.
    Mit schnellem, entschlossenem Schritt betrat er Schwelle, drckte auf die
Klinke der Gaststubenthur und - stand dem alten Holzner gegenber. Im selben
Augenblick verschwand eine weibliche Gestalt auf ein barsches Geh' ?naus!
durch eine Nebenpforte. Nur eine Sekunde lang traf das glhende Auge des jungen
Mannes den in Thrnen schwimmenden Blick des Mdchens. Ihre Zge waren klassisch
geschnitten - die zartliniirte gebogene Nase, der kleine Mund, die wunderschn
geformten Schlfen und Augen. Obwohl die Innsbruckerinnen im ganzen als die
schnsten in Tirol gelten, findet man doch die vornehmsten und feinsten Profile
in Sdtirol. Es ist die alte gothische Nasse. - Aber dies schne Bild entschwand
wie eine Vision, und die rauhe Stimme des alten Wirths, einer sechs Schuh langen
Hnengestalt, ber gewhnliches Leibesma wie er selber, weckte ihn aus dem
minutenlangen sen Delirium seiner Leidenschaft. Als die beiden sich so
gegenberstanden und wie Kmpen vor dem Zweikampf maen, schienen sie selbst
zwei auferstandene Gothen, Dietrich von Bern und der alte Hildebrand!
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    Abgewiesen! Schmhlich; fr immer!
    Einen langen Blick warf er nach den verschlossenen Fenstern im Oberstock
empor: dort in der Ecke lag ihr Kmmerlein. Aber nichts regte sich, nichts.
Vielleicht schluchzte sie dort auf den Knieen, vielleicht starrte sie verstohlen
hinaus, um die geliebte Gestalt, bis sie entschwand, zu verfolgen. Aber sie
zeigte sich nicht mehr. War wohl auch besser so. Es konnte ja doch nichts
werden! Bauern sind praktisch und Buerinnen erst recht. Gelten's? Der Vater
hat es wohl lange gesagt und erst der Herr Pater - nur gleich und gleich gesellt
sich gut ...
    In stummem, kochendem Grimm schritt er frba, immer drauf los. Er wollte
zur nchsten Stellwagen-Station; seine Sachen waren gepackt, er konnte sie sich
nachschicken lassen. Nur fort, fort!
    Einem Ketzer, der vielleicht nicht mal ein Christ sei und an Gott glaube -
leichtfertig genug rede er ja dazu - seine Tochter geben? Das sollte dem alten
Holzner einfallen! Nein, nein und dreimal nein! Versuche der Ketzer nicht, sich
noch mal Josefa zu nhern - sein feierlicher Fluch solle sie treffen. Er habe
mit dem hochwrdigsten Pater Eusebius gesprochen. Na! der sei ganz auer sich
gewesen. Eher sterben und verderben solle die Josefa, als in die Krallen des
Satans fallen! Und somit Gott befohlen! - Und sie? Nun, sie fgte sich!
    Verwnschung auf Verwnschung knirschte der abgewiesene Freier zwischen den
fest aufeinander gepreten Zhnen hervor, als er seinen einsamen Weg fortsetzte,
und sein Stckchen tobte sich an Bumen, Struchern und Blumen in schneidigen
Hieben aus. Wer ihn jetzt beobachtet htte, den wrde das Lwenhaft-Wilde, fast
Brutale seines Wesens frappirt haben.
    Schmetterlinge und schillernde Kfer schwirrten durch die Obstbume und
Farnkruter, durchs roth-wei-gelbe Gewimmel der Wiesen und das unabsehbare
Wirrsal des allberfluthenden Grns.
    Citronenfalter flatterten ber neu entfalteten Knospen. Ueber dem
Vergimeinnichtblau der Berge zuckten goldige Glorien auf, whrend jene in
rhythmischen Linien wie eine weihevolle Farben-Symphonie zu verschwimmen
schienen. Das Wasser sickerte melodisch in seinen launenhaften Windungen. Aus
sonnverbranntem Gestrpp der Halde klingelten die Ziegenglckchen. Der
betubende Geruch blhender gelb-blumiger Berberizen quoll durch die grnen
Ackergassen. Dnne Sulen milchigen Rauches, aus der Thalmulde aufqualmend,
zeigten an, wo in breitem Bogen Wasserflle geschmeidig ber rothe Porphyrhnge
rollen, sich in der Luft berschlagend und mit metallischem Aufdrhnen
millionenfach wie in Elfenbeinspne zersplitternd. Der endlose schnellende Bhel
hohen Grases schien die unermeliche Maikraft, den Keimmonat, zu
versinnbildlichen. Es war, als ob Wesen und Dinge in stiller Seligkeit
verschmlzen.
    Aber ein nahendes Gewitter tummelte seine kupferrothen Wolken um die jhen
Spitzen, welche ihren Kegelschatten tiefer senkten. Ueber den weinbestandenen
Terassen des schrgen Gebirges, ber dem Kirchlein, zu dem sich einzeln Htte an
Htte hinanzog - an die Bergwand angeklext und vom Wetterschein jetzt
geisterhaft bemalt - thrmte sich, starr und bla wie der Tod, die eisbekrustete
zerrissene Dolomitenkette empor. So starrt die Leidenschaft, eine Medusa, in den
Frieden der Gotteswelt hinein.
    Da lie sich der Ruf eines Kuckucks auf dem lautlosen Nadelgehlz vernehmen,
die lautlosen Einsiedler-Monologe der ruhenden Natur unterbrechend und strend.
    Verfluchter Kuckuck! rief der finstre Wanderer, indem er seine verschmhte
Freierschaft mit der symbolischen Bedeutung des Vogelrufes unwillkrlich in
Verbindung setzte.
    Aber der Kuckuck lie sich nicht das Wort verbieten; er schlug fort. Da
huschte auf einmal, wie ein pltzlicher Sonnenstrahl, ein schalkhaftes Zucken
frisch erwachenden Humors um den ehernen Mund, und whrend er sich reckend mit
dem Arm eine Bewegung machte, als streife er etwas Lstiges ab, kam es pltzlich
ber seine Lippen: Hol's der Kuckuck, ich bleibe doch der Otto Bismarck!
Basta.

    So geschehen anno domini eintausendachthundertneununddreiig. Josefa
heirathete einen biedern, katholischen Schreiber, Alois Schmid, in Salzburg.
Dort liegt sie begraben.

    Na, was sagst dazu? Wr's nicht hbsch, wenn's so gewesen wr'?
    Als ich die Anecdote niederschrieb, sttzte ich mich auf vllig gengende
Berechtigung dazu. Denn nicht nur ist die Affaire in dieser Form in ganz Tirol
bekannt, nicht nur wird sie in Meran jedem Fremden erzhlt, sondern sie ist in
alle mglichen Bcher ber Meran und Tirol bergegangen. Eine Autoritt wie No
erzhlt sie in seinem Frhling in Meran als absolut feststehend. Baillie
Grohmann, der zuverlssige Kenner Tirols und Autor von Tyrol and the Tyrolese
hat in seinen Gaddings with a primitive people (1879) die Sache mit uerster
Breite behandelt, sogar in einer Extraanmerkung versichert, er habe alle Details
persnlich untersucht und knne sich dafr verbrgen. Es sei nicht die geringste
romantische Zuthat dabei. Ich war also vollauf berechtigt, diese Geschichte,
deren Entdecker ich ja keineswegs bin, in dieser Form niederzuschreiben, und
begehe damit nicht die geringste Indiscretion.
    Nun mu ich aber zur Steuer der Wahrheit erklren, da von Eingeborenen, die
genau unterrichtet sind, mir seither feierlich versichert wurde, es sei ein
andrer Herr von Bismarck gewesen. Obwohl mir dies psychologisch nicht plausibel
scheint, indem ich annehme, nur eine geniale Natur sei solcher liebenswrdigen
Jugendtollheit fhig, so will ich also hiermit einfach die Frage offen halten.
    Aber wahrhaftig, es ist doch immer die alte Geschichte: Wo ist die Katz, wo
steckt die Frau! Kennst Du das famose Tagebuch des Nrnberger Scharfrichters aus
dem 14. Jahrhundert? Darin wird erzhlt, wie ein Freudenmdchen als ewig
rckfllig durch Erregung ffentlichen Aergernisses endlich zum Tode verurtheilt
wurde, sintemal sie sich in unanstndiger Stellung auf der Strae entblet und
dazu geschrieen habe: Hui, ..., fri den Mann!! Fri den Mann! welche Welt liegt
in diesem erotischen Lakonismus. Ja, hui! Siehst Du sie nicht ordentlich
schleckern, dem Mann das Mark aus den Knochen saugen, he? Ja, an der Schrze
hngt, zur Schrze drngt doch alles, o wir Armen! wie Papa Altmeister so schn
irgendwo singt.
    Na lebwohl! Das ist der lngste Brief, den ich jemals schrieb, sacr nom de
dieu! Ich fhle halt das freundschaftliche Bedrfni, hier aus meiner
olympischen Einsamkeit von den Inseln der Seligen her, als glcklicher
Lotosesser Deiner Berliner Nervensaft-Vergeudung ein Maulvoll frischer Bergluft
zu schicken. A rivederci! Dein
                                                           Knorrer der Keusche.

    Dies Schreiben wirkte auf Rother giftig aufregend, wie grnlich schumender
Absynth. Das Grnen und Schumen einer hoffnungsppigen Lebenslust schmeckte
darin zugleich nach bitterer pessimistischer Hefe. Man mute den Schreiber des
Briefes kennen, um den Inhalt zu wrdigen.
    Knorrer war eine prchtige Reprsentativfigur altbajuvarischen
Kraftadelthums. Seine naturalistisch derben Kneipscenen hatten durch den
virtuosen flotten Strich der Vortragsmanier Schule gemacht. Er hatte in Paris
unter Courbet und Couture studirt und aus deren Ateliers die markige Frische
seiner Palette mitgenommen. Weniger sein eigentliches Kunstvermgen - denn dies
verkmmerte ein wenig neben dem agitatorischen Eifer seiner schulemachenden
Reformbestrebungen -, als die ganze gesunde Verve seiner knstlerischen
Persnlichkeit, gab ihm eine fhrende Stellung in der naturalistischen Strmung
der neudeutschen Malerei, zu der auch Rother sich zhlte. Wie es bei den meisten
Originalmenschen der Fall zu sein pflegt, wohnten zwei Seelen in seiner Brust.
Die eine gehrte einem Denker und Agitator, der mit wahrem sittlichem Eifer dem
echten Ideal der Wahrheit anhing und wider conventionelle Verlogenheit einen
tapferen Kreuzzug fhrte. Die andre hingegen gehrte einem Genling, dem seine
Laune und Leidenschaft stets als oberstes Gesetz gegolten. Hier nun kam ein
Umstand hinzu, der ihn erst recht in Zwiespalt mit seinem besseren Selbst
brachte. Er galt nmlich mit Recht als einer der schnsten Mnner Deutschlands.
Und zwar nicht von jener charakterlosen verwaschenen Schnheit des Dandys konnte
die Rede sein, die so wohlfeil wie Brombeeren. Sondern sein mchtiger Kopf mit
den krausen trotzigen Locken, der breitgewlbten Stirn, dem khnen Knebelbart
zeigte groe wuchtige Formen. Allerdings entsprach seinem Stiernacken ein
dstrer Stierblick und rcksichtslose Sinnlichkeit lag in seinem krftigen
Ausdruck. Auch seine Gladiator-Gestalt wie sein Gesicht verloren mit den Jahren
(er stand im besten Mannesalter) durch constante Verfettung an Ebenma, wenn er
auch immer noch in seiner burschikosen Jovialitt eine imponirende Erscheinung
blieb. Diesen Vorzug hatte er stets an sich gekannt und geschtzt.
    Allmhlich bildete sich bei ihm der Wahn aus, weil so viele sinnliche Weiber
seinem Mannesthum nicht widerstehen konnten, da berhaupt beim Weibe nichts als
die physische Begier der sogenannten Liebe mitspiele. Seine gnzliche Verachtung
des schnen Geschlechts verrieth zwar einerseits den Grenwahn des schnen
Mannes (diese bekannte Spezialitt), andrerseits aber seinen verkappten
Idealismus. Stolz auf seinen Geist und seine psychische Genialitt, auch gleich
stark zum geistigen Kampf wie zur Sinnlichkeit hingezogen, verachtete er seine
eigene Unwiderstehlichkeit dem Weibe gegenber, das in ihm nur eine
Wollustmaschine suchte, das seine Schenkel und keineswegs sein Gehirn anbetete.
Seine Eitelkeit wie sein berechtigter Mannesstolz, der dies durchschaute,
fhlten sich tief davon verletzt. In ihm brannte dabei eine seltsame Scham, als
ob auch die Jungfrulichkeit seines Innern durch diese Erotik plump in den Koth
gezerrt sei. So litt er an einem ewigen seelischen Katzenjammer, den er nicht
Wort haben wollte und den Niemand erkannte. Der gefallene Engel, der
idealistische Heldenmensch rumorte in ihm, den der Sinnendienst so lange
unterjocht hatte, bis ihm zum letzten Aufraffen fast keine Zeit mehr blieb. So
erregte er denn ironisches Gelchter, wenn er in trotzigen Kampfreden vor allem
die Keuschheit als Grundbedingung des echten Knstlerthums empfahl - ohne da
man erwog, wie er, der von einer Liebelei in die andern taumelte, ja am besten
den Werth eines vermiten Gutes ermessen konnte.
    Allein, auf der andern Seite wollte er wieder sein tiefes seelisches
Unglck, seinen bitteren Sndenfall d.h. die Abtrnnigkeit von idealeren Zielen,
zu denen er bestimmt schien, nicht Wort haben. Dann strich er geflissentlich die
krperliche Tchtigkeit heraus, verstieg sich zu Albernheiten, wie: Ihm seien
Macher wie Meissonier und Sardon ein Ekel, schon weil diese persnlich kleine
mickrige schwchliche Menschen sein, whrend ein Kerl wie Zola ihm schon durch
seine Metzger-Figur imponire. Und dergleichen Dinge mehr, die eine feine
sensitive Natur wie Rother mit staunender Verwunderung anhrte, ohne sich in
seiner schwchlichen Anschmiegsamkeit zur Geringschtzung solcher Unreife
erheben zu knnen. Auf ihn bte aber alles das einen verderblichen Einflu aus.
Wenn man einem Menschen unaufhrlich die Sinnlichkeit der Erotik als Hchstes
preist und selbst, indem man darber schimpft, diese Episode des Manneslebens
als das eigentliche Epos und das einzig Lebenswerthe feiert, so mu das endlich
auch dessen eigene Weltanschauung beeinflussen.
    War es daher zu verwundern, da Rother, nachdem er das saftige
geistfunkelnde Schreiben Knorrers grndlich verdaut hatte, einen Anfall von
Liebessehnsucht erhielt, der einen totalen Rckfall des Reconvalescenten in
seine alte Krankheit bedeutete? Die Erzhlung von der angeblichen Bismarck'schen
Liebesaventre umnebelte vollends seine geblendeten Augen. Ah, also selbst die
groen Mnner der That beugten sich der allmchtigen Venus. Um wieviel mehr also
die Knstlernaturen. Rother's Grenwahn erwachte wieder: Sein besonderes
Liebessiechthum schien ihm gleichsam ein besonderes Zeichen seines Ingeniums.
Die aufreizenden erotischen Phrasen Knorrers fielen so auf fruchtbaren Boden und
bald wucherte das Unkraut empor, da es Rother ber den Kopf stieg. Grade
Kathi's anstndiger Brief und die Andeutungen, die ihm Frau Lmmers gemacht,
entfachten aufs neue in ihm die alte Liebe. Sollte er das herrliche Geschpf nun
also wirklich den Klauen eines solchen verlebten Kohlkopfs berlassen? So sollte
das enden? Der alte Irrwahn betubte ihn aufs neue. Trotz seiner bitteren
Erfahrungen damit, construirte er sich Kathi wiederum als eine edle
ungewhnliche Natur zurecht. War es nicht gradezu seine Ritterpflicht, das arme
unglckliche Wesen zu retten?
    Zudem, war er selbst nicht, mitschuldig an allem? Htte er damals nicht nach
Hamburg so unzarte Beleidigungsbriefe geschrieben, so wre gewi der ganze Krach
und Skandal mit all seinen Consequenzen verhtet worden.
    Als sich Rother bis zu diesem Punkt hineingeredet hatte, hielt es ihn nicht
lnger und er suchte unverzglich nach seinem Koffer. Was hatte er denn
eigentlich auch zu versumen und was interessirte ihn sonst auf der Welt? Er war
ja als Knstler frei und ungebunden genug, um nicht an die Scholle gefesselt zu
bleiben. Direkten Geldmangel kannte er nicht. Sein angefangenes Bild konnte er
ruhig auf der Staffelei trocknen lassen. Eine Studienreise nach dem Norden
(falls die Vermuthung von Frau Lmmers richtig) konnte ihm nur gut thun. So
mochte er das Ntzliche mit dem Angenehmen verbinden. Die Hauptsache war
vorerst, in Hamburg das entflohene Wild aufzuspren.
    Mit der trotzigen Afterstrke weichlicher Naturen setzte er mit aller Hast
seinen Vorsatz ins Werk. Fr Krastinik hatte er gethan, was in seinen Krften
stand. Dieser fand also richtig in dem jungen Verleger, der sein vterliches
Erbtheil standesgem zu verputzen wnschte, den bekannten Dummen, der ihn
druckte, zumal die Gedichtproben Krastiniks im Bunten Allerlei von dem groen
Wurmb mit feierlicher Leutseligkeit in einer Randglosse angepriesen waren. Wurmb
that sich nicht wenig darauf zu Gute, dieses vielversprechende Talent in seiner
Schule heranzuziehn und ihm stets die Spalten des Bunten Allerlei offen zu
halten.
    Als nun gar Graf Krastinik mit dem jungen Gentleman-Verleger mehrmals Skat
spielte und einmal mit demselben spazieren ritt, auch die sehr kostspielige
Maitresse desselben mit Kennerblicken lobte - verschwor sich der junge Mann,
seinen grflichen Freund zu machen. Demgem druckte er dessen smmtliche
Gedichte und drei Dramen-Fragmente dazu in unmig opulenter Ausstattung mit
Schwabacher Lettern auf Velinpapier mit gothischen Initialen und lie ganz
besondere Einbanddecken zeichnen. Sodann inserirte er in allen Berliner Blttern
diese herrlichen Einbnde, im Reklame-Stil der Goldnen hundertzehn. Das
Inserat fing an:

                           Ein neuer groer Dichter
                                    erstand
                                   unstreitig
                           in Xaver Graf Krastinik.

    Man empfahl darin diese Dichtungen dem Busen smmtlicher deutschen
Jungfrauen. Das zndete. Dreizehn Familienbltter (- zuerst von allen die
Gartenlaube, durch den Tod unsrer unvergelichen Marlitt noch in herbe
Wittwentrauer versunken -) meldeten sich dem hochgeborenen Herrn Grafen.
Dieser aber setzte sich hin und begrndete in einem langen Schreiben an die
Kommandantur seiner Kavalleriedivision, sowie in einem Brief an den ihm
befreundeten Chef seines Regiments, sein Gesuch: frs erste auf ein bis zwei
Jahre zur Disposition gestellt zu werden. Er msse sich seiner angegriffenen
Gesundheit und gewissen litterarischen Arbeiten widmen. Das Gesuch konnte ihm
nicht abgeschlagen werden. Uebrigens empfing er die Erfllung seines Wunsches
schon mehrere Wochen hernach.
    Rother hatte also jetzt keinerlei Verpflichtung mehr gegen den Freund, den
er auf so seltsame Weise erworben und dem er mit auf die Fe geholfen. Dieser
war auf dem besten Wege, ein gemachter Mann zu werden, insofern es sich um
Befriedigung seines litterarischen Ehrgeizes handelte. Rother hinterlie daher
nur einen kurzen Brief an Krastinik, worin er um Verzeihung bat, da eine
Geschftssache ihn zu pltzlicher Abreise zwinge. Er werde bald wieder
zurckkehren. Da Krastinik nicht das geringste Interesse an Kathi's Wohl und
Wehe bekundete, sondern nur Neugierde, wie sich Rother aus der Affaire wickeln
werde, so theilte dieser ihm nur ganz allgemein mit, da die Sache sich in
Wohlgefallen aufgelst habe. Aha, ich wut' es ja! Wer droht, thut nie 'was!
Damit hatte sich der gute Freund beruhigt. Auch war Rother viel zu vorsichtig,
ihm etwa nhere Details z.B. die Wohnung der Frau Lmmers mitzutheilen. Derlei
heimliche Liebesaffairen bilden einen Hang zum Versteckenspielen und steten
Argwohn aus.
    - Zum zweiten Mal binnen so kurzer Frist landete Rother's lecker Kahn an der
Elbemndung.

                                Siebentes Buch.


Krastinik dichtete nun frisch drauf los. Als hchstes Ideal schwebte ihm die
schne Form, das virtuose Schnreden, vor. Hier waltete ein psychologisches
Gesetz ob. Denn, obschon durch innere Strme hin-und hergerttelt, verleugnete
der Graf natrlich nie den frheren Offizier und die hocharistokratische
Erbschaft des streichischen Feudalgeistes. Der Aristokrat pflegt wie im Leben,
so auch in der Kunst die Form. Seinen Standesgenossen, den Pseudo-Dichter Graf
Platen bewunderte der edle Lord ber Alles. So drechselte er denn an seiner
markigen und bilderreichen Sprache, die wie Alles bei ihm auf den Effekt
berechnet war, meist so lange herum, bis sie schwulstig und geqult wirkte.
    Es gehrt zum guten Ton eines Mannes der guten Gesellschaft, da er
Jedermann mglichst viel Verbindliches sage. Man mu sich beliebt zu machen
wissen. Krastinik bewhrte auch hierin den besten Ton. Er machte jedem
Litteraten den Hof und sprach ber Jeden gut - aus Klugheit, wobei er natrlich
Jedem verschwieg, da er hinter seinen Rcken ebenso intim mit dessen Todfeinden
verkehre. Seine angeborenen Gentleman Manieren fielen unter den
Litteratenplebejern wohlthtig auf. Er bervornehmte noch die vornehmsten
Frack-Geister, den schnen Ernst Kabel und den noch schneren Emil Buttermann
(den Leib-Romanzier der Berliner Tagesstimme als Proteg der Frau Dr.
Bergmann, Chef-Redactrice dieses Weltblattes). So fhrte Krastinik ordentlich
die bisher dort unbekannte Gattung des Offiziers und Junkers typisch in die
Dichtergilde ein, ohne inde mit systematischem Ernst diese Theil-Aufgabe zu
verfolgen, die ihm vielleicht eine feste Stellung in der Litteratur gesichert
htte.
    Eine besondere Zuneigung bewies dem hochgeborenen Herrn Grafen kein
Geringerer, als Heinrich Edelmann. Diesen Messias der Poesie, welcher alle drei
Jahre ein lyrisches Gedichtchen als epochemachende Missethat verbte, verehrte
Alldeutschland als Leiter eines umfangreichen Pump-Systems. Auch die
Mildthtigkeit edler Freundinnen hinter den Coulissen wirkte in wohlthtigem
Halbdunkel. Seine berhmteste Leistung bildete das
lyrisch-melodramatisch-symphonische Opus Paris, worin die Belagerung von Paris
und die Kaiserproklamation mit gegenseitig auftretenden Massen-Chren in
zwlftausend griechischen Tetrametern besungen wurden.
    Sein Aeueres schien unheilverkndend: Er glich einem verhungerten Aasgeier.
Seine Raubvogelnase, seine blutlosen schmalen Lippen, sein mangelndes Kinn, sein
lauernder Blick bildeten fr den Physiognomiker ein anmuthiges Ensemble, welches
durch seine sauber elegante Kleidung, sowie sein liebenswrdiges und doch
reservirtes Wesen, in welchem er den sinnenden Idealisten herauszubeien
strebte, nicht verdeckt werden konnte. Seine Lieblingsstellung, in welcher
boshafte Aufpasser wie Schmoller und Leonhart ihn hufig mimisch abkonterfeiten,
entpuppte unbewuten Selbst-Verrath. Er sa dann nmlich fromm und vornehm als
Jesuitenpater am Tisch, nur hier und da ein salbungsvolles Wrtlein mit seiner
stillen sanften Stimme lispelnd, und blickte die Redenden mit verklrtem
Schief-Blick an, whrend sein Denkerhaupt halb zur Seite hing und seine Hand
unterm Tisch seinen gold-umrnderten Kneifer putzte. Man mute bei dieser unterm
Tisch hantirenden Hand unwillkrlich an Mogeln beim Kartenspiel denken.
    Eigentlich war er nur ein halber Mann, eine Hlfte, wie ein Siamesischer
Zwilling, der mit einem andern Wesen verwachsen. Seine schnere Hlfte stellte
nmlich ein Herr Rafael Haubitz vor, mit welchem zusammen er eine Serie
kritischer Broschren plante, unter dem Titel: Die idealen Waffenbrder. Darin
wurde ein sddeutscher Graf, der auer mehreren Millionen auch ein didaktisches
Talent besa, als Genie gepriesen; andere Leute hingegen, deren Hand zu fest am
Federhalter klebte, um offen zu sein, mit gebhrender Verachtung bestraft. Man
htte diese Waffenbrder sozusagen zu Fechtmeistern promoviren knnen, wegen
unerschpflichen Reichthums an allerlei Finten.
    So fochten sie denn rstig weiter als wackre Handwerksburschen der
parnassischen Heerstrae und erwarben sich den ehrlich verdienten Beinamen: Die
ungeschundenen Raubritter.
    Wie gesagt, begrte Edelmann einen neuen Priester des Idealismus mit wahrer
Inbrunst und bedurfte nach dem Titel Graf keines Beweises mehr fr die
Bedeutendheit desselben. Er sah's ihm gleichsam an der Tasche an.
    Da Krastinik den Wunsch aussprach, auch den Musagetes Rafael kennen zu
lernen, so wurde verabredet, da ihn Edelmann in den berhmten Verein  Drauf
fhren solle, wo als Vorsitzender und Vice-Vorsitzender die beiden idealen
Waffenbrder fungirten.
    So sah denn der Neophyt der litterarischen Mysterien den Messias der
Zukunftspoesie dort leibhaftig.
    Dieser Gott erkor als sterbliche Hlle die Gestalt eines bleichen Jnglings
mit langwallender schwarzer Mhne, Spitzbrtchen und Kneifer. Er litt an
permanentem Stockschnupfen und stotterte ein wenig; dabei lag im Tonfall seiner
Stimme eine undefinirbare Arroganz. Sein Roman Die neuen Riesen in sechs
Bnden befand sich seit beilufig sechs Jahren unter der Presse und tauchte
regelmig als mystischer Lockvogel auf, wenn ein neuer bedeutsamer Pump der
beiden Waffenbrder inscenirt werden sollte. Sie versandten dann neben den
Privatbriefen, welche das Erscheinen dieses Meisterwerks nebst dem Dantesken
Epos Lied der Vlkermuse (Mlkerfusel hie dies ungeborene Riesenwerk im
Privatjargon der litterarischen Kreise) ankndigten, noch ein Plakat:

    Demnchst erscheint:
                            Kritische Schneidemhle.
                    Herausgegeben von Heinrich Edelmann und
                                Rafael Haubitz.

    Zugleich erbaten sie dabei Einsendung smmtlicher Werke des Autors behufs
eingehender Wrdigung sowie von Manuscripten aus der geschtzten Feder des
erkorenen Opfers. Besonders das Manuscript-Anhufen gehrte in das System der
Waffenbrder als eine Art Strebepfeiler des Ganzen. Sie wuten, da der Autor um
sein Manuscript bangt, wie eine Henne um ihr Kchlein, und gerne ein Darlehn
sendet, um wenigstens sein verlegtes Manuscript zurckzukaufen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Rafael empfing den Grafen sehr gndig und beehrte ihn mit huldvollem
Handdruck, als Heinrich ihm mit verschwimmenden Augen, indem er gerhrt seinen
Kneifer putzte, einen neuen edeln Kmpen des Idealismus vorstellte. Jaja,
bewahren wir uns den I-I-Idealismus! geruhte er zu stottern darin liegt Alles.
Die Phi-Philister haben den idealen Sinn schmhlich ver--loren. Nicht aber wir,
die deutsche Ju-Jugend. - Sehen Sie, lieber Krastinik - Sie nennen mich doch
einfach Haubitz? ich bitte darum - sehn Sie unsern Verein Drauf! Kommen Sie
hufig her! Aus ihm wird dereinst der groe Dichter der Zeit hervorgehn. Wir
beginnen damit, unsre Begriffe zu lutern, ehe das Schaffen anhebt.
    Das sei sehr lblich, bekrftigte Krastinik trocken. Mittlerweile sah er
sich die Garde du Corps an, die, um die beiden Reform-Messiasse gepaart,
daselbst tagte. Drauf! Wahrhaftig, das schienen ordentliche Draufgnger, unter
Umstnden auch Durchgnger. Manche sahen so pfiffig aus, da man ihnen den
geriebensten Pump-Idealismus schon zutrauen mochte. Andre wieder bewahrten noch
ein kindliches Wesen und schienen vom Rasirmesser der Erfahrung noch verschont,
obschon sie krampfhaft ihr keimendes Brtchen zupften. Man hatte da auch einen
gewissen Victor Hugo, oder Carlyle redivivus, einen Sagus des Nordens mit vllig
verwildertem Urwald-Bart und titanischem Haarwuchs. Sein breiter
Turner-Hemdkragen war noch unbertncht von Europens Hflichkeit und schien bei
der letzten Sintfluth zum letzten Mal in der Wsche gewesen. brigens trug er
bei der grten Klte einen Turneranzug aus Drillich; darunter freilich
Jgersches Woll-Regime, so da es ihm nichts schaden konnte. Doch brauchte das
ja Niemand zu wissen: die wunderbare Abhrtung des Sagus bildete einen
Grundpfeiler seines Ansehens bei den Glubigen Jungdeutschlands. Diese
Litteraturstudenten verehrten diesen wrdigen Meergreis, Ambrosius Sagusch (man
leitet hieraus einfach Sagus ab), wie einen heiligen Vater. Wenn er so mit
Pfingstapostelzungen zu suren anhob, verehrte man ehrfrchtig eine neue
Apokalypse, eine Offenbarung Johanni in ihm. Im Anfang war das Wort und das
Wort ward Fleisch - was Wunder also, da er whrend seiner Wortspendung mit
wrdevollem Bedacht diverse Fleischgerichte zu sich nehmen mute, deren Werth in
irdischem Mammon nachher auf gemeinschaftliche Kosten seiner Verehrer
festgestellt wurde.
    Kurz, Ambrosius Sagusch blieb eine naive kindliche Seele und schnorrte
grundstzlich gleich beim ersten Mal. Hierin war er Doctor Heinrich Edelmann
berlegen und wich von dessen Spinnen-System betrchtlich ab, welches langsam,
aber sicher seine Fliegen umgarnte. Obschon daher Jeder von Beiden ber den
Andern offiziell urtheilt, derselbe sei ein vornehmer idealer Geist, herrschte
doch eine verkniffene Animositt zwischen dem Sagus und den verbrderten
Weihepriestern, welche von kleinlichen Seelen vielleicht als Geschftsneid
ausgelegt werden konnte. Ah, lieber Graf, bist Du da?! rief Sagusch, indem er
den Grafen zrtlich umarmte, der darber etwas betroffen schien. Ich habe schon
viel von Dir gehrt. Deutschen Gru und Handschlag! Warum sind wir alle so kalt?
Warum fliegst Du nicht in meine Arme?
    Ich danke Ihnen, werther Herr ... stammelte der Graf erstaunt. Aber da
grollte ein gewisser Unmuth in des Sagus Seherstimme, als er, die Jupiterlocken
schttelnd, losknurrte: Neune mich doch Du!
    Krastinik verbeugte sich verlegen, wurde aber eiligst von einigen
Litteraturstudenten ber die ihm zu Theil gewordene Ehre belehrt. Der Sagus,
welcher die Wurzeln alles bels zugleich auszurotten wute, verpnte nmlich das
neumodische Sie. Dafr sagte er zu Frauen Ihr, zu jungen Leuten Er und zu
auserkorenen Schlachtopfern Du. Man fand das riesig originell, wie es einem
Riesengeiste geziemt, dessen Roman-Ungethm Die Strohmer an die schnsten
Dunkelheiten des seligen Mystikers Hamann gemahnte.
    Der lbliche Verein Drauf schien vollzhlig versammelt und die Versammlung
konnte nun losgehn. Wer ist denn das da? fragte Krastinik pltzlich, Der da
am andern Ende mit dem dstern Blick und der ausgearbeiteten Stirn, der so
lebhaft plaudert?
    Ach, das - ist Leonhart! machte Edelmann gedehnt. Wie der sich nur heut
herverirrt hat! Er war doch noch niemals hier.
    Ja, er hat einen jungen Frischling mitgebracht, der hier eingefhrt sein
wollte. Wieder mal Einer von seinen Protegs. Wie lange wird's dauern! Sie
mssen wissen, lieber Freund, wandte sich Haubitz an den Grafen, dieser
Leonhart - ein Bramarbas und Aufspieler ohne alle und jede Begabung - hngt in
seiner trostlosen Unreife eben stets von den Anregungen ab, die ihm von Andern
zugetragen werden. Was er heut feierlich in den Himmel hebt, erklrt er morgen
fr den ungeheuerlichsten Unsinn. Heut entdeckt er ein Genie, morgen ist's ein
dummer Junge.
    Ja, so ist's! versicherte Edelmann mit einem wohlwollenden Mitleidsseufzer
Der arme Leonhart! Da hat er jngst ein Drama geschrieben Nemesis - da hat ihn
aber die Nemesis gehrig ereilt. Ein trauriges Opus  la Grabbe. Er ist ...
    Ah, meine theuren Herrn Waffenbrder! unterbrach ihn eine tiefe Stimme von
eigenthmlich vibrirendem Wohlklang. Ich erlaube mir hier, Ihnen einen Collegen
vorzustellen, der Ihre Bekanntschaft zu cultiviren wnscht: Herr von
Lmmerschreyer.
    Leonhart war. herangetreten und prsentirte dabei einen jungen Menschen, der
sich das Air eines Offiziers in Civil gab und sehr elegante Verbeugungen
cultivirte. Aus seiner Uhrkette baumelten eine Reihe Medaillons und sein
hellgrauer Anzug wurde durch einen weien Hut vorteilhaft gekrnt. Ein
glnzender Wirbelscheitel legitimirte ihn als Inhaber eines wandelnden
Brstenladens. Seine griechische Nase und seine niedrige Stirn liefen ineinander
ber, seilt kleiner lsterner Mund athmete brutale Geilheit, seine
Schlangenuglein zwinkerten verschmitzt frech, halb von dem breiten Augenlid
bedeckt wie Schweinsaugen. Seine aufgedunsenen Backen und sein stattlicher
Leibesumfang befhigten ihn zum Hamletschmerz, obschon er grade keinen Vater zu
rchen hatte. Doch fett und kurz von Athem sein ist ja das erste Erforderni
zum melancholischen Dnenprinzen - das Uebrige findet sich.
    Ah, Ihre Oden am Strome der Zeit empfing ich! Der immer herablassende
Heinrich schttelte dem neuen Bruder in Apollo innig die Hand. Werde mich
demnchst mit Kraft und Nachdruck darber uern! Sobald er diese
Lieblingsphrase loslie, wuten Eingeweihte, da er keine Zeile unter zwanzig
Mark Pump-Gebhren schreiben werde - nie ohne dieses.
    Jaja, er bezeugt darin sich und seinen nheren Freunden seine und ihre
Erhabenheit, wuchtig aufstampfend in Pindarischen Metren! lachte Leonhart. Wie
heit doch gleich die Eingangs-Widmung?

La mich hochauftnend im Odenschwung
Rufen Heil uns Shnen der Gottheit, Heil!
Nieder mit Pfaffen, Tyrannen und Prosa! Hoch
Verskunst und Tugend!

    Fahren Sie so fort, lieber Odensnger! - Apropos, wandte er sich an den
biedern Heinrich ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt fr Ihren schnen Brief
ber mein Drama Nemesis. Sie werden's also wirklich nchstens ausfhrlich
besprechen? Ach, ich kann Ihnen nicht sagen, wie es mich erfreut, da grade Sie
sich so gnstig darber aussprachen.
    Hier rusperte sich Ambrosius Sagusch doch etwas bedenklich, Krastinik sah
betreten aus und ber Heinrichs bleiche Wange flog ein flchtiges Roth. Eine
boshafte Freude blitzte in Leonharts Auge und er fuhr unverdrossen fort:
    Sehen Sie, das hat mich ergriffen, dieser ungeknstelte collegiale Zuruf:
Ihr Drama hat einen gewaltigen Odem. Es ist in seiner Art, ich mchte sagen,
vollkommen.
    Und Sie, lieber Haubitz, Sie machen ja Ausstellungen, aber Sie schlieen
doch ernst und ehrlich: Jedenfalls besitzen Sie eine elementare Dichterkraft.
Das war mein Urtheil stets und ist es noch heute! Dank, Dank! - Aber da klingelt
ja unser Prsident zur Tagesordnung.. auf Wiedersehn! Nachdem er diesen
parthischen Pfeil abgeschossen, setzte sich Leonhart mit seinem eingefhrten
Gast behaglich nieder und bestellte eine Flasche geflschten Rheinweins, da
Edelmann in aller Eile aus seinen Vorsitzenden-Platz geeilt war, um der
unheildrohenden Festnagelung des bsartigen Realisten zu entrinnen. Krastinik
verlor jedoch den seltsamen Menschen nicht aus den Augen, an den ihn alsbald ein
unerklrliches Interesse fesselte. Nach den Warnungen, die ihm zu Theil
geworden, hatte er vermieden, ihn anzureden, was ihm freilich durch den kalten
Gru des hochmthigen Dichters erleichtert wurde.
    Es wurde nun ein Vortrag des abwesenden Ehrenmitglieds Paulus Hartung,
genannt der Knppelreformer, verlesen. Derselbe war datirt: Geschrieben am
Jahrestag meines letzten Selbstmordversuches und brach in der Mitte ab, da der
Autor pltzlich von einer Gemthskrankheit ergriffen wurde - eine traurige
Mittheilung, welche jedoch die Anwesenden mit stoischer Ruhe entgegen nahmen, da
ja Jeder von ihnen aus eigener Erfahrung den Rummel kannte.
    Paulus Hartung war augenscheinlich in Spanien reichbegtert und stolz will
man den Spanier. Daher entwickelte er als Baumeister voll Lustschlssern eine
Sicherheit, als sei er zum Oberhofbaurath der hochlblichen Vorsehung bestallt.
Kommen, hren, sehen und staunen! Das Theater msse vorerst durch Niederreiung
smmtlicher Kunstbuden gereinigt werden. Sodann sei Abschaffung der Coulissen
nthig und ein Orchester voll Posaunenblsern habe als Chor im antiken Sinne mit
ngelbeschlagenen Kothurnsocken zu beiden Seiten des Podiums aufzumarschiren.
Ferner verlangte der Knppelreformer ein neues klassisches Reportoir, dessen
eisernen Bestand die Komdien von Lenz und Klinger sowie Die Kindsmrderin
voll Leopold Wagner zu bilden htten. Nur so, der lstigen Concurrenz fremder
Gtzen wie des Englnders Shakespeare entledigt, werde das Jngste Deutschland
seine hohen Ziele einer Theaterreform im Sinne einer wahren Volksbhne erreichen
und vor allem seine eignen Stcke zur Auffhrung bringen, wobei er besonders auf
das allbekannte herrliche Blutschande-Trauerspiel unseres Rafael Haubitz Der
Wrgeengel hinweise.
    Lebhafter Beifall lohnte den gediegenen Vortrag. Nur Leonhart hatte sich
wenig taktvoll benommen und stets mit der Hand schmunzelnd ber seinen
Schnurrbart gestrichen, als verberge er mhsam seine Heiterkeit. Auch
Lmmerschreyer profitirte nicht viel - seine ganze Dichterseele wandte sich der
homerischen Begierde des Trankes und der Speise zu, whrend er zwischen dem
Kauen einige Anekdoten von einem feudalen Weib zum Besten gab, wie es einem
solchen Verehrer der Tugend und Todfeind aller Tyrannen angemessen.
    Sie bernehmen den Wein, Herr Leonhart? Ich behalte mir Revanche vor!
meldete der Jngling hochtrabend.
    Oller Renomierstengel! brummte jener zwischen den Zhnen.
    Eilt gewaltiger Kumpen mit Hummersalat fuhr vor, welchen Lmmerschreyer
bestellt hatte. Welch ein Gebirge! Der reine Kau-Kasus! wortwitzelte der
Jngling.
    Leonhart ermunterte ihn ironisch zu krftigen Einhauen. So ist's recht,
mein Lieber! Den Dicken gehrt die Zukunft.
    Dank Ihnen. Der Jngling brach sich eine weite Gasse in das Gericht und
begleitete diese ritterliche Handlung mit dem prickelnden Witzwort: Die Sttte,
die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht - wee Knbbchen - fr alle Zeiten.
    Hier wurde er aber unliebsam unterbrochen.
    Ein Studiosus der Philosophie, der starr und steif wie ein steinerner Gast
dagesessen und den Orakeln gelauscht, dafr aber unbndig viel geistige Getrnke
genossen hatte, fhlte sich voll dem Kneifer Lmmerschreyers schon wiederholt
beleidigend gestreift. Jetzt brach er pltzlich ganz unmotivirt los: Mein Herr,
wnschen Sie was von mir? Sie haben mich fixirt.
    Lmmerschreyer lie die Gabel fallen und starrte ihn majesttisch an. Das
emprte jenen Musensohn aufs hchste, er sprang auf und rief: Sie! Sie fixiren
mich ja immer noch. Wenn Sie Student sind, geben Sie mir Ihre Karte!
    Die bekommen Sie nicht! schnaubte Jener mit ausgeworfener Nase. Er war
jedoch sehr bla geworden.
    Was? Erst fixiren und dann nicht Karte geben? Das ist eine erbrmliche
Kneiferei!
    Hier legte sich jedoch Leonhart energisch ins Mittel und nach blichem Hin-
und Hergerede erklrten sich Beide fr Ehrenmnner. Whrend dieser lebhaften
Vorlage am andern Ende der Tafel, welche hier und da durch die Klingel des
Prsidenten Edelmann beschwichtigt wurden, hielt ein Individuum am
entgegengesetzten Ende der Tafel einen unverdauten und unverdaulichen Vortrag
ber den Begriff der Schnheit. Es mummelte und murmelte ununterbrochen so
fort, indem es in sein Weinglas stierte, und versicherte unablssig, da
Schnheit der Einklang von Form und Inhalt sei. Als dies Murmelthier schwieg,
sprang Herr Rafael Haubitz auf und bewies in lngerer Rede, die er stotternd
hervorsprudelte, da die Begeisterung (Begeiferung? fragte Leonhart seinen
Nebenmann) das eigentliche Prinzip der Poesie sei, wobei er auch wieder die alte
Phrase herleierte, bei Chinesen und Negern sei das Schnheitsideal ein ganz
anderes als bei uns.
    Er suchte sodann darzuthun, da man den Begriff des Schnen in
physiologische und associative Eindrcke zerlegen knne. So z.B. wirken, beim
Hinaustreten aus einem Zimmer auf eine thauige Wiese im Morgenlicht, zuerst rein
physiologisch das Licht, die Frische, das Grn: als angenehmer Sinneseindruck.
Spter aber trete das associative Gefhl hinzu: Licht und frische Luft sind
gesund fr jedes Lebewesen, das Grn aber wirkt schn, weil wir damit in der
Erinnerung den Begriff einer blhenden Natur associiren. Warum wrde ein grner
Mensch auf uns abschreckend wirken? Weil wir einen solchen noch nie gesehen
haben (Oho! Grner Junge! murmelte Leonhart) und das Angenehme geselligen
Verkehrs in unserer Vorstellung nur mit weien Menschen associirt sei. Daher
auch unsre Abneigung gegen Schwarze, die von diesen erwidert werde.
    Hier bemerkte ein zartes feines Stimmchen, einem mimosenhaften Jngling
angehrig, da die Natur doch dann nicht schn wirken knne, wenn man sie durch
eine rothe Glasscheibe betrachte. Sie wirke aber dabei nur befremdlich,
keineswegs unschn. Nachdem dann noch ein furchtbar gelehrtes und bemoostes
Haupt von 24 Jahren einen Discurs ber die Undulationsschwingungen gehalten und
Helmholtz' Theorieen auf den Begriff des Schnen angewandt hatte, trat jetzt ein
allgemeines Hin- und Hergerede ein, das der Prsident umsonst zu stoppen suchte.
Jeder disputirte auf eigene Faust und verfocht die tiefsinnigsten Theorieen ber
die Gesetze der poetischen Production. Da erbat sich Leonhart Gehr, und nachdem
nothdrftige Stille hergestellt, begann er also:
    Wir haben soeben manch geistreiches Wort vernommen, sind ber Vieles
belehrt. Erlauben die Herrschaften nun, da auch ich zu jeder einzelnen These
meinen Genf gebe. Wir haben die uralte Prase gehrt, Schnheit entstehe, wenn
Form und Inhalt sich decke. Nun, in einem Menzel'schen Bild oder etwa in Laibl's
Drei alten Weibern decken sich Form und Inhalt wunderbar d.h. sind von gleich
origineller Hlichkeit. Ist also auf diese Weise Schnheit entstanden?
Keineswegs. Aber ist darum diese meisterliche Hlichkeit nicht kunstwerkmig
ausgefhrt? Ja.
    Nun gehrt aber ohnehin in die Rumpelkammer der alten sthetik, die von
Aristoteles und Lessing bis auf Vischer und Nordau nur dummes Zeug
zusammengeschwtzt hat, die thrichte Voraussetzung, die Kunst habe die
Schnheit zum weck. Macbeth als Mrder ist ganz gewi nicht schn. Vielmehr
wird das Gleichgewicht der Schnheit d.h. der sittlichen Naturharmonie, erst
durch die Zoten des betrunkenen Pfrtners, also etwas an sich Hliches, wieder
hergestellt. Wenn wir aber die Wahrheit mit den Realisten als Zweck der Kunst
bezeichnen, so verlockt uns auch dies in Irrwege. Wahrheit soll sein der einzige
Zweck der Wissenschaft, aber soll sein nur ein Mittel der Kunst. Der Fanatismus
der Wahrheit fhrt uns naturgem zur bertreibung und Karrikatur, also zur
Unwahrheit, gerade wie etwa Atheismus zum Aberglauben fhrt. Die spitzfindigen
Erzeugnisse von Ibsen sind wahr, aber nicht schn - und darum wirken sie kalt,
blutlos, didaktisch, doctrinr. Nicht schn - fehlt da auch noch etwas Anderes:
sie wirken zerrissen, fragmentarisch, wie ein hhnisches Fragezeichen. Es fehlt
die Abrundung, der vollausgetragene innere Abschlu. Nun, welches Element mchte
denn wohl das letztgenannte Kunsterforderni hinzuleiten? Denken wir an
Schillers allgemeingehaltene Phrase vom Wahren, Guten und Schnen. Das Gute -
das soll bedeuten: den philosophischen Tiefblick in das Getriebe der Welt und
des Herzens, der mit unentwegter Sittlichkeit immerdar die vershnende innere
Lsung findet, selbst beim zeitlichen Untergang des Guten. Eine gewisse
Erhabenheit der Anschauung gehrt unbedingt zu einem wahren Dichterdenker und zu
einem Kunstwerk hherer Gattung.
    Das Wahre und Gute in seiner Vereinigung bildet das Schne, oder vielmehr
ist bereits das Schne. So stellt der grausigste aller Romane, Raskolnikow,
vollendete Schnheit dar, weil er vollendet Wahres und Gutes in sich birgt. Die
meisten Werke von Zola sind nicht schn und nicht kunstvollendet, weil sie mir
theilweise wahr und gut sind; Germinal und L'Assomoir aber nhern sich der
idealen Schnheit, weil sie viel Wahres neben einigem Unwahren und manches Gute,
von innerer Ergriffenheit und moralischer Erhebung Zeugende, aufweisen.
    Ein anderes Gesetz der Schnheit, als das eben aufgestellte, giebt es nicht.
Die sonstige Form ist etwas Sekundres.
    Wie aber den Knstlergeist in eine Seelenverfassung versetzen, welche das
Wahre und Gute d.h. das Schne erfassen und darstellen kann? Meister Haubitz hat
uns allerlei von Begeisterung vordeklamirt - ist ihm diese Dame vorgestellt?
Leicht mglich. L'enthousiasme est de tous les sentiments celui-ci qui donne le
plus de bonheur sagt Frau von Stal.
    Dieses Gefhl, welches das meiste Glck giebt, bezeichnet also den Grad
hchster Extase. Glaubt nun ein psychologisch geschulter Kopf, da dieser
Zustand bei Schpfung eines Kunstwerkes anhalten knne? Doch hchstens bei
gewissen Hochmomenten.
    Wenn wir nun constatiren, da durchdringender combinirender Verstand
ebensosehr wie reiche Phantasie fr echte Dichtung nothwendig erscheinen,
wodurch der Begeisterungs-Humbug schon in sich zusammenbricht, so locken wir mit
all dem keinen Hund vom Ofen fr die Frage: Was ist der geheime Grundkeim des
dichterischen Wesens? Nun, meine Herrn, Meister Haubitz hat uns die fable
convenue wieder aufgewrmt, die schon in Wielands Abderiten der Demokritos zum
Besten giebt, da die Schnheitsbegriffe eines Negers andere seien als die
unsern. Allein, was kommt denn fr uns bei dieser Prmisse heraus, was gewinnen
wir mit dieser Beobachtung? Nichts, denn sie gehrt gar nicht hierher. Die
uerlichen und sinnlichen Schnheitsbegriffe sind allerdings verschieden; das
knnen wir, ohne fremde Welttheile zu behelligen, unter uns selbst beobachten.
Der eine schwrmt fr dicke Frauen, dem andern sind diese ein Horreur. Was dem
Einen sin Uhl is, is dem Andern sin Nachtigall. Aber die Schnheitsbegriffe der
Kunst, von denen doch hier allein die Rede ist, die Begriffe der intellectuellen
und moralischen Schnheit waren zu allen Zeiten und unter allen Vlker die
gleichen. Was edel handeln heit, wei der Schwarze wie der Weie, und was
schlecht handeln heit, ebenso. - Auch mit den physiologischen und associativen
Eindrcken ist's eine eigene Sache. So erweckt eine rothe Wange uns
Lustempfindungen, weil wir diese Rthe als Gesundheit deuten. Andrerseits aber
kann eine rothe Wange das Zeichen der Schwindsucht sein. Sie erweckt uns also
Peinliche Empfindungen. Gleichwohl wirkt eine rothe Wange unter allen Umstnden
auf uns als angenehm d.h. schn, weil diese lebhaftere Farbe die Eintnigkeit
der Zge belebt. Auerdem wirkt sogar die veritable Schwindsucht selbst, welche
bekanntlich die Zge verfeinern und gradezu vergeistigen kann, auf uns hufig
als schn - allerdings nur auf den Gebildeten, auf den grberen Sinnenmenschen
nie. Der Begriff des Schnen ist also im letzten Grunde genommen ebenso abstrakt
wie der des Guten - also voll physiologischen und associativen Einflssen
unbestimmbar. Aus diesem Grunde wrde z.B. auf den Kunstgebildeteten eine
lebendig gewordene Venus von Milo physiologisch als vollendet schn wirken, auch
wenn sie stumm und dumm wre. Hingegen wrde sie unter diesen Umstnden bei
einem normalen Menschen niemals Liebe erwecken knnen, d.h. jene Schnheit
besitzen, die alle Sinne gefangen nimmt. Das heit also: die rein physiologisch
als schn wirkende Schnheit - ja, wirkte sie auch wie die Venus associativ, all
unsern Kunstanschauungen gem - wird nie als vollkommene, als absolute
Schnheit wirken.
    Das Psychische spricht unbedingt das entscheidende Wort - so zwar, da ein
unschnes, weder physiologisch noch associativ reizendes Aeuere sich unendlich
verschnert durch innere Vorzge und eine anmuthig seelenvolle Frau auf die
Dauer die Schnste besiegt, sobald der Wettkampf um die Liebe des Mannes
hervorgerufen wird. Aus diesem Grunde war es ernst gemeint, wenn Alcibiades den
Sokrates als schnsten der Hellenen bezeichnete Die Griechen faten eben den
Begriff der Schnheit in ihrem eigentlichen Sinne auf - eine Schnheit, welche
man selbst durch lebhaftes Mitfhlen gleichsam ergnzt und mitschafft.
    Nun denn, dies ergnzende mitschaffende Gefhl fr das Schne d.h. das Wahre
und Gute halte ich fr den eigentlichen Keim einer echten Dichterbegabung. -
Das Herz ganz voll von einer groen Empfindung Der Dichter darf nur
schildern, was er liebt oder geliebt hat - diese Worte Goethes seien
Richtschnur. Dies Gefhl, das man philosophisch die Sympathie nennt - meine
Herrn, ich erhebe mein Glas auf dies Eine, was den Dichter macht, die 
weltumfassende Liebe.
    Als er sein langes Pronunciamento beendet, verbeugte sich Leonhart pltzlich
mit leichtem Auflachen: Mahlzeit, meine Herrschaften! Lat's euch gut gehn!
und verlie die verblffte Versammlung, whrend ihm Lmmerschreyer nach einer
eleganten Rundum-Verbeugung mit dem Ruf Herr Doctor, Ihr berzieher!
dienstfertig nacheilte.
    Der kommt wohl nicht wieder! bemerkte Krastinik trocken zu Edelmann,
welcher mit vielsagendem Schweigen und unheilverkndendem Schielen unterm Tisch
seinen Kneifer putzte.
    Wie er sein Froschtalent grenwahnsinnig aufblht! platzte Rafael mit
ungewhnlicher Heftigkeit los. Er kann nicht ernst genommen werden. Welche
unlslichen Widersprche, welche trostlose Unreife und erschreckliche
Unwissenheit!
    Der Sagus des Nordens schttelte majesttisch sein bemoostes Haupt und
wirkte vernichtend durch vielsagendes Schweigen. Ein Engel durchschritt lautlos
das Zimmer. Es war, als ob ein Mehlthau sich auf die Blthen dieses
litterarischen Reform-Frhlings niedergesenkt htte. Und doch hatte Leonhart ja
gar nichts Verletzendes gesagt. Aber ein erdrckendes Gefhl von
uneingestandener Ueberlegenheit dieses Renommisten beklemmte den freien Odem
der stolzen Strmer und Drnger. So drngen sich die Schafe ngstlich um den
Leithammel zusammen, wenn der Lwe in die Herde fiel und sich ein Lamm von
dannen trug.

    Schndlich, schndlich! Sehen Sie, Herr Graf, diese Vermbelung im
sogenannten Witzblatt Rempler. Das ist Tell's Gescho, das ist Leonhart's grobe
Klaue!
    Mit diesem Aufschrei tiefer sittlicher Entrstung strmten Haubitz und
Edelmann in Krastiniks Stube.
    Nun, nun, lassen Sie doch sehn!
    Das drfen Sie nicht auf sich sitzen lassen, hochverehrter Herr Graf, rief
der Edle-Mann mit dem Brustton der Ueberzeugung, indem er ihm ein Zeitungsblatt
berreichte. Doch nein, bewahren Sie ein wrdiges Schweigen. Das ist vornehmer.
Vornehm sein - darin liegt Alles. Seien wir vornehm!
    Krastinik las.


                                Kavalier-Poesie.

    Es giebt eine gewisse Presse, die dem nicht mehr ungewhnlichen Sport sich
hingiebt, reiche und vornehme Leute, die in ihren Muestunden der sogenannten
Muse opfern, in die thtlich werdende Literatur hineinzuzerren.
    Solche bevorzugten Geister - sei es nun, da sie umfangreiche
Banquiergeschfte betreiben, oder Villen in Italien oder sonstwo besitzen, sei
es, da sie sich des Prinzentitels oder doch wenigstens irgend einer andern
hohen Geburt erfreuen - werden dann sorgfltig als Dichter prparirt. Sie
bilden den neuen hoffnungsvollen Nachwuchs, welchen man den alten
Berhmtheiten, vor denen man sonst auch unterthnigst katzbuckelt, mit
triumphirendem Reklamegeschrei gegenberstellt. Es wird daher leicht begreiflich
scheinen, wenn gemeine Sterbliche, welche ohne den Vorzug des Reichthums und
hoher Geburt als Literaten auftreten, solchen neuen Byrons, deutschen
Flauberts, Berliner Shakespeares und vor allem jener grlichen
Wereschagin-Sorte, die zugleich ein Snger und ein Held die Unreife ihrer
Produkte durch prahlerische Ich-Reminiscenzen verbrmt, mit grimmigem Mitrauen
begegnen.
    Nun, jetzt hat man uns den Dichter Xaver Graf von Krastinik entdeckt.
    Schon das Hervorheben seiner vornehmen Weltabsonderung - die trotzdem die
betreffenden M.S. in die Hnde der Recensenten fallen lie - wirkte bedenklich.
    Wir kennen sie, diese groen Seelen, diese vornehmen Naturen, welche ihren
Grenwahn in der Einsamkeit verstecken (warum publiziren sie denn, da sie's ja
doch nicht nthig haben?) und nur mitleidig hier und da ein Wrtchen davon
fallen lassen, da der hochstrebende gedankentiefe Idealismus ihrer heimlichen
Dichtersnden natrlich bei solchen Verlegern, Theaterdirektoren u.s.w. keinen
Anklang finden knne. Diese Vornehmheit, wozu sich noch die bekannte
Wereschagin'sche Bescheidenheit (diese frechste aller Streberlgen) gesellt,
verfehlt nicht ihren Zweck. Eine stets zu solcher Handlaugerei bereite
Corybautenrotte trgt den neuen Gtzen in die Arena und steckt mit frenetischem
Hosianna natrlich die thrichte Menge an. Jetzt kommt der gewhnliche Verlauf
der Farce. Statt des Schiller'schen Gedankenfluges erhalten wir elendige
Coulissenrhetorik, mit raffinirtesten Bhnenmtzchen zugestutzt. Statt
byronischem Weltschmerz die alten Affen des Titanismus. Aber es hlt nicht
lange. Der neue Schiller und wei Gott was Alles und der dmonisch-byronische
Hinker werden zum alten Eisen geworfen. Des Kaisers neue Kleider.
    Denn in Berlin ist alles nur Modesache. Man mu den Moment ausntzen, lnger
als zwei Jahre dauert's ja doch nie.
    Solche und hnliche Befrchtungen konnten durch die Proben nicht zerstreut
werden, die man uns aus Krastiniks Dichtungen bot. Dieselben waren theils
ungeniehar, theils platt. Mit Recht hob allerdings ein Referent hervor, da das
Abwischen des Ges-Schweies an seinem Trakehner nach einem Budapester
Wettrennen, wie der Herr Graf dies in originell realistischen Versen schildert,
von reicher Selbsterlebtheit zeuge. Nun, wir sind der denkbar grte Verehrer
der Subjectivitt. Aber, offen gestanden, scheint uns eine Hymne an die
Unsterblichkeit, in der Dachkammer gedichtet, genau ebenso selbsterlebt und
jedenfalls um 100 Procent gewichtiger.
    Man verstehe uns recht. Gegen dies Abwischen in ertrglichen Versen haben
wir gar nichts. Aber dergleichen uns als besondere Genialitt vorzufhren -
dagegen haben wir ungemein viel. Denn hieraus resultiert eine Spezies, die man
am besten als Kavalier-Poesie bezeichnen mchte. Nicht wahr, fr das in
prosaischen Tagesarbeiten hinschlendernde Publikum mu es ja ungeheuer
interessant sein zu hren, wie ein Graf hoch zu Ro durchs Leben dahinbraust?
Nein, mein werther Xaver Graf von Krastinik, da Sie ein schner Offizier und
eleganter Sportsmann waren und davon, wie auch von etwaigen hochgeborenen und
gar nicht geborenen Liebschaften, nicht uneben zu plaudern wissen - das macht
Sie noch lange nicht zum Dichter, zugleich ein Snger und Held. Aber da Sie
wirkliches und wahres poetisches Empfinden und Darstellungsvermgen besitzen,
das erst adelt Sie zum Dichter.
    Doch ich erlaube mir den ganz ergebensten Vorschlag, den Grafen knftig
auf dem Titelblatt wegzulassen. Es erweckt dies immer jenes ungnstige
Vorurtheil, unter dem anfangs grere Dichter wie Sie: Graf Platen, Graf
Strachwitz, und Graf A. von Wrtemberg zu leiden hatten.
    Jaja, wenn wir mal 'was produciren sollten, so werden wir auf den Titel das
Pseudonym Arthur Graf Nirgendburg setzen und unser Schlo verfhrerisch
ausmalen. Wenn der biedere Recensent liest, wie der gndige Graf auf Jagd gehn
und leuteselig mit Dero Unterthanen verkehren so denkt Itzig: Teufel noch mal!
Schlo Nirgendburg in der Grafschaft Nirgendheim - am Ende ldt er mich auch mal
zur Jagd ein! Und der neue Heinrich von Kleist ist fix und fertig.
    Unser Krastinik - wir wollen ihn mal mit Weglassung seines Titels beehren -
lt sich nur in der freien Dienstzeit herab, mit der Brgerjungfrau Poesie ein
wenig zu scharmuziren.
    Ja, Herr von Krastinik - Sie gestatten mir den Grafen fallen zu lassen -
arbeiten Sie recht fleiig wie andere gemeine Sterbliche und es kann noch was
aus Ihnen werden - trotzdem man Sie als Graf entdeckt hat.

    Nun, was sagen Sie dazu? Edelmann putzte wie gewhnlich unterm Tisch
seinen Kneifer, um als Maskirung schielend das Auge darauf zu richten, whrend
er Krastiniks Gesicht beobachtete.
    Gar nichts, erwiderte der Graf khl, ohne eine Miene zu verziehen. Ich
lege das Blatt ad acta. Er ist ungerecht, aber auch hier Zeigt sich etwas - wie
soll ich sagen: Die Tatze des Lwen.
    Und dabei blieb er, trotzdem Haubitz darin den Zahn der Schlange erkennen
wollte.
    Aristokraten werden von Jugend an auf Lebensklugheit eingedrillt, gerade
durch das Pflegen der ueren Lebensformen und die stete dadurch erzeugte
Selbstzucht.
    Halb aus Vornehmheit, halb aus Klugheit, beschlo Krastinik daher, seinen
Groll zu verbeien. Es reiste doppelt in ihm der Wunsch, diesen seltsamen
Rempeler, der schon die halbe Welt beleidigt hatte, kennen zu lernen.

                                      II.


Gott, da sitzt der alte feudale Dondershausen! rief Leonhart entsetzt, dessen
krankhafte Adels-Idiosynkrasie die echte Vornehmheit vieler Kreise des deutschen
Militairadels nicht kannte und daher sich auch leider nie curiren konnte, er hat
mich gesehn. Ertragen nur die Prfung. - N Abend, Herr Oberst.
    Der alte Offizier z.D. grte schon aus der Ferne von seinem Marmortischchen
im Caf Bauer, wo er allabendlich stammgastete, mit der Hand. Nur immer 'ran
aus Biwak, mein guter Leonhart. - Lmmerschreyer? Freut mich sehr. Sind Sie
verwandt mit meinem alten Kameraden, General Lmmerschreyer? Nicht? schade.
    Ja, aber dafr ist er der Neffe des berhmten Malerheros Adolf v. Werther.
    O entzckt, das zu hren, mein guter Leonhart. Ah, Herr von Lmmerschreyer,
wie gut mssen Sie da in die Berliner Gesellschaft eingefhrt sein! Fhlung mit
allerhchsten Kreisen ...
    Der alte Soldat mit den graugesprenkelten Bartcotelettes sah danach aus, als
ob er seinem Burschen die Benutzung des Stiefelknechts als Wurfgescho oft genug
erlutert habe und seinen Haushalt nach militairischen Disciplinbegriffen
regele. Gleichwohl trug er liberale Anschauungen zur Schau, seitdem er trotz
seines Wiedereintritts in die Armee nach seiner Verwundung bei Bapaume das
bewute blaue Briefchen empfangen, - wie das fters der Fall sein soll. Das
hinderte ihn natrlich nicht, nach oben hin Patriotisch die Augen zu verdrehen.
Seine Spezialitt bildeten Hohenzollernlieder und Kornblumenweisen; da ihn
die bekannte Redseligkeit ausgedienter Militairs bewogen hatte, die Feder zur
Hand zu nehmen.
    Er war eben ein Idealist von echtem Schrot und Korn, welcher auf Paul
Heyse und Geibel schwor, auf die deutsche Frau minniglich toastete und sich fr
Heinrich voll Kleist begeisterte, sintemal derselbe von echtem altem Adel war.
    Ich komme von den Meiningern, hob er an, aus dem Viktoriatheater. Diese
Auffhrung der Jungfrau von Orleans - pomps! Bin einfach berwltigt. Wie
herrlich hat Schiller die traurige Geschichte umgearbeitet und in ideale
Verklrung gerckt! Ich erinnere mich, wie wir vom I. Corps in Rouen einrckten,
beim Feldzug gegen Faidherbe, meine Herrn. Auf dem Platz, wo die Pucelle
verbrannt wurde, spielten unsre Musikbanden vor ihrer Bildsule und unsre
siegreichen blauen Jungen defilirten. Ein unvergelicher Augenblick, meine
Herrn, wo wir Offiziere an das Vaterlandsdrama unseres groen Dichters
gedachten, dem Frankreich die wrdige Apotheose seiner Nationalheldin berlie,
nach der abscheulichen Pucelle von Voltaire.
    Er schien jedoch nicht auf eine gleichgestimmte Seele zu stoen. Wenigstens
bewies Leonharts Schweigen und Ruspern, da keine verwandte Saite bei ihm
berhrt war. Endlich brach er los: Na, offengestanden, Herr Oberst, da ist mir
die Pucelle voll Voltaire doch noch lieber! Dondershausen fuhr ordentlich
zurck. Sehn Sie, Schiller hat sich berhaupt unfhig gezeigt, diese
Idealgestalt in ihrer strengen Wrde zu begreifen. Bei ihm ist Alles falsch und
verzerrt. Die Weiblichkeit der makellosen Jungfrau sucht er in ihrer sinnlichen
Verliebtheit. Und dabei lt er den jungen Montgommery vergebens ihr Erbarmen
anflehen, whrend in Wahrheit Johanna die Verwundeten pflegte und ber die
todten Feinde Thrnen vergo.
    Freilich, der sentimentale Quatsch in Schiller's Melodrama, der auf die
Hhere Tochter bedeutende Rcksicht nahm, bezaubert den Mob. Was wre Johanna
fr unsre Backfische, wenn sie sich nicht in Lionel verliebte und zwar beim
ersten Blick auf Befehl des Herrn Dichters. Die arme Johanna!
    Ach, sie war so weich wie heldenhaft, so bescheiden und so stolz - denn die
Herrn Prinzen und Connetables wute sie gehrig anzulassen, wenn sie nicht Ordre
parirten.
    Hm, ich denke, sie war so faust und anspruchslos ...
    Ja wohl, in persnlichen Dingen. Aber daneben betonte sie in ihrer
erhabenen Kindlichkeit doch stets ihr Allmachtsbewutsein als Trgerin einer
gttlichen Mission. Bei der Krnung zu Rheims, wo das eingeborene heimische
Volksthum im Dauphin gesalbt wurde, stand sie in ihrer Rstung, die Fahne in der
Hand, allein am Altar neben dem Knig. Das lie sie sich nicht nehmen, das nahm
sie als ihr Recht von Gottes Gnaden in Anspruch.
    Ja, meinte Dondershausen, um irgend etwas zu sagen; er war so betroffen.
Da wurde der legitime Knig direkt von Gottes Gnaden gesalbt.
    Leonhart brach in ein lautes Gelchter aus. Mit heiligem Oel, nicht wahr?
Dieser Kotmensch in seiner allerhchsten Erbrmlichkeit! Und fr den mute die
Himmelsgesandtin, vom Gottesgnadenthum ihres Genius umstrahlt, sich opfern!
    Erlauben Sie, Herr Leonhart, fiel der Oberst etwas erregt ein. In
Schillers Darstellung ...
    Na natrlich! Leonhart schlug mit der Faust den Tisch. Edler Knig, der
auf der Menschheit Hhen mit dem Snger gehet! Edle Agnes Sorel, Krone der
Frauen! Edler Herzog von Burgund, Stifter des goldenen Vliees, Blume der
Ritterschaft!
    Nun ja, Philipp der Gute hie er doch? fragte Jener erstaunt.
    Versteht sich. Der unritterliche Bube, der die brgerliche Heldin den
Englndern verschacherte, im selben Augenblick, wo er seinen Hohen Orden vom
Goldenen Vlie zu stiften geruht! An Lderlichkeit kam er dem guten Knig Karl
beinahe gleich, und wieviel dies sagen will, mgen die ermessen, die von dem
Hirschpark dieses Vorlufers von Louis XV. wissen!
    Wie, und das duldete die edle Agnes Sorel?
    Ja, die wackre betitelte Metze, diese Vorluferin der Pompadour, die ihrem
kniglichen Aushlter diesen Hirschpark unterhielt!
    Ich bin starr. Konnte Schiller eine so grobe Geschichtsflschung -
    Pah, der arme Schiller! O ihr alle, ihr Lieben, seid charakteristische
Schpfungen des deutschen Idealismus! Die Wahrheit wre ja gemein, wre unschn
und auerdem - unklug. O nein, die Wahrheit ist halt erhabener und poetischer,
als die Phrasen-Rhetorik schnfrbender Idealisten. Allerdings gehren starke
Nerven dazu, um sie zu ertragen. Ich gestehe, die wahre Geschichte des edeln
Marschall Rais, Marschall von Frankreich, dieses Teufels in Menschengestalt, der
an der Seite der Jungfrau focht, ergtzt mich mehr als der symbolischmystische
Schwarze Ritter. Jaja, wir wissen, da dem nichtsnutzigen Knig und seinen
hochadligen Maitressen eine verderbte Satanskirche und ein Stallbubenadel wrdig
entsprachen. Sie waren es wie immer, fr die das brave Volk sich opferte und
welche die Frchte seines Patriotismus einheimsten. Sie waren es, welche das
Heldenmdchen, die Heilige Frankreichs, in ihrem genialen Wirken hemmten und
endlich der Kreuzigung berlieferten. Es ist die alte Geschichte.
    Fr mich eine neue Geschichte, gestand Dondershausen verblfft. Sie
rauben mir ja all meine Illusionen, Sie bser Mensch.
    So? Das ist gesund. Ja, ich gestehe gern, ich bin ein bser Mensch. Seine
Majestt Karl VII., Seine Hoheit den Herrn Herzog von Burgund und andre
erlauchte Wesen, an die ein niedriggeborener Plebejer wie ich nur mit Ehrfurcht
denken sollte, mchte man noch nachtrglich mit der Schrfe des Schwertes in
Stcke hauen. Aber wenn man das Leben Jeanne d'Ares, dieses kleinen
Bauernmdels, vor sich aufsteigen lt, dann vergiet man die bittersten
Thrnen.
    Sie knnen auch Thrnen vergieen? fragte der Oberst ironisch.
    Versteht sich. So sentimental sind wir Realisten - wir, denen es einen
Hochgenu bereitet, dreiste Unfhigkeit, gemstete Dummheit, strebende
Schusterei mit unvershnlichem Hohn und Grimm zu verfolgen, zu brandmarken, zu
wrgen.
    Na, na! das wird ja gefhrlich! Der Oberst z.D. rckte ordentlich vom
Tisch ab. Leonhart aber fuhr begeistert fort:
    Ach, um so leuchtender, verklrt in himmlischer Glorie, hebt sich von
diesem hllendunkeln Hintergrund die Lichtgestalt des Engels ab, den der
Weltgeist wie den Hirtensohn Isais erweckte zur Befreiung des Vaterlandes! Die
ganze Geschichte der Jungfrau liest sich wie das Evangelium Johanni. Sie
erscheint als der weibliche Heiland der Menschheit. Grade das wirkt so
unbeschreiblich rhrend und herzbewegend, da dies berirdische Geschpf
uerlich stets das einfache Mdchen aus dem Volke blieb und die Schwche ihres
Geschlechtes nie verleugnete. Es mag Schopenhauerianer zum Nachdenken anregen,
da die reinste Heldengestalt der Geschichte ein echtes Weib gewesen ist. Als
sie zum ersten Mal vor Orleans verwundet wird, fngt sie an zu weinen. Aber nur
einen Augenblick, denn sie hat ihre Stimme vernommen. Ihre Stimme! Die seichte
Naseweisheit des naturwissenschaftlichen Materialismus hat sie deswegen eine
hysterische Person genannt. Aber Jeder, wer sich dem Ideale weiht, Held,
Heiliger, schpferischer Knstler, hrt diese unsichtbare Stimme, in mehr oder
minder vergeistigter Form. Die wunderbare Intuition, der durchdringende
Mutterwitz in Beurtheilung praktischer Dinge, der stete Blick fr die Realitt,
den sie stets bewahrte, neben der schwunghaft transcendentalen Begeisterung
zeigt in diesem abnormen Wesen unzweifelhaft das, was wir Genialitt nennen.
    Sehr schn, sagte Dondershausen nach einer Pause. Und doch sagten Sie,
Voltaire, der sie so schnde beschimpft, sei Ihnen noch lieber als Schiller's
Apotheose?
    Ja. Es war ein schnes Wort von Gambetta, sein Herz sei gro genug, um
Voltaire und die Pucelle zugleich zu beherbergen. In der That, bei all seinen
Snden und Mngeln trug Voltaire selbst viel von jener heiligen Flamme in sich,
welche die ritterliche Jungfrau durchzuckte. Das glorreiche, obschon mit
Peinlichem gemischte Andenken dieses groen Streiters darf durch kleinliche
Benrgelungen nicht getrbt werden. Glauben Sie brigens nicht, da ich Schiller
herabsetzen will, den ich hoch verehre. Den Geist dieses Sehers beseelte eine
hnliche Lauterkeit, wie den seiner und unserer Madame von Orleans.

Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwrzen
Und das Erhabene in den Staub zu ziehn!
Doch frchte nicht! Es giebt noch schne Herzen,
Die fr das Hohe, Herrliche entglhn.

    Citirte der alte Soldat mit Salbung. Ich kann mir nicht helfen, mein lieber
Leonhart, so 'was darf doch nicht realistisch, sondern mit idealer Verklrung
behandelt werden.
    So, Sie finden Schiller's Geschichtsflschungen ideal verklrt? Bedaure.
Wir bsen Realisten sind andrer Ansicht. Nicht mit dem Phrasen-Schnickschnack
Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude stirbt eine Bekennerin wie Johanna.
Sie war wollt Schillern nicht rhetorisch genug, die schaurige Wahrheit, wie sie
aus den Flammen noch mit fester Stimme rief: Meine Stimmen waren von Gott, sie
haben mich nicht betrogen.
    Als sie auf dem Scheiterhaufen stand, war ihr letzter Gedanke: O Rouen, ich
habe groe Angst, da Du um meinen Tod zu leiden haben wirst! So blieb sie bis
zum letzten Moment ein Wunder selbstloser Aufopferung, getreu dem Beispiel des
Gekreuzigten, mit dessen Namen auf den Lippen sie verschied.
    Ist die Ketzerin aber erst verbrannt, dann besudelt man noch ihre Gebeine,
indem man sie spter zur Schutzpatronin des pfffisch-royalistischen
Obscurantismus zurechtschneidert!
    Hm, machte Dondershausen, Schani, zahlen! Es wurde ihm sehr ungemthlich
in der Nhe dieses Revolutionrs. Jener aber docirte unbeirrt fort:
    Nein, die Weltgeschichte ist kein Chaos von Gruel und Unsinn, wie
quietistische Pessimisten, die selbst keinen Finger rhren wrden fr eine
tapfere That, gerne behaupten. Sehen wir nur auf die hheren Stnde, auf das
Getriebe der sogenannten Politik, den brutalen Kampf ums Dasein auf der
schimmernden Oberflche der Gesellschaft - denn allerdings scheint das Bild fr
den Wissenden ein trbes. Aber fort und fort offenbart sich der heilige Geist
zur Rettung der verschlammten Welt unter den Unscheinbaren und Geringen. Der
Unterdrckten Vorrecht ist das Genie - ihr Vorrecht und ihre Rache.
    Empfehle mich. Auf Wiedersehn. Herr von Dondershausen nahm seinen Hut und
machte sich aus dem Staube. Erich von Lmmerschreyer half ihm dienstbeflissen,
wie es seine Art, in den Ueberzieher hinein und complimentirte den Herrn Oberst
ganz gehorsamst mit vielen Bcklingen bis zur Thr. Er mibilligte aufs tiefste
die thrichte Weltunklugheit, einer so gewichtigen Person verstockt zu
wiedersprechen. Haben Sie das Neuste von Hamerling gelesen, fragte er, um zu
einem neuen Thema abzulenken, seine Gedichtsammlung Bltter im Winde?
Groartig, nicht?
    Recht hbsch, sagte Leonhart trocken. Du lieber Gott? Wie kann etwas in
Versen heut groartig sein? Groer Dichter las ich neulich in dem Artikel eines
unreifen Epigonen ber den Guten. Wer heut nicht in Prosa schreibt, zeigt schon
an sich, da er kein groer Dichter ist.
    Das scheint mir doch etwas einseitig.
    Durchaus nicht. Wie kann man anders als in Prosa die groen Fragen der Zeit
realistisch, wahrheitsgem behandeln? Und wer das nicht kann und will, ist
berhaupt kein Dichter im hheren Sinn, sondern ein Epigone.
    Aber in Hamerling's Epen, wenn sie auch in entlegenen Zeiten spielen,
werden doch alle Fragen der Gegenwart berhrt.
    Sehn Sie, darin liegt grade der Fehler! Es giebt nichts Neues unter der
Sonne diese Ben Akiba-Phrase ist eine der elendesten, die je verbrochen. Es
giebt jede Minute Neues. Die Natur macht kein winziges Blttchen in ihrer
unerschpflichen Flle dem andern hnlich - und da sollten Menschen und Dinge
sich gleichen? Ewig gleich sind nur die groen Gesetze der Entwickelung. Wer das
Alterthum realistisch zu schildern meint, macht sich fr den Geschichtsforscher
lcherlich. Wir knnen uns absolut nicht in den Gedankengang antiker Menschen
versetzen. Und wer gar moderne Ideen in antikem Gewande aussprechen will, der
thut der Geschichte wie der Dichtung und endlich sich selber, dem modernen
Dichtermenschen, Gewalt an. Dostojewski im Raskolnikow, Zola im Germinal - das
sind wahre echte Dichter.
    Die Beiden verlieen das Caf Bauer. Es war so schneidend kalt, da sie
unterwegs im Caf Kaiserhof einkehrten, um sich durch einen Grog zum
Weiterwandern, zu strken. Leonhart gerieth dabei in so gereizte Stimmung, als
er am Nebentisch einige politische Journalisten ihr unreifes Tagesgewsch ber
die Wahlen verzapfen hrte, da er Lmmerschreyer'n laut fragte, warum er
nicht politischer Journalist geworden sei. Wie knne man ein so schlechtes
Metier wie das des Dichters ergreifen, wo man heutzutage ungeheur viel Geist
nthig habe, um berhaupt nur aufzukommen! Zum politischem Journalisten aber
gehre nur eine gehrige Portion Frechheit neben Dummheit und Unwissenheit, um
Schiedsrichter Europas zu werden. Er solle mal hren, wie der Grenwahn der
politischen Publicistik aus alles Belletristische herabschaue!
    In gleichem Stil schimpfte er auf dem Heimweg weiter. Da sei neulich ein
Vetter zu ihm gekommen, der als Offizier in die Armee getreten sei. Ein Knabe
von neunzehn Jahren! Da sagte ich zu mir: Du Junker, der Du nichts bist und
weit, stehst jetzt bereits in der Achtung der Gesellschaft zehnmal hher, als
Ich, der ... er wollte sagen der groe Dichter, verschluckte es aber
anstandshalber, Jaja, mein Lieber! Die Beiden hatten sich bierselig
untergefat und schwankten mutterseelenallein durch die bitterkalte Nacht, die
durch das bluliche Licht der elektrischen Laternen auf dem Leipzigerplatz
gleichsam noch eisiger angefrstelt wurde. Darum seien wir uns klar, da man
nicht vorsichtig genug in der Wahl seiner Eltern, aber noch vorsichtiger in der
Wahl seines Berufes sein mu. Wir haben das allerschlechteste Theil erwhlt. Wie
konnten Sie nur so dumm sein, als Dichter geboren zu werden?
    Ich kann doch aber nichts dafr, lallte Jener humoristisch. Und so sind
wir's doch will mal, daran ist nichts mehr zu ndern. I was, wenn ich nur genug
habe, um grade leben zu knnen und dabei schaffen kann, bin ich scholl ganz
zufrieden, spielte er sich als Diogenes auf. Na, nun wollen wir uns mal - he,
Droschke! - als schbiger Geistesproletar ein Nachtfuhrwerk leisten! Adios,
Meister!
    Ja, wollen Sie etwa gleich vierspnnig fahren? murmelte Leonhart.

                                      III.


    Lieber Federigo, komm doch heut Abend in die Weinstube von Huth. Dieser
kleine Mensch, der Krastinik, mchte mit uns zusammensein. Er bewundert mich
sehr, sagt er. Neulich bei der Ibsenfeier lernt' ich ihn kennen. Htt'st Du doch
nur diesen Pipsen gesehn mit seinem Hofrathsgesicht und seinen Ordensketten! Das
will ein Socialist sein, ein Demokrat, haha! Wenn man mich zum Wirklichen
Geheimen Oberregierungsrath erheben wollte, ich stiee den Bettel mit dem Fue
fort. O dieser Pipsen, diese feiste Wildente! Ich sage Dir, wie die Gespenster
sind sie ihm nachgehuscht - K., der Knochenmann, und dann dieser B. mit der
Abrahamsnase und Sch. mit der kalten Bulldoggenschnauze, diese zwei Macher in
Ibsen-Schwindel -, als Er mal 'rausgehen mute. Und dann, als er wiederkam (sie
standen alle, vor der engen Pforte Spalier) - wie roch der Meister!
                                                                 Dein Schmoller.

    Unabhngige Gesinnung. Die ist erloschen. Man hat ja die Zunftkritik zu
einem Sinnbild der Unanstndigkeit erhoben. Leonhart schimpfte in nervs
erregten Fisteltnen auf Krastinik ein. Halten Sie doch eine Reihe von
Recensionen, lobende wie tadelnde, ber irgend eilte ungewhnliche Leistung, die
sich nicht mit den blichen Clich-Phrasen abspeisen lt, nebeneinander! Sie
werden schaudern vor dieser abgrndigen Unreife. - Sie, Kellner, eine neue
Flasche Mosel! Sure vertreibt Sure.
    Ja wohl, schrie Schmoller. Es giebt keine Kritik mehr! Bestochenes Lob,
bestochener Tadel! Wer bei jeder Recension den Grund kennt, mag vor Ekel keine
mehr lesen. Mit der Diogeneslaterne mu man suchen, nur einen Mann von Ehre
unter den Schriftstellern und eine Zeitung von nicht allzugroer Schmutzigkeit
zu entdecken.
    Ganz richtig, fiel Leonhart ein, vor Allem fehlt berall der weite
geschulte Blick, der nicht am Aeuerlichen kleben bleibt, sondern ins Innere der
Dinge dringt. Das Kennzeichen jeder alexandrinischen Epoche, der seichte und
nchterne Formalismus, weht uns allerorts erkltend entgegen - selbst aus den
kritischen Ergieungen der noch leidlich vornehmen und unbefangenen Geister.
    Aber was wollen Sie denn! warf Krastinik ein. Ihre neue Richtung hat ja
doch theoretisch auf allen Punkten gesiegt, trotz aller Bajazzosprnge der
Alten! Freilich ein Beweis fr die Gewalt der Wahrheit.
    Ah pah! rief Schmoller. Werden diese Vers-Erbrechen, diese rhythmischen
Diarrhos nicht immer noch gepriesen und auf der litterarischen Mode-Tafel
servirt? Liebt der biedere Deutsche nicht immer noch, dies schleichende Gift
sentimentaler Lsternheit den Backfischen, Hheren Tchtern und Salondmchen auf
dem Weihnachtstische zu kredenzen?
    Und doch tuscht dies nicht ber die litterarische Vernichtung der ganzen
lteren Generation. Schrnkt doch eure Polemik ein! Ignorirt sie doch! De
mortius nil nisi bene.
    Hbsch gesagt, Herr Graf. Schmoller lachte auf. Aber diese siegreiche
Armee der Neuen bildet doch auch nur eine buntscheckige Falstaff-Kompagnie. Was
segelt heut nicht Alles unter der Flagge des Realismus - da Gott erbarm!
Kraftmeierei, Salonsuselei, Formdrechselei! In wie Wenigen lodert das
Elementar-Dmonische, der eigentliche Grundtrieb der Poesie - von dem unser
Freund Leonhart immer redet.
    Wohl, sagte dieser ruhig, aber an glnzender Begabung fr alles
Technische, an hochgestimmter Auffassung des Schnen, an blendender
Stilbehandlung scheint doch kein Mangel. Und was fr mnnliche Charakterkpfe,
die sich klar profilirt in kernhaft wuchtigem Vorfechterthum fr alles Echte und
Gute abzeichnen! Dafr tausche ich gern das wohlabgetnte abgerundete
Knstlerthum der Alten ein!
    Ah pah! warf Schmoller ein. Mit Deiner warmen Anerkennungs-Manie hast Du
so Viele herangezchtet, die gar keine Realisten sind. Z.B. Albert Wohlheim,
diesen hermaphroditisch weichlichen Romantiker mit seiner krankhaft zarten
Mimosenhaftigkeit der Charakterskizzirung. Mir ist diese weichliche
Schmerzenswollust, diese schwle nervse Sinnlichkeit, diese grelle,
Effekthascherei zuwider.
    Hm, da steckt doch aber unter aller Koketterie etwas Wahres. Allerdings
mehr bildknstlerischer Formensinn, als eigentliches Dichterthum. Coloristische
Makartereien. Doch bleibt er trotzdem ein reifes und in sich geschlossenes
Talent.
    Aber kein ursprngliches.
    Offen gestanden, wenn ich nur ein Urtheil erlauben darf, meinte Krastinik,
scheint mir Wohlheim doch in seinen Romanen nur ein Lyriker, freilich oft von
magischem Stimmungsreiz. Und in seiner form-unsaubern eintnigen
Weltschmerz-Lyrik ist er nachahmender Eklektiker. Ueberhaupt ein Epigone. Der
gehrt noch ganz zu den Alten.
    Schmoller begann jetzt furchtbar aus Hans Holbach zu schimpfen, den er einen
vertuschelnden Schnfrber, halb sentimental halb nchtern, nannte.
Demgegenber betonte Leonhart Dessen gefllig leichtes Erzhlertalent,
ungezwungene Stilflssigkeit, goldklare Durchsichtigkeit der Darstellung,
gesunde Flle des Wirklichkeitssinns, Weltkenntni (ja, sehr praktische
Weltkenntni߫ schaltete Schmoller ein), Thatschlichkeit der Auffassung (ja,
kaufmnnisch-kluge!), reisen knstlerischen Geschmack, lyrische Ader, die in
feiner Empfindungsmalerei schwelgt.
    Bezglich des reisen Geschmacks, bemerkte Krastinik, mchte ich wohl
einwenden, da dieser durch einen organischen Fehler gehemmt wird. Die
bersprudelnde Laune seiner realen Weltbetrachtung verlockt ihn, ber den Nahmen
des Kunstwerks wegzuspringen. Ein neckischer Kobold zupft ihm manchmal am Ohr
und der Erzhler berlt sich seinen Einfllen.
    Darauf beruht grade Holbachs Strke: auf dem Episodisch Anekdotenhaften.
Welche Frische! Und nirgend wirkt seine weltmnnische Gewandtheit parfmirt. So
bildet er eine Ergnzung zu Schmoller, einen Uebergang zu dem knorrigen
Elementarismus der eigentlichen Realisten: so spielt er eine bedeutsame
Vermittlerrolle. -
    Als Krastinik gegangen war, fing Schmoller an, diesen krftig
durchzuhecheln. Diese Dramen-Versuche!
    Doch nicht ohne Glck. Sein sprhend lebhaftes Naturell befhigt ihn,
lebendige wirkungsvolle Scenen aneinanderzureihen. Allerdings versagt bei ihm
grade das, was den wahren Dramatiker macht: Straffe Spannung des Conflikts und
zielgerechter Aufbau. Handlung macht noch kein Drama. Darber tuscht er uns
nicht weg mit seinen theatralischen Kinkerlitzchen und dem schillernden Kolorit
seiner Jamben.
    Und wie vergriff er sich in seinen Stoffen! Nirgends ein schchterner Griff
ins Realistische! Oeder Jamben-Epigone. Von eigentlicher Gestaltungskraft und
Vertiefung keine Spur. Die psychologische Entwickelung wird stets als etwas
schon Vollzogenes gegeben. Fadenscheinige Drftigkeit der Fabulirung. Alle
Vorgnge sprunghaft und unvermittelt. Und dann die vielen Musterweiber und
biedern Menschen! Von denen steckt die Welt ja voll - man merkt's nur nicht! Man
kann auch diesen Realisten unbedenklich jeder Salondame empfehlen, um so mehr
der ritterliche Snger dem deutschen Weibe so feinfhlige Complimente sagt. Na,
er mu es wissen.
    Gewi, gab Leonhart sein abschlieendes Urtheil ab. Seine ideenlose
Sinnlichkeit schweift nur ins Theatralische und Bildmige aus. Aber er entbehrt
nicht einer wirklichen Anschaulichkeit, einer gewissen rauhen
Leidenschaftlichkeit. Seine lyrische Formbegabung verleiht auch seiner Prosa
einen zarten Schmelz, wo er berall lyrische Momente verschwenderisch ausstreut
und einstreut -
    Ja, um mit solchen Ueberflssigkeiten die allzu langsam rollenden Rder zu
schmieren und die Lcken zu stopfen. Dieses lose Bndel mhsam
zusammengeschweiter Genrebilder! Und wird mal ein Ansatz zu aufbauender
Komposition sichtbar, so erlahmt er immer wieder.
    Mag sein. Doch neben pikanter Junkerlichkeit begegnen wir hier stets einer
unverwstlichen Natrlichkeit des Ausdrucks. Auch strotzt er voll scharfer
Beobachtung und weltmnnischer Erfahrung. Und er schreibt meisterlich.
    Ja, darauf legt unsre kmmerliche Zeit ja das Hauptgewicht, brummte
Schmoller. Ach, das alles sind nur lodderige liebenswrdige Episoden-Dichter.
Sie plaudern mit anmuthig ungezwungenem Weltton - das ist alles.
    Ja, aber er kann sehr viel.
    Mglich, aber er will Null. Das sind Alles nur Kunsthandwerker! Ich sage
Dir, Du sollst nicht ewig Leute als Realisten preisen, die keine sind!
    Ach, nicht davon droht uns Gefahr, sondern ganz wo anders her. Unsere
Schulmeister-Aesthetik, die ja stets mit dem Strome schwimmt, fngt an, sich des
siegreichen Realismus zu bemchtigen. Nun geht das automatische Einschachteln
los, ob dies echter oder das unechter Realismus sei. Es tauchen schon weise
Grovter auf, die aus der Weisheit gldner Wolke erhabene Sprche tnen lassen,
um das trockene Studium der Naturwissenschaften als obligatorisch zu empfehlen.
Als ob man vom Componisten verlangen mchte, er msse den Vorlesungen voll
Helmholtz ber die Schallwellen beiwohnen! Eine neue Abart der
Philister-Pedanterie! Nchstens wird noch ein realistischer Aesthetiker die
Hhere Mathematik fr Berechnung der Zufallsmglichkeiten den Romanschreibern
empfehlen! Da der Dichter die Bildung seiner Zeit umfassen solle, bestreite ich
nicht. Doch drfte Kenntni der historischen und litterarhistorischen
Entwickelung denn doch dem naturwissenschaftlichen Studium weit vorzuziehen
sein. Wer alle Wunder der Physik und Chemie beherrscht, aber von Weltgeschichte
und Weltlitteratur nur oberflchliche Kunde erhielt, bleibt ewig ein
ungebildeter Mensch - nicht aber umgekehrt.
    Sehr wahr, brummte Schmoller mit vieler Befriedigung. Wei ich etwa 'was?
Wie? Gar nichts, he? Leonhart nickte zustimmend, indem er ein Lcheln
unterdrckte. Und doch bin ich Karl Schmoller. Das Leben mu man kennen, siehst
de woll!
    Natrlich. Die Wissenschaftlichkeit ist der Tod der Poesie und lockt keinen
Hund vom Ofen. Solche zusammenspintisirten greisenhaften Experimentalromane wie
Goethe's Wahlverwandtschaften fuen auf wissenschaftlicher Grundlage - und
milingen doch. Hingegen, als Goethe sich die Werther-Krankheit vom Leibe
schrieb, da zeigte er uns den richtigen Weg. Man mu seine Dichtung gleichsam
mit erleben; dankt erst bildet sich etwas Lebenswahres.
    Ja wohl, fiel Schmoller ein. Darum verweben alle groen Schriftsteller
ihre Erlebnisse auf oft kaum merkliche Weise in ihre Erfindungen. So z.B. habe
ich ...
    Allerdings, unterbrach ihn Leonhart, ist der hohe Lohn der absoluten
Lebenswahrheit nur um den Preis einer schonungslos in den eignen Eingeweiden
whlenden Arbeit zu erringen. Aus diesem Grunde sind all die guten Rathschlge
und Empfehlungen naturwissenschaftlicher Studien und gelehrter
Experimentalmethode in hohem Grade unwissenschaftlich d.h. unwissend ber den
psychologischen Proze der wahren Dichtung, dieses nur dem Dichterdenker
erschlossenen Rthsels. - Das echte Poeten-Ingenium beobachtet, fhlt und denkt
einfach schrfer, tiefer und schneller, als die Durchschnittsmenschen, seien
diese nun wissenschaftlich oder unwissenschaftlich. Es besitzt tausend
unentdeckbare Saugfden, mit denen es gleichsam naiv-unbewut und instinktiv
alle Bildungselemente in sich saugt. Daher die vielen Momentphotographieen
naturalistischer Beobachtung in den Werken groer Dichter, die z.B. den alten
Homer zum echten Naturalisten stempeln.
    Jaja, Du docirst heut wieder einen schnen Stiebel zusammen, ghnte
Schmoller, der von der ganzen Auseinandersetzung, bei seiner verblffenden
Stumpfheit allem Theoretischen und Abstrakten gegenber, kein Wort verstanden
hatte. Kurzum, ein wahrer Dichter ist ein groer Realist.
    Aber nicht jeder groe Realist ist ein Dichter, wendete Leonhart ein. Ein
wahrer Dichter ist auch ein Realist, weil er ein Dichter ist. Aber Realismus
ohne Poesie ist gar keine Poesie. Realismus ist kein Zauberwort, das
feuilletonistisch-schriftstellerische Anlagen zu dichterischer Anschauung
ummodelt. Man ist entweder ein Dichter oder man ist es nicht. Ob man die
Jungfrau von Orleans oder eine Demimondaine schildert, ist dabei gleichgltig.
Beides soll man lebenswahr schildern - nicht wie Schiller's Jungfrau oder Dumas'
Kameliendame. Aber das Realistische kommt doch immer erst in zweiter Linie - die
Hauptsache ist, da etwas bedeutend sei. Er machte sich auf den Heimweg.
    Irgend Etwas in diesen Bemerkungen mute wohl auf Schmoller als unbewut
anzglich gewirkt haben. Wenigstens uerte er nachher zu Ambrosius Sagusch, den
er gleich darauf im Caf Keck traf, (wo dieser Sokrates eine Phryne vterlich
liebkoste und zur Xanthippe umwandelte, da er sie hinterher nicht frei hielt)
-:
    Ein ganz begabter kleiner Mensch, dieser Leonhart. Wenigstens als Lyriker
ist er ganz bedeutend. Aber sociale Romane will der schreiben? Lcherlich! Hat
der je ein Berlinisches Lokal-Sittenbild geschrieben, wie ich schon mit zwanzig
Jahren? Und das ist doch das einzig Wahre! Als der Andere nicht recht mit der
Sprache herauswollte, fuhr er verdrossen fort:
    Dieser Mensch! War der Stammgast je in einer Droschkenkutscher-Destille wie
das Kind im Hause? Das ist mein grter Stolz. Noch nicht ins Leben
hineingespuckt hat er! Immer die Taschen voll Geld gehabt! Nein, der vermag
nicht das Leben zu erfassen. Das ist meine ehrliche Meinung, an der ich erst
wankelmthig werden werde (er meinte, in grammatisches Deutsch bersetzt: die
erst wankend wird), an dem Tage, wo er gehungert haben wird wie ich.
    So, hast Du schon mal gehungert? fragte Sagusch trocken. Beilufig leih
mir doch mal fnf Mark bis morgen! (Unter morgen verstand der zukunftschauende
Prophet des Jngsten Deutschland natrlich das Jngste Gericht.)
    Bedaure, bin selbst nicht bei Kasse! lachte Schmoller auf und verzog sich
eilig, indem er den Hohngesang anstimmte:

Nenne mich Du! Nenne mich Du!

    ... Ein groartiger Kerl, der Schmoller, dachte Leonhart. Und wenn er
auch ein Schweinehund sein mag, er hat sicher auch gute Seiten. Allerdings
bleibt er ewig in seiner beschrnkten Sphre kleben. Ueber all solchen
Detailarbeiten thront aber die kosmische Individualitt in ihrer umfassenden
Bedeutung, in der wie in einem Brennspiegel alle Strahlen des Realismus sich
einen. Hocherhaben ber neidisches Geklff wie ber die Blindheit unreifer
Philister, schreitet die groe Dichtkunst der Zukunft, des idealen Realismus und
realen Idealismus, ihre dornige nebelverhllte Bahn hinauf zum Gipfel des
Berges. Haltet den Mund und arbeitet! Das mge sich Jeder zurufen der sich
berufen fhlt zum groen Werk der Erneuerung.
    Er dachte dies mehr unbewut. Ader htte ihn Jemand gefragt, wen er sich
unter der kosmischen Individualitt vorstelle, so wre er entweder die Antwort
schuldig geblieben oder htte sein Erhabenheitsgefhl zu der unerschrockenen
Offenheit gesteigert: Mich selbst.
    Allein, ein dunkles Gefhl seines Grenwahns drngte sich ihm dennoch auf
und er erwog mit ruhigem Stolz, ob er an wirklicher Gre oder an Grenwahn
kranke, ob er seine unleugbar hohe Bedeutung am Ende nicht doch berschtze.
Konnte er nicht blo der Marlowe eines Shakespeare sein? Wozu theoretisirte er
noch so viel? Das sollte das Genie doch nicht thun. Vielleicht weilte der wahre
groe Dichter der Zeit noch unbekannt in unsrer Mitte, und wandelte schweigend
in den Werksttten umher, auf da des Dichters Wort erfllet werde:

    Der Knig Karl am Steuer sa, der hat kein Wort gesprochen,
    Er lenkt das Schiff mit festem Ma, bis sich der Sturm gebrochen.

    Allein in solchen Erwgungen trstete den jungen Dichter immer wieder sein
Schicksalsglaube, der durch Geschichtsbetrachtung und eigene Lebensschicksale in
ihm eingewurzelt und gereift war. Was sein soll, soll sein; man wird ja sehn.
Wer gro ist, wird nicht klein, ob auch alle Welt ihn klein machen mchte. Wer
klein ist, wird nicht gro, ob er auch aller Welt seine Gre aufschwtzt. Nicht
der Erfolg, sondern das Urtheil der Nachwelt entscheidet. Auerdem - im Grunde
wird doch Jedem, was ihm gebhrt. Ausnahmen besttigen die Regel. Man denkt
wohl: Wieviel Cromwells als Landbebauer, wieviel Shakespeares als Dorffiedler,
wieviel Moltkes als zur Disposition gestellte Majore, wieviel Rafaels als
Zeichenlehrer enden - aber hat man je dafr einen strikten Beweis erbracht? Wie
liee sich das beweisen? - Die Wahrscheinlichkeitsberechnung ergiebt freilich,
da meist nur das Mittelmige und das sehr Gute in der Welt leicht Erfolg haben
kann, das Gute viel schwerer. Jedoch, auch dagegen liee sich viel einwenden. -
Ist ein sogenanntes Genie liederlich und faul und kommt daher nicht zur
Entwickelung, so ist es auch kein wahres Genie. Ein faules Genie ist in sich ein
Unding. Und die ueren Hindernisse? So manche Erfahrung lehrt (man sah es noch
zuletzt an Bismarck und an Richard Wagner), da eine hhere Fhrung, woher auch
immer sie stamme, die Erkorenen aus Drangsal, Noth und Niedrigkeit siegreich zu
den Hhen der Macht und des Ruhmes emporfhrt. Es giebt ein Schicksal. Ihm soll
man sich demthig anvertrauen, es wirds wohl machen. Betet und schttet frisch
Pulver auf die Pfanne, dem Tapfern hilft das Glck - diese Stze sind nicht
nchtern und skeptisch aufzufassen. Die Virtus (nannten die Alten doch
Tugend und Muth so richtig mit dem gleichen Namen) und die Fortuna
bedingen einander innerlich. Gott lt den Braven nicht sinken. Schlummert unter
den Lumpen eines Bettlers, eines Derwisch, ein geborenes Herrschergenie - so
wird Allah dies zum Padischah machen, auf die ein oder die andere Art. Jeder
erreicht seine volle Bestimmung, ob so oder so. Wozu also der eitle Grenwahn!
Gre ist Gre und bedarf keines anderen Freundes und keiner Ermunterung - denn
das Schicksal steht ihm zur Seite.

    Ich habe so viel von Ihnen gehrt und will mich min an die Lectre Ihrer
Werke machen, damit ich ein ehrliches unabhngiges Urtheil gewinne! hob
Krastinik pltzlich an.
    Beide kamen an einem Tingeltangel-Keller vorbei. Aus der Tiefe tnte der
Refrain des schnen Bldsinn-Hymnus: Constantin - Constantin - Constantino -
pel und das nicht minder herrliche Lied:

Mach' mir nur keine Wippchen vor, Wippchen vor -!

    Leonhart lachte leise. Es war ein stoweises hliches Hh!, in dem man
den ganzen Stachel einer verbitterten Seele sprte, die einst unter den Stacheln
der Welt geblutet. Oft lag in seinen leichten hflichen Worten ein tzender
Hohn, der gleichsam spielend traf.
    Mach' mir nur keine Wippchen vor! summte er halblaut vor sich hin.
    Krastinik verstand. Sie mitrauischer Mensch Sie! Ich wiederhole Ihnen, ich
will mir doch selbst ein Urtheil bilden. Welches Ihrer Werke empfehlen. Sie mir
zur ersten Lectre?
    Alle! erwiderte Jener lakonisch.
    Alle? Das ist etwas viel.
    Bedaure. Meine Werke bilden in sich ein System, ein zusammenhngendes
Gebude. Lassen Sie eins aus, haben Sie nicht mehr den ganzen Dichter.
    Krastinik schwieg einen Augenblick. Bien, werde Ihren Rath befolgen. - Nun
sagen Sie mir aber mal offen: Was halten Sie von der litterarischen Gesellschaft
Berlins?
    Leonhart antwortete nicht. Ah, hier sind wir vor Ihrem Logis, Herr Graf,
sagte er ausweichend. Gute Nacht.
    Oho, so entkommen Sie mir nicht. Was halten Sie z.B. von Dr. Adolf
Kratzenthal?
    Hm!
    Und von Herrn voll Schnapphahnitzkoi und von Doctor Gotthold Ephraim
Wurmb?
    Sie meinen kurzum, von der ganzen Blthe unsrer Journalistik und
Geschftsfabrikantenlitteratur? Leonhart drckte dem Grafen die Hand zum
Abschied und entfernte sich eilig mit groen Schritten, nachdem er das eine
bedeutungsvolle Wrtchen geflstert: Dreck!

                Hochverehrter Meister,

    Gestatten Sie, da ich Sie so anrede! Ich bin noch ganz auer mir! Gestern
Abend habe ich die Lectre Ihrer smmtlichen Werke geschlossen und bin noch weg
und paff davon! Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben, bis ich Alles verdaut
hatte. Ja, alles! Sofort, am andern Morgen nach unserm Gesprch, machte ich mich
zum nchsten Sortimenter auf (nicht zur Leihbibliothek) und kaufte (- wird man
mir als dem letzten bcherkaufenden Deutschen nicht eine Bildsule setzen? -)
Ihre Bcher en bloc. Ueber Schwchen und Mngel im Einzelnen lt sich ja
rechten. Der Gesammteindruck aber ist der: An Gre der Anschauung, an
allgemeiner Productionskraft stehn Sie ohne Gleichen unter den Lebenden da.
Sollte ich denn wirklich der Erste sein, der das entdeckt und der das
ausspricht? Sollte es mglich sein, da alle Welt mit Blindheit geschlagen ist,
das nicht zu sehen, was doch so klar vor Augen liegt? Wahrlich, ich werde irre
an der Welt oder an mir selbst! Helfen Sie mir, dies Dilemma entrthseln! Bis
dahin aber seien Sie versichert der steten Bewunderung Ihres (will's Gott)
getreuen Schildknappen und Wagenlenkers.
                                                           Xaver Graf Krastinik.

                Mein lieber Graf Krastinik,

    Ihr Schreiben hat mich gerhrt und bin ich Ihnen dafr zu Dank verpflichtet.
Allein Ihre schmeichelhafte Verwunderung reizte mich - verzeihen Sie meine
Offenheit - zu stiller Heiterkeit. Nehmen Sie es als etwas Ehrendes, wenn ich
Ihnen zurufe: Ach, sind Sie noch grn!
    Die sogenannten Schriftsteller, sowohl die ungeheure Menge der Mittelmigen
als auch die wenigen Bedeutenden, zerfallen moralisch in drei Kategorieen
(Ausnahmen besttigen nur die Regel): die Schurken, die Lumpe und die Dummkpfe.
Die Schurken verfolgen mit allen Mitteln lediglich ihre Privat-Interessen, die
Lumpe haben gar keine Meinung und die Dummkpfe eine Meinung, welche meist noch
schlimmer ist als gar keine. Glauben Sie etwa, da die Burschen, welche die
Oeffentliche Meinung (lucus a non lucendo) vertreten, es auch nur der Mhe
werth finden, die Autoren zu lesen, ber die sie ein Verdikt abgeben? Hren Sie
einen solchen Nullmenschen ber mich faseln, so fordern Sie ihm sein Ehrenwort
ab, ob er wirklich auch nur eins meiner Hauptwerke gelesen habe! Doch, pah! Das
ntzt nichts: Wo keine Ehre ist, wirkt auch kein Ehrenwort. - Lassen Sie's gut
sein! Eines Tages mu die Wahrheit durchdringen; so gro ist ihre innere
Unwiderstehlichkeit.
    Noch eins. Sie werden wahrscheinlich gehrt haben, ich htte die Schwche,
Collegen zu entdecken, grozupreisen und dann ebenso schnell fallen zu lassen.
Lassen Sie sich nichts vorreden! Tauschender Schein, leerer Schwindel - nichts
weiter! Ganz grundsatzgetreu bleiben bekanntlich nur die Bsewichter und seine
Ansicht corrigiren ist kein Fehler. Aber nicht einmal das kann man mir bei
genauer Prfung vorwerfen. Ich habe stets dasselbe ber Andere gedacht und
geschrieben von anfang bis heute. Zwar mu man abrechnen, da ich einerseits
gutmthig und besonders dem Mitleid fr Verkannte zugnglich, andrerseits
nervs und verbittert bin - da also der schndliche Undank, den ich stets von
Collegen zu genieen das Glck hatte, mich irritirt. Das wrde aber jeden
Andern vielleicht noch mehr empren und ganz bestimmt dessen Urtheil
beeinflussen, whrend bei mir die Objectivitt stets die gleiche bleibt. Man
wird Ihnen sagen - die nicht gelobten Collegen nmlich, die mein Lob ber Andere
rgert -, da ich spter scharfe Dinge geuert htte ber Leute, die ich frher
zuerst begrte. Spezielle Widersprche wird man zwar vergebens suchen, da mein
Urtheil ber das Einzelne stets feststand, einmal fr immer.
    Aber der Uebergang von wrmster Empfehlung der Begabung bis zu khler
Betonung der Grenzen dieser Begabung war immer der gleiche. Kaum hatte ich durch
rcksichtsloses selbstaufopferndes Eintreten fr hlflose Anfnger oder
Verkannte denselben Bahn gebrochen, als auch die kritiklose Welt diese an meinen
Rockschen baumelnden Anhngsel fr Gleichberechtigte neben mir selber hielt
und mich mit diesen, von mir ber Nacht geschaffenen neuen Namen in einen Topf
warf. Ich mte kein Mensch sein, wenn mich das nicht peinlich berhren sollte!
Allein, das Peinliche liegt hier keineswegs in einem egoistischen Grunde: Wren
diese Neuen, diese Dichter von Leonhart's Gnaden, wirklich auch nur entfernt
gleichberechtigt, so wrde ich der Erste sein, der dies anerkennte, so wie ich
vor einem Greren als ich mich neidlos beugen wrde. Daran zu zweifeln, scheint
fr jeden Psychologen wohl ausgeschlossen. Die Logik spricht dafr; denn wer
sich selbstlos bemht, Andere, die ihm in keiner Weise ntzen knnen, zu frdern
und auf seine Stufe zu heben, der wrde auch das Hhere mit gleicher
Neidlosigkeit und Wrme anerkennen.
    Aber das oben berhrte Peinliche wrde allein mein Wohlwollen noch nicht
erschttern. Da kommt aber ein andrer Umstand hinzu, welcher freilich in der
Niedrigkeit der Menschennatur begrndet. Die von mir Aufgepppelten nmlich
fhlen mit Unwillen die Last der Dankbarkeit. Sie fhlen ferner, da das
Vermengen ihres Entdeckern mit ihnen selbst, wie es der thrichten Welt
beliebt, von diesem selbst nicht gebilligt wird. Den nothwendigen Abstand von
ihm, in dem er sie, mehr unbewut als absichtlich, seinerseits zu halten wei,
empfinden sie wiederum als eine Krnkung. Seiner Superioritt, welche sie
frher, als sie sich schmeichelnd an ihn wandten, schon dem ueren
litterarischen Verhltni nach als selbstverstndlich anerkennen muten, hat er
sich durch seine Uneigenntzigkeit ja nun selbst entuert. Und die Welt, die es
natrlich buchstblich nimmt, wenn der Warmbltige irgend einen beliebigen
Verkannten mit dem schirmenden Schilde Mein Freund, der hochbegabte X. deckt,
nennt ja selbst Leonhart, X., Y., Z. und all die Andern ruhig in einem Athem -
die Welt mu es ja am besten beurtheilen knnen!
    Von jetztab beschuldigen sie ihn in den Krmpfen ihres heimlichen Neides,
den sie nicht Wort haben mchten, des Grenwahns, weil er nicht dulden will (so
sehr er sonst auch fr sie ins Zeug geht), da sie ihn (dem sie litterarisch
alles verdanken, ja der oft gleichsam ihr litterarischer Erzeuger gewesen ist)
mit frecher Familiaritt unter den Arm nehmen. - Nun kommt das Entscheidende!
Ihr Gnner hat tausend Feinde. Diese sagen sich, da es das sicherste Mittel
sei, ihn zu isoliren, wenn sie pltzlich seine frher berall todtgeschwiegenen
oder gar beschimpften Schtzlinge zu loben anfangen - auf seine Kosten
natrlich. Und siehe, sie haben sich nicht getuscht. Unter heuchlerischem Hin-
und Herwenden, knpfen die werthen Genossen und Freunde hinter dem Rcken ihres
Huptlings mit dessen Todfeinden intime Beziehungen an. Bald naht die Stunde, wo
sie mit manchem Ruspern ihrer verlogenen und undankbaren Gemther zu verstehen
geben, die Genossenschaft ihres Ruhm-Erzeugers, ohne den doch ihre litterarische
Existenz fr die Welt todtgeboren geblieben wre, compromittire sie. Was sie
voll ihm und seiner Macht genieen konnten, haben sie genossen - jetzt knnen
sie ja ihren Meister dreimal verrathen und mit fliegenden Fahnen zum Feinde
bergehn, wo man sie mit heuchelnder Freundlichkeit empfngt.
    Da erhebt sich denn pltzlich der beleidigte Lwe in seinem Grimm und
ohrfeigt sie mit seiner Tatze, indem er ihnen berall den Flitter abreit und
ihre wahren Blen zeigt. Darob groes Hallo! Er ist kleinlich, neidisch, kann
nicht vertragen, da auch Andere gelobt werden; er ahnt eiferschtig, da sie
ihm ber den Kopf wachsen mchten! Ihm freilich schreiben sie das nicht! Da
lassen sie vielmehr die Zchtigung demthig ber sich ergehen, reden von ihrem
steten Dank trotzdem oder gar von ihrer trotzdem unabnderlichen Verehrung,
denn in dieser Maregelung selbst haben sie gesprt, da der Lwe doch noch lebt
und da er strker ist, als alle seine Feinde miteinander. Knigsmacher
Warwick nennt man ihn im Scherz, der, wen er hebt, auch strzen kann. Doch der
Spitzname trifft nicht. Denn zu Knigen kann er Niemanden machen, weil er
selbst der Knig ist. Wohl aber kann er, statt des falschen Geistesadels, eine
echte Aristokratie des Litteratur-Geistes grnden und darum hat er sie zu seinen
Pairs ernannt. Ein Knig hat aber das Recht, seine Pairs ihrer Stellung zu
entkleiden, wenn sie meutern - ihres wirklichen Adels nicht. Denn wer zum Ritter
vom Geist geschlagen, bleibt ebensogut ein Ritter wie der Knig selbst, und den
Adel selbst kann ihm Niemand rauben. Darum lt man ihnen ihre goldenen Sporen,
die ihnen stets gebhren, und sogar den verliehenen Herzogshut, aber nimmt ihnen
die Talmi-Krone, die ihnen nicht zukommt. Gerechtes Wohlwollen und gerechter
Zorn, in beiden dasselbe Gefhl der gtigen oder beleidigten Gerechtigkeit.
    Um im Bilde zu bleiben: - Neben mir lebt noch ein andrer Knig, ein
Nachbarknig auf engerem und beschrnktem Gebiet, dessen Knigthum man nicht
anerkennen will und der eigentlich ein Knig- ohne -Land, ein Herrscher ohne
Vasallen, ist. Dessen Thron habe ich stets gesttzt und werde ihn vertheidigen
bis zum letzten Blutstropfen, ob er auch mich verrathen wrde wie die Andern und
mir nie ein Bundesgenosse - hchstens ins Gesicht mit lugenden Worten - war.
Aber was schiert das mich! Zu ihm, dem Knige, halte ich, fest und ritterlich;
ihn, meinen Feind oder falschen Freund, gre ich stets mit dem ihm gebhrenden
Titel; denn er ist ein Knig.
    Aber die Herzge und Grafen und Barone des Litteraturreichs werde ich nie
als gleichberechtigte Herr Bruder gren - und gestnde ihnen alle Welt den
Zaunknigs-Titel zu. Das ist mein Grenwahn, mein kniglicher Grenwahn, der
da wurzelt in der Gerechtigkeit. Bernadotte, der in ein Paar Scharmtzeln
gesiegt, corrigirte seinen Meister, den Sieger in hundert Schlachten, wie einen
Schulbuben - und die andern Marschlle fanden, Er werde alt und knne nicht mehr
commandiren. Aber Napoleon blieb darum doch Napoleon.
    So. Jetzt knnen Sie an der Hand dieses Briefes mich ins Irrenhaus stecken
lassen. Wenn das nicht Grenwahn ist!
    Ich danke Ihnen fr Ihren freiwilligen Zuruf, Herr Graf, und werde ihn nie
vergessen. Aber meinen Umgang suchen Sie nicht! Ich bin ein einsamer Mann und
fliehe vor allem die Berhrung mit dem Federvieh wie die Pest. Ich mu allein
sein, denn ich wei: Der Starke ist am mchtigsten allein. Leben Sie wohl! Ihr
                                                             Friedrich Leonhart.

                                  Achtes Buch.



                                       I.

Man kappte in der Frhe die Seile. Bald nachdem sie die Anker gelichtet, glitten
St. Paulis Mastenwlder hinter ihnen weg und Leuchtthrme tauchten empor.
    Die Elbe warf schon bei Kuxhaven Wellen. Das Wasser trug jene schmutziggelbe
Frbung, die es nach aufwhlender Erregung wie eine Art maritimer Gelbsucht zu
bewahren pflegt. Verdrielich und mrrisch starrte die Nordsee die Reisenden an,
als sie jenseits der rothen Flaggentonnen, einige Stunden hinter Helgoland,
endlich das offene Meer erreichten. Die Feldsthle fielen um, die Maschine
stampfte gefhrlich, die salzig bittern Seufzer der Meersirenen dunsteten ber
Bord. Doch die Wasserhlle beruhigte sich zusehends, ein heitrer Abend brach
herein.
    Immer vorwrts in der blauen Einsamkeit. Auf Schaum gewiegt, von Trumen
geschaukelt, spinnt die Seele sich ein, wo es mrchenstill wird in dem Einerlei
der Meeresruhe.
    Selbst die alte Jungfer aus Stavanger zankt nicht mehr mit ihrem Freund, dem
Herrn Kapitn, und dieser schweigt noch beredter wie gewhnlich. Der
Handelsagent aus Altona trinkt unmenschlich viel Toddy, nur seinem rhrigen
Mundwerk eine Ersatzbeschftigung zu bieten, denn zu schwatzen wagt er nicht
recht. So majesttisch drhnt der hrbar lautlose Psalm, der feierlich zum
Himmel emporsteigt. Ein einziges Gebet scheint rings der Hauch des Alles. Der
Weltengeist schwebt ber den Wassern. -
    Die bewegte See erschien nach Nord, Sd und Ost in einfrmige Bleifarbe
getaucht. Im Westen aber glitt ein silberiger Lichtstreif ber die den Wasser
hin und brandete mit der durchsgten Woge an den Schiffsbord, den er warm
bemalte. Es war, als wolle er das einsame Schiff, dem auch nicht das kleinste
Segel am unermelichen Horizonte grend winkte, gleichsam verbinden mit einer
lichteren Welt - wo aus den smaragdgrnen und azurblauen Durchblicken des
dunstfleckigen Aethers ein sanfter Strahlenregen herabrieselte.
    Einen Teppich goldener Fden breitete die westliche Sonne vor sich her, die
in einem gelben Fluidum langsam verschwimmend wie ein gldnes Heiligenbild ber
dem Wasserspiegel hing - mit einem Nimbus umwoben von unertrglichem Glanz. Die
Strahlen spielten in der flssigen Tiefe wie Goldfischchen hin und her - bis auf
einmal der Sonnenball zu einer rothen Scheibe einschrumpfte und endlich wie ein
flimmernder Glhwurm erlosch.
    Die erste Nacht auf See in beklemmender Wasser wste ngstigt stets die
ungewohnte Brust. Alles sonnige Grn des Lebens scheint zu versinken, alle
Schatten verschollener Leiden quellen aus dem Hades empor und geben dem Kiel
Geleit als nchtige Schatten. Man fhlt sich sturmverschlagen.
    Der kraftstrotzende berftterte Holsteiner, der aussah, als sei die Seele
von tausend verspeisten Ochsen und Hmmeln in ihn gefahren, mochte gut
versichern, da er jhrlich zehnmal hin und herfahre auf der berchtigten
Seeroute Hamburg-Christiania. Schon bei der Mittagstafel hatte er durch seinen
urwchsigen Appetit nicht mehr zur Nacheiferung anspornen drfen. Jetzt lag er
wie ein Erschlagener in seiner Koje. Auch der gelehrte Bremenser, der prahlte,
da er als echter Sohn des Meeres wider alle Neptunische Tcke gefeit sei,
brachte schon lang dem Poseidon betrchtliche Opfergaben.
    Es schaukelte etwas, die See ging hoch. Eugen aber, am Steuerbord auf ein
Pack Taue hingelagert, plauderte gemthlich mit seiner Cigarre von alten
strmischen Fahrten, wo der Wind rauher pfiff als heut und seine Seele hochging
in dunkeln Wogen, die jetzt gleichgltig ermattet. Die scharfe Khlung drang
durch sein Plaid, durchsiebte seine Haare und wusch ihm die Augen klar. O welche
Frische, welche sthlende Reinheit! Wenn das taktmige Aufrauschen der
zurckgeschleuderten Wogen, die der Kiel durchschneidet, durch die Nacht ertnt,
dann brauste eine ungeahnte Kraft in seinem Innern empor. -
    Kathis musterhafter Magen hatte die erste Anfnger-Beklommenheit, leichtes
Unwohlsein mit Kopfschmerz, berwunden und marschirte stramm an Deck hin und
her.
    Ein Schiff stellt bekanntlich eine Welt im Kleinen dar, jede Schiffahrt
scheint ein Abbild des Lebens. Die Freuden gering und zweifelhaft als da sind:
gute Luft, Essen, Trinken und Nichtsthun - die Schmerzen dafr um so
unzweifelhafter, und dem Rest der Glcklichen, die von der Seekrankheit
verschont bleiben, wird als Ersatz eine unersttliche Langeweile zu Theil. Auch
die Glocken erinnern an die Abschnitte des Erdenwallens, an Tauf-, Hochzeits-
und Sterbeglocken - hier Frhstcks-, Mittags- und Vesperglocken genannt.
Dazwischen noch Schiff in Sicht, allerlei Commandorufe und die eintnigen
Schlge, welche die Zahl der Schiffsstunden verknden. Ach, nur der Haifisch
versteht die Qualen eines seefesten hungrigen Magens an Bord zu wrdigen. Die
de ghnende Wasserflche scheint ein hnliches Vacuum im menschlichen Innern zu
erzeugen. Der Magen zeigt eine Gerumigkeit sondergleichen - wieviel Ballast man
auch in seine elastische Ausdehnung stopfe, er scheint niemals zufrieden und fr
alles dankbar, Verdauliches und Unverdauliches, Gewohntes und Ungewohntes.
    Kathi entwickelte eine feurige Hinneigung zu Hummersalat, weil derselbe
durch seinen hartnckigen Widerstand gegen Verdauung doch wenigstens eine
dauernde Fllung bewirkt. Gekochte Steine wren einem jugendlichen Magen zur
See grade recht.
    Der Mond ging auf. Er hatte eine karmoisinrothe Frbung, welche sich
allmhlich ins Violette, dann ins Safrangelbe, dann ins Olivenfarbige verlor,
bis er auf einmal in gespenstiger Helle wei und voll auf seilten Wolkenthron
emporstieg. Aber eitle breite Schattenwand thrmte sich langsam am Horizont
entlang. In der Ferne huschte ber die gekruselten Wogen, dort wo sie genau
unter der Leuchtwirkung des Gestirns zu ruhen schienen, ein spukhafter Glast
dahin und zirkelte einen runden Strahlenkreis, der in rastloser Bewegung sich um
sich selber drehte. Es war, als ob die Meerjungfrauen vor ihrem leuchtenden
Herrscher mit silbernen Fen in verwirrend hurtigem Neigen tanzten.
    Das Meer holte voll und tief Athem und sang in mchtigen Rhythmen.
    O allgewaltig harmonisches Brausen, o Wiederhall der ewigrollenden Sphren!
Eine frische Brise fhrt durch die Seele, und fegt allen Alltagsstaub von
hinnen. Sanft schlft sich's in der engen Koje, wie ein Kind in der Wiege
geschaukelt von der alten greisen Amme mit dem grauen Wellenhaar. Und sanft
erwacht sich's, wie sie einlaufen in die Bai von Christiansand, die sie endlich
empfngt nach so langer Irrfahrt. Das Wappen Norwegens weht in Lften, sie
betreten den Boden des alten Norge, der Vikingsheimath. Und dann steuern sie
wieder drauf los, erst die Kste entlang, dann ins Skagerak hinein, wo meist
kein Flecken Land zu entdecken und die Fluth tckischer stt, als drauen in
der offnen See.
    Die Schren reihten sich im Mittagsschein aneinander. Ihre glatten nackten
Wnde strahlten wie Brennspiegel und die weien Schwingen der Mven, die dort
nisteten oder auf den Kmmen der Brandung sich schaukelten, blitzen in
stubenden Funken. Kieferbewachsene Kuppen krnten die Ufer: sie stiegen
terassenfrmig auf und nieder, wie eine hhere Fortsetzung der auf- und
abrollenden Meereswogen. Ueber dem Allen schwebte ein seliger Friede mit
suselndem rosigem Fittich dahin.
    Im Hafen lag Schiff an Schiff. Auch solche, die Havarie gelitten. Aus den
alten runzeligen Husern lugten hbsche Frauenkpfe. In grnangestrichenen
Booten fuhren junge Mdchen, allein, krftig mit den Rudern ausholend und ihre
breiten gelben Strohhte hebend und senkend. In der Ferne sah es aus, als
schwmmen Butterblumen auf dem Wasser.
    Aber bald verloren sie die Ksten aus dem Auge und das breite Skagerak
versetzt sie wieder ins alte Einerlei grenzenloser Einsamkeit zurck. Die
Mannschaft kommt in Bewegung, der Kapitn schneidet ein finstres Gesicht und
beantwortet Eugens Frage, ob er denn wirklich heraufziehe, mit einem kalten
Blick seiner wasserblauen Fischaugen und einem slichen Zuspitzen seiner
schwermthigen Lippen: Ja wohl! Er - das soll nmlich heien: der Nebel.
    Alles vernderte sich. Ein pltzlich auftauchender Dunst, der wie die weie
Kaputze eines Troll ber das Skagerak hinflatterte, kroch buchlings ber die
Fluth und verwischte Nhe und Ferne. Das Schiff verlangsamte sein Tempo, wie ein
Ro aus scharfem Galopp sich zum Trab migt und endlich sogar in Schritt
verfllt. Lange Minuten hindurch, wo der Nebel sie vllig rings umschlossen
hielt, stoppte der Dampfer gnzlich und tastete sich Schritt vor Schritt,
Kiellnge fr Kiellnge, durch den Dunstkreis. Dazu das Schrillen der
Kapitnspfeife, das Luten der Nebelglocke, die Pfiffe der Dampfmaschine, alles
um etwaige Schiffe aus ihrer Nhe fortzuwarnen. Doch die Gefahr, welche der
Seemann rger frchtet als den Orkan, ging vorber. Der Nebel fiel mehr und
mehr, verzog sich und wich hinter ihnen zurck. So jh und in so undringlicher
Masse tritt er selten auf, auer in diesen norwegischen Gewssern.
    Schon legten sie in Arendal an, wo sommerliche Lust die hgeligen Gassen mit
traulichem Schimmer bergo. Der frische Geruch aufgestapelten Holzes mischte
sich dem feinen Salzarom des Fjords. Eugen drang in eine Conditorei ein, wo die
Ladenjungfer am Klavier sa und eine Sonate spielte - ein rechtes Bild fr die
beschftigungslose Behbigkeit einer Stadt, die keinen Bettler zhlt.
    Au! Als Eugen seinem Entzcken ber das virtuose Spiel der Ladenjungfrau,
ber sie gebeugt, einen etwas zu innigen Ausdruck verliehen, belehrte man ihn,
da eine Norwegische Confect-Beflissene nicht mit einer Berliner Confectioneuse
zu verwechseln sei. -
    Ein frostiger Frhmorgen sah sie in Christiania (fr den kundigen abgekrzt:
Xania) landen.

                                      II.


Rother's Nachforschungen in Hamburg wurden ungemein vom Glck begnstigt. Da es
Wolffert natrlich nicht fr nthig befunden, seilten Namen zu wechseln, wurde
das Hotel, wo er gewohnt, bald ausgefunden. Ja, war hier mit weiblicher
Begleitung. Eine Dame - Cousine wahrscheinlich, ein verschmitztes Lcheln
begleitete diese Verwandtschaft-Bestimmung des Hotelportiers. Sind vor einer
Woche nach Christiana mit Kong Birn abgesegelt. - Der Dampfer Knig Sigurd
stach gerade in dieser Nacht in See. Ohne sich zu besinnen, bestellte Rother
einen Kajtenplatz. Bei seiner tiefen Mistimmung (er hatte zudem keine Pakarte
gelst und einen alten Pa aus alle Gefahr hin mitgenommen, was ihn in Peinliche
Unruhe versetzte, falls ein Beamter in Kuxhaven an Bord kme), gerieth er die
ganze Nacht hindurch in aphroditische Spelunken zu einer alten Freundin, die
einen Wein-Salon hielt und alle Jahre lebensmder, anstndiger und dicker wurde.
Sie gab ihm im Morgengrauen das Geleit zum Hafen. Eine heitere Symbolik.
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    Schon stampfte die Maschine gefhrlich - das ist die offene See. Eine
scharfe Khlung peitschte die Wogen zu einer schumenden Wasserhlle auf.
    In Rother erwachte der Berufstrieb. Er blieb an Deck. Grn schwamm es ihm
vor den Augen, doch gefaten Muthes studirte er landschaftlich die Wuth der
Elemente, indem er sich krampfhaft an den Mast klammerte. Unten im Zwischendeck
stand schon alles unter Wasser, kein Passagier wagte sich die schnurgrad steile
Eisentreppe an Deck hinaus. Ein regelrechter Sturm brach los. Nur der Kapitn in
einem weiten Regenmantel sa oben vor seiner Karte und suchte nach dem Kurs.
Sogar der Steward deckte pltzlich winselnd die Bank - selbst sein seefester
Magen vermochte dem wundersamen Gast nicht zu widerstehen, der sich erst hflich
meldet und die Visitenkarte abgiebt, bis er auf einmal unverschmt poltert und
dem Magen-Wirth alle Habe zum Fenster hinausschmeit.
    Rother stand so lange oben, wie es anging. Alles Leben schien sonst im
Weltenraum erstorben. Sein Plaid flatterte um ihn her, als wolle es ihn wie der
Mantel des Faustus in die Lfte entfhren. Sein Mund erbleichte, sein Auge
stierte verglast und das Blut erstarrte ihm in den Adern. Doch als Odysseus
lauschte er den Sirenen, die ihn mit salzigen Seufzern besprhten.
    Land endlich, Land! Drbak's Kannchen gren. Die werden einst Deutschlands
Flotte in Grund und Boden schieen, falls es den nimmersatten Vettern, sobald
sie Jtland verschluckt, belieben sollte, mal das gute Kstenland Norge's wie
zur Zeit der Hansa in Besitz zu nehmen. Jaja, der Tysk geniet hier ein
schlechtes Renommee als ein Alles-Annektirer und Jeden-Chikanirer.
    Wenn auch am Stadtthor Bergen's nicht mehr das hanseatische Wappen prunkt,
so haben die abscheulichen deutschen Ruber doch dort fr immer ihr Blut
hinterlassen, wie der Unterschied der lebhaften Bergenser zu den brigen
Vikingsshnen ergiebt.
    In Christiana darf man aber nicht an die Vikinger, die alten Nordmnner,
denken. Der gleiche Wind weht noch vom Berge, aber der gleiche Himmel sah ein
anderes Volk sich hier im Fyord strkefroh ergehen, hier wo das Nest der
Drachenschiffe lag - Seeknigsburg statt Deiner, Oskarshall!
    Rother begab sich ins Hotel Victoria, wo Altengland sein touristisches
Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Hier lungern manche Briten Wochen lang und
ihr Reisegeld bleibt hier. Denn im Hochland soll man Hunger leiden und das
mifllt diesen Alpensteigern, denen nur Lawinen von Eierschaum im Alpdruck
erscheinen.
    Es konnte nicht schwer fallen, nach der Passagierliste des Knig Birn und
den Fremdenbchern des Hotels das gesuchte Prchen aufzugabeln. Sie hatten
Hotel Skandinavie gewohnt, waren vor einigen Tagen auf der Route ber Eidsvold
nordwrts gegangen. Ob sie via Trondjem fahren wollten oder den Mjsensee
entlang durch Gudbrandsdalen nach Romsdal reisen, das blieb ungewi. Rother
besann sich keinen Augenblick. Er rollte sofort auf den Rdern der Nordbahn gen
Hamar.
    In Norwegen erinnern die Einrichtungen, Verkehrsmittel, offiziellen
Uniformen weit mehr an England-Amerika, als an Deutschland. Auch die Eisenbahn,
mit der er dem Mjsensee ins Innere des Landes entgegenflog. In Hamar endet
dieses Bahngeleise und zweigt sich von da nach Drontheim ab. Whrend die Anderen
umsteigen, berlegte er, ob er bis morgen auf Ankunft des Dampfers, an den er
Anschlu versumt hatte, hier warten solle. Einen Tag Zeit verlieren? Nein, er
wird den Mjsensee entlang mit Skyds, den zweirdrigen Carriolen, nach
Lillehammer fahren. Ein freundlicher Norweger, hlfsbereit wie sie alle, fhrt
ihn zu einem Wagenbesitzer. Dieser rothhaarige sommersprossige Bauer mit
echtnordischem hartlistigem Ausdruck verlangt einen ziemlich hohen Preis, aber
es scheint wirklich eine endlose Strecke. Um 5 Uhr Nachmittag starten sie und
erst um 2 Uhr Nachts sollen sie in Lillehammer anlangen. Das Pferd sieht krftig
aus und hat gut gefuttert. Sie preschen los.
    Hier und da grt zu Seiten des Weges eine Htte, karmoisinroth
angestrichen, wie alle Blockhuser im nordischen Hochland. Das Gehlz wird
sprlicher. Manchmal reckt sich nur eine hohe Tanne an steiler Felswand aus
wildem Gerll, wie ein groer Gedanke, alle Trmmer berlebend, sich in
verwsteter Seele erhebt. Die letzten Strahlen der Sonne spielen durchs hohe
Riedgras und, von goldigen Lichtern berzittert, schaukeln sich die Halme im
leisen Wind.
    Ja, der Fjord begleitet die endlose Fahrt. Unablssig sieht man durchs
struppige Ufergebsch sein glnzendes Auge. Rother hemmte etwas die allzu
scharfe Gangart des Rosses. Es wird immer stiller, immer dunkler. Nur weie
Wlkchen darber und silberne Sterne.
    Um 11 Uhr Nachts hielten sie vor einer Skydsstation, um noch etwas Abendbrot
aufzutreiben. Es gab uralten Schinken, der wie steinharter Brenschinken, also
wie getrocknete Schuhsohle, schmeckte: Eier von zweifelhafter Frische, fr die
man eilten verbogenen Kupferlffel mit einer Rinde voll vorsndfluthlichem
Schmutz erhielt; vorzgliche Milch und ranzigen Kse von rthlicher Farbe und
slichem Geschmack, wie man ihn mir im Norwegischen Hochland findet. Der
Skydsvorsteher und der Fhrer unterhielten sich ber die Verrcktheit des
Englnders, der mit Skyds das ganze Mjsen-Ufer abrase. Sie wunderten sich ba,
als er in das Stationsbuch seine deutsche Herkunft einschrieb. Aber nur weiter,
weiter! Immer hinein in die ahnungsvoll dmmerige Nacht!
    Tausend Erinnerungen quirlten durch sein Hirn, whrend sein Auge das
Mhnenflattern des rstigen Rosses verfolgte.
    Um halb zwei Uhr Nachts - es wurde schudderig kalt - hielt der Wagenlenker
pltzlich die Zgel an und erklrte, da sie unmglich bis zum Morgen nach
Lillehammer gelangen knnten; das Pferd sei zu erschpft. Sie machten also zu
Gjvik vor der nchsten Skydsstation Halt und klopften die Leute aus dem Schlaf.
Er erhielt wirklich ein uraltes Himmelbett und versank in unruhigen Schlaf.
Frhmorgens hockte er wieder auf der Carriole. Diesmal aber fhrte das Shnchen
des Wirths als Skydsbub die Zgel und plauderte unverdrossen in den lichten
Morgen hinein, selbst eilt kleiner Morgenelf mit rosigen Bckchen lind
wasserblauen Augen. Sie fhren frhlich hindann.
    Um Mitttag langten sie wirklich in Lillehammer an, mit einem Hunger erster
Gte. Dort aus der Plattform des Hotels hoch oben die Thler des Mjsenfjords
berschauend, geno er die letzten Stunden des Tages mit unsglichem Wohlgefhl.
    Tausend Sonnenpnktchen flimmerten ber der spiegelglatten binnen Flche des
Sees. Doch die Schatten stiegen von den Bergen tiefer und tiefer, bis sie den
Wasserspiegel berhrten. Das schumende Wehr glitzerte wie flssiges Silber,
Wiesen und Haferfelder in grellem Grn und Gelb. Meilenweit schlangen sich die
Hfe, so schmuck und zierlich, als wren sie buntlackirte Papphuschen aus einer
Spielzeugschachtel. Und dann berlief den See pltzlich eine tiefgrne Frbung,
aus der sich nur in lichtem Grunde die abgespiegelten Waldwipfel abhoben. Die
Berge in der Ferne tauchten sich in Violett und Dunkelblau. Ununterbrochen
brauste das Wehr durch die schweigende Waldesnacht. Der spitze grellschwarze
Schieferthurm der alten Kirche, der in der Abendrthe silbergrau geschillert,
ragte jetzt mit kalter Schrfe in die durchsichtige Dmmerluft, whrend das
stumpfe Ziegelroth des Kirchenrumpfes sich zu blassem Rosa abtnte.
    Aber indem Rother sich so dem Genu des Augenblicks hingab, durchzuckte ihn
pltzlich ein eigenthmlicher Schrecken. Er empfand einen heftigen tickenden
Schmerz, er griff nach der Brust - was war das?
    Der Schmerz lie sofort nach. Rother sa athemlos mit klopfendem Herzen da -
aha, da kam er wieder. Und weiter, ab und zu, in regelmigen Zwischenrumen
meldete sich der eigenthmliche stechende Tick an der Stelle, wo die
Lungelflgel sich dehnen.
    Rother versuchte mehrere Proben. Er holte tief Athem, er bckte sich - immer
derselbe Schmerz. Dann holte er einen kleinen Handspiegel hervor, den er bei
sich trug, und besah in der Nhe seine Hautfarbe. Kein Zweifel - runde
gezirkelte Rothflecke zeichneten sich auf den Backen ab, unter den Augen wich
das Fleisch wie ausgehlt und zusammengeschrumpft zurck. Kein Zweifel - das war
die Schwindsucht.
    Er untersuchte seine Brust. Sie schien so mager und eng, da er unterm
Halsknochen mit der ausgespreitzten Hand umspannen konnte. Schon als Knabe war
er so schmalbrstig gewesen, da ein Arzt nach untersuchendem Klopfen bei einem
Katarrh ihn angelegentlich fragte, ob er beim Treppensteigen keine Beschwerden
empfinde. Beim Militr rangirte man ihn zur Ersatzreserve wegen allgemeiner
Schwchlichkeit. Die Anlage lag also schon lange in ihm - die namenlose
Aufregung der letzten Ereignisse hatte den Ausbruch nur beschleunigt. Schon
frher hatte er den Stich gesprt; in der Nacht vorm Schlafengehen nach erregten
Tagen hatte derselbe ihn heimgesucht. Aber er achtete damals nicht darauf. Nun
war das Unglck da.
    Was sollte er thun! Was suchte er eigentlich hier oben! Ein Grab? Besser, er
kehrte gleich zurck, um in Ruhe zu sterben.
    Seine Nachforschungen hatten ergeben, da ein Prchen wie das gesuchte hier
nicht vorbergekommen war. Es fiel leicht das festzustellen, weil verschwindend
wenige Touristen um diese Jahreszeit, ehe die Mitternachtssonne beginnt,
Norwegen bereisen. Ob sie gleich nach Trondjem durchgefahren? Eine so
anstrengende groe Tour im Liebesfrhling einer wilden Hochzeitsreise? Kaum.
Wahrscheinlich waren sie westlich, statt wie Rother nordstlich, ins Hochland
aufgebrochen - mit der vielgerhmten Drammenbahn ber Krokleven und Hnevo zum
Randsfjord gereist.
    Nun, er wollte wenigstens auch dies noch versuchen. Denn wozu war er sonst
planlos, ziellos, in seinem wahnwitzigen erotischen Instinkt, wie der Hund dem
Geruch nachschnffelt, hinter ihrem Unterrock hergeschnobert? Das Lcherliche,
Tollwthige seiner ganzen Reise ging ihm aus. Was wollte er denn eigentlich!
Diese romantische Pilgerfahrt einer Minnesiechheit mute er selbst ironisch
belcheln. Und doch! Was hatte er denn zu versumen gehabt! Freilich, er htte
sich mnnlich berwinden sollen. Doch - die Vernunft redet und die Leidenschaft
handelt. Machens Andre anders?
    Was er wollte? Sie noch einmal wiedersehen. In das de nchterne
Alltagsleben diese tragische Episode einsprengen. Wenn er sie berraschte, welch
ein Moment!
    Er sprang auf. Brustschmerzen oder nicht - auf zum Randsfjord! Skyds nach
Odns und von da die Route zurck nach Christiana absuchen!

                                      III.


Die Skydsstation lag aus dem Kamm des Gebirges. Diese Lage hat ihre Reize, aber
auch ihre Nachtheile. Das merkte man heute so recht, wo der Regen mit dem Fhn
um die Wette ber die Wipfel hinpeitschte. Die blulichen Schieferdcher der
Holzstabkirche drunten im Thal, die noch vor kurzem im Sonnenschein geschillert,
deckte bleifarbiger Flor. Die hchsten Spitzen schienen ersuft und selbst die
Schneekette, deren eingesenkter Grat sich wie ein doppelreihiges Gebi hohler
Riesenzhne gen Himmel fletscht - auch sie war im Dunstmeer untergegangen.
Luftgebilde jagten dahin wie adlerbeschwingte Walkren; wie Flamberge zuckte es
droben hin und her.
    Wie Trauerflre hingen die dstern Tannenzweige nieder, gleich braunen
Segeln in dieser brauenden Brandung. Selbst die breite Stelle, wo der Bergrutsch
wie mit dem Rasirmesser mitten durch Kiefern und Gestrpp den Abhang glatt
geschrft, verdunkelte sich. Alle Conturen verwischt, verquollen, verschommen.
    Wie ein sturmzerfetzter Regenmantel legte sich ein grauer Nebelschleier um
die schwarzbraunen Felsrippen. Bluliche Dunstwlkchen verfingen sich in den
Kronen der Riesenfichten, die aus den Abgrnden bis ber den Chausseerand sich
emporbumten. Wolken barsten und entluden sich ruckweis mit heftigem Schwall und
verschlossen ihre Brunnen ebenso pltzlich. Donner und Blitz kamen jetzt selten
zum Durchbruch, nur schchternes Wetterleuchten zuckte auf. Aber jeder mige
Elv (Thalflu) stieg unaufhrlich und die langsamen Wasserflle stoben jetzt
jhlings in die Tiefe, wie der Geier mit gestrubtem Gefieder senkrecht aus
schwindelnder Hhe niederstt. Selbst der niedliche Vo (Sturzfall) gegenber
der Skydsstation, der sonst wie ein dnnes Silberfdchen herunterpendelte,
schien jetzt schon eine stattliche Quecksilbersule. Dazu grollte es aus den
Klften, als wimmerten dort gefesselte Trolls; dem schrillen Tenor der Giebche
mischte sich der dumpfe Ba des brandenden Fjords, und im Nadelholz pfiff und
klagte es wie Aeolsharfen.
    In dieser heillosen Sndfluth, wo jedes lebende Herz verdrossen und mrrisch
dem Tod entgegenschlug; wo selbst die Natur das jngste Gericht zu ahnen schien,
wenn das All in dem groen grulichen Urbrei versinken und nur der Leviathan aus
der chaotischen Wasserwste den Ararat bezeichnen wird; wo selbst der Berg sich
in Rheumatismus zu schtteln schien, - da winkte die Skydsstation wahrhaftig als
Arche Noa und der bleierne Gockelhahn ber ihrer First als eine Oelzweigtaube.
    Allmhlich zerrieselten die Wasser des Himmels. Wo vordem breite
Regenstrhnen von den Bergen herniederhingen, als wren es die wirren Locken der
Jtunriesen, aber deren niedergeschmetterte Hupter der Donnerwagen Tr's
dahinrollt, dessen Speichen die Blitze entstieben; wo der Donnerer in sein
Schlachthorn geschmettert und sein Nornenlied angestimmt hatte, da ihm vom
Flammenart die brennenden Funken fielen; wo er des Sturmes knirschende Weichen
gespornt und den Milnir-Hammer durch den chzenden Himmelsraum geschleudert, -
da spannte er jetzt seinen Regenbogen und entsendete Farbenpfeile durch alle
Lfte. In Balsam sind die Pfeile getrnkt - berauschender Duft stieg berall aus
der kstlichen Frische der neuverjngten Erde wie ein Dankgebet empor.
    Scholl hallten die goldenen Hufen des Sleipnirrosses auf der Walhallbrcke
Bifrst: Odin kehrte heim vom Sturmritt durch den Aether.
    Die durchsichtige Luft zeigte das Phnomen der Mondspiegelung - jenen
zweiten Mond, der sich in irisfarbigem Dunstkreis um das Gestirn bildet und es
wie eine Kapsel umschliet. Allmhlich vernderte sich der peinliche blagelbe
Schimmer, ein unbestimmter rother Reflex flog darber, und der braunrothe Ton
der Ginsterhalde mit den carmoisinroth angestrichenen Holzhtten darin nahm eine
tiefere Frbung an.
    Aus den Schlften qualmten und quirlten unheimliche Spukgestalten hervor.
Droben jagte der Fenriswolf die zitternde Wolkenheerde vor sich her. Und
jenseits der Bergmauer des Fjorde schmetterte die Midgardschlange ihren
grnlichen Schweif mit zischendem Geiferschaum an die Schren.
    Noch lagerten die Wolken breit und massig auf den wuchtig berhngenden
Kuppen, noch lagerten sie mitten auf der Bergstrae. Dumpf und undeutlich wie
die Tne des Nebelhorns drang das Hott! und H! von drunten herauf. Und erst als
die Carriolen beinah in den Hof der Station gelangt und der tchtige Wolfshund
mit knurrendem Spektakel ihre Ankunft verkndet hatte, traten die triefenden
Kpft der dampfenden Pferde, die an nasse Nacken anklebenden Mhnen, die
gequetschten Deichseln - oder an ihrer Stelle derbe Baumste, mit Seilen an die
Speichen und Achsen des gebrechlichen Gefhrts befestigt - aus dem Dunstkreis
hervor. Jetzt sprangen auch die allesammt sommersprossigen, rothwangigen,
rothhaarigen, rothhndigen Skydsbuben vom Hinterbrette ab, schlenkerten die
nasse Peitsche und hauchten in die klamm gewordenen Fuste.
    Endlich trat auch der Leiter der ersten Carriole, wie eine Dachrinne
triefend, ber die Schwelle des Wirthshauses, indem er einen Ballen Plaids
hereinschleppte. Hinten sah man noch eine undeutliche Masse sich schwerfllig
heranbewegen, wobei ein vom Sturm umgeklappter Schirm im Umri erkennbar wurde.
    Drinnen in der getfelten Stube mit den ungekalkten Wnden, wo am groben
eichenen Tisch mit Holzschnitzereien, wie das kunstfertige Tllekniv sie in
Valders und Hallingdal liefert, und auf den ungeschlachten Querbnken ein Paar
alte Bauern und Fuhrleute hockten, sa man freilich wohlgeborgen. Der eiserne
Ofen pustete und glhte. Was aber noch an Wrme abging, das ersetzte der Aquavit
aus Drammen und der Drontheimer Branntwein, sowie das starke Oel (Bier) aus der
Carl-Johanns-Gade in Christiania, wie die Etikette besagte. Dazu gab's sen
rothen Kse und armseliges Flachbrot, auf das man Fett herabtrufeln lie, indem
man Speckscheiben am Spie bers Herdfeuer drehte.
    Ja, wenn der Engelske, der da wohl ankam, sich dachte, hier knne er sich
behaglich on the fireside am Caminfeuer wrmen, inde dort ber den Gitterstben
ein Gericht Eggs- and -Bacon, Schinken mit Spiegeleier, und knusprige Toaste
schmoren, - da hatte er die Rechnung ohne den Wirth gemacht, der breitbeinig und
mit langherabwallendem Weihaar rauchend am Thrpfosten lehnte.
    Dieser hielt aus strenge Zucht den hergelaufenen Fremden gegenber und
verdammte ihre Ueppigkeit. Er gab ihnen daher karge und knappe Ftterung, auch
Viehstlle und Heuschober mit rhrigen springenden Insassen als Obdach.
    Zur Entschdigung nahm er aber auch dafr eine ungeheure Zeche und
schmetterte jede Aufstzigkeit mit der naturwchsigen Logik nieder: Ihr seid
reich, wir sind arm. Wir haben Euch ja nicht gerufen. Wenn Ihr also kommt und
uns nthig habt, so gebt uns einen Theil Eures Reichthums mit.
    O, er war eilt freier, unabhngiger Mann, ein Verchter aller
Standesunterschiede, - weswegen er auch den Verkehr mit andern Dorfmagnaten
mglichst vermied. Denn sie waren ihm ja nicht ebenbrtig, der direkt von Harald
Schnhaar abstammte, zu dessen Ehren er auch sein Haar nicht schor.
    Wie viele Binder mu doch jener auerordentliche Knig gehabt haben,
sintemal ganz Gudbrandsdalen von beglaubigten Abkmmlingen desselben wimmelt!
Aber Ole Erikson's Frau (die soeben beim Durchwaten der Entenpftze ihre dicken
Waden sehen lie) bewahrte eine Silberschssel, die der liebebedrftige Harald
einer steingrauen Urmuhme hchstselbst zum Andenken verliehen hatte. Also! Mit
tiefer Geringschtzung sah der wrdige Republikaner auf die neugebackene
schwedische Knigsfamilie, herab.
    So vermite man denn auch das Portrait des Dichters Oskar in der
Wirthsstube. Statt dessen gab's da zahlreiche Reclame-Annoncen pennsylvanischer
Firmen, betreffs neuer Se- oder Mhe-Maschinen. Auch ein Plakat mit einem
einladenden Auswandererschiffe, Linie Stavanger-Boston, war drauen an die Mauer
geklebt; es hatte durch die Feuchtigkeit ordentlich ein Leck bekommen.
    Nichts rhrte sich, als die Schiffbrchigen da drauen landeten. Die Gste
drinnen stieen mit den Humpen an und brllten Skol!, als wollten sie die
Windsbraut bertnen.
    Der Wirth jedoch schmauchte ruhig fort, ohne Wort und Gru, indem er sich
die triefenden Jammergestalten mit jener gemthvollen Freude betrachtete, welche
ein guter Mensch im Hafen beim Anblick der strmischen See empfindet, wo
vielleicht Viele stranden.
    Auch als Eugen Wolffert ihm direkt mit einem Good evening! auf den Leib
rckte, brummte er nur ein khles 'Evening, sir! zurck. Der Treffliche,
ertheilte nmlich den Gsten hufig zarte Winke, da man in Norwegen
seltsamerweise Norwegisch rede. Und so standen sie beide in der engen Thr,
dicht vor sich die Alpen, die das Thlchen zusammenklemmten und bis zum Rand der
Chaussee fast senkrecht anstiegen, rings der strmende Regen. Standen und
schwiegen sich an, zwei einsame Menschen verschiedener Zunge in der ernsten
Felsde. Der Wirth paffte in die Luft, khl bis aus Herz hinan. Erst als die
undeutliche Masse im Hintergrund sich von einem umwickelnden Plaid losgehlst
hatte und zwischen die Beiden trat mit frhlichem Lachen der blinkenden Zhne
und kirschroth feingeschwungenen Lippen und mit schelmischem Leuchten der
graugrnlichen Augen, - da klopfte der Bauer bedchtig die Pfeife aus. Das war
doch ein gar zu schmuckes Weib!
    Jetzt verstand er auch gebrochen Englisch und leuchtete den Herrschaften,
die sehr mde waren und unterwegs von Conserven ihr Abendbrot verzehrt hatten,
die altvterliche Fremdenstube hinauf. Sie seien doch - ja, hm - Mann und Frau?
Ja freilich! versicherte Wolffert. Kathi, die den Sinn der Frage vom Gesicht
ablas, wurde sehr roth und fragte Wolffert halbkichernd, was Jener denn gefragt
habe. Als einzige Antwort gab ihr der Amoroso einen Ku. - Wann die Herrschaften
nach norwegischer Sitte warme Spritzkuchen und Kaffee aus Bett gebracht haben
wollten? O! meinte Wolffert lachend, er werde schon selbst rufen, sobald
seine ... seine Frau aufgestanden sei.
    Der Wirth hustete schmunzelnd und verstndnivoll, und zog sich diskret
zurck. Seinen Segen hatten die Beiden. Eugen schob den Riegel vor.
    Es riecht hier schrecklich nach Farbe. Kathi nestelte an ihrem Mieder.
    Ja, unertrglich. Da lassen wir einfach das Fenster auf.
    Aber ich bitte Dich.. Kathi wandte sich halb schmollend ab, indem sie den
klassisch modellirten rechten Arm in die Hfte stemmte und mit der linken Hand
am Munde herumknabberte.
    I was! Die Sterne freuen sich nur ber uns. Sonst hrt uns Keiner.
    Horch! Ein eigenthmlich angstvolles Lauschen spannte Kathis Zge, ihre
Augen traten weit hervor.
    Was ist Dir, Liebchen? Der Fjord rauscht drauen. Der hrt nicht auf. Der
wiegt uns ein als unser Hochzeitlied.
    Jaja, wiederholte sie gedankenlos, indem sie wie abwesend in die Ferne
starrte. Mir war, als hrt' ich eine Stimme ... von Jemand ... Ah! Sie schrie
leicht auf - Eugen hatte das Licht gelscht.
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    Der Norweger lacht ungern und nirgends schweigt man so unheimlich. Der
Optimist mag hierin die tiefe Innerlichkeit des Nordlnders erkennen. Allein die
tiefsinnige Gedankenthtigkeit dreht sich hier doch meist darum, wie man aus
einer Krone einen Speziesthaler macht - freilich, wo wre es anders! Ihre
Dichter und Knstler knnen es nie in ihrer Mitte aushalten, obschon kaum eine
Nation der Welt so knstlerisch beanlagt und nur die Dnische reicher an
sthetischen Bildungsphilistern ist. Die Respektabilitt in weier Halsbinde,
die ber jede wohlriechende Fulni den Mantel christlicher Liebe breitet,
herrscht in den Stdten; im Hochland Haugianische Mystik.
    Die Schrecken der Natur und das Hineinragen ihrer Nachtseiten ins
Menschenleben fhren oft zu sittlicher Verwilderung. Laster und Leidenschaften
treten dort mit verdoppelter Strke auf, wenn auch die frhere Einfuhr von
zahllosen Ankern Branntwein in diese Alpengaue statistisch sehr nachgelassen hat
und jetzt manche Thler als unfreiwillige Temperenzler von Kuhmilch und Milch
der Menschenliebe leben. Im Bergensstift fand der norwegische Grimm, Asbjrnson,
die Mrchen zu schmutzig und grobsinnlich, um sie in seine Sammlung aufzunehmen.
Dort war's, wo die Frauen zu jedem gemthlichen Trinkgelage die Leichenhemde
ihrer Mnner mitnahmen, weil man nicht wissen konnte, was passiren wrde. Auch
jetzt spielt dort das Seitenmesser (Tllekniv), das auch die Gebildeten manchmal
aus Affektation an der Hfte tragen, eine bedeutende Rolle. Man sitzt stets auf
einem Pulverfa. Der Norweger scheint entweder ein verkniffener Choleriker oder
ein sommersprossiger Sanguiniker, der jeden Augenblick in Feuer und Flamme
gerth.
    Dazu kommt der republikanische Grenwahn , der, hnlich wie die praktischen
Schweizer auf die Frschtenknechte Deutschlands, auf die Hndel Europas im
Voll-Bewutsein eines demokratischen Musterstaats herabsieht.
    Dazu noch der Grenwahn der Halbbildung. So sprach der Wirth Wolffert's
vier Sprachen, und bte sein Englisch an Shakespeare und Dickens - urtheilte
aber, der Letztere sei natrlich viel grer, weil er verstndlicher schreibe!!
Dieser schauderhafte demokratische Grenwahn des souvernen Pbels treibt in
sogenannten Bauern-Universitten Nationalkonomie, kaum der A-B-C-Fibel
entlaufen. Dieser waldursprngliche Freiheitsdrang htte gewi den seligen
Rousseau begeistert. Jeder Dngerhaufen ein ambrosisch duftendes Tropaion des
republikanischen Naturstaates!
    Willkommen in Nordland's Thlern! rief der biedre Wirth und Toddy nebst
Pfeifen wurden aufgefahren. Beide politisirten nun radebrechend drauf los und
begossen diese Kannegieerei mit manch tchtigem Schluck, wobei der biedere Ole
immer als Leitmotiv ihres Gesprchs gassenhauerte:

Ja Deutschland ist gro
Und Bismarck famos.
Wir nehmen Alles, was wir knnen.

    Whrenddessen zeigte die Wirthin der schnen deutschen Dame ihre
Schmucksachen.
    Sind die Ladies alle so hbsch in Deutschland, wie Ihre Frau Gemahlin?
fragte Ole indem er sich ruspernd Eugen leicht in die Seite kniff.
    Hm - wenige, erwiderte dieser, halb verlegen halb geschmeichelt.
    Sie haben einen Treffer gethan, Sie smart fellow!
    Ole wurde ordentlich familir in seiner Herablassung. Eine solche Frau zu
whlen!
    So? Meinen Sie? maulte Jener. Der Blick, mit dem er Kathi streifte,
verrieth eine nachdenkliche Betroffenheit.
    Na! Die Brut, die da gezchtet wird! Der etwas angetrunkene Bauer schlug
Eugen jovial auf die Schulter. Alle Achtung! Ein Kernweib! Vollblut!
    Wenn Du wtest, was fr einen Bewunderer Du hier gewonnen hast! wandte
sich Eugen an Kathi. Diese lchelte vergngt und nickte nur mit dem Kopf.
    Komm, Schatz! La uns mal spazieren gehn! Da war Kathi gleich dabei. Sie
schlugen sich seitwrts in die Gebsche. Kathi war so zrtlich und Eugen so
stolz auf ihre Schnheit.
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    Na, good-bye! Die Wirthin reichte einen Abschiedstrunk hinauf. Das Prchen
wollte weiter, wieder rckwrts nach Sdwesten. Kathi vorn auf der ersten
Carriole, Eugen auf der zweiten.
    Der Skydsbub wurde zurckgelassen, weil er sie stre und sie schon selbst
bis zur nchsten Station fahren knnten.
    Also vorwrts! Die Hengste lmmelten sich auf den Zgeln. Glatt
anreiten! Wie auf einer Rennbahn starteten die leichten Gefhrte los, whrend
der Wirth hutschwenkend ein krftiges Schnalzen seinen Pferden nachsandte.

                                      IV.


Noch mischte die Dunkelheit Berge und Himmel, so da die Firnen, die sich
langsam rtheten, als rosige Wlkchen erschienen. Noch lag das Schneegebirge wie
ein monderhelltes Eiland im Nebelmeer, noch wogten die Wolken wie Banner am
Schaft der Riesenfhren hin. Aber nun flirrten Funken nach Funken wie indische
Leuchtkfer von einer Felszinke zur andern und schienen auf allen Gipfeln der
Alpenkette ein Freudenfeuer zu entznden. Die Perlenschnur der Bche,
verwandelte sich im Morgenroth zu funkelnden Rubinen. Die Wipfel schillerten
bunt und bunter, voll safrangelben und violetten Tinten berhaucht. Blutroth
aber reckte sich aus dem ewigen Schnee die hchste Spitze hervor, wie aus weiem
Fasttalar die blutige Rechte des Opferpriesters. Purpurteppiche schien das
Morgenroth vor dem Silberthron des Hochlandkaisers hinzubreiten, dessen
Lehnenknufe, die Psse, aus blulichem Dmmer jetzt wie Karfunkel aufblitzten.
    Der Saum seines Strahlengewandes fegt ber die Abhnge hin, ein Lichtschweif
streift ber die Almen, und weiter schreitet Sigurd ber den Kamm der Berge Wo
seine Sandale den Boden frbt, da sprieen Alpenrosen. Wo sein flammender Ku
auf auserwhlten Stirnen weilt, da flammt er im Herzen fort und gebiert die
Gedanken, die Gesnge. Er aber, der Geist des Lichts, wandelt in Majestt dahin
ber die Scheitel der Irdischen - und whret ewiglich.
    So schreitet er westwrts durchs ganze Land, von Dovrefjeld nach Telemarken,
zur Kste hin bis ins Bergensstift. Und jetzt schmilzt auch die Gletscherbrnne
Brunhildens: der zackige Grtel von Eisburgen, den Odin um ihren Felsbusen
geschlungen hat. Ein Gluthmeer berfluthet das Eismeer. Das Zauberschlo, dessen
Thurmvogt der Falke: mit Portalen, aus denen sprudelnde Giebche in muthwillig
polternden Kaskaden als Springbrunnen ihre zischenden Wassermassen
hervorschleudern; dessen Quadern aus Edelsteinblcken wie Mosaikplatten, halb
Saphir halb Smaragd, zusammengefgt erscheinen; dessen spitze Zinnen als
Mauerkranz die Wollen tragen, welche in Farbenschmelz verschwimmend, dort oben
wie eine Feeninsel dahingleiten - es strahlt jetzt gespenstisch-grell weithin
bers Land. Das ist der Justedalsbr, der grte Gletscher der Welt, der hier
wie ein kolossaler Polyp seine Fangarme ausstreckt - aus schwindelnder Hhe
niederstrzend, wie eilt gefrorener Katarakt in der Luft.
    Und der Golfstrom, metallisch glitzernd, flimmert wie Bernstein auf, als
schlummere in seinem Schoo ein versunkener Hort, wo der mystische Malstrom
sein Nornenlied murmelt.
    Ein graues Steinmeer, ein Trmmerchaos, spiegelt sich jetzt in traumhaftem
Halblicht die Gebirgswste von Jtunheim im schwarzen Hexentigel ihrer Fjorde
... Ein Steinadler schwang sich nahebei mit triumphirendem Schrei empor. Ein Lur
(Alphorn) lud schmetternd die Heerden zur Ster. Ein Renntierrudel trabte
drben die Schlucht hinab, deren Rachen, mit spitzen Zacken wie mit
Raubthierzahnen besetzt, schier wie in hhnischem Grinsen ghnte. Die
Wasserflle, das sausende Webstuhlrad der Jtuninnen, dran Silberfdchen auf und
nieder schnurren, wlzten sich qualmend dahin wie eine Wolke von Demanten, mit
Perlen untermischt. Aber berall glitt ber das steinerne Schwungrad der Abhnge
in unaufhrlicher Drehung, wie ein buntes Seidenband, oder wlbte sich zwischen
den Strebepfeilern des Felskessels - ein Bild der Vershnung ber dein Strudel
der Leidenschaft.
    Stolz reckte sich jeder Halm, den Nachtthau von sich schttelnd. Ist doch
jeder Morgen nach dem Grabe der Nacht eine Auferstehung der Welt! Wie frisch und
leicht und klar grte die Luft von den hohen Fjelden herber! Wie ein Schwan
mit sterbefrohem Gesang schwimmt die Seele, mit Vgeln und Winden Gre
tauschend, durch der Alpenlfte Wellen. Und in freudig hinschmelzendem
Schwanenlied verblutet der alte Adam, das Alltagswesen des Menschen, die alte
verbitterte Klte. Ein Sturzfall voll Urmelodien scheint die Berge zu
durchfluten, der Schpfung ureigensten Tempel, durchweihraucht vom Tannenarom.
Und die Morgenmesse, die seine himmelhohen Hallen durchbraust - vernimmt ihn
dein Ohr? Die strzende Tanne, der hpfende Elv, sie Alle singen nur das eine,
das hohe Lied:
    Kraft und Freiheit!
    Eins und Alles in unablssig rastloser Bewegung verbunden zu einem Ziel!
Ewige Zeugung, ewiges Vorwrtsdrangen! Tod der Ruhe und Leben dem frei
entfesselten Kampf!
    Ja, ihr Jtuns, die im Leid versteinert, Felsriesen, die ihr ewig seid -
stumm seid ihr, kalt und todt. Doch der Geist, der khn das All umfat, hebt den
Menschen aus der zwerghaften Noth seines krperlichen Daseins empr: er lebt, er
denkt, er handelt, er ist der Gott der Natur. Mge Jtunheim in Trmmer sinken,
des Menschen innere Welt erschafft sich immer neu und die Jakobsleiter der
Hoffnung senkt sich gerade zu dem hernieder, der aus einem Steine schlft.
    Durch dies Felsenchaos schwebt der Odem des Weltgeistes in doppelt
belebender Kraft.
    O Land der Freiheit, wo das Ich der modernen Kultur in ihrer freiesten
Thtigkeit und der Natur in ihrer nacktesten Gre gegenbertritt - du Braut des
Meeres, des atlantischen, das auch das Winland deiner Wickinger, die Neue Welt
der freien Arbeit gebar - du Panzerst das Herz mit eisigem Stolz. Nicht mehr
schaudert es vor dem Schwungrad menschlichen Treibens, freudig mitbewut des
unablssigen Weltenwirbels im Kreis der Schpfung. Und fr Liebe, Glaube,
Hoffnung, schenkst du Arbeitslust und Lebensmuth.
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    Heidi, schon wieder traben, traben in die junge Sonne hinein! O namenloses
Gefhl ungebundener Freiheit, so hinzutraben thalauf thalab durch Felder und
Forst, in immer tieferer Einsamkeit!
    Wie das Rlein wiehernd die Mhne schttelt und wie Kathi jodelt vor eitel
Plsir am Gefhl des Lebens! Abgewaschen, weggepustet aller Staub und Schmutz
des Weltgetriebes in dieser Urnatur!
    Am Wege schritt ein Mdel im Nationalkostm vorber: mit rothem, viereckig
ausgeschnittenen Mieder, weiem Unterkleid, geblmtem Hemd, geflochtenen Zpfen,
metallenem Brustschmuck und hoher Sammetmtze. In ihren groen blauen Augen
liegt eine Welt sehnschtiger Fragen.
    Eugen blickte sich nach Kathi um. Ihrer Lippen Erdbeerblthe schien aus dem
Kranz der Wlder zu duften, ihrer Augen helle Wunder den Glanz eitler Perle zu
bergen. Liebe mag der Fischer heien, dem dieser holde Fund geglckt, der die
Perle gehoben.
    Ach, wenn man nur Zeit und Geld htte, hier ewig umherzustreifen! Wie, Zeit
und Geld, bedarf es dessen? Knnte man doch Alles, Alles abthun, was fesselt an
den Pferch der Gesellschaft, und hier als schlichter Tagelhner sein Brot
verdienen, hinter dem Pfluge herschreiten ber die dampfende Wiese! Welch ein
elendes Leben fhren die Stdter, die Culturfexen, die Schneidergesellen der
Bildung! Wozu das Alles, statt sich auszusingen in die freie Luft, unbekmmert
ob die Welt es hre! Gesund sein und leben, leben und lieben, - das sind die
hchsten Gter, wenn man sie zu genieen wei - Gold, Macht und Ruhm schmlern
und verbittern nur das stille Gengen.

    Diese sthlende Hochlandluft, die alles Unreine bei Seite fegte, das frische
Erdbeeraroma, das aus allen Moosgrnden und Hecken entgegenduftete, wirkte auf
Eugen Wolffert's Nerven so reinigend und mnnlichend, da in ihm der Wunsch nach
einer entschlureichen That, etwas Groem und Befreiendem erwachte. Er reckte
sich gleichsam krperlich und geistig; er straffte die Muskeln seiner Arme und
seines verlotterten Hirns, um etwas Besonderes, ihn Emporreiendes zu versuchen.
Angesichts dieser gigantischen Natur zersprangen alle Schranken des
Conventionellen, als wren sie gemaltes Papier. Denn diese Schranken hat ja
nicht die Natur gesetzt, sondern die Thorheit der Menschen. Er sah das kernige
Weib neben sich, die gleichsam aufblhte in dieser Urnatur, als wre sie hier in
den mtterlichen Keimboden verpflanzt - und je mehr er sie sah, desto klarer
wurde ihm ein Wunsch, ein Entschlu. Ja, das wre etwas, um zu zeigen, ob noch
Schneid in ihm stecke - das wre hochherzig und khn!
    Sie plauderten am Uferrand eines Fjords, sie plauderten ber das Leben.
    O die Feigheit oder Unwissenheit dieser Schriftsteller von Profession! Wie
schildern sie das Leben! Du mein Gott, sie verschweigen Alles! - Ich fr mein
Theil, ich habe keinen Knaben und kein Mdchen gewissen Alters gekannt, die
nicht von Grund aus verdorben gewesen wren.
    Ja, verdorben, nicht wahr? Kathi gerieth ordentlich in triumphirenden
Eifer. Bei uns auf'm Land liegen schon die Kinder zusammen. Ach, i wei noch,
wenn ich in den Kuhstall ging, um zu melken, was fr gemeine Redensarten unser
Groknecht da fhrte. Die Welt ist heut so schlecht!
    Ja gewi. Na, Du mut Dich gut ausgenommen haben, als Du melktest! Eugen
umfate sie funkelnden Auges - die Ganglien seiner genialischen Phantasie
schienen irgendwie durch diese Vorstellung erregt. Ihr Gesicht glnzte von
sinnlichem Lcheln, ihre Hften schienen gleichsam in sanfter Wallung zu beben
und sie warf den Kopf hoch in den Nacken.
    Ach ja, hob er wieder an, die deutsche Keuschheit! Davon liee sich ein
Liedel singen. Man mchte eine Extraruthe vom Himmel erflehen, wenn man von all
den norddeutschen Tugenden deklamiren hrt. Und bei uns in Berlin diese
frhreife ekelhafte erknstelte Treibhausunzucht. Die untern Stnde sind ja noch
lderlicher, denn im Naturmenschen kommt das Thier doch am strksten 'raus. Aber
wir von der Bourgeosie, den sogenannten gebildeten Stnden - o wir!
    Ja, nit wahr? fragte Kathi eifrig. Die seinen Damen sind auch nichts
besser, als die schlechten Mdchen unter unsereins? Wenn so eine einen dicken
Bauch bekommt, so reist sie ins Bad. Ja, ds is bequem!
    Eugen schttelte milaunig den Kopf. Nein, nein, das sind so Chimren, die
Ihr Euch vormacht. Solche wirklichen Skandler kommen hchst selten vor. Das
Uebel liegt viel tiefer.
    Na, wo denn?
    Sieh einmal, liebes Kind, die jungen Franzsinnen werden in Klstern
erzogen und dann gleich nolens volens verheirathet. Man wirst sie ins Bett eines
Unbekannten, der sie entehrt. Da sind unsre Mdchen besser daran. Sie kommen von
der Schule in Pensionate, wo sie sich untereinander den Kopf erhitzen und - und
- er brach den Satz ab, dachte aber an Belots Madamoiselle Giraud ma femme.
    Ja, kurzum, an Unschuld glaub ich zwar nicht, wohl aber an Unwissenheit,
welche diejenigen bewahren, die fein sauber brgerlich in der Familie bei
Muttern bleiben. Und die Unwissenheit haben bei uns die Kinder schon mit zwlf
Jahren nicht mehr. Denen braucht man keine Unschuld mehr zu rauben, sie besorgen
sich diese Arbeit schon selber.
    Pfu-i! Kathi spie aus mit sittlicher Emphase.
    Jaja, das Kap Garda fui! kindischte Eugen wie ein witziger Tertianer. Da
wird man null gefttert mit Fleisch und Bier; und dazu das ewige Sitzen auf der
Schulbank, das auf den Unterleib wirkt; und dazu die Lectre der alten Dichter -
Ovids ars amandi wo mglich - ah, dabei soll ein Mensch voll vierzehn Jahren
nicht erotisch werden! Wahnsinnige Unnatur! Die Mdchen heirathen, wenn
berhaupt, schon viel zu spt; die Mnner heutzutage eigentlich immer. Was
treiben sie vom fnfzehnten bis dreiigsten Jahr, um mal eine Grenze anzunehmen,
in solchen Dingen? Ach, jeder, der die Welt kennt, kann sich's ja denken.
Impotenz, Rckenmarksschwindsucht oder die Charit - der kann Gott danken, wer
zwischen Scylla und Charybdis heil durchschlpft.
    Ach ja, die Mnner! Kathi nickte mimuthig, als fnde sie diese Gefahren
noch gar nicht so arg, vielmehr beneidenswerther, als das weibliche Loos. Die
knnen machen, was sie wollen.
    So, knnen sie das? blitzte Eugen sie an; so hatte sie ihn noch nie
gesehn. Nun, das wollen wir sehn. Ja, wer ein Mann ist, darf den Kampf
aufnehmen gegen eine ganze Welt von Vorurtheilen. Ich will endlich einen Zweck
haben, einen Lebensinhalt. Es drngt mich, meinem unntzen vergeudeten
vertrdelten Leben den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Ich will kmpfen fr das
hchste Gut des Mannes: fr die Frau, die er liebt.
    Kathi, ich liebe Dich, ich liebe Dich. Was knnen alle Dmchen der Welt mir
sein neben Dir! Du hast Dich mir hingegeben aus Liebe, ich will Dir's
vergelten.
    Womit? fragte sie. Es klang schchtern zaghaft, aber ein Zucken der Lippen
und ein schlau gespanntes Aufleuchten der Augen verrieth, da sie ihn wohl
verstand.
    Ich will - nun, ich will Dich heirathen. Bei allen Gttern und Teufeln! Ich
schwre es.

                                       V.


Rother langte mit der Eisenbahn vom Randsfjord in Hnevo an, ohne da er
irgendwo eine Spur gefunden. Vielleicht waren sie noch westlicher nach
Thelemarken eingebogen.
    Unterwegs hatte er einen schbig aussehenden kleinen Mann getroffen, der ihn
nicht verstand, ihm aber, als sie zu Hnevo ankamen, einen stattlichen Herrn
vorstellte, der Deutsch und Englisch verstehe.
    Dieser Herr von sehr gentlemanliken Formen entpuppte sich als reicher Agent,
der so ganz beilufig erzhlte, er habe den nchsten Wald da drben soeben fr
50000 Dollars gekauft. Und zwar von dem kleinen schbigen Mann mit dem
zerzausten Bart, den Rother fr einen Schuster hielt und der sich beilufig als
ein Mann herausstellte, dem das ganze Waldterrain (Hnevo lebt vom Holz,
wodurch es frher Unsummen verdiente) und Mhlen und Wirthshaus gehrten. Als
Rother den gebildeten Agenten, nachdem man sich umgekleidet, drauen am
Wasserfall suchen ging, kam ein Mdchen aus dem Nebenhaus aus ihn zu und lud ihn
in wohlgesetzter Rede zum Abendessen ein, woselbst jener Herr bei Vatern sei.
Der Millionr lebte wie ein Handwerker - wenig, aber herzlich gegeben:
Buttermilch und Butterbrot. Rother beneidete und bewunderte im Stillen diese
Leute, so einfach und schlicht im Aeuern, anspruchslos nur einem edlen Zwecke
geweiht: mglichst viel Geld zu machen, aber ohne alle Ostentation! Hier
wenigstens fehlte aller Grenwahn.
    Doch er irrte sich. Denn alsbald ging das Jammern los, wie das Holz, durch
dessen Export nach Amerika sich frher das Land bereicherte, immer im Preise
sinke und die Entholzung das Land erst recht ruiniren werde. Jaja, die heutige
schlechte Zeit! Jeder will gleich mit eins reich werden - daher die viele
Schwindelhaftigkeit und der zunehmende Bankerott des Nationalwohlstandes.
    Frher blhte auch die Schiffahrt. Da huften die Rheder und Grohndler
manch gewichtigen Batzen. Aber heut - alles Holzschiffe, alles untauglich
geworden fr den modernen Verkehr, gegen die Concurrenz der Deutschen verloren.
Und dabei will Jeder hochhinaus leben, viel besser wie in Deutschland. Wir
Normannen glauben nun mal, weil wir die Freisten in Europa sind, wir mten auch
die Glcklichsten sein!
    Also auch hier nationaler Grenwahn, der sich hinaufschrauben mchte ber
die natrlichen Verhltnisse weg!
    Als Rother am andern Tag nach Drammen dampfen wollte (ihm war endlich die
Geschichte langweilig geworden und er verlangte nach Haus), fuhr ihm der Zug vor
der Nase weg; weil er auf ein Signal gewartet hatte, als er Limonade auf dem
Perron trank, whrend hier alles lautlos, nur mit Wink und Pfiff, zugeht.
    Er langte also wieder in Hnevo an. Da er erhitzt und mde war, beschlo er
zu baden. Man wies ihm eine Natur-Badeanstalt in freier Luft, wo ein Bergquell
durch eine hlzerne Rinne herabgeleitet wurde. Um Mittag bade dort Niemand. Er
stieg etwa eine Viertelstunde weit auf steilem Pfad dort hinab, fand den Punkt
und entkleidete sich. In der Ferne vor ihm ein reizendes Panorama. Ueber den
Schindeldchern der reinlichen Bauernhfe wirbelten bluliche Rauchringel empor.
Rings einfrmiges Bewegen, eintnige Stille. Fle schwammen den Wasserfall
hinab, den man hier als eine Art Dampfwalze benutzt. Wagenfuhren, mit Reisig und
Holzblcken beschichtet, wlzten sich der nahen Sgemhle zu. Allberall das
Hmmern der Spechte, der Schlag der Aexte und das Krachen gefllter Bume. Unten
am Abflu des Vo flickte ein Fischer in der hier blichen phrygischen Rothmtze
an einem Netz und sonnte sich wie die Florellen, die zu seinen Fen ber den
Kieseln spielten.
    Aber diese angenehme seelische Siesta wurde unliebsam gestrt. Denn grade,
als er auf dem schlpfrigen Gestein unter den eiskalten Rinnen-Sturz gelangte,
glitt er aus und fiel der Lnge nach hin. Rasch von der Betubung erholt, fand
er, da der Fall ihn wunderbarerweise sonst nirgends verletzt, ihm aber aus dem
rechten Knchel ein gro Stck Fleisch herausgeschlagen hatte, ohne den Knochen
zu verletzen. Das Blut flo in breiten Strmen. Dem Ammenglauben, kalt Wasser
stille die Blutung, folgend, hielt er den Fu ins Wasser und kroch mittlerweile
unter die Rinne um das Bad wenigstens zu vollenden. Dann schlich er aus Ufer
zurck, trocknete sich rasch mit dem Laken und wickelte dies dicht um den Fu.
Hierauf zog er sich an, und humpelte, den wunden Fu mglichst hochhaltend und
schonend, den steilen Pfad in glhender Sonnenhitze zurck. Droben im Wirthshaus
lief man zusammen, war entsetzt ber die tiefe Wunde, brachte ihn zu Bett und
fing an mit Karbolsure-Umschlgen zu hautiren. Es kam noch immer Blut. Man
meinte, er werde ohnmchtig werden. Dies trat jedoch nicht ein. Aber wie er mit
der passiven Hartnckigkeit seines Charakters bei dem unerwarteten Unfall keinen
Augenblick gejammert und mit verbissener Besonnenheit das Nthige ausgefhrt
hatte, so lag er jetzt dster mit geballten Fusten da und murrte wider sein
Schicksal. Das konnte nur ihm passiren, dem ewigen Pechvogel! Sein Leben schien
dazu bestimmt, stets und immer verpfuscht zu werden. Mit dem Fhrtensuchen war
es jetzt aus. Er mute wochenlang auf dem Fleck liegen. Seine ganze Reise unntz
und vereitelt! Und als er in steigendem Trbsinn sein stetes Migeschick sich
immer deutlicher einredete, fhlte er pltzlich wiederum den Stich in der Brust,
der vom rechten Schulterknochen her durch die Brust-Weiche seitwrts in die
Lunge bohrte.
    Er betastete die Stelle langsam und bedchtig; dann holte er tief Athem und
empfand denselben leichten Schmerz aufs Neue. Nochmals in Natura seine
Brustweite mit der Hand messend, erkannte er sodann, da er wirklich bedeutend
abgenommen hatte und sein Brustkasten ordentlich verschmlert schien: So
furchtbar hatten ihn die abzehrenden Aufregungen des letzten Jahres mitgenommen.
    Am andern Morgen erschien ein Doctor, den man herbeigeschafft. Derselbe
prfte die Wunde, schnitt ein bedenkliches Gesicht und urtheilte, der Patient
habe schlechtes Fleisch in Folge mangelnder innerer Bluternhrung. Er nhte
die Wunde mit vier Nadeln zusammen. Da er als Deutschenfeind die ssaure
Bemerkung machte, der Herr aus Berlin werde gewi als Preuischer
Allesbesserknner auch den Schmerz leichter verwinden, so lie Rother lautlos
die Eisenstbchen durch die Wunde bohren. Mein Complimang! Der Herr sein ikke
(nicht) furchsam, gestand der Skandinave zu.
    In dieser dumpfen stoischen Resignation lag Rother bis zum Abend regungslos
da, weil ihm verboten, das Bein zu rhren, nachdem er sich mhsam angekleidet.
Das Bett stand am Fenster, er konnte hinaus blicken und sah den Schaum des
mchtig rauschenden Hnevo in die Luft sprhen. Stier und theilnahmlos
verfolgten seine Augen das Spiel der Wellen, seine Lippen schienen so starr
zusammengekniffen, als wollten sie wie ein bleiernes Siegel ein Geheimni hten.
Das Sprechen fiel ihm schwer. Ein Trapist des Schmerzes, schien er ein
unhrbares Memento mori zu murmeln. Alles Andere vergessen. Da pltzlich fuhr
er auf. Was war das? Welche Stimme! Er hob mhsam den Kopf und starrte hinaus
auf den Weg, der am Fall entlang fhrt. Ihm war, als erhielte er einen
Faustschlag aufs Herz. Ja, da schritten sie Beide engverschlungen am Wasserfall
entlang. Es war keine Spiegelung, sondern nchterne Wahrheit.
    Sie, die er suchte - so nahe vor ihm - Beide! Er wollte aufschreien, doch
die Zunge klebte ihm am Gaumen. Er konnte nur sehn und hren - ganz Auge und
Ohr, stumm, als habe jher Schreck ihm die Sprache geraubt.
    Eine Nachtigall fltete in einem Fliederbusch am Hgel, unverschchtert
durch das rauschende Singen des Wasserfalls.
    Hinter den Beiden da unten wandelte ein Wald-Kater mit buschigem Schweif
dahin - ein Abkmmling jener Race, die von den Wargern aus dem Morgenlande
importirt wurde. Sein sanftes Minnegreinen stimmte zu dem flennenden
Geschlechtsschmerz des Nachtigallmnnchens, dem ab und zu das Weibchen mit
lockendem Tiot antwortete. Doch schielte der wrdige Kater mit einem
Schnurrbart wie ein Husarenrittmeister mit falschem Zwinkern und Blinzeln der
grnschillernden Aeuglein nach dem Nest des Meistersingers, das dieser mit der
blichen Weltklugheit des Idealisten viel zu niedrig und schief am Dornengeheg
gebaut hatte.
    O Natur, weise Lehrerin, die nach festen Gesehen das Sein aller Lebeweisen
ordnet! Die Katze schleicht und lauert, die Nachtigall singt in brnstiger
Seligkeit und wird gefressen. Nur die Liebe besaitet diese Liederkehle - ist das
Prchen getrennt, so ists aus mit allem Gesang.
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    Unter dem Fenster in der Nhe stand eine Bank. Dort schienen die zwei
Glcklichen sich niederzulassen. Nur abgerissene Stze des Gesprchs drangen zu
des Lauschenden Ohren. Es ergab sich daraus, da sie aus Thelemarken
zurckgekehrt, soeben hier angekommen, gleich jetzt am Abend nach Sden
weiterfahren wollten. Sie warteten nur auf das Anschirren des Wagens, der sie
zur Station bringen sollte. An welchen Zufllen hngt das Leben! Htte der
Zugfhrer neulich Rother aufmerksam gemacht, da der Zug sofort losdampfe, so
wre dieser wahrscheinlich nie auf die Gesuchten gestoen, und der unglckliche
Fall mit der Wunde that das Uebrige dazu.
    Also, Kathi, wir reisen sofort ber Jtland durch nach Hamburg und lassen
uns trauen. Sie sa abseit, halb abgewandt, den Kopf auf den Arm gesttzt, ihr
Busen hob sich in schweren Wallungen.
    Ach, ser Eugen, aber.. ist denn das mglich?
    Wer soll uns hindern! Wir sind majorenn. Civiltrauung gilt heut wie jede
andere.
    Ach ich kann's noch kaum ausdenken! Was wird Deine Familie ...
    La sie schnattern, die Muhmen? Ich will Die als mein Weib an meiner Seite
sehen, die ich zur Mutter meiner knftigen Kinder erkor. Das giebt eine Race -
was, Kathi?
    Man hrte den langen vorschmeckenden Ku durchs eintnige Rauschen des
Falls.
    Und ... und ... ich habe Dir nun alles gebeichtet ... die Geschichte mit
dem Rother ... ich wrde mich todt schmen ...
    Dies berla Du mir! Der soll Dir nichts anhaben!
    Ach, das wird er wohl gar nicht wollen. Dazu ist er zu anstndig. Ich kann
nicht herzlos sein, er thut mir leid. Ich fhle fr ihn.
    So? Oho!
    Ja, freundschaftliche Gefhle.
    Larifari, werden wir schon unter uns Mnnern arrangiren. Holla, da hr' das
Pfeifen des Kutschers. Wir sollen kommen. Adios, Hnevo!

    Ja, Freundschaft, Freundschaft! Ist das genug zwischen Mann und Weib? Liebe
ist etwas Anderes, ganz Anderes, es ist das Ur-Prinzip der Schpfungskraft.
Venus Vulgivaga und Venus Urania, wahre und falsche Liebe, Sinnlichkeit und
transcendentaler Idealismus - Alles verflochten in eins.
    Verflucht sei dieser Liebe Raserei, die mich zermalmt! - Nach Deiner
Freundschaft frag' ich nicht.
    Verflucht die Stunde, da ich Dich zuerst gesehn! Ich wute ja, der Gram sei
meine Braut. - Nach Deiner Freundschaft frag' ich nicht.
    Umsonst der Kampf und der eitle Wahn. Gegen den Strom ringt nur ein Toller.
- Nach Deiner Freundschaft frag ich nicht.

    Auch der Schmerz macht sich noch Illusionen. Ger ber die Versagung der
Herzenssehnsucht verzweifelt, versteckt noch einen kindlichen Optimismus. Welche
Ueberschtzung eines Lebensgutes, es der Verzweiflung wrdig zu halten! Dies
Leben, diese Episode, ist doch kein tragisches Epos, es ist hchstens eine
Jobsiade.
    
    Und doch - welch ein grauenhaftes Gefhl des Erstickens, mit einem
heimlichen allbeherrschenden Gefhl umherzuwandeln, das doch kein Anderer kennt!
Wahre Liebe ist immer einsam, wie die wahre Gre. Nur die sinnliche
Leidenschaft zeigt sich offen.

    Seine ganze Vergangenheit zog an ihm vorber, seine ganze Jugend. Und aus
jedem Winkel derselben schien ihm entgegenzukichern: Narr! Narr! Verfehltes
Leben!
    Er war ein einziger Sohn. Sein Vater, ein Musiker voll bedeutendem Ruf, ein
Idealist. Die schrecklichste aller zehrenden Krankheiten, den Idealismus, erbte
er also schon von Geburt an. Die geistige Atmosphre, in der seine Kindheit
aufwuchs, Grundzug und Lebensanschauung seiner Familie: ein sthetischer
Idealismus. Gewohnheit und Umgebung bestimmen den Menschen. Der kleine Eduard
fhlte gar bald in sich eine knstlerische Mission. Mit seinen Beinchen in der
Luft zappelnd, arbeitete dieser niedliche Genius im Schwei seines Angesichts
auf dem Clavier herum und entlockte den Tasten unaussprechliche Tne.
    Die Lorbeeren seines Vaters lassen ihn nicht schlafen! schmunzelte ein
ironischer Kritiker, im Genu dieses erfreulichen Anblicks.
    Ja, aber andre Lorbeeren! dachte das Shnchen. Denn, da er mige Ohren,
aber sehr gute Augen hatte, das merkte er nun schon. Die Musik erschien ihm
schaal und nichtig: Man liebt gewhnlich die Kunst nicht, die einen nicht wieder
liebt, man verschmht mit edlem Stolz, wo man verschmht wird. Kurz, es war aus
mit der Musik. Ein verfehlter Beruf mit sieben Jahren! - Dafr schlenderte er in
die Museen und lungerte in Bilderausstellungen herum. Dafr las er Erbauliches
ber die alten Meister, wie sie so flott und nobel lebten, selber in Palsten
wohnten und die Frsten in ihren Palsten sich vor ihnen beugten. Das gefiel ihm
noch mehr.
    Dann stand er auch wohl in den Ecken der Soireen - sein Vater machte ein
Haus -, horchte auf die klugen Reden der Mnner und sagte zu sich: Wrst Du
doch auch so klug oder vielmehr, so berhmt! Sah er einen werden, so stellte
sich der logische Gedanke ein: Wenn Du erst solch einen hast! - Vornehmlich
aber starrte er die Frauen an, diese Wesen einer andern Welt. Das ist so
gewhnlich bei Knaben, die keine Schwester haben. Die erste Schnheit, die sie
erblicken, betrachten sie wie eine leibhaftige Aphrodite, deren Gttlichkeit
aber fernhlt, die einen unheimlichen Engel.
    Dieser ersten erotischen Regungen und der blichen Kinderkrankheiten
erinnerte er sich noch mit fabelhafter Deutlichkeit.
    Er absolvirte sehr frh die Schule und bezog die Berliner Akademie, um sich
zum professionellen Maler auszubilden. Seine Mittel erlaubten ihm das. Da er
aristokratische Manieren hatte, so wurde er alsbald von dem knotigen
Kunst-Proletariat, das der Staat heranzchtet, als Muttershnchen gehnselt.
    Wie unglcklich er war! Er wurde von allerlei Hirngespinsten betreffs
Bosheit und Verfolgungssucht der Menschen, zugleich aber von Visionen seines
knftigen Ruhmes geqult. Hngen doch Gren- und Verfolgungswahn innerlich
zusammen. Auf der Akademie schimpfte man ihn das verrckte Genie. Wre, er
einfach verrckt oder wirklich ein Genie gewesen - wieviel besser fr ihn!
Beinah htte man ihn anfangs als talentlos von der Akademie entlassen, wie dies
so oft den Begabteren und Begabtesten, die sich in den Drill nicht einfgen, zu
passiren pflegt. Das Talent lernt fast nie etwas auf zwangsweisem Schler-Wege;
selbst die Technik mu es aus sich und an sich selbst studiren. In der
Akt-Klasse galt Eduard Rother als der schlechteste Schler.
    Allein, seine merkwrdige Produktivitt nthigte doch eine gewisse Achtung
ab. Seine Mappen fllten sich mit Compositionen, aus dem Handgelenk
hingeschleudert. Wenn auch sein wrdiger Lehrer - einer jener tiefsinnigen
Grbler ber die Kunst, die in gelehrtklingenden Schngeist-Brochren alles
Moderne verdammen und den groen Stil der Alten Preisen, weil sie selbst gar
keinen Stil besitzen und ihre nchterne akademische Formfexerei niedlich
weiterputzen - erklrte das freilich fr verworrenes stilloses Nicht-Knnen.
Doch die gestaltende Phantasie darin mute wohl oder bel anerkannt werden.
    Bald vollendete Rother sein erstes Bild, eine betrchtliche beklexte
Leinewand: Nero an der Leiche seiner Mutter, natrlich. Der Schinken, um im
Knstlerjargon zu reden, wurde in der Malklasse ausgestellt. Die Makarterei der
Farbe, deren Effekthascherei jenen Meister noch zu ber-makarten strebte, und
die unfertige Zeichnung wurden allseitig verdammt. Der Composition konnte man
jedoch nicht eine gewisse Gre absprechen. Die phrasenhafte Attitde der todten
Agripina und das Grinsen des Nero-Kopfes mochten wohl affektirt erscheinen, aber
eine gewisse dmonische Kraft der Auffassung schien nicht zu verkennen.
    Als ihm die guten Freunde und Collegen mit augenscheinlichem Hochgenu die
vernichtenden Urtheile der akademischen Herrn Lehrer darber hinterbrachten,
lauschte Rother stumm und regungslos, nur etwas bleicher wie gewhnlich. Dann
stand er pltzlich auf, musterte sein Bild mit einem kalten Darin liegt viel
Wahres! und wie man es verhindern konnte, hatte er die Leinwand mit dem
Malmesser durchkratzt, zusammengerollt und in den Ofen geworfen. Vielleicht
erwartete er, Jemand werde das Opfer retten. Es rhrte sich aber Keiner - er
kannte die Menschen noch nicht, wie jugendliche Pessimisten ja stets zu
optimistisch denken.
    Ohne sich umzusehen, trat er nun ruhig an seine Staffelei und fhrte einen
Studienkopf aus. Na, da Dich nur nicht niederschlagen! Es wird ja schon besser
werden! trstete ihn wohlwollend ein sogenannter talentvoller Schler - einer
von jenen, die im spteren Frust-Kampf des Lebens spurlos verschwinden. Rother
drehte sich um und warf ihm einen vernichtenden Blick zu: Besser zu straucheln
wie ich, als zu marschiren wie Du!
    Von der Stunde an galt es als unumstliche Wahrheit, da er an unheilbarem
Grenwahn leide.
    Am selben Abend kneipte er mit einigen Verbummelten bis tief in die Nacht
hinein und kam taumelnd nach Hause. Der Mond, der ihn gut kannte, mute sich
ber ihn wundern. Sturmnacht, die Eichen des Humboldthains bebten. Er aber
schritt immer frba in die Finsterni und wnschte, da Einer ihn anfiele. Das
wre ihm gerade recht gewesen.
    Frh am Morgen stand er auf und begann sofort ein neues Bild.
    Da er gehrt hatte, es gehre zur knstlerischen Inspiration, da man sich
ernstlich verliebe, so suchte er nach einem Objekt. Dies fand er in einem
hochaufgeschossenen Mdchen mit lebhaften sinnlichen Zgen, der Tochter eines
Kommerzienrath Eisenbaum, der im Hause seiner Eltern verkehrte. Sie war eine
sogenannte Jugendfreundin, mit der er sich viel herumgebalgt. Aber die kluge
schnippische Ella, die ihn so herzlich verspottete, als er ihr einmal auf einer
Landpartie eine Wasserblume pflcken wollte und dabei ins Wasser plumpste, mute
er ja jetzt als Dame behandeln mit ihren fnfzehn Jahren, um so mehr sie weit
ber ihr Alter entwickelt schien und schon Brste ansetzte. Er schnitt ihr also
die Cour, nur zu sehr. Denn er besuchte Eisenbaums unter allerlei Vorwnden viel
zu oft, so da es auffallen mute. Ella absolvirte ihren zweiten Tanz-Cursus,
dieses wichtigste Stadium im Leben der Hheren Tchter. Ihr Interesse lenkte
sich merklich ab. Und einmal, als sie sich leicht zankten, fragte ihn die junge
Schnheit: Er sei wohl fast nie zu Hause? Er that, als merke er diesen wuchtigen
Hieb mit dem Laternenpfahl nicht; aber er beschlo sie schrecklich zu strafen -
nmlich pltzlich ganz auszubleiben. Seine harmlose Einbildung spiegelte ihm
vor, da sie das schwer empfinden und durch seine scheinbare Gleichgltigkeit
ihre Liebe geweckt werde msse. Er glaubte an diese zweifelhafte Theorie, die er
mal in dem spanischen Lustspiel Donna Diana (Reklam'sche Universalbibliothek,
andere Bcher ber 20 Pfennig las er als echter Deutscher nicht) gefunden hatte.
    Die Eisenbaum'sche Villa, nahe der Eisenbaum'schen Fabrik am Rosenthaler
Thor, lag in der Nhe. Auf seinem Weg zur Akademie fensterpromenirte hier der
schmachtende Courmacher stets vorber. Einmal sah er auf der andern Seite Herrn
Eisenbaum mit seiner Tochter spazieren gehen. Der Athem stockte ihm und das Blut
trat ihm zu Herzen. Doch er richtete den Blick gradaus und ging im Sturmschritt.
Auf der andern Seite der Strae hrte er leises sichern. Sein Gehr war
ungewhnlich scharf, wie es bei abnorm nervsen Naturen hufig der Fall. Obwohl
er sonst kein Wort verstand, vernahm er doch genau, wie Herr Eisenbaum seiner
Tochter bemerkte: Da geht Dein genialer Courmacher! Ella lachte. - Er that,
als she und hrte er nichts, beschlo aber feierlich, dies Haus nie wieder zu
betreten.
    Diese Selbstbestrafung fhrte er dann auch hartnckig durch. Wie gewhnlich
in dieser Alterszone, unter dem Wendekreis des forschen Penlerthums, glaubte er
durch doppelte Ungezogenheit zu imponiren. Spazierte er mit seinem glorreichen
Intimus Eugen Wolffert stolz die Strae entlang und begegnete zufllig den
Eisenbaums, so grte er von oben herab. Traf er Eisenbaums bei seinen Eltern,
so stellte er sich tief beleidigt, da Seiner Magniferenz nicht mehr Ehre
erwiesen werde.
    Aber was half ihm das Gefhl seiner jugendlichen Erhabenheit! Der Traum der
ersten Liebe lie sich nicht abschtteln. Als Kind und Knabe wird ein
geistreicher Mensch von der unbestimmten Sehnsucht der Pubertt erzeugt. Es gilt
sich selbst erziehn. Oft deklamirte sich der drollige Kunstjngling damals das
Heine'sche Madame, ich liebe Sie! vor, lie dabei das Buch zur Erde fallen und
bte sich auf Knieflle ein. Dabei dachte er natrlich nur an seine stolze Ella,
welcher er einst mit dergleichen Kunststcken seine ewige Liebe deklariren
wollte. Diese Phantasieen knabenhafter Pubertt wurzelten sich immer mehr zur
fixen Idee ein. Zum Glck stirbt man nicht daran.
    Um diese Zeit beschftigte ihn natrlich die sociale Frage. Er whlte zu
seinen Skizzen und Compositionen wahre Rochefortstoffe, alles in rothe Sauce
getaucht. Bekanntlich fraternisiren die Litteraturstudenten des Jngsten
Deutschland pltzlich mit dem vierten Stande, wenn sie der Dalles drckt, und
dichten Zorn-Hymnen wider die Bourgeosie, sobald ihnen ein Pump miglckte. Denn
man verliert endlich die Geduld. So mute sich dieser bartlose Jngling an der
Gesellschaft rchen, weil sie ihn nicht als embryonischen Kolossalknstler
erkennen wollte. Um diese Zeit reichte er eine Art Denkschrift ber Michel
Angelo auf der Akademie ein, in welcher erbaulich entwickelt wurde, da
eigentlich nur Er diesen Meister verstehe und nicht undeutlich durchschimmern
lie, der Geist dieses Giganten sei auf Ihn bergegangen - woran sich eine Lehre
ber Seelenwanderung nur so beilufig anschlo.
    Shelley's Studentenstreich Ueber die Nothwendigkeit des Atheismus mochte
bei den Oxforder Perrcken kaum grere Entrstung erregen, als dieses
Schriftstck Rothers bei dem Lehrer-Collegium der Akademie, dem der Director es
mit allerlei kaustischen Bemerkungen vorlas. Es kam zu heftigen
Auseinandersetzungen, in Folge dessen der fromme Jngling seinen Meistern zu
verstehen gab, ihre Meisterateliers fr gegenseitiges Hndewaschen, deren System
er durchschaue, imponirten ihm nicht. Einer etwaigen Relegation zuvorkommend,
empfahl er sich zu geneigtem Andenken und zog sich auf sein eigenes
Privatatelier zurck.
    Eines Tages holte ihn sein alter Schulfreund Eugen Wolffert ab, um das
Sonnabend-Abendconcert im Zoologischen Garten zu besuchen. Sie ergingen sich
dort in Weltschmerz und Raubthierhusern, bis sie sich in die Lsterallee
einschoben. Die mondbeglnzte Zaubernacht, durch bengalische Beleuchtung und
unverzeihlich gute Musik verklrt, schwirrte von dem Klatschgeschwtz der
blichen guten Gesellschaft, die tausendkpfig durcheinander wirbelte. Rother
fand viele entfernte Bekannte und stolzirte, wie er whnte, sehr gentlemanlike
einher. An einer Endbiegung Arm in Arm mit Wolffert herumschwenkend, trat an
diesen ein widerlicher Geck heran, den Rother auch von Ansehen kannte, und
verabredete mit demselben eine Reitpartie nach Hundekehle. Eugen der Olympier,
den alle Dandy's als Altmeister verehrten, drohte leicht mit dem Finger und
neckte in seiner herablassenden Schwerentherart: Was treiben Sie hier?
Taugenichts!
    Der geschmeichelte Dandy schmunzelte: Hehe, errathen! Hurra Damit
verschwand er geheimnivoll und strzte tief in den Menschenstrudel.
    Eduard Rother wute gleichsam instinktiv im gleichen Augenblick, welche Ella
gemeint sei. Doch er wollte sich Gewiheit verschaffen. Auch nicht eine Bewegung
sollte dem groen Weltkenner an seiner Seite verrathen, da ihn das im Mindesten
interessire. Sieh doch da drben den rothen Reflex berm Flammingo-Teich! Wie
gut das wirkt! Du, da geht Deine heimliche Flamme, Klara Meier vom
Schauspielhaus! Ach sieh doch mal dort Frau Hagar Satzler - so was Geziertes!
Sie schwammen immer rstig fort durchs Gedrnge. Ah, da ist ja unser Freund
Marbach wieder! (Er hatte ihn die ganze Zeit ber nicht aus den Augen verloren.
So nachlssig beilufig:) Diese Ella ist wohl sein Amour?
    Ja, eine romantische Geschichte! Der Vater ist ein Dickkopf. Haha, er hat
uns Beiden mal den Marsch gemacht, als wir seine holde Tochter, die aus der
hheren, Schule kam, etwas schneidig nach Hause begleiteten.
    Lcherbar! Wie heit er denn? - Sieh doch diese Schleppe!
    Eisenbaum! - Nun, was ist los?
    Der geckenhafte Jngling (Sohn eines Millionrs in Colonialwaaren) war
pltzlich hinter uns aufgetaucht und legte seine Hand auf Wolffert's Schulter,
indem er lispelte: Drehen Sie sich nachher mal zufllig um! Er verschwand
wieder.
    Nach kurzer Pause drehten wir uns zufllig um. Hinter uns flanirte Ella
mit einer Freundin (in Deutschland gleichbedeutend mit Duenna), lebhaft
kokettirend und schmachtend, der schne Lasse nebenher. Eduard sah sich sehr
rasch wieder um, aber sie erkannte ihn doch und wurde roth. Ein unerklrlich
schnippisches Hohnlcheln krmmte ihre Lippe. Er hingegen blieb ganz gemthlich
und lustig, nickte dem Dandy, den er kaum kannte, vertraulich zu und flanirte an
Wolfferts Arm vor Jenen ruhig her, da ein Ausweichen in dieser wandelnden
Menschenmauer unmglich schien. Robespierre, begann er mit lauter Stimme - sie
hatten vorhin tiefsinnigen Unsinn ber die Franzsische Revolution ausgetauscht,
deren Sphinxgeheimnisse man in den Flegeljahren bekanntlich spielend lst. Aber
Wolffert, der sich lange umgedreht und fascinirend geugelt hatte, brummte
gedankenvoll: Die ist ja aber doch sehr nett! Offenbar erwachte in ihm der
Gedanke, ob er, der Allbesieger, nicht seinen edeln Waffenbruder ausstechen
knne. Eduard htte ihn um die Ohren schlagen mgen, wiederholte aber mit lauter
schnarrender Stimme: Robespierre -
    Jaja! Das war ein kleiner mickriger Kerl! machte Eugen herablassend. Mein
Mann ist Danton, der geniale Alkibiades!
    Hinter ihnen plauderte und liebelte man - und Eduard ging ruhig schwatzend
neben Wolffert her, whrend er auf jedes Wort hinter ihm gierig lauschte und
seine Hand sich auf- und zukrampfte, als suche er eine Waffe. An der nchsten
Biegung muten sie sich kreuzen. Rother mute gren und that es. Ella dankte
kaum und sah gradaus. Wen grtest Du denn da? fragte Wolffert verwundert.
    Ella, erwiderte Jener lakonisch.
    Kennst Du sie denn?
    Oberflchlich. - Was Marat betrifft - - Sie trafen nachher noch einmal den
Lassen, diesmal allein, dessen Gesicht voll Glck strahlte. Im selben Augenblick
kam die Freundin und winkte ihm. Er strzte ihr nach und schlug sich seitwrts
in die Gebsche. Aha, die Alten sind weg oder haben das Lamm aus den Augen
verloren! ghnte Wolffert. Der Glckliche! Unbeobachtet von tausend
Argusaugen!
    Hm, machte Rother kalt. Wird wohl Schwindel sein. Der sieht mir doch gar
nicht aus, als ob ein anstndiges Mdchen -
    Das verstehst Du nicht, kanzelte ihn der Olympier mit berlegenem Lcheln
ab. Uebrigens bekannte Geschichte. Ich selber wei es ja. Habe ihre Briefe an
ihn gelesen. Sie hngt sehr an ihm, sehr!
    So, so! verlautbarte sich Rother gedehnt. Also, um auf den besagten
Hammel zurckzukommen, Desmoulins - -
    Er ging langsam nach Hause. Der Lrm der Wagen und das Rauschen der Musik
verhallten hinter ihm, wie ein Rausch von Lust und Leichtsinn. Aus Versehen
schlug er eine falsche Richtung ein und gerieth in das Erlenwldchen, welches
den Kanal entlang nach der heutigen Stadtbahnstation fhrt. Er war
mutterseelenallein, diese Gegend damals noch vllig unbelebt, nach der Richtung
des heutigen Kurfrstendamm lauter de Sandflchen und Smpfe. Hier konnte Einem
der Hals abgeschnitten werden, ehe man einen Laut von sich gab. Er schritt
frba mit wildpochendem Herzen. Eine nebelige Mondnacht. Man konnte Erklnig
lind seine Tchter durch die silberborkigen Erlen flattern sehen. Kohlschwarz
lagen im Kanal die Torfschiffe Und Obstkhne, die einen eigenthmlich fauligen,
Geruch verbreiteten. In der Finsterni sahen sie wie Krokodile aus. In der Ferne
brausten die Wogen der sogenannten Selbstmrder-Schleuse und ein einsamer Hund
bellte den Mond an. Auch der einsame Wanderer sah zum Monde und fhlte einen
geheimnivollen Schmerz, als wolle seine eingesargte Seele den Krper sprengen.
Ihm war, als fre ein Polyp an seinem Herzen, als athme er umsonst nach freier
Luft. Er athmete berhaupt schwer und unregelmig - schon damals sprte er sein
Brustleiden.
    Wie der Mond sich wunderte ber das thrichte Menschenkind voll
Jnglingsbrunst und Mannesernst, dessen Seele zu gro fr seinen schmchtigen
Krper! Wie er so dastand an der Schleusenbrcke, schien Alles um ihn zu
versinken. Alles verloren. Was eigentlich, er wute es nicht klar. Aber sein
Lebensglck, sein Leben fr immer verloren, verdorben. Diesen Ekel, diese
Verachtung, diese grliche Selbsttuschung berwand er nicht. Einen Augenblick
dachte er ernstlich nach, ob er nicht ins Wasser springen solle. Es war damals
Mode in Jung-Berlin, sich wegen Durchfall im Examen oder Schuldenmachen rundweg
ins Jenseits zu befrdern - eine wahre Manie, die sich bis auf die berbrdeten
Tertianer der Gymnasien hinab erstreckte.
    Aber seine geistige Natur war denn doch zu nervig auf Selbstgefhl erbaut
und sein Grenwahn kam ihm zu Hlfe. Er verzweifeln wegen eines solchen
Geschpfes? Pfui! Lcherlich! - - Er fand sich richtig zur Charlottenburger
Pferdebahn quer durchs Wldchen nach rechts hinber, die ihn nach Berlin
zurckbrachte.

    Wie lange war das Alles vergessen! wie lange war diese erste Jugendflamme
des Narrenherzens, nachher eine glnzende Ballknigin, die eine ihrer wrdige
groe Parthie machte, seiner Erinnerung entschwanden! Seltsam, da er heut so
klar an das Alles dachte, als wre es gestern gewesen. War es nicht symbolisch
gewesen fr sein ganzes Leben? Eine mimosenhaft zarte Natur wie die seine konnte
nur bestimmt sein, sich ewig zu tuschen und getuscht zu werden. Das
Naturgesetz, das in des Menschen Wesen bei seiner Geburt gelegt, entwickelt sich
logisch fort in tausend Varianten.

    So gleiten die Tage spurlos dahin in Lebensha und Todesfurcht, sie hufen
sich hinter uns wie welke Bltter, wie schemenhafte Nebel. Wir fhlen das
Naturgesetz, da die Tugend sich selbst belohnt, und frhnen dennoch dem Laster,
um die entnervende Langeweile abzuschtteln. Wille? Selbstwiderspruch ist das
einzige Unrecht. Warum hat die Natur uns unglckliche Schufte und schuftige
Unglckliche zur Snde erzeugt, und straft uns hinterher, weil wir dieser
Bestimmung folgen? Warum lauert der Vampyr des Ueberdrusses ber dem
Schlangensumpf der Begierden. Arbeite! Was? Warum? Ja, so erbrmlich ist unser
Loos, da der Fluch Adams unser einziger Segen scheint - eine Art Opium, um den
Dmon des Gedankens zu betuben, der uns umherjagt wie einen Verbannten, der
sein Exil und sein Urtheil in sich selber trgt. - -

    Es giebt Momente, wo das Gefhl des Schmerzes zu maloser Ungerechtigkeit in
Beurtheilung der Mitmenschen und berspannter Geringschtzung des gesammten
Auenlebens, der Sansara, fhrt. Ein Abgrund scheint sich pltzlich vor dem Auge
des Denkenden zu ffnen: die Nichtigkeit menschlichen Strebens, die Eitelkeit
menschlicher Gensse grinst dem menschlichen Geist entgegen, der zurckschaudert
wie der Basilisk bei seinem Anblick im Spiegel. Graue Wsten ohne Palmen der
Schnheit und Quellen der Reinheit dehnen sich endlos umher, die Oase der Liebe
ist vom Samum der Leidenschaft verschttet und Blbul Poesie scheint eine
geschwtzige Elster. Das ist der Abgrund des ewigen Weltwehs - der Schemen
Nirvana steigt aus ihm empor, um uns mit Spinnenarmen ins Nichts hinabzureien.

    Von Hgel zu Hgel schweifen meine Blicke ber die unendliche Flche hin und
eine Stimme dringt vernehmlich an mein Ohr: Nirgends hier erwartet Dich das
Glck. Was hlfe es mir, den Lauf der Sonne zu begleiten - ich begehre nichts,
was sie bescheint. Wie eine sturmverschlagene irrende Seele, schleiche ich durch
die Welt.
    Der Wagen der Nacht durchrollt die Aetherwogen. Die Zweige rispeln. Es ist,
als hre man die Schatten der Todten dahinschweben. Ein Mondstrahl berhrt sanft
meine Stirn, als wolle er Licht streuen in meine dunkele Seele und ihr das
Geheimni der Sphren enthllen, als wolle er die Morgenrthe eines
Jenseitstages prophezeien.
    Der Wlder niederhngende Wipfel bedecken mich mit Frieden und Schweigen.
Die Bche, unter Laubbrcken verborgen, schlngeln sich durch die Thler und
spiegeln sie ab. Sie mischen ihre murmelnde Fluth und verlieren sich dann
spurlos. So ist die Quelle meiner Jugend zerronnen, ohne Rckkehr. Doch jene
Fluth ist klar und meine Seele so trb. Wie ein Kind vom Ammenliede gewiegt,
schlummere ich ein zum Gemurmel des Wasserfalls.
    Die Berge stehen sich gegenber wie feindliche Brder, die dort in ihrem Ha
versteinert. Schon tausend Jahre stehen sie so mit gefurchtem runzligem Antlitz,
schneewei bleichte ihr Haar. Doch Abends, wenn die Sonne sie berglht, dann
brechen die Wunden auf, dann berrieselt Blut ihre Stirn.

    Ein unbesieglicher unwiderstehlicher Drang nach Selbstvernichtung jauchzte
in dem totmden Menschenwurm empor. Ihm war das All gtterlos, ohne Ordner und
Lenker. Kein Steuer leitete ihn durch den Ocean des Unendlichen und der feste
Strand der Erde widerte ihn an. Aber sein Gedanke kreuzte furchtlos durch den
unendlichen Raum, von der Ahnung des Unvergnglichen getragen. Eine sterbeselige
Todessehnsucht dehnte und weitete seine kranke Brust. Wenn die trivialen Freuden
des Lebens als werthlos versinken, wenn selbst die uere Schnheit der Natur
nicht mehr befriedigt, wenn der kindliche liebe Gott, die formelle Religion,
in Staub zerfiel und der wahre Gott noch nicht an seine Stelle trat - dann
erfat das Gemth eine brnstige Leidenschaft fr die reinen wandellosen
Elemente, denen der Mensch mit seinem geistigen Hochmuth und seiner physischen
Niedrigkeit als Zerrbild gegenbersteht. Eine schmerzliche se Begierde
verlangt sich aufzulsen, aufzugehen im Grenzenlosen.

    Ja, er mute sterben. Das war das Beste, das Beste. Wozu die paar Jahre noch
hinschleppen eines elenden kmmerlichen Daseins, den verglimmenden Docht noch
schren? Aus, kleines Licht!
    Ja, das war das Beste fr ihn und fr sie. Sie frchte ihn, hatte sie
gesagt. Und was sollte auch daraus werden? Sollte er daheim die Folter weiter
dulden, die Folter sie als Gattin dieses reichen Laffen zu sehn, unerreichbar
und glcklich, whrend er verschmachtete? Noch jetzt in seiner Weltabsagung und
Selbstvernichtungsgier bumte sein Grenwahn sich auf gegen solche
Herabwrdigung seiner qualvollen Liebe.
    Da war das Beste, er ging. Ging in das Land, von wo kein Wanderer
wiederkehrt. So ging er Allem aus dem Weg.
    Und wieder die Stiche in der Brust! War er nicht ohnehin todgeweiht? Ende es
denn gleich mit einem Schlage!
    Der Tod stand ihm pltzlich so anheimelnd nahe vor Augen, so greifbar wie
ein Freund, der die Hand zum Grue reicht. Ihm war, als habe er eigentlich nie
gelebt ohne Todeswunsch und fange jetzt erst an, sich der Wahrheit bewut zu
werden.
    Aber wie es ausfhren? Sich mit dem Messer die Pulsadern ffnen? O nein,
unmglich. Offenbarer Selbstmord - das taugte nichts. Dann wrde man nach den
Motiven fragen, Alles ausforschen, sein Geheimni ihm entlocken. So wrde
Kathi's Zukunft erst recht verdunkelt werden. Das zu verhindern floh er ja
gerade ins Grab.
    Da fiel sein Auge auf die Flasche mit Karbolsure, die der Umschlge halber
auf dem Nachttisch vor seinem Bette stand. Wie ein Blitz durchzuckte ihn der
Gedanke, da man glauben knne, er habe dies Gift mit der danebenstehenden
Wasserkaraffe schlaftrunken verwechselt. Und leerte er die Flasche bei seinem
angegriffenen und krnklichen Zustand, so gengte das wahrlich, um ihn alsbald
zum Styx zu verschiffen.
    Er verschob die Ausfhrung auf den Abend des folgenden Tages.

    Leise Schauer fluthen ber die Erde, sie bebt und athmet in beklommener
Wonne. Berauschend duften ihre Seufzer, keusche Gefhle quellen empor als
Blumen. Und sie entschlummert mit sanftem Errthen bei dem Abschiedsblick des
strahlenden Sonnengatten. Er - er lenkt ihre eigenen Pfade nach festen Gesetzen
unwandelbar in rollendem Laufe von oben - aber ewig trennt der kalte feindliche
Aether die Gatten nach festen Gesetzen. Einst wird kommen der Tag, wo
aufjauchzend in brausendem Sturme in des Geliebten Arm strzen wird die sehnende
Erde. Aber sein Ku ist Flamme und sein Odem Vernichtung. Und wie die
Sonnenblume Apollos, wird sie verwehen. Wr' er schon da, der wirbelnde Tag der
Vernichtung! O erschlle die grelle Posaune des Richters, wie ein Schwertstreich
mitten durchs Herz des Weltalls, wenn im bacchantischen Reigen den Aether
durchrasen mit entfesseltem Flammenhaar die Gestirne, scheiternd, wie
Orlogschiffe mit brennenden Masten, im unermelichen Raum, dem brandenden Chaos!
O dann voll zu empfinden die Gre der Schpfung in ihrem Sturze, wie die
gefllte Palme deutlicher zeigt den Schwung ihres Riesenwuchses! O zerschmettert
zu werden zu einem Atome, das nur das Samenkorn eines knftigen Daseins!
Losgelst vom Staub in geistigem Wesen durch die versinkende Welt
dahinzufliegen, - zaghaft flatternd zuerst, wie staunend und gaukelnd ein
Sommerfalter schwebt um schwarze Ruinen, - aber hher steigend, wie eine Lerche,
die des Schpfers Bewutsein in Lieder aushaucht, - endlich mchtig entfaltend
unendliche Schwingen, wie ein Aar aufsteigend zum Thron der Allmacht! Dann
zerreit der Schleier vom Bild der Gottheit, und wir strzen, vom Blitz ihrer
Gre getroffen, zu ihren Fen. - Hallelujah, Vernichtung! Wird nicht das Blut
den Adern der bleichen Erde schner entstrmen in unversieglichen Wellen, als es
trge jetzt sickert, mit Fieberrthe, Gesundheit heuchelnd, tnchend die welken
Wangen?
    Ach, wenn die Welt-Galeere zerscheitert in tausend Stcke, an die wir Alle
geschmiedet mit unlslichen Fesseln - mitzusterben den groen Welttod, ser
ist's, als mitzuleben das Allsein!
    Weltvernichtung, Selbstvernichtung! Tausendmal grer als unsre winzige
Erde, strmen Protuberanzen flammenden Dunstes von der Sonne aus, hornfrmige
Zacken an der Lichtscheibe, die wir bei klarer Strandluft mit bloem Auge
erkennen. Ist der Weltuntergang nah vor der Thr, bricht sie schon heran, die
groe Darkness, wo die Sonne alle Weltlichter verzehrend auslscht? Wo wir mit
der Erde zu Spreu verbrennen oder vergletschern? Und doch - des Menschen Geist
umfat das All, steht darum ber dem All. Die Alpen sind starr und leblos - wir
leben, denken, handeln, wir sind mehr. Geist und Leib mag verderben, aber bleibt
ein Prinzip der Existenz nicht in jedem von uns bestehen, das den Weltensturz
berdauert? Nun, und mag's denn sein, gehen wir unter! Ob wir uns wie ein
Blschen Schaum der sich ewig neu gebrenden Woge der Materie mischen oder wie
ein wesenloser Windhauch im Sturme der Zeit verwehen oder uns als Perle einfgen
der Weltkette und gereinigt als krystallisirte Geistespotenz fortwhren - -
namenloser Schmerz der Selbstvernichtung, du birgst namenlose Wonne.
    Ach, sterben, sterben! Alles Schwankende sinkt ins Grab, gern gehe auch ich
von hinnen. In jedem Grashalm fhle ich mich ja auferstehen.

    Rother hatte Schreibzeug verlangt. Mit tiefer Ueberlegung und stillem
Bedacht schrieb er zwei Briefe nach Deutschland in ausstudirt jovialem Ton.
Dieselben sollten fr spter als Beweis dienen, da er sich keineswegs mit
Selbstmordgedanken getragen habe und einem bloen Unglcksfall erlegen sei. Der
erste Brief lautete:

                        Lieber Knorrer!

    Ich befinde mich (eine vorbergehende leichte Verwundung ausgenommen) hier
kreuzfidel - lebe, liebe, esse trinke und verdaue ausgezeichnet. Du machst Dir
keinen Begriff, wie wohl mir ist, wie ich all meine Schmachtlappigkeiten jetzo
belchele. Den Kameelshaar-Ueberzieher aus Salzburg, den Du stets empfiehlst,
werde ich mir von hier aus bestellen. - Meine Studienmappe ist voll famoser
Motive. Zur Berliner Kunstausstellung werde ich wohl noch 'was fertig kriegen. -
Holla, da entschlpft mir ein Gedichtlein, um das mich Freund Graef und Henry
Francis Annesley beneiden mchten!




                                 Eine Walkre.


Minnelieder singt sie laut
An der Wasserhlle Krater.
Liebreich hinter uns miaut
Der Familie treuer Kater.
In den buschigen Schweif ich fasse
Ehrfurchtsvoll, denn hier am Platze
Wchst die ganz besondre Nasse,
Uebergang zur wilden Katze.

Nachtigallen suchen Rosen,
Keine blhen hier am Stocke.
Doch dafr zum Minnekosen
Die lebendige Rose locke!
Ich bin eine Nachtigal hier,
Bin ein Knstler, glaube dieses!
Rose, berleg' den Fall Dir:
Bin ich werth des Paradieses?

    He, wie gefllt Dir das, alter Schwerenther? Habt's a Schneid? Holdrio!
                                                       Dein Eduard I. der Tolle.
    Gegeben in unserm Hauptquartier zu Hnevo.

    Der andre Brief war an seinen neuerworbenen grflichen Intimus gerichtet.
Ach ja, der erste Amant der schnen Verderberin! Der sa jetzt seelenvergngt
daheim und sonnte sich in seiner neuen Gloriole. Rother lchelte bitter. Welch
ein Fant und Esel, ein neuer Werther wie er, der sich noch obendrein schmen
mu! Und doch!

                        Lieber Graf Krastinik!

    Mir geht es hier nicht bel. Nur eine Verwundung am Fue, die ich mir zuzog,
zwingt mich, meine Streifereien zu unterbrechen. Hoffentlich bin ich bald wieder
hergestellt. Wie gehts? Rstig vorwrts streben, lieber Freund, und vor Allem
das Leben recht wichtig nehmen! Denn wenn man es belchelt, wie's es verdient,
dann verliert man allen Arbeitsmuth. Als ich durch die Alpenwildni mich ins
Leere vorwrts schauderte, da dacht' ich wieder: Was sind wir? Wir sind


                                   Ein Punkt.

Den Berggeist ruft ein Echo wach,
Ein Aufschrei und ein dumpfer Krach.
Purzelt dort eine Tanne nieder,
Die aus dem Abgrund die schlanken Glieder
Aufreckend zu Riesenhhe spriet
Und ber den Rand des Saumpfads schiet?
Nein, die Naturgewalten vom Boden
Wollen ein edler Gewchs ausroden:
Von dem Bergrutsch fortgeschoben
Wurde ein Holzfller droben,
Glitt wohl aus im Gneisgerlle,
Taumelt nieder zur Eiseshlle.
Und damit ist der Punkt gestrichen.
Auch Du, der dem I-Punkt stolz geglichen,
I-A! Wirst wie ein andrer Punkt
In die Tinte des Nichts hineingetunkt.

    Aber man mu solche Stimmungen berwinden. Gewi, wir Menschen leiden ja
alle an Grenwahn, indem wir uns Ameisen auf diesem planetarischen
Kehrichthaufen fr wichtig halten. Aber was kommt dabei heraus, ber unsere
Nichtigkeit zu brten!


                            Ueber die hohen Fjllen.

Die Luft ist so klar und so frisch und so leicht
Auf den Fjelden.
Der alte Adam von hinnen weicht,
Ich fhle mich frei und als Helden.
Hinauf zur Alm! Ihr Morgenpsalm
Ich will ihn euch melden.
Der zitternde Halm, der springende Salm
Singt: Frei, wir sind frei auf den Fjelden.


                        Sonnenaufgang in Gudbrandsdalen.

Was rollen die Wogen des mchtigen Logen
Doppelt so frhlich daher?
Alphrner klingen, Dammhirsche springen
Durch der Wlder wallendes Meer.
Ihre Lilienstirne, die keusche Firne
Der Bergjungfrauen, sie sprht
In rosigem Licht. Eisbrnne bricht,
Brunhilds Schneebusen erglht.
Das ist die Sonne, die so mit Wonne
Die Seele des Weltalls schwellt.
Aus Nacht und Sorgen ist jeder Morgen
Eine Auferstehung der Welt.


                                Am Falkenhorst.

Heil, Freya, falkenugiger Schwan!
Dich flieht der Selbstsucht Pfau!
Dich flieht der pfffische Cormoran.
Bitt fr uns, unsre liebe Frau!
Du Falk von echter Islndischer Zucht
Aus der Freiheit Heim im Nord,
Du Gttin reiner Liebe, Dich sucht
Meine Sehnsucht fort und fort.

                                                             Mit bestem Gru Ihr
                                                      Rother der Schwachmatikus.

    Nachdem die Briefe convertirt und zum Absenden dem Wirth bergeben, wobei er
lachte und scherzte, raffte Rother sich zusammen zum letzten Entschlu. - -
    Der Erde schlfert leise und die Seele sucht Ruhe, Ruhe. Der mden Sonne
fallen die Augen zu.
    Was rollt die Erde ohne Ende durch das rollende Aethermeer? Nur den wiegt
feste Ruhe, wer unter der Erde ruht.
    Es pocht, es pocht ans Fenster. Ist es der Regen, der leise niederraschelt
ins Farrenkraut? Wuchtig und langsam schlgt ein schwerer Tropfen aufs
Fensterbrett, eintnig wie eine sich langsam reibende Feile. Was pocht, was
pocht und hmmert da drauen und hier drinnen im Herzen? Wird da ein Sarg
gezimmert, ein Sarg der sterbenden Liebe?

Was pochst Du, Herz so wild und laut,
Du nimmermde Uhr?
Dein Zeiger weist, Dein Pendel tickt
Dem Tod entgegen nur.

    Einsam, einsam! Sind alle Wege verschneit, schleicht ein frostiges Verderben
umher und mht die mrzlichen Keime? Die Flocken fallen, fallen. Durch die Seele
geht bleicher Tod, ein schneeiges Bahrtuch deckt die jungen Blthen.
    Ihm war, als wolle seine Seele hindmmern ins dunkle Reich der Schatten, wo
trumerischer Friede auf Asphodeloswiesen blht.
    Der Puls der Zeit steht still, steht still. Ein Heimweh nach dem Nichts
suselt im Abendwind rthselvoll durch alle Wipfel. Zum Sterben mde stehn die
alten Bume. Wie Trume spinnen sich Nebel, vom See aufsteigend, um ihr Haupt.
Ueber der Sonne purpurnen Talar gleitet der Hermelin der Nacht. O drfte so die
Welt mit eins in Nacht versinken und ihn nie mehr leeren, den bittern
Sonnenkelch der Lebewesen!
    Ein tdtliches Gelsten berauschte ihn mehr und mehr. Der buhlerische
Frhlingsstrahl lockte ihn hinab in die Tiefe, wo kein Winter stirbt und kein
Frhling erwacht.
    In bernchtigem Frost erstarrte der Quell der Thrnen und die Hoffnung lt
sich nicht mehr narren. Vorbei, vorbei!

    Langsam und bedchtig erhob sich Rother auf seinem Lager und langte nach der
Flasche mit Karbolsure. Er ffnete den Stpsel und roch daran. Der unangenehme
Geruch flte ihm Ekel ein. Er schttelte sich. Dann roch er widerholt, um sich
daran zu gewhnen, damit nicht der Geruch ihn beim Trinken zum Vomieren
veranlasse. Seiner Willenskraft gelang es. Jetzt setzte er die Flasche an den
Mund - - Wie dem Ertrinkenden, gaukelten ihm tausend Bilder vor Augen.
    Was ihm je geraubt, was in unerbittlichem Morden sein Leben ihm
hingeschlachtet, - es hob sein trumerisches Haupt.
    Er wagte kaum zu athmen, in ahnungsvoller Todeswonne. Ein Geist geht um von
Baum zu Baum und der Nachtthau schwebt leis hernieder. Ist's Dein Geist, die
fern von mir?
    Nein, ich kann es nimmermehr vergessen, da ich Dich geliebt. Ob die
Leichensteine belasten mein mdes Haupt und alle Srge springen und ob das All
zerbirst wie Glas, - dies Eine werde ich nie vergessen, nicht in Leben und Tod.
    Er blickte auf ihr Bild, das er stets auf dem Herzen barg wie ein kstlich
Geheimni. Was ihn einst durchflammt, es zuckte nicht mehr aus der Asche. Das
Mondlicht thaut vom Himmel, die Sterne neigen sich nieder - doch nie strahlt die
versunkene Welt im Flammengrabe des Herzens.
    Hinber, hinber! Der Hauch gestorbener Liebe betubt das traummde Hirn und
zu einer ewigen Liebe jenseits der Erde dichtet es sich hinber, hinber.

    Er trank.


                                 Dritter Band.

 Grand parmi les petits, libre chez les serviles,
 Si le gnie expire, il a bien mrit.
                                                                      Lamartine.

                Sie haben mir noch einen Poeten, den X, gebracht. Den habe ich
                weggeworfen.
                 Majestt, den werf' ich auch weg!
                                                            Friedrich der Groe,
                                                           Gesprch mit Gellert.

                Vor Schelmen, die den Mantel der Gerechtigkeit gebrauchen, vor
                denen kann sich kein Mensch hten. Die sind rger als die
                rgsten Spitzbuben und verdienen doppelte Bestrafung.
                                                            Friedrich der Groe.

                Die Grnder des Christenthums, diese Nachfolger der jdischen
                Propheten, weisen alle auf das Ende der Welt hin; und sonderbar,
                mit diesem Hinweis reformiren sie die Welt.
                                            Renan, Geschichte des Volkes Israel.


                                 Neuntes Buch.

                                       I.

Den Goldfischteich bestreuten dicht die pfirsichfarbenen Blthen der
Kastanienbume, welche ihr dunkelgrnes Haupt beschaulich in dem schmutzigen
Wasser spiegelten, das mit Laich punktirt aussah, als habe sich ein
Mckenschwarm wie ein Schleier darauf geklebt. Der ganze Thiergarten troff noch
von dem erquickenden Regen, gleichsam durchsaugt von fruchtbarer Feuchtigkeit.
Und jetzt sickerte das Sonnenlicht berall durch, bis der Wald von eitel Licht
getrnkt und von glnzendem Goldstaubregen zu riefen schien. Die Dmmerung
wandelte sacht heran und knte dies goldgrne Sommergewand der Natur zu
stilleren sanfteren Farben ab. Die zackigen Firste um den Ziethenplatz her hoben
sich dunkel in den lichten Horizont, welchen fern nach Nordwesten ein schwler
brenzeliger Schein umwob. Ein Sternlein blinkte am Himmel wie eine schlfrige
Nachtkerze in lichter Mittsommernacht, die kein eigentliches Dunkel gestattet.
Alles zerflo in ein liebliches gedmpftes Halblicht. Nur die Feldherrnstatuen
am Ziethenplatz postirten sich schwer und massig umher und sogen allen Schatten
in ihre Bronze ein.
    Leonhart und Krastinik schritten langsam, aus dem Thiergarten kommend, durch
die Wilhelmstrae, dann am Caf Kaiserhof vorber ins Innere der Friedrichstadt.
    Die Juden knnen weder noch sollen sie assimilirt werden. Sie ntzen so den
Deutschen, weil sie Eigenschaften haben, die uns abgehn. Und gerade durch den
Kampf gegen sie sollen uns die eigentlich germanischen Eigenschaften zum
Bewutsein kommen. Das Judenthum ist eine uralte Weltmacht wie die rmische
Kirche und hat sein non possumus. Es wird nie untergehn. Selbst wenn es sich
uerlich ganz assimilirte (wobei die viel empfohlene Racenmischung brigens nur
den Deutschen schaden knnte, weil die jdische Race bekanntlich die strkere
ist), so wrde es dennoch einen Geheimbund weiterbilden.
    Krastinik, ein eifriger Antisemit, schttelte zu diesen Worten Leonhart's
unglubig den Kopf. Eine Macht wie die rmische Kirche?
    Ja gewi! Uebrigens ist der Katholicismus seinem Wesen nach ein semitischer
Cultus.
    Was! Wie?
    Ja freilich! Meine Freunde, die Antisemiten, halten immer schne Reden, wir
mten zum Wodan-Cultus zurckkehren, um echte Germanen zu werden, und mit dem
semitischen Christenthum aufrumen. Das ist aber grundfalsch. Das eigentliche
Christenthum ist durch und durch arisch. Christus selbst, dessen Abkunft ja
brigens mythisch bleiben wird, hat ja erwiesenermaen nur an indische Lehren
angeknpft, vielleicht auch an baktrische, und diese nun auf den Talmud
reinigend aufgeimpft. Und die Apostel sind doch andrerseits ganz hellenistisch,
Neuplatoniker wie Johannes mit seinem: Im Anfang war der Logos. Und der Logos
ward Fleisch und wandelte unter uns. - Das ist wieder ganz braminisch gedacht:
So wandelten Bramah, Wischnu und der Messias Buddah leiblich auf Erden. Der Sieg
des Christenthums ber die Welt war ein arischer und speciell ein hellenischer
Sieg, gewi kein jdischer.
    Aber erlauben Sie, bemerkte Krastinik sehr weislich, die zelotische
pharisische Strenge gegen alle Fleischessnden gegenber der heidnischen
Auffassung ist doch ganz alttestamentlich?
    Das wohl. Nur vergessen Sie nicht, da man das Eifern eines Paulus gegen
alle unnatrlichen Laster doch vor allem historisch betrachten mu. Das
Christenthum bildete eine revolutionre Sekte, welche die Welt reformiren
wollte. Uebrigens ist's mit der Strenge nicht gar so schlimm, wenn man das
sptere Geheuchele damit vergleicht - ganz abgesehen davon, da die Urquelle
Christus selbst ja die humane Toleranz so weit trieb, Maria Magdalenen mit
seinem Umgang zu begnadigen. Wenn aber Paulus z.B. meint, da Heirathen immerhin
eine Schdigung der reinen Hingebung aus Ideale sei, so kann man ihm das wohl
weder verbeln noch bestreiten.
    Somit vertheidigen Sie also das Clibat der rmischen Kirche? folgerte
Krastinik sinnend.
    Unbedingt. Der groe Papst Gregor wute, was er that. Gerade dadurch
krftigte er dies gewaltige System dermaen, da es noch heut hundert Jahre nach
der franzsischen Revolution und fast vierhundert nach der Reformation
unerschttert besteht. O die rmische Kirche - Hut ab! Mit der wurde selbst
Napoleon nicht fertig und wurde ausgenutzt, wo er auszunutzen dachte. Und
berhaupt, Rom allein ist eine wahre Weltmacht und das einzig Positive in diesem
allgemeinen Chaos und Krawall von staatlichem und nationalem Grenwahn.
    Leonhart redete offenbar aus tiefster Ueberzeugung heraus. Der
sterreichische Katholik sah ihn verwundert an. Das aus Ihrem Munde? Und sind
doch Protestant?
    Ich - ich bin gar nichts, hchstens Christ nach der unverflschten Urlehre.
Aber als geschichtlich denkender Mensch urtheile ich anders. Und auch sonst ...
wissen Sie wohl, wenn man dies haltlose moderne Treiben so grndlich satt hat
... ich knnte als Mnch enden!
    Krastinik fuhr ordentlich zurck. Die Worte gruben sich unauslschlich in
sein Gedchtni ein. Leonhart brach jedoch ab und lenkte das Gesprch auf den
Herrschergeist Hegels, diesen philosophischen Tyrannen, der tausendarmig alle
Gebiete an sich zog. Es klang, als fhle er in Jenem einen Wahlverwandten, wie
denn Krastinik in Leonhart lngst eine geistige Despotennatur erkannt hatte.
    In der Alten Jacobsstrae trennten sie sich. Leonhart wollte noch nach der
Dresdener Strae.
    Ach, da sollen Sie ja ein Verhltni haben? fuhr es dem Grafen heraus.
    So? Wer hat Ihnen das gesagt?
    Ach, ich wei nicht, - Mehrere. Alle Welt mokirt sich darber. Sie sollen
schon seit langen Jahren in Ihrem Stammlokal, einer Mdchenkneipe, da eine
Wirthin anschmachten, die auch sonst Verhltnisse hat. Ich sage Ihnen das ganz
offen, damit Sie sich vorsehn gegen das dumme Gerede. Was geht's mich an! Adieu,
lieber Freund.
    Und Sie wohin?
    In den Verein Drauf. Sie kennen ihn ja.
    Leonhart lachte herzlich. Verein der Grenwahnsinnigen; wer die meisten
Pseudonyme hat, wird Weltprsident - ja, den kenn ich. Na viel Vergngen! Ich
trau' mich nicht mehr hin, weil ich ber die idealen Waffenbrder
Edelmann-Haubitz, die dem Jahrhundert den Stempel aufdrcken, einiges Vitriol
ausgo. Also adieu.
    In der That hatten Ambrosius Sagusch und einige andere Sendboten des Himmels
an Leonhart einen versteckten Drohbrief gesendet: was er mit seinen
Anzglichkeiten meine. Sie hofften nmlich, da sie ihm correspondenzlich
unvorsichtige Aeuerungen entlocken knnten, was - verbunden mit consequenter
Undankbarkeit - zum System des Jngsten Deutschland gehrte. Da Leonhart's
Combinationsvermgen jedoch die Absicht einer Skandal-Reclame und irgend eine
planvolle Tcke von Seiten jener messianischen Weihepriester witterte, so
antwortete er mit boshafter Ironie: Er empfehle den geschtzten Herrn sein
Benehmen als Thema psychologischer Studien, wie schwach und widerspruchsvoll die
arme Menschennatur. Derselbe, der sich fr seine Freunde und auch Feinde
manchmal aufopfere, taste die persnliche Integritt solcher Ehrenmnner an! Man
mge seine Animositt bemitleiden und sich den schnen Glauben bewahren.
    Krastinik wanderte also in den Drauf und wurde ehrfurchtsvoll empfangen.
    Der ambrosianische Sagusch hielt grade einen begeisterten Vortrag ber
Ibsen. Was dieser Norweger mit einer kritischen Wrdigung der deutschen
Gegenwartsliteratur eigentlich zu schaffen hatte, vermochte nur Der zu wrdigen,
dem es nicht unbekannt blieb, wie leicht dem deutschen Litteraten die hingebend
selbstlose Anerkennung alles Fremden fllt, von welchem man ja freilich keine
Concurrenz zu frchten hat. Diese jngstdeutschen Kritiker mit ihrem idealen
Streben unterschieden sich von denen der Tagespresse, gegen deren Corruption
sie donnerten, eigentlich gar wenig. Doch ein bedeutsamer Zusatz mute als
Fortschritt gelten. Denn ob auch erbrmlicher Neid und niedriges Cliquenwesen
sie nicht minder beherrschte als Grundmotiv all ihrer kritischen, Handlungen und
Grundstze, so trat doch auerdem noch eine
pedantisch-philologisch-formalistische Nrgelei hinzu, zwar unfhig je durch die
uere Schale in den Kern der Dinge zu dringen, aber dafr argusugig fr jedes
Stolpern des Federkiels und unfehlbar auf dem Korpus Juris der Vischer'schen
Aesthetik thronend.
    Sodann verlas Dichterling Haubitz eine schauderhafte Verreiung ber die
Modernen Realisten. Obschon er seine olympische Geringschtzung Schmoller's
berall betont und von Leonhart deswegen heftige Grobheiten eingeheimst hatte,
besa er die geniale Frechheit, hier Schmoller mit sprlichem Lob gegenber
Leonhart auszuspielen, den er einen Nachahmer Schmoller's nannte. Ueberhaupt sei
Leonhart (der junge Dichter, wie er ihn krampfhaft ununterbrochen betitelte)
nur ein Eklektiker von trostloser Unreife, welcher jedem Einflu folge, den ihm
ein Anderer zutrage. Eine gewisse dramatische Begabung wolle er ja nicht
verkennen; doch sei das Ganze immer verfehlt und reich an Dilettantischem. Das
Widersprechendste, das grade an der Mode sei, ahme er nach, weil ihm offenbar
mehr an augenblicklichem als an nachhaltigem Erfolg gelegen sei.
    Krastinik staunte, als rede man chaldisch. Die unmgliche Frechheit des
obscuren Dichterlings, der aus solchen Winkeln seine vergifteten Pfeile scho,
verblffte ihn gradezu. Der handgreifliche Bldsinn dieser kecken Behauptungen
lie doch wirklich bezweifeln, ob der Klugschwtzer jemals Leonharts Werke
gelesen habe.
    Als Folie las Haubitz dann einen Akt seines Dramas Ein Morast vor, worin
trotz seines feschen Geschimpfes auf Zola der Schmutz faustdick aufgetragen war.
Die Hauptheldin, Timandra Harteran (ihre Zofe trug den in Berlin gewi recht
hufigen Namen: Medora) lie den Leser im ganzen Stck ber ihre
Erwerbsverhltnisse im Unklaren. Nicht minder der genialische Held des
morastigen Dramas, welcher immer von Austern und Champagner redete, obschon er
eine edle Verachtung wider alle Brotarbeiten entwickelte. - So schwebte Rafael
ber den seichten Gewssern der Modelitteratur und seinem - Moraste herablassend
als Jehova dahin, ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen.
    Die Versammlung wurde immer zahlreicher. Wer zhlt die Vlker, zhlt die
Lumpen! Einer erzhlte, da von seinem neuen Buch 365 Besprechungen erschienen
seien, fr jeden Tag im Jahre eine - worauf sich Sagusch erbot, frs Schaltjahr
noch eine extra zu liefern. Ein Andrer meldete Jedermann, man habe bei ihm
eingebrochen. Der Executor nmlich! dachte Krastinik, dem schlimme
Befrchtungen einer Collekte schwanten. Ein Dritter, der wie eine betrunkene
Eule aussah, hatte dem Edelmann, welchen er auf dessen Redaction (Lokaltheil der
Privilegirten Fortsschrittszeitung) heimgesucht, als parthischen Pfeil ein
philosophisches Lehrgedicht in XII Cantos zurckgelassen. Einen Theil davon
hatte er stehenden Fues zwei Expedientinnen, die er in der Redactionsstube
traf, meuchlings vorgelesen. Die armen Schlachtopfer konnten nachher nicht genug
ber solche Missethat klagen, was jedoch nicht die Versicherung hinderte: Ja,
Herr College, die Mdchen waren ganz entzckt. Sie sehen, selbst auf ungebildete
Gemther wirkt Ihre Dichtung. Der Mann war tief gerhrt und pries den Edelsinn
dieses erlauchten Dichters, der mit Recht Edelmann heie, im Gegensatz zu
andern Redactionen. Ach, rief der Fremdling, die Kassirer brennen blos mit
der Kasse durch, die Redacteure mit der Moral!
    Und manchmal nicht blos mit der Moral! bemerkte Krastinik trocken. Nun,
Herr Sagusch, Sie grten mich ja unvollkommen - wie geht's Ihnen?
    Danke, erwiderte dieser Denker mrrisch, der die blos 20 Mark Pump,
welche der grfliche Anfnger bisher erst als Taxe zahlte, noch nicht verziehen
hatte. Man wird altersschwach vor Litteratur!
    Pfui, pfui! ermahnte aber Edelmann wrdig. Beherzigen wir
Schleiermacher's schnes Wort: Bewahren wir uns ewige Jugend! Nicht wahr, Herr
Graf, wir werden die Litteratur schon retten? Reichen Sie mir doch die Hand!
    Verrathen wir also mitsammen das Vaterland! lchelte dieser.
    Wie machen wir's aber?
    O vor allem zusammenhalten als natrliche Verbndete wider den gemeinsamen
Feind! Edelmann mogelte mit seinem Kneifer unterm Tisch und eine unheimliche
Erregung zitterte in seiner Stimme. Wir, dem Vertreter des Idealismus, haben
vor allem den Erzderber niederzumachen: diesen Leonhart. Allgemeine Zustimmung.
Jaja, das sei ein schlauer Strategem rege Wirrwar wie Staubwolken und whle die
Wogen auf, - um urpltzlich dahinter selbst als Offenbarung emporzutauchen. Sei
ein Diplomat der Grobheit.
    Krastinik schwieg. Ihm schien das Alles, als ob Flhe einen Lwen stchen.
Der Floh ist freilich mit der Lwentatze kaum zu erreichen, aber er juckt eben
so lange, bis er sich vollgesogen hat, und dann kriecht er aus der Mhne wieder
wo anders hin. Denn des Flohes Beruf ist zu jucken. Man zerdrcke ihn ja nicht:
das stinkt zu sehr. - Faulheit und Unfhigkeit rgern sich ber Flei und
Talent, weil letztere einen lebendigen Vorwurf bilden, der berall den Neid
steckbrieflich verfolgt.
    Es wurde so spt, da Krastinik sich empfahl, um noch die letzte Pferdebahn
zu erreichen.
    Die beiden Waffenbrder fielen unisono ber die gnstige Gelegenheit her:
Ach, es ist schon so spt. Wie werden Sie sich da den langen Weg nach Hause
zurckfinden! Gestatten Sie, da wir Ihnen bei uns Gastfreundschaft anbieten!
    Hehe, setzte Rafael verlockend hinzu. Bei uns steht Ihnen alles zu Gebot
- sogar Mienchen, eine kleine Freundin von uns.
    Dies mystische Mienchen bildete eine geheime Trumpfkarte der auf Tod und
Leben verbrderten Idealisten. In ihrem Hause in Moabit befanden sich nmlich
einige Zimmer-Mietherinnen sehr eindeutiger Natur, unter ihnen das berhmte
Mienchen, jene ihnen auf Tod und Leben verschwisterte Idealistin. Bi nun einer
auf den Kder an, wie dies frher dem halbverrckten Henry Francis Annesley
passirte, so mute er unmig bluten. (Bei Annesley, welcher trotz aller
Maul-Schwrmerei nicht einer gewissen versteckten Aalgltte entbehrte und nur
bei seiner krankhaften Sinnengier gepackt werden konnte, hatte sogar ein
angebliches Heirathsversprechen herhalten mssen, welches die Waffenbrder
leider zu ihrem tiefsten Schmerz als Zeugen Mienchens auf ihren Eid nehmen
wollten.) Gewhnlich mute der Hereingefallene Mienchens Schulden bezahlen.
Die Waffenbrder und die Waffenschwester sammelten nmlich fr einen darbenden
Freund, einen idealen Mrtyrer.. fr ihn hatte Mienchen sich in Opfer gestrzt,
die edle Seele. Wer den Vorzug dieses eidgenssischen Umgangs geno, lernte auch
bald den idealen Zweck kennen, der sie bei ihrem Pump-System beseelte. Einige
wollten zwar behaupten, der Name des mystischen Freundes sei Spiegelberg und
seine monatliche Taxe 20 Mark - er spiele gleichsam die sogenannten Strohmanns
bei diesem Whist-Kleeblatt. Uebelwollende fgten hinzu, da dieser Kerl von
Verdauungsfhigkeit sein msse, neben welchen die Danaidenfsser als reine
Spundlcher erscheinen.
    Man erkennt hieraus, wie wenig die Welt sich zu dem idealen Schwunge der
verbrderten Eidgenossen zu erheben vermochte. Sie trsteten sich jedoch mit dem
herrlichen Verse des haubitzigen Rafael:

Und ist die Welt auch nur ein Lappen,
Der bald in Fetzen morsch zerfllt,
Mein groes Herz ist Gottes Wappen,
Es thront in Mir der Gott der Welt.

    - - Mit Mhe und Noth machte sich Krastinik von der bertriebenen
Zrtlichkeit der Waffenbrder los. Am andern Tag aber erhielt er einen Brief von
Edelmann:

    In einer furchtbaren Lage bitte ich Sie, lieber Herr Graf, mir umgehend per
Rohrpost 200 Mark zu senden. Alle meine Bekannten, die eine solche Summe
erbrigen knnen, sind momentan verreist und ich habe so viel von Ihrer
Liebenswrdigkeit gehrt, noch ehe ich Sie kannte. Wozu sollte ich mich jetzt an
einen Fernerstehenden wenden!

    Was sollte Krastinik thun! Er hatte zwar wahrlich keine 100 Mark als
Geschenk (denn darauf lief es ja hinaus) brig. Aber da er standesgem d.h.
ber seine wirklichen finanziellen Verhltnisse wohnte, gerieth er natrlich
doppelt in den Verdacht grflicher Wohlhabenheit. In einer Anwandlung falscher
Scham packte er die Hlfte der erbetenen Summe ein und sandte sie an die Adresse
Heinrichs des Vogelstellers.
    In dieser Weise war es schon geraume Zeit hergegangen. Sagusch erbat
umgehend 500 Mark, wofr er denn auch 20 Mark per Postanweisung erhielt, was er
mit schweigender Grandezza in die Tasche steckte und ber solche Unwrdigkeit
kein Wort des Dankes verlor.
    Jeden Augenblick kamen reisende Schriftsteller, die entweder aus der Charit
entlassen waren oder ihre Frau dort liegen hatten (diese Angaben wechselten ab),
bei ihm angestiegen. Einer, der stark nach Schnaps roch und 3 Mark empfing,
erklrte noch in der Thr, er htte von einem Grafen etwas Anstndigeres
erwartet.
    Ein Mensch in guten Verhltnissen sollte aus Weltklugheit immer vermeiden,
mit Leuten von schlechten Verhltnissen in ein nheres Verhltni zu kommen.
Denn abgesehen vom Pumpen, dem man sich unvermeidlich aussetzt, lauert dort
stets heimlicher Neid. Ideale Untersttzung wird fr nichts geachtet, so sehr
man auch vorher darum bettelt und mit dem Mund dafr dankt. Auch jede indirekte
materielle Untersttzung (Verschaffung von Arbeiten und Arbeitgebern) wird
sofort vergessen. Ewig herrscht die fixe Idee, welche von einer Art Irrsinn des
Egoismus zeugt: der Unglckliche, dem man Vermgen andichtet oder der es
wirklich besitzt, sei verpflichtet, Collegen direkt aus seiner Tasche zu
untersttzen.
    Im Grunde befinden sich berhaupt nur Wenige in der Lage, Anderen pekunir
unter die Arme zu greifen. Diese aber werden meist durch Verpflichtungen aller
Art vorweg mit Beschlag belegt. Nur ganz junge und unabhngige Leute knnen mit
gutem Gewissen solchen Anforderungen gengen.
    Wer aber die Frchte seines Fleies, statt diese zur Weiterfrderung seiner
eigenen Laufbahn zu verwenden, dem Lderlichen und Faulen in den Rachen wirft,
scheint ein Snder gegen sich selbst. Jeder gutmthige Mensch sammelt eine
zeitlang Erfahrungen dieser Art. Dann tritt der Rckschlag ein und jeder
Pump-Brief wird als verschleierte Erpressung aufgefat.
    Und im litterarischen Leben luft die Sache auch immer darauf hinaus. Eine
Anleihe bedeutet Anerbieten der Bestechung. Setzt sich doch das litterarische
Leben hinter den Coulissen nur aus Bestechung und Hndewaschung zusammen. Daher
endeten auch die Pump-Circulare der Waffenbrder Haubitz und Edelmann mit dem
steten Postscriptum: Sie wrden sich brigens revanchiren, indem sie in den
ihnen nahestehenden Blttern eine empfehlende Recension ber den geehrten Herrn
Collegen brchten. Um jedoch ganz gerecht zu bleiben, mu zugestanden werden,
da sie dies schne Versprechen niemals hielten oder hchstens in Erwartung
eines neuen Darlehns. Hierin zeigte sich eben wieder ihre vornehme Gesinnung,
die unausrottbare. Tribut empfangen darf der Messias, aber andere loben - nun
und nimmermehr. Das wre doch eine gar zu schnde Verletzung seiner Integritt.
    Es giebt kaum etwas Trostloseres, als das Loos eines armen Aristokraten. Und
nun gar, wenn man an seine Armuth nicht glaubt. Fortwhrend spielt er eine
falsche Rolle.
    Auf der einen Seite verstrkt es das Ansehen und dadurch den Erfolg eines
Menschen, wenn man ihn fr vermgend hlt. Auf der andern Seite setzt er sich
der Gefahr aus, von Jedermann angepumpt zu werden. Entspricht er diesem
Vertrauens-Wechsel auf sein angebliches Vermgen, so begeht er einen
Leichtsinnstreich. Entspricht er ihm nicht, kommt er in den Ruf eines gemeinen
Geizhalses.
    Jetzt wurde es Krastinik innerlich klar, warum Leonhart jeden Versuch
bergroer Familiaritt, wenn ihm z.B. der Graf vertraulich ber seine
Verhltnisse Aufklrungen gab, mit khler Reservirtheit ablehnte. Wenn er sonst
wohl einfach Krastinik gesagt, wendete er dann pltzlich die steife Redeformel
Herr Graf an. Krastinik begriff diesen wahren Stolz, welcher stets die ueren
gesellschaftlichen Schranken bercksichtigte und den bekannten Anwandlungen von
Liberalismus-Verbrderung, die grade den hochmthigsten Aristokraten oft
belieben, nur ein ablehnendes Lcheln entgegenbrachte.

                                      II.


Die Wirthin des Caf Liedrian (unechter Wein und echte Mdchenbedienung) in
der Dresdenerstrae, Helene Meyer, erwachte erst spt am Nachmittag. Sie hatte
erst um 7 Uhr Morgens ihre Champagnergste, einen ungeschlachten Fabrikbesitzer
mit Millionrs-Allren und einen freiherrlichen Rittmeister in Civil, gehrig
ausgerupft und nach einem Gratis-Morgencaf entlassen. Nach so schwerer Arbeit
verschlief sie denn auch den ganzen Tag.
    In ihrem Zimmer sah es immer aus, als ob Geburtstag wre. Auf einem
Marmortisch zu Fen des Bettes stand ein Aquarium mit Goldfischen, fnf an der
Zahl. Auf einem anderen Tisch ein Schmuckkasten aus Crystall mit allen mglichen
Schmucksachen. Und oben darauf ein fettes Marzipanschweinchen mit schnffelnder
Schnauze. Auerdem lagen da umher ein Carton, mit blauem Atlas gefttert und mit
Brokatstreifen bestickt, und ein Parfmeriekasten.
    Schon lugte der nahende Abend scheu durch die Gardinen. Helene lag in jenem
Dmmerzustand da, den das Halbwachen mit sich fhrt. Die Goldfische, berfttert
wie dies bei kinderlosen Familien der Fluch, aller Hausthiere zu bleiben pflegt,
hatten zufllig am Morgen keine Atzung erhalten. Man hatte sie ber dem vielen
Trubel vergessen. Jetzt regten sie sich, schossen unruhig hin und her. In der
lautlosen Stille hrte man deutlich ihr heihungriges Schmatzen, so deutlich,
da Helene aus wirrem Halbschlummer emporzuckte. Als ob dies lsterne Schmatzen,
in dem zugleich eine Bitte und eine Mahnung lag, einen Geistergru aus anderen
Welten bedeute. Auf seinem Todtenbette hatte ihr vor einem Jahr verstorbener
Gatte noch Zeit gefunden, sie zu erinnern: Helen'ken, Du wirst mir doch meine
Goldfische nicht verhungern lassen?
    Ein Schauder durchschttelte sie, rieselte durch ihre vollbltigen Glieder.
Sie ri die Augen weit auf, streckte sich gerade aus und starrte zur Decke
empor. Ein Schatten, tiefster Verzweiflung huschte ber ihre Zge hin. Dann
raffte sie sich zusammen, ergriff die vor ihrem Bette auf einem Fellteppich
liegenden Pantoffeln und schleuderte sie krftig gegen die Thr. Das war das
Zeichen fr eine ihrer Mamsells, ihr den Caf ans Bett zu bringen.
    Bald darauf sa sie in ihrem eleganten Frisirmantel mit langen aufgelsten
Haaren vor dem Spiegel, go Eau de Cologne in ihre Locken, ehe sie dieselben mit
dem Brenneisen zu kruseln anfing, und parfmirte mit Eau de Mille Fleurs ihr
Morgenkleid. Dann kam ihr der Gedanke, ein warmes Bad zu nehmen. Andere
Gedanken, als die einer entsprechenden rationellen Krperpflege und Ernhrung,
kamen ihr ja berhaupt nie. Den Rest ihrer Zeit verwandte sie auf die Toilette
ihrer schnen Seele, indem sie smmtliche Romane einer umfangreichen
Leihbibliothek verschlang.
    Whrend sie noch in ihrem Badezimmer sich bewunderte und vorm Spiegel ihre
Reize in allen mglichen Stellungen besichtigte, klopfte die eine Mamsell, die
sogenannte Kneifer-Mary (Rother'schen Angedenkens), an die Thr und
benachrichtigte sie: Madame, Ihr Freund ist da!
    In der That sa Leonhart ghnend in einem Winkel und bepustete als
ironischer Blasebalg die Bierheben mit schnoddrigen Redensarten. Auf den
Wahnsinn des Kneipens hinten fiel er ohnehin als alter kundiger Thebaner
nirgends herein; hier aber geno er uralte Stammgastrechte und durfte sich mit
einem bescheidenen Glase Bier begngen. Unter den Kellnerinnen, so oft sie
wechseln mochten, fand er stets alte Bekannte. Und so vertrauten sie ihm auch
heute allerlei Klatsch. Wahrhaftig, dachte er, frher stand die Kunst unter
dem Sternzeichen der Madonna, heut unter dem der litterarischen Kellnerin.
Kneifer-Mary erzhlte ihm eine grliche Geschichte, wie sie als Backfisch ihrem
Vormund entlaufen sei, weil dieser sie habe nothzchtigen wollen. Zchtigen -
was? Die Noth hast Du zugesetzt. Man verspricht sich so leicht! ghnte er. Mit
Hochgenu hatte er oft bemerkt, wie sonst recht gewitzte Leute sich fast immer
von den Rhrgeschichten dieser Damen betlpeln lieen. Er kannte das Sprchwort:
Sie lgt wie eine H ... Doch mit seltsamer Inconsequenz glaubte er
nichtsdestoweniger an die idealen Aspirationen seiner Freundin Frau Meyer.
    Diese Juno erschien. Ihr semitischer Astarte-Typus wirkte stets blendend
beim ersten Eindruck, zumal ihre weie Gesichtsfarbe durch kohlschwarzes
glnzendes Haar gehoben und ihre Ueppigkeit mit geschmeidiger Eleganz gepaart
erschien. Die holde Wittwe strzte freudig auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.
    Ach da bist Du ja, mein Herzblatt! Seh ich heut gut aus? Uns kann Keiner!
    An die Wimpern klimpern! ergnzte Kneifer-Mary naseweis.
    Sofort wurde der Engel zur Furie. Sie haben hier gar nichts mitzureden!
schrie Frau Meyer heftig. Hier rede nur Ich. Sie haben blo zu schweigen,
verstanden?
    Ach, ich meinte man blo! Kneifer-Mary fing sofort langsam zu weinen an,
worber Leonhart in solche Rhrung gerieth, da er sich zu ihr setzte und sie
liebkoste.
    Die klassischen Juno-Zge Helenen's verzerrten sich bei diesem Anblick und
sie ging wthend in der Stube auf und ab. Dann commandirte sie mit rauher
Stimme: Marsch fort, Sie! Bringen Sie eine Flasche Lafitte nach hinten fr
meinen Freund! Und znden Sie die Gasflammen an.
    Ich habe noch gar nichts dergleichen befohlen, meine Gndige, brummte
Leonhart verdrielich.
    Sie fiel jedoch gierig ber ihn her: Wie hbsch er heute ist! So wie ich,
liebt Dich keine! Scheusal, wolltest Du mich eiferschtig machen?
    Er sah sie lchelnd an.
    Sie zwinkerte lstern-verlegen mit den Augen. Das Bse in ihrem
Sphinx-Gesicht war es, was auf ihn so bezaubernd wirkte. In den kleinen
Schlnglein um ihren schngeschwungenen Mund erkannte er kugierig liebe
Wahlverwandte.
    Zarewna! lchelte er. Sie hatte eine gewisse hnlichkeit mit Katharina II.
    O mein Orloff!
    Sie hielten sich umschlungen in zrtlichem tte--tte.
    Heut hab ich gebadet, sagte sie kokett, indem sie ihren Hals entblte.
    Ha, wre ich die Welle, die Deinen Leib umschliet! deklamirte er in
ungesunder Brunstaufwallung. Wahrhaftig, ich wrde zur Flamme werden!
    Zur Flamme? Ei! Ihr Auge funkelte. Wenn, ich nun aber selbst die Welle
wrde, die Dich umwogt! Ich wrde Dich schon herunterziehen, was? Und zur
Bekrftigung drckte sie seinen Kopf fest an ihren Busen.
    Er aber phantasirte fort: O Sphinx! Knnt' ich doch in Dich hinberflieen,
mich selbst zernichten in Deiner Lebensflle - (Lebensflle ist jut! sie
knpfte sich smmtliche Knpfe ihres Mieders auf) in wunschlosem
Gestorbensein!
    Wunschlosem? Oho! Das will ich nicht hoffen! Prost! Er lachte leicht auf,
indem er mit ihr anstie. Aber unwillkrlich durchschauerte es ihn dabei, als ob
ihm der Tod als lieber Gesell zur Seite se und ihm grinsend ein blutiges Glas
entgegenstrecke. Ihm wurde so nachtwandlerhaft zu Muthe, als habe er all sein
Leben nur getrumt. Wie lange kannte er nun schon dies Weib! Als sie noch
glcklich verheirathet war, hatte er schon mit ihr eine eigenthmliche
Freundschaft gepflegt. Greisenhafte Narrethei!
    Wie Betrunkene am Abgrund vorbertaumeln - wann wird er sie beide
verschlingen?
    Das reine Gretchen in Auerbachs Keller! murmelte er halb gedankenlos.
    Nanu! Sie lehnte sich mimuthig zurck. Das ist manchmal Alles so - so
falsch bei Dir! Man wei nicht - ich rgere mich ber Dich.
    Da ich noch nicht weiter bei Dir bin, wie? fuhr es Leonhart heraus.
    Sie sah ihn mit einem langen Blick an.
    Du sprichst ein groes Wort gelassen aus.
    Sie spielte wieder ein wenig auf der weinerlichen Moll-Seite. Ach, ich habe
doch Alles verloren mit meinem Mann. Wer kmmert sich sonst um mich! Sie sah
ihn kokett an. Was, Du doch etwas? Nicht? Da Du mich liebst, da wei ich,
summte sie neckisch.
    Auf Deine Liebe.. bei' ich, ergnzte er und bi sie leicht in die Backe,
ber welchen beienden Scherz sie in ungebrdige Extase gerieth, aber doch
Geschftsruhe genug behielt, von wegen des eben mit dem Notenblatt eintretenden
und bei dem allzu intimen Anblick des Prchens diskret entweichenden
Klavierspielers, eilig zu rufen: Gieb Mozarten 50 Pfennig! - Hier, Herr
Musikdirektor!
    In hnlicher Weise wurden die Mamsells, die ihr Tribut-Glas holen kamen,
fortmanvrirt. Von Kneifer-Mary wute Frau Wirthin brigens ein famoses
Abenteuer zu erzhlen.
    Sie wollte sich ausschtten vor Lachen. Also, da kam ein Weinhndler her,
Namens Strau, und wollte Wein bei mir verkaufen. Da wurde die kleine Mary wie
verrckt, als der Mann mit mir eine Flasche Wein trank; es war ein hbscher
Kerl. Und als ich das nun sah, sagte ich ihm, als er ging, um, wie er sagte,
eine Stunde spaziren zu gehen: Nehmen Sie doch die Kleine da mit! Das that er
denn, weil ihm nichts andres brig blieb, denn die Person zog gleich ihre
Mantille an. Na und als sie zurckkam, da schwrmte sie nun. Und ihm ist sie ein
Ekel. Also, was thun wir? Sagen ihr, er wre hier gewesen, als sie fort war, und
htte ihr ein goldenes Armband mit einem Hufeisen darauf gebracht. Da war sie
auer sich. Und was thun wir wieder? Kaufen fr 50 Pfennig im Passage-Bazar ein
Simili-Armband, finden zum Glck noch eins mit einem Hufeisen. Ich packe das nun
in eins meiner Juwelirkstchen, nehme einen Bogen Rosapapier und schreibe: Meine
se Maus! Und so weiter - Du kannst Dir denken. Das wird nun angeblich durch
einen Dienstmann als Paket gebracht. Na, meine Mary also wie rasend! Ist's auch
echtes Gold? sagt sie, weil das Simili natrlich keinen Glanz hatte. Ja,
Mattgold! Am andern Tage kam sie freilich, ihre Wirthin htte gemeint, es wre
vergoldetes Silber. Ich aber ganz emprt: Nein, Frulein, Sie sehen doch, es
kommt vom Juwelier. Da giebts nur echtes Gold. Und dann stellen wir einen Strau
von allerlei Blmchen zusammen und schicken ihr das wieder mit einem
Rosabriefchen, unterschrieben: Dein Struchen. Er habe es heut nicht aushalten
knnen, ohne ihr einen Beweis seiner Liebe zu geben; morgen komme er. Na, die
Extase kannst Du Dir denken. Den ganzen Tag wandelte Sie herum mit verschmtem
Gesicht, wie eine Braut.
    Die schne Helena wieherte ordentlich vor Vergngen und fiel Leonhart
krampfhaft um den Hals.
    Ach, Du bist doch der beste edelste Mensch! Wenn ich mit Dir ein Stndchen
plaudere, schwebe ich wie im Himmel; bin so weggehoben ber all' das dumme
Leben. Wie Du mir neulich erzhlt hast, da es so groe Welten ber uns giebt
und die Erde blo so klein und wir wie Ameisen - ich wei gar nicht, wie mir
dabei wurde!
    Originelle Zarewna!
    Dann bist Du mein Premierminister! Ach, Du bist doch ein abscheulicher
Mensch. Niemand wrde es fr mglich halten - kenne Dich schon so viele Jahre
und wei noch immer nicht, wer Du bist. Da sind wohl ein paar mal Leute hier
gewesen, ekelhafte Gesellen, die von Dir quatschten und sich nach Dir
erkundigten - da Du Friedrich heit, wei ich schon -, aber im Namen-Sagen da
waren sie Alle behutsam. Wie ist das nur mglich, da die Leute dahinter kamen,
da Du hierhergehst, aber ich Dich nie ausfinden konnte? Du mut schrecklich
weit von der Dresdener Strae wohnen. Und im Schaufenster hab ich auch nie Dein
Bild gefunden ... und ich wei bestimmt, da Du doch ein berhmter Mann sein
mut.
    Gott Gerechter! machte er spttisch, indem er ihre semitische
Lebhaftigkeit nachffte. Wie soll ich sein berhmt! Ich bin einer der
obscursten Sterblichen, heie weder Veilchenthal noch Aaron noch Lubliner. Und
was ich geschrieben habe, das ist blo ein.. Coursbuch.
    Ach rede man nich! Bei andern Damen da wirst Du schon anders sein in der
Gesellschaft. Dir stehn ja alle Wege offen.
    Er zuckte die Achseln.
    Trste Dich, mein Kind, unsere Damen haben schnere Idole als mich - mit
rothem Kragen und Epauletts. Uebrigens, er nahm einen rgerlichen Ton an, la
diese Nachforscherei! Wenn ich mich Dir entdecken will, werde ich es schon
selber thun. Und da ich's nicht thue, zeigt doch da ich's nicht will.
    Ja, glatt wie 'n Aal!
    Sie gerieth pltzlich in ein mrderliche Rage, die sie sofort an ihren,
Mamsells auszulassen wute.
    Hlich sind sie alle wie die Snde, und dabei stecken sie Bilder 'raus.
Hier bei meinem Freund besaufen sie sich und dann, wenn Gste kommen, dann lesen
sie Bcher. Solche Mamsells sind mir noch nicht vorgekommen.
    In diesem Augenblick aber kam die Mamsell Olga und meldete ihr was.
    Ach so! Entschuldige mich, mein Kind! Da sind Zwei, die sich fr mich
interessiren!
    So und da lt Du mich sitzen? - So lebe wohl, und wenn fr immer!
    Ach, Du kommst ja doch wieder! Und brigens, wir haben an jedem Finger
Einen! Sie zhlte viermal ihre fnf Finger ab.
    Was, so wenig? - Sie lachte und entfernte sich, trllernd: Anna, zu Dir
ist mein liebster Gang.
    Olga, die in England Geborene mit dem merkwrdigen grogeformten
Fuchsgesicht, die so oft mit Leonhart Sechsundsechzig gespielt, sein sogenanntes
langsames Ideal, versicherte ihm jetzt, sie sei ihm eigentlich auch sehr gut.
Wir kennen uns ja schon so lange!
    Leonhart dachte innerlich, was die Welt wohl sagen mchte, wenn sie diese
komischen Freundschaften des groen Dichters erfhre.
    Edles Wesen! sagte er gerhrt. Was macht denn Dein Verhltni, dies gute
Schaf? Glaubt er immer noch an Dich?
    Ach, Sie haben ja nie geliebt. Wenn Sie wten wie das ist! Mein Schatz
ahnt natrlich nicht, da ich Andere eben nehmen mu, wie das Geschft es
fordert. Ja Muschen, sagte er, ich wei wohl, da Dir welche mal einen Ku
nehmen. Aber Du selbst giebst doch Keinem einen? Nie, auf Wort! sage ich dann.
Wenn ich ihm die Wahrheit sagte, wr's ja fr immer aus. O, dies Geschft ist
einem zum Halse heraus!
    
    Grade wie die Salon-Kokette ihrer Mama wohl zu beichten pflegt: Es ist doch
jeden Abend ein anderer! Ach, wenn ich nur Einen htte!
    Darin sind alle Weiber gleich, dachte Leonhart. - Er sah nach der Uhr und
schauderte.
    Es ist doch eigentlich ein wahrer Skandal. Hier sitzt man nun und sauft
regelmig fr zehn Mark Wein, den die Weiber austrinken! Zehnmal macht schon
hundert Mark auf die Weise. Freilich, was ist billiger in diesem verwnschten
Berlin! Ein Ekel ergriff ihn vor seinem hartnckigen Versimpeln in dieser
thrichten Anhnglichkeit an zeit- und geldverzehrende angebliche
Studien-Manieren. Was ihn solche Lokale lehren konnten (tiefere Kenntni des
weiblichen Charakters in seiner entarteten Entfesselung), hatte er doch lngst
gelernt. Elende Schwche der Gewohnheit. Aber an eben dieser Schwche gehen
tausende junger Existenzen in Berlin zu Grunde, Studenten, Maler, Musiker. -
Selbst ein gewisser Ort war hier lebensgefhrlich wegen seiner Unsauberkeit.
Alles schwamm dort durcheinander, so da selbst die Stiefeln durchnt wurden.
Ein scheuliches Symbol fr den sonstigen moralischen Schnupfen, den man sich
holt.
    Nicht wahr, mein Kind, wir Beide gehen ganz allein nachher eine halbe
Stunde spazieren, um uns abzukhlen?
    
    Er bejahte, wenn sie rasch mache.
    Drauen ging das Gezanke mit den Mamsells wieder los und einige spte
Nachtgste, die erschienen waren, um Jux zu machen, wurden ersucht sich etwas
pltzlich zu entfernen.
    Er hatte es satt, so lange zu warten, whrend sie drauen geschftlich
herumschimpfte. Er trat daher hinaus mit Ueberzieher und Stock. Da er sie nicht
sah, wollte er schon hinuntergehn, als sie von oben mit Muff, Hut und Mantille
kam. Sie rief entrstet: Na, was ist das?
    Ich warte, erwiderte er. Aber bitte, sehr rasch!
    Sie ma ihn mitrauisch und sagte unvermittelt: Ach, Sie sind mir ein
fauler Jakob! - Nur einen Moment, da ich Kasse mache!
    Aber auch das dauerte endlos; ihn ergriff ein unbesieglicher Widerwille.
    Ich mu wirklich gehn, sagte er pltzlich.
    Gut, dann machen Sie, da Sie fortkommen, entfuhr es ihr.
    Er verbeugte sich kalt. Ich danke fr die gndige Entlassung, drehte sich
auf den Hacken um und ging.

    Das war neulich von Dir ein gemeiner Zug! Mich da im Pelz stehn lassen.
    I, so lange zu warten hatt' ich weder Zeit noch Lust.
    Da sieht man, wie Du mich liebst! Aber auch gar nicht!
    Oho, ich liebe Dich frchterlich!
    Frchterlich - das ist schon nichts, das ist Ironie. Du kommst mal alle
acht Tage und denkst: Willst mal zu der Frau 'raufgehn und mit ihr eine Flasche
Wein trinken. Das ist ganz gemthlich. Aber Liebe! Liebe fr mich allein!
    Er sah sie fest an und sagte ruhig:
    Warum liebst Du mich denn?
    Sie gerieth wieder in Extase und fiel ihm um den Hals: Wie reizend das
wieder herauskam! - Warum! ich Dich liebe? Erstens, weil ich Dir ganze Nchte
lang zuhren knnte, wenn Du erzhlst - zweitens, weil Du so schne Augen hast -
und drittens, weil Du anstndig bist.
    Na ja! Er kte sie. - Ich mu Dir ja das Kssen beibringen. Das
verstehst Du nicht.
    Aber ich la mich gern kssen.
    Oho, das klingt verdchtig.
    Wie, hast Du schon je gesehn, da ich mich kssen lie?
    Nein, ich hab's nicht gesehn, das ist eben das Schlimme, brummte er
ironisch.
    O Du! Sie prete ihn innig an sich. Riech mal!
    Damit drckte sie sein Haupt an ihren ppigen Busen, wie sie das mit
wohlberechneter Absicht zu thun liebte.
    Ach wie berauschend! ghnte er, den Parfm einsaugend.
    Wenn wir erst verheirathet sind, berausche ich Dich noch anders.
    Sie kte ihn glhend ab.
    Na, nur zu! Ich bin bereit, Sphinx.
    Er lchelte neckisch, weil er wute, da ihn das gut kleidete. Richtig
quietschte sie auch: O die Grbchen! und stellte sich wie bezaubert, indem sie
jedoch auf den Schreck Glas auf Glas hinunterstrzte und ihn ebenfalls
animirte. Denn wie Du weit, mein Schatz, Liebe ist Liebe und Geschft ist
Geschft. So verschwanden die Flaschen natrlich eilig genug, da ja die wackern
Mamsells regelmig ihr Theil erst einschenkten und wegtrugen - als Preis fr
das Alleinlassen des Prchens. Sie wurde ihm heut so langweilig mit ihrem
Erzhlen von ihren schweren Trumen und schlaflosen Nchten, und von den vielen
gemeinen Insinuationen, die man an sie richte (das krftige junge Weib, das
etwas bedrfe), und von den Geschenken und Nachstellungen ihrer Anbeter, - da
er sich ghnend erhob und bald das Weite suchte, von ihr die Treppe halb hinab
verfolgt. Als er nach acht Tagen wieder erschien, war sie nicht sichtbar,
sondern frhnte im hintern Zimmer dem Champagner mit irgend einem Verehrer. Als
er nach wenigen Minuten ging, rauschte sie heraus, ihm nach, in einem schwarzen
Atlaskleid mit hochgertheten Wangen. Er kniff das eine Auge zu, zeigte auf die
bewuten Wangen und sagte O!
    Julitz war heut gttlich! rief sie mit affectirter Absichtlichkeit, indem
sie den Kopf junonisch zurckwarf kund ihn fest anblickte. Hoffte sie etwa, da
ihm das eiferschtigen Aerger errege? Er verbeugte sich lchelnd, kte ihre
Hand und sprach vterlich: Julitze nur weiter, Kind. Meinen Segen hast Du.
    Wir mssen doch auch 'was fr die Unsterblichkeit thun!

    Es war spt und kein Gast mehr anwesend, als er nach etwa zehn Tagen kurz
vor 11 Uhr wieder vorsprach. Sobald sie ihn erblickte, scho sie mit einem
kleinen Aufschrei auf ihn zu. - -
    Neulich sah ich Dich auf der Strae mit einem Andern zusammengehn. Du
bemerktest mich auch und fast mich nicht gegrt. Ich dachte, Du wrdest hinter
mir herkommen ... aber nichts. Siehst Du, sagte ich zu meiner Schwester, das ist
meine verschmhte Liebe.
    Er stellte das natrlich in Abrede. Ach, rede man ich. Wohl hast Du mich
gesehn. Neulich auch glaubte ich Dich vor einem Bilderladen zu sehn ... ich trat
an den Herrn heran, der Dir hnlich sah ... da sah ich erst, er war lange nicht
so hbsch wie Du. Ach, das ist den bei mir so eine Tollheit im Kopf: Ich sehe
Dich berall, ich glaube Dich berall zu treffen und hinterher als ein Andrer.
    Sie erzhlte dann eine Geschichte von ihrem Edelmuth, wie sie Unter den
Linden einem berfahrenen alten Arbeiter die Droschke zum Nachhausefahren
bezahlt. Ja, die Reichen haben kein Herz, nur die Armen.
    Sie hatte ihm anfangs - sie blieben vorn, da hinten noch Weingste saen -
gegenbergesessen, indem sie ihn ernstforschend betrachtete und die Beine bequem
bereinanderschlug. Da er aber ihren Fu dabei emporgehoben und gekt hatte,
sprang sie auf dafr bekommst Du einen ordentlichen und gab ihm einen Ku, da
man es bis hinten hrte. Ach was soll ich mich geniren! Mgen sie alle reden
was sie wollen! Damit setzte sie sich ihm auf den Scho und lie ihren Gefhlen
freien Lauf.
    Erzhl mir wieder 'was Interessantes! Du weit ja alles, alles! Sie
plauderten lang und breit und sie hrte ihm stets mit gespanntester
Aufmerksamkeit zu.
    Als Olga einmal an den Tisch kam, nahm sie zufllig Leonharts Handschuhe
auf, die auf dem Tisch lagen. Dabei blieb ihr Auge pltzlich wie gebannt hngen.
Aergerlich steckte er sie in die Tasche, ohne sich etwas dabei zu denken. - In
ihrem Liebestaumel blieben beide bis zwei Uhr zusammen und sie selber geleitete
ihn hinaus. - Als er nach Hause schritt, kam ihm ein pltzlicher Argwohn. Unter
der nchsten Laterne prfte er seine Handschuhe. Er wollte seinen Augen nicht
trauen: da stand gro und breit sein Name! Die Waschanstalt hatte ihn beim
Waschen hineingeschrieben und er hatte nichts davon bemerkt! - Nun gut, wir
wollen sehn dachte er.

    Neulich hast Du gesagt, hob sie an, wir gehrten alle zum Thierreich.
Dann frage ich mich nur, wozu es dann so viele furchtbar kluge Kpfe giebt - wie
z.B. Dein Kppken da, Du!
    Siehst Du, das hast Du wieder gar nicht verstanden, mein Kind. Nmlich,
entwickelt aus dem Thierreich als hhere Gattung werden wir doch ewig bleiben,
selbst wenn wir alle thierischen Functionen, als da sind: Essen, Trinken, Schlaf
und Beischlaf (sie lachte auf und steckte den Finger in den Mund, indem sie ihn
lstern anschielte), vllig abwerfen knnten ...
    Glaubst Du denn wirklich, da das geschehen knnte? unterbrach sie ihn
hastig. Ach, das wre gar nicht schn. - Ja, was hat man denn sonst vom Leben?
Sie richtete sich straff auf und sah ihn funkelnden begehrlichen Auges an.
    Oho, da haben wir wieder den ollen knuftigen Weltschmerz! lachte er auf.
Na, den vertreibe ich Dir, wenn wir erst verheirathet sind.
    Wie er das sagt! Sie fiel ihm um den Hals. Ach, das wird ein Leben!
Morgens stehn wir auf, trinken Kakau und betonte sie mit Wichtigkeit nichts
dazu. Dann zweites Frhstck: Rhrei mit Schnittlauch oder Sardellenbrtchen.
Dann essen wir zu Mittag - ach, ein Spargelgemse zum Beispiel -
    Er lachte unbndig. Nein, diese Ephantasie!
    Nun ja, schmollte sie. Ich mu Dir doch angeben, wie ich Dich pflegen
will. Denn was soll denn sonst, flsterte sie ihm schelmisch ins Ohr, aus der
Nacht werden? Am Nachmittag liest Du mir wundervolle Bcher vor. Und dann gehn
wir gleich nach dem Essen zu Bett ... schon um zehn. Dabei fiel sie ihm an die
Brust und drckte sich fest an ihn an.
    Ach! seufzte er mit ironisch bertriebener Affektation. Wr's schon so
weit!
    Ja, das mchtest Du wohl gleich! ... Aber auf vier Wochen, nicht? O ich
kenne Dich Bsewicht!
    O nein, sagte er, indem er sie glhend umarmte. Ich liebe Dich wirklich.
    Wahr und wirklich? fragte sie schwimmenden Auges. Sag' mal, wieviele hast
Du gekt seit vorigen Montag?
    Er sann nach. Ich will mal genau nachdenken ... keine.
    Keine? O! Sie umschlo ihn mit beiden Armen in einem Paroxysmus der
Leidenschaft. O so komm doch, heirathe mich! Worum die Andern mich anbetteln,
darum flehe ich Dich an. Reise mit mir fort, aus der ganzen Welt fort, an den
Genfer See. Dort schaffst Du Deine wunderbaren Werke und ich setze mich zu
Deinen Fen und hre Dir zu ...
    Meine wunderbaren Werke! Es schmeichelte ihm aber doch. Ach, die giebt's
gar nicht! Ich schreibe ein Coursbuch.
    Du mit Deiner dummen Ironie! Ja wohl schreibst Du sie. Sie holte einen
Augenblick tief Athem und ein tiefernster Ausdruck glitt ber ihre Zge. Ich
habe alles verloren, alles, Mann, Geliebter und Freund. Alles was ich dachte,
hab' ich mit meinem Mann getheilt. Und wenn man nun Niemanden mehr hat, dem man
sich vertrauen kann und so isolirt lebt wie ich ... Vater, Mutter, Schwester -
das ist alles nichts, die verstehen mich alle nicht. Und Freundschaft - pah! Das
ist alles nur Falschheit, Neid, nichts andres. Man darf Keinem trauen.
    Sehr richtig, sagte Leonhart ruhig, die einzige wirkliche Freundschaft
ist die zwischen Mann und Weib.
    Ja, rief sie, Dir, Dir mcht ich mich ganz vertrauen. O Deine treuen
blauen Augen! So s, so ... Wenn Du kommst, dann bin ich selig. Merkst Du
nicht, wie meine Augen dann leuchten? Mit Dir plaudre ich ganz wie mit ... als
wrst Du mein bester Freund. Und nicht wahr, Du wirst mich nie verrathen, Du
wirst immer lieb zu mir sein?
    Das schne Weib brach in Thrnen aus und schmiegte sich an ihn, als wre er
ein Rettungsanker in allgemeinem Schiffbruch. Er beruhigte sie durch
Liebkosungen und trocknete ihre Thrnen mit seinen Kssen.
    Heut seh' ich schlecht aus, nicht? fuhr sie pltzlich auf, und mit
weiblicher Logik abspringend, erzhlte er dann, wie sie beim Photographen
gewesen sei und dieser ihr empfohlen habe, eine Parthie ihres Halses zu zeigen.
Sie knpfte dabei ihr Kleid oben auf, schlug den Sammetkragen hoch und zeigte,
wie. Mir war's ganz ungewohnt. Denn mein seliger Mann erlaubte nie, da ich
decolletirt ging. - Wenn wir Beide nchsten Winter zum Maskenball gehn, wie Du
mir versprachst (nicht wahr, wir thun es doch? Er nickte), dann geh ich
decolletirt. Denn dem Mann gehrt Alles.
    Ich bin aber noch nicht Dein Mann.
    Das thut nichts. Du machst eine Ausnahme. Ach was heirathen! Man schafft
sich einen guten Freund an. Ja, Du natrlich ... ei, sieh mal her! Sie knpfte
blitzschnell ihre Taille auf und entblte die schneeweien wogenden Hgel. Wie
gefall ich Dir?
    ...es war still, kein Gast im Lokal ... Vorn hrte man nur die Mamsells beim
Dominospielen miteinander zanken ... sie waren so ganz allein ...


                            Aus Leonhart's Tagebuch.

    Ich verachte einen Mann, zumal einen jungen Mann, der sich nicht eines
Weibes wegen wie ein Narr oder ein Geistesgestrter benehmen kann. - So
Aehnliches bemerkt Thackeray wiederholt in seinen Romanen, er, der feinste
Menschenkenner der neueren Zeit. Im Pendennis findet sich eine schne Stelle,
wo der stolze knorrige Warrington dem jungen Pendennis seine Bekanntschaft
antrgt. Als der freudig Erstaunte ihn spter fragt, wie er zu dieser
Auszeichnung komme, erwidert der ltere lebensgereifte Mann: er habe von der
Jugendtollheit des jungen Herrn vernommen, wie er eine Schauspielerin, eine
abgefeimte Kokette, durchaus heirathen wollte und mit Mhe vor diesem Wahnsinn
bewahrt wurde. Das sei ihm das Merkmal einer tchtigen Natur gewesen. - Tiefste
Seelenkenntni liegt in dieser Bemerkung.

    Es scheint ein leicht begreifliches Naturgesetz, da ideale und zugleich
leidenschaftliche Naturen sich mit Vorliebe in rohe und gemein denkende Weiber
verlieben. Der Fond ihrer idealisirenden Liebeskraft ist so gro, da
ebenbrtige und wrdige Ideale nicht gengenden Stoff fr diesen Ueberflu von
Gefhl und Hingebung bieten wrden. Wie wre sonst die wahnsinnige Leidenschaft
genialer und groer Mnner fr so geringfgige oder verchtliche Liebesobjecte
zu erklren!

    Die erotische Begierde macht zwar manchmal Feige zu Helden, Faulpelze zu
Fleiigen, und so fort. Aber viel hufiger tritt der Fall ein, da sie, selbst
wenn sie nebenbei zu hchster Anspannung aller Fhigkeiten reizt, den Charakter
von Grund aus vergiftet und verschlechtert. Sie macht Verschwiegene indiscret,
Wahrheitsliebende verlogen, Nobeldenkende brutal und boshaft. Sie verwirrt den
Sinn fr Pflicht und Recht, sie raubt jedes Gefhl der Selbstachtung und Wrde.
Aus Klugen macht Thoren die mchtige Liebe heit es schon in der lteren Edda.

    Nichts ist erbarmungswilliger, als einen edeln und ritterlichen Mann, der
sich danach eine Eva zum Fall verlocken lie, hinterher aus der Taumel zur
Nchternheit erwachen zu sehn. Und er erkannte, da er nackt war. Die Wuth
gegen den frher begehrten oder besessenen Gegenstand ghrt dann derartig, da
sich der Groll sogar in indiscreter Rohheit Luft macht. Man rcht seine eigne
Verblendung und stachelnde Reue an dem frheren Idol, das doch im Grunde stets
denselben Werth oder Unwerth besa.

    Nur in uns selbst liegt die Schnheit und das Begehrenswerthe der Begierde.
Die Seele will aus sich selbst heraus und fiebert einer Afterschpfung, einem
schneren Etwas, entgegen, das in Wahrheit gar nirgends existirt als im Hirn des
Liebenden. - Wo liegt Anfang und Ende einer starken Leidenschaft, wenn sie
pltzlich ber Nacht aus ueren Anlssen erlschen kann! Man begreift
vollkommen, wie diese oder jene Leidenschaft entstehen, wachsen, sich ausrasen
konnte. Man begreift sogar alle Thorheiten und Narrheiten, zu denen sie
veranlate; man wrde vielleicht in hnlichem Falle ebenso handeln. Wie aber ist
es mglich, da eine allesverschlingende wahnsinnige Liebe pltzlich, in sich
selbst verzehrt, erlschen kann - auch ohne da sie volle Befriedigung gefunden?
Schwache Naturen allerdings mgen in einer Art temporren Irrsinns daran zu
Grunde gehn. Starke hingegen, und wenn sie bis zur uersten Grenze gegangen,
knnen pltzlich sich ein Ziel setzen, ohne sonderliche Willensanstrengung. Die
Begierde erlischt einfach, auch ohne Sttigung, auch ohne zwingende Umstnde -
falls sie strend in den sonstigen Lebenszweck eingreift. Auch dann, wenn der
Minnekranke fest entschlossen war, sein Ich dem Du zu opfern. Alles hat seine
Zeit, sagt der Prediger. Aber die Fluth und Ebbe des Gefhls hat, so natrlich
sie scheint, doch etwas Rthselhaftes. Bah, kommt mir nicht mit pathetischen
Phrasen - es giebt keine Liebe, sei sie die reinste und selbstaufopferndste, die
ein gewisses Stadium berdauert. Oder sie ist bereits eine ernstliche Affection
des Gehirns.

    Ich habe einen lieben Freund. Ich warnte diesen vor einer gewissen
anrchigen Dame. Er nahm sehr ernstlich ihre Partei und schimpfte ber die
Klatschsucht der Welt. Hinterher erfuhr ich aus unumstlichen logischen
Thatsachen, da er - er ist sehr verheirathet - mit dieser geflligen Dame ein
flchtiges sinnliches Verhltni gehabt. Neulich setzte er sich hin und
unterhielt mich wiederum von der Tugend einer anderen Dame, zu welcher die ganze
Welt, weil er's ein wenig ffentlich trieb, ihm nahe Beziehungen unterschob. Er
erzhlte mir ganz unmgliche Tugendhaftigkeiten, wie sie in Romanen der
Gartenlaube vorkommen knnten, - alles mit dem Bestreben, das gewisse Weib in
meinen Augen zu heben und dadurch die Existenz einer intimen platonischen
Freundschaft mit derselben plausibel zu machen. Wie ein stummes Bild des
Glaubens faltete ich andachtsvoll die Hnde. Aber es imponirte mir doch. Das
heit gehandelt wie ein Kavalier.

                                      III.


Wissen Sie was, schreiben Sie uns einen Messerschneide-Artikel! Etwas gegen
Boulanger, wissen Sie.
    Weswegen?
    Was fr eine Frage! Es liegt im Interesse des Blatts.
    Mglich. Aber ob in meinem Interesse?
    Herr Doctor, ich bin erstaunt..
    Und ich erst! Gott, seien wir doch keine Kinder! Die Hauptsache dabei (ich
will ja den Artikel gern schreiben) ist die: Was - ntzt - es mir?
    Aber das htte ich nie von Ihnen gedacht! So wenig Eifer! Natrlich werden
wir Ihnen den Artikel sehr hoch berechnen.
    50 Pfennig pro Zeile? hhnte Kratzenthal. Nein, alter Freund. Da fllt
mir ein: Warum schreiben Sie denn den Artikel nicht?
    Ach! Kssel kratzte sich hinter den Ohren. Das ist eine sehr sehr prekre
wichtige Affaire. Das kann nur eine ganz gewiegte Feder - wie die Ihre, Herr
Doctor Kratzenthal.
    Ach zu gute schnaufte dieser durch die Nase. Sie wiegen mein gewiegte
Feder in sanfte Illusionen. Mit einem Wort, er sprang pltzlich auf, Sie
selbst frchten sich den Artikel zu verbrechen und wollen einen stillen
Compagnon dazu. Ich wittere Unrath. Holla, der Bankier Hollmann! Kratzenthal
brach in ein wieherndes Gelchter aus, schlug seinem Chef auf die Schulter und
grinste: Spekulirt auf Baisse! - All right! 100 Mark pro Zeile - 100 Zeilen
Umfang - macht 10000 Mark - dann schreibe ich ihn, den Messerschneide-Artikel.
    Nmlich im Sinn all der frheren Messerschneidungen, welche fast jedes Blatt
wie eine Art monatlicher Excremente von sich giebt.

    Solche Schauderaffaire erzhlte Schmoller dem staunenden Leonhart, als er
mit diesem das Zeitungszimmer des Caf Bauer durchstberte, ob sie nicht Beide
wieder irgendwo beschimpft worden seien. Er hatte angeblich diese Scene
belauscht, als er die Redaction eines groen Blattes heimsuchte. Dann erzhlte
er noch, wie pltzlich ein schrecklicher Skandal dort losgebrochen sei, da die
Gattin des Chefredacteurs Kssel, eine frhere Kchin, diesem grade wie
gewhnlich ihren allabendlichen Gardinenpredigt-Besuch auf der Redaction
abgestattet habe. - Dieser professionelle Verfolger der Bosheit sog sich
freilich solche Geschichten oft rein aus den Fingern. So galt es ihm diesmal,
das bekannte Verhltni von Brse und Presse in ein Spchen zu bringen. Allein,
es schien nicht so bs gemeint, wie es klang. Aus Klatsch, Nichtigkeit und
Jmmerlichkeit setzt sich ja das unselige Leben des Berufsschriftstellers
zusammen und als einzige Rache bleibt ihm die bse Zunge. Jedermanns Hand ist
wider ihn drum ist seine Hand wider Jedermann. Verzweiflung lachte aus
Schmoller's Verleumdungsmanie. Das Unberechenbare war hier nie das
Unentschuldbare. Grade wie Leonhart fhlte er sich dmonisch zum Geifern
getrieben.
    Kratzenthal platzt noch vor Gift, wie die Ratte in ihrem Loch. Kssel sagte
mir mal, man msse die ewige Wuth Kratzenthals nur bedauern, da sie von
Hmorrhoiden herrhre.
    Das ist keine Entschuldigung. Aber ich kann mir nicht helfen: obschon er
mein Todfeind, halte ich ihn fr einen Ehrenmann, versetzte Leonhart ruhig.
    Ehrenmann - ach Du bist doch immer der Alte! knurrte Schmoller. Wie hat
der Mensch sich immer ruppig gegen Dich benommen!
    Das tangirt aber nicht seine sonstige Ehrenhaftigkeit. Denn da er meine
Recensionsexemplare andauernd todtschweigt und dem Antiquar verkloppt, diese
Naivett theilt er ja mit allen Prebengeln. Er ist muthig und unabhngig,
erinnert mich immer an einen Dachshund - bissig und brav.
    Ja, die Beine hat er sich krumm gelaufen wie ein Teckel - das stimmt.
brigens sind sie alle toute mme chose! Jeder Redacteur schiet Probepfeile
eingebildeter Willkhr, ob nun von liberalem oder conservativem Gttersitz! Da
ist mir doch die Schwefelsure der Berliner Tagesstimme noch lieber, als dieser
salzlose Ohnmachtgeifer!
    Ist er eigentlich ein getaufter Jude?
    Und ob! Drei Juden in eins! Darum belfert er ja auch soviel gegen jdische
Gesinnung, um seine Abkunft vom Mhlendamm zu verdecken.
    So 'was ist mir allerdings doppelt widerlich. Leonhart runzelte die Stirn.
Ich kenne ungetaufte Ehrenmnner. Fr getaufte grne Judenjungen, die ihre
Stammesgenossen begeifern, sollte man aber eine Extraruthe parat halten. - Doch
wie gesagt, ich glaube, wir beurtheilen Kratzenthal ganz falsch. Grade weil er
ein ewiger Krakehler ist, halte ich ihn fr einen ehrlichen Kerl. Allerdings
leidet er als neuer Lessing an hochgradigem Grenwahn. Wer litte zwar nicht
daran! dachte er heimlich. - Darin freilich kamen Beide berein, da die
conservative Presse der fortschrittlichen ganz wrdig sei, da sie alle Beide
stinken. Unpartheilichkeit? wie hait?!
    Sieh da, Federigo, Du hier? tnte eine Stimme neben ihm.
    Ei, Holbach, und was treibst Du hier?
    Komm doch an unsern Tisch - Kasimir Pakosch ist hier! Holbach lud mit
seiner blichen gewinnenden Liebenswrdigkeit ein, so da Schmoller und Leonhart
bald einem bleichen Herrn mit genialisch zerwhltem Haarwuchs gegenbersaen. Er
trug einen schwarzen Sammetrock und einen weien Hut mit Schleier, sowie Hosen
von weiem Kaschmir. Auerdem lehnte er sich auf einen schwarzen Stock mit
breitem Silberknopf, dem das Lasalle'sche Motto eingravirt: J'attendrai mon
temps. Er bedurfte dieser Sttze seines jungen Greisenalters, da er hinkte.
Ueber dies Hinken verbreitete er zwar, er sei bei Mars la Tour verwundet;
Bswillige schrieben es jedoch ganz andern Ursachen zu.
    Dies war der berhmte Kasimir Pakosch, der Regenerator der deutschen
Zukunftsbhne. Leonhart kannte ihn bis ins Mark seiner Herzensschne von dem
Tage her, wo er sich ihm gemeldet, um die Hauptrolle seines Festspiels Sedan
zu spielen, welches von einem Dramatischen Verein aufgefhrt wurde. Dieser
unglaubliche Scherz des hinkenden Dichters fand seine Erklrung in dem Umstand,
da gleich darauf Pakosch's dmonische Weltschmerztragdie Der Mulatte in
Berlin aufgefhrt wurde und er durch diesen Coup die scharfe Kritikerfeder
Leonharts lahm legen wollte.
    Ach, mein theurer Herr Leonor! grte huldvoll der groe Mann. Und was
macht Ihr Drama Der Wrwolf, von dem Sie mir einst erzhlten? Wird es denn
endlich mal aufgefhrt? Diese boshafte Theilnahme erbitterte den Andern
dermaen, da er anzglich erwiderte:
    Ach nein! Da sind berall solche Streber, die ihre Stcke von Hamburg bis
Frankfurt und Mnchen zum Schrecken des Publikums anbringen, weil sie mit den
Theaterregisseuren unter einer Decke spielen und den sogenannten Knstlerinnen
Gedichte und Bouquets widmen. Man wei ja, wie so 'was gemacht wird. Ja, und
weil Sie sich nach meinem Drama so gtig erkundigen -: was macht Ihre Frau
Gemahlin? Das mu ja doch immer unsere erste Frage an Sie, verehrter College,
sein.
    Pakosch errthete leicht, weil er die Beleidigung wohl empfand. Seine Frau,
eine morphiumschtige Lady Macbeth, welche er nebst einer Villa von dem frheren
geschiedenen Gatten (ein kleiner gemeiner Ehebruch lag vor) zum Geschenk
genommen hatte, besorgte nmlich all seine litterarischen Geschfte. War er blo
dnkelhaft bis zum Exce, so raste sie einfach vor Grenwahn, so da sie
zeitweilig in einer Maison de sant sich beruhigen mute. Sogar der milde
Holbach (der freilich fr die kleinsten Gebrechen seiner Nebenmenschen ein
scharfes Auge und hinterm Rcken eine gar bse Zunge hatte, falls einer mal
nicht seinen egoistischen Zwecken dienen wollte) entrstete sich, als ihm Frau
Pakosch einst einen herablassenden Brief schrieb: Solche Oberflchlichkeiten
wie Sie, lieber Freund, ber das letzte Buch meines groen Gatten, darf man an
meinen Mann berhaupt nicht schreiben!..
    Tiefgekrnkt und rachedrstend schob Pakosch eine Rose aus seinem Knopfloch
und reichte sie Leonhart: Danke fr die Nachfrage! Da, mein lieber Leonor,
riechen Sie! Da knnen Sie ja spter sagen, da Sie mit Kasimir Pakosch an einer
Rose gerochen haben!!
    O ich Seeliger! Nennen Sie mich nicht immer Leonor, mein Guter! Ich heie
Leonhart - Leon, der Lwe und hart - leicht zu behalten. Leonhart empfahl sich,
indem er eine Einladung zur Erffnung eines neuen stilvollen Bierrestaurants
vorwies. Was wolltest Du mit dem Dolche, sprich? rief Schmoller. Da bin ich
ja auch eingeladen, wie sich's gebhrt. Ich wollt' es diesem Bierjungen auch
gerathen haben! Ein Lokal erffnen ohne mich, den Spezialkenner Berlins, hoho!
Nie ohne dieses! Ich sage Dir, vor mir zittern Verleger und Bierverleger. - -
    In dem frchterlich altdeutsch eingerichteten Restaurant trug sogar die
Buffetdame ein altdeutsches Mieder mit Puffen und alles roch nach sffiger
Lebenslust, als ob die Herbarien blauer Blmelein von all den Fahrenden Sngern
hier auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt seien. Die beiden Dioskuren
trafen einige jdische Theaterfabrikanten, deren schwammiges Gesicht an ihre
Rckseite der Medaille erinnerte. Man a und trank sich satt und schimpfte dabei
als Kenner ber den Grenwahn der modernen Bierpalste. Dann hob Aaronsohn an,
ber die schndlichen Wahlwhlereien der Conservativen zu jammern. Jotte doch!
fuhr ihm aber Leonhart in die Parade. Gewhlt wird auf beiden Seiten! Wir sind
doch keine Kinder! - Bald darauf schwang sich der groe Witzbold Lerchenheim zu
der Behauptung empor, Wien sei die sittlichste Stadt im Vergleich zu Berlin. Es
errege im Sperl ordentlich Aufsehen, wenn Einer dort Champagner bestelle und
der wachthabende Commissr beauftrage die Weiber dann, ja aufzupassen: Das msse
ein Verbrecher sein. - Die eigentliche Presse hatte sich in einer Hinterstube
versammelt. Zur Feier des Wahlsieges lie man die ganze fortschrittliche Presse
bei der Einladung aus und nur die Crme der Conservativen zu. Schmoller und
Leonhart hie man als Urgermanen beim Prfen des Stoffes willkommen.
    Meine Herren, hub der Ehrenprses an, ich commandire einen Salamander.
Wie uns dies Getrnk bayrischen Ursprungs so recht von Herzen schmeckt, sollten
wir gedenken an die Gemeinschaft unserer sd- und norddeutschen Stmme. Und wem
verdanken wir alles das? Sr. Durchlaucht dem Frsten Reichskanzler, dem Kenner
des deutschen Bieres, sei dieser Krug geweiht! Er lebe hoch!
    Ein donnerndes Vivat. Einer zog sich bereits den Rock aus, um gemthlicher
brenhutern zu knnen: Tibitz, der antisemitische Witzbold, einer der bravsten
und darum bestverleumdetsten Mnner. Er erzhlte soeben in seiner jovialen Art
auf plattdeutsch die Mr von Christofer Clambumbus, dem Entdecker von Amerika.
Bei solchem Salzwasser-Latein wird man halt durstig. Nachdem man dann noch
darber debattirt, da man ein Internationales Weltblatt grnden wolle, trennte
man sich mit einem schneidigen Abschiedsschoppen auf einen frischen frhlichen
Krieg. Der Ehrenprses, ein ehrwrdiger homo obscurus, Peter v.
Schnapphahnitzkoy (in engerem Freundeskreis als zartsinniger lyrischer
Frauenlob, sonst als malitise Schlangenzunge und Anonymus a.D. geschtzt),
mute ledeir per Droschke lallend nach Hause gebracht werden - wie sich's fr
einen christlichritterlichen Redacteur gebhrt.
    Schmoller und Leonhart wankten endlich noch in einen benachbarten
ur-bajuvarischen Keller. Dort strkten sie sich mit einem Teller Radi sowie
etlichen Knickebeinen und schwuren sich nochmals ewige Waffenbrderschaft mit
schon klein werdenden Aeugelein und bierseliger Stimme. Im Laufe der Erreignisse
betheuerte Schmoller den nchstliegenden Gsten der Schnke, da vor seinem
neuen Roman, in welchem er alle seine persnlichen Feinde durchhecheln wolle,
bereits halb Berlin zittere.
    Ich habe noch nischt jemerkt, brummte der Wirth.
    Darob ergrimmte Schmoller in seinem Leibe und schrie: Was, Sie! Sie wollen
mich wohl uhzen? Sie dummer Bierjunge, he? Ich bringe Sie auch in meinen Roman.
Dann werden Sie das Zittern schon lernen.
    Er kam aber an den Unrechten. Denn der wrdige Bierpapst hatte selbst
Mehreres ber den Durst getrunken. Was, Sie fauler Kopp wollen mir das Gruseln
lehren? brllte er. Zittern Se drauen! Wem's hier nicht gefallen thut, der
kann schieben! Sie mssen 'raus, Sie! Des is hier nich! Also, meine Herrn, der
Zimmermann hat ein Loch gelassen. Leonhart frchtete fr seinen Freund. Dieser,
als Sohn eines Klnischen Weinkfers mit rheinischer Groschneuzigkeit behaftet,
verdiente zwar an sich nicht den Geruch bramarbasirender Feigheit, in dem er
stand. Aber seine zerrtteten Nerven schraken leicht zurck.
    Herr, sehen Sie, wie ich bebe vor Erregung! grollte Schmoller, indem er
seinen Cylinder aufsetzte. Schweigen Sie, sag ich Ihnen, oder ich haue.
    Was!!! Der Wirth holte krftig aus und schwippschwapp sa eine Ohrfeige.
Bange machen gilt nich. Da haben Sie, was Sie verdienen, und nun schreiben Sie
man darber ein Kapitel in Ihren ollen Roman.
    Es entstand natrlich ein allgemeiner Radau und die beiden groen Mnner
wurden langsam hinausgedrngelt. Leonhart fate den Wirth am Kragen und rttelte
ihn gehrig. Schmoller aber knpfte sich den dicken Havelok zu, sah ksebleich
aus und meinte sodann mit einem slichen Lcheln: Es traf ja nur den Hut! -
Wenn ich wollte - sehn Sie diese Arme! Ich war Schmied! Komm, Leonhart,
verachten wir die Bande! Beide schttelten den Staub von ihren Fen und wurden
mit einem wohlgemeinten Schubs endgltig hinausgeworfen. Leonhart schritt sehr
schweigsam frba, whrend Schmoller eifrig weiter perorirte.
    Haha! lachte er auf, hast Du gesehn, Leon, wie ich den Kerl an der Brust
fate und hin- und herrttelte? Ich sage Dir, er bebte wie Espenlaub! Nun,
lieber Freund, Du kennst mich ja! In mir steckt so ein Stck
Elementar-Naturmensch. Ich mute an mich halten, ich mute! Dank' Dir auch, da
Du mich gehalten hast, - sonst wre ein Unglck passirt!!
    Leonhart konnte keine andere Antwort, als ein verwegenes Ruspern, finden.
Die Phantasie seines edlen Freundes ging wieder zgellos mit diesem durch.
    Es wird noch eine Marmortafel dort angebracht werden, wo wir Beide gesessen
haben! rief der groe Autor in tiefer sittlicher Emprung. Lebewohl, mein
Freund, und verachte die Welt wie ich. Man mu Philosoph sein! Du rgerst Dich
noch zu viel.
    Tiefgekrnkt schritt er von dannen, wie er tiefgekrnkt jeden Morgen
erwachte.

                                 Zehntes Buch.



                                       I.

Der groe Saal des Architektenhauses fllte sich bis auf den letzten Platz, um
die angekndigte Vorlesung Friedrich Leonhardts zum Besten des
Untersttzungsfonds der Berliner Presse zu genieen. Schon aus Neugierde, wegen
des vorlockenden Titels. Smmtliche litterarische und persnliche Feinde des
Dichters (sie belegten schon allein die Hlfte der Pltze) erschienen vollzhlig
und marschirten gleichsam in Gala auf. Man bemerkte den Doktor Drechsel-Caballo,
der heute seinen Spitznamen Richard Lwenmhne (nicht: Lwenherz) durch
wthendes Schtteln seiner olympischen Locken bethtigte, und die Nachstotterer
der Tagesstimme, wie sie eifrig Contra-Stimmung machten.
    Leonhart trat auf. Er war sehr bleich und der Frack stand ihm schlecht. Er
begann mit etwas belegter Stimme, die sich aber allmhlich zu sonorem Drhnen
steigerte.




              Grenwahn des Militarismus und der Schulmeisterei.


    Nicht gegen den Offizierstand wende ich mich, sondern nur gegen die
Ueberhebung desselben und vor allem gegen eine Anschauung, welche den Krieg als
naturnothwendiges Ideal der sittlichen Weltordnung und den Kriegerstand daher
gleichsam als eine geweihte Priesterschaft der Weltgeschichtsentwicklung feiert.
Wenn z.B. Herr v.d. Goltz-Pascha in seiner bekannten Schrift den Offizier nur
mit dem Dichter und Knstler vergleichen will, so bersteigt diese
Selbstvergtterung eben das zulssige Ma.
    In letzter Zeit sind nun Brochren erschienen, welche den Kriegsgedanken
und die Volkserziehung behandeln. Wir verhehlen nicht, da wir sie mit einer
gewissen, steigenden Entrstung gelesen haben. Der Grenwahn des Militarismus
entpuppt sich hier wieder einmal mit erschreckender Offenheit.
    Es ist ja an sich ganz lblich, wenn man seinen speziellen Beruf am hchsten
stellt. Ludwig Feuerbach sagt in seiner Philosophie des Christenthums sogar
irgendwo, da diese Einseitigkeit ein nothwendiges Erforderni des menschlichen
Denkvermgens sei. Am hchsten stehen daher diejenigen Geistesrichtungen, welche
die umfassendsten und wenigst einseitigen ihrem Wesen nach sein mssen: Poesie
und Philosophie. Wenn sich denselben technische Knste, Musik, Malerei u.s.w.
ebenbrtig zur Seite stellen mchten, so bleibt dieser harmlose Grenwahn ohne
schdliche Folgen und gleichsam in der Familie, obgleich er die in Deutschland
grassirende Ehrfurchtslosigkeit vor der Dichtung natrlich verstrken hilft.
Aehnlich steht es mit der Ueberhebung der exakten Naturwissenschaften. Jedoch
dies sind alles nur theoretische Fragen, die wenig ins praktische Leben
einschneiden. Anders aber liegt der Fall, wenn ein bestimmter Stand mit
dnkelhaftem Kastengeist sich ber alle andern erheben will, wie dies ein altes
Vorrecht des Kriegerstandes ist. So lange die Welt im Alterthum und Mittelalter
wesentlich auf dem Kriegszustande fute, mochte dies angehen. Heut aber in der
neuesten Zeit darf dies natrlich auf die Dauer nur dann mglich beiben, wenn es
gelingt, die Soldateska mit einem Schleier des Idealismus zu umweben und sie
auch geistig als fhrendes Element hinzustellen. Dies ist denn auch der Zweck
der vorliegenden Schrift.
    Der Dichterknabe Chatterton hat das berchtigte Wort gesprochen, da er den
Intellekt eines Mannes gering achte, der nicht zugleich von zwei
entgegengesetzten Seiten her ein Thema behandeln knne. So wollen wir denn
wahrlich nicht mit den einseitigen Sophismen ins Gericht gehen, mit denen man
einer an sich mglichst unidealen Thatsache die idealsten Seiten abzugewinnen
sucht.
    Man beginnt dabei mit Ausfllen gegen die Schwrmereien der Friedensliga von
einem ewigen Frieden. Es ist stets das sicherste Mittel, das denkfaule
Philisterthum fr sich einzunehmen, wenn man die Gegner als unpraktische
Idealisten hinstellt. Nun sind aber alle ideal schpferischen Geister stets
eminent positiv angelegt, wie denn z.B. zu einem groen Dichter der
durchdringendste, schrfste Verstand und realistische Weltkenntni gehren.
Vermge dieser berlegenen Verstandeskrfte sind solche wahren Idealisten
daher befhigt, die komische Ideologie der Utilitarier, den Fanatismus der
Materialisten, zu durchschauen. So sagt Goethe das treffende Wort ber den
groen Anti-Ideologen Napoleon: Er, der ganz in der Idee lebte, konnte sie doch
im Bewutsein nicht erfassen; er leugnet alles Ideelle durchaus und spricht ihm
jede Wirklichkeit ab, indessen er es eifrig zu verwirklichen trachtet. Und wenn
auch dieser Satz nicht auf unsre Militairpropheten pat, so werden wir doch
daran erinnert, wenn sie umgekehrt die spahafte Absicht verrathen, dem
Roh-Realistischen das Ideelle unterzuschieben.
    Zuvrderst stellen all diese Gesinnungsgenossen die Theorie vom ewigen
Krieg auf, die sich angeblich auf Darwins Kampf ums Dasein sttzen soll. Nun
ist es keine Frage, da in den Urzeiten der sogenannte Kampf ums Dasein mit
dem Kriegszustand identisch war. Gleichwohl wurde derselbe bereits in jenen
barbarischen Epochen als ein schweres Uebel angesehen und die Shne Kains
spielen neben den friedlichen Nachkommen Seths durchaus keine gefeierte Rolle.
Die gesammte Kulturentwicklung luft aber einfach darauf hinaus, den Kampf ums
Dasein zu mildern und vor allem aus dem Bereich der rohen Gewalt zu rcken. Die
Geschichte der Civilisation ist einfach die Geschichte der zunehmenden
Waffenabschaffung. Sogar im Kriege selbst ist die roheste Form des Kampfes, das
Handgemenge, wo persnliche Strke entscheidet, fast auf den Aussterbeetat
gesetzt. Wie wenig man brigens selbst in der Urzeit das Waffenhandwerk als
etwas allgemein Gltiges betrachtete, geht hervor aus dem Bestehen der
abgeschlossenen Kriegerkasten. Ein Ueberbleibsel derselben scheint es, wenn bis
ins vorige Jahrhundert der Mann aus den besseren Stnden den Degen an der Seite
trug. Seit hundert Jahren ist auch dieser schwache symbolische Ueberrest
verschwunden.
    Wenn nun die Milderung des Kampfes ums Dasein Hauptziel aller
Kulturbestrebungen ist und wenn eine solche Milderung in fortschreitender
Progression in der That ersichtlich wird, so scheint die Mglichkeit eines
ewigen Friedens nicht absolut ausgeschlossen, da die roheste Form des
Daseinkampfes, der Krieg, auch am leichtesten zu beseitigen ist. Ob aber ewiger
Krieg oder ewiger Frieden der Menschheit bevorsteht, ist ja nicht zu
beweisen, da nur die Erfahrung, es lehren kann. Frs erste sind beides hohles
Phrasen. Die Wahrscheinlichkeit spricht aber gewi eher fr den ewigen
Frieden. Um dessen Unmglichkeit zu folgern, berufen sich die so hochidealen
Kriegsfanatiker auf die Schlechtigkeit der Menschennatur. Sie vergessen dabei,
da nicht nur die edeln, sondern ebenso die niederen Regungen gegen den Krieg
stimmen, da dem allmchtigen Egoismus und Eudmonismus die Kriegsmhsal gewi
nicht als ein Wnschenswerthes erscheint. Der Krieg ist nicht identisch mit dem
Kampf ums Dasein und der Krieg ist keine Nothwendigkeit der sittlichen
Weltordnung, der ewige Krieg ein Fabelpopanz und der Krieg in jedem Fall ein
Uebel. Letzteres geben die Militridealisten mit verschmter Salbung natrlich
allerorten zu. Denn der Avancier-Wunsch des Leutnants scheint doch wirklich kein
ausschlaggebendes Moment fr Bejahung der Kriegsntzlichkeit!
    Aber die Kriegsenthusiasten schwingen sich nun sofort wieder auf den Kothurn
des Ideals, indem sie eine Art persischer Religion proklamiren, den ewigen Kampf
von Ormuz und Ahriman, - um den Kampf an sich als aller Dinge Herrlichstes zu
preisen. Wir befinden uns in der angenehmen Lage, dasselbe philosophische
Lebensprinzip zu hegen und auch fters schriftlich ausgefhrt zu haben. Nun
mchten wir aber fragen, all die angeklebten Tiraden ber Sthlung des
Kampfmuthes, Verweichlichung u.s.w. lchelnd bergehend: was das wohl mit dem
Krieg zu thun habe? Denn ich bin ein Mensch gewesen und das heit ein Kmpfer
sein - so war's gemeint, als Zoroaster seine herrliche Kampflehre schuf. An den
Krieg hat er sicher nicht gedacht, denn das hiee Kampf von Ahriman gegen
Ahriman, das hiee den Teufel vertreiben durch Beelzebub. Der wahre ernste
Kampf, der schwerste und muthvollste Kampf, von dem allein die Entwicklung der
Menschheit abhngt, ist der Kampf mit den Dmonen der Welt und der eigenen
Brust. Dagegen ist der Kampf der Waffen ein erbrmlicher Tand, eine
komdiantische Aufregung, des wahren sittlichen Ernstes bar.
    Es ist eigentlich albern, solche Selbstverstndlichkeiten noch zu erwhnen.
Der Kampf ums Dasein selbst im brgerlichen Leben erfordert hundertmal mehr
Energie und sittlichen Mut, als der frivole oder rein physische Schlachtenmuth.
Auch die Bestie ist tapfer in diesem Sinn; aber wenn sie mal nichts zu fressen
hat, dann winselt sie. Man mte es nicht nur als sittliche, sondern erst recht
als intellektuelle Unreife beklagen, wenn die Abneigung gegen Krieg und
Soldatenspielen, gegen welche Verfasser polemisirt, nicht bei einem modernen
Brger vorhanden wre. Mge sich der rothe Kragen an der Verehrung der Knaben
und Weiber gengen lassen.
    Wenn nun alle idealen Redensarten nichts gegen die schlichte Logik der
Vernunft verfangen und der Krieg, seines idealen Schimmers entkleidet, als ein
trauriges, wenn auch momentan nothwendiges Antikultur-Uebel erscheint, so fllt
natrlich eine bertrieben hohe Auffassung des Soldatenstandes in Nichts
zusammen. Es soll keinen Augenblick bestritten werden, da der Krieg die
edelsten Gefhle der Menschenseele ausbilden kann, natrlich ebenso die
allerniedrigsten. Traurig genug, da gutmthige und in gerechter Sache kmpfende
Soldaten sich in der Erregung den tollsten Exzessen hingeben knnen. Das Alles
aber gilt fr den Krieg nur wie fr jedes andere auergewhnliche Ereigni, das
mit Gefahr verbunden ist. Was aber - fragen wir hier wieder - hat der Krieg mit
der Ueberhebung des Offizierstandes zu thun?! Denn nur darum handelt sich's bei
dieser Broschre und vielen hnlichen! Der Krieg selbst wird ja auch nur
gleichsam als pice de rsistance im Hintergrunde weihevoll verwerthet; der
wahre Zweck ist blo der, die bertriebenen Achtungsansprche des Offiziers in
Friedenszeiten zu begrnden.
    Heut bei der allgemeinen Wehrpflicht ist ja selbst dieses wunderherrliche
Institut der sittlichen Weltordnung, Krieg genannt, den priesterlichen Hnden
einer speziellen Kriegerkaste entwunden - wenigstens was die Gefahr, diese so
wundersam sittlichende Gefahr, anbelangt: dies hchste sittliche Gut teilt der
Offizier brderlich mit jedem waffenfhigen Brger, um fr sich hernach blo das
minderwerthige schnd materielle Gut etwaiger Dotationen und Auszeichnungen zu
behalten.
    Diese groartige Selbstverleugnung, diese freigebige Humanitt im Theilen
der Sittlichkeitsmomente des Krieges, damit selbst der Geringste derselben
theilhaftig werde, mu man um so hher schtzen, als sich ja der Offizier auch
ohne den Kriegsgedanken um die Volkserziehung so unendliche Verdienste
erwirbt. Wenigstens ist laut unserm gelehrten Verfasser der Leutnant der wahre
Erzieher des deutschen Volkes, whrend unsere ganze sonstige Erziehung
ungengend und schdlich wirkt. Den letzteren Theil seiner Prmissen mag ich
durchaus nicht befehden. Der deutsche Schulmeister leidet eben an dem gleichen
Unfehlbarkeitsdnkel wie der militrische Erzieher und es scheint daher nur
ergtzlich, wenn der Letztere durch seine gewichtige Autoritt die Feinde des
bestehenden Erziehungssystems verstrkt. Diese Frage interessirt uns ja aber
hier nicht, sondern nur die, welcher moralische Nutzen denn eigentlich durch die
militrische Erziehung, d.h. die allgemeine Wehrpflicht, bewirkt wird. Es ist
mindestens zweifelhaft, ob die dreijhrige (in Frankreich noch lngere)
Entziehung der besten physischen Krfte aus dem eigentlichen produktiven Kampf
ums Dasein nationalkonomisch gnstig zu nennen sei. Es ist zweifelhaft, ob
wirklich eine Krftigung der physischen Gesundheit durch das Dienen erzeugt
wird, die im Verhltni zu dem enormen Zeit- und Mheaufwand steht. Vermuthlich
wrden Arbeiten in frischer Luft oder Reisen oder Sport in einem Viertel der
Zeit hier wohlthtiger wirken, da die tausend ungesunden Nebendinge des
Kasernenlebens, sowie die Ueberanstrengung und die fortwhrende Unruhe oder gar
Angst sehr strende Beigaben des Soldatenlebens scheinen. Turn-, Fecht- und
Schieklubs drfen Gewandtheit und Handhabung der Waffen vielleicht leichter
lehren, als die Hudelung des Unteroffiziers es bewerkstelligen kann.
    Doch halt, alle Unannehmlichkeiten des Soldatenleben sollen ja eben den
Charakter sthlen. Den Charakter! Kann man von Charakter berhaupt noch reden,
wo die Grundlage jeder Charakterfestigung, nmlich freier Entschlu und eigene
Initiative, von vornherein ausgeschlossen sind? Der Dienst soll die groe
Tugend des Gehorsams einpflanzen. Nun unterschtze ich diese Tugend nicht. Alle
Vereinigungen, heien sie nun Staat, Heer, Privatverein, knnen sich nur halten
durch Gehorsam gegen das Hhere, den allgemeinen Zweck. Dieser Gehorsam aber ist
das legitime Kind des freien Willens, der freien Erkenntni, whrend der vom
Militr geforderte Gehorsam der des Sklaven ist. Wrde dieser Gehorsam wirklich
als unauslschliche Tugend durch die allgemeine Wehrpflicht eingeimpft, so
knnte dies nur widerliche und traurige Folgen haben. Ein solcher Gehorsam fgt
sich in keiner Hinsicht dem modernen Brgerleben ein; er wird dort nicht
verlangt und wre nur vom Uebel. Nur im sogenannten Staatsdienst kann er von
Nutzen sein und wirklich blhen ja Streberei und Knechtssinn dort tglich
herrlicher auf. Diese hohe Tugendlehre der militrischen Erziehung mag daher
einem Absolutisten erhaben, einem modernen Menschen aber mu sie als
verchtliche Untugend erscheinen.
    Ich leugne auch, da diese zweifelhafte Subordination (die nur im
Armeewesen Berechtigung hat) irgend Jemandem fr sein spteres Civilverhltni
eingeprgt werde. Die Naturen sind eben verschieden. Der grte Militr
(Napoleon) hat direkt gesagt: Nach seinen Erfahrungen sei der Satz Wer
herrschen will, der mu erst dienen lernen, barer Unsinn. Gerade die, welche
nie und nirgends Unterordnung verstnden, wrden sich um so besser auf's
Gebieten verstehen.
    Vergeblich wird man daher freien, selbststndigen und initiativen Naturen
(ich meine hier natrlich keine Herrschernaturen, sondern berhaupt alle
energischen Impulsiven) blinden Gehorsam predigen. Wer den militrischen
Gehorsam aus der Dienstpflicht ins Leben nachschleppt, war einfach so angelegt
und bedurfte einer solchen Erziehung gar nicht. Die Majoritt der Menschheit
besteht eben schon aus Lakaienseelen, diensteifrigen Naturen, Stimmvieh.
    Vor geraumer Zeit machte der Fall viel Aufsehen, da vier Landwehrmnner bei
einem Manver sich geweigert hatten, in einem Viehwagen transportirt zu werden,
darob an den Kaiser ein Beschwerdetelegramm richteten und dafr zu vielen Jahren
Zuchthaus verurtheilt wurden. Die Hhe des Strafmaes mag zu hart gewesen sein;
aber das Mordsgeschrei, das die liberalen Bltter darber erhoben, war
unberechtigt. Eine so beispiellose Dreistigkeit, wegen einer solchen Lapalie die
Vorgesetzten beim obersten Kriegsherrn per Telegramm zu verklagen, verdiente
exemplarische Zchtigung. Es liegt hier sogar eine Unverschmtheit vom rein
menschlichen Standpunkte aus vor. Eine andere Frage ist es freilich, ob der
betreffende Offizier, falls er wirklich etwas Gesetzwidriges - z.B. krperliche
Mihandlung - begangen htte, ebenfalls wegen Ungehorsams gegen das
Militrgesetz hnlich hart bestraft worden wre. Ich frchte fast, hier htte
die Antwort gelautet: Ja Bauer, das ist ganz was anders! - Jedenfalls aber zeigt
die bloe Mglichkeit eines solchen naiven Aufbegehrens seitens vier beliebiger
preuischer Landwehrleute, wie wenig der Sinn sklavischer Unterwrfigkeit - als
Gehorsam ein nothwendiges berechtigtes Militrgebot - im spteren Civilisten
wurzeln bleibt. So sind sie nun mal, die modernen Menschen! Vom
Militr-Standpunkte aus, der die Menschheit als eine Masse zu drillender
Rekruten betrachtet, ist das beklagenswerth, aber leider unabnderlich!
    Die weiteren segensreichen Einflsse des Dienens machen sich bemerkbar in
einer allgemeinen Zufahrigkeit und verstrkter Brutalitt in den unteren
Schichten, wie denn seit dem Kriege die Verbrechen gegen das Leben, das
Messerstechen, die Roheit der Balgereien sich rapide steigerten. Bei den hheren
Stnden (Einjhrig-Freiwilliger, Reserveoffizier, d.h. ein Geschpf mit den
Pflichten ohne die Rechte des Offiziers) bleibt eine vermehrte Vorliebe fr
alles Aeuerliche, Schein, Etikette und alles berreizte falsche Point d'honneur
-Gefhl zurck. Das sind die logischen Folgen - weiter nichts. Durch diesen
Geschmack am Aeuerlichen wird oft fr lange Zeit der wahre Ernst zur Arbeit
untergraben. Die aus der Dienstpflicht Zurckkehrenden, seien sie Gelehrte oder
Bauer, mssen sich erst mit Anstrengungen wieder an ihren wahren Beruf gewhnen,
aus dem sie pltzlich herausgerissen sind. Natrlich sind unsere geschtzten
Militrpdagogen harmlos genug, den Hauptwerth der Erziehung auf
Bercksichtigung der individuellen ursprnglichen Eigenschaften zu legen. Kann
man sich das Lachen verbeien, wenn man, einige Stze des deutschen
Ausbildungs-Reglements citirend, ernstlich davon redet, da die Militrerziehung
auf dies wichtigste Moment Rcksicht nehme?! Das ist des Spaes, und der -
Selbsttuschung genug!
    Ja, sehr richtig heit es in den Vorschriften der Militrerziehungsmethode:
Eine uere, wesentlich nur durch Uebungen im Ganzen erzielte Zusammenfgung
der Truppe wird bei unerwarteten Ereignissen nicht vorhalten und die Disziplin
nur dann ein festes dauerndes Band fr das Ganze abgeben, wenn sie auf dem
Bewutsein basirt, da im Ernstfall der Erfolg von der Erhaltung des durch den
Fhrer geleiteten Zusammenwirkens abhngt. Das sind goldene Worte und Erfahrung
besttigt sie.
    Die preuische Armee von 1806 besa ein treffliches Offizierkorps in den
subalternen Chargen und eine wohlgedrillte Armee, die mit ihrer veralteten
Lineartaktik so lange wacker schlug, bis die elende Oberleitung jeden Widerstand
gegen den besser gefhrten Feind unntz machte. Htte sie aber jene innere
Einsicht, jenes feste dauernde Band des bewuten Zusammenwirkens besessen, so
wre von einer so beispiellosen Auflsung des gesammten Heergefges keine Rede
gewesen.
    Im Befreiungskriege aber leistete nachher die preuische Armee Unerhrtes,
trotzdem sie zum grten Theil aus Landwehren und das Offizierkorps der Linie
wesentlich aus denselben Elementen bestand, die frher bei Jena so schlecht
bestanden hatten. Die franzsischen Truppen mit ihren Veteranenoffizieren waren
technisch berlegen. Aber diesmal war die preuische Oberleitung eine glnzende,
und das innige moralische Zusammenwirken der Gemeinen und Offiziere ergab sich
aus dem gleichmig alle durchlohenden Patriotismus.
    Es ist also immer der moralische Faktor, die Idee, die siegt - falls sie nur
einigermaen praktisch untersttzt wird. Wie aber soll in gewhnlichen
Zeitluften durch Militrerziehung dies moralische Element erzielt werden, da
weder Offiziere noch Unteroffiziere darauf ausgehen, sich die Liebe ihrer
Untergebenen zu erringen?
    Nach dieser Theorie wrden ja die Chancen des nchsten deutsch-franzsischen
Krieges ungnstig fr uns stehen. Denn wie 1870 die technisch ebenbrtige,
besser bewaffnete Streitmacht Frankreichs zertrmmert wurde, weil man ein
einmthiges Zusammenwirken der Deutschen durch begeisterte Vaterlandsliebe
erreichte - so scheinen die Franzosen diesmal diejenigen, welche ein einmthiges
bestimmtes Ziel haben, whrend in Deutschland kein Mensch einen ersehnbaren
Wunsch und Zweck dabei im Auge hat. Aus diesem Grunde siegen ja oft schlecht
bewaffnete ungebte Haufen in Revolutionskriegen ber die ltesten Truppen. Denn
wer siegen will und das Leben fr nichts achtet, der mu siegen. Diesen Geist
kann aber wahrlich keine Erziehung und am wenigsten die militrische, wie sie
bei uns getrieben wird, erzeugen!
    Wir haben aber oben noch einen andern Punkt berhrt, wir sprachen von der
Oberleitung. Und da ergiebt sich denn fr den Kundigen wiederum die
Lcherlichkeit des Offiziersdnkels an sich. Denn nicht die Tchtigkeit des
Offizierskorps entscheidet im Kriege, sondern lediglich die geistige
Beschaffenheit des Oberkommandos. Mit schlechten Truppen und Offizieren siegt
ein guter Feldherr ber gute Truppen und Offiziere unter einem schlechten
Feldherrn. Das ist beinahe selbstverstndlich.
    In Anerkennung dieser Thatsache gehen die heutigen Offiziere sogar so weit,
da sie schon die bloe Energie ohne Talent im Oberbefehl fr gengend achten,
mit schlechten Truppen Gewaltiges zu leisten. Sie verehren Gambetta, dessen
Organisationstalent einfach auf rcksichtslos durchgreifende Brutalitt sich
beschrnkt. Goltz und York erklren geradezu, Gambetta habe in seiner Art
wenigstens die Hlfte eines groen Feldherrn reprsentirt - Gambetta, der
prahlende Charlatan, der schwatzhafte Advokat, dem notorisch selbst die
Anfangsgrnde militrischen Wissens fehlten, der nicht mal ein Dilettant,
sondern ein einfacher Laie genannt werden mu! So leicht ist es nach Ansicht von
Fachmilitrs, ein gengend groer Heerfhrer eines groen Volkes zu werden,
falls man nur berhaupt ber das Durchschnittsma der Intellekte hinwegragt! Wie
viele Gambettas unter Parlamentarien verborgen schlummern, die nur der Zufall
nicht begnstigt - wer wei es!
    Wirklich meint ja auch Carlyle, da im Grunde alles wahre Genie eins und
untheilbar sei, da Shakespeare der grte Staatsmann, Burns der grte Redner
und Reformer u.s.w. geworden wren. Und jedenfalls steht fest, da die wenigen
groen Feldherrn, welche uns die Geschichte zeigt - Csar, Napoleon, Cromwell,
Friedrich der Groe, - nicht durch Selbstbestimmung, sondern durch die Gewalt
der Umstnde Feldherrn wurden und in allen mglichen andern Gebieten sich
zugleich versuchten, wie denn nach Napoleons und Friedrichs Vorgange auch unser
Moltke stark litterarische Neigungen aufweist. Alle groen Feldherrn, ohne jede
Ausnahme, wurden groe Feldherrn, weil sie berhaupt groe Mnner waren, und
jeder bildete sich selbst ohne alle Schule durch eigene Denkthtigkeit und
Initiative zum Feldherrn aus. Die militrische Erziehung hat also auf das
wichtigste Moment des militrischen Erfolges: die Feldherrnerzeugung, nicht den
geringsten Einflu. Sie knnte hier hchstens schdlich wirken, da ihr
Grundprinzip, das Nivelliren, die Eigenart niederdrckt und das Prinzip der
geduldigen Unterordnung, des Avancements nach Anciennitt, das Aufkommen des
Genies ohnehin hindert. Daher sind Revolutionszeiten (siehe die franzsische
Revolution, den amerikanischen Befreiungskrieg und spter den Secessionskrieg)
die wahren Pflanzsttten militrischer Begabung, whrend die berhmte
militrische Erziehung nur entweder Theoretiker oder Gamaschenhelden erzeugen
kann.
    Wir fragen also nochmals zum Schlu: hat der Grenwahn des neudeutschen
Militarismus das Recht, sich mit solcher Wichtigthuerei als Hauptfaktor der
Volkserziehung aufzuspielen? Wir antworten mit einem krftigen: Nein.
    Das Soldatenthum ist auf lange Zeit hin ein nothwendiges Uebel und wir
nehmen den Offizier mit stiller Resignation als ein unabnderliches Utensil der
sittlichen Weltordnung mit in den Kauf. Doch dem Offizier zu den groen uern
Vorrechten seiner Stellung auch noch ein ideales Piedestal zu errichten - diese
Zumuthung lehnen wir ruhig, aber entschieden ab.

    Leonhart machte hier eine kurze Pause, trank ruhig ein Glas Wasser, indem er
seinen Blick gleichmthig ber die offenbar migestimmte, sich ruspernde und
unruhige Versammlung hingleiten lie und fuhr fort:

    Wer seine Nation verachtet und das Fremde vergttert, wie der Deutsche es
frher that, verdient, da er gar kein Vaterland habe. Wer hingegen seine Nation
pltzlich als Ausbund aller Tugenden feiert, wie das jetzt nach dem Muster der
Franzosen und Englnder in Deutschland beliebt wird, mag fr seine Thorheit
selber ben. Denn nicht Patriotismus ist der Grund solch chauvinistischen
Selbstgefhls, sondern jene uranfngliche Philisterfaulheit, die sich in dem
Unrath ihrer eignen Dummheit ganz behaglich fhlt. Es lebe die Brenhaut! Alle
Institutionen Deutschlands sind musterhaft. Wer dagegen schwatzt, ist ein
Skandalmacher. Ruhe ist die erste Brgerpflicht.
    Ueber die zwei Cardinallaster, die zwei Hauptpuppen des speciell preuischen
Grenwahns mchte ich hier ein wenig unehrerbietig freveln.
    Es ist schon gut gesagt worden, angesichts der unglaublichen Phrase, die an
Phantastik eines V. Hugo wrdig: Der Schulmeister hat die Schlachten von
Kniggrtz und Sedan gewonnen -: Larifari, der Unteroffizier hat sie
gewonnen.
    Ja wohl, das klingt wenigstens nach gesundem Menschenverstand. Und dennoch
ist auch dies eine ganz vague Behauptung, die sich ins Unendliche fortsetzen
liee. Denn sicher war es weit mehr die gewandte und umsichtige Fhrung der
Offiziere selbst, sodann die Leitung des Generalstabs, die allgemeine
vortreffliche Ausrstung der Armee; endlich der Wille der Vorsehung, die das zu
erstrebende Ziel lngst vorgesteckt hatte. Den Zufall giebt die Vorsehung,
bemerkt Marquis Posa, zum Zwecke - mu halt der Mensch dabei sein. Und da
helfen z.B. im Kriege Unteroffiziere und Offiziere durchaus nichts, falls nicht
die angeborene Tchtigkeit und Energie und Tapferkeit des Soldatenmenschen, des
sogenannten Kerls, dahinter sitzt. Jeder, der ein wenig mit militairischen
Dingen vertraut ist, wird wissen, da die ewig neu erhobene Behauptung jedes
Reservisten: er habe genau die Hlfte seiner drei Jahre rein fr Nichts
vertrdeln mssen, ja das Alles in weniger als einem Jahr lernen knnen, - stets
belchelnswerth bleibt, da ja interne Kasernenfragen und Commi-Gewohnheiten
gerade die drei Jahre vom Mark und Schwei des Brgers bedingen. Mit weniger
wird halt die Drehung des regelrechten Zopfes nicht erreicht, der dem ganzen
modernen Heerwesen noch immer im Nacken baumelt. Kann man mit einem Jahr
Ausbildung einen Gemeinen erzielen, der vor dem Feind seinen Mann steht? - O
pah, dazu braucht's nur eines Halbjahrs - wie bei den Einjhrig-Freiwilligen,
die ja ihr zweites Gefreiter-Halbjahr auch eigentlich nicht brauchten. Im Grunde
taugen sogar auch die eben erst Eingezogenen dazu, wenn sie nur von gutem Geist
beseelt sind.
    Aber, mein Verehrtester, was gilt das uns? Wir wollen nicht gute
Vaterlandsvertheidiger, wir wollen Soldaten mit allem Gamaschen-Zubehr. Wir
spielen halt gern Soldtles und dazu brauchen wir drei Jahre.
    Sehr gut. Wer kann einen so rhrenden Geschmack anfechten! Spielt ihr nur
fort - aber wie? Die allgemeine Dienstpflicht ist es, d.h. das Vaterland und
Volk ist es, mit dem ihr zu spielen wagt? Patriotische Pflichterfllung nennt
ihr es, wenn dem Vaterlande der ungeheuerste Verlust in national-konomischer
Hinsicht dadurch erwchst, da man die besten Krfte in der schnsten Zeit fr
Parade-Exercitien vergeudet?
    So kauft euch eine Sldner-Armee. Dies aber erinnert an den hessischen
Menschenverkauf. Denn nur mit dem, den man gekauft hat, darf man wie mit einem
Heloten wirthschaften - freilich thut's im brgerlichen Leben kein anstndiger
Mensch.
    Die fortwhrend zunehmenden Unteroffizier-Prozesse, welche die
monstrusesten Details enthllen, die Selbstmord-Epidemie unter den Gemeinen,
weil sie die ewige Angst und grausame Behandlung nicht mehr ertragen knnten,
haben denn doch in letzter Zeit nicht nur in gebildeten Kreisen und in der
Presse einen Sturm der Entrstung entfesselt, sondern sogar in Offizierkreisen
haben sich die ernstesten Bedenken geuert, ob dieser Eckpfeiler des
Preuenthums, der Unteroffizier, noch lnger als eine solche Bestie zu dulden
sei. Man hat sogar aus den Garde-Dragonern zwei Wachtmeister, welche es bis 2000
Thaler pro Jahr an Bestechungen brachten (dort dienen nur die reichsten
Freiwilligen), endlich ausgestoen. Aber der dreijhrige Missethter an Leib und
Seele des armen Rekruten wird noch lange seinen Unfug treiben und, das leicht
erlernbare Pensum eines halben Jahres endlos durch tausend Mtzchen hindehnend,
den ohnehin beschrnkten Bauern das Lernen redlich erschweren. Bei dem
intelligenten Freiwilligen wirkt er freilich nicht direkt verderblich, weil
derselbe das Pensum ohnehin in ein paar Wochen bersieht. Der Rest seiner
Dienstzeit ist Schweigen - und zwar in wrtlicher Beziehung, nmlich
Maulhalten vor'm Vorgesetzten. Auerdem ganz nutzlose Strapazen erdulden, wohl
auch vier Wochen im Lazareth liegen, und zahllose Brutalitten hinnehmen. Das
ist die Ueberfracht von elf Monaten, auer dem einen, der ihn im Kriegsfall als
durchgebildeten Soldaten vor den Feind gebracht htte.
    Mit einem Worte, der wahre Nutzen der dreijhrigen Dienstpflicht besteht in
der Ausbildung der Dulderfhigkeit des Menschen. Wer das berstanden, kann Alles
berstehn. Der Soldat hat gelernt, wie schwer und sauer das menschliche Leben
gemacht werden kann. Das ist schon ein groer Vorzug vom ethischen Standpunkt
aus. Und unsere Moralisten des kategorischen Imperativs lobpreisen diesen
erhabenen Zweck hinter'm warmen Ofen mit sinnigem Behagen.
    Aber seltsam! Der heimkehrende Reservist, der drei kostbare Jahre seines
Lebens dem Erlernen dieser spartanischen Moral geopfert hat, zeigt sich in der
nchsten Zeit nach seiner Entlassung nicht pflichteifriger, sondern weit
arbeitsunlustiger wie frher: Er hat fr die Gewerbe des brgerlichen Lebens,
also fr seinen Beruf und Unterhalt den Geschmack verloren. Sogar bei den
Einjhrigen zeigt sich nach bereinstimmenden Aussagen nach ihrem Zurcktritt
ins Civil zuerst eine unberwindliche Arbeitsscheu und Hang zum Bummeln. Ganz
auffallend aber ist die durchgngige Verrohung der Sitten, Gewaltthtigkeit und
Brutalitt in Wort und That, bei dem sonst ruhigen Charakter des Deutschen,
welche nach jedem Krieg in der Masse, nach jedem Erfllen der Dienstpflicht bei
den Reservisten hervortrit. Begreiflich! In welcher moralischen Sphre hat der
Soldat sich so lange bewegt! Rechtes Arbeiten, d.h. geistiges oder
handwerkliches, hat er total verlernt. Dafr ist er gewhnt, auf lauter
Aeuerliches zu achten, und empfindliches Ehrgefhl als gar nicht vorhanden
anzusehen, da die pbelhafte Rohheit in Worten und Thaten seine tgliche
Umgangs-Nahrung war. Whrend der Krieg selbst die mnnlichsten und hehrsten
Gefhle und zugleich alles Bestialische der Menschennatur erweckt, impft der
Soldatendienst im Frieden der Seele nur die schndlichsten Empfindungen und
Gesinnungen ein: Knechtssinn, mit all seinen Abzweigungen (allerdings eine
wrdige Vorbereitung fr manche amtliche Abstumpfung des Ehrgefhls),
Gleichgltigkeit gegen das physische und moralische Krnken des Nebenmenschen,
allgemeine Brutalitt der Gesinnung. - Verzeihe man diese erneute Betonung des
schon frher Gesagten!
    Der Vertreter dieser herrlichen Schule echtdeutscher Gesinnung ist eben der
Unteroffizier, dieser erlauchte Zuchtmeister und Erzieher von Gottes Gnaden -
dieser rohe, freche, knechtische Charakter der zugleich in unsere reine,
preuische Luft den moskowitischen Wohlgeruch einer staatlich tolerirten, groben
Bestechlichkeit hineintrgt. Wahrlich, ein staunenswerthes Denkmal unserer
Triumphe!
    Sollen sich diese von Jedermann privatim vertretenen, aber aus guten Grnden
ffentlich nur in flagranten Fllen von Rohheit besprochenen Ansichten etwa
gegen die allgemeine Dienstpflicht richten? Mit Nichten. Es wre komisch, so
lange Europa sich in Waffen gegenbersteht, daran rtteln zu wollen. Die stets
mit jeder neuen Session neu auftretenden Forderungen der Liberalen zielen
einfach auf gnzliche Reducirung der Dienstzeit hin, bis dieselbe auf das
gebhrende Ma von Brger-Aufopferung herabgeschraubt werden wird - d.h. auf die
Hlfte der bisherigen. Vor allem aber wird und soll einmal Ernst gemacht werden
gegen den unerhrten Schandfleck der Armee, gegen das in ein unzerbrechliches
System gebrachte Unteroffizierthum. Denn nicht in den Mihandlungen, die solcher
Auswurf sich gegen den Brger erlaubt und nachher, wenn als Schutzleute in den
Polizeidienst bergegangen, fortsetzt, liegt das eigentlich Gefhrliche dieser
Landplage. Nein, sondern die Betrachtung, da ein auf der untersten Stufe des
Geistes und der Moral stehendes Individuum die staatlich patentirte Berechtigung
haben soll, die bestialischen Neigungen seiner gemeinen Seele jahrelang an der
Blthe des Volkes ben zu knnen, mit einer Unverletzlichkeit, die sich bei der
spteren Metamorphose in den Schutzmann durch die bei uns sprchwrtlichen
Dienst-Meineide fortsetzen darf, - diese Betrachtung selbst wirkt emprend und
entsittlichend: Es ist eine feierliche Erklrung der Menschen-Nichtrechte, der
brutalen Gewalt. Alle Beispiele von Tyrannei wirken stets demoralisirend auf die
Schwachen und Gedankenlosen.
    Militarismus! Hat man denn wohl bedacht, da von einem solchen berhaupt
erst bei der allgemeinen Wehrpflicht die Rede sein kann? Wer eine Armee von
Miethlingen mit der Peitsche drillt wie die Englnder, hat dazu das vllige
Recht. Wer sich als Vieh verkauft, mag so gehalten werden. Da allerdings die
Miethlingsarmee Napoleons III. ohne solch entehrende Disciplin eine
unvergleichlich bessere wurde, ist auch ein Factum. Aber von einem entehrenden
Militairzwang kann doch berhaupt erst geredet werden, wo Freiwillige, die
hchstgebildeten Elemente des Landes, sich derselben entehrenden Behandlung
unterziehen mssen.
    Aber lassen wir diesen braven Handlanger der Autorittssclaverei, den
Unteroffizier mit seinen Ohrfeigen und Bestechungen, den Polizisten mit seinen
Ohrfeigen und amtlich patentirten Meineiden! Unsre ganze Aufmerksamkeit wollen
wir jetzt einem viel gefhrlicheren Feinde gesunder Entwickelung, einem viel
berhmteren Eckpfeiler des Deutschthums zuwenden. Dieser Charakter ist ein
wesentlich verschiedener. Denn obwohl die eigenthmlichen socialen Verhltnisse
es mit sich brachten, da in diesem hochgeachteten Stande sich das niedrige
Streberthum mit besonderer Ueppigkeit entfalten konnte, so wird man im
Allgemeinen den deutschen Schullehrer wohl fr einen hchst pflichttreuen, und
mit Geist und Wissen wohlversehenen Mann ansehen drfen, der in mancher Hinsicht
eine Zierde der Nation reprsentirt. Nicht er ist es, dessen verderblichen
Einflu wir hier signaliren mchten, sondern sein System. Wir verschmhen es, in
boshaft satirischer Weise zu zergliedern, wie dies ohnehin verderbliche System
durch pdagogische Unfhigkeit nur zu oft verschlimmert wird. Wir verzichten
ebenso auf Illustrirung des berhmten Schubart'schen Verses: Als Dionys von
Syrakus aufhren mu Tyrann zu sein, da ward er ein Schulmeisterlein.
    Wir lassen alle und jede Rancune gegen die oft unlautern Elemente dieses
Standes bei Seite, welchem sich bei uns die Meisten nur darum widmen, weil er
zuerst zu Brod verhilft. Denn whrend Juristen erst mit dreiig Jahren Besoldung
erzielen knnen, ist dies als Schullehrer zu Beginn der zwanziger Jahre mglich.
Wir wollen nicht nher auf die Thatsache eingehen, da dieser Beruf wie kein
andrer dummdreiste Arroganz ausbildet. Noch wollen wir das bekannte Faktum
errtern, da bei uns die grulichsten Streber, sei es als reactionre
Speichellecker, sei es als fortschrittliche Spekulanten, sich aus diesen Kreisen
recrutiren. - Uns selbst ist der Beruf des Pdagogen der hchste und heiligste,
aber darum auch verantwortlichste. Und gerade darum sei es erlaubt, ein wenig
ber die berhmte deutsche Erziehung zu plaudern.
    Erziehung kann, soll und mu zwei Ziele erreichen: Ausbildung des Geistes
durch wohlverdautes Wissen und moralische Ausrstung fr den Kampf des Lebens.
Sehen wir zu, wie die berhmte deutsche Schule diesen Aufgaben gerecht wird.
    Was macht im Leben den gebildeten Mann, der zu hheren Gesichtspunkten
Stellung zu nehmen wei? Kenntni der Geschichte und Litteratur. Ebenso
nothwendig, wenn auch nicht so bndig verlangt, sind geographische und
Sprachkenntnisse, wovon Englisch und Franzsisch fast unerllich. Die Kenntni
der eignen Sprache, ein ertrglich guter Stil, wird als selbstverstndlich
angenommen.
    Wohlan, welche dieser landlufigen Vorstellungen von Bildung erfllt ein
deutscher Student? Keine.
    Seine Kenntnisse in ethnographischer Vlkerkunde sind miserabel.
Begreiflich. Wer hat ihm je die fr die moderne Weltbildung unerlliche
Kenntni der nationalen Eigenarten und Unterschiede beizubringen gewut? Dies
banausische und profane Wissen zu erlernen, berlt die Schule halt dem Leben,
das denn allmhlich, durch Reisen, durch Lectre, (oft aber auch gar nicht) den
wsten Unrath traditioneller Vorurtheile aus dem Schdel entfernt. Die Strme in
Hinterindien hat er freilich auswendig gelernt. Ja, ich schwrme heute noch fr
Bramaputra und Irawaddie - von der Ethnographie, von der Flora und Zoologie
jener Tropenlnder habe ich freilich auf der Schule nie das Geringste erfahren.
Wenn ich nur die Nebenflsse des Ganges kenne! Um kurz zu sein, der Unterricht
in der Erdkunde nach jeder ntzlichen Richtung hin ist gleich Null. Wenn der
Schler nur nach dem Leitfaden hbsch auswendig lernt und der Lehrer auf dem
Katheder schlafen kann - das bleibt immer die Hauptsache.
    Die geschichtlichen Kenntnisse? Ein grliches Spinnennetz von Jahreszahlen
und aneinandergereihten unerklrten Begebenheiten umklammert den armen
jugendlichen Kopf und saugt ihm fr immer und ewig jedes Interesse an der
Geschichte fort. Jene wenigen schtzbaren Geister nehme ich aus, die wie Faust's
Famulus mit unendlichem Behagen im Pergamentstaub der historischen
Spezialforschung whlen und oft mit krasser Unwissenheit im Ueberblick der
allgemeinen Weltgeschichte eine wundervolle Werthschtzung ihrer eigenen
Maulwurfsweisheit in Quellenforschung vereinen. Fr diese Lumpensammler der
Historie mag allerdings gerade der biedere stramme Daten-Unterricht besonders
bahnweisend gewesen sein. Aber aus solch bevorzugten Geistern, welchen etwa eine
Monographie ber einen hohlen Zahn des Knigs Ramses gelingt, besteht doch nur
ein Millionstel der Unterrichteten. Entschdigt uns die erquickende Anregung
solch knftiger Quellenforscher fr die erttende Qual, mit dem das geistlose
de Repetiren den jugendlichen Geist niederdrckt und ihm fr immer
unberwindliche Abneigung gegen alles Historische einflt? Ja, nicht einmal in
jenem rohen Ballast von Auswendiglerne-Pensum sind Sinn und Ordnung zu erkennen.
Zwar lernt der Deutsche verhltnimig mehr von der Geschichte andrer moderner
Vlker, als diese von der unsern, obwohl mir auch dies Ma ein recht geringes
erscheint und der deutsche Durchschnittsgebildete doch wenig Grund hat, sich
ber die Ignoranz der Englnder und Franzosen in dieser Hinsicht aufzuhalten.
Aber whrend seine eigne Geschichte natrlich ganz wst und ordnungslos, ihm
sprlich und bruchstckweise vorgekaut wird, so da er wohlweislich von diesem
bsen Jahrhundert nichts zu hren bekommt, - werden ihm die Cantnlifehden der
Griechen und Rmer in einer Breite und mit einer Selbstgeflligkeit vorgetragen,
als hinge das Wohl der ganzen Bildung davon ab, wie Csar's Legaten, Tribunen,
Centurionen und Primipile geheien. Ebenso fordern dieselben Erzieher, welche
die deutschen Gesetze und politischen Constitutionen ngstlich zu behandeln
vermeiden, unbedingteste Kenntni der Gesetze des ehrwrdigen Servius Tullius -
um so ehrwrdiger, da er nie gelebt hat - und die Gesetzvernderungen je nach
Stand der Parteien werden mit allen Klauseln unauslschlich dem Gedchtni
eingeprgt.
    Bravo! Deutscher Student, kennst Du die Declaration of human rights? Kennst
Du die Verfassung des Englischen Parlaments? Nein. Kennst Du die Dclaration des
droits de l'homme? sowie die Decrete des National-Convents? Nein. Kennst Du
endlich die politischen Gesetze, um welche Deutschland seit Napoleon rang? Nur
in nothdrftigen Phrasen. - Aber man frage Dich von der lex Acilia de repetundis
bis zur lex Voconia das ganze alphabetische Verzeichni der leges durch - da
bist Du zu Hause.
    Und das auch nur, falls Du ein strebsamer und erfolgreicher Lernender
gewesen - was ich immer zur Voraussetzung nehme, obschon noch nie ein
origineller selbstthtiger Geist der deutschen Gymnasialbildung das Geringste
verdankt hat, ja verdanken konnte. Denn selbst die Kenntni der Antike flsse
den Wenigen, die derselben bedrfen, auf dem Wege des Selbststudiums in krzerer
Zeit viel grndlicher zu. Wer wre je auf der Schule in den wahren Geist der
antiken Dichter und Geschichtsschreiber eingedrungen, da die Repetition der
unregelmigen Verba daran hindert! Die lateinische und griechische Grammatik,
nicht die Litteratur, derentwillen angeblich die todten Sprachen gepflegt
werden, trgt der deutsche Gymnasiast nach Hause. Und dieser Formelkram, der den
Geist erttet, setzt sich auf der Universitt fort. Die Studenten, die nicht
einzig irgend einem Brodstudium frhnen, sollen mit ihrer allgemeinen
Unwissenheit von geschichtlichen Vorlesungen profitiren, welche irgend einen
kleinen specialistischen Winkel-Abschnitt der Historie behandeln, den man in
Wahrheit nur durch berschauende Kenntni der allgemeinen historischen
Verhltnisse begreifen knnte. Wo man aber gar einen Lehrstuhl der Aesthetik
amtlich besoldet, da wird der angehende Bierphilister durch widerliche
Shakespeareomanie und Goethepfafferei um den letzten Gran gesunden Urtheils und
natrlicher Empfindung gebracht. Ein knftiges Jahrhundert wird darber richten,
ob die einseitige deutsche Gelehrsamkeit die Nation nicht vielfach in Entfaltung
ihrer Krfte gehemmt habe. Das Buch der Bcher, die Weltgeschichte, lehrt, da
aller vernunftwidrige Unsinn eines Tages seine Grenze findet.
    Ich verlasse hier den Grenwahn des deutschen Schulmeisters, der als
wrdiger Bruder des Unteroffiziers und geistiger Knote jede freie
Geistesentfaltung zu nivellirender Uniformitt herabdrillen mchte. Jetzt wende
ich mich zum Schlu einigen allgemeinen Beobachtungen ber den deutschen
Nationalcharakter zu.
    Wir verstehen diesen am besten, sobald wir den franzsischen und englischen
zum Vergleich heranziehn.
    Der Franzose ist ein Sanguiniker. Mit leicht beweglicher, jedoch rein in die
sinnliche Wahrnehmung gebannter Phantasie verbindet er im Ganzen eine
erstaunliche Klte des Herzens. Er ist grausam, unbarmherzig im Verfolgen
egoistischer Plne und Leidenschaften, zu welchen besonders seine phnomenale
Sinnlichkeit zu rechnen ist, brutal im Besitze der Macht und wesentlich nur aus
Eitelkeit zur sogenannten franzsischen Courtoisie und Ritterlichkeit geneigt.
Nichtsdestoweniger berauscht ihn seine oberflchliche schillernde Phantasie sehr
oft bis zur grten Noblesse und Empfindsamkeit, sobald man an seine Wrde als
Glied der groen Nation appellirt. Somit ist Eitelkeit und wieder Eitelkeit die
Triebfeder seiner guten wie seiner schlechten Handlungen und Eigenschaften. Sein
Idealismus ist stets aus diesem einen Beweggrund herzuleiten, persnlicher oder
nationaler Eitelkeit. Darum wird er mit Begeisterung Jeden betrachten, der den
uern Glanz Frankreichs frdert, um so mehr er im Ganzen von erstaunlicher
Unselbstndigkeit ist und sich am liebsten von einem zusammenfassenden
energischen Willen leiten lt. Er ist mit Begeisterung servil, ebenso wie er
mit Begeisterung die Freiheit anbetet - Beides, um seiner Phantasie ein Idol zu
bieten, heie es nun gloire oder libert. Seine aufopfernde Hingebung fr dies
momentane Idol schlgt natrlich in das Gegentheil um, sobald diese Hingebung
dem Heihunger seiner phantastischen Eitelkeit nicht mehr genug entsprechende
Sttigung gewhrt. Aber der knstlich zur National-Eitelkeit grogezogenen
Eitelkeit seines Naturells und seinem Leithammelsuchenden Instinkt verdankt er
seine erlauchteste Tugend, den unbestreitbaren stets bewiesenen Patriotismus,
der Alle vereint. Auf Gemeinsamkeit ist der Franzose berhaupt hingewiesen und
veranlagt, in eminentem Sinn ein Zoon politikin. Ihm ist die Gesellschaft
Alles, weswegen er eine tdtliche Furcht vor dem Lcherlichen empfindet. Diese
in seinem Charakter liegende Unselbstndigkeit bei aller Selbstberschtzung,
diese Selbstverknechtung unter die eiteln Dogmen uerer Gesellschaftszustnde
erklrt denn das Problem, da der Franzose - aus Eitelkeit, phantasievoller
Nervenerregtheit und angeborner frnkischer Wildheit mit denkbar hchstem
physischen Muth begabt - im Uebrigen als ein moralischer Feigling erscheint.
Folge von dem allen, da die franzsische Nation mit Recht eine groe genannt
werden kann, der Franzose selbst aber im Ganzen ein kleiner und kleinlicher
Charakter ist und bleibt.
    Genau das Umgekehrte gilt vom Englnder, wo der Einzelne im Ganzen
achtungswerth erscheint, die Nation aber als Totalitt einen peinlichen Eindruck
hervorruft. Der Englnder entwickelt in seiner Art dieselbe Eitelkeit, wie der
Franzose - nur in anderer Form, die zwar weniger kindisch, aber desto
widerwrtiger wirkt.
    Der Britte ist Choleriker mit melancholischem Anhauch. Die lebensfrohe
Eitelkeit, das kindliche Behagen an allem Gleienden, Kinderklappern wie
Napoleon das treffend bezeichnete, fehlt daher dem Inselbewohner. Seine
Selbstvergtterung richtet sich vielmehr nach innen, statt nach auen. Statt von
der Welt Weihrauch zu fordern, baut er sich selber Altre als sein eigner
Hohepriester. Eine ungeheure Werthschtzung seines kleinen erbrmlichen Ichs
dehnt sich dann concentrisch auf alles ihm Anhngende, also auch auf seine
Nation aus. Daher der starke Familiensinn, der Clan-Geist auf den britischen
Inseln. Die Begriffe dieser Insulaner von der Bedeutung ihres Landes und also
auch ihrer selbst sind freilich weit verletzender als die der Franzosen.
Frankreich mchte die Herrin der Welt heien, an der Spitze der Civilisation
marschiren. Das will England gar nicht. Civilisation? Giebt's auer England
berhaupt nicht. Die Welt? Die Welt ist England. Alles nicht England Zugehrige
ist werthlos und gleichgltig, geradezu ein Lapsus der Schpfung. Der Franzose
schwatzt von des barbares, der Englnder aber denkt es, ohne da er es der
Mhe werth fnde, es auszusprechen.
    Alle Continentalen, den eitlen Franzosen inbegriffen, sind Barbaren,
unmndige Kinder, bemitleidenswerthe Schwchlinge. Es erhellt daraus der gradezu
organisirte Egoismus dieser Nation, welche sogar die selbsttuschende Phrase des
Franzosen bei seinen brutalen Gelsten gleichgltig verschmht und die nackte
eisige Selbstsucht der Ntzlichkeitstheorie offen als Richtschnur ihrer
Handlungen angiebt. In Folge dessen wird der englische Staat d.h. die den Staat
reprsentierente Adels-Oligarchie stets ein direkter Feind der Menschheit
bleiben, weil dort die persnlichen Eigenschaften des Englnders als Mensch
nicht sichtbar werden, sondern nur der destillirte Genius dieses Volkes:
schrankenloser Egoismus und Hochmuth.
    Emerson nennt Jeden dieser Insulaner eine Insel fr sich. Schon hieraus
erhellt, da er in striktem Gegensatz zum Franzosen die Tyrannei der uerlichen
Gesellschaftsformation an sich verachtet und diese nur in dem Grade respektirt,
als sie seinem Egoismus entgegenkommt. Sein kaltes Ntzlichkeitsprinzip lt
daher mit stillschweigendem Achselzucken die verrottetsten Mibruche der
Gesellschaft bestehn, indem seine durch und durch pessimistische Weltanschauung
diese Mibrauche und inhumanen Thorheiten fr nothwendig hlt, um die materielle
Wohlfahrt, die ihm ber Alles geht, aufrecht zu erhalten. Hiermit correspondirt
oder vielmehr hieraus resultirt auch die hlichste seiner Charaktereigenheiten,
die alle Schichten des englischen Lebens durchdringende Heuchelei. Es ist dies
eine eigenthmliche Verlogenheit der Gesinnung, welche stillschweigend alle
Vorurtheile und Legenden der Dummheit in dem Mae sanktionirt, da jede
mndliche und private, geschweige denn gar schriftliche und ffentliche
Aeuerung gegen dieselben als ein Beweis mangelnden Anstandes und frecher
Pbelhaftigkeit betrachtet wird.
    Im Besitz der schrfsten Verstandesfhigkeit, ist der Britte oder vielmehr
macht sich mit instinktiver Absichtlichkeit unfhig, ber die selbstgesteckten
Schranken seiner Vorurtheile hinauszudringen. Der Franzose frchtet nur die
Lcherlichkeit, der Englnder nur den Skandal. A scandal ist ihm aber in
erster Linie alles Extravagante und Exentrische - was Napoleon als Ideologie
bezeichnet htte. Ein Britte sagt sehr richtig: Sich gegen die Bornirtheit
auflehnen heit bei uns to loose caste, die Kaste verlieren. Und der
Kastengeist ist das herrschende Princip Englands, da derselbe auf dem sich
selbst abschlieenden Insulaner-Egoismus und dem Triebe zum brutalen Hochmuth in
dieser Race beruht. Bornirte Bigotterie in jeder Beziehung ist der Sttzpfeiler
dieses Systems, das um so schwerer zu erschttern ist, als der Britte genau in
demselben Mae treu, zhfesthaltend und schwerfllig, als der Franzose
brderlich, flchtig und gewandt. Durch dieses Grundgebrechen wird jedoch der
Charakter des Englnders vergiftet. Denn der Heuchler dient nicht nur dem Geist
der Lge, sondern selbstgerechter Pharisismus wird lieblos und inhuman auf den
Zllner herabblicken. Ursprnglich von aufrichtiger Liebe fr die Wahrheit
beseelt, lt er dieselbe ungehrt verhallen, sobald seine pharisische
Selbstanbetung durch sie verletzt wird.
    Neben dem jugendlichen Grenwahn des Franzosen und dem verhrteten
greisenhaften Dnkel des Englnders leidet nun der Deutsche vielfach an
hndischer Demuth und Fremdthmelei. Dazu hat er wenig Grund.
    Man prahlt so hufig mit dem, was man nicht ist und nicht hat, nicht mit
dem, was man ist und hat. Mge der Deutsche doch endlich aufhren, seine
fragwrdige Tugend herauszustreichen und sich lieber - statt grade hier
bewundernd nach dem Ausland zu schielen - seiner superioren Begabung bewut
werden, die ihm in Knsten, Wissenschaften und Gewerken, in Krieg und Frieden
stets eine berwltigende Flle von Talenten verschaffte wie keine andere Nation
sie aufzuweisen hat!
    So wird man ihm die zwei groen Gter fr den Kampf ums Dasein, Klugheit und
Flei, in hervorragendem Mae nachrhmen mssen. Da diese Arbeitskraft,
Ausdauer und Ueberlegung, nichtsdestoweniger die, aus lauter solchen
Einzelkrften bestehende, groe deutsche Nation erst durch bittere Not und
eisernen Zwang zu einer klugen und standhaften Politik bewegen konnten, whrend
doch diese Eigenschaften sie zu einem politischen Volk in erster Linie stempeln,
- das hat der Deutsche einzig seinem mangelhaften Charakter zuzuschreiben. Neid,
Migunst, Unfhigkeit zur Begeisterung, Gleichgltigkeit gegen ideale Interessen
(alle deutschen Dichter und Denker von Wolfram von Eschenbach bis auf Richard
Wagner wissen davon ein Lied zu singen), Pedanterie und Philistrositt,
Knechtssinn, verbunden mit mivergngtem Fortschrittsgeznk - das sind kleine
und kleinliche Laster, fr die man gern die phraseologische Verlogenheit und
Leichtfertigkeit der Franzosen und die Brutalitt der Briten eintauschen mchte.
Es mangelt dem Deutschen vor allem das wahre mnnliche Selbstvertrauen und dies
mute erst wieder durch das stramme Preuenthum geweckt werden. Wenn Sie
brigens bedenken, da Sie Preuen sind, so habe ich nichts mehr hinzuzufgen -
diese groen Worte des groen Friedrich vor der Schlacht bei Leuthen bilden
einen Wendepunkt der deutschen Geschichte.

    Leonhart verbeugte sich und verschwand. Die Versammlung der Zuhrer summte
und brummte beim Aufbruch durcheinander. Ein Offizier schnarrte laut: Eine
solche Frechheit! und ein alter Herr, der wie ein Gymnasialprofessor aussah,
schnob majesttisch: Mu wegen schlechten Betragens an den Ofen gestellt
werden.
    Der allgemeinen Volksstimme aber, welche bekanntlich Gottes Stimme ist, lieh
Dr. Drechsler-Cannibalis monumentalen Ausdruck, indem er laut mit ausgestreckter
Rechten brllte: Ein solcher Grenwahn ist reif frs Irrenhaus!

                                      II.


Krastinik und Leonhart gingen in Friedenau spazieren. Sie hatten mitsammen einen
Ausflug gemacht, um einen dort wohnenden Antisemiten zu besuchen, da sich
Krastinik lebhaft fr diese Bewegung interessirte. Freilich hinderte ihn das
nicht, mit den jdischen Redactionen persnlich auf bestem Fue zu verkehren.
Von einem Grafen lt man sich ja viel gefallen.
    Darauf spielte Leonhart an, indem er ironisch uerte: Ach Gott, der
Antisemitismus des Adels! Da rgert sich Baron v. Habeiuchts, da Itzigs Madera
und Maitresse feiner als die seinen, und gn' Frl'n Adelheid v. Schwindelheim
kriegt die Gelbsucht, weil Kalle Mosessohn kann fahren mit Gummirder.
    Das sagen Sie, Verehrtester, und gelten doch fr einen fanatischen
Antisemiten?
    Wieso ich zu dieser Ehre kam, blieb mir schleierhaft. Mag ich gelten, wofr
man will! Man lasse die Leute schwatzen! Ich habe Ihnen schon oft gesagt, da
ich in dem gang und gben Sinne kein Antisemit bin, sondern nur so, wie alle
lebenden Deutschen es sind und ein guter Bruchtheil der anstndigen Juden dazu.
Ich bewundere den dmonischen Selbstsucht-Instinkt dieser Race und schtze sie
als zersetzendes Element fr die teutonische schlafmtzige Michelei. Nur darf
die semitische Unduldsamkeit nicht jedes freie Wort verpnen. Ich hasse nicht
die Juden, sondern den jdischen Geist. Und der steckt in manchem getauften
Antisemiten erst recht. Ich habe den Muth meiner Meinung und sage ins Gesicht,
was die Philosemiten hinter'm Rcken ihrer jdischen Brotherrn stnkern. Aber
nicht mal die jdische Presse, die vielverschrieene, taugt weniger als die
christliche. Stets gerecht, erkenne ich gewisse groartige Eigenschaften des
Judenthums im Gegensatz zu deutscher Kleinlichkeit willig an. Der semitische
Grenwahn grndet sich auf wirkliches Kraftgefhl und ihr Ntzlichkeitsprinzip
verbindet sich sogar mit warmbltigem Gemth. Eigentlich liebe ich die Juden,
diese willensstarke napoleonische Race, ebenso wie ihre Weiber oft den ltesten
Blutadel der Welt im Gesichtsschnitt aufweisen.
    Sie sonderbarer Schwrmer! Und haben's doch so ganz mit den Shnen Israels
verdorben!
    Mit wem htte ich das nicht?!
    Sehr wahr. Wie werden die Schulmeister auf Sie schimpfen nach Ihrer
neulichen Rede!
    Pah! lachte der Umstrzler verchtlich. Kerls, die ihr Waschbecken fr
den Ocean ansehn und den alten Homer, dem bei ihrem Anblick bel geworden wre,
als ihr Eigenthum betrachten! O diese Kleinigkeitskrmer! Wo ist ein Mann, ein
Ganzer, unter all diesen Halbmenschen!
    In diesem Augenblick kam eine merkwrdige Erscheinung die Friedenauer
Chaussee herab, wie als Antwort auf diese Frage. Ein ungeheurer Hund sprang
bellend vorber und dann folgte ein Herr (seine Kutsche rollte in einiger
Entfernung nach) in einfachem schwarzem Anzug mit einem groen Schlapphut, so
wie der alte Wodan ihn getragen haben soll. Und ein durchdringendes forschendes
Wodansauge flammte unter buschigen Brauen auf, als die Beiden ehrerbietig
grten und er hflich dankte. In diesen Zgen, welche Europa kennt, lag eine
tiefe unergrndliche Trauer.
    Die Hnengestalt schritt wuchtig vorber. Die Beiden sahen ihm lange
schweigend nach, dann setzten sie ihren Weg fort.
    Schwer genug, hob Leonhart nach einer Pause, wo Jeder seinen Gedanken
nachhing, an, ja, fast unmglich, schon heute ber einen Bismarck abschlieend
zu urtheilen! In ununterbrochener Entwickelungskette wlzt sich die Geschichte
fort. Diese Kette fhrt von den Wickingfahrten der Nordseesachsen zur Hansa, von
den Wendenkmpfen zum deutschen Orden in Preuen, von den Hohenstaufen zu den
Hohenzollern.
    Sehr gut, fiel Krastinik ein. Das liee sich noch weiter ausfhren. Der
Nibelungendichter, Wolfram und Walter befhigten wohl Goethe, Schiller und
Hutten zu sprechen.
    Zweifellos. Es ist der Geist Luthers, der in Lessing weiterwirkt.
    Und vielleicht das Genie Friedrichs des Groen, dessen Abglanz auf Bismarck
ruht? Aber nein, dieser Vergleich wrde hinken. Vielmehr scheint mir gerade
Luther - er zgerte.
    Ganz recht, bekrftigte Leonhart. Dieser derbe schsische Bauer gemahnt
am meisten an Bismarck, falls wir nach einer Parallele suchen. Nach einer Pause
fuhr er fort: Bezeichnet Bismarck einen Uebergang oder einen Hhepunkt, ein
Bleibendes im kreisenden Werden der Dinge? Wir wissen es nicht. Eins aber wissen
wir: da auf ihn die Definition pat, die Carlyle, der Prediger der
Heroen-Verehrung, einem Helden giebt: Es ist jederzeit die Eigenart des Helden,
auf die Realitten zurckzukommen, sich auf die Dinge, statt auf den Schein der
Dinge zu sttzen. Auch hat die Prophetenstimme des modernen England sich dahin
erklrt: Bismarck sei eine Art Cromwell, soweit dies in unsrer armseligen Zeit
mglich. Wirklich hnelt der grimme Feind des deutschen Plapperments dem
parlamentauflsenden Lord-Protektor durch eherne Thatkraft und Zhigkeit sowie
eine gewisse Rcksichtslosigkeit im Zugreifen.
    Hm, ja. Der Graf nickte nachdenklich. Selbst das Verhltni Bismarcks zu
Moltke mag Vergleich-Jger an dasjenige Cromwells zu Blake erinnern. Allein von
der mystischen Gefhlstiefe und dstern schmerzvollen Gluth des Puritaners kann
man doch nur mangelhafte Spuren in dem praktischen preuischen Weltmann
entdecken.
    Na berhaupt! Das wollen wir denn doch dahingestellt sein lassen, ob man
Bismarck zu den Genies vom ersten Range wie Napoleon und Cromwell rechnen drfe.
Von jener Universalitt der Begabung, wie sie solche Feldherrnherrscher
bekunden, kann hier ja nicht die Rede sein. Freilich, die originale
Fortentwickelungsfhigkeit einer schpferischen Einbildungskraft, welche mir das
eigentliche Wesen des Genies auszumachen scheint, besitzt ja der Einiger
Deutschlands auch.
    Wieso?
    Nun, seine patriotische Idee, von der er dmonisch beherrscht blieb, reifte
unablssig in ihm fort. Er trug sie mit sich, er modelte sie stetig um und pate
sie rastlos allen sich bietenden Verhltnissen an.
    Schon recht. Aber der ekelhafte Gtzendienst seiner knechtischen
Schmeichler mu doch jeden unabhngigen Mann zum Widerspruch reizen, erwiderte
Krastinik.
    Hm, er bleibt nun eben doch der grte Meistervirtuose der diplomatischen
Technik. Wenn man seine Leitung unsrer auswrtigen Geschfte sorgsam prft, so
wird man zum Verstndni dieser eigenthmlichen Genialitt gelangen.
    Und ber ihn als Charakter ...
    Ach, darber reden wir doch lieber nicht. Eine optimistische Anschauung zu
theilen oder anzufechten, kann keinem Verstndigen belieben, da den Zeitgenossen
ein gengendes Material zu Gebote sieht. Es gehrt der Tiefblick eines
Dichter-Psychologen dazu, Leonhart betonte diese Worte mit verstecktem
Selbstbewutsein, um die Widersprche im Charakter dmonischer Individualitten
zu lsen und zu verknpfen.
    Das soll wohl heien: Die Feinde des Bismarckschen Charakters wie die
Verehrer desselben haben alle beide recht und alle beide Unrecht?
    Just so, exactly, Leonhart liebte es, solche englische Brocken
einzustreuen - sobald man einseitig bei Fehlern oder Vorzgen des
Privatmenschen verweilt. Na, und dann gehrt es ja zu den unleugbaren Schwchen
dieses groen Mannes, jede Antastung seiner unfehlbaren Makellosigkeit als eine
Art Gotteslsterung, auch Bismarckbeleidigung genannt, aufzufassen: Das ist eben
sein Grenwahn. Da behlt ein gescheidter Mann seine Ansicht am liebsten fr
sich, heut wo das Denunciantenthum frmlich herangezchtet wird. Denn wer die
Macht hat, hat immer Recht. Uebrigens, wem steht heut ein magebendes oder gar
abschlieendes Urtheil zu! Seichte und selbstische Parteimeinung deckt sich
nimmer mit dem unbestechlichen Wahrspruch, den dereinst berlegene Wissende vor
dem Richterstuhl der Geschichte fllen werden.
    Jaja, ein Urtheil ber Mnner der That ist berhaupt schwer, bemerkte der
Graf sehr richtig. Die Gedankenfaulheit urtheilt ja da immer nur nach dem
Erfolg. Das mechanische Getriebe der Welthndel unterscheidet sich doch gar sehr
von den ewigen Thaten der Kunst und Wissenschaft. Wie kann eine feststehende
Werthung mglich sein, wo so Vieles vom Zufall und den untoward events abhngt!
Und ist nicht Bismarck Opportunist durch und durch?
    Das ist kein Vorwurf, sondern ein Lob fr den Staatsmann, der nur von den
Schiebungen der Mglichkeiten bestimmt wird und dessen Gre gerade in dem
klaren Blick fr das augenblicklich Nothwendige besteht. Und hat etwa der
gewaltige Mann je darber den einen Zweck vergessen, den er mit eherner
Konsequenz durch sein ganzes thatenreiches Leben verfolgte?
    Na, ein selbstloser Idealist kann er doch wenigstens nicht genannt werden.
Stets hat er verstanden, sein eigenes Wohl mit der Wohlfahrt des Vaterlandes zu
vereinen. Und dabei klagt er noch ber die sprichwrtliche Undankbarkeit der
deutschen Nation!
    Ja, sagte Leonhart lchelnd, man denkt unwillkrlich an das boshafte
Pamphlet Swifts ber den schweren Undank, mit welchem Marlborough sich belastet
erklrte - in der runden Summe von 54000 Pfund Sterling! Im Gegentheil, es ehrt
die Nation in der Gegenwart und strkt die Hoffnung auf ihre Zukunft, wie es in
dem herrlichen Briefe des Kaisers vom 1. April 1885 heit, wenn sie das Groe
anerkennt. Denn wahrlich, dieser Bismarck ist nach Luther und Friedrich unser
verdientester Mann.
    Nun ja, er besitzt ein Willenszentrum von auerordentlicher Strke, wie
schon seine Bulldoggennase beweist, meinte der Oesterreicher achselzuckend.
Aber das Geheimni seiner Erfolge liegt doch in der Bornirtheit und
Verlotterung der herkmmlichen Diplomatie, mit welcher er zu ringen hatte. An
seiner Stelle mit seiner Macht knnten Viele das Gleiche leisten. Pah, mein
Bester, die betreffenden politischen Schiebungen bestimmen meist die Politik
halb willenlos und als Leiter von 46 Millionen kann man schon gebietend
auftreten. Hat doch sogar Excellenz Windthorst in offenem Reichstag hnliches
verlauten lassen!
    Leonhart schttelte den Kopf und sann einen Augenblick nach. Dann fragte er:
Langweilt es Sie, wenn ich Ihnen meine Auffassung der Bismarckschen Politik
vortrage?
    Im Gegentheil. Ich bitte darum.
    Jener rusperte sich und begann, indem die Gedanken ihm stromweise
zuflossen:
    So geniale Zge wir in der Politik Richelieus, Cromwells und Napoleons
bewundern, mchte ich doch beinahe die Behauptung wagen, da ein solcher
Meistervirtuose der diplomatischen Technik in den auswrtigen Angelegenheiten
kaum jemals erstanden sei, da Bismarck als diplomatischer Spezialist ungefhr
die Stellung unter seinen Kollegen einnehme, wie sein Lieblingsdichter
Shakespeare in der Litteratur.
    Bei der Abwgung und Werthung staatsmnnischer Verdienste mu man in erster
Linie die Umstnde selbst in Berechnung ziehen. Es war z.B. ein gut Stck
Arbeit, wenn Gustav Adolf und Oxenstjerna das kleine arme Schweden zu einer
Gromacht erhoben. Aber die europische Konstellation lag diesem Beginnen auch
beraus gnstig und zuletzt nahm dies ungesunde Hinaufschrauben eines
Kleinstaats zu unmglicher Stellung ein Ende mit Schrecken. Napoleon und
Cromwell vollfhrten gewi Staunenwerthes, doch ersterer wurde durch die
Elementarkraft der Revolution so hoch gehoben, letzterer blieb vor direkter
Einmischung des Auslands durch Englands Inselthum geschtzt. Bismarck aber fand
Preuen in tiefster Erniedrigung und fhrte es aus denkbar ungnstigsten
Verhltnissen, im Kampf mit dem Innern wie mit dem Auslande, zu der ihm
gebhrenden Welthegemonie empor.
    Da die Sehnsucht nach der Einheit in ganz Deutschland verbreitet war, da
Myriaden braver Deutscher vor Bismarck darnach gestrebt hatten, da ihm, sobald
man erst sein wahres Ziel erkannte, diese ganze groe Nation einmthig
entgegenjubelte, thut seinem besondern Verdienste keinen Abbruch. Da er schon
auf dem Frankfurter Bundestag seinen Schwur des Hannibal im Herzen trug, wird
wohl heut kaum einer mehr bezweifeln. Freilich nur in unbestimmten Umrissen. Da
er wie jeder geniale Mensch mit seinen Zielen wuchs, an seinen Erfolgen sich
fortentwickelte, steht auer Frage. Erst nach 1870 wurde er ganz Deutscher, bis
dahin vertrat er lediglich das Interesse Preuens. Ehre ihm dafr! Charity
begins at home! sagt das englische Sprichwort.
    Erst wenn ein geschichtlicher Individualmensch dadurch erklrt werden soll,
merkt man so recht das Miliche des Vergleichens. Da hat man in der
Konfliktszeit Bismarck den preuischen Strafford genannt, weil sein zher
Royalismus an jenen starrkpfigen Minister Karls I. zu gemahnen schien. Und doch
erinnert Bismarcks Wesen und Gebahren gerade umgekehrt an die hochmthigen,
nervenkranken, jhzornigen, portweinliebenden Pitts, mit welchen er auch den bis
zum Fanatismus gesteigerten Nationalstolz theilt. Wenn ich denn von einem Teufel
besessen bin, so sei es ein teutonischer Teufel! diese Worte des einstigen
Gesandten in Petersburg soll die Geschichte auf das Grabmal des Reichskanzlers
schreiben, wie auf das des jngeren Pitt den Liebesseufzer des Sterbenden: My
country, how do I love my country! -
    Bis 1864 mute die Politik Bismarcks dahin streben, Preuen mglichst
isolirt zu halten, um bei dem augenblicklichen Uebergewicht Oesterreichs im
deutschen Bunde nicht ins Schlepptau genommen zu werden und ein zweites Olmtz
zu erleiden. Die Neutralitt 1859, die freundschaftliche Annherung an Ruland
1863 und die trotzige Gleichgltigkeit gegen die Forderungen der Westmchte
waren wichtige Etappen auf dem langen Wege, den er vor sich sah und mit immer
gleicher Umsicht und Festigkeit verfolgte.
    Als sein diplomatisches Meisterstck aber hat er stets das Jahr 1864
bezeichnet, wo es ihm gelang, den Rivalen Oesterreich selbst als Hebel zu
benutzen, indem er zugleich durch das Danaergeschenk Holsteins bereits den
nthigen Zankdrossel fr den lange sorgsam vorbereiteten Bruch mit Oesterreich
diesem hinwarf. Von da ab, Oesterreich ber das nahende Ungewitter so lange wie
mglich tuschend, galt es freundliche Fhlung mit Napoleon zu gewinnen und
unter dem Schutz dieser Deckung mit Napoleons Klientelstaat Italien sich gegen
den gemeinsamen Feind Oesterreich zu verbinden. Da Bismarck 1866-68 ein
sogenanntes falsches Spiel mit Napoleon trieb, darf kaum bestritten werden. Die
Enthllungen Benedettis ber die zweideutige List, mit welcher Bismarck ihm die
geheimen Wnsche Frankreichs ablockte und selbst in Form eines Vertrags zu
Papier bringen lie - mit der festen Absicht, eben diesen Vertrag spter gegen
Frankreich auszuspielen, wie es 1870 wirklich geschah - sind nie positiv
widerlegt worden. Lag doch ein besonderer Kniff der Bismarckschen Politik stets
darin, den Feind ins Unrecht zu setzen und genau zu dem Schritte zu verleiten,
der im richtigen Augenblick den gewnschten Krieg herbeifhren mute. Diese
Taktik wurde denn auch 1870 meisterlich angewandt.
    Alles ist erlaubt im Krieg und in der Politik - gegen diesen Grundsatz lt
sich schlechterdings nichts einwenden. Es gewhrt einen besonderen Genu, in der
Luxemburger Frage 1867 das Schachspiel des im Dupiren stets dupirten
Rnkeschmieds Louis Napoleon mit dem kaltbltig sicheren Mann von Eisen zu
beobachten, der stets vorsichtig, nie bereilt und im gegebenen, Fall
unerschtterlich entschlossen, weder Bitten noch Drohungen zugnglich erschien.
    Nachdem man sich 1870 durch Ruland gegen Oesterreich gedeckt, wurde bald
genug klar, da die Errichtung des deutschen Reiches und die Demthigung
Frankreichs von Ruland als eine Strung des europischen Gleichgewichts
empfunden wurden. Es blieb daher nur ein Ausweg und ihn ergriff Bismarck mit
untrglichem Scharfblick im geeigneten Moment: Ausshnung mit Oesterreich und
Bndni der zwei deutschen Kaisermchte als Bollwerk Mitteleuropas gegen Osten
und Westen. Auerdem galt es, durch die Kolonialbeziehungen Frankreich und
England wechselseitig gegen einander auszuspielen. Die absolut richtige Haltung
Deutschlands in der Bulgarischen Frage, welche Oesterreichs wahre
Interessenpolitik klarlegte und dessen nothwendige Entschlossenheit, in gewissen
Fllen selbst auf eigene Faust seine Stellung zu bewahren, erwies, scheint von
Schwachkpfen ebenso wenig begriffen, wie frher die tiefdurchdachte Fhrung des
Meisters in anderen Fragen.
    Leonhart schwieg einen Augenblick, dann lachte er leise, vor sich hin und
fuhr fort:
    Es hat einen tragikomischen Beigeschmack zu beobachten, wie auch diesem
Manne der That keine der blichen Scherze erspart blieben, die man an jedem
genialen Menschen verbt, bis Erfolg und Macht ihn gefeit haben. Das berhmte
Was, der will mehr sein als ich? Der hat ja mit mir am Biertisch gesessen!
begleitete auch Bismarcks Auftreten und man wunderte sich nicht wenig ber
diesen Glckspilz, der Karriere zu machen anfing, ohne regelrechte Staatsexamina
absolvirt zu haben. Von bersprudelndem aufrichtigem Wahrheitsdrange beherrscht,
konnte er fters den jovialen Herzensergieungen seiner Zunge nicht Halt
gebieten und vertraute seine groen Plne Leuten an, die ihn gar nicht zu
verstehen fhig waren. Il est fou urtheilte Napoleon ber den Mann von Varzin
und der intriguante Phantast Disraeli nannte Bismarcks vertrauliche Erffnungen
the moon-shine of a German baron! Endlich fanden von jeher grenwahnsinnige
Impotenzen, da dieser erfolgreiche Streber weit berschtzt werde und da
eigentlich sie die wahren Messiasse seien - so Graf Goltz, so spter Graf Harry
Arnim. Ein Glck fr die deutsche Nation, da der eiserne Kanzler keine
weichherzigen Humanittsflausen zu ben pflegt, sondern all dies Vlkchen mit
rcksichtsloser Hrte unter seine Sporen tritt.
    Und so steht er nun schon jetzt vor dem Auge der Mitwelt wie eine bronzene
Statue da in seinen Siebenmeilenstiefeln, den wuchtigen Flamberg dem Boden
eingerammt und das Wodanauge unter buschigen Brauen hervorblitzend aus dem
behelmten Haupte. Wenn er sich zur letzten Ruhe streckt - Il est mort! wird man
in Europa aufsthnen, wie bei der Todesnachricht von St. Helena -, so darf er
sich selbst gestehen, da ein heroisches Leben hinter ihm liege. Man mag an ihm
mkeln, so viel man will - er war unser letzter groer Mann, die mchtigste
Erscheinung Deutschlands in diesem Jahrhundert, welcher sich kein Ebenbrtiger
in der brigen Welt vergleichen darf. Der wrdevolle groherzige Gentleman, der
als erster deutscher Kaiser und echter Mehrer des Reichs so glorreich seinem
Volke vorleuchtete, und sein treuer Hagen werden ewig in deutschen Landen
fortleben als Ideale heroischer Mnnlichkeit. Und ein neuer Nibelungendichter
wird dereinst von Otto dem Groen singen und sagen, wie von dem alten Marschall
der Burgonden:

Da ritt der grimme Hagen den andern all zuvor,
Er hielt den Nibelungen wohl den Muth empor.

    Am anderen Tage erhielt Krastinik in Leonharts Handschrift das folgende
Gedicht:




                             An den Reichskanzler.


Nie mengte ich mich jener Feigen Zahl,
Der Sklavenherde, die der Tag regiert,
Die, als Erfolg mit Lorber Dich geziert,
Dich angestaunt als ihren Gtzen Bai!

Nicht Deine Macht gilt mir Unfehlbarkeit.
Nicht Du allein erschufest, was geschehn.
Auch Du warst nur erfat vom Sturmeswehn
Der allbeherrschend vorbestimmten Zeit.

Und doch, wie stehst Du hehr und riesenhaft.
Gewaltiger, vor diesem Zwerggeschlecht!
Ein Heiliges glht unverlschbar echt
Dir ewig durch den Rauch der Leidenschaft.

Es ist das Letzte, was dem Manne blieb,
Seit Sul' um Sule jeder Tempel fiel:
Der Vaterlandesgre stolzes Ziel,
Zum eignen Volk der liebevolle Trieb.

Nicht Liebe war ja Deines Lebens Amt.
Dich hob zu Sternen ein erhabner Groll,
Da Dir das Lwenherz im Busen schwoll
Ob aller deutschen Schande insgesammt.

Nicht mitzulieben wie Antigone,
Nein, mitzuhassen, Grimmer, warst Du da.
Doch aus dem Hasse keimte Liebe ja,
Fr uns geblutet hat Dein zorniges Weh.

Dein Volk, Dein Vaterland hast Du geliebt.
Des alten Reiches Schemen aufgenhrt
Mit warmem Blut, wie's einst Uly gewhrt
Dem Schattenheer, das durch den Hades stiebt.

Erz nietete den thnernen Kolo.
Noch jngst - wie Freudenfeuer kreisend rann
Ein flammend Hochgefhl von Mann zu Mann,
Da Deiner Rede Flammenstrom sich schlo.

In Dir nur lebt der wahre Ahnenstolz
Des deutschen Namens, dessen Machtgebot
Einst sonnenhell die weite Welt durchloht!
Geschnitten Du aus Nibelungenholz!

Den deutschen Hundesinn tritt in den Koth!
Lehr Du den Stolz, ein deutscher Mann zu sein!
Wo solche Eichen wachsen, mu gedeih'n
Der deutsche Stolz in aller Wetternoth.

Wo deutsche Zunge spricht, da bleibe stumm
Der Wlsche und der stliche Barbar!
Des Rmers Erbe der Germane war -
                               Civis Romanus sum!


                                      III.

Schon fters war Leonhart von Schmoller aufgefordert worden, mit ihm
socialistische Kreise zu besuchen, damit er mal einen wirklichen Einblick in die
soziale Frage gewinne. Schmoller, der bei allem berechnete, wollte erstlich mit
Leonhart's Freundschaft dort paradiren und zweitens wagte er sich lieber zu
Zweit in die Lwenhhle.
    Die Gestalt Catilinas und seiner Mitverschworenen tauchte unwillkrlich vor
Leonharts Geiste auf. Wie sie sich alle zusammenfanden, die Unglcklichen und
die Verbrecher, die Bedrckten und die Verkommenen, die Rachgierigen und
Genugierigen, um sich gegen die satte Gemeinheit der Glcklichen zu verbinden!
    So entstand ihm in raschem rohem Entwurf realistischer Urkraft das folgende
dstere Fragment, indem er dem herostratisch zerstrenden Grenwahn die wahre
schicksalmige Gre gegenberstellte und zugleich den Grenwahn der
Weiber-Emanzipation in der Gestalt der vornehmen Catilinarierinnen geielte, die
ihr Kapital in die Verschwrung steckten, um es mit Zins und Zinseszins aus dem
Staatsbankrott wieder herauszuschlagen.

  Soire bei Crassus. - - Vorn links Lentulus und Cethegus beim Wrfeln. Vorn
   rechts Antonius junior, Crassus junior, Faustus Sulla junior und Metellus
                                   plaudernd.

METELLUS. Ich begreife nicht, warum ich diesem Zeitalter die Ehre anthat, darin
geboren zu werden. Stnde nicht unsere liebe Verschwrung hinter der Thr, so
mte diese Welt an ihrer eigenen Fulni verrecken.
CETHEGUS wrfelt. Diese adligen Packesel! Damit verschwrt sich's gut! Ein
Hochverrath gegen die gesunde Vernunft!
LENTULUS. Ja, ihr neuen Leute! Ein Metell! Will was heien! Zwar kein
Cornelier, wie ich -! Bin bekanntlich ein Nachkomme des groen Scipio.
CETHEGUS. Ja, Du bist ein - Nachkomme. Ich stamme bekanntlich von einem Schuster
ab. Wrfeln.
CRASSUS JUNIOR. Ich erlaube Dir endlich zu schweigen, Freund Metellus! Mit Eurer
Verschwrung! Bei Euch hapert's am Blinkenden - das ist doch wahrhaft
gesetzwidrig! Geld - das ist Alles!
LENTULUS dreht sich nach dem Sprecher um. Ganz recht. Geld - das ist alles! Er
verfllt in eine Straenpredigt. Wir aber, wir unglckseliges und unschuldiges
Volk, wir hungern - ach, wir haben kein Geld! - Jene, jene glcklichen und
schuldigen Menschen, sie prassen: sie haben Geld! Wir aber, wir haben derbe
Fuste und unser Magen knurrt uns wach, Jene faulen auf ihren gepreten Scken.
Auf denn, Volk, und folgere, was Dir beliebt!
CETHEGUS. O ber die ungekmmte Logik!
ANTONIUS ironisch. Zwar, mein lieber Crassus, fr die Millionen Deines Erzeugers
drftest Du kaum in bangender Ungewiheit schweben: Die lassen sie heilig und
unangetastet!
SULLA. O der alte Crassus! Schlauer Bursche der! Catilina - anstndiges
Unternehmen - gut im Gange - lt sich machen.
CRASSUS JUNIOR. Wir vom Hause Crassus brauchen's nicht: Sind Geschftsmnner -
grte in der Welt! Kleine Geschfte verpnt! Alles riesig, groartig,
millionarisch!
SULLA. So z.B.: Knigthum nebst Ruhm - Crassus der Erste - ungeheure Anlage -
Weltzinsen - mchtiges Geschft - Rechtschaffenheit wird verbrgt. He, das war'
so was?
ANTONIUS. Uebrigens, mein lieber Sulla, was Deinen hochseligen Vater betrifft -
und dann macht er hier republikanische Mnnchen!
SULLA. Erstaunlich schn! Was gehn denn Dich die Vter andrer Leute an? Dein
ehrwrdiger Vater, ein so inniger Verehrer Catilinas - Sprechen bei Seite
weiter.
CETHEGUS. Mein Haus gegen Deins! Wrfelt. Da liegt der Bettel! Heilige Tonne des
Diognes! - Ich sag' Dir, Mensch, ich bin eine lebendige Pfandanleihe. Der
nchste Termin bricht mir's Genick! Pah! der groe Rechnungstag kommt frher, ja
frher. Unterm Galgen ist Alles gleich.
ANTONIUS nach dem Hintergrund blickend. Die Fulvia ist prachtvoll.
SULLA ghnt. Ja, sie ist sehr theuer! Pompeia und Terentia kommen aus dem
Hintergrund. Da haben wir Ciceros mnnliche Hlfte d.h. seine Frau! Und da
Caesars Wittwe bei lebendigem Leibe. - Alle Mann ans Ruder! Los! - Des beredten
Redners beredte Frau -! Complimentirung.
TERENTIA. Ich danke Eurem Gru, Quiriten! Was meine bescheidene Beredsamkeit
anbelangt -
POMPEIA boshaft. - Ja, ja, meine Theure! Man wei von den oratorischen Ergssen,
welche Du Deinem Gatten -. Die Nachbarschaft -
TERENTIA hochemprt. Was wollen die Nachtmtzen? Soll ich nicht die sittliche
Wrde meines Geschlechtes schirmen, nicht ein rauhes Mahnwort mnnlicher
Tyrannei in die Ohren donnern? Wie Cornelia die edle Rmerin zu sagen pflegte -
Schwatzen weiter.

                  Caesar und Fulvia kommen lachend nach vorn.

CAESAR grend. Antonius, Deine Toga ist reizend! Crassus, Deine ist
abscheulich.
FULVIA. Nun, Cajus, die neueste Mode -?
CAESAR. Die, o schne Frau, Dein Auge gebietet -
FULVIA. Schmeichler! - Rothe Tunica, weier Grtel, freie Locken, Rosen im Haar
-
CAESAR. Die Moden wechseln. Eine Mode allein besteht ewig und unbestritten:
Deine Schnheit und Dein Lcheln!

                  Sempronia, Crassus maior und Lucull kommen.

CRASSUS. Nu, meine Freunde, die Mahlzeit, was? Schmal, schmal! Aber
hochansehnlich genug. Das ist so unser kleines gemthliches Convivium. Hat
gekostet lumpige 300,000 Drachmen. Nu, kann's ja leisten! Die Austern, h?
Eigene Waare, Specialhandel, feinste Qualitt, 30 Sesterzien das Stck. Mache
berhaupt in Austern und Fischen. Korinth, Brundisium, Ostia -
LUCULL mit ernster Wrde. Nach den Ergebnissen meiner Forschungen sowie nach dem
treffenden Urtheil des Metellus Pius kann ich diese Austern nur fr verfehlt
erklren. Beim Zeus, ich scherze nicht: Zu ernst die Sache! Ich mu diese
Prinzipien der Zubereitung - das harte Wort sei gesprochen - verdammen. Wie,
wenn jenem duftenden Kleinod an Amphitrites Gewand jener prickelnde Reiz, jenes
unerklrliche Etwas mangelt -
CRASSUS verzweifelt. Lucull mu die Prinzipien meines Koches verdammen!
LUCULL. De ungeachtet waren die Schnepfen gut - der Priapus nicht
unwohlschmeckend - der Ziemer mit Geschmack und Bildung behandelt.
CRASSUS. Ich athme auf. Ja, Bildung - das ist mein Panier! Und Geld, viel Geld!
Armuth ist ein Verbrechen.
SEMPRONIA. Den Satz knnte man umkehren.
FULVIA giftig. Sempronia kann doch ihre Freunde von der Gasse nicht schmhen
hren!
SEMPRONIA. Fulvia hingegen liebt die vollen Taschen. Je nun, das ist -
Erwerbssache!
CRASSUS. Silentium! Ironie strt die Verdauung. - Da kommen die sieben Weisen.
Cato und Cicero treten auf. Ah, ehrwrdiger Cato - nehmen wieder stoische
Philosophie ein? Flau, flau! Klares Wasser, aber - Wasser!
CATO. Wie mein erhabener Ahnherr Portius Cato zu sagen pflegte - was ist das? Er
fat Caesars Mantel.
CAESAR. Gtter! Mein Mantel ist zartfhlend.
CATO. Dies gestutzte, gezackte, verbrmte, geschniegelte Ding - dieses begabest
Du mit dem Prdicat: Mantel?! O grobe Wolle, als der Rmer statt nach den
Wohlgerchen des feilen Ostens nur nach dem Schwei seiner Arbeit roch!
CETHEGUS auf Cicero losgehend. Ha, unser Retter des Vaterlandes! Da hat er nun
deklamirt im stillen Kmmerlein - ja, sie sind fertig, die extemporirten
Invectiven, die pltzlichen Begeisterungen, die im Augenblick gebornen Orakel -
das Vaterland ruft: er ist wohlprparirt! Und nun Alles umsonst!
CICERO. Und warum, o geistreicher Jngling?
CETHEGUS kalt. Das will ich Dir sagen Die Gtter berschtten Dich mit Gte: Sie
bewahren Dich vor Gefahren, die erst kommen sollen. Denn, mein lieber Cicero,
Consul wirst Du nicht.
CICERO. Wir werden sehen.
CETHEGUS. Und wir werden handeln. Wirst Du nicht Consul, - gut fr Dich und uns!
Wirst Du's, - auch gut fr uns! Aber schlimm fr Dich. Warum? Weil man Dich am
ersten Tage Deines Amtsantritts in Deinem Bette finden wird, die Kehle
durchschnitten von einem Ohr zum andern! Dreht ihm den Rcken.
CRASSUS traulich zu Cethegus. Deine Verdauung gedeiht doch? - Na und die
politische Verdauung? Die Verschwrung - hat die auch einen guten Magen?
CETHEGUS. Verschwrung? Ich mu sehr bitten -
CRASSUS. Verbindung, natrlich, Patrioten-Verbindung! Nun, Consulwahl ist 'ne
harte Nu, wenn Dolche sie aufknacken. Verdaut ihr viel Stimmen, he? Zieht ihn
in den Hintergrund.
CATO zu Lucull. Ich sage, Cicero ist der Mann.
LUCULL. Ein Unmann! Dieser eunuchische Wortekrmer -
CATO. Aus Worten werden Thaten. Ich dchte, Du berlieest das mir. Verfgst Du
ber meine Belesenheit in den Seelen der Menschen? Der theoretisch geschrfte
Blick des ergrauten Menschenkenners prft Herz und Nieren.
LUCULL. Nun, was die Ergrautheit anbelangt, junger Mann -
CATO. Nicht Jahre, sondern Thaten machen alt! Ich spreche stets figrlich.
LUCULL zieht einen Spiegel hervor. Wie? Dann mu ich ja schrecklich viel graue
Haare haben!?
CATO verchtlich. Von Thaten des Gedankens rede ich.

                         Clodius Pulcher (nhert sich).

CAESAR. Was? Ist dies nicht Clodius der Schne?
LUCULL. Der Klopffechter! Der Bandenhuptling!
CATO. Der Wstling! Der schndliche Verfhrer!
CICERO. Und auerdem mein Feind! Dies darf nicht geduldet werden. - Crassus, ich
finde denn doch, rein herausgesagt, den Ton Deiner Kreise etwas zu gemischt!
CRASSUS. Ohne Mischung kein feines Gericht - frag' nur die Autoritt! Deutet auf
Lucull.
CATO. O Zeiten, o Sitten! Anrchige Individuen -
CRASSUS. Wir sind alle anrchig! Stellt vor. Hoffnungsvoller Knabe werther
Geschftsfreund. Arbeitet in Gladiatoren, auch ein schtzenswerther Artikel,
alter Kunde.
CLODIUS grend. Fulvia, mein Leben! - Kastor und Pollux! Lieblich wie bezahlte
Schulden, unnahbar wie der Staatsschatz!
FULVIA. Deine Gleichnisse sind wahrhaft zeitgem. Leise. Sind meine Befehle
vollzogen?
CLODIUS ebenso. Mit alter Treue!
FULVIA laut. Deine Schmeicheleien sind fade.
CLODIUS bemerkt Sempronia, die sich langsam genhrt hat. Ah, mein Leben! Kastor
und Pollux! Lieblich, wie bezahlte Schulden, unnahbar, wie -
SEMPRONIA ruhig. - der Staatsschatz! Leise. Sind meine Befehle vollzogen?
CLODIUS ebenso. Mit alter Treue! -
SEMPRONIA. Heut um Mitternacht! Ich mu Dich sprechen. Laut. Man kennt Deine
lockern Grundstze - -
CLODIUS. Verbleibe mit Hochachtung! - Ich stehe wahrhaft ber den Verhltnissen.
Der Meistbietende soll mich haben. Pompeia und Terentia kommen nach vorn. Amor
steh mir bei! Ich bin unsterblich verliebt. Ich bin fhig, ja, ich bin fhig,
unbezahlt fr die Freiheit in den Tod zu gehen fr einen Blick ihrer Augen! -
Holde Pompeia - ach! Schneidet ihr die Cour.
ANTONIUS im Hintergrund zu Csar. Sieh doch! Clodius der Schne! Deine Frau -
CAESAR - wei seine Verdienste zu schtzen.
SULLA. Ist's denn wahr, da er bei Dir Hausfreund -
ANTONIUS. Nicht? Clodius der Schne -! Man sagt -
CAESAR. Nichts? Das thut man gewhnlich.
SULLA wichtig zu Antonius. Wieviel wett'st Du auf den nchsten Scheidungsproce?
CRASSUS. Da kommt der Nachtisch! Gladiatoren treten auf. Eigene Waare.
Spezialhandel. Meine Fechterschule in Capua, schwunghaftes Massengeschft, nur
Solides wird geliefert.
CICERO. Wieviel werden da wohl so verbraucht?
CRASSUS. Hundert bis tausend pro Jahr. Jeden Wahltag geht ein Halbhundert drauf.
Empfehle Dir, Cicero. Augenblicklich groer Geschftsstand: Raufer flau,
Skandalmacher gesucht, Krawallbanden dringend begehrt, Lebensbeendiger groe
Nachfrage. Klatscht. Hallo! Und da ihr Euch das Fell von den Knochen haut!
Streut Rosen, Mdchen, duftet, Wohlgerche, und, Gemetzel, hebe an! Alle drngen
sich im Hintergrund um die Fechtenden. Crassus und Csar kommen rasch nach vorn.
CRASSUS. Wie ich Dir sagte. Antonius maior will mich sprechen.
CSAR. Mich auch. Sprechen wir ihn!
ANTON DER AELTERE rasch eintretend. Verehrter und geschtzter Crassus! Verlegen.
Ah, Caesar?
CSAR lacht. Ja, ja, Jeden einzeln unter vier Augen, nicht? Ei, wir sind ein
Herz und ein Seele Sprechen wir also unter sechs Augen!
CRASSUS. Freund Antonius, Du machst gern ein Geschft, ich mache auch gern ein
Geschft, Caesar auch; folglich -
CSAR. Machen wir ein Geschft!
CRASSUS. Betrachten wir Euer Capital. Sicher angelegt, he? Consulat fest in der
Tasche?
CSAR. Rmisch: Ihr wollt den Staat ruiniren und wir sollen Euch helfen?
ANTONIUS. Welche Idee! Den Staat? Das heit -
CSAR. Sagen wir, den Adel. Als Vertreter des Volks habe ich nichts dawider -
ich hasse ihn.
ANTONIUS. Und hast 100 Ahnen?
CSAR. Ich glaube, Du hast 101! Das ist alles Nebensache Was - ntzt - es - uns?
CRASSUS. Ihr bildet da eine Gesellschaft und wir legen unser Capital hinein.
Aber Garantie, guter Mann!
CSAR. Mein theurer Freund, ich bin ein Opfer schnder Verhltnisse, die heilige
Sache der Freiheit hat mir das Herz gebrochen: Wisse, meine Schulden sind
unerschpfliche Danaidenfsser.
CRASSUS. Erlaube mal, mein Sohn, mein Capital geht vor - Ich verlange ein
Weltmonopol! Gelufig. Fr Eisenwaaren, Kleiderstoffe, Thonproducte,
Straengrndung, Straenbewsserung, Feldberieselung, Tempelbauten - Gehn in den
Hintergrund.
CATILINA allein und vermummt, tritt auf und blickt an eine Sule gelehnt in den
Festsaal.
    Wie hell hier oben! - Goldne Ampeln wiegen
    Duftspendend sich und leuchtend am Getfel,
    Den klaren Marmor der geschmckten Halle
    Mit einem Strahlenteppich berstreuend.
    Gold, Silber, Erz, Purpur und Elfenbein,
    Sie lsen sich in einem Meer des Glanzes.
    Und unten dunkel alles! - Seht dorthin,
    Der einsam matten Fackeln Glimmen seht,
    Roth flackernd durch die sternenlose Nacht!
    Hrt ihr das Hmmern? Seht der Esse Gluth!
    Dort brtet der Titanen Stamm, gestrzt
    Zur Tiefe durch die himmlischen Despoten,
    Und schmiedet seine Waffen wider sie,
    Aufschauend unter dstrer Brauen Grimm
    Zum blitzestolzen sonnigen Olymp.
    Olymp!
    Vornehmer Laffen, wohlgesitteter
    Schurken und Narren, worteklaubender
    Volkspeiniger Tyrannenthrone ihr,
    Zwergengeschlecht der angematen Gtter -
    Wie diese Ampel ich herniederreie
    Und in den Grund umstoe ihre Flamme,
    Am Estrich sie zerschmetternd - also wird
    Der noch gefesselten Titanen Faust
    Herniederkommen ber eure Giebel.
    Auch ich bin ja ein Gott, ja, ein gefallener!
    Ein Promethide, der den Feuerstrahl,
    In niedere Htten trug. Ich kostete
    Von dem Ambrosia eurer feinen Tcke.
    In eurer Himmel gleinerischem Licht
    Bin ich geboren! Bin verstoen draus,
    Viel mehr hab' selber mich daraus verbannt,
    Durch die berechnende Vernnftigkeit,
    Die gtterhohe Selbstgerechtigkeit,
    Die Makellosigkeit von euresgleichen!
    Schaut mir ins Antlitz! Wie des Meeres Fluth
    Durch immer neuer Wogen Schwall den Strand
    Nicht wegsplt, sondern hrtet seine Flche -
    Ward hart mein Herz durch Ha, Verrath und Trug,
    Die es bestrmten, und durch Selbstverachtung.
    Wie der Simum, der durch die Wste fhrt,
    Unwiderstehlich jede Flur versengt,
    Nur kahle Oede duldend, - also brennt
    Ein einziger Gedanke mir im Hirn
    Verdorrend jed' Gefhl, das auer ihm:
    Der Rache, der Vergeltung Qualgedanke!
    Hrt ihr den wirren Sang vom Tiber dort?
    Der Freiheit geller Sang ist's! Der Titanen
    Dumpfes Gebrll, das aus dem Aetna tnt
    Und der Entladung Flammenschreckni kndet.
    Ketten, zerreit! Lastende Berge, berstet!
    Des Gttersaales stolze Decke bricht,
    Begrabend mit sich allen Sonnenflitter. -
    Schlaft wohl, ihr Gtter! Doch man wird euch wecken.

   Atrium im Hause Csars. Csar geht sinnend auf und ab. Pompeia liest eine
                                  Briefrolle.

CSAR fr sich. Pompeius, Crassus, Catilina - Felsblcke gegen den Strom meiner
Laufbahn. Die Zeit brckelt an ihnen. Suchen wir sie wider einander zu rollen,
auf da sie sich selbst zerschmettern. Crassus - gefgiger Lehm, Thon fr meine
Gebilde. Pompeius - drr und zh wie verkalkter Sand. Nur ein eiserner Spaten
kann ihn lockern. Laut. Pompeia!
POMPEIA. Mein Gemahl?
CSAR. Was schreibt Dein Vater?
POMPEIA. Er rstet zur Heimkehr.
CSAR fr sich. An der Spitze der siegreichen Legionen aus dem ersiegten Asien
weg - Rom wird sein. Schnappt dieser Strohmann mir die Welt vor der Nase weg?
Laut. Hre, theure Pompeia, Dein hochverehrter Erzeuger wird hoffentlich durch
keinerlei bertriebene Gerchte aus Deiner Feder ber die Lage der Hauptstadt
beunruhigt? Du wirst ihn von der Ruhe und Eintracht aller Parteien unterrichten.
Die catilinarische Verbindung ist ganz unerheblich, trotz ihres etwas freien
Benehmens. Du hast mich verstanden?
POMPEIA. Wie Du befiehlst, mein Gemahl.
CSAR fr sich. Catilina, der Dritte im Triumvirat der Krfte - ein Granit, ein
starrer Granit. Soll ich ihn sttzen? Laut. Pompeia!
POMPEIA. Mein Gemahl?
CSAR. Tullia ist Deine Freundin, Cicero ist ihr Mann, sie hat eine geschwtzige
Zunge. Du hast mich verstanden.
POMPEIA. Wie Du befiehlst.
CSAR fr sich. Wo sind meine Adler, meine Schwerter? Wo catilinarische Dolche
in meinem Sold? Fhrer der Demokratie - ein schnes Wort! Mein gemigter Pbel
ist nur eine Null ohne Ziffer. Volk!
DIENER meldet. Die erlauchte Fulvia!
FULVIA tritt ein. Ich gre Dich, Csar.
POMPEIA. Ich entferne mich, mein Gemahl. Der Tochter des Pompeius ziemt es nicht
- - jetzt hast wohl Du mich verstanden. Sie rauscht an Fulvia ohne Gru vorber.
FULVIA gelassen. Die arme Frau steht noch nicht auf der Hhe des Zeitalters.
CSAR. Sie ist ein berwundener Standpunkt.
FULVIA. Haha, wenigstens scheinst Du sie berwunden zu haben. Nun, mein Cajus,
die neueste Mode - doch was sag ich da! Politik ist ja jetzt das Stichwort. Eine
schutzlose Frau wie ich wei heute nicht aus noch ein, wie ein irrendes Lamm in
der Wste, Naiv. Wie denkst denn Du eigentlich ber diesen Catilina?
CSAR. O ein ungewhnlicher Mann!
FULVIA. Nicht wahr? Ganz meine Meinung. Ich schwrme beinah fr ihn.
CSAR kalt. Ich nicht.
FULVIA. Ach, ich dachte doch? Ich finde manche seiner Plne -
CSAR. Nicht zu billigen, ganz recht.
FULVIA. Ei? Ja, ich werde ihm doch wohl meine Stimme geben.
CSAR lacht. Deine Stimme?
FULVIA. Sptter! Ich meine natrlich die Stimme meiner Freunde.
CSAR. Pa auf, wenn der Sergier siegt, bekommen die Weiber das allgemeine
Stimmrecht.
FULVIA. Ich sag's ja! Catilina ist unser Mann und ich werde nun grade meine
Freunde fr ihn stimmen.
CSAR. Aber nicht Deinen besten Freund. Kt sie auf den Arm. Ach, wie traurig!
So stehn wir uns feindlich gegenber, zum ersten Mal.
FULVIA. Flattergeist! Ich bin ja noch nicht entschieden. Lauernd. Darum wollte
ich mir eben Raths erholen.
CSAR kalt. Bei Deinem Freunde Cicero?
FULVIA verwirrt. Wie, Cicero mein Freund? Welch ein Gedanke! Ich - ich nehme ab
und zu bei ihm Stunden in der Rhetorik. Das ist jetzt Mode. Wenn man sich zur
Aspasia bilden will - - Nein, Deinen Rath mchte ich erbitten als Deine beste
Freundin.
CSAR kalt. Den behalte ich stets nur fr meinen besten Freund: mich selbst.
DIENER meldet. Der hochwohlgeborene Portius Cato und der ehrenwerthe Tullius
Cicero wnschen den erlauchten Julius Csar zu begren.
FULVIA hastig. Wieder die leidige Politik - ich irrendes Lamm - viel Vergngen,
Csar! Besuch mich bald! Rasch ab.
CSAR fr sich. Die gute Frau fngt an, mir verdchtig zu werden. Sie wollte
mich ausholen - cui bono? Cicero und Cato treten auf. Welche Ehre!
PORTIUS ruspert sich. Hm!
CICERO ruspert nach. Hm!
CSAR ebenso. Hm! - Ist das Vaterland mal wieder in Gefahr?
CICERO. Es ist so. - Die Stunde der Entscheidung naht. Volk, sammle dich zu
deinen Gezelten! Eine Rotte ohne Moral, die das Verderben des Staates auf ihr
blutig Banner schrieb -
CSAR. Und so weiter. Du willst Consul werden - recht sachgem. Der Sergier
auch - ebenso sachgem. Du willst ihm schaden, er Dir - hchst sachgem
Verderben des Staates! Je nun, Du weit mehr als ich!
CICERO. Jener Molch, gedunsen von Blut -
CSAR. Hochwerther Mann, ich bin eine schlichte nchterne Natur und vermag nicht
dem Fluge Deiner Rhetorik zu folgen.
CATO. Wie, Julier? Schweig, Cicero - man wagt es - ich sage, schweig! - Menschen
ohne Gott und Gebot, wie Catilina -
CSAR. Dieser harmlose Taugenichts!
CICERO. Harmlos! O ihr Gtter!
CATO. Ich sehe, Julier, wo das hinaus will. Einen gewiegten Praktiker wie mich
bertlpeln wir nicht, junger Mann - man ist ein enger Geist. Man suche sich am
Postament erhabener Ahnen emporzuranken.
CICERO. Jetzo banne gelutertes Mannesthum der Jugend Frevel in gebhrende
Schranken! In der Moral nur - da steckt die Kraft. Du lchelst? Ah, Du vermagst
mich nicht zu begreifen
CATO. Der Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung -
CSAR. Unordnung vielleicht. Ein Kampf gegen mottenzerfressene Vorurtheile.
CICERO bitter. Ach ja, die Vorurtheile der Zucht und Sitte hemmen den freien
Geist. Was rede ich noch! Die Wahl steht vor der Thr. Siegt Catilina - dann,
Rom, gute Nacht! Er soll nicht siegen, ich bin da! Heut gilt es, Freund und
Feind zu kennen. Wer nicht fr uns ist, ist wider uns. Im Namen der Moral,
bekenne Farbe!
CATO. Man whle gesinnungstchtig den erprobten Mann der Regierung! Marcus
Portius Cato gab dem Cicero seine Stimme - Rmer, gehet hin und thuet
desgleichen!
CSAR lauernd. Die Wahl ist euch ja doch so gut wie gesichert?
CATO. Wehe! Die Verderbni der Zeit trgt ihre Frucht. Dolch und Gold schrecken
und blenden den Sinn der guten Brger. Geist der Vorzeit, verhlle dein Haupt!
CSAR. Hochzuverehrende Mitbrger, was hilft dem groen Cicero meine eine arme
Stimme!
CICERO wthend. Csar, das ist ebenso lcherlich wie abscheulich. Du kennst
Deine Talente so gut wie wir selbst. Du willst nicht helfen. Antonius Maior
tritt durch eine Seitenthr hastig ein und bleibt betroffen aus der Schwelle
stehn. Ihm folgen Sulla minor und Clodius Pulcher. Betretene Pause. Aha, unser
wrdiger College in Zukunft, unser wrdiges Staatsoberhaupt! Csar, es ist
genug. Wir berliefern Dich einer wrdigeren Genossenschaft. O Moral, Moral!
CATO. Wehe! O Rom, wie tief bist du gesunken! Beide ab.
CSAR gelassen. Willkommen, ihr Lieben! Ah, Sulla, welch stlicher Besatz an
Deinem Mantel! Deine Locken sind gut gebrannt und die Schminke - la sehn!
Vortrefflich. Ruft. Heda, Marius! Ein Freigelassener kommt. Bring Ccuber-Wein!
CLODIUS. Marius, wie?
CSAR. Sieh da, Clodius Pulcher, welche Freude! Fr sich. Was will Der bei mir?
Laut. Ja wohl, ich besitze auch einen Sulla. Ich nenne meine Freigelassenen
immer nach solchen Urahnen. Ich liebe es, mich am Postament erhabener Vorzeit
emporzuranken. Diener bringt Wein.
CLODIUS. Du? Nun, unsre Vorfahren - Dein Wohl, Sprling des Sulla! - waren
gro, aber langweilig. Waren sozusagen nicht von gutem Ton.
CSAR ernsthaft. Wie wahr! Hat sich was mit ihrer brllenden Riesenhaftigkeit!
Ihr Tigergrimm und Lwenzorn - drollig! Diese Metzeleien aus Rache und
Ueberzeugung! Wie anders wir Neueren - nicht, khner Clodius? Wir morden mit
kaltem Blut, wir wrgen ohne Leidenschaft - darin sind wir unerreichbar.
CLODIUS. Das ist's, Du verstehst mich ganz. Marius vor Rom, Sonnenuntergang,
gewitterschwangere Augenbrauen, kochende Lavagluth der Heldenseele - bah! Wir
haben kaltes Erz, wir Gladiatoren, fr solche Lwenhitze. Wir Mnner der Zukunft
- da ist alles kahl, khl, kalt.
CSAR an seine Glatze fahrend. Besonders kahl, geliebter Clodius.
SULLA. Auf Ehre, ganz meine Ansicht. Nur wir stehn auf der Hhe des
Jahrhunderts.
CSAR. Stehn wir! - Sprechen wir also von Geschften!
ANTONIUS MAIOR. Nun, ich darf ja sagen, es macht sich. Stimmen wie Heu!
Majoritt unberechenbar! Ja, das Wie ist schon sicher, aber das Was!
CSAR. Was heit Was?
ANTONIUS MAIOR. Consulat ist ein schn Ding. Wir sind nicht dazu aufgestanden,
um ein paar Schulden zu bezahlen. Es giebt noch andre Rechnungen zu begleichen.
CSAR gedehnt. Ach, das heit Was? - Lieben Freunde, ich habe zu thun. Ich
fahre aus.
CLODIUS eifrig. So? Jetzt gleich?
CSAR befremdet. Ja wohl. - Dringende Geschfte.
SULLA. Ich auch. Mein Schneider wartet.
CLODIUS. Ich schlendre durch die Straen. Schne Augen - trala!
SULLA. Ich begleite Dich.
CLODIUS. Danke. Ich jage stets allein. - Dein Diener, Julier! Ab.
ANTONIUS MAIOR. Das Was!
CSAR. Das Was! Antonius und Sulla ab.
CSAR allein. Bringt man beide durch, Catilina und diesen Lumpen, so ist die
Aristokratie verloren. Mein Schwiegervater, der Sbelmann, soll nur anrcken mit
orientalischen Gelsten - ehe er den Fu auf italischen Boden setzt, sind wir
hier fertig. La sehn! Ist dieser Catilina ein geistreicher Schwrmer, - gut.
Wagt er's aber mein Doppelgnger zu sein, so eine verpfuschte Copie der Natur
nach meinem Bilde, so heit es: Er oder ich. Einer mu fort. - Er will mich heut
sprechen, natrlich geheim. Ja, Vorsicht thut noth. Darum meldete ich schon
gestern meiner Dienerschaft an, da ich um diese Stunde ausfahren wrde. -
Wohlan, Dictator Catilina, wir werden ja sehn. Er geht ins Innere des Hauses.
CLODIUS tritt nach einer Weile hastig ein und nhert sich vorsichtig. Alles
leer. Der Marder im Taubenschlag! Ich versteckte mich hinter die nchsten Sulen
und lie die Andern an mir vorbei. Der Augenblick ist gnstig. Csar fhrt aus,
wie seine Diener mir schon gestern verriethen. - Macht dieses drre Ehegespons
mir Schwierigkeiten, so werf ich ihn zum eignen Haus hinaus. Ich bin der
Clodius, der alles wagt. - Wer kommt? Er verbirgt sich hinter Hausgerth.
Terentia kommt aus dem Innern des Hauses, von Pompeia begleitet.
TERENTIA. Ja, meine Theure, Fortschritt, Fortschritt ber alles, ber alles in
der Welt! Ich marschirte stets mit dem Zeitgeist. Allgemeines Wahlrecht,
vorzglich Redefreiheit - das ist die Zukunft der weiblichen Jugend. - Vale!
Begleite mich nicht weiter. Mein Wagen wartet, in ihm Papirius als Lenker der
Rosse.
POMPEIA. Dein Liebhaber? So ffentlich? Dein Mann -
TERENTIA. Mein Mann!! Deine Erziehung scheint doch sehr vernachlssigt. Von
Zweien bin ich geschieden, einen brachte ich unter die Erde im Kampf gegen seine
tyrannische Anmaung, und sollte Kikero frchten?
POMPEIA. La Dich mit Catilina trauen - der frchtet ihn auch nicht.
TERENTIA. Pfui, wie Du redest! Dieser Elende, der den Plebejern und Sclaven den
Zeitgeist predigt - nichts habe ich mit ihm gemein. Fortschritt auf meine Kosten
- dafr bedank' ich mich. Mein Mann soll sich nur unterstehn, bei der Wahl
durchzufallen! Na warte! Ab.
POMPEIA. Sie sind alle so fortgeschritten. Warum schreite ich nicht auch fort?
Trumerisch. Dieser Clodius stellt mir fast unziemlich nach. Doch wie hbsch er
ist!
CLODIUS aus seinem Versteck hervorstrzend, kniet vor ihr. Herrin!
POMPEIA erschrocken. Minerva schtze! Steh auf! Was willst Du? Mein Gatte -
CLODIUS. Was schiert mich eine Welt in Waffen! In diesem Staube la mich ewig
ruhn, den Dein schneeiger Fu geweiht! Sieh, meine Seele drngt sich ins
entflammte Auge, das Deines sucht!
POMPEIA. La mich!
CLODIUS. O Deine Stimme! Brauste rings die Welt in Flammen auf - ich hre sie
allein. Nicht wie ein Modeherr in wohlgeschtzter Laube von Liebe schwatzt in
wohlgesetzten Phrasen - nein, unterm Laubendach sausender Speere, wie's einem
Sohn des Mars gebhrt, zujubeln mcht' ich Dir: Ich liebe Dich!
POMPEIA. Schone mich und fliehe! Mein Gatte -
CLODIUS. Der ist fern und Niemand hrt mich hier als Venus meine Gnnerin. Und
mag die Erde selbst erbebend ffnen ihren Schlund - von dieser Stelle weiche ich
nicht!
CSAR whrend der letzten Worte eingetreten. Erlaube mir zu zweifeln! Clodius
springt auf. In Dein Gemach, Tochter des Pompeius. Unschuldig bist Du? Mglich.
Doch an des Csar Gattin darf auch nicht der leise Schatten eines Zweifels
haften. Pompeia ab. Nun zu uns, mein alter Freund!
CLODIUS trotzig. Straf' mich Mars, Herr! Scheinst ja sehr vertraulich.
CSAR khl. Ich liebe die Herablassung. - Reden wir von Geschften! Lieber Mann,
Du bist in meiner Hand. Ich werde die Sache dem Senat anheimstellen. Mit
erschtternder Beredsamkeit - Du hast ja wohl viele Freunde im Senat?
CLODIUS verbissen. Keinen.
CSAR. Schade! Der Censor hat also dann die Gewogenheit, Dich Deiner
senatorischen Pflichten zu entheben. Sodann markige Rede Cato's ber Zeiten und
Sitten - dann schimpfliche Ausstoung - dann gro Geschrei in der Gesellschaft,
hflicher Hinauswurf - die Stadt zeigt mit Fingern auf Dich. Ja, es ist 'was
Schnes um den gesellschaftlichen Ruf, besonders fr Die, so davon leben.
CLODIUS. Ich bin in Deiner Hand.
CSAR. So denke Dir mal, ich setzte Dir den Dolch an die Kehle.
CLODIUS mit Humor. Ich denke mir.
CSAR. Beantworte demnach meine bescheidenen Fragen gewissenhaft wie unter der
Schrfe des Schwertes. - Deine politischen Ansichten interessiren mich. Was bist
Du eigentlich?
CLODIUS. Catilinarier, Vorfechter der Menschheit!
CSAR rasch. Das ist nicht wahr.
CLODIUS. Auch die Regierung -
CSAR. Das ist nicht wahr.
CLODIUS. Je nun, ich fechte auf eigene Faust.
CSAR. Das heit, Du verkaufst Dich dem Meistbietenden. Das bin aber ich.
CLODIUS. Du?
CSAR. Ich. Ich ruinire Dich, wenn Du mir widerstrebst. Was willst Du mehr?
CLODIUS lacht. 's ist aber auch wahr! - Was forderst Du?
CSAR. Vor allem verfge ich ber Deine Banden fr die bevorstehende Wahl. Du
magst einen leichten Druck auf die freien Whler verben, wirst ihnen mit
Knppel und Messer den rechten Weg weisen. Ein Diener tritt auf und spricht
leise mit Csar.
CLODIUS. Den rechten? Welchen? Diener ab.
CSAR. Schlau bemerkt. Da meldet sich eben der Wegweiser. Zeigt auf ein
Nebengemach. Dort hinein. Ich werde Dich rufen. Clodius ab. Pause. Dann tritt
Catilina ein, vermummt. Beide gren stumm. Catilina schweigt stolz.
CSAR. Man sagt. Du hast Dich an Gift gewhnt. Darum schlgt der Ha aller
Gtter auch so gut bei Dir an. Du bist sehr stolz.
CATILINA. Ich bin Catilina - was sollt ich anders sein?
CSAR trocken. Ein Hochverrther.
CATILINA. Das wei ja der Koth auf der Gasse. Bah, so reden wir doch! Du giebst
mir Deine Stimme zu meiner Wahl?
CSAR. Nein.
CATILINA. Nein? Damit wren wir im Reinen. Aber das Wichtigste hast Du
vergessen: Dich selbst. Meine Spher nisten in allen Ritzen des Erdballs:
Pompeius ist bald wieder da. Ich wei es so gut wie Du.
CSAR kalt. In der That?
CATILINA. Die That wird schon kommen, wenn er kommt mit seinen Legionen. Er ist
Dir gram, Dein theurer Schwiegervater. Man wei, da Deine Gattin viel ber Dich
klagt. Eine Ehe ist leicht gelst.
CSAR. Wirklich? Fr sich. Ich komm' ihm zuvor, verstoe Pompeia wegen der
Clodius-Sache. Laut. Was soll das alles?
CATILINA. Nun, ich dchte, einem so geistvollen Haupt wie Dir fllt die
Folgerung nicht schwer. Er kommt an und Du machst Dich aus dem Staube. Denn
Deine Rolle ist ausgespielt. Dein meisterliches Schaukeln zwischen den Partheien
hilft da nichts mehr.
CSAR. Meinst Du, edler Sergier?
CATILINA. Ja, ich meine, edler Julier. Ich meine auch: Wer bezahlt Deine
Schulden? Um im Ton des alten Crassus zu reden: Geschft ist Geschft. Wann,
theurer Busenfreund?
CSAR leichthin. Wann! Wenn ich meine Provinz habe.
CATILINA. Deine Provinz? Geduld, junger Hahn! Wer verschafft sie Dir? Pompeius?
Gewi nicht. Aber der Consul Catilina tilgt Deine Schulden Pause.
CSAR. Bestechung? - Der Consul Catilina? Ich sehe Monarchieen in Deinem Blick.
Hebt auf den Schild ihn, den Rebellenknig!
CATILINA. Ha! - Doch um in Vater Cato's Ton zu reden: Csar, Du bist des Todes
schuldig: Hast von Knigen geredet! Pah, ich bins. Fr leere Titel bin ich viel
zu gro.
CSAR fr sich. O Wahn der Gre! Laut. Wenn nicht etwa mit dem Sturz vom
Tarpejischen Felsen, wie willst Du enden?
CATILINA. Vielleicht, wenn der Tag der Freiheit flammend aufgeht ber
zerbrochenen Ketten und Lictorbeilen, wenn der Panzer der Adelsnarrheit und das
erschlichene Goldkleid der Plutokratie zum Kehricht der Vergangenheit
verscharrt, aus dem nur noch historische Lumpensammler ihre Scke fllen, - dann
gie ich Gift in meinen besten Falerner und mit dem letzten Schluck ruf ich zum
letzten Mal: Freiheit! - Vielleicht! vielleicht auch nicht! - Du giebst mir
Deine werthe Stimme?
CSAR. Vielleicht! vielleicht auch nicht.
CATILINA heftig. Es ist der Worte genug. Ja oder nein?
CSAR fest. Lucius Sergius Catilina, Du bist ein groer Mann. Dein Leib ist von
Granit und Deine Seele glatt wie die Schlange. Lucius Sergius Catilina, Du bist
ein elender Selbstling. Jeder Legionr, der seine verblichene Rstung putzt, ist
ein Gott neben Dir im Wahn Deiner Gre.
CATILINA. Du bist - - zu Hause.
CSAR. Ruhig und hre mich an! Du glaubst die Menschen zu kennen, mich auch?
Hoher Menschenkenner, und das ist das Ganze? Wolltest den Csar kennen und weit
nicht einmal, da er ein Rmer ist?
CATILINA. Was soll das?
CSAR. Ich spreche rmisch. Auch meine Toga hat den historischen Zipfel: Krieg
oder Frieden! Ich diktire ihn - Du nimmst ihn an. Wo nicht - gut. Aber ich,
Julius Csar, schwre bei den Tchtern der Nacht und bei Fortuna, meiner Gttin,
sei's geschworen: Mag Sbelheld Pompeius die Welt in einem einzigen Brand in
Asche strzen, wegschreitend ber alle Plne, die mir theuer - ich hindr' ihn
nicht. Und risse er sich einen ewigen Ruhm selbst von den Sternen, whrend mig
ich hier lungere, und kreuzte er mir vllig meiner Bestimmung Laufbahn - mag
er's thun! Doch wie der Leu, den man im Rcken fat, sich auf den Hauptfeind
strzt, der vorn ihm droht, - so strz ich mich auf Dich, nicht eher rastend,
bis Du niedersinkst.
CATILINA. Und was heischest Du so drohend?
CSAR. Wage keinen Schritt, der den inneren Bestand des Rmerstaats gefhrdet!
Wohl kenn' ich Deine Verbrderung mit Etruskern und Samniten. Man faselt von
Autonomie der Provinzen, von einer Auflsung in selbststndige Communen, von
einem Republiken-Bndel. Hochverrath an der Majestt der Res Publica, der
Civitas Romana! Die Demokratie mag siegen, aber nimmer die Anarchie. Eher sterb
ich auf den Ruinen des Capitols, ich, Caius Julius Csar!
CATILINA fr sich. Was werd ich verlieren? Raum. Und gewinnen? Zeit. Laut. Deine
Bedingungen?
CSAR. Du setzest mich stets in Kenntni von allen Beschlssen Deines Bundes. Du
verbrgst mir schriftlich Deinen Einflu fr das nchste knftige Consulat, das
mir gehrt. Und nur ein Catilinarier darf diesmal siegen, Du oder Marc Anton. -
Nicht? Wohlan, am Wahltag sehen wir uns wieder.
CATILINA. Es sei. Ich verbrge Dir's. Ironisch. Wie lange gilt der Vertrag?
CSAR trocken. Bis die Umstnde Dir erlauben ihn zu brechen.
CATILINA. O mein Csar, Du kennst meine schwache Seite. Wenn ich bedenke, da
dieser theure Pompeius und die Csareaner seines Schwiegersohns sich binnen
weniger Monde gegenseitig die Hlse brechen, dann trufeln mir Thrnen einer
gewissen Rhrung hernieder. Lebwohl! Deine Bekanntschaft war mir angenehm.
CSAR. Lebwohl! Besuche mich bald wieder! Catilina ab. Er irrt sich in mir.
Siegt er, wird er vollenden? Er wird nicht. Nicht Zwei ja schufen die
Unsterblichen zum selben Werk. Drum, Catilina, falle!

  Boudoir der Fulvia. - Fulvia am Fenster, hinaussphend. Clodius steht hinter
                                      ihr.

FULVIA. Eine Schwle vor'm Gewitter! Alles still. Nur vom Marsfeld her drhnt
das Gewoge der Massen heran, die am Damm der Gesetze rtteln. Die Kugeln, die in
die Wahl-Urne rollen, sind heut die ehernen Wrfel des Schicksals. Horch, vom
Ida donnert der siegspendende Zeus! Ach, das sind ja Mrchen. Dreht sich brsque
um. Was bedeutet das, mein Schner? Du willst nicht?
CLODIUS. Auf Ehre, nein.
FULVIA. Warum nicht? Bist Du schlecht bezahlt?
CLODIUS. Ich verachte schnde Gewinnsucht. Meine Ehre -
FULVIA. Was hast Du mit der Ehre zu schaffen! Hilf dem Catilina!
CLODIUS. Mein sittliches Gefhl verbietet's Fr sich. und Csar.
FULVIA. Ei still! Du, der Todfeind Cicero's -
CLODIUS. Nein, nein, Catilina ist das Verderben. Eine Gtterstimme sprach zu mir
Fr sich. und Csar. Laut. Doch auch Cicero - ich verschmhe seine Silberlinge.
Nie vermchte er mich zu kaufen!
FULVIA. Weil er kein Geld hat! Ich glaube Dir, edler Patriot. - Bist Dir also
selbst eine Partei?
CLODIUS. So ist's. Ich bin mir selbst eine Partei, allein Fr sich. mit Csar.
Sieht hinaus. Wird eine heie Arbeit, viel Blut. Auf hundert Mann Todte und
Verwundete mu ich rechnen.
FULVIA. Auf der Verlust-Nechnung fr Schmerzensgelder wohl das Doppelte!
CLODIUS. Tief schmerzet mich Dein Mitraun. Ich liefre nur solide Waare. Ruft
hinaus. He, Sulla!
SULLA drauen. He, Pulcher! Erwnscht! Bin im Augenblick oben!
FULVIA. Man erstrmt schon die Huser, wie es scheint. Sulla tritt auf. Wie,
Cornelius Sulla? Ich empfange nie am Morgen.
SULLA. Nie htte ich gewagt, Allerschnste - aber dieser Tag bricht alle
Schranken. Man ist auer sich. Die Gracchen steigen aus ihren Grbern, die Welt
geht unter und ich bin Wahlbeamter! - Du, Clodius, was ich sagen wollte, der
Julier hat uns, dem Jungen Rom, uns von der guten Gesellschaft, eingeschrft,
gegen den Sergier zu stimmen. Natrlich, wir stimmen alle mit Csar. Ich wette
ja immer auf Csar's Pferde.
FULVIA. O gesinnungstchtige Whler! O Curtiusse, begeistert strzend in den
Schlund - der Geldsckel!
CLODIUS. An die Arbeit! Ich werde fr das Vaterland aus allen mglichen Wunden
bluten - und's ihm gehrig auf die Rechnung kerben. Haha! Clodius und Sulla ab.
FULVIA schaut hinaus. Was seh ich? Catilina selbst - wie, er betritt mein Haus!
Er kommt hierher? Ich verstehe. Er mitraut mir und will mich nahe im Auge
behalten.
CATILINA mit Sempronia und Cethegus tritt auf, in weier Toga, aber behelmt.
Verzeih uns, liebe Fulvia, wenn wir die traute Bundesschwester stren. Die Lage
Deines Pallastes, so nah an den Comitieen, zwingt uns, unser Zelt hier
aufzuschlagen. Es trgt ein rothes Banner, dies Zelt, was ja nach alter
Rmersitte eine bevorstehende Schlacht verkndet.
FULVIA. Um so mehr Ehre fr Deine treue Clientin, groer Feldherr.
CATILINA. Cethegus, Du bearbeitest also die zehn ersten Conturien der dritten
Klasse. Sprechen leise weiter.
SEMPRONIA. Fulvia, hr mich an!
FULVIA. Was befiehlst Du, o meine Busenfeindin?
SEMPRONIA. Wir hassen uns und haben uns stets gehat. Deine kalte Gefallsucht,
dies Maskenspiel mit Deiner eignen Seele - ich verachte solche Mummerei. Ich bin
ganz Flamme, ganz Leidenschaft.
FULVIA. Wozu diese zarte Mittheilung?
SEMPRONIA. Du wirst es hren. In dem bittern Ha des gemeinsamen Grimms ist mein
kleiner Ha nur ein Tropfen. Mein kleines Herz - es schlgt in Catilina's groem
Herzen. Drum sei abgethan Liebe und Ha vergangener Tage. Catilina's Feind und
wr's mein Bruder - zwischen ihm und mir sei die einzige Brcke das Schwert.
Catilina's Freund und wr's meines Vaters Mrder - ihm biet ich die Rechte zu
Schutz und Trutz. Du hast Dich uns heimlich zugesellt in letzter Zeit, bist von
Cicero abgefallen und bemhst Dich in unsrem Sinne - gut. Aber eins wisse: Ich
folge Deinem Schlangenpfad. Hoffe nicht mit gleiender Windung uns zu bercken.
Umzngelst Du uns mit giftigem Verrath, so mag ich untergehn, aber Du mit mir!
FULVIA. Mach Dich nicht lcherlich! Metell tritt auf. Ein neuer Mars mit dem
Heldenschwei!
METELLUS. Schne Domina, gewhre mir Gastrecht. Bin hierher befohlen. Salutirt
vor Catilina. Melde mich zu Diensten Na, da sind wir ja alle beisammen, wir von
der Verschwrung.
CETHEGUS. Wie steht's drauen, Meteller?
METELL. Knnen schlafen gehn. Jetzt whlt sich's ganz von selber. Wer will auch
uns 'was anhaben?
CATILINA schwer. Das Fatum.
METELL. Was, dies berwundene Ding will sich unterstehen, mit uns von der
Verschwrung zu spaen? Nichts da!
CATILINA. Hm, die Welt ist ein Klumpen Zufall und der Menschen Plne eine hohle
Wahrscheinlichkeitsberechnung. Nimmt seinen Helm ab. Aus diesem Kelch des
Kriegs, lstern nach triefendem Blute, Trankopfer spende ich Dir bald, Fortuna!
Umstlpend diese Opferschale, weihend die ersten rothen Tropfen - sei mir frder
gnstig! Aus diesem blutigen Kelch will ich mein Glck auf einen Zug in dieser
Stunde leeren. Du unsichtbare Macht, die mich gesetzt ber der Menschen
Scheitel! Du weit es ja, da Du mich ausgerstet und gesandt, um zu vollenden.
Aller Zukunft Sterne sie spiegeln sich in meiner dunkeln Seele. Ja, ich bins,
keiner sonst. Ich bin allein, ich bin der Herr der Welt.
ALLE. Heil dem Erretter!
FULVIA fr sich. Hofnarren ihr! Rast dieser Mensch und steckt euch alle an mit
seinem Rasen? Wie der gttliche Sauhirt Eumos in Mitten seiner Herde, schiebt
er dies Gesindel im Kofen hin und her wie ihm beliebt. Laut. Doch halt, was
fehlt dem groen Mann?
SEMPRONIA die Andern abwehrend. Ruhe! Kmmert euch nicht darum! Es geht so
schnell vorber wie es kommt. Er leidet an solchen Anfllen.
CATILINA epileptisch erregt, Schaum vor dem Munde, halblaut vor sich hin.
Allein? Ich bin nicht allein, bin nicht einsam. Nahen dort nicht die Schatten
der Todten? Haha, sie sitzen auf meinem Lager und bohren langsam langsam den
Dolch zurck in mein Herz, den Dolch, der das ihre traf. Hei, sie schleifen mich
hin an den Rdern der Gedanken und peitschen mit der Geiel der Reue. Fieber des
Gewissens, heran! Mir ist so kalt. Einst war ich Stahl, jetzt bin ich Eis. Ich
bin abgestorben, verschneit ist jede Blume. Herauf, ihr alten Schatten! Doch ihr
wollt nicht kommen, ich bin so vernnftig. - Wie, sollen sie lebend den Titanen
schmieden an den Fels ihrer Rache, soll der Geier nach meiner Leber hacken? In
den Abgrund strz ich hinab und Du, o Nacht, empfange den sinkenden Sohn! Hrner
hinter der Scene. Schafft mir die todten Augen weg!
SEMPRONIA. Ha, das Zeichen zur letzten Abstimmung! Auf, Sergier, erwache!
CATILINA. Ich bin erwacht. - Hinfrder keine Gtter neben mir! Wie ein
Knigstiger will ich jagen durch die chzende Welt und Generationen erdrcken
mit meiner Tatze. Htt' doch das All der lernischen Hydra ewig neu aufkeimendes
Haupt, da ohne Ende ich fhren knnte den Todesstreich! Ich will euch!
SEMPRONIA. Die Sonne umfliet sein Haupt mit einem Strahlenreif. Schon seh ich
das Diadem um seine Schlfe geschlungen.
CETHEGUS. Hr' die Tuben! Sie laden Dich zum Siege, Imperator.
CATILINA setzt den Helm auf. Die Weltgeschichte steckt in diesen Hrnern. Die
Arena ist bereit, das Theater voll, die Wetten gebucht. Ich - wette auf mich
selber - eine Welt!

                                      IV.


Jaja, so ganz Unrecht hast Du darin nicht. Es giebt Leute, die whnen, da sie
den Weiheku des Realismus erhielten, weil sie ein paar Verhltnisse und
Ehebrche auf dem Gewissen haben. Nchstens wird man hie Befhigung zum
Realismus nicht nach der Beschaffenheit der Hirnsubstanz, sondern nach der
Befhigung der Genitalien beurtheilen, - womit freilich auch vielen Idealisten
gedient wre.
    So ging Leonhart auf die heftigen Ausflle ein, mit welchen Schmoller die
sogenannten Realisten bedachte, da es natrlich nach seiner Schtzung berhaupt
nur einen Realisten gab: nmlich ihn selber.
    Diese Me-nschen! polterte er mit tiefer sittlicher Entrstung. Bei denen
der ganze Realismus im Ausmalen erotischer Situationen besteht! Als ob darin der
Realismus steckte! Es ist zum Todtlachen. Noch nicht ins Leben hineingespuckt
haben sie alle und glauben wunders was Groes zu vollbringen, wenn sie ihre
kleinen Schferstndchen lecker beschreiben! Wenn man nicht in Fabriken
aufgewachsen ist, darf man berhaupt keine socialen Romane schreiben.
    Sociale - hm, in diesem Sinne, ja! Dann htte aber auch Zola bis auf
Germinal nichts geleistet. Nein, nein, es regt sich doch allerorts ein sehr
gesundes Streben. All diese neuen Unternehmungen und Bestrebungen, systematisch
Stck fr Stck das moderne Leben, speziell dasjenige Berlins, zu zergliedern
auf der Grundlage einer wahren Anschauung der Dinge, sind an sich schon
achtungswrdige heilsame Zeichen der Zeit. Mag auch das Dichterische in solchen
Versuchen noch einer betrchtlichen Steigerung bedrfen, mag auch der Realismus
noch etwas romantisch und zufallmig gefrbt sein, - nur entschlossen weiter
auf dieser Bahn! Dem Muthigen hilft das Glck. Es mu durchaus mit der
Sholz-Litteratur aufgerumt werden und der Schmerz des wirklichen Lebens die
Kunst beherrschen. Solche Kunst allein kann sittlich wirken, da nur sie den
Menschen lehren kann, sich ber die Wirklichkeit entsagend oder beherrschend zu
erheben. Die akademische Lgenkunst wirkt entsittlichend, indem sie ein
entstelltes, optimistisch gefrbtes Bild des Lebens bietet, durch dessen
Betrachtung der Ekel an der brutalen Wirklichkeit hchstens gesteigert werden
mu. Nicht die Dinge verschnern, sondern sie verstehen ist gesund. Schn ist
allein die Wahrheit. Wahr aber ist nicht nur das relativ Hliche, sondern auch
das relativ Schne. Der Realismus unsrer heutigen colorirten Photographieen in
der Malerei ist weit entfernt von dem gesunden elementaren Realismus der
Renaissance-Meister. Und Zola ist noch lange kein Shakespeare. Heutzutage
herrscht eine so trostlose Begriffsverwirrung, da man kaum mehr wei, was unter
Idealismus und Realismus eigentlich zu verstehen sei. Wenn Einer geleckte
Sonette drechselt oder hochtnenden Jamben-Bumbum ausspeit, heit er ein idealer
Dichter. Und wenn ein genialer Neuschpfer in seine idealen Conceptionen
sachgeme Cynismen verwebt, heit er ein schmutziger Zolaist.
    Hahaha, so nennen sie uns Beide ja auch! lachte, Schmoller auf, indem er
innerlich dachte: Na, auf Dich pat's ja auch. Und die Idealisten - hoho, die
mu man mal bei Lichte besehen.
    Ganz richtig. Idealist sein bedeutet heut: auf die Vorurtheile und den
Tagesgeschmack spekuliren. Christus hiee womglich: Ein polternder Realist.
    Beide schritten der Dresdener Strae zu. Man wollte dort mehrere
socialdemokratische Fhrer in einer Kneipe treffen, mit denen Schmoller einige
Bekanntschaft pflog. Aus weiser Vorsicht kokettirte er nebenbei auch so lange
mit den Christlich-Socialen, bis er deren Treiben kaustisch durch die Zhne zog.
Denn Abwechselung mu sein. Er mokirte sich zugleich ber Beide.
    Als man jedoch an dem Rendezvous-Ort anlangte, ergab sich, da die Herren
hinterlassen hatten, sie wrden ins Caf Liedrian steigen.
    Hoho, famos! Da werden nmlich die Agitationsgelder vom Klempner-Strike mit
den Dirnen durchgebracht! raunte Schmoller seinem Freunde ins Ohr,
hochbegeistert von dieser Entdeckung einer neuerfundenen Schlechtigkeit. Also
vorwrts, das wird ja famos! Du bist ja da bekannt, he, was, wie? Sein Auge
blinzelte boshaft.
    Leonhart zauderte einen Augenblick. Eine fatale Situation. Doch sich
sperren, schien hier das Ungeschickteste. Sie marschirten also dorthin.
    Schmoller befand sich in seiner sffigsten Schimpf-und Verlumdungsstimmung.
Er verbreitete gleichsam eine unreine Athmosphre um sich her, indem er ber
Jeden irgend eine dunkle Geschichte zu erzhlen wute. Seine theoretische
Menschenverachtung verschanzte sich dagegen, edle Gefhle und Gedanken zu
begreifen, weswegen er stets nach unlauteren Motiven forschte.
    Hihi, kicherte er, der Eine von den Kerls, der Redacteur Hermann Garibald
Hoppel, - na der richtige Fatzke! Trgt den Spitznamen der Garibaldianer, weil
sein Alter ihn aus Begeisterungs-Schmu fr den Italiano Garibald getauft hat.
Trieb sich in Sd-Amerika herum, weil er als Hauslehrer faule Chosen mit der
Tochter vom Hause trieb. Bildete sich als Goldgrber in Chile zum Bret
Harte'schen Strolch-Goldherz aus - punktum, streu Sand drauf! Immer zugeknpft
und finster. Hat ganz entschieden einen Mord da drben auf dem Gewissen. Spielt
den Vornehmen, dabei ein Schmutzian bis ber die Ohren. Der Andere - o, auch
kstlich! Ein riesiger Antisemit und heirathet drum immer Jdinnen. Jetzt hat er
schon die Dritte, aber die brannte ihm durch und macht unter dem Tittel
Schriftstellerin durch ganz Deutschland litterarische Besuchsreisen bei allen
schnen und vermgenden Federschwingern. Verstandez-vous? Pa mal auf, zu Dir
kommt sie auch noch.
    Leonhart lachte. Du hast wieder. Deinen guten Tag. Die Menschen sind weder
so gut noch so schlecht, wie man denkt oder wie man sie schildert. Das ist,
glaube ich, ein altes Axiom - mir aber drngt es sich auf wie etwas Neues. Denn
jeder Vernnftige wird doch zu gleicher Erkenntni gelangen.
    Ach, habe Dir man nicht! Alles oberfaul, alles.
    Ueberhaupt schon die Jdinnen! Wenn ich denke, als ich bei dem scheulichen
Millionenschinder Ruperti (wie die Bande sich immer auf's Italienische
raustauft!) Sekretr war! Die dicke Madam geilte sich immer an mir ab und das
Tchterlein Laura - na, die Krte! Ruft mich mal heimlich ins Badezimmer, als
sie halb am Ausziehen ist, natrlich in aller Unschuld - na, ich will nichts
gesagt haben! Schmoller strahlte nicht wenig von dem stillen Bewutsein, er sei
doch ein verdammt schner Kerl. O ber diese ganze versumpfte Gute
Gesellschaft! Da begreift man Dostojewski's ollen Raskolnikow, der einfach
hingeht, um solch 'ne alte Geldlaus todtzuschlagen.
    Hm, meinte Leonhart. Aus Faulheit und Grenwahn. Dem Raskolnikow spukt
ja fortwhrend Napoleon im Gehirn - das hat Dostojewski sein berechnet.
    Na ja, so wie Napoleon Dir im Gehirn spukt, Raskolnikowchen, grlte
Schmoller.
    Mir? Danke! brummte Jener. Ich drfte denn doch wohl mehr die Rolle des
Rasumichin spielen, bei Deiner eignen hohen Beanlagung zur Raskolnikow-Rolle.
    Was meinst Du damit? fragte Schmoller mir einem stechenden Blick.
Uebrigens, das verstehst Du gar nicht. Ueber Raskolnikow kann nur Der mitreden
- ja, mein Sohn, das ist die Noth, die Noth, die Du nicht kennst.
    Hm, mein Theurer, ich erlaube mir zu bemerken, da der Artillerielieutnant
a.D. Bonaparte wohl mehr gehungert hat, als unser imaginrer Freund Raskolnikow,
der berall herumlumpt, - was Bonaparte gewi verschmhte. Und doch ging er
keineswegs hin, um eine alte Frau zu raubmorden, sondern er erwartete standhaft
seine Stunde und eroberte die Welt. Wenn Du nicht verstehst, wie gro dieser
Unterschied, so hast Du Dostojewski's tiefe Psychologie gar nicht verstanden.
    Pschah! Wie gesagt, was weit Du von der Noth der untern Schichten!
    Und was weit Du von einer philosophische Lebensauffassung! Das Allerbeste
ist: zu lachen, sintemal so viel Lcherliches jede Minute wchst. Lache nur viel
und vor allem leide nicht an Hyper-Gerechtigkeit, welche dem Pharisismus sich
manchmal nhert. Gott sei mir Snder gndig! Man mu mit Hamlet sagen: Ich bin
selbst leidlich tugendhaft, dennoch stehn mir mehr bse Wnsche zu Gebot, als
ich Macht habe sie auszufhren. Wenn sie nicht herauskommen, wer wei, ob das
mein Verdienst ist oder das der Umstnde!
    Paperlapapp! Du red'st wie der Blinde voll der Farbe. Ueber das wahre Elend
hilft all so'n Gethue nicht weg. Gestern geno ich den Vorzug, einen
Kohlenschipper zu sprechen, der zehn Jahre mit gebrochenen Beinen in einem
dustern Keller lag. Tableau! Ach und dann all die andern Schandthaten! Daher
auch die Lderlichkeit bei den armen Leuten. Alle Konfirmandinnen von vierzehn
Jahren sind schon keine Jungfern mehr. Da hilft nur noch praktisches
Christenthum. - Ja wohl, meine Tochter, hier hast Du einen Groschen! Er warf
einer bettelnden Streichholzverkuferin einen Nickel hinein und stieg erhobenen
Hauptes, im Bewutsein eines solchen praktischen Christenthums, die Stiegen zum
Caf Liedrian hinan.
    Die Ueberraschung Frau Helenens beim Erscheinen Leonharts spottet aller
Beschreibung.
    So? Mit den Kerls gehst Du um? raunte sie ihm ins Ohr und girrte dazu
zrtlich: Federigo!
    Da er peinlich berhrt zusammenzuckte, girrte sie weiter: Ach simulire man
nich! Ich wei ja, wer Du bist. Und jetzt wrde sich ja doch Einer von den Kerls
da verplappern. Na, der Schreck, als ich Deinen Namen in Deinen Handschuhen las
und mich nachher orientirte, wer Du bist. Also der berchtigte Schreihals bist
Du! Nein, was man nicht erlebt! Und nun giebst Du Dich gar mit solchen Leuten
ab! Der da, den Du da mitgebracht hast, der mit dem Havelock - o dem hab' ich
schon mehrmals Feierabend geboten, weil er sich so unanstndig auffhrte. Bei
mir herrscht ein anstndiger Ton. Ach und Deine andern Champagner-Freunde da
hinten! Das scheinen mir auch die Nichtigen. Soll mich wundern, ob Die solche
Zeche machen knnen! So schwatzte sie fort, fiel ihm aber um den Hals, als er
sie rgerlich abschtteln wollte: Ach, ich liebe Dich ja doch, alter Freund!
Dadrum keine Feindschaft nich!
    Die groen Freiheitsapostel flegelten sich hinten in der Weinstube auf dem
Kanapee umher und mehrere Champagnerflaschen kollerten bereits geleert aus dem
Boden. Leonhart dachte unwillkrlich an eine gemthliche Orgie der alten
Schreckensmnner des Wohlfahrtsausschusses. Er wurde mit Halloh empfangen und
bald pltscherten alle wie der Fisch im Wasser in Zotenreierei umher. Der
antisemitische Jdinnen-Verehrer besah die Bilder an der Wand, welche Nuditten
durchsichtigster Gattung darstellten. Ist die nackigt! rief er mit Extase. Das
Wasser luft Einem im Munde zusammen!
    Greis, schme Dir! kicherte Schmoller. Der Greis schlug sich jedoch kernig
auf die Heldenbrust und betheuerte, indem er die holde Olga umarmte: Bin ich ein
Mann? He, kann ich noch?
    Olga gab alles zu, obschon sein Wein-Odem sie so widerlich betubte, da ihr
der Fcher, mit welchem sie stets als grande dame zu paradiren pflegte, aus der
Hand fiel.
    Ach, Sie wissen ein Weib so zu nehmen!
    Na und ob! Wir sind doch auch noch so gut wie so'n oller laffiger Lieutnant
mit 'nem Brstenladen in der Tasche, w?
    Hier hielt der finstre Redacteur, der laut Schmoller in Amerika einen Mord
auf dem Gewissen hatte, die Gelegenheit fr gekommen, um den verehrten
revolutionren Dichter Leonhart wegen seines Vortrags ber den Grenwahn des
Militarismus zu preisen.
    Ja, da haben Sie mal wieder einen Schu ins Schwarze gethan, den Nagel just
auf den Kopf getroffen. Hier sitzt der Kern alles Uebels. Der
nationalkonomische Ruin des Staates wird durch das Wuchern dieses unproduktiven
Standes unvermeidlich. Soll das arme berbrdete Volk etwa den Kastendnkel des
rothen Kragens mit seinem blutigen Schweie frben?
    Hm, da haben Sie mich nun freilich doch nicht ganz verstanden, wehrte
Leonhart ab. Gegen den Offizierstand, der heut das Ritterthum darstellt, habe
ich gar nichts. Im Gegentheil. Die Offiziere mssen sich durch Kastengeist
entschdigen. Denn abgesehen von schlechter Bezahlung (wofr freilich die
Pension eintritt), wie entsetzlich steht es mit dem Avancement! Mit 42 Jahren
Hauptmann - also etwa das, was in einem groen Handlungshause einer der Kommis
I. Klasse bedeutet! Man mu hier unbedingt das Talent haben, alt zu werden. Gott
sei Dank, sind 90 Procent der Offiziere ganz mittelmig und whlen den Beruf
nur aus sozusagen physischen Grnden, weil sie fr einen hheren Beruf keine
Intelligenz haben. Allein, die hher Veranlagten, - was mssen die leiden! Denn
in allen unteren Graden hilft ihnen ihre militairische Begabung greren Stils
ja nichts. Sie mssen gnstigstenfalls 60 Jahr alt werden, um in eine Stellung
zu kommen, wo sie ihr Fhrertalent entfalten knnen.
    Dieser belehrende Einwurf mibehagte den Andern offenbar. Ebenso, als
einiger Unsinn ber den nchsten Krieg und Boulanger's Rolle vorgebracht wurde
und Leonhart ruhig urtheilte: Boulanger scheint der Dumouriez der
neufranzsischen Republik. Solcher Leute Augenma sieht in einer Revolution
keine Emprung, sondern eine Verschwrung. Ein geborener Revolutionr ist nie
ein wahrer Republikaner. Whrend er mit dem einen Auge der Monarchie droht,
blinzelt er liebugelnd mit dem andern Auge nach ihr hin. Mit der Keckheit eines
Prtorianerobersten gedachte Dumouriez die Orleans gegen den Convent
auszuspielen. Wer wei, ob nicht Aehnliches Boulanger vorschwebt! Da ihm der
Einflu im Senate mangelt, so gedenkt er wie Csar das Heer zu seinem Werkzeuge
zu machen. Die Legionre Csars aber waren eben - Csarianer, privilegirte
Ruber; die Soldaten des Dumouriez aber waren Brgersoldaten, denen blinder
Soldatengehorsam fremd, und jener Lysander der groen Revolution wurde alsbald
von der Bhne verjagt. Der Convent nannte ihn den groen Verrther. Ob Boulanger
ein hnliches Loos zu frchten hat? Nun, er hat kein Jemappes in seiner
Vergangenheit; dafr hat er den Ruhmestag am Lyoner Bahnhof und die Flucht vor
dem Gesindel seiner Anbeter auf einer Lokomotive. Der Radau-General, der St.
Arnaud der Tingeltangel! Ein klassisches Sinnbild fr den Reklame- und
Strebergeist unsrer Epoche! Lachen mu ich nur, wenn die Zeitungen durch ihr
Schimpfen solch' gefhrliche Elemente unschdlich zu machen denken. Heutzutage
blht man durch jede Art von Oeffentlichkeit die Leute auf. Man beschuldige und
vernichte die Leute krftig mit Druckerschwrze - das ist der Weg, um ihren
Namen aller Welt gelufig zu machen. Man mu sehr talentlos oder energielos
sein, um auf solcher Schimpf-Basis nicht ein Piedestal fr sich zu erbauen.
    Sehr richtig! rief der finstre Volksredacteur mit dem Christuskopf. Uns
hat das Socialistengesetz und der Belagerungszustand gro gemacht. Das Schimpfen
und Verfolgen zeigt doch immer Furcht.
    Aus dieser Anknpfung entspann sich alsbald naturgem eine socialpolitische
Debatte, whrend die Mamsells smmtliche Flaschen unterdessen ausbecherten, ber
den Associationsstaat. Da hatte Jeder sein Steckenpferd. Der jdinnenfreundliche
Antisemit bestand vor allem auf freier Liebe und Aufhebung des Erbrechts.
Schmoller bezeugte eine besondere Wuth gegen das Privatkapital und der dstere
Redacteur plaidirte fr das Genossenschaftswesen als Monopol. Leonhart lie den
Wortschwall eine Weile ber sich ergehen, dann aber hielt es ihn nicht lnger
und sprach: Meine Herrn! Die socialistische Doctrin entstammt dem Schdel
berspannter Ideologen, welche sich im Mantel des naturwissenschaftlichen
Materialismus drapiren, um die wahren Materialisten, die rohen Pbelmenschen,
ber ihr Wesen zu tuschen. Der Socialismus ist in sich die baare blanke
Unmglichkeit. Denn erstens mten, um ihn durchzufhren, die Bedingungen der
Naturgesetze umgestoen und eine gewaltsame Herabschraubung und Nivellirung
aller Einzelkrfte auf ein Durchschnittsma ermglicht werden. Sie werden mir
nun versichern, das socialdemokratische Drillzuchthaus werde der naturgemen
Aristokratie des Geistes gebhrend Rechnung tragen und dieselbe als Beamtenthum
der groen Staatsfabrik, als patentirte Erfinder und Ingenieure verwenden.
Allein, wie lange wrde es dauern und die souveraine Arbeitermasse, willenlos
thierischen Instinkten folgend, wrde diese geistige Control-Aristokratie mit
demselben Ha empfinden, wie die frhere Geld- und Geburtstagsaristokratie. Ja,
die Mglichkeit ist fr den Psychologen nicht ausgeschlossen, anbetracht der
vollstndig sinnlichen und uerlichen Auffassung der Durchschnittsmasse, da
die Geistesaristokratie nicht einmal den Respekt bei dem gemeinen Mann erzwingen
wrde, den er jetzt mrrisch dem Geld und Titel entgegenbringt. - Andrerseits
aber wrde hchst wahrscheinlich diese Beamtenaristokratie selbst ihr Loos bald
unzulnglich finden und ein hheres Uebergewicht, ihrem Werth gem, dem
Handarbeiter gegenber beanspruchen, als der socialdemokratische Staat ihnen
nothwendig zugestehen kann. - Wie will sich nun dieser Staat vor all den
Unzufriedenen schtzen? Ah, an Gewalt wird es ja nicht fehlen, vor scharfen
Mitteln werden die groen Robespierres des Socialismus nicht zurckschrecken -
man wird die Staatsgewalt schon aufrecht erhalten, nicht wahr? Nmlich womit?
Natrlich mit bewaffneter Hand, mit einer krftigen Jakobiner-Leibgarde der
socialistischen Heiligen. Sieh da, und darum habt ihr dem Militarismus den
Garaus gemacht? O ihr Thoren! Was fr ein Unterschied zwischen den alten und
neuen Garden?
    Meiner festen Ueberzeugung nach macht die Mehrzahl der socialistischen
Utopisten, in Folge mangelhaft construirter Einbildungskraft, sich den Zustand
der Menschen ihres Zukunftsstaates in keiner Weise klar. Wir wollen meinethalben
annehmen, da man die Blumen aus der Natur ausjten, da man alle feineren
Individualitten in der Wurzel vernichten, da man die Knste und abstrakten
Wissenschaften abschaffen, d.h. den Trieb und Wunsch nach idealen Thtigkeiten
aus der Menschenseele entfernen knne. Diese Unmglichkeit einmal angenommen,
mssen wir umgekehrt erwarten, da die groe Masse, welche heut vom niedrigsten
thierischen Egoismus gelenkt wird, sich idealisire - zwar nicht sthetisch, aber
moralisch. Bei der Vernichtung des persnlichen Arbeitsgewinns durch die
Aufhebung des Privateigenthums mssen eine ideale Arbeitslust und Pflichttreue
die rein der Sache wegen wirken, sowie eine fortwhrende Selbstverleugnung zu
Gunsten des lieben Nchsten angenommen werden. Aehnlich verhlt es sich bei der
sogenannten freien Liebe oder Frauengemeinschaft, welche auerdem nur fr
Maurergesellen und Dirnen berhaupt etwas Verlockendes haben mag. Auf der einen
Seite strubt sich jedes ideale Gefhl dagegen und auf der andern Seite verlangt
die Durchfhrung der Theorie die idealste Selbstverleugnung des Einzelnen, der
in seinen edelsten wie in seinen brutalsten Instinkten zugleich verletzt wird.
    Aendert die menschliche Natur von Grund aus, modelt uns alle um, macht uns
zu mechanischen Fre-und Zeugungsmaschinen, zu Thieren oder umgekehrt zu
brderlichen Engeln - ohne diese Prmisse ist der Zukunftsstaat ein Unding.
    Auch dies Letzte endlich angenommen, wrde man bei wirklich regelrechter und
mglichst vollkommener Ausbildung dieses Staates allergnstigstenfalls nur
urtheilen drfen: Viele alte Uebel sind abgeschafft, viele neue hinzugekommen;
viele neue Vorzge hat dies System, viele alte hat es eingebt. Die Rechnung
zwischen dem alten System, das die Menschheit nun 10000 Jahre weiterschleppt,
und dem neuen deckt sich. Nun, meine Herrn, da bleibe ich lieber bei meiner
alten Maschine, die zwar voller Fehler und Schwchen, aber durch unablssige
Traditionen von Kind zu Kind geheiligt und wohleingelt wurde. Wozu soll ich mir
die Scheererei mit einer neuen ungelten Maschine machen! Verlorene Liebesmh!
    Mit zunehmender Verwunderung, die sich zur Entrstung steigerte, hatte das
edle Kleeblatt diese offene Erklrung hingenommen.
    Nu aber raus! machte der philosemitische Antisemit seinem Grolle Luft.
    Wen haben wir denn da? Einen communen Erzreactionr? Das ist der
freisinnige, der revolutionre Poete? Wir sind erstaunt, Herr Schmoller, wie Sie
es wagen durften, diesen Herrn bei uns einzufhren.
    Das ist ein Mibrauch des Vertrauens! trumpfte der Garibaldianer mit dem
Christuskopfe auf. Herr Schmoller, verschonen Sie uns knftig mit Ihren
Freunden! Und Sie, Herr, mu ich bitten, unsere Gesellschaft zu meiden. Wir als
Vertreter des Volkes knnen solchen Verrath an den ewigen Prinzipien der
Freiheit in unsrer Nhe nicht dulden. Er stand, die Rechte in der Brusttasche,
die Linke am Champagnerkelch, majesttisch da, so da der Busen Olga's und
Kneifer-Mary's sich von einem stillen jungfrulichen Athemzug des Verlangens hob
und Frau Meyer murmelte: Ein schner Mann!
    Leonhart erwiderte kein Wort, zahlte und ging mit stummem Gru. Erst auf der
Strae kam ihm Schmoller nach, der oben mich parlamentirt und seinen vollen
Beifall zu der sittlichen Entrstung der zwo Volksvertreter beigesteuert hatte.
    Wir gehn wohl noch mal hier in die Kneipe nebenan? sagte er halblaut.
Leonhart nickte. - Das Lokal war zufllig ganz leer und sie nahmen in einem
dunkeln Winkel Platz. Hier explodirte Schmoller. Du hast mich blamirt, rief er
ein ber das andere Mal Aller Blicke im Lokal waren auf mich gerichtet.
    Auf Dich? da ich nicht wte! In seinem nervsen Verfolgungswahn waren
freilich solche Selbstvorspiegelungen bei dem groen Sittenschilderer nichts
Seltenes. Auch lie Schmoller sich keineswegs durch Leonhart's Ruhe
beschwichtigen, sondern schlug einen eigenthmlich provocirenden Ton an, der
sich allmhlich bis zur Grobheit steigerte.
    Und Du scheinst noch gar nicht mal eingestehen zu wollen, da Du den
gesellschaftlichen Anstand taktlos verletztest?
    Mein Bester, jetzt hre auf! Ich freue mich, da mir die Geduld ri und ich
dem dummen Grenwahn der alleinseligmachenden Socialdemokratie ein krftig
Wrtlein zu schlucken gab.
    Ach, was Du wohl davon verstehst! Schmoller machte eine wegwerfende
Handbewegung. Du bist ja in solchen Dingen naiv wie ein Kind. Die Noth, die
Noth! Du hast immer volle Taschen gehabt, an besetzten Tafeln geschwelgt -
Weit Du das so genau? fragte Leonhart achselzuckend.
    Ja wohl, fuhr Jener unbeirrt fort, ohne den Zwischenruf zu beachten.
Daher steht Dir auch ber meine Geldgeschichten gar kein Urtheil zu.
    Ich wte nicht, da ich mir ein solches je angemat htte, fiel Leonhart
ein. Doch aus dies berhrte der groe Unsittenschilderer und perorirte weiter:
    Mir gereicht das alles nur zur hchsten Ehre. Man hat mich bei Dir schlecht
gemacht. Ich wei wohl wer.
    Aber erlaube mal, ich habe kein Wort..
    Ja wohl. Ich will offen und ehrlich bekennen, offen und ehrlich, diese
beiden Adjective liebte Schmoller mit jener Inbrunst, mit der man etwas
Unerreichbares erstrebt, das man nie besitzen wird, da ich Verschiedene,
darunter auch Dich, um nicht unbedeutende Darlehen anging und da Du Dich
mehrfach fr mich bemht hast. Wenn Du es wnschest, will ich offen und ehrlich
-
    Hr' mal, jetzt ist's genug! Habe ich je mit einer Silbe -
    Ja wohl. Es giebt Leute, die da einfach whnen, da ich bei Dir allzu tief
in der Kreide stecke. In der Vorrede meines nchsten Romans werde ich daher, um
cursirenden Gerchten entgegenzutreten-
    Bist Du wahnsinnig?
    Ja wohl. Dieses Wort zeugt wieder von einer so malosen Ueberhebung Sr.
Majestt Friedrichs I. des Groen, da ich nicht ohne ein Lcheln daran denken
kann. Nur Du wirst Dich dabei blamiren, wenn ich offen und ehrlich -
    Offen und ehrlich!! Diese Worte in Deinem Munde! Leonhart brach in ein
bitteres Gelchter aus Ich ersuche Dich, mich mit den migen Hallucinationen
Deines Verfolgungswahns zu verschonen. Kein Mensch auer Dir selbst in Deinem
schlechten Gewissen, das seinen krassen Undank beschnigen mchte, trumt so
etwas. Ich bedaure. Dir heut Lebewohl sagen zu mssen. Schlaf Dich aus! Und
bedenke das nchste Mal, wo Du eine Rempelei vom Zaune brichst, da Du mir nur
grte Hochachtung schuldest. Verstanden?
    Grte Hochachtung, warum nicht gar knechtische Unterthnigkeit! schrie
Schmoller, indem er sich in die Haare fuhr und gezwungen auflachte. Begreifst
Du denn nicht, wie urkomisch ein solches Wort in Deinem Munde klingt? Von
bertriebener Eitelkeit geplagt, forderst Du ewig meinen Dank heraus. Ich habe
nie Dank dafr beansprucht, wie oft ich hinter Deinem Rcken Dein Genie und
Deine Uneigenntzigkeit gegen mich gepriesen habe.
    Hr auf! Ich bin leider nur zu wohl in anderem Sinne unterrichtet.
Nochmals, fr heut verzichte ich auf weitere Konversation. Leonhart hatte
lngst erkannt, da Schmoller pltzlich, einer Laune seines eingewurzelten
Selbstsucht-Instinkts folgend, einen Bruch mit ihm suchte. Er pflegte diese
geistreiche Taktik, sobald er sich durch die Erinnerung empfangener Dienste
belstigt fhlte.
    So? Aha! Nun, nimm mir um Gotteswillen nichts bel. Es ist nur eine
Kompensation fr Deine Beleidigungen.
    Meine -? Nochmals, bist Du wahnsinnig?
    Siehst Du, wieder eine so schwere Injurie! Doch ich dulde viel von Dir.
Wenn ich Dich durch meine Offenheit verliere, so ist das noch nicht zum
Selbstmorden! O ich wei wohl, da Du schlecht von mir denkst. Aber Du hast
keinerlei Recht dazu. Ich bin ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle.
    Wenn Du's selbst sagst!
    Deine Ironie trifft mich nicht. O Du, der Du die Noth des Lebens nicht
kennst, wie ich, der sein krgliches Brot sauer erwirbt, dessen ganzes Leben
Arbeit und Entbehrung war!
    Von Deinem vielen Arbeiten merkt man nichts. Und was Dein krgliches Brot
betrifft, so behauptest Du ja selbst, da Du die hchsten Honorare in
Deutschland beziehst.
    Schmoller jedoch berhrte das und bekam, in sein Seidel starrend, einen
Rhranfall. Hast Du eine alte Gromutter wie ich zu ernhren? Hast Du -
    Bitte nur eins: Verschone mich damit! Ewig hrt man von Dir Wunderdinge von
Deiner Familien-Aufopferung und so weiter. Nun, ich bin nicht in der Lage, das
prfen zu knnen. Aber da ich Dich nie mit meinen Privatverhltnissen langweile,
so sehe ich nicht ein, wozu ich Deine selbstberuchernden Edelmuths-Wechsel, die
Du auf Dich selber ziehst und jedem Ahnungslosen als General-Entschuldigung
gegen alle etwaigen Vorwrfe prsentirst, lnger als baare Mnze acceptiren
sollte. - Kommen wir zum Schlu und offen heraus: Ich wei, aus tausend kleinen
Einzelheiten, die mir nie entgangen sind, da Du im Grunde Deiner Seele einen
tiefen Ha gegen mich nhrst. Und wenn Du meinst, ich dchte schlecht von Deinem
Charakter, trotz meiner heroldenden Bewunderung Deines Talents, so kann ich mich
nur negativ dahin uern: Wenn ich doch je etwas Gutes von Dir gesehen htte!
    Schmoller schlug auf den Tisch und knirschte mit unheimlich glhenden Augen:
Jetzt bleibst Du. Du sollst mir mal ausfhrlich begrnden und deutlich
aussprechen, was Du ber mich denkst.
    Ach, wozu solche unliebsamen Scenen bis aufs Aeuerste treiben! Adieu.
    Nein, ich lasse Dich nicht fort, ehe Du mir Rede stehst. Du weichst mir
nicht aus. Fr feige habe ich Dich nie gehalten.
    Feige?! Nun gut! Leonhart lehnte sich ruhig in seinen Stuhl zurck: So
mu ich wohl oder bel daran? Here goes! Also dies erzhle ich mir selbst, an
der Hand meiner Erfahrungen ber Herrn Karl Schmoller.
    Der groe Mann, fr dessen unverkennbare Begabung ich bereits lebhaftes
Interesse besa, tauchte zuerst vor meinem Horizont in der Redaction des Doktor
Arthur Kirmny auf. Er brachte dort eine Recension ber Doktor Johannes Adler,
den bekannten Redacteur und Dichter, unter, da er diesem viel verdankte. Er
versprach Kirmny, einem Gegner Adlers, goldene Berge, wenn er die Recension
aufnhme. Dieser, ein stets geflliger Mann, that es.
    Ich bemerke hier gleich parenthetisch, da Schmoller, als den Doktor Kirmny
spter ein unverschuldetes Unglck traf, unter denen war, die am lautesten ber
den Armen herzogen. Ich erinnere mich noch mit Vergngen des Abends, wo eine
Gesellschaft notorischer Lumpen in tugendsamer Entrstung den Gefallenen
beschimpfte und ich taktlos genug war, mit ruhiger Miene zu antworten: Lump -
so! Na, wir sind doch alle Lumpen!
    Die nhere Bekanntschaft Schmollers sollte nicht auf sich warten lassen.
Diese Ehre kostete ich sofort, als ich Redacteur eines kleinen Blttchens wurde,
das einigen Rumor machte. Ich sa am zweiten Tage mit dem Chef und Herausgeber
bei der Arbeit, als dieser mit seinem bekannten brummeligen Ton aufsthnte: Da
kommt Schmoller! Dacht ich's doch! Und in der That dieser groe Mann erschien,
lebhafter Neugierde voll, gleich dem Geier, welcher Aas wittert. Mit seiner
schnffelnden Fuchsnase und seinem listigen Catilina-Blick durchforschte er
sogleich unser etwas rmlich ausschauendes Lokal und erkundigte sich nach unsern
Mitteln. Dann hub er etwa also an: So na ja! drei Abonnenten habt ihr? Mein
Chef, der ihn genau zu kennen schien, blkte seine Zhne und sagte gar nichts.
Was, schon 5000? Alle Achtung! Jaja, der Mienik da! Hat gleich eine Novelle
drin! 2000 Mark bekommen, wie ich hre. Ach, reden Sie doch nich! - Also,
Mienik, Sie sind zu den Conservativen bergegangen? Wer htte das gedacht!
Neulich war ich mit ein Paar Judenbengeln zusammen, haben Die geschimpft! Was,
der Mienik? Nachdem er von uns die hohen Honorare geschluckt hat?! Ich sperrte
Nase und Mund vor Staunen auf, da ich die Erfindungsgabe Schmollers ja noch
nicht kannte. Nein, was der Mienik brigens meinem Bruder hnlich sieht!
Wahrhaftig, Haare, Stirn und die treuen Augen - alles dasselbe! Ich war gerhrt.
Wir wollten arbeiten, aber Schmoller ist bekanntlich ein Klebpflaster: Er bleibt
so lange sitzen, bis er irgend eine unvorsichtige Aeuerung erschnappt hat,
womit er dann hausiren geht.
    Mein Chef brummelte fortwhrend oder schwieg sich aus. Nachdem Schmoller
mich dann gebeten, doch irgendwo mit ihm in einer Kneipe zu plaudern, schleppte
er mich widerstandslos fort. Nun begann sein Spiel. Er erzhlte mir von meinem
Chef und dessen Gattin allerlei horrible Dinge unter dem Siegel peinlicher
Verschwiegenheit. Doch lobte er die kluge Frau, indem er unter Anderem folgende
kstliche Anekdote von Stapel lie. Er hatte sie mal gefragt, warum sie ihn
nicht mit dem ihr befreundeten berhmten Dichter Kasimir Pakosch zusammen
einlade. Ach, hatte sie geantwortet, der wrde Sie nach seiner Art ber uns
ausforschen und dann wrden Sie irgend was Schlechtes sagen und er wrde uns
dies bei Gelegenheit mit frommer Gebrde wiederklatschen - na und dann wren wir
alle auseinander! Ich wunderte mich im Stillen.
    Schmoller wich nicht von uns. Er widmete unserm Blatte eine rhrende
Aufmerksamkeit. Dabei kam er dann bald auf sein berhmtes Steckenpferd: Seine
unvergleichlichen Honorare! 10,000 Mark fr sein neues Buch - das ging ihm nur
so vom Munde. Dann berichtete er auch mit liebevoller Detaillirung, da seine
Braut 50,000 Mark besitze und erkundigte sich, wo er 30,000 Mark unterbringen
knne.
    Her damit! Bei uns! schrie mein Chef, dem das Wasser im Mund zusammenlief:
Der Kder war selbst fr seine Schmoller-Kenntnisse zuviel.
    Darauf hatte Schmoller nur gewartet. Er lie vernehmen, da sich das hren
lasse, und versprach bereitwillig all seine Gter im Monde.
    Nun hatte er Anker gefat. Mir gegenber stocherte er, wie ein so
bedeutender Schriftsteller wie ich sich berhaupt zum Redacteur degradiren
knne. Ihm knne man Berge bieten! Und mein Chef schimpfe ber mich - o! Das sei
berhaupt ein Kerl - na!
    Zu Jenem uerte er dann: Wie er solch einen Kerl wie mich berhaupt dulden
knne! Und der schimpfe ber ihn - o!
    In Folge dessen erlebte er denn das Gaudium, da mein Chef und ich bei einem
seiner gewhnlichen liebenswrdigen Besuche uns gegenseitig in die Haare
geriethen. Da verabschiedete er sich schleunig, worauf wir Andern uns natrlich
vershnten, sintemal die Aussprache ergab, da Schmoller uns aneinandergehetzt.
Doch schien ihm bald meine Freundschaft irgendwie werthvoller zu sein, als die
der andern - kurz, er attachirte sich gewaltig an mich.
    Ich mu nun, um Schmollers Eigenart zu wrdigen, Folgendes bemerken: Seine
Grobheit bleibt Schmoller's gefhrlichste Waffe. Denn eine angeborne Thorheit
der menschlichen Natur liegt in dem Wahn: wer grob auftrete, sei darum auch ohne
Falsch. Lcheln, lcheln, immer lcheln und doch ein Schurke sein! heit es im
Hamlet. Und dennoch hat der grte Herzenskndiger seinen Richard III. je nach
Bedarf grob und znkisch ins Gesicht, oder aber biderb schmeichelnd dargestellt.
Sie thun mir unrecht und ich will's nicht dulden, schimpft der polternde
Biedermann. Und so -
    Er unterbrach sich. Jener erhob die Hand wie zum Schlage. Dann packte er
pltzlich Leonhart leicht an der Brust zwischen den Rockknpfen, der ihn jedoch
im gleichen Augenblick unsanft abschttelte. Schmoller beherrschte sich mhsam
und warf ruhig hin: Fahre so fort! Ich fange an, Dich zu achten. Doch wiegte
er wehmthig das Haupt und flsterte mit umflorter Stimme: Kleiner Kerl!
    Aus Leonharts Auge brach ein scharfer greller Strahl, wie von inneren
Blitzen entzndet. Er bohrte sich dem lauernden Brillen-Blick des Andern
entgegen, der wie das scheue Sphen ertappter Neugier verlegen auswich, als
knne er sich schwer dem Banne einer neuentdeckten Ueberlegenheit entziehn. Dann
schlug er jedoch eine hliche Lache auf:
    Eine wahrhaft Shakespearische Menschenkenntni! Ich habe eine traurige
Mittheilung zu machen, unter dem bekannten Siegel tiefster Verschwiegenheit - -
Du brichst es doch hoffentlich? Schmoller's Lippen umspielte jenes slich
wollstige Lcheln, welches der Hochgenu ber fremde Snden stets seiner
Nchstenliebe zu entpressen pflegte. Leonhart ist verrckt geworden. Er war ja
neulich gestndig, da er sich fr einen angehenden Weltdichter halte. O Gott,
wie jro ist dein Thiergarten!
    Die rthliche Lwenmhne des Beleidigten, ebenso wie vorhin Schmoller's
spitzer Katerschnurrbart, strubte sich ordentlich vor Wuth.
    Nimmt Dich berhaupt noch Jemand Ernst? Du scheinst Dich immer noch nicht
bessern zu wollen, Du richtiges kleines Kind. Wenn ich so wenig vom Leben wte
wie Du -!
    Leonhart stie ein unartikulirtes Fluch-Grunzen aus. Er weinte beinahe vor
Zorn. Als Correspondent eines groen rheinischen Blattes hatte er Jahre lang in
Paris und London gebummelt und sollte den schnden Vorwurf der Unschuld ber
sich ergehen lassen? Schmoller lie ihn jedoch nicht zu Worte kommen: Nu aber
bitte weiter im Text!
    Du hast's gewollt, George Dandin! In seiner malosen Emprung sprudelte
jetzt der geknickte Transcendental-Realiste ber alle Schranken weg. Seine
absolute Gerechtigkeitsliebe ging unter in dem Sturzbad seiner nervsen
Erregung. Wohlan! - Alles, was in meinen schwachen Krften stand, bot ich auf,
um ihm zu ntzen, wo ich konnte. Dies belohnte er stets mit dreister Stichelei
hinter dem Rcken, trotzdem seine Briefe von Versicherungen seiner Verehrung
strotzten. Hier in die Details zu gehn, wre peinlich ber alle Maen.
Hervorheben aber mchte ich die khne Frechheit, die fast aus Irrenhaus streift,
mit welcher Herr Schmoller andere anklagt, wenn er dieselben schndlich
mihandelt hat, und noch den moralisch Entrsteten spielt.
    Aus meinen Erfahrungen wrde ich daher folgende Charakteristik des groen
socialen Romanziers zu liefern haben.
    Er war wie ein Weib. Je mehr man ihn poussirte, desto patziger und innerlich
gleichgltiger wurde er. Setzte er seinen Cylinder ab und stlpte einen
Kalabreser auf, so vernderte sich gleichsam seine ganze uere Erscheinung. Er
sah dann viel bedeutender und zugleich gefhrlicher aus. Zaghafte Naturen
mochten ihm dann wohl ungern allein im Walde begegnen. Man traute ihm zu, da er
seinem besten Freund pltzlich einen Dolch in die Nippen bohren knne mit dem
Ausruf: Die Brse oder's Leben!
    Es harmonirte damit, da er immer grospurig darauf hinwies, wie Leute, die
von christlicher Liebe schwatzten, nichts thten, zumal fr einen Mann wie Ihn,
und in Wahrheit in der Welt nur der rohe manchesterliche Grundsatz herrsche:
Stirb Du, damit ich lebe! Nun, er mute es ja wissen, da dies sicherlich sein
heimliches Prinzip sein mochte.
    In seiner schwarzen Seele spiegelten sich alle Menschen pechrabenschwarz.
Denn die Welt ist nur ein Spiegel: Was hereinschaut, schaut heraus. In Folge
dessen brachte er das Kunststck fertig, sich in einer Welt von Schurken, die er
sich ausmalte, als verfolgter Biedermann zu fhlen. Diese Schwche und
Beschrnktheit des Menschen beschrnkte auch seine Begabung. Wo er wild,
trotzig, grimmig und vor allem, wo er boshaft die Feder schwang, war er gro.
Dann brach eine elementare Urgewalt in seinen Schpfungen hervor. Wo er hingegen
pausbckigen Humor pflegen wollte, wirkte er unbedeutend; wo er gar in gerhrter
Menschenfreundlichkeit schwelgte, wirkte er theils lppisch theils fr den
tieferen Beobachter widerlich durch verlogene Sentimentalitt.
    Diese mittelmigen Migeburten hielt er dann natrlich fr seine besten
Erzeugnisse, und die unreife Presse, welche seine wirklich bedeutenden Bcher
weder las noch verstand, ermuthigte ihn noch in diesem Irrwahn. Man munterte ihn
auf, sich zum Idealismus emporzuranken und die Bahnen des greulichen Zola zu
fliehen.
    Ein Virtuose der Undankbarkeit, hatte er alle Menschen, die es gut mit ihm
gemeint, in einer Weise vor den Kopf gestoen, die man nicht verzeiht, weil sie
nicht plumper Rohheit, sondern einer allgemeinen Charaktergemeinheit entspringt.
Wohlthat wurde ihm zur Beleidigung. Er fhlte geradezu das Bedrfni, sich an
Leuten, die ihm wohlgethan, zu rchen - dafr zu rchen, da ihn denselben
gegenber die Empfindung einer Verpflichtung drckte, die er doch nicht einlsen
wollte. Hatte ihm ein Verleger ein bermig hohes Honorar bezahlt, so erklrte
er steif und fest, der Mann habe ihn betrogen, und carrikirte ihn in seinem
nchsten Roman. Hatte ein College aus uneigenntzigen Grnden ihn gefrdert, so
munkelte er, dahinter stecke eine listige tiefverborgene Schurkerei. Lobte ihn
Jemand sehr stark, so klammerte er sich an irgend ein Wrtchen, das ihm mifiel,
und drohte mit ffentlicher Beschimpfung oder gerichtlicher Beleidigungsklage.
Und dies Alles passirte nicht einmal, sondern hundertmal in verschiedensten
Variationen. Er war geradezu sprichwrtlich geworden, so da sich Jeder htete,
mit ihm zu verkehren, mit ihm zu verhandeln und ber ihn zu schreiben.
    Das Alles aber wre zu ertragen gewesen, wenigstens fr aufrichtige
Bewunderer seiner phnomenalen Beobachtungsgabe, wenn nicht obendrein mit der
perfidesten Verlogenheit verbunden. Er brachte es fertig, Leuten seinen ewigen
Dank schriftlich zu versichern und womglich am selben Tage in ffentlicher
Kneipe dieselben niedertrchtig zu verleumden. Daher cursirten denn ber ihn
Briefe frherer Freunde, wo von fauliger Corruption und gemeiner Bauernfngerei
die Rede war. Er log wie gedruckt, erfand Gerchte, die ihm beliebten, und wute
von Jedermann irgend ein schauerliches Geheimni. Seine nervse Brutalitt
siegte manchmal ber seine Falschheit und dann brach er pltzlich unvermuthet
Krakehle vom Zaun - sobald der Betreffende ihm aber energisch entgegentrat, wich
er feige zurck. Ebenso suchte er, sobald ihn die Umstnde irgendwie dazu
zwangen, sich wieder an die Leute anzudrngen, mit denen er gerempelt hatte. Er
that dies aber auf eine hchst seltsame Manier, indem er versteckte oder offene
Drohungen einflieen lie, welche in solchem Fall mhelos als Erpressung
gedeutet werden konnten.
    Wenn man aber alledem gegenber sein fabelhaftes Moralgefhl und seinen
Brustton der Ueberzeugung erwog, so fiel einem die bekannte Scene aus dem Drama
L'Etrangre von Dumas ein, wo der Yankee pltzlich ruhig dem Herzog bemerkt:
Nach allem, was Sie mir da vertrauensvoll mittheilen, mu ich schlieen, da Sie
ein Schurke sind. Und das wunderbarste dabei bleibt, da Ihnen das noch Niemand
gesagt zu haben scheint!!
    Leonhart hatte in gleichmig eisigruhigem Ton diese kaltbltigen
Degenstiche verabreicht, whrend die Zge des Delinquenten, der die Prozedur
ber sich ergehen lassen mute, sich mehr und mehr verzerrten. Seine Hnde
zitterten, seine Gesichtsfarbe spielte ins Aschgraue - - jetzt sprang er
pltzlich mit einem unartikulirten Wuthschrei auf und griff mit der gespreizten
Hand krampfhaft in die Luft. War es Zufall, war es bewute Absicht, - seine
Finger umkrallten den Griff des Brotmessers, das im Brotkorbe auf dem Tische
lag. Wie von dmonischem Instinkt elektrisch durchzuckt, hob er es hoch, die
funkelnde Spitze richtete sich schwirrend gegen Leonhart, noch ein Moment - -
    Setz Dich! sagte der Bedrohte mit lauter Stimme in strengem befehlendem
Ton. Er blieb sitzen, aber sein Gesicht nahm einen furchtbaren Ausdruck an. Sein
blaugraues Auge sprhte geradezu Feuer, seine Stirnfalte ber der Nasenwurzel
trat wie mit dem Messer geschnitten scharf hervor. Wenn zwei Welten in dieser
Physiognomie lagen: ein weicher Gemthsmensch und ein kaltberechnender Mann der
That, so verschwand jetzt gnzlich der Zug wohlwollender beobachtender Kraft und
ein ungebndigter, zerstrungswilder Despotengrimm straffte seine Zge.
    Langsam stockend, zitterte Schmollers Arm in der Luft; seine Finger lsten
sich, als ob der unheilverkndende Blick des Gegners ihnen die Spannkraft aus
den Sehnen sauge - klirrend fiel das Messer zu Boden. Wie mechanisch machte er
einige Schritte vor- und rckwrts mit schlrfendem Tritt, dann sank er auf
seinen Stuhl mit einem dumpfen Knurren.
    So schleicht der Tiger, der zum jungen Lwen in den Kfig gesperrt, mit
unheimlichem Fauchen und knurrendem Heulen um diesen her, als wolle er ihn von
hinten anfallen, und verkriecht sich, erstickt von ohnmchtiger Wuth, in die
Ecke, sobald der gutmthige Lwenblick sich auf ihn richtet. Der Zuschauer
begreift es kaum, worin die siegessichere Ueberlegenheit des kaum flggen
Lwenbengels besteht, denn der schreckliche Tiger scheint ihm an Strke weit
berlegen. Und doch reit der Lwe bei der Ftterung die ersten Stcke an sich
und scheucht das hungrige Ungeheuer in unfreiwillige Geduld zurck. Ist's ein
Naturinstinkt, der den Knig der Thiere freiwillig anerkennt, so wie der Lwe
selbst vor dem festen Blick eines Menschen, der keine Furcht verrth, sich
ehrerbietig seitwrts trollt?
    Eine tiefe Pause trat ein. Ein Kellner, der sich neugierig gezeigt hatte,
zog sich befriedigt zurck.
    So mu es kommen, flsterte Leonhart nachdenklich. Siehst Du, wie Deine
Lippen zucken! Vom Grenwahn zum Verfolgungswahn und von da zum Verbrechen -
das ist eine logische Stufenleiter.
    Ich - wollte - nicht - murmelte Schmoller.
    Schweig! Du wolltest es, schnitt ihm Leonhart barsch das Wort im Munde ab.
Ich finde das auch ganz begreiflich, nachdem ich Dir die Wahrheit einmal so
grndlich gesagt. Wer wei, ob Du mir nicht noch mit Knppel oder Pistole
auflauerst, um Deinen wthenden Ha an mir zu khlen, weil ich Dir die
Biedermannslarve herunterri!
    Schmoller schnappte ein paar Mal nach Luft, als ersticke ihn rasende Wuth.
Dann lachte er heiser und gezwungen auf: Pah, das Alles ist ja doch nur fauler
Mumpitz! Du bist ein unreifer Narr und hast noch nicht ins Leben
hineingespuckt.
    Ei! Da wir doch einmal bei der letzten Aussprache sind, - davon hast Du ja
freilich keine Ahnung, da Du mir eigentlich stets eine komische Figur gewesen
bist mit Deinem drolligen Grenwahn prahlender Weltkenntni. Was weit Du denn
berhaupt vom Leben, was hast Du von der Welt gesehn? Nichts. Das kleine
Fleckchen Berliner Lebens in unteren und mittleren Schichten! Das spricht ja
gerade fr Deine groe Begabung, da Du so glnzend schilderst trotz Deiner
geringen Lebenserfahrung!
    Schmoller fuchtelte wie auer sich mit den Hnden in der Luft. Ich keine
Lebenserfahrung! Seine Stimme schnappte fast ins Weinerliche ber. Und das
sagt mir ein Mensch, von dem noch neulich Ottokar v. Feichseler schrieb: Ihm
fehlt noch tiefere Lebenskenntni. O, o!
    Leonhart lachte herzlich und trank sein Seidel leer, indem er sich erhob und
den Hut aufsetzte. Die Lebenskenntni des guten Kahlkopfs Feichseler! Nun,
Haare genug hat er ja gelassen, als er da unten in Mnchen als Hofmeister
einiger reicher Fabrikantenshne auf deren Kosten ein Rouleben fhrte, wie Du
mir erzhltest. Sie haben Dir's ja selbst erzhlt und ber Feichseler's schnden
Undank geklagt, wie? Nun, seltsamerweise klagt aber Feichseler wieder ber
Deinen schnden Undank und erklrt Dich fr ein moralisches Scheusal.
    Das mir! Einem Ehrenmann, der fr eine alte Gromutter sich das Fleisch von
den Knochen schindet! Gleich morgen schreibe ich Feichseler einen Brief, den er
nicht hinter den Spiegel steckt.
    Ach la das! Deine grlichen Schmh- und Drohbriefe kennt man ja. Gott sei
Dank kannst Du mich nicht denunciren, wie vormals den Luckner, mit dem Du
Brderschaft trankest und gleich am andern Tage an Feichseler petztest, was
Luckner unbedachterweise wegen Honorar-Unterschlagung Feichselers Dir
anvertraut. Ich persnlich kenne Feichseler gar nicht und er mich noch weniger -
es sei denn durch Geschwtz collegialer Kneip-Bekannten gleich Dir, die ich
sorgfltigst von meinen Privatverhltnissen fernhielt.
    Aha! knirschte Schmoller. Das habe ich ja stets gewut. Eine schne
Freundschaft!
    Mein Lieber, das ist nun nicht zu ndern. Ich kenne eben die Welt. Mit
Collegen verkehre ich nur auf zehn Schritt Distance. Willst Du mir aber mit
dieser Thatsache zusammenreimen, da Du und Deinesgleichen ber mich schwatzen,
als httet ihr sozusagen an einer Nabelschnur mit mir gelutscht? Wie darfst Du
Dich erfrechen, ber meine Welt- und Lebenserfahrung zu urtheilen, als wre ich
ein kleines Kind? Hast Du denn auch nur eine entfernte Ahnung von den
Erlebnissen meiner Vergangenheit? Wrest Du nicht selbst ein unreifer Schreihals
- ja, zucke nur! -, den sein Grenwahn verblendet, so mtest Du logisch
folgern, da ein Mensch, der halb Europa kennt und berall in tausend hhere
Lebenskreise schaute, von denen Du nicht mal eine Vorstellung hast, wohl eine
Flle von Selbsterlebtheit aufspeicherte, wie wenige Andre.
    Aber es ist die alte Geschichte. Wer wirklich viel erlebt hat, der schweigt,
weil die Masse der Erinnerungen ihn erdrckt und er gar nicht wnscht, ber
seine vielen Erfahrungen sich auszuschwatzen. Am meisten mit ihrer
Lebensweisheit prahlen Kerls, die sich im uerlichen praktischen Leben
herumtreiben, weil sie als Geschftsmann mit allen Sorten von Handels- und
Schwindelsbeflissenen zusammenkamen oder, wie in plebejischen Kaufmanns- und
Jdenkreisen blich, den Champagner-Weltmann spielen; oder weil sie die
Arbeiterverhltnisse und alle Spelunken kennen. Dadurch, da man an der Brse
spielt oder an einer Dampfwalze dreht, wird man noch kein vereidigter
Lebenskenner! Frit solche alberne Anschauung weiter um sich, so wird man
nchstens die Lokalreporter als realistische Meistersinger preisen! Auch ein
Grenwahn, diese angebliche Welterfahrung in beschrnktem Zirkel! - - Doch
genug. Die Beleidigung, welche ich Dir ins Gesicht schleuderte, ziehe ich
hiermit in aller Form zurck, indem ich meine subjektiv einseitige Darstellung
widerrufe. Denn wer kennt die Motive und Verhltnisse des Andern genau!
    Schreck, la nach! Der ist nicht von schlechten Eltern. Schmoller
trommelte mit den feisten Fingern auf dem Tisch. Sonst htt' ich Dich auch
wegen Ehrverletzung gerichtlich belangt! Er pfiff die Melodie:

Du bist verrckt, mein Kind.

    ... Auf dem Heimwege traf Leonhart, der halb Berlin kannte, ein originelles
Prchen. Der groe Verleger und Brsenspekulant, Hauptmann der Landwehr Dr.
Sternbaum, kam soeben von einer offiziellen Feierlichkeit, von oben bis unten
mit Orden bedeckt. Mit sich schleifte er seinen Adjutanten, den famosen
Lokalreporter Reichsfreiherrn von Dattrich, welcher das opulente Festessen als
gastronomischer Kenner beschreiben sollte. Er erhielt dafr stets von dem
betreffenden Traiteur mehrere Kisten Kaviar und Trffelpasteten ins Haus
geschickt, wie denn seine stilvolle Zimmereinrichtung mit Gobelins, Smyrnaer
Teppichen und geschnitzten Mbeln ihm auf hnliche Weise von der dankbaren
Mitwelt gestiftet wurde.
    Da ist ja mein alter Freund Leonhart! brllte Dattrich. Comment
vous-portez-vous?
    Mig, es macht sich.
    Lcherbar! Alle Tage wird dieser Mensch berhmter. Wieder ein Dutzend
Bcher ausgespieen? An jedem Finger ein Federhalter festgebunden! Sehen bleich
aus, junger Mann. Wohl zu viel geschwiemelt. Jaja, in Ihrem Alter legt man den
Hauptwerth auf gut Lieben, in dem meinen auf gut Essen und nachher hier im Alter
meines verehrten Prinzipals blo noch auf gut Verdauen.
    Ach bleiben Sie bei sich, Herr Baron! schnarrte der Landwehrhauptmann. Er
hatte heut wieder mal zum 101. Mal seinen Trinkspruch auf Unsern
allergndigsten Kaiser, Knig und Herrn gestiftet und strahlte noch vom Gefhl
seiner Wichtigkeit. Wre auch gut, wenn Sie sich selbst lieber den Flei Herrn
Leonharts zum Muster nhmen. Gestern wieder gar nicht auf der Redaction gewesen,
wie zu meinem Mifallen vernahm. Die beiden Herren hatten sich offenbar schon
gezankt und Dattrich torkelte hin und her, angetrunken. So beugte er sich denn
in diesem indiscreten Zustande zum Ohr seines Prinzipals nieder und flsterte
feierlich drei Worte bedeutungsschwer: Ruhig, Alter! Zuchthaus!! - Das
frechbrutale Gesicht des Brsenspekulanten und Verlegers verzerrte sich zu einem
verlegenen Grinsen und er schielte Leonhart an, ob Der vielleicht gehrt habe.
Dann lenkte er ein. So so, liebster Baron, Sie waren leidend. Jaja, schonen Sie
sich!
    Zu Befehl, Herr Hauptmann! Adieu, Dichterfrst! - Die wandelnden
Thermometersulen (beide hatten allzuviel Quecksilber im Leibe) schwankten
dahin.

                                  Elftes Buch.



                                       I.

Leonhart starrte auf die Zeitung. Ja, dort stand es wirklich:
    Am nchsten Sonnabend wird nun endgltig im Deutschen Theater in Scene gehn
Die Meeresbraut, Drama in fnf Akten von Xaver Graf Krastinik. - Die Ausstattung
wird alle Welt berraschen. Die Pracht der venetianischen Kostme und
Dekorationen bertrifft noch die Leistungen der Meininger in Byrons Marino
Falieri. Herr Friedmann spielt die prachtvolle Rolle des Admirals Moncenigo,
Frl. Gener die der Katharina Kornaro. Herr Kainz wird den Knig von Cypern,
Herr Sommersdorf die ergreifende Gestalt des jungen jdischen Rabbiners Ben
Israel verkrpern. - Eingeweihte behaupten, da eine neue Epoche des Dramas mit
diesem Abend anbrechen werde. Der groe realistische Stil des Geschichtsdramas,
den der junge Goethe und der junge Schiller suchten, ist hier gefunden, wie
unsre Gewhrsleute versichern. Auch sollen sich Scenen von gradezu
berwltigender Schnheit in diesem Erstlingswerk eines groen Dramatikers
finden. - Nun, das lt sich ja an, als ob unserem Berliner Shakespeare Herrn v.
Alvers, der mehr und mehr fr das naive Volkstheater der Vorstdte zu arbeiten
scheint, ein gefhrlicher Rivale erstanden wre, der im Voraus gesiegt hat. Der
grfliche Dichter, welcher schon durch seine herrlichen Gedichte so sehr in Mode
kam, drfte demnach einem groen Triumphe entgegengehn.
    Leonhart warf das Zeitungsblatt auf den Boden und sich der Lnge nach aufs
Sopha. Ein krampfhaftes Lachen schttelte sein Zwerchfell. Er lachte sich einmal
grndlich aus ber die Posse des Lebens.
    So war es denn also wirklich gelungen. Nun galt es das Weitere abzuwarten.
    Vor einigen Monaten hatte Leonhart einen Brief aus Venedig, der alten
Residenzstadt malerischen Farbensinns, erhalten. Kein Geringerer als jener groe
Verschollene, der lyrische Tenorist Francis Henry Annesley, beehrte ihn von dort
mit einem lngeren Handschreiben. Den Anla dieser berraschenden Kundgebung bot
die seit Kurzem erschienene Anthologie realistischer Lyrik, welche auf Annesleys
Kosten von Erich von Lmmerschreyer herausgegeben wurde und zu welcher Leonhart
ebenfalls Beitrge beisteuerte. Zwar hatte Francis Henry weidlich den Krmpfen
neidischer Gromannssucht gegen den unangenehmen Niederdrcker Luft gemacht und
ber Leonhart eine Reihe anonymer Recensionen geschmiert, des Inhalts, da
dieser eigentlich kein Dichter, sondern ein Denker sei - ein Titel, gegen den
die Dichterlinge unsrer Zeit bei ihrer schrecklichen Gedankenarmuth eine
besondere Animositt nhren. Allein, da ihm Leonharts Einflu doch unumgnglich
fr Frderung seiner Interessen nthig schien, erklrte er pltzlich diesen
Volldichter fr eine zum Hchsten berufene Natur. In diesem Sinne
schmetterte er ihm auch jenen berschwnglichen Brief aus Venedig, worin er vor
allem bat, sein neuestes Werk: Cypressen, symphonischer Cyklus fr Kammermusik
von Gregor Waschuppsky (Opus 22) in allen zur Verfgung stehenden Blttern
anzupreisen. Sodann sprang er auf die Anthologie seines Freundes Lmmerschreyer
ber und bat die Beitrge des p. p. Haubitz und Edelmann zu vermbeln, da diese
undankbaren Zigeuner ihm angeblich schon 5000 Mark Pumpgebhren gekostet htten.
Nach diesem reizvollen Thema kam er auf Venedig zu sprechen, da er in dem
Palazzo, wo Richard Wagner gestorben, wohne und den Geist des todten Meisters in
sich einathme. Er versuchte dann in unbeholfener Weise Venedig zu schildern,
blieb aber bei den Blumenmdchen von San Marko hngen und erprobte einige
Genialittsallren, indem er das liebliche bona sera geflliger Freundinnen
und sich daranschlieende nchtliche Gondelfahrten schilderte. Der Stil und die
Handschrift verwirrten sich zusehends, unvermittelte Cynismen sprengten sich ein
und der therische Jnger der heiligen Ccilia verbreitete sich ber gewisse
Sthle in Italien. Diese seien von Marmor, aber so niedrig, da Niemand sich
darauf setzen knne. Daher die Unreinlichkeit. Dies sei die wahre
Vlker-Psychologie, vom Standpunkt des Verdauungsthrones aus - -
    Hier brach der Brief pltzlich ab, der dem Psychiater vielleicht ein
interessantes Dokument geboten htte, und es folgten einige Zeilen von fremder
Hand. Die Tante Annesley's hatte nmlich die Nachschrift darunter gesetzt: Sie
sende den nicht ganz vollendeten Brief, fr den bereits das beschriebene Couvert
dagelegen habe, da sie aus dem Inhalt ersehe, es handle sich um wichtige
knstlerische Dinge. Sie bte den unvollkommenen Zustand des Schreibens zu
entschuldigen, da ihr unglcklicher Neffe, urpltzlich wiederum von einem
Nervenleiden befallen, in einer Kaltwasserheilanstalt Linderung suche u.s.w. - -
    Leonhart zuckte mitleidig die Achseln. Zugleich aber fhlte er, wie diese
verworrenen Andeutungen ber Venedig ihm das Bild der Lagunenstadt mchtig vor
Augen bannten, so da es seine Phantasie nicht wieder lolie. Am andern Tag
verschaffte er sich Daru's Geschichte von Venedig aus der kgl. Bibliothek und
vertiefte sich darin. Immer mehr wuchs und reifte in ihm der Gedanke, ein paar
bronzene Charakterkpfe aus der venetianischen Staatsgeschichte
herauszuschneiden.
    Bald darauf war er von Xaver Krastinik bei einer merkwrdigen Beschftigung
berrascht worden. Dieser, geruschlos eingetreten, fand seinen Freund ber
allerlei Karten und Mappen gebeugt, einen Zirkel und Nadeln mit farbigen Knpfen
in der Hand, ringsumher selbstgezeichnete Plne und Tabellen mit allerlei
Berechnungen.
    Zum Teufel! Was machen Sie denn da? rief der Ex-Militair erstaunt, nachdem
er einen scharfen Blick auf all diese Gegenstnde geworfen.
    Ich - ich - Leonhart suchte verlegen die Sachen zusammenzupacken, Jener
hinderte ihn aber daran. Mit sachkundigem Blick griff er einen Hauptplan auf:
    Wollen Sie mir einmal erlauben? Was seh ich da! Das sind ja seltsame
strategische Studien. Wie sie wissen, war ich frher ein sogenannter gelehrter
Militair. Die Sache interessirt mich und ich verstehe 'was davon.
    Leonhart verbeugte sich stumm und ging langsam auf und ab, die Hnde auf dem
Rcken gekreuzt, in tiefem Nachdenken.
    Krastinik schwieg ebenfalls lange Zeit, indem er die Plne verglich, die
Tabellen zu Rathe zog und mehrere sauber geschriebene Papiere durchlas, die
schematisch geordnet und Dispositionen berschrieben waren. Pltzlich drehte
er sich um und fragte:
    Sie waren auf keiner Kriegsschule?
    Nein.
    Sie treiben diese heimlichen Studien auf eigene Hand? Wer brachte Sie
darauf?
    Meiner Treu, Niemand. Es rumorte in mir seit frhster Jugend.
    Nun, dann ist das wieder eins jener Wunder des Genies, die unerklrlich
bleiben. - Warum ergriffen Sie nicht die militairische Carriere?
    Warum verlieen Sie dieselbe so frh?
    Krastinik bi sich auf die Lippen und starrte finster vor sich hin: Wohl
wahr. Sie taugen auch gar nicht zum Offizier, in keiner Weise. Wrden bald wegen
Insubordination entlassen oder schssen sich eine Kugel vor den Kopf. Selbst
wenn die Mglichkeit vorhanden wre, da Sie Ihre Begabung je ausnutzen knnten,
wozu doch ein Oberbefehl gehrt, mten Sie darber alt und grau werden. Sie,
ein so ungeduldiger Feuerkopf! Ja, unmglich. Traurig! Sie haben Ihren Beruf
verfehlt, htten in den Generalstab gemut.
    Leonhart schttelte den Kopf. Ich zweifle. Auch das wrde mir nichts
ntzen. Ich gehre zu Denen, die nur an erster Stelle commandiren knnen oder
gar nicht. In irgend einer Ausnahmezeit wre ich vielleicht 'was geworden, wie
der Ackerbrger Cromwell und der verhungernde Bonaparte. Aber an so etwas darf
man nicht denken. Der Mann seines Schicksals sein - jaja, wenn das Glck so
nachhilft! Der Corse hatte gut reden! Mein Schicksal ist zu schweigen und zu
dulden.
    Aber darin liegt etwas Unertrgliches, eine Infamie des Schicksals!
Krastinik gerieth in ordentliche Aufregung. Ich wiederhole, ich verstehe genug
davon, um zu erklren: Sie sind ein geborenes strategisches Genie. Und wenn Sie
das nicht wren, htten Sie ja wohl nicht von Jugend an sich heimlich mit Dingen
beschftigt, die Sie ja gar nichts angehn und Ihnen keinerlei Nutzen bringen.
    Wohl mglich. Aller psychologischen Logik nach, mssen Sie wohl recht
haben. Allein, was ndert das! Hier ist der Lessing'sche Unsinn von dem Rafael
ohne Arm einmal anwendbar. Rafael ohne Arme ist eben gar kein Rafael; aber
Rafael, der zu Grunde geht, weil ihm Niemand Bilder bestellt, da steckt der
Knoten! O diese Tragdie, die furchtbarste des Menschenlebens, der Kampf des
Genius mit der Welt! Dem Erfinder vorsagt man das Geld, um es an Uniformknpfe
zu vergeuden, oder steckt den Erfinder der Dampfmaschine ins Irrenhaus als
Ideologen, wie Napoleon dies fertig brachte. Kolumbus erbettelt sich kaum ein
paar wacklige Nuschalen fr eine weltumgestaltende Grothat. Natrlich! Der
Geniale, dessen Intuition kraft gttlicher Eingebung mit eins die innere
Wahrheit der Dinge erschaut, wird von der blden Unfhigkeit der Weltautoritten
nach seiner amtlich patentirten Beglaubigung gefragt. Ja, die kann er nicht
vorzeigen! Cromwell, das geborene Staats- und Feldherrngenie, kann sich nur als
schlechter Landbauer ausweisen, Kolumbus hat gar kein naturwissenschaftliches
Doctordiplom hinter sich, Shakespeare vermochte nicht einmal Gymnasialstudien
obzuliegen. Was nun? Was fngt die Welt mit einem solchen Grenwahnsinnigen an?
- Jajaja, Gre und Grenwahn, wer soll die recht unterscheiden! Der Alchymist,
der den Stein der Weisen fand, spttelte gewi ber die Narrheit des Kopernikus.
Und wenn ein Conquistador in erhabener Liebessehnsucht nach einer jungfrulichen
neuen Welt sich sehnt, so lacht gewi die kindskpfige Liebessehnsucht eines
Ritters nach einem schnen Weibe ber solche Phantasterei. - Das alles, lieber
Graf, ist alt wie die Welt, alt wie die Welt. Warum sollte ich glcklicher sein,
als meine Altvordern?
    Nein und abermals nein! Krastinik hob heftig beide Arme empor und
schttelte sie. Das kann nicht so geduldet werden. Sie Genie-Ungeheuer Sie! Wer
das ruhig mit ansieht, wie Sie hier bleicher und bleicher, stiller und stiller
hinsiechen auf Ihrer einsamen Klause - ich habe Sie fast niemals lcheln gesehn
-, Der macht sich derselben Todsnde schuldig, wie das Gesindel, das Sie
begeifert. Die oberflchliche Mittelmigkeit sich auf dem Markte blhend - der
hohle Gemeinplatz-Bumbum eines Phrasendreschers wie dieser Alvers als
Hohepriesterthum des hehren Idealismus weihestnkernd - und Sie, der Berufene,
immer noch ins Hintertreffen gedrngt, weil Sie kein geschniegelter
Sholzraspeler und Ihre Werke zu hoch sind fr den dummen Lesepbel - - es
krampft Einem das Herz zusammen! Das ist die Snde, welche nimmer vergeben wird,
die wider den heiligen Geist.
    Und grade diese begeht doch die Welt am hufigsten, ergnzte Leonhart
ruhig. Lieber Graf Krastinik, Sie sind der erste anstndige Mensch, den ich im
Leben getroffen habe. Sie sind der Einzige, der die jmmerliche Eitelkeit dem
Hheren gegenber, solange dieser nicht durch ueren Erfolg gefeit ist, und den
kleinlichen Neid in sich bezwang. Seien Sie stolzer darauf, als wenn Sie eine
Batterie erstrmt htten! Aber lassen Sie mich ruhig verbluten, mir ist nicht zu
helfen, weder so noch so. - Sehn Sie hier diese Briefe ber mein Drama Die
Mnner von Appenzell. O unsere Theaterdirektoren, diese Rotte von Verbrechern am
heiligen Geist!
    Da hatte der Eine nach persnlicher Rcksprache mit dem Autor denn doch
entdeckt, da dem Stcke der geeignete dekorative Hintergrund fehle. Ein andrer
beklagte den schnden Realismus, ein andrer den abgestandenen Idealismus des
Werkes. Einer konnte es aus Rcksicht auf sein Hoftheater, ein Andrer aus dito
Rcksicht auf sein liberales Publikum nicht auffhren. Und doch war das Drama
weder conservativ noch liberal, weder idealistisch noch realistisch, sondern
einfach erhaben, schlicht und gro. Es behandelte den heldenhaften
Freiheitskampf der Appenzeller gegen Oesterreich und die ganze Ritterschaft des
Rheingaus und Tyrols unter dem Florian Geyer dieses Bauernkrieges, dem wackern
Grafen Werdenberg, der seinen Titel ablegte und brderlich den Bauernrock anzog.
Mit herzerwrmender Frische und Kraft war die naive Begeisterung des
Alpenvlkchens geschildert, das nach Niederwerfung aller vornehmen Feinde zu
Haus von seinen Bergen ins Deutsche Reich einfllt, um die Welt zu befreien -
die Welt, von deren Gre sich solche Herzenseinfalt recht nebelhafte Begriffe
macht. Mit ergreifender Wehmuth entwickelte der Dichter dann, wie diese naive
Sehnsucht nach Menschenverbrderung sie immer weiter vom Pfad der Weltklugheit
und auch des Rechts verlockte, bis die Mnner von Appenzell, welche die ganze
Menschheit verbrdern wollten, sich um schnde Beute zankten und ihrem Bruder
Werdenberg mit Undank lohnten, so da endlich doch die selbstschtige
Bauernnatur zum Vorschein kam.
    Ueber diese Dichtung, die wie von Alpenzinnen aus menschliches Recht und
Unrecht mit milder Ruhe berschaute, hatte der Dramaturg eines Hoftheaters sich
weisheittriefend verbreitet: Sollten hier am Ende socialistische Umtriebe in
dichterischer Gewandung vorliegen? Man erkennt gar wohl, wohin der Herr
Verfasser zielt, und so ging der Gallimathias drei Seiten lang fort.
    Aber als nun Krastinik tobte und wetterte bei Lectre dieser Briefe, da trat
Leonhart nahe an ihn heran und fragte ihn: Nun wohl, wollen Sie mir wirklich
vorwrts helfen? Sie knnen es. Ich htte da wohl eine Bitte..
    Ist schon erfllt. Befehlen Sie ber mich! Wir wollen doch mal sehn, ob man
diesen Schweinepriestern nicht irgendwie auf den Pelz klopfen kann.
    Nun wohl, so hren Sie: - - - - - -

                                      II.


Bei dem gefrchteten Rhadamantys, dem vornehmen Kritikus Doktor Ottokar von
Feichseler, war eine illustre Gesellschaft versammelt und geno zu einer
Punschbowle die Orakel des Gastgebers. Man bemerkte zuvrderst den
Lord-Protektor und Pfadfinder groer Geister, Doktor Gotthold Ephraim Wurmb, mit
seinem mieselschtigen Pfaffengesicht. Ferner den feinsinnigen Eklektiker
Luckner, eine kleine behende Persnlichkeit von slowakischem Typus mit listig
funkelnden Philologenuglein, brigens eine ehrenhaft und ideal angelegte Natur
trotz einer gewissen boshaften Pfiffigkeit. Er trug immer einen glattgebrsteten
Cylinder und gelbe Handschuhe, und spendete den Dienstmdchen Handdrcke wie ein
Gentleman. Man bemerkte neben ihm den ebenfalls feinsinnigen Eklektiker Adolf
Gutmann, auch der Scheene Adolf genannt, da er sein holdes Bildni mit Vorliebe
vor seine Buchfabrikate zu setzen pflegte. Ob sein groer Kopf auf seiner kurzen
dicken Figur grade so schn wirkte, mute man edeln Frauen zu beurtheilen
berlassen. Jedenfalls konnte man seinem schwarzen wallenden Barte eine
ansehnliche Lnge nicht absprechen, um welche ihn zwar nicht Barbarossa, wohl
aber Erzvater Abraham beneidet haben mchte. Mit diesem stand er ohnehin auf
gutem Fue, denn er lebte wie in Abrahams Scho. Moses und die Propheten waren
ihm hold, obschon er viel ber sein Elend zu klagen hatte. Denn sein Vater und
sein Schwiegervater lebten alle Beide noch und erst nach deren Tode wurde er
dreifacher Millionr. Bis dahin aber mute sich der arme Teufel mit seiner
halben und der andern halben Million seiner Gattin begngen. Aus berechtigtem
Groll ber solch drftige Lage schrieb er gar weltschmerzreiche Poemata und
wnschte sich oft den Tod, angeekelt von der Niedrigkeit der Welt. Wenn er von
50 Zeitungen besprochen wurde, jammerte er, da die 51te fehle, und stellte die
khne Behauptung auf, er habe ja nur Feinde und keinen Freund auf der Welt. Bse
Menschen versicherten, wenn er ber seinen Nothzustand klagte und nur fr hohe
Honorare schreiben konnte, da ihm auch wirklich die Litteratur jhrlich ein
kleines Vermgen koste. Doch war dies Verleumdung, da er als frherer Brsianer
(er machte erst seit seinem 35ten Jahre in bedruckten Papierchen) viel zu viel
filzige Geschftsklugheit besa. Seine besondere Spezialitt bestand in
Cigarrenbehltern und Aschbechern, auf deren Grund rothgedruckt stand: Gutmann,
Pessimistische Novellen, eine funkelnagelneue Art von Reclame, um deren
Patentrecht ihn Barnum behufs Importirung nach Amerika ersucht haben soll. Da
er natrlich seinen Abscheu vor aller Reklame und vorlautem Vordrngen bei jeder
Gelegenheit kundgab, wute Jeder zu wrdigen. Uebrigens war er ein sogenannter
guter Kerl und flte den Eindruck einer gewissen Bonhommie ein. Freilich durfte
man nicht tiefer auf den Grund gehen; dann kam ein gehriger Berechner heraus.
Auch fehlte es ihm nicht an bedeutendem Giftvorrath, den er ohne Namensnennung
(da er natrlich nie den gemeint hatte, der sich getroffen fhlte) mit vieler
Gewandheit zu verspritzen wute. Wenn er sich brigens ber die Welt beklagte,
so hatte er in gewissem Sinne nicht Unrecht. Denn theils in Folge des blichen
Neides auf seine gnstigen ueren Verhltnisse, theils aus Erbitterung Jener,
die ihn erst spter in seiner Eigenart kennen lernten, verschwor man sich
allerorts, ihn fr einen stmpernden Dilettanten auszuschreien. Gab doch seine
komische Eitelkeit erwnschten Anla, sich ber ihn lustig zu machen! Lobte ihn
eine Zeitung, so mute dies durchaus auf irgendwelche Bestechung hinauslaufen!
Der immer gerechte Leonhart hatte jedoch dies niemals zugegeben, sondern stets
Esprit, Wissen, Form- und Stilbegabung, ja sogar wirklichen Gedankengehalt an
ihm gerhmt, obschon er Gutmann selbst die offenherzigsten Grobheiten an den
Kopf warf und ihm zu Gemthe fhrte, da ihm alle und jede Ursprnglichkeit
fehle. Die Andern aber nahmen seine Einladungen an, tranken sein Bier, rauchten
seine echten Havanas und erklrten ihn einstimmig fr die eingebildetste Null
des Jahrhunderts. So geht's in der Welt. Wenn der arme Gutmann sich fr einen
verkannten groen Dichter hielt, so verdiente das nur ein Lcheln. Wenn er sich
aber fr ebensogut und sogar fr besser hielt, als viele grospurige
Rhodomonteure, die auf ihn herabsahen, so vertrat er zweifellos die objective
Wahrheit. Selbst sein Charakter gewann bei einem solchen Vergleich, so viel von
einem hausirenden Bandjuden in litterarischen Geschftchen ihm anklebte. Denn
eine gewisse vertrauensselige Kindlichkeit und naive Schlue verliehen ihm etwas
Gewinnendes, obschon sein Auge tckisch und bse genug aufblitzen konnte, wenn
seine unmige Eitelkeit ins Spiel kam. Uebrigens besa er eine
begeistrungsfhige Anempfindung, die ihn das Schne wirklich erkennen lie, da
er ein grundgescheuter Kerl und keineswegs vernagelt war. Alles in Allem noch
immer einer der Besseren, eine der merkwrdigsten Figuren des literarischen
Lebens, dieser Commis-Voyageur in Poesie, der trotz alledem fr die Berliner
Litteraturjuden noch ein unverstndlicher Idealist blieb.
    Auerdem waren noch die zwei neuesten Gren, Holbach und Krastinik, und der
philosophische Speichellecker Oberst von Dondershausen anwesend. Derselbe
strotzte ordentlich von Biedermannshuberei, die ihm das glattrasirte Kinn wie
Salbungsl heruntertroff. Seine Fischaugen glotzen erbaulich wohlwollend in die
unphilosophische Welt hinein. Da er nachher im Hohenzollernclub ein kornblumiges
Festbardit vortragen mute, war er im Frack erschienen und hatte sein
ungewhnlich reichhaltiges Ordenskettchen angelegt, das ihn als einen erprobten
Streber mit diensteifriger Handku-Vergangenheit auswies. Er thronte hier
hochtrabend mit als Kunstrichter, da der erlauchte Doktor Ottokar von Feichseler
soeben die berchtigte Anthologie realistischer Lyrik unter seine kritische
Sonde nahm. Dieselbe lag, hochelegant im Kaliko gebunden, auf dem Tisch und ihr
Herausgeber, der fettgesunde Jngling Erich von Lmmerschreyer, sa mit
andchtigem Gesicht davor, wie ein Bufertiger auf dem Armesnderbnkchen. Mit
der blichen Gewandtheit, welche die weihepriesterlichen Rotzjungen und
Tugendbesinger des Jngsten Deutschland bei Verfolgung ihrer Privatzwecke
entwickeln, hatte sich der begabte Neophyt eilig aus Leonhart's Bannkreis
entfernt, nachdem er dessen Einflu ausgentzt. Mit bescheidener Zerknirschung
machte er alsbald dem Hohepriester des akademischen Idealismus, Ottokar dem
Wrdevollen, einen Ehrenbesuch und empfahl die Anthologie, welche er soeben
herausgegeben, dessen unmageblichem Wohlwollen. Aus dem Munde eines so
hochzuverehrenden Mannes wrde ihn auch der strengste Tadel erquicken.
    Er kannte halt Ottokar's schwache Seite. Greis Ottokar (er war eigentlich
erst 36 Jahre alt, aber erklrte sich fr zwanzig Jahr lter, da die Strme der
Erfahrung ihn vorzeitig gebeugt htten) wrdigte diesen schnen Zug und
beurtheilte danach den ganzen Menschen. Demgem pries er Lmmerschreyer sofort
als einen jungen Mann von reinen Sitten und lauterer Gesinnung, der sich von dem
Grenwahn der Andern frei halte. Auch lud er ihn zu der kritischen Sitzung ein,
die er ber die tragikomische Lyriker-Revolution abhielt. Zu allen Urtheilen
sagte Erich der stilvolle Schwerenther demthig Ja und Amen.

    Die wundersame Anthologie aber lautete:

                       Realistisches Jahrbuch der Lyrik.
 Herausgegeben von E.v. Lmmerschreyer unter Mitwirkung aller Genies, die seit
              1850 das Licht dieses rmlichen Erdballs erblickten.

                                    Vorrede.

    Auf dem Kreis der hier versammelten Dichter beruht die Zukunft der
Menschheit. Erhabener Geist, du hast uns viel gegeben! Wir sind die Erkorenen
und rufen dem kommenden Jahrhundert. Was nicht fr uns ist, ist wider uns.
Nieder mit der ganzen altersschwachen Bagage! Man hre und staune: Mit unserer
Lyrik befreien wir die altersschwache Welt! Wir sind die Reformation der
Litteratur, welche schon unser lieber Genosse Leonhart prophezeite. Noch hat
sich aus unsrer Mitte kein Fhrergenie erhoben, wie Goethe aus der lteren
Sturm- und Drangperiode, obwohl wir bereits einen Lenz in Mokamaute und einen
Klinger in Haubitz besitzen. College Hartung mit seinen orientalischen Allren,
die sich an Freiligrath geschult zeigen, fhlt sich dem Maler Mller verwandt
und in dem strengen Ernst des Didaktikers Edelmann ahnen wir den Herder unsrer
Epoche. Wer vermchte Klopstock'schen Wrdeschwung in unserm Freunde Max
Henkelkrug zu verkennen! Schiller'sches Pathos athmet in Vielen, auch in unserm
gefeierten Dramendichter Herrn v. Alvers. Kurz, man drfte sagen, da die Rollen
vertheilt sind, und die thaufrische Bltheperiode einer neuen Klassicitt nun
losgehn kann. Wie gesagt, nur der Goethe fehlt noch, aber sollte nicht Anno
Buchsbaum die Keime eines solchen in sich tragen? Und wenn uns auch Goethe und
Schiller versagt blieben, so wird doch hoffentlich unser groer einziger Lessing
neu erstehen in unserm Ambrosius Sagusch. Vivat sequens!

                                                                Der Herausgeber.




                                Max Henkelkrug.



                               Der Weltbefreier.

Der Satan fhrte mich im Traum
In der Versuchung Bergeswste
Und zeigte mir den Weltenraum
Sammt allen Schtzen jeder Kste.
Ich lachte in erhabenem Hohn:
Armseliger, was willst Du schenken?
Zaunknignestlein - Kaiserthron!
Der Adler soll die Schwinge senken?

Hei, Pegasus, ins wilde Turnei!
Grimm sei Dein schneidiger Sporn!
Die Schranken der Sitte sprenge entzwei!
Hell schmettre der Freiheit Horn!
Die Geiel des Spottes in linker Hand
Und das Flammenschwert in der Rechten,
Den Popanz Wahn zu Boden gerannt!
Hinaus zum lustigen Fechten!

Fortreit der Pegasus mich unaufhaltsam.
Auf, Flammen, mgt ihr prasselnd mich umwogen!
Der Ruhe Halfter sprengt mein Geist gewaltsam.
Nun, Myrmidonen, frchtet meinen Bogen!
Die Sonnenrosse mgen mich zerschmettern.
Sei nur des Brtens Bann von mir genommen!
Der Aar saugt Lebenslust in wilden Wettern.
Verzweiflung und Martyrium, willkommen!

Ein heller scharfer Ton
Durchs Herz der Menschheit bebt,
Wie vor Posaunendrohn
Einst Jericho gebebt.

Ein Schauder wunderbar
Den Glcklichen ergreift,
Wie wenn ein lichter Aar
Ihm seine Locken streift.

Ein wilder Harfenklang
Um Schmerzverdammte schwirrt,
Wie Saite, die zersprang
Zerissen niederklirrt.

Ein Schrei, vor dem uns graut,
Im Herzen nimmer schweigt,
Wie klagend eine Braut
Sich auf die Walstatt neigt.

Ein Drngen unbekannt
In freien Seelen strmt,
Wie wenn Gigantenhand
Den Berg zum Himmel thrmt.

Dies Drngen und dies Sehnen
Verlt die Menschheit nie
In Lcheln und in Thrnen
Und heit - die Poesie.

Seid ihr hin, ihr schnen Tage
Ohne Plage, ohne Klage,
Wo noch frisch mein Blut,
Wo ich glaubte, niederringen
Knne alles und erzwingen
Stolzer Jugendmuth?

Mann und Greis in frher Jugend,
Ohne Laster, ohne Tugend,
Seltsam war mein Loos:
Bald in khlen Scheingefhlen,
Bald in der sirokkoschwlen
Leidenschaft Getos.

Jeder Stern ist jetzt verblichen.
Auf der Welt gemeinen Schlichen
Suchte ich Ersatz.
Hab zur Herde mich erniedert.
Doch ich fhle angewidert:
Hier ist nicht dein Platz.

Liebe mag sich mir nun nahen.
Ach, ich kann sie nicht umfahen,
Denn mein Herz ist todt.
Glck und Ruhm sie mgen kommen.
Ach, mir kann es nichts mehr frommen.
Komm Du, grause Noth!

Wir nur passen noch zusammen!
Schre mir die letzten Flammen
Fr ein Lied empor!
Da mein Zorn Dir, Sclavenherde,
Einmal zugedonnert werde,
Den ich lang Dir schwor!

Doch der Schmerz, der mich gezchtigt,
Auch mich lutert und mich tchtigt.
Jede Thrnenfluth,
Die mir brannte unvergossen,
In mein stolzes Herz verschlossen,
Sthle mir den Muth!

Sommer ist dahingegangen
Und mein Blut schleicht matter nun.
Gelb und fahl die Bltter hangen
Und des Waldes Snger ruhn.

Doch des Herbstes Abendsonne
Rther malt den Ahornhain
Und am Rhein in stiller Wonne
Frisch gekeltert perlt der Wein.

Ruhig sitz' ich beim Pokale,
Ruhig harre ich der Zeit,
Wo die satten Rebenthale
Und der Ahornwald verschneit.

Nach der Jugend Frhlingswrme
Folgt des Alters greiser Frost -
Winter, glaubst, da ich mich hrme?
Skol Dir, Skol im Herbstesmost!

Ob Dir der Jungfrau Scherz
Wie Rosenduft gefalle,
Der verschwiegene Mannesschmerz
Gleicht gediegenem Metalle.

Wenn die Sonnenstrahlen funkelnd
An den Bergesspitzen haften,
Selbst den Schluchten, grausig dunkelnd,
Reiz verleihn sie, zauberhaften.

Wenn ein Regenschleier schaurig
Dir verbirgt der Sonne Glnzen,
Dann erscheint Dir trb und traurig
Selbst der Matten frohes Lenzen.

Krieg allem Feigen, Schlechten, Morschen, Alten!
Ich fhle auf der Stirn den Weiheku.
Mit Arimanes' ewigen Gewalten
Des heiligen Feuers Priester ringen mu.

Kampf ist die Losung. Mit der Wahrheit Nadel
Durchstech ich geistig Blinden ihren Staar.
Was ficht mich an der Menge Lob und Tadel?
Was ficht mich an Verkennung und Gefahr?




                           Harold Theopol Mokamaute.



                          Aus allertiefstem Wonneweh.

Die dumpfe Dmmrung lastet
Auf meinem Adlergeist,
Seit mein unsterbliches Sehnen
Als sterbliche Liebe kreist.

Es kreist wohl ber die Erde
Zur blauen Ewigkeit, -
Der Liebe Strahlenbrcke
Fhrt ber den Schlund der Zeit.

Und floh auch Deine Liebe,
Die meine kann nicht entfliehn.
Und fliehst Du aus dem Leben,
Mir kannst Du Dich nicht entziehn.

Dein Tod zieht nach mein Leben,
Dein Schatten mich dann umschwebt,
Bis mit Deiner sen Leiche
Fr ewig er mich begrbt.

Ich will fr immer verzichten
Auf jede Unsterblichkeit -
Denn ohne Deine Liebe
Wr sie unsterbliches Leid.

Und kann die Seele lieben
Wie hier im Aetherraum, -
Sie knnte nicht ertragen,
Was hier zu trumen kaum.

Denn hier auf Erden ist Liebe,
Die nimmer vergeht, ein Traum -
Fr die Wirklichkeit des Glckes
Hat keine Seele Raum.

O s-unsterbliche Wonne,
Fr ewig zu enden nun,
Doch ewig Wange an Wange
Im selben Grab zu ruhn!

Nur keine Thrnen, keine eitlen Klagen!
Ich werde nie Dich wiederschaun im Leben.
Doch Dich verlierend werde ich Dir sagen:
Ich hatte meine Liebe Dir gegeben.

Alles ist froh und alles ist hold
Vom Grasgrn bis zum Sonnengold.
Die Erde lchelt in Mairegenduft
Und Iris schwingt sich in schweigender Luft.
Und das liebliche Mgdlein bckt sich munter,
Blumen zu sammeln in kunterbunter
Farbiger Reihe zu reizendem Strau
Und fttert die Snger im Vogelhaus.

Sehnend streck' ich die freien Glieder,
Jauchze Glckauf in die schimmernde Luft.
Strme unendlich beseligend nieder,
Neuer Welten balsamischer Duft!

Ein Veilchen, fand ich Dich im stillen Haine,
Sorglos ob je, ein Auge auf Dich fllt.
Doch eine Rose heut im Sonnenscheine
Blhst duftig Du, ein Wunder aller Welt.

    Ich lieg im Schoo Dir neugeboren: Als Sohn und Buhlen
    Hast Du, Madonna, mich erkoren, mich mtterlich zu schulen.
    Den Bund von Frhling und Sommer mag spter ein Sprosse krnen,
    Auch ich an Deinen Brsten lag: Zhl auch den Gatten zu Deinen Shnen.

    Sprichst Du zu einer Frau: Sie sind sehr tugendhaft,
    Sehr geistreich und sehr weise, vollkommen ganz und gar,
    Doch leider - da doch Gott nichts ganz Vollkommnes schafft! -
    Sie sind nicht schn - sie denkt: Der Dummkopf, der Barbar!

Sprichst Du zu einer Frau: Sie scheinen lasterhaft,
Albern, gemein und dumm, doch dies gesteh ich dreist:
Sie sind sehr schn, Sie reizen des Mannes Leidenschaft -
Sie denkt: Der Mensch ist roh, doch hat er wirklich Geist.

Leer sei Deine niedre Stirn,
Jammerst Du, Du dicke Gute?
Ei was thut's, Grisettendirn?
Flle steckt in Deinem Blute.
Weiter will ich nichts vom Weib:
Volles Herz in vollem Busen,
Treue und gesunder Leib.
Alte Jungfern sind die Musen.

Faul sind wir von Natur in allen Stcken,
In einem Punkt nur fleiig immerdar:
Uns selbst zu qulen will uns immer glcken,
Denn hier sind wir erfinderisch frwahr.

Es ist ein Tantalusgefhl,
Zur Sinnlichkeit sich selbst zu treiben,
Doch im Genu noch nchtern-khl
Und ohne Wonnerausch zu bleiben!

Nicht zhmen die verworfne Gier
Und deutlichst ihre Folgen kennen
Als wolle man nicht lschen schier,
Aus Faulheit lieber so verbrennen!

Wenn ich in das Lotterbette eile,
Ist es nur, mich zu verstecken
Vor der Fledermaus der Langeweile,
Die mich hetzt in allen Ecken.
Ach, es ist nicht mehr der Reiz der Sinne,
Denn ich wei, was ich dabei gewinne:
Einen Katzenjammer besten Falles,
Einen schnden Kitzel - das ist Alles.
Wird mein Wille mich denn nie erretten
Von den langgetragenen schweren Ketten?
Ja, ich thue einen groen Schwur:
Will mit einem Rucke sie zerreien,
Tilgen jedes Sndenbrandmals Spur
Und den innern Moloch von mir schmeien.
Liebe war es oft, die mich verfhrte
Und mit Leidenschaft das Herz mir rhrte -
Kalt und ruhig blick' ich nun umher,
Keine Liebe kann mich locken mehr.

Es leuchtet in meines Innern Haft
Die Central-Seele der Welten.
Doch auch die Flamme der Leidenschaft,
Sie lodert daneben - was hilft das Schelten?

Vom Herbstwind eine Frhlingsblum' geknickt
Sahst Du noch nicht?
Dein Auge leicht dies Phnomen erblickt:
Mein Angesicht.

Elender, sieh Dein Bild in diesem Spiegel!
Die Lippe bla, die Stirne dster!
Ehrloser Lste und des Grames Siegel
In jeder Falte ausgeprgt.
Ach! Meiner Snden Leiden trgt
Dies Antlitz, wster, immer wster.

Ich dmmte in mir meiner Liebe Fluth
Und barg voll Muth die innerliche Gluth
Und widerstand den Augen, die mich riefen:
Was zauderst Du? O la den Blick, den kalten!
Soll ich vor Dir denn noch die Hnde falten?
Die Zweifel, Zorn und Kummer, die schon schliefen,
Weckt' ich auss neu, um mich ihr fern zu halten.
Denn so nur in dem selbstgeschaffnen Leid
Knnt' ich das Werk vollenden, das ich plante:
Die Zukunftsschpfung meine Seele ahnte,
In der mein Gram ward zur Unsterblichkeit.

O knnt ich nur einmal die Liebesqual,
Bekennen, mich strzen zu Deinen Fen,
Und auf sie drcken das Henkermal
Wuthbrennender Ksse, die Lust zu ben!

Um Deine Kniee mit heimlicher Gier
Meine Arme brnstig stehend verschrnken,
Deine zitternde Hfte umspannend, zu mir
Deinen wallenden Busen, niedersenken.

Und immer weiter tasten jetzt
Auf taumelnder Inbrunst Stufenleiter,
Bis meine lsterne Lippe zuletzt
Vom Nacken kostet weiter und weiter.

Bis die zarte Wange an meiner lehnt!
O knnt ich das Eis Deiner Keuschheit schmelzen!
Ha, wie der Verschmhung Rache sich sehnt,
Dich schwelgend durch Hllensmpfe zu wlzen!


                                Paulus Hartung.

                           Grabesseufzer an Serafina.

Die Perle birgt sich in der tiefen Muschel,
Brich sie heraus, so stirbt das Muschelthier:
Zur Liedesperle formt sich die Empfindung.
Doch ach! das Herz es bricht darber Dir.

O sage nicht, da dahin Deine Zeit
Und da Deine Schnheit zu frh verblht
Und da Deine Jugendfreudigkeit
In der Schwermuth Asche fr immer verglht.
Einst streifte Dein Falkenauge nmher,
Deiner Schnheit Beute suchte es sich.
Nun senkt Dein Blick sich liebeschwer,
Wie der Taube, die nie vom Neste wich.
Und ist Dein Schritt nicht mehr so leicht?
Doch kehrte ich aus der Fremde zurck,
Entgegen eiltest Du mir vielleicht
So schnell, wie frher im Jugendglck.
Und wre auch Deine Schnheit verblht,
Sie blhte weiter im Herzen mir.
Denn ewig bewahrt ein liebend Gemth
Die Rose der Erinnerung hier.

Ich mchte stehn, wo wie ein flinker Aar,
De Fittich leuchtet in der Sonne klar.
Wie weie Federn strubend seine Wellen,
Herniederstt vom Berg der Wasserfall,
Bis am Granit die Fnge ihm zerschellen.
Wie Banner Wassersulen wehn, die hellen,
Durchwirkt mit Gold, Rubinen und Smaragd,
Und schmetternd rollt es, wie Drommetenschall,
Wie Pauken wirbelt es in dumpfem Takt,
Und hher, dichter thrmt sich Wogenschwall,
Als lrme eine Heerschaar von Rebellen
In diesem Hllenschlunde, von Dmonen,
Die mchtig rtteln an den Felsenthronen,
Bis sie sich selbst erobert Sonnenkronen.
Hier mcht' ich stehn an des Verderbens Quellen,
Wo aus dem Abgrund dumpfe Schreie gellen.

Trb war mein Blick von unvergossenen Thrnen,
Mein Auge noch Dein Auge mied.
Da Du verbergen wolltest, konnt ich's erwhnen,
Wenn sanft Du niederschlugst das Lid,
In Deinem Auge nur den Widerschein.
Verstohlenen Mitleids, das mir galt allein?

Ein Augenblick hat mir Dein Herz erschlossen,
Zum Tag des Glcks bin ich erwacht.
Auf welke Herzensblumen hat ergossen
Des Friedens Thau sich ber Nacht.
Als Deine Lippe zitternd mich berhrt,
Ward jedes Leidens Schatten mir entfhrt.

Und neue Sonne lag in Deinem Blicke.
Von mir Du fortgezaubert hast
Mit ser Ueberredung die Geschicke,
Die lange mich verwandelt fast
In eine Migestalt, ein Zwittersein,
Ein falsches Wesen, dessen Klte Schein.

Doch jetzt fllt ab von mir die feige Hlle
Und ich bekenne laut und frei
All' meiner Liebe Ueberma und Flle,
Werf' ab des Stolzes Sclaverei,
Der mich vermummt ins fade Geckenkleid.
Frei will ich nun bekennen Lust und Leid.

Ich bin ein Knstler. Und das wahre Siegel
Von Gottes Gnaden ist Dein Mund.
Dein Aug' ist meiner eignen Seele Spiegel,
Ich schaue deutlich bis zum Grund
In der Gefhle Strom, den Quell der Triebe.
Mein Auge schrft der Sonnenstrahl der Liebe.

Da ich ein Knstler, fhl ich erst durch Minne:
Jetzt springt die Fluth des Himmelsquells,
Den noch verbarg der grobe Staub der Sinne
Und des Verstandes kalter Fels.
Der Muse Gru ist der Geliebten Lippe,
Und wahre Liebe wird zur Aganippe.

Gedanken bleichten Deiner Wange Glanz,
An ihrer weien Rose zehrt der Gram.
Doch wrde Freude oder holde Scham
Umwinden sie mit rtherm Rosenkranz,
Frcht' ich, da dieser rauhere Schimmer ganz
Die wahre Anmuth Deinem Antlitz nahm.
Zu frh der Sturm der Leidenschaften kam,
Wollstig wirbelnd Dich im Lebenstanz.

Der Reue Dorn an Deinen Blthen nagt,
Der Unschuld Frische ist Dir nicht geblieben,
Nur Liebesthau Dein welkes Herz erfrischt.
Zu brechen ach! Dich meine Hand nicht wagt,
Ich scheue jenen Dorn trotz allem Lieben,
Denn Deiner Farben Schmelz scheint nur verwischt.

Wie Moses, der geschaut das heilige Feuer,
Nicht sagen konnte, was er dort entdeckte,
So auch mein Geist fr immerdar bedeckte
Meine Gedanken mit der Liebe Schleier.
Eh mgen meine Haare mir erbleichen,
Eh ich bekenne, was ich oft gelitten.
Wohl hast mein Herz Du mittendurch geschnitten,
Doch keine Thrne siehst Du niederschleichen.
Kein Blut so locken dreischneidige Klingen
Aus Wunden, innerlich verblutend, schweren,
Doch Todesblsse sie den Wangen bringen.
Auch Du vermit in meinem Auge Zhren,
Wenn Deiner Worte Dolche mich durchdringen,
Mein bleiches Antlitz aber sollst Du ehren.

Zwei Sterne waren's und ein Glanz von Rosen,
Weirthlich als ob Schnee darber flockte,
Das war's, was in der Liebe Schlinge lockte
Mich schon Erstickenden und Odemlosen.
Ich brenne, brenne. Strme nicht noch Meere
Verlschen meine Gluth, doch brenn' ich gerne.
Entzndend mich an ihrem Augensterne,
Aufs neue stets ich weiter mich verzehre.

Ja, wie ein Phnix in die Flamme springe
Ich selber, die an meinem Marke prassen!
O wie viel ser wre doch die Schlinge,
Wenn ihre Arme wollten mich umfassen,
Und glichen sie dem heien Feuerringe!
Wohl bin ich frei, doch bin ich glckverlassen.




                    Todtenlied auf die Geliebte des Kalifen.


Wehe, wehe ber diese Todte,
Die der Sturm gepflckt in ihrem Lenze,
Eh der Gluthstrom ihrer Brust verlohte -
Sie die Herrin in dem Land der Tnze!
Sie die Herrin in dem Land der Snge,
Sie die Herrin in dem Land der Rosen -
Lat drum ihrer Heimathlieder Klnge
Ihre fliehende Seele noch umkosen!

Auf die schwarze Gruft lat niederflattern
Weie Rose, die zu Schiras sprieet!
Denn als Pflicht geziemt es den Bestattern,
Da ihr schnes Leben schn sich schlieet.

Nun hat sie das erste Leid betroffen,
Da auch dieses wandelt sich in Gnade:
Frh steht Allah's Sternensaal ihr offen
Und zum Tubabaum ziehn ihr Pfade,
Whrend wir die Hupter niedersenken,
Sndenreif, der kargen Erndte harrend,
Und erst spt zum Grabe wankend lenken,
Fast willkommen uns entgegenstarrend.

Sie ist glcklich! Darum auf, Gebieter,
Welchen mehr, als uns, sie hat verlassen!
Warum willst Du, ihres Leichnams Hter,
Deiner Jugend Mark in Gram verprassen?
Dreier Tage Lauf ist Dir verstrichen,
Speis und Trank versagend Deinem Munde -
Bleich wie sie, die Dir und uns verblichen,
Stierst Du starr und schweigend in die Runde.

Wartest, ruhend neben ihrer Leiche,
Kalt wie sie durch Dein erbittert Hrmen,
Ob Dein warmer Odem wohl sich schleiche
In die Adern ihr, das Blut zu wrmen.

Doch genug! Erhebe Dich, Kalife!
Wenn der Liebe Freuden auch geschlossen,
Ist Dir's nicht, als wenn Drommete riefe
Oder Schnauben von beherzten Rossen?
Und Dein Reich, Kalif, es ruft Dich strenge,
Da den Scepter fremde Hand nicht fasse!
Ferne hr' ich tausendstimmige Menge,
Feindestritte hr' ich nahn, erblasse!
Nein, errthe in gerechtem Zorne!
La die Todten und das Leben whle,
Da an unstillbarer Sehnsucht Dorne
Nicht verblute Deine starke Seele!

Also htte ja auch Sie gesprochen,
Wenn der Feinde Schaaren Dich umdrohten!
An dem Feinde sei ihr Tod gerochen:
So gedenk', o so gedenk' der Todten!




                                Rafael Haubitz.



                          Aus dem Morast der Sansara.

Jngst im Traum durch Kaschmirs Hain
Schritt ich hin auf weichem Rasen,
Wo Jungfrauen, selbst ein Kranz,
Rosen sich zum Kranze lasen.
Und ich wollte lechzend schon
Meine Auges Gluth versenken
In den Blick der schnsten Frau,
Sinn und Seele, all mein Denken.
Wollte an mein fiebernd Herz
Ihren weien Busen pressen
Und in wilder Liebeslust
Zeit und Ewigkeit vergessen.
Ich erwachte. Nacht um mich.
Einsam war ich und verlassen.
Todte Nacht, nur einzeln schlich
Noch ein Schwrmer durch die Gassen.

Wie unschuldsrein sind Deiner Lippen Rosen,
Wie jugendfrisch und rosig Deine Wangen,
Wie weiblich sanft Dein schmeichlerisches Kosen!
Doch tief im Herzen wohnen giftige Schlangen.
Lngst ward es ein Morast, in dem versunken
Ein jedes reinre Fhlen, schmutz-getdtet.
Dort wohnt das Irrlicht nur und finstre Unken.
War diese weie Stirn je schamgerthet?

War frher je Dein Herz ein Friedensweiher,
In dem sich spiegelte der Stern der Reinheit?
Die Taube Weiblichkeit, hat sie der Reiher
Der Noth verscheucht vom Sumpfe der Gemeinheit?
Ach, berm giftgen Abgrund fliegt die Taube
Verzweifelt hin und wieder in der Herde
Der Fledermuse, flgel-lahm ihr Glaube
Und fern die Hoffnung auf die Heimatherde.

Sie winkt am Sumpfessaum, ein grner Anger -
Umsonst! Nachtfalter schwirren dicht und dichter,
Die Taube strzt sich, flatternd bang und banger,
Betubt hinab, ihr eigener Vernichter.
Doch bist Du eine Taube, se Schlange?
Warst Du es je? Du pltschertest mit Wonne
Im heimathlichen Kothe wohl schon lange -
Du mit dem reinen Antlitz der Madonne!

Denn keinen Flecken lie das Schmutz-Getrufel
Auf Deinen holden Zgen. Zu der Katzen
Geschlecht gehrst Du, Engel halb, halb Teufel.
Wie mchten Deine Tatzen mich zerkratzen!
Doch sehnsuchtsvoll singst Du Sirenen-stimmig,
Als sehne sich Dein Herz nach reinerm Fhlen.
Folgt' ich Dir aber, wrdest Du mir grimmig
Das Herz zerreien, um damit zu spielen.

Gleich wie mit zartem Pftchen sich ein Ktzchen
Ein Muslein fngt als Spielzeug - wie possirlich!
So wrdest Du mich Stck fr Stck, mein Schtzchen,
Zerfleischen - doch wie zierlich und manierlich!
Du echtes Weib! Das Weib schon eine Sphinx ist,
Liebe im Auge, Wollust in den Adern.
Und wer im Bann des Liebeszauberrings ist,
Soll mit der Fee, die ihn behext, nicht hadern.

Sie bt nur ihr Metier, wer will drob schmlen?
Und das, mein Kindchen, euch am meisten kitzelt,
Selbst wenn ihr wiederliebt, die Lieb' zu qulen.
Das Mndchen seinen eignen Ku bewitzelt.
Denn wenn auch wahre Leidenschaft euch schmeichelt
Und ihr sie sucht und anfacht, so verlogen
Ist die Kokette, da sie Klte heuchelt,
Bis es zu spt ist und der Traum verflogen.

Mein flammend Herz das ist ein Tabernakel,
Zu Weihrauch dort verbrennen Deine Mngel:
Aus dieser Gluth, abschmelzend allen Makel,
Ein Phnix, neuverjngt, rein wie ein Engel,
Wirst Du entsteigen, die Du aus dem Schlamme,
Wie Venus aus dem Meere stieg, entstiegen
Mit keuscher Anmuth. Meiner Liebe Flamme
Soll zu dem Scheine noch die Wahrheit fgen.

Denn wer versteht unschuldig noch zu scheinen,
Wer uerlich den schnen Schein bewahrte,
Wird innerlich, da es nur Schein, beweinen.
Und, wenn sich wahre Liebe offenbarte,
Weit klarer ihre Lieblichkeit erkennen.
Dem Christus folgt zuerst die Magdalene,
Denn Er vergiebt. Wo seine Ksse brennen,
Da trocknet die nutzlose Reuethrne.

Reue? Warum? Blieb lauter nur die Seele
Und kann sie nur zur Liebe sich erheben,
So schwinden alle uern Sndenfehle.
Wer viel geliebet, dem wird viel vergeben.
Frohsinn wird dann verschnen Deine Zge,
Aus Thrnen sprieen blumenreine Triebe.
Verbanne von den Lippen jede Lge
Und glaube was Du ahnst: Da ich Dich liebe!

Die unverdiente Schmach erdulden mssen
Und selbst verdiente ist wohl bittre Pein.
Und bitter, an des Grames schwarzen Flssen
Umirrend, fern dem Quell des Trostes sein.
Vom Heim und seinen Lieben fortgerissen,
Das Meer durchmessen einsam und allein,
Zu suchen Sicherheit am fremden Porte,
Nie zu betreten mehr vielleicht der Heimath Pforte.

Es ist wohl bitter, wenn ein Knig Dich,
Ein Volk, dem Du Dein bestes Blut geschenkt,
Mit einem Tritt fortschleudert. Sicherlich
Des Undanks Wort und That Dich bitter krnkt.
Und Ha, der in des Freundes Herz sich schlich,
Durch grundlose Verleumdung nur gelenkt,
Ist bitter, bitter hhnende Verachtung,
Und einem stolzen Sinn noch bittrer: Nichtbeachtung.

Gekrnkte Ehre bitter einem Ritter,
Und in des Kriegers Brust das kalte Erz,
Der mit sich fallen sieht sein Land und bitter
Um ein zertretnes Vaterland der Schmerz.
Und bitter, wie ein luftversperrend Gitter
Den Kranken und Gefangnen, qult das Herz
Der falsche Stolz, der, wenn's nach Liebe ringt,
Aus eitlem Eigensinn und Trotz sich selbst bezwingt.

Verkannt zu werden bitter und noch mehr;
Verstanden nicht zu werden. Bitter Tod
Im Kern des Lebens. Bitter einem Seh'r
Vorauszusehen seines Volkes Noth.
Bitter, stirbt eine Sendung stolz und hehr
Mituns, zu sterben. Bitter ist das Brot
Der Armuth, bittrer noch ist Sndengeld.
Verschmhte Liebe scheint das Bitterste der Welt.

Und dennoch Dinge giebt's, die bittrer sind
Fr Seelen stark und fest, wenn auch nicht rein,
Und edel, wenn auch kalt. Wie Schauer rinnt,
Dies bitterste Gefhl durch Mark und Bein.
Lieben und nicht geliebt zu werden find'
Ich eine Wonne neben solcher Pein.
Was ist vom Bittern brig denn geblieben?
    Es ist: Geliebt zu werden und nicht wieder lieben

Wenn taufendfach ich umdrut von Weh,
Wenn rastlos steigt der Leidenssee
Und zur Krisis drngt das Lebensfieber,
So ist mir wahrlich dies noch lieber,
Als wenn ein einzeln nagender Kummer
Vergiftet den zufriedenen Schlummer.

Wie ich Dich liebe kann ich nimmer sagen,
Nie habe mein Geheimni ich gebrochen:
Ich will es ohne Klagen weiter tragen,
Der Gram bleibt ungeheilt und ungesprochen.
Denn Scham mu ein Bekenntni mir verwehren:
Ich wrde vor mir selber mich entehren.

Ich halte nchtlich Dich im Traum umfangen,
Ich khle meine Gluth an Deinen Lippen
Und schmieg' an meine Deine blassen Wangen,
Am Necktar hchster Wonne darf ich nippen.
Doch Morgens lie der Traum mir nichts als Thrnen
Und ungestilltes unzhmbares Sehnen.

O knisterndes flammendrthliches Haar,
O schwle Farbe der Wangen!
Dein Rehaug' blickt so klug und klar,
Als kenne es kein Verlangen.

Der Geist so herrlich entfaltet und
Die Rede so weise-gemessen!
Wir schlieen wahrhaftigen Seelenbund,
Der Leib wird fast vergessen.

Das ugelt so keusch, das girrt so sanft,
Doch unter den Wimpern es lodert,
Und die Scham wird pltzlich zu Boden gestampft
Und fleischliche Opfer gefodert.

Hingebende Wuth, die einander trutzt!
O rasende Sehnsucht der Sinne!
Bald hast Du Simson abgenutzt,
O Astaroth der Minne!

Begierde ist ein Fieber-Rausch: Mein Fieber
Austobte im Delirium
Und kalt durchfrstelt es mich drum.
Ach, rationelle Heizung wr mir lieber!
Der innere Verbrennungsproze
Wird delirium tremens durch Exce.
Man sagt, dem Sufer schlage zur Kehle
Heraus die Flamme vom Alkohole, -
O schlge die Flamme aus meiner Seele -
Erkaltende Asche, verglimmende Kohle
Knnt' ich nur all meinen Spiritus
Phosphorisch leuchten lassen zum Schlu

In einer Geistesflamme! Statt dessen
Die Flammen nach Innen weiterfressen,
Den wahren Zndstoff so verzehrend,
Des Schaffens Ausbruch ihm verwehrend.

Mitternacht ist lange schon vorber.
Einsam irr ich durch die regennassen
Von dem Morgenwind durchheulten Gassen.
Rthliche Laternen brennen trber.

Fort die Kaufmannsstrae lang-langweilig!
Rings im Ehebett schnarcht der Philister.
Schnee und Hagel, tckisches Geknister.
Und den Tod im Herzen, weiter eil ich.

Schaudernd hin am kalten schwarzen Flusse!
Springe! Welt und Gott hat Dich verlassen.
Warum blde nur das Dasein hassen?
Wirf es ab mit einem raschen Gusse!

Wer im Strom des Genusses zu baden gewillt,
Darf nimmer zaudern und zagen,
Wo die Naphtaquelle der Wollust quillt,
Hineinzutauchen wagen.

Ausbranden mu sich die Leidenschaft,
Bis der letzte Schaum zerronnen.
Vergeudet ist nur die geopferte Kraft,
Wenn nicht durchgekostet die Wonnen.

Den Wermuth schttelst vom Mund Du Dir,
Den Kelch zur Hefe genossen!
Doch grmelt die halb gesttigte Gier
Ueber Freuden, die halb zerflossen.

Und willst Du Dich sprde entziehen der Lust,
Wird heimliche Brunst Dich verzehren.
Einlullt die Wollust die mde Brust,
Wird Dir Behagen bescheeren.

Und wenn Dir das Laster Gewohnheit wird,
So wolle es nicht mehr bezwingen!
Folg' der Gewohnheit unbeirrt,
Die Tugend kann nie mehr gelingen!

    Mit einem feierlichen Pfui! unterbrach hier Dr. v. Feichseler die
Vorlesung der einzelnen Stcke. O wie widerlich, wie widerlich! Diese
Versndigung an sich selbst, dies Whlen in Unzucht und Grenwahn! Wohin, meine
Herrn, wohin flieht die Moral, die Moral!
    Die kahle Glatze des eleganten Mnnchens strahlte von sittlicher Entrstung.
Alle Haare, die er je verlor, schienen sich in Gedanken emporzustruben. So
vertheidigt man nur die Moral, wenn man die traurigen Folgen kennt, welche das
Abirren vom Pfad der Tugend strafen. War er nicht besonders berufen, als
getreuer Ekkart zu warnen, er, den der Venusberg in strmischer Jugend so
grausam gerupft?
    Mich chokirt weniger die Immoralitt, docirte Dondershausen, als die
Zuchtlosigkeit dieser jungen Schwrmer. Wie kann man dichten, ohne ein
Privatissimum in der Logik und exacten Philosophie gehrt zu haben! Kant's
Kritik der reinen Vernunft, meine Herrn, das erhabenste Werk, so der
Menschengeist geschaffen, kann diesen jungen Herrn zur Lectre nicht dringlich
genug empfohlen werden. Bezglich der Sinnlichkeit in der Kunst denke ich
bekanntlich anders, als unser verehrter Wirth. Allein, es mu eine geadelte
Sinnlichkeit sein. Man lese meine Elegieen vom Mgelsee in Hexametern, von
welchen, wie ich wohl sagen darf, eine ganz neue Kunstanschauung der
Sinnlichkeit herdatirt. Herr Graf haben sie ja gelesen?
    Krastinik verbeugte sich schweigend. Es war ihm widerlich, diese beiden
abgelebten Pedanten ihr Gequatsch wiederkuen zu hren. - Der Eine als
moralischer Akademiker, der Andre als vornehmer ritterlicher Idealist, der
seine greisenhafte Brunst mit ledernen philosophischen Phrasen verbrmte.

    Man las weiter in der Anthologie.


                               Heinrich Edelmann.

                          Pfingsten eines Gottsuchers.

Rastlos wandernd ohne Grauen,
Wrde es auch spt und spter,
Wirst Du blauen klaren Aether
Durch des Urwalds Dickicht schauen.

Das ist der ruhige Fyord,
Der seinen Gru entboten
Vom Heimathort zum Meere fort
Als sichrer Port dem ringenden Piloten.

Ist gleich des Glcks Symbole
Das Alpenglhn versunken,
Strahlt noch ein letzter Funken
Auf hchster Alp, des Ruhmes Aureole.

Das ist am Lebenshorizont
Der Abendstern, der spter gern
Umwandelt sich zum Morgenstern,
Der durch des Todes Schatten bricht,
Bis sich an neuem Lebenslicht
Die auferstandne Seele sonnt.

Dem Edlen ist das Leben hold:
Der Ruhe Balsam und der Weisheit Gold
Vertraulich spendet jede Nacht.
Die Glorie der Kunst, das Meteor der Trume
Durchzuckt der Seele Sternenrume
In ungeahnter Wunderpracht.
Die auserkornen Geister aber hren
Egerias Gehei in unhrbaren Chren,
Sich unsichtbare Geister zu beschwren.

Im Walde ber Stock und Stein
Irrt Knig Artus, hinterdrein
Irret die Tafelrunde.
Merlin, Merlin! so hallt ihr Schrei'n
Aus weheklagendem Munde.

Merlin, der mystische Seher, hrt
Kein einzig Wort, er starrt bethrt
Nur in die Augen seiner Trauten,
Die ihm den Weisheitsstolz bethrt,
An dem Jahrhunderte bauten.

An der Weidornhecke sitzt er nun,
Sein Bart ist Moos, seine Fe ruhn,
Von Sommerfden umschlungen.
Er ist verzaubert und merkt es nicht,
Starrt in der Nixe Angesicht,
Von ihrem Reiz bezwungen.

Die Seele verkauft sich der Liebeslust
Und dem ppigen Auenleben,
Doch der Liebesschmerz in des Denkers Brust
Wird neue Flgel ihr geben,
Abschttelnd den eiteln Maienblust,
Bis der Sehnsucht Schwingen sich heben.

Die getrennten Glieder sind dann vereint,
Der Vlker Tafelrunde.
Und Artus' Schwert mit dem letzten Feind
Sank zu der Vergangenheit Schlunde.

Zum Feeenschlo Avillion,
Zu den Inseln der Seligen, pilgern schon
Alle Templeisen im Bunde.
Und dort, von Sinnlichkeit erlst,
Merlin das Saisbild entblt,
Des Grals geheimnivolle Kunde.




                               Gerhart Heidenauer



                        Messiasleiden eines Promethiden.

Zu Schmerz und Snde wird der Mensch geboren,
Sein innerst Wesen nur ist Schmerz und Snde.
Laokoon, durch alle Deine Poren
Gift spritzen dieser Schlangen Eiterschlnde.
Der Dichter aber wurde auserkoren,
Da der Dmonen Walten er verknde.
Er trgt der ganzen Menschheit Sndenschmerz.
Ein Heiland, der gekreuzigt, ist sein Herz.

Nur einen wahrhaft Glcklichen ersinne,
Dem weder ure Noth noch innre Qual
Das Sein vergllen, dem nicht Ruhm noch Minne
Den Sinn verrcken, der ins Erdenthal
Herniederlchelt von der Weisheit Zinne,
Den auch der Andern Sndenschmerz zumal
Zu Mitleid nicht erregt und edlem Zorn:
In ihm selbst qulle noch des Leidens Born.

Zwischen zwei Polen schwebt das Menschenloos:
Ein wirklich Weh und eingebildet Leiden.
Nicht nur der Schiffer im Orkangetos
Bebt auf der See, die Riffe zu vermeiden.
Falsch ist's, da in des Hafens sicherm Schoos
Die Sicheren sich an fremder Mhsal weiden,
Sie beben auch in ahnungsvollem Graus,
Die Phantasie malt grere Schrecken aus.

Die Eifersucht ist aller Schmerzen Quelle,
Ob um ein Weib sie Dir das Sein verglle,
Ob Dich im Ruhmkrieg krnke ein Rival.
Ruhm, Macht, Genu, Gold, Liebe, Alles schal.
Verwirf sie alle, Tod heit jede Wahl.
Mann, Weib und Thier verfallen allzumal
Dem Weltprinzip und dies Gesetz heit Qual.
Wen sie verschont, der schafft sie sich zur Stelle,
Denn ohne Qual sinkt in das Nichts das Sein.
Das All und Nichts sind schmerzenlos allein.
Doch Wiege hneln sich und Totenschrein,
Zum Leben selber fhrt des Leidens Schwelle.
Und weil ein hheres Sein der Genius,
Noch hhere Qualen er erdulden mu.
Wenn der Gedanke, fern von Tageshelle,
Selbstmord verbt in seiner dunklen Zelle.

Wohl lehrte die Erfahrung schon von je,
Da was Euch Schuld bednkt, nur eitel Weh.
Doch ist's noch mehr: Ein unbewutes Ahnen
Fhrt Sndenlose auf der Snde Bahnen.
Und Weise, ber Nichtiges erhaben,
Versuchen sich an Nichtigem zu laben
Und Epimetheus mht sich um Pandoras Gaben.

Denn schwach und zrtlich ist der Knstlergeist,
Leicht das Gewebe seines Innern reit.
Drum mge er, zum Kampfe sich zu sthlen,
Das Irdische dem Himmlischen vermhlen.
Die Sehnsuchtthrnen nach dem Ideale
Verschlucke Du und opfre mit dem Baale!
Taugt stets Dir Alpenluft? Sei Mensch im Erdenthale!

Du denkst des Sterns, der einst die Wste Dir erhellt.
Doch Der verhllte sich in Wolkennacht.
Und einsam nun Dein Herz im Dunkel wacht.
Der Reue Schakalschrei Dich ruhelos umgellt.

In einer Wste stehst Du ohne Quell und Thau.
Es grinsen rings auf frhrer Lebensbahn
Gerippe manch verschollner Karawan'.
Dein wunder, mder Fu tritt Kiesel hart und rauh.

Weh dem, der opfern will die flchtige Gegenwart
Der Zukunft, schwanger stets mit neuem Plan!
Doch unheilbaren Siechthums Unterthan
Ist, wer mit trbem Blick stets nach Vergangnem starrt!


                                Anno Buchsbaum.

                    Schnitzel aus dem Schuldbuche der Zeit.

Still, Krhen! Denn der Lwe brllt. Die Tatzen
Zeigt er Euch, Minnesnger-Miesekatzen.
Von meiner Feder hofft nicht Degenste,
Nur Tatzenhiebe ziemen Eurer Ble.

's ist Mai. Ein wunderschner Monat, gelt?
Ja, alle Gaben, die herniedergiet
Aus vollem Horn der Frhling auf die Welt,
Mein frommer Sinn andchtig mitgeniet.
Mit Eimern regnet es vom Himmelszelt
Und alles Unkraut wunderherrlich spriet.
Ach! Ueber's Wachsthum bin ich schon hinaus,
Obwohl ich hutlos wandle aus dem Haus.

Damit der Frhlingsregen salbe mir
Das Kpfchen und mir neues Wachsthum sende.
Denn aufwrts, wie man whnet, streben wir,
Wenn uns das Haar durchnt die Himmelsspende.
O Streberthum! Was war die Frucht der Gier?
Der radikalste Schnupfen nur am Ende!
Doch freilich (o Mirakel!) wchst mein Bart!
Ja, weil seit Tagen er rasirt nicht ward.

So zeigt sich falsch doch jeder Ammenglaube:
Zu jedem Ding natrlich ist der Grund!
(Gelt, weise?!) Wie im malerischen Staube
Das Meer der Grten fluthet grn und bunt!
Und wie die Wolke fliegt gleich einer Taube
Entlang die Himmelkuppel blau und rund!
Auch Frschehallelujah hin und wieder
Und wie berauschend duftet frischer Flieder!

Mit neuem Flieder stets geheimnivoll
(Ich ahne irgend einen Magnetismus)
Ein neu Gefhl der Brust erblhen soll.
Wodurch? 's ist jedenfalls ein Ding auf ismus.
Schon fhlt' ich 'was, mein Bein vor Rhrung schwoll,
Da merkte ich, es war Herr Rheumatismus.
Und das Gefhl sa nicht im Herzen, nein,
Der Frhling regte sich in meinem Bein.

Dies Klima berhaupt! Frau Sonne heut
Glotzt frech vom Himmel, da wir derbe flehen,
Sie mge haben die Gewogenheit,
Uns etwas weniger im Licht zu stehen
Und einmal glnzen durch Abwesenheit!
Was dann? Nun will sie gar fr immer gehen!
So belnehmerisch? Heit das ertragen
Die deutsche Grobheit? (Gradheit, wollt ich sagen.)

Nur Euch, Ihr oft besungnen Maiennchte,
Euch will ich nicht bekritteln. Ihr, Ihr seid
Voll mystischer naturgewalt'ger Mchte.
Ja, greint der Kater sein unnennbar Leid,
Das ist das Urmotiv, das wahre, echte.
Schauer-Romantik! Himmel, wie er schreit!
Das ist die Sehnsucht nach der blauen Blume,
Nach Unbewutem und nach Dichterruhme!

Jngst schrie's vor meinem Lager. Grlich war
Das Mordgezeter. Haar, strub' dich empor!
Erwrgt man nchtlich eine Kinderschaar
Ruchlos und grauenhaft vor meinem Thor?
Ein Kindermord von Bethlehem wohl gar?
Ha, schaudernd ich entschlossen Rache schwor:
Ich griff den Knecht des Stiefels - heiliger Vater
Fortschlich als Missethter scheu ein Kater!

Ich schleuderte das Holz ihm schwungvoll nach,
Dann setzt' ich mich, in tiefer Rhrung weinend.
Der Tag herein mit trben Schauern brach,
Der Nachtwind heulte. Kurz, sich graus vereinend,
All die Symptome da - mir wurde schwach -
Fr eine Poe'sche Vision anscheinend.
Nur da ich einen Katerdmon habe.
Ist das nicht schauerlicher, als ein Rabe?

(Besonders wenn es uns im Schdel brummte!)
Krchz' Du nur Nevermore, berhmter Rabe!
Doch wenn ein greiser Kater also summte,
Wr's eine noch sublimre Herzenslabe!
Den frg' ich Fragen, denen er verstummte,
Graus, metaphysisch: Werden aus dem Grabe
Auch Kater auferstehn? Mir wurde schaurig,
An meinen todten Kater dacht' ich traurig.

Der Selige - Friede seinem Angedenken! -
Die weiland Gottesgeiel aller Braten
Und Muse - warum durfte ich nicht senken
Ihn in die Gruft der Ehre als Soldaten?
Und ihm als letzte Ehrenfahne schwenken
Ueber dem frhen Grabmal seiner Thaten
Ein Hschen ('s war sein Leibschmaus) an den Ohren?
Doch so zu sterben - wr' er nie geboren!

Wie starb er denn? Ein Social-Autokrat,
Fhllos, blutdrstig, und ein grimmer Hasser
Des Eigenthums, ein Held vom Zukunftsstaat,
Ein Anarchist vom reinsten (faulsten) Wasser,
(Er war mein Nachbar) dachte frh und spat:
Soll dieser gottverdammte Bourgeoisprasser
Vor meinen Augen msten seinen Kater
Und ich soff heute blo zehn Cognacs? Brat' er!

Gewhnlich nmlich zwlf er 'runtergo.
Doch die Fabrikherrn, niedrige Tyrannen,
Bekanntlich zahlen Die fr Arbeit blo.
Und schickt sich Arbeit wohl fr freie Mannen?
Der feile Mammon fllt nicht in den Schoo,
Selbst Kater mssen ihre Thatkraft spannen,
Fr Musefang nur fttert man die Armen.
Doch kannten Demokraten je Erbarmen?

Er neidete mein Vieh, so lag der Fall.
Und dieses zu raubmrdern er beschlo.
Er that's! Und mit dem Ausruf Hilf, Lasalle!
Fhrte er meuchlings eines Nachts den Sto.
Das Opfer sank wie dort der Sonnenball
In edler Glorie, sein Herzblut flo.
So werden wir einst Martyrtod erleiden,
Wir Grnder, und der Kater Loos beneiden.

Denn, wie St. Marxi heilige Schrift es lehrt
Ward so mein Eigenthum mir fromm entwandt!
Das ist ein Pfaffe, wer sich drob beschwert!
Ich - in den hhern Zweck mich seufzend fand.
Denn hatt' ich nicht mein Kapital vermehrt?
Ein Raub am Volk! Einst wird das ganze Land
Getheilt in gleichem Stil. Und nicht allein
Den Kater theilt man mir, auch Haus, Hof, Schrein.

Der Grund der Eigenthumsverletzung war
Der fette Wanst des Seligen. Wie ein Hase
Mocht' er wohl schmecken, speckig ganz und gar.
Das stach dem Theilungsschtigen in die Nase.
Er theilte ihn fr sich mit Haut und Haar.
Doch rieth dem Biedern eine kluge Base,
Noch zu verschweigen, wie geschickt er theile!
Er murmelte zwar heldenhaft: Na, Keile!

Doch rasch bedeuteten ihm fromme Seelen:
So schlecht sei diese Zeit, da die Bethtigung
Des Freiheitsdrangs - z.B. Raub und Stehlen -
Noch ganz entbehre staatlicher Besttigung.
Man werde es der Polizei erzhlen.
So machte er's denn heimlich ab aus Nthigung.
Auch keine Zeugen gegen ihn auftreib' ich,
Drum seinen Namen klglich auch nicht schreib' ich.

Ich aber wei es, da der Ritter selig
Des Katzenordens sich begrub zu frh
In des Plebejers Magen. Ist's nicht schmhlich?
O sei er unverdaulich! Drck' er wie
Ein Mhlstein den Verschlinger, unausstehlich!
Da selbst solch ein Husaren-Schnurrbart nie
Den Pbel schreckt! Denn wahrlich, ganz soldatisch
War der Verstorbne und aristokratisch!

Was mir der Todte war, - ihr Nachtigallen,
Die oftmals er mit sem Mau gestrt,
Ihr wit es ja! Nehmt Alles nur in Allem,
Er war - ein Kater! Aber horch, was hrt
Mein Ohr vom Ufer melancholisch schallen?
Quack, Quack! Mein tiefstes Innre sich emprt,
Wie hier das Lehrgedicht der Meistersnger
Ersuft das Minnelied der Musefnger!

O Ihr geblhten Frsche, Ihr Pedanten!
O wie erinnert Ihr mich doch - an wen?
Wei nicht! An was? Je nun, an Folianten!
Hoho! Hrt, hrt! So quackt es jetzt. Es drehn
Auch Spatzen sich auf meinen Fensterkanten.
Ich sehe hier ein Sinnbild vor mir stehn:
Denn Kater, Frsche, Spatzen, Strche, kennt
Man als des Deutschen Reiches Plapperment.

O Eitelkeit, Vanitas Vanitatum!
Ich kenne einen Gecken, welcher sich
Im Sommer Winterberzieher that um,
Weil er darin mehr einem Manne glich!
Der Schwei ihm stromweis flo aus jeder Naht drum,
Doch duldete er still und wackerlich.
Er wurde lieber schwach und elend innen,
Um auen strkern Eindruck zu gewinnen.

Ich kenne Gecken, welche blutarm sind
Und sich de schmen. Was wird flugs erdichtet?
Sie schreien's in die Ohren jedem Kind,
Sie seien so erbrmlich zugerichtet,
Weil sie gelebt so lustig wie der Wind.
(D.h. hchst liederlich, wird nun berichtet
Im Flsterton.) Das heit: Ein Wstling mag
Er lieber sein, als krank!! O welche Schmach!

Andre Bleichschtige und Nervenschwache
Erklren sich fr Dandyhaft blasirt!
Der Dritte widmet sich dem Weltschmerz-Fache,
Als ob, weil er sich angekrnkelt sprt,
Auch des Gedankens-Blsse seine Sache!
Doch da er Hartmann stets im Munde fhrt
Und nie ein Wrtchen von ihm las, ist schlimm!
Castraten prahlen mit Kombabus-Whim.

Andre versichern, die besonders bllich:
Wir leiden, hrt, an unglcklicher Liebe!
Man glaubt's, da sie so berraschend hlich,
Weiht ihnen des Erbarmens edle Triebe.
Was fragt die Logik nun ganz unerllich?
Als ob nicht drauf nur eine Antwort bliebe:
Der feige Mensch hat Furcht vorm wahren Sein,
Lgt lieber sich hinein in falschen Schein.

So wandelt der Culturmensch durch die Welt
Auf hohen Hacken, grndlich auswattirt,
Wenn auf das hrtste Pflaster brennend fllt
Die Mittagsgluth. So tanzt er eng geschnrt
Der Schwindsucht zu. Der scheint mir fast ein Held,
Wer einmal sich natrlich ausstaffirt.
O Bauern, neidisch sehe ich Euch zu,
Hemdrmelig mit dnnem lockerm Schuh.

Ich kenne Jungfraun, die im Alltagsleben
Grad bis ans Herz uns gehen oder's Kinn,
Doch in Gesellschaft ber uns erheben
Um Kopfeslnge sich. Was ist der Sinn?
Zu tief die Graziengewnder schweben
Zwar ber ihre zarten Fchen hin,
Doch wett' ich, da sechs Zoll die Hacken gro -
So wchst man freilich ber Nacht glorios!

Von allen Gattungen der Reue
Ist eine mir zumeist verhat,
Sie grade qult mich stets aufs neue
Und lt mir keine Ruh und Rast.
Die Reue ist's um Fades, Nichtiges,
Um die Vergeudung schner Zeit,
Der Gram, anstatt um Ernstes, Wichtiges,
Um lcherlichste Kleinigkeit.
Da meine weie Weste heute
Zerknittert ward von ungefhr,
Das macht mich der Verzweiflung Beute -
Und wenn es gar ein Schmutzfleck wr'!
Gestern zerbi ich die Cigarre
Und sog unachtsam Nicotin.
Vorgestern wurde eine Schmarre
Mir als Verschnerung verliehn.
Vor Wochen stie ich mir die Nase
Am Sims zufllig blau und roth.
Damals verschluckte ich im Glase
Gar eine Fliege - welche Noth!
Zu schwer soupirt' ich neulich Abend
Und hab' den Schlummer drum versumt.
Und wenn auch Trume manchmal labend,
Neulich hab' ich zu stark getrumt.
Vor Monden habe ich verloren
Ein Zwanzigmarkstck - das ist stark!
Und gestern - wr' ich nie geboren! -
Gab ich als Trinkgeld eine Mark.
Dann hab' ich neulich aus Versehen
Mir auch ein Barthaar ausgezupft:
Welch nie zu shnendes Vergehen!
Ein Stck der Mannheit ausgerupft!
Und neulich a ich saure Gurken,
Dann Stachelbeeren und dann Bier!
Ich schimpfe selbst mich einen Schurken -
Das heit ja schlingen wie ein Thier!
Neulich trug ich zu hohe Hacken,
Doch dann, als mich Clotilde sah,
Reicht' ich ihr kaum bis an den Nacken,
Denn hackenlose hatt' ich da!
Das Halstuch knpft' ich zwlf Minuten
Mir heut, ein Danaidenloch!
Denn der Effekt, wie zu vermuthen,
Blieb immer ja derselbe noch!
Frisirte eine Stunde tchtig
Und war so weit, als wie vorher,
Als htt' ich nur gebrstet flchtig.
Heut drckt mich der Cylinder schwer.
Und morgen, wo ich ihn gebrauchte,
Setz' ich statt dessen auf den Filz.
War's kalt, in Eisfluth ich mich tauchte -
Hei, kroch ich unter wie ein Pilz.
War's kalt, ging ich in Sommerjacke -
Hei, trug ich Winterberzieh'r!
Rasirt' ich, blutete die Backe -
Es ist um tollzuwerden schier!
O dieses teuflische Erinnern
Zernrgelt mir die Lebenslust!
Wann, Leichtsinn, nahst Du meinem Innern?
Wann wird mir endlich unbewut?

Ich las eine erste Correctur,
Da fand ich einen Fehler nur.
Doch als ich die zweite und dritte las,
Da sah ich, da ich noch drei verga.
Und als ich den Reindruck vor mir sah,
In Ohnmacht fiel ich nun beinah:
Sechs grobe Fehler standen da!
Das ist der Mensch! So lang es ntzt,
Ihn weder Flei noch Vorsicht schtzt.
Schnglatt ist Alles beim ersten Blick,
Doch zeigt ihm der nchste Augenblick
Die Flecken, wenn es halb zu spt,
Die grten aber er bergeht!
Erst wenn sie unwiderruflich geschehn,
Wir alle Snden und Mngel sehn.
Und auf den Aerger folgt die Reu',
Fruchtlos stets, doch immer neu.

Der Mensch ist ein geborner Thor
Und stets die Weisheit er verschwor.
Wenn Jemand sich gar weise glaubt,
Weil weder Ruhm- noch Geldgier raubt
Ihm seinen Appetit und Schlaf
Und seinen ehernen Busen traf
Nicht falscher Minne giftiger Pfeil
Und wenn er sonst gesund und heil
Und ihm kein Kummer ward zu Theil -
So rgert er sich mit Fug und Recht,
Da einmal aufgepat er schlecht
Und lckenhaft seine Correctur!
Denn Gram und Aerger ist uns Natur.
Los wird ihn der Blasirte nur.
Dem fehlt zwar Aerger, doch auch Vergngen -
Ist das der Weisheit Selbstgengen?

Inconsequenz ist menschlich. Hrt den Einen:
Das Leben ist, damit wir es beweinen.
So tief in Snde ist der Mensch verstrickt,
Da Heil und Hoffnung nirgends er erblickt.
Wohlan! So mchtest Du recht baldigst sterben?
Er ruft entsetzt: Um Gotteswillen, nein!
Ich mochte gerne siebzig Jahr erwerben
Und sollten sie auch eitel Sorge sein.
Welch Widerspruch! so ruft man ungeduldig.
Dann murmelt er Etwas von der Mission,
Die wir auf Erden ja erfllen schon,
Von zehn Geboten, kurz, bleibt Antwort schuldig.
Ein Andrer meint, da allerliebst die Erde,
Da reizvoll selbst Gefhrde und Beschwerde
Und da die liebe Snde uns gegeben,
Damit das Dasein recht entzckend werde.
So mchtest Du denn also ewig leben?
Um Gotteswillen, nein! Welch ein Gedanke!
Eh ich am Stab des Greisenalters wanke,
Eh wei ich nicht, was ich mir selber thue!
Je krzer, desto besser! Ruhe, Ruhe!
Nun, alles Dies ist nur ein Widerspruch.
Entweder ist das Leben nur ein Fluch,
Die Welt ein Jammerthal, und drum beweint
Den Sugling, wnscht lang Leben eurem Feind.
Oder Ihr meint, dies sei die beste Welt
Und fr Gensse ein ergiebiges Feld,
Und hat als einziges Uebel drum den Tod
Und lat Euch schmecken Euer tglich Brod,
Und dann mit allen Krften dahin strebt,
Da mglichst lange Ihr geniet und lebt.
Entweder Ihr seid Thoren - so seid's ganz!
Euch dnke jeder Flitter echter Glanz!
Scharrt Gold zusammen, grbelt voll Erbauung
Ob der Methode richtiger Verdauung,
Hascht nur nach urem Schein und hohlen Ehren,
Lat Pflichten Euch das Leben nicht beschweren,
Gedanke und Gefhl sei Euer Spott,
Et Hummersauce und verehret Gott!
Oder Ihr kamt zur bitteren Erkenntni,
Da alle Ideale hohl und schaal
Und da der Tod des Lebens beste Wahl -
Dann scheut auch nicht das offene Bekenntni!
Ja Weltschmerz, heiliges und groes Wort,
Gemibraucht nur von der Titanen Affen!
Wenn Dich entweiht der Mund blasirter Laffen,
So wendet schweigend sich der Dulder fort.
Von ihrem Ichschmerz winseln nur die Thoren.
Denn der hat nie den wahren Schmerz empfunden,
Wer je darber hat ein Wort verloren:
Der Stolz des Coriolan verhllt die Wunden.
Der wahre Weltschmerz schweigt. Was soll er sagen?
Nur wiederholen wiederholte Klagen?
Nur fhlen soll er mit bewuter Klarheit
Die eine groe frchterliche Wahrheit:
Da Glck ein Traum und Unglck einzig wahr
Und da Zufriedenheit nur Tuschung ist,
Das schmerzenlos allein der Egoist
Und glcklich kaum der thierische Barbar.
Und spricht ein Mensch zu mir mit dreistem Munde:
Sieh, ich bin glcklich, dank' ich fr die Kunde,
Doch drehe ihm den Rcken, weil ich sehe,
Er ist ein Narr, wo nicht ein Schuft, und immer
Prosaisch-nchtern von der Stirn zur Zehe.
Gedankenmangel oder, was noch schlimmer,
Empfindungsmangel spricht er aus. Das Wehe
Scheint mir vielleicht im Ausdruck falsch und schief,
Doch immer liegt darin ein Adelsbrief.
Nur Der erhebt sich ber das Gemeine,
Wer nicht mehr lchelt mit dem falschen Scheine.
Und das ist auch der Grund, warum kein Dichter
Aufsteht als dieser Zeiten strenger Richter:
Es fehlt die wahre wirkliche Empfindung,
Der faden Weltgelste Ueberwindung.
Und da nun wieder Jeder wei, da Claque
Und Clique heut nur machen in Reclame
Und da nur aus der stinkendsten Kloake
Erfolg sich heut erhebt, die holde Dame,
Wie Venus aus dem Meer, - so sagt man richtig:
Gott, diese Dinge sind im Grunde nichtig!

Still, todtenstill vor mir der Pfad,
Doch hinter mir das Lrmen
Vom Feste einer groen Stadt,
Wo Lust und Leichtsinn schwrmen.

Ich schritt frba und wut' es kaum,
Hatt' Bitteres erfahren:
Nicht sanft thut's, einen Jugendtraum
Als falsch und faul gewahren.

Da war's, da war's zum ersten Mal,
Als sollt' ich zusammenknicken,
Als wolle geheimer Ahnung Qual
Mein dumpfes Hirn ersticken.

Ein Knabe war ich Abends noch,
Doch als ich mein Lager suchte,
Ein Mann, den zu des Kampfes Joch
Zu frh das Schicksal verfluchte.

Ach, von den Wunden jener Nacht
Kann ich nimmer gesunden,
Wo ich im tiefsten Herzensschacht
Das Lebenselend gefunden.

Eine Sonnenwende war jener Mond:
Mein Geist wird nimmer vergessen
Den Ort, wo jung und ungewohnt
Ich die Hlle des Weh's durchmessen.

Mein frderes Leben, was ist es wohl?
Unter dem Fels des Lebens
Ein Athemholen schwer und hohl,
So ewig als vergebens!

Oft schleudr' ich ihn ab, bald rollt er zurck.
O Sisyphus, wie dich erretten?
Den Felsen selber schleudre in Stck',
Zersprenge des Lebens Ketten!

Und ist zu hart der Fels, entzwei
Mu er ja gehen am Ende:
An die Mauer der Dummheit und Tyrannei
Rollen ihn meine Hnde!

Der Moskowiter strzt, wenn halbbeeist
Die Newa, in den Winterstrom, nachdem
In heiem Dampf er badete bequem.
Doch heilsam ist es nicht fr jeden Geist,
Aus heiem und wildghrendem Gefhl
Zu strzen in der Praxis Eis und in der Thatkraft Fluthgewhl.

Fort mit weichlichem Bedauern,
Wie Du Dies und Das vergessen,
Warum Dies geschehn statt Dessen!
Was Dir konnte nie gelingen,
Wird vielleicht die Zukunft bringen:
Hoffen sollst Du und nicht trauern!

Ich sprach zur Thorheit: Fliehe mich!
Sie dankte schn und nimmer wich.
Die Weisheit bat ich: Komm' doch her!
Doch sie zu fangen war zu schwer.
Und da ich Dich nicht fangen kann,
So komme, Thorheit, denn! Wohlan!
Und sieh, die Treue kam sofort,
Lie sich nicht bitten erst, aufs Wort.
Denn Thorheit steckt in Herz und Sinnen,
Wie knnte man ihr da entrinnen?
Die Weisheit steckt nur im Gehirne,
Und wer kann ewig die Gestirne
Beugeln? Denken macht Beschwerde.
Der Krper will zurck zur Erde.
Und steht man erst auf ird'schem Boden,
Da ist's unmglich auszuroden
Das Unkraut Laster und Verbrechen,
Selbst mit dem allerschrfsten Rechen.
Und ob ich auch an jedem Tag
Dich um Verzeihung bitten mag,
O Weisheit, da ich Deinen Lehren
Noch immer mu Gehr verwehren -
Verzweifelnd hab' ich aufgegeben
Den Vorsatz, da ich je im Leben
Wrd' vierundzwanzig Stunden finden,
Ganz rein von Thorheit oder Snden.
Denn Eins von Beiden mut Du whlen,
Um langsam Dich zu Tod zu qulen.

Der Grund des Elends aber ist:
Gewohnheit, wie Ihr Alle wit,
Ist unsre Amme. Ob wir heftig
Anklagen uns und rasch geschftig
Vorhalten unserm Geist die Grnde,
Warum ja reizlos jede Snde -
Hilft nichts! Wer je sich gab Consenz
Zur Snde, fhlt die Consequenz:
Gewohnheit wird sie. Es verschwren
Sich Leib und Seele und empren
Sich gegen jedes Reformiren -
Wie Du begonnen, mut Du's weiter fhren.

Kstlich ist die Tugendentrstung
Und pharisische Selbstbrstung,
Mit der wir auf Andrer Snden schauen
Voll tiefem Ekel und staunendem Grauen,
Weil wir ihr Laster nicht knnen verstehen
Und nicht den geringsten Reiz drin sehen,
Vielmehr nur den Ekel davor begreifen.
Wie kann doch A. so weit ausschweifen,
Mit Demimonde sich abzugeben,
Whrend doch manche Ladies eben
So gerne sich verfhren lassen!
Wie? spricht B. Ich sollt' mich befassen
Mit solchem Grul? Ich halte Hetren,
(Nun, als ob Andre Heilige wren!)
Doch Ehefrauen verfhren, entsetzlich!
Auch find' ich's gar nicht sehr ergtzlich.
Denn Jeder zurck vor der Snde schreckt,
Welche ihm nmlich selbst nicht schmeckt.
Es giebt in Snde nicht Ma und Grad,
Es giebt nur einen bestimmten Pfad.
Und wer natrlich gesndigt hat,
Wird vom Genusse genau so satt,
Wie von der unnatrlichsten Snde.
Alle die pharisischen Grnde,
Warum eins besser, das andre schlimmer,
Gelten vor'm Auge der Wahrheit nimmer.

Ans Meer der Freiheit drangen wir verschmachtend,
Mit glhnden Adern strzten wir hinein,
Der Vorsicht ernste Mahnung nicht beachtend.
Wir tranken bittres Salz, als wr' es Wein,
Erkrankten und ertranken. Tyrannei
Jedoch gefoltert wird vom Einerlei
Des ewigen Durstes, des unstillbaren,
Des nur vermehrten, wenn erfllbaren,
Nach Opferblut. Am Quell der reinsten Fluth
Verschmachtet sie, lechzt und erstickt an Blut.

Eis oder Wasser heit der Unterschied,
Den zwischen Bsem man und Gutem sieht.

Ich singe die Sonne am Himmelszelt
Und den Wurm, den sie bescheint,
Und was nur blinkt, stinkt, greint und weint
Die ganze Welt.

Die Lerche steigt bers Korn hinan
Als Ode. Die Schnittermagd,
Sehnsucht-geplagt, an der Sense nagt -
Das ist ein Roman.

Der Greis, der ber Jugendthorheit klagt,
Heimlich der eignen schwachen Weisheit flucht ...
Zeigt mir die Venus, die der Welt entsagt,
Und den Apoll, der nur die Sonne sucht!

Ruhm ist Luft. Doch wer kann leben
Ohne Luft?
Dumpf erstickt das reinste Streben
In lebendiger Gruft.

Bedenk' ichs recht, so scheint mir in Tibet
Die beste Herrschaft. Dalai-Lamawesen,
Was ist's am End', wenn Ihr's bei Licht beseht?
Die Herrschaft des Genies. Dort wird erlesen
Ein Kind, vom Hauch des Ewigen umweht,
Und was es spricht, macht man zu Glaubens-Thesen.
Nicht Schnheit, Reichthum, Macht und Rang erliest man:
Den Weisesten zum Erdengott erkiest man.

Ja, der Kulturmensch kreuzigt das Genie,
Wofern er's nicht zum Aschenbrdel macht.
Am Himalaya beugt man ihm das Knie,
Nimmt seine Worte als Gesetz in Acht.
Denn Gottesoffenbarung fhlen sie
In seiner Art: Der Allgeist sichtbar wacht
Auf seiner Stirn, der in der Schpfung waltet,
Doch sichtbar schon als Genius hier schaltet.

Warum nicht Grenwahnsinn? Jeder Wicht
An gleicher Krankheit leidet und er ist
Grad so auf seiner Kleinheit Werth erpicht.
Nur da man ihm zu zrnen stets vergit,
Weil er nur lcherlich. Die Rotte flicht
Die Dornenkrone immer ihrem Christ,
Spricht er: Ich bin Messias, weil ihr Neid
Zu Ha wird aus verletzter Eitelkeit.

Ich soll mich angestammten Narren bcken
Und nicht dem Dalai-Lama? Nimmermehr!
Ich will den Fu ihm kssen mit Entzcken.
(Ja, wenn es noch des Papsts Pantoffel wr',
Das wrde manchen Pilger hoch beglcken!
Kein Unterschied! Unfehlbar ist auch der!)
Nach Tibet will ich wandern: Jesuiten
Und stehende Heere sind dort nicht gelitten.

Nur Eins mifllt mir an den dortigen Sitten,
Ein Ding, man nennt's gelehrt: Polyandrie.
Dort weilt in eines Mnnerharems Mitten
Die zcht'ge Hausfrau. Denn heirathet sie,
So nahn dem Altar auch mit raschen Schritten
Des Brutigams Brder alle. Einer nie
Die Hochzeit mit ihr feiern darf, o nein,
Sein ganz Geschlecht nennt seine Dame sein.

Nun bin ich festiglich zwar berzeugt,
Da jede Dame, die davon vernimmt,
Erklrt, da dies von Sittenrohheit zeugt
Und Pfui! Abscheulich! Shoking! ruft ergrimmt.
Doch Manche heimlich seufzend auch vielleicht
Fr solchen Mnner-Communismus stimmt.
Nur ist die eine Vorschrift unerllich,
Da von den Brutigams nicht Einer hlich.

Ein Storch fiel mit gebrochnen Schwingen,
Die Menschen den Verwaisten fingen,
Er folgte ihnen treu und zahm.
Doch als die Zeit des Fluges kam,
Zersehnte er sich voller Gram.
Denn ach! der Aufflug wollt' ihm nicht gelingen.

Da senkten seine eignen Brder
Erbarmend sich zur Erde nieder
Und trugen in vereintem Chor
Auf ihrem Fittich ihn empor.
Was er an eigner Kraft verlor,
Ersetzte ihm die Kraft der Andern wieder.

Ja Scham Euch, Menschen! Wer gefallen,
Gemieden wird er nur von Allen,
Tritt man ihn nicht mit Fen gar.
Und doch trgt Liebe nur frwahr
Zum Himmel. Ihr seid liebe-bar.
Beschmen Strche Euch - wie erst die Nachtigallen!

Wer die Lieblosigkeit der Menschen
In ihrer vollen Ble schaut,
Kann schaudernd nur sein Haupt verbergen
Und weinen laut,
Und in sein eignes Innre blicken -
Ihm graut!

Mir war es im erotischen Schema
Stets ein verlockend possirliches Thema:
Den Newton, der in die Grube ging,
Ohne zu lsen das Minne-Problema,
Soll - so beschliet der Familienring
Eine frische Mi geleiten
Zu den Ehe-Seligkeiten.
Reizende Novellette! Einakter!
Studie fr Haase und andere Charakter-
Spieler! Newton, der immer stramm
Cosinus x, Parallelogramm,
Diagonalen und Regeldetri
Auftischt mit Mienen der Galantrie,
Und von alle den Eheattaquen
Keine Silbe versteht, den Nacken
Nimmer beugt zum irdischen Schmutz!
Lat dies Doppel-Problem uns packen:
Fhlt der entkrperte Denker im Schutz
Seiner Wissenschaft kein Gelsten?
Oder wird sich in ihrem Putz
Das Frauenzimmer noch immer brsten
Und sich nicht instinctive schmen? -
Doch will ich den Autor-Eifer zhmen,
Die Sache bleibt besser ungeschrieben.
Was die Frauen und Kinder lieben,
Das behandle als feiner Kenner!
Wer schreibt in Deutschland denn fr Mnner?

Krankheit, einer Schwche Gestndni,
Ist die Liebe, offnes Bekenntni
Eignen Unwerths. Ergnzung fodern -
Welcher Mangel an Selbst-Respekt!
Periodischer Liebes-Anfall uns neckt.
Und wenn Andre so deutlich lodern,
Glaubt man selber, es sei was dran.
Glcklich, wer diesem Wahn entrann!
La die Gefhle vermodern!
Das Denken macht den Mann.

Der Bauer verhungert im Irenland
Und der Stdter verhungert an Themsestrand
Und im freien Urwald steht Baum an Baum
Und Asiens Steppen sind wst und leer
Und die Erde hat ja fr alle Raum
Und fr alle Schiffe hat Raum das Meer -
Wer schafft dort Raum den Armen, wer?

Der Gesunde staunt ber den Kranken,
Kann ihm nicht folgen mit seinen Gedanken,
Sich nimmer in seine Lage versetzen,
Bis ihn selber die Pocken zerfetzen!
Und wenn ein naseweiser Thor
Alle Seelenqualen verschwor
Und ber Snde und Leidenschaft
Die alten Phrasen zusammenrafft
Und Werther, Harold und Ren
Ihm lcherlich mit ihrem Weh,
So kommt der Schmerz schon ungeladen
Und straft ihn Lgen mit seinen Tiraden.
Was spahaft ihm und dunkel war,
Scheint nun sehr ernsthaft, wahr und klar.

Ich will! ist leicht zu sagen,
Doch Thun und Knnen schwer.
Der Knabe will sich wagen
Sofort ins eisige Meer.
Doch frstelt er am Strande
Und zgert ohne Muth
Und ist erst spt im Stande,
Zu springen in die Fluth.
Statt gleich hineinzuspringen,
Erkltet er sich erst.
Ja, Wollen und Vollbringen
Zugleich, das ist das Schwerst'!
Die That wr' schon halb fertig.
Doch ob die Zeit auch pat,
Stehn immer wir gewrtig,
Bis uns der Frost erfat.

Wir fhlen in manchem Vergngungslokal
Der Langeweile verzehrende Qual.
Wir ghnen, wir sthnen, wir sehnen uns fort
Und bleiben doch ewig am selben Ort.
Leicht wre ja geffnet das Thor
Und die Stille der Nacht harrt unsrer davor.
Doch weil man bezahlt das Eintrittsgeld,
Pflichtschuldigst duldet man weiter als Held.

Der Posse des Lebens seid Ihr matt
Und klatscht nicht mehr, seid md und matt?
Was bleibt Ihr? Seid Ihr denn hergebannt?
Ist denn fr immer die Thr verrannt?
Was stot Ihr des Todes Thr nicht ein?
Sucht Ruh und Frieden im khlen Schrein?
Ja, weil wir bezahlt die Eintrittsgebhr,
So wollen wir etwas haben dafr.
Nach so viel Kummer und so viel Pein
Mu etwas Freude in Aussicht sein.
So wollen wir, ob wir auch sthnen und schwitzen,
Doch den Spektakel zu Ende absitzen!

Zwei bse Zge hab' ich beachtet,
Wenn ich der Menschen Wesen betrachtet.
Der Cabmann, der recht langsam trottet,
Peitscht, wo sich die Menge zusammenrottet,
Die Pferde, da sie wie Wetter schnaufen,
Damit er die Andern zwinge zu laufen!
Liest Jemand laut Dein neues Gedicht,
Der Arme sich fast die Zunge zerbricht.
Bald kann er dies, bald das nicht lesen,
Als wre die Schrift chaldisch gewesen.
Und Alles dies ganz unbewut.
Doch des Einen Mh ist des Andern Lust.

Der Mensch ist ein geborner Sclav
Und trgt im eignen Ich die Fessel.
Wenn ihn kein Knigsscepter traf,
So dient er flugs dem - Suppenkessel.
Der Tugendhafte nur ist stark
Und nur der Starke hat Tyrannen.
Das Laster saugt am Lebensmark
Und kann den Tapfersten entmannen.

Die That wird lang vorher vorausgeplant
Und jeder Pfad zu diesem Zweck gebahnt.
Trotz alledem sie nur bestimmen mu
Der eine augenblickliche Entschlu.
Lang klebt die Hand am Hahn - da fllt der Schu!

So ist der Weiseste, wer langen Rath
Verschmht, von jeder Welle rasch bestimmt,
Wer mit dem Strome jeder Stimmung schwimmt.
Und wahre Weisheit ist allein die That.

Um der Sansara Kleinigkeiten
Sich kmmern ziemt dem Denker nie.
Doch lssest Du Dich so verleiten,
So lern' auch hier Philosophie.
Der Grundsatz soll Dich vorbereiten:
Ein jedes Ding hat stets zwei Seiten.

Seinen Nutzen hat auch Unbequemes;
Leicht duldet man Unangenehmes,
Wenn man nur eine hbsche Moral
Zu ziehen wei aus jeder Qual.
Nicht nur die Moral des besondern Falles,
Sondern diese Moral fr Alles:
Das Gute hat sein Uebeles oft,
Doch stets aus Uebel unverhofft
Sprot Gutes. Nthig sind alle Dinge,
Nutzlos nichts in dem Lebensringe.
Denn aus einer nutzlosen Handlung
Gehn tausend hervor in unendlicher Wandlung.
Jed' Ding ist ein Blatt von dem Riesenbaum,
Ein nthig Atom im Weltenraum.
Der kleinste Gedanke, das winzigste Wort,
Zeugt Millionen andre sofort.
Tuschung ist Beides, Schmerz und Lust,
De seid im Schmerze auch bewut.
Trinkt fhllos die Hefe, doch schmecket den Schaum.
Denkt, Lust ist ein Traum, doch ein lieblicher Traum.

Wie der Falke von des Jgers Hand
In die Luft sich hebt
Und entkappt froh jauchzend und gewandt
Auf zum Himmel strebt -
Doch, gehorsam jedem Wink sogleich,
Wie er fortgesaust,
Auch zurckkehrt in des Herrn Bereich
Auf des Falkners Faust -

So auch suchst Du nur, was fremd und fern
O Germanengeist,
In das Hohe und das Weite gern
Es Dich vorwrts reit.
Doch die Heimath dann den Sohn aufs neu
Dringend zu sich ldt:
Dann erst sprst Du recht, wie Du ihr treu.
Aber oft zu spt.

Was ist des Lebens Tragdie?
Ich will es Euch verknden:
Das Leben ist eine Komdie
Und Spe darin die Snden.
Doch in der Possenreier Schaar
Da wollt Heroen ihr sogar
Mit tiefer Rhrung finden.

Der prosaische Philister
Sucht Poesie in der Liebe:
Enttuscht, entnchtert ist er,
Wenn sentimentale Triebe
Mit khlem Rechnen nur belohnt
Und die Gttin, die in seinem Herzen thront,
Ihm bald versetzt - Pantoffelhiebe.

Priester des Ideals nennt Ihr den Dichter,
Philister, phrasen-seliges Gelichter?
Pfaffe des Ideals wr mir noch lieber!
Und wirklich giebt es immer solche Pfaffen,
Die sich mit Idealismus Brod verschaffen,
Von des hochseligen Herwegh Kaliber.
Oder des dito Dingelstedt, Verchter
Der Tyrannei als biederer Nachtwchter,
Der aber spter, wenn das goldne Vlie߫
Von Grillparzer er gab, sich daran stie,
Da ihm das goldne Vlie߫ noch sei benommen,
Da alle andern Orden er bekommen!

Das grte Geheimni der wahren Kunst
Beginnt sich erst dann zu enthllen,
Wenn der Mensch dem Knstler dienstbar wird
Und kein andrer Zweck die Seele verwirrt
Und nur die Musen mit liebender Gunst
Die entgtterte Seele fllen.

Hot, Pegasus! die kmmerliche Weide
Des Alltagslebens lasse hinter Dir!
Ob Du auf Streu nun lotterst oder Seide,
Du sollst nicht lottern. In der Luft Revier
Steig auf und selbst die hchsten Alpen meide
Du nicht in Deinem Flug! In Kraftbegier
Zerbrich die Halfter, sei kein Droschkenschimmel!
Erzhufig Ro der Phantasie, gen Himmel!

Und voll entfaltend Deine prchtigen Flgel,
Trag' mich empor, auf Deinen Rcken springend!
Hui! Schleudre von Dir bald Gebi und Zgel,
Durch Sonnengluth und Wetterwolken dringend!
Verzicht' auf Dich, wer noch bedarf der Bgel!
Fort, Zaum! Ins Allerheiligste Dich schwingend,
Steig auf, Bellerophon! Mag's droben blitzen!
Die Sonne blendet nicht, die sicher sitzen!

Dies Bildni ist nicht zeitgem. Es wre
Moderner der Vergleich wohl mit Raketen,
Zerplatzend, whrend sie im Aethermeere
Aufsegelnd schon den Wolken-Kreis betreten.
Oder mit Luft-Ballons, die man beschwere
Mit tchtigem Ballast nur, sonst gehn wir flten.
Pfeilschnell geht's in den stickstofflosen Aether.
Die Stoffbeherrschung weicht, die Sinne spter.

Die Blase platzt und mit verrenkten Beinen
Zur Muttererde purzeln wir. Noch neuer
Und zeitgemer mag das Luftschiff scheinen.
Dies Hlzerne Pferd, gleich Iliums Bedruer,
In dem sich Holz und Stahl und Dampf vereinen,
Mit einem Schwanz von Kohlenrauch und Feuer.
Fnftausend Pferdekraft hat sein Gestampf.
Poeten lieben blauen Dunst, o Dampf.

Nur Opium ist unsre Phantasie:
Entzcken erst und herrliche Gesichte,
Dann Mattigkeit und Angst. Die Poesie
Hebt uns empor, doch bleierne Gewichte
Ziehn uns zum Staub. Wir nhren in uns nie
Das Gttliche und streben auf zum Lichte,
Ohne ins Thierische uns zu verirren,
Weil Ideal und Sinne sich verwirren.

Den Geist der Alten hat die Welt verloren.
Csar wird als Napoleon geboren.
Wo Cincinnat? Nur Washington und Pitt
Noch widerhallen den Heroenschritt.
O bei den Heiligen von Marathon
Schlief gern auch ich, der sptgeborne Sohn!

Zerschmettert sind des Parthenon Gebilde,
Athene schwingt nicht mehr den goldnen Speer.
Doch ob das Gold verblich auf ihrem Schilde,
Noch rollt, vom Golde ihrer Weisheit schwer,
Durch der Geschichte sagenhaft Gefilde
Die alte Musenquelle zu uns her.

O Salamis, wo in der Meeresgrotte
Zugleich Euripides zur Welt gebracht,
Als Aeschylos durchbrach der Perser Rotte,
Der seine Stoffe suchte in der Schlacht!
Als Pindars Hymne, der beseelt vom Gotte,
Weil ihn Corinna's Weiheku entfacht,
Dem Munde eines Sophokles entstieg,
Das Tropaion umtanzend nach dem Sieg!

O knnt' ich in ein einzig Wort ergieen
Doch meinen ganzen Ha und wr's ein Blitz!
Er sollte mir vernichtend niederschieen,
Sei nun sein Strahl Begeistrung oder Witz.
Wenn fest sich auch des Wahnes Pforten schlieen
Und unerschttert der Tyrannen Sitz,
Der Donner rollt, da hilft kein Blitzableiter
Des Vorurtheils - die Flamme lodert weiter.

O knnte doch mein Ekel und mein Zorn
Ausbersten, wie ein Aetna-Feuerflu,
Wenn gleich sich aus der Galle bitterm Born
Die Lavaschlacke damit mischen mu!
Aus meinen Wunden zg' ich jeden Dorn
Und spitzte ihn als Liederpfeil! Zum Schlu
In meines Grimmes Acheron mich taucht' ich
Und, so gefeit, kein weitres Rstzeug braucht' ich!

Ha, diese giftgetrnkten Liederpfeile
Nach Kronen sch' ich sie und Pfaffenglatzen!
Ich schleuderte sie mit des Blitzes Eile!
Ich peitschte sie auf freche Schergenfratzen!
Wie Feuerruthen! hiebe sie als Beile
In manch geheiligt Bollwerk, wrd' die Tatzen
Der herrschenden Gewalt damit beschneiden,
Seciren in des Staates Eingeweiden!

Ich schwnge sie als zischend Henkereisen,
Auf Hflingsstirnen Brandmale zu drcken!
Bald nahte ich mit Tritten, schleichend-leisen,
Und hhnte ihre Willkr hinterm Rcken!
Bald wrde ich als Lwe mich erweisen
Und brllen, bis sich die Pagoden bcken,
Der Sndfluth Herold! Ach, Phantome nur!
Denn wir besitzen eine Precensur.

Nur dreiig Jahre Prefreiheit erklrte
Fr nthig man, den Klerus zu besiegen.
Ich wollt', da man uns nur ein Jahr gewhrte.
Nicht, weil wir zweifeln dennoch zu erliegen,
(Denn stets das Kreuz Aposteln man bescheerte)
Nein, nur uns zu persnlichem Vergngen,
Um unsern Abscheu vllig auszuschrei'n
Mit Worten, dauernder als Erz und Stein.

Ja wahrlich, Steine mchte man empren,
Doch besser ist's, die Steine aufzuheben,
Damit's die ghnenden Tyrannen hren,
Die der Lectre wenig sich ergeben.
Doch wenn die Fenster klirren, wollt' ich schwren,
Da ihre Taubheit man curirt frs Leben!
Nach Pltzensee schickt man die lstige Wahrheit,
Doch nur Kanonen bringen hier uns Klarheit.

    Verirrter Jngling! Dynamit-Sprengler! rief Feichseler. Aber man sieht
doch wo und wie! Und dazu ist dieser Buchsbaum ein sehr bescheidener Mensch, der
nicht an Grenwahn leidet wie die Andern.
    Hier schnitten Lmmerschreyer und Luckner, die den Jngling kannten,
freilich eine sonderbare Grimasse. Aber Feichseler bot sofort einen Beweis, vor
dem alles verstummen mute: Drei Mal hat er mich schon besucht, um, wie er
sagte, von dem Rathe eines lteren Meisters, dem er ber alles vertraue, zu
profitiren. Lmmerschreyer lchelte heimlich. Wie oft hatte er mit Buchsbaum
ber den lcherlichen stelzbeinigen kleinen dnnen Kahlkopf gelacht - klein
und schmchtig galt bei diesen Kraftbengeln als sthetische Verurtheilung, da
sie wie die Chinesen die Mandarinenweisheit am Leibesumfang maen. Feichseler
verlas dann noch einen begeisterten Brief Buchsbaum's an ihn, welcher
Hochverehrtester Meister anhob und Ihr ganz gehorsamster endete. Hier flocht
Gotthold Ephraim Wurmb die Bemerkung ein, da er eigentlich Buchsbaum entdeckt
und in letzter Zeit vielen Gedichten desselben die Spalten seines
alleinseligmachenden Blattes geffnet habe.
    Am schrfsten klopfte man auf Mokamaute los, weil dessen
dmonisch-krankhafte Individualitt durch ihre, wenn auch ungesunde,
Wahrhaftigkeit die conventionellen Phrasendrescher abstie. Doch auch Krastinik
sprach seine besondere Antipathie gegen diesen Dilettanten aus.
    Sein Leid ist so unnennbar gro und er versichert Jedermann, da seine
Seele nun vllig in der Lste ekelm Schlund verdorben sei. Aber mit hartnckiger
Rstigkeit bestellt er den Weinberg der Poesie weiter und setzt seine Leiden in
edler Druckerschwrze wie eine vollgeladene Weltschmerzpistole der verachteten
Welt auf die Brust. Dieser Kultus der Stimmungslyrik, diese Scheinpoesie, die
naturgem zur Spielerei und Duselei verlockt, saugt ihm das letzte Mark aus den
Knochen. In diesen Beitrgen ist er ja noch gar nicht in seinem esse. Man mu
ihn in therischen Sphrenrumen herumfuchteln hren. Da lst er zuguterletzt
alles in Wortmusik auf, als begnadeter Stimmungsfritze im Vollgefhl des einzig
wahren Schpfermysteriums. Sternenthau und Veilchenblau zu einem weinerlichen
Reim verknpfen - das eigene Persnchen, das weltverachtend nach Weltlust
lechzt, selbstverleugnend dem All vermhlen, um desto brnstiger die
Befriedigung unersttlicher Ichsucht zu genieen - das ist so der richtige
Lyriker von Gottes Gnaden!
    Diese herben Worte, welche der mnnliche Sinn des Ungars ihm entprete,
gingen besonders dem Herausgeber Lmmerschreyer wie Oel ein. Seine stumpfe
griechische Nase blhte sich, als gensse sie einen fetten Bratengeruch, und
sein Schlangenuglein blinzelte tckisch. Nun kam Krastinik selbst an die Reihe.


                             Graf Xaver Krastinik.

                                  Lebensritte.

Dem Thoren scheint Thorheit, was der Weise spricht,
Der Dinge Innerliches versteht er nicht.
Was sind die Auenformen? Ein Wirbel von Monaden.
Der Geist in seiner Klause nur webt den rothen Faden,
Der regelrecht sich hinzieht durchs Wirrsal der Erscheinungen.
Doch blind ist Eure Wahrheit und Eure Fakta: Meinungen.

Zu jedem Laster, sei es noch so arg,
Liegt in Dir selbst der Keim, o Phariser!
Drum sei mit Deinem Tadel lieber karg!
O sh' Dein eigenes Innere ein Spher!

Alles ist ein Wunder in der weiten Welt,
Rthsel Dich umgeben, wohin Dein Auge fllt.
Ueber nichts Dich wundern rieth ein Weiser zwar.
Aber wer's befolgte, nie ein Weiser war.

Alles will ich gern ertragen,
Gern des Elends Flle kosten.
Eins nur mag ich nimmer wagen:
Thatlos langsam zu verrosten.

Doch wer mit der Welt der Kleinen
Sich entwrdigend verschwistert,
Mu sich ewig ihr vereinen,
In ihr Stammbuch einregistert.

Der Teufel hole das Nrgeln und Zaudern,
Das Zupfen an jedem Eselsohr!
Kleckse machst Du ber dem Plaudern!
Schmiere frisch darauf los, Du Thor!

Es gleicht der Leidenschaften Weg
Dem Niedergang vom Bergessteg.
Gleitet aus ein falscher Schritt,
Reit uns alle der Absturz mit.

Was Optimist, was Pessimist!
O Don Quixot-Gerede!
O Fechten um des Kaisers Bart!
Windmhlenflgel-Fehde!

Die Welt lacht sich ins Fustchen nur,
Wenn Idealisten sich zanken,
Und klatscht sich mstend Beifall gar
Dem hungernden Gedanken.

Und ist Euch nichts geblieben mehr,
So gebt den letzten Thaler her
Und kauft ein Stckchen Blei!
Ein leichter Druck, es ist nicht schwer,
Und alles ist vorbei!

Euch betuben, dumme Jungen,
Vor dem groen Weltenweh
Durch ein liederlich Juchhe,
Bis Ihr gleich der Welt marode?
Endlich sind doch aus der Mode
Solche Trug-Entschuldigungen.

Wolle nicht wider die Snde kmpfen,
Das wird nie Deine Begierden dmpfen.
Ihr zu trotzen will nicht taugen,
Sonst verzaubern Dich ihre Augen.
Aber wende ihr stracks den Rcken.
So wird Dir die Rettung glcken.

Freude entflieht mit dem Wind in die Wette,
Sorge hngt zhe wie eine Klette.

Oft schreiben wir der geistigen Arbeit zu,
Was andrer Kraftvergeudung wir verdanken.
Sei nimmer mig, immer mig Du!
Ich glaube nicht an solche Arbeitskranken!

Dir selber nur, Dir kannst Du nicht entrinnen.
Die Ketten der Gedanken schleppst Du mit.
Den Abgrund, der sich ffnete tiefinnen,
Mit leichtem Fu noch Keiner berschritt.
Ein Opfer braucht er, wenn er einmal klaffte.
Komm, Curtius! Im Tod er erst sich schliet!
Ach, seinem Ich nur Der sich je entraffte,
Wer selbstlos mit den Anderen geniet.

Ach, brauchte man nach jeder Fte
Als Soda doch ein Schlckchen Lethe!

Den Kummer der Vergangenheit
Kann ein Gedanke mindern,
Der uns von Reue nicht befreit,
Doch wohl sie wei zu lindern.
Was Du auch thatest, gut und schlecht,
Das hat geformt Dein Wesen.
Und jedes Wesen hat sein Recht.
Sei, was Du Dir erlesen!

Kein Epigramm Dich weiht
So beiender Satire,
Als Deinen guten Freunden ihre
Erinnerung verleiht.

O Unglcksmutter Unersttlichkeit!
Wer ist denn reich? Wer seines Theils sich freut
Und hartes Brot wie Trffeln wiederkut.
Und statt der tausend Weiber, die ihn locken,
Sich nur begngt mit einem Liebesbrocken.
Enthaltsamkeit - das ist Zufriedenheit.

Trbe Stimmung wird bemeistert,
Wenn man ihren Grund durchdacht.
Blitz zuckt auf aus Nebelnacht,
Gram zum Schaffen Dich begeistert.

Wir bringen vom Meer der Vergangenheit
Nur billige Waare fr knftige Zeit.
Die ganze Fracht der Meerbefahrung
Ist unverkuflich: die Erfahrung.

Mutter Natur, mir hast Du Dich entschleiert
Und jedes Wrmchen ist mir lieb und traut.
Der jungen Pflanzen Triebe, stets erneuert,
Mein Auge freudetrunken schaut.
Die Schpfung liebe ich wie eine Braut.
Denn Du verliehst ja Wolken, Wellen, Winde
Als Brder, o Natur, mir Deinem Kinde.

Gewohnheit ist die Snde wie die Tugend.
Vorm Keim des Lasters wahre Deine Jugend!
Umsonst sucht's dann die Mannheit auszurotten.
Die starken Wurzeln Deines Wollens spotten!

Dieser Grundsatz mge sttzen
Deinen Wandel bis ans Grab:
Wisse Deine Zeit zu ntzen,
Gieb Dich nicht mit Skrupeln ab!

Denn vergeudest Du Sekunden,
Werden leicht Minuten draus.
Jahre werden so aus Stunden.
Und Du wirst - ein altes Haus.

Zweifel, Reue, das sind Ketten.
Taste nicht nach gutem Rath!
Arbeit kann Verzweiflung retten
Und Befreiung ist die That.

Der Bach war unzufrieden
Mit seiner Kleinheit.
Und rief den Regen.
Und trat mit unruhvollem Sieden
Aus seinem Bett. Doch war ihm das kein Segen.
Denn er verlor darber seine Reinheit.
Nun flo er durch Einden, war voll Schlamm.
Mit Wehmuth drum gedachte er der Bume
Und Blumen, die einst seine Ufersume
Geschmckt. Was schwoll ihm auch so hoch der Kamm?

Die rothe Sonne funkelt
Pfeilscharf durch schwarze Rstern
Und berm See es dunkelt,
Die Wogen flstern.

Ich bin gesund und munter.
Doch in der Sehnsucht Wogen
Geh' ich urpltzlich unter,
Hinabgezogen.

Mehr Geistiges zu geben
Dem Menschen Gott vergnnte,
Als fr das Erdenleben
Er brauchen knnte.

Ja, dieser Schmerz, uns nahend,
Wenn die Natur uns offen,
Ist ein Beweis, bejahend,
Was wir erhoffen.

Am Apfelfall fand Newton, heit es,
Das Gravitationsgesetz.
Was sollten wir nicht finden jetzt
Im kleinsten Fall Gesetze des Geistes?

Und stest nie den wilden Hafer Du
Und opfertest den Sinnen keck,
Warst nie ein Lidrian und Geck,
So traue ich Dir auch nichts Groes zu.

Ich soll mich der Wahrheit schmen,
Hr' ich den Michel toben?
Ich werde mich dann erst grmen,
Wollt Ihr mich loben.

Ich wute, Liebe scharfe Pfeile wetzt,
Doch da der Pfeil vergiftet, spr' ich jetzt.

Und wenn sich selbst herunterdrcken
Die Kaiser zum Steigbgelhalter,
Des Papstes weltlichem Verwalter,
Tritt Dante auf der Ppste Rcken.

Der Arzt, der zu studiren beginnt,
Keinem Leiden selber entrinnt,
Hlt mit seiner Wissenschaft Schritt,
Macht jede Erscheinung der Krankheit mit.
Nur was wir im innersten Wesen erkennen,
Wissen wir auch beim Namen zu nennen.

Drei Menschengattungen giebt's in der Welt.
Zuerst die sinnlich stumpfen Massen,
Die nichts verehren als Genu und Geld
Und das Gefhl wie den Gedanken hassen.
Doch dann der Edleren geringe Zahl,
Zu zart durch Denken und Gefhle,
Sie gehen unter, hhnisch und brutal
Zerstampft und bersehn im Weltgewhle.

Denn sie sind Silber und das Silber sinkt
Im seichten Strom des Tages. Doch inzwischen
Die falsche Alphenide prahlt und blinkt.
Dem Silber lat uns Eisen mischen!
Nein, fliehet nicht den rauhen Lebenskrieg,
Kmpft mit fr der Verkannten Sache!
Ein jeder Genius im Glck und Sieg
Uebt fr Myriaden Unterdrckter Rache.

Fort Ihr! Vergangenheit, weich' Du zur Linken!
Und Du zur Rechten, Zukunft! stolz ich rief
Und strmte auf und nieder bis zum Sinken.
Nur dieser Worte Kreis mein Hirn durchlief.
Und als ich seufzend meine Uhr dann fragte,
Sah ich, da von der schnen Gegenwart
Ich einer Stunde Blthe mir zernagte
Mit lblichen Entschlssen solcher Art.

Die Harmonie von Leib und Seele -
Halb Sportsman, halb Gelehrter sein -
Das ist ein Humbug. Eines whle,
Sonst wirst Du keines von den Zwei'n.

Seit mir die Liebe schien ins Herz gleich wie Aurora,
Beklage ich nicht mehr, wie sehr mein Loos zerttet.
Was immer bergen mag die Bchse der Pandora,
Hoffnung und Liebe jetzt mit Blumen mich beschttet.
Ich wei, da jedem Ding spt oder frh bescheeret
Ein Himmel der Natur, des Ueberird'schen Gleichni:
Geliebt zu werden von der Frau, die er verehret,
Ist jedem Mannessein das krnende Ereigni.

Zum Himmel ich erhob die abendmde Seele,
Schon ffnete er mir sein leuchtend Sternenzelt.
In goldnem Nimbus da, gttlich und ohne Fehle,
Im Halbmond mir erschien die Knigin der Welt.
Es singen um sie her die Sphrenharmonien:
Ave, Maria stella! Heil, Herrscherin der Fluthen!
Seltsame Horden auch von Geistern sie umziehn,
Die machtvoll in dem Schoo der groen Wasser ruhten.
Sie boten Schtze dar, die dort im Abgrund schliefen,
Schtze, die kaum getrumt der prchtige Aladin,
Schtze, die aufgesprt zur Hlfe dem Merlin
Die Artusritter nicht aus den verborgnen Tiefen.
Die Jungfrau sie empfing mit Huld all' diese Gaben,
Indem die Wimpern sie auf schwarze Augen senkte.
Doch Er, den ihrem Schoo mystische Liebe schenkte,
Oeffnete gro den Blick, sich an dem Glanz zu laben.
Indessen zitterte der Ocean empor
Aus seiner Tiefe, da die Herrin ihm erschien.
Und Deines Halbmonds Rand umflo der Wogen Chor,
O Jungfrau, liebevoll Dir murmelnd Melodien.
Ja, jeder Silberschaum, ja alle Azurwogen
Des flss'gen Elements zu Dir empor sich bumen,
Von Deinem holden Leib ward himmelan gezogen
Dies Meer voll Hoffnungen und glub'gen Liebestrumen.
O Ewig-Weibliches! Die Sphrenchre sangen,
Prinzipien des Seins, die aus dem Meere stammen.
O Ewig-Weibliches! O wolle Du empfangen
Die Bitten hier von Luft und Erde, Fluth und Flammen!
O Unsre Liebe Frau, da uns Dein Schutz behte!
Kein Wesen ohne Dich gedeiht auf keine Weise.
Denn unsre Kraft bedarf all Deiner Frauengte,
Zu einem Groen sie verknpft verschiedne Kreise.
Durch Dich nur leben wir und blhn, Du unbeschreibliches
Geheimni jedes Glcks, das sie ins Herze wob.
O Gattin, Schwester Du, o Mutter! Ewig Weibliches!
Nur Dir, nur Dir allein sei Ehre, Preis und Lob!

    Ah, bravo, bravo, lieber Graf! rief Dondershausen. Hier sieht man den
gereiften Mann, welcher das Leben kennt!
    Da ein Mann wie Sie sich unter diese vorlauten Musenknaben und Maultitanen
mischt! fltete Adolf der Schne.
    Nun, ehrlich gestanden, Krastinik zuckte die Achseln, mein Alter in
Ehren! Da meine Gedichte darum besser wren als die der Andern, kann ich nicht
finden. Unreife - ja, die erkennt man wohl dort berall, aber auch echte
Leidenschaft und mchtiges Wollen!
    Die vornehmen Kritiker und die feinsinnigen Eklektiker zuckten unisono die
Achseln. Dann las man:


                               Helmold Heinrichs.

                                Erotik am Vesuv.

Von Capris Kuppen rinnen nieder hier
Die Bche, roth beglht vom Morgenschein,
Als rinne schier ein Meer von Malvasier
Zur blauen Grotte selbst ins Meer hinein.
Und der Vesuv steigt weilich aus der Flut,
Gekrnt von Wolken. Wie ein Zuckerhut.
Oder ein Beutel, oben dichtgeschnrt.
Bald scheint's, ein Htlein habe sich aufs Haupt
Der Berg gesetzt. Bald scheint, vom Wind umschnaubt,
Ein bleiches Segel an dem Felsenmast
Stets auf- und abgezogen ohne Rast,
Sobald ein Luftzug dort den Dunst berhrt.

Und hier im Angesicht - so malt's kein Pinsel -
Des Flammenberges, des zerstrungsfrohen,
Strz' ich mich in der Liebe Flammenlohen
Und schwelg' in Deinen Armen, Kind der Insel.

    Ach, das ist mein Lieblingsdichter! schmachtete Herr von Lmmerschreyer.
Welche Gluth des Colorits!
    Auch ein bescheidener Mensch! Wurmb wiegte anerkennend sein Denkerhaupt.
Er schreibt mir jede Woche zwei Postkarten aus Casamicciola.
    Mir ja auch! rief Feichseler.
    Und mir auch! Mir auch! Es ergab sich, da dieser bedeutende Snger an
jeden Anwesenden gleichlautende Freundschaftsbriefe wohl immer zu gleicher
Stunde absende. Ein Netz von Massencorrespondenz ber das ganze litterarische
Deutschland hin! Weniger ergiebig schien freilich seine produktive Ader. Denn er
leistete jeden Monat ein Gedicht und erklrte, da der wahre Dichter nicht
arbeiten drfe. Er msse sich langsam vorbereiten, die Welt im Kopfe tragend,
und alles ruhig reifen lassen. Nur der sei ein wahrer Dichterheld, wer mglichst
das Tintenfa meide.
    Nicht so ewig drauflosschmieren, als knnte man nicht eilig genug
unsterblich werden, wie dieser Leonhart! eiferte der glatte Erich bei dieser
gelegentlichen Feststellung der Heinrichs'schen Prinzipien, worauf ein
allgemeines Sehr wahr! erscholl. Nur Krastinik runzelte leicht die Stirn und
bemerkte ruhig:
    Kennen Sie Leonhart so genau? Ich glaube gar nicht, da er des Ruhmes wegen
so viel producirt, sondern blo aus innerem Mu, um seine Naturanlage
auszuleben. Ihm ist das Schaffen, wie uns Anderen das Athmen und Verdauen.
Uebrigens, was den Dichter Heinrichs anbelangt, so habe ich von intimen Freunden
desselben Schauderdinge gehrt und soll derselbe ein ganz gemeiner Schmutzian
sein, der ja auch seine Sachen gar nicht selber schreibe. Doch lassen wir das!
Jedenfalls ist er ein sehr mittelmiges Talentchen und schon seiner
Photographie nach, die ich bei Ihnen, lieber Herr Holbach, sah, ein
tolpatschiger Schleicher mit seinem Cylinder und seinem Bewutsein des schnen
Mannes. Holbach, der sich bisher passiv verhielt, vertheidigte jetzt Heinrichs
in seiner bekannten Manier aus Sheridan's Lsterschule, wo grade beim
Vertheidigen tropfenweis Bosheiten nachsickern. Feichseler brannte jedoch vor
Begier, zum Schlu der Anthologie zu kommen, und den schlieenden Autor, last
not least, durchzuhecheln.




                              Friedrich Leonhart.



                                  Robespierre.

Brav, schner Brissot, mache nur
Madam Roland den Hof.
Wohlwollend lchelt der Patriach,
Ihr Mann der Philosoph.

Wieviel poetisch Phrasengedresch,
Wieviel Genialitt!
Doch heiser kichert's aus einem Eck,
Wo ein gelbes Mnnchen steht.

Da schrie der stramme Maultitan
Danton, wie immer benebelt:
Du Lederfratz, ist Dir das Maul
Denn immer zugeknebelt?

Der hat noch nie Bonmots gemacht,
Der kneift nicht in die Backen
Den Brgerinnen, hat auch nicht
Stierhals und Lwennacken.

Er ist ein schlichtbescheidener Mann
Und mit verliebter Miene
Denkt er sich grade Danton's Kopf
Als Zierde der Guillotine.


                      Achill an der Leiche des Patroklus.

               (Byron und Trelawny verbrennen Shelley's Leiche.)

Zum den weien Dnenstrand
Von blauen Bergesketten
Ziehn Pinienwlder schwarz herab,
Die sich im Golfe betten.
Zwei Mnner bei einer Leiche stehn
Am Mittelmeere einsam,
Einen Scheiterhaufen entznden sie
Als Todtenwchter gemeinsam.

Den Freunden sein sterblicher Ueberrest
Und Albion sein Gedchtni!
Trage Du fort die Erinnerung, Meer,
Und sein Lied als letztes Vermchtni!
Fr uns letzte Feueranbeter zumal
Der Scheiterhaufen hier lodert.
Das Feuerzeichen steigt drohend empor,
Als ob es Rache fodert.
Wie ein Riesenarm mit geballter Faust!
Doch dann sich verdnnend bleicht es.
In goldiger Sule senkrecht auf
Bis zu den Wolken reicht es.

Abscheidend vom Unsterblichen
Die sterblichen Erdenatome!
Symbol der Psyche, darber schwebt
Ein Vogel im Aetherdome.
Wie ein Phnix aus den Flammen hier
Scheint er emporzusteigen
Und tummelt sich zwischen Himmel und Meer
In glckbeseligtem Reigen.

Durchrieselt von erhabenem Graun,
Ruft Byron, reckend die Rechte:
Hier als Brandopfer werfe ich ab
Alles Feige und Schlechte.
Wie Harmodius als Tyrsus schwing ich mein Schwert,
Von brutlichen Myrthen umwunden
Ich bringe der Freiheit als Rosenstrau
Spartanische Ehrenwunden.
Wie mein Ahne Ralph mit dem langen Bart
Zieh ich an Deckbord des Drachen.
Die Harfe zerschmettert, die Streitaxt hoch!
Durch aller Donner Krachen!
Mein Ahn hie der Schlechtwetter-Johann,
Ihm hab' ich mich verglichen,
Bin oft gescheitert auf festem Land,
Hab' nie die Flagge gestrichen.

Auf schwarzen Mitternachtfluthen schwimmt
Ein schwarzer Orlog. Am Sterne
Beim Vordersteven ein schwarz Panier.
Ein Sarg scheint's in der Ferne.
Stumm ist die Aeolsharfe nun,
Die im Schicksalssturme erschollen,
Bis im Schluakkord des Todes sie borst,
Der Titanenseufzer entquollen.

Er ist jetzt eins mit der Lieblichkeit
Der Natur, die er lieblicher machte,
Mit dem allbelebenden Schpferhauch,
Der in ihm die Flamme entfachte.
Durch die dumpfen chaotischen Massen des Alls
Schwebt er dahin fr immer,
Auferstanden in neuer Gestalt
In ewigem Jugendschimmer.


                           Mater Dolorosa von Sedan.

Viel tausend Granaten rechts und links
Durchfurchen Feld und Heer.
Doch ragt, von Trmmern umschleudeet rings,
Der Altar blumenschwer.
Noch lchelt die Jungfrau dort herab,
Von steinerner Nische gedeckt.
Zu ihren Fen whlt sein Grab,
Wer fallend niedergestreckt.
Ave Maria! Die Stunde dies,
Wo die Glocke zur Messe ruft,
Wo wie ein Gru zum Paradies
Aufwirbelt des Weihrauchs Duft.

Hier aber Dampf nur berall,
Die Erde bebt im Krampf,
Auffliegender Pulverkarren Knall
Und Kampf und Rossegestampf.
Am Kreuz noch immer die Erde hngt
Und ewige Wehn der Geburt
Durchzittern den Leib, den ewig umfngt
Des Todes eherner Gurt.
Dort schlendert ein bleicher Schemen durchs Feld:
Des Kaiserreichs Gespenst!
Nun zhle die Leichen, Lgenheld,
Ob Du Dein Werk erkennst?

Es lebe der Kaiser! - Still, Du Narr!
Der Austerlitzsonne Glanz
Geht blutig unter, doch leichenstarr
Rast weiter im Todtentanz!
Spielt auf, Trompeten, zum letzten Marsch!
Noch ein Idol bleibt ganz!
Merde! knirschte die alte Garde barsch
Und wir La France, la France!


                                    Zufall.

In einer Schenke im Tiberthal
Trafen zwo Reiter sich einmal.
Der eine Dandy, der andre Rou,
Doch Beide Patrizier vom Wirbel zur Zeh'.
Sie beplauderten berm Wein
Die letzten pikanten Klatscherein.
Den groen Clodius Pulcher-Skandal,
Der als Weib verkleidet im Frauensaal
Bei den Saturnalien Unfug versucht.
Terentias falsche Haare. Luculls
Fischbehlter und Seidenwurmzucht.
Auch wie ein gewisser Sallust den Puls
Der Zeit befhle und sich bereit
Halte, zu sammeln die Zeichen der Zeit.
Wie Crassus seine Volkskche und
Sein Volkstheater ihm angepriesen
Als Wichtigstes, doch der Autor mit Grund
Ihn als bestes Zeichen der Zeit verwiesen
An die Schulden des jungen Caesar, Zins
Auf Zinseszins hufend, weil er die Provinz,
Die er knftig bekommt, schon verpfndet. Und wie
Sallust schon dem knftigen Opus verlieh
Den Titel: Catilina's Verschwrung,
Weil er prophezeie offne Emprung.
Beim letzten Fest hat mit Murnen
Crassus gefttert all seine Sclaven!
Der Aeltre meint mit lautem Ghnen:
Dies offenbar erscheinen mu
Nur als Verwechselung. Spartakus'
Besieger? Wenn er seine braven
Murnen mit Sclaven gefttert htte
So she ihm hnlicher Das, ich wette!
Des besten Sportsman Quadriga sie loben
Und der Modelwin sidonische Roben.
Dann brachen sie auf von ihrem Wein
Und ritten gen Rom im Dmmerschein.
Und als sie den sieben Hgeln nahn
Und die ewige Stadt von oben sahn,
Um des Aelteren Lippen ein Lcheln schlich,
Unheimlich war's und frchterlich.
Leb' wohl denn! Da wir uns wiedersehn,
Verbrge ich, es wird geschehn.
Ich bin ein Mann, von Vielen geehrt,
Von Vielen gehat - wie ein ehernes Schwert,
Das stets dem Freund zur Hlfe bereit,
Doch den Feind bedrut in gerechtem Streit.
Nie hab ich dem Feind meiner Sache verziehn,
Stets hab ich dem Freunde Schutz verliehn.
In meinem Herzen fr immer ruht
Die Erinnerung an Bs oder Gut.
Wer Du auch seist, beherzige den Rath:
Scheue nie zurck vor verzweifelter That!
Stets finde die Unbill blutigen Sold,
Denn dem Wagenden ist die Klinge hold.
Greift verwegene Hand in das Rad Deines Lebens,
So rufe nach mir, nicht rufst Du vergebens:
Ich zerbreche die Hand! Wer verfolgt und gekrnkt,
Der komme zu mir, der fr ihn lenkt
Der Vergeltung Stahl und vollfhrt die Rache -
Denn seine ist meine eigene Sache.
Ich bin der Richter, ich bin der Rcher!
Und grend er winkt mit dem Pfauenfcher,
Den Mantel um Kinn und Mund er schlang,
Seitab vom Hgel herniedersprang.

An eine Schenke am Aventin,
Als matt der Mond herniederschien,
Klopfte ein Vermummter. Der Wache
Am Thore gab er ein Pergament:
Bring' es dem Fhrer, damit er erkennt,
Da ich der heimliche Freund der Sache.
Gerumig war der Berathungssaal.
Und die Verschwrer allzumal
Saen um den Fhrer geschaart
Mit schwarzem wallenden Haar und Bart
Und Leichenblsse im Angesicht
Und Augen, glhend unheimlich-licht.
Ein Becher stand auf dem Marmortisch.
Darin die rothe flssige Glut,
Ist's Chier, Falerner hell und frisch?
Der Fremde schauderte - es war Blut.
Die Fackeln hoch! Und Jeder da
Erkennend dem Andern in's Auge sah.
Wir sehen uns nicht zum ersten Mal,
Denkst Du der Schenke im Tiber-Thal?
Und Du bist Catilina? Und Du
Der junge Caesar? Nun, nur zu!
Zur Sache! Sie beriethen lang. - -
Doch Caesar denkt beim Heimwrtsgang:
Komm' jemals ich zum Regiment,
So wird zuerst vom Rumpf getrennt
Mir dieser widerspnstige Kopf.
Und Catilina denkt daheim:
Da ist wohl mancher tcht'ge Keim -
Im Ganzen ist der Bursch ein Tropf,
Der auch gefhrlich werden mag.
Und kommt der groe Rechnungstag,
Wenn ich mich freue, an allen vier Ecken
Dies feile Rom in Brand zu stecken,
Dann, Caesar, wird Dein Loos nicht besser:
Du fllst von meinem eignen Messer.
Doch wie verlief die Sache spter?
Der Catilina war ein Narr.
Die Invektive machte ihn starr,
Die Cicero ihm zugebrllt:
So rannte ins Netz er zornerfllt
Und gilt als schnder Hochverrther.
Doch Caesar, welcher sacht und stille
Gewartet, was des Schicksals Wille,
Der stets lavirt nach gutem Glck
Und, ging's nicht vorwrts, ging zurck?

Der Zufall nur die Dinge lenkt.
Des Werthes Prfstein ist erschienen
Stets der Erfolg. Doch Jeder denkt,
Ihm werde dieser Prfstein dienen.
Genie und Thatkraft? Zufall nur
Uns leitet auf die rechte Spur.


                                 Das Autodaf.

Und ein Mandat ward aufgesetzt:
Ihr lasset flugs Euch taufen.
Wo nicht, Hebrerhunde, verschlingt
Euch alle der Scheiterhaufen.

Der Rabbi zerraufte sich Haar und Kleid
Und streute aufs Haupt sich Asche.
Dann salbte er sich wie zum Fest
Aus der heiligen Weihlflasche.

Und als am Holzsto alle vereint,
Begannen sie alle zu tanzen,
Wie Mirjam, als im Rothen Meer
Ersoffen Pharaos Lanzen.

Und als sie endlich ausgetobt
Und als die geschmeidigen Weiber
Wie die Weiden an Babylons Wassern schlaff
Niedersenkten die Leiber,
Und als die brnstige Raserei,
Ermattet in starrem Krampfe -
Da breitete ber die Bhne sich schon
Ein Schleier von blulichem Dampfe.

Die Henkersknechte in rothem Wamms
Pechfackeln schwingen, vom Thurme
Die Armesnderglocke klagt
In unaufhrlichem Sturme.
Und wie Numantias Brgerschaft
Sich wechselseitig getdtet,
Die Vter und Gatten das Schwert vom Blut
Der Weiber und Kinder gerthet -
So geht es durch erstickenden Qualm
Hinein ins Flammenbette,
Die Stimmen vereinend im Rachepsalm,
Die Arme verschlingend zur Kette.

Es endet in einer Sule Rauch
Der Feuersulen Gewimmel,
Wie Moloch's eherne Rechte schwarz
Und glhend sich reckt zum Himmel.
Gleich dem Flammensignal, das Israel
Beim Exodus sah steigen,
Aus der Aegypter Joch den Pfad
Zum gelobten Lande zu zeigen.

Als berm Leichenknochenrest
Die letzte Garbe noch prasselt,
Da wirbeln Fhnlein durch die Luft,
Mailnder Harnisch rasselt.
Der Herold tutet, der Marschall naht.
Den hat der Kaiser gesendet,
Auf da von den Kmmerlingen des Reichs.
Er das grliche Unheil wendet.

Soll er die biedern Rathsherrn nun
An ihrem Wanste spieen?
Der Ritter strich verlegen den Bart,
Die Sach' tht ihm verdrieen.
Den Reisigen brummte er traulich zu,
Die Denkerstirn beschaulich
Auf seines Flambergs Knauf gesttzt:
Die Aventr wird graulich!


                         Klebers Ermordung in Aegypten.

Dem Wunderkranze gleich in Ceylons Hain,
Kreuzt Schwert mit Schwert sich hoch im Dmmerschein.
Die Morgensonne lebenswarm umloht
Des Helden Schlfe, aber der ist todt.
Gleich denen, die der Zauberbann umflicht
Von Ischmonie, so starr und leblos schauen
Die Mrder, wie aus Marmor zugehauen.
Zu streuen scheint der Fackel rothes Licht
Auch Wundenmale auf ihr Angesicht.

Wer war es, der mit schnder Hand zerri
Dem Sieger hier von Heliopolis
Den Lebensfaden? Dieser Botschaft harrte
Schon lange in Paris Herr Bonaparte.
Das nennt sich Kampf ums Dasein! Wenn der Dolch
Den Helden traf, zum Drachen wchst der Molch.




                     Caesar Borgia ermordet seinen Bruder.


Des Mondes Strahl sich mischt dem ersten Morgenglimmern.
In seinem Silberlicht wie eisgepanzert flimmern
Die Felsen. Sickernd rauscht hier durch den Felsentrichter
Das Wasser, wirbelnd sich im Kreis, ein Selbstvernichter.
Doch wie gereinigt und geklrt vom Felsensieb,
In welchem Schaum und Tang unlauter hngen blieb,
Die Fluth dann klar und rein zum Tiber niederlief.
Sie zimmert sich ein Bett im Passe hohl und tief.
Hier wrde jedes Boot, wo so vernichtungstoll
Der Schaum in wildem Satz zum Abgrund niederschwoll,
Wie vom Gebi und Schlund des Nilpferds jh zermalmt.
Dort zog im Mondenschein, vom Wasserstaub umqualmt,
Ein Reiter, schwarz vermummt, sein Haupt gesenkt, verdeckt.
Und vorn am Sattel hing ein Mantel, drin versteckt
Ein Etwas, das er schnell nun in den Strudel warf,
Auflesend Steine noch am Strand und zielend scharf
Nach jener Brde, die noch manchmal aus dem Flu
Auftauchte - - jetzt der Leib wohl meerwrts rollen mu.

Doch glaubet nicht, da ich die Borgias verdamme!
In den Retorten, wo ihr Hllengift gebraut,
Hat sichtbarlich geglht der Weltenseele Flamme.
Wer Darwins Lehre je mit festem Blick durchschaut,
Der ehrt im Geier, der herabstt auf die Beute,
In dem unschuldigen Reh wie in der rohen Meute
Denselben Kampfinstinkt rastloser Lebenstriebe.
Gleichwerth sind durchaus dem Menschen Ha und Liebe.

Zwischen zwei Polen liegt die wahre Weltbetrachtung:
Willensverneinung und entschlossene Weltverachtung,
Leben in der Idee, - oder die ungezhmte
Willensentfesselung, die brnstig nie beschmte
Weltlustanbetung. Ach, den Durst sie nimmer stillt,
Wie nur mit wstem Rausch Salzwassertrunk erfllt
Die drstenden Matrosen, beim Sturm im Boot verschlagen,
Bis cannibalisch sie sich hungernd selbst benagen.

    Nein, das geht nun und nimmer an! brach Feichseler los. Ist denn das noch
Poesie? Das ist gereimte Prosa. Wer das drucken lassen kann, ist kein Lyriker
und auch kein Vollblutdichter. Das ist ein Mensch, der rastlos mit dem Verstande
arbeitet!
    Unter allgemeinem Beifallsgemurmel lie sich da wiederum Krastiniks Stimme
vernehmen: Ich bin andrer Ansicht, Herr Doktor. Mir ist diese gereimte Prosa
lieber, als ganze Fuder Gelbveigelein-Lyrik. Auch glaube ich gar nicht, da
Leonhart ein Lyriker sein will. Solche historische Hieroglyphen wie diese
kritzelt er so nebenbei tagebuchartig aufs Papier, wie ein Andrer seine
Einnahmen und Ausgaben bucht. Er will damit gar nicht knstlerisch wirken,
sondern schleudert nur so wie die Natur berflssige Schlacken von sich ab, wie
die Lawine aufs Schneefeld strzt, um im Abgrund zu verdonnern.
    Er blendet Sie, mein lieber Herr Graf, trumpfte Wurmb mit sauerser Miene
ab. Der naseweise Lmmerschreyer aber meinte gewichtig: Ein Snger der Freiheit
und der Noth des vierten Standes wie Anno Buchsbaum steht mir viel hher.
    Ach, dieser Brave! lachte Krastinik auf. Dieser undankbare Streber! Da
hab' ich nun zufllig bei Leonhart allerlei Dinge Schwarz auf Wei gesehn.
Schreibt dieser Mensch ein vernichtendes Schmhgedicht auf den Ghaselendichter
X. und richtet nachher an diesen einflureichen Wrdegreis einen demthigen
Abbittebrief, worin er in ergreifenden Worten um Entschuldigung bat und
schmerzlich beklagte, da Herr Leonhart sich erfrecht habe, das Gedicht spter
bei einem Ausfall auf X. zu citiren, um seiner eigenen Gehssigkeit eine Wrde
dadurch zu geben!! Diese bodenlose Unverschmtheit, verbunden mit Feigheit und
Perfidie, richtet sich selbst und mchte ich berhaupt meine Hnde ber diese
jugendliche Clique in Unschuld waschen.
    Zu welcher Clique doch Leonhart selbst gehrt, fiel Feichseler ein. Ach,
Holbach, haben Sie endlich eingesehn, was eigentlich an diesen Kerls daran ist,
sammt Ihrem Freund Leonhart?
    Leider ja! Ich berzeuge mich mehr und mehr! gestand Holbach mit einem
tiefgefhlten Seufzer.
    Die Adern auf Krastiniks breiter Stirn schwollen bedenklich. Wovon
berzeugen Sie sich? fragte er scharf. Wenn Sie sich einen Duz- und
Busenfreund Leonharts nennen und denselben, wie Sie mir schon mehrmals sagten,
so oft gegen seine Feinde vertheidigen, so sollten Sie doch am besten wissen,
da Leonhart jede nhere Gemeinschaft mit dieser Rotte ablehnt.
    Hm, Sie gehn denn doch etwas stark fr meinen Freund Federigo ins Zeug. Er
ist ja ein bedeutender Mensch - hm! Er machte eine Pause in der Hoffnung, da
Jemand widerspreche, um dann eiligst gehrige Einschrnkungen zuzufgen. Es
meldete sich aber Niemand. Allein, er hat doch auch viel von einem Streber.
    Mglich. Ein Genie ohne eine gewisse Streberhaftigkeit (ich erinnere an
Richard Wagner) ist ebenso undenkbar, wie ein groer Mann der That ohne
Opportunismus und despotische Gesinnung. Dieser Naturtrieb wird zu einer Tugend.
Denn das Genie fhlt instinktiv, da es sich ja nicht zu dem, was es werden
soll, entwickeln knne ohne ueren Erfolg. Und seine Entwickelung scheint ihm
identisch mit der Entwickelung seiner Kunst oder Wissenschaft. Daher glaube ich
ebensowenig, wie an ein sogenanntes faules Genie (Genie ist Flei), an ein
Genie, das nicht in gewissem Sinne erfolgschtig ist, weit mehr als ruhmschtig.
Denn der Ruhm im hheren Sinne des Wortes scheint ja dem Genie ohnehin erb- und
eigenthmlich.
    Sie sagen immer Genie, Genies! warf Lmmerschreyer giftig ein. Sie wollen
doch wohl Leonhart kein Genie nennen? Sieht der wie ein Genie, wie ein Goethe
aus? Dieser Knirps!
    Eine etwas unwillige Bewegung ging durch die Versammlung. Solche knabenhafte
Dummdreistigkeit verwundete denn doch selbst die Anwesenden, zumal drei darunter
selbst von unansehnlicher Gestalt waren. Krastinik lachte heiter auf:
    Famos, lieber Herr! Deswegen waren auch Napoleon, Cromwell, Friedrich,
Byron, Luther, Richard Wagner, Michel Angelo, Mozart, Gambetta, Victor Hugo
solche Hnengestalten, nicht wahr? Machen Sie sich nicht lcherlich! Jaja! Sieht
Er, mit solcher Kanaille mu Ich mich herumschlagen! Aber der brave Pandur, der
auf den Helden des Jahrhunderts die Flinte anlegte, sah nur einen gar kleinen
Mann in schmutzigem Anzug mit Krckstock und Schnupftabaksdose. Kein Held ist
ein Held fr seinen Lakaien noch fr Lakaien berhaupt. Aber bei wem die Schuld,
beim Helden oder beim Lakaien?
    Eine betretene Pause folgte, welche Luckner mit dem Ausruf brach: Ei, ei,
Herr Graf, Sie treiben ja mit Leonhart die reine Carlyle'sche Heroenverehrung!
    Pardon, wenn ich etwas erregt sprach! entschuldigte sich der Graf
gemessen. Alles begreife ich. Aber die Keckheit, womit der Gewhnliche ber den
Ungewhnlichen urtheilt und an Ausnahmenaturen denselben Mastab legt, wie an
den Dutzendmenschen, ohne je die menschlichen Schwchen der Gre psychologisch
zu begreifen - diese Keckheit allerdings verstehe ich nicht. Wenn man mir
bewiese, Shakespeare habe gestohlen, so wrde ich mich ehrerbietig jedes
Urtheils enthalten.
    Holbach zuckte die Achseln. Sie ziehen aber so bertriebene Beispiele
heran! Was heit Genie!
    Ja, das frage ich Sie! erwiderte Krastinik kalt. Wie nennt man heut
Mittelmigkeit? Reife. Was heit Genie? Sturm und Drang. Und was heit heut
berhaupt so Manches! Was heit Freundschaft? Er warf einen anzglichen
Seitenblick. Die Fehler und Schwchen eines Menschen durch genauere Kenntni
desselben aussphen. Was heit Dankbarkeit? Sich durch die Erinnerung
empfangener Dienste belstigt fhlen.
    Ach, ich verstehe. Leonhart wird Ihnen da wieder allerlei vorgegaukelt
haben! Wurmb schob nervs seine Brille zurecht. Und er selbst - ich knnte
Ihnen Wunderdinge -
    Ach, lieber nicht! wehrte Jener khl ab. Dergleichen kenne ich. O Gott,
wenn knftige Goethe-Pfaffen mit hnlicher Beharrlichkeit auch in modernsten
Waschzetteln whlen sollten! Der Muthigste schaudere bei diesem Gedanken! Was
wird nicht alles zusammengeklatscht! Denn das auszeichnendste Merkmal des
Durchschnittsmenschen bilden Klatschsucht und Verlogenheit. Alles wird gelenkt
von einem groen Gesetz der Lge. Wer dem Trieb der Selbsterhaltung gehorcht,
dmmt bersprudelnden Wahrheitsdrang. Mte man nicht ein Engel oder ein - Esel
sein, um stets zu sagen, was man denkt? Leonhart ist zu nervs aufrichtig,
allerdings. Jede Verstellung ist ihm fremd, jede lebenskluge Vorsicht liegt ihm
fern und er selbst entfesselt meist die Verleumdung durch seine
Unvorsichtigkeit. - Glauben Sie nicht, fuhr der Graf nach einer Pause fort,
da ich Incorrektheiten Leonharts bezweifele. Aber der eigentliche Kern seines
Wesens ist hochherzig und edel. Seine Richtschnur wird ewig bleiben: Die
Gerechtigkeit, und das ist die schwerste Tugend. Strebe am ersten nach ihr und
alles andere wird Dir von selber zufallen! Ja, diese strenge knigliche Tugend
schleicht auf Erden als Aschenbrdel umher. Niemand will sie. Lobt sie, war's
nie genug; tadelt sie, heit sie gehssig. So kommt es, da man den Gerechten am
leichtesten der Widersprche zeihen kann. Was schimpfen Sie ber seine Herbheit
und rcksichtslose Schrfe! Seine strenge Schroffheit ist eine natrliche Folge
gerechter Verbitterung. Haben seine lieben Mitmenschen nicht von der alles
aufgeboten was in ihren Krften stand, um das Aufstreben niederzuducken? Mte
er nicht mit Fug und Recht allen heimzahlen, was man an ihm verbrach, wenn nicht
seine Verachtung stets seinen Ha im Keim blickte?
    Sie berschtzen ihn, Sie berschtzen ihn kolossal! sagte Wurmb erregt.
In vieler Beziehung tappt er umher wie ein unreifer Knabe. Man hrt da kaum
glaubliche Sachen von einem Verhltni mit einem bemakelten Frauenzimmer in
einer Weiberkneipe, die sich nichts aus mir macht und die er sogar heirathen
wollte, um die bekannte Rettung an ihr zu verben. Entweder ist dies eine
mnnliche Sinnlichkeit oder kindische Sentimentalitt. Wenn ... Er brach
pltzlich ab und errthete, man wute nicht warum. Drckte ihn vielleicht gerade
auf der Brust ein Briefchen mit einer Freiherrnkrone, wo eine lustrmpfelnde
Adah Freiin von Geisenheim, geborene Freiin von Ratzko ihm den Laufpa gab,
weil er ihr so wrmerisch anbot, mit ihr vor seiner Frau und seinen andern nach
Amerika zu entfliehn? Und sie hatte ihn doch blo als Redacteur benutzen wollen,
aus der Distance kokettirend!
    Ich gratulire Ihnen zu Ihrer Philosophie, Krastinik da sich auf die
Lippen, um nicht hellaufzulachen. Ich sah noch Keinen, der nicht die Leiden und
Leidenschaften anderer recht mit philosophischer Geduld belchelt htte, noch
Keinen, der diese Geduld an sich selber erprobte. Uebrigens, die Mutter der
Weisheit ist doch nun mal die Thorheit. Nur aus Most und Wein.
    O o! Ich bitt' Sie, wo bleibt aber da die Moral? zeterte Feichseler. Wozu
soll das fuhren! Untergrabung aller altdeutschen Sittlichkeit, Abklatsch der
Pariser Verhltnisse! Schmt sich dieser Leonhart denn nicht, falls er wirklich
so genial ist, die Gesellschaft verbuhlter Hetren zu frequentiren? Warum
grndet er sich nicht eine germanische Huslichkeit mit einer gebildeten
Jungfrau? Ist es nicht eine wahre Schande, da er die Geschpfe der Strae
litteraturfhig macht? Will er etwa die sociale Frage lsen, indem er Arme
Mdchen studirt wie Herr Lindau? Pfui, pfui darber!
    Hm, erwiderte der Vertheidiger trocken. Warum er nicht heirathet, wei
ich nicht. Vermuthlich, weil er kein Geld dazu hat. Warum er ces dames studirt
und in seine Bcher bringt, wei ich. Das sind allen Ernstes nur dichterische
und sthetische Grnde: um die Leidenschaft und die Noth an der abgrndigsten
Wurzel blo zulegen. Warum er persnlich an solchen Damen Gefallen findet (so
etwas kommt bei uns nicht vor, nicht wahr meine Herrschaften?), wei ich
ebenfalls. Vermuthlich, weil er sie interessanter findet als die langweiligen
und dabei prtentisen Puten des Salons. Wen in aller Welt das Alles brigens
etwas angeht, wei ich nicht Wohl aber wei ich, wenn er wirklich irrsinnig
genug war einem solchen Weibe seine Hand anzubieten, da dies weder aus
Sinnlichkeit noch aus Sentimentalitt geschehen sein kann. Denn er ist mig
sinnlich und gar nicht sentimental. Obschon ich ihn vermuthlich nher kenne, als
die Leute, die ber ihn schwatzen, so vermesse ich mich nicht, ber seine Motive
zu urtheilen. Jeder Mensch hat seine inneren Geheimnisse, die kein Anderer
kennt; sich da hineinzudrngen ist roh und dumm, gegenber einem bedeutenden
Menschen aber obendrein frech und infam.
    Aber ich bitte Sie, schon allein der Skandal, wenn er das Weib wirklich
heirathete! Dies schlechte Beispiel - Feichseler brach ab und errthete, man
wute warum. Denn die guten Freunde stieen sich bereits unterm Tische an.
Behauptete doch der Stadtklatsch, Ottokar habe selbst die ideologische Narrethei
begangen, eine Bemakelte zu retten und eine frhere femme entretenue zur Wrde
einer Frau von Feichseler zu erheben! Natrlich aus rein therischem Idealismus,
da die junonischen Reize der schnen Frau unmglich einen Philosophen wie
Feichseler htten verblenden knnen!
    Nun, Leonhart scheint immerhin ein ungewhnlicher Mensch und eine
liebenswrdige Natur. Aber er ist allzu bissig und dann - auch noch etwas grn.
Das heit -
    Scheint mir auch, ergnzte Gutmann bedchtig. Ich kenne ihn ja auch. Er
a einige Mal bei uns. Noch vor einem halben Jahr machte er mir einen
Gegenbesuch und a etwas bei uns. Er erinnert mich an Aurelie von Fellmarch. Sie
wissen: die so oft bei uns a und nachher solche Bosheiten ber mich, meine Frau
und das Kind geschrieben hat! Ja ja, der Leonhart wird noch lter werden. Wie
wird er in zwlf Jahren an sich selber denken!
    Ich kann mir nicht helfen, warf jedoch Wurmb hin. Ich halte Leonhart fr
einen unsrer gefhrlichen Kujone. Ein furchtbarer Streber, der mit allen Mitteln
vorwrts jagt und rcksichtslos niedertritt, was ihm den Weg versperrt.
    Krastinik erhob sich mit ironischen Lcheln. Es wird spt und ich mu mich
empfehlen. Nur mchte er zum Schlu dieser Debatte eins bemerken. Hren sie z.B.
einen Schmoller, der Leonhart nur zu ewigem Thun verpflichtet wre, so wird
dieser Grenwahnsinnige sich weder ber seinen groen Gnner in herablassendem
Tage als von einem guten Kerl oder mit schimpfender Weise als von einem
raffinirten despotischen Charakter redete. Und grade so theilen sich berhaupt
die Urtheile der dummen Jungen ber dies Phnomen. Sagt Ihnen nicht die Logik,
da Beides zugleich nicht so kann und daher keins von Beidem irgendwie der
Wahrheit entspricht?
    Ueberhaupt, setzte Krastinik nach einer Pause fort gehrt doch eine
unglaubliche Unwissenheit dazu, ein Dichter, der berhmt war, ehe unsere
heutigen Modegtter auftauchten, und nur wegen mangelnder Streberei im
Hintertreffen gedrngt wurde, zu dem jngstdeutschen Gesindel zu rechnen! Nicht,
als ob ich jenen jungen Leuten eine durchgngige Sprachvirtuositt und
Formbemeisterten absprechen mchte. Nein, im Gegentheil erregt ihr ehrliches
technisches Versknnen kopfschttelndes Staunen.
    Auch eine Gedankenflle schmerzlichen Lebensernstes und ein selbststndiges
Lebensgefhl, welches der Erde Bitterni voll durchkostete und sich in
weihevollem Schmerze lutert! dekretirte der stets in philosophischer
Schnrednerei schwelgende Dondershausen und blies die Backen auf.
    Doch auch viel tautologisches Phrasen-Gefllsel, fiel Luckner ein.
    Ja, mag das alles nun sein, wie es will, jedenfalls ahnen diese jungen
Lyriker in glcklicher Unschuld gar wenig von dem dstern heroischen Kampf, den
das eigentliche Originalgenie wie Leonhart durchzuleiden hat, ehe es endlich
seine wogende Ideenwelt in die konventionellen Stereotypformen der Litteratur
zwngen lernt.
    Mein Gott, rief Gutmann achselzuckend. Sie thun ja gerade so, als ob
zwischen Ihrem Abgott und allen andern lebenden Dichtern eine Kluft ghnte, als
ob er nicht nur der Erste wre, sondern gleichsam allein auf einer Insel se
und das brige Vlkchen weitab von ihm.
    So ist es auch, bekrftigte Krastinik halblaut. Wenigstens ist etwas
Wahres daran.
    Ja, lieber Herr Graf, Ottokar und Dondershausen schttelten den Kopf, man
hrt Sie ja ruhig an, man lt Sie ausreden. Aber man wei wirklich nicht.. man
versteht kein Wort.. es schwindelt Einem..
    Einer mu jedenfalls verrckt sein, brummte Holbach. Ich begreife ja Ihre
Begeisterung, allein.. Er zuckte vielsagend die Achseln.
    Ich kenne ihn ja doch auch am Ende, hob Gutmann an und warf sich in die
Brust, und schtze ihm als einen nheren Bekannten. Noch zuletzt als ich ihm
sprach (er a etwas bei mir), sagte ich ihm: Leonhart Sie sind noch unerfahren.
Sie vermbeln zwar In-und Ausland, allein jene berhmte Kneipe, wo Sie als neuer
Shakespeare mit Ihren Gebrdern Green, Dekker und Heywood zusammensaen, ist das
Symbol jener Lcherlichkeit..
    Ach so, das wollten Sie ihm sagen? schnitt ihm Krastinik weitere
Fanfaronaden ironisch ab. Hren Sie auf, lieber Herr! Das wrden Sie halt
wagen, ihm an den Kopf zu werfen! O Jesus Maria!
    Nun, um ad rem zurckzukommen, worin unterscheidet sich der erlauchte
Dingsda denn von uns andern? Dondershausen schnitt eine verzerrte Grimasse, wie
eine Affe, der in einen sauren Apfel beit, whrend Feichseler slich lchelte.
    Holbach, dieser hanseatische Vikinger, der wie Leonhart als Federfuchser
seinen Beruf verfehlte, sah mit einem starren Blick ins Leere. Sein blonder
angelschsischer Pferdekopf, der das Rowappen Hengists und Horsas htte
schmcken knnen, hnelte im Ausdruck auffallend einzelnen Zgen Leonharts. Wie
dieser schob er die Unterlippe vor und prete die Lippen fest aufeinander,
whrend die Augenbrauen sich weit vortreten zusammenzogen.
    Gutmann machte ein dummes Gesicht, das jedoch einer gewissen Bosheit nicht
entbehrte. Luckner fummelte allerlei unzusammenhngende Redensarten dazwischen.
Leonhart verstehe nichts von dem einzig wahren Urborn der Poesie, der
Germaniestik. (Er sprach dies Wort immer mit einem langen I.) Ein Mensch, der
nicht Jakob Grimm studirt habe und ber Scheffel, den grten deutschen Dichter
nach Goethe, herablassend urtheile, er sei nur ein reizender Idylliker! Neulich
noch habe Leonhart sich darber mokirt, da Scheffel ins Irrenhaus gewandert
sei, weil ihm die dargebrachten Huldigungen der undankbaren deutschen Nation
nicht gengten, und da der biedere Dichter die 46.-49. Auflage seines
Ekkehard mit groem Kostenaufwand selbst aufgekauft habe, um die 50.
Jubiliumsauflage zu ermglichen. Auch sei die Fhlung des jungen Poeten zu dem
Altmeister und dem Ring der Nibelungen nur gering. Das war fr Luckner
entscheidend. Nach dem Grundsatz, der heut die Welt regiert: Richard Wagner est
asylum ignorantiae, versenkte sich der harmlose Knirps-Pimper (wie Leonhart,
dessen Verachtung stets drollige Naturlaute fand, ihn zu nennen pflegte) in
Musikkennerschaft, um sich ber seine Dichterlhmung zu trsten. Fr ihn schien
das Weltrthsel in Bayreuth gelst. Wie der Bayreuther Meister des Grenwahns
keinen Gott neben sich erkannte, so betrachtet auch die Wagner-Gemeinde jeden,
der nicht auf ihre lcherliche Einseitigkeit schwrt, als eine Art Heiden, und
wer noch an die Mglichkeit anderer Weltpropheten glaubt, als Verbrecher. Der
Richard Wagner-Humbug bildet ja gleichsam die symbolische Spitze fr alle
Gromannssucht unserer Zeit.
    Krastinik berlegte wie es schien, und sammelte vielleicht Erinnerungen an
Aussprche seines Meisters. Dann erwiderte er gemessen auf Dondershausens Frage:
Bei den Anderen, deren Schaffen trotz aller ueren Geschlossenheit als
innerlich zerstckelt wirkt, stehn wir immer in enge Kreise gebannt, mit beiden
Fen auf der Erde - das heit auf den Brettern, welche die Welt bedeuten. Nie
wird man bei ihnen die Empfindung des bloen Theaterspielens los. Kombinirt
Leonhart dramatische Gegenstze, so gehen sie stets in symbolische Tiefen hinab,
whrend sich bei Anderen die Leute ganz handgreiflich-plump mit ihrem
schrecklichen Edelmuth wie mit einer moralischen Ohrfeige drohen. Leonhart's
Vorbild scheint offenbar Shakespeare, welcher auch in seinen realistischen
Dramen berall Durchblicke ins Ewige erffnet. So die Villegiatura von Belmonte
im Kaufmann von Venedig. Dort zerreit der Vorhang hinter dem Saal des
Dogenpalastes, wo man ber weltliches Recht und Unrecht streitet, und man
erschaut das Ewige in der Mondnacht, wo Lorenzo mit Jessica trumt: Auch nicht
der kleinste Stern, den Du da siehst, der nicht im Schwunge wie ein Engel singt.
Was also ist dieser ganze kleine Erdball, mahnt uns der Dichter, dieser Stern
unter greren Sternen! Ist aller irdische Streit nicht mig?
    Aber ich bitt' Sie! Shakespeare! Ja, wer mchte den Herkules preisen, den
Niemand tadelt - sagt ein lateinisches Sprchwort. Shakespeare und Leonhart! Wo
liegt da der Zusammenhang! Alle Achtung vor dessen Leistungen, aber -
    Was er ist und kann, knnen wir jetzt immer noch nicht beurtheilen, so
groartig er auch schon als Gesammterscheinung sich darstellt. Denn er, der
eigentliche deutschnationale Dichterrealismus, ringt augenblicklich noch mit
sich selber, hat sich noch nicht zur letzten Lsung durchgerungen. Er thrmt
Cyklopenmauern, hinter denen ein Riese seine Waffen thrmt. Die verbndeten
Eklektiker sahen den Grafen so dmlich an, wie die Ochsen vor'm neuen Thor, so
da dieser sich jetzt eilig empfahl.
    Nur Holbach nickte langsam vor sich hin, indem er mit seltsam dsterem
Ausdruck wieder ins Leere starrte. Seine lwenhafte Reckennatur verseuchte sich
zwar durch und durch mit fchsischer Balancir-Verlogenheit eines Weltlings; er
reprsentirte gleichsam als Typus die Welt, also die Lge. Aber das wirkliche
Wohlwollen, das ehrliche breite Herz, das unter all der schwindelhaften
Schauspielerei in seiner breiten Brust schlug, errieth intuitiv Manches und
fhlte instinktive Verwandschaft: Beide hatten ihren wahren Beruf verfehlt.
    Als Krastinik gegangen, fate Arthur Gutmann den Gesammteindruck der
illstren Versammlung zusammen, indem er nachdenklich murmelte: Wo mag wohl der
Grund stecken, da der Graf diesen Leonhart so eifrig vertheidigt? Sollte Jener
vielleicht grade einen lobenden Essay ber Krastinik schreiben wollen?
    Ist doch der Begriff einer unbeeinfluten Kritik lngst entschwunden. Man
hat heut Kunstbutter, Kunstmilch, alles ist unecht, selbst das Genie wird man
noch flschen knnen.

                                      III.


Leonhart sah wochenlang keinen Menschen und schlo sich in seine Kammer ein. Er
zermarterte wieder sein Gehirn mit tausend Ueberflssigkeiten, indem er nun
dumpfem Groll an die Verrthereien dachte, welche all die Judasse um ihn her
gewi hinterm Rcken an ihm verbten. Mit dsterm Groll reckte er seinen Arm vor
sie hin und schwor sich: Wenn ich je falle (wer wei, wo und wo sie mir doch
noch ein Bein stellen), so reie ihr euch alle mit in den Abgrund!
    Wieder sprach in ihm jene innere Stimme sein Gerechtigkeitsgefhls, das ihn
stets schwchte, weil nur der Einseitige durch Selbstsucht stark wird: Bist
denn Denselber ohne Schuld?
    Aber da erhob sich eine andere Stimme in ihm, gewaltig wie die Wahrheit, und
laut rief er es zum Himmel empor, da die Wnde seiner Stube drhnten: Ich bin
nicht ohne Schuld, doch ihr seid schuldig. Schuld an aller Snden wider den
Heiligen Geist, - jener eine Snde, die nimmer vergeben wird.
    Er wnschte blutige Thrnen zu weinen, dieser angebliche Ewigkeitsmensch,
immer und immer wieder durch Nichtiges abgelenkt und innerlich zerrieben. Viele
Tropfe hhlen den Stein - der nie endende nagende Aerger unterhhlte seine
Geisteskraft. Facit indignatio versum - aber wenn die Indignation nie aufhrt,
so versiegen auch die Verse zuletzt.
    Das ist ja eben das Erhebende bei der deutschen Geschftslitteratur und
-Kunst, da man die durchgehende Gemeinheit der Welt dort concentrirt findet,
gleichsam symbolisch. -
    Leonhart's Gehirn fing an, durch sein zerrttetes Nervensystem und seinen
krankhaften Gemthszustand geschwcht zu werden. Die unnatrliche Lebensweise
der jungen Leute in Berlin, das nchtelange Umherschwrmen in den Kneipen und
Nachtcafs, das sogenannte Sumpfen lhmt die frische Schwungkraft. Seit er ein
stndiger Zuschauer bei dem Hypnotiseur Hansen geworden war, ging es vollends
mit ihm bergab. Dieser benutzte ihn bei seinen Experimenten und die leichte
Nervose Leonharts wurde hierdurch noch verschlimmert. Er bildete sich ein,
magnetische Krfte zu besitzen; er abonnirte sich auf die Sphinx, das
Leiborgan der Spiritisten, und lie sich von einer Collegin, die als begeisterte
Prophetin des Spiritusmus galt, immer tiefer in dessen Geheimnisse einweihen.
Ueberall sah er gewissermaen Gespenster seiner Vergangenheit um sich her. In
jeder Droschke, wo ein leidlich hnliches Gesicht herausnickte, glaubte er eine
verlassene Geliebte zu erkennen. In der Hasenhaide bummelnd, sah er einst vor
der Bude Des de Mona (soll heien: Desdemona) eine Gestalt mit einem Packet
vor sich hergehn, die er zu erkennen glaubte. Er machte sich sofort auf die
Beine und stiefelte ihr nach, trotzdem bei der groen Hitze ihm der Schwei aus
allen Poren rann. Als er sie erreichte, drehte sich die Unbekannte um - ein
wildfremdes Gesicht starrte ihn an, so da er, verlegen etwas vor sich
hinstotternd, eiligst vorberging. Er fing an, um Mitternacht hallucinative
Gedichte zu entwerfen - vulkanische Ideen- und Gefhlsmassen machten sich Luft,
um alsbald in kalter Lava zu erstarren Kein Blmlein wunderhold sprote aus
den Abgrundrissen seiner Trume empor - nur Erdpechflammen zuckten gespenstig
auf. Sobald einmal ein Gehirn eine solche Richtung genommen hat, da seine
Begriffe alle transcendental werden, sobald also wirkliche Hallucinationen
vorliegen, wirkt auch dies wie realistische Wahrheit. So ist Dante zu erklren.
Das Menschengehirn hat keine Grenzen, mag also auch transcendental denken
Mastab fr das Alles bleibt nur immer das Streben nach Wahrheit, welches innere
Wahrhaftigkeit verbrgt selbst bei der tollsten Exaltation. - -
    Eine gewisse auffallende Kleinlichkeit paart sich oft in einem gro
veranlagten Gehirn mit den umfassendsten Ideen. Es ist charakteristisch, da
Goethe auf seinen Manuskripten keinen Klex dulden konnte. Napoleon's
welterobernder Geist beschftigte sich oft mit den kleinsten Nebendingen des
ungeheuren von ihm geleiteten Rderwerks und fhlte sich gepeinigt durch die
kleinsten Strungen desselben.
    So giebt es Schriftsteller, die von ihren Druckfehlern selbst in der
Erinnerung noch gefoltert werden. Nun ist ein Druckfehler ja ein hlich Ding.
Aber es steht fest da man selbst die aufflligsten Druckfehler als bloer Leser
bersieht, weil man mehr errth als liest. Auch bringt es die sonstige
Gleichgltigkeit des Lesers mit sich, da er einen Druckfehler nie tragisch und
als Strung empfindet, whrend der Autor seinen reinlichen Stil unauslschlich
schimpfirt glaubt.
    Der Corrector hat ein wichtiges Amt, dessen er sich kaum bewut. Seine
Nachlssigkeit kann einen Autor unglcklich machen. Was hilft's, wenn eine
Autoren-Correctur mangelhaft ausgefhrt, hinterher darber zu jammern! Geschehn
ist geschehn, und der Flecken bleibt fr ewige Zeiten haften, ber dem ein Autor
verzweifelnd brten mag, da ihn ein durch Corrector-Nachlssigkeit ruinirter
Satz ewig wie ein Vorwurf drckt. Man pflegt zu trsten: Jeder sehe ja, da dies
ein Druckfehler sei! Welch' ein Irrthum! Das Publikum liest so blind und dumm,
da es dergleichen Fehler wirklich fr baare Mnze nimmt und sich den Kopf ber
den Sinn derselben zerbricht.
    Dieses Kleben am Kleinlichen tritt als natrliche Reaction ein bei Gren,
die sonst nur zu sehr ins Groe und Weite schauen. So rcht sich die
Alltglichkeit des Auenlebens am Ungewhnlichen.
    Unter solcher Reaction litt eben Leonhart's Ueberarbeitung.
    Immer aufs neue zogen ihn allerlei Erbrmlichkeiten ab. Seine ganze
poetische Stimmung ging zum Teufel. Schadenfroh wute man ihn berall bei
fremden Fehden zu verwerthen. Vorsicht, Vorsicht mangelte ihm ewig. Stets lie
er sich zu tief in jede persnliche Zwistigkeit ein und die alberne Furcht vor
der Verleumdung der Welt fra sich immer tiefer. Doch hatte er so Unrecht? Kann
nicht aus jeder Mcke ein Elephant werden, denn man aufblht, um die Laufbahn
eines genialen Menschen zu hemmen? Ein unbedacht entfallenes Wort wird zum
Verbrechen. Man verliest einseitig Briefe und Urtheile ber einen Abwesenden,
der sich nicht wehren kann. Ewig verleitete ihn seine Gutmthigkeit, fr andre
Leute zu eifrig Partei zu nehmen, als wre dies seine eigene Sache. Er bedachte
nicht, da die Welt berhaupt nicht an selbstloses Wohlwollen glaubt und Allem
unlautere Motive unterschiebt. Seine krankhaft argwhnische Seele die ngstlich
hinterm Rcken Ohren trug, um auf das Geflster der Menschen zu horchen, setzte
immer das Uebelste voraus. Dann aber wuchs auch andererseits sein khner Muth
und er sah Allem fest ins Auge. Was konnte man ihm anhaben, ihm, der ber Alles
erhaben.
    Er fhlte sich rein, er durfte es, so weit er von Pharisismus. entfernt und
so oft er an seine Brust schlug: Gott sei mir Snder gndig! Denn Viele hielten
ihn fr edler als er war, Jeder beanspruchte Hlfe von ihm, und raisonnirte,
wenn er sie nicht erhielt. Wer aber hatte ihm denn geholfen, wo sein Leben doch
so viel wichtiger? Nichts komischer, als die berspannten Anforderungen an die
Menschen hherer Art, da man doch die Herzensroheit der sonstigen Gesellschaft
kennt. Den riesenhaften Egoismus eines Napoleon zugestanden stellt ein
Vernnftiger stets die Frage, ob die Mehrzahl, der Menschen nicht in ihrer
winzigen Weise genau den gleichen Grad von Egoismus verkrpere - ohne die
Entschuldigung des Genies dafr beanspruchen zu knnen. Nichts aber bereitet dem
kleinen Philistergeiste so innigen Genu, als die Schwchen und Mngel der Gre
zu ersphen. So wird denn ein unmglicher Mastab sittlicher Vollkommenheit
angelegt. Man will nicht begreifen, da auch der grte Mensch nur eben ein -
Mensch bleibt und sich der Nothdurft menschlicher Schwche nicht entziehen kann.
Man fragt erstaunt, selbst wenn man vorurtheilslos den sonst edlen Grundstoff
einer genialen Natur wrdigt, wie es denn mglich, so viel Niedrigkeit mit so
viel Gre zu vereinen. Und doch liegt es in der Artung der Ausnahmenaturen, da
sie alle menschlichen Seiten in sich vereinen. Selbstlose Begeisterung paart
sich kalter Berechnung, ideale Reinheit schmutziger Sinnengier.
    Verzweifelnd an seinem eingeschnrten Leben, suchte Leonhart seine einzige
Rettung und Erhebung in der Betrachtung einer edleren Vorzeit. Aus der
erstickenden Wirrni der zwerghaften Kleinigkeitskrmer flchtete er in den
Verkehr mit Geistern vergangener Tage. Seine dstere mystische Gluth entflammte
sich an der thatkrftigen Askese des Puritanismus. War nicht auch Cromwell erst
in hohem Alter nach vergeudeter Jugend erweckt worden zum Dienste Gottes? Hie
Schwert des Herrn und Gideon! Der Herr hat sie in unsre Hnde gegeben! Der
wilde Grenwahn des Puritanismus, der sich berufen fhlte alle Gewaltigen der
Erde wie Stoppeln zu vertilgen mit der Schrfe des Schwertes, seiner
Gottessendung bewut, durchrann die Adern des skeptischen Berliners. Durch
Cromwells Briefe und Reden geht ein Ton wie von klirrendem Stahl und Milton's
Prosa-Polemik stampft wuchtig einher, wie ein Cromwellscher Krassier im
Bffelkoller. - Noch wirft der groe Oliver seinen Schatten ber das Inselreich,
ob auch der Junkerei Hynenzahn seinen Staub ausscharrte und in die Lfte
streute. Recht so. Die Luft trug ihn ber Meer und Lnder als befruchtenden
Samen, bis die Maiblume der transatlantischen Republik emporwuchs. Stets
aufersteht im Angelsachsenthum der alte Puritaner.
    Sein Schlachtruf rauschte durch das Sternenbanner auf der Schanze von
Bunkershill. Und ein Jahrhundert darauf, bei Appotomax Court Station, als vor
den neuen Rundkpfen die neuen Kavaliere den Degen streckten - auch da ritt
Cromwells Geist mit Bibel und Feldherrnstab die Reihen entlang. Und im heien
Sande des Sudan, als Gordon sich als Shnopfer weihte fr seines Volkes Snden,
da beugte sich Cromwells Schatten herab auf den letzten Puritaner.
    Als der Freischrler sich in den Sattel schwang, zhlte er 42 Jahre. Und
binnen sieben Jahren erreichte er die hchste Feldherrnstufe, ohne je Soldat
gewesen zu sein, so wie ja Friedrich der Groe ursprnglich Abneigung gegen
alles Soldatenthum empfand und doch blitzschnell die hchsten Hhen der
Strategie erklomm. Die innere Untheilbarkeit der genialen Begabung bedarf ja
keines Drills, da in jedem Helden ein Dichter, in jedem Dichter ein Held steckt
....
    In wildem Grimm, seiner eigenen Ohnmacht bewut, schleuderte er Gebete
eines Puritaners aufs Papier:

In meiner Seele haust der Tod.
Jehovah, will dein streng Gebot,
Da ich soll untergehen?
Der Feinde Schaar ist bergro
Und ich bin arm und schwach und blo.
Wie soll ich da bestehen?

In meiner Seele haust der Tod.
Ringsum die feige Meute droht.
Und du hast mich verlassen?
Ich schreie nach Gerechtigkeit.
So strafe der Philister Neid,
Die deinen Diener hassen!

Du bist es, der mich kmpfen heit.
In deine Hnde, heiliger Geist,
Befehl' ich meine Sache.
Die Dummheit und die Schurkerei
Erbebt vor meinem Todesschrei.
Donnre, du Gott der Rache!

Schlag mich ans Kreuz, verfluchte Rotte!
Begeifere, was die Gre that!
Doch glaubt dem unbekannten Gotte:
Euch allen die Vernichtung naht.

Ich werde schreckbar mich erheben
Und Euch zermalmen Stck fr Stck,
Da in erbleichendem Erbeben
Ihr schaudert in Euch selbst zurck.

Du ber den Dingen schwebende Gotteskraft,
Aus irdischem Wehe schrei' ich empor zu Dir,
Der in ewig sonniger Klarheit
Thront und richtet!

Lockre des Lebens Brde auf meinen Schultern,
Nimm die drckende Last von meiner Stirne
Der uralten ewig neuen
Martergedanken!

Nicht erhren sollst Du des Snders Flehn,
Wenn ich die Snde, die nimmer vergeben wird,
Wider den heiligen Geist die Snde
Je ich verbrochen!

Wenn meines Hohns versengender Racheblitz,
Wenn meines Zornes Donner geschleudert je,
Ohne vollgerechte Vergeltung
Der Unbill zu ben!

Wenn dies Gezcht, das schmutzig erbrmliche,
Das mich umkreucht wie zischende Schlangenbrut,
Je gerecht an mir gehandelt
In prahlender Dummheit!

Wenn diese Welt in Waffen, die mich umtobt,
Wenn dieser falschen Freundlinge Selbstigkeit,
Wenn all die neidgeblhten Mnnlein
Nicht strotzen von Ohnmacht!

Wenn nicht gefrevelt diese verderbte Zeit
An Deinem Erwhlten, heiliger strenger Gott,
Wenn nicht moschustriefende Zwerge
Den Riesen geblendet!

Jehova, rche mich! Schenk mir die alte Kraft,
Da der Philister gleiendes Gtzenhaus
Ich zerbreche, auf da meine Seele,
Stirbt mit den Heiden!

Ja, Du erhrst mich, ja, Du erfllst mein Flehn.
Ich allein gegen sie alle, Ich!
Denn Ein Gott nur lebt im Himmel.
Zittert, ihr Gtzen!

    Unbeschreiblicher Geisterduft spann sich um ihn her, lehrte ihn die lautlose
Sprache einer anderen Welt. Sein Dasein gestaltete sich ihm zur bloen
Pantomime, welche das Wesen und das Wesenlose verquickte und in welcher die
eigne Existenz zu einem Schattenspiel der Laterna Magica des Unendlichen ward.
    Und doch untergrub diese Weltentrcktheit noch mehr sein Nervensystem. Oft
hlt man fr Charakterschwche, was Nervenschwche sein mag. Der Magenkranke it
am liebsten das Unverdaulichste, der Nervse sucht ordentlich das ihm
Schdliche. Denn eine verhngnivolle Tendenz zum Unheil liegt in der
Menschennatur.
    Der Verfolgungswahn brach aus. Ueberall ahnte er Gefahren, sah berall
Schurken, die seine Schritte belauerten. Zugleich brach dabei das kranke
Gewissen durch. Denn wer nichts zu frchten hat, der frchtet auch nichts.
    Jene unsagbare Angst, die ihn manchmal befiel, berkam ihn. Whrend er
angesichts jeder Gefahr sich zu beherrschen wute, auf hoher Plattform den Trieb
sich hinabzustrzen bezwang, bewltigten ihn im Halbschlaf hnliche
Vorstellungen mit lebenswirklicher Todesangst. Er wand sich hin und her, von
schrecklichen Trumen geqult. Und zugleich erfllte ihn das Bewutsein, da
seine eigene Unvorsichtigkeit diese grundlosen Befrchtungen heraufbeschwor. Als
echter Phantasiemensch lebte er stets in der Minute und kannte da keine Vorsicht
noch Rcksicht. In drei litterarische Prozesse zugleich war er als Zeuge
verwickelt. In einem sollte eine Postkarte vorgelegt werden, welche Bswillige
mideuten konnten. In dem andern hatte er nicht ganz correct gehandelt und in
dem dritten erschien er theilweise selber schuldig. Seine Phantasie malte ihm
nun unablssig das Schlimmste vor, was irgend eintreten mchte! Die Verleumdung
der Welt konnte sich an jede Kleinigkeit heften und die Dinge ausspinnen! In dem
allen aber mahnte doch das heimliche Bewutsein, da man insofern etwas
Richtiges rathen knne, als er, wie jeder Mensch, so manchen Punkt in seinem
Leben wute, der keineswegs dem idealen Bilde entsprach, das seine Verehrer von
ihm entwarfen. Oft war er kleinlich und selbstschtig, oft lcherlich gewesen
(bekanntlich frchtet der Mensch noch mehr lcherlich, als gemein, zu
erscheinen). Und schon dies qulte sein berzartes Gewissen, wie Andere ein
wirkliches Vergehen.
    Mitten in diesem Zustand eines kindischen Angstgefhls, dem Psychiater als
Anzeichen einer schweren Nervenkrankheit wohlbekannt, producirte er aber
unaufhrlich mit berreizter Fruchtbarkeit.
    Leonhart schien wirklich ein Genie-Ungeheuer. Was er wollte, konnte er. Er
schleuderte seine Genialitten aufs Papier, willenlos. Zugleich stieg seine
Macht, ohne da er es wollte. Sein Willenszentrum schien so berwltigend, da
es gleichsam magnetisch ausstrahlte, und andere, ohne es zu ahnen, in seine Bahn
gezwungen wurden.
    Das Innere des Genies scheint ein Krater, der fortwhrend explodirt und
innere Umwlzungen mitmacht. In Folge dessen fhlt sich die Auenwelt dadurch
beunruhigt und bedroht. Nun sind aber die Flammenausbrche des Genies nicht nur
verheerend, sondern auch fruchtbar machend wie Nilberschwemmungen. Erst wenn
der Krater schweigt, sieht man, da Paradiese aus der Erde schossen. - -
    Krzlich war er einem frheren Liebchen begegnet, die als Gesellschafterin
einer alten Dame in demselben Hause wie er gewohnt hatte. Er war von dort
verzogen. Der Zufall wollte es, da er eines Tages am Schneberger Ufer auf sie
stie. In dem Entzcken des Wiedersehens benahm sie sich so anstig liebevoll,
als gebe es er keine Menschen auf der Strae, so da er, halb gekehrt, halb um
unangenehme Ueberraschung zu vermeiden, ihr vorschlug, sie zu Hause zu besuchen.
Ihre Dame war zufllig auf eine Woche verreist und sie sollte das Haus hten.
Aber wrde der Portier nicht merken - wenn, sie in ihrer Leidenschaft redete ihm
das aus. Wirklich kamen sie auch unangefochten in ihre Parterrewohnung, wo sie,
kaum angelangt, in einem Liebesparoxysmus ber ihn herfiel, da ihm der Hut vom
Kopfe flog. Wer kann dem Wirbelwind widerstehn, wenn ein Weib seinen Willen
haben will! Sie habe in letzter Zeit den Faust gelesen und sich an Gretchens
Stelle versetzt. Und Die knne sie nicht beklagen, sondern nur beneiden. Sie
habe Den genossen, den sie liebte. Was htten denn Andre vom Leben! Jeden Abend
einsam am Fenster sitzen und an den Einen denken! Sie solle sich einen
Brutigam, der's ehrlich meine, anschaffen? Ja, wo fnde sich der! Und wenn
auch, sie mache sich doch nun mal aus allen Mnnern nichts, auer Einem. Und die
Mnner seien alle schlecht, die Weiber freilich auch. Aber er, er allein sei
gut. Ja doch, wenn er auch nichts davon hren wolle. Man brauche nur in seine
Augen zu sehn, dann sehe man, er sei doch ein guter guter Mensch, wenn auch
manchmal etwas unwirsch und heftig.
    Dann kamen die Geschichten von all den Nachstellungen, denen sie ausgesetzt,
da sie ja auffallend hbsch. Dann wieder ein Strom von Zrtlichkeiten. Mitleid
und Leidenschaft zugleich ergriffen ihn, als sie so anbetend vor seinem Genie
(sie sprach es wie Jenny aus) auf den Knieen lag, obschon sie im Grunde nur
mit Mein Fritz, mein Fritz ihr Eigenthumsrecht auf ihn betonte. Das Sopha war
weich. Drauen auf dem Hofe spielte ein Leierkasten - -
    Heftiges Klingeln weckte sie auf. Als sie mit noch ziemlich verwirrten
Kleidern zur Thr eilte, ergab es sich, da der Portier Unrath witterte und es
fr strafbar erklrte, fremde Herrn in die Wohnung zu bringen; dazu sei sie
nicht von ihrer Gebieterin zurckgelassen. Das ist ja nur mein Bruder!
versicherte sie. Nach einigem Parlamentiren gab sich der Mann mit dieser
berhmten Ausrede zufrieden und verschwand brummend vom Schauplatz seiner
Pflichterfllung, da die Bediensteten und Portiersleute meist zueinanderhalten.
Ach, ich habe ja Ausrede gemacht! wiederholte sie mehrmals, als er sich hastig
zum Aufbruch fertig machte. Er aber wollte durchaus nicht bleiben, durchaus
nicht. Ein widerlicher Schrecken befiel ihn. Wenn man ihn nun hier berraschte -
es hing ja nur an einem Haar -, welch ein Skandal! Und der Ruf des unglcklichen
Mdchens fr immer ruinirt. Wenn das Weib auch rcksichtslos und schrankenlos
sich hingiebt, nur den einen Zweck im Auge, so sollte doch der Mann um so mehr
sich zu beherrschen wissen. Und ach, er liebte sie ja nicht!
    Lderlichkeit scheint das einzige Mittel, um sich ber die Qualen der Liebe
wegzusetzen. Die Sinnlichkeit birgt das Lebensproblem. Nur wer sie berwand, ist
glcklich. Traurig genug, da sich mit Genialitt fast immer eine abnorme
Sinnlichkeit paart. Und was sucht Sinnenlust anders als Liebe? Und scheint nicht
Liebe nur ein ewiges Suchen und nicht Finden? Ueberall in jeder Verbindung
steckt irgendwas, was vom weltlichen oder vom seelischen Standpunkt aus nicht
befriedigt. -
    Den Tod im Herzen, ri er sich los, whrend sie, wie eine Klette an ihm
hngend, bis vors Haus (es dmmerte, ein Sonntag-Abend) ihn hinausgeleitete.
Wenn nun aus dieser Ueberrumpelung eines Augenblicks endlose Folgen entstanden,
was dann? Schon brach bei ihr der naive Grenwahn aus, der in jedem Weibe
schlummert. Wie die Dienstmdchen heut als Damen sich kleiden und das Theuerste
grade gut genug finden, so stellt sich auch jedes Weib, ob hoch ob niedrig, auch
sofort ihrem Liebhaber gleich, sobald dieser einmal mit ihr demselben Naturtrieb
gefrhnt. Die Maitressen der Frsten sehen nur einen Mann, der nebenbei auch
Frst heit und dessen geheimsten Schwchen sie kennen.
    So behandelte auch dies Mdchen im Triumph eines erlangten Liebeswunsches
den Gegenstand desselben schon ganz als ihr zugehrig. Natrlich muten sie sich
morgen gleich wieder treffen, und als er Ausflchte fand, schalt sie ihn mit
zrtlicher Zudringlichkeit.
    Auch das noch! Als ein recht trister Wrdegreis wankte das Opfer einer
erzwungenen Liebe heim und fluchte seiner Schwche. Und war er etwa schuldlos?
Hatte er frher nicht selbst mit dem Mdel angebndelt und ihr nachgestellt? War
sie nicht blos ihm allein als Beute zugefallen mit der ehrlichen Zuneigung eines
naiven Gemths? Vor dem Tribunal einer hheren Sittlichkeit blieb er ein
Schurke, wenn er das Mdchen nun einfach abschttelte. Abgesehn davon, was noch
leider daraus kommen und was ja Niemand berechnen konnte.
    Dazu fhren stets diese kleinen Unregelmigkeiten, welche die meisten
Mnner auf die leichte Achsel zu nehmen pflegen. Niedrig plebejische
Verhltnisse, eigentlich doch komischer Art. Allein, was blieb denn ihm anders
brig, einem jungen Mann und armen Teufel? Verhltnisse in der guten
Gesellschaft kommen viel seltener vor, als das thrichte Gerede annimmt. Und zum
Heirathen gehren drei Dinge: Erstens Geld, zweitens Geld und drittens nochmals
Geld. Und das besitzt man heut gengend erst, wenn die Zhne schon wacklig
werden.
    So wie er litten die Meisten. Und wer nicht mal mit solchen Verhltnissen
beglckt, bleibt auf die Kellnerin und die Straendirne angewiesen, auf die
kuflichen Silberlinge und auf die Charit.
    Nach der Dresdener Strae zu seiner Tante Meyer war er seit jenem Abend mit
Schmoller nicht mehr hinausgepilgert. Als er sie neulich auf der Strae traf,
hatte sie hlich aufgelacht und ihm den Rcken gekehrt.
    Er war wie vom Donner gerhrt. Eine unabsehbare Perspektive mglicher
Unannehmlichkeiten erffnete sich vor ihm. Er erkannte, wie Schmoller's bse
Zunge jenen Abend ausntzen konnte, welchen Grund zum Klatsch er den lieben
Herren Collegen geben wrde, in welche seltsame Zwangslage er unter Umstnden
gerathe. Nachdem nmlich sein Incognito gebrochen und sein dortiges Verkehren
festgestellt, mute die semitische Helena auch bald dahinter kommen, da er sie
in seinem naturalistischen Venuslied Isauscha abconterfeit.
    Sein Nervensystem zitterte in allen Fugen, Ekel und Gram quollen ihm zum
Magen auf, so da er eine Art Angst-Cholerine bekam. Schlaflos wlzte er sich
hin und her, Nacht fr Nacht.. Was wrde sie thun? Er erwartete bestimmt, da
sie ihm schreiben werde. Nichts.. Sie hatten ja freilich einander nichts
vorzuwerfen. Allein ein Weib denkt ber so etwas ganz anders.
    Grliche Trume plagten ihn, die einen seltsamen erotischen Schrecken
verriethen, der seinem Zustand entsprach.
    Er sah sich als Zwangsgeliebter der Semiramis, den sie in rasender Tobsucht
mnadisch erdrosselt und zerreit. Und dabei sprte er sich widerstandsunfhig
und empfand eine gewisse tdtliche Wollust bei diesem entehrenden Liebestod.
War's auch nur ein Traum, aus dem er schweigebadet erwachte, so lag doch eine
dstre Beichte darin, die er sich wachend kaum zu bekennen wagte.
    Liebte er jenes Weib? Nein. Er liebte berhaupt nichts. Er suchte nur
vergeblich nach einem wrdigen Objekt seiner verhaltenen Sinnengier.
    Die entsetzliche Liebeskrankheit befiel ihn wieder und nagte an seinen
Eingeweiden. Was hilfts dagegen anzukmpfen! Die erotische Leidenschaft herrscht
als strkste von allen, und hat sie sich auf einen einzigen Gegenstand
concentrirt, so bricht sie ewig wieder nach derselben Richtung hin hervor. Welch
ein Gefhl, mit einem Geheimni solcher Art umherwandeln zu mssen! Ein Gefhl,
das man wie eine Selbstentehrung verbirgt und wie einen Makel empfindet. Ewig
sah er sie vor sich. Verga sie ihn wirklich? Was war geschehen? Hatte sie ihm
nicht unzhligemal geschworen, da sie ihn wahnsinnig liebe ihn nur allein und
nur sein mephistophelisches Hohnlcheln frchte? Ich sage Dir alles, alles, und
glaube Dir alles, und Du sagst mir nichts, gar nichts. Nun wute sie ja - - Ein
niedlicher Tasso mit solch einer Leonore! Und doch!
    Schon in der antiken Entfesselung aller Genusuchtinstinkte erklrten Lukrez
und andere Jnger des Epikur Entuerung von allen Leidenschaften fr das wahre
Glck des Menschen. Scheint dies nicht vielmehr Temperamentssache? Bietet nicht
die Leidenschaft der Liebe eine strkere Erfllung jener inneren Sehnsucht,
welcher kein Mensch sich entschlagen kann, als die olympische Ruhe des Denkers
oder des Christen?
    Und andrerseits, man betrachte das Leben eines Mannes der That, der aus
eigener Kraft die hchsten Ziele des Ehrgeizes erklomm, welch ein unermelich
unglckliches Leben! Wieviel ser eine Stunde am warmen Busen des geliebten
Weibes, als alle Stunden krnender Gnade, hchsten Triumphes! Und dort kommt
wenigstens die Nervenreizung durch schmetternde Trompeten, Rosseschnauben,
wehende Standarten, Blut und Pulverdampf hinzu. Hingegen die Befriedigung des
geistigen Arbeiters, etwa durch das schale Lob auf bedrucktem Papier, wie
werthlos wre sie, wenn nicht die Arbeit selbst ihm Nervenreizung gewhrte!
    Die Sinne wollen gesttigt sein, koste es was wolle. Wozu das Belasten mit
allem mglichen Wissen! Was frommt es, sich mit den Begebenheiten der
Vergangenheit vertraut zu machen! Wieviel glcklicher der Handwerker in seinen
vier Pfhlen bei Weib und Kind, dessen Gedanken nicht ber sein Tagewerk
hinausgehn! Traurige Ehre, ein Erwhlter des Herrn zu sein! Sei lieber der
Erwhlte eines Weibes, das dein Gemth und deine Sinne befriedigt! Die
geschlechtliche Liebe ist die einzige Poesie des Glcks, die einzige
Leidenschaft, die kein wesenloses Ziel erheischt. Halb Empfindsamkeit, halb
Schmutzerei. Man sollte fr jede Hlfte zugleich ein verschiedenes Liebesobjekt
whlen. Natur verlangt's .....
    Als er nach lngerer Pause, dmonischem Zwange folgend, seine alte Flamme
aufsuchte, fand er sogleich die Lsung des Rthsels, nmlich die Schne Helena
scharmuzirt von dem schnen Erich v. Lmmerschreyer. Dieser glatte schleimige
Bursch hatte eiligst, sobald ihm Schmoller davon klatschte, seinen Finger in die
erotischen Wundenmale seines frheren Gnners gelegt und denselben gar leicht in
der Gunst dieser ehrgierigen Donna Laura verdrngt, die sich durchaus vom
Schicksal erkoren fhlte als morganatisches Ideal eines lorbeergekrnten
Petrarka zu dienen!
    Da wre sie bald schn hereingefallen mit ihrem festen Verhltni߫. Sie
mochte ihn ja sehr gern - that er doch immer, wer wei wie, als ob er mindestens
der Grotrke wre, dieser berspannte Exaltado - nein, dieser pauvre
brgerliche Leonhart, ber dessen Schimpfmaul die allwissende Berliner
Tagesstimme stets so witzig herfiel, konnte ihrem hohen Streben nicht gengen -
lang fr den erhabenen Herrn von Alvers gehalten! Hingegen, Herr von
Lmmerschreyer, Redakteur der Berliner Tagesstimme - wie anders wirkte dies
Zeichen auf sie ein!
    Ja, der ideale Jngling war wirklich zu der weltbeherrschenden Berliner
Tagesstimme durch Schlangenwindungen ankriechender Streberei emporgeglitten.
Auch sein Freund Rafael Haubitz tauchte zugleich als Theaterkritiker einer
greren Zeitung auf, so da nun das Jngste Deutschland alle Segel seines
idealen Schwunges zur Reinigung der Litteratur einsetzen konnte. Betrachtete
doch Haubitz die gesammte Theaterwelt als eine Mistjauche, die im weitesten
Umfange ausgepumpt werden msse!
    Lmmerschreyer aber erstand dem deutschen Volke als geschtzter
Kunstkritiker. Wie er das wurde, o es geschehn noch Zeichen und Wunder! Nach
seiner eignen Erzhlung (er bte sich manchmal in einer wohlfeilen
Selbstpersiflage) verhielt sich die Sache so: - - -
    Sie wollen bei uns eintreten? schnob ihn der Chef des groen Blattes
imperatorisch an. Was knnen Sie? Womit empfehlen Sie sich?
    Mein Styl - begann Jener zaghaft. Ich schreibe -
    Ach was! Bei uns wird berhaupt nicht geschrieben - da wird nur geschnitten
und geschmiert - geschnitten mit der Scheere, geschmiert mit dem Kleistertopf.
Ich frage nach Ihren journalistischen Fhigkeiten. Knnen Sie machen
Skandalnotizen?
    Ich wei nicht, ob - wenn Stoff und Grund -
    Aha, ein Anfnger! Stoff und Grund braucht nicht da zu sein - man findet
ihn. Ich frage, knnen Sie verdchtigen, wie? Knnen Sie verleumden?
    Ich glaube, da in einer guten Schule -
    Daran wird's Ihnen bei uns nicht fehlen. Doch ich sehe, Sie sind noch grn.
Man kann Ihnen den politischen und lokalen Theil nicht anvertrauen. Wie wr's
denn mit der Kunst-Kritik, was?
    Ich verstehe leider nichts davon.
    Sancta simplicitas! Sie sollen aber verstehn! Hier - da! Da ist der Katalog
der Kunstausstellung. Schreiben Sie mir ein Feuilleton. Was roth angestrichen
ist, wird gelobt. Was gelb angestrichen ist, wird gerissen.
    Ich werde mich sofort an Ort und Stelle begeben.
    Gut, tummeln Sie sich. Ich gebe Ihnen eine Stunde zum Besuch der
Ausstellung und zwei zur Niederschrift des Artikels. Hoffentlich haben Sie
keinen sogenannten ernsten Geschmack?
    Nein, ich habe gar keinen.
    Desto besser! So haben Sie doch etwas, was zu einem Journalisten gehrt.
Vorwrts! An's Werk!
    Der Neuling fuhr per Pferdebahn zur Ausstellung und sah sich die Sachen
flchtig an; dann ging's an's Schreiben  fnf Reichspfennige per Zeile. Zwei
Stunden spter hatte der Chef das Manuskript in Hnden. Bei der Lectre
desselben entglttete sich seine Stirn und er war zufrieden.
    Nussikow's Portraits zeichnen sich wieder durch jene markige kecke
Pinselfhrung aus, welche die berwundenen Standpunkte der alten Schule
beschmt. Seine breite massige Farbengebung, sein schnes rothes und gelbes
Colorit, seine feinen Pinselstriche, seine unvergleichliche Wiedergabe der
Spitzenmantillen, seine wunderbare Kraft in Darstellung des Ewig-Weiblichen und
Ewig-Nackten seine saftige Frische - alles athmet die Gesundheit des modernen
Realismus.
    Adolf v. Werther's herrliches Bild zeigt diesen grten deutschen Meister
auf der vollen Hhe seiner gigantischen Genialitt, welche zugleich die
Phantasie eines Cornelius mit dem Realismus eines Hogarth vereinigt Da ist
Nichts von den althergebrachten Formeln eines abgestandenen Idealismus. Alles so
natrlich, so naturwahr, so phothographisch genau bis auf die Uniformknpfe, da
man wirklich vor einer kolorirten Photographie zu stehen glaubt. Und Dies ist ja
das einzig Wahre. Nirgend eine Spur von sogenannter Poesie, nirgend jene
akademische Composition, wie die Leute der guten alten Zeit sie anzuwenden
pflegten. Alles ist da nchtern, man mchte beinah sagen steif - aber hierin
eben bewundern wir die treue Wahrheitsliebe, die tiefe Auffassung dieses
Koryphen. Die grten Bildflchen werden hier mit einer Schnelligkeit kolorirt,
welche staunenswerth erscheint. Wie in einer Fabrik wird die Kunst grten
Styles en gros betrieben. Wir glauben nicht fehlzugehn, wenn wir den Meister
gleichsam als einen in's Groe bersetzten Signor Carlo - jenen berhmten
Musikmaler des Walhalla-Theaters -, als einen wahren Maler der Zukunft
bezeichnen, in welchem das Vorbild Amerikas auch auf knstlerische Sphren
zurckwirkt.
    Erhaben und unvergleich gro zeigt sich wieder wie gewhnlich der grte
Maler der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Adam Brenzel, dessen urwchsige
Titanenkraft den falschen Idealismus und Schnheitscultus mit der Keule des
Naturalismus zu Boden schlug und den tiefsinnigen Ausspruch Macbeths: Schn ist
hlich, hlich schn, mit so erfolgreichem und umfassendem Verstndni in die
Wirklichkeit bertrug. Sein neuestes, kaum eine Hand breit groes Meisterwerk
Schmutzige Kinder im Bade ist von einer liebevollen Versenkung in die intimsten
Details, fr welche jegliches Lob zu gro. Wie das eine Kind sich das Nschen
schneuzt, wie das andere die Zunge herausstreckt, wie das dritte das Hemdchen
aufhebt - das ist alles von einer wunderbaren Schnheit, von zauberhafter
Lieblichkeit und Se der Empfindung. Und wie der kleine Schmutzfleck in dem
besagten Hemdchen gemalt ist - es ist wonnig. Auch mache ich den Beschauer noch
auf das entzckende Kerlchen im Hintergrunde aufmerksam, das dort seitwrts in
den Gebschen sich dem Naturgenusse hinzugeben scheint. Das heit die Natur
gleichsam, wie Akton die Diana im Bade, in ihrer vollen Ble belauschen.
Getrost und unbefangen schreiben wir es nieder: Dieses kaum eine Handflche
breite Bildwerk des Altmeisters wiegt ganze Galerien Rafaels auf.
    Allen deutschen Frauen und Jungfrauen sei auch die neue Schpfung
Tischenborn's innig empfohlen Helena und Cassandra an der Thrnenweide, welche
in ihrem glatten, gleichsam gefirniten Pinselstrich den gewiegten Meister
erkennen lt. Besonders vorzglich sind die Aschenkrglein und die hellen
Perlenzhren gemalt, welche, den schnen Augen entquellend, sicher das tiefe
Mitgefhl unserer geneigten schnen Leserinnen erwecken.
    Junger Mann, sagte der Chef, welcher whrend der ganzen Zeit in heiligem
Kampfzorn die Scheere geschwungen und einen wahren Ballen von kaltem Ausschnitt
auf dem Redaktionstisch angehuft hatte, Sie gefallen mir. Sie verrathen Spuren
eines spekulativen Kopfes. Sie haben meine Intentionen in diesem Artikel nicht
bel ausgedrckt. Natrlich, htte ich das Feuilleton geschrieben - doch dazu
habe ich ja gar keine Zeit Die Politik reibt all meine Krfte auf. Lesen Sie
meine politische Rundschau jede Woche - daran werden Sie erkennen, was Styl ist.
Ihre Stze sind noch ungelenk. Das ist der Tod fr ein Journal. Schreiben Sie
ganz knapp und kurz - recht viele Punkte. Doch Sie sind noch jung. Ich als
lterer gereifter Journalist belehre Sie. Sogar Ich habe so angefangen. Da,
recensiren Sie mal gleich dieses Buch!
    Ich bitte um Entschuldigung, ich habe seinen Inhalt leider noch nicht
kennen gelernt.
    Unglcklicher, gengt es nicht, wenn ich Ihnen sage, da dies Buch von
einem unserer Gegner herrhrt? Vorwrts an's Werk!
    Lmmerschreyer bltterte fnf Minuten in dem Buche und schrieb:
    Dunkle Verhngnisse von Fritz Leonhart. - Ein ungesunder Zolaismus
durchweht dieses Machwerk. Es erweckt einen widrigen Eindruck. Die Charaktere
sind verschroben. Die Handlung drftig. Der Styl lt Alles zu wnschen brig.
-
    Zum Teufel! schrie der Chef wthend, Sie verstehn ja gar nichts.
Zolaismus?! Das ist ja eine Reklame-Recension. Haben Sie noch nie vom 
vernichtenden Lobe gehrt? Das wenden Sie hier an - ich mache Ihre Anstellung
davon abhngig.
    Jener zerbrach sich mehrmals den Kopf, bltterte nochmals in dem Buche und
schrieb gelassen die groen Worte:
    Ein hbsches Bchlein. Eine gewisse, deutlich die Jugend des Verfassers
verrathende, rhrende Naivett fordert eine strenge und gerechte Kritik zur
Schonung auf. Diese Schilderungen des Berliner Lebens entbehren nicht der
Frische. Hufig schlgt Verfasser einen kecken Ton an, wird aber dann leider
herzlich langweilig. Doch sind in diesem ansprechenden Versuch immerhin das
redliche Streben und der Jugendmuth dieses arbeitssamen und fast wie Calderon
und Lope (man kennt Platen's Distichon) fruchtbaren Schriftstellers
anzuerkennen. Wird Leonhart erst grndlicher das Leben kennen lernen, so werden
auch seine Charaktere jene Unreife jugendlicher Anschauung verlieren, die in
jeder neu auftauchenden Romanfigur einen Karl oder Franz Moor zu sehen glaubt.
Vielleicht gewinnt die jetzt recht alltgliche, magre und schattenhafte Fabel
dann auch an Spannung. Die Sprache verrth oft Nachlssigkeit und die
mangelhafte Schulung des Autors. So heit es - wir knnten zahllose andre
Beispiele anfhren - z.B.: Edgar sa ruhig auf dem Felsen und starrte in die
blaue Unendlichkeit (!). Mge es uns der Autor nicht verbeln: Herr Edgar
gleicht wirklich dem berhmten Greis, welcher auf dem Dache sa und sich nicht
zu helfen wute. Haben Sie schon mal eine blaue Unendlichkeit gesehn? Ich nicht.
Auch finden sich zahlreiche Anklnge an ltere Meister. Z.B.S. 163: Gehorsam ist
die Pflicht eines Christen, grobes Plagiat aus Schiller's Kampf mit dem Drachen,
u.s.w. Kurz, trotz unserer redlichen Bemhung, dem strebsamen Autor gerecht zu
werden, und obwohl wir nicht daran verzweifeln wollen, da dieser spter einmal
etwas Ordentliches zu leisten fhig sein werde -, mssen wir dies Bchlein doch
im Ganzen als kaum eben gengend bezeichnen. - -
    Der Chef las - Sie sind zum Feuilleton-Redakteur ernannt! rief er aus. 
Das Buch liest Keiner von unsern Abonnenten. Haha, neulich hat Leonhart mich
nicht auf der Strae gegrt - na! Er rieb sich mit dem wohlthuenden Bewutsein
einer guten That die fettigen Hnde.
    Jetzt war Lmmerschreyer schon einen vollen Monat Feuilleton-Redakteur und
fhlte sich als sechste Gromacht. Whrend dieser ganzen Zeit hat der Chef immer
nur fr kalten Ausschnitt gesorgt und jede Erhitzung des Kopfes mit eigenem
Federansetzen verschmht. In der ersten Zeit schrieb der Neuling noch viel - das
ist so eine Art Rekrutenfieber, l'enthousiasme du dpart nennen es die
Franzosen. Spter entwickelten sich seine journalistischen Fhigkeiten jedoch
bedeutend und jetzt ma er sich selbst mit den gewiegtesten Meistern der Scheere
und des Kleistertopfs. Auch als Kritiker druckte er gewhnlich die eingesandten
Schemas der Verleger ab oder forderte die Autoren auf, wenn sie ihm bekannt,
selbst ber sich zu recensiren. So hlt man sich die Mhen vom Halse.
    Nur ber's Theater schrieb er gern selbst. Es giebt da so hbsche
Schauspielerinnen und was thut die Kunst nicht fr den Ruhm! War er doch der
Gewaltige, der selig machen und verdammen kann - war er doch der Spender des
Ruhmes, der Feuilletonredakteur eines tglich erscheinenden Blattes!
    Manchmal stiegen auch verhungernde Poeten an, die ihre selbstgeschriebenen
Opera empfahlen. Nun, da mute man den Chef sehn, wie er Jedem rieth, seinen
Styl nach Ihm zu bilden!! In der That geht die dunkle Sage, da der Chef neulich
einmal sechs Zeilen zu zwanzig Zeilen Ausschnitt hinzugeschrieben haben soll.
    Auch Kasimir Pakosch erschien vor seiner neuen Premire und lie aus Versehn
in der Nhe des dickbauchigen Kleistertopfs einen knittrigen Brief liegen, in
welchen sich eine Banknote verirrt hatte. Doch rief ihn Lmmerschreyer ernsthaft
zurck und machte ihn als ehrlicher Finder aufmerksam. Pakosch errthete. Hatte
er sich doch in der Adresse geirrt, da er von hier aus zu Rafael Haubitz
wallfahrten wollte. Dafr versicherte er Lmmerschreyer mit verschwimmenden
treuen wasserblauen Germanenaugen: Ja, nur zu Ihnen komme ich, mein verehrter
Herr, nur zu Ihnen. Wie wrde ich sonst -! Aber die Reife Ihres Urtheils -! Ach,
wie wenig liegt mir sonst am ueren Erfolg, der so leicht in Scherben fllt!
Ich bin ein mder Mann, lieber Freund. Nur der Glaube an das ewig Schne, diesen
heiligen Sebastian mit dem Pfeil in purpurner Wunde - nur er hlt mich noch
aufrecht als Stab meines mden Lebens!
    Ein andermal erzitterte sogar die Redaktionsstube unter dem klobigen
Dichterschritt des Herrn von Alvers. Puterroth vor edlem Zorn ber den
mangelnden Schutz seiner knstlerischen Persnlichkeit, biederte er mchtig
darauf los. Sein breiter urgesunder Brustkasten bildete gleichsam den drhnenden
Resonnanzboden seiner sittlichen Ueberzeugung, da Er als der Erkorene allein
den Weg zum Herzen seines Volkes gefunden habe. Um dies Bewutsein ja nicht
einschlafen zu lassen, erlie er von Zeit zu Zeit drhnende Ukase, worin er Gott
und den Menschen sein Leid klagte, er werde lange noch nicht genug bewundert.
    Ja, rief er mit edlem Freimuth, indem seine groe Pickelwarze vor
Begeisterung ordentlich karfunkelte, ja, Herr von Lmmerschreyer, schon als
mein Standesgenosse, als Royalist, sind Sie verpflichtet, fr mich zu wirken.
Ich bin das patriotische Element der deutschen Dichtung. Ich wirke auf mein
Volk, ich liebe mein Volk und mein Volk liebt mich. Sehn Sie, fr mich besteht
heutzutage die ganze Bedeutung eines Dichters in seiner praktischen Einwirkung
auf sein Publikum. Hundert Auffhrungen hintereinander im Neustdtischen
Volkstheater - he, was soll's? La doch dumme Neidlinge wie Leonhart faseln, Ich
sei blo Theatraliker - ihre respeklosen Ausflle werden Mir keinen Mann meines
Publikums rauben. Mein Volk steht zu Mir, seinem erwhlten Dichter. Er malte
jetzt in wenigen Strichen, die den Meister nicht verleugneten, sein neuestes
Opus Gorm der Alte dem andchtig Lauschenden vor. Gorm der Junge heirathet
darin, nachdem er zwei Brute erdolcht, seine Tante. Also Sie bringen wohl
darber eine ganz kleine Notiz, etwa dreiig Zeilen oder so, nicht wahr? Ich
verlasse mich darauf. Adieu, mein lieber Herr von Lmmerschreyer, adieu. Sie
sind ein verehrtes Mitglied jener patriotisch-royalistischen Jugend, die ich
begre. Damit schttelte er dem jugendlichen Redakteur biderb die Hand aus dem
Gelenk, indem er jedoch zugleich den Oberkrper wrde-kollernd drei Schritt vom
Leibe zurckwarf - und strmte weiter, um seine durchsichtigen Reklamezwecke mit
Wasser zu kochen. Wer wollte ihm das verbeln!
    Gewi nicht der Onkel des jungen Lmmerschreyer's, der groe Malermeister
Adolf von Werther, der seinen Neffen mit manch gutem Rathschlag empfing, als
Dieser ihm seine Aufwartung machte.
    Jaja, mein Lieber, mit die Kunst is das Allens ja janz nett, aber so'n
bisken Mumpitz mu mit dabei sein. So sage ick immer zu meine Schler auf die
Akademie: Kinder, lernt auf die Guitarre (sprich Juhitarre) spielen! Damit habe
ick viel gemacht. Ein gutes Bild malen is ja janz nett, aber das Bild doch
verkoofen - des is noch besser. Und das jeht nur mit Mumpitz, nie ohne dieses!
Carrire machen - darin liegt die wahre Musike. Nich wer am besten malt, jewinnt
- sondern wer am besten schwatzen und kneipen thut.
    Lmmerschreyer beeilte sich zu versichern, da er Violoncell spiele.
    Siehst de wie de bist! Violoncell is jut. Damit kannst Du den Damens
imponiren un des is die Hauptsache. Komm Du nur mang meine jroen
Abftterungsjesellschaften - da wirst Du Dein blaues Wunder erleben. Mach' Du
man zuerst eine reiche Parthie - das Uebrige findet sich.
    Und es fand sich ja bald. Kaum angelangt und schon einflureiche Autoritt,
Feuilletonredakteur der Berliner Tagesstimme - man sieht, das wahre Talent
bricht sich doch immer Bahn.
    Die Hauptsache bleibt immer, da man von Adel sei. Denn in China, dem Reich
der Mitte, wo das Pulver und die Buchdruckerkunst erfunden, gelten nur die
Mandarinen vom blauen Knopfe etwas.

    Als Lmmerschreyer im Caf Liedrian an jenem Abend seinen frheren
Protektor mit ausgesuchter Hflichkeit begrte, strzte dieser eiligst ein Glas
Cognac hinunter und empfahl sich, vom Gekicher Frau Meyer's begleitet. -
    Er hatte zu drei Krgen Bier eine groe Portion Slze gegessen. Dies,
verbunden mit der Klte und dem Ostwind der Nacht, wirkte offenbar auf seine
Eingeweide. Denn er erwachte mit einem so brennenden Durst, da er mit nackten
Fen aus dem Bette sprang und die Wasserkaraffe auf dem Toilettetisch halb
ausschlrfte. Auch dies snftigte jedoch nicht die Unordnung seiner Nerven. Denn
er wurde von den peinlichsten Trumen heimgesucht. Am vorigen Abend war er in
dem Moment auf einen Pferdebahnwagen gesprungen, von links statt von rechts, wo
ein andrer im vollen Lauf vorberscho. Dabei wre er fast ausgeglitten. Er
malte sich nun in der schweigenden Nacht, whrend der Sturm um die Dcher pfiff,
lebendig aus, wie er so leicht unter die Rder und Pferdehufen htte gerathen
knnen - ebenso wie er oft an der krankhaften Vorstellung litt, er werfe sich in
seiner Nervenzerrttung in unwillkrlichem Wahnsinn vor einen heranrasenden
Courirzug. Nun schwebte ihm wiederum der Traumwahn vor, er setze sich, wie dies
Kinder so oft thun, aufs Fensterbrett, schaue vier Stockwerk tief herunter,
verliere das Gleichgewicht und strze hinab.
    Es liegt etwas allgemein Menschliches, etwas Weltwahres in solchen
Nerven-Hallucinationen. Deutlich prgt sich darin die Angst vor jhem Unglck
aus, das verzweiflungsvolle Bewutsein von der ewigen Nhe des Todes. Und doch
wrde derselbe Mensch auf dem Schlachtfeld furchtlos den Kugeln trotzen.

                                      IV.


Am andern Morgen erhielt er einen wenig willkommenen Besuch. Verschiedene Male
hatte er sich verleugnen lassen - diesmal ging's nicht mehr an. Eine seiner
zudringlichen Verehrerinnen (aus der Ferne) lief ihm die Bude ein. Frulein
Aurelie v. Fellmarch (Barone߫ lie sie sich betiteln, aus eigener
Machtvollkommenheit), die wabernde Brunhild-Sngerin versicherte ihm in hundert
Briefen und auf einem Dutzend Photographien, er sei der mnnlichste Mann und sie
das weiblichste Weib der Literatur. Sie gab's ihm Schwarz auf Wei, da nur ein
groer Mensch auf Erden lebe, nmlich Er. Auer diesem
Ur-Normal-Universalmenschen gebe es aber noch ein Riesenwesen, nmlich die
Urmenschin, das Normalweib, und zwar Sie selbst - die Einzige, die Ihn begriffe.
    Leonhart erwartete sie mit gelindem Entsetzen. Erinnerte er sich doch der
urkomischen Enttuschung einer bekannten Schriftstellerin (natrlich Baronin,
darunter thut man's heut nicht mehr und hebt am liebsten auf den Bchern den
Titel ausdrcklich hervor, um die schne Leserin zu leimen), als sie auf dem
berchtigten Schriftsteller-Strebertag Anno 1885 einige Geisteshelden leibhaftig
sah! Htte sie nicht noch die hohe blonde vornehme Erscheinung eines
vielbegehrten Damenlieblings und einige letzte Sulen entschwundener Pracht
bewundern drfen, so wren all ihre Illusionen geknickt worden.
    Mit sardonischem Lcheln lie Leonhart also seine heihungrige Verehrerin in
seinen Kfig ein. Er wute, was er von dem genialen Brunhildenthum schmierender
Lwinnen zu halten habe, da hinter patchouliduftiger Geziertheit beim Weibe
stets nur die philistrse hohle uerlichkeit lauert.
    Eine ziemlich hbsche leidlich imposante Donna trat ihm entgegen und schien
auch wirklich etwas betroffen ber den unerwarteten Anblick, der sich ihr bot.
Doch lie sie als gewandte Weltdame sich nichts merken, sondern bemerkte nur mit
erzwungen unbefangenem Lachen: Ich htte Sie mir freilich etwas anders gedacht,
viel wilder und viel - viel riesiger.
    Einen, der gut.. wollte es Leonhart herausplatzen, aber er verschluckte es
noch rechtzeitig und lud die Dame hflich ein, Platz zu nehmen. Diese begann nun
in hochtrabendem Ton, indem sie ihn immer Herr Wahlverwandter anredete, ihren
grenwahnsinnigen Weltbeglckungsunsinn vorzukuen. Sie schien sich fr eine
Art Madame Thot, fr eine Regeneratorin des Menschengeschlechts zu halten. Mit
ihrem rothen Sonnenschirm (sie trug auch rothe Stckelschuhe und rothes Htchen)
wies sie figrlich auf sich als neue Madonna, als jungfruliche Mutter eines
neuen Heilands der Idee. Leonhart glaubte ja gern an dies tiefgefhlte Bedrfni
- nur die unbefleckte Empfngni wollte ihm nicht recht einleuchten.
    Indem sie eine russische Papyros sich ungenirt ansteckte, betrachtete ihn
die holde Wahlverwandte immer noch mit zweifelhaften Blicken. Leonhart lchelte
verstohlen und seltsame Gedanken schossen ihm durch den Kopf.
    Jedes Menschen Charakter und Geist steht deutlich in seinem Gesicht
geschrieben. Doch nur Wenige verstehen es zu lesen. Von Genies hat man gesagt,
sie shen unbedeutend aus. Vor dem klassischen Kopf Napoleons riefen die
Pariser: Die hliche Krte! Wie gelb er ist! Aber noch mehr: Die Wenigen -
bildende Knstler, Dichter und Staatsmnner -, welche diese Kunst verstehen,
mitrauen sich darin und verwirren sich bei zunehmendem Verkehr. Sei mit einem
Schuft befreundet, so wirst du bald genug verlernen, die offene klare Sprache
seines Gesichts zu lesen. Entscheidend ist daher nur der erste Eindruck.
    Wie Wenige giebt es, die ber ein unscheinbares Aeuere (im gewhnlichen
Weltsinn) wegsehen knnen!
    Alles was wir von Shakespeare wissen, die Thatsache seiner Verkleinerung bei
Lebzeiten und pltzlichen Vergtterung nach dem Tode, wo nur noch seine Werke
sprachen, zeigt an, da er in Allem der vllige Gegensatz eines Goethe gewesen
sein mu. Er war sanft, gutmthig, leicht zugnglich - diese kurze
Charakteristik, die wir ber ihn besitzen, malt uns z.B. nicht seine uere
Erscheinung. Und doch scheint dies so unendlich wichtig! Es mag trivial oder
richtiger - cynisch klingen, aber man darf die pessimistische Behauptung wagen:
die zwei im Leben erfolgreichsten groen Dichter, von denen wir wissen, Goethe
und Byron, verdanken ihren ueren Triumph bei der Mitwelt zum grten Theil
ihrer persnlichen Schnheit. Man mchte die Jungfrauen sehen, die begeistert zu
Schaper's Denkmal in Berlin hinaufschmachten, wenn Goethe bucklich gewesen wre!
Aesop als Dichter des Childe Harold wre wohl nimmer the rage geworden!
    Das Genie soll man aus der Ferne bewundern. Rckt man den hohen Bergen zu
nahe auf den Leib, so scheinen sie nur unfrmliche Felsklumpen voll Schnee und
Eis.
    Friedrich der Groe war gewi ein Genie und ein groer Mann in jedem Zoll.
Aber er war ein Purpurgeborner. Hher stehen Mnner, welche jeder Zoll ein
Knig wie Cromwell und Napoleon und doch die blinde Welt erst mit Gewalt zur
Erkennung ihres inneren Knigthums zwingen mssen. Der kleine ungeschlachte
Bierbrauer! riefen die englischen Royalisten.
    
    .. Die Frau scheint unfhig, abstrakt zu denken, sondern denkt immer
concret. An sich ist das kein Fehler; sie ist eben Realistin. Maria Magdalena
verstand den Heiland, weil sie das Persnliche desselben transcendental empfand.
Dies kann beim Weibe genau so ideal und immateriell sein, wie die reflektive
Begeisterung des Mannes, obschon des Mannes sinnlichere Auffassung der Liebe
dies nicht zu begreifen vermag. Die Genialitt der Frau steckt eben in der
Liebe, als weitester Begriff gefat, in der warmen Selbstentuerung des
Herzens, womit sie Wunder thut. Die Frau will drum auch einen persnlichen Gott,
den sie als Begriff des Guten und Schnen anbeten kann, woraus wiederum die
Macht der katholischen Kirche herzuleiten.
    Ja, ich die dmonische Brunhilde-Natur, bin Ihre Genossin! rief Aurelie in
einer ungesunden Aufwallung verspteter Begeisterung. Was soll Ihnen ein
Intimissimus wie dieser Schmoller! Ich allein verstehe Sie.
    Leonhart verbeugte sich kalt:
    Einen Intimissimus, meine Gndige, besitze ich nicht. Nach meinen
Erfahrungen danke ich auch herzlich fr diese edle Gottesgabe. Ich achte am
hchsten meinen intimsten Freund, nmlich mich selbst. Dem traue ich, sonst
Niemanden. - Sie staunen? Ja, denken Sie sich den denkbar stolzesten und wenigst
eiteln Menschen - dann haben Sie mich!
    O welch ungerechtes Mitrauen!
    Durchaus nicht. Mitraue Keinem und vertraue Keinem, vor allem la Dir
nicht in die Karte gucken. - Ach, mein gndiges Frulein, ich sehe dort einige
Streifen Rosapapier aus Ihrem Muff hervorlugen. Sollte ich mich tuschen, wenn
ich einige Ihrer Gedichte darin vermuthe? O bitte, verleugnen Sie nicht den
Heiland, ehe der Hahn dreimal krht, und kommen Sie gleich zur Sache! Ich bin
ganz Ohr!
    O wie Sie alles errathen! Ich frchte nur -
    I, wie werden Sie frchten! Sind Sie sonst so furchtsam? Also bitte!
    Nach einigem Geziere deklamirte also Aurelie mit Emphase:

Im heien Biledulgerid
Einsam und stolz ein Lwe schritt.
Doch fing man ihn, um ihn dem Dey zu schenken.
Der lie ihm einen Kfig baun,
Drin waren Palmen selbst zu schaun.
Der Lwe sollte sich in Sudan denken.

Doch in des Kfigs Ecke lag
Er mrrisch wohl den ganzen Tag,
Aufsprang er nur, ging roth die Sonne unter.
Das Gitterthor er rttelte
Und zornig brllend schttelte.
Was fehlt Dir? rief der Dey, so sei doch munter!

Was mangelt Dir, mein schnes Thier,
In Deinem goldnen Hause hier?
Willst du vielleicht in Ambraduft Dich baden?
Soll ich die Herzen allzumal
Der Lieblingssclavinnen als Mahl
Dir zubereiten? Komm und sei geladen!

Antwortend donnerte der Leu,
Die Nacht erzitterte aufs neu:
Mein Haus ist Gold, doch eng ist seine Schwelle.
Die Palmen mgen prchtig sein,
Doch bilden sie nicht Nubiens Hain.
Dies Marmorbecken, ist's die Wstenquelle?

Die Herzen Deines Harmes gieb
Nur Deinem Tiger, dem sie lieb.
Ich mag nicht Deine duftigen Gewrze.
Doch willst Du mich beschenken, Dey,
So schiee mir ins Herz Dein Blei:
Mit meinem Tode meine Haft verkrze!

Eine Fee erblickte
Vom Regenbogen
Im Menschengewimmel
Einst eine liebliche lchelnde Maid,
Die Blumen pflckte,
Und ward ihr gewogen,
Trug zum Himmel
Den Liebling ins Reich der Seligkeit.

Schner dort Alles,
Als auf Erden!
Die Blume glhte
Wie Demantschein!
Des Wasserfalles
Funke sprhte
Und schien zu werden
Ein Edelstein!

Und doppelt empfanden
Dort alle Sinne.
Wie Zephirfcheln
Die Stunden entschwanden.
Auf neue Wonnen sann immer die Fee,
Damit sie gewinne
Ein einziges Lcheln
Von der Erdentochter verschwiegenem Weh.

Denn ewig traurig
Sie Thrnen vergo.
Im Reich der Sphren
Ward es ihr schaurig.
Und holte Wasser die Fee aus der See,
Dann fielen Zhren
Vom Himmelsschlo
Und sie sah dort weinen die Maid in der Hh.

Schmachtend sie schaute
Zur Wolke nieder,
Die ber der Erde
Dster braute.
Was wnschest Du? Wonach sehnst Du Dich?
Zieht es Dich wieder
Zur Menschenheerde?
Sprich, o sprich!

Dort fallen Sterne
Und durch mein Haar
Gleich Perlenkrnzen
Flcht' ich sie gerne!
Die Fee ihr brachte das Sternengeschmeid.
Umsonst sein Glnzen!
Und traurig war
Aufs neue die Maid.

Fort, Gram, von der Stirne!
Was willst Du? Befiehl!
Sie sprach: Ich sehe
Manch schlanke Dirne
Dort unten tanzen im Frhlingshain.
Sie lachen zur Hhe
Im frohen Spiel,
Sie lachen mein.

Glcklicher freilich
Sind sie als ich.
Doch ihre Zpfe
Sind mir nicht heilig.
Ballspielen mcht ich! Bringe mir
Der Dirnen Kpfe,
Zu trsten mich!
Die Fee sprach: Hier!

Doch traurig wieder
Blickte die Maid
Mit heien Zhren
Zur Erde nieder.
Was dnket Dir denn noch wnschenswerth?
Ich wills gewhren,
Zu stillen Dein Leid,
Zu ersetzen die Erd'.

Jnglinge wandeln
So schn und lieb
Drunten heiter
Auf flinken Sandeln.
Ich bin im Himmel, doch bin ich allein.
Liebe nur gieb,
Ich will nichts weiter,
Liebe sei mein!

    Die schne Dichterin legte die Rosapapierchen hin und blickte den Kritiker
triumphirend an.
    Nun, was sagen Sie dazu?
    Liebe sei mein! hstelte Leonhardt vorsichtig. Sehr gut. Es ist ihr ewig
Weh und Ach aus einem Punkte zu curiren.
    Wie, wren Sie etwa mit der Pointe nicht einverstanden? O ich wei, Sie
Cyniker verachten die Liebe!
    Gott soll mich bewahren! Nichts Menschliches verachte ich. Nur soll man die
Dinge beim rechten Namen nennen.
    Nun was wre denn die Liebe nach Ihrer Auffassung, Verehrter? Aurelie
schlug kokett die Augen nieder.
    Leonhart nahm eine gravittische Magistermiene an und docirte bedchtig:
    Liebe ist verkappte Sehnsucht nach einer hheren Einheit, mit welcher der
einsame Einzelmensch sich in Verbindung setzen mchte. So bildet der
Geschlechtstrieb die Poesie im Kampf ums Dasein. So geistig ist der Mensch, da
selbst beim Sinnenkitzel er die Leidenschaft verlangt, die ihn unbewut
veredelt. Freilich, wie rcht sich diese geistige Unzucht! Aus sester Hoffnung
sauerste Enttuschung, wie Essig aus verdorbenem Wein. - Aber was wird sonst
nicht alles ber den schnen Instinkt der Fortpflanzung gefabelt! Wenn ich den
Namen Liebe hre, mu ich schon lachen. O Lge, dein Name ist Mensch! Wer mit
seiner Humanitt prahlt, ist meist ein Schurke, und sicher ist grade Der ein
grober Sinnenmensch, der Heine's Dictum nicht unterschreibt: Denn weit du,
Kind, was Liebe ist? Ein Stern in einem Haufen Mist.
    Ach Sie Schrecklicher, Sie sind Pessimist wie ich! seufzte Aurelie und
schmauchte ihre Papyros mit gedankenvollem Behagen. Ach, wir Tiefempfindenden
machen stets trbe Erfahrungen, nicht wahr? Sie kreuzte ihre wohlgenhrten
Beine, so da ihre Stiefeletten bis zu den Waden sichtbar wurden. Wieviel
Schufte und Narren vergllen uns das Leben!
    Pah! Leonhart reichte ihr jetzt eine seiner schlechten Cigarren dar, doch
war ihr das zu starker Tobak. Dann ginge es noch an. Aber 's ist ja viel
langweiliger. Ein Franzose urtheilte triftig: Die Welt bestehe nicht aus
Schuften und Narren, sondern aus Leuten, die nicht Talent genug haben, um das
erstere, doch etwas zu viel, um das Letztere zu sein.
    Madam Dudeffant bemerkt sehr schn: Ceux qu'on nomme amis sont ceux par qui
on n'a pas  craindre d'tre assassin, mais qui laisseront faire l'assassin!
orakelte die geistreiche Dame, die an der Citatwuth litt.
    Leonhart zuckte die Achseln. Die Niedertrchtigkeit der Mnner und die
Putz-Dummheit der Weiber zu schildern ist fast unmglich. Physische Laster
scheinen im Buch lange nicht so schlimm wie psychische Niedrigkeit. Den Begriff
eines Mordes oder den Begriff einer Dirne knnen wir uns bei bloer Lectre kaum
vergegenwrtigen. Aber dafr erhalten wir im Buche einen viel strkeren Begriff
von der landesblichen Seelenverderbni und Verlogenheit, welche wir sonst im
Leben tglich gelassen hinnehmen. Uebrigens macht alles Geschriebene vor einer
letzten Grenze Halt und bleibt daher nur halbwahr.
    Sagt eure triftigen Grnde, Junker Bleichenwang!
    Grnde wie Brombeeren! lachte er schlagfertig. Das Hchste und das
Schrecklichste kann man nur fhlen, nicht denken, noch weniger aussprechen. Wie
beschrnkt ist berhaupt unser Anschauungsvermgen! Daher die Unmglichkeit,
eine ferne Zeit naturgetreu nachzuempfinden. Darin war die naive Renaissance uns
voraus, die das instinktiv fhlte und sich wenig Skrupel machte, wenn sie
Pharao's Tochter einfach als irgend eine Herzogin von Ferrara mit ihrer
Hellebardier-Garde und die Hochzeit zu Cana als das Gastmahl irgend eines
Loredano oder Contarini malte.
    Da die Brunhilde sprte, da sie auf diese Weise nie Oberwasser fr ihre
geplante Mentorrolle gewinnen knne, wenn man bei allgemeinen Gegenstnden
blieb, so lenkte sie das Gesprch auf Leonhart's krankhafte Reizbarkeit und
Empfindlichkeit. Die solle er sich endlich abgewhnen. Sie selbst lache nur ber
die Verleumdung der Welt. (Diese schien ihr allerdings gut anzuschlagen, wie ihr
elegant geschnrtes Embompoint bewies.)
    Jeder Aerger ber die Welt zeigt doch nur Kleinlichkeit.
    Hm, seltsam genug, da des Weltgebieters Napoleon ganzer Hofstaat vor dem
Tage zitterte, wo er die englischen Bltter erhielt. Dann gerieth der Empereur
in unzurechnungsfhige Wuth. Und Bismarck, der jeden schimpfenden Rotzbuben in
Posemuckel gerichtlich belangt und durch seine Bismarck-Beleidigungs-Antrge
seine Gre herabwrdigt? Allerdings, einen vornehmen Mann hat es gegeben, der
die Leute lchelnd schimpfen lie: Friedrich - der aber darum mit Recht auch der
Einzige heit.
    Jaja, der hatte eben ein reines Gewissen.
    Oder er war ein zu groer Menschenverchter und Skeptiker, hatte auch ein
khles Naturell und die natrliche Vornehmheit eines Purpurgeborenen. Uebrigens
warf auch er der Maria Theresia heftig ihre Wiener Schmhschriften vor. - Doch
haben Sie Recht: Das Toben auf die Welt und das ewige Gergertsein zeigt ein
schlechtes Gewissen, mindestens einen krankhaften Gemthszustand. Allein, wessen
Gewissen ist denn rein, wessen Gemth ist gesund? Es ist eine Schande feig zu
sein. Und doch habe ich Wenige getroffen, die sich nicht vor der Verleumdung
schwer gefrchtet htten, die nicht danach ngstlich umgespht htten, was die
Leute sagen. Geradezu komisch wird dies, sobald es sich um sinnliche
Ausschreitungen handelt.
    Ja, sinnliche Ausschreitungen - da wird am meisten geheuchelt! Sagen Sie
mal, finden Sie es nicht eigentlich unverschmt, da die Welt sich ber
dergleichen ein Urtheil erlaubt? Mischt sich doch in gewissen Fllen sogar die
hohe Obrigkeit des Gesetzes ein!
    Ah, doch nur, wenn ffentliches Aergerni gegeben wird und die betreffende
Ausschreitung einer andern Person zum Schaden gereicht.
    Allerdings, im Ganzen wohl. Doch giebt es ja Flle, wo der Staat sich
einmischt, ohne da - - Sehn Sie z.B., sie sah ihn keck an und warf
herausfordernd den Kopf in den Nacken. Da soll es unter Frauen z.B. die
Lesbische Liebe geben. Ich habe mir das erklren lassen. Hat wohl das Gesetz
irgend ein Recht, sich in solche Dinge hineinzumischen?
    O ja! erwiderte Leonhart trocken. Er erinnerte sich, da man von der Dame
behauptete, sie habe zwei junge Mdchen auf diese Weise zu Grunde gerichtet.
Das kann auch Andere schdigen. Natrlich ndern sich die Sittengesetze. In der
alten Welt war das erlaubt. Siehe Sappho!
    Ach ja, die soll ja auf Lesbos geboren sein! Die Augen Aureliens funkelten
in einem eigenthmlichen feuchten Glanze.
    Leonhart hatte genug. Er erhob sich pltzlich und bedauerte unendlich, nicht
lnger dem Genu ihrer Unterhaltung frhnen zu knnen. Sein Arbeitstisch rufe
ihn. Mit einigen oberflchlich galanten Redensarten setzte er sie an die Luft
und fand ebenfalls Ausflchte, als sie mit nochmaligem Besuche drohte. Ein
Zucken um ihre sinnlichen Lippen bewies ihm, da die Brunhilde ihn recht wohl
verstand.

                                       V.


Ja, liebster Herr, das wird eine schlimme Geschichte. Leonharts Rechtsanwalt,
Isidor Knaller, klatschte sich auf sein emporgezogenes Knie. Das giebt zwei
faule Preprozesse. Doch wie ich mir denke, ist Ihnen das ganz Recht. Macht ja
Reklame.
    Danke schn. Mir sind meine Nerven wichtiger Ich bin verzweifelt. Schon
wieder eine neue Aufregung!
    Werden zwei cause clbre, liebster Bester. Sie sind also verklagt wegen
groben Unfugs in Sache I und in Sache II ist Confiscation verfgt wegen
unsittlichen Inhalts.
    Das la ich mir nicht gefallen! schrie Leonhart aufgeregt. Diese
Oelgtzen! Ich appellire an alle Instanzen.
    Sehr hbsch, liebster Bester. Kostet zwar eine Menge Geld, doch des
Menschen Wille ist sein Himmelreich. Wollen also mal die Corpora delicti
durchgehn. Da ist also ad I Ihr Cyklus Russische Juchten. Origineller Titel.
Also gedacht als Text zu Wereschagins Bildern. Lesen wir mal genau.
    Beide lasen.




                              Der Zar bei Plewna.


Noch labt man sich an Kirchenweihrauchdmpfen -
Da krachte drauen schon das Ungewitter.
Es toastete der Zar, der edle Ritter,
Beim Dejeuner auf Jene, die dort kmpfen.

Vierspnnig fuhr er dann zum Schlachtgefilde
Und satzte sich auf einen Feldstuhl nieder.
Die Adjudanten zuckten hin und wieder
Zurck vorm grausen Bild - er lchelt milde.

Einmal fuhr Vterchen auch etwas nher,
Doch kehrte er bald um, es war ihm eilig.
Eine Granate flog vorber freilich.
Dann trank er Wotka, melden freche Spher.

O groer Alexander, lieber wr ich
Diogenes in einer morschen Tonne,
Als solch ein Xerxes, den die liebe Sonne
Durchscheint wie einen ausgestopften Kehrig!




                                Vor dem Angriff.


Gelbbranstiger Nebel flort um die Redoute,
Aufwirbelt Dampf von ausgebrannten Lunten.
Stumm wird es an den Pallisaden drunten.
Erwartungsvoll nur wiehert eine Stute.
Das Herz zum bersten an die Rippen hmmert,
Am Fernrohr zittert selbst des Fhrers Rechte.
Rauchsule, Hornsignal! Klar zum Gefechte!
Die schwere Stunde der Entscheidung dmmert.

In Linien glitzern schon die Bajonette
Entlang den Erdaufwrfen aus den Grben.
Die Kppis schon in Reihen sich erheben.
Langsam entwickelt sich die Schtzenkette.
Der Odem stockt dem Bravsten angstbeklommen.
Da schmettert's Sturm! Aufspringen alle Haufen.
In wilden Stzen schon sie vorwrts laufen.
Der Festung Mauern sind in Dunst verschwommen.

Kein Schu antwortet. Mangeln schon Patronen?
Ob schon der Feind die Auenwerke rumte?
Ob er absichtlich mit der Antwort sumte,
Dieweil er sparen will die blauen Bohnen?
Das war ein Schweigen, schaurig, ungeheuer,
Wie vorm Orkan. Stumm die Kanonen starrten,
Wo die Vertheidiger lauern, aus den Scharten.
Da schwingt der Pascha seinen Sbel: Feuer!




                               Das letzte Bivak.


Zu Tausenden liegen sie rings erstarrt.
Die Krhe forscht, wo sie verscharrt
Unter den Schneeaufwrfen.
Wo ohne Spuren ein Heer verschwand,
Zeigt kaum ein Fu und eine Hand,
Nach denen die Krallen schrfen.

Ein trkischer Vater mit seinem Sohn
In eines verflackernden Feuers Loh'n
Starrten sie stumm und ergeben.
Der Junge trumte vom Houriarm,
Da wird er schlummern sanft und warm.
Mit der Flamme erlosch sein Leben.

Der Alter hrte und regte sich nicht,
In Schmerz versteinte sein starres Gesicht,
Vom Rauch der Asche umqualmet.
Allah Akbar! Gott ist gro
Und der Mensch ein Hund und erbarmungslos
Ihn Azrael zermalmet.




                                   Skobeleff.


Entlang den eisgehelmten Alpenriesen
Dehnt sich der Sieger lange dnne Fronte.
Vom letzten Strahl besonnt, am Horizonte
Abheben sich Spitzmtzen der Kirgisen.

Der neue Suvaroff mit seinem Stabe
Sprengt froh vorbei. Ihm regnet es ja Orden,
Wenn Vlker um des Kaisers Bart sich morden,
Fr diese prchtige Hekatomben-Gabe.

Hurrah! Werft hoch die Mtzen, Tusch, Fanfaren!
Er selber grt begeistert mit dem Hute.
Ich danke, Brder, eurem Heldenmuthe
Im Namen Sr. Majestt des Zaren.

Ich dank euch! O des unbewuten Hohnes!
Siegt oder fallt, sonst lehrt es euch die Knute!
Unmndigen Unterthanen ziemt die Ruthe
Oder Versprechen unbestimmten Lohnes.

Ein Seitenstck zu jenes Raben Krchzen:
Gott und der Zarin Ruhm! (Wie aber kommen
Die Zwei zusammen?!) Ismail ist genommen!
Die Nordpol-Melodie zum Todeschzen!




                           Am Schipka Alles ruhig.


Ein weies Leichentuch bedeckt die Erde.
Wie weie Lavawellen unaufhaltsam
Nachdrngt vom Berg der Schnee und strzt gewaltsam,
Als ob ein Donnerkeil geschlendert werde.

Ein jeder Athemzug macht hier Beschwerde.
Der Odem wandelt sich zu Nadeln Eises,
Die sich zerreibend knistern. Und Gefhrde
Bringt jeder Fleck des ungewissen Gleises.

Zelte als Mntel brauchend, in Kaputzen
Die Wachen bei dem letzten Kienspahn kauern.
Den Kugeln zu entrinnen kann nichts nutzen,
Wer nicht verhungert, stirbt in Frostesschauern.

Sie liegen hier ganz einfach, um zu sterben
In Myriaden, wie's dem Zar gefllig,
Die Posten einsam, Bivouaks gesellig.
Doch massenhaft hinrafft sie das Verderben.

Am Schipka-Pa ist's ruhig hie die Kunde,
Die angenehm das Ohr des Zaren kitzelt.
Am Schipka Alles ruhig mit dem Munde
Des Todes rings der Erde Echo witzelt.




                                Der Todtenacker.


Ein ungeheurer Kirchhof ist der Acker,
Dort modern sie in ungezhlten Scharen,
Bluthunde, die sich wrgten flink und wacker,
Die ebenbrtigen Bestien-Barbaren.

Das heilige Ruland und die heilige Knute -
Der Sultan, der den Paschas, die nicht siegen,
Die seidne Schnur verehrt - vereinigt liegen
Des Molochs Opfer hier in ihrem Blute.

Wie eine Ampel schwebt im dstern Dome,
Hngt hoch ein Geier an der ernsten Wolke.
Ein Pope steht bei diesem Todtenvolke,
Sprengt darber aus dem Weihgef Arome.

Ein rohes Nothkreuz, wo der Berg sich lichtet,
Ist eingerammt den dichten Leichenhgeln.
Ein Crucifix der Pfaffe hier errichtet
Als Vogelscheuche, Rabengier zu zgeln.

Und Geier auch und Wlfe, wilde Hunde,
Sie nahen rings zum Leichenkarnevale.
Sie zehren all von unserem Verfalle.
Der Luft und Erde Raubzeug steht im Bunde.

Wer aber kann den inneren Wurm verscheuchen,
Der schon im Leben heimlich an uns bohret?
Fort, Unsinn, mit des Aberglaubens Bruchen!
Kein blauer Weihrauch-Dunst den Tod umfloret.

Er grinst dich an aus Schdelpyramiden.
Und lacht der Tod - was sollten wir nicht lachen
Ob all den Nichtigkeiten, die im Frieden
Das Glck und Elend unsers Lebens machen?

O Krieg, du bist der Menschheit Dornenkrone.
Durchzuckt von ewigen Wehen der Geburt,
Geheftet an des Todes Eisengurt,
Hngt sie am Kreuze gleich dem Gottessohne.


                              Die Hunnenschlacht.

                                       I.

Ich trumte jngst von einem wilden Walde,
Voll alten Bumen, die vom Sturm entlaubt,
Der von Sibiriens Strmen niederschnaubt.
Schon frbt der Herbst den Bltterschmuck der Halde.
Matt klomm empor der Sonne Gluth,
Sturm prophezeiend, roth wie Blut,
Durch Nebel sie verdrossen kam,
Wie ein Gefangner voller Scham,
Ein Mrderaug' mit irrer Wuth
Verstohlen lugt durch Kerkergitter.
Es wlzte nahendes Gewitter
Dicht bern nackten Boden dieser Steppen
Die Wolkenschaaren hin, wie Riesenschlangen,
Die sich von Ast zu Ast nun weiterschlangen,
Wie Geister mit langwallend-blassen Schleppen.
Der Regen scho herab in schweren Bchen.
Der schmerzlich-grne Todtenflu des Hades
Schien sich zu wlzen durch die feuchten Flchen.
Mir schnitt durchs Hirn das Drehn des Weltenrades,
Schwerfllig knirschend ber blutigen Leichen
Von schwachen Vlkern, berlebten Reichen.

                                      II.

Und da ich also sann, da ballten sich
Aus diesem Nebelmeere drei Gestalten
Sie wuchsen auswrts ernst und feierlich.
Den Ersten sah zu Ro ich vor mir halten,
Wie er hinausstrebt einen Felsenstrich.
Der ehrnen Stirne tdtlich dstre Falten,
Das Wechsellose seines Blickes schien
Durchbohrend mir die Seele zu zerspalten.
Tartaren und Kosaken vor ihm knien
Und all die heimischen Mongolenhorden.
Die Schweden und die Trken vor ihm fliehn.
Die ehrne Kiefer schnappt nach stetem Morden,
Entsetzlich strubt sich sein Gorgonenhaar -
Er ist der Baal, des Molochs Bild im Norden,
Ein unersttlich gieriger Barbar.

Und wie einst Iwan that vor Nowgorod,
So seine Kiefer knirschend sich bewegt,
Als fre unsre Welt sein Machtgebot,
Die sich ihm hlflos selbst zu Fen legt.

Ich ward zu Stein. Doch Grausen mir durchraun
Aufs neu die Adern, als ich vor mir da,
Langsam herschleichend neben jenem Mann,
Ein greises welkes Schemenwesen sah.
Die Krallenhand sich hin nach Sden spreizt.
Die Krim, das schwarze Meer, die Donau reizt.
Nach Westen strzt die geiergleiche Gier
Und Polen's Kraft verblutet unter ihr.
Ihr Ku ist tdtlich wie des Vampyrs Bi,
Des Nordens schreckliche Semiramis!

    Doch jetzt sah ich erheben slich fad ein Angesicht,
    Amoretten es umschweben, Grazie es sanft umflicht.
    Alexander, parfmirter Ritter fr Europas Recht,
    Du lebendig balsamirter Lgenpopanz, Pfaffenknecht!
    Ja, das Widerlichste scheinet mir ein frstlicher Tartuffe,
    Der den Dandy-Chie vereinet mit dem Diplomatenkniff.
    Whrend Polen wird vernichtet, tanzt sich die Quadrille gut.
    Doch im Innern selbst sich richtet frmmelnde Despotenwuth.
    Heilige Schwermuth oder besser: Neue hat sein Herz zerfleischt!
    Denn am stygischen Gewsser andre Tugenden man heischt.
    Keine Frstengromuth, keine Heilige Allianz, o nein!
    Gottesgnadenthum ist eine leere Fabel dort allein.
    Liebenswrdig warst Du? Braten sollst Du, heuchelnder Despot,
    In der Hlle Dantes. Platen hat Dir das vorausgedroht.
    Triffst den guten Kaiser Franzel, den gemthlichen, auch dort,
    Whrend frech man auf der Kanzel euch canonisirt sofort.
    Du, der trieb wie Alexander (wohl damit ihr Beide so
    Etwas hnlich sht einander!) Vatermord incognito!
    St. Georg, der gern erdrcken will den Robespierre-- Cheval
    Und doch hinter Preuens Rcken mit ihm theilt den Erdenball!
    Held von Erfurt, sanfter Schmeichler, der mit einem Judasku
    Selbst den gresten der Heuchler bertlpelte zum Schlu!
    Gecken-Zar und Gromuthsschwtzer, Haupt der Heiligen Allianz,
    Frommer Buhler, Polenhetzer - Heil sei Dir im Siegerkranz!

                                      III.

Schon keimt der nordische Upasbaum
Und eine Boa von Ketten
Zuschnrt den chzenden Weltenraum -
Wer wird Europa retten?
Schon ist die Sonne des Gerichts
Am Horizont entglommen,
Ein Held entsteigt der Zukunft Nichts -
Du Heiland, sei willkommen!
Und Geister der Vergangenheit,
Sie nahen vielgestaltig.
Sind wir noch wie in alter Zeit
Ueber alle Vlker gewaltig?

Zum ersten ein unabsehbarer Zug
Mit schleppenden Hermelinen -
Den Reif des Kaisers Jeder trug
Mit majesttischen Mienen.

Die Schwarzen aus salischem Herrschergeschlecht,
Rothblonde Hohenstaufen -
Weltgebieter nach ewigem Recht
Nahten in hellen Haufen.

Verchtlich zuckte der stolze Mund.
Den Speer hob Otto der Groe,
Als sollte ein neuer Ottensund
Als Grenzmal ihn bergen im Schoe.

Das baltische Meer schon ahnend zuckt
Bis an die stlichsten Rnder -
Grimmhastig Jeder am Gurte ruckt
Der schleppenden Kaisergewnder.

Dort stack das Schwert des Reichs und wild
Ausholten sie alle zum Streiche
Und schlugen an des Reiches Schild
Am Zweig der Walser-Eiche.

Der sechste Heinrich stolz und starr
Wuchs auf vor des Ostens Dmonen.
Er lachte heiser: Wer bist Du, Narr,
Der den Kaiser will berthronen?

Wer ist's? Des Nordens kleiner Zar,
Der neben den Ungarn und Polen
Als Lehnsmann mir zu eigen war,
Er will den Tribut sich holen?

Hoiro! Alle Ritter, auf!
Der Br hat schlechte Sitten.
Vershn' Dich mit dem Hohenstauf,
O Lwenherz der Britten!

Mit dem Adler jage der Leopard!
Im tobenden Weltgedrnge
Sei deutscher Longmuth nicht bewahrt -
Ich lehre euch die Strenge!

Da stiegen empor zwei Recken frisch,
Der eine ein derber Bauer.
In ihm vereint ein seltsam Gemisch'
Weltlust und entsagende Trauer.
Eine neue Gtterdmmerung
Weissagen mu er bange.
Er droht wie Tor mit Hammerschwung
Der rmischen Midgardschlange.
Der Andre war ein lustiger Fant,
Ein scharfer Gedankenspalter
Er liebte Minne und Vaterland,
Wie der Minnesnger Walter.
Sonst schonte er nichts und frchtete nichts
Und hate Philister und Kutten - -
An eurem Wesen uns gebricht's,
O Luther und o Hutten!

Da aus dem Nebel des Traumes stieg
Eine Dreizahl von Heroen:
Ich sah des deutschen Geistes Sieg
Im Anblick dieser Hohen.
Sie schwebten auf wie Adlerflug
Vereint zur Morgenrthe.
Ihr Genius sie aufwrts trug,
Lessing, Schiller, Gthe!

Jetzt hob sich aus dem Nebelmeer
Eine riesenhafte Erscheinung.
Er war allein und um ihn her
Der Feinde Vlkervereinung!
Der kleine Mann und der kleine Staat
Drckten allein sie nieder.
Zorndorf war nur eine Nebenthat
Im Kampf mit dieser Hyder
Und gegen die stlichen Nebel zu
Hob er drohend die Krcke
Und scheucht mit herrischem Du, Du!
Sie in sich selbst zurcke.

Nun aber langsam mchtig wuchs
Wie der steinerne Gast zur Hhe
Eine ernste Gestalt, ich erkannte flugs
Den Stein vom Haupt zur Zehe.
Er kannte den treuen Bundesgeno,
Den theuern Moskowiter,
Der unsern hndischen Dank geno.
Der Freiherr lchelte bitter.
Das war ein Freiherr jeder Zoll,
Ein Herr und auch ein Freier!
O Judasksse tckevoll
Bei Deutschlands Freiheitsfeier!
Europas Herz durchbohrt, verkauft
Von lauernden falschen Beschirmern!
Der Einheit Blthe, mit Blut getauft,
Zernagt von schmarotzenden Wrmern!

Das Herz schwoll mir vor Kummer an.
Da sah ich Ihn auferstehen
Aus der Gruft von Deutschlands Ehre - ein Mann,
Fest von Haupt zu Zehen.
Einen Flamberg hielt er vor sich stracks,
Fest in den Stiefeln stand er.
Den Trotz des Slaven- und Wlschenpacks
Zertreten die miteinander.
Er ist gar schreckbar anzuschaun,
Gleich wie ein Gtze der Wenden,
Mit dem Wodanaug' unter dstern Braun
Und immer das Schwert zu Hnden.

Und da er einen Blick nun warf
Nach dem ghrenden tobenden Osten,
Scholl dort ein Lrmruf grell und scharf:
Lat nicht die Waffen rosten!
Was schwingen wir gegeneinander das Beil,
Wie einstmals die Strelitzen?
Fr uns liegt dort das wahre Heil,
Im Westen zu stibitzen.
Den Deutschen Erbfeind in den Bann!
Er ist der groe Verschlinger.
Er wuchs aus kriechender Ohnmacht an
Zu einem Weltbezwinger.
Entscheidungskmpfe schwer und scharf
Erwarten euch, Teutonen.
Denn nur das heilige Ruland darf
Als Weltenherrin thronen.
Stets weiter unsers Reichs Polyp
Den ehrnen Fangarm dehnte.
Siebirien rastlos vorwrts trieb,
Bis sich's an China lehnte.
Nach China gings vom Kaukasus!
Von dort zum Himalaya!
Am Ganges und am Bosporus
Erwartet uns der Raja.
Afghanen-Emir, Perser-Schah,
Ihr werdet uns Vasallen!
Am Donau-Ufer fern und nah
Der Ukas Donner schallen.

                                      IV.

Sind das Lithauens unendliche Strecken?
Ein Schlachtfeld sah ich in ahnendem Schrecken.

Die Flamme beleuchtet im den Raume
Mit blulichem phosphorartigem Schein
Die reifen Frchte am Pflaumenbaume
Und wandelt in Golddukaten die Birnen.
Hoch ber dem Feuer in stillem Verein
Schweben die Raben mit finstern Stirnen,
Wie schwarze Kreuze auf goldenem Grunde.
Still wird es in der unendlichen Runde.
Die Welt der Insekten brummt und summt,
Das Zirpen der Heimchen nie verstummt.
Das trockene Schilf als Wachtfeuer lodert.
Der einsame Schwan, der sanfte Strer,
Wie eine silberne Glocke fodert
Gebet und Andacht von jedem Hrer.
Und rauscht er empor zur nrdlichen Fahrt,
So wird er pltzlich, eh er's gewahrt,
Von rosigsilbernem Licht bergossen.
Und dann erscheint das Wolkengewimmel,
Als flgen rothe Tcher am Himmel.
Durchsichtige Lmmerwlkchen flossen
Am ther hin, rothgoldene Streifen
Den blauen Horizont umreifen,
Wie von einem Riesenpinsel gezogen.
Die Zieselmuse der Steppe pfeifen.
Die Grser, von frischer Brise gebogen,
Rauschen zusammen wie Meereswogen.
Die grne jungfruliche Oede strahlet,
Dies goldiggrne Meer sich bemalet
Mit tausend Farben. Wollstig badet
Die Steppenmve im Sonnenstrahl.
Den Habicht zu reichlichem Raube ladet
Die Musik des Tages im Steppenthal,
Wo alle Wrmer der Erde erwachen,
Wo das Rebhuhn hinhuscht am feinen Stengel
Der Weizenhre, wo aus den flachen
Steppenstrecken, ein schchterner Engel,
Die hellblaue Kornblume sich erhebt
Und pyramidenfrmiger Ginster.
Leuchtkfer erblassen, der Schatten verschwebt,
Hellgrn ist Alles, was schwarz und finster.

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Und dieses Land der Zukunft trug
Des Deutschen Colonisten Pflug.

    Hm, hm, urtheilte der Rechtskundige, nachdem die Lectre beendet,
bedenklich. Das steht schlimm. Zweifellos Grober Unfug! Sehn Sie, der Paragraph
wird jetzt so gedehnt nach Belieben, da Sie ja ganz unrettbar verloren
scheinen. Beleidigung verschiedener Zaren, speziell des verstorbenen, eines
engbefreundeten Souverains - o, o! Und dann berhaupt die ganze aufreizende
Tendenz! Dieser Ha gegen das engbefreundete Ruland! Ihre Dichtung ist
geeignet, Zwietracht zwischen verbndeten Vlkern zu schren. Nein, lieber Herr,
vom Standpunkt eines kniglich preuischen Richters aus mu man Sie ja wegen,
Groben Unfugs', begangen durch die Presse, verdammen. Kommen wir nun zu Punkt.
Zwei!
    Er las.




                                   Messalina.


                                       I.

O welch ein Wechsel! Neidische Fortuna, du
Willst hemmen meinen sieggekrnten Frevellauf
Und whnst, statt Ses mss' ich Herbes kosten nun?
Doch hierin irrst du. Denn des Unglcks Aschenfrucht
Schmeckt jetzt erfrischend mir und gaumenreizend nur,
Da ich der Hesperidenfrucht zu viel geno.
Und hat der Wechsel selbst nicht manches Reizende?
Des Zufalls ungeahnte schlaue Wendungen,
Das neue Ungewohnte, das Aufregende
Der Furcht und Ahnung und der Hoffnung andrerseits,
Der angestrengte Kampf um Leben und Besitz -
All' dies ergtzt mich, wie ein fremdes Drama schier.
Der Erdballs Herrin gestern, heut auf Tod verklagt,
Gestern in sichrer Burg und heut im Haftgemach!
Ha, Gestern: meines Lebens wonnevollster Tag!

Wir feierten das Winzerfest im Bacchanal
In ser Raserei in des Vergngens Arm,
Mnadisch toll, wie in verschwiegner Mitternacht
An Lesbos' Strand in Thraciens Kluft Trybadenschwarm
Evo-kreischend feiert lsterne Mysterien.
Wir aber tobten offen unterm Sonnenlicht.
Die Kelternbume knarrten und vom sen Most
Die Kufen berstrmten. Frauen, nackt an Bauch und Brust,
Vom Pantherfell umflattert ihre Schultern nur,
Das ihre Lenden los umgrtet, tanzten rings.
Und Allen ich voran, des Festes Knigin,
Ich der Mnaden Tollste und Verfhrendste,
Csarin aller Lste auf dem Weltenrund.
Als Scepter, Zeichen meiner unumschrnkten Macht,
Den Thyrsus schwingend berm Haupt bacchantisch wild.

Zur Seite mir, den Epheukranz im blonden Haar,
Herwankend auf Kothurnen, einem Trunknen gleich,
Im Chor der Zecher, er, mein Liebling Silius,
Mein Buhle, mir auf offnem Forum angetraut,
Mit dem die Hochzeit ich im Kaiserhaus beging
Bei Lebzeit meines Schwachkopfgatten - hahaha!
Doch mitten in der allerfrohsten Lustbarkeit
Erklomm der Gste Einer einen Palmenbaum
Und als wir riefen: He, was siehst da oben Du?
Schrie er voll Angst: Gewitter naht von Ostia!
War's eine Ahnung, war's ein Scherz, weisagend halb?
Genug, einschlug es wie ein Blitzstrahl unter uns
Und horch! Durchs Evo der Gste klirrte Stahl.
Enteilend dem Verderben, auseinander stiebten wir,
Doch rings umschlossen uns die Garden, mordgewohnt.

Mein brtiger stiernackiger Calpurnius
Wird hier durchbohrt, dort Plautius, mein Herkules,
Dort Bettius, mein lieblicher Narci, dort windet sich
Cson, der feiste Zotenreier, Lehrer aller Gru'l
Und Schler aller Laster. Reizt uns niemals mehr
Zu wieherndem Gelchter Dein gewagter Witz?
Weh, Mnester, schonten sie nicht Deinen schlanken Bau,
Der dem Caligula, dem Kenner, wohlgefiel?
Ich ehre meines Vortyrannen Kunstgeschmack,
Obwohl mein Blick fr schne Mnner noch gebter ist:
Drum, feiler Tnzer, bernahm ich Dich von ihm,
Lustknabe einst des Csars, liebte die Csarin Dich.
Haha, er strubte sich, der vielerfahrne Frauenheld,
Der Abentheuer fast fr jedes Lckchen zhlt:
Er wute, da verhngnivoll ich immer ward
Fr Jeden, den ich liebte. Widerstand er mir,
Erreichte ihn mein Gift. Und lieferte er aus
Sich meiner Gier, so rumte ich ihn selbst hinweg,
Ward er mir lstig, oder meines Gatten Beil
Traf seinen Nacken. Ha, er weigerte sich drum,
Mein schlauer Mnester. Und was that ich? Holte mir
Von meinem Ehe-Esel einen Staatsbefehl,
Da er mir ausgeliefert werde, sintemal
Der Knecht nicht tanzen wolle auf der Frstin Wunsch!
Der Sprde tanzte nun, doch in viel feinrer Art.
Auch er ward hingeschlachtet, mir zur Freude fast:
So straft ihn das Geschick, weil er mich schmachten lie.
Doch Du - das war ein harter tiefempfundner Schlag,
Auch Du, mein Silius, mein Pseudo-Ehgespons,
Sankst hin zu meiner Seite pfeil- und speerdurchbohrt,
Die blonden Locken mischten blutig sich dem Staub.
Wann werd' ich wiederschaun Dein frisches Angesicht,
Die Rosenflur, auf der mein Mund sich weidete?
Nie lehn' ich schmachtend an der glatten Schulter mehr -
Nein, Alles ist nun Raub und ekler Wrmerfra.

Ich selbst entrann und schleppte durch den Markt mich hin
Durchs halbe Rom. Zuletzt ich einen Karren fand,
Den rief ich an und setzte mich als Fracht hinauf.
So fuhr ich, die Csarin, in die Nacht hinein
Wie ein erbrmlich Hkerweib. Und als ich mir
Den Wagenlenker recht ins Auge fate jetzt,
Sieh da! So war's ein Wohlbekannter, doch von wo?
Mit so unzhl'gen Mnnern pflog ich ja Verkehr!
Bald brachte die Erinnrung mir sein Bild zurck:
Ein ausgedienter Gladiator war der Bursch.
Doch in Arena und Theater nicht mein Aug' ihn traf,
Nein, in der nchtigen Taverne, jenem Lupanar,
Wo als Lycisca selbst als Dirne ich gedient.
Ha! ser Dienst, nur war er mir nicht schwer genug.
Denn nimmer konnte ich befriedigt seufzen: Gut!
Ich kann nicht mehr. - Ach wie behaglich war es doch
Fortschlich ich mich vom ehelichen Thalamus,
Wenn mein kahlkpf'ger Schlottrer schnarchte neben mir
In tcht'gem Rausch, von Trunk und Vllerei beschwert.
Manchmal macht' ich den Spa mir, den erquicklichen,
Zwei Gassenmetzen zuzufhren ihm im Rausch,
Calpurnia und Kleopatra, an meiner Statt!
Haha! dmonisches Vergngen labte mich,
Weil so das Kaiserlager doppelt ward entehrt.
Denn bester Kitzel fr den Lderlichen ist
Das Ueberma der stinkenden Ruchlosigkeit.
Ich aber schlich als Priest'rin der Vulgivaga
Durch Hf' und Gassen, bot mich jedem Strolche an
Und kehrte endlich in der Morgendmmerung
Erschpft, doch ungesttigt zum Palaste heim.
(Weh' mir! Was khlte jemals meine sieche Brunst?)

Und sieh, der alte Zechcumpau erkannte mich,
Erinnerte sich gern der drallen Buhlerin,
Die jeden nervigen Bootsknecht schwelgen lie im Schoo,
Und grte mich: Lycisca. - War's ein Schicksalshohn?
Ich lie den Mann im Wahn, der ihn ermuthigte
Mich derb zu drcken in verliebter Possenreierei,
So da die Langeweile eben noch bewltigt ward
Und ich mich trstete in meinem Ungemach.
Der Arme, htt' er mich erkannt, so starb er ja!
Gleich jenen Hflingen, die einst im Lupanar
Mich trafen und erkannten, und sich weigerten,
Um keine Gottesschndung zu begehn, wofr als Lohn
Ich ihre Tchter schnden und verfhren lie!

                                      II.

O Hhe meiner Allmacht! O mein tiefer Sturz!
Die Diebin Agrippina stiehlt mein Diadem.
Ich sehe sie vor mir im Geist, die Schmeichlerin,
Im heimlichen Gemach bei meinem Schattenmann.
Wie sie den abgebrauchten Lstling kitzeln wird
Durch schlaues Zeigen und Verhllen, Bieten und Verwehren auch
Wie sie mit schlauem Honigwort ihn reizen wird
Der Gte Taubensanftmuth bald im feuchten Blick,
Bald edlen Zornes Lwenmuth im Feueraug'!
Bald slich lchelnd, abgefeimte Buhlerin,
Zweideutige Spe lispelnd und gemeinen Scherz!
Bald ernst und stolz, der Frauenwrde hehres Bild,
Mit majestt'schem Faltenwurf der Tunika,
Die leider sich in jedem Augenblick verschiebt,
Wenn sie in plastisch schner Stellung Arm und Bein
Heroisch von sich streckt! Wie wird in hohem Ton
Vor ihm sie deklamiren aus dem Aeschylus,
Zur Lyra singen den Catull, feinsinnig gar
Ihm den Horaz erlutern und zuguterletzt
Tiefschmerzlich feufzen ber den Euripides,
Weil er die Frauen so abscheulich schwarz gemalt,
Denn unsre schnen Seelen, ach! verstand er nicht.
Dann giebt es Ziererei, wenn er sie trsten will
Und ihr versichert, heilig sei fr ihn das Weibliche.
Dann wechselt schroffe Klte, strenge Zchtigkeit
Mit heiem Ausbruch gut gespielter Leidenschaft -
Lukretia, Cornelia, Antigone
Verwandeln pltzlich sich in die Semiramis,
Vampyrisch lstern und bacchantisch liebehei.
Wohl, Agrippina, gleichst Du der Assyrerin:
Im Herzen Vlkermord, im Auge Sinnenbrand,
Staatsweisheit auf der Lippe, die von Kssen brennt,
Vom Thron sich wlzend in der Unzucht Lotterbett.
Ha, dessen rhm' ich mich: Ich war zu stolz dafr,
Von Pallas mir zu borgen ihren Tugendschild,
De glatter kalter Stahl die Blden blenden soll.
Ich war der Snde offenste Verkrperung,
Mein Fleisch und Blut verlugnete durchaus den Geist,
Nie heuchelte ich hher'n Sinn. Ich bin die Lust,
Denn weiblich ist die Snde und ich bin ein Weib.

                                      III.

Des Fatums Netz hlt mich umstrickt, das unentrinnbare:
Entweder trifft mich des Kroniden Racheblitz
Oder die Himmelsfrstin Juno drckt
Das Scepter voller Macht aufs neu mir in die Hand.
Versucht hab ich, was mglich, und ich hoffe noch.
Bittschriften und Frbitter bot ich smmtlich auf,
Um unablssig zu bestrmen meines Gatten Sinn.
Der Dickbauch hat kein Herz von Stein, ist schnell erweicht
Und glaubt am Ende, da ich schuldlos angeklagt,
Denn dumm genug dafr ist der Vortreffliche.
Ich selber warf mich ja ihm weinend in den Weg
Bei Ostia, vor seiner Snfte knieend bat
Gehr ich fr die Mutter des Brittannicus.
(Als dessen Vater sich der Geiferer berhmt,
Mir selbst ist der Erzeuger nicht so ausgemacht!)
Da berschrie mich zwar sein feiger Kmmerling,
Erstickend meiner Klagen s beredtes Fleh'n.
Auch hielt er eine Rolle von Papyrus vor
Dem Weltbeherrscher, wo verzeichnet meine Schuld:
Natrlich konnte dem der Tropf nicht widerstehn,
Ihm hat ja stets besondern Reiz Geschriebenes.
Doch jetzt zum Gnadenbitten habe ich bestimmt
Die lteste Vestalin. Diese Frsprach' mu
Erretten mich. Haha, ein schnes Bild auch dies
Und mglich nur in dieser Weltkloake Schlund,
Da die Vestalin fr die - Messalina fleht!
Natrlich fielen zwar die Meisten von mir ab:
Der Mensch vergiebt der Macht der Frevel Ueberma,
Dem Fallenden verzeiht er Nichts. Das trstet mich,
Da ich den Lumpen rechten Grund zum Hasse gab:
Dreihundertfnfzehn Ritter, Dreiig vom Senat,
Und von Quiriten eine ungezhlte Menge noch,
Lie ich vernichten: Theils weil abhold meiner Macht
Und meine Frevel tadelnd, theils aus Eifersucht
Und Rachsucht den, der meinen Schlingen sich entzog.
So rumte den Vicin ich aus dem Wege mir,
Den Gatten von der Nichte meines Hahnreimanns.
Die Nichte war gefllig, nherte dem Csar sich,
Und mir gefiel Vicin. Der Geck hat mich verschmht,
Und sprach von Treu' und Tugend - Beide starben drum.
Silan auch starb, der blde Held. (Stiefvater mir,
Denn meine Mutter gab ihm Claudius zur Frau.)
Ich war nach seiner Liebe lstern und umarmte ihn
Einst etwas zu verwandschaftlich. Das merkte er
Und deutete mir drob sein Mibehagen an,
Blies auf die Freundschaftsflte, sprach von Unnatur!
Pah, Unnatur! Natur ist alles, was Natur erlaubt,
Was ich begehe, ohne grad zu sterben dran.
Naturinstinkt ist jeder Trieb im Menschenblut:
Was ich besitzen will, ist mir auch drum gewhrt,
Gestattet ist, was mir gefllt. Pasipha
Verliebte sich in einen Stier. Und fhle ich
Verlangen, mich zu paaren einem Krokodil -
Wer schreit da Unnatur, da mir's Natur gebeut?

Ja, Sinnlichkeit war meines Lebens Lust und Qual:
Verzehrend And're, hab' ich so mich selbst verzehrt.
Um den zu fangen, der sich meiner Macht entzog,
Verlieh ein Gott mir Schnheit - schnell bestrickend wie
Medea's Zaubertrank und Paphos' Sommernacht.

                                      IV.

O se tolle Orgien, wo in dem Kreis
Geliebter Frechheit, von Begierde wild zerfleischt,
Becher nach Becher lachend ich hinabgestrzt
Von honigduftendem Falerner rauschgewohnt.
- Nie sah ich so verlockend meiner Schnheit Bild
Vor Augen, als da ich mich heimlich spiegelte
In dem geschliff'nen Erzschild an der Marmorwand
Einst im Zenith des Sinnentaumels, wild verzckt.
Mein wallend Haar, in krausen Locken ringelnd sich,
Wie einer Furie oder Gorgo Schlangenhaar,
(Die Furie der Begierde hauste ja in mir,
Selbst hetzend den Genu, von innerem Fluch gehetzt)
Blauschwarz wie Ebenholz, von Wollustthrnen feucht,
Gleich wie ein perldurchwirkter dunkler Seidenflor,
Peitschte den weichen Nacken und des Rckens Schnee,
Sich schmiegend um des Busens makellose Form
Bis zu geschwellter Hften ppiger Flle hin.
- Des Unterkrpers Stellung war nicht minder schn.
Die kleinen Fe in goldfranzigem Pupurschuh
Zerstampften ruhelos des Estrichs Mosaik
Zum Tact der Flte, die verlockend girrte rings.
Die runden glatten Kniee bebten im Genu,
Matt ausgeglitscht. Wie gttlich hingegossen lag
Der Leib, der schmachtend hingeglitt'nen Glieder Pracht,
Die Grazie der Wollust jedem aufgeprgt!
Durch der zurckgebogenen Schenkel rosige Haut
Pulsirte schimmernd Scharlach des erhitzten Bluts
Im Blau der Adern, wie der Freude Morgenroth.
Purpurgesumt, schneewei, die seidne Tunika
War abgestreift, der goldne Grtel losgelst,
Die blh'nden Arme nackt und voll emporgestreckt.
Und nur des Purpurvorhangs rosiges Dmmerlicht,
Der Weihrauchampel matter Schein nun fiel
Auf die weirosigen Formen, lstern hingedehnt
Auf Kissen von Tyrrhenerpurpur perlbestickt.
Das goldne diamantbesetzte Diadem,
Symbol der Weltmacht, kollerte vergessen dort
Auf Perserteppich. Palmzweig, grner Epheu war,
Ihr Wei zu zeigen, auf die Schulter hingestreut -
Durch's schwarze Haar schlang sich der Rosen rother Kranz.
Das Auge brauchte keine farbige Zierde, traun!
So glhend, wie der Sonne Gold, des Blutes Roth
Brach durch die schwarzen Wimpern schwarzer Augen Gluth
Im ungezhmten Feuer herrschender Begier,
Durch Wollustthrnen s gedmpft, wie durch
Des Tropenregens Schleier der Canopus brennt.
Die rothen Lippen - hei geffnet waren sie,
Doch nicht wie eine Rose, die den Kelch erschliet -
Wie eine aufgeriss'ne Wunde drstend stets
Nach Balsam fr die Qualen einer innern Gluth.
Doch khlt und lindert nicht der Ksse Feuerthau:
Drum sog mein Busen ewig unter Seufzern ein
Die schwle Ambraluft, gleich wie den Wstenwind
Des Berberrosses Nster saugt, zum Ritt bereit.

                                       V.

Und welch' ein Gtterspa, welch' witziger Frevel war's,
Wenn ich die Jungfrau'n und Matronen, die zum Fest
Ich lud und die aus Furcht zum Pallatin gefolgt,
Preisgab den Lsten abgefeimter Lstlinge.
Unwrdig Deiner nicht, o Gttin Aschera,
War dieser Einfall. Denn wie Deinem nchtigen Dienst
Man unberhrte Mdchenblthe opferte,
So fordert' meine Gottheit auch der Keuschheit Raub.
Welch greller Angstschrei, welch verzweifelt Wehgesthn,
Welch wildes Weinen der erzwungnen Wollustpein
Erscholl da, lieblich meinem Ohr - zu bald erstickt
Von meinen nervigen Buhlen vor dem Hochaltar
Der Gttin Unzucht, die in Saales Mitte stand.
Ja, all die bittern Thrnen, die vergossen dort -
Auffangen htt' ich mgen sie im Goldpokal
Und schlrfen nimmersatt ihr bittres Salz,
Damit der Hunger meiner Grausamkeit gestillt.
Wie manche Unschuld, manche Herzensreinheit ward
Von mir geknickt und faulig in den Koth gestampft!
Doch bei Matronen (ehrbar keusche whlt' ich nur)
War sorgsam ein besondrer Reiz von mir erdacht.
Denn ihre Gatten lud ich alle ein zu gleicher Zeit:
Die zwang ich nun vor ihren Ehgesponsen selbst
Mit siechen Freudenmdchen sich genugzuthun.
Die armen Weiber aber, die vor Gram und Eifersucht
In Ohnmacht fielen, lieferte den Meinigen
Ich aus vor ihrer Mnner Aug' zum Ehebruch! -
So lie ich sich ergieen, einen Unflathstrom
Von namenlosen Grueln, bis im eklen Sumpf
Der Sinnlichkeit, im Pestpfuhl der Verderbtheit ganz
In Schlamm getreten alle Tugend, Wrde, Sittsamkeit.
Ha, welch homerisches Gelchter schallte hell
Aus dem Gehege meiner Perlenzhne dann,
Wenn der Entehrten Fluch zu mir heraufgetnt.
So geh es Jedem! rief ich triumphirend aus
Und drckte wild aus Herz den Allerschndlichsten
Wer albern sich der Sinnenlust entziehen will
Und meines Wandels spottet durch Anstndigkeit!
Ha, Beifall wieherte mir der verruchte Schwarm,
Noch siedet froh mein Blut bei der Erinnerung -
O wie behaglich war's im Pandmonium!
- Abscheulich fhrte sich nur eine Dirne auf,
Vestalin war sie: Diese gab sich selbst den Tod
Vor meinen Augen - hu, wie sie so bleiern lag,
So steif und still! Und langsam rann der Lebenssaft.
Ja, er verrinnt und dann ist Alles, Alles aus.
Getrost. Noch kocht mein Blut in voller Sinnenkraft
Und schleicht nicht siech durch altersschwache Adern hin.

Auch jene Arria emprte mich mit Fug,
Die standhaft frech im Tod beschmte meine Wuth.
Doch welche Lust hinwieder bot der Augenblick,
Wenn in der Leidenschaft Umarmung festverstrickt,
Wie eine Schlange ihn umgrtend, heimlich ich
Auf einen Buhlen, de ich berdrssig ward,
Den Dolch gezckt und ihm durchbohrt das trunk'ne Herz,
Der ahnungslos an meinen Lippen festgesogen hing.

Ja, Grausamkeit und Wollust, se Zwillinge!
Erzarmiger Bttel mit dem stumpfen stieren Blick
Erbarmungsloser Roheit - welch bezaubernd Bild!
Braunfette Dirne mit der schweiig feuchten Hand
Und lstern blinzelnd wie ein Geier - mein Idol!

Ein Brief? - Von wem? Von meiner Mutter Lepida?
Sie rth, anstndigen Tod zu whlen? - Rast die Frau?
Warum? - Anstndiger Tod? Meint sie freiwilligen?
Ich willig aus dem Leben scheiden? Nimmermehr! -

                                      VI.

In ungewissem Jugendbrten, als mein Geist
Noch nicht zur nackten Klarheit der Erkenntni kam,
Da Alles Rauch und Unsinn, auer Sinnlichkeit,
Da Scham und Scheu nur Dummheit, Frechheit Gre ist -
Da blttert' ich in faden Philosophen oft,
Nach einem Etwas suchend, das ich wrfe froh
Der Langeweile in den nimmersatten Schlund.

Die faselten nun ewig von Unsterblichkeit,
Von Seelenleben. Seele? Was ist Seele denn?
Ausflu des Blutes und Gehirns, so ahne ich,
Abhngig vllig von des Leibes Regungen,
Bethtigung des Krperlebens in Gedank' und Wort
Durch ihn geboren, sterbend mit dem Leibe auch.
O ser Leib, du der Gensse Zeugerin!
Dich schmhen sie und nennen ein Gefngni Dich,
Das nur die Seele hemme in dem freien Schwung.
Was soll das heien? Dunkel ist mir dieser Spruch.
Hab' je von freiem Schwung ich einen Hauch versprt?
Nichts da! Auf sogenannte Seele habe ich
Nie viel geachtet, nur den Sinnen unterthan.
Der Leib ein morsch Gefngni? - Dies ist leider wahr,
Da er hchst unvollkommen fr Genu gebaut
Und da ich oft der Thiere Loos beneidete.
Des Lwen Strke und des Affen Leistungskraft,
Des Elephanten Magen ist wohl neidenswerth.
Insofern hab' ich allerdings gar oft gestrebt,
Mich auszudehnen, diese schwchliche Natur
Htt' mit des Nashorns dickem Leib ich gern vertauscht.
Doch sonst schien grad' die Seele mir ein Folterknecht,
Ein dummer Richter, der mit frostiger Mahnung stets
Durch das Gewissen uns die Lust vergllen will.
Wenn wirkliche eine knftige Unsterblichkeit,
Wo von dem Leib die Seele, wie man's nennt befreit,
Verzicht' ich gern darauf, darf ich nur lnger hier
Im Erdenkothe waten. Ohne Leib - was ntzt
Mir weit'res Dasein noch? Giebt's drben Straf' und Lohn,
Fr meiner Snden Rechnung mt' ich zittern dann.
Doch Snde - was ist Snde? Snde giebt es nicht an sich.
Gesetz und Menschenbrauch erschuf nur diesen Wahn,
Ein Freier hhnt der blden Menge Formelzwang.
Und jene Gtter, (diese Dichter-Spottgeburt
Sie snd'gen wie die Menschen, bermenschlich fast.

Der Gttervater, prachtvoll ist er nach dem Bild
Der Knstler, die zwar lgen wie die Dichter auch.
Die Locken, die ambrosischen, die Stirn, das Aug'
Vor allem seine majesttisch breite Brust,
Die mcht'gen Knie, der massige gewlbte Arm -
Ach, ein Phantom, ein unerreichter Weibertraum,
Ein Mann in jedem Zoll! Wie gerne wr'
Ich seine Jo-Kuh und schmiegte tastend mich
Europa gleich an ihn in brnst'ger Stiergestalt!
Und wahrlich, wenn der Tod nun einmal droht,
Den wrd ich whlen, zu vergehn in seinem Arm,
Semelegleich im Gipfel des Genusses grad'.
Ach, all die prchtigen Gtter lieb' ich sehnsuchtsvoll,
Nur Amor nicht, obwohl ich ihm verpflichtet bin.
Er ist ein Kind und kost und schmeichelt mir zu zart:
Ich will kein Spielen unter Blumen, keinen Scherz,
Nein grimmen Ernst und brnst'gen Kampf der Leidenschaft,
Der strammen Mannheit Ringen nur befriedigt mich.

Den sonnenlockigen Apoll, so schn er ist,
Lieb' ich am mind'sten: Zu erhaben ist er mir.
Der Mann, den ich begehre, habe wenig Herz
Und gar kein Hirn - so pat er mir zur Liebelei.
Der listige Merkur, den auch sein Gold empfiehlt,
Ist mir schon theurer. Ueppig schner Bacchus gar,
Wie mcht' ich dankbar pressen Deiner Lenden Rund,
Weil Du den Wein, der Liebe Bruder, uns verliehn!
Viel Reize hat der grimmig finst're Pluto auch:
Er ist so s gewaltsam, greift so unverzagt
Mit Fusten zu und wirbt nicht lange, strmt sogleich;
Vielleicht darf ich im Hades seinem Lager nahn,
Abschmeichelnd als Proserpina ihm manche Gunst.
Neptun, der sehnige Seemann, er gefllt mir sehr
Mit seiner Muskeln strotzend rauher Ueberkraft,
Ich denk' ihn mir ein wenig grob, er schimpft und schlgt,
Ist sonst gemthlich, kurz ein Muster-Ehebr.

Doch ganz besonders, Mars, verehr' ich Deinen Reiz,
Starkschenkliger Anbeter der Kythera Du!
Wie oft geno ich dieser Episode Kunst
Im langweiligen Epos, das Homer geschmiert,
Wo euch Vulkan in traulichster Zusammenkunft
Verkettete! Wie lstern das geschildert ist! - -
Nun, wenn Du so der Venus huldigst, holder Gott,
Ist nicht mein Mund gleich schwellend und gleich weich mein Schoo
Gleich ppig nicht mein Busen wie der ihrige,
Wenn meiner Wang' gesunde Rthe auch verblht
Im Fieberroth und schwlen Bla der Leidenschaft? -
Man sagt, das Roma's Stamm erzeugt, weil Du bezwangst
Im Tiberhain die Rhea Silva, deren Kind
Nachher die Wlfin sugen mute. Nahtest Du
Auch mir doch berraschend ungeladen so!
Denn hier der Park Lukulls hat manche Rasenbank,
Weich-warm und dunkle Lauben voll Verschwiegenheit:
Besuche mich, ich lade Dich als Gast zu mir.
Und brauchst Du eine Wlfin, dien' ich selbst dafr:
Der Wlfin Brunst verglich man mit der meinen oft!

Doch leider ist dies Alles Fabel und Phantom -
Nicht Gtter sind noch Dauer nach dem Tode, nein!
Und dennoch mcht' ich's glauben, tuschend die Vernunft,
Denn Nichtsein scheint mir doch das Allerschrecklichste.
O wr' doch Seelenwandrung uns bescheert!
Macht mich zur Wildsau oder Natter, tckisch geil,
Zur Tigerkatze, whlend in dem Eingeweid
Der Unschuld mit der Kralle, die sie sonst verbirgt
In Sammet-Pftchen, drstend nach der Opfer Blut!
Nur, nur nicht Nichtsein! Dies allein ist frchterlich!
Macht zum verworfensten Geschpf, zum niedrigsten,
Zum wehrlos unterm Tritt gekrmmten Wurme mich!
Nur lat mir das Gefhl des Seins im Sonnenlicht,
Des Athmens, sich Bewegens, Schlafens, lat mir noch
Des sen Nichtsthuns Wonne, den Ernhrungstrieb,
Des Fressens Nothdurft und der Zeugung se Qual,
Lat kriechen, brten, paaren, whlen mich im Staub! -
Ja, selbst des Hades Marterstrafen zg' ich vor
Dem ewigen Schlaf: Der Schmerzen Wollust lernt' ich dann.
Der Probe werth auch dies fr Unersttliche.

                                      VII.

Wer kommt? Wer seid Ihr? Ein Tribun - und Du erscheinst
Ein Freigelassner? Evodus, so nennst Du Dich?
Nun denn, was willst Du? (Jung und hbsch ist dieser Knecht,
Vielleicht will er mich trsten in der Einsamkeit.)
Willst zur Gesellschaft dienen und als Zeitvertreib,
Nicht wahr? Wir wollen sehn. Nun, Du gefllst mir wohl.
Ich mag Dich. Doch gewhn' Dir ab den stieren Blick!
Was starrst Du mich so an? - Komm her, ganz leise Freund!
Schick' den Tribun doch fort, den Kerkermeister hier:
Der alte Griesgram strt uns im Beisammensein.
Wir wollen plaudern. - He, Tribun, was weilst Du noch?
Ungndig bin ich brigens. Mein Lager dort
Ist mir nicht weich genug. Hol' Pantherfelle her
Und Wolle, Linnen, Lammvlie, seidne Kissen auch.
Vale. - Mein Schoo ist um so weicher, Evodus.
Komm, la uns kosten, was uns Venus hier bescheert.
Komm! - Nein, was grinsest Du so schauerlich?
Das ist kein Wollustgrinsen, das ist Henkerhohn.
Was packst Du so mich an? Das ist kein Liebesgriff.
Ich mag Dich nicht. - Tribun! Noch stehst Du auf dem Platz?
Ich hie Dich gehn. Gleichviel! Jag' diesen Burschen fort,
Er ist betrunken. - Keine Antwort? Hrst Du mich?
Tribun, gehorche der Csarin! Furchst die Stirn,
Ein finstres Lcheln huscht um Deinen brtigen Mund?
Was kndet das? Weh, sprich ein Wrtchen! Bist Du stumm?
Ri aus dem Hals man Dir die Zunge? Ha, wenn nicht,
So will ich's jetzt gebieten, da Du knftig lernst
Zu reden, wenn ich will. - O Zeus, noch immer stumm?
Weh mir! Tribun, Du ser treuer Rmerheld,
Du Sule unsers Staates, kannst Du weinen sehn
Die gndige Herrin und noch lnger foltern sie?
Ah! - Rette mich! Zu Hlfe, heda! - Ueber mir
Ein Schwert?! - Du trunkner Sclav, wagt Deine Hand zu nahn
Den heiligen gesalbten Locken? Wehe Dir!
Das ist Verrath, Verschwrung! Frchterlich soll meine Wuth
Euch treffen, falls Du nicht die Klinge senkst sofort.
Wie wagst Du's nur auf eigene Verantwortung?
Was sagst Du da? Welch schrecklich Wort vernahm mein Ohr?
Auf das Gehei des Csars, hier sein Siegelring!
'S ist wahr! O Grausen, namenlose Todesangst!
So mu ich sterben - noch so jung? Ich habe kaum
Zur Hlfte den Pokal geleert. Genu, Genu!
Entgleitest meinen Hnden Du, o Zaubertrank?
Ich schreie - hre mich! - O Leben, bleibe mir
Tod - Nichtsein - Strafe - Ende - kein Genu mehr - Schmach,
Pein, ewige Pein - Vermodern - - Ah, so schlag' herab
Du Blitz des Rchers! Strze nur, Damoklesschwert!
Was schwebt die Klinge ber mir? Sto zu!
Verflucht sei Deine Hand! - Nein, gieb mir einen Ku!
Ich lechze noch nach einer Neige Sinnlichkeit! -
Was, ich verschmht? Du lachst mir in die Augen, Knecht,
St'st mich zurck? - Wie sollst Du ben! - Nein, ich irrte mich,
Du bist ein braver Bursch. Wie mild Dein Lcheln ist!
So la mich noch ein kleines Weilchen leben, Freund,
Im angenehmen Sonnenlicht, ein Stndchen nur! -
Zu lang schon wartest Du? So la mich winselnd Dir
Den Fu umschlingen, mit Verzweiflungswuthgeheul
Nach etwas Leben schrein! - Kein weiterer Verzug?
So mu ich denn hinab? Nie darf ich buhlen mehr,
Nie ser Snde frhnen? - - Schuld gebiert den Tod,
Das grte Uebel - Leben ist das hchste Gut.
Tod - grlich! - - Ah, das traf! -
Ein Schmerz noch - - und dann - Nichts.

    Rechtsanwalt Isidor Knaller hatte mit Andacht den Kelch zur Neige geleert
und leckte sich unwillkhrlich die schmalzigen Lippen ab. War er doch ein
gebldeter Mann, der mit Vorliebe in Goetheana herumschnffelte und die
Liebesabenteuer jenes alten Herrn am Schnrchen auswendig wute. Ob Goethe in
platonischen oder andern Beziehungen zu Frau von Stein gestanden, darber
verlautbarte er schon manch schneidiges Wrtlein.
    Nein, nein, mein Hochverehrtester, auch das steht schlimm. Sie treiben's
aber auch zu arg. Sie machen aus Ihrem Herzen keine Mrdergrube und nennen ja
alle Dinge beim rechten Namen. Aber ich bitt' Sie, so 'was geht doch nimmer an!
War denn das je erhrt? Bei Ihrer Messalina wird man ja ganz aufgeregt.
    Ei, das bedaure ich! Ich selbst verfolgte nur den sittlichsten Zweck, die
Nichtigkeit der Sinnengier zu zeigen und ihre Strafe. Auerdem aber, was kmmert
sich die Kunst um die Anstandsbcher einer Gouvernante! Ja, dies sind nicht die
Geheimnisse der Alten Mamsell, dies sind die Geheimnisse der Messalina. Wem bin
ich Rechenschaft schuldig, ich der Schpfer? Ich thue was mir beliebt und singe,
wie mir der Schnabel gewachsen ist.
    Aber ich bitt' Sie! Knaller schlug die Hnde ber dem Kopf zusammen. Wer
soll denn Ihre Werke lesen?
    Die Mnner.
    Ach herje, wir haben doch alle zu viel zu thun, jeder in seinem Amt. Abends
ist man mde, da spielt man Skat und trinkt sein Schppchen Bier. Aber unsre
Damen, die holden Schtzerinnen der Litteratur -
    Pfui Teufel! Leonhart spie aus. Schreckliche Pause.
    Der Rechtsanwalt sa geknickt da und murmelte: Herr Doctor, Sie sind mir
ein Rthsel. - Ja, aber die Gerichte, verehrter Herr, die Rechtspflege dieses
Landes mssen Sie doch anerkennen. Unter dem Gesetz stehen doch auch Sie, Sie -
Schpfer. Nehmen Sie mir's nicht bel, aber die Herrn Dichter haben manchmal
sonderbare Begriffe. Sie z.B. -
    Leonhart unterbrach ihn: Ja, ich gebe es zu, ich habe mich nie als Brger
und sozusagen als Mensch, sondern immer nur als Dichter gefhlt, dem Dmon
meiner inneren Mission alle Sfte meiner Jugend geweiht.
    Hm, sehr - sehr interessant, nselte Knaller. Aber pat das wohl noch in
unsere nchtern praktische Zeit? Da sind Sie doch schief gewickelt. Und dann -
hehe - wenn Sie so ganz Ihren schnen Idealen leben, so sollten Sie doch eben
das unpoetische Weltleben ganz unbercksichtigt lassen. Sehen Sie, unsere Damen
- ich wei das von meinen Cousinen her - hassen Sie ja gerade, weil Sie so - so
realistisch, so unpoetisch denken. Sehen Sie, Julius Wolff - das ist ein
gottbegnadeter Poet, der das Schne pflegt. Aber Sie - sehen Sie, die Politik
und die sociale Frage gehren doch nicht in das Reich des Schnen, der
gttlichen Kunst.
    Leonhart hielt mit Mhe an sich. Ruhig erwiderte er: Ja, mein lieber Herr
Rechtsanwalt, ich begreife, da Sie, ein so reichbesaittes poetisches Gemth,
das Ideale vertheidigen. Schnheit lebt nur in dem Reich der Trume, in
Wolkenkuckucksheim. Aber wir Armen gehen einer ernsten furchtbaren Zeit
entgegen, wo der hohle Schnheitscultus, die sthetische Formfexerei sich
endlich verkriechen mssen. Nur die Feder gilt dann noch, welche von Stahl ist -
Gnse-und Schwanenfedern zerbrechen. In Bereitschaft sein ist alles.
    Na, ich gre Ihre Schwertfeder! Der Rechtbeflissene rusperte sich
vielsagend. Aber Ihre Sache steht faul, so viel kann ich Ihnen nur sagen. Ich
widerrathe Ihnen zu appelliren. Es kostet Ihnen nur ein schmhliches Geld und
der hohe Gerichtshof Knaller sprach dies Wort immer mit ehrfrchtiger Salbung,
kann ja nicht anders entscheiden als der Herr Staatsanwalt. Denn Ihre Messalina
- darber sind wir uns ja alle wohl klar - ist ein unsittliches Erzeugni,
hehe! Er kniff schelmisch ein Auge zu und zwinkerte den Dichter an, als handle
es sich um ein vertrauliches Privatzugestndni zwei schlauer Bierbrder.
    Herr, schrie Leonhart wthend, ich verbitte mir jedes weitere Urtheil
darber. Was verstehn Ihre verstaubten Codices von der hheren Moral eines
Dichters? Ich Ihre Gesetzbegriffe respektiren? Nein und dreimal nein. Sie haben
berhaupt keine Competenz, Hheres nach Ihrer Buchstaben-Elle zu messen. Ich
kenne das: Das ist so der rechte juristische Grenwahn!
    Knaller sprang erregt auf. Ich mu mir ernstlich verbitten, Herr Doctor -!
Und Sie reden von Grenwahn - erlauben Sie, das ist gnstig! Wie, Sie
bestreiten die Competenz der Rechtskunde?
    Gewi thu ich das. Was versteht ihr Buchstabenkrmer vom Geist des Rechts?
Alles glaubt ihr mit strenger Amtsmiene beschnffeln zu drfen und verstot doch
in jedem Fall, wo ihr mit Buchstaben-Frevlern zu thun habt, gegen alle
Rechtsmoral.
    Das wre! Demonstriren Sie das doch geflligst an einem Beispiel!
    Leonhart sann einen Augenblick nach. Ich hab's! rief er dann. Positus
gesetzt den Fall, ein junger idealangelegter rechtsunkundiger Mensch -
    Unkenntni der Gesetze entschuldigt nicht, fiel Knaller eilfertig ein.
    Aha, da haben wir's ja! - Nun also, der soll einen Wechsel unterschreiben,
sagen wir mal: als Knstler fr noch unbezahlte Leinwand oder Rahmen oder
Farbentben. Der Kaufmann aber, dem der Jngling nicht ganz sicher scheint,
gngelt ihn so beilufig dahin, ob er nicht den Wechsel lieber im Namen seines
Vaters oder Onkels oder Vormunds, bei dem er wohnt und dessen Erbe er ist,
unterschreiben wolle.
    Oho! Der Rechtsanwalt spitzte die Ohren.
    Und der Jngling in seiner Einfalt, begierig die Farben oder die Leinwand
fr sein Schaffen zu erhalten, da er zudem wei, da der Wechsel von dem
Unterschriebenen honorirt werden wird, setzt arglos den Namen seines Vaters oder
Onkels oder Vormunds darunter. Was sagen Sie dazu?
    Hm, Knaller wiegte nachdenklich sein Denkerhaupt. Grobe Wechsel- und
Urkundenflschung. Zuchthaus ist das mindeste, was -
    So und was bekommt der Hndler, der ihn dazu verleitete, auf die
Unwissenheit des Andern bauend?
    Hm, so 'was ist schwer zu beweisen. Das Jus hlt sich an Thatsachen.
    Aha! Und wenn nun der Wechsel wirklich honorirt wird und sich herausstellt,
da der rechtsunkundige Urkundenflscher im Grunde genommen nur pro cura
geschrieben, etwa wie ein Redactionssecretr oder Verlagsprokurist sich als
Redacteur oder Verleger unterzeichnet, falls er in deren Auftrage schreibt?
    Bleibt ganz egal. Ein Wechsel ist kein Brief. Bekommt der Staatsanwalt das
Dokument zu Hnden, so geht die Klage von Rechtswegen ihren Gang und der
harmlose Jngling wird im Zuchthaus lernen mssen, da ein deutscher
Reichsbrger die Gesetze seines Landes zu kennen habe. Knaller stand in
majesttischer Pose da das eine Bein wie ein Ballettnzer vorgestreckt,
unwillkhrlich die Hand in der Brusttasche), als wolle er gerade eine Arie
singen. Leonhart lachte laut und anhaltend auf.
    Dacht ich's doch! Ich habe dies Beispiel, das mir gerade durch den Kopf
scho, gut gewhlt. Ich sag's ja: Was ist Wahrheit, fragt die Welt mit Pontius
Pilatus. Buchstaben und Geist befehden sich in uraltem Kampf. Sie haben mich gar
nicht verstanden, wie's scheint, wir wollen uns also nicht ereifern ber ein
Phantom. Der juristische Grenwahn, der fr alle Flle eine Formel im Futteral
trgt und sich im Besitz der hchsten Weisheit whnt, gleicht dem theologischen
Grenwahn an Dummheit und dem Mediciner-Grenwahn an eingebildeter Selbstsucht
- er disputirt ber den schnen Fall und doktert das kostbare Leben darber zu
Tode.
    Erlauben Sie, mein Herr..
    Jawohl, stellen Sie den Antrag auf Beleidigung der juristischen Fakultt!
Ich selbst pfeife auf eine Rechtspflege, die z.B. noch nicht einmal die
Entschdigung unschuldig Verurtheilter kennt. Recht! Wenn Allen geschhe nach
Recht, wer wre vor Schlgen sicher! Gott, der die Nieren prft, urtheilt sicher
gar verschieden und stellt manchen Mrder noch ber seinen correcten Richter.
Das Recht, das von den ewigen Sternen niederflammt - - Doch genug. Auf
Wiedersehn, Herr Rechtsanwalt! Ich appellire bis ins Aschgraue - da Sie's nur
wissen! Also bitte bald den Termin zu betreiben!
    Als Isidor Knaller die Treppe hinabstieg, tippte er mit zwei Fingern gegen
die Stirn, nachdem er den Kneifer abgenommen, sich die Augen gerieben und die
Nase geschneuzt hatte: Ein merkwrdiger Fall! Mu doch mit Sanittsrath
Niemeyer reden. Hochgradiger Grenwahn auf der Basis nervser Zerrttung.

                                      VI.


Ach, erzhlen Sie mir doch, hochverehrter Herr Graf! Dondershausen stellte
Krastinik auf dem Dnhofsplatz. Wie ich hre, ist Ihr Freund, der Maler Rother,
in Norwegen auf mysterise Weise umgekommen. Steht heute in der Zeitung. Er soll
ja an Sie und den Genremaler Knorrer noch vor seinem Tod geschrieben haben.
    Ja, aus Hnevo. Einen ganz heitern Brief.
    Ganz recht. Und ob ein Unglck oder ein Selbstmord vorliege, ist nicht
ersichtlich. Er hat die Flasche mit Carbolsure vielleicht schlaftrunken aus
Versehen statt der Wasserkaraffe geleert - grlicher scheulicher Tod! Aber
wie, wenn bewute Absicht -?
    Krastinik zuckte die Achseln und sah finster vor sich nieder.
    Ich wei von nichts.
    Hm, mir schien der Mensch immer krankhaft. O unsre Zeit! Alles Folge der
schlechten Erziehung
    Und was wre denn eine gute Erziehung?
    Die einzig gediegene Methode der Pdagogik ist die meines Kastellans daheim
auf Schlo Dondershausen! entschied der Oberst hochtrabend. Dieser versammelt
seine Buben jeden Sonntag Morgen, in der einen Hand eine Ruthe, in der andern
eine Rhabarberflasche. Fehlt euch was? Nein, Vater. So? Man kann nicht wissen,
wofr's gut ist. Da trinkt mal eins! Sie schlucken pflichtschuldigst. Zeigt mal
eure Schulbcher! Nun findet er entweder Fehler und haut sie oder findet keine
und haut dann der Aufmunterung wegen. So docirt er jeden Sonntag die Bitterkeit
des Daseins mit Rhabarber und Haue! - Jaja, heut giebt's zu wenig Hiebe, daher
schmeckt den Muttershnchen auch Mandelmilch wie Rhabarber.
    Krastinik bi die Lippen zusammen und schttelte den Kopf.
    Wie gesagt, Rothers Brief an mich lie keinerlei Mistimmung spren. Ich
schrieb an seinen Intimus Knorrer (ich kenne ihn ja nur kurze Zeit), ob der
vielleicht wisse - erhielt aber eine flchtige khle Antwort. Es machte auf mich
den Eindruck, als ob Dem das Unglck nicht sehr nahe gegangen sei. Mein Gott,
der Mann soll so viel mit seinen eignen Liebesgeschichten zu thun haben!
    Man whnt, da die leichtsinnigen Tom Jones immer die Gutmthigkeit
gepachtet htten - mit Unrecht. Joviale Genlinge, denen ihr Vergngen ber
alles geht, sind innerlich kalt. Krastinik mochte wohl richtig gerathen haben.
    Jaja, Dondershausen ghnte, unsre jungen Leute haben keine Lebenskraft.
Glauben Sie mir, mein theurer Graf, Ihr Freund Leonhart nimmt auch noch ein
bles Ende..
    Meinen Sie?
    Ach ja, der Umgang mit ihm schadet Ihnen, glauben Sie mir. Er verga im
Augenblick, da er gerade eine Stunde vorher an Leonhart das briefliche Ansuchen
gestellt, doch ja in die Presse zu bringen, da unser verdienter patriotischer
Dichter Gebhart Lebrecht v. Dondershausen wieder mal einen Orden mit Schwertern
und Eichenlaub durch erhabene frstliche Huld empfangen habe. Nun, was machen
die Proben zu Ihrem Drama, Theuerster?
    Es geht flott, erwiderte Jener kurzab und empfahl sich nach flchtigem
Grue. - Auf ihn hatte die seltsame Todesnachricht aus Norwegen doch einen
tiefen Eindruck gemacht. Sollte der Unglckliche wirklich seiner wahnsinnigen
allverschlingenden Leidenschaft zum Opfer gefallen sein? Und sollte irgendwie
die bewute Geschichte damit zu thun haben? Aber in Norwegen - kaum denkbar.
Nun, was kmmerte Das ihn!
    Auch aus England war betrbende Kunde zu ihm gelangt.
    Dorrington's Gesundheitszustand schien wenig erfreulich.
    Ob er seinen jungen Freund wohl noch wiedersehn werde? fragte er in seinem
letzten Schreiben.
    Da er bei Siechen vorberkam, trat Krastinik ein, um in aller Eile einen
Schoppen zu leeren. Zu seiner Verwunderung traf er Leonhart, der soeben die
Kreuz und Schwertzeitung las. Lesen Sie! Damit reichte er dem Freunde das
Junkerblatt, welches bekanntlich im Verleumden erbliche Traditionen pflegt.
    Es ist ein Unglck fr ein jugendliches Talent, ohne den Ernst des Lebens
und Strebens kennen gelernt zu haben, mit berufslosem Behagen sich dem
sogenannten Dichter-Beruf zu widmen. Die schauernde Bewunderung aller
mit-jugendlichen Zeitgenossen begleitet ihn und einige Jahre lang wird das
Publikum fragen: Was, noch so jung und schon solch ein Hause von Bchern! Noch
lnger wird es heien: Fr sein Alter sehr hbsch, bis man allmhlich anfngt
nachzurechnen, wie alt das junge Talent jetzt ist. Es berschleicht jeden
Vernnftigen eine Wehmuth angesichts des Lebensganges solcher Wunderkinder. Wer
sieht es spter der armen leeren Hlse dort im Staube an, da sie einst ihre
Karrire als Rackete begann? Solche Empfindungen beschleichen uns angesichts des
neuen Romans von F. Leonhart. Ganz so schlimm ist es zum Glck mit unserm jungen
Autor nicht. Die erste Jugend hat er hinter sich, aber es droht ihm auch eine
groe Gefahr. In seiner berreizten Fruchtbarkeit liegt ein Mangel an echter
Produktivitt. Friedrich Leonhart hat ganz entschiedenes Talent, doch seiner
frhreifen Leistungsfhigkeit sind zwei Eigenschaften beigesellt, welche die
Entwickelungskraft im Keime zerstren. Jeder Dichter sollte sich Schleiermachers
schnes stolzes Wort zu eigen machen: Ich gelobe mir ewige Jugend. Unvereinbar
mit der Jugend des Herzens sind aber: Unbescheidenheit und Blasirtheit! Sehr oft
findet sich Grenwahn mit einer liebenswrdigen und rhrenden Kindlichkeit
verbunden. Wo aber die Augen so scharf fr menschliche Schwche und Gemeinheit
sind, wo die Verachtung der andern so erfahrungsmig und treffend begrndet
wird, da fehlt doch die Hauptbedingung der Jugend: Der Glaube an Ideale. Mit der
Begeisterungsfhigkeit schwindet die gesunde lebenerweckende Kraft und der
Jngling wird zum Greise, ohne Mann gewesen zu sein. Das Ma ist voll, bervoll
seiner malosen Selbstberhebung. Schade um das schne Leben! Was sind das fr
Zge seniler Blasirtheit und Frivolitt! Mchte der junge Dichter doch unsere
Wnsche bercksichtigen, die aus einem ernsten Wohlwollen entspringen: Hte er
sich vor seinen Freunden und lerne er von seinen Gegnern! A.v.F.
    Leonhart wand sich in Lachkrmpfen. Seht ihr es nicht, das hirnverbrannte
Weib? citirte er aus Kleist. A.v.F.! Aurelie v. Fellmarch! Hte er sich vor
seinen Freunden - diese Mahnung aus diesem Munde! Pfui Deibel! Er spie aus.
    Sollte man nicht eine solche Frechheit sofort festnageln? rief Krastinik
zornglhend. Ich an Ihrer Stelle -
    Pah, pah, ruhig und fein still darber! Gleich kommen Holbach, Luckner und
sogar der gromchtige Wurmb, die mich mal wiedersehn mchten. Wahrscheinlich
wollen sie mich wegen irgendwas aushorchen.
    Da geh ich um so schneller. Hab' ohnehin keine Zeit. Mu ins Deutsche
Theater, um mit Friedmann und Frster zu reden - die Herrn machten heute in der
Probe einen Fehler in ihren Rollen. Auch mit Frulein Sorma klappt es nicht
recht.
    Na, die ist wohl verdammt liebenswrdig gegen Sie, he?
    Na i glaub's halt! Ein Graf! So 'was sieht man nicht alle Tag'! Krastinik
lachte bitter. Also adieu, mein Engel. Hahaha, ich bin doch herzlich gespannt
auf den Skandal, wenn nun nachher - -
    Sst, die Wnde haben Ohren.- -
    Leonhart starrte finster in sein Glas. Heute Nachmittag war er mit jenem
Mdchen, das er halb gezwungen verfhrt, im Thiergarten umhergebummelt. Sie
schrieb ihm jeden Tag Briefe, die ihn in Verzweiflung setzten, und so hatte er
denn heute zwangsweise zu einem Stelldichein sich eingefunden. Da, als sie in
einem abgelegenen Theil des Gehlzes sich in einen Dickichtwinkel zurckzogen,
hatte er bei zuflligem Hinaussphen ein Gesicht bemerkt, das hinter einem
Baumstamm etwa 50 Schritt entfernt hervorlugte, offenbar mit der lblichen
Absicht, eine etwaige Missethat auf dem Fleck zu ertappen. Als Leonhart ihn
strategisch wegmanvrirte und seine Rckzugslinie bedrohte, verschwand der
Strolch laufend in der Lichtung. -
    Dies komisch-unheimliche Bild verfolgte die nervse Phantasie des Dichters.
Fortwhrend schien ihn aus jedem Winkel ein tckisches Auge anzublinzeln, ein
frecher Mund anzugrinsen. Er schauderte - diese Hallucination des
Verfolgungswahns schien ihm typisch fr sein ganzes unseliges Dasein, das von
tausend Tckebolden allerorts bedroht.
    Das Eintreffen Holbachs, Luckners, Wurmbs weckte ihn aus seinem Brten. Mit
Letzterem ward eine frostige Vershnung gefeiert und bald befand man sich in
lebhaftem Gesprch ber das Ding an sich. Wie gewhnlich stellte Holbach, weil
ihm das in seinen Kram pate, den Grundsatz auf, das eigentliche Grundmotiv
aller Handlungen sei immer ein erotisches. Mit jeder neuen
Geschlechtstriebbethtigung werde immer ein Brett vorm Kopfe weggenommen.
Leonhart sei nicht erotisch genug; da liege der Kernpunkt all seiner
Weltschmerzelei. Dieser aber dachte so fr sich hin: der tiefbedchtige schlaue
Bukingham soll nicht mehr Meister meines Rathes sein. Er glaubte nmlich, da
Jener ihm nachspre und darauf laure, eine schwache Seite zu entdecken. In der
That fing er auch ein paar Mal einen durchdringenden Blick Holbachs,
weitvorgestreckten Halses, auf, in dem ein dumpfer Ha schillerte. Als Leonhart
mit seiner gewhnlichen Bissigkeit einige anzgliche Bemerkungen ber einen
Hndewascher Holbach's lolie, rief dieser emphatisch: Ach, der ist ja so
harmlos! Aber er selbst sah dabei verteufelt wenig harmlos aus, in der vollen
Gloriole seines Edelmuths und seiner Deklamation wider schnde Phariser. Pah,
er hat so wenig Aeueres! machte er, als Leonhart wie gewhnlich die Genialitt
Schmollers herausstrich, da die Rede auf diesen kam. Dies empfand nun wieder
Wurmb unangenehm obschon er sich ja fr einen sehr schneidigen Kerl hielt, dabei
aber Holbach's vornehme Erscheinung grimmig beneidete. Man drfe doch nicht
ewig, wie Holbach dies thue, die Leute nach ihrem Exterieur beurtheilen.
    Leonhart lachte laut auf: Wir sind doch alle eitle Gecken. Sage Du einem
Weisen, der das Ding an sich und die Phnomenologie des Weltganzen intus hat:
Liebster, Sie sind hlich wie ein Affe, so vergit er Dir das sein Lebtag
nicht. Auch wird er Dich darber belehren, da alle groen Mnner hlich waren,
z.B. Voltaire, und da er daher schon seiner Hlichkeit halber ein groer Mann
sei.
    Jaja, 's ist sehr nett, die Motive der Andern zu durchschauen, wenn man
sich dabei nur Selbsterkenntni bewahrt, mein Theurer! meinte Holbach mit
vielsagendem Blick. Er schauspielerte sich selbst wieder was vor und brauchte
unablssig das Gleichni vom Splitter und Balken. Er redete gut von Andern aus
purer Diplomatie und flocht manche Andeutung ber seine Gromuth gegen eigene
Spezial-Schtzlinge ein, welche er gleichsam als Abla fr seine Snden
benutzte. Alles verstehen heie alles verzeihen.
    Ja gewi, gleichsam platonisch ist das auch meine Ansicht, meinte Leonhart
trocken. Das Leben aber ist sthlern und verlangt eine andere Politik. Man hte
sich vor denen, die Tugend und Idealismus unntzlich im Munde fhren, aber auch
vor den allzu feurigen Bekennern der Nachsichtstheorie. Es ist die thrichteste
und schdlichste Philantropie, die Taugenichtse und Schwchlinge zu untersttzen
auf Kosten der ernsten Kmpfer, die eher sterben, als sich ergeben.
    Ja, Du hast sehr harte Ansichten, gab Holbach achselzuckend zurck.
    Ach Gott, die Welt regulirt sich ja doch danach, gerade wie das Gewissen
beim Einzelnen der Regulator des Willens sein mag. Wer weint, wird von Jedermann
geohrfeigt. Man sieht das bei den Kindern, diesen harmlosen Ur-Egoisten. Nur wer
wiederhaut, findet Mitleid. Der Strkere hat Recht.
    Sehr gut. Luckner lchelte spttisch. Darum hauen Sie also so viel. Will
hoffen, da Sie stets der Strkere bleiben.
    Leonhart nickte beschaulich und uerte: Alle Angriffe gegen mich, selbst
die anfangs gelungenen, - es ist, als ob eine unsichtbare Hand sie von mir zur
Seite lenke und auf die Urheber zurckschlage.
    Die Andern sahen sich an. Nun, wenn das nicht completter Grenwahn!
dachte Holbach und runzelte unwillig die Stirn. Das ist doch seltsam, bei
Gott!
    Wurmb rckte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, indem er sich die Brille
zurechtschob. Er schien an einem groen Wort gelassen zu wrgen. Hren Sie,
hob er pltzlich an, indem er energisch den Deckel seines Biertrugs zuklappte.
Ich bin nicht so talentvoll wie Sie - das wei ich wohl. Gotthold Ephraim
brummelte dies mit sauer verdrielichem Gesicht und hielt sein Zugestndni fr
sehr bescheiden, obschon es in Wahrheit nur von bodenloser Unverschmtheit
zeugte, da die unberbrckbare Kluft zwischen dem Genie und seiner Winzigkeit
ihm gar nicht sichtbar schien. Ihre enorme Produktivitt - in diesem Punkte
kann ich mich ja nicht mit Ihnen vergleichen. Aber ber den Realismus, nehmen
Sie mir's nicht bel, denke ich reifer als Sie.
    Es war einmal ein groer Dichter, der den Realismus als Maske benutzte,
murmelte Leonhart halblaut. Hier kam die Rede auf einige Zierden des jdischen
Jungdeutschland, die mit wenig Talent und viel Behagen ihren Kohl pflanzten und
mit fabelhafter Geschicklichkeit eine Leitersprosse nach der andern
emporkrochen, theils als geschmeidiger Ohrwurm, theils als kecker Radau-Husar.
Leonhart sprach sich sehr wohlwollend aus. Wurmb aber nannte sie ebenso frech
streberhaft wie frech eingebildet.
    Eingebildet? Worauf denn? lchelte der Dichterdenker.
    Ach je! fiel Luckner giftig ein. Wir halten uns doch alle fr den jungen
Goethe.
    Das ist hier keine passende Antwort darauf, mein Lieber! mahnte Leonhart
leise und ruhig. Es lag etwas in diesem milden Ernst, was den schnodderigen
Neidtrotz entwaffnete. Er bekannte dann in lngerer Rede, da er sich in
Gesellschaft talentvoller Juden viel wohler fhle, von deren Energie, gesunder
Weltlust und Unabhngigkeitsgefhl sympathisch berhrt, als inmitten
weltschmerzwinselnder und philosophischer Germanen. Flei wirke auf die
allgemeine Moral gnstig zurck und rstige Streber seien ihm lieber, als faule
Impotente. Als er aber dann auf die deutsche Nation schimpfte, welche jedes
wahren Idealismus und jedes Kunstgefhls entbehre, da erhob sich Wurmb in seiner
Wrde als deutscher Mann und donnerte ihn gehrig nieder. Der Dichter msse
darben und entsagen, nicht durch schnden Botenlohn seine erhabene Bestimmung
entweihen. Schiller - ja, Schiller! Eben deswegen! Seht ihr, sogar Schiller hat
so viel gelitten. Also dann knnt ihr Kleinen doch erst recht leiden!
    So saugt der Philister aus allem nur das Gift.
    Jaja, Federigo, Dir fehlt eben die lieblichste Tugend: die Lebensklugheit.
Du machst Dir tausend Feinde. Holbach klopfte ihn herablassend mit seiner
breiten Brentatze auf den Rcken.
    Der Unkluge zuckte die Achseln: Jeder folgt instinktiv seiner Naturanlage
und so bin ich vielleicht schlauer, als ich selbst denke. Ein Andrer wrde sich
mit meinem Vorgehen ruiniren. Ich hingegen kann es nur so zwingen.
    Du wirst Dich noch ndern, Dir die Kanten abschleifen! meinte Holbach
wohlwollend.
    Leonhart lachte auf. Aendern! Der Mensch ndert sich nie, die in ihm
schlummernde Vererbung entwickelt sich logisch fort und die Umstnde
beeintrchtigen sie nicht. Bedenkt man alle Dummheiten seines Lebens, selbst die
tollsten, so erkenne Jeder, da er unter gleichen Umstnden just ebenso handeln
wrde. Nichts lcherlicher als die Phrase: Wie der Mensch sich gendert hat!
Eil: Hitzkopf bleibt ein Hitzkopf, ein kalter Weltmensch bleibt ewig derselbe,
alles Andere ist uere verbrmende Maske.
    Jajaja, Holbach zog mimuthig den Mund schief. Aber ich rathe Dir doch,
endlich die Krallen einzuziehn und das Schimpfen einzustellen.
    Da hast Du allerdings Recht. Schimpfen ist nur Verschwendung. Seine wahre
Verachtung kann man der Welt nur bezeugen, wenn man sie mit denselben Mitteln
schlgt.
    Hier unterbrach ihn groes Hallo, indem eine ganze Horde verdchtig
aussehender Individuen sich in die Bierstube ergo und die vierblttrige
Tafelrunde mit einiger Zudringlichkeit begrte. Lauter Vertreter der
ffentlichen Meinung, sogenannte Prebengel, welche soeben die Weltdichtung 
Germania, Ballet in 15 Tableaus mit aus der Taufe gehoben hatten. Der
Therpsichore-Dichter, nach glcklich berstandener Premire mit dem Schweie des
Edlen und obligatem Lorbeer gekrnt, befand sich in aller Munde und in aller
Mitte. Man setzte ihn an die Spitze der Tafel neben Holbach nieder und hie die
beiden berhmtesten Reklamedichter sich gegenseitig die Hnde schtteln.
    Da die Stunde schon vorgerckt, warf man des Tages Sorgen vllig ab und
widmete sich, jedes litterarische Gesprch als Fach-Simpelei verpnend, nunmehr
vllig dem innigsten Klatsch.
    Alle fingen vice versa an, sich zu entschuldigen wegen allerlei kleinen
Schmutzereien, nach dem Grundsatz: Qui s'excuse, s'accuse. Wer, ohne da man ihn
darum fragt, pltzlich sich zu vertheidigen anfngt, wird sicher von einem
Gewissensbi geqult. Der Eine, ein vereidigter Syndikus aller Preaffairen,
erzhlte allerlei Prozechikanen ohne Pointe. Ein Andrer, ein wichtigthuender
Affe, stocherte mit seinen ungewaschenen Fingern in den Affairen anstndiger
Leute herum und fabelte schwungvoll. Dann lobte man sich gegenseitig unverschmt
ins Gesicht.
    Leonhart lchelte verschmitzt. Der Eine von den Herren, ein hochgemuther
Vorfechter der Schriftstellerrechte, hatte einem armen Blaustrumpf in aller
Stille ihre Sparpfennige durch Eheversprechen abgeschwindelt. Der Andre, ein
fetter Lustspielfabrikant, hatte eine Kellnerin geheirathet, um 4000 Mark
zurckzubekommen, die sie ihm nach und nach abgeknapst und dann auf Zinsen
gelegt hatte. Die Gerissensten fallen immer mit solchen Weibern am leichtesten
herein. Ein andrer wohlklingender Autor aus Oesterreich, Namens Edler von
Ferchwan, hatte die Tochter einer Souffleuse geheirathet, um sich
durchzumsten, da er als Mitglied eines sogenannten Schmieren-Theaters
verhungerte. Die arme junge Frau war aber sehr schwchlich. Es wurde also
contraktlich festgesetzt, wie oft er seine Eherechte ben drfe, wofr er dann
Wohnung und Atzung frei erhielt: im Uebrigen fhrte Schwiegermutter die Kasse. -
Es ist doch immer hbsch, wenn man solche Personalia aus der Vergangenheit eines
Mannes zu klatschen wei, der jetzt als erfolgreicher Possendichter im Golde
watet. Ja, der hatte kein Pech an den Fingern!
    Leonhart hrte schweigend zu und machte seine physiognomischen Studien.
Jedem stand als Lebensdevise aufgebrannt: Die Zunge zum Lecken 'raus nach oben
und den Stiefelabsatz drauf nach unten; so, mein Sohn, wird Dir's wohlgehn und
wirst Du lange leben auf Erden. Zur Feder griffen diese Leute, wie ein Schuster
zum Pfriemen. Sie kannten keine andern Dichterschmerzen als die ums tgliche
Brot. Die Kunst vom Standpunkt der Wohnungsmiethe aus! Was kann man auch von
einer solchen Geschftslitteratur anders erwarten! Unter all den Klatschweibern
und Spekulanten des Marktes, fr welche die Litteratur nur die melkende Kuh
bedeutet, fhlte sich Leonhart manchmal wie ein Mensch unter Larven und
Mollusken, wie ein Fremdling aus andern Welten.
    Er dachte, was wohl wirkliche Knstler fhlen mchten, wenn sie diese
Geldschmerzen der Ritter vom Geiste mit den ihren vergleichen. Z.B. der
Bildhauer, der das Modell einer groen Gruppe zerschlagen mu, falls es
unbestellt bleibt - weil in seinem Atelier kein Raum mehr dafr bleibt und der
Thon zerbrckelt. Welches Gefhl, wenn er auf eigene Faust das Kind seines
Geistes und seiner Arbeit, grogesugt in kummervollen Tagen und Nchten,
zerschlagen mu! Und der Dichter, der seine Manuskripte verbrennt, weil er
keinen Verleger fr so Hohes findet!
    Ach, wie gerne htte er wie Karl Moor frchterlich Musterung gehalten unter
dieser Bande, auf da da Heulen und Zhneklappern sei in Juda und Israel!
    Doch warum, wozu? Diese Sorte wird ja doch ewig die Litteratur als ein
Leihamt oder ein Hospital betrachten, jeder tief davon durchdrungen, da er
leben und gedeihen msse, natrlich auf Kosten der Fleiigen und Talentvollen.
Ich sehe nicht die Nothwendigkeit ein, dachte Leonhart, wenn er den bekannten
Appell an das gute Herz des Collegen ber sich ergehen lie. Der Gedanke, da
das Gedeihen eines Genies fr die Welt hundertmal wichtiger, als das von
zehntausend Dutzendschmierern, konnte diesen Durchschnittsgehirnen ja ohnehin
nie dmmern. Und da es nur eine Todsnde der Inhumanitt gebe, nmlich
Niederduckung des Bedeutenden und Aufblhung des Mittelmigen, schien ihnen
noch schleierhafter. Die allgemeine Verdummung und seichte Verkommenheit machte
nicht nur das Aufkommen, sondern sogar das bloe ahnende Erkennen eines groen
Dichters unmglich. Hier gab es lauter groe Dichter! Jeder grne Junge, der mal
ein Buch verbrochen, sandte es: Seinem Genossen Leonhart in collegialischer
Kameradschaft. Jeder, der etwas leidlich Tchtiges leistete und das Wohlwollen
des groen Dichters ausnutzte, fhlte sich in Vorreden eins mit ihm oder zhlte
ihn mit zehn andern bunt zusammengewrfelten Namen in einem Athem als
gleichberechtigten Mitstreiter auf. Hlt doch das Hndchen sich stets selbst
fr den Lwen, wenn der gutmthige Leu mit ihm spazieren geht! War doch das
litterarische Leben zu allen Zeiten eine Verschwrung der Talentlosen gegen die
Talente, der Talente gegen die Genies! Schwer fllt es der Mitwelt, mit sehenden
Augen zu sehen. Und die sittlichen Begriffe stumpften sich so ab, da man die
Unsterblichkeits-Assekuranzen als den Normalzustand hinnimmt. Auch unterscheidet
sich ja die Presse erheblich von der Straen-Prostitution: Letztere ist fr Geld
feil, erstere aus - Passion. So wurde denn die Muse zur Milchmagd, zur
schwatzhaften Gevatterin, zum kichernden Backfisch, zur faselndeln Gromutter.
Die bramarbasirenden Idealisten und die angeblichen Realisten ersticken mit
ihrem Tamtam die Stimme der Dichterdenker mehr und mehr. Sahnenpoesey,
aufgewrmter Mumienkohl, Schweinekarbonaden mit sentimentaler Zwiebel und
Berliner Paprika gengt - gegen solche Tafelgensse vermgen Nektar und Ambrosia
nicht aufzukommen. Ueberall Verwirrung der Begriffe. Die Sonnen sind erloschen,
kein Mond zieht feierlich am Himmel herauf. Rings lastet tiefe Nacht, nur
durchleuchtet von zuckenden Blitzen. - -
    Leonhart fuhr aus seinem Vor-sich-hin-brten auf; er hatte stier in sein
Glas geblickt, whrend der Wortschwall schleusenlos um ihn her brauste. Sie
wollen schon gehn, Herr Kollege?
    Als Leonhart gegangen, wurde ber ihn das Verdikt gefllt, er sei eine
nervs berreizte Natur, aber ein sehr anstndiger Mensch. Nur leide er an allzu
tollem Grenwahn. Doch bemerkte ein Wohlwollender: Wer litte heut nicht daran
! und man ging zur Tagesordnung ber.
    Da ein gewisser Unterschied zwischen dem Grenwahn verkannter Gre und
der hohlen Selbstaufblasung hohler Nichtse bestehe, diese Idee schien Keinem
beizufallen. Denn kein Wrtchen wird ja heut lieber mibraucht, als das ominse
Grenwahn. Zerlegt man das Wort in seine Bestandtheile, um sich ber den
Begriff klar zu werden, so ergiebt sich Wahn einer Gre, die nicht existrt.
Wo also wirkliche Gre hervorleuchtet, bleibt der Wahn ausgeschlossen. Heut
aber in unsrer nivellierenden Trivialitt wrden wir Christus ebensogut wie
Shakespeare und Michel Angelo des Grenwahns bezchtigen.
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    Das Genie hat nie etwas davon gewut, da das Genie immer bescheiden sei.
Diese bequeme Doktrin hat sich das Philisterium erfunden, um sich der
Heroenverehrung entschlagen zu drfen. Denn dieser Einbildung liegt nur das
Prinzip zu Grunde, da Rentier Schulze ein ebenso wichtiges Mitglied der
menschlichen Gesellschaft sei, wie das unbequeme und nirgends nach Schablone
einzuschachtelnde Genie. Wre freilich das Genie bescheiden, so wrde Schulze
es vllig bersehen; sobald es aber hochmthig auftritt, ruft man ihm zu: Sie
sind kein Genie, weil Sie nicht bescheiden sind - so bescheiden, wie Bonaparte,
Byron, Goethe, Schiller, Jean Paul, Kleist, Racine, Victor Hugo, Richard Wagner
und all die anderen bescheidenen Gren. Ein meisterhaftes Manver, das nach
beiden Seiten hin deckt. - So kra und nackt ausgedrckt, scheint vielleicht
Karikatur, was doch nur buchstbliche Wahrheit ist.
    Es wirkt unbeschreiblich komisch, die sittliche Entrstung und Abneigung zu
verfolgen, mit welcher Jedermanns Eitelkeit kollert, sobald Jemand sich fr
etwas Besonderes hlt. Die Ochsen, die ein rother Lappen blendet, stoen mit
heihungrigem Grimm ins Blaue. Von einem gewissen Shakespeare hie es grollend,
er halte sich fr den einzigen Shakescene (Bhnenerschtterer); er sei ein
strebernder Hausdampf in allen Gassen (Johannes Faktotum); ein Eklektiker, der
jeden Stil nachahme, sogar ein Plagiator. Wenn man ihn mit Meister Ben Jonson
vergleiche, da sehe man, wie dilettantisch und verfehlt seine Versuche seien, so
grenwahnsinnig er auch sein Froschtalent aufblase.
    Also quakten aus ihrem Sumpfe die Greenes, Kyds, Dekkers, Haywoods und all
die andern Gebrder.
    Shakespeare aber, so bescheiden wie das Genie nun einmal ist, schrieb in
sein Sonett-Tagebuch: Nicht Marmor noch der Knige vergldete Denkmler werden
berleben mein machtvolles Lied, das da whren wird bis zum jngsten Gericht,
bewundert von noch ungeborenen Geschlechtern.
    Wie kann man gegen das Selbstgefhl des Verdienstes etwas einwenden, wenn
man die Gromannssucht all der hohler Impotenzen damit vergleicht!
Schriftstellerrepublik - ja wohl! Aber jede Republik hat ihren Prsidenten und
es giebt ebensowenig eine Gleichheit der Geister, wie der socialen Bedingungen.
    Die Litteraten unter sich wollen auch gar keine Republik, sondern Anarchie,
wo jeder naseweise Reporter sich als stimmberechtigt neben dem Dichter fhlt und
jeder Zaunknig den Adler Kollege schimpft. Eine Republik von lauter Knigen -
Percy, Prinz Heinz, Falstaff und seine Rekruten in Reih und Glied nebeneinander.
Diese Disciplinlosigkeit schadet unendlich. Denn sie bildet die auf
Gegenseitigkeit arbeitende Kameraderie aus, welche das Bedeutende nur anerkennt,
wenn sie selbst als bedeutend begrt wird.
    So kommt das Groe nicht auf und andrerseits vergeht dem Groen die Lust,
wohlwollend das Kleinere zu frdern, weil dieses sich sofort in zu hohe Kothurne
unterschnallt.
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    Da kommt ja zuletzt noch was Schneidiges!
    Um eine zugige Ecke biegend, begegnete er einer alten Freundin, Adele der
Chansonneuse mit dem griechisch-gemeielten Kpfchen und dem griechischen
Haarknoten, die aus einem Caf Chantant in der Alexanderstrae nach Hause
wanderte, pflichtschuldig der Polizeistunde 11 gehorchend. Dies freudige
Wiedersehen zu begieen, nahm er sie in ein Bierlokal mit und erkundigte sich
lebhaft, was denn seine alte Flamme, die Polin Wanda, mache, die sich vom
Geschft zu ihrem Liebhaber, einem Xylographen, zurckgezogen hatte und mit
ihm wirthschaftete.
    Ach Jott, die erkundigt sich immer noch nach Ihnen, ob Sie mal wieder zu
uns ins Lokal kmen; dann will sie immer alles haarklein wissen, was Sie jeredet
haben. Ja, Wanda hlt immer noch groe Stcke auf Sie. Neulich sprachen wir noch
von dem letzten Mal, wo wir uns sahen, da am Halle'schen Thor, wo ich bekneipt
war und wie Ihr Euch auf offener Strae so abktet. Wie ich noch sagte: Ach,
die Wanda ist gar nicht so stolz! Die nimmt alles! Und Sie ihr nachher das
Armband schickten. Und dann war's auf einmal mit der Liebe zu Ende.
    Ja, weil sie mich die ganze Zeit ber belogen hat! brummte er mimuthig.
Selbst als ihr Kerl sie eines Nachts abholte und ich sie mit ihm absegeln sah,
schwor sie Stein und Bein, das sei eine Andere gewesen.
    Quatschkopf! Warum lt Du Dich auch so anlgen? Die kleine Adele schien
immer noch so ausfallend wie frher. Aber interessirt haben wir uns fr Sie
doch immer, wir alle Beide. Aber ich hab' ihr immer gesagt: Heirathen thut er
Dich doch nicht. Neulich waren Sie ja bei uns in der Alexanderstrae mit'n paar
Herrn.
    Ja wohl und Du hast mich gar nicht gegrt.
    Ich wute ja nicht, ob Sie nicht wnschten, nicht gegrt zu werden. Leute
in meiner untergeordneten Stellung - Sie verzog schnippisch den Mund.
    Halt den Rand, Fischerin Du Kleine!
    Ja und dann war ich auch wthend auf Sie, weil Sie sich so lange nicht nach
mir umgesehn haben. Das heit, ich - sie simulirte reizende Verwirrung. Man
braucht ja keine Gefhle zu haben, aber nur so aus Freundschaft. Wir kennen uns
doch nun schon sechs Jahre. Erinnern Sie sich, da auf der Treppe bei Wanda -
Sie kicherte.
    Du trugst den Dolch im Gewande. - Nun, wie geht's sonst?
    Schlecht. Ich wei die Leute nicht zu nehmen. Von Leuten in meiner
untergeordneten Stellung verlangt man Dummheit. Und die Dummen sind immer klger
als die Klugen.
    Hrt, hrt! Sehr wahr! murmelte er. Also Wanda ihr Verhlni -
    Hier erhob Adele sofort Zoll fr ihre Mittheilsamkeit: Ich mcht' was
essen, worauf sie spter kauend allerlei Interessantes zum Besten gab. Die
Wanda sei ja verrckt, sich mit so 'nem jungen Menschen wie ihrem Xylographen
zusammenzukoppeln, blos weil sie hoffte, Der wrde sie doch noch heirathen. Den
nhme ich nicht, in Watte gewickelt und in Gold dazu! Aber das mu man sagen,
gut ist er zu Wanda und lt nicht von ihr!
    Dann mu er aber doch ein edler Mensch sein. Das erhht nur meine Achtung.
    Leonhart wurde nachdenklich. Ja, das war Liebe! Nur in den unteren Regionen
blhte dies Blmlein noch. Wanda mit dem vornehmen Gesicht und dem guten Herzen
- hatte er sie nicht wirklich geliebt? Als Adele mal in der Charit lag, waren
sie Beide zu ihr hingewandert, um ihr Bcher und Leckereien zu bringen. War das
auch nur getrumt?
    Ihn durchrieselte ein trbsinniger Humor. Wie entehrend drollig, diese
unfreiwillige Komik! Was htte die Neugier der Welt wohl darum gegeben, den
berchtigten Geistesheros hier mit zweideutigen Weibern als langjhriger Kamerad
ber allerlei obscure und unmgliche Verhltnisse plauschen zu hren!
    Die biedre Adele, mit welcher er so manchen Scheffel Salz gegessen, wute
von ihm sonst gar nichts, wie so etwas nur in Berlin mglich ist. Fragte ihn
beim Abschied (wei Gott woher sie diese Andeutung schpfte), ob er jetzt viel
mit den Wahlen zu thun habe. Nur mit der Stich-Wahl, Kleine!
    Es schnob ein eisiger Wind. Leonhart humpelte schlaftrunken und mit
Hhneraugen behaftet nach Haus. Er wohnte in der Bendlerstrae.
    Es wurde schon hell. Noch brannten einige versptete Laternen. Ihr Licht sah
rthlich aus, offenbar durch den umrahmenden Gegensatz des dnnen weien
Morgennebels, der ber allen Bumen hing.
    Auf dem Teich der sogenannten Rousseauinsel schwammen einige Schilfpflanzen
hin und her in der dunklen Tiefe. Der Dichter verselte unwillkrlich, er konnte
nichts dafr.

Ihr liebt o, Wasserrosen,
Zu schmcken die dunkle Flut,
Ein Garten bleicher Blthen
Ueber der Tiefe ruht.

Bis meine dunkle Seele
Wollustberauscht erbebt,
Ueber ihr duftend und leuchtend
Meiner Lieder Flle schwebt.

Schneeiger Mondstrahl fluthet
In die schneeigen Kelche hinein -
Da zuckt vom Himmel hernieder
Gespenstiger Wetterschein.

Es wirbelt aus tckischer Tiefe
Unheimlich mit dunkler Gewalt -
Und alle Blumen versinken
Und alles ist todt und kalt.

    Oben in seiner Kammer (er wohnte natrlich nahe dem Himmel) hatte sich ein
Nachtfalter verfangen, der lrmend herumrumorte. Drauen rauschte pltzlich ein
Regengu hernieder und klopfte eintnig auf das Fensterbrett. Wie der eisige
Griff des Todes schauerte es den Einsamen an, und ehe ihn der Bruder des Todes
mit seinen weichen Armen umfing, quoll ihm die Frage von den bebenden Lippen:

Die Astern drauen verkmmern
Einsam im Regensturm.
Im morschen Holzgetfel
Pocht der bohrende Wurm.

Eine Motte einsam flattert,
Wo die Kerze einsam loht.
Wer ist hier das Leben?
Wer ist hier der Tod?

    In seinen unruhigen Schlummer drngte sich ein Bild der Vergangenheit, aber
in seltsamer Gestaltung, die er sich wachend nicht zu erklren vermochte. Das
linke Auge lag blutroth wie eine Wunde in dem zarten Haupt. Aber mit rhrender
engelgleicher Geduld schwebte die zarte Gestalt hin und her, und plauderte
wehmthig freundlich. Eine unsgliche Zrtlichkeit durchstrmte sein Herz, als
er auf das se liebliche Antlitz herniederschaute.

    Immer noch litt er an der Krankheit, sich um das Urtheil der Andern zu
kmmern, whrend er sie doch tief verachtete. Auch schwankte seine
Menschenkenntni krankhaft hin und her. Sprach er grade mit den Leuten, so lie
er sich dupiren; waren sie ihm ferngerckt und berdachte er ihr Wesen, so
durchschaute er ihre Motive wie dnnes Glas. Andrerseits konnte er Menschen
antipathisch im ersten Augenblick betrachten, um im nchsten bei seiner
berzarten Gerechtigkeitsliebe, sobald dem persnlichen unangenehmen Eindruck
entrckt, vershnlich und milde zu denken. Ihm mangelte gnzlich jener letzte
eingeborene Instinkt der Selbstsucht, der keine andre Rcksicht als das
persnliche Interesse kennt und alles nur unter diesem Gesichtspunkt beurtheilt,
fremd allen sonstigen Einflssen. Auch seine Eitelkeit blieb immer noch zu
reizbar und vergab keinem Dummkopf seine Albernheiten. Er dachte an sein
Erstlingswerk, das er in frhster Jugend verffentlichte. Darin gab es bei aller
Unreife der Form schon Stellen, welche einen scharfsichtigen Kritiker mehr als
berraschen, welche befremden muten. Es klang darin, wie das unbeholfene Lallen
eines groen Dichters. Wer aber unter den elenden Kritikastrirten hatte das
erkannt! Ueber die schwerfllige Form, das Aeuerliche, konnte das Verstndni
der Mehrzahl kaum hinwegkommen. Das war seine erste Erfahrung gewesen und wie
zahllose sollten noch folgen! Nun hat ja freilich alles seine Vorzge und alles
seine Fehler. Es liegt also in der Natur der Sache, da wir an unseren Sachen
nur die Vorzge, die Feinde nur die Fehler sehn. Man warf ihm vor, da er sich
zersplittere. Allein, sein umfassender Geist hatte seine Wurzeln so weit
verzweigt, da ihm Vielseitigkeit eine Lebensbedingung wurde. Vielseitigkeit ist
an sich noch kein Merkmal des Genies, aber Genie im hheren Sinne ist ohne
Vielseitigkeit kaum denkbar.
    Fortwhrend verplemperte er sich und blieb selten ganz correct. Die
Correcten sind bertnchte Grber, deren lackirte Charakterlosigkeit alsbald
sich offenbart, sobald man den Firni ihrer Grundstze abkratzt. Wahrlich,
wir sind zu jung noch! Diesen Macbeth'schen Ausruf sollte sich Jeder tglich
wiederholen, wenn ihn Gleichgltiges reizt. Aber zarte Sensitivitt ist die
Achillesferse jeder feineren Natur.
    Schrieb er Briefe, so gab er sich regelmig Blen, weil ihm die Fleisch
und Blut gewordene Verlogenheit der Andern mangelte. Der Mann, der so seltsame
Briefe schreibt, nannte ihn Einer seiner Judasse, nachdem er lange die
Vertrauensseligkeit des jovialen bersprudelnden Wahrheitsdranges ausgenutzt,
und drohte Leonhart zu denunciren, weil er einen hochgestellten Staatsmann
privatim verdchtigt htte. Leonhart fand zuletzt nur eine Rettung: da er
berhaupt alle Briefschreiberei mit Unbedeutenden unterlie. Ein hoher Gedanke
in seinen Werken zeigte ja sein wahres Wesen besser, als alle mndliche und
schriftliche Konversation. Wer sein ganzes geistiges Vermgen in seine
Schpfungen giet, kann zuletzt, todtmatt und mit aufgezehrten Nervensften, fr
seine Correspondenz nichts mehr erbrigen. Werfen doch philistrse beschrnkte
Geister einem Ungewhnlichen so leicht haltlose Unruhe vor, weil man bei ihnen
unberechnende Aufrichtigkeit hchstens erzielen kann, wenn man ihre Eitelkeit
verletzt!
    Wie einen Schmoller sein schlechtes Gewissen zu dem Argwohn trieb, da
andere ber ihn noch schlimmer dchten, als es der begrndeten Wahrheit
entsprach, - so litt Leonhart umgekehrt an dem Wahne, da Andere viel
freundlicher ber ihn dchten, als sie thaten. Daher warf er sich selber oft
vor, da er zu hart urtheile, wenn er die selbstschtigen Motive der Anderen
durchschaute. Gemth ist meist nur ein Zeichen physischer Schwche. Freilich,
wie oft nutzt andrerseits der physisch Schwache das Mitleid der Gutmthigen aus!
    Schon hierin befand sich Leonhart in stetem Nachtheil, da gerade er die
Dinge nie persnlich, sondern objectiv auffate, da er allein wahre Liebe zur
Muse besa. Ist es nicht schon an sich ein grlicher Widerspruch, den
persnlichen Freund zu tadeln und den persnlichen Feind zu loben?! Und dabei
faselte man noch von seiner Subjectivitt!
    Doch galt er Vielen als ein harmloser Esel, vom weltlichen Standpunkt aus.
Freilich, wer nie im weltlichen Sinne sich wie ein Verrckter gebrdete, wer
nicht Stadien einer krankhaften Zerrttung durchzumachen hatte, ein solcher
Dichter mge sich der hochlblichen Regierung als Hlfsarbeiter melden. Litt
nicht selbst der junge Goethe an hochgradiger Weltunfhigkeit, an der
Unmglichkeit, das Dichterthum mit dem realen Leben zu vereinen? Je weiter er
sich von wahrer Dichterkraft entfernte, desto hher stieg sein weltliches Ansehn
und seine olympische Weisheit, ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen. Erst
der erlauchte Greis, auf den Hhen des Lebens angelangt, griff zu dem Streben
seiner Jugend zurck und empfand mit abgeklrtem weihevollem Schmerz seinen
Faust. Htte seine robuste physische Constitution ihm aber nicht das Ausruhen
einer so langen Lebensdauer zur Schpfung seines grten Werkes gewhrt, so
wrde er ewig als ein Abtrnniger vor uns stehen, der den Titanismus seiner
Jugend nicht zu bewahren wute. Wre andrerseits Byron nicht so frh
dahingegangen, so wrde das unreife Urtheil, das nicht im Don Juan die
Fortentwickelungskeime einer hchsten Shakespearischen Reife zu erkennen vermag,
ihn nicht als fragmentarische Erscheinung betrachten. Nur Rafael und Mozart
schieden in gleichem Alter als innerlich Vollendete, auch Burns lebte seine
lyrische Naturanlage bei frhem Tod gengend aus, ebenso wie Schiller seine
theatralische. Auch der Grte, Shakespeare, hatte wohl nichts Wesentliches mehr
zu sagen, als er in der Mannheit Blthe weggerafft wurde. Und nun daneben
Marlowe und Kleist! Ach, vielleicht gehrt es mit zum Genie, in hartem
Selbsterhaltungstrieb sich zu behaupten. Wer sich physisch oben erhlt, bleibt
Sieger.
    Immer wieder peinigte ihn das wirre Angstgefhl vor eingebildeten
Machinationen von Schurken. Es kam so weit, da er sich wuthknirschend am Boden
wlzte. Wie Lenau stocherte er fortwhrend im schwarzen Schlamm des Lebens umher
und suchte nach Cholera-Baccillen. Sein Moralisiren verzrtelte ihn so, da die
bloe Betrachtung der Lebensgemeinheit ihn gradezu krank machte. So wirkt ja
auch das sogenannte Ehrgefhl nur krankhaft, falls es die Verleumdung frchtet,
der ja doch niemand entgehen kann. -
    Durch die Reaction des berechtigten Stolzes tritt Erhabenheit ein. Statt
sich in weltklugem Phlegma zu verhrten, schwang er sich ber sich selbst und
seine Misren empor, indem der unbegrenzte, ungebndigte Stolz des starren
Individualmenschen sich zusammenkrampfte. Aber auch diese krampfhafte Steigerung
des Selbstgefhls in einsamer Selbstbetrachtung diente nur dazu, sein
Nervensystem vollends zu untergraben. Er mute sich buchstblich in die Haare
greifen und krmmte sich wie ein Wurm, weil ihn andauernd die Vorstellung
verfolgte, er strze sich aus dem Fenster eines vierten Stockwerks. Mit voller
Klarheit durchlebte er den Schwindel und die Todesangst des Falls. Dann trat
dafr der grliche Wahn ein, da er sich vor einen Courirzug strze. Seine
hartnckige Phantasie klammerte sich an diese Wahnvorstellung wie sonst an
andere kleinliche Nrgeleien. Wie ein Krampf kam fortwhrend ber ihn die
ekelvolle Furcht vor der Eisenbahn, diesem eisernen Ungeheuer, das ber alles
fortrast, ber alle Blumen des Lebens. Mute diese selbstmrderische Psychose
nicht eines Tages wirklich zum Verderben fhren? Wer stets in den Abgrund
starrt, und wre er selbst schwindelfrei, strzt endlich doch hinein. -
    Seine Nervenkrankheit stieg auf den hchsten Grad. Da er alles that, um sein
System zu vergiften, alle Abende schimpfend in den Cafs umherstberte, ob man
ihn immer noch todtschweige, und statt zu soupiren (sein Magen vertrug schon
keine schwere Speise mehr) Kuchen a und fnf schwarze Cafs hinter die Binde
go, - so zerrttete seine ungeheure Produktivitt ihn vollends.
    Morgen: Die Meeresbraut, Drama in 5 Akten von Xaver Graf Krastinik stand
an der Littfasule. Leonhart kicherte hlich in sich hinein. In der Nacht
trumte er seltsam.
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    Auf der Asphodeloswiese, die besprenkelt und umwuchert von der mystisch
blauen Blume, schritt er in dem Traum dahin. Ahnungsdunkle Lorbeerhaine,
klassisch zugeschnittene Berge, und in geisterhafter Weie Marmortempel
ringsumher. Fernverhallend rauschten Chre durch die wunderhellen Lfte und als
Wolke hing im Aether gar der Fries des Parthenon.
    Weiter ging's im Thal der Todten, wo wie steingewordene Psalme Mnster hier
gen Himmel stiegen und von Bannern schier ein Wald. Und auf einem Teiche zogen
Schwne einen Kahn von Silber. Drin zwei Mnner, in den Hnden Jeder einen
Goldpokal. Den Pokal des heiligen Grales hat Herr Wolfram hier gefunden. Und er
schlrft den Quell der Mystik, blutrothen Erlserwein. Lchelnd spiegelt sich
der Andre in dem rosigen Wein der Liebe, tausend bunte Blasen sprudelnd, in
Isolde's Zaubertrank.
    Walter auch der Fiedelre, unters Kinn den Arm gebogen, sa, von Vgelein
umzwitschert, auf der moosigen Bank von Stein. Und vor einer schattenhaften
Schreckgestalt posaunentnig blies ein Sturmhauch her erzklirrend hier das
Nibelungenlied.
    Mausoloeen, Leichensteine moderten, wo durch Cypressen er frba die
Schritte lenkte, hllendunkle Kirchhofschlucht. Einsam sa im Seherkleide dort
ein Mann an schwarzem Kreuze. Michel Angelo's Sibyllen schauen kaum so grimmig
drein.
    Doch nun glitzerte die Landschaft, goldig schier wie eine Mine neugefundnen
Eldorados. Sah dort drei an einem Tisch. Tranken all aus einer Kanne Malvasier
und trugen modisch zugeschlitzte spanische Wmser. Einer der hie Calderon. Und
Cervantes hie der Andre mit der abgehauenen Schwerthand. Und des
Menschenherzens Meister sa, der Brite, auch dabei.
    Von den leidenschaftlich wilden Dften unerhrter Triebkraft noch betubt,
empfing ihn jetzo Brodem knstlicher Parfms. Rokoko und Voltaires Witze.
Lessing trgt den Zopf im Nacken, wrdevoll wie eine Toga schlottrige
Magistertracht. Nein, ich gehe keinen Schritt mehr weiter in das Unnatur-land!
Und aus Schrecken vor der Neuzeit war er jhlings auch erwacht.

    Die Atmosphre war schwl, tiefblaue Tinten bestrichen die bleifarbene Wand
des Horizonts, es wetterleuchtete. Leonhart schritt ruhelos frba durch den
Grunewald, da die Fichtennadeln, die den Weg bestreuten, unter seiner hastigen
Sohle knirschten.
    Chaotisch wirbelten ihm Gefhle und Gedanken. An diesem Abend sollte das
Drama im Deutschen Theater in Scene gehn, sein Drama, dem Graf Krastinik den
Namen geliehn, damit auf diese Weise ein Werk des connexionslosen
strebernsunkundigen Dichters an die ffentlichkeit gelange. Ob es gefallen
wrde? Und wenn, wie wrden nachher das Pregesindel und die Theatermenschen
sich erbosen, sobald der schreckliche Hereinfall aufgedeckt! Man hat sich einen
Spa erlaubt, eine Mystification! Sie konnten gar von grobem Betrug reden,
garstige Chicanen erfinden, ja den wahren und angeblichen Autor in corpore in
Pre-Verschi erklren und unmglich machen!
    Leonhart's Finger krampften sich auf und zu. Er fhlte, da er zum Mrder
werden knne, zum Mrder an diesen Elenden, die Gott in seinem Zorn erschuf, um
das Hchste und Heiligste, die Poesie, mit ihrer stinkenden persnlichen
Geschftsmacherei zu besudeln. Eine Verschwrung von Schurken und Dummkpfen,
nicht werth, auch nur den Staub von den Stiefeln eines Dichters zu lecken.
    Nicht Einer unter all diesen Litteraten-Strolchen, der nicht ausschlielich
von seinem winzigen erbrmlichen Ich speiste, der nicht an miekriger
Selbstsucht, an einer wahren Selbstbefleckung des selbstverliebten Grenwahns
litt. Alle verzehrt von hirnzerfressendem Neid gegen gefrchtete Superioritt,
kriechend nicht vor dem Talent, sondern vor dem Erfolg, nicht vor dem Verdienst
eines Alvers, sondern vor dessen Studententriumphen und seinem von. Alle
gleich, ob nun germanische Jngstdeutsche mit augenverdrehender Pseudo-Strmerei
oder jdische Jngstdeutsche mit thatkrftiger Realittsausnutzung, ob nun
notorische Streber oder verschmte Akademiker mit angeblich reinen Idealzielen.
Alle nur die Wurst nach der Speckseite werfend, alle nur bemht ihr liebes Ich
zur Geltung zu bringen, alle tief von der Wichtigkeit ihres mittelmigen Nichts
durchdrungen, und von Uebelwollen gegen alles Uebrige beseelt.
    Ja, er durfte sich's sagen: Er war der letzte Idealist, der Letzte, der
immer nur die Sache sah und nie die Person. Selbst seine Feinde muten es
zugeben. Ihm schien nur eins wichtig: das Verdienst, in welcher Gestalt auch
immer. Da er um so schonungsloser den Grenwahn der Windmacher geielte, lag
in der Natur seiner rcksichtslos herben Wahrheitsliebe. -
    Der Verfolgungswahn packte ihn wieder mit doppelter Gewalt und malte die
verbndete Schlechtigkeit noch dsterer, als sie in Wahrheit sein mochte. Auch
entschwand ihm theilweise die objective Betrachtung, die er in lichten Momenten
wie kein Anderer besa, betreffs der traurigen Nothwendigkeit dieser allgemeinen
Selbstschtelei, da doch Jeder herbe um sein Fortkommen zu ringen hat. Von Natur
sind Wenige schlecht, wenn auch kindische Eitelkeit und nrgelnder Neid nur
besonders vornehmen Naturen nicht angeboren scheinen. Allein das Leben huft
soviel Koth an, durch den man hindurchwaten mu, da die edleren Gefhle
allgemach verkmmern.
    Gewi blieben ja Leonhart's wste Wahnvorstellungen nicht vom Thatschlichen
fern. Die Schlangen berathen sich, um den Lwen von hinten in die Ferse zu
stechen. Wir mchten so gern und an Lebensklugheit - Falschheit, wie es die
Dummkpfe nennen - sind wir ihm ja allesammt berlegen. Aber ach, wenn er sich
mal umdreht und mit der Tatze haut, da wchst kein Gras! So ist es die Feigheit
der gemeinen Naturen, die allein den hochherzigen Starken vor ihrer Bosheit
schtzt.
    Es ist ein groes ethisches Gesetz, da der schmutzige Kampf ums Dasein uns
emprt, sobald wir ihn losgelst von uns selber betrachten, und da die Perfidie
der Andern die Stimme unseres eigenen Gewissens, die wahre Selbsterkenntni,
frdert.
    Wo man auch auf Erden seinen Pilgerstab hinsetzen mag, berall trifft man
das menschliche Antlitz und seine Lgen. Lange hatte Leonhart als Correspondent
eines groen Rheinischen Blattes in Paris und London gelebt. Mit dsterer
Befriedigung dachte er unwillkrlich, wie wenig und oberflchlich man ihn doch
kenne, wie viele Leute auerhalb Deutschands mehr von ihm wuten, als irgend
einer der guten Freunde, die ihn umklatschten. Mit welcher ironischen
Schadenfreude erfllte ihn das prahlende Gethue mancher Kollegen, als ob sie
mit ihm hundert Scheffel Salz gegessen htten, whrend wiederum in ihm nheren
Kreisen der Gesellschaft die vlligste Unkenntni seiner litterarischen
Verhltnisse herrschte! Vier ganz verschiedene hhere Tchter hielten sich
allen Ernstes fr die unglckliche Liebe seines Lebens und bewahrten daher noch
nach ihrer Verheirathung ihm jenes theilnahmvolle Mitleid, das aus
geschmeichelter Eitelkeit entstammt.
    So blieb er eben in Allem ein Rthsel und zersplittert in unendlicher
Vielseitigkeit, die zu seinem Verderben ausschlug - allerdings in anderem Sinne,
als einige Klugschwtzer, die es mit den Feinden Leonharts ebensowenig wie mit
ihm verderben wollten, in ihrer unendlichen Schlue und Barmherzigkeit ber ihn
orakelt hatten.
    Die Subjectivitt des Uebermenschen trieb ihn, gerade weil seine Natur in
ihren Urquellen selbstlos und wohlwollend, zu Paroxysmen der Misanthropie.
    Du Spreu des Ewigen, die kaum als Dnger der Weltidee noch brauchbar!
Flchtiger Koth, vom Sturm des Schicksals in das Nichts gewirbelt! Du Bestie,
die bbische Begierden mit kriechend feiger Heuchelei bemntelt! Du neid- und
hageschwollenen Drachenbrut, Du Rattenknig, Schlangennest der Snde! Mensch!
Lebend schon die Wrmer Dich zernagen, sich von der Fulni Deines Leibes
nhrend, in dem die Seele lange schon verfault! Du Blitz, der dort wie eine
Zornesader aus dieser Wolkenstirne Runzel aufzuckt, o schlngle Dich als
Ariadnefaden hinab zu mir ins Labyrinth der Schmerzen!
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    Wie der Trieb zur Snde im Menschenblut, so liegt im grbelnden Menschenhirn
geheimnivoll ein schrecklicher Drang, zu erproben die Selbstvernichtung. Auf
die Hhe des Berggrats stelle ein Kind! Schau, wie's gleich nher und nher
kriecht dem drohenden Rand und Kiesel zuerst aufliest vom steinigen Boden. Die
schleudert es dann in die Hhlung hinab, um am Schall zu ermessen des Abgrunds
Grund, horcht ahnungsvoll, wie spt und dumpf es drhnt aus der endlosen Tiefe.
Der Mutter Vorsicht gngelndes Band zerreit es, schleicht zum Rande sich vor,
umklammert noch den Fels der Vernunft. Der scheint ein sicherer Halt ihm.
    Doch wie es starrt in das graue Nichts, da schwindeln ihm schaudernd Herz
und Hirn, da gleitet die Hand, da wankt das Knie, gelhmt von grlichem
Grausen. Im Instinkt der Verzweiflung strzt es hinab. So umgarnt an der Zweifel
ghnendem Schlund den Nichtseinsinnenden grbelnden Geist entschlossene
Verneinung des Willens. Bis willig halb, halb magisch gedrngt, halb sinkend,
halb gestoen, er rollt durch Wahnsinn-Nebel in Todesnacht: Todesfurcht
versteckt sich im Selbstmord.
    Dieselbe Nacht, die den irdischen Zeus, den Alexander, dem Licht geschenkt,
sah frech verbrennen den Herostrat der Ephesischen Artemis Tempel. Denn in der
Moira dunklem Schoo, und in des Kronos waltender Hand und in des Kroniden Waage
des Rechts da liegen vereint die Loose. Das weie Loos und das schwarze Loos,
das Sein und Nichtsein, Leben und Tod, und der Trieb zum Leben, die
Schaffenslust, sich paart dem Lebensekel. Die Selbstvergtterung, welche gebiert
der Dmon in der Erkorenen Brust, ist nahe der Selbstverachtung gesellt in der
Verlorenen Seele. Dieselbe Hore, welche gebiert den schaffensmchtigen zeugenden
Geist, den Welterbauer, als Zwilling nhrt den zerstrungsfrohen Vernichter.
Augustus, Trajan, Vespasian, aufs Neue erbauten nach Gtterbeschlu, was
niedergerissen nach Gtterbeschlu im Reich die Juliersprossen. Welch winzige
Spanne Zeit doch trennt vom Nero den Titus! Ja, noch mehr: in Titus' Seele
selber lag der Drachen neben dem Lamme. Ein kurzer Augenblick entschied sein
wahres Wesen und schied nun ab seiner Jugend Neronisches Element von der Wonne
des Menschengeschlechtes. So liegt das Verderben dem Heil gepaart und das Leben
dem Tode im Menschengeist, und Jeder erfllt am Ende nur seine vorgebahnte
Bestimmung.
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    Je mehr Leonhart diesem Gedankengange folgte, desto deutlicher empfand er,
bei Titus angelangt, den Begriff des Csarenwahnsinns, diesen
Gotthnlichkeitsdnkel des Grenwahns. Wie vom Medium einer Vision inspirirt
und selbst Medium geworden, fhlte er das Wesen Heliogabals in das seine
hinberrinnen. Ihm war, als sprche aus ihm selber die Seele des
Gtterwonnetrunkenen, zum Flammentode bereit.
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    Mir bahnte den Pfad der erhabene Narr, wahnwitziger Wstheit Meister mir,
Caligula mit dem thierischen Blick der bermenschlichen Frevel. Auch der
grodenkende Csar-Apoll, die Knstlerbestie, die zum Klang des eigenen
Lyraklimperns schwamm auf goldner Barke im Tiber, lotternd auf purpurnem
Thalamus, weistirnige Buhlinnen rosenbekrnzt schamlos zur Seite - also zu
bewundern das brennende Rom, von lebenden Fackeln entzndet: Nazarenergewrm,
ans Licht gezerrt aus Katakomben, gepfhlt, erwrgt, aus Kreuz genagelt,
verpicht mit Stroh, und mit Naphta sodann bergossen. Dies Schauspiel weckte ihm
schauerlich-schn dithyrambische Stimmung. Anschaulich entrollt, studirte er so
der Sinnenwelt schrecklichste Wonnen und Schrecken. Der Erkenntni Aganippe er
schlrfte in rinnenden Zhren, triefendem Blut. Im prchtigen Mordbrand suchte
er den prometheischen Funken.
    Feinschmecker der Psyche, Lucull des Gefhls, wie sinnig verknpfest Du so
in eins die Elemente von Gier und Grau'n! Verschmelzung doppelten Schauders! Der
Ueppigkeit s entnervende Schauer mit markdurchrieselnder Ahnung der Furcht!
Dir folgend, du Aristipp-Dionys, hab' ich herrlichen Tod mir ersonnen.
    Nur Schnee befreit ein erstarrtes Glied, nur Gluth erstickt der Genusucht
Gluth. Drum strz' ich vom Lager verzehrender Lust ins Brautbett des Todes, die
Flammen.
    Ichtys, der Fisch, ist der Christen Symbol, das meine der Salamander, der
froh im Erdpech, vulkanischer Lavaschicht der Ur-Erregungen, whlet.
    Man schlendert ins Feuer den Skorpion, dann bohrt er den Stachel ins eigne
Hirn: So springt mein Ekel ins Bad des Tods, nicht lkend wider den Stachel.
    Als Kind in frischer Ursprnglichkeit, wo die Welt eine Fabel, ein
Hirtenidyll, da fhlen wir den homerischen Trieb nachbildender Weltumfassung.
Doch drngt die grausame Wirklichkeit sich unablssig in's Innere ein durch
jeden Spalt der Sinne, so ghrt im Hirn ein schauerlich Chaos.
    Mit Selbstverhhnung beginnen wir, mit Selbstverachtung fahren wir fort und
enden, die Ohnmacht des Einzelgeist's, das All zu empfinden, erkennend.
    Drum frh dies ahnend floh ich aus Furcht zum rohen Genu und erkannte
sofort in der Sinnlichkeit die einzige Bahn zu gelassener Lebensertragung. O weh
mir! wr' ich doch lieber bestimmt zum Kriegstribun, zum Legionar mit ehernen
Nerven und bldem Verstand und derbem Behagen am Dasein! Doch wem das Fieber des
Denkens einmal die Seele schwchte, fllt immer zurck in neuen Anfall und ihn
curirt nur die letzte Krise vom Krnkeln. Was hilft's, mit erlogener
Sinnlichkeit an der Auenform kleben und tasten nach Schein-Schnheit mit
erzwungener Begier, ein Pseudo-Epikurer? Die Schnheit des Scheins - o knnt'
ich sie nur mit Sein vertauschen, so hlich es sei, mit des Stoikers
Willensbung und fest an Tugend glaubendem Pflichtstolz!
    Doch was ist Pflicht, was Liebe, was Ha, was Tugend, was Laster vor'm
letzten Begriff, vor'm Verstndni der letzten Erkenntni? Ein Hauch! der
Naturtrieb des Augenblicks gilt nur.
    Der Stern der Kybele glnzt blutroth auf Tmolus' Schneehaupt. Im Alpenthal
Corybantengetmmel und Cymbalschlag, und es klagt der entmannte Adonis. Die
Ammen Jupiters lrmen wild, den Sugling zu schirmen vor'm grimmen Saturn. So
schlug ich gar oft im Bacchanal die Lyra der Gottessehnsucht. Die Lasterstimme
Astartes so in Priesterhymnen betubte ich oft, zu retten vor allverschlingender
Zeit mein Werk, das im Plan kaum geboren. Des Orients Mystik, den Syrercult,
verpflanzen wollt' ich zum Occident, die nchterne Seele des Rmervolks mit dem
Rausch der Begeistrung trnken. Die Eisenadern sollten aufs neu frisch schwellen
von schumender Leidenschaft. Die weichliche Sclavin sollte den Herrn durch
geistige Herrschaft zhmen.
    Mein glhender Ost, Du Mutter der Welt, deren Wiege am Paropamisos stand -
ich wollte Dich rchen, Dein treuster Sohn, wider Roma heimlich verschworen, ein
gekrnter Catilina! - Zu frh! Erst spter wird nah'n der Tag des Gerichts und
neue Cimbern des Nordens vielleicht bauen ein neues Carthago.
    Der Urzeit sibyllinisches Buch, Hieroglyph und Talisman, Weisheitschatz -
ich verbrenne mit allem, wie Sardanapal mit Harem und Kronenjuwelen.
    Oft neidete ich des Attis Loos. Doch forderte meiner Gttin Dienst, der
Allerzeugerin, Zeugungskraft und Unzucht als Opfergebruche. Denn Keuschheit ist
nur ein Raub am Selbst, und was ist Snde, die's nicht an sich? Wie der
Ptolemer die Schwester beschlft, so ehlichte ich die Vestalin. Und vermhlte
die Pallas, herschleppend ihr Bild aus verborgener Zelle beim Mithra-Fest dem
Sonnengotte, in dem ich erkannt den beredtesten Zeugen der Schpfungskraft. Denn
Natur ist Gott, statt Gttern ich schuf einen Universal-Naturdienst.
    Abram, der Ebrer Erzpatriarch, der Planeten-Anbetung Thorheit sah, als vom
Kasius einst, meinem Heimathberg, er den Sternenhimmel beschaute. Ich aber kam
dort zu verschiedenem Schlu. Mir hat da droben sich offenbart der wahre Baal,
wie Eli einst der einige Jehova. Ich bin, der ich bin, und ich werd', der ich
werd'. Der Herr des Berges, der El Gabal, der zuerst auf den Gipfeln
erscheinend von dort aus Kcher und Fllhorn schttelt Strahlenpfeile,
Gluthrosen, beseeligend und befruchtend damit berschttet die Welt! Drum
verehrt auch auf Alpen der Perser das Licht. Du Reiner, Du Einer, Du Meiner!
    Ich baute Dir Heliopolis, Baal-Bek, Sonnensulen auch, Chamanim. Trotz bot
ich dem Orkus, den Tchtern der Nacht, den Unterweltsgewalten, und dem Mars, der
den Herrn Adonai erschlug, dem latinischen Mars, der rohen Gewalt, dem Dmon
der Zwietracht, der nimmer schliet den Janustempel des Friedens.
    Die Sonne erreichte den hchsten Stand im himmlischen Tempel, dem Sternbild
des Leun. Typhon, der Meersturm, schweigt und es quillt der Nil des Lebens aufs
neue. Doch als Shnopfer des Fortschritts fiel der neue Osiris. Schau, Isis
Natur, Kybele, wie Liebling Adonis strzt sich selbst in die Hauer des Ebers!
    Begierde - Genu, Grenzpfeiler des Seins, umrei' ich sie, aufwhlend den
Grund, den vulkanischen Boden, in dem wir umsonst nach den letzten Zwecken
schrfen. Ans Thor des Schicksals poche ich frech mit der Keulenfrage: Warum?
Wozu? Ich will den engenden Wirkungskreis durch verwegene Willkhr sprengen.
    Vampyr der Langeweile, entfleuch durch des Grabes Pforte zur Urnacht hin, -
Herodias Welt, ich fliehe vor Dir in die Wste der ewigen Freiheit. Eines
Heilands Vorlufer erscheine ich mir, wie dem falschen Messias Johannes einst -
des Pantheismus Weltreligion siegt einst ber die Gtzen .....
    Allerhaltende Liebe, bald hell bald trb in der Kette der Wesen vom Stern
zum Wurm strahlend, wie jedes nach seinem Grad ein Spiegel des ewigen Feuers -
dir vermhl' ich mich nun! Die Asche dem Wind und der Odem dem Urquell, dem er
entflo! So web' ich unsterblich weiter im All, Unendlichkeit wird das Ende.
    Verzehrt sind die Wolken der Sterblichkeit, die Sphrenrume zerklaffen -
hinauf zum Tabernakel der Urkraft schwebt meiner Seele befreite Flamme! Wo die
ewigen Mchte thronen im Licht, im Allerheiligsten wandelt er sich zur
Leuchtkraft selbst und leitet dahin an der Eisenkette der Dinge den Funken des
Werdens, der nimmer ward, doch endlos wird und von Kraft zu Kraft stets
wechselnd hinrollt, wie in Feuersnoth von Hand zu Hand fliegt der Eimer. Kein
Ende, kein Stillstand! Alles fliet und wechselt in Licht und Leben und Lust!
Unendliche Wonne! Auch Schmerz ist Genu dem Atom, das als Alltheil sich fhlet.
Wohlan denn, zum letzten Sprunge hinein! Weh, weh! Ich verderbe, verlodre. Haha!
Jo, Jo! Triumph! O Wollust der Marter, es ist vollbracht!
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    Mit wirrem Lcheln und hmmernden Schlfen fuhr der Dichter aus seiner
Weltentrcktheit auf und stierte umher.
    In hastigem Sturmschritt war er bers freie Feld nach der Wetzlarer
Bahnlinie jenseits des Halensees abgeirrt, mit der fieberischen Schnelligkeit
seines gestaltenden Gefhls vllig im visionren Bann des csarischen
Selbstmrders.
    In der Ferne raste ein Courirzug heran. Der einsame Wanderer blieb stehn,
wie erstarrt, wie vom Blitz getroffen. Seine Augen quollen grlich aus ihren
Hhlen, sein Mund ffnete sich unwillkrlich, als habe ihn der Starrkrampf der
Maulsperre ergriffen, ein Orkan von Gedanken stberte in Schneeflocken um ihn
her - -
    Tod, der mit unhrbarem Katzenschritt herschleichend uns hinweg reit,
zwischen Zeit und Ewigkeit bist Du der Rand, unentrinnbar unberbrckbar.
Ewigkeit! Symbolisches Wort fr Unaussprechlich- Undenkbares - ein
unverstndlich leeres Gets fr den Gedankenlosen. Doch der Denker Ideen-Stufen
durchluft, bis er steht vor der letzten Fragen Schlund und von unberwindlichem
Schauder gepackt zur Tagesarbeit zurckschnellt. O Riesenkerker, der in sich
schliet die Kfige der Welten, - du schreckliches Nie-Gewordenes!
    Formlose Urform, die bald sich lst in chaotische Formenlosigkeit, bald ihre
flieenden Krfte ballt zu verdichteten Weltall-Formen! Die unzhlbar gewordene
Welten verschlingt in Sndfluth uferlos grenzenlos, und unzhlbar-werdende
Welten sodann aus chaotischem Mischmasch bildet!
    Oder ist auch das niegewordene Eins keine richtige Ziffer, vielmehr eine
Null: Ist das Nichts die Wahrheit? Und ist das All nur des Einzelnen
Wahnvorstellung? Aufzuckend wie Irrlichtschemen, die doch nur wesenlose
Ausdnstungen sind vom fauligen Moor? - Enceladus, zerreie endlich die Ketten!
    Meteorisch sausen verwirrend schnell, Leuchtkugeln hnlich, Weltkrper
umher, die der Allgeist, indischem Gaukler gleich, auf und nieder rollen lt.
Und das Diesseits ist nur ein Schatten. Ob dieser Schatten nur vom unfalichen
Nichts ein Ausflu? Ob, wie es die Regel ja lehrt, Schlagschatten beweisen, da
Licht in der Nh' oder etwas Persnliches, Festes? Ob alles irdisch-vergngliche
Sein nur der Idee Erscheinungssymbol? Nur nicht lnger mithuschen im Tanz der
Puppen-Schatten, die auf des Lebens Grenzmauer sich jagen! - -
    Nein, nicht desertiren vor dem Todesgedanken, vor dem Todesgefhl, vor der
letzten Wahrheit! Im Anfang war die That und am Ende sei die That, die
lebensvernichtende! - Nicht desertiren, nicht feige sein! - Nervse Raserei
durchzitterte all seine Poren - der Courierzug, das Ungeheuer - wende dich ab,
Du kannst sonst nicht widerstehn - hahaha, bin Ich der Messias, so la doch
sehn, ob Gott ein Wunder thut - -
    Ein Sprung auf die Schienen, er glitt aus - -
    Gott thut heut keine Wunder mehr.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Jetzt stehst Du allein vor der Ewigkeit, allein mit Deinem Genie.
    Sprich ohne Furcht mit Gott, denn er allein kann Dich verstehn. Er legt ein
anderes Ma all Dich, als die gemeine Heerde des Tages.
    Die schwache Hand der Sterblichen wird nicht rhren an Deinen wahren Werth.
Ihr Preis und ihr Tadel kmmern Dich nicht mehr. Dein Geist enttauchte einem
Orkan, dem Blitze gleich - Deine Wiege und Deine Gruft wird ewiger Nebel decken.
    Aufrecht standest Du in Deiner Rstung in kniglicher Einsamkeit, kein schwa
ches menschliches Gefhl schlug unter Deinem Panzer. Du stiegest auf zur Gre
ohne eitle Freude, Du fielest ohne Murren. Auf der Sinne hohle Reize blicktest
Du kalt herab, ohne Lcheln und ohne Seufzer, und Dein Adlerflug ma die Welt
mit einem einzigen Knigsblick.
    Stirb denn inmitten Deines Ruhmes und lse Dein dstres Sein in die Atome -
rein und rauh, wie Du geboren wurdest, ohne Laster und ohne Tugend. Deine Tugend
war Dein Genie.

                                 Zwlftes Buch.



                                       I.

Das Deutsche Theater war buchstblich ausverkauft. Nicht nur das gesammte
litterarische und das bliche Premirenpublikum Neu-Jerusalems, sondern auch die
Crme der guten Gesellschaft schien vollzhlig erschienen. - - Rechts neben
der Direktorloge, wo L'Arronge's freundlicher Vollmond erglnzte, operirte Frau
Doktor Bergmann, Chefredaktrice der Berliner Tagesstimme, in Mitten ihres
Groen Generalstabs, an der Seite ihres Leibadjutanten, des lockigen
Apolloschwengels Emil Buttermann. Ah, die Thr der vollgepfropften Loge ffnete
sich und unter den Salutirungen des Groen Generalstabs erschien Doktor Bergmann
in eigener Person. Er hatte also einmal Europa sich selbst berlassen, um
leutselig, wie groe Mnner pflegen, den leichten Spielen der Musen eine Stunde
seiner unschtzbaren Zeit zu opfern. Hlt doch Bergmann bekanntlich mit Bismarck
das Europische Gleichgewicht aufrecht. Der Reichskanzler zieht rechts, Er
links. Bei dieser Atlasbrde scheint es denn kein Wunder, da er seinen
gewichtigen Corpus, den schweren homerischen Rindern gleich, wankend
einherwlzt, so da man immer frchtet, er werde einem mit seinen Plattfen
moralisch oder physisch auf den Fu treten.
    Auch heute suchte er wieder Raum, dieser schnaubende Elephant. Wie dem
seligen Napoleon schien Ihm Europa zu enge. Er mauschelte nach allen
Himmelsgegenden mit Armen und Beinen, um der Freiheit eine Gasse zu brechen.
Sein aufgedunsenes Antlitz, einem plattgetretenen Kuhfladen nicht unhnlich,
strahlte vom Bewutsein seiner Allmacht. O er ist ein grauer, ein sehr grauer
Mann!
    Sein besonderes Steckenpferd, die Antisemiten-Suche, ritt er wieder mal
chevaleresk wie Don Quixote seine Rozinante. Daher der forschende Blick, mit dem
er seinen Generalstab musterte. Wie der Riese Polyphem in seiner Hhle tastete
er berall an den Wnden seiner Redaktion herum, um den berhmten Niemand,
einen Antisemiten, unter seiner eignen Hammelherde zu entdecken. Und wehe, wenn
ihm solch ein rudiges Schaf zwischen die Finger kam! Dann verspeiste er es mit
Haut und Haaren.
    Doch getrost, in Knig Arthus' Tafelrunde schien diesmal alles koscher.
Lauter wulstige Lippen und Jatagan-Nasen. Da war Nathan der Weise mit den
geschlitzten Augen, der den Kanzlerstab des mosaischen Zukunftsreichs im
Tornister trgt. Da war Oskar der Gerechte, der flotte Schchter aller
Dichterbabies. Und da war vor allem Er selbst, Israels Grnder, der Zertrmmerer
des goldenen Kalbs, der neue Moses, der zum Gelobten Lande leitet, wo da Milch
und Honig fleut. Er schkerte eben huldvoll mit Frau Doktor Bergmann, welche
Lieder ohne Worte mit den Augen fltete, ebenso virtuos wie sie Lieder mit
Worten am Klavier brllt.
    Auch im Parkett versammelten sich die Zierden unsrer Kritik, von allen vier
Winden hergeweht, wo nur deutsche Zunge klingt, selbst aus dem Lande der
Mausefallenhndler. Die leichte Scheerenschleifer-Kavallerie der Prepanduren
formirte sich. Wieviel giftige Frchtchen, neidgrn angelaufen! Da gabs die
rhrigsten redactionellen Schaukelpferdchen, die mit schnalzendem
Hopphopphopplala zwischen Autoren und Verlegern herumtraben. Manch vielgewandter
Odysseus, der mit alten Hosen beide Hemisphren durchwandert, schwang krftig
das kritische Richtbeil. In einer Ecke des Saales bemerkte man die wundersamste
Pflanze internationaler Bodenkultur: Theodosius Drollinger. Dieser bedeutende
Mann war mal in Paris und begann daher seine Orakel unwandelbar mit dem
ehrfurchterweckenden Ausspruch: Als ich in Paris lebte. Da Papa Augier ihn mal
die Treppe 'runter geworfen hat, so ernannte er die Trias der franzsischen
Bhnengtter zu seinen intimsten Duzfreunden in seinen Feuilletons. Er, den ein
Augier auf die groe Zehe getreten, fhlte sich natrlich, er wute selbst nicht
wie, durchzuckt von gallischem Esprit. Auch hatte er pltzlich den Modedichter
Kleist, 70 Jahre zu spt, entdeckt. Die Lebenden schwieg er todt, eben um einen
neuen Kleist durch solch uneigenntzige Untersttzung heranzuzchten. Wenn der
neue Kleist sich erst eine Kugel vor den Kopf scho, dann wollte er ihn sofort
als Klassiker entdecken und von den Todten auferwecken.
    Da sa nun Theodosius, diese Carrikatur eines Boulevardiers, die sprlichen
Haare in die Stirn geklebt, um doch ja die neueste Mode der jeunesse d'horreur
mitzumachen. Doch herrschte unter Kosmetikern ber die bahnbrechende Technik
seiner Frisur der gelinde Zweifel, ob er Pomade oder Zuckerwasser hierzu
benutze.
    Sein maskenhaft-todter Ausdruck, sein stier gleichgltiger Blick, sollten
ihn als vornehm zurckhaltenden Gentleman aufspielen. Allein, lcherlich
reservirt und zugeknpft, wenn er mit einem anstndigen Menschen zu thun hatte,
wurde er uerst munter und zuvorkommend gegen lustige Dmchen, Spitzbuben und
Streber. Sein Vorgnger in der Redaction hielt es aus Gewissenhaftigkeit fr
seine Redactionspflicht, auch die Gattin des Verlegers unter redactionelle
Verantwortlichkeit zu nehmen. Theodosius ehrte piettsvoll diesen fruchtbaren
Redactionsusus, auf diese Weise die Vergangenheit angenehm mit der Gegenwart
verknpfend.
    
    Auch er war da, er mit der hackenden Habichtsnase und dem mangelnden Kinn,
der groe litterarische Todte, der einst die Irrlichter seines schnoddrigen
Witzes ber die den Sumpfhaiden seiner heut schon antiquarisch verstaubten
Salonstcke verschwenderisch ausstreute. Neben ihm sa ein geistreicher Pavian
in grokarrirten Beinkleidern und weier Weste, und rieb ihm zahllose Paradoxen
unter die Nase, und zwar wrtlich, indem er ihm beinahe ins Gesicht sprang.
Hinter diesem sa sein Schatten, natrlich ein Baron (denn wo ein Jude, ist auch
immer ein Baron nahe). Sein Kater-Nschen und sein ganzes dummdreistes
Kneifer-Gesichtchen nselte gleichsam lautlos. Einer jener Litteraturbarone
(natrlich stand Freiherr gro und breit in Goldschrift auf der Thr seiner
Wohnung), welche den ehrenfesten Aristokraten mimen, whrend der Kenner in ihnen
sofort ein neidzerfressenes grenwahnsinniges Streberlein erkennt.
    Er erzhlte grade in nselndem Ton, wie Serenissimus sein gndigster Herr
(einer jener kleinen Kter, kennt ihr meine Farben) ihm eine echte Havanna
verehrt habe. Mein lieber Baron, meinte der Gndigste - Er unterbrach sich, um
mit Innigkeit die Gattin eines jdischen Mache-Meisters zu begren, wie er denn
inbrnstig zu Unsrer Lieben Frau vom Jordan betete und mit Gottes Hlfe in den
Salons der geistigen Aristokratie des deutschen (jdischen) Volkes zu einer
Berhmtheit emporgeschwindelt wurde. Was kann da sein! Man braucht einen Baron
als Zimmer-Staffage. Das pat dem auserwhlten Volke in seinen Kram.
    Der Adel ist heut immer noch ein gutes Geschft. Dies wute ja Frau Hermine
Schmidt, geborene v. Preuschen, zu wrdigen, indem sie sich schlankweg Baronin
Preuschen weiter fort titulirte. Und siehe da, es war sehr gut. Mit
Enthusiasmus strzten die jdischen Federpiraten fr sie ins Turnei, sintemal es
denselben immer zur besonderen Ehre gereicht, einem Adelstitel unter die Arme zu
greifen. Mit Entrstung mu man jedoch die schnde Verleumdung zurckweisen, da
all diese adligen Herrn und Damen eines enragirten Philosemitismus verdchtig
seien. Sie benutzen eben nur die jdische Presse ebenso schlau wie die
conservative zu ihren durchsichtigen Reklamezwecken. Nein nein, man sitzt nicht
immer mit einem Baron an einem Tisch; dies beglckt ja einen armen deutschen
Schriftsteller. College Baron X. wird daher berall zum Vorsitzenden gewhlt.
Adel verbrgt Seelenadel, ein sehr gutes Geschft.
    Beide spielten hier die Rolle des Groen Galeotto, indem sie ber
Krastinik eine Verleumdung, einem on dit zu Folge aussprengten.
    Haben Sie dafr irgend einen Beweis? fragte der Mann mit der Habichtsnase.
    Nein, das grade nicht. Aber Beweise beweisen nichts! grinste Doktor Emil
Bengelheim mit seinem grotesken schadenfrohen Kichern. Es liegt in der Luft.
Man sagt.. Relata refero, ich bin selbst dabei gewesen wie Commerzienrath Landau
zu sagen pflegt. Hihi!
    El gran Galeotto! - -
    In einer Mittelloge thronte die holde Modelwin Hagar Satzler in weiem
Unschuldgewande, ihren Fcher aus Strauenfedern lieblich hin- und
herschwenkend, whrend ihr andres Katzenpftchen einen Veilchenstrau umkrallt
hielt. So zart, so wei, so unschuldsrein wie ein klein Miesektzchen - sie, die
ungenannte Freundin so mancher umwandelbaren Mannesverehrung. Einen hatte sie
nach der Riviera versetzt, einen Andern an die Nordmarken - da begriff man denn
wohl die heitre Zufriedenheit, die auf diesen edelgeschnittenen Zgen ruhte, das
stillbeglckende Bewutsein eines herzlich guten Gewissens. Ach, fltete sie
einem neben ihr stehenden kleinen Herrn zu, ich liebe nur groe
schlankgewachsene Mnner. Sagen Sie doch Ihrem Freund Kabel, er habe so schne
Hnde!
    Im Parkett unterhielten sich eifrig Schmoller und Holbach. Letzterer
jammerte wieder, da sein Verleger fr ihn so unflthige Reklame mache, obschon
natrlich er selbst hinter den Coulissen das Alles einfdelte. Ueber Schmoller's
langgedehnte schnffelnde Sprnase zuckte und wetterleuchtete es nervs, und
seinen brtigen Mund umspielte ein gradezu wollstiges Lcheln berlegenen
Hohns. Ihnen schadet das nur, lieber Herr College? frchten Sie nichts! Hren
Sie die Stimme des Pessimisten: Wenn der Tamtam Ihnen schadet, warum rgern wir
uns denn alle so darber? Das ist doch ein berzeugender Gegenbeweis fr die
Ntzlichkeit Ihres Vorgehens!
    Haha, Sie alter Schker! Holbach lachte heiser auf. Was Wahres ist ja
dran. Worber sich unsre wahren Freunde freuen, das schadet uns gewi. Sich zu,
ob Deine Freunde sich ber etwas rgern - dann triffst Du sicher das Ntzliche!
    Ach Sie! Schmoller wurde schon ausfallend. Sie heulen doch immer mit den
Wlfen!
    Nun, warum nicht? meinte Holbach begtigend. Mit dem Hut in der Hand
kommt man durchs ganze Land. Folgen Sie meinem Rath: Jedem Kritiker, schreibe er
nun bs oder gut ber mich, versetze ich auf frischer That einen Dankbrief.
Glauben Sie mir, wir sind ja alle Menschen! Alles verstehen heit alles
verzeihen.
    O Du Spitzbube! dachte Schmoller der Frchterliche. Die Notiz wandert sofort
in mein Tagebuch. O schlechte Welt! Nur ich Biedermann verschmhe - -
    Wo steckt denn Federigo? rief Holbach pltzlich. Der mte doch
eigentlich die Claque leiten fr seinen Freund Krastinik. Ich denke noch an sein
Bravo-Gebrll bei der Premire seines Freundes Adler. Er ri smmtliche Bnke
mit sich fort.
    Ach, bei dem Stubendramatiker! Na, heut hockt er wohl hinter den Coulissen
beim Autor in der Stunde der Prfung. - Uebrigens verkehre ich nicht mehr mit
diesem Schurken. Schurke war bei Schmoller ein Kosename. Bei ihm theilte sich
ja doch die Menschheit in zwei Klassen: Die ihm ntzten, - anstndige Menschen,
und die ihm nicht ntzten, - Schurken. Federigo - ja wohl! Ich bemerke
brigens, da diese Verwlschung des Vornamens von mir stammt. Sie haben sie nur
in Commission genommen, Herr Holbach. Er litt nmlich an der
Plagiatbeschuldigungs-Manie.
    Auch die konservative Presse war vertreten. Herr Peter von Schnapphahnitzkoy
(der polakische Adel darf sich schon 'was darauf einbilden, da seine Vorfahren
noch rger, als die deutschen Raubritter und Strauchdiebe, das Stehlen und
Plndern verstanden) putzte seinen Kneifer zurecht. Seine wasserblauen
vorquellenden Froschaugen, sein pomadisirter fuchsblonder Wirbelscheitel, seine
aufgestlpte Nase und sein breites bleichlippiges Maul bildeten ein Ensemble,
welchem ein lauernder Jesuitenausdruck noch eine besondere Weihe verlieh. Mit
spinnefeinem Lcheln tastete er gleichsam mit Spinnwebennetzen vor sich her und
umgarnte seine Beute. Wegen allerlei Schuldengeschichten, kaum Lieutnant, aus
dem Dienst entlassen, besa er den hohen Muth, sich als Cirkusreiter das Leben
zu fristen. Endlich, um sich zur tiefsten Stufe von der Hhe seines Adels-Tic's
herabzulassen, wurde er Litterat. Nicht ohne ein gewisses Talent, besonders zu
malitiser Satire, focht er sich schneidig als litterarischer Freibeuter durchs
Leben und endlich zum Redakteur der Tchterzeitung empor, wozu auer dem
Wrtchen von sein formvoller Redeschliff und seine gewinnenden Manieren nicht
wenig beitrugen. Gegen einen Schmoller nhrte er Geringschtzung, weil sein
beschrnkter Verstand nur den Plebejer in dem Heros sah, gegen Leonhart hingegen
tdlichen Ha, da seine giftige Neidwuth sich innerlich zerknirpst fhlte,
trotzdem er sich mkelnde Glossen erlaubte.
    Die lcherliche Anrempelei eines parfmirten jdischen Apolloschwengels (der
eine beilufige Aeuerung Leonharts ber eine, diesem nur per Renommee bekannte,
Modelwin absichtlich mideutete, damit er sich als Ritter derselben das Air
eines bevorzugten Liebhabers geben knne), hatte der Antisemit Schnapphahnitzkoy
dazu benutzt, um Leonhart in eine Duell-Lage zu verstricken. Zwar lag der
Thatbestand nicht entfernt so, da Leonhart den Judenjngling htte fordern
mssen, umsomehr derselbe nach Duellbegriffen eine unsatisfaktionsfhige
Persnlichkeit vorstellte, da er auf ffentliche Ohrfeigung nur durch
denunciatorische Ruinirung des Beleidigers geantwortet hatte. Allein,
Schnapphahnitzkoy ergriff mit tckischer Freude die schne Gelegenheit, um zu
insinuiren, Leonhart sei beschimpft, falls er nicht Jemanden fordere, und daher
wolle er fr jenen ihm ganz Fremden eintreten!!! Er konnte dies schon wagen,
zumal noch ein andrer sogenannter Freund Leonharts sich wrdelos, trotz der
berwiegend gegentheiligen Stimmung der Anwesenden, fr die sogenannte Ehre
jener Dame einsetzte, weil derselbe ebenfalls die geheime Gunst derselben zu
erringen hoffte. Und Schnapphahnitzkoy spekulirte wieder auf die Gunst dieses
Herrn aus Geschftsgrnden. Ergo! Leonhart, immer geneigt von seinen
Nebenmenschen besser zu denken, als seine pessimistische Menschen- und
Physiognomieenkenntni ihn sonst lehrte, hielt die Sache jedoch fr einen bloen
Spa und suchte daher den p.p. Schnapphahnitzkoy in dessen Redaktion persnlich
auf, um diese wesenlose Angelegenheit durch gemthliche Aussprache aus dem Wege
zu rumen. Allein bald mute er erkennen, da er einen schweren Fauxpas gemacht.
Denn mit kaltbltiger Tcke bestand dieser ritterliche Shylok auf seinen Schein,
sein Pfund Fleisch, sein liebes kleines Duell. Er gab zu, da ihn die Sache
nichts angehe, da sie berhaupt unbedeutend sei, auch da er selbst noch nie
ein Duell gehabt habe. Trotzalledem aber msse er darauf bestehn, sich mit
Leonhart zu schieen, damit sein empfindliches Ex-Lieutnantsgefhl beruhigt
werde. Leonhart stellte ihm die volle Unmglichkeit der Motivirung vor, falls
das Duell ernst sein solle - sei es aber als bloe gemeint, so danke er fr
solche Zeitvergeudung. Das Duell knne seinen guten Sinn haben
(Schnapphahnitzkoy verschanzte sich dahinter, da Leonhart ja das Duell an sich
noch nicht verwerfe), falls es sich um ernsthafte Ehrverletzung drehe, aber nur
so. Obschon nun Schnapphahnitzkoy recht wohl wute, da jedes Ehrengericht ihn
als Rowdie-Raufbold verurtheilen und jeder Gerichtshof ihm das hchste Strafma
des neu verschrften Duellgesetzes aufbrummen wrde, - obschon ferner klar auf
der Hand lag, da er als guter Bekannter Leonhart's, wenn in seinem
militairischen Ehrbegriff gekrnkt, umgekehrt grade fr denselben den Anrempler
desselben fordern mute, um seinem Anstandsgefhl genge zu thun, - so ergtzte
es doch das verkrppelte Seelchen des Kleinen, den beneideten Groen in dieser
Mausefalle zappeln zu sehn. Uebrigens frchtete er auch ein ernstes Duell nicht.
Erstens scho und focht er meisterlich, wute sich also von vornherein Sieger.
Zweitens lag ihm wenig an seiner traurigen Existenz. Denn, eigentlich
kerngesund, dichtete er sich ein aristokratisches Asthma an und sicherte sich
nur noch kurze Lebensdauer zu. Es harmonirte damit, da auch jener unglckliche
Liebhaber der hinter den Coulissen spielenden Donna, welcher ebenfalls an
Leonhart seine Rittersporen wenigstens schimpfend verdienen wollte,
eingestandenermaen an einem gewissen unheilbaren Leiden krnkelte. Daher der
Todesmuth dieser Todeskandidaten.
    Nun erfuhr zwar Leonhart bald darauf von verschiedenen Seiten berraschende
Dinge ber seinen edeln Feind, welche er jedoch schweigend ad acta legte. Auch
das sonstige einstimmige Urtheil ber den Trefflichen lautete gleich ungnstig.
Nicht mal mit der Duell-Bravour hatte es seine Richtigkeit, da er kurz vorher
erbleichend kniff, als einige gefhrliche Studenten ihn wegen einer cynischen
Bemerkung ber das gesammte weibliche Geschlecht (daher Chef der
Tchterzeitung) zur Rechenschaft forderten. Aber der Dichter, dessen Mensuren
und Schlachten auf ganz anderem Gebiete lagen als auf dem der pbelhaften
Klopffechterei, schien ihm ein bequem wehrloser Prgeljunge, whrend er selbst
vor seinem Todfeind Schmoller zitterte wie Espenlaub, wenn er diesem zufllig
auf dem Pferdebahn-Perron begegnete, zerschmettert von meinem Blicke, wie der
groe Sittenschilderer ausschmckend hinzufgte.
    Kurz, von welcher Seite man den ritterlichen ironischen Kneiferhelden auch
betrachten mochte, - berall blieb er die gleiche einnehmende berflssigkeit,
die ihre ganze Existenzberechtigung aus dem Wrtchen von herleitete.
    Einen Augenblick empfand Leonhart, als die fischbltige Ruhe dieses
Wouldbe-Gentleman an ihm die hartnckige Betonung der Duell-Nothwendigkeit aus
unsern gesellschaftlichen Verhltnissen heraus wie eine Schraubentortur
weiterquetschte, das Gelst aufzuspringen: Sie sind ja ein Bube, Sie! Sein
Stock zitterte in seiner Hand, es schwamm ihm roth vor den Augen und er sah
gleichsam das Blut langsam die wachsbleiche abgelebte Todtenmaske
heruntertropfen, wenn er quer durch die hohngrinsende Fratze hieb.
    Denn dieser gutmthig weiche Charakter durfte leider mit Hamlet gestehen:
Wenn ich auch mild bin von Natur, so ist doch was Gefhrliches in mir, das ich
zu scheuen bitte. Es war nur ein Augenblick, es ging vorber. Er berlegte
blitzschnell, was denn eigentlich daraus werden solle. Von hchstem moralischen
Muthe, fhlte sich der Dichter, zwischen Jhzorn und Niedergeschlagenheit
schwankend, so nervs herabgestimmt, da eine allgemeine Schwche der
persnlichen Initiative (neben hchster Anspannung des Willencentrums in rein
geistigen Dingen) ihn vor rohen Aeuerlichkeiten zurckbeben lie. Sollte er
sich hier persnlich mit dem gefhrlichen Lauerer herumwrgen? Derselbe war
allem Anschein nach wohl strker, wie denn rauflustige Memmen immer nur dem
physisch Schwcheren gegenber Muth schpfen, da ihnen ja nichts imponirt als
krperliche Zchtigung. Von physischem Muth kann ja berhaupt nur dem Strkeren
oder gleich Starken gegenber die Rede sein.
    Die Renommisten der Fechtbden, prahlend mit ihrem muskulsen Arm, die
minder Gewandten abfertigend, laufen oft in der Schlacht davon.
    Duell! Sollte er sein kostbares Loben, von welchem die Zukunft der Poesie
abhing, aufs Spiel setzen, um einem werthlosen Junkerlein als Zielscheibe seiner
Schiekunst zu dienen?! Nein, diese Farce der Selbstentehrung, zu Ehren eines
formvollendeten Rowdie fr das Gerippe einer moderzerfressenen After-Ehre,
sollte nicht den Mephisto des Zufalls ergtzen.
    Leonhart erhob und empfahl sich kurz, mit lebhaftem Bedauern, da ihre
Auffassungen so weit auseinander gingen. Schnapphahnitzkoy geleitete ihn mit
stummer Verbeugung bis zur Thr. Von beiden Seiten war kein zuchtloses Wort
gefallen. In dieser Hinsicht wenigstens verleugnete jener merkwrdige Mensch
nicht die Erziehung eines frheren Offiziers.
    Beide ignorirten sich natrlich seitdem, wobei Schnapphahnitzkoy
selbstverstndlich von dem stolzen Bewutsein strahlte, einen groartigen
moralischen Triumph ber diesen eingebildeten Dichterheros erzielt zu haben. Es
giebt eine Heuchelei der Ehre, wie eine Heuchelei der Moral, und man mchte mit
Falstaff fragen: Was ist Ehre! Jedenfalls hatte der Grenwahn der falschen
Kavalier-Ehre wieder mal sein Opfer verlangt und zog sich mrrisch zurck, da
sein planmiger Mordversuch an der gesunden Vernunft und Vorurtheil-Verachtung
des Umgarnten machtlos abprallte.
    Uebrigens rchte sich der Ritter von Schnapphahnitzkoy spter auf eine
hchst gentlemanlike Weise fr den abgeblitzten Einschchterungsversuch
(eigentlich Nthigung zum Zweck der Krperverletzung), indem er seine Feinde
Schmoller und Leonhart nach deren Verfeindung wegen einer Injurien-Klatscherei
ffentlich durch eine gnzlich erlogene Thatbestand-Entstellung gegeneinander
hetzte, welche Leonhart jeder Zeit durch compromittirenden Abdruck der eigenen
Briefe Schnapphahnitzkoy's an ihn htte aufdecken knnen. Freilich entsprach es
auch der Verlogenheit Schmoller's, da er, obschon Leonhart gegenber
schriftlich wiederholt das Gegentheil bekundend, seinerseits nun die Darstellung
Schnapphahnitzkoy's mit Bezug auf Leonhart's angeblichen Verrath an seinem
frheren Freunde als richtig auffate, whrend lediglich er selbst seine Ansicht
ber Schnapphahnitzkoy aller Welt frmlich aufgedrungen hatte. Verlogenheit
hier, Verlogenheit dort - in der Mitte die Unvorsichtigkeit einer schwachen
Stunde vertrauensseliger Dupirung durch Schnapphahnitzkoy's falsche
Freundlichkeit und Wehklage ber Leonhart's khle Ablehnung, welche offenbar
durch Schmoller's Verlumdungen inspirirt sei!
    Wegen solcher elenden Skandalaffaire hatte Leonhart schlaflose Nchte
gehabt, weil er jeden Zweifel an seiner Loyalitt als schweren Schimpf empfand,
inde Schmoller wie ein Wahnsinniger umhertobte und der Adelszwerg sich
schadenfroh ins Fustchen lachte, zwei Riesen hinterrcks in die Ferse gestochen
zu haben. Gegen solche Meister des ueren Scheins nutzt nichts die grobe Keule
der sittlichen Entrstung, sondern nur das Stilet ironischen Hohnes ....
    Schnapphahnitzkoy referirte hier fr die hochvornehme Kreuz- und
Schwertzeitung und beschlo ritterlich, wie seine Auftraggeber, das Werk eines
grflichen Standesgenossen bis ber den grnen Klee herauszustreichen. Lautet
doch der allgemeine gang und gbe Grundsatz der Berliner Kritik: So'n bischen
Franzsisch und so'n bischen Adlig is doch gar zu schn!
    Sein herumschlenkernder Kneifer kte grade zrtlich den edeln Kneifer,
welchen der groe Heinrich Edelmann neben ihm schielend unter dem Parketsitz
putzte. Haubitz hingegen kneiferte khn die Logen an und strich sein schwarzes
Knebelbrtchen, whrend er stockschnupfend einige weltbewegende Messiasaxiome
umherstotterte. Sie referirten ja ebenfalls fr ein christlich-teutonisches
Blatt und hatten sich feierlich zugeschworen, ihren grflichen Freund derartig
zu preisen, da er sich einer Anzapfung mindestens um 200 Mark nicht mehr
entwinden knne. Das Loos sollte entscheiden, wer von Beiden diesmal fr einen
darbenden Freund die Kritik-Gebhren eintreiben solle.
    Schnapphahnitzkoy gab sich mit so was nicht ab, sein Streben ging vielmehr
nach einer guten Parthie, wie es bei diesen schlechten Zeiten nun mal nthig
scheint. Doch wrdigte er vollkommen die Haltung der beiden verwandten Seelen,
welche er sofort als vornehme Naturen, wie die technische Phrase lautet,
erkannt hatte. Auch Wurmb schlo sich mehrmals begeistert an, wenn sie alle
zusammen beim Schoppen die sittliche Gre des wahren charakterfesten Idealismus
betonten, im Gegensatz zu der unwahren Weltschmerzfexerei und proteusartigen
Unfestigkeit eines Leonhart, auf dessen kindlichen Grenwahn doch nun mal all
ihre litterarischen Biergesprche unfehlbar wie die Nadel zum Magnet hinzielten.
    Schnapphahnitzkoy erwhnte mit tadelndem Bedauern, da man doch einen
Kavalier wie Krastinik von seiner schier unbegreiflichen Vorliebe fr jenes bte
noire loseisen msse. Die Waffenbrder lchelten verschmitzt. Sie kannten die
oft erprobte menschliche Natur. Spielte man nur den Freund gegen den Freund aus,
so wrde die geschmeichelte Eitelkeit des Einen und die verletzte Eitelkeit des
Andern den Bruch schon von selber herbeifhren. Haubitz empfand eine diabolische
Wollust des Vorgefhls. Wie wollte er Krastinik anpreisen und ihn den
Stmpereien eines Leonhart gegenberstellen!
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    Die Klingel ertnte zum zweiten Mal. Das Bienenkorbgesummne eines
Premierenpublikums vor Beginn der Vorstellung verstummte. Die wogenden Linien
sanken in sich zusammen. Statt des Rauschens und Knisterns der Damentoiletten
hrte man nur noch den blichen Lrm der sich hebenden oder niederschlagenden
Klappsthle, wenn die zu spt Kommenden sich in die Reihen durchdrngen. Der
Vorhang ging auf.
    Schon nach den ersten Worten verbreitete sich eine angenehme Verwunderung.
Das war nicht die geschwollene blhende Jambensprache, an welche man bei
historischen Dramen gewhnt, das war nervige realistische Prosa. Das waren keine
theatralischen Pappfiguren, das war wirkliches angeschautes Leben. Der Dichter
vermittelte den Geist des alten Venedig so unmittelbar, da man sich wie zu
Hause fhlte. Die Handlung drehte sich um die Vermhlung Katharina Kornaro's mit
dem Kronprtendenten von Cypern und die Erwerbung dieses Inselreichs durch die
meisterliche Diplomatie Venedigs, welche schonungslos jedes Einzelglck ihren
Zwecken opferte.
    Hier sah man die Emsigkeit, mit welcher sich die Meeresknigin zum Trotz des
umbrandenden Meeres auf ihren eingerammten Pfhlen lagerte und unablssig mit
der andrngenden Fluth um ihr glanzvolles Leben rang, indem sie staunenswrdige
Ingenieur-und Baumeisterwerke entgegendmmte. Die unermdliche Entwickelung der
Seekunde, der khne Erwerbs-und Forschertrieb, der diese Kaufleute in fernste
Zonen fhrte, so da selbst die verlorenen Shne Venedigs den Orient berall als
Minister, Admirale und Handelsherrn beherrschten - alles das trat hier in die
Erscheinung. Vor allem aber entfaltete sich das politische System dieses
Insel-Roms, dessen Staatsgebilde die Kraft des menschlichen Willens im
geduldigen Verfolgen eines groen Ziels offenbarte. Der Dichter lehrte durch
anschauliche Darlegung, warum Machiavell im Buch vom Frsten die geheime
Schreckensherrschaft Venedigs als Muster hinstellte - diesen Schrecken, der
sich auch spter im Wohlfahrtsausschu des franzsischen Convents als
frderliche Waffe erwies. Man begriff, warum Taine den Bonaparte als einen Enkel
der italienischen Condottieri gleichsam atavistisch erklren will, als eine
posthume Neubelebung des Renaissance-Systems, wie dieses sich am klarsten in
Venedig verkrperte.
    In dem Admiral Moncenigo hatte der Dichter eine Gestalt geschaffen, aus
einem Gue und doch von feinster Detaildurchfhrung.
    Man sah gleichsam die geflgelten Marmorlwen San Markos ihre Schwingen
beutegierig ber Land und Meer breiten und ihre Krallen einschlagen. Warum die
vier Erzrosse aus Byzanz, welche an der Mittelfront des Doms so ernst
herniederstarren auf die tndelnden Tauben der Piazza, an die Sonderstellung
Venedigs als halborientalische Weltmacht erinnerten, begriff man an diesem
umfassenden Gemlde verschollener Herrlichkeit.
    Selbst der Dom San Marko (an dessen byzantinischem, mit romanischem und
Anstzen des gothischen vermhltem Stil alle Epochen der Venetianischen Gre
mitgebaut - von der strengen Wrde des Donatello-Stils bis zum ppig blendenden
Schwung der Hochrenaissance, welche sogar ein Farbengemengsel von Blau, Braun,
Gelb, Wei und grellbunten Fresken zur Schmckung der ueren Faade verwendete)
redete hier in der Theaterdekoration seine wahre Sprache. Man gewann zwanglos
tiefere Beziehung zu all diesen Zeugen der Weltgeschichtsentwickelung. In der
spitzschnabeligen schwarzen Gondel - ein Sarg unter steinernen Leichen - glitt
man gleichsam mit dem Dichter dahin und verstand die Schatten, die um die
Kirchhofstille der Palste griesgrmig dahinschlichen. Unter der
hellerleuchteten Rialtobrcke fort, tauchte man unter in dunkle Kanalgassen und
trieb langsam hinaus durch Canale Grande zum blauen Lido, whrend auf
abgelegenen Winkelpltzchen allenthalben Kirchen von berwltigendem Reiz reifer
Formschnheit emporsteigen. Man athmete gleichsam den Salzgeruch, der die Mauern
umwittert und sie mit einer kstlichen brunlich-grnen Lasur bekrustet.
    So verwuchs die Handlung des Dramas gleichsam mit den ueren Ornamenten der
Scenerie. Das ganze Patrizierleben dieser Mrchenstadt des Herzens schttete
seine Flle verschwenderisch aus - Marmor, Gold, Brokat und Atlas, Mosaik und
sammetweiches Farbenglhen der Gemlde - und wurde zugleich in seinen innersten
Saugfden offenbar. Es war, als ob die Pfhle, auf denen die Inselstadt erbaut,
blogelegt wrden. Aus allen Thaten und Worten dieses Lebensbildes tnte aber
die Mahnung des Dichters: So macht man Weltgeschichte! Das hat den deutschen
Trpfen stets gefehlt. Nur rcksichtslose weltkluge Niedertracht fhrt zum
Ziele. So, durch tausend Verwickelungen unentwegt sein geheimes Ziel vor Augen,
pflanzte Venedig auf der Leiche seines vorgeschobenen Schtzlings, des Knigs
von Cypern, sein Banner auf und benutzte die Schnheit der Venetianerin
Katharina Kornaro zu einem politischen Schachzug.
    Ein seltsamer Epilog krnte das sonst so schonungslos realistische Stck,
ein Epiolog, dessen innere Nothwendigkeit gleichwohl sofort ins Auge sprang.
Nachdem nmlich der 5. Akt an der Riva gegenber der Seufzerbrcke im goldigsten
Sonnenglanze farbigen Glckes geendet, zog sich pltzlich ein nebeliger Flor
ber die Scene. Man hrte eintnige Donner rollen und eintnig den Regen
niederpltschern. Die meisterhafte Inscenirung gab genau jene Stimmung einer
Regennacht in Venedig wieder, wo man gleichsam in purem Wasser zu schwimmen
glaubt, von oben durchweicht und unten auf allen Seiten die grnlichen Lagunen.
Da glitt eine schwarze Gondel heran, an deren Stern ein Man in schwarzem
Pilgermantel stand, eine Lyra im linken Arme gebettet, whrend seine Rechte mit
mondessilbernem Zauberstab die Wogen zu beschwren schien. Und die Wogen
murmelten ein Lied von Ihm, dem Gast des zerfallenen See-Gomorrha, das ihn mit
Gift berauschte aus venetianischen Kelchen.
    Wohl ein Gedanke, wrdig eines so groen Dichters wie dessen, der dies
gewaltige Drama geschaffen: Dem Weltdichter des Weltwehs, dem Brutigam der
Schnheit, Lord Byron, das letzte Wort zu lassen, die Klage um aller
Menschengre Vergnglichkeit. Und die Gestalt, halb als Vision gedacht,
nebelumflort, sprach also:

Noch klebt Schaum und Tang des Meeres,
Dem entstieg dies Wasserwunder,
An dem brckelnden Gewande.
Marmorsulen, Palastgiebel
Rings verchtlich niederschauen,
Wie herabgekommene Prinzen,
Vornehm ruhig auf das Lrmen
Dieser neuen Pbelwelt.
Ueber allem webt sich farbig
Ein geheimnivoller Schleier.
Den Rialto neubeleben
Bunte Maskenkarnevale
Schauender Erinnerung.
Schnitzerei des Buccentoro -
Die gehrnte Dogenmtze
Auf dem weien Martyrhaupte
Foscari's und Falieri's
Und des blinden Dandolo -
Scharlachseidene Talare
Der geheimen Tribunale -
Alle Perlen der Kornaro
In dem Goldhaar schner Damen,
Wie sie Tizian conterfeit -
Alles wirbelt hier zusammen
In ein Bachanal der Sinne,
Feiert eine Dogenhochzeit
Mit dem Meer der Phantasie.

O Venedig, stolze Greisin,
Greisin in zersetztem Purpur,
Steige her zu meiner Gondel
Nieder von den Marmostufen,
Die der Flgellen bewacht!
Wie die letzten Senatoren
Grollend einst hinabgeschritten
Aus dem Saal der letzten Sitzung
Bei dem Fall der Republik!
Also fahre mit mir, fahre
Weit hinweg mit Deinem Freunde,
Weit hinweg aus dieser neuen
Jmmerlichen Welt der Prosa!
Horch, die alten Glocken klagen
Droben von dem Kampanile:
Fr Venedig und die Dichter
Hat die Erde nicht mehr Raum!

    Langanhaltender Beifall, wiederholtes donnerndes Bravo besttigte, als der
Vorhang fiel, den tiefen und nachhaltigen Eindruck der Dichtung. Das war einmal
etwas ganz Neues, etwas, was noch nicht von den alten Tragikern vorweggenommen.
Das war das politische Drama, die Historie groen Stils, das realistische
Hohelied der Weltgeschichte.
    Krastinik! Graf Krastinik! schrie es aus allen Logen, von allen
Gallerieen. Der tobende Beifall nach den ersten Akten hatte das Erscheinen des
vielbegehrten Dichters vor der Rampe nicht erzwingen knnen. Jetzt aber nach
Ende der Vorstellung mute er doch dem brausenden Hervorruf folgen. Der Director
strzte aus seiner Loge, um selbst hinter Coulissen den Beglckten
herauszuholen. Allein nach lngerer Pause meldete er persnlich mit verlegenem
Gesicht dem ungeduldigen Publikum, da der Dichter sich bereits entfernt habe.
Er danke also im Namen des genialen Verfassers fr die herzliche Aufnahme.
    So war denn ein neuer groer Dichter aus der Taufe gehoben. Smmtliche
Theaterkritiker strzten in wildem Ple-Mle zu ihren Droschken, um sofort auf
der Nacht-Redaction die denkwrdige Thatsache fr den Morgentisch Berlins zu
serviren. Allen voran als der Findigste rasselte der Referent des
Brsencourier in seiner vorher bestellten Droschke I. Gte, der einzige
Gutmthige nebenbei, der mit wirklichem Wohlwollen auf etwas Gelungenes hinwies.

                                      II.


Ja, wo war Krastinik? Auch er hatte sich in einen Wagen geworfen und sa nun
einsam brtend vor seiner Lampe. Von Leonhard hatte er nichts gehrt, da
verabredetermaen, um keinen Verdacht zu erregen, dieser sich ihm fernhielt.
Gewi war er mit im Theater gewesen. Der Glckliche! - Wahrhaftig, der Graf
hatte eine Ritterthat auf sich genommen, schwerer und bitterer als manches
Martyrium. Sein Stolz litt unbeschreiblich. Hundertmal htte er hinausstrzen
mgen vor die Lampen, um dies vielkpfige Gemengsel von Seide, Patchouli und
Pomade anzubrllen: Ihr Elenden, ihr Narren! Da Keiner von Euch ahnt, nur
Einer knne das geschrieben haben, der unbekannte Gott, den Ihr nicht kennt!
Nicht der Graf, den Ihr so innig bejubelt, ist euer Idol, sondern der
verlsterte niedergetretene Anti-Streber, den ihr beschimpft, ohne ihn zu
kennen!
    Aber auch der alte Sauerteig der menschlichen Selbstsucht ghrte mchtig auf
- das eigene Dichterthum des tapferen Mannes, der sich hochherzig dazu
berwunden, dem Greren als Fuschemel zu dienen, fhlte tiefer und tiefer den
Stachel verwundeter Eitelkeit.
    Man mochte ja seine selbstlose Absicht anerkennen, - - aber etwas vom Raben,
dem man die Pfauenfedern nimmt, blieb gewi an ihm haften. Ein Beigeschmack von
Neid, den er mhsam unterdrckte, mischte sich der Anwandlung unwilliger Scham
und Scheu vor dem Gesptte der Welt .....
    Auch am andern Tage erwartete er Leonhart vergeblich. Er lie sich
verleugnen, als natrlich pflichtschuldige Satelliten des Erfolges ihm
nacheinander ihre Aufwartung machten. Die eingebogenen Zeugen der Theilnahme
huften sich auf seiner Visitenkarten-Schale. Krastinik lchelte bitter. Noch
bitterer, als er die Zeitungen las, welche ausnahmslos einen Riesenerfolg
constatirten und den grflichen Dichter in khnem Schwunge mit Lord Byron
verglichen.
    Warum kam nur Leonhart nicht? Gegen Abend lie es Krastinik keine Ruhe mehr.
Er griff zu Hut und Stock und machte eine Abendpromenade. Da begegnete ihm der
Oberst von Dondershausen, dem er umsonst zu entwischen suchte. Mit Elan strzte
der patriotische Snger auf ihn zu und drckte ihn an die ordengeschmckte
Heldenbrust. Er war nicht im Frack, trug aber gleichwohl seinen neusten Orden
mit Eichenlaub spazieren. Er gehe nmlich zu einer zwanglosen Soire bei
Commerzienrath Wolffert. Sie wissen, der groe Waffenfabrikant.
    Und Fortschrittsredner.
    Ah, das ist so seine Marotte. Sonst ein hochpatriotischer Mann, wird bei
Hofe eingeladen, Sie verstehn. Eine durch und durch vornehme Natur! Kommen Sie
mit, Verehrtester! Wolffert wird sich unendlich freuen und die Ehre zu schtzen
wissen.
    Ah, ich bedaure ...
    Nichts da, liebster Graf! Glauben Sie mir, Der kann Ihnen ntzlich werden.
Man mu nie die Gelegenheit vorbergehen lassen..
    Selbst wenn ich wollte, ich bin nicht in Toilette..
    Braucht's nicht. Im berrock ist befohlen. Ist nur eine ganz zwanglose
Abendunterhaltung, nicht in Wolffert's Stadtwohnung in der Viktoriastrae,
sondern in seiner Schneberger Villa. Unter uns, hat seine eigene Bewandtni.
Heut fhrt sich zum ersten Mal die junge Frau Wolffert in die Gesellschaft ein.
Eugen Wolffert junior, einziger Sohn und Erbe.. hm, hm, haben Sie nicht gehrt?
    Keine Spur. Mir eine terra incognita.
    Na also, der junge Mann leistete sich den Luxus einer etwas excentrischen
Heirath. Die Geschichte ist erst vor kurzem ruchbar geworden. Hat sich ohne
Wissen des Vaters in Hamburg mit einem Mdchen trauen lassen, das - das - hm,
hm, Sie verstehn.
    Was, ein Akt aus Dumas' Kameliendame?
    Gott behte, nein! Ein sehr anstndiges Mdchen, sehr, und wie man sagt,
eine blendende Schnheit.
    Ein armes, tugendliches Brgermdchen? Ei, ei, wer htte das von einem
Wolffert gedacht!
    Ja, ja, arm und tugendhaft. Nur.. nur.. ihre Vergangenheit ist ja sonst
fleckenlos.. nur soll sie mal einen Monat lang bei einigen Malern in Berlin
Kopf-Modell gestanden haben..
    Modell gestanden? Krastinik horchte hochauf. Das ist ja sehr
interessant.
    Ja, wie gesagt, in allen Ehren. Die Herrn Maler, welche sie kannten,
stellen ihr einstimmig das beste Zeugni aus, auch mein hochverehrter Freund
Adolf von Werther, den ich soeben besuchte. Ach, ist das ein Mann! Diese
schlichte, bescheidene, vornehme Erscheinung! Sie kennen ihn doch?
    Krastinik nickte kurz, ohne zu antworten. Jener freche geschmeidige Streber
mit der Handwerksburschen-Visage und der wallenden Rafaelsmhne ekelte ihn an.
Also in Hamburg hat Herr Wolffert junior sein Ideal gefunden?
    Ja, ob dort gefunden, daraus wird man nicht klug. Jedenfalls hat er sie
dort geheirathet und seinem Alten dann einfach die ergebenste Mittheilung
gemacht. Der soll wie von Sinnen geworden sein, hat sofort Enterbung verfgen
wollen und was wei ich! Am Ende aber hat ihn Wolffert doch herumgekriegt oder
vielmehr, wie man sagt, die schne Schwiegertochter. Denn unser schneidiger
Fortschrittsredner wei in Allem genau zu rechnen und hat wohl eingesehn - hehe
-, da ja doch nichts mehr daran zu ndern war, da eine schne Schwiegertochter
ihm grade fr seinen Salon pat, wo er alle Kreise zu vereinigen strebt. So
machte er denn gute Miene zum bsen Spiel und spielt jetzt sehr geschickt auf
der Fortschrittssaite - hehe. Ohne Vorurtheile, verstehn Sie.. Tochter des
Volkes, durch ihre Bravheit geadelt.. die Wolffert's brauchen nicht auf Geld zu
sehn. hehe.. verachten alles Materielle, verstehn Sie.. der groe Freiheitsheld
steigt durch seinen Sohn zum Volke herab.. na, seine Popularitt soll durch
diese volksmige Heirath des Jungen enorm gestiegen sein.. utile cum dulci,
hahaha! Dondershausen lachte laut und schmetternd.
    Krastinik gingen seltsame Gedanken durch den Kopf. Er dachte natrlich an
Rother und seine hnliche Absicht. Wie wunderbar das Leben die Kontraste
combinirt! - Warum sollte er sich brigens diese Posse nicht mal mit ansehn?
Seine nervse Unruhe und Verstimmung verschlimmerte sich nur durch Einsamkeit.
Er mute Gesellschaft suchen, sich zerstreuen. - Nach einigem Zgern sagte er
Dondershausen zu, ihn begleiten zu wollen, und beide rollten im Droschken-Tempo
die Potsdamerstrae entlang nach der Richtung des Botanischen Gartens.

                                      III.


Der Jour Fixe des Commerzienraths Wolffert hatte wie gewhnlich viele Freunde
des Hauses angelockt. Auch Neugier, die junge Frau kennen zu lernen, zog an.
Kaum angekommen, verloren sich Dondershausen und Krastinik im Gedrnge und es
gelang nicht, den Wirth aufzustbern. Endlich zeigte der Oberst dem Grafen den
Sohn des Hauses und Letzteren frappirte sichtlich die blasirte Miene des jungen
Ehemanns. -
    Eugen hatte seinen Willen durchgesetzt, einen elementaren
Persnlichkeitsbeweis abgelegt, wie der philosophische Oberst dies bezeichnete.
Aber nun langweilte sich bereits der junge Weltbummler.
    Das eigentliche Fieber der Leidenschaft, das ihm einst die Eingeweihte
verzehrt und die Seele verbrannt hatte, verkohlte. Eine gleichgltig gemtliche
Zrtlichkeit trat an seine Stelle. Ihn reizte hauptschlich noch der Gedanke,
da die vielbegehrte Schnheit von ihm schwanger sei. Dies Behagen an ihrer
Schwangerschaft hatte etwas schmutzig Egoistisches. Eigentliche Liebe oder
Leidenschaft fhlte er keineswegs mehr fr das schne Geschpf, sondern vielmehr
eine eitle Besitzfreude. Ich habe sie, das war der Grundgedanke seiner
Neigung. Weit mehr, um dies Besitzrecht zu zeigen, als aus Begierde frhnte er
den Freuden der Liebe mit andauernder Regelmigkeit. Ganz vereinbar damit war
es, da er innerlich jeden Morgen murrte, weil er leidenschaftlos, einfach aus
Gewohnheit und Eitelkeit, seine Sfte verschwendet hatte. So trgt jede
erotische Leidenschaft ohne wahre Liebe ihre Geiel in sich selbst. Eine gewisse
beiderseitige Klte snftigte wohlthuend die Gefhle - ihre Liebesaversion und
seine erotischen Flammen. Sein Gehirn fing an, seine Sinnlichkeit zu absorbiren,
und eine gewisse Nervenschwche, die sich latent bemerkbar machte, trat hinzu.
Eigentlich fhlte er sich wohl dabei, dem Druck des geschlechtlichen
Alleingefhls entronnen zu sein. So lst sich die Empfindung in ewigem Kreislauf
ab. Grmliche Verdrielichkeit folgt meist der sinnlichen Anreizung, beseitigt
aber dafr auch das Fieber des Verlangens und khlt zu gelassener Arbeitsruhe
ab. So kann unter Umstnden auch das Laster mehr kalte Seelenruhe verleihen als
die Tugend, die von Sehnsucht kaum trennbar. Andrerseits erhht wieder die
Keuschheit, sobald sie sich in ritterlicher und hochherziger Leidenschaft fr
ein bestimmtes Wesen ausdrckt, die Krfte des Einzelindividuums ber sich
selbst hinaus. Ein platonisch Liebender, der als Endziel seiner Mhen ein Weib
ersehnt, ist von unwiderstehlicher Strke und wagt den Kampf mit dem Schicksal,
indem er die persnliche sinnliche Selbstsucht gleichsam aus verfeinerter
Selbstsucht niederzwingt. Hingegen werden Keuschheit und Gesundheit an Leib und
Seele um so tiefere Schmerzen bereiten, wenn ihnen die Schwche und
Sinnenknechtschaft der meisten Andern nahegerckt wird.
    Wie kann ein sinnlich Denkender je die volle Pein einer unglcklichen Liebe
empfinden!
    Jedenfalls scheint Alles, Glck wie Unglck, Tugend wie Untugend, vollkommen
gleichwertig fr die Entwickelung des Individuums.
    Schlaffe und mde Genuentfhigung ist ein verdrielicher Zustand, aber
nicht minder die Sehnsucht nach irgend einem Genusse, der leichter oder schwerer
errungen werden kann und dessen Erwartung nun die beschauliche Geistesstimmung
des Normalzustandes strt.
    ... Krastinik warf einen prfenden Kennerblick auf die Gesellschaft und bat
den liebenswrdigen Ordensjger, der nach allen Seiten, bcklingte, um
aufklrende Bezeichnungen.
    Wer ist dieser Herr dort, der so krampfhaft gestikulirt?
    Er wies auf einen Bonvivant mit gerthetem Faungesicht bei stark ergrautem
Backenbart, welcher in heulenden Fisteltnen einer ewigen Extase Luft zu machen
schien.
    Wie? Den kennen Sie nicht? Da ist ja der berhmte Kritiker Ludolf Lutsch.
    Ach Herrje! Das jengt! schnarrte Krastinik ironisch. Freut mich den Mann
zu sehn, der selig machen und verdammen kann!
    Natrlich schien die Finanzwelt stark vertreten. Auch jener hervorragende
Makler war erschienen, welcher einst Kathi in einem so berschwnglichen Brief
die Ehre der Maitressenschaft angeboten hatte. Mit einem gewissen Hochgefhl
strich er seinen wallenden schwarzen Bart, indem er Kathi aus der Ferne gierig
mit seinen Blicken verschlang. Sonst war sein Verhltni zur Kunst kein intimes
zu nennen gewesen und beschrnkte sich auf Untersttzung des Ballets. Nun fiel
ihm die Binde von den Augen und er erkannte sich als Idealist. Bisher
schlummerte dieser Trieb im Verborgenen. Aber seit der Proze Graef ihn ber das
wahre Wesen des Ideals aufgeklrt, schwang er sich durch fleiige Betrachtung
und Behandlung zur Hhe der Kunst, zum Nackten, nunmehr mit vollem Bewutsein
empor. Jetzt brachte er seinen Idealen eine ihm neue knstlerische Begeisterung
entgegen, welche auf dem vertieften Studium der sogenannten Natur beruht. Bisher
handelte er eben mit dem Instinkt des Unbewuten, wenn er seine nicht
ungewichtige Verehrung diesen Damen zu Fen legte. Jetzt aber wute er, da
ein geheimer knstlerischer Drang ihn zur Betrachtung des Akt-Stehens trieb. O
htte er doch, wie dieser Schwerenther Eugen, das herrliche Naturmodell
kuflich erworben! Er hatte es ja dazu. Denn die Kunst geht nach Brot und das
Studium des Nackten ist theuer. Schade! Er htte es sich gern was kosten lassen.
Nochmals Schade! Mit dem erkorenen Spezial-Modell war es nun nichts mehr. Doch
wer wei! Es ist noch nicht aller Tage Abend. Frau Kathi Wolffert wrde
vielleicht nicht immer unnahbar bleiben. Jedenfalls halten wir fest am
Idealismus und am groen Stil des Nackten.
    Commerzienrath Wolffert, ein drrer Mann mit einer ungeheuren Birnennase,
Fistelstimme und katzenhaft schleichendem Tritt, huschte liebenswrdig durch die
Reihen der Gste. Krastinik hrte einige Umstehende nhere Familiendetails
errtern. Wolffert junior habe seine jugendlichen Thorheiten berwunden, die
befrchten lieen, da er sich dem Migang widmen werde. Mann befrchtete einst
sogar, da er als litterarischer Schngeist sich dem Staate entziehen wolle.
Jetzt aber, da er ein Mann war, that er ab, was kindisch war, und trat ins
Geschft des Vaters ein. Die Firma werde demnchst lauten: Wolffert und Sohn. Um
diesen Preis verzeihe ihm die Gesellschaft den unglaublichen Migriff seiner
Liebesheirath, obschon natrlich die Damen sich frs erste noch reservirt
fernhielten. Man sehe doch den sittlichenden Einflu der Ehe. Uebrigens knne
man von der Vergangenheit der jungen Frau, die als Buffetdame in einem Hamburger
Caf fungirt haben solle, sonst nichts Uebles reden. - Doch schien ber Manches
ein Dunkel zu herrschen. So fragte ein junger Sportsman pltzlich mit offenbarer
Neugier den soeben sich nhernden Eugen, wohin er doch gleich seine
Hochzeitsreise gemacht habe. Er, der Frager, habe davon gehrt, es jedoch
vergessen. Nach augenscheinlich verlegenem Zgern gab Jener kurz zur Antwort:
Nach Norwegen. Krastinik horchte wieder hoch auf. Ein Zufall wollte, da der
neugierige Jngling im vorigen Jahr mit Stangen die skandinavische Route gemacht
hatte. Wir kamen aber nur bis Hnevo. Kennen Sie Hnevo?
    O und ob! Einer der schnsten Tage meines Lebens! Eugens Auge blitzte auf.
Es war ein herrlicher Juniabend. Ich glaube, der 17. Juni. Krastinik zuckte
leicht zusammen. Wie, trug Rothers Brief aus Hnevo nicht dasselbe Datum?
    Schneidiger Smoking-room, auf Ehre! Ein Theil der Gste drngte in ein
kleines elegant ausgestattetes Rauchzimmer. Dondershausen wollte die Gelegenheit
benutzen, um der Wirthe habhaft zu werden und den Grafen vorzustellen. Aber
dieser bat ihn hastig noch zu warten und hielt sich beobachtend retir im
Hintergrund.
    Stilvoll, intim, anheimelnd! rief Lutsch begeistert. Er beroch seine
Cigarre: Upmann Regalia?! Jeglichem Lobe zu gro! - Ach, Herr Wolffert, Ihre
junge Frau - superb! Etwas bla. Das giebt ihrem Teint einen intimen Timbre -
gradezu stilvoll! Ach, was fr ambrosische Weiber dies hochzeitliche Fest
wiederum vereinte! Alle Schnheiten Berlins zogen ihr hochzeitlich Kleid an -
manche mglichst wenig davon und das sind die einzig wahren! Dabei hauchte er,
mit halb zerkniffenen Augen, das kritische Urtheil: Diese pastos aufgetragenen,
lichtwarmen Rosatne schmelzend ambrosischen Fleisches!
    Oller Fleischbeschauer! murmelte man in der Runde. Lutsch aber fuhr
unverdrossen fort, indem er auf Commerzienrath Wolffert lossteuerte, der eben
hereingeschlichen kam: Ihr Ball ist von einer wunderba - aren Schnheit! Selbst
auf dem Subskriptionsball sahen meine sndigen sterblichen Augen nicht solche
gttlichen Weiber!
    Wolffert senior fhlte sich, wie es schien, peinlich berhrt durch diesen
ungezgelten Gefhlssturm; denn er fistelte pikirt: Weiber?! Ich mu doch
bitten, Damen.
    Damen, Madame, Signora, Mi, Milady - was Sie wollen! heulte Lutsch
unbekmmert fort, indem er seinen Chapeauclaque schwenkte. Fr mich bleibt jede
Gttin doch einfach ein gttliches Weib! Wir, die wir athmen und weben in der
freien vornehmen Lebensanschauung der Kunst - wir jubeln und seufzen halt mit
dem Altmeister: Das ewig Leibliche zieht uns hinan! Ach und das Unbeschreibliche
hier ists gethan: Sehn Sie doch nur diese Toilette! Dabei deutete er auf eine
im Nebenzimmer vorberrauschende Dame. Mu mir doch gleich notiren. Er zog
sein vielbeliebtes Notizbchlein, in Saffian gebunden, aus der Fracktasche, in
welches er ab und zu eifrig zu kritzeln pflegte, und schrieb die druckreifen
Worte:

    Das tiefviolette Kleid mit Devant aus heliotropfarbigem Atlas,
augenscheinlich aus dem Magazin der berhmten Firma Gebrder Witzleben
hervorgegangen, wurde noch mehr gehoben durch ein Brillantfeuerwerk. Die ganze
Erscheinung mchten wir mit dem einen treffenden Worte kennzeichnen: Brillant!

    Ach und dort, ich bitte Sie! Er schrieb wieder etwas Lebendiges aus dem
Hintergrund ab:

    Auch unsre Primadonna Donna Lucrezia Calcante - sie, welche gleich Lucrezia
Borgia ein ses tdtliches Gift fr liebeglhende Mnnerherzen besitzt - zierte
das Fest des grten Waffenfabrikanten der Welt.

    Nana, erlauben Sie! fiel der Vorfechter der Freiheit verlegen ein. Sie
bringen mich um! Der Welt - das ist doch zu kolossal!
    Doch der unerschtterliche Lutsch replicirte gewandt: Ich bin fr das
Kolossale! Auch insofern - wer ist dort die kolossale Dame?
    Das ist Frau Cohn, von Cohn und Compagnie.
    Frau von Cohn und Compagnie, notirte Jener eifrig und schmckte den
trockenen Namen alsbald mit folgender Hyperbel, indem er halblaut heulend
schrieb:

    Und wer, der die ppigschne Frau C. in ihrer hellfarbig gemusterten
Brokat-Robe bewundern durfte, konnte ahnen, da vierzig herrliche Lenze ber
ihrem Scheitel dahingegangen?

    Sie sind bescheiden, lachte Eugen Wolffert, der unvermuthet hinter ihm
stand.
    Sind wir immer. Na, sagen wir: neununddreiig Lenze. Lutsch schien durch
nichts aus der Fassung zu bringen. Seine unerschpfliche Phantasie setzte
schwungvoll fort:

    Als Ebenbild dieser hoheitsvollen Juno schmiegten sich an sie ihre
rehugigen Tchter -

    Pardon unterbrach er sich, hat sie Tchter?
    Ja doch, Sie schnurriger Interviewer Sie! lachte Eugen. Aber schon nahm
ein neuer Gegenstand die Sinne des leicht erregbaren Ludolf gefangen:
    Gott, was seh ich! Auch Frulein Rasolinska, unsre gttliche Ballerina? -
Eine Inspiration! Und er schrieb:

    Als ein unter dem Giftbaum der Brse lagernder lieber Freund sie in ihren
Diamanten erblickte, rief er begeistet: Ich gebe fr Frulein Rasolinska 200000
Mark.

    Seine Inspiration hatte ihn so berwltigt, da er Wolffert senior unter den
Arm nahm und mit ihm herumtnzelte, indem er heiser dazu trllerte:

Du hast Diamanten und Perlen ...

    Sst, will er wohl still sein! Eugen hielt ihm lachend den Mund zu. Sie
compromittiren uns noch!
    Da sprach Lutsch die geflgelten Worte:
    Der Skandal - das ist der Ruhm! Lehren Sie mich unsre lieben gttlichen
Weiber kennen! Wir verstehen das Frauenherz! Dabei klopfte er sich auf den
Bauch, mit der Befriedigung des guten Gewissens. Aber ich beschwre Sie,
liebstes Commerzienrthchen, heulte er pltzlich sehen Sie doch nur Ihre
Schwiegertochter, sehen Sie doch!
    Ich sehe ja schon! fistelte dieser halb geschmeichelt, halb rgerlich.
    Im Hintergrunde sah man Kathi, von einigen Herren umringt, die Honneurs
machen.
    Halten Sie mich! Lutsch kniff Eugen in den Arm. Ich gerathe in Extase!
Eine Prinzessin, eine ladylike Grazie! Fr mich eine Mdchenblthe von intimstem
Reiz!
    Intimstem? Oho!
    Nein, mein guter Commerzienrath, das verstehen Sie wieder nicht. Wir
Kunstbeflissenen reden eine besondere Geheimsprache. Intim - das heit bei uns:
unsagbar, duftig keusch!
    Keusch - so! lchelte Eugen.
    Das wundert Sie? Wenn Sie meine Kritiken genauer lesen, so werden Sie
keusch und vornehm als meine Leib- und Magenwrter fast in jeder Zeile
entdecken. Wenn ich so einen Mann sehe wie Sie, dann sage ich einfach: Ein
vornehmer Charakter! Nehmt alles nur in allem, er ist -
    Ein reicher Mann brummte Eugen beiseit.
    Und was edle Frauen betrifft.. sehn Sie z.B. dort dies entzckende Wesen!
Er notirte wieder mal:

    Rosaseide mit trkisblauen Schleifen nebst saphirblauem Fcher mit
Strauenfedern, eine Perlenschnur um den Schwanenhals ...

    Sehen Sie, da sage ich schlechtweg: Ein keusches Weib! - Ach, Herr
Wolffert, und Ihre Gattin! Sein Notizbuch zitterte ordentlich unter der Hast
des Bleistifts:

    Eine Schlepprobe von weiem Sammt mit weien Seerosen ber einem Kleide von
weier Seide und Brsseler Spitzen ...

    Kathi trat eben einen Augenblick aus dem Saal herein und Eugen verfehlte
nicht, ihr Lutsch zu prsentiren:
    Dir haben wohl die Ohren geklungen! Du httest Deinen geistreichen Anbeter
hren sollen!
    Geistreich, aber ach, alt.. alt! heulte Lutsch mit schwermthigem
Augenverdrehen, indem er Kathis Hand unter vielen Verbeugungen zrtlich kte.
Wir armen Alten! Dahin ist die Zeit, wo die Sonne holder Frauengunst..
    Sie wollen wohl Complimente hren? Kathi schlug ihn leicht mit dem Fcher.
Aber ihr Auge sah leer und gelangweilt ber ihn weg und in ihrem Ausdruck lag
eine mde Abgespanntheit, mit einer gewissen nervsen Unruhe verbunden. Ihre
Augen irrten umher. Es war, als ob sie etwas suche - aber etwas Fernes,
Unsichtbares.
    Schon eine Zeitlang wunderte sich Dondershausen ber eine auffllige Unruhe
Krastiniks, der bald vor, bald zurck trat mit einem sphenden Ausdruck, als ob
er etwas erwarte. Jetzt aber, als der Oberst ihn am Rockzipfel ergriff, um ihn
durch die Gste zu den Wirthen heranzubugsiren, wehrte ihn der Graf mit raschem
Winke ab. Hastig bat er im Flsterton, ihn entschuldigen zu wollen; ihm sei
nicht wohl und er msse heimkehren. Als Jener erstaunt zum Abschied die Hand
drckte, nahm ihm Krastinik noch sein Ehrenwort ab, nicht zu verrathen, da er
mitgekommen sei. Dondershausen werde ja begreifen, da es peinlich sein msse,
wenn Wolfferts erfhren, wie man hier blo hineingerochen und dann mit
franzsischem Abschied Reiaus genommen habe. - -
    In heftigster Erregung, von widerstreitenden Empfindungen geplagt,
durchwachte der Graf schlaflos die Nacht. Also hatte ihn sein Argwohn nicht
getuscht - sie, sie selber, seine einstmalige Liebste! So gleichgltig ihm die
Erinnerung verblat schien, konnte er sich doch eines seltsamen wehmthigen
Schauers bei ihrem Anblick nicht erwehren.. Und dann andrerseits.. ihm wurde
alles auf einen Schlag klar. Die Beiden in Norwegen, Rother auch.. Hnevo.. am
selben Tage.. Rothers Brief.. das Datum stimmte.. hier konnte ein Blinder den
Zusammenhang erkennen. Rother's lustiger Brief beabsichtigte nur eine heroische
Tuschung. Seine seltsame Todesart, die man ja ohnehin kaum als Zufall deuten
konnte, offenbarte sich zweifellos als Selbstmord. Er hatte den Zustand
wehrloser Liebesberaubung nicht ertragen, nicht dem Glck des Andern, das ihm
gebhrte, zuschauen wollen. Und wohl noch mehr. Wie Rother's sensitive zarte
Natur es verlangte, mochte er nicht das Glck Kathi's vernichten. Wute er doch,
da Krastinik in Berlin und, wenn er selbst dorthin zurckkehrte, ein Skandal
unvermeidlich war. So starb er denn fr seine Liebe, ein ideologischer Querkopf,
und endete, wie sein seelischer Organismus es bedingte, unglcklich und edel bis
zum letzten Athemzug.
    Dem Grafen traten unwillkhrlich Thrnen in die Augen. Ein unbeschreibliches
Mitleid ergriff ihn fr dies Opfer erotischer Hingebung, ein Mitleid, das
zugleich den gerechten Zorn hinwegschwemmte, der ihm gleichsam Blutrache gegen
die Schuldige gebot. War sie denn eigentlich schuldig? Sollte er nun auch sie
vernichten? War es nicht genug mit einem Opfer? Aber was thun! Mute nicht
irgend eine Katastrophe sich vorbereiten, wenn er nun wirklich in ihren
Bannkreis trat? Und wie das vermeiden? War er nicht jetzt eine berhmte
Persnlichkeit, dessen Bild in den Schaufenstern hing? Mute sie nicht schon auf
seinen Namen stoen, wenn sie eine Zeitung aufschlug? Sie liebte doch wohl ihren
Mann und der hatte sie doch nur heirathen knnen, weil sonst keinerlei Beweis
gegen ihre Unbescholtenheit vorlag. Und nun den lebenden Zeugen des Gegentheils
vor Augen - - wie sollte das enden? Entweder verbrachte sie ihr Leben in ewiger
Angst, die auch sie zum Selbstmord treiben konnte - mglich ist ja alles. Oder
sie verfuhr aggressiv und suchte ihn auf die eine oder andere Weise unschdlich
zu machen - mglich ist ja alles. Die Rache und die Feindschaft eines
gefhrdeten Weibes findet ja tausend Mittel. Oder es passirte gar das
Schlimmste: Sie liebte ihn immer noch und die alte Flamme loderte wieder auf, on
revient toujours  ses premiers amours, besonders eine Frau - mglich ist ja
alles. Wie aus diesem Labyrinth sich herauswinden! Da war guter Rath theuer.
Vielleicht wute Einer Rath: Leonhart. Morgen wrden sie sich ja bestimmt sehn.
    Aber der Morgen kam und unter dem Sto conventioneller Gratulationsbriefe
brachte die Post keine Zeile von der Hand des Nchstbetheiligten. Was in aller
Welt bedeutete das! Krastinik berwand seine falsche Scham und tunkte eben die
Feder ein, um den Freund per Rohrpostkarte zu sich zu bitten, als ihm der
Polizeilieutnant des Reviers gemeldet wurde. Ueberrascht fragte er nach dessen
Begehr. Der Beamte fragte verbindlich, aber ohne Umschweif zur Sache kommend, ob
er nicht mit dem Schriftsteller Leonhart befreundet. Intim. Ja, so habe er
gehrt. Wann er ihn zuletzt gesehn habe?
    Vor drei Tagen. Ob ihm nicht eine tiefe Verstimmung desselben aufgefallen
sei? Nur wie immer. Leonhart besitzt eine melancholisch-cholerische
Gemthsart.
    Jaja, Gemthsart! Gemthskrankheit darf man da wohl sagen. Litt er nicht an
irgend einem krperlichen Leiden?
    Nicht da ich wte!
    Oder an Familienkummer?
    Er hat keine Verwandten.
    Oder an unglcklicher Liebe?
    Keine Spur.
    Oder an finanziellen Sorgen?
    Noch weniger.
    Also wohl an sogenanntem Weltschmerz?
    Ja, wenn man will. Doch nicht in krankhaftem Grade, sondern mehr als
tiefempfindender und denkender Kopf.
    Aber ihn drckte doch wohl irgend ein besonderer Gram oder Aerger oder
sonst 'was Guts? Der Beamte fing offenbar an rgerlich zu werden ber die
Fruchtlosigkeit dieses Verhrs.
    Nun - ja! gestand Krastinik zgernd. Zweifellos. Der Kummer ber den
Mangel an Anerkennung.
    Aha, verkanntes Genie! Dacht' ich mir!
    Doch nicht so verkannt wie Sie vielleicht meinen. Nur entspricht sein
uerer Erfolg in keiner Weise seinen Ansprchen.
    Aha, Grenwahn!
    Auch nicht eigentlich Grenwahn, parirte Jener mit leisem Lcheln. Denn
er ist ja vllig berechtigt zu verlangen.. kurz, der Aerger ber die
litterarischen Verhltnisse fra an ihm.
    Also Berufsstrung. Unannehmlichkeiten im Berufsleben! notirte der
Polizeilieutnant mit wichtiger Amtsmiene, als sei er nun mit dieser technischen
Phrase dem betreffenden Untersuchungsparagraphen auf die Spur gekommen.
    Krastinik konnte sich kaum enthalten, laut aufzulachen.
    Von Berufsleben kann eigentlich keine Rede sein. Das Schaffen eines
Dichters ist ja kein Beruf. Doch haben sich schon fters Dichter, um hnlichen
Kummers willen, eine Kugel vor den Kopf geschossen.
    Da haben wir's! Selbstmord, Fall Heinrich von Kleist. Kennen wir.
Dichter-Wahnsinn. Fall Albert Lindner, Selbstmord oder Irrenhaus. Ich sag's ja:
Grenwahn und nichts Anders. - Verzeihen Herr Graf da ich Sie so belstige.
Ihre Informationen waren von entscheidendem Werth.
    Ja, aber.. Krastinik kam erst jetzt zur Besinnung nach diesem jhen
Sturzbad. Darf ich fragen, warum ich Ihnen diese Frage beantworten, mute?
    Nochmals Verzeihung, Herr Graf. Sie wurden eben als der nchste Umgang des
Herrn bezeichnet, schon als er vermit wurde.
    Vermit?! Mein Gott, es ist ihm also ein Unglck.. reien Sie mich aus
dieser Beunruhigung!
    Sehr gern oder, Pardon, leider! Fassen Sie sich Herr Graf. Sie standen dem
Herrn nahe?
    Sehr, sehr. So reden Sie!
    Nun, Herr Graf lasen wohl gestern im Polizeibericht..
    Ich lese nie die Reporternotizen der Bltter.
    So? Nun, ein Unbekannter wurde von einem Eisenbahnzuge nahe am Halensee
berfahren..
    Gerechter Gott!
    Er hatte sich selbst auf die Schienen geworfen Selbstmrderische Absicht
unverkennbar. Spter wurde gemeldet, da ein gewisser Leonhart, Schriftsteller,
seit zwei Tagen vermit werde. Das Signalement und die Identitt wurde
festgestellt. - O Pardon, es scheint Herrn Grafen doch sehr nahe zu gehn? In der
That, Sie werden ohnmchtig. Darf ich ein Glas Wasser -?
    Krastinik wehrte ab. Taumelnd war er aufs Sopha gesunken, dicke
Schweitropfen perlten von seiner Stirn. Lassen Sie, ich bitte. Mir wird schon
besser. Und kein Anzeichen, warum..?
    Ach gtiger Himmel! Der Beamte schttelte den Kopf mit berlegenem
Lcheln. Ihre eigenen Mittheilungen, Herr Graf, besttigten ja nur, was man
sofort annahm. Unbefriedigte Ruhmsucht, completter Grenwahn! Das ist ja eben
unsre Zeitkrankheit. - Empfehle mich bestens und bitte nochmals, die Strung
entschuldigen zu wollen. Gestatten Sie mir, mich sofort zurckzuziehn. Die
Discretion gebietet mir, Sie Ihrem begreiflichen Schmerz zu berlassen. Sie
scheinen immer noch recht angegriffen. Gehorsamer Diener! Bitte, sich nicht zu
bemhen.. ich habe den Vorzug.
    Der Polizeilieutnant verschwand, indem er noch einmal beim Schlieen der
Thr aus tiefstem Herzen den Seufzer hervorholte: Ach ja, der Grenwahn!
    ... Krastinik lag lange wie gelhmt. Ein entsetzlicher Schreck war ihm in
alle Glieder gefahren. Ihm war, als sei er selbst von den Schienen zermalmt.
Eine todesstarre eisige Ruhe durchfrstelte ihn.
    Er erhob sich langsam und schritt auf und ab. So mute es enden, mit einem
Theatercoup! So mute es enden, dies berreiche dmonische Leben, das im
Selbstgenu eines titanischen Urwillens sich selbst verzehrt! O Welt, o Leben, o
Schicksal! - -
    Berg und Thal begegnen sich nicht, aber wohl die Menschen. In einem inneren
Kreislauf, dessen Zusammenhang wir nicht erkennen, laufen die Dinge zusammen.
Das Entfernteste verknpft sich dem Nahen. Nur ward den Wenigsten im blden
blinden Taumel ihres Daseins der lichte Blick verliehen, auf dies Rthsel zu
achten. Das Unvermeidliche schreitet mit geheimnisvollem Geisterschritt aus dem
Gestern in das Morgen hinber. Kein Unglck kommt allein, jeder
Schicksalswendung verknpft sich unmerklich eine neue.
    Wer klingelt? Fr Niemand zu Haus. Der Telegraphenbote? Ein Telegramm, aus
London? - - Das Papier entfiel seiner Hand. Lady Dorrington zeigte ihm an, da
ihr Gatte im Sterben liege. Er lasse ihn gren und ihm danken fr seine
Freundschaft und sende ihm seinen Segenswunsch fr fernere Erfolge auf jener
Laufbahn, die er ihm prophezeit, denn die Phrenologie lgt ja nie.
    Eine Weile stand Krastinik regungslos, vor diesem neuen Schlag wie zur
Salzsule erstarrt. So starb denn alles um ihn her. Auch er, sein heigeliebter
vterlicher Freund. Und er sollte ihn nie mehr wiedersehn? Nie mehr? Mchtig
ergriff den Trauernden eine unbezwingliche Sehnsucht, die letzten Stunden des
theuren Mannes zu theilen. Es stirbt sich nicht so leicht. Wenn er eilte, langte
er wohl noch rechtzeitig an ...
    Wieder berkam ihn jener Drang pltzlicher Entschlsse, der so oft schon
sein Leben bestimmt. Deterministische Vererbung. Sein Vater hatte einst durch
solch pltzlichen Entschlu einer Kavallerieattake unter Radetzky zum Gewinn
einer Schlacht beigetragen. Nur fort hier, fort aus dieser Wirrni!
    Seinen Koffer packen - zwei Briefe an Kollegen senden, welche es sicher
binnen 24 Stunden statt jeder besonderen Mittheilung in Berlin herumbrachten:
ein Todesfall rufe ihn auf einige Wochen nach London - war das Werk einer
Stunde. - - -

                               Dreizehntes Buch.



                                       I.

Und wieder schwamm er durchs Meer von London, von einem Lichtmeer umflossen.
Krastinik schritt langsam an der Kaserne der Coldstream-Garde vorber, wo am
Gitter eine neugierige Volksmenge wie gewhnlich dem abendlichen Zapfenstreich
lauschte. Die Pfeifen und Clarinetten der paradirenden Rothrcke spielten den
alten Jakobitenmarsch: Charlie is my darling, my darling the young Cavalier.
Unwillkrlich fiel er in den Taktschritt ein. Eine stolze Freudigkeit strmte
durch alle Pulse seines Wesens, ehe er sich dessen bewut wurde. Und er dachte:
    Das ist der Marsch des Jahrhunderts! Wir alle sind eingereiht und sollten
mitmarschiren. O ber die Thoren, die sich wollstig im Lager der Liebe dehnen
oder stillbeschaulich ihr Grtchen begieen, statt mit klingendem Spiel ins Feld
rcken!
    Wie schien alles in ihm so von Grund aus umgewandelt! Glich er doch frher
ganz jenen hochmthigen Aristokraten von historischem Adel, die wie die
Grandseigneurs des Ancien Regime Freiheit und Gleichheit unntzlich im Munde
fhren und doch jeden nicht Geborenen nimmermehr als vollbrtigen Gentleman
anerkennen. Wenn er frher seine Verachtung des militairischen Berufes
ausgesprochen, so war dies nur eine liberale Pose und im Herzen schwelgte er
doch im Soldtle-Spiel als dem letzten Ueberrest der feudalen Ritterzeit.
    Und jetzt - ihm war, als schreite unsichtbar der Geist seines groen Todten
neben ihm her und eine Stimme - er wute nicht woher - sprach in ihm zum andern
mal:
    Nein, das ist nicht der Marsch des Jahrhunderts der Marsch des Intellekts.
Diese scharlachrothen Sldner sind die symbolischen Satelliten des Scharlachnen
Weibes. Vor diesen gemsteten Maschinen stellte man zwei Gtzen auf - die
nannte man Ehre und Gehorsam, zwei lichte Namen fr ein dunkles Nichts.
    Aber Du, Carlyle, letzter Seher Englands, mit den hochmthigen Junkernstern
und -Kinnbacken, der Du den Zaren als Muster empfahlst, weil er mit der Knute
seine Myriaden zudrille - Du verworrener Widerspruchsgeist, der sich als
unfehlbare Wahrheit proklamirte - Du lgst dennoch! Und Dein grober
Berserkerhumor und Deine cynischen Wortkolosse sind auch nur Bastarde jener
Humanittsphrasen des aufgeklrten Despotismus - und ihr stammt allesammt vom
Lgenvater.
    Nein, die Stunde naht, wo auch in diese zurechtgeprgelten Uniform-Automaten
der heilige Geist ein neues Leben hauchen wird, und die Puppen werden ihre
Gtzen selber zerschmeien. Wie schon jetzt die Iren in der Armee mit der Sache
ihrer unterdrckten Heimath fraternisiren, so werden sie dann alle ihr Rstzeug
ohne Schwertstreich den Shnen der Freiheit berliefern, wenn diese
Staatskarossen erst umgestlpt werden zu Barrikaden.
    Der Graf blieb stehn, wie gelhmt. Er erschrak vor sich selber, vor seinem
Elan. War es derselbe, der einst den franzsischen Adel der Nationalversammlung
in jener berhmten Augustnacht begeisterte, seine eigenen Feudalrechte mit einem
Federstrich zum Schuttgermpel der Vergangenheit zu werfen? Wie und waren nicht
auch dies nur ideologische Verzckungen, Phrasen einer Schein-Wahrheit? Solche
unreifen Raubthier-Instinkte mochte ein Schmoller nhren, diese literarische
Verkrperung des vierten Standes und seiner grenwahnsinnigen Gelste. Wrde
aber Leonhart, der eminent positive Denker, also gedacht haben? Nein. Am Morgen
hatte Krastinik zufllig auf Trafalgar Square ein Meeting besucht, lauter
gediegene Radikale, die da im Chorus die Nationalhymne brllten: Briten sollen
nimmer Sklaven sein. Aber sie rochen meilenweit nach Rum, der ja freilich nach
Burke den Pfad zum Ruhme bildet! Und die Bestechungs-Schillinge klimperten in
der Tasche.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
    Weiter, weiter. Immer noch ringsum die Mitternachtsbrse, ber welche die
heilige Hermandad ihren schtzenden Mutterarm breitet. Britinnen rechts,
Franzsinnen links, Spanierinnen an der einen Ecke, Deutsche an der andern - - o
Du einzig wahre geregelte Schwesterschaft der Nationen, kosmopolitische
Weltrepublik! O Neumondfest in Babylon, wo man die Blthe der Jugend dem
Astarte-Cultus opferte, wo alle Provinzen ihre mannbaren Jungfrauen in die
Metropole sandten, um jene Marken einzuhandeln, die Rawlinson und Layard
entdeckten - wir sind heut sittlicher, wir!
    Pltzlich ergriff ihn ein ungeheuerer Schrecken. Ihm war, als ob der Boden
unter ihm wanke, als ob er ein Sieden und Summen hre, wie wenn Millionen
kleiner schwarzer Hllengeister unter der Erde nach oben krabbelten. Und ihm
duchte, da ein gespenstiger Tritt hinter ihm herschlrfe. Der Schatten lngs
der grauen Eisenbahnmauer von Victoria Station - - stand dort nicht der
unheimliche Gast neben ihm, der Geist des groen Todten? Tnte nicht ein
galliges metallisch gellendes Lachen - oder war's der Pfiff der Lokomotive, die
grade ber den Brckendamm wegbrauste?
    Da knirschte er einen hllischen Fluch zwischen den Zhnen und schttelte
grimmig seine Faust wider den Mond, der ber den Baumwipfeln des nchsten
Squares emporkletterte. Und fiel betubt an die Mauer. Seine Schlfe schlug
schwer an die harten Steine.
    Woran mahnte ihn das Gespenst seiner verwirrten Sinne? An seine schmhliche
Schwche, seine erbrmliche Schuld? Wollte die Leichenhand aus dem Grab ihn
zchtigen, weil er dem Todten noch immer nicht zurckgegeben, was sein?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Krastinik langte noch eben rechtzeitig an, um seinem vterlichen Freunde die
Augen zuzudrcken. In dem tiefen aufrichtigen Schmerz, den er mit der Wittwe
theilte, hatte er in den ersten Tagen vergessen, was hinter ihm lag. Vergessen,
sich selbst vergessen. Jetzt, da er aus dieser wohlthtigen Erstarrung erwacht,
qulte ihn mit doppelter Gewalt das alte Leid. Das Leid? Nein, das Schuldgefhl.
    Durfte er sich's selbst bekennen, aber mute er's nicht, - da in all dem
Wirrwar seiner Gefhle erst schchtern, dann immer dreister die Versuchung ihr
Haupt erhob: Nun ist der todt und fr immer dahin, der uns alle beschattete mit
seiner bleichen Stirn, neben dem als Dichter sich zu spreizen nur dem blinden
Grenwahn noch mglich war? Ja, er ist todt - und sein Werk, das meinen Namen
berhmt gemacht, ist nun mein, mein. Der Zeuge gegen mich, der aufstehen knnte,
mir die erborgten Pfauenfedern abzureien, ist stumm fr ewig.
    So fra die teuflische Lockung sich in seine Seele ein, langsam und stetig
wie der Keim eines Verbrechens. Wie wre bei normalem Zustand ein so
unehrenhafter Gedanke ihm je genaht! Aber der Ruhm, - wer ihn kostete, den
stumpft er ab fr alle anderen Gefhle. Der Grenwahn mu sich sttigen um
jeden, ja um jeden Preis.
    Er rang verzweifelt mit dem bsen Vorsatz und doch vermochte er nicht, ihn
zu bemeistern. Und die Furcht, die Schande! Wie wrde man ihn lcherlich machen!
Wurde er nicht unmglich in der Litteratur? In den litterarischen Kreisen
Berlins, an denen er mit allen Fasern hing? Das Gift der litterarischen
Gesellschaftsstreberei schien ihm lngst in alle Poren gedrungen und vergebens
suchte er nach einem Gegengift.
    Und zuguterletzt - konnte er nun nicht, nachdem er durch jenes Meisterwerk
einen obersten Platz errungen, durch eigene Werke sich weiter behaupten? Konnte
ihn nicht der edle Ehrgeiz, sich jenes Werkes und des dadurch errungenen Namens
wrdig zu machen, ber sich selbst hinausheben?
    Was ntzte es denn dem Todten, wenn man der Wahrheit die Ehre gab und seinen
ohnehin schon sicheren Nachruhm noch vermehrte? Der groe Dichter bedurfte
desselben nicht und der Todte bedarf berhaupt nichts mehr. Nur der Lebende hat
Recht.
    So mhte er sich ab, mit allerlei Sophismen sich ber sein Vorhaben, ber
seine feige Schwche hinwegzutuschen. Mit jedem Tage wuchs die Schwierigkeit
des Eingestndnisses. Wrde man nicht fragen, warum er nicht sofort das
Nothwendige gethan? Wrde man nicht seine pltzliche Abreise dann erst recht
mideuten? Wrde nicht ein immer das Bse voraussetzender Verleumder wie z.B.
Schmoller sich dann gar feierlich als Blutrcher des todten Freundes
aufwerfen, indem er am Ende gar den unerklrlichen Selbstmord Leonharts mit dem
litterarischen Raub zusammen brachte, der an ihm begangen? Und ob denn
berhaupt nicht Jemand in der Meeresbraut die unverkennbare Vaterschaft
Leonharts heraussprte und demgem Vermuthungen loslie?
    Die Phantasie spiegelt tausend Fhrnisse vor, die hinterher nicht einmal
kommen knnen. Wer etwas auf dem Herzen hat, glaubt, da Jeder es ahne. Wie die
Motte zur Kerze, fliegt ein berzartes Gewissen selbst immer der Sache nher und
verplaudert sich selbst Denn der Mensch kann selten ein Geheimni bewahren und
bei sich behalten, alles mu heraus. Daher die heilsame Institution der Beichte
- daher die wolthtige Macht der katholischen Kirche, welche dem Drang des
Mittheilens entspricht, den man sonst verbeien mte.
    Bei diesem Gedanken an die katholische Kirche durchzuckte es den Einsamen.
Wie hatte es ihn stets gepackt, wenn Leonhart das Leben eines Mnchs als
wnschenswerthesten Seelenzustand pries!
    Ach ja, ja. Wenn ihm nichts mehr brig blieb, wenn das Leben ihm ganz
zuwider, so konnte er sich ja flchten in die klsterliche Stille, wo aller
Hader schweigt und jede Versuchung endet. Memento mori! zu murmeln wie der
Trappist, dem nur dies eine Wort die ewig versiegelten Lippen erschliet - das
mag nur Weltlinge erschrecken, die noch genarrt von den eiteln Gaben des Lebens.
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    Krastinik war, bald nachdem er wieder zu sich selbst gekommen, ins deutsche
Athenum geeilt, um dort Berliner Zeitungen zu lesen. Mit fieberhafter
Aufregung durchstberte er alte und neue Bltter. Und nicht umsonst fr das
Einzige, wonach er fahndete. Zehrten doch die Feuilletons aller Bltter noch
immer in ppigen Notizen von dem seltsamen Selbstmord des jungen Dichters. Sogar
zu Leitartikeler schwangen sich verschiedene Organe auf, um krftig an diesem
Fall das traurige Loos des deutschen Dichters zu erlutern. Obschon sie selbst
im Leben ihn gnzlich todtgeschwiegen hatten, schleuderten solche edlen
Leitartikeler jetzo Invectiven gegen die versumpfte Presse. Denn das schien,
bald nachdem der Selbstmord Leonharts als breite Notiz berall aufgetischt und
verrckte Motivirungen aufgetaucht, nunmehr endgltig festgestellt: da der
junge Dichter sich aus Verzweiflung ber seine vllige Erfolglosigkeit und den
Mangel jeglicher Anerkennung das Leben genommen habe. Wre daran noch ein
Zweifel gewesen, so wurde er ja bald gehoben durch ein posthumes Ereigni.
    Was mute Krastinik vernehmen! Sofort nach Leonharts Ende, fiel sein
Verleger ber seine litterarische Hinterlassenschaft her, indem er einen Vertrag
auf ein neues Werk des Verstorbenen producirte, auf welches er bereits eine
Vorschusumme gegeben. Dies neue Werk fand sich vor, berraschenderweise fast
ganz vollendet. Ohne Besinnen setzte der rhrige Verleger zwei Schnellpressen in
Bewegung und publizirte mitten in dem Skandal binnen drei Tagen das Buch. Und
welch ein Buch! Das schnellebige Berlin htte vielleicht auch diese Affaire in
acht Tagen vergessen wie jede andere, aber diese Publikation verewigte den
Skandal. Der Schwur des Hannibal, dramatische Dichtung. - Sobald er die erste
Anzeige gelesen, strzte Krastinik zu Trbner und kaufte das Buch. Gleichsam als
Motto trug es an der Stirn die wildtrotzigen Verse:

Ich glaubte nie die Mr, da am Altar,
Heimkehrend aus der Rmerkriege Lager,
Den Sohn er Rache schwren lie - frwahr,
Nicht hnlich dem verschlossenen Karthager!

Der junge Hannibal sah fort und fort
Das Ringen seiner hohen Geistesahnen.
Er ballte nur die Faust und sprach kein Wort:
Man brauchte ihn zur Rache nicht zu mahnen.

Er sah, wie alles nur gelenkt vom Schein,
Wie jeder Wicht der Gre Keim verpfuschte,
Wie jedes stillen Werthes Melodei'n
Der Kameraderie-Tamtam vertuschte.

Noch ahnet Ihr mich nicht, Ihr glatten Katzen,
Aufsteht ein Rcher aus Hamilkars Geist.
Den Lwen merkt man erst an seinen Tatzen,
Wenn der Gereizte Euch in Stcke reit.

Ihr mgt mir Netze stellen, Gruben, Schlingen -
Einst pack' ich Euch, und wen erst packt der Leu -
Ja, unerbittlich will ich sie vollbringen
Die Rachepflicht, dem Schwure bleib ich treu.

Du Stadt der Krmer und der seichten Possen,
Ich schwr's bei der Semiten Gott, dem Bal:
Einst kommt er wie der Blitz herabgeschossen
Und reinigt Dich - der Schwur des Hannibal.

    Das Buch fiel wie eine Bombe mitten in das Leben der Zeit hinein. Es
sprengte gleichsam, vom Dach bis zum Erdgescho durchschlagend, alle Quadern und
Mauern des Wahns auseinander.
    Als Form war die dramatische gewhlt, die einzige, welche Leonharts
innerstem Wesen gem. Die Entwickelung der Tragik aus den Tiefen des
menschlichen Willens, zwischen Bewutem und Unbewutem schwankend, in
ununterbrochen schnurgerader Linie psychologischer Folgerichtigkeit, in
dramatische Gestaltung umgegossen - dies war sein Ziel. Die geschlossene
Composition des gewhnlichen Bhnendramas konnte ihm daher nicht gengen, da
seine umfassende Anschauung ber den zwerghaften Rahmen der landlufigen
Kunstgesetze hinauswuchs.
    Aber berall nahm der philosophische Gedanke bei ihm warmen Erdkrper an.
    Die Dichtung fute auf rein realistischem Untergrund, stellte sich jedoch
selbst allegorisch dar. Der Held war ein moderner Faust. Wie Jener als Magister
an der Wissenschaft verzweifelt, so dieser an seinem elenden Beruf der
berufsmigen Federfuchserei. Absichtlich hatte der Dichter seinen Helden in
alle und jede Erbrmlichkeit des modernen Litteratenlebens eingetaucht, ihm auch
das Kleinlichste nicht erspart. Und was das Unerhrteste dabei, der Held trug
Leonharts Zge unverkennbar, nur mit tausend willkhrlichen Zustzen.
    Die Anschauungen der modernen Naturwissenschaft lagen berall zu Grunde,
waren aber nie aufdringlich breitgetreten. Nirgends fand sich die poetische,
Licenz der Zufall-Anwendung, nirgend drckte sich der Dichter bei den schwersten
Theilen der psychologischen Entwickelung mit ngstlichem Salto Mortale vorbei,
wie die anderen Sonntagsreiter. Der Kampf mit den Naturtrieben trat berall in
seiner plumpen nackten Roheit und Poesielosigkeit entgegen.
    Ueberall entpuppte sich die hinter dem Werke stehende Persnlichkeit als
begnadete Schernatur, die zu grten Dingen bestimmt.
    Inmitten der kaleidoskopisch schillernden Mosaikgemlde und
Feerie-Wandeldekorationen und nachgepfiffenen Epigonentriller der andern
Litteraturfabrikate fhlt man ja wie, die Jungfrau, welche ihrer Mutter ber die
Blle klagt: Ach, es ist doch immer dasselbe! Der gewisse Eine war ihr eben
noch nicht im Ballsaal begegnet. Aber hier bei Leonhart neben hchster
mnnlicher Reife und fast schon angegreister Lebenserfahrung eine gewisse
unverbrauchte Jugendlichkeit, wie die des tlpelhaften jungen Siegfried, der
auszieht, um Krimhild und die Welt zu erobern. Ueberall hatte man hier den
ganzen Mann als kompakte Thaterscheinung vor Augen in der tiefinnerlichen
Untheilbarkeit seiner elementaren Persnlichkeit, deren Naturgewalt natrlich
die diplomatisch kleinlichen Geistesschmarotzer der modernen Hypercultur nicht
zu fassen vermochten. Wie man in der Dienst-Correspondenz eines Cromwell oder
Friedrich (Aimez donc les dtails! rieth der Letztere) die ungeheure
Arbeitskraft anstaunt, welche jeden Knopf und Stiefel ihrer Schwadronen im Auge
behielt, - so erkannte man hier die sittliche Charakterstrke, die innere
Wahrhaftigkeit, kurz die Klaue des Lwen breit und wuchtig im kleinsten Worte
abgeprgt.
    Man sah seine weltbeherrschende Phantasie die Erde umkreisen von Pol zu Pol.
Aus den blulichen Ringeln seiner Kaffeekanne flatterten ihm braune Rosse auf,
Beduinen in braunem Burnus. Sieh da, die weien Mntel, wie Straue in
gedrngter Herde ihre Schwingen blhen! Der rothe Wstensand klatscht zum Sattel
empor! Schaumflocken bedecken Bug und Nacken der Rosse, so da sie getigerten
Schecken gleichen oder frstlichen Turnierrossen mit einem Brustlatz von
Hermelin! Und auf ihrer Spur schnauft das Hynenrudel, in wilden Stzen die
Fhrte mit den Pfoten durchtastend - denn wo die Wstenshne jagen, da fllt ein
Opfer zum Schmaus der Hynen und Geier, die krchzend den Trauerchor um die
Gefallenen hpfen!
    Aus dem Lande der Sonne schweifte des Dichters Geist zum Norden, aus der
Wste zum Meer.
    Die blulich zackigen Eisberge der Eskimos, die den Thran in Humpen
schlrfen, umschiffte er wie ein Viking. Wie der Pfeil vom Fischbeinbogen,
schwirrte sein Schiff dahin durch die tiefaufrauschenden Wellen, ngstlich
chzte, sein Segel vor der kreischenden Brandung, ber welcher der zackige
Blitzstrahl den Donner heroldete. Und zum Klang gebrochner Helme sang die
Seeschlacht wild und wilder, und der Tag sah ihn vorderst fechten. Doch in
mondheller Nacht entquollen seiner Harfe die Thrnen sehnender Leder.
    Wohl drangen die Schreie aus des Dichters eigenem Herzen, man vernahm mit
Schauder diese gewaltige Stimme, - wie der faustische Held, am Meere
entlangwandelnd, aus Muscheln die ferne Klage des fliegenden Hollnders
vernimmt, der im Malstrom wirbelnd dem tauben Himmel droht, bis er fadentief
versinkt zu Seegras und Korallen.

Der Brandung Bucht, die hohle,
Einsam der Wind umpfeift.
Trg von der Bergessohle
Der Nebel sich niederschweift.

Die Wassergeister schweben
Hhnend zu mir empor:
Zu Schaum zerann Dein Leben,
Du bist und bleibst ein Thor.

Es schwimmt das falsche Mondenlicht
Lockend auf khlem Grunde.
Der Dampfer durch die Wogen bricht,
Sein Licht erhellt die Runde.

Und durch mein Herz, das dunkel kreist,
Mit grellen Feuerstrahlen
Das Schicksal seine Furche reit.
Leuchte mir, Gott der Qualen!

Ihr Heuchler, Schurken, Memmen, Gecken, Narren,
Du weltliches Gesindel um mich her,
Magst ein Jahrhundert auf die Stunde harren,
Die heut durchwettert meiner Seele Meer!

Ich hre Dich, mein Gott, im Wogenrauschen:
La Menschen Menschen sein! Ich bin Dir gut.
Auf meine Donnerstimme sollst Du lauschen
Und vorwrts branden, Meer, in heiliger Wuth!

Schwemm sie hinweg, die Deinen Pfad Dir sperren!
Du bangst, weil fahler Neid die Messer wetzt?
Furchtlos voran! Ich mach' Dich doch zum Herren
Und trete nieder, was sich widersetzt!

Was half Dir Deine knigliche Gte,
Mit Dreistigkeit von jedem Wicht belohnt?
La nur Verachtung reifen im Gemthe,
Den Ha, der keine Nichtigkeit verschont!

Wo Du vertrautest, wurdest Du verrathen,
Und wo Du Edles whntest, war's ein Traum.
Fr ihre schamlos schnden Missethaten
Verschlinge sie in Deiner Brandung Schaum!

Schmied' allen Ha in einen Blitz zusammen
Und brlle nieder sie mit Deinem Fluch!
Brenn' sie zu Spreu in Deines Hohnes Flammen!
Sieh her, Jehova, kennst Du dieses Buch?

    Wre dies Buch, das in den Annalen der Litteratur seines Gleichen suchte,
bei Lebzeiten Leonharts erschienen, so htte es seinen Untergang beschleunigt
oder direkt herbeigefhrt. Thrichte Schwtzer htten sich an das muthmalich
Persnliche geheftet, ja vor allem liebevoll nach den angeblichen Modellen der
Figuren geforscht und ein Bouquet von allerlei Persnlichkeiten
zusammengestellt, um etwaige Beleidigungsklagen zu formuliren. Man mu den
Leuten stets ihr Vergngen gnnen. Niemand htte die Groartigkeit des Typischen
in all diesen scheinbar photographirten Einzelheiten erkannt, Niemand begriffen,
da ein so hoch ber den Dingen und Menschen stehender Geist das Recht in sich
selber trgt, seine eigene Welt nach seinem knstlerischen Willen zu gestalten.
In der trostlosen Armseligkeit jener nchternen Prosa, die nur mit den
Rechenpfennigen der Alltagsmoral handelt, wre Niemandem auch nur in den Sinn
gekommen, die tiefe erhabene Gerechtigkeit dieser Heldenseele zu verstehen. Wer
htte gewrdigt, da man es hier mit einer Dichtung zu thun habe, welche
gnzlich auerhalb aller gewhnlichen Alltagsbegriffe von Menschen und Dingen
stand! Dies war der Realismus einer Wahrheit, hoch ber der handgreiflichen
Wahrheit der beweisbaren Realitt. Allein, mit dem adlermigen Sonnenflug
dieses byronischen Geistes verband sich hier eine tzende Satire, deren Bosheit
den wahnsinnigen Gallenergssen Swifts hnelte. Die juvenalische Ader Leonharts
blutete sich aus, bis sein Geist an einer Art Auszehrung von Menschenverachtung,
wie an einem Blutverlust jeder Lebenslust, zu versiegen schien.
    Welch ein namenlos unglckliches Leben ffnete sich in diesen Blttern, die
von Herzblut zu triefen und sich wie klaffende Wunden zu ffnen schienen!
Unseliger Mensch! Ihm war das Leben ein graues des Meer, ber dem nur das
Wetterleuchten seines Grimms emporzuckte. Ueberall unterbrach ein grelles
Auflachen das methodische Hmmern dieser zermalmenden zerhackenden Maschine
eines rastlosen Denkens. Die saeva indignatio, welche Swifts Herz nach dessen
Ausspruch zerfleischte, schmeckte man auch hier. Schonungslos auch gegen sich
selbst, zerpflckte der Dichter unerbittlich seine eigenen Gefhle. Ein
unerbittlicher Wahrheitsdrang, ein verzweifeltes Drauflosstrmen gegen jede
conventionelle Lge, raste sich hier berserkerhaft aus.
    Rcksichtslos waren die Gesetze des animialischen Lebens betont, die
Naturgeschichte des Menschenviehs. Es regnete Ohrfeigen und Nasenstber. Indem
er die bbischen Begierden der Sinnesmenschen entblte, ekelte sich dieser
Faust-Mephisto und hatte doch auch seine Freude dran.
    Das Ganze bildete einen einzigen Aphorismus, ein riesenhaftes Monodrama,
einen von innerer Handlung unablssig bewegten Monolog. Diesem tragischen
Humoristen zerflatterte das Stoffliche oft zwischen den Fingern und lste sich
in psychologische Tftelei auf. Die geringfgigsten Ereignisse spann der
Reflexionspoet mit keckem Sichgehenlassen zu wichtigen Abhandlungen und
schlachtete das Unmerkliche als Stoff unendlicher Betrachtungen aus. So ging
seine Laune ihren eigenen strrigen Maulesel-Trab, immer drauflos durch Blumen,
Gemsegrten, Disteln und Nesseln. Sie war nicht whlerisch. Duften die Rosen,
so schlrft sie das Arom ein, und duftet der Mist, so findet sie darin einen
eigenartigen Haut-Got.
    Die Leichtigkeit in Fhrung der psychologischen Entwickelung, die sichere
feste Hand in Urbarmachung des unbegrenzten gedanklichen Gebiets wurde
untersttzt durch den genialen Blick fr Rassenmerkmale, die fruchtbare
kosmopolitische Bildung des Denkers. Ueberall erhoben sich reine Formgedanken in
lichtem plastischem Marmor - statt schnheitsfroher Harmonie vernahm man
freilich mystische Orgelklnge einer verschnrkelten Symbolik.
    Doch schmolz sich das kalt Abstrakte berall vor dieser belebenden
Schpferwrme in reale Gestalten um, welche sich nur indirekt, indem sich das
Begriffliche verdichtete, zu plastischen Allegorieen herausmeielten. Diese bis
zur hchsten Potenz gesteigerte Phantasiekraft setzte sich zu der Bewegung der
Weltkrper in Schwingung und mchte das All reflektiv umspannen, ohne da sie je
Gefahr lief, sich im Allgefhl zu verlieren. Diese titanische Individualitt
sammelte die durch zahllose Kanle sich hinwindende Reflexion zu klarem Strom
und durchflutete das Naturganze des Weltorganismus selbst wie eine besondere
Weltseele, immanent der inneren Untheilbarkeit der Dinge.
    Hier wagte sich wieder einmal ein Viking-Skalde hinaus in die offene See,
als Wrack umhergeschlendert und in brllendem Orkan wie in warmem Sonnenschein
von der unheimlichen Flut gewiegt, welche in immer gleicher fhlloser Schnheit
uns alle von dannen splt. Wie die alten Seeknige kreuzte er von Kste zu
Kste, wie Odin aus Sagas goldenem Methhorn berauscht. Auf seiner Hochzeitsreise
mit der wilden Walkre Wahrheit verbrannte er denn sich selbst und sein
Drachenschiff im Feuerwerk cynischer Selbstvernichtung.
    - - Wre dies auerordentliche Geistesprodukt aus der Feder eines Lebenden
geflossen, so htte man die nervig-drastische Methode Leonharts, die minutise
Ausmalung psychologischer Wandlungen durch Zusammenscharrung ganzer
Dokumentbibliotheken, um die Illusion absoluter Lebenswahrheit zu erwecken, als
langweilige Weitschweifigkeit benrgelt. Eine unreife Baby-Aesthetik htte die
erotischen Scenen des Buches, welche die tiefste philosophische Absicht bargen,
als brutalen Cynismus denunzirt. Ja, die unreifen Janitscharen der bespeichelten
Modehelden htten gar all dies Erdichtete fr Bekenntnisse einer schnen Seele
oder direkte Rousseausche Confessions genommen und demgem erlutert. Die
Salon-Ttteler, die akademischen Suseler, die Formalisten htten mit Erfolg
diese freche Verletzung alles gentlemanliken Dekorums gegeielt. Mu doch die
Welt jede Wahrheit in der Kunst hassen, besonders die Frau, welche ja die Welt
bedeutet! Und da waltet wohl nur ein mechanisches Gesetz ob, ohne welches die
conventionelle Gesellschaftsordnung nicht denkbar wre. Allein, aus ganz
demselben Gesetz folgerte nun das Gegentheil, da es sich um einen Todten
handelte, der unter so betrbenden Umstnden die Consequenzen der Wahrheit
gezogen und sich vom Leben verabschiedet hatte.
    Die Kulturmenschheit ahnt nmlich bewut und unbewut, da der geliebte
Materialismus d.h. der flotte thierische Kampf ums Dasein ohne die Fiction des
Idealismus gar nicht mglich wre. Denn der auf die Naturwissenschaft
gesttzte Materialismus fhrt unnachsichtlich zu Consequenzen des Socialismus.
Um daher dem Bild von Sas einen Schleier vorzuhngen, pflegt man ab und zu den
sogenannten Idealismus, das Interesse an idealen Kulturerzeugnissen. Man ghnt
pflichtschuldig das Postament der Geistesheroen alt und versteckt seine
stumpfsinnige Gleichgltigkeit unter dem Tamtam neuer Gtzendiener, die vom
Abfall frherer Geistesthaten leben und ein groes Gerusch machen, gleich den
Ammen Jupiters, um die Stimme ihres Gottes zu bertnen. Man lt zwar das
lebendige Ideale als Aschenbrdel verhungern, aber man mu ab und zu ber
abstrakten Idealismus faseln, um das Gleichgewicht herzustellen.
    So wollte denn das Gejammere ber das unglckliche Genie, den edeln
Dichter kein Ende, nehmen. Die Berliner Tagesstimme nannte ihn, nachdem sie
sich von Schritt zu Schritt mehr fr ihren todtgeschwiegenen Liebling erwrmt,
bereits nur noch schlechtweg den erhabenen Jngling. Sie wute mit drhnendem
Pathos unser Zeitalter der Reaction dafr verantwortlich zu machen, da eine so
hochherzige Natur aus purem Lebensekel sich aus dem Leben fort jraulte. Jaja,
das Herz dieses erhabenen Jnglings brach, denn es schlug der Freiheit sowie der
Menschheit. (Die Aktien-Dividende der Berliner Tagesstimme war dies Jahr
besondere fett gerathen.)
    Hingegen wute das Deutschnationale Blatt ganz genau, da der Antisemit
Leonhart nur durch das infame Judenthum, dessen Presse sich besonders an ihm
versndigte, zur Verzweiflung getrieben wurde.
    Das Bunte Allerlei wimmerte wie ein kleines Krokodil und brachte u.A. die
boshafte Notiz:
    Wie wir hren, soll der grliche Sittenschilderer K. Schm. untrstlich
sein. Der Selbstmord seines Freundes L - t wirst all seine Dispositionen um.
Denn er hatte denselben bereits als Helden seines neuen Romans festgenagelt und
als Typus des Grenwahns unsterblich lcherlich gemacht. Leider ist ihm nun der
bse Mensch zuvorgekommen. Solche Todten persiflirt man ungern.
    Jedenfalls zeigte sich die Deutsche Presse eifrig bemht, den Fall Leonhart
als typisch fr die deutsche Verkennung und das deutsche Schriftstellerelend
mglichst breitzutreten. Ein Aufruf des allgemeinen Schriftstellerverbandes und
des litterarischen Schutzbureaus erschien, worin jeder dieser Concurrenten den
andern fr die deutsche Misre in verblmter Weise verantwortlich machte und
dann zu dem Fall Leonhart berleitete. Smmtliche sechzehntausend Schriftsteller
und Schriftstellerinnen des Krschnerschen Lexicons sollten einen Obolus
entrichten fr einen interessanten Grabstein, welchen man dem verewigten
Collegen errichten wollte. An den Grafen Oscar von Scheckwitz, Excellenz, und
andere millionenreiche Didaktiker richtete man eine Adresse: Ew. Excellenz!
Hochgeborener Herr Graf, hochmgender Herr Kammerherr! Mit jener Ehrerbietung,
welche Alldeutschland Ihrem glorwrdigen Schaffen zollt u.s.w. Er mge, um die
entsetzliche deutsche Dichterverachtung im Volk der Dichter und Denker zu
brandmarken, das Portrait Leonharts nach einer Zeichnung von Stauffer-Vern
anfertigen lassen und seiner berhmten Gallerie einverleiben. Graf Scheckwitz,
Excellenz, edelherzig wie immer, zog sich jedoch noch glnzender aus der
Affaire. Er versprach nmlich statt dessen die Tantimen seines neuen
griechischen Dramas mit Chren Gott Hymenos, falls dasselbe sofort von seinem
Standesgenossen Graf Hochberg aufgefhrt werde, als Preis auszusetzen fr die
beste Denkschrift ber Friedrich Leonhart, den deutschen Chatterton. Es giebt
noch gute Menschen.
    Regnete es doch nur so Erinnerungen an den verewigten Dichter!
    Frank Suerbach in Mnchen verffentlichte einen Essay in der Allgemeinen
Zeitung, worin er mit braminenhafter Spitzfindigkeit den Leichnam Leonharts
secirte und an demselben pathologische Studien verbte. Der Keim zum Selbstmord
habe von jeher in Leonhart gelegen, ebenso wie etwa Satyriasis in dem
sogenannten Pantheismus jngstdeutscher Lyriker. Er brachte als Beweismittel
zwei Gedichte bei, die der Unglckliche vor Jahren verffentlicht habe:

    Du, des Tages blind Geschpf, jammerst, da Dein Herz verblutet,
    Da Dein ganzes Sein sich fhlt vom Verwesen angemuthet?
    Ja, die Hoffnung bald entwich,
    Nur den Tod zu suchen frommt, nur der Tod macht Dich unsterblich.
    Nur des Denkers Ideal bleibt von Zeit zu Zeit vererblich,
    Dein Gedanke unveruerlich.

    Als Volker vorgefiedelt, sprang auf des Tisches Brett
    Herr Hagen, jh zertrmmernd die Krge beim Bankett.
    Nun trinken wir die Minne und zahlen des Knigs Wein:
    Der junge Vogt der Hennen - der soll der Allererste, sein!

    Wer will zum Tanz mir fiedeln? Ich mchte schon sogleich
    Zertrmmern meines Herzens Gef mit festem Streich.
    Nun trinken wir die Minne und zahlen des Schpfers Wein:
    Das Blut des Dichterherzens - das mu das allerbeste sein.

    Diese traurige Lebensverschmhung, dieser bachantische Trieb zur
Selbstvernichtung wie zu einem Festgelag, sei nun durch die berechtigte
Verzweiflung des Dichters ber die stumpfe Aera, in welche ihn das Schicksal
verbannte, gesteigert worden. Sogar der Componist Francis Henry Annesley meldete
sich einem litterarischen Magazin mit einem Artikel Meine Beziehungen zu
Friedrich Leonhart. Denn obschon er fr alle Zeiten jeglicher
Schmier-Bethtigung entsagt und sich ganz der edeln Musika gewidmet habe, bese
fr ihn die Feder noch immer genug Anziehungskraft, um zwei edeln Todten den
Zoll der Dankbarkeit zu bringen. Dies seien der Maler Rother und der Dichter
Leonhart, beide auf rtselhafte Weise verunglckt, wahrscheinlich durch
Selbstmord. Ja, sie wanderten nicht von einer Kaltwasserheilanstalt in die
andere, wie so mancher andere Schmerzenreich, - (gestand der junge Musiker mit
achtungswerther Selbstironie) - ewig entsagend und immer wieder da, von den
Todten auferstanden. Sie machten Ernst mit ihrer Verneinung des Lebens, mit dem
letzten Facit unter der Summe ihrer Schmerzen. Und jetzt folgten eine Menge
enthusiastischer Lobeserhebungen ber die hehren Verblichenen, welche die
einzigen absolut selbstlosen, neid- und parteilosen Menschen gewesen seien, die
ihm je begegnet. Er idealisirte sie jetzt ebenso ins Malose, wie er sie frher
bemkelt und ausgebeutet hatte. Allein, mochte man darber denken wie man
wollte, etwas Rhrendes lag trotz eines Anflugs der alten Schauspielerei in
dieser offenherzigen Reue, mit welcher sich der sonst so geckenhafte und seines
eigenen Edelsinns bewute Jngling selber des knabenhaften Undanks bezchtigte.
Er habe zur Entschuldigung anzufhren, da er durch die Gesellschaft
heuchlerischer Banditen  la Edelmann und Haubitz mit dem Gift eines allgemeinen
Mitrauens inficirt sei, weil er alle andern Menschen nur als elende Selbstlinge
kennen lernte. Dies nur habe ihn nicht voll wrdigen lassen, was Rother stets
fr ihn gethan. Seither sei er lter und mnnlicher geworden, und wisse jetzt,
was in dieser kalten gemeinen Welt ein warmes Freundesherz bedeute. Jetzt sei er
sich seiner Nichtigkeit und Zwergheit bewut - seiner moralischen Inferioritt
einem Rother, seiner geistigen einem Leonhart gegenber. Von dem lcherlichen
Grenwahn, der ihn dmonisch verzehrt habe, sei er curirt. Den Schwur des
Hannibal in der Hand, am Grabe dieser groen Seelen, welche der Weltroheit
nicht zu widerstehen vermochten, habe er sich zugeschworen, jedem eiteln Ehrgeiz
zu entsagen. Wo solche Menschen untergehen muten, da lohne es sich grade, den
Beifall der gemeinen Herde zu erschwindeln und um den feilen Odem des Pbels zu
buhlen. -
    So hatte der Tod mit seinem ernsten Seherblick eine schon erblindete Seele
erhellt. Der edle Grundstoff und der ideale Instinkt einer schon verschlammten
krankhaften Wesensart wurde emporgerttelt, so wie ein jher Schreck das
Wechselfieber vertreibt. -
    Max Henkelkrug verffentlichte in Separat-Abzug bei Schabelitz (Zrich) eine
hochtrabende Rhapsodie in Bnkelsngerformat:


                            Ein sociales Nachtstck.

Der Dichter der ist todt.
Verscharrt ist sein Gebein,
An seinem Grab ein Rabe droht,
Kreischt Mord ins Land hinein.
Der Afterdichter rhrte stolz
Die Saiten vorm horchenden Volke.
Da pltzlich sprang der Harfe Holz
Und die Saite barst in Stcke.
Von des Regenbogens Brcke
Erklang es aus der Wolke:

Der Wicht, der mich erschlug,
Hier seine Strafe fand.
Des Meisters Harfe nie ertrug
Des Ungeweihten Hand.
Wer hat zum Skalden Dich bestimmt,
Geboren und auserkoren?
Odin, der Skaldengott ergrimmt,
Geschworen ist Dein Verderben.
Denn Thoren sollen nicht erben
Den Ruhm, den Weise verloren.

    Die Auferstehung der Todten ist eine schne Sache. Jetzt war jeder
Philister, der sich auf seinen Wollscken wlzt, freudig bereit, sein Licht auf
den Scheffel zu stellen und seinen Idealismus in wohlschmeckenden Festessen zu
Ehren eines halb verhungerten Dichters leuchten zu lassen. Wenn man nur durch
Heiligsprechung der Todten den Lebenden ihre Rechte verkmmern kann, dann sind
wir allemal diejenigen, welche. Freilich kostet es ja auch weniger, je einen
Penny fr ein Grabmonument beizusteuern, als ein Pfund zu einer Subscription auf
ein zu schaffendes Werk. Statuen dienen zur Verschnerung der ffentlichen
Pltze, und zur Drucklegung patriotischer Prospekte, besonders zur
Ordensempfehlung des Gemeinderaths. Wenn heut ein Geist herniederstiege, er
wrde dazu nur rufen: Unsinn, Du siegst und ich mu untergehen.
    Doch fehlte es natrlich auch nicht an dissentirenden Stimmen. Denn Ha und
Neid berleben selbst den Tod. So schrieb Peter v. Schnapphahnitzkoi in der
Kreuz- und Schwertzeitung:
    Als wir den hochtrabenden Titel lasen und von dem Inhalt des Buches hrten,
befiel uns aberglubische Furcht. Wie, der Kampf mit dem Drachen? Wer wagt es,
Rittersmann oder Knapp? Der Knapp' wagt es und Herr Leonhart taucht in den
Schlund - der lernischen Hyder an der Spree. Zu solcher Schandthat sollte man
sich erst aufschwingen, sobald man die Ble des Gegners entdeckt hat.
Aengstlich von Natur, stoen auch wir nur in solchem Falle zu. Aber ach, solche
Kraftleistung kann uns nicht in diesem Falle erschlaffen, denn der verewigte
Dichter bietet ja dem Messer der Kritik selbst berall die Kehle dar. Er nestelt
sich, wie eine kleine Brigg der Wasser-Geusen an eine schwerfllige spanische
Gallione; wie ein Torpedoboot an ein Linienschiff alter Holzconstruction, an die
bestehende Gesellschaftsordnung an und wundert sich, wenn ihn diese in den Grund
bohrt. Er schmeit seiner sprden Feindin, der bsen Welt, faustdicke Grobheiten
ins Gesicht und wundert sich, wenn sie diesem Liebeswinke widersteht. Mein Gott,
was kann da sein! Leonhart war ein kecker verschlagener Husar, der sich in
Vorpostenschaarmtzeln herumhieb, so da gewi irgend ein Feldherr, der oben auf
dem Berg seine Batterieen ordnet, an ihm seine helle Freude gehabt htte. Nur
mu der mehrfach dekorirte Rittmeister nicht urbi et orbi verknden, er habe
schon selbststndig commandirt und Schlachten gewonnen; dann wird er wegen
Vergehens gegen die Disciplin gemaregelt. Was hat denn der vielbeklagte
Jngling eigentlich geleistet! Romane konnte er nicht schreiben, der Faden
seiner Handlung spann sich niemals ungezwungen ab, die ueren Griffe des
Erzhlhandwerks beherrschte er kaum, und alles verlief sich ins
Gefhlsverworrene. Die glckliche Hand eines alterfahrenen Technikers blieb ihm
versagt, er scheiterte an der Klippe der Manierirtheit und Uebertreibung. Wenn
er versuchte, geistreiche Silhouetten aus der Berliner Gesellschaft
herauszuschneiden, so hufte er nur eine Flle intimer Details mit
reportermigem Behagen auf. Statt ohne Umschweif vorzugehn, das Ding an sich zu
packen und knapp beim Namen zu nennen, verlor er sich in Schnrednerei, weil ihm
fr die praktisch-nchterne Wahrhaftigkeit und poesielos trockene Gesundheit des
Berolinischen Alltagslebens das feinfhlige Tastorgan fehlte.
    Und nun diese unwahre Schmerzfexerei, dies Reklamegeschrei, diese berreizte
Fruchtbarkeit! Bekanntlich leidet unsre Zeit an drei groen Krankheiten:
Atheismus, Morphiumsucht und Grenwahn. Wir wissen nicht, ob Leonhart an
Morphiumsucht krankte. Seinen Atheismus vermuthen wir. Gewi aber sind wir
seines Grenwahns. Bei dieser widerlichen Selbstberucherung, wo der Dichter
gleichsam vor seinem verschnerten Ebenbild anbetend auf den Knieen rutscht,
fllt wohl Jedem das gesunde Sprchwort ein: Eigenlob stinkt, Andrer Lob klingt.
-
    Krastinik lachte bitter auf.
    Klingt - ja leider klingt es manchmal wie Zwanzigmarkstcke. Und da scheint
denn doch das Eigenlob betrchtlich weniger zu stinken. Ist heut nicht jedes Lob
verdchtig? Die wirklich Schlauen fgen in Lobhndeleien stets gehrigen Tadel
ein, denn die Mglichkeit einer selbstlosen Begeisterung scheint ausgeschlossen.
Fngt bei den Kollegen, die Wahrheitserkenntni doch sicher erst an, wenn die
persnliche Existenz des Autors erloschen ist. Was aber soll uns dann noch eine
Kritik, die eben nur auf persnlichen Verhltnissen fut? Besser wahres
Eigenlob, als erlogenes Andrerlob! Es kommt hier einfach auf den Satz heraus:
Quod licet Jovi, non licet bovi. Psychologisch betrachtet, verrth die
Unvorsichtigkeit des Selbstlobes nur, da die Eleusinischen Mysterien der
Streberei dem muthigen Verletzer fremder Eitelkeit unbekannt blieben. Krastinik
dachte aus der Flle seiner Erfahrung an all jene Geschmeidigen, die der Kenner
auf den ersten Blick durchschaut, heien sie nun Cohn oder Baron, die geschickt
das plumpe Selbstlob vermeiden, sich berall durchwindend ohne anzustoen und
doch vordrngend. Und wird nicht das verrufene Selbstlob vollends eine
verzeihliche Nothwendigkeit, falls man gegen die Schmach, die Unwerth
schweigendem Verdienst erweist gar keine andere Waffe mehr hat? Hier hrt das
Selbstlob auf, rein persnliche Eitelkeit auszustrahlen, und verliert seinen
ursprnglichen Charakter, indem es einfach zur Vertheidigungsrede sich umformt.
    Krastinik las weiter. Der kleine Lumpensammler kritikasterte nun so fort,
indem er emsig auf die Untugend der Unbescheidenheit losklopfte und einen
Injurien-Platzregen vom Olymp des Jupiter Pluvius Stupidus herabgo. Krastinik
verzog keine Miene. Denn wer einmal im inneren Ring der litterarischen Geschfte
thronte, constatirt ja nur mit ruhig geschftsmigem Tone, warum dies und das
geschrieben sei. Einen ungetrbten Blick fr Ideales pflegen nur Fernstehende
bewahren zu knnen. Zum guten Ton einer wahrhaft vornehmen Kritik gehrt es
hingegen unbedingt, die Absichten des Autors mglichst zu verdrehen und
geistiger Urkundenflschung zu frhnen.
    Man erstarrt als Uneingeweihter zur Salzsule ber die angeblichen
Motivirungen, welche dieser skandalisirende Mephisto ber die idealsten Dinge
zum Besten giebt. Dies Bchlein riecht zum Himmel, da Zeus sich die Nase
zuhlt. Es athmet einen Rinnstein-Odeur von roher Bosheit. Unter dem wrdigen
Schlachtgebrll eines edeln Zornes drngelte der verstorbene Litteraturpapst
nicht bel mit dem Ellenbogen, um einen Platz in erster Reihe zu ergattern. Er
schwenkte als Zwingvogt seinen Hut auf eine hohe Stange hinauf, und wer sich
nicht aus dem Staube machte, wurde gefat, weil man dem Hut nit Reverenz
erwiesen. Er schmi sogar seinen Gelerhut tief ins Lager der Widersacher, um
ihn dort wieder herauszuhauen. Das Schlachtgetmmel mit Tschingderatata wollte
kein Ende nehmen. Nun hat es ein Ende genommen, freilich ein Ende mit Schrecken.
Mag der Geist des seligen Dichters noch so wuchtig mit dem Tlke'schen Knppel
drohen: Wer dies Buch nicht lobt, fhlt sich von ihm getroffen - mag ihm als
Motto seines Strebens der alte Vers vorgeschwebt haben: Was kann Genie? das
stirbt, eh man's begriffen, verkannt, verlstert, ausgepfiffen, - wir knnen nur
achselzuckend dies hohle Machwerk einer kindischen Selbstanbetung bei Seite
werfen. Trefflich urtheilt unser schneidiger Waffengnger Rafael Haubitz: Es
fehlte eben Leonhart an einer ausgeprgten Physiognomie. De mortius nil nisi
bene. Fesselte nicht diese Erwgung unsre Feder, wir mchten dieselbe wohl viel
schrfer gespitzt haben. - Zum Schlu nur noch eine ruhige Frage, welche den
ganzen Dunst des lcherlichen Todtentanzes einer schwindelhaften
Dichtergrab-Bewunderung zerblst: was hat Leonhart unter all seinen zahlreichen
Schreibereien, speciell seinen Dramen, denn je geschaffen, was an Gre der
Conception und Schnheit der Ausfhrung auch nur entfernt sich messen kann mit
dem wundervollen Drama Graf Xaver Krastiniks, unseres neuerstandenen groen
Dichters? Schlgt Die Meeresbraut nicht alle verfehlten Versuche jenes Strmers
und Drngers um zwanzig Pferdelngen? Nicht umsonst erlebte Die Meeresbraut
jetzt schon die dreiigste Auffhrung binnen so kurzer Frist, unerhrt im
Deutschen Theater. Dorthin gehe man, um zu schauen, was wahre Dichtkunst
bedeutet! Leonhart war hchstens ein Vorlufer des genialen Grafen Xaver von
Krastinik.
    Krastinik ballte das Zeitungsblatt mit der Faust zusammen und warf es
zerknllt zu Boden. O ffentliche Meinung des bedruckten Zeitungspapiers, du
bist geduldig. Vorlufer, ja wohl! Wagte nicht auch Webster in der Vorrede
seiner Vittoria Corombona vier Jahre vor Shakespeares Tode den grten Genius
aller Zeiten in einem Athem zu nennen mit dem Akademiker Ben Jonson und den
adligen Theatralikern Beaumont-Fletcher, ja sogar mit Eintagsfliegen wie
Chapman, Dekker und Haywood, die heut kaum der Literarhistoriker beachtet!
Schlielich, doch ohne ihn durch diese letzte Nennung beleidigen zu wollen
nennt der gute Mann als seinen Vorlufer auch noch den gotthnlichen
Ewigkeitsmenschen. Eine Posse von tiefbedeutsamer Mahnung. Jaja, Gegengewicht
mu sein; gegen drohendes Uebergewicht imaginre Werthe ausspielen - vive
l'Egalit!
    Und hier bei diesem Fall, wo durch die berwltigende zerschmetternde Ironie
des Zufalls einmal die plumpe Gehssigkeit der Beschrnktheit offenbar werden
konnte, wo die Aufdeckung der Wahrheit - - Krastinik schauderte in sich
zusammen. Er prete die Hnde vors Gesicht, wie um die Welt nicht zu sehn oder
vielmehr sich vor ihr zu verstecken.
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    Wahrhaft hochherzig und von dem sittlichen Pathos der Wahrheit durchdrhnt,
klang der Nekrolog, welchen Hans Holbach seinem Freunde in der Berliner
Tagesstimme zu widmen wagte. Mochte im Leben diese Freundschaft nur eine
uerliche Schauspielerei gewesen sein, mochte der tiefe Zwiespalt beider
Naturen sie einander innerlich entfremdet haben, - der Tod gleicht alle
Gegenstze aus. Jetzt balancirte Holbach nicht mehr, dem Vortheil der
Weltberechnung gehorchend - der Tod veredelt. Und so tnte die Stimme seiner
eigentlichen chevaleresken Natur, seines warmen und gtigen Herzens, aus den
Worten:
    Unter dein vielen Erbrmlichen des Weltgetriebes giebt es ein
Erbrmlichstes: den Schriftstellerneid . Diesem zumeist fiel Leonhart zum Opfer,
whrend er neidlos alles Tchtige anerkannte. Nachdem sie sein Genie von allen
Seiten benrgelt (hier erwarben sich viele Moralprediger ein besonderes
Verdienst, ihm, dem wirklich Moralischen gegenber), begannen seine Collegen
auch seinen Charakter in den Staub zu ziehen, indem sie seine Handlungen
entstellten, seine Motive unlauter verdrehten, seine Ausschreitungen
bertrieben. Nun lehrt zwar ein Blick aus die ungeheure Produktivitt des jungen
Dichters, da er lediglich seinen idealen Zielen gelebt haben knne und daher
alle Sagen ber sein sonstiges Verhalten ins Reich der Mythe gehren. Wren aber
seine Fehler so offenkundig wie die Erhabenheit seiner Dichtungen - wer wre
berufen, darber zu richten? Doch gegen diese Art giftspritzender Hinterlist
bleibt der Edelste und der Strkste ohnmchtig. Forschen wir aber nach den
Grnden dieser Niedertracht, so finden wir berall den gleichen: den Neid der
Impotenz gegen das Genie, den Grenwahn der Kleinen gegenber der wahren Gre.
Verzeiht doch die kleinliche Selbstsucht der Mittelmigkeit nie die berechtigte
Selbstsucht des Berufenen, weil ihre jmmerliche Eitelkeit sich verletzt fhlt!
Dabei bedenke man, da dieser Ewigkeitsmensch keineswegs etwa wie Byron den
weltlichen Rang eines Lords trug, was doch nun einmal auf die Welt ganz anders
wirkt, als der Rang eines groen Dichters! Man male sich Byrons Leben aus, wenn
er zufllig als ein armer deutscher Poet geboren wre - welch ein Abgrund
stummen Leidens ffnet sich da der Phantasie! Und ein solches Leben ewiger
seelischer Tortur in verzweifeltem Kampf gegen die Uebermacht des
Weltmaterialismus, von widrigen Verhltnissen eingeschnrt, hat Friedrich
Leonhart durchkostet.
    Zweifellos war Leonhart kein makelloser Heiliger. Doch war sein Herz
gromthig und edel. Seine Verachtung alles Niedrigen und Kleinen entsprang
seinem innersten Wesen, in dem nichts gemein und knechtisch. Qulte ihn
vermeinte Unbill, die ihn zu thun zwang was er lange bereute, - viele wissen,
da sich ihm auf schwachem Grunde feste Dankbarkeit erbaute. Der Zug
verzweifelter Angriffswuth aus tiefer seelischer Verbitterung, der ihn
kennzeichnete, ging nicht aus uerlichen und selbstischen Motiven hervor. Er
kmpfte immerzu, heut mit der ganzen Welt, morgen aber auch mit sich selber.
Denn der eigentliche Kern einer solchen Heldennatur basirt auf Tugendliebe und
Pflichtgefhl, trotz einzelner Schlacken und Flecken. Wre er mit jenen ueren
Vorzgen geboren worden, die in der Welt allein Erfolg verbrgen, mit
Gesundheit, Schnheit, Rang und Vermgen so htte das reiche Wohlwollen seines
Gemthes sich zu, vollkommener Idealitt entfaltet. So aber, eine stete
Zielscheibe fr die Gehssigkeit neidischer Dummheit, wurden die hlicheren
Seiten seines Charakters von Jugend an genhrt Jeder Eindruck warf sich auf ihn
mit so intensiver Gewalt, da zugleich alle Geistesstrke und alle
Charakterschwche hervorgelockt wurden. Die Fehler Leonharts stammten weder aus
Entartung des Herzens - denn die Natur hatte nicht den Widerspruch begangen, so
auerordentliches Talent mit einem unvollkommenen moralischen Sinn zu verbinden
- noch aus Gefhlen, unempfnglich fr Bewunderung der Tugend. Niemand hatte ein
wrmeres Herz fr Sympathie, eine offenere Hand fr Untersttzung des Unglcks.
Kein Geist war besser geformt fr enthusiastische Verehrung edler Thaten,
vorausgesetzt, da er berzeugt war, man habe wirklich selbstlos gehandelt.
Vorstellungen eines Freundes, dessen guter Absicht er sicher, hatten oft bei ihm
groes Gewicht; freilich durften Wenige eine so schwierige Aufgabe sich
herausnehmen. Mahnung ertrug er mit Ungeduld, Tadel verhrtete ihn in seiner
Verirrung, - so da er oft dem feurigen Streitro glich, das sich wthend in die
Lanzen strzt. In den schmerzlichen Krisen seines litterarischen Lebens bewies
er diese Reizbarkeit in solchem Grade, da er fast dem edlen Opfer des
Stiergefechtes glich, das mehr die Neckereien der Hetzerhorde, als die Stiche
des khneren Matadors zum Rasen bringen.
    Aber der Allgerechte, welcher menschliche Schuld nach ihrem wahren Werthe in
seiner Schale wgt, wird jeden dieser vergifteten Nadelstiche wie einen
Geistesmord verdammen. Schwerer wiegt jede Stunde, die man dem Dichter raubte
und die einen Verlust fr die Menschheit bedeutet, als das gesammte werthlose
Leben seiner Hetzer und ihrer fadenscheinigen Moral.
    Das waren goldene Worte, echt und warm aus schlagendem Herzen geboren. Ja,
der Tod ist heilig, er ist ruhig und still. Den Todten zieht man nicht mehr
freundlich die Wrmer aus der Nase oder tastet an ihnen herum, um die Naht zu
finden, aus der man irgend einen Vortheil herausschlitzen kann. So pflegen wir
Umgang mit den Lebenden, die Todten aber verbitten sich das. Der Tod ist heilig.
    Doktor Gotthold Ephraim Wurb schrieb im Bunten-Allerlei ber die Oeuvres
posthumes dieses neuernannten Litteraturknigs:

    Sein hinterlassenes erhabenes Meisterwerk zeigt uns, welch unvergleichlich
groe elementare Dichterkraft in Friedrich Leonhart uns frhzeitig dahingerafft
wurde. Mit Stolz weisen wir daran hin, da wir es waren, die zuerst dieses
Urgenie entdeckten, wie so oft schon die Redaktion des Bunten Allerlei von sich
rhmen durfte. Lange blieb es ja unter Eingeweihten kein Geheimni mehr, da in
Leonhart der eigentliche Centraldichter unsrer Zeit schlummerte. In ihm wre uns
der lang Ersehnte beschieden gewesen. Und nun ein so schreckliches Ende - weihen
wir ihm eine stille Thrne! Vielleicht wre er der deutsche Shakespeare
geworden; so blieb er nur ein zerrtteter Shakespeare. Der schreckliche Fluch,
den man unter seinen Papieren fand, trifft uns natrlich nicht. Wir haben unsre
Pflicht erfllt. Mgen die Elenden, die sich getroffen fhlen, es auf sich
beziehen! Das ist das ewig alte Los des Genies in Deutschland. Erst wenn es im
Grabe ruht, erkennt man neidlos seine Gre. Was knnte dieser groe Mann unserm
Volke geworden sein, wenn man ihn an die richtige Stelle gesetzt htte! So -
mute er verkmmern, verbluten an tausend Nadelstichen. O wie ein edler Zorn uns
bei diesem Gedanken durchtobt! Wir werden demnchst Briefe des Verstorbenen
publiziren, dem wir einst nahe standen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist bse von Jugend auf.

                                      II.


Krastinik lag halb zurckgelehnt auf einer Bank im Regentspark. Ein traumhaftes
Erinnerungsweh bewltigte ihn. Vor wenigen Minuten fuhr eine offene Karosse an
ihm vorber, in welcher Alice Egremont, jetzt Lady Mowbray, in nachlssiger
Eleganz auf den Polstern sich wiegte. Unwillkrlich zuckte er empor. Ihr Auge
glitt ber ihn hin, sekundenlang blieb es hngen. Er grte, sie dankte
flchtig. Er bemerkte, da sie errthete. Aber wie bleich sie war! Sollte das
Gercht begrndet sein, da sie eine unglckliche Ehe fhre, da ihr Gatte, der
nur ihr Vermgen freite, sie roh behandele? - -
    Regungslos sa er noch immer wie angewurzelt. Wie lange er so gesessen, er
wute es nicht. Seine gestorbene Liebe, sein gestorbener Freund, seine
gestorbene Muse, die er weiter und weiter von sich entschwinden fhlte - alles
flo ihm in ein gespenstiges Bild zusammen.
    Wo flsterte hier nicht Erinnerung! Er hrte ihre Stimme berall, im
Zwitschern der Vgel, im Rauschen der Bume, im Klang der fernen Vesperglocken.
In jedem dieser Laubgnge wehten einstgeliebte Locken - wessen, er wute es
selber nicht. Bewahrte die Urne der Erinnerung noch ihren Nektar, dies London
noch eine Spur von dem, was sein Herz hier verlie? Hier werden einst Andre
wandeln, wo er mit Dorrington plaudernd sich erging. Sie kamen hierher, Andre
werden kommen. Den Traum frherer Menschenseelen werden sie fortsetzen und doch
nicht vollenden. Denn diesem Traum frommt kein Erwachen. Nichts vollendet sich
ja auf Erden, nichts. Alles beginnt, um nimmermehr zu enden. Wir alle erwachen,
die Schlechten wie die Guten, die Groen wie die Kleinen, aber dies Erwachen
heit der Tod. Ja, der Tod weckt uns, wie ein Morgengru. Und Leben heit sich
verschwenden an Schatten, an Schatten.
    Wie die alten Aegypter ihre Mumien, balsamirt die Erinnerung ihren Gram fr
ewig ein.
    Ob man den Spiegel in Scherben wirft, jede Scherbe spiegelt doch das alte
Bild. Spiegle Dich nur kokett in der schmeichelnden Fluth! Schritt fr Schritt
lockt es Dich tiefer, bis der Fu ausgleitet und die Woge ber Dich hingeht. So
ist die Erinnerung - man spiegelt sich darin und badet und ertrinkt.
    Und wenn dies alles nun wahr, wahr wie Leben und Tod, - da sollte man es der
Mhe werth erachten, die Befriedigung der Eitelkeit allen Geboten der Ehre
voranzusetzen? Nein, nimmermehr.
    - Krastinik fuhr zu Lady Dorrington und verabschiedete sich bei ihr. Zu
Hause schrieb er zwei Briefe. Einen nach Haus. Von Berlin her war ihm ein Brief
seines lteren Bruders nachgesandt. Die Brder correspondirten sonst wenig, da
ihre Lebensanschauungen zu verschieden. Diesmal aber erhielt er einen langen
Brief des Majoratsherrn. Er befinde sich momentan auf den Stammgtern in
Siebenbrgen und erwarte den Adel der Umgegend zu einer Brenjagd. Auch sein
Freund Graf A - y, der Fhrer der klerikalen Opposition, werde sich einfinden.
Da wrde man sich wohl mit Schmerz davon unterhalten mssen, auf welche traurige
Bahnen ein Krastinik gerathen sei. Erstlich solle Xaver ja in Berlin sich ganz
germanisirt haben und abscheuliche Preuomanie pflegen. Den Kreisen der
Oesterreichischen Botschaft halte er sich ganz fern, wie man hre. Unverzeihlich
von einem Krastinik. Aber noch schlimmer, man sehe, ihn stets in Gesellschaft
plebejischen Gesindels, herabgekommener Litteraten. Er scheine sich allen
Ernstes als Schriftsteller von Beruf zu fhlen. Jetzt nun gar, - mit
Indignation habe er als Haupt der Familie davon Kenntni genommen, da Xaver
Krastinik mit einem sogenannten Bhnenstck Furore mache. Vermuthlich sei er vom
Publikum auch herausgebrllt worden und, dem Hervorruf gehorsam, vor den Vorhang
getreten? Ob er denn nicht selber fhle, wie wenig das fr einen Krastinik
schicklich sei? In andern Lndern mge das ja angehn. Ein Graf Tolstoy und
verschiedene Frsten schrieben ja auch. Aber grade, in Deutschland, wo man mit
Recht die Schriftsteller als Menschen auffasse, die ihren Beruf verfehlten! Als
erhabener Dilettant Werke zu redigiren, wie Sr. k.k. Hoheit Kronprinz Rudolf,
sei ja gewi ein vornehmer Sport. Aber die Art und Weise, wie Xaver diesen Sport
treibe, sei skandals. Ganz als brgerliches Metier. Ob er vielleicht mit Cohn
und Itzig schon Brderschaft getrunken habe? Man behaupte sogar, er verkehre bei
Leuten, die wegen Prebeleidigung des Frsten Bismarck gesessen htten. Aber das
halte sein brderliches Herz wenigstens fr Verleumdung. - Kurz und gut, was
solle denn aus ihm werden? Seine militairische Carrire habe er aufgegeben, doch
hoffentlich sehe er ein, da er sie wieder ergreifen msse, um sich vor seinen
Standesgenossen zu rehabilitiren. Er bitte ihn flehentlich, seinen elenden
Papierruhm im Stiche zu lassen und heimzukehren.
    Am Schlu schimmerte noch durch, da der Majoratsherr die finanzielle Lage
eines jngeren Sohnes wohl bercksichtige und ihm daher, falls er sich wieder
anstndig benehme, gewisse Revennen in Aussicht stelle.
    Ein Almosen! knirschte Xaver. Jeder Lwe hat seine Laus! Zu Kreuze
kriechen - das fehlte noch!
    Er schrieb trocken zurck, da ihn etwaige Briefe in Scheveningen finden
wrden, da er morgen mit dem nchsten Dampfer via Amsterdam zum Continent
zurckreise. Im Uebrigen danke er fr die brderlichen Rathschlge. -
    Der andere Brief des Grafen ging nach Berlin, an die Redaction der Berliner
Tagesstimme. Es kostete ihn schwere Ueberwindung, die Feder anzusetzen. Dreimal
zerri er das Schriftstck. Schweitropfen perlten auf seiner breiten Stirn.
    Dann aber sprang er pltzlich auf. Sein Auge blitzte, seine Brust hob sich.
Ihm war, als stnde er auf einer Bresche, als wrfe er sich ritterlich einem
fallenden Feldherrn als Deckung vor, um statt seiner den Streich zu empfangen.
Der Geist all Derer von Krastinik erwachte in ihm. Seine Ahnen standen ihm
unsichtbar zur Seite. Sei ein Mann, sei ein Ritter, Noblesse oblige!
    Und er schrieb, ohne Besinnen und Absetzen in einem Zuge.

    Nein, der point d'honneur ist keine Falstaffiade und das Gewissen keine
Erfindung der Religion. Sobald es spricht, laut und vernehmlich, kann man nicht
widerstehen. Wer von ihm gerufen wird, mu der Mann seines Schicksals sein, wie
das Gewissen gebeut.
    Jeder hat seine Versuchungen des heiligen Antonius und knnte von seinem
Standpunkt aus Bekenntnisse des heiligen Augustin schreiben. Aber Auserwhlte
haben ihr Gethsemane, wo der Kelch der Bitterkeiten zum Ueberflieen voll an
ihren Lippen hngt. Sie mssen ihn leeren bis zur Hefe, ehe die Kraft der
Weltberwindung ihr neues Testament offenbaren kann. Erst in der Wste der
weltverlassenen Einsamkeit vernahm Johannes die Stimme der Wahrheit und erst auf
dem Patmos des Exils enthllte sich die Apokalypse des Weltgerichts. So scheint
denn das Martyrium auch die allererste Bedingung, die sich vergrert mit dem
Wachsthum des Geistes. Von dem kleinen Martyrium der unglcklichen Liebe, das
den jungen Geist lutert und vertieft, bis auf zu dem Martyrium des groen
Weltwehs, wie es allen Aposteln der Menschheit die Hllenpforte der Erkenntni
ffnet, ist das Leiden die Mutter jeder Gre.
    So lange das Gefhl der Welt- und Gottverlassenheit, die Empfindung des
Unglcks dem Menschen fremd bleibt, so lange ist er sich weder seiner
Seelenkraft noch Gottes bewut. Seinen Scheideweg des Herkules, wo der eine Pfad
zum Glck und der andere zur Tugend fhrt, findet Jeder. Aber nur bevorzugte
Naturen wissen alle Strudel der Vergangenheit zu gltten. Ein Shakespeare
verbirgt seinen Hamletschmerz unter dem Prosperomantel der Phantasie. Aber man
braucht diesen Mantel nicht zu besitzen, denn das Talent zur Einsamkeit ist
angeboren. Fittich, Stab und Skorpion - Giftkrte, die den Karfunkel der
Wahrheit im Haupte trgt - Einsamkeit! In deinen Scho bettet sich mde, wer
sich willenlos fortgerissen fhlt von den immer reienderen Stromschnellen, die
dem Niagara entgegenstrmen.

                                      III.


Die Geschichte Europas verrth einen innerlich bedingten Zug der Entwicklung von
Sden nach Norden, von Westen nach Osten. So hatte denn kaum das kleine
Kstenreich Portugal in Ostindien unter Almeida und Albuquerque ein gewaltiges
Colonialreich gegrndet, als auch schon das nordische Kstenland Holland im
Kampfe gegen die spanische Weltmacht deren coloniale Eroberungen an sich ri und
unter den Oraniern, Wilhelm dem Staatsmanne und Moritz dem Feldherrn, sowie
spter unter den groen Admiralen Tromp und Ruyter sich zur ersten See- und
Handelsmacht erhob. Und wie Portugal seinen einzigen Dichter jener kurzen
Glanzperiode verdankt, so erstand in Holland ja auch der bedeutendste Snger
batavischer Mundart, Vondel, whrend der siegreichen Befreiung der Niederlande
von fremdlndischem Joch.
    Die feuchte neblige Frische, das gleichsam wasserdurchquollene tiefsatte
Grn einer Ruysdael'schen Landschaft wirkte beruhigend auf Krastiniks Nerven. In
den Cafs bewunderte er die eigenartige Vornehmheit malerischer Ausstattung, die
Bambussthle und kostbaren Porzelan-Gemlde, die ins Wandgetfel eingefgt. Und
die Austern Van Laar's labten ihn wie culinarische Zeugen dieser allgemeinen
reinlichen Meeresfrische.
    Amsterdam erklrt alle Stimmungseffekte Rembrandts durch seine ppige Flle
coloristischer Motive. Die schmalen Huschen mit den seltsam gezackten
Schornsteinen tragen eine kaffeebraune Farben-Lasur, deren feiner Reiz durch
zahlreiche Architekturen aus rothem Ziegelstein von barock verschnrkeltem Style
noch mehr hervorgehoben wird. Die Docks, die Canalbecken, ber welche sich
bogige Brcken spannen, das Netzgewirr der kleinen Gassen, an Venedig erinnernd
- alles das wird von einem nebligen Halblichte abgetnt. Unter ihm setzt das
natrliche Grn der Baum-Alleen zu beiden Seiten der Canle einen Flimmer an wie
von rostigem Metall.
    Doch der pbelhafte Lrm roher Unsittlichkeit, welcher die Nachtruhe selbst
im vornehmsten Stadttheil dieser Hafenstadt strt, trieben ihn schon am nchsten
Tage seinem neuen Ziel entgegen. Thalatta, Thalatta!

    Kaum in Scheveningen angelangt, warf sich Graf Krastinik auf die deutschen
Zeitungen, die er hier zufllig in ausreichender Flle vorfand. Da fesselte ihn
sofort wieder der Name Leonhart. Was war dies schon wieder? Der Verleger
desselben hatte unter den hinterlassenen Papieren ein, frmliches Tagebuch
vorgefunden und kndigte die unverzgliche Publizirung dieses groartigen
Erzeugnisses an. Natrlich bestellte der Erstaunte das Buch sofort
telegraphisch zu umgehender Sendung mit Nachnahme.
    Am andern Morgen aber fand er richtig in der Berliner Tagesstimme seinen
offenen Brief abgedruckt. Wie folgt.

    Eine hchst befremdliche Nachricht dringt zu uns, welche wir nur unter
Reserve wiedergeben wrden, falls nicht der Name des Betreffenden selbst dafr
brgte, da hier keinerlei Mystifikation vorliegt. Die Leonhart-Affaire, welche
jetzt schon wochenlang die Gemther der nherstehenden Kreise aufregt, wobei
durch Verffentlichung des angekndigten Tagebuchs wohl kaum eine Snftigung
erhofft werden darf, findet hiermit eine ganz neue hchst berraschende
Ergnzung.
    In einem hflichen Geleitschreiben hat der vornehme Verfasser des
nachfolgend abgedruckten Briefes ausdrcklich ersucht, denselben ohne jede
Milderung und Streichung zu publiziren. Er bestehe darauf, widrigenfalls er den
Brief einem andern Blatte berreichen werde.

    Krastinik lchelte flchtig ber diesen schlauen Coup. Er kannte seine
Pappenheimer: Ehe die Tagesstimme einem andern Blatte eine sensationelle Notiz
berlie, sei es auch nur eine Brillant-Ente, eher wrde sie wahrhaftig den
Inseratentheil des Botschafter pachten!

    Graf Xaver Krastinik hat sich bemigt gefunden, erst jetzt mit einer
Erklrung hervorzutreten, welche das grte Aufsehen erregen wird. Wir bringen
sie unverkrzt, seinem Wunsche gem.
    Lbliche Redaction! Nach  11 des Pregesetzes steht mir eine thatschliche
Berichtigung frei, welche ich hiermit erlasse. In der Kreuz- und- Schwertzeitung
fand ich krzlich einen Artikel, dieses christlichhumanen Blattes vollkommen
wrdig, aus der Feder eines p.p. von Schnapphahnitzkoy. Dieser Herr, von dessen
Existenz ich nur mal von meinem verstorbenen Freunde Leonhart gehrt zu haben
glaube, ist so freundlich, meine Wenigkeit gegen das ungebhrlich
herausgepriesene Verdienst meines seligen Freundes auszuspielen und zwar
speziell das venetianische Drama Die Meeresbraut. Ich erklre nunmehr hiermit
laut und feierlich: Dieses Stck, mit Ausnahme einiger scenischer Einflle,
gehrt mit Stumpf und Stiel, mit Haut und Haar, in Idee und Ausfhrung,
ausschlielich; meinem todten Freunde Friedrich Leonhart. Sind die Herrn Neider
und Nrgeler, diese Schurken, die den groen Dichter in jenen Anfall von
Geistesstrung des Verfolgungswahns hineintrieben, - ist die Verschwrung von
Schurken und Dummkpfen nun vielleicht endlich zufrieden?! Ich wei recht wohl,
da in ihrer Wuth, sich so getuscht zu sehn, die verbndeten, aber nicht
vereidigten Makler nun ber mich herfallen werden. Der Verstorbene hatte mein
Wort, bis zu einer gewissen Frist den wahren Namen des Dichters zu verschweigen
und den unverdienten Ruhm auf meine Achsel zu nehmen. Diese Frist ist jetzt
erloschen. Auch htte ich meines Wortes mich entbunden erachten knnen, nach
jenem traurigen Ereigni. Ich gestehe daher mit einem demthigenden Gefhl der
Scham, da ich vor diesem notwendigen Schritt mich ngstete. So sehr hat auch
das Beisammenleben mit den grenwahnsinnigen Erfolgjgern Berlins mein Gefhl
fr Pflicht und Ehre abgestumpft, da es mir schwer ankam, auf solche unsauber
erworbene Eitelkeitsmedaille zu verzichten.
    Warum berhaupt diese Tuschung der Welt von mir und dem Verstorbenen
versucht wurde, fragt wohl nur ein ganz naiver Bruchtheil des Publikums. Damit
man es aber einmal Schwarz auf Wei lese, so will ich es mit drren Worten
aussprechen. Nie wre ein Drama meines verstorbenen Freundes, und wre es noch
zehnmal besser, je auf einer deutschen Streberbhne zur Auffhrung gelangt, nie!
Er konnte nicht dem Direktor ein Ordensbndchen verschaffen, der Frau des
Regisseurs die Cour schneiden, mit dem Schauspielerpack Brderschaft trinken.
Ich aber, lbliche Redaction, heie Graf Xaver Krastinik und bin daher befugt,
selbst meinen greulichsten Schund an smmtlichen Hofbhnen anzubringen. Da
Leonhart tausend Feinde und keinen einflureichen Freund (nicht mal dem
Theater-Portier konnte er ein erhebliches Trinkgeld zu Fen legen) besa, so
war ich also der unmageblichen Meinung, da er nur durch diese geschickte
Vermummung zum Ziel gelangen knne. Im Einverstndni mit dem groen Dichter
fhrte ich die Sache denn durch und der Erfolg besttigte, wie grndlich wir
Beide die Verlegenheit der Welt durchschaut hatten.
    Ein Herr Nordau hat gegen Conventionelle Lgen der Culturmenschheit
gedonnert. Auch das ist aber nur eine Lge. Culturmenschheit, eine Humbugphrase
wie so viele. Die ganze Welt ist nur eine einzige Lge und bei dem Worte
Idealismus lachen die Auguren. Ein schner Kellner hat mehr Aussicht auf Erfolg
in der Welt als ein linkisches Genie, und nicht wer am besten dichtet, sondern
wer am besten strebert oder dem Tagesbedrfni schmeichelt, gilt heut als
grauer Mann. Ein solcher Gewaltiger vor dem Herrn konnte Leonhart nimmer werden
und so hatte er denn Recht, eine Welt zu verlassen, fr die er allen Ernstes zu
gut war.
    Ich fr mein Theil, nachdem ich diese letzte Pflicht erfllt, nehme mit
wehmthigem Lcheln Abschied von der Poesie. Ich entsage fr alle Zeiten der
dichterischen Produktion. Meine litterarische Carrire war kurz genug, aber
gengte mir, einen unauslschlichen Ekel gegen dies Geschmei elender
Federfuchser einzuflen, das ber seine verhungernden Kinder oder seine
unbefriedigte Eitelkeit jammert, statt anstndig zu Pflug und Spaten zu greifen,
- das als litterarische Pennbrder den Parna bebummelt, aber wie ein
nichtsnutziges Knieholzgestrpp dem aufwrtsschreitenden Bergsteiger die Fe
umwickelt, so da er strauchelnd zu Boden strzt. Von ihren idealen Zwecken
machen sie ein ebenso groes Geschrei wie von ihren materiellen Rechten. Wozu
dient diese Kanaille, als den gesunden Sinn der Unbefangenen zu verwiren? Ihre
ganze Existenzberechtigung ist ihre Eitelkeit, mit ihren idealen Zwecken finden
ihr schnstes Recht in Niederduckung Sie des wahrhaft Groen. Und ihre
materiellen Frderungen der Standesinteressen bestehen hchstens darin, da sie
dem Lebenswerthen mglichst den Weg zum allgemeinen Futtertrog versperren, um
ihren werthlosen Windbauch vollzustopfen. - Kurz, wo immer eine geniale Natur
sich erhebt, da folgt ihr instinktiv der Ha aller Feigen und Schlechten. Das
ist der Schatten, den das Genie wirft, und gleichsam seine natrliche
Beglaubigung.
    Nach Erledigung dieser Erklrung, empfehle ich mich hiermit statt jeder
besonderen Meldung meinen Berliner Freunden vom Geschft, besonders den
liebenswrdigen Schauspielern, die dem Drama Leonharts - pardon, Graf Krastiniks
- eine so begeisterte Theilnahme entgegenbrachten, vor allem Herrn Direktor
L'Arronge. Die Tantimen der Meeresbraut, welche in Berlin nach Verabredung
deponirt wurden, bestimme ich hiermit zu einem Grabdenkmal fr meinen groen
unglcklichen Freund. Einer lbl. Redaction ergebener
                                                          Graf Xaver Krastinik.

    Schon am andern Tage fielen die Berliner Zeitungen ber ihn her. Krastinik
las sie ruhig durch und trank als Magenstrkung einen Oranje-Bitter.
    Den Menschen kann man nicht die Muler verbieten. So tadele denn Jeder nur
getrost am Anderen, was er im eignen Busen wiederfindet! Die Frechheit, womit
dies Volk ber Ungewhnliches urtheilt, entspricht nur der allgemeinen Ichsucht,
deren krankhafte Kleinlichkeit sich berechtigt glaubt, alles zu kennen und zu
beurtheilen, was grade in dem Bannkreis ihres eigenen winzigen Lebenskreises
durch flchtigen Zufall an ihnen vorberhuschte. Und wre es das Grte, sie
ziehen es zu dem alltglichen Nichts ihrer gleichgltigen Existenzen herab und
beschimpfen keck, was zu hoch ber ihnen steht, um sich vertheidigen zu drfen.
Souveraine duelliren sich nicht. Eins aber schien jetzt unbedingt nthig: Da er
Ernst machte mit seiner Absage an das litterarische Geschwtz. Ja, gewi war er
ein echter Dichter, aber er mute sich tdten, wie der Manne auf des
Germanenherzogs Grab, auf der Leiche eines so unendlich greren Dichters, von
dessen Ruhm er unfreiwillig gezehrt.
    Wie sonnenhell lag im Anfang seine neue Laufbahn vor ihm da!
    Welch glckliche Zeit, wo er keine andere nagende Furcht kannte, als die,
nicht frh und voll genug fertig zu werden, wo vor seinem Geiste endlose Bilder
sich drngten, die er vergeblich alle zugleich zu beschwren hoffte und die sich
in seinem schaffenden Gehirne stieen! Aber ach, die ganze Poesie, welche vor
seinen trunkenen Blicken schwankte, lste sich auf und zersplitterte sich in
endlose Fragmente, von denen Keines vollendet ward. Durfte er glauben, da in
jenen Kindheitstagen seiner litterarischen Anfngerschaft die echte Poesie, der
echte Schpferdrang in ihm thtig gewesen? Nein. Seine Jambentragdien waren
historische Schulbungen, deren letzten Refrain doch immer das gegenseitige
Schwertergeklirr abgab.
    Und so ging er denn aus Heldenstck der Selbstberwindung. Bei der Abreise
von Berlin hatte er natrlich sein Theuerstes, seine Manuscripte, mit sich
gefhrt. Nun ffnete er das bisher unberhrte Fach seines Koffers und hufte
seine Schtze vor sich auf.
    Lange durchwhlte er diese Fragmente historischer Dramen, die er mit
Leonhart einst durchgesprochen. Er wischte mit dem Finger ber die Wimper, als
msse er dort eine Thrne zerdrcken. Doch sein Auge blickte kalt und starr.
    Mit einem krftigen Ruck raffte, er sich zusammen und packte die Manuscripte
und warf sie in die helllodernden Flammen des Kamins. Rasch wandte er sich dann
ab, wie um das Unheil nicht zu sehen. Erst als die Papiere schon halb verkohlt
und zu Asche verbrannt, richtete er seinen Blick darauf. Und mit bebendem Herzen
zwang sich ihm auf die Lippen das Lied:

Lebt wohl ihr Alle, die einst gelebt
In meiner Seele, die euch belauscht!
Ihr Heldenschmerzen, die mich durchbebt,
Ihr Vlkerkunden, die mich berauscht!

Hinab hinab, versunkener Hort!
Die Welt soll nimmer Dich wiedersehn.
So mag das ewige Dichterwort
Mit all der anderen Spreu verwehn!

    Aber kaum hatte er so in Erhabenheit geschwelgt, als eine innere Stimme ihm
mahnend ans Ohr schlug: Hte Dich, hte Dich vor neuem Rckfall in das Laster
der Andern, vor kindisch selbsttuschendem Grenwahn! Das ewige Dichterwort?
Meinst Du wirklich Dich selber? Wer gab Dir das Recht dazu, Deine hbschen
Theatralika  la Heinrich v. Kleist gleich fr etwas Besonderes zu halten, in
einer Zeit, wo ein groer Dichter an Deiner Seite schritt?
    Krastinik versank in tiefes Nachdenken ber sich selbst und das allgemeine
Problem einer geistigen Thtigkeit, die doch eigentlich direkt der rohen
Realitt zuwiderluft.
    Es ist unwahr, da Physisches und Psychisches sich ergnzt. Der Eine wird
mit berwiegend physischer Kraft geboren, welche sich als sogenannte
Lebensfrische offenbart, - weswegen die realistische englische Sprache auch
krftige Lebhaftigkeit kaltbltig animal spirits (thierische Lebensgeister)
nennt. Diese Anlage berwiegt vor allem bei den Frauen. Da aber das psychische
Element in Jeder menschlichen Natur liegt, so hindert es fortwhrend die freie
Entfaltung des Physischen. Denn ist die geistige Fhigkeit eines solchen
Individuums eine geringe, so sucht es durch Flei und Studium sich zu Hherem
aufzuschwingen, verkmmert sich aber nur den physischen Genu, ohne geistlge
Resultate zu erreichen. Und sind die geistigen Fhigkeiten nicht unbetrchtlich,
so erkennt ein solches Wesen bald die Nichtigkeit, des Thierischen, kritisirt an
sich herum, fhlt die ghnende Lcke seines Innern, bewundert das Hhere, ohne
sich zur geistigen Arbeit aufraffen zu knnen, weil eben das physische Element
von Natur aus zu mchtig in ihm. Dies sind all die zerrissenen, zerfahrenen und
in falschem Sinne romantischen Naturen. - Der Andre wird mit berwiegend
psychischem Element geboren. Ihn hindert nun das schwache physische Element
entweder durch Krnklichkeit im geistigen Schaffen, oder die sich strkende
physische Natur rebellirt gegen die bermige Psyche, indem sie auf dem Wege
der Phantasie zu Ruhmsucht, Eitelkeit, Herrschsucht und Sinnlichkeit verfhrt.
    Der Graf schauderte vor des Leere seines einsamen Innern.
    Wer Gram und Zorn und Ha im Herzen hat, etwas hat er dann doch
hinabzusplen. Er taucht in Lethes Fluth ein volles Blatt, ein vollgeschriebenes
Blatt - o er ist zu beneiden. Doch dies Gefhl des Erfrorenseins, des
Abgestorbenseins, erfllt das ganze Herz mit Nacht und Schatten.
    Und als msse er von der Muse einen ihrer wrdigen Abschied in Versen
nehmen, qulte er seine ganze Lebenserkenntni in folgende Reim-Prosa hinein:

Glck, das ist Frieden, Frieden ist Ruhe,
Ruhe ist Gre und Freiheit nur gro.
Denke und fhle, schaffe und thue
Friedlos und rastlos, im Sturmesgetos.

Ruhe sinkt willig in unruhvolle Seele.
Wer Ruhe aber suchet, den qult ein innrer Dorn.
Bewegung lenkt das All, der Einzle auch sie whle.
In Widerspruch und Wechsel nur quillt der Wahrheit Born.

Wenn fr die Gegenwart Du nicht denkst und nicht handelst,
Dann naht der Vergangenheit drres Gespenst.
Oder mgliche Zukunft ins Jetzt Du schon verwandelst,
Deren Leiden Dir sicher, deren Freuden Du nicht kennst.

Du rechnest, ob nicht etwa der Wechsel oder jener
Zu Deinen Gunsten nahn wird, doch nur das Unheil naht.
Wer frhres Glck betrachtet, zu bersehn nicht whn' er
Manch unfruchtbaren Samen, manch Unkraut in der Saat.

Wenn eine von der andern auch verschlungen werde,
Doch nennen wir uns Wogen in der Brandung der Zeit.
Statt dessen sind wir Blasen und Schaum diese Erde
Und drunter rollt unheimlich das Meer der Ewigkeit.

    Er berlas das Geschriebene. Dann lchelte er verchtlich und zerri das
Papier. Er ein Dichter? Ein tieffhlender und tiefdenkender Mensch war er, aber
blieb ewig Didaktiker oder Theatraliker. Was verlor die Welt an seinem
Dichterthum? Das konnte hchstens dazu dienen, grere Talente in bedrckten
brgerlichen Verhltnissen durch seine grfliche Concurrenz zu schdigen.
    Und htte er noch geschwankt, ob er definitiv abdanken solle, dann htte die
Lectre des Leonhartschen Tagebuchs ihn endgltig bestimmt, das jetzt auf
seine telegraphische Bestellung umgehend eintraf, soeben erschienen.

                                      IV.


Als Motto standen auf der Titelseite aus Hndel-Miltons Oratorium Samson
Agonistes die Verse: La mich mit Thrnen mein Loos beklagen, Ketten zu tragen
das ist mein Geschick. Ja, wahrlich, hier tobte ein geschorener geblendeter
Simson in seinen Ketten - er, der so oft mit einem Eselskinnbacken die Philister
erschlug.
    Bei Lebzeiten des Dichters wre eine Verffentlichung dieses Tagebuchs ein
unmgliches Vabanque-Spiel gewesen oder zum Staatsstreich geworden. Die
unheimliche Menschenkenntni, die hier intuitiv in allen Seelen las, ihr
Schicksal mit einem Blick vor-und rckwrts erkundend, paarte sich einem
unerbittlichen Zuhausesein im eignen zerwhlten Herzen. Dies schien ihm der
Spiegel geworden, durch den er die Herzen der Andern sah.
    Man blickte gleichsam ber den Schreibtisch des Dichters, wie er verzweifelt
nach Vollendung rang. Man sah ihn als halbflggen Jngling seinen unreifen
Weltschmerz und seine unglckliche Liebe in wilden Liedern ausgrollen, aber
nicht in rethorischer Formvirtuositt, nichtselnd, sondern an groen Stoffen
sich die Zhne ausbeiend. Langsam und stetig gewann er Herrschaft ber die
Form, allerdings eine neue Form, von welcher der akademische Jargon der
Poesie-Eunuchen und Hermaphroditen noch nichts ahnte. Mit durstigen Sinnen
schaute er sein handlungbewegtes Leben an und angeschautes Leben trat in all
seinen Schriften hervor. Ja, er eroberte sogar neue Stoffgebiete, welche der
Poesie noch nie erschlossen waren. Unaufhaltsam rollte der Wagen dieses
geistigen Imperators die Via Triumphalis hinan.
    Dabei blieb er kameradschaftlich jovial, trotzdem das volle Bewutsein
seines Werthes ihn aufrecht erhielt im Sumpf der litterarischen Bohme. Aber
grade in Folge seiner Bonhomie kam eine Vertraulichkeit seiner Schtzlinge zum
Vorschein, die dem verwhnten und stolzen Manne nicht behagen konnte.
Wunderknaben, die er gegen alle Welt geschirmt, vermaen sich ihn zu fragen, wie
einst der Dichterling Polidori seinen Gnner Byron: was er denn eigentlich mehr
leiste als sie. Wer in seinem Schatten vegetirte, nahm spter einen lehrhaften
Ton gegen den allzu Gutmthigen an. Wenn dann dem Ewigkeitsmenschen endlich die
Geduld ri, rannten sie wie toll umher und klatschten Schauderdinge von seinem
Hochmuth, whrend es gerade als sein Fehler erschien, da er sich wrdelos
wegwarf. Im tiefsten Innern bescheiden allem Groen gegenber, hingebend und
bertrieben wohlwollend gegen alles leidlich Bedeutende, zweifelte er stets an
seiner Unfehlbarkeit, unbeirrt durch das Hosianna seiner Bewunderer wie das
Geklff seiner Neider. War er nur der Christoph Marlowe eines neuen Shakespeare?
War er der Riese Christoph, der das Jesuskind ber die wilden Wasser trgt? Oder
war er selbst dieser Messias der Poesie? Er wute es nicht. Auch grbelte er nie
darber und fhlte sich stets bereit, das Knie zu beugen vor dem Dichter der
Zeit, der da kommen sollte, wie die Zeichen knden. Fern dem neidischen
Grenwahn wie der falschen Demuth, wie es der wahren Gre geziemt, brandmarkte
er nur den Wahn der Windmacher. Denn in diesen prahlenden neidgrnen
Schwchlingen erkannte er grade die echten Kinder unsrer reklameschtigen Aera,
ob sie auch selbst ber ihr Jahrhundert errtheten, wie ihr Jahrhundert ber
sie. All diesen Statisten, die statt die Pferde sind gesattelt sich selbst als
Heldenspieler meldeten frs erste Rollenfach, ertheilte er oft den
wohlverdienten Futritt seines vernichtenden Sarkasmus.
    Selten war die Lcherlichkeit, welche unbewut aller Lge und Gemeinheit
anhaftet, mit so sicherer khner Hand in derben Strichen conterfeit. Wie der
Ritter mit der eisernen Hand, knackte dieser ins Moralische bersetzte Pietro
Aretino abschreckende Kopfnsse hinter den feuchten Ohren seiner Verfolger und
verpuffte sterbend all seinen Grimm, wie Gtz in beherztem Aufatmen aus voller
Brust: Freiheit, Freiheit, himmlische Luft!

    Man sah Schritt fr Schritt den Morast der litterarischen Misre ber dem
Haupt des Unglcklichen zusammenbrechen. Man sah seine Dramen vergeblich an die
Pforte aller Theater klopfen, wie seinerzeit die Opern Wagners. Infamie und kein
Ende. Da schimpfte die vornehme Kritik ber Theaterleiter und Publikum, welche
allein der Fluch Apolls ob dem Untergang des Dramas treffe. Und die Presse etwa
nicht? Man forscht umsonst begierig, was denn sie beitrage zur Frderung
verkannter Dichter. Wer zu stolz ist und zu hoch steht, um jenen vornehmen
Geistern schmeichelnd um den Bart zu gehn, wird von ihnen nach wie vor
todtgeschwiegen. Man sah, wie der edle Dichter umsonst nach Jemandem suchte, der
selbstlos fr Andere eintrat. Nur Einer schien davon ausgenommen, der aber
durfte mit Heine singen: Schade, da ich ihn nicht kssen kann, denn ich selbst
bin dieser brave Mann.
    Jenes Gewirr von platter Bosheit, bbischer Dummheit und neidzerfressenem
Grenwahn, das sich litterarisches Leben nennt, wurde hier einmal erschpfend
blosgelegt. Jeden Augenblick hrte man den Dichter heimlich die ironische
Liebesbotschaft nach allen Richtungen der Windrose versenden: Ich wei alles.
Das gengt. - Da schwatzte dies Vlkchen von Grenwahn, wenn tiefbeleidigtes
Gerechtigkeitsgefhl sich gegen schnde Verkennung und den eiteln Wahn der
Modefexen emprte. Hier mochten die Worte der Schrift gelten: Sie haben Ohren,
um zu hren, und hren nicht; sie haben Augen, um zu sehen, und sehen nicht.
    Wer als Einer unter Myriaden stets die Sache und nie die Person im Auge
behlt, mu der Selbstbervortheilte bleiben, auf dessen Kosten sich alle
Ohrwrmer msten. Darum bildet den rechten Grundstein einer geregelten
litterarischen Carrire die einfache Ntzlichkeitslehre der Bismarckschen
Diplomatie: Do ut des. Um die wahre Bedeutung und derlei Allotria mag sich die
Nachwelt kmmern. Nachruhm! Leichen kann man nicht mehr fttern.
    Die gefhrlichste und verletzbarste Eitelkeit stellt nicht das eigene
Selbstgefhl dar, sondern die Eitelkeit fr einen Anderen z.B. der Mutter fr
ihren Sohn. Der wahre Dichter aber fhlt fr seine Dichtung wie fr ein Kind,
das er gebar. Whrend der Dichterling immer nur sich selbst persnlich getroffen
fhlt, wenn man seine Dichterei heruntersetzt, krnkt den Dichter ein ganz
unpersnlicher unselbstischer Schmerz, wenn er sein Dichtungskind, dies von ihm
losgelste selbstndige Wesen, von der kalten bswilligen Welt verstoen und
besudelt sieht.
    An diesem Schmerz, der insofern komisch wirkt, als er sich Niemandem als
unselbstisch begreiflich machen kann, ging der unglckliche Dichter langsam zu
Grunde. Er fate sich fortwhrend gleichsam literarhistorisch auf und grbelte
ber seine Eigenart nach, als gelte es einen posthumen Essai fr die Nachwelt zu
schreiben. Andrerseits steigerte sich bei ihm die Unmglichkeit, die tausend
Theilschelchen des Lebens zu bercksichtigen.
    Wie oft werfen nicht beschrnkte mittelmige Kpfe einem Kraftgeiste, der,
von rastlosem Thatendrang dmonisch fortgerissen, immer nur das Ganze, nie die
Theile bedenkt, haltlose Unruhe, unzeitigen Starrsinn, Widersprche vor, whrend
nur ihre eigene Mittelmigkeit sie auf der gewohnten Bahn des ebenmigen
Vorwrtstappens erhlt!
    Schritt fr Schritt sah man die tckische Nervenkrankheit hier vorrcken,
welche den Unglcklichen in seiner Verbitterungs-Manie dem Wahnsinn und dem
Selbstmord entgegentrieb. Er suchte gleichsam alle Abgrnde auf und secirte sich
und seine Nebenmenschen bei lebendigem Leibe. Der letzte Theil des Tagebuchs, in
dem Monat vor seinem Tode geschrieben, enthllte dies so recht.

    Welch ein kstlicher Kerl ist doch College X.! Der sagt von Jedem, sei er
auch der erwiesenste Schuft: Alles was recht ist! Ein anstndiger Mensch! Nur
nie Farbe bekennen, nur leise treten, nur ja mit Jedem sich gut halten!
    Alle sind sie Macher, alle. Sie theilen sich nur in geschickte Mach er und
in ungeschickte. Da liegt der ganze Unterschied. Mit ironischem Lcheln gehe ich
stets auf ihre eigene Weltanschauung ein und hebe meine Sprche an: Wir sind ja
unter uns, mit Wasser kochen wir ja alle. Und die Kerls merken nicht einmal,
da ich mich ber sie lustig mache.
    Das sind noch die Ehrlichen. Nur wenn Einer von seinen idealen Zielen zu
schwindeln anfngt, dann mache ich mich schleunig aus dem Staube oder halte
meine Taschen zu. Gott, wie sie doch alle das Selbstbelgen verstehn! Und ich
armer Hlfloser, der ich nie meine Gesinnung verstecken kann, nicht mal vor mir
selber!
    Ich freue mich immer, wenn ich mit Offizieren zusammentreffen. Hier herrscht
wenigstens Disciplin, Unterordnung unter den hheren Rang, Aufgehen in das
Ganze. Hier steckt eine greifbare Realitt. Diese Kunst-Proletarier und
Geist-Handwerker sind hohle Schemen, Blaseblge, Etiketten von leeren Flaschen.
Diese Kerle wrden ihren Vater todtschlagen und ihre Mutter verkaufen, wenn sie
ihren nimmersatten Ehrgeiz damit stopfen knnten. Sie leiden an einer Art
Auszehrung selbstverzehrenden Grenwahns. Sie zehren gleichsam von ihrem lieben
Ich und nagen sich selbst das geistige Fleisch von den Knochen. Redet man von
Dingen, die grade nicht ihr persnliches Interesse tangiren, so gerathen sie in
Geistesabwesenheit und pfeifen Ach du lieber Augustin, alles ist weg. Ein
ewiges Fieber wahnsinniger Vordrngungs-Gier jagt sie hin und her. Diese
Umwechsler geistiger Mnzen spekuliren andauernd nach dem Courszettel der
Erfolgbrse auf Hausse und Baisse. Viele dieser literarischen oder
knstlerischen Brsianer mten lebenslnglich Zuchthaus erhalten wegen
geistiger Urkundenflschung und wegen falschem Zeugni, als besoldete
Denuncianten und Meineidbeschwrer des kritischen Areopags, sei es nun als
Alexandrinische Kunstgelehrte und Kultusministerialrthe oder als
Knngel-Verschwrer der akademischen Strebercliquen untereinander oder als
vornehme Prebanditen und Flscher der ffentlichen Meinung oder als
Hoftheaterintendanten-Excellenzen und Nicht-Excellenzen, und was des Gesindels
mehr ist.
    Aus ihrem Munde geht nichts als Lge, wie jedes Wort aus des persischen
Satans Eblis Rachen sich zu Pesthauch verwandelte. Phrasen, nichts als Phrasen.
Humbug und kein Ende. Und ich selber? Bin ich denn besser? Ich Memme, der ich
mich mit ihnen an einen Tisch setze, weil sie dann wenigstens nicht klatschen
und schimpfen knnen, und mich dann regelmig rgere ber den vergeudeten
Abend? Ja, ich selber tauge den Teufel nichts.
    O drft' ich rufen mit Coriolan, ein Selbstverbannter:

Ihr Hundeseelen, deren Hauch ich hasse
Wie unbegrabener Mnner todtes Aas,
Das mir die Luft verseucht - ich banne euch.

    O drft' ich fliehen von den Ufern dieser Pauke, welche ein ewiger Regen in
zahllose schmutzige Wasserringe zerschneidet, aus Gestade der Brenta! O drfte,
Tauben von San Marko, sich aufschwingen in eure Reihen meiner Seele fromme Taube
und mit euch kosen in heiterm Spiele auf der Vorzeit Grabdenkmal, ihr Tauben von
San Marko! - O Vorzeit, o vielverkanntes Mittelalter, das der jdische
Aufklricht uns wegsudeln mchte! Ihr hattet kleine Mittel und groe Ziele, wir
haben groe Mittel und kleine Ziele, Mittel schaffen noch keinen Zweck, aber der
Zweck schafft sich selber Mittel.
    Denkt man nur an die Kreuzzge, wie rmlich erscheinen alle heutigen
Unternehmungen!
    O Nibelungendichter, groer Unbekannter, der im Mysterium weltentuernden
Schweigens vornehm dem Erdkreis entschwand! Oft trumte ich Dich als Genossen
Walters von der Vogelweide, in Palstina dem Hohenstanfischen Kaiserzuge
folgend.
    Rosen und Trauben wogen im Libanonthal wie ein Meer rothen Weines
ineinander, verschwimmend in Farbenwellen. Doch die Wolke Sodoms durchfliet
noch immer unheimlich die Luft, wo das Todte Meer faul wie ein Alligator seine
bleiernen Fluthen sonnt mit glasig stierem Auge, das in sich selber
zurckschreckt. Und des Himmels brennendes Auge lst nie in Thrnen sein starres
Lid. Wie ein bleicher Symar, ein Leichenhemd von gramverwesten Vlkerleichen,
dehnt sich die Wstenei, am Morgem vom Blutregen bethaut, der nchtlich
herniedertrieft. Und wie die rothen Kreuze, die der Aberglaube in den Infusorien
dieses Blutregens sah, bedecken in Morgendmmerung Rothkreuze das Blachfeld, wo
die rothbekreuzten Templer auf dem Kriegspfad vorberschleichen.

Und der wilde Schwan, de wir inne geworden,
In Lften sich wiegend, vom Heiligen Orden
Ist es das stolze Banner Beausant.
Laissez aller! Vorbei! En avant!
Wie Wstenmirage ist alles zerronnen.
Wir aber reiten ruhig besonnen,
Anstimmend einen ernsten Leich
Von Gottesminne und Himmelreich.
Unsrer gelassenen Hiebe Schnitt
Keinen Seldschucken im Sattel litt.
Doch neben mir schwebt wie Kranichflug
Ein Geisterkarawanen-Zug.
Im Wstenqualme, im Dach der Palme,
Wie einst im Goldmeer heimischer Halme,
Immer sehe ich noch die blonden
Enaksshne, die reisigen Burgonden.
Und wo Herr Walter Vogelweid
Ein vaterlndisch Lied voll Schneid
An der Nachhut Spitze sang nunmehr,
Da sah ich Volker in herrlichem Stat,
Am Schaft ein Banner von Goldbrokat.
Nie sah man khneren Fiedelr.
Da klangen die Saiten, die Wildni erscholl,
Ser und ser das Lied entquoll,
Wie einst das Horn von Roncevall
Anrief mit lautem Wiederhall
Den Kaiser Karl, den greisen Herrn -
O Barbarossa, Du bist fern!
Da, jh gepackt von Heimwehgraus,
Wir wider den Feind uns wandten,
Und klopften derb die Heiden aus,
Da sie nach Hause raunten.
Dann seufzten wir alle bitterlich,
Uebern Kinn zum Bart die Thrne schlich.

    - - Wohin hab ich mich verirrt! Mir war, als wr' ich selber der
Nibelungendichter, als wre sein Geist in mir und ich sein Enkel durch lange
Seelenwanderung. Wer wei! Es giebt mehr Ding im Himmel und auf Erden - leite
bis zur Quelle Dein Ichbewutsein zurck, so wird ein Gefhl Dir sagen, das
keine Worte zu knden vermgen: Du bist nur eine neue Form von alten, ewig
wiederkehrenden Gestalten.
    Magisch zieht's mich zum Orient, wo Afrits und Gouls die verbotenen Schtze
Istakars bewachen, wo Schtze verbotenen Wissens und verborgener Schnheit auf
den Finder harren; wo die verzauberten Ruinen Tschilminars den Wanderer fragen:
Werden wir jemals neu erstehn? Dstere Sykomoren rauschen, gleich den schwarzen
Reichsstandarten des Kalifen. Grne Triften dehnen sich, wie die grne
Glaubensfahne des Propheten, entlang der blauen Stromkrmmung, welche vergoldete
Barken durchgleiten, wie auf Damascenerklingen goldne Koran-Devisen sich
kreuzen. Dort mcht' ich schlrfen Kischmi's goldigen Wein und Sorbet aus dem
Saft des Tamarindenmarkes. Und wie an Arabiens Vorgebirg Babelmandeb die
Schiffer Kokusnsse und Negacesara-Blthen in die Brandung schleudern, um sie zu
vershnen, so sollten sanfte Lieder mein strmisches Herz besnftigen. Wie die
Morgenlnderin auf die Fluthen des Ganges ihre Lampe setzt, nur zu erforschen ob
ihr Liebster lebe, - so wrde auf wirbelnder Lebensflut meine Hoffnung leuchten,
da ich lebe im Leben meines Gesanges.
    Ja, so wrde - - und wie ist es! O groer Ahnherr, durch dessen Seele die
Riesenleiden des Nibelungenlieds geschritten, tausendfach glcklicher warest
doch Du, denn ich.
    Nicht in der Wste des gelobten Landes, in der Wste dieser erbrmlichen
Zeit, eingepfercht mit den Litteratenplebejern dieser ffentlichen Meinung,
verschmachte ich hier ohne Oase und Quelle. Ich, jeder Zoll ein Snger - ein
geistiger Kosmos, eingeschnrt in schwachen Leib und kleinliche Verhltnisse,
wie ein Lwe in eine Hundehtte - - zu versinken in ekeln Morast, in die
Schlangengrube hinabgeworfen zu niederm Gewrm, - ich, der Ritter und Frst,
geblendet und in Banden, erschlagen von niedrig geborenen Knechten - - o bitter,
bitter, bitter!

    Nicht mal hier waltet Gerechtigkeit. Die Gelehrtenschnffeler construiren
sich ein sogenanntes Volksepos zurecht und ahnen in ihrer blden Blindheit nicht
die einheitliche Kunstverstndigkeit des grten Dichters! Das groartigste und
vollendetste Kunstwerk aller Zeiten, der ewige Stolz deutscher Nation, wird von
einem frechen Schulmeister in Ottave Rime bertragen, sintemal die herrliche
Nibelungenstrophe, ungeniebar sei! Ein Mann, Namens Jordan, rhapsodet umher,
soweit die deutsche Zunge klingt (sogar in Siebenbrgen trieb er sein Unwesen),
mit einem Stabreim-Monstrum, worin er durch modern krankhafte Makarterei und
Schopenhauersche Philosophie an der ungefgen Urmr dreiste Nothzucht verbte!
Ein Anstreicher, dessen Maurerpinsel mit grellen Farben die keuschen
Marmorstatuen erhabener Einfachheit besudelt! Es sei ja stofflich recht
groartig, aber kindlich ausgefhrt, - schmunzelt dieser wohlgenhrte Salonbarde
in weier Halsbinde und die unwissende Menge betet das glubig nach!
    In gelahrten Litteraturgeschichten wird die Gudrun, ein jtischer
Dnen-Knick, mit dem Nibelungen-Montblanc verglichen!
    O geschmacklose Thorheit, dein Name ist Mensch!

    Grabbe grinst in seinem Satirspiel Scherz, Satire, Ironie und tiefere
Bedeutung:
    Die Wrter genial, sinnig, gemthlich, trefflich werden so ungeheuer
gemibraucht, da ich schon die Zeit sehe, wo man, um einen entsprungenen
Zuchthauscandidaten zu infamiren, an den Galgen schlgt: N.N. ist gemthlich,
sinnig, trefflich und genial! - O stnde doch endlich ein gewaltiger Genius auf,
der, mit gttlicher Strke von Haupt zu Fu gepanzert, sich des deutschen
Parnasses annhme und das Gesindel in die Smpfe zurcktriebe, aus welchen es
hervorgekrochen ist!
    Hat dieser Ausfall nicht noch heute Geltung? O viel mehr sogar! Wenn man die
Reklamen der Buchhndler und der Bltter liest, wird einem bel. Endlich einmal
ein Meisterwerk! annonciren sie das Produkt irgend eines Sudelmnnleins. Und
der Verleger-Grenwahn, welcher am liebsten eine ganze Rotte von Genies in
seinem Verlag aus dem Boden stampfen mchte, lt die Macher ber sich selber
Prospekte schreiben, worin sie ihre leidlich gelungenen Werkchen zu den
hchsten Darstellungen der Weltlitteratur rechnen und zwar unstreitig. Da
giebt es Charaktere von wahrhaft Shakespearischer Tiefe, Effekte wie kaum in
Schillers Dramen - - kurz und gut Kunststcke, neben denen die besten andern
Schilderungen prosaisch, ja alltglich erscheinen!! Ueberall, wo man hinhorcht,
dasselbe Lied. Bewunderungswrdige Kunst der Darstellung der geniale
Verfasser - derlei regnet nur so bei Besprechung der migsten Sudeleien. Da
werden, Goethe, Horaz, Pindar, Burns, Petfi, Heine, Lenau, Flaubert in Unkosten
gestrzt, um als Lob-Vergleiche mit jedem Nachahmer herzuhalten.
    Aber was sehe ich! Seien wir nicht ungerecht! Sttzt man den betrunkenen
Bauern auf der einen Seite (wie der selige Luther sagt), fllt er auf der andern
Seite wieder herunter. Denn um ein gerechtes Gleichgewicht zu erzeugen, legt man
dafr an die Werke des wirklichen Genies unmgliche Mastbe an, nach welchen es
ja ein Leichtes wre, Shakespeare und Goethe unsterblich lcherlich zu machen.
Da werden die frechsten Lgen nicht gescheut, um das ehrliche Verdienst zu
schmlern, - falls man es nicht am liebsten ganz todtschweigt. Bravo, das ist
ausgleichende Gerechtigkeit. Diese Leute haben gleichsam ein instinktives Gefhl
dafr, wo bedrohliches Uebergewicht vorhanden. Wo man ein hbsches Zwergtalent
erkennt, da mag dasselbe noch so grenwahnsinnig in lcherlichen Radau-Vorreden
sich aufblhen, - man kommt ihm freundlich entgegen.
    Aber wehe der wahren Gre, die ihrer selbst bewut! Kreuziget, kreuziget!
Bist Du der Juden Knig? Du sagest es. Er hat bekannt, was brauchen wir
weiter Zeugni! Ich finde keine Schuld an diesem Menschen, sprach Pontius
Pilatus, das Forum der Vernunft. Aber da erhoben die Juden ein graues Geschrei
und Pilatus ist schwach. Ich berantworte ihn euch. Da fhreten sie ihn an
eine Sttte, die heiet Golgatha. Daselbst schlugen sie ihm ihre Ngel durchs
Fleisch.

    Die armen Verleger! Wie ich sie bedaure! Wieviel Opfermuth und unausrottbare
Zuversicht gegenber der versteckten Gleichgltigkeit des Publikums!
    Und da kreuzigten sie neben ihm einen Ruber, der hie Barrabas. Der
Verleger Murray prahlte seinen Freunden von einer Bibel vor, die ihm sein
groer Autor Byron geschenkt. Aber diese Freunde, die mit im Complott, zeigten
ihm jenen Bibelvers - da hatte der boshafte Dichter das Wort Ruber
durchgestrichen und Verleger darbergeschrieben. - Nun, wenn man den Verleger
Barrabas neben seinem Messias kreuzigt, so trifft ja ihn wohl das erlsende
Wort: Morgen wirst Du mit mir im Paradiese sein.

Die Welt ist rund, mein Kind,
Und wir drehn uns mit.
Lauf nicht zu geschwind,
Sondern halte Schritt!

Der mu vor sich selber beben,
Wer sich selber Rechnung giebt.
Aber mir ist viel vergeben,
Denn ich habe viel geliebt.

    Heut fand ich unter meinen Papieren ein vergilbtes Blatt, Verse in der
Handschrift meines verstorbenen Freundes Gottlieb Ritter, jenes Esels, der sich
wegen einer Chansonneuse erscho:

Ha, Deiner Wange Rosenlicht,
Des Auges s Vergimeinnicht,
Verzaubert mich, doch manchesmal
Blickt's seitwrts auf mich kalt wie Stahl.
Die Lippen scheinen sein und rein,
Doch sehe ich die Schlngelein
Umzirkeln sie, die lieben alten
Bekannten, jene bsen Falten,
In denen Heine gleich erkannte
Kugierig liebe Wahlverwandte.
Als Faust am Blocksberg, wo im Eck
Sein Gretchen stand, mit Lilith scherzte,
Sah er, indessen er sie herzte,
Zu seinem nicht geringen Schreck
Ein Muslein aus dem Munde hpfen.
So sehe ich ein Schlnglein schlpfen
Aus Deinem Munde - eine Zote!
Doch ob mir auch mein Gretchen drohte,
Die Tugend und das Ideal -
Anbete ich Dich doch nicht minder,
Gleich wie die aberglubigen Inder
Die Abgottschlange ihrer Wahl.

    Du lieber Gott! Ein gut Stck Verlogenheit spielte doch auch dabei mit.
Allerdings, Gottliebchen war ein wirkliches Genie, keiner von den komischen
Strmern und Drngern Jngstdeutschlands, welche mit Straendirnen die sociale
Frage lsen und Jeden von ihrem Genie-Bund ausschlieen, der sich zufllig in
anstndigen brgerlichen Verhltnissen bewegt und zahm genug bleibt,
socialistisches Geschwefele fr unreifes Zeug zu halten. Aber auch Gottlieb
Ritter erlste das Volk, ohne von diesem gepriesenen Pbel das Geringste zu
wissen. Armer Teufel! Was mgen die albernen Dirnen, mit denen er sich
herumschlug, ber seine Sentimentalitt gelacht haben! Ein richtiger deutscher
Lyriker.
    Ach und erst der verrckte Componist Ernst v. Bullrich, der angeblich wegen
eines Biermensch im Duell gefallen sein soll! (Fritz Erdmann, der
naturalistische Epiker, auf den Karl Schmoller immer so viel aus Concurenzneid
schimpfte und der sich jetzo in Amerika herumtreibt, wollte nie recht mit der
Sprache heraus.) Auch von ihm finde ich noch ein Verschen aus der Zeit, wo ich
ab und zu die berhmte Kneipe besuchte, in der jene Sturm-und Dranggenies sich
gegenseitig ihre Opera, omnia vorlasen. zu drollig!

Ich will umschlieen Dein starres Herz,
Und wrest Du ganz vergletschert,
Vulkan, aufghrt Dein Flammenschmerz,
Wo meine Thrne pltschert.

    Na, pltschere man zu! - Welch ein Wahnsinn diese Liebe die sich mit Gewalt
in ein andres Wesen auflsen mchte! Gott sei Dank, an solcher Schwche leide
ich nicht mehr. Auf Erden ein Ideales suchen ist schon Jugendeselei. Pah,
besieht man sich die Helden und groen Geister bei Lichte, sind's ja auch nur
Esel.

    O welch ein Knstler stirbt in mir! ruf ich mit dem Grenwahn des
sterbenden Csaren. Wenn ich da unten modere, dann werden sie schaufeln und
schaufeln an dem verschtteten Gtterbild, bis es aufrecht steht wie ein
Denkmal, von dem die Hlle fiel. Und kein Antlitz, das man kennt aus den
Gebilden der Vergangenheit. Denn nie aus gleichem Marmor wird der Genius
geschnitten. Wie sie grinsen wrden, die Erbrmlichen, wenn sie diese
Prophezeiung, ahnten! Und doch wird sie sich erfllen, kaum da ich die Augen
schlo.
    Aber ich bin ja ein Schwchling, da ich dem elenden Geschwtz dieser
Akademiker berhaupt Rechnung trage. Mute nicht schon der grte aller Dichter
den Kampf gegen die Pseudo-Klassicitt und ihren morschen Schulkram bestehn -
ein Kampf, der ihn wohl so frhzeitig aufgerieben hat? Mute er nicht dem
Nrgeln des Alterthumsfreundes Ben Jonson seine Tragikomdie Troilus und
Cressida entgegensetzen? Jener gelahrte Didaktiker hatte ihm gehrig zu Gemthe
gefhrt, da er, der Komdiant ohne alle patentirte Bildung, sich erdreiste
hchste Probleme zu lsen, whrend er sich doch nicht einmal dem Problem
gewachsen zeigte, die Alten im Urtext zu lesen und in einer Vorlesung Bacon's
ber Logik und Psychologie gewi achselzuckend eingeschlafen wre. Da griff sich
denn Meister William einmal die homerischen Helden auf und streifte ihnen
Purpurchlamys und Kothurn so grndlich ab, da sie nun wie nackte Gliederpuppen
umherliefen. Die gttlichste Schindung des Marsyas, die je ein Apoll verbt.
Schade nur, da die nie aussterbende Rotte dieser Fltenblser nicht immer einen
Shakespeare findet, der ihr das Fell so elegant ber die Eselsohren zieht!
    Ueber die Renaissance-Naturalisten urtheilte man damals wie ber die
heutigen. Whrend man den Barbaren vom Avon wie einen drolligen Kannibalen
einbalsamirte, heroldeten sthetische Quacksalber die schndesten Parfmeure.
    Alles wie heut. Mffiger Pomp doktrinrer Verstocktheit, unanfechtbare
Kunstgesetze des wstesten Formalismus. Erst nach erbittertem Kampfe erkannte
man das einzige ewige Kunstbedrfni in den befreienden Naturlauten des
Elementaren.
    Erwache, du Licht in Ossians Seele! Sich, da kamen sie alle, die
Naturburschen der Litteratur - Ackersmann Burns, Weltbummler Byron, vom College
relegirter Student Shelley, Laufbursche Dickens und Postillon Bret Harte! Die
Gtter Griechenlands kannten sie nur oberflchlich, wohl aber die Gtter der
eigenen Brust.
    Da faselt dies unwissende Professorengesindel, Shakespeares klobige,
Naturalismen seien aus dem Geschmack seiner Zeit zu erklren. In ihrer
grlichen Unwissenheit ahnen sie natrlich gar nicht, da alle die groen
Zeitgenossen des Grten wohl in Blut- und Wollustseenen sich berauschten und
gewi einen heroischen Realismus bekundeten, da aber nur Shakespeare den
Naturalismus vertritt. Warum scheute grade er vor keiner schlpfrigen Zote, vor
seiner rohen Unanstndigkeit, vor keiner Banalitt zurck? Warum roch er an
Yoriks Schdel, whrend die frostigen Spe der branntweinfuseligen Todtengrber
die jungfruliche Lieblichkeit in feuchte Erde betten? Warum hrte er die
Krrner ber ihr Ungeziefer fluchen und durchstberte die schmutzigen Winkel der
Bordells?
    Warum, ja Warum? Ich wei es - ihr nicht, ihr gichtbrchigen, lendenlahmen,
wohlriechenden Wrdepriester. Ihr knnt es auch nicht wissen.

    Heut sandte ich ein neues Buch von mir an die Privilegirte
Fortschrittszeitung und den hochconservativen Botschafter. Beide Mistbltter
haben geschworen, meinen Dichternamen nie mehr zu erwhnen, weil ich mit den
Herrn Redakteuren am Biertisch mehrfach Conflikte gehabt htte!! Der Chef der
Privilegirten Fortschrittszeitung will jedoch in weiser Schonung nie aus
eigener Initiative etwas Bosartiges ber mich bringen. Beileibe nicht aus
Furcht, o nein! Sollte aber ein anderes Blatt ber mich herfallen, so wolle er
es eiligst abdrucken. (Aha!) So meldete, er einem guten Freunde neulich beim
Skatspiel. Biedermann! 13 (schreibe: Dreizehn) Bcher von mir hat es nun
todtgeschwiegen, dies Blatt von ehernem Schlage! Frher posaunte es mich
allerdings mal als Zukunftsgenie aus. Nun, andre Zeiten, andre Ansichten - wie
der Chef der Berliner Tagesstimme so schn zu sprchwrteln pflegt. Bravo!
Giftiger Unrath bezeichnet, ja die Spur des Faulthiers, o gieriger Vielfra, den
man Presse nennt!

Lbliche Hunde! Wollt ihr gtigst ben
Um diesen Knochen des Skandals Geklff?
Nicht doch! Todtschweigend beit ihn in die Waden!
Knurrt der erfahrene Scheeren-Chef.
Dies Bchlein ich gehorsamst dedicire
Den hochgeschtzten Scheerenschleiferein.
Da! Zum Todtschweigen reich' ich euch den Bissen
Und einen Futritt obendrein.

Das Leben eitel ist und undankbar.
Den Adler berkrchzt der Krhen Schaar.
Gegngelt von bestochener Wichte Rath,
Bestaunt der Pbel, was die Ohnmacht that.
Der Stmper bunte Jahrmarktsschilderein
Sind blindem Unverstand ein Heiligenschrein.
Der Tod jedoch grbt aller Lge Grab
Und alle Schminke reit er jhlings ab.
Der Mensch und jede Flscherkunst vergeht.
Das Werk alleine und die Kunst besteht.
Die Schlachtendonner habt Ihr wohl gehrt
Von Kniggrtz, von Sedan und von Wrth.
Den Donner aber hren werd' ich nicht,
Der Euren Grenwahn in Stcke bricht.

    Diese Menschen machen alle aus mir, was sie wollen. Die Schufte sehen in mir
einen Schuft wie sie selber, die Ideologen in mir einen Ideologen. - Sei nie
deiner Brder Tyrann, aber auch nie ihr Narr! Ich aber bin zugleich ihr Tyrann
und ihr Sklave, und oft ihr Hausnarr. Seltsames Rthsel!

    Kein Wrtchen wird heut so ppig mibraucht wie das Epitheton vornehm. Man
redet ja am liebsten von dem, was man nicht ist und hat.
    Ein vornehmer Charakter! Wie vornehm diese Kritik gehalten ist! Derlei
bersetzt man aus dem Literarischen ins ehrliche Deutsch: Ein geriebener
Virtuose der Lebensklugheit! Ein schlaues Prbchen hndewaschender
Interessenpolitik, die ihre Motive sorgfltig verschleiert!

    Wie ich von Herzen bedaure, da ich in meinem berechtigten Grimm dem
einzigen Wahlverwandten, den ich jemals fand, Karl Schmoller, so harte Dinge
sagen mute! Und waren sie denn wirklich ganz gerecht? Soll man sich wundern,
da ein so bedeutender Mensch in ewiger Wuth gegen alles Bestehende sich
verzehrt? Drckt ihn nicht wirklich die Noth, die grause Noth des Lebens?
Freilich merkt man ja nichts davon, denn er selber befindet sich uerlich
kreuzfidel. Doch wer kann ins Innere eines Menschen und hinter die Coulissen
schauen! Und im Grunde - leidet er nicht einfach an derselben Krankheit, die
auch mich vergiftet? Wenn mich meine hhere Bildung in Sphren erhebt, wo die
Gemeinheit des Lebens mich nicht mehr erreichen kann, so wre es unbillig, von
ihm das Gleiche zu fordern. Er sieht sich nur als Urkrast in einen Knuel
niedriger und widriger Verhltnisse verstrickt, sieht um sich her die Bberei
triumphiren und wird zerrieben im Kampf mit den schmutzigen Sorgen des
Alltagslebens. Es ist wahr, ber die Menschen hat er sich wahrlich nicht zu
beklagen. Jeder suchte sich ihm dienstbereit zu zeigen, Jeder bewies ihm
uerste Geduld und nur seine emprende Brutalitt verschuldete es, wenn man ihn
fallen lie. Seine Natur zwingt ihn frmlich, Jeden vor den Kopf zu stoen und
berall Unfrieden zu stiften. Er ist ein Sprengstoff, dessen Nhe man flieht.
Doch wie erklrt sich alles das aus den Verhltnissen! Mu es diesen Menschen
nicht rasend machen, wenn dummdreiste Unfhigkeit ber ihn wegtrampelt, wenn man
nur an den Schlacken seiner formellen Unbehlflichkeit haften bleibt, statt in
den inneren Kern seiner wilden Genialitt zu dringen? unglcklicher Mann, dessen
dstern Groll ich mitempfinde, ob er auch wie ein ruiger Titane allein abseit
steht und nie dem olympischen Donnerer sich beugt! Er verkrpert gleichsam das
Elementare des Irdisch-Thierischen, wie ich das Elementare des
Transcendental-Dmonischen. Die Andern alle sind Schein-Puppen. Und die
Hauptsache, bleibt eben doch immer, da man berhaupt elementar sei, das Element
eines wirklichen Seins in sich trage.
    Und darum, ob ich ihn auch hassen sollte, wurzelt in mir eine unzerstrbare
Sympathie fr diesen einzigen Wahlverwandten, diesen Bastard-Halbbruder meiner
Wesenheit. Wer wei, ob nicht trotzalledem in ihm unbewut ein gleiches Gefhl
schlummert!
    Wohl erkenne ich, da solche Naturen vulkanischem Granit vergleichbar sind:
Das Feuer sprengt sie, aber schmelzt sie nicht. Mit all seinen Mngeln und
Schwchen und Snden kmpft er ja dennoch fr sein gutes Recht. Das Recht des
Werdens aus dem Recht des Seins. Man will, dieweil man mu, mu, weil man will.
Ja, Recht, das Recht - du wunderbares Wort, so unergrndlich wie die Ewigkeit!
Dies das Gesetz, nach dem die Sterne in vorbestimmter Ordnung schweben, - das
gleich mchtig in jedem Einzelwesen wirkt, - das, wo das Chaos in die Schpfung
mndet, zuerst den Keimtrieb in die Welt gepflanzt: Sein Recht zu suchen und das
klug gefundene Recht auch zu behaupten, fest und unbedingt, im Wirbeltanz der
ringenden Geschpfe. Und so denn, unter eines Schicksals rechtloser Last
zusammenbrechend, fhlt man im Innern noch den wuchtigen Takt der Waage, die uns
zur Selbsterfllung aufwrts reit. Den Auserkorenen ward immer frh bewut das
eherne Gesetz in ihrem Busen: Das Recht des Wollens ist das Recht des Sollens.
    Ich kann ihn nicht verdammen, diesen Schmoller. Das Recht der finsteren
Notwendigkeit, das uns unwiderstehlich bermannt und dmonisch fortschleift auf
ungemessener Wnsche Irrfahrt, bis ein letztes Riff ihm ein Ende setzt, - das
wird in ihm doch triumphiren mssen. Der Strkere hat Recht. Wohl ist er nur ein
eitler Sclav der Selbsucht, falsch ist sein Recht und nackte Eigensucht sein
Rechtsgefhl. So sollte er zhneknirschend von hinnen fahren und dem geborenen
Knig die Herrschaft lassen.
    Die Herrschaft - hahaha! Eine schne Herrschaft, wei Gott! Nein, bleiben
wir beim Realen! So sollte es sein, so ist es nicht. Er ist strker als ich,
weil seine Roheit ihn knorrig erhlt. Ich bin schwaches zartes Porzelan, ich
zerspringe beim ersten Fall. Mit wehmthiger Freude ahne ich, wie er das
Gesindel noch zu Paaren treiben wird mit seiner Peitsche, wenn ich schon unter
der Erde liege. Ich peitschte euch mit Ruthen, er aber wird euch mit Skorpionen
zchtigen.
    Ich fhle es, lange geht's nicht mehr so fort mit mir, es geht zu Ende.
    Aber aus meinen Gebeinen wird erstehen ein Rcher.

                                       V.


Seevgel umkreischten schrill ihre Nester, der Schaum klatschte an den
stiebenden Sand, eine schwarze Ente schwang sich auf der glasigen Woge. Mit
seiner Braut, der Erde, schien der Ozean zu schkern. Er schmckte sie mit
Muscheln. Bald ebbte er zurck, um ihren Reiz berschauend zu mustern, bald
rollte er wieder zum Kusse heran.
    Krastinik lag am Strande, das Buch war ihm entglitten. Und statt seiner las
er vom weien Blatt des Dnensandes, der unter dem glhenden Sonnenstrahl zu
knistern schien, die Gedanken-Arabesken ab, welche wie Schatten seines Geistes
darberhin huschten.
    Er schlo die Augen. Die Nacht der innern Stille umfing sein waches Hirn,
jene Nacht, aus der allein sich Sterne empordrngen.
    Lang und sorgsam dachte er ber das Gelesene nach, um sich ber die Zweifel
Rechenschaft zu geben, die ihn bedrngten.
    Wie ein Dom erhabener Stille, wlbten sich Meer und Aether ineinander. Wie
das stille Murmeln altersgrauer Vergangenheit, wie das Zirpen von Heimchen in
zerfallener Ruine, pltscherten sanft die Wogen. Aus dem Becher des Meergottes
sprhte ihm ein gastlicher Willkommengru schaumtropfend entgegen.
    Dem nach innen Schauenden war es, als ob der Geist seines todten Idols,
dessen treuer Heroen-Anbeter er gewesen, lautlos ber den Wassern schwebe und
wandele ber Meer und Land. Und eine Stimme, wie das Gerusch vom Flgelschlag
eines Engels oder das Suseln in Karmels Klften, wie das Murmeln der Muschel,
die sich nach der Mutterwoge zurcksehnt, - eine geheimnivolle Stimme sang den
vershnenden Psalm:

Wundersame Morgenfrhe,
Dehnst die Seele mir so weit.
All der Erde starre Mhe
Lst die holde Einsamkeit.
Sie umhllt der Erde Schmerzen
Wie ein lichtes Schleiertuch.
Liebe wandelt still im Herzen
Und Vergebung sei mein Fluch.

Was vermag der Menschen Grollen,
Allgerechter, gegen Dich!
Deinem Licht, dem liebevollen,
Sonnengott, vertraue ich.
Meine Snden, meine Fehle
Richten kannst Du nur allein.
Denn Du schaust in meine Seele,
In das Herz der Welt hinein.

    Wohl, diese Stimme sang das Hohelied einer wahren Vershnung, einer Erhebung
des Menschen aus irdischer Wirrsal, aus tiefer Ich-Not aufschreiend zur
All-Liebe. Aber diese Stimme - tnte sie wirklich aus dem Geist des
Verblichenen, oder tnte sie vielleicht aus des Nachtrauernden eigener Brust?
Zum ersten Mal begann dieses begeisterungsfhige Gemth kritisch an sein Idol
heranzutreten und sich objektiv darber zu stellen. Warum schwang sich denn
Leonhart zu solcher Vershnung niemals auf?!
    Wenn heut einem groen Dichter nun einmal keine andere Wahl gelassen
scheint, nun, so besinne er sich nicht lange am Scheideweg des Herkules! Warum
verzichtete er nicht gnzlich auf solche flchtigen Werthungen der uern
Geltungseitelkeit? Warum schlo er sich nicht ab von der Welt und sank in
majesttischem Schweigen, das Lcheln einer erhabenen Verachtung am den Lippen,
ins Grab des Todtschweigens und der Verlsterung? War er doch von zu grobem
Metall fr solche goldklare Feinheit Gesinnung?
    Schopenhauer sprach das groe Wort gelassen aus: Was sei alles Genie gegen
vollkommene Gte des Herzens, welche Andern gegenber jene grenzenlose Nachsicht
bt die man sonst nur gegen sich selbst anwendet. Von dieser Herzensgte besa
Leonhart viel, aber noch lange nicht genug. Freilich, da sich die kindische
Selbstsucht und Eitelkeit der Menschennatur nirgends so schamlos entpuppt, wie
in der sogenannten Litteratur, so bleibt es hier am schwersten, jene hchste
Bethtigung der Herzensgte zu ben - nmlich Gerechtigkeit, die sich auf den
Standpunkt des Andern zu setzen und jene groen Gesichtspunkte zu bewahren wei,
vor welchen persnliche Freundschaft und Feindschaft verschwinden. Auch ist es
mit der grenzenlosen Nachsicht, die Schopenhauer als vollkommene Herzensgte
rhmt, immer ein eigen Ding, da durch sie ja nichts gebessert wird. In der Kunst
wird eine gewisse Art von Nachsicht ganz einfach zum Verbrechen. Wer das Groe
und das Kleine, das Genie und Talent, das Talent und Nichttalent gleichmig
anerkennt, versndigt sich am Besseren durch Gleichstellung desselben mit dem
Guten. Kann man es also Leonhart verdanken, wenn er manchmal heftig und zufahrig
draufschlug?
    Jaja, die Herzensgte! So rhrend jene Phrase im Munde eines groen Mannes
wirkt, dessen eigene Herzensgte so mig entwickelt schien, so darf man dies
Augenblicks-Aperu doch wohl nicht ernst nehmen.
    Wiegt Passive Herzensgte im geistigen Haushalt der Menschheitsentwickelung
nicht vielmehr federleicht gegen jede produktive Bethtigung wahren Talents?
Auch wenn letzteres scheinbar zerstrend auftritt. Nun ja, das wohl. Aber
Herzensgte voll Nachsicht gegen fremde Gebrechen und voll Strenge gegen sich
selbst - mag sie als seltenste Ausnahme nicht ab und zu vorkommen? Und wre das
nicht ein Ziel, aufs innigste zu wnschen? Steigt diese Gte wirklich bis zu
einem hohen Grade, so tritt sie freilich stets produktiv auf, wie bei Christus
und Buddha, da sie die Lge und Gemeinheit der Welt zu reformiren trachtet.
    Genie ist Initiative. Allerdings mu das Glck nachhelfen. Der bloe Mann
der That ist ja blo der Sklave der Auenwelt, aber der Denkerschpfer ist darum
noch lange nicht Herr der Auenwelt. Seine Studirstube mag ihm als der
Archimedische Punkt erscheinen, von dem aus man die Welt aus den Angeln hebt.
Doch die Auenwelt strt eben wie jener rmische, Legionr die Kreise des
Archimedes und schlgt ihm den Kopf ab. Ohne Glck und Erfolg erlahmt die
Initiative des Genies.
    Aber lag nicht auch in Leonharts Initiative eine selbstbetrachtende
Absichtlichkeit? Wre er naiv frba, geschritten, so wrde die Initiative auch
frischer, und ursprnglicher herausgesprudelt sein. Der kommt am weitesten,
welcher nicht wei, wohin er geht - sagt Oliver Cromwell.
    Gewi lag etwas Zielbewut-Heroisches in Leonharts Leben. Krastinik kannte
es aus der umfassenden Darlegung seines Freundes genau, der freilich immer an
sich unleugbare Thatsachen noch pessimistisch frbte. Seit frhster Kindheit war
dieser Mensch von dem Bewutsein seines Dichterberufes durchdrungen gewesen.
Seit seinem dreizehnten Jahre durchkostete er eigentlich die gleiche Bitterni,
wie jetzt am Ende seiner kurzen berreichen Laufbahn. Als Knabe umgeben von
kindischer Roheit und Dummheit, einfltige Holzkpfe als Lehrer ber sich, ihr
werthloses Kanderwlsch dem feurigen Adlergeiste aufpfropfend, dessen ironisches
Lcheln diese Bildungs-Hauswurstiaden aus berlegener Hhe verhhnte. Als
Jngling die geckenhafte Unreife halbwchsiger Krafthuber um sich her, ber sich
die Weisheit wohlpatentirter Weltautoritten, die seine hohe Ueberlegenheit
ebenso durchschaute. Als Mann um sich her die Rotte der Streber und
Aftertalente, ber sich immer noch die hohlen Gesetze der bestehenden
Gesellschaft, die er verachtete. Immer, wachsend mit den Jahren, weit voraus und
weit ber den momentanen Dingen, also stets entfernt von dem Verstndni der
Mitwelt. Allerdings kam es ihm zu Statten, da er stets und immer das Ziel fest
vor Augen hielt, sich zum Dichter auszubilden. Mit beispielloser eiserner
Zhigkeit, die in ihm den echtpreuischen Berliner kennzeichnete, lie er nie
auch nur einen Augenblick sein Arbeitsstreben los. Die grnen Jungen, die ber
ihn salbaderten, wren vielleicht mit staunender Ehrerbietung scheu bei Seite
gewichen, htten sie, je klar anschaulich dies bewunderungswrdige System vor
Augen gehabt, wo Fuge in Fuge griff, wo sich die frhsten Anfnge der
Knabenjahre mit fnfzehn spteren Arbeitsjahren innerlich verknpften. Das
Rthsel seiner berreizten Fruchtbarkeit lste sich freilich dann sehr klar.
Ausgestattet mit einem erstaunlichen Gedchtni, ohne Gleichen an Arbeitslust
und vor allem an Ordnungssinn, einem Hauptattribut des Genies, thrmte er
unablssig das schwindelnd hohe Gebude seines umfassenden Geisteslebens Stein
auf Stein. Eigentlich war und blieb er stets gleich gro. Seine Jugendgedichte
und Jugenddramen in einem Alter, wo man sich hchstens fr Ruber und Indianer
und Coopers Lederstrumpf erwrmt, muten geradezu unglaublich genannt werden.
Die historischen Essais in seinem Schubfach gab er spter zur Zeit seines
Glanzes als neuste Beitrge heraus, ohne da Jemand ahnte, der dreizehnjhrige
Leonhart rede zu ihm!
    Alles war hier anders als bei den Durchschnittstalenten. Ein solches, wie
etwa der berfruchtbare Paul Heyse, spielert wohl als Primaner reizend geleckte
Nippschelchen und Mrchen zurecht, um sich darob als junger Goethe bestaunen zu
lassen. Aber gerade das, womit man der albernen Welt sofort imponirt, die
gefllige Form, mangelte diesem wahren Genie, wie jedem Grobeanlagten,
anfnglich vollkommen. Wenn er sich qulte, lyrische Liedchen nach bekanntem
Muster zu pfeifen, milangen sie gnzlich. Von der Groartigkeit seiner
gedanklichen. Conception verstand natrlich ein zum Urteil herangezogener
Kunsthandwerker ebensowenig, wie von der unabgeklrten, aber genialen
Gestaltungskraft seiner Charakteristik. Es wre ein Glck fr ihn gewesen, wenn
er wie so mancher Dilettant, auf eigene Kosten seine Jugendsachen wenigstens mit
sechszehn Jahren htte publizieren knnen. Denn in diesen stak wenigstens der
wirkliche ganze Leonhart, der halbflgge Genius, so da alles Philistergenrgele
immerhin htte zugestehen mssen, fr einen Knaben seien diese Versuche einfach
unerhrt. Aber so gut wurde es ihm nicht. Niemand verstand das Bahnbrechende in
diesen seltsam bizarren Sachen und so berwand er sich denn endlich, etwas
Liebliches zu fabriziren, um einen Verleger zu finden.
    Mit der Publikation dieses minniglichen Opus (er zhlte mittlerweile
achtzehn Jahre) begann nun die endlose Aergerkette seiner ffentlichen Laufbahn.
Die Einzelheiten, welche er als besondere Tabelle gebucht hatte, wirkten
allerdings vernichtend fr die gnzliche Unfhigkeit der Kritik, das
Ungewhnliche zu begreifen, und der stumpf apathischen Welt, Perlen statt ihrer
Trog-Kartoffeln zu verdauen.
    Immer und immer wieder sah er in sich das Sein im Bettlergewand, um sich her
den Schein im Galakleid. Wohl mochte er rufen mit dem grten aller Dichter:
Md alles Dessen schrie ich nach ruhevollem Tode. Zu sehn, wie wahre Kraft von
hinkender Schwche entwaffnet, wie der Kunst die Zunge gefesselt von falscher
Autoritt, wie Narrheit als Doktor die Weisheit curirt.
    Nun ja, das alles mochte wohl als wahr gelten, vom Standpunkt der ueren
Gerechtigkeit. Aber liegt nur hierin die immanente Gerechtigkeit der Dinge, von
der Gambetta sprach? Bleibt nicht der Werth und das Ideale in sich selbst Sieger
?
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    An einsam moosigem Gestein vertrumte der Mde den Abend. Wie die Sonne wild
verblutete! Ueberm Meer ein Flammenmeer. Ein Scharlachbaldachin auf goldnen
Strahlenschnren schien langsam droben hinzuschweben. Dann wieder schien eine
Stadt aus Purpurwolken den Rand des Horizontes zu schmcken.
    Leichte feuchte Wassernebel kruselten sich, emporsteigend. Roth berhaucht
wie gefrorenes Blut schien sich die ruhige Fluth zu dehnen, ruhig wie das Todte
Meer, das wie Eisenfen raucht, wo ihren Saft die Palme gerinnen fhlt. Das
Todte Meer mit seinem giftigen Qualm - ja, dem gleicht das Leben der groen Welt
und der groen Stadt. Und das Rothe Meer - ja, durchs Rothe Meer mu man
hindurch, wenn man zum gelobten Lande will. Aber die Feuersule des Genies, die
den Weg weist - wo lodert sie? ......
    Die Lectre dieses Tagebuches wirkte niederdrckend. Das Herz krampfte sich
zusammen vor diesem Aufwhlen aller geheimen Schreckensmchte, die unser Dasein
unterhhlen.
    Gewi kann solch ein Grimm als ehrwrdig, als ein heiliger Zorn erscheinen.
Von ihm werden die groen Mnner zu welterschtternden Thaten hingerissen. Man
liebt einen guten Hasser. Es ist der Ha gegen die Feigheit und Falschheit der
Welt.
    Die Hindus beten die Brillenschlange, die Hagin den Tiger an. Die Chinesen
opfern im Sturm dem Drachen der Tiefe, statt ihr Schiff zu lenken, und lassen
sich als Gefangene lieber pfhlen, statt tapfer zu fechten. Ewig verehrt die
stumpfe Herde Fetische. Aber der vom gttlichen Hauch Beseelte wird wieder und
immer wieder seinen Wormser Protest aus der Klause von Ermenonville, aus dem
Erker der Wartburg, von der Insel Ufenau treu bis zum Tod den unfehlbaren
Ppsten dieser Welt entgegenschleudern: Ich hab's gewagt! - Ich kann, nicht
anders, Amen.
    War Leonhart ein solcher Geist, war es ein heiliger Zorn, der ihn beseelte?
Wohl darf man frchten, nein.
    Und schlgt dieser Wahrheitsdrang des Entrstungs-Pessimismus nicht
manchmal ins Manierirte, Krampfhafte um? Schneidet er nicht Grimassen scheuer
Lsternheit, wirft er nicht Togafalten des Weltschmerzes?
    Ibsen ist ja so verlogen, da er die Verlogenheit der Menschen stets noch
ins Unwahre bertreibt Etwas davon stak auch in Leonhart's griesgrmiger
Skepsis. Whrend dieselbe die naturentstellenden Schnpflsterchen
hinwegzuschwemmen suchte, fehlte es ihr selbst nicht ganz an Schminke. Echtes
Gefhl und falsche Empfindelei zu unterscheiden, fiel manchmal schwer.
Gleichwohl suchte man ja hier umsonst nach der Zwiebel, welche die schnen
Zhren entlockt, wie bei moschusduftigen Flennern. Ueber diese harten bizaren
Zge, welche ein wahrer Schmerz verzerrt, rannen wirkliche Thrnen. Aber
verwischten sich nicht vor dem absichtlich kurzsichtigen Mikroskopauge des
Dichters hier allmhlich die Unterschiede von Vernunft und Narrheit?
    Und wenn er auch elementare Naturlaute lallte, warum fand er niemals Noten
auf dem Instrument seines umfassenden Geistes fr morgenfrische
Glcksbegeisterung? Freilich, wo sollte die auch herkommen in einer Zeit, die
nur feiles Gesindel heranzchtete?
    Ja, es blieb wahr, wie man es drehen und wenden mochte, dieser Grimm war an
sich gerecht. Die Verzweiflung hatte ihn geboren. Der Ekel an seiner
jmmerlichen Umgebung, dem Collegen-Gesindel, in das ihn sein vermaledeiter
Beruf verstrickte, mute sich einmal Luft machen. Und was er an Klagen und
Anklagen vorgebracht war ja an sich gerecht.
    Allein, seiner grausamen Ironie fehlte gnzlich das Wohlwollen. Und somit
erhob er sich nur wenig ber den allgemeinen Menschenha eines Schmoller. Gewi
gehrten sie Beide, Lwe Leonhart und Tiger Schmoller zu der adeligsten Rasse,
der Rasse der Naubthiere. Aber wie sah es denn mit dem Charakter dieses
unerbittlichen Zuchtmeisters selber aus, der so lieblos seine Geiel schwang
ber Gerechte und Ungerechte?
    Ueberall sprte man mit Trauer, aber nicht immer mit Mitleid, wie der
Schatten des Wahnsinns diesem grellen Irrlichteln nher rckt. Er wthete
endlich auch gegen sich selbst und prophezeite mit heiserem Gelchter seine
Anlage zur Geistesstrung.
    Eine alte Erfahrung lehrt, da die Welt nur als ein Spiegel dient: Was
herein schaut, schaut heraus. Das Ich selbst giebt allein die Auffassung des
All. Ein guter Mensch entdeckt berall gutmthige Zge, ein schlechter berall
nur bewute oder unbewute Schlechtigkeit. War nicht Leonharts und Schmollers
wthende Misanthropie gerechtfertigt, da sie von sich selbst aus urtheilen
muten? Eine Gesellschaft, die aus lauter solchen Naturen bestnde, mchte sich
wohl bald genug untereinander zerreien. Erreichen diese Gallenergieungen nicht
manchmal einen Grad, der bereits anfngt, dem albernen Lallen des Irrsinns zu
hneln? Pathologisch gesprochen, rumort der Wahnsinn in dieser
Menschenverachtung, die in letzter Instanz unbndigem Grenwahn entspringt.
Indem ein solcher Halbgott die Menschen wie aufzuspieende Insekten angrinst,
wird er selber ein Halbthier.
    Schnellt der grauenhafte Wuthschrei einer aus Rand und Band gerathenen
Weltverzweiflung nicht auf ihn selber zurck? Hrt man in diesem grlichen
Gelchter nicht den Widerhall des eigenen bosheitgetrnkten Gemthes?
    Unablssig geheizt von dem Brand eines grenzenlosen Hasses und dennoch von
gleichmiger kaltbltiger Hrte, arbeitete diese Denkmaschine rastlos fort.
Doch glich ja die in Leonhart kochende Bitterkeit gar wenig dem kannibalischen
Gebelfer eines Schmoller, dessen wuthschumender Bi vergiftete wie der eines
tollen Hundes Fauchte Jener wie ein schwarzer Panther, dies hlichste
unzhmbarste aller Raubthiere, dessen gelbe Schwefelaugen man aus der Finsterni
der Kfigecke in nimmersatter Mordlust funkeln steht, - so brllte Leonhart wie
ein Lwe. Aber auch ihm fehlte des Lwen Majestt, des Leoparden Grazie.
Gepeinigt von jenem Magenkrampf galleberfllter Bestien, letzte er seine
stachlige Zunge im Blut der Opfer. Ergriff ihn die rasende Wuth seiner
Weltverzweiflung, so zerri er die ganze Heerde und soff Blut, bis er berauscht
niedertaumelte. Er wollte Blut sehen, das Zerreien selbst war seine Lust. Und
sein Tatzenhieb vergiftete zugleich die Wunden, die er schlug, wie des Tigers
Klaue ein Gift verbergen soll.
    Lag nicht in dem ewigen Gejammer und Weltanspucken Leonharts eine
unmnnliche Schwche verborgen?
    Das Leben ist ja kein Liebeslied, sondern ein Schlachtgesang.
    Das Genie findet fortwhrend das Ei des Columbus. Warum nicht hier! Htte er
doch lieber alles Unedle deterministisch aus Abstammung, Erziehung und Umstnden
erklren sollen!
    Fate er nicht alles gleich von der schlimmsten Seite auf und nahm stets die
schlechtesten Motive an, welche vielleicht ja unbewut mitspielten, aber noch
nicht als wirkliche bewute Infamie aufgefat werden brauchten?
    Krastinik berlas nochmals das Urtheil des Tagebuchs ber Schmoller. Er
lchelte. Nie hatte er Leonharts Vorliebe fr diesen Mann bis zu solchem Grade
begreifen knnen. Der aristokratische Instinkt lebte noch zu mchtig in ihm. Er
sah in Jenem nur den echten Litteraturvertreter des Socialismus. So wie der
freche Maurergeselle sich alleine Arbeiter nennt, als ob andre Leute vom
Miggang lebten, und den Begriff der geistigen Arbeit nicht zu fassen vermag,
dabei aber von Gleichheit und Menschenrechten schnapsfaselt, - so blickte dieser
Arbeiterdichter im Dnkel seiner Bornirtheit auf alles herab, was nicht mit dem
Modethema des Tages, der sogenannten socialen Frage, zusammenhing. Der
Grenwahn des Socialismus ins Litterarische bersetzt. So hatte der Graf stets
geurtheilt, obschon er dem groen Talent Schmollers Gerechtigkeit widerfahren
lie.
    Doch mochte nun Leonharts mildere Auffassung die richtige sein, - warum
wandte er sie denn nur Schmoller gegenber an? Warum sah er nicht die Gebrechen
der dii minorum gentium mit gleich verzeihendem Auge? Gewi ein zugleich
ekelhaftes und komisches Schauspiel, diese Krmpfe der Ohnmacht, die sich ihres
Nichts nicht bewut werden will und alles besser knnte, wenn sie nur Zeit
htte. Oder diese idealen Pumpiers, die jeden Collegen, der nicht grade
verhungert, als reichen Filz verschreien, wenn er ihnen nicht die Mittel zum
faulen Schlampampen bieten will. Und doch - von Lumpen zu reden ist leicht.
Aber wieviel bittre Scham, wieviel Errthen vor sich selbst, wieviel Qual
gekrnkten Stolzes, welche Reue um gefallene Ehre mag heimlich solch ein Lump-
und Pumpleben begleiten! Und wie natrlich erscheint der verzehrende Neid gegen
den, der nicht nur grer, sondern auch in glcklicheren Verhltnissen! Recht
wohl kann die Raserei herostratischer Neidwuth sich mit der tiefen und reinen
Luterung weihevollen Schmerzes in anderer Hinsicht verbinden. Denn
widerspruchsvoll ist der Menschengeist. Drum will auch alles Menschliche so
verstanden und entschuldigt werden. Warum empfand Leonhart nicht selbst das
harte Loos nach, das Loos der Edelmann und Haubitz? Nachdem man sich von
Kindesbeinen an als geheimer Agent Apollos weihepriesterlich gespreizt, nun
pltzlich zu entdecken (- denn, ohne es zu gestehen, besitzt der Neid ja
Argusaugen fr das Grere -), da ein Anderer von dem trgerischen Apollo noch
viel bedeutendere Viceknigs-Vollmachten erhielt! Das scheint gleichsam ein
Betrug des Schicksals, ein Verrath der Muse, und sich dafr zu rchen, blieb als
letztes Labsal dem Ex-Minister des Parna!
    Warum entbehrte denn Leonhart dieses humoristischen Mitleids? Allerdings
darf man sich nicht verhehlen, da Jeder sich selbst der Nchste ist. Steuert
man daher nicht den zgellosen Orgien neidgelben Grenwahns, so verzgert sich
die Erkenntni der Wahrheit, an der man sich somit durch lssiges Zusehen
versndigt. Und hier handelte es sich freilich nicht um die Person des Dichters,
sondern in ihm um die Zukunft der Poesie. Man konnte Leonhart gewi nicht
verwehren, da er sich deren erwehrte, die seinem Dichterthum ans Leben wollten.
Aber er htte denn doch - das Recht ihm zugestanden, da er selbst lebe - den
Satz der Humanitt mehr beherzigen sollen: Die Andern wollen auch leben. Die
sprchwrtliche Antwort darauf Je ne vois pas la ncessit ziemt sich fr
einen Weltmann, aber nicht fr einen Prediger des Idealen.
    Wohl kennt die Welt keinen andern Prfstein des Werthes, als den Erfolg. Wer
frher ber einen Alvers spttelte, gehrte jetzt gewi zu seinen lautesten
Schmeichlern. Was manche Unabhngige an Leonhart benrgelten, das berucherten
sie ja jetzt schon nach seinem Tode. Denn die Menschen sind zwar sehr beschrnkt
und sehr boshaft, doch nicht so sehr, da sie nicht zu Sinnen kmen, wenn ihnen
das Flammenschwert der Wahrheit direkt ins Auge fuchtelt. Gewi, der Mannesstolz
vor Frstenthronen wird immer verdchtig, wenn er sich an Knige- ohne -Land
richtet. Trotzalledem brauchte Leonhart wahrlich nicht in eine solche Rage zu
gerathen, wenn seine Judasse, wie er das charakteristisch im Vertrauen
Krastinik gegenber nannte, ihm als sauertpfische Aufrichtigkeit angebliche
Wahrheiten ins Gesicht warfen, die er als hohl und wesenlos erkannte.
    Kurz, wohin der Graf auch blicken, wie auch immer er sich das Bild seines
todten Idols vergegenwrtigen mochte, berall fand er jetzt Kleinliches und
Schwchliches. Alles in der Welt hat zwei Seiten; es kommt darauf, von welcher
Seite man es sieht. Erhabener Stolz - Eitelkeit unbefriedigter Ruhmsucht - wie
nahe hngt das zusammen! Nein, Leonharts geistige Gre hatte zu moralischer
Gre sich nie emporgeschwungen. Das hchste, das moralische Genie blieb ihm
versagt. Wohl war's der Grenwahn des Genies, aber selbstberhebender
Grenwahn lallte auch hier.
    Die Krankheit des Jahrhunderts hatte auch ihn verzehrt, in ihm ihre
herrlichste Beute gefunden. Sein Ich ber alle menschlichen Schranken hinaus dem
Schpfer entgegenspreizen - das ist nicht Gre, das ist Gromannssucht. Die
wahre Gre und die wahre Weisheit ist demthig, weil sie es sein mu,
ehrfrchtig dem Unerforschlichen sich beugend. Den Kampf an Jaboks Furth, Gott
wider Mensch, besteht auch der strkste Ringer nur mit verrenkter Hfte. Wer
Gott nur als Tyrannen anerkennt, der vom Gewaltthron niederglotzt auf den
Freien, den er foltert, - der wird den Verborgenen nimmer schauen, der in Allem
sich offenbarte, wird nie in inniger Gottverschmelzung den Weltumlauf
vollbringen, wird nie sich freudig verbluten im heiligen Feuer der
Lebensgemeinschaft mit Gott.
    Krastiniks Idol lag in Stcken. Das war kein Messias, das war ein schwacher
sndiger Mensch wie alle, nur mit dem Zufall einer abnorm feinen Gehirnstruktur,
vielleicht auch mit doppeltem Hirngewicht, wie sich bei Byron's phnomenal
kleinem Schdel bei der Leichenobduction ergab. Das war alles. Hchstens seine
innere Wahrhaftigkeit vor sich selbst, wie sie ja auch theilweise den
verschwiegenen Blttern dieses Tagebuchs anvertraut, die unbestechliche
Selbsterkenntni erhob ihn ber die Menge. Aber die rechte Selbsterkenntni war
es doch nicht. Denn die htte ihn ber sich selbst erhoben. Sich erkennen heit
Gott erkennen, aus dem menschlichen Nichts sich zum Ewigen hinberretten in
Demuth und Entsagung.
    Das alles wurde dem einsamen Denker nur halbbewut und instinktiv klar. Er
empfand es wie den Gnadensto, wie den Todesstreich seiner Geistesentwickelung.
In dem Todten hatte er einen Uebermenschen und Heros gesehen, dessen Cultus er
auch nach dem Tode mit der Piett eines Jngers bewahren durfte. Und nun lag
dies Idol vor einer hheren Erkenntni in Stcke gebrochen. Wo war hier der
Kampf fr eine groe Sache? Nur der Kampf fr die kleine Sache des eigenen
groen Ichs, das Durchsetzen seines Herrscherrechts, nur souverainer Egoismus,
wenn auch erhabener Art, hatte dies dmonische Leben ausgefllt. Und so hatte es
denn an sich selbst die Strafe vollstreckt, die gerechte Strafe.
    Hnge Dein Herz nicht an Menschen! Alles Vergngliche ist nur ein Gleichni.
- Krastinik barg sein Haupt in seine Hnde und weinte bitterlich.
    Da - - wie, ein Telegramm aus Siebenbrgen, direkt Bad Scheveningen
adressirt? Was mochte das bedeuten? - -
    Im Leben selbst berstrzen sich die Ereignisse so, da man das
Seltsam-Absichtliche des Zufalls kaum gewahrt. Aber dies war mehr als Zufall,
das war Schicksalsfgung, wie so manches Frhere.
    Sein Bruder auf der Jagd mit dem Pferde gestrzt. Gefhrliche Verletzung.
Das sofortige Erscheinen Xavers wurde dringend erbeten. - -
    Was sollte er auch noch lnger hier treiben! Der Geistesarbeit hatte er ja
Valet gesagt. Ja, die Phrenologie hatte gelogen, wie alles Andere auch. Auch sie
ist Phrase und Humbug. Nur fort, fort von diesem Meere, dem Sinnbild der
Ewigkeit, das ihn medusenugig anstarrte.
    Und doch wie schwer, von ihm zu scheiden! Wie schwer sich loszureien, wenn
man das Ewige angeschaut und den letzten Fragen ins Auge sah! - -
    Das Meer hielt seine Siesta. Rings schillerten zahllose Sonnenpnktchen wie
Myriaden goldener Mcken ber der Tiefe. Freilich, so friedlich der glatte
Spiegel, drunten in der Tiefe ist's frchterlich. Da tobt der Kampf der
Lebewesen, Einer frit den Andern. Ein Bild der menschlichen Gesellschaft, die
ja auch nur ein Abbild des Thierreiches.
    Die Felsblcke, trge in der Brandung badend, glichen versteinerten Robben.
Einer trug eine Wallroftirn, ein Anderer eine Alligatorschnauze. Auf einem
Steine, der von Wellen fast ganz umsplt, stritten Sonne und Meer um die
Herrschaft. Bald wurde der trockene Flecken in der Mitte der Steinspitze
berschumt, bald vergrerte er sich sogar durch die jede Nsse verzehrende
Leuchtkraft der Sonne. So kmpft in einer Seele, die von den Wogen des Lebens
berschttet, warme Lebenslust mit nakalter Erstarrung.
    In der Ferne hpften die Sprungwellen unablssig an einer Sandbank empor und
ber sie hin schwammen die Butterflecke der Sonne, wie Fettaugen auf einem
Suppenteller. Der eigenthmliche Geruch des Seetangs (wie ein erotisches
Excrement des selbstverliebten Meeres) mischte sich dem Salz-Ozon.
    Ein enteilender Dampfer lie ber die spiegelglatte Flche das
nachschleppende Silberband seiner Furche hingleiten. Ueber dem Ufer-Wald stand
ein Regenbogen und eine Mve flitzte wie ein weier Pfeil darunter hin.
    Die Segel der grnen Boote hoben sich goldgelb von der hellblauen Flche ab,
die wie in einer Waschschssel teich-ruhig lag. Grne Wasserstreifen zeichneten
sich langgezogen in die windstille Fluth. Die Wolken bekamen einen matten Ton,
goldgelb flimmerten die Dnenhgel, wie mit einer Bernsteinlasur berhaucht von
der sinkenden Sonne.
    Es dunkelte. Laubumkrnzte Khne kehrten heim mit Musik und Lampions von
einer Ruderwettfahrt. Feuerwerk stieg auf, Meerleuchten verklrte die dmmernde
Ferne. Ein Dampfer drauen auf dem offenen Meer spritzte sein elektrisches Licht
in trichterfrmigem Strahl weithin, als bespritzte eine Giekanne weite
Rasenflchen.
    Ernstes feierliches Meer! Wie du in Mondscheinnchten die Erde umwallst, so
wallt ums weite All mit Fluth und Ebbe das groe Weltgeschick.
    Wie mit Schlsseln von lauterem Gold schien der Mond das Geheimni der Tiefe
zu erschlieen. Wollustweich wie Brste flossen die wlbigen Wellen.
    Drunten klagen Osterglocken, wo eine bunte Welt versunken ruht. Doch nur der
vernimmt die Glocken, wer auf Erden heimwehkrank. Blast, Winde, blast und,
Fluthen rollt! Die Meerfei drunten im krystallenen Schlo lispelt verfhrend:
Wie so s ist der Tod!
    Wolkenrappen spannten sich an den Wagen des Sturms, der langsam heraufzog.
Dies allgewaltige Meer alleine bte Raum, um die Unermelichkeit einer
unirdischen Sehnsucht zu betten. Grenzenlos wie eines Genius Gedanken schumen
die heiligen Wogen. Was tobst du, Sturm, was brllt ihr hinauf zu den Sternen o
Wogen? Was seid ihr gegen den Sturm in eines Menschen Brust! Ihr kommt und geht,
eine verschlingt die andere, in ewigem Auferstehen ringt ihr zu nie gefundenem
Ziel. Warum, wozu? Warum immer neue Zeiten und neue Wesen, lrmend und brandend,
bis da sie in Schaum zergehen?
    Der wechselnde Strom des Lebens braust hinab in die ewige Leere und wir
versinken mit unsrer Zeit in dem einen, dem ewigen Grab.

                                      VI.


Der Rheindampfer (einer der letzten der Saison) fuhr rheinaufwrts. Die
Wandeldekoration der Burgen und Kirchen glitt vorber. Schon wurde Lorch
passirt.
    Krastinik mute bald einsam am Stern promeniren, da er die naiven
Sonntagsreisenden des Dampfers nicht vertragen konnte.
    Einen Vielgereisten peinigt manchmal das Geschwtz von Neulingen, wie
prahlende Unwissenheit. Fahren Berliner nach Heringsdorf oder Misdroy bers
Haff, so glauben sie eine ansehnliche Seereise zu machen und vergleichen dabei
die Ostseedampfer mit den Dampfern auf dem Vierwaldsttter See, um durch diesen
unmglichen Vergleich ihre Vielgereistheit darzuthun. Aehnlicher Austausch
ungeheurer Erfahrungen schwirrte auch hier hin und her, so da der finstre
Weltbummler es wie eine Beleidigung empfand, die glckliche Unschuld der
harmlosen Reisenden neben seinen (doch auch noch recht jungfrulichen)
Reisekenntnissen dulden zu mssen. Denn es bleibt doch immer wahr: Wer am
meisten erlebte, schweigt.
    Die Sonne ging zur Rste. Alle Fernglser richteten sich nach der Seite des
Niederwalds, wo die Bildsule der Germania den Rheingau bewacht. Eine kleine
Musikbande, die an Bord gekommen war, spielte die Wacht am Rhein. Patriotische
Gesprche wurden laut, man erwog den nahenden europischen Krieg und seine
Chancen. Jemand zog eine Zeitung vom gestrigen Tage aus der Brusttasche,
woselbst unser groer nationaler Snger, Regierungsrath Adalbert von Alvers,
seinen Gefhlen in einigen kurzen Strophen Rheinfahrt Luft gemacht:

Die ehernen Waffen blitzen
In scheidender Sonnenglut
Und ber der Berge Spitzen
Rieselt es hin wie Blut.
Die Burgen starren wie Drachen
Wildzackig in die Flut,
Als wollten sie bewachen
Niflung's versunkenes Gut.

Hei, Gold der Nibelungen,
Dich hob der Enkel Stahl.
Der Tiefe ward entrungen
Der alten Krone Strahl.
Doch Hunnenstrme brausen
Von Ost und West zumal.
Noch mu der Balmung sausen
Durch Feinde ohne Zahl.

    Whrend er schweigsam, die Hnde auf dem Rcken, unter den Reisenden stand
und ihre Gefhle theilte, ergriff den Grafen pltzlich die Einsicht, da er ja
gar nicht unter sie gehre! Er hatte sich im letzten Jahre so gnzlich
prussificirt, in Deutschthum eingelebt, da ihm seine Nicht-Zugehrigkeit gar
nicht mehr in Erinnerung lag. Jetzt aber mute er ja seine Entfremdung fhlen,
jetzt wo er auf der Heimreise zum fernsten Ende des Globus von Ungarn eilte.
Also auch dies Idol wurde ihm entrissen; sein Adoptiv-Vaterland, in das er sich
eingelebt, wie in sein eigenes, wandte ihm langsam den Rcken.
    Glckliche groe Nation! Durch nichts vom Glck begnstigt, nur durch eigene
Kraft zur Gre gelangt! Und als Symbol an ihrer Spitze den auferstandenen
Barbarossa, den kaiserlichen Greis, der alle Geschicke Deutschlands von 1806-70
in sich durchkmpft. Und je lter er wurde und je schwerer seine Brde, um so
milder und gtiger wurde sein vterliches Gemth. Wohl war er davon
durchdrungen, da er seine Krone direkt von Gottes Gnaden trage, mehr, als einem
Sohne der Aufklrungszeit gestattet sein mochte. Aber dies Bewutsein, da er
ein Gotterkorener, unterschied sich wenig von dem Bewutsein jedes Heroen, da
ihm eine wrdevolle Mission beschieden sei. Denn nicht zu vererben noch ghnend
abgelehnten Rechten schien ihm die Krone, sondern neu zu erwerben und zu
verdienen durch treue Pflichterfllung des Thronberufes. Demthig fhlte er sich
nur als ein Gef der gttlichen Gnade und jeder persnliche Grenwahn lag
hinter ihm in wesenlosem Scheine. Wrdig und zchtig, ein Kriegsmann des
Allerhchsten, in makelloser Vornehmheit stand er auf seines Thrones Stufen, die
Hand wohlwollend ausgestreckt zum Schirm des Schwachen. Das kleine
durchdringende Auge unter der hochgewlbten breitknochigen Stirn und die
langgedehnte Nase erinnerten an das grte und weiseste der Thiere, welches die
indischen Arier als Gottknig des Thierreichs verehrten: den Elephanten.
    Dem Grafen traten wahrhaftig Thrnen in die Augen, als er zu dieser stillen
Majestt echten Manneswerthes, der sich aus den Schlacken und Beschrnktheiten
seiner Jugend zu immer hherer Reinheit und Gre der Gesinnung emporrang, mit
kindlicher Ehrfurcht aufsah. Welch ein Beispiel fr fieberhaft tobenden
Grenwahn! Hier war einmal ein Mensch, selbstgewi und selbstbewut, aber nie
in Selbstvergtterung verstrickt, unentwegt voll glubiger Demuth, voll frommer
dankbarer Verehrung der unbekannten Mchte, die ihn und die Seinen so weise
gefhrt.

    Es dunkelte. Wie fackeltragende Gnomen tanzten Lichter an beiden Ufern
umher. Krastinik sa allein, neben sich als einzige Genossin eine Flasche
Amannshuser. So heftig er jeden Rckfall in Dichterei verschworen,
unwiderstehlich quoll ihm von bebenden Lippen das Lied:

Ich bin so allein, so ganz allein
Auf der weiten Welt.
Gleichgltig rauscht vorber der Rhein,
Gleichgltig gleit der Sternenschein
Vom Himmelszelt.

Ich bin so allein, so ganz allein
Und mein Herz ist voll.
Verkannt und unverstanden sein,
O nagende plagende Seelenpein,
O bittrer Groll!

Ich bin so allein, so ganz allein,
In die schweigende Flut
Ueber Bord verschtt' ich den letzten Wein
Und schtt' in Gedanken hinterdrein
Mein letztes Blut.

    Leiden sollst Du, Menschensohn, leiden, bis die Pulse stocken. Und doch will
man nicht leiden. Wozu dies Alles, wozu sich immer erneuen in der Erscheinungen
Flucht? Denn ahnen wir nicht, da wir einst gewesen, da wir schon lange
begraben sind? Unfabare Erinnerung einer Seelenwandrung.
    Ein lsterner Falter, gaukeln wir alle unsterblich im flchtigen Schein.
Sind wir das Ewige, das immer neu von Hlle zu Hlle flattert?
    In der uferlosen Fluth des Seins untergehn und weiterwogen - - mit allen
Welten ruhen im Schooe des Alls - mit Vergangenheit und Zukunft lichtgewobene
Brcken schmieden - das allein heit Unsterblichkeit.
    Nach dem unsagbar Einen mag Dich die Sehnsucht umsonst bercken, doch ruhe
in Dir selbst! Wie lange dauert's und Todesruhe drckt ihr bleiches Siegel auf
Deine fiebernde Stirn.
    Schein ist alles Wesen und stumm verlacht uns das Schicksal. Drum trage auch
Du in starrem Schweigen das ewige Einerlei. Schweig und stirb! Halte den Mund
und arbeite! Fhnrich, wenn Er stirbt, so sterbe Er ruhig!
    Wenn Du also denkst, dann werden alle Winde, alle Wellen Dich gren, die
Dich einst als Jngling mit frommem Schauer durchwogt, und brderliche Sterne
erhellen Dir das alte Mrchenland der Sehnsucht.
    Unser Leben ist selbst nur ein Sinnbild des Weltrthsels, das sich langsam
aus chaotischem Urschlamm der Sinneserregungen zum hellen Bewutsein aufringt.
Drum, Dichterherold, streue Deine Verse wie Samenkrner, die der Wind in weite
ungeahnte Fernen fhrt! Die Ernte feiern wir drben, wenn nicht hier. Drum
dresche weiter!
    Und siehst Du auch keinen Spiegel Deiner Strahlen, entznde stets aufs neu
der Weisheit Lampe! So lange ein Acker bleibt, ziehe breit und fest des
Fortschritts Furche mit brennender Pflugschar!
    - - Aber wenn man nun kein Dichter ist, kein Denker, kein Seher, und dennoch
dasselbe Gefhl des Ewigen in sich trgt, ohne ihm artikulirte Laute zu leihen,
was dann? Verfehltes Leben!
    Das Schwanken des Lebensschiffes endet nie und die Seekrankheit des
Pessimismus hebt immer von neuem an. Nur der sturmgehrtete Seemann schwingt
sich furchtlos in den gefhrlichen Raaen. Nur eine eigenthmliche Hoheit der
Willenskraft, nmlich ideale Kampflust, macht furchtlos und fest, wie die
feiende Feder des Simurgh den Rustem vor jeder Fhrni schtzt.
    Gewann er denn nicht lange schon die Einsicht, da knstlerische Thtigkeit
fr Hherdenkende ein entehrender Humbug und nur fr technische Kunsthandwerker
erfreulich sei? Im Wirken solcher Art Befriedigung suchen, das lag ja heut lange
hinter ihm. Ihm duchte, sein kurzes Herumpltschern im litterarischen Sumpf sei
wohl nur ein wster Traum gewesen. Was fr ein Gackern und Schnattern und
Truthahn-Kollern, mein Gott!
    Auch gegen Leonhart wurde er jetzt ungerecht durch natrliche Reaction,
whrend dem groen Todten immer noch Weihrauchdmpfe aus den Spalten aller
bedruckten ffentlichen Meinung nachqualmten. Es giebt eine strmische
Vergtterungsmanie selbstschtiger Jngerschaft, die an Petrus' Zweifelzorn
darber erinnert, da Christus sich nicht der Kanaille mit Donner und Blitz
enthlle! Solche Jnger und Jngerinnen transfiguriren sich ihren Meister so
zurecht, bis sie vor lauter selbstloser Bewunderung recht selbstschtig
raisonniren, sobald der Meister mal nicht den Anforderungen ihrer schrankenlosen
Begeisterung gengt. Dem Bedrfni der Jnger gehorsam, mu er immer auf dem
Quivive stehn, um beliebige Messiasthaten zu verrichten. Und der Knig absolut,
wenn er uns den Willen thut. Gott schtze ihn vor seinen Freunden, mit seinen
Feinden wird er schon selber fertig.
    Drum sah jetzt Krastinik, nachdem ihm die Schuppen von den Augen gefallen
und er sein umgekehrtes Damaskus gefunden, nur einen genialen Charlatan und
krankhaften Bramarbaseur, wo er einen verzerrten groen Mann bedauern sollte.
Mochte ihm Leonharts ewige Selbstbetrachtung widerlich geworden sein, er verga
darber dessen Umgebung, das scheuliche Ungeziefer des modernen
Kunstproletariats. Entweder Parnassauer, die es fr ihr heiliges Recht halten,
auf Kosten der ehrlichen Arbeit faul zu schlampampen und ihre Unfhigkeit
fortzumsten - oder Macher, die ihr kleines Dichtergeschft in hellen und
dunkelen Stoffen wie die Goldne Hundertzehn annonciren. Krastinik wute ja, wie
nur verzweifelte Nothwehr den Unglcklichen dazu trieb, seine Schpferruhe zu
opfern, um mit der Peitsche die Zllner und Wucherer aus dem Tempel zu jagen.
Wozu also jetzt sein posthumer Groll ber die Selbst-Herabschraubung seines
Idols, das im Tagesgetmmel sich herumraufte, sich mit Koth bespritzen lie und
selbst mit Kothballen um sich warf? Graf Leonhart htte das ja gewi nicht
nthig gehabt und seine hehre Mission ohne Furcht und Tadel erfllt. Seine
Fehler waren die Frchte seines niedergedrckten Lebens und seiner berechtigten
Menschenverachtung, seine Tugenden waren sein eigen.
    Doch diese Reaction eines neuen Standpunktes diente als heilsame Krisis. Das
Stadium der persnlichen Hero-Worship war hiermit endgltig berwunden.

                                      VII.


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    Seit acht Tagen sa Graf Xaver Krastinik, der neugebackene Vormund des
unmndigen Majoratsherrn, auf dem Schlo seiner Vter. Die gnzliche Umwandlung
seiner Lebensverhltnisse berraschte ihn kaum mehr. So mrchenhaft reich an
Schicksalsschlgen war sein frher so eintnig ruhiges Leben in den letzten zwei
Jahren verflossen, da die Nachricht, welche ihn in Siebenbrgen empfing, ihn
kaum befremdete. So eilig er dem Heimruf gefolgt, war er zu spt gekommen. Sein
Bruder hatte bei dem Sturz mit dem Pferde so schwere innere Verletzungen
davongetragen, da er drei Tage darauf starb, ein kraftstrotzender Mann in der
Blthe seiner Jahre. Da er seit Jahren Wittwer, setzte sein Testament naturgem
seinen Bruder zum Vormund der beiden hinterlassenen Kinder Graf Koloman und
Comtesse Julie ein. So berkam Xaver die Verantwortung und Pflicht, den
ausgedehnten Familienbesitz noch neun Jahre als Vormund zu verwalten.
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    Neun Jahre hier verbauern! Es fiel ihm unendlich schwer, sich an diese
Aussicht zu gewhnen und sich auch nur fr's erste behaglich einzurichten.
    Das Gefhl der Behaglichkeit lt sich nicht erzwingen: Es ist einfach da
oder nicht. Ein ganz gesunder Mensch fhlt die Existenz selbst als Genu.
    Durch andrer Warnung wurde noch nie ein Mensch gebessert. Man mu sich
selbst erziehn, indem man aus eigner Erfahrung fr alle Dinge bezeichnende
Formeln findet.
    Die Strafe der widerwrtigen Abhngigkeit von Auendingen bleibt niemals
aus. Nur das Innere bleibt fehlerlos, whrend die Auenwelt unaufhrliche Fehler
birgt. Geistige Arbeit scheint einzige Rettung, indem sie ganz ber die
Auendinge hinweghilft.
    Aber wo entsprechende geistige Arbeit finden! Denn diejenige des
sthetischen Dilettantismus entwrdigt einen mnnlichen Geist.
    Krastinik warf sich schon seit geraumer Zeit auf Naturwissenschaften, wozu
die alte wurmstichige Bibliothek seines Schlosses ihm ausreichende Mittel zu
gewhren schien. Allein, nur unter dem bildungsdurstigen Geschlecht Ende des
vorigen, Anfang dieses Jahrhunderts, hatte man dieselbe bereichert und so fand
er denn hauptschlich franzsische und englische Werke dieses Genres aus der
Blthezeit der ersten Periode des modernen Materialismus, whrend die sptere
Metaphysik der Deutschen durch Abwesenheit glnzte.
    Er studirte die Encyclopdisten, das berhmte System der Natur Holbachs
und Ueber den Geist von Helvetius.
    Gedanken? Eine Fhigkeit, Eindrcke zu empfangen und sich derselben
hinterher zu erinnern, welche wir mit jedem thierischen Lebewesen gemein haben.
Das Gedchtni, vielleicht die wichtigste Grundlage hheren Geisteslebens, mu
als ein bloes Organ Physischer Empfindung und das Urtheil auch nur als
Empfindung betrachtet werden. Juger n'est proprement que sentir. Was sind also
Pflicht, Tugend und all diese schnen Worte? Man prfe ihr Verhltni zu den
Sinnen, inwieweit sie physische Lust erregen. Laster und Tugend sind also nur
das Ergebni unsrer Leidenschaften und diese richten sich nach der physischen
Reizbarkeit fr Schmerz und Lust. Nur so entstand der Sinn fr Gerechtigkeit,
indem aus Schmerz und Lust das Gefhl des allgemeinen Interesses erwuchs,
welches man schtzen wollte. Freundschaft erklrt sich nur aus dem Interesse,
unsre Lust zu vermehren oder unsern Schmerz durch Theilnahme zu mindern. Den
Ruhm erstrebt man lediglich wegen seines Vergngens, respektive wegen anderer
Vergngungen, die man aus seinem Besitz erhofft. Das Gute um des Guten willen zu
lieben ist eine Chimre, das Bse um des Bsen willen zu wollen ist unmglich.
Was wir sind, dazu macht uns nur die Auenwelt.
    Aehnlich die Analyse der menschlichen Fhigkeiten, welche Condillac in
seiner Abhandlung Ueber die Empfindungen versucht. Empfindung sei nichts als
Eindruck uerer Einwirkungen. Reflexion sei nur Sensation, ein Kanal der
Vorstellungen, welche aus den Sinnen allein sich herleiten. Unsere
Aufmerksamkeit auf irgend einen Gegenstand ist nur die Empfindung, die uns
dieser Gegenstand erregt. Und Vergleich zweier Gegenstnde ist nur doppelte
Aufmerksamkeit, nicht etwa eine Folge der Aufmerksamkeit, also ist das Urtheilen
, was bereits im Proze des Vergleichens liegt, auch nur das Aufmerken einer
Empfindung. So entsteht das Gedchtni als ein ungeformter sinnlicher Eindruck
und Einbildungskraft leitet sich wieder vom Gedchtni her, indem erstere das
Abwesende als gegenwrtig empfindet. Daraus folgt dann der berraschende Schlu:
Die Eindrcke der Auenwelt auf uns verursachen nicht die Geistesthtigkeit,
sondern die Eindrcke selber sind diese Geistesthtigkeit.
    Dies sind die Lehren, welche einerseits zur Befreiung der Menschheit von
verrotteten Mibruchen, andrerseits zur rohen Entfesselung der Materie trieben.
Die vllige Unterordnung der sogenannten Innenwelt unter die Auenwelt drngte
zur ausschlielichen Vergtterung der Natur, also zum Studium und zur alleinigen
Herrschaft der Naturwissenschaften. Nicht das Wahre, Gute und Schne suchte man
zu erforschen, sondern Wrme, Licht und Electricitt. Diese heilige
Dreieinigkeit erschien als der neue Gott begriff, zu dem man betete. Die Gesetze
der Strahlung, der Wrmeleitung, der doppelten Brechung, der Polaritt des
Lichtes, die Undulationstheorie, wurden gefunden. Diese Entdeckungen ber
unsichtbare Theile der Natur blieben freilich bis heute in gewissem Sinne
unvollkommen. Denn das Geheimni scheint schwer zu lsen, ob dieselben eine
materielle Existenz haben oder ob sie blo Zustnde andrer Krper sind. Die
Verbindung von Kraft und Materie, welche anfangs der dynamischen Theorie von
Leibnitz im Weg zu stehen schien, schliet an sich die Existenz einer Materie
ohne krftegebende Eigenschaften aus. Hier zeigt sich allerdings die
Unmglichkeit, da die Struktur des menschlichen Gehirnorganismus ausreicht, um
solche immateriellen Begriffe zu begreifen. Hier steht er gleichsam einer
Innenwelt der Auenwelt gegenber. Unerschrocken warf sich daher der
franzsische Geist nunmehr auf die greifbaren Theile der Natur. Die Chemie
experimentirte sich neue Gesetze zurecht, welche die Eigenschaften der Natur
beherrschen, durch das Studium der molecularen Zusammensetzung der Atome.
    Auch ber diesen wichtigsten Zweig moderner Wissenschaft suchte sich
Krastinik zu belehren, wo er ber Lavoisier, den Grnder der wahren Chemie,
Aufschlsse fand - betreffs der Oxydation der Krper und ihrer Verbrennung,
sowie der Function der Nahrungsmittel -, welche ihn zu dem heutigen Stand der
Chemie - betreffs der Verbindung chemischer und elektrischer Gesetze -
hinberleiteten.
    Damals gewann auch die Geologie ihren ungeheuren Aufschwung, die
Wissenschaft der rtlichen Gesetze, der terrestrischen Einrichtung der Massen.
Buffon entnahm aus Anregungen von Leibnitz und Descartes die Vorstellung von der
Centralhitze, welche schon die Pythagorer und Zoroaster geehrt. Dann kamen eine
Reihe von Geologen, welche den Begriff des allgemeinen Wechsels auf der
Erdoberflche darthaten, jenen ewigen Flu der Dinge, von welchem schon
Herakleitos der Dunkle sprach. Jetzt begann man die organischen Ueberbleibsel zu
studiren. Man erkannte den Zusammenhang der Existenz der fossilen Thiere mit den
Medien, in welchen sie gefunden wurden. Der groe Cuvier verband die Forschung
ber die unorganischen Vernderungen der Erdoberflche mit derjenigen ber die
organische Vernderung der Thiere, die auf dieser Oberflche gelebt. Die
Deutschen hatten die primren (Gneis), die Englnder die secundren Formationen
untersucht, die Franzosen entdeckten die tertiren Strata, in welchen man
bereits Sugethiere, die dem gegenwrtigen Zustande hnlich, fand. Die
angeblichen Patriarchenknochen und Hnengebeine wurden als Reste fossiler Thiere
dem Studium der Anatomie unterworfen. Und jetzt verbreitete sich die allgemeine
Verehrung Darwins, die Lehre von der unbeirrten regelmigen Entwickelung.
    Hier erschlo sich dem Geiste des einsamen Gottsuchers ein so unendlicher
Horizont, da er erschauernd und gleichsam athemlos innehielt. Erst allmhlich
begann er jetzt, an der leitenden Hand neuster Forscher, die. ganze Gre dieser
Wahrheiten zu erfassen. Die Astronomie ist lngst im Stande, wichtige
planetarische Ereignisse viele Jahre vorherzusagen. Und werden nicht einst unsre
Vorhersagungen in andern Dingen ebenso genau eintreffen, sobald die gesammte
Wissenschaft hnlich fortschritt? Gleichfrmige Regelmigkeit in allen
Naturbewegungen - welch ein unergrndliches Gebiet der Spekulation! Lange ehe
Menschen waren, lange ehe dieser Planet sich geformt, herrschte die gleiche
unerfaliche Ordnung.
    Nun drang auch die Zoologie durch vergleichende Anatomie in das Zellengewebe
des menschlichen Organismus ein und grndete erst die eigentliche Physiologie,
wozu nunmehr auch die Botanik beitrug. Man erkannte das Doppelleben des
Menschen, das organische und das animalische. Ersteres, welches er mit der
Pflanze gemein hat, bedingt Erschaffung und Zerstrung, nmlich: Verdauung,
Circulation, Ernhrung - Ausathmung, Ausdnstung, Verbrennung. Von dem
Thierleben aber leitet er Bewegung, Gefhl und Urtheil her, d.h. Bewutsein. Die
Organe dieses thierischen Lebens sind absolut symmetrisch und smmtlich doppelt,
die des pflanzlichen Lebens hingegen auerordentlich verschieden und an sich
einzeln. Das Pflanzenleben schlft nie in uns. Die doppelten animalischen Organe
aber gestatten uns zu ruhen und abzuwechseln, und gerade hierdurch verbessern
und entwickeln sich allmhlich die Functionen, vom ersten Naturschrei des Kindes
bis zur ausgebildeten Gedankensprache.
    Selbst die Mineralogie drang jetzt zu den glnzendsten Resultaten vor, indem
sie sich mit der Geometrie verknpfte und alle Abweichungen der Symmetrie der
mathematischen Berechnung unterwarf. Die wunderlichsten Formen erschienen von
jetztab als natrliche Entwickelungsfolgen. So giebt es also in keinem Reich der
Natur die Mglichkeit einer Unordnung und alles, was geschieht, steht unter
festen Gesetzen. Und dies Prinzip mute man nun wohl oder bel auch auf das
Geistige an wenden. Die Abweichungen des menschlichen Geistes, z.B. der Wahnsinn
und das Genie, werden von eben so unfehlbaren Gesetzen bestimmt, als der Zustand
der todten Materie. Unter gewissen Bedingungen tritt das Phnomen des Genies
oder des Wahnsinns unausbleiblich ein.
    So wird man das Materielle und Immaterielle im zwanzigsten Jahrhundert im
Studium zu verknpfen lernen, wovon wir heute noch entfernt sind. Der
Zusammenhang dieser naturwissenschaftlichen Forschungen mit der socialen
Emprung, welche man die Groe Revolution nennt, lag aber klar vor Augen in der
allgemeinen Sehnsucht nach Verbesserung und Unzufriedenheit mit der frheren
Stagnation. Wie und zeigen sich nicht genau die gleichen Symptome heut am Ende
des neunzehnten Jahrhunderts?
    Wenn im siebzehnten Jahrhundert Baco, Descartes und Newton die wechselnden
Erscheinungen auf bestimmte Prinzipen von Ordnung zurckfhrten und das
achtzehnte Jahrhundert diese gefundenen Prinzipien auf das materielle Universum
im Ganzen anwendete, so versuchten die groen deutschen Denker diese Prinzipien
auf die Geschichte des menschlichen Geistes auszudehnen und zu vollstndigen
Allgemeinbegriffen ber den Fortschritt des Menschengeschlechts zu gelangen.
Allein, dies gelang ihnen nur unvollkommen oder gar nicht, weil sie die Anregung
in Herder's Philosophie der Geschichte, historische Drehungsgesetze zu
entdecken, oberflchlich vernachlssigten. Sie wandten sich vllig der rein
metaphysischen Spekulation zu und verlieen das neubegrndete philosophische
Geschichtsstudium, welches sie zu pragmatischer Spezialgeschichtsschreibung und
nchterner Quellenforschung herabdrckten.
    Und doch sollte es der Endzweck jeder Forschung sein, aus Vergangenem die
Zukunft vorherzusagen. Groe Ereignisse entspringen keineswegs aus kleinen
Ursachen, wenn auch vielleicht aus kleinen Bedingungen. Ereignisse der
Menschengeschichte unterwerfen sich denselben Bedingungen wie Chemie und
Geologie. Jede Erscheinung mu verursacht werden durch etwas, was in ihr vorgeht
oder was auer ihr vorgeht. Ersteres mu sich durch ihre Zusammensetzung,
letzteres durch ihre Lage erklren lassen. Selbst die geheimnivollen groen
Lichtkrfte, welchen in der Menschengeschichte wohl gewisse immanente Ideen
entsprechen, wird man so analysiren knnen.
    Wenn der englische Denker Locke noch die abgesonderte Existenz einer
Reflexionskraft behauptete, durch welche die Sinneseindrcke benutzt wrden, so
gingen die schottischen Denker, welche jene denkwrdigste Epoche des
Menschengeistes zeitigte, schon so weit, eine sittliche Anlage jedes Menschen
als ursprngliches Prinzip anzunehmen. Schon bald wurden diese deductiven
Transcendentalisten verdrngt durch die Grndung der politischen Oekonomie. Adam
Smith stellte den Satz auf, da die Gesetze, nach welchen wir unser Betragen
richten, nur durch Beobachtung des Betragens anderer erlangt werden. Wenn wir
einsam lebten, knnten wir weder Verdienst noch Recht von seinem Gegentheil
unterscheiden. Wir unterrichten uns hierber, indem wir uns an die Stelle der
Andern versetzen. Aus dieser allgemeinen Vorstellung entstammt die allgemeine
Sympathie. Diesem Mitgefhl entspringen nun smmtliche Handlungen, gute und
bse. Und im Mitgefhl, obschon es ein ideelles Vergngen bereite, lge dennoch
kein Gran von Selbstsucht. Als Ergnzung aber dieser Theorie der sittlichen
Gefhle sprang Smith auf das gerade Gegentheil ber, indem er nunmehr in seinem
grandiosen Werke vom Nationalreichthum nur die Selbstsucht als Motor annimmt.
Jeder folge nur seinem eignen Interesse und frdere hierdurch, ohne es zu
wollen, das Interesse andrer. Der persnliche Wunsch, den jeder Einzelne fhlt,
seine Lage zu verbessern, bringt die Gesellschaft im Ganzen vorwrts. Jetzt
wurde die groe Idee der Nothwendigkeit auf das sociale Leben angewandt. Man
erkannte Arbeitslhne als unvermeidliche Folge der Verhltnisse gegen welche die
Wnsche aller Einzelnen oder des ganzen vierten Standes ohnmchtig, das sptere
eiserne Lohngesetz nach Angebot und Nachfrage. Man ahnte die Theorie der
Pacht, wie Malthus und Ricardo sie spter ausbauten. Dann kamen Hume's Theorien
von der Ideenassoziation und vom Causalnexus und von der Ntzlichkeit als
einzigem Grundpfeiler der Moral. Diese genialen Geister verachteten jedoch die
blo compilatorische nchterne Thatsachenanhufung als Grundlage, sie mitrauten
der Statistik und hielten die Ideen fr so viel wichtiger als Thatsachen, da
erst Ideen vorangehen mten, ehe man berhaupt die Thatsachen beobachte. Reid
und Black wandelten fort auf hnlichen Gleisen, wie denn spter Watt die
Dampfmaschine nicht aus Thatsachen-Experimenten, sondern aus der Spekulation
ber Black's Gesetz von der latenten Wrme, angewandt auf die Verbindung von
Luft und Wasser, also aus einer Idee heraus erfand.

    Graf Xaver Krastinik, dies Enfant terrible seiner umliegenden Drfer und
Standesgenossen, schlo sich vllig von der Welt ab und studirte ununterbrochen.
Muthig hieb er sich lichte Bahn durch das Dickicht seiner Unwissenheit.
    So drang er denn allmhlich in das ganze Geheimni der inductiven Methode
ein, welche auch das Kunstprinzip des Realismus leitet.
    Hier lernte er jene Deklamationen einer deductiven Weltanschauung verachten,
von welcher im Grunde alles uerliche Scheintreiben der Menschheit bestimmt
wird. Angenommene Voraussetzungen als hchste Prinzipien aufstellen und
dialektisch verfechten - darin besteht das wahre System des hohlen gedankenlosen
Weltgetriebes. Ob der Metaphysiker oder der Zeitungsjournalist, der Pfaffe oder
der Soldat, - jeder whlt sich ein beliebiges traditionell berkommenes Prinzip
und argumentirt daraufhin sein Lebenlang, ohne dessen Gehalt zu prfen. Der
theologische Gott, Staat, Autoritt, Ehre, Freiheit, - alle solche Begriffe
werden zu unntzen Kinderklappern, mit denen die thrichte Menge ihr Gehirn
betubt.
    Indem er mit verzweifelter Kraftanstrengung sich der Lectre philosophischer
Naturwissenschaften ergab, durch Chemie, allgemeine Physik und Physiologie
langsam zu den Ergebnissen der neusten Epoche unter Liebig, Darwin, Helmholtz,
Dubois-Reymond vorrckte, begann sein spekulativer Geist, der nie
dichterisch-gestaltend, sondern didaktisch seine Anschauungen vollzog,
allgemeine Schlsse aus nchternen Thatsachen zu ziehen. Die Theorie des
Kraftwechsels und die zunehmende Darlegung der Thatsache, da berhaupt nichts
unregelmig, gestrt oder dem Naturgesetz zuwider sei, beruhigte ihn ber die
scheinbare Wirrung und unlogische Ungerechtigkeit menschlicher Schicksale. Die
Theorie des groen Pathologen Hunter, betreffend die innere Balance des
Mitgefhls zur Thtigkeit, erffnete dem einsamen Wahrheitsucher seltsame
Schlsse, worunter der vornehmste: da Passivitt weder der Menschennatur
entspreche noch zur Tugend werden knne, da nur Thtigkeit das Mitgefhl
frdert.
    Damit fiel sein Wunsch, sich einsam einzubuddeln ber den Haufen. Selbst
das heilige Licht, das uns Lebensbedingung, ist ja Bewegung. Wrme ist Licht in
Ruhe, Licht ist Wrme in reiender Bewegung. So ist Genie vielleicht nur eine
Metamorphose der stillen vorbereiteten Wrme seiner Zeitumgebung.
    Ob nun die deutschen Geologen wie Buch und Humboldt sich an Werner's
Wassertheorie oder die Briten sich an Hutton's Feuertheorie ber Entstehung und
Vernderung der Erde anschlossen, berall wurde den groen Urkrften der Natur
sorgsam nachgestellt. Nur die neptunischen und plutonischen Urkrfte, die im
Geistesleben der Natur, also der Menschheitsgeschichte wirken, blieben verhllt
wie zuvor. Man vermochte die vulkanischen Krfte der franzsischen Revolution
noch immer nicht nach ihrer Gattungsart und ihrer inneren geologischen Lage
genau in ihre Bestandtheile aufzulsen.
    Und doch lehrt jene groe Auffassung, welche die Unzerstrbarkeit der Kraft
und die Unzerstrbarkeit der Materie zugleich erfat, welche die geringste
Bewegung des kleinsten Krpers in weitester Ferne als Ursache ewiger Folgen
erkennt, wunderbare Schlsse auch ber die Menschenentwickelung. Ja, die
Erhaltung oder Beharrlichkeit der Materie-Kraft, wie sie Herbert Spencer in
seinen First principles bereits in die abstracte Philosophie einfhrte,
scheint gewi nur ein greres allgemeines Vorbild der Geistkraft-Erhaltung, so
da nichts im Haushalt des Menschendaseins umsonst geschieht und kein Krnchen
von der groen Gesammtheit getrennt werden kann, ohne den ganzen Bau zu stren.
Hierdurch wird das Gejammer ber jegliches persnliches Leid zur Narrheit, da es
ja zur Gesammtordnung mitgehrt, zugleich aber auch die Ueberhebung jeder Gre
ein eitler Wahn, da alles Existirende in gleichem Mae dem groen Endzweck
dient.
    Der Baum der Erkenntni ist nicht der des Lebens, wohl wahr, wenn man das
thrichte Sinnenleben im Kampf ums Dasein meint. Wohl aber pflckt man von
diesem Baume eine se Frucht, welche gotthnlich macht und doch gerade durch
diese gotthnliche Milde jeden Grenwahn fr immer zerstrt.
    Denn das eigentliche innere Wesen des Grenwahns ist die Selbstsucht, eine
tollgewordene Selbstsucht, die mit einer Art Farbenblindheit nichts sieht als
sich selbst und mit neidischem Ha alles verfolgt, was auer ihr selber
existirt. Diese Neidwuth zhmt sie nur dann, falls irgend ein augenblicklicher
Vortheil von dem andern Object zu erwarten scheint. Ein Grenwahn, der fr
Verdienste auer ihm berhaupt noch ein Auge hat, verliert schon seinen
eigentlichen Charakter. Selbstbewutsein und Grenwahn, sind gar verschiedene
Dinge.
    In den Augen der modernsten Wissenschaft bleibt vom Menschenthum nur brig -
ein boshafter Affe. Das ist falsch. Es giebt viele schlechte Kerle, deren
Lebensgenu im Bsen besteht, wre es auch nur im bsen Maul, das jedes Edle und
Groe zu ihrem eigenen Niveau herabzerrt. Allein, es mangelt auch nicht an
gutartigen Naturen, deren Egoismus, diese natrliche Spiralfeder aller Dinge,
sich liebevoll snftigt und allem Lebenden freundlich gegenber tritt. Traurig
genug, da die klare Erkenntni, nur Selbstlosigkeit bedinge das wahre Glck,
den dmonischen Trieb zur Selbstsucht auch beim Weisesten und Besten nicht zu
brechen vermag.
    Hufig kann die gemthloseste Streberei und wthendste Eitelkeit
entschuldigt werden durch die unglcklichen Verhltnisse eines von der Natur
stiefmtterlich Behandelten oder von den Menschen Mihandelten, dessen Energie
sich an Natur und Menschen zu rchen sucht. Dies gelingt freilich um so
leichter, als die Menschen, soweit es ihre eigene Selbstsucht erlaubt, selten
der Bonhomie entbehren und gern einem fleiig Ringenden Raum gnnen, - ohne die
Misanthropie eines solchen nervsen Irren durch dies Entgegenkommen zu ndern.
    Allein, wenn die Menschen auch keineswegs der guten Instinkte entbehren, so
mangelt ihnen dafr gnzlich der ideale Instinkt. Man kann ein guter Mensch sein
und doch unheilbar in alles Materielle verstrickt bleiben, wodurch denn
zuguterletzt auch nur selbstschtige Motive entstehen. Man kann ein bser
despotischer Mensch sein und doch sich zum Idealen erheben, wodurch denn
trotzalledem eine allgemeine Immaterialitt, also Selbstlosigkeit, sich erzeugt.
Aus diesem Grunde verwirft der brbeiige Carlyle alle sogenannte Philantropie.
Der finstre Dante, als er einsam die Divina Comedia fr die Menschheit schrieb,
habe eine viel wichtigere Philantropie gebt.
    Aber gerade diesen Standpunkt wird die Alltagsherde nie verstehen und nie
begreifen, da ein dem Idealen geweihtes Wesen, dazu bestimmt, dem unirdischen
Reich des Ewigen zahllose neue Jnger zu gewinnen, gnzlich auerhalb der
gewhnlichen Alltagsgesetze steht. Denn das wahre Sittengesetz wird es ja
ohnehin nie verletzen. Weil etwa Leute sich einer sogenannten Wohlthtigkeit
befleiigen, was denn auch auf ihr sonstiges Interessen-Kerbholz von der
glubigen Welt angekreidet wird, bewiesen sie noch keineswegs ihr Freisein von
der Knechtschaft des starren Ich. Aber ein Mensch, dessen Geist sich
unmateriellen Sphren vllig ergab und sein ganzes Sein auf idealen Zielen
aufbaute, mu innerlich frei sein von allen Schranken der Sinnenwelt, bleibt
daher jeder wahren Ichsucht fern, selbst wenn er seine Mitmenschen als bloe
Zahlen behandelt oder gleichgltig ihre verchtlichen Leiden und Freuden flieht.

    Mit berwachtem berarbeitetem Gehirn wanderte der Graf eines Morgens bei
Tagesanbruch hinaus, weit hinaus ber Feld, dem nchsten Bergwalde zu.
    Die Sonne tauchte hinter den smaragdgrnen Baumwipfeln hervor. Eine
schmeichelnde Wrme rieselte wollstig durch alle Poren der Lebewesen. Von
leisem Windhauch gelutet, schwangen sich die Blthenglckchen der Zweige hin
und her und berschtteten die Vorbergehenden mit feinem silbernem Sprhregen.
    Wie ein Lmmlein mit Rosaband und Glckchen, sprang hier der rosenbestandene
Bach dahin, kletterte ber Felsenkniee, wlzte sich in der Blumenau und lie
seine glockenhelle Melodie ertnen. Aber die Rosen waren jetzt verwelkt und
welke Bltter raschelten umher, Vorboten der weien Schneebienen des Winters.
Wie ein Adler, der noch auf hchster Firne rastet, ehe er ins Reich der Wolken
strebt, - schien die Sonne noch mit dem ersten Glhen ihrer Schwingen auf den
Giebeln der Felsburgen zu rasten.
    Die Landleute begannen eben ihre Arbeit.
    Heiliger nhrender Opferdienst der Erde! Der alten vergessenen Natur
rettendes Sinnbild bist du, o Pflug, der willige Aecker durchfurcht! Zufrieden,
wenn man die Frucht eurer Mhen euch mit kargem Lohne zahlt, verachtet ihr den
hohlen Prunk der Stdte, ihr Pflger mit schwieliger Faust und sonnerbrannter
Stirn!
    Droben in der lichten Blue und ber den Feldern tirilirte es. Wie eine
klanggewobene Jakobsleiter stieg vielstimmiger Vogelsang himmelan und
himmelherab. Unbewut sang seine Seele mit in rhythmischen Lauten:
    Lerche, aus Wolken schwang sich an mein Ohr dein Sang! Liebe beseelt ihn und
hat ihn gelehrt! Giet wie ein Sonnenstrahl Licht ber Berg und Thal! Dein Lied
lebt im Himmel, dein Lieb auf der Erd! Hoch ber Wald und Moor, Wiese und Dorf
empor, ber der Morgensonne Erglhn, ber der Wolke Rand, des Regenbogens Band,
Herold des Tages, hinflatterst du khn!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Er warf sich ins Gras und lauschte dem schrillen Zirpen der Grasmcken und
dem Vogelzwitschern in den Fichtenzweigen. Ein Paroxismus knabenhafter
Sehnsucht, eine mystische Brunst, befiel seine Knstlernatur. Er zerri die
keuschen Grser mit den Zhnen, und schlrfte den Thau vom jungen Kleeblatt, wie
trunken von corybantischer Attis-Begier. Er htte, ein neuer Pygmalion, den Fels
umarmen mgen, aber der blieb kalt, todt, steinern. Unwillkrlich umschlang er
den Baum, unter dem er lag, aber dessen Rinde blieb trocken und starr und die
Tropfen des Fichtenherzes, die aus den drren Spalten quollen, waren kein warmes
Blut, keine Thrnen der Gegenliebe. Die Weltkraft, die alles durchdringt und
besiegt, htte er leibhaftig ans Herz reien und mit ihr ringen mgen, Herr
werdend durch der Liebe Riesenwollust.
    Tief unten im Grunde dufteten die Blthen. Geister des Friedens entstiegen
den Kelchen. Aus Felsenspalt entstrmte leise, wehmthig lispelnd, des Wildbachs
Helle. Ach, brach nicht, wlzend die Welle der Thrnen, aus seinem Herzen der
Bach Erinnerung?
    So weit sein Auge gen Himmel starrte, unendliche Wlder, felsenbeschattet.
Erschauernd sank er ins Riedgras nieder, ber ihn rollten die weichen Wogen.
Rings abgeschlossen! Kein Pfad der Hlfe! Da - fern vom Gipfel winkte ein -
Kreuz.
    Ein Kreuz - wiederum durchzuckte es den einsamen Mann. Memento mori! Sollte
er nicht Ernst machen mit der Entsagung des Lebens?
    Wieder tnten Leonharts Worte in ihm wieder, da nur im Kloster das Glck
wohne.
    Aber fr wen? Doch fr den Glubigen? War er denn glubig? O nein, wie lange
entwich ihm der kindliche Glaube der Vter! Nicht ihm blieb jene
Erlsungssehnsucht, die aus den Wunden Christi mit mystischer Brunst die
Gewiheit ewigen Lebens schlrft.
    Er erinnerte sich jenes Gesprches ber Semiten-und Christenthum, das sie
einst gefhrt. Einen semitischen Cultus hatte Leonhart den Katholicismus
genannt, ohne aber eine Begrndung zu geben, indem er zu der These absprang, da
in seiner ersten Gestalt das Christenthum rein arisch gewesen sei. Jetzt glaubte
Krastinik jene Andeutung zu verstehn. Die indisch-baktrischen und griechischen
Elemente der christlichen Kirche hatten sich im Orient erhalten, als
byzantinische Kirche ausartend, als Arianismus sich reiner ausbildend, indem die
Menschlichkeit Christi festgehalten wurde. Gerade auf den rmischen Bischof aber
hatten sich die jdischen Zusatzmischungen bertragen und fortgemodelt: Ein
selbstschtig ausschlieender Jehova-Cultus, eine Intoleranz pharisischer
Selbstgerechtigkeit. So entfernte sich die christliche Kirche unter der
Hohepriester-Hierarchie Roms immer weiter von ihrer demokratischen Form
communistischer Gemeinden und bildete sich zu einer groartigen Staatskirche
aus, welche alles geistige Leben mit unentrinnbarem Netz umstrickte und in ihren
Dienst zwang. So mute roher Gesetzesglaube und selbstgerechte Werkheiligkeit
das echt jdische Wesen dieser neuen katholischen Religion bestimmen. Nur eins
blieb demokratisch in diesem blinden Staatscultus starrer Autoritt: Die
Gegenberstellung der Geisteskraft wider das rohe Ritterthum und die physische
Allmacht des Feudalsystems, hier wo jeder Bauer es bis zum Papste, zum
Oberhirten der Christenheit, bringen konnte, gleich dem Zertrmmerer der
irdischen Staatsgewalt, dem groen Gregor.
    Aber diese Zeiten sind lange dahin. Dies unsterbliche historische Verdienst
der rmischen Kirche, neben welcher der Protestantismus als ein zwerghafter
Parven erscheint, liegt seit Jahrhunderten in andern Hnden - denen eines neuen
Kirchenordens, dessen Werkzeug die Feder, dessen Wunderbeglaubigung das Wissen.
    Kirche, Religion! Was fr leere Worte heut, Gespenster lngst entschwundener
Wesenheiten!
    Wir glauben all an einen Gott - an das Gold und das Ich.
    Ich heit der Dmon, welcher heut die Welt zu einer groen Irrenanstalt
verengt. Dieser Geist der All-Verneinung und Ich-Vergtzung ist der Geist des
Widerspruchs und der Lsterung, dessen jammervollem Wahnsinn man schweigend wie
dem Grenwahn eines Irren nachgeben mu. Und dieser Gtzendienst empfngt
seinen strksten Giftstoff aus der Kirche, dieser Brutsttte der
Selbstheiligkeit.
    Unfehlbarkeitsdogma! Dies sndhafte Vermessen einer sclavischen
Selbstanbetung, der Grenwahn eines Ich-Sclaven (und welch ein sndiges Ich
gerade dieses!), um den Grenwahn der sclavischen Thorenmenge wider die
Ketzerei hherer Gesittung noch mehr zu stacheln! Ja, das Unfehlbarkeitsdogma
fehlte gerade noch, um den unheilbaren Grenwahn dieser Fortschritt-Epoche zu
brandmarken. - -
    Nein, das Kreuz konnte einen Mann wie diesen nicht mehr erretten, nicht
das Kreuz der Kirche. Doch vielleicht ein anderes? Das Kreuz, welches wir alle
tragen? -
    Er sann und sann - - -
    Ist der Tod nur ein Durchgang, ein Isthmus zweier Ewigkeiten, so wre der
Tod, vor dem wir schaudern, minder schreckhaft als dies Dasein, das wie ein
Wolkenschatten dahingleitet im unermelichen Raum. Aefft uns der Tod wie das
Leben, dies Marionettenspiel? Und das All um uns her - ist das fest? Schwanken
nicht seine Grundpfeiler, verschwimmt nicht alles ineinander, ist es am Ende
auch nur eine Vision der getuschten Sinne, eine Wstenmirage geblendeter Augen,
eine Wahnvorstellung?
    Wenn aber das Dasein und die Natur unwirklich, - was bin denn ich als Ich
und was ist Gott? In ihm leben, weben und sind wir. Auch nur eine Vorstellung?
Ist er doch berall. Mein Ich und Gott - verschwimmt das auch ineinander?
    Oder sind Natur und Gott ein Gegensatz? Entstand die Welt, indem Gott sich
selbst verlor? Und wenn so Gttliches von Gott abfiel, soll es zu ihm
zurckkehren? Oder stieg aus dunkeln Urtiefen der Gotteskeim selber empor, so
da Gott nichts ist, als die Spitze und Frucht der Natur?
    Und wie stehen wir selbst zu diesen groen Gewalten? Hngen wir mit Gott
zusammen, so dienen wir nur als niederes Gef seiner Gnade. Das heit dann
Christenthum. Wie, ich Mensch, der ich nichts der gttlichen Gnade verdanke?
dessen Gedanke nichts ist, als der Sohn meiner eigenen Arbeit?
    Und der Pantheismus lscht mich vollends aus. Da bin ich nur ein rmlich
Mittel des Naturzwecks. Wie, ich, in meiner stolzen Naturbeherrschung?
    Wohl lehrt mich Darwin, da ich nur ein Naturprodukt meiner Ahnen.
Gleichviel. Ich bilde fremde Samenkeime mit meinem freien Willen zur neuen
selbststndigen Pflanze aus. Und wre selbst die Seelenwanderung des
Weltrthsels Lsung, so bliebe es doch nur immer dasselbe untheilbare Ingenium,
das sich rastlos im Kreis der Dinge eine Heimsttte sucht.
    So sind wir denn selbst die Ewigkeit? Selbst die gttliche Idee? Der Gott
der Welt ist der menschliche Wille.
    Und wenn es nun ein bser Wille? Das Geheimni der Prinzipien von Gut und
Bs besteht in ihrer Zusammengehrigkeit. Alles ist Instinkt, Selbstaufopferung
so gut wie krassester Egoismus. Bse ist nur die Nichterfllung des eigenen
Willens. Der menschliche Genius, der im Kampf mit zahllosen Schwierigkeiten
seine fortzeugenden Werke leistet, scheint an sich viel grer, als die
einmalige Naturschpfung der allmchtigen Centralkraft.
    Ja, so mag des Menschen berechtigter Grenwahn wohl urtheilen. Nichts
erbrmlicher und nichts bewunderungswrdiger, als der Mensch. So dachte gewi
auch Kain, der erste Haderer wider Jehova. Als er nun aber den Tod in die Welt
gebracht, da sagte ihm drhnend die innere Stimme: Das ist ein Ri durch die
Natur, das ist Schuld.
    Er wute bisher nur, da er war, jetzt erfuhr er, da er etwas solle - denn
er fhlte, was er nicht solle. Woher? Von wannen kam ihm diese Wissenschaft? Aus
dem Innern? Wer schrieb's dort ein? Er sich selber? Seit wann denn? Erst seit
heute, wo er schuldig geworden? Nein, es mute ihm schon eingeboren gewesen
sein. Es giebt also eine hhere moralische Ordnung auer uns und ber uns.
    Hr' auf, dein starres Ich zu behaupten, Niemandem unterthan, in dich selber
ein wrts deinen Pfad zu bohren!
    Tdte den Willen ab! Selbst ein idealer Wille verstrickt dich in Schuld.
Soll ich denn meines Bruders Hter sein? Heuchlerische Frage! Du fhlst ja,
da du es sollst.
    In der Friedlosigkeit des Schuldbewutseins fhle du den Frieden der
Erlsungssehnsucht! In dem Schmerze der Schuld wird die Last der
Verantwortlichkeit von dir genommen, die den souverainen Willen bedrckt. Nicht
lnger fhlst du dich verpflichtet, als hchste Erscheinungsform der gttlichen
Idee zu gelten. Die Demuth deiner Schuld beugt dich freudig unter die Erkenntni
einer ber den Dingen stehenden Centralkraft, der sich auch der Grte willenlos
zu unterwerfen hat.
    Jeder ist schuldig, auch du trage dein Kainsmal, denn auch du hast deinen
Bruder gehat und dich selbst geliebt. Aber trage es ruhig und stolz, ohne
Trotz, ohne unntze Reue! Gehe hin und sndige nicht mehr!

    Wie so anders erscheint das Rthsel des Lebens dem Manne, der liebte und
lernte und litt! Eine grause Gabe ist das Teleskop der Wahrheit, das alle
Erscheinungen verwischt und nur Schein sieht, wo die frische Hoffnung einst im
Sein geschwelgt. Die Gedanken und Gefhle des Menschen bilden fr sich ein Epos
vom heiligen Gral.
    Wie frohgemuth sitzen sie erst beieinander, gleich Knig Artus' Tafelrunde.
Die Welt ist ihnen ein Bilderbuch voll Farben und Ideen und aus den Hieroglyphen
der Weltgeschichte liest sie den klarsten Sinn. Lancelot vom See, die khne
Abenteurerlust, erfat die Natur mit ungebrochener Jugendlust. Tristan und
Isolde finden sich in sinnlicher Leidenschaft, begehrungsschtig und subjectiv,
Parzival's Venuswunden heilen von selbst in sentimentaler Schwrmerei. Wohl
tritt dann die wirkliche Leidenschaft verderblich in den Kreis, wie Ginevra, die
kniglich stolze, aber auch sie zerrinnt in resignirte Wehmuth. Da naht Merlin,
die philosophische Auffassung der Welt, und whlende Reflexion vernichtet die
Schaffensfreude. Fey Maglore von der schwarzen Klippe, die Feindin Ginevras,
lockt in ihren Bann und abgegohrene Liebessymptome verlieren sich allmhlich in
blasirte cynische Selbstverspottung. Kay der Seneschall regelt mit kalt
kritischer Ironie die Dinge. Nach den Enttuschungen der scheinbaren uerlichen
Erfahrung entsagt der Geist dem Behagen am fabulirenden Bilderreichthum der
Wirklichkeit in erlogener Ruhe. Aus realistischem Arbeitstrieb keimt der
Hochmuth eines gleichgltigen Materialismus. Doch der ungestillte Trieb nach
idealer Erlsung und festerem Lebenshalt ringt nach Befreiung, der wunde Titurel
harrt auf das erlsende Wort des Grals.
    Wer aber Avillion finden will, das Eiland der Seligen, der mu whlen
Frieden durch den Kampf, Ruhe im Sturm. Da klrt sich des rthselvollen
Menschenlebens letzter Schlu, da nur liebevolle Versenkung ins Allgemeine aus
liebloser Einsamkeit erlst. Nur Liebe fr die Idee, nur Streben nach einem
Ideal, nur dies macht theilhaftig des heiligen Gral, begrbt den Titurel des
ringenden Ichs und krnt Parzival's Irren und Leiden.
    Die Seele, welche gelernt auf sich selbst allein zu bauen, in sich selbst
ihre Strke zu suchen - die Sporen des Hasses, der Verzweiflung, der
Menschenverachtung hetzen und zerfleischen sie nicht mehr. Menschenverachtung
sollte immer bei sich selbst anfangen. Menschenverachtung, die ja doch die
Menschen braucht - allerdings nur als Sclaven und Beifallskatscher, aber doch
immer braucht.
    Nicht lnger beneidet die genesene Seele den Flitterkram uerlicher Lste.
Durch den feurigen Ofen hindurchgegangen, abschmelzend die Schlacken gemeinerer
Selbstsucht, wurde sie kalter biegsamer Stahl. Jetzt ist sie zum Ritter
geschlagen d.h. zum freien Manne. Wer die Menschen nicht bedarf, trgt auch
nicht ihre Ketten. Nur wer sie nicht braucht, liebt die Menschen aus
selbstbeglckender Sympathie, aus erhabenem Mitleid Aller fr Alle. Nur das ist
der wahre Weg zur Freiheit.
    Aber nur die alte Erzeugerin und Erhalterin der Weltgesetze, Eros und
Anteros die groen Gewalten, nur die Liebe erlst. Und Liebe ist, langmthig,
sie hadert nicht, sie beugt ihren Willen unter den der andern, unter den hheren
Willen des Ideals, wie es eingeschrieben in des Menschen Gewissen. Der Geist ist
willig, aber das Fleisch ist schwach; Liebe allein macht stark, indem sie das
schwache Ich demthig dem starken Allsein vermhlt.
    Vom Ganges her rauscht aus Palmen und Lotoskelchen des Bers Braminenlied:
Wer strungsfrei, begehrungsfrei zum andern Ufer hingelangt, wer nichts zu eigen
haben will, der nenne Buddha's Jnger sich.
    Aber ist Freisein von Leidenschaften nicht ein widernatrliches Unding? Nur
fr das entnervende Klima Indiens knnte das passen. Nicht die Verneinung,
sondern die Verstrkung des Willens hat den rastlosen Vorwrtsdrang unsrer
Civilisation ermglicht. Den Willen brechen heit eine Tugend empfehlen, die
keine Tugend ist. Es gilt vielmehr, die Leidenschaft auf geistige Ziele mit der
gleichen dmonischen Strke hinzulenken, mit welcher der gewhnliche Mensch
sinnliche Ziele erstrebt. Ha gegen das Schlechte ist eine glckbringende
Leidenschaft.
    Aber durch Erkenntni unsrer eignen Unvollkommenheit sollte Mitleid mit
fremder Unvollkommenheit in uns erwachen. Dies Mitleid hat jenem Todten gefehlt.
Wohl berechtigte ihn sein Geistesstolz zu einem Gefhl berlegener
Selbstabsonderung. Aber nie schmolz seine Hrte in der weisen Demuth, welche die
Untheilbarkeit alles Seins erkennt. Verrichtete nicht darum der Heiland an
seinen Jngern niedere Dienste? So nun Ich, euer Herr und Meister, euch die
Fe wusch, so sollt ihr auch euch untereinander die Fe waschen. Und sprach
Er nicht die abgrundtiefen Worte - - hier, hier stehts: Ev. Joh. 14, 12 -: Wer
an mich glaubt, der wird ebenso groe Werke thun wie ich, ja wird grere thun
als ich. Besagt doch diese Ablehnung persnlicher Alleingeltung klar genug, da
nicht die Person des Gottmenschen, sondern sein Prinzip das ewig Zeugende
vorstellt, dessen Wirkung sich in stetiger Evolution vererbt. Nach ihm werden
noch Zahllose gekreuzigt und zahllose Wunder geschehn. Der eine Opfertod eines
sndenlosen Menschen ist die Quelle alles Lebens in Ewigkeit. Denn er stellt das
einzig Feste, Unvergngliche dar, an das sich der Glaube zu klammern vermag. Und
nur der Glaube an das Ideale hat erlsende Kraft.
    Noch hher aber als den Glauben stellt das Christenthum die Gte des
Unbewuten, die freie ursprngliche selbstgeringachtende Liebe, ohne welche dem
Apostel alles klingendes Erz und tnende Schelle erscheint. Ja, unter den
Pharisern befanden sich gewi viele hochmoralische Werktagsheilige. Aber ein
Gedanke wahrhafter Reue wiegt vor dem Richterstuhl der ewigen Liebe alle Snden
auf, whrend die eitle lieblose Gewohnheitstugend sich niemals selbst erlst und
ewig schmachtet in den Fesseln des kleinlichen Ich.
    Dies Mitleid, diese Demuth, dieser Glaube und diese Liebe bleiben nie
passiv, nie Stagnation des Willens, sondern schpfen ihre Kraft aus werkthtiger
Begeisterung, wie da geschrieben steht: Nun ist des Menschen Sohn verklrt und
Gott ist verklrt in ihm. Der Begriff von der Einheit alles Seins, des
Irdischen und Ueberirdischen, welcher dmmernd im menschlichen Gemthe
schlummert, ist hier Wahrheit und Klarheit geworden - mit der Klarheit, die ich
bei Gott hatte, ehe denn die Welt war. (Ev. Joh. 17, 5.)
    So besiegt das Christenthum den Pessimismus durch den Pessimismus. So wird
sich ewig der Mensch selbst erlsen mssen im Kampfe mit der Welt. Wer sich an
den Abgrnden des Lebens scheu vorberdrckt, wird nie die wahre Bestimmung des
Menschen erkennen. Der wirkliche Idealist wird jeden Pessimismus abweisen,
eingedenk der Worte: So euch die Welt hasset, so wisset, da sie Mich vor euch
gehasset hat. Dem erlsten Geiste kommt die Gemeinschaft der Heiligen, die
Verbindung, mit allen groen und guten Geistern der Vergangenheit und der
Mitgenu all ihres geistigen Schaffens. Das ist eine Erhebung der Seele, welche
jeden irdischen Schmerz unter die Fe tritt. Das ist der Trster, von dem der
Erlser kndet: Ich will euch einen andern Trster geben, da er bei euch
bleibe ewiglich: Den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht kann empfangen, denn
sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr aber kennt ihn, denn er bleibt bei
euch und wird in euch sein.
    Wohl fhlte der groe Todte in sich jene Geistesstimme, von der es heit in
den Rmerbriefen Pauli: Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen,
da ihr euch frchten mtet. Derselbe Geist giebt Zeugni unserm Geist, da wir
Gottes Kinder sind.
    Doch weil Leonharts Herz, ursprnglich reich an Gte und Wohlwollen, sich
aus Verbitterung in starre Selbstsucht krampfhaft zusammenzog, hrte er nicht
die Erlserstimme: Wer immer mich liebt, den werde ich lieben und mich ihm
offenbaren. Ihm aber, der zum erstenmal seit Kindertagen wieder die Bibel las,
dem weltfremden Gottsucher offenbarte sich Gott.

    Alles was in der Welt eintrifft, hat sein Zeichen, das ihm vorhergeht. Die
zahllosen verschiedenen Ideen, die verworren durcheinander murren, sind
Vorzeichen einer ungeheuren Bewegung.
    Er dachte an Lamennais' Worte des Glaubens (Leonhart hatte ihm einst dies
Buch geschenkt): Junger Soldat, wohin gehst Du? Gehe streiten, da alle einen
Gott auf Erden und im Himmel haben.
    Alle einen Gott, alle, die so verschiedenen Stammes? Ja, nur die Masse, das
Allgemeine vermag zu siegen. Wer wrde das Stimmchen der vielen armen
unmerkbaren Geschpfe hren, wenn im Frhling ein Summen den Wiesen entsteigt?
Unzhlbare Laute sind es, die sich hier vereinen - einzeln wrde keins von ihnen
gehrt werden - doch, alle vereint, machen sie sich vernehmlich weithin ber die
Erde, als unartikulirte Allstimme der Lebenskraft.
    Was vermag der Einzelne heut? Weniger denn je! Wer darf aber gar ber Leiden
klagen, ohne da seine Tugenden ihm ein Recht dazu geben? Schon in der
Uebergangsepoche der Childe Harold-Wertherzeit mahnt Chataubriand seinen Ren:
Wer Krfte empfing, soll sie dem Dienst der Menschheit weihen.
    Der sogenannte Weltschmerz kann nur enden mit Selbstberwindung in
vornehmkalter Abgeschlossenheit und prometheischem Selbstgengen. Aber edler als
die wollstige Todessehnsucht des Pantheismus ist die freudige Lebensertragung,
welche das qulende Ich abschttelt und durch allumfassende Liebe ins Unendliche
erweitert. Die rauschendste Melodie auf der Aeolsharfe der Empfindung wird stets
das vaterlndische, das Stammgefhl entlocken. Aus dem zerfahrenen
Kosmopolitismus der sthetischen und pessimistischen Weltanschauung erhebt sich
der Geist, von der Naturbetrachtung sich der Geschichtsbetrachtung zuwendend, zu
der Erkenntni des Nationalbewutseins. Da gewinnt die rauhe Wirklichkeit einen
gesunderen Reiz, als Schnheitskultus ihn bieten kann; da wandelt sich der
Schauder vor der ehernen Nothwendigkeit in ein stolzes Wohlgefhl: Getragen zu
werden von dem ewigen Wirbel des Weltenrades, das Jeden als Atom des Allgemeinen
zu seiner Bestimmung fortreit.
    Das trotzige unselige Ich, das auf sich allein gestellt die Welt umfassen
mchte und von der Last dieser selbstaufgelegten Mission erdrckt ward, erkennt
sich jetzt freudig als unterthan hheren Gesetzen. Die Ideen Volk und
Vaterland bieten den wahren Schlssel zum Verstndni des Einzellebens. Die
Eitelkeit des Persnlichen zerrinnt so in den Stolz des Patriotismus, die
Selbstsucht des Einzelnen berwindet sich leicht zu Nutzen und Ruhm der
Rassenselbstsucht. Diese Weltanschauung schreitet zu wahrer Selbsterfllung vor,
sie bildet den verengten innersten Kreis nach all den weitausgreifenden Wirbeln
des jugendlichen Idealismus.

                                     VIII.


Und Krastinik schaute umher von dem Schlo seiner Vter ber das Bergland zu
seinen Fen.
    In dem Burzenland ist's immer schn, singt ein Volkslied ber das
Waldland, das sich um Kronstadt erstreckt. Das wute ja schon der deutsche
Orden, der bei seiner bersiedelung nach Europa zuerst im Siebenbrgener
Burzenlande seine Zelte aufschlug. Die von ihm gegrndeten sieben Burgen sollen
dem Lande Transsylvanien seinen neuen Namen gegeben haben. Noch jetzt ragen
sieben solcher Burgen des Deutschthums im Lande: Hermannstadt, Kronstadt,
Schburg, Mediasch, Bistritz, Reps und Broos. Von den alten Burgen des Ordens
aber stehen noch gar viele im Burzenlande. Die Heldenburg, die Zeidener, die
Tartlauer, die Rosenauer, die Trzburg, die Marienburg. Wer denkt hier nicht an
die Residenz des Ordensstaates in Preuen, wohin die khnen Kmpen von hier aus
zogen? So schlingt sich denn ein geheimnivolles Band um die Errichtung zugleich
Preuens und Siebenbrgens, der nordstlichen und sdstlichen Mark des
deutschen Imperiums.
    Ins Ostland wollen wir reiten, klingt das alte schsische Auswandererlied
aus dem 12. Jahrhundert herber. Dieser Zug gen Osten gewann dem Deutschthum
nacheinander die Elbgrenze, die Donau, die Oder, die Weichsel. Diesem Zug gen
Osten verdankte das alte Deutsche Reich seine Weltherrschaft und ihn mu es
wieder aufnehmen, will es die alte Obmacht wieder erneuen. Nicht ohne tiefste
Bedeutung besingt das deutsche Nationalepos den Ritt ins Hunnenland. Die Hunnen
dehnen sich weithin von Donau und Thei zu Don und Wolga und die einst geladenen
Nibelungengste, die deutschen Kolonieen, drohte, wie abgerissene schwache
Reiser der groen Walsereiche, die wste hunnische Sintfluth zu verschlingen.
    Wer kennt nicht jenen hehren Gesang, wo in der Seele des deutschen
Mannesideals Rdiger von Bechlaren der Conflikt widerstreitender Pflichten tobt?
Die Deutschen sind seine Freunde und Blutsverwandten, an den Hunnenknig bindet
ihn der Treueid seiner Loyalitt Wird Rdiger noch immer der Deutschenfeindin
Krimhild, der Zarin aus deutschem Blut, zu Willen bleiben? Heut ist wohl der
Markgraf ein klgerer Mann.
    berwltigend stieg die geistige Weltherrschaft der deutschen Rae vor der
Betrachtung des ungarischen Grafen empor. Wo wre nicht deutsche Erde? Wie der
Rmer allberall auf deutschem Boden stand, so tritt der Deutsche, wo es auch
sei, nur einen Boden, den er mit seinem Blut getauft und mit seiner Cultur
gedngt hat.
    Die Krastinik's stammten ursprnglich aus Mhren, wie ihr slavischer Name
verrieth. Erst im 18. Jahrhundert waren sie durch eine Erbheirath
siebenbrgische Magnaten geworden und so allmhlich ganz ins Ungarische
bergegangen. Dagegen kreuzte sich dies slavisch-magyarische Blut fortwhrend
mit deutschen, da die Hlfte der Stammmtter dem deutsch-sterreichischen Adel
angehrte. Auch Xaver's Mutter war eine Deutsche gewesen. Jetzt erst verstand
er, da in seiner ganzen schwerflssigen Art das deutsche Element berwog. Daher
auch sein rasches Einleben in deutsches Wesen. Darum auch vor allem jetzt der
mchtige Trieb einer Stammeszugehrigkeit, der in ihm durch Bewunderung
deutscher Kraft erwachte. Dies Deutsche Reich - schien es nicht der einzige
feste Punkt in der Erscheinungen Flucht? Alles wankte und splitterte. Im Westen
in Frankreich und England, Anarchie. Im Osten Panslavismus und Nihilismus. In
Deutschland allein das Positive allem Negativen trotzend.
    Ja, die groe Sndfluth an allen Enden. Der Panslavismus will sein Ziel
erreichen um jeden Preis, entweder mit dem Zaren oder ohne ihn. Und siegt er, so
springt der Zarismus doch. Denn alles arbeitet im Westen wie im Osten nur einem
Ziel entgegen: der Auflsung aller bestehenden Gesellschaftsformen. Alle
Anzeichen sind dieselben wie vor der Groen Revolution. Barbarei lauert aller
Enden, den morschen Culturbestand zu vernichten.
    Um Deutschland mu sich zusammenschlieen, was noch auf eine glckliche
organische Entwicklung hofft. Nur Deutschland besitzt die unverbrauchte Kraft,
sich aus eigener Initiative innerlich aus den Schden der gegenwrtigen
Gesellschaftsbildungen emporzulutern und aus der hlichen Puppe dieses
Uebergangsstadiums den beschwingten Schmetterling eines neuen Freiheitsbegriffs
loszulsen.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Jetzt hatte er ein unpersnliches Ideal gefunden, das eine wesenhafte
Realitt vorstellte. In der freudigen Erleuchtung dieser seelischen Entdeckung
aber erkannte er zugleich, wie die Uebertreibung seiner berechtigten Auflehnung
gegen sein frheres persnliches Ideal ihn wiederum in Ungerechtigkeit
verstrickte. Die krankhafte Reizbarkeit, schwchliche Verbitterung und
selbstische Ich-Begeisterung Leonharts wurde vollauf erklrt durch die chemische
Zusammensetzung seiner Natur und durch die geologische Lage seiner ueren
Lebensverhltnisse, beide unter die Einwirkung der Elektricitt einer geistigen
galvanischen Strmung gebracht.
    Wie gewhnlich bot sich auch jetzt ein unerquicklichstes Schauspiel, das
jeden ernsten Diener der Wahrheit, der bedchtig ein gerechtes Urtheil zu
schpfen sich mht, am tiefsten verletzt. Nur von persnlich gehssigem oder
Parteistandpunkt aus wurde nunmehr, nachdem endlich ber die Affaire Leonhart
genug Lgengras gewachsen und der in den Tod Gejagte nach beliebter Taktik gegen
seine berlebenden Rivalen als Klassiker ausgespielt war, das gegnerische
Urtheil laut. Da hatte bald Der bald Jener irgend eine Mordsgeschichte
aufzutischen. Theodosius Drollingure (er hatte seinen Namen nun glcklich
gallificirt, auf da seine franzsischen Freunde ihn besser aussprechen lernten)
brachte einen Artikel in seinem Wochenblttchen Die Wahrheit ber F. Leonhart,
worin er Denselben der ostentativen bewuten Verrcktheit zieh. Doch war er zu
feige, sein D. darunterzusetzen und verschanzte sich hinter ein B., das
Zeichen seines Substituts. Dieser Mann hie Bullerich. Ein schner Name.
    Mit polypenhafter Geschmeidigkeit umkrallte hier der bedchtige Drollingure
sein Opfer. Da derselbe sich nicht mehr wehren konnte und keine Angehrigen
hinterlie, welche etwa Strafantrag stellen durften, so gestattete sich
Theodosius sogar den Luxus persnlicher Verdchtigung. Leonhart sei ein
gesinnungsloser Mensch gewesen, mal liberal, mal conservativ, je nachdem seine
Geschfte es verlangten.
    Krastinik kannte die Verhltnisse genau und wute, da der Dichter nie in
irgend einer politischen Beziehung zu irgend einer Partei und irgend einem
Blatte gestanden. Mit unwiderstehlicher Komik verlangen jedoch die
jdisch-liberalen Bltter, da man, falls sie Honorar fr Feuilletons oder
Novellen zahlen, auch als liberaler Philosemit fungire; und bei den
Conservativen steht die Sache gradeso. Leonhart hatte nie nur um Haaresbreite
seine tiefen politischen Ueberzeugungen gendert und sich stets zum
demokratischen Csarismus bekannt. Auch seine pangermanistischen Ziele hielt er
unbeirrt im Auge, seine Verachtung der deutschen Kleinlichkeit und Philisterei
verleugnete er nie. Demokratisch in seinen Anschauungen, verehrte er das
Hohenzollernhaus aus historischer Erkenntni und dankbarer patriotischer Piett
als glnzendsten Zeugen der Darwinischen Evolutionstheorie, als berufenstes,
Talent und Charakter von Generation zu Generation vererbendes
Herrschergeschlecht.
    Die trostlose Unreife und Dummheit der Eintagsparteien vermag natrlich den
inneren festen Zusammenhang solcher Auschauung nicht zu erfassen. Ein in der
Wolle gefrbter Demokrat hat auf die Juden und das Plapperment und die liberale
Presse zu schwren. Und was ein richtiger Conservativer ist, stimmt frhlich
durch Dick und Dnn mit Gott fr Knig und Vaterland - fr Vermehrung der
stehenden Heere, Schutzpatent des Militairdnkels und des Kastengeistes,
Muckerchristenthum, Feudalrechte und allerunterthnigsten Servilismus. Darum
warnte ein christlich socialer Bonze vor diesem verkappten rothen Revolutionr
und Dr. Bergmann von der Tagesstimme vor diesem opportunistischen Streber,
der naiv genug gewesen, Majesttsbeleidigungen gegen Schiller und Die dulde Ich
nicht zu uern und den antisemitischen Dichter Dr. Adler zu loben, whrend er
Feuilleton-Honorare von der freiheitsdurstigen Tagesstimme bezog!!
    The consequence is: beign of no party, I shall offend all parties, citirte
Leonhart achselzuckend aus Byron, wenn auf solch angebliche Widersprche die
Rede kam.
    Aehnlich verhielt es sich mit den Vorwrfen gegen seinen grellen Hohn und
sein boshaftes Schimpfen. Krastinik hatte ihn ber jeden einzelnen Fall
interpellirt und wute aus vorgelegten Dokumenten am besten, da Leonhart stets
der zuerst Angegriffene gewesen war. Schon sein wohlwollendes Gemth verbot ihm,
Andere zu schdigen. Reizte man ihn freilich, dann vergrerte sich die
momentane Entrstung durch das verbitternde Bewutsein seiner allgemeinen
schiefen Lage und den allgemeinen Ekel gegen das rechtlose Weltgetriebe. Dann
schlug er allerdings seine Krallen so furchtbar ein, da man an der Klaue den
Lwen erkannte. Wofr war er sonst ein Leu? Der Leon bleibt ein Leon, man kann
ihn tdten, aber nicht ndern. Immer und immer wieder lste sich das Rthsel
seiner pltzlichen Anfeindung der Menschen dadurch, da die Anmaung der Andern
nie zu begreifen vermochte, da er nicht wie ein andrer Gemeiner in Reih und
Glied zu marschiren habe. Viel zu gutmthig, um jemals Andere zu drcken,
verletzte er doch jede windige Eitelkeit ohne es zu ahnen, gleich wie der
sagenhafte Speer Ithuriels berall die Lge und Schlechtigkeit aufdeckt. Man
hate ihn instinktiv. Er war so gro und dabei so cordial liebenswrdig, da man
ihn doppelt hate. Spter erst wurde er herb und schroff. Er, dem die Thrnen in
die Augen traten bei der Betrachtung jeder edeln Handlung, verhrtete sich
zusehends und zwang sich gleichsam zu eisigem Egoismus.
    Und fhlte Krastinik nicht, wie auch ihn mehr und mehr eine dumpfe Wuth
gegen Lge und Gemeinheit zu verzehren begann?
    Mit voller Billigung dachte er jetzt an die hhnischen Glossen Leonharts
ber den heutigen Adel, welche er frher bestritten hatte. Mit verchtlichem
Lcheln hielt er Umschau unter den edeln Standesgenossen des Nachbaradels, wo
bereits ber den verrckten Sonderling nicht wenig medisirt wurde.
    Eher geht ein Kameel durch ein Nadelhr, ehe da ein Junker oder ein Jude
sich bescheiden lernt. Die Katze lt das Mausen nicht und die Abkmmlinge von
Strauchdieben oder frstlichen Maitressen nicht den Wahn des blauen Blutes.
    Mag dieser elende Adel noch so sehr auf die Juden schimpfen, obschon bei
manchem nselnden Gardelieutnant die mtterliche Abkunft schon gar nicht mehr
verkannt werden kann, - unter dem Tisch waschen sich Juden und Junker allezeit
die Hnde. Daher sagt Disraeli sehr richtig im Coningsby: Die Juden seien
wesentlich Torys. Denn der Semit drstet nach Vornehmheit d.h. nach der
ueren Geltung derselben. Er beruhigt sich nur in seiner unersttlichen
Eitelkeit, wenn er die brige Welt zu seinen Fen sieht. Daher zeigt er sich im
Verkehr entweder selbstberhebend dreist oder kriechend gegen den Mchtigeren,
den er durch List besiegen mchte.
    Diese dem Judenthume eingeborenen Fehler mssen nun mal aus seiner frheren
Abhngigkeit entschuldigt werden. Haftet doch im Grunde den meisten Menschen das
Snobthum an. Auch besitzen die Juden eine Menge vortrefflicher Eigenschaften,
welche fr ihre weltkluge Streberei entschdigen, und dies zersetzende Element
bt sogar einen wohlthtigen Einflu aus auf die deutsche Michelei. Da die
unduldsame Eitelkeit dieses auserwhlten Volkes natrlich jedes freie Wort in
dieser Sache verpnen mchte, scheint halt auch nur eine verzeihliche
Empfindlichkeit historischer Rckerinnerung. Gegen die Juden an sich hat man nur
einen berechtigten Vorwurf: da sie geschickter im Kampf ums Dasein zu strebern
wissen und wie alle Orientalen kaltbltiger (trotz scheinbarer aufgeregter
Zappelei) ihr Ziel im Auge halten, als der sanguinisch nervse Germane.
    Aber wenn man an den Juden ihr protziges Snobthum tadeln mchte, so kann man
dem sogenannten Adel oft nur uneingeschrnkteste Verachtung widmen. Die Bauern
auf dem Lande wissen ein Lied davon zu singen. Diese Junker untersttzen
frmlich den Wucherer, auf da er den produktiven Stand beraube. Sie verbinden
sich mit Geschftsleuten, ob Christen oder Juden, zu den schmutzigsten
Grndungen und theilen den Raub mit ihnen; sie decken ihnen den Rcken, falls
sie in Verlegenheit kommen.
    Der selige Strouberg, ein genialer Schwindler, nahm sich entschieden am
austndigsten aus unter seinen hochvornehmen Compagnons, die er manchmal im
Vorzimmer stundenlang bei Champagner warten lie, weil er selbst ja diese
schmutzigen Mit-Geldschinder der armen Leute als Miggnger verachtete. - Auf
dem Lande haben die vielgeschmhten Juden immer versteckte Hintermnner, wenn es
gilt, den Bauernstand zu untergraben. Dringt die Feudalaristokratie erst
massenhaft in den Reichstag ein, so wird sie in geheimer Verbindung mit dem
Jobberthum das Volk vollends zu Grunde richten. So werden die Produktivstnde
immer mehr ausgesogen und gedrckt, daher auch immer verbitterter. Whrend in
den Stdten die Socialdemokratie langsam und sicher vordringt, brtet auf dem
Lande ein dumpfer Ha gegen diese conservativen Wappenschnder, die in den
Plappermenten verdammt schneidig, h ihre elenden Phrasen fr Gott, Knig und
Vaterland ableiern und daheim im Stillen ihre Procentchen berechnen. Die
bodenlos gemeine Interessenpolitik der Parteien ruinirt systematisch, durch
Concentrirung des Grokapitals in Ringe, das Brger- und Bauernthum. Und dann
wundern sich diese Blinden, wenn eines Tages ihnen das Haus berm Kopfe
zusammenbirst, nachdem sie selbst seine unteren Grundpfeiler durchsgt. Der Krug
geht so lange zu Wasser, bis er bricht. -
    Der Adel ntzt die Parven-Sehnsucht der Juden nach adligem Umgang natrlich
nach Krften auch in idealen Gebieten aus. Auch der edle vornehme Graf
Fridolin v. Scheckwitz bewirthete auf seiner Villa am Tegernsee den zufllig
dort zur Sommerfrische weilenden Chefredacteur der Berliner Tagesstimme nebst
vier Adjutanten desselben, und fraternisirte mit denselben auf Du und Du, um
einigen Reklamerecensionen in der Berliner Tagesstimme einzuheimsen. Eine
davon schrieb sogar Scheckwitzens eigener Sekretr. Es geschah dies mit
unzweifelhaft idealer Absicht, damit doch ja die Intentionen des Dichters
richtig gewrdigt wrden, und wer knnte dieselben wohl besser verstehen, als
des Dichters eigener Famulus! - Wenn nun aber Scheckwitz, der jedem Adligen
nachluft und nur nach Umgang mit Standesgenossen giert und in gemeinstem
Servilismus vor jeder Frstlichkeit katzbuckelt, obschon er ultra-radikale
Modeansichten in seinen Werken vertritt, und sogar unter durchsichtiger Maske
seinen hochseligen Herrn satirisirte, um sich bei dessen Nachfolger
einzuschmeicheln, - wenn nun aber Scheckwitz wegen seines intimen
Villeggiatura-Verkehrs mit Doktor Bergmann von seinen Standesgenossen entsetzt
interpellirt wurde: Herr Gott, ich biett' Sie, Graf! Ein Mensch, der wegen
Beleidigung des Frsten Bismarck gesessen hat und sogar frher ausgewiesen
wurde! - dann warf er naiv hin: Aber, liebste Comtesse, ich brauche diese
Juden! Die Leute mssen halt ber mich schreiben! So spielte er sich den
Standesgenossen gegenber als Dichter und den Litteraten gegenber als
Kammerherr Graf Scheckwitz auf. - Die am wenigst vornehmen Naturen findet man
in der sogenannten Aristokratie. Krastinik spie verchtlich aus in der
Erinnerung an so manchen pbelhaften Kriecher oder Stallknecht mit ellenlangem
Stammbaum. Solche Burschen verkaufen ihren Namen an die Tochter eines
Geldfrsten, hauen die verheirathete Jdin aus germanischer Ritterlichkeit,
bringen ihr ganzes Vermgen durch und lassen die etwaigen Shne ihre Mutter das
Portemonnaie nennen. So handelt man wahrhaft standesgem, wie es sich fr
einen solchen Stand frecher Nichtsthuer im Grenwahn ihres Nichts am besten
schickt.
    Die Juden, dies lteste Junkerthum Europas als geschlossene Kaste, sind
eigentlich ideologisch-revolutionr angelegt. Darum nennt Renan die hebrischen
Propheten mit Recht als Stammvter des Socialismus und Nihilismus. Die Juden
stehen den Griechen ebenbrtig zur Seite. Bald siegt der Rationalismus des
Hellenenthums, bald der dstre Pessimismus des Judenthums, das sich theilweise
in Christi Lehre fortsetzt, In den Juden, einem krftigen, unterdrckten Volke,
lebt ein heier Sinn fr soziale Gerechtigkeit. Sie schufen sich einen eifrigen
strengen Gott. Fiat justitia, pereat mundus! Besser, die Welt geht zu Grunde,
als das sie ohne Gerechtigkeit fortbesteht. Heut freilich hat der alles
zersetzende Zeitgeist auch die Juden so depravirt, da sie sogar den
eigenthmlichen Grenwahn ihrer Race, immerhin ein Zeichen von Kraft,
einbten. Sie schmen sich ihrer Vter und verachten den jdischen Namen. Ihr
finstrer Trotz ist gebrochen durch erschlaffenden Mammondienst, und gleichgltig
platter Lebensgenu blieb ihnen brig als einziges Ziel.
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    Aber grade, indem dieser wahre Aristokrat mit vornehmem Abscheu all solchen
Schmutz erwog, gewann er dem Problem Leonhart, dem Untergang des letzten
Idealisten und des letzten genialen Dmons in der nivellirenden Uniformzeit,
eine neue Seite ab. Auf immer hhere berschauende Gesichtspunkte erhob ihn die
neue Weltanschauung, welche seine naturwissenschaftlichen Studien in ihm reisen
lieen.
    Sind die Menschen an sich wirklich so schlecht, wie Leonhart's Verbitterung
sie auffate? War der groe Egoist Napoleon etwa gerecht, als er gestand: Ich
habe die Menschen stets verachtet und sie stets behandelt wie sie es verdienen?
Mit Nichten. Die Menschen sind im Ganzen weit besser als ihr Ruf, sind von Natur
hlfsbereit und gutartig. Nur soll man nicht ihre Eitelkeit und Selbstsucht
verletzen. Thut man dies aber, so sei man wenigstens consequent und wappne sich
mit starrem brutalem Egoismus. Auch das mu man Leonhart als Schuld gegen sich
selber anrechnen, da er mit schwchlicher Gutmthigkeit den Leuten die Wunden
verband, die er gerechterweise schlug.
    Welch ein unreifes Unterfangen, die Welt und die Menschen anzuklagen! Man
bessere oder belehre sie, sei es indem man sie berzeugt, sei es indem man mit
Gewaltmitteln sie bekehrt. Aber verlangen, da Andere ihre berechtigte
Selbstsucht auch nur einen Augenblick hintansetzen, um eine fremde Gre aus
objectivem Wohlwollen zu frdern, ist lcherlich. Das ganze Naturleben erwchst
aus dem Kampf Aller gegen Alle und jedes Wesen in seiner Art dient mit zu dem
Gesammtgebude.
    Da eine Geistespotenz wie Leonhart untergehen mute, bedeutet freilich
einen unersetzlichen Verlust fr die Gesammtheit. Aber die Welt dafr
verantwortlich zu machen wre widersinnig.
    Warum schlpfte dieser Heros, ursprnglich zur That und nicht zum Gedanken
veranlagt, in eine so gebrechliche physische Hlle? Warum versetzte ihn der
Zufall in sonstige Umstnde und Zeitverhltnisses die ihm jede Mglichkeit
versperrten, seine Individualitt frei zu entfalten? Warum sah er nicht klar vor
Augen, da all sein Ringen nach Entwickelung seiner wahren Bestimmung ja doch
von vornherein aussichtslos und die Schlacht schon vor Beginn verloren war, und
verzichtete darum nicht in stiller selbstberwindender Ruhe? Warum haschte und
jagte er nach Befriedigung seines Ehrgeizes, statt sich mannhaft zu resignieren?
    Die Welt trug in keinem Falle die Schuld. Denn von ihr erwarten, da sie in
einem unscheinbaren Federfuchser den Helden und Herrscher erkenne oder mit ihrem
halbblinden Maulwurfsblick das Genie begreife - das heit alle innere
Organisation des Weltgebudes stren und verrcken. Und warum widmete er
berhaupt seinen Geist dem Undankbarsten und Unzeitgemesten, dem Berufe, den
in einer Zeit wilder realer Kmpfe kein Mensch begehrt und nthig erachtet, dem
Berufe des Dichters? Htte er sich auf die Wissenschaft geworfen, so konnte er
hier vielleicht eine Waffe finden, um auf die Zeit zu wirken.
    Es war ein Schicksal, es mute nun so sein. Aber das persnlich individuelle
Unglck, zu spt oder zu frh geboren zu werden, berechtigt noch zu keinem
Vorwurf gegen den Weltlauf. Ein Unglck und eine Schuld, fr die man ihm nicht
zrnen darf, - das war Leonhart's Lebensentwickelung. Aber eine Verschuldung
bleibt es immer, wenn ein Genie nicht auf seine Mitwelt zu wirken vermag und
utopisch an die Nachwelt appellirt. Eine Schwche und ein Mangel liegt stets
darin, wenn ein Mensch sich selbst die Lebensader unterbindet. So ging er denn
logisch unter kraft der Verschuldung seiner Charakterschwche.
    Warum gerieth er ber jede Gemeinheit und Lge in Harnisch? warum fate er,
trotz seiner boshaften Menschenkenntni nicht eben alles persnlich auf? Mundus
vult decipi. Mit Wasser wird Alles gekocht und heut stellen die Leute ihren
Kochtopf voll schmutzigem Wasser mit cynischem Applomb ganz ffentlich auf den
Tisch.
    Auch in der Weltgeschichte herrscht einzig die Lge und die immanente
Gerechtigkeit der Dinge, von welcher Gambetta schwrmte, wirkt nur in den
unterirdischen Wellenbewegungen selbst mit, nicht auf der Oberflche. Denn alle
schlechten Leidenschaften mssen mit den guten zusammenwirken, um Groes und
Heilsames zu vollbringen. Allein gelingt dies weder dem guten noch dem
schlechten Prinzip.
    Die Eroberung Indiens durch die Englnder begleiteten nothwendig unerhrte
Greuel. Aber die Thatsache selbst frderte den Fortschritt der Menschheit und
ihre Ausfhrung gereicht jenen energischen Schurken zum Lobe.
    Warren Hastings, der Henker Indiens, durfte nicht verurtheilt werden, weil
er sich einer so lblichen conservativen Gesinnung befli. Scheert nur ja nicht
den Kamm diesem reinen Opferlamm! Und so sa er denn bald ruhig und wohlgemuth
auf seinem Landschlo, das ihm der schuldige Tribut seiner Hindostaner Sclaven
zum Dank fr seine unvergelichen Wohlthaten erbaut. Wenigstens blieb er
bestndig: auch jetzt noch folterte er eigenhndig, wie frher mit dem Bambus,
nunmehr mit der Feder die Seinen. Denn er dichtete als behbiger Dilettant eine
Ode nach der andern: An die Empfindsamkeit, An das Mitleid, vor allem An
die Tugend. Seine Hymnen an diese Gottheit waren gefrchtet bei all seinen
Gsten, denen er dergleichen salbungsvoll versetzte. Ein herrliches Symbol.
Seine Gruel als Tugend-Dichterling beenden, ziemt dem wahren Lebenskenner, der
sich auf der Hhe der Situation erhlt. Alle Mnner der That und alle
Weltmchte, sei es nun das alte Rom oder spter das ppstliche Rom, lgen und
heucheln aus Prinzip.
    Als Bonaparte den heiligen Wallfahrtsort Loretto in seinen Schutz nahm,
nachdem er grade an den Papst ein demthiges Schreiben gerichtet, reinigte er
sofort das Marienbild von Perlen und Edelsteinen, unwrdig irdischem Tand. Wer
beschreibt aber seinen erhabenen Unwillen, als diese schnden und berflssigen
Zierrathe sich als Glas und bhmische Steine entpuppten! So waren die Priester
in ihrem eiteln weltlichen Sinne ihm lange zuvorgekommen. Sein Schmerz war tief
und aufrichtig. O diese Pfaffen, diese Banditen! - Nichts kstlicher, als wenn
zwei Diebe einander selbst bestehlen, der Eine im Namen der Freiheit, der Andere
im Namen der Gottheit. Und das Volk, das dumme Heiligenbild, lt alles wehrlos
ber sich ergehn.
    Selbst die Symbole wechseln wie die Ideenbegriffe. Das schne Wort
Freiheit kann als Liberalismus den krassen Materialismus vertreten und das
Knigthum umgekehrt als letzter Hort des Idealismus erscheinen. Nur ein Begriff
wechselt nie, nur ein Symbol bleibt ewig vernderlich: das Vaterland.
    Ein Mastbaum hob sich siegreich als Schlachtpanier ber dem Streitwagen der
Lombarden als Symbol des Vaterlandes. Und ein Mastbaum diente als Sinnbild der
geschlachteten Freiheit, als auf Nelson's Admiralschiff die besten Mnner
Neapels wie gemeine Verbrecher am Galgen seiner Raae hingen. Aber dieserselbe
rohe Henker, Sclave zweier Trybaden, dies rumbegossene Beafsteak, verwandelte
sich bei der ersten Breitseiten-Lage von Trafalgar in einen wrdevollen Heros.
England erwartet, da mnniglich seine Schuldigkeit thue. Und er fiel im Sieg:
Ich habe meine Schuldigkeit gethan. Vaterlandsgefhl hebt Trpfe ber sich
selbst empor und steigert unter der Wucht der immanenten Idee die Kraft des
Einzelmenschen.
    Die natrlichen Bedingungen, die aus der inneren Organisation erwachsen,
sind im Menschenleben so unvernderlich wie im Naturreich. Die Weltgeschichte
folgt bestimmten Drehungsgesetzen, die man bisher nicht zu ergrnden den
Scharfblick besa. Wenn Buckle den Verfall Spaniens lediglich aus seinem
fanatischen Religionskultus herleitet und diesen wieder aus der
Bodenbeschaffenheit, welche Spanien also fr immer zur unculturellen Stagnation
verdamme, so ist das eine oberflchliche Einseitigkeit, nmlich eine blo
geologische Betrachtung. Sobald aber die psychische Chemie angewandt wird,
ergeben sich ganz andre Resultate im Lande der Calderon und Cortez. Dann
erklren sich die Erbfehler als Erbtugenden und umgekehrt. Der starre
Jehovacultus dieses auserwhlten Volkes, worin schon arabische Mischung
erkennbar wird, befhigte es zur Welteroberung. Weil aber die geologische Lage
Spaniens widerspracht so verwirrte sich die chemische Zusammensetzung und
Spanien konnte seine unnatrliche Weltmacht nicht behaupten.
    Man whnt die franzsische Politik irgendwie durch uere Einflsse und
Zeitverhltnisse umwandeln zu knnen. Und doch lehrt die Geschichte, da die
Grundlagen der franzsischen Politik stets die gleichen blieben.
    Wie Chlodwig die franzsische Monarchie auf den Sttzpfeiler des
katholischen Klerus gegrndet, so spter der allerchristlichste Louis
Quatorze. Wie die Knige des Mittelalters die Centralisation der Staatsgewalt
angestrebt, so kmpften Richelieu-Mazarin den Geist der Fronde nieder. Wie jene
lstern nach Lothringens und Flanderns Besitz geangelt, so reunirre man spter
wirklich diese Lnder und grade die Revolution vollendete dies Werk gallischer
Vlkerbeglckung. Der Freiheitsbaum, den diese Republikaner aufpflanzten,
wurde ein Upasbaum der Tyrannei, die Prokonsuln und Volkstribune glichen auf ein
Haar den spteren Marschllen und Intendanten, Pichegru plnderte Holland, so
da dem Napoleonischen Satrapen Oudinot spter kaum etwas brig blieb. Gaston de
Foix, Gubriant, Turenne, Mlac, Louvois lebten weiter unter der Revolution und
dem Kaiserreich und wirtschafteten spter in Spanien, wo sie sich austoben
durften, im Stil des dreiigjhrigen Krieges. Das Rheinbundsystem fand schon
sein Vorbild in den sogenannten Schwesterrepubliken, welche die erobernde
Revolution grndete. Ja, der demokratische Csarismus Napoleons I. wie Napoleons
III. griff ebenfalls auf Chlodwig zurck und verbndete sich mit Rom. Und die
neufranzsische Republik sollte anders handeln? Ihr blieb in ihrer
Partei-Zerklftung das alte Ziel: Centralisation, Anschlu an Rom und Lothringen
vom Rhein bis zur Schelde.
    - - Sobald man aber die Abhngigkeit aller Volksgenossenschaften von
unverrckbaren Gesetzen der politischen Chemie und Geologie (zwei noch
unentdeckten Wissenschaften) erkannt, widerlegen sich auch die Vorwrfe, mit
welchen die Nationen sich gegenseitig die Wahrung berechtigter Interessen
bestreiten. Im Leben der Vlker spielt der Neid dieselbe wichtige Rolle, wie im
Leben der Einzelnen, und begnstigt das Vorwrtsdrngen. Das chauvinistische
Anfeinden alles Fremden beruht im Grunde auf einem tiefen gesunden Gesetz. Denn
der Neid, dieser blasse scheue Schleicher, tritt manchmal auch als stattlicher
mannhafter Widersacher in die Fehde ein.
    Der Neid ist eine Leidenschaft, die man nicht einmal sich selbst
einzugestehen wagt. Der richtige Herostrat in seinem wthenden Ingrimm gegen
berlegenes Verdienst spiegelt sich selber vor, da seine Wahrheitsentstellungen
die Wahrheit enthielten. Nun giebt es aber auch Gefhle, die man zwanglos auf
den Begriff des Neides zurckfhren kann und die dennoch den Charakter des
Neides verlieren. So z.B. wenn ein Heros in Carlyles Sinne an leitender
Stelle, die ihm gebhrte werthlose oder doch untergeordnete Leute sieht. Oder
wenn ein groer Knstler es mit ansehn, mu, wie Unwerth durch selbstschtige
Interessenpolitik oder Unverstand zu einem Scheinwerth aufgeblasen wird, whrend
Werke mit einem Ewigkeitsgeprge von seichter Oberflchlichkeit lcherlich
gemacht und mideutet werden. Der erfolglose Werth fhlt Zweifellos Neid gegen
den erfolgreichen Unwerth, aber ist dieser Neid eine unedle Leidenschaft?
Entspringt er nicht vielmehr dem Gerechtigkeitsgefhl und zugleich dem
unpersnlichen idealen Zorn ber die Schdigung des allgemeinen idealen
Interesses durch die falsche Werthung des Verdienstes?
    So wird man, abstrakt betrachtet, den Chauvinismus aus einem Neid und
Hochmuth ableiten knnen, den man trotzdem ehrenhaft nennen mu.
    Wozu in allen Tugenden verkappte Laster suchen, wie der edle Sieur de
Larochefoucauld, und selbstschtige Berechnung in jeder guten Handlung
ausklgeln! Es giebt einen logischen Syllogismus stahlscharfer Argumentation,
mit welchem der gesunde Menschenverstand alle Finten und Paraden jener
dialektischen Floretfechter durchhaut. Wenn nmlich z.B. Dankbarkeit auch nur
eine selbstschtige Absicht verbirgt und man beim Erweisen von Wohlthaten auch
nur den Dank berechnet, - warum ist dann Undank der Welt Lohn und warum giebt es
dann so wenige Wohlthtige und Hlfsbereite? Der Undank mag ja vielleicht eine
Dummheit sein, aber er entspricht doch offenbar dem Instinkt der Selbstsucht.
Und wenn unser Wesen derartig von Selbstsucht durchtrnkt wird, welche
Selbstberwindung mte dazu gehren, gewissermaen Wechsel auf Undank zu
unterschreiben! Wer Wohlthaten erweist, klgelt aber gar nicht darber noch lgt
er sich zur Deckung fremder Schlechtigkeit die schwindelnd hohe Moral an, da
man auf Dank berhaupt verzichten msse. Sondern er folgt einfach seiner
wohlwollenden Naturanlage. Freilich folgt auch die Schlange ihrer Naturanlage,
wenn sie hinterrcks sticht. Den Teufel auch! Man schlgt sie nieder - da folgt
man denn auch seiner Naturanlage. Selbstschtig ist Beides, ja das versteht
sich.
    Allein, wenn alles das, was wir als Tugend und Selbstlosigkeit bewundern,
auch nur von der gleichen Selbstsucht dictirt wird, so mte ja die Neigung zur
Tugend als zu einem Selbstgenu bei uns Selbstlingen allgemein verbreitet sein!
All die schnen Sprchlein einer nrgelnden Skepsis zerstieben vor der derben
trockenen Thatsache, da man doch noch egoistischer ist als jene angeblich
egoistischen Motive und daher lieber ohne diese heuchlerischen Tugendmotive wie
ein brutaler Selbstling handelt. Mag die sogenannte Tugend nur verfeinerte
Selbstsucht sein, mindestens ist sie doch ein hherer Grad und das unvollkommene
sprachliche Begriffsvermgen unterscheidet sie von der gang und gben gemeinen
Wald-und Wiesenselbstsucht eben durch den nichtssagenden Titel - Tugend!
    Wo Mitgefhl und passive Selbstsucht collidiren, siegt allemal das
Mitgefhl, sobald die sonstige Geistesstruktur eine normal gesunde. Hingegen
siegt die Selbstsucht meist dann, wenn sie nicht passiv, sondern activ bei der
Collision mit dem Mitgefhl betheiligt ist, wenn das geforderte Mitgefhl sie
direkt schdigt. Daher ist es allemal leichter, Jemanden zu sich heraufzuziehen
und neben sich anzuerkennen, als ihn ber sich zu stellen. Da aber dennoch im
Allgemeinen das Mitgefhl strker ist als die Selbstsucht, geht aus der
Begeisterung hervor, mit welcher normale Menschen fr eine groe Idee oder fr
einen Heros ihr eignes Ich in die Schanze schlagen. Man mchte nun natrlich den
Gran selbstschtiger Eitelkeit herausdestilliren, welcher in der Begeisterung
liegt. Dies wird jedoch durch die Thatsache der Vaterlandsliebe widerlegt,
welche in besonderen Fllen eine ganze Nation zu selbstloser Hingebung anfeuert.
Denn da dieselbe als bloe allgemeine Pflicht aufgefat wird, so vermag sie die
Eitelkeit in keiner Weise zu befriedigen und weder Lohn noch besonderer Ruhm
sind davon zu erwarten. Natrlich scheint ja der Stolz aufs Vaterland
zuguterletzt auch egoistisch, aber mit solcher Haarspalterei kommt man nur der
Neigung unsrer krittelnden grmlichen Epoche entgegen, alle Unterschiede von
Streberei und strebendem Heldenthum, Grenwahn und Gre zu verwischen.
    Immer klarer drngte sich bei dieser Analyse der Einzelgefhle dem einsamen
Grbler die Gewiheit auf, da man sich in der wankenden Verwirrung unsrer
Umsturzepoche den Stolz auf ein groes Staatswesen wie ein Panzerhemd
zurechtschmieden msse. Jetzt erst verstand er auch die lcherlichen
pangermanistischen Schrullen seines groen Freundes, die man so oft verspottet
hatte - er begriff die Sehergabe dichterischer Intuition.
    Amerika mute entdeckt werden, denn man glaubte an eine Existenz. Ein fester
Glaube aber ist allemal ein ahnendes Wissen. Cogito, ergo sum. So lt sich
die Theorie vom Gedanken nach Descartes weiterfhren.
    Im Anfang war das Wort, der Logos, die Vernunft. Aber der blinde
Autorittsglaube, die trge Gedankenlosigkeit, das Unvernnftig-Chaotische setzt
seine schwerfllig unfruchtbare Masse stets der lichten Schpferkraft entgegen.
Das Chaos betrachtet sich als die wahre gttliche Ordnung, die neue Welt als
eine frevelhafte Revolution. Columbus hie ein Tollhusler, Luther ein
Zerstrer. Ja freilich mu man stren und zerstren - stren die stumpfe
Indifferenz der ideallosen Gesellschaft, zerstren die Drachen, welche der
conservative Urschlamm des Bestehenden ausbrtet. Darum dachten sich auch alle
Vlker den Gott des Lichtes als den Python, den Drachentdter.
    Die Prophetengabe ist die natrliche Intuition der Logik, welche die
Gegenwart aus der Vergangenheit ableitet und die Zukunft als Konsequenz der
Gegenwart voraussieht. Darum sind die groen Dichter alle prophetische
Staatsmnner in der Theorie; darum erschaute z.B. Schiller divinatorisch in
Wallenstein, dem bestverleumdeten, den Embryo-Bismarck, wie ihn heutige
Forschungen endgltig feststellen.
    Er gedachte an Leonhart's tiefsinnige Combinationen ber die deutsche
Weltherrschaft des Mittelalters.
    Die Hohenstaufen gleichen den Napoleoniden. Sie fhrten dieselbe groartige
Welttuschung durch, in der Entfesselung der eigenen Selbstsucht eine
Weltbefreiung vorzuschtzen. Der eigentliche Napoleon des Waiblingergeschlechts
hinterlie einen neugeschaffenen Marschallsstand, den er ganz in des Corsen
Manier nach Eroberungen und Waffenthaten betitelt hatte. (Diephold Frst Rocca
d'Arce - von der berhmten Verteidigung jener Felsenburg so genannt.)
    So wurden auch gleichmige Entwickelungsgesetze der einzelnen
Vlkergeschichten offenbar.
    Die schicksalbestimmenden Genien der Weltgeschichte sind nichts als
instinktive Herolde ihrer Zeitstrmung.
    So folgte auch die Reformation einem unwiderstehlichen mechanischen Gesetz,
das sich vollziehen mute. Aber ihre verschiedenen Formationen, gem den
chemisch-geologischen Lebensbedingungen in den verschiedenen Lndern, predigen
nur wiederum die groe physiologische Lehre von der Unzerstrbarkeit und
Erhaltung der Kraft. Aus der verfrhten und daher paralysierten Reformation in
Italien ging die sinnliche Religion der Renaissance, die Kunst, hervor. Ebenso
mute grade dem Inquisitionsspanien die Entdeckung Amerikas zufallen, ebenso wie
spter Nordamerika grade von den harten Puritanern colonisirt werden mute. Denn
nur dieser bornirte Fanatismus konnte die uralten Kulturen Amerikas mit so
barbarischer Respektlosigkeit vernichten, und dies war eben unbedingt nthig, um
Amerika zu einem jungen Lande zu machen. Nichts gedeihlicher ferner fr den
Fortschritt Europas, als der hartnckige Kampf Philipp's II. gegen die
Reformation. Denn durch die Reaction gegen dies absolutistische Spinnensystem,
das die Welt nur erobern wollte, um sie katholisch zu machen, verschrfte sich
die persnliche Initiative, welche in den Oraniern und Cromwell ihre glnzendste
Verkrperung fand.
    Die ungesunde Gromannssucht Schwedens setzt die Wikingzge der alten
Normannen, aus denen wiederum die Kreuzzge der franzsischen Normannen
hervorgingen, fort.
    Eine Reformation an Haupt und Gliedern, nicht eine theoretische
Professoren- und Pfaffensthetik - das war's, was man in Deutschland bezweckte.
Aber statt den Wahlspruch Huttens Durch Freiheit zur Wahrheit, durch Wahrheit
zur Wahrheit zu verwirklichen, richtete die Reformation Deutschland zu Grunde.
Jedes Volk straft seine eigenen Erbfehler durch die seiner Helden. Luther war
ein Autorittler. - Als abgezehrtes Gerippe ging das Reich aus dem
westphlischen Frieden hervor. Nur die Reformation der Frsten hatte ihren Zweck
erreicht - sie zersplitterten Deutschland in eine Reihe souverainer
Duodeztyrannenthmer.
    Und doch trotz alledem und alledem erkennt man auch hier die tiefe Weisheit
des Weltgesetzes. Denn das Beispiel Frankreichs beweist, da es auf die Dauer
wohlthtiger wirkt, der Idee auf Kosten der weltlichen Macht zum Siege zu
verhelfen, als die Staatsgewalt auf Kosten der inneren geistigen Entwickelung zu
strken. Htten die republikanischen Hugenotten gesiegt, so konnte die
zentralistische Einheitsmonarchie nicht durch den Bund mit der Kirche ihre
Gloire grnden; wohl wahr. Aber diese Niederlage der Idee wurde die
Grundursache aller Korruptionen und Revolutionen, an denen Frankreich krankte.
    Heut wuchs Deutschland, das siegreiche Land der Ideen, zur politischen Reife
empor. Doch schon die Bauern-Constitution Wendelin Hipplers proklamirte gegen
die kapitalistische Bourgeoisie den demokratischen Csarismus, die auf
demokratische Grundlagen gesttzte absolute Monarchie. Das protestantische
Kaiserreich, von dem Hutten und Sikkingen getrumt, ging in Erfllung, wie alle
vernnftigen Ideen. Sonst wrden sie gar nicht in der inneren Offenbarung der
Denker auftauchen.
    Schon einmal ballte sich das Germanenthum zur Weltmonarchie zusammen, unter
Karl dem Groen. Dort spielten die sogenannten Romanen, mit Germanen gemischt,
dieselbe Rolle, wie frher die Griechen im rmischen Reich. Schon damals gab es
in Wahrheit nur zwei Racenmchte: Pangermanismus und Panhunnismus. Der arabische
Islam, die Angriffe des assyrisch-gyptisch-carthagischen Semitismus auf das
indogermanische Staatensystem wiederholend, verschwindet wie seine Vorlufer,
die Parther, um den mongolischen Osmanen Bahn zu brechen. Die Sarmaten, Wenden
und Magyaren Attilas strzen sich gen Westen, wie spter die Mongolen
Dschingiskhans, welchen der russische mongolisch-slavische Kolo nachdrngte. So
bildet heut der Panslavismus den rechten Flgel und das Centrum, das Magyaren-
und Trkenthum den linken Flgel jenes Panhunnismus, der von der Schlacht auf
den Catalaunischen Feldern bis auf die Schlacht auf dem Lechfeld, von Lepanto
bis Zorndorf, von Borodino bis Navarino unablssig mit der westlichen Kultur um
die Hegemonie rang.
    Der sterreichische Dualismus, die scheinbare Vermittelung dieser
Gegenstze, bildet eine Brcke zwischen der inneren Unvershnlichkeit der Racen.
    Dem Ostrmischen Reich, obwohl in allen Fugen gelockert, wurde ein langes
Bestehen gefristet und Byzanz hielt sich durch Leute wie Belisar und Narses, wie
die Habsburger Monarchie durch die Metternich, Prinz Eugen und Radetzky. Diese
ueren Eindrcke wren jedoch ohne Erfolg geblieben, wenn nicht diese Ostreiche
ein Bedrfni der politischen Oekonomie befriedigt htten. Sie dienten dazu, das
Eingreifen des Panhunnismus in die europischen Wirren abzuhalten. Wie frher
das Reich Burgund die Scheidewand zwischen Deutschland und Frankreich bildete,
um spter als neutraler Mittelstaat Holland-Belgien wieder aufzuleben, und in
der sterreichisch-spanischen Weltmacht das Bindeglied bildete, so dient heut
als Bindeglied Deutschlands und sterreichs und als Scheidewand zwischen
Pangermanismus und Panhunnismus - das Ungarreich.
    Kann dieses sich halten in der umbrandenden slawischen Sintflut? Kann es
seinen Traum eines groen Ungarreiches bis zum Schwarzen Meer ausfhren, das
einst schon durch die ppstliche Bulle, welche den Johannitern die Wallachei und
dem Deutschen Orden Siebenbrgen vergabte, einen Vorlufer erhalten sollte?
    Krastinik legte sich mit Ernst diese Frage vor, die ihn als magyarischen
Magnaten wie keine andere beschftigen mute. Dem nationalen Staate gehrt
berall die Zukunft. Drum mu man fr die Berechtigung der Magyarisierung
eintreten, da dies den slavischen Vlkerschaften gegenber einen culturellen
Fortschritt und selbst nur eine Etappe der Germanisirung bedeutet. Dem Deutschen
aber gebhrt ein leitender Antheil an der Fhrung Ungarns, das er frher allein
civilisirte. Ob das Deutsche Reich je an die Leitha rckt oder nicht, ein
befreundeter Deutsch-magyarischer Staat wird an ihm seinen sichersten Halt
finden.
    Deutschland mu ans adriatische Meer vordringen, mu durch Holland und die
Ostseeprovinzen sich die Beherrschung der Nord- und Ostsee endgltig sichern,
auf da dies angestammte Herrschgebiet der Hansa eine neue Seeherrschaft
frdere. Die Kmpfe, welche die Beschlagnahme dieser Lnder begleiten, sind
Ergebnisse der geologischen Weltlage und der chemischen Mischung der
Rasse-Grenzen, und demnach unvermeidlich. Nach vlliger Arrondirung der
Nationalitten drngt die neuere Geschichte hin. Nicht eher kann Deutschland
ruhen, als bis die Centralisation der germanischen Rasse in ihm vollendet, bis
der deutsche Rhein deutsch vom Quell bis zur Mndung, bis alles von der Donau
und Weichsel besplte Gebiet sich zur Klientel des Reiches rechnet. Keinen
Zollbreit fremder Erde soll das Reich sich einverleiben, sondern nur einheimsen,
was sein. Aber die Farce des europischen Gleichgewichts hat ausgespielt. Nicht
mehr durch das Mikroskop intriguirender Cabinette schauen wir die groen
Weltinteressen. Aus gemischten Rassen zusammengemengselte Staatsgebilde -
ungesunde Ueberreste der verflossenen Cabinetspolitik - hren ihre Stunde
schlagen. Die Existenzberechtigung der kleinen Staaten hat aufgehrt.
    Die civilisatorische Mission der deutschen Vlkerwanderung, welche die
lateinische Welt regenirte und den ihr folgenden slavischen Nachschub wieder in
seine Steppen zurckwarf, wird ein Nachspiel finden. Der Zug der alten
Nibelungen ins Ostland zu den Hunnen kann auch heut symbolisch worden.
Kolonien heit das Feldgeschrei. Hofft man auf die Fiebertropen, die schon
jetzt fr England und Holland mehr verschlingen als einbringen? Wir brauchen
keine Strafkolonien. Die Bedeutung Amerikas fr die deutsche Uebervlkerung hat
hoffentlich bald ihr Ende erreicht. Nicht in Paraguay haben die Antisemiten ihr
lcherliches Neu-Germanien zu suchen, sondern im Hunnenland.
    Frankreich aber wird stets ein bestimmender Faktor Europas bleiben, und
erlitte es noch zermalmendere Niederlagen. Denn die Logik der Naturverhltnisse
lt sich nicht umstoen. Die beiden Theile des alten Frankenreiches, das
deutsche Mutterland und Francien, die Mittellnder Europas werden immer beide
die Weltlage bestimmen. Das Reich, gesttigt in Kraftbewutsein, sollte ein
starkes Frankreich mit Wohlwollen betrachten. Gebe man Frankreich, was
Frankreichs ist! Deutschland ist Hellas und Rom in eins. Es hat die reichste
Bildung und straffste Verwaltung. Und es wird herrschen wie Hellas und nicht wie
Rom.

    Die heimkehrenden Bauern blickten scheu ihrem seltsamen neuen Gutsherrn
nach, der so spt nach Sonnenuntergang in die Berglandschaft hinausritt. Der
schumende Burzen wirbelte, vom Piatra Mare fegte ein leichter Windsto herber.
- Xaver trabte weiter und weiter. Rothgelockte Hyazinten schwankten noch
wildblhend am Wege hin. An einer Waldspitze sprote aus Hecken ein
Haiderslein. Aber immer der starb die Pflanzenwelt ab.
    Sabbathglocken und das Schellen-Luten der Heerden weckten noch, sich
mischend, ein schwermuthses Echo. Dann verhallte auch dies. Gelassen
schlenderte der Hengst durchs feuchte Farrenkraut, Im Klee raschelte es einmal
auf, als ein Eichhrnchen, das dort Eichelnsse auflas, beim Nahen des Reiters
wieder den Baum hinanturnte. Wie ein Kobold lugte das rothe Hnschen durch die
Zweige dem Reiter nach. Gleich einer Welle, bog sich die Strae auf und nieder.
Und auf und nieder ging seines Herzens Wellenschlag. In der dmmerblauen Ferne
hob sich Berg an Berg, wie immer hher sich Gedanken herausgipfeln aus dem
Dunstflor der Zukunft.
    Hellgrn, gelbbesprenkelt wallten die Felder hin. Vom Tannicht schlichen
spukhaft bleiche Schatten thalab. Alles totenstarr und lautlos in dunkler
Einsamkeit, nur die Schneekette der rumnischen Grenze flimmerte traumhaft
herber. Grenzenlose Stille lastete ber der Gebirgshalde. Ja, das waren die
alten Berge, die er als Knabe durchschweift. Und ein Gru von Geisterhnden
schien leise seine Wangen zu streifen. Traulich raunte diese schweigende Natur
geheimen Zauber und es rauschte der Strom: Willkommen! Kennst Du die alten
Spuren wieder?
    Diese Bilder bunte Flle floh einst an Dir vorber, da Dein Sinn noch
jugendfrisch wie die schlanke Edeltanne wuchs. Doch Blitze verkohlten Dir das
saftiggrne Holz, und der Gottgedanke, welcher die Welt verknpft und nach
welchem Dein Pilgerstab gesucht, Du hast ihn erst heute gefunden in der
einstigen Heimath.
    Ja, er hatte sie endgltig berwunden, diese chronische Krankheit des
Jahrhunderts, den selbstbefangenen kindlichen Grenwahn, wo Keiner gehorchen
und Jeder commandiren mchte. Auf der erklommenen Zinne einer hheren
naturwissenschaftlichen Anschauung konnte er auch den Schicksalsglauben eines
Welt-Messias wie Napoleon an seinen Stern nur als lcherliche Selbsttuschung
bedauern. Wohl lag eine dumpfe Ahnung hherer Gesetze in dem Fatalismus eines
solchen Menschen:
    Ich fhle mich zu einem Ziele hingetrieben, das ich nicht kenne; habe ich's
erreicht und ntze ich nicht mehr dazu, gengt ein Atom mich zu vernichten.
Aber wenn der Welterschtterer fortfuhr: Bis dahin vermgen alle menschlichen
Krfte nichts wider mich, so mute ihn diese Ueberzeugung nothwendig zu jenem
Delirium des Grenwahns fhren, das sich in Worten austobt wie: Es beweist die
Schwche des menschlichen Geistes, da man zu glauben wagt, man knne gegen Mich
ankmpfen.
    Nein, sondern es beweist grade die Schwche des menschlichen Geistes, wenn
man glaubt, ankmpfen zu knnen gegen das ewige Weltgesetz. Zwei mal Zwei macht
Vier und nicht Fnf. Wer das vergit und den Sinn fr die Realitt verlor, den
strzt allerdings ein Atom, aber dies Atom suche er in sich selber! Wohl ruhen
im menschlichen Geist dicht nebeneinander Gre und Grenwahn. Schwer ist's,
jene innere Ruhe zu bewahren, welche die wahre Gre verbrgt, und das eigene
Knnen stets nach richtigem Ma zu schtzen. Vornehmlich schwer, wenn die
thrichte Blindheit der Welt mit ihren falschen Maen mit und daher verkannte
Gre naturgem zu bertriebenem Selbstgefhle treibt.
    Wohl wrde die selbstbeschauliche Vorwegnahme seiner knftigen Gre in den
prahlenden Aeuerungen des obscuren Kapitns Bonaparte lcherlich wirken, wenn
er auch nur um die Hlfte weniger gro gewesen und spter durch unberechenbares
Erfolgsberma sein Grenwahn nicht gleichsam gerechtfertigt worden wre. Aber
eine solche Gemthsanlage mute endlich doch zum Verderben umschlagen.
Grenwahn im gewhnlichen Sinne konnte ihn zwar nicht bezwingen, weil er ja
wirklich so gro, aber dafr reifte denn in ihm der Csarenwahnsinn. So wird
selbst die Gre denselben Gesetzen unterthan, wie die eitle Selbstsucht der
Durchschnittsmenge, und auch sie richtet sich zu Grunde durch Ueberma des
Wollens.
    Und da sollen die Menschen dann Schuld sein! Wenn der Empereur die Menschen
verachtete, so wird man jetzt wohl zugestehn, da er seine Grnde dazu hatte!
So endet der krasse Egoismus berspannter Gre mit einer Anklage gegen den
Egoismus der Kleineren!
    Das Alles ist Thorheit. Die Menschen klagt nur Derjenige an, der sie nthig
hat. Der inneren Gre aber knnen die Cothurne der Pbelwelt nicht einen Zoll
hinzufgen noch hinwegnehmen. Wozu das Jammern und Schimpfen ber eine Welt, die
sich nach unabnderlichen Gesetzen dreht! Sie wird schon ihre Vorwrtsdrnger
selber finden. Du bist solch ein Held? Glaube es nicht! Denn wenn du es bist, so
wird sich die Stunde schon finden, wo das Welt-Naturgesetz dich zu seinen
Zwecken verbraucht. Jeder, der eine Kraft (une force) ist, wie der
naturwissenschaftliche Zola dies nennt, wird auf den Punkt magnetisch
hingezogen, wo er seine elektrischen Schlge austheilen kann. Und wem eine
solche fruchtbare geologische Lage fr seine chemische Kraftmischung sich nicht
von selber unterschiebt, Der ist auch keine Kraft.
    Scheitert jeder Versuch, den Strom der latenten Kraft frei zu machen, so
bescheide man sich in stiller Gelassenheit, statt in nutzlosem Grenwahn den
Rest seiner Kraft zu vergeuden. Fr die Welt ist ja der Schade gering. Fr jeden
Untergehenden tauchen zehn Neue auf. Aber wohl bleibt es von unberechenbarsten
Folgen und verzgert die Entwickelung der Menschheit, da die geologischen Lagen
absichtlich verschoben und die chemischen Zusammensetzungen hierdurch verwirrt
werden, indem sie so ihre wahren logischen Lebensbedingungen verlieren. Diesen
Einklang der geologischen Materie, der naturgemen Auenverhltnisse, zu der
lebendigen wirkenden Kraft herzustellen, erscheint als die Triebfeder aller
Revolutionen. Eine gewaltige Kraft wie Leonhart konnte zwar durch keine
niederwuchtende Dumpfheit der Materie gehindert werden, sich ununterbrochen in
elektrischen Schlgen zu entladen und sich rastlos durch Thaten kundzuthun. Da
aber den Sinn und die Bedeutung dieser Geistesemanationen nur so Wenige
begriffen, lag theils in der zu schwchlichen Struktur seiner Materie-Hlle,
welche die innere chemische Mischung oft dem rauhen Einflu der Auenwelt preis
gab, theils aber auch in der unnatrlichen Lage seiner geologischen
Lebensbedingungen. Nicht in ihm steckte Unnatur, sondern grade er war ein
logischer einfacher Naturbegriff, eine schlichte geschlossene Naturkraft.
Unnatur beherrschte nur die Weltmaterie, in einen unorganischen Brei
durcheinandergequirlt. Grenwahn eines mnchisch Csarenwahnsinnigen in seinem
Alpenschlo; Grenwahn eines Zitterers an der Newa; Grenwahn des
Gottesgnadendnkels allerorts, der taub und blind whnt, das monarchische
Prinzip auf den alten vermorschten Grundlagen retten zu knnen; unglaubliches
Phosphoresziren verfaulten Adelsgermpels berall - und dagegen der scheuliche
Grenwahn der Anarchie, des Nihilismus, der Socialdemokratie, welche in ihren
Dynamitbomben und Knppeln die alleinseligmachende Panazee fr den kranken
Staatshaushalt gefunden glauben. Tobt euch nur aus, ihr Ich-Sucher, und macht
aus Nichts ein Etwas! Das Ende trgt die Last. Ob sich der Geist des Bsen auf
Erden nun als Frst oder als Pfaffe vermummt, oder ob er als schndes
Pbelregiment im Namen der Freiheit Verbrechen begeht, stets mu er gebndigt
werden. Was Republik, was Monarchie! Das Schlechte mu zu Grunde gehen. Nie
whrt das Reich der Dummheit und nur das Vernnftige bleibt bestehen. Wenn der
Einzelne seiner Kraft und Ueberzeugung gem gegen Dummheit und Unrecht
eintritt, so erfllt er eben lblich sein Menschenthum. Aber sobald er
ungeberdig jammert, weil dieser Kampf erfolglos, schdigt er nur sich selber.
Das Weltgesetz, der Logos, hilft sich schon selber durch und schleudert alle
Metternichtigkeiten mit einem Futritt bei Seite. Dazu bedarf es keiner
Menschen. Am weisesten also, wer sich gelassen von der Woge treiben lt. -
    Krastinik mute unwillkhrlich lcheln, als grade zu diesen Gedanken sich
eine seltsame Illustration bot. Sein Rlein nmlich, ein schmucker Walachischer
Bergklepper fand bei einem Engpa, den man soeben passiren mute, den von
Regengssen aufgeweichten Boden in der Pa-Mitte zu undelikat fr seine
vornehmen Beine und kletterte daher pltzlich ohne weiteres seitwrts ber die
Felsen weg. Sein berraschter Reiter lie ihm den Willen, auf die Gefahr hin den
Hals zu brechen. Doch berwand der rstige Klepper alle Hindernisse; nur nahm er
keine Rcksicht darauf, da ein Dornstrauch seinen Reiter quer durchs Gesicht
schrammte. Als sie unten angelangt, lie der strrige Missethter ein
triumphirendes Wiehern vernehmen.
    Krastinik lachte laut auf. Jaja, so mu Jeder seinen Willen haben, jeder
rcksichtslos halsbrechende Felsparthieen hinanstrmen, um nur seinen
Eigendnkel zu befriedigen. Zugleich aber erkannte er jetzt, da auch der
Grenwahn nur ein naturnothwendiges Requisit unsrer ganzen Zeitrichtung, indem
er das allgemeine Streben verrth, sich hervorzuthun. Vor einigen Tagen war ihm
aus Berlin ein Brief nachgesandt, dessen Schreiber ihn noch dort im Zenith
litterarischen Ansehens vermuthete und daher seine Vermittelung in Anspruch
nahm. Ein Dreiviertelsnarr, den man frei herumlaufen lie, ein entfernter Cousin
Krastiniks in Russisch-Polen versetzte ihm Folgendes:
    Ich, Frst Lubartschinsky, wohne jetzt in Kowno, Festung gegen Preuen
gebaute. Cher Cousin! Anbei mein Photographie mit all meine Orden. Mitglied bin
ich von alle gelehrte Krperschaften der Welt, Correspondent mit alle gelehrte
Gesellschaften. (Dies war richtig: er correspondirte, aber einseitig. Die
Photographie bot einen ungeheuerlichen Anblick: Frscht Lubartschinsky mit
smmtlichen Sternen, Kreuzen, Mitgliedszeichen, Schtzenfestbndchen,
Cotillonorden seines Erdenwallens und mit dem dazu gehrigen Ruhm bedeckt! Man
staunte ba, wo er all diesen Flitterkram auftreiben konnte. Half nichts andres
mehr, so hatte der Ruhmesdurstige die Litzen und Borten seines Dolmans vom
Schneider so zuschneiden lassen, da sie Sternen und Kreuzen hnlich sahen. So
stand er nun da wie ein Gtze unter der Last seiner Ehren und grinste
vertrauensselig).Cher Cousin! Vous voyez auf mein Photogramm, da ich bin wie
Wenige gestempelt. (Stempeln nannte Lubartschinsky alles Menschenmgliche. Wo
ihm irgend Begriffe fehlten, da stellte dies Wort zur rechten Zeit sich ein.) 
Eh bien, enfin, mon ami, das Akademie der Wissenschaften in Berlin hat noch
nicht gestempelt mein distinguirtes Person. Mag ich detestiren auch Preuenvolk,
von Gott verfluchtes, mu es doch stempeln mich. Nun habe gehrt, da Sie,
bien-aim, sind geworden ein groer Mann in Berlin. Pour l'amour du
Jesus-Christ, lassen Sie mich flehen auf Knieen, zu bemhen sich fr Ihr armes
Vetter Lubartschinsky, wohnhaft in Kowno, Festung gegen Preuen gebaute. Sind
Sie geworden gestempelt, so kann man auch stempeln le prince de Lubartschinsky.
Adieu, mon ami, je vous adore. Schicke nchstens 100 Rubel fr Auslagen.
Stempeln, stempeln, stempeln Sie!
    P.S. Dieser Brief sein gengend gestempelt, n'est- pas?
    ..Krastinik lachte laut auf bei der Erinnerung an diesen Ukas des
unschdlich Verrckten. So wollen sie heut alle gestempelt sein - verrckt,
aber nicht unschdlich. Wenn ihnen kein anderer Orden blht, so wollen sie
mindestens mit einem Tugendpreis gestempelt werden.
    ..Welche Stille ringsum auf der Haide! Es war, als lge die ganze Welt
erstorben hinter ihm. Die Briefe guter Freunde, die jetzt auf den
neugebackenen Majoratsherrn herabzuschauern begannen, tnten wie ein fernes
mattes Echo bewegter Vergangenheit. Kann der Mensch sie wirklich ertragen, eine
so tiefe Einsamkeit? Ruhe und Bewegung mssen wechseln, soll der Geist sein
Gleichgewicht bewahren. Fern vom Contakt mit der Menge, sieht man die Dinge zu
schwarz oder zu rosig, sieht Teufel und Engel, wo doch nur armselige schwache
Menschenkinder ihren kindlichen Unfug treiben.
    Jaja, Abwechselung mu sein. Hier allein von seiner Erhabenheit zehren und
verbauern ging nicht an. Das fhlte er jetzt deutlich genug. Erst an
Menschenauffassung kann sich eine feste Weltanschauung erproben. Sich absondern
von der Menge, verrth wenig Muth. Man soll die Welt nicht bessern wollen, man
soll sie verstehen. Und immer klarer und ruhiger durchschaute er das Problem des
Heerden-Mechanismus der Gesellschaft.
    Alle Regeln sind falsch, weil sie lauter Ausnahmen zulassen. Dieses bekannte
Paradoxon enthlt eine Tiefe der Lebenserfahrung, welche nur Wenige ahnen. Alles
gilt nur von Fall zu Fall. Das Wesen der Genialitt besteht daher in der
Sicherheit, fr jeden einzelnen Fall die entsprechende Regel zu finden.
    Lebensregeln, Moralregeln, Kunstregeln? Es giebt keine. Jede Kraft ist sich
selbst Gesetz, nur die conventionellen Schein-Puppen schwatzen von
unumstlichen Gesetzen. Darum sollte auch andrerseits das Genie seine
apodiktischen Lehren unterlassen, da es das psychologische Moment nie
bercksichtigt und stets von sich selbst aus schliet. So stellt z.B. Napoleon
Grundstze der Kriegskunst auf, als wren dies unerschtterliche Normen, obschon
dieselben jede mittlere Feldherrnbegabung sicher ruiniren wrden. Gewi siegt
meist der Angreifer, obschon der gesunde Menschenverstand das Gegentheil
annimmt, weil die eigene Initiative den Gegner fesselt. Allein, wer falsch
angreift, wird grade so gut geschlagen. Auch das Umgehen des Feindes mit der
ganzen Masse, statt mit einzelnen Corps, losmarschirend auf des Feindes
Rckzugslinie und die eigene preisgebend, mag als eine strategische Idee gelten,
die in ihrer Einfachheit die seltenste Groartigkeit entfaltet, aber einen
minder entschlossenen Feldherrn in unabwendbares Verderben verstricken wrde. -
In Masse vorbrechen, statt sich zu zersplittern, ist ein herrlicher Grundsatz.
Aber wenn die geologische Lage dies nicht zult, so soll man es auch nicht
versuchen.
    Leonhart frhnte diesem Prinzip des Masse-Bildens: weil aber die
geologischen und atmosphrischen Verhltnisse des deutschen Geisteslebens in
Gestalt der gedruckten Litteratur dem zuwider lagen, so kam er so nur ins
Gedrnge und deployirte nicht sachgem. Daher seine ueren Niederlagen, trotz
der genialen Anlage seiner Plne. - Er wechselte oft seine Operationsbasis, an
sich ein geniales Verfahren, verlor sie aber mehrmals dadurch. Und whrend er
den Feind abschnitt, wurde er selbst abgeschnitten von der ungeheuren
Uebermacht.
    So handeln die Mnner der Zukunft, deren Schlachten auch nach ihrem Tode
gewonnen werden. Anders aber erscheinen die Mnner der Gegenwart, die den Erfolg
der Realitt erzielen. Dies sind die wahren Realisten, weswegen sie auch stets
den Idealismus unntzlich im Munde fhren. Denn Solches entzckt ja die
geschmeichelte Lge, Welt genannt. Genie macht anrchig, vornehmes
Weihepriestern macht ehrwrdig, ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen.
    Der rechte Weltmann und Sinnenmensch zeigt sich zwar uerst schwach bei
sclavischer Befriedigung seiner kleinen Leidenschaften, aber uerst stark, wenn
es ein imponirendes Auftreten gilt. Und dazu gesellt sich das sittliche Pathos,
diese logische Folge gnzlicher Verlogenheit. Was man so Sonntagskinder nennt,
das sind gewhnliche Burschen mit lebhafter geistiger Beweglichkeit. Dann pflege
man vor allem den stattlichen Corpus, auf da man den lieben Frauen gefalle. Wer
einen eleganten Bckling zu produciren versteht, besitzt den Schlssel der
wahren Lebenskunst.
    Nun ja, das alles ist wahr. Aber wozu die Dinge so schwer nehmen! Was einmal
nicht zu ndern, das liegt also in der Natur bedingt und also ist es
vernunftgem. Man soll nur verlangen, was die Natur gewhrt. Maulesel,
Ziehochsen, springende Ziegenbcke kommen spt oder frh zu ihrem Weideplatz und
schleppen ihre Fracht. Lahme Klepper und zierliche Damenzelter thun halt, was
sie knnen. Und wenn der trainirte Vollblutrenner sie um zwanzig Pferdelngen
schlgt, so soll man nicht murren, weil er kein Flgelro ist. Pegasusflgel
wachsen nicht oft, auf welchem Gebiet auch immer, und der Phnix steigt in jeder
Generation nur einmal aus Flammen empor. Wenn die kneiferblinde Menge das
Flgelro nicht erkennen kann, was schadet das! Jedes nach seiner Art. Die
Erfahrung lehrt, da ein Schwarm Spatzen einen Adler mrbe zupft. Aber darum
foll man doch nicht mit Kanonenkugeln gegen Spatzen schieen, denn damit trifft
man sie am schlechtesten. Gegen die Spatzen-Verschwrungen der Welt hilft
keinerlei Waffe. Sie zersausen sich schon untereinander ums liebe Futter; so
lsen sie sich selbst in Wohlgefallen auf.
    Bei dieser Spatzen-Theorie flogen ihm unwillkhrlich all die Spatzenschwrme
vorber, die im Leben herumpiepen. Da sind die magern Spatzen mit geblhtem
aristokratischem Kropf, die dem sogenannten Staate ihre Dienste weihen. Jeder
dieser Wichte hlt sich fr ein hochwichtiges Rad des Regierungswagens und
alles, was auerhalb dieser Sphre liegt, fr untergeordnetes
Unterthanengesindel. Jeder mu kriechen vor Jedem ber ihm - der Hauptmann vorm
Obersten, der General vorm Commandirenden, der Regierungsrath vorm Geheimrath,
der Geheimrath vorm Minister, und alle miteinander kriechen buchlings vor jedem
grflichen Hofschranzen und Titularlakeien, um endlich vor hchsten und
allerhchsten Herrschaften einen Veitstanz des Byzantinismus aufzufhren. Der
Adelspbel vollendet dies grenwahntolle Strebergepiepe als Massenchorus. Jeder
dieser Leute hlt sich fr hochanstndig und bieder, weil er keine silbernen
Lffel stiehlt, die brgerliche Moral intus hat, und dem Nebenmanne nur indirekt
das Futter vor der Nase wegstiehlt. Von Interesse fr hhere Dinge keine Spur;
die Begriffe der hheren Moral nie auch nur geahnt. Alles eingezunt in den
engsten Kreis hochtrabender Berufspflichten, die hchstens ein fleiiges
Biberthum oder eine Fuchsschlue ausbilden knnen. Zu dieser Gesellschaft par
excellence gesellt sich nun noch das fette Protzenthum, sei es als Finanzparven
und Waarenfeilscher jeder Sorte, sei es als Juristen-Rechtsverflschung, sei es
als Gelehrtendnkel Maulwurfshgel fr Alpen ansehn, darin beruht der
eigentliche Scharfsinn der lieben Welt. Unter den sogenannten Wissenschaften
stellt lediglich die Chirurgie und die exakte Naturwissenschaft noch etwas
Reales vor, schlgt aber ins Urkomische um, wenn sie aus ihrer Seichtigkeit eine
Weltanschauung zurechtzimmern will und in kindlichem Unfehlbarkeitsdusel ber
hhere Gebiete aburtheilt, wie Dubois-Reymond einmal ber Goethes Faust. Und
neben diesen werthlosen Wust und Krimskrams setzt endlich auch noch das
Allererbrmlichste, die Aesthetik, ihr Hufchen windiger Spreu. Da wimmelt es
von Shakespeare-Jahrbchern und Goethe-Jahrbchern da Einem Hren und Sehen
vergeht. Von einem Verstndni der Meister natrlich keine Ahnung, statt dessen
geistlose Compilationen ber jeden Hosenknopf, den man irgendwo in einem
Kehricht entdeckte - steht weit abseit, ihr Profanen! Da entdeckt Einer einen
Dritten Theil des Faust und beweist, da der erste Theil ursprnglich in Prosa
geschrieben. Darauf aber wird die Urschrift entdeckt, natrlich in Versen -
welterschtternde Grothat! So wird Einer dieser Goethepfaffen stets vom Andern
abgethan. Was ist das fr ein Gewsch ber den Faust! Gebt mir 3000 Thaler
jhrlich und ich schreibe euch einen Faust, da ihr die Schwerenoth kriegt!
rief der titanische Grabbe. In reklame-berhmten Litteraturgeschichten wird
daher auch der thrichte Grabbe mit einem Futritt bei Seite geschleudert.
Andre christliche Litteraturgeschichten erfrechen sich, den frivolen Juden
Heine als eine dreiste Null abzuthun. So etwas nennt sich in Deutschland
sthetische Wissenschaft.
    O Tollheit, o unergrndliche Dummheit der Menschen! Dieses Corps der Rache
rmpft die Nase ber moderne Litteraten und schwindelt einen seichten
Reklamegtzen in die Akademie der Wissenschaften hinein: Denn man finde in
unsrer traurigen Zeit der Decadence keinen Litteraten, sondern nur einen
germanistischen Litterarhistoriker wrdig, in so illustrer Genossenschaft zu
thronen!
    Ja, so wird man gro߫ in dieser Welt des Humbugs. Man schmiert eine von
grbstem Cretinismus strotzende Litteraturgeschichte, in der man mit oberfauler
Gelehrsamkeit die scheuliche Lachmannsche Theorie ber das Nibelungenlied
wiederkut und ber Goethe in heuchlerische Verzckungen gerth, um die
Epigonen herzlos mit bldem Unverstndni abschlachten zu drfen. Dann
verschafft man sich vor allem einen Nachschub von liebedienerischen Scholaren
und schmuggelt dieselben auf alle leer werdenden Lehrsthle ein. Stirbt man
dann, so hat man sich solch einen Famulus als Nachfolger herangezchtet, der
eiligst den vakanten Papststuhl des verehrten Vorbilds einnimmt und in seinem
Stile weiterackert. So hat man sogar noch seinen Nachruhm sorglich vorweg
versichert.
    In den bildenden Knsten derselbe Lgenmechanismus. Gottstrfliche
Intriguanten, die als Knstler nichts als geschickte Macher, erobern sich das
hchste Ansehn, indem sie die Feigheit der Schwcheren terrorisiren. Denn nicht
das knstlerische Knnen entscheidet. Wer versteht heut etwas davon, heut, wo
der Eine blo die Sujets beugelt und die schlechtesten Historienbilder fr
Heldenthaten ansieht, der Andre blo die Handwerksmtzchen bestaunt und ein
raffinirtes Virtuosenportrait fr den Gipfel der Kunst hlt! Und als Untergrund
dieser ganzen gleienden Firni-Gesellschaft die groen Massen, die als Atlas
auf ihren nimmer mden Armen diesen Olympos tragen. Bei ihnen regiert wenigstens
nur der Kampf ums Dasein in der rohen uerlichen Form, und man schachert bei
ihnen nicht mit den heiligsten Gtern der Menschheit, mit Wahrheit und Kunst.
Sie frchten Gott und das Kriminalgericht, nhren sich schlecht und recht, und
schwren im Uebrigen auf ihre Zeitung. Denn was man Schwarz auf Wei besitzt,
kann man getrost nach Hause tragen.
    Allerdings steht ja dem so beschaffenen Kasernen-Organismus einer
bureaukratisch-kaufmnnischen Gesellschaft der Originalmensch und gar das Genie
wehrlos gegenber, und mu nothwendig untergehn. Wie darf es sich unterstehn,
die Preise zu drcken, den Markt durch seine Ueberproduction zu stren! Allein,
das ist weise das ist naturgem. Was sollte aus einer Welt werden wohin wrde
die Entwickelung gerathen, wenn man statt des hohlen Scheins das Sein anbeten,
wenn man die wahren Knige der Menschheit nicht verborgen im Dunkel stehen und
die Nichtse auf dem Markte sich spreizen liee! Denn die ungeheure Majoritt der
Menschen kann nur durch schlechte Leidenschaften zur Arbeit gestachelt werden,
durch gute nie. Daher ist nur eine solche Welt geeignet, als bequeme Behausung
der Menschenmassen zu dienen, und auf die Massen kommt es ja an. Ein Genie zhlt
auch nur als einzelner Mensch und darf beileibe keinen breiteren Platz
beanspruchen, als jeder beliebige Tropf mit platter Stirn und strammer Lende.
Dies ist die wahre Demokratie, die Demokratie der Mittelmigkeit, der prudente
mdiocrit, von welcher Welttyrann Napoleon schwrmte.
    Darum weihe sich Jeder in stillbeseligter Erbauung dem wahren Ideal: einem
normalen Verdauungsproze und den schnen blanken Zwanzig-Mark. Vor
Geistesthaten prsentirt ja kein Gardist das Gewehr. Ein gutgebratenes Wiener
Schnitzel schmeckt besser, als der berflssige Schnheitsquark, und wer nur als
Schnecke am eignen Schleim emporkriecht, erklimmt das erhabenste Ziel eines
guten Brgers: einen hbschen Titelrang.
    So rollt die wohleingelte Maschine der sittlichen Weltordnung munter fort.
Die Damen plaudern auf dem goldnen Deck der Staatsgaleere, frit auch drunten
geheimes Leck. Aber die Parze des kommenden Jahrhunderts schreitet langsam durch
die Nchte dahin in dunkeln Trumen. Die Fackel fr den Weltenbrand beleuchtet
ihre hungerbleichen Zge, ihr unumwlktes Hirn zerschneidet den Phrasendunst der
Zeit. Wer vergebens sich klammert an veraltete Banner, fhlt sich hlflos
fortgerissen auf den Bahnen eiserner Nothwendigkeit. Die Wellen kommen, Wellen
gehen, und die Planken lockern sich nach und nach. Der Sclave im Rumpf des
Schiffes entfesselt sich jauchzend, wenn er droben mit Stiel und Stumpf das Deck
zerbersten hrt. Und immer nher branden die donnernden Fluthen. Aber ihr hrt
sie nicht.
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    Schon geraume Zeit vorher hatte Krastinik das letzte Walachen-Dorf der
Grenze durchritten. Jetzt bei einbrechender Nacht sah er sich angesichts der
rumnischen Grenze in einem schmalen Bergthal. Wo bernachten? Einige Htten
lagen umher; ein Hirt im Brenpelz, ohne Hemd darunter, die nackte Brust offen
dem Winde bietend, trieb gerade eine Pferdekoppel von der Weide ein. Der Graf
trat ins nchste Gehft und grte. Kaum htte er sich verstndlich machen
knnen, aber ein Zufall begnstigte ihn. Am Tisch neben den walachischen Bauern
sa ein stattlicher Mann in braungelbem Jgerrock mit grnen Aufschlgen,
Hirschfnger an der Seite. Er erhob sich und grte freundlich. Der Graf
erkannte den Forstmeister des Comitats, einen Sachsen. Sobald man dem erst
finsterblickenden Bauern auseinandergesetzt, da dies der groe Graf des
nchsten Bezirks sei, schwenkte er ihm mit der natrlichen vornehmen Grandezza
des Romanen sein Glas Landwein entgegen:Sanitate bona! Er habe gehrt, wie der
Forstmeister verdolmetschte, da der Domnule (Herr) gut gegen seine Leute sei.
Dann schenkte er ihm ein und bot den ungeheuren Schafkse an, der auf dem
rohgehobelten Tische stand. Seine Frau, (in der eigenthmlichen Tracht der
Berg-Walachinnen, statt eines Rocks nur zwei rothgestreifte Schrzen vorn und
hinten umgebunden) bereitete dem erlauchten Gast mit gastfreundlichem Grinsen
ein Lager in der Wohnstube.
    Noch lange saen der Forstmann, eine germanische Barbarossagestalt mit
langwallenden Barte, und der Graf zusammen. Ersterer war hierher verschlagen
worden, um den Grenzstreit zweier walachischer Horden ber ein Thalflchen zu
schlichten. Eigentlich, vertraute er flsternd an, befnde man sich hier unter
lauter Rubern und Schmugglern. Aber der Gastfreund sei natrlich sicher wie in
Abrahams Scho.
    Als man in tieferes Gesprch gekommen und Krastinik seine
deutschfreundlichen Sympathien erschlossen hatte, thaute der Andre auf. Es
zeigte sich, da seine Vergangenheit eine bewegte gewesen war. Als Forst-Eleve
in Tharand bei Dresden ausgebildet, hatte er sich wie die meisten Siebenbrger
Sachsen ganz als Deutscher gefhlt und die Einheitsbestrebungen der deutschen
Turnvereine in sich aufgenommen. Als daher der Freiheitskampf der
Schleswig-Holsteiner losbrach, hielt es ihn nicht in der uersten Sdmark
deutscher Gesittung (der schsischen Coloniae Imperii Germanici, deren
Kirchengemlde neben dem ungarischen Wappen den deutschen Reichsadler fhrten)
und er eilte hinauf zur uersten Nordmark. Dort an der Eider focht und blutete
er fr die deutschen Brder unter dem Befehl des Generals v.d. Tann. Dieser war
ihm zeitlebens sein Heldenideal geblieben, obschon er nach der Schlacht von
Fridericia fr immer in die ungarische Heimath zurckgekehrt. Der heldenhafte
und doch vornehm milde Sinn des bayrischen Freiherrn leuchtete ihm noch heute
vor als Sinnbild deutscher Mnnlichkeit und sein Herz schlug hher, als er
spter von den Thaten des Corps v.d. Tann in Frankreich vernahm.
    Beide sprachen hierber. Welch ein Leben, welch ein typisches Sinnbild fr
die Entwickelung der neuen deutschen Gre! 1848 als Freischrler mit deutschen
Milizen der Kriegsmacht des Inselreichs trotzend. 1866 als sddeutscher
Heerfhrer mit unerschtterlichem Muth dem Hllenfeuer der Preuen Stand
haltend, um die Waffenehre zu retten, aber innerlich jauchzend ber jeden Sieg
der norddeutschen Gromacht, die auserwhlt, um den Traum aller grodeutschen
Patrioten zu verwirklichen. Und nun 1870, glcklich und stolz als deutscher
Huptling dem Aufgebot des gemeinsamen Herzogs zu folgen, greift er mit einem
Hochmuth kriegerischer Ueberlegenheit die franzsischen Heere an, als sei er ein
altfrnzsischer Marchal de l'Empire.
    1848-1888, nur vierzig Jahre, fr Deutschland vier Jahrhunderte. Welch
erschtternder Beweis fr die Allmacht der geheimen Drehungsgesetze, das binnen
vier Jahren (64-70) die Entscheidung fiel ber des ununterbrochene Ringen und
Streben dieser groen zerrissenen Nation, seit 1648, dem Westflischen Frieden!
Ein Volk aber, das solche Leiden verwand und in rastloser Arbeit seinem letzten
Ziele entgegentrieb durch alle Rnke des neidischen Europa hindurch - ein Volk,
das sich urpltzlich in seiner ganzen Lwenkraft erhob und seine waffenstarrende
Mhne schttelt, - ein solches Volk ist berufen, das letzte Wort zu sprechen und
das Grte zu vollbringen, das Reich freier Gesittung zu erobern nach
Niederwerfung aller inneren und ueren Unkultur. In der Hohenzollernschen
Weltmonarchie liegt der Schlssel der Zukunft. Schneewei angethan in Majestt,
wacht zu Hupten ihres Herrscherstuhls der Vter alter Ruhm, das wohlerworbene
Herrscherrecht der Besten. Herrschen, ja was heit Herrschen? Es ist ein weiter
Weg von dem geflochtenen Bart eines chaldischen Priesterknigs bis zur
Allongepercke des Roi-Soleil und von da zum Krckstock Friedrichs des Groen.
    Stets wiederholen sich dieselben Arten.
    Die Tugendtyrannen (Brutus mit dem Dolch, Lykurg, und die schwarzen Suppen)
tyrannisiren sich selbst ins Grab und kein Mensch dankt es ihnen. Die
liebenswrdigen Landesvter bewirthen ihre Unterthanen groartig mit deren
eignem Ruin, pumpen den Staat ohne Schuldschein an, nehmen den Zehnten, aber
kssen dafr leutselig die Tchter des Landes. Wenn ein paar naseweise
Harmodiusse ihnen das Handwerk legen, so setzt man diesen Ideologen zwar
Bildsulen, aber erst schlgt man sie sorgfltig todt. Der Perserknig vollends,
der jhrlich ein paar Tausend Menschen verbraucht und dem Weltmeer hundert
Hiebe auf die Sohlen geben lt, wenn er Bauchgrimmen hat, ist ein Vater des
Vaterlands - und zwar in mehr als einer Beziehung.
    Bis an die Grenzscheide der groen Revolution kannte man nur diese
Gattungsarten des Herrschermetiers. Aber auch der aufgeklrte Despotismus hat
seine Stunde gehabt und der demokratische Csarismus als Sbelregiment wird
aussterben mit den Napoleoniden.
    Aufleben aber soll und wird jenes altgermanische Prinzip des Herzogs,
erbaut auf gegenseitiger Mannentreue des Herrschers und seiner Mannen, wo jede
Individualitt frei bewahrt bleibt und nur freiwillige loyale Unterordnung unter
den Vertreter der Staatsgewalt regiert. Dies germanische Prinzip vererbte Karl
der Groe, dieser erste Diener seines Staates, den schsischen Kaisern, und
weil die Salier und Hohenstaufen unter wlschem Einflu, sich demselben
entfremdeten, mute das Kaiserthum zu Grunde gehn. Aber in den Hohenzollern
lebte es um so herrlicher wieder auf.
    Diese Mon-archie wird sich stabiliren auf einem rocher de bronce. Nicht auf
dem constitutionellen Unfug der Plappermente, wo Geldscke und rabulistische
Advokaten (ja sogar eine besonders auf den Parlamentssport trainirte Sorte von
bezahlten oratorischen Blaseblgen, die ber jeden beliebigen Gegenstand den
Wind einer spitzfindigen Debatte auspusten) die Nation vertreten Sondern auf der
Aristo-kratia der Weisesten und Besten der Begabtesten und der
Charakterstrksten, wird dereinst diese Weltmonarchie sich grnden, wie die
Kirche auf dem Felsen Petri - dereinst, wenn das geschichtliche Naturgesetz eine
umwlzende Drehung vollfhrt, berraschend den Myriaden Blinden, vorherberechnet
und prophezeit von wenigen Sehern.

                                      IX.


Sich zurckziehn vom Gewhl des Marktes, weil die aristokratischen Fingerlein
sich dort beschmutzen? Hier in vornehmer Exclusivitt behbig auf seinem
Schlosse horsten und das Leben der Pbelwelt von oben herab belcheln?
    Einst in London hatte er, kurze Zeit in einem Boarding-House lebend, jene
Klasse von Rentiers beobachten knnen, die man fast nur in England und
Frankreich, nicht im arbeitsamen Deutschland kennt. Zurckgezogen von den
Geschften, von ihren Zinsen lebend, dreht sich das Leben solcher Leute um den
Morgenspaziergang ber Constitution Hill, das Verdauen der Times zum Frhstck
und das feierliche Vorschneiden des Beaf am Mittag. Zieht sich dann Einer noch
nach dem Thee und Whist mit seiner Whiskyflasche ins Schlafzimmer zurck und
suft sich fromm in gesunden Schlaf hinber, so hat er sein Tagewerk wrdevoll
verbracht. - -
    Also der Krieg, der so lange drohende, der Krieg, der all die mchtigen
Fragen zur Lsung bringen sollte, stand binnen krzester Frist bevor? Alle
Zeitungen tnten es wieder. Und bei dieser Weltentscheidung sollte er hier
hocken bleiben, vielleicht die Landesvertheidigung seines Distrikts als
Landsturmcommandeur leiten, hchstens das Deutschthum schirmen gegen etwaige
Revolten im Innern? Nein. Die Erziehung seiner Mndel konnte warten, hier galt
es wahrlich seine eigene Erziehung. Mit fester Hand schrieb Graf Xaver Krastinik
umgehend an den Commandeur seines alten Regiments sowie an eine hhere Behrde
in Budapest: da er bitte, seine selbsterbetene Entlassung aus dem Dienste zu
annulliren, da er sofort wieder eintreten wolle. Er wute, da man mit Freuden
sein Gesuch bewilligen wrde. Zurck konnte er nicht mehr. Der Wrfel war
gefallen.
    Ja, eingereiht aufs neu in die Liste der gewhnlichen Kmpfer. Keine falsche
Erhabenheit mehr, kein eigenwilliges Abschlieen in eigenem passivem Werthe. Wie
jeder Andere unterworfen der strammen Zucht eines geordneten Berufes, wo jedes
eigene Vordrngen unmglich und jeder nur als Glied des Ganzen gilt.
    ... Ja, Jeder nur ein Glied des Ganzen. Wer das erkannt, bedarf keines
Arztes mehr, um ihm Chinin zu verschreiben fr das Fieber der Existenz. Das
geschichtliche Gravitationsgesetz dreht das Leben jedes groen Mannes nach dem
Wendepunkte hin, wo er aufhrt, sich als Werkzeug zu fhlen und sich selbst zum
Gotte trumt. Mag der eitle Kiesel die Gre des Montblanc nicht sehen, vergesse
doch auch die Alpe nicht, da auch sie nur das Produkt zahlloser
Steingenerationen.
    
    Das sollte vor allem der Adel bedenken. Wenn die Genusucht bei Sekt und
Austern schlampampt, so sehnt man sich nach der frhlichen, seligen
Feudalromantik. Da geno man das adlige Vergngen, die Pfefferscke auf
offener Strae zu werfen. Auch das Jus primae noctis entbehrte nicht des
Reizes. So rgert sich denn unser heutiger Junkertypus im Geheimen schmhlich,
da er sich nicht erzgepanzert als Letzter der Barone durchs irdische Jammerthal
raubrittern darf.
    Aber whrend dieser verkappte Grenwahn zugleich an unheilbarem
Verfolgungswahn leidet, da der Adel stets seine angeblichen Rechte gefhrdet
glaubt, macht sich bereits eine neue Raubritterkaste breit, welche die
Pre-Feder im Wappen und mit den Societren der Unsterblichkeits-Assekuranzen
die magern Khe Pharaos auf die fette Weide fhrt. Die gravittische Grandezza
der litterarischen Brsenjobber sieht bereits alle menschlichen Dinge nur vom
Standpunkt des bedruckten Zeitungspapiers der Oeffentlichen Meinung (soll
heien: des Privatinteresses elender Skribenten) und entscheidet ber Krieg und
Frieden, als ob die Regierungen gar kein Wrtchen mehr mitzureden htten.
    Als des Grafen logische Betrachtungen wieder bis zu diesem Punkte gediehen,
erinnerte er sich pltzlich eines Briefes, den er einst von Leonhart empfing. In
seinem Briefpult stberte er denn auch wirklich die vergilbten Bltter auf.

     ... Es giebt in der Gesellschaft vier groe Motoren. Zwei stabile: Schwert
und Geld, zwei revolutionre: Geist und Knppel. Unter diesen Krften ist die
uerlich schwchste, der Geist, die innerlich strkste. Dann folgt das Schwert,
die Staatsgewalt. Dann der Knppel, die Masse. Am schwchsten ist der scheinbar
strkste Motor, das Geld. Weder mit Geist noch mit Schwert knnte man eigentlich
Krieg fhren ohne Geld. Und doch fhren bankerotte Staaten lustig Krieg und
bankerotte Geistesstreiter ebenso. Denn das Geld bildet nur eine todte
festliegende Masse und fllt blindlings den andern Krften zur Beute, wenn sie
sich darauf strzen.
    Verbinden sich nun Geist und Schwert, wie beim demokratischen Csarismus, so
fhrt dies zur Weltunterwerfung. Verbinden sich Geist und Knppel, so fhrt dies
zur Revolution. Jedes fr sich allein unterliegt, zwei vereinte Krfte aber
siegen ber die andern. 1 und 2 (Geist und Schwert) bilden absolutes
Uebergewicht, aber auch 1 und 3 (Geist und Knppel) sind naturgem strker als
2 und 4.
    Die Geschichte vollzieht sich seit Anbeginn nach gleichen Gesetzen. Allein
die neueste Zeit glich einem pltzlichen Sturzfall, wo der Strom all seine
Krfte zusammenstaut. Daher enthllt sich das Weltgeheimni klarer denn je in
den Jahren 1792-1815.
    Es tritt immer eine Epoche ein, wo die Staatsgewalt und das Feudalsystem
(Schwert) bermchtig drckt und so sein eignes Basisfundament zerquetscht. Dann
wenden sich alle drei andern Motoren dagegen. Unter diesem gemeinsamen Druck
wird zuerst die Bourgeoisie (Geld) hoch gehoben. Aera des constitutionellen
Liberalismus. Das Volk der physischen Arbeit aber (Knppel), nachdem das Schwert
zerbrochen, drngt nun heimlich gegen den Geldsack an. Diesen Augenblick benutzt
das intellectuelle Proletariat (Geist), sich an die Spitze der Masse zu stellen
und mit Hlfe des Knppels jetzt Schwert und Geld bei Seite zu schleudern. Wie
durch geffnete Schleusen, bricht aber bald die vom Geist entfesselte Masse vor.
Durch den frheren Kampf fr das Volk gegen Staat und Bourgeoisie erschpft,
wird pltzlich auch der Geist berwltigt. Anarchie berschwemmt alle Ufer der
Cultur, nachdem die Revolution den Unrath weggesplt. Aber der Geist ist nur zu
betuben, nie zu berwinden. Pltzlich rafft er sich auf und erblickt das
zerbrochene weggeworfene Schwert. Er ergreift es, er schmiedet es neu. Zugleich
richtet er den umgestrzten Geldsack wieder auf, mit Schwert und Geldsack
schlgt er den Uebermuth des Knppels nieder, bis auch dieser wieder seinem
Gebot gehorcht.
    Der Geist kann nur durch sich selbst berwunden werden. Seine
Schpferphantasie verliert den Mastab fr das materielle Bleigewicht der drei
andern Krfte, die er mit sich schleppt. Die Spitze des Schwertes, nie ruhend in
seiner Hand, stumpft sich endlich ab, biegt sich - man entwindet es ihm wieder
und die alten Trger des Schwertes herrschen aufs neue. So kehrt uerlich Alles
zum Alten zurck, weil dies als dauernder Zustand naturgem, aber die innere
Umformung der Weltbedingungen durch die kurze Herrschaft des Geistes wirkt auf
Jahrhunderte fort. Und wiederum wiederholt sich dann spter dasselbe Spiel.
    Die Feder mivergngter Litteraten aber ist es, die in alle Eiterbeulen
hineinsticht und heilendes Arsenik spritzt in die allgemeine Fulni des
Bestehenden. Auf die Heldenfeder der Luther, Milton, Voltaire, Rousseau folgt
die Agitatorfeder der Hutten, Swift und Mirabeau und auf diese die Blutsauger-
und Revolverpresse der Marat, Desmoulins, Chaumette. Mit der verhundertfachten
Macht der Presse steigt natrlich ihre zersetzende Aggressivkraft. Wie aber
knnte die Publizistik diese hohe Aufgabe erfllen, wenn Gerechtigkeit und
Humanitt sie schwchten? Erst in der hohen Schule der rohen Interessenpolitik,
der Charakterlosigkeit, der Bosheit und vor allem des Neides (dieser Spiralfeder
der gesellschaftlichen Entwicklung) wird sie dem Zweck gerecht: Unter dem Druck
der Luftpumpe einer stabilen mechanischen Gesellschaftsordnung fr die
menschlichen Leidenschaften ein Sicherheitsventil zu ffnen.
    Denn zwischen der Welt als Ganzes und dem Menschen im Einzelnen besteht ein
wunderbarer, ob auch weise berechneter, Gegensatz. Die Menschen sind nicht
schlecht, wie Misanthropen lgen, sondern bei der Mehrheit berwiegt das Gute.
Die menschliche Gesellschaft hingegen ist schlecht durch und durch, weil sie auf
den menschlichen Leidenschaften erbaut. Die gewhnlichen Durchschnittsgefhle
der Menschen sind gut, jeder Ueberschwang des Gefhls aber als Leidenschaft
wirkt bse und entpuppt nur die selbstschtige Seite der Menschennatur. Die
Durchschnittsgefhle aber sind smtlich passiv, die Leidenschaften activ und nur
die letzteren setzen sich daher herrisch durch. Auf eine edle Leidenschaft
kommen hundert schlechte. Dies der Grund, warum in dieser besten aller Welten
die Dummheit und die Ungerechtigkeit regiert, obschon die Menschen selbst meist
gutartig. Dies der Grund, warum jeder Ungewhnliche nur durch wsten erbitterten
Kampf die Anerkennung seines Herrscherrechts erzwingt, warum der Geist stets
ber den Buchstaben purzelt, warum alle Schaffenskraft auf Erden systematisch
eingeengt.
    Dies aber soll sein, da nur so der ringende Geist sich sthlt. Rnge er
nicht mit der Welt, so wrde ihm der unablssige Ringkampf an Jakobs Furth die
Hfte verrenken. Frher gab es die Geistestyrannei des Clerus, des
Feudalsystems, des Sultanismus. Dies alles schwand und schwindet mehr und mehr.
Wo also soll der Geist jene stabile Masse finden, an deren erdrckendem
Bleigewicht er seine Freiheit erproben soll? Es giebt nur eine: Die Presse.
    Sie aber, Liebster, beflecken Sie nicht Ihre reine Hand mit diesem
Marterwerkzeug! Schmeien Sie Ihre Feder in den nchsten Kamin! Das rth Ihnen
Ihr wahrer Freund
                                                                      Leonhart.

    Auch dieser Brief selbst wanderte in den Kamin, wohin ihm ja die Feder
Krastiniks vorangeeilt. Der Graf sammelte alle Briefe des Todten, die er
bewahrt, und verbrannte sie sorgfltig. Ein symbolisches Verbrennen aller
Schiffe hinter sich, einer traumhaften Vergangenheit. Hart und wesenhaft stand
die Zukunft vor ihm da. Und statt der Feder schreibe jetzt das Schwert.
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    Er trat auf den Altan und blickte hinaus in die untergehende Sonne. Welche
Schlachtfelder wird sie beleuchten, bald, wie bald! Ob auch ein Pultawa?
    Der alte Dichterinstinkt regte sich; nur versuchte er nicht mehr, mit Worten
das innen Geschaute herauszuknsteln,. sondern begngte sich mit dem Schauen
selber. Ihm war, als she er ein anderes Feld vor sich bei untergehender Sonne,
und darber wandelnd einen einsamen Mann: Als she er auf der Ebene von Ltzen,
ehe jener zu neuem Kriege nach Ruland eilte, den schwedischen Pyrrhus, Karl
XII. Und ihm war, als hre er die stummen Gedanken des Helden: - -
    Wie sie dort niedertaucht, die mde Sonne! Sie, die im Diadem des eignen
Glanzes gethront auf angeglhter Wolken Sitz, sie, deren Leuchtkraft die
Gestirne nhrte - und nun so matt, so todesmatt versinkend! Ihr letzter Blick
haucht Weihe ringsumher, verklrt im Scheiden noch die bleiche Erde.
    So wirst du enden, stolzer Erderschttrer, in deiner Siege Purpur! Sei es
drum! Mag ich erlschen und mein Purpur bleichen, wenn ich geleuchtet einen
Sommertag.
    Wie friedlich diese Ebenen entschlafen! Und dennoch mahnen sie, ein
Grabmahl, mich, an meinen Ahnen, dessen Blut sie tranken.
    Wie ruhig diese Erde! Also schlief sie, schlief, da sie seinen Todesschrei
gehrt. Wer wei, ob nicht der Landmann seinen Pflug unwissend ber jene Stelle
fhrt, wo Gustav Adolf sank. So geht die Welt weg mit der Pflugschar der
Vergessenheit zermalmend ber unser morsch Gebein.
    Doch kein Zurck auf dessen Wege giebt's, den tief im Innersten
unwiderstehlich ein Vorwrts treibt, an Ueberthatkraft krankend. Ob auch
prophetisch mahnt des Ahnen Loos, die Kugel rollt, und rollt sie abgrundwrts,
so lief sie doch des Rechtes schroffe Bahn.
    Nicht dulden kann ich, der Germanenfrst, da uns ins Lied der Staaten frech
hinein der Russe grunzt, der ungeschlachte Eber. Und ob ein Ltzen droht, ich
bin bereit.
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    Immer noch stand der Graf Xaver auf dem Altan seines Schlosses und starrte
wie ins Unendliche hinaus in die Dunkelheit.
    Die Sterne glitzerten hoch am Firmament, zum Schlafe ladend mit geheimem
Zauber. Er aber wachte. Der trben Menschlichkeit Erfordernisse - ihm war, als
seien sie abgefallen von seinem Ich, seit er einsam mit der Wahrheit zu Nacht
gespeist.
    Die Vorahnung gewaltiger Dinge sthlte jeden Nerv seines Mannesthums, das er
zum Ritter geschlagen fhlte durch siegreichen Kampf. An unendlichem Horizont
zogen ihm Erkenntnibilder der Geschichte vorber.
    Als die Todesfeuer des Hannibalvolkes verglommen, da stieg eine Rauchwolke
drohend empor, als wre es Dido's Rechte, die nordwrts zum Kapitole gewendet.
Und Scipio zerwhlte erschauernd seinen blutigen Purpur. - Anderthalb
Jahrhunderte seit dem Falle der Meerstadt verflossen, Asche lag und bannendes
Salz auf der Sttte. Da sa ein grauer Mann am grauen Meere, in dessen Stirn der
Kriegsgott seine Narben schrieb. Marius auf dem Felde des Todes. Und auch er
blickte nordwrts. Und er rchte Carthago in Roma's Flammen.
    Jugurtha, (wie Philipp von Macedonien mit einem goldbepackten Esel jede
Festung zu erstrmen schwor) bepackte rmische Consulare mit lybischem Gold;
auch er fiel und mute fallen. Aber er vermachte seine Rache seinem Besieger:
Falsch und kalt wie sein alter Freund der Wstenknig, zapfte Sulla der
Riesenspinne Roms, geschwollen vom Blute ausgesogener Vlker, aufs neue Blut in
Strmen ab. Wohl schmiedete Rom das All an seinen Siegeswagen. Die Brut der
Wlfin schlang die Welt lebendig ein in ihren blutigen Schlund. Aber die Welt
lag unverdaut im Magen und Rom wrgte sie wieder aus, erstickend an seiner Gier.
So wirkt fernhintreffend der Fluch vernichteter Feinde.
    Wohl fluthet der Wstensand um fallende Obelisken und endlos tnt die Klage
der Memnonssule. Aegypten, Carthago, Numidien, Zion, Babylon, alle Reiche Sem's
ri der Sturmschritt der arischen Race zu Boden. Aber wie bald zertrat die
Grber der Scipionen der neue Emporkmmling, der Germane! In ewigem Kreislauf
auf und ab rollen die Vlkergeschicke und jeder Ungebhr ersteht ein Rcher.
    Heut also stehn wir aufs neu an einem Wendepunkt der ewig rollenden Kugel.
Das Slaventhum, mit dem berwundenen Rmerthum verbndet, will die germanische
Vlkerwanderung wiederholen und wider das Reich deutscher Nation den Alarich und
Odoaker spielen. Gleich getheilt liegen die Chancen der ueren materiellen
Krfte, falls Oesterreich zu Deutschland steht: Menschliche Berechnung vermag
nicht dem Spiel der Krfte vorzugreifen noch zu ergrnden, auf wessen Seite die
Waage sich neigt Entscheiden kann hier nur das innere Naturgesetz der
geschichtlichen Drehung, das hoch ber menschlichen Wollens und Knnens
prahlendem Grenwahn seine Bahnen zieht, sicher und unbeirrt. Wer aber
nachgesprt den inneren Ursachen der groen Auenwirkung, der ahnt freudig, wem
der Sieg endlich beschieden sei.
    Eichenfestes Volk im Herzen Europas, seit deinen frhsten Wurzeln hast du
ringen mssen mit den verderbendrohenden Strmen, ringen um deine Existenz,
ringen um deine schlichte Gre mit dem Grenwahn hadernder Neider! -
    Ihm war, als she er Hermann den Cherusker, den symbolischen Altvater
deutscher Einheit und Siegeskraft, - als hre er den Genius Deutschlands beten
zu seinen Gttern, wie beim Morgengrauen jener ersten Entscheidungsschlacht der
germanischen Race:
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    Schon sprengt Wuotan mit dem Rabenpaar, auf seinem Sleipnir, dem achthufig
bunten, den Siegesspeer des Morgensterns hochschwingend, hin ber seines
Regenbogens Brcke. Es stieben seines Rosses goldige Hufen und goldige Funken
sprhen an den Himmel. Schon streut auch Freya auf des Gatten Grab die Rosen hin
und zarte Gtterthrnen benetzen ihrer Trauer holde Zeichen. Denn sieh, dort
glht es schon am Wolkenrande wie einer Jungfrau wechselndes Errthen, und
Morgenthau glnzt Erd und Himmel an.
    Du groer Geist, der auf des Sturmes Mantel durch greise Eichen fhrt! Du,
der da lispelt im reifen Korn, das deine Tritte segnen, fahr jetzt hernieder im
Gewittergrollen! Mit deiner Blitze rothem Flammenschwert schmettre der Feinde
stolzen Helmbusch nieder! Sto in dein Horn, dein Donnerhorn, o Herr, da der
Legionen frechen Tubaruf die Furcht erstickt! Dann spende milden Regen, da die
zertretnen Frchte freien Wirkens aufs neu entsprieen deinem Segensthau!
    Schon stampft auch meines Rosses Huf, o Herr, auf des Geschickes schwanker
Himmelsbrcke. Beseel' mich deines Sleipnir Festigkeit, da ich hinberfliege
unversehrt und hinter mir der Erzfeind niedertaumelt, der listig nachsetzt
Deutschlands freiem Ro.
    Hier steh ich, Wodan. Schon zu meinen Fen schlummert der Drache, dem mein
Zauberlied die wachen Sinne schlafbedrftig machte. Nun, Drache Rom, weckt dich
das Gjallarhorn, Verderben drhnend von Walhalla nieder.
    An jenem Tempel, den ich bauen will auf aller deutschen Stmme Sulen hier,
durch Opferblut gekittet Stein an Stein, mag ich als Grundstein selber fallend
dienen. Mag ich, vergessen bald und unbeweint, des Meisters Hammer einem Andern
reichen und der dem Nchsten - was bekmmert's mich? Nie schnallt die Gattin mir
den Panzer ab, mein Bett soll sein von mir befreite Erde, und Undank meines
Lebens Pfhl. Doch nimmer wird Hermann sterben, ewig lebt er fort in deutschem
Blut fr alle Folgezeit, und schwebt siegkndend um die deutschen Banner.
    O Weser, du des Varus Styx heut Nacht! Durchs grne Rohr wie eine Sense
blitzend, wenn sie geschwungen niederfhrt! O Erde, nie frder sollen fremder
Rosse Hufen dein Grnen niederstampfen!
    Und o Himmel, gerstet stehe ich vor deinem Auge? und hebe meine Rechte auf
zu dir: Ich will befreien Donar, schlage uns der Lanzen Eisenspitze scharf dein
Hammer!
    Ha, was vernimmt mein Ohr? Schon nahen sie! Schon lenkt Freya den
goldborstigen Eber, golden strahlt die Sonne, ihr Brustgeschmeide. Schon schirrt
Donar an die flammenden Bcke, um die Lenden den Strkegrtel schnrt er,
Krafthandschuhe wappnen seine Fuste. Lodernd rollt sein Auge, die Zhne
knirschen, laut laut blset sein gewaltiger Odem, da Blitzfunken stieben vom
brennenden Barte. Der Mondweg drhnt, aufheulen die Klfte der Hela, der Hammer
fliegt, die wlschen Adler fallen! Har! Sie fallen!
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Er blickte gen Himmel, erhobenen Hauptes und mit leuchtenden Augen.
    Noch lag eine Zukunft vor ihm: die That. Mannesthat in welterschtterndem
Kampfe.
    Unser Wissen ist Stckwerk und und unser Weissagen ist Stckwerk.
    Haltet euch bereit, denn die Zeiten nahen. In Bereitschaft sein ist Alles.
